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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

Deichmanns

Aue »

5300 Bonn 2
21

29. Mai 1991

NAHER OSTEN

BAKER: NAHOSTKONFERENZ "MITTEL
ZUM ZWECK"
Erklärung vor Kongreßausschuß

NATO

GOLFKRIEG UNTERSTRICH
SICHERHEITSKONZEPT DER NATO
Rede von Botschafter Taft

CHEMISCHE WAFFTEN

BUSHS CHEMIEWAFFENINITIATIVE
BESCHLEUNIGT GENFER GESPRÄCHE
ACDA-Director Lehman vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
29. Mai 1991

BAKER: NAHOSTKONFERENZ "MITTEL ZUM ZWECK"
Erklärung vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker geht davon aus, daß die von den Vereinigten Staaten angestrebte
Nahostkonferenz dazu beitragen würde, das Endziel direkter Verhandlungen zwischen Israel und seinen
arabischen und palästinensischen Nachbarn zu erreichen.
"Sie ist schlicht ein Mittel zum Zweck", erklärte Baker am 22. Mai 1991 vor einem Ausschuß des Kongresses,
"ein Instrument in unseren Bemühungen, die Parteien dazu zu bewegen, sich zusammenzusetzen, um ihre
Meinungsverschiedenheiten zu sichten und anachronistische Tabus zu durchbrechen."
"Seit Beginn dieser Administration", erinnerte sich der Außenminister, "haben wir deutlich gemacht, daß unser
Ziel darin besteht, Israel und Palästinenser aus den besetzten Gebieten zu Verhandlungen zu bewegen." Baker
betonte, daß solche Gespräche "den einzigen Weg zur Erlangung von Fortschritten überhaupt bieten, und wir
würden keinen Vorschlag akzeptieren, der irgendeiner Partei Anlaß geben würde zu glauben, sie könne
Verhandlungen vermeiden oder durch andere von der Notwendigkeit zu verhandeln entbunden werden."
In einer vorbereiteten Erklärung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für die Bewilligung von
Haushaltsmitteln für Auslandsoperationen (House of Representatives Appropriations Subcommittee on Foreign
Operations) erörterte Baker darüber hinaus die folgenden Punkte:
Solange Saddam Hussein an der Macht bleibt, werden die Vereinigten Staaten weder ihre Beziehungen
zum Irak normalisieren noch einer Aufhebung der UNO-Sanktionen gegen den Irak zustimmen.
Das sogenannte "neue Denken" in der Sowjetunion ist weiterhin Leitlinie für das sowjetische Verhalten
bei zahlreichen Aspekten der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Baker erwähnte in diesem Zusammenhang die sowjetische Hilfsbereitschaft im Nahen Osten, Angola, Mittelamerika und Kambodscha.
Das von den USA angestrebte Nordamerikanische Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada
"verspricht allen drei Ländern bedeutende wirtschaftliche Vorteile" und wird Exporten, Arbeitsplätzen und
Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten auf dem Weltmarkt zugute kommen.
Baker zufolge wird die bilaterale Militär- und Wirtschaftshilfe in den neunziger Jahren ein unerläßliches
Instrument zur Förderung amerikanischer Interessen bleiben. Für das Haushaltsjahr 1992 beantragten
die Vereinigten Staaten deshalb
6,2 Milliarden Dollar für den Nahen Osten und Südasien, vornehmlich zur Förderung von Frieden und
Stabilität in Israel und Ägypten;
702 Millionen Dollar für Ostasien und den Pazifik, hauptsächlich für die Philippinen;
1,6 Milliarden Dollar für Europa, primär für die Türkei und Griechenland;
2,1 Milliarden Dollar für Lateinamerika und die Karibik, wovon der Löwenanteil zur Unterstützung der
Betäubungsmittelinitiative der Andenstaaten (Andean Narcotics Initiative) und der aufstrebenden Demokratien Mittelamerikas bestimmt ist.
1 Milliarde Dollar für Afrika zur Förderung eines Wirtschaftswachstums auf breiter Basis.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Erklärung des Außenministers, die sich mit dem Nahen Osten,
Irak, der Sowjetunion und dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen beschäftigen.

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�Ich möchte Ihnen heute über meine jüngsten Reisen in
den Nahen Osten berichten und in meinen Ausführungen hauptsächlich zum Friedensprozeß im Nahen
Osten und der Lage im Irak Stellung nehmen. Ferner
möchte ich kurz auf die Sowjetunion und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen eingehen.
Der Friedensprozeß
Ich möchte zunächst den Friedensprozeß erörtern.
In den vergangenen zwei Monaten haben wir uns
intensiv darum bemüht, einen Weg für eine umfassende Regelung durch direkte Verhandlungen zwischen
Israel, den arabischen Staaten und den Palästinensern zu finden. Von Beginn an habe ich mir keine
Illusionen über die damit zusammenhängenden Herausforderungen und Schwierigkeiten gemacht. Ich
hatte jedoch auch ein starkes Gefühl dafür, daß der
Golfkrieg vielleicht neue Möglichkeiten für einen Friedensschluß in der Region geboten hat und die Vereinigten Staaten eine einzigartige Verpflichtung haben,
dabei zu helfen, diese auszuloten. Zwar wäre es
traurig, wenn wir zu dem Ergebnis kämen, daß alte
Hindernisse stärker sind als die neuen Möglichkeiten,
es wäre noch trauriger, wenn die Vereinigten Staaten
versäumten, einer Chance für den Frieden energisch
nachzugehen. Solche Chancen ergeben sich im Nahen
Osten nicht so häufig.
Die irakische Invasion Kuwaits führte eine historische
internationale Koalition zusammen. Die Vereinigten
Staaten, die Sowjetunion, Europäer, Araber und andere schlössen sich zusammen, um die irakische Aggression zunichte zu machen. Die Vereinten Nationen
spielten die Rolle, die ihnen ihre Gründer zugedacht
hatten, und durch ihre Zurückhaltung angesichts der
irakischen Provokation wurde Israel zum stillen Teilhaber am Erfolg der Koalition. Das Endresultat war eine
vernichtende Niederlage für Saddam Hussein und den
von ihm vertretenen Weg der Gewalt und Einschüchterung - und neue Hoffnung für den alternativen Weg
von Diplomatie und Verhandlungen.
Um die Gunst der Stunde zu nutzen und die Spielregeln für einen arabisch-israelischen Friedensschluß
zu verändern, war es unseres Erachtens wichtig, uns
in einem Prozeß zu engagieren, der die Tabus eines
direkten Dialogs durchbrechen würde. Wenn der
Impuls für einen Friedensschluß ein anderer war, so
mußten wir die Hindernisse für direkte Treffen zwischen Israelis, Arabern und Palästinenser überwinden. Wir mußten der Tatsache Geltung verschaffen,
daß Dialog und Diplomatie - nicht Gewalt und Verweigerung - Grundlage für die Politik in der Region sein
könnten.
Der Krieg erinnerte auf grausame Weise an die Gefahren eines Konflikts in einem Zeitalter eskalierenden
militärischen Wettlaufs. Er erinnerte daran, daß der
Streit zwischen Israelis und Palästinensern weiterhin

Seite 2

den Kern des arabisch-israelischen Problems bildet aber auch der zwischenstaatlichen Dimension mußte
Rechnung getragen werden. Er gab aber auch Anlaß
zu Hoffnung, indem er daran erinnerte, daß Israel und
die arabischen Staaten bisweilen eine gemeinsame
Grundlage entdecken können - eine gemeinsame
Grundlage, die Spielraum verschaffen könnte, um
einen israelisch-palästinensischen Ausgleich zu ermutigen.
Unsere Nachkriegsaufgabe bestand also darin, die
neuen und aussichtsreichen Elemente nach der Krise
mit den dauerhaften Prinzipien der arabisch-israelischen Diplomatie in Einklang zu bringen. Dies war der
Zweck meiner ersten drei Reisen in die Region nach
dem Krieg. Das Ergebnis war ein Konsens der Parteien zu den folgenden fünf Kernpunkten:
Erstens die allgemeine Übereinstimmung, daß
Ziel des Prozesses eine umfassende Regelung
. durch direkte Verhandlungen auf Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats ist.
Zweitens breite Übereinstimmung, daß der
Verhandlungsprozeß gleichzeitig auf zwei Ebenen ablaufen sollte, darunter direkte Verhandlungen zwischen Israel und arabischen Staaten
sowie zwischen Israel und Palästinensern aus
den besetzte Gebieten.
Drittens der Konsens, daß die Verhandlungen
zwischen Israel und den Palästinensern in Stufen ablaufen sollten, wobei den Verhandlungen
über den dauerhaften Status der besetzten
Gebiete Gespräche über eine Interims-Selbstregierung vorausgehen würden.
Viertens die Übereinstimmung, daß die Palästinenser in diesem Prozeß durch Führer aus den
besetzten Gebieten vertreten werden, die den
Prozeß auf diesen beiden Ebenen und einen
stufenweisen Ansatz zu den Verhandlungen
akzeptieren und sich verpflichten, mit Israel in
Frieden zu leben.
Fünftens die allgemeine Akzeptanz, daß eine
von den Vereinten Nationen und der Sowjetunion mitgetragene Konferenz die alten Tabus im
Hinblick auf öffentliche Kontakte zwischen den
Parteien durchbrechen würde und Sprungbrett
für direkte Verhandlungen zwischen den Parteien sein sollte.
Dies sind keine unbedeutenden Bereiche der Übereinstimmung, und sie liefern gewiß eine Grundlage für
Fortschritte. Aber sie müssen noch in einen praktischen Prozeß umgesetzt werden, und das war der
Zweck meiner jüngsten Reise in diese Region. Ich
möchte Ihnen einen Eindruck von den Schlüsselfragen
geben, die wir noch zu lösen versuchen.

AMERIKA DIENST 21

�Der erste Problembereich umfaßt die Modalitäten der
Friedenskonferenz.
Es hat zu dieser Frage zahlreiche Mißverständnisse
gegeben, und ich möchte Ihnen deshalb darlegen,
welche Absichten wir verfolgen. Unser Ziel ist die
Einleitung direkter Verhandlungen. Das ist der wesentliche Inhalt unserer Bemühungen. Wir gehen
davon aus, daß dies am besten durch eine Friedenskonferenz geleistet werden kann, die zu direkten Verhandlungen zwischen Israel und seinen arabischen
und palästinensischen Nachbarn sowie multilateralen
Verhandlungen über Themen wie Rüstungskontrolle
und regionale Sicherheit, Umwelt und Wasser führt.
Eines möchte ich eindeutig klarstellen: Wir fassen
keine internationale Konferenz ins Auge, bei der das
Plenum die Macht oder Autorität besitzt, die Durchsetzung seiner Meinung zu erzwingen, und wir erwägen
auch keinen Mechanismus, der irgendwie in die Verhandlungen eingreifen würde. Wie ich meinen Gesprächspartnern in der Region erklärt habe, ist die
Konferenz in der Tat kein Forum für Verhandlungen.
Sie ist schlicht ein Mittel zum Zweck, ein Instrument in
unseren Bemühungen, die Parteien dazu zu bewegen,
sich zusammenzusetzen, um ihre Meinungsverschiedenheiten zu sichten und anachronistische Tabus zu
durchbrechen.
Diese Konferenz würde gemeinsam von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion getragen. Israel,
Ägypten, Syrien, der Libanon, Jordanien und Palästinenser aus den besetzten Gebieten würden daran
teilnehmen. Wie Sie wissen, hat der Golf-Kooperationsrat (GCC) bereits einen sehr wichtigen Schritt
getan und sich bereiterklärt, seinen Generalsekretär
als Beobachter zu entsenden. Darüber hinaus haben
alle Mitgliedstaaten des GCC - die sechs Golfstaaten
- angekündigt, sie würden an den direkten Verhandlungen über multilaterale Fragen teilnehmen.
Daneben sind wir der Ansicht, daß die Europäische
Gemeinschaft eine konstruktive Rolle bei der Unterstützung dieses Prozesses, insbesondere bei der
schwierigen Arbeit der wirtschaftlichen Entwicklung
spielen könnte, die einem Verhandlungsfrieden folgen
würde. Der EG sollte eine Teilnahme an der Konferenz
ermöglicht werden. Ebenso sollten die Vereinten
Nationen eine Rolle spielen. Es sollte eine für alle
Parteien annehmbare Formel gefunden werden, die
niemanden benachteiligt und das neugewonnene
Potential der Vereinten Nationen in einer Art und
Weise kanalisiert, die der Förderung von Frieden und
Aussöhnung in der Region dienlich sein kann. Der
genaue Charakter der Beteiligung von EG und UNO
muß noch definiert werden. Eine weitere offene Frage
ist die Fähigkeit der Konferenz, erneut zusammenzutreten. Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß
diese Möglichkeit bestehen sollte, wenn alle Parteien
dies wünschen, um Berichte der bilateralen und multilateralen Verhandlungsgruppen anzuhören.

AMERIKA DIENST 21

Wichtig ist, daß all dies die direkten Verhandlungen in
keiner Weise beeinträchtigen wird. Direkte Verhandlungen bieten den einzigen Weg zur Erlangung von
Fortschritten, und wir würden keinen Vorschlag akzeptieren, der irgendeiner Partei Anlaß geben würde zu
glauben, sie könne Verhandlungen vermeiden oder
durch andere von der Notwendigkeit zu verhandeln
entbunden werden.
Der andere Problembereich betrifft die Frage der palästinensischen Vertretung bei den Verhandlungen.
Seit Beginn dieser Administration haben wir deutlich
gemacht, daß unser Ziel darin besteht, Israel und
Palästinenser aus den besetzten Gebieten zu Verhandlungen zu bewegen. Selbstverständlich müssen
die Palästinenser ihre Vertreter wählen, aber wir gehen davon aus - und viele andere Parteien stimmen
dem zu -, daß eine gemeinsame jordanisch-palästinensische Delegation ein nützliches Instrument sein
könnte, um die Konferenz zu verwirklichen und all die
Fragen zu behandeln, die bei solchen Verhandlungen
auftreten könnten.
Der Zweck meiner jüngsten Reise in die Region bestand also darin, diese Fragen weiterhin mit den Parteien zu sondieren und zu entscheiden, wo Konsens
besteht und welche Bereiche weiterer Arbeit bedürfen.
Insgesamt kam ich zu dem Schluß, daß bei Schlüsselelementen unseres Ansatzes mehr Übereinstimmungen als Gegensätze bestehen. Und ich fand die
Bereitschaft vor, weiterhin nach Wegen zur Lösung
der noch ausstehenden Problembereiche zu suchen.
Auch mit dem sowjetischen Außenminister Bessmertnych habe ich in der Sowjetunion und in Kairo außerordentlich fruchtbare Gespräche geführt. Die Sowjets
haben unseren Ansatz uneingeschränkt unterstützt.
Die Tatsache, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten bezüglich des Vorgehens beim Friedensprozeß Übereinstimmung erzielt haben, schafft neue
Gegebenheiten - mit verbesserten Chancen, diesen
Prozeß in die Wege zu leiten.
Dennoch befinden wir uns offensichtlich nicht an dem
Punkt, an dem ich gerne wäre. Es gibt Meinungsverschiedenheiten - insbesondere zwischen Israel und
Syrien - über die Modalitäten der Konferenz, die Rolle
der Vereinten Nationen und die Frage, ob die Konferenz mehrmals zusammentreten soll. Ich möchte nicht
den Anschein erwecken, als seien diese Fragen leicht
oder schnell zu lösen.
Wir werden es jedoch so lange versuchen, wie wir der
Überzeugung sind, daß alle Parteien in gutem Glauben handeln und sich ernsthaft um die Beilegung der
Meinungsverschiedenheiten bemühen. Der Präsident
und ich haben unsere nächsten Schritte erörtert, und
wir sind der Meinung, wir sollten weiter versuchen, die
Kluft zu überwinden und Verhandlungen anzustreben.

Seite 3

�Abschließend möchte ich erwähnen, daß die Parteien
in der Region meines Erachtens die echte Chance zu
schätzen wissen, einen Prozeß in die Wege zu leiten.
Wir haben einen praktikablen Weg zu Verhandlungen
aufgezeigt, der es Israel, den arabischen Staaten und
den Palästinensern gestatten würde, diese Chance zu
ergreifen und tatsächlich um der Sache des Friedens
willen mit der Vergangenheit zu brechen. Sie darf nicht
vergeudet werden - aber sie wird sich uns nicht immer
bieten.
Abzuwarten bleibt, ob die Parteien bereit sind, diese
Chance zu nutzen. Die Vereinigten Staaten sind bereit
und willens, sie bei diesem Versuch zu unterstützen.
Aber wir können den politischen Willen zum Handeln
nicht erzwingen, wenn er in der Region nicht vorhanden ist.
Irak
Ich möchte jetzt auf die Lage im Irak eingehen.
Nachdem seine Aggression gegen Kuwait vereitelt
wurde, richtete Saddam Hussein nach dem Golfkrieg
seinen Terror gegen sein eigenes Volk und vertrieb
Hunderttausende Iraker aus ihrer Heimat in fremde
Länder. Wie die Vereinten Nationen in Resolution 688
feststellten, schuf dies eine neue Bedrohung für den
internationalen Frieden und die Sicherheit. Für alle
von uns heißt das Problem nicht mehr nur Kuwait.
Ich möchte heute gemeinsam mit Ihnen eine Prüfung
der drei Punkte umfassenden Strategie vornehmen,
die wir und unsere Verbündeten bei der Bewältigung
dieser schrecklichen Situation verfolgt haben. Erstens
haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um
das unmittelbare Leid der irakischen Flüchtlinge zu
mildern. Zweitens versuchen wir, weitere Terrorakte
zu verhindern, indem wir im Irak sichere Bedingungen
schaffen, damit die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren und in Sicherheit leben können. Drittens werden wir Saddam Hussein so lange isolieren wie er an
der Macht ist. Ich möchte jetzt auf diese Aspekte
unserer Strategie im einzelnen eingehen.

am Dienstag verabschiedete Maßnahme und hoffen,
der Kongreß wird unverzüglich zu unserem zusätzlichen Antrag auf Flüchtlingshilfe Stellung nehmen.
Infolge unserer Bemühungen hat sich die Lage erheblich verbessert. Die Sterblichkeitsrate unter den Flüchtlingen ist beträchtlich gesunken, und mehr als die
Hälfte der Flüchtlinge sind in die Täler gekommen.
Dies reicht jedoch nur aus, um die dringendsten Bedürfnisse der Flüchtlinge zu befriedigen. Wir müssen
auch eine größere Tragödie verhindern: eine Situation, in der Saddam Hussein seinen Terror erneut
ausüben könnte.
Dieser zweite Aspekt unserer Strategie erfordert eine
gemeinsame Haltung der internationalen Staatengemeinschaft, um den Zugang zu den betroffenen Regionen in ganz Irak in vollständigem Einklang mit Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats zu gewährleisten, die
Achtung der humanitären und politischen Rechte des
irakischen Volkes fordert.
Saddam Husseins brutale Unterdrückung seines eigenen Volkes führt uns erneut vor Augen, daß man ihm
nicht trauen kann. Wir sind nach wie vor besorgt, daß
Saddam - wenn sich die Bedingungen ändern - die
systematische Ausrottung von Regimekritikern und
unschuldigen irakischen Bürgern wiederaufnehmen
würde. Die internationale Staatengemeinschaft tut
heute nicht alles in ihrer Macht Stehende, um diesen
armen unschuldigen Menschen zu helfen, damit sie
morgen von Saddam Hussein abgeschlachtet werden
können.
Aus diesem Grund haben wir den Irak davor gewarnt,
die im Irak in die Wege geleiteten Hilfsmaßnahmen zu
behindern. Deshalb haben wir im Einklang mit Resolution 699 die Vereinten Nationen aufgefordert, unverzüglich Personal bereitzustellen, um die Sicherheit der
nach Irak zurückkehrenden Flüchtlinge zu gewährleisten. Die Vereinigten Staaten beabsichtigen nicht, ihre
Streitkräfte länger als absolut notwendig im Norden
des Irak zu belassen. Wir hoffen auf ihre baldige
Ablösung durch eine wirksame internationale Präsenz.

Der erste zielt auf das unmittelbare Problem ab: das
Leben der Flüchtlinge zu retten, indem wir Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Decken und Unterkunft
zur Verfügung stellen. Dank der Operation Provide
Comfort konnten wir die Lieferungen aus der Luft
abwerfen oder mit Lastwagen zu den Flüchtlingen in
den Bergen im nördlichen Irak und Süden der Türkei
bringen, haben Flüchtlingslager im Irak und der Türkei
aufgebaut und Gebiete im Norden des Irak gesichert,
so daß sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Wir sind der festen Überzeugung, daß eine Art - wie
auch immer organisierter - internationaler Präsenz die
jetzt von den US- und Koalitionsstreitkräften wahrgenommene Aufgabe übernehmen muß. Wirhoffen, daß
diese internationale Präsenz als Wachhund der internationalen Staatengemeinschaft dienen wird, um
Saddam Hussein von einer Wiederholung seiner jüngsten Greueltaten abzuhalten.

Der Präsident hat sich mit den Staats- und Regierungschefs derführenden Industrienationen und unseren Koalitionspartnern in der arabischen Welt in Verbindung gesetzt und sie aufgefordert, den einzelnen
UN-Appellen durch großzügige Hilfszusagen nachzukommen. Wir begrüßen die vom Konferenzausschuß

Wir hoffen ferner, daß der Irak in Zukunft wieder in die
internationale Staatengemeinschaft aufgenommen
werden kann. Der Irak hat eine au ßerordentlich talentierte, kreative und vielfältige Bevölkerung. Meines
Erachtens ist ein neuer politischer Konsens im Irak
möglich, in dem die pluralistische Zusammensetzung

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�seiner Bevölkerung und seine reichen historischen
und kulturellen Traditionen ihren Niederschlag finden.
Ein solcher Konsens muß durch Verhandlungen mit
allen Irakern und nicht durch Gewalt hervorgebracht
werden.
Wir respektieren die Souveränität und territoriale Integrität des Irak und wünschen keine Zersplitterung des
Staates. Wir haben wiederholt erklärt, daß wir uns
nicht im Streit mit dem irakischen Volk befinden. Und
unsere Worte werden durch Taten unterstützt. Während unsere Soldaten sich der Flüchtlinge annahmen
und ihnen Nahrung gaben, haben Saddams Soldaten
sie angegriffen und beschossen.
Daher kann ich ohne jeden Zweifel sagen: Saddam
Hussein selbst ist das alleinige und größte Hindernis
für eine hoffnungsvolle Zukunft des irakischen Volkes
- sei es im Hinblick auf seine Entwicklung als Gesellschaft oder seine Integration in die internationale Staatengemeinschaft. Wenn wir ihm freie Hand lassen,
seine brutale Diktatur und Militärmaschinerie wiederaufzubauen, wissen wir, daß Saddam Hussein wieder
sein eigenes Land terrorisieren und seine Nachbarn
bedrohen wird. Ohne konstante internationale Überwachung und Druck auf Saddam wird diese irakische
Regierung weiterhin eine Gefahr für Frieden und Sicherheit im Nahen Osten darstellen.
Aus diesem Grund können wir, solange Saddam Hussein an der Macht bleibt, nur einen offiziellen Waffenstillstand aber keinen echten Frieden mit der irakischen Regierung haben.
Lassen Sie mich diesen dritten Aspekt unserer Strategie eindeutig klarstellen:
Saddam Hussein ist ein Paria, dessen Vorgehen ihn
außerhalb der zivilisierten internationalen Gesellschaft
stellt. Aus diesem Grund werden wir gemeinsam mit
anderen daran arbeiten, Saddams Regime weiterhin
zu isolieren.
Das bedeutet, daß wir unsere Beziehungen zum Irak
solange nicht normalisieren werden, wie Saddam
Hussein an der Macht ist.
Das bedeutet, die UNO-Sanktionen werden solange
aufrechterhalten, wie Saddam Hussein an der Macht
ist.
Und es bedeutet, daß die Iraker nicht an den sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Vereinbarungen
nach der Krise teilnehmen werden, bis ein Wechsel
des Regimes stattgefunden hat.
Mit einer neuen Regierung werden sich jedoch neue
Möglichkeiten für den Irak zur Wiederaufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft ergeben. Mit einer
neuen Regierung könnten wir sehr wohl die meisten
Sanktionen mit Ausnahme derjenigen aufheben, die
das Militärpotential des Irak begrenzen. Und in diesem
neuen Irak muß Toleranz an die Stelle von Terror
AMERIKA DIENST 21

treten, und die Furcht, die das irakische Volk solange
im Griff hatte, muß der friedlichen Verwirklichung des
enormen Potentials der irakischen Bevölkerung und
ihres Heimatlands Platz machen.
Sowjetunion
Ich möchte jetzt drei Anmerkungen zu unseren Beziehungen mit der Sowjetunion machen.
Erstens vertreten der Präsident und ich die Auffassung, es sollte hervorgehoben werden, daß das sowjetische Verhalten in zahlreichen Aspekten unserer
Beziehungen weiterhin vom neuen Denken in der
Sowjetunion geleitet ist. Im Nahen Osten hat Außenminister Bessmertnych unschätzbare Hilfe bei der
Wiederbelebung des Friedensprozesses geleistet. Auch
bei dem historischen Abkommen, das den Bürgerkrieg
in Angola beenden wird, war die sowjetische Zusammenarbeit entscheidend - ein Abkommen, das auch
ich nächste Woche in Lissabon unterzeichnen werde.
Darüber hinaus waren die Sowjets auch in anderen
Regionen sehr hilfreich - vor allem in Mittelamerika und
Kambodscha.
Im Bereich der Rüstungskontrolle hoffen wir, unsere
Meinungsverschiedenheiten beim KSE-Vertrag beilegen, ihn zur Ratifizierung vorbereiten sowie die STARTVerhandlungen und die Vorbereitungen für das Gipfeltreffen in Moskau voranbringen zu können.
Zweitens bietet das sogenannte "Eins-plus-NeunAbkommen" zwischen Präsident Gorbatschow und
den baltischen Republiken vom 23.April 1991 die
Möglichkeit für eine Hinwendung zu neuen politischen
Vereinbarungen in der Sowjetunion. Wenn Gorbatschow und die Neun dieses Abkommen in der beabsichtigten Weise einhalten - durch einen für die gesamte Union geltenden Vertrag und eine neue Verfassung
- wäre dies ein entscheidender Schritt zur Schaffung
einer neuen politischen Legitimität in der Sowjetunion.
Zusammen mit den derzeit stattfindenden Gesprächen zwischen Moskau und dem Baltikum eröffnen
diese Schritte neue Möglichkeiten zur Aussöhnung,
um anstelle der politischen Polarisierung zu treten, von
der die sowjetische Politik seit vergangenen September gekennzeichnet war.
Darüber hinaus begrü ßen wir die Verabschiedung des
neuen Auswanderungsgesetzes. Nahezu zwei Jahrzehnte lang haben wir das Recht auf Auswanderung
zum Kernstück der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen gemacht. Wir erachten die Verabschiedung
des neuen Gesetzes als wichtigen Schritt im sowjetischen Reformprozeß und bei der Erfüllung der KSZEVerpflichtungen durch die Sowjetunion.
Unsererseits werden wir die Kontakte mit allen Ebenen
und Schichten der sowjetischen Gesellschaft erweitern - von Reformwilligen über Demokraten zu Traditionalisten und dem Militär. Dies wird nicht nur unser
Verständnis der sowjetischen Gesellschaft vertiefen,
Seite 5

�sondern uns - mittels eines sogenannten "demokratischen Dialogs" - gestatten, politischen Pluralismus
und wirtschaftliche Freiheit sowie den Erfolg der sowjetischen Reformen zu fördern. Und wie der Präsident und ich bis heute reichlich deutlich gemacht
haben, liegen Kontinuität und Erfolg der sowjetischen
Reformen im Interesse aller.
Drittens haben die sowjetischen Wirtschaftsreformen
selbst angesichts der zögernden Schritte zur politischen Anpassung noch einen weiten Weg vor sich.
Wir und praktisch jeder andere Beobachter sind überzeugt, daß Ministerpräsident Pawlows Antikrisenprogramm nicht funktionieren wird. Unseres Erachtens
muß die sowjetische Führung dringend tiefgreifende
marktwirtschaftliche Reformen vornehmen.

NAFTA und "Fast Track"
Ich möchte meine Ausführungen mit einigen Bemerkungen zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) und "Fast Track" abschließen. Wir
streben ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada an, weil wir der Überzeugung sind, daß ein solches Abkommen wesentliche
wirtschaftliche Vorteile für alle drei Länder verspricht.
Seit der Präsident im vergangenen Juni seinen Wunsch
nach einem Freihandelsabkommen mit Mexiko bekanntgab, haben wir intensive Konsultationen mit dem
Kongreß und Privatsektor geführt.

Herr Vorsitzender, meines Erachtens steht hier sehr
viel auf dem Spiel - sowohl im Hinblick auf die Außenund Wirtschaftspolitik als auch unsere wachsende
Ohne die Verpflichtung zu grundlegenden Reformen Zusammenarbeit mit Mexiko bei entscheidenden reerwarten wir, daß die sowjetische Wirtschaft weiterhin gionalen und grenzüberschreitenden Fragen. Darüber
dem Niedergang geweiht ist - und das liegt in nieman- hinaus werden amerikanische Exporte, Arbeitsplätze
des Interesse. Wir prüfen nach wie vor unterschiedli- und internationale Wettbewerbsfähigkeit gefördert. Um
che Wege, wie wir der sowjetischen Wirtschaftsreform internationale Märkte zu eröffnen und die Handelskobehilflich sein können, aber der Nutzen unserer Bemü- operation auf dem Kontinent zu verbessern, ist es
hungen hängt immer noch vor allem von den Entschei- unabdingbar, daß der Kongreß das "Fast-track"-Mandat
dungen ab, die von den Sowjets selbst getroffen verlängert. Ohne diesen Schritt wird unsere Fühwerden.
rungsposition in Au ßenpolititk und Wirtschaft ernsthaft
gefährdet.

*

Seite 6

* * *

*

AMERIKA DIENST 21

�NATO
29. Mai 1991

GOLFKRIEG UNTERSTRICH SICHERHEITSKONZEPT
DER NATO
Rede von Botschafter Taft
DEN HAAG - (AD) - Der jüngste Golfkrieg hat nicht nur den Wert des Konzepts der NATO für die europäische
Sicherheit bewiesen, "er hat uns jetzt, da alte Bedrohungen durch neue Herausforderungen ersetzt werden,
einige wichtige Lehren über den Umgang mit Veränderungen vermittelt," erklärte Botschafter William H. Taft am
23. Mai 1991.
Der Ständige US-Vertreter beim Nordatlantikrat erklärte bei einer internationalen Konferenz über "Parlamentarische Demokratie und Internationale Sicherheitspolitik" in Den Haag, der Golfkrieg habe gezeigt, daß die NATO
als unschätzbares Forum für politische Konsultationen dient,
entscheidende logistische Unterstützung und gemeinsame operative Verfahren bietet und
Angriffe auf Mitgliedstaaten abschreckt.
Taft

erklärte ferner, folgende Lehren seien aus dem Golfkrieg gezogen worden:
der Wunsch nach strafferer Entscheidungsfindung unter den europäischen Ländern, um auf Krisen an der
Peripherie der NATO zu reagieren und
die Notwendigkeit einer integrierten europäischen Streitmacht zur Stationierung in bündnisfremden
Gebieten, die gegebenenfalls US-Streitkräfte unterstützen soll. Diese Streitkräfte sollten zur Vorbereitung
aller Truppenteile regelmäßig Manöver und Übungen mit anderen NATO-Streitkräften durchführen.

Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Tafts Rede im Wortlaut:

Die europäische Sicherheit - Lehren aus dem Golfkrieg
I. Einleitung
Sie haben das Thema europäische Sicherheit zwei
Jahre lang erörtert. Ich bin beeindruckt von all dem,
was ich heute über dieses äußerst wichtige Thema
gehört habe. Offensichtlich sind erhebliche Bestrebungen aufgewendet worden, um die Beziehungen
der verschiedenen Institutionen zurechtzurücken, die
zur europäischen Sicherheit und Stabilität in den
kommenden Jahren beitragen können. Es kann keine
wichtigere Aufgabe für all unsere Länder geben als die
Beibehaltung der gemeinsamen Basis, die wir in den
vergangenen vierzig Jahren aufgebaut haben. Aber
wir müssen unsere Partnerschaft auch den dramatiAMERIKA DIENST

21

schen Veränderungen anpassen, die uns vor neue
Aufgaben gestellt haben. Dabei ist die Anpassung an
die Veränderungen in Osteuropa und die Sowjetunion,
um aus unseren früheren Gegnern Partner zu machen, nur ein Teil der Arbeit. Ein anderer ist die
Entwicklung einer grö ßeren Rolle für die europäischen
Länder innerhalb des Atlantischen Bündnisses, da die
Europäische Gemeinschaft Schritte zu einer politischen Union und einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik unternimmt. Wir müssen beides zur
gleichen Zeit leisten, und dazu dient die Überprüfung
der NATO-Strategie. Eine weitere Herausforderung
stellt sich uns, weil wir eine harmonische Zusammenarbeit gewährleisten müssen, um neue Bedrohungen,
die sich fem von europäischen oder nordamerikanischen Grenzen ergeben, abzuwenden.

Seite 1

�Dieser letzte Punkt war manchmal innerhalb unseres
Bündnisses umstritten. Verpflichtungen in den Washingtoner Verträgen erstrecken sich nicht auf sogenannte bündnisfremde Probleme. Aber uns allen ist
klar, daß in einem Zeitalter zunehmender wechselseitiger Abhängigkeiten westliche Interessen durch weltweite Entwicklungen in Mitleidenschaft gezogen werden können. Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft
wird ein pragmatisches Vorgehen sein, um unsere
Zusammenarbeit so weitläufig wie möglich zu gestalten.
Ich schlage nicht die formelle Ausdehnung der NATO
auf andere Gebiete vor. Ich würde vielmehr gern die
Frage der europäischen Sicherheit aus einem bestirnten Blickwinkel betrachten - durch das Prisma der
jüngsten Ereignisse am Persischen Golf. Was hat uns
der Golfkrieg über unsere europäische Sicherheitspolitik und deren Strukturen gelehrt?
Trotz der Tatsache, daß der Krieg an der Peripherie
der NATO stattgefunden hat, gibt es starke und wie ich
denke, wichtige Implikationen für die NATO. Es gibt
verschiedene Lehren, die ich gern ziehen würde - über
die NATO selbst und über die verschiedenen sich
entwickelnden Sicherheitsinstitutionen in Europa.
Es wäre nachläsig, wenn ich nicht bereits zu Beginn
auf die erheblichen Beiträge unserer Gastgeber - der
Regierung und des Volkes der Niederlande - zum
Golfkrieg eingehen würde.
Die Unterstützung der Niederlande zu den Bestrebungen der Koalition, den irakischen Abzug aus Kuwait zu
erzwingen, kam früh und großzügig. Holland hat
unmittelbar nach der Invasion finanzielle Sanktionen
verhängt und sofort zwei Fregatten in die Region
entsandt. Diese Unterstützung wurde mit PatriotRaketen für die Türkei und Israel fortgeführt, und heute
leistet das Land umfangreiche humanitäre Hilfe für die
kurdischen Flüchtlinge. Diese kühnen Schritte wurden
von fast allen politischen Parteien in Holland unterstützt. In der WEU, der EG, der NATO und in der UNO
haben die Holländer starke und kontinuierliche Unterstützung geleistet, um die Unabhängigkeit Kuwaits
wiederherzustellen.

II. Der Golfkrieg
Ich möchte kurz auf die Abfolge der Ereignisse im
Golfkonflikt eingehen, bevor ich daraus Lehren für die
europäische Sicherheit ziehe.
Saddam Hussein ist am 2. August in Kuwait eingefallen und hat damit den zweiten irakischen Aggressionskrieg in zehn Jahren begonnen. Innerhalb weniger
Stunden haben Regierungen auf der ganzen Welt die
Invasion verurteilt. Wirtschaftssanktionen wurden
verhängt, erst von einzelnen Ländern und dann von
der EG und der UNO. Innerhalb einer Woche hatten
die Vereinigten Staaten, Großbritannien und eine Reihe
arabischer Länder den Entschluß gefaßt, Streitkräfte
Seite 2

in der Region zu stationieren, um den Irak von weiteren
Aggressionen abzuhalten und Wirtschaftssanktionen
verhängt. Die NATO-Minister kamen am 10. August
zusammen und leisteten den angekündigten nationalen Maßnahmen politische Unterstützung. Wichtig ist
in diesem Zusammenhang, daß sie übereinkamen,
zusätzliche nationale Truppenkontingente zu entsenden und die Vereinigten Staaten bei ihren Stationierungen zu unterstützen. Schließlich warnten die Minister
den Irak, das Bündnis sei der territorialen Integrität der
Türkei verpflichtet, die sich mutig denjenigen angeschlossen hatte, die die Invasion Kuwaits verurteilt und
Wirtschaftssanktionen verhängt hatten.
In den folgenden fünf Monaten kam es zu einer erheblichen Streitkräftekonzentration in der Region. Fast
eine dreiviertel Millionen Männer und Frauen wurden
von der Koalition stationiert. Die Vereinigten Staaten
hatten daran einen Anteil von etwa 70 Prozent. Diese
Stationierung, die von US- und europäischen Stützpunkten ausging, wurde durch die NATO-Infrastruktur
gestützt. Ohne die Unterstützung der Verbündeten
hätte sie nicht stattfinden können. Die europäischen
Verbündeten stellten 10 Prozent aller Streitkräfte in
der Region, die Briten hatten daran den größten Anteil.
Im Dezember bedrohte der Irak in seinen Erklärungen
die Türkei. Die Reaktion des Bündnisses bestand in
der Stationierung einer Gruppe aus deutschen, belgischen und italienischen Flugzeugen in der Türkei, im
Einklang mit bestehenden NATO-Plänen. Darüber
hinaus wurden zusätzliche Luftverteidigungsraketen
einschließlich der holländischen Patriot stationiert. Wir
haben unseren Einsatz für unseren Verbündeten erneut bekräftigt. Saddams Streitkräfte haben die Türkei
nicht angegriffen.
Am 16. Januar begann die Luftoffensive der Koalition.
46 Tage später war Kuwait befreit. Dabei haben die
Ausbildung, das Gerät und die Moral der Koalitionsstreitkräfte eine entscheidende Rolle gespielt, ihre
Führer haben Weitsicht, flexible Planung und klare
Kommando- und Kommunikationsstrukturen demonstriert. Das Ergebnis stand nie in Zweifel, obwohl das
Verhältnis der Verluste des Feindes zu denen der
Koalition und der schnelle Sieg die meisten Erwartungen überstiegen.
III. Lehren für die NATO
Diese Ereignisse ziehen verschiedene Lehren nach
sich. Zunächst möchte ich fünf Lehren für die NATO
ziehen.
Erstens hat sich die NATO für ihre Mitgliedstaaten bei
dieser Situation als unschätzbares Forum für Konsultationen und Vereinbarungen erwiesen.
Seit dem 2. August und im Laufe des gesamten
Krieges haben Botschafter, Außen- und Verteidigungsminister sowie Hunderte von Militärs und Zivilisten
Einschätzungen der Lage, Optionen, nachrichtendienstAMERIKA DIENST 21

�liches Material und Pläne ausgetauscht. Diese Konsultationen waren Grundlage der nationalen und multinationalen Reaktionen, die wiederum die Arbeit im
Krieg gefördert haben. Diese Treffen in der NATO
haben gewährleistet, daß sich alle Verbündeten - nicht
nur die größten Mächte - aktiv an der Debatte über
anstehende Probleme beteiligen konnten. Ich kenne
kein anderes Forum, in dem so enge politische und
militärische Zusammenarbeit zwischen allen Verbündeten so gut ausgeführt werden könnte. Tatsächlich
ist dies ein Beweis des alten Spruchs: Wenn die NATO
noch nicht existiert hätte, hätten wir sie erfinden müssen.
Die fünfzehn Mitgliederdes ständig tagenden Verteidigungsplanungs-Ausschusses kamen regelmäßig
zusammen und trafen schwierige Entscheidungen wie
etwa im Januar die erstmalige Stationierung der mobilen
ACE-Einheit in der Türkei und mehrere Maßnahmen
zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft und Wachsamkeit.
Ständige und detaillierte militärische Konsultationen
der NATO führten zu der außergewöhnlichen bilaterlaen und bündnisweiten Unterstützung im Hinblick auf
die Bereitstellung von Logistik und Stützpunkten für die
Streitkräfte auf dem Weg zu Golf. Dazu zählten
Transport, Landerechte, Auftanken, Landtransport,
Hafenanlagen, Munitionslieferungen zwischen den
Verbündeten, Flugsicherheit, Ersatzteile, Fachwissen
zur Beseitigung von Umweltschäden und medizinische Versorgung.
Ohne die militärische Unterstützung der NATO-Verbündeten am Golf und die logistische Unterstützung
der Bündnispartner in Europa hätten die Vereinigten
Staaten und die Golf koalition nicht leisten können, was
sie erreicht haben. Der Konsultativmechanismus der
NATO, der zur Bewahrung der europäischen Sicherheit konzipiert wurde, hat sich auch in dieser Krise
außerhalb des Bündnisgebiets als tragfähig erwiesen.
Zweitens war trotz der Nichtbeteiligung des militärischen Kommandos der NATO am Golf dessen Einfluß
dort spürbar. Die militärische Koalition, die sich ausbildungsmäßig auf einen massiven Krieg in Europa vorbereitet hatte, setzte ihre Ausbildung am Golf ein.
Landstreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich kämpften zusammen unter
einem gemeinsamen Kommando.
Luftstreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien kämpften effektiv unter einem gemeinsamen Kommando. Marinestreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Kanada, Dänemark, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Portugal und Spanien operierten wirkungsvoll unter gemeinsamem Kommando, wobei die WEU eine koordinierende Rolle spielte.

AMERIKA DIENST

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Es war jedoch kein Zufall, daß diese Streitkräfte so gut
miteinander harmonierten. Auch konnte dies nicht
hastig organisiert werden. Jahre gemeinsamer Ausbildung, Ausrüstung, Manöver und der Entwicklung
gemeinsamer Standards und Verfahren in der NATO
haben in Friedenszeiten die effizienten und koordinierten militärischen Operationen am Golf ermöglicht.
Einige behaupten heute, daß die scheinbar ad hoc
zusammengestellte Golfkoalition ein Beweis dafür sei,
daß formelle militärische Strukturen zur Reaktion auf
Sicherheitsbedrohungen nicht notwendig seien. Wir
benötigen keine auf Dauer angelegten Strukturen und
Verfahren, so argumentieren sie, da wir diese von
heute auf morgen ins Leben rufen können. Darüber
hinaus können wir uns stets auf die Vereinigten Staaten mit ihrem hochintegrierten militärischen Kommando verlassen, wenn die Lage schwierig wird. Diese Art
des Denkens ist am häufigsten in gewissen Kreisen in
Frankreich anzutreffen, das natürlich nicht formell an
der integrierten Militärstruktur der NATO teilhat, läßt
sich aber auch andernorts finden.
Ich wei ß nicht, ob diejenigen, die den dauerhaften Wert
der integrierten militärischen Organisation der NATO
abtun, die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen kennen, die in Stroh-, Holz- und Steinhäusern
lebten. Wenn sie sie kennen, dann sicherlich die
Version, in der die Bewohner, nachdem der Wolf die
Häuser aus Stroh und Holz weggeblasen hat in das
Steinhaus entfliehen und gerettet, anstatt aufgefressen werden. Selbst bei dieser abgemilderten Version,
in der alles ein gutes Ende findet, bedürfte es einer
besonderen Art der Unlogik, um daraus die Moral
abzuleiten, daß das Steinhaus, weil es groß und
flexibel genug war, um zusätzliche Bewohner aufzunehmen, ebenso gut auch aus Stroh hätte gebaut sein
können.
Die integrierte militärische Struktur ist das Steinhaus
des Bündnisses. Wir müssen es im voraus bauen und
unterhalten, wenn wir seine politischen und militärischen Vorzüge genießen möchten. Eine wichtige
Lehre des Golfkriegs ist, daß selbst ohne Einschaltung
der NATO an sich die Erfahrung der Kooperation ein
unerläßliches Element für unseren Erfolg bei der
Zusammenarbeit außerhalb des Vertragsgebiets der
NATO ist. Das Steinhaus - die integrierte Struktur der
NATO - hat uns am Golf gute Dienste geleistet und
neue Bewohner aufgenommen, weil es bereits existierte.
Drittens gründet sich die Verteidigungsstrategie der
NATO für Europa seit langem auf Abschreckung.
Abschreckung ist unseres Erachtens das Produkt aus
zwei Komponenten: militärischer Fähigkeit und des
Willens, sie notfalls gegen einen Aggressor einzusetzen. Militärische Fähigkeit ist ohne den Willen zu
deren Einsatz kein Abschreckungsmittel. Dasselbe
gilt für einen starken Willen ohne militärische Fähigkeit.
Seite 3

�Saddam wurde am 2. August 1990 nicht abgeschreckt.
Kuwait hatte vielleicht den Willen zum Widerstand,
aber nicht die Fähigkeit. Nachdem jedoch sowohl der
Wille als auch die Fähigkeit unter Beweis gestellt
waren, wurde Saddam von einem Angriff auf SaudiArabien abgeschreckt.
Artikel V des NATO-Vertrags sowie die Stationierung
der luftgestützten Mobilen Einsatzstreitmacht (ACE)
bekräftigten diese Abschreckung, und Saddam hat es
nie gewagt, die Türkei anzugreifen. Für die Türkei
ebenso wie für andere Mitgliedstaaten dieses starken
und völlig unzweideutigen Bündnisses hat die NATO
funktioniert.
Offene Bündnisse als Ausdruck politischen Willens,
der von militärischen Fähigkeiten unterstrichen wird,
können Aggressionen abschrecken und tun dies auch.
Wir sollten uns dessen erinnern.
Es gibt jedoch noch eine vierte Lehre, die wir zusammen mit der im Hinblick auf Abschreckung beherzigen
müssen: Obwohl wie im Falle der Türkei der Wille und
militärische Fähigkeiten bisweilen Aggression abschrekken, gilt dies in anderen Fällen, wie etwa bei den ScudAngriffen Saddams auf Israel, nicht. Deshalb benötigen wir Verteidigungssysteme, nicht nur ein Offensivpotential. Im Falle Israels ließ sich Saddam von der
Aussicht auf Vergeltung ganz und gar nicht abschrekken, sondern dies war genau das, was er wollte - Israel
in diesen Krieg zu verwickeln, um die Koalition zu
sprengen. Verteidigungssysteme - in diesem Fall die
Patriot-Raketen - wurden benötigt, um Israel zu schützen. Wenn wir die Lehren aus diesem Krieg ziehen,
sollten wir alle nach Abschreckung und Verteidigung
Ausschau halten.
Eine letzte Lehre aus diesem Krieg für die NATO
bezieht sich auf unsere Waffenbeschaffungsprogramme. Wir haben uns zu Recht auf den Ankauf der
modernsten Waffen für unsere Streitkräfte konzentriert, und wir sollten dies weiterhin tun. Diese Waffen
haben ihre Wirksamkeit gegen den Feind bewiesen
und das Leben unserer Soldaten gerettet. Angesichts
der Kosten müssen wir diese Waffen selbstverständlich mit Sorgfalt ankaufen. Gemeinsame ForschungsEntwicklungs- und Produktionsprogramme sollten
eingesetzt werden, um die Kosten durch Teilung zwischen den Verbündeten zu reduzieren.
IV. Gezogene Lehren: Europäische Institutionen
Der Golfkrieg hat uns auch einige Lehren über die
europäischen Sicherheitsinstitutionen vermittelt.
Erstens politisch: Seit letzten August wurde seitens
der Europäer Unzufriedenheit über die Mechanismen
laut, derer sich Europa bei seiner Reaktion auf die
Ereignisse am Golf bediente. Es überrascht nicht, daß
sich die Debatte über die europäische Außen- und
Sicherheitspolitik beschleunigt hat und mehrere konkretere Vorschläge sowohl bei der zwischenstaatliSeite 4

chen Konferenz zur politischen Union als auch bei der
Westeuropäischen Union hervorbrachte.
Europa sollte in der Tat zu einer gemeinsamen Außenund Sicherheitspolitik finden, da es damit in die Lage
versetzt würde, eine effektivere Rolle bei der Aufrechterhaltung der Weltsicherheit zu spielen. Damit betone
ich übrigens ziemlich offen die Vorteile für die Welt
insgesamt. Allzu häufig wird eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik primär als Unterstützung der europäischen Position und Lösung für
Europas innere Probleme betrachtet. Man sollte sich
daran erinnern, daß die Europäische Gemeinschaft in
jüngster Zeit in guter Verfassung war, bevor diese
Bemühungen eingeleitet wurden. Die 40jährige Geschichte der Gemeinschaft ist selbst ohne die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die zur Zeit
entwickelte politische Union eine Geschichte von Sicherheit und Wohlstand. Nicht Europa hat stark unter
dem Fehlen einer gemeinsamen Au ßenpolitik gelitten,
sondern der Rest der Welt. Die übrige Welt braucht ein
stärkeres und vereinteres Europa, um zur Lösung
vieler uns bedrängender weltweiter Probleme beizutragen. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die
Vereinigten Staaten die Entwicklung eines solchen
vereinten, verantwortungsbewußten und nach außen
gerichteten Europas in allen Bereichen begrüßen würden.
Wir haben darüber hinaus einige militärische Lektionen gelernt: Aus verschiedenen Gründen hat die
NATO als Institution keine unmittelbare Rolle am Golf
gespielt, sondern nur bei der Verteidigung der Türkei.
Dies wird wahrscheinlich auch in Zukunft der Fall sein.
Wenn die NATO nicht außerhalb Europas zum Einsatz
kommen soll, dann müssen die Europäer die politische
und militärische Fähigkeit entwickeln, ihre Interessen
außerhalb des Bündnisgebiets auf andere Weise zu
verteidigen.
Aber die WEU repräsentiert nicht ganz Europa. Tatsächlich betraf die größte militärische Herausforderung Europas während der Golfkrise einen europäischen Verbündeten - die Türkei -, der weder zur WEU
noch zur EG gehört. Im Hinblick auf den zukünftigen
europäischen Beitrag zur Sicherheit des Westens wird
es wichtig sein, sich daran zu erinnern, daß zu Europa
zahlreiche Länder gehören, die nicht Mitglied dieser
Organisationen sind. Es wird wichtig sein, wesentliche
Verbündete nicht im Namen der institutionellen Entwicklung von unseren sicherheitspolitischen Beratungen auszuschließen. Die Aufgabe der Verteidigung ist
zu wichtig, um dies zuzulassen.
Wenn die europäischen Staaten ihre eigenen Strukturen verfolgen, sollte eine der am Golf gelernten Lektionen im Gedächtnis haften bleiben: der große militärische Nutzen eines einheitlichen Kommandos, miteinander harmonierender Ausrüstung, gemeinsamer
Ausbildung, gemeinsamer Kommunikationssysteme
und gemeinsamer operativer Verfahren. Bei der Entwicklung einer europäischen Streitmacht sollte den

AMERIKA DIENST 21

�Mechanismen zur Sicherstellung dieser gemeinsamen Punkte das gebührende Augenmerk geschenkt
werden. Diese Arrangements sollten Integration und
Effektivität des atlantischen Bündnisses stärken, das
auch deshalb auf sie angewiesen ist, um die Sicherheit
Europas selbst zu gewährleisten.

einen Angriff auf Mitgliedstaaten abschreckt.
Zu den neuen Lehren, die wir aus dem Krieg gezogen
haben, gehörten
die Erwünschtheit einer strafferen Entscheidungsfindung zwischen den europäischen Staaten,
um auf Krisen an der Peripherie des NATOGebiets zu reagieren und

Dies könnte für Europa und die Vereinigten Staaten
der beste Weg sein, um die militärische Unterstützung
bei künftigen Eventualfällen außerhalb des NATOGebiets ebenso zu koordinieren, wie dies vier Jahrzehnte lang innerhalb des NATO-Gebiets getan wurde.
V. Zusammenfassung
Insgesamt hat der Golf krieg nicht nur die Gültigkeit des
Ansatzes der NATO zur europäischen Sicherheit
bewiesen, sondern er hat uns ferner einige Lehren zur
Bewältigung des Wandels vermittelt, da alte Bedrohungen neuen Herausforderungen weichen.
Der Krieg hat gezeigt, daß die NATO
als unschätzbares Forum politischer Konsultationen dient,
entscheidende logistische Unterstützung und
gemeinsame operative Verfahren liefert und

*

AMERIKA DIENST 21

*

die Notwendigkeit einer integrierten europäischen Streitmacht für mögliche Einsätze au ßerhalb des Bündnisgebiets an der Seite amerikanischer Streitkräfte.
Sicherlich obliegt es den Europäern, die Institutionen
zu diskutieren und entwickeln, über die eine europäische Sicherheitsidentität zum Ausdruck kommt. Bei
diesem Unterfangen werden Sie unsere starke Unterstützung haben - soweit die NATO prinzipiell Ort der
Konsultation und Forum zur Entscheidungsfindung für
Maßnahmen bleibt, die die Sicherheit und Verteidigungsverpflichtungen ihrer Mitglieder gemäß dem
Nordatlantikvertrag betreffen.
Auf diese Weise kann die europäische Sicherheit, in
der Tat die transatlantische und Weltsicherheit, bis ins
21. Jahrhundert hinein gesichert werden.

*

*

Seite 5

�CHEMISCHE

WAFFEN
29. Mai 1991

BUSHS CHEMIEWAFFENINITIATIVE BESCHLEUNIGT
GENFER GESPRÄCHE
ACDA-Direktor Lehman vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Ronald Lehman,
zufolge werden die neuen Vorschläge von Präsident Bush "die Verhandlungen über ein multilaterales Verbot
chemischer Waffen beschleunigen, die zur Zeit im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) stattfinden".
Vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats bezeichnete Lehman am 22. Mai 1991 die Verwirklichung "eines
effektiven, weltweiten Verbots chemischer Waffen so bald wie möglich" als das Ziel des Präsidenten.
Im Hinblick auf die bilateralen amerikanisch-sowjetischen Gespräche über chemische Waffen stellte Lehman
fest: "Ein multilaterales Chemiewaffenverbot kann nicht verwirklicht werden, wenn die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion nicht eng zusammenarbeiten." Darüber hinaus erklärte er, die amerikanische Regierung werde
das im vergangenen Juni unterzeichnete amerikanisch-sowjetische Protokoll nicht dem Kongreß zur Zustimmung vorlegen "bis wir davon überzeugt sind, daß die Sowjetunion die Schwierigkeiten mit ihrem Programm zur
Zerstörung chemischer Waffen gelöst hat".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Stellungnahme Lehmans vor dem Auswärtigen Senatsausschuß im
Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit, heute vor diesem
Ausschuß die Bemühungen der Vereinigten Staaten
für die Beseitigung der Bedrohung chemischer Kriegführung darzulegen. Ich freue mich, feststellen zu
können, daß dies ein gemeinsames Ziel der Regierung
und des Kongresses ist.
Am 13. Mai 1991 verkündete Präsident Bush eine
Reihe neuer Maßnahmen, die von den Vereinigten
Staaten ergriffen werden, um die Verhandlungen über
ein multilaterales Verbot chemischer Waffen zu beschleunigen, die zur Zeit im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) stattfinden. Sein Ziel ist die
Verwirklichung eines effektiven, weltweiten Verbots
chemischer Waffen so bald wie möglich. Um dieses
Zieles willen hat der Präsident gefordert, die Konvention innerhalb von zwölf Monaten zu vollenden und die
Konferenz ohne Unterbrechung tagen zu lassen, um
dies zu erreichen.
Um das Engagement der Vereinigten Staaten für das
Verbot chemischer Waffen zu unterstreichen und dazu
beizutragen, keinem Land einen Vorwand zum Erwerb
oder zur Beibehaltung chemischer Waffen zu liefern,

AMERIKA DIENST 21

werden die Vereinigten Staaten mit Inkrafttreten der
Konvention formell dem Einsatz chemischer Waffen
aus jedwedem Grund, einschließlich Vergeltung, gegen
irgendeinen Staat entsagen. Wir werden vorschlagen,
daß sich alle anderen Staaten dem anschließen.
Daneben werden sich die Vereinigten Staaten bedingungslos zur Zerstörung ihrer gesamten Chemiewaffenarsenale innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten verpflichten und vorschlagen, daß alle anderen
Staaten dasselbe tun. Wir werden anderen Staaten
technische Hilfe zur Verfügung stellen, um ihnen zu
ermöglichen, dies effizient und sicher zu bewerkstelligen.
Um denjenigen Staaten, die der Konvention beitreten,
greifbare Vorteile zu bieten und diejenigen, die nicht zu
ihrer Unterstützung bereit sind, einschneidenden Strafen zu unterwerfen, schlagen die Vereinigten Staaten
vor, daß sich alle Parteien der Konvention verpflichten,
den Staaten, die sich der Konvention nicht innerhalb
eines angemessenen Zeitraums nach Inkrafttreten
anschließen, keinerlei Material zu liefern, das für die
Herstellung chemischer Waffen verwendet werden
könnte. Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Hal-

Seite 1

�tung, daß gegen Staaten, die die Konvention über
chemische Waffen verletzen, Sanktionen verhängt
werden sollten und daß sie selbst als Reaktion gegen
Verletzungen der Konvention, insbesondere den Einsatz chemischer Waffen, Sanktionen verhängen werden. Die Vereinigten Staaten werden darüber hinaus
neue Verifizierungsmaßnahmen für die Inspektion von
Orten vorschlagen, an denen die Herstellung oder
Lagerung chemischer Waffen vermutet wird.
Die neue Initiative des Präsidenten ist ein weiterer
Beweis seiner anhaltend energischen persönlichen
Bemühungen zur Erlangung eines multilateralen Abkommens, das chemische Waffen verbietet. Als Vizepräsident legte er im Jahr 1984 vor der Genfer Abrüstungskonferenz den Entwurf einer Konvention über
chemische Waffen vor, der die Führungsrolle der
Vereinigten Staaten in diesen Verhandlungen begründete. Gemeinsam mit den darauf folgenden amerikanischen Vorschlägen bildete dieser Vertragsentwurf
den Schwerpunkt der Gespräche. Er findet in dem
gegenwärtig umlaufenden Vertragsentwurf, der in Genf
weiter ausgearbeitet wird, seinen Niederschlag.
In den nächsten Monaten gedenken wir weiterhin eine
führende Rolle bei der Erstellung tragfähiger Lösungen der noch ausstehenden Probleme in den Verhandlungen zu spielen. Wir erwarten, daß andere ebenfalls
ihre Bereitschaft zeigen, um die Meinungsverschiedenheiten zu überwinden, mit denen sich die Verhandlungsführer in der Vergangenheit plagen mußten.
Die Einigung über Verifizierung bleibt ein zentraler
Streitpunkt, insbesondere die Übereinkunft zu den
Vorschriften für die Untersuchung vermuteter Vertragsverletzungen. Eine Reihe von Ansätzen für Adhoc-Inspektionen wurden bereits erörtert. Die Gespräche konzentrierten sich auf einen geregelten Zugang
zu vermuteten Standorten. Da es abweichende Ansichten über den Grad des Zugangs gab, waren wir
bestrebt, die Notwendigkeit des Zugangs zur Verifizierung mit der Notwendigkeit des Schutzes sicherheitsempfindlicher nationaler Maßnahmen in Einklang zu
bringen, die nicht mit chemischen Waffen zusammenhängen. Wir engagieren uns weiterhin für ein fundiertes Verifikationsregime, und wir haben uns energisch
dafür eingesetzt, ein befriedigendes Gleichgewicht
zwischen Zugang und Schutz nationaler Sicherheitsinteressen herzustellen.
Unsere bilateralen Gespräche mit der Sowjetunion
sind wichtiger Bestandteil der amerikanischen Bemühungen zur Erlangung eines multilateralen Abkommens über das Verbot chemischer Waffen. Mit diesen
Gesprächen sollen die multilateralen Verhandlungen
über ein Verbot chemischer Waffen gefördert, nicht
ersetzt werden. Ich gehe vielmehr davon aus, daß ein
multilaterales Chemiewaffenverbot nicht verwirklicht
werden kann, wenn die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion nicht eng zusammenarbeiten. Wie Sie
wissen, ist der Leiter der sowjetischen Delegation bei

Seite 2

der Genfer Abrüstungskonferenz, Botschafter Sergej
Batsanow, dieses Jahr auch Vorsitzender des multilateralen Verhandlungsausschusses. Es gibt dieses
Jahr also noch mehr Gründe, eng mit der sowjetischen
Delegation zusammenzuarbeiten. Wir haben ihn unserer
Unterstützung und Zusammenarbeit im Hinblick auf
die angestrebte rasche Vollendung einer Konvention
versichert, die wirksam sein und die Sicherheit der
Vereinigten Staaten und anderer Parteien verbessern
wird.
Wir arbeiten mit der Sowjetunion bei einer Reihe von
Problemen zusammen.
Im September 1989 haben die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine Regierungsvereinbarung
unterzeichnet, um mehrOffenheit über die Fähigkeiten
zur Herstellung chemischer Waffen beider Seiten zu
erzielen und praktische Erfahrungen zu gewinnen, mit
denen die Durchführung eines multilateralen Verbots
erleichtert werden kann. Im Rahmen dieser Vereinbarung haben beide Seiten allgemeine Informationen
über ihre C-Waffenarsenale und Produktionsstätten
ausgetauscht und sich gegenseitig Besuche in wichtigen Fabriken und Militäreinrichtungen abgestattet. Zu
einem späteren Zeitpunkt werden beide Seiten detaillierte Informationen über ihre Arsenale austauschen
und Inspektionen in bekannten und bisher unbekannten Eirichtungen durchführen. Ich sollte darauf hinweisen, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
sich gegenseitig im Zeitraum vor und nach der Unterzeichnung der multilateralen C-Waffenkonvention eine
Reihe von 10 Ad hoc-Inspektionen genehmigt haben.
Dabei wurde der Ratifizierungsprozeß beider Länder
berücksichtigt und auf mögliche Anliegen eingegangen.
Im Juni 1990 haben die Präsidenten Bush und Gorbatschow ein bilaterales Abkommen unterzeichnet, das
einen wichtigen Schritt in Richtung auf ein Verbot
chemischer Waffen darstellt. Beide Seiten fordern die
Einstellung der Produktion chemischer Waffen und
den Beginn der Vernichtung von Arsenalen. Sie kamen
überein, diese beiden Schlüsselbedingungen des
multilateralen Verbots noch vor seinem Inkrafttreten
durchzuführen.
Seit letzten Sommer arbeiten beide Seiten an detaillierten Verfahrensweisen zur Durchführung des bilateralen Abkommens vom Juni 1990. Die Sowjetunion
hatte Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines zustimmungsfähigen Programms zur Vernichtung.
Deshalb konnte sie ihren Unterhändlern nicht die erforderlichen Instruktionen erteilen, mit denen wir das
Protokoll hätten abschließen können.
Die Schwierigkeiten beim sowjetischen C-WaffenVernichtungsprogramm haben ernste Besorgnis über
die Fähigkeit der Sowjetunion aufkommen lassen,
gemäß dem bilateralen Abkommen bis zum 31. Dezember 1992 mit der Vernichtung zu beginnen. Wir

AMERIKA DIENST 21

�haben klargestellt, daß wir uns nicht mit symbolischen
Handlungen begnügen werden - die Bestrebungen zur
Vernichtung müssen ernsthaft eingeleitet werden.
Darüber hinaus haben wir unsere Bereitschaft dokumentiert, unsere Erfahrung und unser Know-how zur
Verfügung zu stellen.
Unseres Wissen nach hat Präsident Gorbatschow die
zuständigen Ministerien angewiesen, einen überarbeiteten Vernichtungsplan zu erarbeiten, der die Einlassungen des Obersten Sowjet ebenso berücksichtigt
wie die praktischen Schwierigkeiten, die sich ergeben
haben. Der Plan soll im Mai abgeschlossen und dem
Obersten Sowjet im Juni vorgelegt werden. Der Inhalt
des überarbeiteten Programms ist uns noch nicht
bekannt.
Die Verzögerung bei der Fertigstellung des Protokolls
für das Abkommen vom Juni 1990 hat natürlich die
Unterbreitung des Abkommens im Kongre ß für dessen
Zustimmung verzögert. Zu diesem Zeitpunkt kann ich
nicht vorhersagen, wann wir dazu in der Lage sein
werden. Ich möchte Ihnen versichern, daß wir das
Abkommen nicht unterbreiten werden, bis wir sicher
sein können, daß die Sowjetunion die Schwierigkeiten
mit ihrem C-Waffen-Vernichtungsprogramm gelöst hat
und es guten Grund zu der Annahme gibt, daß die
Bestimmungen des Abkommens von beiden Seiten
erfüllt werden können. Das bilaterale Abkommen hat
jedoch eine wichtige Rolle gespielt, indem es der
Sowjetunion die Notwendigkeit vor Augen geführt hat,
im Hinblick auf ein für die multilaterale C-Waffenkonvention erforderliches Vernichtungsprogramm schnell
zu handeln.
Das Abkommen von Juni 1990 verpflichtet beide Seiten, versuchsweise Ad hoc-Inspektionen durchzuführen. Obwohl die Arbeit am Protokoll Priorität hatte,

*

AMERIKA DIENST 21

*

haben beide Seiten fruchtbare Vorgespräche über
Modalitäten zur Ausführung dieser versuchsweisen
Ad hoc-Inspektionen geführt. Solche Modalitäten
müssen natürlich auf einem gemeinsamen Ansatz für
Ad hoc-Inspektionen basieren. Ich erwarte, daß sich
die Arbeit an einem gemeinsamen Ansatz im Hinblick
auf die baldmöglichste Vervollständigung der Modalitäten während der nächsten bilateralen Runde intensivieren wird. Selbstredend ist die Lösung von Differenzen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten
Staaten über Ad hoc-lnspektionen auch entscheidend
für Fortschritte bei den multilateralen Verhandlungen.
Zum Schluß möchte ich das Engagement der Regierung bekräftigen, sobald wie möglich ein umfassendes, weltweites Verbot chemischer Waffen zu erzielen. Wir sehen der engen Zusammenarbeit mit dem
Kongreß entgegen, um dieses wichtige Ziel zu erreichen.
Die mit der jüngsten Initiative des Präsidenten vorgelegten Vorschläge sollen die Sackgasse bei wichtigen
Fragen überwinden und einzelnen Ländern Anreize
schaffen, der Konvention beizutreten. Wir versuchen,
die Dringlichkeit zu betonen, indem wir einen Termin
für die Endfassung der Konvention setzen und anhaltende Verhandlungen fordern.
Allein können wir keine Konvention erreichen. Wir sind
nur einer der 39 offiziellen Verhandlungspartner. Der
Abschluß der Konvention wird die Zusammenarbeit
und den Einsatz der Beobachterländer bei der Abrüstungskonferenz und anderer Länder fordern. Auf sie
schauen wir, damit sie uns in einer letzten Anstrengung zum Abschluß der Konvention unterstützen und
damit gewährleisten helfen, daß künftige Generationen nicht mit dem Gespenst der chemischen Kriegführung leben müssen.

*

*

Seite 3

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
11

29. Mai 1996

LANDMINEN

USA GEBEN NEUE POLITIK ZUR
ÄCHTUNG VON LANDMINEN BEKANNT
Rede von Präsident Clinton

BOSNIEN

IDEAL EINES MULTIETHNISCHEN UND
DEMOKRATISCHEN BOSNIENS MUSS
VERWIRKLICHT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

TERRORISMUS

CHRISTOPHER: KAMPF GEGEN TERRORISMUS IST DRÄNGENDE HERAUSFORDERUNG
Rede des Außenministers

VERTEIDIGUNG

KONFLIKTVERHUTUNG ALS ZIEL
AMERIKANISCHER SICHERHEITSPOLITIK
Rede von Verteidigungsminister Perry

WIRTSCHAFT

RUBIN: PRIVATINVESTITIONEN, LIBERALISIERUNG DER FINANZMÄRKTE UND
BEKÄMPFUNG VON FINANZVERBRECHEN
Erklärung des Finanzministers

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
inlernet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND

DIE USA ALS WIRTSCHAFTSPARTNER
UND KONKURRENT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

OECD

NEUE AUFGABEN UND HERAUSFORDERUNGEN IM BEREICH
WIRTSCHAFTLICHER ZUSAMMENARBEIT
Ansprache von Joseph Stiglitz

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�LANDMINEN
29. Mai 1996

USA geben neue Politik zur
Ächtung von Landminen bekannt
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 16. Mai 1996 verkündete Präsident Bill Clinton die neue Politik der Vereinigten
Staaten zum Verbot von Antipersonenminen. Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte
Ansprache des Präsidenten.

Heute leite ich internationale Bestrebungen zum
Verbot von Antipersonenminen in die Wege. Seit
Jahrzehnten ist die Welt entsetzt über die von Landminen angerichtete Zerstörung. Spielende Mädchen und
Jungen, Bauern bei der Bestellung ihres Bodens, ganz
normale Reisende - insgesamt mehr als 25.000
Menschen werden jährlich von Landminen getötet oder
verstümmelt, die nach der Beendigung eines Krieges
zurückblieben. Wir müssen handeln, damit die Kinder
der Welt ohne Furcht den Boden unter ihren Füßen
betreten können.
Zur Beendigung dieses Gemetzels streben die Vereinigten Staaten den baldigen Abschluß eines weltweiten Abkommens über die Einstellung des Einsatzes
sämtlicher Antipersonenminen an. Die Vereinigten
Staaten werden führend bei den internationalen
Bestrebungen zur Beseitigung dieser entsetzlichen
Waffen sein sowie dabei, diesem enormen Verlust an
Menschenleben Einhalt zu gebieten. Die heute von
mir bekanntgegebenen Schritte bauen auf unserer
Arbeit zur Entschärfung von Minen in 14 Nationen auf von Bosnien bis Afghanistan, von Kambodscha bis
Namibia. Ferner bauen sie auf dem Exportmoratorium
über Landminen auf, an das wir uns seit vier Jahren
halten - Bestrebungen, denen sich glücklicherweise 32
weitere Nationen angeschlossen haben.
Zur Erlangung unseres Ziels eines weltweiten Verbots
ordne ich am heutigen Tag verschiedene unilaterale
Aktionen an. Zunächst verfüge ich, daß unsere
Streitkräfte mit sofortiger Wirkung den Einsatz sämtlicher konventioneller Antipersonenminen einstellen.
Die Minen, die bis zu ihrer Explosion gefährlich sind,

AMERIKA DIENST 11

werden entschärft. Einzige Ausnahme sind die zur
Verteidigung der amerikanischen Truppen und unserer
Verbündeten vor Aggression auf der koreanischen
Halbinsel sowie die für Ausbildungszwecke erforderlichen Landminen. Die übrigen Minen - insgesamt mehr
als 4 Millionen - werden aus unseren Arsenalen
entfernt und bis 1999 zerstört.
Ebenso wie die Welt Verantwortung dafür trägt, daß
ein Kind in Kambodscha sicher zur Schule gehen
kann, besteht meine Verantwortung als Oberbefehlshaber der Streitkräfte auch darin, die Sicherheit unserer Männer und Frauen in Uniform zu gewährleisten und ihr Leben zu schützen. Angesichts der
fortgesetzten und beispiellosen Androhung von
Aggression auf der koreanischen Halbinsel habe ich
entschieden, daß die Vereinigten Staaten bei sämtlichen Verhandlungen über ein Verbot ihr Recht auf den
Einsatz von Landminen in dieser Region erhalten
werden und müssen, bis die Bedrohung aufgehört hat
oder Alternativen zu Landminen gefunden werden.
Bis zum Inkrafttreten eines internationalen Verbots
behalten sich die Vereinigten Staaten das Recht vor,
notfalls sogenannte "intelligente Minen" oder Selbstzerstörungsminen einzusetzen, denn es könnte
Kampfsituationen geben, in denen diese Minen das
Leben unserer Soldaten retten.
Ich möchte auf eines besonders hinweisen: Diese
intelligenten Minen sind nicht die versteckten Killer, die
weltweit so viel Leid verursachen. Sie entsprechen
internationalen Normen. Sie zerstören sich selbst
innerhalb weniger Tage und stellen nach Beendigung

Seite 1

�der Kampfhandlungen praktisch keine Gefahr für die
Zivilbevölkerung dar. Aber unter dem von uns angestrebten internationalen Verbot würde dem Einsatz
dieser intelligenten Antipersonenminen ebenfalls ein
Ende gesetzt.
Wir sind entschlossen zu verhindern, daß in den
Ländern dieser Welt erneut Terror gesät wird. Aus
diesem Grund schlage ich vor, daß die 51. Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Herbst eine
Resolution verabschiedet, in der die Nationen der Welt
zur Unterstützung eines weltweiten Verbots von
Landminen aufgefordert werden. Ich habe UNOBotschafterin Albright angewiesen, umgehend mit der
Vorbereitung dieser Resolution zu beginnen.
Drittens. Obwohl die von mir erwähnten Ausnahmen
für den Schutz des Lebens von Amerikanern erforderlich sind, bin ich entschlossen, unsere Abhängigkeit von diesen Waffen vollständig zu beenden. Aus
diesem Grund fordere ich den Verteidigungsminister
auf, sofort mit der Forschungsarbeit und der Entwicklung alternativer Technologien zu beginnen, die keine
neue Gefahr für Zivilisten darstellen.
Viertens. Bei unseren Bestrebungen zur Verhinderung
des Entstehens weiterer Minenfelder müssen wir auch
unsere Anstrengungen verstärken, bereits existierende
zu entschärfen. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen - so
unglaublich es auch erscheinen mag - in Europa,
Asien, Afrika und Zentralamerika ungefähr 100
Millionen Landminen im Boden.
Zum Abbau der durch sie hervorgerufenen Ängste
verstärkt das Verteidigungsministerium seine Bestrebungen zur Entwicklung verbesserter Minensuchgeräte sowie von Entschärfungstechnologie zum Einsatz in
den zahlreichen schon seit langer Zeit unter Minen

leidenden Ländern. Ferner verstärken wir unsere
Ausbildungs- und Hilfsprogramme zur Unterstützung
anderer Nationen bei ihren Bemühungen, ihr Territorium von diesen Geräten zu befreien. Hierzu sowie zur
Entwicklung von Alternativen zu Antipersonenminen
stellen wir ausreichende Gelder zur Verfügung. Ich
werde persönlich mit dem Kongreß in dieser Frage
zusammenarbeiten.
Viele Menschen haben daran mitgewirkt, daß wir so
viel erreichen konnten. Ich möchte insbesondere
Senator Patrick Leahy aus Vermont meinen Dank
aussprechen. Ich weiß zwar, daß er nicht mit allen
Teilen unseres Ansatzes übereinstimmt, aber sein
Engagement und seine moralische Führung in dieser
Sache spielten eine wesentliche Rolle dabei, das
Gewissen unserer Nation aufzurütteln und sie auf das
von Landminen verursachte Leid aufmerksam zu
machen. Weiterhin möchte ich den nichtstaatlichen
Organisationen danken, die sich so stark dafür
eingesetzt haben, diese Angelegenheit ganz oben auf
die internationale Tagesordnung zu setzen.
Bei der Bewältigung der Aufgabe, ein weltweites
Verbot von Landminen zu erzielen, müssen wir
zusammenarbeiten. Und wir werden Erfolg haben. Ich
möchte nochmals sagen, wie sehr ich zu würdigen
weiß, wieviel Zeit und Energie General Shalikashvili
und die Vereinigten Stabschefs dieser bedeutenden
Frage in den letzten Monaten gewidmet haben. Es
können Jahre vergehen, bis alle Völker der Welt sich
sicher fühlen, wenn sie den Boden unter ihren Füßen
betreten, aber wir beschleunigen den Anbruch dieses
Tages mit den heute bekanntgegebenen Entscheidungen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende zu
ihrer möglichst schnellen Umsetzung unternehmen einschließlich des internationalen Abkommens über
ein Verbot aller Antipersonenminen.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 11

�BOSNIEN
29. Mai 1996

Ideal eines multiethnischen und demokratischen
Bosniens muß verwirklicht werden
Rede von Außenminister Christopher

WASHINGTON - (AD) - Bei einem Treffen des Föderationsforums bosnischer und kroatischer Regierungschefs
im Blair House erklärte Außenminister Christopher am 14. Mai 1996: "Dies ist der Ort, um dem Ideal eines
multiethnischen und demokratischen Bosniens Substanz zu verleihen."
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Vizepräsident, Herr Außenminister,

Wahlen - der nächste entscheidende Meilenstein in
dem Prozeß - stattfinden können.

ich möchte Sie im Blair House willkommen heißen und
freue mich, daß Sie zu diesem zweiten Treffen des
Föderationsforums nach Washington gekommen sind.
Das Föderationsforum ist eine amerikanische Initiative,
die die Föderation als Eckpfeiler des Friedens in
Bosnien stärken soll. Ich möchte auch unseren
deutschen Partnern und insbesondere dem Stellvertretenden Hohen Repräsentanten Steiner für die
Zusammenarbeit mit uns im Namen der Föderation
danken.

Es gibt einige, die immer noch der Ansicht sind, daß
die Föderation nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Sie
haben jedoch bereits viel getan, um sie eines Besseren zu belehren. Die Föderation hat seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens in der Tat beachtliche Fortschritte erzielt. Eine separate Föderationsregierung wurde gegründet. Das Verfassungsgericht
der Föderation wurde eingeweiht. Praktisch alle
Kantone und Stadtverwaltungen wurden geschaffen.
Interne Zollkontrollstellen werden abgeschafft, und die
Föderationsbehörden für die Erhebung von Zöllen sind
in Betrieb. In Zusammenarbeit mit der IFOR beginnen
einige Stadtverwaltungen, ihre Zusagen über die
Rückführung der Flüchtlinge zu erfüllen.

Während wir heute hier zusammenkommen, ergreifen
die Menschen in Bosnien die durch den Frieden
geschaffenen Chancen. Mit jedem wieder aufgebauten Haus, mit jeder wieder zusammengeführten
Familie, mit jeder ohne Rückgriff auf Gewalt beigelegten Streitigkeit entfernen sie sich einen Schritt
von den Schrecken der Vergangenheit und unternehmen einen Schritt zu einem gerechten und dauerhaften
Frieden. Diese Errungenschaften stehen jedoch noch
auf tönernen Füßen.
Wir sind hier, weil wir uns einer Sache sicher sind:
Wäre es uns nicht gelungen, vor zwei Jahren die
Föderation zu gründen, gäbe es heute keinen Frieden
in Bosnien. Wir sind aber auch hier, weil noch Arbeit
vor uns liegt: Die Föderation muß ihr volles Potential
ausschöpfen, wenn der Frieden Bestand haben soll.
Und wir müssen heute Fortschritte erzielen, damit freie

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Ich weiß, daß man die bitteren Erinnerungen des
Krieges nicht völlig hinter sich lassen kann. Sie haben
sich diesem Prozeß verschrieben, weil es der einzige
Weg ist sicherzustellen, daß der Krieg nicht mehr als
eine bittere Erinnerung bleibt.
Meines Erachtens haben Sie unter Beweis gestellt,
daß Sie diesem Prozeß zum Erfolg verhelfen wollen.
Die Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft haben ebenfalls demonstriert, daß sie
alles in ihrer Macht Stehende tun werden um zu helfen.
Obwohl unsere Bestrebungen umfassend sind, gibt es
viele Dinge, die nur Sie tun können. Wir können ein
sicheres Umfeld schaffen, aber Sie müssen die Herzen
und Köpfe vorbereiten. Wir können die Einhaltung

Seite 1

�vieler Aspekte des Friedensabkommens gewährleisten, aber Sie müssen echte Zusammenarbeit
sicherstellen. Wir können der Föderation nur helfen,
wenn sie funktionierende staatliche Institutionen hat,
mit denen die ausländischen Regierungen und
Investoren Geschäfte abwickeln können.
Es ist beispielsweise unerläßlich, daß Sie ein neues
Verteidigungsgesetz der Föderation verabschieden
und umsetzen, um die Streitkräfte der bosniakischen
und kroatischen Gemeinden zu vereinigen. Nur wenn
diese Streitkräfte integriert sind, kann die internationale
Staatengemeinschaft mit ihrer Ausbildung und Ausrüstung beginnen. Es ist ebenso wichtig, daß die
Föderation den Aufbau ihrer Finanzinstitutionen
abschließt, so daß die Hilfe der Weltbank vorangebracht werden kann. Sie müssen auch Wahlgremien
vor Ort einrichten und Ihrer Verpflichtung nachkommen, allen politischen Parteien gleichen Zugang zu
den Medien zu garantieren.
Alle Seiten können ferner bessere Arbeit bei der
Einhaltung ihres Versprechens von Dayton leisten,
Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. In ganz Bosnien
ist es offenkundig, daß die Menschen nach Hause
zurückkehren wollen. In vielen Fällen haben sie große
Risiken auf sich genommen, um dies zu tun. Die IFOR
leistet ihren Beitrag. Es obliegt jedoch ihren Regierungen, dies zu ermöglichen. Sie blicken auf Sie bei der
Erfüllung ihrer Hoffnung, daß der Frieden Bestand
haben kann.
Schließlich benötigt die Föderation eindeutig ausländische Investitionen zum Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaft. Die Vereinigten Staaten werden Ron Browns
Mission der Förderung von Handel und Investitionen
fortführen. Unsere Entwicklungsgesellschaft OPIC
wird Geschäfte mit der Föderation in die Wege leiten.
Das Wirtschaftsministerium hat eine ständige Vertre-

* *

Seite 2

tung in Sarajevo eingerichtet. Aber die Föderation
muß das Ihre tun, um die erforderlichen Investitionen
anzuziehen. Sie werden nur prosperieren, wenn Sie
Vertrauen in Ihre Zukunft wecken.
Ich bitte Sie - und das bosnische Volk blickt auf Sie - in
all diesen Bereichen den Geist und die Worte von
Dayton zu bekräftigen. Dies ist der Ort, um dem Ideal
eines multiethnischen und demokratischen Bosniens
Substanz zu verleihen. Sie dürfen nicht vergessen,
daß es dieses Ideal war - nicht die Präferenz einer
Konfliktpartei - das die Freunde Bosniens veranlaßte,
dem Land zu Hilfe zu eilen.
Sie wissen, was Sie hinter sich lassen - vier Jahre der
Gewalt, des Terrors und der Isolation von einem
Europa, das immer wohlhabender, vereinter und freier
wird. Jetzt müssen Sie entscheiden, was Sie werden
wollen. Ich hoffe, Sie werden den Weg wählen, den
die anderen neuen Demokratien Zentraleuropas
eingeschlagen haben, indem sie politischen Pluralismus, eine freie Presse, die Marktwirtschaft unterstützten und eine wirklich bürgerliche Gesellschaft
entwickelten. Das ist der einzige Weg zur Integration
mit Europa und dem Westen - der einzige Weg, der zu
Investitionen, wirtschaftlicher Gesundung und dauerhaftem Frieden führt.
Ich hoffe, daß Sie dieses Forum nutzen werden, um zu
demonstrieren, daß die Föderation funktionieren kann
und um sicherzustellen, daß sie funktionieren wird,
damit die immensen Investitionen in den Frieden, die
wir gemeinsam getätigt haben, sich bezahlt machen.
Dies ist eine Arbeitssitzung mit spezifischen Zielen und
der Aussicht auf beträchtliche Leistungen. Die letztliche Verantwortung für den Erfolg liegt bei Ihnen - den
Regierungschefs der Föderation. Wir dürfen nicht
weniger erwarten als uneingeschränktes Engagement
für die Sache des Friedens.

* *

*

AMERIKA DIENST 11

�TERRORISMUS
29. Mai 1996

Christopher: Kampf gegen Terrorismus
ist drängende Herausforderung
Rede des Außenministers

WASHINGTON - (AD) - "Keine der uns heute konfrontierenden Herausforderungen ist drängender als der Kampf
gegen den Terrorismus", erklärte Außenminister Warren Christopher bei einer vom Washington Institute for Near
East Policy veranstalteten Zusammenkunft am 21. Mai 1996. Nachfolgend veröffentlichen wir den offiziellen Text
seiner Rede.

Es ist mir eine große Freude, wieder vor dem
Washington Institute sprechen zu dürfen. Unter der
Führung von Mike Stein, Barbi Weinberg und Rob
Satloff ist das Institut weiterhin herausragend als
wertvolles Forum für Diskussionen über die
amerikanische Nahostpolitik. Ferner ist das Institut
auch ein Reservoir an Begabungen.
Jede
Organisation, die Menschen wie Martin Indyk, Dennis
Ross und John Hannah hervorbringt, muß wohl den
richtigen Weg eingeschlagen haben.
Manchmal
scheint mir, das Außenministerium schuldet Ihnen eine
Vermittlungsgebühr.
Wie Mike bereits erwähnte, hielt ich zuletzt im Oktober
1993 vor dem Institut eine Rede - kurz nach dem
Händedruck zwischen Ministerpräsident Rabin und
dem PLO-Vorsitzenden Arafat auf dem Rasen vor dem
Weißen Haus, der den Verlauf der Geschichte des
Nahen Ostens dauerhaft veränderte. Seitdem ist viel
geschehen. Israel und Jordanien haben Frieden
geschlossen. Die Palästinenser widersetzten sich
dem Ruf der Hamas nach einem Wahlboykott und
gaben damit ein klares Mandat für den Frieden ab.
Heute haben sie im Gazastreifen und in den meisten
Städten im Westjordanland eine autonome Regierung.
Der Palästinensische Nationalrat stimmte mit
überwältigender Mehrheit für eine Erfüllung seiner
Verpflichtung, die untragbaren Bestimmungen seiner
Charta zu streichen. In Casablanca und Amman
fanden Wirtschaftsgipfel statt. Acht Mitglieder der
Arabischen Liga statteten Israel einen offiziellen
Besuch ab - und mit Ausnahme von Libyen, Irak und
Sudan beteiligte sich jedes Mitglied der Arabischen

AMERIKA DIENST 11

Liga auf die eine
Friedensprozeß.

oder

andere

Weise

am

Hätte ich 1993 diese Ereignisse prognostiziert, hätten
Sie mir möglicherweise einen langen Urlaub
empfohlen. Der Umfang und die Geschwindigkeit des

Wandels waren wahrhaft welterschütternd. Er ist so
schnell gekommen, daß das früher Undenkbare
bereits zur Routine geworden ist.
Angesichts
schwieriger Herausforderungen kann man leicht
vergessen, wie dramatisch der Friedensprozeß bereits
die Landschaft im Nahen Osten verändert hat. Bei
unserem weiteren Vorgehen müssen wir daran
denken, welch enorme Fortschritte wir bereits erzielt
haben.
Keine
der
uns
heute
konfrontierenden
Herausforderungen ist dringlicher als der Kampf gegen
den Terrorismus. Der Terrorismus zerstört das Leben
Unschuldiger.
Er
unterminiert
das
Sicherheitsempfinden der Gesellschaft und damit das
Fundament, auf dem ein dauerhafter Frieden
aufgebaut werden muß. Somit stellt der Terrorismus
eine Bedrohung unserer nationalen Interessen dar nicht nur im Nahen Osten, sondern weltweit.
Präsident Clinton hat den Terrorismus zu Recht als
eine
der
wichtigsten
sicherheitspolitischen
Herausforderungen bezeichnet, denen wir uns nach
dem Ende des Kalten Krieges gegenübersehen. In
seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im
Oktober vergangenen Jahres bezeichnete er den
Terrorismus heute als weltweites Phänomen.
Niemand ist immun dagegen, mit Sicherheit nicht

Seite 1

�Israel.
Aber auch Ägypten, Japan, Frankreich,
Großbritannien, Deutschland, die Türkei, SaudiArabien, Argentinien oder Algerien sind nicht immun
dagegen. Und leider auch die Vereinigten Staaten
nicht, wo Terroristen von Manhattan bis Oklahoma City
Anschläge verübten.

Gegner.
Terroristen und ihre Anhänger führen
systematische Angriffe auf Israel und den
Friedensprozeß durch. Ihr Ziel ist klar: Sie wollen die
Chance des Friedens zunichte machen, indem sie das
Gefühl persönlicher Sicherheit jedes israelischen
Bürgers zerstören.

Als sei diese Bedrohung noch nicht ernst genug,
sehen wir uns jetzt mit einer noch alarmierenderen
Gefahr konfrontiert - Terroristen im Besitz von
Massenvernichtungswaffen. Der Giftgasanschlag in
der Tokioter U-Bahn vergangenes Jahr war ein
düsteres Omen. Und er war auch ein Weckruf für die
Welt. Die Bedrohung ist real. Wir müssen jetzt
handeln, um ihr zu begegnen.

Die Anschläge der Feinde des Friedens eskalieren aus
einem einfachen Grund: Der Friedensprozeß ist
erfolgreich. Mit jedem Schritt, den Israel und seine
Nachbarn zum Frieden machen, werden die Feinde
des Friedens verzweifelter und entschlossener
zu Anschlägen. Sie müssen die Angst schüren, weil
sie wissen, daß die Hoffnung ihr Verderben ist.

Die Vereinigten Staaten sind hierbei führend. Letzten
Monat
unterzeichnete
der
Präsident
ein
bahnbrechendes Antiterrorismusgesetz. Das Gesetz
sieht Strafverfolgung mit neuen Instrumenten vor, um
Terroristen von einem Anschlag abzuhalten und sie im
Falle eines Anschlags vor Gericht zu bringen. Das
Gesetz stärkt unsere Fähigkeit, die Beschaffung von
Geldern in den Vereinigten Staaten durch
internationale Terroristen zu verhindern. Es bietet
gesetzliche Sicherheitsklauseln, gestattet uns aber
auch die schnelle Ausweisung von Ausländern, die
terroristischen Aktivitäten Vorschub leisten.
Die Vereinigten Staaten stehen auch an der Spitze der
Bestrebungen zur Bekämpfung des Terrorismus auf
globaler Ebene. Wir haben harte Sanktionen gegen
die Staaten verhängt, die Terroristen unterstützen oder
ihnen Zuflucht gewähren. Wir intensivierten unsere
Zusammenarbeit mit anderen Staaten bei der
Terrorismusbekämpfung, was uns die Festnahme der

Schlüsselfiguren von Anschlägen wie dem auf das
World Trade Center gestattete. Letzten Dezember
hielten wir mit unseren Partnern in der G-7 und
Rußland in Ottawa ein Ministertreffen zur Entwicklung
gemeinsamer
Strategien
für
die
Terrorismusbekämpfung ab.
Und im April traf
Präsident Clinton mit Präsident Jelzin und anderen
führenden Politikern in Moskau zusammen und
vereinbarte neue Schritte, die verhindern sollen, daß
Nuklearmaterial in die falschen Hände gelangt.
Nirgends auf der Welt war die Führungsrolle der
Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus
sichtbarer als im Nahen Osten. Wir hielten die UNOSanktionen gegen Libyen wegen seiner Rolle bei dem
Bombenanschlag auf Pan-Am-Flug 103 aufrecht. Und
wir setzen uns für verstärkten Druck auf den Sudan
wegen seiner Unterstützung des versuchten Attentats
auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak ein.
Die wichtigste Rolle der Vereinigten Staaten - die den
Schwerpunkt meiner heutigen Ausführungen bildet - ist
der Schutz des Nahostfriedensprozesses und der
Friedensstifter vor den bösartigen Angriffen ihrer

Seite 2

Die Vereinigten Staaten sind entschlossen zu
gewährleisten, daß die Feinde des Friedens keinen
Erfolg haben. Wir werden uns ihrem Terror niemals
beugen. Wir werden nicht zulassen, daß Terroristen
unsere Entschlossenheit schmälern oder uns vom Ziel
eines echten, sicheren und dauerhaften Friedens für
Israel und alle Völker im Nahen Osten abbringen.
Als
Israel
im
Februar
und
März
durch
Selbstmordkommandos terrorisiert wurde, reagierte
Präsident Clinton, indem er den Friedensgipfel von
Scharm-el-Scheich organisierte. Praktisch über Nacht
kamen die führenden Politiker der Welt seiner
Aufforderung nach, sich an die Seite Israels zu stellen nicht um einen weiteren Durchbruch beim
Nahostfriedensprozeß zu feiern, sondern um den
Friedensprozeß in einem Moment der Krise zu
verteidigen. Es war ein einzigartiges Ereignis, das
eine unmißverständliche Botschaft entsandte: Die
Feinde des Friedens sind zum Scheitern verurteilt. Ihr
Terror wird nur unsere Entschlossenheit verstärken,
den Kreis des Friedens zu schließen und wird sie für
immer ausschließen.
Scharm-el-Scheich
leitete einen Prozeß zur
Verstärkung der gemeinsamen Bestrebungen beim
Kampf gegen den Terrorismus in der ganzen Region
ein. Vor kurzem unterzeichneten Präsident Clinton
und
Ministerpräsident
Peres
ein
neues
Terrorismusbekämpfungsabkommen zur Stärkung der
Zusammenarbeit unserer beiden Regierungen.
Zusätzlich stellen die Vereinigten Staaten Israel Gerät
und Ausbildungsmöglichkeiten im Wert von über 100
Millionen Dollar zur Terrorismusbekämpfung zur
Verfügung.
Ferner begannen wir mit der Stärkung der Fähigkeiten
der palästinensischen Regierung im Kampf gegen den
Terrorismus. Mit unserer Unterstützung arbeiten
israelische und palästinensische Sicherheitsdienste
jetzt im Rahmen einer gemeinsamen Kampagne
zusammen, um die terroristische Infrastruktur im
Westjordanland und Gazastreifen restlos
zu
beseitigen. Palästinensische Streitkräfte fingen viele
Flugzeuge von Selbstmordkommandos ab. Sie bargen

AMERIKA DIENST 11

�Sprengstoff und Waffenlager. Sie verhafteten die für
Terroranschläge Verantwortlichen, brachten sie vor
Gericht und ins Gefängnis und setzen ihre Jagd fort.
Der PLO-Vorsitzende Arafat versteht heute sehr gut,
daß er im Kampf gegen den Terror seine gesamten
Kräfte einsetzen muß - nicht nur, weil die von ihm mit
Israel geschlossenen Abkommen das verlangen,
sondern weil er weiß, daß die Bomben der Hamas und
der islamischen Dschihad nicht nur das Leben von
Israelis, sondern auch die Bestrebungen der
Palästinenser vernichten wollen. Die Vereinigten
Staaten bestehen
weiterhin darauf, daß diese
verstärkten
palästinensischen
Bestrebungen
fortgesetzt werden.
Ebenso wie die Hamas vor ihr, verfolgte auch die
Hisbollah bei ihren Anschlägen im Libanon in den
letzten Monaten das Ziel, den Friedensprozeß außer
Kraft zu setzen. Als die Feindseligkeiten eskalierten,
waren die Verantwortung und die Interessen der
Vereinigten Staaten klar und deutlich: Die Nutzung
ihres Einflusses, um das Leiden Unschuldiger und die
Krise zu beenden und einen neuen Rahmen zu
schaffen, um die Möglichkeit einer Wiederholung zu
verringern.
Das als Ergebnis meiner Pendeldiplomatie erzielte
Abkommen
diente
genau
diesem
Zweck.
Hunderttausende von Israelis und Libanesen konnten
in ihre Heimat zurückkehren.
Neue schriftliche
Übereinkünfte wurden zur Eindämmung der Gefahren
möglicher
Feindseligkeiten
geschlossen.
Internationale
Bestrebungen
sollen
beim
Wiederaufbauprozeß im Libanon helfen. Und wir
gründen eine Kontrollgruppe, die erstmals Israel, den
Libanon und Syrien zusammenbringt, um eine weitere
Krise zu verhüten.
Die jüngste Gewaltaktion hat eine beunruhigende
Realität erneut schlaglichtartig beleuchtet: Bei
terroristischen
Akten
zur
Störung
des
Friedensprozesses ist der Iran führend. Die iranischen
Politiker bedienen sich regelmäßiger Rhetorik, um zu
Terrorismus anzustiften.
Präsident Rafsanjani
bezeichnete die Ermordung von Ministerpräsident
Rabin als "Rache Gottes".
Und kurz vor den
Bombenanschlägen der Hamas predigte das
Oberhaupt des Iran, Ajatollah Khameini, "die Macht
des Islam wird schließlich das Ende des wurzellosen
zionistischen Regimes herbeiführen, das vernichtet
werden muß."
Der Iran beläßt es jedoch nicht bei Rhetorik. Er trifft oft
mit allen größeren Terrorgruppen zusammen einschließlich der Hisbollah, der Hamas, der
palästinensisch-islamischen Dschihad und der PFLPGC.
Er ermutigt diese Gruppen aktiv, den
Friedensprozeß durch Terroranschläge zu stören. Er
versorgt sie mit Geld - mehrere Millionen Dollar jährlich

AMERIKA DIENST 11

im Fall der Hamas, der islamischen Dschihad und
anderen; bis zu 100 Millionen Dollar jährlich für die
Hisbollah. Ferner versorgt der Iran sie mit Waffen und
Material, Ausbildung und - in einigen Fällen Einsatzleitung.
In den letzten Monaten häuften sich hierfür die
Beweise. Im Vorfeld der israelischen Wahlen wurden
im Iran ausgebildete Terroristen entsandt, um Israel
und die palästinensischen Gebiete zu infiltrieren.
Einige wurden abgefangen. Anderen mißlang knapp
die Durchführung ihrer tödlichen Aktivitäten. Wieder
andere hatten mit ihren mörderischen Missionen
Erfolg.
Unseres Erachtens war eine vom Iran
unterstützte Gruppe verantwortlich für die jüngste
Beschießung
eines
israelisch-amerikanischen
Studenten vom Auto aus im Westjordanland. In einem
anderen Fall beschlagnahmte Belgien eine aus dem
Iran stammende Ladung mit einem Granatwerfer, der
wahrscheinlich für einen Angriff auf jüdische Ziele in
Europa vorgesehen war.
Es sollte keine weiteren Debatten über die Beteiligung
des Iran an terroristischen Aktionen gegen den
Friedensprozeß geben. Der deutsche Außenminister
Kinkel ließ daran bei seinen Äußerungen hier in
Washington vor zwei Wochen keinen Zweifel. Ihm
zufolge ist sich Deutschland "des Bösen voll bewußt,
dessen sich der Iran schuldig machte und immer noch
macht". Weiterhin erklärte er, "die Amerikaner und die
Deutschen sind sich bei ihrer allgemeinen
Einschätzung dessen, was der Iran mit dem
Terrorismus bezwecken will, einig ... Unterstützung der
Hisbollah, der Hamas und der Dschihad."
Obwohl wir und unsere Verbündeten jetzt ähnliche
Analysen der Fakten vornehmen,
bestehen
Differenzen hinsichtlich des besten Weges für den
Umgang mit dem Iran. Die Vereinigten Staaten sind
der Ansicht, daß der Iran nur dann sein Verhalten
ändern wird, wenn die Welt ihm einen Preis abverlangt
- einen ausreichend hohen politischen und
wirtschaftlichen
Preis.
Wir
müssen
den
Verantwortlichen im Iran die Mittel zur Finanzierung
ihrer gefährlichen Politik verweigern. Aus diesem
Grund beschloß der Präsident im vergangenen Jahr
die Verhängung eines umfassenden Embargos gegen
amerikanische Geschäfte mit dem Iran. Und aus
diesem Grund arbeiten wir mit dem Kongreß Gesetze
zur weiteren Verschärfung des wirtschaftlichen Drucks
auf den Iran aus.
Im Gegensatz dazu beteiligen sich die europäischen
Nationen weiterhin an einem sogenannten kritischen
Dialog mit dem Iran und setzen gleichzeitig den
normalen Handel fort. Die Europäer geben selbst zu,
daß ihre Politik keine signifikante Veränderung des
iranischen Verhaltens herbeiführte. Wir sind weiterhin
davon überzeugt, daß Dialog nur dann die iranische

Seite 3

�Politik verändern wird, wenn er mit wirklichem ökonomischen Druck gekoppelt ist.
Ich möchte eines betonen: Wir widersetzen uns nicht
der Politik der EU, weil wir prinzipiell gegen Gespräche
mit dem Iran sind. Die Vereinigten Staaten haben
schon vor langer Zeit ihre Bereitschaft zu einem
offenen Dialog mit autorisierten Vertretern der iranischen Regierung bekundet, bei dem wir zwei unserer
wichtigsten Anliegen ansprechen können: Erstens die
Unterstützung des Terrorismus - insbesondere des
gegen den Friedensprozeß gerichteten - durch den
Iran und zweitens seine Bestrebungen zum Erwerb
von Massenvernichtungswaffen. Der Iran hat dieses
Angebot jedoch nie angenommen.
Unsere Entschlossenheit zur Eindämmung des Iran
und Niederschlagung der Feinde des Friedens ist
deutlich. Dasselbe gilt aber auch für unser Engagement, auf Fortschritte bei den Verhandlungen über
einen umfassenden arabisch-israelischen Frieden zu
drängen. Alles andere würde den Terroristen zu
genau dem Sieg verhelfen, den sie anstreben.
Um den Kreis des Friedens zu schließen, sind Abkommen zwischen Israel und Syrien sowie zwischen
Israel und dem Libanon von elementarer Bedeutung.
Syrien stellt für uns eine einzigartige Herausforderung
dar. Einerseits haben wir bei unseren bilateralen
Beziehungen zu Syrien ernsthafte Probleme. Syrien
steht auf unserer Drogenliste sowie auf unserer
Terrorismusliste.
Präsident Clinton und ich haben bei Präsident Assad
und anderen hochrangigen syrischen Regierungsvertretem immer wieder auf unsere Belange hingewiesen.
Wir werden das auch weiterhin tun und deutlich
machen, daß diese Anliegen bewältigt werden müssen, bevor die Vereinigten Staaten für beide Seiten
vorteilhafte Beziehungen zu Syrien aufbauen können.
Andererseits sind wir uns jedoch bewußt, daß Syrien
sich vom Iran unterscheidet. Der Iran weist schon den

Gedanken an Frieden zurück und hat sich der Zerstörung Israels verschrieben. Im Gegensatz dazu
verhandelt Syrien direkt mit Israel über die Beendigung
ihres Konfliktes. Ich mache mir keine Illusionen. Es
wird schwierig sein, diese Verhandlungsbereitschaft in
ein Friedensabkommen umzuwandeln. Aber die
bisherigen Gespräche haben eine solide Grundlage für
Fortschritte geschaffen, die bei einer Wiederaufnahme
der Verhandlungen erzielt werden können.
Solange wir davon überzeugt sind, daß der Frieden
möglich ist, müssen wir weiterhin mit den Parteien
zusammenarbeiten, um einen Durchbruch zu erzielen,
der weitreichende strategische Konsequenzen hätte nicht nur für den Nahen Osten, sondern auch für die
vitalen Interessen der Vereinigten Staaten.
Ein
umfassender Frieden wird die Gefahr eines weiteren
arabisch-israelischen Krieges dramatisch verringern.
Er wird schließlich die Beschränkungen beseitigen, die
normalen Beziehungen Israels zur gesamten arabischen und muslimischen Welt im Wege stehen.
Schließlich - und das ist vielleicht am wichtigsten - wird
die Beendigung des arabisch-israelischen Konflikts
uns und unseren Freunden gestatten, unsere Mittel zur
Bewältigung einer Reihe gemeinsamer, uns alle
bedrohender
strategischer
Herausforderungen
einzusetzen - insbesondere das Anwachsen extremistischer Bewegungen, die Terrorismus und
Gewalt einsetzen, sowie verbrecherischer Staaten wie
Iran und Irak, die im Besitz von Massenvernichtungswaffen sind.
Dies sind die realen Gefahren, mit denen wir und
unsere Freunde uns in den kommenden Jahren
befassen müssen. Bei der Verfolgung unserer nationalen Interessen sind wir hierzu entschlossen. Ein
entscheidender Bestandteil unserer Strategie müssen
fortgesetzte Bestrebungen sein, die bestehende
historische Chance zu ergreifen, um einen sicheren
und umfassenden Frieden zu schaffen.
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 11

�VERTEIDIGUNG
29. Mai 1996

Konfliktverhütung als Ziel
amerikanischer Sicherheitspolitik
Rede von Verteidigungsminister Perry

BOSTON - (AD) - Verteidigungsminister William Perry zufolge ist die beste Sicherheitspolitik der Vereinigten
Staaten eine präventive Verteidigung, die auf die Verhütung von Konflikten abzielt.
Damit präventive Verteidigung in Rußland, Europa, auf dem Balkan, in Lateinamerika oder China funktioniert, ist
ihm zufolge eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten von elementarer Bedeutung.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine gekürzte Version der Rede, die Verteidigungsminister Perry am 13. Mai
1996 vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der John F. Kennedy School of Government der Harvard University
hielt.

Im Rahmen einer berühmten Vorlesung in Harvard im
Jahr 1837 fragte Ralph Waldo Emerson seine Zuhörer:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der man geboren
sein möchte, ist es dann nicht das Zeitalter der Revolution, in dem Alt und Neu Seite an Seite stehen, in dem
die Energien aller Menschen von Angst und Hoffnung
genährt werden, in dem der historische Ruhm des
Alten von den reichhaltigen Chancen des Neuen
kompensiert werden kann?"
Ebenso wie Emerson leben auch wir in einem Zeitalter
der Revolution: In der Politik durch das Ende des
Kalten Krieges, in der Wirtschaft durch das dramatische Anwachsen des Welthandels, im Bereich der
Technologie durch die explosionsartige Zunahme von
Informationssystemen.
Heute leben wir gemäß
Emersons Wunsch in einer revolutionären Ära "reichhaltiger Chancen" - einer Ära, in der unsere Energien
von Angst und Hoffnung genährt werden. Symbole
unserer Hoffnung sind der weltweite Erfolg der Demokratie, die Zunahme neuer globaler Handelsbeziehungen, die Ausweitung globaler Kommunikationssysteme
und die explosionsartige Zunahme von Informationsaustausch. In dieser revolutionären neuen Ära wird
der Begriff der "abgeschotteten Gesellschaft" schnell
unmodern. Selbst die Staaten, die immer noch nach
Isolation streben, entdecken, daß diese immer schwieriger zu praktizieren ist. Tatsächlich ist sie unmöglich

AMERIKA DIENST 11

zu erreichen, wenn man die Früchte der Weltwirtschaft
ernten will. China merkte das bei der Niederschlagung
der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen
Friedens, als es die Faxmaschinen und Modems nicht
kontrollieren konnte.
Aber neben dieser Hoffnung werden unsere Energien
in dieser revolutionären Ära auch "von Angst genährt":
Angst vor der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Angst vor ethnischem Haß, der
bestehende Staaten zerreißt, Angst vor Terroranschlägen extremistischer Gruppen und Angst vor der
Aggression verbrecherischer Staaten, die von den
Zwängen der früheren Bündnisse aus der Zeit des
Kalten Krieges befreit sind. Für viele bedeutete diese
revolutionäre neue Ära ein Gefühl geringerer persönlicher Sicherheit, symbolisiert durch Bilder der Toten,
die aus dem Bundesgebäude von Oklahoma getragen
werden oder der Passagiere, die nach dem Giftgasanschlag aus der Tokioter U-Bahn flüchten.
Der krasse Gegensatz zwischen unseren Hoffnungen
und unseren Ängsten macht deutlich, daß dieses
revolutionäre neue Zeitalter von der zunehmenden
Fähigkeit der Menschheit charakterisiert ist, Gutes und
Böses zu tun. Ferner macht er deutlich, daß zusätzlich
zu der Revolution in Politik, Wirtschaft und Technologie

Seite 1

�auch eine Revolution bei unserem Denken über
Sicherheitsstrategie erforderlich ist.

zentraleuropäischen Nationen in die europäische
Sicherheitsstruktur.

Die Sicherheit der Vereinigten Staaten verlangt von
uns die Beibehaltung starker Streitkräfte zur Abschreckung und notfalls zur Verteidigung vor denjenigen, die unsere vitalen nationalen Interessen bedrohen
- und das praktizieren wir. Aber die Vereinigten
Staaten haben heute auch eine einzigartige historische
Chance - die Chance, Konflikte begünstigende Bedingungen zu vermeiden und zur Schaffung von Voraussetzungen für den Frieden beizutragen. Heute möchte
ich zu Ihnen darüber sprechen, auf welche Weise
Amerikas Sicherheitspolitik im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg von uns verlangt, diese Chance zu
ergreifen: "Präventive Verteidigung" zur ersten Verteidigungslinie Amerikas zu machen, Abschreckung zur
zweiten Verteidigungslinie und militärische Auseinandersetzung zur dritten und zum letzten Ausweg.

Aber die Geschichte der präventiven Verteidigung
handelt nicht nur von der Vermeidung einer Bedrohung
durch Massenvernichtungswaffen. Es geht bei ihr
auch darum, die Militär- und Verteidigungsapparate
der Welt zur Förderung der Verbreitung von Demokratie, Vertrauen und Verständigung zwischen den
Nationen zu verpflichten. Hier sind die Ergebnisse
vielleicht nicht so direkt greifbar, aber dennoch nicht
weniger bedeutend.

Präventive Verteidigung kann mit Präventivmedizin
verglichen werden. Präventivmedizin schafft Bedingungen, die Gesundheit fördern, die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten verringern und chirurgische
Eingriffe unnötig machen. Präventive Verteidigung
schafft Bedingungen, die Frieden fördern, Kriege
weniger wahrscheinlich und Abschreckung unnötig
machen.
Heute beruht unser Programm der präventiven
Verteidigung auf seinen eigenen Prämissen: Erstens,
daß weniger Massenvernichtungswaffen in weniger
Händen Amerika und die Welt sicherer machen.
Zweitens, daß mehr Demokratie in mehr Nationen
geringere Konfliktmöglichkeiten in der Welt bedeuten.
Und drittens, daß die Verteidigungsapparate eine
wichtige Rolle beim Aufbau von Demokratie, Vertrauen
und Verständigung innerhalb und zwischen Nationen
übernehmen müssen.
Diese Prämissen lassen die Schlußfolgerung zu, daß
die Welt nach dem Kalten Krieg nur dann friedlich und
konfliktfrei sein kann, wenn Amerika weltweit führend
bei der Verhinderung von Konflikte begünstigenden
Bedingungen sowie bei der Schaffung der Vorbedingungen für den Frieden ist. Mit anderen Worten: Wir
müssen mit einer präventiven Verteidigung eine
Führungsrolle übernehmen. Zu diesem Zweck haben
wir im Verteidigungsministerium eine Reihe innovativer
Programme - einige auf nationaler, andere auf internationaler Ebene - ins Leben gerufen. Sie umfassen das
Programm zur Verringerung der kooperativen Bedrohung, das den Nuklearwaffenkomplex der ehemaligen Sowjetunion abbauen soll (Cooperative Threat
Reduction Program); ferner das Nichtverbreitungsprogramm für den Umgang mit der Bedrohung durch
die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen;
das Rahmenabkommen zur Beseitigung des nordkoreanischen Nuklearwaffenprogramms und die Partnerschaft für den Frieden zur Integration von 27 ost- und

Seite 2

Amerika weiß seit langem, daß die Ausbreitung von
Demokratie in mehr Nationen für seine nationale
Sicherheit von Vorteil ist. Es war im letzten Jahrzehnt
ermutigend, daß so viele Nationen der Welt mit uns
darin übereinstimmten, daß Demokratie die beste
Regierungsform ist. Aber da die Nationen der Welt
versuchen, entsprechend diesem Konsens zu handeln,
sehen wir, daß zwischen einem weltweiten Konsens
und einer weltweiten Realität noch wichtige Schritte
liegen. Demokratie ist ein erlerntes Verhalten. Viele
Nationen haben heute Demokratien, die auf dem
Papier existieren, tatsächlich aber auf extrem unsicheren Füßen stehen. Wahlen sind eine notwendige,
jedoch nicht ausreichende Vorbedingung für eine freie
Gesellschaft. Ferner ist die Einbettung demokratischer
Werte in die Schlüsselinstitutionen der Nationen
erforderlich.
Das Verteidigungsministerium spielt eine Schlüsselrolle bei diesen Bestrebungen. Es ist eine einfache
Tatsache, daß praktisch jedes Land der Welt ein Militär
hat. In praktisch jeder neuen Demokratie - in Rußland,
den erst vor kurzem befreiten Nationen der ehemaligen Sowjetunion, in Zentral- und Osteuropa, in Südamerika, bei den asiatischen Tigern - stellt das Militär
eine wichtige Kraft dar. In vielen Fällen hat es die
größte Bindekraft. Oft ist in ihm ein großer Prozentsatz
der gebildeten Elite vertreten, und es kontrolliert die
wichtigsten Ressourcen. Mit anderen Worten: Es ist
eine Institution, die zur Unterstützung oder zur Unterminierung von Demokratie beitragen kann.
Wir müssen erkennen, daß jede Gesellschaft, die von
Totalitarismus zu Demokratie übergeht, an irgendeinem Zeitpunkt durch eine Krise auf die Probe gestellt
wird - sei es eine Wirtschaftskrise, ein Schlag gegen
Menschenrechte und Freiheiten, ein ethnischer oder
Grenzstreit mit einem Nachbarland. Wenn eine solche
Krise ausbricht, wollen wir, daß das Militär eine
positive Rolle bei seiner Lösung übernimmt - keine
negative Rolle, indem es die Flammen der Krise schürt
oder sie sogar als Vorwand für einen Militärputsch
benutzt.
In diesen neuen Demokratien können wir beschließen,
diese wichtige Institution zu ignorieren, oder wir
können versuchen, einen positiven Einfluß auf sie

AMERIKA DIENST 11

�auszuüben. Wir haben die Fähigkeit, Einfluß auszuüben. Tatsächlich hält jedes Militär der Welt die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten für ein Modell, das
Nachahmung verdient. Das ist ein wertvoller Einflußfaktor, den wir für unsere präventive Verteidigungsstrategie kreativ nutzen können.
Wenn wir zwischen den Militärs von zwei benachbarten Nationen Vertrauen und Verständnis schaffen
können, schaffen wir Vertrauen und Verständnis
zwischen den beiden Nationen selbst. Manchmal wird
behauptet, "Krieg ist zu wichtig, um allein den Generälen überlassen zu werden". Präventive Verteidigung
besagt, "Frieden ist zu wichtig, um allein den Politikern
überlassen zu werden".
Obwohl präventive Verteidigung sehr vielversprechend
für die Verhütung von Konflikten ist, müssen wir uns
bewußt sein, daß sie eine Strategie zur Beeinflussung
der Welt ist - nicht dazu, ihr unseren Willen aufzuzwingen. Wir müssen offen und nüchtern eingestehen, daß präventive Verteidigung nicht immer funktioniert. Aus diesem Grund liegt meine oberste Priorität
als Verteidigungsminister immer noch in der Beibehaltung starker, einsatzbereiter Streitkräfte und dem
Willen, sie zur Abschreckung und zur Verteidigung
unserer Interessen einzusetzen. Wir verfügen immer
noch über ein zwar verringertes, aber äußerst effektives Nuklearwaffenarsenal. Wir haben ein starkes, auf
Bedrohungen basierendes Programm zur Verteidigung
mit ballistischen Raketen. Wir unterhalten die besten
konventionellen Streitkräfte der Welt, von denen viele
sowohl in Europa als auch im asiatisch-pazifischen
Raum vorne stationiert sind. Und wir vergrößern
weiterhin unseren technologischen Vorsprung gegenüber jedem potentiellen Gegner, was uns die Vorherrschaft auf jedem Schlachtfeld der Welt gibt. Diese
Kräfte und Fähigkeiten - in Kombination mit dem
politischen Willen, sie einzusetzen - erlauben den
Vereinigten Staaten von Amerika, bei der Abschrekkung von Konflikten weltweit äußerst erfolgreich zu
sein. Dieselben Fähigkeiten und Kräfte bedeuten:
Wenn wir einen Konflikt nicht verhüten oder abschrecken können, werden wir Aggression unverzüglich und mit minimalen Verlusten niederschlagen.
Die Umkehrung trifft ebenfalls zu. Wenn wir die
Bedingungen für einen Konflikt verhindern können,
verringern wir das Risiko, unsere Streitkräfte zur
Abschreckung oder Niederschlagung von Aggression

*

AMERIKA DIENST 11

in Gefahr zu bringen. Die Schlüsselrolle von präventiver Verteidigung ist der Öffentlichkeit jedoch nicht
hinreichend bekannt. Sogar nationale Sicherheitsexperten verstehen sie nicht richtig. Dasselbe galt
übrigens in seinen ersten Tagen für den Marshallplan.
Der Marshallplan kam nicht fertig wie die Venus aus
der Muschel. Tatsächlich erklärte George Marshall
oftmals, er hätte damals bei seinem berühmten Rede
in Harvard 1947 keinen "Marshallplan" vorgelegt.
Vielmehr handelte es sich ihm zufolge um einen
Vorschlag, den er jedoch nicht einfach nur unterbreitete. Der Staatsmann Marshall war ein Visionär,
aber der Soldat Marshall war auch ein praktischer
Mensch. Und als solcher erkannte er, daß in einer
Demokratie kein nationaler Vorschlag, insbesondere
wenn er das Engagement der Vereinigten Staaten auf
der Welt beinhaltet, realisiert wird, wenn er nicht die
Unterstützung der Öffentlichkeit genießt. Der von
Marshall unterbreitete Vorschlag wurde zum Marshallplan, weil George Marshall das darauffolgende Jahr
damit verbrachte, sich direkt an die Öffentlichkeit zu
wenden, um ihre Unterstützung zu gewinnen.
Heute unterbreite ich keinen Vorschlag für präventive
Verteidigung, sondern einen Bericht darüber, wie sie
unsere Welt und die künftiger Generationen bereits auf
positive Weise beeinflußt. Damit präventive Verteidigung als Ansatz für nationale Sicherheit erfolgreich ist,
müssen auch wir das amerikanische Volk davon
überzeugen. Wir müssen Amerika davon überzeugen,
daß zu diesem entscheidenden Zeitpunkt in der
Geschichte, an dem wir unsere größten Hoffnungen für
unser revolutionäres Zeitalter realisieren wollen, unser
Engagement in der Welt sowie die Programme zur
Unterstützung der präventiven Verteidigung von
elementarer Bedeutung für unsere Sicherheit sind. Ich
habe die Kennedy School ausgewählt, um meine
Gedanken über präventive Verteidigung darzulegen,
denn als Wissenschaftler sind die Studenten und der
Lehrkörper hier in der Lage zu verstehen, was auf dem
Spiel steht, wenn wir über präventive Verteidigung
sprechen. Als angehende Führungskräfte und zukünftige Politiker sind Sie auch in der außergewöhnlichen
Situation, der amerikanischen Öffentlichkeit die
Vorteile präventiver Verteidigung erklären zu können
sowie die von mir heute dargelegten Konzepte im
Rahmen Ihrer eigenen Laufbahn auszuweiten. Ich
fordere Sie dazu auf.

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
29. Mai 1996

Rubin: Privatinvestitionen, Liberalisierung der
Finanzmärkte und Bekämpfung von Finanzverbrechen
Erklärung des Finanzministers

NEW ORLEANS - (AD) - US-Finanzminister Robert E. Rubin zufolge wurden beim Treffen der Finanzminister der
westlichen Hemisphäre am 17. und 18. Mai 1996 Schritte eingeleitet, die einen großen Beitrag zur zukünftigen
Prosperität der Region darstellen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Erklärung, die der Finanzminister im Anschluß an das
Treffen mit seinen Amtskollegen sowie anderen offiziellen Vertretern aus 26 Ländern des Westens vor
Journalisten abgab.

Wir haben gerade das erste Treffen der Finanzminister
dieser Hemisphäre seit dem gesamtamerikanischen
Gipfel beendet. Wir befaßten uns mit einer breiten
Palette von Themen. Wir leiteten Schritte ein, die
unseres Erachtens einen wichtigen Beitrag zur
zukünftigen Prosperität unserer Region darstellen.
Und wir förderten die Interessen, die wir Amerikaner
an Wachstum, Privatinvestitionen, Arbeitsplätzen und
Sicherheit aller Menschen haben.

kehren und sagen: "Das müssen wir nach Ansicht
unserer Partner tun, damit unsere ganze Region Erfolg
haben kann."

Ich persönlich habe selten so lebhaften und weitreichenden Diskussionen zugehört wie heute. Ich bringe
eine lange Liste aufgeworfener Fragen und angesprochener Themen nach Washington zurück, die meines
Erachtens eine Tagesordnung für Gespräche und
Aktionen in den kommenden Jahren darstellt. Es sind
Angelegenheiten, die zweifelsohne unsere Arbeit in
bilateralen und multilateralen Foren umfassen. Meiner
Ansicht nach haben wir alle unsere Perspektive und
unser Verständnis dieser Fragen vertieft und erweitert.

Wir legen unsere gemeinsamen Ansichten dazu dar,
was auf makroökonomischer und mikroökonomischer
Ebene erforderlich ist, um stärkere und wohlhabendere
Volkswirtschaften zu entwickeln, Maßnahmen für den
Umgang mit dem Problem der Armut sowie zur
Stärkung und Unterstützung der Integration unserer
Märkte zu ergreifen. Wir engagieren uns für eine
Politik, die Inflationsrate zu senken und niedrig zu
halten. Es gibt keine Abweichung von der Meinung,
daß Finanzdisziplin und Währungskontrolle von
größter Bedeutung sind.

Aus diesem Grund sind solche Zusammenkünfte so
wichtig. Sie gestatten den Finanzministern, voneinander zu lernen. Sie zwingen jede Nation und jeden
Minister zur Auseinandersetzung mit Fragen, die über
die tagtäglichen Herausforderungen unserer Arbeit
hinausgehen und deren Lösung über Jahrzehnte
hinweg unseren Wohlstand bestimmt. Und sie helfen
uns bei der Umsetzung und Stärkung guter politischer
Maßnahmen - denn wir alle können in unsere jeweiligen Länder, Volkswirtschaften und Ministerien zurück-

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Wir arbeiteten ein Kommunique aus, das Einzelheiten
unserer Schlußfolgerungen enthält und den Kurs
festlegt, den wir bei unseren spezifischen Aktionen
verfolgen wollen. Ich möchte das Kommunique kurz
zusammenfassen.

Wir konzentrieren uns auch darauf, welche Maßnahmen die heimische Spartätigkeit erhöhen und die
Finanzstabilität fördern könnten. Sie sind von zentraler
Bedeutung für die Erlangung gesteigerten und robusteren realen Wirtschaftswachstums.
Weiterhin einigten wir uns auf eine Anzahl konkreter
Schritte zur Erlangung dieser Ziele. Einer besteht in
der Erhöhung von Finanztransparenz - die rechtzeitige

Seite 1

�Freigabe wichtiger Daten durch die Regierungen,
Offenlegung der Effektenausgabe sowie vollständige
Verbreitung der Informationen über den Handel.
Da Märkte, die zur Spartätigkeit anregen und die
Ersparnisse effektiv einsetzen, für Wachstum und
Finanzstabilität von zentraler Bedeutung sind, engagieren sich unsere Nationen für die Entwicklung und
Stärkung der Gesetze, Kontrollinstitutionen und
Umsetzungsmechanismen, die Finanzmärkte stärken
und Investoren schützen helfen. Gleichzeitig wollen
wir Innovationen ermutigen. Diese beiden Ziele setzen
die Abschaffung von veralteten oder wettbewerbsverzerrenden Vorschriften voraus.
Vor dem Hintergrund dieser Ziele unternehmen wir
verschiedene Schritte, von denen ich hier vier erwähnen möchte:
Erstens haben wir die Interamerikanische Entwicklungsbank zur Ausarbeitung von Programmen für eine
verstärkte Überwachung aufgefordert.
Zweitens
fordern wir die Interamerikanische Entwicklungsbank
zur Zusammenarbeit mit uns bei der Auflistung von
Vorschriften für die nationalen Finanzmärkte auf, die
zu Transparenz als erstem Schritt zu Liberalisierung
und Integration beitragen. Drittens einigten wir uns auf
die Unterstützung der Ausarbeitung von universell
verständlichen Buchhaltungsnormen, damit ein
Investor in einem Land keine Fragen dazu hat, was
eine bestimmte Information in einem anderen Land
bedeutet. Viertens fordern wir die Interamerikanische
Entwicklungsbank zur Gründung eines Instituts für die
Ausbildung von Aufsehern und Prüfern auf, die
solidere Finanzinstitutionen fördern sollen.
Wir erörterten auch die Notwendigkeit, denjenigen eine
Chance zur Beteiligung an der Wirtschaftsentwicklung
zu geben, die außen vor gelassen wurden. Das hat
auch Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Meine
Amtskollegen waren sich einig, daß mikroökonomische
Kreditvergabe einen wichtigen Beitrag zu diesem
Prozeß leisten kann.
Ein drittes, von uns erörtertes Themengebiet waren
Finanzverbrechen.
Wir engagieren uns gemeinsam für die Bekämpfung
von Geldwäsche ungeachtet dessen, ob die Gelder
aus Drogenschmuggel oder irgendeiner anderen
illegalen Tätigkeit stammen. Sie stellt eine Bedrohung

Seite 2

der Integrität unserer Finanzmärkte sowie unserer
wirtschaftlichen und politischen Systeme dar. Das
Interesse an der Bekämpfung dieses Problems ist seit
unserer Konferenz über Geldwäsche vergangenes
Jahr in Buenos Aires gestiegen. Eine Anzahl von
Ländern hat seit dieser Konferenz konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche ergriffen.
Andere ziehen solche Maßnahmen zwar in Betracht,
aber es muß noch mehr getan werden.
In Verbindung mit den Bestrebungen der OAS zur
Überprüfung der in Buenos Aires vereinbarten Pläne
werden wir einen koordinierten Ansatz der Hemisphäre
zu Ausbildung und technischer Hilfe prüfen. Ich freue
mich, daß so viele meiner Amtskollegen den Prozeß
durch eine Unterstützung des Ausbildungskonzepts
beschleunigen möchten.
Auf jedem der von mir erörterten Gebiete - makroökonomische Politik, Entwicklung der Finanzmärkte,
Bekämpfung von Finanzverbrechen - wurden bei
dieser Zusammenkunft unsere Ziele erreicht. Wir
haben voneinander gelernt, langfristig gedacht, eine
gemeinsame Vision entwickelt sowie ein gemeinsames
Engagement dafür, daß diese Ideen Früchte tragen.
Dieses Treffen war ein Erfolg, und wir sind jetzt
entschlossen, die Konsultationen zwischen den
Finanzministern dieser Hemisphäre zu institutionalisieren. Wir werden in zwei Jahren (oder vielleicht früher)
erneut zusammentreffen, um wirtschaftspolitische
Fragen zu erörtern. Bis dahin werden unsere Stellvertreter, unterstützt von einer neuen technischen Arbeitsgruppe für die Regelung der Finanzmärkte, sowie die
Interamerikanische Entwicklungsbank mit der ihnen
zugewiesenen Arbeit beschäftigt sein. Wir wollen den
Privatsektor um seinen Rat und seine Leitung bitten.
Heute haben wir entscheidende Schritte unternommen, die mit der Zeit den Volkswirtschaften in dieser
Hemisphäre zu verstärktem und stabilerem Wachstum
verhelfen und die Armut mildern. In unserer Region
leben eine Dreiviertelmilliarde Menschen, und in sehr
realem Sinne wird die hier in New Orleans von uns
geleistete Arbeit Arbeitsplätze schaffen und die
Einkommen sowie den Lebensstandard in dieser
Hemisphäre auf Jahre und Jahrzehnte hinaus erhöhen.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 11

�USA-DEUTSCHLAND
29. Mai 1996

Die USA als Wirtschaftspartner und Konkurrent
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

DRESDEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 20. Mai 1996 beim ifo Institut für
Wirtschaftsforschung in Dresden gehaltene Rede.

Guten Abend und herzlich willkommen zu unserem
Symposium. Zunächst einmal möchte ich Ihnen
sagen, wie sehr ich mich freue, wieder in dieser Stadt
zu sein, die ich schon lange kenne. Vor sechseinhalb
Jahren war ich amerikanischer Gesandter in der DDR,
als die seit langer Zeit unter jenem Regime leidenden
Bürgersich schließlich erhoben und riefen: "Es reicht!".
Ich war bei der Wiedergeburt des freien Staates
Sachsen dabei, der in den Köpfen der in diesem
außergewöhnlichen Teil von Deutschland lebenden
Menschen nie aufgehört hatte zu existieren. Und ich
war beim Fall der Berliner Mauer dabei - zu Fall
gebracht von der angehäuften Macht aufgebrachter
Bürger in der erfolgreichsten Revolution der deutschen
Geschichte.
Die Amerikaner sind für ihren Optimismus bekannt sogar in Zeiten der Revolution. Und wir leben zweifelsohne im Zeitalter der Revolution: In politischer
Hinsicht aufgrund der Beendigung des Kalten Krieges,
in wirtschaftlicher Hinsicht aufgrund der Globalisierung
der Industrie und dem Beginn des technologischen
Zeitalters. 1837, ungefähr 60 Jahre nach unserer
eigenen politischen Revolution des Jahres 1776, stellte
ein berühmter amerikanischer Beobachter, Ralph
Waldo Emerson, die Frage:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der man
geboren sein möchte, ist es dann nicht das
Zeitalter der Revolution, in dem Alt und Neu
Seite an Seite stehen, in dem die Energien
aller Menschen von Angst und Hoffnung
genährt werden, in dem der historische Ruhm
des Alten von den reichhaltigen Chancen des
Neuen kompensiert werden kann?"

AMERIKA DIENST 11

Ähnlich Emersons Wunsch nach reichhaltigen Chancen werden auch wir ermutigt durch die Ausbreitung
von Demokratie, neue globale Handelsbeziehungen
und das explosionsartige Anwachsen des weltweiten
Kommunikationswesens. Und ähnlich seinem Verständnis unserer Ängste werden wir mit Terrorismus,
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
ethnischem Haß und verbrecherischen Staaten
konfrontiert.
Als Ergebnis der Revolution von 1989 hat sich
Deutschland unwiderruflich gewandelt. Trotz aller
Schwierigkeiten des Einigungsprozesses und der
Anpassung an seine neue Rolle hat Deutschland
meines Erachtens Grund, stolz auf seinen Platz in
Europa und der Welt zu sein. Zu der soliden Grundlage der alten Bundesrepublik ist jetzt noch eine zweite
starke Säule hinzugekommen: Die Kraft und die Ideale
der demokratischen Revolution, die eine brutale
Diktatur hinwegfegte.
Mit dem neuen Deutschland als Motor machte die
Europäische Union große Fortschritte zu mehr Einheit
und einem echten Binnenmarkt. Das entspricht der
Situation in Nordamerika, wo wir das NAFTA mit
seinem langfristigen Potential zur Ankurbelung von
kräftigem Wirtschaftswachstum ins Leben riefen.
Unser pazifischer Handel ist sehr wichtig.
Weder das NAFTA noch die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Asien schmälern die Bedeutung,
die Europa für uns hat. Ich möchte einige Beispiele für
die Größe und Bedeutung der amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen anführen, bei denen
jeder der wichtigste Absatzmarkt und Handelspartner
des anderen ist.

Seite 1

�Den jüngsten Zahlen zufolge belaufen sich die amerikanischen Exporte in die Europäische Union und
umgekehrt jährlich auf jeweils 130 Milliarden Dollar mehr als das Doppelte der amerikanischen Exporte
nach Japan - und jahraus, jahrein ausgeglichen. Die
EU stellt für 29 unserer 50 Bundesstaaten, einschließlich der westlichen Bundesstaaten wie Kalifornien und
Washington, den größten Absatzmarkt dar.
Die Handelszahlen sind jedoch nur ein Teil der
Geschichte. Die meisten internationalen Geschäfte
werden durch Investitionen und Produktion auf ausländischen Märkten abgewickelt. Während die weltweiten
Exporte von Waren und Dienstleistungen der Vereinigten Staaten sich auf ungefähr 700 Milliarden
Dollar belaufen, beträgt der Absatz von Niederlassungen amerikanischer Unternehmen im Ausland ungefähr 1,6 Billionen Dollar - mehr als die Hälfte davon in
Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind auch der größte Investor im jeweils anderen Land
- jeder investierte ungefähr 270 Milliarden Dollar bei
dem anderen. Das stellt mehr als die Hälfte der
amerikanischen Direktinvestitionen im Ausland dar - 40
Prozent mehr als in Lateinamerika und Asien zusammengenommen. Als Ergebnis dieser Investitionen
sind mindestens drei Millionen Amerikaner bei in den
Vereinigten Staaten angesiedelten europäischen
Unternehmen beschäftigt, und eine ebenso große Zahl
von Europäern arbeitet für amerikanische Firmen in
Europa.
Die amerikanischen Vermögenswerte in Europa
belaufen sich auf nahezu eine Billion Dollar, was weit
über die 200 Milliarden Dollar amerikanischer Vermögenswerte in Asien hinausgeht. Und die amerikanischen Neuinvestitionen in Europa gehen trotz des
rapiden Wachstums der asiatischen Märkte weit über
die Neuinvestitionen in Asien hinaus.
Zusammengenommen beläuft sich der amerikanischeuropäische Handel auf ungefähr 1,7 Billionen Dollar
jährlich - eine riesige Summe, die nahezu 50 Prozent
über unserem transpazifischen Handel liegt.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben ganz
offensichtlich ein enormes Interesse am Wohlergehen
des anderen. Es ist eindeutig nicht der Fall, daß ein
stärkeres Europa ein schwächeres Amerika bedeutet
und umgekehrt - ganz im Gegenteil.

beschäftigungen. Vergleichbare Daten zeigen, daß
das Beschäftigungswachstum in den Vereinigten
Staaten größer ist als bei allen unseren G-7-Partnern
zusammengenommen.
Zwei Drittel des Anstiegs von Vollzeitstellen fand bei
Arbeitsplätzen mit überdurchschnittlicher Bezahlung
statt. Mehr als die Hälfte des Wachstums ereignete
sich bei den oberen 30 Prozent der Arbeitsplatzkategorien. Obwohl viele dieser neuen Arbeitsplätze im
Dienstleistungssektor liegen, entsprechen sie nicht
den Klischees, die auf dieser Seite des Atlantiks oft
wiederholt werden.
Die amerikanische Haushaltspolitik konzentriert sich
weiterhin auf den Abbau des Haushaltsdefizits,
während die Währungspolitik auf die Verhinderung
einer erneuten Inflation abzielt. Zum ersten Mal seit 50
Jahren gelang der Clinton-Administration ein Abbau
des Defizits in drei aufeinanderfolgenden Jahren.
1992 belief sich das Haushaltsdefizit auf 290 Milliarden
Dollar mit aufsteigender Tendenz. Den jüngsten
Zahlen für das Haushaltsjahr 1996 zufolge wird das
Defizit auf 140 Milliarden Dollar gesenkt.
Mit 2,3 Prozent ist der proportionale Anteil unseres
Defizits am Bruttoinlandsprodukt derzeit geringer als in
jedem anderen großen Industrieland - ein weiterer
europäischer Mythos, der näher untersucht werden
muß.
Was die Inflation betrifft, war unsere Leistung beispielhaft.
Die Inflationsrate betrug im Schnitt drei
Prozent. Das Fehlen inflationären Drucks angesichts
der auf 5,6 Prozent sinkenden Arbeitslosenrate in den
letzten anderthalb Jahren ist bemerkenswert.
Obwohl die Beschäftigungslage gut ist, gibt es nur
wenige Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitskosten.
Der Beschäftigungskostenindex wies in den letzten
drei Jahren wenige Veränderungen auf. Er spiegelt
die Bestrebungen der Unternehmen zur Kontrolle der
Kosten für Gesundheitsfürsorge sowie die verbesserte
Finanzgrundlage der Rentenpläne wider.
Somit
erhöhte sich der Gesamtkostenindex, der Beihilfen,
Löhne und Gehälter für im Privatsektor Beschäftigte
umfaßt, 1995 auf eine Jahresrate von 2,9 Prozent nominell der geringste Anstieg seit Beginn der Aufstellung des Indexes im Jahr 1980.

Vor diesem Hintergrund hat das Ausmaß dessen, was
wir in den Vereinigten Staaten in den letzten dreieinhalb Jahren erreicht haben, auch für Europa wichtige
Auswirkungen.

Wir haben die Schaffung guter Arbeitsplätze durch
eine Regierungspolitik erleichtert, die ein Umfeld bietet,
in dem innovative Unternehmen Erfolg haben und
expandieren können, sowie durch Programme, die
Exporte fördern und kommerziell tragfähige, moderne
Technologien hervorbringen.

Seit Januar 1993 ist die Beschäftigung in den Vereinigten Staaten rapide angestiegen - um 8,5 Millionen
neue Arbeitsplätze, die meisten von ihnen Ganztags-

Im Inland befürworten wir Deregulierung, Wettbewerb
und solide Unternehmensführung.
Entsprechend
haben wir versucht, unsere Märkte der gesamten Kraft

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�des globalen Wettbewerbs zu öffnen. Um Präsident
Clinton zu zitieren: "Wir wollen uns dem Wettbewerb
stellen und uns nicht zurückziehen".
Es wurde viel über "Verschlankung" geredet, aber eine
von der American Management Association im Jahr
1995 durchgeführte Übersicht über 1.000 große und
mittelständische Unternehmen belegt, daß der Verlust
an Arbeitsplätzen real nur 1,1 Prozent ausmacht, wenn
man den Abbau von Arbeitsplätzen im vergangenen
Jahr mit den Neueinstellungen vergleicht. Die Studie
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß es sich nicht um
eine gravierende Streichung von Stellen handelt,
sondern vielmehr um eine Verlagerung von Positionen
im mittleren Management zu Arbeitsplätzen, die mehr
professionelle oder technische Qualifikationen erfordern.
Natürlich ist dieses positive Bild nicht die ganze
Geschichte. Obwohl Wachstum das Wichtigste ist, ist
die Lage einiger Teile der amerikanischen Erwerbsbevölkerung nicht so gut wie die allgemeine Wirtschaftslage. Viele amerikanische Beschäftigte waren
nicht in angemessener Weise an der jüngsten wirtschaftlichen Expansion beteiligt. Lohnerhöhungen
wurden nicht zu gleichen Teilen an alle weitergegeben.
Wir sind ebenso an der Qualität - und Langlebigkeit der nahezu 114 Millionen existierenden Arbeitsplätze
interessiert wie an der Schaffung neuer. Ein dynamischer, gesunder Arbeitsmarkt sollte genug Arbeitsplätze für ein wachsendes Arbeitskräftepotential
schaffen. Gleichzeitig werden in einer dynamischen
Volkswirtschaft Arbeitsplätze allmählich aus bestimmten Gebieten in Bereiche mit größeren Wachstumschancen verlagert.
In den modernen Industriestaaten findet als Ergebnis
der technologischen Revolution eine grundlegende
wirtschaftliche Umgestaltung statt, die von den Kräften
des Wettbewerbs und der Innovation im Inland sowie
der Globalisierung der Weltwirtschaft angetrieben wird.
Als Reaktion auf diese Trends müssen die Regierungen ein Umfeld schaffen, in dem Unternehmen unverzüglich auf neue Chancen und technologischen
Wandel reagieren können. Sie müssen gewährleisten,
daß alle Arbeitnehmer eine Chance bekommen, die
neuen Möglichkeiten zu nutzen. Und sie müssen
Institutionen und Maßnahmen für diejenigen ersinnen,
deren Fähigkeiten durch den technologischen Wandel
abgewertet werden.
Heutzutage kann man nicht garantieren, daß ein
Arbeitsplatz für das ganze Leben sicher ist. Wir
können aber etwas anstreben, das ich als "sichere
Verwendungsfähigkeit" bezeichne. Jeder Arbeitswillige sollte erwarten können, daß er über genügend
Fähigkeiten verfügt, um während seines Arbeitslebens
neue Tätigkeiten zu übernehmen.

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Wie unser Arbeitsminister Robert Reich kürzlich
erklärte, gehört ein sicherer Arbeitsplatz wahrscheinlich der Vergangenheit an. Wir können Sicherheit des
Arbeitsplatzes in einer sich so schnell verändernden
Wirtschaft nicht wieder einführen. Aber wir setzen uns
dafür ein, daß die Menschen leichter verwendbar und
einstellbar sind, damit sie im Falle eines Verlusts ihres
Arbeitsplatzes eine ebenso gut bezahlte neue Beschäftigung finden.
Um mit der Aussicht auf langfristige Arbeitslosigkeit
umzugehen, wandeln wir unser System der Arbeitslosenversicherung in ein Wiederbeschäftigungssystem
um. Arbeitsminister Reich erklärte:
"Die Arbeitslosenversicherung wurde für eine
Zeit konzipiert, in der das Hauptproblem der
Arbeitslosigkeit zyklischer Natur war, und sie
sollte den Menschen Unterstützung gewähren,
bis sie wieder ihre alte Arbeit aufnehmen
konnten. Sie waren 'vorübergehend unbeschäftigt'. In der neuen Wirtschaft sind relativ
wenige Menschen vorübergehend unbeschäftigt. Die meisten verlieren ihren Arbeitsplatz
auf Dauer, weshalb wir das Arbeitslosenversicherungssystem so umgestaltet haben,
daß die Menschen in die Lage versetzt werden, durch Ausbildung, Hilfe bei der Arbeitssuche, Beratung und Einkommensteuerfreibeträge schneller wieder einen neuen Arbeitsplatz zu finden."
Gleichzeitig müssen die vieldiskutierten "Entlassungen" in der amerikanischen Industrie und das von den
Medien erörterte Klima der Unsicherheit in die richtige
Perspektive gerückt werden. Vor kurzem war die
Ankündigung von AT&amp;T in den Schlagzeilen, 50.000
Arbeitsplätze abzubauen. Weniger bekannt wurde die
Tatsache, daß im selben Monat 700.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.
Werden die 50.000 Menschen, die ihren Arbeitsplatz
bei AT&amp;T verloren haben, eine neue, ebenso gut
bezahlte Arbeit finden? Manche ja, andere wiederum
nicht. Und das ist die Crux des Problems, das unsere
beiden Regierungen - und die übrige industrialisierte
Welt - lösen müssen.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich
Ihnen hier eine Predigt halte, was Sie tun sollten - ganz
im Gegenteil. Als die beiden erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt sollten wir voneinander lernen.
Arbeitsminister Reich äußerte nach der Arbeitsplatzkonferenz der G-7 letzten Monat in Lille:
"Meiner Meinung nach können wir von Europa
etwas lernen. Eine Kultur kann nicht einfach
Programme oder Initiativen direkt in eine
andere Kultur verpflanzen. Aber einem Großteil Westeuropas gelingt es, seiner gesamten

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�Bevölkerung, oder dem Großteil seiner Bevölkerung, ein Mindestmaß an Kenntnissen und
Fähigkeiten zu vermitteln. Die Vereinigten
Staaten haben in dieser Hinsicht noch einen
Weg vor sich liegen."
In diesem Zusammenhang kamen im Laufe der
vergangenen Jahre eine Anzahl von Pädagogen,
Lehrkräften und Mitgliedern der Gesetzgebung nach
Deutschland, um Ihr äußerst effektives "duales
Ausbildungssystem" zu studieren. Der Übergang von
der Schule zum Arbeitsleben nimmt auf der innenpolitischen Tagesordnung Präsident Clintons einen
wichtigen Platz ein. Wir erwarten, daß eine steigende
Zahl von Amerikanern in Ihr Land kommt, um etwas
über das duale System - und sogar im Rahmen des
dualen Systems - zu lernen.
Gleichzeitig fand zwischen dem deutschen und dem
amerikanischen Arbeitsministerium ein wachsender
Informationsaustausch über Arbeitsmarktpolitik statt.
Der Schwerpunkt lag darauf, wie das Arbeitslosensystem in ein Wiederbeschäftigungssystem umgewandelt werden kann.
Die Beschäftigungskonferenzen der G-7 von Detroit
und Lille sind nur zwei Beispiele für den Austausch von
Informationen über die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Wir werden in Kürze in Zusammenarbeit mit der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn eine Konferenz
organisieren, die sich mit den hier angesprochenen
Themen befaßt. Zu den Rednern auf amerikanischer
Seite zählen der ehemalige Arbeitsminister Ray
Marshall sowie die Chefökonomin des Arbeitsministeriums, Lisa Lynch.

Wir haben zugestimmt, eine Führungsrolle im expandierenden Welthandel zu übernehmen, indem wir die
Welthandelsorganisation unterstützen und konkrete
Schritte zum Abbau oder der Beseitigung verbleibender Hemmnisse für den Fluß von Waren, Dienstleistungen und Kapital unternehmen. Wir werden
beispielsweise die nichttarifären Hemmnisse ansprechen, die die beträchtlichsten Hindernisse für
freien transatlantischen Handel darstellen - wie etwa
unterschiedliche Normen, Duplizität bei Erprobungsund Genehmigungsverfahren sowie andere widersprüchliche Regeln.
Es ist offenkundig, daß sich die europäischen Politiker
der Notwendigkeit der Liberalisierung und Öffnung von
Märkten bewußt sind. Es gibt ermutigende Anzeichen,
daß sich die starke staatliche Einflußnahme in Sektoren wie Telekommunikation und Transportwesen
verringert. Als ich vor nahezu einem Vierteljahrhundert
zum ersten Mal in Deutschland lebte, wäre die Privatisierung des Post-, Telekommunikations- und
Bahnsystems Häresie gewesen. Aber sie findet statt.
Starke Industrienationen wie Deutschland und die
Vereinigten Staaten können - und sollten - gleichermaßen Konkurrenten und Partner sein. In Bereichen wie
dem Telekommunikationswesen haben wir mit der
Partnerschaft zwischen der Deutschen Telekom und
Sprint sowie in der Luftfahrt mit dem Bündnis zwischen
Lufthansa und United Airlines bewiesen, daß Offenheit
und Deregulierung zum Erfolg für uns beide auf beiden
Seiten des Atlantiks führen kann.
Bundespräsident Herzog erklärte bei der Eröffnung der
Hannover Messe vor wenigen Wochen:

Noch wichtiger als Konferenzen und Ideenaustausch
zwischen Regierungen und Stiftungen ist natürlich die
Schaffung von Arbeitsplätzen. Die wirkliche Arbeit
muß im Privatsektor geleistet werden - auf beiden
Seiten des Atlantiks.

"Was die atlantische Gesellschaft vereint,
reicht über die militärische Zusammenarbeit
weit hinaus in das politische, kulturelle und vor
allem wirtschaftliche Leben. Wir sind eine
Lebens- und Lerngemeinschaft..."

Sowohl Europa als auch Amerika haben noch andere
bedeutende Wirtschaftsinteressen. Die Vereinigten
Staaten wollen den freien Handel in Asien und dem
Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre ausweiten.
Europa strebt eine weitere Integration seines Binnenmarktes und die Aufnahme der Nationen Zentral- und
Osteuropas an. All dies sind wichtige Belange.

"Amerika ist nicht nur ein Seismograph sich
abzeichnender Entwicklungen der modernen
Gesellschaft. Es ist - trotz vieler eigener
Probleme - ein Reservat bewährter Tugenden:
Zuversicht, Unternehmungslust, Innovationsund Pioniergeist, Freiheitsdrang, Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Es lohnt sich
deshalb gerade für uns Deutsche, bei der
Bewältigung unserer eigenen Probleme immer
einmal nach Amerika zu sehen."

Unsere Interessen an anderen Orten der Welt sollten
nicht von der Zentralität der amerikanisch-europäischen Beziehungen ablenken. Im Dezember vergangenen Jahres unternahmen die Vereinigten Staaten
und die EU wichtige Schritte zur Erweiterung und
Vertiefung dieser Beziehungen, indem sie sich auf eine
neue Tagesordnung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit einigten.

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Diese Worte Ihres Bundespräsidenten sind eine
Aufforderung zu der Diskussion, die wir am heutigen
Abend führen wollen. Der große Kontrast zwischen
unseren Hoffnungen und unseren Ängsten macht deutlich, daß dieses neue Zeitalter von der zunehmenden
Fähigkeit des Menschen charakterisiert wird, Gutes
und auch Böses zu tun. Diese neue Ära erfordert

AMERIKA DIENST 11

�mehr als bloß innovative Lösungen für unsere politischen und wirtschaftlichen Probleme. Sie fordert von
uns eine Revolution unserer Denkweise. Hierzu

brauchen wir die deutsch-amerikanische Partnerschaft. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.

Vielen Dank.

*

AMERIKA DIENST 11

*

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�OECD
29. Mai 1996

Neue Aufgaben und Herausforderungen
im Bereich wirtschaftlicher Zusammenarbeit
Ansprache von Joseph Stiglitz
WASHINGTON - (AD) - Joseph Stiglitz, Vorsitzender von Präsident Clintons Rat der Wirtschaftsberater (Council
of Economic Advisers - CEA), erklärte, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(Organization for Economic Cooperation and Development - OECD) solle ihren Schwerpunkt auf in jüngster Zeit
entstandene Fragen verlagern, darunter die Integration der ehemaligen zentral geplanten Volkswirtschaften in
das Handelssystem.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Ansprache des Leiters der US-Delegation am 22. Mai
1996 beim OECD-Ministertreffen in Paris.

Es überrascht wohl niemanden, wenn ich sage, daß
dieses Ministertreffen an einem für die OECD entscheidenden Zeitpunkt stattfindet. Er markiert einen
Führungswechsel und ist auch von zunehmenden
Haushaltsengpässen, erweiterter Mitgliedschaft sowie
einer Ausweitung der Themengebiete gekennzeichnet.

Vorbereitung internationaler Verhandlungen,
insbesondere im Bereich des Handels. Die
OECD-Studien über Maßnahmen zum Schutz
und der Wettbewerbsfähigkeit der Märkte
sowie Hintergrundarbeit für die Investitionsverhandlungen sind gute Beispiele.

Unter diesen Umständen ist es erforderlich, eine
Bestandsaufnahme - der einzigartigen Rolle und
besonderen Stärken der OECD als Institution - vorzunehmen.

Ein drittes Gebiet sind alle Mitgliedsländer
betreffende Fragen, die immer noch in den
Aktionsbereich jedes einzelnen Landes fallen.
Beispiele sind unter anderem die Arbeitsplatzstudie der OECD, die derzeitigen Untersuchungen zu den Auswirkungen der Bevölkerungsalterung und die Arbeit an einer Reform
der Aufsichtsbestimmungen.

Meines Erachtens bietet die einzigartige Rolle der
OECD Aktivitäten und Untersuchungsmöglichkeiten,
die für viele oder sogar alle ihrer Mitglieder von Vorteil
sind, die jedoch wahrscheinlich keines alleine anbieten
kann. Tatsächlich ist die OECD das internationale
Gegenstück zum Bruttoinlandsprodukt, bei dem die
Vorteile einer Aktivität auch anderen Ländern zugute
kommen. Hierzu möchte ich einige Beispiele anführen:
International vergleichbare Statistiken. Sie
sind sachlich und nüchtern, haben aber
großen Wert. Die OECD leistete Pionierarbeit
im Bereich von Agrarsubventionen, und wir
erwarten, daß die beginnende Arbeit an
Maßnahmen für die Ausbildung von Humankapital ebenso wertvoll sein wird.

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Viertens. Alle Mitgliedsländer betreffende
Fragen, die nur im Rahmen eines kollektiven
Ansatzes gelöst werden können. Die Vereinbarungen über Exportkredite, Maßnahmen zur
Bekämpfung von Bestechung und Korruption
sowie die Bestrebungen zur Begrenzung von
Subventionen sind hierfür als Beispiele zu
nennen. Die Bemühungen zur Ermutigung der
Integration der Schwellenländer sowie dynamischer Nichtmitgliedstaaten in das Handelssystem sind in diesem Zusammenhang von
besonderer Bedeutung.

Seite 1

�Schließlich ist noch die Aushandlung qualitativ
hochwertiger internationaler Übereinkünfte
zwischen einer überschaubaren Zahl gleichgesinnter Länder zu nennen. Das multilaterale Investitionsabkommen ist ein gutes Beispiel
- ebenso wie die derzeitigen Bestrebungen zur
Eindämmung von Bestechung und Korruption. Wir müssen auf diesem Gebiet jedoch
verstärktes Engagement zeigen.

wollen - auf einem mit begrenzten Mitteln ausgestatteten Gebiet ist es sinnvoll, im Hinblick auf Ausmaß und
Häufigkeit unabhängiger Prognosen und Analysen
eine Unterscheidung zwischen einzelnen Ländern
vorzunehmen.
Die Arbeit sollte von die Mitgliedsländer
beschäftigenden Fragen definiert werden,
nicht von Sektoren. Dies gilt insbesondere,
wenn diese Sektoren über ihre eigenen Industriebeobachter und Analysten verfügen.

Die OECD sollte sich auch ihre besonderen Stärken
zunutze machen. Meines Erachtens verfügt keine
andere Institution über die Fähigkeiten der OECD zum
Umgang mit Strukturproblemen, mit denen alle hochentwickelten Volkswirtschaften konfrontiert werden.
Ich habe bereits einige erwähnt. Andere - sowohl
aktuelle als auch zukünftige - Fragen betreffen folgende Bereiche:
Eine Reform der Bestimmungen in Branchen
wie Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, Stromerzeugung sowie das Problem, in
deregulierten Sektoren Wettbewerb zu gewährleisten.
Die Interaktion zwischen Handelspolitik,
Offenheit und Effektivität heimischen Wettbewerbs. Dies führt natürlich dazu, daß
Handelspolitik und das effektive Funktionieren
inländischer Märkte langfristiges Wachstum
erzeugen.
Ich habe ausführlich darüber gesprochen, was die
OECD unternehmen sollte. Jede verantwortungsvolle
Diskussion umfaßt auch Bereiche, die weniger wichtig
sind. Hierbei sind meines Erachtens einige allgemeine
Grundsätze hilfreich:
Vermeidung von Duplizität der Aktivitäten,
insbesondere wenn sie bereits von mit wesentlich mehr Mitteln ausgestatteten Institutionen durchgeführt werden.
Um ein Beispiel zu nennen: Von einigen Ländern,
insbesondere den größeren, werden umfassende
Untersuchungen und Prognosen aufgestellt. Ohne die
wirklich ausgezeichnete Arbeit der OECD abwerten zu

Die wertvollste Arbeit ist die im Zusammenhang mit neuen oder gerade auftretenden
Fragen stehende. Die meisten dieser Angelegenheiten betreffen Übergangszeiten oder
Anpassungen und haben daher per definitionem temporären Charakter.
Ein bei diesem Ministertreffen wiederholt angesprochenes Thema ist das der Übergangszeiten. Am interessantesten und wertvollsten erschienen die Fragen,
die Wandel, Anpassung, Übergangsstadium oder
Integration betreffen - von Natur aus dynamische
Prozesse.
Dies bringt die OECD jedoch auf sehr reale Weise
zurück zu ihren Wurzeln in der Organisation für
Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit - einer
zur Unterstützung der durch Krieg zerstörten europäischen Volkswirtschaften bei Wiederaufbau und
Wiedereingliederung in das Handelssystem geschaffenen Organisation.
In der heutigen Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges befassen wir uns mit dem Wiederaufbau und
der Wiedereingliederung von Volkswirtschaften, die
nicht durch Krieg Schaden nahmen, sondern durch
Planwirtschaft und massive Verzerrungen interventionistischer Politik. Ferner befassen wir uns mit den
durch unseren enormen Erfolg beim Wiederaufbau
nach Wirtschaftskrise und Krieg entstandenen Herausforderungen und Chancen sowie mit dem daraus
resultierenden Umfang des Wachstums für alle
Länder. Dies sind die Fragen, zu deren Lösung die
OECD gegründet wurde, und ich begrüße es, daß
ihnen auch in Zukunft Aufmerksamkeit gewidmet wird.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 11

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die O'Neill-Literatur wächst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zwei neue Biographien bereichern die Literatur um Amerikas größten Dramatiker&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Atom und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geldionenmikroskop für 20-millionenfache Vergrößerung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Laboratorium für Strahlensterilisierung von Lebensmitteln&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Entsalzungsanlage für Neu-Mexiko&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sport&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltmeisterschaften im Fallschirmspringen beginnen am 11. August 1962 in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Leben in den USA&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika macht Ferien&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Inlandstouristik ein Milliardengeschäft&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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•

Information
und
Dokumentation

• 111

r

K-

|

United States Information Service

29. Juni 1977

17

INHALT

DOKUMENTATION
USA über OECD-Ministertagung in Paris befriedigt
- Rede des amerikanischen Finanzministers US-Staatssekretär Cooper zieht Bilanz des Pariser Nord-Süd-Dialogs
- Auszüge aus der Erklärung vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß
des US-Kongresses HINTERGRUNDMATERIAL
Energieerzeugung nach dem MHD-Verfahren
- Gemeinsame amerikanisch-sowjetische Experimente - USA stellen
Supermagneten bereit WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"GASOHOL" - Mischbenzin mit Alkohol
DNS-Synthese als Indikator für krebserzeugende Substanzen

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Dokumentation
United States Information Service

17

29. Juni 1977

USA ÜBER OECD-MINISTERTAGUNG IN PARIS BEFRIEDIGT
- Rede des amerikanischen Finanzministers -

PARIS - (AD) - Der amerikanische Außenminister Cyrus R. Vance und
Finanzminister W. Michael Blumenthal zeigten sich befriedigt über die Ergebnisse der Ministertagung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am 23. und 24. Juni in Paris. Vor der Organisation der wichtigsten 24 Industriestaaten hatte Vance auf der Eröffnungssitzung am 23. Juni eine verstärkte Zusammenarbeit der Industrieländer
mit den Entwicklungsländern gefordert. Er erinnerte in diesem Zusammenhang
daran, daß auf der kürzlichen Konferenz für Internationale Wirtschaftliche
Zusammenarbeit (CIEC) Einigung zwischen armen und reichen Ländern erzielt
worden sei, eine Zusammenarbeit statt einer Konfrontation anzustreben. Vance
begrüßte es auf einer Pressekonferenz am 25. Juni in Paris, daß das OECDTreffen die vorher im Nord-Süd-Dialog eingegangenen Verpflichtungen bestätigt
habe.
Auf

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�«

Auf der gleichen Pressekonferenz würdigte der amerikanischen Finanzminister W. Michael Blumenthal die Ergebnisse der OECD-Konferenz, die von
"beträchtlicher Bedeutung" seien.
Blumenthal hatte in einer Rede am 24. Juni detailliert die amerikanische Auffassungen dargelegt und vor allem einen Abbau der Zahlungsbilanzüberschüsse der wirtschaftlich stärkeren Länder gefordert.
Die Rede des amerikanischen Finanzministers hat folgenden Wortlaut:

Aussichten und Politiken für eine anhaltende Expansion im OECD-Gebiet
Im vorigen Monat sind die Regierungschefs von sieben der hier vertretenen Länder über mehrere grundsätzliche Zielsetzungen übereingekommen:
- Schaffung von mehr Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Verringerung der
Inflation;
- Erreichung festgelegter Wachstumsraten oder Verfolgung einer angemessenen Stabilitätspolitik;
- Unterstützung der Bemühungen des Internationalen Währungsfonds (IWF),
weitere Mittel zu erhalten und

Abhängigkeit der Vergabe von IWF-Krediten

von einer angemessenen Stabilitätspolitik;
- Verfolgung nationaler und gemeinsamer Anstrengungen zur Begrenzung
des Energiebedarfs und zur Verstärkung und Auffächerung der Energieversorgung;
- Ablehnung des Protektionismus und einen neuen Anlauf für die TokioRunde der multilateralen Handelsverhandlungen;
- Gewährung

�- Gewährung größerer Chancen für die Entwicklungsländer, am Wachstum
der Weltwirtschaft teilzuhaben.
Diese Konferenz hier bietet anderen Ländern die Möglichkeit, sich
diesen Verpflichtungen anzuschließen.

Ich möchte jedes dieser Länder drin-

gend bitten, sich anzuschließen.
Die Konferenz bietet die Gelegenheit, Verfahren auszuarbeiten, die unser
Verständnis der Absichten der nationalen Politik eines jeden Landes erhöhen
und uns in die Lage versetzen, unseren Fortschritt zu verfolgen. Ich möchte
vorschlagen, daß wir dies tun.
Und die Konferenz ist eine Gelegenheit, zusammen unsere Aussichten für
ein anhaltendes Wirtschaftswachstum im OECD-Gebiet zu untersuchen.
In praktisch jedem hier vertretenen Land liegt die Arbeitslosigkeit
auf einem völlig unannehmbaren Stand. In den meisten unserer Länder ist
die Inflation zu hoch. Viele unserer Länder erleben Zahlungsbilanzdefizite,
die nicht lange getragen werden können.
Wir stehen vor miteinander zusammenhängenden Problemen in einer von
einander abhängigen - interdependenten - Welt. Wir können unsere Probleme
nicht auf Kosten anderer lösen. Und ebenso wenig kann irgend ein Land erwarten, in einem Meer wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine Insel der Prosperität zu sein. Wir müssen unsere Probleme zusammen und kooperativ lösen.
Das überleben unserer politischen Institutionen und unseres offenen Handels- und Finanzsystems hängt von dem Erfolg unserer Anstrengungen ab.
Wir können diese Aufgabe bewältigen.

Es kann uns gelingen, ein an-

haltendes nicht-inflationäres Wachstum zu erreichen:
- wenn jedes Mitgliedsland, das dazu in der Lage ist, im eigenen Land
die makro-wirtschaftliche Politik verfolgt, die die maximale Wachstumsrate
- 3 -

�Wachstumsrate im eigenen Lande ohne ein Wiederaufleben der Inflation auslöst;
- wenn jedes Land, dem es noch nicht gelungen ist, den inflationären
Druck unter Kontrolle zu bringen, eine nachhaltige und wirksame Stabilitätspolitik verfolgt;
- wenn wir über die traditionellen Maßnahmen zur Regelung der Nachfrage
hinausgehen, um die zugrundeliegenden strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit und Inflation zu bekämpfen;
- wenn Überschuß- wie Defizitländer zulassen, daß die Wechselkurse ihre
angemessene Rolle im Anpassungsprozeß spielen.
Weil einige Länder bei der Bekämpfung der Inflation größere Fortschritte
gemacht haben als anderes und weil einige Länder unter einer größeren Zahlungsbilanzbelastung stehen als andere, werden sich die Politiken von Land
zu Land unterscheiden,
In den finanziell starken Ländern erfordert die Situation die maximale
wirtschaftliche Wachstumsrate9 die mit der Kontrolle und dem Abbau des inflationären Drucks vereinbar ist. In den Vereinigten Staaten sind wir auf
dem Wege, in diesem Jahr - von Jahresende zu Jahresende - ein Wachstum von
rund sechs Prozent zu erreichen» Die Wirtschaftstätigkeit nahm im ersten
Quartal mit einer Jahresrate von 6,9 Prozent zu. Wir rechnen im laufenden
Quartal mit einer ähnlichen Rate, der eine Wachstumsrate von 5 bis 5,5 Prozent im zweiten Halbjahr folgen dürfteo Die Arbeitslosigkeit ist zum erstenmal seit fast drei Jahren unter 7 Prozent gedrückt worden, während die Zahl
der Beschäftigten in sechs Monaten um zwei Millionen zugenommen hat.
Gleichzeitig ist die zugrundeliegende Inflationsrate der Vereinigten
Staaten, trotz zeitweiliger Rückschläge aufgrund schlechter Witterungsbedingungen, konstant geblieben, auch wenn sie viel zu hoch war.
Wir
. 4 .

�Wir sind natürlich besorgt über die Voraussagen des Sekretariats, die
anklingen lassen, daß die gegenwärtige Politik weder Deutschland noch Japan
ein Erreichen ihres erklärten Wachstumszieles ermöglichen wird und daß ein
zu großer Teil der Produktionssteigerung, vor allem in Japan, in den Export
fließt.

Aber wir vertrauen auf die Zusagen von Bundeskanzler Schmidt und

Ministerpräsident Fukuda, daß sie erforderlichenfalls weitere Maßnahmen ergreifen werden, um ihre Wachstumsziele zu erreichen und die derzeitigen Zahlungsbilanzüberschüsse abzubauen.
Ein Abbau der derzeitigen Zahlungsbilanzüberschüsse ist unbedingt erforderlich, weil einige der schwächeren Länder sich den von der Vernunft her
gesetzten Grenzen für eine Schuldenaufnahme nähern - gleichgültig ob es
sich nun um private Kreditgeber oder staatliche Institutionen handelt.
diesen Umständen ist das Vorhandensein

Unter

reichlicher Kreditmittel auf Seiten

der ständigen Überschußländer keine umfassende Lösung.
Stärkeres binnenwirtschaftliches Wachstum und Wechselkurserhöhungen werden in den stärkeren Ländern zur Beseitigung ihrer Überschüsse beitragen.
Jetzt ist es für die Überschußländer an der Zeit, Praktiken zu beseitigen,
die den Export gegenüber der für den inländischen Verbrauch bestimmten Gütererzeugung begünstigen, Importe erschweren oder die Devisenmärkte beeinflussen.
Es ist der richtige Zeitpunkt, daß die starken Länder ihre Währungs- und Kapitalkontrollen beseitigen, die die Wechselkurse herabdrücken könnten, und
daß sie für ein Wiederanbieten von außerhalb des Marktes zugeflossenen Devisen,zum Beispiel angefallene Zinsen auf vorhandene Reserven, am Markt Sorge
tragen.
Zu den Aufgaben für die stärkeren Länder zähle ich auch die Verpflichtung
der Vereinigten Staaten, die zu hohen Erdölimporte abzubauen.

Wenn erst das

Erdöl aus Alaska fließt, wird sich unser Importbedarf sofort verringern. Langfristig müssen wir jedoch ein stärkeres Energieprogramm erreichen, das auf der
Einsparung und dem Ersatz importierter Brennstoffe durch einheimische basiert.
Präsident Carter hat diesem Ziel trotz der Schwierigkeiten, die dadurch be- 5 -

�•&gt;

bedingten wirtschaftlichen und sozialen Änderungen zu verwirklichen,höchste
Priorität gegeben.
Länder mit schwachen Devisenpositionen haben in gleicher Weise die Verpflichtung, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen, ihre Volkswirtschaften
zu stabilisieren und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Sie haben einen Anspruch auf die Kooperation der stärkeren Länder, aber sie
können von den anderen nicht erwarten, daß diese ihre Probleme für sie lösen.
Sie sollten nicht zu viel Kredite aufnehmen.

Sie sollten eine ausreichende

Abwertung ihrer Währungen zulassen, um ihre Wettbewerbsposition zu verbessern.
Und sie sollten den Rückgang ihrer Wechselkurse durch eine Binnenwirtschaftspolitik untermauern, so daß die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit erhalten
bleibt.

Die Vorteile einer Abwertung werden nicht rasch fühlbar werden, aber

wenn die Wechselkurse nicht den unterschiedlichen Inflationsraten entsprechen,
müssen die Zahlungsbilanzungleichgewichte nur noch schlimmer werden.

Es

fällt schwer, sich vorzustellen, wie ein Land seine internationale Position
verbessern kann, wenn die von ihm verfolgte Politik seinen Produzenten beim
Export keine Gewinnspanne gestattet, wie sie für eine ausreichende Exporttätigkeit aber auch für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importen
nun eben notwendig ist.

Die Produzenten brauchen ausreichende Anreize, wenn

sie Anlageinvestitionen sowohl auf dem Export- wie auch auf dem Binnenmarkt
vornehmen sollen.
Ganz offensichtlich fällt es den Regierungen nicht leicht, die für die
Wiederherstellung der Preisstabilität im Inland und die Kreditwürdigkeit gegenüber dem Ausland erforderliche Binnenwirtschaftspolitik einzuschlagen.
Eine solche Politik verlangt, auf nationaler Ebene den Gürtel enger zu
schnallen. Und jeder Aufschub wird nur noch härtere und schmerzlichere Maßnahmen notwendig werden lassen. Sobald sich erste Schwierigkeiten abzeichnen,
Kapital zu normalen Bedingungen anzuziehen, sollten Stabilisierungsprogramme
entwickelt werden, notfalls auch im Zusammenwirken mit dem Internationalen
Währungsfonds (IWF). Eine solche Zusammenarbeit wird nicht nur staatliche
Finanzquellen erschließen, sondern auch dazu beitragen, Finanzierungen durch
- 6 -

�durch private Stellen zu erhalten.
Natürlich haben zahlreiche Länder diese Wachstums- und Stabilisierungstheorie bereits geraume Zeit befolgt.
zu sehen.

Wir beginnen jetzt die Ergebnisse

Die internationale Zahlungsbilanzstruktur verlagert sich bereits

ganz merklich in der richtigen Richtung.
Die wirtschaftliche Expansion beginnt, vor allem in den Vereinigten
Staaten»Wirkung zu zeigen. Wir rechnen in diesem Jahr mit einem Defizit
in den laufenden Konten von 10 bis 12 Milliarden Dollar gegenüber einem Defizit von 600 Millionen Dollar 1976 und einem Oberschuß von 11,5 Milliarden
Dollar 1975. Wie die Stärke des Dollars beweist, können die Vereinigten
Staaten ein solches Defizit eine Zeitlang tragen, weil wir das zu seiner Finanzierung erforderliche Kapital anziehen.
Ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung verbessert ganz eindeutig
die Erlöse der Entwicklungsländer. Die Exporte der über kein Erdöl verfügenden Entwicklungsländer waren im vierten Quartal 1976 ein Drittel höher
als ein Jahr zuvor. Und wenn sich auch einzelne Entwicklungsländer Schwierigkeiten gegenübersehen, so gibt es doch kein allgemeines "Schuldenproblem der
Entwicklungsländer". In Wirklichkeit sind die Reserven der über kein Erdöl
verfügenden Entwicklungsländer im letzten Jahr um 11 Milliarden Dollar gestiegen.
Die Stabilisierungsprogramme beginnen Erfolge zu zeitigen.

Die Zah-

lungsbilanz Großbritanniens scheint sich langsam in Richtung auf einen Oberschuß zu bewegen, während Italien, Mexiko und Brasilien ihre Defizite stark
abgebaut haben.
Trotz dieser Zeichen eines Fortschritts haben wir noch einen beträchtlichen Weg bis zu angemessenen Zahlungsbilanzen zurückzulegen.
- Wir

�- Wir brauchen bei den laufenden Konten solcher Überschußländer wie
Japan, Deutschland, die Schweiz und Holland eine wesentliche Verlagerung
in Richtung auf ein Defizit.
- Bei einer Reihe kleinerer, an diesem Tisch vertretener Länder muß es
zur Einführung einer Stabilitätspolitik kommen.
- Und die Länder, die bereits Stabilitätsmaßnahmen ergriffen haben,
müssen dabei bleiben, bis die Inflation abgebaut und die Furcht vor ihrem
Wiederaufleben zerstreut ist.
Ich bin mir darüber klar, daß solche Veränderungen nicht über Nacht
erfolgen können.

Sie erfordern Zeit und eine sorgfältig durchdachte und

stufenweise durchgeführte Politik.

Länder mit einer schwachen Devisenpo-

sition werden eine ausreichende staatliche Finanzierung brauchen, die die
Einführung einer geeigneten Stabilitätspolitik voraussetzt.

Ich bin zuver-

sichtlich, daß die derzeitigen Bemühungen um eine Ausweitung der IWF-Mittel
eine ausreichende staatliche Finanzierung sicherstellen werden, um diesem
Erfordernis, abgesehen von dem einmaligen Fall Portugal, in naher Zukunft
Rechnung zu tragen.

Langfristig vertraue ich darauf, daß alle OECD-Mit-

gliedstaaten ebenso bereit sein werden, eine angemessene Erhöhung der IWFQuoten zu unterstützen.
Aber wenn auch die Anpassungen und strukturellen Änderungen in unseren
Volkswirtschaften Zeit brauchen, so wird doch die Gefahr innerer Unruhen,
von Handelsrestriktionen oder Insolvenzen immer größer, je länger der Beginn
eines solchen Prozesses hinausgeschoben wird. Wir haben uns viel zu sehr
damit befaßt, das Finanzsystem aufrechtzuerhalten. Aber die Strafe, wenn
es nicht gelingt, unsere Finanzprobleme zu lösen, wird wahrscheinlich nicht
finanzieller Zusammenbruch sein. Vielmehr dürften die Folgen Handelsrestriktionen und ein allmähliches Zurückgleiten in die Schwächen und Unzulänglichkeiten eines wirtschaftlichen Nationalismus sein.
Einseitige

�Einseitige Handelsrestriktionen müssen als eine nicht akzeptable Antwort auf Zahlungsbilanzdefizite oder Probleme einer binnenwirtschaftlichen
Anpassung abgelehnt werden.

Solche Maßnahmen beschwören ganz eindeutig nur

das Risiko herauf, sowohl im Inland wie im Ausland, die Arbeitslosigkeit zu
fördern und die Inflation zu schüren.
Wenn wir auch die Realität handelsbedingter Schwierigkeiten in verschiedenen Bereichen nicht ignorieren dürfen, die sich nicht über Nacht beilegen lassen, so muß unser Ziel doch weiterhin darin bestehen, eine echte
Anpassung an die strukturellen Veränderungen in unserer eigenen Volkswirtschaft ohne Verlagerung dieser Probleme auf unsere Handelspartner zu erreichen. Wir waren in der Vergangenheit in dieser Hinsicht keineswegs vollkommen, aber im großen und ganzen haben die OECD-Mitgliedsländer dem Druck
des Protektionismus widerstanden.
Die Erneuerung des Handelsgelöbnisses von 1974 gibt uns die Möglichkeit,
gemeinsam unsere Entschlossenheit erneut zu bekräftigen, Handelsrestriktionen
oder restriktive Maßnahmen bei unseren laufenden Konten und eine künstliche
Stimulierung des Exports zu vermeiden.

Die Vereinigten Staaten unterstützen

mit Nachdruck die Erneuerung dieses Gelöbnisses und fordern Sie ebenfalls
dazu auf.
Wir müssen ferner eine Liberalisierung des Handels anstreben, indem wir
den multilateralen Handelsverhandlungen in Genf neuen Auftrieb geben und
uns in diesem Jahr um wesentliche Fortschritte auf den wichtigsten Gebieten
bemühen.
Das bedeutet, daß wir Übereinstimmung darüber erzielen müssen, welches
die entscheidend wichtigen Fragen sind, welche Verfahrensregeln wir für ihre
Behandlung annehmen und innerhalb welcher Zeit jeder dieser Schritte erfolgen muß.
Wir brauchen dringend Übereinstimmung über:
- eine

�- eine Formel für Zoll Senkungen und Verfahrensregeln für Verhandlungen
über einen Abbau der nicht-tarifären Handelsschranken;
- praktisch durchführbare und wirksame Maßnahmen, um den toten Punkt
beim Agrarhandel zu überwinden;
- Maßnahmen, um den Entwicklungsländern zu helfen, daß sie Nutzen aus
dem expandierenden Welthandel ziehen können; und
- neue internationale Regeln für Subventionen und Gegenzölle.
Wir brauchen ein besseres allseitiges Verständnis über das, was fairer
und was unfairer Handel ist, und wie die Regierungen richtig auf unfaire Handelspraktiken reagieren können, um so ein wichtiges Ärgernis auszuräumen.
Wir brauchen, kurz gesagt, nicht Worte, sondern echten Fortschritt bei
der Lösung der schwierigen Probleme bei der Handelsliberalisierung.
Ich möchte ferner die Wichtigkeit eines weiteren Fortschritts in Richtung auf eine Vereinbarung unterstreichen, die die gegenwärtige internationale Auffassung über Exportkredite erweitert und stärkt.
Die Verwirklichung der von mir aufgezeigten binnenwirtschaftlichen
und internationalen Anpassungen wird ein erfahrenes und verantwortungsbewußtes Wirtschaftsmanagement und eine Bereitschaft erfordern, vorauszuplanen.
Wie das Sekretariat betont, müssen unsere Länder der mittelfristigen Planung
mehr Aufmerksamkeit schenken. In den Vereinigten Staaten hat Präsident
Carter als Ziel für die Senkung der Inflationsrate und der Arbeitslosenrate
sowie für den Ausgleich des Bundeshaushalts bei hoher Beschäftigung in der
Wirtschaft das Jahr 1981 gesetzt. Wir erwägen wirtschaftliche und haushaltspolitische Entscheidungen und entwickeln wirtschaftliche Zielsetzungen in
diesem Rahmen.
Die
- 10 -

�Die Wachstumsziele und die Stabilitätspolitik müssen natürlich letztlich der Verantwortung der souveränen Länder vorbehalten bleiben.

Für jedes

Land wird es jedoch eine Hilfe bei der Verwirklichung seiner Wachstumsziele
und seiner Stabilitätspolitik sein, wenn es ein klares Bild von den Plänen
der anderen Länder und deren weltweiten Auswirkungen auf seine eigenen Ziele
hat.
Meines Erachtens wäre es daher nützlich, die Verfahren für eine multilaterale Prüfung und anschließende Beobachtung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten zu stärken.

Wir müssen jedoch realistisch sein.

Die Mitglied-

Staaten als Gesamtheit - aber nicht unbedingt alle Mitgliedstaaten - sollten
1977 möglichst auf eine schnellere Wachstumsrate hinarbeiten.
Ich unterstütze die Anregung, daß jedes Land aufgefordert werden soll,
der Organisation baldigst im Herbst vorläufige Zielsetzungen für das Wachstum
der Binnennachfrage und für die Stabilitätspolitik im Jahre 1978 vorzulegen.
Wir sollten ferner von den Ländern erwarten, daß sie Aufschluß geben über die
erwünschte Richtung der Änderungen bei Preisen und laufenden Konten, auch
wenn spezifische Ziele für diese Indikatoren praktisch nicht möglich sind.
Diese eingereichten Unterlagen würden die Grundlage für Prüfung und Stellungnahme durch den Ausschuß für Wirtschaftspolitik bilden.

Da dieser Vorschlag

direkt in die laufende Arbeit der Organisation übergreift, rechne ich nicht
damit, daß es erst eines Anstoßes auf einer Sondersitzung des Ministerrats
bedarf.
Schließlich möchte ich noch betonen, daß wir uns bei der Verfolgung unserer Wirtschaftspolitik darüber klar sein müssen, daß einige unserer Werkzeuge für das Wirtschaftsmanagement nicht länger mehr so greifen, wie dies
früher der Fall war.

In den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern hat

sich die Wechselwirkung zwischen Wirtschaftstätigkeit und Inflation geändert.
Wir erleben es, daß weder hohe Arbeitslosigkeit noch zu geringe Kapazitätsauslastung automatisch zu einem raschen Rückgang der Inflation führen.
dere Faktoren als eine zu starke Nachfrage
- 11 -

An-

werden immer mehr zu entschei-

�entscheidenden Faktoren für die Inflation.
Daher müssen wir nach neuen Programmen und einer neuen Politik suchen,
die bei unseren Bemühungen um einen Abbau der Arbeitslosigkeit und der Inflation ergänzend zu der Beeinflussung der Nachfrage wirken.

Viele der Maß-

nahmen, die wir treffen müssen, sollten sich auf spezifische, strukturelle
Probleme in unseren Volkswirtschaften konzentrieren - auf die Notwendigkeit,
die Beschäftigungspraktiken zu ändern und neue Fachkräfte zu gewinnen; auf
die Notwendigkeit neuer Maßnahmen, um für die Jugendlichen neue Arbeitsplätze
zu schaffen; auf die Notwendigkeit, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und
solche Bestimmungen zu beseitigen, die überholt sind oder die nicht den
Kosten-Nutzen-Test bestehen.
Ich unterstütze den Vorschlag für eine Konferenz auf hoher Ebene, um
Erfahrungen auszutauschen und politische Richtlinien für Maßnahmen zur Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit zu entwickeln. Dieses Problem besteht
allgemein in unseren Ländern. Da viele von uns spezifische Programme zu
seiner Bekämpfung aufgenommen haben, können wir Nutzen daraus ziehen, wenn
wir unsere Gedanken und Erfahrungen miteinander austauschen. Ich begrüße
auch die nützliche und zeitgerechte Erörterung der Techniken für eine Bekämpfung der Inflation im Bericht der McCracken-Gruppe. Im Rahmen des umfassenden Antiinflationsprogramms Präsident Carters haben die Vereinigten
Staaten bereits die Bestimmungen der Regierung mit der Absicht überprüft,
dem privaten Sektor auferlegte unnötige Kosten abzubauen und den Bereich des
freien Marktes auszuweiten. Gleichzeitig arbeiten wir mit Gewerkschaften
und Unternehmern bei der Entwicklung freiwilliger kooperativer Maßnahmen zusammen, um eine Lohn-Preis-Spirale zu vermeiden.
Wenn alles Gesagte getan ist, wird der Erfolg unserer Wirtschaftspolitik
im Grunde genommen von unserem Vermögen abhängen, Vertrauen zu erwecken, daß
wir ein stetiges Wachstum bei geringerer Arbeitslosigkeit und bei stabilen
Preisen erreichen und ein starkes und offenes Währungs- und Handelssystem
aufrecht erhalten können.

In einer Kosten-Gewinn-Rechnung sind die Gefahren,
- 12 -

�Gefahren, zu weit und zu rasch vorzugehen, heute größer geworden, weil eine
Inflationsfurcht ausgelöst werden könnte, die Verbraucher und Geschäftsleute
veranlassen könnte, mit ihren Ausgaben zurückzuhalten.

Unsere Politik sollte

vorsichtig, aber bestimmt sein und eine feste Basis für den Wiederaufbau des
Vertrauens bilden, das wir brauchen, um zu höheren Investitionen in Produktionskapazitäten aufrufen zu können.
Vergangenheit sind die Geschäftsleute
verständlich.

Aufgrund ihrer Erfahrungen in der jüngsten
aller Länder auf der Hut - und das ist

Aber Investitionen sind entscheidend wichtig, um Arbeitsplätze

zu schaffen, Versorgungsprobleme zu vermeiden und den Produktivitätszuwachs
zu beschleunigen.
Unsere Worte allein werden dieses Vertrauen nicht gewinnen. Aber wenn
wir Maßnahmen ergreifen, die unsere Entschlossenheit und unser Vermögen beweisen, zu dem heute hier vorgeschlagenen Weg zu stehen, dann werden wir das
Vertrauen gewinnen, das die entscheidend wichtige Flut von Investitionen auslösen wird. Die Arbeitslosigkeit muß herabgedrückt werden. Die Inflation
muß zurückgedrängt werden. Und dann wird sich auch ein dauerhaftes Zahlungsbilanzsystem entwickeln.

+ + + + +

- 13 -

�Dokumentation
United States Information Service

17

29. Juni 1977

US-STAATSSEKRETÄR COOPER ZIEHT BILANZ DES PARISER NORD-SÜD-DIALOGS
• Auszüge aus der Erklärung vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß
des US-Kongresses -

WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für
Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Richard N. Cooper, hat am 21.
Juni 1977 vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des Kongresses der Vereinigten Staaten eine Bilanz der am 3. Juni zu Ende gegangenen Konferenz für Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) gezogen.
Im folgenden geben wir die wesentlichen Teile
der Erklärung Coopers, der in der Schlußphase
der Pariser Konferenz die amerikanische Delegation geleitet hatte, wieder:
Die Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC)
ist am 3. Juni mit einem Kommunique der Minister zu Ende gegangen, über das
die 27 Teilnehmer Übereinstimmung erzielt hatten„ Dieses 18 Monate dauernde
Experiment in den Nord-Süd-Beziehungen hat Übereinstimmung über eine beträchtliche Zahl von Fragen auf den Gebieten der Energie, der Rohstoffe, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Finanzierung gezeitigt. Und es hat ebenfalls
ein weit klareres Bild über eine Reihe von Bereichen und Konzeptionen gebracht,

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�gebracht, wo die Entwicklungsländer und die Industriestaaten stark divergierende Auffassungen haben.
Beide Seiten haben in dem Kommunique ihr Bedauern darüber bekundet, daß
es nicht gelungen ist, über bestimmte spezifische Fragen Übereinstimmung
zu erzielen.

Trotzdem haben beide Seiten der CIEC zugebilligt, daß sie nütz-

lich war und zu einem umfassenderen Verständnis der internationalen wirtschaftlichen Situation beigetragen hat.
Die CIEC wurde als eine Phase in dem andauernden, evolutionären Prozeß
des Nord-Süd-Dialogs bezeichnet. Der Ort des Dialogs wird sich nach der
CIEC ändern. Denn die meisten der künftigen Nord-Süd-Gespräche werden dann
in bestehenden repräsentativen internationalen Foren für die jeweiligen spezifischen Fragen stattfinden. Während der nächsten Monate wird sich die Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen in der UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) über einen gemeinsamen Fonds zur Stützung
der einzelnen Rohstoffabkommen, auf die Handelsgespräche im Rahmen der Multinationalen Handelsverhandlungen (MTN), auf die Gespräche über Entwicklungshilfefragen im Entwicklungsausschuß des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Weltbank, auf die Verhandlungen über eine zusätzliche Kreditfazilität
im Internationalen Währungsfonds (IWF) und auf die Verhandlungen über eine
allgemeine Kapital aufStockung bei der Weltbank (IBRD) konzentrieren.

Geschichtlicher Rückblick
Vor der siebten Sondersitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen
war der Nord-Süd-Dialog jahrelang durch Schärfe gekennzeichnet und unproduktiv. Die Entwicklungsländer waren durch die Aushöhlung des Realwertes des
Ressourcentransfers in wachsendem Maße beunruhigt und sahen eine wachsende
Kluft zwischen ihrem Streben nach rascherer wirtschaftlicher Entwicklung und
der Höhe der ihnen für ihre Entwicklungsprogramme zur Verfügung stehenden Mit- 2 -

�Mittel entstehen.

Gleichzeitig fühlten sie sich durch den Erfolg des OPEC-

Kartells bewogen, stärker zusammenzuhalten, einen weit gesteckten Fächer umfassender und miteinander zusammenhängender Forderungen, bekannt als Neue
Internationale Wirtschaftsordnung (NIEO) aufzustellen, die praktisch eine
Umstrukturierung des internationalen Wirtschaftssystems zu ihren Gunsten
verlangt ...
Eine Ministerkonferenz im Dezember 1975 rief die CIEC als ein völlig
neuartiges Experiment in den Nord-Süd-Beziehungen ins Leben: ein einziges,
verhältnismäßig kleines, die verschiedenen Ländergruppen repräsentierendes
Forum von Teilnehmern, das sich mit einem breiten Fächer von Nord-Süd-Fragen
befaßt ...
Die experimentellen Aspekte der CIEC bedingten eine andere Art von
Nord-Süd-Forum. Die begrenzte Teilnehmerzahl und die relative Abgeschlossenheit von der öffentlichen Meinung führten dazu, daß ideologische Polemiken
weitgehend vermieden wurden und eine relativ geschäftsmäßige Atmosphäre vorherrschte. Trotz unserer Bemühungen reichten die strittigen Fragen jedoch
über den Bereich der einzelnen Kommissionen hinaus; durch diese Situation
wurden wir gehindert, uns auf solche Fragen zu konzentrieren, bei denen unseres Erachtens der meiste Fortschritt erzielt werden konnte, und den anderen
Fragen einen zweitrangigen Status zu geben. Wir waren ebenso nicht in der
Lage, die für andere weltweite Nord-Süd-Foren charakteristischen Blocktaktiken
zu vermeiden, wie wir dies ursprünglich gehofft hatten.
Zwar hatten die Industriestaaten geglaubt, daß die Konferenz sich auf
Energie konzentrieren würde, doch gingen sie nicht in diese Konferenz mit
der Erwartung oder dem Ziel, ein Abkommen über öl preise oder ölembargos zu
erreichen.

Die Industriestaaten hofften jedoch, zu erreichen, daß die öl-

produzenten sich ihrer Rolle bei der Schaffung einer stabilen und expandierenden Weltwirtschaft sowie bei der Förderung des Integrationsprozesses ihrer
Volkswirtschaften in die Weltwirtschaft stärker bewußt werden ...
Die
- 3 -

�Die CIEC im Rahmen des Nord-Süd-Dialogs
Nach unserer Auffassung sollte der Nord-Süd-Dialog in der CIEC und in
anderen Foren die Verbesserung und nicht die Umstrukturierung des bestehenden Weltwirtschaftssystems in den Vordergrund stellen und die Entwicklungsländer in die Lage versetzen, voll an diesem System teilzuhaben.

Ein ange-

messener und wirksamer Ressourcentransfer in die Entwicklungsländer durch
direkte Mechanismen wie Auslandshilfe aber auch die Bedeutung, die Handel
und Investitionen zukommt, bilden die wesentlichen Elemente eines verbesserten Wirtschaftssystems.

Wir meinen - und suchen die Entwicklungsländer davon

zu überzeugen -, daß indirekte Mechanismen des Ressourcentransfers, wie allgemeiner Schuldennachlaß und Indexierung der Preise für die Hauptrohstoffe,
unzulänglich und zum großen Teil unwirksam sind und den Interessen der Entwicklungsländer in Wirklichkeit zuwiderlaufen.
Die CIEC hat es uns ermöglicht, den Entwicklungsländern die Bereiche
aufzuzeigen, auf die die Anstrengungen konzentriert werden sollten und auf
denen in dem anhaltenden Dialog Fortschritte gemacht werden können. Die Industriestaaten sprachen sich in ihren Reden für eine Verbesserung des gegenwärtigen interdependenten Wirtschaftssystems durch ernsthafte Anstrengungen
aus, konkrete Ergebnisse auf den Gebieten der Entwicklungshilfe, der Rohstoffragen und des Handels zu erreichen. Darüber hinaus vermochten die Industriestaaten durch eine genaue wirtschaftsanalytische Überprüfung der Forderungen der Entwicklungsländer nach einem automatischen indirekten Ressourcentransfer den Entwicklungsländern zu zeigen, daß eine Reihe dieser Forderungen nicht akzeptiert werden kann, weil sie den Interessen der Entwicklungsländer aber auch den Interessen einer gesunden Weltwirtschaft, an der
sie ein starkes Interesse haben, zuwiderlaufen.
Die CIEC will die Entwicklungsländer nicht veranlassen, ihre Bindungen
oder ihre Ansprüche an die Neue Internationale Wirtschaftsordnung (NIEO)
aufzugeben. Ihre politische Solidarität in den Nord-Süd-Beziehungen begründet sich auf den in der NIEO niedergelegten Konzeptionen. Sie können keinen

�keinen Teil davon ohne Gefährdung dieser Solidarität aufgeben.

Die koope-

rative sachliche Atmosphäre, die auf der CIEC vorherrschte, und der substantielle Fortschritt, der dort erzielt wurde, könnten jedoch dazu führen,
künftige Nord-Süd-Gespräche produktiver werden zu lassen, da die Entwicklungsländer ermutigt werden könnten, ihre extremeren und unrealistischeren
Forderungen zu mäßigen und sich auf mehr versprechende Gebiete zu konzentrieren.

Das CIEC-Schlußdokument
Als Beweis ihrer Verpflichtung zu einem andauernden produktiveren und
rationelleren Nord-Süd-Dialog und als Versuch, sicherzustellen, daß die
CIEC einen positiven Beitrag zu einem solchen Dialog leistet, haben die Industriestaaten der CIEC (Gruppe der 8) zum Schluß ein Paket zusammengeschnürt, das wesentliche Fortschritte bei Elementen bringt, die den Entwicklungsländern (Gruppe der 19) nützen sollen. Zu diesen Elementen gehören:
- Eine Verpflichtung zu vermehrter und wirksamerer Auslandshilfe in
den nächsten Jahren sowie ein "Sonderaktionsprogramm" für eine spezielle
Hilfe an die ärmsten Länder.
- Eine Empfehlung, eine allgemeine Kapital aufStockung der Weltbank zu
unterstützen und daß die Weltbank in diesem Rahmen Krediten zur Erschließung
von Energie und Rohstoffen und zur Diversifikation höhere Prioritäten einräumen soll, jedoch unbeschadet ihrer anderweitigen Prioritäten.
- Eine politische Verpflichtung der CIEC-Teilnehmer zur Errichtung
eines gemeinsamen Fonds, der nach Ansicht der Gruppe der 8 in Zusammenhang
mit den einzelnen Abkommen zur Stabilisierung der Rohstoffpreise stehen
soll.
Darüber

�Darüber hinaus ist bei einer Reihe zweitrangiger Fragen Fortschritt
erzielt worden, so unter anderem über eine positive Haltung zur Entwicklung
einer Infrastruktur in Afrika, zu Fragen der Ernährung und Landwirtschaft,
des technologischen Transfers, der Industrialisierung, des Zugangs der Entwicklungsländer zu den Kapitalmärkten und der Unterstützung einer Zusammenarbeit der Entwicklungsländer.
Dies waren die bedeutsamen Fortschritte in dem Schlußpaket bei den verschiedenen Elementen, die von Interesse für uns sind.

Wir haben Überein-

stimmung über allgemeine Richtlinien für die Energieversorgung erzielt.

Es

gibt Empfehlungen zur Förderung einer vermehrten Zusammenarbeit bei der Erschließung von Energiequellen in den erdölimportierenden Ländern.
erreicht,

Wir haben

daß die Entwicklungsländer die Bedeutung - für die Industriestaaten

wie auch für die Entwicklungsländer - eines besseres Klimas für ausländische
Investitionen erkannt haben.
Enttäuschend an dem Ergebnis ist, daß es nicht gelang, eine Übereinstimmung über fortdauernde Energiekonsultationen zu erreichen. Unseres Erachtens liegen fortdauernde Energiekonsultationen im Interesse aller Länder,
denn die Energiefrage unterscheidet sich von den übrigen bei der CIEC anstehenden Fragen darin, daß es in den bestehenden Gremien keinen eigentlichen
Platz für eine Erörterung gibt.

+ + + + +

�I

1
3

Wi//en/chcifl
und Technik
United States Information Service

17

29. Juni 1977

"GASOHOL" - MISCHBENZIN MIT ALKOHOL

- (AD) - Eine sehr hohe Oktanzahl und eine Steigerung der Kilometerleistung um ca. 5 Prozent wird mit einem Treibstoff erreicht, der zu 90 Prozent aus gewöhnlichem bleifreien Benzin und zu 10 Prozent aus Alkohol besteht. Dieser Alkohol wird aus Getreide gewonnen, das sich für Nahrungsund Futterzwecke nicht eignet, mit dessen Aufbereitung für die Alkoholproduktion jedoch gleichzeitig eine reiche Eiweißquelle für die Ernährung von
Mensch und Tier erschlossen wird. Und dies alles zu wirtschaftlich tragbaren Kosten.
Pionierarbeit auf diesem Gebiet, das vor allem bei den Agrarwirtschaftlern des amerikanischen Mittelwestens großes Interesse findet,-leisteten
Wissenschaftler der Staatsuniversitä't Nebraska (USA). Wie Dr. William
Scheller, Direktor des Departments für chemische Verfahrenstechnik, bekannt
gab, fahren schon seit geraumer Zeit Kraftwagen der Verwaltung des Bundesstaates mit dem neuen Treibstoff. Er erhielt den Namen "Gasohol" (ein Kunstwort, gebildet aus "gasoline", d.h. Benzin, und "alcohol").
Auf Grund der Erfahrungen, die mit bisher 3 Millionen Fahrkilometern
gesammelt wurden, könne man sagen, daß bei der Verwendung des Gasohol-Kraft-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Gasohol-Kraftstoffs der Motorverschleiß gering sei, sich nicht mehr Ruß ablagere als bei der Verwendung von reinem Benzin und die Abgasemission nicht
größer sei als bei der Verbrennung von unverbleitem Benzin.
Das Programm begann schon vor sechs Jahren, wird aber erst seit drei
Jahren mit Nachdruck betrieben.

Für die Nebenprodukte sieht Dr. Scheller

innerhalb wie außerhalb der USA gute Absatzmärkte.

So wurden z.B. durch

den Zusatz der anfallenden Eiweißsubstanzen zum Viehfutter bei Rindern in
Nebraska und Kentucky Gewichtszunahmen von fast 13 Prozent über den üblichen
Stand erzielt.

+ + + + +

�Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

17

29, Juni 1977

DNS-SYNTHESE ALS INDIKATOR FÜR KREBSERZEUGENDE SUBSTANZEN

- (AD) - Einen relativ einfachen Test zur Ermittlung krebserzeugender
Substanzen und ihres Gefährlichkeitsgrades hat Dr. Robert P. Painter, Professor der Mikrobiologie und Radiologie an der Universität Kalifornien in
San Francisco, in mehrjähriger Arbeit entwickelt. Als Indikatoren dienen
DNS-Moleküle, die sich selbst reproduzierenden "Schlüsselmoleküle des Lebens" im Zellkern, aus Kulturen menschlicher Zellen.
Eine Verlangsamung bzw. Hemmung der Synthese von DNS (Abkürzung für
Desoxyribonukleinsäure), die normalerweise die Zellteilung begleitet, zeigt
an, daß die Zellen dem Einfluß von Substanzen oder anderen Faktoren ausgesetzt waren, die möglicherweise Krebs hervorrufen. Handelt es sich beispielsweise um ein Agens wie ultraviolettes Licht, das die Struktur des
DNS-Moleküls beschädigt oder verändert, so verlangsamt sich die DNS-Synthese
immer mehr. Entsteht jedoch nur geringfügiger Schaden am Gerüst des Mo!ekülbaus bzw. seiner geordneten Untergruppen, oder wird diese Struktur nur unwesentlich verändert, so nimmt das Tempo der Synthese schon nach kurzer Ze t
wieder zu.
Wie

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Wie Prof. Painter erklärt, ist dem Test die Annahme zugrundegelegt,
daß alles, was den chemischen Aufbau des DNS-Moleküls schädigt oder verändert, als Krebsrisiko betrachtet werden müsse.

Bei der Synthese von DNS-

Molekülen im Gefolge der Zellteilung, die den "Hauptplan" und die Befehlszentrale für den Aufbau und die Funktionen aller Zellen und Zellprodukte
enthalten, werden auch Strukturveränderungen des DNS-Moleküls weitergegeben.
Sind die Veränderungen nur geringfügig und relativ harmlos, so kann der genetische Code weiterhin abgelesen werden und dient als "Vorlage" für die
Reproduktion:

Die neuen Zellen sind dann trotzdem lebensfähig und können

ihre normalen biologischen Funktionen erfüllen.

Es können aber auch neue

Zellen mit abweichendem Verhalten - beispielsweise unkontrollierter Vermehrung und Tumorbildung - entstehen.

Was immer diese gefährliche Verände-

rung ausgelöst hat, gilt als karzinogen.
Der von Prof. Painter entwickelte Test - eine Arbeit, für die die USEnergieforschungs- und Entwicklungsbehörde (ERDA) Gelder zur Verfügung
stellte - wird gegenwärtig unter Verwendung menschlicher Zellkulturen anstatt von Bakterienkulturen mit einer Vielzahl bekannter krebserzeugender
Substanzen erprobt. Er dauert vier Stunden, die Kosten liegen mit 50 bis
100 Dollar pro Untersuchung verhältnismäßig niedrig. Später soll er dazu
benutzt werden, unbekannte Faktoren in Abgasen und Abwässern, aber auch in
der Umgebungsluft oder Nahrungsmitteln und anderen Substanzen ausfindig zu
machen, die möglicherweise karzinogen sind. Der DNS-Gehalt der exponierten
Zellen und die Geschwindigkeit der DNS-Synthese werden dabei als Parameter
dienen. Dieser "Schnelltest" könnte u.a. wichtige Anhaltspunkte dafür geben,
auf welchen Gebieten eingehende weiterführende Untersuchungen erforderlich
s i nd.
Man nimmt heute an, daß Krebs zu 85 Prozent durch Umwelteinflüsse
- chemische Substanzen und andere Faktoren - verursacht wird. Gegenwärtig
werden große Anstrengungen unternommen, den möglichen Ursachen auf die Spur
zu kommen. Erst vor wenigen Monaten schuf das Nationale Krebsforschungsinstitut der USA mit der Berufung eines 30köpfigen Expertenausschusses ein
- 2 -

�ein "Clearinghouse für Umweltkarzinogene".

Seine Mitglieder werden aus

nichtstaatlichen Forschungsinstituten, Kliniken, aus Kreisen der Privatwirtschaft, der Gewerkschaften und Bürgerinitiativen ausgewählt.

Auf Grund ihrer

Sachkenntnis auf den Gebieten der Medizin, des Rechtswesens, der Durchführung und Auswertung von Tierversuchen, der Chemie, Biochemie, Biostatistik,
Toxikologie, Pathologie und Epidemiologie sollen sie das Nationale Krebsforschungsinstitut bei der Durchführung wichtiger Programme beraten und Empfehlungen geben.
Das Komitee wird sich vor allem befassen mit 1) Chemikalien, die an
Tieren zur Ermittlung von Krebsrisiken erprobt werden sollen; 2) geeigneten
Versuchsbedingungen für die Durchführung von Experimenten; 3) der Bedeutung
der Versuchsergebnisse; und 4) welches Risiko Chemikalien, die sich im Tierversuch als karzinogen erwiesen haben, für Menschen aufweisen könnten. Außerdem steht das "Clearinghouse" bei Anfragen aus dem US-Kongreß, des Krebsbeirats im Präsidialamt und anderer Bundesbehörden für Beratungen auf dem Gebiet krebsverursachender Umwelteinflüsse zur Verfügung.

+ + + + +

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA über OECD-Ministertagung in Paris befriedigt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des amerikanischen Finanzministers -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Staatssekretär Cooper zieht Bilanz des Pariser Nord-Süd-Dialogs&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus der Erklärung vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Energieerzeugung nach dem MHD-Verfahren&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Gemeinsame amerikanisch-sowjetische Experimente - USA stellen Supermagneten bereit -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"GASOHOL" - Mischbenzin mit Alkohol&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;DNS-Synthese als Indikator für krebserzeugende Substanzen</text>
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mIERi 1*1 ^

Dl Ell

Information
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

26

29. Juni 1983

INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung Präsident Reagans zur deutsch-amerikanischen
Dreihundertjahrfeier
Rede von US-Vizepräsident Bush zur deutsch-amerikanischen
Dreihundertjahrfeier in Krefeld
Die europäische Sicherheit und die deutsch-amerikanische
Partnerschaft
- Von Robert W. Dean -

HINTERGRUNDMATERIAL
-

Präsident Reagan;

Um Übersendung von
DelegeHCfliplaren
wird gebeten

Es darf niemals zu einem Atomkrieg kommen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�I

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

26

29. Juni 1983

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT REAGANS ZUR DEUTSCH-AMERIKANISCHEN DREIHUNDERTJAHRFEIER

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan würdigte in einer am 25.
Juni 1983 vom Weißen Haus veröffentlichten Erklärung die deutsch-amerikanische
Freundschaft anläßlich der Dreihundertjahrfeier der ersten deutschen Siedlung
in Amerika. Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Samstag, der 25. Juni, ist ein besonderer Tag für Deutschland und Amerika.
In Krefeld an den Ufern des Rheins vertrat Vizepräsident Bush alle Amerikaner
bei einer historischen Feier. Aus Krefeld brachen vor 300 Jahren die ersten
deutschen Einwanderer nach Amerika auf. Jene 13 Mennonitenfamilien kamen auf
der Suche nach religiöser Freiheit.
ten Germantown in Pennsylvania.

Sie landeten in Philadelphia und gründe-

Von diesem Moment an hat Deutschland viel zu

unserer Lebensweise beigetragen.
Heute nimmt etwa jeder vierte Amerikaner - oder rund 50 Millionen von
uns - zumindest eine teilweise deutsche Abkunft für sich in Anspruch.
Was hat dies für Amerika bedeutet?

Den Planwagen und die Kenntucky-

Rifle; Blue Jeans, die Brooklyn-Brücke und Snoopy; die erste luftdichte
Büchse und viele unserer beliebten Biersorten; Dwight David Eisenhower und

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Eisenhower und Wernher von Braun; Chrysler-Automobile und Boeing-Flugzeuge;
deutsche Farmer haben bei uns im Mittelwesten den Winterweizen eingeführt.
Und kein Amerikaner sollte je vergessen, daß in Valley Forge General
von Steuben, ein deutscher Freiwilliger, die demoralisierten Truppen von
George Washington in eine disziplinierte Armee verwandelt hat, die in der
Lage war, unseren Kampf um Unabhängigkeit zu gewinnen.
Einige unserer hervorragendsten Schriftsteller wie John Steinbeck und
H. L. Mencken, Sportler wie Babe Ruth und Jonny Weissmueller; Erfinder wie
Charles Steinmetz und George Westinghouse; Staatsmänner wie Carl Schurz und
George Shultz, unser derzeitiger Außenminister, sind deutscher Abkunft.
Die Deutschen haben 300 Jahre mitgeholfen, Amerika aufzubauen.
Amerika hat auch gegeben und nicht nur bekommen.

Aber

Nach dem Zweiten Weltkrieg,

als Deutschland besiegt darniederlag, hat Amerika durch den Marshall-Plan
und die Berliner Luftbrücke materielle Hilfe geleistet.

Und was mindestens

ebenso wichtig - wenn nicht noch wichtiger - ist, wir haben die Inspiration
gegeben, aus den Ruinen des Totalitarismus freie Institutionen aufzubauen.
Heute ist die Bundesrepublik Deutschland ein Bollwerk der Demokratie im
Herzen eines geteilten Europas. Sie erfreut sich einer Prosperität, von der
1945 niemand träumte, und ihr politisches System ist stabil und stark.
Westdeutsche und Amerikaner sind zu Recht stolz auf unsere gemeinsamen
Werte und unser gemeinsames Erbe. Heute stehen wir Schulter an Schulter im
NATO-Bündnis zur Verteidigung der Freiheit und der Bewahrung des Friedens.
Drei Jahrzehnte deutsch-amerikanischer Partnerschaft waren ein Angelpunkt
des Bündnisses.

Dank dieses Bündnisses ist in Westeuropa eine ganze Genera-

tion frei von den Verheerungen des Krieges und verschont von der Unterdrückung,
die die Europäer im Osten erleiden müssen, aufgewachsen.
Aber Freiheit

�Aber Freiheit bringt Verantwortung - nicht zuletzt die Verantwortung,
hinter vereinfachten Schlagworten die Wahrheit in lebenswichtigen Fragen wie
Sicherheit und Abrüstung zu sehen.

Ich hoffe, daß die junge Generation in

Deutschland und in Amerika ehrlich über all das nachdenken wird, was wir tun,
um abzuschrecken und das Risiko des Krieges zu verringern.
Angesichts einer großen militärischen Aufrüstung der Sowjets an konventionellen und nuklearen Waffen sind die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik
Deutschland und unsere europäischen Verbündeten übereingekommen, unsere veraltenden Streitkräfte zu modernisieren, um eine wirksame Abschreckung zu gewährleisten. Gleichzeitig unternehmen wir in der Hoffnung, die großen Ausgaben
für die Modernisierung von Waffen vermeiden zu können, eine ernsthafte Anstrengung, große und wirksam verifizierbare Verringerungen der sowjetischen und
amerikanischen Nuklearstreitkräfte auf einen niedrigeren und stabileren Stand
auszuhandeln.
In Genf haben wir weitreichende Vorschläge unterbreitet, um die Nukleararsenale abzubauen und Vertrauen aufzubauen. Wir haben die globale Beseitigung einer ganzen Klasse von landgestützten Mittelstreckenraketen vorgeschlagen und unsere Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, jedem Vorschlag zuzustimmen, der einen Gleichstand der Zahl der Gefechtsköpfe auf solchen amerikanischen und sowjetischen Raketen herbeiführt.
In den Verhandlungen über eine Verringerung der strategischen Waffen,
die wir als START bezeichnen, habe ich innerhalb der letzten zwei Wochen neue
Anweisungen erteilt, die die Empfehlungen der überparteilichen Scowcroft-Kommission einschließen und unseren Verhandlungsführern bei ihrer Aufgabe einen
größeren Spielraum geben. Junge Menschen in Deutschland und in den Vereinigten Staaten dürfen unseren Einsatz für die Aufrechterhaltung des Friedens
nicht bezweifeln. Wir teilen mit ihnen den Traum, daß eines Tages die Zeit
kommen wird, da nirgendwo auf der Erde Kernwaffen existieren werden.
Die Ideen,

�Die Ideen, die unsere Völker gemeinsam haben, der Wunsch nach Freiheit
und Frieden verbindet die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland in so vielfältiger Weise.

Auf dem aufbauend haben wir eine gemeinsame

Anstrengung in Angriff genommen, um mehr Kontakte zwischen unseren Völkern
und den Generationen zu schaffen.

In unserem Lande sind 22 Bundesministerien

und Behörden an dieser Anstrengung beteiligt.

Die Pläne reichen vom tradi-

tionellen Austausch bis zu einem Luftbrückenprogramm, das deutsche Herzpatienten in eines unserer hervorragenden Krankenhäuser für Bypass-Operationen
bringen und mehr deutsche Ärzte ausbilden wird, um diese lebensrettenden Operationen durchzuführen.
In diesem Herbst wird ein Deutscher mit der Raumfähre der NASA fliegen
- der erste Ausländer, der dies unternimmt.

Zusammen werden Deutsche und

Amerikaner den Verlauf des Fluges auf ihren Bildschirmen verfolgen, und alle
werden für eine erfolgreiche Durchführung und sichere Landung beten.
Deutsche und Amerikaner deutscher Abkunft können auf ihre Vorfahren besonders stolz sein. Aber alle Amerikaner haben Nutzen aus den Beiträgen gezogen, die Deutsch-Amerikaner für unser Land geleistet haben - und wir sollten uns alle daran beteiligen, dieses Erbe zu ehren.

+ + + + +

�29. Juni 1983

26

REDE VON US-VIZEPRÄSIDENT BUSH ZUR DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
DREIHUNDERTJAHRFEIER IN KREFELD

KREFELD - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush hat am 25.
Juni 1983 in einer Ansprache auf einem Festakt in Krefeld anläßlich der Dreihundertjahrfeier der deutschen Einwanderung in Amerika auf den Beitrag dieser
Einwanderer zum Aufbau der Vereinigten Staaten hingewiesen und die Gemeinsamkeit der Werte und Zielsetzungen beider Völker hervorgehoben.
Die Rede des Vizepräsidenten hat folgenden Wortlaut:
Herr Bundespräsident, Herr Bundeskanzler, Herr Oberbürgermeister, meine
Damen und Herren:
Ich danke für die sehr, sehr herzliche Begrüßung.

Sie verstehen es

wirklich, alles so einzurichten, daß sich Menschen hier ganz zuhause fühlen.
Als der Bundeskanzler und ich aus, dem Auto stiegen, spürten wir die Herzlichkeit des Willkommens.

Das war so deutlich und klar zu spüren, und ich möchte

der Bevölkerung von Krefeld dafür danken.
Als wir

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Als wir den Flugplatz anflogen, blickten der Kanzler und ich aus dem
Fenster, und wir konnten sehen, daß sehr viele deutsche und amerikanische
Fahnen zusammen wehten; und, wie es in unserer Nationalhymne heißt, "stolz
wehten"; und da fühlte ich mich daheim.

Ihnen, Herr Oberbürgermeister,

möchte ich besonders danken, denn sicherlich haben Sie großen Anteil daran.
Und ich möchte mich Ihrem hervorragenden Bundespräsidenten zuwenden.
Sie sehen in ihm den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, aber ich
sehe in ihm den Mitkommilitonen der Yale-Universität.

Was den Bundeskanzler

anbetrifft, so finde ich keine Worte, wie meine Frau und ich ihm und seiner
reizenden Gattin danken können für die Gastfreundschaft, die sie uns hier, i
London und in den Vereinigten Staaten haben zukommen lassen.

Wir danken aus

ganzem Herzen dafür.
Es ist mir wirklich eine Ehre, eingeladen worden zu sein, um hier zu
sprechen, und wir freuen uns, daß Bundespräsident Carstens die deutschamerikanische Dreihundertjahrfeier durch einen Besuch in unserem Lande auszeichnen wird.

Ich möchte so viele, wie es ermöglichen können - vor allem

junge Menschen - einladen, in diesem Jahr des Gedenkens nach Amerika zu
kommen.
Vor drei Jahrhunderten kamen nach einer 75jährigen Seereise auf einem
engen Schiff 32 Mennoniten und Quäker aus Krefeld und zwei Kleinkinder, die
auf der überfahrt geboren worden waren, an der Ostküste der Neuen Welt an.
Es war Oktober, die Luft war frisch, und die Herbstregen hatten begonnen.
Erschöpft und krank nach ihrer Reise schleppten sich die Deutschen von
Philadelphia, damals eine Siedlung mit zwei Dorfstraßen, sechs Meilen durch
dichten Wald, um eine eigene Siedlung zu gründen.
Als der Winter nahte, fällten sie viele Bäume und bauten ihre ersten
Blockhäuser. "Man kann es weder beschreiben noch glauben", so schrieb Franz
Daniel Pastorius, der Führer der Krefelder, "unter welchen Bedingungen der
Not und Armut... diese deutsche Siedlung gegründet wurde".
Aber die

�Aber die Deutschen hatten das gefunden, was sie suchten, nämlich Religionsfreiheit, und in bescheidener Weise begann ihre Siedlung bald zu gedeihen.

Die Leute bauten Flachs an, züchteten Schafe für die Wolle und wurden

in den amerikanischen Kolonien für ihre Weberei bekannt.

Die Nachricht von

ihrem Erfolg ermutigte andere Deutsche, die Alte Welt mit der Neuen zu vertauschen.
Als im Jahre 1776 der amerikanische Unabhängigkeitskrieg ausbrach, waren
über 200 000 Deutsche nach Amerika gekommen.

Die Napoleonischen Kriege lösten

eine neue Welle der Einwanderung aus, die etwa 1825 begann.

Ganze Dörfer in

Bayern und Württemberg verkauften ihr Land, ihre Häuser und ihr Vieh und machten sich nach Amerika auf, Pfarrer und Lehrer mitnehmend.

In der zweiten

Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann eine weitere Einwanderungswelle»und
während der zwei Jahrzehnte von 1880 bis zur Jahrhundertwende betrug die Zahl
der in Amerika ankommenden Deutschen jedes Jahr durchschnittlich über 100 000.
Bis zur Jahrhundertwende waren über 5 Millionen Deutsche in die Vereinigten
Staaten gekommen.
Nach ihrer Ankunft siedelten die Deutschen nicht nur an der Ostküste,
sondern drangen auch nach Westen vor. Sie reisten zu Fuß, auf dem Maultier
und zu Pferd, auf Kähnen und in den berühmten Conestoga-Wagen (Planwagen),
die von Deutschen erfunden wurden, und später in überfüllten, stinkenden
Eisenbahnwaggons quer durch das Land. Sie kamen in ihrer neuen Heimat mit
nichts an - ohne Möbel, ohne Ersparnisse, und oft nur mit den Kleidern, die
sie während der langen überfahrt aus Deutschland auf dem Leibe trugen.
Ich sagte eben, die Deutschen kamen mit nichts an.
korrigieren.

Lassen Sie mich das

Sie kamen mit nichts an außer ihrem Glauben.

Denn die Deutschen

brachten in ihre neue Heimat den tiefen Glauben an Gott, an die Familie und an
die Güte der Erde, der so fest war wie die Alpen und so beständig wie der
Rhein.

Und sie brachten einen weiteren Glauben mit, den Glauben an die Ar-

beit-harte, ehrliche Arbeit.
Und sie

�Und sie haben gearbeitet.
Sie fällten Bäume in Minnesota und Wisconsin, sie rodeten die Ebenen
von Illinois.

Sie eroberten die Weiden meines Heimatstaates Texas.

Sie

pflügten das Land, säten Getreide, züchteten Schweine, melkten die Kühe und
züchteten Rinder.

Wo immer die Deutschen sich niederließen und das Land be-

bauten, entstanden blühende Siedlungen: Frankfort, Indiana; Bismarck, North
Dakota; New Munich, Minnesota; New Braunfels, Texas; New Holstein, Wisconsin.
Die Deutschen, die später kamen, zogenin die Großstädte Amerikas.
St. Louis und Milwaukee wurden für ihre Deutschen bekannt; um 1900 hatte
Chicago eine deutschsprechende Bevölkerung, die größer war als die des damaligen Frankfurt, und die Deutschen in New York waren zahlenmäßig mehr als die
Bewohner Münchens.
Gerber oder Metzger.

Diese deutschen Stadtbewohner wurden tüchtige Schreiner,
Sie gründeten Zeitungen, Textilfabriken und Brauereien.

Heinz revolutionierte die Lebensmittel Verarbeitung; Strauss stellte Blue
Jeans her; Roebling baute Brücken, einschließlich der schönsten amerikanischen
Brücke, der Brooklyn-Brücke.
Die deutschen Frauen arbeiteten so hart wie ihre Männer, zogen große
Familien auf und versuchten, die Stadtwohnungen und Farmhäuser mit Lehmböden
sauber zu halten. Sie kochten, nähten und putzten für Familien, in denen
ein Dutzend Kinder nichts Ungewöhnliches waren. Die Frau eines Farmers oder
Arbeiters mußte um sechs Uhr aufstehen, um ihrem Mann das Frühstück zu machen,
dann das Frühstück für die Kinder und dann am Mittag und am Abend wieder das
Mahl für alle zu bereiten. Und immer waren Kleider zu flicken.
Die Arbeit, die reine, unermüdliche Arbeit dieser deutschen Einwanderer
half, lebendige Industrien aufzubauen und Ackerland zu roden, das zu den
reichsten der Welt gehörte.
Und diese deutschen Einwanderer gaben Amerika nicht nur Farmen und Fabriken, sondern auch ihre Kinder.
Zu Beginn
- 4 -

�Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts kam Burkhardt Mencken aus Sachsen
nach Amerika.

Burkhardt selbst gewann weder Reichtum noch Ruhm, aber sein

Enkel, H. L. Mencken, wurde der für seine Unerschrockenheit berühmte Herausgeber der "Baltimore Sun", der Bücher über Politik, Literatur und Musik veröffentlichte und im ganzen Lande als "der Weise von Baltimore" bekannt wurde.
In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zog eine deutsche Familie in Baltimore einen Jungen auf, der gerne Baseball spielte.

Sein Name war

Babe Ruth, und als er größer wurde, wurde er der berühmteste Baseballspieler
in der Geschichte, der 714 Home Runs erzielte und für jeden Amerikaner, einschließlich meiner selbst, ein Held wurde.
Als vor 300 Jahren jene erste Reise von Krefeld in die Neue Welt begann,
war unter den Reisenden ein Mann namens Thones Kunders. Acht Generationen
später hatte sich der Nachname von Kunders in Conrad verändert,und Charles
Conrad Jr., ein direkter Nachfahre von Thones, wurde Astronaut und spazierte
auf dem Mond.
Heute sind 60 Millionen Amerikaner, d.h. mehr als jeder vierte, Nachkommen deutscher Einwanderer, und sie bewohnen ein Land, das zu einem großen
Teil durch die Arbeit deutscher Hände blühend und frei gemacht wurde. Als gerade vor einer Generation Deutschland selbst in Not geraten war, reagierte
Amerika - wie sollte es bei dieser Geschichte auch anders sein - natürlich
entsprechend. Der Marshall-Plan half der neuen deutschen Demokratie, sich
aus den Trümmern des Krieges zu erheben und wieder zu einer bedeutenden Nation
zu werden. Die Berliner Luftbrücke war eine Demonstration der amerikanischen
Verpflichtung zur Verteidigung des demokratischen Deutschland, als West-Berlin,
das sich noch immer vom Krieg erholen mußte, vor brutalen Bedrohungen aus dem
Osten stand.

Die Geschichte unserer beiden Länder ist unauflöslich miteinander verwoben.

Wir tragen heute zum Handel des anderen bei und erfreuen uns an der

Kultur des anderen, für die wir heute ein Beispiel erleben.

- 5 -

Unsere Werte

�Unsere Werte - Frieden, Freiheit und Menschenwürde - sind die gleichen.
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß unser Frieden und unser Wohlergehen
ständig von feindlichen Ideologien und Staaten bedroht werden.

Die Hauptbe-

drohung unserer Demokratie kommt, wie Sie wissen, weiterhin von der Sowjetunion.

Um eine feste Verteidigung gegen die sowjetische Herausforderung zu

errichten,

hat sich zu Ende des Zweiten Weltkrieges eine Reihe der Demo-

kratien in Europa mit den Vereinigten Staaten und Kanada zusammengeschlossen,
um das NATO-Bündnis zu gründen.

Die Bundesrepublik Deutschland und die Ver-

einigten Staaten arbeiten jetzt schon rund drei Jahrzehnte in diesem Bündnis
zusammen.
In Zeiten des Friedens und des materiellen Wohlstandes, wie den heutigen,
vergißt man nur zu leicht, daß die Freiheiten, derer wir uns erfreuen, von
unserer Wachsamkeit abhängen.
Unsere beiden Regierungen gründen sich auf die Achtung der Menschenrechte, und beide bleiben als Demokratien immer der Reform offen. Das
sowjetische System besitzt im Gegensatz dazu keine funktionierenden Mittel
und Wege der Reform, sucht all seinen Bürgern einen einzigen, starren Willen
aufzuzwingen; es hat in den letzten Jahren Afghanistan 'überrannt und besetzt,
giftige Chemikalien auf die unschuldigen Völker Afghanistans und Südost-Asiens
herabgeregnet und alle Versuche niedergeschlagen - in Ost-Deutschland, Ungarn,
der Tschechoslowakei und Polen -, wenigstens ansatzweise die Menschenrechte
zu erlangen.
Sicherlich erlegt die Mitgliedschaft im NATO-Bündnis Bürden auf. So
mußten biespielsweise die Vereinigten Staaten rund 300 000 Soldaten in Europa
stationieren, und die Bundesrepublik wiederum mußte zum Unterhalt einer großen
Zahl amerikanischer Soldaten auf ihrem Boden beitragen. Aber auch die Länder
Osteuropas müssen mit einer großen Zahl ausländischer Soldaten auf ihrem Boden
leben, und wir dürfen nicht vergessen, wie sehr sich die Umstände in beiden
Fällen unterscheiden. Arthur Burns, der amerikanische Botschafter in der

�in der Bundesrepublik Deutschland, hat es kürzlich so ausgedrückt:

"Die er-

betene Präsenz amerikanischer Soldaten in Europa dient dem ausdrücklichen
Zweck, die Werte unserer westlichen Zivilisation schützen zu helfen, während
die sowjetischen Armeen, die Osteuropa seit 35 Jahren hartnäckig besetzt halten, dort stehen, um die Unterdrückung der Freiheiten zu gewährleisten, nach
denen sich ihre Bürger bis zum heutigen Tag sehnen".

Die Geschichte geht, wie Sie wissen, keinen geraden Weg und überträgt
unterschiedlichen Nationen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche
Pflichten.

Heute stellen die Stärke der Bundesrepublik Deutschland, der

Vereinigten Staaten und der anderen NATO-Länder den notwendigen Unterbau
dar, um die freie Welt frei zu erhalten.

Seit Jahrhunderten hat uns das

deutsche Volk in der Alten und in der Neuen Welt Beispiele der Stärke und
des Mutes gegeben.

Laßt uns diesen Beispielen folgen.

Laßt uns die notwen-

digen Opfer bringen, um unsere Verteidigung stark zu erhalten.

Denn letztlich ist es die Freiheit, die uns verbindet - freie Wahlen,
eine freie Presse, Religionsfreiheit, Redefreiheit und die Freiheit, anderer
Meinung zu sein.

Unsere Freiheit stärkt uns, verschönt unser Leben und gibt

uns die Hoffnung auf die Zukunft.

Wollen wir heute und in den kommenden Mo-

naten, wenn wir in Deutschland und in Amerika diese Freiheit feiern, die uns
vereint, jedoch nicht die Pflicht vergessen, die die Freiheit fordert.

Und

wollen wir mit dem gleichen Nachdruck unsere Pflicht tun, wie jene Handvoll
Menschen aus Krefeld, die nach Amerika kamen.

Ich danke Ihnen sehr, sehr herzlich.

+ + + + +

- 7 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

26

29. Juni 1983

DIE EUROPÄISCHE SICHERHEIT UND DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHE PARTNERSCHAFT
Von Robert W. Dean

BONN - (AD) - Der Stellvertretende Direktor der Abteilung für politische
und militärische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium,
Robert W. Dean, ging in einem Vortrag vor der Sicherheitskonferenz der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 24. Juni 1983 auf Fragen der europäischen
Sicherheit und der deutsch-amerikanischen Partnerschaft ein.

Die Ansprache

hat folgenden Wortlaut:
Meine Damen und Herren,
es ist ein Privileg, heute im Namen der Administration zu dieser bedeutsamen
Versammlung sprechen zu dürfen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat einen wohlver-

dienten Ruf, wichtige Jahreskonferenzen abzuhalten, die im Lauf der Jahre ein
Forum für die Erörterung amerikanisch-europäischer Sicherheitsfragen von großer
Bedeutung geboten haben.

Dieses Jahr ist keine Ausnahme, wenn man die Probleme

bedenkt, vor denen das Bündnis steht.
Mein eigenes Thema

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Mein eigenes Thema, "Die europäische Sicherheit und die deutsch-amerikanische Partnerschaft", führt uns fast unmittelbar zu einer Diskussion über
nukleare Mittel Streckensysteme (INF).

Aber das Thema kann nicht aus dem

weiteren historischen und politischen Zusammenhang herausgerissen werden.

Nur

aus dieser Perspektive kann man zu vernünftigen Schlüssen bezüglich der heute
in der INF-Debatte anstehenden Fragen kommen.
Zunächst einige Gedanken zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Die

deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein wesentliches - manche Leute sagen:
das wesentliche - Element der europäischen Sicherheit.

Diese Bindung, ihre

Festigkeit und ihre Kraft spielen bei der Erhaltung des Friedens seit weit über
einem Drittel Jahrhundert eine zentrale Rolle. Es wäre gänzlich falsch, unser
Verhältnis nur durch die INF-Brille zu betrachten.

Nach dem, was derzeit in

der Presse zu lesen ist, könnte man glauben, die deutsch-amerikanischen
Beziehungen würden durch das INF-Problem bestimmt. Wir unsererseits haben
uns in den Vereinigten Staaten Mühe gegeben, zu unterstreichen, daß das, was
heute in der europäischen Öffentlichkeit zum Ausdruck kommen mag, nicht die
grundsätzlichere Einstellung zum Bündnis ausdrückt. Meinungsbefragung nach
Meinungsbefragung hat gezeigt, daß sich das Ausmaß der Unterstützung für
diese oder jene Politik verschieben mag, die Unterstützung des Bündnisses
aber - und in Ihrem Lande die Unterstützung starker deutsch-amerikanischer
Bindungen innerhalb des Bündnisses - fest, tief und unerschütterlich bleibt.
Wenn wir auf fast vier Jahrzehnte zurückblicken, dann sehen wir, daß sich
die deutsch-amerikanische Partnerschaft weiterentwickelt hat.

Ein am Boden

liegendes Land entwickelte sich zu einem Wirtschaftsgi ganten; brachte nacheinander politische Führungen der höchsten Qualität und Reife in einem stabilen
demokratischen politischen System hervor; und übernahm die Rolle eines wahrhaft
gleichberechtigten Partners im Bündnis und gegenüber den Vereinigten Staaten.
So wie sich diese Partnerschaft im Laufe einer Generation weiterentwickelt
hat, so hat sich auch Deutschland selbst verändert.

- 2 -

Da ist beispielsweise die

�beispielsweise die veränderte Beziehung zur Deutschen Demokratischen Republik
zu nennen.

Die beiden politischen Systeme sind heute nicht weniger gegensätzlich

als zuvor, aber der, Anfang der siebziger Jahre eingeleitete, schrittweise Abbau
der Spannungen hat dazu beigetragen, viele menschliche Beziehungen wiederherzustellen, die durch die politische Teilung zerrissen waren.
Eine zweite Veränderung in der Bundesrepublik war das Heranwachsen einer
neuen Führungsgeneration.

Diese jungen Menschen wurden - abgesehen von ihrer

politischen Zugehörigkeit - begreiflicherweise von andersartigen Erfahrungen
geprägt als die unmittelbare Nachkriegsgeneration, die ihnen vorangegangen war.
Sie sind Ausdruck und Produkt einer neuen Einstellung der Öffentlichkeit.
Interessanterweise haben sie in vieler Hinsicht die gleichen Erfahrungen gemacht
wie ihre amerikanischen Kollegen.

Eine gewisse Skepsis gegenüber der politischen

Autorität, das Erbe der Erfahrungen aus Vietnam und Watergate, sind in Ihrem
Lande so real wie in dem meinigen. Sorgen um die Umwelt und Nachdruck auf Lebensqualität sind ebenfalls Veränderungen in der Einstellung, die in unseren beiden
Gesellschaften zu verzeichnen sind.

Eine weitere wichtige Veränderung in Deutsch-

land ist nach meiner Ansicht, daß es eine vielleicht tiefer denn je empfundene
Sorge um soziale Gerechtigkeit im eigenen Land und in der Welt gibt, verbunden
mit einem Mißtrauen, ja einer Langeweile, gegenüber politischen Ideologien.
In jedem dieser Fälle sind in den Vereinigten Staaten ähnliche Haltungen zu
verzeichnen.
Damit ist die Liste der Veränderungen noch nicht erschöpft, die mit dem
Aufrücken einer neuen Generation in die Verantwortung eingetreten sind. In jedem
Fall sollten die zugrundeliegenden Kräfte, die sie ausgelöst haben, darauf hinwirken, unsere beiden Länder zu einen. Wo Differenzen bestehen mögen, sind sie
eine natürliche und gesunde Eigenschaft eines Bündnisses freier Demokratien, in
denen unterschiedliche Meinung und der freie Ausdruck von Ideen geheiligte
Rechte sind. Aber solche Meinungsverschiedenheiten sollten als das erkannt
werden, was sie wirklich sind - unterschiedliche Auffassungen bezüglich der
Mittel, nicht des Ziels.
Auch auf
- 3 -

�Auch auf dem Gebiet der nationalen Sicherheit haben sich auf beiden Seiten
des Atlantik Veränderungen in der Einstellung vollzogen. Das Schwarz-Weiß-Bild
der fünfziger und sechziger Jahre wird von der jungen Generation und ihren
Führern nicht mehr unkritisch hingenommen.

Das bedeutet eine neuerliche

Verpflichtung der Regierungen, zuzuhören und zu überzeugen.

Wir sollten diese

Herausforderung begrüßen, denn in der atlantischen Partnerschaft haben einige
Grundwahrheiten ihre Gültigkeit behalten. Sie stellen das Fundament unserer
gemeinsamen Anstrengung dar, die Unterstützung für das Bündnis und seiner Ziele
bei den einzigen aufzubauen und zu erhalten, die es legitimieren - nämlich bei
den Völkern, denen wir verantwortlich sind.
Tatsache ist, daß sich das Bündnis außerordentlich gut gehalten hat. Es hat
den Frieden, die Stabilität und die Freiheit in Europa über einen längeren Zeitraum bewahrt, als sich irgend jemand zu seinen Lebzeiten erinnern kann.
praktische, politische Bedeutung war und ist gewaltig.

Seine

Für die Bundesrepublik

Deutschland garantierte die Mitgliedschaft im Bündnis einen stabilen politischen
Halt und eine starke Sicherheitsposition, um die Nachkriegsdifferenzen mit dem
Osten beilegen zu können, ein erfolgreiches neues Verhältnis zur DDR herzustellen
und damit viel von der menschlichen und kulturellen Tragödie der politischen
Teilung der Nation zu lindern.

Es waren eine starke, militärisch sichere und

politisch zusammenhaltende NATO sowie eine im Bündnis fest verwurzelte deutsche
Außenpolitik, die diese Fortschritte möglich machten. Man braucht sich nur an
die wiederholten Bekräftigungen von Bundeskanzler Brandt erinnern, daß das
Bündnis und die Mitgliedschaft der Bundesrepublik im Bündnis das sine qua non
der Ostpolitik seien.
Aber es ist hier, wie auch in meinem Lande, wieder ein beliebtes und nur
allzu bekanntes Lamento geworden, die NATO stecke in einer Krise: "Europa und
die Vereinigten Staaten sind sich nicht mehr völlig einig"; "Sie treiben auseinander"; "Die NATO zerfällt".

Solche Behauptungen sind heute die gängige Münze

in den Leitartikeln auf beiden Seiten des Atlantik.

Sie verraten eine Schwäche

für das, was intellektuell gerade en vogue ist. Wenn man solchen Behauptungen

�solchen Behauptungen jedoch nicht entgegentritt, könnten sie die zerstörerische
und demoralisierende Wirkung einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung haben.
Ein Blick auf die vergangenen drei Jahrzehnte zeigt, warum die Phrase,
"Die NATO steckt in der Krise" so abgedroschen ist:
- Im Jahre 1956 drängten die Vereinigten Staaten Großbritannien und Frankreich,
ihre Suez-Intervention aufzugeben.
werde auseinanderfallen.

Schlaue Leute erklärten damals, das Bündnis

Sie hatten unrecht.

- Im Jahre 1958 wurde das Bündnis durch die Debatte über die Stationierung
der Thor- und Jupiter-Raketen - in der Türkei, Großbritannien und Italien - und
anderer Kernwaffen in Europa erschüttert - eine Debatte, die übrigens auch in
Ihrem Bundestag lebhaften Ausdruck fand. Manche Leute fragten sich, ob das
Bündnis überleben werde.

Es hat überlebt.

- Im Jahre 1966 zog sich Frankreich aus der integrierten militärischen Befehlsstruktur der NATO zurück - die Lösung des Knotens im Drama einer weiteren Nukleardebatte im Bündnis.

Die Propheten des Untergangs verkündeten das Ende der NATO.

Und wieder hatten sie unrecht.
- Mitte der sechziger Jahre tobte die Kontroverse über die Strategie der
flexiblen Antwort.

Sogenannte "Weise" sahen wieder den Tod der NATO voraus.

Aber das Bündnis bewies seine Spannkraft.
- Im Jahre 1973 fanden sich die Vereinigten Staaten uneins mit den meisten
ihrer NATO-Verbündeten bezüglich des Oktober-Krieges im Nahen Osten und des
arabischen ölembargos.

Wieder sahen einige den Anfang vom Ende. Aber sie waren

kurzsichtig.
Die ganze Geschichte der NATO könnte praktisch als eine Reihe von Krisen
dargestellt werden.

Oder anders und richtig gesehen, sie könnte als eine Reihe

von Herausforderungen dargestellt werden, die immer wieder durch den gemeinsamen
Willen zur Aufrechterhaltung des Bündnisses und der Demokratien, die es so
erfolgreich erhalten hat, gemeistert wurden.
des Bündnisses sind seine Hauptmerkmale.

Denn Kontinuität und Spannkraft

Die Kassandrarufe der letzten drei

Jahrzehnte erinnern mich an den großen amerikanischen Humoristen Mark Twain,

- 5 -

�Mark Twain, der oft zu Beginn seiner Lesungen zu bemerken pflegte:
über mein Ableben sind stark übertrieben".

Die Gerüchte

Es ist eine einfache Wahrheit, daß

das Atlantische Bündnis fortbesteht und gedeiht, weil es ein Ausdruck unserer
politischen und strategischen

Bindungen ist. Diese sind heute noch so gültig

wie im Jahre 1949, und sie werden zu unseren Lebzeiten gültig bleiben.

Diese

Realitäten sind einfach und liegen auf der Hand, aber der gegenwärtige Zustand
der Ängstlichkeit wegen der Zukunft des Bündnisses deutet darauf hin, daß sie
immer wieder wiederholt werden müssen.
Die sowjetische Bedrohung
Man sagt uns oft, daß das, was das Bündnis wirklich in Unruhe versetze,
die eigentliche Quelle der transatlantischen Meinungsverschiedenheiten und der
europäischen Unzufriedenheit, die grundsätzlich verschiedene Betrachtungsweise
der sowjetischen Bedrohung und der sowjetischen Politik sei. Wie sieht die
Wirklichkeit aus?
Die siebziger Jahre schienen die Beziehungen der Sowjetunion zum Westen zu
verwandeln.

Die Anerkennung des Status quo nach dem Kriege In Mitteleuropa

durch Verhandlungen leiteten eine Periode der Annäherung zwischen Ost und West
ein, die weitgehende Unterstützung in der Wählerschaft fand.

Die Abkühlung von

Spannungen wurde weithin als zusätzliche Sicherheitsgarantie betrachtet, die
durch die Ausweitung der Bindungen zwischen Ost und West auf allen Ebenen verstärkt werden könnte.

Dieses vielversprechende Klima wurde noch zusätzlich

durch eine Neuordnung der strategischen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion im SALT-Prozeß und die Kodifizierung der Menschenrechtsnormen zusammen mit Sicherheitszielen in der Schlußakte von Helsinki von
1975 verbessert.

Auf allen Gebieten, auf die man sich einließ - Rüstungskontrolle,

wirtschaftliche Zusammenarbeit, humanitärer Austausch -, entwickelte sich der
politische Schwung bis zu dem Punkt, an dem man begann, eine solche Kooperation
als einen natürlichen Aspekt der Ost-West-Beziehungen zu betrachten.
Aber heute

�Aber heute haben wir unseren Dämpfer; heute betrachten wir die Entspannung
nüchterner.

Die sowjetische Invasion Afghanistans, die Instrumentierung der

Unterdrückung der Gewerkschaft Solidarität und der Hoffnungen des polnischen
Volkes und eine Poli'tik der Intervention in der Dritten Welt haben Anlaß zu
einem neuerlichen Gefühl der Besorgnis über eine globale Anmaßung der Sowjets
gegeben.
Der Mangel an Zurückhaltung und die mangelnde Bereitschaft, sich innerem
Wandel anzupassen, haben zu Zweifeln an der Dauerhaftigkeit und Berechenbarkeit
der sowjetischen Außenpolitik im allgemeinen geführt. Vor allem hat es die anhaltende Expansion der militärischen Macht der Sowjets, die gegen Westeuropa
aufgereiht ist - einschließlich, aber nicht ausschließlich, der Dislozierung
der SS-20 - in einen neuen und beunruhigenden Zusammenhang gestellt.
In dem gleichen Jahrzehnt,in dem die Hoffnungen auf sowjetische Zurückhaltung und Kontinuität in den Ost-West-Beziehungen so groß waren, nahm Moskau
die Modernisierung und Verstärkung seiner Streitkräfte vor.

Die strategischen

Nuklearstreitkräfte der Sowjets wurden dramatisch verbessert.

Die Europa gegen-

überstehenden sowjetischen Armeen profitierten von einem gewaltigen Zustrom
neuer Waffen.

Ende der siebziger Jahre erkannten selbst die unparteiischsten

Beobachter einen Widerspruch zwischen der Diplomatie des Kremls, die den Nachdruck
auf den Abbau von Spannungen und der Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts in
Europa legte, und der anhaltenden Beschaffung eindrucksvoller militärischer
Offensivkapazitätei..
Die zahlenmäßige Steigerung der sowjetischen Waffen visa-vis der NATO wurde
durch qualitative und operative Verbesserungen ergänzt. All das deutet darauf
hin, daß die Sowjets die Möalichkeit offensiver Operationen gegen die NATO weit
ernster nehmen, als ihre Diplomatie zugeben möchte.

Es deutet darauf hin, daß

ihre konventionellen Streitkräfte - im Gegensatz zur defensiven Natur der NATOPlanung - auf die Offensive als klares Ziel ausgerichtet sind, und daß ihre
gegen Europa dislozierten Nuklearstreitkräfte dazu dienen sollen, diese konventionelle Offensivkapazität zu ergänzen.
Gleichzeitig erkennen
- 7-

�Gleichzeitig erkennen wir, daß das Vertrauen der Sowjets in ihre militärische
Position nicht eisern feststehen kann.

Sie müssen mit den Ungewißheiten der

politischen und militärischen Zuverlässigkeit ihrer Verbündeten und der Sicherung
des rückwärtigen Gebietes in Osteuropa rechnen - das von wesentlicher Bedeutung
für den Sieg bei einem raschen Vorstoß ist, der vermeidet, daß man in einen
Abnutzungskrieg verwickelt wird, sev/ie mit der Unvorh^rsehbarkeit und den schwere«
Risiken einer nuklearen Eskalation,
Aber die Sowjets geben sich nicht damit zufrieden, mit diesen Ungewißheiten
zu leben.

Ihr Streben, ihre konventionellsn Streitkräfte zu verstärken, ihre

Qualität zu verbessern, eine Doktrin zu entwickeln, die von einem raschen Ansichreißen der Offensive ausgeht, die Qualität und Quantität ihrer nuklearen Einsatzkräfte zu verbessern, die auf NATQ-Europa zielen-i'Tl das läßt erkennen, daß
die sowjetische Führung sir1-. zutiefst unwohl fühlt mit Ungewißheiten, die für eine
mehr defensiv eingestellte Macht durchaus akzeptabel wären.
Weif-.- politische Eedeutung hat die militärische Postion der Sowjets?

Die

Kap?ntäten, in die sie so große Mittel investiert haben, haben wichtige
politische Auswirkungen in Friedenszeiten, vor allem für die Krisenbewältigung,
Sollte es in der Zukunft zu einer Cst-|rest-Konfrontation kommen, dann würde die
sowjetische Führung versuchen, diese militärische Position entweder aktiv oder
vorsichtig in einen politischen Hebel umzusetzen, um das Ergebnis zu ihren
Gunsten zu beeinflussen.
All das soll nicht heißen, daß die sowjetische Neigung, einen Konflikt in
Europa auszulösen oder selbst zu riskieren, heute größer wäre, als sie vqr zehn
oder fünfzehn Jahren war.

Aber es bedeutet, daß die Sowjets in wichtigen psycho-

logischen und politischen Dimensionen der Krisenbewältigung glauben könnten, daß
sie durch die anhaltende Beschaffung eindrucksvoller militärischer Macht einen
nützlichen Spielraum zu ihren Gunsten erreicht haben.
Das sind die

�Das sind die blanken Tatsachen und die harte Logik des militärischen Kräfteverhältnisses in Europa.
Aber diese Tatsachen sprechen offensichtlich nicht für sich selbst.
-

zum Teil wegen der Wirksamkeit der öffentlichen Diplomatie der Sowjets.

Die Sowjets spielen die Bedeutung der militärischen Kapazitäten systematisch
und aktiv herunter.

Ihr diplomatischer Nachdruck auf Rüstungskontrolle und

friedliche Absichten soll dazu dienen, die Vorstellung zu nähren, daß die gegen
Westeuropa aufgestellten Streitkräfte freundlicher Natur seien und nur defensiven
Zwecken dienten.

Das Ziel Moskaus besteht darin, Europa daran zu gewöhnen, die

militärische Vorherrschaft der Sowjets als einen natürlichen Stand der Dinge zu
akzeptieren und in der europäischen Öffentlichkeit den Gedanken zu zerstreuen,
die sowjetischen Streitkräfte könnten irgendeine militärische Bedrohung darstellen.
Unsere Auffassung von der sowjetischen Bedrohung und der Natur der sowjetischen Politik ist auch durch das Verhalten der Sowjets außerhalb der Grenzen
Europas geprägt worden. Die Sowjets haben in Gebieten der Dritten Welt eine
Vorwärtsstrategie verfolgt, eine Politik des strategischen Zupackens, die als
Herausforderung der westlichen Interessena^esehen werden muß. Moskau hat sich
alle Mühe gegeben, seine Politik in Europa von der Politik zu unterscheiden,
die sie in der Dritten Welt verfolgt, und hat unterstrichen, daß die Beziehungen
in Europa nichts mit dem zu tun hätten, und getrennt von dem betrachtet werden
müßten, was die Sowjets als regionale "Plätze der Spannung" bezeichnen.
Die INF-Problematik
Der Doppelbeschluß des Jahres 1979 wurde gefaßt vor diesem Hintergrund der
sowjetischen Aufrüstung, von der die SS-20-Rakete ein wesentlicher Bestandteil
ist, sowie in Erkenntnis der möglichen politischen Folgen für den Fall, daß
die NATO nicht in der Lage sein sollte, die notwendigen Gegenmaßnahmen zu
ergreifen.
Sollte es in

- 9 -

�Sollte es in Genf nicht zu einem befriedigenden Ergebnis kommen, stehen wir
in den kommenden Monaten vor der Aufgabe, unseren gemeinsamen Beschluß zu verwirklichen.

Mit dem Ansteigen der politischen Temperaturen tun wir gut daran,

uns selbst und der Öffentlichkeit unserer Länder noch einmal die ursprüngliche
Begründung für diesen Beschluß in Erinnerung zu rufen.
gültig.

Er ist heute wie damals

Angesichts der Tatsache, daß Mitte der siebziger Jahre sich zwischen

den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion eine strategische Parität entwickelt
hatte, brachten Beobachter auf beiden Seiten des Atlantik ihre Besorgnis zum
Ausdruck, daß die Dislozierung neuer sowjetischer nuklearer Mittelstreckenraketen
die Sowjets zu dem Glauben ermutigen könnte - wie fälschlich auch immer -, daß
sie diese Waffen einsetzen, oder mit ihrem Einsatz drohen, könnten, um westeuropäisches Territorium zu treffen, ohne das Risiko der strategischen Vergeltung
durch die Vereinigten Staaten gegen sowjetisches Gebiet fürchten zu müssen.
Eine solche falsche Vorstellung würde die Abschreckung schwächen und könnte im
Lauf der Zeit das politische Vertrauen untergraben, das von der glaubwürdigen
Abschreckungshaltung unseres Bündnisses abhängt.

Führer in Europa wie in Amerika

waren sich dieses Problems bewußt; ja, mit am überzeugendsten war hier der frühere
Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Der Entschluß, eine begrenzte Anzahl von landgestützten weiterreichenden
INF-Raketen zu dislozieren und dadruch eine begrenzte, glaubwürdige militärische
Kapazität zu schaffen, war der deutlichste Beweis dafür, daß die Vereinigten
Staaten ohne Vorbehalt der strategischen Verteidigung Westeuropas verpflichtet
sind. Mit der Dislozierung amerikanischer Kernwaffen in Europa, die in der Lage
sind, Vergeltungsschläge dirkt gegen sowjetisches Territorium zu führen,könnte
keine sowjetische Führung einen Angriff auf Westeuropa in Erwägung ziehen, ohne
gleichzeitig die Vereinigten Staaten anzugreifen. Auf diese Weise setzt der
Doppelbeschluß von 1979 die territoriale Sicherheit der Vereinigten Staaten mit
derjenigen
,NATO-Europas gleich und sichert so die Abschreckung.
Um mit den nichtprovozierten sowjetischen Dislozierungen fertig zu werden,
wurde noch eine zweite Möglichkeit vorgesehen: Das Bündnis verpflichtete sich

- 10 -

�verpflichtete sich zu dem Versuch, auf dem Weg der Rüstungsbegrenzungen eine
Lösung für die neue Bedrohung auszuhandeln.

Die neue amerikanische Administration

wandte ihre Aufmerksamkeit sogleich dem Rüstungskontrollaspekt des Problems zu.
Unsere Beratungen darüber, welche Postion wir bei diesen Verhandlungen einnehmen
sollten, wurden von einer Reihe allgemeinerer Rüstungskontroilgrundsätze geleitet.
Erstens, die Rüstungskontrolle muß hauptsächlich ein Instrument der nationalen
Sicherheit - und nicht ein Ersatz dafür - sein. Vorschläge und Abkommen können
kein "Selbstzweck" sein, sondern müßten an dem Beitrag gemessen werden, den sie
für unsere militärische Sicherheit leisten.

Die militärische Bedeutsamkeit

jeglicher Rüstungskontrollabmachungen muß im Sinne der Wirkung bewertet werden,
die sie auf die Sleeitkräftelage und die militärischen Kapazitäten beider Seiten
haben.
Zweitens, Abkommen müssen gleichwertig und ausgewogen sein.

Dabei geht es

am offenkundigsten um Gleichheit bei den numerischen Begrenzungen und Rechten.
Aber Gleichgewicht bedeutet mehr als Zahlen - worum es geht, ist die Fähigkeit
der jeweiligen Seite, durch militärische Operationen oder die Drohung mit
militärischen Operationen entscheidende Gewinne zu erzielen.

Die Rüstungskontrolle

kan - und sollte - den Anreiz verringern, militärische Macht einzusetzen oder ihren
Einsatz anzudrohen - insbesondere in Krisensituationen.
Drittens, Abkommen müssen umfangreiche Verringerungen bewirken, die die
militärischen Bedrohungen begrenzen. Rüstungskontrollvereinbarungen, die im
wesentlichen die bestehenden Arsenale kodifizieren oder ihr Anwachsen zulassen,
untergraben lediglich dieses Ziel - wie dies bei SALT II mit der öffentlichen
Unterstützung für den Vertrag selbst der Fall war.
Viertens, Abkommen müssen verifizierbar sein und die Verifizierbarkeit muß
über die nationalen technischen Mittel hinausreichen.
Schließlich kann man selbst von einer soliden Rüstungskontrolle nicht erwarten,
daß sie militärische Probleme löst, auch wenn sie auf diese entschärfend wirkt.
- 11 -

�entschärfend wirkt. Rüstungskontrolle ist ein Ersatz für eine Streitkräftemodernisierung. Mit veränderten Bedrohungen, mit veraltenden Systemen bedeutet
die Aufrechterhaltung der Gleichheit, der Ausgewogenheit und daher auch der
Abschreckung, daß eine Modernisierung notwendig ist. Vor diesem Problem stehen
wir ganz unmittelbar bei unseren strategischen Streitkräften.
In der internationalen Politik sind Prinzipien von entscheidender Bedeutung
für die Führung von Verhandlungen, und wir haben in dieser Hinsicht einen festen
Stand.

Abkommen sind, das wissen wir alle, Ergebnis des beiderseitigen Handelns,

der beiderseitigen Beweglichkeit und des praktischen Kompromisses. Auch hier
haben die Vereinigten Staaten und das Bündnis einen festen Stand.

Wir stehen

den Verhandlungen realistisch und beweglich gegenüber. Ja, wir haben einen
Vorschlag unterbreitet, der maximale Flexibilität verrät und der der sowjetischen
Seite letztlich sagt: Es liegt an euch, jetzt die gleiche Zahl amerikanischer
und sowjetischer INF-Systeme größerer Reichweite zu wählen.
die eigenen Sicherheitsansprüche entscheiden.

Laßt euer Gefühl für

Erkennt lediglich an, daß auch

die NATO legitime Sicherheitsansprüche hat.
Die sowjetische Reaktion hierauf,ja die sowjetische Einstellung zu den
Verhandlungen von Anbeginn an, deutete nicht darauf hin, daß man sich uns auf
der Suche nach einem vernünftigen Gleichgewicht dieser Waffen anschließen wollte.
Vielmehr ging es der Sowjetunion darum, die Tatsache ihres bestehenden Monopols
bei den LRINF-Systemen dadurch auszunützen, daß sie ihre Bedingungen für ein
Abkommen stetig wiederholte.

Ihr Ziel bleibt, die NATO-Dislozierungen durch

politische Mittel zu verhindern, die Verhandlungen als Mittel zu diesem Zweck
zu benützen und die öffentliche Meinung zu manipulieren und dadurch die Position
der europäischen Regierungen zu beeinflussen.

Was es von der Sowjetunion bislang

hinsichtlich INF gab, war eine Reihe dramatischer öffentlicher Ankündigungen,
jede dazu da, den Eindruck von Flexibilität zu erwecken, ohne bei den wesentlichen
Punkten auch nur eine Spur ihrer Position zurückzustecken. In einem sehr konkreten
Sinn ist der Kreml davon überzeugt, daß er über die Köpfe der NATO-Regierungen
hinweg verhandeln kann. Die Sowjets waren stets darum bemüht, die Themen der

- 12 -

�Themen der öffentlichen Debatte zu bestimmen, indem sie behaupteten, es existiere
nunmehr ein nukleares Gleichgewicht; die britischen und französischen Systeme
müßten legitimerweise mit einbezogen werden; das Pershing-il-System stelle eine
"Stativ neue Erstschlagdrohung dar -, und die SS-20-Raketen, östlich des
Urals disloziert, stellten keine Bedrohung der NATO dar.

Dies sind Hauptargumente

der sowjetisehen Postion - sowohl öffentlich als auch am Verhandlungstisch.

Sie

sind darauf angelegt, die Vereinigten Staaten in Gegensatz zu Europa zu bringen;
die europäischen Nichtnuklearstaaten zu den Nuklearstaaten und die NATO-Mitglieder
zu den asiatischen Freunden und Verbündeten.

Weder das eine noch das andere ist

legitim oder gerecht, d • "Yünde dafür sind eine Wiederholung wert:
Es gibt kein grundlegenderes Element der amerikanischen Verhandlungsposition weder bei INF noch bei START - als unser Bestehen auf Gleichheit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.

Dies akzeptierten die Sowjets als Grund-

eines Abkommens in der Vergangenheit. Unserer Risition gegenüber, wonach
"gleiche Rechte und Begrenzungen" für beide Seiten ein jegliches Abkommen
beherrschen müssen, behaupten die Sowjets, daß "Gleichheit und gleiche Sicherheit"
sich darin zeige, wie das Gleichgewicht berechnet wirf

Daher

men sich die

Sowjets das Recht, INF-Systeme von einem Umfang zu unterhalten wie alle anderen
potentiellen Nukleargegner zusammengenommen - wodurch sie umfangreicher si
als diejenigen aller anderen, einschließlich jener der Vereinigten Staaten.
Dieser Gedanke der Kompensation für nichtamerikanische Nuklearstreitkräfte ist
eine Vorstellung, die noch von keiner amerikanischen Regierung akzeptiert wurde.
Denn das würde bedeuten, daß die Vereinigten Staaten zum Beispiel für den Fall,
cie Franzosen wollten aufgrund souveräner Entscheidung ihre nationalen Streitkräfte ausbauen, ihre eigenen Streikräfte verringern müßten, um das Gesamtgleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Die Sowjets behaupten, es existiere in Europa ein Gleichgewicht bei den
Nuklearsystemen mittlerer Reichweite

Für ihre Berechnungen verwenden sie eine

Grenze der Reichweite von 1000 Kilometern.
Der Anspruch

- 13

�Der Anspruch wird auf verschiedene Weise vorgetäuscht: Indem amerikanische
Flugzeuge, wie etwa die F-4, die weit unter die 1000 km-Reichweite fällt, mitgezählt werden während die sowjetischen Flugzeuge gleicher oder größerer Kapazität,
wie der Fencer, nicht mitgezählt werden; indem amerikanische A-6- und A-7-Flugzeuge auf Flugzeugträgern mitgezählt werden, aber sowjetische Seeflugzeuge nicht;
und indem die britischen und französischen Systeme als Teil des amerikanischen
Gesamtbestandes eingerechnet werden. Je.' objektive Zählung zeigt ein wesentliches
Ungleichgewicht zugunsten der Sowjets.
Dies gilt sogar, wenn man das sowjetische Kriterium der 1000 km-Reichweite
akzeptiert, das an sich ein Argument ist, das nur Propagandazwecken dienen soll.
Der Vorsprung der Sowjets an Raketen dieser Reichweite liegt auf der Hand.

Sie

besitzen 351 mobile SS-20 mit jeweils drei Gefechtsköpfen und zuzüglich
250 SS-4- und SS-5-Raketen, was einen Gesamtbestand von etwa 600 Raketen oder
1300 Gefechtsköpfen bedeutet.
keine Raketen dieser Kategorie.

Die Vereinigten Staaten und die NATO besitzen
Was die Flugzeuge anbelangt, so ist das einzige

relevante System auf amerikanischer Seite - wenn man von dem sowjetischen
Kriterium des Bereichs ausgeht - die F-lll, von der 165 in Großbritannien stationiert sind.

Dagegen müssen die 550 Bomber vom Typ Badger, 200 Flugzeuge vom

Typ Blinder und 300 Fencer - insgesamt 1050 sowjetische Flugzeuge in Europa aufgerechnet werden, was eine Überlegenheit an Flugzeugen von fast 6,5 zu 1 bedeutet.

Wenn wir den Backfire-Bomber einschließen, der über seine Interkonti-

nentalkapazität hinaus auch eine Gefechtsfeldrolle hat, dann wäre die Disparität
sogar noch größer.
Mag es bei den Zahlen Widerspruch geben, die Schlußfolgerung ist eindeutig:
Die Sowjetunion hat einen überwältigenden Vorteil. Weder die vorhandenen
französischen und britischen Gefechtsköpfe, noch die zukünftigen 572 amerikanischen Gefechtsköpfe können diesen Vorteil ernsthaft verändern.
Meine Damen

- 14 -

�Meine Damen und Herren, wir müssen einen klaren Kopf behalten und das
bestehende Ungleichgewicht als das sehen, das es ist.

Die sowjetische Behauptung,

wonach ein Gleichgewicht besteht, ist falsch, unredlich und gründet sich auf
Fantasiezahlen.
Abkommen.

Sie verschleiert die wirklichen Probleme und den Weg zu einem

Wir sind während der Verhandlungen nicht darauf eingegangen, und wir

dürfen auch nicht zulassen, daß die Öffentlichkeit bei uns dazu verleitet wird,
sie deshalb zu akzeptieren, weil es uns nicht gelungen ist, sie als unwahr aufzuzeigen.
Ein weiteres Argument der Sowjets lautet, die britischen und französischen
Streitkräfte müßten für das Gleichgewicht mitberechnet werden.

Her Gromyko hat

trocken gefragt, welchen Unterschied es für die Sowjetunion mache, ob ein angreifender Gefechtskopv die französische Trikolore, den britischen Union Jack
oder die amerikanischen Stars and Stripes trage.
täuschende Art, das Problem darzustellen.

Das ist eine schlaue, aber

Und auch hier müssen wir uns wieder

fragen, ob wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unsere Öffentlichkeit
davon zu überzeugen, daß die britischen und französischen Systeme keinen Platz
in einem Abkommen haben, das ein echtes Gleichgewicht kodifizieren soll.
Angesichts des bestehenden numerischen Übergewichts der Sowjetunion sind die
162 britischen und französischen Gefechtsköpfe nahezu irrelevant bei einer
fairen Berechnung des Gleichgewichts.

So würden beispielsweise die Sowjets selbst

bei einer amerikanischen Dislozierung ein übergewicht behalten.

Daher sollten

sie nach allen objektiven Maßstäben des Gleichgewichts und der Gleichheit kein
Hindernis für das Erreichen eines Abkommens sein.

Die Sowjetunion bemühte sich

ausdauernd darum, während der ersten Phase der SALT I- wie SALT II-Verhandlungen
die britischen und französischen Systeme miteinzubeziehen, erkannte schließlich
aber das Prinzip amerikanisch-sowjetischer Gleichheit an und ließ das Thema der
Bündnissysteme fallen.

Das ist auch jetzt der angemessene Kurs.

Denn es handelt

sich hier um souveräne, nationale Streitkräfte, über die die Vereinigten Staaten
nicht verhandeln können und für die wir keine Kompensation geben werden.
haben strategische Aufgaben.

Sie

Sie sind nicht mit den LRINF-Raketen vergleichbar,

die Thema der Verhandlungen sind.
Schließlich - und
- 15 -

�Schließlich - und das ist vielleicht am wichtigsten: Sie haben nichts mit
dem

Schutz der Bundesrepublik oder anderer Nichtnuklearstaaten der NATO zu tun.

Es wäre äußerst gefährlich, dem Prinzip zuzustimmen, wonach das Gleichgewicht
in sowjetischen Systemen einerseits und britischen und französischen Systemen
andererseits errechnet werden sollte, denn ein solches Prinzip ignoriert die
Rolle der amerikanischen Systeme beim Schutz Europas und bei der Abschreckung
der Sowjetunion.

Hierum aber geht es doch in Wirklichkeit, und das ist ein

Punkt, den man nicht oft genug wiederholen kann.

Die oberflächliche Logik der

sowjetischen Argumentation zi akzeptieren, ist gefährlich; die britischen und
französischen Systeme mitzuzählen ist gleichbedeutend mit einer Abkopplung der
amerikanischen strategischen Streitkräfte von der Verteidigung Europas.
Ein weiteres sowjetisches Argument lautet, daß die 108 Pershing-II-Raketen
eine neue und ganz besondere Bedrohung darstellen würden; daß sie aufgrund ihrer
kurzen Vorwarnzeit zum Einsatz als Erstschlagwaffen vorgesehen seien.

Tatsache

ist, daß die 11 bis 14 Minuten Flugzeit der Pershing II vergleichbar sind mit
der Flugzeit von fast 1000 Gefechtsköpfen ballistischer Raketen der Sowjetunion,
die derzeit in Stellung sind, um auf NATO-Europa abgefeuert zu werden.

Und sie

sind auch vergleichbar mit der Flugzeit unterseebootgestützter Raketen der
Sowjetunion, die seit Jahren vor den amerikanischen Küsten in Position liegen.
Die Pershing-II wurde speziell für eine Reichweite von 1800 Kilometern
entworfen und macht sie damit unfähig, Moskau zu erreichen. Sie wurde in die
ursprüngliche Streitkräftemischung einbezogen, weil der Eindruck entstanden war,
man müsse eine vergleichbare ballistische Kapazität gegen eine drohende sowjetische Streitmacht dislozieren, die von ihrem Charakter her durchweg ballistisch
ist. Angesichts des dichten Luftabwehrnetzes der Sowjetunion, das den landgestützten Marschflugkörpern gegenüberstehen würde, brauchte die NATO zudem ein
ballistisches System, dessen Durchdringungsfähigkeit gesichert war.
Wie beurteilt

- 16 -

�Wie beurteilt der sowjetische iiuklearplaner wirklich die Pershing II?
Glaubt er wirklich daran, daß sie eine entwaffnende Erstschlagdrohung darstellt?
Das kann er gar nicht.

Denn 108 Gefechtsköpfe bringen nur einen kleinen Teil

der gesamten landgestützten ICBM-Streitmacht der Sowjetunion in Reichweite - und
einen noch weit kleineren Teil der gesamten strategischen Raketenstreitmacht der
Sowjetunion.

Zudem ist nur ein kleiner Teil der Befehls- und Kontroll anlagen

der strategischen Raketenstreitmacht der Sowjetunion ein Ziel, das durch die
zentralen strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten abgedeckt werden
könnte.

Daher ist die Behauptung, die Pershing II könne in einem nuklearen

"Enthauptungs"-Schlag genützt werden und damit die sowjetische Fähigkeit zur
Koordinierung und Durchführung eines eigenen Nuklearschlages beseitigen, falsch.
Diese Kapazität würde Tausende weiterer treffsicherer Gefechtsköpfe auf
ballistischen Raketen erfordern, ja, weit mehr als es bei der gesamten strategischen Streitmacht der Vereinigten Staaten gibt. Wie die Sowjets zu argumentieren, die Pershing II verleihe uns die Fähigkeit, einen Erstschlag von Europa
aus zu führen, ist einfach trügerisch.

Ihr einziger Zweck ist, zu demonstrieren,

daß die Sowjetunion, sollte sie eine Aggression gegen Europa in Erwägung ziehen,
nicht hoffen könnte, eine solche isoliert zu halten. Mit anderen Worten: Sie
zwingt die Sowjets zu der Überlegung, daß der Preis eines Angriffes ."uf Europa
ein Angriff auf die Vereinigten Staaten selbst wäre.
Es ist viel über die informellen Sondierungen geredet worden, die im vorigen
Sommer in Genf stattgefunden haben, und die letztlich von der sowjetischen Seite
abgelehnt wurden. Es wäre nicht angebracht, sich im Detail dazu zu äußern, aber
die groben Umrisse dieser Gespräche sind in der Presse dargestellt worden. Sie
waren deshalb bemerkenswert, weil sie eine Einstellung zur Begrenzung von
LRINF-Systemen erkennen ließen, die im Gegensatz zu dem steht, was die Sowjets
öffentlich verkündet haben.
Zunächst einmal werden Sie sich daran erinnern, daß die britischen und französischer Systeme nicht erwähnt wurden und man nicht darauf beharrte, sie einzuschließen. Zweitens akzeptierte die sowjetische Seite bei der Festlegung gleicher
Begrenzungen für LRINF-Systeir.e das Prinzip der amerikanisch-sowjetischen Gleichheit,
das die Grundlage aller früheren Rüstungskontroi labkommen war. Und schließlich
- 17 -

�Und schließlich akzeptierten die Sowjets bei der Festlegung dieser Begrenzungen
die Tatsache neuer amerikanischer Dislozierungen. Der Realismus dieses Standpunktes war ermutigend, und er spricht Bände bezüglich der Nebelwand falscher
und zweckdienlicher Behauptungen, die die öffentliche Haltung der Sowjets
charakterisiert.
Schlußfolgerung
Meine Damen und Herren, in den kommenden Monaten wird die Administration
in engster Konsultation mit ihren NATO-Partnern alles in ihrer Macht Stehende
tun, um in Genf zu einem fairen Abkommen zu gelangen, das den Kriterien gerecht
wird, die wir vereinbart haben.

Wenn kein Abkommen erreicht wird, wird gegen

Ende dieses Jahres mit der Dislozierung begonnen.
fest zu diesem Punkt.

Die NATO-Regierungen stehen

Wir können keine einseitigen Abkommen akzeptieren, die

nur im Interesse politischer Zweckdienlichkeit liegen.

Nur Standhaftigkeit,

politische Einigkeit des Bündnisses und die sichere Aussicht auf Dislozierung
geben der Sowjetunion den Anreiz

mit uns zu einer Einigung zu kommen.

Sollte

die Dislozierung beginnen, so werden die Anstrengungen zur Begrenzung der Anzahl
mittels Verhandlungen ernsthaft fortgesetzt.
realistisc, e Position.

Wir haben in Genf eine solide und

Wir sind zu keinem Zeitpunkt in diese Verhandlungen auf

der Grundlage des "Alles-oder-Nichts" gegangen - das sollte nunmehr wirklich
jedem deutlich geworden sein.

Die Sowjets haben sich bislang als kategorisch,

sich ständig wiederholend und unnachgiebig erwiesen.
Wir zweifeln nicht daran, daß der Zusammenhalt und die Entschlossenheit des
Bündnisses sich - wie in der Vergangenheit - auch in der vor uns liegenden Zeit
zeigen werden.

Man darf und wird der Sowjetunion nicht erlauben, dem NATO-Bünd-

nis seine Sicherheitspolitik zu diktieren.

Wir werden auch weiterhin einer

klugen Verteidigungspolitik folgen, die die Abschreckung zu ihrem Alleinziel
hat.

Wir werden sicherstellen, daß unsere Streitkräfte für unsere Verteidigung

angemessen sind, und wir werden diese Streitkräfte gemäß dieser gemeinsamen
Verteidigungszielsetzung modernisieren - nichts weiter.

Der Doppelbeschluß von

1979 spiegelt diese Zielsetzung wieder - nichts weiter.

Die Strategie der

- 18 -

�Die Strategie der Vereinigten Staaten und des Bündnisses für die Verteidigung
von Europa hat sich nicht geändert; was sich geändert hat, ist die sowjetische
Bedrohung, die uns zu umwälzenden Änderungen unserer eigenen Streitkräfte zwingt.
Ich habe meine Bemerkungen mit einem Überblick über das deutsch-amerikanische
Verhältnis begonnen und dabei auf die Ähnlichkeiten hingewiesen, die bei einigen
der Verhaltensveränderungen in beiden Ländern zu beobachten sind, wie auch die
gemeinsamen Interessen, die der Partnerschaft ihre Kraft geben.

In beiden

Ländern findet eine heftige Debatte über die Kernwaffen statt, wie es dies bislang noch nicht gegeben hat.

Dies erschwert das Leben jener von uns, die mit

der Verwirklichung der Politik beauftragt sind, die Ziel der Kritik sind.

Gleich-

zeitig hat diese Debatte in Amerika eine große Zahl von Menschen informiert.
Ich finde es bemerkenswert, daß wir hier in Gespräche über einst so geheimnisvolle
Themen wieNuklearstrategie, Wurfgewicht und Treffgenauigkeit von Gefechtsköpfen
mit einfachen Menschen in Orten wie Akron in Ohio oder Little Rock in Arkansas
eintreten.
Ich weiß, daß in der Bundesrepublik die Debatte gleichermaßen lebendig und
leidenschaftlich ist.

In Amerika hat die Administration die Diskussion begrüßt,

weil sie davon überzeugt ist, daß ihre Rüstungskontroll- und Verteidigungspolitik solide ist, und daß sie letztlich die Unterstützung der überwältigenden
Mehrheit finden wird.

Sie ist gleichermaßen von der Notwendigkeit überzeugt,

zuzuhören, denn Überzeugung ergibt sich aus dem Dialog, nicht aus Verkündigungen.
Ich weiß, daß wir in diesem Geiste bezüglich der strategischen Rüstungskontrolle
und der Modernisierung weiter vorangekommen sind.

Auf der Grundlage des Scowcroft-

Berichtes ist es uns gelungen, einen neuen, überparteiischen nationalen Konsens
herbeizuführen.

Nach unserer Vorstellung besteht keine Frage, daß dies der Weg

zum Erfolg bei den START-Verhandlungen ist.

Der Weg zum Erfolg bei den INF-Ver-

handlungen ist Einigkeit; es ist der Zusammenhalt in beiden Teilen des Doppelbeschlusses von 1979, wie er ursprünglich vereinbart wurde. Dem Gedanken, wie
er heute vormittag von Horst Ehmke zum Ausdruck gebracht wurde, daß die Kosten
der Durchführung größer sein werden als die Kosten, den Beschluß nicht

- 19 -

�Beschluß nicht durchzuführen, können und dürfen wir nicht zustimmen. Wenn wir
den Beschluß wegen der politischen Probleme, vor denen wir stehen, nicht durchführen, dann würden wir praktisch die Sowjetunion in die Lage versetzen, unsere
Sicherheitspolitik jetzt und in der Zukunft zu beeinflussen. Wenn&gt;.. das
zulassen, wenn wir den Sowjets erlauben, unsere demokratischen politischen
Meinungsverschiedenheiten auszubeuten, dann würden wir unsere gemeinsame
Zukunft gefährden.

+ + + r +

20

�26

29. Juni 1983

PRÄSIDENT REAGAN: ES DARF NIEMALS ZU EINEM ATOMKRIEG KOMMEN

CHICAGO - (AD) - Präsident Reagan hat am 23. Juni 1983 erneut unterstrichen, daß "ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals einer
ausgetragen werden darf."
Vor den Delegierten der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft verlas der Präsident eine Botschaft, die er einer Gruppe von Medizinern in den
Niederlanden zugesandt hatte und in der er erneut bekräftigte, er würde in
einem nuklearen Schlagabtausch keine Gewinner geben.
"Dies war meine Botschaft an die internationale Ärztegruppe", erklärte
der Präsident vor den amerikanischen Medizinern, "daß nämlich ein Atomkrieg
nicht gewonnen werden kann und niemals einer ausgetragen werden darf." Er
habe der niederländischen Gruppe gegenüber betont, daß "wir eine noch nie
dagewesene Möglichkeit haben, die Nukleararsenale zu verringern" und verwies
dabei auf die beiden getrennten Verhandlungen über die nuklearen Mittelstreckenraketen (INF) und die Verringerung der strategischen Waffen (START) in Genf.
"Keine Aufgabe", so unterstrich der Präsident in bezug auf diese Gespräche,
"hat für uns, unsere Verbündeten und für die ganze Welt eine größere Bedeutung."
Der internationalen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Der internationalen Ärztegruppe gegenüber hatte der Präsident betont,
die Verhandlungen "verdienen die volle Unterstützung all derjenigen, die
einen echten Fortschritt in Richtung auf den Frieden anstreben." Der Präsident erwähnte der Gruppe gegenüber auch, er habe dem ChefUnterhändler bei
den START-Gesprächen,Edward Rowny, neue Flexibilität ermöglicht, um mit der
Sowjetunion zu verhandeln und "Bedenken in Rechnung zu stellen, die die
Sowjets uns gegenüber zum Ausdruck gebracht haben."

+ t + + +

�</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
"4-

"""

Ä«

29. J u n i 1986

25

INHALT

DOKUMENTATION

Carluccl warnt vor Wunschdenken bezüglich der Sowjets
- Ansprache des Verteidigungsministers vor dem
Nationalen Presseclub -

Keine Veränderung bei Einsatzkonzept und Doktrin des
Warschauer Pakts
- Erklärung der amerikanischen Delegation bei MBFR -

HINTERGRUNDMATERIAL

Fortschritte bei den Genfer Verhandlungen über Kern- und
Weltraumwaffen
- Bericht von ACDA-Direktor B u m s an den Kongreß -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

29. Juni 1988

25
CARLUCCI WARNT VOR WUNSCHDENKEN BEZÜGLICH DER SOWJETS

- Ansprache des Verteidigungsministers vor dem Nationalen Presseclub WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister Frank
Carlucci zufolge müssen sich die Vereinigten Staaten vor einer Politik der
"Uberreaktion" und des "Wunschdenkens" bezüglich der Möglichkeit echter Reformen in der Sowjetunion hüten und sich die Tatsache vor Augen führen, da3 sie
nur in begrenztem Maße auf das Geschehen in der Sowjetunion Einfluß nehmer.
können.
In einer Bestandsaufnaheme von "Gipfeltreffen, Sicherheit und dem OstWest-Dialog" erklärte Carlucci in seiner Ansprache vor dem Nationalen Presseclub am 27. Juni 1988: "Die nackte Wahrheit ist, daß unsere Möglichkeiten zur
Einflußnahme auf den Wandel in der Sowjetunion begrenzt sind" und daß wir
"einfach nicht vorhersagen können, welche Auswirkungen dies nach sich ziehen
wird".
Nachfolgend bringen wir die Rede im Wortlaut.
Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, heute vor den Mitgliedern des
Nationalen Presseclubs sprechen zu
dürfen.
Seit dem Treffen zwischen Präsident
Reagan
und
Generalsekretär
Gorbatschow in Moskau ist ein Monat
vergangen. Heute möchte ich mit Ihnen gemeinsam die vor uns liegenden
Projekte erörtern - welche Strategie
im Anschluß an den Gipfel am besten
zur Behebung der Spannungen geeignet
ist und der Verbesserung der Sicherheit der Vereinigten Staaten und der
Verbündeten dient.
Als Augenzeuge des Gipfelprozesses bin ich davon überzeugt, daß unser anhaltender Dialog mit den Sowjets
in Moskau
einen
weiteren

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Schritt nach vorne gekommen ist. Bei
der vierteiligen Tagesordnung konnten
wir in jedem Bereich Fortschritte erzielen - bei den Menschenrechten, bilateralen und regionalen Konflikten
sowie bei der Rüstungskontrolle - die
inzwischen fester Bestandteil unserer
Treffen mit der Sowjetunion geworden
sind.
Das Gipfeltreffen hat auch großes
Interesse an den Entwicklungen geweckt, die zur Zeit in der Sowjetunion stattfinden - und die Hoffnung
genährt, daß der Prozeß des inneren
Wandels positive Auswirkungen auf das
sowjetische Verhalt en im internationalen Umfeld haben möge.
Es besteht kein Zweifel, daß ein
solcher Prozeß in die Wege geleitet

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�worden ist, er ist jedoch noch in
keiner Weise abgeschlossen. Das angemessene Verhalten gegenüber Entwicklungen im Inneren der UdSSR unter
diesen Umständen ist, aufnahmebereit
aber wachsam zu sein.
Ich möchte
Präsident Reagan aus seiner Ansprache
nach dem Gipfel im Rathaus der City
von London zitieren: "Wenn ein ehrlicher Wandel stattfindet, stehen wir
diesem
unvoreingenommen
gegenüber.
Aber wir müssen auch wachsam sein,
wir müssen stark bleiben und wir müssen zuversichtlich sein."
Trotz der Konzentration auf den
Wandel in der UdSSR war der Moskauer
Gipfel in vieler Hinsicht der logische Höhepunkt der seit Jahren von
den Vereingten Staaten verfolgten Politik. Nehmen wir zum Beispiel den
INF-Vertrag: Schon im Jahr 1981 hat
Präsident Reagan die "Null-Lösung"
vorgeschlagen, die als Grundlage für
den heute gültigen Vertrag diente.
Und der Präsident hat auch angesichts
des enormen Gegendrucks, der von einigen amerikanischen wie auch sowjetischen RUstungskontrollexperten auf
ihn ausgeübt wurde, an der Null-Lösung festgehalten. Auch im Bereich
der Menschenrechte können wir Kontinuität verzeichnen.
Die Neuheit,
Präsident Reagan auf dem Roten Platz
zu sehen, sollte nicht die Tatsache
verschleiern, daß er mit denselben
lange bewährten Ansichten zu den
Grundrechten
und
Freiheiten
nach
Moskau gefahren ist und - wie er in
seinen Gesprächen mit sowjetischen
BUrgerrechtlern unter Beweis gestellt
hat - nicht zögert, diese auch zu artikulieren.
Es gibt zahlreiche Anzeichen, die
den zur Zeit in der Sowjetunion
stattfindenden tiefgreifenden Wandel
belegen: lange verbotene Bücher werden jetzt veröffentlicht, politische
Kontroversen und öffentliche Proteste
finden ihren Weg in die offizielle
Presse.
Selbst die Vergangenheit
wird
der
"Reform"
unterworfen:
Stalin wird nun zunehmend kritisiert,
seine Gegner rehabilitiert; und in
den Schulen sind Geschichtsprüfungen

abgesagt worden, während die Schulbücher neu geschrieben werden. Das
andere Kernstück der Reform, die
wirtschaftliche Umstrukturierung, ist
- wenn auch noch nicht sehr weit
fortgeschritten - ein Thema icitensiver öffentlicher Diskussionen. Bei
der Parteikonferenz, die morgen in
Moskau eröffnet wird, könnte sehr
wohl die Rolle der Partei neu definiert werden.
Der Schlüssel im Verhalten zu den
Sowjets liegt heute darin, den Wandel
in der richtigen Perspektive zu sehen.
Die bloße Tatsache, daß ein
Wandel stattfindet, verrät uns noch
nicht, wohin dieser Wandel führen
wird.
Es liegt an uns, den harten Realitäten ins Auge zu blicken, von denen die Grenzen des Wandels definiert
sind - die Umstände, die ihm im Wege
stehen.
Dies bedeutet, sich der
Grenzen sowjetischer Reformen bewußt
zu sein - und unserer eigenen begrenzten Fähigkeiten, die Ereignisse
zu kontrollieren.
Und es gibt Grenzen. Das vorsichtige Tempo der sowjetischen Wirtschaftsreform ist nicht auf Unsicherheit über die Richtung zurückzuführen, die diese Reform einschlagen
muß. Von den politisch Verantwortlichen in der Sowjetunion wird sehr
wohl verstanden, daß die Hauptursache
für wirtschaftliche Stagnation in der
Kontrolle des Staates zu suchen ist,
und der Schlüsel zur Wiederbelebung
der Wirtschaft liegt in der Lockerung
des staatlichen Zugriffs.
Es gibt
eine Vielzahl von Möglichkeiten, um
dies herbeizuführen: der Staat könnte einige Elemente der Planwirtschaft
abbauen, um Spielraum für den Mechanismus von Angebot und Nachfrage zu
schaffen, oder den Entscheidungsprozeß dezentralisieren. Solche Schritte würden die Wirtschaftsleistung
verbessern, jedoch nur auf Kosten der
staatlichen Kontrolle der Wirtschaft
- und dies ist die politische Barriere, die der Perestrojka im Wege
steht.
Die zentrale Kontrolle ist

- 2 -

�etwas gelockert worden, aber es gibt
keine Anzeichen dafür, daß Perestrojka die Beseitigung des Systems bedeutet. Wie man wirtschaftliche Notwendigkeiten mit der politischen Realität
in
Einklang
bringt
ist
Gorbatschows Problem - und es ist
kein leichtes Problem.
Auch Glasnost, dem zweiten Grundelement des sowjetischen Reformprogramms, sind Grenzen gesetzt.
Es
gibt, wie ich bereits gesagt habe,
eine wirkliche Öffnung - ebenso besteht jedoch der begründete Eindruck,
daß Glasnost ein Fenster ist, das jederzeit wieder geschlossen werden
kann. Wir müssen die Distanz zwischen Glasnost und der Redefreiheit
westlicher Prägung zur Kenntnis nehmen. Gegenwärtig ist Glasnost im engeren Sinne vom Staat beeinflußt und das ist weit von dem entfernt,
was wir unter den Grundrechten freier
Rede und offenen Meinungsaustauschs
verstehen, die vom Staat nicht beschnitten werden können und die wir
schützen müssen.
Alle uns bisher vorliegenden Beweise deuten darauf hin, daß das gegenwärtig in der Sowjetunion durchgeführte Reformprogramm nicht auf eine
Umwandlung des Systems an sich, sondern auf dessen effizientere Gestaltung ausgerichtet ist - auf seine
Wiederzubelebung - ohne Veränderung
der Grundstrukturen von Einparteienherrschaft und Staatskontrolle.
Wir müssen die sowjetische Reform
in der richtigen Perspektive betrachten und gleichzeitig auch die Grenzen
unserer Fähigkeit zur Beeinflussung
der Ereignisse anerkennen. Von einigen Kreisen werden die Vereinigten
Staaten aufgefordert, ihre Politik
neu zu formulieren, um den Erfolg der
sowjetischen Reformen zu ihrem Ziel
zu machen. Ich kann mir keinen gefährlicheren Weg vorstellen, um eine
über das Ziel hinausschießende Politik mit Wunschdenken im Hinblick auf
deren Ergebnis zu kombinieren.
Wir

müssen

klare

Vorstellungen

davon haben, was die amerikanische
Politik leisten kann und was nicht.
In den internationalen Beziehungen
können Festigkeit und Entschlossenheit des Westens das Verhalten der
Sowjets beeinflussen, wie wir bei der
INF-Frage und Afghanistan gesehen haben. Unsere Fähigkeit zur Beeinflussung inneren Wandels in der UdSSR ist
jedoch eine andere Sache. Wir können
auf Veränderungen hoffen, wir können
sie begrüßen, wenn sie zustande kommen. Die nackte Wahrheit ist, daß
unsere Möglichkeiten zur Einflußnahme
auf den Wandel in der Sowjetunion
sehr begrenzt sind. Trotz der unlängst an die Öffentlichkeit gedrungenen politischen Auseinandersetzungen unter führenden sowjetischen Politikern ist die Funktionsweise des
sowjetischen Systems in seinem Innern
- die Fraktionen, die Machtkämpfe,
die verschiedenen Interessen - grundsätzlich immer noch jedermann außerhalb des Kremls unbekannt. Als Ergebnis dessen wissen selbst die politisch Verantwortlichen im Westen
über die Ziele und Absichten der sowjetischen Führung wenig mehr als der
sowjetische Durchschnittsbürger.
Wenn man als Katalysator des Wandels fungieren möchte, besteht eine
große Gefahr:
Wir können einfach
nicht vorhersagen, welche Auswirkungen dies nach sich ziehen wird.
Wenn das Endresultat der Reform
eine weniger expansionistische Sowjetunion ist, die ihre gegenwärtig
für militärische Zwecke eingesetzten
Ressourcen reduziert, die ihr seit
langem verzögertes Versprechen zur
Respektierung der Grundfreiheiten und
Menschenrechte
einlöst, die einem
Dialog mit dem Westen aufgeschlossen
gegenübersteht, dann wird dies ein
Wandel zum Besseren sein. Wenn andererseits das Endprodukt der sowjetischen Umgestaltung nicht mehr als
die Entwicklung - vielleicht sogar
mit westlicher Hilfe - eines stärkeren industriellen Motors ist, um die
sowjetische Militärmaschinerie anzutreiben, dann werden wir es im Westen
mit einer weit gefährlicheren Bedro-

- 3 -

�hung zu tun bekommen als heute.
Die Tatsache allein, daß ein Wandel stattfindet, birgt keinen Hinweis
darauf, ob dieser zum Besseren oder
zum Schlechteren vonstatten geht.
Unser Denken - oder unsere Politik darf nicht von unserem Wunsch nach
Wandel beherrscht werden.
Wie sollen wir also in unseren
Beziehungen mit den Sowjets vorgehen?
Meine Antwort lautet, daß wir den
Kurs, der uns zum Moskauer Gipfel geführt hat, beibehalten sollen.
- Wir müssen ein klares Gefühl für
die Unterschiede behalten, die
das amerikanische und das sowjetische System trennen - selbst,
wenn wir versuchen, diese Unterschiede abzubauen.
- Wir müssen vermeiden, Ursache und
Wirkung zu verwechseln, indem wir
annehmen, daß Spannungen deshalb
existieren, weil wir bewaffnet
sind, wiewohl es tatsächlich so
ist, daß wir bewaffnet sind, weil
die amerikanischen und sowjetischen
Ziele
und
Interessen
Spannungen hervorrufen.
- Zuallererst müssen wir und unsere
Verbündeten uns an unseren eigenen
Sicherheitsbedürfnissen
orientieren.
In der Rüstungskontrolle dürfen
wir beispielsweise nicht vergessen,
daß weniger Raketen nicht gleich mehr
Sicherheit bedeuten. Unser Ziel bei
der Erzielung von Rüstungsreduzierungen besteht darin, die Stabilität auf
niedrigerem Niveau zu erhöhen - nicht
nur, die Waffen zu reduzieren. Wir
können Systeme, die zur Aufrechterhaltung eines soliden Verteidigungspotentials notwendig sind - wie etwa
seegestützte
Marschflugkörper
-,
nicht einfach deshalb preisgeben, um
die Verifizierung eines RUstungskontrollabkommens zu vereinfachen.
Ebenso wichtig
unsere Kontrollen

ist es, daß wir
im Hinblick auf

strategisch
wichtige
Technologien
beibehalten, auch wenn wir danach
streben, die Spannungen mit den Sowjets abzubauen.
In den siebziger
Jahren haben die Vereinigten Staaten
es den Sowjets gestattet, große Mengen an moderner Technologie zu erwerben. Dadurch wurde es ihnen ermöglicht, die seit langem bestehende
Lücke
zwischen
der
militärischen
Technologie der Sowjets und des Westens zu verringern. Durch die Verschärfung der Kontrollen über den
Fluß sicherheitsempfindlicher Technologie hat die Reagan-Administration
diesen Trend umgekehrt. Wir haben es
den Sowjets bedeutend erschwert, die
Früchte westlicher Technologie in
Form von neuen und raffinierteren
Waffensystemen gegen uns zu verwenden. Der Schutz unseres qualitativen
Vorsprungs ist von entscheidender Bedeutung für den Westen, der sich traditionell erheblich auf seine technologische Überlegenheit verläßt, um
den quantitativen Vorsprung der sowjetischen Streitkräfte wettzumachen.
Jetzt ist es nicht an der Zeit,
in unserer Wachsamkeit nachzulassen.
Wir haben allen Grund anzunehmen, daß
die Sowjets unsere Technologie als
einen Weg ansehen, um nicht nur wirtschaftliche, sondern auch militärische Vorteile zu gewinnen.
Aus
besten strategischen Gründen können
wir es uns nicht leisten, dies geschehen zu lassen.
Bei meinen Zusammenkünften mit
dem
sowjetischen
Verteidigungsminister Jasow habe ich mir vergegenwärtigt, daß der Dialog als Selbstzweck wertlos
ist, sondern ausschließlich als Mittel zur Verbesserung unserer Sicherheit. Unsere Gespräche in Bern und vergangenen Monat
in Moskau waren offen - und wie ich
denke, gerade aufgrund dessen - konstruktiv. Wir haben viel dadurch gewonnen, daß wir die Gelegenheit hatten, unsere Meinungsverschiedenheiten
zu bereinigen und Wege zur möglichen
Verbesserung unserer Beziehungen zu
erforschen.

- 4 -

�Aus diesem Grund werde ich Anfang
August zu einem dritten Treffen mit
Minister Jasow nach Moskau zurückkehren.
Wie bei unseren früheren Zusammenkünften wird unsere Tagesordnung
Möglichkeiten zur Vermeidung gefährlicher
militärischer
Zwischenfälle
wie auch die Ausweitung der Kontakte
im militärischen Bereich umfassen.
Darüber hinaus werden Minister Jasow
und ich erneut unseren Dialog über
die Militärdoktrin aufnehmen.
Die
Sowjets erheben weiterhin Anspruch
auf ihren Kurswechsel im Hinblick auf
ein
eindeutig
defensives
militärisches Einsatzkonzept.
Ich für
meinen Teil habe eindeutig dargelegt,
daß die Vereinigten Staaten einen
solchen Kurzwechsel begrüßen würden,
der nach wie vor etwa 15 bis 17 Prozent des sowjetischen BSP verschlingt
- aber daß wir trotz der sowjetischen
Behauptungen keine Veränderungen bei
der sowjetischen Streitkräftestruktur
und keine Verminderung der für das
sowjetische
Militär
aufgewendeten
Ressourcen feststellen können.
Der
zahlenmäßige Vorteil der Sowjets gegenüber der NATO bei Panzern und Artillerie, zusammen mit dem Schwergewicht auf einsatzfähigen Manövergruppen, luft- und seegestützten Streitkräften und Brückenlegegerät zur Unterstützung eines Vorstosses deuten
unzweifelhaft darauf hin, daß die offensive Ausrichtung der sowjetischen
Streitkräfte erhalten bleibt.
Der Schlüssel zur Förderung des
gegenwärtig mit den Sowjets geführten
Dialogs liegt in der Erkenntnis der
Bedeutung von Gesprächen aus einer
Position der Stärke heraus. In dieser Hinsicht
nahm
der Weg zum
Moskauer Gipfel seinen Anfang lange
bevor Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow gegenseitige Besuche in ihren Hauptstädten vereinbarten. Er begann mit dem vor mehr
als sieben Jahren gefaßten Entschluß
Präsident Reagans, Amerikas Verteidigung wiederaufzubaunen.
Wenn die
Vereinigten Staaten dieses Wiederaufbauprogramm nicht durchgeführt hät-

ten, gäbe es meiner Überzeugung nach
heute keinen inhaltsreichen Dialog
mit den Sowjets.
Und die Vereinigten Staaten sind
heute in jeder Hinsicht viel stärker
als noch zu Beginn der achtziger Jahre. Sie alle kennen die wichtigsten
Bestandteile unseres Wiederaufbauprogramms - die Modernisierung unserer
strategischen Triade und unserer konventionellen Streikträfte. Ich nöchte einige ebenso wichtige, aber weniger bekannte Indikatoren unseres verbesserten Verteidigungskonzepts aufführen:
- Wir haben in den vergangenen sieben Jahren mehr als 50 Milliarden
Dollar für Munition und Ersatzteile aufgewendet.
- Wir haben das Material für uasere
Streitkräfte in Europa um 15C
Prozent aufgestockt.
- Wir haben unsere Transportfähigkeiten in der Luft um 18 Millionen Tonnenmeilen pro Tag erhöht das sind 70 Prozent mehr als 1980.
- Die Seetransportfähigkeit ist im
selben Zeitraum um 50 Prozent gestiegen.
Insgesamt haben diese Leistungen
zur Verbesserung der Fähigkeit des
Landes beigetragen, Macht zu dokumentieren und damit eine Aggression abzuschrecken.
Die Anerkennung für die Wiederherstellung von Amerikas Stärke gebührt Präsident Reagan, dem Kongreß
und dem amerikanischen Volk, die den
gefährlichen
Niedergang
amerikanischer Macht erkannt und die Bestrebungen zum Wiederaufbau unterstützt
haben. Aber mit dieser Anerkennung
geht die Verantwortung einher, heute
in unseren Bemühungen nicht nachzulassen und daß dafür auch wirklich
kein Grund besteht.
Nach dem Moskauer Gipfel bin ich
nach Japan und in die Republik Korea

- 5 -

�gereist, um dort mit den Staatschefs
der beiden Länder zusammenzutreffen.
An meinem letzten Tag in Korea habe
ich die Gegend nördlich von Seoul besucht, um die amerikanische Soldaten
zu besuchen, die auf dem sogenannten
DMZ-Streifen Wache stehen - einer der
Grenzlinien, die freie Nationen von
den uns bedrohenden Kräften abtrennen. Von den dortigen Wachtürmen aus
gesehen ist die Bedrohung immer allgegenwärtige Realität - sie ist keine
Theorie, die man allzu leicht übersehen könnte.
Mein Führer war ein Unteroffizier
der US-Armee, James Haie, ein junger
Mann aus Portland in Oregon, der
jetzt
auf
einem Wachturm seinen
Dienst verrichtet, der nur wenige Meter vom feindlichen Territorium entfernt ist. Haie zeigte mir die von
diesem
gefährlichen
Stellungspunkt
sichtbaren nordkoreanischen Posten und noch etwas anderes. Er hat mir
vor Augen geführt, was es ist, das
Amerika und seinen Verbündeten Freiheit und Frieden beschert: Wachsamkeit und Entschlossenheit.
Eben diese Haltung bestimmt unseren Ansatz bei den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.
Die politischen Maßnahmen der
vergangenen sieben Jahre haben eine
Grundlage für bessere Beziehungen zur
Sowjetunion geschaffen und die Serie
der Gipfeltreffen hat einen nützlichen Dialog hervorgebracht.
Als
Ergebnis davon sind wir nunmehr in
einer Position, positiv auf echte
Veränderungen in der sowjetischen Politik, beim Einsatzkonzept und Verhalten zu regieren, wann immer diese
auch stattfinden mögen. Auf genau
diese Art und Weise müssen wir die
Beziehungen zur Sowjetunion handhaben: Immer offen für die Aussichten
eines Spannungsabbaus, aber in jedem
Fall entschlossen zur Aufrechterhaltung unserer Sicherheit.
* * * * *

- 6

�AMERIKA DIENST
^7

Dokumentation

&lt;£*

25

29. Juni 19811
KEINE VERÄNDERUNG BEI EINSATZKONZEPT UND DOKTRIN DES WARSCHAUER PAKTS
- Erklärung der amerikanischen Delegation bei MBFR -

WIEN - (AD) - Der Chefunterhändler der amerikanischen Delegation bei der
MäFR-Verhandlungen, Botschafter Stephen Ledogar, erklärte am 23. Juni 1983 bei
eLner Plenarsitzung, die von den Regierungen des V/arschauer Pakts vorgebrachte
Aikündigung eines neuen Engagements für konventionelle Rüstungskontrolle hätte
bii den Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenverm;nderunger
ii Mitteleuropa (MBFR) keine neuen, konkreten Rüütungskontrollvorschläge hervorgebracht.
Ledogar zufolge bieten die von den Ostblockstaaten unterbreiteten Vorschläge bei den nunmehr 15 Jahre dauernden Gesprächen keine angemessene Verifizierung und "würden damit nicht die Zielsetzungen erfüllen, auf die siel
beide Seiten zu Beginn dieser Verhandlungen geeinigt haben".
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Presseerklärung der amerikanischen
Delegation, der Botschafter Ledogars Rede zugrunde Liegt.
Botschafter Stephen J. Ledogar,
ChefUnterhändler der Delegation der
Vereinigten
Staaten
von
Amerika
sprach heute im Namen der westlichen
Regierungen vor der Plenarversammlung. In seiner Rede verwies er darauf, daß Ost und West diese Verhandlungen seit nunmehr 15 Jahren führen.
Das deutet Ledogar zufolge auf eine
umfangreiche Erfahrung mit Rüstungskontrolle hin, und die westliche Seite ist der Ansicht, daß regelmäßige
Überprüfungen für alle Beteiligten
von Nutzen sind. Der Auffassung des
Westens zufolge bildet der Verhandlungsprozeß selbst einen der wichtigsten Aspekte dieser Erfahrung. Erfolge in der Rüstungskontrolle verlangen von den Unterhändlern harte
Arbeit, einen konstruktiven Ansatz,
Geduld und Phantasie und von ihren

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Regierungan eine feste politische
Verpflichtung. Die Teilnahme allein
reicht nicht aus. Ohne echten Einsatz für die beiderseits vereinbarten
Zielsetzungen und die Entschlossenheit, mit der anderen Seice an der
Verwirklichung dieser Ziele zu arbeiten, werden die Probleme, die zunächst einmal auf beiden Seiten zur
Aufnähme der Gespräche geführt haben,
nicht gelöst.
In diesem Zusammenhang begrüßt
der Westen die öffentliche Ankündigung der Regierungen des Warschauer
Pakts über ihr neues Engagement f U :
die konventionelle Rüstungskontrolle.
Dem Westen wird vermittelt, daß in
Hinblick auf die militärische Lage in
Europa ein neues Zeitalter angebrochen ist, und man hört aus dem Ost-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�block von einer Vielzahl unterschiedlicher
Rüstungskontrollpläne,
Umstrukturierung der Streitkräfte und
Neuformulierung der Doktrin auf der
Basis "defensiver Verteidigungshaltung" und "vernünftigen und ausreichenden Verteidigungsniveaus".
Bis
jetzt hat der Westen jedoch weder
vergleichbare Veränderungen im grundlegenden Einsatzkonzept und der Doktrin des Warschauer Paktes verzeichnet noch bestehen Anzeichen dafür,
daß er seinen erheblichen militärischen Vorteil gegenüber der NATO abbaut.
Ebensowenig haben wir hier
neue, konkrete RUstungskontrollvorschläge vernommen - trotz der Tatsache, daß dieses Forum mit der Berücksichtigung genau dieser Fragen
befaßt ist.
Die westliche Seite ist insbesondere durch das plötzliche Interesse
des Ostblocks am Datenaustausch und
einer vorher dazu abzuschließenden
Vereinbarung neugierig geworden, umsomehr, als der Ostblock als fordernde Partei auftritt - und den Westen
öffentlich ins Gebet nimmt, weil er
auf seine Vorschläge nicht positiv
reagiert. Im Prinzip ist ein Datenaustauch in der Anfangsphase sinnvoll. Beide Seiten würden Datenmaterial vorlegen, vergleichen und verifizieren, so daß eine Einigung über
das bestehende Streitkräfteniveau und
später über die Maßnahmen erzielt
werden könnte, die zur Erlangung der
Zielsetzungen
erforderlich
sind.
Tatsächlich ist dies der Ansatz, den
der Westen bei diesen Verhandlungen
seit vielen Jahren verfolgt. Die dabei gewonnenen Erfahrungen haben den
Westen davon überzeugt, sich eines
anderen Ansatzes zu bedienen, und
laut Botschafter Ledogar sind sie es
wert, einer erneuten Prüfung unterzogen zu werden.
Beide Seiten haben in den siebziger Jahren Datenmaterial vorgelegt,
die Zahlen wichen jedoch stark voneinander ab. Darüber hinaus war das
höchst allgemeine Datenmaterial unmöglich zu verifizieren und eignete
sich nicht als Grundlage für eine

Statistik und für den Streitkräftevergleich, für die es wohl beabsichtigt war.
Es wurde offensichtlich, daß der
Ostblock das Problem des Datenmaterials als Prozeß für Verhandlungen
über den Umfang der Reduzierungen und
nicht als Bestrebung betrachtete,
eine einheitliche sachliche Grundlage
zu schaffen, auf der bei Verhandlungen über Reduzierungen und Begrenzungen aufgebaut werden konnte.
Der Westen hat als ersten Schritt
zur Beilegung der Differenzen wiederholt einen systematischen Vergleich
einzelner Zahlen von Ost und West
vorgeschlagen. Der Westen hat ebenfalls beantragt, daß beide Seiten
eine Arbeitsgruppe zur Klärung der
Angelegenheiten einrichten sollten.
Der Ostblock hat dies verweigert.
Der Westen versucht auch weiterhin,
das Problem des Datenaustauschs realistisch und flexibel anzugehen - und
er hat seine Position einige Male in
dem Versuch revidiert, dem Ostblock
entgegenzukommen.
Dies geschah zum
Beispiel bei den Gesprächen von 1976
bis 1979 über die Bestimmung der zu
zählenden einzelnen Streitkräfteteile
und bei den beschränkteren Erfordernissen unseres Vorschlags vom Dezember 1979. Dennoch hat der Ostblock
die Sorge des Westens über wenig repräsentatives Datenmaterial als unwesentlich abgetan und sie als absichtliches Hindernis für Fortschritte bezeichnet. Der Ostblock kam zu dem
Schluß, daß der Westen entweder das
strittige Datenmaterial des Ostblocks
akzeptieren oder sich mit einfachen
Stellungnahmen beider Seiten begnügen
müsse, denen zufolge es nach Reduzierungen keine Aufrüstung geben würde.
In dem Bemühen zur Überwindung
dieser Sackgasse beim Datenmaterial
schlug der Ostblock im Februar 1983
vor, jede Seite solle ihre eigenen
Reduzierungen im Hinblick auf allseits gleiche Obergrenzen festlegen.
Der Westen hat daraufhin das Angebot
unterbreitet, von seiner Forderung
nach einer vorherigen Vereinbarung

- 2 -

�über den Datenaustausch abzusehen,
betrachtet aber dennoch den Austausch
detaillierter Zahlen über Streitkräfte als wesentlichen Bestandteil der
Verhandlungen
über
konventionelle
Streitkräfte. Dies steht im Einklang
mit dem Schwerpunkt, den der Westen
auf Ergebnisse und die Stärke der
verbleibenden Reststreitkräfte legt.
Dieser Ansatz fand seinen Niederschlag in unserer Initiative vom Dezember 1985. Der Ostblock hat diese
Initiative jedoch bis auf den heutigen Tag abgelehnt.
Beim NATO-Gipfel im März diese
Jahres haben die Staats- und Regierungschefs der NATO die Zielsetzungen
und Prioritäten für neue Gespräche
über konventionelle Rüstung umrissen.
Sie stellten fest, daß das konventionelle Ungleichgewicht in Europa nach
wie vor das Kernstück der Sicherheitsproblerae in Europa bildet und
das vorrangige Ziel der NATO bei einer erneuten Gesprächsrunde in der
Behebung dieses Ungleichgewichts liege. Der offizielle sowjetische Sprecher reagierte darauf unmittelbar mit
der Feststellung, die Kampfpotentiale
der beiden Bündnisse seien tatsächlich bereits nahezu gleich. Solche
Äußerungen sind ein Hinweis dafür,
daß die beiden Seiten in der Frage
der Truppenstärken noch weit voneinander entfernt sind; für den Westen
sind sie zumindest ein Anzeichen dafür, daß die von den Sowjets beim Kategorisieren und Zählen der Truppen
angewandten Methoden sich von denen
des Bündnisses grundsätzlich unterscheiden.
Abgesehen von dem Problem bei den
Daten ist der Westen jedoch über die
Diskrepanz zwischen dem von der sowjetischen Seite gezeigten neuen Enthusiasmus
für
konventionelle
Rüstungskontrolle und dem hier an den
Tag gelegte Verhalten in höchstem
Maße erstaunt. Die westliche Seite
hat auf eine solche Manifestation in
diesem Bereich nahezu 15 Jahre lang
gewartet und in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat der Westen noch
nicht einmal eine gebührende Antwort

auf seine Initiativen erhalten.
Anstelle dessen haben die Sowjets
vielmehr Vorschläge unterbreitet, die
keine angemessene Verifizierung vorsehen und die daher den von beiden
Seiten zu Beginn dieser Verhandlungen
vereinbarten
Zielsetzungen
nicht
Rechnung tragen. Sie haben sich geweigert, diese Vorschläge zu überarbeiten und auf die grundsätzlichen
Bedenken des Westens einzugehen. Sie
haben es abgelehnt, die westlichen
Vorschläge ernsthaft in Erwägung zu
ziehen oder auch nur konstruktiv darauf einzugehen. Und jetzt unterstüzten die Sowjets in der Öffentlichkeit
"neue" Rüstungskontrollvorschläge im
konventionellen Bereich, die eine
Wiederholung
zahlreicher
Elemente
sind, mit denen wir uns hier in diesem Forum seit Jahren - ohne Erfolg auseinandergesetzt haben.
Man kommt daher zwangsläufig zu
der Schlußfolgerung, daß sich die Sowjets in diesem Forum inkonsequent
verhalten haben. Um nur ein Beispiel
zu nennen: Die Sowjets lehnen die
derzeitige Initiative des Westens als
Grundlage für ernsthafte Verhandlungen ab, da sie eine Reduzierung der
Rüstungen als Teil einer Übereinkunft
in der ersten Phase nicht erforderlich machen würde. Von 1975 bis 1979
hatte der Westen Vorschläge auf dem
Verhandlungstisch, in denen die Rüstungen enthalten waren. Die Sowjets
behaupten ferner, die vom Westen vorgeschlagenen
Verifizierungsmaßnahmen
seien übertrieben. Während die Sowjets in diesem Forum dem Vertragsentwurf vom Februar 1986 weiterhin
den Vorzug geben, der nicht angemessen verifiziert werden könnte, behaupten sie an anderer Stelle öffentlich, daß sie bei der Verifizierung
genauer seien als der Westen.
Die Sowjets lehnen die derzeitige
Initiative des Westens auch mit dem
Argument ab, die vorgeschlagenen Reduzierungen seien unbedeutend.
Von
1979 bis 1985 hatte der Westen jedoch
Vorschläge für den anfänglichen Abbau
von 13 000 amerikanischen und 30 000

- 3 -

�sowjetischen Soldaten auf dem Verhandlungstisch, dem eine Reihe stufenweiser Reduzierungen folgen sollte, bis der Gleichstand von 900 000
Luft- und Bodentruppen erreicht ist.
Die Sowjets waren nicht interessiert.
Im Jahr 1984 unternahm die westliche Seite eine Reihe von Schritten,
um den Sowjets entgegenzukommen. Zusätzlich zu etwas gelockerten Bestimmungen über eine vorherige Einigung
in der Datenfrage umfaßten sie auch
die Annahme des sowjetischen Vorschlags, den Gleichstand in einem
kürzeren Zeitraum zu erreichen sowie
des Vorschlags der anderen Seite, die
meisten Reduzierungen in Einheiten
vorzunehmen. Die Sowjets waren nicht
interessiert.
Tatsächlich erfolgten
die negativen Reaktionen genau an dem
Tag, an dem die Initiative des Westens unterbreitet wurde.
Die Initiative der westlichen
Seite vom Dezember 1985 ist seitdem
nicht wesentlich konstruktiver behandelt worden - obwohl sie in einer
Reihe von Punkten den Sowjets gegenüber entscheidende Konzessionen machte.
Es handelte sich hierbei um
sorgfältig erwogene Bemühungen des
westlichen Bündnisses, die Pattsituation dieser Gespräche zu beenden und
zwar basierend auf der Annahme, wenn
beide Seiten einen ersten Schritt unternehmen würden, kämen weitere und
bedeutendere zweifelsohne nach. Dei
Westen ist weiterhin der Überzeugung,
nur ein nüchterner und realistischer
Ansatz bei der Rüstungskontrolle sei
von Erfolg gekrönt. Die Sowjets lehnen diesen Ansatz in diesem Forum
nach wie vor ab. Bei den jüngsten
öffentlichen Stellungnahmen zu diesem
Thema haben die Sowjets außerdem angedeutet, daß sie unter zukünftigen
RUstungskontrollbestrebungen
eher
grandiose Gesten und den alles umfassendenen großen Plan verstehen als
den langfristigen, aufreibenden Prozeß, der sie tatsächlich sind.
Mit dieser Darstellung in der Öffentlichkeit haben die Sowjets dennoch hohe Erwartungen für die Rü-

stungskontrolle der Zukunft geweckt.
Damit haben sie eine ernsthafte Verantwortung übernommen.
Der Westen
begrüßt Absichtserklärungen im Hinblick auf konventionelle Rüstungskontrolle, stellt jedoch fest, daß
deren Durchführung echtes Engagement,
Flexibilität und harte Arbeit erforderlich macht.
In seiner jüngsten
Ansprache vor der Sondersitzung der
Vereinten Nationen zu Abrüstungsfragen erklärte der britische Außenminister Sir Geoffrey Howe, der Schlüssel sei Realismus - die Konzentration
auf das Mögliche, nicht das Utopische. Abrüstung mit Worten allein
funktioniere nicht - sie erfordere
vielmehr harte Arbeit, gründliches
Nachdenken, zähe Verhandlungen, Klarheit und Zielstrebigkeit. Der amerikanische Außenminister machte vor
den Vereinten Nationen ähnliche Ausführungen: "Um bei unserem Unterfangen erfolgreich zu sein, müssen wir
unsere Visionen realistisch verwirklichen.
Wunschdenken ist nicht am
Platze...
mitreißende Grundsatzerklärungen sind abgebracht, aber noble
Worte allein können keine konkreten
Taten ersetzen".
Die militärische Konfrontation in
Europa hat zu lange existiert, um
hinweggefegt oder durch Wunschdenken
oder schlichte Rhetorik radikal verändert werden zu können. Wenn wir
über die Teilung zwischen Ost und
West reden, sprechen wir über die
seit Jahrzehnten bestehende Teilung
von Staaten und Völkern. Wir sprechen von tiefsitzendem Mißtrauen. In
diesem Zusammenhang konnten wir in
den vergangenen 40 Jahren in Europa
die stetige Expansion der Militärmacht des Warschauer Pakts beobachten.
Wir konnten auch beobachten,
wie diese Macht Anwendung findet.
Die Verringerung dieser Konfrontation
wird nur schrittweise möglich sein
und Rüstungskontrolle ist nur eines
der Elemente eines umfassenderen Versuchs zur Verbesserung der Ost-WestBeziehungen.
Der Erfolg oder das
Scheitern
der
RUstungskontrollverhandlungen kann jedoch tiefgreifende
Auswirkungen auf den Prozeß als Gan-

- 4 -

�zes haben. Dies macht sie zu einem
außerordentlich ernsthaften Anliegen
und fordert von uns ein Höchstmaß an
Bemühungen, Geduld und Entschlossenheit.

* * * * *

- 5

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

29. Juni 1988

25

FORTSCHRITTE BEI DEN GENFER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
- Bericht von ACDA-Direktor Bums an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde, Generalmajor William Bums, berichtete heute von "guten Fortschritten"
bei den Genfer Verhandlungen über die Begrenzung von Atomtests. Genv?insam mit
weiteren Regierungsvertretem legte er dem Unterausschuß des Kongresses für
Auswärtige Angelegenheiten am 28. Juni 1988 seinen Bericht vor.
Nachfolgend bringen wir die Ausführungen von Generalmajor Bums im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, seit meiner
Bestätigung als Direktor der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde
diesem Unterausschuß meinen ersten
Bericht zu dem außerordentlich wichtigen Problem der amerikanischen Haltung zu Kernwaffenversuchen vorlegen
zu können. Meine Ausführungen werden
sich vornehmlich darauf konzentrieren, wie unsere Haltung zu Atomtests
unsere umfassenden Ziele im Bereich
der nationalen Sicherheit und die damit verbundenen Zielsetzungen bei der
Rüstungskontrolle
unterstützen und
wie unsere Verhandlungen über Kernwaffenversuche sich auf diese Haltung
auswirken. Ich bin der festen Überzeugung, daß ein tragfähiges Atomtestprogramm für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten unabdingbar ist.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Seit dem Zweiten Weltkrieg gründet sich unsere nationale Sicherheit
auf die Strategie der Abschreckung,
die auf Stärke und den sich gegenseitig ergänzenden konventionellen und
nuklearen Waffensystemen beruht. Wie
Sie sicherlich wissen, haben die Sowjetunion und ihre Verbündeten einen
deutlichen Vorteil gegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten im Bereich der konventionellen
Waffensysteme, insbesondere bei Artillerie, Panzern und Landstreitkräften.
Angesichts dieser Bedrohung
bilden die amerikanischen Nuklearwaffen den Eckpfeiler unserer Fähigkeit
zur Abschreckung von Aggression gegen
die Vereinigten Staaten und das westliche Bündnis und sind damit die
treibende Kraft bei der Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in

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�der Welt.
Die Glaubwürdigkeit unseres nuklearen Abschreckungspotentials ist
ein direktes Ergebnis unserer nuklearen Versuchsprogramme.
Wir müssen
sicherstellen, daß unsere Nuklearwaffen zuverlässig, sicher und wirksam
sind, wenn sie unseren gegenwärtigen
und
zukünftigen militärischen Anforderungen gerecht werden sollen.
Unsere Erfahrungen mit 43 Jahren nuklearer Abschreckung haben die Notwendigkeit von Versuchen eindeutig
belegt und solange unser Abschrekkungspotential aufrechterhalten werden muß, werden Versuche auch weiterhin erforderlich sein.
Der mit den Versuchen zur Aufrechterhaltung
der
Zuverlässigkeit
unseres nuklearen Bestands geleistete
Beitrag ist unbestreitbar. Seit 1958
ist ein Drittel aller entwickelten
Waffen zur Lösung von Problemen Versuchen im Anschluß an die Stationierung unterzogen worden. Aufgrund von
Versuchen waren wir zum Beispiel in
der Lage, mit großer Aussicht auf Erfolg die Probleme bei dem landgestützten
Marschflugkörper-Gefechtskopf W84 zu lösen. Die permanente
Fähigkeit zur Durchführung von Versuchen ist zur Bewältigung von Problemen erforderlich, die sich mit zunehmender Überalterung unserer Bestände ergeben werden.
Nukleartests gestatten uns auch,
die Sicherheit und Sicherheitsvorrichtungen weiter zu verbessern, die
eine Explosion oder unberechtigten
Gebrauch von Nuklearwaffen verhindern. Zahlreiche Waffensysteme werden zum Beispiel seit neuestem mit
einem unempfindlichen, hochexplosiven
Sprengsatz ausgerüstet, wodurch unsere Chancen beträchtlich erhöht werden, daß unsere Nuklearwaffen selbst
die extremsten Zwischenfälle ohne
eine hochexplosive Detonation überstehen. Versuche sind auch erforderlich, um Vertrauen zu schaffen, daß
Nuklearwaffen ihren Leistungsanforderungen mit dem neuen hochexplosiven
Material gerecht werden.

Um sowjetische Vorteile bei Militärtechnologie und Strategie auszugleichen, müssen wir unseren Waffenbestand modernisieren. Damit unsere
Führungs- und
Kommunikationseinrichtungen vor einem sowjetischen Nuklearangriff geschützt sind, müssen wir
außerdem das nukleare Strahlungsumfeld mit einer tatsächlichen Atomexplosion simulieren.
Die Vereinigten Staaten nehmen zu
den Kernwaffenversuchen eine besonnene Haltung ein. Sie nehmen solche
Tests weder häufiger noch mit höheren
Detonationswerten als nötig vor. Unser Testprogramm steht seit jeher im
Einklang mit dem Vertrag zur Begrenzung von Kernwaffenversuchen aus dem
Jahr 1963. Ferner haben wir die in
dem im Jahr 1974 unterzeichneten, jedoch nicht ratifizierten Schwellenvertrag (TTBT) definierte Obergrenze
für den Detonationswert von 150 Kilotonnen eingehalten.
Jegliche
Testbegrenzungen,
die
noch restriktiver als die im TTBT
niedergelegten ausfallen, können nur
in Zusammenhang mit einem integrierten und umfassenden Konzept der atomaren und konventionellen Rüstungskontrolle erwogen werden.
Es ist
naiv, anzunehmen, daß Testbegrenzungen allein zur Lösung der schwierigen
Probleme des RüstungskontroLlprozesses beitragen können. Ein umfassendes Testverbot wird nicht zwangsläufig zu einer Reduzierung der Kernwaffen führen.
Stattdessen würde ein
solches Verbot im heutigen Umfeld des
Vertrauens auf atomare Abschreckung
wahrscheinlich zu verstärkter Unsicherheit führen, da der Verzicht auf
Tests das Vertrauen in diese Abschreckung untergraben und deshalb
einer Reduzierung der atomaren Arsenale eher abträglich sein würde. Wir
sollten zunächst wirksame und verifizierbare Rüstungskontrollvereinbarungen aushandeln, die eine Reduzierung
der Anzahl von Waffen auf beiden Seiten vorsehen und Vertrauen schaffen,
daß beide Seiten diese Vereinbarungen
einhalten.
Weitere
Beschränkungen
für Kernwaffenversuche sind nur im

- 2 -

�Zuge eines verringerten Vertrauens
auf
Kernwaffen
zur
Abschreckung
zweckmäßig.
Deshalb haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion in einer
gemeinsamen Erklärung vom 17. September 1987 ihre Übereinkunft verkündet,
umfassende, stufenweise Verhandlungen
über die Begrenzung von Kernwaffenversuchen aufzunehmen. Die formellen
Verhandlungen begannen im November
1987 in Genf.
Wir haben mit den Sowjets als ersten Schritt vereinbart, wirksame Verifizierungsmaßnahmen für den Schwellenvertrag (1974) sowie den Vertrag
über Kernexplosionen zu friedlichen
Zwecken [PNET] (1976) auszuhandeln,
die beide unterzeichnet, aber nicht
ratifiziert wurden.
Sobald unsere
Bedenken in bezug auf die Verifizierung beigelegt und die Verträge ratifiziert sind, werden die Vereinigten
Staaten dieser Übereinkunft zufolge
bereit sein, mit der Sowjetunion Verhandlungen über Möglichkeiten aufzunehmen, ein stufenweises Programm der
Begrenzung von Kernwaffenversuchen in
Zusammenhang mit einem Parallelprogramm zur Reduzierung und letztlichen
Beseitigung aller Kernwaffen durchzuführen.
Bei den TTBT/PNET-ProtokollVerhandlungen machen wir gute Fortschritte.
Sowohl die Sowjets als
auch wir haben Protokollentwürfe für
beide Verträge vorgelegt. Zusätzlich
verständigt-or» sich Präsident Reagan
und Generalsekretär Gorbatschow beim
Washingtoner Gipfel im Dezember 1987
auf die Durchführung von gemeinsamen
Verifizierungsexperimenten
auf
dem
Testgelände der jeweils anderen Seite. Das gemeinsame Verifizierungsexperiment wird Möglichkeiten zur Messung des Detonationswertes einer einzelnen Kernexplosion auf jedem der
beiden Versuchsgelände bieten, wobei
jeweils die von beiden Seiten vorgeschlagenen Methoden
zur Anwendung
kommen. Mit Hilfe dieses Experiments
werden wir der Sowjetunion die von
ihr zur Annahme der von amerika-

nischer Seite routinemäßig angewandten CORRTEX-Methode benötigten Informationen liefern. CORRTEX ist unseres Erachtens die genaueste, unaufdringlichste Technik zur Verifizierung des Detonationswertes von Kernexplosionen.
Während einer der entscheidenden
Gesichtspunkte bei Verhandlungen über
Kernwaffenversuche die wirksame Verifizierung ist, so ist diese sicherlich nicht das einzige Kriterium bei
der Entscheidung, ob weitere Beschränkungen im nationalen Interesse
der Vereinigten Staaten liegen, wie
in meiner Erklärung zum Ausdruck
kommt. Deshalb ist die Prämisse, daß
weitere Fortschritte bei der seismischen Verifizierung schon irger.dwie
den Weg zu einem umfassenden Testverbot freimachen werden, wie dies von
einigen Kongreßmitgliedern unter Verweis auf den OTA-Bericht (OTA =
Office of Technology Assessment = etwa "Amt für Technologiebewertung")
über
"Seismologische
Verifizierung
von Verträgen über Kernwaffenversuche" behauptet wird, unbegründet.
Ferner zeigen alle bis heute gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse, daß seismologische Methoden
für die wirksame TTBT-Verifizierung
unzureichend sind, und - wie Botschafter Robinson noch verdeutlichen
wird -, deshalb hat sich- die Administration notwendigerweise auf die Erlangung einer wirksamen Verifizierung
des TTBT und des ihn begleitenden
PNET als Hauptanliegen in Bereich der
Kernwaffenversuche konzentriert.
Die Notwendigkeit wirksamer Verifizierung ist offensichtlich, wenn
man die sowjetische Bilanz der Einhaltung des TTBT prüft. Im vergangenen Jahr kam die Administration nach
sorgfältiger und umfassender Diskussion im Hinblick auf die 150 Kilotonnen-Schwelle des TTBT zu dem Schluß,
daß
"wahrscheinliche
Verletzungen"
der rechtlichen Verpflichtungen gemäß
TTBT stattgefunden haben.
Ferner
verstärkt die Gesamtbeweislage die
Erkenntnisse der Vergangenheit über

- 3 -

�wahrscheinliche Verletzungen des TTBT.
Die den niedrigen Schwellen beim
Detonationswert oder einem Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot
(CTB) immanenten Verifizierungsprobleme bereiten größere Schwierigkeiten als der Schwellenvertrag.
Mit
abnehmendem Detonationswert steigen
die Schwierigkeiten bei der Überwachung und die Möglichkeiten für Vertragsumgehungen. Darüber hinaus gibt
es mehr Anreize für Täuschungsversuche.
Legt man die Möglichkeiten
der Umgehung zugrunde, würden die Sowjets von unentdeckten oder unklaren
Verletzungen eines CTB oder einem
niedrigen Detonationswert profitieren; die Kernwaffenarsenale können
effektiver unterhalten werden, und
sie könnten mehr Vertrauen in ihre
Fähigkeit zur Aufrechterhaltung und
Verbesserung ihres Kernwaffenarsenals
gewinnen. Für die sich strikt an ihre vertraglich
eingegangenen Verpflichtungen
haltenden
Vereinigten
Staaten wird es zunehmend schwierig,
angesichts niedrigerer Detonationswerte den militärischen Notwendigkeiten
der
Aufrechterhaltung
einer
glaubwürdigen Abschreckung gerecht zu
werden.
Der Schlußsatz in der Einleitung
der Zusammenfassung des OTA besagt:
"Ein solcher Vertrag (sehr niedrige
Schwelle oder CTB) könnte immer noch
im nationalen Interesse liegen, wenn
unter
Berücksichtigung
seismologischer und nichtseismologischer Verifizierungsmethoden
die
Bedeutung
unentdeckter Verletzungen von den
Vorteilen eines solchen Vertrages
aufgewogen würde."
Meiner Ansicht
nach wird diese Situation nicht eintreten, solange unser Land auf eine
glaubwürdige
nukleare
Abschreckung
vertraut.
Was andere Teile des OTA-Berichts
betrifft, so ist es schwierig, besondere Diskussionspunkte in einem Dokument aufzugreifen, dessen Tenor sehr
wirkungsvoll zur Einseitigkeit des
Berichts beiträgt. Zum Beispiel ist
die von den Autoren in dem Teil der

Zusammenfassung, der sich mit der
Vertragseinhaltung beschäftigt, vertretene Auffassung, "die Sowjets beachten Begrenzungen des Detonationswertes im Rahmen der Beschränkung auf
150 Kilotonnen
laut Schwellenvertrag", nur der Teil eines Zitats, dem
im Original hinzugefügt ist: "Trotz
der statistischen Unsicherheit bei
der Schätzung des Detonationswertes
und Unklarheiten bei der Übertragung
amerikanischer Erkenntnisse auf das
sowjetische Versuchsgelände ist jedoch die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß einige der sowjetischen Tests über der Grenze lagen."
Ein weiteres Beispiel ist die gewagte Behauptung im Teil über Verifizierung von TTBT und PNET: "Bei der
Einteilung des sowjetischen Testgeländes in Raster und Anwendung moderner seismologischer Methoden könnte
der Unsicherheitsfaktor bei der seismologischen Schätzung
des Detonationswerts auf einen mit CORRTEX vergleichbaren Stand reduziert werden."
Im Hinblick darauf sind Versuche unternommen worden, aber es handelt
sich hierbei immer noch um einen Forschungsgegenstand und nicht um eine
erprobte Methode.
Daher ist eine
solche, nicht von technischen Erfahrungen untermauerte Hypothese für den
Laien und auch für manche Experten in
gefährlichem Maße irreführend.
Insgesamt zerstört die Abschaffung der Tests ohne Abschaffung der
Notwendigkeit von Nuklearwaffen die
Glaubwürdigkeit
unseres
Abschrekkungspotentials und untergräbt unsere
Fähigkeit, wirksame und verifizierbare RUstungskontrollabkommen auzuhandeln. Meiner Ansicht nach haben die
Rüstungskontrollinitiativen des Präsidenten in den vergangenen acht Jahren die Erhaltung der Stabilität und
eine starke, glaubwürdige Abschrekkungsfähigkeit betont.
Der Erfolg
des für die Rüstungskontrolle vom
Präsidenten verfolgten Ansatzes tritt
durch den Abschluß des INF-Vertrages
zutage.
Im Bereich der Atomtests
wird sein Erfolg insofern sichtbar,
als er nicht zu unrealistischen Vor-

�schlagen im Hinblick auf eine atomwaffenfreie Welt geführt hat, sondern
dazu, daß die Sowjets einen konstruktiven, praktischen und methodischen
Ansatz für Verhandlungen über Atomtests akzeptiert haben.

* * * * *

i

�</text>
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                <text>Amerikadienst 29.06.1986</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carlucci warnt vor Wunschdenken bezüglich der Sowjets&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Verteidigungsministers vor dem&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Nationalen Presseclub&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Keine Veränderung bei Einsatzkonzept und Doktrin des&lt;br /&gt;Warschauer Pakts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung der amerikanischen Delegation bei MBFR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei den Genfer Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht von ACDA-Direktor Burns an den Kongreß&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Juni 1994

25

4. JULI

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum
Unabhängigkeitstag

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins

WASHINGTON PLANT
MONUMENTALE
FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der
Bundeshauptstadt

PORTRAT

CLINTON BENENNT HOLBROOKE
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI

ZUM

Rede von Außenminister Christopher beim
NATO-Rat

USA-RUSSLAND

AMERIKANISCH-RUSSISCHE
NUKLEARSTRATEGIE UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�G-7

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER" BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel

KULTUR

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
Von Ricardo Sandoval

�4. J U L I
29. Juni 1994

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag
WASHINGTON - (AD) - Die "mächtigen Ideale", für die die Gründerväter Amerikas kämpften, sind Präsident
Clinton zufolge "weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft geworden".
In seiner Erklärung zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli stellte der Präsident fest, "wir verteidigen heute
vehement den einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne Rechte besitzt, zu deren Respektierung und
Garantie unsere Regierung verpflichtet ist".
Nachfolgend drucken wir den vom Weißen Haus veröffentlichten Text der Erklärung des Präsidenten.

Während wir den 4. Juli feiern - einen denkwürdigen
und großartigen Tag in der Geschichte unseres
Landes - danken wir für die Freiheiten, für deren
Gewährleistung unsere mutigen Gründerväter
kämpften. Indem sie die amerikanischen Kolonien
als unabhängig und frei erklärten, riskierten diese
tapferen Patrioten all ihr Hab und Gut, um für ihre
Kinder und Kindeskinder eine bessere Zukunft
sicherzustellen. Wir verteidigen heute vehement den
einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne
Rechte besitzt, zu deren Respektierung und Garantie
unsere Regierung verpflichtet ist. Die mächtigen
Ideale, für die die Gründerväter Amerikas kämpften,
sind weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft
geworden.

ihres Vermächtnisses dürfen wir nicht weniger tun.
Wenn wir uns ihrer wirklich würdig erweisen wollen,
müssen wir uns der Nutzung unserer wertvollen
Freiheiten mit erneuter Verantwortung widmen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um unsere Nachbarschaft wiederaufzubauen sowie unsere zerrütteten
Familien und Gemeinden wieder zusammenzuführen.
Wir müssen auf die Beendigung der Gewalt hinarbeiten, die unsere Gesellschaft heimsucht und
unseren Kindern die Chance geben, in einer sicheren
und sie fördernden Umgebung aufzuwachsen. Am
Geburtstag unserer Nation wollen wir uns erneut
verpflichten, dieselben Entscheidungen zu treffen wie
Thomas Jefferson und seine Landsleute vor so vielen
Jahren - mit hoffnungsvollem Blick auf die Zukunft.

Die Gründer unseres Landes haben sich der Schaffung einer besseren Zukunft verschrieben. Als Erbe

Mit den besten Wünschen für einen wunderschönen
Feiertag.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�4. J U L I
29. Juni 1994

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins
Seit der ersten spontanen Feier im Jahr 1777, dem 1. Jahrestag der nationalen Unabhängigkeit, haben die
Amerikaner den "glorreichen Vierten" gefeiert. Der nachfolgende Artikel erzählt die Geschichte und
Entwicklung der Feierlichkeiten.
Die Autorin schreibt seit mehr als 30 Jahren über das kulturelle und militärische Erbe der Vereinigten Staaten.
Sie lebt in Gulfport (Mississippi). Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Juli 1992. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1992.

"Der 2. Juli 1776 wird der denkwürdigste Tag in der
Geschichte Amerikas sein. Ich glaube, daß er von
nachfolgenden Generationen als der größte Jahrestag gefeiert wird. Er sollte als der Tag der Befreiung
mit feierlichen Akten der Verehrung des Allmächtigen Gottes begangen werden. Er sollte mit Pomp
und Paraden, mit Shows, Spielen und Sportveranstaltungen, Kanonenschüssen, Freudenfeuern und
Illumination von einem Ende des Kontinents bis zum
anderen, von jetzt an auf immerdar gefeiert werden."
Dies schrieb John Adams an seine Frau - am
nächsten Tag, dem 3. Juli. Natürlich hatte er
unrecht.
Die amerikanischen Schüler wurden immer gelehrt,
der 4. Juli 1776 - als der Zweite Kontinentalkongreß
bei seiner Zusammenkunft in Philadelphia (Pennsylvania) die Erklärung der Unabhängigkeit von
England verabschiedete - sei Amerikas Geburtstag.
Das scheint die Angelegenheit zu stark zu vereinfachen, denn nur eine Unterschrift wurde an jenem
Tag unter das Dokument gesetzt - die von John
Hancock, dem Präsidenten des Kongresses. Die
Unabhängigkeitserklärung als vollständiges Dokument war nicht das Werk eines Tages.
Die Tätigkeit des Kongresses bezüglich der Unterzeichnung eines Dokuments über die Unabhängigkeit erstreckte sich vom 7. Juni bis zum 2. August.
Am 7. Juni legte Richard Henry Lee, der Vorsitzende
der Delegation aus Virginia im Kongreß, drei Resolutionen vor. Die erste und wichtigste stellte fest, daß
"diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige
Staaten sind und rechtmäßig sein sollten, von
jeglicher Abhängigkeit von der britischen Krone

AMERIKA DIENST 25

entbunden sind, und alle politischen Verbindungen
zwischen ihnen und dem Staat Großbritannien
vollständig aufgelöst sind und sein sollten". John
Adams aus Massachusetts unterstützte Lees Antrag
unverzüglich. Es folgte eine äußerst lebhafte Debatte, denn viele Delegierte hofften immer noch auf eine
friedliche Versöhnung mit dem Mutterland.
Drei Tage später ernannte der Kongreß ein fünfköpfiges Komitee - Thomas Jefferson, John Adams,
Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert
Livingstone - für den Entwurf einer offiziellen Unabhängigkeitserklärung. Jefferson schrieb ein Dokument, und in den folgenden drei Wochen wurde es
zunächst von den Ausschußmitgliedern und dann
vom Kongreß mit geringfügigen Änderungen überarbeitet. Bevor die Mitglieder bis zur Verabschiedung
der Erklärung gelangten, wurde Lees erste Resolution
am 2. Juli kurz erörtert und angenommen. Das war
der Auslöser für Adams aufgeregten Brief an seine
Frau. Lees Resolution wurde nur als Geleitwort für
die Verabschiedung der Erklärung - am Donnerstag,
dem 4. Juli, genommen - als John Hancock sie "auf
Anweisung und im Namen des Kongresses" unterzeichnete. Die ersten Worte des Dokuments lauteten: "Im Kongreß, 4. Juli 1776".
Die Erklärung war noch nicht ausreichend vorbereitet
- "von einem herausragenden Schreiber auf Pergament gebracht" - um unterzeichnet und ein dauerhaftes Dokument zu werden. Erst am 2. August wurde
eine offizielle Kopie von allen anwesenden Mitgliedern des Kongresses unterschrieben. Die Unterschriften der an diesem Tag Abwesenden wurden
später hinzugefügt, die letzte im Jahr 1781. Im

Seite 1

�Januar 1777 wurden allen Bundesstaaten offizielle
Kopien zugestellt. Ein Unterzeichner - Richard
Stockton aus Princeton (New Jersey) verweigerte
seine Unterschrift, weil die Briten gedroht hatten,
sein schönes Haus niederzubrennen.
Philadelphia wartete nur bis zu dem Montag nach
der Unterschrift von John Hancock vom 4. Juli, um
die Verabschiedung der Erklärung zu feiern. Auf
dem State House Yard (der später Unabhängigkeitsplatz genannt wurde) gab es eine Massenzusammenkunft, und die Erklärung wurde von einer sieben
Jahre zuvor von der amerikanischen philosophischen
Gesellschaft errichteten alten Plattform verlesen.
John Adams, der anwesend war, berichtete: "Ein
dreifaches Hoch stieg zum Himmel. Bataillone
paradierten auf dem Platz und schössen ein feu de
joie ab, trotz des knappen Pulvers. Die Glocken
läuteten den ganzen Tag und fast die ganze Nacht.
Selbst die Glocken der Christ Church bimmelten."
(Der Pfarrer der Christ Church war ein überzeugter
Royalist).
Andere zeitgenössische Berichte der Ereignisse an
diesem 8. Juli in Philadelphia unterscheiden sich
leicht von Adams: "Ich war auf dem alten State
House Yard, als die Unabhängigkeitserklärung
verlesen wurde", schreibt ein Bürger, "und stellte
fest, daß sehr wenige respektable Personen anwesend waren." Und eine Dame, die in einem an dem
Platz gelegenen Haus wohnte, schrieb, "das erste
Publikum der Erklärung war weder sehr zahlreich
noch aus der geachtetsten Schicht zusammengesetzt."
Am nächsten Tag, am 9. Juli, wurde die Erklärung
auf Anweisung von George Washington seinen
Kontinentaltruppen im City Hall Park in New York
vorgelesen. Als sich die Nachricht in den anderen
Städten und in den entfernten Gegenden der Kolonien verbreitete, feierten die loyalen Patrioten.
Der Unabhängigkeitstag nimmt Gestalt an
John Adams mag unrecht gehabt haben, als er
erklärte, der 2. Juli würde für immer als Unabhängigkeitstag gefeiert, aber er hatte sicherlich recht mit
der Vorhersage, daß des Geburtstags der Vereinigten Staaten jedes Jahr "mit Pomp und Paraden"
und einer großen Vielfalt von Feierlichkeiten gedacht
würde.
Am ersten Jahrestag 1777 feierten die Städte und
Orte spontan. Überall gab es Paraden - ziemlich
beeindruckende in Philadelphia, Charleston, South
Carolina und Boston (Massachusetts). Die Straßen
wurden geschmückt, Kanonen abgefeuert, Glocken
geläutet, Freudenfeuer abgebrannt und (aus England

Seite 2

importierte) Feuerwerke erhellten den Nachthimmel.
Die Soldaten der Kolonien in Morristown erhielten an
jenem Tag eine Extraration Rum, und den Berichten
zufolge war eine bevorzugte Aktivität in mehreren
Städten, 13 Toasts auf die 13 Staaten auszubringen oder es zumindest zu versuchen. Die gesetzgebende
Versammlung von Massachusetts forderte die Bürger
auf, "alle Vorbereitungen zu treffen, um auf den
Erfolg der Dreizehn Vereinigten Staaten zu trinken".
In Philadelphia mußte eine in Trenton (New Jersey)
gefangengenommene hessische Band in den Straßen
und bei einem von den Honoratioren besuchten
Essen am frühen Nachmittag spielen. John Adams,
der in jener Nacht durch Philadelphia gewandert war
und in den meisten Fenstern erleuchtete Kerzen
gesehen hatte, schrieb an seine junge Tochter: "Es
war die herrlichste Beleuchtung, die ich je gesehen
hatte ... Ich war erstaunt über die generelle Freude
und Heiterkeit angesichts der Dauer, die der Entwurf
benötigt hatte, und seiner dann so plötzlichen Ausführung, über die Pracht und die Herrlichkeit aller
einzelnen Darbietungen des Tages." Adams erzählte
seiner Tochter nicht, daß einige Patrioten Steine in
die nicht erleuchteten Fenster mehrerer Häuser
geworfen hatten, aber einige seiner Zeitgenossen
hielten die Tatsache fest.
Ein Redakteur aus Philadelphia faßte die Feier
zusammen: "So möge der vierte Juli, dieser glorreiche und für immer denkwürdige Tag, in ganz Amerika
von den Söhnen der Freiheit jeglichen Alters bis ans
Ende aller Zeiten gefeiert werden." Das war der
Ursprung dieses noch immer gültigen Begriffs "der
glorreiche Vierte".
Nach der Revolution und der Verabschiedung der
Verfassung weiteten sich die Feiern zum 4. Juli aus.
Viele entlassene Soldaten gingen nach Westen und
erwarben Land in der Nähe kleiner Ansiedlungen,
und sie kamen am Unabhängigkeitstag zusammen,
um ihren Beitrag zum Kampf um die Freiheit Wiederaufleben zu lassen. Im Jahr 1788 inszenierte Philadelphia, damals die Hauptstadt der neuen Nation, die
längste Parade am Unabhängigkeitstag in der Geschichte Amerikas, über die noch jahrzehntelang
gesprochen wurde. Genannt "die große Bundesprozession" war sie nur ein Teil der Feiern, die
sowohl der Unterzeichnung der Deklaration als auch
der Verabschiedung der Verfassung gedachten.
Im Verlauf der Jahre weiteten sich die Feiern zum
glorreichen Vierten auf jeden Bundesstaat und alle
Territorien aus. Bis zum Jahr 1810 wurden in allen
größeren Städten beeindruckende Feierlichkeiten
organisiert. Der vormittags im Old South Meeting
House abgehaltenen offiziellen Feier in Boston in
jenem Jahr ging eine riesige Militärparade vom

AMERIKA DIENST 25

�Parlamentsgebäude durch die Hauptstraßen der
Stadt voraus. Die Ansprache wurde von Bostons
berühmtem Reverend William Ellery Channing
gehalten. Am Nachmittag wurde eine zweite Parade
von der Bunker Hill Association und den Jungen
Republikanern, gefolgt von einem Abendessen für
600 Personen in Faneuil Hall, veranstaltet. Auf dem
Platz wohnten an diesem Abend über 10.000 Menschen einem herrlichen Feuerwerk bei.
Die Feiern zum glorreichen Vierten gestalteten sich
im ganzen Land in etwa gleich - Paraden, Salutschüsse, Bands, Reden, patriotische Lieder, Ballspiele, Essen und Picknicks sowie Feuerwerke aber von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort erfreute
man sich an ungewöhnlichen Darbietungen. In
ländlichen Gebieten waren Wassermelonen- und
Kuchenwettessen, Sackhüpfen und die Jagd auf
eingefettete Schweine populär. In einigen Städten
fuhren Kinder auf geschmückten Fahrrädern und die
Erwachsenen veranstalteten Fahrradwettrennen. In
manchen Gegenden des Westens waren Rodeos die
große Attraktion. In allen Gemeinden wurde es als
große Ehre angesehen, als Hauptredner des Tages
ausgesucht zu werden. In jedem Jahr ließ Daniel
Webster die Arbeit, mit der er gerade in der Bundeshauptstadt Washington beschäftigt war, Arbeit
sein, und machte sich auf den Weg in seine Heimatstadt Salisbury in New Hampshire, um eine zweistündige Rede zu halten.
Die Stadt Lititz im östlichen Pennsylvania entwickelte
eine besonders schöne Art von Feiern anläßlich des
vierten Juli. Jeden Winter gössen die Einwohner
Tausende von Talgkerzen in Blechformen und hoben
sie bis zum kommenden Juli zur Beleuchtung des
Lititz Spring Park am Abend des Vierten im Anschluß an die Babyparade am Nachmittag auf. Bei
dieser Parade fuhren viele, in patriotische Kostüme
gekleidete Kinder in kleinen geschmückten Festwagen um den Park. Als es dunkel wurde, zündeten
die Jungen die Kerzen an, von denen viele den
Kindern auf den Festwagen gegeben wurden, und
bis tief in die Nacht wurden Lieder gesungen, Reden
gehalten und im Park im Kerzenlicht gespielt.
Am 4. Juli 1826, genau 50 Jahre nach der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, starben
sowohl Thomas Jefferson, der geistige Vater des
Dokuments, als auch John Adams, der Mann, der so
zuversichtlich war, daß es auf immer gefeiert würde.
(Jefferson starb in seiner Heimatstadt Monticello in
Virginia wenige Stunden vor dem Tod von Adams in
Quincy, Massachusetts).
Adams rief kurz vor
seinem Tode angeblich aus: "Thomas Jefferson
überlebt noch!"). Der Tod dieser überlebenden
Unterzeichner, so ein Einwohner von Boston, machte
die patriotischen Feiern gleichzeitig "zu einer Zeit

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des Trauerns und des Feierns. Es war eine merkwürdige, verwirrende Mischung, die uns den ganzen
Sommer beschäftigte."
Die große Hundertjahrfeier
Während der Ausstellung zur Hundertjahrfeier 1876
in Philadelphia wurde für den glorreichen Vierten eine
riesige Geburtstagsparty veranstaltet. Die Ausstellung selbst, die am 20. Mai eröffnet wurde und sechs
Monate lang gezeigt wurde, hat die Rekordbesucherzahl von nahezu 10 Millionen erzielt. Mit ihren
zahlreichen, auf 188 ha im Fairmont Park verteilten
kulturellen und lehrreichen Exponaten erweiterte sie
den Blickwinkel der Amerikaner in vieler Hinsicht.
Landesweit gab es andere große Feiern am 100.
Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, aber die
meisten waren mehr auf Vergnügen als Bildung
ausgerichtet, und manche hatten einzigartige Aspekte. Eine in einer Gegend von Southern California, wo
alle Häuser und Geschäfte mit Grün dekoriert waren,
veranstaltete Parade war angeblich die längste je
abgehaltene.
Im Umzug liefen Veteranen des
Mexikanischen Kriegs, Angehörige vieler Nationalitäten und Mitglieder jeder Organisation in der
Umgebung mit. Auf geschmückten Festwagen saßen
Mädchen, die Freiheit, Frieden, die Columbia und
Reichtum verkörperten.
In Windsor (Connecticut) nahm die Stadt bei einem
großen öffentlichen Treffen einige Tage vor dem 4.
Juli 1876 dankend das Angebot der Einwohner des
"Rainbow and Poquonock Viertels von Windsor" an,
"auf dem Parkgelände an der Broad Street ein
großes Picknick anläßlich der Hundertjahrfeier zu
veranstalten". Eine öffentliche Einladung wurde an
"alle Einwohner von Windsor ausgesprochen, unabhängig von Hautfarbe, Alter, politischer oder
religiöser Überzeugung". Die gastgebenden Bürger
mieteten Zelte und Tische und arrangierten die
Musik, Glockengeläut, Kanonenschüsse und Feuerwerke. Frauen aus vielen Teilen von Windsor halfen
bei der Vorbereitung der Speisen.
Am 3. Juli berichtete eine Zeitung, jeder in Windsor
werde in dieser Nacht für gutes Wetter beten. Am
nächsten Morgen, der mit Salutschüssen auf der
Plymouth Meadow und einstündigem Glockengeläut
begann, ging "die Sonne in einem wolkenlosen
Himmel auf". Das Parkgelände an der Broad Street
und alle umliegenden Gebäude wurden mit Fahnen,
Bannern, Blumen und rot-weiß-blauen Bändern
geschmückt. Die einzelnen "Hauptereignisse" des
Tages variierten von "einer großen Kavalkade von
Phantasiegestalten, die alle Charaktere verkörperten,
erschreckende oder andere, die je existierten oder
existiert haben sollen" bis zu einem Zug riesiger

Seite 3

�dekorierter Wagen - einer groß genug für 66 Passagiere - in denen die Bürger, darunter 50 junge
Frauen, als Vertreter des Bundesstaats und der
Kriegsveteranen saßen. Jeder Veranstaltung ging
eine großenteils gesungene Musikeinlage voraus, in
die das Publikum einstimmte.
Nach dem offiziellen Programm wurde in einem
tausend Personen fassenden Zelt ein riesiges Picknick abgehalten, die übrigen Gäste saßen draußen
im Schatten. Nach dem Essen wurden weitere
Reden gehalten und Musik gespielt. Der Tag endete
natürlich mit einem Feuerwerk, das bis spät in die
Nacht dauerte.
Nach 1776 war das Feuerwerk über ein Jahrhundert
lang das wichtigste Ereignis der Feiern zum glorreichen Vierten. Erst allmählich wurde man sich bewußt, wie viele im Umgang mit Feuerwerkskörpern
unerfahrene Menschen getötet oder verletzt und wie
viele Brände ausgelöst wurden. Der Ruf nach
"einem sicheren und vernünftigen Vierten" erhielt
jedoch nicht viel Beachtung, bis die Chicago Tribüne Statistiken erstellte und eine sicherere Art des
Feierns forderte. Es dauerte einige Jahre, bis die

Seite 4

Kampagne Wirkung zeitigte, aber sie hatte Erfolg.
Die Todesfälle aufgrund von Feuerwerkskörpern
nahmen von 466 im Jahr 1903 auf 215 im Jahr 1909
ab. In gleichen Zeitraum wurden jedoch fast 5.000
Personen durch Feuerwerkskörper verletzt - die
Mehrzahl durch riesige Kracher. Springfield in
Massachusetts verbot 1903 den Verkauf von Feuerwerkskörpern völlig, mit der Folge, daß es am Vierten
keinerlei Todesfälle, Verletzte und Feuer gab. Viele
Bundesstaaten und die meisten Gemeinden verboten
im Laufe der Zeit den freien Verkauf von Feuerwerkskörpem und ersetzten ihn durch ein von Organisationen vor Ort und erfahrenen Personen gehandhabtes
geplantes Angebot.
Einige altmodische Bürger beschwerten sich und
sagten, sie sehnten sich nach dem "alten, ungehemmten, 24stündigen Lärm und Feuerwerk" zurück,
aber niemand schenkte ihnen Beachtung. Dank der
Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung hatten
die Amerikaner das Recht zur Beschwerde, und ihre
Mitbürger das Recht, diese Beschwerden zu ignorieren, wenn sie dies als richtig erachteten. Herzlichen
Glückwunsch zum Geburtstag, Amerika!

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�4. J U L I
29. Juni 1994

WASHINGTON PLANT MONUMENTALE FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der Bundeshauptstadt
WASHINGTON - (AD) - Am 4. Juli jedes Jahres
feiern die Amerikaner auf verschiedene Art und
Weise die Erklärung der Unabhängigkeit Amerikas
von Großbritannien vor über 200 Jahren.
Am 4. Juli 1776 unterzeichnete John Hancock, einer
der Gründerväter der Nation, im Namen des Kongresses der Vereinigten Staaten in Philadelphia die
Unabhängigkeitserklärung.
Zu den landesweiten Feierlichkeiten aus Anlaß des
4. Juli gehören im allgemeinen Paraden, Salutschüsse, Konzerte, Ansprachen, patriotische Lieder,
Ballspiele, Abendessen, Picknicks und Feuerwerk.
In Washington wird der Unabhängigkeitstag jedoch wie es der Hauptstadt gebührt - auf monumentale
Weise gefeiert.
Zunächst findet die Constitution Avenue entlang die
traditionelle Parade statt. In diesem Jahr wird zum
zweiten Mal hintereinander ein "American Roots 4th
of July"-Konzert am Fuß des Washington Monument
stattfinden, das am frühen Nachmittag beginnt und
bis Anbruch der Dunkelheit andauert.
Auf dem Konzert tritt die Bluessängerin Etta James
mit ihrer achtköpfigen Band auf. Ferner nehmen
Gruppen teil, die New Orleans Jazz, schnellen
Bluegrass, alte Country-music, beliebten irischen
Step-Tanz, pulsierende Cajun-Twosteps und Walzer,
patriotische Rhythmen, heiße puertoricanische
Gitarren- und kolumbianische Akkordeonmusik,
weichen Country-Blues, mitreißendes amerikanisches Schlagzeug und Songs spielen.

kulisse diverser musikalischer Klassiker der Vereinigten Staaten begleitet. Sie reichen von Aaron
Coplands "Fanfare for the Common Man", das vom
St. Louis Symphony aufgeführt wird, bis zu Ray
Charles' ergreifender Version von "America the
Beautiful". Ferner spielen Los Lobos, Chick Berry,
New Orleans Jazz "und ein paar Überraschungsbands", so Spitzer.
Auf der National Mall - der langen Parkfläche zwischen dem Washington Monument und dem Kapitol findet an diesem Tag zur gleichen Zeit das Festival of
American Folklife statt. Seit 1967 wurde es fast an
jedem 4. Juli abgehalten, und seitdem haben Tausende von Musikern, Tänzern, Kunsthandwerkern,
Geschichtenerzählern, Köchen und anderen Vertretern traditioneller Kultur daran teilgenommen.
"Sie sangen und woben, kochten und tanzten,
spannen und stickten einen Teppich kultureller Vielfalt
und demonstrierten gekonnt ihren unschätzbaren
Wert", äußerte Richard Kurin, Direktor des Zentrums
für Folkloristik und Kulturstudien der Smithsonian
Institution.
Ziel dieses Festivals ist es, den Reichtum und die
Vielfalt folkloristischer Kultur in den Vereinigten
Staaten und auf der ganzen Welt zu erhalten und zu
feiern", erklärt er. "Die Aufführungen und Demonstrationen haben Millionen Menschen eine größere
Welt vor Augen geführt. Und der Erfolg der Veranstaltungen hat die Aktionen, Maßnahmen und
Gesetze ermutigt, die das Recht der Menschen auf
Kultur fördern."

"Meiner Ansicht nach ist es am Unabhängigkeitstag
am patriotischsten, wenn man die Vielfalt unseres
Volkes demonstriert", so Folklorist Nick Spitzer, der
künstlerische Direktor des Konzerts.

Dieses Jahr sind auf dem Festival wieder die ehemaligen Teilnehmer aus den gesamten Vereinigten
Staaten vertreten, denen von der National Endowment for the Arts der National Heritage Fellowship Award verliehen wurde.

Nach Anbruch der Dunkelheit findet ein Feuerwerk
statt. Diese großartige Show wird der Nation im
Fernsehen live übertragen. In diesem Jahr wird das
Feuerwerk von der von Spitzer ausgewählten Klang-

Diese geschickten Kunsthandwerker repräsentieren
eine Vielfalt von Traditionen, einschließlich indianischer Musik für Zupfinstrumente, Piedmont-Blues,
Mariachi und Conjunto-Musik, hawaiischem Hula,

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Seite 1

�Stücken für Fidel aus Cape Breton, irisch-amerikanischer Flötenmusik, Tänzen und Musik aus Süditalien
sowie Cajun-Musik, Töpferarbeiten der Pueblo
Indianer und der Südstaaten, Leder- und Textilarbeiten, Blumenbinderei, Masken- und Korbherstellung.
In diesem Jahr werden die Bahamas, ein der Küste
Floridas vorgelagerter aus 700 Inseln bestehender
Staat, auf dem Folkfestival vorgestellt.
Diese einzigartige Kultur - die im Laufe der vergangenen 500 Jahre aus den Erfahrungen von
Afrikanern, loyalen Briten, Seminolen, Kreolen und
anderen geschaffen wurde, wird durch vielfältige
Präsentationen vorgestellt, einschließlich Bootsbau,
Korbherstellung, Buschmedizin, Geschichtererzählung, Holzschnitzerei, traditionellem Gerichten der
Landbewohner der Südstaaten, Kinderspielen,
Junkanoo-Musik und -Kunsthandwerk, religiöser
Musik, Goombay-Musik und traditionellen Tänzen.
1994 wird auf dem Festival auch gezeigt, wie die
Kultur der Einheimischen zu den wirtschaftlichen und

* *

Seite 2

sozialen Entwicklungsprogrammen in Lateinamerika
und der Karibik beitragen kann. Das Programm wird
von der Interamerikanischen Stiftung aus Anlaß des
25. Jahrestages ihrer Entwicklungsarbeit an der Basis
gefördert.
Teilnehmer aus neun Ländern - Chile, Ecuador,
Bolivien, Peru, Brasilien, Haiti, Panama, Guatemala
und Mexiko - demonstrieren, wie sie die kulturellen
Ressourcen ihrer Einwohner zum Nutzen ihrer
Gemeinden einsetzen.
Ferner wird auf den diesjährigen Feiern die Vielfalt
und Lebensfähigkeit der thailändischen Kultur unter
Beweis gestellt. Es sollen Weber, Instrumentenbauer, Schmuckhersteller, Töpfer und Kalligraphen
teilnehmen. Maler von Wandgemälden werden eine
Messe im Tempel darstellen, und es wird eine
Vielzahl von Künstlern vertreten sein, einschließlich
Puppenspielern und Sängern. Auch die Traditionen
und Künste des Hofes werden wiedergegeben, unter
anderem von maskierten Hoftänzern und -musikern,
Blumenkünstlern, Stickern und Parfumherstellern.

*

*

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�PORTRAT
29. Juni 1994

CLINTON ERNENNT HOLBROOKE ZUM
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat Richard Holbrooke, zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium ernannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 24. Juni 1994 vom Pressebüro freigegebene Ankündigung des Weißen
Hauses.

Der Präsident gab heute seine Absicht bekannt, den
New Yorker Richard Holbrooke zum Abteilungsleiter
für europäische und kanadische Angelegenheiten im
US-Außenministerium zu nominieren. Holbrooke ist
zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Holbrooke wurde 1941 in New York geboren. Er
besuchte die Brown University in Providence (Rhode
Island), an der er 1962 sein Examen ablegte. In
demselben Jahr trat er in den Auswärtigen Dienst
ein und wurde zunächst nach Vietnam entsandt.
Danach hatte er Positionen in Frankreich, im Außenministerium und in Marokko inne.
Holbrooke war 1966 und 1967 im Stab des persönlichen Referenten des Präsidenten für Vietnam tätig
und von 1968 bis 1969 Mitglied der Delegation bei

den Pariser Vietnam-Gesprächen. Von 1970 bis
1972 war er Direktor des Peace Corps in Marokko.
Von 1970-1972 arbeitete Holbrooke als geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift Foreign Policy
und war von 1973-1976 Publikationsdirektor der
Carnegie Endowment for International Peace. 1977
trat er als Abteilungsleiter für ostasiatische und
pazifische Angelegenheiten im Außenministerium
wieder in den Regierungsdienst ein. Von 1981 bis
1985 war Holbrooke Direktor der in Washington
ansässigen Beratungsfirma
Public Strategies.
Anschließend war er bis zu seiner Ernennung als
Botschafter für Deutschland im Jahr 1993 Geschäftsführer von Lehman Brothers in New York.
Holbrooke hat zwei Söhne, David und Anthony.

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Seite 1

�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
29. Juni 1994

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI
Rede von Außenminister Christopher beim NATO-Rat
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher begrüßte den Beitritt Rußlands zum NATO-Programm
Partnerschaft für den Frieden am 22. Juni 1994 als "einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassenderen Europas sichern".
Die Maßnahme sei Ausdruck der bemerkenswerten Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg,
erklärte der Außenminister und fügte hinzu: "Wir können das von uns angestrebte Europa nicht aufbauen ohne
ein starkes NATO-Bündnis. Wir können es nicht ohne ein demokratisches Rußland aufbauen."
Christopher und sein russischer Amtskollege Andreij Kosyrew nahmen an der Beitrittszeremonie im NATOHauptquartier in Brüssel teil. Mit Rußland sind inzwischen 21 Länder der von Präsident Clinton vorgeschlagenen und beim Gipfeltreffen der NATO-Staats- und Regierungschefs im Januar verabschiedeten
Partnerschaft für den Frieden beigetreten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom State Department in Washington freigegebenen Redetext des
Außenministers.

Herr Stellvertretender Generalsekretär, es ist mir
eine große Freude, gemeinsam mit unseren Kollegen bei der NATO und Außenminister Kosyrew an
diesem historischen Ereignis teilnehmen und Rußland als neuestes Mitglied der Partnerschaft für den
Frieden begrüßen zu können.
Unsere heutige Zusammenkunft ist Ausdruck der
bemerkenswerten Umgestaltung Europas in derzeit
nach dem Kalten Krieg. Wer hätte sich noch vor
wenigen Jahren vorstellen können, daß nach 40
Jahren bitterer Konfrontation über den Eisernen
Vorhang hinweg ein neues demokratisches Rußland
und dieses Bündnis gemeinsam eine Partnerschaft
der Zusammenarbeit eingehen würden. Die historische Chance zum Aufbau eines ungeteilten, friedlichen und demokratischen Europas ist in greifbare
Nähe gerückt. Dies ist der Traum, der dieses
Bündnis und mein Land seit über vier Jahrzehnten
beflügelt hat. Das ist die Vision, die Präsident
Clinton mit dem Vorschlag der Partnerschaft für den
Frieden umriß. Und das ist das Ziel, zu dessen
Erlangung die Vereinigten Staaten sich uneingeschränkt verpflichten.
Heute unternehmen wir mit dem Beitritt Rußlands
einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassen-

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deren Europas sichern. Als ein Bündnis beziehen wir
die russische Regierung und ihr Militär beim Aufbau
eines neuen, konstruktiveren Verhältnisses ein.
Ebenso wichtig ist jedoch, daß wir dem russischen
Volk die Hand der Freundschaft reichen, wie das
Bündnis es mit anderen europäischen Nachbarn
getan hat.
Rußland ist und bleibt ein Land von enormer Bedeutung für das übrige Europa und die Welt. Die Bestrebungen dieses Landes zum Aufbau demokratischer
Institutionen und einer Marktwirtschaft haben tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Umfassende und konstruktive Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland werden den
Interessen des Bündnisses dienen. Sie werden
Rußlands Interessen dienen. Und sie werden den
Interessen aller Nationen Europas dienen - insbesondere denen, die erst vor kurzem ihre Freiheit von der
kommunistischen Herrschaft erlangten.
Die Partnerschaft für den Frieden ist von zentraler
Bedeutung für die Beziehungen der NATO zu Rußland. Wir sehen ferner einem konstruktiven Dialog
und der Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegen,
um die Partnerschaft in Bereichen zu ergänzen, in
denen Rußland einen einzigartigen und wichtigen
Beitrag zu leisten hat. Gleichzeitig wird Präsident

Seite 1

�Clinton weiterhin eng mit Präsident Jelzin beim
Aufbau starker und kooperativer russisch-amerikanischer Beziehungen im Interesse unserer beiden
Völker und der Welt zusammenarbeiten.
Andere europäische Staaten haben vielleicht auch
Interessen oder Fähigkeiten, die "16 plus 1 "-Konsultationen außerhalb der Partnerschaft wert sind.
Wir sollten diese Möglichkeiten in Betracht ziehen.
Die Förderung von Sicherheit und Stabilität in Mittelund Osteuropa durch die NATO wird ebenfalls für
alle europäischen Nationen - einschließlich Rußland
- von Nutzen sein.
Rußlands Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden
spiegelt die Politik der Erweiterung der Institutionen
nach Osten wider, die dem Westen die Erlangung
von beispielloser Sicherheit und Wohlstand gestattet
haben. Vor zwei Wochen hat Rußland in Paris ein
Kooperationsabkommen mit der OECD unterzeichnet. In zwei Tagen wird Präsident Jelzin in Korfu ein
Abkommen mit der EU unterzeichnen, das die
europäischen Märkte für viele russische Produkte
öffnet. Und die G-7 wird im nächsten Monat in
Neapel Präsident Jelzin zu umfassenden politischen
Konsultationen willkommen heißen.
Mit der Erweiterung der Sicherheit nach dem Kalten
Krieg und der Wirtschaftsinstitutionen können wir zu'
der Gewährleistung beitragen, daß Krieg, Armut und
Unterdrückung nie wieder diesen Kontinent heimsuchen. Wir verpflichten uns, auf ein integriertes
Europa hinzuarbeiten, in dem souveräne und un-

abhängige Staaten ihre Nachbarn nicht fürchten
müssen.
Heute unternehmen wir einen weiteren entscheidenden Schritt zur Aufhebung der historischen Teilungen
Europas. Wir bauen eine Sicherheitspartnerschaft
auf, die das Potential zur Einbeziehung aller Nationen
des Kontinents besitzt. Mit Rußland sind inzwischen
21 Staaten der Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Einige haben bereits enge Konsultationen
mit der NATO über die Erarbeitung individueller
Partnerschaftsprogramme geführt, die auf ihre
einzigartigen Fähigkeiten und Interessen zugeschnitten sind. Bis zum Herbst werden gemeinsame
Manöver beginnen, und Polen wird das erste Manöver auf dem Boden eines Partnerlandes abhalten.
Auf diese Art und Weise wird die Partnerschaft die
gewohnheitsmäßige Kooperation aufbauen, die der
Lebensnerv des Bündnisses ist. Sie kann so den
Weg für die mögliche Erweiterung der NATO ebnen.
Wir können das von uns angestrebte Europa nicht
aufbauen ohne ein starkes NATO-Bündnis. Wir
können es nicht ohne ein demokratisches Rußland
aufbauen. Wir können es nicht ohne die Nationen
Mittel- und Osteuropas aufbauen. Die "bestmögliche
Zukunft für Europa", die Präsident Clinton beim
Gipfeltreffen im Januar beschworen hat, hängt von
der Zusammenarbeit all unserer Nationen bei der
Verfolgung gemeinsamer Sicherheitsinteressen und
demokratischer Ideale ab. Dies ist der Zweck der
Partnerschaft, und der Geist, in dem wir Rußland
heute als Partner willkommen heißen.

* * * * *

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�USA-RUSSLAND
29. Juni 1994

AMERIKANISCH-RUSSISCHE NUKLEARSTRATEGIE
UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressemitteilung des Büros des Vizepräsidenten
im Weißen Haus vom 23. Juni 1994 zur gemeinsamen amerikanisch-russischen Kommission über
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit, genannt "amerikanisch-russische Nuklearstrategie und
Sicherheitsinitiativen".

Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung mehrerer Initiativen
zu Nuklearfragen und Sicherheit. Mit Hilfe dieser
Initiativen wollen die Vereinigten Staaten und Rußland das Risiko einer Weiterverbreitung von Atomwaffen reduzieren, das derzeitige Abrüstungsverfahren fördern und das Vertrauen in beide Entwicklungen erhöhen. Diese Initiativen stehen unter der
Schirmherrschaft der gemeinsamen Kommission für
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit,
deren Vorsitz Vizepräsident AI Gore und Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin innehaben. Die
Kommission verfolgt vier umfassende Ziele:
1. Sicherung von Nuklearmaterial vor Diebstahl
oder Umleitung
Lagerstätten für spaltbares Material. Durch das
Programm für den Verkauf und sicheren Abbau
atomarer und anderer Massenvernichtungswaffen
(SSD oder Nunn-Lugar-Programm) wurden 90
Millionen Dollar an Hilfe für Rußland zum Aufbau
einer sicheren Lagerungseinrichtung für aus Atomwaffen entnommenes überschüssiges Plutonium und
hochangereichertes Uran bereitgestellt. Russische
Regierungsvertreter haben das Fehlen einer solchen
Einrichtung als Hindernis bei der beschleunigten
Zerlegung von Atomwaffen identifiziert. Rußland
wird diesen Sommer mit den Ausschachtungsarbeiten für eine Lagerstätte nahe Tschelyabinsk beginnen. Die erste Tranche amerikanischer Ausrüstungsgegenstände wird im August geliefert. Während des Besuchs von Ministerpräsident Tschernomyrdin in Washington vom 21. bis 23. Juni einigten
er und Vizepräsident AI Gore sich auf die Bereitstellung zusätzlicher amerikanischer Mittel für den
Aufbau dieses Projekts.

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Abkommen über den Kauf von hochangereichertem Uran. Bei dem Gipfel der Präsidenten Clinton
und Jelzin im Januar dieses Jahres unterzeichneten
die amerikanische Aufbereitungsgesellschaft (U.S.
Enrichment Corporation - USEC) und das russische
Atomenergieministerium einen Vertrag, unter dem
USEC niedrig angereicherte Reaktorbrennstoffe kauft,
die aus von zerlegten Waffen gewonnenem hochangereichertem Uran stammen. Im Rahmen dieses
Abkommens werden nukleare Materialien einer
sicheren Verwendung zugeführt, indem sie in nichtwaffenfähige Form gebracht werden. Dieses Programm spielte eine Schlüsselrolle bei der Ermutigung
der Ukraine, ihre Nuklearwaffen zur Zerlegung nach
Rußland zu verlagern. Unter dem im Januar unterzeichneten trilateralen Abkommen transportiert die
Ukraine ihre Gefechtsköpfe zur Zerlegung nach
Rußland und erhält im Gegenzug niedrig angereichertes Uran als Brennstoff für seine Reaktoren. Seit
dem 23. Juni wurden im Rahmen des trilateralen
Abkommens 240 Gefechtsköpfe vorzeitig aus der
Ukraine nach Rußland verlagert.
Materialkontrolle, Überwachung und physischer
Schutz. Die Vereinigten Staaten haben die Bereitstellung von 30 Millionen Dollar an SSD-Mitteln für
Verbesserungen bei der Sicherheit und Überwachung
von Nuklearmaterialien in Rußland angeboten. Das
vorgeschlagene Programm umfaßt 10 Millionen Dollar
für beschleunigte umfassende Anstrengungen,
Rußland bei der Suche nach den dringendsten
Schwachpunkten und ihrer Beseitigung in den Bereichen Sicherheit und Überwachung seiner Nuklearreaktoren beizustehen. Ferner ermutigen die Vereinigten Staaten durch die Bereitstellung von 2
Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1994 sowie weiteren Geldern für das Finanzjahr 1995 ihre nationalen

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�Labors zur Zusammenarbeit mit anderen Labors in
diesem Gebiet.
Geringere Anreicherung für Forschungszwecke
und Testreaktoren. Das Argonne National Laboratory und das russische Institut ENTEK arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung eines nichtwaffenfähigen Brennstoffs aus niedrig angereichertem Uran,
um das hochangereicherte Uran als Kernbrennstoff
in den sowjetischen Forschungsreaktoren zu ersetzen. Die amerikanisch-russischen Gespräche über
die Möglichkeiten zur Erweiterung und Beschleunigung dieses Konversionsprogramms wurden im Mai
aufgenommen. Im Herbst wird ein Expertentreffen
abgehalten.
2. Aufbau von Vertrauen durch Offenheit
Abkommen über Transparenz beim Erwerb von
hochangereichertem Uran. Die Vereinigten Staaten und Rußland einigten sich Anfang 1994 auf ein
Protokoll über Transparenz zum Abkommen über
den Kauf von hochangereichertem Uran, das sicherstellen soll, daß von den Vereinigten Staaten gekauftes niedrig angereichertes Uran aus hochangereichertem Uran gewonnen wird, das wiederum aus
zerlegten Waffen stammt, und dieses niedrig angereicherte Uran nur für friedliche Zwecke benutzt wird.
Gegenseitige Inspektionen von aus Waffen
entnommenem Plutonium und hochangereichertem Uran. Im März erzielten die Vereinigten Staaten und Rußland ein Abkommen über gegenseitige
Besuche von Lagerstätten für Plutonium-Waffenkomponenten aus zerlegten Nuklearwaffen. Diese bis
Ende des Jahres vorzunehmenden Inspektionen
sollen Vertrauen aufbauen, daß die Zerlegung im
Einklang mit den öffentlichen Erklärungen stattfindet
und überschüssiges spaltbares Material nicht in
Nuklearwaffen wiederaufbereitet wird.
Transparenz der Lagerstätten. Die Vereinigten
Staaten haben ein Transparenzregime für die in
Rußland zu errichtende Lagerstätte für spaltbares
Material vorgeschlagen um sicherzustellen, daß das
Material - wie vom Nunn-Lugar-Gesetz gefordert aus Waffen entnommen wurde und nicht in Waffen
wiederverwendet wird. Dieses Regime wird derzeit
mit der russischen Seite erörtert.
lAEO-Sicherheitsvorschriften für überschüssiges
Material und alle zivilen Einrichtungen. Die
russisch-amerikanischen Gespräche über die Verhängung von Schutzbestimmungen für überschüssiges spaltbares Material und alle zivilen Einrichtungen wurden im Mai aufgenommen. Beim amerikanisch-russischen Präsidententreffen im Januar
verpflichteten sich beide Seiten, die Unterstellung

Seite 2

von spaltbarem Material unter lAEO-Sicherheitsvorschriften in Erwägung zu ziehen. Die Vereinigten
Staaten haben seit langem angeordnet, daß alle nicht
direkt mit Aktivitäten von nationaler militärischer
Bedeutung in Zusammenhang stehenden amerikanischen Einrichtungen für Sicherheitsbestimmungen der
IAEO in Frage kommen. Die beim Gipfeltreffen im
Januar abgegebene Erklärung verpflichtet Rußland,
dasselbe Vorgehen in Betracht zu ziehen.
Vorschlag zur Deklaration von spaltbarem Material. Amerikanisch-russische Gespräche über ihre
gleichlautenden Vorschläge zum Austausch umfangreicher Informationen über die Größenordnung
und den Standort ihrer Bestände an hochangereichertem Uran und Plutonium für militärische und
zivile Zwecke wurden Ende Mai in die Wege geleitet.
Die Vereinigten Staaten gaben einseitig im Dezember
1993 eine öffentliche Erklärung der bisherigen
Produktion von waffenfähigem Plutonium ab.
3. Beendigung einer weiteren Anhäufung von
überschüssigen Beständen
Schließung von Plutonium produzierenden Reaktoren und Beendigung der bilateralen Produktion
von waffenfähigem Plutonium. Im Dezember 1993
vereinbarten Vizepräsident AI Gore und der russische
Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin, daß Rußland die Herstellung von Plutonium für Waffen
beenden und die letzten drei Plutonium für militärische Zwecke produzierenden Reaktoren des Landes
schließen würde, sobald alternative Quellen für die
von ihnen erzeugte Wärme und Elektrizität zur
Verfügung stehen. Der russische Präsident Jelzin
sagte die Schließung der Reaktoren bis zum Jahr
2000 zu. Das die Zusage offiziell verankernde
zwischenstaatliche Abkommen wurde am 23. Juni
unterschrieben. Das in der Zwischenzeit von diesen
Reaktoren hergestellte Plutonium wird einem Überwachungsregime unterstellt, das in den nächsten
sechs Monaten ausgearbeitet werden soll.
Globale Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper. Präsident Clinton hat den unverzüglichen Abschluß eines
globalen, verifizierbaren und nichtdiskriminierenden
Abkommens zur Beendigung der Produktion von
spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper gefordert. Dieses Ziel wurde vom russischen Präsidenten
Jelzin und der UN-Generalversammlung unterstützt.
Die Verhandlungen sollen in diesem Sommer aufgenommen werden.
4. Festsetzung der langfristigen Verwendung von
Plutonium

AMERIKA DIENST 25

�Amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die
Verwendung und Sammlung von spaltbarem
Material. Eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die Verwendung und Sammlung von
spaltbarem Material wurde Ende Mai mit der Zustimmung zu einem Mandat ins Leben gefjfen, die
Verwendung von Plutonium und Bestrebungen zur

Sicherstellung in Erwägung zu ziehen, daß das
Plutonium nicht eine Bedrohung für die Umwelt oder
die Weiterverbreitung darstellt. Beide Seiten vereinbarten, daß das Thema der weiteren Anhäufung
überschüssiger Bestände von hochangreichertem
Uran und für zivile Zwecke verwendetem Plutonium
weiterer Erörterung bedarf.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

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�G-7
29. Juni 1994

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER"
BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel
WASHINGTON - (AD) - Der russische Präsident
Jelzin wird bei einigen Gesprächen des Weltwirtschaftsgipfels in Neapel ein "selbständiger und
gleichberechtigter Teilnehmer" sein, äußerte ein
hochrangiger Regierungsvertreter am 20. Juni 1994.
Darüber hinaus wird beim diesjährigen Wirtschaftsgipfel zum ersten Mal eine gemeinsame Erklärung
der vereinbarten Position Rußlands und der G-7
veröffentlicht, fügte der Beamte hinzu. "Dies ist eine
bemerkenswerte symbolische und inhaltliche Veränderung. Das bedeutet, daß Rußland politisch
mehr in die Arbeit der G-7 integriert ist, wie es der
Fall sein sollte."
Das neue Arrangement "ist keine Vollmitgliedschaft".

Meines Erachtens sind beide Seiten mit dem Arrangement zufrieden", erklärte der Regierungsvertreter.
Präsident Clinton wird vom 8. bis 10. Juli 1994 im
Rahmen einer Europareise am Gipfel teilnehmen,
die ihn nach Riga, Warschau, Bonn und Berlin führt.
In Neapel wird Clinton am 10. Juli mit Jelzin bilaterale Gespräche führen. Es wird erwartet, daß die
beiden Präsidenten den Termin für ihr Washingtoner
Gipfeltreffen bekanntgeben - eine dreitägige Zusammenkunft, die voraussichtlich in diesem Herbst
stattfinden wird.

chen der G-7 über politische und wirtschaftliche
Themen sein wird", erläuterte der Beamte.
Der Regierungsvertreter erinnerte die Journalisten an
frühere Gipfeltreffen, bei denen Jelzin und sein
Vorgänger, Michail Gorbatschow, "in vieler Hinsicht
der Grund des einberufenen Gipfels waren, befragt
wurden, Präsentationen über die Wirtschaftsreformen
gemacht wurden und wir Erklärungen über unsere
Sichtweise der Wirtschaftsreformen abgaben. In
diesem Jahr wird zum ersten Mal eine gemeinsame
Erklärung vom den Vorsitz des Gipfels innehabenden
italienischen Ministerpräsidenten veröffentlicht, in der
Rußland und die G-7 im wesentlichen zu einer Reihe
internationaler wirtschaftlicher und politischer Themen
eine Sprache sprechen."
Auf eine Frage antwortete der Beamte, die Vollmitgliedschaft Rußlands in der G-7 - die Schaffung einer
G-8, wie von einigen britischen Regierungsvertretern
vorgeschlagen - "steht nicht unmittelbar bevor. Wir
sind zufrieden mit dem derzeitigen Arrangement - und
ich glaube, aufgrund der in dieser Woche geführten
Gespräche sind auch die Russen zufrieden."

Obwohl russische Politiker in der Vergangenheit mit
Vertretern der sieben demokratischen Industrienationen beim jährlichen Wirtschaftsgipfel zusammengekommen sind, ist das Treffen in Neapel das erste,
bei dem der russische Präsident direkt in die Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs von
Kanada, Japan, den Vereinigten Staaten, Italien,
Großbritannien, Frankreich und Deutschland einbezogen wird.

Dem Regierungsbeamten zufolge sind die Beziehungen zwischen Washington und Moskau "sehr solide",
und er bezeichnete dies als "eine hoffnungsvolle Zeit"
in den bilateralen Beziehungen. Er erinnerte an die
entschieden düsterere Situation vom vergangenen
Januar, deren erneutes Auftreten die Regierungsvertreter und Wissenschaftler gleichermaßen für die
Fortsetzung der politischen und wirtschaftlichen
Reformen in Rußland fürchten. Sechs Monate später
stehe die russische Volkswirtschaft sehr viel besser
da, mit einer Sparpolitik der Regierung und einer
allmählich kontrollierten Inflation. Der Erfolg Moskaus, fügte er hinzu, "hat viele erstaunt".

"Neu in diesem Jahr ist, daß Präsident Jelzin beginnend mit dem Abendessen am Samstag (9. Juli) und
im gesamten Verlauf des Sonntags ein selbständiger
und gleichberechtigter Teilnehmer an den Gesprä-

Bei ihrem bilateralen Treffen werden Jelzin und
Clinton voraussichtlich "eine Bilanz der bilateralen
Beziehungen" zwischen Washington und Moskau
ziehen, wobei Clinton "unsere äußerst starke Unter-

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�Stützung" für Kredite der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds an Rußland bekräftigen
wird. "Darüber hinaus möchte er von Jelzin eine
Idee über den künftigen Kurs der russischen Reformen, deren Tempo und die von Jelzin in diesem
Zusammenhang gesetzten Prioritäten sowie die im
Wege liegenden Hindernisse erhalten".
Die beiden Präsidenten werden dem Beamten
zufolge Sicherheitsfragen erörtern, einschließlich der
Wege, um die Partnerschaft für den Frieden "Präsident Clintons Wunsch entsprechend zu einem
Instrument der europäischen Einheit im 21. Jahrhundert zu machen, das zur Verhinderung der Spaltung
in zwei Blöcke beiträgt".
Clinton wird die Bedeutung unterstreichen, die er
dem trilateralen Abkommen mit der Ukraine und
Rußland bei der Wiederaufbereitung und dem
Verkauf von aus den Nuklearwaffen der ehemaligen
Sowjetunion entnommenem hochangereichertem
Uran in den Vereinigten Staaten beimißt.
"Meines Erachtens werden sie über außenpolitische
Zusammenarbeit sprechen", stellte er fest, "einschließlich Nordkorea und Bosnien, die Beziehungen
zwischen Rußland und der Ukraine sowie unsere
andauernde große Hoffnung, daß bis zum Ende
dieses Sommers alle russischen Truppen aus
Estland und Lettland abgezogen sein werden."
Dem Plan zufolge sollen bis zum 31. August zum
ersten Mal seit 1945 alle russischen Truppen aus
Mittel- und Osteuropa abgezogen sein, "was eine
ziemlich bemerkenswerte historische Entwicklung
ist".
Der Regierungsvertreter sah keine politischen
Probleme für Jelzin in Clintons Entscheidung, am 6.
Juli in Riga mit den Präsidenten der baltischen
Staaten zusammenzukommen.
Er erinnerte daran, daß seit 1940 alle demokratischen und republikanischen Administrationen gleichermaßen "sich dafür entschieden haben, die
sowjetische Herrschaft im Baltikum nicht anzuerkennen. Es gab immer eine Fußnote - wir erklärten, wir
erkennen die Grenzen der Sowjetunion an, aber wir
haben nie die sowjetische Herrschaft (in Lettland,
Litauen und Estland) anerkannt. Nun da diese
Länder unabhängig sind, sollte ein amerikanischer
Präsident sie besuchen. Schon dieser Grund allein
ist wichtig."
Dem Beamten zufolge werde Clintons Treffen nicht
zu einem Problem für Jelzin unter den über die
Freigabe der baltischen Staaten unzufriedenen

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russischen Nationalisten, "vor allem, weil Präsident
Clinton stets versucht hat, beiden Seiten bei der
Ausarbeitung des Abzugsprozesses behilflich zu sein.
Wir haben eindeutig klargestellt, daß die russischen
Truppen nicht dort sein sollten, wenn sie nicht
erwünscht sind. Andererseits haben wir ein Interesse
an den Menschen- und Bürgerrechten der russischen
Minderheiten in diesen Ländern, und der Präsident
hat seinen Einfluß geltend gemacht, um eine Verbesserung der Situation herbeizuführen", bis hin zum
Einsatz von Beobachtern der Helsinki Watch in
Estland und Lettland. "Ich glaube, die Russen wissen
das zu schätzen."
Nach den Aussagen des Beamten würden die
Russen Clinton "als einen äußerst effektiven Vermittler hinter den Kulissen" akzeptieren. Ich denke nicht,
daß das ein Problem für Jelzin verursachen wird."
Während sich die beiden Seiten auf einen geschäftigen Monat der Diplomatie vorbereiten, angefangen
von Außenminister Christophers Treffen mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew in dieser
Woche in Brüssel, werden die bilateralen Geschäfte
in Washington auf einem anderen Gleis fortgesetzt,
wo Vizepräsident Gore Gastgeber des russischen
Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin und einer
dreitägigen Zusammenkunft der gemeinsamen
Technologiekommission ist. Tschernomyrdin wird
Clinton am 23. Juni treffen.
Die beiden Politiker leiten einen Prozeß, der amerikanische Regierungsvertreter und ihre russischen
Amtskollegen bei der Umsetzung von Abkommen
zusammenbringt, die das gesamte Spektrum von
Umweltproblemen bis zu Reisen ins Weltall umfassen. Einem hochrangigen Regierungsvertreter
zufolge wird die Gore-Tschernomyrdin-Kommission
zur Ankurbelung der Geschäftstätigkeit Methoden zur
Verbesserung des Zugangs zu russischen und
amerikanischen Märkten sowie Wege zur Stabilisierung der Geschäftsbeziehungen erörtern. Führende
Investoren benötigen Richtlinien bevor sie Mittel in
eine Gesellschaft investieren, in der das Vertragsrecht nicht so klar definiert ist, erläuterte der Beamte.
Das Komitee für Energiepolitik arbeitet an der Sicherheit der alten Nuklearreaktoren in Rußland sowie
der Beschleunigung der Wiederaufbereitung von
waffenfähigem Uran aus Nuklearanlagen der ehemaligen Sowjetunion. Andere Ausschüsse befassen sich
mit der Arbeit an einer gemeinsamen Weltraumstation, der Konversion der russischen Rüstungsindustrie für zivile Zwecke und Methoden zur Messung der Effektivität von Umweltprojekten zur Verbesserung der Luft- und Wasserqualität.

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�KULTUR
29.Juni 1994

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
von Ricardo Sandoval
Die ethnische Vielfalt des Lebens in den Vereinigten Staaten verleiht der amerikanischen Kultur Farbe und
Substanz, so der Verfasser des nachfolgenden Artikels, der darauf hinweist, daß diese Vielfalt in keinem
Bereich deutlicher wird als bei den amerikanischen Speisen.
Ricardo Sandoval ist Mitarbeiter des San Francisco Examiner.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Modern Maturity. Copyright (c) 1992
American Association of Retired Persons.

Es ist nahezu unmöglich, einen Aspekt der amerikanischen Kultur zu finden, der nicht von der alles
durchdringenden ethnischen Vielfalt unserer Nation
zeugt. Was ist mit Bluejeans? Dieser unersetzliche
Bestandteil der amerikanischen Garderobe wurde
von dem deutschen Einwanderer Levi Strauß erfunden. Gibt es etwas Amerikanischeres als Jazz?
Seine vielfältigen Wurzeln vermischen afrikanische,
europäische und amerikanische Einflüsse.

Dann ist da noch die amerikanische Sprache. Ein
typischeres Beispiel findet man wohl nicht. Vielleicht
stellt sie das dynamischste Element der Vereinigten
Staaten dar. Es ist praktisch unmöglich, ständig auf
dem laufenden mit ihren regionalen Nuancen und
ethnischen Einflüssen zu sein. Rechnet man die
Hunderte von Modewörtern hinzu, die jeden Tag
erfunden werden und wieder in Vergessenheit
geraten, erhält man eine Ahnung ihrer Vielschichtigkeit.
Amerikas zahlreiche und vielfältige ethnische Wurzeln verleihen der Mode, Sprache, Musik und
zahllosen anderen Aspekten der nationalen Kultur
Substanz und Farbe - und insbesondere der amerikanischen Küche. Die Identität der in die Vereinigten Staaten Eingewanderten war eng verknüpft mit
Tischen, die mit den Lieblingsgerichten der ehemaligen Heimat überladen waren: Deutscher Sauerkrauteintopf, italienische Gnocchi di patate (Kartoffelklöße), jüdische Nockerl (Eierknödel), polnische
Kielbasa w Sosie Pomidorowym (Wurst mit Tomatensauce), griechische Dolmadakia Yialandji (gefüllte
Weinblätter).

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Die Hauptzutaten dieser Gerichte sowie Tausender
anderer beliebter internationaler Speisen sind jetzt
zum dauerhaften Bestandteil des Sortiments amerikanischer Supermärkte geworden. Benötigen Sie
noch mehr Beispiele? Man braucht nur das amerikanische Fast Food mit seiner verrückten Kombination mexikanischer Pizza, Teriyaki-Hamburgern, nach
Cajun-Art gewürzten Pommes Frites und chinesischem Hühnersalat anzuschauen.
"Man kann nicht von nur einer amerikanischen
kulinarischen Tradition sprechen", so Nancy Harmon
Jenkins aus Maine, die die ethnische Herkunft von
Gerichten erforscht und für die The New York Times
sowie die Zeitschrift Food and Wine schreibt.
"Unsere Eßgewohnheiten stammen aus allen Teilen
der Welt. Mit der Zeit wurden sie miteinander vermischt."
Viele dieser Traditionen hatten schon eine abwechslungsreiche Geschichte, bevor sie nach Amerika
kamen. Der einfache mexikanische Taco beispielsweise - ursprünglich eine Maistortilla - wurde durch
spanische und amerikanische Einflüsse verändert.
Seine amerikanische Version umfaßt fritierte Tortilla,
gefüllt mit Rindfleisch sowie mehreren kleinen Beilagen in Form von Käse, Creme fraiche, nicht zu
scharfer Soße, Salat und Tomate.
Einige der am stärksten verwurzelten traditionellen
amerikanischen Gerichte wie pumpkin pie (Kürbiskuchen) und Popcorn sind frühe Produkte des Einfallsreichtums der Europäer und der amerikanischen
Ureinwohner. Pie wurde von den ersten englischen
Siedlern eingeführt und mit Hilfe der amerikanischen
Ureinwohner abgewandelt, welche die Siedler mit

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�dem Kürbis und Kürbisgemüse bekanntmachten; die
Siedler verliehen der gekochten breiigen Masse mit
Süßstoffen und asiatischen Gewürzen wie Zimt und
Muskat mehr Geschmack. Die Hausfrauen in den
Kolonien servierten Popcorn mit Zucker und Sahne
zum Frühstück, nachdem die Indianer sie mit der
vielseitigen Verwendbarkeit des vorherrschenden
Getreides der Neuen Welt bekannt gemacht hatten.
Nahrungsmittelhistoriker spüren die Ursprünge der
anscheinend amerikanischsten Gerichte in anderen
Ländern auf. Erdnüsse kommen aus Südamerika.
Die ersten Apfelsinen wurden in Asien gepflückt, von
arabischen Händlern nach Afrika und in den Nahen
Osten und von Reisenden aus den Mittelmeerländern dann in die Neue Welt gebracht. Kartoffeln aus
den Andenstaaten wurden von heimatliebenden
Forschungsreisenden mit nach Europa genommen,
fanden überall Anklang und wurden dann von
Einwanderern aus Irland und Mitteleuropa als eines
der Hauptnahrungsmittel in die Neue Welt gebracht.
Von allen Bestandteilen des amerikanischen Speiseplans nimmt Mais hinter Weizen den zweiten Platz
auf der Liste der überall angebauten und konsumierten Lebensmittel ein. Er kann über Jahrtausende
nach Mexiko zurückverfolgt werden. Als die europä*

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*

ischen Forschungsreisenden ihn mit nach Hause
nahmen, wurde diese Getreidesorte in der gesamten
westlichen Hemisphäre eines der wichtigen Produkte.
Die Liste der beliebten amerikanischen Gerichte, die
aus anderen Kulturen stammen, wird immer länger.
"Die derzeitige Gesundheitswelle hat bei mehr
Amerikanern das Interesse an asiatischen Speisen
geweckt", so Jenkins. "Die Menschen wenden sich
wieder den Grundnahrungsmitteln zu, unverarbeiteten
Produkten und einfachen Gerichten, die früher von
Bauern gegessen und als "Armenkost" bezeichnet
wurden. "Brauner Reis beispielsweise ist die gesündere und zunehmend beliebte Alternative zu der
gebleichten Variante. Magereres Fleisch (Truthahn,
Hühnchen und Fisch) treten an die Stelle des gut
durchwachsenen Rindfleisches.
"Über zahllose Generationen haben Angehörige
verschiedener Länder mit einer begrenzten Zahl
einheimischer Zutaten wunderbare Gerichte gekocht",
so Michael Batterberry, Mitbegründer und Redakteur
der Zeitschrift Food Arts. "Jetzt kann man beim
Kochen zwischen unendlich vielen verschiedenen
Zutaten wählen. Die Idee der internationalen Küche
wird endlich zur Regel."

*

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                <text>Amerikadienst 29.07.1981</text>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &#13;
Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan kämpft um seine Steuervorlage&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rundfunk- und Fernsehansprache des Präsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan-Plan zur nationalen Energiepolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Versorgungsregelung über den freien Markt -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Interview des amerikanischen Staatssekretärs Walter J. Stoessel mit der BBC&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Stoessel erläutert außenpolitische Probleme -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung des US-Präsidenten nach dem Weltwirtschaftsgipfel in Ottawa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Reagan erkennt "echten Geist der gemeinsamen Übereinkunft und der gemeinsamen Zielsetzung" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weltwirtschaftsgipfel: Auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Wirtschaftskorrespondenten Eugene Brake -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
"V

^

c$

29. J u l i 1987

27

I N H A L T

INFORMATION

Zum Tode von Handelsminister Malcolm Baldrige
- Erklärung von Präsident Reagan -

DOKUMENTATION

Vereinigte Staaten "befriedigt" über sowjetische Unterstützung für
Null-Lösung
- Präsident Reagan zum amerikanischen INF-Vorschlag -

HINTERGRUNDMATERIAL

Die Verhandlungen über nukleare Mittelstreckenraketen
- Sonderbericht des amerikanischen Außenministeriums -

Die INF-Verhandlungen - Eine Antwort an Moskau
- V o n Max Kampelman -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
1»

""""'

Information

A&lt;

29. Juli 1987

27

ZUM TODE VON HANDELSMINISTER MALCOLM BALDRIGE
- Erklärung von Präsident Reagan -

WASHINGTON - (AD) - Zum Tode von Handelsminister Malcolm Baldrige, der am
25. Juli 1987 an den Folgen eines Unfalls verstarb, veröffentlichte das Weiße
Haus die folgende Erklärung des amerikanischen Präsidenten:

Die Nation hat durch den tragischen und viel zu frühen Tod von Minister Baldrige einen schweren Verlust erlitten.
Als erfahrener Geschäftsmann und
anerkannte Führungspersönlichkeit war
er ein begabter und engagierter Diener des Staates, dem nichts wichtiger
war als seinen Beitrag für Amerika zu
leisten, und genau das tat er auch.
Unter seiner Leitung spielte das Handelsministerium
eine
Schlüsselrolle
bei der Wiedergeburt unseres Wohlstandes, und wir alle schulden Mac
Baldrige dafür großen Dank.

Er war ein loyales Mitglied des
Kabinetts, dessen von gesundem Menschenverstand geprägte Erfahrung ich
oft vertraut und sehr geschätzt habe.
Mac und ich teilten eine besondere
Affinität für den Westen, und ich
werde seine Freundschaft sehr vermissen.
Nancy und ich sind ehrlich betrübt, und wir möchten Midge und der
Familie Baldrige unser tiefstes Beileid aussprechen. Sie werden in der
nächsten zeit in unseren Gedanken und
Gebeten bei uns weilen.

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
V,DN

*

Dokumentation

29. Juli 1987

27

VEREINIGTE STAATEN "BEFRIEDIGT" ÜBER SOWJETISCHE UNTERSTÜTZUNG
FÜR NULL-LÖSUNG
- Präsident Reagan zum amerikanischen INF-Vorschlag -

WASHINGTON - (AD) - Bei der Vorstellung des amerikanischen Vorschlages,
die Anzahl der Mittelstreckenraketen sowohl längerer als auch kürzerer Reichweite abzubauen, verlieh der amerikanische Präsident seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß "die Sowjets nun ihre Unterstützung für beide Konzepte bekundet haben".
Im Rahmen einer Ansprache in Washington führte der Präsident zu diesem
Vorschlag, der am 28. Juli 1987 bei den Genfer Verhandlungen eingebracht wurde, folgendes aus:

Heute unterbreitet unsere Delegation bei den Genfer Gesprächen über
nukleare Mittelstreckenraketen einen
formellen
amerikanischen
Vorschlag,
der zwei schon früher von den Vereinigten
Staaten gemachte Vorschläge
enthält.
Im November 1981 versprachen wir die Abschaffung der gesamten
Kategorie
von Mittelstreckenraketen
längerer Reichweite.
Am 15. Juni
schlugen wir dann formell vor, auch
die
Mittelstreckenraketen
kürzerer
Reichweite abzuschaffen.
Wie einige
unter Ihnen vielleicht wissen, hat
die Sowjetunion bis zur vergangenen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Woche auf einem möglicherweise wesentlichen Hindernis für unseren Vorschlag der doppelten Null-Lösung bestanden - auf dem Recht, einige ihrer
gegenwärtig
in Asien
stationierten
INF-Raketen zu behalten.
Vorigen Mittwoch verkündete Generalsekretär Gorbatschow jedoch, daß
er bereit sei, diese Forderung fallenzulassen.
Der von uns heute unterbreitete Vorschlag würde die Anzahl der Mittelstreckenraketen sowohl
längerer als auch kürzerer Reichweite
auf Null reduzieren, und wir sind be-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�friedigt darüber, daß die Sowjets nun
ihre Unterstützung für beide Konzepte
bekundet haben.
Zwei lebenswichtige Elemente sind
ebenfalls darin eingeschlossen:
Die
Zerstörung der von diesem Vertrag erfaßten Raketen und Abschußvorrichtungen und das Verbot einer Umrüstung
dieser Systeme und Abschußvorrichtungen zu anderen Waffenarten.
In Genf bleibt noch vieles zu
tun, aber ich fühle mich durch die
Tatsache
ermutigt, daß
das
Klima
jetzt
für einen historischen Vorschlag dieser Art aufnahmefähig ist.
Die Vereinigten Staaten sind stolz
darauf, daß sie in der Lage sind,
diesen Vorschlag zu unterbreiten.
Ich kann nur noch hinzufügen, daß
auch noch andere Abrüstungsverhandlungen stattfinden, die strategische
und nukleare Langstreckenwaffen betreffen. Wir haben unseren Vorschlag
in Form eines Vertragsentwurfs zu
START auf den Verhandlungstisch gelegt.
Wir hoffen, daß die Sowjetunion desgleichen tun wird und ihre
Ansichten zu diesem Thema formell zum
Ausdruck bringt. Wie Sie sehen können, besteht unser Ziel nicht in Rüstungskontrolle, sondern in Rüstungsreduzierung,
und trotz der Skepsis,
auf die wir bei der Ankündigung dieser Pläne stießen, bewegen wir uns in
diese Richtung.

* * * * * *
- 2

�AMERIKA DIENST
'VoN

Hintergrundmaterial

4

29. Juli 1987

27

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER NUKLEARE MITTELSTRECKENRAKETEN
- Sonderbericht des amerikanischen Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - (Der folgende Sonderbericht zu den Verhandlungen über
nukleare Mittelstreckenraketen (INF) wurde im Juli 1987 vom amerikanischen
Außenministerium veröffentlicht.)

Abkürzungen
INF - Nukleare Mittelstreckenraketen
GLCM - Landgestützte Marschflugkörper
NST - Verhandlungen über Kernund Weltraumwaffen
LRINF - INF längerer Reichweite
SRINF - INF kürzerer Reichweite

Einleitung
Auf

dem

Weg

zu

einem

ameri-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

kanisch-sowjetischen
INF-Abkommen,
das den Sicherheitskriterien der NATO
genügen würde, sind bedeutende Fortschritte erzielt worden. Ein solches
Abkommen würde - zum ersten Mal in
der Geschichte - ganze Kategorien nuklearer Raketensysteme drastisch reduzieren
oder gänzlich
abschaffen.
Trotz dieser Fortschritte bleiben jedoch noch mehrere schwierige Probleme
bestehen.
Die Lösung dieser Probleme, darunter das der Verifizierung,
wird noch sehr harte Verhandlungen
erfordern.
Die Vereinigten Staaten
werden weiterhin ihr Teil zur Lösung

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�dieser Probleme beitragen, jedoch muß
die Sowjetunion erst noch ein gleiches Maß an Engagement zeigen.

27. April 1987 ihren eigenen Vertragsentwurf vor, der viele gleichgeartete Elemente enthielt.

Diese Fortschritte sind durch die
energische und einheitliche Antwort
der NATO auf die im Jahr 1977 begonnene destabilisierende Stationierung
der SS 20-Raketen in Europa durch die
Sowjets ermöglicht worden.
im Jahr
1979 beschloß die NATO den "Doppelbeschluß" als Antwort auf das wachsende
Ungleichgewicht im INF-Bereich:
(1)
Stufenweise
Stationierung
amerikanischer LRINF-Raketen in Europa und
(2) gleichzeitige Verhandlungen mit
den Sowjets zur Schaffung eines weltweiten Gleichgewichts bei diesen Raketen auf dem niedrigstmöglichen Niveau. Trotz erheblicher sowjetischer
Anstrengungen
zur Aushölung
dieses
Beschlusses blieb die NATO standhaft.
Der Zusammenhalt und die Entschlossenheit der NATO haben entscheidend
dazu beigetragen, die Sowjets davon
zu überzeugen, ernsthaft über INF zu
verhandeln.

Mitte April 1987 traf Außenminister Shultz in Moskau mit Generalsekretär
Gorbatschow
und
Außenminister
Schewardnadse
zusammen.
Im
Verlauf dieser Treffen schlug Herr
Gorbatschow die weltweite Abschaffung
amerikanischer und sowjetischer INFRaketen
kürzerer
Reichweite
vor.
(Die Vereinigten Staaten haben keine
SRINF-Raketen
stationiert; die Sowjetunion besitzt über 100 dieser Raketen. )

Jüngste Entwicklungen
Im Anschluß an eine Ankündigung
von Präsident Reagan vom 3. März 1987
legten die Vereinigten Staaten bei
den Gesprächen über Kern- und Weltraumwaffen in Genf einen Vertragsentwurf zu INF vor.
Der amerikanische
Entwurf reflektierte die grundlegende
Struktur der Obereinkunft, die vom
Präsidenten
und
Generalsekretär
Gorbatschow während ihres Treffens in
Reykjavik vom Oktober 1986 erzielt
worden war - eine gleiche weltweite
Obergrenze von 100 Gefechtsköpfen auf
LRINF-Raketen
für
die
Vereinigten
Staaten und die UdSSR, wovon keine in
Europa stationiert sein dürften, sowie Beschränkungen für SRINF-Raketen
als integraler Bestandteil eines INFAbkommens.
Die Sowjetunion legte am

Die Vereinigten Staaten führten
daraufhin
intensive
Konsultationen
mit
ihren NATO-Verbündeten
zu den
möglichen Auswirkungen einer Null-Lösung bei den SRINF durch. im Rahmen
des Treffens des Nordatlantikrats vom
11. bis 12. Juni 1987 unterstützten
die Außenminister der NATO die verifizierbare, weltweite Abschaffung aller amerikanischen und sowjetischen
SRINF-Raketen,
vorausgesetzt,
diese
sei wirksam zu verifizieren, bilde
den integralen Bestandteil eines bilateralen INF-Abkommens und schlösse
die sowjetischen SS-12 und SS-23 Raketen ein.
Die Vereinigten Staaten
unterbreiteten diesen SRINF-Vorschlag
am 16. Juni bei NST in Genf und betonten darüberhinaus die weiterbestehende Präferenz der Vereinigten Staaten für die weltweite Abschaffung der
amerikanischen
und
sowjetischen
LRINF-Raketen.

Der amerikanische Vertragsentwurf
Der
Text dieses
amerikanischen
Vertragsentwurfs, den die Vereinigten
Staaten am 4. März 1987 den Sowjets
in Genf zu unterbreiten begannen,
sieht gegenwärtig vor:

- 2 -

�Die stufenweise Reduzierung der
LRINF-Raketensysteme
auf
eine
temporäre
weltweite
Obergrenze
von
jeweils
100 Gefechtsköpfen
auf LRINF-Raketen für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion - wovon keine in Europa
stationiert sein dürfen - bis zum
Jahr
1991.
Die amerikanischen
LRINF-Gefechtsköpfe
wären
auf
amerikanischem Territorium, einschließlich Alaska, erlaubt, die
sowjetischen
LRINF-Gefechtsköpfe
wären im asiatischen Teil der Sowjetunion zulässig.

haben von Beginn der Verhandlungen an
betont, daß jedes INF-Abkommen wirksam verifizierbar sein muß, wenn es
die Stabilität
verbessern und das
Kriegsrisiko verringern soll.
Die
Vereinigten Staaten verfolgen in dieser Hinsicht drei Ziele:
- Stärkung des Vertrauens in das
Abkommen, das an sich schon zu
größerer Sicherheit und Stabilität in Europa und Asien beitragen
wird.
- Abschreckung
von
Verletzungen
durch erhöhte Wahrscheinlichkeit
ihrer Aufdeckung.

Die
weltweite
Abschaffung
der
amerikanischen
und
sowjetischen
LRINF-Raketen (einschließlich der
sowjetischen SS-23 und SS-12) als
integraler Bestandteil eines INFAbkommens.

- Die Möglichkeit einer schnellen
Entdeckung von Vertragsverletzungen, wodurch eine
zeitgerechte
Warnung
vor einer
potentiellen
oder realen Bedrohung der Sicherheit der Verbündeten ermöglicht
wird.

Eine umfassende Verifizierungsregelung. Die Vereinigten Staaten haben mit voller Unterstützung ihrer Verbündeten - seit Beginn der INF-Verhandlungen im Jahr 1981 betont, daß
sie die weltweite Abschaffung aller
amerikanischen
und
sowjetischen
LRINF-Raketen vorziehen würden. Dies
würde die Verifizierung eines INF-Abkommens sehr erleichtern. Zusätzlich
betonen die Vereinigten Staaten, daß
die INF-Verhandlungen bilateral sind
und keine Systeme von Drittländern
beinhalten oder die Kooperation der
Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten betreffen.

Um diese Ziele zu erreichen, haben die Vereinigten Staaten eine Verifizierung sregelung
vorgeschlagen,
durch die die Einhaltung der Vertragsbestimmungen gefördert ur1 die
verbotene Produktion, Lagerung oder
Stationierung
von
vertraglich
beschränkten Systemen und damit in Verbindung stehender Ausrüstung entdeckt
werden sollen. Diese Verifizierungsregelung besteht aus sechs Grundelementen:

Verifizierung
Eine Reihe wichtiger Fragen muß
vor dem Abschluß eines INF-Abkommens
gelöst werden. Eine der wichtigsten
betrifft die Verifizierung. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
- 3 -

- Bestimmung von Gebieten und Einrichtungen, in denen durch den
Vertrag beschränkte Raketensysteme untergebracht sein müssen mit
einem Verbot, sie andernorts zu
stationieren.
(Dies ist zwingend
erforderlich, da die durch einen
INF-Vertrag zu beschränkenden Systeme mobil sind und sonst praktisch überall stationiert werden
könnten.)

�- Gegenseitiger Austausch von spezifiziertem, umfassendem Zahlenmaterial
über
vertraglich
begrenzte Systeme sowie der dazugehörigen Einrichtungen und Geräte
vor Inkrafttreten des Vertrages.
- Einvernehmliche
dieser Daten.

Fortschreibung

- Spezielle Verfahren zur Verifizierung
von Vernichtung, Abbau
und Umrüstung von LRINF Systemen,
einschließlich
Vor-Ort-Inspektionen.
- Vor-Ort-Inspektionen/Uberwachung.
Dieser Bestandteil beinhaltet 1.)
eine einmalige, umfassende Inspektion kurz nach Inkrafttreten
des Vertrages zur Bestätigung der
Grunddaten über vertraglich begrenzte Systeme; 2.) Inspektionen
zur Verifizierung des Abbaus von
Systemen, die gemäß der Verfügungen des Vertrages reduziert werden sollen; 3.) kurzfristig anberaumte Inspektionen entsprechend
"deklarierter"
Einrichtungen
in
den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion; 4.) kurzfristig anberaumte
Inspektionen
anderer
amerikanischer
und
sowjetischer
Einrichtungen; und 5.) kontinuierliche
Überwachung
bestimmter
kritischer Einrichtungen zur Produktion,
Endmontage,
Reparatur
und Lagerung von vertraglich begrenzten Systemen in den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
- Anwendung
und
Nichtbehinderung
von nationalen technischen Verifikationsmaßnahmen,
eine Bedingung zur Übertragung der technischen Meßdaten von Raketenflügen;
Verbot
der Verschlüsselung
und
das Verbot von Täuschungsmaßnah-

men, die der Verifizierung
derlaufen.

zuwi-

Die Vereinigten Staaten sind sich
bewußt, daß
Verifizierungsmaßnahmen
nie lOOprozentig sicher sind, glauben
jedoch,
daß
umfassende
Verifizierungsmaßnahmen
mit klar
umrissenen
und
zwingenden
Verifizierungsverpflichtungen - wie sie im amerikanischen
Vertragsentwurf
enthalten
sind - das beste Mittel der Gewährleistung dafür bilden, daß die Sowjets die Verfügungen des Vertrages
nicht verletzen.
Die Sowjetunion hat einigen der
von den Vereinigten Staaten geforderten grundsätzlichen Bestandteile des
Verifizierungspakets prinzipiell zugestimmt, einschließlich des Datenaustauschs,
der
Vor-Ort-Inspektion
bei Abbau und Vernichtung sowie VorOrt-Inspektionen
der
LRINF-Bestände
und dazugehörigen Einrichtungen. sie
muß jedoch noch zahlreiche wichtige
Einzeldaten zur Verfügung stellen sowie Vor-Ort-Inspektionen verdächtiger
Gelände zustimmen.

Die deutschen Pershing IA
Die Sowjets haben kürzlich zum
ersten Mal die Forderung aufgestellt,
daß amerikanische Gefechtsköpfe auf
deutschen Pershing IA-Raketensystemen
Bestandteil eines amerikanisch-sowjetischen Abkommens über den Abbau von
SRINF-Raketen sein müssen.
Die amerikanische
Position
ist eindeutig:
Die INF-Verhandlungen sind bilaterale
Verhandlungen und erstrecken sich daher ausschließlich auf amerikanische
und sowjetische Raketen und betreffen
nicht Systeme von Drittländern oder
bestehende Muster der Zusammenarbeit
mit den Verbündeten. Die NATO-Partner unterstützen diese Position voll
und ganz. Die Sowjets haben das The-

&gt;

�ma
der
deutschen
Pershing
bisher
nicht angeschnitten; zu einem solch
späten Zeitpunkt legen sie damit die
Vermutung nahe, sie versuchten, dem
erfolgreichen Abschluß der INF-Verhandlungen künstlich neue Hindernisse
in den Weg zu legen.

Vorausschau
Die Lösung dieser und anderer
ausstehender Probleme wird sich als
schwierig erweisen.
Die Vereinigten
Staaten werden weiterhin ihren Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten, aber die Sowjetunion muß noch
unter Beweis stellen, daß sie es
ebenso ernst meint.

Hintergrund

die sowjetische Entwicklung der SS-20
Raketen - trugen in den siebziger
Jahren zur Verlagerung der Situation
bei.
Die im Jahre 1977 begonnene Stationierung der SS-20 stellte sowohl
einen qualitativen und quantitativen
Wandel für die europäische Sicherheit
als auch eine Bedrohung für die Sicherheit unserer asiatischen Freunde
und Verbündeten dar.
Die SS-20 ist
zielgenauer als die SS-4 und die
SS-5. Ferner ist die SS-20 mobil und
kann schnell neu disloziert werden.
Schließlich trägt die SS-20 drei unabhängig steuerbare Gefechtsköpfe im
Gegensatz zu dem Einzelgefechtskopf
der Vormodelle, ihre Abschußeinrichtungen
können
schnell
nachgeladen
werden und zusätzliche Raketen abfeuern.
Bis Juli 1987 hatten die Sowjets weltweit 441 Raketen des Typs
SS-20 mit einer Gesamtzahl von 1 323
Gefechtsköpfen stationiert.
Darüber
hinaus haben die Sowjets weiterhin
112 Raketen des Typs SS-4 disloziert.

Nukleare Aufrüstung der Sowjetunion,
in den fünfziger und frühen
sechziger
Jahren
stationierte
die
UdSSR
gegen
Westeuropa
gerichtete
SS-4 und SS-5 Raketen. Bis Mitte des
Jahres 1977 waren ca. 575 in Stellung
gebracht.
Im Verlauf der fünfziger
Jahre dislozierten die Vereinigten
Staaten eine geringere Anzahl ungefähr entsprechender Raketen - Mace,
Thor und Jupiter - in Großbritannien,
Italien, der Bundesrepublik und der
Türkei.
Anfang der sechziger Jahre
zogen die Vereinigten Staaten diese
Systeme jedoch einseitig ab und motteten sie ein. Wir waren dazu aufgrund der überlegenen amerikanischen
strategischen Streitkräfte in der Lage, die eine angemessene Abschreckung
gegen
sowjetische Aggressionen und
Einschüchterung Westeuropas darstellte.

Mit dem Anwachsen der Zahl sowjetischer SS-20, denen keine in Europa
stationierten amerikanischen Raketen
gegenüberstanden, nahm die Besorgnis
der
europäischen
NATO-Staaten
zu,
Moskau könne - fälschlicherweise
glauben, die amerikanischen strategischen Streitkräfte könnten von der
Verteidigung des Bündnisses in Europa
abgekoppelt werden.
Solch ein Fehlschluß könnte die NATO-Strategie der
nuklearen Abschreckung und der flexiblen Reaktion in Frage stellen, die
seit vier jarhzehnten den Frieden in
Europa bewahrt hat.
Westeuropäische
Politiker betonten die Notwendigkeit
einer starken Reaktion der NATO.

Zwei
kritische
Entwicklungen
das Erlangen eines ungefähren strategischen
Gleichgewichts der Sowjetunion mit den Vereinigten Staaten und

Reaktion der NATO.
Nach intensiven Konsultationen mit dem gesamten
Bündnis entschied sich die NATO im
Dezember
1979
für
eine
simultan

- 5 -

�durchgeführte
"zweigleisige"
tion, den Doppeibschluß.

Reak-

- Ein "Gleis" bestand in der Umkehr
des bei INF bestehenden Ungleichgewichts durch die im Jahr 1983
einsetzende Stationierung von 572
amerikanischen
INF
längerer
Reichweite in Westeuropa - 108
Pershing II-Raketen und 464 bodengestützte
Marschflugkörper
(GLCM) - über einen Zeitraum von
fünf Jahren.
Obwohl diese Zahl
nicht genau der Anzahl der sowjetischen
Gefechtsköpfe
bei
den
SS-20 entspricht, wäre dies eine
Reaktion, die ausreicht, um eine
glaubwürdige
Abschreckung
aufrechtzuerhalten.
Im
Dezember
1986 hatten die Vereinigten Staaten 316 LRINF - 108 Pershing II
und 208 GLCM - stationiert.
- Das zweite "Gleis" verlangte von
den Vereinigten Staaten, mit den
Sowjets Verhandlungen zur Errichtung eines weltweiten Gleichgewichts bei den amerikanischen und
sowjetischen
LRINF
auf
dem
kleinstmöglichen
Stand
durchzuführen.
Ein jegliches Abkkommen
über LRINF müßte außerdem amerikanische
und sowjetische
SRINF
weltweit auf einem gleichen Stand
beschränken, um die Umgehung eines Abkommens über LRINF durch
Aufrüsten bei den Kurzstreckensystemen zu verhindern.
Die Vereinigten Staaten und die NATOVerbündeten betonten, sie seien
bereit, die Stationierungen amerikanischer LRINF einzuschränken,
zu ändern oder sogar umzukehren,
wenn das Ergebnis der Verhandlungen dies rechtfertigt.
Das
"Zweite
Gleis".
Die Sowjets weigerten sich anfangs, zu verhandeln und stellten die Bedingung,
die NATO müsse zunächst ihre Pläne

zur Stationierung der LRINF aufgeben.
Die Sowjets schlugen dann ein "Moratorium" zur Stationierung von INF in
Europa vor.
Damit wäre ihr Monopol
bei den LRINF bestätigt worden, das
die NATO gerade als unannehmbar zurückgewiesen hatte. Nur nachdem Moskau erkannt hatte, daß die NATO entschlossen war, in Ermangelung verhandelter Beschränkungen mit den Stationierungen fortzufahren, stimmten die
Sowjets schließlich
im Herbst des
Jahres 1981 Verhandlungen über INF zu.
Prinzipien
der
amerikanischen
Vorgehensweise bei den INF-Verhandlungen.
Die
amerikanische
Vorgehensweise bei den INF-Verhandlungen
hat sich auf der Grundlage weitreichender Konsultationen mit den Bündnispartnern
entwickelt
und
basiert
auf fünf grundlegenden Prinzipien:
- Ein Abkommen muß für den Gleichstand von Rechten und Begrenzungen
zwischen
den
Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion sorgen.
- Das Abkommen darf nur amerikanische
und sowjetische
Systeme
betreffen.
- Begrenzungen müssen weltweit gelten und damit das Übergreifen der
Bedrohung von einer Region auf
eine andere verhindern.
- Die konventionelle Verteidigungsfähigkeit der NATO darf nicht geschwächt werden.
- Jedes Abkommen muß wirksam
fizierbar sein.

veri-

Verhandlungen.
Die
formellen
Gespräche mit der Sowjetunion wurden
im November
1981 aufgenommen.
Zu
diesem Zeitpunkt schlugen die Vereinigten Staaten vor, daß alle ameri-

�kanischen
und
sowjetischen
LRINF,
einschließlich
der
sowjetischen
SS-20, SS-4 und SS-5 sowie der amerikanischen Pershing II und GLCM verboten oder abgeschafft werden sollten.
Die Sowjets wiesen diesen Vorschlag
zurück.
Obwohl
diese
weltweite
"Null-Lösung" weiterhin das bevorzugte Ergebnis der Vereinigten Staaten
ist, haben wir im im März 1983 ein
Interimsabkommen für die beiderseitige weltweite Begrenzung aller Gefechtsköpfe auf LRINF vorgeschlagen,
die
unter
dem
geplanten
amerikanischen Dislozierungsniveau von 572
liegen.
Die Sowjets haben die INF-Verhandlungen im November 1983 verlassen
und damit gegen die Stationierung der
ersten
amerikanischen
LRINF-Raketen
in Europa protestiert, obwohl sie im
Verhandlungszeitraum
die
Stationierung ihrer SS-20 fortgesetzt hatten.
Vom Beginn der Verhandlungen bis zu
dem Punkt, an dem die Sowjets den
Verhandlungstisch verließen, zielten
die
sowjetischen Vorschläge darauf
ab, die Stationierung einer einzigen
amerikanischen Pershing II oder GLCM
zu verhindern und gleichzeitig den
Sowjets die Aufrechterhaltung eines
umfangreichen Arsenals von SS-20 im
westlichen
Militärgebiet der UdSSR
zuzugestehen und mit der Aufrüstung
bei den SS-20 in Asien fortzufahren.
Im Rahmen der sowjetischen Vorschläge
wären Hunderte amerikanischer Flugzeuge aus Europa abgezogen worden,
die für die konventionelle Verteidigung der NATO unerläßlich sind.
Als Vorwand für dieses unausgewogene Ergebnis behaupteten die Sowjets, ihre SS-20 schafften den Ausgleich für die unabhängigen Nuklearstreitkräfte
Großbritanniens
und
Frankreichs. Zusammen mit der sowjetischen Weigerung, die im asiatischen
Teil der Sowjetunion
stationierten

SS-20 in die Verhandlungen einzubeziehen, steigerte sich dies zur Berufung auf das Recht seitens der Sowjetunion, mit den gesamten Streitkräften
aller
anderen
Atomstaaten
gleichzuziehen und somit die nukleare
Überlegenheit über sie alle zu erlangen. Die NATO hat diese sowjetische
Forderung wiederholt zurückgewiesen.
Im Januar 1985 erklärten sich die
Sowjets zur Wiederaufnahme der Verhandlungen bereit.
Im März 1985 haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion mit einer neuen Serie von
Rüstungskontrollverhandlungen
- den
Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen - begonnen, zu denen auch
INF zählt.
Im November 1985 haben die Vereinigten Staaten angeboten, ihre in
Europa stationierten Pershing II und
GLCM auf 140 Abschußvorrichtungen der zum 31. Dezember 1985 stationierten Anzahl - zu begrenzen, wenn die
Sowjets die Zahl der in Reichweite
der europäischen NATO-Staaten stationierten Abschußvorrichtungen für die
SS-20 auf 140 begrenzen würden und
wenn
sie gleichzeitig
proportional
einen Abbau der in Asien stationierten SS-20 vornehmen würden.
Die Sowjets wiesen diesen Vorschlag zurück.
Beim Gipfeltreffen
im November
1985 in Genf kamen Präsident Reagan
und Generalsekretär Gorbatschow überein, die Erarbeitung eines Interimabkommens
für
INF zu beschleunigen.
Bei ihrer Zusammenkunft im Oktober
1986 in Reykjavik haben sich die beiden Staatschefs im Prinzip auf eine
beiderseitige
weltweite
Begrenzung
von 100 Gefechtsköpfen auf LRINF-Raketen für jede Seite geeinigt, von
denen keine
in Europa stationiert
sein
sollten.
Die
verbleibenden
LRINF-Raketen würden jeweils im asiatischen Teil der Sowjetunion und auf

- 7 -

�amerikanischem
Territorium
stationiert werden. Damit wäre Europa zum
ersten Mal seit den fünfziger Jahren
frei von LRINF-Raketen.
In Reykjavik gaben die Sowjets
ferner ausdrücklich ihr seit langem
bestehendes Ansinnen auf, daß britische und französische Streitkräfte in
ein
INF-Abkommen einbezogen werden
sollten. Darüber hinaus vereinbarten
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
grundsätzlich, Kurzstrekkensysteme als integralen Bestandteil
eines
INF-Abkommens
einzubeziehen.
Trotzdem
bestand
Generalsekretär
Gorbatschow in Reykjavik auf einem
"Pakef'-Abkommen, bei dem INF an den
Abbau strategischer Waffen sowie an
Bereiche der Verteidigung im Weltraum, besonders an die Strategische
Verteidigungsinitiative,
gekoppelt
wird.
im Nachgang zum Treffen in Reykjavik unterbreiteten die Vereinigten
Staaten in Genf einen Vorschlag, der
die in Reykjavik vereinbarte gemeinsame Basis zur Grundlage nahm.
Im
November 1986 unternahmen auch die
Sowjets weitere Schritte, indem sie
einen Vorschlag
vorlegten, der in
Teilen die in Reykjavik erzielten
Fortschritte widerspiegelt.
Dennoch
bestanden die Sowjets bis Ende Februar 1987 weiterhin darauf, daß es im
Bereich von INF kein einzelnes Abkommen geben könne. Am 28. Februar 1987
änderte Generalsekretär
Gorbatschow
den Kurs und verkündete, daß die Sowjetunion jetzt zu einem separaten
INF-Abkommen bereit sei - eine Abkehr
von der seit dem Treffen in Reykjavik
von Oktober 1986 gehaltenen sowjetischen Position.
Die Vereinigten
Staaten nutzten diese Entwicklung und
unterbreiteten im März in Genf einen
Vertragsentwurf zu INF.
Der amerikanische Vertragsentwurf spiegelt die
Grundstruktur eines INF-Abkommen wi-

der, wie es von den beiden Staatschefs in Reykjavik vereinbart wurde.
Die Sowjetunion legte ihren eigenen
Entwurf am 27. April vor. Auf der
Basis dieser beiden Texte erarbeiten
amerikanische und sowjetische Unterhändler in Genf gegenwärtig einen gemeinsamen Vertragsentwurf.

* * *

�Reichweiten von Raketen

Waffenkategorie

Reichweite
über 5 500 km

Strategische Nuklearstreitkräfte

500 - 5 500 km
1 000 - 5 500 km
500 - 1 000 km

Nukleare Mittelstreckenwaffen
INF-Raketen längerer Reichweite
INF-Raketen kürzerer Reichweite

unter 500 km

Nukleare Kurzstreckensysteme

Stationierte Mittelstreckenraketen
Stand: 31. Dezember 1986

System

Ungefähre
Reichweite

Abschußanlagen
(Raketen)

Gefechtsköpfe

SS-20
SS-4

5 000 km
2 000 km

441 (441)
112 (112)

1 323

Pershing II
GLCM

1 800 km
2 500 km

108 (108)
52 (208)

108
208

LRINF
UdSSR

USA

112

SRI NF
UdSSR

SS-12
SS-23

USA

keine

900 km
500 km

* * * * *

- 9 -

100 (mehr)
100 (mehr)
werden gegenwärtig stationiert

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

*

29. Juli 1987

27

DIE INF-VERHANDLUNGEN - EINE ANTWORT AN MOSKAU
- Von Max Kampelman -

Der Autor ist Berater des amerikanischen Außenministeriums und Leiter der
amerikanischen Delegation bei den Genfer Verhandlungen über Kernwaffen im
Weltraum. Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig am 21. Juli in der "New
York Times".

WASHINGTON - (AD) - In jüngster
Zeit haben einige sowjetische Regierungsvertreter,
hauptsächlich
mein
sowjetischer Kollege Juli M. Woronzow
die Vereinigten Staaten beschuldigt,
sie würden kurz vor dem Abschluß eines Abkommens über Mittelstreckenwaffen (INF) immer wieder Hindernisse
aufwerfen. Es gibt neue Hindernisse,
aber sie sind nicht auf die amerikanische Haltung zurückzuführen. Unsere Haltung befindet sich im Einklang mit den von uns seit der Aufnahme der INF-Verhandlungen im Jahre
1981 vertretenen Grundsätzen, und sie

United States Information Service
Embassy of the United States of America

repräsentiert eine gerechte ur.J ausgewogene Behandlung der Rechte und
Interessen beider Seiten,
Das Problem ist vielmehr die unerklärliche
sowjetische Entscheidung, ein Abkommen zu verzögern.
Nach den 28 Monaten der andauernden Verhandlungen haben sich unsere
Differenzen
erheblich
verringert.
Wir haben Übereinstimmung über die
Grundlinie eines Abkommens erzielt einen beiderseitigen Abbau auf 100
Gefechtsköpfe auf LRINF, von denen
keine in Europa stationiert werden

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�sollen.
Amerika ist bereit, solch einem
ersten
Schritt
zuzustimmen, obwohl
wir es vorziehen würden, diese Raketen völlig abzuschaffen.
Wir haben
ferner dem Vorschlag von Generalsekretär Michael S. Gorbatschow zugestimmt, die amerikanischen und sowjetischen Kurzstreckenraketen weltweit
abzuschaffen.
Die jüngsten Anstrengungen um einen Aufbau auf dieser gemeinsamen Basis waren bis vor einigen Wochen produktiv.
Seitdem
sind
die
sowjetischen Bemühungen in Genf faktisch
zum Stillstand gekommen.
Das trifft
nicht nur auf INF zu, sondern auch
auf die Verhandlungen über die Verringerung
strategischer
Rüstungen
(START).
Herr Gorbatschow erklärte den Bereich der strategischen Waffen zur
"Wurzel des Problems", und wir stimmen dem zu. Herr Gorbatschow ist mit
Präsident Reagan bei den Gipfeltreffen in Genf und danach in Reykjavik
übereingekommen, daß ein Abbau von 50
Prozent erfolgen sollte. Obwohl wir
vor neun Wochen in Genf bei START einen Vertrag unterbreitet haben, müssen uns die Sowjets noch ihren eigenen Vertrag vorlegen, und wir fragen
uns, ob Herr Gorbatschow etwa seine
Meinung geändert hat oder erwartet,
daß die Welt sich mit seinen Worten
statt mit seinen Taten zufrieden gibt.
Das verbleibende Problem in allen
Bereichen unserer Verhandlungen kann
gelöst werden, nicht jedoch durch
Krittelei
oder
Schuldzuweisungen.
Die Sowjets sollten wieder zur Sache
kommen.
Ein von den Sowjets erwähntes
"Hindernis"
bei
INF
betrifft
die
Pershing 1A-Raketen der Bundesrepu-

blik Deutschland.
Seit fast zwei
Jahrzehnten
führen die Vereinigten
Staaten
ein
gemeinsames
Programm
durch, im Rahmen dessen die Deutsche
Luftwaffe 72 Pershing lA-Raketen stationiert, deren nukleare Gefechtsköpfe von amerikanischen Einheiten verwaltet werden.
Seit Anbeginn der INF-Verhandlungen vertraten die Vereinigten Staaten
die Ansicht (der die Sowjets nun im
Prinzip zustimmen), daß die Verhandlungen
aufgrund
ihres
bilateralen
Charakters keine Systeme von Drittländern abdecken können.
Sie können
offensichtlich auch keine mit unseren
Verbündeten
eingegangenen
Bereiche
der Kooperation betreffen. Die NATOVerbündeten haben diese Haltung voll
und ganz unterstützt.
Während der fünf Verhandlungsjahre haben die Sowjets niemals Begrenzungen
bei
den
bundesdeutschen
Pershing
lA-Raketen und deren Gefechtsköpfen vorgeschlagen.
Sie haben eine solche Forderung auch weder
1985 beim Gipfeltreffen in Genf noch
beim Treffen in Reykjavik 1986 oder
kürzlich im April beim Besuch von
Außenminister
George P. Shult 7. in
Moskau
erhoben.
Jetzt
plötzlich
stellen sie diese Forderung, fünf vor
zwölf. Man muß sich fragen, wer hier
Hindernisse gegen ein Abkommen in
letzter Minute aufbaut?
Ein weiteres sowjetisches "Hindernis" betrifft die Umrüstung - die
Umwandlung einer vertraglich begrenzten Rakete in einen anderen Raketentyp. Hierzu möchte ich zunächst bemerken, daß eine wichtige Art und
Weise der Umrüstung unmöglich wird,
wenn die Sowjets unserem Vorschlag
einer
weltweiten Abschaffung
aller
INF-Raketen
(längerer
und
kürzerer
Reichweite)
zustimmen:
die amerikanischen Pershing lB kürzerer Reich-

�weite, zu denen die Pershing II umgerüstet werden könnten, würden verboten.
Da die Sowjets diesem Vorschlag
noch nicht zugestimmt haben, sieht
unser Vertragsentwurf vor, daß die
zur Abschaffung vorgesehenen INF-Raketen zerstört oder umgerüstet werden
sollen.
Beide
Seiten
hätten
das
Recht, zu wählen, wie sie ihre Raketen abbauen würden. Dadurch würde es
keine Raketensysteme mehr geben und
die jeweils andere Seite könnte dies
durch Vor-Ort-Inspektionen verifizieren.
Umrüstung ist ein seit langem
anerkanntes Mittel
zur Verwirklung
von Rüstungskontrollbegrenzungen und
eines, das die Sowjets früher selbst
vorgeschlagen
und angewandt haben.
Aber wenn die Sowjets in diesem Fall
aus verschiedenen Gründen keine Umrüstung zulassen wollen, können wir das
Problem auch lösen, indem wir bis auf
Null gehen. .
Ein drittes "Hindernis" betrifft
den Standort, d.h. wo die Vereinigten
Staaten
nach Vertragsabschluß
ihre
verbleibenden 100 LRINF stationieren
würden (angenommen, wir gehen nicht
bis auf Null).
Die Sowjets wollen
die
amerikanische
Stationierung
in
Alaska verhindern, von wo aus die Raketen
sowjetisches Territorium erreichen
könnten.
Dieses
Problem
stellt sich natürlich nur, weil die
Sowjets darauf bestehen, daß beide
Seiten 100 Gefechtsköpfen auf ihren
Raketen behalten anstatt sie abzuschaffen, wie
es
die
Vereinigten
Staaten und praktisch jedes andere
Land außerhalb des Warschauer Paktes
vorziehen würde. Bei einer Null-Lösung würde das Problem verschwinden.
Wegen der Reichweite, Mobilität
und
Transportfähigkeit
der
sowjetischen SS-20 stellt die Stationierung dieser Raketen irgendwo im asia-

tischen Teil der Sowjetunion eine Bedrohung
für unsere Verbündeten in
Asien und Europa dar, die wir als
gleichbedeutend mit einer gegen uns
selbst gerichteten Bedrohung betrachten.
Wir können nicht akzeptieren,
daß die Vereinigten Staaten davon absehen
werden,
solch
einer
sowjetischen
Bedrohung
entgegenzutreten.
Herr Gorbatschow hat mit seinem in
Reykjavik
unterbreiteten
Vorschlag,
unsere 100 Gefechtsköpfe sollten sich
in den Vereinigten Staaten befinden,
Alaska überhaupt nicht erwähnt.
Es
stellt sich also wiederum die Frage,
wer hier Hindernisse in letzter Minute aufwirft.
Herr Gorbatschow hat kürzlich erklärt, daß die Sowjetunion tatsächlich bereit ist, die letzten 100 Gefechtsköpfe auf INF abzuschaffen und
die "Null-Lösung" zu verwirklichen,
aber nur, wenn die Vereinigten Staaten ihre Flugzeuge mit nuklearen Fähigkeiten aus dem Fernen Osten abziehen. Aber der Verhandlungsgegenstand
sind Mittelstreckenraketen, und die
Vereinigten Staaten haben keine Mittelstreckenraketen im Fernen Osten.
Die Flugzeuge mit nukleren Fähigkeiten, die wir seiner Ansicht nach abschaffen sollten, werden zahlenmäßig
von sowjetischen Flugzeugen mit nuklearen Fähigkeiten übertroffen, die
Herr Gorbatschow mit seinem Vorschlag
nicht begrenzen will.
Die Vereinigten Staaten bleiben bereit und würden
es vielmehr vorziehen, all ihre INFRaketen weltweit abzuschaffen, wenn
die Sowjets das auch tun würden.
Und schließlich behaupten die Sowjets, die NATO versuche ein INF-Abkommen in zweifacher Hinsicht zu untergraben - indem sie ihren verbleibenden Kernwaffenbestand modernisiere
und gleichzeitig ein Junktim von INF
mit nuklearen Gefechtsfeldwaffen und
konventionellen Streitkräften fordere.

- 3 -

�In bezug auf das erste Argument
entschied die NATO im Jahr 1983 ihren
Bestand an Nuklearwaffen in Europa
einseitig auf das seit Jahrzehnten
niedrigste Niveau von 4 600 zu reduzieren und das verbleibende Arsenal
zu modernisieren, um die Aufrechterhaltung einer wirksamen Verteidigung
der NATO sicherzustellen. Daher entschied sich die Nato nicht - wie die
Sowjets geltend machen - für die Aufrüstung, sondern die Abrüstung, wie
wir seit vier Jahren immer wieder betonen.
Was das Junktim anbetrifft, so
sind es die Sowjets, die mehrmals auf
dem Junktim eines INF-Abkommens mit
Übereinkünften in anderen Bereichen
bestanden haben und es war Amerika,
das für den Abschluß eines INF-Vertrages
ohne
irgendeine
Art
von
Junktim plädierte.
Und dies bleibt
auch weiterhin unsere Position.
Die Vereinigten Staaten sind immer wieder die Seite gewesen, die
diese
Verhandlungen
vorangetrieben
haben. wir waren es, die als erste
Verhandlungen
einberufen haben und
wir haben den ersten Vorschlag unterbreitet als die Verhandlungen im Jahr
1981 eröffnet wurden. Wir haben wiederum den ersten Vorschlag vorgelegt,
als die Verhandlungen im
Jahr 1985
wieder
aufgenommen wurden, nachdem
die Sowjets die Verhandlungstisch unter Protest verlassen hatten.
Wir
waren die Seite, die als erste einen
INF-Vertragsentwurf auf der Grundlage
der in Reykjavik erarbeiteten Richtlinien unterbreiteten, und wir werden
die Arbeit unserer beiden Seiten bei
der
endgültigen Formulierung
eines
gemeinsamen
Vertragstextes
weiter
vorantreiben.
Bedauerlicherweise
scheinen
Sowjets die Bremsen anzuziehen.

letzter Minute haben sie das Thema
der deutschen Pershings angeschnitten, sie haben entscheidende Einzelheiten über ihre Position zur Verifizierung zurückgehalten.
Und sie haben es nicht nur abgelehnt, sich den
wichtigsten noch verbleibenden Problemen bei INF zu stellen, sondern
sie behandeln auch weder die START
Reduzierungen noch die anderen zentralen Bestandteile unserer Beziehung
wie zum Beispiel die Menschenrechte
oder Probleme auf regionaler Ebene.
Wir stehen zu unserer Verpflichtung, in Genf so bald wie möglich verifizierbare Rüstungskontrollabkommen
auszuhandeln.
Wir sind bereit, die
verbleibenden Themenkomplexe in konstruktiver Weise anzusprechen.
Aber
wir müssen bei unserem Wunsch nach
Abkommen sicherstellen, daß wir nicht
den Taktiken der Sowjets der letzten
Minute erliegen, die darauf ausgerichtet sind, Abkommen hervorzubringen, die unseren sicherheitsinteressen zuwiderlaufen. Die Sowjets sollten
sich
keinen
Fehlkalkulationen
hingeben.
unsere Position gründet
sich auf wohlüberlegte und traditionelle Prinzipien. sie ist das Ergebnis enger Konsultationen mit unseren
Freunden und Verbündeten.
Trotz der
von den Sowjets in den Weg gelegten
neuen Hindernisse werden wir von unserem Ansatz nicht abweichen.
Es hat mich gefreut, daß mein sowjetischer
Kollege seine Ansichten
vor einem amerikanischen Publikum zur
Diskussion gestellt hat und daß unsere Presse seine Meinung gedruckt hat.
Ich habe vor, der sowjetischen Presse
meine Ansichten zur Veröffentlichung
anzubieten und hoffe, daß sie ebenso
verfahren wird.

die
in

* * * * *

4 -

�</text>
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