<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=143" accessDate="2026-11-04T22:34:36+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>143</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2145" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2156">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/bddc86e9bb96b727111c53561e7473bc.pdf</src>
        <authentication>c2a9c4af5ed02e6e752b0e36e70bcaeb</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10849">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
&gt;&lt;*

23. Mai 1990

20

AUSSENPOLITIK

BUSH: DIE ZEIT DER DIKTATOREN
IST ABGELAUFEN
Auszüge aus einer Rede an der
University of Texas

USA - UDSSR

BAKER ERWARTET PRODUKTIVEN
GIPFEL BUSH-GORBATSCHOW
Erklärung in Moskau

VSBM

VSBM: NEUE VORSCHLAGE DES WESTENS
Rede des US-Delegationsleiters
John Maresca

OSTEUROPA

MOSBACHER: VIELVERSPRECHENDE AUSSICHTEN FÜR HANDEL MIT OSTEUROPA
Rede des US-Wirtschaftsministers

COCOM

MOSBACHER BEFÜRWORTET VORSICHTIGE
LOCKERUNG VON EXPORTKONTROLLEN
Rede des Wirtschaftsministers
im Kongreß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2366
Telex: 8-85432

�AUSSENPOLITIK
23. Mai 1990

BUSH: DIE ZEIT DER DIKTATOREN IST ABGELAUFEN
Auszüge aus einer Rede an der University of Texas

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede anläßlich der Abschlußfeier an der University of Texas erklärte Präsident
Bush am 19. Mai 1990 unter Verweis auf die Leistungen großer Persönlichkeiten in Osteuropa, die ihre Länder
zum Triumph der Freiheit über den Kommunismus geführt hätten, daß "die Zeit der Diktatoren abgelaufen ist".
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede des Präsidenten, die außenpolitische Aspekte betreffen.

Außerhalb der Vereinigten Staaten schrumpfte damals (vor 42 Jahren) die Zahl der freien Staaten, und
Winston Churchills Prophezeiung, daß ein Eiserner
Vorhang Europa in zwei Lager spalten werde, wurde
schon bald wahr. Ein Eiserner Vorhang schnitt Osteuropa vom Westen ab und trennte die beiden Teile
Deutschlands voneinander. Und als jeder Mauerstein,
jeder Wachturm und jeder Meter Stacheldraht an
seinem Platz war, existierten zwei Welten. Eine Welt
freier Menschen mit der Freiheit der Wahl und eine
Welt der Tyrannei und Unterdrückung.
In der Folgezeit wurde Millionen von Männern und
Frauen gesagt, was sie zu denken und zu lernen,
welchen Arbeitsplatz sie anzunehmen und wo sie zu
leben hatten. Stellen Sie sich all diesen Mi ßbrauch und
diese Verschwendung von Elan, Talent und Phantasie
vor. Und doch hielten viele immer noch an ihren
Überzeugungen fest. Selbst im Angesicht des Todes
leisteten sie Widerstand.
Das war die Überzeugung des Andrej Sacharow, der,
wie Sie sich erinnern werden, Chruschtschow mit der
Wahrheit über überirdische Atomversuche konfrontierte. Das ist ein Grund, warum das sowjetische Volk
heute sein Andenken verehrt.
Das ist die Überzeugung eines Elektrikers aus Gdansk,
auf dessen Bekanntschaft ich stolz bin - Lech Walesa,
der das polnische Volk in die Freiheit führte.
Und das ist die Überzeugung von Vaclav Havel aus der
Tschechoslowakei, des inhaftierten Dramatikers, der
heute an der Spitze einer großen Nation steht.

AMERIKA DIENST 20

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte über Präsident Havel und einige andere mutige Persönlichkeiten
aus Osteuropa erzählen. Erst kürzlich hatte ich die
Ehre, diesen Mann in das Weiße Hause einzuladen
und ihm bei dieser Gelegenheit das Lincoln-Zimmer zu
zeigen. Präsident Havel war voller Ehrfurcht, denn er
wußte, daß dieses Zimmer wirklich das Arbeitszimmer
von Präsident Lincoln gewesen war. Es war die Stätte
gewesen, an der Lincoln arbeitete, diskutierte und
einen schrecklichen Krieg durchlitt. Aber Präsident
Havel wußte auch, daß dieses Zimmer aus einem
überragenden Grund ein heiliger Ort ist - es war der
Ort, an dem Präsident Lincoln die Emanzipationsproklamation unterzeichnete. In diesem Zimmer befreite
er ein Volk. Und in diesem Zimmer bemerkte ich, wie
Präsident Havel zu Tränen gerührt war in dem Wissen,
daß die Glocke der Freiheit endlich auch für seine
geliebte Tschechoslowakei erklungen war.
Was für den einen die Geschichte, ist für den anderen
die Musik. Präsident Landsbergis von Litauen, der
Beethovens Neunte zur Hymne der Bewegung seines
Volkes erklärte, wurde einmal gefragt, warum Beethovens Klänge in den Straßen und auf den Plätzen von
Wilna erklingen sollten. Er antwortete, der Grund sei,
daß die Neunte eine "Symphonie der Freiheit und des
Sieges über Sklaverei, Heimtücke und tiefsten Haß
ist".
Und was für den einen die Musik, ist für den anderen
das Wort. Betrachten Sie einmal den Fall eines
Mannes mit Namen Cestimir Suchy, eines tschechischen Journalisten, der sich weigerte, den sowjetischen Einmarsch von 1968 als Akt brüderlicher Liebe

Seite 1

�zu beschreiben. Suchy wurde wegen seiner Ehrlichkeit entlassen. Aber es wurde ihm gestattet, sich
seinen Lebensunterhalt in einem neuen Beruf zu verdienen - als Fensterputzer. Wenn man ihn heute um
seine Visitenkarte bittet, dann steht darauf immer
noch: Suchy, Fensterputzer. Das ist ein Beispiel für
den unerschütterlichen Humor dieses Mannes, der
heute einen anderen Arbeitsplatz mit einem neuen
Titel hat. Er ist der Dekan der Journalistenschule an
der Prager Karls-Universität.
An allen Universitäten des Ostens sind es heute die
Exponenten marxistischer Dogmen, für die es keine
Arbeit mehr gibt.
Ich möchte Ihnen noch eine letzte Geschichte erzählen - über Arpad Goncz aus Ungarn, der mich gestern
im Oval Office besuchte. Wie Präsident Havel ist auch
Präsident Goncz ein Dramatiker. Ich weiß nicht, wie es
kommt, daß Dramatiker Präsidenten großer Länder in
Osteuropa werden. Aber als ehemaliger Antifaschist
und Zeitungsredakteur wurde er während des Aufstands von 1956 zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach
seiner Freilassung blieb er ein Dissident, und heute
steht er als amtierender Präsident an der Spitze des
ungarischen Volkes.
Die Entschlossenheit von freiheitsliebenden Männern
und Frauen erweist sich als härter als die Mauern, die
sie umgeben. Aufgrund ihres Mutes ist die freie Welt
heute größer als wir alle uns vorzustellen wagten.
Dies ist unsere erstaunliche neue Welt der Freiheit.
Größere Freiheit bedeutet aber auch größere Chancen - in Ost und West. Ob Sie nun Laufbahnen in
Geisteswissenschaften, Wirtschaft, Recht oder Naturwissenschaften einschlagen, dies kannfür Sie nureine
frohe Kunde sein.
Erst heute morgen habe ich in Houston die Stätte
unseres nächsten Weltwirtschaftsgipfels besichtigt,
an dem Kanada, Frankreich, Großbritannien, Italien,
Japan und die Bundesrepublik Deutschland teilnehmen werden. Bei unserem Treffen werden wir mehr
tun, als unsere Bilanzen zu vergleichen. Es wird ein
Akt der Zusammengehörigkeit freier Nationen sein.

*

Seite 2

Diese Nationen haben uns in diesem langen Kampf zur
Seite gestanden, beim Aufbau solider Bündnisse und
den endlosen Vorbereitungen auf einen Krieg, der nie
stattfinden darf. Mit großen Anstrengungen und großen Opfern. Materiellen Opfern, die für schönere Ziele
hätten verwendet werden können. Und das ist der
Preis, den der kalte Krieg von Westeuropa und den
Vereinigten Staaten gefordert hat.
Dieses Opfer wurde jedoch mit der kostbarsten Gabe
von allen belohnt - der Morgendämmerung neuer
Freiheit und neuer Hoffnung für Millionen.
Heute beobachten wir an vielen wichtigen Fronten
Fortschritte. Wie Sie wissen, hat sich Außenminister
Baker diese Woche mit der sowjetischen Führung
getroffen, um das am 31. Mai beginnende Gipfeltreffen
zwischen mir und Präsident Gorbatschow vorzubereiten. Obwohl weitere Arbeit erforderlich ist, bedeuten
Bakers Treffen meines Erachtens einen Schritt nach
vorn. Dieser Durchbruch sollte es uns gestatten, das
von uns in Malta gesetzte wichtige Ziel zu erlangen die Einigung über wichtige, substantielle Elemente
eines historischen Vertrags zur Reduzierung strategischer Waffen.
Darüber hinaus werden wir mit den Sowjets andere
wichtige Rüstungskontrollmaßnahmen abschließen
können, darunter eine Vereinbarung über drastische
Reduzierungen der chemischen Waffen sowie technische und wirtschaftliche Vereinbarungen. Ich bin
zuversichtlich, daß die von uns erzielten Fortschritte
dazu beitragen werden, daß dieses Gipfeltreffen ein
weiterer solider Schritt nach vorn in dem entscheidend
wichtigen amerikanisch-sowjetischen Verhältnis sein
wird.
Heute, wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte, setzt
sich die Freiheit in der ganzen Welt durch, weil die
Freiheit funktioniert. Freiheit ist nicht nur richtig, sie ist
praktisch. Sie ist nicht nur gut, sie ist besser. Und es
ist auf den unbezähmbaren Geist des Menschen zurückzuführen, daß die Zeit der Diktatoren abgelaufen
ist.

*

AMERIKA DIENST 20

�USA-UDSSR
23. Mai 1990

BAKER ERWARTET PRODUKTIVEN GIPFEL
BUSH-GORBATSCHOW
Erklärung in Moskau
MOSKAU - (AD) - Zum Abschluß viertägiger Gespräche mit Präsident Gorbatschow und anderen hochrangigen sowjetischen Vertretern hat Außenminister Baker am 19. Mai 1990 in Moskau erklärt, er erwarte ein
"produktives" Gipteltreffen zwischen den Präsidenten Bush und Gorbatschow in Washington. Vor Journalisten
verwies Baker darauf, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion "einige echte Leistungen" für die
Vollendung eines Vertrages über den Abbau strategischer Waffen (START) erzielt hätten, mit dem die nuklearen
Langstreckenraketen beider Seiten'um 30 Prozent reduziert würden.
Die Erklärung von Au ßenminister Baker, die er zu Beginn einer Pressekonferenz abgab, hat folgenden Wortlaut.

Wir haben soeben viertägige, lange und detaillierte
Gespräche mit Präsident Gorbatschow, Außenminister Schewardnadse und ihren Mitarbeitern beendet.
Dies waren einige der intensivsten Gespräche, die wir
in der Amtszeit dieser Administration mit unseren
sowjetischen Partnern geführt haben. Im Endstadium
von Verhandlungen ist es nur vernünftig, eine Zunahme von Intensität und Schwierigkeit der Arbeit zu
erwarten. Um es griffig zu formulieren: Wir haben
Schwerarbeit geleistet, um bis zum Gipfel zwischen
Präsident Bush und Präsident Gorbatschow Abkommen zu fixieren.
Unsere Gespräche haben einige echte Leistungen
hervorgebracht, und diese von uns erzielten Fortschritte stimmen mich optimistisch, daß wir in weniger
als zwei Wochen Zeugen eines produktiven Gipfels in
Washington werden.
In dem fünfstündigen Treffen mit Präsident Gorbatschowkamen eine Reihe von Bereichen zur Sprache,
darunter Rüstungskontrolle, die Lage im Baltikum,
insbesondere der Wunsch Litauens nach Unabhängigkeit, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten
und die sowjetische Wirtschaft. Wir hatten einen
umfassenden Meinungsaustausch zu diesen Themen.
Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, daß in meinen
Gesprächen über Litauen beide Parteien den Wunsch
zum Ausdruck brachten, einen Weg zum friedlichen
Dialog zu finden. Ich kann an dieser Stelle nicht sagen,
daß Sowjets und Litauer bereits eine gemeinsame
AMERIKA DIENST 20

Grundlage für das weitere Vorgehen gefunden haben.
Ich denke aber, daß sie sich jetzt aktiver darum bemühen, diese Basis zu entwickeln, aber sie haben sie
noch nicht gefunden.
Ich möchte nun kurz auf die Ergebnisse unserer
Gespräche eingehen und zum Stand unserer Beziehungen kurz vor dem Gipfel Stellung nehmen.
Bei START war unser Ziel, bis zum Gipfel Einigung
über die wichtigsten substantiellen Fragen zu erzielen,
und wir sind jetzt in der Lage, dies zu tun. Obwohl noch
einige Probleme gelöst werden müssen, haben wir uns
bei diesem Ministertreffen über die beiden komplexesten Fragen der START-Verhandlungen geeinigt: luftund seegestützte Marschflugkörper. Bei den ALCMs
haben wir eine komplizierte Formel vereinbart, die den
Bedürfnissen beider Seiten gleichermaßen gerecht
wird.
Bei den seegestützten ballistischen Raketen (SLCMs)
haben wir uns auf eine politisch bindende Erklärung
geeinigt, die unabhängig vom START-Vertrag ist. Die
Erklärung wird sowohl die strategische Stabilität als
auch die Berechenbarkeit verbessern, ohne daß dabei
einer der beiden Seiten Verifizierungsschwierigkeiten
entstünden.
Wir haben eine Reihe anderer Probleme bei START
gelöst und die Aufnahme der Arbeit an den Zielen von
Folgeverhandlungen über START vereinbart.

Seite 1

�Bei den chemischen Waffen haben wir uns auf ein
beispielhaftes Abkommen geeinigt. Meiner Ansicht
nach ist dieses Abkommen von großer Bedeutung, vor
allem, da es einen echten Weg für ein weltweites
Verbot dieser schrecklichen Waffen aufzeigt, die - wie
wir aus bitterer Erfahrung wissen - tatsächlich eingesetzt werden. Einfach ausgedrückt, ist dieses amerikanisch-sowjetische Abkommen eine bahnbrechende
Vereinbarung, mit der die Initiative des Präsidenten
über chemische Waffen verwirklicht wird.
Bei den Atomtests haben wir die Arbeit zu den Protokollen der Atomtestverträge beendet. Diese sind jetzt
soweit, daß sie beim Gipfel unterzeichnet werden
können.
Darüber hinaus haben wir uns auf eine gemeinsame
Gipfelerklärung über die Nichtweitergabe von Kernund chemischen Waffen sowie Raketentechnik geeinigt.
Ein Bereich der Rüstungskontrolle, bei dem wir weniger Fortschritte erzielt haben als wir erhofft hatten, ist
KSE. Wir hatten Ideen unterbreitet, mit denen dieser
Prozeß gefördert werden sollte, aber unsere Gesprächspartner waren offensichtlich nicht in der Lage, darauf
zum gegenwärtigen Zeitpunkt entsprechend zu reagieren.
Bei den regionalen Fragen haben wir eingehende
Gespräche über Afghanistan geführt. Meiner Ansicht
nach sind wir nahe daran, eine gemeinsame Basis zu
entwickeln, auf derfreie und faire Wahlen durchgeführt
werden können - der sicherste Weg zu Aussöhnung,
Frieden und rechtlich einwandfreien Verhältnissen in
diesem vom Krieg zerrütteten Land.

*

Seite 2

*

Bei Mittelamerika haben unsere Gespräche die Bedeutung der anhaltenden Befolgung des Abkommens
von Esquipulas und die Notwendigkeit erneut hervorgehoben, den Untergrundkampf in El Salvador zu
beenden und einen politischen Dialog auf den Weg zu
bringen.
Bei Menschenrechten und Demokratisierung haben
wir unsere anhaltende Sorge über die noch nicht
gelösten Auswanderungsfälle in der Sowjetunion und
die Notwendigkeit betont, diese sobald wie möglich zu
lösen. Darüber hinaus habe ich meiner Besorgnis über
Antisemitismus Ausdruck verliehen und der sowjetischen Führung nahegelegt, sich dagegen energisch
auszusprechen.
Es hat ein Austausch über Wirtschaft, grenzübergreifende und bilaterale Fragen stattgefunden. Wir haben
mehrere amerikanisch-sowjetische Wirtschaftsabkommen für die Unterzeichnung beim Gipfel vorbereitet,
einschließlich des langfristigen Getreideabkommens
und des Schiffahrtsabkommens.
Im Hinblick auf grenzübergreifende und bilaterale Fragen
sind wir bereit, Abkommen über Seegrenzen, ozeanographische Forschung sowie über die Eröffnung von
Kultur- und Informationszentren in Moskau und Washington sowie möglicherweise andere Abkommen zu
unterzeichnen. Femerwerden wir das Abkommen der
tausend Studenten - einen Austausch von tausend
Studienanfängern zwischen unseren Ländern - unterzeichnen.
Insgesamt haben wir den Weg bereitet, so daß unsere
Präsidenten Punkte beiderseitigen Vorteils festschreiben und institutionalisieren können.

*

*

AMERIKA DIENST 20

�VSBM
23. Mai 1990

VSBM: NEUE VORSCHLÄGE DES WESTENS
Rede des US-Delegationsleiters John Maresca
WIEN - (AD) - Bei der Plenarsitzung der VSBM-Gespräche am 18. Mai 1990 hat der Westen eine Reihe neuer
Vorschläge unterbreitet, die dem Leiter der amerikanischen Delegation, Botschafter John Maresca, zufolge, die
Arbeit und den Kurs der Verhandlungen um eine wichtige neue Dimension bereichern sollte. Maresca zufolge
hoffen die Vereinigten Staaten, daß die neuen Vorschläge "ohne Verzug in die Programme der einzelnen
Arbeitsgruppen aufgenommen werden können".
Botschafter Maresca verwies ferner auf die Möglichkeit eines Gipfeltreffens der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa Ende des Jahres und erklärte, "es könnte jetzt an der Zeit sein, eine Bestandsaufnahme des vorliegenden Materials vorzunehmen", damit im Falle eines Gipfels ein Dokument über vertrauensbildende Maßnahmen erarbeitet werden kann.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Marescas Rede im Wortlaut:

Ich möchte heute morgen das Wort ergreifen, um Sie
der Unterstützung meiner Regierung für die von meinem norwegischen Amtskollegen unterbreiteten Vorschläge zu versichern, die auch wir von Anfang an
gefördert haben.
Mit diesen neuen Vorschlägen haben wir die gegenwärtigen Maßnahmen des Westens zu Kommunikation, Zugang zu Informationen und militärischen Kontakten überarbeitet. Mit dieser Bilanz wird unser
Denken weiterentwickelt, und sie basiert auf der von
anderer Seite bereits geleisteten wertvollen Arbeit.
Meine Delegation sieht der Zusammenarbeit mit allen
Delegation entgegen, im Rahmen derer wir in den
nächsten Wochen gemeinsame Dokumente für den
Bereich Kommunikation und Kontakte erarbeiten werden.
Wir haben zusammen mit Gleichgesinnten vier völlig
neue Maßnahmen unterbreitet, die ich Ihnen im folgenden vorstellen möchte.
Maßnahme 16 betrifft zwei Bereiche der Vertrauensbildung, die meiner Ansicht nach etwas vernachlässigt
worden sind: erstens die Sicherheit des Personals bei
Ereignissen im Zusammenhang mit der Konferenz
über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (KVAE) und zweitens
die Benachrichtung über gefährliche Zwischenfälle wie etwa erst vor kurzem mit dem führerlosen Flugzeug. Dies sind vernünftige Ideen zur Verhinderung
von Unfällen, die wir alle vermeiden wollen.

AMERIKA DIENST 20

Im Rahmen von Maßnahme 17 könnten offizielle
Beobachter die militärischen Stützpunkte der Teilnehmerstaaten besuchen. Das wäre das erste Mal in der
Geschichte der europäischen Rüstungskontrolle, und
damit könnte Vertrauen in einem Bereich geschaffen
werden, der bisher nicht in unsere Bestrebungen einbezogen worden ist. Mit Maßnahme 18 würden sich
einzelne Länder verpflichten, jährlich Informationen
über geplante Veränderungen ihrer militärischen Infrastruktur auszutauschen. Zusammen mit den bereits
vorliegenden Vorschlägen über Streitkräfte, Waffen
und neue Stationierungen und dem Vorschlag für den
Informationsaustausch über Militärausgaben könnte
die Infrastrukturmaßnahme dazu beitragen, eine nie
dagewesene Offenheit bei der militärischen Planung
aller Länder hervorzubringen.
Herr Vorsitzender, ich möchte mich nunmehr Maßnahme 15 zuwenden, die ich absichtlich als letzte anspreche, weil sie meiner Ansicht nach besondere Aufmerksamkeit verdient. Wir haben zusammen mit anderen
Teilnehmern heute die Einführung eines "Diskussionsmechanismus" für ungewöhnliche militärische Aktivitäten vorgeschlagen. Diejenigen von Ihnen, die das
Wiener Schlußdokument kennen, werden bemerken,
daß dieser "Mechanismus" dem Muster der damals
vereinbarten Verfahrensweisen bei der menschlichen
Dimension folgt. Wir hoffen, daß dieser Präzedenzfall
allen hier vertretenen Ländern die Zustimmung zu
unserem neuen Vorschlag erleichtert.

Seite 1

�Dieser neue Vorschlag hat für uns besondere Bedeutung. Im Februar vergangenen Jahres hat Präsident
Bush bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit
Bundeskanzler Kohl potentielle Instabilität als mögliche neue Bedrohung der Sicherheit in Europa bezeichnet. Auf der Grundlage dieser Einschätzung haben wir
gemeinsam mit unseren Verbündeten Konzepte erarbeitet, mit deren Hilfe wir Mi ßverständnisse vermeiden
können, die zu einer solchen Instabilität beitragen.
Bei einer Pressekonferenz in Brüssel hat Außenminister Baker am 3. Mai 1990 erklärt, daß wir die Möglichkeit eines Mechanismus' erwägen, mit dem wir um
Klärung ungewöhnlicher militärischer Aktivitäten bitten, um damit den KSZE-Proze ß insgesamt zu stärken
und ihn besser an die heutige Situation in Europa
anzupassen.
Unserer Ansicht nach reagieren wir mit der Maßnahme
zu ungewöhnlichen militärischen Aktivitäten auf die
Notwendigkeit, Stabilität in einem Europa dramatischer Entwicklungen zu fördern und auch auf unseren
gemeinsamen Wunsch, die Institution der KSZE weiterzuentwickeln und zu stärken. Qiese Maßnahme
wird keine negativen Auswirkungen auf die Interessen
irgendeines Teilnehmerstaats haben. Sie wird im
Gegenteil einen Beitrag zur Sicherheit eines jeden
Landes leisten.
Herr Vorsitzender, meine Delegation hegt die Hoffnung, daß das von den sechzehn Ländern heute
angebotene Material ohne Verzug in die Programme
der einzelnen Arbeitsgruppen aufgenommen werden
kann. Angesichts der Möglichkeit eines in diesem Jahr
bevorstehenden KSZE-Gipfels könnte es jetzt an der
Zeit sein, eine Bestandsaufnahme des vorliegenden
Materials vorzunehmen, damit noch vor dem Gipfel
eine Übereinkunft erzielt werden kann. Wenn sich die
an diesen Verhandlungen teilnehmenden Länder auf
einen KSE-Vertrag einigen können, wird der Gipfel
zustande kommen, und in diesem Falle werden wir uns
wünschen, ein VSBM-Abkommen in Händen zu halten.
Wenn wir ein solches Abkommen erzielen wollen,
müssen wir in der uns zur Verfügung stehenden Zeit

*

Seite 2

effektiv und flexibel arbeiten. Unsere Zeit ist knapp
und die für jeden einzelnen Punkt zur Verfügung
stehende Zeit äußerst begrenzt. Deshalb müssen wir
uns neue zusätzliche Arbeitsmethoden überlegen, wenn
wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen.
Herr Vorsitzender, die Regierung der Vereinigten Staaten
gibt sich keinen Illusionen darüber hin, was der KSZEProzeß leisten kann und was nicht. Es ist wichtig, sich
vor Augen zu führen, daß er - unserer Ansicht nach in einem Europa, wie es sich gegenwärtig darstellt,
kein System kollektiver Sicherheit liefern kann. Aber er
kann einen Beitrag für unsere Sicherheit, unser gegenseitiges Verständnis und unsere Fähigkeit leisten,
gemeinsam in Frieden und Freiheit zu leben.
Aus diesem Grund war und ist es eines unserer Ziele,
Wege zufinden,wie der KSZE-Prozeß effektiver werden,
besser auf die anstehenden Probleme reagieren und in
Situationen nützlicher sein kann, die wir uns vorstellen
können. Wir möchten dies auf eine Weise tun, die
einfach, praktikabel und funktionsfähig ist und in keiner
Weise die Sicherheit irgendeines Teilnehmerstaats
bedroht.
Mit der schnellen Entwicklung der Ereignisse in Europa gewinnen diese Anstrengungen größere Bedeutung als jemals zuvor. Und diese Entwicklung hat
Möglichkeiten für beherzte Schritte nach vorn eröffnet.
Wir sind bereit, Schritte zu erwägen, die wir verantwortungsbewußt unternehmen können. Gleichzeitig erkennen wir, daß die Stärke des KSZE-Prozesses darin
liegt, daß er Stein für Stein - und von Grund auf aufgebaut wurde.
Unserer Ansicht nach enthalten die heute von uns
unterbreiteten Vorschläge mutige neue Ideen, die einen
wichtigen und vernünftigen Beitrag zur KSZE-Struktur
leisten und uns positiven Abkommen einen Schritt
näherbringen können. Wir empfehlen all unseren
Kollegen, sie zu überdenken und hoffen, daß sie die
Basis für baldige Abkommen in diesen Bereichen
bilden können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 20

�OSTEU ROPA
23. Mai 1990

MOSBACHER: VIELVERSPRECHENDE AUSSICHTEN
FÜR HANDEL MIT OSTEUROPA
Rede des US-Wirtschaftsministers
WASHINGTON - (AD) - Wie der amerikanische Wirtschaftsminister Robert Mosbacher bei einer Konferenz über
Ost-West-Handel am 21. Mai 1990 erklärte, sind die Aussichten für den Handel mit Osteuropa jetzt "günstiger
als je zuvor".
Die "Christoph Kolumbusse der Weltwirtschaft entdecken - endlich - Osteuropa", so Mosbacher. Im vergangenen Jahr hat der amerikanische Privatsektor zum Beispiel mehr als 500 Millionen Dollar in der Region investiert,
und die Geschäfte im Verhandlungsstadium versprechen "noch viele Millionen mehr". Mosbacher verwies in
diesem Zusammenhang auf sechs Prinzipien, von denen sich die Vereinigten Staaten bei ihrer Osteuropapolitik
leiten lassen.
Im Hinblick auf den Technologietransfer erklärte der Wirtschaftsminister, er vertrete ganz klar die Auffassung,
daß die Sowjetunion noch nicht denselben Zugang zu Hochtechnologieexporten aus den Vereinigten Staaten
haben sollte wie Osteuropa. Die Vereinigten Staaten werden insbesondere den Export in solche Länder
Osteuropas fördern, die zusichern können, daß die Technologie nicht an die UdSSR weitergegeben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des US-Wirtschaftministers im Wortlaut.

Ich freue mich, in diesem Kreis über eine aufregende
und herausfordernde Region - über Osteuropa und die
Sowjetunion - sprechen zu können und möchte in
diesem Zusammenhang den Senatoren Gorton und
Daschle und den Abgeordneten AuCoin und Frenzel
für Ihre Arbeit am Zustandekommen dieser Konferenz,
die zum richtigen Zeitpunkt stattfindet, danken.
Ihr Engagement ist sicherlich im Sinne der Woche der
Welthandels, die Präsident Bush diese Woche ausgerufen hat, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
auf die entscheidende Rolle zu lenken, die der Handel
in unserer interdependenten Weltwirtschaft spielt.
Ebenso wie der erste Handeltreibende in Amerika,
Christoph Kolumbus, müssen wir mutig und phantasievoll ins 21 . Jahrhundert segeln. Ein wettbewerbsfähiges Amerika muß Wert auf Qualität seiner Waren
und Dienstleistungen, auf die Qualität der Investitionen und Qualität im Bildungswesen legen - und muß
durch aggressive Verhandlungen, altmodische harte
Arbeit und Erfindungsreichtum Märkte öffnen.
Im Jahr 1990 entdecken die Christoph Kolumbusse
der Weltwirtschaft - endlich - Osteuropa. Die Aussichten für den Osthandel sind günstiger als je zuvor. Was

AMERIKA DIENST 20

für eine bemerkenswerte Wende im Vergleich zur
Situation vor einigen Jahren.
Als Lech Walesa im November vergangenen Jahres
eine Rede im Kongreß der Vereinigten Staaten hielt,
rüttelte er das amerikanische Volk mit den Worten auf:
"Wir bitten nicht um Almosen, wir erwarten keine Akte
der Nächstenliebe... wir möchten, daß die Amerikaner
mit Vorschlägen der Zusammenarbeit zu uns kommen, die beiden Seiten Vorteile bringen."
Die Menschen in den Vereinigten Staaten zeigten sich
im Hinblick auf die Bedürfnisse Osteuropas großzügig.
Unser Privatsektor hat 1989 mehr als 500 Millionen
Dollar in Osteuropa investiert - wogegen sich die
Beträge der Vergangenheit verschwindend gering
ausnehmen - und bei den gegenwärtig ausgehandelten Geschäften könnten noch viele Millionen mehr
erzielt werden. Auf Wunsch von Präsident Bush
verabschiedete der Kongreß im vergangenen Jahrein
938 Millionen-Dollar-Paket zur Förderung von Wirtschaftswachstum und politischen Reformen in Polen
und Ungarn.

Seite 1

�Wir haben einen umfassenden Handels- und Wirtschaftsvertrag mit der polnischen Regierung - und ein
Handelsabkommen mit der Tschechoslowakei - unterzeichnet. Erst vor einer Woche hat der Präsident die
Gründung des Bürgerkorps Demokratie verkündet das Ressourcen des Privatsektors mobilisieren soll,
um die Entwicklung in Osteuropa zu fördern.
In seiner Rede hat Lech Walesa einen wichtigen Punkt
angesprochen: nur die Völker Osteuropas selbst können die Schäden beseitigen, die vierzig Jahre kommunistischer Mißwirtschaft verursacht haben.
Der Westen kann dem Osten keinen Plan für den
Fortschritt aufzwingen. Zur Modernisierung der Volkswirtschaften Osteuropas sind Millionen von Plänen
erforderlich, die von den mächtigsten Vertretern des
Fortschritts selbst konzipiert werden müssen - den
Verbrauchern und den Unternehmen.
Um ihre Bestrebungen zu unterstützen, müssen wir
alles in unserer Macht Stehende tun, um die Märkte in Ost und West - offenzuhalten. Westliches Knowhow und Investitionen können alle Ecken und Winkel
Osteuropas erreichen - wie Wasser, das sich seinen
Weg bahnt. Andersherum müssen auch Waren und
Dienstleistungen aus dem Osten freien Zugang zu
westlichen Märkten haben.
Unsere Osteuropapolitik gründet sich auf sechs Grundprinzipien:

Staaten können den Regierungen Osteuropas technische Hilfe anbieten - so daß termingerechte Statistiken
über Verbraucherpreise, Handel und Arbeitslosenquoten erstellt werden können.
Fünftens: Unser Engagement bei den Menschenrechten ist integraler Bestandteil unserer Handelspolitik.
Politische Freiheit und wirtschaftliche Freiheit gehen
Hand in Hand, und grundlegende Fortschritte im OstWest-Handel werden sich parallel zu Fortschritten bei
den Menschenrechten entwickeln.
Sechstens: Trotz der Priorität nationaler Sicherheitserfordernisse macht das neue Zeitalter die Lockerung
von Kontrollen bei Hochtechnologieexporten möglich insbesondere in die Länder Osteuropas, die mit den
Vereinigten Staaten beim Schutz westlicherTechnologie zusammenarbeiten. Präsident Bush und die
amerikanischen Verbündeten unternehmen Schritte,
um die Liste verbotener Güter und Technologien noch
im Sommer dieses Jahres zu straffen.
Diese - auf freier Marktwirtschaft und einer eingeschränkten staatlichen Rolle basierenden - Prinzipien
liegen unseren Handelsbeziehungen zugrunde. Natürlich sind die Bedingungen in den einzelnen Ländern
unterschiedlich. Erwartungsgemäß wird sich der Handel
in den fortschrittlicheren Ländern Osteuropas - wie
Polen - schneller entwickeln, da sich dort politische
Freiheit und wirtschaftliche Reformen schneller verbreiten.

Erstens: Der Ost-West-Handel muß auf gesunden
wirtschaftlichen Entscheidungen basieren. Wir können amerikanische Firmen nicht zur Geschäftstätigkeit in Osteuropa zwingen - und es ist an den dortigen
Regierungen, ein attraktives und profitables wirtschaftliches Umfeld zu schaffen. Bei dieser Art der Förderung können Realinvestitionen vorgenommen, Arbeitsplätze geschaffen, Gerechtigkeit hergestellt und der
Lebensstandard angehoben werden.

In einigen Regionen sind die Volkswirtschaften zentralisierter, und der Lebensstandard hinkt hinterher. Wir
beobachten die Entwicklungen in diesen Ländern
aufmerksam, um sicherzustellen, daß politische Freiheit und Handelsmöglichkeiten wachsen.

Zweitens: Investitionen, einschließlich Joint Ventures,
müssen bei der Entwicklung von Wirtschaftsbeziehungen eine zentrale Rolle spielen. Die effektivste langfristige Hilfe, die die Vereinigten Staaten anbieten können, sind Direktinvestitionen amerikanischer Firmen.

Der Devisenvorrat ist immer noch knapp bemessen und in einigen Ländern ist die Auslandsverschuldung
hoch. Wenn die Reformer Staatsbetriebe privatisieren
und Subventionen kürzen, könnte dies kurzfristig
Arbeitslosigkeit, neue politische Unzufriedenheit und
Schwierigkeiten auf dem Weg der Liberalisierung
verursachen.

Drittens: Um Investitionen zu ermutigen, müssen die
Länder Osteuropas ihr Rechts-, Rechnungs- und
Bankenwesen modernisieren. Gegenwärtig sind polnische Banken zum Beispiel nicht in der Lage, schnelle
Auslandstransfers für Unternehmen durchzuführen.
Geschäftsbanken, wie wir sie kennen, existieren nicht,
und das Rechnungswesen ist unvereinbar mit dem
internationalen System, wie es alle Industrieländer
anwenden. Die US-Regierung leistet in diesen Bereichen technische, wirtschaftliche und praktische Hilfe.
Viertens: Wenn Märkte aufgebaut werden sollen,
müssen Käufer und Verkäufer Zugang zu präzisen
Informationen und Statistiken haben. Die Vereinigten

Seite 2

Die Herausforderungen an die Wirtschaft Osteuropas
sind enorm. Insgesamt beträgt ihr Bruttosozialprodukt
nur ein Viertel dessen der Vereinigten Staaten.

Im großen und ganzen jedoch engagieren sich die
Staaten Osteuropas bemerkenswert stark für den
Wandel. In all diesen Ländern sind die Lohnkosten
sehr niedrig, und in den meisten gibt es ein großes und
gut ausgebildetes Arbeitskräftepotential. Dies sind
einmalige Chancen für das Wachstum in Osteuropa und für die Vereinigten Staaten.
Polen ist vielleicht von allen das ehrgeizigste Land. Es
stellt heute bereits den größten Markt für amerikanische Waren in Osteuropa dar. Unsere Exporte nach
Polen stiegen von 304 Millionen Dollar im Jahr 1988

AMERIKA DIENST 20

�auf 414 Millionen Dollar im Jahr 1989 - ein 36prozentiger Zuwachs. Im Dezember 1989 initiierte die von
Vertretern der Gewerkschaft Solidarität geführte
Regierung ihren berühmten "Big Bang" - ein tiefgreifendes Reformprogramm, das die überwältigende
Unterstützung der polnischen Bevölkerung genießt.
Ziel ist die Senkung der Inflation, der Abbau staatlicher
Subventionen und die Einführung eines freien Markts.
Die Inflation ging bereits von 80 Prozent im Januar auf
5 Prozent im März zurück. Der Preis dafür war hoch steigende Arbeitslosigkeit und ein Rückgang der Produktion. Aber sie müssen ihren Kurs beibehalten, und
ich bin sicher, daß sie es tun und noch rascher dazu
übergehen werden, Hindernisse für die private Unternehmenstätigkeit aus dem Weg zu räumen.
Auch Ungarn bietet gute Aussichten für den Handel mit
den Vereinigten Staaten. Die Ungarn haben heute mit
einer hohen Auslandsverschuldung und niedrigem
Wirtschaftswachstum zu kämpfen - aber ihre relativ
moderne Volkswirtschaft hat eine glänzende Zukunft
vor sich. Ungarn hat im Jahr 1989 seine Wirtschaft
erheblich liberalisiert und beispielsweise den 100prozentigen Besitz ungarischer Unternehmen durch
Ausländer zugelassen. Ein Ergebnis war der Zufluß
ausländischer Investitionen - darunter allein über 100
Joint Ventures mit amerikanischen Unternehmen.
General Electric investierte 150 Millionen Dollar in ein
Geschäft mit dem Lampenhersteller Tungsram, und
General Motors engagierte sich in der Automobilproduktion. Im Jahr 1989 stiegen die amerikanischen
Exporte nach Ungarn gegenüber 1988 um 56 Prozent
an.
Auch in der Tschechoslowakei werden Fortschritte
gemacht. Das Land beendete im vergangenen Jahr
die zentrale Planwirtschaft und wird - vorbehaltlich der
Zustimmung des Kongresses - von den Vereinigten
Staaten den Meistbegünstigungsstatus erhalten.
Das größte Potential für den Handel liegt jedoch in der
Sowjetunion. Hier kann es nur bergauf gehen. Unsere
beiden Länder erzielen zusammengenommen etwa
ein Drittel des Weltbruttosozialprodukts, und doch liegt
unser Jahreshandelsvolumen nur bei 4 oder maximal
5 Milliarden Dollar - bei nur 0,2 Prozent des gesamten
Welthandels.
Viel hängt von der Perestrojka des Präsidenten Gorbatschow ab - der Umgestaltung der sowjetischen
Wirtschaft, die bis jetzt unterschiedliche Resultate
erbracht hat. Einigen neueren Schätzungen zufolge
liegt das sowjetische BSP in Wahrheit wesentlich
niedriger als bisher angenommen - und es geht weiter
zurück.

*

AMERIKA DIENST 20

Andererseits scheint das Engagement Präsident
Gorbatschows für Wirtschaftsreformen von Dauer zu
sein - und die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung
hat eindeutig den Glauben an den Kommunismus
verloren. Die Sowjets sind unlängst der internationalen Staatengemeinschaft nähergerückt, indem ihnen
Beobachterstatus beim GATT eingeräumt wurde. Die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verhandeln
außerdem über Möglichkeiten zur Ausweitung von
Handel und Investitionen - darunter den Meistbegünstigungsstatus für unsere beiden Länder.
Ich möchte meine Ausführungen mit einem Zitat eines
scharfsinnigen Beobachters der internationalen Szene beenden - Dr. Zbigniew Brzezinski, der als einer der
ersten Experten den dramatischen Umbruch in Osteuropa vorhersagte.
In der letzten Ausgabe des Magazins International
Economy sagte Brzezinski: "Ich bin ziemlich überrascht, wie relativ schleppend sich die amerikanische
Wirtschaft diese Chance zunutze macht. Ich denke,
diese Chance ist teilweise der Situation vergleichbar,
mit der die internationale Geschäftswelt vor 20 Jahren
in Spanien und Portugal konfrontiert war."
Ich unterstütze Brzezinskis Erklärung. Spanien und
Portugal haben in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht - und dasselbe gilt für die amerikanischen Unternehmen, die sich frühzeitig in diesen Ländern
engagiert haben.
Im Jahr 1990 steht die amerikanische Wirtschaft an
der Schwelle einer weiteren historischen Gelegenheit
- und wir haben einen wahrhaft einzigartigen Vorteil.
Unsere Nation war seit langem ein Symbol der Hoffnung in Osteuropa - nicht nur als Führungsmacht der
freien Welt in den vergangenen 45 Jahren, sondern
seit Jahrhunderten. Wellen von Einwanderern aus
dem Osten zogen nach Westen - von Polen nach
Pittsburgh, aus der Tschechoslowakei nach Chicago.
Sie haben starke ethnische Bindungen zwischen unseren
Ländern geschaffen.
Jetzt ist es für unsere Nationen an der Zeit, diese
besonderen Bindungen zu erneuern. Die amerikanische Geschäftswelt kann bei der Suche nach Möglichkeiten den Weg weisen - zur Schaffung einer neuen
Partnerschaft zwischen Ost und West, um eine bessere Welt hervorzubringen.
Mehr Chancen und eine bessere Welt. Haben unsere
Vorfahren nicht vor Jahrhunderten um dieser Ziele
willen den Ozean überquert - als sie kamen und diese
große Nation aufbauten?
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�COCOM
23. Mai 1990

MOSBACHER BEFÜRWORTET VORSICHTIGE
LOCKERUNG VON EXPORTKONTROLLEN
Rede des US-Wirtschaftsministers im Kongreß
WASHINGTON - (AD) - In seiner Rede vor dem Unterausschuß für Telekommunikation und Finanzen
bezeichnete US-Wirtschaftsminister Robert Mosbacher am 17. Mai 1990 "unsere Beteiligung am Wiederaufbau
Osteuropas als absolut unerläßlich". Mosbacher würdigte Präsident Bushs Vorschlag für "erhebliche Veränderungen" bei den Exportbeschränkungen, wie sie die COCOM-üste für den Handel mit Telekommunikation und
anderen Geräten vorsieht. Er trennte jedoch scharf zwischen den aufstrebenden Demokratien Osteuropas und
der Sowjetunion. Dem Wirtschaftsminister zufolge sollte der Handel mit Telekommunikationseinrichtungen in
die Sowjetunion nicht so stark gelockert werden wie mit Osteuropa. "Wir müssen hier differenzieren," erklärte
Mosbacher.
Trotz der Tatsache, daß die Regierung eine Lockerung der Exportbeschränkungen befürwortet, betonte
Mosbacher die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen, "insbesondere das Recht auf Inspektionen". Er
erklärte, die Länder Osteuropas hätten im Gegensatz zur Sowjetunion solche Sicherheitsmaßnahmen akzeptiert.
Mosbacher wies den Vorwurf zurück, die Regierung unternehme nicht genug, um Osteuropa zu helfen. Ihm
zufolge leistet die Regierung nicht nur Finanzhilfe, sondern stellt auch eine Reihe von Ausbildungsprogrammen
für Osteuropäer bereit. Er verwies ferner auf einen Informationsdienst des Wirtschaftsministeriums, der
amerikanische Unternehmen über neue Märkte unterrichtet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Wirtschaftsministers im Wortlaut:

Ich freue mich, Ihnen heute die gegenwärtigen Aktivitäten und Pläne des Wirtschaftsministeriums für den
Ausbau des Telekommunikationssektors in Osteuropa und der Sowjetunion darzulegen. Ich möchte dabei
auf den Bedarf dieser Länder im Telekommunikationswesen eingehen und Ihnen die Maßnahmen des Wirtschaftsministeriums und die Exportkontrollinitiative des
Präsidenten, insbesondere im Hinblick auf Telekommunikation, erläutern.
Hintergrund
Nach den dramatischen Ereignissen, die Osteuropa
verändert haben, gehen die politisch Verantwortlichen
dieser Länder jetzt pragmatisch daran, zu erörtern,
was in Vorbereitung auf die neue politische und wirtschaftliche Ordnung für die Infrastruktur ihres Landes
getan werden muß. Reformer in Osteuropa und der
Sowjetunion sind sich bewußt, daß ihre Infrastruktur
und insbesondere ihre Telekommunikationssysteme

AMERIKA DIENST 20

überaus unzureichend sind und im Hinblick auf ihre
Rentabilität modernisiert werden müssen.
Es besteht kein Mangel an Anekdoten und Statistiken,
die den beklagenswerten Zustand des osteuropäischen Telefonsystems belegen. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt beträgt die durchschnittliche Wartezeit für
den Anschluß eines Telefons 13 Jahre. In diesem
Augenblick liegen der dortigen Telefongesellschaft
über zwei Millionen Anträge auf einen Anschluß vor.
Und wenn ein Telefon angeschlossen wird, besagt das
noch nichts über seine Funktionsfähigkeit - weniger als
ein Drittel aller Telefongespräche können nicht zuende
geführt werden. Ein Regierungsvertreter aus Osteuropa hat es so formuliert: "Die Hälfte unseres Landes
wartet auf einen Telefonanschluß, die andere Hälfte
auf ein Freizeichen."
Natürlich beeinträchtigt das die Wirtschaft des Landes.
Heute kann man keine Geschäftsbeziehungen aufSeite 1

�rechterhalten, wenn sich die Kontaktaufnahme mit
potentiellen Kunden oder Lieferanten so schwierig
gestaltet. Westliche Firmen sind kaum daran interessiert, eine Filiale in einem Land zu eröffnen, wo es
lediglich 15 Telefone auf hundert Einwohner gibt, die
Anmeldung eines Auslandsgesprächs Stunden dauert
und Nebengeräusche eine Datenübermittlung unmöglich machen. Die Entwicklung einer ausgereiften und
funktionsfähigen Infrastruktur auf dem Telekommunikationssektor hat daher absolute Priorität und ist ein
wichtiger Schritt, um die effiziente Entwicklung einer
Marktwirtschaft zu gewährleisten. Und sie sollte eine
Kettenreaktion in allen Volkswirtschaften Osteuropas
auslösen.

reagieren. Prioritäten und Aufgaben mußten erarbeitet und Notwendigkeiten und beabsichtigte Maßnahmen abgeschätzt werden. Wir haben außergewöhnlich viele qualifizierte Helfer im Ministerium und im
Privatsektor zusammengerufen, um den dringenden
Bedarf und die Erwartungen der Region abzudecken all dies in einem Umfeld anhaltender Unsicherheit und
gelegentlicher Instabilität. Ganz Osteuropa wird erwartungsgemäß weiterhin dringend die besten Köpfe
aus Regierung und Privatsektor brauchen.

Zur Veränderung dieser Situation sind umfangreiche
Anstrengungen und Investitionen erforderlich. Sowohl
technisches und organisatorisches Know-how als auch
Kapitalinvestitionen werden dazu benötigt. Die Finanzierung dieser Entwicklung wird von einzelnen Unternehmen, durch Einnahmen und Auslandskapital sowie
internationale Kreditgeber geleistet. Die Weltbank
erarbeitet zum Beispiel gegenwärtig einen 120 bis 150
Millionen Dollar-Soforthilfekredit für Polen, mit dem die
Telekommunikation ausgebaut werden soll. Ein entsprechendes Programm für Ungarn ist in der Planung.

Bereits im September letzten Jahres habe ich mit einer
Gruppe amerikanischer Vertreter aus Regierung und
Industrie Polen besucht. Bei diesem Besuch bin ich
mit dem Postminister Kucharski und anderen Vertretern aus dem Telekommunikationssektor zusammengetroffen, um den dortigen Bedarf zu ermitteln.

Einige Länder der Region verfolgen ehrgeizige Pläne
zum Ausbau der Telekommunikation. Polen will zum
Beispiel die Zahl der verfügbaren Telefonanschlüsse
bis 1995 verdoppeln, und das wird schätzungsweise in
den nächsten zehn Jahren 10 Milliarden Dollar kosten,
während das Entwicklungsprogramm in Ungarn bis
zum Jahr 2000 wahrscheinlich einen Umfang von 5
Milliarden Dollar haben wird.
Positiv an dieser Situation sind natürlich die nunmehr
bestehenden Marktchancen. Da große Projekte zum
Aufbau der Telekommunikation gegenwärtig hohe
Priorität in Osteuropa haben, bemüht man sich auf
dem Sektor um westliche Erzeugnisse, Dienstleistungen und technische Hilfe. Möglichkeiten bestehen bei
Mobilfunk, Satelliten, Übertragungsgeräten, Teilnehmereinrichtungen und Datenübermittlung. Zahlreiche
amerikanische Telekommunikationsfirmen nehmen
bereits an aktiv an Ausschreibungen dort teil, und
einige haben auch bereits Zuschläge erhalten. AT&amp;T
gewann eine Ausschreibung in Polen für die Lieferung
einer Vermittlungsstelle für Auslandsgespräche. U.S.
West Cellular hatte Erfolg bei einer Ausschreibung der
ungarischen Regierung für ein Joint Venture, im Rahmen dessen ein Mobilfunksystem in Budapest eingerichtet werden soll. U.S. Sprint International unterzeichnete gerade einen Vorvertrag mit zwei sowjetischen Unternehmen für ein Joint Venture im Bereich
Telekommunikation mit der Sowjetunion.
Initiativen des Wirtschaftsministeriums
Das Wirtschaftsministerium mußte nahezu über Nacht
auf die dramatischen Veränderungen in Osteuropa

Seite 2

Im folgenden möchte ich Ihnen die Aktivitäten des
Wirtschaftsministeriums erläutern und das von uns
erarbeitete Programm vorstellen.

Bei meinem zweiten Besuch im November war ich
einer der Leiter der Polen-Delegation des Präsidenten,
die sich über wirtschaftliche Aussichten und initiativen
informieren sollten. Bei diesem Besuch haben wir ein
Abkommen geschlossen, in dem einzelne Schritte für
die Kooperation in der Telekommunikation dargelegt
sind. Dieses Abkommen hat eine Reihe von Entwicklungen und Initiativen im Wirtschaftsministerium eingeleitet.
Erstens haben im Februar dieses Jahres in Polen
Folgetreffen zwischen dem polnischen Postministerium und der nationalen Behörde für Telekommunikation und Information (National Telecommunications
and Information Administration - NTIA) stattgefunden.
Dabei wurden Pläne erarbeitet, um polnische Mitarbeiter an der US-Ausbildungungsstätte für Telekommunikation (United States Telecommunication Training
Institute - USSTI) auszubilden - einer privaten Organisation, die von amerikanischen Telekommunikationsfirmen sowie Rundfunk und Fernsehen gefördert wird
und an der die NTIA beteiligt ist. Zusätzlich zur finanziellen Förderung durch den Privatsektor haben wir
etwa 350 000 Dollar von anderen Bundesbehörden
zur Verfügung, um Personal aus Polen und anderen
Ländern Osteuropas am USSTI auszubilden.
Sowohl Polen als auch Ungarn haben bereits Kandidaten für USSTI-Ausbildungsprogramme nominiert, und
die ersten haben letzten Monat ihre Ausbildung in den
Vereinigten Staaten begonnen. Der Lehrplan umfaßt
technische und organisatorische Aspekte von Rundfunk und Fernsehen sowie Telekommunikation. Allein
für Teilnehmer aus Osteuropa sind in diesem Jahr elf
Kurse vorgesehen.
NTIA erörtert ferner mit Polen die Ausbildung für eine
Verwaltung von Rundfunkfrequenzen, die modernen
Ansprüchen genügen. Der Zustand des RundfunksyAMERIKA DIENST 20

�stems und die Verwaltung des Radiofrequenzspektrums in Polen und anderen Ländern Osteuropas
bedarf radikaler Reformen. Ein nicht unerheblicher
Teil der Frequenzen ist dem Militär und den Sicherheitsdiensten vorbehalten. Da nunmehr die zivile
Nutzung in den Vordergrund tritt, gewinnen die zeitgemäße Nutzung des Spektrums und Programme zur
Planung des Spektrums entscheidende Bedeutung.
Das Spektrum muß so gewählt werden, daß Mobilfunknetze eingerichtet werden und neue private Rundfunkkanäle demokratische Alternativen zu den bestehenden staatlichen Einrichtungen werden können.
Um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, planen
die NTIA und die Bundeskommission für Kommunikation, eine gemeinsame aus Teilnehmern des öffentlichen und privaten Sektors bestehende Delegation
nach Polen und in andere osteuropäische Staaten zu
entsenden, um die Regierungen bei der Verwaltung
des Rundfunkspektrums zu unterstützen. Wir erwarten eine fortgesetzte Koordinierung im Bereich der
Spektrumverwaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Osteuropa und werden weiterhin die in diesem
Bereich erzielten Fortschritte beobachten.
Die NTIA und das polnische Postministerium sprechen
ferner über ein gemeinsames Programm zur Entwicklung des Telekommunikationssektors in den ländlichen Gebieten Polens. In dieser Hinsicht wird die
Telefonvereinigung der Vereinigten Staaten mehrere
Mitglieder nach Polen entsenden, um privaten Telefongesellschaften im ländlichen Bereich Orientierungshilfen zu geben.
Weitere Hilfe des Privatsektors wird von Bell Communications Research, auch als BELLCORE bekannt,
gewährt. BELLCORE hat sich bereiterklärt, eine gründliche Untersuchung von Bedari und Optionen im polnischen Kommunikationssektor durchzuführen. BELLCORE will Polen sodann helfen, Verbesserungen bei
der Netzplanung und Betriebsführung einzuleiten.
BELLCORE stellt diese Leistungen zur Verfügung,
ohne daß den Vereinigten Staaten oder Polen Kosten
entstünden.
Bestimmte Aspekte dieser Initiativen stehen unter
dem Vorbehalt der Verabschiedung des neuen Telekommunikationsgesetzes in Polen. Wir sind jedoch
zuversichtlich, daß die Richtung stimmt und wir in der
richtigen Position sind, um eine angemessene Entwicklung der Telekommunikations-Infrastruktur in Polen
und anderen osteuropäischen Ländern zu fördern.
Zweitens hat die Administration eine umfassende
Überprüfung der von den Vereinigten Staaten und dem
COCOM verhängten Beschränkungen für Exporte von
Spitzentechnologie nach Osteuropa und in die Sowjetunion durchgeführt.
Bis vor kurzem sträubten sich die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten im COCOM dagegen, das Telekommunikationswesen in den Staaten des WarschauAMERIKA DIENST 20

er Pakts zu modernisieren. Unserer Ansicht nach war
es aufgrund strategischer Sorgen im Hinblick auf die
potentielle militärische Bedrohung unklug, die Schaffung robuster Kommunikationssysteme zu erleichtern.
Der plötzliche Umbruch in Osteuropa hat uns und
unsere Verbündeten jedoch dazu veranlaßt, diese
Haltung zu überdenken.
Bei einer Zusammenkunft im Februar verständigten
sich die COCOM-Staaten auf eine beschleunigte
Überprüfung der Exportkontrollen fürTelekommunikationsausrüstung, Computer und Werkzeugmaschinen.
Diese technologischen Schlüsselbereiche wurden als
besonders wichtig für die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Infrastruktur der sich neu formierenden Demokratien Osteuropas angesehen.
Seither hat der Präsident die Ministerien für Wirtschaft,
Äußeres, Verteidigung und Energie angewiesen, über
diese drei Schlüsselbereiche hinauszugehen, dabei
aber stets unsere strategischen Interessen zu berücksichtigen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen wurden vor zwei Wochen vom Weißen Haus bekanntgegeben. Zur Zeit beraten wir mit unseren Verbündeten
im COCOM über die vorgeschlagenen Veränderungen.
Im Telekommunikationsbereich haben wir die Abschaffung der Kontrollen für Mobilfunkgeräte vorgeschlagen, einschließlich der analogen Zellenkommunikationssysteme, wie sie im zivilen Bereich in den gesamten Vereinigten Staaten eingesetzt werden. Einige
Funksysteme sowie sämtliche Mobilfunksysteme unterliegen gegenwärtig Exportkontrollen. Deren Abbau
würde Systeme etwa für Funkruf und Funktelefon
betreffen. Mobilfunksysteme werden es den osteuropäischen Ländern und der Sowjetunion gestatten, auf
einfache Weise und rasch einen effektiven, normalen
Telefondienst anzubieten. Sie werden nicht den langen, schwierigen und teuren Prozeß durchmachen
müssen, Leitungen zu verlegen, Pole und Kabel zu
installieren, bevor Anschlüsse bereitgestellt werden
können.
Um in der Region die Effizienz der Linientechnik für
Teilnehmerleitungen sowie der Querverbindungsleitungen - die zwischen den Büros der wichtigsten
Telefongesellschaften bestehenden Hauptleitungen zu steigern, haben wir die Abschaffung der Kontrollen
für faseroptische Kabel vorgeschlagen, die im normalen Telekommunikationsnetz eingesetzt werden. Damit
würden die osteuropäischen Länder in die Lage versetzt, ihr völlig unzureichendes Netz von Teilnehmerleitungen, das zur Zeit keinerlei freie Kapazitäten für
zusätzliche Teilnehmer hat, schnell und vollständig zu
erneuern.
Darüber hinaus schlagen wir die Abschaffung der
Kontrollen für Satellitenbodenstationen vor, die für die
zivile Fernseh- und Rundfunkübertragung und den
Femmeldeverkehr sowie für Wetter- und Erdbeobach-

Seite 3

�tungssysteme eingesetzt werden. Damit wird der
weltweite Informationsfluß nach Osteuropa erleichtert.
Des weiteren schlagen wir die Liberalisierung bei
Datenübertragungsgeräten vor, um die Kommunikation zwischen Computersystemen von Banken, Großhandel, Transportwesen und anderen zivilen Gewerbezweigen zu ermöglichen. Diese Liberalisierung
würde die Lizenzvergabe in diesem Bereich in das
Ermessen jedes COCOM-Mitglieds stellen, ohne das
zuvor ein Konsens im COCOM hergestellt werden
müßte.
Schließlich schlagen wir Veränderungen zur Vorzugsbehandlung solcher osteuropäischer Staaten vor, die
Sicherheitsvorkehrungen gegen die Umleitung von
Importen kontrollierter Güter getroffen haben. Aus
strategischen Gründen ist die Differenzierung zwischen Osteuropa und der Sowjetunion ein wichtiges
Element unserer Vorschläge für das Telekommunikationswesen. Wir haben eine Liberalisierung der Kontrollen für moderne Telefonübertragungsausrüstung sowohl faseroptische als auch Mikrpwellensysteme für diejenigen Länder Osteuropas vorgeschlagen, die
solche Sicherheitsvorkehrungen treffen. Damit könnten in allen osteuropäischen Ländern bedeutende
Verbesserungen im Fernsprechverkehr erzielt werden.
Die von uns erwarteten Sicherheitsmaßnahmen sollten eine nationale Verpflichtung beinhalten, wonach
strategische Güter und Technologie ausschließlich für
den zivilen Gebrauch und zivile Endverbraucher bestimmt sind. Ferner würden wir staatliche Endverbrauchsgarantien, die Erlaubnis zur Durchführung von
Vor-Ort-Inspektionen und andere Sicherheitsvorkehrungen erwarten.
Drittens reagiert das Wirtschaftsministerium auf den
ständig zunehmenden Informationsbedarf der amerikanischen Telekommunikationsindustrie im Hinblick
auf die aufstrebenden Märkte in Osteuropa und der
Sowjetunion. Die verantwortlichen Planer der USTelekommunikationswirtschaft möchten zutreffende,
zuverlässige und sachdienliche Informationen, um die
Chancen und Hindernisse besser verstehen zu können, die berücksichtigt werden müssen, wenn sie ihre
Geschäftsentwicklungspläne für die Region erarbeiten. Die Zahl der in den vergangenen Monaten beim
Ministerium eingegangenen Anfragen nach Information und Hilfe ist erheblich gestiegen. Die Zahl der an
die Telekommunikationsstelle der Internationalen
Handelsadministration gerichteten Anfragen zu wichtigen Telekommunikationsprojekten in Osteuropa liegt
heute dreimal so hoch wie für alle anderen Regionen.
Amerikanische Unternehmen möchten darüberhinaus
Hilfe bei der Herstellung von Kontakten mit den neuen

für das Telekommunikationswesen in diesen Ländern
verantwortlichen Kräften.
Seit Jahresbeginn hat das Wirtschaftsministerium der
Geschäftswelt eine Reihe von Gelegenheiten zur
Handelsförderung angeboten. Die Telekommunikationsstelle der Internationalen Handelsadministration
hat im Februar eine äu ßerst erfolgreiche Handels- und
Investitionsmission in Warschau durchgeführt. Dabei
wurde 16 amerikanischen Unternehmen der Telekommunikationsbranche die Gelegenheit geboten, mit
Entscheidungsträgern des polnischen Telekommunikationssektors zusammenzutreffen, darunter auch
neuemannte Mitglieder der polnischen Regierung. Eine
ähnliche Mission soll im Juni 1990 in der Tschechoslowakei und in Ungarn stattfinden.
Das Wirtschaftsministerium führt darüber hinaus selbst
oder in Zusammenarbeit mit anderen Stellen zahlreiche Marktstudien durch. Wir beobachten eingehend
das Telekommunikationswesen betreffende Entwicklungen in der Region, sammeln Informationen über
neue Pläne zur Entwicklung des Telekommunikationssektors, sich verändernde Organisationsstrukturen,
neue Gesetze und Vorschriften sowie über aussichtsreiche neue Projekte. Marketing-Berichte für das
Telekommunikationswesen sowie Sektorstudien für
die Region werden zusammengestellt. Ferner stellen
wir der amerikanischen Geschäftswelt Informationen
über amerikanische staatlich finanzierte Programme
zur Verfügung. Dazu gehören die Initiativen gemäß
dem Gesetz über die Unterstützung der Demokratie in
Osteuropa, wie etwa der Unternehmensfonds und
Exportfinanzierungsmöglichkeiten sowie das Ergebnis der vorläufigen Durchführbarkeitsstudien über das
Telekommunikationswesen in Polen und Ungarn im
Rahmen des amerikanischen Handelsentwicklungsprogramms.
Wir berücksichtigen bei unseren Verhandlungen über
Handelsabkommen die Belange der amerikanischen
Telekommunikationsindustrie. Der unlängst unterzeichnete amerikanisch-polnische Vertrag über unternehmerische und wirtschaftliche Zusammenarbeit stellt
einen Rahmen für die langfristige Entwicklung und
Zusammenarbeit zwischen den Unternehmern in beiden Ländern bereit. Der Vertrag fördert Kontakte
zwischen der privaten Wirtschaft in Polen und den
Vereinigten Staaten und enthält Leitlinien für Investitionen amerikanischer Firmen.
Wir planen eine Verstärkung dieser Bemühungen, um
zutreffende Informationen über die Entwicklung im
Telekommunikationssektor dieser Region zu sammeln
und zu verbreiten sowie um der amerikanischen Geschäftswelt bei ihren Vermarktungsbemühungen Foren und Hilfe anbieten zu können.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 20

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10844">
                <text>23.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10845">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10846">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10847">
                <text>Amerikadienst 23.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10848">
                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: die Zeit der Diktatoren ist abgelaufen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus einer Rede an der University of Texas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-UDSSR&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker erwartet produktiven Gipfel Bush-Gorbatschow&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung in Moskau&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. VSBM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VSBM: neue Vorschläge des Westens &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Delegationsleiters John Maresca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: vielversprechende Aussichten für Handel mit Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. COCOM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher befürwortet vorsichtige Lockerung von Exportkontrollen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Wirtschaftministers im Kongreß&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2144" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2155">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/dbf73ac527d38db918be64c3133028cb.pdf</src>
        <authentication>fc3589a8d91b7aa625f9180b8b8cb36a</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10843">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

.s&gt; S&gt; &lt;-* £&gt;

O

OSTEUROPA
/

/

16. Mal 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina

DEUTSCHLANDPOLITIK

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS
BÜNDNIS UND DIE NEUE GESTALT
EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP

EUROPA

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER
RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

NATO

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz

WIRTSCHAFT

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK IM VERÄNDERTEN
OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

WELTBANK

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT
DER WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Unterstaatssekretär
Mulford vor Entwicklungsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�OSTEUROPA
16. Mai 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina
COLUMBIA (South Carolina) - (AD) - In einer Rede bei der Examensfeier der University of South Carolina
erläuterte Präsident Bush am 12. Mai 1990 vier Schritte, mit deren Hilfe die demokratischen Entwicklungen in
Osteuropa - unter anderem mit der Bildung eines "Bürger-Korps Demokratie", das von amerikanischer Seite den
Privatsektor unterstützt und ehrenamtliche Tätigkeit fördert - vorangetrieben werden sollen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede in Auszügen.

Meine Damen und Herren, wir leben in aufregenden
Zeiten. Im vergangenen Jahr haben viele Länder dem
Kommunismus entsagt und befinden sich jetzt an der
Schwelle zur Demokratie. Dabei hat jedes Land viel
erlitten und schwere wirtschaftliche Schäden davongetragen. Wir haben alle die Bilder der langen Käuferschlangen und leeren Regale gesehen. Aber was
unter der Oberfläche liegt, wird nicht so unmittelbar
wahrgenommen, ist aber dennoch nicht weniger real es sind der moralische Schaden, die tiefen Narben im
Bewußtsein, die vierzig Jahre kommunistische Herrschaft hinterlassen haben.
Unter diesen Regimen war der Geist des Menschen
systematischen Angriffen ausgesetzt. Religion, Moral, Gut und Böse - jede Herausforderung der Herrschaft des Staates wurde zum Staatsfeind erklärt.
Gläubige wurden verfolgt, Kirchen und Friedhöfe zerstört. Bürger wurden gegeneinander aufgebracht und
als Informanten des Regimes eingesetzt. Nichts war
vor dem Zugriff des Regimes sicher - nicht einmal die
Vergangenheit. Die Geschichte wurde neu geschrieben, um den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht zu
werden - die Helden von gestern wurden aus den
Büchern der Geschichte gestrichen. Dertschechische
Schriftsteller Milan Kundera hat dies als "organisiertes
Vergessen" bezeichnet.
Natürlich gab es in diesen Ländern Gesetze. Es gab
auch Gerichte. Und Verfassungen. Alles zum Wohle
des Staates. Sie hatten - zumindest auf dem Papier Rechte und Freiheiten. In Wirklichkeit war ihre Freiheit
eine leere Hülse.
AMERIKA DIENST 19

Es regierte nicht das Gesetz, sondern dessen pervertierte Form. Die Gesetze folgten nicht dem Willen des
Volkes, sondern dem Gutdünken der Partei. Und das
führte dann dazu, daß es in Rumänien drei oder mehr
Menschen verboten war, sich auf der Straße zusammen zu unterhalten. Und in einem anderen Land
wurde ein Mann, der das "Verbrechen" begangen
hatte, anderen Religionsunterricht zu erteilen, sechs
Monate ins Gefängnis gesteckt. Die vorgeschobene
Anklage lautete: Unerlaubtes Betreten von Blumenbeeten. Wir werden niemals erfahren, wieviele Dissidenten als "Verbecher" bestraft worden sind - und
wieviele andere sich starr vor Angst zum Schweigen
und zur Unterwerfung zwingen ließen.
Das ist das Vermächtnis - eine Landschaft moralischer
Zerstörung. Die tragische Konsequenz vierzigjähriger
kommunistischer Herrschaft - der Zusammenbruch
des Vertrauens. Bereits in grauer Vorzeit haben große
Denker den Zusammenhang zwischen Gesetz und
Vertrauen erkannt. Und Aristoteles schrieb: "Das
Gesetz ist die Forderung, daß die Bürger eines Staates gerecht zueinander sind." Das ist das Band, das
einzelne Menschen zu einer Gemeinschaft - einer
Nation - zusammenschmiedet.
Gottseidank konnte die moralische Zerstörung Osteuropas nicht zuende geführt werden. Die Menschen
haben es geschafft, ihre innere Stärke zu bewahren einen Kompaß für ihre Moral. Sie haben sich den
Willen erhalten, die Wände der Lügen des Regimes zu
durchbrechen. Vaclav Havel zufolge haben sie dies

Seite 1

�getan, indem sie ganz einfach "wahrhaftig lebten". Sie
riefen "fliegende Universitäten" ins Leben, wo Dozenten in Privathäusern lehrten. Sie bildeten Verlage im
Untergrund und Beobachtergruppen für Menschenrechte - eine echte "bürgerliche Gesellschaft", die sich
dem Zugriff der herrschenden Klasse entzog.
Heute möchte ich vor allem darauf eingehen, wie die
Vereinigten Staaten diesen Ländern helfen können,
ihre Freiheiten zu sichern und Teil eines ungeteilten
und freien Europas zu werden. Anfang des Jahres
habe ich in meinem Bericht zur Lage der Nation über
die Rolle der Vereinigten Staaten als leuchtendes
Beispiel gesprochen. Über die Bedeutung der Vereinigten Staaten nicht als Land, sondern als Idee, die in
den Köpfen aller Menschen auf der ganzen Welt
präsent ist. Diese Idee war zweifellos eine treibende
Kraft der Revolution von 1989.
Ich möchte Ihnen die Geschichte einer amerikanischen Besucherin in Rumänien erzählen, die Leute
nach den Dingen gefragt hat, die für sie am wichtigsten
sind und danach, was sie am nötigsten brauchen. Auf
diese einfache Frage erhielte sie unerwartete Antworten. In Temeschwarzog eine Frau ein altes Exemplar
der Fernsehzeitschrift TV-Guide vom Juli 1987 aus
ihrer Tasche mit einer Beilage über die Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Verfassung, die sie der
amerikanischen Besucherin zeigte. "Was wir brauchen, sind mehr davon", sagte sie dazu.
Auf den Straßen von Temeschwar - in einem Land, wo
Lebensmitel knapp, Häuser ohne Heizung und Straßen nachts dunkel sind - gibt es also eine Frau, die ihre
Hoffnungen auf unsere Verfassung setzt. Was diese
Rumänin wollte - und was alle Länder Osteuropas für
sich erhoffen - ist ein Leben in Demokratie, auf der
Basis von Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit.
Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn stehen im
Frühjahr 1990 genau da, wo Amerika im Sommer des
Jahres 1787 stand. Wer werden ihre Franklins, Washingtons, Hamiltons und Madisons - ihre genialen
Köpfe sein? Die Staatsmänner, die ein solides Fundament für die Herrschaft des Volkes legen?
Einige von ihnen kennen wir mit Namen - die Helden
der Revolution von 1989. Aber für die Gestalter der
Verfassungen in Osteuropa fängt die Arbeit jetzt erst
an. Weil das Schicksal der Freiheit nicht nur vom
Charakter der Regierenden anhängt, sondern davon,
ob sie selbst von Rechtsstaatlichkeit regiert werden.
Und ebenso wie die Väter unserer Verfassung Lektionen ihrer Vergangenheit gelernt haben, werden die
aufstrebenden Demokratien Osteuropas auf ihre eigene demokratische Vergangenheit, das Beispiel Europa und natürlich die amerikanische Verfassung blikken. Und deshalb müssen wir unsere Erfahrungen
weitergeben - unser in zwei Jahrhunderten erworbenes Wissen über die Arbeit freier Regierungen.

Seite 2

Wir unterhalten bereits eine Reihe aktiver Austauschprogramme mit Osteuropa und der Sowjetunion, in
deren Rahmen Juristen, Parlamentarier und führende
Politiker die Vereinigten Staaten besuchen und dort
Kollegen treffen. Ich freue mich, heute vier weitere
neue Initiativen ankündigen zu können - vier Schritte,
mit denen die Vereinigten Staaten die demokratische
Entwicklung in Osteuropa unterstützen möchten.
Erstens werden die Vereinigten Staaten weiterhin die
ökonomische Freiheit fördern. Im vergangenen Jahr
haben wir über eine Milliarde Dollar an direkter Wirtschaftshilfe für Osteuropa bereitgestellt. Wir haben
Kredite vergeben, unsere Märkte durch die Meistbegünstigungsklausel geöffnet und amerikanische Investitionen gefördert. Ich freue mich, heute eine weitere
wirtschaftspolitische Initiative verkünden zu können die Export-Import-Bank wird Polen einen neuen Rahmen für mittelfristige Exportkredite und Kreditbürgschaften gewähren, um Maschinen, Technologie und
Dienstleistungen amerikanischer Anbieter zu erwerben.
Zweitens werden sich die Vereinigten Staaten bemühen, zur Gewährleistung freier und fairer Wahlen in
Osteuropa beizutragen. Nächste Woche werden wir
eine Delegation entsenden, um die Wahlen in Rumänien zu beobachten. Zu demselben Zweck wird im
nächsten Monat eine weitere Delegation nach Bulgarien reisen.
Drittens werden die Vereinigten Staaten dafür eintreten, das Mandat der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zu erweitem. In
weniger als einem Monat werden die Vereinigten Staaten
als einer der 35 KSZE-Staaten an einer Konferenz
über Menschenrechte, einschließlich freier Wahlen,
politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit, teilnehmen. Ich habe den Leiter unserer Delegation,
Botschafter Max Kampelman, angewiesen, einen neuen
Konsens über diese Eckpfeiler Freiheit, Rechte und
Demokratie anzustreben. Wie ich bereits vergangene
Woche an der Oklahoma State University erklärt habe,
müssen wir uns im Rahmen der KSZE darum bemühen, die neuen Demokratien Osteuropas in diesen
Bund freier Nationen einzugliedern.
Viertens werden wir schließlich daran arbeiten, die
Grundlagen einer freiheitlichen Gesellschaft in Osteuropa zu stärken. Ich freue mich deshalb heute besonders, die Schaffung eines 'Bürger-Korps Demokratie'
verkünden zu können. Seine erste Aufgabe wird die
Einrichtung eines Zentrums und Clearinghauses für
Hilfsmaßnahmen des amerikanischen Privatsektors
und freiwillige Einsätze in Osteuropa sein. Wir wissen,
daß die wahre Stärke unserer Demokratie in unseren
Bürgern ruht, in der kollektiven Stärke der einzelnen
Amerikaner. Wir werden uns auf diese Stärke dort
konzentrieren, wo sie am meisten leisten kann.

AMERIKA DIENST 19

�Die Vereinigten Staaten können viel beitragen, um
diesen Nationen zu Fortschritten auf dem Weg zur
Demokratie zu verhelfen. Wir können ihnen helfen,
politische Systeme aufzubauen, die auf folgenden
Grundlagen beruhen:

mung in Litauen, Lettland und Estland verpflichtet.
Letztlich wird auch die Sowjetunion, die heute für
Offenheit und Reformen eintritt, von einem ungeteilten, freien Europa profitieren. Demokratie und Freiheit
bedrohen niemanden.

Achtung der Rechte des einzelnen. Für das Recht,
unsere Meinung frei zu äußern, so zu leben, wie wir
wollen und Gott so zu verehren, wie uns unser Gewissen dies vorschreibt. Systeme, die Privateigentum
und die Unverletzlichkeit von Verträgen achten. Gesetze,
die nicht notwendig sind, um Reichtum anzuhäufen
oder Türme aus Gold und Gier zu bauen, sondern um
ausreichend für uns und unsere Familien zu sorgen.
Systeme, die freie Zusammenschlüsse erlauben Gewerkschaften, Berufsverbände, politische Parteien, Grundsteine einer freien Gesellschaft. Wir müssen den sich entwickelnden Demokratien beim Aufbau
von Rechtssystemen helfen, in denen die Verfahrensregeln garantiert sind, die Freiheit sicherstellen. Vor
allem ein System, das strikte Gleichberechtigung unterstützt, das garantiert, daß Männer und Frauen
unabhängig von Rasse oder Herkunft vor dem Gesetz
gleich sind.

Bisweilen hören wir, daß mit dem großartigen Triumph
der Freiheit die Vereinigten Staaten ihren Auftrag
erfüllt haben. Nichts könnte der Wahrheit weniger
entsprechen. Ich möchte mit einer Geschichte über
die weiterbestehende Macht der amerikanischen Idee
und die unvollendeten Aufgaben schließen, die vor der
von Ihnen so stolz vertretenen Generation liegen.

Wir haben in diesem Jahrhundert eine schmerzliche
Wahrheit erfahren - über das ungeheure Unheil, das im
Namen der Menschlichkeit begangen werden kann.
Wir haben gelernt, wie eine Utopie für Millionen von
Menschen zur Hölle auf Erden werden kann. Wir
haben leidvoll erfahren, daß die einzige Alternative zur
Tyrannei des Menschen die Rechtsstaatlichkeit ist.
Das ist die Quintessenz unserer Vision für Europa. Ein
Europa, in dem nicht nur die Dikatoren verjagt sind,
sondern wo durch Rechtsstaatlichkeit - die den Willen
des Volkes widerspiegelt - die Freiheiten gesichert
sind, für die Millionen so hart gekämpft haben.
Es bleibt noch manches zu tun. Im Baltikum, wo die
Menschen für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten, identifizieren wir Amerikaner - die wir frei sind,
unseren Weg selbst zu wählen - uns mit diesen Hoffnungen und Bestrebungen. Wir sind der Selbstbestim-

Sie handelt von der Stadt Pilsen in der Tschechoslowakei, einer Stadt, die in der vergangenen Woche den
Tag feierte, an dem sie vor 45 Jahren durch amerikanische Truppen befreit wurde. Aber schon nach wenigen
Jahren war der Traum Pilsens von der Freiheit und mit
ihr die Wahrheit über jenen Tag vor 45 Jahren hinter
dem Eisernen Vorhang verschwunden. Eine Generation wuchs heran, der man in der Schule beibrachte,
Pilsen sei nicht von Ihren Vätern und Großvätern in der
amerikanischen Armee befreit worden, sondern von
sowjetischen Soldaten in amerikanischen Uniformen.
Aber die Bevölkerung - die Bevölkerung Pilsens wußte
es besser. Sie hat nie vergessen. Und heute, nachdem die Wahrheit endlich frei ausgesprochen werden
darf, lud die Stadt ihre wahren Befreier zu sich ein.
Nach 45 langen Jahren kehrten diese alten amerikanischen Soldaten auf die Straßen Pilsens zurück, zu den
Klängen der amerikanischen Nationalhymne - und sie
wurden empfangen wie Helden.
Diese Gls, meine Generation, waren im Jahr 1945 so
alt wie Sie heute. Und jetzt fällt Ihnen, dem Abschlußjahrgang dieser großen Universität, die Aufgabe zu,
unsere amerikanischen Ideale hochzuhalten. Gottseidank geschieht dies nicht in Kriegszeiten, sondern in
einer Zeit von enormem Enthusiasmus - um diesen
Nationen zu helfen, die Freiheit zu sichern, für die Ihre
Väter und Großväter gekämpft haben. Freiheiten, von
denen Millionen bis heute nur zu träumen wagten.

*

AMERIKA DIENST 19

*

Seite 3

�DEUTSCHLANDPOLITIK
16. M a i l 990

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS BÜNDNIS
UND DIE NEUE GESTALT EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP
FRANKFURT - (AD) - Dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Vernon A. Walters, zufolge neigt sich "die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und Deutschland als Ganzes ihrem Ende zu." Vor allem wollten die Vereinigten Staaten, daß
"auch ein vereinigtes Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang Mitglied des Atlantischen
Bündnisses ist". Diese Auffassung, die zugleich erklärte Politik der amerikanischen Regierung sei, bekräftigte
Walters am 8. Mai 1990 in einer Ansprache vor dem Redaktionskomitee von Associated Press in Frankfurt und
fügte hinzu, ein vereintes Deutschland solle die volle Kontrolle über sein gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede
neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die gelassene amerikanische
Sichtweise des deutschen Einigungsprozesses beruhe maßgeblich auf der Tatsache, daß sich die Vereinigten
Staaten in der Frage der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der Bundesregierung wissen.
Unter Betonung der uneingeschränkten politischen und militärischen Bedeutung der NATO in der heutigen Zeit
und der Leitbildfunktion, die das demokratische Gesellschaftsmodell des Westens für die Länder Osteuropas
habe, verwies Botschafter Walters abschließend auf den maßgeblichen Beitrag, den die EG zur Aufhebung der
Teilung und zum Zusammenwachsen eines wirtschaftlich starken Europas leisten könne, das den Unternehmen
gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte biete. "Wir wollen, daß die jungen Demokratien
Osteuropas politisch, kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr
Renz,
ich danke Ihnen für die Einladung zu Ihrer Tagung, und
ich freue mich auf einen interessanten Meinungsaustausch mit Ihnen. Angesichts der weltpolitischen
Umwälzungen, deren Zeugen wir heute werden, besteht an Themen sicherlich kein Mangel.
Ich las kürzlich, daß in den 20er Jahren eine deutsche
Tageszeitung ein Preisausschreiben veranstaltet habe,
bei dem es darum ging, möglichst unwahrscheinliche
Sensationsschlagzeilen zu erfinden. Die Siegerschlagzeile lautete: "Erzherzog Franz Ferdinand lebend
aufgefunden. Weltkrieg war Irrtum."
Manchmal holt die Wirklichkeit auch gewagte Phantasien ein. "Die Mauer fällt." "Pfarrer wird Verteidigungsminister der DDR." "Kohl führt Wahlkampf in der
DDR." Noch vor fünf Jahren hätten diese Schlagzeilen
bei einer Wiederholung des Preisausschreibens SieAMERIKA DIENST 19

geschancen gehabt. Heute wirken sie fast schon
alltäglich. Die Welt, in der wir alle hier unser gesamtes
politisch bewußtes Leben verbracht haben, gibt es
bereits nicht mehr. Das Tempo des Wandels ist
atemberaubend.
Journalismus ist ein schnellebiges Geschäft, das sich
an der Tagesaktualität orientiert. Für Nachrichtenagenturen gilt dies in erhöhtem Maße. Daß diese
Veranstaltung gerade heute stattfindet, beweist jedoch, daß man sich bei AP ein Gespür für Geschichte
bewahrt hat.
Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu
Ende. Deutschland lag in Trümmern, und damals hat
wohl kaum jemand zu hoffen gewagt, daß diesem
verwüsteten Land eine Zukunft in Wohlstand und
Freiheit beschieden sei. Und doch kam es so. Der
materielle Wiederaufbau vollzog sich, nicht zuletzt
dank dem Marshallplan, erstaunlich rasch. Noch

Seite 1

�bemerkenswerter aber erscheint mir die politische und
staatsbürgerliche Aufbauleistung, die die Bundesrepublik zu einer der stabilsten und vertrauenswürdigsten Demokratien der Welt gemacht hat. Die Deutschen dürfen hierauf mit Recht stolz sein.
Heute, 45 Jahre später, schicken sie sich an, den
letzten Schutt dieses unseligen Krieges zu beseitigen,
nämlich die Teilung ihres Landes. Ein ungeteiltes
Deutschland unter einer demokratischen Regierung
war stets das Ziel amerikanischer Politik. So ist es in
Artikel 7 des Deutschlandvertrags von 1954 niedergelegt. Man kann sogar noch weiter zurückgreifen.
Wenn Sie die Rede lesen, die US-Außenminister Byrnes
am 6. September 1946 in Stuttgart hielt, so werden sie
feststellen, daß die Absage an eine Teilung Deutschlands schon ein Jahr nach Kriegsende amerikanische
Politik war.
Wir Amerikaner waren stets für die deutsche Einheit,
und die derzeitigen Bemühungen beider deutscher
Staaten um ihre praktische Verwirklichung finden unsere
volle Unterstützung. Die Vorgehensweise der Deutschen zeugt von Verantwortungsbewußtsein und gibt
keinen Anlaß zu irgendwelchen Befürchtungen.
Nach Auffassung der Vereinigten Staaten sollte ein
vereintes Deutschland die volle Kontrolle über sein
gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und
Deutschland als Ganzes neigt sich ihrem Ende zu.
Vor allem aber wollen wir, daß auch ein vereinigtes
Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang
Mitglied des Atlantischen Bündnisses ist. Dies ist die
erklärte Politik meiner Regierung. Das Wort "Bedingung" höre ich in diesem Zusammenhang nicht gern,
denn Freunde und Verbündete stellen einander keine
Bedingungen. Aber sie haben eine Politik, und diese
Politik hat Ziele. Unser Ziel ist die Fortdauer der
deutschen Westintegration, und die deutsche NATOMitgliedschaft bildet deren Kern. Unsere gelassene
Sichtweise des deutschen Einungsprozesses beruht
maßgeblich auf der Tatsache, daß wir uns in der Frage
der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der
Bundesregierung wissen.
Die Haltung der Sowjetunion ist noch schwankend.
Stellungnahmen aus Moskau sind uneinheitlich. Ich
meine aber, daß eine rationale Lageanalyse die Sowjets letztlich zu dem Schluß führen muß, daß die
deutsche Einheit im Rahmen der europäischen und
atlantischen Integration ihren Interessen nicht widerspricht. Das Bündnis ist bereit, legitimen sowjetischen
Sicherheitsinteressen Rechnung zu tragen. Niemand
besteht darauf, NATO-Truppen auf das Gebiet der
heutigen DDR vorzuschieben. Für Nordnorwegen
besteht übrigens seit langem eine entsprechende
Sonderregelung. Sie könnte als Modell dienen.

Seite 2

Man könnte nun einwenden, daß Diskussionen über
eine fortdauernde NATO-Mitgliedschaft der Deutschen
insofern überflüssig seien, als die sicherheitspolitischen Veränderungen in Europa die Existenzberechtigung des Bündnisses insgesamt in Frage stellen. Ein
solcher Standpunkt ist schlicht paradox, denn diese
Veränderungen sind ja gerade das Ergebnis von 40
Jahren erfolgreicher Bündnispolitik. Dennoch gibt es
Leute, nach deren Auffassung die NATO nur noch ein
müder alter Wachhund ist, den man allmählich einschläfern sollte.
Ich teile eine solche Sichtweise nicht und bin davon
überzeugt, daß das Atlantische Bündnis nichts von
seiner Bedeutung eingebüßt hat. Das demokratische
Gesellschaftsmodell des Westens ist heute das Leitbild, an dem sich alle Länder Osteuropas orientieren,
während der Kommunismus hoffungslos diskreditiert
ist. Dies ist vielleicht der friedlichste Sieg, den je ein
politisches System über ein anderes errungen hat, und
es ist ein Sieg der NATO. In ihrem Schutz konnten die
Freiheit und der Wohlstand gedeihen, die heute eine
so enorme Ausstrahlungskraft beweisen. Dank der
beharrlichen Verteidigungsanstrengungen der NATO
konnte das gewaltige Militärpotential der Sowjetunion
niemals im Sinne hegemonialer Ziele wirksam werden.
Kein NATO-Staat konnte je durch Drohgebärden gefügig gemacht oder zu einer Gefälligkeitspolitik gegenüber der Sowjetunion genötigt werden.
Vier Jahrzehnte lang konnte sich die Demokratie im
Schutze des Bündnisses behaupten, und heute dürfen
wir ihren Siegeszug durch ganz Osteuropa erleben.
Erfolgreicher kann eine Politik nicht sein. Wir befinden
uns in der Situation einer Fußballmannschaft, die in
der Halbzeit 10:0 führt. Warum also sollten wir unser
Spielkonzept radikal ändern?
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bleibt
ein wichtiger Faktor westlicher Sicherheitspolitik. Am
15. Februar wurde Präsident Bush während seiner
Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl gefragt, wer
denn heute eigentlich noch der Gegner des Bündnisses sei. Seine Antwort lautete: "Der Gegner ist die
Unvoraussagbarkeit. Der Gegner ist die Instabilität."
Genauso ist es. Welchen Weg die Sowjetunion schließlich gehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Ihr
militärisches Potential ist immer noch immens, und
seine Modernisierung wurde keineswegs ausgesetzt.
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bildet
unsere Versicherungspolice für den Fall von Rückschlägen für die demokratischen Reformen im Osten.
Die NATO ist ein Zusammenschluß freier Staaten, die
eine gemeinsame Wertordnung teilen. Die NATO
unterscheidet sich damit fundamental vom Warschauer Pakt, der nur ein einziges freiwilliges Mitglied hat nämlich die Sowjetunion - und der nie etwas anderes
als ein sowjetisches Führungsinstrument war. Die
NATO hingegen war stets nicht nur eine militärische,
sondern auch eine politische Institution.
AMERIKA DIENST 19

�Wir sind woiterhin optimistisch, daß wir bei den Rüstungskontrollverhandlungen in Wien und Genf die
Ziele erreichen können, die wir uns gesteckt haben.
Dies würde tiefe Einschnitte bei den konventionellen
Streitkräften wie bei den strategischen Waffen ermöglichen und in Europa eine neue sicherheitspolitische
Lage schaffen. Wenn dies gelingt, werden sich auch
bei den Aufgaben der NATO Gewichte verschieben.
Das Bündnis wird dann seine politischen Wesenszüge
stärker in den Vordergrund rücken können, ohne allerdings die militärischen völlig aufzugeben.
Eine wichtige Funktion der NATO wird dann die Planung und Koordination des Rüstungskontrollprozesses einschließlich der Verifikation geschlossener Verträge sein. Die ständigen Gremien und regelmäßigen
Ratstagungen der NATO gewährleisten einen umfassenden und stetigen Informationsfluß sowie eine Institutionalisierung des Dialogs der Bündnispartner. Das
Atlantische Bündnis wird daher eine bedeutsame Rolle
bei der Konzipierung und Abstimmung der Ost- und
Sicherheitspolitik des Westens zu spielen haben.
Vor allem aber bildet die NATO das stärkste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa und ist in ihrer
transatlantischen Klammerfunktion nicht zu ersetzen.
Keine andere Institution bietet ein so umfassendes
Netz eingespielter Informationskanäle. Für keine andere
Institution ist die transatlantische Zusammenarbeit in
so hohem Maße Routine. Keine andere Institution
verfügt über Gremien, die den Europäern derart direkte, wenn auch begrenzte Möglichkeiten zur Einflußnahme auf den politischen EntScheidungsprozeß in
den Vereinigten Staaten bieten.
Das Atlantische Bündnis bildet auch die Grundlage für
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Europa. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der amerikanische Kongreß einer Truppenstationierung auf einer
anderen Vertragsgrundlage zustimmen würde.
Sicherlich ist die Gefahr eines militärischen Konflikts
zwischen Ost und West heute geringer als zu jedem
anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte. Dennoch bleibt die Anwesenheit amerikanischer Truppenverbände in Europa politisch wichtig und eine Angelegenheit im Interesse der Europäer.
Die Sowjetunion ist ein riesiges Land mit einer Vielzahl
kaum entfalteter Ressourcen. Seine Größe und
Machtfülle werden immer auch ein Faktor seiner Politik
sein, ganz gleich, ob es sich in die staatliche Form
einer Republik, eines Kaiserreichs oder einer kommunistischen Diktatur kleidet. Europa hingegen bildet nur
einen schmalen Gebietsstreifen an der Westküste der
eurasischen Landmasse.
Gorbatschow zählt zweifellos zu den eindrucksvollsten politischen Gestalten der Gegenwart, aber er ist
weder ein demokratischer Idealist noch ein sentimentaler Apostel der Völkerverbrüderung. Er ist ein Vir-

AMERIKA DIENST 19

tuose der Machtpolitik mit dem Ehrgeiz, seinem Land
den Anschluß an die moderne Welt zu sichern. Die
treibende Kraft der Reformpolitik Gorbatschows ist
nicht die Liebe zur Demokratie, sondern der Ehrgeiz,
sein Land aus seiner Rückständigkeit herauszurei ßen.
Das dumpfe und geistfeindliche Ideologentum des
Kommunismus mag in der Sowjetunion seinem überfälligen Ende entgegengehen. Aber dies ist nicht
gleichbedeutend mit dem Ende sowjetischer Machtpolitik, und die Sowjetunion bleibt eine Supermacht.
Darum wäre es vielleicht keine schlechte Idee, wenn
die Europäer ein Gegengewicht in Form amerikanischer Streitkräfte auf ihrem Kontinent behielten. Wenn
diese Truppen gehen, ist es schwer, sie zurückzubringen. Die Geographie ändert sich nicht, und es wird
immer schwieriger sein, den Atlantik zu überqueren als
die Weichsel.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben nicht die
Absicht, sich zurückzuziehen. Wir werden in Europa
bleiben, solange wir hier willkommen sind. Die Kosten
hierfür sind erheblich. Von den Verteidigungsausgaben des Bündnisses tragen die Vereinigten Staaten
64 Prozent. Unsere Truppenstationierung in Deutschland kostet uns jährlich 90 Milliarden Dollar. Der Abzug
dieser Truppen würde uns der Sorge um unser Haushaltsdefizit schlagartig entheben. Aber wir werden
bleiben.
Die industrielle Infrastruktur Europas ist hochentwikkelt. Die technische Bildung seiner Bevölkerung im
allgemeinen und seiner Industriearbeiterschaft im
besonderen liegen weit über dem internationalen Standard. All dies macht Europa zu einer tragenden Säule
der Weltwirtschaft und gibt ihm damit ein weltpolitisches Gewicht, das die Vereinigten Staaten nicht
ignorieren können. Es kann uns nicht gleichgültig sein,
was in Europa geschieht. Neoisolationismus können
wir uns nicht leisten.
Abgesehen von solch eher realpolitischen Überlegungen sind die Europäer einschlie ßlich der Deutschen für
uns Amerikaner nicht einfach nur Verbündete und
Geschäftspartner, sondern Mitglieder der gleichen
demokratischen Wertegemeinschaft, der wir uns selbst
zugehörig fühlen. Ein reines Zweckbündnis kann man
auch mit einem kulturell völlig andersgearteten Partner
eingehen. Es kann bestehen, solange es im beiderseitigen Interesse liegt. Eine Verbindung mit Menschen
von verwandter Lebensart und politischer Kultur ist
jedoch mehr als eine Frage der politischen Opportunität. Dies wiegt schwerer und ist stabiler, trotz aller
möglichen Meinungsverschiedenheiten. Von solchen
Partnern wendet man sich nicht ab. Gestatten Sie mir
einen Augenblick der Sentimentalität, und lassen Sie
mich sagen, daß für uns das Bündnis mit Europa auch
eine Herzensangelegenheit ist.
Die innere Beziehung Amerikas zu Europa spiegelt
sich auch in der Entwicklung der Besucherströme

Seite 3

�wider. Beispielsweise haben im vergangenen Jahr
mehr als eine Million deutscher Touristen die Vereinigten Staaten bereist. Addiert man die Statistiken der
offiziell aktenkundigen Austauschprogramme, so ergibt sich, daß sich 1989 rund 18,000 junge Deutsche
im Rahmen solcher Programme in den USA aufhielten.
Diese Zahlen erfassen Schüler, Studenten, junge
Berufstätige und Au Pairs. Außerdem kamen rund
11,000 junge Amerikaner nach Deutschland. Dies
sind erfreuliche Zahlen, wenn man bedenkt, wie teuer
solche Programme schon wegen der hohen Reisekosten sind. Ich meine, man darf aus diesen Besucherzahlen folgern, daß sich die Deutschen bei uns in
Amerika unter Freunden und daher wohl fühlen.
In diesen Jahren erleben wir mit, wie eine der großen
Wegmarken der Weltgeschichte gesetzt wird. Die
Welle der Veränderungen, die die Staaten des ehemaligen Ostblocks erfaßt haben, erfüllt das Kriterium für
eine Einordnung unter die Kerndaten der Weltgeschichte: Diese Veränderungen sind im Begriff, die
völlige Umgestaltung eines großflächigen Kulturraumes herbeizuführen. Ich bin optimistisch genug, um zu
prophezeien, daß dies eine Umgestaltung im Sinne
von Demokratie und Marktwirtschaft sein wird.
Niemand vermag vorherzusagen, wieviele Rückschläge und Anfechtungen diese Entwicklung erleiden wird.
Die gesamte Tradition Rußlands ist despotisch, und
die Demokratie wird es schwer haben, in einem solchen Lande Wurzeln zu schlagen. Die Wirtschaftsprobleme haben ungeheuere Dimensionen. Außerdem
haben Stalins Imperialismus und der zaristische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts der Sowjetunion ein
schweres Erbe in Form zahlreicher gewaltsam angegliederter Länder und Nationen hinterlassen. Es wird
Zeiten geben, wo es den geistigen Nachfahren Breschnews leichtfallen wird, Gorbatschow als Abenteuerer zu denunzieren. Selbst mancher Reformer wird
wohl angesichts der massiven Probleme zuweilen
einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Rumpelkammer
stalinistischer Unterdrückungsinstrumente werfen.
In Osteuropa findet die Demokratie einen besser bereiteten Boden, aber auch in diesen Ländern mangelt es
nicht an Konfliktstoff. So zeigen sich heute auf dem

Balkan wieder Ansätze zu genau der Form von aggressivem Nationalismus und ethnischer Intoleranz, die
der Halbinsel vor dem 1. Weltkrieg den Ruf eines
Pulverfaßes eingetragen hatten.
Die Anfechtungen des Demokratisierungsprozesses
sind mannigfaltig, aber ich glaube an seinen schließlichen Erfolg. Der Niedergang des Kommunismus und
das Aufbrechen der Blockstruktur Europas sind Entwicklungen von historischer Tragweite. Natürlich können
wir dies nicht ignorieren und unser bündnispolitisches
*

Seite 4

Tagesgeschäft betreiben, als ob im Kreml immer noch
Leonid Breschnew regiere. Aber wir müssen auch
nicht alles ganz anders machen, denn die Verheißungen der Gegenwart sind die Früchte unserer erfolgreichen Politik in der Vergangenheit.
US-Außenminister Baker hat für Europa und die transatlantischen Beziehungen eine "new architecture",
d.h., eine Neuordung und Neugestaltung gefordert.
Dies muß sich jedoch nicht voraussetzungslos und
quasi im luftleeren Raum vollziehen. Wir können und
sollten uns vielmehr der bewährten Institutionen bedienen, die an der Herbeiführung des Wandels im Osten
ihren Anteil haben, die eingespielte Gremien und
Verfahrensweisen besitzen und die deshalb in der
Lage sind, einer positiven, aber instabilen Entwicklung
eine solide Grundlage zu schaffen.
Wir wollen, daß die westlichen Sicherheitsinteressen
auch bei Rückschlägen für die Demokratie im Osten
gewahrt bleiben. Wir wollen einen tiefgreifenden und
geordneten Abrüstungsprozeß. Wir wollen, daß die
enge Verzahnung der transatlantischen Meinungsbildungs- und EntScheidungsprozesse erhalten bleibt.
Wir wollen einen verläßlichen Rahmen für das amerikanische Engagement in Europa. Für all dies haben
wir die NATO.
Wir wollen, daß politischer Pluralismus, demokratische Verfahrensweisen einschließlich freier Wahlen,
Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und
wirtschaftliche Freiheiten in Osteuropa und in der
Sowjetunion durchgesetzt und fest verankert werden.
Wir wollen, daß dort all dies geschriebenes und einklagbares Recht wird, nicht nur Ermessenssache von
Regierungen. Dafür haben wir den KSZE-Prozeß, der
sich als effektives Forum des Ost-West-Dialogs bewährt hat.
Wir wollen, daß die Teilung Europas vollständig aufgehoben wird. Wir wollen, daß Europa zusammenwächst. Wir wollen, daß es wirtschaftlich stark ist und
unseren Unternehmen gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte bietet. Wir wollen,
daß die jungen Demokratien Osteuropas politisch,
kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden.
All dies sollte die Aufgabe der EG sein.
Dies ist die "new architecture", die uns vorschwebt.
Dies ist unsere Vorstellung von dem Weg, der Europa
und Amerika ins dritte Jahrtausend führen soll. Er wird
ereignisreich sein und deshalb auch Ihnen, den Chronisten und Kommentatoren des Zeitgeschehens, durchaus befriedigende berufliche Perspektiven bieten.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 19

�EUROPA
16. Mai 1990

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York
NEW YORK - (AD) - Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist in den Worten Außenminister Bakers
der Schlüssel zu "Frieden und Freiheit" im Europa von morgen. "Ein vereinigtes Deutschland und der Prozeß,
mit dem dieses Ziel erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen", erklärte
Baker am 14. Mai anläßlich der Entgegennahme des Hans J. Morgenthau-Preises für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, der vom gemeinnützigen, privaten Nationalen Komitee für
Amerikanische Außenpolitik verliehen wird.
Baker zufolge gehören zu den neuen diplomatischen Aufgaben und zur Rolle der Vereinigten Staaten in Europa
folgende Elemente: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Diese
"gemeinsamen Interessen" werden von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten überlagert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Ich freue mich, den Hans J. Morgenthau-Preis entgegennehmen und mich in die prestigeträchtige Gesellschaft der sechs früheren Preisträger einreihen zu
können. Ich habe mich den größten Teil meines
Lebens mit juristischen Fragen beschäftigt, die meisten der vergangenen 20 Jahre im öffentlichen Dienst
gestanden und mich während eines Großteils dieser
Zeit innenpolitischen Fragen gewidmet. Es ist deshalb
eine große Ehre, heute abend für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten
von Amerika ausgezeichnet zu werden.
Vor allem ist es eine Ehre, einen Preis verliehen zu
bekommen, der an einen Mann vom Format Hans
Morgenthaus erinnert. Von Hitler aus Europa vertrieben, verbrachte Hans Morgenthau den Rest seines
Lebens damit, den Vereinigten Staaten die Welt jenseits ihrer Küsten näherzubringen. Es war eine Welt,
die sich Hals über Kopf von der Zivilisation zu entfernen schien. Als Anwalt für Völkerrecht erlebte Hans
Morgenthau den Zusammenbruch des Völkerbundes.
Als politischer Philosoph wurde er Zeuge der Tragödien von Faschismus und Stalinismus. Als Fachmann
für die Geschichte der Diplomatie erlebte er zwei hei ße
Kriege und das Auf und Ab eines kalten Krieges. Als
persönliches Opfer unglückseliger Politik fühlte er sich
veranlaßt, die Vereinigten Staaten aus ihrem traditionellen isolationistischen Schlummer zu wecken. Um
AMERIKA DIENST 19

dies zu erreichen, nutzte er häufig historische Beispiele, die oftmals bitteren Realitäten der internationalen
Politik und vor allen Dingen die Raison nationaler
Interessen.
Nirgends war Hans Morgenthau effektiver oder eloquenter als in seinem klassischen Werk von 1946 mit
dem Titel Scientific Man versus Power Politics.
Darin schrieb er: "Die Zeit ist stets auf der Suche nach
dem Stein des Weisen, der magischen Formel, die,
mechanisch angewandt, ... die Ungewißheiten und
Risiken politischen Handelns durch die Gewißheit
rationaler Berechnung ersetzen wird." Er fuhr fort:
"Da jedoch das, was die Sucher der magischen Formel
wollen, einfach, rational, mechanisch ist und das,
womit sie sich befassen müssen, kompliziert, irrational, unberechenbar, sind sie gezwungen... die Realität
der internationalen Politik zu vereinfachen und das zu
entwickeln, was man als 'Methode der einen Ursache'
bezeichnen könnte."
Hans Morgenthau war der Überzeugung, daß es keine
einzelne Ursache des Krieges und keine einzelne
Lösung der Probleme von Macht und Frieden geben
könne. Er verbrachte den überwiegenden Teil seines
Schaffens damit, diejenigen zu entlarven, die der
"Methode der einen Ursache" anhingen.

Seite 1

�Heute abend möchte ich mich Hans Morgenthau anschließen. Ich möchte gegen die "Methode der einen
Ursache" im Kontext der dramatischsten Ereignisse
unserer Zeit argumentieren: Europas jüngste Morgendämmerung von Freiheit und Einheit.
Der sichtbare Abbau der sowjetischen Bedrohung hat
manch einen zu der Annahme veranlaßt, der einzige
Grund für unsere Präsenz in Europa in den vergangenen 40 Jahren sei die Eindämmung dieser Bedrohung
gewesen. Jenseits des Containments, so meinen sie,
spielten die Vereinigten Staaten keine Rolle mehr.
Wenn also die "eine Ursache" des amerikanischen
Engagements - die Furcht vor einer sowjetischen
Aggression - schwindet, sollte damit auch die Stellung
der Vereinigten Staaten in Europa abgebaut werden.
Das wäre der gründlichste strategische Fehler dieser
Generation. Wir müssen nicht nur den kalten Krieg
überwinden, sondern auch die Konflikte, die dem kalten Krieg vorausgingen. Der Abbau der sowjetischen
Bedrohung darf Europa nicht dazu verleiten, zu einem
unsteten Gleichgewicht der Kräfte oder einem neuen
Ausbruch nationaler Rivalitäten uncLethnischer Spannungen zurückzukehren.
Die Perestrojka in der Sowjetunion, die demokratischen Revolutionen Mittel- und Osteuropas und die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten geben
Europa und den Vereinigten Staaten eine neue Chance: Unsere Vision für die Verhinderung von Krieg... auf
den praktischen Aufbau des Friedens auszudehnen..
Um Krieg zu verhindern, müssen wir weiterhin Aggressionen abschrecken und die verbleibende Bedrohung
in die Schranken weisen. Um jedoch den Frieden
aufzubauen, muß die Rolle der Vereinigten Staaten
über ein bloßes Ausgleichen der verbleibenden sowjetischen Militärmacht hinausgehen.
Das amerikanische Engagement muß neu gestaltet
werden, um den neuen Umständen gerecht zu werden. Durch einen Ozean getrennt, doch historisch,
politisch, wirtschaftlich und strategisch mit Europa
verbunden, können wir eine Führungsrolle auf dem
Weg des gemeinsamen Interesses spielen. Die Förderung des gemeinsamen Interesses in Europa kann
eine unserer wichtigsten nationalen Interessen bilden.
Wie Professor Morgenthau vor Jahren schrieb: "Die
Diplomatie hat hier die neue Aufgabe, neue Institutionen und Verfahren zu schaffen und zu bewahren, mit
denen das neue gemeinsame Interesse der Nationen
verfolgt werden kann."
Ich möchte Ihnen also heute abend die neuen diplomatischen Aufgaben der Vereinigten Staaten erläutern
und mit Ihnen diese gemeinsamen Interessen Revue
passieren lassen: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Ich möchte über die Rolle der Vereinigten Staaten bei der
Erlangung dieser Interessen sowohl für uns selbst als
auch für Europa sprechen.
Seite 2

Das erste gemeinsame Interesse: Politische Legitimität
Unsere erste Aufgabe wird die Förderung politischer
Legitimität sein - oder, um es klarer auszudrücken,
vom Volk gewählter und diesem verantwortlicher
Regierungen.
Nachdem die Diktatoren der Vergangenheit verjagt
wurden, bemühen sich die Völker Mittel- und Osteuropas um den Aufbau legitimer politischer Ordnungen,
die von Dauer sind. Die Vereinigten Staaten müssen
weiterhin an ihrer Seite stehen und ihr Engagement für
die neuen Demokratien bekräftigen.
Der sicherste Eckpfeiler sind freie und faire Wahlen.
Im vergangenen Mai hat der Präsident in Mainz einen
Vorschlag in bezug auf freie Wahlen für die 35 Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gemacht. Vor zwei
Tagen bekräftigte er diesen Vorschlag, indem er bei
seiner Rede an der University of South Carolina die
KSZE aufforderte, einen Konsens auf der Grundlage
freier Wahlen, von politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit zu schaffen. Wir hoffen, daß die KSZE
nächsten Monat in Kopenhagen Fortschritte bei diesen Ideen erzielen wird.
Um zu gewährleisten, daß die in diesem Frühjahr in
Mittel- und Osteuropa stattfindenden Wahlen frei und
fair sind, habe ich im Februar in Prag vorgeschlagen,
daß die KSZE-Mitgliedstaaten Beobachterdelegationen zu diesen Wahlen entsenden. Die Vereinigten
Staaten haben Beobachter zu den bereits abgehaltenen Wahlen entsandt, und der Präsident wird Delegationen zu den kommenden Wahlen in Rumänien und
Bulgarien entsenden. Ich freue mich darüber hinaus,
berichten zu können, daß sich uns viele Staaten bei
diesen Bemühungen angeschlossen haben.
In einigen Fällen werden Beobachter jedoch nicht
ausreichen. Wir sind besorgt darüber, daß ein wiederkehrendes Muster von Einschüchterung und Gewalt
den Wahlkampf in Rumänien aushöhlen könnte.
Bei der Suche nach Institutionen, die zur Förderung
politischer Legitimität in ganz Europa fähig sind, kann
die KSZE eine wichtige Rolle spielen. Sie bleibt die
einzige europäische Organisation, die nahezu alle
europäische Staaten sowie die Vereinigten Staaten
und Kanada umfaßt. Sie ist in einer guten Position, um
den europäischen Konsens über politische und ökonomische Werte zu fördern, die uns als Leitlinien dienen
sollten. Wenn Sie so wollen, kann sie zum "Gewissen
des Kontinents" werden. Um die KSZE zu stärken,
müssen wir ihre Treffen regelmäßiger abhalten, neue
Richtlinien für freie Gesellschaften entwickeln und sie
als ein Forum des politischen Dialogs im neuen Europa
unterstützen. Auf diese Weise kann den neuen
Demokratien des Ostens eine Stimme im neuen Europa verschafft werden.

AMERIKA DIENST 19

�Obwohl in den zehn Prinzipien der KSZE westliche
Werte zum Ausdruck kommen, sollte die NATO die
Organisation bleiben, in der sich die westlichen Demokratien zusammenfinden, um den neuen Frieden in
Europa zu garantieren. Neben ihrer Rolle als militärisches Bündnis war die NATO 40 Jahre lang ein wichtiges politisches Forum, in dem sich demokratische
Vertreter trafen und für die Zukunft planten. Das
Bündnis wird ein zentrales Forum für politische Konsultationen über die Zukunft Europas bleiben. Der
Präsident hat deshalb klargestellt, daß die NATO
unserer Ansicht nach das Gipfeltreffen im Sommer
nutzen sollte, um ihre Anpassung an die neuen politischen Realitäten in Europa zu beschleunigen.
Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Das Bündnis hat
sich energisch für die Verwirklichung unseres Vorschlags zur Einsetzung eines NATO-Stabs zur Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen eingesetzt,
seit wir diesen Vorschlag im vergangenen Dezember
in Berlin gemacht haben. Seither wurden auch die
politischen Konsultationen im Bündnis intensiviert. Dazu
gehörte auch ein vor 11 Tagen abgehaltenes Sondertreffen der Außenminister, um die-Entwicklungen in
der Sowjetunion, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und Wege zur Stärkung der KSZE zu
besprechen.
In dieser Hinsicht möchte ich einen Gedanken vortragen, der es wert sein könnte, weiterentwickelt zu
werden. Die Nordatlantische Versammlung hat bereits osteuropäische Parlamentarier zu einigen ihrer
Treffen eingeladen. Die Westeuropäische Union (WEU)
und die NATO müssen überlegen, wie sie ihre Hand
ausstrecken und die Völker und Regierungen Osteuropas beruhigen können. Diese Institutionen sollten zum
Beispiel die Entwicklung eines soliden politischen und
militärischen Dialogs mit den Mittel- und Osteuropäern sowie mit den Sowjets in Erwägung ziehen. Auf
diese Weise könnten wir vielleicht das Verständnis in
bezug auf das Engagement des Westens für Legitimität und Stabilität schärfen.
Langfristig werden die Vereinigten Staaten mit dem
Wachsen der Demokratie in Mittel- und Osteuropa
ihre bilateralen Beziehungen zu den neuen Demokratien ausweiten und ihre diplomatischen Ressourcen
und Einrichtungen in der Region ausbauen.
Wir werden in ganz Osteuropa neue Kulturzentren
eröffnen und wesentlich mehr tun, um die starke
Nachfrage nach Englischunterricht zu befriedigen. Wir
haben bereits einen Fonds für Unabhängigen Rundfunk und eine Freie Presse vorgeschlagen.
Die Demokratie kann nur mit der breiten Beteiligung
der Bürger gedeihen. Aus diesem Grund hat der
Präsident ein Bürger-Korps Demokratie angeregt. Indem
sich amerikanische Bürger zusammen mit privaten
Bürgern und Gruppen in Osteuropa und später vielleicht auch in der Sowjetunion engagieren, kann das

AMERIKA DIENST 19

Geben und Nehmen der Demokratie auch über den
Atlantik hinweg florieren.
Das zweite gemeinsame Interesse
Wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand bilden das zweite
gemeinsame Interesse, auf dessen Grundlage sich
alle Europäer vereinen können. Politisch und ökonomisch muß Europa ein umfassendes, integriertes
Ganzes werden, das der Welt offen gegenübersteht.
Unsere bilateralen ökonomischen Bemühungen betreffen drei Bereiche. Erstens stehen wir denjenigen
unter den neuen Demokratien bei, die sich in Krisensituationen befinden, indem wir ihnen verzweifelt benötigte Soforthilfe gewähren. Zweitens unterstützen wir
aktiv solche Bemühungen, deren Ziel die Erleichterung
des Übergangs von stalinistischen Kommandowirtschaften zu privatwirtschaftlich orientierten Marktwirtschaften ist. Drittens bemühen wir uns um die Integration der neuen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien in die Weltwirtschaft.
Die Vereinigten Staaten haben bei mehreren wichtigen
Hilfsmaßnahmen die führende Rolle gespielt, etwa bei
der Schaffung des polnischen Stabilitätsfonds zur
Unterstützung der mutigen Reformen in Polen. Wir
haben innovative Untemehmensfonds für Polen und
Ungarn ins Leben gerufen, um das Wachstum des
Privatsektors in diesen Ländern zu fördern. Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin ihre Handelsund Hilfsprogramme für die neuen Demokratien ausbauen - und je marktorientierter diese Volkswirtschaften werden, desto umfassender werden unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Eine Europäische Gemeinschaft liegt als Institution,
die den Vereinigten Staaten eng verbunden ist und
Verbindungen mit Osteuropa offen gegenübersteht,
im allseitigen Interesse. Für die Westeuropäer kann
sie größere und freiere Märkte bedeuten. Für Amerikaner kann sie Tor zum gesamten Europa sein.
Und für die Osteuropäer kann sie die sich entwickelnden Privatsektoren gegenüber Westeuropa und den
Vereinigten Staaten öffnen und ihnen Märkte für die
Produkte ihrer umgestalteten Wirtschaftssysteme
sichern.
Wir haben viele Schritte unternommen, um unsere
Konsultationen mit der EG in Wirtschaft und Politik
auszubauen. Zum Beispiel konnten durch unsere
Arbeit im Bereich der Normen unbeabsichtigte Handelsschranken abgebaut werden. Wir haben jetzt
sowohl Ministertreffen als auch Präsidentengespräche geplant. Im Rahmen des Prozesses der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ) streben wir
eine Intensivierung unseres politischen Dialogs, auch
über Osteuropa und regionale Konflikte an.
Mit ihrer Zusammenarbeit können ein engagiertes
Amerika, die EG, das OECD-Zentrum für Europäische

Seite 3

�Volkswirtschaften im Aufbau und die neue Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ein
wirtschaftliches Klima schaffen, das von Kooperation,
nicht von Abschottung geprägt ist.
Das dritte gemeinsame Interesse:
Sicherheit

Militärische

Politische Legitimität und wirtschaftlicher Wohlstand
müssen durch militärische Sicherheit untermauert
werden. Angesichts der sich verändernden Gegebenheiten hat der Präsident erklärt, daß wir nunmehr eine
Strategie für den Umgang mit einem neuen strategischen Umfeld in Europa entwickeln müssen. Der
Abzug sowjetischer Truppen aus Mittel- und Osteuropa und Moskaus Fortschritte bei der Reduzierung
seiner Streitkräfte versetzen uns in die Lage, nicht
mehr auf die Strategie und Streitkräfte der NATO in
dem Umfang bauen zu müssen, den wir in der Vergangenheit kannten, sondern daß wir diesen jetzt drastisch ändern können.
Wenn man die konventionelle militärische Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bedenkt, kommt der
sowjetischen Handlungsweise weiterhin entscheidende Bedeutung zu. Wenn das "neue Denken" in eine
neue sowjetische Streitkräftestruktur umgesetzt wird,
können wir auch unser Einsatzkonzept ändern. Tatsächlich ist die Möglichkeit zur Reduzierung unserer
Streitkräfte in gewissem Maße auf Präsident Gorbatschows Abzug sowjetischer Truppen und die Neudefinition realistischerer sowjetischer Sicherheitsinteressen in Europa zurückzuführen.
Aber auch wenn alle sowjetischen Streitkräfte in die
UdSSR zurückkehren und konventionelle Rüstungskontrolle Fortschritte macht, verfügen die Sowjets
noch über Streitkräfte, die um ein Vielfaches umfangreicher sind als die jedes anderen einzelnen Landes.
Deshalb müssen US-Streitkräfte, solange sie erwünscht
sind, in Europa bleiben. Aber die Art und der Umfang
der US-Präsenz in Europa sollte sich mit der Bedrohung verändern. Wenn wir die politischen Veränderungen durch demokratische Regierungen und die
militärischen Veränderungen durch ein KSE-Abkommen festschreiben, müssen wir anders planen. Aus

diesem Grund könnten wir uns in naher Zukunft weniger auf den unmittelbaren Ausbruch eines Krieges
vorbereiten und mehr zur Förderung langfristiger militärischer Stabilität in Europa tun.
Der Präsident hat darüber hinaus die Notwendigkeit
eines NATO-Gipfels betont, bei dem die Zukunft
amerikanischer Nuklearstreitkräfte in Europa bewertet
werden soll. Auch hier muß die militärische Strategie
die politische Realität widerspiegeln. Situationen und
Bedingungen verändern sich. Wir müssen der Anzahl,
Art und den Abschreckungsmissionen unserer Nuklearwaffen in Europa größere Aufmerksamkeit zuwenden. Als Teil dieser Neubewertung hat der Präsi-

Seite 4

dent das Bündnis aufgefordert, Zielsetzungen für künftige
amerikanisch-sowjetische Verhandlungen über Kurzstreckenraketen in Europa zu vereinbaren.
Konventionelle und nukleare Rüstungskontrolle müssen zentraler Bestandteil unserer Planung sein. Ich
habe bereits im Oktober vergangenen Jahres in San
Francisco erklärt, daß Rüstungskontrolle positive
Veränderungen festschreiben, die Sowjets zur Zerstörung ihrer Waffen auf wirksam verifizierbare Art und
Weise verpflichten und die Veränderungen vornehmen kann, die nur schwierig und kostenträchtig rückgängig zu machen sind. Wir sollten nicht nur noch in
diesem Jahr einen Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) unterzeichnen, sondern wir
müssen Folgeverhandlungen beschleunigen, um die
bei einigen Ländern auch nach KSE möglicherweise
noch bestehenden sicherheitspolitischen Fragen zu
lösen.
Darüber hinaus müssen wir größere Anstrengungen
unternehmen, um die strategische Berechenbarkeit
bei den Wiener Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) zu fördern.
Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs ist um
stärkeren Austausch mit militärischen Vertretern sowohl
der Sowjets als auch der Osteuropäer bestrebt. Im
zivilen Bereich sollten wir einen ähnlichen Dialog mit
unseren Amtskollegen führen, der nicht nur Tagesereignisse, sondern vielmehr Doktrinen und Konzepte
zum Inhalt hat, derer wir uns beim Nachdenken über
Krieg und Frieden bedienen.
Zur Anpassung an die veränderten Bedingungen möchte
ich noch auf einen Punkt hinweisen: Wir können es
uns nicht leisten, daß in Europa irgendeine Art von
Krieg leichter führbar sein wird. Abschreckung muß

durch einen angemessenen und verläßlichen Mix
konventioneller und nuklearer Streitkräfte sichergestellt werden.
Längerfristig sind wir daran interessiert, Möglichkeiten
für einen KSZE-Mechanismus zu erforschen, mit dem
Streitigkeiten auf friedlichem Wege gelöst werden
können. Wir fördern solche Bestrebungen, wenn sie
bestehende Institutionen wie die NATO und die WEU
ergänzen und nicht ersetzen. Alt und Neu können sich
ergänzen, und die so geschaffenen Institutionen können die anstehenden Probleme lösen.
Neue Institutionen und das gemeinsame Interesse: Zwei-plus-Vier
Aus meinen Ausführungen zu unseren drei gemeinsamen Interessen ist hoffentlich ein Punkt klar geworden:
So wie es keinen einzelnen Grund für Amerikas Engagement in Europa gibt, gibt es auch kein einzelnes
Band, das uns zusammenschmiedet. Darüber hinaus
kann auch keine einzelne Institution unser vielfältiges
transatlantisches Engagement leisten. Deshalb sind
wir an den Beziehungen zu den wichtigsten europäi-

AMERIKA DIENST 19

�sehen Institutionen interessiert - der NATO, der EG
und der KSZE.
Aber ich habe bereits im Winter vergangenen Jahres in
Berlin und Prag darauf verwiesen, daß unter Umständen neue Institutionen und Mechanismen geschaffen
werden müssen. Im Prag habe ich zum Beispiel die
Rolle betont, die regionale oder freiwillige Zusammenschlüsse bei der Förderung der gemeinsamen Interessen von Mittel- und Osteuropäern spielen können.
Mit der Aussöhnung und Integration Europas verbinden sich die gemeinsamen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen zu einem
gemeinsamen Projekt: der Vereinigung beider deutscher Staaten in Frieden und Freiheit. Ein vereinigtes
Deutschland und der Prozeß, mit dem dieses Ziel
erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen.
Der Zwei-plus-Vier-Prozeß für die Vereinigung beider
deutscher Staaten ist ein wichtiges Beispiel, wie - auch
vorläufige - Mechanismen geschaffen werden können,
mit deren Hilfe gemeinsame Interessen artikuliert und
die kontinuierliche Arbeit bereits bestehender Institutionen gefördert werden.
Zwei-plus-Vier ist aber nicht etwa als Versuch eines
Diktats über die Zukunft Deutschlands oder Europas
zu betrachten, sondern dient einem anderen Ziel: er
ratifiziert den bereits klar bekundeten Willen des deutschen Volkes auf Vereinigung in Freiheit und Selbstbestimmung und bietet gleichzeitig ein Forum zur Erörterung außenpolitischer Folgen der Vereinigung.
Eine vordringliche Aufgabe von Zwei-plus-Vier besteht
darin, eine Formel zu entwerfen, derzufolge alle Rechte und Pflichten der Vier Mächte auch über Berlin
aufgegeben und einem vollständig souveränen Deutschland übertragen werden - einem innerhalb des Territoriums der Bundesrepublik, der DDR und Berlins vereinigten Deutschland.
Im allgemeinen sollte Zwei-plus-Vier als "Lenkungsgruppe" fungieren, die solche die Vereinigung beider
deutscher Staaten betreffende außenpolitische Fragen - die am besten woanders entschieden werden
können, an die entsprechenden europäischen Foren,
etwa zu den KSE- und VSBM-Verhandlungen, den
anstehenden SNF-Gesprächen oder KSZE, weiterleitet. Bei diesem Ansatz werden die betroffenen europäischen Länder beteiligt und ihr Engagement bei
wichtigen außenpolitischen Fragen gewährleistet, ohne
daß Deutschland ausgegrenzt und damit der Samen
künftiger Instabilität gesät würde. Auf diese Weise
können Entscheidungen in Foren getroffen werden,
deren Aufgabe bereits in der Förderung gemeinsamer
Interessen besteht.

AMERIKA DIENST 19

Die neue Politik unter den Nationen
Es gibt keine einzelne Ursache für die Freiheit, die im
vergangenen Jahr Europa im Sturm erobert hat. Und
deshalb kann es auch keine einzelne Lösung geben,
die gewährleisten könnte, daß Europa ungeteilt und
frei wird und bleibt.
Wirkungsvolle Lösungen werden die vielfältigen Talente erfordern, die Amerikaner ihren Nachbarn auf der
anderen Seite des Atlantiks anzubieten haben. Wenn
sowjetische Truppen nach Hause zurückkehren, können unsere militärischen Erfordernisse für die Verteidigung Europas umgestaltet werden und viele - wenn
auch nicht alle - Soldaten wieder in die Vereinigten
Staaten zurückkehren. Mit gültigen und effektiv verifizierbaren Rüstungskontrollabkommen kann unsere
militärische Last insgesamt verringert werden.
Es wird viel über eine "Friedensdividende" gesprochen. Wenn der Frieden, den wir jetzt in Europa
aufbauen, solide und dauerhaft sein kann, wird sich
das auszahlen. Er wird nicht nur finanzieller Art sein
und über eine maßvolle, schrittweise Kürzung des
Verteidigungshaushalts hinausgehen. Ebenso wichtig
ist die Tatsache, daß er in neuen Austauschmöglichkeiten für unsere Studenten, gemeinsamen Projekten
unserer Wissenschaftler, besseren wirtschaftlichen
Möglichkeiten für unsere Unternehmer und größerem
politischem Verständnis unter unseren Völkern Gestalt annehmen wird.
Aber diese Gewinne erfordern Investitionen neuer Art.
Genau aus diesem Grund - um den Frieden zu sichern
und seine Vorzüge greifbar zu machen - sollten zu dem
Zeitpunkt, an dem ein Teil unserer Soldaten Europa
verläßt, unsere Studenten, Unternehmer und Diplomaten dort eintreffen. Und sie sollten den Atlantik in
nie gekannter Zahl überqueren. Aber wenn sie das
tun, müssen sie die Ziele der Vereinigten Staaten im
neuen Europa kennen und verstehen.
Die wichtigsten Aufgaben der neunziger Jahren bestehen darin, gemeinsame Interessen in einem ungeteilten und freien Europa und entsprechende Verfahrensweisen dazu zu artikulieren. Die Alternative würde für
Europa darin bestehen, in die bekannte Politik zurückzufallen, die Hans Morgenthau beschrieben und gefürchtet hat.
Meiner Ansicht nach kann niemand heute in Europa
oder anderswo zur "alten Tagesordnung" zurückkehren.
Die Geschichte unseres Jahrhunderts ist leider voll
von wohlmeinenden, aber gescheiterten Experimenten kollektiver Sicherheit. Sie sind gescheitert, weil die
Länder entweder gemeinsame Interessen aus den

Seite 5

�Augen verloren oder es an Klugkeit und Mut fehlen
ließen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Als größte
Demokratie der Welt haben in unserem Land zwei
Generationen Opfer gebracht, damit Europas Traum
von Einigkeit und Freiheit in Erfüllung gehen kann.
Jetzt sind die letzten Hindernisse für diesen Traum
beseitigt. Oder wie es der Präsident formuliert hat, ein
neuer Staatenbund ist in greifbare Nähe gerückt.

Familien überschattet und unser Denken beeinflußt
hat.
Dieser Kampf geht jetzt zuende.

Die Lektion, die Hans Morgenthau gelehrt hat, über
Amerikas notwendiges Engagement in den Reihen
derer, die nach Demokratie und Frieden streben, ist
eine Lektion, die den kalten Krieg überlebt. Wir müsDie durch die schweren Erfahrungen des Zweiten sen uns deshalb neu für die Sicherung der wichtigen
Weltkriegs gereiften großen Amerikaner, die das gemeinsamen Interessen in Europa und anderen
Schicksal unseres Landes mit dem Europas verknüpft Ländern verpflichten, mit denen die Opfer des 20.
haben, müssen Nachfolger in der heutigen Generation Jahrhunderts in Frieden und Freiheit münden.
finden. Auch wir sind durch den Krieg gereift - einen Kurz, wir müssen den Frieden gestalten.
Krieg, dessen Verluste sich in den zerstörten Gesellschaften ausdrücken, die jetzt auf der anderen Seite Dann werden wir tatsächlich eine neue Politik unter
der durchbrochenen Berliner Mauer neu entstehen. den Nationen hervorbringen.
Das war ein Kampf, der unser Leben und das unserer

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
B E Z I E H U N G EN
16. Mali990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht wurde am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. -19. Mai 1990 in Moskau stattfindenden
Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Shewardnadse vom USAußenministerium veröffentlicht.

Die Gespräche über konventionelle Rüstungskontrolle in Wien

begrenzen. Beide Seiten hoffen, daß ein KSE-Vertrag
im Lauf des Jahres 1990 unterzeichnungsreif wird.

Dies ist eine der höchsten Prioritäten der Bush-Administration und der NATO. Im Jahr 1986 entwickelte die
aus 35 Mitgliedstaaten bestehende Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
innovatives Programm vertrauensbildender Maßnahmen, um Offenheit und Berechenbarkeit bei militärischen Aktivitäten zu fördern. Die Ziele des Westens
bei den fortdauernden Gesprächen über vertrauensund sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) beinhalten einen umfassenden Informationsaustausch
über die Stationierung von Truppen und Waffensystemen in Europa sowie strengere Bestimmungen für die
Beobachtung und Inspektion militärischer Übungen,
einen Ausbau von Kontakten und verbesserte Kommunikation.

Amerikanischer Vertreter - Botschafter R. James
Woolsey.

Amerikanischer Vertreter- Botschafter John J. Maresca.

Gespräche über die Reduzierung strategischer
Waffen (START) in Genf

Die 23 Mitgliedstaaten von NATO und Warschauer
Pakt nahmen im Jahr 1989 Gespräche über die konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE) auf, um die
massive konventionelle Überlegenheit des Warschauer Pakts abzubauen. Ziel dieser Gespräche ist die
Verbesserung von Sicherheit und Stabilität vom Atlantik bis zum Ural auf verringerten konventionellen Streitkräfteniveaus.

Das amerikanische Ziel bei START ist die Reduzierung des Kriegsrisikos durch Schaffung eines stabileren nuklearen Gleichgewichts auf erheblich geringeren Niveaus.

NATO und Warschauer Pakt haben im vergangenen
Jahr große Fortschritte erzielt. Im Februar kamen sie
beispielsweise in Ottawa überein, die in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Truppen zu

AMERIKA DIENST 19

Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen (NST)
in Genf
Diese Verhandlungen wurden im Jahr 1985 aufgenommen und betreffen drei wichtige Bereiche: Offensive strategische Kernwaffen, Waffen für Verteidigung
im Weltraum sowie nukleare Mittelstreckenwaffen.
Leiter der amerikanischen Delegation - Botschafter
Richard R. Burt.
Leiter der sowjetischen Delegation - Botschafter Jurij
K. Nasarkin.

Beide Seiten haben sich auf wichtige Elemente eines
Vertragsentwurfs geeinigt, aber es bleiben noch eine
Reihe wichtiger Fragen zu lösen.
Beide Seiten sind übereingekommen, sich zu bemühen, alle noch ausstehenden substantiellen Probleme
bis zum Juni-Gipfel zu lösen. Ein Vertrag soll bis Ende
des Jahres unterschriftsreif sein.

Seite 1

�Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter
Richard R. Burt.

Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter David
J. Smith.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter L. A.
Masterkow.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Jurij J.
Kusnezow.

Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
(NST) in Genf

Nukleare Mittelstreckenwaffen (INF)

Die Vereinigten Staaten erforschen gegenwärtig, ob
wirksame Verteidigungssysteme eines Tages zur
Sicherung eines stabileren Kräftegleichgewichts zwischen beiden Seiten beitragen könnten.
Die amerikanischen Ziele bei NST sind:
Bewahrung des Rechts der Vereinigten Staaten, die Arbeiten an der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) m Rahmen des ABM-Vertrags fortzusetzen.
Gemeinsam mit den Sowjets zu einer verstärkten Stützung auf Verteidigungssysteme anstatt
auf offensive Waffensysteme zu gelangen, falls
die andauernden Forschungsarbeiten beider
Seiten zu dem Ergebnis kommen, daß solche
Verteidigungssysteme machbar sind.

*

Seite 2

*

Dem INF-Vertrag von Dezember 1987 zufolge sind die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zur Zeit
damit beschäftigt, diese gesamte Kategorie von Kernwaffen zu zerstören.
Gespräche über Atomtests (NTT) in Genf
Zur Zeit finden Verhandlungen über Protokolle für
Verifizierungsverfahren statt, damit der Vertrag über
Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken (PNET) aus
dem Jahr 1976 und der Schwellenvertrag (TTBT) aus
dem Jahr 1974 dem Senat zur Ratifizierung vorgelegt
werden können. Diese Protokolle sollten beim Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif sein.
Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter C.
Paul Robinson.
Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Igor
M. Palenich.

* *

AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN
16. Mai 199

ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium hat am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. bis 19. Mai in
Moskau stattfindenden Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse die nachstehende Übersicht veröffentlicht.

Außenminister Baker legt den Schwerpunkt auf überregionale Fragen als Teilbereich der amerikanischsowjetischen Beziehungen insgesamt. Das Arbeitsprogramm über internationale Probleme markiert den
Anfang eines wichtigen neuen Aspekts unserer Beziehungen.

Naturkatastrophen und ihre Schadensbegrenzung
Beide Seiten haben eine engere Zusammenarbeit im
Rahmen bestehender Abkommen vereinbart, um auf
multilateraler und bilateraler Ebene die Bekämpfung
von Naturkatastrophen zu verbessern.

Bei den Moskauer Ministertreffen im Mai 1989 wurde
eine Arbeitsgruppe zur Bewertung der bereits bestehenden Kooperation in diesen Fragen gebildet und
eine erste Tagesordnung für künftige Zusammenarbeit aufgestellt.

Amerikanische und sowjetische Expertentreffen finden kontinuierlich in den Bereichen Rettungsdienst,
Gesundheitswesen, Technik und Erdbebenforschung
statt.

Das Arbeitsprogramm umfaßt gegenwärtig Umwelt,
Weltraum, Vorhersage von Naturkatastrophen und
deren Schadensbegrenzung, Terrorismusbekämpfung
und den Kampf gegen den internationalen Drogenhandel.

Beide Seiten haben die Notwendigkeit zur Ausbau von
Gemeinsamkeiten bei der Bekämpfung des Terrorismus erkannt.

Umwelt

Beide Seiten haben ihre Absicht bekundet, die Regierungsvereinbarung vom Januar 1989 über Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels durchzuführen.

Beim Ministertreffen im Mai haben beide Seiten die
Intensivierung der bilateralen und multilateralen Kooperation vereinbart, um wirksame Maßnahmen für
weltweite Umweltprobleme einschließlich der Klimaveränderungen auf der Erde zu entwickeln.
Dabei wurde ein neues Kooperationsabkommen unterzeichnet, um die Verschmutzung der Bering- und
Tschuktschensee in Notfällen bekämpfen zu können.
Die Unterzeichnung eines Soforthilfeplans steht unmittelbar bevor.

Terrorismusbekämpfung

Drogen

Arbeitsgruppen für das Ministertreffen
Arbeitsgruppen decken eine große Bandbreite von
Fragen der fünf Punkte umfassenden amerikanischsowjetischen Tagesordnung ab.
1.

Rüstungskontrolle - Die Arbeitsgruppe überprüft den Status der bilateralen amerikanischsowjetischen Gespräche (zum Beispiel über die
Verringerung strategischer Rüstungen, Atomtests) und anderer Verhandlungen.

2.

Regionale Fragen - Es findet ein Austausch
über regionale Fragen wie etwa Mittelamerika,
Afghanistan, den Mittleren Osten, Afrika und
Ostafrika/Pazifik statt.

Weltraum
Beim Ministertreffen im Mai wurde das Arbeitsprogramm für überregionale Probleme erweitert, und es
umfaßt nunmehr die Untersuchung von Möglichkeiten
zur Intensivierung der Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten im Weltraum.

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�3.

Menschenrechte - Der Austausch erfolgt über
Menschenrechte und humanitäre Fragen.

4.

Überregionale Probleme - In diesem Bereich
werden Terrorismusbekämpfung, Bekämpfung
des Drogenhandels und Umwelt behandelt.

* * *

Seite 2

5.

Bilaterale Beziehungen - Dieses Thema deckt
ein breites Spektrum von Problemen von amerikanisch-sowjetischen Austauschprogrammen
über Zivilluftfahrt bis zur Arbeit der Botschaften
ab.

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
16. Mai 1990

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz
WASHINGTON - (AD) - Staatssekretär Paul Wolfowitz vom US-Verteidigungsministerium erwartet trotz der
jüngsten Verzögerungen bei den KSE-Verhandlungen in Wien die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens noch
in diesem Jahr. Vor dem Unterausschuß für Europäische Angelegenheiten des Auswärtigen Senatsausschusses erklärte Wolfowitz am 9. Mai 1990, daß auch im Rahmen der von Präsident Bush vorgeschlagenen
umfassenden Überprüfung der NATO-Strategie die Präsenz amerikanischer Truppen in Europa nicht zur
Diskussion stehe. Zu einer Reduzierung dieser Truppen unter die für KSE vorgeschlagenen 195 000 Mann
meinte Wolfowitz, es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, über eine neue Obergrenze zu sprechen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über diese Gelegenheit, vor diesem
Ausschuß zu den amerikanischen Sicherheitsbeziehungen mit Europa Stellung nehmen zu können.
Wir befinden uns inmitten historischer Veränderungen, die eine Gelegenheit bieten, die Vereinigten Staaten
und Europa in ein neues Zeitalter von Freiheit und
Frieden zu führen - ein Europa, das mit den Worten des
Präsidenten 'ungeteilt und frei' ist.
Wie Sie wissen, hat der Präsident erst vor wenigen
Tagen eine historische NATO-Initiative verkündet, die
nicht nur unmittelbar auf die einschneidenden Veränderungen im europäischen sicherheitspolitjschen Umfeld
eingeht, sondern darüber hinaus die NATO in die Lage
versetzt, in den kommenden Monaten und Jahren
wichtige Anpassungen bei ihrer Rolle und Strategie
vorzunehmen.
Die Initiative des Präsidenten sieht einen NATO-Gipfel
vor, der eine umfassende Überprüfung der Strategie
einleiten soll. Der Gipfel würde diese Überprüfung
durch die Behandlung Verfolgenden vier entscheidenden Punkte lenken:

AMERIKA DIENST 19

Erstens sollte die NATO ihre künftige politische Mission überdenken.
Die zweite Aufgabe des Gipfels ist die Überprüfung der
künftigen konventionellen Verteidigungsanforderungen
für das Bündnis sowie der nächsten Schritte in der
konventionellen Rüstungskontrolle. Die Vereinigten
Staaten gehen davon aus, daß die NATO weiterhin
eine solide, geschlossene und effektive militärische
Fähigkeit benötigt, deren genauer Umfang jedoch
noch analysiert werden muß.
Drittens sollte der Gipfel die Zukunft der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa einschätzen und
sich auf umfassende Ziele für künftige Verhandlungen
mit der Sowjetunion über nukleare Kurzstreckenwaffen verständigen. In dieser Hinsicht hat der Präsident
seine Entscheidung bekanntgegeben, auf ein LANCEFolgesystem zu verzichten und die weitere Modernisierung der in Europa stationierten nuklearen Artillerie
einzustellen.
Schließlich forderte der Präsident die NATO auf,
gemeinsame Ziele für die künftigen Beratungen der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) zu erarbeiten. Die Vereinigten Staaten

Seite 1

�sind der Ansicht, daß die KSZE eine besonders konstruktive Rolle bei der Anbindung der Staaten des
Warschauer Pakts an den Westen spielen kann.
Ich möchte anmerken, daß die Vereinigten Staaten
unabhängig von den vorgenommenen Veränderungen
davon ausgehen, daß die NATO unser wichtigstes
sicherheitspolitisches Bindeglied mit Europa darstellt.
Ich möchte nun kurz auf die jüngsten Veränderungen
in Europa und die Reaktionen eingehen, die wir umgesetzt haben oder die in Zukunft erforderlich werden
könnten.
Veränderungen in Osteuropa und der
Sowjetunion
In den letzten Monaten haben spektakuläre Veränderungen stattgefunden, die ein grundlegend neues
Zeitalter in Europa versprechen. Das Ziel der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten, ein "ungeteiltes
und freies" Europa und insbesondere ein Osteuropa
hervorzubringen, das unabhängig und demokratisch
ist, liegt jetzt in Reichweite.
Wie sie wissen, haben in jüngster Zeit folgende Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa stattgefunden:
der Niedergang sowjetisch gesteuerter Regime,
Schritte der Demokratisierung, einschließlich
freier Wahlen,
gestiegene Achtung grundsätzlicher Menschenrechte,
Hinwendung zur freien Marktwirtschaft und
sowjetische Übereinstimmung mit der Tschechoslowakei und Ungarn über einen vollständigen Truppenabzug bis Ende Juni 1991.
Eine weitere spektakuläre Veränderung, von der man
noch vor einem Jahr kaum zu träumen wagte, ist die
Aussicht der Vereinigung beider deutscher Staaten in
naher Zukunft. Bei ihren Wahlen im März haben die
DDR-Bürger sich eindeutig für einen baldigen Zusammenschluß mit dem Westen ausgesprochen. Wir
haben die Vereinigung beider deutscher Staaten seit
langem unterstützt und arbeiten jetzt bei den Zweiplus-Vier-Gesprächen an ihrer Verwirklichung. Ferner
hat auch der Präsident auf unsere Position - und die
aller NATO-Regierungen - verwiesen, Deutschlands
Wunsch nach Vollmitgliedschaft in der NATO zu unterstützen. Wenn das der Fall ist - wovon ich überzeugt
bin -, wird die Vereinigung beider deutscher Staaten
ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung auf unser
Endziel eines ungeteilten und freien Europas sein.
Gleichzeitig haben alle nichtsowjetischen Länder des
Warschauer Pakts außer Rumänien die Absicht zur
Reduzierung ihrer Streitkräfte und Militärausgaben

Seite 2

bekundet, und einige Streitkräftereduzierungen haben
bereits stattgefunden. Grundsätzlich scheint der
Warschauer Pakt einen großen Teil seiner Bedeutung
als Militärbündnis verloren zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß Länder Osteuropas sich freiwillig an einer
sowjetischen Offensive auf die NATO beteiligen könnten, scheint jetzt verschwindend gering.
Auch in der Sowjetunion selbst finden bemerkenswerte Veränderungen statt. Politisch scheint Gorbatschow einen positiven Weg einzuschlagen, obwohl
Rückschritte nicht ausgeschlossen werden können.
Es bleibt zum Beispiel abzuwarten, ob die UdSSR bei
ihrer Reaktion auf die Unabhängigkeitsabsichten des
litauischen Volkes auf Gewalt oder friedlichen Dialog
setzen wird.
Im Bereich der Verteidigung führt die Sowjetunion
einseitig bei ihren Streitkräfte Umstrukturierungen und
Reduzierungen durch, die zwar in gewissem Maße
durch die kontinuierliche Modernisierung abgeschwächt
werden, aber dennoch zum ersten Abbau des konventionellen Ungleichgewichts beigetragen haben.
Von einem Abkommen bei den Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erwarten
wir eine weitere starke Reduzierung der Streitkräfte.
Trotz des eher schleppenden Verhandlungsverlaufs in
den letzten Wochen gehen wir davon aus, daß es noch
in diesem Jahr zur Unterzeichnung eines KSE-Abkommens kommt. Die vorgesehenen Reduzierungen hat
es in diesem Umfang noch nie gegeben: zum Beispiel
würden 15 000 sowjetische Panzer, 12 500 Artilleriegeschütze und 21 000 gepanzerte Fahrzeuge zerstört. Angesichts dieser bemerkenswerten Ereignisse
wird es einige grundlegende Veränderungen geben,
die wir nach eingehenden Überlegungen für die nächsten Jahre prognostizieren:
den Abschluß öffentlich angekündigter einseitiger Streitkräftereduzierungen und -Umstrukturierungen bei den Sowjets,
die vollständige Durchführung des gegenwärtig
ausgehandelten KSE-Abkommens,
das Ende des Warschauer Pakts als Militärbündnis,
Abzug der Sowjets aus Osteuropa und
die Entstehung demokratischer und pluralistischer Staats- und Wirtschaftssysteme in ganz
Osteuropa.
In Anbetracht dieser wichtigen gegenwärtigen und
erwarteten Veränderungen sollten wir uns auch vor
Augen führen, daß noch dunkle Wolken über uns
schweben. Die amerikanischen und westlichen Vorbereitungen im Bereich der Sicherheit müssen diese
Realitäten ebenso berücksichtigen wie die positiven
Entwicklungen, von denen wir gerne hören.

AMERIKA DIENST 19

�Es darf jedoch nicht außer acht gelassen werden, daß
die Sowjetunion in absehbarer Zukunft eine militärische Supermacht bleiben dürfte. Wir sollten immer
daran denken, daß die jüngsten Reduzierungen ihrer
militärischen Fähigkeiten von dem Rekordniveau einer
25jährigen Aufrüstung aus erfolgt ist. Im strategischen
Bereich erörtern wir einschneidende Reduzierungen
bei unseren Programmen, während bei den Sowjets
die Produktion kontinuierlich fortgesetzt wird. Tatsächlich produzieren die Sowjets weiterhin drei neue
Interkontinentalraketen (die SS-18 MOD5, SS-24 und
SS-25), drei Bomber (BLACKJACK, BACKFIRE und
BEAR H) und ein nukleargetriebenes Raketenunterseeboot (DELTA IV). Wir haben im vergangenen Jahr
12 ICBMs (aller Typen) hergestellt, die Sowjets hingegen 140. Und dies in dem Jahr, in dem auch Verteidigungsminister Cheney zufolge viele sagten, es gebe
angeblich keine Bedrohung mehr.
Sogar im konventionellen Bereich, in dem wir erst vor
kurzem den Rückgang der sowjetischen Panzerproduktion begrüßt haben, sollten wir uns vor Augen
führen, daß die Sowjetunion genau seit Gorbatschows
Amtsantritt im Jahr 1985 mehr Panzer und Artillerie
produziert hat als in den Arsenalen Frankreichs, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland insgesamt vorhanden sind. Darüber hinaus deutet der
anhaltend hohe Stand der Produktion von Rüstungsgütern - trotz der erdrückenden wirtschaftlichen Probleme - darauf hin, daß hochmoderne konventionelle
Streitkräfte bei den Sowjets immer noch eine hohe
nationale Priorität haben. Obwohl 1989 bei der Herstellung von Panzern und Artilleriegeschützen ein
erheblicher Rückgang zu verzeichnen war, ist die
Produktion anderer Panzerfahrzeuge, Granatwerfer,
Kurzstreckenraketen und Luftabwehrgeschütze gestiegen. Die Herstellung von Militärhubschraubern
und Kampfflugzeugen wird in unverändertem Umfang
fortgesetzt. Darüber hinaus liegt die Produktion auch
in den Bereichen, wo Reduzierungen vorgenommen
wurden, immer noch im Vergleich zur NATO doppelt so
hoch bei Panzern und zehnmal so hoch bei Artillerie.
Dabei muß man jedoch einen Punkt bedenken. Der
Prozeß, bei dem Demokratie institutionalisiert und
erwartete Veränderungen bei der Militärdoktrin und
Streitkräftestruktur dauerhaft durchgeführt werden, hat
in Osteuropa - von der Sowjetunion ganz zu schweigen
- gerade erst begonnen. Obwohl die Bedrohung
drastisch abgenommen hat und wichtige Veränderungen bei der Vorwarnzeit und den nichtsowjetischen
Streitkräften des Warschauer Pakts stattgefunden
haben, verfügen die Sowjets immer noch über ungeheure militärische Fähigkeiten. Wir erwarten keine
Großoffensive mit kurzer Vorwarnzeit an drei Fronten
in Europa mehr, können aber die Wiederherstellung
einer solchen Fähigkeit der Sowjets nach einer gewissen Zeit nicht völlig ausschließen. Kurzfristig sind wir
auch besorgt über die anhaltenden nachrichtendienstlichen Verbindungen zwischen den Regierungen des
Warschauer Pakts und der Sowjetunion.
AMERIKA DIENST 19

Darüber hinaus besteht eindeutig die Möglichkeit der
Instabilität in Osteuropa und - wie der Fall Litauen zeigt
- in der Sowjetunion. Bisher ist nie der Versuch einer
wirtschaftlichen und politischen Umwandlung von totalitärem Marxismus-Leninismus in eine freie Gesellschaft unternommen worden.
Dramatische und tiefgreifende Veränderungen sind
oftmals unberechenbar und könnten unbeabsichtigte
Konsequenzen nach sich ziehen. Der dramatische
Schritt der Veränderung birgt zusammen mit ethnischen Konflikten und schwelendem Territorialstreit
das Potential für Instabilität. Ferner besteht das Problem großer Erwartungen, die kurzfristig kaum zu
befriedigen sein dürften. Wir dürfen nicht vergessen,
daß die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts mit
dem Machthunger großer Mächte gegenüber Osteuropabegannen. Präsident Bush hat dazu erklärt: "Der
Gegner ist die Unberechenbarkeit. Der Gegner ist die
Instabilität.
Die Reaktion der NATO
Insgesamt ergibt sich für die NATO ein Bild aus
vielversprechenden Veränderungen und anhaltenden
Herausforderungen an die Sicherheit. Angesichts des
vom Präsidenten eingeleiteten Überprüfungsprozesses muß die NATO meiner Ansicht nach drei Dinge
gleichzeitig tun - in einer Zeit der Unsicherheit und
potentiellen Instabilität die erforderlichen Fähigkeiten
beibehalten, auf bereits erfolgte Veränderungen reagieren und sich überlegen, wo die NATO stehen soll,
wenn die erwarteten tiefgreifenden Veränderungen
erfolgen.
Angesichts dieses komplexen Prozesses sollte unsere
Politik einige Grundsätze befolgen. Der erste ist die
anhaltende Bedeutung der Präsenz von US-Streitkräften in Europa. Der Präsident hat erklärt, daß wir dort
militärisch wichtige US-Truppen beibehalten, solange
unsere Verbündeten dies wünschen und benötigen.
Für uns ist diese Präsenz erforderlich, um ein Gegengewicht zur Sowjetunion bilden und zur Stabilität in
Europa beitragen zu können. Das erste und vordringlichste Ziel besteht im Schutz unserer eigenen nationalen Sicherheitsinteressen. Wir haben aus den beiden
Kriegen dieses Jahrhunderts gelernt, daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten und Europas untrennbar
miteinander verknüpft ist.
Ein weiterhin gültiges Prinzip, das auf der Hand liegen
sollte - insbesondere angesichts des sowjetischen
strategischen Modernisierungsprogramms - ist die
anhaltende Notwendigkeit einer modernen nuklearen
Abschreckung der Vereinigten Staaten. Die amerikanischen strategischen Nuklearstreitkräfte bilden das
Rückgrat der Abschreckungsstrategie der NATO. Die
Beibehaltung einer effektiven Triade ist notwendig,
damit die kontinuierliche Glaubwürdigkeit dieser Streitkräfte gewährleistet werden kann, und darüber hinaus
ist es an der Zeit, die Triade um die strategische

Seite 3

�Verteidigung zu erweitem. Die heute von uns entwikkelten Systeme werden die Streitkräftestruktur schaffen, die bis ins nächste Jahrhundert hinein Gültigkeit
haben wird. Nuklearstreitkräfte sichern uns gegen unvorhergesehene Veränderungen oder eine Umkehrung der heutigen positiven Tendenzen ab.
Ein weiterer Grundsatz ist die Notwendigkeit, die NATO
aufrechtzuerhalten. Die NATO war und ist wichtigstes
Instrument für die transatlantischen Sicherheitsbeziehungen und ein Mittel, um unsere nukleare Abschrekkung in die Verteidigung unserer Verbündeten zu
integrieren. Deshalb messen wir der Mitgliedschaft
eines vereinigten Deutschlands in der NATO so große
Bedeutung bei. Keine andere Organisation in Europa
kann die NATO ersetzen. Obwohl wir eine größere
Rolle anderer europäischer Institutionen fördern, sind
wir gegen Vorschläge für eine neue Sicherheitsstruktur als Ersatz für die NATO. Unserer Meinung nach
kann der KSZE-Prozeß nur dann künftig einen Beitrag
zur Stärkung der europäischen Sicherheit leisten, wenn
es ein effektives atlantisches Bündnis gibt, das diesen
Prozeß fördert. Eine stärkere KSZE sollte nicht die
NATO ersetzen wollen, sondern - wie Präsident Bush
erklärt hat, "die NATO stärken und demokratische
Werte in einem ungeteilten und freien Europa fördern
helfen".
Kurzfristige Anpassung an Veränderungen
Innerhalb dieses Rahmens von Grundsätzen wird bereits
im Bündnis daran gearbeitet, sich der veränderten
Situation in Europa anzupassen. In den Vereinigten
Staaten hat der Verteidigungsminister die Streitkräfte
angewiesen, sich darauf einzustellen, daß Mitte der
neunziger Jahre unsere vorgeschlagenen KSE-Reduzierungen verwirklicht sein werden. Das bedeutet die
Planung eines erheblichen Abbaus von US-Streitkräften nicht nur in Europa, sondern auch bei den Streitkräften, die Europa Verstärkung leisten sollen.
Ähnliche Bemühungen sind innerhalb der NATO im
Gange. So entwickeln die militärischen Stellen der
NATO zur Zeit eine neue Bedrohungsanalyse. Sie
haben bereits verschiedene Veränderungen ins Kalkül
gezogen: Eine Reduzierung der Manöver, überarbeitete Ausbildungsprogramme und neue Einsatzkonzepte. Die Auswirkungen der KSE-Gespräche werden
ein wichtiges Thema bei den Ministertagungen im
Frühjahr sein, von denen eine - das Treffen der Nuklearen Planungsgruppe - gerade heute in Kananaskis in
Kanada stattfindet.
Die Entscheidungen, auf ein LANCE-Nachfolgesystem zu verzichten, Verhandlungen über die atomaren
Kurzstreckenwaffen anzustreben und eine umfassende Überprüfung der NATO-Strategie einzuleiten, sind
ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie wir unsere
Verteidigungsplanung an das neue sicherheitspolitische Umfeld anpassen. Ich möchte hier anmerken,
daß die NATO stets bestrebt war, lediglich das für die

Seite 4

Gewährleistung von Abschreckung und Stabilität erforderliche Minimum an nuklearen Streitkräften zu
unterhalten. Die NATO hat bereits erhebliche einseitige Reduzierungen ihrer kriegsschauplatzgebundenen Kernwaffen vorgenommen. Sollten sich die gegenwärtigen günstigen Tendenzen fortsetzen, wird die
NATO im Konfliktfall weniger schnell auf den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen angewiesen sein. Sie
wird dann ihren Kernwaffenbestand weiter reduzieren
können. Aber unsere kriegsschauplatzgebundenen
Kernwaffen werden weiterhin von entscheidender
Bedeutung sein, um jede Form der Aggression, ob
konventionell oder nuklear, abzuschrecken. Um erneut den Präsidenten zu zitieren: "Die Vereinigten
Staaten werden nicht zulassen, daß Europa eher zum
Schauplatz eines konventionellen Krieges wird."
Im Hinblick auf die atomaren Kurzstreckenwaffen wird
deren Rolle durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen konventionellen Verteidigung durch
die NATO deutlich reduziert. Unter den neuen Bedingungen von heute wäre ein stärkerer Rückgriff auf
Mehrzweckflugzeuge und seegestützte Systeme zusammen mit Maßnahmen zur Erhöhung ihrer Überlebensfähigkeit und Effektivität angemessen.
Ich möchte femer anmerken, daß die dramatischen
Veränderungen in Osteuropa, der faktische Zerfall des
Warschauer Pakts und Reduzierungen der sowjetischen Streitkräfte in Zusammenhang mit KSE und
START voraussichtlich auch andere militärische Erfordernisse herunterschrauben werden. So haben bei
der kürzlich abgeschlossenen Überprüfung unserer
Luftstreitkräfte die grundlegenden Umwälzungen in
Osteuropa den Entschluß des Verteidigungsministers
beeinflußt, die geplante Beschaffung von B-2-Bombern zu reduzieren. Die Veränderungen bei der Vorwarnzeit haben femer zu den einschneidenden Kürzungen in unserem C-17-Programm beigetragen.
Allerdings ist es bei niedrigeren Streitkräfteniveaus
umso wichtiger, daß die verbleibenden Systeme effektiv und überlebensfähig sind, was deren kontinuierliche Modernisierung voraussetzt. Überdies könnten
strategische Verteidigungssysteme erforderlich sein,
um die Stabilität auf niedrigeren Niveaus der Offensivstreitkräfte sicherzustellen und eine Rückversicherung gegen Vertragsbrüche zu gewährleisten.
Unsere langfristige Vision für die NATO
Die größte Herausforderung für die NATO ist vielleicht
die Frage, wo wir einmal stehen wollen, wenn die
gegenwärtig stattfindenden fundamentalen Veränderungen in Osteuropa vollendet sind. Selbstverständlich müssen wir sicherstellen, daß die Veränderungen
im Bündnis nicht dem Wandel in Osteuropa und der
Sowjetunion vorauseilen. Auch hier bemühen wir uns
sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der
NATO, dieser Herausforderung gerecht zu werden.
Unsere Bemühungen werden durch die Initiative des
Präsidenten gestärkt und systematisiert. Notwendi-

AMERIKA DIENST 19

�gerweise haben unsere Überlegungen im gegenwärtigen Stadium nur vorläufigen Charakter. Im folgenden
möchte ich zum Einstieg einige persönliche Bemerkungen machen, erstens zur militärischen Strategie
der NATO und zweitens zu den operativen Konzepten
und Fähigkeiten, mit denen diese Strategie umgesetzt
werden soll.
Der Präsident hat angeregt, daß im Rahmen eines
NATO-Gipfels im Frühsommer eine umfassende
Überprüfung der NATO-Strategie eingeleitet werden
sollte. Diese wichtige Initiative hat zum Ziel, die Rolle
des Bündnisses in den neunziger Jahren und danach
zu definieren. Sie wird die bereits in Washington und
den anderen NATO-Hauptstädten angestellten Überlegungen zusammenfassen. Wir müssen jedoch bei
Veränderungen der Strategie umsichtig vorgehen, bis
die von uns in Europa angestrebten Veränderungen
verwirklicht sind. Selbst dann werden sich bestimmte
Schlüsselprinzipien der militärischen NATO-Strategie
als äußerst zeitgemäß erweisen. Zu diesen Prinzipien
zählen:
Verteidigung so weit vorne wie möglich, um die
territoriale Integrität der NATO zu bewahren.
Beantwortung jeden Angriffs mit einem geeigneten Mix und Niveau konventioneller und, falls
erforderlich, nuklearer Streitkräfte.
Eine wesentliche Präsenz amerikanischer Streitkräfte in Europa.
Im Hinblick auf die Frage der operativen Konzepte und
Fähigkeiten habe ich bereits auf einige Möglichkeiten
für Veränderungen bei unseren atomaren Streitkräften
hingewiesen. Ich möchte mich nun unseren vorläufigen Überlegungen über die zu erwartenden Erfordernisse im konventionellen Bereich zuwenden.
Die operativen Konzepte nach einem KSE-Abkommen
werden von den geringeren Streitkräfteniveaus beider
Seiten und der Abwesenheit sowjetischer Truppen in
Osteuropa beeinflußt werden. Diese Niveaus und
Stationierungsgebiete werden im allgemeinen bedeuten, da ß die Vorwarnzeit erheblich verlängert wird. Ein
kurzfristiger Angriff, wenn er überhaupt eine sowjetische Option bleibt, könnte nur an einem oder wenigen
Abschnitten stattfinden. Damit würde die Bedeutung
effektiver Überwachungsfähigkeiten sowie der Führungs- und Kommunikationsmittel erhöht. Darüber
hinaus würde eine verstärkte Betonung von Mobilität
und Manövrierfähigkeit erforderlich, einschließlich
größerer Konzentration auf operative Reserven und
flexible logistische Unterstützung.
Gleichzeitig sollten wir unsere Planung nicht nur auf
einen kurzfristigen Angriff mit notwendigerweise begrenzten Zielen einstellen. Wir müssen ferner darauf
vorbereitet sein, über eine längere Vorwarnzeit hinweg
auf alle künftigen Versuche der Sowjets zu reagieren,

AMERIKA DIENST 19

ihre strategischen kriegsschauplatzgebundenen Fähigkeiten wiederherzustellen. Unter Berücksichtigung
dieser Tatsache werden die Fähigkeiten zum Krisenmanagement und zur stufenweisen Mobilisierung - um
die Erhaltung der Abschreckung zu gewährleisten - im
Vergleich zu heute an Bedeutung zunehmen. Verstärkungsfähigkeiten, darunter Luft- und Seetransport sowie
Aufnahmefähigkeiten werden wichtig bleiben, obwohl
es dabei weniger auf Geschwindigkeit ankommen
wird. Eine damit einhergehende Notwendigkeit ist die
Aufrechterhaltung der Überlegenheit zur See, um den
kontinuierlichen Zugang zu lebenswichtigen Seewegen zu gewährleisten.
Insgesamt werden die NATO-Streitkräfte kleiner sein,
aber sie werden gleichzeitig mobil, flexibel, überlebensfähig und technisch überlegen sein müssen. Wir
untersuchen gegenwärtig Möglichkeiten einer stärkeren Betonung multinationaler Streitkräfte - zum Beispiel multinationaler Korps -, um die Geschlossenheit
des Bündnisses zu demonstrieren und jede Form
eines Angriffs, einschließlich eines begrenzten Angriffs auf die Flanken der NATO abzuschrecken. Bei
solchen Streitkräften wird das Schwergewicht auf Interoperabilität und Standardisierung liegen. Wir erwarten darüber hinaus, daß unsere Verbündeten mehr
Verantwortung bei der routinemäßigen Abschreckung
und im Anfangsstadium der Verteidigung übernehmen. Es wird weniger ständig vorne stationierte
amerikanische Truppen und mehr vorübergehende
Stationierungen von Land-, Luft- und Seestreitkräften
unterschiedlicher Dauer geben. Ich möchte die weiterbestehende Notwendigkeit für das Bündnis betonen,
seinen technologischen Vorsprung zu bewahren. Im
Zuge unserer reduzierten Rüstungsproduktion werden
besondere Bemühungen nötig sein, um unsere industrielle Basis zu schützen und ein hohes Niveau in
Forschung und Entwicklung beizubehalten.
Zusammenfassung
Kurz gesagt: Die NATO blickt nach vorn und schreitet
voran. Das Bündnis paßt sich mit kurzfristigen Maßnahmen und umfassenden Überprüfungen ihrer Ziele,
getragen von den Initiativen des Präsidenten, der
neuen Lage an. Im Verteidigungsbereich planen wir
und unsere Verbündeten eine Überprüfung der militärischen Strategie der NATO und sind bereits im Begriff,
neue operative Konzepte und Fähigkeiten zu entwickeln.
Insgesamt besteht unsere Aufgabe darin, den Erfordernissen eines veränderten sicherheitspolitischen
Umfelds auf eine Art und Weise gerecht zu werden, die
von der Öffentlichkeit und den Parlamenten der NATOMitgliedstaaten unterstützt wird und gleichzeitig die
anhaltenden Realitäten und sicherheitspolitischen Herausforderungen für die NATO nicht zu vergessen. Am
wichtigsten ist die enge Zusammenarbeit mit unseren
Verbündeten und die Herstellung eines sorgfältig

Seite 5

�abgestimmten Gleichgewichts - Anpassung an den
Wandel und Vorbereitetsein auf noch größere Veränderungen in der Zukunft, ohne über das hinauszugehen, was die militärische Klugheit gebietet. Die NATO
steht heute an einem historischen Wendepunkt und
hat eine einzigartige Chance, ihr traditionelles Ziel, die

Überwindung der Teilung Europas, zu erlangen. Obwohl
dies eine enorme Aufgabe ist, haben wir es meines
Erachtens in der Hand. Wenn wir und unsere Verbündeten weiterhin eine ausgewogene Haltung einnehmen, so bin ich zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
können.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
16. MaM 990

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK
IM VERÄNDERTEN OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

FRANKFURT - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland,
Vernon A. Walters, hat am 25. April 1990 in einer Ansprache vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie
und Wissenschaft erklärt, die Vereinigten Staaten unterstützten die Staaten Osteuropas in ihrem Bemühen, "ihre
Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln. Unsere neue Politik der 'demokratischen Differenzierung' hat zum
Ziel, den Entwicklungsprozessen in den einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu
tragen und diese zu würdigen." Dabei hänge der Umfang der Unterstützung "von dem Grad der politischen und
wirtschaftlichen Reformen ebenso ab wie von der Menschenrechtspolitik..."
Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten bereits Maßnahmen getroffen, um die Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern zu verbessern und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach amerikanischer Überzeugung würden insbesondere "private Investitionen und höherer Außenhandel die
Voraussetzung für mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im Osten sein". Ferner kündigte der
Botschafter für die im Juni anstehende COCOM-Konferenz einen "umfassenden und weitreichenden" amerikanischen Vorschlag für eine Neugestaltung der multilateralen Exportkontrollen an.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Ich freue mich sehr, heute abend vor den Mitgliedern
und Gästen der Frankfurter Gesellschaft für Handel,
Industrie und Wissenschaft sprechen zu können. Mir
wurde gesagt, daß fast alle amerikanischen Botschafter in Bonn vor diesem hochangesehenen Forum
gesprochen haben. Es ist mir daher eine besondere
Ehre, diese Tradition fortzusetzen. Ich habe auch
erfahren, daß in diesem Club so herausragende Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Gustav Stresemann,
Theodor Heuss und Ludwig Erhard eine Rede hielten.
Ich danke Ihnen, daß Sie auch mirdiese Auszeichnung
zukommen lassen.
Es ist wirklich ein Erlebnis, in einer so bewegten und
faszinierenden Zeit in Europa zu sein. Insbesondere
1989 war ein aufregendes und außergewöhnliches
Jahr. Noch vor einem Jahr regierten in Osteuropa
kommunistische Regime, die im wesentlichen sowjetischen Machtinteressen gehorchten. Vor ungefähr

AMERIKA DIENST 19

einem Jahr begann Lech Walesa den Dialog mit den
regierenden Kommunisten in Polen; im Sommer letzten Jahres fanden freie und geheime Wahlen in jenem
Land statt. Solidarnosz wurde praktisch über Nacht
von einer verfolgten Oppositionsgewerkschaft zur
staatstragenden Macht in Polen.
Noch vor einem Jahr war Vaclav Havel ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei; heute ist dieser
bewundernswerte Mann Staatspräsident seines Landes. Vor einem Jahr sprach Erich Honecker davon, die
Mauer würde noch in hundert Jahren stehen; heute
sind die Mauer und Erich Honecker Geschichte. In der
DDR haben wir seit kurzem ein frei gewähltes Parlament und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist nur noch eine Frage der Zeit. Und vor einigen
Wochen schließlich mündete in Ungarn der bereits seit
einiger Zeit voranschreitende Reformprozeß in freien
Wahlen.

Seite 1

�In diesen und anderen Staaten Mittel- und Osteuropas
haben die Kommunisten ihr Machtmonopol aufgegeben. Mehrparteiensysteme haben sich bereits etabliert oder sind im Aufbau begriffen. Sogar die Sowjetunion ist sich der offensichtlichen Nachteile der Herrschaft einer Partei bewußt. Die Sowjets haben nun
damit begonnen, den Weg zu mehr politischer und
gesellschaftlicher Selbstbestimmung einzuschlagen
und marktwirtschaftliche Prinzipien einzuführen.
Präsident Bush hat angesichts dieser Entwicklungen
treffend festgestellt, daß 1989 das Jahr 1945 als
historischen Bezugspunkt für Europa abgelöst hat.
Diese Feststellung trifft auch für die Rolle der Vereinigten Staaten auf diesem Kontinent zu.
Ich persönlich bin wirklich sehr dankbar zu sehen, wie
sich der Kreis der Geschichte schließt. Ich habe immer
gehofft, daß die Entwicklungen, die ich seit jungen
Jahren mitverfolgt habe, ein positives Ende finden.
Aber ehrlich gesagt, ich hatte es nicht erwartet. Ich
schätze mich wirklich glücklich, Zeuge einer erstaunlichen Zeit zu sein. Und ich wünschte mir, daß alle
Männer und Frauen, die nach dem. Kriege zu dieser
Entwicklung beigetragen haben, den Erfolg ihres Wirkens miterleben könnten.
Die historischen Ereignisse des Jahres 1989 sind nach
unserer Überzeugung eine Bestätigung für die Nachkriegspolitik des Westens. Ein starkes Verteidigungsbündnis, pluralistische Gesellschaftsordnungen und
Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung
der Menschen- und Bürgerrechte haben uns innere
Stabilität und äußere Sicherheit gegeben. Diese Elemente waren gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung
und ein Vorbild für die Völker Mittel- und Osteuropas.
Wir waren stets überzeugt, daß die Nationen jenseits
des Eisernen Vorhangs - wenn sie die Gelegenheit
haben - ihre Freiheit wieder erkämpfen und ihre historischen Bindungen zum Westen wiederherstellen
würden. Unsere Hoffnungen haben sich nun erfüllt.
Natürlich war Gorbatschow derjenige, der den osteuropäischen Ländern die Möglichkeit zu Veränderungen gab. Er hob die Breschnew-Doktrin auf und
verzichtete auf die Stützung der abgewirtschafteten
kommunistischen Regime in Osteuropa durch die
sowjetische Militärmacht. In diesem Zusammenhang
muß aber auch deutlich gesagt werden, daß die entschlossene und beharrliche Politik der Vereinigten
Staaten und der NATO dem sowjetischen Präsidenten
keine andere Wahl ließ.
Wir sollten uns im klaren sein, daß die Demokratisierungswelle in Osteuropa ein großer Erfolg für den
Westen ist. Wir haben den kalten Krieg sozusagen
gewonnen. Aber es gibt noch viel zu tun. Wie 1945
stehen wir auch heute vor der enormen Aufgabe, die
politische und wirtschaftliche Architektur Europas neu
zu bestimmen. Die Herausforderung heute ist nicht
weniger groß als damals, aber ich freue mich, daß mit

Seite 2

größerer Einigkeit und Solidarität an diese Aufgabe
herangegangen wird.
Alle demokratischen Nationen haben ein enormes
Interesse am Erfolg der Reformen in Mittel- und Osteuropa. Die Vereinigten Staaten standen diesen Völkern
in der Vergangenheit zur Seite. Sie haben natürlich
auch unsere Unterstützung sozusagen auf dem letzten Stück ihres Weges.
Wir wissen, daß Veränderungen nicht nur auf einer
Seite stattfinden können. Auch wir müssen unsere
gewohnten Denkweisen in Frage stellen. Auch wir
müssen die Art, wie wir die Welt in den letzten vierzig
Jahren gesehen haben, verändern. Um es kurz zu
sagen, auch für uns muß das Jahr 1989 zum neuen
Bezugspunkt werden.
Unsere Aufgabe ist es nun, eine neue Politik zu entwerfen, um die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit meistern zu können. Wir müssen
die Nachkriegsordnung durch neue Formen des Zusammenlebens der Völker ersetzen. Im folgenden
möchte ich ein paar Überlegungen zur künftigen Politik
meiner Regierung darlegen. Dabei werde ich zunächst
kurz auf die politische Situation und auf Sicherheitsfragen eingehen. Anschließend möchte ich mich etwas
ausführlicher mit Fragen zur wirtschaftlichen Lage in
den Ländern Mittel- und Osteuropas befassen. In
diesem Zusammenhang geht es auch um die Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten zur Unterstützung
des Reformprozesses ergreifen.
Diejenigen, die die Nachkriegsordnung gestaltet haben, waren stets der Ansicht, daß mit dem Ende der
Teilung Europas auch die Teilung Deutschlands beendet ist. Dieser Zusammenhang fand wiederholt in
NATO-Kommuniques seinen Ausdruck. Ja, bei allen
großen Anlässen im Rahmen der transatlantischen
und westeuropäischen Zusammenarbeit wurde diese
Verbindung betont. Die Deutschen in der DDR haben
in den Wahlen am 18. März ihren Willen zur Vereinigung deutlich bekundet.
Mein Land setzt sich heute wie in der Vergangenheit
für die Einheit Deutschlands ein. Wir sehen in der
Erlangung der Einheit Ihres Landes einen großen

Erfolg unserer gemeinsamen Nachkriegspolitik. Wie
Sie wissen, spielen wir eine zentrale Rolle in den Zweiplus-Vier-Verhandlungen. Unser Ziel ist dabei ganz
einfach: Wir wollen, daß ein falscher Zustand endlich
aufgehoben und zurechtgerückt wird.
Auch in einem neuen Europa werden Sicherheitsfragen eine wichtige, wenn auch andersartige Rolle spielen. Wir werden uns möglicherweise weniger um die
gegenseitige nukleare Bedrohung der Supermächte
sorgen müssen. Dafür geben aber neue Nuklearstaaten Anlaß zu Sorge. Wir werden uns weniger Gedanken um einen Angriff des Warschauer Pakts in Europa
machen müssen. Aber es besteht die Gefahr, daß

AMERIKA DIENST 19

�Minderheitenprobleme und regionale Spannungen zu
offenen Auseinandersetzungen führen.
Es stellt sich nun die Frage, haben wir die richtigen
Einrichtungen und Mittel, um solchen Problemen zu
begegnen? Ich glaube ja. Ich denke, die Atlantische
Allianz und ihre Institutionen haben sich in der Vergangenheit bewährt und werden auch die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft meistern. In
diesem Zusammenhang bietet sich das Beispiel einer
Fußballmannschaft an, die zur Halbzeit 10:0 führt.
Wer möchte bei einem solchen Ergebnis die Spieler
auswechseln?
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Zukunft der NATO gesprochen. Manche meinen, die
NATO solle eine politische Organisation werden. Ich
sage, die NATO ist stets eine politische Organisation
gewesen. Und sie hat den Frieden sowohl durch
Abschreckung als auch durch den Dialog gesichert.
Die Vereinigten Staaten sehen verschiedene Möglichkeiten, wie die NATO ihre traditionelle Rolle weiterhin
einnehmen und neue Aufgaben übernehmen könnte.
Lassen Sie mich hierzu einige Beispiele anführen:
Erstens: Außenminister Baker hat den verbündeten
Regierungen vorgeschlagen, einen NATO-Stab zur
Verifikation von Rüstungskontrollmaßnahmen einzurichten. Zwar sollte die Verifikation in nationaler Verantwortung bleiben, aber ein solcher Stab könnte die
Verbündeten bei der Überwachung von Rüstungskontrollvereinbarungen unterstützen.
Zweitens: Regionale Konflikte sowohl innerhalb als
auch außerhalb Europas könnten zu einer ernsten
Herausforderung für europäische und atlantische Sicherheitsinteressen werden. Der Terrorismus ist eine
Bedrohung für uns alle, und ihm muß mit gemeinsamen Kräften begegnet werden. Die Weiterverbreitung
von atomaren, chemischen und biologischen Waffen
und von Raketentechnologie stellt eine neue und sehr
ernsthafte Gefahr dar. In all diesen Bereichen könnte
die NATO eine wichtige Rolle spielen.
Drittens: Die NATO sollte auch Überlegungen anstellen im Hinblick auf weitere Initiativen des Westens
gegenüber Mittel- und Osteuropa. Dazu gehören der
Aufbau und die Verbesserung politischer und wirtschaftlicher Bindungen ebenso wie die Propagierung
der Menschenrechte. Dazu gehören ferner die Schaffung eines offeneren Ost-West-Handels und eines
besseren Investitionsklimas bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen des Westens.
Ich möchte nun aber zum Hauptthema dieses Abends
kommen: Es geht darum, wie die Vereinigten Staaten
die wirtschaftliche Lage und Entwicklung in Mittel- und
Osteuropa einschätzen und welche Politik wir in diesem Zusammenhang verfolgen.
Wir alle sind glücklich und erleichtert über die politischen Veränderungen in diesen Ländern. Aber gleichAMERIKA DIENST 19

zeitig wissen wir, daß diese Staaten noch enorme
Herausforderungen auf wirtschaftlichem Gebiet zu
bestehen haben. In der Geschichte gibt es bisher kein
Beispiel für den Umbau einer Planwirtschaft zu einem
marktwirtschaftlichen System. Dabei dürfen wir nicht
außer acht lassen, daß die Sowjetunion und die anderen COMECON-Staaten gegenwärtig sozusagen aus
einer Zeitkapsel heraustreten. Diese Länder müssen
gegenüber dem Westen über vierzig Jahre, im Falle
der Sowjetunion über siebzig Jahre, an Erfahrung mit
der Marktwirtschaft aufholen.
Wie Sie wissen, hängt der Erfolg von umfassenden
Wirtschaftsreformen ab. Bis Wirtschaftswachstum
und Lebensstandard zunehmen, muß eine schwierige
Übergangsphase bewältigt werden. Selbst ein erfolgreiches Wirtschaftsprogramm kann die Auswirkungen
von vier Jahrzehnten Planwirtschaft nicht über Nacht
beseitigen. Viele Reformmaßnahmen werden erst in
einigen Jahren greifen.
Die Unzulänglichkeit der Planwirtschaft ist bekannt,
und ich glaube, auch ein sogenannter dritter Weg
würde nicht zum Erfolg führen. Über die zentral
gelenkte Wirtschaft erzählt man sich folgenden Witz,
der mir nicht weit von der Realität entfernt zu sein
scheint: Der Direktor einer Nagelfabrik ließ einen
einzigen großen Nagel herstellen. Er erfüllte das
Plansoll der Produktion gemessen an Tonnen und
damit war die Sache erledigt.
Eine Realität aber ist, daß es ganze Lagerhäuser mit
Schuhen gibt, die keiner kaufen will, weil entweder die
Qualität so schlecht ist oder es für die Fabrik leichter
war, nur Schuhe einer bestimmten Größe herzustellen. Man konnte lesen, daß in der Sowjetunion Getreide in Lagerhäusern verdirbt, weil keine Waggons für
den Transport verfügbar sind. Sie alle kennen Beispiele dieser Art.
Nun freue ich mich zu sehen, daß in all diesen Ländern
eine Auflösung der unwirtschaftlichen und verkrusteten Bürokratien im Gange ist. In einigen Ländern
schreitet dieser Prozeß schneller voran als in anderen,
aber überall wird es in der Zukunft ein marktwirtschaftliches System in irgendeiner Form geben. Ich weiß,
dies wird nicht von heute auf morgen geschehen. Aber
die Völker Osteuropas wissen, daß sie keine andere
Wahl haben und nur dieser Weg nach vorne führt.
Polen verfolgt eine sehr mutige Wirtschaftspolitik. Mit
einer Währungs- und Preisreform, mit Maßnahmen
zur Privatisierung und mit einem Ende der Subventionen für unwirtschaftliche Staatsbetriebe hat dieses
Land entscheidende Schritte unternommen. Obwohl
diese Maßnahmen die Preise in die Höhe trieben und
die Reallöhne sinken ließen, genießt die polnische
Regierung weiterhin das Vertrauen der Bevölkerung.
Die Polen wissen, daß vom Erfolg dieser Reformen
ihre Zukunft abhängt.

Seite 3

�Noch vor den Wahlen vor einigen Wochen hat die
ungarische Regierung Wirtschaftsreformen eingeleitet und das Investitionsklima beträchtlich verbessert.
Reformen im Steuer- und Bankwesen sowie im Investitions- und Außenhandelsbereich haben im letzten
Jahr zu einer Steigerung der amerikanischen Investitionen um das Fünffache beigetragen. Kein anderes
osteuropäisches Land kann so viele Joint Ventures mit
westlichen Partnern aufweisen wie Ungarn.
Wegen ihrer enormen Größe wird sich der Reformprozeß in der Sowjetunion wohl am schwierigsten gestalten. Dieses Land hat bisher im Vergleich zu anderen
Comecon-Staaten nur relativ geringfügige Wirtschaftsreformen unternommen. Es gibt aber ermutigende
Anzeichen, daß auch die Sowjetunion ernsthaft Marktprinzipien einführt.
Die Vereinigten Staaten sind sich der Schwierigkeiten
der mittel- und osteuropäischen Staaten auf wirtschaftlichem Gebiet bewußt. Der bisherige Fortschritt verdient jedoch unsere volle Anerkennung. Und ich
möchte ausdrücklich hervorheben, meine Regierung
sieht sich verpflichtet, diesen Staaten beim Übergang
von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zu helfen.
Wie Außenminister Baker im Dezember in Berlin sagte,
müssen wir diesen Staaten Hoffnung geben und ihnen
Chancen einräumen, die sie auf dem Weg zu Demokratie und Freiheit ergreifen können.
Mein Land unterstützt diese Staaten in ihrem Bemühen, ihre Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln.
Unsere neue Politik der "demokratischen Differenzierung" hat zum Ziel, den Entwicklungsprozessen in den
einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu tragen und diese zu würdigen.
Gemäß dieser Politik hängt der Umfang unserer UnterStützung von dem Grad der politischen und wirtschaftlichen Reformen ebenso ab, wie von der Menschenrechtspolitik in diesen Ländern und deren Haltung
gegenüber den Vereinigten Staaten. Natürlich wird
humanitäre Hilfe von diesen Faktoren unabhängig
bleiben.
Wie ich bereits sagte, ist unser neuer Bezugspunkt das
Jahr 1989. Den Problemen heute kann deshalb nicht
mit den Lösungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begegnet werden. Was Osteuropa heute braucht,
unterscheidet sich von den Erfordernissen der Nachkriegsjahre im Westen. Damals bestand unsere Aufgabe darin, die wirtschaftliche Infrastruktur und die
demokratischen Institutionen wiederherzustellen, die
für eine relativ kurze Zeit zerschlagen waren. Im
heutigen Mittel- und Osteuropa stehen wir vor dem
Problem, daß diese Institutionen schon seit Jahrzehnten nicht mehr bestehen und darüber hinaus ganze
Generationen ohne demokratische Tradition und
marktwirtschaftliches Denken herangewachsen sind.
Unsere erste Aufgabe muß es sein, einen Rahmen zu
schaffen, in dem unsere Wirtschaftshilfe den größten

Seite 4

Nutzen bringt. Wir wollen keinen neuen Wein in alten
Schläuchen, denn für den neuen Wein brauchen wir
erst die neuen Schläuche. Vor diesem Hintergrund hat
meine Regierung auf unterschiedlichen Ebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern ergriffen.
Als erstes haben wir uns bemüht, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach unserer Überzeugung werden private Investitionen und höherer Außenhandel die Voraussetzung für
mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im
Osten sein. Um keine Zeit zu verlieren, wollten wir
sicherstellen, daß amerikanische Investoren bald die
entsprechenden Rahmenbedingungen und den erforderlichen Schutz in diesen Ländern vorfinden. Wir
haben mit einer Reihe von osteuropäischen Staaten
bereits Handels- und Wirtschaftsabkommen abgeschlossen, oder es sind Verhandlungen darüber im
Gange. Gleiches gilt für Investitionsschutzabkommen
oder die Gewährung des Status der Meistbegünstigung. Ich möchte nicht im einzelnen den Stand der
Verhandlungen aufführen, aber doch erwähnen, daß
wir mit großem Engagement dabei sind.
Lassen Sie mich nun auf ein Thema eingehen, das
sicherlich für Sie von großem Interesse ist. Ich spreche von der Exportkontrolle im Rahmen von COCOM,
und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir
auch auf diesem Gebiet in ein neues Zeitalter eintreten. Wir wissen, daß viel von dem technischen Knowhow, das dem Osten bisher vorenthalten wurde, der
Schlüssel zum Aufbau jener Volkswirtschaften ist.
Dies trifft insbesondere für die Bereiche Telekommunikation, Werkzeugmaschinen und Computer zu.
Im Juni wird bei einer COCOM-Konferenz auf hoher

Ebene jedes Mitgliedsland Vorschläge zur Reform der
COCOM-Liste unterbreiten. Ich versichere Ihnen, der
amerikanische Vorschlag wird umfassend und weitreichend sein. Als Ausgleich fordern wir allerdings entsprechende Sicherheiten hinsichtlich einer illegalen
Weitergabe militärisch nutzbarer Technologien. Diese
Sicherheiten und natürlich die positiven Entwicklungen
in Osteuropa geben uns einen gewissen Spielraum,
innerhalb dessen sich der Export von potentiell strategischer Technologie rechtfertigen läßt.
Unsere Finanzhilfe für Mittel- und Osteuropa steht im
Einklang mit unserem Gesamtkonzept für diese Region. Wir möchten uns auf ein paar Schlüsselgebiete
konzentrieren, in denen unsere Wirtschaftshilfe größtmöglichen Nutzen bringt. Mit Geld allein kann man die
Wirtschaftsprobleme im Osten nicht lösen. Die Milliardenkredite in den siebziger Jahren haben uns dies klar
vor Augen geführt.
Das heißt allerdings nicht, daß wir den osteuropäischen Staaten nicht beträchtliche Summen an Finanzhilfe zur Verfügung stellen. Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger hat kürzlich auf fol-

AMERIKA DIENST 19

�gende TaHache hingewiesen: Würden wir die gleichen Rechenmethoden wie andere anwenden, also
beispielsweise Darlehen und Umschuldungsmaßnahmen einbeziehen, so stünden wir an erster Stelle der
Geberländer für Wirtschaftshilfe für Osteuropa.
Unser Erfolg wird schließlich daran gemessen, ob wir
einen Beitrag zur Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für private Investoren und Unternehmer
leisten. Denn der private Sektor wird in erster Linie
zukunftsträchtige Arbeitsplätze schaffen und zur Erhöhung des Lebensstandards beitragen. Wir sind der
Meinung, daß nur die Privatwirtschaft diesen Ländern
das für eine erfolgreiche Zukunft erforderliche Kapital
und Know-how zur Verfügung stellen kann.
Das wirtschaftliche Interesse an Osteuropa ist überwältigend. Die Aussicht auf neue Märkte, die seit
vielen Jahren mit Waren und Dienstleistungen unterversorgt waren, ist für viele Unternehmer sehr verlokkend. Manche bezeichnen diese Region als die
"Wachstumsindustrie" der nächsten Dekade und darüber hinaus. Das amerikanische Handelsministerium
hat seit Januar über 5000 Anfragen von amerikanischen Geschäftsleuten zu Osteuropa erhalten. Wir
sind also zuversichtlich, daß die Kräfte des Marktes
bald ihre Wirkung zeigen und Osteuropa in die Weltwirtschaft einbezogen wird.
Auf internationaler Ebene sind eine Vielzahl multilateraler Organisationen tätig, die auch in den Reformländern des Ostens eine bedeutende Rolle spielen könnten. Ich denke hierbei an den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die OECD und schließlich
die Europäische Gemeinschaft und die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Jede dieser
Einrichtungen kann auf ihre Art wirtschaftliche Unterstützung leisten. Meine Regierung befürwortet grundsätzlich die Mitgliedschaft der osteuropäischen Länder
in diesen Organisationen, vorausgesetzt sie erfüllen
die Beitrittsbedingungen.
Auf dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli letzten
Jahres vereinbarten die Staats- und Regierungschefs
der Teilnehmerstaaten, die Wirtschaftshilfe für Osteuropa zu koordinieren. Insgesamt 24 Industrieländer
haben sich zu dieser sogenannten G-24-lnitiative zusammengefunden, und die Europäische Gemeinschaft
erfüllt mit Erfolg die ihr aufgetragene Koordinierungsaufgabe.

*

AMERIKA DIENST 19

Wir gehen davon aus, daß die Europäische Gemeinschaft eine Schlüsselrolle bei der Schaffung einer
neuen europäischen Architektur einnehmen wird. Die
EG steht gegenwärtig vor zwei wichtigen Herausforderungen: Erstens, die Vollendung des Binnenmarktes
bis Ende 1992; und zweitens, die Einbeziehung der
anderen europäischen Staaten in seine politischen
und wirtschaftlichen Strukturen. Die Vereinigten Staaten haben stets eine gewichtigere Rolle der Europäischen Gemeinschaft befürwortet. In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, daß wir größten
Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der EG in
allen Bereichen legen.
Die vor kurzem in Bonn zu Ende gegangene Konferenz
über wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa hat
der ökonomischen Seite des KSZE-Prozesses neue
Impulse gegeben. Auf dieser Konferenz haben die 35
Mitgliedstaaten sich mit den praktischen Problemen
befaßt, die sich bei der Umwandlung einer Planwirtschaft in ein marktwirtschaftliches System ergeben.
Die Teilnehmer fanden einen breiten Konsens und
vereinbarten eine enge Zusammenarbeit. Das Ergebnis ging weit über unsere Erwartungen von vor sechs
Monaten hinaus.
Lassen Sie mich mit ein paar Gedanken über die Welt
von morgen schließen. Ich stelle mir eine Staatengemeinschaft vor, in der alle gemeinsam für eine bessere
Zukunft arbeiten. Wir stehen heute vor Aufgaben, die
die ganze Menschheit angehen und die eine Nation
allein nicht lösen kann. Ich denke dabei an Umweltprobleme wie den Treibhauseffekt oder den internationalen Terrorismus und Drogenhandel. Wir wissen, die
internationale Zusammenarbeit gestaltet sich in vieler
Hinsicht als schwierig. Konkrete Ergebnisse lassen
sich kaum über Nacht erzielen. Aber im letzten Jahr
haben wir gesehen, wie atemberaubende Ereignisse
uns in wenigen Tagen in eine neue Zeit versetzen
können. Ich glaube, noch nie in diesem Jahrhundert
bestand eine so günstige Gelegenheit, gemeinsam
eine bessere Welt zu schaffen. Wir sollten diese
Chance nutzen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

Seite 5

�WELTBANK
16. Mai 1990

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT DER
WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Staatssekretär Mulford vor Entwicklungsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Die Weltbank sollte bei all ihren Maßnahmen der Entwicklung des Privatsektors höhere
Priorität einräumen. Dies erklärte der Staatssekretär im US-Finanzministerium, David Mulford, vor dem
Entwicklungsausschuß der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds am 8.Mai 1990 im Rahmen der
Frühjahrstagung der beiden Institutionen in Washington.
In der Erklärung, die Mulford stellvertretend für den amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady vortrug,
wurde darüber hinaus kritisiert, daß sich ein für dieses Treffen erstellter Umweltbericht primär auf den Vorschlag
zur Einrichtung eines neuen Umweltfonds konzentriert und eine Reihe wichtiger Fragen in bezug auf die
bestehenden Umweltprogramme der Bank außer acht läßt. Der zuerst von Frankreich angeregte Fonds würde
zinsgünstige Kredite für Umweltschutzprojekte mit weltweiten Auswirkungen anbieten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die amerikanische Erklärung im Wortlaut.

Heute morgen möchte ich auf drei Themen eingehen:
1.

Die Fortschritte aufgrund der verbesserte Schuldenstrategie, einschließlich der Bedeutung ausländischer Investitionen und der Rückkehr von
Fluchtkapital.

2.

Die Rolle des Privatsektors bei der Entwicklung.

3.

Die Behandlung von Umweltfragen in der Weltbank.

Die verbesserte Schuldenstrategie
Ich begrüße die im Rahmen der verbesserten Schuldenstrategie erzielten Fortschritte. Sechs hochverschuldete Länder haben Vereinbarungen mit den
Geschäftsbanken abgeschlossen. Die internationalen
Institutionen, die Regierungen der Gläubigerstaaten
und die Geschäftsbanken haben alle dazu beigetragen, die Reformbemühungen der Schuldner auf der
Grundlage des neuen Ansatzes zu unterstützen.

tisierung öffentlicher Unternehmen und die Entwicklung konkurrenzfähiger Volkswirtschaften sind ein
unerläßlicher Teil dieser Reformen.
Die Schuldner müssen die Investitionsbestimmungen
liberalisieren und funktionierende Kapitalmärkte im
Inland schaffen, um konkurrenzfähige Volkswirtschaften zu entwickeln und ausländisches Kapital anzuziehen. Die internationalen Finanzinstitutionen sollten
diese Bestrebungen ergänzen und eine aktivere Rolle
bei der Reform der Investitionsbestimmungen übernehmen. Sie sollten beispielsweise sektorgebundene
Anleihen für den Investitionsbereich entwickeln und
Maßnahmen zur Liberalisierung direkter Investitionsmaßnahmen bei kurzfristigen strukturellen und sektoralen Krediten einbeziehen. Die Programme zur
Umwandlung von Schuldtiteln in Beteiligungskapital
können ebenfalls ein wichtiges Element der Anpassungsprogramme darstellen und zum generellen
Schuldenabbau beitragen.
Die Rolle des Privatsektors

Die Schuldnerländer profitieren bereits davon. Die
Schuldenlast wurde reduziert, Fluchtkapital kehrt zurück und das Vertrauen der Investoren wächst. Um
jedoch sicherzustellen, daß diese Vorteile von Dauer
sind, müssen die Reformbemühungen weitergeführt
werden. Maßnahmen zur Förderung ausländischer
Investitionen und Rückführung von Kapital, die PrivaAMERIKA DIENST 19

Ein damit in Zusammenhang stehendes umfassenderes Thema ist die Bedeutung, die dem erweiterten
Beitrag des Privatsektors zur Entwicklung zukommt.
Die Entwicklungsländer haben allmählich erkannt, daß
ein dynamischer Privatsektor der Schlüssel zu kontinuierlicher Entwicklung und wirtschaftlichem WohlSeite 1

�stand ist. Die Vereinigten Staaten begrüßen diese
Veränderung und unterstützen und ermutigen sie auf
vielfältige Weise.
Die Weltbankgruppe kann das Wachstum des Privatsektors in den Schuldnerländern sehr gut fördern. Die
Weltbank sollte der Rolle des Privatsektors im Entwicklungsprozeß größere Bedeutung beimessen.
Da die Weltbank die Hauptquelle für die Vergabe von
kurzfristigen Krediten ist, kann sie den Entwicklungsländern bei der Einführung der erforderlichen makroökonomischen strukturellen und institutionellen Veränderungen behilflich sein. Die Bank sollte der Entwicklung des Privatsektors höhere Priorität beimessen
und sie über das gesamte Spektrum der Banktransaktionen hinweg institutionell verankern. Mangelnde Anreize für das Wachstum des Privatsektors und die Mobilisierung von Privatkapital könnten dauerhaftes Wachstum unterminieren.
Dieses Thema wird heute nachmittag erörtert. Angesichts der entscheidenden Bedeutung dieses Themas
und der Vielzahl anderer Tagesordnungspunkte fürdie
Nachmittagssitzung schlage ich jedoch vor, daß der
Ausschuß die Entwicklung des Privatsektors einschließlich der Mobilisierung von Privatkapital als erstes Diskussionsthema bei der nächsten Sitzung im September wiederaufgreift.
Die Umwelt
Abschließend möchte ich einige Bemerkungen zur
Umwelt machen. Die Vereinigten Staaten messen
diesem Problem große Bedeutung bei. Beim letzten
Jahrestreffen der Weltbank im September hat Präsident Bush eine größere Betonung der Umweltproblematik im nationalen Entscheidungsfindungsprozeß
gefordert, und zwar vor allem im Hinblick auf die

*

Seite 2

*

bessere Nutzung von Energie, Energiesparmaßnahmen und umfassenderen Schutz der tropischen Regenwälder. Die Vereinigten Staaten sind bestrebt, daß
die Weltbank ökologische Erwägungen in ihre Kredite
einbezieht und fördern den Einsatz von Mitteln mit
positiven Auswirkungen auf die Umwelt und entsprechende Aktionspläne.
Die Vereinigten Staaten haben die Methode des Schuldenerlasses im Austausch gegen Maßnahmen für die
Umwelt unterstützt, um Wälder und Feuchtgebiete zu
erhalten. Erst vor kurzem sind in einer Reihe von
Ländern entsprechende Verträge unterzeichnet worden. Obwohl es hier um vergleichsweise geringe
Beträge ging, ist ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen worden. Unserer Ansicht nach kann dieser Mecha
nismus noch innovativer verwendet werden und wir
ermutigen die Weltbank, eine noch aktivere Rolle bei
seiner Durchführung zu spielen. Zum Beispiel könnten
projektgebundene oder sektorale Kredite von der Bank
teilweise benutzt werden, um Schuldenerlaß gegen
Umweltmaßnahmen finanzieren zu helfen.
Die Bank hat für unser heutiges Treffen einen Umweltbericht vorbereitet. Dieser beschäftigt sich jedoch
vordringlich mit dem Green Fund und geht nicht auf
eine Reihe wichtiger Fragen im Zusammenhang mit
den bestehenden Umweltprogrammen der Weltbank
ein, wie es beim Treffen dieses Ausschusses im
September vergangenen Jahres gefordert worden war.
Die Weltbank hat im Bereich Umwelt große Fortschritte erzielt, es bleibt jedoch noch viel zu tun. Wir
schlagen vor, daß die im Herbst letzten Jahres angeforderten Informationen dem Ausschuß für sein nächstes Treffen im September zur Verfügung gestellt
werden, so daß eine Bilanz der Fortschritte der Weltbank gezogen wird und weitere Fortschritte auf den
Weg gebracht werden können.

*

*

AMERIKA DIENST 19

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10838">
                <text>16.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10839">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10840">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10841">
                <text>Amerikadienst 16.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10842">
                <text>&lt;strong&gt;1. Osteuropa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush nennt Wege zur Förderung der Demokratie in Osteuropa &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der University of South Carolina&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Deutschlandpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten, das Bündnis und die neue Gestalt Europas &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters bei AP&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Deutsche Einheit Schlüssel für Europas Zukunft &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in New York&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Amerikanisch-sowjetische Beziehungen&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Rüstungskontrolle &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Überregionale Probleme &lt;em&gt;&lt;br /&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Umfassende Überprüfung der NATO-Strategie erwartet &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerikanische Wirtschafts- und Handelspolitik im veränderten Ost-West-Verhältnis &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters in Frankfurt&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Weltbank&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA für verstärktes Engagement der Weltbank im Privatsektor &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Unterstaatssekretär Mulford vor Entwicklungsausschuß&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2143" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2154">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/c4b99f2f3e3601efb39f44b80f4c60d0.pdf</src>
        <authentication>89d0feb371f3c9090ae8066ee31d37e6</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10837">
                    <text>cimGrikci
dienet

z

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

-n

*&gt; ^

&amp; .#.4
.y s&gt;
c- a.'•'"
£ /? /•' .4
9. Mai 1990

18
j£
&gt;

ZWEI-PLUS-VIER-GESPRACHE

BAKER:VIERMACHTESTATUS FÜR BERLIN
SOLLTE BEENDET WERDEN
Erklärung des Außenministers bei
Zwei-plus-Vier-Gesprächen

NATO

BUSH:VEREINIGTES DEUTSCHLAND SOLL
MITGLIED DER NATO SEIN
Rede bei der Examensfeier der
Oklahoma State University

US-AUSSENPOLITIK

USA UNTERSTUTZEN SELBSTBESTIMMUNGSRECHT FÜR LITAUEN
Rede von Außenminister Baker vor
dem Senat

COCOM

UMFASSENDER US-VORSCHLAG ZUR
NEUGESTALTUNG DES COCOM
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ZWEI-PLUS-VIER-GESPRACHE
9. Mai 1990

BAKER: VIERMÄCHTESTATUS FÜR BERLIN
SOLLTE BEENDET WERDEN
Erklärung des Außenministers bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen
BONN - (AD) - In seiner Erklärung zur Eröffnung der Zwei-plus-Vier-Gespräche in Bonn hat der amerikanische
Außenminister Baker am 5. Mai 1990 seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, daß nach einer Vereinigung
beider deutscher Staaten in allseitig anerkannten Grenzen "die vier Mächte ihre Pflichten voll und ganz erfüllt
haben werden". Es sei deshalb "für diese Gruppe eine primäre Aufgabe, eine Formel zu erarbeiten, mit der alle
verbleibenden Rechte und Pflichten der vier Mächte beendet und auf ein völlig souveränes Deutschland
übertragen werden - ein Deutschland, das auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen
Demokratischen Republik und Berlins vereinigt ist".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Außenministers im Wortlaut.

Wir alle haben das Glück, in diesem Zeitalter großer
Ereignisse zu leben. Und heute haben wir sechs durch
unsere Zusammenarbeit eine Aufgabe zu lösen, die
einen der großartigsten Vorgänge in dieser außergewöhnlichen Zeit betrifft.
Als Staatsdiener ruhen auf uns nicht nur die Hoffnungen und Erwartungen unserer Regierungen, sondern
auch der Bürger Europas und Amerikas - vergangener,
heutiger und künftiger Generationen. Wir stehen vor
der Herausforderung, über die Vergangenheit herauszuwachsen.
Denn wir treffen uns heute, weil ein historischer Prozeß stattfindet: die Vereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit. Heute vollziehen wir einen Akt der
Anerkennung - eines zu lange getrennten Volkes,
eines zu lange geteilten Kontinents.
Wenn sie die Erlangung der Freiheit und Einheit Deutschlands unterstützen, können meiner Überzeugung nach
alle Staaten und Völker Europas die Gewinner sein.
Dies sollte unser Ziel sein. Das ist die Vision, die
zukunftsgerichtet ist und nicht vergangenheitsorientiert.
Die Vereinigten Staaten betrachten dies als Verwirklichung eines Zieles, das sie seit über vierzig Jahren mit
dem deutschen Volk gemeinsam verfolgt haben. Wir
gehen davon aus, daß das wichtigste Ziel dieses Zwei-

AMERIKA DIENST 18

plus-Vier-Prozesses darin besteht, die Vereinigung
der beiden deutschen Staaten zu erleichtern, während
das deutsche Volk auf der Grundlage freier und demokratischer Selbstbestimmung über seine Zukunft entscheidet. Wir streben ein vereinigtes, souveränes
Deutschland an, das auf der festen Grundlage universeller demokratischer Werte aufgebaut ist und in seinem Handeln die Interessen anderer Mitglieder der
europäischen und weltweiten Staatengemeinschaft
angemessen berücksichtigt. Wir sind diesem Ziel
verpflichtet - rechtlich und moralisch.
Wir sind davon überzeugt, daß ein vereinigtes Deutschland uns allen beim Aufbau eines ungeteilten, freien
Europas ein vollwertiger und konstruktiver Partner
sein wird. Die Geschichte der Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an der Weltpolitik der vergangenen vierzig Jahre bietet uns das sicherste Anzeichen
für das Engagement der Deutschen für Frieden und
internationale Zusammenarbeit. Und die Erklärung
der ersten demokratisch gewählten Regierung der
Deutschen Demokratischen Republik ist der Beweis,
daß diese Bestrebungen vom Volk der DDR voll und
ganz geteilt werden.
Als Ergebnis der demokratisch zustandegekommenen Entscheidungen in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik
ist der Vereinigungsprozeß bereits erheblich vorangeschritten. Über Zeitpunkt und Form dieser VereiniSeite 1

�gung mu ß noch entschieden werden. Unserer Ansicht
nach und auch der Erklärung zufolge, auf die sich die
Sechs in Ottawa geeinigt haben, sollen diese inneren
Fragen von den Deutschen selbst durch ihre demokratisch gewählten Vertreter entschieden werden.
Wenn ein vereinigtes und demokratisches Deutschland in allseitig anerkannten Grenzen gebildet ist,
werden die Vier Mächte ihre Pflicht voll und ganz erfüllt
haben. Für ein Weiterbestehen von Sonderrechten
wird keine Grundlage mehr bestehen. Es wird deshalb
für diese Gruppe eine primäre Aufgabe sein, eine
Formel zu erarbeiten, mit der alle verbleibenden Rechte und Pflichten der vier Mächte beendet und auf ein
völlig souveränes Deutschland übertragen werden ein Deutschland, das auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen
Republik und Berlins vereinigt ist. Wir müssen unsere
Bemühungen auf die Substanz einer abschließenden
Regelung konzentrieren, nicht auf Symbole der Vergangenheit.

die am besten andernorts gelöst werden - etwa in den
KSE- oder VSBM-Gesprächen, den bevorstehenden
Gesprächen über nukleare Kurzstreckenwaffen oder
der KSZE. Dieser Ansatz kann die betroffenen europäischen Staaten einschalten und Maßnahmen zu
wichtigen äußeren Fragen sicherstellen, ohne Deutschland auszuschließen und damit eine Saat zukünftiger
Instabilität zu säen.
Die Vereinigung Deutschlands sollte ein Anreiz sein,
umfassendere kooperative Strukturen der Zusammenarbeit zwischen Ost und West zu stärken und institutionalisieren. Wie die gestrige Rede von Präsident
Bush erneut bewiesen hat, sind wir bereit, uns für
diesen Prozeß zu engagieren. Unser Erfolg hier wird
ein wichtiger Schritt nach vorn sein und unseren
gemeinsamen Bemühungen in anderen Foren starke
Impulse verleihen.
Wir haben uns auf vier Tagesordnungspunkte verständigt. Ich möchte auf jeden kurz eingehen.

Indem wir dies tun, sollten wir uns alle darum bemühen, vollständige, gleiche und kooperative Beziehungen zwischen einem vereinigten Deutschland und den
Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft
zu fördern. Es sollte nicht versucht werden, Deutschland zu singularisieren. Einem souveränen Staat
diskriminierende Beschränkungen aufzuerlegen, kann
nur zu Ressentiments, Instabilität und Konflikten führen. Gleichermaßen würden Versuche, die Selbstbestimmung zu hemmen, der Entwicklung einer rechtmäßigen und harmonischen Weltordnung Schaden zufügen.

Zu den Grenzen haben die beiden deutschen Staaten
und Polen bereits die Zusammenarbeit aufgenommen, um jeden Rest von Zweifeln an ihrer gegenseitigen Verpflichtung auf die heutige Grenze auszuräumen. Unsere Position ist eindeutig. Wir respektieren
die Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki - daß
die bestehenden Grenzen zwischen den Unterzeichnern der Akte unantastbar sind und sich nur friedlich
verändern lassen. Wir gehen ferner davon aus, daß
wir uns alle darauf verständigen können, daß ein
vereinigtes Deutschland das heutige Territorium der
Bundesrepublik, der DDR und Berlins umfassen sollte
- nicht mehr und nicht weniger.

Die Vereinigung wird für jeden von uns wichtige Auswirkungen auf seine Beziehungen zu Deutschland und
auch auf die Stellung Deutschlands in der neu entstehenden europäischen Ordnung haben. Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß andere unter den Vier
legitime Interessen haben, die als Teil dieses Zweiplus-Vier-Prozesses der Klärung bedürfen. Wir gehen
davon aus, daß dieses Forum der geeignete Ort für
solche Gespräche sein könnte, aber wir sind auch der
Ansicht, daß dieses Forum nur zu solchen Fragen
Beschlüsse fassen sollte, die sich auf die Rechte und
Pflichten der Vier Mächte beziehen.

Zu den sicherheitspolitischen Fragen sind wir der Auffassung, daß die Sechs zwar zahlreiche Themen
erörtern können, wir aber primär als "Lenkungsgruppe" handeln sollten. Die meisten dieser Fragen haben
Auswirkungen auf andere Staaten als die Sechs.
Aufgrund dessen sollten sie in breiter angelegten
Foren behandelt werden, insbesondere in den KSEund VSBM-Gesprächen. Auf diese Weise können
sowohl die Souveränität Deutschlands als auch gesamteuropäische Interessen anerkannt und gesichert
werden.

Natürlich sind wir mit Blick auf umfassendere europäische Interessen zu diesem Treffen gekommen. Aber
wir - die Sechs - haben von anderen Nationen kein
Mandat zur Vertretung ihrer Interessen erhalten. Aus
diesem Grund werden zahlreiche Fragen, die für uns
von besonderem Interesse sind, Konsultationen und
Entscheidungen im Rahmen anderer, breiter angelegter Foren erfordern.

Im Hinblick auf Berlin erwarten wir die Beendigung des
Viermächtestatus in geordneter Weise. Schließlich
müssen wir eine endgültige Regelung gemäß dem
Völkerrecht vorbereiten und die Rechte und Pflichten
der Vier Mächte beenden. Diese Bemühungen müssen zukunftsgerichtet sein und sich nicht vom Vermächtnis der Vergangenheit fesseln lassen. Wir sollten diese Rechte und Pflichten rasch, aufrichtig und
rechtlich bindend auflösen.

Unseres Erachtens sollten die Zwei-plus-Vier im allgemeinen als "Lenkungsgruppe" handeln, die solche
äußeren Fragen im Hinblick auf die Einheit Deutschlands an die geeigneten europäischen Foren verweist,

Lassen Sie mich mit einem Punkt zum Schluß kommen, der einen treffenden Satz meines Freundes,
Außenminister Genscher, zur Grundlage hat: Wir

Seite 2

AMERIKA DIENST 18

�wollen ein europäisches Deutschland. Als die Berliner
Mauer am 9. November des vergangenen Jahres
zusammenbrach, sahen wir, wie Deutschland wieder
zu einem Ganzen gemacht wurde. Wir sahen jedoch
auch, wie Europa vereinigt wurde. Denn es ist unmöglich, ein ungeteiltes und freies Europa zu haben oder
ein Gemeinsames Europäisches Haus zu bauen, wenn
Deutschland nicht ungeteilt und frei ist. Indem sie die
Mauer niederrissen, trugen die Bürger Berlins dazu
bei, Deutschland zu einigen, und sie trugen ebenfalls
dazu bei, Europa zu einen.

AMERIKA DIENST 18

Die Unvermeidlichkeit und Erwünschtheit der Vereinigung Deutschlands sind eine Tatsache. Das gleiche
gilt für die Unvermeidlichkeit und Erwünschtheit der
europäischen Aussöhnung und Integration. Heute
unternehmen wir hier gemeinsame Schritte für Europa
und für Deutschland, wie die Bürger Berlins es am 9.
November des letzten Jahres taten.
Dies ist unser Auftrag. Es ist eine ehrenvolle Pflicht,
und ich bin glücklich, daß wir die Chance haben
werden, sie gemeinsam zu erfüllen.

Seite 3

�NATO
9. Mai 1990

BUSH: VEREINIGTES DEUTSCHLAND SOLL
MITGLIED DER NATO SEIN
Rede bei der Examensfeier der Oklahoma State University
STILLWATER (Oklahoma) - (AD) - Präsident Bush zufolge soll der bevorstehende NATO-Gipfel "erneut
bekräftigen, wie wichtig es ist, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO ist.
Bei der Examensfeier der Oklahoma State University (OSU) am 4. Mai 1990 erklärte Bush, die künftige politische
Mission des Bündnisses sei "die vordringlichste Aufgabe, der sich der NATO-Gipfel verschreiben sollte".
Der Präsident erläuterte ferner: "Angesichts der schwindenden militärischen Bedrohung kommt der politischen
Dimension der Arbeit der NATO - die stets vorhanden ist, aber kaum beachtet wird - grö ßere Bedeutung zu. Beim
NATO-Gipfel sollten wir Wege aufzeigen, um unseren deutschen Freunden bei der Bewahrung der Freiheit und
Wiederherstellung der Einheit behilflich zu sein."
In seiner Rede vor der OSU schlug Bush vor, der Gipfel sollte bei seiner anstehenden Überprüfung der NATOStrategie auf vier wichtige Punkte eingehen:
Die politische Rolle der NATO in einem neuen Europa.
Die konventionellen Streitkräfte, die das Bündnis in Zukunft benötigt und die Ziele der NATO bei der
konventionellen Rüstungskontrolle.
Die Rolle der in Europa stationierten Atomwaffen und die westlichen Ziele bei den neuen Verhandlungen
über Nuklearstreitkräfte zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Die Stärkung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), zur Unterstützung
der NATO und zum Schutz demokratischer Werte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Im Amerika der Nachkriegszeit konnten Frieden und
Wohlstand entstehen. Aber während sich die freie
Welt erholte, waren die Länder Osteuropas hinter
einem Eisernen Vorhang "isoliert". So begannen
vierzig Jahre Teilung Europas - und vierzig lange Jahre
des Mißtrauens zwischen den Supermächten.
Sie beenden heute ebenfalls eine Zeit vieler Konflikte
- einen Kampf anderer Art - einen kalten und abstrakten Kampf der Worte und Mauern. Jetzt treten auch
Europa und die ganze Welt in ein neues Zeitalter ein das Zeitalter der Freiheit.
Ich hoffe, Sie werden mir vergeben, daß ich dieses
Forum hier an ihrer berühmten Universität dazu nutze,
um ein sehr ernstes Thema abzuhandeln.

AMERIKA DIENST 18

Ich möchte bei jeder Examensfeier, zu deren Anlaß ich
in diesem Jahr eine Rede halte, von der Macht und den
Möglichkeiten demokratischer Veränderungen sprechen. Heute werde ich den Anfang machen, indem ich
auf Amerikas Stellung im neuen Europa eingehe.
Manche von Ihnen mögen sich fragen, was uns ein
Kontinent, der 4 000 Meilen entfernt ist, kümmert.
Durch große Umwälzungen in Europa wurden die
Amerikaner im Laufe ihrer Geschichte gezwungen, zu
reagieren und tiefgreifende Entscheidungen über die
Rolle zu treffen, die sie in der Politik Europas spielen
wollten. Das trifft auf die Zeit der Französischen
Revolution und die nachfolgenden Kriege ebenso zu
wie auf den Ersten Weltkrieg mit seinem zweifelhaften
Frieden und den Zweiten Weltkrieg und die Weltord-

Seite 1

�nung der Nachkriegszeit. Meiner Ansicht nach stehen
wir wieder vor großen Entscheidungen - und einem
wichtigen Zeitpunkt für unser strategisches Verhältnis
mit unseren Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks.
Viele amerikanische Hochschulabsolventen des Jahres 1916 wunderten sich möglicherweise, warum der
weit entfernte Krieg, der in ihren Zeitungen Schlagzeilen machte, etwas mit ihnen zu tun haben sollte.
Vielleicht vertraten sie auch die Auffassung von Präsident Wilson, der damals erklärte: "Wir sind nicht
interessiert" an den Ursachen des Krieges, an "den
dunklen Tiefen, aus denen diese Flut entsprungen ist".
Aber nur ein Jahr später wurden die jungen Menschen
und ihr Land von der Flut mitgerissen, die sie in die
Schützengräben Frankreichs trieb.
Nach dem Krieg gaben wir die aktive Beteiligung an der
europäischen Politik auf. Statt dessen bemühten wir
uns um einen Vertrag, der den Krieg ächtete, und als
diese Ächtungen sich verfestigten, verabschiedeten
die Vereinigten Staaten neue Neutralitätsgesetze. Eine
neue Generation von Amerikanern nahm jetzt überall
an den Abschlußfeiern der Universitäten in dem Bewußtsein teil, der Krieg würde sie verschonen. Aber
als der Krieg ausbrach, mußten sie einen hohen Preis
für die Isolation Amerikas zahlen.
Bei Kriegsende stellten diese Studenten unsere Rolle
bei der Zukunft Europas nicht mehr in Frage. Sie
fragten nicht mehr, was Europa mit ihnen zu tun habe,
weil sie die Antwort bereits kannten.
Vor etwa einem Jahr habe ich in Deutschland das
Europa definiert, für das sich unser Land einsetzt: ein
friedliches, stabiles Europa - ein ungeteiltes und freies
Europa. Heute ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt.
In einer Zeit der Unsicherheit, aber großer Hoffnungen
treten wir in ein neues Zeitalter der Freiheit ein. In den
aufstrebenden Demokratien Osteuropas finden soziale, politische und wirtschaftliche Umwälzungen statt,
die verkrustete, zentralisierte Bürokratien aufbrechen,
von denen die Initiative vieler Generationen erstickt
wurde.
In dieser Zeit der Veränderungen, in der die Nachkriegszeit und das Containment überwunden werden,
können wir nicht wissen, welche Wahl die Menschen in
Osteuropa im Hinblick auf ihre Zukunft treffen werden.
Der Prozeß der Veränderungen in der Sowjetunion
befindet sich ebenfalls noch in der Schwebe. Es bleibt
zum Beispiel abzuwarten, ob Moskau sich bei seiner
Reaktion auf die Hoffnungen des litauischen Volkes
und der Volksgruppen in der Sowjetunion des Zwangs
oder des friedlichen Dialogs bedient. Die einzig richtige Antwort wäre ein Dialog, der zur unbelasteten
Selbstbestimmung Litauens führt.

Seite 2

Präsident Gorbatschow hat in seinem Land tiefgreifende Fortschritte erzielt. Die Reformen sind so grundlegender Art, daß die Uhr nicht zurückgedreht werden
kann. Aber wir können die Uhr auch nicht vorstellen,
um zu erfahren, was für ein Land die Sowjetunion in
den nächsten Jahren sein wird.
Um der gemeinsamen Zukunft mit Europa willen müssen
unsere Politik und Präsenz dieser Übergangszeit
angemessen sein - und eine Kontinuität und Verläßlichkeit aufweisen, die unseren alten und neuen Freunden Sicherheit gibt.
Meine europäischen Amtskollegen wollen, daß die
Vereinigten Staaten Teil der Zukunft Europas werden.
Meiner Ansicht nach haben sie Recht. Die Vereinigten
Staaten sollten im weitesten Sinne - politisch, militärisch und wirtschaftlich - eine europäische Macht bleiben. Und als Teil unserer weltweiten Verpflichtung ist
und bleibt die NATO Grundlage des friedlichen amerikanischen Engagements in Europa.
Aus den Lektionen des Krieges haben wir für den
Frieden gelernt und gemeinsam mit den freien Ländern Europas eine Atlantische Gemeinschaft - ein
dauerhaftes politisches Bündnis - gebildet. Unser
Engagement in Europa hat bedeutet, daß die Europäer
Amerika als Teil der Zukunft ihres Kontinents akzeptieren und unsere Interessen insgesamt berücksichtigen.
Unser Engagement betrifft nicht nur Verteidigung,
sondern es muß eine wohldosierte Beteiligung an allen
Bereichen europäischer Politik beinhalten.
Aufgrund unseres politischen Engagements für den
Frieden in Europa hat es auf diesem Kontinent 45
Jahre lang keinen Krieg gegeben. Dieser "lange
Frieden" sollte durch das Weitwinkelobjektiv der
Geschichte betrachtet werden: Europa hat jetzt den
längsten Friedenszeitraum in der Geschichte des
Kontinents erlebt. Das Bündnis ist jetzt bereit, auf
diesen historischen Leistungen aufzubauen und seine
Zielsetzungen für das nächste Jahrhundert zu definieren. Das Bündnis muß also gemeinsam eine neue
Strategie des Westens für die neuen wechselvollen
Zeiten entwerfen.
Nach eingehenden Konsultationen mit Premierministerin Thatcher in Bermuda, Präsident Mitterrand in
Florida, Bundeskanzler Kohl in Camp David und telephonisch oder telegraphisch mit NATO-Generalsekretär Wörner und allen anderen Staats- und Regierungschefs des Bündnisses schlage ich einen baldigen
Gipfel aller NATO-Politiker vor. Eine der vehementesten Verfechterinnen der Freiheit in den letzten zehn
Jahren, Margaret Thatcher, hat mir gesagt, daß wir
trotz der großartigen Erfolge der NATO bereit sein
sollten, uns neuen Herausforderungen zu stellen. Für
das Bündnis ist der Zeitpunkt zum Handeln gekommen.

AMERIKA DIENST 18

�Der Hauptzveck dieses Gipfeltreffens sollte darin
bestehen, eine umfassende Überprüfung der NATOStrategie für das umgestaltete Europa der neunziger
Jahre vorzunehmen. An die Adresse meiner NATOKollegen gewandt, schlage ich vor, daß die Überprüfung beim Gipfeltreffen anhand folgender vier Kriterien
erfolgen sollte:
Erstens der politischen Rolle, die die NATO in einem
neuen Europa spielen kann.
Zweitens der konventionellen Streitkräfte, die das
Bündnis in der Zunkunft benötigt sowie den Zielen der
NATO bei konventioneller Rüstungskontrolle.
Drittens der Rolle der in Europa stationierten Nuklearwaffen - und der Ziele des Westens bei den neuen
Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Viertens der Stärkung der Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa - KSZE - zur Unterstützung der NATO und zum Schutz demokratischer
Werte in einem ungeteilten und freien Europa.
Die erste Aufgabe, die beim NATO-Gipfel erörtert
werden sollte, besteht in der zukünftigen politischen
Funktion des Bündnisses. Angesichts der schwindenden militärischen Bedrohung kommt der politischen
Dimension der Arbeit der NATO - die stets vorhanden
ist, aber kaum beachtet wird - größere Bedeutung zu.
Beim NATO-Gipfel sollten wir Wege aufzeigen, um
unseren deutschen Freunden bei der Bewahrung der
Freiheit und Wiederherstellung der Einheit behilflich zu
sein - ein Ziel, das wir und unsere Verbündeten seit
über 40 Jahren unterstützt haben. Und wir sollten
erneut bekräftigen, wie wichtig es ist, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO ist.
Das Bündnis muß Wege zur engeren Zusammenarbeit mit einer starken Europäischen Gemeinschaft
aufzeigen, die zu Recht ihre eigene Meinung artikuliert. Und in Osteuropa sind die Regierungen, die
einstmals unsere Gegner waren, heute unsere Partner
beim Aufbau eines neuen Kontinents. Wir müssen
ferner darüber sprechen, wie wir den demokratischen
Wandel in Osteuropa und der Sowjetunion weiter
ermutigen können.
Aber selbst wenn die NATO ihrer politischen Aufgabe
größere Bedeutung verleiht, muß sie weiterhin unerschütterlicher Garant der europäischen Sicherheit sein.
Unsere Gegner von heute sind Unsicherheit und Instabilität. Daher muß das Bündnis eine solide kollektive
militärische Struktur mit einsatzbereiten Streitkräften
aufrechterhalten, die von umfangreicheren, in Krisenzeiten einberufen Streitkräften unterstützt werden.
Damit komme ich zur zweiten Aufgabe des NATOGipfels - einer Überprüfung der konventionellen Streitkräfteplanung des Bündnisses. Obwohl wir uns vor

AMERIKA DIENST 18

Augen führen müssen, daß es einige Zeit dauern wird,
bevor die sowjetische Militärpräsenz in Osteuropa
beendet ist - und bevor die von beiden Seiten erwogenen einschneidenden Reduzierungen durchgeführt
werden können - müssen wir eine Strategie für die Welt
von heute entwickeln.
Es liegt auf der Hand, daß dem sowjetischen Vorgehen
entscheidende Bedeutung zukommt. Aber selbst wenn
alle vorgesehenen Reduzierungen der sowjetischen
Streitkräfte abgeschlossen sind und selbst wenn unsere aktuellen Rüstungskontrollvorschläge Zustimmung
finden und verwirklicht werden, stationiert die Sowjetunion immer noch Streitkräfte, die diejenigen aller
anderen europäischen Staaten weit in den Schatten
stellen - und mit Tausenden von Nuklearwaffen ausgerüstet sind. Militärisch bedeutende amerikanische
Streitkräfte müssen so lange auf der anderen Seite des
Atlantiks stationiert bleiben, wie unsere Verbündeten
dies wünschen und benötigen. Diese Streitkräfte
demonstrieren deutlicher als alle Worte das dauerhafte politische Gefüge, das Amerikas Zukunft mit den
Demokratien Europas verbindet.
Wenn der sowjetische Truppenabzug fortgesetzt wird
und unsere Rüstungskontrollbestrebungen erfolgreich
sind, müssen wir Planungen für eine andere militärische Präsenz vornehmen, die sich weniger auf die
Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruchs konzentriert. Wir müssen langfristige Stabilität
fördern und eine Eskalation von Krisen verhindern,
indem wir uns auf reduzierte Streitkräfte verlassen, die
unsere Fähigkeit - und Einsatzbereitschaft - demonstrieren, auf jede mögliche Gefahr zu reagieren.
Der von uns unterbreitete Vertrag über Konventionelle
Streitkräfte in Europa wäre das ehrgeizigste Abkommen über konventionelle Rüstungskontrolle, das je
geschlossen wurde.
Wir müssen diesen Vertrag unverzüglich zum Abschluß bringen und beabsichtigen, ihn beim KSZEGipfeltreffen im Herbst zu unterzeichnen. Beim NATOGipfel müssen wir jedoch weiter in die Zukunft planen
und die Verhandlungen nach Abschluß eines KSEVertrags vorbereiten. Beim NATO-Gipfel müssen die
Zielsetzungen des Bündnisses für diese Gespräche
entwickelt werden.
Drittens sollte beim NATO-Gipfeltreffen die Zukunft
der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa
analysiert werden. Während die Demokratien in Osteuropa aufstreben, sowjetische Truppen abgezogen
und Panzer verschrottet werden, besteht weniger
Notwenigkeit für Nuklearsysteme kürzerer Reichweite. Beim NATO-Gipfel sollte die Arbeit im Bündnis an
der Festsetzung einer Mindestzahl von Waffen und
Waffentypen beschleunigt werden, die zur Abschrekkung eines Kriegs erforderlich sind - und zwar glaubwürdig und effektiv.

Seite 3

�In Lichte dieser neuen politischen Gegebenheiten und
der begrenzten Reichweite und Flexibilität der in Europa stationierten Nuklearraketen kürzerer Reichweite
habe ich unseren Plan zu Herstellung neuer, modernerer nuklearer Kurzstreckenraketen als Nachtolgemodell für die heute in Europa stationierte LANCE-Rakete
überprüft. Forschung und Entwicklung dieser neuen
Raketen sind praktisch abgeschlossen. Dennoch habe
ich nach Konsultationen mit unseren Verbündeten
beschlossen, vom LANCE-Nachfolgeprogramm Abstand zu nehmen. Darüber hinaus habe ich mich
gegen die weitere Modernisierung der in Europa stationierten amerikanischen nuklearen Artilleriegranaten
entschieden.
Es sind immer noch amerikanische - und sehr viel mehr
sowjetische - nukleare Kurzstreckensysteme in Europa stationiert. Wir sind bereit, auch über den Abbau
dieser Streitkräfte in einer jetzt festgelegten Reihe von
Rüstungskontrollgesprächen zu verhandeln.
Beim NATO-Gipfeltreffen werde ich meine Kollegen
auffordern, sich auf einen Rahmen für diese zukünftigen amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen zu
einigen und diese Gespräche im Bündnis vorzubereiten. Ferner schlage ich vor, da ß diese neuen amerikanisch-sowjetischen Gespräche unmittelbar nach Unterzeichnung eines KSE-Vertrags über Konventionelle
Streitkräfte aufgenommen werden.
Mit diesen Schritten wollen die Vereinigten Staaten
verhindern, daß Europa eher zum Schauplatz eines
konventionellen Kriegs wird. Wenige Lektionen der
Geschichte sind so eindeutig wie diese: Nur die
Kombination von konventionellen und Nuklearstreitkräften hat den Frieden in Europa gesichert.
Alle Aspekte des amerikanischen Engagements in
Europa - die militärischen, politischen und wirtschaftlichen - müssen sich jedoch ergänzen. Und sie alle
laufen an einem Ort zusammen - der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - einer
Organisation mit 35 Teilnehmerstaaten aus Europa
und Nordamerika. Die KSZE steht bereits als Symbol
für Menschenrechte und Freiheit des einzelnen. Jetzt
muß sie eine erweiterte Rolle übernehmen.
Die vierte Aufgabe des NATO-Gipfels besteht also
darin, gemeinsame Ziele des Bündnisses für die Zukunft der KSZE zu erarbeiten. Sie kann den erfolgreichen demokratischen Kräften in Osteuropa beistehen,
ihre Revolution zu vollenden und ihnen - wenn sie der
internationalen freien Staatengemeinschaft beitreten ein Mitspracherecht in dem neuen Europa einräumen.
Die KSZE sollte neue Richtlinien für den Aufbau freier
Gesellschaften anbieten - einschließlich der Festsetzung von Normen für wirklich freie Wahlen, Verabschiedung von Maßnahmen zur Festigung der Rechtsstaatlichkeit und Hilfestellung bei dem notwendigen,

Seite 4

aber schwierigen Übergang von Plan- zu freien Marktwirtschaften.
Darüber hinaus kann die KSZE ein Forum für politischen Dialog in einem geeinten Europa bieten. Ich
stimme denjenigen zu, die regelmäßige Konsultationen zwischen hochrangigen Vertretern der KSZEMitgliedstaaten gefordert haben. Wir sollten erwägen,
ob neue KSZE-Mechanismen dazu beitragen können,
Kontroversen in Europa abzuschwächen und zu schlichten. Meines Erachtens sollten meine Amtskollegen im
Bündnis und ich uns dahingehend einigen, diese neuen
Ideen beim KSZE-Gipfeltreffen Ende dieses Jahres im
Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines KSEVertrags aufzugreifen.
In Osteuropa - auf dem gesamten Kontinent - hat der
Triumph der Demokratie das Anlitz der Welt in sein
warmes Licht getaucht. Aber das Ergebnis dieses
Kampfes um Freiheit ist nicht vorbestimmt und ist nicht
Wundern zu verdanken.
Alle von Ihnen, die heute von dieser Universität abgehen, sind Zeugen einer historischen Entscheidung für
das Engagement der Vereinigten Staaten an der Zukunft
Europas. Ich bin überzeugt, daß unsere Arbeit am
Schutz der Freiheit und dem Aufbau freier Gesellschaften unseren Frieden und Wohlstand gewährleisten wird.
Die Sicherheit Europas und der Welt ist in diesem
Jahrhundert sehr komplex geworden. Aber die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu Stabilität und
Frieden liegt klar auf der Hand. Ihre Motivation leitet
sich aus der Stärke unserer Vorväter ab - aus dem Blut
derjenigen, die für die Freiheit ihr Leben gelassen
haben - und zum Wohle aller, die in Frieden leben
wollen.
Jede Stimme, die Verpflichtung jedes einzelnen zu
Freiheit, ist von unschätzbarem Wert. Ich möchte
Ihnen hier die Geschichte von einem Mann erzählen,
der versucht, seinen Sohn davon zu überzeugen, daß
im Kampf für Freiheit jede Stimme zählt.
Sie standen in einem Tal und sahen, wie der Schnee
auf einen entfernten Berg fiel.
"Wieviel wiegt eine Schneeflocke?", fragte der Mann.
"Praktisch nichts", antwortete der Junge.
In dem sie umgebenden Schneetreiben sahen sie, wie
sich oben am Berg eine Lawine löste und donnernd zu
Tal stürzte. "Weißt du, welche Schneeflocke das
verursacht hat?", fragte der alte Mann. "Nein", antwortete der Junge.
"Vielleicht macht eine einzige Stimme im Kampf für
Freiheit einen ebenso himmelweiten Unterschied wie
die letzte Schneeflocke, die einen Berg erschüttert",
sagte der Mann.

AMERIKA DIENST 18

�Die Aufgabe der Vereinigten Staaten in Europa kann
ebenso wie Millionen für Freiheit getroffene Einzelentscheidungen einen himmelweiten Unterschied machen. Der Ruf nach Freiheit - in Osteuropa, Südafrika,

AMERIKA DIENST 18

auf diesem Kontinent - wurde mit der Revolution von
1989 auf der ganzen Welt vernommen. Stimmen Sie
heute, in diesem neuen Zeitalter der Freiheit, in diesen
donnernden Chor ein.

Seite 5

�US-AUSSENPOLITIK
9. Mal 1990

USA UNTERSTÜTZEN SELBSTBESTIMMUNGSRECHT
FÜR LITAUEN
Rede von Außenminister Baker im Senat
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge beziehen die Vereinigten Staaten "eine eindeutige und
unerschütterliche Position im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des litauischen Volkes".
In einer Rede im Senat verwies Baker am 1. Mai 1990 darauf, daß die von den Vereinigten Staaten verfolgte
Politik zu Freiheit und Demokratie für die Bevölkerung der DDR und Ungarns sowie zum Abzug sowjetischer
Truppen aus diesen Ländern geführt hat.
Auf die Frage, ob die Vereinigten Staaten der Sowjetunion Meistbegünstigungsstatus einräumen würden, ohne
daß der Oberste Sowjet ein neues Gesetz über die Aufhebung der Auswanderungsrestriktionen verabschiedet,
erklärte Baker, "die Antwort lautet nein", und fügte hinzu, "wenn die Sowjetunion Fortschritte bei Reformen,
Demokratisierung, Freiheit und freier Marktwirtschaft machen soll, müssen wir sie weiterhin mit praktischer
Wirtschaftshilfe unterstützen. Wenn wir Fortschritte der Sowjetunion in diese Richtung befürworten, sollten wir
Schritte bezüglich der anderen von Präsident Bush in Malta erwähnten Maßnahmen in die Wege leiten, und
natürlich ist der Meistbegünstigungsstatus eine dieser Maßnahmen", fügte er hinzu.
Außenminister Baker verwies darauf, daß er Ende der Woche am ersten Zwei-plus-Vier-Treffen zur Vereinigung
der beiden deutschen Staaten teilnehmen wird. "Dabei kommt den Sowjets eine führende Rolle zu und sie haben
ein Mitspracherecht bei der Handhabung der äußeren Aspekte.",
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Mitglieder des Unterausschusses,
ich begrüße diese Gelegenheit zu einer Bilanz der
außenpolitischen Prioritäten der Bush-Administration
und unserer Etatanforderungen für Auslandshilfe im
Haushaltsjahr 1991.
Als ich im vergangenen Jahr diesem Unterausschuß
Rede und Antwort stand, verwies ich darauf, daß
unsere beste Richtlinie in der sich rasch wandelnden
Welt von heute in grundlegenden amerikanischen
Prinzipien zu finden sei: Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Achtung der menschlichen Würde und
Fairneß. Im vergangenen Jahr wurden diese Werte
und die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle deutlich unter Beweis gestellt. Und ich möchte
meine Worte von damals wiederholen - es besteht eine
ebensolche Notwendigkeit für Überparteilichkeit.
Präsident Bush und ich waren über die produktive
Zusammenarbeit mit Ihnen, Herr Vorsitzender, den
Mitgliedern dieses Unterausschusses und anderen

AMERIKA DIENST 18

Kongreßabgeordneten sehr erfreut, der wir bei der
Bewältigung der vor uns liegenden Tagesordnung
gleichermaßen entgegensehen.
Bevor ich die Punkte des Haushalts im einzelnen
darlege, möchte ich zunächst unsere jüngsten Bestrebungen in drei Bereichen erörtern, die für diesen
Unterausschuß von besonderem Interesse sind: Mittelamerika, Osteuropa und Drogenbekämpfung.
Mittelamerika
Noch vor einem Jahr hätte sich kaum jemand träumen
lassen, daß Violeta Chamorro als demokratisch gewählte Präsidentin von Nicaragua vereidigt werden
würde. Kaum jemand hätte angenommen, daß die
gnadenlose Diktatur von General Noriega gestürzt und
trotz seiner Einwände die demokratisch gewählte
Regierung von Präsident Endara ins Amt eingeführt
werden konnte.
Die traditioneilen Lehren über Mittelamerika haben
sich als falsch erwiesen. Daher bietet sich uns heute

Seite 1

�eine historische Chance, dazu beizutragen, das Ziel
des mittelamerikanischen Friedensprozesses zu konsolidieren: Frieden und Freiheit für die gesamte Region.
Um diese Errungenschaften zu verankern, benötigen
wir Ihre - unverzügliche, großzügige und wirksame Reaktion auf das dem Senat vorliegende zusätzliche
Hilfspaket in Höhe von 800 Millionen Dollar. Die
Bevölkerung von Panama und Nicaragua erwartet von
diesen Mitteln einen reibungsloseren Übergang zu
einer demokratischen Regierung und die Behebung
der verheerenden Auswirkungen von jahrzehntelangem wirtschaftlichem Mißmanagement. Wir sehen in
diesen Mitteln die unabdingbare Versicherung gegen
erneute Diktatur auf diesem Kontinent. Es steht außer
Frage, daß sich dem mittelamerikanischen Volk eine
einmalige Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit den
Vereinigten Staaten und anderen Ländern des Westens bietet, um ein demokratisches Regierungssystem gesetzlich zu verankern und Wirtschaftswachstum durch freien Handel und offene Märkte zu fördern.
Präsident Bush und ich zählen auf Ihre überparteiliche
Unterstützung dieses Hilfspakets.
Die kürzlich abgehaltenen Wahlen in Nicaragua machen die Einbeziehung von El Salvador in den Friedensprozeß zu einem noch zentraleren Anliegen für
die Zukunft der Region. Wir unterstützen den Friedensprozeß in Mittelamerika und den Ruf der mittelamerikanischen Präsidenten nach Einstellung der FMLNAngriffe auf unschuldige Bürger sowie die Aufnahme
von Verhandlungen mit der demokratisch gewählten
Regierung von Präsident Cristiani unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen uneingeschränkt.
Wir fühlen uns durch den im vergangenen Monat in
Genf angekündigten Dialog zwischen der salvadorianischen Regierung und der FMLN ermutigt und hoffen,
beide Seiten erfüllen ihre Verpflichtung zur Aufnahme
offizieller Verhandlungen. In diesem Jahr muß der
Krieg in El Salvador beendet werden. Die Aussichten
sind heute vielversprechender denn je. Ich sehe der
Zusammenarbeit mit beiden Häusern des Kongresses
in den kommenden Wochen bei unserer Zielsetzung
erwartungsvoll entgegen, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine politische Lösung des
schwelenden Konflikts zu verwirklichen.
Mittel- und Osteuropa
Die jüngsten Ereignisse in Mittel- und Osteuropa belegen, daß wir uns in der Tat am Wendepunkt zu einer
neuen Welt der Demokratie befinden. In Prag habe ich
vor drei Monaten festgestellt, daß die historische
demokratische Bewegung, deren Zeuge wir in ganz
Europa werden, eine einmalige Chance bietet. Die
anfänglichen Impulse für Demokratie könnten sich
jedoch als unzulänglich erweisen. Wenn 1989 das
Jahr des Umbruchs war, so muß 1990 zum Jahr des
Neubeginns werden.

Seite 2

Eine der schwierigsten Herausforderungen, mit der
sich die Übergangsregierungen in Osteuropa konfrontiert sehen, ist die Notwendigkeit, faire und freie Wahlen
vorzubereiten und durchzuführen, mit denen ein Parlament - mit Raum für Opposition - geschaffen wird. In
Prag habe ich ferner die Notwendigkeit für die neuen
Demokratien hervorgehoben, Rechtsstaatlichkeit,
grundlegende Rechte und Freiheiten des einzelnen
und die Rechte der Minderheiten zu wahren.
In den vergangenen zwei Monaten wurden in der DDR,
Ungarn und der jugoslawischen Republik Slowenien
freie und faire Wahlen abgehalten. In der DDR wurde
eine nichtkommunistische Koalitionsregierung gebildet, und in Ungarn erwartet man im Anschluß an die
beiden Runden von Stimmabgaben für Parlamentssitze eine nichtkommunistische Koalitionsregierung. Im
Verlauf der nächsten zwei Monate sind in Rumänien,
der Tschechoslowakei und Bulgarien Parlamentswahlen mit mehreren Parteien geplant. Am 27. Mai werden
in Polen Kommunalwahlen für rund 50 000 Positionen
abgehalten. Wahlbeobachter aus den Vereinigten
Staaten und anderen KSZE-Teilnehmerstaaten werden die Stimmabgabe in den jeweiligen Ländern verfolgen und für den korrekten Ablauf des Wahlverfahrens
bürgen.
Die Regierungen in Osteuropa, die alle tiefgreifende
Reformen durchführen, stellen ihre Absicht zu Fortschritten in Richtung auf demokratische Regierungen
und Markt- statt Planwirtschaften deutlich unter Beweis. Dieser Proze ß ist noch weit davon entfernt, stabil
zu sein, und Fortschritte im politischen Bereich müssen durch Fortschritte in der Wirtschaft konsolidiert
werden. Damit Demokratie in Osteuropa Erfolge zeitigen kann, muß sie die Hoffnung auf ein besseres
Leben für die Völker dieser Region bergen. Wirtschaftliche Lebensfähigkeit ist in diesen aufkeimenden
Demokratien für die Aufrechterhaltung langfristiger
Stabilität in Europa unabdingbar. Wir stehen gerne mit
Rat und Tat bei politischen Maßnahmen und deren
Durchführung zur Seite.
Die jüngsten Anzeichen für die Verabschiedung marktorientierter Wirtschaftsreformen in Osteuropa sind
vielversprechend. Die von der Solidarität geführte
Regierung in Polen hat trotz der erforderlichen Opfer
erfolgreich ein umfassendes Wirtschaftsprogramm in
die Wege geleitet, das sich in der Öffentlichkeit breiter
Unterstützung erfreut. Dieses Programm stellt einen
drastischen Versuch dar, die hohe Inflation einzudämmen, das Haushaltsdefizit abzubauen, Subventionen
zu kürzen, Staatsbetriebe wettbewerbsfähig zu machen, eine konvertible Währung einzuführen, die
Handels- und Investitionsrestriktionen zu lockern sowie
ein soziales Netz einzuführen - und das alles in relativ
kurzer Zeit.
In Ungarn steht die vom Ungarischen Demokratischen
Forum gebildete Koalitionsregierung vor der Herausforderung, das von der Übergangsregierung unter

AMERIKA DIENST 18

�Ministerpräs.dent Nemeth entworfene Wirtschaftsreformprogramm durchzuführen und voranzutreiben.
Unter anderem sieht das Programm drastische Haushaltskürzungen durch Abbau von Subventionen für
Produzenten und Konsumenten, Reduzierung der
Verteidigungsausgaben und Erhöhung von Mieten und
Steuern vor.
Während meines Besuchs in Prag im Februar konnte
ich Fortschritte zu Demokratie und Wirtschaftsreformen in der Tschechoslowakei beobachten. Die von
Vaclav Havel geführte "Regierung des Verstehens"
hat ein ehrgeiziges Programm politischer und wirtschaftlicher Reformen angekündigt, um günstige
Bedingungen für die am 8. Juni anberaumten Wahlen
zu schaffen. Präsident Havel hat persönlich eine
Schlüsselrolle bei der Förderung von Dialog und Konsultationen zwischen Ost- und Mitteleuropäern zu einer
Reihe von Themen übernommen, die für die aufstrebenden Demokratien von Belang sind.
Wir beabsichtigen, diese aufstrebenden Demokratien
in folgender Weise zu unterstützen:

und Kapitalflucht vermeidet. Erfolgreiche Wirtschaftsreformen müssen die Beteiligung von ausländischen
Privatinvestitionen und einen konkurrenzfähigen heimischen Privatsektor umfassen, damit die durch Integration in die Weltwirtschaft gebotenen Vorteile zum
Tragen kommen.
Es steht außer Frage, daß die Vereinigten Staaten bei
der Erfüllung der Versprechungen dieses neuen Zeitalters eine Führungsrolle übernehmen müssen. Sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen müssen überwunden und neue Zusammenschlüsse in Erwägung gezogen werden. Die Botschaft, die ich bei meinem letzten Besuch vermittelt
habe, war die Botschaft, die alle vernehmen wollten:
Auf dem Weg zur Demokratie und bei der Bewältigung
dieser Herausforderungen sind Sie nicht allein - das
amerikanische Volk steht Ihnen zur Seite. Unser
Engagement erstreckt sich nicht nur auf den Beginn
der Reise, sondern bis zu dem Punkt, an dem wir
gemeinsam eine neue Welt des Friedens und der
Freiheit hervorbringen werden.
Drogen bekämpf u ng

Erstens sind wir bereit, ein auf die Bedürfnisse ausgerichtetes kurzfristiges Nothilfeprogramm bereitzustellen. Wir werden da sein, um jeden Sturz aufzufangen.
Aber so, daß die Wiederbelebung von national gewachsenen Lösungen nicht gefährdet ist. Wir haben
solche Hilfsleistungen bereits in Form von Nahrungsmittelhilfe an Polen und Rumänien zur Verfügung
gestellt, wo die ersten freien Wahlen für den 20. Mai
anberaumt sind.
Zweitens sind wir bereit, diesen Ländern beim Übergang von stalinistischen Planwirtschaften zu von Privatunternehmen getragenen Marktwirtschaften zu
helfen. Wir müssen uns vor Augen führen, daß die
Länder Osteuropas in diesem Bereich Neuland betreten. Aus diesem Grund ist technische und finanzielle
Hilfe erforderlich.
Drittens müssen wir diese neuen Marktwirtschaften in
das internationale Wirtschaftssystem integrieren. Auch
sie selbst brennen angesichts der Erkenntnis, daß
Disziplin ebensosehr erforderlich sein wird wie durch
regionale und globale Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen gebotene Chancen darauf, ihre wirtschaftliche
Isolation zu beenden. Wir im Westen müssen mit
diesen Ländern zusammenarbeiten, damit sie multilateralen Wirtschaftsinstitutionen wie IWF, Weltbank
und GATT beitreten können, sobald sie in der Lage
sind, die Mitgliedsbedingungen zu erfüllen. Darüber
hinaus müssen wir sowohl auf bilateraler Ebene als
auch im GATT den Abbau von Handelshemmnissen
anstreben.
Ebenso wie im Fall der Sowjetunion liegt die Hauptverantwortung jedoch in den Händen der Osteuropäer
selbst - ein rechtliches und wirtschaftliches Umfeld zu
schaffen, das Privatinvestitionen und Ersparnisse anzieht

AMERIKA DIENST 18

Der internationale Drogenhandel stellt eine Bedrohung
unserer nationalen Sicherheit dar, und aus diesem
Grund haben Präsident Bush und ich das Drogenproblem zur ersten Priorität unserer Außenpolitik erklärt.
Letzten Endes raubt der internationale Drogenhandel
nicht nur dem einzelnen Verbraucher, sondern der
gesamten Nation die Freiheit. Die Drogenbarone und
Schieber greifen das zentrale Nervensystem und die
lebenswichtigen Organe der Regierung an: die Justizverwaltung, die Integrität der Regierung und das Recht
auf freie Meinungsäußerung. Das ist es, was in
Panama unter Noriega geschah und was die Drogenbarone in Kolumbien beabsichtigen.
Unsere Administration hat eine ehrgeizige, umfassende Strategie zur Bekämpfung des Kokainproblems
verabschiedet, von dem unser Kontinent bedroht ist.
Sie zielt auf eine Erweiterung der aktuellen internationalen Bestrebungen zur Unterstützung der Regierungen der Andenstaaten bei ihrem Kampf gegen Kokaanbau und -handel ab.
In diesem Bereich sind entscheidende Fortschritte
erzielt worden. Beim Gipfeltreffen von Cartagena sind
wir gemeinsam mit den Andenstaaten im Kampf gegen
Drogen ein gutes Stück vorangekommen. Herstellerund Verbraucherländer schieben sich nicht länger
gegenseitig die Schuld zu bei der Frage, wer für das
Drogenproblem verantwortlich ist. Wir haben uns bei
der Befreiung unseres Kontinents von dieser Bedrohung zusammengeschlossen. In Cartagena haben
sich die Konferenzteilnehmer verpflichtet, die Händler
von Drogen und Tod auf allen Ebenen anzugreifen - bei
Produktion, Verteilung, Finanzierung und Konsum.
Präsident Bushs Verpflichtung zur Reduzierung der
Drogennachfrage in den Vereinigten Staaten ist uner-

Seite 3

�schütterlich. Alle Teilnehmer der Gipfelkonferenz und
auch wir sind entschlossen, der Drogenindustrie das
Rückgrat zu brechen und die illegalen Drogenkartelle
aus dem Geschäft zu vertreiben.
Mit der Teilnahme an der Drogenkonferenz in Cartagena hat Präsident Bush die felsenfeste Entschlossenheit unseres Landes zur Drogenbekämpfung unter
Beweis gestellt. Diese Verpflichtung gilt, solange der
Kampf dauert. Wir haben unsere Partner unserer
Unterstützung bei der Drogenbekämpfung versichert.
Heute haben wir laut Präsident Bush das erste Drogenbekämpfungskartell. Mit der Verabschiedung der
Erklärung von Cartagena haben wir eine einheitliche
Strategie formuliert, die unseren gemeinsamen Angriff
auf alle Facetten des Drogenproblems koordiniert.
In Cartagena haben wir gemeinsam die Notwendigkeit
für Entwicklung, Handel und Investitionen zur Verbesserung von wachstumsorientierten wirtschaftspolitischen Maßnahmen bekräftigt, um die immensen Kosten
für Drogenbekämpfungsprogramme und den Aufbau
alternativer Industriezweige zu kompensieren. Wir
haben uns auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt,
um das Bewußtsein der Öffentlichkeit für die Beeinträchtigungen zu schärfen, die Drogenproduktion, handel und -mißbrauch für unsere Länder mit sich
bringen. Wir kamen überein, zur Stärkung der legitimen Volkswirtschaften der Andenstaaten Wirtschaftshilfe bereitzustellen. Und wir haben uns auf die Verbesserung der Polizeibehörden unserer Länder geeinigt, damit die Drogenhändler ihrer gerechten Strafe
nicht entgehen.
Präsident Bush hat seinen Amtskollegen aus den
Andenstaaten versichert, dieses Thema beim Gipfeltreffen der G-7 in Houston und bei anderen Industrienationen zur Sprache zu bringen. Die Vereinigten
Staaten arbeiten an der Verbesserung und Intensivierung von Konsultationen zur Drogenthematik und
Kooperation mit anderen Industrienationen, um die
internationale Unterstützung der Drogenbekämpfungsmaßnahmen von Herstellerländern zu verstärken.
Litauen
Herr Vorsitzender, bevor ich mich der Erörterung der
Haushaltsvorlage zuwende, möchte ich zunächst einige Bemerkungen zur Lage in Litauen machen.
Erstens haben Präsident Bush und ich wiederholt sowohl öffentlich als auch unter vier Augen - erklärt,
daß dem litauischen Volk seine Rechte nicht verweigert werden dürfen. Wir unterstützen das Streben des
litauischen Volkes nach Freiheit und Selbstbestimmung, und wir haben die erzwungene Eingliederung
von Litauen, Lettland und Estland nie formell anerkannt. Der Oberste Sowjet selbst hat den MolotowRibbentrop-Pakt von 1939 und seine geheimen Zusatzprotokolle als unrechtmäßig bezeichnet, womit die
Eingliederung de facto illegal ist.

Seite 4

Unsere Position ist eindeutig, und Präsident Gorbatschow und die übrige sowjetische Führung wissen,
was für ein großes Anliegen es für uns ist, daß die
Bestrebungen des litauischen Volkes verwirklicht
werden.
Zweitens sind wir über die Eskalation der Spannungen
zwischen den beiden Seiten zutiefst besorgt. Wie
Präsident Bush letzte Woche bekräftigt hat, ermutigen
wir sowohl die Sowjets als auch die Litauer, zum
jetzigen Zeitpunkt den Dialog voranzubringen. In der
vergangenen Woche haben beide Seiten in der Presse
verschiedene Möglichkeiten für einen Kompromiß
erörtert. Wir hoffen, daß beide Seiten jetzt die Gespräche aufnehmen können. Aus unserer Sicht birgt dies
das größte Potential für die Freiheit, die wir für die
Litauer anstreben. Wie Präsident Bush ebenfalls
eindeutig klargestellt hat, engagieren wir uns mit stiller
Diplomatie für die Förderung eines solchen Dialogs der einzig richtigen Antwort zur wirksamen Lösung
dieses Konflikts.
Da beide Seiten nun beginnen, von Kompromiß zu
reden, möchten wir drittens ihre Bemühungen um
einen Dialog durch keinerlei Komplikationen gefährdet
sehen. Zwischenzeitlich hat Präsident Bush erklärt,
falls die Vereinigten Staaten handeln würden, dann in
der Wirtschaft.
Schließlich sind wir weiterhin davon überzeugt, daß
Perestrojka, Glasnost und Demokratisierung die größten Hoffnungen für eine langfristige und dauerhafte
Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen bergen. Perestrojka, Glasnost und insbesondere Demokratisierung sind jedoch untrennbar. Der
Reformprozeß wird nicht vorankommen und Erfolg
haben, wenn er in einigen Republiken verwirklicht und
in anderen nicht durchgeführt wird. Und er wird
scheitern, wenn Dialog unmöglich wird.
Die Notwendigkeit der amerikanischen Führungsrolle
In den vergangenen Monaten konnten große Fortschritte in der Außenpolitik des Präsidenten verzeichnet werden. Zu den herausragendsten Leistungen
zählen: Ein ungeteiltes und freies Europa, in dem wir
in Frieden und Sicherheit leben können, ist tatsächlich
in greifbare Nähe gerückt. Die schwierige Aufgabe,
Demokratie in Mittelamerika und Osteuropa aufzubauen, hat begonnen, wobei Nicaragua mit den besonders
vielversprechenden Wahlen Wegbereiter war. Und in
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten erzielen
wir auch im Kampf gegen Drogen Fortschritte.
Dies sind die positiven, die sehr ermutigenden Seiten.
Ich würde jedoch meine Pflichten vernachlässigen,
lie ße ich die negativen Seiten au ßer acht. Nach vierzig
Jahren Kommunismus sehen sich die neu entstehenden oder wiedergeborenen Demokratien in Europa mit
äu ßerst schwierigen Aufgaben konfrontiert. Die Verei-

AMERIKA DIENST 18

�nigung Deufechlands wird zwangsläufig Geduld, Standfestigkeit, Kreativität und den guten Willen erfordern,
nicht nur den kalten Krieg, sondern auch die an Konflikten reiche Geschichte, die ihm vorausging, zu überwinden. Und natürlich ist der Krieg gegen Drogen noch
lange nicht gewonnen.
Ein umsichtiges Engagement amerikanischer Ressourcen wird unerläßlich sein, um die bevorstehenden
vielversprechenden Veränderungen zu katalysieren.
In meiner Erklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß
des Senats habe ich dieses Jahr bereits die fünf
Herausforderungen benannt, mit denen die Vereinigten Staaten in den neunziger Jahren konfrontiert sein
werden: Konsolidierung der Demokratie, Ausbau der
freien Märkte, Hilfe für die Kräfte des Friedens, Schutz
der Welt vor transnationalen Gefahren und Erneuerung unserer Bündnisse. Die effektive Bewältigung
dieser Herausforderungen wird darüber entscheiden,
ob wir bei der Förderung grundlegender amerikanischer Werte und Interessen in der Welt Erfolg haben
oder nicht. Diese Fragen betreffen nicht nur Washington oder politische Insider. Sie haben Auswirkungen
auf die Lebensqualität aller Amerikaner.
Ich bitte um Ihre überparteiliche Unterstützung für die
amerikanische Führung, um die Veränderungen so zu
gestalten, daß unsere grundlegenden Werte und Interessen geschützt werden. Darüber hinaus bitte ich Sie
als Mitglieder des Bewilligungsausschusses darum,
uns das Mindestniveau an Mitteln zu gewähren, um die
Effektivität dieser Führungsrolle zu gewährleisten.
Übersicht über unseren Haushaltsansatz
Auswärtige Angelegenheiten und die nationale Verteidigung zusammen bilden das Rückgrat unserer nationalen Sicherheit. Der Haushalt des Präsidenten umreißt eine Szenerie, in deren Rahmen - vorausgesetzt,
die gegenwärtigen weltweiten Trends halten an - unsere
grundlegenden Sicherheitsbedürfnisse im Kontext eines
stufenweisen Abbaus unserer Ausgaben für die nationale Verteidigung gewährleistet werden können. In
diesem dynamischen weltweiten Umfeld müssen wir
jedoch weiterhin vernünftige Investitionen in ausgewählte auswärtige Initiativen vornehmen, um sicherzustellen, daß unsere Interessen und Werte bis ins
nächste Jahrzehnt geschützt werden.
Wir betrachten die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten deshalb nicht als Ersatz für Verteidigung,
sondern als Ergänzung, mit der die positiven Entwicklungen in der Welt gestärkt werden, die zu einem
weiteren Abbau der Verteidigungsausgaben führen
können. Wir schlagen nicht vor, die "Friedensdividende" auszugeben, bevor sie ausgezahlt wird. Stattdessen streben wir danach, eine Welt verringerter Spannungen zu gestalten, in der mit der Zeit unsere Sicherheit zu geringeren Kosten gewährleistet werden kann.
Angesichts der angespannten Haushaltslage beantragt die Administration deshalb 21 Milliarden Dollar an
AMERIKA DIENST 18

frei verfügbaren Mitteln für den Haushalt für internationale Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1991. Dies
bedeutet einen Anstieg um 1,9 Milliarden Dollar oder
9,2 Prozent im Vergleich zu dem beim Haushaltsgipfel
des vergangenen Jahres vereinbarten Haushalt für
1990. Die Ausgaben für das Haushaltsjahr 1991
werden auf 18,3 Milliarden Dollar - gegenüber 14,6
Milliarden Dollar im vergangenen Jahr - geschätzt,
eine Zahl, die jedoch durch besondere Einnahmen
künstlich verringert wurde.
Herr Vorsitzender, wir bitten diesen Unterausschuß
um die Bewilligung von 14,8 Milliarden Dollar an frei
verfügbaren Haushaltsmitteln für Auslandshilfe.
Gegenüber dem Ansatz für 1990 bedeutet dies einen
Anstieg um 7,1 Prozent.
Angesichts des für uns auf dem Spiel stehenden
Einsatzes oder der Führungsposition, die das amerikanische Volk von uns auf der Weltbühne erwartet,
sind dies keine großen Summen. Tatsächlich beträgt
der gesamte von uns für auswärtige Angelegenheiten
beantragte Haushalt weniger als 2 Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Er repräsentiert einen Anteil
von lediglich 0,4 Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Und sowohl nominell als auch real liegen unsere
Ansätze heute wesentlich unter denen der Jahre 198587.
In der bilateralen und multilateralen Diplomatie übertraf die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die weltpolitische Szenerie zu gestalten und beeinflussen, in den
meisten Fällen bei weitem unsere relativ bescheidenen Haushaltsbeiträge.
Der Gegenwert für unsere bescheidenen außenpolitischen Ausgaben in der Nachkriegszeit war beeindrukkend - vierzig Jahre Frieden und Wirtschaftswachstum
und - besonders vielversprechend - die neue Welle der
Demokratie, die sich am Horizont abzeichnet. Wir
sollten unsere Ausgaben nicht beschneiden, wenn
unsere seit langem bestehenden Engagements sich
gerade auszuzahlen beginnen.
Unser Haushaltsantrag für die Auslandshilfe im Jahr
1991 läßt sich in zwei Teile untergliedern:
Teil eins besteht aus fünf Finanzierungsinitiativen, um
auf einige der dringendsten Erfordernisse in der Welt
zu reagieren.
Teil zwei sind unsere grundlegenden Auslandshilfeprogramme, die zur Bewahrung der Fortschritte unerläßlich sind, die gegenwärtig mit dem Aufschwung von
Demokratie und freien Märkten in der ganzen Welt
Früchte tragen.
Finanzierungsinitiativen
Wir schlagen für die Haushaltsjahre 1990 und 1991
fünf neue Finanzierungsinitiativen vor, einschließlich
des dem Senat vorliegenden Ergänzungshaushalts

Seite 5

�1990 für Panama, Nicaragua und Flüchtlingshilfe. Sie
alle sind integraler Bestandteil unserer Fähigkeit,
amerikanische Werte und Interessen bis ins nächste
Jahrzehnt zu schützen.
Erstens beantragen wir zur Unterstützung der in Osteuropa stattfindenden dramatischen Veränderungen
300 Millionen Dollar, mit denen demokratische Institutionen und Umweltinitiativen gefördert, Ausbildungsund technische Hilfe geleistet sowie wirtschaftliche
Unterstützung für die Übergangsperiode bereitgestellt
werden sollen.
Unsere gesamte Unterstützung wäre davon abhängig,
ob der Präsident zu dem Schluß kommt, daß ein
betimmtes Empfängerland positive Schritte in Richtung auf politischen Pluralismus, Wirtschaftsreformen
und Achtung der Menschenrechte unternimmt und
darüber hinaus Bereitschaft zeigt, freundschaftliche
Beziehungen mit den Vereinigten Staaten aufzubauen. Am 7. Februar haben wir dem Kongreß einen
Gesetzentwurf zugeleitet, um diesen Bedingungen
zufolge Hilfe für Osteuropa und Jugoslawien zu leisten.
Wir stellen uns die Verwendung dieser Mittel folgendermaßen vor:
Unterstützung demokratischer Institutionen würde auch
Weiterbildungsmaßnahmen für neugewählte Abgeordnete, Unterstützung unabhängiger Medien und
Förderung rechtsstaatlicher Verhältnisse in der Region beinhalten.
Ausbildungs- und technische Hilfe würde Aus- und
Fortbildung in den Bereichen Finanzdienstleistungen,
Unternehmensführung und Marketing, Landwirtschaft
und landwirtschaftliche Betriebsführung sowie Überwachung und Eindämmung der Umweltverschmutzung umfassen.
Wirtschaftshilfe in der Übergangsperiode würde diejenigen Länder unterstützen, die sich im schwierigen
Übergang zu marktorientierten Volkswirtschaften mit
einem aktiven Privatsektor befinden. Dazu würde die
finanzielle Unterstützung glaubwürdiger Stabilisierungsund struktureller Anpassungsprogramme gehören.
Zusätzliche Unterstützung für diesen Prozeß soll über
das amerikanische Engagement für die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE)
gewährt werden. Die Vereinigten Staaten haben im
Grundsatz beschlossen, sich daran zu beteiligen. Die
Administration wird dem Kongreß eine Gesetzesvorlage zuleiten, um die Beteiligung an der EBWE zu regeln.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß die Vereinigten
Staaten bei diesem Vorhaben nicht alleine stehen. Auf
Initiative von Präsident Bush hat der Pariser Gipfel die
Europäische Gemeinschaft aufgefordert, die westliche Förderung politischer und wirtschaftlicher Reformen in Polen und Ungarn zu koordinieren. Der G-24-

Seite 6

Mechanismus, der sich daraus ergeben hat, erwies
sich als äußerst effektiv. Insgesamt haben die G-24Länder - alle Mitglieder der OECD - über 14 Milliarden
Dollar an Fördermitteln, Krediten, Kreditbürgschaften,
Nahrungsmittelhilfe und technische Hilfe für Polen und
Ungarn zugesagt. Daneben haben die G-24-Mitgliedstaaten, einschließlich der Vereinigten Staaten und
der EG, den Zugang Polens und Ungarns zu westlichen Märkten verbessert. Die Vereinigten Staaten
möchten, daß die G-24 noch mehr tut. Wir werden mit
der G-24 zusammenarbeiten, um die Koordinierung
zwischen den Geberländern auszubauen. So hat sich
die EG zum Beispiel mit uns zusammengeschlossen,
um das Regionale Entwicklungszentrum in Budapest
zu unterstützen.
Wir erwarten, auch in Zukunft bei anderen gemeinsamen Projekten mit der EG zusammenzuarbeiten.
Zweitens beantragen wir 800 Millionen Dollar als Ergänzung zum Haushalt 1990, um den wirtschaftlichen
Wiederaufbau Panamas und Nicaraguas zu unterstützen. Wir hoffen, daß der Senat unseren Antrag
möglichst schnell behandelt. Wie ich bereits sagte,
tragen die Vereinigten Staaten die historische Verantwortung, auf die wichtigsten Erfordernisse dieser mittelamerikanischen Demokratien zu reagieren.
Panama wird eine ergänzende einmalige Finanzhilfe
benötigen, um die finanzielle Stabilität wiederherzustellen und die Wiederbelebung des Privatsektors zu
unterstützen, der traditionell einen starken und wichtigen Beitrag zum Wachstum leistet. Unsere Mittel zur
Unterstützung der Wirtschaft werden eingesetzt, um
Panama zu helfen, nach mehreren Jahren der Mißwirtschaft unter Noriega seinen wirtschaftlichen Elan
wiederzugewinnen. Zusammen mit unseren Freunden, einschließlich der Japaner, organisieren wir multilaterale Bemühungen, um Panama beizustehen, seine
Beziehungen zur internationalen Finanzwelt zu normalisieren. Die von uns für bilaterale Hilfe beantragten
500 Millionen Dollar würden für vier Hauptzwecke
eingesetzt: Wiederbelebung des Privatsektors, Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur, Erneuerung
des Zugangs Panamas zu den Weltfinanzmärkten
sowie Umstrukturierung des öffentlichen Sektors und
Stärkung der Demokratie.
In Nicaragua bilden die von uns beantragten 300
Millionen Dollar die erste Rate unseres Hilfspakets für
die neue Regierung Chamorro, das ihr helfen soll, die
nicaraguanische Wirtschaft nach einem Jahrzehnt der
Mißwirtschaft unter dem vergangenen Regime wiederzubeleben. Die Bedürfnisse Nicaraguas sind breitgefächert und lassen sich nicht alle mit Auslandshilfe
erfüllen. Trotzdem ist es erforderlich, Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit in Nicaragua mit rechtzeitig bereitgestellten Hilfsmitteln zu stärken. Unser Hilfspaket für
das Haushaltsjahr 1990 verfolgt drei grundsätzliche
Ziele: Wiederaufbau des Produktionssektors der nicaraguanischen Volkswirtschaft - hauptsächlich durch

AMERIKA DIENST 18

�Bereitstellun j wichtiger Importgüter für Landwirtschaft
und Industrie -, Beistand bei der Repatriierung von
Mitgliedern des Widerstands und Flüchtlingen sowie
erste Maßnahmen zur Bewältigung der tiefgreifenden
Probleme für Wirtschaftswachstum und Entwicklung
durch Infrastruktur, technische Hilfe und Programme
zur Verankerung der nicaraguanischen Demokratie.
Um unsere Partner in der ganzen Welt zur Beteiligung
an der Hilfe für diesen Prozeß der wirtschaftlichen
Erholung und Demokratisierung in Mittelamerika und
der Karibik zu ermutigen, untersuchen wir die Möglichkeit der Schaffung eines internationalen Mechanismus, vielleicht ähnlich dem für Osteuropa existierenden G-24-Prozeß.
Drittens beantragen wir 441 Millionen Dollar Militärund Wirtschaftshilfe sowie Mittel zur Bekämpfung des
Drogenhandels, um die Andenstaaten bei ihrem Kampf
gegen Anbau und Schmuggel von Drogen zu unterstützen. Diese Initiative ist eine zentrale Säule der
Anti-Drogenstrategie des Präsidenten. Sie widmet
sich einem Problem, das auf unserer Liste transnationaler Herausforderungen im nächsten Jahrzehnt ganz
oben steht. Als Folge des Gipfels von Cartagena
verlassen sich die politisch Verantwortlichen in den
Andenstaaten auf diese Mittel zur Unterstützung unseres gemeinsamen wirtschaftlichen, polizeilichen und
politischen Kampfs gegen den Drogenhandel.
Unsere Vorlage beinhaltet 137 Millionen Dollar militärische Finanzhilfe, um die Regierungen der Andenländer bei ihren Bemühungen zu stärken, wirksame militärische und Lufteinsatzfähigkeiten zu entwickeln, mit
denen Drogenhändler abgefangen werden können.
Die wirtschaftliche Komponente unseres Ansatzes 214 Millionen Dollar - wird unseren Freunden dabei
helfen, legale Alternativen für die Drogenindustrie zu
entwickeln und andere strukturelle Anpassungen vorzunehmen, die für dauerhaftes Wirtschaftswachstum
erforderlich sind.
Viertens bitten wir um Ihre Unterstützung bei der
Bewilligung von 268 Millionen Dollar, um ausstehende
amerikanische Zahlungen an die multilateralen Entwicklungsbanken zu leisten. Dies ist eine Komponente
der Initiative des Präsidenten zur Begleichung der
ausstehenden Beiträge an die Vereinten Nationen,
andere internationale Organisationen, multilaterale
Entwicklungsbanken und für UNO-Friedensmissionen.
Der Präsident ist überzeugt davon, daß eine ausgewogene Initiative zu den ausstehenden Beiträgen unerläßlich ist, um die führende Rolle der Vereinigten
Staaten in diesen multilateralen Organisationen zu
sichern. Wir erwarten, daß die Weltbank und die
regionalen Entwicklungsbanken im nächsten Jahrzehnt eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung
von Mitteln spielen, um wachstumsorientierte Anpassung in den Entwicklungsländern zu unterstützen. Zur
Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit und ihres Einflusses

AMERIKA DIENST 18

bei diesen multilateralen Organisationen müssen die
Vereinigten Staaten ihren Verpflichtungen nachkommen.
Fünftens beantragen wir schließlich für den Ergänzungshaushalt 1990 70 Millionen Dollar für dringende
Erfordernisse in bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen. Ich hatte bereits im vergangenen Jahr angedeutet, daß wir eventuell unseren Haushaltsansatz
1990 für Flüchtlinge überarbeiten müßten und versprochen, mit Ihnen über diese Frage zu beraten.
Primär als Folge der liberalisierten sowjetischen Auswanderungspolitik werden wir dieses Jahr 27 000
Flüchtlingen mehr die Einwanderung gestatten als wir
in unserem ursprünglichen Ansatz angenommen hatten. Wir begrüßen die von diesem Unterausschuß in
der Flüchtlingsfrage zum Ausdruck gebrachte Unterstützung und hoffen, daß der ganze Senat unsere
Vorlage zügig bearbeiten wird.
Das Auslandshilfebudget
Die von mir bereits angeführten Finanzierungsinitiativen beziehen sich auf einige unserer dringendsten
Herausforderungen beim Eintritt in ein neues Jahrzehnt. Wir sollten jedoch nicht die Tatsache aus den
Augen verlieren, daß unsere grundlegenden Auslandshilfeprogramme - die unseren engsten Freunden und
Verbündeten und westlichen Institutionen wichtige Hilfe
zur Verfügung stellen - eine wichtige Rolle bei der
Sicherung eines stabilen globalen Umfelds gespielt
haben, das den Weg für jene dramatischen Veränderungen geebnet hat, auf die wir heute reagieren. Unsere
traditionellen bilateralen und institutionellen Beziehungen haben den Vereinigten Staaten und den Demokratien des Westens in den vergangenen vierzig Jahren
gute Dienste geleistet. Die von uns heute beantragten
relativ bescheidenen Investitionen in diese grundlegenden Programme sind auf die wichtigsten Anliegen
des nächsten Jahrzehnts zugeschnitten - Förderung
von Demokratie und freien Märkten, Unterstützung
von friedensbewahrenden Kräften, Schutz vor transnationalen Bedrohungen und Stärkung von Bündnissen. Ebenso wichtig sind sie für unsere Fähigkeit, zu
gewährleisten, daß amerikanische Werte und Interessen auch weiterhin erfolgreich in der Welt gefördert
werden.
Militärhilfe
Für das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir insgesamt
8,7 Milliarden Dollar an frei verfügbaren Mitteln für
unsere Militärhilfeprogramme (FMF, ESF, IMET und
Friedensbewahrung). Dies bedeutet einen Zuwachs
um 6,8 Prozent gegenüber den vom Kongreß in jedem
der drei vergangenen Haushaltsjahre bewilligten 8,1
Milliarden Dollar. Unser Ansatz für das Haushaltsjahr
1991 liegt jedoch noch unter den in den Jahren 1985
bis 1987 bewilligten Summen.
Für unseren Posten Militärische Finanzhilfe (FMF)

Seite 7

�beantragen wir 5 Milliarden Dollar an Haushaltsmitteln
für unsere militärischen Zuschußprogramme. Im
Haushaltsjahr 1990 lag dieser Ansatz bei 4,8 Milliarden
Dollar. Für unsere kleine aber wichtige Internationale
Militärische Ausbildungshilfe (IMET) beläuft sich unser
Ansatz auf 50,5 Millionen Dollar gegenüber 47,2 Millionen Dollar im laufenden Jahr. Für den Wirtschaftshilfefonds (ESF) liegt unser Ansatz bei 3,5 Milliarden
Dollar gegenüber 3,1 Milliarden im laufenden Jahr. Bei
diesen Ansatzniveaus lassen sich nur besonders wichtige Programme durchführen.
Unsere Mittel für Militärhilfe bleiben zur Ergänzung
unserer diplomatischen Initiativen zur Friedensförderung in einigen Spannungsgebieten der Welt unerläßlich.
Unsere diplomatischen Initiativen waren nirgendwo so
intensiv wie bei unserem Engagement für eine Verhandlungslösung des arabisch-israelischen Konflikts. Im
vergangenen Jahr haben wir uns bemüht, einen Prozeß in Gang zu setzen, der die jahrzehntealte Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern durchbrechen und diese Bemühungen sodann in einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und der gesamten
arabischen Welt umsetzen würde. Dabei haben wir
Ergebnisse erzielt. In enger Zusammenarbeit mit
Israel und Ägypten haben wir einen Rahmen für einen
israelisch-palästinensischen Dialog in Kairo geschaffen, innerhalb dessen über Wahlen für die Palästinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen gesprochen werden soll. Wahlen sind ein praktischer Schritt,
um einen Verhandlungsprozeß einzuleiten, der zu
einem umfassenden Frieden führen könnte - auf der
Grundlage der UNO-Resolutionen 242 und 333, der
Sicherheit für Israel und alle Staaten in der Region und
der Erfüllung der legitimen politischen Rechte des
palästinensischen Volkes. Wir warten nun auf die
Klärung der politischen Lage in Israel. Wir hoffen, daß
die neue israelische Regierung die notwendigen Entscheidungen treffen kann, um den Friedensprozeß
voranzutreiben. Wenn alle Parteien bereit sind, diesen
Prozeß in einer praktischen und unvoreingenommenen Weise in Angriff zu nehmen, können wir Fortschritte machen.
Um den friedenstiftenden Kräften bei der Ausweitung
und Stärkung ihrer lebenswichtigen und andauernden
Bemühungen zu helfen, beantragen wir wiederum 5,1
Milliarden Dollar an gemeinsamer Militärhilfe für die
beiden Friedenspartner im Nahen Osten. Das sind 59
Prozent unseres Gesamtansatzes für Militärhilfe. Mit
diesen Mitteln wird Erfordernissen der militärischen
Modernisierung Rechnung getragen und ein Beitrag
zu den Zielen der Wirtschaftsstabilität und Entwicklung
geleistet.
Die Vereinigten Staaten und Pakistan unterhalten seit
über vierzig Jahren enge bilaterale Beziehungen. Für
das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir insgesamt 573
Millionen Dollar für bilaterale Hilfe, geringfügig weniger

Seite 8

als die im Jahr 1990 bewilligten 588 Millionen. Dieser
Ansatz spiegelt die anhaltende Bedeutung wider, die
wir dieser Beziehung und der Schlüsselrolle Pakistans
bei der Unterstützung des afghanischen Volkes in
seinem Kampf für Selbstbestimmung beimessen. Unser
Ansatz unterstützt die Rückkehr Pakistans zur Demokratie, ermutigt wirtschaftliche Entwicklung, trägt zur
militärischen Modernisierung bei und fördert die allgemeine regionale Stabilität.
Die NATO ist entscheidender Bestandteil unseres
Strebens nach Sicherung von Frieden und Demokratie
in Europa. Wie der Präsident kürzlich in Brüssel
erklärte, bedeutet das Ende des kalten Krieges nicht
die Auflösung des erfolgreichsten Bündnisses der
Neuzeit. Wir erwarten, daß die lebenswichtige militärische Mission der NATO von einer Reihe zusätzlicher
Maßnahmen ergänzt wird, die auf der Stärke des
Bündnisses beim Schutz westlicher Interessen aufbauen. Dazu gehören die Verringerung der konventionellen Streitkräfte, Verifizierung und Zusammenarbeit
gegen Bedrohungen der gemeinsamen Sicherheit, die
sich aus neuen tödlichen Technologien und schwelenden regionalen Konflikten ergeben.
Für unsere Verbündeten an der Südflanke der NATO
- Portugal, Griechenland und Türkei - beantragen wir
insgesamt 1,1 Milliarden Dollar an Militär- und Wirtschaftshilfe oder 13 Prozent unseres Gesamtansatzes
für Militärhilfe. Im Haushaltsjahr 1990 betrug diese
Summe 992 Millionen Dollar. Griechenland, die Türkei
und Portugal sind für den südlichen Abschnitt der
NATO unerläßlich. Wenn die NATO im Verlauf des
nächsten Jahrzehnts neue Missionen entwickelt, werden wir unsere Programme den sich wandelnden
Erfordernissen anpassen müssen.
Der Unterstützung von Streitkräften unserer Stationierungsländer wird weiterhin entscheidende Bedeutung
zukommen, weil wir damit unter anderem unseren
kontinuierlichen Zugang zu wichtigen Einrichtungen
sicherstellen, wie etwa dem Luftstützpunkt Lajes auf
den Azoren und militärischen und nachrichtendienstlichen Einrichtungen in Griechenland und der Türkei.
Zur Konsolidierung der Demokratie und Förderung der
wirtschaftlichen Entwicklung in Mittelamerika fordern
wir insgesamt 939 Millionen Dollar für die Demokratien
in Mittelamerika, darunter in einem Nachtragshaushalt
200 Millionen Dollar für Nicaragua. Dem stehen 655
Millionen Dollar aus dem regulären Bewilligungsprozeß des Haushaltsjahrs 1990 plus weitere 800 Millionen Dollar zusätzlicher Hilfe für Panama und Nicaragua gegenüber, die wir mit Ihrer Hilfe bereitstellen
wollen. Wie bereits in den vergangenen Jahren sind
über vier Fünftel unseres Antrags für Wirtschaftshilfe
bestimmt, um den Lebensstandard zu erhöhen, marktorientierte Wachstumsstrategien zu fördern und ein
Klima fürdie Verbreitung des Friedens in der Region zu
schaffen.

AMERIKA DIENST 18

�Bei den Demokratien Mittelamerikas könnte zum ersten Mal seit zehn Jahren das Pendel zugunsten einer
Wiederbelebung von Wirtschaftswachstum, politischer
Stabilität und Frieden in der Region ausschlagen. Die
Expansion der Demokratie im gesamten Isthmus, die
geringere militärische Bedrohung durch die Sandinisten und einhellige Unterstützung für eine marktorientierte Wirtschaftspolitik haben die Aussichten für Frieden und Wohlstand gesteigert. Damit verbessert sich
auch die Möglichkeit, daß unsere bilaterale Hilfe entsprechend auf politische Reformen in den Stationierungsländern abgestimmt - direkt zu einem wirtschaftlichen Wiederaufbau auf breiter Basis beitragen
kann.
Zur Stützung einer weiteren fragilen Demokratie - den
Philippinen - beantragen wir insgesamt 450 Millionen
Dollar bilaterale Hilfe, plus eine zweite Rate von 200
Millionen Dollar für die Multilaterale Förderinitiative
(Multilateral Assistance Initiative - MAI). Dem steht im
Haushaltsjahr 1990 bilaterale Hilfe im Umfang von 341
Millionen Dollar und von 160 Millionen Dollar für MAI
gegenüber. Präsidentin Aquino braucht unsere Hilfe,
um die erforderlichen wirtschaftlichen und militärischen Reformen durchzuführen, mit denen die Grundlagen für die Stabilität ihrer demokratischen Regierungen ausgebaut werden können. Darüber hinaus werden in Kürze Gespräche über die Erneuerung unseres
Stationierungsabkommen mit den Philippinen aufgenommen werden. Wir hoffen, daß wir Einigung über
die weitere Nutzung dieser wertvollen Einrichtungen
erzielen werden.
Die oben dargelegten wichtigen Interessen machen zusammen mit der Komponente Sicherheitshilfe im
Rahmen unserer Drogeninitiative- 94 Prozent unseres
Antrags für weltweite Sicherheitshilfe aus. Aufgrund
beschränkter Haushaltsmittel verfügen wir lediglich
über 511 Millionen Dollar, um wichtigen Sicherheitsinteressen unter anderem in Afrika, dem Nahen Osten,
der Karibik und Thailand Rechnung zu tragen.
Wir müssen uns gemeinsam der Aussicht stellen,
zumindest in den kommenden Jahren mit einer angespannten Haushaltslage in der Außenpolitik fertigwerden zu müssen. Wenn die Mittel knapp werden, sollten
wir uns auf Instrumente einigen, damit weniger augenfällige, aber doch sehr wichtige Sicherheitsinteressen
nicht aus dem Blickfeld geraten. Wir sollten zusammen Möglichkeiten eruieren, wie wir auf die sich verändernden Umstände flexibler reagieren können.
Wir möchten zusammenarbeiten, um die schwierigen
Entscheidungen zu vermeiden, zu denen die Regierung im Haushaltsjahr 1990 bei der Zuwendung der
Mittel für die Sicherheitshilfe gezwungen war. Im
Haushaltsjahr 1990 waren 82 Prozent unseres Wirtschaftshilfefonds (Economic Support Funds - ESF)
und 92 Prozent unserer Finanzierung des Verkaufs
von Rüstungsgütem ins Ausland (Foreign Military Sales
- FMS) an bestimmte Länder oder regionale ProgramAMERIKA DIENST 18

me gebunden. Da der Gesamtumfang der Mittel
daraufhin gekürzt wurde, konnten wir unseren außenpolitischen Erfordernissen insgesamt mit den restlichen Mitteln nicht gerecht werden, nachdem die zweckgebundenen Gelder vergeben waren.
Beim ESF blieben uns noch 570 Millionen Dollar nicht
zweckgebundene Mittel, die gestreckt werden mußten, um gerechtfertigten Erfordernissen im Umfang
von 950 Millionen Dollar Rechnung zu tragen. Beim
FMS standen uns noch 396 Millionen Dollar zur Verfügung, um den Bedarf von 659 Millionen Dollar abzudecken. Damit hatten wir von einem Dollar noch 60
Cents, um den Bedarf der nicht zweckgebundenden
Programme insgesamt abzudecken. Die schwierige
Wahl, wie die Defizite verteilt werden sollten, hat
konkrete außenpolitische Auswirkungen:
In Mittelamerika, wo die wirtschaftlichen Kosten
der regionalen Instabilität durch die Unsicherheit auf wichtigen Exportmärkten - insbesondere Kaffee - verschärft wurden, ist der Umfang
unserer Wirtschaftshilfe an die dortigen Demokratien im Vergleich zum Haushaltsjahr 1989
um fast 30 Prozent zurückgegangen.
Auf den Philippinen, wo die von Präsident Reagan
gegenüber der Regierung Aquino eingegangene Verpflichtung von 1988 erfüllt werden muß,
fehlen uns 96 Millionen Dollar und damit mehr
als ein Viertel des gesamten ESF/FMS-Bedarfs.
In der NATO, der entscheidende Bedeutung im
Hinblick auf die Sicherheitsgarantie eines vereinten Europas zukommt, konnten wir zwei
wichtigen Freunden nicht entgegenkommen.
Unsere ESF/FMS-Hilfe für Portugal sank um
fast 30 Prozent unter unseren Antrag, und unsere
Wirtschaftshilfe für die Türkei lag 75 Prozent
unter der Forderung.
In Afrika und der Karibik war der Wirtschafthilfefonds fast nicht verfügbar, um die wichtigen Bestrebungen in Sicherheitspolitik und Drogenbekämpfung treurer Freunde wie Kenia, Jamaika
und der Länder in der östlichen Karibik zu unterstützen.
Internationale Entwicklungshilfe und humanitäre
Hilfe
Um den Bedürfnissen der Menschen auf der ganzen
Welt gerecht zu werden und stärkeres Vertrauen auf
die Kräfte des Marktes zu fördern, spielen internationale Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe weiterhin
eine wichtige Rolle. Die Vereinigten Staaten sind in
diesem Bereich weltweit führend - durch unsere direkte Gewährung bilateraler Hilfe, humanitärer Notfallhilfe, die wir in Krisenzeiten leisten und die Führungsrolle,
die wir bei Flüchtlingsprogrammen und in internationalen Finanzinstitutionen übernehmen. Tatsächlich ist
Seite 9

�es der Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu verdanken, daß die Länder auf der Welt, die Entwicklungshilfe leisten, so wichtige humanitäre Hilfe wie
Asyl für Flüchtlinge gewähren. Und unsere Führungsrolle hat ebenfalls dazu geführt, daß diese Länder
zunehmend die traditionellen staatlich gelenkten Entwicklungsstrategien aufgeben.
Für das Haushaltsjahr 1991 fordern wir6 600 Millionen
Dollar Haushaltsmittel für internationale Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe, verglichen mit den tatsächlich für das laufende Jahr bewilligten 6 100 Millionen
Dollar. Dieser Zuwachs wird unsere neue Initiative für
Osteuropa fördern und uns gestatten, Rückstände bei
den multilateralen Entwicklungsbanken zu tilgen.
Für die multilateralen Entwicklungsbanken beantragen wir 1 740 Millionen Dollar im Haushalt, eine Steigerung gegenüber 1 470 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1990. Mit diesen zusätzlichen Mitteln können
wir die Rückstände bei der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank tilgen. Unser Antrag umfaßt
1 060 Millionen Dollar für den amerikanischen Anteil
bei der neunten Auffüllung von Mitteln der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Diese zinsgünstigen Kredite bieten den ärmsten Ländern eine preiswertere Weltbank-Finanzierung.
Angesichts der
gemeinsam getragenen Verantwortung sind wir übereingekommen, 21,6 Prozent dieser Ergänzung für IDA
beizutragen, beim vorigen Mal betrug unser Anteil
noch 25 Prozent. Bis zu 50 Prozent der IDA-Mittel sind
für den dringlichsten Bedarf an Entwicklung und wirtschaftlicher Umstrukturierung in Afrika südlich der
Sahara vorgesehen.
Für unsere bilateralen Entwicklungshilfeprogramme die vom Amt für Internationale Entwicklung verwaltet
werden - beantragen wir im Haushaltsjahr 1991 2,8
Millionen Dollar. Damit sollen folgende Programme
finanziert werden:
1,2 Millionen Dollar für das Entwicklungshilfeprogramm, mit dem der Grundbedarf in den
Bereichen Landwirtschaft, Bevölkerung, Gesundheitswesen, Energie, Umwelt und Bildungswesen sichergestellt werden soll.
561 Millionen Dollar für den Entwicklungshilfefonds für Afrika.
500 Millionen Dollar für die obengenannten
Soforthilfe-Initiativen für die Philippinen (200
Millionen Dollar) und Osteuropa (300 Millionen
Dollar).
145 Millionen Dollar für kleinere A.I.D.-Programme, die bestimmte Sonderbereiche abdecken unter anderem humanitäre Katastrophenhilfe,
Unterstützung der amerikanischen Schulen,
Krankenhäuser und Wohnungsprogramme im
Ausland.

Seite 10

Angesichts der Kürzungen des Sicherheitshilfefonds
bleiben multilaterale und bilaterale Entwicklungshilfeprogramme weiterhin unser wichtigstes Instrument zur
Förderung des Wirtschaftswachstums nach marktwirtschaftlichen Kriterien in den afrikanischen Ländern.
Unser bilateraler Entwicklungshilfefonds für Afrika leitet diese Mittel in Länder, die bereit sind, als Grundlage
für dauerhaftes Wachstum Anpassungsmaßnahmen
zu ergreifen. Gegenwärtig führen 28 afrikanische
Länder in enger Abstimmung mit IWF und Weltbank
offizielle Maßnahmen zur strukturellen Anpassung durch.
Die Vereinigten Staaten spielen hauptsächlich durch
Hilfsmaßnahmen und Einwanderungserleichterungen
nach wie vor eine wichtige Rolle, um die Not der
Flüchtlinge auf der Welt zu lindern. Wir erzielen große
Fortschritte in folgenden Bereichen:
Wir haben unsere Hilfe an die sowjetischen
Flüchtlinge verbessert, indem wir unsere Organisationszentren von Rom und Wien nach Moskau
verlegt haben.
Wir arbeiten eng mit dem Kongreß an einer
besonderen Einwanderungsgesetzgebung zusammen, mit der unsere Flüchtlingsprogramme
ergänzt werden sollen.
Wir haben erfolgreich ein Abkommen mit Vietnam ausgehandelt, um in Umerziehungslagern
Inhaftierte in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Vor kurzem haben die ersten 750 ehemaligen Häftlinge und ihre Familienangehörigen
Vietnam im Rahmen dieses Programms verlassen.
Wir arbeiten auf multilateraler Ebene hart an der
Einhaltung des Prinzips der Gewährung von Asyl für
vietnamesische Boat People und am Erfolg des freiwilligen Repatriierungsprogramm für Hongkong.
Für das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir 476 Millionen Dollar an Mitteln für Flüchtlingsprogramme. Im
gesamten Haushaltsjahr 1990 waren dafür 438 Millionen Dollar veranschlagt, einschließlich der obengenannten zusätzlichen Finanzierungsanträge. Diese
Mittel werden die Aufnahme von 95 000 Flüchtlingen
und 15 000 amerasischen Einwanderern - derselben
Zahl wie vergangenes Jahr - fördern, und wir werden
die unmittelbarsten Bedürfnisse von Millionen zusätzlicher Flüchtlinge und Zwangsumsiedlern weltweit
abdecken können.
Andere wichtige Komponenten unseres Antrags auf
Internationale Entwicklungshilfe betreffen:
898 Millionen Dollar an Mitteln für Nahrungsmittelhilfe PL-480, um ein Programm im Gesamtumfang von 1 500 Millionen Dollar zu unterstützen,

AMERIKA DIENST 18

�181 M'llionen Dollar zur Abdeckung der laufenden Kosten des Friedenskorps und
225 Millionen Dollar an freiwilligen Beiträgen zu
internationalen Organisationen wie dem Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen (109 Millionen Dollar) und UNICEF (50
Millionen Dollar).
Für Programme zur internationalen Drogenbekämpfung, die vom Außenministerium verwaltet werden,
beantragen wir im Haushaltsjahr 1991 insgesamt 150
Millionen Dollar - verglichen mit den 113 Millionen
Dollar im laufenden Haushaltsjahr. Alle zusätzlich
beantragten Mittel sollen in die Bekämpfung des Kokaanbaus in den Anden fließen, wobei die länderspezifischen Programme für Lateinamerika von 57 Millionen auf 87 Millionen aufgestockt werden. Unsererseits
bereitgestellte Geräte und Ausbildung sind unerläßlich
bei der Unterbindung des Nachschubs und strafrechtlichen Maßnahmen gegen die wichtigsten Drogenkartelle.
Sparsamer Umgang mit Geldern
Die Regierung bedient sich einer Reihe von Instrumenten, um ein günstiges Klima für weltweites Wirtschaftswachstum zu fördern und zu gewährleisten, daß unsere Entwicklungshilfegelder angemessen ausgegeben
werden, um größtmögliche Wirkung zu erzielen. In
den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit
unseren Freunden an einer Reihe von Programmen
gearbeitet, um den Grundstein für dauerhaftes Wachstum in den Entwicklungsländern zu legen.
Unsere bilateralen Entwicklungshilfeprogramme zielen weltweit zunehmend auf Länder ab, die zu wachstumsorientierten Maßnahmen für strukturelle Anpassung bereit sind.
Unsere Hilfsprogramme für Osteuropa sind größtenteils auf die Stimulierung der Entwicklung des Privatsektors durch Unternehmensfonds ausgerichtet, mit
denen unternehmerische Fähigkeiten katalysiert werden sollen. Wir wollen sicherstellen, daß die neue Entwicklungsbank für Osteuropa - die EBWE - eine ähnliche Haltung gegenüber dem Privatsektor einnimmt.
Unsere eigene dynamische Wirtschaftsentwicklung nunmehr im achten Jahr - hat sowohl für amerikanische Exporteure als auch für solche aus Entwicklungsländern Handelschancen geschaffen.

und die Philippinen haben bereits von diesen Optionen
Gebrauch gemacht. Wir erwarten, daß in diesem Jahr
auch eine Reihe anderer Länder diesen Weg gehen.
Unser Engagement zur Förderung starker, angemessen finanzierter multilateraler Wirtschaftsinstitutionen
trägt zu marktorientierten Strukturveränderungen in
den Entwicklungsländern bei. Der Internationale
Währungsfonds und die Weltbank werden zusätzliche
Verantwortung tragen, wenn die Länder Osteuropas
bei ihrer Anpassung an Marktmechanismen Hilfe suchen. Lateinamerikanische Länder mit strukturellen
Wirtschaftsproblemen werden den Rat dieser Institutionen bei den Stabilisierungsprogrammen suchen, die
zur Erhaltung ihrer politischen Stabilität unabdingbar
sind.
Unser Engagement für einen erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde des GATT im Dezember 1990 ist
von entscheidender Bedeutung für die anhaltende
Expansion von Handel und Wirtschaftswachstum in
den nächsten zehn Jahren und im kommenden Jahrhundert. In Genf nehmen wir eine Reihe schwieriger
Fragen in Angriff - entwerfen Handelsregeln und
Maßstäbe für neue Bereiche wie Dienstleistungen,
geistiges Eigentum, Investitionen im Handel und Weltagrarproduktion. Die GATT-Verhandlungen haben
weiterhin höchste Priorität. Wir arbeiten hart mit
unseren Handelspartnern - aus Industrie- und Entwicklungsländern - um aussagekräftige Abkommen zu
gewährleisten, von denen alle Ländern profitieren
können.
Auf bilateraler Ebene verfestigen wir unsere Handesbeziehungen mit den nächsten Nachbarn und engsten
Freunden - Kanada und Mexiko - um gemeinsam den
wichtigsten Herausforderungen der nächsten zehn
Jahre gerecht zu werden. In Mexiko arbeiten wir
partnerschaftlich mit Präsident Salinas an der Erweiterung unserer gemeinsamen Tagesordnung. Durch
unser Rahmenabkommen über Handel und Investitionen ermutigen wir Mexiko weiterhin, die gegenwärtig
erfolgende starke Liberalisierung seiner Handels- und
Investitionspolitik zu vertiefen.
Der Präsident hat eine Handelsinitiative für die Andenstaaten angekündigt, um Wirtschaftswachstum durch
den Ausbau legitimer Handelsmöglichkeiten zu fördern.

Unser Engagement für ein offenes System weltweiter
Investitionen zieht zusätzliches Privatkapital in Kapitalmärkte der Entwicklungsländer.

Gegenwärtig errichten wir eine neue regionale Gruppe
im Pazifischen Becken, die Hindernisse für freien Handel, Kapitalfluß und Technologietransfer ausmachen
und überwinden und damit zu verbessertem Weltwirtschaftswachstum beitragen soll.

Unsere verbesserte Schuldenstrategie umfaßt nunmehr Schulden und Optionen zur Reduzierung des
Schuldendienstes. Damit wird Ländern, die wirtschaftliche Reformprogramme durchführen, eine solidere
Basis geboten. Mexiko, Costa Rica, Venezuela, Chile

Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
eine aktive Tagesordnung verfolgt, um sicherzustellen, daß die Früchte eines offenen Welthandels- und
Wirtschaftssystems den Ländern zufallen, die am freien Wettbewerb teilnehmen wollen. Wir werden weiter-

AMERIKA DIENST 18

Seite 11

�hin auf Amerikas Engagement für freies Unternehmertum, Initiative des einzelnen und Pioniergeist bauen,
um marktorientiertes Wachstum in den Entwicklungsländern zu fördern.

men. Diese Regierung ist der Ansicht, daß amerikanische Werte und Interessen eine positive Reaktion auf
diese Veränderungen erfordern. Der vorliegende
Haushaltsantrag ist für diese Aufgabe unerläßlich.

Schlußbemerkung

Abschließend möchte ich folgendes feststellen. In der
dynamischen Welt von heute müssen wir flexibel sein,
Die vergangenen sechs Monate haben eindeutig wenn wir mit den Veränderungen erfolgreich umgehen
bewiesen, daß wir in ein neues Zeitalter der Demokra- wollen. Wir in der Exekutive sind uns bewußt, daß
tie eintreten. Freie Wahlen verändern die Welt von Rechenschaftspflicht und gutes Management für eine
Nicaragua über Panama bis zu Polen und - in abseh- effektive Außenpolitik unabdingbar sind. Ich möchte
barer Zukunft - den Rest Mittel- und Osteuropas. Die deshalb eine Art neuen Verhaltenskodex bei der Ausprimäre Verantwortung wird in den Händen der neuen landshilfe vorschlagen.
Führung dieser Länder liegen - politische und wirtschaftliche Strukturen zu schaffen, die den Willen des Wir sollten konstruktive Konsultationen als wichtigstes
Volkes berücksichtigen. Aber sie werden Hilfe brau- Instrument der Konsensbildung bei programmatischen
chen, um die gegenwärtig stattfindenden demokrati- Zielen betrachten. Wir sollten gemeinsam Möglichkeischen Prozesse zu verfestigen, freie Marktwirtschaft ten zu größerer Flexibilität erforschen, die in diesen
zu kanalisieren oder ganz einfach, um mit ihren Nach- außergewöhnlichen Zeiten und angesichts der veränbarn in Frieden zu leben. Viele unserer alten Freunde derten Prioritäten den Interessen aller dienen.
und Verbündeten sehen sich ähnlichen, wenn auch
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und
weniger dramatischen Veränderungen gegenüber.
den Mitgliedern ihres Unterausschusses bei der EntUnsere Reaktion auf diese drastischen Veränderun- wicklung neuer Beziehungen zwischen Exekutive und
gen wird unser Verhalten bei der Bewältigung der Legislative in diesem wichtigen Bereich.
Herausforderungen der nächsten zehn Jahre bestim-

* *

Seite 12

* *

AMERIKA DIENST 18

�COCOM
9. Mai 1990

UMFASSENDER US-VORSCHLAG ZUR
NEUGESTALTUNG DES COCOM
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Text einer am 2. Mai 1990 vom Weißen Haus
herausgegebenen Übersicht, in der die amerikanischen Vorschläge zur Neugestaltung der Exportkontrollen des
Koordinationsausschusses für multilaterale Exportkontrollen (COCOM) erläutert werden.

Die amerikanische Regierung hat eine gründliche
Überprüfung der Exportkontrollen für sowohl zivil als
auch militärisch nutzbare Technologien und Güter
abgeschlossen. Diese Artikel unterliegen gemäß den
Vereinbarungen mit anderen Mitgliedern des Koordinationsausschusses für multilaterale Exportkontrollen
(COCOM) Beschränkungen.
Als Ergebnis dieser Überprüfung haben die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten im COCOM die Erstellung einer Liste von Schlüsseltechnologien vorgeschlagen, die kontrolliert werden müssen, um den
strategischen Technologievorsprung zu bewahren, der
Kernstück unserer militärischen Stärke ist. Neben
dem Vorschlag zur Erstellung dieser Liste haben die
Vereinigten Staatern angeregt, daß der COCOM
unverzüglich bestimmte kontrollierte Artikel ausklammert, die schon vor Erstellung der Liste von Schlüsseltechnologien entfallen können.
Auf einer gründlichen Analyse der Ministerien für
Auswärtige Angelegenheiten, Verteidigung, Wirtschaft
und Energie beruhend, spiegeln die Vorschläge die
Veränderungen in der strategischen Bedrohung wider
und erlauben den erweiterten Zugang zu moderner
Technologie, insbesondere für die in Osteuropa entstehenden Demokratien.
Die Liste von Schlüsseltechnologien
Mit dem amerikanischen Vorschlag einer Liste von
Schlüsseltechnologien, der einem britischen Vorschlag
entspricht, würden die gegenwärtigen Exportkontrollen durch eine völlig neu strukturierte Liste von Schlüsseltechnologien und -gutem ersetzt. Diese neue Liste
würde "ganz von vorn" aufgebaut. Die in der Analyse
des Verteidigungsministeriums benannten militärischen

AMERIKA DIENST 18

Prioritäten wären für die Identifizierung derjenigen
Technologien und Güter richtungsweisend, die militärisch für unseren technologischen Vorsprung von
entscheidender Bedeutung sind. Die Vereinigten Staaten
schlagen vor, daß die regulären COCOM-Listen bis
Ende 1990 durch die neue Liste ersetzt werden sollen.
Der amerikanische Vorschlag würde eine stufenweise
oder vollständige Durchführung gestatten, solange
strategisch entscheidende Artikel voll und ganz in die
neue Liste einbezogen werden.
Ausklammerung bestimmter Industriegüter
Die gegenwärtig angewendeten Kontrollisten sind zu
lang, überflüssig oder enthalten Artikel, die keine strategischen Interessen der Vereinigten Staaten berühren. Anhand der vom Verteidigungsministerium erstellten Analyse militärisch wichtiger Technologien
wurden über 40 von 120 Kategorien identifiziert, die
vollständig oder teilweise aus den gegenwärtigen
COCOM-Listen herausgenommen werden können.
Davon sollen mindestens 30 völlig entfallen. Der
unverzügliche Abbau dieser Kontrollen würde den
Übergang zu der neuen Liste von Schlüsseltechnologien erleichtern.
Abbau der Kontrollen wie im Falle Chinas
Sorgfältige Untersuchungen haben darüber hinaus
ergeben, daß die meisten Güter und Technologien, die
für Abnehmer in Osteuropa und der Sowjetunion einer
Kontrolle unterliegen, jedoch für die Volksrepublik China
freigegeben sind (dieses Verfahren wird als China
Green Line bezeichnet), von geringem strategischem
Wert sind und deshalb von der Liste gestrichen werden.

Seite 1

�Abbau der Kontrollen in vordringlichen Bereichen

C. Werkzeugmaschinen

Der COCOM plant den unverzüglichen oder teilweisen
Abbau von Kontrollen in drei vordringlichen Bereichen:
Computer, Telekommunikationsausrüstung und Werkzeugmaschinen. Auf diese Bereiche entfällt ein Großteil aller Anträge auf Ausfuhrgenehmigung. Sie haben
entscheidende Bedeutung für die Verbesserung der
Infrastruktur in Osteuropa. Die Vereinigten Staaten
haben folgenden erheblichen Abbau von Kontrollen in
diesen Kategorien vorgeschlagen:

Mit geringfügigen Veränderungen wird die US-Regierung einen COCOM-Vorschlag unterstützen, der einen erheblichen Abbau der Kontrollen für Werkzeugmaschinen und ihre numerischen Controller vorsieht.
Damit entfallen die Kontrollen für zahlreiche Werkzeugmaschinen mit einer Positionierungsgenauigkeit
bis zu plus 2 oder 3 Mikron je nach Typ.

A. Computer

Die Vereinigten Staaten werden dem COCOM vorschlagen, den Ländern günstigere Lizenzbedingungen zu gewähren, die vom COCOM genehmigte Sicherheitsvorkehrungen gegen die Umleitung kontrollierter Güter und Technologien an unzulässige Bestimmungsorte oder nicht autorisierte Endverbraucher
einführen. Solchen Ländern würde in einem Übergangsstadium der Status eines zulässigen Bestimmungsorts gemäß den im COCOM vereinbarten
Bedingungen eingeräumt. Der COCOM würde aufgefordert, eine Liste von Technologien und Gütern zu
erarbeiten, bei denen solchen Staaten eine bevorzugte Behandlung zuteil würde.

Dem amerikanischen Vorschlag zufolge würden die
Kontrollen für die Lieferung von Computern mit einer
Datenverarbeitungsrate (PDR) von 275 Megabit pro
Sekunde (mps) beseitigt.
Dies entspricht einer
50prozentigen Annäherung an die China Green Line.
Ausfuhrgenehmigungen für alle zivilen Endverbraucher würden bis zur China Green Line (einer PDR von
550 mps) wohlwollend bearbeitet. Diese Maßnahme
würde zum Abbau der Kontrollen für die meisten
handelsüblichen Personalcomputer führen und Zugang zu einigen Mainframe-Computern für Bankwesen, Flugreservierungen etc. ermöglichen.

Differenzierung

Anwendung der Exportkontrollen
B. Telekommunikationsausrüstung
Die Vereinigten Staaten schlagen eine Lockerung von
Kontrollen vor, zum Beispiel für einige Zellenkommunikationssysteme und bestimmte Satellitenbodenstationen, und zwar für alle Zielorte. Für Osteuropa
schlagen wir einen verbesserten Zugang zu modernen
faseroptischen Systemen (bis zu einer Ubertragungsrate von 156 Megabit) und zu Mikrowellen-Telekommunikationssystemen vor. Der Zugang zu dieser
hochmodernen Technologie ist jedoch von der Einführung von Sicherheitsvorkehrungen gegen Mißbrauch
abhängig.

*

Seite 2

Die Regierung der Vereinigten Staaten ermutigt ihre
Verbündeten weiterhin zur Anwendung der Kontrollen.
Es ist unerläßlich, unsere Verbündeten im COCOM
um ihre Zustimmung zu einer erneuerten Verpflichtung
auf verbesserte Einhaltung der COCOM-Bestimmungen zu bitten, um auf diese Weise die neu erstellte
Liste von Schlüsseltechnologien zu schützen. Die
Vereinigten Staaten werden sich um die Einhaltung
der bisherigen Normen zum Schutz vor Umleitung
oder illegalem Erwerb kontrollierter Güter und Technologien bemühen.

*

AMERIKA DIENST 18

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10832">
                <text>09.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10833">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10834">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10835">
                <text>Amerikadienst 09.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10836">
                <text>&lt;strong&gt;1. Zwei-plus-Vier-Gespräche&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Viermächtestatus für Berlin sollte beendet werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Außenministers bei Zwei-plus-Vier-Gesprächen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Vereinigtes Deutschland soll Mitglied der NATO sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der Examensfeier der Oklahoma State University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützen Selbstbestimmungsrecht für Litauen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Cocom&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Umfassender US-Vorschlag zur Neugestaltung des COCOM &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2142" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2153">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/20b6f8df831c69dd61f5fbf8562991cf.pdf</src>
        <authentication>32113e4a8936c3ba2c8269d18b7b2087</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10831">
                    <text>N^S*?7*

cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^r,

D

N ^
rica

Embassv °' ' [ J ^ ! GßlVices
üei^mannsAue29

17

I

5300 Bonn 2

2. Mal 1990

VSBM

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH
DIESES JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca

WELTWIRTSCHAFT

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN
ZIELE FÜR UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit

TERRORISMUS

1989 STARKER RUCKGANG
DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums

I

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�VSBM
2. Mai 1990

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH DIESES
JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca
WIEN - (AD) - Der Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), Botschafter John Maresca, hat am 27. April 1990 in einer zum
Abschluß der Sitzungsrunde vor dem Plenum gehaltenen Rede erklärt, das Interesse am KSZE-Prozeß habe
"infolge der Entwicklung in Osteuropa in den vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten
die politisch Verantwortlichen jetzt einen KSZE-Gipfel noch vor Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis
dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist."
Darüber hinaus stellte Maresca fest, daß trotz "wichtiger Meinungsverschiedenheiten bei einigen Schlüsselfragen" in den Gesprächen die konsensfähigen Bereiche "heute erheblich größer sind". Man könne nun "die
Anfänge eines umfassenden neuen Interesses an substantiellen Fortschritten erkennen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Botschafter Marescas im Wortlaut.

Am Ende dieser Verhandlungsrunde könnte es nützlich sein, eine Bilanz zum Stand unserer Arbeit zu
ziehen. Immerhin tagen wir hier nun schon seit über
einem Jahr. Meines Erachtens haben wir gerade in
dieser Runde einige nützliche Lektionen gelernt, und
sie hat uns dem von uns allen erhofften Ergebnis
wiederum ein paar Schritte nähergebracht.
Der politische Hintergrund war natürlich für unsere
Arbeit hier von Bedeutung. Das Interesse am KSZEProzeß hat infolge der Entwicklung in Osteuropa in den
vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten die politisch Verantwortlichen jetzt einen
KSZE-Gipfel noch vordem Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist. Dieselben Ereignisse haben der Rüstungskontrolle, einschließlich der VSBM-Verhandlungen, neue Perspektiven eröffnet.
Im Rückblick erscheint das Seminar über Militärdoktrinen als ein Wendepunkt. Bei dieser Gelegenheit
versuchten unsere führenden Offiziere zum ersten
Mal, über die Annahmen der Vergangenheit hinauszudenken. Zumindest zwei Vorschläge berücksichtigten
unmittelbar die Erfahrung dieses Seminars, um den
Horizont dieser Verhandlungen zu erweitern und ihnen
für die Zukunft regulären Charakter zu verleihen. Dies
waren die Vorschläge für einen Austausch der militärischen Haushaltszahlen und für die jährliche Abhaltung von Überprüfungstreffen, die gegenwärtig in unseren
Arbeitsgruppen aktiv untersucht werden. Ein interesAMERIKA DIENST 17

santes Papier über ein Kommunikationssystem stützte sich ebenfalls auf die bei diesem Seminar gewonnenen Erfahrungen.
Welches waren also die bemerkenswerten Leistungen
dieser Verhandlungsrunde über VSBM? Erstens sind
die konsensfähigen Bereiche meines Erachtens heute
erheblich größer. In der Vergangenheit betrachtete
meine Delegation einen Konsens über einen jährlichen
Informationsaustausch, darunter auch Informationen
über die Stationierung wichtiger neuer Waffensysteme, ein System der Überprüfung der gelieferten Informationen nach dem Zufallsprinzip und Verbesserungen der Stockholmer Vereinbarungen als die großen
Bereiche, in denen ein Konsens wahrscheinlich war.
Neben diesen Bereichen zeichnet sich unserer Ansicht
nach ein Konsens über den jährlichen Austausch von
militärischen Haushaltszahlen, über ein alle 35 Hauptstädte einbeziehendes Kommunikationssystem, verstärkte militärische Kontakte und die jährliche Veranstaltung eines Überprüfungstreffens ab. Das ist eindeutig eine erhebliche Erweiterung des Horizonts und
der Komplexität dieser Verhandlungen, verspricht jedoch
darüber hinaus bedeutendere Ergebnisse, als wir uns
noch vor wenigen Monaten vorstellen konnten.
Ein zweites Ergebnis ist der sich abzeichnende und
allseits anerkannte Konsens über die Notwendigkeit,
ein gemeinsames Dokuments zu erarbeiten, das bei
einem möglicherweise Ende des Jahres stattfinden-

Seite 1

�den KSZE-Gipfel verabschiedet werden kann. Ich
akzeptiere die in der Plenarsitzung der letzten Woche
von den Vertretern Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Erklärungen, ein solches Dokument solle aussagekräftig sein. Es scheint
sich darüber hinaus ein Konsens darüber zu bilden,
daß diese Verhandlungen nach einem möglichen Gipfel
fortgeführt werden sollen. Das ist ebenfalls ein wichtiges Kriterium für die Planung unserer Arbeit.

Möglichkeiten noch nicht akzeptiert haben, und ihr
mangelnder Enthusiasmus für baldige Fortschritte wird
in scharfem Gegensatz zur großen Mehrheit der Teilnehmer stehen.

Dies sind unserer Ansicht nach die wichtigsten Ergebnisse der soeben beendeten Runde. Aber wir sind
auch auf einige möglicherweise schwierige Probleme
gestoßen. Es bestehen weiterhin größere Meinungsverschiedenheiten bei Grundsatzfragen, undwirbeobachten eine Tendenz, Fortschritte in Bereichen, in
denen bereits ein Konsens erzielt wurde, von Zustimmung zu politischen Positionen abhängig zu machen,
bei denen auch nicht nur annähernd Konsens besteht.
Dies ist gegenwärtig ein unerfreulicher Punkt unserer
Arbeit, der sich bald ändern und in den traditionellen
konsensbildenden Ansatz verwandeln muß, den wir
bei KSZE immer verfolgt haben und der aller Wahrscheinlichkeit nach Ergebnisse hervorbringen wird.

Um unsere Arbeit weiterhin effektiv leisten zu können,
müssen wir innovative Arbeitsmethoden einführen, die
der neuen politischen Situation in Europa gerecht
werden. Wir sollten uns mit der größtmöglichen Flexibilität, die sich mit unseren nationalen Sicherheitsinteressen vereinbaren läßt, an den Verhandlungstisch
setzen, und wir sollten uns alle verantwortungsbewußt
für ein Ergebnis einsetzen, das dem KSZE-Prozeß
zum Vorteil gereicht. Wenn unsere Spitzenpolitiker zu
einem KSZE-Gipfel zusammentreten, dann weil sie
ihrem gemeinsamen Interesse Ausdruck verleihen
wollen, KSZE zu einem echten Rahmen für die Zukunft
Europas zu machen. Unsere Herausforderung wird
darin bestehen, daß dieses Forum aus 35 unterschiedlichen, unabhängigen Ländern einen ernsthaften Beitrag zur Rüstungskontrolle leisten kann, der den heute
in Europa stattfindenden historischen Veränderungen
Rechnung trägt.

Drittens wäre ich nachlässig, würde ich nicht darauf
hinweisen, daß es über den Rahmen dieses KSZEForums hinausgehende übergreifende politische Probleme gibt, die als Damoklesschwert über uns schweben. Diese Probleme könnten einen dunklen Schatten
Sicherlich stellen die ersten vereinbarten Textentwürfe auf die Zukunft dieser Verhandlungen und alle anderen
ein weiteres Ergebnis dar, und unsere Kollegen in den Aspekte der Ost-West-Beziehungen in Europa werArbeitsgruppen - denen die Hauptlast dieser Verhand- fen. Wir hoffen, daß diese Probleme durch friedliche
lungen aufgebürdet wird - verdienen Anerkennung für Verhandlungen und ohne Einsatz von Gewalt gelöst
ihre großen Anstrengungen. Die bis jetzt erarbeiteten werden können, um diese möglichen negativen ImpliTexte gehen natürlich noch nicht auf die schwierigsten kationen zu vermeiden.
Probleme ein, aber diese Konferenz, bei der Entwürfe
auf den Weg gebracht wurden, hat bemerkenswerte Herr Vorsitzender, aus meinen Ausführungen sollte
Erfolge erzielt, und wir sollten in dieser Richtung wei- klar geworden sein, daß meine Delegation ein Arbeitsprogramm für unsere Verhandlungen prognostiziert,
termachen.
das die Vorbereitung eines aussagekräftigen DokuSchließlich bin ich der Meinung, wir können jetzt ein ments zur Verabschiedung vor einem möglicherweise
neuerwachtes Interesse an solch echten Fortschritten dieses Jahr stattfindenden KSZE-Gipfel vorsieht. Wir
erkennen. Dies trägt der Tatsache Rechnung, daß es erwarten ebenfalls die Fortführung dieser Verhandlunnunmehr unsere Pflicht ist, ein aussagekräftiges gen, damit ein zweites VSBM-Dokument vor dem
Dokument für einen möglichen Gipfel zu erarbeiten, Folgetreffen in Helsinki 1992 erarbeitet werden kann.
und wir sollten uns der Tatsache bewußt werden, daß Das ist ein ehrgeiziges Programm, das in den komdie uns zur Verfügung stehende Zeit jeden Tag kürzer menden Monaten unsere gebündelte Energie verlangt.
wird.

Zweitens sind wir uns bewußt, daß der Wunsch nach
Fortschritten zu einem aussagekräftigen gemeinsamen Dokument noch vor einem möglichen KSZEGipfel zwar weitverbreitet, aber nicht überall vorhanden ist. Es scheint Delegationen zu geben, die diese

* *

Seite 2

* *

AMERIKA DIENST 17

�WELTWIRTSCHAFT
2. Mal 1990

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN ZIELE FÜR
UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Thomas Pickering, zufolge
engagieren sich die Vereinigten Staaten "stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Reformen auf der ganzen
Welt", weil sich diese bei der Steigerung von Wachstum und Entwicklung als nützlich erwiesen haben.
Pickering erklärte am 25. April 1990 vor der Sondersitzung der Generalversammlng über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, als ersten Schritt in Richtung auf eine schnellere Wirtschaftsentwicklung müßten
die Regierungen der Entwicklungsländer eine angemessene Wirtschaftspolitik verfolgen. Er verwies jedoch auch
darauf, daß die Industrieländer zu dieser Entwicklung beitragen müssen, indem sie das Weltwirtschaftswachstum ankurbeln, den Handel ausbauen, die Bedürfnisse der Entwicklungsländer berücksichtigen und sich an
Bestrebungen beteiligen, um "mittels eines vernünftigen und verantwortungsbewußten Dialogs Vorteile für beide
Seiten zu erzielen".
Die Vereinigten Staaten müssen ihm zufolge bei der Sondersitzung "drei konkrete Ziele" verfolgen - aus den
Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit die richtigen Schlußfolgerungen für die unmittelbare
Zukunft ziehen, eine Reihe von Themen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von
Wirtschaftswachstum und Entwicklung in den Entwicklungsländern als Leitlinie dienen können undeine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe von bevorstehenden UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik
dient.
Nachfolgend veröffentlichen wir Pickerings Rede im Wortlaut:

Herr Präsident, "Manchmal muß man wie ein Ökonom
denken".
Mit diesen Worten hat uns ein renommierter amerikanischer Politiker daran erinnert, daß Wunschvorstellungen kein Ersatz für Entscheidungen sein können,
und daß Wünschen Taten folgen müssen, wenn sie
verwirklicht werden sollen.
Es klingt etwas abgedroschen, wenn jetzt noch darauf
verwiesen wird, daß wir uns an einem Wendepunkt der
Geschichte befinden. Wir sind uns der überwältigenden und dramatischen Veränderungen bewußt, die
überall auf der Welt erfolgen. Diese Umwälzungen
beschränken sich nicht auf Osteuropa. Sie betreffen
sowohl die Neubelebung der Volkswirtschaften als
auch die Umgestaltung der politischen Systeme. Die
Veränderungen werden von dem Grundgedanken
geleitet, daß das bisherige Machtmonopol einer regierenden Elite jetzt einem bescheideneren Konzept von
Zielen und Aufgaben des Staates weichen mu ß. Infolge dessen dürfen Einzelpersonen und private Grup-

AMERIKA DIENST 17

pen nunmehr Eigeninititive entwickeln und erhalten die
Gelegenheit zu Vorschlägen, Kreativität, Innovationen
und Führungsaufgaben.
Diese Veränderungen und die damit einhergehenden
Tendenzen und Kräfte haben uns an einem entscheidenden Wendepunkt zusammengeführt. Wenn wir die
jüngsten Entwicklungen aufgreifen, können wir eine
sehr viel produktivere Tagesordnung für kontinuierliches und dauerhaftes Wirtschaftswachstum ausarbeiten. Diese einmalige Gelegenheit hat auch Bedeutung
für die Vereinten Nationen. Sie liefert den Grund für die
heutige aktive und starke Beteilung der amerikanischen Delegation.
Im Laufe dieser Sondersitzung hat die Generalversammlung Gelegenheit, allgemeine Themen der internationalen wirtschaftlichen Zusmmenarbeit in den
neunziger Jahren aufzugreifen. Diese Themen können der Arbeit der Vereinten Nationen als Leitlinie
dienen und insbesondere die Bestrebungen der Zweiten UNO-Konferenz über die ärmsten Entwicklungs-

Seite 1

�länder, die Vorbereitung einer Internationalen Entwicklungshilfestrategie und die Arbeit von UNCTAD
VIII unterstützen.

men auf der ganzen Welt, weil diese Reformen bei der
Steigerung von Wachstum und Entwicklung funktioniert haben und ihren Wert behalten werden.

Die grundlegenden Punkte des Gesamtkonzepts liegen bereits fest:

Nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen

1.

Eine von vielen Parteien getragene Demokratie
auf der Basis freier, regelmäßiger und fairer
Wahlen.

2.

Rechtsstaatlichkeit und Beachtung der Gesetze
bei gleichzeitiger Wahrung der Menschenrechte und einem effektiven, allgemeingültigen und
fairen Rechtssystem.

3.

Wirtschaftliche Aktivitäten, die das Recht des
Arbeitnehmers auf Gründung und Beteiligung
an Gewerkschaften berücksichtigen und weder
Zwangsarbeit gestatten noch Diskriminierung
von Arbeitnehmern aufgrund ihres Geschlechts,
ihrer Herkunft, Religion oder politischen Anschauung zulassen.

4.

Freie, offene und wettbewerbsfähige Marktwirtschaften, in denen sich Preise durch Angebot
und Nachfrage regeln.

5.

Unbehinderter Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Einzelpersonen und Unternehmen auf den Binnen- und Auslandsmärkten, wobei direkte Kontakte zwischen Verbraucher und Händler erwünscht sind und ermutigt
werden.

6.

Volle Anerkennung und Schutz der Rechte des
Bürgers auf den Erwerb und Besitz von Eigentum, auch geistigem Eigentum.

7.

Nationale wirtschaftliche Ziele, die sich auf
Produktivität statt auf Produktion als Selbstzweck stützen.

8.

Eine gesunde und durchdachte nationale Finanz- und Währungspolitik.

9.

Internationale und innenpolitische Verfahren zur
Erweiterung des freien und offenen Handels,
des freien Flusses von Investitionsfonds und
anderem Kapital und der uneingeschränkten
Fähigkeit zum Transfer von Kapital und Gewinnen mit konvertierbaren Währungen.

Der Lauf der Ereignisse in den vergangenen Jahren
hat uns vor Augen geführt, daß es diese Ideen sind, die
eine wertvolle und nützliche Leitlinie für die Zukunft
bieten. Und es ist kein Zufall, daß diese Ideen wiederum eng mit grundlegenden Werten wie Menschenrechten, menschlicher Vielfalt und Hoffnungen des
einzelnen verknüpft sind.
Aus diesen Gründen engagiert sich die US-Regierung
stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Refor-

Seite 2

Wir sind der Ansicht, daß Volk und Regierung jedes
Landes große Verantwortung für eine erfolgreiche
Entwicklung tragen. Entwicklung hängt zum Großteil
von nationalen Entscheidungen und innenpolitischen
Bemühungen ab - dem Wunsch und der Fähigkeit,
Reformen und andere Maßnahmen durchzuführen,
die zur Förderung ausgewogenen und dauerhaften
Wachstums nötig sind.
Der erste Schritt zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung besteht darin, daß jedes
Land geeignete wirtschaftspolitische Maßnahmen
einführt. Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß
Bemühungen dieser Art in vielen Fällen erhebliche
Anpassungen und Reformen erfordern werden. Diese
Veränderungen sind in der Tat die Grundvoraussetzung für die Wiederbelebung der Volkswirtschaften
und die Verbesserung des Lebensstandards in den
Entwicklungsländern. Daneben bekommen sie aufgrund der weltweiten Konkurrenz der Entwicklungsländer um die Vergabe öffentlicher und privater ausländischer Ressourcen einen zunehmend wichtigen
Stellenwert.

4

j

Für diejenigen Entwicklungsländer, die mit binnenwirtschaftlichen Problemen und einer hohen Außenverschuldung zu kämpfen haben, werden makroökonomische Reformen - insbesondere eine solide HaushaltsGeld- und Währungspolitik - weiterhin von entscheidender Bedeutung sein.
Dies allein reicht jedoch nicht aus. Maßnahmen auf
der Angebotsseite, die den Abbau von Verkrustungen
zum Ziel haben, funktionierende Märkte bewirken und
die Produktion steigern ,sind unerläßlich, um Anpassung mit Wachstum zu verbinden. Eine Politik der
Liberalisierung des Handels, Reformierung der Arbeitsmärkte, Entwicklung der Finanzmärkte und Privatisierung von Staatsunternehmen gestattet es dem
Privatsektor, zur Erhöhung von Beschäftigungsstand
und Effizienz beizutragen. Mit Maßnahmen, die zur
Mobilisierung von Ersparnissen und zur Ermutigung
neuer Investitionen beitragen und die Rückkehr von
Fluchtkapital fördern, können die erforderlichen Mittel
aufgebracht werden, um Wirtschaftswachstum anzukurbeln und aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten tragen der Tatsache Rechnung, daß nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen
allein nicht ausreichend sind. Ebenso wichtig ist das
internationale ökonomische Umfeld. In dieser Hinsicht
tragen die entwickelten Staaten eine besondere Verantwortung. Insbesondere die führenden Industriestaaten müssen dauerhaftes weltweites Wirtschaftswachstum und den Ausbau des Welthandels fördern.

AMERIKA DIENST 17

1

�Dabei müssen sie auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer eingehen und eine aktive Partnerschaft in
einem internationalen Klima bewahren, das auf allseitige Vorteile durch einen vernünftigen und verantwortungsvollen Dialog ausgerichtet ist.
Sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern ist die Aufgabe, geeignete nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen zu formulieren und zu
verwirklichen, heute schwieriger und komplexer als in
der Vergangenheit. Grenzüberschreitende Probleme
wie Terrorismus und Drogenhandel sind negative
Erscheinungen, die Wirtschaftswachstum und -entwicklung belasten. Die Notwendigkeit von Schutz und
Wiederherstellung unserer gefährdeten Umwelt bedeutet weitere Kosten und Einschränkungen. Die
internationale Staatengemeinschaft muß sich ferner
Fragen in Zusammenhang mit dem Technologietransferwidmen, darunter dem Schutz von Urheberrechten,
Warenzeichen und anderen Formen geistigen Eigentums. Neue Methoden der regionalen politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit können der Behandlung dieser Probleme förderlich sein.
Dieses Geflecht von Wachstum und Wandel gibt zu
komplexen Besorgnissen Anlaß, zu deren Ausräumung wir beitragen wollen. Die Vereinigten Staaten
streben die Zusammenarbeit mit anderen Regierungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereinten Nationen an. Wir sind uns bewußt, daß alle
Regierungen - und hier spielen die Vereinigten Staaten
eine herausragende Rolle - für die dauerhafte internationale Wirtschafsentwicklung Verantwortung tragen.
Wir nehmen diese Verantwortung ernst und sind bestrebt, ihr gerecht zu werden.
Die äußere Verschuldung
Unsere anhaltenden Bemühungen zur Bewältigung
des Schuldenproblems der Entwicklungsländer spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Auf
Initiative der Vereinigten Staaten hat die internationale
Staatengemeinschaft unlängst die Schuldenstrategie
verstärkt, die sich besonders auf die Reduzierung von
Schulden und Schuldendienst durch die Geschäftsbanken stützt, um den finanzpolitischen Bedürfnissen
der Länder gerecht zu werden.
Letztlich besteht unser Ziel darin, Wirtschaftswachstum und -entwicklung auf Dauer zu unterstützen und
den Zugang zu den privaten Kapitalmärkten wiederherzustellen. Die verstärkte Schuldenstrategie hat
folgende Hauptziele:
Wiederbelebung der Hoffnung in den verschuldeten Ländern und Stärkung ihres Engagements für Wirtschaftsreformen.
Ermutigung der Geschäftsbanken zur Reduzierung von Schulden und Schuldendienst als ein
Mittel, um diese Reformbestrebungen zu unterstützen.
AMERIKA DIENST 17

Vertrauensbildung in den verschuldeten Ländern, um auf diesem Weg Investitionen und die
Rückkehr von Fluchtkapital zu ermutigen.
In Zusammenhang mit diesem Ansatz haben die
Regierungen der Gläubigerstaaten ihr Engagement
erneuert, um die Bemühungen der Schuldnerländer
durch Beiträge von IWF und Weltbank, anhaltende
Exportfinanzierung und den Abbau bilateraler Schuldenverpflichtungen durch Umschuldungsmaßnahmen
des Pariser Clubs zu unterstützen.
Mexiko, Chile, die Philippinen, Costa Rica, Venezuela
und Marokko haben sich die Vorteile dieser Strategie
bereits zunutze gemacht. Wir erwarten, daß andere
Länder denselben Weg beschreiten werden. Die bis
zum jetzigen Zeitpunkt zwischen Schuldnerländern
und Geschäftsbanken erzielten Vereinbarungen verdeutlichen, wie flexibel diese Strategie auf die Erfordernisse eines breiten Spektrums von Schuldnerländern eingeht. Darüber hinaus weisen sie auf erhebliche potentielle Vorteile sowohl bei der Reduzierung
der Schuldenlast als auch bei der wirtschaftlichen
Wiederbelebung der Schuldnerländer hin.
Ferner wurde eine Reihe von Schritten in die Wege
geleitet, um die Schuldenlast für diejenigen der ärmsten Staaten zu verringern, die solide wirtschaftliche
Reformprogramme eingeführt haben. Dazu gehören
besondere Umschuldungsprogramme des Pariser Clubs
und bilaterale Vereinbarungen über den Erlaß von
Schulden. Als Teil dieser Bemühungen sind die Vereinigten Staaten im Begriff, Kredite im Gesamtumfang
von 850 Millionen Dollar abzuschreiben, die als Wirtschaftshilfe an 14 afrikanische Staaten südlich der
Sahara vergeben wurden, da in diesen Ländern Wirtschaftsreformen durchgeführt werden. Schließlich
stellt auch die Internationale Entwicklungsorganisation heute Mittel zur Verfügung, um die Verschuldung
dieser Länder gegenüber Geschäftsbanken in den
Griff zu bekommen.
Wir gehen davon aus, daß diese Bemühungen zur
Bewältigung des Schuldenproblems vernünftige Ergebnisse und weitere Fortschritte zeitigen werden.
Parallel zu unseren Anstrengungen im Bereich der
Verschuldung stützen wir uns weiterhin auf unser
Entwicklungshilfeprogramm, um Wachstum und Entwicklung wiederzubeleben.
Entwicklungshilfe
Die Bilanz der langfristigen Bereitstellung öffentlicher
und privater Hilfe durch die Vereinigten Staaten und
andere Industriestaaten kann sich sehen lassen. Mit
Beiträgen in Höhe von 212 Milliarden Dollar von 1945
bis 1988 standen wir bei der Vergabe von Wirtschaftshilfe weltweit an erster Stelle.
Die amerikanische Entwicklungshilfe verfolgt drei
grundsätzliche Ziele:

Seite 3

�1.

Beitrag zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum
in den Entwicklungsländern auf breiter Grundlage.

2.

Hilfe bei der Entwicklung von Humanressourcen mit Schwerpunkt auf Schaffung eines Gesundheits- und Bildungsniveaus, das es den
Bürgern erlaubt, zum wirtschaftlichen Fortschritt
beizutragen und davon zu profitieren.

3.

Ermutigung pluralistischer Werte, darunter die
Förderung von Wettbewerb, Freiheit und Demokratie in den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Institutionen eines Landes.

Im bilateralen Bereich ist die amerikanische Hilfe auf
die Bedürfnisse und Bedingungen jedes einzelnen
Landes zugeschnitten. Sie bedient sich dabei eines
breiten Spektrums praktischer Ansätze und spezifischer Maßnahmen. Das ist deshalb der Fall, weil die
generelle Notwendigkeit solider wirtschaftspolitischer
Maßnahmen uns kein detailliertes, weltweites Patentrezept für Entwicklung liefert. Erfolg läßt sich aber
auch nicht anhand von global formulierten, begrenzten
Zielen messen.
Neben dem regulären amerikanischen Wirtschaftshilfeprogramm werden die Bemühungen meiner Regierung von einer Reihe äußerst wichtiger Hilfsmaßnahmen für sich entwickelnde Volkswirtschaften ergänzt:
das Bilaterale Investitionsvertragsprogramm, die Initiative für das Karibische Becken, die Private Entwicklungsgesellschaft (OPIC), um nur einige Beispiele zu
nennen. Im Rahmen der Uruguay-Runde streben wir
eine Ausweitung des Welthandels und seiner Vorteile
auf die Entwicklungsländer an. Mit unseren Beiträgen
zu IWF, Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken erweitern wir unser Engagement für die Entwicklungshilfe, indem wir uns mit anderen Ländern auf der
ganzen Welt zur Förderung von Wachstum und Entwicklung zusammenschließen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß trotz
der in einzelnen Ländern erzielten wichtigen Erfolge
nicht überall Fortschritte stattgefunden haben oder
vollzogen sind. Dennoch vertreten wir die Meinung,
eine Fortsetzung der entwicklungspolitischen Debatten der vergangenen dreißig Jahren wäre nicht konstruktiv.
Die Vorteile der effektiven Kanalisierung von Marktkräften sollten für uns ebenso auf der Hand liegen wie
die Vorzüge von Demokratie und freier Marktwirtschaft. Die Vereinigten Staaten setzen sich für die
aktive Beteiligung an dem Dialog ein, mit dem diese
zusammenhängenden Konzepte gefördert werden
sollen, und das ist ein wichtiger Grund für die heutige
Teilnahme meiner Delegation.
*

Seite 4

*

Die Vereinigten Staaten haben drei Zielsetzungen für
diese Sondersitzung der Generalversammlung:
Erstens sollte die Sondersitzung auf die Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit eingehen und daraus angemessene
Schlußfolgerungen für die unmittelbare Zukunft
ziehen.
Zweitens sollte die Sondersitzung eine Reihe
von Zielsetzungen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in der dritten Welt
als Leitlinie dienen können.
Drittens sollte die Sondersitzung eine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe
anstehender UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik dient.
Diese Ziele können die Initiative freier Völker auf der
ganzen Welt fördern und inspirieren. Wir wollen eine
beschleunigte und dauerhafte Entwicklung aller Länder im Kontext einer stabilen Weltwirtschaft. Wir
wollen nicht, daß politische Rechte und soziale Errungenschaften einer Theorie zum Opfer fallen müssen,
die dafür fälschlicherweise materiellen Ausgleich verspricht. Es wäre grundfalsch, einen solchen Handel zu
befürworten. Bestrebungen zur Verbesserung des
materiellen Wohlstands können nicht zum Erfolg führen, wenn sie politische Rechte und soziale Errungenschaften mißachten.
Unserer Ansicht nach kann die Sondersitzung diese
Ziele erreichen, indem sie Lehren aus den Erfahrungen der Vergangenheit zieht, ihre Wahl zwischen
funktionierenden und unbrauchbaren Ideen trifft und
an die Fähigkeit des Menschen als Individuum und
Mitglied freier Gesellschaften appelliert, sein Leben
und seine Taten zum Vorteil aller einzusetzen.
In dieser Woche haben wir Ihre Meinungen gehört und
davon profitiert. Dies ist eine Welt, in der die nationalen
Volkswirtschaften zunehmend interdependent sind.
Auf der ganzen Welt hegen immer mehr Menschen die
gleichen Hoffnungen. Das Problem der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Neubelebung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in
der dritten Welt sind viel zu wichtig, als daß man sie mit
Ideologien befrachten oder mit Rhetorik zuschütten
könnte. Unserem gemeinsamen Einsatz für die Wirtschaftsentwicklung ist am besten gedient, wenn wir
unsere jeweiligen Meinungen respektieren und gemeinsam verantwortungsbewußte und konsensfähige
Lösungen erarbeiten. Dies ist sicherlich das Ziel
meiner Delegation und meiner Ansicht nach ein Ziel,
dem wir uns alle verschreiben müssen.

*

*

AMERIKA DIENST 17

�TERRORISMUS
2. Mal 1990

1989 STARKER RÜCKGANG DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem Jahresbericht des US-Außenministeriums an den Kongreß zufolge hat sich die
Zahl der internationalen Terroranschläge 1989 erheblich vermindert.
Der am 30. April 1990 veröffentlichte Bericht "Patterns of Global Terrorism" verweist darauf, daß die Anzahl der
von Terroristen verübten Attentate von 856 im Jahr 1988 auf 528 im vergangenen Jahr abgenommen hat.
Trotz des Rückgangs der Anschläge um nahezu 38 Prozent hat der Terrorismus im Nahen Osten um 45 Prozent
zugenommen.
Obwohl die Zahl der Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und der Todesfälle 1989 abgenommen hat,
"waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des internationalen Terrorismus", heißt es in
dem Bericht.
Der Bericht führt aus, daß die Zahl der von bestimmten Länder gesteuerten terroristischen Übergriffe 1989 stark
abgenommen hat. Den größten Anteil (dieser Kategorie) hat dabei Kabul, das seine Bombenanschläge in
Pakistan nach dem Abzug der sowjetischen Truppen offensichtlich verringert hat.
"Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge im Jahr 1989 können Terroristen Gewaltanwendung,
insbesondere gegenüber den Vereinigten Staaten, potentiell steigern," schreibt der Bericht.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Das Jahr im Rückblick" (The Year in Review) im Wortlaut.

Der Umfang des internationalen Terrorismus ist gegenüber 1988 im Jahr 1989 weltweit stark zurückgegangen, was mit 856 Anschlägen im Jahr 1988 gegenüber 528 (1989) einer Verringerung der Anschläge um
38 Prozent entspricht. Die meisten terroristischen
Übergriffe finden nach wie vor im Nahen Osten statt,
das heißt insgesamt 193 Anschläge, 37 Prozent aller
Übergriffe weltweit. Der Anteil der dem Nahen Osten
zugeschriebenen Aktionen erhöht sich allerdings auf
45 Prozent, wenn man die von dort gesteuerten Anschläge in anderen Regionen hinzurechnet. Die Zahlen betragen für 1988 jeweils 36 Prozent und 41
Prozent. Lateinamerika nimmt mit 131 Anschlägen
oder 25 Prozent den zweiten Platz ein. Westeuropa
steht mit 96 Anschlägen an dritter Stelle. Angesichts
des Rückgangs der von Afghanistan gesteuerten
Übergriffe auf Pakistan fiel Asien mit 55 Anschlägen
auf den vierten Platz. Afrika stand mit 48 Fällen an
fünfter Stelle. Vier Anschläge internationaler Terroristen fanden in Nordamerika statt.
In den vergangenen Jahren wurden die Gewalttaten
der Palästinenser gegen ihre Landsleute in den besetzten Gebieten in die Statistik des internationalen
Terrorismus einbezogen, weil Palästinenser als staaAMERIKA DIENST 17

tenlos gelten. Das führte dazu, daß solche Zwischenfälle anders bewertet wurden als Konflikte innerhalb
einzelner Volksgruppen in anderen Teilen der Welt.
Infolge einer eingehenden Prüfung der Kämpfe unter
Palästinensern werden diese in der Statistik der USRegierung über internationalen Terrorismus nicht mehr
berücksichtigt. Dieses neue Konzept der Statistiken
von 1989 gewährleistet ihre Präzision und Zuverlässigkeit. Gewalt unter Palästinensern bleibt jedoch ein
ernstliches Problem.
Ein Anschlag wurde im Laufe des Jahres aus Osteuropa gemeldet, sowjetische und osteuropäische Interessen wurden jedoch auch in anderen Teilen der Welt
angegriffen.
Mehrere Faktoren führten zum Rückgang des internationalen Terrorismus:
Die afghanische Regierung reduzierte ihre terroristischen Übergriffe auf Pakistan nach dem
Abzug der sowjetischen Truppen.
Jassir Arafats Absage an den Terrorismus führte zu einem starken Rückgang der Operationen
von Sympathisanten der PLO.
Seite 1

�Differenzen innerhalb der Gruppe Abu Nidal
(ANO) - früher eine der aktivsten terroristischen
Vereinigungen - und ihre Konzentration auf Auseinandersetzungen zwischen Milizen im Libanon führten zu einem Rückgang der Operationen dieser Gruppe.
Eine Reihe von Ländern, die in den Terrorismus
verwickelt waren, wie etwa Libyen und Syrien,
wollten nicht mehr fortwährend als Sponsoren
des Terrorismus betrachtet werden und haben
ihre Unterstützung eingeschränkt. Einzig der
Iran bildete bei dieser Tendenz die Ausnahme.
Zum Teil infolge innenpolitischer Probleme und
verbesserter Methoden der Terrorismusbekämpfung konzentrierten sich viele terroristische
Vereinigungen auf den Aufbau ihrer weltweiten
Infrastruktur, um in Zukunft Anschläge ausführen zu können.
Die Fähigkeiten zur Terrorismusbekämpfung
sind in den meisten Teilen der Welt verbessert
und die Kooperation zwischen den Regierungen
ist verstärkt worden.
Es gab lediglich einen "spektakulären" internationalen
Terroranschlag im Jahr 1989 - der Bombenanschlag
auf eine Maschine der UTA über Niger am 19. September. Bei diesem Anschlag kamen 171 Menschen ums
Leben, und es gab damit die meisten Toten bei einem
einzigen Anschlag in diesem Jahr. Die Verantwortlichen konnten bis heute nicht ermittelt werden. "Spektakuläre" Terroranschläge werden wohl seltener werden, da Terroristen zunehmend einzusehen scheinen,
daß sie ihre Ziele nicht mit Flugzeugentführungen
erreichen können und daß solche Anschläge immer
schwieriger werden. Darüber hinaus konzentrieren
Gruppen, die zu solchen Operationen am ehesten in
der Lage waren, ihre Energie auf andere Dinge.
Die Schilderung der angeblichen Exekution vom Oberst
der US-Marineinfanterie, William R. Higgins, machte
am 31. Juli Schlagzeilen und führte zur weltweiten
Verurteilung der verantwortlichen Terroristen, hinter
denen der Iran stand. In anderen Teilen der Welt sind
die kolumbianischen Drogenhändler wahrscheinlich
für verschiedene Terroranschläge verantwortlich, um
ihre kriminellen Ziele zu erreichen. Dafür ist der
Bombenanschlag auf einen Avianca-Flug aus Bogota,
bei dem alle 111 Passagiere ums Leben kamen,
möglicherweise ein Beispiel.
Bei den im Jahr 1989 verzeichneten 528 terroristischen Anschlägen wurden 390 Menschen getötet und
397 verletzt. 14 Terroristen wurden getötet und 23
verwundet. Der Unterschied zum Jahr 1988, als 638
Menschen getötet und 1 125 verletzt wurden, ergibt
sich aus diesem Rückgang in der Zahl der Anschläge.
Im Jahr 1988 waren 22 Terroristen getötet und sechs
verletzt worden. Der Anschlag auf Flug 772 der

Seite 2

französischen Gesellschaft UTA war ein Beispiel für
die steigende Zahl von Opfern in Afrika, wo die Gesamtzahl von 125 Toten und 130 Verletzten im Jahr
1988 auf 269 Tote und 39 Verletzte im Jahr 1989 stieg.
Infolge des reduzierten afghanischen Engagements in
Pakistan wurde in Asien der stärkste Rückgang der
Opferzahl verzeichnet. Im Vergleich zu 1988, als die
Zahl der Toten 156 und die der Verwundeten 599
erreichte, wurden im Jahr 1989 57 Personen getötet
und 153 verletzt. Im Jahr 1989 wurden im Nahen
Osten 29 Personen von Terroristen getötet und 111
verletzt. In Lateinamerika wurden 21 Personen getötet
und 73 verletzt. Die Zahl der Toten und Verletzten in
Westeuropa betrug 14, beziehungsweise 21.
Die Zahl der gegen die Vereinigten Staaten gerichteten terroristischen Anschläge ging im Jahr 1989 im
Vergleich zu 1988 zurück. Dennoch waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des
internationalen Terrorismus. Im Jahr 1988 waren 193
Anschläge gegen die Vereinigten Staaten verübt worden, während diese Zahl im Jahr 1989 um 15 Prozent
auf 165 zurückging. Auch die Zahl amerikanischer
Opfer ging von 192 Toten und 40 Verletzten im Jahr
1988 auf 16 Tote und 19 Verletzte im Jahr 1989 zurück.
Diese Abnahme ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß kein Anschlag mit einer großen Zahl von
Opfern verübt wurde, wie dies im Jahr 1988 beim
Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am geschehen
war. Die größte Zahl von Anschlägen - etwa 64
Prozent - fand in Lateinamerika statt, wo die meisten
Vorfälle in Bombenanschlägen gegen teilweise in
amerikanischem Besitz befindliche Öl-Pipelines bestanden. Nahezu 14 Prozent der antiamerikanischen
Anschläge fanden in Asien, 13 Prozent in Westeuropa,
5 Prozent im Nahen Osten und 1 Prozent in Afrika statt.

International operierende Terroristen führten in 60
Ländern Anschläge auf Personen und Sachwerte von
74 Staaten aus. Die Vereinigten Staaten waren häufigste Zielscheibe dieser Anschläge, gefolgt von Israel.
Da die Sicherheitsmaßnahmen für staatliche Einrichtungen und Personen ständig verstärkt werden, wurden die meisten terroristischen Anschläge - 75 Prozent
der weltweiten Gesamtzahl - auf Unternehmen, Touristen und andere nichtstaatliche Ziele verübt. Anschläge auf internationale Organisationen und staatliche
Ziele gingen auf einen Anteil von 19 Prozent an der
Gesamtzahl zurück. Anschläge auf unbeteiligte militärische Ziele nahmen geringfügig zu, auf 41 von 38 im
Jahr 1988, während im Jahr 1987 noch 88 Anschläge
dieser Art verübt worden waren.
Nach Anschlagtyp aufgegliedert, trat wiederum das
bekannte Muster an den Tag. Terroristen verübten am
häufigsten Bombenanschläge (44 Prozent), gefolgt
von Brandanschlägen (28 Prozent). Bei 14 Prozent
der Anschläge wurden Handfeuerwaffen benutzt. Die
Zahl der Entführungen ging geringfügig zurück und
betrug anteilmäßig etwa 5 Prozent. Ungefähr 44

AMERIKA DIENST 17

�Prozent der Entführungen fanden in Lateinamerika
statt, 19 Prozent im Nahen Osten.
Die Zahl der wahrscheinlich staatlich geförderten terroristischen Anschläge nahm 1989 ab. Es gab Beweise für 58 von staatlichen Stellen unterstützte Anschläge im Jahr 1989. Dies bedeutet gegenüber 1988 mit
176 Anschlägen dieser Art einen Rückgang von 67
Prozent. Diese Abnahme läßt sich teilweise darauf
zurückführen, daß eine Reihe von Staaten, die in der
Vergangenheit terroristische Gruppen unterstützten,
in der Lage waren, ihr Engagement wirksam zu verschleiern. Der Rückgang kam zum größten Teil dadurch zustande, daß Kabul nach dem Abzug der
sowjetischen Truppen offensichtlich seine Kampagne
von Bombenanschlägen in Pakistan einschränkte. Eine
iranische Beteiligung an Terroranschlägen wurde im
Jahr 1989 nicht mehr so häufig festgestellt. Es ist
jedoch zu vermuten, daß der Anstieg der Unterstützung terroristischer Aktivitäten in der zweiten Jahreshälfte eine Rückkehr zu einem verstärkten Engagement in dieser Hinsicht bedeutet. Libyen und Syrien
waren im Jahr 1989 nicht direkt in Anschläge verwikkelt, unterstützten jedoch weiterhin auf vielfältige Art
und Weise terroristischen Gruppen Unterstützung zur
Verfügung.
Im Jahr 1989 fanden 43 Aktionen nahöstlicher Terroristen außerhalb der Region statt, 1988 betrug diese
Zahl 45. Infolge dieser Anschläge wurden 1989 181
Personen getötet und 15 verletzt. 31 Anschläge
fanden in Westeuropa statt. Zehn Aktionen wurden in
Großbritannien verübt, zumeist Anschläge auf Buchläden und Unternehmen in Zusammenhang mit Salman
Rushdies Buch "Satanische Verse". Von den verbleibenden wurden sechs Anschläge in der Türkei, je vier
in Pakistan und Belgien und drei in den Vereinigten
Staaten verübt. Je 2 fanden in Österreich, Frankreich
und den Niederlanden statt, je einer in Afghanistan,
Kanada, Zypern, Griechenland, Italien, Niger, Senegal, Schweden, Thailand und der Bundesrepublik
Deutschland.

dung, insbesondere gegen die Vereinigten Staaten,
potentiell steigern. Auf den Philippinen scheinen Terroristen bereit zu sein, ihre Anschläge auf amerikanische Bürger auszuweiten, um den Druck auf die Vereinigten Staaten zu verstärken, ihre Truppen aus dem
Land abzuziehen. Abtrünnige Soldaten könnten aufgrund der amerikanischen Unterstützung für die Regierung Aquino während des fehlgeschlagenen Putschversuchs vom Dezember Vergeltung üben. In Lateinamerika könnten amerikanische Interessen in Panama
Ziel von unverbesserlichen Anhängern General Noriegas sein, und Radikale in der Region und anderen
Teilen der Welt könnten das militärische Eingreifen
Washingtons in Panama als Vorwand für neue Anschläge benutzen. Andere Entwicklungen in der Welt
könnten zu verstärkten terroristischen Operationen
führen. Rivalitäten zwischen Regierungen im Nahen
Osten - insbesondere zwischen Iran und Saudi-Arabien, was bereits zu einer Kampagne der Gewalt durch
den Iran geführt hat - und sich entwickelnde Bündnisse
zwischen nahöstlichen Unterstützern und Gruppen,
etwa zwischen dem Iran und der Volksfront für die
Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC)
und anderen radikalen Palästinensergruppen geben
besonders zu Besorgnis Anlaß. Ethnische Gruppen
im Kaukasus, Moldawien und anderen Gebieten der
Sowjetunion könnten zur Erreichung ihrer Ziele terroristische Methoden einsetzen. Dasselbe könnte auch
bei vielen Gruppierungen in ganz Osteuropa der Fall
sein. Exilgemeinden in Westeuropa und den Vereinigten Staaten könnten in die Unterstützung von Gewalttaten hineingezogen werden. Westeuropäische terroristische Gruppen bilden weiterhin eine starke Bedrohung. Baskische und nordirische Terroristen werden
ihre Operationsfrequenz kaum verringern, und andere
Gruppen, etwa die Rote Armee Fraktion (RAF) in der
Bundesrepublik Deutschland und die Revolutionäre
Organisation 17. November in Griechenland haben
ihre technischen Fähigkeiten ausgebaut. In der Türkei
scheinen innenpolitische Probleme eine Zunahme von
Gewalttaten durch Gruppen zu fördern, die über längere Zeit nicht in Erscheinung getreten sind.

Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge
im Jahr 1989 können Terroristen die Gewaltanwen-

AMERIKA DIENST 17

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10826">
                <text>02.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10827">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10828">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10829">
                <text>Amerikadienst 02.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10830">
                <text>&lt;strong&gt;1. VSBM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Maresca KSZE-Gipfel noch dieses Jahr möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Maresca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Weltwirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Vereinigte Staaten schlagen Ziele für UNO-Generalversammlung vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;1989 starker Rückgang des Terrorismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des US-Außenministers&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2141" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2152">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/6aeea5e8cf1a64e24200fe6e25c2b942.pdf</src>
        <authentication>3984c373a065908e8d46c686bb0e4b02</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10825">
                    <text>cimcrikci
U. S. Information Service ^ 1 | # 5 P
Embassyofthe United States of America ^ J I W H I

i ^ ^ l
Ä ^

SP
&amp;

&lt; » * &gt;

v

9F&amp;
&amp;SP

25. April 1990

START

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR FÜR
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt
zur Abrüstung

NST

DER STAND DER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer
Abrüstungskonferenz

VERTEIDIGUNG

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat

UMWELT

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG
WELTWEITER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�START
25. April 1990

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR
FÜR OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung
GENF - (AD) - Dem Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST), Botschafter Richard Burt, zufolge wäre es ein "gravierender Fehler" anzunehmen, die Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) seien von den Ereignissen in Osteuropa eingeholt
worden.
"Es steht eindeutig fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung eine stabilisierende Wirkung auf die OstWest-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat", erklärte Burt vor der Genfer Abrüstungskonferenz am 19.
April 1990.
"Der Umbruch in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne entscheidende neue Möglichkeiten zum
Abbau des Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen", stellte Burt fest.
Burt zufolge seien mit den Sowjets bedeutende Fortschritte in wesentlichen Punkten der Verhandlungen über
Kern- und Weltraumwaffen erzielt worden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Burt im Wortlaut.

Vor acht Monaten habe ich hier gesprochen, um die
amerikanischen Ziele bei den START-Verhandlungen
zu erörtern - die Fertigstellung eines Vertrags, der den
Abbau strategischer Offensivwaffen und verbesserte
Stabilität vorsieht und damit das Risiko eines Kriegs
verringert. Damals habe ich gesagt, für Präsident
Bush stehe die Erlangung eines fairen und weitreichenden Abkommens, das den Frieden fördert, an
oberster Stelle der Prioritätenliste.
Seitdem hat sich vieles ereignet, mit dem diese Aussage untermauert werden kann:
Erstens sind die Präsidenten Bush und Gorbatschow in Malta zusammengekommen und
haben sich der Lösung vordringlicher Probleme
bei START bis zum nächsten Gipfeltreffen verpflichtet, das am 30. Mai in Washington eröffnet
wird.
Zweitens fand im Februar ein Treffen zwischen
Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen in Moskau statt, um die in Malta
AMERIKA DIENST

16

definierten Ziele und Prioritäten voranzubringen. Im Hinblick auf START hat dieses Treffen
nicht nur zu einem detaillierten Gedankenaustausch, sondern auch zu Übereinstimmung in
einigen entscheidenden Bereichen geführt, auf
die ich in Kürze eingehen möchte.
Drittens haben wir mit den Sowjets Einigung
bezüglich einiger versuchsweise eingeführter
Verifizierungsmaßnahmen erzielt, die von Präsident Bush erstmals im vergangenen Juni vorgeschlagen worden waren. Sie werden sich
vielleicht erinnern, daß Präsident Bush im letzten Juni den Vorschlag unterbreitet hat, die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sollten
besondere Anstrengungen unternehmen, um
sich auf eine Reihe praktischer Verifizierungsmaßnahmen zu einigen und diese durchzuführen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die
Verifizierung eines START-Vertrags zu verbessern und zur strategischen Stabilität beizutragen. Mit diesen Maßnahmen wird beiden Seiten
Seite 1

�praktische Erfahrung in Verifizierungsverfahren
vermittelt.
Und viertens sind die Außenminister Baker und
Schewardnadse vor zwei Wochen erneut in Washington zusammengetroffen.
Obwohl die
Gespräche nicht zur vollständigen Zufriedenheit verlaufen sind, haben sich die Außenminister auf eine beeindruckende Tagesordnung mit
dem Ziel geeinigt, die umfangreiche Themenliste bis zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zu bewältigen.
Als Ergebnis all dieser Einzelfaktoren sind bei den
Schlüsselproblemen bedeutende Fortschritte erzielt
worden, und die Verhandlungen haben eine ungeahnte Dynamik entwickelt. Als Beispiel für das Tempo
unserer Gespräche steht die Tatsache, daß ich seit
meiner Rückkehr aus Washington am Montag, dem
16. April bei sieben verschiedenen Gelegenheiten mit
meinem verehrten sowjetischen Amtskollegen, Juri
Nazarkin, zusammengetroffen bin.
Ich möchte nun kurz einige Bereiche erläutern, in
denen Fortschritte erzielt wurden sowie einige der
zusätzlich in Genf erörterten Themen aufgreifen.
Botschafter Smith wird den Stand der Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen im einzelnen erläutern. Ich möchte nur kurz erwähnen, daß die Sowjets
beim Ministertreffen in Wyoming zum Junktim einen
entscheidenden, positiven Schritt nach vorne gemacht
haben. Beim Moskauer Ministertreffen im Februar
haben die Sowjets ihre Position mit der Aussage
erläutert, auch wenn sie die Einbeziehung vereinbarter
Erklärungen über einen Abzug für den Fall, daß eine
Vertragspartei den ABM-Vertrag löst oder von ihm
zurücktritt, in den START-Vertrag bevorzugen würden, sei dies keine Voraussetzung für den STARTVertrag. Damit wird ein wesentliches Hindernis für ein
START-Abkommen aus dem Weg geräumt.
Die Frage von Verhandlungen nach START war für
Botschafter Nazarkin und mich ebenfalls ein vorrangiges Thema. Bei den Moskauer Gesprächen haben die
Außenminister Baker und Schewardnadse uns angewiesen, einen solchen Dialog in die Wege zu leiten.
Die Sowjets haben Vorschläge für diese Gespräche
unterbreitet - die von einigen bereits als NST II bezeichnet werden - obwohl die von solchen Verhandlungen erfaßten Einzelheiten bis zum jetzigen Zeitpunkt
noch unklar sind.
Die Frage der Marschflugkörper hat sich als äußerst
schwieriges und kontroverses Thema erwiesen. Beide Seiten haben beim Moskauer Ministertreffen große
Anstrengungen zur Lösung des Problems luft- und
seegestützter Marschflugkörper (ALCMs und SLCMs)
unternommen. Die Gespräche wurden in Genf und bei
den Washingtoner Gesprächen vergangene Woche
fortgesetzt. Obwohl neue Probleme aufgetreten sind,

Seite 2

hoffe ich, daß die noch bestehenden verfahrenstechnischen Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden können.
Bei ALCMs ist die Einigung auf ein Ansatzpaket in
greifbare Nähe gerückt, das Bestimmungen und Verfügungen zur Unterscheidung nuklearer und konventioneller ALCMs enthält. Die Frage der Obergrenze für
ALCM-Reichweiten steht an oberster Stelle der Problemliste, an deren Lösung wir arbeiten.
Darüber hinaus konnten mit der Einigung auf politisch
verbindliche Absichtserklärungen auch wichtige Einzelheiten für SLCMs geklärt werden. Solche Themen
wie SLCM-Reichweiten und ob sich die Erklärungen
nur auf nukleare oder auch konventionelle SLCMs
erstrecken, sind jedoch unter anderem noch offene
Fragen.
Bei zahlenmäßigen Obergrenzen für nichtstationierte
ballistische Raketen und den ihnen zugeordneten
Gefechtsköpfen haben sich beide Seiten in Moskau
darauf geeinigt, solche Obergrenzen nur bei mobilen
ICBMs einzuführen. Daher werden nichtstationierte,
silogestützte ballistische Raketen, nichtstationierte
Marschflugkörper und nichtstationierte schwere Bomber nicht zahlenmäßig begrenzt. Darüber hinaus
haben sich die Vertragsparteien auf ein Regime über
den Standort und die Verlagerung aller nichtstationierten ballistischen Raketen geeinigt. Die Einzelheiten
dieses Abkommens werden ebenfalls in Genf verhandelt.
Botschafter Nazarkin und ich haben dem Thema der
Offenlegung telemetrischer Daten während der Flugerprobung der von START erfaßten ballistischen
Raketen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hierbei handelt es sich um den Verifizierungsbereich, der
bestimmen wird, ob ein START-Vertrag unsere Sicherheit und strategische Stabilität verbessert, indem
er Transparenz auf beiden Seiten fördert. Obwohl
noch einige entscheidende Fragen geklärt werden
müssen, haben wir uns auf die wesentlichen Elemente
eines Regimes zur Offenlegung solcher Daten geeinigt. Diese Bestimmungen werden in den STARTVertrag einbezogen und treten bei Vertragsunterzeichnung durch einen Briefwechsel in Kraft.
Beide Seiten haben auch in der Frage der Vertragsdauer beachtliche Fortschritte erzielt. Bei den Washingtoner Gesprächen haben sich die Vertragsparteien grundsätzlich darauf geeinigt, daß der STARTVertrag 15 Jahre lang in Kraft bleiben wird, es sei denn,
er wird durch ein späteres Abkommen ersetzt oder in
beiderseitigem Einvernehmen erweitert. Wir sind derzeit
in Genf mit der Ausarbeitung der weiteren Einzelheiten
befaßt.
Darüber hinaus arbeiten die Delegationen in Genf an
einer Reihe zusätzlicher, entscheidender Themen eher
technischer Art. Beispielsweise führen beide Seiten

AMERIKA DIENST 16

�intensive Gespräche über die Verifizierung mobiler
ICBMs, den Zeitplan der Reduzierungen sowie die
Zuordnung von Gefechtsköpfen für zukünftige Typen
ballistischer Raketen.
Seit der Eröffnung von Runde XIII Ende Januar haben
Botschafter Nazarkin und ich sowie unsere jeweiligen
Delegationen hart an der Vervollständigung des Vertragstexts und der Entwicklung konstruktiver Ideen
gearbeitet, die dem Wunsch unserer beiden Länder
nach Lösung der wesentlichen Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni Rechnung zu tragen.
Beim Ministertreffen in Washington haben Außenminister Baker und sein sowjetischer Amtskollege Schewardnadse sich auf einen Themenkatalog geeinigt und
ihre Genfer Delegationen angewiesen, diesen nach
Möglichkeit bis zum Gipfeltreffen zu bewältigen. Es
steht wohl außer Frage, daß die wichtigsten zwei
dieser Themen die Nichtumgehung des Vertrags und
die Einzelheiten solider Verifizierungsregime sind, deren
Kernstück Vor-Ort-Inspektionen bilden.
Zum Thema Nichtumgehung führen Botschafter Nazarkin und ich derzeit die mit unseren Ministern in
Washington vergangene Woche aufgenommenen
Gespräche fort. Beide Seiten haben beachtliche Fortschritte in dieser Frage erzielt und Flexibilität an den
Tag gelegt.
Ein zweiter Problemkreis ist das Verifizierungsregime,
das beiderseitigem Einvernehmen zufolge einzigartige Inspektionsregelungen umfassen wird, die in der
Geschichte ihresgleichen suchen. Wenn Historiker
diesen Vertrag eines Tages analysieren werden, könnte der herausragendste Aspekt von START sehr wohl
in den bemerkenswerten Inspektionsverfahren bestehen, die wir eingeführt haben. Die Inspektoren werden
praktisch jede wichtige strategische Einrichtung der
anderen Seite besichtigen. Die Auswirkungen von
START auf Vertrauensbildung und militärische Transparenz zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion könnten tiefgreifend sein. Dieser vertrauensbildende und Transparenz schaffende Effekt von
START wird meines Erachtens die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern verbessern. Bis heute
sind etwa 13 verschiedene Arten von Inspektionen in
den Vertrag eingearbeitet worden.
In einigen Fällen haben Präsident Bushs versuchsweise eingeführte Verifizierungsmaßnahmen und entsprechende sowjetische Vorschläge mehrere Hindernisse aus dem Weg geräumt, insbesondere diejenigen, die Einigung aufgrund von Mißverständnissen
bezüglich Operationen und Verfahren verhinderten.
Im vergangenen September haben die Außenminister
Baker und Schewardnadse die erste dieser Maßnahmen verabschiedet - ein Abkommen über die Benachrichtigung größerer strategischer Übungen. Darüber
hinaus haben wir Einigung bezüglich anderer Maßnahmen erzielt. Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen

AMERIKA DIENST

16

für frühzeitige Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern und die Vorführung schwerer Bomber sind zwei
dieser Schritte. Im Rahmen unseres Vorschlags zu
Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern war beispielsweise vorgesehen, daß jede Seite die von ihr
vorgeschlagenen Inspektionsverfahren demonstriert,
um zu verifizieren, daß bestimmte Typen von ICBMs
und SLBMs nicht über mehr Wiedereintrittsflugkörper
verfügen, als die ihnen zugeordnete Zahl von Gefechtsköpfen. Die erste dieser versuchsweise eingeführten Inspektionen wird nächste Woche stattfinden,
wenn amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter den Luftwaffenstützpunkt F.E. Warren in den
Vereinigten Staaten besichtigen werden, um die Zählverfahren für Gefechtsköpfe auf der PEACEKEEPERRakete in die Praxis umzusetzen.
Schließlich haben wir der jeweils anderen Seite Techniken zur eindeutigen Identifizierung von ballistischen
Raketen vorgeführt, das als "Tagging" bezeichnete
Verfahren. Experten aus beiden Ländern kommen
hier zusammen, um an dieser Übung teilzunehmen.
Kurz gesagt ist das "Tag" auf einer Rakete einem
Fingerabdruck vergleichbar, mit dem sichergestellt
wird, daß jede Rakete eindeutig identifiziert werden
kann.
Wie Sie sehen, haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen verwirklicht. Sie tragen zu einer maßgeblichen
Verbesserung von Transparenz und Berechenbarkeit
im Rüstungskontrollprozeß bei und sind wichtige Schritte
zur Vertrauensbildung.
Bei der Annäherung an unser gemeinsames Ziel haben
beide Seiten in den vergangenen Monaten große
Aktivität an den Tag gelegt. Abschließend möchte ich
auf die Bedeutung des START-Vertrags eingehen.
Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender politischer
Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen. Aufgrund der Auswirkungen dieses Wandels tendieren
einige zu der Annahme, ein START-Vertrag sei von
den Ereignissen überholt worden. Eine solche Denkweise ist ein gravierender Fehler. Es steht eindeutig
fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung
eine stabilisierende Wirkung auf die Ost-West-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat. Der Umbruch
in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne
entscheidende neue Möglichkeiten zum Abbau des
Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede
Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen. Wir vertreten die
Ansicht, daß willkürliche Veränderungen der amerikanischen Sicherheitsstrategie und der Doktrin erweiterter Abschreckung zu einem Abbau der Stabilität in
Zeiten tiefgreifender politischer Veränderungen führen
könnten.
Der START-Vertrag wird das erste Rüstungskontrollabkommen der Geschichte sein, das die Anzahl stra-

Seite 3

�tegischer Nuklearwaffen tatsächlich verringert. Gleichzeitig gestatten die Bestimmungen dieses Vertrags
einen strukturierten Ansatz zu diesen die Stabilität
fördernden Reduzierungen. Angesichts der raschen
Veränderungen auf der Welt ist es unabdingbar, unse-

re Errungenschaften und die durch sie geschaffene
Stabilität zu kodifizieren. Vor diesem Hintergrund
sehen die Vereinigten Staaten dem bevorstehenden
Gipfel mit großem Optimismus und einem Gefühl
historischer Leistung entgegen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�NST
25. April 1990

DER STAND DER VERHANDLUNGEN ÜBER
KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz
GENF - (AD) -

Botschafter David J. Smith zufolge bestand das Hauptziel der Vereinigten Staaten in der

fünfjährigen Geschichte der Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen darin, "einen kooperativen Übergang
zu einer stabileren Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf nichtnukleare Verteidigungssysteme
gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar erweist". Vor der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Smith am 19. April 1990 ferner, das heutige strategische Gleichgewicht beruhe "nahezu
ausschließlich auf offensiven Kernwaffen". Durch die bei nichtnuklearen Technologien erzielten Fortschritte sei
es jedoch wahrscheinlich, "daß eine verstärkte Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko weiter zu
verringern".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Smith im Wortlaut.

Herr Präsident, ich freue mich über diese Gelegenheit,
der Abrüstungskonferenz unsere Sichtweise zu den
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen vortragen zu können. Mein Vorgänger, Botschafter Cooper,
sprach im August letzten Jahres an dieser Stelle.
Seither haben sich mehrere positive Entwicklungen
vollzogen, obwohl in wichtigen Bereichen weiterhin
Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Im Verlauf der fünfjährigen Geschichte der Gespräche
über Kern- und Weltraumwaffen haben die Vereinigten Staaten konsequent ein Ziel verfolgt. Wir bemühen
uns, einen kooperativen Übergang zu einer stabileren
Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf
nichtnukleare Verteidigungssysteme gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar
erweist. Das heutige strategische Gleichgewicht beruht nahezu ausschließlich auf offensiven Kernwaffen.
Fortschritte bei nichtnuklearen Technologien machen
es jetzt jedoch wahrscheinlich, daß eine verstärkte
Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko
weiter zu verringern.

AMERIKA DIENST 16

Um diese Ziele zu erlangen, ist die Haltung der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Kern- und
Weltraumwaffen zukunftsorientiert. Wir bemühen uns,
uneingeschränkte Erprobungsrechte für moderne
Defensivtechnologien festzuschreiben, wie sie nach
dem ABM-Vertrag von 1972 gestattet sind. Wir streben an, weltraumgestützte ABM-Radarsysteme und
damit vergleichbare Sensoren von den überholten
Fesseln des ABM-Vertrags zu befreien. Die amerikanischen Vorschläge würden ernsthafte und gründliche
Gespräche mit der Sowjetunion über spezielle Maßnahmen für einen kooperativen Übergang erfordern,
bevor eine der Seiten moderne Verteidigungssysteme
stationiert, die den gegenwärtigen Rahmen des ABMVertrags sprengen. Die amerikanischen Vorschläge
würden darüber hinaus nach diesen Gesprächen das
Recht zur Stationierung gewährleisten. Schließlich
bemühen sich die Vereinigten Staaten darum, durch
Berechenbarkeit - darunter verstehen wir vertrauensbildende Maßnahmen - zukünftige technologische
Überraschungen zu vermeiden, indem wir zu mehr
Offenheit bei den Vorhaben beider Seiten im Bereich
der Verteidigung gegen strategische Raketen ermutigen.

Seite 1

�Kernstück des amerikanischen Ansatzes ist der von
uns vorgeschlagene Vertrag über Weltraumverteidigung, der die Erleichterung eines kooperativen Übergangs zum Ziel hat. Der im vergangenen Dezember
ergänzte amerikanische Vertragsentwurf enthält wichtige gemeinsame Elemente, die beim Washingtoner
Gipfel von 1987 erzielt wurden und berücksichtigt das
Ergebnis des Treffens zwischen den Außenministern
Baker und Schewardnadse in Wyoming im September
1989. Bei letzterem ließen die Sowjets ihre Forderung
nach einer Vereinbarung über eine Frist für den Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallen. Die Sowjetunion
verwarf überdies ihr Junktim zwischen Unterzeichnung und Durchführung eines START-Vertrags und
einer Vereinbarung über Weltraumverteidigung. Die
Vereinigten Staaten begrüßten diesen Schritt.
Der amerikanische Vertragsentwurf sieht ein Verfahren vor, demzufolge jede Partei ihre Absicht erklären
kann, strategische Verteidigungssysteme zu dislozieren, indem sie dies ankündigt und besondere Maßnahmen vorschlägt, um einen kooperativen Übergang zu
gewährleisten. Die Parteien wären dann verpflichtet,
dreijährige intensive Gespräche über die vorgeschlagenen Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die
strategische Stabilität zu führen. Falls keine anderen
Vereinbarungen getroffen werden, müßte eine Partei
nach diesem Zeitraum - wenn sie die Begrenzungen
des ABM-Vertrags überschreitende Stationierungen
durchführen möchte - dies sechs Monate im voraus
ankündigen.
Dieser vorgeschlagene Mechanismus bietet einen
stabileren Weg für die Stationierung moderner Verteidigungssysteme als die gegenwärtige Alternative, die
darin besteht, die Bestimmung des ABM-Vertrags
über eine Vertragskündigung aufgrund höherer Interessen auszuüben. Der ABM-Vertrag gestattet es jeder
Partei, nach einer Kündigungsfrist von nur sechs Monaten
zu stationieren. Der von uns vorgeschlagene neue
Mechanismus würde dazu beitragen, einen vernünftigen und zeitgerechten Dialog darüber zu führen, wie
ein stabiler und kooperativer Übergang verwirklicht
werden kann.
Der überarbeitete amerikanische Vertragsentwurf
spiegelt darüber hinaus die dem ABM-Vertrag zufolge
uneingeschränkten Rechte der Parteien wider, moderne weltraumgestützte ABM-Systeme und deren Komponenten zu entwickeln und erproben. Um Vertrauen
zu bilden und Fehleinschätzungen solcher Versuche
zu vermeiden, haben die Vereinigten Staaten im Oktober 1988 eine Zusicherung im Hinblick auf Weltraumversuche angeboten. Damit wird der Sowjetunion
zugesichert, daß bei weltraumgestützten amerikanischen ABM-Versuchen, die im Rahmen des ABMVertrags zulässig sind, eine verbotene Stationierung
von Verteidigungssystemen ausgeschlossen würde.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, nur von
einer begrenzten Anzahl von ABM-Testsatelliten die

Seite 2

Erprobung einer ABM-Komponente durchzuführen,
die auf anderen physikalischen Prinzipien beruht und
als Ersatz für einen ABM-Abfangflugkörper dienen
könnte. Solche Versuche würden das Ziel verfolgen,
eine strategische Rakete oder deren Elemente im Flug
zu vernichten.
Die Zahl der gleichzeitig in einer
Umlaufbahn befindlichen amerikanischen ABM-Testsatelliten wird wesentlich geringer sein als die für eine
realistische ABM-Fähigkeit erforderliche Zahl. Um
weiteres Vertrauen zu bilden, haben die Vereinigten
Staaten als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit die Benachrichtigung über Abschüsse, Tests,
Veränderungen der Umlaufbahnen und die Rückführung von ABM-Testsatelliten vorgeschlagen.
Die Vereinigten Staaten haben ferner angeregt, daß
beiden Seiten die Entwicklung, Erprobung oder Stationierung von weltraumgestützten ABM-Radars und damit
vergleichbaren Sensoren uneingeschränkt gestattet
werden sollte. Damit würden künftige Definitions- und
Verifizierungsprobleme vermieden, die voraussichtlich aufgrund der Modernisierung weltraumgestützter
Technologie entstehen würden. Daneben würde die
Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren gefördert.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des amerikanischen
Vertragsentwurfs besteht darin, Berechenbarkeit bei
der Entwicklung des amerikanisch-sowjetischen strategischen Verhältnisses sicherzustellen, um das Kriegsrisiko zu mindern. Dieses Ziel wurde beim Washingtoner Gipfel von 1987 vereinbart. Um dieses Ziel zu
verwirklichen, schlugen die Vereinigten Staaten im
Jahr 1988 Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit vor. Zu diesen Maßnahmen gehören ein
jährlicher Austausch von Programmdaten, Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche in Labors
und die Beobachtung von Versuchen im Bereich der
Verteidigung gegen strategische Raketen. Diese
Maßnahmen würden auf freiwilliger, gegenseitiger und
vergleichbarer Grundlage durchgeführt. Ihr Zweck ist
die Schaffung eines besseren Verständnisses von den
Vorhaben beider Seiten im Hinblick auf solche Verteidigungssysteme bereits im Forschungsstadium - Jahre
bevor moderne Verteidigungssysteme in der Praxis
auftauchen.
Beim Gipfeltreffen in Wyoming leitete Außenminister
Baker Bemühungen ein, um festzustellen, ob die
Bereiche der Übereinstimmung über Maßnahmen zur
Berechenbarkeit zu einem Bereich beiderseitigen Vorteils
ausgebaut werden können. Um das Verständnis unserer
sowjetischen Kollegen von der amerikanischen Maßnahme "Besuche in Labors" zu fördern, bot Außenminister Baker eine praktische Demonstration aus erster
Hand an. Er lud eine Gruppe sowjetischer Experten
ein, zwei mit SDI-Forschungsarbeiten befaßte amerikanische Labors zu besuchen. Der Besuch fand im
vergangenen Dezember statt und war ein großer Erfolg. Der Leiter der Delegation, Botschafter Juri Nazar-

AMERIKA DIENST 16

�kin, bezeichnete den Besuch als nützliche vertrauensbildende Maßnahme. Die sowjetischen Experten
nahmen an Vorträgen teil, sie konnten Hardware selbst
in Augenschein nehmen und hatten die Gelegenheit,
den mit den Forschungsarbeiten betrauten amerikanischen Wissenschaftlern zahlreiche Fragen zu stellen.
Der Besuch diente dazu, sowohl die Transparenz zu
fördern als auch den Verhandlungen über Maßnahmen zur Berechenbarkeit neue Impulse zu verleihen.
Wir waren sehr erfreut, als die Sowjetunion nach
diesem Besuch dem Konzept von Besuchen in Labors
als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit
zustimmte.
Beim Treffen der Außenminister Bakerund Schewardnadse in Washington zu Beginn dieses Monats schlugen die Vereinigten Staaten vor, daß sich beide Seiten
in Form eines selbständigen Abkommens - unabhängig vom ABM-Vertrag - über Maßnahmen zur Berechenbarkeit einigen sollten. Der amerikanische Entwurf fordert die Parteien auf, die obengenannten
Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit zu
verwirklichen.
Um die Funktionsweise eines solchen Abkommens zu
veranschaulichen und unsere Verhandlungsdelegationen zu unterrichten, haben die Vereinigten Staaten
im vergangenen Monat in Genf die Einrichtung eines
auf Gegenseitigkeit beruhenden Pilotprogramms zur
Anwendung der amerikanischen Maßnahmen zur
Berechenbarkeit auf jeweils ein einzelnes Projekt jeder
Seite vorgeschlagen. Die Vereinigten Staaten haben
als ihr Projekt das "Infrared Background Signature
Survey" ausgewählt. Wir haben die Sowjetunion aufgefordert, ein sowjetisches Projekt auszuwählen. Die
Idee der Vereinigten Staaten besteht darin, daß beide
Seiten vor Verwirklichung eines selbständigen Berechenbarkeitsabkommens einen "Probelauf" durchführen sollten. In dieser Hinsicht sind diese Initiativen mit
"Probeläufen" bei anderen Verhandlungen vergleichbar - dem Gemeinsamen Verifizierungsexperiment bei
den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über
Atomversuche, den Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen bei START sowie dem bilateralen Datenaustausch- und Verifizierungsexperiment in den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über chemische
Waffen.
Bei den Maßnahmen zur Berechenbarkeit wurden in
jüngster Zeit bedeutende Fortschritte erzielt. Beide
Seiten sind sich einig, daß sie ausgebaut und gestärkt
werden sollten. Bei den verbleibenden Fragen in
unseren Verhandlungen bleibt noch viel zu tun, um
einen Vertrag über Weltraumverteidigung zu erlangen,
der in den kommenden Jahren, wenn uns neue Technologien Wege zur Verringerung der von den ballistischen Raketen ausgehenden Bedrohung eröffnen,
größere Stabilität ermöglicht. Die Verwirklichung dieses Ziels würde für die gesamte internationale Staatengemeinschaft mehr Sicherheit bedeuten und den

AMERIKA DIENST 16

ersten kooperativen Übergang in der Geschichte der
strategischen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion darstellen.
Nachdem ich über unsere diplomatischen Bemühungen zur Erreichung eines kooperativen Übergangs zu
Verteidigungssystemen gegen strategische ballistische
Raketen gesprochen habe, möchte ich auch kurz zum
amerikanischen Engagement für solche Verteidigungssysteme und zum Beitrag, der von ihnen geleistet
werden könnte, Stellung nehmen. Am 7. Februar 1990
erklärte Präsident Bush im Lawrence Livermore National Laboratory: "In den neunziger Jahren sind strategische Verteidigungssysteme sinnvoller denn je...
Dieses rein defensive Konzept bedroht niemanden auf
der Welt. Wenn es, was Gott verhüten möge, jemals
eingesetzt werden müßte, dann gegen Raketen und
nicht gegen Menschen."
Die Betonung des Werts von Verteidigungssystemen
durch den Präsidenten läßt sich am besten durch die
Tatsache verstehen, wie sie zur internationalen Sicherheit und zum Gleichgewicht in diesem und im
nächsten Jahrhundert beitragen können. Es gibt vier
Hauptgründe dafür, warum effektive Verteidigungssysteme eine sicherere Welt bewirken können.
Erstens, die Verhinderung eines Atomkriegs muß ein
grundsätzliches Ziel bleiben. Überlebensfähige und
effektive strategische Verteidigungssysteme würden
die Abschreckung stärken und das Kriegsrisiko verringern, indem sie die Planung und Ausführung eines
Erstschlages mit strategischen Offensivstreitkräften
erheblich komplizierter machen würden.
Zweitens können moderne Verteidigungssysteme im
Zuge einer einschneidenden Reduzierung strategischer Offensivwaffen durch die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine wachsende Rolle bei der
Absicherung gegen die Folgen potentieller Vertragsverletzungen, Vertragsbrüche und Betrugsmanöver in
Zusammenhang mit solchen Reduzierungen spielen.
Drittens entwickeln sich neue Bedrohungen, gegen die
effektive nichtnukleare Verteidigungssysteme erheblichen Schutz bieten können. Indem eine steigende
Zahl von Ländern ballistische Raketen und damit einhergehend chemische, biologische und nukleare Waffen
entwickeln, wird sich die Bedrohung für die internationale Staatengemeinschaft verstärken.
Viertens können effektive Verteidigungssysteme Schutz
gegen den versehentlichen oder unbefugten Abschuß
von ballistischen Raketen bieten. Fände eine solch
unwahrscheinliche Katastrophe jemals statt, wäre der
in geretteten Menschenleben ausgedrückte Wert von
Verteidigungssystemen unschätzbar.
Unter Berücksichtigung dieser Ziele und deren Bedeutung sind die Vereinigten Staaten entschlossen, sich
die Option zur Entwicklung und Stationierung effekti-

Seite 3

�ver, moderner Verteidigungssysteme in angemessenem Zeitrahmen und in kooperativer Art und Weise
offenzuhalten. Dies ist unser Ziel in den Gesprächen
über Kern- und Weltraumwaffen.

sche Ihnen einen erfolgreichen Abschluß der Frühjahrssitzung und hoffe, auch in Zukunft wieder die
Gelegenheit zu einer Rede vor diesem Gremium zu
erhalten.

Herr Präsident, es war mir eine Ehre, heute vor der
Abrüstungskonferenz sprechen zu dürfen. Ich wün-

Vielen Dank.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�VERTEIDIGUNG
25. April 1990

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede im Senat hat der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, der
demokratische Senator Sam Nunn, seine Gedanken einer neuen amerikanischen Militärstrategie vorgetragen,
die sich auf die verringerte sowjetische Bedrohung und den "unvermeidlichen" Rückgang der amerikanischen
Militärausgaben gründet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Senators im Wortlaut.

Herr Präsident, in den letzten Wochen habe ich zwei
Reden über unsere nationale Sicherheit und Haushaltsprobleme gehalten. In der ersten habe ich die
Probleme erörtert, die sich für unseren Ausschuß und
den gesamten Kongreß aus den Lücken in dem vom
Verteidigungsministerium vorgelegten unvollständigen
Fünfjahresverteidigungsplan und im Ergänzungshaushalt für das Haushaltsjahr 1991 ergeben. In der
zweiten gab ich eine Einschätzung der jüngsten Veränderungen in der Welt und ihrer Auswirkungen auf
das Bedrohungsumfeld in den neunziger Jahren. In
meiner heutigen Erklärung möchte ich die wichtigen
Veränderungen erörtern, die im Lichte dieses Wandels
der äußeren Bedrohung und der haushaltspolitischen
Realitäten in unserem Land bei unserer Militärstrategie vorgenommen werden sollten.
Anfang der achtziger Jahre hatte ich auf Bitte des
ehemaligen Botschafters David Abshire die Ehre,
zusammen mit dem damaligen Kongreßabgeordneten
Dick Cheney Vorsitzender einer Studiengruppe des
Zentrums für strategische und internationale Studien
(CSIS) über "Große Strategie" zu sein. Aufgrund
dieser Erfahrung verstehen Dick und ich sehr gut, wie
schwierig es ist, eine zusammenhängende Strategie
zu formulieren - selbst wenn in der Welt nicht das
Unterste zuoberst gekehrt wird. In einer Rede im
Zusammenhang mit dem CSIS-Projekt habe ich festgestellt, daß militärische Strategie folgendermaßen
definiert wird: "Die Kunst, nach Gefahr Ausschau zu
halten, sie überall zu finden, sie unzutreffend zu diagnostizieren und das falsche Gegenmittel zu ver-

AMERIKA DIENST 16

schreiben." Wenn ich heute wiederum über Strategie
spreche, werde ich diese Definition im Gedächtnis
behalten.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen zur sehr notwendigen und überfälligen Strategiedebatte und zum Dialog beizutragen. Wie ich bereits in meiner Rede vor
dem Senat am 29. März erklärt habe, hat sich die
Bedrohung im letzten Jahr erheblich verändert, und
viele dieser Veränderungen bieten Chancen zu einschneidenden Reduzierungen der amerikanischen
Militärausgaben in den kommenden Jahren. Die Frage lautet heute nicht, ob wir die Militärausgaben reduzieren. Das ist unvermeidlich. Die Frage lautet vielmehr, ob wir die Militärausgaben im Rahmen einer
vernünftigen militärischen Strategie reduzieren, mit
der sich die Bedrohungen von heute und von morgen
bewältigen lassen.
Zu Beginn ist es meines Erachtens wichtig, zwischen
nationaler Sicherheitsstrategie und militärischer Strategie zu unterscheiden. Die nationale Sicherheitsstrategie ist darauf ausgerichtet, umfassende und dauerhafte nationale Interessen und Ziele zu schützen und
bewahren. Sie soll ein breites Spektrum von Mitteln in
sich vereinigen, um diese Ziele zu erreichen, darunter
politische, diplomatische, sicherheitspolitische, wirtschaftliche und militärische Instrumente. Die militärische Strategie ist eine enger gefaßte Komponente der
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie beschreibt auf
der Grundlage der Bedrohung und der zur Verfügung
stehenden Ressourcen, wie wir unsere Streitkräfte

Seite 1

�strukturieren und einsetzen, um unsere Interessen
und Ziele zu unterstützen.

Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?

Vergangenen Monat legte Präsident Bush dem Kongreß den Bericht seiner Administration über die Nationale Sicherheitsstrategie für 1990 vor. In seinem
Bericht faßt der Präsident die allgemeinen nationalen
Interessen und Ziele unseres Landes wie folgt zusammen:

Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?

Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.

Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?

Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.

Präsident Bushs Strategiebericht stellt die richtigen
Fragen zu den die Vereinigten Staaten betreffenden
Sicherheitsproblemen. Bei der Beschäftigung mit dem
Verteidigungshaushalt 1991 müssen wir beginnen,
diese Fragen zu beantworten.

Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.

In ihrer hervorragenden neuen Studie über die amerikanische Militärstrategie für die neunziger Jahre forderten die Senatoren Bill Cohen und John McCain zu
Recht eine vorsichtige Haltung zu Veränderungen in
unserem militärischen Einsatzkonzept. Sie machten
jedoch auch zwei wichtige Beobachtungen, die wir in
der andauernden Debatte über unsere nationale Sicherheitspolitik im Gedächtnis behalten sollten.

Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Der Präsident stellte sodann eine Reihe von Fragen für
die Zukunft:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität in den
Hintergrund tritt?
Wie wird sich die andauernde Führungsrolle der
Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden
die von unseren Verbündeten übernommenen
neuen Führungsrollen beschaffen sein?
Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?
Wieviel Risiko können wir uns in einem Zeitalter
strategischer Veränderungen, haushaltspolitischer Zwänge und großer Ungewißheit leisten?
Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?
Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohlstand unerläßlich ist, wenn die empfundene

Seite 2

Erstens stellten sie fest, daß "das Gespenst einer
möglichen Rückkehr des kalten Kriegs... nicht benutzt
werden kann, um eine Überprüfung der Verteidigungspolitik zu vertagen, die sogar schon vor den Ereignissen der letzten sechs Monate erforderlich war."
Zweitens erklärten sie, daß "unseres Erachtens das
amerikanische Volk das erforderliche Haushaltsniveau
nur dann unterstützen wird, wenn es der Meinung ist,
daß unsere Verteidigungspolitik mit der sich verändernden Weltlage im Einklang steht."
Herr Präsident, ich stimme mit den Senatoren Cohen
und McCain überein. Wir müssen jetzt handeln, um
eine neue militärische Strategie zu entwickeln, mit der
die veränderte Bedrohung bewältigt und ein Beitrag
zur Festlegung unserer Haushaltsprioritäten geleistet
werden kann.
Mit Blick auf die jüngsten Veränderungen in der Welt
und künftige Verteidigungsbudgets möchte ich die
folgenden wichtigen Aufgaben vorschlagen, die wir
von unseren Streitkräften verlangen und deren Durchführung wir erwarten können:
Abschreckung eines Angriffs auf das Territorium der Vereinigten Staaten.
Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen
durch die Sowjetunion oder andere nuklear
bewaffnete Gegner gegen unser Territorium,
gegen unsere Verbündeten oder unsere irgend-

AMERIKA DIENST 16

�wo auf der Welt stationierten Streitkräfte.
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten bei
der Abschreckung konventioneller sowjetischer
Aggressionen in Europa, wobei der Umfang der
Streitkräfte der abnehmenden Bedrohung angepaßt wird und die Möglichkeit bestehen bleiben muß, innerhalb eines ausreichenden Zeitraums auf ein höheres Niveau aufzurüsten,
wenn die Sowjets versuchen sollten, erneut eine
glaubwürdige Invasionsfähigkeit aufzubauen.
Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten in Korea, im Fernen Osten, im Nahen Osten,
in Südwestasien und Lateinamerika mit amerikanischen militärischen Fähigkeiten, die auf eine
Ergänzung - nicht auf den Ersatz oder die Verdoppelung - ihrer eigenen militärischen Fähigkeiten zugeschnitten sind.
Bereitschaft zu gewaltsamen Interventionen in
geringem bis mittlerem Ausmaß.
Sicherung der Seewege.
Bekämpfung von Drogenhandel, Terrorismus
und anderen unkonventionellen militärischen
Bedrohungen.
Bereitstellung genauer, rechtzeitiger und bedarfsgerechter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse in Verbindung mit anderen nachrichtendienstlichen Elementen bezüglich der Veränderungen im globalen Bedrohungsumfeld.
Wenn wir eine neue Militärstrategie entwickeln wollen,
die unsere Mittel effektiv mit den soeben umrissenen
Zielen in Einklang bringen soll, dann sollten wir uns
meines Erachtens von den folgenden fünf Komponenten leiten lassen.
I. Obwohl die nukleare Abschreckung gegenwärtig
und auf absehbare Zukunft entscheidende Grundlage
unserer militärischen Strategie bleibt, sollte sie auf
wesentlich geringerem Rüstungsniveau und mit wesentlich höherer Stabilität (mit geringerem Anreiz für
einen Erstschlag mit strategischen Nuklearwaffen auf
beiden Seiten) gewährleistet werden können.
II. Unsere vorne stationierten Streitkräfte sollten im
Einklang mit der veränderten Bedrohung reduziert
werden. Es sollte eine verstärkte Spezialisierung der
einzelnen verbündeten Staaten erfolgen. Das Vertrauen auf Verstärkung unserer Verbündeten durch
herangeführte amerikanische Kampftruppen sollte erhöht
werden.
III. Eine größere Anzahl unserer Truppen sollte in
Reserven konzentriert werden, die insbesondere auf
Verstärkungsoperationen zugeschnitten sind.

AMERIKA DIENST 16

IV. Wir sollten ein Konzept flexibler Bereitschaft, hoher
Bereitschaft für bestimmte Truppen und anzupassender Bereitschaft anwenden.
V. Unser Verteidigungsmanagement und unsere Mittelstrategie sollten von dem Satz des ehemaligen
Botschafters David Abshire geleitet werden, der lautet:
"Think smarter not richer." Diesem Ansatz zufolge
würde ich das Fliegen vor die Beschaffung setzen, die
Kosten für Beschaffung und Instandhaltung von Waffen reduzieren, bestehende Plattformen verbessern
und neue Vorhaben reduzieren. Dazu gehört innovative Forschung zur Erhaltung unserer technologischen
Überlegenheit und die Aufrechterhaltung einer lebensfähigen Rüstungsindustrie.
Diese fünf Elemente bilden den Rahmen, den ich für
eine überarbeitete militärische Strategie vorschlage.
Ich möchte auf jedes dieser fünf Elemente kurz etwas
detaillierter eingehen.
Das erste grundlegende Element einer neuen Militärstrategie ist die Abschreckung eines Atomkriegs auf
niedrigerem nuklearem Rüstungsniveau bei gleichzeitig erheblich verbesserter Stabilität. Dieses Element
beinhaltet zwei Komponenten: Abschreckung eines
direkten sowjetischen Atomschlags gegen die Vereinigten Staaten und Abschreckung des Einsatzes von
Atomwaffen im Rahmen einer sowjetischen Aggression gegen einen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Daneben müssen wir zusammen mit unseren
Verbündeten und anderen Staaten, darunter auch der
Sowjetunion und China, dafür Sorge tragen, die Verbreitung von Atomwaffen und Raketentechnologie zu
begrenzen. Wir müssen überdies zusammen mit
anderen Staaten unsere Bemühungen intensivieren,
um den generellen Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch andere Staaten oder terroristische Gruppierungen zu verhindern.
In meiner Rede vor dem Senat habe ich am 29. März
in bezug auf die Bedrohungsanalyse erklärt: "Im
Gegensatz zu den bedeutenden Reduzierungen der
sowjetischen konventionellen Bedrohung hat die
sowjetische Modernisierung der strategischen Atomstreitkräfte im großen und ganzen unverändert angehalten." Aus diesem Grund bleiben die amerikanischen Nuklearstreitkräfte das Fundament der Abschrekkung. Die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte
wird auch weiterhin erforderlich sein.
Gleichzeitig hat der Rückgang der sowjetischen konventionellen Bedrohung bedeutende Auswirkungen
auf die sowjetische nukleare Bedrohung. Wie ich
bereits letzten Monat festgestellt habe: "Mit der geringeren Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Krieges
in Europa hat die Möglichkeit, daß ein Atomkrieg aus
der Eskalation eines europäischen Konflikts entsteht,
ebenfalls stark abgenommen." Ich möchte im folgen-

Seite 3

�den meine Ansichten über die Auswirkungen dieser
Entwicklung auf unser strategisches Einsatzkonzept,
unsere Ziele in der Rüstungskontrolle und die geeignete Rolle strategischer Verteidigungssysteme darlegen.

neuen Strategie noch Platz ist. Landgestützte Atomraketen und nukleare Artillerie in Europa sollten abgezogen werden, am besten im Rahmen von Gesprächen und Vereinbarungen zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Die Entwicklung neuer, demokratischer Regierungen
in Osteuropa, der vorgesehene Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ungarn und der Tschechoslowakei sowie die wahrscheinliche Festsetzung gleicher
Obergrenzen für Panzer, Artillerie, Flugzeuge und
andere Kategorien militärischer Ausrüstung in einem
Vertrag über die konventionellen Streitkräfte (KSE)
haben ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf die
nuklearen Kurstreckenwaffen (SNF) und luftgestützten taktischen Nuklearwaffen des Bündnisses.

Aber selbst wenn dies erreicht ist, besteht die Notwendigkeit zur Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen in Europa durch die Sowjets. Auf europäischem
Territorium stationierte Atomwaffen, einschließlich der
britischen und französischen Nuklearstreitkräfte, bilden eine glaubwürdige Androhung von Vergeltung.
Luftgestützte Systeme bieten den Militärplanern erheblich größere Flexibilität, sie erlauben die Stationierung nuklearer Fähigkeiten in mehreren NATO-Ländern und schaffen nicht die einschneidenden politischen und Sicherheitsprobleme, die Systemen mit
erheblich begrenzterer Reichweite innewohnen.

Gegenwärtig stellen die Vereinigten Staaten mehrere
tausend Atombomben und Atomwaffen zur Verfügung, die von Artillerie, der Kurzstreckenrakete Lance
und taktischen Flugzeugen aus zum Einsatz kommen
können. Ferner wurde eine Reihe amerikanischer UBoot-gestützter ballistischer Raketen (SLBMs) der
NATO zugeordnet, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa (SACEUR) hat die Option, weitere strategische und nichtstrategische amerikanische Nuklearstreitkräfte anzufordern.
Der NATO-Doktrin zufolge sollen Atomwaffen drei
entscheidende Funktionen erfüllen:
Erstens sollen sie Abschreckung gegen einen
sowjetischen Ersteinsatz von Atomwaffen in
Europa bewirken.
Zweitens sollen sie jeden massierten Aufmarsch
von Panzerarmeen des Gegners abschrecken
und damit einen Beitrag zur gesamten Abschrekkung der NATO gegen einen konventionellen
Angriff leisten.
Drittens sollen sie im Falle eines Versagens der
Abschreckung konventionelle Unzulänglichkeiten wettmachen. Im Einklang mit ihrer Doktrin
der flexiblen Reaktion ist die NATO davon ausgegangen, daß jeder Angriff des Warschauer
Pakts und alle Feindseligkeiten frühzeitig gestoppt werden könnten, weil das Bündnis bereit
war, einen Atomkrieg zu führen, um seine Freiheit zu verteidigen.
Nach einem KSE-Abkommen mit konventionellem
Gleichstand (einem Zustand, in dem insbesondere die
sowjetischen Panzerarmeen aus Osteuropa abgezogen worden sind) ist ein Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit einem frühzeitigen Ersteinsatz atomarer
Kurzstreckenraketen zur Abschreckung eines konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig. Ich
glaube nicht, daß für landgestützte Atomwaffen, deren
Reichweite so begrenzt ist, daß sie nur auf dem
Territorium unserer Verbündeten oder der neuen
Demokratien Osteuropas zum Einsatz kämen, in einer
Seite 4

Aufgrund dieser Erwägungen schlage ich vor, daß sich
die NATO auf taktische luftgestützte Atombomben
und -raketen konzentriert, darunter die TASM und ihre
Planung für Modernisierung und Rüstungskontrolle
entsprechend anpaßt. Aus Gründen der Risikoteilung
und Überlebensfähigkeit sollten die taktischen luftgestützten Raketen der NATO auf Luftstützpunkte in
allen NATO-Staaten, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verteilt werden.
Das zweite Element einer neuen amerikanischen Militärstrategie besteht darin, die vornestationierten USStreitkräfte zu reduzieren, die Spezialisierung unter
den verbündeten Staaten zu erhöhen und die Verstärkungsfähigkeit auszubauen, einschließlich des Einsatzes von Reserven zur Auffüllung der verbleibenden
vornestationierten amerikanischen Streitkräfte. Dieses Element betrifft besonders Europa und in gewissem Maß auch Korea.
In meiner Senatsrede habe ich im vergangenen Monat
zwei wichtige Schlußfolgerungen im Hinblick auf die
jüngsten Veränderungen der Bedrohungslage vorgetragen:
Erstens ist die Drohung eines Großangriffs des
Warschauer Pakts auf Westeuropa praktisch
beseitigt worden, und ein Angriff der Sowjetunion allein ist sehr unwahrscheinlich...
Zweitens wären jegliche sowjetischen Bemühungen, erneut eine umfassende, glaubwürdige
konventionelle Angriffsfähigkeit gegen die NATO
zu schaffen, äußerst schwierig. Sie würden eine
enorm umfangreiche Mobilisierung erfordern und
damit der NATO viele Monate Vorwarnzeit verschaffen.
In meiner Erklärung habe ich auf die tiefgreifenden
Auswirkungen dieser Entwicklung für die Militärstrategie der NATO hingewiesen:
Der entscheidende Punkt lautet: Selbst wenn man es

AMERIKA DIENST 16

�als notwendig erachtet, sich gegen die auch noch so
entfernte Möglichkeit einer Wiederherstellung der
sowjetischen Invasionsfähigkeit gegen Westeuropa
zu wappnen, bedeutet dies nicht zwingend auch, daß
die geeignete Vorsichtsmaßnahme darin besteht, riesenhafte stehende Heere der Vereinigten Staaten in
Europa zu unterhalten. ... Für die NATO sollte das
Kriterium vielmehr sein, ob das Bündnis in der Lage ist,
die Abschreckung auf niedrigeren Niveaus aufrechtzuerhalten und in Zeiten einer sowjetischen Wiederaufrüstung mobilisieren und auf höhere Niveaus aufrüsten
zu können.
Die NATO spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der
Gewährleistung der Sicherheit Westeuropas - militärisch, politisch und diplomatisch. Unter diesen veränderten Bedingungen mu ß jedoch die NATO der Öffentlichkeit gegenüber ihre Daseinsberechtigung unter
Beweis stellen. Der ehemalige NATO-Botschafter
David Abshire hat einmal gesagt: "Die NATO sollte und zwar politisch für jedermann sichtbar - eine zweifache Studie erarbeiten, um ihre politische und ihre
militärische Strategie auf den neuesten Stand zu bringen." Eine Studie durch eine anerkannte Gruppe von
Fachleuten, ähnlich dem Harmel-Bericht von 1967,
könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, einen neuen
transatlantischen Konsens im Hinblick auf die Verteidigungserfordernisse und das künftige Einsatzkonzept
des Bündnisses zu bilden.
Meines Erachtens muß diese Studie drei Realitäten
berücksichtigen:
Erstens ist der Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit dem Ersteinsatz von nuklearen
Kurzstreckenwaffen zur Abschreckung eines
konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig.
Zweitens ist die Annahme der NATO, daß die
Vereinigten Staaten auf Dauer 195 000 Mann in
Mitteleuropa stationieren, nicht mehr realistisch.
Drittens ist die gegenwärtige NATO-Strategie
der Vorneverteidigung an der innerdeutschen
Grenze nicht mehr lebensfähig.
Angesichts künftiger Instabilität in Europa, die wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich ist, sind
Vorsicht und Vernunft am Platze, wenn wir unsere
Streitkräfte in der NATO verringern. Amerikanische
Truppen in Europa können und sollten während dieser
Übergangsperiode eine stabilisierende Rolle spielen.
Trotzdem erlaubt es die erheblich verlängerte Vorwarnzeit vor einem glaubwürdigen sowjetischen Angriff auf die NATO den Vereinigten Staaten, den Umfang
unserer vornestationierten stehenden Heere zu reduzieren und sich statt dessen auf Verstärkungsfähigkeit
zu konzentrieren.
Entgegen der Ansicht der Administration, daß 195 000
amerikanische Soldaten in Mitteleuropa eine MindestAMERIKA DIENST 16

stärke darstellen, die von den Vereinigten Staaten
nicht unterschritten werden darf, müssen wir meines
Erachtens damit beginnen, für die kommenden Jahre
ein erheblich geringeres Niveau einzuplanen. Ich
stimme dem früheren Verteidigungsminister James
Schlesinger zu, daß wir eine in Europa verbleibende
Streitmacht in der Größenordnung von 75 000 bis
100 000 Soldaten innerhalb der nächsten fünf Jahre
planen sollten.
Diese Reduzierungen gehen nicht nur Hand in Hand
mit der Abnahme der Bedrohung, sondern sie werden
auch durch eine sich wandelnde Haltung der Deutschen gegenüber fundamentalen Fragen von Souveränität und Nationalismus erforderlich. Die Opposition
gegen eine umfangreiche amerikanische Militärpräsenz in Deutschland wird immer mehr durch den
wachsenden Verdruß über Ausbildung, Übungen,
Manöver und Tiefflüge motiviert. Daneben verstärkt
der erhebliche Fehlbestand an Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Freiflächen deutsche Wünsche
nach Rückgabe amerikanischer Militäreinrichtungen
und Liegenschaften, um sie dem deutschen Zivilsektor
nutzbar zu machen.
Kürzlich erhielt ich ein Schreiben eines deutschen
Bundestagsabgeordneten, der Mitglied im Verteidigungsausschuß und ein überzeugter Befürworter der
NATO ist. Erwies darauf hin, daß in seinem Wahlkreis
über 4 000 deutsche Familien auf Wartelisten für
Wohnungen stünden und die Krankenhäuser überbelegt seien. Dann führte er die verschiedenen amerikanischen Stützpunkte, Kasernen und medizinischen
Einrichtungen in seinem Wahlkreis mitsamt der von
ihnen belegten Fläche und ihrem möglichen Freizeitwert auf. Er bat mich, dafür zu sorgen, daß der erste
von Deutschland abgezogene amerikanische Soldat
aus seinem Wahlkreis kommen sollte.
Der ehemalige Verteidigungsminister James Schlesinger erklärte vor unserem Ausschuß: "Was auch
immer ihre gegenwärtigen Präferenzen sein mögen,
eine deutsche Regierung wird nicht umhin kommen,
die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Wir sollten
damit beginnen, uns jetzt schon auf diese absehbare
Entwicklung vorzubereiten."
Viele Jahre lang war die Strategie der NATO in der
Region Europa Mitte darauf ausgerichtet, sich weit
vorne zu verteidigen, an den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zur DDR und zur Tschechoslowakei. Diese Grenze wurde in acht Korps-Sektoren
aufgeteilt, und die Landverteidigung jedes Sektors
wurde den nationalen Streitkräften eines einzelnen
Landes zugewiesen. Innerhalb jedes Korps-Sektors
fallen auch Logistik und Unterstützungsmaßnahmen
in die alleinige Verantwortung des Landes, das für die
Verteidigung des Sektors zuständig ist. Dies ist natürlich das genaue Gegenteil von "Spezialisierung" denn innerhalb ihres Verantwortungsbereichs setzt
jede Nation eigene militärische Fähigkeiten ein, die

Seite 5

�auch in den anderen nationalen Sektoren vorhanden
sind. Darüber hinaus wird die traditionelle Strategie
der Vorneverteidigung gegenwärtig durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten überholt.
Unter der Voraussetzung, daß einseitige und von der
KSE ausgehandelte sowjetische Reduzierungen durchgeführt werden, bieten die Veränderungen in der
Bedrohung und in der Bündnisgeographie die Chance,
das traditionelle Konzept der Korps-Verantwortungsbereiche durchgreifend umzugestalten. Die NATO
muß eine neue Strategie haben, die vom Bündnis als
Ganzes entwickelt werden mu ß. Meine Vorstellungen
im Hinblick auf die Rolle unseres Landes in einer neuen
NATO-Strategie lauten folgendermaßen:
Wir müssen auf spezialisierterer Aufgabenverteilung unter den NATO-Partnern bestehen. Die
europäischen NATO-Mitglieder sollten primär
für die erste Phase der Vorneverteidigung zu
Lande - Bekämpfung der Panzertruppen - verantwortlich sein und sich nicht auf umfangreiche
vornestationierte US-Landstreitkräfte stützen.
Der Einsatz der US-Landstreitkräfte für die NATO
sollte neu strukturiert werden, um statt der NATOVorneverteidigung die mobilen strategischen
Reserven der NATO zu aktivieren.
Die Präsenz der US-Landstreitkräfte in Friedenszeiten sollte vor allem aus Kampftruppen
und Unterstützungseinheiten bestehen. Zu diesen
Unterstützungseinheiten sollten Elemente taktischer Planung zählen, ferner Aufklärungs- und
Überwachungseinheiten, Führungs- und Kommunikationseinheiten und "Empfangs"-Truppen
nach dem Muster, wie es der ehemalige Stabschef des Heeres, General Meyer, vorgeschlagen hat.
Die Vereinigten Staaten sollten weiterhin umfangreiche bereits bestehende Lagerbestände
von Kampf- und Unterstützungsgerät in Europa
unterhalten. Damit könnte eine erste Verstärkung der NATO durch die Vereinigten Staaten
erzielt werden, indem Einheiten des Heeres aus
den Vereinigten Staaten nach Europa transportiert werden, wo sie ihr bereits eingelagertes
Gerät in Empfang nehmen und die Landstreitkräfte der NATO verstärken.
Die Vereinigten Staaten sollten einige Geschwader taktischer Kampfflugzeuge für konventionelle wie nukleare Missionen in Europa beibehalten und sich verpflichten, zur Verstärkung
eine größere Zahl taktischer Kampfflugzeuge
aus den Vereinigten Staaten nach Europa zu
bringen. Diese Zusage wird davon abhängen,
ob die NATO eine angemessene Zahl gehärteter Flugzeughangars, Treibstoff- und Munitionslager und Wartungsbereiche auf gemeinsamen
Einsatzflugplätzen (COB) in Europa zur Verfü-

Seite 6

gung stellen kann.
Da amerikanische Landstreitkräfte in Europa
zahlenmäßig verringert würden und vor allem
aus Einheiten zur Kampfunterstützung bestünden, sollte es möglich sein, die Einsatzzeiten
und die Zahl der mitreisenden Familienangehörigen zu verringern.
Die Vereinigten Staaten sollten sich entschlossen um die Erlaubnis Frankreichs bemühen, im
Notfall französischer Häfen, Flughäfen und Stützpunkte durch amerikanische Verstärkungseinheiten zu nutzen. Dabei müßten in Friedenszeiten keine US-Streitkräfte in Frankreich stationiert werden, aber gelegentliche gemeinsame
Übungen zur Wiederzuführungsfähigkeit würden das Abschreckungskonzept der NATO
erheblich stärken.
In meiner Beurteilung der Bedrohung vom 29. März
habe ich darauf verwiesen, daß von Nordkorea weiterhin eine Invasionsbedrohung für unseren Verbündeten
Südkorea ausgeht. Meiner Ansicht nach ist eine
andauernde Präsenz von US-Streitkräften auf der
Halbinsel Korea erforderlich, um Nordkorea zu verdeutlichen, daß ein Angriff auf den Süden einen Angriff
auf uns darstellen wird. Die amerikanischen Fähigkeiten, Korea mit taktischem Gerät, Marineeinheiten und
Luftstreitkräften auszurüsten, sind beträchtlich. Die
Vereinigten Staaten müssen Korea weiterhin Unterstützung in anderer Form gewähren - bei den Nachrichtendiensten, Führungs- und Kommunikationseinrichtungen sowie den Aufklärungs- und Beobachtungsfähigkeiten.
Da die Grenze zu Nordkorea nur wenige Kilometer von
der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt ist,
zielen Militärberater Südkoreas und der Vereinigten
Staten der Not gehorchend darauf ab, weit vorn zu
verteidigen und einen massiven Angriff Nordkoreas
ohne Verlust von Territorium abzuwehren. Das kann
nur erreicht werden, indem sofort massive Feuerkraft
gegen die angreifenden Feindtruppen eingesetzt wird.
Taktische Kampfflugzeuge stellen dabei eine Möglichkeit dar, die erforderliche Feuerkraft zu gewährleisten,
und diese Aufgabe fällt auch der US-Luftwaffe in der
Region zu. Das US-Heer besteht jedoch zum größten
Teil aus motorisierten Infanterieeinheiten, die keine
umfangreiche, dauerhafte Feuerkraft leisten können.
Den Südkoreanern mangelt es nicht an Infanterie.
Angesichts des Konzepts der Aufgabenverteilung
vertrete ich die Auffassung, daß sich die US-Landkampftruppen in Korea auf Artillerie längerer Reichweite wie etwa Mehrfachraketenwerfersysteme (MLRS)
konzentrieren sollten. Unsere Aufgabe sollte darin
bestehen, der koreanischen Vorneverteidigung stärkere Feuerunterstützung zu leisten, wobei jeweils USEinheiten bestimmte südkoreanische Einheiten unterstützen sollen. Diese Methode erhöhter Feuerkraft

AMERIKA DIENST 16

�sollte mit der Zeit eine erhebliche Verminderung in
Korea stationierter US-Streitkräfte gestatten.
An Orten, wo die Vereinigten Staaten kein Gerät oder
Truppen stationiert haben, gibt es eine Reihe von
Fällen, bei denen sie auf eine Entsendung von USTruppen vorbereitet sein und auf die sie glaubwürdig
reagieren müssen.
Bei den meisten Fällen würde es sich um Bedrohungen
amerikanischer Interessen handeln. Wo unsere vordringlichen Interessen bedroht sind, müssen wir militärisch intervenieren können. Aberwirsollten, wo immer
die Möglichkeit dazu besteht, der Bedrohung durch
diplomatische, wirtschaftliche oder nichtmilitärische
Maßnahmen Herr zu werden suchen, mit der Option
einer steigenden - oder stärker wahrnehmbaren Truppenpräsenz in der Region.
Die Vereinigten Staaten müssen mit ihren Truppen
vielfältige Missionen erfüllen können:
Am unteren Ende der Skala möglicher Einsätze
stehen Missionen, bei denen eine "Präsenz"
der Vereinigten Staaten der Abschreckung
überstürzter Aktionen und Stabilisierung bei
potentiellen Krisen dienen soll. In diese Kategorie fielen auch Aufbauhilfe für einzelne Länder
und Ausbildung ausländischer Streitkräfte.
Die nächste Stufe der Unterstützung bestünde
für die Vereinigten Staaten in der Bereitstellung
indirekter militärischer Unterstützung - wie nachrichtendienstliche Informationen, Überwachung
und Warnung, logistische Unterstützung und
Sicherung in der rückwärtigen Region.
Kampfhandlungen unter Beteiligung von USStreitkräften könnten von Feuerunterstützung
für die einheimischen Streitkräfte von Flugzeugen oder Schiffen aus bis zur Intervention einer
aus den Vereinigten Staaten entsandten Truppe reichen.
Die Ereignisse in und um den Persischen Golf, auf der
Arabischen Halbinsel und in Südwestasien stellen die
amerikanischen Militärplaner vor Herausforderungen
und werfen schwerwiegende Probleme auf. Vor garnicht allzulanger Zeit gab es Konflikte zwischen Israel
und mehreren arabischen Staaten, Nord- und Südjemen und Iran und Irak, femer andauernde Kämpfe im
Libanon. Die Vereinigten Staaten haben in Israel,
Ägypten, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten
wichtige Sicherheitsinteressen. Darüber hinaus sind
die Volkswirtschaften der westlichen Welt stark vom
freien Öltransport aus den Förderländern des Mittleren
Ostens abhängig. Auch unsere eigene Wirtschaft wird
stärker von Öl aus dem Mittleren Osten abhängig, da
die Förderung im Inland wie auch in anderen wichtigen
Staaten der Hemisphäre zurückgegangen ist.

AMERIKA DIENST 16

Die Golfregion gilt darüber hinaus als eine der am
schwersten bewaffneten Regionen der Welt. Man
verfügt dort über unzählige Panzer, manche Länder
über modernste taktische Kampfflugzeuge, ferner
werden ballistische Raketen weiterverbreitet, sowohl
Boden-Boden-Raketen als auch Raketen zum Einsatz
gegen Schiffe. Jegliche Interventionen der Vereinigten Staaten zur Unterstützung einer freundlich gesinnten Regierung müssen mit einem Umfeld großer
Bedrohungen rechnen. Unsere Fähigkeit zur Gewährleistung dieser Unterstützung wird eine umfangreiche
logistische Infrastruktur in der Region erfordern, auch
Arsenale an Nachschub und Gerät.
Die gegenwärtigen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten für Interventionen an Orten, wo nur wenige Stützpunkte und eine beschränkte Infrastruktur zur Verfügung stehen, entsprechen nicht in vollem Maße unseren Bedürfnissen. Die Vereinigten Staaten verfügen
heute über die beste Fähigkeit zur Entsendung von
Streitkräften auf der ganzen Welt. Dennoch sind im
allgemeinen die leichten Truppen des Heeres zwar
schnell stationierbar, verfügen aber nicht über ausreichende Feuerkraft, Durchhaltefähigkeit und Mobilität
zu Lande. Die schweren Truppen des Heeres sind zu
schwerfällig und zu schwer stationierbar, und in den
letzten Jahren sind bei den Marineinfanteristen die
Zuwachsraten bei Gerät viel größer als bei den bereits
unzulänglichen amphibischen Einsatzfähigkeiten. Um
potentielle Interventionen durchführen zu können,
müssen wir unsere Streitkräfte neu strukturieren und
dabei folgende Prioritäten setzen:
Wir müssen uns auf Streitkräfte konzentrieren,
die ihrem Charakter nach mobil und schnell stationierbar sind - seegestützte Expeditionsstreitkräfte, taktische Luftstreitkräfte, auch längerer
Reichweite und leichte Kampftruppen, die mittels amphibischer Fahrzeuge, zur See und in
der Luft transportiert werden können.
Technologien müssen so angewandt werden,
daß unsere Sondereinsatztruppen weniger
Gewicht und mehr Mobilität haben, aber dennoch ihre Feuerkraft und Durchhaltefähigkeit
verbessern.
Besondere Aufmerksamkeit muß der angemessenen Mischung aus Luft- ,See- und amphibischem Transport gewidmet werden, ferner dem
schnellen Transport auf See. Damit soll Abschreckung durch einsatzbereite Fähigkeit zur
Reaktion auf besondere Ereignisse gewährleistet werden.
Wir sollten die Fähigkeiten für Sondereinsätze
weiter verbessern.
Das dritte Schlüsselelement unserer neuen militärischen Strategie ist die stärkere Nutzung der Reserve.
Aufgrund der heute bestehenden längeren Vorwarn-

Seite 7

�zeit und Engpässe im Haushalt müssen wir eine grundlegende Neuüberprüfung des Einsatzes der Reservestreitkräfte vornehmen. Das wird eine schwierige
Herausforderung für die Streitkräfte sein, die aber
bewältigt werden muß.
Es gibt einige Bereiche, in denen ganze Missionen
unseren Reserveeinheiten übertragen werden können. Dabei muß auch aktives Personal bei den Reservestreitkräften eingesetzt werden. Ferner müssen wir
bereit sein, die bestehenden besser zu nutzen, um
Reserveeinheiten in frühen Stadien eines potentiellen
Konflikts zu mobilisieren, wenn dieses strategische
Element Erfolg haben soll.
Als in jüngster Zeit umgef laggte Tanker im Persischen
Golf eskortiert werden mußten, gehörten fast alle
Minensuchboote der Reserve an. Als die Stationierung von Minensuchbooten im Persischen Golf erforderlich wurde, zog die Marine die aus Reservisten
bestehenden Mannschaften ab und ersetzte sie durch
aktive Soldaten. Damit wurde die Stationierung der
Schiffe verzögert. Darüber hinaus übermittelte sie den
aktiven und den Reservestreitkräften eine falsche
Botschaft. Die Marine erklärte den Reserveeinheiten,
mit ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten sei ein
Einsatz im Notfall nicht möglich und den Aktiven wurde
mitgeteilt, "wir können es uns nicht leisten, auf die
Reserve zu bauen". Wenn wir auf die Reserve bauen
wollen - was wir müssen - und eine echte Politik mit den
Gesamtstreitkräften machen wollen, müssen wir bereit sein, in Zukunft auch Reservestreitkräfte einzusetzen.
Die erheblich gestiegene Vorwarnzeit eines konventionellen Konflikts in Europa erlaubt eine stärkere Verlagerung der schweren Panzertruppen zu den Reservestreitkräften. Wachpersonal und Reserveeinheiten
sollten so strukturiert sein, daß sie innerhalb eines
bestimmten Zeitraums - Wochen oder Monaten - nach
der Entscheidung zur Mobilisierung völlige Kampfbereitschaft erlangen können. Dies alles soll in der
verfügbaren Vorwarnzeit geschehen, die zur Verfügung stehende Transportfähigkeit und das Ausmaß
der sowjetischen Aufrüstung berücksichtigen.
Im Verteidigungsministerium hatte die Luftwaffe beim
effektiven Einsatz ihrer Reserve stets eine Führungsrolle inne. Die Air National Guard und die Reserve der
Luftwaffe haben bereits einen erheblichen Beitrag zu
den Missionen der Luftwaffe insgesamt geleistet. Die
Reserveeinheiten der Luftwaffe könnten in den Bereichen strategischer und taktischer Lufttransport, Luftunterstützung und der Orientierung der Luftwaffe auf
einen Ernstfall in Europa noch stärker zum Einsatz
kommen. Das könnte eine stärkere Versetzung aktiver Piloten zu erweiterten Reservegeschwadern erforderlich machen.
Mit der Abnahme von sowjetischen Operationen in
bündnisfremden Gebieten und anderen Veränderun-

Seite 8

gen der Bedrohung wird die Politik der US-Marine, daß
sich praktisch alle stationierbaren Schiffe auf See
befinden oder innerhalb weniger Tage einsatzbereit
sein müssen, zunehmend unnötig und finanziell weniger tragbar. Die Marine muß den Einsatz von Reservestreitkräften ernsthaft erwägen, die einen Teil der
Flotte übernehmen. Für die aktive Marine darf das
Wort "Reserve" nicht mehr Synonym für "Mottenkugeln" sein.
In Zukunft werden kaum mehr Mittel zur Verfügung
stehen, um die gesamte Flotte der Marine in dem
Umfang zu finanzieren wie zur Zeit des kalten Kriegs.
Die Marine wird somit die Wahl haben zwischen einem
Abbau der operativen Schnelligkeit und vielen Schiffen
im Status der Reserve oder einer kleineren, insgesamt
aktiven Marine. Der stärkste Befürworter der 600
Schiffe umfassenden Marine, der frühere Marineminister John Lehman, hat in jüngster Zeit empfohlen, daß
die meisten Schiffe der Marine den Reserveeinheiten
überstellt werden sollten. Die Marine wird neue Wege
finden müssen, um einen größeren Teil ihrer Flotte auf
Reserveoperationen zu orientieren.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß alle Kategorien von
Schiffen und Flugzeugen der Marine der Reserve
überstellt werden sollen, Flugzeugträger und Unterseeboote wären zum Beispiel für Reserveeinsätze
kaum geeignet. Dennoch bieten sich Schiffe oder
Flugzeuge, die Seetransporte, U-Bootbekämpfung oder
Schutz der Seewege für die NATO leisten, für Reserveeinsätze an.
Darüberhinaus müssen unsere Befehlshaber regionaler Kampftruppen ihre Aufmerksamkeit den Bedingungen für die Flugzeugträgerverbände zuwenden, um
nicht auf See zu große Anforderungen an die aktiven
NATO-Streitkräfte zu stellen. Es liegt auf der Hand,
daß wir in vielen Fällen keine ganzen Flugzeugträgerverbände brauchen, um "Flagge zu zeigen". Andere
Schiffe und ihre Eskorten können diese Mission ausführen. Deshalb muß eine Überprüfung der gegenwärtigen Missionen stattfinden, gegebenenfalls eine
Neubewertung des Umfangs eines Verbands und eine
Betonung des Konzepts, demzufolge Schiffe unabhängig von einem Verband operieren können.
Wenn diese Anpassungen vorgenommen und der
Einsatz der Reserve erweitert wird, kann meiner Ansicht nach die Marine den Erfordernissen der Zukunft
mit 10 bis 12 Flugzeugträgerverbänden gerecht werden.
Mein viertes wichtiges Element ist die sogenannte
"flexible Einsatzbereitschaft", die ich als Anpassung
an den Bereitschaftsstatus unterschiedlicher Streitkräfte an die jeweilige Bedrohung definieren würde, die
Länge der Vorwarnzeit, die Wahrscheinlichkeit, mit der
diese Streitkräfte kämpfen müssen und die Fähigkeit,
sie zum Ort der Kampfhandlungen zu transportieren.
Praktisch wenden die Ministerien für die Teilstreitkräf-

AMERIKA DIENST 16

�te gegenwärtig eine Form der flexiblen Einsatzbereitschaft an. Einheiten, die "als erste kämpfen", werden
als erste mit neuestem Gerät ausgerüstet und am
stärksten bemannt. Andere Einheiten, die nicht für
eine baldige Stationierung vorgesehen sind, haben
älteres Gerät und weniger Personal.
Die Reduzierung der konventionellen Bedrohung und
die starken Engpässe im Haushalt bedeuten, daß der
Umfang aller Streitkräfte verringert werden muß. Aber
die Teilstreitkräfte sind vor die wichtige Wahl gestellt,
in welchem Umfang ihre Streitkräfte verringert werden:
1.
Wir können eine vergleichsweise größere Streitkräftestruktur haben, aber die Bereitschaft dieser Streitkräfte muß auf der Bedrohung, der Vorwarnzeit, der
Wahrscheinlichkeit des Einsatzes und der Fähigkeit,
das Gefechtsfeld zu erreichen, basieren.
2.
Wenn die Streitkräfte diesen Kurs nur zögernd
einzuschlagen bereit sind, werden sie eine erhebliche
geringere Streitkräftestruktur haben als gegenwärtig
im Pentagon erörtert wird.
Der von mir bevorzugten Alternative der flexiblen Einsatzbereitschaft zufolge behielten die Teilstreitkräfte
bestimmte Truppenteile mit hoher Priorität auf hohem
Bereitschaftsniveau bei - die strategischen Streitkräfte, Expeditionsstreitkräfte, vorne stationierte Streitkräfte, Streitkräfte für Sondereinsätze und besondere
nachrichtendienstliche Einheiten. Streitkräfte, die nicht
in diese Kategorie hoher Einsatzbereitschaft fallen,
könnten auf einem angepaßten Bereitschaftsniveau
beibehalten werden. Noch wichtiger ist, daß sie aufrechterhalten werden sollten, damit ihre Einsatzbereitschaft schnell erhöht werden kann, wenn wir gravierende Veränderungen in der Bedrohung feststellen.
Diejenigen Streitkräfte, mit denen wir den in den nächsten Jahren anstehenden Bedrohungen am besten
gerecht werden können, sollen auf hohem Bereitschaftsniveau beibehalten werden. Streitkräfte zur
Bekämpfung weniger wahrscheinlicher Bedrohungen
- wie etwa eine große konventionelle Schlacht gegen
sowjetische Streitkräfte auf dem europäischen Festland - sollten in der Streitkräftestruktur erhalten bleiben, aber auf einem Bereitschaftsniveau, das auf die
erheblich längere Vorwarnzeit bei jeder Steigerung der
Bedrohung zugeschnitten ist.
Ein sorgfältig geplanter Ansatz der flexiblen Einsatzbereitschaft wird kein Militär auf tönernen Füßen hervorbringen. In den siebziger Jahren hatten wir ernsthafte Probleme mit der Moral, weil vielen Einheiten
erklärt worden war, sie müßten innerhalb weniger
Tage in der Lage sein können, ihre Mission auszuführen, aber diese wußten, daß sie dazu nicht die personelle Ausstattung, das Gerät oder die Ausbildung
hatten. Wir hätten keine Probleme mit der Moral, wenn
unsere Soldaten in ausgewählten Einheiten wüßten,
daß ihre Mission darin besteht, mobilisieren und ihre

AMERIKA DIENST 16

Kampffähigkeit schnell erhöhen zu können und nicht
auf der Stelle eingesetzt zu werden. Mit anderen
Worten besteht ihre Aufgabe darin, "bereit werden zu
können".
Die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium
müssen dem Kongreß bald einen Plan über den künftigen Kurs vorlegen. Möchte das Heer zum Beispiel
noch mehr schrumpfen, um alle aktiven Divisionen auf
hohem Bereitschaftsniveau zu halten, oder möchte es
lieber etwas umfangreichere Streitkräfte mit einigen
Einheiten auf hohem Bereitschaftsniveau und andere
auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Marine erheblich weiter schrumpfen und
alle Schiffe auf hohem Bereitschaftsniveau halten oder
möchte sie lieber eine größere Marine mit wichtigen
Elementen auf hohem Bereitschaftsniveau und anderen auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Luftwaffe die Zahl ihrer taktischen Kampfgeschwader erheblich verringern, um alle verbleibenden Geschwader sofort in den Kampf schicken zu
können, oder möchte sie lieber eine etwas größere
Truppe mit einigen Einheiten, die in stärkeren Maße
einsatzbereit sind und anderen, bei denen Anpassungen vorgenommen wurden?
Ich ziehe grö ßere Streitkräfte gemäß dem Konzept der
flexiblen Einsatzbereitschaft vor. Meiner Ansicht nach
wird diese Option unserer Streitkräftestruktur und den
potentiellen Bedrohungen am ehesten gerecht und
berücksichtigt die verfügbaren Ressourcen.
Das fünfte und letzte Element einer neuen Militärstrategie betrifft tiefgreifende Veränderungen der Art und
Weise, wie wir unsere Verteidigungsausgaben handhaben - "thinking smarter, not richer". Ich möchte
dieses Konzept in absehbarer Zukunft eingehender
erörtern, möchte aber heute darauf hinweisen, daß
keine Debatte über eine neue Militärstrategie die wichtigen Veränderungen außer acht lassen kann, die in
Verteidigungsmanagement und Mittelplanung erforderlich werden.
Zum Beispiel müssen wir zum Prinzip der Probe vor
dem Kauf zurückkehren. In allzuvielen Fällen haben
sich Entwicklung, Erprobung und Herstellung von
Waffensystemen überschnitten, und wir mußten viel
Geld ausgeben, um bereits stationierten Waffen funktionsfähig zu machen. Die unnötige Verdopplung bei
einer Reihe von Waffenkäufen - Forschung und Entwicklung für viele bereits bestehende Waffensysteme
- geben Anlaß zu echter Besorgnis. Mit der veränderten Bedrohung müssen wir dies zurechtrücken.
Wir müssen die Kosten der Betreiber für Wartung,
Logistik, Personal und Unterstützung bei der Herstellung neuer Waffensysteme reduzieren helfen. Wir
müssen uns nicht die Frage stellen, ob neue Technologien zu nutzen seien, sondern wir müssen sie einset-

Seite 9

�zen. Die echte Herausforderung besteht darin, unsere
Technologie nicht nur einzusetzen, damit wir an erster
Stelle stehen, sondern um Rentabilität und beste Nutzung
zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen wir bestehende Konzepte und Systeme verbessern, weil wir in
Zukunft weniger neue Systeme einführen können.
Wir müssen den Schwerpunkt auf innovativere Konzepte bei Forschung und Entwicklung zur Erhaltung
unserer technologischen Vormachtstellung legen. Das
trifft insbesondere für Systeme und Fähigkeiten zu, die
Aussichten auf "bahnbrechende" Fähigkeiten bergen.
Schließlich müssen wir aggressiv darauf hinarbeiten,
um unsere Rüstungsindustrie lebensfähig zu halten.
Dies wird angesichts der in den nächsten fünf Jahren
vorzunehmenden Anpassungen bei den Verteidigungsausgaben - und künftiger Investitionen in die Verteidigung - umso wichtiger und schwieriger.
Herr Präsident, schließlich möchte ich betonen, daß
die von mir vorgestellte Militärstrategie Teil unserer
nationalen Sicherheitsstrategie ist, die ihrerseits auf
das sich wandelnde internationale Umfeld der neunziger Jahre reagieren muß. Präsident Bush hat darauf
verwiesen, daß Entwicklungen in der kommunistischen Welt auf die Möglichkeit hindeuten, daß wir uns
über das Containment hinaus zu kooperativeren Beziehungen zur Sowjetunion hinbewegen. Wenn man
davon ausgeht, daß die UdSSR ihre angekündigten
einseitigen Reduzierungen in Europa durchführt und
sowjetische Streitkräfte aus der Tschechoslowakei
und Ungarn abgezogen werden, der KSE-Vertrag
geschlossen wird, Demokratie in Osteuropa Fuß faßt
und der Reformprozeß in der Sowjetunion von Dauer
ist, sollten wir tatsächlich in der Lage sein, uns einer
neuen Politik zuzuwenden. Diese Politik muß jedoch
flexibel sein und der Möglichkeit von Rückschritten
Rechnung tragen.
Vor etwa neunzig Jahren schrieb Lenin ein Pamphlet
über Reformen im zaristischen Ru Bland jener Tage mit
dem Titel "Ein Schritt nach vorn, zwei zurück". Die
Entwicklungen in Litauen und anderswo in der Sowjetunion verdeutlichen, daß der Reformprozeß im heutigen Ru ßland ebenfalls sehr uneinheitlich ist, unabhängig davon, ob Gorbatschow an der Macht ist. Im
günstigsten Fall werden wir Zeuge von "zwei Schritten
nach vom und einem Schritt zurück" werden.

*

Seite 10

Es ist keineswegs verfrüht, zu erwägen, welches Konzept
wir angesichts der fortschreitenden internationalen
Veränderungen verfolgen sollten. Mein Vorschlag
wäre eine Politik der "maßvollen Kooperation", einer
Kooperation, bei der unsere Kooperationsbereitschaft
gegenüber der Sowjetunion und anderen Ländern im
Einklang mit dem dortigen Engagement für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft steht.
Ich hoffe, daß Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion und anderer kommunistischer Länder eine "maßvolle Kooperation" gestatten, damit Containment an
breiter Front überwunden werden kann. Wir müssen
eine kooperativere Weltordnung fördern helfen und
potentielle Risiken abfangen, bevor sie sich in direkte
Bedrohungen verwandeln.
Wenn wir in der Lage sind, Containment gegen maßvolle Kooperation einzutauschen, müssen wir weitere
Anpassungen bei unserer Militärstrategie vornehmen,
so daß sie ein echtes Spiegelbild einer sich wandelnden nationalen Sicherheitsstrategie wird. Aus diesem
Grund müssen wir unsere nationale Sicherheitsstrategie und unsere Militärstrategie einer kontinuierlichen
und sorgfältigen Überprüfung unterziehen.
Herr Präsident, der plötzliche Zusammenbruch des
kommunistischen Weltreichs im letzten Jahr hat neue
Bedingungen geschaffen und bieten eine neue Gelegenheit für eine Verteidigungsstrategie, die der veränderten Bedrohung gerecht wird und unsere Mittel
realistisch unseren Zielen anpaßt. Unsere Demobilisierungen in der Vergangenheit - nach beiden Weltkriegen, nach Korea und Vietnam - haben zu größeren
Verteidigungshaushalten geführt, um die Fehler unserer Rückzüge wettzumachen. Mit einer neuen Militärstrategie als Leitlinie für unsere Entscheidungen über
die Streitkräftestruktur und unsere Haushaltsmaßnahmen können wir vermeiden, wieder in diese Falle zu
gehen.
Herr Präsident, in den nächsten Tagen werde ich dem
Senat meine Gedanken dazu vorlegen, wie sich die Art
der Militärstrategie, wie ich Sie ihnen vorgestellt habe,
am besten durchführen lassen wird und welche Verteidigungsausgaben dieser Strategie zufolge im Haushaltsjahr 1991 und den kommenden fünf Jahren erforderlich werden.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�UMWELT
25. April 1990

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG WELTWEITER
KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht wurde am 18. April 1990 vom Weißen Hausveröffentlicht.

Im ersten Jahr seiner Amtszeit hat Präsident Bush
zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Umweltqualität verabschiedet. Einige dieser Initiativen werden nach ihrer endgültigen Durchführung maßgeblich
zum Abbau der Treibhausgasemissionen in den Vereinigten Staaten beitragen - bis zum Jahr 2000 um mindestens 15 Prozent, und in den darauffolgenden Jahren zu einem noch höheren Prozentsatz. Die einzelnen Maßnahmen werden im folgenden erläutert.

versorgungsbereich. Der Vorschlag des Präsidenten
zum Emissionsschutz befürwortet darüber hinaus die
Verwendung alternativer Brennstoffe und enthält
Maßnahmen zum Abbau von Kohlenmonoxid, Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen. Diese
beiden Initiativen tragen maßgeblich zur Verringerung
der Treibhausgasemissionen bei.

Vollständiges Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW)

Im Budget des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991
sind Mittel in Höhe von 175 Millionen Dollar für das
erste Jahr eines mehrjährigen Programms veranschlagt,
das in den nächsten 10 Jahren die Anpflanzung von 1
Milliarde Bäumen vorsieht. Bei einer 20jährigen Laufzeit könnten durch dieses Programm bis zu 5 Prozent
des Jahresausstoßes von Kohlendioxid in den Vereinigten Staaten aufgefangen werden.

Der Präsident hat die Vereinigten Staaten zum Abschluß eines internationalen Abkommens über ein
weltweites Verbot von Produktion und Einsatz von
FCKW bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Als weiteren
Schritt hat Präsident Bush ein Gesetz unterzeichnet,
mit dem eine einseitige Abgabe der Vereinigten Staaten auf die Produktion von FCKW erhoben wird. Damit
sollen die FCKW-Emissionen der Vereinigten Staaten
unter die von internationalen Protokollen erlaubte
Höchstgrenze gesenkt werden.

Wiederaufforstung

Aufstockung der Mittel für solare und erneuerbare
Energien sowie für Energieeinsparung

Abbau der Schwefeldioxidemissionen um 10
Millionen Tonnen der im Jahr 1980 freigesetzten
Menge, und

Der Haushaltsplan des Präsidenten für 1991 beinhaltet etwa 360 Millionen Dollar für Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten zu solaren und erneuerbaren
Energien sowie Energieeinsparung. Dies bedeutet
einen 75prozentigen Anstieg gegenüber den im vergangenen Jahr beantragten Mitteln und einen Zuwachs von 10 Prozent verglichen mit den für das
Haushaltsjahr 1990 bewilligten Sätzen. Diese Forschungsarbeiten werden entscheidend zur Entwicklung von Technologien beitragen, mit denen wir unseren Energiebedarf auf umweltverträgliche Art und Weise
decken können.

Festschreibung dieses drastisch reduzierten
Höchstwertes auf unbegrenzte Dauer.

Neue Normen für energiesparende Haushaltsgeräte

Zusammengenommen bilden diese Maßnahmen einen starken Anreiz zur Energieeinsparung im Energie-

Das Energieministerium hat kürzlich neue Normen für
Haushaltsgeräte erlassen, die zu verstärkten Energie-

Emissionsschutzgesetz
Die vom Präsidenten vorgeschlagenen Änderungen
des Emissionsschutzgesetzes fordern zwei Maßnahmen, mit denen die Kohlendioxidemissionen maßgeblich reduziert werden sollen:

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�einsparungen und reduzierter Energienachfrage für
den Einsatz der benutzten Produkte führen werden.
Mit diesen Normen sollen die Kohlendioxidemissionen
in den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 um bis
zu 1 Prozent gesenkt werden.
Verpflichtung zu weiterer Forschung
Neben diesen Maßnahmen zur Reduzierung der
Emission von Treibhausgasen hat sich der Präsident
weiterhin zu umfangreichen Forschungsmaßnahmen

verpflichtet. In seinem Haushaltsplan für 1991 werden
über 1 Milliarde Dollar für Forschungsmaßnahmen zur
Veränderung des Erdklimas veranschlagt. Diese
Forschungsarbeiten haben die Erforschung der Ursachen, Auswirkungen und Folgen der globalen Umweltveränderungen zum Ziel. Diese Mittel werden zusätzlich zu den bereits im Haushaltsjahr 1990 bewilligten
660 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

* * * *

Seite 2

*

AMIIRIKA DIENST 16

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10820">
                <text>25.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10821">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10822">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10823">
                <text>Amerikadienst 25.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10824">
                <text>&lt;strong&gt;1. START&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erweiterte Abschreckung Stabilisierungsfaktor für Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NST&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Stand der Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Verteidigung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nunn befürwortet neue militärische Strategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung im Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Initiativen zur Bekämpfung weltweiter Klimaveränderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2140" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2151">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/50084d3ef97a7fe4f3cfe6db8183bca0.pdf</src>
        <authentication>d5502a73265403e07cf873ac5c7ef069</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10819">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

United States Information Service
Embassy of the United Si;.:;&gt;s oi A:r,erica
Libiiry Service:;
üeichmanns Aue 29

15

18. April 1990

5300 Bonn 2

UMWELT

PRÄVENTIVMASSNAHMEN GEGEN
TREIBHAUSEFFEKT
Wissenschaftsberater des
Präsidenten erläutert
Maßnahmenkatalog

ZIELE DER KONFERENZ ÜBER
GLOBALE UMWELTVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

BUSH^HATCHER TREFFEN

BUSH FÜR UNEINGESCHRÄNKTE
SOUVERÄNITÄT DEUTSCHLANDS
Pressekonferenz von Präsident
Bush und Premierministerin
Thatcher

KSZE

KSZE UND NATO UNERLASSLICH
FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Maresca

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�UMWELT
18. April 1990

PRÄVENTIVMASSNAHMEN GEGEN
TREIBHAUSEFFEKT
Wissenschaftsberater des Präsidenten erläutert Maßnahmenkatalog
WASHINGTON - (AD) - Dem Berater des Präsidenten für Wissenschaft und Technologie, D. Allan Bromley,
zufolge hat die Bush-Administration Schritte unternommen, die "eine Art Versicherungspolice gegen eventuelle
negative Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre sind".
Vor dem National Press Club erklärte Bromley am 11. April 1990, zu diesen Maßnahmen zählten das geplante Emissionsschutzgesetz über effizientere Nutzung der Energie und Abbau des sauren Regens, das schrittweise Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zum Schutz der Ozonschicht, eine auf Natur- und Umweltschutz ausgerichtete Energiepolitik sowie Schuldennachlaß als Gegenleistung für Maßnahmen zum Schutz
der tropischen Regenwälder.
Die Ausführungen Bromleys über die Forschungsbestrebungen und Maßnahmen der Administration erfolgten
vor dem Hintergrund möglicher Klimaveränderungen und der vom 17. bis 18. April veranstalteten Konferenz des
Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Wissenschaftsberater Bromley im Wortlaut.

Wenn Medien wissenschaftlichen Fortschritt beschreiben, konzentrieren sie sich häufig auf ein spezielles
Ereignis, als könne man Fortschritt nur aus dieser
einen Quelle ableiten. Auf diesem Gebiet tätige Wissenschaftlerwissen, daß der Sachverhalt völlig anders
ist. Zahlreiche Schritte sind erforderlich, bevor ein
Vorstoß erfolgen kann und neue Erkenntnisse in bereits bestehendem Wissen ihren Niederschlag finden.
Auch bei der Beschreibung des Entscheidungsfindungsprozesses erliegt man leicht der Versuchung,
ein besonderes Ereignis überzubewerten: Interessenskonflikte, eine Pionierarbeit, klärende Gespräche. Ich wünschte, es wäre so einfach. Ich mußte in
der Tat häufig feststellen, daß Politik in etwa wissenschaftlicher Forschung vergleichbar ist - sowohl im
positiven wie im negativen Sinne. Thomas Jefferson
hat Wissenschaft folgendermaßen beschrieben: "Das
geduldige Aufspüren von Fakten, ihre vorsichtige
Kombination und ihr Vergleich - das ist das harte Los,
dem der Mensch durch seinen Schöpfer ausgesetzt
wird, wenn er sicheres Wissen erhalten will." Ebensogut hätte er die Arbeit am fünften Entwurf einer politischen Erklärung beschreiben können.

AMERIKA DIENST 15

Etwas weniger hochgestochen wird Politik auch gerne
mit der Paarung von Elefanten verglichen - sie findet
unter großem Getöse auf hoher Ebene statt und
benötigt reichlich lange, um greifbare Ergebnisse zu
produzieren.
Heute möchte ich die von der Bush-Administration
ergriffenen nationalen Maßnahmen beschreiben, mit
denen sie zu internationalen Schritten gegen weltweite
Klimaveränderungen beigetragen hat. In den nächsten Wochen werden Sie noch viel über diese Maßnahmen hören, vor allem wegen der internationalen
Konferenz des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die
weltweiten Klimaveränderungen, bei der ich am kommenden Dienstag und Mittwoch einer der Vorsitzenden sein werde. Aber diese Konferenz ist nur ein
Schritt in dem wesentlich umfassenderen Prozeß, die
möglichen nachteiligen Auswirkungen weltweiter Klimaveränderungen verstehen und darauf reagieren zu
wollen. Seit meiner Ankunft in Washington im vergangenen Sommer habe ich mich ausführlich mit diesem
Thema befaßt. Und meines Erachtens stellen die von
der Bush-Administration ergriffenen - und geplanten -

Seite 1

�Maßnahmen das Engagement des Präsidenten unter
Beweis, sich verantwortungsbewußt mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

reiche geophysikalische Experiment", das wir durchführen, indem wir Kohlendioxid in die Atmosphäre
entweichen lassen.

Ein politisches Erwachen

Heute wissen die Wissenschaftler mehr über die Erde
und ihre Bestandteile als zu der Zeit, in der diese
frühen Prognosen angestellt wurden. Allgemeine Zirkulationsmodelle spiegeln das weltweite Klima einigermaßen gut wider. Und wir können die Erde aus dem
Weltraum beobachten, was nicht nur entscheidend zu
unserem Verständnis der Erde sondern auch zu unserer Erkenntnis des Planeten als einheitlichem, leicht
zerstörbarem Umfeld beigetragen hat.

Der Begriff "weltweite Klimaveränderungen" umfaßt
so unterschiedliche aber dennoch zusammenhängende Probleme wie Abbau der Ozonschicht, Treibhausgasemissionen, Klimaveränderungen, Anstieg des Meeresspiegels, Entwaldung, Artenvielfalt sowie Energievorräte. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat
sich jedoch vornehmlich auf die Erwärmung der Erde
konzentriert. Und aus meiner Sicht kann niemand sich
mit der Möglichkeit der Erwärmung der Erde befassen,
ohne sofort auf ein Paradoxon zu stoßen.
Die Zunahme des Treibhauseffekts ist ein außerordentlich langfristiges und weltweites Problem. Daher
erfordert es langfristige und weltweite Antworten - und
keine Schaumschlägerei.

Unser Wissen über die Erde wird jedoch noch immer
von unserem Unwissen überschattet. Ich weiß, daß
Journalisten im ersten Absatz ihres Artikels die vier
großen Ws beantworten müssen: Wer, Was, Wo und
Wann. Es erübrigt sich, zu sagen, daß der erste
Absatz einer Beschreibung des Treibhauseffekts schwierig zu verfassen wäre.

Dennoch ist das die Erwärmung der Erde umgebende
politische Klima einer Krise vergleichbar. Eine beachtliche Anzahl von Gesetzentwürfen wurde auf dem
Capitol Hill eingebracht, und die jüngsten Forschungsergebnisse - die mögliche Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre teils überbewerten, teils
herunterspielen - machen Schlagzeilen.

Unter Wissenschaftlern besteht generell Konsens, daß
die kontinuierliche Belastung der Atmosphäre mit
Treibhausgasen zur Erwärmung der Erde führen könnte. Dennoch konzentrieren sich die Unwägbarkeiten
und Kontroversen auf Größenordnung, Verhältnis und
Zeitpunkt der Erwärmung.

Es gibt einige einleuchtende Gründe für diese weitverbreitete Besorgnis, einschließlich der Tatsache, daß in
den achtziger Jahren vier der wärmsten Jahre seit
Beginn regelmäßiger Klimabeobachtungen verzeichnet wurden. Meiner Ansicht nach leitet sich ein Großteil der derzeitigen Unruhe aus dem Sommer des
Jahres 1988 ab. In jenem Sommer wurde der Mittelwesten von einer schweren Dürre heimgesucht, weite
Teile des Landes litten unter ungewöhnlich hohen
Temperaturen, Waldbrände vernichteten weite Bereiche des Westens, und ein besonders schwerer Hurrikan verwüstete die Karibik. Der Treibhauseffekt war
auf der Titelseite von Time und Newsweek - obwohl
Wissenschaftler die Ereignisse jenes Sommers noch
nicht überzeugend mit dem Treibhauseffekt in Verbindung bringen können.

Darüber hinaus besteht ein Konsens, daß sich der
Planet im vergangenen Jahrhundert um rund 0,5°C
erwärmt hat. Wenige Wissenschaftler würden jedoch
behaupten, daß sie bereits in der Lage sind, festzustellen, ob diese Erwärmung auf den Treibhauseffekt
zurückgeführt werden kann oder ob natürliche Temperaturschwankungen dafür verantwortlich sind. Und
obwohl einige Klimamodelle eine Erwärmung von 1 bis
2°C durch die Verdoppelung des Kohlendioxids in der
Atmosphäre prognostizieren - und obwohl noch immer
gro ße Ungewi ßheit besteht, ob diese Verdoppelung im
Jahr 2050 oder 2200 stattfinden wird - läßt sich anhand
der Geschichte belegen, daß die durchschnittliche
Temperatur der Erdatmosphäre im gleichen Zeitraum
in gleichem Maße steigen oder fallen könnte, wobei wir
entweder keine Kfimaveränderungen hätten oder doppelt
so hohe wie in den Klimamodellen vorhergesagt. Wir
wissen es einfach noch nicht.

Dieses politische Erwachen hat den Treibhauseffekt
an die oberste Stelle der nationalen und internationalen politischen Tagesordnung gesetzt. Man sollte sich
jedoch vor Augen führen, daß die Wissenschaftler
bereits seit Jahrzehnten über die Zunahme des Treibhauseffekts spekulieren. Der schwedische Chemiker
Svante Arrhenius hat im Jahr 1896 prognostiziert, daß
die Temperatur der Erde um 4 bis 6° Celsius steigen
würde, wenn sich das Kohlendioxid in der Atmosphäre
verdoppelt - eine bemerkenswert präzise Vorhersage,
wenn man bedenkt, daß ein nur unwesentlich geringerer Temperaturanstieg geschätzt wurde, bis die Funktion der Wolken genauer in die weltweiten Zirkulationsmodelle eingearbeitet worden war. Bereits 1957 schrieben Roger Revelle und Hans Süß über das "umfangSeite 2

Wir fangen auch erst an, die Auswirkungen einer
potentiellen Erwärmung der Erde auf landwirtschaftliche Produktivität, Veränderungen des Meeresspiegels, biologische Produktivität der Ozeane, eine Verlagerung der Vegetationsmuster, Häufigkeit und Schwere von Stürmen, Dürrekatastrophen usw. zu verstehen. Von einem quantitativen Verständnis der damit
einhergehenden wirtschaftlichen Auswirkungen sind
wir noch weiter entfernt. Darauf werde ich im folgenden eingehen.
Die größten Schwierigkeiten bestehen bei der Einordnung von Wolken und Ozeanen in generelle Zirkulationsmodelle. Bis vor kurzem wußten GeowissenAMERIKA DIENST 15

�schaftler noch nicht einmal, ob Wolken die Erde aufheizen oder abkühlen. Wir wissen noch nicht sicher, ob
die zunehmende Wolkenbildung, die mit der Erderwärmung in Verbindung gebracht wird, den Treibhauseffekt erhöht oder ihm entgegenwirkt. Das wird von Art
und Höhe der Wolken abhängen.
Was die Meere betrifft, wissen wir, daß nur die Hälfte
des bei der Verbrennung fossiler Energieträger und bei
der Rodung von Wäldern entstehenden Kohlendioxids
in der Atmosphäre bleibt. Jahrelang haben Forscher
angenommen, daß der Rest von den Meeren absorbiert wird, während jüngste Untersuchungen darauf
hindeuten, daß dies wahrscheinlich für nicht mehr als
ein Viertel der Menge zutrifft. Wo bleibt dann der Rest?
Wir sind immer noch nicht sicher, obwohl es heißt, er
bleibe in der Biomasse der gemäßigten Breitengrade
zurück.
Die Ungewißheit über das Verhalten der Wolken und
Meere trägt auch zu einer der grö ßten Schwierigkeiten
mit den gegenwärtigen Modellen zur Atmosphäre bei:
sie lassen keine präzisen regionalen Vorhersagen zu.
Bei den Modellen ist man sich nicht über so grundsätzliche Fragen einig, ob die Mittelpunkte der Kontinente
nasser oder trockener werden, wenn sich die Erde
erwärmt. Diese regionalen Prognosen sind jedoch
unabdingbar, um die möglichen Auswirkungen globaler Veränderungen zu beurteilen.
Aufgrund der Grenzen von Modellen müssen wir immer
auf Überraschungseffekte gefaßt sein. Die Entwicklung des Ozonlochs über der Antarktis war eine solche
Überraschung. Das Loch entwickelt sich durch einen
Mechanismus, der in früheren Modellen der Ozonzerstörung nicht berücksichtigt worden war und eher
zufällig entdeckt wurde. Wir brauchen ein umfassendes Programm zur Beobachtung und Überwachung
der Erde, damit wir solche durch die Emission von
Treibhausgasen hervorgerufenen Überraschungen
entdecken.
Das Ozonloch hat jedoch zweifellos bewiesen, daß
unsere Atmosphäre oder deren Trägheit im Gegensatz zu lange vertretenen Meinungen nicht so unbegrenzt ist, daß menschliche Aktivitäten sie nicht in für
den Menschen wahrnehmbaren Zeiträumen beeinträchtigen können. Die Abgabe von Fluorchlorkohlenwasserstoffen in die Atmosphäre hat in Kombination
mit meteorologischen Bedingungen in nur wenigen
Jahrzehnten ein Ozonloch entstehen lassen, das auf
bekannte chemische Mechanismen zurückzuführen
ist.
Lewis Thomas hat die Erde zum Beispiel mit einem
lebendigen Organismus und insbesondere mit einem
Einzeller verglichen. Der Vergleich trifft sicher in
einem Punkt zu: soviel wir auch noch über das Leben
lernen müssen, wie es sich entwickelt hat und wohin es
sich entwickeln wird, soviel müssen wir auch noch über
die Erde lernen.

AMERIKA DIENST 15

Das nationale Forschungsprogramm
Bertrand Rüssel hat einmal geschrieben: "Die schlimmsten Meinungsverschiedenheiten sind solche, bei denen
es für keine Meinung Beweise gibt." Die Erwärmung
der Erde kommt dieser Kategorie gefährlich nahe.
Wenn die Forschung mehr darüber entdeckt, wie die
Aktivitäten des Menschen das Klima beeinflussen
können, wird uns eine weniger kontroverse Basis für
unsere Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Die US-Regierung hat jetzt ein umfangreiches integriertes Programm eingeführt, um Verständnis zu
wecken, von dem sich künftige politische Entscheidungen leiten lassen. Dieses Programm - das Amerikanische Forschungsprogramm für Globale Veränderungen (U.S. Global Change Research Program) wurde
vom interministeriellen Ausschuß für Geowissenschaften (Committee on Earth Sciences - CES) ins Leben
gerufen. Vorsitzender ist Dallas Peck vom U.S. Geological Survey. Der Ausschuß setzt sich aus Leitern
unabhängier Organisationen und aus Abteilungsleitern in Ministerien zusammen, die mit Umweltforschung befaßt sind. An den vom Ausschuß eingerichteten Arbeitsgruppen nehmen hochrangige Experten
teil, die einen bestimmten Bereich abdecken. Das
Amerikanische Forschungsprogramm für Globale Veränderungen wurde zum Beispiel von der Arbeitsgruppe Globale Veränderungen unter dem Vorsitz von
Robert Corell von der National Science Foundation
erarbeitet, und es umfaßt die Programme sieben unterschiedlicher Organisationen.
Der von Präsident Bush dem Kongreß Ende Januar
vorgelegte Haushalt für das Haushaltsjahr 1991 - der
die Forderung des CES nach einem integrierten nationalen Programm aufgriff - forderte eine 57prozentige
Aufstockung der Mittel für dieses Programm auf insgesamt eine Milliarde Dollar. Mit diesen Mitteln könnte
die Forschung, Datensammlung und Erarbeitung von
Modellen mit einer ausgewogenen Mischung land- und
weltraumgestützter Forschung erweitert werden.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß der Erfolg des
Ausschusses für Geowissenschaften Vorbildcharakter für ähnliche Aktivitäten des Büros für Wissenschafts- und Technologiepolitik hat. Wir haben gerade den Koordinierungsausschu ß für Wissenschaft und
Technik - das übergeordnete Gremium des CES umorganisiert und darüber hinaus eine Reihe neuer
interministerieller Ausschüsse für die Bereiche Bildungswesen, Biowissenschaften und industrielle Nutzung von Technologie ins Leben gerufen. Auf diese
Weise hoffen wir, in vielen wichtigen Bereichen von
Wissenschaft und Technik eine stärkere Integration
und bessere Koordinierung herbeizuführen.
Die Arbeitsgruppe Globale Veränderungen
Der Ausschuß für Geowissenschaften konzentriert
sich auf die Forschungsaspekte weltweiter Verände-

Seite 3

�rungen. Das politische Gegenstück zum CES ist die
Arbeitsgruppe Globale Veränderungen, die Präsident
Bush im vergangenen Herbst im Ausschuß für Innenpolitik einrichtete, einen von zwei hochrangigen politischen Ausschüssen mit Kabinettsrang im Weißen
Haus. Die von mir geleitete Arbeitsgruppe leistet im
Bereich Globale Veränderungen Koordinierungsarbeit
auf Kabinettsebene und ist für den Präsidenten eine
wichtige Quelle für Informationen und Empfehlungen.
Kurz nach ihrer Einrichtung forderte die Arbeitsgruppe
drei Sonderuntersuchungen über weltweite Veränderungen. Die erste beschäftigte sich mit den wirtschaftlichen Kosten globaler Veränderungen und Reaktionen auf mögliche Veränderungen unter Berücksichtigung der potentiellen Kosten von Untätigkeit. Die
zweite befaßt sich mit Bedenken und Aktivitäten des
Privatsektors. Die dritte überprüft rechtliche Voraussetzungen für internationale Abkommen und Konventionen über Umwelt. Die Arbeitsgruppe wird darüber
hinaus von hochrangigen Experten über wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte globaler Veränderungen informiert.
Die Arbeitsgruppe Globale Veränderungen wird weiterhin eine wichtige Rolle im Weißen Haus spielen,
wenn es darum geht, die Politik der Administration zur
Umwelt zu überprüfen. Aber an diesem Punkt möchte
ich von meinem Versprechen abrücken, mich auf
Fortschritte konzentrieren zu wollen und einige politische Maßnahmen erörtern. Die Bush-Administration
vertritt nicht die Auffassung, daß weitere Forschung
irgendein Ersatz für das Handeln ist. Es ist eindeutig,
daß wir unsere Forschung angesichts der Unsicherheiten vorantreiben müssen, aber noch größere Bedeutung kommt in Zeiten der Unsicherheit der Entscheidungsfindung zu.
Aus diesem Grund hat die Administration bereits eine
Reihe politischer Maßnahmen verhängt, um die Emission von Treibhausgasen zu verringern, die auch aus
anderen Gründen gerechtfertigt sind. Der Präsident
bezeichnet sie als Politik "ohne Reue" und "für jedes
Wetter", denn sogar wenn sich unsere Sorge über den
Treibhauseffekt als unbegründet erweist, bringen diese Maßnahmen immer noch andere Vorteile. Ich
betrachte sie als Versicherungspolice gegen eventuelle negative Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für ein
umfassendes Verbot von FCKW bis zum Jahr
2000, um die stratosphärische Ozonschicht zu
schützen, wenn sichere Ersatzstoffe verfügbar
sind, und sie sind damit den Erfordernissen des
Protokolls von Montreal voraus. Wenn FCKW
nicht kontrolliert werden, können sie im nächsten Jahrhundert für 25 Prozent der Steigerung
des Treibhauseffekts verantwortlich sein.

Seite 4

Das Luftreinhaltungsgesetz wird gegenwärtig
im Kongreß erörtert und sieht eine erhebliche
Reduzierung der Emission anderer Treibhausgase vor, indem es den effizienteren Einsatz
von Energie fördert. Der Fonds zum Schutz der
Umwelt hat errechnet, daß allein die Gesetzesbestimmungen über sauren Regen die gleichen
Auswirkungen auf die Emission von Treibhausgasen haben werden wie wenn man zehn Jahre
lang ein Fünftel aller Fahrzeuge (22 Millionen
Autos) von den Autobahnen verbannt.
Das Energieministerium entwickelt eine Nationale Energiestrategie, die sich insbesondere
auf ein aggressives Engagement für die Energieeinsparung und die Entwicklung nichtfossiler
Brennstoffe konzentrieren wird.
Diese Initiativen beschäftigen sich vor allem mit den
Quellen der Treibhausgase. Auch im Hinblick auf
deren Auswirkungen auf die Umwelt unternimmt die
Administration konkrete Schritte.
Das Landwirtschaftsministerium will in ganz
Amerika eine Milliarde Bäume auf Privatgrundstücken pflanzen, die insgesamt etwa 13 Millionen Tonnen Kohlenstoff jährlich absorbieren.
Auf diplomatischer Ebene finden Gespräche
über den Schutz der noch bestehenden Regenwälder durch Mechanismen wie Schuldenerlaß
im Gegenzug für Umweltschutzmaßnahmen statt.
Der rote Faden, der sich durch alle Maßnahmen der
Administration im Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen zieht, ist die Tatsache, daß sie so wissenschaftlich fundiert wie möglich und technisch wie
ökonomisch solide sind. Dies sind Kriterien, die wir
auch bei künftigen Maßnahmen anwenden werden.
Die Zwischenstaatliche Kommission zur Klimaveränderung (IPCC)
Bis jetzt habe ich lediglich über unsere nationale
Forschungsarbeit und Entscheidungsfindung in bezug
auf die weltweiten Klimaveränderungen gesprochen.
Der Treibhauseffekt macht jedoch nicht vor nationalen
oder politischen Grenzen halt, und sein Verständnis
erfordert Informationen und Analysen, die den gesamten Globus umspannen. Internationale Zusammenarbeit wird deshalb für anhaltende Fortschritte unerläßlich sein.
Das wichtigste internationale Forum zur Erörterung
dieser Fragen ist die Zwischenstaatliche Kommission
zur Klimaveränderung (IPCC), die unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie ins
Leben gerufen wurde. An der IPCC beteiligen sich
Hunderte von Wissenschaftlern und Regierungsver-

AMERIKA DIENST 15

�treter aus einer Reihe von Ländern in dem Bestreben,
einen internationalen Konsens über die vermeintlichen
Ursachen und Folgen der Klimaveränderungen herbeizuführen.
Die IPCC setzt sich aus drei Arbeitsgruppen zusammen. Die erste bemüht sich unter der Leitung Großbritanniens um die Entwicklung eines besseren wissenschaftlichen Verständnisses der Klimaveränderungen.
Die von der Sowjetunion geleitete zweite Arbeitsgruppe untersucht deren mögliche umweltpolitische und
sozioökonomische Folgen. Die dritte Arbeitsgruppe
unter dem Vorsitz der Vereinigten Staaten versucht
schließlich, mögliche Antworten auf die weltweiten
Klimaveränderungen zu finden.

Eine Rahmenkonvention über die Veränderung des
Weltklimas könnte dieselbe Funktion erfüllen. Sie
würde zwischenstaatliche Zusammenarbeit begründen und die Mechanismen ins Leben rufen, mit deren
Hilfe künftige Schritte ergriffen werden können. Die
Vereinigten Staaten gehen jedoch davon aus, daß ein
umfassender Ansatz erforderlich ist, der alle Emissionen von Treibhausgasen auf der Grundlage eines
wissenschaftlich begründeten Treibhaus-ÄquivalenzIndexes umfaßt und mögliche Maßnahmen marktorientierte Ansätze benutzen sollten.
Die Konferenz des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im
Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen

Diese drei Arbeitsgruppen werden bis zum Ende des
Sommers Berichte vorlegen. Die politisch Verantwortlichen auf der ganzen Welt werden dann in der Lage
sein, diese Berichte bei der Formulierung nationaler
und internationaler Maßnahmen heranzuziehen.
Daneben wird unsere in der nächsten Woche stattfindende Konferenz über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die weltweiten
Klimaveränderungen dem Ziel dienen, diese Maßnahmen der IPCC zu ergänzen und unterstützen.

Die Berichte der IPCC-Arbeitsgruppen werden einen
bedeutenden Beitrag zur Rahmenkonvention leisten,
aber die in der nächsten Woche in Washington stattfindende Konferenz des Weißen Hauses wird eine wichtige Ergänzung zur IPCC sein. Präsident Bush ist der
Gastgeber, er wird die Beratungen eröffnen und schließen. Ich bin zusammen mit Michael Deland vom Rat
für Umweltqualität und Michael Boskin vom Rat der
Wirtschaftsberater einer der Vorsitzenden dieser
Konferenz.

Die drei Arbeitsgruppen der IPCC kamen im Februar in
Washington zusammen, und Präsident Bush hielt eine
Rede bei der Eröffnungssitzung. Darin erklärte er:
"Die Vereinigten Staaten engagieren sich voll und
ganzfür den IPCC-Prozeß der internationalen Zusammenarbeit zur weltweiten Klimaveränderung. Wir halten
es für lebenswichtig, daß sich die internationale Staatengemeinschaft in geordneter, disziplinierter und rationaler Art und Weise zusammenfindet, um die Geschichte unserer Umwelt zu studieren, das Potential
künftiger Klimaveränderungen einzuschätzen und
wirksame Programme zu entwickeln."

Die Konferenz wird jeweils die drei ranghöchsten
Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft und Umwelt
aus 17 Ländern, der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung und der Europäischen Gemeinschaft zusammenführen. Die Konferenz soll unseren Wissensstand in bezug auf die
wissenschaftlichen und ökomischen Fragen zu den
weltweiten Klimaveränderungen überprüfen und feststellen, bis wann die verbleibenden Unwägbarkeiten
ausgeräumt werden könnten. Die Konferenz wird
ferner Möglichkeiten untersuchen, um die Ergebnisse
wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung
vollständiger in den Entscheidungsfindungsprozeß zu
integrieren.

Präsident Bush hat darüber hinaus seine Unterstützung für den nächsten logischen Schritt auf internationaler Ebene bekundet: eine Rahmenkonvention über
Klimaveränderungen soll von den Staaten der Welt
ausgehandelt werden. Beim Gipfeltreffen von Malta
schlug Präsident Bush vor, daß die Vereinigten Staaten die erste Verhandlungsrunde zur Rahmenkonvention ausrichten, und er erneuerte dieses Angebot
gegenüber der IPCC.
Wenn man über die Ziele dieser Rahmenkonvention
nachdenkt, bietet sich die Wiener Konvention als nützliche Analogie an. Im Jahr 1985 unterzeichneten die
Vereinigten Staaten und 20 andere Länder die Wiener
Konvention zum Schutz der Ozonschicht, die einen
Rahmen für die internationale wissenschaftliche und
technische Zusammenarbeit schuf. Die Wiener Konvention sah jedoch keine Emissionsobergrenzen vor.
Sie enthielt stattdessen Verfügungen über die Erarbeitung von Zusatzprotokollen im Zuge der weiteren
wissenschaftliche Entwicklung.

AMERIKA DIENST 15

Ich habe bereits einige der wissenschaftlichen Herausforderungen genannt und möchte mich nun den ökonomischen zuwenden, da diese in vielen Fällen noch
größer sind als die wissenschaftlichen. So kam zum
Beispiel eine kürzlich erstellte Analyse lediglich zu dem
Ergebnis, daß die Kohlendioxidemissionen bis zum
Jahr 2050 wahrscheinlich um das 1,5- bis 12fache des
heutigen Werts ansteigen werden.
Wir benötigen bessere Maßstäbe für die möglichen
Kosten und Vorteile einer Begrenzung oder Anpassung an die weltweiten Klimaveränderungen. Ersten
Studien zufolge könnten die Kosten sehr hoch sein,
aber die solchen Schätzungen zugrundeliegenden Daten
und Annahmen sind mit vielerlei Unwägbarkeiten
behaftet.
Im allgemeinen werden die Sozialwissenschaften für
die Verbesserung des Verständnisses weltweiter Kli-

Seite 5

�maveränderungen ebenso wichtig sein wie die Naturwissenschaften. Selbst wenn die physikalischen und
biologischen Gesichtspunkte eines Problems verstanden werden, mangelt es uns nur allzu oft am Verständnis der unterschwelligen sozialen, verhaltenspsychologischen und wirtschaftlichen Ursachen und Folgen
einer Handlungsweise. Die in der nächsten Woche
stattfindende Konferenz wird sich diesen Aspekten
des Problems mindestens so sehr widmen wie den rein
wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Auf diese Weise hoffen wir, dem internationalen Dialog über die
weltweiten Klimaveränderungen eine neue Dimension
zu verleihen.

begehen, ein Ereignis von einmaliger welthistorischer
Tragweite. Wie nicht anders zu erwarten, war Kolumbus ein genauer Beobachter der Natur. Während sein
Schiff vor der Küste Jamaikas ankerte, vermerkte
Kolumbus in seinem Tagebuch, da ß es jeden Nachmittag etwa eine Stunde lang regnete. Kolumbus verwies
außerdem darauf, daß das gleiche Phänomen früher
auf den Kanarischen Inseln und den Azoren aufzutreten pflegte, daß aber diese Regenfälle aufgehört hätten, nachdem die Bäume auf diesen Inseln gefällt
wurden. Mit anderen Worten: Kolumbus beobachtete
als einer der ersten Menschen die Auswirkungen
menschlichen Handelns auf das Klima.

Die Vorsitzenden der Konferenz werden voraussichtlich einen Bericht erarbeiten, der gemeinsame Maßnahmen mit dem Ziel des Ausbaus von Forschung und
Zusammenarbeit zwischen den Staaten definiert. Die
Vereinigten Staaten werden der Konferenz darüber
hinaus eine Reihe von konkreten Vorschlägen unterbreiten, wie etwa den Vorschlag über ein internationales Forschungsprogramm zu den weltweiten Klimaveränderungen, das dem von mir bereits erläuterten nationalen Programm der Vereinigten Staaten auf
internationaler Ebene vergleichbar ist. In der kommenden Woche werden Sie mehr darüber hören.

Meines Erachtens ist es einleuchtend, daß gerade
Kolumbus eine solche Entdeckung machte, denn er
befand sich auf einer großen Entdeckungsfahrt, und
wir befinden uns heute auf einer ähnlichen Reise. Wir
verändern die Welt in nie gekanntem Ausmaß. Und
doch hat der Mensch aufgrund seiner Natur keine
andere Wahl als die Welt zu verändern.

Schlußbemerkung
Zum Schluß möchte ich noch ein Beispiel aus der
Geschichte anführen, das ich auch der Konferenz in
der nächsten Woche erläutern möchte, da es meiner
Meinung nach sehr gut auf unsere heutige Situation
paßt.

Wir haben keinen Grund, solche Veränderungen zu
fürchten. Aber wir müssen unsere Augen offenhalten
und zu verstehen versuchen, wohin die Reise geht und
den Kurs ändern, wenn wir dafür gute Gründe haben.
Wir müssen nicht blind in die Zukunft segeln. Aber wir
müssen vorwärtsschreiten, wenn wir die einander
ergänzenden Ziele einer wirtschaftlich gesunden Welt
und einer intakten Umwelt erreichen wollen.

Im übernächsten Jahr werden wir den 500. Jahrestag
der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 15

�UMWELT
18. April 1990

ZIELE DER KONFERENZ ÜBER GLOBALE
UMWELTVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht zu der am 17. und 18. April 1990 vom
Weißen Haus veranstalteten Konferenz über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung in Zusammenhang mit den globalen Umweltveränderungen.

Ziele der Konferenz
Präsident George Bush hat die Staats- und Regierungschefs von 17 Staaten sowie die Europäische Gemeinschaft (EG) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eingeladen, Delegationen auf Ministerebene zur Konferenz
des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung in Zusammenhang mit den
globalen Umweltveränderungen zu entsenden. Die
Konferenz soll führende Regierungsvertreter aus den
Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Energieversorgung und Umwelt zusammenführen, die sich mit den
zentralen Forschungsaufgaben in bezug auf diese
Veränderungen beschäftigen. Sie soll ferner das
Verständnis weltweit auftretender Phänomene verbessern, die internationale Zusammenarbeit fördern
und eine Grundlage für künftige zwischenstaatliche
Bemühungen zur besseren Integration von wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung in den
politischen Entscheidungsfindungsprozeß schaffen. Die
Konferenz eröffnet dem internationalen Dialog über
die Veränderung der Umwelt eine neue Dimension
anhand der These, daß die Wirtschaftswissenschaften - und zwar sowohl Analyse als auch Forschung in
bezug auf Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Folgen
- ein unerläßliches Bindeglied zwischen der wissenschaftlichen Untersuchung der globalen Umweltveränderungen und den politischen Alternativmaßnahmen darstellen. Wissenschaftliche und wirtschaftliche
Forschung können überdies dazu dienen, die Technologien und politischen Instrumente zu identifizieren
und entwickeln, die das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltveränderungen abbauen, indem sie größere Fortschritte in beiden

AMERIKA DIENST 15

Bereichen erlauben. Um diese breitgefächerten Ziele
zu erörtern, wird die Konferenz
schwerpunktmäßig für Maßnahmen zur Bewältigung der Klimaveränderungen relevante Fragen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen
Forschung behandeln.
Wichtige Folgemaßnahmen erörtern, um das
internationale Verständnis von Fragen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschung
in bezug auf die Veränderung des Erdklimas zu
verbessern.
Die besondere Rolle der Wirtschaftswissenschaften bei der Integration der wissenschaftlichen Untersuchung von Veränderungen des
Erdklimas in den Entscheidungsfindungsprozeß hervorheben.
Die Beziehungen zwischen wissenschaftlicher
und wirtschaftlicher Forschung sowie innenund außenpolitischen Prozessen aufzeigen.
Erste Schritte in die Wege leiten, um gemeinsame internationale wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschungsbestrebungen zu verwirklichen.
Die Konferenz versteht sich als integraler Bestandteil
des andauernden internationalen Prozesses zum
Verständnis der wissenschaftlichen und politischen
Aspekte globaler Umweltfragen. Die Notwendigkeit
zur erheblichen Verbesserung des Verständnisses
sowohl der wissenschaftlichen als auch der wirtschaftlichen Aspekte des weltweiten Klimawandels ist von
vielen führenden Politikern der Welt erkannt worden.
Seite 1

�Als Ergänzung der laufenden Arbeit der Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC)
und anderer internationaler Foren, die sich um die
Bewältigung weltweiter Klimaveränderung bemühen,
konzentriert sich die Konferenz deshalb auf Fragen der
wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschung.
Es besteht berechtigter Grund zu der Annahme, daß
die Ergebnisse der Konferenz einen Beitrag zum IPCCProzeß und anderen internationalen Gesprächen und
Maßnahmen leisten wird.
Die Konferenz widmet sich schwerpunktmäßig den
"weltweiten Veränderungen", einem Forschungsbereich, der sich mit dem Verständnis der grundlegenden
Prozesse beschäftigt, von denen die Funktionsweise
des Erdsystems bestimmt wird. Dazu gehören solch
unterschiedliche und dennoch zusammenhängende
Probleme wie der Abbau der Ozonschicht, Treibhausgase, Klimaveränderungen, Nahrungsmittelversorgung,
Wasservorräte, Veränderungen des Meeresspiegels,
Feuchtgebiete, Entwaldung, Artenvielfalt, demographische Entwicklung und Energienachfrage.
Die Konferenz wird führenden Politikern aus aller Welt
ein Forum bieten, um die komplexen Forschungsfragen anzusprechen, die für den Entscheidungsfindungsprozeß von zentraler Bedeutung sind. Dazu gehören
folgende Fragen:
Wie gut läßt sich die Temperaturentwicklung in
den kommenden Jahrzehnten vorhersagen?
Wie "gut" sind unsere globalen Klimamodelle
der gesamten Erde, zum Beispiel Modelle zur
Vorhersage von Temperaturveränderungen?
Wie gut lassen sich die Verbindungen zwischen

Was sind die wirtschaftlichen Folgen der Anpassung an oder Bekämpfung weltweiter Umweltveränderungen?
Wie "gut" sind die Modelle zur Berechnung
dieser wirtschaftlichen Konsequenzen und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen?
Wir hoffen, daß sich die Staaten mit der Erörterung
solcher Fragen dazu verpflichten werden, die gemeinsamen internationalen Forschungsanstrengungen zu
verstärken, die sich auf die rasche Verbesserung des
wissenschaftlichen und ökonomischen Wissens und
die Entwicklung der zur Durchführung dieser Maßnahmen notwendigen Infrastruktur konzentrieren.
Um diese komplexen, zusammenhängenden Fragen
zu behandeln, hat Präsident Bush die Staats-und
Regierungschefs einer kleinen Gruppe von Staaten
dazu eingeladen, Delegationen auf Ministerebene zu
entsenden. Die Konferenz wurde mit dem Gedanken
ins Leben gerufen, eine repräsentative Gruppe von
Ländern zur Teilnahme einzuladen. Bei der Auswahl
wurden Kriterien zugrundegelegt, wonach Länder oder
Organisationen mit hoher Bevölkerungszahl, großer
geographischer Ausdehnung, starker Industrialisierung, hohem zukünftigen Energiebedarf, umfangreicher wissenschaftlicher Infrastruktur oder die bereits
eine internationale Führungsrolle in Fragen klimatischer und anderer weltweiter Umweltveränderungen
spielen, an dem Treffen teilnehmen sollen. Es wurden
die folgenden Länder und Organisationen ausgewählt:

1. Australien

11. Die Niederlande

2. Brasilien

12. Nigeria

3. Bundesrepublik Deutschland

13. Norwegen

4. Frankreich

14. Polen

5. Indien

15. Sowjetunion

6. Indonesien

16. Vereinigtes Königreich

7. Italien

17. Zaire

8. Japan

18. Europäische Gemeinschaft

9. Kanada

19. Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung

10 Mexiko

Seite 2

globalen Umweltveränderungen und den daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen
Folgen vorhersagen?

AMERIKA DIENST 15

�Voraussichtliche Ergebnisse der Konferenz

die mit Forschung und politischen Maßnahmen
bezüglich der Umweltveränderungen befaßt sind.
Insbesondere dürfte diese Konferenz die erste
Chance zum Aufbau einer Partnerschaft zwischen den Bereichen Forschung und Wirtschaft
einerseits und den politischen Entscheidungsträgern andererseits bieten.

Die Konferenz wird eine Gelegenheit zur Erörterung
der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschungsfragen in bezug auf die globalen Umweltveränderungen im Kontext mit dem politischen Entscheidungsfindungsprozeß bieten. Um dies zu verwircklichen, verfolgt die Konferenz folgende Ziele:
Ein erheblich verbessertes Verständnis der
Forschungsvorhaben in den Bereichen Naturund Wirtschaftswissenschaften sowie Umwelt,
die für die Entscheidungsfindung im Hinblick auf
die weltweiten Veränderungen unerläßlich sind.

Als Grundlage zur Erörterung dieser lebenswichtigen
Fragen werden die drei wichtigsten Themen der Konferenz in zwei Plenarsitzungen sowie mehreren Arbeitsgruppen diskutiert:
Die Herausforderungen für die wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung.

Ein solides Verständnis der Unwägbarkeiten im
Hinblick auf die Umweltveränderungen auf
unserem Planeten.
Verbessertes gegenseitiges Verständnis und
Sensibilität gegenüber der wissenschaftlichen
und wirtschaftlichen Forschung in diesen beiden Forschungsbereichen.
Erhöhte Sensibilität der beiden Forschungsbereiche gegenüber den politischen Erfordernissen, etwa in Umwelt- und Energiepolitik, und
vice versa.
Solide und gut durchgeführte wissenschaftliche
und wirtschaftliche Forschungsvorhaben als Ergänzung der aufkeimenden Bemühungen der
Staaten, sich mit den internationalen politischen
Fragen der globalen Umweltveränderungen zu
beschäftigen.
Ein Kommunikationsnetz zwischen den politisch Verantwortlichen der einzelnen Länder,

Die Integration dieser Forschung in den Entscheidungsfindungsprozeß.
Der Aufbau einer Partnerschaft zwischen wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung.
Im Verlauf der Konferenz wird voraussichtlich ein
Bericht der Vorsitzenden vorgelegt, der ein Protokoll
der Gespräche enthält und gemeinsame Maßnahmen
zur Verstärkung von Forschung und Zusammenarbeit
zwischen den Staaten aufzeigt.
In seinem Einladungsschreiben stellte Präsident Bush
fest: "Ich hoffe, daß das Fachwissen, die Erfahrung
und die unseren jeweiligen Ländern zur Verfügung
stehenden Daten auf einheitlichere und zusammenhängendere Art und Weise zusammengefaßt werden
können. Durch Zusammenarbeit können unsere Staaten die internationale Kooperation in diesen lebenswichtigen Bereichen fördern und zum Erfolg des andauernden IPCC-Prozesses beitragen."

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�BUSH/THATCHER

TREFFEN
18. April 1990

BUSH FÜR UNEINGESCHRÄNKTE SOUVERÄNITÄT
DEUTSCHLANDS
Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher
HAMILTON, BERMUDA - (AD) - Anläßlich einer Pressekonferenz mit der britischen Premierministerin Thatcher
am 13. April 1990 sprach sich Präsident Bush für die uneingeschränkte Souveränität Deutschlands aus und wies
damit Vermutungen über einen Verbleib sowjetischer Truppen in der DDR während einer Übergangsphase
zurück. Bush begrüßte die Verwirklichung des "tiefempfundenen Wunsches des deutschen Volkes nach
Überwindung der unnatürlichen Teilung des Landes."
Präsident Bush bekräftigte erneut, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO sein sollte und fügte
hinzu, "Ein vereinigtes Deutschland sollte uneingeschränkte Kontrolle über sein gesamtes Territorium ohne
irgendwelche Einschränkungen seiner Souveränität haben."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher in
wesentlichen Auszügen.

Bush: Zunächst möchte ich dem Generalgouvemeur
und dem Ministerpräsidenten von Bermuda für ihre
Gastfreundschaft danken.
Premierministerin Thatcher und ich hatten Gelegenheit zu ausführlichen und offenen Gesprächen über die
jüngsten Entwicklungen in Europa und die Perspektiven für die Zukunft.
Natürlich haben wir auch über die Aussichten eines
vereinigten Deutschlands gesprochen. Wir begrüßen
beide die Verwirklichung des tiefempfundenen Wunsches des deutschen Volkes nach Überwindung der
unnatürlichen Teilung des Landes. Unsere Regierungen haben die Vereinigung Deutschlands seit über 40
Jahren unterstützt und freuen sich, da ß sie sich endlich
in Frieden und Freiheit vollzieht.
Premierministerin Thatcher und ich stimmen mit Bundeskanzler Kohl überein, daß Deutschland Vollmitglied der NATO einschließlich der integrierten militärischen Struktur sein sollte. Diese Ansicht wird von der
Bundesrepublik Deutschland, der gesamten NATO
und auch einigen Ländern Osteuropas geteilt. Unseres Erachtens liegt die uneingeschränkte Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO im Sicherheitsinteresse aller europäischen Staaten.
In diesem Zusammenhang sehen wir der kontinuierlichen Entwicklung der Zwei-plus-Vier-Gespräche über
AMERIKA DIENST 15

die äußeren Aspekte der Wiederherstellung der deutschen Einheit erwartungsvoll entgegen. Diese Gespräche konzentrieren sich auf die Aufhebung der besonderen Rechte und Pflichten der vier Mächte für
Berlin und Deutschland als Ganzes. Ein vereinigtes
Deutschland, sollte uneingeschränkte Kontrolle über
sein gesamtes Territorium ohne irgendwelche Einschränkungen seiner Souveränität haben.
Auch über die Lage in der Sowjetunion und Litauen
hatten wir einen fruchtbaren Gedankenaustausch. Wir
stimmen überein, daß diese Probleme im Wege des
Dialogs bewältigt werden müssen, damit das Recht
des litauischen Volkes auf Selbstbestimmung verwirklicht werden kann.
Vor wenigen Minuten wurde uns eine außerordentlich
beunruhigende Meldung der Nachrichtenagenturen
überreicht. Natürlich hatten wir noch keine Zeit, uns im
einzelnen mit dieser Angelegenheit auseinanderzusetzen oder die Fakten zu analysieren. Aber wir haben
Moskau sowohl öffentlich als auch unter vier Augen
aufgefordert, eine Eskalation zugunsten des Dialogs
zu vermeiden. Es ist an der Zeit für Gespräche.
Bei unserer Diskussion über die Zukunft Europas und
der atlantischen Gemeinschaft haben Premierministerin Thatcher und ich die Möglichkeiten erörtert, die sich
der NATO, der Europäischen Gemeinschaft und der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Seite 1

�Europa (KSZE) zum Aufbau eines ungeteilten und
freien Europas bieten.
Frau Thatcher hat mir ihre jüngsten Vorschläge über
die Zukunft der KSZE im einzelnen erläutert, und
meines Erachtens sind sie sehr vielversprechend.
Für mich waren die Gespräche mit Frau Thatcher
außerordentlich nützlich. Seit vielen Jahren arbeiten
unsere beiden Länder für Frieden und Freiheit, und wir
haben uns vielerorts und zu manch einer Zeit - gelegentlich allen Widrigkeiten zum Trotz - diese Sache zu
eigen gemacht. Die britisch-amerikanische Freundschaft bedarf keiner Worte. Es ist eine besondere
Freundschaft, die sich zwangsläufig aus unserer
gemeinsamen Vision für die Zukunft der Menschheit
ergibt.
Frau Thatcher, ich danke Ihnen für ein au ßerordentlich
nützliches und aufschlußreiches Gespräch.
Frage: Herr Präsident, haben sie die Frage der
luftgestützten Marschflugkörper erörtert? Sind Sie für
die Stationierung luftgestützter Atomraketen in einem
vereinigten Deutschland?
Bush: Meiner Ansicht nach ist die Frage der Stationierung von Raketen Sache des Bündnisses. Ich möchte
im Augenblick dazu nur sagen, daß wir Konsultationen
mit der NATO führen werden. Unsere Position ist, daß
wir alles in unserer Macht Stehende tun müssen, um
der Rolle der Vereinigten Staaten bei der Bewahrung
des Friedens und der Gewährleistung von Stabilität
und Sicherheit in Europa gerecht zu werden. Ich
möchte dazu nicht ins Detail gehen, aber meiner
Ansicht nach ist die amerikanische Position bekannt,
und sie hat sich im Verlauf dieses Treffens nicht geändert.
Frage: Frau Premierministerin, haben Sie Außenminister Bakers Forderung einer formelleren Vertragsbe-

ziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft erörtert? Und wie fügen
sich seine Ideen einer Rolle der NATO mit größerem
politischen Gewicht in Ihr Konzept der Weiterentwicklung der KSZE ein?
Thatcher: Den ersten Teil Ihrer Frage haben wir nicht
diskutiert, aber den zweiten - und ich hatte gehofft, das
sei in meiner Eingangserklärung zum Ausdruck gekommen. Ich befürworte einen erweiterten Dialog und
engere Beziehungen zwischen beiden Seiten der atlantischen Gemeinschaft uneingeschränkt.
Aus diesem Grund hat eine Rolle der NATO mit
größerem politischen Gewicht meine ungeteilte Zustimmung, denn meiner Ansicht nach bilden Freiheit
und ihre Verteidigung den Mittelpunkt der atlantischen
Gemeinschaft als Ganzes. Das steht für mich eindeutig fest.
Im Hinblick auf den größeren Kontext, einschließlich
Osteuropas und der Sowjetunion, scheint mir, daß die
Teilnehmerstaaten der KSZE den geeigneten Rahmen für eine erweiterte politische Diskussion bilden.
Meines Erachtens sind sie ein Forum, in das wir einige
der osteuropäischen Nationen zu Gesprächen mit den
Vereinigten Staaten und dem übrigen Europa einbeziehen können, und zwar offizieller und regelmäßiger
als das bisher der Fall war. Das könnte sich für uns alle
als sehr nützlich erweisen.
Auf der einen Seite sollten die Nationen, die sich der
Verteidigung der Freiheit verschrieben haben, engere
politische Kontakte pflegen. Auf der anderen Seite
haben wir eine Brücke über eine Kluft. Beide erfüllen
ihren Zweck und kommen sich gegenseitig nicht ins
Gehege: sie ergänzen einander.
Bush: Ich stimme dem voll und ganz zu.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 15

�KSZE
18. April 1990

KSZE UND NATO UNERLÄSSLICH FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Maresca
ARLINGTON (Virginia) - (AD) - "Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ist weder
dazu bestimmt noch in der Lage, die kollektive Sicherheit des Westens zu garantieren,"erklärte Botschafter John
Maresca bei einem Seminar über militärische Fragen in Deutschland, das am 29. März 1990 in Arlington unter
der Leitung des Institute of Foreign Policy Analysis und der Eagle Research Group stattfand.
"Solange die Sowjetunion umfangreiche Streitkräfte nahe Europa aufrechterhält, braucht der Westen die NATO

für seine Verteidigung gegen Angriffe oder Einschüchterung", bemerkte der Leiter der amerikanischen
Delegation bei den Wiener Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM).
Im zufolge liefert die mögliche "Auflösung" des Warschauer Pakts keinen Grund zur Schwächung der NATO.
Maresca fügte hinzu, es bedürfe einer Reihe multilateraler Institutionen wie etwa der Europäischen Gemeinschaft, der NATO und des KSZE-Prozesses, damit "der Rahmen hergestellt wird, den Europa benötigt", um auch
in Zukunft dauerhafte Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Marescas Rede im Wortlaut.

Es ist gerade jetzt eine besondere Herausforderung,
sich über die Zukunft der Sicherheit in Europa Gedanken zu machen, trotz des gerade in Mode gekommenen Spruchs, die Geschichte höre ja nicht auf, sondern
entwickle sich immer weiter - oftmals in einer Weise,
die man unmöglich vorhersehen oder steuern kann.
Niemand hätte die Ereignisse des letzten Jahres in der
Sowjetunion und Osteuropa vorhersagen können - wir
versuchen immer noch, sie zusammen mit ihren Auswirkungen zu verstehen. Und vor uns liegen ebenso
aufregende Ereignisse, die noch weitere Veränderungen mit sich bringen werden. Von einem Ende der
Geschichte sind wir weit entfernt - wir versuchen
vielmehr, Schritt zu halten.
Dies ist ein so vielschichtiges Bild, daß es in einzelne
Bestandteile zerlegt werden muß, wenn wir zu einer
vernünftigen Beurteilung kommen wollen, wobei die
Aufschlüsselung an sich schon eine Herausforderung
darstellt. Keine Art und Weise der Systematisierung
des Materials ist dabei definitiv, und aufgrund der
begrenzten Zeit werde ich einige wichtige Thesen
außer acht lassen. Ich werde mich auf folgende
Punkte beschränken:
eine kurze Bilanz der europäischen Sicherheitsgleichung, wie wir sie bisher verstanden haben,

AMERIKA DIENST 15

eine Zusammenfassung von Auswirkungen der
jüngsten noch andauernden Entwicklungen in
Osteuropa,
einen Blick auf mögliche künftige Bedrohungen
für die Sicherheit in Europa sowie auf neue Zielsetzungen und die Frage eines neuen Sicherheitssystems.
Struktur der europäischen Sicherheit vor 1989
Grundsätzlich war das seit Ende der vierziger Jahre
bestehende europäische Sicherheitssystem von der
Konfrontation zwischen zwei Bündnissen geprägt, die
sich als ideologische Rivalen gegenüberstanden und
jeweils eine militärische Supermacht hinter sich hatten. Bei den Streitkräften beider Seiten herrschte zwar
keine Symmetrie, aber das Gleichgewicht reichte aus,
um kein militärisches Abenteurertum zu ermutigen.
Man muß sich unbedingt vor Augen führen, daß es
zwischen beiden Gruppen niemals moralische oder
politische Übereinstimmmung gab. Der Warschauer
Pakt ist entstanden, weil die Sowjetunion ihren Nachbarn eine fremde Ideologie aufgezwungen hatte, die
von der Mehrheit im Volk niemals akzeptiert worden
war. Sowjetische Soldaten waren gegen den Willen
der meisten Menschen in Osteuropa dort stationiert,
Seite 1

�und die Sowjets setzten eindeutig ihren Willen durch,
wie sich zum Beispiel 1956 in Budapest und 1968 in
Prag gezeigt hat.
Im Gegensatz dazu war und ist das westliche Bündnis
ein freier Zusammenschluß gleichgearteter Staaten
mit denselben Idealen von Demokratie und freiem
Unternehmertum. Hier sind amerikanische Soldaten
stationiert, weil die Europäer der Auffassung sind,
diese seien für ihre Sicherheit unabdingbar. Diese
Diskrepanz zwischen den Grundlagen des Warschauer Pakts und des Nordatlantischen Bündnisses spielt
eine Rolle für die Zukunft, und darauf werde ich noch
einmal zurückommen.
Seit dem Harmel-Bericht von 1967 und insbesondere
seit der ernsthaften Aufnahme des Ost-West-Dialogs
Anfang der siebziger Jahre verfolgte der Westen
gegenüber der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten klare Zielsetzungen, mit denen die militärische
Konfrontation abgebaut und ein neuer Rahmen geschaffen werden sollte. Es ging um Ziele in Rüstungskontrolle und Politik.
Unter der Überschrift Rüstungskontrolle fanden zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
bilaterale Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Waffen statt. Gleichzeitig sollte mit multilateralen Verhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt über konventionelle Streitkräfte Sicherheit auf
niedrigeren Streitkräfteniveaus erzielt werden. Mit
allgemeineren sicherheitspolitischen Verhandlungen
aller 35 Teilnehmerstaaten in Europa und Nordamerika wurde Vertrauensbildung im militärischen Bereich
abgestrebt.
Ich möchte insbesondere auf die Verhandlungen über
Vertrauensbildende Maßnahmen verweisen, an denen ich mitarbeite. Ihr Ziel ist größere Offenheit bei
militärischen Aktivitäten, ausgehend von der Annahme, daß die Planung feindlicher militärischer Aktivitäten schwieriger ist, wenn Beobachtungen, Inspektionen und Besichtigungen stattfinden. Die Stockholmer
Verhandlungen über Vertrauensbildung haben das
einzige, heute gültige Abkommen über konventionelle
Rüstungskontrolle hervorgebracht und einmalige Inspektionsrechte eingeführt.
Das Stockholmer Abkommen von 1986 sieht das
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen vor,
wenn bei bestimmten militärischen Aktivitäten Zweifel
aufkommen, und von diesem Recht wurde in der
Sowjetunion und anderen Ländern erfolgreich Gebrauch gemacht. Diese Verhandlungen haben echten
Pioniercharakter und neues Terrain erschlossen. Zum
Beispiel haben wir soeben einen neuen Bereich der
Vertrauensbildung vorgeschlagen - die jährliche Offenlegung unserer Militärhaushalte, einschließlich deren
Erörterung.
All diese Rüstungskontrollverhandlungen verfolgten
Ziele, mit denen die Konfrontation zwischen Ost und
Seite 2

West entschärft werden sollte, indem Sicherheit auf
niedrigeren Niveaus gewährleistet, die Möglichkeiten
für Überraschungsangriffe verringert und militärische
Offenheit als stabilisierender Faktor gefördert werden.
Umfassendere politische Ziele wurden auf bilateraler
und multilateraler Ebene im sogenannten KSZE-Prozeß verfolgt, der sich auf die Schlußakte von Helsinki
aus dem Jahre 1975 stützt. Hier bestand das Ziel
darin, die Sowjetunion und andere kommunistische
Regime zur schrittweisen Umwandlung in pluralistische demokratische Systeme mit Rechtsstaatlichkeit,
Achtung der Menschenrechte und freier Marktwirtschaft zu ermutigen. Diesem Prozeß lag der Prinzipienkataiog der Schlußakte über das zwischenstaatliche Verhalten auch bei Menschenrechten und Selbstbestimmung zugrunde.
Der KSZE-Prozeß ist mit einer Reihe von Konferenzen
vorangetrieben worden - allgemeine Gespräche oder
themenspezifische Zusammenkünfte - die in gemeinsame Resolutionen mündeten. Die Ergebnisse sind
lediglich politisch verbindlich und stellen keine vertraglichen Verpflichtungen dar, aber weil jedes Land politisch motiviert ist, Helsinki zum Erfolg zu verhelfen und
aufgrund des öffentlichen Drucks nach Reformen, sind
bei den Zielen von Helsinki, insbesondere im Bereich
der Menschenrechte, Fortschritte erzielt worden. Die
Veränderungen in Osteuropa sind dabei nur das letzte
anschauliche Beispiel.
Damit hat das europäische Sicherheitssystem, wie wir
es kennen, viel geleistet: ein stabiles Gleichgewicht
zwischen den Blöcken, innere Disziplin auf beiden
Seiten (obwohl auf einer Seite aufgezwungen und auf
der anderen vereinbart) und entwicklungsfähige Ziele
für die Zukunft.
Entwicklungen in Osteuropa
Die jüngsten dramatischen Ereignisse in der Sowjetunion und Osteuropa haben viele Elemente verändert,
auf die sich diese Sicherheitsstruktur gründet und das
ganze System - oder zumindest wesentliche Teile - in
Frage gestellt.
Die meisten Länder Osteuropas befinden sich im Prozeß
der Errichtung demokratischer,

marktwirtschaftlich

orientierter Systeme und weisen damit die ideologische Grundlage ihres Bündnisses mit der Sowjetunion
von sich. Sie fordern die sowjetischen Streitkräfte zum
Verlassen ihres Landes auf und mindern damit die
Stärke der dem Warschauer Pakt zur Verfügung stehenden Streitkräfte und die Bedrohung, die er für den
Westen darstellt. Mit fortschreitender Demokratisierung haben sich die Probleme im Bereich der Menschenrechte drastisch verringert, und in manchen Fällen
sind sie völlig beseitigt.
Die Sowjetunion kämpft gegenwärtig einen innenpolitischen Kampf an vielen Fronten: gravierende wirtschaftliche Probleme, zunehmender Nationalismus und
rapide innenpolitische Reformen - um nur einige zu
AMERIKA DIENST 15

�nennen. Aus diesen und anderen Gründen akzeptiert
sie weitgehend die Entwicklungen in Osteuropa und
konzentirert sich weniger auf Außenpolitik, um besser
mit den innenpolitischen Problemen fertigzuwerden.
Auch hier gibt es immer weniger Probleme bei den
Menschenrechten.

»

Deutschland steht kurz vor der Vereinigung, die mit
vielen Fragen verbunden ist, etwa ob das neue Deutschland Mitglied der NATO sein, in bestimmten Maße
Neutralität oder Sonderstatus genießen wird oder eine
befristete Lösung gelten soll. Was wird aus der Nationalen Volksarmee der DDR, einem wichtigen Bestandteil der Schlachtordnung des Warschauer Pakts? Und
was wird mit den 380 000 gegenwärtig in der DDR
stationierten sowjetischen Soldaten geschehen? Der
KSZE-Prozeß erkennt die Möglichkeit einer friedlichen
Wiedervereinigung beider deutscher Staaten ausdrücklich an, ihr veränderter Status wird aber Auswirkungen
auf die Verhandlungen haben, die von einem Konzept
des Streitkräftegleichgewichts zwischen Ost und West
ausgehen.
Wir dürfen nicht vergessen, daß auch im Westen
Entwicklungen stattfinden. Die Europäische Gemeinschaft ist auf dem Weg zum Europäischen Binnenmarkt, die Vereinigten Staaten sehen sich mit einem
enormen Haushaltsdefizit konfrontiert, das sie bereits
zum Abbau militärischer Stärke zwingt, die jedoch
erforderlich ist, weil die Bedrohung nach wie vor besteht. Dies sind ebenfalls Faktoren in der europäischen Sicherheitsgleichung.
Ausblick

,

•

Was sind nun die wahren Bedrohungen für die Sicherheit Europas in dieser neuen Situation? Natürlich hat
die Bedrohung eines Angriffs durch den Warschauer
Pakt im großen und ganzen abgenommen, und sei es
nur, weil er nicht mehr so einheitlich ist, wie er einmal
war. Aber der Westen darf das weiterhin bestehende
militärische Potential der sowjetischen Streitkräfte nicht
aus den Augen verlieren. Im Augenblick unterhalten
die Sowjets immer noch umfangreiche Streitkräfte in
Osteuropa. Auch wenn sie sich vollständig von dort
zurückziehen, verfügen sie immer noch über ein ungeheures militärisches Potential mit einer großen Zahl
moderner Nuklearwaffen nahe am übrigen Europa.
Das reicht immer noch aus, um das militärische Gleichgewicht des Kontinents zu stören. Solange diese
Situation besteht, braucht Europa die von der NATO
gebotene kollektive Sicherheit - und die fortdauernde
Präsenz der US-Streitkräfte - um mit der Situation
fertigzuwerden.
Die schwindende sowjetische Dominanz in Osteuropa
könnte auch zu einer erneuten Balkanisierung der
Region führen, in der die lange Zeit von autoritären
Regierungen unterdrückten nationalen und ethnischen
Konflikte wieder auftreten. Die Ereignisse der letzten
Monate in Rumänien haben bewiesen, wie schnell

AMERIKA DIENST 15

solche Probleme in offene Konflikte münden können.
Der Präsident hat nach seinem Treffen mit Bundeskanzler Kohl in Camp David auf dieses potentielle
Problem verwiesen und erklärt, unser Feind sei die
Instabilität, und Außenminister Baker hat in Prag erklärt, gerade in diesem Bereich könnten die Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen eine
positive Rolle spielen. Natürlich fördert die NATO
diese Stabilität, und das Bündnis wird erwägen müssen, wie diese neue Herausforderung bewältigt werden soll.
Welche Art von Sicherheitssystem können wir uns jetzt
für Europa vorstellen, da sich einer der beiden Blöcke,
die bisher Bestandteil des alten Systems waren, auflöst? Der KSZE-Prozeß ist vielfach als Rahmen für die
Zukunft Europas bezeichnet worden und wird sicherlich eine Schlüsselrolle spielen. Außenminister Baker
hat ihn als eine der wichtigsten Institutionen für die
Zukunft Europas bezeichnet. Aber bis jetzt war dieser
Prozeß wenig konkret und von der täglichen Realität
der Beziehungen zwischen europäischen Ländern weit
entfernt. Dennoch bietet er als Rahmen einige entscheidende Vorteile:
Er existiert bereits auf der Basis eines Prinzipienkatalogs über internationale Beziehungen,
der westliches Gedankengut widerspiegelt und
den alle Teilnehmer akzeptieren.
Er bezieht alle europäischen Länder ein (außer
Albanien, das aber auf Wunsch teilnehmen
könnte), und stellt die Rolle der Vereinigten
Staaten und Kanadas sicher.
Er blickt auf eine erfolgreiche Tradition der
gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung unabhängig von beiden Blöcken zurück und läßt
gleichzeitig Konsultationen unter gleichgesinnten Staaten zu. Vielfach herrscht die Auffassung vor, dieser Aspekt könnte die Basis für
eine alternative Form europäischer Rüstungskontrollverhandlungen sein, wenn es unmöglich
wird, Verhandlungen zwischen den Blöcken zu
führen.
Er deckt die gesamte Bandbreite von Problemen auf der europäischen Tagesordnung ab
und beurteilt sie gemäß dem internationalen
Verhaltenskodex der Schlußakte von Helsinki.
Er ist flexibel und widerstandsfähig, wie seine
Fortschritte auch in schwierigen Phasen beweisen und darüber hinaus dynamisch und entwicklungsfähig.
Aber wenn der KSZE-Prozeß größere Verantwortung
für die europäische Sicherheit übernehmen soll, muß
er verbessert werden und stärker auf konkrete Situationen eingehen. Das wird zweifellos die Hauptaufgabe des für Ende des Jahres geplanten KSZE-Gipfels
sein - wenn ein KSE-Abkommen erzielt werden kann Seite 3

�und auch des regulären KSZE-Folgetreffens im Frühjahr 1992 in Helsinki. Es könnte sich als nützlich
erweisen, zu prüfen, wie konventionelle Rüstungskontrollverhandlungen in Zukunft durchgeführt werden
können - in welchem Forum und mit wie vielen Teilnehmern.
Eins sollte jedoch klar sein. Die KSZE ist weder dazu
bestimmt noch in der Lage, die kollektive Sicherheit
des Westens zu garantieren. Der einzige Mechanismus, der uns dafür zur Verfügung steht, ist die NATO.
Solange die Sowjetunion umfangreiche Streitkräfte
nahe Europa aufrechterhält, braucht der Westen die
NATO für seine Verteidigung gegen Angriffe oder
Einschüchterung. Wie ich bereits ausgeführt habe,
waren NATO und Warschauer Pakt weder moralisch
noch politisch jemals vergleichbar und deshalb besteht
kein Grund für eine Schwächung der NATO, nur weil
der Warschauer Pakt in Auflösung begriffen ist. Die
NATO ist auch nicht mit dem KSZE-Prozeß unvereinbar - vielmehr ergänzen sich beide. Seit Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki war der Westen
gezwungen, seine gemeinsamen Ideale zu formulieren und sich für die Sache der Menschenrechte in
Osteuropa einzusetzen. Das war ein einigender Faktor und hat unser Bündnis mit Westeuropa stark gefestigt.
Ebenso wie Außenminister Baker prognostiziere ich
einen langen Zeitraum, in dem mehrere multilaterale
Institutionen Elemente der Stabilität und Zusammenarbeit in Europa bilden. Dazu zählen vor allem die
Europäische Gemeinschaft, das Nordatlantische
Bündnis und der KSZE-Prozeß. Allein wird keine von
ihnen die Sichehreit in Europa garantieren können,
aber zusammen bilden sie den Rahmen, den Europa
benötigt - sie garantieren dauerhafte Sicherheit und
Stabilität und gestatten gleichzeitig positive Entwicklungen.
Meiner Ansicht nach sollten wir uns auch über unsere
Ziele für die nächsten zehn Jahre, sowohl im Bereich
der Rüstungskontrolle als auch im KSZE-Prozeß,
Gedanken machen. Unter der Überschrift Rüstungskontrolle sollten wir auf jeden Fall Verhandlungen über
nukleare und konventionelle Rüstungskontrolle führen
und umfangreiche Reduzierungen bei den Streitkräfteniveaus, Verpflichtungen zum weiteren Abbau der
bereits reduzierten Streitkräfte und ein umfassendes

* *

Seite 4

Verifizierungssystem festschreiben. Darüber hinaus
müssen wir Maßnahmen ergreifen, um größere militärische Offenheit und Stabilität in einzelnen Regionen
sowie Beschränkungen für die Zeit nach der Herstellung gleicher Streitkräfteniveaus zu erzielen. Beim
KSZE-Prozeß müssen wir den Schwierigkeiten, die
sich aus der Vereinigung beider deutscher Staaten
ergeben und insbesondere den Bedenken der Nachbarstaaten besondere Aufmerksamkeit widmen. Und
wir sollten die Suche nach Mechanismen fortsetzen,
mit denen sich Mißverständnisse oder Konfrontationen vermeiden lassen. Wir müssen unter Umständen
alternative Verhandlungsformen für Abkommen zur
konventionellen Rüstungsreduzierung finden, wenn
es unmöglich werden sollte, diese Verhandlungen auf
der Grundlage eines Gleichgewichts der Blöcke fortzusetzen.
Kürzlich haben wir im Rahmen unserer Wiener Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen ein
Seminar über Militärdoktrinen durchgeführt, an dem
hochrangige Offiziere aller europäischen Länder, der
Vereinigten Staaten und Kanadas teilnahmen. Trotz
aller Anzeichen für das "alte Denken" ergab sich
jedoch im Laufe der Gespräche, daß es an der Zeit ist,
in unserem militärischen Denken die Annahmen der
Vergangenheit über Bord zu werfen. Eine Reihe neuer
Ideen tauchte auf, und es entwickelte sich ein sehr
nützlicher Dialog. Er war ein Spiegelbild der heutigen
Zeit und vermittelte die Botschaft, jetzt bestehe Bedarf
für eine Sicherheitspolitik mit Bedeutung für Gegenwart und Zukunft.
Die Vereinigten Staaten müssen in absehbarer Zukunft zweifellos eine wichtige Rolle in Europa spielen.
Die Niveaus der US-Streitkräfte können verringert
werden, wenn die Umstände - vor allem Rüstungskontrollabkommen - das gestatten, aber das Engagement
und die Koppelung an amerikanische strategische
Streitkräfte sollte beibehalten werden. Der Präsident
hat eindeutig klargestellt, daß US-Streitkräfte solange
in Europa bleiben, wie sie notwendig und erwünscht
sind. Aber die Vereinigten Staaten sollten auch eine
wichtige politische und wirtschaftliche Rolle spielen
und partnerschaftlich mit Westeuropa eine Zukunft in
Wohlstand, Freiheit und Frieden garantieren.
Ich danke Ihnen.
•

* *

*

AMERIKA DIENST 15

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10814">
                <text>18.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10815">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10816">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10817">
                <text>Amerikadienst 18.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10818">
                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präventivmaßnahmen gegen Treibhauseffekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wissenschaftsberater des Präsidenten erläutert Maßnahmenkatalog&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ziele der Konferenz über globale Umweltveränderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bush/Thatcher Treffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush&amp;nbsp; für uneingeschränkte Souveränität Deutschlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSZE und NATO unerlässlich für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Maresca&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2139" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2150">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/7e3c46ae69e71fe5946b93ee9fb64829.pdf</src>
        <authentication>4ea462fe6df70286149d408154b54ff2</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10813">
                    <text>«^sv

cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

CA»

t«*-

*5&gt;*

a
11. April 1990

14

BAKER-SCHEWARDNADSETREFFEN

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers

DROGEN

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan

RÜSTUNGSKONTROLLE

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN: AMERIKANISCHE
UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
Eine Übersicht des ACDA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�BAKER-SCHEWARDNADSE-TREFFEN
11. April 1990

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Nach dem 3tägigen Treffen mit seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse
erklärte Außenminister Baker bei einer Pressekonferenz in Washington am 6. April 1990, vor dem für 30. Mai
1990 in Washington beginnenden Bush-Gorbatschow-Gipfel "bleibt im Bereich der Rüstungskontrolle noch viel
zu tun".
Dem Außenminister zufolge seien in einer Reihe von Rüstungskontrollfragen Fortschritte erzielt worden und die
Parteien "hoffen, bis zum Gipfeltreffen die wesentlichen Rüstungskontrollfragen geklärt zu haben".
Das nächste Ministertreffen vor dem Gipfel soll vom 16. bis 19. Mai 1990 in Moskau stattfinden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Wir haben gerade ein Arbeitstreffen auf Ministerebene
beendet, bei dem die gesamte Bandbreite unserer
Tagesordnungspunkte erörtert wurde. Wir haben hart
gearbeitet, aber Außenminister Schewardnadse und
ich stimmen darin überein, daß in den sieben kurzen
Wochen vordem Gipfeltreffen noch ziemlich viel zu tun
bleibt.
Unser erstes Thema - Litauen - haben wir an jedem
Tag des Ministertreffens sehr ernsthaft und freimütig
erörtert. Sowohl der Präsident als auch ich haben
eindeutig klargestellt, daß ein Prozeß zur friedlichen
Lösung dieser Frage entwickelt werden muß. Wir
haben die Hauptgefahren für die Sowjetunion und ihr
Verhältnis zu uns und anderen aufgedeckt, wenn
dieser Kurs nicht verfolgt wird.
Wir haben die Schritte zur Kenntnis genommen, die
Litauen zur Vermeidung einer Konfrontation unternommen hat - vor allem, das Prinzip eines Referendums zu akzeptieren und das Zugeständnis, daß der
Prozeß schrittweise erfolgen muß. Wir haben den
Vorschlag unterbreitet, daß auch die Sowjetunion
Maßnahmen zur Beruhigung der Lage ergreifen sollte.
In diesem Zusammenhang haben wir die Sowjets
ermutigt, das Konzept eines Referendums weiterzuverfolgen, das sie ihrerseits jetzt vorgeschlagen haben. Außenminister Schewardnadse hat sowohl öffentlich als auch unter vier Augen erklärt, daß Dialog
die einzige Antwort ist und tatsächlich ein friedlicher
Weg gefunden werden könnte, um das Problem auf
eine Art und Weise zu lösen, die den sowjetischen und
litauischen Belangen gerecht wird.
AMERIKA DIENST 14

Ich möchte nun kurz auf die anderen von uns erörterten Themen eingehen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle haben wir bei einer
Reihe von Fragen im Hinblick auf START auch bei der
Verifizierung mobiler Raketen und Nichtumgehung
Fortschritte erzielt. Bei luft- und seegestützten Marschflugkörpern (ALCMS und SLCMs) konnten wir jedoch
die Gespräche nicht zum Abschluß bringen. Das ist
enttäuschend, und wir müssen weiterhin an dieser
Frage arbeiten.
Auch in anderen Bereichen unseres Rüstungskontrollprogramms haben wir Fortschritte erzielt - KSE, chemische Waffen und nukleare Erprobung, Verbreitung
von Atomwaffen und Raketen - dennoch bleibt in all
diesen Bereichen noch viel zu tun. Bei regionalen
Konflikten habe ich das Gefühl, daß sich unsere Standpunkte annähern.
Erfreulicherweise stimmen wir darin überein, daß Wahlen
ein entscheidender und angemessener Mechanismus
zur Entschärfung regionaler Konflikte und Einleitung
eines wirksamen diplomatischen Prozesses sind. Unsere
beiden Länder wurden Zeuge der erfolgreichen Wahlen in Namibia und Nicaragua und sind der Ansicht,
daß sie in Afghanistan, Angola, Kambodscha und nicht
zuletzt im Nahen Osten einen Beitrag leisten können.
Zweifelsohne bleibt noch viel zu tun, aber bei den
Verhandlungen über eine Reihe dieser regionalen
Konflikte finden wir zunehmend eine gemeinsame
Sprachregelung.

Seite 1

�Menschenrechte haben wir ausführlich erörtert, und
meines Erachtens kommen wir unserem Ziel in der
Frage der Dissidenten, Erleichterung der Ausreise
sowjetischer Juden und der Erarbeitung einer neuen
Tagesordnung in diesem Bereich näher- einer Tagesordnung, bei der dem Rechtsstaat oberste Priorität
eingeräumt wird.
Darüber hinaus haben wir transnationale und Wirtschaftstragen erörtert und geprüft, wie unsere Projekte der technischen Zusammenarbeit vorangebracht
werden können. Bei einer Bilanz der Fortschritte bei
Wirtschaftsabkommen haben wir uns darauf konzentriert, bis zum Gipfeltreffen ein Handelsabkommen
vorlegen zu können und diskutiert, welche Maßnahmen dies für die Auswanderungsgesetze erfordern
würde sowie Einigung über wirksamen Schutz geistigen Eigentums erzielt.
Im Hinblick auf Deutschland habe ich die Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der NATO
hervorgehoben, die meines Erachtens ein Rezept für
langfristige Stabilität ist. Ich habe ferner festgestellt,
daß die Deutschen und viele Europäer bis hin zu
Mitgliedern des Warschauer Pakts darin tatsächlich
eine Formel für Stabiität sehen. Obwohl ich nicht
sagen kann, daß die Sowjets dieser Formulierung
zustimmen - was sie wohl in der Tat auch nicht tun gelangen sie doch zunehmend zu der Erkenntnis, daß
Neutralität nicht die Antwort ist. Wir werden unsere
Gespräche zu diesen und anderen Themen fortsetzen
und noch vor dem nächsten Ministertreffen an unserer
Tagesordnung weiterarbeiten, das, wie Sie wissen,
vom 16. bis 19. Mai in der Sowjetunion stattfinden wird.
Frage: Herr Außenminister, was ist das Problem bei
ALCMs und SLCMs?
Antwort: Es gibt eine Reihe von Problemen. Bei der
Abreise aus Moskau hatten wir diese Probleme noch
nicht gelöst. Einige Fragen müssen noch geklärt
werden, zu denen ich hier nicht ins Detail gehen
möchte. Einige sind technischer Art, andere liegen in
der Tatsache begründet, daß man sehr häufig bei
technischen und detaillierten Beschreibungen auf
Schwierigkeiten stößt, wenn man versucht, Vereinbarungen in Vertragsformulierungen umzusetzen. Darüber hinaus müssen noch Fragen der Reichweite bei
ALCMs und SLCMs geklärt werden. Bei den SLCMs
haben wir das Problem der Abgrenzung zwischen
atomar- und konventionell bestückten SLCMs. Zur
Klärung einer Reihe weiterer Fragen ist noch harte
Arbeit erforderlich.
Frage: Sie haben als Schlüssel zur Lösung des
litauischen Problems das Instrument eines Referendums genannt. Bedeutet das, daß die Vereinigten
Staaten sich die offensichtliche Position Moskaus zu
eigen machen, in Litauen müssen man nach dem
neuen Sezessionsgesetz vorgehen, das natürlich
ebenfalls von einem Referendum abhängt und ein
völlig anderer Ansatz wäre, als wenn sie ihre Unabhän-

Seite 2

gigkeit erklären, weil sie rechtlich niemals Teil der
UdSSR waren? Schließen wir uns dieser Argumentation an?
Antwort: Wir machen uns keine bestimmte Formel zu
eigen. Die Vereinigten Staaten erkennen die Eingliederung der baltischen Republiken nicht an und unterstützen den Wunsch des baltischen Volkes nach Selbstbestimmung.
Wir unterstützen das Konzept uneingeschränkt, daß
diese schwierige, komplexe und sehr sensible Frage
durch Dialog und mit friedlichen Mitteln gelöst werden
muß. Wir hatten das Gefühl, daß der Gedanke eines
Referendums einen Prozeß oder Mechanismus in die
Wege leiten könnte, dank dem die Parteien sich engagieren könnten und der den Ausdruck des Willens des
litauischen Volkes gestatten würde.
Meines Erachtens ist es offensichtlich, daß außerordentlich schwierige und komplexe Themen noch
bewältigt werden müssen, selbst wenn dem Recht auf
Selbstbestimmung Ausdruck verliehen wird. Es gibt
weitreichende Wirtschaftsbeziehungen. Es bestehen
Fragen bezüglich des tatsächlichen Territoriums und
der Grenzen sowie Litauen in den Grenzen von 1940
verglichen mit der heutigen Republik Litauen. All dies
muß mittels einer Art von Dialog gelöst werden.
Frage: Ich habe eine Anschlußfrage. Entschuldigen
Sie - dies alles klingt wirklich vernüftig, aber es klingt
auch sehr nach Moskau. Zweifelsohne nicht wie alles,
was wir aus Moskau vernehmen, aber auch dort wird
immer wieder gesagt, "Wir brauchen ein Referendum
und dann benötigen wir sehr viel Zeit, um die wirtschaftlichen und territorialen Fragen zu klären, und so
weiter". Das klingt sehr vernünftig, allerdings sehr viel
anders als was Landsbergis und sein Volk gesagt
haben: "Wir haben die Unabhängigkeit erklärt. Das
war illegal - aber wir sind unabhängig."
Antwort: Es ist dasselbe, was Landsbergis gesagt
hat. Er hat wohl gesagt, daß wir die Idee eines
Referendums unterstützen und dies als einen schrittweisen Prozeß anerkennen. Der von Ihnen angedeutete Unterschied besteht meiner Ansicht nach nicht.
Ich glaube nicht, daß ich mit Ihnen übereinstimme.
Frage: Vielleicht sollte man ihn nicht wörtlich nehmen,
aber Außenminister Schewardnadse hat erklärt, für
ihn führe das Gipfeltreffen zu Rüstungskontrollabkommen. Dies ist im Futur formuliert. Vielleicht liege ich
falsch, aber ich dachte, Sie und er würden sich praktisch jeden Monat treffen und jedes Mal zwei oder drei
dieser Probleme anpacken und hoffentlich bewältigen.
Beim letzten Treffen haben sie offensichtlich zweieinhalb oder drei Fragen gelöst. Hinkt der STARTProzeß hinterher?
Antwort: Wir müssen eine Tatsache im Gedächtnis
behalten - Termin für den Gipfel ist der 30. Mai, nicht
etwa die letzte oder vorletzte Woche im Juni. Natürlich
haben wir zeitweise das Für und Wider dieser Termine

AMERIKA DIENST 14

�erwogen. Es stellte sich heraus, da ß diese Termine für
keine Seite vorteilhaft waren. Das ist der einzige
Grund für den anderen Termin.

KSZE und zu dem in Europa Verbreitung findenden
Gedanken, daß die KSZE im Lauf der Zeit die Bündnisse außer bei militärischen Fragen ersetzen wird?

In nur sieben Wochen bleibt noch eine Menge zu tun.
Es wurde bereits viel erreicht. Wie ich schon andeutete, bleiben noch einige sehr schwierige Fragen zu
lösen. In Malta haben die beiden Präsidenten erklärt,
sie hofften, eine Einigung bei den wichtigsten Fragen
zu erzielen und nicht, einen Vertrag wirklich unterzeichnungsreif zu haben. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir stets erklärt, daß dies unseres Erachtens
wahrscheinlich unrealistisch wäre.

Antwort: Wie Sie vielleicht wissen, habe ich den
Ausbau des KSZE-Prozesses gefordert und erklärt,
daß einige Körbe - etwa der Wirtschafts-Korb - in der
Vergangenheit nicht vollständig genutzt wurden. In
allen drei Körben liegen nun aktive Vorschläge, insbesondere im Wirtschafts-Korb und im MenschenrechtsKorb.

Wir hoffen immer noch, daß die wichtigsten Fragen bis
zum Gipfel gelöst werden können. Wie ich jedoch
schon gestern (5. April) erklärte, wird dazu von beiden
Seiten noch viel zu tun sein. Ich kann Ihnen gegenüber
heute keine Garantie dafür geben.
Frage: Könnten Sie uns bitte erklären, was Sie, Ihre
Berater oder der Präsident bei diesem Treffen oder in
den vergangenen Wochen den Sowjets über die mit
Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüsteten Raketen gesagt
und wie diese darauf reagiert haben?
Antwort: Nein. Es tut mir leid, aber das werde ich
nicht tun. Es gibt ein paar Dinge, über die wir keinen
Kommentar abgeben werden, insbesondere, wenn die
Möglichkeit besteht, daß sie immer noch in unseren
Verhandlungen eine Rolle spielen.
Frage: Möchten Sie damit andeuten, daß dieses
Thema weiterhin Verhandlungsgegenstand zwischen
beiden Seiten ist?
Antwort: Ich möchte damit nur andeuten, daß wir
viele Vorschläge und Gegenvorschläge austauschen.
Es findet eine umfassende Diskussion statt, und über
einige Dinge werde ich nichts sagen, und das ist einer
dieser Punkte.
Frage: Wenn man davon ausgeht, daß die Sowjets
kein vereinigtes Deutschland als Mitglied der NATO
wünschen und Ihre Aussage berücksichtigt, daß sie
von ihrem Beharren auf einer deutschen Neutralität
abrücken, wäre für Sie dann eine vom Außenminister
ins Spiel gebrachte Mitgliedschaft Deutschlands in
beiden Bündnissen eine mögliche Lösung?
Antwort: Ich habe diesen Vorschlag gehört. Ich muß
zugeben - ich habe ihn im Verlauf dieser Pressekonferenz gehört. Ich muß zugeben, daß ich ihn hier zum
ersten Mal gehört habe. Ich möchte Ihnen sagen, daß
eine Reihe von Mitgliedern des Warschauer Pakts
wünscht, daß ein vereinigtes Deutschland Mitglied der
NATO sein soll.
Frage: Au ßenminister Schewardnadse hat von neuen
Sicherheitsvereinbarungen in Europa gesprochen, und
Minister Genscher war diese Woche hier und sprach
ebenfalls über die Ausweitung der KSZE auf eine
Reihe neuer Bereiche. Was ist Ihre allgemeine Haltung zur Errichtung von Strukturen im Rahmen der

AMERIKA DIENST 14

Im Hinblick auf den Sicherheits-Korb der KSZE sollten
wir etwas langsamer vorgehen. Es gibt Bereiche, in
denen er eine Ergänzung zur NATO sein kann, aber wir
möchten auf keinen Fall andeuten, daß die KSZE
Funktionen der NATO übernehmen kann. Dies ist die
Haltung der Vereinigten Staaten.
Es wird sicherlich einen Ausbau der KSZE geben. Ich
wäre nicht überrascht, wenn es letztlich zur Institutionalisierung dessen käme, was heute nur ein Prozeß
ist, mit regelmäßigen Treffen und ähnlichen Elementen. Aber im Hinblick auf den Sicherheits-Korb sollten
wir vorsichtig sein und sicherstellen, daß unsere
Maßnahmen in diesem Bereich die NATO ergänzen
und ihre Bedeutung nicht verringern oder sie ersetzen.
Frage: Die Sowjets haben doch versucht, zu sagen,
sie könnten verstehen, warum wir ein Deutschland in
der NATO - der wir ja auch angehören - als beruhigend
oder stabilisierend ansehen, aber daß es ihnen widerstrebte, diesen Bereich einer Institution zu überlassen,
der sie nicht angehören. Können Sie sich eine Sicherheitsstruktur vorstellen, an der die Sowjets beteiligt
sind, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit in bezug auf
Deutschland verschafft?
Antwort: Nun, die KSZE hat eine Sicherheitskomponente, und meines Erachtens ist die KSZE ein Forum,
in dem die 35 Mitgliedstaaten aus West-, Mittel- und
Osteuropa alle Sicherheitsfragen ansprechen können.
Dies ist keine Situation des Entweder-Oder, was ich in
meiner ersten Antwort zu Ihrer früheren Frage bereits
zu sagen versucht habe.
Es gibt eine Sicherheitsrolle, aber sie sollte die Aufgaben des Bündnisses nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Frage: Betrachtet man die beiden letzten Ministertreffen, so erscheint es mir - auch wenn keine direkte
Verbindung zwischen den Fragen besteht -, als habe
Litauen andere Fragen überschattet, die bei diesem
Ministertreffen zur Sprache kamen und Fortschritte bei
anderen Fragen behindert. Würden Sie dem zustimmen?
Antwort: Nein, das würde ich nicht. Ich habe bereits
angedeutet, daß Litauen sehr wichtig ist, und wir
haben ziemlich ausführlich darüber gesprochen, weil
dieses Thema, wie ich bereits sagte, für die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion insgesamt von Bedeutung ist.

Seite 3

�Ich würde jedoch nicht sagen, daß es andere Aspekte
unserer Arbeit "überschattet" hat. Wir haben zwar in
einigen Bereichen von START nicht die erhofften
Fortschritte erzielt, aber wir waren in anderen Bereichen von START erfolgreich. Wir haben gute Fortschritte bei den Atomversuchen gemacht. Wir waren
bei den chemischen Waffen und der Nichtverbreitung
erfolgreich, und diese Fortschritte werden sich beim
Gipfel in konkreten Ergebnissen niederschlagen.
Frage: Seit Ihrem Amtsantritt hat die Sowjetunion eine
Art linear fortschreitender Entwicklung durchgemacht
- Gorbatschow zog sich aus Osteuropa zurück, Wirtschaftsreformen und so weiter. Was halten Sie von
seiner Haltung gegenüber Litauen - sind bei Ihnen
dadurch Zweifel an den Zielen dieses Mannes aufgekommen? Sind Sie sich heute noch ebenso sicher wie
vor ein oder zwei Monaten, daß sich dieser Mann
einem bestimmten Weg verpflichtet fühlt und daran
festhält?
Antwort: Nun, das wurde uns jedenfalls erklärt. Sie
haben selbst in den vergangenen drei Tagen diese
Erklärungen aus dem Munde des Ministers vernommen, und in meinen Erklärungen habe ich bereits
darauf verwiesen, daß er sich auch in unseren vertraulichen Gesprächen entsprechend geäußert hat. Dasselbe hören wir von Präsident Gorbatschow.
Wir beobachten weiterhin nicht nur in Osteuropa,
sondern auch in der Sowjetunion einen dramatischen
Reformprozeß, und wir sehen ein Engagement zumindest verbal -, diese sehr schwierige und komplexe Frage auf friedlichem Weg zu lösen.
Frage: In seiner Rede vor der Amerikanischen Gesellschaft der Zeitungs-Chefredakteure erklärte Präsident
Bush: 'Im Hinblick auf Litauen steht für uns in den
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen eine Menge
auf dem Spiel'. Sein Sprecher Fitzwater erklärte
heute: 'Unsere Beziehungen zur Sowjetunion werden
in Litauen gefährdet.'
Welche Absichten verfolgen Sie und die Administration, wenn Sie dies erklären? Werden Sie die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bei Rüstungskontrolle
oder regionalen Fragen einstellen, wenn die Dinge sich
in Litauen negativ entwickeln? Werden Sie es ablehnen, im Hinblick auf wirtschaftliche Zusammenarbeit
Maßnahmen zu treffen, die Sie andernfalls treffen
würden?
Was möchten Sie der Sowjetunion und auch dem
amerikanischen Volk sagen, wenn Sie solche Sätze
benutzen?
Antwort: Wir sagen den Sowjets und dem amerikanischen Volk genau, was diese Sätze bedeuten, nämlich, wenn sich die Dinge weiter in die falsche Richtung
entwickeln, würde das unsere Beziehungen gefährden.
Ihre Frage ist allerdings sehr hypothetisch, und es
wäre für mich nicht ratsam, sie zu beantworten und zu

Seite 4

erklären, 'wenn sie das täten, würden wir dies tun' oder
so ähnlich. Ich werde nicht darauf antworten. Es ist zu
spekulativ und zu hypothetisch.
Der Punkt ist aber - und ich hoffe dieses Signal
unmittelbar und unmißverständlich weitergegeben zu
haben -, daß dies für die Vereinigten Staaten eine
Angelegenheit von äußerster Bedeutung ist. Sie betrifft unsere fundamentalen Werte und eine Haltung,
die wir seit über 40 Jahren vertreten. Sie ist sehr, sehr
wichtig. Ich kann aber nicht noch mehr ins Detail
gehen.
Frage: Sind Sie besorgt über die Äußerung von
Schewardnadse vor dem Eingang zum Weißen Haus,
es könnte einen Konflikt in Litauen geben und gewisse
administrative Maßnahmen ergriffen werden, um die
Ordnung wiederherzustellen?
Antwort: Soweit ich sagen kann, ist das ebenfalls eine
hypothetische Frage. Natürlich wären wir besorgt,
wenn ich der Meinung wäre, daß der Konflikt eskalieren würde. Ich glaube nicht, daß irgendjemand dies
wünscht. Wir haben uns darüber seit längerem geäußert, und wir würden es begrüßen, wenn diese Angelegenheit friedlich und nicht durch einen Konflikt gelöst
würde.
Frage: Sie haben angedeutet, daß es auch Fortschritte bei den konventionellen Streitkräften gegeben hat.
Können Sie uns sagen, welche Fortschritte bei diesem
Ministertreffen in bezug auf die Reduzierung von Truppen und Ausrüstung in Europa erzielt wurden?
Können Sie uns noch sagen, ob sie erwartungsgemäß
beim Gipfel einen Briefwechsel oder andere offizielle
Vereinbarungen abzeichnen werden, die das beiderseitige Engagement für eine Reduzierung auf 195 000
Soldaten in Mitteleuropa kodifizieren?
Antwort: Zielt Ihre Frage darauf ab, ob dazu beim
Gipfel ein Abkommen unterzeichnet wird?
Frage: Richtig.
Antwort: Ich denke nicht, daß wir dies notwendigerweise als spezielle Zielsetzung des Gipfels betrachten
sollten, aber es wird sicher in die in Wien zu schließenden Abkommen einfließen. Ich möchte mich zu den
Besonderheiten von KSE nicht im Detail äußern, bis
wir Gelegenheit zu weiteren Konsultationen hatten.
Frage: Aber es gibt nichts, das sie festschreiben
möchten?
Antwort: Wenn ich KSE einbeziehe, möchte ich damit
sagen, daß wir bisher Schwerpunkte beim Nichtverbreitungsvertrag (NPT) und dem Schwellenvertrag
(NTT) sowie den beiden Bereichen, in denen bei
START Fortschritte erzielt wurden, gesetzt haben.
Meiner Ansicht nach waren bei START Fortschritte zu
verzeichnen. Ich möchte offen zugeben, daß wir im
Hinblick auf Flugzeuge keine Fortsehnte erzielt haben.
Hier bestehen immer noch Probleme. Den uns zu den
Flugzeugen unterbreiteten Vorschlag finden wir nicht

AMERIKA DIENST 14

�attraktiv - lassen Sie es mich so umschreiben - und
davon haben wir den Außenminister auch in Kenntnis
gesetzt.
Frage: Welche Garantien erwarten Sie von den
Israelis (unverständlich) die Sowjetunion im Hinblick
auf die Einigung und die Emigration der Juden in das
besetzte Territorium?
Antwort: Nun, zunächst haben wir Israel nicht um
Garantien zur sowjetischen Emigration gebeten, weil
wir die Auswanderung aus der Sowjetunion bedingungslos unterstützen. Deshalb haben wir keine
Garantien gefordert. Wir haben hingegen den Vorschlag gemacht - als die Sowjets erklärten, in bezug
auf die sowjetische Emigration angesichts der Möglichkeit nicht nachgeben zu können, daß Emigranten in
die besetzten Territorien gehen - und die Sowjets
befragt, ob sie erwogen hätten, sich im Hinblick auf die
Möglichkeit von Garantien an Israel zu wenden. Sie
mußten das verneinen, betrachteten es aber als Idee,
die eine Überlegung wert sei.
Wir fordern keine Garantien. Wir unterstützen die
sowjetische Emigration bedingungslos.
Frage: Außenminister Schewardnadse hat die Befriedigung der Sowjetunion über die Bestrebungen Ihrer
Regierung zum Frieden im Nahen Osten übermittelt
und fordert eine aktivere Rolle des Sicherheitsrats und
der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats, damit
im Nahen Osten eine internationale Friedenskonferenz stattfinden kann. Wie denken Sie über diese
sowjetischen Ideen?
Antwort: Ich habe meinem Amtskollegen dasselbe
wie immer gesagt, wenn er diesen Vorschlag geäußert
hat - daß meiner Ansicht nach die Zeit dafür nicht reif
ist und ich diese Übung für wenig produktiv halte. Wir
befinden uns im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern in einer
etwas kritischen Phase, und gegenwärtig sollten wir
unsere Aufmerksamkeit und alle Anstrengungen darauf verwenden, diesen Dialog einzuleiten.

*

AMERIKA DIENST 14

Frage: Außenminister Schewardnadse hat die nächsten sieben Wochen als eine Zeit bezeichnet, in der wir
schwierige Entscheidungen treffen und Kompromisse
eingehen müssen. Wie sehen die schwierigen Entscheidungen aus, mit denen sich die Vereinigten Staaten in den kommenden sieben Wochen konfrontiert
sehen? Und ist insbesondere bei Marschflugkörpern
ein Kompromiß in Sicht, und wie könnte er aussehen?
Antwort: Dazu möchte ich jetzt nicht Stellung nehmen. Ob ich generell der Auffassung bin, wir könnten
das Problem lösen? Das hoffe ich doch. Das war und
ist unser Ziel. Daran werden wir weiterhin arbeiten.
Auch Außenminister Schewardnadse hat Ihnen gegenüber erklärt, er sei da zuversichtlich. Wir haben die
Absicht, hart daran zu arbeiten. Was einen möglichen
Kompromiß angeht, so möchte ich dazu auf die Verhandlungen verweisen und nicht hier darüber spekulieren.
Frage: Haben Gespräche darüber stattgefunden,
was die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten im
Hinblick auf die Vereinigung der beiden deutschen
Staaten tun können, damit ein Viertes Reich verhindert
werden und kein Hitler mehr aufstehen kann, um die
Macht an sich zu reißen und Deutschland wieder in
altem Glanz und Gloria erstrahlen zu lassen. Schließlich wiederholt sich die Geschichte in gewissem Sinne.
Und haben Sie mit den Deutschen über die Währungsunion gesprochen, damit die Finanzmärkte vor dem
Zusammenbruch bewahrt werden können?
Antwort: Zu Ihrer ersten Frage möchte ich sagen, daß
meiner Ansicht nach jeder Teilnehmer an den Zweiplus-Vier-Gesprächen, auch die Bundesrepublik und
die DDR .eine Art der Wiedervereinigung wünschen,
die ein Ergebnis, wie Sie es gerade darstellten, ausschließt. Darüber sind sich alle Beteiligten einig.
Was die Währungsunion betrifft, so habe ich darüber
mit den Deutschen, aber nicht mit den Sowjets geprochen.

*

Seite 5

�DROGEN
11. April 1990

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan
LONDON - (AD) - Dem amerikanischen Gesundheitsminister, Louis Sullivan, zufolge kann die zur Zeit in London
veranstaltete Konferenz von Ministern aus aller Welt über den Abbau der Nachfrage nach Drogen "Maßnahmen
zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von Drogen fördern".
Sullivan erklärte in der Plenarsitzung am 9. April 1990, "wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um

dem Drogenmißbrauch Einhalt zu gebieten". Die von
ihm erläuterte amerikanische Anti-Drogenstrategie hat
zwei Komponenten - Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gesundheitsminister Sullivan im Wortlaut.

Die internationale Staatengemeinschaft befindet sich
inmitten eines von ihr selbst entfachten Wirbelsturms.
Unsere bisher an den Tag gelegte Toleranz gegenüber
Drogen hat unvorstellbare Kräfte der Gewalt und des
Hasses freigesetzt. Die Zerstörung ist für uns alle
offenkundig - wir haben sie gesehen, gefühlt und
verdammt. Auf dieser Konferenz können wir Maßnahmen zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von
Drogen fördern. Wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um dem Drogenmißbrauch Einhalt zu
gebieten.
Die Vereinigten Staaten müssen dabei eine wichtige
Rolle spielen. Als Abnehmer illegaler Drogen bemüht
sich unser Land energisch um den Abbau des Drogenkonsums und damit um die Zerschlagung des Drogenmarkts. Der Drogenkonsum schädigt die Bewohner
unseres Landes und der ganzen Welt. Aber wir hoffen,
mit dem Engagement und der Kooperation von Familie
und Nachbarn in unserem Land sowie durch Partnerschaft mit den Regierungen unserer Nachbarn und
Freunde in der ganzen Welt die Nachfrage nach Drogen erheblich abbauen zu können. Aus diesem Grund
unterstützt meine Regierung dieses Treffen uneingeschränkt.

AMERIKA DIENST 14

Wir wissen, daß Drogenkonsum hohe Kosten verursacht und inakzeptabel ist. Sucht, Siechtum und Tod
können von keiner verantwortungsbewußten Regierung hingenommen werden. Wir können nicht zusehen, wie ganze Bevölkerungsschichten verführt und
Opfer des Drogenkonsums und dessen Folgen werden. Wir schulden es uns selbst und jedem Mitglied
der internationalen Staatengemeinschaft, eine endgültige Lösung für dieses Problem zu finden.
Bevor ich die Reaktion der Vereinigten Staaten erläutere, möchte ich über eine Lektion sprechen, die wir
gelernt haben: Drogenkonsum ist kein Verbrechen
ohne Opfer. Er ist ein Teufelskreis. Drogenmißbrauch
verschlingt den Konsumenten. Aber seine Folgen
berühren auch die Familie, Freunde, Nachbarn, die
Gemeinde und das ganze Land. Präsident Barco hat
unseren Bürgern vor Augen geführt, wie die Nachfrage
nach Drogen in unserem Land Drogenproduktion und
Rauschgifthandel in seinem Land und in anderen
Ländern der Welt antreibt. Aber illegale Drogenproduktion und Rauschgifthandel produzieren auch weitere Nachfrage. Das ist die Wirklichkeit dieses Teufelskreises.
Die organisierten Strukturen des Drogenkartells haben diesem gut gedient. Zu seiner Vernichtung werden ebenso gut organisierte Strukturen benötigt. Indem
wir zusammenarbeiten - als Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn und Mitbürger -, können wir der Drogengefahr Herr werden. Indem wiralsStaatengemeinschaft zusammenarbeiten, können wir die Verstecke
ausfindig machen, in denen Drogenhändler, Finan-

Seite 1

�ziers und Drogenbarone Zuflucht suchen. Mit solcher
Kooperation - entschlossen, zuverlässig, solide und
dauerhaft - können wir diesen Kampf gewinnen, selbst
gegen einen so finanzkräftigen, gut organisierten und
äußerst heimtückischen Feind.
Unsere nationale Strategie zur Drogen bekämpf ung in
den Vereinigten Staaten hat zwei Komponenten Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nur indem wir das Drogenproblem von beiden Seiten
angehen, können wir den Drogenkonsum verringern.
Ein Hauptziel unserer Strategie besteht darin, die
Besorgnis und das Engagement der Bürger bei den
Bemühungen um beide Komponenten zu erhöhen, die
dem selben Zweck dienen - der Beseitigung illegaler
Drogen. Im Hinblick auf die Reduzierung der Nachfrage nach Drogen zeigen die Meinungsumfragen, daß
die Mehrheit unserer Bürger den Drogenkonsum als
wichtigstes innenpolitisches Anliegen betrachten. Sie
wissen, daß sie vor Konsumenten und Händlern nicht
sicher sind, bis die Vereinigten Staaten der Nachfrage
nach Drogen ein Ende gesetzt haben. Die Bemühungen zur Eindämmung der Nachfrage müssen an zwei
Fronten geführt werden: Wir müssen ein Klima der
Verantwortung schaffen, und wir müssen geeignete
Forschungs-, Präventiv- und Behandlungsmaßnahmen
verstärken, um die öffentliche Ablehnung gegenüber
Drogen aufrechtzuerhalten.
Beim Kampf gegen Drogen muß die Bedeutung des
menschlichen Charakters und eine Kultur, die Werten,
Selbstdisziplin und persönlicher Verantwortung positiv
gegenübersteht, hervorgehoben werden. In den Vereinigten Staaten habe ich versucht, diese Werte als
Teil unserer Bemühungen zu mobilisieren, Gesundheitsvorsorge und Präventivmaßnahmen zu einem
nationalen Kreuzzug zu machen - der obersten Priorität. Einige Länder machen sich diesen langfristigen
Ansatz ebenfalls zu eigen. Ein drogenfreier, gesunder
Lebensstil gewährleistet ein Höchstmaß an Freiheit,
Unabhängigkeit und Menschenwürde.
Unsere Bürger haben begonnen, ihre Wohnviertel und
Gemeinden durch die Schaffung eines drogenfreien
Umfelds für sich und ihre Kinder neu aufzubauen.
Diese Anstrengungen tragen in Verbindung mit verbesserten Präventiv-, Behandlungs- und Forschungsprogrammen zu unserer langfristigen, endgültigen
Lösung bei - der Eindämmung der Nachfrage nach
Drogen.
Strategien zum Abbau der Nachfrage werden ohne
eine gute Strategie auf der Angebotsseite ihre Ziele
niemals erreichen. In den Vereinigten Staaten haben
wir unsere Bemühungen zur Unterbindung des Drogennachschubs intensiviert. Wir haben unsere Maßnahmen an den Landesgrenzen verstärkt. Wir haben
unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse eingesetzt, um Drogenhändler aufzuspüren, ihren Plänen

Seite 2

zuvorzukommen und ihre Fähigkeit zu Operationen in
unserem Land zu zerschlagen. Wir haben unsere
Strafverfolgungsmaßnahmen innerhalb unserer Grenzen verstärkt.
Wir arbeiten mit anderen Ländern zusammen, um ihre
Fähigkeiten zur Zerschlagung der Drogenkartelle zu
verbessern, die Lieferung chemischer Grundstoffe zu
stoppen, Geldwäsche zu verhindern und den Anbau
von Drogenpflanzen zu entmutigen. Wir haben die
Botschaft übermittelt, daß Drogenkonsum nicht länger
toleriert und die Konsumenten illegaler Drogen zur
Rechenschaft gezogen werden. Wir bauen mehr
Gefängnisse und versuchen, für Drogenkonsum und handel Abschreckungsmittel zu schaffen, indem wir
garantieren, daß alle Beteiligten sich der Bestrafung
nicht entziehen können.
Kurz gesagt, haben wir Drogenbekämpfung zur obersten nationalen Priorität erhoben.
Unsere Anstrengungen finden auf vielen Ebenen statt.
Wir versuchen, den Drogenfluß ins Land mit allen
Mitteln zu unterbinden. Mit unserem Strafvollzug und
unseren Bemühungen zur Unterbindung des Nachschubs werden unsere soziale und legale Mißbilligung
stärker betont und stimuliert. Wir müssen uns in nie
dagewesenem Maße darauf konzentrieren, daß wir
denjenigen, die ein Drogenproblem haben, Behandlungsmöglichkeiten bieten und das Bewu ßtsein für die
Gefahren des Drogenkonsums schärfen, um denjenigen zu helfen, die keine Drogenkonsumenten sind,
damit sie den Verlockungen des Rauschgifts nicht
erliegen. Und unsere gesellschaftliche Intoleranz schafft
ein Klima, das Angebot und Nachfrage weniger förderlich ist. So müssen wir den Teufelskreis des Drogenproblems angreifen - an allen Fronten gleichzeitig.
Ich möchte Ihnen unsere Arbeit im einzelnen darlegen.
Zunächst müssen wir auf der Nachfrageseite an der
Entwicklung erfolgreicher Präventiv-, Behandlungsund Forschungsmaßnahmen arbeiten, um den Markt
für Drogen zu zerschlagen.
Vorbeugung erfordert eine verständliche, genaue und
glaubwürdige Botschaft zur Bekämpfung von Drogen,
die alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen muß.
Jeder einzelne muß diese Botschaft verstehen und
beachten.
Die Medien haben viele Jahre lang Drogen verherrlicht. Das hat die Toleranzschwelle erhöht und zu einer
Akzeptanz des Mißbrauchs von Suchtstoffen geführt.
Als die Regierung sich der Drogenbekämpfung verschrieb, standen sich Regierung und Medien als erbitterte Gegner gegenüber. Aber diese Spannungen und
Gegensätze sind jetzt abgebaut, und die Medien haben
sich der Regierung angeschlossen. In diesem Zeitalter der Medienpräsenz müssen wir die Medien auf
unserer Seite haben und sie voll und ganz nutzen.

AMERIKA DIENST 14

�Auch einf lu ßreiche Vertreter aus den Bereichen Unterhaltung, Film und Musik arbeiten daran, Drogenkonsum als das darzustellen, was es ist - zerstörerisch,
verabscheuungswürdig und ein Zeichen der Schwäche. Werbestrategen und Werbeagenturen haben
ihre Talente zur Verfügung gestellt und Milliarden
Dollar in Sendungen und Werbung zur Drogenbekämpfung gesteckt. Rundfunk und Fernsehen haben
auf lokaler und nationaler Ebene Drogenbekämpfungsprogramme entwickelt, um auch Arme und Minderheiten auf die Drogengefahr aufmerksam zu machen und
durch Information über Behandlungsmöglichkeiten und
andere Hilfsquellen Hoffnung zu machen. Und die
Eltern als größte Befürworter dieses Programms werden zur Zusammenarbeit mit der Regierung mobilisiert. Nicht zuletzt waren sie es, die die Regierung
aufforderten, mehr zu tun.

tungen in den Vereinigten Staaten wenden vielfältige
Methoden an und haben höchst unterschiedliche Erfolgsquoten. Es gibt keine eindeutige Antwort darauf,
welche Therapie oder Kombination unterschiedlicher
Behandlungsmethoden auf lange Sicht Erfolg hat. Wir
stützen uns auf Forschung und Erfahrung, um diese
Antworten zu finden.
Drogenabhängigkeit ist eine chronische Krankheit mit
extrem hoher Rückfallquote. Patienten werden weder
über Nacht noch in wenigen Monaten völlig geheilt. Es
ist ein langwieriger therapeutischer Prozeß, der medizinische und psychosoziale Eingriffe erforderlich macht.
Wir wissen jedoch, daß die Therapie generell den
Drogenkonsum proportional zur Therapiedauer verringert. Je länger jemand Therapie erhält, um so mehr
wird er sich des Drogenkonsums enthalten und wieder
zu sich selbst zu finden.

Das Ziel unseres Präventivprogramms besteht darin,
die Zahl der Konsumenten zu verringern und - wenn
unsere nationalen Untersuchungen stimmen - haben
wir das bei allen Konsumentengruppen, auch den
Gelegenheitskonsumenten, erreicht. Unser Engagement für die Vorbeugung ist stark, allein in meinem
Ministerium hat die Zahl der Präventivprogramme
drastisch zugenommen, und von 1989 bis 1990 sind 95
Prozent mehr Mittel aufgewendet worden.

Dennoch müssen wir noch viel darüber lernen, wie
man den Drogenkonsumenten von Drogen fernhalten
kann, insbesondere im Bereich des Arzneimittelmißbrauchs. Für die amerikanischen Bestrebungen ist
Forschung unabdingbar, und wir sehen der Fortsetzung unserer gegenwärtigen Zusammenarbeit mit
zahlreichen Ländern und der Aufnahme neuer Projekte mit anderen hoffnungsvoll entgegen.

Für Drogenabhängige ist eine Therapie lebenswichtig.
Sie muß verfügbar, leicht zugänglich und erfolgreich
sein.

Ich möchte unser starkes Engagement in diesem
Bereich nochmals betonten. Der Etat des Nationalen
Suchtstoff-Kontrollamts (National Institute on Drug

Ein Problem besteht im Mangel an verfügbaren Therapieplätzen. Öffentliche und private Mittel waren bisher
zur Erfüllung des Bedarfs nicht ausreichend. Kürzlich
haben Präsident Bush und der Kongreß die Mittel
aufgestockt, was eine Verdoppelung der staatlichen
Therapieplätze von 1987 bis 1990 zur Folge haben
wird.
Aber nur Geld bereitzustellen, ist nicht genug. Wir
müssen unsere Anstrengungen für einen wirksameren
Einsatz derTherapiegelder verdoppeln. Der Therapiebedarf muß an die Einrichtungen und Programme
angepaßt werden, die dem Drogenabhängigen am
besten helfen können. Wir streben bessere Zusammenarbeit zwischen Therapieeinrichtungen und den
Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsämtern an, damit
die Abhängigen die erforderlichen Leistungen erhalten, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben.
Diese Betonung auf Therapie spiegelt die klare Erkenntnis wider, daß der harte Kern der Drogenabhängigen und diejenigen, die nicht alleine von der Sucht
loskommen, so bald wie möglich Hilfe erhalten müssen.
Wir können jedoch nicht erwarten, daß eine Aufstokkung der Mittel per se zu einem raschen Abbau der
Nachfrage führen wird. Therapie ist ein langwieriger,
komplexer Prozeß. Die über 5 000 Therapieeinrich-

AMERIKA DIENST 14

Abuse - NIDA) wurde 1989 von 192 Millionen auf 255

Millionen Dollar im Jahr 1990 aufgestockt, was einer
Steigerung von 33 Prozent entspricht. Die Haushaltsvorlage der Bush-Adminstration für 1991 fordert die
Bereitstellung von zusätzlichen 45 Millionen Dollar für
Forschung über Drogenmißbrauch - eine Aufstockung
von 57 Prozent von 1989 bis 1991.
Eine Strategie zur Bekämpfung des illegalen Drogenkonsums kann nur unter Einbeziehung der entscheidenden Rolle der StrafJustiz Erfolg haben. Der Rechtsstaat besteht nicht nur aus Gesetzen - er ist ein Spiegel
der Wünsche und Bedürfnisse des Volkes und das
moralische Gewissen einer Gesellschaft. Er läßt uns
wissen, was unsere Mitbürger von sich und anderen
erwarten.
Unsere Bürger wissen, daß Drogenkonsum eine
Bedrohung für unser Land und die Welt insgesamt
darstellt. Das ist keine graue Theorie - es ist für
Millionen Amerikaner Realität. Ihre Familien wurden
getrennt. Ihre Nachbarschaft wurde zur Kriegszone.
Ihre Kinder wurden in der Schule belästigt und bedroht.
Die öffentliche Sicherheit steht auf dem Spiel, wenn
Drogen am Arbeitsplatz Einzug halten oder sich ein
Drogenabhängiger ans Steuer setzt. Solche Bedrohungen erfordern eine entschiedene und konsequente
Antwort der Polizei, die vornehmlich auf Gemeindeebene arbeitet.

Seite 3

�Präsident Bush und der Kongreß arbeiten mit den
Bundesstaaten und Gemeinden an geeigneten Maßnahmen. Wir haben unsere Bestrebungen zur Unterbindung des Nachschubs verbessert und die Patrouillen an den Grenzen und in den Hoheitsgewässern
verstärkt. Während der Drogenkonsument oder
-händler bisher nur gelegentlich zur Rechenschaft
gezogen wurde, wird der Arm des Gesetzes dank
unserer Bestrebungen heute unweigerlich nach ihm
greifen. Unser Drogenbekämpfungsgesetz fordert die
obligatorische Verurteilung, und unsere Richter sind
zu gerechter Bestrafung bereit. Wir werden alle verfügbaren rechtlichen Mittel ausschöpfen, einschließlich der neuen UN-Konvention.
Wir haben mehr Polizei beamte zur Konfiszierung von
Vermögen, Abbau des Profits für Drogenhändler und
Zerschlagung der Drogenkartelle. Dank der jüngsten
vom Präsidenten eingebrachten und vom Kongreß
verabschiedeten Gesetze werden die Mittel zum Bau
weiterer Gefängnisse aufgestockt, womit sichergestellt wird, daß diejenigen, die wegen Gesetzesverstößen verfolgt und verurteilt wurden, tatsächlich ihre
volle Strafe verbüßen.
Darüber hinaus haben wir Drogentests bei Verhafteten, Gefangenen, auf Hafturlaub befindlichen und auf
Kaution freigelassenen Personen im gesamten Strafvollzug vorgeschlagen. Staatliche Mittel wurden ferner für die Planung, Entwicklung und Durchführung
alternativer Strafvollzugsprogramme für nicht gewalttätige Drogenkriminelle, einschließlich Hausarrest und
Rekrutenlager bereitgestellt.
Auch die Mittel zur Vernichtung des Marihuanaanbaus
im Inland wurden aufgestockt. Damit soll das Problem
der Marihuanaproduktion in unserem Land bewältigt
und unsere Bemühungen unterstützt werden, andere
Länder zur strikten Kontrolle der Produktion illegaler
Drogen in ihrem Land zu ermutigen.
Trotz dieser Fortschritte gibt es einige - eine sehr
kleine, aber lautstarke Minderheit - die unsere Gesellschaft in ein noch tieferes Chaos stürzen wollen. Wir
müssen uns vor denjenigen hüten, die das Argument
vorbringen, ein Ende des Suchtstoffmißbrauchs erfordere zu viel Anstrengung, Zeit und Mittel. Einige dieser
Kritiker behaupten, Legalisierung sei die Antwort. Wie
wir in den Vereinigten Staaten feststellen mußten, ist
das jedoch überhaupt keine Antwort. Trotz der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in den sechziger und
siebziger Jahren beträchtliche Mittel in Präventivmaßnahmen gesteckt haben, wurde in diesen zwei Jahrzehnten eine Pseudolegalisierung und gesellschaftliche Toleranz gefördert. In den Vereinigten Staaten
haben unsere Erfahrungen mit diesen zwanzig Jahren
den Preis demonstriert, den wir für eine Beschwichtigungspolitik zahlen müssen - mehr Drogen, mehr
Abhängige und mehr Tote. Eine Legalisierung würde
dem Drogenkonsum das Stigma, den Druck nach

Seite 4

Therapie und die wenigen Engpässe nehmen, die bei
Kosten und Nachschub bestehen. Eine Legalisierung
wäre ein tragischer, entsetzlicher Fehler und ihre Sinnlosigkeit ist so offensichtlich geworden, daß niemand
sie ernsthaft als Alternative erwägen kann. Eine
Legalisierung würde den Menschen die Botschaft
übermitteln, daß unsere Gesellschaft dem schädlichen Drogenkonsum moralisch indifferent gegenübersteht. Eine solche Botschaft würde unser moralisches
Bewußtsein in Zweifel ziehen.
Wir sind heute hier im Bewußtsein unserer Verantwortung als internationale Staatengemeinde zusammengekommen. Wir wissen, daß Drogen weiterhin unsere
Kinder und Gemeinden terrorisieren werden, wenn wir
nicht zusammenarbeiten. In diesem entscheidenden
Punkt sind wir uns einig.
Die Bedeutung unserer Zusammenarbeit wurde beim
jüngsten Gipfeltreffen in Cartagena unterstrichen. Dort
hat Präsident Bush zusammen mit den Präsidenten
Barco, Garcia und Paz das Versprechen gegeben, die
Händler von Drogen und Tod auf allen Ebenen zu
bekämpfen: Produktion, Vertrieb, Finanzwesen und
Konsum. Dort wurde auch das erste Drogenbekämpfungskartell der Welt gegründet, mit dem die Notwendigkeit eines starken internationalen Engagements
hervorgehoben wurde.
Beim Gipfeltreffen in Cartagena wurde auch die Notwendigkeit für alle Länder bekräftigt, so bald wie möglich
die Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen
zu ratifizieren. Nach ihrer Ratifizierung wird die Konvention aus dem Jahr 1988 die weltweite Zusammenarbeit in Bereichen wie Geldwäsche, Beschlagnahme
von Vermögenswerten, Kontrolle chemischer Grundstoffe, Auslieferung, Fahndung, Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und Informationsaustausch
fördern. Ich freue mich, berichten zu können, daß die
Vereinigten Staaten die unterzeichnete Ratifizierungsurkunde am 20. Februar 1990 den Vereinten Nationen
übergeben haben.
Eine größere Rolle der UNO ist unabdingbar. Die
Vereinten Nationen spielen eine entscheidende Rolle
bei der Förderung weltweiter Kooperation. Ich fordere

die Länder, die die UN-Konvention von 1988 noch nicht
ratifiziert haben, auf, dies zu tun. Unser Ziel sollte darin
bestehen, die UN-Konvention bis Ende dieses Jahres
in Kraft zu setzen. Dies erfordert die Ratifizierung
durch 20 Nationen.
Ebenso wie sich Bürgerinitiativen in den amerikanischen Städten zur Drogenbekämpfung organisiert
haben, müssen wir als internationale Staatengemeinschaft Drogen den Kampf ansagen. Die Nachfrage
nach Drogen wird weiterbestehen und steigen, wenn
wir nicht einen Schlußstrich ziehen und als Gemeinschaft zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 14

�Diese Konferenz wird meines Erachtens dazu beitragen, voneinander zu lernen und zusammenzuarbeiten. Wenn uns dies gelingt, wird es den Drogenbaronen und -händlem eine Warnung sein, die sie sich zu
Herzen nehmen sollten, denn es bedeutet ihren sicheren Untergang. Ihre Tage sind gezählt.
Und den Drogenkonsumenten werden wir die Botschaft übermitteln, daß sie die Verantwortung für die
Verbreitung des Drogenproblems tragen. Wir müssen

AMERIKA DIENST 14

den Konsumenten vermitteln, daß Hilfe für sie zur
Verfügung steht, es aber an ihnen ist, diese Hilfe in
Anspruch zu nehmen.
Das letzte Kapitel im Drama der weltweiten Drogenepidemie könnte sehr viel früher geschrieben werden,
wenn wir Konferenzen wie diese nutzen, um Kooperation und Engagement zur Beendigung der Drogenkrise
zu fördern.

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
11. April 1990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN:
AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
- Eine Übersicht des ACDA Die folgende Übersicht wurde am 4. April 1990 vom Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

START - Gespräche über die Begrenzung strategischer Rüstungen
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Stufenweise Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, wobei zu vereinbarten
Terminen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags gleiche Zwischenobergrenzen erzielt
werden müssen.
Sowjetunion
Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf
gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags, wobei nach Phase 1 gleiche Obergrenzen gelten
müssen.

Vereinigte Staaten
Es können keine weiteren Rüstungskontrollverträge
mit der Sowjetunion abgeschlossen werden, solange
diese nicht die Verletzung des ABM-Vertrags durch
das Radar von Krasnojarsk in einer verifizierbaren
Weise einstellt, die amerikanischen Kriterien entspricht.
Die Vereinigten Staaten haben sich befriedigt über die
Ankündigung der Sowjets geäußert, das Radar von
Krasnojarsk vollständig zu beseitigen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben sich bereiterklärt, das Radar von
Krasnojarsk vollständig abzubauen.
Trägersysteme
Vereinigte Staaten

Abschluß eines START-Abkommens nicht abhängig
von einer Einigung über Fragen der Weltraumverteidigung.

Eine Obergrenze von 1 600 strategischen Trägersystemen (SNDVs) in Form von stationierten Interkontinentalraketen (ICBMs) und deren Abschuß Vorrichtungen, stationierten U-Boot-gestützten ballistischen
Raketen (SLBMs) und deren Abschußvorrichtungen
sowie schweren Bombern.

Sowjetunion

Sowjetunion

Abschluß des START-Vertrags nicht abhängig von
einer Einigung über Weltraumverteidigung. Die Sowjets stehen jedoch auf dem Standpunkt, daß sie ein
Recht zur Kündigung eines START-Vertrags besitzen,
wenn sie zu dem Schluß kommen sollten, daß die
Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag verletzen, wie
er von den Sowjets interpretiert wird.

Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.

Vereinigte Staaten

AMERIKA DIENST 14

Gefechtsköpfe
Vereinigte Staaten
Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich
der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs

Seite 1

�sowie atomar bestückter ALCMs (luftgestützter Marschflugkörper) großer Reichweite; jeder nur mit atomaren
Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite
(SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.
Sowjetunion
Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Vereinigte Staaten
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen und 3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf
ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen. Im Falle einer Untergrenze von 3 300
Gefechtsköpfen auf ICBMs muß eine ebensolche
Untergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen für SLBMs
gelten. Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf
stationierten schweren Bombern.
Schwere ICBMs
Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Vereinigte Staaten
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen zählt als
ein Gefechtskopf unter der Obergrenze von 6 000. Für
die bestehenden Typen wird eine Quote von Vor-OrtInspektionen festgesetzt, um zu verifizieren, daß die
beim Washingtoner Gipfel für stationierte Raketen
deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht überschritten wird.
Für künftige Typen sowie Veränderungen bei der Zahl
von Gefechtsköpfen auf bestehenden Typen müssen
die Verfahrensweisen noch festgelegt werden.
Sowjetunion
Bei den bestehenden Typen identisch mit der USPosition.
Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben das Verbot von mobilen ICBMs aufgehoben. Die START-Unterhändler
müssen jetzt die Einzelheiten für die Anwendung der
Begrenzungen auf mobile ICBMs sowie wirksame
Verifizierungsmaßnahmen ausarbeiten.

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ballistischen Raketen. Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder bestehender Typen schwerer ICBMs.

Sowjetunion

Sowjetunion

Nichtstationierte Raketen

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ICBMs. Produktion, Flugerprobung
oder Modernisierung bestehender Typen schwerer
ICBMs zulässig. Entwicklung, Erprobung und Stationierung neuer Typen schwerer ICBMs verboten.

Vereinigte Staaten

Wurfgewichte
Vereinigte Staaten
Die Wurfgewichte der sowjetischen ICBMs und SLBMs
zusammengenommen werden um 50 Prozent des am
31. Dezember 1986 bestehenden Wurfgewichts reduziert. Während der Laufzeit des Vertrags wird keine
Seite dieses Niveau überschreiten.
Sowjetunion
Im Prinzip identisch mit der US-Position. Es bestehen
jedoch weiterhin Meinungsverschiedenheiten über die
Bestimmung der anzurechnenden Wurfgewichte. Die
Reduzierung soll auf der Basis des bei Unterzeichnung
des Vertrags bestehenden Niveaus der Wurfgewichte
stattfinden.

Zulässig mit zahlenmäßigen Begrenzungen für Abschuß Vorrichtungen und Gefechtsköpfe.

Zahlenmäßige Begrenzungen (die genauen Obergrenzen müssen noch ausgehandelt werden) werden bei
nichtstationierten ballistischen Raketen und den zugehörigen Gefechtsköpfen für alle Typen von ICBMs, die
bereits von mobilen Abschußrampen aus im Flug
erprobt wurden, festgelegt. Für andere nichtstationierte ballistische Raketen werden keine zahlenmäßigen
Begrenzungen eingeführt, aber Stationierungsort und
Verlegung werden Beschränkungen unterworfen. Beide
Seiten haben ferner vereinbart, daß es keinerlei Beschränkungen für nichtstationierte Marschflugkörper
und nichtstationierte Waffen auf schweren Bombern
geben wird.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung.
Schwere Bomber
Vereinigte Staaten
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem (SNDV). Jeder nur für Freifallbomben

AMERIKA DIENST 14

Seite 2
i

�und Angriffsraketen kurzer Reichweite ausgeröstete
schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze
von 6 000 als ein Gefechtskopf zählen. Eine vereinbarte Zahl von schweren Bombern könnte durch
Umrüstung zu rein konventionellen Systemen von der
SNDV-Obergrenzevon 1 600 ausgenommen werden.

jedem folgenden Jahr wird eine Höchstzahl für das
nächstfolgende Jahr nach dem ersten Fünfjahreszeitraum deklariert. Die deklarierten SLCMs werden von
allen START-Verfügungen - den Begrenzungen auf
6 000 Gefechtsköpfe und 1 600 strategische Trägersysteme (SNDVs) - ausgenommen.

Sowjetunion

Verifizierung der Einhaltung

Identisch mit der US-Position, außer in der Frage, daß
die sowjetische Zustimmung zur Umrüstung von schweren Bombern zu rein konventionellen Systemen von
der amerikanischen Zustimmung zur sowjetischen
Position über die Reichweite von ALCMs abhängig
gemacht wird.

Vereinigte Staaten

ALCMs
Vereinigte Staaten
ALCMs werden als luftgestützte, nuklear bestückte
Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 1 000
Kilometern definiert. Eine vereinbarte Zahl von ALCMs
(10 auf amerikanischen schweren Bombern, 8 auf
bestehenden sowjetischen schweren Bombern, 10 auf
künftigen sowjetischen schweren Bombern) sollen jedem
für ALCMs ausgerüsteten Typ schwerer Bomber zugerechnet und auf die Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen angerechnet werden. Die amerikanischen schweren Bomber könnten eigentlich für bis zu
20 ALCMs ausgerüstet werden, während die bestehenden sowjetischen schweren Bomber bis zu 12
ALCMs und künftige sowjetische schwere Bomber bis
zu 20 ALCMs aufnehmen könnten.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
ALCMs als luftgestützte Marschflugkörper mit Reichweiten über 600 Kilometern definiert werden.
SLCMs
Vereinigte Staaten
SLCMs werden als seegestützte, nuklear bewaffnete
Marschflugkörper mit einer Reichweite über 300 Kilometer definiert.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
SLCMs als seegestützte, nuklear und konventionell
bewaffnete Marschflugkörper mit einer Reichweite über
600 Kilometer definiert werden.
Vereinigte Staaten
Während der Vertragsdauer werden beide Seiten
parallele, politisch bindende Erklärungen über die
maximale Anzahl von SLCMs, die sie zu stationieren
gedenken, abgeben. Die erste Erklärung von jeder
Seite wird die maximale Anzahl enthalten, die in jedem
derersten fünf Vertragsjahre stationiert werden soll. In
AMERIKA DIENST 14

Die Bestimmungen müssen mindestens folgende Punkte
enthalten: Datenaustausch vor und nach der Durchführung von Reduzierungen; Vor-Ort-Inspektionen zur
Verifizierung von Daten und zur Beobachtung der
Beseitigung der Waffen; kontinuierliche Vor-Ort-Überwachung von Zugängen und Gelände der entscheidenden Produktionsstätten; kurzfristig anberaumte
Inspektionen von Standorten, an denen vertraglich
begrenzte Systeme sowohl während als auch nach
dem Reduzierungszeitraum stationiert sind. Inspektionen von Standorten, an denen eine Vertragspartei
die geheime Produktion, Lagerung, Instandsetzung
oder Stationierung vermutet.
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen von
"verdächtigen Standorten". Recht zur Beantragung
von Inspektionen anderer "verdächtiger Standorte".
Falls die beschuldigte Partei die Inspektion verweigert,
muß sie sich ernsthaft um die Ausräumung der Anschuldigungen bemühen.
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, daß
beide Seiten eine Beschleunigung ihrer Bestrebungen
vereinbaren und sobald wie möglich mit der Durchführung von Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilisierung beginnen, um praktische Erfahrung zu sammeln
und Fragen der Verifizierung schneller zu lösen. Zu
den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen: die Aufnahme von Vor-Ort-Inspektionen im Umkreis und an
den Zugängen zu bestimmten Raketenproduktionsstätten, Datenaustausch über die strategischen Nuklearstreitkräfte beider Seiten und Erörterung des
Problems von SLBMs mit kurzer Flugzeit.
Sowjetunion
Die Sowjets haben den größten Teil der amerikanischen Haltung zur Verifizierung akzeptiert, obgleich es
noch viele Detailfragen zu lösen gilt, insbesondere im
Bereich der Verifizierung mobiler ICBMs.
Die Sowjets haben das Prinzip von Maßnahmen zur
Verifizierung und Stabilität akzeptiert, einige eigene
Vorschläge unterbreitet und die amerikanischen Vorschläge in Genf eingehend erörtert.
Vereinigte Staaten
Mit den Sowjets wurde Einigung über folgende Maßnahmen erzielt:

Seite 3

�1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Sowjetunion
Mit den Vereinigten Staaten wurde Einigung über
folgende Maßnahmen erzielt:
1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Verteidigung im Weltraum
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten streben einen erleichterten
Gemeinsamen Übergang zu einem stabilisierenden
Gleichgewicht bei den offensiven und defensiven StreitSeite 4

kräften an, wenn sich eine effektive Verteidigung gegen
strategische ballistische Raketen als durchführbar
erweist. Die Vereinigten Staaten wollen sich darüber
hinaus die Option erhalten, in angemessenem Tempo
und auf kooperative Art und Weise moderne Verteidigungssysteme zu entwickeln und zu stationieren, wenn
diese einsatzbereit sind. Fragen der Verteidigung im
Weltraum sollten in einem neuen Vertrag behandelt
werden, der auf der Sprachregelung der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington aufbaut sowie
diese erläutert und das Ergebnis des Außenministertreffens in Wyoming bekräftigt, um die unmißverständliche Bedeutung von Verpflichtungen zu gewährleisten, die in künftigen Verträgen eingegangen werden.
Sowjetunion
Fragen der Verteidigung im Weltraum sollten jetzt in
Form eines Protokolls zum ABM-Vertrag und nicht in
einem Vertrag über Verteidigung im Weltraum abgehandelt werden. Die Sowjets haben ein Protokoll
vorgeschlagen, das vom ABM-Vertrag erlaubte und
verbotene Maßnahmen beinhaltet. Ferner haben sie
Maßnahmen zur Berechenbarkeit als integralen Bestandteil des ABM-Vertrags vorgeschlagen, um Vertrauen zu bilden und die Einhaltung des ABM-Vertrags
sicherzustellen. Fragen, über die beide Seiten bis zum
Abschluß des START-Abkommens keine Einigung
erzielt haben, sollen in Gesprächen über strategische
Stabilität nach dem START-Vertrag behandelt werden.
Vereinigte Staaten
Mit der Sowjetunion können keine weiteren Verträge
über strategische Rüstungskontrolle geschlossen
werden, wenn sie nicht ihre Verletzung des ABMVertrags durch das Radar von Krasnojarsk auf verifizierbare Art und Weise und nach amerikanischen
Kriterien korrigiert. Die Vereinigten Staaten haben
sich befriedigt über die Ankündigung der Sowjets
geäußert, das Radar von Krasnojarsk vollständig
abzubauen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben erklärt, daß sie das Radar von
Krasnojarsk vollständig beseitigen werden.
Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.
Sowjetunion
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vert/ac fallenzulassen.

AMERIKA OIF MST 14

�Aktivitäten gemäß ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben Initiativen vorgeschlagen, um die Bedeutung der Sprachregelung "erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung wie im
ABM-Vertrag gestattet" klären zu helfen.
Sowjetunion
Die Sowjets streben Übereinstimmung bei nach dem
ABM-Vertrag erlaubten und verbotenen Aktivitäten in
Form eines Zusatzprotokolls zum ABM-Vertrag an.
Die Sowjets würden Aktivitäten auf eine Interpretation
des ABM-Vertrags begrenzen, die restriktiver ist als
beide Parteien dies 1972 vereinbart haben und möglicherweise noch restriktiver als die "enge Interpretation".
Vereinigte Staaten
Um zu demonstrieren, daß die amerikanische Erprobung weltraumgestützter Komponenten von ABMSystemen, die auf "anderen physikalischen Prinzipien" beruhen und die Fähigkeit haben, eine ABMAbfangrakete zu ersetzen - was nach dem ABMVertrag erlaubt ist - nicht mit der Stationierung solcher
Komponenten gleichzusetzen ist, sind die Vereinigten
Staaten bereit, diese erlaubte Erprobung nur von
bestimmten ABM-Test-Satelliten aus durchzuführen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
Anzahl der gleichzeitig in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten dieses Typs nicht die Zahl überschreiten soll, bei der man gemeinhin bereits von einer
stationierten Fähigkeit ausgehen würde. Den Vereinigten Staaten zufolge liegt die Zahl 15 weit unter
dieser Grenze.

zierungsprobleme auszuschließen und die Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren zu
fördern.

Vertragsdauer/Koppelung
Vereinigte Staaten
Ein Abkommen über Verteidigung im Weltraum wäre
unbefristet. Der ABM-Vertrag wird eingehalten, bis
eine Partei das Recht zur Stationierung ausübt (siehe
unten, Übergang zu Verteidigungssystemen).
Sowjetunion
Die Sowjetunion hat eingewilligt, daß der Abschluß
eines START-Vertrags nicht von einer Einigung über
Fragen der Weltraumverteidigung abhängt. Die Sowjets nehmen jedoch weiterhin das Recht für sich in
Anspruch, den START-Vertrag zu kündigen, wenn sie
zu dem Schluß kommen sollten, daß die Vereinigten
Staaten den ABM-Vertrag, wie sie ihn definieren,
verletzt haben.
Vereinigte Staaten
Ein Vertrag über Verteidigung im Weltraum muß unabhängig sein. Der Abschlu ß eines START-Vertrags und
die Einhaltung des Vertrags sollte nicht an die Lösung
von Problemen der Verteidigung im Weltraum gekoppelt sein. Die Vereinigten Staaten weisen sowjetische
Vorschläge als ungerechtfertigt zurück, mit denen sie
das Recht für sich in Anspruch nehmen, den STARTVertrag zu kündigen, falls sie zu dem Schluß gelangen
sollten, die Vereinigten Staaten hätten den ABMVertrag, wie sie ihn interpretieren, verletzt.

Sowjetunion
Die Sowjets haben die Initiative der Vereinigten Staaten zur Erprobung im Weltraum (ABM-Test-Satelliten)
und auch den Vorschlag über weltraumgestützte ABMRadars oder andere Sensoren zurückgewiesen und
geltend gemacht, sie liefen dem ABM-Vertrag und der
Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington zuwider.
Die Sowjets haben die Aufnahme intensiver Gespräche über die strategische Stabilität nach Abschluß
eines START-Vertrags vorgeschlagen.
Vereinigte Staaten
Die Benachrichtigung über die Erprobung von ABMTest-Satelliten würde im Protokoll über die Berechenbarkeit (siehe unten) Eingang finden.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus vorgeschlagen, daß jede Partei uneingeschränkt weltraumgestützte ABM-Radars oder andere Sensoren entwickeln, erproben oder stationieren darf. Dieser Vorschlag dient dem Ziei, künftige Definitions- und VerifiAMERIKA DIENST 14

Übergang zu Verteidigungssystemen
Vereinigte Staaten
Der ABM-Vertrag würde auch einem Vertrag über
Verteidigung im Weltraum zufolge in Kraft bleiben.
Jeder Seite wäre es jedoch gestattet, ihre Absicht zu
bekunden, Verteidigungssysteme gegen strategische
ballistische Raketen über die Begrenzungen des ABMVertrags hinaus zu stationieren. Nach einer solchen
Ankündigung würde die initiierende Seite spezielle
Maßnahmen für einen kooperativen Übergang zu einem
strategischen Regime vorschlagen, das Verteidigungssysteme zusätzlich zu den vom ABM-Vertrag gestatteten vorsieht. Beide Seiten würden dann intensive
Gespräche über diese speziellen Maßnahmen und die
strategische Stabilität aufnehmen. Nach Ablauf von
drei Jahren und danach könnte jede Seite nach einer
sechsmonatiger Vorankündigung Verteidigungssysteme gegen strategische ballistische Raketen stationieren, falls nicht in der Zwischenzeit eine andere Vereinbarung getroffen wird.

Seite 5

�Sowjetunion
Die Sowjetunion lehnt einen Übergang zu Verteidigungssystemen ab, die über die vom ABM-Vertrag
erlaubten hinausgehen.
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität
werden nach Abschluß eines START-Vertrags aufgenommen. Die Sowjets schlagen vor, daß diese Gespräche sich mit den "Problemen der ABM-Verteidigung (beschäftigen) und dabei die neue Situation
berücksichtigen, die sich aus Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen ergibt". Wenn keine anderslautenden Vereinbarungen getroffen werden, wird nach
diesen Gesprächen jede Seite für sich über ihr weiteres Vorgehen in bezug auf den ABM-Vertrag und den
START-Vertrag bestimmen, wenn sie dabei die entsprechenden Modalitäten dieser Verträge einhält. Die
Sowjets vertreten die Auffassung, daß beim Washingtoner Gipfel kein "Stationierungsrecht" vereinbart wurde,
jedoch die im ABM-Vertrag enthaltenen Rechte das
Vorgehen beider Seiten bestimmen.
Berechenbarkeit
Vereinigte Staaten
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die
Berechenbarkeit bei der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im strategischen
Bereich zur Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten. Als vertrauensbildende
Maßnahmen und um für die strategischen Verteidigungsprogramme der jeweils anderen Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben
die Vereinigten Staaten die folgenden Maßnahmen
vorgeschlagen, die auf der Grundlage von Gegenseitigkeit, Vergleichbarkeit und Freiwilligkeit verwirklicht
werden sollen: jährlicher Austausch programmatischer Daten und Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche von Labors und Beobachtung von Versuchen. Die Vereinigten Staaten lehnen die Anwendung von Maßnahmen zur Berechenbarkeit für Zwekke der Einhaltung des ABM-Vertrags ab. Solche Maßnahmen sollten dazu dienen, die Transparenz zu verbessern und Vertrauen zu bilden. Dadurch könnten
technologische Überraschungen vermieden werden.

sowjetischen Verhätnisses im strategischen Bereich
zu gewährleisten und damit das Risiko eines Atomkrie
ges zu vermindern. Die Sowjets haben einige der
amerikanischen Konzepte für vertrauensbildende
Maßnahmen akzeptiert, darunter Datenaustausch,
Expertentreffen, Besuche in Labors und Beobachtung
von Versuchen. (Die Sowjets haben dem amerikanischen Vorschlag nich' zugestimmt, wonach jährlicher
Datenaustausch Forschungsmaßnahmen umfassen
soll, die durch Nationale Technische Mittel nicht erfaßt
werden können.) Die Sowjets betrachten diese Maßnahmen zur Berechenbarkeit jedoch als Mittel, um die
Einhaltung des ABM-Vertrags zu verifizieren. Darüber
hinaus haben die Sowjets einen freiwilligen Informationsaustausch vorgeschlagen, um Zweifelsfälle im
Hinblick auf den ABM-Vertrag zu klären, der parallel
zur dem für die Lösung von Fragen der Vertragseinhaltung vorgesehenen Mechanismus - dem Ständigen
Konsultativausschuß - stattfinden soll.
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben ein auf Gegenseitigkeit
beruhendes Pilotprogramm zur Verwirklichung der von
amerikanischer Seite unterbreiteten Maßnahmen zur
Berechenbarkeit vorgeschlagen, in dessen Rahmen
jede Seite für ein bestimmtes Projekt jeder Seite einen
Einjahreszyklus von Datenaustausch, Expertentreffen, Informationsgesprächen, Besuchen in Labors,
Beobachtung von Versuchen und Demonstrationen
von Benachrichtigunsverfahren im Hinblick auf ABMTest-Satelliten durchführen würde.
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.
Sowjetunion
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.

Sowjetunion
Die Beteiligten sollen Möglichkeiten erörtern, um Berechenbarkeit bei der Entwicklung des amerikanisch-

*

*

AMF.RKA DIENST 14

Seite 6

:

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10808">
                <text>11.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10809">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10810">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10811">
                <text>Amerikadienst 11.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10812">
                <text>&lt;strong&gt;1. Baker-Schewardnase-Treffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: "es bleibt noch viel zu tun"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drogenkonferenz fördert Anti-Drogenstrategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Gesundheitsminister Sullivan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen: amerikanische und sowjetische Vorschläge &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2138" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2149">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/9c1b772649358c166621e9504bdfbc2c.pdf</src>
        <authentication>5306a5b72a65b8bed604a2b5786bf66a</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10807">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Slto^ssy of the United States of America

0

rt*

2?

&amp;&amp;

?&amp;

•

4. April 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB
VON 12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte
NATO-Mitglied bleiben

DEMOKRATISIERUNG

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN
INSTRUMENT DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council

OFFENER HIMMEL

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes

WIRTSCHAFT

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des
Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
4. April 1990

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB VON
12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben
WASHINGTON - (AD) - Dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, James Dobbins, zufolge, könnte die Einheit Deutschlands juristisch innerhalb
von 12 bis 18 Monaten erreicht werden. In einer Anhörung vor dem Kongreßausschuß für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, die den Beziehungen zwischen dem KSZE-Prozeß und der Vereinigung Deutschlands gewidmet war, erklärte Dobbins am 3. April 1990 jedoch auch, es könne "fünf Jahre oder länger" dauern,
bis die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollständig verwirklicht werden kann. Darüber hinaus betonte
er auf Fragen von Ausschußmitgliedern, daß nach einmütiger Auffassung der Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO bleiben sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von James Dobbins im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, an der Erörterung von Fragen der
Vereinigung Deutschlands und der Bedeutung der
KSZE für diesen Prozeß in diesem Ausschuß teilnehmen zu können. Ich möchte zunächst eine Bilanz des
Zwei-plus-Vier-Prozesses ziehenund dann zur Grenzfrage und den Auswirkungen auf die NATO Stellung
nehmen. Zum Schluß möchte ich noch darüber sprechen, wie der KSZE-Prozeß aus unserer Sicht einen
positiven Beitrag zu einem neuen Europa leisten kann.
Zwei plus Vier
Die amerikanische Unterstützung der Einheit Deutschlands war eine der wichtigsten Konstanten der amerikanischen Außenpolitik seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder Präsident seit Truman hat Unterstützung
für dieses Ziel bekundet. Darüber hinaus war die
Vereinigung Deutschlands ein vordringliches Ziel der
NATO. So definierte zum Beispiel der Harmel-Bericht
von 1967 über "Die künftigen Aufgaben des Bündnisses" die Vereinigung Deutschlands als Ziel des Bündnisses und Schlüssel für eine "endgültige und stabile
Regelung in Europa". In der jüngeren Vergangenheit
wurde diese Verpflichtung des Bündnisses in der
Gipfelerklärung der NATO von 1989 mit den Worten
bekräftigt: "Wir streben einen Friedenszustand in
Europa an, in dem das deutsche Volk seine Einheit
wiedergewinnt." In all diesen Jahren haben wir das
Ziel eines in Frieden und Freiheit innerhalb einer
AMERIKA DIENST 13

demokratischen europäischen Staatengemeinschaft
vereinigten Deutschlands verfolgt. Dies ist genau das,
was wir heute verwirklichen.
Als dieses Ziel in den letzten Monaten in greifbare
Nähe rückte, ließen wir uns von zwei Grundsätzen
leiten: Daß die Vereinigung auf der Grundlage der
Selbstbestimmung der Deutschen verwirklicht und die
legitimen Interessen anderer Staaten berücksichtigen
sollte. Das heißt, daß die Vereinigung im Rahmen
eines umfassenderen Konsultationsprozesses stattfinden muß, wobei ein Schlüsselelement die Einbeziehung der vier Mächte mit ihren fortbestehenden Rechten und Pflichten für Berlin und Deutschland als Ganzes sein muß. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
umfassenderen Konsultationsprozesses haben sich
die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
und der Deutschen Demokratischen Republik sowie
die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens, der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Februar in
Ottawa darauf verständigt, eine Einrichtung ins Leben
zu rufen, die als Zwei-plus-Vier-Forum bezeichnet
wird.
Das erste Zwei-plus-Vier-Treffen am 14. März in Bonn
verlief positiv. Alle Parteien, einschließlich der Sowjetunion, nahmen eine konstruktive Haltung ein. Wie Sie
wissen, wurde dieses Treffen auf "Beamtenebene"

Seite 1

�abgehalten und war Verfahrensfragen gewidmet. Eine
Einigung wurde darüber erzielt, daß Polen bei die
Grenzen dieses Landes betreffenden Fragen beteiligt
würde. Ferner fand ein erster Gedankenaustausch
über die Tagesordnung statt.
Substantielle Gespräche wurden bis nach den DDRWahlen vom 18. März und der Bildung einer neuen,
demokratisch legitimierten Regierung in der DDR vertagt.
Obwohl die DDR noch mit der Bildung einer Regierungskoalition beschäftigt ist, schreitet der Prozeß fort.
Die nächsten Zwei-plus-Vier-Gespräche auf Beamtenebene könnten Ende April stattfinden. Treffen auf
Beamtenebene werden einem Treffen der Minister zu
diesem Thema vorausgehen.
Schon die Übereinkunft zur Schaffung des Zwei-plusVier-Mechanismus an sich war ein positiver Schritt auf
dem Weg zu einer Lösung des deutschen Problems,
mit der die Stabilität und Sicherheit Europas langfristig
verbessert wird. Zwei plus Vier ist ein Forum für
Gespräche überdie Fragen, die sich aus den besonderen Nachkriegsrechten und -pflichten der vier Mächte
für Berlin und Deutschland als Ganzes ergeben. Zur
Einheit Deutschlands gehören Fragen, die die legitimen Interessen der Nachbarn Deutschlands und anderer
europäischer Staaten berühren. Wir sind uns dieser
Tatsache bewußt und gehen davon aus, daß unsere
Partner beim Zwei-plus-Vier-Prozeß unsere Ansicht
teilen. Zwei plus Vier wird eine Aufgabe wahrnehmen,
die nur dieser Mechanismus lösen kann - die Erfüllung
der den vier Mächten vorbehaltenen Rechte und Pflichten und damit gleichzeitig deren Beendigung. Aber
Zwei plus Vier wird keine Beschlüsse für oder über
andere Nationen treffen.
Die Grenzen
Die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze ist
ein gutes Beispiel.
Wie der Präsident klarstellte, erkennen die Vereinigten
Staaten die heutige deutsch-polnische Grenze formell
an und achten die Verfügungen der Schlußakte von
Helsinki über die Unverletzbarkeit der bestehenden
Grenzen in Europa. Als Ergebnis dessen haben die
Zwei-plus-Vier-Teilnehmer vereinbart, Polen zur Teilnahme einzuladen, wenn speziell die Grenzen dieses
Landes betreffende Fragen diskutiert werden. Wir
gehen davon aus, daß diese Regelung sich als befriedigend erweisen wird. Um diesen Prozeß zu fördern,
hat Bundeskanzler Kohl ein Verfahren skizziert, demgemäß das neugewählte Parlament der DDR und der
Bundestag Erklärungen über die Anerkennung der
Grenze abgeben und ein vereinigtes Deutschland einen
neuen Vertrag mit Polen abschließen würde, der die
Anerkennung der bestehenden Grenze bekräftigt. Wir
sind davon überzeugt, daß die beiden deutschen Staaten
diesen Prozeß schon sehr bald in Gang bringen werden.

Seite 2

Auswirkungen auf die NATO
Aufgrund der augenscheinlichen Auflösung des Warschauer Pakts und der sich anbahnenden Einheit
Deutschlands stellt manch einer die Frage, was dies
für die Zukunft der NATO bedeutet. Wir benötigen die
NATO heute aus den gleichen Gründen, aus denen sie
geschaffen wurde. Die NATO bleibt für das Gleichgewicht in Europa unverzichtbar. Trotz der Reduzierungen bleiben die sowjetischen militärischen Fähigkeiten
bei weitem die umfangreichsten in Europa, und diese
Fähigkeiten lassen sich nur durch eine transatlantische Verteidigung ausgleichen. Andererseits erwarten wir, daß aufgrund des nachlassenden Konfliktrisikos die politische Arbeit der NATO an Bedeutung
gewinnt. Die NATO ist grundsätzlich ein politisches
Bündnis, in dem die Risiken und Pflichten für die
Verteidigung gemeinsamer Werte und demokratischer
Institutionen geteilt werden. Viele der positiven Veränderungen in Osteuropa, deren Zeugen wir heute werden, sind bis jetzt weder gesetzlich noch praktisch
verankert. Der Stabilität Europas ist weiterhin durch
die Aufrechterhaltung einer multinationalen Verteidigungsstruktur und ein solides in den westlichen Institutionen verwurzeltes Deutschland am besten gedient
- insbesondere durch seine Vollmitgliedschaft in der
NATO. Die NATO bleibt die wichtigste Komponente
des amerikanischen Engagements in Europa. Ohne
die NATO ließe sich die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und des Kongresses für dieses
Engagement nur schwer aufrechterhalten.
Zunehmend wird uns die Frage gestellt, "Worin besteht die Bedrohung"? Die Antwort darauf lautet, daß
wir mit drei Bedrohungen konfrontiert sind, die wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft Bestand haben
werden: Ungewißheit, Instabilität und Zersplitterung.
Es besteht Ungewißheit, weil die Sowjetunion eine
nukleare Supermacht und Europas stärkste Militärmacht ist und bleibt. Als solche ist sie weiterhin zu
willkürlichen und unberechenbaren Aktionen fähig. Es
herrscht Instabilität aufgrund des Machtvakuums in
Osteuropa, der wiederaufflammenden ethnischen und
nationalen Rivalitäten und einer drohenden Balkanisierung. Und es besteht die Gefahr der Zersplitterung,
weil es ohne die NATO keinen Weg gibt, miteinander
konkurrierende und verschwenderische nationale
Verteidigungspotentiale, das Fehlen eines amerikanischen Gegengewichts und das Risiko wechselnder
Allianzen, die sich in der Vergangenheit als so gefährlich erwiesen haben, auszuschließen.
Aus diesen Gründen sind wir fest davon überzeugt,
daß
ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der
NATO sein sollte,
ein vereinigtes Deutschland vollständig in die
integrierte militärische Struktur der NATO einbezogen sein sollte, und

AMERIKA DIENST 13

�das gesamte Territorium eines vereinigten
Deutschlands von der Sicherheitsgarantie der
NATO abgedeckt sein sollte.
Die Rolle der KSZE
Der KSZE-Prozeß hat bereits einen wesentlichen Beitrag
zu den in Mittel- und Osteuropa stattfindenden Veränderungen, insbesondere zur Demokratisierung der
DDR, geleistet. Der Prozeß der Vereinigung durch
friedlichen und demokratischen Wandel ist vielleicht
die dramatischste Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Prinzipien.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den richtigen Ansatz zu einer Bereicherung der KSZE zu finden
und den Beitrag zu erweitern, den sie leisten kann. Wir
haben Vorschläge für alle drei "Körbe" der KSZE
unterbreitet. Bei der Bonner Wirtschaftskonferenz
haben wir eine Reihe von Prinzipien zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit als Richtlinien für allseitig vorteilhafte Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den KSZE-Staaten vorgelegt. Bei der bevorstehenden Konferenz über die menschliche Dimension in
Kopenhagen werden die Vereinigten Staaten eine
wichtige Wahlinitiative unterbreiten, die das Recht zur
Bestimmung einer Regierung durch freie und faire
Wahlen kodifizieren und die von den osteuropäischen

* *

AMERIKA DIENST 13

Nationen im Verlauf dieses wichtigen Wahljahres erzielten Fortschritte festschreiben soll. Bis zum Gipfeltreffen Ende 1990 möchten wir eine historische Vereinbarung über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa unterschriftsreif haben. Die Unterzeichnung des KSE-Vertrags bildet den krönenden
Abschluß eines Jahres beachtlicher Fortschritte in
Europa in allen drei Schlüsselbereichen der KSZE:
Sicherheit, Wirtschaft und die menschliche Dimension.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir ein
KSZE-Gipfeltreffen im Jahr 1990 zur Unterzeichnung
eines KSE-Abkommens gefordert, um der Arbeit an
allen Körben des KSZE-Prozesses neuen Auftrieb zu
verleihen und die Aussichten für die Folgekonferenz im
Jahr 1992 weiter zu verbessern. Wir sind der Überzeugung, daß ein kraftvoller und gestärkter KSZE-Prozeß
einen maßgeblichen Beitrag zu einem internationalen
Umfeld leisten kann, in dem die demokratischen Experimente in Mittel- und Osteuropa gedeihen können, in
dem ein vereinigtes Deutschland sich kooperativer
Beziehungen mit seinen Nachbarländern in Ost und
West erfreuen und in dem die Sowjetunion ihre Streitkräfte aus Mittel- und Osteuropa ohne Nachteil für ihre
Sicherheit abziehen kann.

* *

*

Seite 3

�DEMOKRATISIERUNG
4. April 1990

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN INSTRUMENT
DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Baker erklärte am 30. März 1990, "Demokratie ist ein praktisches
Instrument der Diplomatie", das die Vereinigten Staaten zur Förderung friedlicher Veränderungen auf der Welt
einsetzen, um eine zunehmend demokratische internationale Gesellschaft zu schaffen.
In seiner Rede beim World Affairs Council in Dallas (Texas) erklärte Baker, es gäbe in einer Zeit, in der die
Diktaturen von rechts und links hinweggefegt und neue Demokratien geboren werden, keine Alternative zur
amerikanischen Führungsrolle.
"Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens",
betonte Baker. "Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und freie Wahlen - die 'Fahrkarte' für die Reise zur
Demokratie - immer wieder bestätigt".
"Merkmale einer demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der
Andersartigkeit - eine Toleranz, die dem Mi ßbrauch der Rechte des einzelnen durch selbsternannte Minderheiten
oder tyrannische Mehrheiten vorbeugt," erklärte Baker und verwies auf die diesbezügliche Äußerung Präsident
Bushs, "unsere neue Mission lautet Förderung und Konsolidierung der Demokratie".
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, hier in Dallas zum World
Äff airs Council sprechen zu dürfen. Diese Vereinigung
ist an zahlreichen Orten vertreten und hat sich überall
in den Vereinigten Staaten ein hehres Ziel gesetzt: die
Information und die Debatte. In unserer sich schnell
verändernden Welt kann dies einen hohen Stellenwert
haben. Denn die Demokratie hier und anderswo hängt
von informierten Bürgern ab, die in der Lage sind, sich
eine Meinung zu bilden und dann den Kurs der internationalen Politik mitzubestimmen.
Heute möchte ich über unsere Welt und wie wir sie
verstehen, sprechen und erörtern, was wir für unsere
Ideale und unsere Interessen tun.
Nach dem Containment - Demokratie
Als der Präsident vor etwas über einem Jahr sein Amt
antrat, sprach er von einem neuen Wind der Freiheit.
Dieser Wind hat sich in einen Sturm von gro ßer Stärke
verwandelt. Auf der ganzen Welt sind die Diktaturen
von rechts und links hinweggefegt und die Menschen
erhört worden. Ihre Wünsche sind grundlegender
Natur: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, freie Wahl des Arbeitsplatzes. Und all ihre Frei-

AMERIKA DIENST 13

heiten äußern sich in der Forderung nach Demokratie,
der Freiheit zur Wahl einer eigenen Regierung.
Wir waren alle überrascht, wie schnell das langgehegte demokratische Ideal in die Realität freier und fairer
Wahlen umgesetzt wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg
sind demokratische Werte von der Bedrohung totalitärer Aggression überschattet worden. Angesichts der
Tatsache, daß die Bedrohung abnimmt und sich der
Schatten lichtet, kommen diese Werte jetzt ans Tageslicht.
Gegenwärtig findet bereits eine große neue - tatsächlich eine große alte - Debatte statt, mit Argumenten, die
so alt sind wie unsere Republik. Jetzt, da die Gegner
der Demokratie geschwächt sind, heißt es, wir sollten
den Rückzug antreten, unsere Mission als beendet
betrachten und uns den Problemen im Inland zuwenden. Das ist nicht meine Meinung. In der neuen Welt,
die jetzt in den Wehen liegt, gibt es - wie auch in der
untergehenden alten Welt - keine Alternative für die
amerikanische Führungsrolle.
Ich möchte es folgendermaßen verdeutlichen: Nach
dem Containment kommt die Demokratie. Die Zeit, in

Seite 1

�der die alten Diktatoren hinweggefegt werden, geht
schnell vorbei, die Zeit des Aufbaus neuer Demokratien bricht an. Deshalb hat Präsident Bush unsere
neue Mission als Förderung und Konsolidierung der
Demokratie betrachtet. Das ist eine Aufgabe, die
amerikanischen Idealen und Interessen dient.

Mehrheit muß die Rechte der Minderheiten berücksichtigen.

Ich möchte fünf Beobachtungen über Demokratie und
demokratische Außenpolitik machen.

Wir wissen, daß nur allzuoft das Ideal der Demokratie
nicht im Alltag verwirklicht wird. In der Geschichte
unseres eigenen Landes hat das tägliche Leben oftmals nicht den eigenen Maßstäben standgehalten.
Dennoch ist es Realität, daß in einer Demokratie der
Weg zum Fortschritt niemals verschlossen ist. Im
demokratischen Prozeß ist immer die Selbsterneuerung, ein Element zur Korrektur eigener Fehler präsent, das es uns gestattet, Schnitzer wettzumachen
und den Kurs zu korrigieren.

Die Bedeutung der Demokratie heute - die Aufgabe
des einzelnen
Demokratie bedeutet zunächst Rechte und Pflichten
des einzelnen. Bei allem Reden über sich verändernde Systeme, Strukturen und Prozesse wäre es einfach, den einzelnen zu übersehen. Aber der Grundgedanke der Demokratie besagt, daß die Rechte und
Pflichten des einzelnen als zwei Seiten derselben
Münze betrachtet werden müssen. Ebenso wie der
einzelne Ideale und Hoffnungen hegt, hat er auch
seine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Dertschechoslowakische Präsident Havel hatinjüngster Zeit darauf
verwiesen, daß Demokratie eine lange Reise zu unseren Idealen ist - eine Reise, bei der wir von der Realität
eingeholt werden, daß das Leben nicht immer so
gerecht ist wie wir es gern hätten.
Vor langer Zeit suchte bereits der Philosoph Plato nach
einer perfekten Ordnung und strebte die Herrschaft
einer Elite - der Wächter - an, die als Weise ausgebildet
werden sollten. Sie sollten nach strengen Grundsätzen öffentliche Angelegenheiten entscheiden und über
die Moral wachen. Die Demokratie bietet Platz für
Weisheit und Ideale, aber dieser Platz ist in den Herzen
und Köpfen und im Charakter der Menschen. Wir alle
sind die Wächter der Demokratie. "Vertraue dem
Volk" ist der Leitspruch der Demokratie und "wir, das
Volk" leben danach. Demokratie ist die Aristokratie
der Vortrefflichkeit des einzelnen, und die Rechte des
einzelnen bleiben die Grundlage für unsere Haltung
gegenüber aufstrebenden Demokratien.
Demokratie und politische Legitimation
Meine zweite Beobachtung über Demokratie gilt ihrer
einzigartigen Legitimation. Das Vertrauen der Demokratie auf den einzelnen wird von der Zustimmung des
einzelnen zur demokratischen Regierung erwidert.
Eine solche Regierung ist deshalb im politischen Sinne
legitim - rechtmäßig und gerechtfertigt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen
basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens. Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und
freie Wahlen - die "Fahrkarte" für die Reise zur Demokratie - immer wieder bestätigt. Merkmale einer
demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit eine Toleranz, die dem Mißbrauch der Rechte des
einzelnen durch selbsternannte Minderheiten oder
tyrannische Mehrheiten vorbeugt. Die Herrschaft der
Seite 2

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Demokratie,
den wir uns vor Augen führen sollten - die Fähigkeit zur
Verbesserung eigener Fehler.

Da Demokratie ihre Legitimität immer wieder unter
Beweis stellen kann, wird sie nicht nur nationale Fortschritte gewährleisten, sondern auch internationale
Harmonie schaffen. Freie Völker mit demokratischen
Werten werden kaum einen Krieg gegeneinander führen.
Demokratie allein genügt nicht
Meine dritte Beobachtung lautet, daß Demokratie allein nicht ausreicht. In der Geometrie lernen wir, daß
ein Dreieck am stabilsten ist. Die politische Geometrie
einer erfolgreichen Demokratie sollte uns lehren, daß
eine freie Gesellschaft auch von wirtschaftlichen Fortschritten und grundlegender Sicherheit getragen werden muß. Krieg und Armut sind die größten Gegner
demokratischer Gesetze, demokratischer Toleranz und
der Rechte des einzelnen.
Viele der jüngsten demokratische Revolutionen in Europa
nahmen ihren Anfang, als die Menschen schließlich
erkannten, daß wirtschaftliche Fortschritte von Freiheit am Arbeitsplatz und Recht auf Privateigentum
abhingen - und daß diese Freiheiten wiederum nur von
einer Regierung gewährleistet werden konnten, die
Verständnis für die Menschen aufbringt. Ideologien,
die freies Unternehmertum abschaffen und die Produktion von Wohlstand lenken wollten, haben weder
Brot noch Freiheit gebracht.
Wir müssen deshalb die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekte der neuen Demokratien bereits fördern, wenn sich die politische Basis formiert.
Ein Volk mit Hoffnung auf ein besseres Leben, das im
Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn lebt, ist
ein Volk, für das Demokratie nicht nur ein Experiment
auf Zeit, sondern ein ständiger Kurs ist. Eine Strategie,
die sich in Beifall für Wahlen und Hoffnung auf das
Beste erschöpft, ignoriert die schmerzlichen Lektionen
der Vergangenheit. Nur eine Strategie, die Demokratie mit wirtschaftlichen Reformen und größerer internationaler Sicherheit untermauert, kann uns die Kraft für
die großen Umstellungen geben, mit denen die Revolutionen von 1989 in die Demokratien der neunziger
Jahren verwandelt werden können.

AMERIKA DIENST 13

�Außenpolitik und demokratische Werte
Meine vierte Beobachtung lautet, daß amerikanische
Außenpolitik demokratische Werte widerspiegeln muß.
Das scheint offensichtlich. Dennoch wollen manche
Amerika im Namen seiner Ideale von einer Welt abkoppeln, die der Demokratie oftmals feindlich gegenübersteht. Und es gibt andere, die sich für eine
Realpolitik aussprechen, bei der nur wirtschaftliche
oder militärische oder politische Interessen und nicht
unsere Werte zählen.

»

Wir können uns in beiden Meinungen wiedererkennen.
Wie oft streben wir nach Idealen, die wir nicht erreichen? Wie oft kommen wir nach der Durchführung
eigennütziger Maßnahmen zu dem Schluß, daß wir
vielleicht nicht ganz richtig gehandelt haben?
Als Individuen haben wir Erfolg, wenn wir uns mit Hilfe
all unserer Eigenschaften für andere einsetzen, wenn
wir auf dieser Welt Dinge nicht nur aus Eigennutz oder
Zufriedenheit mit dem Status quo tun, sondern im
Hinblick auf unsere Ideale etwas verändern.
Meiner Ansicht nach müssen wir in unserer Außenpolitik denselben Ansatz verfolgen. Amerikas Ideale sind
das Gewissen für unser Tun. Unsere Macht ist das
Instrument zur Verwirklichung dieser Ideale. Unsere
Außenpolitik und unser Verständnis gegenüber anderen Ländern sind der Plan für diese Arbeit.

,

&gt;.

Wenn wir in ein neues Zeitalter der Demokratie eintreten, müssen die alten Argumente von Idealismus
gegen Realismus durch Idealismus plus Realismus
ersetzt werden. Wenn wir das nicht erkennen, werden
wir den Verlust der permanenten öffentlichen Unterstützung für unsere Politik riskieren. Meiner Ansicht
nach zeigt die Geschichte, daß das amerikanische
Volk nicht lange eine Politik unterstützen wird, die
seiner Auffassung von humanen Werten widerspricht,
so sehr sie auch als nationales Interesse gerechtfertigt
wird. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, daß die
Amerikaner auch eine Politik abweisen werden, die
primär auf dem moralischen Zeigefinger basiert und
unseren Handlungsspielraum außer acht läßt. Wenn
wir den neuen Demokratisierungstendenzen Beifall
spenden, haben wir ein gutes Gefühl. Aber diese
Tendenzen sind Möglichkeiten und Herausforderungen, keine dauerhaften Tatsachen. Wir dürfen uns
nicht nur gut fühlen, sondern wir müssen Gutes tun.
Demokratie als Instrument der Diplomatie
Meine fünfte Beobachtung ist, daß eine Politik der
Demokratie Kettenreaktionen auslöst und ein mächtiges Instrument zur Mobilisierung internationaler Aktivitäten ist. Eine Politik, die auf unsere nationalen Werte
zurückgreift und sich der Unterstützung des amerikanischen Volkes erfreut, macht unseren Einfluß automatisch effektiver. Eine auf Demokratie konzentrierte
Politik ist jedoch auch in dem Sinne Auslöser einer
Kettenreaktion, weil wir sie einsetzen können, um
AMERIKA DIENST 13

unsere Freunde und Verbündeten für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und sie berechtigt zu Hoffnungen der Völker, die immer noch von Diktaturen unterdrückt werden.
Den Vereinigten Staaten schiene es vernünftig, wenn
sie eine Führungsrolle unter den Bündnissen marktwirtschaftlich orientierter Demokratien in Asien, Europa, Nord- und Südamerika bei der Unterstützung von
Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit übernehmen
würden. Wir können unsere gemeinsamen Werte zur
Kombinierung unserer Stärke und Förderung der Interessen aller in einer freien und friedlichen Welt einsetzen. Dies haben wir bei der Organisierung von Hilfe für
die Länder Mittel- und Osteuropas getan. Dies gilt
auch für Mittelamerika, wo wir unsere Freunde und
Verbündeten gedrängt haben, ihre Aktivitäten demokratischen Normen anzupassen und nicht nur ihre
unmittelbaren geopolitiscnen Interessen im Auge zu
behalten. Wir haben so gehandelt, weil wir der Überzeugung sind, daß Demokratie und nationale Interessen der Demokratien sich gegenseitig verstärken.
Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht alle
unsere Ansicht teilen. Einige trauern der Zeit hinterher, als die Vereinigten Staaten alles im Alleingang
machen mußten. Andere scheinen die Auffassung zu
vertreten, wenn wir nicht die größten Beiträge leisten,
wenn wir nicht jedes Hilfsprogramm in allen Eiznelheiten verwalten, dann hätten wir nicht länger Anspruch
auf eine Führungsrolle.
Zweifelsohne ist dies nicht unsere Meinung, und ich
möchte Ihnen erläutern warum.
In den vierziger Jahren war die amerikanische Führungsrolle unbestritten. Wir verfügten über unerschöpfliche Ressourcen, sahen uns mit einer Welt in Trümmern konfrontiert und haben uns der Herausforderung
gestellt. Wir konnten unseren Verbündeten wieder auf
die Beine helfen und unsere ehemaligen Gegner als
Freunde gewinnen. Dank dieser von beiden Parteien
getragenen erfolgreichen Politik erhalten wir bei der
Bewältigung der weltweiten Probleme Hilfe von allen
Seiten. Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten ist
kein Zeichen amerikanischer Schwäche, sondern Beweis
für unsere Stärke. Und diese Stärke sollte von zeitgemäßer Klugheit geleitet sein, ebenso wie die Amerikaner vor 45 Jahren psychische und physische Kraft bei
der Bewältigung völlig anderer Situationen eingesetzt
haben. Heute können wir unserer Führungsrolle noch
sehr viel besser gerecht werden als damals, weil die
Demokratie auf dem Vormarsch ist.
FalM: Mittelamerika
Diese Betrachtungen über Demokratie und unsere
Außenpolitik sind nicht spekulativer Art. Sie sind
vielmehr ein Leitfaden für die Praxis und haben sowohl
bei unserer Denkweise als auch bei einigen unserer
jüngsten außenpolitischen Leistungen eine entscheidende Rolle gespielt.
Seite 3

�Als erstes Beispiel möchte ich die jüngsten Entwicklungen in Mittelamerika anführen. Bei Amtsantritt des
Präsidenten befand sich die amerikanische Politik
gegenüber dieser wichtigen Region - unserer unmittelbaren Nachbarschaft - in Schwierigkeiten. Es war das
kontroverseste Thema, mit dem wir uns konfrontiert
sahen. Dem Kongreß und der Exekutive war es nicht
gelungen, einen Konsens bezüglich der Bewältigung
des Problems zu erzielen oder, abgesehen davon, es
zunächst einmal überhaupt zu definieren. Auch das
amerikanische Volk war gespalten - was praktisch
unweigerlich zum Scheitern führt.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma war die Rückkehr zu amerikanischen Prinzipien. Anfang letzten
Jahres beschloß der Präsident, Demokratie als regionale Zielsetzung und Wahlen als Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels zu definieren. Damit wurde der
Schwerpunkt wieder dorthin verlagert, wo er hingehörte. In Nicaragua - einem Au ßenposten der Unterdrükkung in einer Region von Demokratien - wurde das
Verhalten der Sandinisten gegenüber der nicaraguanischen Gesellschaft, nicht der nicaraguanische Widerstand zum Hauptthema. In Panama beraubte General
Noriegas brutale Mißachtung des Votums freier Wahlen ihn seines Anspruchs auf rechtmäßige Herrschaft
und ebnete den schwierigen Weg zur panamaischen
Demokratie. Bei einer weiteren, trotz gewalttätiger
Aktionen in El Salvador durchgeführten freien Wahl
erhielt Präsident Christiani das Mandat, Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zu führen und eine
Chance, die ernsthaften Absichten im Bereich der
Menschenrechte unter Beweis zu stellen.
Dank Demokratie gelang es uns, den gordischen Knoten
zu zerschlagen, dereine von beiden Parteien getragenen Politik verhinderte. Am 24. März 1989 wurde im
Weißen Haus eine Vereinbarung zwischen beiden
Parteien unterzeichnet, mit der Republikaner und
Demokraten für ein gemeinsames Anliegen eintreten
können. Auch außerhalb Washingtons konnte die
Unterstützung des amerikanischen Volkes dafür gewonnen werden. Endlich sprachen die Vereingten
Staaten mit einer Stimme. Als unmittelbares Ergebnis
stimmte der Kongre ß für eine Verlängerung humanitärer Hilfe für den Widerstand bis Ende Februar 1990.
Auf der Grundlage dieser überparteilichen Betonung
auf Demokratie wandten wir uns an die mittelamerikanischen Länder. Im Abkommen von Esquipulas fand
ihr Wunsch nach Frieden, Demokratie und dem Ende
der Unterstützung für blutige Revolutionen in anderen
Ländern seinen Niederschlag. Was fehlte, war ein
wirksamer Mechanismus, um diesen Wunsch Realität
werden zu lassen. Als die mittelamerikanischen Präsidenten in Tesoro Beach einen binnen 90 Tagen
festzulegenden gemeinsamen Plan zur Demobilisierung des Widerstands vereinbarten, wurde er damals
weithin als Niederlage für die Vereinigten Staaten
interpretiert. Die Kehrseite des gemeinsamen Plans

Seite 4

war jedoch die Forderung, daß die Sandinistische
Regierung ein Jahr früher als geplant international
überwachte Wahlen durchführen mußte - am 25. Februar
1990.
Dank dieser Verfügung konnten wir unsere europäischen Verbündeten davon überzeugen, ihre Wirtschaftshilfe an Nicaragua von der Durchführung freier und
fairer Wahlen abhängig zu machen - was sie taten. Im
April 1989 wurde eine von Schweden finanzierte
Konferenz der Geberländer für Nicaragua veranstaltet. Präsident Ortega räumte später ein, er habe nur
einen Bruchteil dessen erhalten, was er sich vor den
Wahlen erhofft hatte.
Schließlich trugen all diese Entwicklungen zu einem
wirksameren Ansatz gegenüber der Sowjetunion bei.
Dank der fortschreitenden Demokratisierung konnten
wir die Sowjets mit einem zunehmenden internationalen Konsens zu Wahlen konfrontieren. Wir brachten
das Argument vor, wenn mit Moskaus Hilfe rechtmäßige Regierungen sabotiert würden - sei es eine frei
gewählte Demokratie in El Salvador oder der Wahlprozeß in Nicaragua - würde dies starke Auswirkungen
auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen insgesamt haben. Und wir konnten den Widerspruch
zwischen dem Schüren von Konflikten durch die Sowjets
und ihrem offensichtlichen Wunsch nach kooperativeren Beziehungen bei der Bewältigung regionaler Probleme aufdecken. Infolgedessen stimmte Moskau
noch vor den Wahlen öffentlich zu, sowohl den Wahlprozeß als auch sein Ergebnis zu respektieren.
Wir waren zu der Garantie bereit, daß die Wahlen so
sauber - so frei und fair - wie möglich abgehalten
wurden. Der Kongreß befürwortete den Antrag des
Präsidenten auf finanzielle Unterstützung der Wahlaktivitäten, dank der wir internationale Beobachter nach
Nicaragua entsenden konnten. Zusammen mit den
nicaraguanischen Parteien stellte die National Endowment for Democracy finanzielle Mittel bereit. Wir
maßen dieser Tatsache große Bedeutung bei, weil
damit die demokratische Opposition UNO zumindest
in minimalem Umfang gegen die Sandinistische Partei
antreten konnte, die Ressourcen des gesamten Staates einsetzte.
Schließlich haben wir energisch protestiert und jeden
Fall unfairen und willkürlichen Vorgehens zur Sprache
gebracht. Wir waren uns sicher, daß die Demokratie
rasch zur Blüte gelangen würde, wenn im Scheinwerferlicht der Publizität diejenigen bloßgestellt würden,
die sie im Keim zu ersticken versuchten. Auf die
Sandinisten wurde Druck ausgeübt, damit sie ein
ehrliches Spiel spielten.
Ich zähle all diese Fakten hier auf, weil sie meines
Erachtens ein Umfeld, ein Klima schufen, das der
Demokratie in Nicaragua höchst förderlich war, wie es
in den Wahlen dann zum Ausdruck kam. Der einzelne
Nicaraguaner - jeder einzelne, auf dem die demokra-

AMERIKA DIENST 13

�tischen Hoffnungen ruhten - wußte, daß er nicht allein
war. Die Abstimmung in einer freien und fairen Wahl
war kein einsamer, verzweifelter Akt, sondern ein
Schritt in eine bessere Zukunft.
Nun, da eine demokratische Regierung in Nicaragua
gewählt worden ist, wissen wir, daß Nicaraguas Genesung von den Jahren des Bürgerkriegs und marxistischer Mißwirtschaft teuer und schmerzhaft sein wird.
Dort und in Panama müssen wir Hilfe leisten, um die
neuen Hoffnungen in reale Fortschritte umzusetzen.
Aus diesem Grund hat der Präsident einen neuen 800Millionen-Dollar-Fonds für die Demokratie vorgeschlagen - als unseren Beitrag zu multilateralen Bemühungen , unseren Nachbarn wieder auf die Beine zu helfen.
Das sind keine Almosen. Es ist eine Investition in die
demokratischen Werte, die wir mit unseren Nachbarn
teilen. Denn von Guatemala bis Panama bietet sich
uns eine breite Perspektive neuer Möglichkeiten der
Demokratisierung, Demilitarisierung und Entwicklung,
die allen Menschen der Region eine vielversprechende Zukunft bietet. Mit unserer Hilfe und der Hilfe
anderer demokratischer Länder kann und wird dies
verwirklicht werden.
Fall 2: Mittel- und Osteuropa
Mein zweites Beispiel für das Funktionieren einer
demokratischen Außenpolitik betrifft Mittel- und Osteuropa. Befreit von Furcht und fest entschlossen, ihre
Würde und Hoffnung wiederzugewinnen, haben die
leidgeprüften Völker hinter dem Eisernen Vorhang
diesen schließlich niedergerissen.
Kurz nachdem eine Bresche in die Berliner Mauer
geschlagen worden war, habe ich diese geteilte Stadt
im vergangenen Dezember besucht. Ich schaute
lange durch eines der in jene häßliche Mauer gebrochenen Löcher, und was ich sah war eine großartige
Stadt, die nach Wiedergeburt strebte. Und darüber
hinaus waren alte Nationen mit neuer Hoffnung belebt
worden. All dies ließ sich in einem einfachen Wort
ausdrücken: Demokratie.
Bei meinem Besuch in Prag vor einem Monat sprach
ich von der Konsolidierung der Demokratie in der
gesamten Region. Es war für die Völker Mittel- und
Osteuropas wichtig zu wissen, daß die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, nicht sie
allein betreffen. Auch wir stehen vor einer Herausforderung. Wir werden wegen unserer demokratischen
Werte und des Erfolgs unseres Wirtschaftssystems
bewundert. Die Menschen bitten uns um Hilfe - keine
Almosen -, aber eine Art von Hilfe, die Selbsthilfe
hervorbringt. Ausbildung, Rat und Erfahrungsaustausch zählen mehr als Geld. Wir müssen bereit sein,
dies zu gewähren.
Unser Programm für Kooperation und Hilfe hat drei
Schwerpunkte, die nicht alle wirtschaftlicher Natur
sind. Erstens werden wir uns für das Konzept freier

AMERIKA DIENST 13

und regelmäßiger Wahlen einsetzen. Der Präsident
hat vorgeschlagen, daß dies als Programm der aus 35
Teilnehmerländern bestehenden Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verabschiedet werden sollte. Wir entsenden ferner Wahlbeobachter in alle Länder Mittel- und Osteuropas, die
ihre ersten Schritte zur Demokratie unternehmen. Das
Ziel dieser Maßnahmen besteht darin, die Demokratie
zum legitimen Prinzip in ganz Europa zu machen.
Zweitens bemühen wir uns mit unseren Verbündeten
und der Sowjetunion darum, Rüstungen und Streitkräfte, die einander in Europa gegenüberstehen, zu reduzieren.
Drittens bieten wir wirtschaftliche Unterstützung für
den schmerzhaften Übergang zu marktwirtschaftlichen Systemen an. In Gesellschaften, die gerade erst
beginnen, die marxistisch-leninistischen Wirtschaftssysteme zu überwinden und häufig die Grundlagen
eines freien Marktes vermissen lassen, ist dies eine
äußerst schwierige Aufgabe. Wir sind jedoch der
Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten, unsere
Verbündeten in Europa und Japan sowie die internationalen Wirtschaftsinstitutionen erfolgreich dabei zusammenarbeiten können, diesen Ländern zu helfen,
den ihnen so lange verwehrten Fortschritt zu erlangen.
Zweck all dieser Anstrengungen sollte die Schaffung
eines gesunden Umfelds für die wirklich treibende
Kraft lang anhaltenden Wachstums sein - umfangreiche Investitionen und Entwicklung des Privatsektors.
Wir verbinden unsere Hilfe mit unseren Werten und
zeigen, wie unsere Werte hilfreich sein können. Unsere Hilfe muß sich an einem einzigen Maßstab messen
lassen: Ob sie Demokratie und wirtschaftliche Freiheit
fördert.
Ich möchte hier kurz auf unsere Politik der Demokratisierung und ihre Auswirkungen auf die Sowjetunion
eingehen. Wir haben ein Interesse an der Perestrojka,
das über die Geopolitik hinausgeht. Wenn die Perestrojka eine demokratischere und offenere sowjetische Gesellschaft mit Rechten für den einzelnen und
wirtschaftlichem Fortschritt zur Folge hat, dann wird
sich dies langfristig sehr vorteilhaft auf die sowjetische
Außenpolitik auswirken. Demokratie in der Sowjetunion ist meines Erachtens die beste Garantie für einen
konstruktiven sowjetischen Ansatz bei internationalen
Problemen.
Fall 3: Die Erschließung neuer Bereiche
Den dritten und letzten Fall praktischer Demokratie
würde ich als "Erschließung neuer Bereiche" bezeichnen. Im Verlauf dieser Rede habe ich stets argumentiert, daß die Demokratie sowohl amerikanischen Idealen als auch amerikanischen Interessen dient. Ferner
ist die Demokratie ein praktisches Instrument der
Diplomatie, nicht das einzige, aber ein besonders
wertvolles, mit dem im In- und Ausland Unterstützung

Seite 5

�für unsere Außenpolitik mobilisiert werden kann.

Schlußbemerkung

Die Demokratie spricht universelle Bestrebungen an um jene berühmten amerikanischen Worten zu zitieren "ohne Ansehen von Rasse, Glauben oder Hautfarbe". Ich lehne die Ansicht ab - und hoffe, daß auch die
Vereinigten Staaten dies stets tun werden -, daß die
Demokratie nur für bestimmte Gesellschaften gilt und
in Afrika, Asien oder Südamerika, ja selbst im Nahen
Osten fehl am Platz ist. Ich setze dem entgegen:
Denkt an das Motto "Vertraut dem Volk".

Ich möchte meine Ausführungen mit folgendem Gedanken beenden. Als ich auf dem College die Klassiker studierte, machte ich die erstaunliche Entdeckung,
daß die meisten antiken Philosophen die Demokratie
fürchteten. Diejenigen, die sich mit den Auseinandersetzungen über unsere Verfassungen im 18. Jahrhundert beschäftigen, werden ebenfalls diese Furcht antreffen. Es bestand ein unterschwelliger Verdacht, der
einzelne werde korrumpiert, einfache Männer und
Frauen wären einer Selbstregierung einfach nicht
gewachsen.

Weil wir nicht nur hier oder in Europa oder Mittelamerika dem Volk vertrauen, sondern überall auf der Welt,
setzen wir Demokratie und Wahlen als wertvolle Instrumente ein, um regionale Konflikte zu beenden und
nationale Aussöhnung zu bewirken. Dazu möchte ich
kurz einige Beispiele nennen:

Unsere Gründerväter überwanden diese Furcht und
hinterließen uns ein Vermächtnis des Vertrauens in
den Bürger, das unsere größte politische und moralische Stärke ausmacht. Unsere Au ßenpolitik war stets
dann am besten, wenn sie aus dieser Stärke schöpfte
und unser Land zu einer treibenden Kraft für das Gute
in der Welt machte. Heute, nach schweren Jahren der
Verteidigung demokratischer Werte, ist unser ursprüngliches Vertrauen erneuert worden.

In Namibia, an dessen Feiern zur Unabhängigkeit ich
kürzlich teilnahm, waren freie und faire Wahlen ein
Schlüsselelement der Regelung, mit der die letzte
Kolonie Afrikas befreit, ein Bürgerkrieg beendet und
eine neue Regierung mit einer demokratischen Verfassung eingesetzt wurden. Wir sind davon überzeugt,
daß freie und faire Wahlen eine ähnliche Rolle bei der
Förderung nationaler Versöhnung in Angola und Südafrika spielen können.

Einfache Menschen sind wahrhaft die Helden unserer
Zeit. Einfache Menschen haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Einfache Menschen haben die Diktatoren abgesetzt. Einfache Menschen haben in Mittelamerika für die Demokratie gestimmt.

Im arabisch-israelischen Konflikt betrachten wir Wahlen in den besetzten Gebieten als Katalysator für die
Herbeiführung eines konstruktiven israelisch-palästinensischen Dialogs, der beiden Völkern den so dringend benötigten Frieden bringen könnte.

Wie einst unsere Gründerväter aufgrund ihres Vertrauens in die Bürger eine neue demokratische Gesellschaft aufbauten, so muß sich unsere Außenpolitik
heute auf dasselbe Vertrauen gründen, um eine neue
demokratische Völkergemeinschaft aufzubauen. Das
In Kambodscha betrachten die fünf Ständigen Mitglie- ist unsere Chance und unsere Herausforderung. Ich
der des UN-Sicherheitsrats eine freie und faire Wahl bin sicher, daß wir es mit der Hilfe jedes Amerikaners
als besten Weg, um den Streit über die legitime Regie- schaffen werden.
rung dieses gepeinigten Landes endlich zu beenden,
indem das kambodschanische Volk die langersehnte
Chance erhält, seine politische Führung selbst zu
wählen.

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 13

�OFFENER

HIMMEL
4. April 1990

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT
BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß Vorschläge in Zusammenhang mit dem Regime
des Offenen Himmels beim Washingtoner Treffen der Außenminister Baker und Schewardnadse vom 4.-6. April
1990 auf der Tagesordnung stehen werden.
Wie der Leiter der amerikanischen Delegation bei der Konferenz über den Offenen Himmel, Botschafter John
Hawes, am 29. März 1990 vor Mitgliedern des Kongresses erklärte, wollen die Vereinigten Staaten das
Programm zur Durchführung unbewaffneter, multilateraler Aufklärungsflüge von Kalifornien im Westen bis
Wladiwostok im Osten "energisch" weiterverfolgen. Ein Regime des Offenen Himmels könne zu den sich
gegenwärtig entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa beitragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Hawes im Wortlaut.
Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit, über Ziele
und Stand der Verhandlungen über den Offenen Himmel
sprechen zu können. Diese im Februar in Ottawa
eröffneten Gespräche sind das Ergebnis des Vorschlags, den Präsident Bush im Mai des vergangenen
Jahres in einer Rede bei der Texas A and M University
vorgebracht hat. Sie sollen am 23. April in Budapest
mit dem Ziel wiederaufgenommen werden, bis zum 12.
Mai, dem Jahrestag der Rede des Präsidenten, eine
Einigung über einen Vertragstext zustande zu bringen.
Zur Zeit ist es noch ungewiß, wann ein Abkommen
über den Offenen Himmel abgeschlossen werden
kann. Als der Gedanke im Jahr 1955 zum ersten Mal
von Präsident Eisenhower ins Spiel gebracht wurde,
war die Aufnahme äußerst frostig. Der radikale Wandel im internationalen Klima läßt uns jedoch heute auf
ein positiveres Ergebnis hoffen. Das Konzept der
Offenheit ist zu einem zentralen Grundsatz der internationalen Beziehungen geworden. Und der Vorschlag des Offenen Himmels selbst wurde von seiner
ursprünglichen bilateralen amerikanisch-sowjetischen
zu einer multilateralen Konzeption erweitert, die dazu
beitragen kann, die sich entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa zu unterstützen.
Offener Himmel heute
Ein Abkommen über den Offenen Himmel in diesem
Frühjahr käme zur rechten Zeit. Ein Regime mit dem
Ziel umfassenderer und systematischerer Offenheit
könnte im Kontext der dramatischen Beschleunigung

AMERIKA DIENST 13

der Vorgänge in Europa beruhigend und stabilisierend
wirken. Der Offene Himmel ist zunächst eine wichtige
vertrauensbildende Maßnahme, die allen europäischen
Staaten, groß und klein, in Ost und West zugute
kommen würde. Unseren Vorstellungen zufolge wäre
ein Regime des Offenen Himmels nicht an Bündnisstrukturen gebunden. Es würde vielmehr die Souveränität und Unabhängigkeit jedes Teilnehmerstaats
widerspiegeln.
Auf diese Weise würde es ein Maximum an Flexibilität
gewährleisten, insbesondere für die Staaten Osteuropas. Wir gehen davon aus, daß das Konzept des
Offenen Himmels langfristig auch auf andere Länder
und Regionen angewendet werden könnte, obwohl der
ursprüngliche Schwerpunkt notwendigerweise und zu
Recht auf Europa lag.
Neben ihrem vertrauensbildenden Charakter können
die im Rahmen des Offenen Himmels gesammelten
Informationen eine äußerst nützliche Ergänzung zur
Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen sein, auch
wenn der Offene Himmel an sich kein Rüstungskontrollabkommen und keine Verifikationsmaßnahme per
se darstellt. Angesichts der immer umfangreicheren
Tagesordnung in der Rüstungskontrolle wird dieser
ergänzende Beitrag wahrscheinlich für alle Teilnehmer
dauerhafte Bedeutung haben.
Bei der Konzipierung des Regimes des Offenen Himmels hatten wir bereits an dieses Ziel der Ergänzung
anderer Informationsquellen für die Verifizierung von

Seite 1

�Rüstungskontrollvereinbarungen gedacht, darunter
Nationale Technische Mittel und die speziellen Verifizierungsvorschriften bestimmter Rüstungskontrollabkommen. Daher sollten zum Beispiel die im Rahmen eines
Regimes des Offenen Himmels vorgeschlagenen Sensoren die Zählung von militärischem Großgerät ermöglichen. Ebenso sollten die Quoten hoch genug angesetzt sein, um eine effektive Überwachung der größten
Teilnehmerstaaten zu gestatten.
Jede bestehende oder potentielle Informationsquelle,
einschließlich des Offenen Himmels, unterliegt gewissen Merkmalen, die bestimmen, wie sie am effektivsten
genutzt werden kann. Im allgemeinen sollte das Regime
des Offenen Himmels unseres Erachtens bei Einsatz
relativ empfindlicher Sensoren die Erfassung großer
Gebiete sicherstellen. Aufgrund dieser Erfassungsmethode gewonnene Informationen könnten mit bei der genaueren Überprüfung bestimmter Standorte gesammelten Informationen - etwa im Rahmen des für ein KSEAbkommen vorgesehenen Verifikationsregimes - zusammengefaßt werden. Aufgrund seiner umfassenden
geographischen Ausdehnung könnte der Offene Himmel überdies eine wichtige Rolle bei der Aufspürung
möglicher Vertragsverletzungen spielen.
Die Tagesordnung nach Ottawa
Die Konferenz von Ottawa erbrachte keine Ergebnisse.
Die Gespräche waren jedoch in dem Sinn produktiv, daß
es möglich war, Positionen detailliert zu ergründen und
die Fragen zu definieren, bei denen noch Uneinigkeit
herrscht. Das Arbeitsdokument der Konferenz entspricht im Grunde dem von der NATO vorgelegten
Textentwurf. Einige Änderungen wurden in den Sitzungen der multilateralen Arbeitsgruppen vorgeschlagen,
und die Sowjetunion brachte eine Reihe unilateraler
Änderungsvorschläge ein. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht außer acht gelassen werden, daß die
osteuropäischen Staaten in Ottawa eine sehr unabhängige und konstruktive Rolle spielten und häufig kreative
Gedanken einbrachten, um die Gespräche voranzubringen.
Gegenwärtig überprüfen wir die in Budapest zu leistende Arbeit und die Wahrscheinlichkeit, daß ein Vertrag
innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit abgeschlossen werden kann. Die Diskussionen in Ottawa enthüllten erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen
der Sowjetunion und den anderen 22 Teilnehmerstaaten
in vier Hauptverhandlungspunkten:
Die meisten Teilnehmer waren sich darin einig,
daß ein effektives Regime des Offenen Himmels
ein breites Spektrum hochmoderner Sensoren
erfordert, darunter solche, die bei jedem Wetter,
bei Tag und bei Nacht einsatzfähig sind. Die
Sowjets setzten sich dagegen für eine Begrenzung der Sensoren auf optische und elektrooptische Kameras ein, die nur bei Tageslicht und
gutem Wetter funktionsfähig sind.

Seite 2

Die meisten Teilnehmer stimmten überein,
daß das gesamte Territorium der Teilnehmerstaaten für Überflüge offen sein muß und
Beschränkungen nur aus Gründen der Flugsicherheit auferlegt werden dürfen. Die Sowjets
befürworteten aus ungenannten Sicherheitsgründen zusätzliche territoriale Beschränkungen.
Die meisten Staaten stimmten in der Zahl der
Flüge über ihrem Staatsgebiet überein, die
eine effektive Erfassung erlauben würde. Die
Sowjets setzten sich für eine niedrige, im
wesentlichen symbolische Zahl ein.
Die meisten Staaten waren darin einig, daß die
Kontrolle der Beobachtungsflugzeuge in den
Händen der beobachtenden Partei oder einer
freiwilligen Gruppe von Parteien liegen sollte.
Die Sowjets schlössen dies nicht aus, gaben
jedoch einem System den Vorzug, bei dem der
beobachtete Staat das Flugzeug zur Verfügung stellen und die Sensoren kontrollieren
würde oder das Recht hätte, das einzusetzende Flugzeug auszuwählen.
Aus unserer Sicht und der Sicht der großen Mehrheit
der Teilnehmerstaaten sind die von uns bei Sensoren, territorialem Zugang, Flugquoten und Flugzeugbetrieb angestrebten Bestimmungen der logische
Weg zur Verwirklichung des Konzepts des Offenen
Himmels. Sie bilden keinerlei Bedrohung der Sicherheit irgendeiner Partei, einschließlich der Sowjetunion. Wir hoffen deshalb, daß es der Sowjetunion nach
reiflicher Überlegung möglich sein wird, sich bei
diesen Fragen der Mehrheit anzuschließen.
Im Verlauf der Diskussionen von Ottawa betonten die
Osteuropäer die Bedeutung, die sie einem gleichen
Zugang aller Teilnehmerstaaten zur Sensortechnologie beimessen. Sie erklärten, während die führenden Mächte hochmoderne Beobachtungssensoren
entwickelt hätten, sei das Niveau der gegenwärtig in
Osteuropa zur Verfügung stehenden Sensoren damit
nicht vergleichbar. Dies, so behaupteten sie, würde
bei einem möglichen Regime des Offenen Himmels
zu Ungleichheit führen.
Wir untersuchen zur Zeit das Spektrum an Sensortechnologie, das für den Offenen Himmel eingesetzt
werden könnte, um zu entscheiden, ob die zum Ausdruck gebrachten Anliegen der Osteuropäer berücksichtigt werden können. Letztlich muß diese Frage
im COCOM behandelt werden, da das Gros der für
den Offenen Himmel in Frage kommenden Technologie den multilateralen Exportkontrollen des COCOM unterliegt.
Zusammenfassung
Die Wiederbelebung des Gedankens des Offenen
Himmels fällt in eine Zeit außerordentlicher internaAMERIKA DIENST 13

�tionaler Herausforderungen und Chancen. Das Tempo des Wandels an sich führt zur Forderung nach
einem besseren Verständnis militärischer Streitkräfte
und Handlungen. Daneben könnten es die entstehenden neuen politischen Realitäten und Haltungen erforderlich machen, einen weitreichenden Ansatz für den

*

AMERIKA DIENST 13

Offenen Himmel zu verwirklichen, um dieser Forderung gerecht zu werden. In den kommenden Wochen
werden wir mit den anderen Teilnehmerstaaten, einschließlich der Sowjets, daran arbeiten, um zu sehen,
ob ein Vertrag über den Offenen Himmel in Budapest
abgeschlossen werden kann.

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
4. April 1990

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen
Wirtschaftsausschusses
WASHINGTON - (AD) - Der Gemeinsame Wirtschaftsausschuß des Kongresses (JEC) hat am 3. April 1990
seinen Jahreswirtschaftsbericht veröffentlicht. Diesem überparteilichen Papier zufolge könnten die politisch
Verantwortlichen zwar versucht sein, Handelsschranken zu errichten, um inländische Hersteller vor den Kräften
des Wettbewerbs zu schützen, aber solche Maßnahmen würden den in einer dynamischen Volkswirtschaft
notwendigen Anpassungen nicht förderlich sein. Stattdessen fordert der JEC Vertrauen in die Kräfte des Marktes
sowie in die multilateralen Handelsgespräche, um Handelsprobleme zu lösen, erklärt jedoch auch, daß bilaterale
und regionale Handelsvereinbarungen einer offenen internationalen Handelsordnung nicht unbedingt zuwiderlaufen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht, insbesondere zu internationalen Wirtschaftsfragen,
Umwelt und der aus den Reformen in Osteuropa resultierenden "Friedensdividende".

Die Stärkung unserer Stellung in der Weltwirtschaft
Obwohl die Vereinigten Staaten weiterhin die führende
Weltwirtschaftsmacht sind, haben die Ereignisse der
letzten zehn Jahre manche Fragen im Hinblick auf
unsere Fähigkeit aufgeworfen, diese Führungsposition zu bewahren. Darauf gibt es vielerlei Antworten,
die meist vom Blickwinkel des Betrachters abhängen.
Wir haben die reichste Volkswirtschaft der Welt, aber
die großen amerikanischen Handelsdefizite, eine steigende internationale Verschuldung und harter Wettbewerb mit Japan, Westeuropa und den industriellen
Schwellenländem Asiens sind Herausforderungen für
die Wirtschaftspolitik. Wenn wir jedoch den Willen
haben, so finden wir sicherlich auch den Weg, unsere
Führungsrolle zu bewahren.
Tendenzen im amerikanischen Handel und bei der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit
Es gibt sicherlich guten Grund zur Besorgnis über die
amerikanische Stellung in der Weltwirtschaft, aber die
Tatsachen sollten in das rechte Verhältnis gesetzt
werden. In vieler Hinsicht schnitt die amerikanische
Wirtschaftsleistung in den achtziger Jahren im Vergleich mit anderen Industriestaaten vorteilhaft ab.
Trotzdem ist das amerikanische Handelsdefizit hoch,
und ausländischer Besitz an amerikanischen Vermö-

AMERIKA DIENST 13

genswerten stieg zwischen 1979 und 1989 wesentlich
schneller als amerikanische Ansprüche auf Vermögenswerte im Ausland. Natürlich hatte sich die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft statistisch gesehen schon seit längerer Zeit
abgeschwächt. Dies ging zwangsläufig mit der Erholung der anderen Industrieländer von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs einher. Unmittelbar nach
dem Krieg zum Beispiel erwirtschafteten die Vereinigten Staaten die Hälfte des Bruttosozialprodukts aller
Marktwirtschaften. Im Jahr 1980 erwirtschafteten sie
weniger als ein Drittel. Auch wenn man die Bedeutung
der amerikanischen Exporte im Welthandel nach anderen
Kriterien bewertet, zeigt sich eine ähnliche Tendenz.
Bei der Industrieproduktion nach OECD-Maßstab haben
die Vereinigten Staaten jedoch immer noch den gleichen Anteil wie im Jahr 1973, und unser Anteil am
Weltexport ist größer als der jedes anderen Landes.
Internationale wirtschaftliche Herausforderungen
Ein Großteil der Veränderungen in der relativen wirtschaftlichen Stellung der Vereinigten Staaten in den
vergangenen Jahrzehnten war die Folge des guten
wirtschaftlichen Abschneidens unserer Handelspartner und nicht schlechter wirtschaftlicher Leistungen
unsererseits. Betrachtet man die Kluft, die am Ende
des Zweiten Weltkriegs zwischen ihnen und uns be-

Seite 1

�stand, so war es unvermeidlich - und sogar wünschenswert -, daß sie diese Kluft verringerten. Und
zum größten Teil haben wir vom wirtschaftlichen Erfolg
unserer Handelspartner profitiert. Als Folge des starken Produktivitätszuwachses im Ausland sind von uns
importierte Waren preiswerter geworden, und unsere
Exportmärkte sind aufgrund des gro ßen Einkommenszuwachses unserer Handelspartner gewachsen.
Natürlich kann amerikanischen Arbeitnehmern, Unternehmen und Gemeinden durch massive, unkontrollierte Importschwemmen und durch ausländische Handelsschranken gegen amerikanische Exporte Schaden zugefügt werden. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten jedoch weiterhin ein Interesse an der
Förderung starken Wachstums in der übrigen Welt,
das mit der Öffnung der Weltmärkte für freieren Handel
und Wettbewerb einhergeht.
Wir haben ebenfalls von den internationalen Kapitalflüssen profitiert. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs
bis in die achtziger Jahre waren die Vereinigten Staaten in der Welt ein Nettoinvestor, da unser im Inland
erwirtschaftetes Kapital unsere Inlandsinvestitionen
übertraf. Die Nettogewinne aus unseren Auslandsinvestitionen trugen zu unserem Nationaleinkommen
bei. In den von hohen Haushaltsdefiziten und unzureichender privater Spartätigkeit gekennzeichneten letzten Jahren waren wir in der Lage, einen gleichzeitigen
Rückgang der Investitionstätigkeit zu verhindern, indem wir ausländisches Sparkapital anzogen. Wir
profitieren von der zusätzlichen Kapitalbildung aus
ausländischen Investitionen, aber einige der Gewinne
aus auslandsfinanzierten Investitionen in den Vereinigten Staaten werden ins Ausland abfließen. Einige
Wirtschaftswissenschaftler sind über unsere Stützung
auf ausländisches Sparkapital besorgt, während andere die durch Zuflüsse ausländischen Sparkapitals
erbrachten Investitionen begrüßen, die über die aus
amerikanischem Sparkapital getätigten Investitionen
hinausgehen. Einige Experten äußern sich besorgt
über Konzentrationen von Produktionskapazitäten für
bestimmte Erzeugnisse, die für unsere wirtschaftliche
oder nationale Sicherheit ins Gewicht fallen könnten.
Wenn jedoch amerikanische Tochterfirmen ausländischer Unternehmen die auf amerikanischen Märkten
gültigen Spielregeln einhalten, sind sie kaum von
amerikanischen Firmen zu unterscheiden . Überdies
profitieren wir in den Vereinigten Staaten in dem Maß,
in dem ausländische Firmen neue Produkte oder innovative Produktionsmethoden bei uns einführen.
Trotz der Vorteile des internationalen Handels und
ausländischer Investitionen für die Vereinigten Staaten haben die Entwicklungen in der Weltwirtschaft im
vergangenen Jahrzehnt mehrere Herausforderungen
hervorgebracht. Erstens beruht ein Großteil des
Konkurrenzdrucks, dem amerikanische Firmen ausgesetzt sind, nicht auf unfairen Geschäftspraktiken
oder staatlichen Subventionen im Ausland. Stattdessen erscheinen traditionelle Geschäftsmethoden vieler amerikanischer Unternehmen, die vielleicht angeSeite 2

messen waren, als die Konkurrenten vorwiegend andere
US-Firmen mit ähnlichen Geschäftspraktiken waren,
heute nicht besonders passend für den Umgang mit
aggressiven internationalen Rivalen. So ist zum Beispiel eine MIT-Studie zu dem Schluß gekommen, daß
die traditionelle Geschäftspolitik vieler amerikanischer
Unternehmen wesentlich schlechter war als die besten
Geschäftsmethoden erfolgreicher ausländischer oder
amerikanischer Firmen. Aus diesem Grund steht die
amerikanische Wirtschaft vor der Herausforderung,
sich auf den internationalen Wettbewerb einzustellen,
indem sie sich die heute erfolgreichen Geschäftsmethoden zu eigen macht und neue entwickelt.
Die politisch Verantwortlichen stehen vor der Herausforderung, Alternativen zu Handelsschranken zu finden, um wirtschaftliche Anpassungsprozesse gegen
Erschütterungen abzufedern, die bei verstärktem internationalem Wettbewerb wahrscheinlich unvermeidbar sind. Die Errichtung von Barrieren gegen ausländische Konkurrenz für Industriezweige, die mit einer
Importschwemme konfrontiert sind, kann kurzfristig
Erleichterung verschaffen. Studien haben jedoch
gezeigt, daß Protektionismus mit enormen Kosten
verbunden ist und bei der Förderung der in einer
dynamischen Volkswirtschaft erforderlichen Anpassungen zumeist versagt. In vielen Fällen kann der
Anpassungsprozeß als Teil der normalen Funktionsweise der Märkte ohne größere Störungen stattfinden.
In anderen Fällen können zielgerichtete staatliche
Programme zur Umschulung von Arbeitskräften und
Anpassungshilfe erforderlich sein, um Arbeitnehmern
beim Wechsel zu neuen Arbeitsplätzen zu helfen.
Indem wir unser eigenes Vertrauen auf Handelsschranken zur Bewältigung von Anpassungsproblemen begrenzen, werden wir eher in der Lage sein, andere
Länder zu ermutigen, dasselbe zu tun. Die Vereinigten
Staaten haben ihr Programm zur Öffnung der Weltmärkte traditionell im Rahmen der multilateralen Handelsgespräche des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) verfolgt. Wir sind weiterhin an
einem Abbau der Handelsschranken durch das GATT
interessiert, wobei wir in der gegenwärtigen Runde
besondere Anliegen im Bereich der Landwirtschaft
und des Rechts auf geistiges Eigentum haben. Daneben haben wir ein bilaterales Abkommen mit Kanada
abgeschlossen, und Europa ist auf dem Weg zur
Einrichtung eines Binnenmarkts im Jahr 1992. Die
Entwicklung von Handelsgruppen und Handelsabkommen außerhalb des GATT-Rahmens läuft einer offenen internationalen Handelsordnung, die in unserem
besten Interesse liegt (mit wenigen Ausnahmen vermeidet der für 1992 geplante europäische Binnenmarkt Protektionismus), nicht zwangsläufig zuwider.
Wir müssen jedoch darüber wachen, daß bilaterale
Handelsabkommen und die Organisierung von Handelsgruppen primär auf die Öffnung des Handels und
nicht auf die Errichtung geschützter Enklaven ausgerichtet sind.

AMERIKA DIENST 13

�Die Reformen in Osteuropa und die Schuldenprobleme Lateinamerikas bilden weitere Herausforderungen. Es liegt eindeutig in unserem Interesse, Wirtschaftsreformen zu unterstützen, die Osteuropa auf
dem Weg durch ein sicherlich äußerst schwieriges
Übergangsstadium helfen. Es liegt ebenso in unserem
Interesse, die drückenden wirtschaftlichen und politischen Lasten für die Schuldnerländer in der dritten
Welt zu erleichtern. Gesunde Märkte in Osteuropa
und Lateinamerika bieten den Vereinigten Staaten
ebenso wichtige Handels- und Investitionsmöglichkeiten wie in Westeuropa zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als umfangreiche wirtschaftliche Ressourcen in
den Wiederaufbau flössen. Ressourcen allein sind für
Osteuropa und Lateinamerika nicht unbedingt die
Lösung. Dennoch sollten wir uns nicht von den Engpässen unseres Haushalts zu der Auffassung verleiten
lassen, wir könnten es uns nicht leisten, lohnende
Gelegenheiten zu ergreifen, obwohl eine Änderung
der Prioritäten im Haushalt erforderlich sein könnte.
Darüber hinaus sollte für kreditwürdige Aktivitäten
immer privates Kapital zur Verfügung stehen. Aus dem
Vorsprung, den andere Länder bei ihren Überschüssen haben, dürfen wir auch nicht schließen, daß wir
ihnen die Führungsrolle abtreten sollten.
Maßnahmen für den Dollar und das Handelsdefizit
Die auf den Devisenmärkten festgesetzte Bewertung
des Dollars basiert auf der Attraktivität amerikanischer
Waren sowie Sachwerten und Kapital. Wenn amerikanische Unternehmen im Vergleich zu ihren internationalen Konkurrenten bei der Steigerung der Produktivität erfolgreich sind und wenn Anlagen in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu Anlagen im Ausland
attraktiv sind, steigt der Dollar - wenn nicht, fällt er.
Keinesfalls können direkte Eingriffe in den Devisenmarkt die Bewertung des Dollars verändern. Interventionen zur Behebung von Wechselkursschwankungen
können gerechtfertigt sein. Aber es ist ein gefährliches
und potentiell kostenträchtiges Spiel, wenn man versucht, den Markt im Hinblick auf die Bewertung des
Dollars beeinflussen zu wollen.
Auch das Handelsdefizit ist in vieler Hinsicht ein künstliches Produkt aus politischen Maßnahmen und wirtschaftlichen Bedingungen und nicht direkt von Politikern beeinflußbar. Zum Beispiel werden Bestrebungen zum Abbau des Handelsdefizits, wie direkte Importbeschränkungen oder Exportsubventionen, durch
Aufwertung des Dollars zunichte gemacht, wenn die
Vereinigten Staaten nicht mehr sparen (oder weniger
investieren). Es gibt jedoch mehrere Möglichkeiten,
wie eine andere Politik oder veränderte wirtschaftliche
Bedingungen zu einem Abbau des Handelsdefizits
führen können. Am wenigsten wünschenswert wäre
ein Vertrauensverlust gegenüber der amerikanischen
Wirtschaftspolitik, der zu einem Versiegen ausländischer Spareinlagen in den Vereinigten Staaten führen
würde. Dabei würden die Zinsen steigen und die
Investitionen sinken. Es wäre ebenso wenig wün-

AMERIKA DIENST 13

schenswert, wenn wir eine starke Rezession hinnehmen mü ßten, auch wenn sich damit das Handelsdefizit
wahrscheinlich abbauen lassen würde. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Spartätigkeit im
Inland anzukurbeln, damit wir mehr investieren können
und in geringerem Maße von ausländischen Spareinlagen abhängig sind, so daß sich das Handelsdefizit im
Einklang mit einer gesunden Politik ordnungsgemäß
verbessern kann.
Schlußfolgerungen
Wenn wir uns den in diesem Bericht beschriebenen
Herausforderungen für das Wirtschaftswachstum stellen, und wenn wir den hier angesprochenen Herausforderungen zur Wiederherstellung unserer internationalen wirtschaftlichen Stärke gerecht werden wollen,
sollten wir unsere Position in der Weltwirtschaft stärken. Wenn wir diesen Herausforderungen nicht begegnen, könnten wir wirtschaftliche Einbußen erleiden, und damit würde auch unser Einfluß weltweit
schwinden.
Die Umwelt In den neunziger Jahren
Eine florierende Wirtschaft sollte uns eine saubere
Umwelt bieten können. Dennoch scheinen die Bedürfnisse von Wirtschaft und Umwelt oftmals auseinanderzuklaffen. Eine gesunde Umweltpolitik sollte Bestandteil einer gesunden Wirtschaftspolitik sein und nicht
damit konkurrieren. Die Vorteile des Umweltschutzes
müssen gegen seine Kosten abgewogen werden.
Die Verbraucher messen einer sauberen Umwelt einen hohen Stellenwert bei, aber es ist schwierig, dafür
einen Preis festzulegen. Wir verfügen über wenig
Informationen, was Arbeitnehmer und Verbraucher
dafür zu zahlen bereit sind, weil es natürlich keinen
Markt gibt, auf dem man so etwas kaufen kann. Es gibt
ihn nicht, weil es schwierig ist, die nicht so leicht
faßbaren Vorteile einer sauberen Umwelt zu berechnen.
Wir wissen nicht genau, was Menschen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung zu zahlen bereit sind,
können aber abschätzen, welchen Preis sie bereits zur
Bekämpfung ihrer Auswirkungen zahlen. Im Falle der
Luftverschmutzung belaufen sich zum Beispiel die
Kosten für Gesundheitsfürsoge und Schäden an Ernten, Vieh und Gebäuden auf mehrere Milliarden Dollar
jährlich. Kosten wie diese müssen gegen die Kosten
für den Abbau der Umweltverschmutzung abgewogen
werden.
Im Hinblick auf die Prinzipien besteht ein Konsens
unter Wirtschaftswissenschaftlern, eine Einigung
scheitert jedoch oftmals an einzelnen Problemen und
Ansätzen beim Umweltschutz. Umweltprobleme haben
alle ihre ureigenen Merkmale. Was in einem Bereich
funktioniert, kann in einem anderen völlig unangemessen sein.
Darüber hinaus können staatliche Maßnahmen und
Privatmärkte oftmals die sozialen Kosten und Nutzen
Seite 3

�von Umweltproblemen nicht in Einklang bringen. Die
starke Interdependenz von Umwelt und Wirtschaftssystemen kann leicht zu unbeabsichtigen politischen
Konsequenzen führen. Zum Beispiel wird eine Politik,
die unberechtigterweise die durch neue Autos oder
Kraftwerke verursachte Umweltverschmutzung bekämpft, deren Preis erhöhen und den Einsatz älterer
Technologie mit stärkerem Verschmutzungsgrad fördern. Es gibt fünf allgemeine Ansätze zum Abbau der
Umweltverschmutzung.
Marktabhängige Anreize
Wenn Ursachen für Umweltverschmutzung erkennbar
und die Schadstoffe meßbar sind, sollten Regierungen
versuchen, wirtschaftliche Anreize zu bieten. Wenn
zum Beispiel pro Einheit eines Schadstoffes Geldstrafen erhoben werden, haben die für die höchsten Emissionen Verantwortlichen den größten fianziellen Anreiz zu deren Reduzierung. Darüber hinaus können
diese Geldstrafen die Verursacher veranlassen, ihre
Emissionen so abzubauen, wie es ihnen am besten
nützt. Die Erlaubnis zur Emission einer begrenzten
Schadstoffmenge könnte in derselben Weise erfolgen.
Vorgeschriebene Verhaltensmaßregeln
In einigen Fällen ist es sinnvoll, Verhaltensmaßregeln
für zulässige Umweltverschmutzung aufzustellen.
Solche Regeln können den Verursachern ebenso wie
marktorientierte Anreize erhebliche Flexibilität bei der
Wahl der besten Technologie einräumen.
Strenge Verbote
Einige Schadstoffe sind so gefährlich oder so schwer
meßbar, daß ein strenges Verbot sinnvoll ist. Plutonium ist zum Beispiel so gefährlich, daß wir seine
Freisetzung nicht verantworten können, so hoch die
Summe, die ein potentieller Verwender zu zahlen
bereit wäre, auch sein mag.
Notwendige Technologien und Leistungen der
öffentlichen Hand
Wenn einzigartige Ressourcen, Rohstoffmonopole oder
hohe soziale Risiken auf dem Spiel stehen, kann ein
direkteres Eingreifen der Regierung erforderlich werden. Die meisten Gemeinden vertrauen zum Beispiel
der Regierung oder bestimmten Privatfirmen ihre
Abwasserentsorgung an.
Informationen
Manchmal können Regierungen private Körperschaften zur Lösung ihrer Umweltprobleme ermutigen, indem sie bessere Informationen über das anstehende
Problem bereitstellen.
Unserer Ansicht nach sollte sich die Umweltpolitik
gegebenenfalls finanzielle Eigeninteressen zunutze
machen. Grundsätzlich betont eine solche Politik
flexible Reaktionen und Abstufungen statt Verboten Zuckerbrot statt Peitsche - um angemessene Anreize
zu schaffen. In der Vergangenheit ist es der Umwelt-

Seite 4

politik oftmals nicht gelungen, die Macht wirtschaftlicher Anreize zu nutzen. Dennoch gebietet die Vielfalt
der Umweltprobleme, daß wir uns nicht eines einzigen
Ansatzes für alle Situationen bedienen.
Die Friedensdividende
Politische Liberalisierung im Ostblock und die nachlassenden Spannungen des kalten Krieges lassen die
Möglichkeit eines erheblichen Abbaus der Verteidigungsausgaben zu. Wir stimmen zu, daß die "Friedensdividende" kurzfristig kleiner ausfallen wird, aber
steigerungsfähig ist und wahrscheinlich keine Rezession nach sich ziehen wird. Es besteht kein Konsens
darüber, wie die Ersparnisse bei den Verteidigungsausgaben genutzt werden sollen.
Die realen Verteidigungsausgaben werden im Haushaltsjahr 1990 um rund 2 Prozent sinken, liegen aber
immer noch nahezu 44 Prozent über dem Niveau von
1980. Wenn die realen Ausgaben weiterhin um 2
Prozent sinken, läge der Verteidigungshaushalt für
1995 13 Prozent unter dem Höchststand vor zwei
Jahren.
Solche Kürzungen erscheinen bescheiden, besonders
verglichen mit den in einigen frühen Pressemeldungen
geschätzten Kürzungen in Höhe von 100 bis 200
Milliarden Dollar. Tatsächlich sind diese hohen geplanten Einsparungen keine Kürzungen der Verteidigungsausgaben zum gegenwärtigen Dollarwert. Sie
sind vielmehr der kumulative Unterschied zwischen
einer relativ flachen Ausgabenkurve zum derzeitigen
Dollarwert und früheren Regierungsprognosen, die
Aufstockungen des Verteidigungsetats zu einem weit
über der Inflationsrate liegenden Prozentsatz forderten.
Das Tempo der internationalen politischen Veränderungen war atemberaubend. Selbst noch vor einem
Jahr sagten nur wenige etwas dem politischen Umbruch von 1989 vergleichbares voraus, und das sollte
als Warnung für jeden dienen, der heute behauptet, die
Zukunft zu kennen. Obwohl einige der jüngsten Entwicklungen (einschließlich der Spannungen in den
baltischen Sowjetrepubliken) Anlaß zu ernsthafter
Besorgnis geben, legen die meisten (einschließlich der
kontinuierlichen Demokratisierung Osteuropas) den
Schluß nahe, daß die jüngsten Veränderungen unumkehrbar sind. In dem Maße, in dem die sich wandelnden Verhältnisse in Osteuropa zu konkreten Reduzierungen in der militärischen Infrastruktur des Warschauer Pakts und einer Erhöhung der Vorwarnzeit
geführt haben, sollten die politischen Veränderungen
zu einem Abbau der Bedrohung und Verteidigungserfordernisse führen.
Kurzfristig werden die Einsparungen bei den Verteidigungsausgaben bescheiden sein, weil die Ausmusterung von Soldaten, Einmottung von Waffen und Schließung von Stützpunkten ebenfalls Geld kosten; weil die
in der Vergangenheit bestellte Hardware heute Vertragskosten nach sich zieht und Kürzungen bei neuen

AMERIKA DIENST 13

�Hardwarebestellungen kurzfristig wenig einsparen, wenn
auch später sehr viel. Die der modernen Verteidigung
zugrundeliegende langfristige Planung macht einen
abrupten Kurswechsel schwierig und teuer. Der außerordentliche Spannungsabbau könnte jedoch umfassende Kürzungen bei langfristigen Verpflichtungen
zulassen, die in einigen Jahren zu einem einschneidenden Kostenrückgang führen werden.
Die Senkung der Verteidigungsausgaben wird wahrscheinlich nicht zu einer Rezession führen, wie es nach
den Kriegen in Vietnam, Korea und dem Zweiten
Weltkrieg der Fall war. Verteidigung nimmt in der
Wirtschaft wesentlich geringeren Raum ein als in früheren Zeiten und beläuft sich auf rund 6 Prozent des
BSP verglichen mit ca. 9 Prozent während des Vietnamkriegs, 13 Prozent während des Koreakriegs und
ungefähr 40 Prozent während des Zweiten Weltkriegs.
Darüber hinaus hat die Finanzpolitik in jedem Fall
einen beträchtlichen Defizitabbau zum Ziel.
Die binnenwirtschaftlichen Konsequenzen werden daher
voraussichtlich unerheblich sein. Einige besonders
betroffene Arbeitnehmer, Industrien und Gemeinden
werden jedoch Auswirkungen spüren, wenn Stützpunkte geschlossen und Produktionsstätten stillgelegt

werden. Wenn die Einsparungen im Verteidigungsbereich in einigen Jahren so groß sind wie das Tempo der
politischen Veränderungen vermuten läßt, könnte dies
schwierige Anpassungen auf lokaler Ebene zur Folge
haben, und es müssen kreative Mittel und Wege
gefunden werden, um die Umstellung auf zivile Arbeitsplätze und Produkte zu beschleunigen.
Trotz dieser Bedenken vertreten zahlreiche Ökonomen die Auffassung, daß geringere Verteidigungsausgaben letztlich der Wirtschaft zugute kommen. Für die
Verteidigung bestimmte Ressourcen könnten für Investitionen verwendet werden, die unmittelbarer zu einer
Erhöhung unseres Lebensstandards beitragen. Die
Wirtsschaftswissenschaftler sind sich jedoch über den
besten Weg, wie dies verwirklicht werden sollte, uneinig. Einige möchten die Friedensdividende zum Abbau des Haushaltsdefizits verwenden und damit die
staatlichen Anleihen reduzieren und Privatinvestitionen ermutigen. Andere möchten das Geld für die
erforderlichen öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und Humankapital aufwenden. Und wieder andere
schlagen vor, die Einsparungen im Verteidigungsbereich für Steuersenkungen zu verwenden.

* *

AMERIKA DIENST 13

*

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10802">
                <text>04.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10803">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10804">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10805">
                <text>Amerikadienst 04.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10806">
                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschlandspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutsche Einheit innerhalb von 12 bis 18 Monaten möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Demokratisierung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Baker: Demokratie ist ein Instrument der Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim World Affairs Council&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Offener Himmel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offener Himmel soll Tagesordnungspunkt bei Ministertreffen sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Hawes&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Protektionismus ist kostspielig und wirkungslos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2137" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2148">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/338ff6515e6810db18b9a286a6757af9.pdf</src>
        <authentication>c653dbb1284f6a3fb58a96314bb604f0</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10801">
                    <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

12

United Statca Information Service
Embassy oi the United Status o; America
Library Services
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

28. März 1990

NATIONALE SICHERHEIT

BERICHT ZUR NATIONALEN
SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in
Auszügen

KSE

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE
IN EUROPA
Übersicht und Chronologie
des ACDA

POLEN

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident
Mazowiecki im Weißen Haus

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell
gesichert werden
UMWELTPOLITIK

KONGRESS

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung
weiterhin gefährdet

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa
und Geiselproblematik

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�NATIONALE

SICHERHEIT
28. März 1990

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in Auszügen
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem am 20. März 1990 von Präsident Bush
freigegebenen Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie.

Vorwort
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahmen
die Vereinigten Staaten eine ungewohnte Bürde - die
Verantwortung, die freien Nationen der Welt zu führen
und ihnen bei ihrer Verteidigung beizustehen. Dieses
Land unternahm kühne und einzigartige Maßnahmen,
um sowohl seinen Verbündeten als auch seinen besiegten Gegnern beim Wiederaufbau zu helfen, um
ihnen einen Schild zur Verfügung zu stellen, hinter dem
die Demokratie gedeihen konnte und seine Hand zur
Unterstützung weltweiten wirtschaftlichen Fortschritts
auszustrecken. Die Herausforderung durch eine
aggressive, repressive Sowjetunion wurde durch ein
System von Bündnissen gebändigt, zu dessen Bildung
wir beitrugen und das wir führten.
Die Vereinigten Staaten gingen mit einzigartigem Erfolg aus diesem historischen Unterfangen hervor. Aber
es war unvermeidlich, daß die neuen durch diesen
Erfolg geschaffenen Bedingungen schließlich eine
neuartige amerikanischen Führungsrolle erfordern
würden. Unsere überwältigende wirtschaftliche Vorherrschaft nach dem Krieg mußte unweigerlich in dem
Maß reduziert werden, in dem unsere Freunde - mit
unserer Hilfe - an Stärke gewannen.
Wahrscheinlich war es ebenso unvermeidlich, daß
sich die Sowjetunion angesichts einer starken Koalition freier Staaten, die entschlossen waren, sich ihren
Übergriffen zu widersetzen, nach innen kehren mußte,
um sich den inneren Widersprüchen ihres eigenen,
äußerst fehlerhaften Systems zu stellen - was stets
das Ziel unserer Politik des Containment gewesen
war.

AMERIKA DIENST 12

Heute, nahezu vier Jahrzehnte danach, wird die internationale Landschaft von Veränderungen geprägt, die
in Charakter, Dimension und Tempo atemberaubend
sind. Die traditionellen Eckwerte der Sicherheitspolitik
in der Nachkriegszeit werden durch Entwicklungen in
Frage gestellt, die noch vor Jahren, ja Monaten, kaum
vorstellbar waren. Und doch sind unsere Ziele und
Interessen konstant geblieben. Und wenn wir unseren
Blick - und unsere Hoffnungen - auf ein besseres
Morgen richten, müssen wir ebenso auf die Elemente
unserer früheren Politik blicken, die eine wichtige Rolle
auf dem Weg dorthin gespielt haben, wo wir heute
stehen.
Es ist unsere über vier Jahrzehnte bewiesene Standhaftigkeit, die uns diesen Augenblick historischer
Chancen beschert hat.
Wir werden diese Chance weder ungenutzt verstreichen lassen noch vor den durch die neuen Bedingungen geschaffenen Herausforderungen zurückweichen.
Unsere Antwort wird eine strategische Vision erfordern
- eine klare Vorstellung unserer Ziele, unserer Interessen und der Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um
sie zu erreichen und zu schützen. Die Quintessenz
dieser Strategie liegt in der Festsetzung von Prioritäten. Wir werden schwierige Entscheidungen treffen.
Der vorliegende Bericht steckt den Rahmen für den
Weg ab, den wir nehmen werden, um das Vermächtnis
der Nachkriegszeit zu bewahren und gleichzeitig die
Vereinigten Staaten in die Lage zu versetzen, bei der
Gestaltung einer neuen Ära mitzuwirken, die über
Containment hinausgeht und uns in das nächste Jahrhundert führen wird. Ich lade das Volk der Vereinigten
Staaten und den Kongreß dazu ein, mit uns einen
Seite 1

�Dialog zu führen, der uns bei den in den kommenden
Monaten und Jahren zu treffenden Entscheidungen zu
neuen Einsichten verhilft.

II. Tendenzen In der Welt von heute: Chancen und
Ungewißheiten
Die Krise des Kommunismus

I. Die Grundlagen der nationalen Strategie: Ziele
und Interessen
Dauerhafte Elemente unserer nationalen Strategie
Im Verlauf unserer gesamten Geschichte hat unsere
nationale Sicherheitsstrategie weitgespannte und
beständige Ziele verfolgt. Wir haben stets danach
getrachtet, die Sicherheit unserer Nation, ihrer Bürger
und ihrer Lebensweise zu gewährleisten. Wir haben
uns ferner bemüht, das Wohlergehen unseres Volkes
zu fördern, indem wir zu einem internationalen Umfeld
des Friedens, der Freiheit und des Fortschritts beigetragen haben, in dem unsere Demokratie - und andere
freie Nationen - gedeihen können.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts war es für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse, keiner gegnerischen Macht oder Gruppe von Mächten
die Herrschaft über die eurasische Landmasse zu
überlassen. Dieses Interesse bleibt bestehen. Es hat
ein Engagement für Vomeverteidigung und Vornestationierung von Streitkräften erfordert, eine Strategie,
die als Eindämmung des sowjetischen Expansionismus bezeichnet wird. Hinter diesem Schild haben
unsere Freude an Stärke gewonnen und Institutionen
der Einheit geschaffen. Es ist der Erfolg dieser Politik
des Containment gewesen, der neue Bedingungen
und neue Chancen für eine neue Generation von
Amerikanern hervorgebracht hat. Wir begrüßen diesen Wandel. Und doch bleiben unsere Grundwerte und unsere grundlegenden geopolitischen Erfordernisse - bestehen.
Unsere Interessen und Ziele in den neunziger
Jahren
Unsere breitgefächerten nationalen Interessen und
Ziele sind unverändert. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.
Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.
Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.
Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Seite 2

Wir sehen uns mit einem strategischen Umbruch
konfrontiert, der das Ergebnis des Erfolgs unserer
Nachkriegspolitik ist. Ein solch grundlegender politischer Wandel wird jedoch wahrscheinlich mit Turbulenzen einhergehen. Es wird möglicherweise Rückschläge und neue Quellen der Instabilität geben. Ein
Happy End kann nie garantiert werden. Wir müssen
uns stets die bleibenden Ungewißheiten vor Augen
führen, während die Sowjetunion und die Staaten
Osteuropas - jeder auf seine Weise - in historisch
unbekannte Bereiche vorstoßen.
Die demokratischen Industriestaaten
Die demokratischen Industriestaaten stehen ebenfalls
vor teilweise ernsten strategischen Herausforderungen, aber diese sind im großen und ganzen Produkte
unseres Erfolgs. Dazu gehören das sich verlagernde
Gleichgewicht der wirtschaftlichen Macht und die Gefahr,
daß Handelskonflikte in einem Zeitalter wirtschaftlicher Veränderungen und Anpassung die politischen
und militärischen Bindungen belasten könnten. Die
wachsende Stärke und Selbstsicherheit unserer Verbündeten in Westeuropa und Ostasien haben bereits
eine größere Beteiligung an der Führungsverantwortung zur Folge gehabt.
Die Weltwirtschaft
In einem neuen Zeitalter technologischer Innovation
und globaler Märkte wird die Weltwirtschaft mehr als je
zuvor dem Wettbewerb unterliegen. Die Ausbreitung
wirtschaftlicher Macht wird mit nahezu absoluter Sicherheit anhalten und ist zumindest teilweise das
Ergebnis einer klugen und erfolgreichen amerikanischen Politik mit dem Ziel, das Wirtschaftswachstum
weltweit zu fördern. Eine gesunde amerikanische
Wirtschaft ist für die Unterstützung weltweiter wirtschaftlicher Entwicklung und damit für den Abbau
gefährlicher Bestrebungen nach Unilateralismus,
Regionalismus und Protektionismus unerläßlich.
Konflikte in der dritten Welt
In einem neuen Zeitalter könnten einige der Konflikte
in der dritten Welt nicht mehr im Kontext der Rivalität
zwischen den Supermächten stattfinden. Und doch
werden viele aus unterschiedlichen Gründen auch
weiterhin amerikanische Interessen bedrohen. Äußerst zerstörerische regionale Kriege werden eine
Gefahr bleiben, die durch die Expansion der Streitkräfte regionaler Mächte und die Verbreitung modernster
Waffentechnik noch verstärkt wird. Überdies wird es
immer schwieriger, die Ausbreitung chemischer, biologischer und atomarer Waffen - und damit die Ausbreitung weitreichender Trägersysteme - zu bremsen.

AMERIKA DIENST 12

�Tendenzen in der Rüstung
Das moderne Gefechtsfeld wird von einem bisher
unerreichten Zerstörungspotential gekennzeichnet. Mit
der weiteren Ausbreitung der weltweiten Rüstungsproduktion können moderne Waffen zunehmend auch
von kleineren Mächten erworben werden. Dadurch
verringert sich der militärische Abstand zwischen uns
und regionalen Mächten, und Gefechtsfelder in der
dritten Welt werden in einigen Fällen ebenso anspruchsvoll wie man dies von einem Gefechtsfeld in
Mitteleuropa erwarten würde.
Drogen
Der Drogenhandel ist für die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten mit ungeheuren Kosten verbunden, er untergräbt unsere nationalen Werte und Institutionen und ist
unmittelbar für die Zerstörung und den Verlust vieler
Menschenleben in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Der internationale Drogenhandel stellt eine
große Bedrohung unserer nationalen Sicherheit und
der Sicherheit anderer Länder dar.
Flüchtlinge
Die Erschütterungen in einer turbulenten Welt haben
zum Anschwellen des weltweiten Flüchtlingsstroms
bis zu einer heutigen Gesamtzahl von 14 Millionen
geführt.
Fragen der Zukunft
Das Sicherheitsumfeld der neunziger Jahre bietet uns
mehr Hoffnungen aber vielfach auch mehr Unsicherheiten als je zuvor in der jüngeren Vergangenheit.
Einige der vor uns liegenden Fragen lauten:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität zunehmend in den Hintergrund tritt? Wie wird sich die
andauernde Führungsrolle der Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden die von unseren
Verbündeten übernommenen neuen Führungsrollen beschaffen sein?

stand unerläßlich ist, wenn die empfundene
Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?
Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?
Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?
III. Regionale Herausforderungen und Reaktionen
Unserem Verhältnis zur Sowjetunion kommt weiterhin
strategische Priorität zu, weil dieses Land die einzige
andere militärische Supermacht bleiben wird. Selbst
wenn Spannungen abgebaut und die Streitkräfte beider Seiten verringert werden, ist die Aufrechterhaltung
des globalen strategischen Gleichgewichts ein unausweichliches Anliegen der Vereinigten Staaten. Für
unsere Bemühungen in diesem Bereich gibt es keinen
Ersatz. Und doch werden es uns die gegenwärtig
stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen falls sie den Erwartungen gerecht werden - gestatten,
bedeutende Veränderungen in unserem militärischen
Einsatzkonzept vorzunehmen - und sie werden eine
größere Möglichkeit bieten, die anderen Regionen für
sich zu betrachten, unabhängig vom Ost-West-Konflikt.
Die Sowjetunion
Unser Ziel besteht darin, über die Politik des Containment hinauszugehen und die Sowjetunion als konstruktiven Partner in das internationale Staatensystem
einzubinden. Moskau wird in uns einen bereitwilligen
Partner finden, wenn es darum geht, die Bedingungen
zu schaffen, die es der Sowjetunion erlauben werden,
einer friedlichen, freien und wohlhabenden internationalen Staatengemeinschaft beizutreten und dort willkommen zu sein.

Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?

Der heute stattfindende dramatische Prozeß politischer und wirtschaftlicher Reformen hat unsere volle
Unterstützung. An seinem Erfolg haben wir ein erhebliches Interesse. Trotzdem können und werden die
Vereinigten Staaten sich nicht auf einen bestimmten
führenden Politiker oder eine bestimmte Führungsgruppe in der Sowjetunion verlassen. Wir halten nach
grundlegenden Veränderungen in sowjetischen Institutionen und Praktiken Ausschau, die nur mit hohen
wirtschaftlichen und politischen Kosten rückgängig
gemacht werden können.

Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohl-

Welchen Kurs die Sowjets im nächsten Jahrzehnt
auch einschlagen mögen, die Sowjetunion wird eine
gewaltige Militärmacht bleiben. Die Vereinigten Staa-

Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�ten werden auch weiterhin ein modernes Verteidigungspotential unterhalten, das die Abschreckung stärkt
und die Sicherheit verbessert. Unsere Reaktion ist von
kluger Vorsicht gekennzeichnet, aber die sowjetische
Führung und das sowjetische Volk sollten erkennen,
daß diese Vorsicht auf Ungewißheit, nicht auf Feindschaft gegründet ist.
Westeuropa
Unser Bündnis hat seine Wurzeln in einer gemeinsamen Geschichte und einem gemeinsamen Erbe. Selbst
wenn die militärische Konfrontation in Europa radikal
abgebaut wird - wie dies unserer Zielsetzung entspricht -, wird die auf moralischen und politischen
Werten gegründete natürliche Partnerschaft demokratischer Verbündeter fortdauern.
Die anhaltende Stärke des Bündnisses und unsere
Führungsrolle darin bleiben für den Frieden unerläßlich. In dem sich in Europa entwickelnden neuen
politischen Umfeld wird das Atlantische Bündnis auch
weiterhin ein natürlicher Zusammenschluß freier Nationen und der natürliche Rahmen für die Harmonisierung westlicher Politik im Hinblick auf Sicherheit und
Diplomatie bleiben. Innerhalb dieses Rahmens wird
die "europäische Säule" der atlantischen Welt gegenwärtig sichtlich gestärkt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen eine stärkere wirtschaftliche und politische Integration Westeuropas voll und ganz.
Die Vereinigung Deutschlands nimmt Gestalt an - auf
friedlichem Weg, auf der Grundlage von Demokratie
und im Rahmen der westlichen Beziehungen, die seit
vier Jahrzehnten Frieden und Freiheit gefördert haben. Dies ist ein Triumph des Westens. Wir erwarten,
daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied sowohl
des Atlantischen Bündnisses als auch der Europäischen Gemeinschaft bleiben wird, während wir alle
danach streben, die Bedingungen für eine umfassendere Aussöhnung in Europa zu verbessern.
Osteuropa
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben
sich der Überwindung der Teilung Europas verpflichtet. Alle Länder Osteuropas haben das Recht, Teil des
internationalen Staatenbundes freier Nationen zu
werden, während sie ihren Anspruch auf die kulturelle
und politische Tradition Europas erneut geltend machen, die ihr Erbe ist. Ein freies und wohlhabendes
Osteuropa stellt keine Bedrohung der legitimen sowjetischen Sicherheitsinteressen dar. Der kalte Krieg hat
mit der Teilung Europas begonnen. Er kann nur dann
endgültig beendet werden, wenn Europa wieder ungeteilt ist.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, bei der Förderung der Wirtschaftsentwicklung Osteuropas, Unterstützung seiner demokratischen Institutionen und der
Gewährleistung der gesamten Stabilitätsstruktur eine
aktive Rolle zu spielen. Es ist auf dramatische Weise
Seite 4

offensichtlich geworden, daß die Rolle der Vereinigten
Staaten von den Völkern Osteuropas begrü ßt wird, die
unsere Präsenz - in dem entstehenden neuen Europa
- als Beruhigung ansehen.
Wir erwarten von der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Übernahme
einer größeren Rolle, da die KSZE für die Freiheit der
Völkersteht, über ihre Zukunft in einem Rechtsstaat zu
bestimmen, in dem die demokratisch Regierenden
rechenschaftspflichtig sind.
Die westliche Hemisphäre
Für die westliche Hemisphäre ist das Ziel, die erste
vollständig demokratische Hemisphäre der Geschichte zu werden, in greifbare Nähe gerückt. Der dramatische Sieg der Opposition bei den Wahlen in Nicaragua am 25. Februar 1990 hat dem latenten Trend zu
Demokratie enormen Auftrieb verliehen, der sich in der
Region in den vergangenen Jahren abzeichnete.
Wir müssen jedoch nach wie vor Bedrohungen unserer
Sicherheit abwehren. Die Verbesserung unserer
Beziehungen zu Kuba hängt von der politischen Liberalisierung in diesem Land sowie der Beendigung der
subversiven Tätigkeit gegen andere Regierungen und
der Aushöhlung des Friedensprozesses in der Region
ab. In Nicaragua lautet unser Ziel, der neuen Regierung von Violetta Chamorro bei ihren Bemühungen um
die Gründung demokratischer Institutionen, den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Reduzierung des
nicaraguanischen Militärs behilflich zu sein. Wir unterstützen die militärischen und politischen Bestrebungen der salvadorianischen Regierung bei der Bekämpfung der kommunistischen Unterwanderung.
Ostasien und der Pazifik
Unser Bündnisgeflecht und unsere in der Region stationierten Streitkräfte haben die Stabilität gewährleistet, mit der die erstaunlichen Fortschritte in diesem
Gebiet ermöglicht wurden. Seit den siebziger Jahren
gründete sich die Sicherheit dieser Region auf ein Netz
harmonischer Beziehungen unter den wichtigsten
Staaten der Region, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Unser Bündnis mit Japan ist nach wie vor
das Kernstück unserer Sicherheitspolitik und ein unerläßlicher Eckpfeiler der Stabilität. Darüber hinaus hat
auch das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten
und China entscheidend zur regionalen Stabilität und
dem internationalen Kräftegleichgewicht beigetragen.
Die Vereinigten Staaten haben die Unterdrückung in
China im vergangenen Juni aufs schärfste mißbilligt
und Sanktionen verhängt, um ihrem Mißfallen Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig haben sie versucht,
einen vollständigen Bruch Chinas mit der übrigen Welt
zu vermeiden. Das Sicherheitsengagement der Vereinigten Staaten gegenüber der Republik Korea besteht
unvermindert weiter. Unsere starken und soliden
Beziehungen zu unserem Verbündeten Australien tragen

AMERIKA DIENST 12

�direkt zur regionalen und internationalen Stabilität bei.
Der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN)
spielt nach wie vor eine entscheidende Rolle für Sicherheit und Wohlstand der Region. Wie wir mehrfach
unter Beweis gestellt haben, unterstützen wir die
demokratischen Institutionen der Philippinen und ihre
Bestrebungen, Wohlstand, sozialen Fortschritt und
Sicherheit im Innern herzustellen.
Der Nahe Osten und Südasien
Die Abhängigkeit der freien Welt von den Energievorräten dieser entscheidenden Region und unsere starken Beziehungen zu zahlreichen Ländern der Region
stellen weiterhin eine wichtiges Interesse der Vereinigten Staaten dar. Der Nahe Osten ist ein anschauliches
Beispiel für eine Region, in der - selbst angesichts des
Abbaus der Spannungen zwischen Ost und West - die
Vereinigten Staaten immer noch strategische Belange
haben. Wir werden destabilisierende Waffenverkäufe
entmutigen. Insbesondere haben wir uns dazu verpflichtet, die Verbreitung atomarer, chemischer und
anderer Massenvernichtungsmittel einzudämmen. Wir
werden internationalen Druck gegen die Staaten ausüben, die Terrorismus und Subversion fördern. Wir
werden einen Friedensprozeß unterstützen, der darauf abzielt, die legitimen politischen Rechte der Palästinenser auf eine Art und Weise zu erfüllen, die im
Einklang mit unserem anhaltenden Engagement für
die Sicherheit Israels steht.
In Südasien versuchen wir, unsere besondere Beziehung mit unserem traditionellen Bündnispartner Pakistan aufrechtzuerhalten, unsere Beziehungen zu Indien kontinuierlich zu verbessern, die indisch-pakistanische Annäherung zu ermutigen und der Verbreitung
von Nuklearwaffen Einhalt zu gebieten. In Afghanistan
sind wir einer umfassenden politischen Schlichtung als
bestem Mittel zur Verwirklichung von Selbstbestimmung und regionaler Sicherheit für Afghanistan unerschütterlich verpflichtet.
Afrika
Die Gründung von Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung und regionaler Frieden sind die Ziele unserer
Politik in Afrika. Die Vereinigten Staaten haben im
gesamten Verlauf der achtziger Jahre nachdrücklich
auf die Beendigung aller in den siebziger Jahren begonnenen sowjetisch-kubanischen militärischen Interventionen gedrängt. Am Hom von Afrika haben wir
eine ausgehandelte Lösung der Konflike der Region
ermutigt. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Reformen befürworten, mit denen verschwenderische
und unproduktive staatliche Unternehmen abgeschafft
und der produktive Privatsektor und Eigeninitiative
freigesetzt werden sollen.
Nach wie vor drängen wir auf eine unverzügliche und
vollständige Abschaffung des Apartheid-Systems in
Südafrika. Wir unterstützen Verhandlungen, die zu

AMERIKA DIENST 12

einem demokratischen, nicht rassistischen Südafrika
führen könnten, das die Stabilität im Land und der
Region auf lange Sicht verbessern würde.
IV. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
politisches Programm
Die diplomatischen und politischen, wirtschaftlichen
und militärischen Elemente unserer nationalen Vormachtstellung sind nach wie vor ausgezeichnet. Die
relative Bedeutung dieser jeweiligen politischen Instrumente ändert sich jedoch unter unterschiedlichen
Bedingungen. Unsere schwierigsten Entscheidungen
werden nicht nur im Hinblick darauf getroffen, welche
Streitkräfte oder Programme angepaßt, aufgestockt,
gekürzt oder abgebaut werden müssen, sondern auch
unter dem Aspekt, welche Risiken mit anderen Mitteln
als militärischen Fähigkeiten gemindert werden können - Mitteln wie Verhandlungen, Lastenverteilung,
Wirtschafts- und Militärhilfe, wirtschaftlichem Einfluß
und politischer Führung.
Für ein neues Zeitalter prognostizieren wir, daß unsere
militärische Macht weiterhin unabdingbarer Stützpfeiler des internationalen Kräftegleichgewichts ist, jedoch
weniger offenkundig und in unterschiedlicher Form.
Wir gehen davon aus, daß unsere Streitkräfte weniger
gegen die Sowjetunion sondern eher in der dritten Welt
zum Einsatz kommen könnten, wo neue Fähigkeiten
und Ansätze erforderlich sein könnten. Wir haben
erkannt, daß wir unser wirtschaftliches Wohlergehen
als Grundlage unserer langfristigen Stärke im Auge

behalten müssen. Und wir können sehen, daß politischer Wille und wirksame Diplomatie insbesondere in
einem neuen internationalen Umfeld die Mittel sein
können, mit denen nationale Macht in die Verwirklichung nationaler Ziele umgesetzt werden.
Bündnisbeziehungen
In der Außenpolitik kommt der Solidarität mit unseren
Verbündeten und Freunden erste Priorität zu. Das
Aufkeimen anderer Machtzentren in der freien Welt ist
begrüßenswert, steht im Einklang mit den Werten der
Vereinigten Staaten und unterstützt unsere nationalen
Interessen. Wir sind bereit, die Verantwortung internationaler Führung mit unseren Verbündeten und Freunden umfassender zu teilen.
Rüstungskontrolle
Rüstungskontrolle ist ein Mittel, kein Zweck. Sie ist
wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Politik
zur Verbesserung der nationalen Sicherheit. Wir werden
Rüstungskontrollabkommen anhand folgender entscheidender Kriterien beurteilen:
Erstens müssen Abkommen unsere Sicherheit
verbessern. Unser Ziel besteht darin, selbst in
Krisenzeiten den Anreiz abzubauen, einen Angriff
in die Wege zu leiten. Wir streben also nicht
Reduzierungen um jeden Preis an, sondern

Seite 5

�Abkommen, die Stabilität fördern. Unsere Arbeit ist darauf ausgerichtet, die für Offensivmaßnahmen oder einen Präventivschlag am
besten geeigneten Fähigkeiten abzubauen.
Zweitens bevorzugen wir für verbesserte Stabilität Abkommen, die zu größerer Berechenbarkeit von Umfang, Zusammensetzung und Entwicklung der Streitkräfte führen. Berechenbarkeit durch Offenheit erweitert den traditionellen
Schwerpunkt der Rüstungskontrolle über rein
militärische Fähigkeiten hinaus und spricht die
Angst vor aggressiven Absichten an.
Drittens sind Abkommen nur dann wirksam,
wenn wir ihre Einhaltung verifizieren können.
Mit der Einbeziehung von Problemen wie der
Verbreitung chemischer Waffen und Raketen
wird die Verifikation zu einer zunehmend schwierigen Herausforderung, aber wirksame Verifizierung wird immer noch erforderlich sein. Wir
streben dauerhafte Abkommen an.
Da die Sicherheit der Vereinigten Staaten untrennbar mit der ihrer Freunde und Verbündeten
verbunden ist, werden wirdarauf bestehen, daß
mit keinem der Rüstungskontrollabkommen die
Sicherheit der Bündnispartner aufs Spiel gesetzt wird.

Wirtschafts- und Militärhilfe
Während die Spannungen zwischen Ost und West
abnehmen, kommt diesen politischen und wirtschaftlichen Instrumenten in einem Zeitalter neuer Herausforderungen zentrale Bedeutung zu. In einer neuen Ära
sind Wahrung von Demokratie und Stabilität weiterhin
ein Hauptziel, das aber jetzt nicht mehr mit dem
traditionellen Kontext des kalten Kriegs befrachtet ist.
Auch wirtschaftliche und humanitäre Ziele nehmen
heute einen breiteren Raum ein als zuvor. Mit der
Beilegung regionaler Konflikte wird die friedensbewahrende Funktion der Vereinten Nationen um zusätzliche
Aufgaben erweitert - und kann auf unsere Unterstützung zählen. Im Hinblick auf die weiterhin schwelenden Konflikte kann Militärhilfe den Umfang oder die
Wahrscheinlichkeit direkter amerikanischer Einflußnahme bei der Stärkung der regionalen Sicherheit
abbauen. Bei Problembereichen wie Drogen, Umwelt,
Terrorismus und der Verbreitung hochtechnologischer
Waffen ist amerikanische Hilfe weiterhin ein wertvolles
politisches Instrument.
V. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Wirtschaftsprogramm
Die Macht der Vereinigten Staaten beruht nach wie vor
auf der Stärke und Flexibilität unserer Volkswirtschaft.
Internationale Ungleichgewichte

Die Errungenschaften der vergangenen zwölf Monate
im Bereich der Rüstungskontrolle sind beeindruckend,
aber sie sind erst ein Anfang. Unser Rüstungskontrollprogramm ist heute umfassender als je zuvor und geht
über die traditionelle Konzentration auf Atomwaffen
hinaus. Wir befassen uns mit drängenden multilateralen Fragen der Rüstungskontrolle. Wir verhandeln
ferner über größere Transparenz und Begrenzung der
konventionellen Rüstungen. Wir werden in gutem
Glauben, geduldig und ernsthaft verhandeln, aber wir
streben weder ein Abkommen um jeden Preis an, noch
setzen wir die oben genannten Grundsätze aufs Spiel.
Ideenwettstreit und Wahrung der Demokratie
Die amerikanische Botschaft von Demokratie, Achtung der Menschenrechte und freiem Gedankenaustausch ist heute noch ebenso entscheidend und anregend wie vor 45 Jahren. Die von uns vermittelte
Wahrheit ist nach wie vor ein Stimulans für Offenheit.
Wir müssen bei Themen von zunehmender weltweiter
Bedeutung wie der Bekämpfung des Drogenhandels
und der Suche nach Bewältigung der internationalen
Umweltprobleme amerikanische Werte weitervermitteln und die amerikanischen Interessen schützen.
Während sich auf der Welt der Wandel zur Demokratie
vollzieht - die vielerorts noch verweigert wird -, müssen
wir sicherstellen, daß die von uns ausgesendete Botschaft und die benutzten Übertragungsmittel Schritt
halten.

Seite 6

Bei den jüngsten Wirtschaftsgipfeln und Treffen der
Finanzminister der G-7 wurde der Behebung dieser
Ungleichgewichte hohe Priorität eingeräumt. Für Länder
mit hohen Defiziten wie die Vereinigten Staaten sind
Maßnahmen erforderlich, mit denen das Haushaltsdefizit abgebaut und die private Spartätigkeit ermutigt
wird. Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan sollten ihrerseits makroökonomische
Maßnahmen und Strukturreformen zur Ankurbelung
nichtinflationären Wachstums ergreifen. Wir werden
die Koordinierung verbessern und die Durchführung
geeigneter Maßnahmen für nichtinflationäres Wachstum und erweiterten Handel sicherstellen.
Verschuldung
Die Verschuldung der dritten Welt beläuft sich insgesamt auf über 1 Billion Dollar, und die Schuldnerländer
benötigen rund 70 Milliarden Dollar nur zur Tilgung der
Jahreszinsen. Im Brady-Plan haben wir Vorschläge
zur Wiederbelebung der internationalen Schuldenstrategie durch Abbau der Verschuldung bei Handelsbanken und des Schuldendienstes als flankierende Maßnahmen der Neuverschuldung unterbreitet. Als unabdingbaren ersten Schritt, um diese Unterstützung zu
erhalten, drängen wir die Schuldner, Maßnahmen zur
Stärkung der inländischen Spartätigkeit zu ergreifen,
Anreize für ausländische Investitionen zu schaffen und

AMERIKA DIENST 12

�Schritte zu unternehmen, um die Kapitalflucht zu unterbinden.
Handel

militärische Komponente dieser Strategie paßt sich
den verändernden Bedrohungen und der verfügbaren
militärischen Technologie an, aber auch hier gibt es
eine gewisse Kontinuität:

Infolge des anhaltend hohen Handelsdefizits hat sich
die Unterstützung des freien Handels in den Vereinigten Staaten abgeschwächt. Leistungsbilanz- und
Handelsdefizite sind makroökonomische Phänomene, die vor allem die Spar- und Investitionstätigkeit im
Inland widerspiegeln. Wenn wir uns den inländischen
Ursachen für das Handelsdefizit zuwenden, müssen
wir auch sicherstellen, daß das freie Spiel der Marktkräfte im In- und Ausland gewährleistet ist und der
Handel expandiert - anstatt unsere Märkte abzuschotten.

Abschreckung: Wir haben Agression und Gewalt
abgeschreckt, indem wir potentielle Gegner davon
überzeugt haben, daß der Preis einer Aggression
jeden möglichen Vorteil übersteigen würde. "Flexible
Reaktion" erfordert die Beibehaltung von Optionen für
eine direkte Verteidigung, drohende Eskalation und
Vergeltungsschläge.

Angesichts der anhaltenden strategischen Bedeutung
eines Konsenses unter den demokratischen Industrienationen ist es unabdingbar, daß Handelsstreitigkeiten gerecht geschlichtet werden, ohne das Geflecht
lebenswichtiger sicherheitspolitischer Partnerschaften
zu zerstören.

Vorneverteidigung: Die Verteidigung dieser
gemeinsamen Werte und Interessen erfordert
die Präsenz eines großen Teils der US-Streitkräfte in Europa, Asien, dem Pazifik und auf
See.

Technologie
Unsere wirtschaftliche und militärische Stärke gründet
sich auf unsere technologische Überlegenheit - nicht
nur auf unsere Fertigungskapazität. Die Dynamik der
technologischen Revolution ist grenzüberschreitend.
Der Technologietransfer zwischen Verbündeten und
Freunden ist den Vereinigten Staaten sowohl im Bereich der nationalen Sicherheit als auch in wirtschaftlicher Hinsicht zugute gekommen.
Aber die Offenheit einer freien Marktwirtschaft darf
nicht zur Bedrohung unserer Sicherheit ausgebeutet
werden. Gemeinsam mit unseren Partnern im Koordinationsausschuß für ost-westliche Handelspolitik
(COCOM) müssen wir sicherstellen, daß sicherheitsempfindliche Technologie potentiellen Gegnern nicht
in die Hände fällt. Gleichzeitig müssen wir die COCOM-Verfahren und Listen für bestimmte Handelsgüterüberarbeiten, um schnelle politische und wirtschaftliche Veränderungen in Osteuropa zu fördern.
Energie
Gesicherte Energievorräte sind für unseren Wohlstand und unsere Sicherheit unabdingbar. Wir müssen weiterhin einen sicheren Zugang zu preiswertem
Öl gewährleisten und größere Ölkrisen bewältigen
können. Wir werden Energieerhaltung und neue
Energien fördern und unsere Energieversorgung ausbauen, um den Bedarf einer wachsenden Wirtschaft
zu decken.
VI: Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Verteidigungsprogramm
Ein Grund für den Erfolg der amerikanischen Strategie
des Containment liegt in deren Konsequenz. Die

AMERIKA DIENST 12

Starke Bündnisse: Gemeinsame Werte und
Sicherheitsinteressen bilden die Grundlage
unseres Systems kollektiver Sicherheit.

Verlegung von Streitkräften: Die Vereinigten
Staaten verfügen über einsatzbereite Streitkräfte und die Mittel zu ihrer Verlagerung, um die
vornestationierten Einheiten zu verstärken oder
in Gebiete zu entsenden, in denen sie nicht
permanent präsent sind.
Der Wiederaufbau der militärischen Stärke Amerikas
in den vergangenen zehn Jahren war eine wichtige
Grundlage für die positiven Veränderungen, die wir
jetzt international beobachten können. Unsere Herausforderung besteht jetzt darin, diese Stärke in eine
übergreifende Strategie einfließen zu lassen, die über
Containment hinausgeht, und sicherzustellen, daß
unsere militärische Macht den neuen und komplexeren Möglichkeiten und Herausforderungen Rechnung
trägt.
Prioritäten
Von den verfügbaren Waffen, Streitkräften und Technologien werden wir diejenigen auswählen müssen,
die unseren Bedürfnissen in einem neuen Zeitalter am
ehesten gerecht werden. Unser Ansatz wird folgende
Punkte enthalten:
Die Abschreckung eines Nuklearangriffs ist,
angesichts der Fähigkeiten der Sowjets zum
Beginn eines strategischen Atomkriegs gegen
die Vereinigten Staaten, nach wie vor Eckpfeiler
der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Bei der Neuorganisation der Kräfteverteilung
unter den Verbündeten sollte jeder weiterhin
seinen Schwerpunkt auf die Aufgaben legen,
die er am besten erfüllen kann.
Wir werden sicherstellen, daß wir über die erfor-

Seite 7

�derlichen Streitkräfte verfügen, um im Fall eines Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
Konfliktes oder Krieges wichtige Luft- und wir in absehbarer Zukunft, auch in einem Umfeld
reduzierter konventioneller Streitkräfte und VerändeSeewege kontrollieren zu können.
rungen in Osteuropa moderne nukleare Streitkräfte für
Wir werden als Vorbeugungsmaßnahme gegen den Kriegschauplatz benötigen.
eine unsichere Zukunft weiterhin in Forschung
und Entwicklung investieren.
Abschreckung eines konventionellen Krieges
Wir verfolgen auch weiterhin die Doktrin konkur- Im Hinblick auf die Zukunft gehen wir von kleineren
rierender Strategien.
aktiven Streitkräften mit globalerer Orientierung aus,
deren Beweglichkeit, Einsatzbereitschaft und DurchZahlreiche Verteidigungsprogramme passen sich haltefähigkeit den potentiellen Konflikten angemessen
unterschiedlichen Bedingungen an, wir werden ist.
jedoch gegebenenfalls Waffen und eine Streitkräftestruktur entwickeln, die insbesondere den Vorneverteidigung durch vorgeschobene Präsenz
Bedürfnissen der dritten Welt gerecht werden.
Die amerikanische Führungsrolle in der NachkriegsBei grundlegenden Veränderungen unserer zeit und unser Engagement für die Verteidigung unseStreitkräfte erhalten wir auch im Fall von Rück- rer Interessen und der unserer Verbündeten wurde
schlägen unsere Fähigkeit aufrecht. Das ist ein von der vorgeschobenen Präsenz der US-Streitkräfte
unterstützt. Wir sind präsent, indem wir ständig Streitkluger Schutz vor einer unsicheren Zukunft.
kräfte im Ausland stationiert haben, durch ein Netz von
Abschreckung eines Atomkriegs
Stützpunkten, Einrichtungen und logistische Vereinbarungen, und wir sind präsent durch regelmäßige
Strategische Offensivwaffen
Partrouillen, Übungen und Besuche amerikanischer
Die Sowjetunion modernisiert weiterhin die gesamte Militäreinheiten. Dabei werden sich die Schwerpunkte
Bandbreite ihrer strategischen Streitkräfte. Auch wenn verändern, aber unsere vorgeschobene Präsenz bleibt
START eine erhebliche zahlenmäßige Reduzierung wichtiger Bestandteil unseres Einsatzkonzepts.
verspricht, ist der qualitative Wettstreit noch nicht
Wir werden weiterhin - zu Land, zur See und in der Luft
beendet.
konventionelle und nukleare - Streitkräfte in Europa
Von mir bereits getroffene Entscheidungen über eine stationieren, solange sie erforderlich und erwünscht
strategische Modernisierung berücksichtigen die Vor- sind. Darauf habe ich bereits verwiesen. Unsere
teile der vielversprechendsten Technologien für jede Streitkräfte in Europa sind nicht ausschließlich vom
Umfang sowjetischer Präsenz in Osteuropa, sondern
Säule unserer Triade, womit Stabilität erhöht wird.
von der Reaktion des Bündnisses auf den Bedarf an
Strategische Verteidigung
Sicherheit abhängig. Unserer Ansicht nach ist in
absehbarer Zukunft ein Niveau von 195 000 amerikaDie Strategische Verteidigungsinitiative ist eine Mög- nischen Soldaten in Mitteleuropa zur Aufrechterhallichkeit, Abschreckung auf eine sicherere und stabilere tung der Stabilität nach KSE-Reduzierungen angeGrundlage zu stellen, indem man den Schwerpunkt auf messen.
strategische Verteidigungssysteme legt. In einem
neuen internationalen Umfeld mit zunehmenden Fä- Au ßerhalb Europas werden wir die Fähigkeit beibehalhigkeiten zur Herstellung ballistischer Raketen ge- ten, auf regionale Konflikte zu reagieren, unseren
winnt die Verteidigung gegen Bedrohungen aus Dritt- Verpflichtungen nachzukommen und unsere Sicherländern ebenfalls an Bedeutung.
heitsinteressen zu wahren. Im Rahmen dieser Politik
Kriegschauplatzgebundene Streitkräfte
Das Atlantische Bündnis verfolgt konsequent das Prinzip der Beibehaltung überlebensfähiger und glaubwürdiger kriegschauplatzgebundener Streitkräfte, um eine
widerstandsfähige Abschreckung zu gewährleisten,
seine vereinbarte Strategie der flexiblen Reaktion zu
verwirklichen - und die Verteidigung Europas an die
strategische nukleare Garantie der Vereinigten Staaten zu "koppeln". Wir unterhalten Nuklearstreitkräfte,
deren Umfang so gering ist, wie es sich gerade mit
ihren Aufgaben und Zielsetzungen vereinbaren läßt.

Seite 8

werden Anpassungen bei unserer Präsenz in Übersee

erfolgen. Bei den Verhandlungen über die Nutzung
unserer Stützpunkte in Übersee werden wir von der
realistischen Annahme ausgehen, daß Stützpunkte
nicht unersetzlich sind. Jeder leistet einen bestimmten
Beitrag für unsere Sicherheit.
Gemeinsame Verantwortung für kollektive Verteidigung
Unsere Überlegungen betreffen weniger die unterschiedliche Art und Weise der Berechnung von Verteidigungslasten, sondern eher die Steigerung der Fähigkeiten insgesamt. Ein vielversprechender Ansatz ist

AMERIKA DIENST 12

�ein größeres Engagement für nationale Spezialisierung, eine verbesserte Arbeitsteilung im Bündnis auf
der Basis des vergleichbaren Vorteils einzelner Verbündeter bei unterschiedlichen Verteidigungsaktivitäten.
Streitkräfte für die dritte Welt
Die steigende Technisierung der Konflikte in der dritten
Welt wird hohe Anforderungen an unsere Streitkräfte
stellen. Sie müssen in der Lage sein, schnell zu
reagieren, weil die Demonstration auch geringer Macht
im Frühstadium eines Konflikts sich zumeist auszahlt.
Es wird wahrscheinlich Situationen geben, in denen
amerikanische Streitkräfte schnelle Erfolge mit den
geringstmöglichen Verlusten erzielen müssen. Die
Streitkräfte werden sich auf eine rauhe Umgebung,
unausgebaute Stützpunkte und die in der dritten Welt
häufig großen Entfernungen einstellen müssen.
Prinzipien der Mobilisierung
Verschiedene Elemente unserer Politik für die Gesamtstreitkräfte - das Gleichgewicht zwischen aktiven
und Reservestreitkräften, die Zusammensetzung von
Einheiten beider Komponenten, die Art der Einsätze
mit Reservestreitkräften - müssen Anpassungen erfahren, wenn wir Veränderungen im Bereich der Sicherheit gerecht werden wollen. Darüber hinaus muß
sich in den Plänen zur Mobilisierung der Industrie
unser gewandeltes Verständnis von der Warnung vor
einem Weltkrieg widerspiegeln, und es müssen stufenweise Reaktionen entwickelt werden, die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten demonstrieren und
somit zur Abschreckung beitragen.
Chemische Kampfführung
Unser vordringliches Ziel besteht darin, so schnell wie
möglich ein wirksames und tatsächlich weltweites Verbot
chemischer Waffen herbeizuführen. Bis dahin werden
die Vereinigten Staaten ein kleines, aber effektives
Arsenal chemischer Waffen unterhalten, um deren
Einsatz gegen uns und unsere Verbündeten abzuschrecken. Darüber hinaus werden wir unsere Initiativen fortführen, um unsere Streitkräfte vor chemischen Kampfstoffen, die gegen sie zum Einsatz kommen könnten, zu schützen und die Auswirkungen
eines gezwungenermaßen erfolgten Einsatzes zu
minimieren, bei dem es zur Berührung mit chemischen
Kampfstoffen kommt.
Weltraum
Die Vereinigten Staaten engagieren sich auch weiterhin für die Erforschung und Nutzung des Weltraums zu
friedlichen Zwecken und zum Nutzen der gesamten
Menschheit, aber das Völkerrecht und dieses Engagement gestatten Aktivitäten zum Schutz unserer nationalen Sicherheit. Unsere Zielsetzungen im Weltraum
sind ein Abbild derjenigen Ziele, die wir auch zur See
verfolgen - allen freien Zugang in Friedenszeiten zu

AMERIKA DIENST 12

gewähren, aber in Kriegszeiten unseren Feinden den
Zugang zu verwehren.
Darüber hinaus werden wir die wissenschaftliche,
technologische und wirtschaftliche Nutzung vorantreiben und auch Privatinvestitionen fördern. Wir werden
die internationale Kooperation unterstützen und gemeinsam an der Aufrechterhaltung des Friedens im
Weltraum arbeiten.
Konflikte geringer Intensität
Bedrohungen wie Terrorismus, Subversion, Aufstände und Drogenhandel gefährden die Vereinigten Staaten, ihre Bürger und Interessen in ungeahnter Art und
Weise. Armut und der Mangel an politischen Freiheiten tragen zur Instabilität bei, die Konflikte geringer
Intensität (low-intensity conf lict) mit sich bringt. Unsere Reaktion muß diesen Grundbedingungen gerecht
werden - aber wir können keine Verletzung unserer
Interessen und noch weniger Gewalt gegen unschuldige Bürger hinnehmen. Außerdem können die Ideale
Demokratie, Freiheit oder wirtschaftlicher Fortschritt
nur in einem Umfeld der Sicherheit gedeihen.
Drogenhandel
Das Verteidigungsministerim spielt eine wichtige Rolle
bei unserer Nationalen Drogenbekämpfungsstrategie.
Die erste Linie der Verteidigung gegen den illegalen
Drogenhandel muß in denjenigen Ländern gezogen
werden, wo Drogen hergestellt und verarbeitet werden. Unsere Politik zielt darauf ab, den politischen
Willen und den institutionellen Rahmen der Militär-,
Justiz- und Polizeibehörden in den Herstellerländern
zu stärken. Eine zweite Verteidigungslinie kann mit
der Stationierung von Teilen der US-Streitkräfte gezogen werden, die den Drogentransport an die amerikanische Grenze aufdecken und überwachen. Gegenwärtige Betrebungen zeigen bereits erste Erfolge.
Unsere Hilfe hat die kolumbianischen Regierung bei
ihrer mutigen Kampagne unterstützt, gegen die Drogenbarone vorzugehen und nationale Souveränität
und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.
Programme für die Nachrichtendienste
Die weltweit stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen stellen eine nie dagewesene Herausforderung für unsere Nachrichtendienste dar. Die Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen deuten auf
eine friedlichere Zukunft hin. Aber ein Umfeld beiderseitigen Vertrauens wird - nach vierzig Jahren Konfrontation - eine schwierige Aufgabe der Vertrauensbildung und Verifizierung sein.
Und überall gibt es Anzeichen für Gefahren. Die
Weiterverbreitung nuklearer, chemischer und anderer
militärisch verwendbarer Technologien steigert das
Risiko für Konflikte und Krisen. Schwelende regionale
Konflikte sind die Folge. Der amerikanische Nachrichtendienst muß solche Entwicklungen beobachten und

Seite 9

�Politikern die zum Schutz amerikanischer Interessen
notwendigen Informationen liefern. Die beiden Geißeln internationaler Terrorismus und Drogenhandel
stellen sehr hohe Anforderungen an die Nachrichtendienste, denen sich sich bisher kaum stellen mußten.
Wir werden uns also auf eine Verlagerung zu weltweiten Wirtschafts- und Handelsproblemen einstellen
müssen.
VII. Vertrauen In den Staat
Gemäß unserer Verfassung teilen sich Exekutive und
Legislative die Verantwortung der nationalen Verteidigung. Dieses System der Gewaltenteilung soll vor
Machtmißbrauch schützen, funktioniert aber am besten in einem dynamischen sicherheitspolitischen
Umfeld, in dem beide Bereiche zusammenarbeiten
und ein starkes Maß an Konsens über politische
Grundsätze auf nationaler Ebene und zwischen beiden Parteien besteht.
Die erfolgreichen Beispiele der überparteilichen Kooperation des letzten Jahres - Mittelamerika, Hilfe für
Osteuropa, Panama, um nur einige zu nennen - erfüllen mich mit Stolz. Dennoch gibt es noch einige

Kontroversen über die verschiedenen Versuche zur
Beschränkung der Befugnisse und Autorität des Präsidenten in vielen Bereichen, von verdeckten Operationen bis zur Zweckbindung von Hilfsgeldern. Wenn
wir einen erfolgreichen Übergang zu einem neuen
Zeitalter erreichen wollen, müssen wir zusammenarbeiten.
Wir befinden uns jetzt in einem Zeitalter sich schnell
verändernder strategischer Bedingungen, neuer Hinwendung zum Frieden, vieler Unsicherheiten und neuen
Gefahren. Wir haben also neue Möglichkeiten und
neue Probleme, die uns neue Führungsqualitäten
abverlangen - Mut, Weitblick und Konsequenz. Meine
Pflicht ist es, mich dieser Herausforderung zu stellen,
und dazu bin ich - in enger Zusammenarbeit und engen
Konsultationen mit dem Kongreß - bereit. Meiner
Ansicht nach gibt es einen nationalen Konsens bei der
Unterstützung einer starken Außen- udn Verteidigungspolitik - einen vielleicht stärkeren Konsens als jemals
zuvor in den vergangenen 25 Jahren. Der Kongreß
und der Präsident müssen diesen Konsens durch ihre
Kooperation mehr denn je demonstrieren. Das schulden wir dem amerikanischen Volk.

* * * * *

Seite 10

AMERIKA DIENST 12

�KSE
28. M a n 1990

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE IN EUROPA
Übersicht und Chronologie des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht und Chronologie "Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa" wurde am 23. März 1990 vom Amerikanischen Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) herausgegeben.

Am 9. März 1989 kamen Vertreter aller 23 Mitglieder
von NATO und Warschauer Pakt in der Wiener Hofburg zusammen, um Verhandlungen zu einem Abkommen über konventionelle Rüstungskontrolle in
Europa vom Atlantik bis zum Ural aufzunehmen. Diese
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE) sprengen den Rahmen der bisherigen
Rüstungskontrollverhandlungen auf diesem Gebiet,
an denen nur einige NATO- und Warschauer PaktStaaten teilnahmen und die ausschließlich Mitteleuropa zum Thema hatten.
Die Verhandlungen zielen darauf ab, Stabilität und
Sicherheit in Europa zu stärken, indem sie ein sichereres Gleichgewicht konventioneller Streitkräfte auf niedrigeren Niveaus herbeiführen, etwa bei konventionellen Rüstungen und konventionellem Gerät und in
Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen
Land- und Luftstreitkräften, sowie durch Beseitigung
von Ungleichgewichten, die Stabilität und Sicherheit
abträglich sind. Vor allem aber soll die Fähigkeit zur
Durchführung eines Überraschungsangriffs und einer
Großoffensive beseitigt werden.
Das von der NATO angestrebte KSE-Abkommen bildet unter anderem die Grundlage für eine neue politische und militärische Ordnung in Europa. Ein KSEVertrag wird die Verpflichtung enthalten, daß abtransportiertes Gerät vernichtet und abgezogene amerikanische und sowjetische Einheiten aufgelöst werden
müssen. Die Verifizierungsbestimmungen eines KSEVertrags werden wichtige abschreckende und vertrauensbildende Auswirkungen haben und natürlich die
Einhaltung verifizieren. Schließlich wird nur ein KSEVertrag sowjetische Truppen auf die Sowjetunion beschränken und gleichzeitig das Vertrauen der Sowjetunion auf Berücksichtigung ihrer berechtigten Sicherheitsinteressen erhöhen.

AMERIKA DIENST 12

Die KSE-Verhandlungen machen gute Fortschritte,
und erwartungsgemäß werden wir vor Ende des Jahres 1990 einen Vertrag schließen können.
Elemente eines KSE-Vertrags
Panzer und Artillerie
Ein wichtiger Bestandteil eines KSE-Vertrags wird die
Reduzierung und Begrenzung der beiden Hauptkategorien bei den Panzerstreitkräften - Panzer und gepanzerte Kampffahrzeuge und Artillerie sein, die zusammen die wichtigsten Elemente eines Überraschungsangriffs oder anderer Offensivoperationen in Europa
darstellen.
Panzer sind wichtigstes Instrument einer Offensive
und haben als solche bei den Verhandlungen hohe
Priorität. Gegenwärtig verfügen die Warschauer PaktStaaten über nahezu drei Viertel aller Panzer in Europa. Ost und West haben sich auf strenge gleiche
Obergrenzen für Panzer - 20 000 auf jeder Seite geeinigt. Das würde die Zerstörung Zehntausender
sowjetischer Panzer erfordern und damit die Stabilität
in der Region vom Atlantik bis zum Ural (ATTU)
erheblich steigern.
Gepanzerte Kampffahrzeuge (Im Laufe der Verhandlungen wurde offenkundig, daß die Bandbreite
und der Umfang der Definition von gepanzerten Truppenfahrzeugen nicht ausreichte, um den Zielen der
Verhandlungen gerecht zu werden. Der Westen schlug
Veränderungen vor, um den allgemeinen Warschauer
Pakt-Vorschlag zur Erweiterung der Kategorie zu
konkretisieren, damit eine größere Bandbreite von
gepanzerten Truppenfahrzeugen erfaßt werden kann.
Das hat zu einer Umbenennung der Kategorie in
"gepanzerte Kampffahrzeuge" und zur Anpassung an
die vom Westen vorgeschlagene Obergrenze geführt.)

Seite 1

�Gepanzerte Kampffahrzeuge wie gepanzerte Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ermöglichen
Mobilität und Unterstützung während der Kampfhandlungen und können bei einer Offensive eine wichtige
Rolle spielen. Ihre Reduzierung ist damit eng an die
erforderliche Reduzierung von Panzern geknüpft. Das
Ziel des Westens besteht in der Beseitigung der großen Asymmetrie gegenüber dem Osten in dieser
Kategorie, die der Sicherheit in der Region Vorschub
leisten wird.
Die Artillerie liefert bei einer Offensive den erforderlichen Feuerschutz. Ost und West haben sich auf eine
Definition in dieser wichtigen Kategorie der Rüstungen
geeinigt, unter anderem darauf, welche Systeme beseitigt
werden sollen. Die Wiener Verhandlungen konzentrieren sich gegenwärtig auf die Höchstzahl von Artilleriegeschützen, die beiden Seiten zugestanden werden
soll.

gegenwärtig die vom Vertrag einzuschränkenden
Hubschraubertypen. Die Gespräche konzentrierten
sich auf eine vom Westen im Februar 1990 eingebrachte Definition.
Andere Vertragselemente
Verifizierung und Einhaltung: Die Fähigkeit
zur wirksamen Verifizierung des Abbaus von
Truppen und Rüstungen ist ein wesentlicher
Vorteil eines KSE-Vertrags. Das westliche
Verteidigungsbündnis hat Bestimmungen für
detaillierten Datenaustausch, Inspektionen vor
Ort und Überwachung der Zerstörung unterbreitet. Obwohl der Ansatz des Ostens in einigen
Bereichen differiert, war seine Reaktion auf die
Verifizierungsvorschläge des Westens im großen und ganzen positiv.

Im Mai 1989 hat Präsident Bush eine Initiative vorgestellt, im Rahmen derer drei weitere Kategorien in KSE
einbezogen werden sollen:
Mannschaftsstärke,
Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Politiker
aus dem Westen und dem Warschauer Pakt haben
sich auf die Ausweitung der Verhandlungen geeinigt,
und diese Bestandteile sind nunmehr wichtiger Aspekt
der Verhandlungen geworden. Der Warschauer Pakt
hat gegenwärtig eine destabilisierende zahlenmäßige
Überlegenheit in all diesen Bereichen.

Demobilisierung/Zerstörung: Der Westen
vertritt die Ansicht, daß ein wesentliches Element bei der Gewährleistung unserer Fähigkeit
zur Überwachung der Einhaltung und zur Verhinderung der Verlegung von vertraglich begrenztem Gerät aus der Vertragszone heraus in
der Zerstörung von Gerät besteht, um auf diese
Weise die Obergrenzen anzugleichen. Der
Westen hat darüber hinaus die Demobilisierung
der abgezogenen amerikanischen und sowjetischen Truppen vorgeschlagen. Der Osten hat
diesen Grundgedanken noch nicht vollständig
akzeptiert.

Mannschaftsstärke. Im Februar 1990 haben die 23
KSE-Teilnehmerstaaten eine Begrenzung der Zahl
sowjetischer und amerikanischer Soldaten der Landund Luftstreitkräfte, die außerhalb ihres nationalen
Territoriums in Mittel- und Osteuropa stationiert sind,
auf eine Obergrenze von 195 000 vereinbart, wobei
den Vereinigten Staaten zusätzlich 30 000 Soldaten
außerhalb dieses Gebiets zugestanden werden.

Stabilisierungsmaßnahmen: Der Vertragstext
des Westens enthält eine Reihe anderer Maßnahmen, die zu regionalem Vertrauen und Stabilität beitragen könnten. Dazu gehören häufiger Informationsaustausch, Verfügung bezüglich der Lagerung von Gerät, Benachrichtigung
von Bewegungen und die Begrenzung des
Umfangs militärischer Aktivitäten.

Kampfflugzeuge: Angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und der Mobilität von Flugzeugen
vertritt der Westen die Auffassung, daß alle Kampfflugzeugen ungeachtet ihrer gegenwärtigen Aufgabe
in die Verhandlungen einbezogen werden sollten. Der
Westen hat im Februar 1990 einen neuen Vorschlag
unterbreitet, der die Zahl der in der ATTU-Region
zulässigen landgestützen Kampfflugzeuge erheblich
einschränken und das gegenwärtige Ungleichgewicht
zugunsten des Warschauer Pakts beseitigen würde,
dessen Stellungnahme zu diesem Vorschlag noch
aussteht.

Regionale Differenzierung und ausreichendes Niveau: Zusätzlich zu Begrenzungen bei
der Zahl der Rüstungen jeder Kategorie, die in
der Region vom Atlantik bis zum Ural insgesamt
von jeder Seite aufrechterhalten werden können, sind die Teilnehmer sich auch bezüglich
der regionalen zahlenmäßigen Begrenzungen
einig, die zur Verhinderung destabilisierender
Konzentrationen von zu Lande stationiertem
Gerät in jeder Region erforderlich sind. Beide
Seiten stimmen ferner überein, daß auch beim
Prozentsatz der von jedem Land unterhaltenen
Rüstungen Obergrenzen eingeführt werden
müssen ("ausreichendes Niveau"). Die regionalen Verteilungsschemata beider Seiten unterscheiden sich jedoch ebenso wie die für das
ausreichende Niveau festgelegten Quoten.
Obwohl der Osten einem Land die Beibehaltung
von 35 bis 40 Prozent des gesamten in der

Mannschaftsstärke, Flugzeuge und Hubschrauber

Kampfhubschrauber gewähren Feuerschutz, Flexibilität und schnelle Mobilität und können in einer Offensive eine wichtige Rolle spielen. Der Westen hat
Bestrebungen eingeleitet, um die Zahl der in der ATTURegion zugelassenen Kampfhubschrauber erheblich
einzuschränken. In Wien erörtern Ost und West

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten
Geräts gestatten würde, vertritt der Westen die
Ansicht, daß die von ihm vorgeschlagenen 30
Prozent angemessen sind.
KSE-Chronologie
10. Januar 1989: Die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts formulieren in Wien ein
Mandat über Umfang und Form der Verhandlungen
über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE).
9. März 1989: Offizielle Eröffnung der KSE-Gespräche in Wien durch die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts. Der ursprünglich von der
NATO unterbreitete Vorschlag fordert den Abbau und
die Begrenzung von Hauptkampfpanzern, gepanzerten Truppenfahrzeugen und Artilleriesystemen.
23. März 1989: Beendigung von Runde I der KSE.
5. Mal 1989: Eröffnung von Runde II der KSE.
29. - 30. Mai 1989: Beim NATO-Gipfeltreffen unterstützen die Staats- und Regierungschefs der NATO
einstimmig Präsident Bushs Vorschlag zur Einbeziehung von Begrenzungen für Mannschaftsstärken,
Kampfflugzeuge und Hubschrauber und zum Abschluß
der Verhandlungen binnen 6 bis 12 Monaten.
13. Juli 1989: Die NATO unterbreitet in Wien einen
umfassenden Vorschlag, der die bei NATO-Gipfeltreffen im Mai vereinbarten Initiativen einbezieht.
13. Juli 1989: Beendigung von Runde II der KSE.
7. September 1989: Eröffnung von Runde III der KSE.
22. September 1989: Der Westen unterbreitet Vorschläge bezüglich Informationsaustausch, Stabilisierungsmaßnahmen, Nichtumgehung und Verifizierung.
19. Oktober 1989: Die Staaten des Warschauer
Pakts legen ihre Version zu Verizifierung, Informa-

*

AMERIKA DIENST 12

tionsaustausch und Stabilisierungsmaßnahmen vor,
die bei zahlreichen Formulierungen die Sprachregelung der zuvor von der NATO eingebrachten Vorschläge enthält.
19. Oktober 1989: Beendigung von Runde III der
KSE.
9. November 1989: Eröffnung von Runde IV der KSE.
14. Dezember 1989: NATO und Warschauer Pakt
unterbreiten Vertragsentwürfe.
21. Dezember 1989: Beendigung von Runde IV der
KSE.
12. Januar 1990: Eröffnung von Runde V der KSE.
8. Februar 1990: Der Westen unterbreitet neue
Vorschläge zu Flugzeugen und Mannschaftsstärken.
13. Februar 1990: In Ottawa einigen sich die Außenminister der 23 Teilnehmerstaaten der KSE-Verhandlungen auf eine Obergrenze für au ßerhalb der nationalen Territorien in Mittel- und Osteuropa stationierte
amerikanische und sowjetische Land- und Luftstreitkräfte von 195 000 für jede Seite. Darüber hinaus
dürfen die Vereinigten Staaten 30 000 Mann dieser
Streitkräfte außerhalb dieser Region stationieren.
22. Februar 1990: Die NATO unterbreitet ein detailliertes Inspektionsprotokoll.
22. Februar 1990: Beendigung von Runde V der KSE.
15. März 1990: Eröffnung von Runde VI der KSE. Die
NATO legt einen Protokollentwurf zur Zerstörung und
einen Vertragsartikel über Reduzierungen vor. Darüber hinaus kündigt die NATO Pläne zur Einbringung
eines Protokollentwurfs über Inspektionen und damit
in Verbindung stehende Vertragsartikel auf Arbeitsebene an. Der Westen hat jetzt alle wesentlichen
Elemente eines KSE-Vertrags vorgelegt.

* * *

*

Seite 3

�POLEN
28. März 1990

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki im Weißen Haus
WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Begrüßung des polnischen Ministerpräsidenten im Weißen Haus erklärte Präsident Bush am 21. März 1990, Polen müsse ein Mitspracherecht an "allen seine Zukunft betreffenden
Entscheidungen" eingeräumt werden.
Im folgenden veröffentlichen wir zunächst einige Hintergrundinformationen zu diesem Besuch und anschließend

Auszüge aus der Begrüßungsansprache des Präsidenten.

Bei der Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki
im Weißen Haus erklärte Präsident Bush, die Vereinigten Staaten wünschten, daß "Polen vollständige
Demokratie und Unabhängigkeit erlangt. An allen die
Zukunft Polens betrteffenden Entscheidungen muß
Polen eine Mitspracherecht eingeräumt werden."

"Es gibt viele Wege", so Seitz, auf denen Polen ein
"Mitspracherecht" eingeräumt werden könnte, einschließlich dem Gespräch, "das gerade im Oval Office
stattgefunden hat... Polen kann seiner Meinung auf
vielfältige Weise zu einer Vielzahl von Anliegen Ausdruck verleihen...".

Dem Abteilungsleiter im Außenministerium für europäische und kanadische Angelegenheiten, Raymond
Seitz, zufolge wurde die Grenzfrage zusammen mit
dem Vereinigungsprozeß der beiden deutschen Staaten in einem Gespräch unter vier Augen erörtert. Zu
diesem Prozeß gehören die Zwei plus Vier-Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der DDR einerseits und den Siegernnächten des Zweiten
Weltkriegs - den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien - andererseits.
Seitz beschrieb die Gespräche unter vier Augen als
"generellen Überblick", aus dem sich "nichts Überraschendes oder Neues" ergeben habe.

Seitz dementierte, daß Warschau und Washington
hierzu unterschiedlicher Auffassung sind, da "unsere
Meinung zu dieser Frage eindeutig ist - das heißt, wir
kennen den (heutigen) Grenzverlauf, wir sehen diese
Grenze als dauerhaft an und werden von dieser Meinung nicht abrücken ... Wie dies alles verwirklicht wird
und welche rechtliche Grundlage geschaffen wird,
muß noch erörtert werden."

Der Presse gegenüber erklärte Seitz, das von Präsident Bush in seiner Begrüßungsansprache erwähnte
"Mitspracherecht" für Polen bedeute keine Einbeziehung Warschaus in die Zwei plus Vier-Runde über die
bereits vorgesehene Teilnahme bei den Gesprächen
über die Grenzfrage hinaus. Nachrichtenmeldungen
zufolge möchte Warschau an allen Polen betreffenden
Verhandlungen teilnehmen insbesondere wenn Sicherheitsfragen erörtert werden.

AMERIKA DIENST 12

Seitz zufolge sieht Bush die Formulierung "Mitspracherecht" als Versicherung gegenüber Mazowiecki,
daß "wir die polnischen Bedenken verstehen und
zuhören werden und auf diese Bedenken in vielfältiger
Weise und bei unterschiedlichen Gelegenheiten eingehen werden."
Seitz beschrieb die Grenzfrage als "ein in vieler Hinsicht rechtliches Problem. Kann man eine endgültige,
rechtlich bindende Erklärung zur Grenzfrage tatsächlich in dem Augenblick abgeben, wenn ein neuer
deutscher Staat entstanden ist?"
Die Verantwortung der vier Mächte besteht Seitz zufolge darin, "die Grenzen eines neuen deutschen Staates
Seite 1

�zu bestätigen, sobald dieser gegründet ist. Ein Teil
dieser Verantwortung ist der Ablauf, wie die ganze
Sache angegangen wird. Ein Teil ist der Prozeß
selbst. Es gibt vielfältige Vorgehensweisen."
Persönlich sei erder Ansicht, fügte er hinzu, daß Polen
und der neue deutsche Staat diese Angelegenheit auf
bilateraler Ebene entscheiden.
Er wisse nicht, erklärte Seitz, ob Präsident Bush
gegenüber Mazowiecki Versicherungen zur Grenzfrage abgegeben habe, da er an dem Gespräch nicht
teilgenommen habe. Seitz fügte hinzu, "Ich bin sicher,
der Präsident hat unserer festen Ansicht darüber
Ausdruck verliehen, wie diese Frage gelöst wird", das
heißt, unter Beibehaltung der heutigen Grenzen.
Seitz erklärte, die Zwei plus Vier-Runde habe ein
"eingeschränktes Manadat", das darin bestehe, "den
vier Mächten" als Siegermächten des Zweiten Weltkriegs "beim Prozeß der deutschen Einigung die Entbindung von ihren Rechten und Pflichten" zu gestatten. "Es gibt zahlreiche andere Foren, in denen
Sicherheitsfragen erörtert werden", einschließlich den
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, lügte er hinzu.
Seitz zufolge bestehen Meinungsverschiedenheiten
zwischen der Administration und polnischen Regierungsvertretern, die auf dem Verbleib sowjetischer
Truppen in Polen beharren, bis alle Sicherheitsfragen
gelöst sind. "Unserer Ansicht nach besteht keine
Notwendigkeit für eine dauerhafte sowjetische Präsenz", erklärte er, abgesehen von dem logistischen
Gebot, daß der Nachschub für die Streitkräfte in der
DDR über Polen erfolgen muß. "Wir sind uns bewußt,
daß es dort für eine gewisse Zeit ein gewisses Maß an
sowjetischer Präsenz geben wird", bis die sowjetischen Streitkräfte vom heute als DDR bezeichneten
Gebiet abgezogen werden. "Wir vertreten die Auffassung, daß dies (die sowjetische Präsenz in Polen)
definitiv überflüssig sein wird, wenn dieser Prozeß (der
Vereinigung) beendet ist."
Auf die Frage, ob Polen "gerechtfertigte" Bedenken
über den möglichen Umfang der deutschen Streitkräfte habe, versicherte Seitz, die Bundeswehr "ist praktisch ausschließlich eine NATO-Streitmacht", ein Faktor,
der die Bedeutung der NATO und die permanente
Mitgliedschaft der Bundesrepublik im Bündnis, durch
die die Bundeswehr Teil der integrierten militärischen
Struktur ist, noch unterstreiche. Er erklärte, "die
Bundesrepublik ist dank der NATO ein sehr enger
Verbündeter der Vereinigten Staaten. Dies ist sicherlich eine Rückversicherung für Polen."
In seiner Begrüßungsansprache erinnerte Bush an
Warschaus "erste Schritte auf dem Weg zur demokratischen Wiedergeburt" nach Jahrzehnten erzwungener kommunistischer Herrschaft. Er betonte Mazo-

Seite 2

wieckis "großen persönlichen Mut" bei der Ergreifung
der notwendigen Maßnahmen "um den wirtschaftlichen Trümmerhaufens eines Systems aus dem Weg
zu räumen, das längere Warteschlangen und mehr
leere Regale produziert hat als alles andere".
Bush versicherte Mazowiecki, daß die Vereinigten
Staaten "eine europäische Macht bleiben" und auch
über "diese Zeit tiefgreifender und turbulenter Veränderungen" hinweg weiterhin "für Freiheit, Stabilität und
Sicherheit" eintreten werden.
Als jüngste Maßnahme bei den Bemühungen Washingtons, Polen beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen, unterzeichnete der Präsident ein
Wirtschafts- und Investitionsabkommen, mit dem privates Unternehmertum in Polen gefördert werden soll.
Bush betonte dabei die Tatsache, daß dieser Vertrag
das erste Abkommen dieser Art ist, das zwischen
Washington und "den neuen Demokratien in Osteuropa" unterzeichnet wird und erklärte, es werde dazu
beitragen, "die polnische Wirtschaft auf das westliche
Wirtschaftssystem und die Weltmärkte zu orientieren". Es gründe sich auf die von seiner Administration
getroffenen Maßnahmen, um die amerikanischen Märkte
für polnische Exporte zu öffnen und werde amerikanischen Unternehmern einen Anreiz für Investitionen in
Polen bieten.
Der Vertrag über Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen enthält international anerkannte Schutzvorschriften für amerikanische Investitionen in Polen,
darunter den Transfer von Exportgewinnen und Kapital sowie einen teilweisen Schutz vor Enteignung. Er
übernimmt internationale Normen für die Schlichtung
von Streitfällen. Darüber hinaus legt der Vertrag die
Rechte amerikanischer Investoren fest, darunter Zugang
zu polnischen Versorgungseinrichtungen sowie die
umgehende Bearbeitung von Lizenz- und Genehmigungsanträgen.
Bush teilte Mazowiecki mit, er werde die noch aus den
Tagen der kommunistischen Herrschaft in Warschau
stammenden Reisebeschränkungen für offizielle polnische Vertreter in den Vereinigten Staaten unverzüglich aufheben. Er stimmte einem polnischen Gesuch
zur Eröffnung eines Konsulats in Los Angeles zu.
Im US-Außenministerium erklärte der Stellvertretende
Außenminister, Lawrence Eagleburger, als Gastgeber
eines Arbeitsessens für Mazowiecki, der Besuch des
Ministerpräsidenten in Washington habe "deutlich
gezeigt, daß zwischen Polen und den Vereinigten
Staaten eine Partnerschaft besteht". Der im Weißen
Haus unterzeichnete Wirtschaftsvertrag sei "das jüngste Beispiel" für diese Zusammenarbeit.
"Unseres Erachtens steht fest, daß die Unterzeichnung dieses Vertrags erhebliche amerikanische Investitionen in Polen ermutigen wird, deren Ziel die Unter-

AMERIKA DIENST 12

�Stützung der polnischen Wirtschaft ist", erklärte der
Stellvertretende Außenminister. Er betonte, daß "die
Vereinigten Staaten und Polen gut zusammenarbeiten
.... und es wäre falsch, nach Meinungsverschiedenheiten zu suchen. Es gibt keine."

Nachfolgend veröffentlichen wir die Begrüßungsansprache Präsident Bushs in wesentlichen Auszügen.
Herr Ministerpräsident, es ist mir eine große Ehre und
ein Vergnügen, Sie hier in Washington begrüßen zu
können. Seit Ihrem Amtsantritt vor sechs Monaten
hatten wir mehrmals die Gelegenheit, einander zu
konsultieren, und ich habe Ihren Rat schätzen gelernt
und betrachte Sie als einen Freund. Heute treffen wir
das erste Mal persönlich zusammen, und ich freue
mich, mit Ihnen über die vielen Veränderungen und
Herausforderungen sprechen zu können, die unsere
beiden Länder betreffen.
Und natürlich begrüßen meine Frau Barbara und ich
auch diese Gelegenheit, uns ein wenig für die warmherzige Aufnahme revanchieren zu können, die uns im
vergangenen Sommer bei unserem Besuch in Polen
zuteil wurde. Überall, von den Straßen und Plätzen
Warschaus bis zu der heute historischen Werft von
Gdansk war die Wärme, die ich in Ihrem Land gespürt
habe, ein Zeichen der Freundschaft zwischen unseren
beiden Völkern, der unverbrüchlichen Bande, die das
Volk Polens mit dem Volk der Vereinigten Staaten
verbinden - nicht nur die Millionen Amerikaner polnischer Abstammung, sondern uns alle, die wir eine
gemeinsame Liebe zur Freiheit teilen.
Und es ist diese Liebe zur Freiheit, die heute unseren
Weg erleuchtet, die die im vergangenen Jahr erlebten
Veränderungen hervorgebracht hat- bemerkenswerte
Veränderungen. Heute vor einem Jahr befanden sich
die Führungen der Solidarität und die kommunistischen Machthaber noch inmitten der Gespräche am
Runden Tisch. Herr Ministerpräsident, Sie saßen in
jenen Winterwochen im Februar und März am Runden
Tisch. Das Schicksal Polens stand auf dem Spiel.
Ganz Polen wartete auf das Ergebnis, und am 5. April
1989 machte Polen den ersten Schritt auf dem Weg
zur Erfüllung seines demokratischen Schicksals. Zum
ersten Mal seit über 40 Jahren sollte in Osteuropa die
Stimme des Volkes in freien Wahlen sprechen.
In unserem Land gedenken wir der Revolution von
1776, feiern aber den 19. April 1775 als Tag, an dem
die Revolution begann, als "der auf der ganzen Welt
vernehmbare Schuß" in Lexington, Massachusetts
abgegeben wurde. In Ihrem Land wird man sich immer
an den 5. April als Beginn der Revolution von 1989
erinnern, der Revolution, die in Polen ihren Lauf nahm
und eine Kettenreaktion in Gang setze, die Europa und
die Welt veränderte.

AMERIKA DIENST 12

Herr Ministerpräsident, beide Revolutionen verfolgen
ein gemeinsames Ziel, das unsere Länder in der Sache
der Freiheit vereint. In Hamtramck, Michigan habe ich
vor fast einem Jahr den wirtschaftlichen Reformen in
Polen und seinem Übergang zur Demokratie starke
amerikanische Unterstützung zugesichert. Damals
habe ich erklärt: "Freiheit ist eine Idee, deren Zeit in
Osteuropa gekommen ist." Die ungeheuren Veränderungen des vergangenen Jahres haben diese Idee der
Freiheit tatsächlich in alle Länder Osteuropas getragen.
Heute heißen wir im Weißen Haus den großen polnischen Patrioten und Freiheitskämpfer Tadeusz Mazowiecki, einen der Gründerväter der Solidarität, willkommen. Er überlebte die schwere Zeit im Dezember
1981 und das Kriegsrecht, verbrachte ein Jahr im
Gefängnis, lebte im Untergrund, war Mitherausgeber
einer verbotenen Zeitung und Mitbegründer einer
verbotenen Gewerkschaft.
Herr Ministerpräsident, Sie haben überlebt. Die Solidarität hat überlebt und triumphiert. Heute haben Sie
gemeinsam mit Ihrer mutigen Gewerkschaft in Ihrem
Land die Führung übernommen und geleiten das polnische Volk von der Revolution zur Wiedergeburt.
Im vergangenen Jahr hat Polen erste Schritte auf dem
Weg zu einer demokratischen Wiedergeburt vollzogen. In den letzten sechs Monaten zählte die Lenkung
des schwierigen Übergangs zur Demokratie zu unseren täglichen Aufgaben. Sie haben großen persönlichen Mut bewiesen und mutig die notwendigen Schritte unternommen, um den wirtschaftlichen Trümmerhaufen eines Systems aus dem Weg zu räumen, das
längere Warteschlangen und mehr leere Regale produziert hat als alles andere. Ihnen gebührt großes Lob
für die Einführung eines radikalen Wirtschaftsreformprogramms, das sich den Aufbau einer freien Marktwirtschaft auf den Trümmern der Planwirtschaft zum
Ziel gesetzt hat.
Wir sind uns alle bewußt, daß dieser Weg zur Reform
nicht unbeschwerlich ist. Die Geschichte hat uns
gezeigt, wie viel Erfahrung das polnische Volk mit
Leiden und Qualen hat. Aber die Geschichte lehrt uns
auch eine Lektion überdie polnische Mentalität- immer
hoffnungsvoll, immer stark.
Heute, in dieser Zeit der Prüfungen gibt es einen
Unterschied: Das Opfer Polens hat den Segen der
Freiheit - den Segen eines Landes, das entschlossen
ist, seine Zukunft in der Demokratie zu suchen.
Herr Ministerpräsident, ich möchte dem polnischen
Volk eine Botschaft übermitteln: Amerika möchte
Polen zum Erfolg verhelfen. Wir möchten Polen als
Partner in der Gemeinschaft freier Nationen begrüßen.
Wir wünschen uns für Polen Wohlstand und die Vor-

Seite 3

�Sicherheit. Wir stellen uns ein neues Europa vor, in
dem die Sicherheit aller europäischen Staaten und ihr
grundlegendes Recht auf Sicherheit innerhalb der
gegenwärtig gültigen Grenzen gewährleistet ist. Und
in diesem neuen Europa wird die NATO als Verteidigungsbündnis die Vereinigten Staaten an Europa binIch möchte Ihnen in dieser Zeit tiefgreifender und den und stark und einig bleiben. Und wir wünschen
turbulenter Veränderungen versichern, daß die Verei- uns, daß Polen und seine Nachbarn gemeinsam mit
nigten Staaten eine europäische Macht bleiben wer- uns ein ungeteiltes und freies Europa aufbauen.
den, eine treibende Kraft für Freiheit, Stabilität und
teile des freien Unternehmertums. Wir möchten, daß
Polen Demokratie und Unabhängigkeit in vollem Maße
genießen kann. Polen muß ein Mitspracherecht an
allen seine Zukunft betreffenden Entscheidungen eingeräumt werden.

*

Seite 4

*

*

*

AMERIKA DIENST 12

�POLEN
28. März 1990

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell gesichert werden

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush erklärte am
22. März 1990, das "Mißtrauen" zwischen Warschau
und Bonn trete immer mehr in den Hintergrund und die
beiden Länder sollten unter sich aushandeln, wie ihre
heutigen Grenzen formell gesichert werden sollen.
Zum Abschluß der zweitägigen Gespräche mit dem
polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki erklärte
Bush auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, es "könnte Nuancen eines Unterschieds" in der
Haltung Washingtons und Warschaus zu Fragen in
Zusammenhang mit der deutschen Einheit geben,

aber das Mißtrauen zwischen den beiden europäischen Nachbarn "ist gesunken", und es sei ihre Sache,
darüber zu sprechen, wie sie einen Vertrag abschließen.
Die Möglichkeit, daß ein vereinigtes Deutschland danach
trachten könnte, Gebiete zurückzufordern, die Polen
nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausgleich für polnische territoriale Verluste an die Sowjetunion übertragen wurden, hat die Diskussionen über die Einheit
Deutschlands überschattet. Die polnischen Bedenken
verstärkten sich im vergangenen Monat, nachdem
Bundeskanzler Kohl erklärt hatte, die polnische Grenze könne nur nach einer Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR endgültig garantiert
werden. Der Bundestag hat seither im Einklang mit der
in der Schlußakte von Helsinki festgelegten Unverletzlichkeit der Grenzen die Dauerhaftigkeit der heutigen
Grenzen bekräftigt.
Pressemeldungen zufolge war Mazowiecki nach
Washington gekommen, um Unterstützung für einen
Grenzvertrag - der von beiden deutschen Staaten vor
einer Vereinigung paraphiert werden soll - und eine
stärkere Rolle Polens in den Zwei-plus-Vier-Gesprächen über Fragen der deutschen Einheit anzustreben.

AMERIKA DIENST 12

Bush erklärte bei der Pressekonferenz im Weißen
Haus ferner, er habe mit Mazowiecki "über Polens
Platz in einem neuen Europa gesprochen. Ich habe
dem Ministerpräsidenten erklärt, daß wir in Zukunft
eine wichtige Rolle für ein freies, demokratisches und
unabhängiges Polen als Faktorder Stabilität in Europa
sehen."
Er habe Washingtons Verpflichtung zur Unterstützung
der wirtschaftlichen und politischen Reformen bekräftigt. "Wir sehen der Beteiligung Polens am Aufbau
eines ungeteilten und freien Europas hoffnungsvoll
entgegen - eines Europas, in dem die Sicherheit aller
Staaten innerhalb ihrer heutigen Grenzen garantiert
und in dem die NATO weiterhin stark und einig ist",
fügte der Präsident hinzu.
Auf die Frage, ob er Mazowiecki Zusicherungen bezüglich eines Grenzvertrags vor der Vereinigung der
beiden deutschen Staaten gemacht habe, erklärte
Bush, seine Sicht eines "Polen in einem demokratischen Europa, das in Zukunft unabhängig und sehr
einflußreich dasteht", sei "mit voller Absicht in meiner
Erklärung enthalten".
"Im Hinblick auf einen Vertrag zwischen Deutschland
und Polen", fuhr er fort, "könnten unsere Meinungen
um eine Spur divergieren ... Dies ist eine Angelegenheit, die zwischen dem polnischen Ministerpräsidenten und den deutschen Politikern erörtert werden muß."
Bush zufolge haben die Vertragsparteien "einen langen Weg zurückgelegt. Sie haben sich extrem angenähert - sehr viel mehr, als viele von uns aufgrund der
vor rund einem Monat abgegebenen Erklärungen
angenommen hätten. Daher sollten sie die Angelegenheit unter sich ausmachen."

Seite 1

�Er erklärte, das "Mißtrauen", von dem in Nachrichtenmeldungen die Rede sei, "ist ausgeräumt. Meiner
Ansicht nach hat bei Bundeskanzler Kohl ein Sinneswandel staatgefunden. Und sein Führungsstil ist
beeindruckend und außerordentlich wichtig. Das ist
alles, was ich dazu sagen möchte."
An den Zwei-plus-Vier-Gesprächen, so Bush, sollte
Polen "bei Polen betreffende Entscheidungen anwesend sein. Polen sollte eindeutig beteiligt werden,
insbesondere wenn in der Zwei-plus-Vier-Runde über
die polnischen Grenzen gesprochen wird."
Aus seiner Sicht sind die Gespräche ein Mittel für die
Siegermächte des Zweiten Weltkriegs "zur Wahrnehmung bestimmter Rechte und Pflichten" bezüglich
Deutschlands, "die den vier Mächten unmittelbar nach
dem Krieg eingeräumt wurden. Wir sehen sie nicht als
Gruppe an, die das Schicksal Gesamteuropas bestimmen wird. Ihr kommt eine ganz besondere Aufgabe
zu."
Auf eine diesbezügliche Frage antwortete Bush,
Mazowiecki habe ihm gegenüber nicht eingeräumt,
daß er den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen
wünsche. Einige polnische Regierungsvertreter ha-

*

Seite 2

*

ben Erklärungen abgegeben, in denen ein Junktim
zwischen dem Abzug der sowjetischen Truppen und
dem Ausräumen von Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem Einigungsprozeß hergestellt wird.
"Es besteht keinerlei Notwendigkeit für die Präsenz
sowjetischer Truppen in Osteuropa", stellte Bush fest,
"und je eher sie abgezogen werden, desto besser." Er
verstehe die Sicherheitsbedenken, fuhr der Präsident
fort und erklärte, die amerikanischen Truppen würden
"als stabilisierende Streitmacht" solange stationiert
bleiben, wie sie erwünscht seien. Er wiederholte, daß
ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO sein
sollte.
Bush fügte hinzu, ein friedlicher Entwicklungsprozeß
"würde gefördert, wenn die sowjetischen Truppen
abgezogen würden". Er betonte ferner nochmals, daß
er ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte mit
Moskau vor dem Gipfeltreffen mit Präsident Gorbatschow im Juni wünsche.
Bush zufolge ist der genaue Zeitpunkt eines Treffens
noch nicht festgelegt worden und "die Hauptarbeit des
Gipfeltreffens wird in Washington stattfinden".

*

*

AMERIKA DIENST 12

�UMWELTPOLITIK
28. März 1990

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung weiterhin gefährdet
WASHINGTON - (AD) - Der US-Senat hat einen
brüchigen Kompromiß mit der Bush-Administration
zum ausstehenden Luftreinhaltungsgesetz bewahrt,
indem er mit knapper Mehrheit einen Änderungszusatz ablehnte, der die Bestimmungen über Automobilabgase verschärft hätte.

zum Abbau des sauren Regens ihren Arbeitsplatz
verlieren. Dieser Zusatz wurde von Senator Robert
Byrd eingebracht, dem einflußreichen Vorsitzenden
des Bewilligungsausschusses, dessen Heimatstaat
West Virginia ein bedeutender Produzent umweltpolitisch bedenklicher stark schwefelhaltiger Kohle ist.

Mit 52 zu 46 Stimmen verwarf der Senat am 20. März
1990 einen entsprechenden Vorschlag, der schärfere
Normen für Autoabgase und reinere Kraftstoffe vorsah
als von der über die möglichen Kosten einer solchen
Maßnahme besorgten Administration gewünscht wird.

Die Bush-Administration hat bereits starken Widerstand gegen diese Hilfe für Bergarbeiter signalisiert, da
sie diese für zu teuer hält.

Die Abstimmung im Senat fand kurz nach Wiederaufnahme der Gespräche über das epochale Luftreinhaltungsgesetz nach einer 10tägigen Sitzungspause statt.
Sie erfolgte nach einem Appell des Vorsitzenden der
demokratischen Mehrheitsfraktion, George Mitchell,
einen seiner Meinung nach "soliden, effektiven" Kompromiß nicht durch das Streben nach "irgendeinem
abstrakten Niveau der Perfektion, das geradewegs in
eine Sackgasse führt", aufs Spiel zu setzen.
Er stellte fest, der Kompromiß, an dessen Erarbeitung
er zusammen mit der Administration an führender
Stelle mitgewirkt hat, könne eine seit 13 Jahren bei der
Luftreinhaltungsgesetzgebung bestehende Pattsituation beenden und warnte gleichzeitig davor, daß im
Falle eines Scheiterns "in diesem Jahrhundert kein
Luftreinhaltungsgesetz mehr zustandekommt".

Der am 20. März abgelehnte Zusatz war gemeinsam
von den Senatoren Timothy Wirth, einem Demokraten, und dem Republikener Pete Wilson eingebracht
worden. Wilsons Heimatstaat Kalifornien leidet am
stärksten unter dem von Automobilen verursachten
Smog.
Ihr Vorschlag hätte weitere Kontrollen der Kfz-Auspuffgase ab dem Jahr 2002 erforderlich gemacht und
damit die stufenweise zwischen 1993 und 1995 einzuführenden Normen noch weiter verschärft.
Der von Mitchell mit dem Weißen Haus ausgehandelten Vereinbarung zufolge würde die zweite Runde von
Emissionssenkungen nur dann in Kraft gesetzt, wenn
11 oder mehr der 27 amerikanischen Städte, deren
Luftverschmutzung heute für besonders bedenklich
gehalten wird, nicht bis Ende des Jahres 2001 bestimmte Gesundheitskriterien erfüllen.

Obwohl Mitchell und der Vorsitzende der republikanischen Minderheitsfraktion, Robert Dole, diese Kraftprobe erfolgreich bestehen konnten, müssen vor der
Schlußabstimmung über diese Maßnahme im Senat
noch eine Reihe von Fragen gelöst werden.

Sowohl der Kompromiß als auch der Wirth-WilsonZusatz sehen in Stufe 1 eine 22prozentige Reduzierung der Kohlenwasserstoffemissionen sowie eine
60prozentige Senkung bei den Stickoxiden vor und in
Stufe 2 eine weitere Verringerung um noch einmal die
Hälfte dieser Werte.

Ein in Kürze zu erörternder Vorschlag fordert die
Bereitstellung von 700 Millionen Dollar staatlicher
Unterstützung für Bergarbeiter, die als Folge der im
Gesetz vorgeschriebenen schärferen Emissionswerte

Wirth und Wilson forderten überdies die Anwendung
dieser Normen auf ältere Fahrzeuge als im Kompromißentwurf vorgesehen - für alle Fahrzeuge mit einer

AMERIKA DIENST 12

Seite 1

�Laufleistung bis zu 160 000 Kilometern gegenüber die Administration die Verhandlungen eher wieder
Fahrzeugen bis zu 80 000 Kilometern - sowie strenge- eröffnen als das Luftreinhaltungsgesetz aufgeben.
re Maßstäbe für den Einsatz von Kraftstoffen, die
weniger smogverursachende Bestandteile enthalten. Wilson forderte seine Kollegen auf, keinen Kompromiß
einzugehen, der seines Erachtens die Interessen der
Wirth zufolge sollte der Senat sich danach richten, Automobil- und ölwirtschaft über die öffentliche Ge"welche dierichtigeöffentliche Politik ist". Er progno- sundheit stellt.
stizierte, im Falle der Annahme seines Zusatzes werde

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 12

�KONGRESS
28. März 1990

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa und Geiselproblematik

Kongreß spricht scharfe Warnung zu Litauen aus
In einer einstimmig verabschiedeten Resolution erklärte der Senat am 22. März 1990 seine Unterstützung für das litauische Volk auf seinem Weg zur
Demokratie. Erforderte Präsident Bush auf, Litauens
Bitte um Anerkennung als souveräner Staat "ernsthaft
zu prüfen".
Ein Befürworter der Maßnahme, der Republikaner Bill
Armstrong, erklärte, daß "die Vereinigten Staaten als
Führungsmacht der freien Welt diesen kühnen Schritt
zur Freiheit uneingeschränkt anerkennen und Wort
halten sollten".
Als Antwort auf den Druck Moskaus gegen litauische
Bestrebungen zu größerer Unabhängigkeit fordert die
Senatsresolution die Einstellung der "sowjetischen
Einschüchterung" des litauischen Volkes und Parlaments. Sie stellt fest, daß die Anwendung von Gewalt
in Litauen "ernste Folgen" für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen haben würde.
Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner, Bob Dole,
erklärte, er und seine Kollegen wollten Präsident
Gorbatschow gegenüber "eines klarstellen: Wir betrachten die jüngsten Einschüchterungsversuche der
Sowjets gegen das litauische Volk als rücksichtslos
und unverantwortlich."
Falls die Sowjets Gewalt anwenden, "um dem litauischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu verwehren", könnte dies die Verweigerung amerikanischer technischer Hilfe sowie der Ausweitung der
Investitions- und Handelstätigkeit "und grundsätzlich
eine neue Art von politischer Beziehung" zur Folge
haben.
Im Repräsentantenhaus brachten William Broomfield,
ein führendes republikanisches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und der Vorsitzende des Republikanischen Politischen Ausschusses, Mickey Edwards,

AMERIKA DIENST 12

ebenfalls am 22. März 1990 eine ähnliche Resolution
ein. Darin wird die unverzügliche Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der neuen Regierung Litauens gefordert und Moskau gewarnt, daß der Einsatz
von Gewalt Maßnahmen des Kongresses nach sich
ziehen würde, um amerikanische Hilfe und Handelserleichterungen für die Sowjetunion zu untersagen.
Broomfield zufolge sollten die Vereinigten Staaten
"Gorbatschow verdeutlichen, daß eine stalinistische
Außenpolitik dem Tauwetter in den amerikanischsowjetischen Beziehungen ein Ende setzen würde".
Dole und Kasten unterbreiten Unterstützungsplan
für Osteuropa
Die republikanischen Senatoren Bob Dole und Bob
Kasten brachten am 22. März 1990 einen Gesetzentwurf zur Einrichtung einer besonderen Abteilung innerhalb der Weltbank ein, die Kredite, Wirtschaftsberatung und technische Unterstützung für Osteuropa
bereitstellen soll.
Die "Gesetz zum Wiederaufbau der Wirtschaft Osteuropas" genannte Maßnahme "zielt darauf ab, den
reibungslosen Übergang von sozialistischen zu marktorientierten Volkswirtschaften zu gewährleisten", erklärte Kasten.
Der Gesetzentwurf nennt keine Einzelheiten bezüglich
des erforderlichen Kapitals, Kasten zufolge hat die
Weltbank jedoch einen Kreditrahmen für Osteuropa in
Höhe von 5 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von 3
Jahren vorgeschlagen.
Der Vorsitzende der republikanischen Fraktion, Dole,
stellte fest, eine solche Einrichtung wäre eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem von der französischen Regierung unterbreiteten Vorschlag zur Gründung einer Europäischen Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung (EBRD).

Seite 1

�Obwohl beide Vorschläge der Entwicklung freier Unternehmen in Osteuropa förderlich wären, würde dies,
so Dole, mit der im Kasten-Dole-Gesetzentwurf vorgesehenen Einrichtung "wirksamer und kostengünstiger
verwirklicht, da man auf die bewährten Mechanismen
der Weltbank zurückgreifen kann - und die Gründung
einer völlig neuen und unerprobten Bürokratie nicht
erforderlich wird."

(auch Iran und Syrien) mit direktem oder indirektem
Einfluß auf die Kidnapper und deren Helfershelfer auf,
sich nachdrücklich für die unmittelbare, sichere und
bedingungslose Freilassung der Geiseln einzusetzen".
Die Resolution ergänzt eine frühere, von der Abgeordneten Louise Slaughter vorgeschlagene Version, derzufolge der Präsident einen Sonderbevollmächtigten
ernennt, der die Freilassung der Geiseln aushandelt.

Ein weiterer Vorteil der Einrichtung innerhalb der
Weltbank bestünde darin, daß "zumindest dieses Mal" Hamilton erklärte, "der Kompromiß ist das Ergebnis
die Kreditvergabe an die Sowjetunion untersagt wür- von Gesprächen zwischen dem Mitarbeiterstab, Ausschußmitgliedern und dem Außenministerium". Er
de, erklärte Dole.
wies darauf hin, daß die Administration keine EinwänKasten bekräftigte, daß die Vereinigten Staaten "die de gegen die neue Version habe, die ursprüngliche
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung Gesetzgebung aber nicht ohne Änderungen akzeptieboykottieren sollten, wenn die Satzung der Bank Anlei- ren wird.
hen der Sowjetunion in irgendeiner Form gestatten
"Meiner Ansicht nach muß Präsident Bush nicht von
würde."
diesem Ausschuß daran erinnert werden, daß er seine
Ein weiterer "Anlaß zur Sorge" bezüglich der EBRD Anstrengungen intensivieren muß, um die Freilassung
bestünde Kasten zufolge darin, daß "die Vereinigten der Geiseln zu bewirken," erklärte der republikanische
Staaten... gemäß der vorgeschlagenen Satzung auf- Angeordnete Henry Hyde dem Ausschuß. Obwohl er
gefordert wurden, mit den größten Anteil des Bankka- die ergänzte Gesetzgebung für "weniger anfechtbar"
pitals bereitzustellen - während die Kontrolle über die hält als die ursprüngliche, ist seiner Meinung nach
Vergabepraktiken bei den Europäern liegt".
doch "stille Diplomatie" vorzuziehen.
Mit der Feststellung, "zahlreiche" europäische Politiker seien "immer noch davon überzeugt, daß der
Sozialismus reformierbar ist", untermauerte Kasten
seine "Besorgnis darüber, daß die Politik der EBRD
mit einer solchen Geisteshaltung formuliert wird".
Dem Senator zufolge haben die Vereinigten Staaten
zahlreiche andere Pläne zum Wiederaufbau Osteuropas, einschließlich einer "Reform der amerikanischen
Steuergesetze und Vorschriften gegenüber dem Ausland, Überarbeitung des amerikanischen Verfahrens
zur Vergabe von Exportlizenzen und Exportbeschränkungen für Osteuropa sowie die Ermutigung von
.Austauschprogrammen zur Ausbildung in Unternehmensführung und Verwaltung".
Ausschuß des Repräsentantenhauses bestätigt
amerikanische Politik zur Frage der Geisein
Der Auswärtige Ausschuß des Repräsentenhauses
hat die amerikanische Politik bestätigt, keine Verhandlungen zur Freilassung amerikanischer Geiseln im
Libanon zu führen und die Wiederaufnahme internationaler Anstrengungen gefordert, um ihre Befreiung zu
erreichen.

Gilman erklärte, er und Hamilton hätten die Ergänzung
vorgeschlagen, weil sie die Bestimmung, mit der die
Entsendung eines Sonderbevollmächtigten gefordert
wurde, "nicht angemessen" gefunden hätten.
"Damit würde suggeriert, daß unsere Regierung nicht
genug für die Freilassung der Geiseln getan hat und
daß das Problem in Washington liegt", erklärte Gilman. "Das Problem liegt nicht in Washington."
Der Vorsitzende des Ausschusses, Dante Fascell,
erklärte zu der revidierten Maßnahme: "Obwohl wir
unsere Besorgnis ausdrücken, möchten wir doch folgendes deutlich sagen: auch wenn wir für die Freilassung der Geiseln keine Anstrengung scheuen, werden
wir keiner Art von Erpressung nachgeben und keinen
Preis in irgendeiner Form zahlen."

* * * * *

Der Ausschuß forderte Präsident Bush am 22. März
einstimmig auf, der Freilassung der Geiseln eine "hohe
Priorität" einzuräumen". Dennoch bekräftigte er erneut seine Unterstützung für die traditoonelle Politik
der Vereinigten Staaten, Verhandlungen mit den Geiselnehmern zu verweigern.
Die von den Abgeordneten Lee Hamilton und Benjamin Gilman eingebrachte Resolution fordert "alle Länder

Seite 2

AME-RIKA DIENST 12

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10796">
                <text>28.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10797">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10798">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10799">
                <text>Amerikadienst 28.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10800">
                <text>&lt;strong&gt;1. Nationale Sicherheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Veröffentlichung in Auszügen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konventionelle Streitkräfte in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht und Chronologie des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Polen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Polen muss Mitspracherecht an Entscheidungen haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki im Weißen Haus&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush sieht schwindendes Misstrauen zwischen Warschau und Bonn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grenzen müssen formell gesichert werden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umweltpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senat lehnt noch schärfere Abgasebestimmung für Automobile ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kompromiß zur Luftreinhaltung weiterhin gefährdet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht aus dem Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Beratungen zu Litauen, Osteuropa und Geiselproblematik&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2136" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2147">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/4403cb6bb3a0435482e4475730962a5e.pdf</src>
        <authentication>05af28132649fe2452e394b83241b884</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10795">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Set^c

21. März 1990

11

KSZE

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER DEMOKRATIE
AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des
US-Delegationsleiters

DDR-WAHLEN

DAS DDR-WAHLERGEBNIS EIN SIEG DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

OSTEUROPA

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

ABRÜSTUNG

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL
SICH "REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN
WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar

WIRTSCHAFT

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN IN DEN VEREINIGTEN
STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-FlorioVerfügung

J

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2366
Telex: 8-85432

�KSZE
21. März 1990

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER
DEMOKRATIE AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des US-Delegationsleiters
BONN - (AD) - "Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte
in einem demokratischen Rechtsstaat bestehen klare Zusammenhänge", erklärte der amerikanische Delegationsleiter Holmer zur Eröffnung der internationalen Wirtschaftskonferenz unter der Schirmherrschaft der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Bonn am 19. März 1990.
"Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten gesichert, in dem politische Rechte
gesichert sind und vice versa", so Alan F. Holmer. "Aus unserer Sicht ist diese Verbindung zwischen
wirtschaftlichen und politischen Rechten zentrales Thema unserer Erörterungen." Holmer verwies darauf, daß
"die KSZE in den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer Arbeit
aufgestellt hat. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung dieses
ungenutzten Potentials."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Delegationsleiters im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren,
wir kommen nicht umhin, uns vor Augen zu führen, daß
um uns herum Geschichte geschrieben wird - nicht nur
hier im Land unserer verehrten Gastgeber, sondern in
ganz Europa und weltweit. Wir beobachten, wie die
grausame Teilung dieses Kontinents, die wiederum
dazu beitrug, die Welt in gegnerische Lager zu spalten,
allmählich überwunden wird. Diese Merkmale der
Vergangenheit - die Trennung von Familien und Verwandten, Barrieren, die dem ungehinderten Kommunikationsfluß über die Grenzen hinweg im Wege standen, die Unterdrückung der Menschenrechte und Freiheiten des einzelnen - all dies wird durch die Hoffnung
auf ein neues Zeitalter der Freiheit, Sicherheit, des
Wohlstands und echter Demokratie für die Völker
dieses Kontinents ersetzt.
Ungeachtet der historischen Rolle, die in den vergangenen Monaten von Menschenrechtsaktivisten und
Staatsmännern mit politschem Weitblick auf beiden
Seiten dieser rasch verschwindenden Trennungslinie

AMERIKA DIENST 11

in Europa gespielt wurde, stellen wir rückblickend fest,
daß der vor fünfzehn Jahren in Helsinki eingeleitete
Prozeß ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt hat.
Nicht zuletzt aufgrund der Schlußakte von Helsinki die als ein von staatsmännischem Geschick und politischem Weitblick geprägtes Dokument in die Geschichte eingehen wird - stehen wir heute an einem
historischen Wendepunkt, am Ende eines Kapitels der
Geschichte dieses Kontinents und am Beginn eines
neuen.
In solchen Augenblicken tragen wir große Verantwortung: auch die Chancen für einen Neuanfang sind gro ß
und es wäre tragisch, wenn wir diese Chancen hier in
Bonn nicht nutzen würden. Um Außenminister Baker
aus seiner Berliner Rede im Dezember zu zitieren:
"Jetzt ist es an der Zeit für weitere Fortschritte des
KSZE-Prozesses." Und er fuhr fort, "insbesondere
kann der relativ unterentwickelte Korb Wirtschaft mit
neuen Inhalten gefüllt werden".

Seite 1

�Als ich am vergangenen Freitag mit Außenminister
Baker zusammentraf, bekundete er erneut seine Unterstützung für die Bonner Konferenz und die Absicht,
Korb II neue Inhalte zu verleihen. Er wiederholte die
von ihm im Februar in Prag gemachte Aussage, daß
Verträge über den Abbau konventioneller Streitkräfte,
verbessertes Vertrauen und sicherheitsbildende
Maßnahmen und die Einführung freier Wahlen in ganz
Europa dazu beitragen werden, Frieden, Demokratie
und Fortschritt zu sichern und zu konsolidieren, wenn
jedoch "keine Schritte zur Förderung der Wirtschaftsaktivitäten unternommen werden, könnte die Stabilität
in Europa erneut auf dem Spiel stehen".
Wie sollen wir diesen Zeitpunkt bewerten, mit dem uns
die Geschichte konfrontiert? Die Vereinigten Staaten
gehen von einer Reihe von Grundvoraussetzungen
aus: Erstens haben wir alle bestimmte Zielsetzungen
gemein. Wir alle streben dauerhaftes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, effektive Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen und eine sauberere Umwelt
an. Wir haben unterschiedliche Traditionen und in
gewissem Maße unterschiedliche Werte. Aber heute
ist es offensichtlicher als jemals zuvor, daß wir zahlreiche gemeinsame Ziele haben.
Zweitens existieren Europa und Nordamerika nicht in
einem Vakuum. Weltweite Trends betreffen uns alle,
und wir alle sind mehr oder weniger Akteure in der
Weltwirtschaft. Kein Land kann eine gesunde Binnenwirtschaft aufbauen, wenn sie die Welt jenseits unserer Grenzen und Küsten ignoriert oder versucht, auszuschließen.
Drittens bestehen beiderseitig profitable Wirtschaftsbeziehungen nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einzelnen Produzenten, Unternehmen und
Konsumenten. Ob sie die größten Maschinen oderdie
originellste Idee produzieren, ob sie Zehntausende
von Angestellten beschäftigen oder nur aus einer
einzigen kreativen Person bestehen - diese Unternehmen stellen die Realität der Wirtschaftstätigkeit dar.
Aus diesem Grund ist es unseres Erachtens so wichtig, daß hier Wirtschaftsvertreter als Delegationsmitglieder anwesend sind und an unseren Gesprächen
teilnehmen.
Die wichtigste Rolle der Wirtschaftsvertreter bei dieser
Konferenz besteht wohl darin, uns vor Augen zu führen, daß sie und nicht wir es sind, die Produkte erfinden
und sie vermarkten, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand produzieren.
Wir alle hoffen auf einen erfolgreichen Abschlu ß dieser
Konferenz. Wie auch immer wir ihren Erfolg beurteilen
mögen, sollten wir uns stets vor Augen führen, daß
sich die Wirtschafts- und Handelstätigkeit auf dem
Weltmarkt vollzieht und letztlich allen Staaten zum
Vorteil gereicht. In diesem Zusammenhang begrüßen
wir den Vorschlag von Wirtschaftsminister Haussmann
zur Ernennung von Koordinatoren, die die Leitung der

Seite 2

vorgesehenen informellen Diskussionen übernehmen
sollen. Wir sehen den Beiträgen aus der Privatwirtschaft erwartungsvoll entgegen, die über einzelne
KSZE-Staaten wieder in unsere zwischenstaatlichen
Treffen eingebracht werden.
Wie sollte das Ergebnis dieser Konferenz im Idealfall
beschaffen sein? Die Vereinigten Staaten gehen
davon aus, daß die größte Leistung dieser Konferenz
in der Verabschiedung einer Reihe von Leitsätzen
bestehen könnte, die - wie wir hoffen - in Zukunft
einmal als "Bonner Prinzipien der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit" bezeichnet werden. Wir haben
allen Teilnehmerstaaten bereits einen Entwurf für diese
Prinzipien zukommen lassen. IhrTenorfindet nicht nur
in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt
breite Anerkennung. Wir werden der Konferenz diese
Prinzipien in Kürze vorlegen.
Wenn wir in den kommenden Tagen die Tagesordnung dieser Konferenz durcharbeiten, werden wir auf
diese Grundsätze marktorientierter Volkswirtschaften
und Volkswirtschaften im Übergang zurückgreifen. In
den offiziellen zwischenstaatlichen Gesprächen sowie
in den Diskussionen zwischen Wirtschaftsvertretern
werden wir sehen, daß allgemeine Grundsätze wie
diese allen speziellen Problemen der Zusammenarbeit
in Wirtschaft und Handel zugrundeliegen. Wir laden
Sie zu Stellungnahmen, Vorschlägen und zur- hoffentlich aktiven - Beteiligung ein.
Ich werde heute nicht ausführlich auf diese Prinzipien
eingehen. Meines Erachtens wäre es jedoch hilfreich,
einige Schlüsselelemente unseres Ansatzes zu nennen.
Wie bereits einige meiner Vorredner bemerkt haben,
sind wir erstens davon überzeugt, daß eine lebenswichtige Beziehung zwischen effektiven und gerechten Wirtschaftssystemen und offenen, demokratischen
und rechenschaftspflichtigen politischen Systemen
besteht. Wir mögen über die besondere Organisationsform nationaler Volkswirtschaften unterschiedlicher Meinung sein, aber wir stimmen darin überein,
daß der einzelne Arbeitnehmer, Unternehmer und
Verbraucher im Mittelpunkt einer jeden Volkswirtschaft
steht. Und dieses Individuum ist sowohl ein politisches
als auch ein ökonomisches Wesen. Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten
gesichert, in dem politische Rechte gesichert sind und
vice versa. Aus unserer Sicht ist diese Verbindung
zwischen wirtschaftlichen und politischen Rechten
zentrales Thema unserer Erörterungen.
Zweitens bedingt die effektive Beteiligung an der
Weltwirtschaft ein Zusammenwirken internationaler
und nationaler Maßnahmen. Internationale Maßnahmen können wenig erreichen, wenn ein bestimmtes
binnenwirtschaftliches System den Austausch von
Gütern und Dienstleistungen innerhalb seiner Grenzen und über sie hinweg behindert. Die an dieser

AMERIKA DIENST 11

�Konferenz teilnehmenden Wirtschaftsvertreter können uns helfen, die Elemente des binnenwirtschaftlichen Umfelds zu identifizieren, die für allseitig vorteilhafte Wirtschaftsbeziehungen erforderlich sind.
Wie bereits vom Leiter der ungarischen Delegation
festgestellt wurde, stellen uns drittens die Veränderungen, die sich gegenwärtig in den im Übergang von
einer Kommandowirtschaft zu einer gemischten oder
wirklich marktorientierten Volkswirtschaft befindlichen
Ländern vollziehen, vor Schwierigkeiten. Die Geschichte bietet wenig Anhaltspunkte dafür, wie dieser
Umbruch am besten verwirklicht werden soll, und
selbst die Experten sind sich nicht einig. Es besteht
jedoch seitens der Vereinigten Staaten eine enorme
Bereitschaft, mit ihren Mitteln zu helfen. Etwa jeder
achte Amerikaner stammt aus dem Teil des Kontinents, in dem heute eine rasche wirtschaftliche Umgestaltung stattfindet. Wir sind davon überzeugt, daß wir
Bereiche der Zusammenarbeit finden können, um
diesen schwierigen Übergang von einer Kommando zur
Marktwirtschaft zu unterstützen.

Wir fordern Sie auf, sich eine Reihe von klaren, unmi ßverständlichen Prinzipien zu eigen zu machen und
Leitlinien für die vor uns liegende grundlegende Arbeit
einzubringen. Unsere gemeinsame Arbeit an diesen
Prinzipien ist wichtig, denn wir betrachten diese Konferenz zusammen mit dem Kopenhagener Treffen
über die menschliche Dimension im Juni als Baustein
für einen möglichen KSZE-Gipfel zum Jahresende.
Wir sind dafür, Korb II neuen Inhalt und neue politische
Bedeutung zu verleihen und damit ein neues kooperatives Zeitalter der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu eröffnen. Nur dann haben wir die von der
Bonner Konferenz gebotene Gelegenheit wirklich
genutzt.

* * * *

*

Die unterschiedlichen Erfahrungen und das breitgefächerte Expertenwissen der 35 Teilnehmerstaaten bieten
die Gelegenheit einer umfassenden Zusammenarbeit.
Wir meinen hier nicht Zusammenarbeit um der Zusammenarbeit willen, so wünschenswert dies einigen auch
erscheinen mag. Stattdessen sollte eine klare Zielsetzung bestehen, die sich vielleicht so zusammenfassen
ließe, daß sich das Hauptaugenmerk der Volkswirtschaften im Übergang von der einfachen Produktion
zur Produktivität verlagert. In der heutigen Welt hängt
die Produktivität natürlich in einzigartigem Maß vom
einzelnen ab, vom freien Informationsfluß, der Einstellung des einzelnen zu seiner Umwelt und davon, ob er
ein persönliches Interesse am System hat. Kurz
gesagt: Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte in
einem demokratischen Rechtsstaat bestehen unseres
Erachtens klare Zusammenhänge.
Dies ist das erste Treffen über wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Geschichte der KSZE. In den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte hat die KSZE
bereits übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer
Arbeit etabliert. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung
dieses ungenutzten Potentials.
Nach den politischen und wirtschaftlichen Revolutionen von 1989 dürfen wir jetzt nicht ängstlich sein. Die
Vereinigten Staaten haben wenig Interesse an einer
substanzlosen Konferenz, die vor uns liegende Probleme nur marginal behandelt.
Die Delegation der Vereinigten Staaten ist bei dieser
Konferenz bereit, sich aktiv an ihrer umfassenden
Tagesordnung zu beteiligen und mit jeder Delegation
zusammenzuarbeiten, um das bestmögliche Resultat
zu erzielen.

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�DDR - W A H L E N
21. März 1990

DAS DDR-WAHLERGEBNIS - EIN SIEG
DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

WASHINGTON - (AD) - Ein Sprecher des Weißen
Hauses brachte am 19. März 1990 seine Befriedigung
darüber zum Ausdruck, daß die DDR "sich der steigenden Zahl der Länder angeschlossen hat, die freie und
faire Wahlen" abhalten. Er beschrieb den Wahlausgang als "einen Sieg nicht nur für die DDR-Bürger,
sondern für alle Deutschen" und alle Menschen mit
demokratischen Werten.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater, ging bei einer Pressekonferenz auf die Wahlen
vom 18. März ein und erklärte, die Vereinigten Staaten
"haben die Hoffnung der DDR-Bürger auf eigene Zukunftsentscheidungen seit jeher unterstützt". (...) "Wir
feiern dieses denkwürdige Ereignis gemeinsam mit
ihnen und den Bundesbürgern".
Bei den ersten demokratischen Wahlen seit 57 Jahren
haben die Wähler in der DDR mit ihrer Entscheidung
für eine Koalition konservativer Parteien - die mit der
CDU-Regierung in der Bundesrepublik in Verbindung
stehen - nachdrücklich für eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und für die
Hinwendung zur Marktwirtschaft gestimmt.
Der Pressesprecher erklärte, obwohl es "Hindernisse
im Sinne von noch zu lösenden Problemen gibt ...
scheint es, daß der Lauf der Dinge zu einer Wiedervereinigung unaufhaltsam ist. Das haben die Wahlen
eindeutig bewiesen."
Fitzwater zufolge deuten alle zwischen Präsident Bush
und Bundeskanzler Kohl geführten Gespräche darauf
hin. "Und jetzt hat ein Prozeß begonnen, der dieser
Wiedervereinigung hoffentlich gerecht wird und ihren
friedlichen Verlauf in geordneten Bahnen gewährleisten kann."

AMERIKA DIENST 11

Im US-Außenministerium nahm der Stellvertretende
Pressesprecher Richard Boucher Stellung: "Natürlich
begrüßen wir die Wahlen, wir gratulieren den Deutschen zu dem Vereinigungsprozeß und zu diesem
historischen Wahlergebnis."
Auf Fragen zu den nächsten Schritten antwortete
Boucher: "Dem Verfahren entsprechend werden die
Parteien der DDR Gespräche über die Regierungsbildung aufnehmen. Die CDU, die bei den Wahlen eine
Mehrheit auf sich vereinigen konnte, wird sofort in
Koalitionsverhandlungen eintreten. Wir können jedoch nicht genau sagen, wie lange dies dauern wird."
Zu den Auswirkungen der Wahlen auf Fortschritte bei
der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten erklärte der Stellvertretende Sprecher: "Im Programm
des Wahlsiegers wird eine rasche Wiedervereinigung
gefordert. "Die neue Regierung muß jedoch eine
Koalition bilden, und wir müssen die Ergebnisse dieser
Koalitionsbildung abwarten, bevor wir uns ein klares
Bild von der Politik der Wiedervereinigung machen
können."
"Wir gehen jedoch davon aus, daß die neue Regierung
unmittelbar nach ihrer Bildung an der Aufnahme von
Gesprächen mit der Bundesrepublik zu diesem Thema
interessiert sein wird", erklärte Boucher.
Auf die Frage, ob US-Regierungsgsbeamte vom überwältigenden Sieg der Christdemokraten überrascht
waren, antwortete er: "Wir haben keine Prognosen
abgegeben, und deshalb werde ich auch die Ergebnisse nicht kommentieren."
* * * * *

Seite 1

�OSTEUROPA
21. März 1990

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence Eagleburger erklärte bei einer
Konferenz - unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Export-Import Bank - über geschäftliche Möglichkeiten in Osteuropa, das Ziel der Vereinigten Staaten bestehe in der Unterstützung der Länder Osteuropas bei
ihrem Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft.
Eagleburger sprach sich jedoch dagegen aus, "einfach nur Geld in diese Region zu pumpen", womit ihm zufolge
"der Prozeß des Wandels nur verzögert und unsere Fördermaßnahmen verschwendet" würden. Deshalb
müssen die Vereinigten Staaten hauptsächlich "die Fähigkeiten zum Aufbau von Instititutionen und das
unternehmerische Know-how liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird".
Darüber hinaus forderte Eagleburger amerikanische Unternehmen auf, sich "aktiv" am politischen und
wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas zu beteiligen. "Mit dem Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg
müssen wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und
amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in Europa fortführen," erklärte Eagleburger.
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Ich habe entdeckt, daß eine meiner schwierigsten
Herausforderungen als Stellvertretender Außenminister darin besteht, täglich etwas Neues, Relevantes
oder Tiefsinniges zum Thema Osteuropa zu sagen.
Immer wenn ich gebeten werde, über dieses Thema zu
referieren - und das geschieht oft - stehe ich vor diesem
Dilemma, und die Konkurrenz von Lech Walesa oder
Vaclav Havel macht es nicht leichter.
Tatsache ist jedoch, daß sich die Probleme und Herausforderungen, denen sich Mittel- und Osteuropa
1990 stellen müssen, von denen des Jahres 1989
erheblich unterscheiden. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und Wahlkampf sind weniger ruhmreiche Unternehmungen als der Aufstand gegen eine Diktatur. Und
ich stelle jeden Tag fest, daß die Rolle, die eine
Koordination amerikanischer Hilfe in Osteuropa spielt,
noch weniger ruhmreich ist. Aber das ist ein trauriges
Thema, dem wir uns besser ein anderes Mal zuwenden.

AMERIKA DIENST 11

Heute möchte ich ein dringlicheres Problem erörtern:
Die amerikanische Politik in Mittel- und Osteuropa und
die sich dort für amerikanische Unternehmen ergebenden Möglichkeiten. Bevor ich das tue, ist es meines
Erachtens notwendig, uns vor Augen zu führen, welche Ziele wir beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas - für die Osteuropäer, den Weltfrieden und die
Stabilität und für die Interessen der Vereinigten Staaten - verfolgen. Wenn sich 1989 die kommunistischen
Regime des Ostblocks aus der Geschichte verabschiedeten, so ist doch deren Nachfolge noch nicht
gesichert.
Wir haben guten Grund, optimistisch über die Zukunft
Osteuropas zu sein. Aber Optimismus ist ein Punkt
und Selbstzufriedenheit ein anderer. Die Kommunisten entsagten zu einem bestimmten Zeitpunkt der
Macht, weil sie ihre Länder und Volkswirtschaften an
den Rand des Ruins getrieben hatten. Es ist eine

Seite 1

�zutiefst ungerechte, aber dennoch unausweichliche
Tatsache, daß die aufstrebenden Demokratien der
Region mit den von ihren Vorgängern hinterlassenen
Trümmern regieren müssen.
Das Vermächtnis von vier Jahrzehnten Unterdrückung
und Mißwirtschaft ist ungeheuerlich: große Schulden,
eine veraltete Industrie, Umweltschäden sowie politischer Dogmatismus und Intoleranz. Das möglicherweise schlimmste Vermächtnis ist psychologischer Art
- eine Abhängigkeit von Arbeitsplätzen, Waren und
Dienstleistungen, die der Staat bereitstellt und subventioniert sowie ein Fehlen unternehmerischer Fähigkeiten.
Ich betone diese Punkte ausdrücklich, damit wir alle
verstehen, was überwunden werden muß, um das
demokratische Experiment in Osteuropa zum Erfolg
zu führen. Die Erkenntis dieser Herausforderung geht
manchmal in der geschliffenen und sentimentalen
Rhetorik verloren, die wir als Reaktion auf die gegenwärtig stattfindenden historischen Veränderungen
vernehmen konnten. Dennoch ist es eine Herausforderung, der sich unsere Freunde in Mittel- und Osteuropa beherzt stellen. Die schnellen Ergebnisse der
wirtschaftlichen Umstrukturierung in Polen deuten darauf
hin, daß die Menschen in der Region sehr wohl bereit
sind, die Belastung zu tragen und den Preis der
Freiheit zu zahlen. Die am kommenden Sonntag in der
DDR stattfindenden Wahlen liefern hierfür ein weiteres
Beispiel: jüngste Meinungsumfragen zeigen eine
Veränderung an - die DDR-Bürger beschäftigen sich
weniger mit dem Erhalt der Privilegien eines Wohlfahrtsstaats und mehr mit dem Zusammenhang von
Risiko und Wohlstand in einer dynamischen freien
Marktwirtschaft.
Die wichtigste Botschaft, die ich Ihnen vermitteln möchte,
lautet, daß der Weg Osteuropas steinig, aber begehbar ist. Wir haben großes Interesse am Erfolg der
neuen Demokratien. Es ist vielfach die Auffassung
geäußert worden - die meiner Meinung nach stimmt der Niedergang des Kommunismus sei eine Bestätigung der amerikanischen Außenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber die Geschichte endet nicht an
diesem Punkt, weil unsere Rolle im sogenannten kalten Krieg für uns gleichbedeutend war mit der Eindämmung kommunistischer Machtexpansion und gleichzeitig der letzte der drei großen Kämpfe, die wir auf
dem europäischen Kontinent in diesem Jahrhundert
ausgefochten haben. Tatsächlich liegt die Stabilität
Europas seit 1917 im Interesse der Vereinigten Staaten - und das muß auch weiterhin der Fall sein. Unser
Interesse an einem erfolgreichen Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa hat zwei Ziele: erstens wollen wir sicherstellen,
daß die Abkehr vom Kommunismus unwiderruflich ist
und zweitens gewährleisten, daß die Region nicht
noch einmal ein zerrüttetes, instabiles Machtvakuum,
ein Ort von Spannungen und nationalen Rivalitäten
wird.
Seite 2

Damit ergibt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten
genug tun, um nationalen Interessen Vorschub zu
leisten. Um es deutlich zu sagen, "genug tun", heißt
für die meisten dasselbe wie: "Geben wir genug Geld
aus?" Natürlich heißt es häufig, wir täten es nicht, und
der Ruf nach einem neuen "Marshallplan" für Osteuropa wird laut.
Diese Argumente würde ich mit drei Punkten widerlegen. Erstens haben wir jetzt mächtige und wohlhabende europäische Verbündete, die mit uns die Last
tragen, die andere Hälfte ihres Kontinents wiederaufzubauen.
Zweitens stellen wir trotz gravierender Haushaltszwänge Osteuropa in großem Umfang Mittel zur Verfügung.
Wenn wir denselben Rechenmodus anwenden würden wie unsere Freunde und Verbündeten - das heißt,
auch Anleihen, Kredite, Garantien, Versicherung und
Umschuldung in unseren Haushalt aufnähmen - würde
sich herausstellen, daß unsere Hilfe unübertroffen
dasteht.
Aber drittens - und dies ist vielleicht der wichtigste
Punkt - unterscheiden sich die Bedürfnisse der Länder
Osteuropas heute grundlegend von denen im Westeuropa des Jahres 1947. Damals mußten wir eine
Region wiederaufbauen, die zwar vom Krieg zerstört
war, aber dennoch über das Know-how, die wirtschaftliche Infrastruktur, die demokratischen Institutionen
und Traditionen verfügte, die für einen schnellen
Wiederaufbau erforderlich sind. In Osteuropa fehlen
diese Fähigkeiten und Institutionen zu einem großen
Teil. Aus diesem Grunde müssen wir unmittelbar
technische Hilfe leisten, um die Infrastruktur zu schaffen, die westliche Investitionen und finanzielle Hilfe
erfolgreich aufnehmen kann. Wenn wir einfach nur
Geld - auch viel Geld - in diese Region pumpen, ohne
damit Fortschritte bei Strukturreformen zu verbinden,
wird - wie in den siebziger Jahren - der Prozeß des
Wandels nur verzögert, und unsere Fördermaßnahmen sind verschwendet.
Angesichts der Verfassung der Volkswirtschaften
Osteuropas und des von mir gerade angesprochenen
Vermächtnisses kann kein Wandel stattfinden, der
nicht schmerzvoll wäre - schmerzvoll im Sinne der
Geburt eines völlig neuen Wirtschaftssystems. Wir
wollen diesen Schmerz lindern, wo wir können, müssen aber hauptsächlich die Fähigkeiten zum Aufbau
von Institutionen und das unternehmerische Knowhow liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird.
Zusammenfassend lie ße sich unser Ansatz folgendermaßen charakterisieren: wo Engagement für politischen Pluralismus, einschneidende Witschaftsreformen und Achtung der Menschenrechte besteht, werden wir mit unseren Ressourcen, unserem Know-how
und unserer Erfahrung zur Seite stehen. Aber ich bin
fest davon überzeugt, daß die von uns bereitgestellten

AMERIKA DIENST 11

�Ressourcen wertlos sein werden, wenn die Osteuropäer unfähig sind, den Grundstein zu legen und die
Infrastruktur für eine freie Marktwirtschaft und freie
Gesellschaft zu schaffen. Aus diesem Grund betonen
wir so ausdrücklich, daß wir die Bestandteile dieser
Infrastruktur und damit die Erfolgsgrundlagen liefern:
Hilfe zur Bildung politischer Parteien, Durchführung
von Wahlen, Aufbau einer Legislative und unabhängiger Gerichte, Hilfe zum Aufbau einer freien Presse und
freier Gewerkschaften, Hilfe bei der Entwicklung eines
Bankensystems und finanzieller Dienstleistungen, Hilfe
bei der Führung von Privatuntemehmen und vieles
mehr.
Dazu hat die Bush-Administration ein umfassendes
Rahmenwerk entwickelt, in dem Osteuropa Hilfe geleistet werden soll. Dennoch verfügen wir nicht über
einen wohlabgestimmten Plan, um bestimmte Entwicklungen in einem Land vorwegzunehmen und können
das auch nicht. Das Zeitalter der Pläne und großartigen Planspiele ist vorbei - es wurde 1989 in Osteuropa
zu Grabe getragen. Jeder, der in den vergangenen
zwölf Monaten Pläne in dieser Region verfolgte, mu ßte
sie bis jetzt mindestens zwölfmal ändern. Wir brauchen eine klare Zielvorstellung und einen guten Rahmen, der uns die Richtung weist. Den haben wir
meiner Ansicht nach. Darüber hinaus müssen wir
flexibel - und geschickt genug - sein, um auf neue
Ereignisse zu reagieren.
Unser Ansatz ist dreigleisig. Erstens werden wir
kurzfristig auf den Notfall abgestimmte humanitäre
Hilfe leisten, um den großen Mangel am Notwendigsten, wie Nahrungs- und Arzneimittel, zu bekämpfen.
Mit anderen Worten: wir werden da sein, um das
Unheil aufzuhalten.
Zweitens können wir mittelfristig eine Reihe von
Maßnahmen ergreifen, um politischen Pluralismus
und marktorientierte Volkswirtschaften zu fördern. Wir
sind bereit, allen Ländern der Region technische Hilfe
zu leisten, die Hilfe beim Übergang zur Demokratie,
freien.Märkten und einer sauberen Umwelt benötigen.
Darüber hinaus wollen wir mit denjenigen Ländern, die
Bedingungen amerikanischer Gesetze erfüllen, die
Beziehungen im bilateralen Handel und bei den Investitionen wiederaufnehmen.
Und drittens sind wir langfristig bereit, während der
Übergangsphase die Wirtschaftshilfe für diejenigen
Länder zu verlängern, die bereit sind, den großen und
schmerzvollen Preis der Umwandlung in eine freie
Marktwittschaft zu zahlen. Dazu zählt die finanzielle
Unterstützung für glaubwürdige Stabilisierung und
strukturelle Anpassungsprogramme. Wir haben zum
Beispiel bereits umfangreiche Ressourcen für Unternehmensfonds in Polen und Ungarn wie auch dem
polnischen Stabilisierungsfonds zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus sind wir der Ansicht, daß internationale Finanzinstitutionen wie der IWF und die
Weltbank wichtige Hilfe bei der Integration der osteu-

AMERIKA DIENST 11

ropäischen Länder in das Weltwirtschftssystem leisten
können, und wir werden die Bestrebungen der reformorientierten Länder um eine Mitgliedschaft in diesen Institutionen unterstützen, sobald sie die Auflagen
für eine Mitgliedschaft erfüllen.
Über die Bestrebungen hinaus bin ich davon überzeugt, daß die Umwandlung und der Wiederaufbau der
Volkswirtschaften Osteuropas auch den Privatsektor
einbeziehen muß. Es ist schließlich der westliche
Privatsektor, der das Kapital zur Verfügung stellen
kann, mit dem Arbeitsplätze geschaffen und eine
unabhängige Wirtschaftstätigkeit in der ganzen Region gefördert werden kann. Wenn sie einmal Fuß
gefaßt haben, können westliche Unternehmer den
Osteuropäern bei der Schaffung eines Umfelds freien
Unternehmertums mit Risikobereitschaft und Unabhängigkeit helfen, das heute fehlt, für den langfristigen
Erfolg der Reformen aber unabdingbar ist.
Wenn steigende Investitionen im Privatsektor unser
Ziel sind, sollte klar sein, daß auch die Export-Import
Bank eine entscheidende Rolle bei der Strategie der
Administration in Osteuropa spielen muß. Ich möchte
hinzufügen, daß dieser Ansatz mehr in sich birgt als es
scheint. Wenn sich Osteuropa zum Beispiel letztlich
für freie Märkte entscheidet, amerikanische Unternehmen aber ausgeschlossen werden oder nur in geringem Maße auf dem Markt präsent sind, wäre damit den
amerikanischen Interessen nicht gedient. Ich möchte
auch behaupten, daß ein solches Resultat auch osteuropäischen Interessen wenig förderlich wäre. Nach
meiner jüngsten Reise in diese Region kann ich Ihnen
berichten, daß wir in diesen aufstrebenden Demokratien viele Freunde haben. Sie vergessen uns nicht,
weil wir in unserer Unterstützung für ihre Freiheit und
Unabhängigkeit nicht ins Wanken geraten sind und
keine Kompromisse gemacht haben, und deshalb
wollen sie, daß wir aktiv an der wirtschaftlichen und
politischen Wiederherstellung ihrer Länder teilnehmen. Kurzum: es wäre törcht, anzunehmen, die
westeuropäischen Nachbarn Osteuropas hätten den
Markt "fest in der Hand", und wir sollten uns deshalb
aus dem Wettbewerb zurückziehen.
Es ist daher im Sinne einer Interessengemeinschaft,
daß wir mit den Regierungen Osteuropas einen positiven gesetzlichen Rahmen für amerikanische Investitionen in der Region schaffen. In jedem Land, das wir
besucht haben, erklärten wir der Führung, wir respektierten ihr souveränes Recht auf eigene Gesetzgebung, verwiesen jedoch auch darauf, daß sie unweigerlich untereinander im Wettstreit um amerikanische
Investitionsdollar stehen würden. Wir hatten sicherlich
keine Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß amerikanische Firmen ihre Gesetze respektieren und positive Beiträge für ihre Wirtschaft leisten würden. Tatsache ist, daß die Osteuropäer keine Angst vor wirtschaftlicher Dominanz der Vereinigten Staaten haben.
In ihrem geschichtlichen Verständnis sind mit den

Seite 3

�Vereinigten Staaten keine negativen Assoziationen
verbunden. Tatsächlich lehrt sie ihr Geschichtsverständnis die Bedeutung des anhaltenden politischen
und wirtschaftlichen Engagements der Vereinigten
Staaten für Europa.
Wenn wir diesen Erwartungen gerecht werden und in
der Lage sein wollen, unsere wichtigen Interessen in
der Region wahrzunehmen, müssen wir auch in der
Wirtschaft Mittel- und Osteuropas präsent sein. Wir
dürfen nicht vergessen, daß der amerikanische Einfluß in Westeuropa seit dem Zweiten Weltkrieg ebenso
sehr auf unsere wirtschaftliche Stärke zurückzuführen
ist wie auf unsere unmittelbare Hilfe und unsere andauernden sicherheitspolitischen Beziehungen. Mit dem
Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg müssen
wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als
wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und
als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in
Europa fortführen - ein Engagement, das so entscheidend für Frieden und Stabilität in diesem Teil der Welt
war.

*

Seite 4

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich fordere Sie
nicht auf, aus rein patriotischen Gründen in Osteuropa
zu investieren. Sie werden damit zufrieden sein müssen, daß Risiko und Gewinn auch Möglichkeiten
anderswo bedeuten. Aber nach meiner Rückkehr
aus der Region bin ich zuversichtlich über die Chancen für wirtschaftliches Wachstum und Wiederaufbau und optimistisch im Hinblick auf die Aussichten
für amerikanische Unternehmen. Hier handelt es
sich um einen Markt mit gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem niedrigen Lohnniveau. Aufgrund
dieser Faktoren und auch aus geopolitischen Gründen wird Westeuropa bestrebt sein, jetzt dort Fuß zu
fassen, in der Hoffnung, in den nächsten Jahren dann
eine Vormachtstellung innezuhaben. Wir können es
uns deshalb weder leisten, zu warten, bis sich die
Situation verfestigt noch können Sie erwarten, dort
schnelle Gewinne zu machen. Sie werden sich kurzfristig niederlassen müssen, um langfristig Gewinne
zu machen. Aber Sie werden Gewinne erzielen - auch
Ihr Land und unsere guten Freunde in Mittel- und
Osteuropa.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�ABRÜSTUNG
21. März 1990

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL SICH
"REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar
WASHINGTON - (AD) - In der gegenwärtigen Sitzungsperiode der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) dringen
die Vereinigten Staaten darauf, Rüstungskontrollfragen in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Teilnehmerstaaten von gemeinsamem Interesse sind und bei denen "für alle Beteiligten nützliche Vereinbarungen erzielt"
werden könnten.
Der amerikanische Botschafter Stephen Ledogar erklärte am 13. März 1990 in einer Rede vor dem Plenum, die
CD habe sich zu lange mit Fragen beschäftigt, "die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit nicht dienlich waren,
sondern die stattdessen benutzt wurden, um politische Argumente vorzubringen".
Er schlug vor, Probleme wie Fragen der regionalen Sicherheit und regionalen Wettrüstens zu behandeln. Solche
"realen" Probleme könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung
sein".
Im folgenden veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, an dieser
Stelle über chemische Waffen zu sprechen. Chemische Waffen sind heute morgen nicht mein Hauptthema, aber ich möchte doch den Tenor der Erklärung
Minister Batsanows vom vergangenen Donnerstag (8.
März) unterstreichen. Meine Regierung ist über den
produktiven Charakter der gerade beendeten amerikanisch-sowjetischen Gesprächsrunde über chemische Waffen erfreut. Unsere gemeinsam erzielten
Fortschritte auf dem Weg zu einer bilateralen Vereinbarung über die Zerstörung der Lagerbestände an
chemischen Waffen können den Bemühungen dieses
Gremiums zur möglichst raschen Erarbeitung eines
Vertragsentwurfs für eine multilaterale Konvention über
chemische Waffen nur förderlich sein.
Herr Präsident, chemische Waffen stehen auf der
Tagesordnung der amerikanischen Regierung zur
Rüstungskontrolle weit oben. Ich möchte mich nun
den Atomwaffen zuwenden, einem weiteren Punkt auf
dieser Tagesordnung.
Beginnen wir mit der Tatsache, daß über 40 Jahre lang
ein starkes atomares Abschreckungspotential notwendig war, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu
AMERIKA DIENST 11

gewährleisten. Es hat dazu beigetragen, die Sicherheit und Freiheit unserer Verbündeten und Freunde zu
bewahren. Der lange europäische Frieden der vergangenen 45 Jahre hat meines Erachtens zur heute
bestehenden Situation geführt, in der Winde der Freiheit durch so viele Länder wehen. Die lange Periode
der Stabilität hat uns Zeit verschafft, in der wir unsere
Aufmerksamkeit weniger auf das Überleben als vielmehr auf Menschenrechte und politische Rechte richten konnten.
Die atomare Abschreckung bleibt ein entscheidender
Bestandteil der amerikanischen Sicherheitsstrategie.
Wie Außenminister Baker im vergangenen Monat vor
dem Obersten Sowjet erklärt hat, benötigen wir ein
sicheres, verläßliches und modernes Arsenal solange
wir uns auf Atomwaffen zur Sicherung des Friedens
durch Abschreckung stützen müssen. Das heißt, daß
wir in gewissem Umfang weiterhin unterirdische Kernwaffenversuche durchführen müssen.
Die Vereinigten Staaten halten nach wie vor an einem
stufenweisen Prozeß zur weiteren Begrenzung von
Kernwaffenversuchen fest. Wir bleiben einem umfassenden Testver'not (CTB) als langfristigem Ziel verSeite 1

�pflichtet. Wie Minister Karmilo aus Finnland jedoch
schon am 20. Februar vor diesem Forum treffend
feststellte, gibt es auf dem Weg zu einem solchen
Verbot keine Abkürzung. Es muß aufgebaut werden,
wie man eine Brücke über einen Abgrund bauen
würde, indem man Stück für Stück eine solide Grundlage legt, damit sie auf Generationen hinaus stark und
zuverlässig bleibt.
Die Vereinigten Staaten betrachten CTB im Zusammenhang mit einer Zeit, in der wir uns nicht auf die
atomare Abschreckung verlassen müssen, um internationale Sicherheit und Stabilität zu sichern und in der
wir breit angelegte, einschneidende und wirksam ver ifizierbare Rüstungsreduzierungen erzielt haben, mit
erheblich verbesserten Verifizierungsfähigkeiten und
einem stärkeren Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften.
Hier möchte ich kurz auf die Frage der Verifizierung
einzugehen. Ein CTB ohne angemessene Verifizierung ist kein Vertrag, sondern eine Versuchung. Entgegen der landläufigen Annahme, derzufolge die
Technologie dafür heute schon vorhanden ist, bleibt
bis zur Entwicklung eines glaubwürdigen Systems zur
Verifizierung der Einhaltung eines CTB zu verifizieren,
noch viel zu tun. Die Vereinigten Staaten werden
ihrerseits die Arbeit der Gruppe von Wissenschaftlern
weiterhin unterstützen und sich uneingeschränkt an
ihrem zweiten technischen Versuch beteiligen. Wir
sind tief enttäuscht darüber, daß so viele Staaten darunter auch einige, die regelmäßig ein CTB fordern
- es nicht für zweckmäßig hielten, sich an diesem
wichtigen Experiment zu beteiligen.
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten sind dankbar
für die Bemühungen von Botschafter Donawaki aus
Japan und seinem Vorgänger, Botschafter Yamada,
einen Konsens über ein Mandat für einen Ad-hocAusschu ß zu Punkt eins auf unserer Tagesordnung zu
finden.

Hinblick auf die Verhandlungen zur Reduzierung strategischer Warfen erzielt, und unsere Delegationen bei
den Verhandlungen über Kernwaffenversuche arbeiten tatkräftig daran, die Protokolle zum Schwellenvertrag und zum Vertrag über Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken bis zum Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif zu machen.
Die Zeiten ändern sich und sind vielleicht heute vielversprechender als je zuvor in der Geschichte. Aber
Veränderungen bedeuten unweigerlich sowohl eine
Zeit der Ungewißheit, des Aufruhrs und der Furcht als
auch eine Zeit der Hoffnung. Für uns alle besteht die
Herausforderung darin, uns dafür einzusetzen, daß
diese Veränderungen weiterhin friedlich und positiv
ablaufen. Dies ist nicht die Zeit, die Strukturen aufzugeben, die uns so weit gebracht haben.
Am 5. März hat der Präsident der Vereinigten Staaten
eine Erklärung zum 20. Jahrestag einer der wesentlichen Grundlagen der heutigen internationalen Sicherheit abgegeben - dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT). Im Laufe dieses Jahres
werden die Signatarstaaten des NPT die vierte Überprüfungskonferenz abhalten. In Zusammenhang mit
dieser Überprüfung bekräftigte Präsident Bush "die
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, ihre Vertragsverpflichtungen zu erfüllen und darauf hinzuarbeiten, seine Dauerhaftigkeit im Interesse des Weltfriedens und der Sicherheit zu gewährleisten". Ich
habe den Sekretär darum gebeten, die Erklärung des
Präsidenten als CD-Dokument in Umlauf zu bringen.
Unsere Konferenz hat femer einen Tagesordnungspunkt zur Frage der "negativen Sicherheitsgarantien"
- die Gewährung von Garantien seitens der Nuklearmächte für Staaten, die keine Kernwaffen besitzen, um
den Einsatz von Kernwaffen oder dessen Androhung
auszuschließen.
Die Vereinigten Staaten haben öffentlich erklärt:

Ich möchte folgendes klarstellen: Die Vereinigten
Staaten und die westliche Gruppe waren seit 1984
bereit und sind es immer noch, erneut einen Ad-hocAusschuß zu bilden. Zwei Jahre lang waren wir bereit,
unseren eigenen Vorschlag für den Mandatstext beiseite zu legen, um auf einen Konsens auf der Grundlage des Kompromißentwurfs von Botschafter Vejvoda hinzuarbeiten. Die Vereinigten Staaten sind immer
noch dazu bereit. Wir sind erstaunt, daß dies bei
anderen nicht der Fall ist.

"Die Vereinigten Staaten werden Kernwaffen nicht
gegen kernwaffenfreie Staaten - Unterzeichner des
NPT oder irgendeiner anderen international bindenden Verpflichtung, keine nuklearen Sprengsätze zu
erwerben - einsetzen, au ßer im Falle eines Angriffs auf
die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, Streitkräfte
oder ihre Verbündeten durch einen Staat, der mit einer
Nuklearmacht verbündet oder mit einer Nuklearmacht
bei der Durchführung oder Unterstützung des Angriffs
zusammenarbeitet."

Die Vereinigten Staaten haben sich jedenfalls in bilateralen Verhandlungen mit der Sowjetunion aktiv um die
Reduzierung von Atomwaffen bemüht. Ich bin der
Ansicht, ein objektiver Beobachter müßte über die von
uns erzielten Fortschritte entzückt - und ermutigt - sein.
Der INF-Vertrag ist seit über 20 Monaten in Kraft. Beim
Moskauer amerikanisch-sowjetischen Außenministertreffen im Februar wurden wichtige Fortschritte im

Wir halten an dieser Garantie als dauerhafter und
verläßlicher Erklärung der amerikanischen Politik fest.
Wir haben uns trotzdem freiwillig an den Bemühungen
der CD beteiligt, effektive Arrangements zu treffen
sowie insbesondere eine für alle annehmbare gemeinsame Formel zu suchen. Bis heute ist keine Einigung
über wirksame Vereinbarungen erzielt worden, da
besondere Sicherheftsanliegen jedes einzelnen Teil-

Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�nehmerstaats betroffen sind - sowohl für Nuklearmächte als auch für Staaten, die keine Kernwaffen
besitzen. Wir sind bereit und willens, dieses Jahr
erneut konstruktiv zu diesen Bemühungen beizutragen, und ich sage unserem verehrten Kollegen, Botschafter Negrotto-Cambiaso, dem Vorsitzenden des
Ad-hoc-Ausschusses, die Unterstützung und Kooperation meiner Delegation zu.
In regelmäßig abgehaltenen Ad-hoc-Ausschußsitzungen hat die Konferenz seit 1985 Fragen im Zusammenhang mit der "Verhinderung eines Wettrüstens im
All" erörtert. Die Vereinigten Staaten haben eine
Überprüfung möglicher praktikabler und wünschenswerter Maßnahmen vorgenommen, die als Grundlage
für eventuelle Verhandlungen über weitere multilaterale Rüstungskontrollabkommen für den Weltraum dienen könnten. Bis heute wartet meine Regierung noch
auf Vorschläge der anderen Seite, die unseres Erachtens praktikabel, wünschenswert und verifizierbar sind.
Wir selbst haben noch keine für einen Vorschlag
geeigneten Maßnahmen ausgemacht. Wir bieten
meinem verehrten kanadischen Kollegen, Botschafter
Shannon, beim Vorsitz des letzte Woche gegründeten
Ad-hoc-Ausschusses unsere Unterstützung und Mitarbeit an und sind bereit, jeden Vorschlag in Erwägung
zu ziehen, derin diesem Ausschuß erarbeitet wird. Wir
müssen Forderungen nach multilateralen Verhandlungen in diesem Bereich jedoch ablehnen.
Meine Delegation ist erfreut, daß der Ad-hoc-Ausschuß über radiologische Waffen zusammengetreten
ist. Bei den im Ausschuß erarbeiteten Fortschritten
haben wir Botschafter Varga aus Ungarn unserer
Zusammenarbeit versichert und hoffen, daß es uns
irgendwie gelingen wird, die Verhandlungen zumindest bei einem der "traditionellen" Themen voranzubringen. In der Frage der verbotenen Angriffe auf
Nuklearanlagen ist meine Delegation von der Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen in diesem Bereich
nicht überzeugt, und wir werden uns weiterhin jedem
Junktim zwischen dem Verbot von Angriffen auf Nuklearanlagen und einem Verbot radiologischer Waffen
widersetzen.
Herr Vorsitzender, ich möchte mich nun Fragen im
Zusammenhang mit den Tagesordnungspunkten
"Verhinderung eines Atomkriegs einschließlich aller
damit in Verbindung stehenden Angelegenheiten" sowie
der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und nuklearer Abrüstung zuwenden. Wir vertreten nach wie
vor die Ansicht, daß die Verhinderung eines Atomkriegs nur im Kontext der generellen Verhinderung
eines Kriegs zufriedenstellend abgehandelt werden
kann. Die entscheidende Frage lautet, wie Frieden
und internationale Sicherheit im Atomzeitalter gewahrt
werden können. In diesem Zusammenhang kann ein
Atomkrieg nicht vom Problem der Verhinderung aller
Krieoe isoliert werden. Aus diesem Grund können die

AMERIKA DIENST 11

Vereinigten Staaten der Gründung eines Ad-hocAuschusses zu diesem Thema nicht zustimmen.
Abschließend möchte ich einige persönliche Bemerkungen zu dieser Konferenz machen. Ich beziehe
mich auf die vor einigen Wochen von meinem verehrten brasilianischen Kollegen, Botschafterde Azambuja, abgegebene Erklärung mit dem Vorschlag, wir
sollten Mittel und Wege überprüfen, wie den Genfer
Abrüstungsverhandlungen ein größerer Realitätsbezug verliehen werden kann. Ich stimme diesem Vorschlag uneingeschränkt zu. Die in Europa stattfindenden epochalen Veränderungen und der daraus resultierende Abbau der Spannungen zwischen Ost und
West verlagert den Brennpunkt der Rüstungskontrolle
auf Problembereiche, denen bisher keine allzu große
Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Diese Probleme
werden aller Voraussicht nach in die Tagesordnung
dieser Konferenz aufgenommen werden.
Einige Mitglieder dieses Forums sehen darin bedauerlicherweise vornehmlich ein politisches Forum, in dem
den Atom- und vor allem den Supermächten über
Nuklearthemen gepredigt werden soll. Viel zu lange
haben wir schönfärberische Reden gehört, die an die
Gefühle appellierten statt den Realitäten Rechnung zu
tragen, beipielsweise beim Drängen darauf, daß die
Erfindung von Atomwaffen irgendwie rückgängig
gemacht werden sollte. Und viel zu lange wurde
nukleare Abschreckung von denen verhöhnt, die von
der Zeit des Friedens profitiert haben, die sie ermöglicht hat. Jahrelang haben wir mit unumstößlichen
Tagesordnungspunkten wie der Verhinderung eines
Atomkriegs, der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und dem umfassenden Abrüstungsprogramm
gelebt, die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit
nicht dienlich waren, sondern stattdessen benutzt
wurden, um politische Argumente vorzubringen. Darüber hinaus wurde dieser Prozeß durch das Instrument der Abstimmung über Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu Themen, die
für die Vereinigten Staaten und andere Länder entscheidend sind, verstärkt, die dann in diesem Forum
zitiert wurden, als seien sie die Heilige Schrift. Dies
hatte eine Aushöhlung des Mandats der Genfer Abrüstungskonferenz als echtes Forum für Rüstungskontrollverhandlungen zur Folge - dem einzigen umfassenden, internationalen Rüstungskontrollgremium, das
eine Chance hat, praktische Ergebnisse zu erzielen
und nicht nur einen politischen Schlagabtausch vorzunehmen, da es auf der Grundlage von Konsens arbeitet.
Die Vereinigten Staaten haben guten Glaubens daran
mitgearbeitet, die Genfer Abrüstungskonferenz zu einer
lebensfähigen Institution zu machen. Wir haben versucht, Rüstungskontrolle in die Praxis umzusetzen,
Prinzipien aufzustellen und Abkommen zu erzielen,
mit denen die Sicherheit aller verbessert würde. Wir

Seite 3

�haben auch unsere Grenzen erfahren: Wir haben
gelernt, daß Beispiele zu geben, die zu befolgen uns
von anderen zugesichert wird, häufig zu Druck nach
weiteren Beispielen geführt hat und der Tatsache
wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ob irgendjemand dem ursprünglichen Beispiel wirklich gefolgt
war. Als wir einseitig unsere Bestände an chemischen
Waffen offengelegt haben, folgte nur die UdSSR unserem Beispiel. Wir warten noch immer auf die Erklärungen der anderen Länder. Eine solche Atmosphäre ist
den Zielsetzungen der Genfer Abrüstungskonferenz
abträglich und erschwert es meinem Land, der Arbeit
dieser Organisation volles Vertrauen entgegenzubringen.
Herr Präsident, die Bilanz zeigt, daß dieses Forum am
besten funktioniert, wenn seine Mitglieder gemeinsame Rüstungskontrollinteressen ausmachen und auf
der Grundlage von Konsens bei der Erarbeitung von
Abkommen vorgehen, die für alle Beteiligten nützlich
sind. Diese Zielsetzung sollten wir in der neuen, vor
uns liegenden Ära zu erweitern versuchen.

* *

Seite 4

Es bleibt noch viel zu tun. Wir könnten beispielsweise
die Möglichkeit sondieren, die Themen regionale Sicherheit und Wettrüsten in die Tagesordnung aufzunehmen, und wir könnten das Ungleichgewicht bei
konventionellen Waffen außerhalb Europas prüfen.
Wir könnten die Kosten erwägen, die schwachen Volkswirtschaften durch die Notwendigkeit der Beschaffung
hochtechnologischer, supermoderner Waffensysteme
aufgebürdet werden. Mir scheint, daß viele der von
Botschafter de Azambuja aufgezeigten Probleme der
"realen Welt" sich auf diese Bereiche beziehen. Sie
könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung sein.
Das sind einige der Gedanken, die mir in den Sinn
kamen, als ich über die von meinem brasilianischen
Kollegen vorgebrachten Fragen nachdachte. Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin den Abschluß von Rüstungskontrollabkommen vehement vorantreiben werden, mit
denen die Sicherheit aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft verbessert wird.

* *

AMERIKA DIENST 11

�WIRTSCHAFT
21. März 1990

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-Florio-Verfügung

WASHINGTON - (AD) - Die Bush-Administration
erwartet in den nächsten Monaten die Fertigstellung
der endgültigen Fassung der Regelungen für die
Abwicklung der Exon-Florio-Verfügung, die sich auf
die Übernahme amerikanischer Unternehmen durch
Ausländer bezieht.
Dieser Verfügung zufolge - sie stellt einen Zusatz zum
Rüstungsproduktionsgesetz (Defense Production Act)
von 1950 dar und wurde als Teil des Allgemeinen
Mandelsgesetzes von 1988 verabschiedet - hat der
Präsident das Recht, Auslandsübemahmen untersuchen zu lassen, um ihre Auswirkungen auf die nationale Sicherheit zu ermitteln und Übernahmen zu untersagen oder auszusetzen, falls er zu dem Schluß kommt,
daß Beweise für mögliche Maßnahmen des ausländischen Investors bestehen, die der nationalen Sicherheit abträglich sind und wenn die nationale Sicherheit
nicht durch andere bestehende Gesetze ausreichend
und angemessen geschützt werden kann.
Obwohl sie bereits seit 18 Monaten in Kraft ist, wurde
die Exon-Florio-Verfügung vorbehaltlich der endgültigen Fassung in ihrer vorläufigen Form angewendet.
Regierungsvertreter haben erklärt, sie seien mit diesen Richtlinien zufrieden.
Das vorläufige Verwaltungsverfahren zur Anwendung
der Exon-Florio-Verfügung verläuft folgendermaßen:
Nach Eingang einer schriftlichen Benachrichtigung über eine Transaktion durch eine der
beteiligten Parteien oder durch eine Mitgliedsbehörde leitet der Ausschuß für Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten (CFIUS)
eine Überprüfung der anstehenden ausländi-

AMERIKA DIENST 11

schen Übernahme ein. Die Benachrichtigung
erfolgt auf freiwilliger Basis; eine Benachrichtigung durch Dritte wird nicht akzeptiert. Trotz
des freiwilligen Charakters dieser Benachrichtigung könnte deren Unterlassung negative Konsequenzen haben. Den Vorsitz des CFIUS hat
der Finanzminister, weitere Mitglieder sind die
Minister für Äußeres, Verteidigung und Wirtschaft, der Justizminister, der Direktor des
Haushaltsbüros, der Vorsitzende des Rats der
Wirtschaftsberater und die US-Handelsbeauftragte. Andere Behörden, etwa das Energieministerium und die NASA können hinzugezogen
werden, wenn die Angelegenheit in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.
Das Finanzministerium entscheidet zunächst,
ob die Benachrichtigung vollständig ist, d.h. ob
sie eine Beschreibung der an der Transaktion
beteiligten Parteien und Einzelheiten der Übernahmevereinbarungen enthält, ob sie die ausländische Muttergesellschaft und den Besitzer
benennt, dem sie letztlich zugute kommt und ob
sie eine Liste der mit amerikanischen Regierungsbehörden bestehenden Verträge und die
Pläne der übernehmenden Gesellschaft für das
US-Unternehmen umfaßt.
Nach Erhalt einer vollständigen Benachrichtigung hat der CFIUS 30 Tage Zeit, um über eine
Überprüfung dieser Transaktion zu entscheiden. Er wird den an der Transaktion beteiligten
Parteien Fragen stellen und kann diese Parteien
zu einem Treffen laden, falls weitere Klarstellungen und Informationen benötigt weiden.

Seite 1

�Falls eine solche Untersuchung von keiner CFIUSBehörde beantragt wird, werden die an der
Transaktion beteiligten Parteien benachrichtigt,
daß der Übernahme keine weiteren Maßnahmen gemäß der Exon-Florio-Verfügung entgegenstehen.

Falls der CFIUS nicht zu einer einstimmigen
Empfehlung gelangt, unterbreitet der Finanzminister als Vorsitzender dem Präsidenten einen
Bericht, in dem die unterschiedlichen Meinungen aufgezeigt und die zur Entscheidung anstehenden Fragen dargestellt werden.

Falls die Behörden sich entschließen, eine
Untersuchung zu beantragen, hat der CFIUS 45
Tage Zeit, um diese abzuschließen und dem
Präsident einen Bericht mit einer Empfehlung
zu unterbreiten.

Der Präsident hat nach Eingang des Berichts 15
Tage Zeit, um eine Entscheidung zu fällen.

Seite 2

AMERIKA 0IEN3T 1-

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10790">
                <text>21.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10791">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10792">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10793">
                <text>Amerikadienst 21.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10794">
                <text>&lt;strong&gt;1. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftliche und politische Rechte sind in einer Demokratie am besten gesichert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache des US-Delegationsleiters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. DDR-Wahlen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das DDR-Wahlergebnis - ein Sieg demokratischer Werte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten haben großes Interesse an Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Genfer Abrüstungskonferenz soll sich "realen" Rüstungsproblemen widmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Ledogar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Überprüfung von Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht zur Exon-Florio-Verfügung&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
