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                    <text>o C ^ S ^

amcrikci
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^sft*
2. Oktober 1991

ABRÜSTUNG

PRÄSIDENT BUSHS RUSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
Amerikanische Pressestimmen

JUGOSLAWIEN

SERBIEN UND BUNDESARMEE
FÜR KAMPFHANDLUNGEN
IN JUGOSLAWIEN VERANTWORTLICH
Rede des Außenministers
vor dem UN-Sicherheitsrat

FLÜCHTLINGE

USA HOFFEN AUF REPATRIIERUNG
DER FLÜCHTLINGE
Rede des Stellvertretenden Außenministers

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

OST-WEST-BEZIEHUNGEN IN EINER ZEIT
DES WANDELS - DER AMERIKANISCHE
BLICKWINKEL
Ansprache des Gesandten George F. Ward

DROGEN

FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG
VON DROGENABHÄNGIGEN IN DEN USA
Erfolge in den Therapiezentren

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
2. Oktober 1991

PRÄSIDENT BUSHS RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die von Präsident Bush am 27. September 1991 angekündigte Rüstungskontrollinitiative wurde in amerikanischen Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche
Auszüge aus Leitartikeln.

The New York Times, 29.9.1991

The Washington Post, 29.9.1991

Zum ersten Mal seit zwei Generationen sind gestern
die B-52 zurück in ihre Hangars gerollt, und die Welt
hat erleichtert aufgeatmet.

Zweifelsohne wird es nach der ersten Euphorie über
die Rede des Präsidenten zu Rüstungsreduzierungen
Kontroversen zwischen denjenigen geben, die sich
Sorgen machen, er sei zu weit gegangen, und denjenigen, die sagen werden, es sei ein bescheidenes
Unterfangen - eine Mogelpackung. Es ist jedoch eine
Tatsache, daß Bushs am Freitag abend vergangener
Woche angekündigte Initiative, die den weitreichenden, unverzüglichen Abbau von Nuklearwaffen, Maßnahmen zur Entschärfung militärischer Spannungen
sowie das Versprechen zur Aushandlung weiterer
einschneidende Reduzierungen von Nuklearwaffen
beinhaltet, gleichermaßen spektakulär und opportun
war. Eine amerikanische Regierung hat sich der
Herausforderung eines historisch entscheidenden
Augenblicks mit einer entsprechend umfassenden und
ideenreichen Antwort gestellt...

Diese rund um die Uhr in "ständiger Alarmbereitschaft"
stehenden atomaren Bomber waren seit langem der
unleugbare, dröhnende Beweis für das nukleare Vernichtungspotential. In seiner bemerkenswerten Initiative zum Abbau der Nuklearwaffen hat Präsident Bush
jetzt die Alarmbereitschaft für diese Flugzeuge aufgehoben, die massive Reduzierung des atomaren Arsenals der Vereinigten Staaten in die Wege geleitet und
der sowjetischen Regierung zu einem günstigen Zeitpunkt den Anreiz geboten, gleichzuziehen.
Unabhängig davon waren Bushs Vorschläge unvermeidbar und wurden durch das Ende des kalten Kriegs,
Ungeduld im Kongreß sowie Besorgnis über den Zerfall der Sowjetunion ausgelöst. Dennoch hat der
Präsident das Unabdingbare zu einem Riesenschritt
zurück vom Abgrund gewandelt, indem er die Vorschläge unverzüglich zu einem Paket bündelte...
Der begrüßenswerteste Schritt des Bush-Plans liegt
jedoch in der Erkenntnis, daß der beste Weg zur
Kontrolle der sowjetischen Nuklearwaffen in ihrer
Abschaffung liegt. Er muß sich noch vollständig verinnerlichen, daß er sowjetische Reduzierungen nur
herbeiführen kann, wenn er das Gleiche zu tun bereit
ist.

AMERIKA DIENST 39

Los Angeles Times, 28.9.1991
Jedes künftige Geschichtsbuch über internationale
Beziehungen wird wahrscheinlich als unvollständig
betrachtet werden ohne einen bewundernden Hinweis
auf Präsident Bushs entscheidende Rede zur Verteidigung vom vergangenen Freitag. Tatsächlich erklärt
dieser republikanische Präsident - der von seiner
Partei so eindeutig mit gewaltigen Verteidigungsausgaben und der Außenpolitik eines Falken identifiziert
wird - daß ein Erfolg verbucht werden kann. Der kalte
Krieg ist zwar vorbei, aber auch dem Krieg der Nuklearwaffen muß ein Riegel vorgeschoben werden.

Seite 1

�Der erste greifbare Beweis, daß ein neues Kapitel in
der Weltpolitik geschrieben wurde, erfolgte zweifellos
am 31. Juli, als Moskau seine letzten Vorbehalte
schweren Herzens aufgab und den Vertrag über die
Verringerung strategischer Rüstungen (START) unterzeichnete. Nachdem sie sich 40 Jahre lang Auge in
Auge gegenüber gestanden hatten, bis an die Zähne
bewaffnet und bereit, jeden Moment loszuschlagen,
erkennen beide Seiten jetzt, wie sehr sich ihr Verhältnis in nur zwei Jahren gewandelt hat und zwinkern sich
zum ersten Mal lächelnd zu.
Aber in der Rede vom Freitag abend wurde vorgeschlagen, sogar darüber hinaus zu gehen. Es war ein
einseitiges Zwinkern. Bush schlug eine grundlegende
Reduzierung der Bedrohung eines nuklearen Holocaust und eine grundsätzliche Neuorientierung des
US-Verteidigungskonzepts vor...
Das hätte man von einem Republikaner niemals erwartet. Aber jetzt hat er es getan. Ob es für die
Republikanische Partei gut war, ist eine Frage, die
nächstes Jahr beantwortet werden wird. Aber ob es
gut für die Welt ist - die Frage kann man heute
beantworten.
Es ist in der Tat eine gute Sache.
The Boston Globe, 29.9.1991
Die von Präsident Bush am Freitag angekündigten
Entscheidungen über die Reduzierung von Waffen
spiegeln bahnbrechende Fortschritte in seinem Denken darüber wider, wie Amerika in der Welt nach dem
kalten Krieg sicherer gemacht werden kann. Er verdient Beifall und Ermutigung. Dennoch muß er noch
einen langen Weg zurücklegen, um mit den Ereignissen Schritt zu halten, sei es in der Sowjetunion oder in
der US-Wirtschaft...
Bush verdient großes Lob dafür, daß er die Bedeutung
einseitiger Schritte verstanden hat, die jede Seite aus
eigenen Gründen unternehmen kann. Die Rückschläge beim Schachern über Rüstungskontrolle sind seit
langem offensichtlich. Wenn die Verträge unterzeichnet werden, sind sie manchmal bereits überholt, im
Falle des START-Vertrags werden die Arsenale nach
Durchführung der "Reduzierungen" größer bleiben als
zu Beginn der Verhandlungen.
* *

Seite 2

The Baltimore Sun, 30.9.1991
Präsident Bushs kühner einseitiger Schritt zur Beseitigung oder Reduzierung empfindlicher Atomwaffensysteme, die anachronistisch oder sogar kontraproduktiv geworden sind, ist ein weiterer Beweis dafür,
daß er bei der klugen Wahrung amerikanischer Sicherheitsinteressen sein Bestes gibt. Staatskunst ist immer
ein Rennen, bei dem man mit der Realität Schritt halten
muß, und in diesem Fall ist Bushs Zeitplan exemplarisch...
Am meisten beeindruckt jedoch bei Bushs Leistung die
Kühnheit, mit der er auf die bahnbrechenden Veränderungen in der Welt reagiert. Mehr als jeder andere
Präsident seit Harry Truman ist er sensibel für die
Anliegen der Verbündeten, noch stärker als Präsident
Truman ist er sensibel für die Zwänge, von denen die
Politik in weniger freundlich gesinnten Ländern geleitet
wird. Bush vereinigt diese Faktoren in einer Politik, die
amerikanischen Interessen dient, indem sie die Welt
zu einem sichereren Ort macht und sichert sich damit
einen herausragenden Platz in der Geschichte.
The Wall Street Journal, 30.9.1991
Es ist angemessen, daß Präsident Bushs erste Initiative nach dem Niedergang des Sowjetkommunismus
eine Reduzierung der nuklearen Arsenale ist. Die
Lehre, die sich die beobachtende Welt merken sollte,
lautet nicht, daß Rüstungkontrolle erfolgreich war,
sondern daß Containment funktioniert hat...
Tatsächlich hat Bushs einseitige Entscheidung, das
amerikanische Inventar taktischer Nuklearwaffen
abzubauen, deutlich bewiesen, daß Rüstungskontrolllabkommen ein unwichtiges Ablenkungsmanöver sind...
Zweifellos ist 1991 ein zukunftsträchtiges Jahr in der
Geschichte, Ein Großteil der Welt wendet sich vom
Totalitarismus zur Demokratie und verläßt den Weg
des totalen Kriegs offensiver Nuklearwaffen zugunsten von Verteidigungssystemen. Die Zukunft kann
noch vielversprechender sein, so lange wir uns vor
Augen halten, warum wir bis jetzt Erfolg hatten.

* *

*

AMERIKA DIENST 39

�JUGOSLAWIEN
2. Oktober 1991

SERBIEN UND BUNDESARMEE FÜR
KAMPFHANDLUNGEN IN JUGOSLAWIEN
VERANTWORTLICH
Rede des Außenministers vor dem UN-Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Mit der Feststellung, daß die Krise in Jugoslawien "sich zu einem Krieg
ausgeweitet hat", warnte Außenminister Baker am 25. September 1991, daß "die Anhänger der Gewalt damit
nur ihren Ausschluß aus dem neuen Europa besiegeln".
In einer Rede anläßlich der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats erklärte Baker, die serbische Regierung und
die jugoslawische Bundesarmee trügen besondere und zunehmende Verantwortung für das Blutvergießen und
die Gewalt, die den Vielvölkerstaat heimgesucht hätten und "eine direkte Bedrohung für Frieden und Sicherheit
auf der ganzen Welt" darstellen.
"Die jugoslawische Bundesarmee fungiert offenkundig nicht als unparteiischer Garant eines Waffenstillstands
in Kroatien", stellte Baker fest. "Im Gegenteil - die Armee hat die lokalen serbischen Streitkräfte aktiv bei der
Verletzung des Waffenstillstands unterstützt, der den Tod von Bürgern zur Folge hatte, die sie laut Verfassung
schützen muß."
Baker zufolge unterstützen die Vereinigten Staaten "vorbehaltlos" eine Resolution des UN-Sicherheitsrats, mit
der die Parteien unverzüglich zur friedlichen Beilegung ihrer Streitigkeiten aufgefordert werden. Die Resolution
bringt ferner die uneingeschränkte Unterstützung für die Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft und die
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zum Ausdruck, einen Waffenstillstand und Dialog
zwischen den kriegführenden Parteien in Jugoslawien herbeizuführen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker vor dem Sicherheitsrat.

Wir sind heute hier zusammengekommen, weil die
Krise in Jugoslawien sich zu einem Krieg ausgeweitet
hat. Dieser gewalttätige Konflikt bedroht alle Völker
Jugoslawiens mit verheerenden wirtschaftlichen und
sozialen Folgen, der fundamentalen Verletzung grundlegender Menschenrechte und Freiheiten und vor allem massivem Blutvergießen und Verlust an Menschenleben.

Zahlreiche Parteien in Jugoslawien haben zu der
Tragödie beigetragen, die dieses Land heimsucht.
Wovor wir im Juni und in den vorausgegangenen
Monaten gewarnt hatten, ist Wirklichkeit geworden.
Einseitige Handlungen auch der Republiken haben die
Optionen für friedliche Verhandlungen zunichte gemacht und die Lösung der tragischen Situation in
Jugoslawien schwieriger und komplizierter gestaltet.

Wir alle sind besorgt über die gefährlichen Auswirkungen auf die Nachbarländer Jugoslawiens, die sich mit
Flüchtlingsströmen, Energieengpässen und der Gefahreiner Ausweitung der Kampfhandlungen konfrontiert sehen. Es ist die Gefahr der Eskalation, die dies
zu einer Angelegenheit von vordringlicher Bedeutung
für den Sicherheitsrat macht.

Da bereits sehr viel Blut vergossen wurde, ist es an der
Zeit, daß alle Parteien sich für die friedliche Lösung
ihrer Streitigkeiten engagieren. Alle Parteien - insbesondere die Serben und Kroaten - müssen die Kampfhandlungen einstellen. Der Waffenstillstand muß als
erster Schritt zur Gestaltung einer anderen Zukunft
eingehalten werden.

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�Die serbische Regierung und die jugoslawische Bundesarmee tragen besondere und zunehmende Verantwortung für die düstere Zukunft, die die Völker
Jugoslawiens erwartet, wenn sie dem Blutvergießen
nicht Einhalt gebieten und den jetzt eingeschlagenen
gewalttätigen Kurs revidieren.
Die jugoslawische Bundesarmee fungiert offenkundig
nicht als unparteiischer Garant eines Waffenstillstands
in Kroatien. Im Gegenteil - die Armee hat die lokalen
serbischen Streitkräfte aktiv bei der Verletzung des
Waffenstillstands unterstützt, der den Tod von Bürgern zur Folge hatte, die sie laut Verfassung schützen
muß. Das Militär ist in einer Weise vorgegangen, die
nur als eindeutige militärische Intervention gegen
Kroatien bezeichnet werden kann, während es die
Autorität der jugoslawischen Regierungsinstitutionen
nicht mehr akzeptiert, die versuchten, es unter Kontrolle zu bringen.
Es ist ebenso eindeutig, daß die serbische Führung
den Einsatz von Gewalt in Kroatien durch militante
Serben und das jugoslawische Militär aktiv unterstützt
und ermutigt.
Das offenkundige Ziel der Hand in Hand arbeitenden
serbischen Führung und des jugoslawischen Militärs
lautet, ein "kleines Jugoslawien" oder "Großserbien"
zu schaffen, das Slowenien und einen Rest Kroatiens
ausschließen würde. Diese neue Einheit würde sich
auf die Art der Unterdrückung gründen, die serbische
Behörden seit Jahren im Kosovo ausüben. Diese
Einheit würde auch auf dem Einsatz von Gewalt basieren - der in Kroatien tagtäglich beobachtet werden
kann und sich in Bosnien-Herzegowina abzeichnet um die Kontrolle über Territorien außerhalb Serbiens
zu erlangen.
Die Aggression in Jugoslawien stellt deshalb eine
direkte Bedrohung für Frieden und Sicherheit auf der
ganzen Welt dar.
Femer ist Aggression zur Festlegung der künftigen
inneren Grenzen Jugoslawiens oder Serbiens eine
fundamentale Herausforderung für die Werte und Prinzipien der Schlußakte von Helsinki, der Pariser Charta
und der Charta der Vereinten Nationen.
Wir verstehen die Anliegen aller Völker Jugoslawiens,
auch die Sorge der Serben in Serbien und andernorts
über ihre Zukunft im Falle einer Auflösung Jugoslawiens.
Die Vereinigten Staaten können und werden jedoch
keine Unterdrückung und keinen Einsatz von Gewalt
im Namen dieser Anliegen dulden. Wenn wir das
täten, würde damit genau das untermininiert, was wir
in der KSZE mit unserer Arbeit der vergangenen 16
Jahre erreichen wollten.

Seite 2

Aus diesem Grunde unterstützen de Vereinigten Staaten
die in der heutigen Resolution zitierte Erklärung der
KSZE-Mitglieder vom 3. September, keine gewaltsam
erzielten territorialen Gewinne oder Veränderungen
innerhalb Jugoslawiens zu akzeptieren.
Seit Sonntag (22. September) herrscht zwischen dem
jugoslawischen Militär und Kroatien ein vorläufiger
Waffenstillstand. Gegenwärtig werden Gespräche
über die weitere Durchführung des von Serbien, Kroatien und dem Militär unterzeichneten Waffenstillstandsabkommens vom 17. September geführt. Die Friedenskonferenz in Den Haag unter Vorsitz von Lord
Carrington nimmt morgen ihre Verhandlungen wieder
auf.
Wir fordern alle Parteien auf, diese Gelegenheit zu
ergreifen, einen echten Waffenstillstand auszuhandeln und ein auf dem Verhandlungswege erzieltes
Abkommen über die Zukunft Jugoslawiens auszuarbeiten.
Femer müssen wir gemeinsam der Ausbreitung dieses Kreislaufs der Gewalt auf eine weitere jugoslawische Republik vorbeugen. Es besteht kein Zweifel,
daß das Schicksal von Bosnien-Herzegowina ebenfalls am seidenen Faden hängt. Die serbische Führung und die jugoslawische Bundesarmee haben es in
der Hand, die gewalttätigen Provokationen und die
unrechtmäßige Besetzung dieser Republik unverzüglich zu beenden.
Die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft und die gesamte KSZE haben den Völkern
Jugoslawiens eine eindeutige Botschaft übermittelt:
Zur Lösung politischer Differenzen oder Veränderung
äußerer und innerer Grenzen in Jugoslawien ist der
Einsatz von Gewalt keineswegs akzeptabel. Diejenigen, die in Jugoslawien auf Gewalt zurückgreifen,
einschließlich der serbischen und kroatischen Freischärler, werden über sich und die Völker Jugoslawiens nichts als Unglück bringen. Die Aggressoren
isolieren sich nur selbst stärker von der internationalen
Staatengemeinschaft, indem sie die Gewalt fortsetzen. Wenn sie ihren gegenwärtigen Kurs weiter verfolgen, werden die Anhänger der Gewalt damit nur ihren
Ausschluß aus dem neuen Europa besiegeln.
Wir bezweifeln, daß die Völker Jugoslawiens tatsächlich den hohen Preis dieses Krieges bezahlen wollen.
Die damit einhergehende soziale und wirtschaftliche
Unterdrückung sowie die politische und wirtschaftliche
Isolation sind ein Preis, den unserer Meinung nach
kein vernünftiger Menschen zu zahlen bereit wäre.
Wir würdigen und unterstützen die Bestrebungen der
Europäischen Gemeinschaft und ihrer Mitgliedstaaten
sowie die Arbeit der KSZE, einen Waffenstillstand
herbeizuführen, Beobachter zu entsenden, eine Kon-

AMERIKA DIENST 39

�ferenz einzuberufen und eine Schiedskommission für
die friedliche Lösung alier Streitigkeiten einzurichten.
Wir werden weiterhin die regionalen Arrangements der
EG und KSZE in diesem Sinne unterstützen.
Darüber hinaus begrüßen wir die Unterstützung dieser
Resolution für das internationale Waffenembargo, das
die Vereinigten Staaten am 3. Juli dieses Jahres
vorgeschlagen haben. Gleichzeitig unterstützen wir
die Aufforderung der Resolution an den UN-Generalsekretär, die Situation in Jugoslawien durch die Vermittlungsdienste dieser Organisation und mit Hilfe der
Institutionen in der Region zu beeinflussen.
Den Völkern Jugoslawiens steht noch ein anderer Weg
offen. Sie können durch einen Prozeß des friedlichen
Dialogs ihre legitimen Hoffnungen und Anliegen sowie
*

AMERIKA DIENST 39

*

die Interessen aller nationalen Gruppen in jeder Republik ansprechen und in Einklang bringen. Im Endeffekt
müssen sie das tun.
Die heutige Resolution unterstreicht und bekräftigt die
den Völkern Jugoslawiens von der KSZE und ihren
Mitgliedern übermittelte Botschaft. Sie bekundet die
volle Unterstützung des UN-Sicherheitsrats für die
Bestrebungen der KSZE und der Europäischen Gemeinschaft, um den Völkern Jugoslawiens auf ihrem
Weg zum Frieden zu helfen.
Wir unterstützen sie uneingeschränkt. Und wir hoffen,
die Völker Jugoslawiens werden ihr Beachtung schenken und sich aus dem Krieg zurückziehen, mit dem
jetzt in ihrem ganzen Land Blut vergossen wird.

*

*

Seite 3

�FLÜCHTLINGE
2. Oktober 1991

USA HOFFEN AUF REPATRIIERUNG
DER FLÜCHTLINGE
Rede des Stellvertretenden Außenministers
WASHINGTON - (AD) - In einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Senats für Einwanderung und
Flüchtlingsfragen stellte der Stellvertretende Außenminister Lawrence S. Eagleburger am 24. September 1991
fest, auch wenn die Ära des Sowjetkommunismus vorüber sein mag, wird das Flüchtlings- und Migrationsphänomen weiterbestehen, und fügte hinzu: "Wir hoffen, daß die internationale Staatengemeinschaft ihre
Ressourcen zur Repatriierung einer großen Zahl von Flüchtlingen auf der Welt aufwendet. Während in den
letzten vierzig Jahren die Zahl der Flüchtlinge auf der ganzen Welt ununterbrochen gestiegen ist, besteht unser
Ziel für die neunziger Jahre darin, diese Zahl drastisch zu senken."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, heute vor diesem Ausschu ß über
die Aufnahme von Flüchtlingen in die Vereinigten
Staaten im Haushaltsjahr 1992 berichten zu dürfen.
Botschafter Laf ontant-Mankarious und ich werden den
offiziellen Vorschlag des Präsidenten über die Aufnahme von bis zu 144.000 Flüchtlingen im Haushaltsjahr
1992 erläutern. Soweit ich weiß, hat der Ausschuß
auch einen Bericht erhalten, der die im Statut niedergelegten Einzelheiten enthält.
Flüchtlinge in der Welt von heute
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich einige
Minuten darauf verwenden, unsere Flüchtlingspolitik
in den umfassenderen Kontext der amerikanischen
Außenpolitik und aktueller Entwicklungen in der Weltpolitik zu stellen.
Meines Erachtens sind wir in eine Periode historischen
Umbruchs in unseren auswärtigen Beziehungen eingetreten. Die Ära des kalten Kriegs ist zu Ende,
Demokratie verbreitet sich nicht nur in Osteuropa und
der Sowjetunion sondern auf der ganzen Welt. Unsere
Vision der neuen Weltordnung beinhaltet die Hoffnung, daß humane Lösungen fürdas Leid der Millionen
von Flüchtlingen in der Welt von heute gefunden
werden.
Das Symbol der Zuflucht ist eines der herausragendsten in der Ära des kalten Kriegs. Ebenso wie man
sagen könnte, daß die Berliner Mauer als drastischstes Symbol für die Ost-West-Konfrontation in Europa
stand, waren es die einzelnen Menschen, die versuch-

AMERIKA DIENST 39

ten, über die Grenze in die Freiheit zu gelangen, die so
offenkundig die durch das kommunistische System
verursachte menschliche Tragödie darstellte. Wo
diese autoritäre Ideologie in die dritte Welt exportiert
wurde - in Afrika, Kuba, Mittelamerika und Asien - war
das Ergebnis Konflikt, Verfolgung und der massive
Strom von Menschen, die versuchten, ihr Leben zu
retten und in die Freiheit zu entfliehen. Während der
Nachkriegszeit zählten diese Menschen - die Flüchtlinge der Welt - Millionen.
Mit dem Zerfall des Sowjetkommunismus sind wir jetzt
in eine Zeit weltweiter Konfliktlösung eingetreten. Im
vergangenen Jahr konnten Fortschritte in Angola und
Äthiopien sowie die äußerst begrüßenswerte politische Einigung in Afrika beobachtet werden. Vor zwei
Wochen gaben Außenminister Baker und Präsident
Gorbatschow eine Erklärung ab, von der wir hoffen,
daß sie der erste Schritt zur Konfliktlösung in Afghanistan sein wird. Die kambodschanischen Parteien
haben sich in jüngster Zeit sehr viel stärker dem Plan
einer umfassenden politischen Schlichtung angenähert. Auf unserem Kontinent steht heute nur noch
Kuba außerhalb der Gruppe demokratisch gewählter
Regierungen. Obwohl aus einem anderen historischen Kontext entstanden, ist das Leid der Palästinenser ein zentrales Anliegen der US-Außenpolitik, während wir eine Nahost-Friedenskonferenz anstreben.
Obwohl diese Entwicklungen uns optimistisch in die
Zukunft blicken lassen, sind wir uns auch bewußt, daß
der Lösungsprozeß althergebrachter Konfliktsituatio-

Seite 1

�nen weder schnell noch leicht sein wird. Jede Situation
ist unterschiedlich und komplex. Erstens muß Einvernehmen über die Einstellung der Feindseligkeiten
bestehen. Alle Parteien müssen sich für die friedliche
Verteilung von Macht engagieren. Es muß Pläne für
freie Wahlen und die Institutionen der Demokratie
geben. Und es muß gut organisierte Programme für
die sichere Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen in ihre Heimat geben.
Obwohl wir das Ziel der Konfliktlösung und Repatriierung von Flüchtlingen umreißen können, hat das vergangene Jahr gezeigt, daß wir die potentiellen Strömungen und Konflikte nicht vorhersagen können, da
die Relikte des kalten Kriegs und kommunistischer
Unterdrückung entfernt wurden. Die Kämpfe in Jugoslawien sind ein verheerendes Beispiel für die immanente Gefahr in dieser Zeit der Instabilität. Mit äußerster Aufmerksamkeit beobachten wir die Erarbeitung
von Maßnahmen zu Menschenrechten und der Behandlung von Minderheiten in allen Gebieten der
ehemaligen Sowjetunion. Auch ethnische und politische Konflikte, die überhaupt nichts mit dem Umfeld
des kalten Kriegs zu tun haben, bedrohen die Stabilität
- wie wir es in Liberia beobachten konnten. Allein
dieser Konflikt bewirkte einen Flüchtlingstrom von
zusätzlichen 600.000 Menschen in den vergangenen
zwei Jahren.
Weltweite Hilfe
Der Zweck dieser Konsultationen besteht darin, die
Zahl der Flüchtlinge festzustellen, die im Haushaltsjahr 1992 in die Vereinigten Staaten umgesiedelt werden
sollen. Umsiedlung ist ein Hauptelement unseres
Schutzes für Flüchtlinge, und wir stehen in dieser
Hinsicht an erster Stelle in der Welt. Umsiedlung ist
jedoch nicht nur ein Kernstück unserer Reaktion auf
die Flüchtlingssituation. Die überwiegende Mehrheit
der Flüchtlinge auf der Welt wartet auf die Chance,
nach Hause zurückzukehren und nicht ihr Heimatland
für immer aufzugeben. Vordringlich müssen die Grundbedürfnisse befriedigt werden: Nahrungsmittel, Wasser, Gesundheitsfürsorge und Ausbildung der Kinder.
Langfristig ist die Behebung von Konflikten oder Unterdrückung erforderlich, aufgrund derer sich die Menschen zur Flucht gezwungen sahen.
Das Hilfspaket unseres Flüchtlingsprogramms ist daher
von großer Bedeutung. Ich freue mich, sagen zu
können, daß wir dank der Unterstützung und Zusammenarbeit mit dem Kongreß unsere Ressourcen zur
Befriedigung dieser Grundbedürfnisse ständig erhöhen konnten, selbst während wir die Kosten unseres
Aufnahmeprogramms durch verschiedene Kürzungsmaßnahmen reduziert haben. Im Haushaltsjahr 1991
wurde unser Flüchtlingshilfebudget gegenüber dem
Haushaltsjahr 1990 um 90 Millionen Dollar aufgestockt
einschließlich der Mittelentnahme aus dem Nothilfefonds für Flüchtlinge und Migration des Präsidenten.
Für das Haushaltsjahr 1992 erwarten wir einen weiter-

Seite 2

en Anstieg, insbesondere bei grundlegenden Förderprogrammen und der Repatriierung von Flüchtlingen in
ihre jeweiligen Heimatländer. Die jüngste Geschichte
hat uns zweifelsohne gelehrt, daß Kriege, Aggression
und Verfolgung weiterhin neue Flüchtlingsströme zur
Folge haben werden, und wir müssen vorbereitet sein,
ihnen bei der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse zu
helfen.
Als ich vor einem Jahr vor diesem Ausschuß das
Flüchtlingsprogramm des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991 erörtert habe, drehten sich unsere
Gedanken vor allem um die irakische Invasion Kuwaits. Damals war es unmöglich vorherzusagen, was
die nächsten Monate bringen und wie sich dieser
Konflikt in Flüchtlingsströmen und dem Bedarf an
humanitärer Hilfe manifestieren würde. In den ersten
zehn Wochen dieses Konflikts flohen über 1 Million
Menschen unterschiedlichster Nationalitäten aus dem
Irak und Kuwait. Wirklich außerordentliche internationale Bestrebungen wurden in die Wege geleitet, um
das physische Wohlergehen dieser Menschen zu
gewährleisten und die Repatriierung in ihre Heimatländer zu veranlassen. Dies war jedoch nicht das Ende.
Einen Monat nach Beendigung des Krieges entflohen
im März fast 2 Millionen Iraker - Kurden, Schiiten,
Turkmenen, Assyrer und andere Minderheiten - binnen Wochen der Unterdrückung Saddam Husseins.
Sowohl die reinen Zahlen als auch der komprimierte
Zeitrahmen dieser massiven Bewegung verblüfften
die Welt.
Nur das beispiellose Vorgehen Präsident Bushs, dem
Verteidigungsministerium die Befugnis für entscheidende Hilfmaßnahmen, Nachschub und Transport zu
erteilen, verhinderte die Katastrophe. Das amerikanische Militär und unsere Koalitionspartner haben diese
humanitären Hilfsleistungen brilliant durchgeführt, bis
die Gesamtkoordination dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen übergeben werden
konnte. Ich sollte jedoch hinzufügen, daß die Gesamtausgaben der Vereinigten Staaten für die irakische
Flüchtlingskrise über 600 Millionen Dollar betragen
können.
Aufgrund dieser Erfahrungen erarbeiten wir Wege,
damit die Vereinigten Staaten auf solche Situationen
besser reagieren können und einseitige Aktionen nicht
erforderlich werden. Wir erwarten, daß zu diesem
Thema mehrere Vorschläge in der UN-Generalversammlung erörtert werden. Wir werden uns daran
aktiv beteiligen, damit die konstruktivsten Vorschläge
im Rahmen des UN-Reformprogramms verabschiedet
und durchgeführt werden.
Auswanderung aus der Sowjetunion
Jüngste Entwicklungen in der Sowjetunion, insbesondere im Hinblick auf Auswanderung, hatten direkte
Auswirkungen auf das von uns hier erörterte USAufnahmeprogramm für Flüchtlinge.
AMERIKA DIENST 39

�Im Mai dieses Jahres hat der Oberste Sowjet eine
weitreichende Auswanderungsgesetzgebung verabschiedet, die erwartungsgemäß mit neuen weniger
belastenden Ausreiseverfahren verbunden ist. Wir
werden die Durchführung dieser Gesetzgebung auf
der Ebene der Union und der Republiken kontinuierlich
beobachten. Uns liegen in letzter Zeit einige beunruhigende Berichte vor, daß lokale Auswanderungsbehörden wieder auf die vor der Durchführung des neuen
Gesetzes herrschenden restriktiven Praktiken zurückgreifen. Unsere Botschaft in Moskau geht diesen
Berichten nach. Wenn sich solche Tendenzen verstärken, während die Republiken von der Zentralregierung
mehr Verantwortung für Auswanderung übernehmen,
schadet dies den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Republiken, die solche restriktiven Verfahren
anwenden. Bei seinem jüngsten Besuch in Moskau
hat Außenminister Baker die Haltung der Vereinigten
Staaten verdeutlicht, daß die Menschenrechtsnormen
der KSZE auf der Ebene der Republiken und der Union
Anwendung finden, ungeachtet der von den Völkern
der Sowjetunion vereinbarten endgültigen Struktur der
Union.
Die dramatischen Ereignisse in der UdSSR seit dem
Putschversuch haben die Auswanderungen in die
Vereinigten Staaten nicht behindert. Tatsächlich ist
die Zahl der aus der Sowjetunion in die Vereinigten
Staaten kommenden Flüchtlinge in den letzten Wochen kontinuierlich gestiegen.
Im Hinblick auf die Auswanderung in die Vereinigten
Staaten wollen wir im Haushaltsjahr 1992 den Überhang angehen, der sich im Haushaltsjahr 1991 vor der
Verabschiedung der sowjetischen Auswanderungsgesetze gebildet hat. Viele Personen mit einer Genehmigung der amerikanischen Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization
Service - INS) konnten nicht ausreisen, weil sie von der
Sowjetunion keine Genemigung zum Verlassen des
Landes erhalten hatten. Wir hoffen, daß die Durchführung der neuen sowjetischen Gesetze dieses Problem
lösen wird. Der stetige Anstieg der Zahl von Personen,
die seit dem 1. Juli ausgereist ist, macht uns Mut. Dem
Vorschlag des Präsidenten zufolge soll der sowjetische Überhang aus dem Haushaltsjahr 1991 den
50.000 Genehmigungen hinzugefügt werden, die der
Präsident in seiner Haushaltsvorlage für nächstes
Jahr eingeplant hatte. Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß in den vergangenen Wochen viel mehr
sowjetische Flüchtlinge in die Vereinigten Staaten
eingereist sind als erwartet. Wir werden den im
Vorschlag des Präsidenten bisher auf 13.000 Personen geschätzten Überhang des Jahres 1991 auf 11.000
Personen abbauen. Aufgrund der bisherigen Maßnahmen der Bewilligungsausschüsse sind wir optimistisch,
daß die notwendigen Mittel verfügbar sind.

AMERIKA DIENST 39

Die Zulassung von Flüchtlingen aus Vietnam
Neben den Auswirkungen der Entwicklungen in der
Sowjetunion auf die Aufnahmeprogramme für Flüchtlinge möchte ich dem Ausschuß auch über die Situation in Südostsien berichten. Da Vietnam leider immer
noch ein kommunistisches Regime hat, verlassen
Tausende von Menschen das Land, weil sie aufgrund
ihrer Vergangenheit oder gegenwärtig verfolgt werden.
Über zwei Jahre sind vergangen, seit ich unsere Delegation bei der Genfer Konferenz geleitet habe, bei der
über 50 Länder eine Vereinbarung getroffen haben den umfassenden Aktionsplan (Comprehensive Plan
of Action - CPA) -,um die zahlreichen Probleme der
Asylsuchenden aus Vietnam in Südostasien zu lösen.
CPA hat größtenteils bemerkenswert gut funktioniert.
Die Zahl neuer Bootsflüchtlinge ist nur noch ein Bruchteil dessen, was sie vor einem Jahr betrug, ausgenommen in Hongkong. In den meisten Ländern wird
weiterhin Asyl gewährt, und die Verfahren werden
verbessert. Dennoch bereitet uns die unnachgiebige
Haltung Malaysias Sorgen, und wir sind ferner beunruhigt über die schleppenden Fortschritte bei der Behandlung alleinstehender Minderjähriger.
Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor gegen eine
Zwangsrückführung nach Vietnam. Wir glauben fest
daran, daß man sich besser darauf konzentrieren
sollte, die Zahl der freiwilligen Rückkehrer zu erhöhen,
wofür es in den letzten Monaten hoffnungsvolle Anzeichen gab. Die freiwillige Rückkehr ist problematisch,
weil die Betroffenen kein Angebot mehr zur Umsiedlung erhalten.
Die Umsiedlung von Personen, die als Flüchtlinge
anerkannt sind, ist nach wie vor eine der wichtigsten
Aufgaben des CPA. Für die Vereinigten Staaten
repräsentiert der Vorschlag von 50.000 Genehmigungen im Haushaltsjahr 1992 ihr Engagement für den
dauerhaften Erfolg des CPA und für die Umsiedlung
von Amerikanern asiatischer Abstammung sowie
ehemaligen Insassen von Umerziehungslagern in
Vietnam durch das Programm der ordentlichen Ausreise.
Im vergangenen Jahr konnten die Vereinigten Staaten
durch Zusammenarbeit der INS und des Außenministeriums die Zahl der Personen, die jeden Monat im
Rahmen des Programms der ordentlichen Ausreise
befragt werden, auf 10.000 steigern. Infolgedessen
hoffen wir, bis Mitte des Jahres 1992 alle Befragungen
von Personen amerikanisch-asiatischer Abstammung
durchgeführt und bis Ende des Jahres 1992 den
Rückstand an ausgestellten Visa in Vietnam aufgeholt
zu haben. Zur Zeit wird monatlich etwa 2 000 ehemaligen Insassen aus Umerziehungslagern die Einreise

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�in die Vereinigten Staaten genehmigt. Unserer Meinung nach zeugt diese drastische Zuwachsrate von
unserem Engagement, diese Menschen aus humanitären Gründen in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Gleichzeitig hoffen wir auf das Verständnis von
Personen, die eine heimliche Ausreise mit dem Schiff
erwägen, daß wir das Programm der ordentlichen
Ausreise als sicherste Methode und Kernpunkt der
US-Maßnahmen für Flüchtlinge aus Vietnam betrachten.

Menschenrechte und Volksgruppen reduzieren. Die
Vereinigten Staaten werde jede Gelegenheit ergreifen, um an der Lösung von Konflikten und friedlichen
politischen Regelungen auf der ganzen Welt zu arbeiten. Wir hoffen, daß die internationale Staatengemeinschaft ihre Ressourcen zur Repatriierung einer großen
Zahl von Flüchtlingen auf der Welt aufwendet. Während in den letzten vierzig Jahren die Zahl der Flüchtlinge auf der ganzen Welt ununterbrochen gestiegen
ist, besteht unser Ziel für die neunziger Jahre darin,
diese Zahl drastisch zu senken.

Andere Regionen der Welt
In anderen Teilen der Welt - Afrika, dem Nahen Osten,
Lateinamerika und Osteuropa - führen die Vereinigten
Staaten den lokalen Bedürfnissen angemessene
Umsiedlungsprogramme durch. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Hohen Flüchtlingskommissar der
Vereinten Nationen zusammen, um einen Mechanismus einzurichten, mit dessen Hilfe unsere Aufnahmeprogramme bessere Möglichkeiten der Umsiedlung
von Risiko- oder anderen vordringlichen Fällen schaffen können. Einzelheiten über unsere Aufnahmequoten für diese Regionen finden sich in dem der Kommission vorgelegten Bericht.
Schlußbemerkung
Es ist schwierig, die Lehren zusammenzufassen, die
wir im letzten Jahr aus der Flüchtlingsproblematik
gezogen haben. Der Zusammenbruch des totalitären
Kommunismus in der UdSSR ist eindeutig ein Grund
für Optimismus. Die Vereinigten Staaten suchen ihre
bestehenden Verbindungen und Kontakte zu den
Baltenstaaten und den Sowjetrepubliken auszubauen,
aber wir werden keinesfalls unser Engagement für

*

Seite 4

*

Es gibt jedoch nach wie vor Herausforderungen.
Kommunistische Regime in Vietnam und Kuba werden
weiterhin Flüchtlinge produzieren. Der Irak, Liberia,
das Hörn von Afrika und jetzt Jugoslawien demonstrieren nur allzu deutlich das Potential für regionale Konflikte und Instabilität. Darüber hinaus werden die
neunziger Jahre neben den Flüchtlingsströmen, die
vor Verfolgung und Konfliktsituationen fliehen, auch
die Industrienationen mit beunruhigenden politischen
und rechtlichen Fragen konfrontieren, wenn sie die
große Zahl von Asylsuchenden und anderen internationalen Flüchtlingen bewältigen wollen. Es wird Aufgabe der Vereinigten Staaten sein, sich - gemeinsam
mit unseren Verbündeten und Freunden und auch mit
den Herkunftsländern - zu engagieren, um auf weltweiter Ebene Lösungen für diese Probleme zu finden.
Auch wenn das Zeitalter des Kommunismus in der Sowjetunion zu Ende sein könnte, wird das Phänomen
der Flüchtlinge und Auswanderer nicht verschwinden.
In absehbarer Zukunft werden die Vereinigten Staaten
weiterhin die humanitäre Führungsrolle übernehmen,
die im Zeitalter des kalten Kriegs so eindeutig belegt
hat, worum es in der freien Welt geht.

*

*

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�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
2. Oktober 1991

OST-WEST-BEZIEHUNGEN IN EINER ZEIT DES
WANDELS - DER AMERIKANISCHE BLICKWINKEL
Ansprache des Gesandten George F. Ward
KOBLENZ - (AD) - In seiner Rede bei der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Koblenz verwies der Gesandte
George F. Ward am 25. September 1991 auf die bemerkenswerten Leistungen in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen seit der Vereinigung beider deutscher Staaten.
Ward erläuterte femer den amerikanischen Ansatz zu den Ost-West-Beziehungen und seine drei Hauptziele. Er
erklärte: "Wir wollen die Entwicklung demokratischer, pluralistischer Institutionen und Verfahren fördern, die auf
Menschenrechten und der Freiheit des einzelnen basieren. Wir wollen bei der Umgestaltung in Marktwirtschaften helfen, die einen starken Privatsektor haben und in die Weltwirtschaft integriert sind. Darüber hinaus wollen
wir die Lebensqualität in Mittel- und Osteuropa verbessern, während diese Länder politische Reformen und eine
wirtschaftliche Umstrukturierung durchführen."
Dennoch ist Ward zufolge erkennbar, daß noch viele Probleme gelöst werden müssen - "von wirtschaftlicher
Unterentwicklung bis zu Feindseligkeiten zwischen benachbarten Volksgruppen." Er erklärte ferner, es habe
niemals eine vielversprechendere Zeit größerer Hoffnung gegeben als heute in Europa, "da der Traum, der 1975
die Schlußakte von Helsinki hervorgebracht hat, sich zu erfüllen scheint. Die Vereinigten Staaten leisten ihren
Beitrag, um eine integrierte, demokratisch orientierte, wirtschaftlich produktive und wohlhabende transatlantische Gemeinschaft zu schaffen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten im Wortlaut.

In wenigen Tagen wird Deutschland den ersten Jahrestag der Vereinigung feiern. Im Rückblick auf diese
historische Leistung vergißt man leicht, wie wenige
von uns erwartet hatten, daß dies so rasch und reibungslos erreicht werden konnte. Ich sage wenige,
weil unser ehemaliger Botschafter, Vernon Walters,
bereits bevor Tausende von Ostdeutschen die ungarische Grenze in die Freiheit überquerten, prognostizierte, daß Deutschland bald wieder ungeteilt sein
würde. Aufgrund des unerschütterlichen Vertrauens
der Vereinigten Staaten, daß die Vereinigung eines
Tages kommen würde und müßte, war Washington
jedenfalls mit einem Plan zur Unterstützung von Bundeskanzler Kohls Bestrebungen vorbereitet.
Wenn wir die verwirrende Abfolge von Ereignissen in
Osteuropa und natürlich insbesondere der Sowjetunion betrachten, hat sich die Lage heute nicht geändert.
Da sich die Völker Osteuropas unverzüglich für den
demokratischen Weg entschieden haben und die
Bestrebungen der Sowjetunion zur Reform von innen

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heraus durch den gescheiterten Staatsstreich beschleunigt wurden, könnte das Tempo der Ereignisse erneut
unsere Erwartungen überflügeln. Dank der unerschütterlichen Überzeugung der Vereinigten Staaten, daß
die internen Funktionsstörungen und Widersprüche
des sowjetischen Systems eines Tages sein Ende
bewirken würden, konnten wir jedoch rechtzeitig, hilfreich und angemessen auf die jüngsten Ereignisse
reagieren.
Der Trend hatte sich tatsächlich sehr viel früher abgezeichnet. Die dramatischen, tragischen Vorfälle im
Jahr 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei
und 1981 in Polen haben bewiesen, daß nur Gewalt
das sowjetische Imperium zusammenhalten konnte.
Anfang der achtziger Jahre wandten sich zahlreiche
Nationen in Afrika und Lateinamerika zugunsten von
Marktwirtschaften und politischen Reformen vom
"sozialistischen" Modell ab. Diese Tendenz hat das
Versagen der Systeme unterstrichen, an denen die
UdSSR festgehalten hatte.

Seite 1

�Lassen Sie uns Rückschau auf die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in
der jüngsten Vergangenheit halten. Als Präsident
Gorbatschow eindeutig erklärte, er sei an Reformen im
Inland und erweiterter Zusammenarbeit mit dem Westen
interessiert, ermöglichte er - wie Präsident Bush kürzlich bemerkte - "eine ganz neue Ära der Zusammenarbeit". Seit 1985 haben wir gehandelt - häufig zusammen mit Deutschland und anderen unserer engsten
Verbündeten - um die Früchte der neuen "Entspannung" in einer Weise zu ernten, die nicht nur Europa
sondern der ganzen Welt Stabilität und Frieden brachte.
Zu den bemerkenswerten Leistungen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen seit jener Zeit zählen:
Acht Gipfeltreffen und eine sehr viel größere
Zahl von Gesprächen auf Ministerebene, die
Fortschritte an vielen Fronten von Rüstungskontrolle über Menschenrechte bis zu regionaler Außenpolitik ermöglichten.
*

Die Unterzeichnung von vier wichtigen Rüstungskontrollabkommen - dem Abkommen über Mittelstreckenraketen (INF) von 1987, mit dem
eine gesamte Klasse von Raketen abgeschafft
wurde; der Vereinbarung von 1990 zur Reduzierung der Chemiewaffenbestände; einem weiteren Abkommen im Jahr 1990 über den Abbau der
konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE)
und des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) im Jahr 1991.

*

Über ein Dutzend Austausch-und Kooperationsvereinbarungen in den Bereichen darstellende Künste, Bildung, Forschung, Weltraum,
Fischereiwesen, Seenotrettung sowie Bekämpfung des Drogenhandels.

*

Femer wurden zwei vertrauensbildende Abkommen über militärische Aktivitäten unterzeichnet
- eines im Jahr 1987 über die Verringerung des
nuklearen Risikos und das andere über gefährliche militärische Aktivitäten im Jahr 1969.
In vielen Teilen der Welt hat die neue Kooperationsbereitschaft der Sowjetunion bei regionalen Themen beachtliche Fortschritte ermöglicht.
Die sowjetische Zusammenarbeit war beispielsweise für den Waffenstillstand in Angola unabdingbar. Die erfolgreiche internationale Koalition, die Saddam Husseins unrechtmäßige
Besetzung Kuwaits beendete, hing in hohem
Maße von der neuen sowjetischen Haltung ab.
Und das sowjetische Engagement für eine NahostFriedenskonferenz steigert unsere Hoffnungen
auf Fortschritte bei diesem schwelenden beunruhigenden Problem.

Seite 2

Der Staatsstreich vom 19. August und sein Scheitern
haben eindeutig veränderte Gegebenheiten geschaffen. Präsident Bushs frühzeitiger Ruf nach der Wiedereinsetzung Gorbatschows verdeutlicht zum einen
die Überzeugung, daß wir ein "Zurückdrehen" der
Fortschritte in der Sowjetunion nicht zulassen dürfen
und zum anderen das Vertrauen in eine erneute Vereinigung der Reformkräfte. Und genau das ist geschehen. Die endgültige Brüchigkeit des sowjetischen
Systems wurde durch den Widerstand des Volkes
wirksam demonstriert, das den Putsch vereitelte. Das
Tempo, mit dem die Demokratie Wurzeln in einem Volk
schlug, das sie bisher kaum in der Praxis erlebt hatte,
war eine wunderbare Illustration der Macht des demokratischen Ideals.
Unter den bedeutenden Auswirkungen war die Beschleunigung des Bruchs mit dem alten System. Der
Staatsstreich war der Todesstoß und hat die Kommunistische Partei, die alte Garde des Militärs, den KGB
und andere der letzten Spuren von Legitimität beraubt,
die Reformen unterdrückt oder zu verzögern versucht
hatten. Dennoch ließ er Präsident Gorbatschow nicht
genügend freie Hand, um seine Vision der Reformen
fortzusetzen. Statt dessen erweiterte der Staatsstreich die Rolle der einzelnen Republiken und ihrer
demokratisch gewählten Regierungen bei der Bestimmung des zukünftigen Kurses, den sie und ihr Volk
einschlagen werden.
Gleichzeitig hat die neue unstrukturierte und sich rasch
verändernde Situation in der Sowjetunion herkömmliche Verantwortungsbereiche verwischt, wenn nicht
sogar vollständig aufgehoben. In der Sowjetunion ist
es heute schwierig, jemanden zu finden, der bereit und
in der Lage ist, die Verantwortung für eine außenpolitische Entscheidung zu übernehmen und zuversichtlich über die Zukunft zu sprechen. Die Verwirrung wirft
zwangsläufig einige Fragen auf. Wie können wir
sicherstellen, daß die Errungenschaften der vergangenen sechs Jahre - die bereits aufgezählten für den
Frieden in der atlantischen Gemeinschaft entscheidenden Abkommen und das Zwei-plus-Vier-Abkommen, das die deutsche Einheit festschrieb - dauerhaft
sind und von der Zentralregierung respektiert werden,
was für eine Form sie auch annimmt? Wie rasch
werden die sowjetischen Versprechen, Militärhilfe an
die Regierung von Afghanistan einzustellen und sowjetische Truppen aus Kuba abzuziehen, eingelöst?
Mit wem müssen wir verhandeln, wenn wir Themen
wie Handel und Investitionen erörtern? Wie wirkt sich
die Lage auf unsere Sicherheit aus? Und vor allem wer ist verantwortlich, und bei wem liegt die Autorität?
Alle westlichen Länder sind jetzt mit diesen Fragen der
Beziehungen zwischen der Zentralregierung und den
Republiken befaßt. Zweifelsohne hängt viel von den
Antworten ab. Wir in den Vereinigten Staaten erachten
es als unabdingbar, daß eine zentrale Struktur aufrechterhalten wird, um die sicherheitspolitischen und

AMERIKA DIENST 39

�wirtschaftlichen Beziehungen mit der übrigen Welt zu
koordinieren. Gleichzeitig können wir nicht umhin, mit
dem legitimen Streben der Völker in der Sowjetunion
nach Selbstbestimmung zu sympathisieren.
In der Tat scheint der Staatsstreich zu einer Situation
geführt zu haben, in der Veränderungen nicht länger
von oben nach unten aufgezwungen werden, sondern
sich vielmehr von den Interessen der Regionen und
Republiken nach oben entwickeln. Wie Au ßenminister
Baker vor zwei Monaten in Berlin bemerkte, sind
Evolution und Devolution keine Alternativen sondern
ergänzen sich und sind interdependent. Die neue
Situation erhöht tatsächlich die Chancen für die stabile
Entwicklung demokratischer Strukturen und Wirtschaftsreformen, weil bei dem Prozeß viele Stimmen hörbar
werden und sich bemerkbar machen. Amerikaner und
Deutsche mit ihren leicht unterschiedlichen föderativen Strukturen fühlen sich mit diesem Arrangement
wohl und sollten dadurch ermutigt werden. Selbst in
Europa insgesamt hat sich der Trend zur Entscheidungsfindung auf untere Ebenen verlagert, oder es gilt
- wie es in Brüssel heißt - das Prinzip der Subsidiarität.
Meines Erachtens haben wir in den Vereinigten Staaten das "Menetekel an der Wand" gesehen und sind
auf diese Situation relativ gut vorbreitet. Seit einiger
Zeit hat sich die amerikanische Politik auf die Fortsetzung unserer Unterstützung von Präsident Gorbatschows Reformbemühungen konzentriert, und gleichzeitig haben wir Kontakte zu den neuen Politikern in
den Regionen und Republiken aufgenommen, die
wiederum aufgrund dieser Reformen im Amt sind.
Erneut gleichzeitig Evolution und Devolution. Unser
Ansatz ist nach dem Staatsstreich ebenso gültig wie
davor.
Präsident Bush hat erkannt, daß die Wahl zwischen
Unterstützung für Gorbatschow und Unterstützung der
Politiker in den Republiken eine falsche Wahl ist. Statt
dessen haben die Vereinigten Staaten versucht, Politiker zu unterstützen, die Demokratie, Freiheit und ein
freies Wirtschaftssystem anstreben, wo immer sie in
der Sowjetunion auch sein mögen. Wir unterstützen
nach wie vor die Regierung Präsident Gorbatschows,
der schließlich sehr viel erreicht hat. Wir haben jedoch
auch unseren Wunsch zum Ausdruck gebracht, gute
Beziehungen zu den Republiken zu unterhalten.
Bezeichnend für diesen Ansatz sind der Besuch von
Präsident Jelzin in den Vereinigten Staaten, Präsident
Bushs Besuch in der Ukraine Anfang August und
Außenminister Bakers kurzer Aufenthalt in Alma Ata
sowie eine große Bandbreite von Kontakten in Moskau, Leningrad und den baltischen Republiken.
Die Vereinigten Staaten haben auf die dramatischen
Veränderungen in der Sowjetunion mit Programmen
reagiert, die darauf abzielen, sowohl die unmittelbaren
als auch die langfristigen Herausforderungen anzusprechen, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Im Bereich der Nahrungsmittelbeschaffung und -VerAMERIKA DIENST 39

teilung wurden beispielsweise Kreditbürgschaften in
Höhe von 2,5 Milliarden Dollar für den Kauf von amerikanischen Agrarprodukten zur Verfügung gestellt.
Ein gemeinsamer amerikanisch-sowjetischer Vorschlag
zur Verbesserung der Nahrungsmittel verteilung wurde
unterbreitet. Diese Bestrebungen konzentrieren sich
auf die Einführung von Marktanreizen, um die Produktion anzukurbeln und die Verteilungssysteme zu verbessern. Zwei hochrangige amerikanische Delegationen werden in diesem Monat in die Sowjetunion
reisen, um den Nahrungsmittelimportbedarf der Sowjetunion für den bevorstehenden Winter zu ermitteln.
Ein medizinisches Hilfsprogramm für die Sowjetunion
wurde ins Leben gerufen. Bei dem Programm handelt
es sich um ein von öffentlichen Stellen und privaten
Trägern in die Wege geleitetes Projekt von einjähriger
Dauer, mit dem der Sowjetunion geholfen werden soll,
akute, unmittelbare Engpässe bei Arzneimitteln und
grundlegender medizinischer Versorgung zu bewältigen. Seit Februar haben die Vereinigten Staaten über
8 Millionen Dollar an medizinischen Hilfsgütern in die
Ukraine, das Gebiet des Aralsees bei Kasachstan und
Usbekistan sowie die unabhängigen Baltenrepubliken
transportiert. Wir haben Finanzhilfe in Höhe von 5
Millionen Dollar zur Deckung der Verwaltungskosten
dieses Programms bereitgestellt.
Präsident Bush hat die Bedeutung eines Handelsabkommens mit der Sowjetunion immer wieder unterstrichen. Seine Verabschiedung wird den Meistbegünstigungsstatus für die Sowjetunion zur Folge haben.
Dank dieser Klausel werden sowjetische Waren mit
den niedrigsten amerikanischen Zollsätzen belegt was einen entscheidenden Schritt zur Schaffung eines
amerikanischen Markts für sowjetische Waren bedeutet.
Im Juli wurde ein Protokoll über technische wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion vereinbart. Das Protokoll
betont marktwirtschaftliche Konzepte und die Entwicklung gemeinsamer Projekte mit reformorientierten
Institutionen der Zentralregierung, Republiken und
Kommunen einschließlich des aufstrebenden Privatsektors und nichtstaatlicher Organisationen. Vorbehaltlich der Zustimmung durch den Kongreß werden
der Sowjetunion im am 30. September 1992 endenden
Haushaltsjahr 15 - 20 Millionen Dollar an technischer
Hilfe gewährt.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Sowjetunion
bei der Reform ihres Energiesektors und der Aufstokkung ihrer Öl- und Erdgasproduktion behilflich zu sein.
Im Juli fand in Moskau eine Konferenz statt, die sich
auf die Haupthindernisse für Investitionen im sowjetischen Öl- und Erdgassektor konzentrierte. Die Vereinigten Staaten waren mit über 20 Führungskräften aus
ölfirmen und Erdgasuntemehmen mit Einblick in die
sowjetische Produktion vertreten.

Seite 3

�Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, sachkundige Regierungsvertreter und Experten aus der
Privatwirtschaft in die Sowjetunion zu entsenden, um
bei der Umleitung von Ressourcen aus der Rüstungsindustrie für zivile Zwecke behilflich zu sein sowie
Hilfsmaßnahmen für durch die Kürzung der Verteidigungsausgaben betroffene Gemeinden zu erarbeiten.
Darüber hinaus werden sowjetische Vertreter der
Rüstungsindustrie von staatlichen und privaten Institutionen in die Vereinigten Staaten eingeladen. Zwei
solcher Gruppen waren bereits im Juli in den Vereinigten Staaten.
Beim Treffen der G-7 in London haben wir eine besondere Assoziierung der Sowjetunion mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank unterstützt.
Der Präsident fördert darüber hinaus die mögliche
Vollmitgliedschaft im IWF, womit Beschränkungen auf
staatliche Kredite und Kreditbürgschaften für US-Exporte
in die UdSSR aufgehoben und Bestrebungen beschleunigt würden, zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion Verträge über Investitionen und
Steuern sowie die Vollmitgliedschaft im GATT auszuhandeln, sobald die Sowjetunion erforderliche Reformen durchgeführt hat.
Die Notwendigkeit für Hilfe an die Sowjetunion wird
vielfach diskutiert. Wir bezweifeln nicht den ungeheuren Bedarf - er ist überall offenkundig. Dennoch
vertreten wir die Ansicht, daß die Sowjets der Obrigkeit
klare Linien ziehen und deutliches Engagement für
einen spezifischen Wirtschaftsplan bekunden müssen. Ohne diese Basis wird es nahezu unmöglich sein,
irgendeine Form von Finanzhilfe effektiv zu gewähren.
Andernorts gewonnene Erfahrungen haben gelehrt,
daß Hilfe, die ohne klar definierte Zielsetzungen und
innenpolitischen Konsens der Empfänger über die
Prioritäten gewährt wird, wahrscheinlich verschwendet ist, oder - noch schlimmer - die Probleme und
Ungleichgewichte in der Wirtschaft verschärft.
Bei seinen jüngsten Gesprächen in der Sowjetunion
hat Außenminister Baker den Politikern dort fünf Prinzipien dargelegt, die unser Konzept für die politischen
Veränderungen in der Sowjetunion leiten werden. Als
Ansatzpunkt für meine Ausführungen zur amerikanischen Politik verdienen sie es meiner Meinung nach,
hier wiederholt zu werden. Sie lauten:
Erstens müssen die Völker der Sowjetunion die Zukunft ihres Landes selbst bestimmen, und zwar friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und
Verfahrensweisen sowie den Grundsätzen der Schlußakte von Helsinki.
Zweitens sind bestehende innere und äußere Grenzen
zu achten, wobei Veränderungen nur mit friedlichen,
durch Konsens erzielten Mitteln im Einklang mit den
KSZE-Prinzipien erfolgen dürfen.

Seite 4

Drittens müssen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
unterstützt werden, und Veränderungen dürfen nur
durch ordnungsgemäße, demokratische Verfahren,
insbesondere Wahlen, bewirkt werden.
Viertens wird die Achtung der Menschenrechte gefordert, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten.
Fünftens sind das Völkerrecht und internationale Verpflichtungen zu wahren, insbesondere die Einhaltung
von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und
der Pariser Charta.
Dies scheint der geeignete Augenblick, um sich Mittelund Osteuropa zuzuwenden, weil die starke Betonung dieser fünf Punkte durch den Außenminister bei
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa die Verbindung zwischen unseren Ansätzen
gegenüber der Sowjetunion und den Demokratien
Mittel- und Osteuropas herstellt, die sich in anderer
Hinsicht oftmals unterscheiden. In beiden Fällen ist
das übergreifende Konzept die Integration dieser Länder
in die transatlantische Staatengemeinschaft. Diese
Werte werden überzeugend in den Schlüsseldokumenten der KSZE dargelegt, zuletzt in der Pariser
Charta. Welches bessere Forum gäbe es also für
diesen Prozeß als die KSZE, die seit ihrer Gründung
auf dem Konzept der Allgemeingültigkeit basiert?
Der gemeinsam am 10. September in Moskau unternommene Schritt - die Begrüßung der baltischen Staaten in der KSZE - verkörpert dieses Konzept der
Allgemeingültigkeit in konkreter Form, indem es die
neuesten osteuropäischen Länder in das Forum einführt.
Estland, Lettland und Litauen werden in der ganzen
Welt als Sonderfälle anerkannt. Die Vereinigten Staaten haben ebenso wie Deutschland niemals die gewaltsame Eingliederung dieser Länder in die Sowjetunion gebilligt. Jedes dieser Länder war in den letzten
fünfzig Jahren in Washington vertreten, und ihre Fahnen standen all die Jahre neben denen der anderen
unabhängigen Länder der Welt in der Eingangshalle
unseres Außenministeriums.
Wir haben uns gefreut, am 2. September die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen bekanntgeben zu können, auf der Grundlage von Präsident
Gorbatschows Erklärung, mit der er das Recht der
Baltenstaaten auf Freiheit anerkannt hat. Ich möchte
hinzufügen, Gorbatschow wußte unserer Meinung nach
zu schätzen, daß wir bis zu diesem Schritt - der von uns
ermutigt wurde - gewartet haben. Ich kann Ihnen
versichern, daß die Regierungschefs des Baltikums
unsere Zurückhaltung in dieser Hinsicht voll und ganz
verstehen. Wie ich ausgeführt habe, sind diese drei
Länder bereits Nutznießer einiger Hilfsprogramme,

AMERIKA DIENST 39

�etwa von Arzneimittellieferungen und medizinischen
Versorgungsgütern. Wir haben aus unserem Haushalt
1991 Hilfe in Höhe von 14 Millionen Dollar für Estland,
Lettland und Litauen zur Verfügung gestellt. Darüber
hinaus haben wir eine vom Unterabteilungsleiter im
Außenministerium, Curtis Kamman, geführte Delegation entsandt, um den künftigen Bedarf an Hilfe zu
ermitteln und Pläne für die Eröffnung diplomatischer
Vertretungen dort zu erarbeiten.
Bei unserer Haltung gegenüber den baltischen Staaten werden wir natürlich auf dem Rahmen aufbauen,
den wir bereits für andere neue Demokratien Mittelund Osteuropas abgesteckt haben. Obwohl unsere
Politik und unsere Ziele für Mittel- und Osteuropa den
von uns für die Sowjetunion postulierten ähneln, unterscheidet sich die Situation in der Region qualitativ.
Erstens haben diese Länder viel eher als die Sowjets
den Reformkurs eingeschlagen. Zweitens verfügen
sie über eine Tradition demokratischer Regierungen
und Unabhängigkeit, auf der sie aufbauen können.
Drittens erfolgte ihr Engagement für demokratische
Regierungen, Menschenrechte und Marktwirtschaft in
den meisten Fällen entschieden und schnell (obwohl
es offensichtlich Ausnahmen wie in Rumänien gibt, wo
uns die Menschenrechte immer noch Sorge bereiten).
Viertens haben die Vereinigten Staaten seit der Zeit
vor 1948 traditionell gute Beziehungen mit vielen dieser Länder gepflegt. Infolgedessen haben sich unsere
Bande mit ihnen viel rascher entwickelt.
Unser Ansatz konzentriert sich auf drei Hauptziele.
Wir wollen die Entwicklung demokratischer, pluralistischer Institutionen und Verfahren fördern, die auf
Menschenrechten und der Freiheit des einzelnen
basieren. Wir wollen bei der Umgestaltung in Marktwirtschaften helfen, die einen starken Privatsektor
haben und in die Weltwirtschaft integriert sind. Darüber hinaus wollen wir die Lebensqualität in Mittel- und
Osteuropa verbessern, während diese Länder politische Reformen und eine wirtschaftliche Umstrukturierung durchführen. Bei der Entwicklung von Programmen zur Erlangung dieser Ziele streben wir danach,
Flexibilität zu bewahren, um auf besondere Bedürfnisse und Entwicklungen in jedem Land einzugehen.
Ein weiterer Beweis für die Langfristigkeit unserer
Planung sind die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, den neuen Ländern Osteuropas zu helfen. 1989
hat Präsident Bush die Einführung derG-24 gefordert,
und wir waren die ersten, die die Finanzierung eines
polnischen Stabilisierungsfonds unterstützt haben. Die
amerikanische Hilfe wird fast ausschließlich in Form
von Zuschüssen gewährt, so daß die Regierungen
Mittel- und Osteuropas den größten Teil nicht zurückzahlen müssen. Trotz ihrer angespannten Haushaltslage haben die Vereinigten Staaten erhebliche Beiträge für die wirtschaftliche Umgestaltung der Region
geleistet und darüber hinaus eine Vielzahl von bildungspolitischen Programmen eingeführt.

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Unsere Unterstützung für Demokratie und Pluralismus
zeigt sich in vielfältiger Weise. Wir haben die Wahlen
in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien beobachtet.
Die Vereinigten Staaten passen eine große Bandbreite
von Programmen den Bedürfnissen einzelner Länder
an, um Know-how oder Unterstützung für die Entwicklung freier Gewerkschaften und Reformen in der
Regierung zu bieten, ferner für den Entwurf von Verfassungen und Gesetzen, die Einführung einer unabhängigen Gerichtsbarkeit, freier Medien sowie der
Reform des Bildungswesens. Wir haben mit Hilfe des
Peace Corps Polen, Ungarn, der CSFR und Bulgarien
Schulbücher geliefert und Englischunterricht eingeführt.
Zur Förderung von Wirtschaftsreformen haben wir 200
Millionen Dollar für die Gründung eines Stabilisierungsfonds für Polen und fast 20 Prozent der Mittel für
IWF- und Weltbankprogramme in der Region bereitgestellt. Wir waren Gründungsmitglied der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, mit
einem Beitrag von 70 Millionen Dollar im ersten Jahr.
Im Privatsektor führen wir in Polen, Ungarn, der CSFR
und Bulgarien bilaterale Unternehmensfonds ein. In
der gesamten Region bieten wir Programme zur Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums
an, femer technische Hilfe zur Privatisierung von Staatsunternehmen und zum Aufbau mittelständischer Betriebe. Wir arbeiten an der Ausbildung von Führungskräften und anderen Bildungsprogrammen.
Bei Handel und Investitionen waren wir um die Normalisierung der Beziehungen zu Osteuropa bestrebt. Wir
haben mit Polen, der CSFR, Ungarn und Bulgarien
Handels- und Wirtschaftsabkommen geschlossen. Vor
den gegenwärtigen Unruhen wurde mit Jugoslawien in
dieser Hinsicht verhandelt. Wir haben Polen, Ungarn,
Jugoslawien und der CSFR den Meistbegünstigungsstatus gewährt und hoffen, daß Bulgarien bald die
rechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllt. Die USEximbank und die Entwicklungsgesellschaft OPIC sind
in der Region aktiv. Schließlich verfolgen wir eine
Reihe wichtiger Programme im Bereich der Umwelt.
Humanitäre Hilfe ist die Hauptkomponente der kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität. Dazu zählen medizinische Hilfsgüter, Grippeimpfungen, spezielle Hilfe für rumänische Kinder und
umfangreiche Nahrungsmittelhilfe für bestimmte Länder.
Die Hilfe der Vereinigten Staaten für Albanien - ein
Land, zu dem wir erst kürzlich Beziehungen aufgenommen haben - konzentriert sich auf Nahrungsmittelhilfe und Entwicklung der Landwirtschaft, Einführung
einer Marktwirtschaft und den Aufbau demokratischer
Institutionen. Anderen wichtigen Bereichen wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Arbeit und Umwelt
gilt ebenfalls unsere Aufmerksamkeit. Die Termine für
unsere Hilfe werden sich ergeben, wenn die Bedürfnisse Albaniens klarer werden, die albanische Regierung

Seite 5

�ihre Bereitschaft bekundet und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt. Um nur einige Zahlen zu nennen:
Seit 1989 beläuft sich die US-Hilfe an Mittel-und
Osteuropa auf 2,1 Milliarden Dollar (einschließlich
etwa 600 Millionen Dollar Schuldenerlaß).
Jugoslawien ist ein weiterer Sonderfall und ähnelt eher
der Sowjetunion, da das Land seinen Kurs für die
Zukunft noch nicht festgelegt hat. Ebenso wie in der
Sowjetunion warten wir ab, wie sich die Situation
entwickelt, bevor wir etwas unternehmen. In Jugoslawien beobachten wir jedoch einen Kreislauf von Gewalt
und Blutvergießen.
Zur Lösung politischer Differenzen oder Veränderungen der Grenzen ist Gewalt im Europa von heute nicht
akzeptabel. Wir haben alle Konfliktparteien aufgefordert, den Einsatz von Gewalt aufzugeben und die
KSZE-Prinzipien als Basis zur Gestaltung neuer politischer Beziehungen zu akzeptieren. Darüber hinaus
unterstützen die Vereinigten Staaten kontinuierliche
europäische Bestrebungen, eine friedliche Lösung
herbeizuführen, die das Land vor einem andauernden
Bürgerkrieg retten kann.
Leider spiegelt der enttäuschende Fall Jugoslawien
die Gefahren wieder, die in vielen Teilen Osteuropas
und der Sowjetunion lauern, weil traditionelle Feindschaften zwischen Volksgruppen in vielen Teilen des
Landes, von Nagorny-Karabach bis zum Kosovo,
aufflackern könnten. Der Schutz der Rechte nationaler Minderheiten ist eines der wichtigsten Probleme,

die wir im Umgang mit jedem Land in dieser Region
und auch bei den Unabhängigkeits- oder Autonomiebestrebungen der Sowjetrepubliken oder ihrer Teile
beachten müssen.
Glücklicherweise bietet die KSZE einen geeigneten
Rahmen für die friedliche Beilegung solcher Konflikte.
Trotz bestehender Spannungen konnte Gewalt zwischen Volksgruppen bisher, außer in Jugoslawien,
vermieden werden.
Wenn wir von Bonn aus den Blick ostwärts nach
Wladiwostok richten, erkennen wir, daß noch viele
Probleme gelöst werden müssen - von wirtschaftlicher
Unterentwicklung bis zu Feindseligkeiten zwischen
benachbarten Volksgruppen. Dennoch gab es niemals eine vielversprechendere Zeit größerer Hoffnung
als heute in Europa, da der Traum, der 1975 die
Schlußakte von Helsinki hervorgebracht hat, sich zu
erfüllen scheint. Die Vereinigten Staaten leisten ihren
Beitrag, um eine integrierte, demokratisch orientierte,
wirtschaftlich produktive und wohlhabende transatlantische Gemeinschaft zu schaffen. Wenn ich mir den
amerikanischen Ansatz zu Osteuropa und der Sowjetunion im einzelnen vor Augen führe, staune ich ebenso wie Sie wahrscheinlich - über die starken
Parallelen zwischen unserem Ansatz und dem Ansatz
Deutschlands. Der Erfolg bei der Verwirklichung unserer
gemeinsamen Ziele in Mittel- und Osteuropa sowie der
Sowjetunion wird eine entscheidende Probe für unsere
Partnerschaft in der Führung sein. Ich bin zuversichtlich, daß wir Erfolg haben werden.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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AMERIKA DIENST 39

�DROGEN
2. Oktober 1991

FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENABHÄNGIGEN IN DEN USA
Erfolge in den Therapiezentren

MONTREAL - (AD) - Vertreter der US-Regierung berichten von großen Fortschritten bei der Behandlung
von Drogenabhängigen durch Therapieprogramme auf
der Grundlage strenger Regeln, persönlicher Opfer
und Sanktionen für Fehlverhalten.
Der Leiter des Büros des Präsidenten für nationale
Drogenpolitik, Robert Martinez, erklärte bei einer vom
23. bis 27. September 1991 in Montreal stattfindenden
internationalen Konferenz von Drogenexperten, die
Behandlung von Drogenabhängigen funktioniere am
besten im Verbund mit Strafmaßnahmen, nicht unabhängig davon.
"Wir dürfen der Öffentlichkeit nicht den Eindruck vermitteln, Suchttherapie sei mit Straf maßnahmen nicht
in Einklang zu bringen und die Behandlung sei irgendwie 'mitfühlend', während Strafen 'hart' seien. In
Wirklichkeit ist eine erfolgreiche Suchtbehandlung
anspruchsvoll, schwierig sowie physisch und emotional aufreibend", erklärte er.
Bei der 14. Weltkonferenz von Therapiezentren erläuterte Martinez, in den Vereinigten Staaten sei es zum
größten Teil einer Kette von Therapiezentren zu verdanken, daß die Zahl der Alkohol- und Drogenabhängigen drastisch gesunken sei - von 23 Millionen im Jahr
1985 auf unter 13 Millionen im Jahr 1990.
"Ich bin von der Art und Weise beeindruckt, in der diese
Therapieform strenge Werte lehrt, wie sie für eine
Heilung von der Drogensucht von entscheidender
Bedeutung sind," erklärte Martinez.
In einem - oftmals öffentlich und privat finanzierten Therapieprogramm sind Drogenabhängige zeitweise
in Familien, nicht als Patienten in einer Institution

AMERIKA DIENST 39

untergebracht. Die Teilnehmer leben in einer fürsorglichen, aberfordernden Familiensituation, in der es vor
allem darum geht, Verantwortung für sein eigenes
Leben zu tragen und es zu verbessern. Die Behandlung kann je nach Programm zwischen sechs Monaten
und zwei Jahren dauern.
Martinez verwies insbesondere auf ein - von einem
Verwaltungsbezirk des Staats Arizona finanziertes Therapieprogramm in Phoenix, bei dem nicht vorbestrafte Drogenabhängige die Möglichkeit erhalten, statt
einer Strafverfolgung an dem Programm teilzunehmen. Das Program basiert auf einem sehr strengen
Gesetz des Bundesstaats, das bereits den Besitz sehr
kleiner Mengen von Drogen zum Straftatbestand erklärt. Die Teilnehmer müssen für ihre Behandlung mit
einem bestimmten Anteil ihres Einkommens aufkommen.
Der Direktor des National Institute on Drug Abuse
(NIDA), Charles Schuster, gab am 24. September
1991 die Vergabe von Fördermitteln für die Dauer von
5 Jahren zur Gründung des ersten Forschungszentrums für Behandlungserfolge bei den Programmen
der Therapiezentren in den Vereinigten Staaten bekannt.
Der Schwerpunkt des Zentrums, das seinen Sitz in
New York haben wird, liegt bei der Ausbildung von
Forschern und Ärzten sowie dem Aufbau einer Datenbank für die Forschung der Therapiezentren. Zunächst wird das Zentrum die Behandlungsverfahren
und -erfolge bei Erwachsenen, Häftlingen und psychisch kranken Medikamentenabhängigen erforschen.
Die Finanzierung des Zentrums beläuft sich im ersten
Jahr auf 1 Million Dollar.

Seite 1

�Schuster zufolge soll das Zentrum, das er als wichtige
Errungenschaft für NIDA und die therapeutischen
Bestrebungen auf Gemeindeebene bezeichnet, als
nationale und internationale Anlaufstelle für laufende
Forschungsvorhaben dienen.
Jüngste Studien belegen, so Schuster, daß über 90
Prozent derjenigen, die sich einer Behandlung in einem Therapiezentrum unterzogen haben, nach der
Behandlung drogenfrei blieben.
Obwohl beachtliche Anstrengungen gegen gelegentlichen Drogenmißbrauch unternommen wurden, erklärt
Martinez, gibt es immer noch einen hohen Prozentsatz
von Abhängigen oder Konsumenten harten Drogen.
Seinen Schätzungen zufolge sind in den Vereinigten
Staaten über 5,7 Millionen Menschen von einer illegalen Droge abhängig.

Bush zufolge wurde auch die Finanzierung zweier
probeweiser Entziehungskurkliniken vorgeschlagen.
Das bedeutet, daß bis zu acht unterschiedliche Leistungsträger an einem Ort nahezu 10.000 Patienten
betreuen können. Diese Einrichtungen konzentrieren
sich auf die Bereiche der Bevölkerung mit dem höchsten Risiko, vor allem Erwachsene, Minderheiten,
Schwangere sowie weibliche Abhängige und deren
Kinder.
Schuster berichtet, daß die Forscher zwischen 1985
und 1990 einen drastischen Rückgang von 44 Prozent
bei Amerikanern im Alter von 12 Jahren und darüber
beobachteten, die illegale Drogen einnahmen.

"Dies berechtigt zu Hoffnungen, daß unsere Bestrebungen, über Drogenkonsum zu informieren, ihm den
Reiz zu nehmen und vom Gebrauch abzuschrecken,
Auswirkungen auf die öffentliche Meinung haben",
Zur Bewältigung des Problems der Konsumenten harter erklärt Schuster. "Unsere spezifische Forschung zu
Drogen hat Präsident Bush vom Kongre ß für das am 1. Vorsorge- und Behandlungsstrategien beginnt wirkOktober beginnende Haushaltsjahr 1992 1,7 Milliar- lich effektive Modelle hervorzubringen, auf die Kampaden Dollar zur Behandlung von Drogenabhängigen gnen gegründet werden können", fügte er hinzu.
gefordert, einschließlich 100 Millionen zur Aufstokkung der Behandlungsprogramme in Gebieten mit
dem größten Anteil von Drogenabhängigen.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 39

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                <text>&lt;strong&gt;1. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bushs Rüstungskontrollinitiative&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Serbien und Bundesarmee für Kampfhandlungen in Jugoslawien verantwortlich &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor dem UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Flüchtlinge&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA hoffen auf Repratiierung der Flüchtlinge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Ost-West-Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ost-West-Beziehungen in einer Zeit des Wandels - der amerikanische Blickwinkel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten George F. Ward&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei der Behandlung von Drogenabhängigen in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erfolge in den Therapiezentren&lt;/em&gt;</text>
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25. September 1991

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VEfl&amp;JTTE NATIONEN

BUSH: EINMALIGE CHANCE FÜR
WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede des Präsidenten bei der
UN-Generalversammlung

HISPANO-AMERIKA

BUSH: KUBANER WOLLEN IHR SCHICKSAL
SELBST IN DIE HAND NEHMEN
Rede vor Hispano-Amerikanern

AUSSENPOLITIK

EINE NEUE WELTORDNUNG DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS BÜNDNIS
Rede von Botschafter Kimmitt

AMERIKA HEUTE

EHRENAMTLICHE ARBEIT IN AMERIKA AUF
DEM VORMARSCH
Zentren mobilisieren die Gemeinden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�VEREINTE

NATIONEN
25. September 1991

BUSH: EINMALIGE CHANCE FÜR
WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede des Präsidenten bei der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) -Am 23. September 1991 erläuterte Präsident Bush die Herausforderungen, die
sich bei der Schaffung von Frieden im Zeitalter nach dem kalten Krieg stellen und erklärte, jetzt bestehe die
historisch einmalige Chance für internationale Zusammenarbeit.
In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen stellte Bush fest, zum ersten Mal gebe es
"eine reelle Chance", den Anspruch der UN-Charta zu erfüllen, "nachfolgende Generationen vor der Geißel des
Krieges zu bewahren" und "den Glauben an fundamentale Menschenrechte wiederherzustellen".
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede im Wortlaut.

Ich danke Ihnen, Herr Präsident. Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte, es ist mir eine Ehre, zur
Eröffnung der 46. Sitzung der Generalversammlung
hier zu sprechen.
Ich möchte zunächst dem ausscheidenden Präsidenten Guido de Marco aus Malta danken und unseren
neuen Präsidenten Samir Shihabi aus Saudi-Arabien
willkommen heißen. Ferner möchte ich insbesondere
Generalsekretär Javier Perez de Cuellar begrüßen,
dem noch etwa drei Monate in seinem Amt bleiben. Ich
dad wohl sagen, daß Generalsekretär Perez de Cuellar sein Amt in einer Zeit einmaliger Umwälzungen und
Unruhen hervorragend ausgefüllt hat. Seit über 10
Jahren hatte dieser Mann des Friedens die Führungsposition inne - ein Mann, den ich, wie vielen von Ihnen,
mit Stolz als meinen Freund bezeichne. Lassen Sie
uns heute also unserem Freund gratulieren und seine
außergewöhnlichen Verdienste für die Vereinten Nationen und die Menschen auf der ganzen Welt würdigen.
Darüber hinaus möchte ich die neuen Mitglieder in
diesem Plenum begrüßen: zwei Delegationen aus
Korea, insbesondere unsere demokratischen Freunde
aus der Republik Korea, die Republiken Estland, Lettland und Litauen sowie die neuen Vertreter von den
Marshall-Inseln und aus Mikronesien.
Vor zwanzig Jahren, als ich hier Ständiger Vertreter
der Vereinigten Staaten war, gab es 132 UN-Mitglieder. Vor nur einer Woche waren 159 Länder Mitglied

AMERIKA DIENST 38

der Vereinten Nationen. Heute sind es 166. Allein die
Anwesenheit dieser neuen Mitglieder bietet uns Grund
zum Feiern.
Meine heutige Rede ist anders als jede bisherige Rede
eines Präsidenten der Vereinigten Staaten. Ich möchte nicht das Thema der Konkurrenz von Supermächten
vertiefen, das die internationale Politik seit 50 Jahren
dominiert hat. Statt dessen möchte ich die Herausforderungen darlegen, die sich uns bei der Schaffung von
Frieden und Wohlstand in einer Welt stellen, die vom
Ende des kalten Kriegs und einem neuen Kapitel der
Geschichte positiv beeinflußt ist.
Der Kommunismus hat die Welt jahrelang gefangengehalten. Er hat alte Streitfälle verlängert und ethnische Rivalitäten, nationalistische Hoffnungen und alte
Vorurteile unterdrückt. Mit seiner Auflösung sind verschüttete Haßgefühle wiederaufgeflammt. Menschen,
denen jahrelang ihre Vergangenheit vorenthalten wurde,
suchen jetzt nach ihrer Identität, oftmals mit friedlichen
und konstruktiven Mitteln, manchmal mit Abspaltun
gen und Blutvergießen.
Diese Neubelebung der Geschichte mündet in ein
neues Zeitalter voller Chancen und Gefahren. Wir
wollen uns zunächst den Chancen zuwenden.
Erstens versetzt das neue Kapitel der Geschichte die
Menschen in die Lage, ihrem natürlichen unternehmerischen Instinkt zu folgen. Der Kommunismus hat
diesen Prozeß eingefroren bis selbst seine Verfechter

Seite 1

�die Schäden nicht mehr ertragen konnten. Jetzt setzen die Bürger auf der ganzen Welt Unternehmertum
vor Neid, persönliche Verantwortung über die Verlokkungen des Staates, Wohlstand vor die Armut der
Planwirtschaft.
Die UN-Charta fördert dieses Abenteuer durch ihr
Gelöbnis, "zur Förderung wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts aller Völker die internationale Maschinerie einzusetzen'. Ich kann mir keinen besseren Weg
zur Verwirklichung dieser Aufgabe vorstellen als den
freien Fluß von Waren und Ideen zu fördern.
Offen gesagt verbreiten sich Ideen und Waren auch
ohne unser Zutun auf der Welt. Die Revolution im
Informationswesen hat die Waffen der erzwungenen
Isolation und Ignoranz zerstört. In vielen Teilen der
Welt hat Technologie die Tyrannei besiegt und bewiesen, daß das Inforamtionszeitalter eine Zeit der Befreiung werden kann, wenn wir die Macht des Staates klug
einschränken und unsere Menschen befreien, damit
sie sich neue Ideen, Erfindungen und Erkenntnisse
zunutze machen können.
In gleicher Weise hat die Welt erfahren, daß freie
Märkte einen Grad an Wohlstand, Wachstum und
Glück schaffen, den Planwirtschaften niemals bieten
können. Auch die wohlwollendsten Schätzungen
kommen zu dem Ergebnis, daß die Volkswirtschaften
der freien Welt in den letzten Jahren doppelt so hohe
Zuwachsraten verzeichneten wie die frühere kommunistische Welt.
Wachstum füllt nicht nur Regale auf, sondern leistet
mehr - es billigt jedem Menschen Gewinn zu - nicht auf
Kosten sondern zum Vorteil anderer. Wohlstand ermutigt
die Menschen, als Nachbarn, nicht als Raubtiere zu
leben.
Wirtschaftswachstum kann auf gleiche Weise die internationalen Beziehungen fördern. Viele der hier
vertretenen Länder sind Mitglieder des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens. Die Uruguay-Runde die jüngsten Handelsgespräche nach dem Krieg lassen die Entwicklungsländer hoffen, von denen viele
gewaltsam geteilt sind - geteilt durch falsche Versprechungen des Totalitarismus.
Hier in diesem Plenum erfahren wir etwas über NordSüd-Probleme. Aber freier und offener Handel, einschlie ßlich des freien Zugangs zu Märkten und Kapital,
bieten den Entwicklungsländern Mittel zur Selbsthilfe
und wirtschaftlicher Würde.
Sollte die Uruguay-Runde scheitern, könnte eine neue
Welle des Protektionismus unsere Hoffnungen auf
eine bessere Zukunft zunichte machen. Die Geschichte lehrt nur allzu deutlich, daß Protektionismus Wohlstand in Ländern zerstören und ihre Beziehungen
vergiften kann. Deshalb fordere ich alle Mitglieder des
GATT auf, ihre Bestrebungen zu verdoppeln, um einen
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde zu geSeite 2

währleisten. Ich gelobe, daß die Vereinigten Staaten
ihren Teil dazu beitragen werden.
Ich kann dies nicht genug betonen: wirtschaftlicher
Fortschritt wird in der neuen Welt eine entscheidende
Rolle spielen. Er liefert den Boden, auf dem die
Demokratie am besten gedeiht.
Die Menschen überall streben eine Regierung des
Volkes und durch das Volk an. Und sie wollen ihre
unveräußerlichen Rechte auf Freiheit, Wohlstand und
Unverletzlichkeit ihrer Person genießen.
Herausforderungen an die Demokratie sind gescheitert. Letzten Monat erst wollten die Verschwörer in der
Sowjetunion die Kräfte der Freiheit und Reform zum
Entgleisen bringen, aber die Bürger der Sowjetunion
sind ihnen nicht gefolgt. Die meisten Länder dieses
Plenums standen zu den Reformkräften unter Führung
von Michail Gorbatschow und Boris Jelzin und waren
gegen die Anstifter des Staatsstreichs.
Die Herausforderung, die sich dem sowjetischen Volk
jetzt stellt - der Aufbau politischer Systeme auf der
Basis der Freiheit des einzelnen, Rechten von Minderheiten, Demokratie und freien Märkten - spiegelt die
Verantwortung jedes Landes für die Förderung friedlicher, demokratischer Reformen wider. Aber sie belegt
auch die außergewöhnliche Macht des demokratischen Ideals.
Ebenso wie die Demokratie blüht die Chance für einen
dritten historischen Durchbruch: internationale Kooperation. Vor einem Jahr hat die Sowjetunion gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern
ein winziges Land gegen Aggression verteidigt - und
sich Saddam Hussein widersetzt. Zum ersten Mal
wurde bei einer wichtigen Angelegenheit die Konkurrenz der Supermächte durch internationale Zusammenarbeit ersetzt.
In einer ihrer Sternstunden haben die Vereinten Nationen eine angemessene, prinzipientreue, freiwillige
und mutige Antwort auf Saddam Hussein gefunden.
Sie haben sich gegen einen Geächteten erhoben, der
in Kuwait eingefallen war, viele Länder der Region bedrohte und im Zeitalter nach dem kalten Krieg einen
bedrohlichen Präzedenzfall schaffen wollte.
Die Anstrengungen der Koalition hatten Vorbildcharakter für die Beilegung von Streitigkeiten insgesamt.
Die Mitglieder haben das Ziel gesteckt - die Befreiung
Kuwaits - und mutige, einheitliche Mittel zur Erlangung
dieses Ziels erarbeitet.
Jetzt haben wir zum ersten Mal eine reelle Chance,
den Anspruch der Vereinten Nationen zu erfüllen und
zusammenzuarbeiten, "um nachfolgende Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren, den
Glauben an fundamentale Menschenrechte wiederherzustellen, an die Würde und den Wert des Menschen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau in

AMERIKA DIENST 38

�großen und kleinen Ländern sowie soziale Fortschritte
und besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu
erlangen". Soweit die Worte der Charta.
Wir werden diese Ideale nicht neubeleben, wenn wir
die Herausforderung nicht erkennen, die sich mit diesem neuen Kapitel der Geschichte stellt.
In Europa und Asien sind erneut Nationalitätenkonflikte aufgeflackert, die Grenzen in Frage und das Gefüge
der internationalen Gesellschaft auf die Probe stellen.
Gleichzeitig verfestigen sich auf der ganzen Welt viele
traditionelle Konflikte. Selbst hier kann man Anzeichen dieser Tumulte beobachten. Die Vereinten Nationen haben in den letzten 36 Monaten mehr Friedensmissionen durchgeführt als in den ersten 43 Jahren
ihres Bestehens. Obwohl wir uns jetzt von der Furcht
eines nuklearen Holocausts einigermaßen befreit haben,
sollten uns diese kleineren, schwelenden Konflikte alle
beunruhigen.
Wir müssen uns dieser Herausforderung ehrlich stellen: erstens, indem wir die gegenwärtig stattfindende
friedliche Lösung von Streitigkeiten verfolgen und
zweitens - und vor allem - indem wir das Ausbrechen
anderer Dispute verhindern.
Niemand hier kann versprechen, daß die Grenzen von
heute allzeit so bestehen bleiben. Aber wir müssen die
friedliche, auf dem Verhandlungswege erzielte Beilegung von Grenzstreitigkeiten gewährleisten.
Darüber hinaus müssen wir die Sache der interntionalen Harmonie durch Lösung alter Fehden fördern. Wir
sollten das Gelöbnis der Charta ernst nehmen, "Toleranz zu praktizieren und als gute Nachbarn in Frieden
zu leben".
Die Resolution der UN-Generalversammlung 3379,
die sogenannte "Zionismus ist Rassismus"-Resolution, ist mit diesem Gelöbnis und den Grundprinzipien
der Vereinten Nationen nicht vereinbar. Ich fordere
deshalb, sie außer Kraft zu setzen.
Zionismus ist keine Politik sondern die Idee, die zur
Schaffung einer Heimat für das jüdische Volk und zum
Staat Israel geführt hat. Die Gleichsetzung von Zionismus mit der unverzeihlichen Sünde des Rassismus
heißt, die Geschichte zu verzerren und das schreckliche Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg und
tatsächlich in der ganzen Geschichte zu vergessen.
Die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus
bedeutet, Israel selbst zu negieren - ein geachtetes
Mitglied der Vereinten Nationen.
Diese Organisation kann nicht den Anspruch erheben,
Frieden zu wollen und gleichzeitig Israel das Existenzrecht absprechen. Durch die bedingungslose Außerkraftsetzung dieser Resolution werden die Vereinten
Nationen ihre Glaubwürdigkeit verbessern und der
Sache des Friedens dienen.

AMERIKA DIENST 38

Bei unserer Arbeit an den Herausforderungen, die sich
durch das neue Kapitel der Geschichte stellen, müssen wir auch die unveräußerlichen in der Charta veränderten Menschenrechte verteidigen.
Die Regierung hat versagt, wenn ihre Bürger ihre
Meinung nicht frei äu ßern, nicht frei politische Parteien
gründen und ohne Zwang Regierungen wählen, ihre
Religion nicht frei ausüben, ihre Familien nicht in
Frieden gründen können, wenn sie für ihre Arbeit
keinen gerechten Lohn bekommen, kein erfülltes Leben
führen und am Ende ihre Lebens nicht mit Stolz auf ihre
Leistungen und die Fortschritte ihrer Gesellscahft
zurückblicken können.
Politiker, die über Demokratie und Freiheit reden, aber
keine bieten, werden letztlich den Stachel der öffentlichen Mißbilligung und die Macht des Wunsches der
Menschen auf ein Leben in Freiheit zu spüren bekommen.
Manche Länder verweigern ihren Bürgern immer noch

ihre Grundrechte. Zuviele Stimmen rufen noch nach
Freiheit. Zum Beispiel werden die Menschen in Kuba
von einem Diktator unterdrückt, der nichts verstanden
hat, der eine einsame Festung in einer sonst demokratischen Region bildet, einem Mann, der sich nicht einer
Welt angepaßt hat, in der für totalitäre Tyrannei kein
Platz ist. Andernorts ignorieren Despoten die Tatsache, daß der Rest der Welt in ein neues Zeitalter der
Freiheit eingetreten ist.
Das neue Kapitel der Geschichte erlegt uns auch die
Verpflichtung auf, neuen und alten Bedrohungen
gegenüber wachsam zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen zur Kontrolle der Verbreitung von Kernwaffen ausweiten. Wir müssen daran arbeiten, die
Ausbreitung chemischer und biologischer Waffen und
ihrer Trägersysteme zu verhindern.
Aus diesem Grund habe ich meine Rüstunskontrollinitiative für den Nahen Osten vorgeschlagen, einen
umfassenden Ansatz, um die Ansammlung von Waffen in diesem Teil der Welt, der am meisten zu Gewalt
neigt, aufzuhalten und wenn möglich zu beseitigen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß Eigeninteresse
einzelne Länder in unterschiedliche Richtungen zerren
wird und vermeintliche Interessenkonflikte manchmal
in Gewalt ausarten werden.
Wir können nie konkret vorhersagen, wo der nächste
Konflikt entstehen wird. Und wir können keinen ewigen
Frieden versprechen - nicht solange Demagogen nach
Hoffnung dürstenden Menschen falsche Versprechungen machen oder Terroristen unsere Bürger als Schachfiguren benutzen und Drogenhändler unsere Menschen zerstören. Infolgedessen müssen wir uns zusammenschließen und Angriffe auf die grundlegende
menschliche Würde abwehren.

Seite 3

�Es ist nicht länger akzeptabel, die Schultern zu zucken
und zu erklären, der Terrorist in einem Land sei der
Freiheitskämpter für ein anderes Land. Wir müssen
das Gesetz über die rohe und feige Praxis der Geiselnohme stellen.
In einer von Veränderungen gekennzeichneten Welt
müssen wir in unseren Grundsätzen so unerschütterlich sein wie in unserer Reaktion flexibel auf sich
wandelnde internationale Bedingungen. Dies gilt heute
insbesondere im Hinblick auf den Irak. Sechs Monate
nach der Verabschiedung der Resolutionen 687 und
008 des UN-Sicherheitsrats baut Saddam Hussein
sein Arsenal an Massenvernichtungswaffen weiterauf
und unterwirft das irakische Volk brutaler Unterdrükkung.
Saddam Husseins Mißachtung der UN-Resolutionen
wurde zuerst bereits im August 1990 demonstriert und
dauert bis zum heutigen Zeitpunkt an. Seine Regierung weigert sich, bedingungslose Hubschrauberinspektionen zu gestatten, und zur Zeit verhindert sie,
daß die UN-Inspektoren inspizierte Anlagen mit Dokumenten über das irakische Nuklearwaffenprogramm
verlassen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten müssen wir die
UN-Sanktionen solange aufrechterhalten wie Saddam
an der Macht bleibt. Das heißt auch, wir dürfen
keinerlei Kompromisse eingehen, wenn der Irak all
seine Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme zerstören soll. Und wir werden keine Kompromisse machen.
Das soll nicht heißen - und ich möchte dies unmißverständlich klarstellen -, daß wir das irakische Volk
strafen wollen. Ich möchte wiederholen, daß wir
niemals eine Auseinandersetzung mit dem irakischen
Volk hatten, sondern mit dem brutalen Diktator, dessen Arroganz das irakische Volk entehrt. Resolution
706 des UN-Sicherheitsrats hat einen verantwortungsvollen Mechanismus geschaffen, um unschuldigen
irakischen Bürgern humanitäre Hilfe zukommen zu
lassen. Dieser Mechanismus muß greifen.
Wir dürfen unsere unerschütterliche Haltung gegenüber Saddams Aggression nicht aufgeben. Dank
kooperativen Bestrebungen wurde Kuwait befreit, und
sie können jetzt zu einer gerechten Regierung im Irak
führen. Wenn dies geschieht, wird das irakische Volk
einem besseren Leben entgegensehen - mit Freiheit
im Inland und der Freiheit, sich in einer Welt jenseits
seiner Grenzen zu engagieren.
Das neue Kapitel der Geschichte gestattet den Vereinten Nationen auch die Wiederaufnahme ihrer wichtigen Aufgabe, die von mir heute erörterten Werte zu
fördern. Dieses Gremium kann als Instrument dienen,
mit dem die betroffenen Parteien alte Konflikte beile-

*
Seite 4

*

gen können. Ich blicke der Arbeit mit Generalsekretär
Perez de Cuellar und seinem Nachfolger in den kommenden Monaten gerne entgegen, Frieden in so unterschiedlichen und krisengeschüttelten Ländern wie
Afghanistan, Kambodscha, Zypern, El Salvador und
der westlichen Sahara herbeizuführen.
Die Vereinten Nationen können durch ihre internationalen Kreditinstitute und Hilfsorganisationen die Entwicklung zu freien Marktwirtschaften fördern. Sie
sollten jedoch keine bestimmten Regierungsformen
für die jeweiligen Nationen vorschreiben. Sie können
und sollten die Werte fördern, auf denen diese Organisation gegründet wurde. Gemeinsam sollten wir
darauf bestehen, daß die unsere Zustimmung anstrebenden Nationen die Normen menschlicher Würde
erfüllen.
Wo die Institutionen der Freiheit zur Untätigkeit verdammt waren, können die Vereinten Nationen sie neu
beleben. Diese Institutionen spielen eine entscheidende Rolle bei unserem Streben nach einer neuen Weltordnung - einer Ordnung, in der keine Nation einen
Fingerbreit von ihrer Souveränität abweicht, einer
Ordnung, die von Rechtsstaatlichkeit statt vom Rückgriff auf Gewalt, von der gemeinsamen Beilegung von
Konflikten statt von Anarchie und Blutvergießen sowie
dem unerschütterlichen Glauben an Menschenrechte
gekennzeichnet ist.
Vielleicht fragen Sie sich, welche Rolle die Vereinigten
Staaten in der von mir beschriebenen neuen Weltordnung spielen. Ich darf Ihnen versichern, daß die
Vereinigten Staaten keine Absicht hegen, eine Pax
americana anzustreben. Wir werden uns jedoch nach
wie vor engagieren. Wir werden uns nicht zurückziehen und in Isolationismus verfallen. Wir werden Freundschaft und Führung anbieten. Kurz gesagt, wir streben
eine auf geteilter Verantwortung und gemeinsamen
Bestrebungen gegründete Pax universalis an.
Allen hier Anwesenden möchte ich versichern, daß wir
die Chance haben, unseren Söhnen und Töchtern die
Sünden und Fehler der Vergangenheit zu ersparen.
Wir können eine befriedigendere Zukunft aufbauen als
die Welt je zuvor erlebt hat. Die vor uns liegende
Zukunft ist Undefiniert - voller Versprechungen und
Gefahren. Wir können die Welt wählen, die wir wollen:
eine von den Feuern des Krieges lodernde und den
Launen von Zwang und Zufall unterworfene oder eine
durch Nachdenken und Entscheidungen friedlicher
gestaltete Welt. Nehmen Sie diese Herausforderung
ernst. Regen Sie künftige Generationen dazu an, Sie
zu würdigen und Ihr Andenken mit den Worten zu
ehren: Auf den Trümmern der Konflikte haben diese
tapferen Männer und Frauen ein Zeitalter von Frieden
und Verständnis aufgebaut. Sie haben eine neue
Weltordnung ins Leben gerufen - eine Ordnung, die es
wert ist, auf Jahrhunderte erhalten zu werden.
*

*
AMERIKA DIENST 38

�HISPANO-AMERIKA
25. September 1991

BUSH: KUBANER WOLLEN IHR SCHICKSAL
SELBST IN DIE HAND NEHMEN
Rede vor Hispano-Amerikanern
Chicago - (AD) - In einer Ansprache vor der 12. Jahresversammlung der Hispanischen Handelskammer in
Chicago prognostizierte Präsident Bush am 20. September 1991, der Tag werde kommen - eher als Castro "zu
glauben wagt - an dem das kubanische Volk sein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen und dem westlichen
Staatenbund freier Nationen beitreten wird".
Ein Kuba auf dem Weg zu Freiheit und Demokratie wird allen demonstrieren, daß wir in ein neues Zeitalter der
Freiheit und Chancen eingetreten sind, erklärte Bush. Der Präsident betonte ferner die entscheidende
Bedeutung der Zustimmung des Kongresses zur Verlängerung des Fast-Track-Mandats für Handelsgespräche.
Ausgerüstet mit diesem mächtigen Instument, so Bush, "handeln wir ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen aus. Wenn wir diese Vereinbarung getroffen haben, werden wir eine Freihandelszone schaffen, die
vom Yukon bis Yukatan reicht - einen Markt mit 360 Millionen Verbrauchern und einer derzeitigen Jahresproduktion von 6 Billionen Dollar".
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen
Ländern Amerikas tragen "einer wichtigen Lektion unseres Zeitalters Rechnung: Protektionismus und staatliche
Kontrolle bringen nur Armut, Rückständigkeit und Verweigerung der Freiheit hervor".
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede im Wortlaut.

Vor 500 Jahren überquerten die Menschen den großen Ozean und schufen Hispano-Amerika. Seit jenen
Tagen haben wir die Konglomeration europäischer
und amerikanischer Völker auf diesem riesigen Kontinent nie als neues Territorium, neue Kolonie oder neue
Siedlung bezeichnet. Wir nannten es die Neue Welt.
Hispano-Amerika entstand aus Risikobereitschaft und
Romantik. Sein Wachstum wurde aus unterschiedlichen Kräften genährt: transozeanischem Handel, der
Wanderung und Vermischung von Völkern sowie der
großen Aufgabe der Entdeckung und Entwicklung.
Am 20. September - an eben diesem Tag - setzten
Magellan und seine Gefährten die Segel in Spanien,
um den Globus zu umsegeln. Im nächsten Monat
begehen wir den 500. Jahrestag der wagemutigen
Reise von Kolumbus.
Wir dürfen diese Leistungen nicht als etwas Altmodisches oder Unwichtiges abtun. Die Grenzen schließen sich nicht, wenn Menschen in der Wildnis siedeln
oder wenn sie Städte, Fabriken und Schulen bauen.
Moderne Zivilisationen sehen sich mit mutigen, aber
schwierigen Abenteuern konfrontiert: den Abenteuern
der Familiengründung, Kindererziehung, dem Wissen,
AMERIKA DIENST 38

daß wir unsere Welt besser machen müssen, unabhängig davon, wie schwierig oder bequem die Umstände sind. Im täglichen Leben aller Länder Amerikas, bei
unserer Aufgabe der Entdeckung und Entwicklung,
war 1492 erst gestern.
Dies trifft insbesondere auf den Handel zu. Bereits vor
Jahrhunderten haben Reisende die Handelsrouten
Amerikas aufgezeichnet, aber wir haben erst jetzt
begonnen, ihr gesamtes Potential auszuschöpfen.
Das Thema Ihrer Konferenz steht im Einklang mit
dieser Geisteshaltung: "Neue Partnerschaften ins
Leben rufen". Die über 400.000 im Besitz von Hispano-Amerikanern befindlichen Firmen in Amerika schaffen neue Arbeitsplätze und bringen neuen Wohlstand
hervor. Im Jahr 1987 pumpten diese Unternehmen
fast 25 Milliarden Dollar in unsere Wirtschaft und
schufen eine halbe Million Arbeitsplätze.
Sie glauben an sich, Ihre Fähigkeiten, Ihre Entschlußkraft, Ihre Qualitäten. Durch diesen Glauben an sich
haben Sie der Administration geholfen, die Zustimmung des Kongresses zur Verlängerung des FastTrack-Mandats für Handelsgespräche einzuholen.
Seite 1

�Ausgerüstet mit diesem mächtigen Instrument handeln wir ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen aus. Wenn wir diese Vereinbarung getroffen
haben, werden wir eine Freihandelszone schaffen, die
vom Yukon bis Yukatan reicht - einen Markt mit 360
Millionen Verbrauchern und einer derzeitigen Jahresproduktion von 6 Billionen Dollar.
Wenn wir dieses Freihandelsabkommen besiegeln,
werden die Firmen von Hispano-Amerikanern in den
Vereinigten Staaten in den Genuß großer natürlicher
Vorteile kommen. Familienbande, Sprache und Kultur, die an sich schon in Ehren gehalten werden,
erhalten als Geschäftskapital eine neue Größenordnung.
Durch Ihren Glauben an sich selbst haben Sie auch
unsere Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in
allen Ländern Amerikas unterstützt, die darauf abzielt,
Investitionen und Zusammenarbeit von der Hudson
Bay bis zur Magellanstraße zu erweitern.
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und
die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen
Ländern Amerikas tragen einer wichtigen Lektion unseres
Zeitalters Rechnung: Protektionismus und staatliche
Kontrolle bringen nur Armut, Rückständigkeit und
Verweigerung der Freiheit hervor.
Nehmen Sie beispielsweise den Fall Mexiko. Seit
1986, als Mexiko dem GATT beitrat und seine Zollsätze von 100 auf etwas über 10 Prozent senkte, haben
sich die amerikanischen Exporte nach Mexiko mehr
als verdoppelt. Der Export von Autos und Ersatzteilen
hat sich vervierfacht. Die Exporte von Eisen und Stahl,
die sich vor vier Jahren auf ein Defizit von 12 Millionen
Dollar beliefen, erzielen jetzt einen Überschuß von 300
Millionen Dollar. Durch diesen Anstieg der Exporte
wurden in den Vereinigten Staaten fast 300.000 Arbeitsplätze geschaffen. Jede zusätzliche Milliarde an
Exporten hat beinahe 20.000 amerikanische Arbeitsplätze zur Folge.
Diese Reformen haben jedoch auch Mexiko geholfen
- eine klassische Situation, in der es nur Gewinner gibt.
Der Vorsitzende des mexikanischen Gewerkschaftsbundes, Fidel Velazquez Sanchez, hat erkannt, daß
vermehrter Handel neue Arbeitsplätze und neue Industriezweige in Mexiko schaffen wird und unterstützt
das Handelsabkommen uneingeschränkt.
Was für Hispano-Amerika gut ist, wird auch für die
Vereinigten Staaten von Nutzen sein. Mit offenem
Handel werden die amerikanischen Firmen bis zum
Jahr 2000 dank einer dynamischen Volkswirtschaft mit
100 Millionen mexikanischen Verbrauchern solide
Geschäfte machen.
Südlich von Mexiko scheinen die Aussichten genauso
aufregend zu sein. Wir fördern bereits Pläne zum
Abbau des Defizits, zur Ankurbelung von Investitionen
und Ausweitung des Handels. Wir haben jetzt RahSeite 2

menvereinbarungen zur Liberalisierung des Handels
unterzeichnet, an denen 28 Länder auf dem Kontinent
beteiligt sind. Aber wir benötigen Ihre Hilfe. Der
Kongreß hat uns immer noch keine Befugnis zur
Finanzierung des Schuldenabbaus und zur Beteiligung am Multilateralen Investitionsfonds erteilt, mit
dem Investitionen stimuliert und stabile Demokratien
in unserer Hemisphäre aufgebaut werden sollen. Die
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas (Enterprise for the Americas) ist kein Schlagwort.
Damit sollen Demokratie und Freiheit in den friedlichen
Ländern südlich des Rio Grande gefördert werden,
und sie wird den amerikanischen Exporten zugute
kommen.
Unsere Bestrebungen zum Ausbau amerikanischer
Exporte werden weiteren Auftrieb erhalten, wenn mein
Freund Jose Martinez Leiter des US-Programms für
Handel und Entwicklung wird.
Sicherlich wird ein weiteres Ereignis uns allen demonstrieren, daß wir tatsächlich in ein neues Zeitalter von
Freiheit und Chancen eingetreten sind. Ich spreche
vom Weg Kubas in Freiheit und Demokratie.
Heute vernehmen wir das Bersten und Bröckeln in
Castros Diktatur. Der Tag wird kommen - eher als
Castro zu glauben wagt - an dem das kubanische Volk
sein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen und
dem westlichen Staatenbund freier Nationen beitreten
wird.
Wenn unser Kontinent eine Völkergemeinschaft werden soll, müssen wir mehr tun als wirtschaftliche und
politische Schranken aufzuheben. Unsere Regierung
fördert auch den Austausch im Bildungswesen und im
kulturellen Bereich zwischen unserem Land und unseren Nachbarn in der Hemisphäre. Wie im Handel
werden die Hispano-Amerikaner bei diesem Projekt
die natürliche Führungsrolle übernehmen.
Uns eint mehr als nur die Geographie. Aufgrund
gemeinsamer kultureller Wurzeln können wir für unseren Kontinent und uns selbst ein gemeinsames Schicksal anstreben.
Ich möchte in diesem Zusammenhang der Hispanischen Handelskammer für ihre Unterstützung der
Strategie im Bildungswesen "America 2000" danken.
Ich danke Ihnen für Ihre Initiative, unsere Kinder vom
Kindergartenalter an Wirtschaft und Unternehmertum
zu lehren.
Ebenso wie unsere Vorschläge zur Wirtschaft beginnt
auch "America 2000" mit einem Glaubensbekenntnis:
Wir glauben, daß Eltern sich um ihre Kinder und deren
Erziehung sorgen. Sie können Schulen finden, in
denen ihren Kindern geholfen wird, ihr Potential auszuschöpfen. Wir wollen die Wahlmöglichkeiten von
Eltern erweitern, damit Eltern beim wichtigen Thema
Bildung eine ebenso große Auswahl haben wie beim
Kauf von Erdnußbutter.
AMERIKA DIENST 38

�Wenn wir das Beste aus uns machen wollen, müssen
wir Wettbewerb zulassen und zeigen, was in uns
steckt.
Mit "America 2000" können hispano-amerikanische
Gemeinschaften auf ihre natürlichen Stärken und Werte
zurückgreifen. Mit diesem Programm können Eltern,
Lehrer, Kirchenvertreter und Geschäftsleute das Bildungswesen in Amerika neu erfinden helfen.
Zur Förderung dieses Ziels habe ich die Mitgliedschaft
von Hispano-Amerikanern in der Beratungskommission des Präsidenten über hervorragende Leistungen
angekündigt. Der Leiter von Ameritech International,
Andres Bande aus Chicago, wird den Vorsitz führen,
und seine Arbeit wird eine wichtige Rolle spielen, damit
"America 2000" eine Revolution im Bildungswesen
freisetzen kann.
Ich möchte mit einigen Worten zu einem Konzept
schließen, das wir bereits erörtert haben: Entwicklung.
In der internationalen Wirtschaft ist das natürlich ein

Standardbegriff. Wir neigen dazu, den Begriff Entwicklungsland als Euphemismus für Armut zu verwenden - für ein Land, dem es an materiellem oder
finanziellem Wohlstand mangelt.
Wenn wir den Begriff Entwicklung in diesem Sinne
verwenden, vergessen wir seine tiefere Bedeutung.
*

AMERIKA DIENST 38

*

Entwickeln sich die Vereinigten Staaten nicht auch
immer noch? Trotz all unseres gegenwärtigen Wohlstands - können wir es uns leisten, statisch zu werden
oder zu stagnieren? Wenn wir unseren Kindern kein
moralisches und intellektuelles Erbe hinterlassen, wie
es unsere Eltern uns mitgegeben haben, sind wir dann
ein entwickeltes Land?
Ich muß dabei an die Erforscher unseres Kontinents
vor fünfhundert Jahren denken. Einge von ihnen
waren klug - andere dumm. Wir erinnern uns an die
vergebliche Mühe, Cibola - die sagenhaften sieben
Städte des Goldes - zu finden. Die Abenteurer von
damals haben nicht nur an der falschen Stelle, sondern
auch nach dem falschen Schatz gesucht. Der Schatz
sind damals und heute die Menschen - das menschliche Potential -, ihr Intellekt, ihre Kraft und ihre Seele.
Diese kapitalen Reservoirs haben die Zivilisation aufgebaut.
Unsere Arbeit ist niemals zu Ende. Das ist der Schlüssel zu den aufregenden Erfahrungen des Lebens. In
diesen hoffnungsvollen Zeiten, da wir wirtschaftliche
Schranken abbauen und uns von ideologischen Eingrenzungen befreien, müssen wir unseren eigenen
Söhnen und Töchtern nach wie vor die Werte - und
damit die Grundlagen - einer guten Gesellschaft vermitteln. Gemeinsam wird uns das gelingen.

*

*

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
25. September 1991

EINE NEUE WELTORDNUNG DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS BÜNDNIS
Rede von Botschafter Kimmitt
KNOKKE - (AD) - In seiner Rede anlä ßlich der 7. Jahreskonferenz der Leiter der Institute für Strategische Studien
in Knokke-Heist (Belgien) erklärte Botschafter Robert Kimmitt am 18. September 1991, in Augenblicken
historischer Umwälzungen sei es "von besonderer Bedeutung, sich auf Grundprinzipien zu besinnen und dann
auf ihnen aufzubauen, um kreative Strategien zu erarbeiten, die der Gegenwart angemessen sind und an die
Zukunft angepaßt werden". Der Botschafter verwies in diesem Zusammenhang auf Präsident Bushs neue
Weltordnung und ihre vier Prinzipien: friedliche Beilegung von Streitigkeiten, Solidarität gegen Aggression,
reduzierte und kontrollierte Arsenale sowie gerechte Behandlung aller Völker.
In seiner Rede ging Botschafter Kimmitt insbesondere auf die Auswirkungen der neuen Weltordnung auf die
NATO und ganz Europa sowie die Sowjetunion ein - mit Außenminister Bakers Worten: die Euro-Atlantische
Gemeinschaft. Dabei werden "Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa weiterhin vom amerikanischen
Engagement in Europa und der Geschlossenheit des Nordatlantischen Bündnisses abhängen". Kimmitt
bekundete Zuversicht, "daß wir uns trotz der realen Herausforderungen in den Vereinigten Staaten weiterhin
stark in Europa und im Bündnis engagieren werden" und "der Beitrag der NATO zu Frieden und Freiheit eine
zentrale Rolle spielen wird, wenn die Euro-Atlantische Gemeinschaft ihre bedeutende Position in der sich
abzeichnenden neuen Weltordnung einnimmt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.

Vielen Dank für diese freundliche Einführung. Ich
freue mich, meine erste Rede "out-of-area" in meiner
neuen Funktion als amerikanischer Botschafter in
Deutschland vor diesem erlesenen Publikum halten zu
dürfen.
Ich habe Botschafter Tafts Einladung zu dieser Veranstaltung bereits im Frühjahr angenommen, als ich noch
Staatssekretär für politische Angelegenheiten im USAußenministerium war. Zu jener Zeit waren wir alle
Zeuge zweier Jahre tiefgreifender Veränderungen
geworden, zuerst in Europa und dann am Golf. Seitdem hat das Tempo dieser wirklich historischen Veränderungen unvermindert angehalten. Wer hätte gedacht, daß in dieser Zeit die Sowjetunion die Feuerprobe der Demokratie bestehen würde? Wer hätte ferner
gedacht, daß die NATO nach ihrem außergewöhnlich
erfolgreichen Gipfel des vergangenen Jahres in London beim diesjährigen Gipfel in Rom dem Europa und
der Welt von heute und morgen erst recht ihre Lebensfähigkeit und anhaltende Bedeutung beweisen würde?

AMERIKA DIENST 38

Angesichts dieser und anderer sich abzeichnender
Veränderungen freue ich mich insbesondere, gemeinsam mit Ihnen an einer so aktuellen Konferenz über
das Atlantische Bündnis und die neue Weltordnung
teilzunehmen. In diesem Augenblick solch historischer Umwälzungen ist es von besonderer Bedeutung, sich auf Grundprinzipien zu besinnen und dann
auf ihnen aufzubauen, um kreative Strategien zu erarbeiten, die der Gegenwart angemessen sind und an
die Zukunft angepaßt werden.
Eine neue Weltordnung - die Definition des Konzepts
Seit Präsident Bush den Begriff der neuen Weltordnung im Herbst 1990 verwendet hat, ist darüber viel
gesagt und geschrieben worden. Ihre Konferenz wird
als eine der ersten das Konzept in seinen Einzelheiten
und im Kontext der besonderen Belange des Atlantischen Bündnisses erforschen. Dabei kann ich das
Thema heute abend genausowenig ausschöpfen wie
Ihnen das in den nächsten Tagen gelingen wird. Ich

Seite 1

�hoffe vielmehr, einen Hintergrund für Ihre Veranstaltung liefern zu können, die hoffentlich die erste vieler
solcher Gespräche in Foren wie diesem sein wird.
In einer Rede Anfang des Jahres hat Präsident Bush
die neue Weltordnung und ihre vier Prinzipien definiert:
friedliche Beilegung von Streitigkeiten, Solidarität gegen
Aggression, reduzierte und kontrollierte Arsenale sowie
gerechte Behandlung aller Völker. Er hat verdeutlicht,
daß das Ende des kalten Kriegs uns kein Zeitalter
ewigen Friedens beschert hat - wie die Golfkrise und
die gegenwärtige Situation in Jugoslawien so anschaulich gezeigt hoben.
Obwohl wir das Streben nach einer neuen Weltordnung als Möglichkeit ansehen, die Gefahr von Unordnung einzudämmen, betrachten wir die neue Weltordnung nicht als Pax americana oder Euphemismus für
die Vereinigten Staaten als Weltpolizist. Vielmehr
handelt es sich dabei um eine gemeinsame Bestrebung, durch kollektives Handeln der internationalen
Staatengemeinschaft Aggression abzuschrecken und
ihr gegebenenfalls zu widerstehen. Sie bietet eine
Möolichkeit zur Umgestaltung des internationalen
Systems auf der Basis unserer gemeinsamen Werte
und Ideale und zur Lösung von Problemen, die wir
aufgrund der Dominanz unserer Ost-West-Probleme
in den vergangenen 40 Jahren relativ vernachlässigt
haben. Die neue Weltordnung ist ganz einfach kollektives Handeln mit dem Ziel, gemeinsame Werte zu
fördern und zu schützen.
Diese Aussage sollte uns bekannt vorkommen. Sie
verkörpert die Prinzipien, die 1945 in San Francisco
der Charta der Vereinten Nationen und 1949 in Washington dem Nordatlantikvertrag zugrunde lagen. Die
Weisheit der "Gründerväter" beim letztgenannten
Ereignis zeigt sich in unseren gemeinsamen Erfolgen,
einschlie ßlich des Sieges am Golf und den über vierzig
Jahren Frieden in Europa. Dennoch zeigt die Lage, der
wir uns heute in Europa und andernorts gegenübersehen, daß wir zwar immer noch auf diese Prinzipien
bauen können, uns aber nicht auf ihnen ausruhen
dürfen. Sie müssen die Grundlage für unsere künftige
Handlungsweise sein und nicht nur Tribut an vergangene Erfolge.
Politisch sieht die neue Weltordnung die Verbreitung
der pluralistischen Demokratie vor, den Untergang
totalitärer - rechter und linker - Regime, Engagement
für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sowie
Zusammenarbeit bei grenzüberschreitenden Herausforderungen. In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht
beinhaltet die neue Weltordnung Hilfe für die aufstrebenden Demokratien in Osteuropa, Lateinamerika,
Asien, im Nahen Osten und Afrika, damit sie auf der
Basis einer Partnerschaft zwischen Regierung und
Unternehmen ihre Volkswirtschaften wiederaufbauen
können. Unsere Ziele lauten nichtinflationäres Wachstum sowie ein stärkeres und offeneres Welthandelssystem.

Seite 2

Ost-West-Zusammenarbei; und weltweite Fortschritte
Obwohl einige Kommentatoren die neue Weltordnung
als rhetorischen Kunstgriff bezeichnet haben, beweist
die Bilanz der Fortschritte in den letzten zehn Jahren
das Gegenteil. Zu diesem Fortschritt haben konstruktive Ost-West-Beziehungen erheblich beigetragen.
In der Sowjetunion hat Präsident Gorbatschows Politik
von Glasnost und Perestrojka grundlegende Veränderungen bewirkt und die Entstehung einer neuen sowjetischen Außenpolitik ermöglicht. Im Westen haben die
Verbündeten die sich ihnen mit der Öffnung öer Berliner Mauer bietende Gelegenheit ergriffen, die Vereinigung Deutschlands zu unterstützen und die Teilung
Europas aufzuheben. In einer Reihe von zehn amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen und 34 Treffen auf
Ministerebene seit 1995 haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion Verefnbarwgen geschmiedet
und echte Fortschritte bei Rüsflungskonttaltfe Menschenrechten und Auswanderung, im Eüdungswesen
sowie in Wissenschaft und Kultur erzielt.
Die engere Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion hat bei der Lösung
regionaler Konflikte besondere Früchte getragen.
Während des grö ßten Teils der Nachkriegszeit wurden
Spannungen an Brennpunkten auf de- ganzen Welt
durch die Konfrontation zwischen Ost und West verschärft. Die neue sowjetische Führung in den achtziger Jahren hat es uns gestattet, von der Konkurrenz
zur Kooperation zu gelangen. Die Praxis engerer
amerikanisch-sowjetischer Konsultationen hat Erfolgen in Mittelamerika, Fortschritten in Afghanistan und
Kambodscha und einem echten Durchbruch in Angola
den Weg bereitet. Die in diesen Fällen entwickelte
Atmosphäre des Vertrauens war die Grundlage für die
unverzügliche Verurteilung des irakischen Angriffs auf
Kuwait durch die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, die wiederum eine einmalige multinationale
Reaktion der Vereinten Nationen bewirkt hat.
Präsident Gorbatschow hat kürzlich seine Bereitschaft
zur sofortigen Aufnahme von Gesprächen über den
Abzug sowjetischer Truppen aus Kuba bekundet.
Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Pankin haben letzte
Woche die wichtige amerikanisch-sowjetische Erklärung zu Afghanistan hervorgebracht. Darüber hinaus
läßt uns die amerikanische, europäische und sowjetische Unterstützung für eine Nahost-Friedenskonferenz jetzt auf positive Bewegung in dem längsten und
hartnäckigsten aller regionalen Konflikte hoffen.
Die Zusammenarbeit zwischen Ost und West hat
ferner die Möglichkeit einer größeren Rolle der Vereinten Nationen eröffnet. Während der Golfkrise konnten
wir aufgrund der Tatsache, daß der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen nicht mehr durch ideologische

AMERIKA DIENST 38

�Konfrontationen blockiert war, die UNO im Sinne ihrer
Gründer einsetzen - als Eckpfeiler internationaler Sicherheit.
Neugestaltung der europäischen Ordnung
Obwohl die Prinzipien der neuen Weltordnung per
definitionem weltweit anwendbar sind, möchte ich im
einzelnen ihre Auswirkungen auf die NATO und ganz
Europa sowie die Sowjetunion erörtern - mit Au ßenminister Bakers Worten: die Euro-Atlantische Gemeinschaft.
Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa werden
weiterhin vom amerikanischen Engagement in Europa
und der Geschlossenhei des Nordatlantischen Bündnisses abhängen. Ebenso wie die NATO den Schild
bot, hinter dem nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen die Gesundung der Wirtschaft und der Wiederaufbau herbeigeführt werden konnten, fördert sie jetzt ein
Klima für Frieden und Stabilität auf dem gesamten
Kontinent.
Die NATO bleibt der Eckpfeiler künftiger Sicherheitsvereinbarungen in Europa und ein vitales Forum für
den politischen Ost-West-Dialog. Sie ist das verläßlichste Gegengewicht zu einer möglicherweise vom
Osten her auftretenden Bedrohung und gegen Risiken, die zunehmend von anderen Richtungen ausgehen werden.
Es ist von grundlegender Bedeutung, daß die Revolution in der UdSSR weiterhin demokratisch und friedlich
verläuft. Daher freue ich mich, daß an dieser Konferenz auch Vertreter aus Moskau teilnehmen. So sehr
uns das Scheitern des Staatsstreichs und die sich
abzeichnenden Chancen auch ermutigt haben, können wir es uns doch nicht leisten, die potentiellen
Probleme dieser historischen Umstrukturierung zu
bagatellisieren. Wir alle müssen wachsam bleiben und
gewährleisten, daß den Hardlinern der Zugang zu den
Schalthebeln der Macht sowie die Kontrolle über Europas immer noch größte Militärmacht verwehrt bleibt.
Es ist daher entscheidend, daß die NATO ihre wichtige
Aufgabe der Verankerung Nordamerikas an die Sicherheit Europas fortführt. Amerikas Schicksal und
seine Interessen sind mit denen Europas verbunden.
Um Präsident Bush zu zitieren:
"In dem Umfang, wie unsere Verbündeten und wir die
NATO einer sich verändernden Welt anpassen, werden sich Umfang und Zusammensetzung unserer
Streitkräfte verändern, um neuen und weniger bedrohlichen Umständen gerecht zu werden. Aber wir werden in Europa bleiben, um neue Gefahren abzuschrekken, treibende Kraft der Stabilität zu sein und ganz
Europa - Ost und West - zu versichern, daß das
europäische Gleichgewicht weiterhin gewährleistet ist."
Die neue europäische Sicherheitsarchitektur umfaßt
neben der NATO die KSZE, die Europäische Gemeinschaft, die Westeuropäische Union, den Europarat
AMERIKA DIENST 38

und angeschlossene Organisationen. Die KSZE muß
eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der Stabilität und
beim Krisenmanagement spielen und unter anderem
gemeinsame Ziele für Europa vom Atlantik bis zum
Ural definieren. Als Organisation kann sie keine militärische Sicherheit gewährleisten, aber ein wichtiges
Forum bieten für politische Aussöhnung, ein System
der Offenheit und Transparenz im militärischen Bereich sowie einen umfassenden Rahmen für den Aufbau einer Euro-Atlantischen Gemeinschaft. Mit der
historischen Pariser Charta der KSZE wurde ein Grundstein für die Entwicklung einer neuen Ordnung in
Europa gelegt.
Die Europäische Gemeinschaft ist dazu bestimmt,
sowohl in Europa als auch andernorts eine wichtige
Rolle in der neuen Weltordnung zu spielen. Die
Vereinigten Staaten unterstützen wie bisher die Bestrebungen der EG, die Integration auf dem Weg zu
einer politischen und wirtschaftlichen Union in Europa
voranzubringen, die auch eine sicherheitspolitische
Dimension hat. Außenminister Baker bekräftigte sein
Engagement in der gemeinsamen Erklärung mit Bundesaußenminister Genscher vom 10. Mai 1991: "Die
Vereinigten Staaten sind bereit, Maßnahmen zu unterstützen, die nach Auffassung der europäischen Verbündeten erforderlich sind, um eine gemeinsame
europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik geltend zu machen." Bundesaußenminister
Genscher fügte hinzu, "eine europäische Sicherheitsund Verteidigungsidentität sollte zu der Errichtung
eines europäischen Pfeilers innerhalb des Bündnisses
führen". Wir hoffen, daß der NATO-Gipfel in Rom und
der EG-Gipfel in Maastricht die Entwicklung eines
europäischen Pfeilers im Bündnis als weiteren Schritt
zu einer europäischen Union unterstützen werden, die
als verantwortliche Kraft Strukturen kontinentaler, transatlantischer und globaler Interdependenz stärken wird.
Sicherheit darf jedoch nicht ausschließlich militärisch
definiert werden. Ebensosehr müssen die politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Elemente der Sicherheitsgleichung anerkannt und verstärkt werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
unsere Erwartung bekunden, daß die Gemeinschaft in
den kommenden Monaten konstruktive Schritte in
Richtung auf den erfolgreichen Abschlu ß der UruguayRunde des GATT unternehmen wird. Ich kann mir nur
wenige Dinge vorstellen, die unsere Bestrebungen zur
Neubelebung der Weltwirtschaft und damit zur verbesserten weltweiten Sicherheit mehr stören würden als
ein Scheitern dieser Verhandlungen.
Die Entwicklung einerStruktur der Gemeinschaft sollte
ihre Fähigkeit zu effektiven auswärtigen Beziehungen
und Pflichten stärken. Eine der größten außenpolitischen Herausforderungen der EG besteht darin, sich
gemeinsam mit den anderen Verbündeten Osteuropa
gegenüber zu öffnen, wo ihr politischer und wirtschaftlicher Erfolg bereits als Magnet gewirkt und die wirtschaftlichen Grundlagen für einen erfolgreichen ÜberSeite 3

�gang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft gelegt
hat. Ich freue mich daher besonders über die Anwesenheit von Vertretern aus Osteuropa bei dieser
Konferenz.
Die Vereinigten Staaten haben eminentes Interesse
an der festen Integration der osteuropäischen Länder
in die euro-atlantische Architektur. Wir möchten, daß
diese Nationen bei der Gestaltung des neuen Europas
unsere Partner sind. Die Sicherheit Europas verlangt,
daß der ehemalige Eiserne Vorhang nicht durch eine
neue Trennwand zwischen reich und arm ersetzt wird.
Präsident Bush hat den ost- und mitteleuropäischen
Nationen, die den langsamen, schmerzlichen, aber
fundamental wichtigen Übergang zu Marktwirtschaften vollziehen, Hilfe zur Erleichterung des "Übergangs
von Armut zu Wohlstand" versprochen.
Ein neues Programm für das Bündnis
Den Kampf der Sowjetunion mit dem Übergang von
einer Revolutionsmacht zu einem krisengeschüttelten
Staat, der westliche Werte und Prinzipien anstrebt,
haben wir erstaunt beobachtet und ermutigt mit maßgeblicher Unterstützung darauf reagiert. Obwohl dies
von einigen Kritikern für unmöglich gehalten wurde,
hat die NATO beachtliche Flexibilität bei ihrer Anpassung an die Metamorphose ihres Gegners bewiesen
und ihren Ansatz angesichts des drastisch veränderten europäischen Sicherheitsumfelds korrigiert.
Die Londoner Gipfelerklärung der NATO vom
Juli 1990 hat die Aufgabe der NATO von der
reinen Verteidigung gegen die Bedrohung aus
dem Osten in die Erarbeitung einer kooperativen Sicherheitsstruktur für den gesamten Kontinent umgewandelt.
Die Au ßenminister Baker und Genscher vereinbarten in ihrer Washingtoner Erklärung vom 10.
Mai, daß Stabilität in Europa über die militärische Verteidigung hinausgeht und politische,
wirtschaftliche, soziale und ökologische Dimensionen der Sicherheit umfaßt.
Die Verteidigungsminister des Bündnisses einigten sich Ende Mai auf einen neuen Ansatz
zur Abschreckung von Aggression und Behandlung von Notfällen. Statt der geographisch begründeten gestaffelten Verteidigung ("layer cake"
defense) entwickeln wir eine Gegenkonzentrationsstrategie, die zeitlich abgestuft ist - mit
unverzüglicher Reaktion, schnellen Eingreiftruppen, aktiven und Reservestreitkräften. Die Effektivität hochmobiler Eingreiftruppen wird vom
Erfolg des Bündnisses abhängen, die nationalen Kontingente fest zu integrieren.
Im Juni 1991 einigten sich die Außenminister
der NATO auf eine Reihe sicherheitspolitischer
Kernfunktionen des Bündnisses. Sie kamen
überein, daß die Erarbeitung einer europäischen
Seite 4

Sicherheitsidentität das Bündnis stärken würde
und regten einen noch markanteren europäischen Beitrag zur westlichen Sicherheitspoiitik
an. Ich möchte aus dem Kommunique des
Nordatlantikrats vom 7. Juni 1991 zitieren: "Die
Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität und Rolle der Verteidigung, reflektiert in
der Stärkung des europäischen Pfeilers im
Bündnis", wird nicht nur den Interessen der
europäischen Staaten dienen sondern zur Stärkung der atlantischen Solidarität beitragen.
Wir beobachten bereits positive Ergebnisse der Anpassung des Bündnisses an seine neuen Herausforderungen: das erweiterte Programm der Ost-WestPolitik, Veränderungen der Verteidigungsstrategie,
Erarbeitung neuer Rüstungskontrollpositionen, Bestrebungen zum Aufbau von Partnerschaften mit den
Ländern Ost- und Mitteleuropas sowie der Sowjetunion, Initiativen zur Intensiverung der Ost-West-Kontakte unter Sicherheitsexperten, militärischen Behörden,
Parlamentariern, Führungskräften sowie Wissenschaftlern und Umweltexperten. Ihre Konferenz ist ein
anschauliches Beispeil für diese Serie von Initiativen.

y

'

Diese Kontakte zielen darauf ab, die neuen Länder des
Ostens einschließlich der Sowjetunion und der Republiken in die neue Architektur einzubeziehen. Allen
wird zunehmend deutlich, daß das Ziel der NATO
Sicherheit für ganz Europa ist. Außenminister Baker
erklärte im Juni vergangenen Jahres in Berlin: Wir
müssen beginnen, die transatlantische Gemeinschaft
auf Mittel- und Osteuropa und die Sowjetunion auszudehnen ... Unser Ziel ist ein ungeteiltes und freies
Europa sowie eine Euro-Atlantische Gemeinschaft,
die nach Osten von Vancouver bis Wladiwostok reicht."
Neuen Herausforderungen begegnen
Die Erfolge der NATO haben sie nicht vor der Notwendigkeit bewahrt, sich neuen Fragen und Herausforderungen zu stellen:
Die Krise in Jugoslawien und der Staatsstreich
in der UdSSR sind neue Anzeichen, daß sich die
sicherheitspolitischen Probleme in Europa zunehmend um interne Kämpfe und nationalistische Bestrebungen und weniger um rein internationale Dispute drehen werden. Am heutigen
Abend denken wir an die Tragödie in Jugoslawien, während sich die EG- und WEU-Au ßenminister auf das morgige Treffen zu diesem
Konflikt vorbereiten. Die Vereinigten Staaten
unterstützen die von Lord Carrington dargelegten Bestrebungen unserer europäischen Verbündeten, einen Waffenstillstand herbeizuführen und eine politische Lösung des Konflikts zu
fördern. Da solche Initiativen die Sicherheitsinteressen aller NATO-Verbündeten betreffen, ist
es unabdingbar, die Kommunikationswege zwischen NATO, WEU, EG, KSZE und ihren Mit-

AMERIKA DIENST 38

^

i

�gliedern offen zu halten. Dies ist von noch
größerer Bedeutung, wenn die Entsendung von
Streitkräften - selbst zur Bewahrung des Friedens - in Erwägung gezogen wird.
Die NATO selbst war Schauplatz häufiger Konsultationen, sowohl über Jugoslawien als auch die Sowjetunion. Dennoch wurde vielfach angeregt, daß das sich
Bündnis in Zukunft aktiver bei politisch-miltärischen
Krisen engagieren muß. Zumindest sollte die NATO
sich beraten, wie die Stabilität in einer Zeit verbessert
werden kann, die Historiker mehr an 1914 als vielleicht
1938 erinnert.
Wie bereits erwähnt, sind unsere europäischen
Verbündeten mit der Entscheidungsfindung
befaßt, wie sie eine größere Rolle bei der Festlegung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik übernehmen können. Wir
müssen offen und sorgfältig erörtern, wie ein
europäischer Pfeiler entwickelt werden kann,
ohne einen Verbündeten an den Rand zu drängen und ohne eine neue Atmosphäre der Blockbildung herbeizuführen, die einen wirksamen
Dialog in der NATO verhindern würde.
In diesem Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten die WEU offen in der Überzeugung
unterstützt, daß sie die europäische Verteidigungszusammenarbeit verbessern, als Brücke
von der EG zur NATO und Ergänzung der
NATO beim Krisenmanagement und der Koordinierung von Bestrebungen außerhalb des
NATO-Bündnisgebiets dienen kann.
Wie in der auf Initiative von Außenminister
Genscher zustande gekommenen Transatlantischen Erklärung vorgeschlagen, haben die
Vereinigten Staaten und die EG begonnen, den
Konsultationsprozeß zu verbessern. Angesichts
der wachsenden internationalen Verantwortung
der EG muß dieses institutionelle Bindeglied
weiter verstärkt werden, wenn wir unsere gemeinsamen wirtschafts- und außenpolitischen
Zielsetzungen erreichen wollen.
Der sowjetische Staatsstreich und die osteuropäische Besorgnis über ein "Sicherheitsvakuum"
in der neuen europäischen Situation haben die
Aufmerksamkeit auf die Beziehung des Bündnisses zu den neuen demokratischen Staaten
Ost- und Mitteleuropas gelenkt. Wir müssen
überlegen, ob wir über unsere auf Verbindungen gegründeten Beziehungen hinausgehen
sollten. Dieses Thema muß sorgfältig erwogen
und auf einen wesentlichen Gedankengang
geprüft werden: wie sollen wir das Bündnis der
Zukunft stärken, da es versucht, Stabilität in
einer Zeit historischen Wandels zu fördern?
Selbst während wir diese Frage überlegen, sollten
die Verbündeten weiterhin praktische Hilfe an

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Mittel- und Osteuropa leisten: durch den Bau
von Straßen und anderen Verkehrswegen zwischen Ost und West, Hilfe beim unmittelbaren
Energiebedarf und langfristiger Energieversorgung, durch Unterstützung beim Aufbau einer
modernen Kommunikationsinfrastruktur, Bereitstellung von Know-how für Finanzwesen, Beseitigung der Umweltverschmutzung, Bildung und
Fortbildung.
Die Verbreitung atomarer, chemischer, biologischer und ballistischer Raketen stellt eine wachsende Bedrohung der amerikanischen und europäischen Sicherheit dar. Angesichts dessen
sollte sich die NATO - zusammen mit anderen
Institutionen - an der Suche nach einer Begrenzung dieser Gefahren beteiligen. Die jetzt in der
NATO gebildete 14 Nationen umfassende
Rüstungshandelsgruppe könnte beispielsweise
eine Überprüfung der Probleme vornehmen,
angefangen bei Exporten konventioneller Waffen, um sicherzustellen, daß die Besorgnis über
die Verbreitung dieser Waffen in Entscheidungen über neue Bestrebungen zur Rüstungskontrolle einfließt und um die Koordinierung mit
anderen Institutionen vorzunehmen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle hat die NATO
ferner die Aufgabe, die Veränderungen in der
UdSSR bei der Verwirklichung des Abkommens
über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa zu berücksichtigen. Darüber hinaus müssen wir einen gemeinsamen Ansatz zu
zukünftigen konventionellen und nuklearen
Aufgaben entwickeln.
Dies gilt insbesondere im Hinblick auf Kurzstreckensysteme. Die Vereinigten Staaten
reduzieren ihren Nuklearwaffenbestand in Europa, und wie Verteidigungsminister Cheney
unlängst andeutete, sind wir zu weiteren Reduzierungen bereit. Bis zum bevorstehenden
Gipfeltreffen in Rom führen wir Konsultationen
zu diesem Thema. Die Beibehaltung einer
nuklearen Abschreckungsoption ist jedoch ein
unverzichtbarer Aspekt der NATO-Strategie,
und die nukleare Verantwortung muß entsprechend geteilt werden.
Ein letzter Bereich, den ich erwähnen möchte,
ist die Rolle der NATO bei Problemen au ßerhalb
des Vertragsgebiets, die eine lange Geschichte
hat. Bedrohungen der Sicherheit des NATOTerritoriums konzentrieren sich nicht länger auf
die Front Europa Mitte. Als Teil ihrer Anpassung
an diese neuen Gegebenheiten sollte die NATO
ihre Konsultationen über Spannungen außerhalb Europas intensivieren und Nichtmitgliedstaaten der NATO in ihre Erörterungen einbeziehen. Die Verbündeten teilen das Interesse
an der Begrenzung internationaler Krisen, ihrer

Seite 5

�Bewältigung und der Abschreckung von Eskalation sowie gegebenenfalls der Bekämpfung von
Aggression. Ich argumentiere nicht für ein
Engagement der NATO bei solchen Konflikten,
aber einzelne Verbündete werden Teilnehmer
an solchen Operationen sein, und die NATOInfrastruktur könnte eine Machtprojektion erleichtern , wie sie es am Golf so erfolgreich getan
hat. Auch die WEU hat unter Beweis gestellt,
daß sie bei der Koordinierung von Operationen
in bündnisfremdem Gebiet zwischen europäischen Staaten eine nützliche Rolle spielen kann.
In diesem Zusammenhang möchte ich den derzeitigen
Besuch von Generalsekretär Wörner in Japan erwähnen - der erste Besuch dieser Art eines hochrangigen
NATO-Vertreters. Während wir eine Euro-Atlantische
Gemeinschaft erwägen, die sich ostwärts von Vancouver nach Wladiwostok erstreckt und Vorschläge zur
Erörterung eines weltweiten Verbots von in Europa
und darüber hinaus stationierten Systemen unterbreitet werden, müssen wir die Ansichten dieser anderen
Regionen - insbesondere Asiens - berücksichtigen.
Die Perspektive
Wenn wir Bilanz der internationalen Entwicklungen in
den vergangenen Jahren ziehen, gelangen wir heute
abend zu einer sehr positiven Einschätzung, obwohl
zweifelsohne noch Herausforderungen bestehen. Die
seit Jahrzehnten durch rigide ideologische Regime
unterdrückten Völker Osteuropas haben ihr Joch
abgeworfen und sind auf dem Weg zu freien und
demokratischen Gesellschaften. Das kommunistische Organisationsmodell für Gesellschaft, Regierung
und Wirtschaft ist gescheitert, und eine neue Ära der
Ost-West-Kooperation zeichnet sich ab.
Die Entwicklungen in der Sowjetunion seit 1985 haben
eine große Rolle in diesem historischen Prozeß gespielt. Die Fortschritte erfolgten nicht ohne Rückschlä*

Seite 6

ge und Verzögerungen - in jüngster Zeit mit einem
Putschversuch. Es ist noch zu früh, Kurs und Haltung
der zukünftigen sowjetischen Außenpolitik zu umreißen. Wir wissen nicht genau, wie weit die Dezentralisierung in der Sowjetunion gehen wird, und die Beschäftigung mit internen Problemen könnte den Blick
für internationale Themen trüben. Das Scheitern des
Staatsstreichs hat eindeutig den Tagen des sowjetischen Abenteurertums ein Ende bereitet.
Unsere Leistungen der vergangenen Jahre sind eine
wahre Quelle der Hoffnung: der Fall der Berliner
Mauer, die dreißig Jahre lang als Symbol für die brutale
und künstliche Teilung Europas stand, kollektives
Vorgehen zur Niederschlagung der irakischen Aggression und der Trend zu Demokratie und freien Marktwirtschaften in allen Teilen der Welt.
Diese Leistungen wären ohne die politische Solidarität
und das Gefühl militärischer Sicherheit schlicht und
einfach nicht möglich gewesen, das die NATO in den
vergangenen 42 Jahren vermittelt hat. Zu einer Zeit, in
der wir zu Recht die NATO-Strategie überprüfen,
müssen wir auch die Beständigkeit, Geschlossenheit
und Zuverläßligkeit bewahren, die uns dieses Bündnis
gegeben hat.
Die Vereinigten Staaten - eine mit Überflu ß gesegnete
Nation - tragen die Verantwortung, anderen zu helfen,
dasselbe zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, daß wir
uns trotz der realen Herausforderungen in den Vereinigten Staaten weiterhin stark in Europa und im Bündnis engagieren werden.
Und ich bin ebenso zuversichtlich, daß der Beitrag der
NATO zu Frieden und Freiheit eine zentrale Rolle
spielen wird, wenn die Euro-Atlantische Gemeinschaft
ihre bedeutende Position in der sich abzeichnenden
neuen Weltordnung einnimmt. Ich danke Ihnen. Alles
Gute für einen erfolgreichen Verlauf dieser wichtigen
Konferenz.

* * *

*

AMERIKA DIENST 38

�AMERIKA

HEUTE
25. September 1991

EHRENAMTLICHE ARBEIT IN AMERIKA
AUF DEM VORMARSCH
Zentren mobilisieren die Gemeinden

WASHINGTON - (AD) - In Amerika ist es üblich,
ehrenamtliche Arbeit zu leisten, um einem Nachbarn,
einem Freund oder sogar einem Fremden in Not zu
helfen.

ländlichen Gebieten. Viele Organisationen, die zur
Verbesserung der Lebensqualität von Familien beitragen und Nachbarschaftshilfe leisten - das Rote Kreuz,
die Pfadfinder - bestehen aus Freiwilligen."

Einer Untersuchung von Gallup zufolge scheinen
Amerikaner der ehrenamtlichen Tätigkeit nie müde zu
werden. Von 1988-90 hat die Zahl der Erwachsenen,
die freiwillig den weniger vom Schicksal Begünstigten
helfen, um 23 Prozent zugenommen.

Trotz unserer schnellebigen Zeit und der Familien mit
Doppelverdienern finden die Menschen Gallaghan
zufolge Zeit, sich gegenseitig zu helfen - manchmal
auch die ganze Familie. "Die Organisatoren ehrenamtlicher Programme verfügen über sehr gute Führungseigenschaften und sind sich der Tatsache bewußt, daß diese freiwillige Tätigkeit in einem akzeptablen Zeitrahmen geleistet werden sollte", so Gallaghan. "Freiwillige Arbeit kann in gemeinnützigen Organisationen von ungelernten Tätigkeiten bis zu Führungsaufgaben reichen - aber die Organisatoren können diese Arbeit in kleine Teilbereiche zerlegen."

Seit 1990 engagierten sich in Amerika 98,4 Millionen
Erwachsene - 54 Prozent der erwachsenen Bevölkerung - freiwillig in ihren Gemeinden. 1988 waren es
noch 80 Millionen, die angaben, ehrenamtlich zu arbeiten, um anderen zu helfen oder eine gute Sache zu
unterstützen. Der Untersuchung zufolge engagieren
sich insbesondere Jugendliche und Menschen mittleren Alters des Mittelstands sowie schwarze Amerikaner für ehrenamtliche Aufgaben.
Das Verhältnis der Geschlechter ist bei ehrenamtlichen Tätigkeiten etwa gleich. Über die Hälfte der
freiwilligen Helfer üben eine Vollzeitbeschäftigung außer
Haus aus und widmen sich etwa vier Stunden in der
Woche einer selbst gewählten Aufgabe.
Warum arbeiten Bürger ehrenamtlich? Die Leiterin der
Programme beim National Volunteer Center, einer
Organisation mit Sitz in Washington, erklärt, ehrenamtliche Hilfe sei "seit der Kolonialisierung Bestandteil
amerikanischer Geschichte und Kultur. Wir waren
immer eine Nation von einzelnen, die sich zu gemeinnützigen Tätigkeiten zusammenschlössen, zuerst in
den kleinen Städten, dann auf größerer Ebene. Die
meisten der Feuerwehren im Land arbeiten mit Freiwilligen besonders ausgeprägt ist diese Tradition in
AMERIKA DIENST 38

"Amerikaner lieben das Gefühl, persönlich etwas
bewirken zu können," erklärt Gallaghan. "Als Nation
begann unsere Geschichte damit, daß wir uns von
England losgesagt haben. Wir sind traditionell ein Volk
mit der Erfahrung, daß wir das Kommando und die
Verantwortung übernehmen sowie auf lokaler Ebene
oder in unseren Gemeinden Dinge zum Besseren
verändern können, ohne auf den Staat warten zu
müssen.
Den traditionellen ehrenamtlichen Helfer - die nicht
arbeitende Ehefrau mit viel Zeit - "gibt es praktisch
nicht mehr," erklärt Vicki Clark von National Volunteer.
"Der neue ehreamtliche Helfer kann Mann oder Frau
sein, Teenager oder Angehöriger einer Minderheit."
Clark verwies ferner auf jüngste ehrenamtliche Programme in verschiedenen Teilen des Landes, "Habitat
for Humanity", eine Organisation, die Häuser für Arme
Seite 1

�baut oder renoviert, "Shareable Wearables", im Rahmen dessen Arbeitnehmer eines Unternehmens die
Verteilung von Schulkleidung an Kinder organisieren,
Programme wie "Parent Aides", um jungen Eltern zu
helten, die Kurz davor stehen, ihre Kinder zu mißhandeln sowie Helfer für mißhandelte Frauen, die in Frauenhäusern leben."
Andere erfolgreiche Programme sind etwa "Meals on
Wheels", bei dem Freiwillige älteren Menschen heiße
Mahlzeiten liefern, 'Telephone Reassurance", wo ältere Menschen angerufen werden und "Baby Buddies"
für alleinerziehende Mütter. Andere ehrenamtliche
Helfer besuchen Krankenhäuser und Sterbekliniken,
um den Kranken und Sterbenden zu helfen.
"Freiwillige Helfer decken in der Tat fast jeden Aspekt
der Dienstleistungen am Menschen ab", erklärt Gallaghan, "sei es Krankenversorgung, Telephonseelsorge, Hilfe bei Vergewaltigung - all diese Dienste werden
von bezahlten und unbezahlten Arbeitskräften personell unterstützt oder geleitet".
Der Bedarf an Freiwilligen steigt Clark zufolge in Amerika,
weil traditionell kleine Gemeinden größeren weichen
und Familien kleiner werden. Da heutzutage Eltern
und Großeltern selten zusammenleben, verfügt der
einzelne in seinem späteren Leben über weniger hilfroinho Familienbande.
Clark erklärt ferner, viele Freiwillige sind Menschen,
die selbst von ehrenamtlichen Helfern Unterstützung
erfahren haben und nunmehr anderen helfen wollen.
Andere Helfer wollen in neuen Gemeinden Freunde
oder gleichgesinnte Gruppen finden, die sich für spezielle soziale Reformen engagieren. "Für junge Menschen bietet eine freiwillige Tätigkeit die Möglichkeit,
etwas über Berufswege zu lernen und ein Netz von
professionellen Kontakten zu knüpfen."
"Freiwillioe Tätigkeit kann das Gefühl der Befriedigung, etwas geleistet zu haben und Teil einer Gemeinschaft zu sein, vermitteln," erklärt Gallaghan. "Es
macht Spaß, weil man mit seiner Arbeit tatsächlich
etwas bewirkt."
Seit über zwanzig Jahren leistet Gallaghan zufolge
The National Volunteer Center technische Hilfe und
liefpti Informationen für ein Netz von (jetzt) etwa 400
autonomen Zentren im ganzen Land. Diese Zentren

versuchen ehrenamtliche Tätigkeiten in einer Gemeinde zu koordinieren. Organisationen freiwilliger Helfer
können - so Clark - groß sein, wie die Ortsgruppen der
Pfadfinder oder "so klein, daß sie von Schulen oder
Kirchen gebildet werden".
"Das Gute an ehrenamtlicher Arbeit ist, da ß sie auf die
Bedürfnisse der einzelnen Gemeinde eingeht," fügt
Clark hinzu. Die Organisationen des National Volunteer Center streben Verbindungen zwischen den 400
Zentren und lokalen "Geschäftsleuten, Kirchenvertretern und Stadtvätern an - all den Menschen, die
zusammenkommen sollten, damit freiwillige Arbeit
Gewicht erhält." Die Zentren finanzieren sich durch
eine Mischung von karitativen Stiftungen, einzelnen
Spenden, Mitgliedsbeiträgen sowie Zuschüssen der
Kommunen und der Bundesregierung.
Der frühere Gouverneur von Michigan und Vorsitzende von National Volunteer, George Romney, konstatiert, daß lokale Zentren und koordinierte Bestrebungen für ehrenamtliche Tätigkeit in den letzten 25
Jahren stark zugenommen haben. "Viele Institutionen
in diesem Land könnten ohne Freiwillige nicht funktionieren," erklärt Romney.
Richard F. Schubert, dem Präsidenten der Stiftung
"Points of Light", zufolge helfen die ehrenamtlichen
Helfer von heute Probleme zu bekämpfen wie "Drogenmißbrauch, Schwangerschaften von Minderjährigen, Hunger, Obdachlosigkeit, Mißbrauch von Erwachsenen und Kindern, Analphabetismus - wir müssen uns auf Probleme konzentrieren, von denen jeder
weiß, daß sie uns wirklich bewegen." Romney erklärt,
seine nationale Organisation hoffe - aufgrund der
Kombination mit 'Points of Light' - zu einer nationalen
"Anlaufstelle für lokale Zentren und Gemeindevertreter zu werden, welche Arten freiwilliger Tätigkeiten für
Gemeinden im ganzen Land effektiv sind".
Ehrenamtliche Helfer mögen nicht alle sozialen Probleme lösen, aber diejenigen, die das oftmals tun,
entwickeln ein starkes Engagement, um ihren Gemeinden zu helfen. "Die effektivste Methode der
Problemlösung auf Erden ist in den meisten Fällen die
Bereitschaft der Menschen, sich zusammenzuschließen, um das zu tun was getan werden muß," stellt
Romney fest.

* *

Seile 2

*

AMERIKA DIENST 38

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                <text>&lt;strong&gt;1. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: einmalige Chance für weltweite Zusammenarbeit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten bei der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hispano-Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Kubaner wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor Hispano-Amerikanern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue Weltordnung - die Konsequenzen für das Bündnis &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kimmitt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Amerika Heute&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ehrenamtliche Arbeit in Amerika auf dem Vormarsch &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zentren mobilisieren die Gemeinden&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. September 1991

37

KSZE

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG FÜR
SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS
DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die
Menschliche Dimension

MENSCHENRECHTE

VIELE LANDER VERLETZEN IMMER NOCH
MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell

:

BIOLOGISCHE WAFFEN

KONFERENZ KANN REGIME FÜR BIOLOGISCHE
WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman

AMERIKA HEUTE

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
18. September 1991

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG
FÜR SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE
MOSKAU - (AD) - In seiner Rede bei der KSZE in Moskau erklärte US-Außenminister Baker am 11. September
1991, der Westen werde das sowjetische Volk in seinem Bestreben zum Aufbau von Demokratie und freien
Marktwirtschaften unterstützen. Baker erklärte, seine Botschaft an alle Bürger und Politiker der Sowjetunion sei
einfach: "Der Mut, den Sie im August bewiesen haben, muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer
und wirtschaftlicher Freiheit festigen."
Bush forderte die Sowjets auf, fünf Grundprinzipien zu folgen:
die Zukunft der Sowjetunion friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahrensweisen
zu gestalten,
bestehende innere und äußere Grenzen zu achten,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen,
Menschenrechte zu achten, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und einschließlich der
Gleichbehandlung von Minderheiten,
Wahrung des Völkerrechts und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Rede im Wortlaut.

*
«.

Als ich vor etwa einem Jahr beim KSZE-Treffen in
Kopenhagen sprach, erblickte ich um mich herum das
sich verändernde Gesicht Europas. Am Tisch versammelt waren Vertreter aus einer sich reformierenden
Sowjetunion, aus beiden zwei Monate vor ihrer Vereinigung stehenden Teilen Deutschlands und aus den
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas.
In den letzten Monaten ist die Umwandlung Europas
ohne Unterlaß fortgeschritten. Die schwierige Aufgabe der Konsolidierung von Demokratie und Einführung
der Marktwirtschaft wird in ganz Mittel- und Osteuropa
zunehmend gelöst. Deutschland ist vereinigt, und
Albanien hat sich geöffnet. Estland, Lettland und
Litauen, die vor fünfzig Jahren gewaltsam ihrer Unabhängigkeit beraubt worden waren, konnten schließlich
ihren rechtmäßigen Platz in unserer Mitte einnehmen.
Aber nicht alle Veränderungen in Europa sind so
friedlich verlaufen. Wir sind nach wie vor tief betrübt
und besorgt über das tragische Blutvergießen in Jugoslawien. Denjenigen, die auf Bedrohung oder Einsatz
von Gewalt bestehen, sagen wir: Dies bringt keine

AMERIKA DIENST 37

Ehre, keine dauerhaften Vorteile, keine Zukunft. Sie
können Wohlstand und Sicherheit für Ihr Volk nicht mit
Gewalt erreichen. Sie können nur einen Sturm von
Elend, Aufruhr und Verlust ernten.
Ich möchte allen Teilnehmern eindeutig erklären - vor
allem der serbischen Führung und der jugoslawischen
Bundesarmee -, daß sie sich mit jedem Einsatz von
Gewalt immer weiter vom neuen Europa isolieren und
die Kosten für ihr Volk über die gegenwärtige ernste
Wirtschaftskrise hinaus erhöhen. Wir bezweifeln, daß
die Völker Jugoslawiens den hohen Preis des politischen und wirtschaftlichen Exils tatsächlich bezahlen
wollen. Gemeinsam mit anderen KSZE-Mitgliedern
bekräftigen wir voll und ganz unsere Unterstützung für
die anhaltenden Bestrebungen der Europäischen
Gemeinschaft, einen echten Waffenstillstand und
politische Schlichtung zu erzielen. Wir fordern alle
Teilnehmer auf, den Abgrund der Gewalt zu verlassen,
in den sie in jüngster Zeit abgestiegen sind und die
Gelegenheit für den Frieden zu ergreifen. Der Rest
Europas bewegt sich in Richtung auf politische und
wirtschaftliche Freiheit.

Seite 1

�Leitlinien für demokratische Maßnahmen
Niemand schreitet energischer voran als die Völker der
Sowjetunion. Für die Völker dieses Landes ist tatsächlich das Zeitalter der Demokratie angebrochen. Und
gemeinsam mit Ihnen freut sich das amerikanische
Volk über diese Entwicklung. Hier in Moskau atmen wir
den warmen Wind der neugewonnenen Freiheiten.
Wir sollten uns jedoch darüber im klaren sein, daß
schwierige Wintermonate vor uns liegen und der Frühling noch fem ist.
Die Menschen in diesem großen Land stehen in den
nächsten Wochen und Monate vor großen Herausforderungen. Aber zum ersten Mal nach Jahrzehnten der
Diktatur und Planwirtschaft weiß jeder einzelne Bürger, da ß er allein alle wichtigen Entscheidungen treffen
muß. Jeder Bürger der Sowjetunion hat jetzt die
einmalige Chance, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Wie die Menschen in diesem Land sich den
kommenden Herausforderungen stellen werden, wird
sicherlich Beweis dafür sein, wie stark ihr Engagement
für demokratische Werte ist. Der Umfang, die Tragweite und die Konsequenzen der von den Bürgern
dieses Landes jetzt getroffenen Entscheidungen sind
in der Tat einmalig. Aber bei ihrer Gestaltung der
Zukunft stehen sie nicht ohne Leitlinien oder ohne
Maßstab für die übernommene Verantwortung da.
In dieser Zeit der Veränderungen in allen Bereichen
des Lebens in der Sowjetunion sollten wir diese Gelegenheit ergreifen, um uns an alle Bürger und Politiker
der Sowjetunion zu wenden. Meine Botschaft ist
einfach: Der Mut, den Sie im August bewiesen haben,
muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer und wirtschaftlicher Freiheit festigen. Bei Ihrer
Arbeit am Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft
wird Ihnen der Westen zur Seite stehen. Der Weg von
Ihnen ist vorgezeichnet durch dauerhafte Grundsätze
und allgemeine demokratische Prinzipien, die Ihnen
helfen, die Herausforderung der Veränderungen friedlich und rechtmäßig zu bewältigen.
Ich fordere Sie insbesondere auf, sich von fünf Grundprinzipien leiten zu lassen.
Erstens ist es wichtig, daß Sie die Zukunft dieses
Landes friedlich gestalten, im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahren sowie den Prinzipien der
Schlußakte von Helsinki. Wenn Ihre Zielsetzung eine
erfolgreiche Demokratie ist, werden Sie genau das tun.
Einschüchterung, Illegalität und Gewalt sind nicht Helfer
der Demokratie sondern Vorboten der Diktatur. Ebenso wie Sie die Panzer niedergezwungen haben, sollten
Sie diesem Übel der Intoleranz ins Auge blicken.
Zweitens fordern wir alle auf, bestehende innere und
äußere Grenzen zu respektieren. Jede Veränderung
der Grenzen sollte nur rechtmäßig mit friedlichen
Mitteln des Konsens und im Einklang mit den Prinzi-

Seite 2

pien dieser Institution vorgenommen werden. Die
jüngst von einigen Republiken getroffenen Vereinbarungen unterstreichen diesen Grundsatz. Die Alternative wäre eine Spirale der Instabilität. Autarkie, Abstecken des Terrains und die Androhung des Einsatzes von Gewalt für territoriale Gewinne können keine
legitimen Elemente der neuen euro-atlantischen
Gemeinschaft sein. Die Geschichte Europas ist nur
allzu voH von Beispielen, wie ein solch unverantwortliches Verhalten auf diesem Kontinent ungeheures Leid
angerichtet hat.
Drittens fordern wir nachdrücklich Unterstützung für
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir fördern friedliche Veränderungen lediglich durch ordnungsgemäße
demokratische Verfahren, insbesondere Wahlen. Dr.
Sacharow hat oftmals erklärt: Demokratische Mittel
sind der einzige Weg zur Demokratie. Das KSZE-Büro
für freie Wahlen, von dem wir hoffen, daß es bald ein
Büro für demokratische Institutionen wird, kann bei
diesen Bestrebungen eine konstruktive Rolle spielen.
Viertens fordern wir Sie auf, Menschenrechte zu achten, auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten. In einer erfolgreichen pluralistischen Gesellschaft
- und ganz sicher in einem multinationalen System befindet sich jeder Bürger zu einer bestimmten Zeit
oder im Hinblick auf ein bestimmtes Thema einmal in
der Minderheit. Thomas Jefferson hat vor 200 Jahren
bei seinem Amtsantritt folgendes gesagt: Obwohl der
Wille der Mehrheit in allen Fällen zum Tragen kommen
muß, muß dieser Wille um seiner Rechtmäßigkeit
willen vernünftig sein. Die Minderheit besitzt das
gleiche Recht, das Gesetze schützen müssen. Verletzungen wären Unterdrückung. Im Einklang mit in
Kopenhagen und Genf eingegangenen Verpflichtungen müssen Politiker auf allen Regierungsebenen den
Haß gegenüber Rassen und Minderheiten, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung sowie
die Verfolgung aufgrund von Religion oder Ideologie
ausdrücklich verurteilen.
Fünftens möchten wir Sie auffordern, das Völkerrecht
und internationale Verpflichtungen zu respektieren,
insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der
Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta. Dies
wird Sie am besten auf den Beitritt zum demokratischen Staatenbund vorbereiten. Das Recht der Mitgliedschaft in diesem Staatenbund ist kein Amt, das
mit Macht verbunden oder geographisch bestimmt ist.
Es ist ein Bund von Werten - gemeinsamen Werten.
Die fünf Prinzipien verkörpern diese gemeinsamen
demokratischen Werte. Sie repräsentieren den Weg
in Richtung auf eine neue Zukunft, auf die Vollmitgliedschaft im demokratischen Staatenbund. Deshalb möchte
ich heute hier in Moskau die Forderung wiederholen,
die ich bereits vor einer Woche aufgestellt habe: Ich

AMERIKA DIENST 37

�fordere alle Politiker auf allen Regierungsebenen auf,
ihre Unterstützung für diese fünf Prinzipien zu bekunden. Darüber hinaus fordere ich alle KSZE-Mitglieder
auf, dasselbe zu tun.

Aus diesem Grund erachtet es meine Regierung als
unabdingbar, daß wir die durch dieses Moskauer Treffen
gebotene Möglichkeit einer gründlichen Überprüfung
der Verwirklichung voll und ganz nutzen.

Die KSZE ist nicht durch Panzer geteilt. Statt dessen
verfügen wir über die moralische Autorität, die sich aus
Prinzipien wie diesen ergibt. Wir konnten auf den
Straßen dieser Stadt vor drei Wochen beobachten,
daß Menschen, die mit Prinzipien bewaffnet sind,
Panzer überwinden können.

Insbesondere hoffen wir, daß bei diesem Treffen der
vom mir im Juni in meiner Berliner Rede unterbreitete
Vorschlag verabschiedet wird, das Büro für freie Wahlen
zu einem Büro für demokratische Institutionen zu
erweitern. Darüber hinaus würden wir die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Stärkung des Mechanismus der menschlichen Dimension begrüßen, damit die
KSZE Menschenrechtsfragen besser lösen kann, auch
diejenigen, die nationale Minderheiten betreffen. Unser
Ansatz sieht die Schaffung eines Schlichtungsgremiums vor, mit dem der KSZE größere Möglichkeiten
und Flexibilität zur Bewältigung der vordringlichsten
Probleme verliehen wird.

Diese Prinzipien sind nicht nur Leitlinien, sondern auch
Maßstäbe für übernommene Verantwortung. Die
Verfechter dieser Prinzipien sollten wissen, daß sie die
einzig sichere Basisfür unsere Unterstützung und Hilfe
aufbauen - ein gemeinsames Band, das durch dauerhafte Werte gefestigt wird. Diejenigen, die diesen
Prinzipien keine Beachtung schenken, die unverantwortlich die Rechte anderer mit Füßen treten während
sie ihre eigenen Pflichten vernachlässigen, sollten
eines wissen: sie riskieren gute Beziehungen und
Unterstützung von außen, wenn ihr Vorgehen die
Grundregeln unterminiert, auf denen Demokratie und
die KSZE basieren.
Das Moskauer Treffen über die menschliche Dimension
Ich möchte mich nunmehr der Tagesordnung dieses
Treffens zuwenden. Das Treffen in Moskau ist keine
Gelegenheit, sich ständig selbst auf die Schulter zu
klopfen. Diejenigen, die den Staatsstreich erfolgreich
niedergeschlagen haben, wissen nur allzugut, daß
Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Verfahren hier in der Sowjetunion erst
noch vollständig Fuß fassen müssen. Es kann keine
deutlicheren Hinweise geben, wie gut dies verstanden
wird, als die Tatsache, daß eine der ersten Maßnahmen des Außerordentlichen Kongresses der Volksdeputierten die Verabschiedung einer Erklärung über
Menschenrechte und Grundfreiheiten war - die erste
Erklärung dieser Art in der Geschichte der Sowjetunion.
Auch in Mittel- und Osteuropa wird die harte Arbeit an
der Demokratie fortgesetzt. Auch hier besteht die
größte Herausforderung für Bürger und Regierungen
gleichermaßen in der Verwirklichung der KSZE-Verpflichtungen zur menschlichen Dimension.
Seit zwei Jahrhunderten messen wir Amerikaner der
Umsetzung unserer Bill of Rights in die tägliche Praxis
höchste Priorität bei, und wir wissen, daß gute Absichten und hehre Worte auf Pergament - obwohl sie ein
ausgezeichneter Anfang sind - nicht die Demokratie
ausmachen. Demokratie leitet ihre Existenz vom
Bürger ab. Entsprechend ist der KSZE-Prozeß nur so
bedeutsam wie die positiven Auswirkungen, die er auf
das Leben unserer Völker haben kann.

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Im Juni habe ich in Berlin ferner größeres Engagement
der KSZE vorgeschlagen, um die Umstrukturierung
der Rüstungsindustrie voranzubringen und die potentiellen Migrationsprobleme in Europa in den Griff zu
bekommen. Wir sehen einer Erörterung dieser Vorschläge gerne entgegen und hoffen, Fortschritte bei
konkreten Maßnahmen in diesen Bereichen erzielen
zu können.
Wir sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept zur
Umsetzung demokratischer Prinzipien in die Praxis
gibt, das für alle Zeiten, Orte, Menschen und unter
allen Umständen gültig ist. Durch die vernünftige und
entschlossene Suche nach Lösungen von Bürgern
und ihren gewählten Vertretern erhalten Demokratien
jedoch Reife und Legitimität in den Augen ihrer Bürger
und der internationalen Staatengemeinschaft.
Helden unserer Zeit
Diese Suche wurde vor drei Wochen ernsthaft begonnen. Es ist eine Suche, bei der wir alle Worte der tiefen
Anerkennung für abwesende Verfechter der Menschenrechte und für diesen Prozeß zum Ausdruck
bringen müssen. In ihrem Poem Wlthout a Hero hat
die große russische Dichterin Anna Aichmatowa die
tiefgreifenden Ereignisse ihrer Zeit nachvollzogen, als
es ihr bestimmt war, Revolution, Bürgerkrieg, Terror
und Invasion zu erleben. Das Gedicht beginnt am
Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913 - dem ersten
Jahr dessen, das Aichmatowa "nicht als den Kalender
sondern das echte 'zwanzigste Jahrhundert'" bezeichnet - ein Jahrhundert des Aufruhrs und menschlicher
Tragödien ungekannten Ausmaßes. Zwangsläufig
endet das Gedicht melancholisch.
Leider lebte Aichmatowa nicht lange genug, um das
Zeitalter der Demokratie in ihrem leiderprobten Heimatland mitzuerleben. Und auch zahllose Millionen
konnten es nicht mehr erleben, für die ihre Gedichte
Zeugnis menschlichen Leidens und der Würde des

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�menschlichen Geistes sind. Sie kamen zu spät für die
11 Helsinki-Beobachter, die in sowjetischen Gefangenenlagern oder ausländischem Exil umkamen und vor
ihrem Tod lange Jahre der Verfolgung für die Verteidigung der Menschenrechte erdulden mußten. Es kam
auch für Sacharow und für die drei jungen Männer zu
spät, die erst letzten Monat bei der Verteidigung der
demokratischen Prinzipien der Menschen gegen Panzer
ihr Leben ließen. All diese mutigen Männer und
Frauen haben die Ankunft der Demokratie beschleunigt. Sie sind die wahren Helden unserer Zeit.

Mut und ihren Opfern gerecht wird. Gemeinsam
können wir einen wertvollen Beitrag zur Konsolidierung der Demokratie für die Menschen in der Sowjetunion und ganz Europa leisten. Durch unsere Bestrebungen können wir dazu beitragen, 1991 zum ersten
echten Jahr des 21. Jahrhunderts zu machen - einem
Jahrhundert, das, so hoffen wir, einem neuen Europa,
einem neuen AtJantizismus und einer neuen auf menschliche und demokratische Werte, florierende Marktwirtschaften und friedliche internationale Beziehungen
gegründeten Weltordnung den Weg bereiten wird.

Ich denke, es ist nur angemessen, wenn ich diese
Ausfühlungen heute mit dem Appell abschließe, daß
unsere Arbeit hier in Moskau ihren Hoffnungen, ihrem
* *

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*

AMERIKA DIENST 37

�KSZE
18. September 1991

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die Menschliche Dimension
MOSKAU - (AD) - Der Leiter der US-Delegation bei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension,
Botschafter Max Kampelman, erklärte, "die Veränderungen in Europa haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die (...) Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervorbringen. Sie erinnern uns an die
alten schrecklichen Tage, die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und
Diplomaten in Europa und Nordamerika."
Kampelman würdigte die "kontinuierlichen und erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von Helsinki
während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens", und verwies in seiner Rede beim Moskauer Treffen am 16.
September 1991 auf die neue wachsende Besorgnis der KSZE-Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist verständlich, daß unsere Minister - und auch wir
- eine tiefe Befriedigung über die kontinuierlichen und
erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von
Helsinki während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens
empfinden. Die Worte, die diese Räume in der ersten
Woche unserer Zusammenkünfte erfüllen, haben diesen Leistungen und dem Wendepunkt der Geschichte,
der uns hierher geführt hat, Tribut gezollt. Dieses Land
und diese Stadt verkörpern heute das unermüdliche
Bestreben, die Unterdrückung des Menschen zu beenden und die Stärke, Vitalität und Widerstandskraft
von Demokratie und menschlicher Würde anzuerkennen.
Ich möchte heute nachmittag hier nicht die Worte
wiederholen oder mit den Reden wetteifern, die wir
gehört haben. Ich möchte auch nicht unsere Befriedigung und unser berechtigtes Eigenlob auf die Probe
stellen. Ich möchte vielmehr daran erinnern, daß es
neue und andere Empfindungen und Anliegen gibt, die
erkannt und geäußert werden müssen, wenn wir gegenüber uns selbst, unseren Hoffnungen und unserer
Aufgabe ehrlich sein wollen.
In einem Europa, das heute freier und demokratischer
ist, sind Freiheit und Menschenrechte allgemein als
unerläßlich für die Erlangung von Sicherheit und Stabilität anerkannt. Dennoch erfahren wir Qualen, Unruhen, Mißstimmungen und Teilung - die alle unser
Empfinden von Sicherheit und Stabilität untergraben.
Es ist, als ob unser Staatsgefüge zunehmende Qualen

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erleidet, ebenso wie der menschliche Körper Schmerz
empfindet, wenn er sich entwickelt und älter wird. Das
ist beunruhigend, unbequem und störend.
Die Veränderungen in Europa - vielfach positiv oder
ehrenvoll, oftmals auch destruktiv und bedrohlich haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die
jahrelang künstlich oder rücksichtslos unterdrückt
wurden. Es sind diese destruktiven Gefühle, die uns
heute Anlaß zur Besorgnis geben. Sie bringen Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervor. Sie erinnern uns an die alten schrecklichen Tage,
die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und Diplomaten in Europa und
Nordamerika.
Die Gewalt in Jugoslawien hat bereits tiefgreifende
und wichtige Auswirkungen auf den KSZE-Prozeß und
die hier stattfindenden Beratungen. Die Politiker in
diesem unglücklichen Land, insbesondere in Serbien,
die für diese Gewalt verantwortlich sind, verursachen
einen Prozeß, der sie und ihre eigennützigen Ziele bald
in einer Art und Weise mitreißen wird, die außerhalb
ihrer Vorstellungskraft liegt. Ich stelle fest, daß Menschen und Diplomaten innerhalb der KSZE zunehmend verärgert und unsere politisch Verantwortlichen
zunehmend frustriert sind, weil sie Zeuge werden, wie
Menschen ihre Nachbarn in einem sinnlosen Ausbruch
von Gewalt mitten in unserereuropäischen Staatengemeinschaft umbringen.
Verantwortungsbewußte Politiker in Europa wollen,
daß es ihren Völkern gut geht und sie die Freiheit der
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�Demokratie genießen. Sie wollen die von ihnen regierten Völker die wirtschaftlichen Früchte dessen ernten
lassen, was Menschen infolge der Revolutionen in
Wissenschaft, Kommunikation und Industrie erreicht
haben, die den Menschen ungeheure neue Möglichkeiten für ihre Erfüllung und ihren Wohlstand eröffnet
haben. Die veranwortungsbewußten Politiker von
heute haben hart und kreativ gearbeitet, um eine
europäische Staatengemeinschaft hervorzubringen,
die gewaltlos, integrativ und koordiniert ist und das
Leben der Menschen in ihr produktiv verbessert. Wir
können nicht zulassen, daß der archaische, engstirnige und gewalttätige Nationalismus in Jugoslawien die
jetzt schnell entstehende Ordnung mit ihrem Potential
zur Verwirklichung vieler unserer Hoffnungen bedroht.
Die Erfahrung in Jugoslawien dient als frühes Warnzeichen, daß Gewalt innerhalb der KSZE inakzeptabel ist
und nicht zugelassen oder geduldet werden darf.
Ich bin zuversichtlich, daß dieses Treffen ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringt, Schritte ins 21.
Jahrhundert zu unternehmen und nicht in ein finsteres
Zeitalter zurückzufallen. Wir werden das vorsichtig
tun, ohne auf irgendeine Weise die grundlegenden
Prinzipien der Integrität und des gegenseitigen Respekts zu gefährden oder zu unterminieren, die so
effektiv zu unserer Stärke beigetragen haben. Europa
muß sich energisch und kontinuierlich in Richtung auf
eine internationale Staatengemeinschaft bewegen, in
der unsere Länder und Kulturen ihre gemeinsamen
Werte und Reichtümer, ihre Traditionen und Erfahrungen zu einer Gesellschaft beitragen, in der die Würde
des Menschen betont wird.
Es gibt ein direkt damit zusammenhängendes Anliegen, das die Aufmerksamkeit dieses Gremiums verdient. Das Verschwinden des Kommunismus in diesem Land wird von allen begrüßt. Eine neue Struktur
der Regierung wird geschaffen. Unter enthusiastischer Zustimmung unserer Regierung und der anderen hier versammelten Länder wurde dadurch unsere
Zahl erhöht. Wir sind jetzt nicht mehr 35 sondern 38.
Das bringt uns jedoch auf den Gedanken, daß die Zahl
38 nicht das Ende des Prozesses darstellen könnte.
Was bedeutet das? Würde sich eine KSZE aus 40,45
oder noch mehr Mitgliedern nicht von einer KSZE mit
35 Mitgliedern unterscheiden? Würden weitere Zugänge eine Veränderung im Verhältnis untereinander,
im Ansatz, einem möglichen Sinneswandel und vielleicht beim Engagement bewirken? Wir müssen über
die Auswirkungen solcher potentiellen Herausforderungen ernsthaft nachdenken.
Die Sowjetunion wird ein anderes Land mit einer neuer
politischen Definition. Die konstruktiven und stimulierenden Ansprachen von Präsident Gorbatschow, vom
Präsidenten der russischen Republik Jelzin und Außenminister Pankin, die wir vergangene Woche in
diesem Saal vernommen haben sowie die Zusammensetzung der sowjetischen Delegation haben uns mit

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einer gewissen Aufregung erfüllt, weil wir einen echten
und entschlossenen Schritt in Richtung auf Demokratie in diesem großen Land beobachten. Die Menschen
und Regierungen dieses Landes bewegen sich mit
Riesenschritten vorwärts, aber wir müssen erkennen,
daß es sich dabei um Riesenschritte ins Unbekannte
handelt.
Man kann es wohl als tragisch bezeichnen, daß die
Zentralregierung derSowjetunion so rücksichtslos und
brutal war. Die vielen Millionen, die nie die Möglichkeit
hatten, ihre nationalen, ethnischen und religiösen Traditionen und Hoffnungen auszudrücken und zu verwirklichen, fühlten sich dieser Zentralregierung völlig
entfremdet. Bei der ersten Gelegenheit - und diese
Gelegenheit ist jetzt - sind sie nur allzu bestrebt, sich
von dieser Zentralregierung loszusagen und stehen
ihrem veränderten Image skeptisch gegenüber. Das
ist verständlich, aber wenn die Republiken dieses
Landes größere Selbstbestimmung erreichen, werden
sie nicht die Gelegenheit verstreichen lassen, die
lebhaften Farben ihrer eigenen Kulturen zu einem
farbenprächtigen Regenbogen beizutragen, der sich
über das ganze Land erstreckt und den Himmel erhellt.
Die Völker der Sowjetunion haben diese Chance für
eine bessere Zukunft, wenn sie sich von den Fesseln
alter Haßgefühle und engstirniger Bigotterie befreien
können. Dieses Land kann zu "Vereinigten Nationalitäten in Miniatur" werden und der Welt ein Beispiel
geben.
Wir werden durch eine Reihe demokratischer Entwicklungen in den Republiken ermutigt. Das Parlament der
Ukraine hat nach seiner Unabhängigkeitserklärung
alle politischen Gefangenen freigelassen, und seine
Erklärung beinhaltet eine Klausel zum Schutz der
Rechte und Freiheiten aller Völker, die innerhalb der
Grenzen leben, nicht nur der Ukrainer selbst. Die
russische Republik liefert ständig dramatische Beweise ihres Engagements für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politischen Pluralismus. Wir sind sehr
zuversichtlich, daß sie der Versuchung einer verordneten autoritären Regierung widerstehen kann. Moldawien und Armenien haben die wichtigsten internationalen Menschenrechtsdokumente verabschiedet und
ratifiziert. Darüber hinaus haben eine Reihe von
Republiken parlamentarische Menschenrechtsausschüsse gebildet und bilaterale Abkommen zum Schutz
der Rechte von Minderheiten geschlossen.
Wir dürfen jedoch nicht andere Faktoren außer acht
lassen, die uns Sorge bereiten. Wir können zum
Beispiel nicht glücklich über eine Wahl in Aserbaidschansein, wo der Wahlvorgang nur einen Präsidentschaftskandidaten hervorbringt. Wir lesen, daß Usbekistan repressive Maßnahmen gegen demokratische
Kräfte ergreift. Repression wird gegen politische Aktivisten in Weißrußland eingesetzt. Morde an Osseten
in Georgien sind weiterhin inakzeptable offensichtliche
Verletzungen der KSZE-Bedingungen. Tatsächlich

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�scheinen die unerklärlichen Stellungnahmen des
georgischen Regierungschefs die Kernpunkte der KSZEPrinzipien über ethnische Minderheiten herauszufordern. Die Beschränkungen fundamentaler Freiheiten,
sogar der lokalen Bevölkerung Georgiens steht im
Gegensatz zu all dem, was wir mit der Unterzeichnung
der Pariser Charta zu erreichen hofften.
Zunehmende Gewalt verbunden mit Ausweisungen
und Verfolung von Armeniern in Nagomy-Karabach
haben zu einem Aufschrei von Menschenrechtsgruppen in meinem Land und andernorts geführt. Meine
Regierung steht hinter diesem heftigen Protest. Wir
nehmen die Kommentare des Außenministers von
Aserbaidschan vom sowjetischen Sitz in dieser Versammlung zur Kenntnis, sie rechtfertigen jedoch in
keiner Weise die zunehmende Gewalt. Wir verurteilen
alle Gewalt in der Region und fordern die Parteien auf,
von allen Aktionen abzusehen, die zur Verschärfung
dieser Krise beitragen. Wenn die Parteien Teil von
Europa werden wollen, müssen sie die Streitigkeiten
auf dem Verhandlungswege und nicht durch bewaffnete Gewalt - weder auf lokaler noch auf Ebene der
Zentralregierung - lösen.
Wir sind uns ferner bewu ßt, daß keine der Republiken
ethnisch homogen ist. Wir wissen beispielsweise, daß
rund 30 Millionen Russen außerhalb Rußlands in diesen Republiken leben, und ihre Menschenrechte müssen
respektiert werden. Das Problem der Flüchtlinge im
Inland und ihrer häufig erlittenen Diskriminierung verschärft sich. Wir sind uns bewußt, daß die Tradition
der Menschenrechte in einer Reihe von Republiken
keine tiefen Wurzeln hat. Wir fragen uns daher, ob die
Auswanderungspolitik national gehandhabt oder auch
auf der Ebene der Republiken wirksam wird. Bei der
sowjetischen Auswanderungspolitik konnten entschiedene Verbesserungen beobachtet werden, auch wenn
die neue Gesetzgebung in einigen Bereichen noch
unzulänglich ist. Können wir davon ausgehen, daß die
Republiken diese und andere Prinzipien und Werte
des Helsinki-Prozesses respektieren?
Wir hoffen, daß die neue Landkarte der ehemaligen
Sowjetunion bald fest umrissen sein wird, ich gehe
jedoch davon aus, daß es Zeit erfordern wird, bis die
Linien endgültig gezogen sind. Sobald die Euphorie
der Unabhängigkeit in die richtige Perspektive gerückt
ist, muß diese Energie und Kreativität in eine nüchterne Konfrontation mit wirtschaftlichen und politischen
Realitäten münden. Die neue politische Identität dieses Landes muß in seinem wie auch in unserem
Interesse mit dem übrigen Europa beim Streben nach
wirtschaftlicher Integration und politischer Koordination sowie der Unterstützung unserer gemeinsamen
Werte gleichziehen, wie sie in den historischen Dokumenten der KSZE verankert sind.
Es ist angemessen, daß diese und andere bei diesem
Treffen abgegebene Erklärungen sich auch auf die
Entwicklungen in diesem Land konzentrieren. Das
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Thema wurde uns vom Präsidenten der Sowjetunion in
seiner Eröffnungsansprache vor unseren Delegationen vorgegeben. Unsere offiziellen und inoffiziellen
Diskussionen sind jedoch über diesen Rahmen hinausgegangen. Wir haben eine konstruktive Bestandsaufnahme vorgenommen, wie unsere in Helsinki, Wien
und Kopenhagen eingegangenen und anderen Verpflichtungen zur menschlichen Dimension eingehalten
wurden und blicken jetzt voll Hoffnung in die Zukunft.
Eine Reihe der hier anwesenden Delegationen haben
die beachtlichen Fortschritte zur Demokratie festgestellt und gewürdigt, die Bulgarien in den vergangenen
zwei Jahren erzielt hat. Es gibt zahlreiche Beweise,
daß die bulgarische Regierung entschlossen ist, diesen schwierigen Weg zu einer fest verankerten Demokratie zu Ende zu gehen. Gleichzeitig stimmen wir
denjenigen zu, die mit Besorgnis die neuen verfassungsmäßigen Bestimmungen Bulgariens zur Kenntnis genommen haben, die auf ethnische oder religiöse
Zugehörigkeit gegründete politische Gruppierungen
verbieten. Wir bringen diese Besorgnis zusammen mit
unserer Würdigung der konstruktiven Beiträge der
bulgarischen Delegation zu unserer Debatte zum
Ausdruck. Die nächsten Wahlen in Bulgarien finden
am 13. Oktober statt. Das Land hat immer noch Zeit,
seine KSZE-Verpflichtungen zu erfüllen, und wir sind
erfreut über die vom Leiter der bulgarischen Delegation artikulierten Schritte in diese Richtung.
Den Albanern im Kosovo werden immer noch ihre

Rechte vorenthalten, und wir sind weiterhin empört
über die Gewalt, die ihnen und ihren Rechten angetan
wird. Es gibt keine Rechtfertigung für die Entscheidung Serbiens, mit Gewalt zu herrschen. Damit wird
nur Haß und andauernde Gewalt geschürt. Es ist an
der Zeit für die serbische Führung, menschliche Züge
anzunehmen, damit sie ihr Volk über die Schwelle ins
21. Jahrhundert führen kann.
In zu vielen unserer Mitgliedstaaten beobachten wir
immer noch Antisemitismus und Intoleranz gegenüber
Zigeunern. In einem auf die Pariser Charta gegründeten Europa gibt es keinen Raum für diese empörenden
Demütigungen.
Am Freitag hat die türkische Delegation für uns eine
Bilanz der Bestrebungen ihrer Regierung zur Beendigung der Verletzung von Menschenrechten vorgenommen, die dort stattgefunden haben. Brutalität und
Folterungen durch die Polizei finden immer noch allzu
häufig statt. Diese und ähnliche Vorfälle der Gewalt
durch Aktionen oder Untätigkeit seitens der Regierung
fügen dem Ruf der Türkei in der internationalen Staatengemeinschaft unnötigen Schaden zu. In diesen
Tagen dramatischer Veränderungen und wachsender
Erwartungen hat die Türkei eine Chance, eine internationale Führungsrolle zu übernehmen. Die Vereinigten
Staaten haben in jüngster Ziet selbst Erfahrungen mit
der Brutalität der Polizei gemacht. Aus diesem Grund
waren wir erfreut über die zunehmenden Bestrebun-

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�gen der Türkei, ihre Polizisten zu Seminaren und
anderen Fortbildungsmaßnahmen zu entsenden, damit
die Polizei ihre Verantwortung in einer demokratischen
Gesellschaft lernt. Darüber hinaus würden wir die
Verabschiedung der von der Regierung vorgeschlagenen Gesetzgebung begrüßen, den Zeitraum der Inhaftierung bei einer Festnahme von 15 auf 4 Tage zu
verkürzen und bei der Verhaftung das Recht auf einen
Anwalt zu garantieren. Dies steht im Einklang mit den
Kopenhagener Prinzipien.
Herr Vorsitzender, mit diesen Anliegen und den vor
Ihnen aufgezeigten Perspektiven setzt die amerikanische Delegation große Erwartungen in dieses Mos-

*

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*

kauer Treffen. Wir werden alle Bestrebungen unterstützen, unsere gemeinsamen Ziele voranzubringen.
Wir fühlen uns außerordentlich ermutigt durch die
Erklärungen, die während dieser ersten der vier Wochen abgegeben wurden, die wir gemeinsam verbringen werden. Wir werden unsere Vorschläge unterbreiten und die Vorschläge anderer Delegationen gerne
unterstützen. Unser gemeinsames Ziel ist, ein Moskauer Dokument hervorzubringen, das auf seine Weise einen so historischen Beitrag leistet wie Kopenhagen es bei der Herstellung von Sicherheit und Stabilität
in allen Staaten bei Menschenrechten für all unsere
Völker getan hat.

* *

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�MENSCHENRECHTE
18. September 1991

VIELE LÄNDER VERLETZEN IMMER
NOCH MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Dem US-Vertreter bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, Botschafter
Kenneth J. Blackwell, zufolge erkennen viele Länder zwar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an,
verwirklichen aber nicht ihre Grundsätze und Normen.
Die Welt ist nicht in Länder geteilt, die an Menschenrechte zu glauben vorgeben und in solche, die nicht daran
glauben, sondern "sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten".
Bei der Eröffnungssitzung des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993 geplante Weltkonferenz über Menschenrechte erklärte Blackwell am 10. September 1991, die Grundsätze der Menschenrechtserklärung seien
weithin anerkannt, "aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück". Die Herausforderung für die Konferenz
und in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen bestehe im 21. Jahrhundert darin, "wie die bereits
anerkannten Normen realisiert werden sollen".
Blackwell bekundete seine Hoffnung, daß die Konferenz die Funktionen bestehender Institutionen unterstützen
wird, etwa des Menschenrechtszentrums, "das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe bietet, deren Rechte
täglich verletzt werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Blackwells Rede im Wortlaut.

Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrer Ernennung als Vorsitzende des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993
geplante Weltkonferenz über Menschenrechte zu
gratulieren. Die letzte Weltkonferenz fand 1968 in
Teheran statt. Einer der größten Verfechter der Freiheit in Amerika, Martin Luther King, wurde nur 20 Tage
vor Beginn dieser Konferenz ermordet. Die US-Delegation hatte Schwierigkeiten zu verstehen, wie so ein
Verbrechen insbesondere in einem Land möglich sein
konnte, das sich selbst als Wiege der Freiheit versteht.
Martin Luther Kings Tod hat uns nur allzu deutlich vor
Augen geführt, daß wir stets wachsam sein müssen
und in unserem Kampf zur Förderung der Rechte des
einzelnen - und der Souveränität der Menschheit nicht einen Augenblick die Hände in den Schoß legen
dürfen. Die Weltkonferenz 1993 gibt uns die Gelegenheit, uns erneut auf diese Rechte einzuschwören.

Aber die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist
mehr als eine Inspiration. Ihre Verabschiedung hat
den Blickwinkel der internationalen Staatengemeinschaft zu Menschenrechten verändert. Dank dieser
Erklärung und ihrer Folgevereinbarungen hat der einzelne einen neuen Status in der Welt erhalten, mit
anerkannten unveräußerlichen Rechten, zu deren Schutz
und Förderung sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Dieser Aufgabe sollte sich auch
die Weltkonferenz widmen.

Vor etwa 50 Jahren trafen sich Staats- und Regierungschefs zu einer Sitzung unter der UN-Flagge, um
dieselben wichtigen Probleme zu erörtern, denen wir
uns heute gegenübersehen. Ihre Leistungen waren
von großer Tragweite, denn sie erarbeiteten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihre Arbeit
setzte dauerhafte Maßstäbe für die gesamte internationale Staatengemeinschaft.

Wenn wir den 45. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen - und das wird ein
Grund für die Durchführung der Weltkonferenz 1993
sein - sollten wir zunächst anerkennen, daß die Welt
nicht in Länder geteilt ist, die an Menschenrechte zu
glauben vorgeben und in solche, die nicht daran glauben, sondern sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten.

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Die Allgemeine Erklärung bietet denjenigen einen
Hoffnungsschimmer, die von ihren Regierungen dauernden systematischen Angriffen ausgesetzt sind. Sie
ist ein Wegweiser für neue Nationen und Inspiration für
alle Völker, die das Joch von Diktatur oder Zwangsherrschaft abschütteln wollen.

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�Viele Länder der internationalen Staatengemeinschaft
haben die in der Allgemeinen Erklärung verankerten
Prinzipien und Normen anerkannt. Diese Normen sind
dauerhaft. Aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück. Die Herausforderung für die Konferenz und
in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen besteht
im 21. Jahrhundert darin, wie die bereits anerkannten
Normen realisiert werden sollen.
Glücklicherweise gibt es bereits eine Reihe von Strukturen, die bei der Verwirklichung helfen können: das
Menschenrechtszentrum, die Menschenrechtskommission, den Menschenrechtsausschuß und Sonderberichterstatter für bestimmte Länder und Themen. Sie
bilden das Kernstück bei der Durchführung der Menschenrechte. Wir brauchen keine neuen übergreifenden Mechanismen. Aber wir müssen auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen, um die Verwirklichung
von Gerechtigkeit und Menschenrechten zu gewährleisten. Ein wichtiges Ziel der Weltkonferenz sollte
darin bestehen, die Funktionen bestehender Institutionen, etwa des Menschenrechtszentrums, zu unterstützen, das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe
bietet, deren Rechte täglich verletzt werden.
Ich möchte einige Beispiele für konkrete Vorschläge
anführen, die zu einer besseren Verwirklichung der
Menschenrechte führen können:
Der WCHR könnte die Gründung eines Gremiums von UN-Rechtsberatem empfehlen. Das
Gremium sollte bei Verfahren über Menschenrechtsverletzungen sowohl als Beobachter als
auch als Berater fungieren.
Die Konferenz würde untersuchen, wie die
Ausbildungsprogramme des Menschenrechtszentrums über Grundregeln der Menschenrechte für Polizei und Militär gefördert werden können.
Darüber hinaus könnte die Konferenz ein technisches Hilfsprogramm für gesetzgebende Körperschaften unter der Schirmherrschaft des Menschenrechtszentrums ins Leben rufen. Ein
solches Programm würde den vielen aufstrebenden Demokratien der Welt wertvolle Hilfe
leisten.
Eine andere Idee, die gerade von den Vereinten
Nationen erwogen wird, ist die Schaffung eines
Mechanismus zur Reaktion auf Bitten der Mitgliedstaaten um Hilfe bei Wahlen. Freie und
faire Wahlen sind die Grundlage echter Demokratie auf der ganzen Welt. Sie umfassen die
Rechte eines Bürgers, an der Regierung seines
Landes zu partizipieren und sind für die Demokratie überall unabdingbar. Die Förderung von
Wahlverfahren ist zur Erlangung grundlegender
Menschenrechte entscheidend.

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Dies sind nur einige Vorschläge für konkrete Programme zur Verwirklichung grundlegender Menschenrechte. Ich bin sicher, andere Delegationen werden ihre
eigenen Vorschläge unterbreiten. Mit Phantasie und
Augenmaß können wir gemeinsam ein Programm
entwerfen, das über Erklärungen hinausgeht und den
Menschen auf der Welt etwas Neues bietet.
AH diese Vorschläge müssen finanziert werden. Deshalb ist es entscheidend, daß ein größerer Prozentsatz
der UN-Ressourcen Programmen zufließt, mit denen
Menschenrechte verwirklicht werden. Das Menschenrechtszentrum verfügt gegenwärtig nicht über die erforderlichen Mittel und Ressourcen, um mit der momentanen Arbeitsbelastung Schritt zu halten. Angesichts der Notwendigkeit, die Verwirklichung der
Menschenrechte zu fördern, sollte die Weltkonferenz
die Umleitung von Mitteln innerhalb der Vereinten
Nationen zugunsten dieser erforderlichen Programme
unterstützen. Die Vereinigten Staaten fördern dieses
Ziel. Aber es soll in vernünftiger Weise durchgesetzt
werden. Der Prozeß der Zuweisung von Mitteln sollte
für alle transparent und offen sein. Noch wichtiger ist
es, daß geringe Mittel für Aktivitäten aufgewendet
werden, die größtmögliche Auswirkungen auf die
Verbesserung der Lebensqualität und der Rechte des
einzelnen haben.

'

Frau Vorsitzende, wir haben bereits einen Plan für eine
erfolgreiche Konferenz. Er wurde mit Resolution 45/
155 der Generalversammlung niedergelegt. Er fordert
erstens eine Überprüfung und Bewertung von Fortschritten und Rückschläge bei den Menschenrechten
seit Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte. Zweitens fordert er die Konferenz
auf, "das Verhältnis zwischen Entwicklung und Gewährung (dieser Rechte) zu prüfen, wie sie in den
Internationalen Statuten über Menschenrechte festgelegt sind". Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß Menschenrechte der Schlüssel zur Entwicklung sind. Drittens fordert er Bewertungen, wie die
Durchführung bestehender Menschenrechtsnormen
und die Effektivität von Methoden und Mechanismen
verbessert werden können.
&lt;
Frau Vorsitzende, in einer Erklärung bei der Debatte
der Generalversammlung im Herbst vergangenen Jahres
hat Präsident Bush darauf verwiesen, daß der kalte
Krieg in Berlin zu Grabe getragen worden ist. Angesichts eines neu vereinten und freien Deutschlands
halten wir es für besonders angemessen, daß Berlin
Gastgeber der Weltkonferenz sein wird. Wir danken
der Bundesregierug für ihre Einladung.
Abschließend möchte ich bekräftigen, daß die Weltkonferenz über Schlagworte hinausgehen muß. Mit
der Verwirklichung der Menschenrechte kann jeder
einzelne sein Potential ausschöpfen. Sie sind der
Schlüssel für die Entwicklung des einzelnen. Auf

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'

�nationaler Ebene sind Menschenrechte der Schlüssel
für wichtige wirtschaftliche Entwicklungen und auf
internationaler Ebene die Basis für Frieden und Sicherheit.
Im Juli habe ich am KSZE-Expertentreffen über nationale Minderheiten teilgenommen. Das allgemeine
Engagement für positive, praktikable Lösungen hat

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mich berührt. Bei unseren Vorbereitungen für die
Weltkonferenz über Menschenrechte müssen wir noch
größeres Engagement an den Tag legen. Gemeinsam
müssen wir sicherstellen, daß die Vereinten Nationen
konkrete Maßnahmen ergreifen, um Demokratie, die
Achtung der Menschenrechte und die Entwicklung der
Freiheiten des einzelnen zu fördern, um das hohe
Potential der Menschheit auszuschöpfen.

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�CHEMISCHE

WAFFEN
18. September 1991

KONFERENZ KANN REGIME FÜR
BIOLOGISCHE WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman
GENF - (AD) - Den Vereinigten Staaten zufolge bietet die gegenwärtig in Genf stattfindende dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen eine wichtige Gelegenheit, "Wege aufzuzeigen,
um die Durchführung des Regimes gegen (solche Waffen) zu fördern".
Der Leiter des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, Ronald Lehman, erklärte am 10. September 1991
bei der Konferenz, die Vereinigten Staaten seien "zur eingehenden Prüfung bereit, ob und wie das Verbot
biologischer und Toxin-Waffen verifiziert werden kann".
Lehman erläuterte ferner: "Insbesondere planen wir, mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an der
Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die
Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses Anliegen der
Einhaltung erkennt und behandelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des ACDA-Direktors im Wortlaut.
Vor zwanzig Jahren haben die Unterhändler hier in
Genf die Konvention über Biologische und ToxinWaffen abgeschlossen. Sie waren - um die Präambel
zu zitieren - entschlossen, "...die Möglichkeit des Einsatzes biologischer Wirkstoffe und Toxine als Waffe
auszuschließen". Die Aufgabe der heute hier Anwesenden besteht darin, die Durchführung der Konvention gemäß Artikel XII zu überprüfen und zu gewährleisten, daß das Ziel der Präambel und die Bestimmungen der Konvention verwirklicht werden. Dies ist eine
große Verantwortung, und die Vereinigten Staaten
nehmen sie sehr ernst.
Bei der Erfüllung dieser Pflicht müssen die Konferenzteilnehmer mit all ihrer Kraft ihre Unterstützung für das
vollständige Verbot von biologischen und Toxin-Waffen bestätigen. Diese schrecklichen Waffen sind eine
Bedrohung für die gesamte Menschheit. Die internationale Staatengemeinschaft kann und darf nicht die
Entwicklung, Herstellung und Lagerung solcher Waffen tolerieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat bestimmte weithin akzeptierte Verhaltensmaßstäbe, die ihr
Funktionieren sicherstellen. Die B-Waffen-Konvention liefert im Hinblick auf biologische und ToxinWaffen den einzig umfassenden internationalen Standard. Darüber hinaus ist sie Sammelpunkt für die
internationale Reaktion auf Verletzungen vereinbarter
Verhaltensmaßregeln durch ein Land.

AMERIKA DIENST 37

Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse
am Bestand der B-Waffen-Konvention. Sie haben
lange vor Abschluß der Konvention einseitig auf biologische und Toxin-Waffen verzichtet. Sie stehen voll
und ganz hinter der Konvention und ihrer effektiven
Durchführung.
Wie jedes Werk des Menschen ist die B-WaffenKonvention nicht perfekt. Eines unserer Ziele bei
dieser Konferenz wird darin bestehen, aktiv praktische
und effektive Maßnahmen zur Durchführung der
Konvention und zum Aufbau des Vertrauens in sie zu
ergreifen. Aber indem die Vereinigten Staaten erforderliche Veränderungen vorschlagen, möchten sie ihr
Vertrauen in die Konvention selbst bekunden. Welche
Mängel sie auch haben mag - die Konvention bleibt das
wichtigste Bollwerk der Welt gegen biologische und
Toxin-Waffen.
Unsere vordringliche Aufgabe ist es, die Durchführung
der Konvention zu fördern, und die US-Delegation ist
bei dieser dritten Überprüfungskonferenz zur eingehenden Prüfung bereit, wie das Verbot biologischer
und Toxin-Waffen effektiver durchgeführt werden kann.
Ein wichtiges Element der B-Waffen-Konvention ist die
Frage der Absicht, denn Aktionen im Zusammenhang
mit biologischen oder Toxin-Waffen sind verboten. Es
ist daher an den Teilnehmerstaaten, zu versichern,
daß sie beim Umgang mit biologischen Stoffen friedliche Absichten verfolgen.
Seite 1

�Wir gehen grundsätzlich davon aus, daß der beste
Ansatz zur Förderung der B-Waffen-Konvention darin
besteht, Vertrauen unter den Beteiligten zu schaffen,
sich an die Bedingungen zu halten und diejenigen, die
die Konvention verletzen, zur Einhaltung zu bewegen.
Die Konvention ist nicht effektiv verifizierbar, und wir
kennen keine Möglichkeit, dies durchzusetzen. Unsere Bestrebungen bei dieser Konferenz gehen also
dahin, Transparenz und Offenheit unter allen Beteiligten zu fördern. Die einzelnen Länder müssen im
Hinblick auf ihren Umgang mit biologischen Wirkstoffen so offen wie möglich sein. Wir beabsichtigen
unsere eigenen Maßnahmen vorzuschlagen, die vorgeschlagenen Maßnahmen anderer zu unterstützen
und Vertrauensbildung zu betonen. Dadurch werden
wir die Durchführung der B-Waffen-Konvention stärken, unser Engagement fürdie Konvention bekräftigen
und den verbindenden Charakter der Konvention nach
dem Völkerrecht betonen.
Wenn wir unser Ziel der besseren Durchführung der BWaffen-Konvention erreichen wollen, müssen wir in
den nächsten Wochen eine Reihe wichtiger Probleme
ansprechen, darunter Verbreitung, Nichteinhaltung,
Mittel der Vertrauensbildung bei der Einhaltung, unzureichende Durchführung bestehender vertrauensbildender Maßnahmen und mangelnde Einhaltung durch
wichtige Länder.
Probleme der Verbreitung
Die Verbreitung biolgischer und Toxin-Waffen ist für
uns alle beängstigend und bedrohlich. Solche Waffen
können durchschlagendere Wirkung haben als die
schlimmsten chemischen Waffen, und viele von ihnen
sind in ihren Auswirkungen höchst unberechenbar.
Unserer Meinung nach arbeiten eine Reihe von Ländern an der Herstellung bereits bekannter und neuer
biologischer Waffen.
Eine Kontrolle der Verbreitung ist schwierig, weil die
Forschung und Entwicklung in diesem Bereich naturgemäß mehreren Zwecken dient. Im Gegensatz zur
Herstellung chemischer Waffen gibt es keine Vorläufer
oder Geräte, die ausschließlich für die Herstellung
biologischer Wirkstoffe für feindliche Zwecke eingesetzt werden können. Dasselbe Material ist zum
Beispiel wichtig für die lebensnotwendige Forschung
zur Kontrolle der Ausbreitung vieler schwerer Krankheiten und für die Herstellung bestimmter Impfstoffe.
Viele Substanzen, die als biologische Waffen eingesetzt werden können, kommen in zahlreichen Ländern
natürlich vor. Tatsächlich kann jedes Land mit einer
bescheiden entwickelten pharmazeutischen Industrie
Material für biologische oder Toxin-Waffen herstellen,
wenn es das will.
Wir müssen sicherstellen, daß eine solche Wahl keine
Option ist. Die Vereinigten Staaten tragen ihren Teil
dazu bei. Im November vergangenen Jahres hat

Seite 2

Präsident Bush einen Präsidialerlaß verabschiedet,
der US-Sanktionen verschärft, um die Verbreitung
mehrerer Massenvernichtungswaffen zu verhindern.
Die im Dezember 1990 ins Leben gerufene Initiative
zur verbesserten Kontrolle der Verbreitung führt diesen Präsidialeria ß teilweise durch. Für den Export von
Mehrzweckgerät, mit dem chemische und biologische
Waffen hergestellt werden können, ist eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich. Darüber hinaus hat der Präsident denjenigen US-Bürgern Strafverfolgung angedroht, die wissentlich ausländische chemische und
biologische Waffen oder Raketenprogramme unterstützen. Darauf werde ich später noch zu sprechen
kommen.
Verbreitung ist ein internationales Problem und erfordert eine internationale Lösung. Gleichzeitig stellt uns
die gegenwärtige Lage im Nahen Osten vor einmalige
Gefahren und Chancen. Deshalb konzentriert sich die
Initiative Präsident Bushs vom 29. Mai 1991 zur Eindämmung der Verbreitung nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt und ergänzt andere Initiativen, zum Beispiel der Premierminister John Major und Takishi
Kaifu.
Ein Teil der Initiative des Präsidenten für den Nahen
Osten konzentriert sich insbesondere auf biologische
Waffen und baut auf unserem gegenwärtigen Ansatz
und unseren internationalen Maßstäben auf. Die
Initiativen des Präsidenten:
fordern die Stärkung der B-Waffen-Konvention
von 1972 durch vollständige Durchführung bestehender Bestimmungen und verbesserte
Mechanismen, und sie
appellieren an die Länder in der Region, vertrauensbildende Maßnahmen für biologische Waffen zu verabschieden.
Diese Initiativen ergänzen die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Fortsetzung des Embargos
vom UN-Sicherheitsrat gegen Waffenlieferungen an
den Irak ebenso wie die Arbeit der UN-Sonderkommission zur Abschaffung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak, nukleare, chemische und biologische
Waffen und ihre Trägersysteme einzusetzen oder
herzustellen.
Die US-Delegation setzt sich für die verbesserte Durchführung der B-Waffen-Konvention so ein, daß die
biotechnologische Industrie oder legitime biologische
Verteidigungsaktivitäten nicht behindert werden. Die
Vereinigten Staaten werden insbesondere vorschlagen, daß die Teilnehmer die Absicht bekunden:
nationale Exportkontrollen für pathogene biologische Organismen und Toxine sowie den Transfer von Mehrzweckgeräten an nichtstaatliche
Parteien und Organisationen zu verhängen.

AMERIKA DIENST 37

�Es ist nicht angemessen, daß die Überprüfungskonferenz eine spezielle Liste kontrollierter Materialien
aushandelt. Wir werden den Teilnehmern jedoch als
Muster die Liste von Organismen und Mehrzweckgeräten zur Verfügung stellen, deren Export in den Vereinigten Staaten beschränkt ist. Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten andere Länder ermutigen,
bei ihrer individuellen Exportkontrollpolitik ähnliche
Maßnahmen zu ergreifen. Es ist unabdingbar, daß die
Länder alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu
gewährleisten, daß sie oder ihre Industrie nicht zur
Verbreitung von B-Waffen beitragen. Ein wichtiger
Schritt in diese Richtung ist die Verabschiedung nationaler Exportkontrollen für pathogene biologische Stoffe, Toxine und Geräte zu ihrer Herstellung.
Probleme der Einhaltung
Leider ist das Problem der Verbreitung von B-Waffen
nicht auf Länder beschränkt, die die Konvention noch
nicht unterzeichnet haben. Unter den Verbreitern von
B-Waffen sind Länder, die internationale Verpflichtungen und Normen über Bord geworfen haben, zu denen
sie sich mit der Unterzeichnung und in manchen Fällen
der Ratifizierung der B-Waffen-Konvention verpflichtet
hatten. Wir dürfen und können unsere Augen nicht vor
den Ländern verschließen, die Inhalt und Ziel der
Konvention nicht einhalten. Wir dürfen und können
keine Argumente akzeptieren, die Nichteinhaltung
beschreiben wollen als den Unterschied im Auge des
Betrachters. Verbreitung ist ein Problem, das uns alle
angeht, zum Teil, weil einige Länder ihren internationalen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.
Wir hatten in jüngster Zeit ein anschauliches Beispiel
für die Bedrohung, die sich durch Nichteinhaltung stellt
und die Bedeutung der umgehenden Behandlung dieses
Themas. Dieses Beispiel liefert der Irak, der eindeutig
über ein Programm für biologische Waffen verfügte,
obwohl er die B-Waffen-Konvention unterzeichnet hat.
Das Dementi des Irak zu seinem B-Waffenprogramm
wurde in denselben Dokumenten übermittelt, aus denen
hervorging, daß der Irak seine Instrumente zur Ratifizierung niedergelegt hat. Niemand weiß genau, wieviele B-Waffen der Irak hergestellt hat oder was er
verbirgt, um diesen tödlichen Weg weiterzuverfolgen.
Natürlich ist ein solches Verhalten inakzeptabel. Der
Irak sollte die volle internationale Ächtung erfahren, die
wir - die anderen Teilnehmer der Konvention, die
unsere Verpflichtungen respektieren - aufbringen
können. Ein Land, das die Konvention nicht einhält,
darf sich nicht dem Druck entziehen können, daß die
internationale Staatengemeinschaft eine solche Mißachtung der Vertragsbestimmungen nicht dulden wird
und Ma ßnahmen zur Behebung der Situation erwartet.
Bei dieser dritten Überprüfungskonferenz betonen die
Vereinigten Staaten die kontinuierliche Bedeutung, die
sie der Einhaltung von Bestimmungen der Konvention
beimessen. In diesem Zusammenhang streben wir

AMERIKA DIENST 37

nach Anerkennung der Probleme der Einhaltung durch
die Überprüfungskonferenz und fordern die beteiligten
Länder auf, alles Erdenkliche zu tun, um sie zu lösen.
Unserer Meinung nach verfügen die Sowjetunion und
andere Länder über umfangreiche aktive Programme
für biologische Waffen und verletzen damit die BWaffen-Konvention. Wir bestehen darauf, daß diejenigen Unterzeichner und Beteiligten, die ihre Verpflichtunge nicht einhalten, "ihr Haus in Ordnung bringen"
und die erforderlichen Schritte zur vollständigen Einhaltung unternehmen. Wir werden die Konferenz
nachdrücklich auffordern, in ihrem Abschlußdokument
diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.
Vertrauensbildung
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die B-Waffen-Konvention angesichts kontinuierlicher
wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen, die
das bereits erschreckende Problem der Verifizierung
eines umfassenden Verbots für biologische und ToxinWaffen weiter komplizieren, weder durch Zusätze
noch durch eine Umstrukturierung effektiv verifizierbar
gemacht werden kann. Der Schlüssel für den Erfolg
dieser Konvention heißt Vertrauen, und wir werden
Wege aufzeigen, um Transparenz und Offenheit bei
den Beteiligten zu erhöhen. Unser erster Schritt in
diese Richtung wird darin bestehen, diese bereits
vereinbarten vertrauensbildenden Maßnahmen so
funktionsfähig wie möglich zu gestalten. Unsere Strategie unterstützt die internationale Norm gegen biologische und Toxin-Waffen, indem sie:
1.

weiterhin die Aufmerksamkeit auf Verletzungen
der B-Waffen-Konvention und die fehlende internationale Reaktion auf diese Verletzungen
als Bedrohung für die Norm lenkt, und

2.

die Verabschiedung einer Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen befürwortet, um
Transparenz erlaubter Aktivitäten zur biologischen Verteidigung zu fördern und internationale Untersuchungen über vermutete Verletzungen zu unterstützen.

Im Schlußdokument der zweiten Überprüfungskonferenz haben die Parteien verschiedene Maßnahmen
verabschiedet, mit denen sich die Parteien der BWaffen-Konvention zur Durchführung verschiedener
vertrauensbildender Maßnahmen verpflichten. Diese
Schritte führten in die richtige Richtung.
Leider ist die Durchführung der Bestimmungen über
die Angabe von Daten nur freiwillig, und lediglich ein
Viertel der Parteien haben sich beteiligt. Viele liefern
vermutlich keinen Bericht, weil sie keine Einrichtungen
haben, wie sie die vertrauensbildenden Maßnahmen
abdecken. Fehlende Ressourcen in den Außenministerien kleiner Länder mögen auch zur geringen Zahl
der Teilnehmer beitragen. Obwohl die geringe Beteiligung verständlich ist, ist sie nicht akzeptabel.
Seite 3

�Wir müssen es besser machen. Alle Teilnehmer
sollten sich am Datenaustausch beteiligen, auch wenn
einige nur berichten können, daß sie keine Einrichtungen oder Aktivitäten melden können. Wir werden
deshalb vorschlagen, daß die Beteiligten bis zum 15.
April jedes Jahres die spezifischen Informationen
bereitstellen, wie sie der Datenaustausch der B-Waffenkonvention fordert oder einen "Null-Bericht" liefern.
Solche "Null"-Berichte können auch dazu beitragen,
mehr Vertrauen durch größere Offenheit zu schaffen.
Ich fordere insbesondere die kleineren Länder auf, der
Beteiligung größere politische Priorität einzuräumen.
Darüber hinaus werden wir die Beteiligten ermutigen,
bestehende vertrauensbildende Maßnahmen besser
durchzuführen, zu stärken oder auszubauen, um "aktive
Kontakte zwischen Wissenschaftlern zu fördern, die
biologische Forschung in direktem Zusammenhang
mit der Konvention betreiben, einschließlich eines
gemeinsam vereinbarten Austauschs über diese Forschung."
In diesem Sinne möchten wir die Beteiligten ermutigen, der Konvention über solche Austauschprogramme zu berichten.
Eine weitere Maßnahme sieht vor, daß
die Bekanntgabe von Daten Publikationslisten über die
Forschung in den angegebenen Einrichtungen beinhalten sollte.
Um den Datenaustausch entscheidend zu verbessern,
schlagen die Vereinigten Staaten vor, daß:
die Parteien erklären, ob sie über ein Programm der
biologischen Verteidigung verfügen, und wenn das der
Fall ist, detaillierte Informationen über Einrichtungen,
Aktivitäten und Finanzierung liefern.
Solche Informatinoen könnten folgendes umfassen:
eine allgemeine Beschreibung der gegenwärtigen
Hauptforschungsbereiche, den Standort jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung sowie Quelle und Umfang der jährlichen Finanzierung
jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung, Entwicklung, Erprobung und Bewertung biologischer oder infektiöser Wirkstoffe oder Toxine. Dies
sollte Teil der jährlichen Bekanntgabe von Daten sein.
Wenn ein Land jedoch über kein Programm zur biologischen Verteidigung verfügt, wäre ein "Null-Bericht"
erforderlich. Damit würde die Offenheit bei Arbeiten im
Zusammenhang mit biologischer Verteidigung gesteigert.
Eine weitere Maßnahme besteht darin, daß:
die Beteiligten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten melden
und nicht den Teilnehmern der B-Waffen-Konvention,
wie es die vertrauensbildenden Maßnahmen der BWaffenkonvention von 1986 vorsehen.

Seite 4

Diese vertrauensbildenden Maßnahmen sind kaum
eingehalten worden, und eine Meldung an die WHO ein Standardverfahren - wird wahrscheinlich erfolgreicher sein als die Berichterstattung durch den Mechanismus der B-Waffen-Konvention.
Probleme der Verifizierung
Unserer Ansicht nach ist die B-Waffen-Konvention
nicht wirksam verifizierbar. In diesem Zusammenhang
bedeutet dies, daß die Vereinigten Staaten die immanenten Schwierigkeiten der Entdeckung und Verifizierung illegaler Aktivitäten nach der Konvention berücksichtigen. Dennoch waren wir in der Lage, eindeutige
Beweise für Nichteinhaltung zu entdecken. Die Vereinigten Staaten wären daran interessiert, potentielle
Maßnahmen zur Verifizierung der Konvention zu prüfen, aber wir kennen gegenwärtig keinen Weg, um sie
effektiv verifizierbar zu machen. Bis jetzt konnte kein
überzeugender Vorschlag für die Effektivität von Routineoder Verdachtsinspektionen bei Einrichtungen zur
Herstellung biologischer Wirkstoffe unterbreitet werden. Ineffektive Verifizierungsregime und Maßnahmen, die biologischen Verteidigungsprogrammen und
anderen friedlichen biologischen Aktivitäten schaden,
sind nicht akzeptabel. Das gilt auch für Regime, die
einen falschen Eindruck von Vertrauen vermitteln.
Es existieren große technische und praktische Schranken für die Verifizierung. Diese Schwierigkeiten sind
den Methoden zur Herstellung von Mikroorganismen
und Toxinen immanent. Vom technologischen Standpunkt ist die Herstellung solchen Materials für offensive Zwecke extrem schwierig, und in manchen Fällen
ist es vielleicht unmöglich, einen Unterschied zur
Herstellung für friedliche Zwecke festzustellen. Darüber hinaus ist die Forschung für legitime biologische,
medizinische und pharmazeutische Zwecke in vielen
Fällen kaum von der Forschung zu unterscheiden, die
auf die Entwicklung biologischer Waffen abzielt. Es
gibt auch noch nicht im entferntesten eine Technologie, die solche Unterscheidungen vornehmen könnte.
Ein ineffektives Verifizierungsregime bei der B-Waffen-Konvention könnte letztlich Täuschungen erleichtern und sie lohnender machen, indem sie einen falschen Eindruck von Vertrauen schafft. Da die praktischen Probleme der Differenzierung zwischen legitimen und ungesetzlichen Aktivitäten bestehen bleiben
würden, hätte die Entdeckung der Nichteinhaltung
keinen Wert und keine abschreckende Wirkung. Ironischerweise würde ein der B-Waffen-Konvention aufgezwungenes nicht funktionsfähiges Verifizierungsregime das Konzept und den Wert der Verifizierung in
anderen wichtigen Bereichen der Rüstungskontrolle
verringern.
Die Konzentration auf die mangelnden Verifizierungsmaßnahmen in der B-Waffen-Konvention lenkt von
dem grundsätzlichen Wert der Konvention als internationaler Maßstab ab, der das Gewicht der hehren und

AMERIKA DIENST 37

�souveränen Versprechen von 120 Ländern trägt. Wir
alle haben ein vitales Interesse daran, die Konvention
als internationale Norm zu stärken und die Bedeutung
des souveränen Engagements jeder Partei für die
Konvention zu betonen.
Bestrebungen für eine effektive Verifizierung
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir zwar noch
keine entsprechenden Maßnahmen erarbeitet haben,
die Vereinigten Staaten aber dennoch bereit sind, die
Anwendbarkeit einer effektiven Verifizierung der BWaffen-Konvention zu untersuchen. Deshalb wären
wir willens, einen Schritt der Überprüfungskonferenz in
Erwägung zu ziehen, mit dem multilaterale Bestrebungen zur sorgfältigen Untersuchung dieses Problems
unternommen werden sollten.
Zum Beispiel wären wir bereit:
die Parteien zu ermutigen, auf nationaler Ebene
die technische Anwendbarkeit einer effektiven
Verifizierung der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Darüber hinaus sollte die Berichterstattung über die
Ergebnisse dieser Untersuchungen für andere Beteiligte ermutigt werden.
Ferner wären wir bereit:
die Gründung einer multilateralen Ad hoc-Expertengruppe zu unterstützen, um die technische Verwirklichung effektiver Verifizierungsmaßnahmen der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Solch eine Studie sollte jedoch sorgfältig erarbeitete
Bedingungen erfüllen: spezifische Ziele, begrenzte
Dauer, nur Regierungsvertreter, Berichte auf Konsensbasis und kein Mandat für den Entwurf von Verifizierungsbestimmungen. Natürlich müßte jede Entscheidung über eine künftige Arbeit an Verifizierungsbestimmungen, Inspektionsmaßnahmen oder anderen Verifizierungsproblemen die Ergebnisse solcher
Untersuchungen abwarten.
Konsultation/Durchführungsmaßnahmen
Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
nationale Gesetze verabschieden, die nationale
Strafgesetze einbeziehen, um jede Unterstützung von verbotenen Aktivitäten durch Bürger
eines bestimmten Landes zu verhindern. Ferner sollten Jahresberichte über in dieser Hinsicht getroffene Maßnahmen erstellt werden.
Der Bericht sollte umfassen: welche Gesetze oder
andere rechtliche Maßnahmen verabschiedet und
welche strafrechtlichen Maßnahmen daraufhin ergriffen wurden, welche Anklage erhoben oder Strafverfahren gegen diejenigen eingeleitet wurden, die Gesetze verletzt haben.
AMERIKA DIENST 37

Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
sich zu Konsultationen und Kooperation verpflichten, "alle Probleme zu lösen", die sich im
Rahmen der Konvention ergeben und auf Bitten
jedes Beteiligten Behauptungen über den Einsatz von B-Waffen nachgehen.
Die Beteiligten sollten vereinbaren, alle erdenklichen
Anstrengungen zu unternehmen, um die Sorge über
einen angeblichen Bruch von Verpflichtungen zur
Konvention zu behandeln; eine präzise, termingerechte Antwort auf alle Beschwerden geben, die im Rahmen des Konsultationsprozesses oder durch den UNSicherheitsrat über einen angeblichen Bruch der Verpflichtungen gemäß der Konvention vorgebracht werden sowie voll und ganz mit jeder Untersuchung des
UN-Generalsekretärs von biologischen undToxinwaffen gemäß Resolution 45/57C der UN-Generalversammlung kooperieren.
Wir werden die Beteiligten auffordern:
einzeln ihre Absicht zu bekunden, Sanktionen
gegenüber jedem Land zu verhängen, das BWaffen einsetzt und andere angemessene
Maßnahmen für Verletzungen der B-WaffenKonvention in Betracht zu ziehen.
Mögliche Maßnahmen könnten die Einstellung der
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit
im Bereich der Biologie beinhalten, ferner Handelsbeschränkungen oder Verweigerung von Auslandshilfe.
Mechanismen zur Verbesserung
Es gibt gegenwärtig keinen Mechanismus, um die
Durchführung von vertrauensbildenden Maßnahmen
zwischen den Überprüfungskonferenzen zu überwachen. Ein verbesserter Mechanismus für die Verbreitung der mit dem Datenaustausch gewonnenen Informationen ist dringend notwendig. Berichte werden nur
in der Originalsprache vorgelegt und sind denjenigen,
die diese Informationen wünschen, nicht unmittelbar
zugänglich. Ein Mechanismus zur Verbesserung der
Situation wäre hilfreich. Wir werden deshalb vorschlagen, daß:
die Überprüfungskonferenz einen Mechanismus
ins Leben ruft, der die Durchführung vertrauensbildender Maßnahmen im FünfJahreszeitraum
zwischen den Überprüfungskonferenzen erleichtert.
Ein solcher Mechanismus sollte informell und flexibel
sein. Er könnte möglicherweise funktionieren, indem
er: die Durchführung der vereinbarten verirauensbildenden Maßnahmen erleichtert; Absprachen für Konsultationen trifft, die ein beteiligtes Land wünscht;
obligatorische Treffen der Überprüfungskonferenz
unterstützt; als Schiedsstelle für wissenschaftliche
und technische Informationen im Zusammenhang mit
der B-Waffen-Konvention dient; Informationen der WHO
Seite 5

�Ober ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten
sammelt, die für die B-Waffen-Konvention relevant
sind und einen Weg bietet, um den Beteiligten Schutz
zu gewähren oder Hilfe zu leisten, wenn sie das für
angemessen halten.
Als Schlußfolgerung sind wir der Ansicht, daß die dritte
Überprüfungskonferenz der B-Waffen-Konvention eine
wichtige Gelegenheit darstellt, zu prüfen, wie gut die
Konvention funktioniert und Wege aufzuzeigen, um
die Durchführung des Regimes gegen biologische und

Toxin-Waffen zu fördern. Wir wollen bei dieser Überprüfungskonferenz eine aktive und konstruktive Rolle
spielen. Wir sind zur eingehenden Prüfung bereit, ob
und wie das Verbot biologischer und Toxin-Waffen
verifiziert werden kann. Insbesondere planen wir,
mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an
der Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr
Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und
der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses
Anliegen der Einhaltung erkennt und behandelt.
*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 37

�AMERIKA

HEUTE
18. September 1991

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Aufsatz erschien erstmals am 24. Oktober 1990 in The Chronicle of Higher Education. Copyright (c) 1990 Diane Ravitch. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autorin Diane Ravitch lehrt Geschichte der Erziehung am Teachers College der Columbia University und hat
mehrere Bücher veröffentlicht, darunter The Troubled Crusade: American Education, 1945-1980. Ihr letztes
Buch The American Reader: Words that Moved a Nation ist 1990 bei Harper and Row erschienen.

Die 1988 in Stanford bestehende Kontroverse über
Veränderungen notwendiger Verhaltensweisen in der
westlichen Kultur hat sich zu einer nationalen Debatte
über das Thema multikulturelle Gesellschaft ausgeweitet. Universitäten, Schulbehörden und sogar Kultusministerien untersuchen gegenwärtig Lehrinhalte
auf die Frage, ob die dargebotene Geschichte und
Literatur die unterschiedlichen kulturellen Elemente
unserer Gesellschaft und unserer Welt zutreffend
wiederspiegeln.
Leider bringt die Debatte in Stanford das Thema in ein
schiefes Licht. Verfechter der gegenwärtigen Richtung in der westlichen Kultur wenden sich gegen
diejenigen, die eine Einbeziehung der Arbeiten von
Frauen und Minderheitengruppen befürworten und
vermittelten dadurch den Eindruck, daß die westliche
Kultur die Stimmen der Menschen überhört, die weiblich, schwarz, hispanisch und asiatisch sind. Dieses
Bild ist natürlich lächerlich - wir brauchen uns nur
umzusehen, um zu erkennen, daß all diese Gruppen
sehr wohl Teil der westlichen Kultur sind und ihre
Mitglieder wichtige Beiträge zu deren literarischer und
historischer Tradition leisten.
Die Debatte über eine multikulturelle Gesellschaft folgt
auf eine Generation von geisteswissenschaftlichen
Forschungen, die unser Wissen über die historischen
Erfahrungen von Frauen, Schwarzen und Mitgliedern
anderer Minderheitsgruppen in unterschiedlichen
Gesellschaften bereichert haben. Infolge dieser neuen Erkenntnisse haben unsere Schulen und Bildungsstätten in den letzten Jahren etwas eingeführt, das
Catharine R. Stimpson von der Rutgers University
"kulturelle Demokratie" nennt- die Erkenntnis, daß wir
auf "viele Stimmen" hören müssen, um unsere vergan-

AMERIKA DIENST 37

gene und gegenwärtige Kultur zu verstehen. Lehrer
der Geschichte und Literatur haben entdeckt, daß es
nicht sehr schwierig sondern eher lohnend ist, ihre
Perspektive über die von ihnen selbst in der Schule
gelernte hinaus zu erweitern.
Natürlich sollten Studenten immer noch die westliche
Kultur studieren und etwas über die Entstehung der
Demokratie und das Konzept der Freiheit des einzelnen lernen, die für die Weltgeschichte so entscheidend
sind. Aber sie müssen auch etwas über die Kulturen
in Asien, Afrika und Lateinamerika lernen. Sie alle
repräsentieren komplexe Zivilisationen, umfassen viele
gesellschaftliche Gruppen und unterschiedliche Sprachen.
Wenn Pädagogen jedoch heute über eine multikulturelle Gesellschaft argumentieren, sprechen sie im
allgemeinen nicht vom geordneten Studium anderer
wichtiger Zivilisationen. Sie beziehen sich vielmehr
auf die amerikanische Kultur, die - als unsere eigene
und relativ neue Kultur - anfällig ist für Neuordnungen
und Korrekturen. Aus welchem Blickwinkel soll sie
gelehrt werden? Wer soll einbezogen werden?
Die eigentliche Frage an den Universitäten und Schulen lautet nicht, ob es eine multikulturelle Gesellschaft
gibt, sondern wie sie aussehen soll. Gegenwärtig
konkurrieren bei der Vermittlung der amerikanischen
Kultur zwei Thesen um die Vorherrschaft. Ein Ansatz
spiegelt kulturellen Pluralismus wider und akzeptiert
Vielfalt als Tatsache, der andere betont typische Eigenheiten und fordert Loyalität gegenüber bestimmten
Gruppen. Beiden ist bei ihrer Koexistenz nicht ganz
wohl, weil sie sich ihrem Rang nach nicht unterscheiden. Vielmehr unterscheiden sie sich in Charakter und
Zielen.
Seite 1

�Der pluralistische Ansatz zur amerikanischen Kultur
berücksichtigt, daß die gemeinsame Kultur von der
Interaktion der vielfältigen kulturellen Elemente im
Land gestaltet wird. Er betrachtet amerikanische
Kultur als Schöpfung vieler Gruppen von Einwanderern, Indianern, Afrikanern und ihren Nachkommen.
Amerikanische Musik, Kunst, Literatur, Sprache, Essen,
Kleidung, Sport, Ferien und Gebräuche demonstrieren
die Vermischung unterschiedlicher Kulturen in einem
Land. Es mag paradox klingen, aber die Vereinigten
Staaten haben eine gemeinsame Kultur, die multikulturell ist.
Der partikulare Ansatz zur amerikanischen Kultur ist
am besten in Seminaren für Minderheitenforschung zu
erkennen, deren Ziel darin besteht, durch Vermittlung
von Identifikationsmustern "das Selbstwertgefühl (der
Studenten) zu stärken". Solche Kurse werden geleitet
von der starken Betonung kultureller Traditionen und
grundlegenden Annahmen rassischer und ethnischer
Reinheit. Die Studenten werden ermutigt zu glauben,
daß etwas in ihrem Blut, der Erinnerung ihrer Rasse
oder ihrer kulturellen DNA definiert, wer sie sind und
was sie leisten können. Die Anhänger dieser Theorie
suchen Studenten an das Land ihrer Vorfahren zu
binden, als der Quelle ihrer persönlichen Identität und
authentischen Kultur.
Die Pluralisten fördern eine weitergehende Interpretation der gemeinsamen amerikanischen Kultur, indem
sie erstens davon ausgehen, daß es sich um eine
gemeinsame Kultur handelt und zweitens, daß sie von
vielen verschiedenen Gruppen geschaffen wurde.
Unsere gemeinsame Kultur ist im Grunde eine staatsbürgerliche Kultur auf der Basis unserer Verfassung,
unserer Verpflichtung auf demokratische Werte und
unserer historischen Erfahrung als Nation. Darüber
hinaus setzt uns unsere Heterogenität von den meisten anderen Ländern ab und schafft Ausdrucksformen, die der Rest der Welt als ausgesprochen amerikanisch klassifiziert. Die Pluralisten streben eine echte
Anerkennung der Art und Weise an, wie die zahlreichen Rassen, Volks- und kulturellen Gruppen die
nationale Kultur verwandeln. Sie sagen, tatsächlich
"gehört die amerikanische Kultur uns allen, und wir

schaffen sie mit jeder Generation neu". Das verbindende Element im pluralistischen Ansatz ist die Erkenntnis, daß wir ungeachtet unserer Unterschiede
alle Menschen sind. Das Band, das uns verbindet, ist
die uns gemeinsame Menschlichkeit, die Rasse,
Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, Sprache und
Religion überwindet.
Die Anhänger der partikularen Theorie haben kein
Interesse an der Ausweitung der amerikanischen Kultur.
Sie leugnen die Existenz einer gemeinsamen Kultur.
Sie appellieren nicht an das gemeinsame Gut, weil ihre
Theorie der Gemeinschaft sich an der Rasse oder
Minderheit orientiert. Sie lehnen jede Vermischung
zwischen den Gruppen ebenso ab wie alle Interaktio-

Seite 2

nen, die streng gezogene Grenzen verwischen. Sie
treten für eine Darstellung der Geschichte ein, in der
jeder entweder ein Nachkomme von Opfern oder
Unterdrückern ist. Damit werden traditionelle Haßgefühle geschürt und von Generation zu Generation
weitergegeben.
Es gibt keine eindeutige Grenze, die Pluralismus von
der Betonung der Eigenheiten trennt. Sie sind so
unterschiedlich wie Säkularismus und Sektierertum.
Der pluralistische Ansatz für die Vermittlung von Kultur
steht insofern im Einklang mit der akademischen Tradition, daß Studenten ihr Fachgebiet kritisch betrachten sollten. Sie lernen ihren Stoff und wissen, daß sie
seine Stärken und Schwächen kritisieren können, ohne
dem Professor zu nahe zu treten. Zum Beispiel
studiert man in einer traditionellen akademischen
Umgebung die konfuzianische Lehre, den Islam oder
Judaistik, indem man etwas über die Geschichte und
Philosophie lernt, nicht indem man ein Anhänger dieser Lehren wird. In ähnlicher Weise gibt es Raum für
besondere Seminare über schwarze Kultur, Feminismus, Homosexuelle und andere kulturelle Bereiche,
solange diese kritisch und nicht als Doktrin vermittelt
werden.
Im Gegensatz dazu hat die Lehre von der Betonung
nationaler Eigenheiten an den weiterführenden Schulen separatistischen Charakter. Bei dieser Art Unterricht lehrt man die Studenten, an die Theorie zu
glauben, in ihren Thesen aufzugehen und sich gegen
Skeptiker zu wappnen. Man lehrt sie zu glauben, nicht
zu zweifeln oder zu kritisieren. In diesem Sinne gleicht
diese Theorie einem religiösen Lehransatz. Die Studenten werden in einem Glauben unterwiesen, und der
Professor erwartet, daß sie dasselbe glauben wie er.
Deshalb kommt die partikulare Lehre einem sektiererischen Ansatz im Unterricht gleich.
An unseren Universitäten von heute sollten Seminare
über die Kultur der Schwarzen, Asiaten und alle anderen Studien spezieller Kulturen nicht nur theoretisch,
sondern praktisch allen Studenten offenstehen. Die
Trennung dieser Seminare von etablierten Fächern
fördert unter Umständen Abspaltungen und ideologischen Extremismus. Nur allzuoft werden Studenten,
die nicht Mitglieder der entsprechenden Minderheiten
sind, durch die Ausrichtung des Professors oder des
Seminars entmutigt, auch wenn diese Kurse laut Lehrplan
allen offenstehen. Die Tendenz, diese Kurse in Enklaven zu verwandeln, verletzt ein wichtiges Ziel der
Hochschulbildung - die Erweiterung des Verständnisses von der Welt. Studenten, die der besprochenen
Gruppe angehören, sollten keinen Sonderstatus erhalten, und von Wissenschaftlern darf nicht erwartet
werden, daß sie sich nur auf die Kultur ihrer Vorfahren
spezialisieren.
Der grundlegende Unterschied zwischen der Theorie
des Pluralismus und der Lehre von den Eigenheiten
besteht darin, daß die erste den Ethnozentrismus aktiv

AMERIKA DIENST 37

�bekämpft und die zweite ihn zielstrebig vermittelt.
Ethnozentrismus ist das Gespenst, das die Welt jahrhundertelang beherrscht hat - es hat Kriege, Ungerechtigkeit und nationale Konflikte hervorgebracht.
Diese Theorie lehrt, daß wir nur Mitgliedern unserer
eigenen Gruppe trauen und sie akzeptieren können.
Sie lehrt, wir müssen in unserer eigenen Kultur aufgehen und uns anderen verschließen. Sie erklärt Mitgliedern einer bestimmten Gruppe, sie hätten mit Menschen nichts gemein, die einer anderen Rasse, Religion oder Kultur angehören. Sie erzeugt Haß und
Mißtrauen.
Ethnozentrismus hat in unseren Schulen und Universitäten keinen Platz. Akademische Institutionen haben eine Verpflichtung, Studenten eine umfassendere
Kultur zu vermitteln als ihre eigene.

Das Ziel von Bildung ist nicht die Reproduktion und
Verschärfung der Vorurteile unserer eigenen Kultur.
Bildung muß Menschen auf das Leben in einer Welt
konkurrierender Ideen und Werte vorbreiten, auf die
Zusammenarbeit mit Menschen, die einen anderen
Hintergrund haben, auf die Infragestellung eigener
Ansichten...
Wahre Anhänger der Gesellschaften waren niemals
zufrieden mit den Ideen und Aktivitäten der Universität.
Sie betrachteten die Universität als Zitadelle des Zweifels,
der Skepsis, des Nonkonformismus, der Unkonventionalität und anderer Denkweisen, als einen Ort, an dem
junge Menschen die Grundsätze ihrer Vorfahren in
Frage zu stellen lernen, einen sicheren Hafen für
diejenigen, die Allgemeingültiges kritisieren.
Und so sollte es bleiben.

*

AMERIKA DIENST 37

* * *

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker fordert Unterstützung für sowjetische Demokratisierung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers bei der KSZE&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kampelman: wachsende Besorgnis der KSZE&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der Konferenz über die Menschliche Dimension&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Viele Länder verletzen immer noch Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Blackwell&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Biologische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konferenz kann Regime für biologische Waffen stärken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Amerika Heute&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Multikulturelle oder partikulare Gesellschaft?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Diane Ravitch&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

11. September 1991

36

SOWJETUNION

BESUCH BAKERS IN DER SOWJETUNION
DIESE WOCHE
Pressekonferenz des US-Außenministers

USA-DEUTSCHLAND

PARTNER IN DER FUHRUNG:
DIE NOTWENDIGKEIT STÄRKEREN
ENGAGEMENTS
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt
bei der Atlantik Brücke

VISUM FÜR USA

ZULASSUNGSBEDINGUNGEN FÜR DAS
VISUM PER LOSVERFAHREN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

GESELLSCHAFT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

SPATBERUFENE STUDENTEN STREBEN
IN DIE HOCHSCHULE
von Mary Jo Binker

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�SOWJETUNION
11. September 1991

BESUCH BAKERS IN DER SOWJETUNION
DIESE WOCHE
Pressekonferenz des US-Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz im US-Außenministerium bekräftigte Außenminister Baker
am 4. September 1991 die Hoffnung der Vereinigten Staaten, daß die gegenwärtige Revolution in der
Sowjetunion weiterhin demokratisch und friedlich verlaufen werde und bekundete seine Absicht, in dieser Woche
in Moskau am Treffen über Menschenrechte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
teilzunehmen und mit einer Reihe sowjetischer Politiker Gespräche zu führen.
Baker erläuterte ferner, in der Sowjetunion ein Vier-Punkte-Programm vorlegen zu wollen und in diesem
Zusammenhang den sowjetischen Spitzenpolitikern "die fünf Prinzipien (zu erläutern), die den Ansatz dieser
Regierung zu politischen Veränderungen bestimmen werden".
"Der Aufbau von Demokratie und freien Märkten in der ganzen Sowjetunion ist nach Jahrzehnten totalitärer
Herrschaft und Planwirtschaft keine leichte Aufgabe", konstatierte Baker. "Die Völker der Sowjetunion müssen
wissen, da ß sie gerade einen sehr schwierigen Weg eingeschlagen haben, aber sie müssen auch erkennen, daß
es keine Abkehr von demokratischen Prinzipien und Toleranz geben kann, wenn sie tatsächlich hoffen,... dem
demokratischen Staatenbund der Nationen beizutreten."
Der US-Außenminister versprach die Unterstützung der Vereinigten Staaten und erklärte: "Wir werden ihnen
auf ihrem Weg zu politischen und wirtschaftlichen Freiheiten helfen."
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Pressekonferenz in ihren wesentlichen Auszügen.

Baker: In den letzten zwei Wochen sind wir Zeuge
einer weiteren Revolution geworden, die mit voller
Kraft die Sowjetunion erfaßt hat. Natürlich wollen wir,
daß diese Revolution weiterhin demokratisch verläuft,
und wir wollen, daß sie friedlich bleibt. Der Aufbau von
Demokratie und freien Märkten in der ganzen Sowjetunion ist nach Jahrzehnten totalitärer Herrschaft und
Planwirtschaft keine leichte Aufgabe.
Die Arbeit an der Freiheit wird hart und der Übergang
schmerzlich sein. Die Völker der Sowjetunion müssen
wissen, daß sie gerade einen sehr schwierigen Weg
eingeschlagen haben, aber sie müssen auch erkennen, daß es keine Abkehr von demokratischen Prinzipien und Toleranz geben kann, wenn sie tatsächlich
hoffen, diesen Weg bis zum Ende zu verfolgen und
dem demokratischen Staatenbund der Nationen beizutreten.
Wir werden Ihnen auf ihrem Weg zu politischen und
wirtschaftlichen Freiheiten helfen.

AMERIKA DIENST 36

Als ersten Schritt hat mich der Präsident gebeten,
nächste Woche nach Moskau zu reisen, um am Treffen über Menschenrechte der KSZE teilzunehmen und
mit einer Reihe von Politikern Gespräche zu führen.
Ich fahre mit einem Vier-Punkte-Programm nach
Moskau.
Erstens werde ich den sowjetischen Spitzenpolitikern
und den Menschen in der Sowjetunion die fünf Prinzipien darlegen, von denen der Ansatz dieser Regierung
zu politischen Veränderungen in der Sowjetunion
bestimmt ist. Dennoch möchte ich zu diesem allgemeinen Problem eins klarstellen: Die Staaten des Baltikums waren und bleiben für die Vereinigten Staaten
ein Sonderfall. Wir haben ihre Eingliederung in die
Sowjetunion nie anerkannt. Für uns waren sie niemals
Republiken der Sowjetunion, sondern separate Staaten, für die wir dazu beigetragen haben, das Versprechen und die diplomatischen Symbole der Freiheit
lebendig zu halten.

Seite 1

�Der Präsident hat am Montag, (den 2. September)
einen wichtigen Schritt unternommen, um dieses
Versprechen und diese Symbole zu verwirklichen und
diplomatische Beziehungen zu den Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens aufgenommen.
Um Amerikas anhaltendes Engagement für die dauerhafte Freiheit des Baltikums zu erhalten, möchte ich im
Rahmen meiner Reise auch diese Länder besuchen.
Was die Veränderungen in den Beziehungen zwischen der Führung und den Republiken anbelangt,
wird die Politik dieser Regierung im Hinblick auf die
Zukunft der Sowjetunion von folgenden fünf Prinzipien
bestimmt werden:
Erstens müssen die Menschen in der Sowjetunion
selbst ihre Zukunft bestimmen, und zwar auf friedlichem Wege und im Einklang mit demokratischen
Werten und Praktiken und den Prinzipien der Schlußakte von Helsinki. Wir fordern die sowjetischen Politiker auf allen Ebenen der Regierung, auch in den
Republiken, zur Unterstützung dieser weltweit akzeptierten Prinzipien auf. In diesem Prozeß kann es
keinen rechtmäßigen Raum für Bedrohungen, Einschüchterung, Zwang oder Gewalt geben.
Zweitens fordern wir alle auf, sowohl intern als auch
extern bestehende Grenzen zu respektieren. Jede
Grenzveränderung sollte nur rechtmäßig und im Einklang mit den KSZE-Prinzipien durch friedliche Maßnahmen und Konsens erfolgen.
Drittens unterstützen wir Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und fördern friedliche Veränderungen nur, wenn
sie durch ordentliche demokratische Prozesse erwirkt
werden, insbesondere durch den Wahlprozeß.

Viertens fordern wir die Garantie der Menschenrechte
auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten.
Fünftens fordern wir die Befolgung des Völkerrechts
und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die
Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von
Helsinki und der Pariser Charta. Einer der ersten und
wichtigsten Schritte, die die Menschen und die Politiker in der Sowjetunion unternehmen müssen, ist die
genaue Klärung der Beziehungen zwischen den einzelnen Republiken und den Republiken und der Führung. Wir werden vorschlagen, daß diese Beziehungen auf eine Art und Weise geklärt werden, daß sie die
von mir soeben dargelegten fünf Prinzipien fördern.
Der zweite Punkt meiner Tagesordnung bei dieser
Reise wird unsere Unterstützung für grundlegende
wirtschaftliche Reformen und unmittelbare humanitäre Bedürfnisse sein. Die politische Revolution in der
Sowjetunion muß jetzt mit einer wirtschaftlichen Revolution gleichziehen.

Seite 2

In Moskau möchte ich mit Ministerpräsident Silajew
und den Mitgliedern der Wirtschaftskommission zusammentreffen, um in engen Konsultationen mit dem
IWF, der Weltbank und den anderen internationalen
Wirtschaftsinstitutionen die rasche Entwicklung einer
neuen umfassenden wirtschaftlichen Anpassung und
eines Reformplans zu erwirken. Das ist unserer Meinung nach der entscheidende nächste Schritt.
Darüber hinaus werde ich mit führenden sowjetischen
Politikern auf allen Ebenen die humanitären Bedürfnisse für den Winter erörtern. Diese Arbeit wird die bei der
Mission des Präsidenten unternommenen Anstrengungen ergänzen.
Und schließlich will ich überprüfen, wie unsere technische Hilfe beschleunigt werden kann, um sowohl die
humanitären Bedürfnisse abzudecken als auch den
Grundstein für eine langfristige Umstrukturierung zu
legen.
Der dritte Punkt auf meiner Tagesordnung wird die
sowjetische Außenpolitik sein. Insbesondere werde
ich weiterhin Bestrebungen zur Einberufung einer Friedenskonferenz unterstützen, um direkte Verhandlungen aufzunehmen und einen lebensfähigen Friedensprozeß im Nahen Osten zu erleichtern. Nach Konsultationen mit unseren japanischen Partnern hoffe ich
Maßnahmen zu den nördlichen Territorien beschleunigen zu können, indem ich auf die Notwendigkeit verweise, das letzte größere Relikt des Zweiten Weltkriegs zu beseitigen.
Als vierten und letzten Punkt auf meiner Tagesordnung hoffe ich Gespräche über sowjetische Sicherheitspolitik im allgemeinen führen zu können, um eine
angemessene Durchführung von Vertragsvereinbarungen über nukleare Sicherheit zu garantieren und
den Weg für echte und ausführliche Bestrebungen zur
Umwandlung der Rüstungsindustrie zu bereiten.
Frage: Sie haben das Verhältnis zwischen den Republiken und der Führung vorsichtig angesprochen. Sollte
es zum Wohl der Außenpolitik und der neuen Weltordnung, wie sie die Regierung befürwortet, eine einigermaßen starke zentrale Führung in der Sowjetunion
geben? Und wenn das der Fall ist, welche Funktionen
sollte diese Führung ausüben?
Antwort: Dazu möchte ich Sie wieder auf das erste
Prinzip verweisen, das meiner Ansicht nach sehr klar
darlegt, daß die Zukunft der Sowjetunion und damit
auch die Zukunft der Republiken und die damit zusammenhängenden Rechte, Verpflichtungen und Aufgaben eine Angelegenheit sind, die von den Völkern in
der Sowjunion zu entscheiden ist. Sie sind gerade jetzt
dabei, diese Entscheidungen zu treffen, und das wird
unter Umständen länger dauern als der Zeitraum meines
Gesuchs. Ich glaube tatsächlich, es wird viel länger
dauern.

AMERIKA DIENST 36

�Es ist also nicht unsere Aufgabe, zu diktieren oder zu
bestimmen, wie diese Beziehungen aussehen sollen wir können nur hoffen, daß sie im Einklang mit den von
mir erläuterten fünf Prinzipien erreicht, durchgeführt
und verankert werden.
Frage: Ich habe versucht, auch die Funktion der
Vereinigten Staaten zu betonen. Sie müssen Kontakte
in der Welt pflegen und mit der Sowjetunion umgehen.
Haben Sie eine bestimmte Präferenz im Hinblick auf
die auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten?
Antwort: Wenn die Entwicklungen in der Sowjetunion
im Einklang mit den fünf Prinzipien erfolgen, werden
wirweiterhin eine Kooperation mit der Sowjetunion und
den Republiken anstreben. Ich erwarte zum Beispiel,
nochmals mit dem Außenminister der russischen
Republik zusammenzutreffen - das wäre dann das
fünfte Mal -, und ich erwarte auch ein Gespräch mit
dem neuen Außenminister der Sowjetunion. Wir sind
nicht in der Position, genau zu diktieren oder zu
bestimmen, wie diese Beziehungen aussehen sollen,
aber ich haben Ihnen heute die Prinzipien darlegt, von
denen wir überzeugt sind, daß sie die Entwicklung
dieser Beziehungen bestimmen sollten.
Frage: Sie haben erklärt, den Sowjets einen umfassenden Reformplan vorschlagen zu wollen. Denken
Sie dabei an einen speziellen Plan? Gibt es Punkte,
die Sie ihnen im einzelnen vorschlagen möchten oder
unterstützen Sie den Plan, wie sie ihn vorlegen?
Antwort: Wir denken an keinen besonderen Plan,
aber ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir die
Einrichtung der Wirtschaftskommission positiv bewerten. In dieser Kommission sehen wir einige Befürworter und Verfechter der freien Marktwirtschaft.
Ich habe ferner erklärt, die Ergebnisse des Londoner
Gipfels hätten anders ausgesehen, wenn sich die
Zentralregierung für den liberaleren der beiden Wirtschaftspläne entschieden hätte, die ihr vor dem Wirtschaftsgipfel vorlagen.
Was wir sehen wollen, sind Wirtschaftspläne, mit
denen sich die Sowjetunion und/oder die Republiken
für marktwirtschaftliche Reformen engagieren. Wie
sehen diese aus? Dazu zählen die Konvertierbarkeit
der Währungen, die Preise, Privatisierung, Privateigentum, Anreize, Wettbewerb - alles, was die Systeme
der freien Marktwirtschaft zu den besten der Welt
macht.
Frage: Werden Sie in den Nahen Osten reisen? In
welchem Stadium befinden sich die israelischen Kreditbürgschaften, und sind diese eng an die Aufgabe der
Siedlungspolitik gebunden?
Antwort: Ich habe immer die Meinung vertreten, daß
nach der Sommerpause im August mindestens eine
weitere Reise in den Nahen Osten erforderlich ist, um

AMERIKA DIENST 36

einige noch ausstehende Fragen im Hinblick auf die
Bürgschaften zu klären. Wir führen einen Dialog mit
Israel, den Palästinensern, den Jordaniern und werden sicherlich im Hinblick auf bestimmte Zusicherungen auch Gespräche mit den Syrern führen. Wir haben
viele Fortschritte erzielt, seit ich und die von uns
entsandte Delegation das letzte Mal im Nahen Osten
waren. Einige Fragen sind immer noch offen. Ich
hoffe, daß sich bei meiner Reise in den Nahen Osten
die eine oder andere Kluft ein wenig schließen läßt,
weil ich wirklich der Meinung bin, dort besteht die
Möglichkeit für einen aktiven Friedensprozeß - vielleicht die beste Möglichkeit, die wir seit langem hatten.
Im Hinblick auf die Frage der Bürgschaften möchte ich
zunächst erklären, daß die Regierung sich seit ihrem
Amtsantritt nachdrücklich dafür einsetzt, daß Israel
sowjetische Einwanderer aufnimmt. Und wir haben
entscheidend dazu beigetragen, daß viele Einwanderer nach Israel kommen konnten.
Ich erwarte durchaus, daß ich im Verlauf dieser Woche
noch vor meiner Abreise nach Mexiko am Sonntag ein
Ersuchen der Regierung Israels um bedeutende Hilfe
von den Vereinigten Staaten in Form von Bürgschaften erhalten werde. Nach Erhalt dieses Ersuchens
werden wir es sehr sorgfältig prüfen. Ich hoffe die
Gelegenheit zu haben, diese Frage in allen Einzelheiten mit Premierminister Schamir zu erörtern. Ich habe
bereits zwei Telefongespräche mit ihm über diese
Frage geführt. Wie die Administration als Ganzes
werde auch ich darüber hinaus die Gelegenheit haben,
eingehend mit dem Kongreß darüber zu beraten.
Wir hoffen, erwarten und glauben, daß der Kongreß
uns die notwendige Zeit gibt, um diese Anfrage zu
prüfen, weiter zu sondieren und in angemessener Art
und Weise zu behandeln.
Es handelt sich um ein sehr substantielles Ersuchen,
eine Summe von 10 Milliarden Dollar, und wir befinden
uns gerade inmitten äußerst sensibler diplomatischer
Bemühungen, die uns, wie ich soeben erwähnte, die
historische Chance bieten, etwas zu erreichen. Wir
möchten diese und alle anderen Fragen behandeln,
die sich uns von heute bis zu dem Zeitpunkt stellen, an
dem Araber und Israelis die Möglichkeit haben, sich zu
direkten Verhandlungen zutreffen. Wir möchten diese
Fragen in einer Art und Weise behandeln, die diese
Gelegenheit nicht gefährdet.
Ich möchte noch einmal bekräftigen, was ich bereits
eingangs gesagt habe. Wir engagieren uns intensiv
dafür, Israel bei der erfolgreichen Integration jüdischer
Einwanderer zu helfen.
Frage: Es ist darüber geredet worden, daß alle
Kernwaffen in der Sowjetunion letztlich in einer Republik, nämlich Rußland, stationiert werden sollten. Gehen
Sie davon aus, daß dies geschehen wird, und halten
Sie dies für eine gute Idee?

Seite 3

�Antwort: Nun, ich kann Ihnen nicht sagen, daß dies
so geschehen wird. Ich möchte wiederholen, daß die
Grundsätze, die unseres Erachtens all diese Veränderungen - einschließlich der von Ihnen erwähnten leiten sollten, die von mir soeben umrissenen fünf
Prinzipien sind. Ich werde die Frage der Kernwaffen in
Moskau erörtern. Wir möchten nicht, daß die in der
Sowjetunion stattfindende Umgestaltung Probleme der
Verbreitung von Kernwaffen schafft oder weiter verschärft. Meines Erachtens wäre es unter dem Strich
das Beste - nicht notwendigerweise die Stationierung
in einer Republik -, wenn sie letztlich einem zentralen
Kommando unterstehen. Ich glaube, dies wäre ratsam.
Frage:
sein?

Könnte dies jedoch die Republik Rußland

Antwort: Werweiß, ob eseine Republik oder mehr als
eine sein wird, denn man weiß heute wirklich nicht, ob
diese Funktion in einem lockerer strukturierten Zentrum erhalten bleibt. Da sich diese Veränderungen
noch vollziehen, ist all dies also noch sehr hypothetisch. Aber ein zentrales Kommando wäre meiner
Meinung nach hilfreich und ratsam.
Frage: Kann die Administration angesichts der Unsicherheiten, wie die Republiken ihre Beziehungen mit
der Zentrale gestalten werden und der von Ihnen
gerade erwähnten Unsicherheiten im Hinblick auf die
Befehlsgewalt über Waffen den Senat dazu auffordern, die KSE- und START-Abkommen in naher Zukunft
zu ratifizieren, oder halten Sie eine Art Pause für
erforderlich, während sich der Umbruch in der Sowjetunion vollzieht?
Antwort: Nun, ich meine, daß diese Verträge weiterhin im nationalen Sicherheitsinteresse und im allgemeinen nationalen Interesse der Vereinigten Staaten
liegen. Wir hätten sie nicht ausgehandelt, wir hätten
nicht so hart an ihrem Abschluß gearbeitet, wenn wir
dieser Meinung gewesen wären. Daran hat sich nichts
geändert. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf das
fünfte Prinzip lenken, das die Wahrung internationaler
Verpflichtungen fordert. Dazu möchte ich sagen, daß
die stattfindenden Veränderungen, so hoffen wir, sich
in einer Atmosphäre der Achtung des Völkerrechts und
internationaler Verpflichtungen vollziehen werden.
Es bestehen noch zahlreiche unbeantwortete Fragen,
die überhaupt nichts mit den Rüstungskontrollverträgen zu tun haben. Es sind aber gute Fragen, wie etwa
die, was mit den Schulden der Sowjetunion geschieht.
In welchem Ausmaß werden Republiken, die sich von
der Sowjetunion trennen, jegliche Verantwortung ablehnen? In welchem Ausmaß würden einige eine gewisse
Verantwortung übernehmen? Was bedeutet das für
die Kreditwürdigkeit der Zentrale, falls eine Zentrale
bestehen bleibt, die derjenigen vergleichbar ist, mit der
wir es in der Vergangenheit zu tun hatten oder die

Seite 4

heute existiert? Und was bedeutet dies für die Fähigkeiten derjenigen unter uns im Westen, deren Gesetze
bestimmte Bedingungen an die Vergabe von Krediten
knüpfen? Es gibt sehr viele Fragen, und es wird eine
Zeit dauern, bis wir darauf Antworten erhalten.
Frage: Daran anschließend, Herr Minister, wie können Sie den Senat im September und Oktober bitten,
ein Abkommen zu ratifizieren, das Waffen in acht
Republiken begrenzen würde, deren Zukunft Sie nicht
kennen - das acht Republiken betreffen würde, deren
Status Sie noch nicht einmal kennen?
Antwort: Wir sind nicht sicher, daß wir den Status
nicht kennen werden. Ich sage ja nur, daß die Verträge
weiterhin in unserem Interesse liegen. Und wir werden
die Nachfolgegebilde, wie immer sie beschaffen sein
werden, ob es sich um Republiken oder eine lockere
Konföderation souveräner Staaten oder ein Zentrum
handeln wird - ohne daß wir hier irgend etwas präjudizieren -, auffordern, ihre internationalen Verpflichtungen einzuhalten und zu respektieren. Wenn wir zum
Zeitpunkt der Ratifizierung nicht zufriedengestellt sind,
so werden wir wahrscheinlich sagen, daß wir abwarten
sollten, bis wir zufriedengestellt sind. Aber interpretieren Sie dies heute nicht so, daß wir es nicht tun werden.
Frage: In den fünf von Ihnen heute erläuterten Prinzipien gab es einige Parallelen zu Ihren Äußerungen
über Jugoslawien zu Beginn dieses Sommers, indem
sie die Republiken zu friedlichen Verhandlungen aufforderten und so weiter.
Zwei Fragen: Erstens hat Herr Genscher heute angedeutet, daß Deutschland Kroatien und Slowenien in
Kürze anerkennen könnte. Welche Haltung vertreten
die Vereinigten Staaten dazu? Und zweitens, sind Sie
im Hinblick auf die Ergebnisse in der Sowjetunion
ebenso zuversichtlich wie bei Jugoslawien?
Antwort: Ich glaube, daß uns die Ereignisse der
vergangenen zweieinhalb Wochen in der Sowjetunion
bedeutende Chancen bieten und daß diese Ereignisse
unter dem Strich denjenigen von uns entgegenkommen, die an Demokratie und Freiheit sowie an freie
Märkte glauben. Es bestehen jedoch auch Risiken,
und wir sollten uns nicht scheuen, dies anzuerkennen.
Und das ist einer der Gründe, aus denen ich vorschlug,
diese Veränderungen mit diesen fünf Prinzipien im
Hinterkopf anzugehen und ein Grund, warum ich vorschlug, daß diese fünf Prinzipien unsere Haltung
gegenüber diesen Veränderungen leiten sollten.
Sie haben ganz recht. Wir haben im Hinblick auf die
Lage in Jugoslawien ähnliche Vorschläge gemacht.
Leider war unsere Haltung dort nicht von diesen fünf
Prinzipien geleitet. Sehen Sie, was geschehen ist. Im
Hinblick auf den ersten Teil Ihrer Frage, so haben wir
•jnsere Haltung zur Frage der Anerkennung nicht
verändert.

AMERIKA DIENST 36

�Wir unterstützen weiterhin die Forderung der Europäischen Gemeinschaft nach einer Friedenskonferenz.
Wie Sie wissen, wird eine solche am 7. September in
Den Haag stattfinden. Wir bedauern weiterhin die
anhaltende Gewalt dort, und wir sind weiterhin der
Ansicht, daß wir heute nicht diese tragische Situation
vorfinden würden, wenn diese fünf Prinzipien die Entwicklung der Situation dort geleitet hätten.

Frage: Aber könnten Sie uns einige ihrer vorläufigen
Gedanken darüber mitteilen, wie sich die amerikanische Außenpolitik kurzfristig verändern könnte?

Antwort: Wenn die Entwicklungen in der Sowjetunion
im Einklang mit diesen fünf Prinzipien vonstatten gehen,
dann bin ich ich voll und ganz davon überzeugt, daß
dies der Fall ist. Und das ist einer der Gründe, daß wir
den Vorschlag machen.

Antwort: Sie verändert sich bereits. Wenn Sie sich
noch einmal das ins Gedächtnis zurückrufen, was ich
eingangs erklärt habe, so erkennen wir Umfang und
Ausmaß dieses Wandels, seine Bedeutung und die
Tatsache, daß er in der Tat auf lange, lange Sicht die
Dinge verändern wird und daß es ziemlich lange
dauern wird, bis sich alles schließlich regelt und wir
genau wissen, wie sich die Beziehungen zwischen
Zentrale und Republiken gestalten werden. Wir verändern bereits unseren Ansatz - wir haben damit übrigens schon vor einem Jahr begonnen - bei den Leuten,
mit denen wir es zu tun haben und mit denen wir dort
über außenpolitische Fragen sprechen.

Frage: Sie haben die Sowjets in den vergangenen
Jahren aufgefordert, die Frage der nördlichen Territorien zu lösen. Fordern Sie auch die japanische Regierung auf, die Frage der nördlichen Territorien mit den
Sowjets zu lösen? Und falls ja, haben Sie mit der
Regierung in Tokio bereits etwas unternommen?

Frage: Entschuldigen Sie. Ich habe mich nicht klar
ausgedrückt. Ich meinte eigentlich, wie sie sich außerhalb der Sowjetunion verändern könnte - da wir jetzt
keine erste, zweite und dritte Welt mehr haben, wie
wird sie sich wahrscheinlich gegenüber der dritten
Welt, gegenüber Asien verändern?

Antwort: Wir unterstützen die Position der japanischen Regierung. Wir tun dies bereits seit langer Zeit.

Antwort: Es könnte zu erheblichen Veränderungen
kommen, aber darüber möchte ich heute nicht spekulieren oder Hypothesen anstellen. Wir haben heute
viel damit zu tun, diese Veränderungen in der Sowjetunion zu bewältigen.

Frage: Aber meinen Sie, daß das Ergebnis in Jugoslawien in der Sowjetunion vermieden werden kann?

Frage: Und haben Sie die Regierung in Tokio aufgefordert, etwas in dieser Richtung zu unternehmen einen neuen Ansatz zu finden?
Antwort: Nein. Wir unterstützen ihren Ansatz. Und
wir unterstützen ihn weiterhin.
Frage: Wie besorgt sind Sie über taktische Kernwaffen, die, wie Sie wissen, etwas weniger kontrolliert sind
als die strategischen Kernwaffen? Was liegt Ihrer
Entscheidung zugrunde, mit den Sowjets über Sicherheitspolitik zu sprechen?
Antwort: Ich bin der Meinung, daß wir aus einigen der
Gründe, die auch in Ihren heutigen Fragen eine Rolle
spielten, mit ihnen darüber sprechen müssen. Wie
gehen wir bei den bereits ausgehandelten Rüstungskontrollabkommen vor, die unserer Meinung nach im
besten Interesse liegen? Wer wird sie im Hinblick auf
die Verpflichtungen der sowjetischen Seite durchführen?
Es gibt also eine Reihe von Gründen, aus denen wir
zumindest einen Sicherheitsdialog mit ihnen aufnehmen sollten, der ein wenig umfassender ist als die
Frage der taktischen Kernwaffen.

Frage: In Ihrem zweiten Prinzip haben Sie Wirtschaftsrefomen mit humanitärer Hilfe verbunden. Wie
stark ist diese Verbindung? Mit anderen Worten:
Besteht die Chance, daß die Vereinigten Staaten
ihnen humanitäre Hilfe gewähren, wenn sie bei den
Wirtschaftsreformen oder Ihren fünf Prinzipien nicht
schnell genug handeln?
Antwort: Ja. Der Präsident hat meines Erachtens
deutlich gemacht, daß wir die Menschen nicht verhungern lassen würden. Wir haben humanitäre Hilfe in
eine andere Kategorie eingeordnet. Wir haben technische Hilfe in eine andere Kategorie eingeordnet. Für
humanitäre Hilfe könnte heute eine größere Notwendigkeit bestehen als noch unmittelbar nach dem Londoner Gipfel, und wir haben über technische Hilfe
gesprochen. Wir, die Vereinigten Staaten, sprechen
seit langem über technische Wirtschaftshilfe für die
Sowjetunion, ich glaube bereits seit über zwei Jahren,
denn dies ist unseres Erachtens die Antwort. Sie
müssen einen Weg finden, um dieses System zu
einem produktiven System umzugestalten.
* *

AMERIKA DIENST 36

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
11. September 1991

PARTNER IN DER FÜHRUNG:
DIE NOTWENDIGKEIT STÄRKEREN ENGAGEMENTS
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt bei der Atlantik Brücke
BONN - (AD) - Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Robert M. Kimmitt,
der am 5. September 1991 Bundespräsident von Weizsäcker sein Beglaubigungsschreiben überreichte, hielt am
selben Tage bei der Atlantik Brücke in Bonn seine erste Rede in Deutschland. Nachfolgend veröffentlichen wir
die Rede des Botschafters im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.

Herr Leisler Kiep,
verehrte Gäste,
meine Damen und Herren,
ich freue mich, heute abend bei Ihnen zu sein. Für
mich ist dies der Höhepunkt eines sehr aufregenden
Tages. Ich finde es besonders angemessen, meine
erste Rede als Botschafter in Deutschland bei der
Atlantik Brücke zu halten.
Ein neuer Botschafter könnte sich kein besseres Forum wünschen als diese Organisation, die sich der
Aufgabe verschrieben hat, Brücke des Verständnisses und Wegbereiter für Kontakte über einen Ozean
hinweg zu sein, der in den Augen jedes überzeugten
Atlantikers eher verbindet als trennt.
Bevor ich meine Ausführungen beginne, möchte ich
Sie um Nachsicht bitten, falls ich Ihrer Sprache Gewalt
antun sollte. Ich habe seit 1967 nicht mehr regelmäßig
Deutsch gesprochen. Meine jüngsten Versuche zur
Auffrischung meiner deutschen Sprachkenntnisse haben
mich davon überzeugt, daß Mark Twain recht hatte, als
er bemerkte, man könne "Englisch in dreißig Stunden,
Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig
Jahren lernen". Ich hoffe, daß ich etwas schneller sein
werde und bitte Sie nochmals, heute abend Nachsicht
zu üben.
Ich fühle mich stolz und geehrt, von meiner Regierung
mit der Pflege der Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern betraut worden zu sein:
Ich fühle mich unter anderem stolz und geehrt, weil
Deutschland mir großartige persönliche Erfahrungen
und Erinnerungen beschert hat. Die Vorfahren meiner
AMERIKA DIENST 36

Mutter wanderten in der Mitte des 19. Jahrhunderts
aus der Gegend von Hannover in die Vereinigten
Staaten aus. Meine Eltern begegneten sich in Berlin
und heirateten dort im Jahr 1947. Genau neun Monate
später wurde ich in den Vereinigten Staaten geboren.
In gewissem Sinne kann ich also sagen, daß ich schon
"ein Berliner" war noch bevor Präsident Kennedy seine
berühmten Worte sprach. Später, von 1960-1964 war
mein Vater als Offizier des Heeres in Heidelberg und
Baumholder stationiert. Ich hatte damals Gelegenheit,
mit Deutschen Freundschaften zu schließen, die bis
zum heutigen Tag bestehen. Deutschland nimmt in
der Tat nicht nur in meiner Karriere, sondern auch in
meinem Herzen einen besonderen Platz ein.
Stolz und geehrt fühle ich mich aber auch, weil unsere
Beziehungen eine Schlüsselrolle bei der Förderung
von Frieden, Freiheit und demokratischen Werten in
der Nachkriegszeit gespielt und das Zeitalter der
Konfrontation zwischen Ost und West friedlich beendet haben. In diesem Zusammenhang wäre es eine
Nachlässigkeit meinerseits, zu Beginn meiner Amtszeit und dieser Rede nicht der entscheidenden Rolle
meine Reverenz zu erweisen, die mein Vorgänger
Dick Walters bei der Weiterentwicklung dieser Beziehungen gespielt hat. Ich weiß, daß Dick zahlreiche
Reden bei der Atlantik Brücke gehalten hat. Er ist ein
langjähriger Freund, in dessen Fußstapfen zu treten
ich mich nun bemühe. Ich weiß, wie stark es ihn
persönlich bewegte, als er seine 50jährige Karriere im
Dienst der amerikanischen Regierung damit krönen
durfte, daß er als amerikanischer Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland eintraf und diese als
amerikanischer Botschafter eines vereinten Deutschland verlassen konnte.

Seite 1

�Neben der Bedeutung, die mein Eintreffen in Deutschland in diesem Moment für mich persönlich hat, bin ich
besonders aus beruflichen Gründen über die Aussichten auf das, was vor uns liegt, erfreut. Trotz all der
Aufregungen und dramatischen Ereignisse der vergangenen zwei Jahre sehen wi r uns erst jetzt und in
Zukunft mit den wahren Herausforderungen konfrontiert.
Meine Aufgabe als Botschafter ist zum großen Teil
bereits von den politisch Verantwortlichen unserer
beiden Länder vorgezeichnet worden. Vor zwei Jahren, im Mai 1989, hielt Präsident Bush in Mainz eine
zukunftsweisende Rede, in der er vorschlug, die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten
sollten Partner in der Führung werden. Zwei Jahre
später, nach einer nahezu unvorstellbaren Serie von
Ereignissen, die zur Vereinigung dieses Landes führten, erweiterte Bundeskanzler Kohl in einer Rede in
Washington diesen Vorschlag. Er skizzierte drei vordringliche Bereiche der deutschen Außen- und Innenpolitik: die Vollendung des Vereinigungsprozesses in
all seinen Dimensionen, die Schaffung eines freien,
ungeteilten Europas sowie die Übernahme einer erweiterten deutschen Rolle bei der Errichtung einer
neuen Weltordnung.
Von diesen drei Bereichen ist die Vereinigung natürlich
ihrem Charakter nach mehr oder weniger eine Familienangelegenheit der Deutschen. Wir Amerikaner
möchten jedoch glauben, daß auch wir dabei eine
hilfreiche Rolle spielen können, die sich auf unser
aktives Engagement für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und die Jahre unserer sich entwickelnden Freundschaft stützt.
So wissen Sie selbst aus Ihren persönlichen Erfahrungen, daß Deutschland zwar seine politische Einheit
erlangt, der Prozeß der deutschen Vereinigung jedoch
erst begonnen hat. So schwierig es war, politisch die
Gleichheit aller Deutschen zu erlangen, so wird es
noch schwieriger sein, wirtschaftlich, sozial und auch
psychologisch eine Gleichstellung zu realisieren. Der
Mut und die Energie, mit denen der Wiederaufbauund Aussöhnungsprozeß durchgeführt wird, verdienen heute unsere Solidarität ebenso wie vor einem
Jahr der politische Prozeß. Ich engagiere mich persönlich für die Unterstützung dieses Prozesses in Wort
und Tat.
Ich habe die Absicht, Ostdeutschland häufig zu besuchen, und nächste Woche fahre ich bereits nach Berlin
und Brandenburg. Unsere Botschaft wird das im
Frühjahr aufgenommene Aktionsprogramm zur Unterstützung des Einigungsprozesses besonders energisch verfolgen und ausbauen.
Wir werden zu amerikanischen Investitionen in den
neuen Ländern ermutigen, die auf den Regeln des
Markts, der Stärke der deutschen Wirtschaft und dem
enormen Wachstumspotential in Mittel- und Osteuro-

Seite 2

pa beruhen. Dies ist der beste Weg, unserem Vertrauen in die Zukunft des vereinigten Deutschlands praktischen Ausdruck zu verleihen.
Wir erwarten jedoch, daß wir fair und ungehindert
Zugang zu dem sich öffnenden Markt nach wirtschaftlichen und nicht stark politischen Gesichtspunkten
erhalten. Die bürokratischen Hürden, denen sich
potentielle amerikanische Investoren bisweilen bei ihren
geschäftlichen Aktivitäten in der Bundesrepublik ausgesetzt sehen, widersprechen der Politik Deutschlands, ausländische Investitionen zu fördern. Während wir die geographischen Vorteile anderer Nationen
akzeptieren müssen, sollten alle anderen objektiven
Bedingungen so fair wie möglich sein.
Auch sind wir bestrebt, unsere Kultur- und Bildungsprogramme im Osten auszuweiten und zu intensivieren. Seit den fünfziger Jahren haben über 16.500
vielversprechende junge Bürger der Bundesrepublik
Deutschland an Besuchsprogrammen für Einzelpersonen und Gruppen teilgenommen. Ich könnte mir
vorstellen, daß mehrere der heute abend hier Anwesenden zu diesem Personenkreis gehörten. Wir werden natürlich auch in Zukunft Führungskräfte von
morgen aus den westlichen Bundesländern fördern,
aber gegenwärtig konzentrieren wir uns verständlicherweise auf den Osten.
Wir haben den neuen Bürgern des geeinten Deutschlands viel zu bieten - insbesondere im Hinblick auf die
Entwicklung demokratischer Institutionen und Traditionen - und müssen zahlreiche Fehlinformationen
korrigieren. Infolgedessen haben wir dieses Jahr
unsere Kontakt- und Austauschprogramme auf Deutsche in den neuen Bundesländern konzentriert, die
von einem persönlichen Aufenthalt in den Vereinigten
Staaten profitieren und so nach ihrer Rückkehr als
effektive Multiplikatoren dienen können. Im kommenden Jahr werden Tausende von Deutschen aus den
östlichen Bundesländern in die Vereinigten Staaten
reisen und an einer Vielzahl von öffentlichen und
privaten Austauschprogrammen teilnehmen, die in
den letzten Jahren erfolgreich waren. Mehrere hundert dieser Besucher kommen in den Genuß direkter
Unterstützung der US-Regierung, die von der Botschaft und den ihr angeschlossenen Stellen vergeben
wird.
Sicherheit und die euro-atlantische Gemeinschaft
Durch das Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs und
die Zwänge des kalten Krieges stand die Sicherheit
stets im Mittelpunkt unserer Beziehungen. Der Kampf
gegen den Kommunismus und die Entschlossenheit,
die Teilung Europas zu überwinden, waren die Prinzipien unserer gemeinsamen Strategie und bestimmten
Prioritäten und Ziele.
Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben
unseren Blickwinkel zum Thema Sicherheit fundamental verändert. Sicherheit im klassisch militäriAMERIKA DIENST 36

�sehen Sinn ist nach wie vor entscheidend während wir
versuchen, die wirtschaftlichen und politischen Reformen in Mittel- und Osteuropa sowie in der Sowjetunion
zu fördern und zu konsolidieren und Frieden durch
stabile Abschreckung aufrechtzuerhalten. Diese Ziele
finden in der derzeitigen Metamorphose der NATO
ihren Niederschlag. Das Bündnis hat seine Schlüsselfunktionen im Bereich der Sicherheit bekräftigt und
entwickelt eine neue Militärstrategie auf der Basis
flexiblerer, mobilerer und multinationaler Streitkräfte
mit erheblich geringerem Umfang. Gleichzeitig baut
die NATO ihre politischen Kontakte mit den Reformstaaten des Ostens aus.
Ich möchte an diesem Punkt auch darauf verweisen,
daß wir es anerkennen und begrüßen, daß in Deutschland stationierte US-Streitkräfte gemeinsame Ziele
verfolgen und daß sie auf Bitten Deutschlands hier
sind. Sie werden immer bedenken, daß es ihre Pflicht
ist, die deutsche Souveränität verteidigen zu helfen
und sie zu respektieren.
Wie die Außenminister Baker und Genscher jedoch in
ihrer Washingtoner Erklärung Anfang dieses Jahres
vereinbarten, umfaßt die Stabilität in Europa auch
andere Dimensionen der Sicherheit - politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische. Es wird unsere
gemeinsame Aufgabe sein sicherzustellen, daß beim
Aufbau der euro-atlantischen Gemeinschaft auf der
Basis der drei Säulen NATO, EG und KSZE all diesen
Elementen der Sicherheit Rechnung getragen wird.
Nirgendwo ist dies wichtiger als in der Sowjetunion, wo
wir erstaunt beobachtet und ermutigend reagiert haben, als sich das Land von einer revolutionären Macht,
die das marktwirtschaftliche System ablösen wollte, zu
einem von Krisen geschüttelten Vielvölkerstaat veränderte, der bestrebt ist, sich dieses System zu eigen zu
machen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen in
der Sowjetunion geben gleichermaßen Grund zu Hoffnung wie zu Sorge. Das Anschwellen des Widerstands im Volk gegen den Staatsstreich war letztlich
für dessen Scheitern verantwortlich und zeigt, wie
rasch die Idee der Demokratie Wurzeln in einer Gesellschaft schlug, die kaum Erfahrung damit sammeln
konnte.
Angesichts der jüngsten Ereignisse besteht kaum
Zweifel, daß die Abwendung vom alten totalitären
Staat unumkehrbar ist. Das Scheitern des kommunistischen Systems und dessen Unfähigkeit, sozial oder
wirtschaftlich für seine Bürger zu sorgen, sind offensichtlich. Die militärische Stärke und Solidarität des
Bündnisses hat den Kommunismus eingedämmt, und
erbärmliche wirtschaftliche Leistungen haben ihn diskreditiert. Aber was ihm über kurz oder lang vollends
den Garaus machen wird, ist eine Idee, die nicht
unterdrückt werden kann - ein un veräu ßerliches Recht
auf freie Entscheidung über das eigene politische und
wirtschaftliche Schicksal. Diese Idee hat im sowjetischen Volk eindeutig Fuß gefaßt.

AMERIKA DIENST 36

Die Tatsache des Putschversuchs ist jedoch ein
Warnzeichen für die Zerbrechlichkeit der demokratischen Institutionen der Sowjetunion. Außenminister
Baker hat gestern die Prinzipien dargelegt, von denen
die amerikanischen Beziehungen zur Sowjetunion in
dieser entscheidenden Phase geleitet werden. Bundeskanzler Kohl und Bundesaußenminister Genscher
haben gestern vor dem Bundestag wichtige Erklärungen zur deutschen Politik abgegeben. Davor sind
Vertreter der führenden Industrieländer vergangene
Woche zusammengekommen, um erneut unsere Absicht
zu bekräftigen, den Prozeß politischer und wirtschaftlicher Reformen in der Sowjetunion zu bestätigen. Wir
sind übereingekommen, unsere Aufmerksamkeit vor
allem darauf zu lenken, wie wir den Hilfsbedürftigen
humanitäre Hilfe leisten können, insbesondere in Form
von Nahrungs- und Arzneimitteln. Ferner haben wir in
Zusammenarbeit mit Weltbank und IWF die neue
sowjetische Wirtschaftskommission ermutigt, ihren Plan
zur Wirtschaftsreform zu erarbeiten - der Basis für
verstärkte westliche Hilfe. Und schließlich haben wir
vereinbart, umgehend technische Hilfe zu leisten, um
diese Bestrebungen zu unterstützen, insbesondere in
den Bereichen Nahrungsmittelverteilung, Energie und
Umwandlung der Rüstungsindustrie.
Andernorts in Europa werden unsere Nachbarn, Verbündeten und Freunde - insbesondere in den Staaten
Mittel-und Osteuropas - auf Deutschland und die
Vereinigten Staaten schauen, auf daß sie den Weitblick, den Mut und das Vertrauen demonstrieren, die
eine Führungsrolle ausmachen.
Ich möchte mich kurz dem Baltikum zuwenden. Präsident Bush hat Anfang der Woche erklärt, daß die
Geschichte uns danach beurteilen wird, wie Estland,
Lettland und Litauen sich als unabhängige Nationalstaaten entwickeln. Um diese Entwicklung zu unterstützen, haben die Vereinigten Staaten nicht nur Diplomaten, sondern auch Experten in die Länder des
Baltikums entsandt, um die unmittelbare Notwendigkeit von Nahrungsmittelhilfe und anderer humanitärer
Hilfe zu untersuchen.
Die Lage in Jugoslawien stellt weitere Anforderungen
an die internationale Führungskraft. Wir in den Vereinigten Staaten begrüßen die Bestrebungen der EG im
Rahmen der KSZE, insbesondere ihre Bemühungen
zur Einberufung einer Friedenskonferenz und für einen
effektiven Waffenstillstand. Wir werden weiterhin die
Entwicklungen in Jugoslawien genau verfolgen und die
Fortschritte der EG im Einklang mit der gemeinsamen
US-EG-Erklärung von 3. Juli beobachten.
Während die ehemaligen kommunistischen Staaten
Europas versuchen, ihre neuen frei gewählten Regierungen und freien Marktwirtschaften zu stabilisieren,
besteht die Gefahr, daß der Demokratie zu schnell zu
viel abverlangt wird. Ein Rückgriff auf erprobte Maßnahmen der Kommandowirtschaft könnte dann verlokkend erscheinen. Um diesen Rückfall zu verhindern,

Seite 3

�müssen wir zusammenarbeiten, um Sicherheit in all
ihren Dimensionen, auch der wirtschaftlichen, zu erreichen und dazu beizutragen, daß Demokratie für diejenigen, die sie erstmalig erleben, hält, was sie verspricht.
Deutschland stand an vorderster Front bei den Bestrebungen, Europa zu einigen. Es war bestrebt, die
Europäische Gemeinschaft zu stärken und zu erweitem und politische Probleme mit Hilfe europäischer
Institutionen zu lösen. Die deutsche Führungsrolle bei
der Hilfe der G-24 für Polen ist ein lobenswertes
Beispiel. Die Bundesrepublik Deutschland hat den
Ländern Mittel- und Osteuropas auf dem Weg zu
stabilen Demokratien und Marktwirtschaften Hilfe in
Höhe von über 12 Milliarden D-Mark gewährt. Bei den
Gesprächen, die innerhalb der Europäischen Gemeinschaft mit dem Ziel der Entwicklung sowohl einer
Wirtschafts- und Währungsunion als auch einer politischen Union Europas geführt wurden, war Deutschland der Wegbereiter.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diese Bestrebungen vorbehaltlos. Ein erfolgreiches, vereintes Europa
hat positiven Einfluß auf Stabilität, Demokratie und
Wohlstand auf der ganzen Welt. Es erübrigt sich zu
sagen, daß dieses Konzept auch ein in jeder Hinsicht
für die restliche Welt offenes und in seiner gemeinsamen Politik und Strategie nach außen orientiertes
Europa beinhaltet. Die Harmonisierung eines liberalen
europäischen Ansatzes zu freiem Handel, Investitionen und Finanzpolitik wird eine der großen Herausforderungen des Integrationsprozesses sein. Amerika,
dessen Ansichten zu diesen grundlegenden Fragen
denen der Bundesrepublik Deutschland so sehr gleichen, erhofft sich von Deutschland, daß es innerhalb
der Europäischen Gemeinschaft auf dem Weg zu
deren Ziel, einer wirtschaftlichen und politischen Union,
die Führung übernimmt.
Die zuerst von Bundesaußenminister Genscher angeregte Transatlantische Erklärung der EG und der USA
von November 1990 bietet den Rahmen dafür, daß die
Vereinigten Staaten eine aktive Rolle im europäischen
Integrationsprozeß spielen können. Die Erklärung
umreißt Bereiche der Zusammenarbeit und Konsultationen zu politischen, wirtschaftlichen und grenzüberschreitenden Fragen. Sie schafft den Rahmen zur
Erweiterung unseres Dialogs und unserer Beziehungen. Sie definiert die gemeinsamen Ziele unserer
transatlantischen Partnerschaft, unter anderem die
Unterstützung von Demokratie und Wohlstand weltweit sowie die Stärkung des multilateralen Handelssystems.
In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß Deutschland seine
Führung im Welthandel unterstreicht, indem es gegenwärtige Hindernisse in der Uruguay-Runde des GATT
ausräumen hilft. Die Vereinigten Staaten engagieren
sich weiterhin voll und ganz für einen erfolgreichen
Abschluß der Uruguay-Runde. Leider haben unsere

Seite 4

Differenzen im Bereich der Landwirtschaft die Tatsache getrübt, daß wir bei diesen Verhandlungen grundsätzlich gemeinsame Interessen verfolgen. Als größte
Exportnationen der Welt haben Deutschland und die
Vereinigten Staaten bei einem Erfolg der Runde viel zu
gewinnen - und bei ihrem Scheitern viel zu verlieren.
Die wirtschaftliche - und damit vielleicht die
politische - Stabilität der Länder Osteuropas
und der dritten Welt, die sich durch Reformen
von der Planwirtschaft befreien, hängt zum großen
Teil von der Gelegenheit dieser Länder ab, ihre
Produkte - auch ihre Agrarerzeugnisse - auf die
größten und reichsten Märkte der Welt zu exportieren. Von Deutschland erhoffen wir uns,
daß es sowohl in seinem eigenen nationalen
Interesse als auch im Namen zahlreicher kleinerer Länder, die von Agrarexporten abhängig
sind, den Weg bereiten hilft, um Europas
Gemeinsame Agrarpolitik zu reformieren.
Es gibt viele Mißverständnisse über unsere
Agrarpolitik. Oft heißt es, die Vereinigten Staaten wollten die europäischen Landwirte ruinieren. Das ist ganz einfach falsch. Wir sind nicht
gegen die Unterstützung von Landwirten, sondern nur gegen eine Unterstützung, die Produktion und Handel verzerrt.
Was wir wollen, sind Schritte hin zu einem
Handelsregime, das die GATT-Regeln, die bei
Industriewaren so erfolgreich waren, auf die
Landwirtschaft anwendet. Die Tatsache, daß
die Landwirtschaft faktisch von den normalen
Regeln des Welthandels ausgenommen ist, hat
Regierungen und Verbraucher Milliarden D-Mark
gekostet und den leistungsfähigsten Herstellern
Märkte verschlossen.
Stärkeres Engagement über Europa hinaus
Die Uruguay-Runde ist ein Beispiel dafür, wie sehr wir
mit Deutschland zusammenarbeiten können, nicht nur
bei Fragen der transatlantischen Beziehungen, sondern auch bei Problemen, die die gesamte internationale Staatengemeinschaft betreffen. Und die Transatlantische Erklärung der EG und der USA kann einen
Rahmen für weltweite und europäische Fragen liefern.
Keine Nation mit so umfassenden Interessen auf den
Gebieten Wirtschaft, Handel, Kultur und Umwelt wie
Deutschland kann ein Engagement in der Weltpolitik
vermeiden. Selbst vor der Einigung war der deutsche
Einfluß in diesen Bereichen von Mittelamerika bis zum
Nahen Osten spürbar. Deutschland hat seit langem
zur wirtschaftlichen Stabilität der Welt beigetragen.
Bedauerlicherweise haben die Spannungen zwischen
Ost und West sowie das tragische Vermächtnis der
Nazi-Ära zusammengewirkt, eine entsprechende politische Rolle über Europa hinaus zu verhindern. Diese
Situation hat sich jetzt geändert.

AMERIKA DIENST 36

�Anfang dieses Jahres erklärte Bundeskanzler Kohl in
Edinburgh: "Für uns Deutsche gibt es keine Nische in
der Weltpolitik. Wir wollen unseren Beitrag leisten zu
einer Welt des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit."
Dies waren höchst willkommene Worte, denn die Welt
benötigt ein engagiertes, nach außen orientiertes
Deutschland. Es gibt zu wenige demokratische Nationen mit den Ressourcen und der Phantasie, wie sie
Deutschland zur Entwicklung einer neuen und besseren Weltordnung beitragen kann.
Bei allem gebührenden Respekt für diejenigen, die
vorgeben, einen Wiederaufstieg Deutschlands aufgrund seiner Geschichte zu fürchten: sie mißverstehen oder unterschätzen meines Erachtens dieses
Deutschland. Die Bundesrepublik hat ihren angestammten Platz unter den führenden Nationen der
freien Welt verdient. Sie hat dazu beigetragen, Europa
zu einer Ära von Frieden, Wohlstand und Sicherheit zu
führen, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Sie
ist ein Land, das Niederlage und Teilung kennengelernt hat und dennoch frei, wohlhabend und stark
daraus hervorgegangen ist. Sie kann daher zu Recht
zur Verteidigung der Freiheit und von der Verpflichtung
sprechen, eine helfende Hand auszustrecken.
Es gibt bereits unmißverständliche Anzeichen für
Deutschlands Engagement für diese Ziele innerhalb
der umfassenderen Konturen seiner Außenpolitik:
Als Land, das gerade seine Vereinigung erleben
durfte, hat Deutschland eine einzigartige Grundlage für Gespräche mit Nord- und Südkorea.
Darüber hinaus ist es eines der wenigen Länder
mit offiziellen Vertretungen in beiden Ländern.
Bei dem sich beschleunigenden Friedensprozeß in Kambodscha hat Deutschland eine einmalige Ausgangsbasis. Zwar sind die Bedingungen für eine amerikanische Vertretung in
Phnom Penh noch nicht reif. Aber wir verfolgen
gemeinsam mit Deutschland das Ziel, eine
umfassende Regelung innerhalb des von den
Fünf Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats vorgegebenen Rahmens zu verwirklichen.
China hat eine wichtige, konstruktive Rolle in
Kambodscha gespielt. Bei anderen Problemen
bleibt jedoch noch viel zu tun. Wir hoffen, daß
sich Deutschland als ein führendes Land uns
dabei anschließen wird, die Chinesen für Grundsatzfragen wie Menschenrechte, freien Handel
und Nichtverbreitung zu gewinnen.
In Lateinamerika hat Deutschland wichtige Beiträge zur Wahlbeobachtung in Nicaragua und El
Salvador geleistet und fördert durch seine Entwicklungshilfepolitik den Umweltschutz.

AMERIKA DIENST 36

In Afrika stellt die Bundesregierung ihre Führungsrolle unter Beweis, indem sie humanitäre
Hilfsprogramme mit dem Ziel entwickelt, die
Hauptprobleme wie Armut, Hunger und Überbevölkerung zu bekämpfen. Darüber hinaus haben die politischen Stiftungen in Deutschland
mit einigen der umfangreichsten und kreativsten Programme, die es jemals im Privatsektor
gab, Ressourcen, Know-how und Informationen nach Afrika geleitet.
Die unerschütterliche politische Unterstützung
sowie die großzügige Finanzhilfe und logistische Unterstützung Deutschlands waren entscheidende Faktoren für die Befreiung Kuwaits
und den Schutz Israels während des Golfkriegs.
Durch die engen Beziehungen der Bundesrepublik zu Israel, dem Iran und den wichtigsten
arabischen Ländern leistet Bonn einen wertvollen Beitrag zum regionalen Dialog am Persischen Golf und im gesamten Nahen Osten.
Solche Aktivitäten liefern eine solide Basis für den
Ausbau der zukünftigen Rolle Deutschlands. Ich möchte
Ihnen dazu einige Beispiele möglicher künftiger Initiativen nennen, um Ihre Phantasie anzuregen:
Das deutsche Geschick für multilaterale Diplomatie könnte nützlich für die Zusammenarbeit
mit der Organisation für Afrikanische Einheit
(OAU) eingesetzt werden, um diese Institution
zu stärken, gemeinsame Märkte aufzubauen
und die afrikanischen Länder zur Selbsthilfe zu
führen. Die Bundesrepublik könnte sich femer
stärker an Bestrebungen zur Beilegung regionaler Konflikte in Afrika beteiligen. Obwohl
Deutschlands besonderes Interesse an Ländern wie Namibia und Südafrika nur natürlich
und positiv ist, bleibt noch viel Raum für größere
Aktivitäten.
Der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Carl-Dieter Spranger, fordert neue Kriterien bei der Entwicklungshilfe, die deutsche
Kredite an "überbewaffnete" Länder beschränken. Die Vereinigten Staaten und Deutschland
könnten ihre Zusammenarbeit bei der Vergabe
von Entwicklungshilfekrediten als Instrument
nutzen, um die Verbreiter solcher Waffen in der
dritten Welt von ihrem Kurs abzubringen. Gleichzeitig müßten wir jedoch die berechtigten Sicherheitsinteressen von Ländern wie Ägypten
und Israel bedenken, die im Friedensprozeß
des Nahen Ostens und im Golfkrieg eine schwierige Position hatten.
Es gibt viel Raum, um unsere bereits fruchtbare
Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung in
den Andenstaaten ebenso auszubauen wie

Seite 5

�unsere Politik zur Terrorismusbekämpfung im
Nahen Osten. Zusammen mit der Verbreitung
von militärischer Technologie und Massenvernichtungswaffen bedeuten diese Bedrohungen
eine massive Herausforderung für unsere
gemeinsame Sicherheit. Dabei gibt Deutschlands neue Gesetzgebung für den Handel mit
militärischer Technologie ein gutes Beispiel.
Dennoch wird der Erfolg davon abhängen, inwieweit man andere - insbesondere EG-Länder
- ermutigen kann, ebenfalls solche Gesetze zu
verabschieden. Wir hoffen, Deutschland wird
gemeinsam mit uns alle Staaten ermutigen,
insbesondere Indien und Pakistan, um den Nichtverbreitungsvertrag zu unterzeichnen, wie China, Südafrika und Frankreich es entweder gerade getan oder angekündigt haben.
Wir erkennen vielversprechende Bereiche potentieller deutscher Zusammenarbeit mit Japan
auf bilateraler und multilateraler Ebene. Dazu
gehört vor allem die enge Koordinierung der
Politik gegenüber der Sowjetunion. Ferner sollen dort praktische Wege zur Förderung politischer Stabilität gesucht und der Reformprozeß
wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden.
Darüber hinaus liegt es im gemeinsamen Interesse Deutschlands und Japans, eine größere
Rolle bei den Entscheidungen der Vereinten
Nationen zu spielen, was wir unterstützen.
Schlie ßlich gab Au ßenminister Baker zu verstehen, daß die Vereinigten Staaten zusammen
mit der Sowjetunion besondere Anstrengungen
in der Frage der nördlichen Territorien Japans
unternehmen wollen, die ein Relikt sowohl des
Zweiten Weltkriegs als auch des kalten Kriegs
ist. Wir würden deutsche Unterstützung bei
diesen Bemühungen begrüßen.
Die Bundesrepublik wird noch in diesem Monat
den Vorsitz derG-7, der Gruppe führender Industrienationen, übernehmen und auch im Sommer nächsten Jahres Veranstalter des Gipfels
der G-7 in München sein. Diese Gipfel verleihen
der Koordinierung weltweiter wirtschaftlicher und

politischer Fragen eine wichtige neue Dimension, und München wird ein bedeutendes Forum
für die deutsche Führungsrolle werden. Diese
Rolle steht im Einklang mit Präsident Bushs
Forderung nach einem verbesserten "Trialog"
zwischen Europa, Japan und Nordamerika.
Wie diese Beispiele verdeutlichen, hängt unsere
gemeinsame Zukunft von unserem gemeinsamen Willen
und Mut ab, neue Ansätze zu suchen. Solch weltweites Engagement ist jedoch keine leichte Aufgabe. Sich
zu engagieren, heißt sich vor der Weltmeinung zu
verantworten. Damit können Risiken und Kosten
verbunden sein, weil eine Führungsrolle und eine
Vision Kritik - manchmal irrig, manchmal eifersüchtig,
manchmal sogar boshaft - nach sich ziehen.
Aber als erfolgreiche Nationen sind wir verpflichtet,
denen Hoffnung zu geben, die immer noch den Erfolg
anstreben. Vernachlässigung und Verzweiflung sind
die Ursachen von Instabilität und Gewalt. Der Glaube
an die Zukunft kann bei der Bewältigung von Problemen stark motivieren.
Über 150 Jahre lang hat sich Amerika um seine
eigenen Angelegenheiten gekümmert und sich im
Grunde dem Sirenengesang des Isolationismus hingegeben. Schließlich haben wir kurz vor Mitte dieses
Jahrhunderts erkannt, daß es in unserem eigenen
Interesse liegt, die gemeinsamen Interessen wahrzunehmen und treu zu unseren zentralen Werten von
Freiheit und Demokratie zu stehen. Und wir haben die
Last der Führungsrolle auf uns genommen.
Wir haben einen Weg des anhaltenden Engagements
gewählt.
Es war ein lohnender, aber manchmal auch einsamer
Weg.
Wir freuen uns, einen treuen Freund und Verbündeten
wie die Bundesrepublik Deutschland an unserer Seite
zu haben, der mit uns einen neuen Weg geht: einen
Weg des stärkeren Engagements, dessen Ziel ganz
einfach eine bessere Welt für uns alle ist.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 36

�V I S U M FÜR

USA
11. September 1991

ZULASSUNGSBEDINGUNGEN FÜR DAS VISUM
PER LOSVERFAHREN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON-(AD)- Die nachfolgende Übersicht mit dem Titel "Zulassungsverfahren fürdasEinwanderungsvisa-Programm AA-1 - Paragraph 132 des Einwanderungsgesetzes von 1990, PL. 101-649" wurde am 6.
September 1991 von der Abteilung für konsularische Fragen im US-Außenministerium veröffentlicht.

Worum handelt es sich beim EinwanderungsvisaProgramm AA-1?

Wie und wann werden Anmeldungen für AA-1
entgegengenommen?

Im Rahmen dieses Einwanderungsvisa-Programms
werden in jedem der Haushaltsjahre 1992,1993 und
1994 Personen aus 34 Ländern, die durch Änderungen
im Einwanderungsreformgesetz von 1965 benachteiligt wurden, 40.000 Einwanderungsvisa erteilt. Dabei
wird in jedem Haushaltsjahr ein neues Anmeldeverfahren durchgeführt.

Die Anmeldefrist für den Antrag im Haushaltsjahr 1992
(Oktober 1991 bis September 1992) beginnt am 14.
Oktober 1991 um 00.01 Uhr (Washington D.C.-Zeit)
und endet am 20. Oktober 1991 um 23.59 Uhr. Anträge müssen an folgende Anschrift gerichtet werden:

Wie kann man am Programm AA-1 teilnehmen?
Um an dem Programm AA-1 teilzunehmen, müssen
sich Bürger der 34 unten genannten Länder (in denen
sie geboren sein oder wo sie "natives" sein müssen)
bei der im folgenden genannten Adresse anmelden.
Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge ihres
Eingangs bearbeitet. Etwa die ersten 50.000 Bewerber werden informiert, daß sie ausgewählt wurden und
haben damit Gelegenheit, einen Visumantrag zu stellen.
Wer kann an AA-1 teilnehmen?
Personen, die in den folgenden Ländern geboren sind,
können sich bewerben:
Albanien, Algerien, Argentinien, Belgien, Bermuda,
Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Gibraltar, Großbritannien, Guadeloupe, Island,
Indonesien, Irland, Italien, Japan, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Monaco, Neukaledonien,
Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, San Marino, Schweden, Schweiz, Tschechoslowakei, Tunesien und Ungarn.

AMERIKA DIENST 36

AA-1 Program
P.O. Box 60000
Arlington, Virginia 22218-0001
USA
Links oben auf dem Umschlag muß der Antragsteller
sein Heimatland angeben, zum Beispiel: Italien.
Die Anträge werden in der Reihenfolge ihres Eingangs
während der Anmeldefrist bearbeitet. Sie können aus
den Vereinigten Staaten und aus dem Ausland mit
normaler Post oder Luftpost an die oben genannte
Anschrift geschickt werden.
Persönlich abgegebene Anträge, Telegramme oder
Anträge, die eine Eingangsbestätigung erfordern, werden
nicht angenommen. Anträge, die vor oder nach der
Anmeldefrist beim Postfach eingehen oder an eine
andere Adresse geschickt werden, werden nicht bearbeitet.
Welche Informationen muß der Antrag enthalten?
Es gibt kein besonderes Antragsformular. Antragsteller sollten die unten beschriebenen Angaben auf einen
normalen Briefbogen schreiben. Jeder Umschlag darf
nur einen Antrag enthalten. Der Briefumschlag sollte
eine Standardgröße für Briefe haben, eine Länge von

Seite 1

�etwa 12,7 bis 26,7 cm und eine Breite von etwa 9 bis
16,5 cm. Die Größe ist für die automatische Bearbeitung des Posteingangs notwendig. Jeder Antrag muß
in englischer Sprache mit der Schreibmaschine oder in
deutlichen Druckbuchstaben geschrieben werden und
enthalten:
Folgende Angaben auf einem einfachen Briefbogen:
a)

Vollständiger Name des Antragstellers
Name, alle Vornamen

b)

Geburtsdatum und -ort des Antragstellers
Datum: Tag/Monat/Jahr
Ort : Stadt/Stadtteil; Bezirk/Provinz; Land

c)

Name, Geburtsdatum und -ort des Ehepartners
und der Kinder des Antragstellers

Der Ehepartner und die Kinder eines Antragstellers,
der sich für den AA-1 -Status beworben hat, haben als
Familienangehörige automatisch Anrecht auf denselben Status. Dabei müssen der Ehepartner oder das
Kind nicht in einem der aufgelisteten Länder geboren
sein. Um ein Visum für diese Mitqualifizierung als
Familienangehöriger zu erhalten, muß das Kind unter
21 und unverheiratet sein.
d)

Postanschrift des Antragstellers

Die Postanschrift muß klar und vollständig sein, weil
die Benachrichtigung über die Zulassung der Personen an diese Anschrift geschickt wird.
e)
Konsularische Vertretungen der Vereinigten
Staaten, an die eine Zulassung für ein Visum geschickt
werden soll.
Normalerweise ist dies die US-Botschaft oder das
Konsulat im Heimatland des Antragstellers. Wenn
sich der Antragsteller in den Vereinigten Staaten aufhält, ist die konsularische Vertretung in dem Land des
früheren Wohnsitzes außerhalb der Vereinigten Staaten anzugeben. An diese Stelle wird der Visumsantrag
in jedem Fall zur Bearbeitung weitergeleitet.
An die Vorlage des Antrags sind keine weiteren Bedingungen als die oben beschriebenen Angaben geknüpft. Photokopien werden akzeptiert, und eine
Unterschrift ist nicht erforderlich.
Wieviele Antragsteller werden zugelassen?
Insgesamt werden etwa 50.000 Antragsteller zugelassen. Darin sind sowohl die Hauptantragsteller als auch
ihre Ehepartner und Kinder als mitqualifizierte Familienmitglieder enthalten. Da einige der ersten 40.000
ausgewählten Personen ihren Antrag nicht bis zur
Ausstellung eines Visums verfolgen werden, gewährleistet diese größere Anzahl die Nutzung aller unter

Seite 2

AA-1 vergebenen Nummern, heißt aber unter Umständen, daß ausgewählte Personen, die nicht schnell
handeln, kein Visum bekommen. Alle ausgewählten
Personen werden umgehend von ihrem Platz auf der
Liste informiert. Ausgewählte Antragsteller, die Visa
erhalten möchten, müssen umgehend alles weitere
veranlassen. Jeden Monat werden Visa in chronologischer Reihenfolge oder Auswahl an Antragsteller erteilt, auf die in diesem Monat die Wahl gefallen ist.
Wenn insgesamt 40.000 Visa ausgestellt wurden, ist
damit das Programm für das laufende Jahr beendet.
Das Gesetz sieht vor, daß mindestens 40 Prozent
(16.000) der AA-1 Visa jeden Jahres Antragstellern
aus dem Land ausgestellt werden müssen, in dem im
Rahmen des vorherigen Programms NP-5 die meisten
Visa erteilt wurden (Irland mit etwa 41 Prozent Visa
gemäß NP-5). Das heißt, mindestens 40 Prozent der
für AA-1 Visa zugelassenen Personen müssen aus
Irland stammen.
Wie werden die Fälle bearbeitet?
Die Anträge werden in der Reihenfolge ihres Eingangs
im Zeitraum der Antragstellung bearbeitet, das heißt,
bis genug Personen für die im Haushaltsjahr 1992
verfügbaren Visa ausgewählt sind. Sobald ein Antragsteller zugelassen wurde, erhält er ein Benachrichtigungsschreiben. Ein Nachweis seiner Zulassung ergeht
gleichzeitig an die konsularische Vertretung, die den
Fall weiterbearbeiten wird.
Werden nicht zugelassene Antragsteller informiert?
Nein. Der Antrag nicht zugelassener Antragsteller wird
nicht beantwortet.
Kann jeder Antragsteller nur einen Antrag für AA1 stellen?
Es gibt keine Beschränkung für die Zahl der vorlegten
Anträge. Nur der zuerst eingehende Antrag eines
Antragstellers im Zeitraum der Antragstellung wird
erfaßt.
Können Ehegatten separat einen Antrag stellen?
Ja. Wenn einer von beiden zugelassen wird, ist der
andere als Familienmitglied mitqualifiziert.
Können Kinder unabhängig von ihren Eltern einen
Antrag stellen?
Grundsätzlich sind Kinder von der Antragstellung nicht
ausgeschlossen, aber die Bedingung einer festen
Arbeitsplatzzusage für jeden Hauptantragsteller zum
Zeitpunkt des Visumgesprächs wird jeden disqualifizieren, der gesetzlich noch nicht arbeitsberechtigt ist.
In jedem Fall können Eltern nicht aufgrund ihres Kindes zugelassen werden, aber ein Kind (unter 21 Jahren und unverheiratet) wird automatisch mit seinen
Eltern zugelassen.

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�Wie ist der Begriff "native" zu definieren? Gibt es
Grundlagen, infolge derer Personen, die nicht in
einem oben genannten Land geboren sind, trotzdem zugelassen werden können?
Im Rahmen des AA-1 -Programms bezeichnet "native"
sowohl eine Person, die in einem der bereits genannten Länder geboren ist als auch Personen, die einem
dieser Länder "zugerechnet" worden sind. Antragsteller für AA-1 können von unterschiedlichen Heimatländern profitieren, zum Beispiel kann ein Antrag dem
Geburtsland eines Ehepartners zugerechnet werden,
ein Kind dem Geburtsland eines Elternteils und ein
Antragsteller, der in einem Land geboren ist, in dem
keiner seiner Eltern zum Zeitpunkt seiner Geburt seinen ständigen Wohnsitz hatte, kann sich dem Geburtsland beider Elternteile zurechnen. Ein Antragsteller, der den Vorteil der alternativen Zurechnung in
Anspruch nehmen will, muß seinem Antrag eine entsprechende Erklärung beifügen und das alternative
Land auf dem Umschlag mit dem Antrag links oben
angeben.
Gesetzt den Fall, der Geburtsort einer Person war
zum Zeitpunkt seiner Geburt ein "AA-1 "-Land,
liegt aber aufgrund von Grenzveränderungen nicht
mehr in einem zugelassenen Land?
Wenn eine Person als in einem zugelassenen Land
geboren anerkannt werden will, muß der Geburtsort
innerhalb der Grenzen liegen, wie sie gegenwärtig von
den Vereinigten Staaten anerkannt werden.
Können Personen, die in den Vereinigten Staaten
leben, einen Antrag stellen?
Ja. Antragsteller können sich zum Zeitpunkt der Antragstellung entweder in den Vereinigten Staaten oder
im Ausland aufhalten.
Muß jeder Antragsteller seine(n) eigenen Antrag/
Anträge stellen, oder kann es jemand in seinem
Namen tun?
Beide Formen sind korrekt.
'

Ist ein Arbeitsangebot erforderlich, wenn man
sich für das AA-1-Programm bewirbt?

*

Nein. Ein Brief von einem künftigen Arbeitgeber in den
Vereinigten Staaten muß dem ersten Antrag für das
AA-1 Programm nicht beigefügt werden. Zum AA-1Programm zugelassene Personen müssen jedoch zum
Zeitpunkt ihres Interviews für ein Einwanderungsvisum den Beweis erbringen, daß sie einen Vollzeitarbeitsplatz in Aussicht haben. Mit zwei oder mehr
*

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Teilzeitarbeitsplätzen ist diese Voraussetzung ebenfalls erfüllt, wenn diese zusammengenommen eine
Vollzeitbeschäftigung ergeben, solange der Antragsteller von jedem Arbeitgeber Bestätigungen über das
Arbeitsangebot erbringt. Das Angebot kann von einem
Unternehmen oder jeder anderen Institution oder
Organisation in den Vereinigten Staaten oder von
einer Privatperson unterbreitet sein. Der Beweis einer
bestehenden freiberuflichen Tätigkeit kann die Bedingung des Arbeitsangebots erfüllen - der Plan zur
sofortigen Eröffnung eines eigenen Betriebs fällt jedoch nicht darunter.
Gibt es in der Kategorie AA-1 eine Zulassungsgebühr?
Bei der Unterbreitung des ersten Zulassungsantrags
wird keine Gebühr erhoben. Erfolgreiche Bewerber
zahlen zur Abdeckung der Bearbeitungskosten für AA1 -Zulassungen 25 Dollar. Diese Gebühr wird von der
konsularischen Vertretung erhoben, an die der Antrag
zu Bearbeitung weitergeleitet wird. Nicht zugelassene
Personen zahlen keine Gebühr.
Können Bewerber, die bereits für ein Einwanderungsvisum in einer anderen Kategorie zugelassen sind, sich um eine Zulassung in der AA-1Kategorie bewerben?
Ja.
Wird erfolgreichen Kandidaten, die sich bereits in
den Vereinigten Staaten aufhalten, gestattet, ihren
Status anzupassen?
Ja, solange die Person sich legal im Land aufhielt.
Sobald ein Antragsteller seine Nummer erhält, sollte er
sich mit der Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service) in
Verbindung setzen, um sich über die Anpassung seines Status zu informieren.
Wie lange bleiben Antragsteller, die in diesem
Antragszeitraum ihren Antrag stellen, berechtigt,
Visa der AA-1-Kategorie zu beantragen?
Personen, die 1991 einen Antrag für AA-1 stellen,
können sich nur im Haushaltsjahr 1992, das heißt von
Oktober 1991 bis einschließlich September 1992, um
die Ausstellung eines Visums bewerben. Personen,
deren Antrag im Haushaltsjahr 1992 nicht bewilligt
wird, dürfen sich nicht erneut bewerben. In jedem Jahr
muß vor Beginn des Haushaltsjahrseine Bewerbungsfrist für die AA-1 Visa dieses Jahren eingeräumt werden.

* * *

*

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�GESELLSCHAFT
11. September 1991

SPÄTBERUFENE STUDENTEN STREBEN
IN DIE HOCHSCHULE
von Mary Jo Binker
Die Autorin ist Redakteurin der Zeitschrift American, die von der American University in Washington herausgegeben wird.
Copyright (c) 1990 The American University. Übersetzung mit Genehmigung.

Was haben sie gemeinsam - ein 35jähriger Aussteiger,
ein Ex-Entwicklungshelfer, ein pensionierter Geschäftsmann, eine arbeitslose Bürokraft, ein Einwanderer aus
Mittelamerika, ein aufstrebender Beamter, eine Hausfrau und ein erfolgreicher Politiker mit dem Wunsch,
Jura zu studieren?
Sie alle belegen eine steigende Tendenz an den
Hochschulen: Erwachsene gehen wieder zur Schule.
Dem College Board (der offiziellen Stelle für Informationen über Hochschulbildung in den Vereinigten Staaten) zufolge sind 45 Prozent der Collegestudenten
über 25 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren wird
diese neue Gruppe von Studenten - 60 Prozent davon
sind Frauen und 70 Prozent Vollzeitbeschäftigte - die
Mehrheit der Studenten in den Collegeklassen Amerikas stellen.
Einer der Hauptfaktoren für den Boom in der Erwachsenenbildung ist die Überzeugung, daß ein Collegeabschluß die Eintrittskarte für eine erfolgreiche Karriere
ist. "Bildung zahlt sich in nie dagewesenem Umfang
aus," erklärt Robert Lerman, Arbeitsökonom und Professorander American University (AU) in Washington.
"Arbeitnehmer mit Collegeausbildung verdienen mehr
Geld als je zuvor. Die Gehaltsunterschiede zwischen
Arbeitnehmern mit Schul- oder Universitätsabschlüssen waren noch nie so hoch wie jetzt." Dem Arbeitshistoriker Michael Kazin von der American University
zufolge wird diese Kluft noch größer werden. "Die
Strukturen auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt haben
sich in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren verändert, "konstatiert der Professor. "Immer mehr Arbeitsplätze erfordern entweder einen hohen Ausbildungsgrad oder eine Minimalausbildung - eine Zwischenlö-

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sung gibt es nicht. Um eine gute Stelle zu bekommen,
benötigt man ein Bakkalaureat oder man sinkt auf eine
ganz niedrige Gehaltsstufe."
Diese Veränderung im Ausbildungsgrad der Arbeitnehmer macht Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen unsicher, wie der Arbeitsplatz von morgen
aussehen wird.
Der Arbeitsplatz von morgen wird unbeständig sein,
erklärt dazu Betsy Brand, Abteilungsleiterin für Berufsund Erwachsenenbildung im US-Bildungsministerium.
'Technische Fortschritte und die Veränderungen durch
Fusionen und Firmenaufkäufe unter US-Firmen zusammen mit den jüngsten politischen Entwicklungen
im Ausland machen Prognosen extrem schwierig,"
erklärt Brand. "Wir können nur mit Sicherheit sagen,
daß alles unsicher sein wird."
Der Arbeitsplatz von morgen wird darüber hinaus von
mehr Konkurrenz geprägt sein. "Firmen machen sich
heute schneller Veränderungen auf den In- und Auslandsmärkten zunutze", erklärt Lerman. "Sie müssen
ihre Geschäftstätigkeit ausweiten, stärker um qualitativ hochwertige Produkte bemüht sein und langfristiger
denken."
Darüber hinaus wird die Erwerbsbevölkerung in den
Vereinigten Staaten vielfältiger sein als je zuvor. "Im
Jahr 2000 werden mehr Frauen als Männer und mehr
Minderheiten als Weiße auf den Arbeitsmarkt strömen," erläutert die Leiterin der Berufsberatung an der
AU, Toby van der Vorm. "Unser traditionelles System
mit seiner Ausrichtung auf junge, weiße, männliche
Arbeitnehmer wird sich überlebt haben."

Seite 1

�Die steigende Zahl von Frauen und Angehörigen von
Minderheiten wird unter Umständen jedoch nicht ausreichen, um alle Arbeitsplätze im Jahr 2000 zu besetzen. "Bis jetzt gibt es noch keinen eklatanten Mangel
an qualifizierten Arbeitskräften, aber er könnte eintreten," erklärt Jurg Siegenthaler, Soziologieprofessor an
der AU, der strukturelle Veränderungen bei den Beschäftigten in der Industrie erforscht hat, "insbesondere wenn die demographischen Prognosen der letzten
zehn Jahre stimmen und weniger junge Menschen
dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen."
Die Arbeitsplätze von morgen werden sich ebenfalls
verändern. "Wir erkennen bereits eine Verlagerung
von monotonen Arbeitsplätzen zu solchen, bei denen
komplexere Fähigkeiten und mehr Urteilsvermögen
gefragt sind," erklärt Brand. "Arbeitnehmer werden
gebeten, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen,
was sie tun und warum sie es tun. Das heißt, der
einzelne Arbeitnehmer ist stärker gefordert."
Darüber hinaus prognostiziert Brand, daß sich der
Zeitraum zwischen technischen Innovationen verringern wird. "Mit einer zwei- oder dreijährigen Verzögerung zwischen Produktentwicklung und Umsetzung
sind manche Produkte bereits veraltet, wenn sie auf
den Markt kommen," beobachtet Brand. "Damit werden Betriebe einem immensen Stress ausgesetzt, ihre
eigenen Leute auf dem laufenden zu halten."
Das hei ßt, die Arbeitnehmer der Zukunft müssen flexibel und lernbereit sein. "Manche Firmen ziehen zum
Beispiel Geisteswissenschaftler Informatikern vor, weil
Informatiker als zu unbeweglich gelten," erklärt Siegenthaler. "Arbeitgeber möchten lieber jemanden mit
einer umfassenderen Ausbildung, der sich die Spezialkenntnisse über Computer am Arbeitsplatz aneignet."
Und als ob die Veränderungen in der amerikanischen
Arbeitswelt nicht ausreichten, müssen US-Firmen und
ihre Beschäftigten sich auch noch der ständig steigenden ausländischen Konkurrenz stellen.
Diese Veränderungen in der Geschäftsleitung und bei
den Mitarbeitern stoßen auf veränderte Einstellungen
der Arbeitnehmer. "Die Arbeitnehmer wollen eine
dauernde Herausforderung, die nur möglich ist, wenn
an ihrem Arbeitsplatz zunächst einmal Vielfalt, Komplexität und Entscheidungen gefragt sind", erklärt
Siegenthaler.
"Der anhaltende Trend zum frühen Ruhestand in den
Vereinigten Staaten ist ein Anzeichen für dieses Phänomen. Viele Frühpensionäre sagen jedoch auch, sie
hätten länger gearbeitet, wenn die Arbeitsstunden
flexibel und die Aufgaben interessant gewesen wären."
Dies bewertet van der Vorm als interessanten und
bedeutsamen Aspekt. "Im Gegensatz zu Menschen,
die vor der Depression aufwuchsen, als es wichtig war,
jede Art von Arbeitsplatz zu behalten, glauben die
Seite 2

Arbeitnehmer von heute - insbesondere die Angehörigen geburtenstarker Jahrgänge (Arbeitnehmer im Alter von 40 - 49) - daß Arbeit sinnvoll sein sollte."
Die Ungewißheiten des freien Markts machen den
Entschluß, wieder die Schulbank zu drücken, zu mehr
als einer vernünftigen Alternative für die Arbeitnehmer
und 3erufsanfänger von heute. Die Rückkehr zur
Schule wird zwingend erforderlich. Die meisten Berufsberater sind sich darin einig, daß der Durchschnittsbürger heute bereit sein muß, während seines Arbeitslebens mehrere verschiedene Berufe auszuüben. Die
Amerikanische Gesellschaft für Ausbildung und Entwicklung (American Society for Training and Development) stellt dazu fest, daß 75 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer bis zum Ende dieses Jahrzehnts
eine Umschulung benötigen. "Die Erwerbstätigen
werden sich immer stärker der Tatsache bewu ßt, daß
der einzige Weg zur Beibehaltung des Arbeitsplatzes
oder zum beruflichen Aufstieg darin besteht, neue
Qualifikationen zu erwerben", erklärt Lerman.
Van der Vorm stimmt zu: "Die Tage der Arbeitsplatzsicherheit sind vorbei", räumt sie ein. Nach all den
Firmenaufkäufen durch Börsenspekulanten in den
achtziger Jahren wurden selbst Unternehmen, die für
ihre Beschäftigten ein sicherer Hafen waren, demontiert. Heute ist es ein normaler Vorgang, daß sich ein
langjähriger Mitarbeiter einer Firma plötzlich zum ersten Mal nach vielen Jahren einen neuen Arbeitsplatz
suchen muß.
Auch mit dem Konzept der Aufstiegsmöglickeiten ist
es heute vorbei. Besonders die geburtenstarken
Jahrgänge werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von
Veränderungen am Arbeitsplatz oder in der Karriere
betroffen, was schlicht und einfach schon aus der
Tatsache resultiert, daß sie einen solch großen Anteil
an der Erwerbsbevölkerung bilden. "Aufgrund ihrer
Zahl gibt es für sie geringere Möglichkeiten, sich
innerhalb ihres Berufsfeids zu verändern, außer horizontal", erklärt van der Worm. "Das Unvermögen zum
Aufstieg wirkt sich auf ihre Einkommen aus. Sie
werden wahrscheinlich nicht so früh in den Ruhestand
gehen können wie sie möchten, da sie länger arbeiten
müssen, um ein ausreichendes Einkommen nach dem

Arbeitsleben sicherzustellen."
Andere Erwachsene kehren auf die Schulbank zurück,
weil das Lernen, wenn man einmal damit begonnen
hat, eine nur schwer wieder einzustellende Gewohnheit ist. "Je gebildeter die Menschen sind, desto eher
werden sie auch weiter lernen", erklärt der stellvertretende Verwaltungsleiter für Lehrpläne an der American
University, Robert Norris, dessen Dienststelle die Aufsicht
über zahlreiche Erwachsenenbildungsprogramme der
American University führt. "Es ist nicht ungewöhnlich,
daß Menschen, die bereits eine sehr erfolgreiche
Karriere hinter sich haben, zurückkehren, um Jura
oder Literatur zu studieren, weil sie zu dem Schluß
gekommen sind, daß sie genau dies tun wollen."

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�Erwachsene, die das College nie abgeschlossen - oder
nie eines besucht - haben, bilden in der Erwachsenenbildung ein weiteres großes Segment. "Nur 50 Prozent
der Menschen, die ein College besuchen, schließen
ihre Ausbildung auch mit einem Examen ab", stellt
Norris fest. Diejenigen, die es nicht schaffen, empfinden dies laut Chris Lovell, einem Studenten der American University, der viel mit Erwachsenen an der
Universität gearbeitet hat, als "große Unzulänglichkeit
in ihrem Leben. Ob man will oder nicht, ein Bakkalaureat ist ein Aufnahmeritus, insbesondere für die Mittelschicht."

eher bereit, es zu hinterfragen und im Lichte ihrer
Erfahrungen zu verarbeiten", erklärt Bernard Hodinko,
ein Professor an der erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der American University, der sich auf Beratung und Psychologie spezialisiert hat.

Welche Motivation auch immer dahintersteckt, der
Entschluß zur Rückkehr ins Klassenzimmer fällt nicht
immer leicht. "Die Literatur über Erwachsene, die
erneut die Schulbank drücken, stellt dazu fest, daß sie
dies zumeist in Umbruchphasen ihres Lebens tun nach einem grö ßeren Umzug, einer beruflichen Veränderung, einer Scheidung, dem Tod eines Ehepartners,
nachdem sie bei einer Beförderung übergangen wurden oder nach der Geburt eines Kindes - um nur
wenige Umstände zu nennen", sagt Norris.

Kent Baker, der in seiner 18jährigen Laufbahn als
Professor im Kogod College of Business Administration der American University über 15.000 erwachsene
Studenten unterrichtet und Berater zahlreicher Unternehmen war, stimmt dem zu: "Erwachsene Studenten
sind konzentrierter und zielstrebiger. Sie betrachten
die heutigen Gegebenheiten. Sie suchen die Situation, in der sie das Gelernte jetzt anwenden können
und nicht erst 15 Jahre später."

Der Entschluß zur Rückkehr kann durch die Furcht vor
unzureichenden Leistungen im Klassenzimmer noch
weiter kompliziert werden. "Die Leute machen sich
Sorgen darüber, ob sie die Arbeit leisten und die
Prüfungen bestehen können", erklärt der Geschäftsführer des Büros für Weiterbildung der American University, Richard Roughton. "Daneben machen Sie sich
Sorgen, welche Auswirkungen die Weiterbildung auf
ihren Arbeitsplatz, ihre Familie - und ihren Geldbeutel
haben wird."
Trotz häufig wenig idealer Bedingungen, die eine
Rückkehr auf die Schulbank mit sich bringt, bringen
erwachsene Schüler und Studenten enorme Energie
und großes Engagement in den Unterricht mit - sowie
reiche Lebenserfahrung, die sie für die Sache des
Lernens nutzen. "Sie engagieren sich im Unterricht
weit mehr als dies bei den eher traditionellen Studenten der Fall ist. Sie haben sich bewu ßt für die Rückkehr
entschieden, und sie stehen voll hinter diesem Entschluß. Wenn sie Material bekommen, dann sind sie

*

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Erwachsene werden wahrscheinlich auch anders lernen als jüngere Studenten im College-Alter. "Während
junge Menschen lernen, weil ihnen gesagt wird, daß
sie lernen sollen, ist Lernen für Erwachsene ein Bedürfnis", meint Lisa Levy, Direktorin des Zentrums für
berufliche Entwicklung der American University.

Darüber hinaus hat er festgestellt, daß erwachsene
Studenten zuverlässiger sind als Studenten im traditionellen College-Alter: "Sie lassen kaum einmal den
Unterricht ausfallen, und wenn sie dies - aufgrund einer
Reise oder auswärtigen Verpflichtung - tun müssen,
rufen sie an, informieren mich und treffen Arrangements, um ihre Arbeit einzureichen."
Aufgrund ihres Interesses, ihres Enthusiasmus' und
ihrer Entschlossenheit stellen erwachsene Studenten
fest, daß sie das nötige Rüstzeug besitzen, um in den
lebensverändernden Prozeß der Rückkehr zur Schule
einzusteigen. Und wenn sie ins akademische Leben
zurückkehren, sehen sie, daß ihr Bildungshorizont nur
von ihren Vorstellungen begrenzt wird.
"Mehr denn je werden sich die Menschen heute der
Tatsache bewußt, daß es nie zu spät ist, sich weiterzubilden", erklärt van der Vorm. Die heutige Doktorandin in Pädagogik an der American University erwarb
zehn Jahre nach ihrem Bakkalaureat den Magistergrad an der American University. "Wenn man einmal
zurückkehrt, wird man süchtig", sagt sie.

* * *

*

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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SriGN ^

35

4. September 1991

INNENPOLITIK

"AUSSERGEWÖNLICHES" in der
AMERIKANISCHEN POLITIK
von Byron E. Shafer

HOCHTECHNOLOGIE
IN AMERIKA

DER "ROSTGURTEL"WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison

SOWJETUNION

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE
AN EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister
Cheney bei der APSA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�AMERIKA HEUTE
4. September 1991

"AUSSERGEWÖHNLICHES" IN DER
AMERIKANISCHEN POLITIK?
von Byron E. Shafer
Byron E. Shafer ist der Andrew W. Mellon Professor of American Government am Nuffield College der Universität Oxford (England). Er ist Autor von Blfurcated Politics: Evolution and Reform in the National Party
Convention (1987), The Changing Structure of American Politics (1986) und Quiet Revolution: the
Struggle for the Democratic Party and the Shaping of Post-Reform Politics (1983). Der nachstehende
Artikel erschien 1989 in PS: Political Science &amp; Politics.
(c) 1989 by the American Political Science Association.
Selbst für die aufmerksamsten amerikanischen Beobachter birgt die Innenpolitik ständige Überraschungen.
Vielen ihrer ausländischen Kollegen erscheint sie
geradezu unbegreiflich. Gibt es etwas in der amerikanischen Politik, das aus der Sicht der übrigen Welt
tatsächlich anders oder sogar einzigartig ist? Etwas,
das impliziert, daß diese Politik nur im Hinblick auf die
besonderen Merkmale des politischen Gesamtsystems
verstanden werden kann, in dem sie sich vollzieht?
Etwas, das den althergebrachten Ausdruck für eine
praktisch kaum zu vermittelnde Eigenheit rechtfertigt etwas "Außergewöhnliches"?
Wenn die Innenpolitik etwas Außergewöhnliches an
sich hat, so ist es per definitionem in einem oder
mehreren von drei Bereichen anzutreffen. Es muß in
der Einstellung der Öffentlichkeit an der Basis dieser Politik zu finden sein, insbesondere in dem, was die
Menschen von der Politik erwarten oder wie sie über
den Prozeß der Durchsetzung politischer Ziele denken. Es muß in den Schlüsselorganisationen inmitten dieser Politik anzutreffen sein, die den einzelnen
Bürger mit den Regierungsinstitutionen - vornehmlich
politischen Parteien und Interessengruppen - verbindet. Und/oder es mu ß in unterschiedlicher Gestaltung
oder bestimmten Verfahrensweisen an oberster Spitze dieser Regierungsinstitutionen selbst anzutreffen sein.
Um die Analyse vorwegzunehmen: Meines Erachtens
gebührt dem breiten Spektrum amerikanischer nationaler Institutionen der Begriff außergewöhnlich. Ich
bin sicher, daß die Kernstruktur, die Art und Verhalten
unserer Parteien gliedert, sich dafür qualifiziert. Und
ich vermute, daß eine besondere und weitverbreitete
Einstellung gegenüber der Politik sich ebenfalls unterscheidet - obwohl ich mir dabei nicht so sicher bin.

AMERIKA DIENST 35

Das zentrale Element jedes vermeintlich Außergewöhnlichen in den offiziellen Institutionen der nationalen Regierung ist jedenfalls die Gewaltenteilung, die
besonders augenfällig durch die gleichrangige Judikative mit der Macht der "richterlichen Nachprüfung" ist.
Das zentrale Instrument, das die gesamte Durchsetzung politischer Ziele um diese Institutionen herum
gestaltet, ist die - meines Erachtens in der Weltpolitik
einzigartige - weitreichende Erfindung der Vorwahlen. Und das Gesamtkonzept, das die öffentliche
Einstellung zur Politik charakterisiert, ist ein einzigartig
amerikanisches - als Populismus bezeichnetes - Gefüge
von Werten, wenn nicht sogar eine Ideologie. Wenn
sie alle zusammengenommen - übereinandergeschichtet werden oder interagieren - ist das Ergebnis ein
politisches Leben, das für die übrige Welt zweifelsohne
verblüffend ist.
Gewaltenteilung
Das vertrauteste dieser Elemente ist die Gewaltenteilung , die durch die richterliche Nachprüfung am augenfälligsten wird. Obwohl dieser einzelne zentrale Aspekt
der verfassungsmäßigen Gestaltung amerikanischer
Politik in seinen Einzelheiten allen Beobachtern vertraut ist, kann man seine kollektive Bedeutung dennoch leicht mißverstehen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß in den
Vereinigten Staaten in den drei Hauptbereichen der
nationalen Regierung - Exekutive, Legislative und
Judikative - eine tatsächliche Gewaltenteilung nicht
so sehr existiert. Vielmehr gibt es "getrennte Institutionen mit gemeinsamen Gewalten", so daß drei
autonome Regierungsbereiche um die Kontrolle dieses grundlegenden Einflusses auf die öffentliche Politik konkurrieren. Wie dem auch sei - die Auswirkungen
sind nach wie vor enorm.
Seite 1

�Nicht nur, daß der Regierungschef und die Legislative
in den Vereinigten Staaten getrennt und unabhängig
gewählt werden, ist an sich schon eine Ausnahme in
der Weltpolitik, sondern auch die beiden Häuser der
Legislative, von denen jedes voll und ganz in der Lage
ist, Gesetze einzubringen oder zu blockieren und mit
den anderen Institutionen zu verhandeln oder selbst zu
überprüfen. Es ist in der Tat - gewöhnlich - häufig, daß
eine oder mehrere dieser Institutionen in den Händen
der Oppositionspartei ist. In 24 der 42 Nachkriegsjahre
war dies der Fall, und es wird auch in den nächsten vier
Jahren sicherlich noch so sein.

einzelnen Bereichen der nationalen Regierung selbst,
aber auch zwischen und mit untergeordneten Regierungen und zwangsläufig zwischen all den in ihnen
repräsentierten Interessen von außen. Infolgedessen
garantieren diese verfassungsmä ßige Struktur und die
damit einhergehende Durchsetzung politischer Ziele
ein konstantes Überdenken und dann erneutes Aushandeln aller politischen Vereinbarungen, die keinen
nationalen Konsens erzielt haben - eine Entwicklung, die von einigen als geniale Gabe der amerikanischen Politik, von anderen als ihr Fluch angesehen
wird.

Dies ist jedoch nur der Anfang. Für die Vereinigten
Staaten ist - oder wurde - die vom Obersten Gerichtshof geleitete Judikative eine nationale Institution, in der
Politik gemacht wird und die den anderen Institutionen
wie Präsidentschaft, Senat und Repräsentantenhaus
völlig gleichwertig ist. Einiges davon ist derföderativen
Struktur der amerikanischen Regierung immanent:
Wenn 50 Regierungen der Bundesstaaten ebenfalls
Gesetze erlassen, muß irgendjemand ihre Widersprüche lösen. Wenn die Regierungen der Bundesstaaten
die Bundesregierung zur Kontrolle der öffentlichen
Politik auffordern, muß auch hier jemand die widersprüchlichen Ergebnisse schlichten.

Vorwahlen

Viele Bereiche dieser gleichwertigen Rolle der Judikative werden zusätzlich implizit oder explizit durch die
als "richterliche Nachprüfung" bezeichnete Gewalt
geschaffen. Wiederum wird ein offenkundiger Aspekt
der amerikanischen Regierung - der entscheidende
Ort der richterlichen Nachprüfung - häufig ignoriert, will
nicht wahrgenommen werden, wenn Auswirkungen für
die Politik erörtert werden. Dennoch kann der Oberste
Gerichtshof in den Vereinigten Staaten natürlich jedes Gesetz, einschließlich derer, die von beiden Häusern
des Kongresses verabschiedet und vom Präsidenten
unterzeichnet wurden, als verfassungswidrig und damit
für null und nichtig erklären. Etwas informeller kann
der Gerichtshof auf diese Gewalt zurückgreifen, weiterzugehen und vorzuschlagen, wie das geeignete
Gesetz - geeigneterweise das "verfassungsgemäße"
Gesetz - aussehen könnte.
Infolgedessen fallen viele der großen Themen der
Nachkriegspolitik - Bürgerrechte, bürgerliche Freiheiten, Wahlnominierungen, Strafrecht, Religion im öffentlichen Leben, moralische Grundsätze, selbst das
Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative grundsätzlich in die Domäne des Obersten Gerichtshofes. Einige andere Nationen haben begonnen,
diese Struktur zu kopieren, und zwar eben wegen ihrer
Rolle bei diesen Themen. Keine ist so weit gegangen.
Entsprechend seiner Rolle in der amerikanischen Politik
gelingt es dem Obersten Gerichtshof, die Auswirkungen des gesamten verfassungsmäßigen Gefüges als
eine Struktur zu verstärken und zu verkörpern, die
ständige Verhandlungen erfordert - zwischen den

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Dieser anfängliche Überblick, so meine ich, erstreckt
sich auf bekanntes Terrain. Doch gerade weil dies so
grundlegend und vertraut ist, wird es in Betrachtungen
über mögliche außergewöhnliche Elemente der amerikanischen Politik häufig außer acht gelassen - oder
nahezu als unerheblich abgetan.
Das wichtigste organisatorische Instrument, das die
Verbindung zwischen diesen Regierungsinstitutionen
und der sie umgebenden Gesellschaft gestaltet, fällt in
eine völlig andere Kategorie. Dieser organisatorische
Mechanismus besteht überall in der amerikanischen
Politik. Seine Konsequenzen sind in nahezu jedem
Bereich der amerikanischen Regierung spürbar. Dieses Instrument ist auch außerhalb der Vereinigten
Staaten wohlbekannt, aber schlecht verstanden - ein
eigenartiger Zustand, der aus der Tatsache resultiert,
daß es offensichtlich zwar wichtig, aber im Weltmaßstab so eigentümlich und charakteristisch ist, daß es
nur schwer interpretiert werden kann.
Bei diesem Instrument handelt es sich natürlich um die
Primary - die "Vorwahl". Formal betrachtet ist eine
Vorwahl eine von der Regierung veranstaltete offene
und öffentliche Wahl mit dem Ziel, für jede wichtige
politische Partei Kandidaten für den folgenden allgemeinen Wahlkampf zu nominieren. Selbst wenn eine
Vorwahl auf die Mitglieder der politischen Partei beschränkt ist: "Mitgliedschaft" bedeutet für gewöhnlich
nur, daß man bei seiner Registrierung als Wähler eine
Präferenz für eine bestimmte Partei geäußert hat.
Häufig sind jedoch Vorwahlen für öffentliche Ämter
nicht einmal auf diese Minimaldefinition der Parteimitgliedschaft begrenzt.
Ein solches offenes - im Weltmaßstab jedoch zunehmend merkwürdiges - Verfahren hat bedeutende politische Folgen. Dazu gehören fast schon per definitionem Folgen für den Prozeß der Nominierung für ein
öffentliches Amt. Folgen entstehen jedoch auch für die
Art von Kandidaten und deren Wahlkämpfe sowie für
die Struktur und Funktionsweise politischer Parteien.
Die Auswirkungen politischen Handelns durch Vorwahlen beeinflussen nach unten sogar schon die Rolle
des einzelnen Bürgers, die "soziale Basis" der Politik,

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�so wie sie auch den oberen Bereich erfaßt haben und
den praktischen Betrieb der nationalen Regierungsinstitutionen betreffen, jene "getrennten Institutionen mit
gemeinsamen Gewalten".
Offenkundig bedeutet Föderalismus mit Gewaltenteilung, daß Regierungsvertreter - von denen die meisten
in der nationalen Regierung anzutreffen sind - in ihren
eigenen, lokalen und getrennten Bezirken mit ihren
besonderen und unabhängigen Wahlkreisen gewählt
werden.
Schon dies allein würde die Einwohner dieser Wahlkreise zu der Forderung ermutigen, daß ihre Kandidaten zuallererst die besonderen Wünsche des Bezirks
vertreten. Aber wenn diese Einwohnerin einer offenen
Wahl über die Nominierung ihrer Kandidaten abstimmen können, besitzen auch sie ein weiteres institutionelles Mittel, um zu gewährleisten, daß ihre Wünsche
respektiert werden.
Aus der Sicht der Kandidaten sieht die Gleichung zwar
anders aus, aber das Ergebnis wird dadurch nur noch
verstärkt. Praktisch jeder kann eine persönliche
Kampagne um die Nominierung einer Partei für ein
öffentliches Amt führen. Zwar kann natürlich nicht
annähernd jeder gewinnen, aber jeder kann sich bewerben. Im weiteren Sinne folgt daraus noch, daß
sich jeder, der ein Gebiet vertreten möchte, bewerben
muß - eine zunehmend unabhängige und persönliche
Kampagne für die Nominierung führen muß. Persönlicher (und individueller) Untemehmergeist, nicht Dienst
an einer Partei oder Parteibindung wird bei einem
solchen Verfahren begünstigt.
Doch auch in den sich daraus ergebenden persönlichen, individuellen und unternehmerischen Kampagnen ist der sicherste Weg zum Erfolg die Identifizierung wichtiger lokalpolitischer Präferenzen, die von
dem gegenwärtigen Amtsinhaber nicht ausreichend
befriedigt werden. Mit anderen Worten: das Instrument der Vorwahl garantiert, daß die Wahlkampagnen
von wichtigen lokalen Anliegen - und nicht irgendeiner
nationalen Parteiideologie - beherrscht werden. Daraus folgt überdies, daß in einem solchen System
Parteien als Wählerorganisationen wahrscheinlich keine
dominierende Stellung einnehmen. Der Terminus "die
Nominierung der Partei" erhält in der Tat einen seltsamen Beigeschmack, wenn der offiziellen Partei von
den Wählern ein Kandidat aufgezwungen werden kann,
obwohl die Parteifunktionäre geschlossen jemand
anderen unterstützt haben. In einem solchen System
werden Parteien letztlich zu einem offenen Rahmen, in
dem die nächste Verhandlungsrunde stattfinden kann.
Für eine Gesellschaft, die eine relativ extreme Form
der Gewaltenteilung als institutionellen Rahmen für
ihre Regierung verwendet, birgt dies praktische Vorteile. Die charakteristische Flexibilität politischer Parteien, die sich der Vorwahl bedienen, um ihre - lokal
gewählten und zwangsläufig vielfältigen - Kandidaten

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zu bestimmen, erklärt bereits zu einem Großteil, wie
man in den vielen Jahren, in denen die Parteikontrolle
über wichtige politische Institutionen geteilt ist, bequem regieren kann. Dieses im internationalen Vergleich eigentümliche Instrument besitzt sogar praktische Vorzüge im Hinblick auf die demokratische Theorie. Eine mit Vorwahlen gekoppelte Gewaltenteilung
trägt wesentlich zur Erklärung der Tatsache bei, wie
ein breites Spektrum unterschiedlicher - selbst unvereinbarer - öffentlicher Anliegen angesprochen und
gleichzeitig unterschiedliche Mehrheitskoalitionen zu
diesen Themen gebildet werden können.
Ob dies jedoch im Gesamtkontext eine Tugend ist oder
nicht, es unterscheidet sich in der Praxis radikal von
den Verfahrensweisen anderer Demokratien. Darüber
hinaus verschärft das System der Nominierungen durch
Vorwahlen eindeutig die besonderen Neigungen von
"getrennten Institutionen mit gemeinsamen Gewalten". Dazu würde sicherlich die Neigung gehören, zu
verhandeln und vereinbaren, getroffene Abmachungen wieder für nichtig zu erklären und zu versuchen,
sie erneut auszuhandeln, während man gleichzeitig
genauestens das Verhalten derjenigen in anderen
Institutionen beobachtet.
Mit ihrer Tendenz, nach den wichtigsten (und charakteristischen) Wünschen der lokalen Wählerschaft zu
suchen und diese für künftige Verhandlungen in die
Regierung einzubringen, ist die Vorwahl wiederum ein
idealer Weg, um zahlreiche Grundlagen für Konflikte
zwischen Institutionen zu liefern, zwischen denen
erhebliche Spannungen bereits angelegt sind. Damit
ist sie ein idealer Weg, um die der verfassungsmäßigen Struktur innewohnenden formalen Eigenschaften
in lebendige Vorgänge in der politischen Arena zu
verwandeln.
Populismus
Jenseits dieser großen institutionellen Faktoren - neben
der Gewaltenteilung als Rahmen der Regierung und
der Vorwahl als weiterem Instrument zur Gestaltung
praktischer Politik - liegt die entscheidende Komponente jedes vermeintlich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Dabei handelt es sich um ein Geflecht
öffentlicher Werte im Hinblick darauf, wie Politik gemacht
wird und die Dinge, die eine Regierung leisten sollte,
ein Wertegef üge, das häufig mit dem Begriff "politische
Kultur" umrissen wird. Die politische Kultur der Vereinigten Staaten kann deshalb am besten - und muß
sogar - mit dem Begriff "Populismus" zusammengefaßt werden.
Politische Kulturen sind sicherlich die am schwierigsten auszumachende, formloseste und am schwersten definierbare mögliche Komponente eines angeblich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Regierungsinstitutionen haben eine verfassungsmäßige
Realität. Politische Parteien und Nominierungsverfahren mögen zwar eines verfassungsmäßigen Ranges

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�entbehren, aber sie besitzen zumindest eine offenkundige organisatorische Existenz. Aber politische Kulturen als angenommene allgemeine Werte, die das
Verhalten des einzelnen innerhalb von Regierungsinstitutionen und halbstaatlichen Organisationen bestimmen, laufen Gefahr, in der Theurie sowohl allgegenwärtig als auch allumfassend zu sein - sowie vage und
irrelevant in der Praxis.
Dennoch wird die Idee nicht aufgegeben. Wenn man
die politischen Einstellungen und Werte der britischen
oder japanischen Öffentlichkeit durch die amerikanische Gewaltenteilung filtert, wie sie sich in Vorwahlen
ausgestaltet, erhält man keine amerikanische Politik.
Dazu ist auch die amerikanische politische Kultur
erforderlich.
Glücklicherweise sind einzelne Strömungen innerhalb
der Kultur weithin anerkannt: Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität, Optimismus, Leistung und
Selbstverwirklichung werden von in- und ausländischen Beobachtern zuverlässig genannt. Zum Glück
ist auch das Bindeglied zwischen diesen Werten seit
über hundert Jahren bekannt und für die amerikanische Geschichte generell anerkannt. Dieses Bindeglied, diese zusammengesetzte Doktrin - meiner Ansicht
nach ist der Begriff "Ideologie" nicht zu stark - trägt den
Namen Populismus.
Der Populismus als Ansatz im politischen Leben ist
seinem Grundsatz nach eine Bedingung, daß die
allgemeinen kulturellen Werte, die Annahmen über
das Leben an sich und der persönliche Stil, von denen
sich der einzelne im täglichen Leben leiten läßt, auch
das Verhalten nationaler Regierungen und nationaler
politischer Gestaltung bestimmen sollten. Anders
gesagt ist Populismus als Ansatz in der Politik - ebenso
in der Wirtschaft, Religion oder jedem anderen Aspekt
der Gesellschaft - eine Betonung der Tatsache, daß
gemeinsame Grundannahmen über Verhalten das
öffentliche Leben bestimmen.
Die genaue Mischung dieser Grundannahmen - Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität etc. - verändert sich mit der Zeit. Dennoch wird die Mischung
dieser allgemeinen und dauerhaften Werte jedes Zeitalters zum "American Way" - wenn man sie nicht
übernimmt, gilt es als "unamerikanisch". Tatsächlich
haben ausländische Beobachter oftmals den unterschiedlichen Charakter des amerikanischen Lebens
an genau der Tatsache festgemacht, daß erfolgreiche
Übernahme und Beschwörung dieser Werte selbst der
Schlüssel zu dem ist, was den Amerikaner ausmacht
- im Gegensatz zu Abstammung oder Geburtsort.
In jedem Fall zeigt dieses Bestehen auf üblichen
Verhaltensweisen, denen auch Politiker als gemeinsamer Ansatz immer Achtung zollen müssen, vielen
Beobachtern zufolge eine Vorliebe für soziale Nivellierung, nicht aber für materielle Gleichheit. In der Politik
beinhaltet dies, daß die Integrität grundlegender Schutz-

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maßnahmen für das physische Wohlergehen des
Bürgers garantiert ist, ein Anliegen, aufgrund dessen
Populismus oftmals mit einer orthodox liberalen oder
linken Orientierung verwechselt wird. Aber die gleiche
Wahl beinhaltet eine Forderung, daß gemeinsame
(und ererbte) kulturelle Werte sich aktiv im öffentlichen
Leben widerspiegeln, weshalb Populismus auch oft
mit einer konservativen oder rechten Haltung assoziiert wird.
Wenn man Populismus jedoch nicht abstrakt, sondern
auf die Tagespolitik bezogen sieht, beinhaltet er zumeist eine Verteidigung des "kleinen Mannes" gegenüber "dem hohen Tier". Das Streben des Bürgers nach
Kontrolle über sein eigenes Schicksal, der Wunsch,
daß die Gesellschaft seine Meinungen widerspiegelt
zusammen mit der Sicherheit, daß Politiker (auf jeder
Ebene) diese Anliegen verstehen - dies sind die zentralen und ordnenden Werte des Populismus. Ebenso
Feindschaft gegenüber Individuen, Gruppen oder
Kräften, die diesem Prozeß im Weg stehen könnten,
durch den Einzelmeinungen Allgemeingut werden.
Diese Haltung beinhaltet fast ein eindeutiges Mehrheitsprinzip. Fast zwangsläufig beinhaltet es einen
Vorrang des Ungeordneten ("der Bürger") gegenüber
dem Ordnenden ("dem besonderen Interesse"). Diese
Implikationen des Populismus erklären eine zentrale
Verwirrung in der amerikanischen Politik, die Beobachtern in anderen Ländern fast sinnlos erscheint: daß
die amerikanische Öffentlichkeit gleichzeitig gegen
Großkonzerne, gegen Gewerkschaften und gegen
zuviel staatliche Macht sein kann. Der Schwerpunkt
mag sich von Jahr zu Jahr verlagern, aber der Impuls
bleibt bemerkenswert konstant.
Der Populismus hängt darüber hinaus direkt mit der
Weigerung der amerikanischen Politik zusammen,
entweder der theoretischen Perspektive oder der organisierten Praxis zu folgen, mit der professionelle
Beobachter außerhalb der Vereinigten Staaten vertrautsind. Statt einer klaren Links/Rechts-Ausrichtung
gelten für die amerikanische Politik eher die Begriffe
klein gegen groß. Statt einer versuchten Mobilisierung
der "Arbeiterklasse gegen die Mittelklasse" können
Wahlkampagnen in Amerika leichter im Stil der "Außenseiter gegen die Insider", der "Öffentlichkeit gegen
das Establishment", "wir gegen die" organisiert werden.
Man braucht nicht ausdrücklich zu betonen, daß solch
eine politische Kultur gut zu einer Politik paßt, die um
Vorwahlen herum organisiert ist und zu einer Regierung auf der Basis der Gewaltenteilung. Wenn Durchschnittsbürger eine Beteiligung an der gesamten
Bandbreite ihrer Anliegen sicherstellen möchten, dann
müssen sie Kandidaten für öffentliche Ämter direkt
wählen können, damit diese Kandidaten die komplexen Anliegen ihrer Wählerschaft verinnerlichen können. Wenn die Regierung überdies davon abgehalten
wird, eigene Interessen - oder auch nur Wünsche - zu

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�haben, die sich von denen der Öffentlichkeit unterscheiden, dann ist der konstante innere Konflikt der
Gewaltenteilung - das Ansprechen vielfältiger Probleme, indem man Spannung zwischen den Institutionen
der Regierung schafft - eine ideale Reaktion der Institutionen.

Man möchte das Ausmaß der Kontinuität und der
Veränderungen nicht überbetonen, das die Politik in
Amerika kennzeichnet. Die Skizzen einer kontinuierlichen Außenpolitik können in den letzten vierzig Jahren ausgemacht werden, die Skizze einer anhaltenden
nationalen Politik in den letzten fünfzig Jahren.

Das ist vielleicht eine gute Einführung in das politische
Geflecht, das entsteht, wenn 1. Populismus und eine
grundlegende Einstellung zum politischen Leben 2.
durch Vorwahlen als Mittel der Schaffung von Politikern ermöglicht werden, die dann 3. in einer Regierung
arbeiten, in der die Gewaltenteilung verankert ist.
Tatsächlich entstehen daraus eine Politik mit vielfältigen politischen Themen, zahlreichen, zersplitterten
und kurzlebigen politischen Koalitionen, fortgesetzte
Verhandlungen als zentrale - und kontinuierliche Komponente und eine effektive Vorliebe für eine experimentelle Regierung ohne einen starken Glauben an
den Erfolg des Produkts.

In ihrem Widerstand gegen übergeordnete und stabile
Bedingungen, in ihrem Beharren nicht nur auf einer
großen Zahl von Fragen sondern darauf, daß viele
wichtige Fragen einer großen Anzahl von Bereichen
gleichzeitig auf der politischen Tagesordnung stehen,
und in ihrer Neigung, diese anzupassen und neu zu
ordnen, bis sie die durch Konsens erzielte Präferenz
einer überwältigenden Mehrheit werden, kann die Politik
in Amerika tatsächlich außergewöhnlich sein. Wenn
das der Fall ist, dann sind die Gewaltenteilung, das
Instrument der Vorwahlen und die Ideologie des Populismus ganz sicher Elemente, die eine außergewöhnliche amerikanische Politik am unmittelbarsten hervorbringen.

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�HOCHTECHNOLOGIE

IN

AMERIKA
4. September 1991

DER "ROSTGÜRTEL" WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison
BONN - (AD) - Der Autor ist ordentlicher Professor am Institut für Stadtentwicklung und -planung am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Zur Zeit ist er Gastprofessor für politische Ökonomie an der CarnegieMellon School of Urban and Public Affairs in Pittsburgh.
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Technology Review. Copyright (c) 1990.

Seit zehn Jahren verkünden Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, die Hochtechnologie würde den traditionellen Industriegebieten Amerikas mit ihren vielen
Schornsteinen Auftrieb geben. Hochtechnologiefirmen sollten eine Art Allheilmittel sein - zusammen mit
Universitäten und Regierungen der Bundestaaten sollten
florierende Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und
den Innenstädten zu neuer Blüte verhelfen.
Der Witz dabei ist: manchmal funktioniert es tatsächlich. Das zeigt der folgende Fall aus einer der Hauptstädte des alten verrauchten Amerika. In Pittsburgh
(Pennsylvania) liefert das aufstrebende Unternehmen
RedZone ein anschauliches Beispiel für eine erfolgreiche Neubelebung der Hochtechnologie.
RedZone wurde an einer Universität konzipiert. Infolge der Störfälle in Three Mile Island und Tschernobyl
gelangten mehrere Ingenieure beim Institut für Robotik
an der Carnegie-Mellon University in Pittsburgh zu der
Überzeugung, daß sich die Wartung von Kernkraftwerken und die Entsorgung radioaktiver Abfälle zu einem
wachsenden und lukrativen Markt entwickeln würde.
Das Institut rief das Field Robotics Center ins Leben,
um sich auf diese Technologie zu konzentrieren. 1987
gründete das Field Robotics Center selbst eine Firma,
in der Roboter zum Einsatz in solch gefährlichen
Umgebungen konstruiert werden.
Die Roboter von RedZone können durch die kontaminierten Bereiche navigieren und mit Hilfe von Sensoren Daten sammeln. Während Roboter in Fabriken
normalerweise eine einzige oder mehrere hochspezialisierte Aufgaben erfüllen und in einer ständig überwachten Umgebung fest verankert sind, müssen Roboter
im Außeneinsatz vielseitig und mobil sein.

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Die Robotergeben ihre Messungen in eine Datenbank
ein, bauen Computermodelle der Anlage, erstellen
graphische Darstellungen und übertragen dann die
Daten an Operators, die sicher an einem entfernten
Ort untergebracht sind.
Einige führende US-Unternehmen schließen sich mit
RedZone zusammen. Die Wartungsabteilung für
Atomreaktoren von Westinghouse Electric arbeitet
bereits eng mit der kleinen Firma zusammen, und
Boeing Aerospace und RedZone sondieren die gemeinsame Entwicklung von Robotern für den Weltraum.
RedZone entwickelt ferner ein tragbares Gerät, das
wie eine moderne Wünschelrute über den Boden
bewegt werden kann, um unterirdisch verlegte Rohrleitungen und Kabel aufzuspüren. Mehrere Millionen
Kilometer Gas- und Wasserleitungen sowie elektrische und Kommunikationskabel liegen in den Vereinigten Staaten unter der Erde. Die Wartung dieser
Leitungen ist schwierig, weil häufig niemand genau
weiß, wo man graben muß. Die Karten sind oft
veraltet, und Bodenbewegungen im Untergrund können eine Verschiebung der Rohrleitungen und Kabel
bewirken.
Dieses Projekt veranschaulicht die Art von Partnerschaft zwischen Universitäten, Unternehmen und Staat,
die für die Wiederbelebung der Städte im Rostgürtel so
wichtig ist. Das Gerät zur Vermessung der Rohrleitungen mittels magnetischer Resonanzdarstellungen wurde
im Rahmen eines von Southern California Gas finanzierten Forschungsprojekts am Carnegie-Mellon's
Robotics Institute erfunden. (Die Verluste der amerikanischen Gaswerke belaufen sich auf bis zu 300

Seite 1

�Millionen DoHar pro Jahr, weil die Leitungen im Boden
nichtrichtiglokalisiert oder beschädigt werden). RedZone
erhält unter anderem Mittel für seine Arbeit von der
Ben Franklin Partnership in Pennsylvania, einem staatlichen Programm, das in Hochtechnologieuntemehmen investiert.

hela River südöstlich von Pittsburgh. Die Steel Valley
Authority, eine quasi öffentliche Institution des Bundesstaates, die hauptsächlich von Aktivisten der Stahlarbeitergewerkschaft geleitet wird, unterstützt RedZone bei der Suche nach Lieferanten in den Städten
des Tals und bei der Finanzierung seiner Projekte.

RedZone ist ein Segen für die Entwicklung der Innenstadt. Die Firma bemüht sich gemeinsam mit der
Stadtentwicklungsbehörde um Erwerb und Renovierung neuer Räume für die Montage und Erprobung
ihrer Roboter. RedZone möchte seine Einrichtungen
im Herzen eines lebhaften Stadtviertels errichten, das
traditionell Zentrum von Nahrungsmittelgroß- und
Einzelhändlern in den Händen der verschiedenen
ethnischen Gemeinden Pittsburghs ist. "Wir möchten
dort sein, wo das Leben pulsiert", stellte einer der
Direktoren kürzlich fest, "nicht weit draußen in irgendeinem vorstädtischen Industriepark."

Die öffentlichen Investitionen in RedZone waren bescheiden - etwa 10.000 bis 12.000 Dollar pro geschaffenem Arbeitsplatz. Die Zukunftsaussichten sind
hervorragend: Die Einnahmen sollen zwischen 1990
und 1992 um 250 Prozent steigen. Da amerikanische
und ausländische Regierungen die Strahlenschutzwerte verschärfen und eine umweltbewußtere Gesellschaft immer häufiger die Entsorgung von Sondermüll
fordert, wird die Nachfrage nach Robotern von RedZone zunehmen.

Am wichtigsten ist jedoch der von RedZone erbrachte
Beweis, daß die Wiederbelebung städtischer InduDer wirtschaftliche Einfluß von RedZone wird über den strien, das Zusammenspiel von Spitzentechnologie
Citybereich hinaus reichen. Die in den Robotern des mit einem ausgereiften Unternehmen sowie BündnisUnternehmens verwendeten Komponenten werden se zwischen Staat, Wirtschaft, Universitäten und
von den gleichen Facharbeitern hergestellt, die einst- Gewerkschaften mehr sind als bloße Rhetorik. Genau
mals in den Stahl- und Atomreaktorfirmen der Region das ist es, was eine gute Technologiepolitik bewirken
tätig waren. Die meisten dieser Maschinenschlosser sollte.
arbeiten in kleinen Werkstätten im Tal des Monongha-

* * * * *

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AMERIKA DIENST 35

�SOWJETUNION
4. September 1991

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE AN
EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister Cheney bei der APSA
WASHINGTON - (AD) - US-Verteidigungsminister Cheney zufolge sieht sich das sowjetische Volk bei der
grundsätzlichen institutionellen Reform großen Herausforderungen gegenüber, wobei die Vereinigten Staaten
und die ganze Welt "begründetes Interesse an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion" haben.
Cheney erklärte am 29. August 1991 bei der American Political Science Association, amerikanische Regierungsvertreter würden die Reaktion anderer kommunistischer Länder auf die Entwicklungen in der Sowjetunion "sehr
eingehend beobachten". Obwohl er erklärte, keine offene Aggression von den wenigen verbleibenden Regimen
zu erwarten, verwies er darauf, sie könnten nunmehr "innenpolitisch noch grausamere Maßnahmen ergreifen,
um die Macht zu erhalten" und das zu verhindern, was in der Sowjetunion geschehen ist. Das Herz des
Weltkommunismus, das lange in der UdSSR schlug, scheint - so Cheney - jetzt "völlig diskreditiert und zerstört
zu sein".
Nachfolgend veröffentlichen wir Cheneys Rede und die anschließende Diskussion in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte auf keinen Fall von dem, was in der
Sowjetunion geleistet worden ist, ablenken oder die
Veränderungen der letzten Woche herabwürdigen.
Aber es ist außerordentlich wichtig, daß wir die Größe
der noch bestehenden Hindernisse nicht unterschätzen.
Meiner Ansicht nach sind unsere Ziele im Hinblick auf
die Sowjetunion klar. Zunächst sind wir eindeutig an
der Schaffung demokratischer Institutionen und Praktiken interessiert - und wir wünschen uns, daß die
Institutionen, die in den letzten Jahren für die Unterdrückung verantwortlich waren, hinweggefegt und durch
neue Institutionen ersetzt werden, wie es jetzt in weiten
Teilen der Sowjetunion der Fall zu sein scheint.
Zweitens sind wir an einer Sowjetunion interessiert, die
im Grunde ein freiwilliger Bund ist, eine Ansammlung
von Ländern, die auf der Basis von Konsens und
demokratischen Verfahren Teil eines kollektiven Ganzen
sind.
Drittens sind wir natürlich an wirtschaftlichen Reformen in der Sowjetunion interessiert, weil wir glauben,
daß sie mit den Aussichten auf Demokratie Hand in
Hand gehen.
Schließlich - und außerordentlich wichtig - sind wir an
etwas interessiert, was ich Entmilitarisierung der
Sowjetunion nenne. Das bedeutet die Abschaffung
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der zentralen Rolle des Militärs in der sowjetischen
Gesellschaft und die Umleitung von Mitteln vom militärischen in den privaten Sektor sowie grundlegende
Veränderungen in der Kultur der Gesellschaft im Hinblick auf die Rolle des Militärs.
Man kann wohl mit Sicherheit sagen, daß die von mir
soeben dargelegten vier Prinzipien - Demokratie, freiwilliger Zusammenschluß, wirtschaftliche Reform und
Entmilitarisierung - die gleichen Grundsätze sind, wie
sie die meisten Reformer in der Sowjetunion heute
hochhalten. Wenn Sie sich Boris Jelzins Programm
ansehen, dann können Sie erkennen, daß es dem von
mir beschriebenen sehr nahe kommt.
Im Hinblick auf die Geschichte hat die Welt ein gesteigertes Interesse an den Ereignissen in der Sowjetunion. Die kommunistischen Herrscher der Sowjetunion
waren in den letzten fünfzig Jahren die Ursache vieler
weltweiter Konflikte. Der Präsident hat bei zahlreichen
Gelegenheiten in der letzten Woche darauf hingewiesen, wir wären nicht daran interessiert, wer Bürgermeister von St. Petersburg oder Leningrad wird. Aber uns
liegt sehr viel an den Prinzipien, mit denen regiert wird.
Wir haben seit langer Zeit erkannt, daß die Art und
Weise, wie die Sowjetunion ihr Volk behandelt, ein
wichtiges Indiz für ihr Verhalten gegenüber dem Rest
der Welt ist.

Seite 1

�In der nächsten Zeit steht sie eindeutig vor wichtigen
Herausforderungen. Es besteht die Notwendigkeit
grundlegender institutioneller Reformen, um diejenigen Institutionen zu kontrollieren und umzuwandeln,
die für über 70 Jahre der Unterdrückung verantwortlich
waren, den Staatsstreich hervorgebracht und fast die
Hoffnungen des sowjetischen Volkes auf echte Freiheit und Demokratie zunichte gemacht haben. Sie
stehen eindeutig im Mittelpunkt, wenn es darum geht,
die Sowjetunion neu zu definieren und zu entscheiden,
wer dazu gehört und wer nicht und zu welchen Bedingungen Mitgliedschaft gewährt wird.

Achtens: Wer wird die sowjetischen Atomwaffenarsenale in fünf Jahren kontrollieren? Wird es immer noch
eine Zentralregierung geben? Oder wird die russische
Republik diese Aufgabe übernommen haben? Oder
werden die vier Republiken, auf deren Territorium sich
gegenwärtig Atomwaffen befinden, in Zukunft jeweils
unabhängig ihre Atomwaffenarsenale kontrollieren?

Natürlich ist das sowjetische Imperium durch Eroberungen entstanden und wurde durch die Gewaltherrschaft des KGB, der kommunistischen Partei und des
sowjetischen Militärs zusammengehalten. Es sollte
nicht überraschen, daß jetzt, da diese Institutionen
aufgrund ihrer Beteiligung am Staatsstreich diskreditiert sind und sich die Bande, die die Sowjetunion fast
siebzig Jahre lang zusammengehalten haben, lokkern, das sowjetische Imperium in seiner uns lange
bekannten Form zusammenbricht. Und natürlich nimmt
das Problem der wirtschaftlichen Reformen auf ihrer
Tagesordnung breiten Raum ein.

Und zuletzt: Wenn die Führung nachgibt und die
Sowjetunion in ihrer uns bekannten Form nicht mehr
existiert, was geschieht dann mit den bestehenden
Verträgen und Rüstungskontrollvereinbarungen, die
mit der Sowjetunion ausgehandelt wurden?

Was bedeutet dies für die Politik der Vereinigten
Staaten? Der einzige Punkt, zu dem totale Übereinstimmung herrscht, lautet, daß wir ganz einfach nicht
wissen, was auf die Sowjetunion zukommt. Wir können raten, aber wir wissen überhaupt nicht, wie die
Sowjetunion in sechs Monaten oder fünf Jahren aussehen wird.
Dazu möchte ich einige Fragen stellen, die meiner
Ansicht nach den Charakter der Schwierigkeiten veranschaulichen, die sich uns Politikern bei Planungen
für die Zukunft stellen.
Erstens: Wird es bei den Entwicklungen stetige Fortschritte in einem friedlichen Umfeld geben? Oder
werden Veränderungen von Ausbrüchen der Gewalt
begleitet?
Zweitens: Wird es unter den Republiken zu Konflikten
kommen? Oder zwischen einzelnen Volksgruppen
innerhalb der Republiken?
Drittens: Wird der Zusammenbruch der sowjetischen
Wirtschaft Bestand haben?
Viertens: Wird die zerrüttete Wirtschaft Arbeitskämpfe
entfachen?
Fünftens: Wird es eine Hungersnot geben?
Sechstens: Werden Nachbarländer massive Flüchtlingsströme aufnehmen müssen, wenn die Menschen
vor der Not fliehen, die der Zusammenbruch der alten
Ordnung mit sich bringen könnte?
Siebentens: Wer wird das sowjetische Militär kontrollieren? Werden die Streitkräfte weiterhin zentral beSeite 2

fehligt werden? Oder wird jede Republik ihre eigenen
Streitkräfte aufstellen?

Neuntens: Taktische Nuklearwaffen sind weiter verbreitet als strategische Systeme. Werden auch diese
noch von der Führung kontrolliert? Oder werden sie
den jeweiligen Regierungen der Republiken unterstehen?

Interessante Fragen.
Es sollte jedem klar sein, daß die Vereinigten Staaten
und tatsächlich die ganze Welt begründetes Interesse
an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion
haben.
Der Präsident hat wiederholt erklärt, daß wir bereit
sind, mit unseren Verbündeten, den Sowjets und den
Republiken zusammenzuarbeiten, um alles in unserer
Macht Stehende zur Förderung positiver Veränderungen zu tun. Aber wir müssen vorsichtig und vernünftig
vorgehen und sicherstellen, daß alles, was wir tun, im
Einklang mit unseren langfristigen Zielen steht. Ferner
müssen wir die Art törichter Reaktion vermeiden, die
unsere eigene Sicherheit unter dem Vorwand der Hilfe
für die Sowjetunion schädigt.
In den letzten Tagen haben zwei meiner Freunde und
früheren Kollegen im Kongreß vorgeschlagen, das
zentrale Element unserer Politik sollte darin bestehen,
erhebliche Kürzungen in unserem Verteidigungshaushalt vorzunehmen, um Mittel freizusetzen, mit denen
der Sowjetunion in ihrer schwierigen Zeit geholfen
werden kann. Meiner Ansicht nach wäre das ein
schwerer Fehler. Es gibt einige Argumente, die man
gegen diesen Vorschlag anführen kann, einschließlich
zum Beispiel der Tatsache, daß eine solche Maßnahme die Haushaltsvereinbarungen des letzten Jahres
verletzen würde, die noch nicht einmal 12 Monate alt
ist. Wenn wir die Haushaltsvereinbarung verletzen
können, um dringende Bedürfnisse in der Sowjetunion
zu finanzieren, können wir sie auch zugunsten vieler
anderer innenpolitischer Zwecke verletzen. Wenn wir
den Sowjets weiterhin Hilfe leisten wollen - was in den
kommenden Wochen und Monaten nur allzu berechtigt ist - dann gibt es angemessenere Wege als Kürzungen im Verteidigungshaushalt.

AMERIKA DIENST 35

�Wenn es notwendig ist, dringende Mittel zur Linderung
dieser Hungersnot in der Sowjetunion aufzubringen,
dann kann das sicherlich durch das normale Verfahren
im Kongreß geschehen.
Ich finde die Tatsache interessant, daß wir immer
Momente wie diesen erleben, in dem Vorschläge laut
werden, Veränderungen im Umfeld der Weltsicherheit
könnten am besten durch Veränderungen im Verteidigungshaushalt erzielt werden. Man erwartet, daß wir
aufgrund augenblicklicher Ereignisse langfristige Veränderungen unserer nationalen Sicherheit vornehmen. Wenn wir die Zeitspannen bei der Entwicklung
von Verteidigungssystemen in Betracht ziehen, wird
offensichtlich, daß wir bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik einen langfristigen Blickwinkel
haben müssen. Wir dürfen nicht einfach auf Entwicklungen des Augenblicks reagieren.
Man kann nicht einfach die qualitativ hochwertige
militärische Fähigkeit der Vereinigten Staaten in Tagen oder Wochen verändern. Wenn ich diejenigen
betrachte, die in den letzten zehn Jahren die Veränderung unseres Verteidigungskonzepts empfohlen haben, frage ich mich, ob sie verlangen, daß ich unsere
langfristige Strategie für die nächsten 20 oder 30 Jahre
auf die Situation in der Sowjetunion vom 17. August
ausrichte, als Gorbatschow immer noch an der Macht
und alles friedlich war oder auf die Lage am Dienstag,
den 20. August, als die Verschwörer des Staatstreichs
das Heft in der Hand hatten und es so aussah, als
würde Boris Jelzin abgesetzt, oder auf die Situation am
Donnerstag, den 22. August, als die Verschwörer
verhaftet und die Demokratie in Moskau wiederhergestellt war. Wir dürfen unseren langfristigen Verteidigungsbedarf nicht auf diese Art flüchtiger Veränderungen stützen. Wir verfügen über eine ausgezeichnete
Strategie, die wir auch in den kommenden Jahren
beibehalten sollten.
Frage: Was können oder sollten die gegenwärtigen
Führer der Sowjetunion tun, um das Risiko zu vermindern, daß Atomwaffen Teil der Kampfhandlungen in
der Sowjetunion werden? Und was bedeutet es, daß
mehrere der sowjetischen Republiken oder baltischen
Staaten Atomwaffen haben?
Cheney: Dazu möchte ich zunächst sagen, daß die
sowjetische Führung unserer Meinung nach auf allen
Ebenen die Frage der Atomwaffen bis jetzt sehr verantwortungsvoll behandelt hat. Bei meiner Reise in die
Sowjetunion im Oktober vergangenen Jahres hat die
sowjetische Führung nachdrücklich betont, wie ernst
sie die Verantwortung als Atommacht nimmt und daß
sie in der Vergangenheit Maßnahmen ergriffen hätte,
um diese Waffen aus Gebieten abzutransportieren, in
denen es zu Unruhen gekommen war.
Während des Staatsstreichs muß man fairerweise
sagen, daß wir nichts erkennen konnten, was uns
Anlaß zur Sorge bereitet hätte, und unserer Ansicht
nach bestand kein gesteigertes Risiko eines AtomwafAMERIKA DIENST 35

feneinsatzes. In Zukunft werden wir vor dem Problem
stehen, daß wir nicht wissen, wie sich alles aufteilen
wird. Heute ist Präsident Gorbatschow der nationale
Befehlshaber für die Atomwaffen. Andere Beteiligte
sind der Verteidigungsminister und der ranghöchste
miitärische Befehlshaber - der Stabschef.
Aber wir beobachten auch, daß die russische Republik
und die Ukraine einen Vertrag unterzeichnet haben den Text habe ich noch nicht gesehen -, der wirtschaftliche und militärische Dimensionen umfaßt und die
Führung mit keinem Wort erwähnt. Wir wissen nicht,
wie sich das entwickeln wird. Aber angesichts ihrer
Geschichte, ihrer Sorge über ihre Verantwortung in
diesem Bereich und im Hinblick auf Tschernobyl, das
in diesem Zusammenhang von ihnen oft erwähnt wird,
haben wir allen Grund zu der Annahme, daß sich die
Sowjets verantwortungsbewußt verhalten werden. Aber
wir können die Zukunft nicht allzu bestimmt vorhersagen.
Dieser Bereich ist von ganz erheblicher Bedeutung,
und das muß er auch sein. In diesem Bereich haben
wir in der Vergangenheit mit ihnen zusammengearbeitet, und das wollen wir auch in Zukunft tun. Es ist daher
unabdingbar, daß wir sobald wie möglich die Beziehungen zwischen den Militärs, wie sie in der Vergangenheit bestanden, wiederaufnehmen, und daß diese
Frage auf der Tagesordnung steht, nicht nur bei unseren Gesprächen mit der Führung, sondern auch mit
den Republiken.
Frage: Wenn die Sowjetunion - wie Sie es beschrieben haben - tatsächlich abrüstet und ihren Schwerpunkt auf die drängende Innenpolitik legt - wie würden
dann die Vereinigten Staaten reagieren?
Antwort: Meiner Meinung nach haben wir ebenso wie
die Sowjets eindeutig ein Interesse an der Umleitung
der Mittel, die sie gegenwärtig für das Militär aufwenden. Ich weiß nicht, welcher Prozentsatz des BSP
dem Militär zufließt - uns liegen unterschiedliche Schätzungen vor. Die meisten unserer früheren Schätzungen waren erheblich untertrieben. Es sind etwa 25,30
oder 35 Prozent. Ein sowjetischer Journalist hat auch
schon einmal von 50 Prozent gesprochen. Das muß
umgeleitet werden, wenn es auch nur im entferntesten
eine moderne Wirtschaft in der Sowjetunion geben
soll.
Ich erwarte, daß dies im Zuge des gegenwärtigen
Zusammenbruchs der Zentralregierung geschehen wird
und daß sie es zunehmend schwierig finden, die
früheren Instrumente der Unterdrückung zu verwenden, um den besten Teil ihrer Ressourcen für das
Militär abzuschöpfen. Es ist meiner Ansicht nach nur
eine Frage der Zeit, bis dieser Neubeginn Auswirkungen zeitigt.
Unsere gegenwärtige Haltung im Hinblick auf unsere
eigene Verteidigungspolitik, basiert auf der Annahme
kontinuierlicher positiver Veränderungen in der SoSeite 3

�wjetunion. Wenn Sie unseren Sechsjahresplan betrachten, wenn wir die Streitkräfteniveaus bis Mitte der
neunziger Jahre vereinbarungsgemäß abbauen, dann
erhalten wir Basis-Streitkräfte. Das wird eine um 25
Prozent kleinere Truppe sein als heute. Das ist die
Hälfte der B-2, die wir ursprünglich erwerben wollten.
Es sind ferner weniger Trident U-Eoote. Das bedeutet
die Durchführung des START-Abkommens, die sieben Jahre in Anspruch nehmen wird, wenn sich jeder
an den Vertrag hält. Das bedeutet ferner die Durchführung des KSE-Vertrags, den Abzug der Truppen aus
Europa usw. Wir glauben, daß dies ein guter Weg ist.

In Nordkorea muß dies ebenso tiefe Besorgnis auslösen wie in China. Wenn Sie so wollen, scheint das
Zentrum des Weltkommunismus, das in der Sowjetunion lag, des Kommunismus, der dort geboren wurde
und siebzig Jahre überlebte und die Basis für andere
Unternehmen auf der Welt war, völlig diskreditiert und
zerstört zu sein. Es muß den Führern in Kuba aufgegangen sein, daß die Vereinigten Staaten die gegenwärtige Regierung in Moskau, Jelzin und seine Anhänger stärker unterstützt haben als die Kubaner und die
Libyer und ihre anderen Gesprächspartner der Vergangenheit.

Die Entwicklungen der vergangenen Woche sind
ermutigend, denn wenn der Staatstreich erfolgreich
gewesen wäre, hätte ich zum Präsidenten des Kongresses gehen und erklären müssen, daß wir nicht so
optimistisch wie früher sein könnten, als wir diese
kontinuierliche Reduzierung in der Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten konzipierten.

Ich erwarte in keiner Weise offene Aggression von
diesen Regimen. Ich wäre nicht überrascht, wenn
einige von ihnen innenpolitisch noch grausamere
Maßnahmen ergreifen würden, um ihre Macht zu
erhalten, und um die Dinge abzuwenden, die sie
gerade in der Sowjetunion beobachtet haben.

Darüber hinaus wollen wir auch mit den Sowjets an der
industriellen Umwandlung zusammenarbeiten. Mein
Stellvertreter Don Atwood hat vor kurzem mit einer
Gruppe von Industrievertretern eine Reise in drei Länder
Osteuropas unternommen und Gespräche über die
Umwandlung der Rüstungsindustrie in zivile Industriezweige unternommen. Wir haben mit den Sowjets
über ähnliche Maßnahmen in der Sowjetunion gesprochen, und ich erwarte, daß wir ähnliche Gespräche
bald wiederaufnehmen. Wir sind bestrebt, ihnen bei
dieser Umwandlung zu helfen. Meiner Meinung nach
sollten sie verstehen, daß die Vereinigten Staaten
keine Bedrohung für die Sowjetunion darstellen. Wir
waren niemals eine Bedrohung für die Sowjetunion,
und wir haben nichts getan, um von ihren Unruhen und
inneren Kämpfen der letzten Jahre zu profitieren, und
wir sind bestrebt, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um
die Aussichten für Frieden zu verbessern und die
militärischen Belastungen beider Seiten zu verringern.
Meiner Ansicht nach war eine der wirklich positiven
Entwicklungen der letzten 10 Jahre: wenn alles gut
geht, können wir es erwartungsgemäß schaffen.
Frage: Sind wir besorgt oder unter Umständen vorbereitet, wenn andere Mächte wie China, aufgerüttelt von
den Veränderungen in der Sowjetunion und angesichts der Veränderungen im kommunistischen Umfeld der Welt, etwas zu ihrer eigenen Konsolidierung
unternehmen?
Antwort: Die Reaktion der wenigen noch existierenden kommunistischen Regime wird von uns sehr genau
beobachtet. Die Chinesen haben Erklärungen abgegeben, die im Grunde besagen, dies habe keine Bedeutung für den Kommunismus in China, aber sie
müssen sehr nervös sein. Die Ereignisse in der
Sowjetunion müssen ganz einfach die Totenglocke
des Kommunismus in denjenigen Ländern läuten, die
dieser Ideologie immer noch anhängen.

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Ich sehe eindeutig, daß diese Ereignisse noch jahrelang nachwirken werden, und ich hoffe, daß unter den
wahrscheinlichen Ereignissen der kommenden Jahre
das Ende der kommunistischen Regime ist, die in den
wenigen Ländern der Welt fortbestehen, die immer
noch dieser Ideologie anhängen.
Frage: Aus den Presseberichten wird deutlich, daß
der Staatsstreich den KGB zwischen den Funktionären und dem mittleren Management gespalten hat,
wobei die Spitze ihn unterstützt und das mittlere Management sich widersetzt hat. Könnten Sie etwas zu den
Folgen der Spaltung des KGB für die US-Politik und die
Sowjetunion sagen?
Antwort: Meiner Meinung nach wird der KGB grundlegend umgestaltet werden. Ich sehe nicht, wie die
demokratischen Kräfte bestehen können, wenn sie
dem KGB gestatten, in neuem Gewand weiterzuexistieren. Sie vermitteln alle Anzeichen - und ich denke,
das sollten sie auch tun - , daß sie sich weiterhin auf
nachrichtendienstliche Tätigkeit im Ausland konzentrieren werden. Demokratien haben Bedarf an Nachrichtendiensten für das Ausland. Wir haben den CIA.
Aber daß die Polizeifunktionen im Innern abgeschafft
werden, daß Truppen des KGB dem Verteidigungsministerium unterstellt werden, daß er so umgestaltet
wird, daß er niemals die Demokratie in der Sowjetunion
bedrohen kann - das ist meiner Meinung nach das
richtige Ergebnis.
Frage: Wie stellen Sie sich die künftige Rolle der
NATO vor, und welche Position sollen die Vereinigten
Staaten haben?
Antwort: Unserer Meinung nach werden die Vereinigten Staaten bei Sicherheitsfragen in Europa auch
weiterhin eine Rolle spielen, und diese Rolle kann am
besten durch Instrumente, Fora und Organisationen
der NATO gespielt werden, eine Struktur, für die wir
seit vierzig Jahren Ressourcen aufwenden. Die Poli-

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�tiker zu beiden Seiten des Atlantiks haben sich an
dieses Arrangement gewöhnt. Es funktioniert sehr
gut. Unserer Ansicht nach ist es entscheidend, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin bei solchen Fragen
mitreden, aber wir können es auf erheblich geringeren
Streitkräfteniveaus tun als in der Vergangenheit.
Ich erwarte, daß wir unsere Streitkräfteniveaus in
Europa in den nächsten fünf Jahren etwa auf die Hälfte
-150.000 - reduzieren und im Herbst dieses Jahren die
Überarbeitung der NATO-Strategie abschließen, die
nunmehr seit zwei Jahren seit dem Zusammenbruch
des Warschauer Pakts und dem Fall der Berliner
Mauer erfolgt ist. Die neue Strategie wird bei einem
Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der
NATO im November in Rom ratifiziert werden. Unserer Ansicht nach gilt es diese Struktur zu erhalten.
Ich wäre nicht überrascht, wenn wir andere Sicherheitsarrangements beobachten würden, die unter den
Europäern selbst entwickelt werden. Aber wenn das
geschieht, solte es so erfolgen, daß die NATO nicht
unterminiert oder geschwächt wird.
Meiner Meinung nach wird diese Position im allgemeinen von allen unseren europäischen Verbündeten und
insbesondere von den Ländern Osteuropas unterstützt. Wenn Sie einen wirklich starken Verfechter der
NATO finden wollen, sprechen Sie mit dem tschechischen Verteidigungsminister. Man glaubt dort, daß die
anhaltende US-Präsenz in Europa sehr wichtig ist, um
die Aussichten für Stabilität in diesem Teil der Welt zu
erhalten. Man ist über die eigenen Sicherheitsarrangements sehr besorgt. Und obwohl diese Länder nicht
NATO-Mitglieder sind, glauben sie, daß eine starke
NATO für den Westen sehr wichtig ist und ihnen eine
gewisse Garantie gibt, daß auch ihre Sicherheitsanliegen angesprochen werden.
Ich denke also, wir werden in der NATO bleiben, und
als Beweis der Stärke unserer Verpflichtung werden
einige Streitkräfte vorne stationiert bleiben.
Frage: Könnten Sie etwas dazu sagen, ob die Regierung Maßnahmen erwägt, um eine Umgruppierung
sowjetischer strategischer und taktischer Nuklearwaffen in der russischen Föderation zu erleichtern. Ich
denke da etwa an technische Mittel oder wirtschaftliche Maßnahmen.
Antwort: Die Frage, wie das sowjetische Atomwaffenarsenal kontrolliert wird, ist eindeutig ein Punkt auf
der Tagesordnung. Das ist ein Thema, das wir mit
ihnen erörtern wollen, was wir in der Vergangenheit
auch oft getan haben, zuletzt als mein Kollege General
Powell vor einigen Wochen in der Sowjetunion war.
Das war eines der Themen seiner Gespräche mit
General Moissejew. Leider ist General Moissejew
nicht mehr Stabschef, aber das Thema werden wir

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erneut ansprchen.
Der gegenwärtige sowjetische Verteidigungsminister
Schaposchnikow war 1989 hier mit einer Delegation
von Jasow. Er gehörte zu der Gruppe, die ich getroffen
habe, als ich im Oktober in der Sowjetunion war. Wir
verfügen also über etablierte Kontakte, und diesem
Punkt wird sicherlich viel Aufmerksamkeit zuteil werden.
Frage: Einer der größten außenpolitischen Erfolge
der Nachkriegszeit war die Schaffung eines mehr oder
weniger vereinten Europas. Einer der Faktoren, die
dabei eine große Rolle gespielt haben, war, daß wir im
Rahmen des europäischen Wiederaufbauprogramms
eine Organisation zur Verwaltung der Finanzhilfe für
Europa - die OECD - ins Leben gerufen haben, in deren
Rahmen die Europäer zusammenarbeiten mußten,
um die Hilfe zu koordinieren. Besteht die Möglichkeit
für eine ähnliche kooperative Organisation in Osteuropa und vielleicht den unabhängig werdenden Sowjetrepubliken, damit sie eine Struktur erhalten, in der sie
zusammen und mit den westlichen Geberländern
arbeiten können?
Antwort: Meines Erachtens bestehen für sie sehr
starke Anreize, diesen Kurs einzuschlagen. Ich bin
nicht sicher, daß wir eine solche Entwicklung gleich
von Anfang an erwarten können. Aber der Schlüssel
zum Aufbau moderner Volkswirtschaften in den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts sowie in der
Sowjetunion und ihren Republiken liegt in der Schaffung eines Umfelds, in dem private Anreize gedeihen
können, in dem diejenigen, die das Weltkapitalangebot
kontrollieren, zu investieren bereit sind und in dem
Gewinne erzielt werden können. Dies hängt meines
Erachtens von stabilen Verhältnissen, von normalen
Handelsbeziehungen, niedrigen Zollschranken und
Gemeinschaftsprojekten ab, wo immer dies möglich
und sinnvoll ist.
Probleme ergeben sich bisweilen aus dem, was wir im
öffentlichen Sektor tun und was im Privatsektor geschehen könnte. Eines der damit einhergehenden
Probleme stellt sich folgendermaßen dar: Wenn wir
der Sowjetunion humanitäre Hilfe in Form von Nahrungsmittellieferungen gewähren, was geschieht dann
mit den Nahrungsmittelvorräten in Osteuropa? So
werden etwa die Polen, die erhebliche Agrarüberschüsse haben, nicht in der Lage sein, ihre Produkte
dort zu verkaufen, wo dies andernfalls geschehen
könnte.
Wir müssen also sorgfältig klarstellen, daß unsere
Maßnahmen im öffentlichen Sektor keine Probleme in
dieser Hinsicht hervorrufen. Ob wir zur Bewältigung
dieser Probleme irgendeine große übergeordnete
Organisation schaffen möchten oder nicht - ich neige

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�zu der Annahme, daß dies ein schwieriges Unterfangen wäre. Wir koordinieren die Politik mit unseren
Verbündeten über den G-7-Prozeß. Ich weiß nicht, ob
wir alle im Hinblick auf die Schaffung neuer Strukturen
wesentlich darüber hinausgehen werden.
Frage: Es scheint, als ob eine der wesentlichen
Folgerungen Ihrer Ausführungen darin besteht, daß
die Vereinigten Staaten der Sowjetunion langfristig
irgendeine Art von Wirtschaftshilfe gewähren müssen.
Antwort: Im Hinblick auf unseren Umgang mit der
Sowjetunion gibt es unterschiedliche Arten von Wirtschaftshilfe.
Sicherlich haben wir ein Interesse an sowjetischen
Wirtschaftsreformen, ein Interesse daran, eine Umgestaltung ihrer Wirtschaft zu sehen, damit diese in der
Lage ist, die Bedürfnisse ihres Volks zu befriedigen
und in der Weltwirtschaft zu bestehen. Dies wird
voraussichtlich Jahrzehnte erfordern. Ich glaube nicht,
daß dies über Nacht geschehen wird.
Wir sind bereit und jetzt auch begierig, technische Hilfe
zu leisten, und wir haben mit den Sowjets Gespräche
über diese Hilfe geführt, die bereits angelaufen ist. Wir
können eine Menge tun, um ihnen im Hinblick auf
Marktwirtschaft, im Versicherungs- und Bankwesen
sowie bei Verkehrssystemen und beim Aufbau eines
modernen Verteilungssystems für Waren innerhalb
einer modernen Volkswirtschaft zu helfen...
Frage: (unverständlich)
Antwort: Nahrungsmittel - wenn der Winter kommt
und sie mit einer echten Hungersnot konfrontiert werden, dann ist dies meines Erachtens ein Bereich, in
dem die Vereinigten Staaten sicherlich helfen und
dabei gemeinsam mit ihren Verbündeten und der
Sowjetunion zusammenarbeiten würden.
Die Sowjetunion ist potentiell ein sehr reiches Land.
Sie ist der führende Erdölproduzent der Welt, sie
besitzt riesige Reserven an Mineralien und Energie
sowie enormes landwirtschaftliches Potential. Das
Problem besteht natürlich darin, daß das Vermächtnis
von 70 Jahren kommunistischer Herrschaft es ihnen
unmöglich gemacht hat, dieses Potential zu nutzen.
Ein Teil dieser Herausforderung an uns besteht darin,
ihnen dabei zu helfen. Ich glaube selbst nicht, daß dies
große Ausgaben des amerikanischen Steuerzahlers
zugunsten der Sowjetunion bedeutet. Wenn Sie heute
einen Scheck über eine Milliarde Dollar in Moskau
übergeben wollten, so wüßte man dort meiner Ansicht
nach nicht, was man damit anfangen sollte. Ich glaube
man würde Ihnen sagen, man sei sich der Tatsache
bewußt, daß noch ein weiter Weg bis zur Veränderung
der Institutionen zurückzulegen ist, um Denken und
Geschäftsmethoden zu verändern, bevor man in der
Lage sein werde, von modernerer Technologie und

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besserem Zugang zu Kapital zu profitieren.
Unser System funktioniert unter der grundsätzlichen
Voraussetzung, daß die Regierung in unserer Gesellschaft kein Kapital besitzt. Das befindet sich in Privathand. Wenn die Sowjetunion den größtmöglichen
Vorteil aus dem Potential ziehen möchte, das die
Beziehungen mit den Vereinigten Staaten darstellen,
so muß man dort seine Geschäftsmethoden so verändern, daß man einen attraktiven Markt für diese Art von
Investitionen schafft.
In gewissem Maß können wir dabei helfen. Wir sind
bereit, das zu tun. Aber ich kann mir - besonders unter
den jetzigen Umständen, keine Situation vorstellen, in
der wir bereit wären, große Schecks auszustellen oder
der Sowjetunion hohe Geldbeträge zu leihen. Ich
glaube, daß es für uns viele andere Möglichkeiten gibt,
um hilfreich zu sein, und ich gehe davon aus, daß wir
dazu bereit sind.
Frage: Ursprünglich war die Nuklearstreitmacht der
Vereinigten Staaten hauptsächlich konzipiert worden,
um einen sowjetischen konventionellen Angriff oder
einen anderen Angriff gegen unsere Verbündeten in
Westeuropa abzuschrecken. Offenkundig ist dies
heute ein wesentlich weniger schwerwiegendes Problem.
Wenn wir theoretisch nur einen Angriff auf die Vereinigten Staaten abschrecken wollten, benötigen wir
dafür lediglich ein sogenanntes minimales Abschrekkungspotential von wenigen hundert oder vielleicht
1.000 Gefechtsköpfen. Wären Sie bereit, als langfristiges Ziel die Erlangung eines solchen minimalen Abschreckungspotentials für die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion zu unterstützen - hoffentlich bilateral
-, nachdem wir einmal herausgefunden haben, mit
wem wir es auf der anderen Seite zu tun haben? Gibt
es ferner zur Zeit irgendwelche Pläne für Folgeverhandlungen zum START-Vertrag?
Antwort: Ich möchte betonen, daß wir bereits eine
erhebliche Reduzierung von Kernwaffen vornehmen.
Wir haben gerade den START-Vertrag unterzeichnet,
und das wird in den nächsten sieben Jahren eine

einschneidende Reduzierung unserer Streitmacht
bedeuten. Während meiner Amtszeit haben wir alle
unsere strategischen Programme reduziert. Anstatt
der ursprünglich geplanten 23 oder 24 Trident-UBoote werden wir nur 18 bauen. Die Stückzahl für den
B-2-Bomber haben wir von etwa 130 auf 72-75 reduziert. Im Hinblick auf das schienengestützte Peacekeeper-Projekt haben wir uns strikt auf Forschung und
Entwicklung beschränkt. Beim Nachfolgesystem, einer
Midgetman-Rakete, betreiben wir Forschung und
Entwicklung, aber gegenwärtig haben wir keine Pläne
für eine Stationierung.
Wir werden den Umfang unserer landgestützten ICBM-

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�Streitmacht reduzieren, um den Bedingungen des
START-Vertrags gerecht zu werden. Darüber hinaus
haben wir den Umfang unserer Kernwaffen in Europa
in den letzten Jahren erheblich verringert, indem wir
eine große Zahl von Systemen abgezogen haben. Mit
Verwirklichung des KSE-Vertrags erwarte ich ferner
eine endgültige Lösung für das Problem der dortigen
Kurzstreckensysteme.
Wir müssen meines Erachtens jedoch mehr tun als der
Annahme zu folgen, wir wollten nur den amerikanischen Kontinent verteidigen. Die Ausdehnung eines
Schutzschirms, der auch die Anliegen unserer Freunde und Verbündeten in der ganzen Welt, besonders
der Demokratien in der Welt einbezieht, bringt uns
enorme Vorteile.
Wenn ich mir zum Beispiel Deutschland oder Japan

*

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anschaue, so sehe ich dort zwei Länder, die hoffentlich
auch in Zukunft enge Verbündete der Vereinigten
Staaten sein und mit uns sowohl bei konventionellen
als auch nuklearen Strategien zusammenarbeiten
werden. Wenn die Vereinigten Staaten ihr Potential so
stark verringern, daß alles, was wirtun undworüberwir
sprechen können, darin besteht, den amerikanischen
Kontinent zu verteidigen, so werden wir damit anderen
Staaten einen Anreiz bieten, ihre eigenen nuklearen
Arsenale zu entwickeln, die dies heute nicht für notwendig erachten.
Es ist meines Erachtens also wichtig, daß wir nicht so
stark abrüsten, daß wir dort Probleme und Instabilität
für uns selbst schaffen und den Druck zur Weiterverbreitung von Kernwaffen weiter erhöhen. Wir sollten
also ein wenig Vorsicht walten lassen, was den Gesamtumfang unserer Nuklearstreitkräfte angeht.

* * *

*

Seite 7

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ftA*?*1

28. August 1991

34

SOWJETUNION

DAS ENDE DES STAATSSTREICHES
IN DER S O W J E T U N I O N

Die Berichterstattung in Amerika

USA - UDSSR

SECHS JAHRE AMERIKANISCHSOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
Chronologie der Beziehungen
von 1985-1991

NATIONALISMUS

DIE ZUKUNFT DES AMERIKANISCHEN
NATIONALISMUS
von Clyde Wilson

:

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOWJETUNION
28. August 1991

DAS ENDE DES STAATSSTREICHS
IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika
WASHINGTON - (AD) - Zahlreiche amerikanische Zeitungen haben dem Ende des Staatstreichs in der
Sowjetunion und der Wiedereinsetzung einer progressiven Regierung ihre Leitartikel gewidmet. Nachfolgend
veröffentlichen wir Auszüge aus verschiedenen Kommentaren.

The New York Times
Die Anstifter des Staatsstreichs behaupteten, das
System vor dem Chaos zu bewahren. Statt dessen
haben sie in ihrer Verzweiflung die alte Ordnung in der
Sowjetunion zerstört. Am Schluß hat selbst die
Kommunistische Partei jede Verbindung zu diesen
alten treuen Parteigängern aufgekündigt... Die wilde
Flucht der Verschwörer zeigt, wie gründlich Gorbatschows Revolution die Sowjetunion verändert hat...
Bis jetzt schrecken andere Länder davor zurück, Milliarden in ein schwarzes Loch zu buttern, in dem das
Wort "Markt" ganz zu schweigen von dessen Implikationen kaum verstanden wird. Aber sie würden wahrscheinlich gern Investitionen und Hilfe fördern, wenn
es in der Sowjetunion ein glaubwürdiges Wirtschaftsprogramm gäbe. Bis jetzt ist Gorbatschow überzeugenden Vorschlägen immer wieder in letzter Minute
ausgewichen.
Wenn er einem solchen Programm jetzt zustimmt,
kann dieser verheerende Staatsstreich dennoch eine
konstruktive Lehre beinhalten. Die Selbstzerstörung
der alten Garde kann es ihm - und künftigen sowjetischen Präsidenten - ermöglichen, den Menschen in
der Sowjetunion den Lebensstandard zu geben, für
den sie diese Woche auf die Straße gegangen sind.
Dieser Prozeß kann heute beginnen.

Kampf beginnen, aber nicht beenden konnte. Seine
bisherigen Leistungen für die Reformen sind beeindruckend, aber seine Bedeutung für die Zukunft wird
sich neu erweisen müssen. Es ist gedemütigt worden,
und er hat Schaden genommen.
Nationale Reformen (in der Sowjetunion) werden in
einem politischen Kontext erfolgen, der durch die
Entlassung und Diskreditierung der alten Garde von
Kommunisten und die Schwächung des Mannes in der
Mitte - Gorbatschow - verändert wurde. Zumindest
kurzfristig könnte dies weniger Forschritte und mehr
Unruhe mit sich bringen.
The Christian Science Monitor
Probleme der Butter auf dem Brot waren nicht der
Hauptgrund, warum 150.000 Moskowiter am Dienstag
auf die Straße gegangen sind ... und sich vor dem
russischen Parlamentsgebäude versammelt haben,
um Boris Jelzin zu unterstützen. Es steht etwas
wichtigeres auf dem Spiel - die neuen Rechte und die
Selbstbestimmung, in deren Genuß die Sowjets erstmals mit Glasnost gekommen sind. Vielleicht ist das
nur einer Minderheit von Russen bewußt und nicht
egal, aber diese Minderheit nimmt zu...
Etwa 150.000 Moskowiter gingen auf die Straße, weil
sie sich an die Geschichte erinnern und weil sie auf den
Geschmack der Demokratie gekommen sind.

The Washington Post
Boris Jelzin repräsentiert den Aufstieg der Demokratie
- er ist ein demokratisch gewählter Politiker und nunmehr kampferprobt. Die Tatsache, daß er für Grundsätze und Rechtmäßigkeit gekämpft hat, deren Nutznießer jemand anders - Michail Gorbatschow - war,
verleiht ihm besondere Größe. Bei seiner Rückkehr
ins Amt wird Gorbatschow Rechenschaft ablegen
müssen, wie er eine Revolution und einen politischen
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Im weiteren Sinne heißt der Scheideweg, an dem sie
jetzt stehen "Bürgerrechte".
The Baltimore Sun
Gorbatschow ist heute nicht nur wegen des persönlichen Mutes und der Führungskraft des russischen
Präsidenten Boris Jelzin wieder im Amt sondern auch,
weil sich auch alle anderen Republiken weigerten, dem

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�reaktionären Putsch gegen die Zentralregierung zu
folgen.... Es ist... ziemlich sicher... daß die Republiken eine stärkere Teilung der Macht mit einem Präsidenten fordern werden, den zu retten sie halfen...
Der Michail S. Gorbatschow, der seine Amtsgeschäfte
im Kreml wiederaufnimmt, wird wahrscheinlich ein
Übergangspräsident sein, der die Umgestaltung seines Landes zu einer Föderation, vergleichbar einem
Commonwealth, leitet. Da es unwahrscheinlich ist,
daß er sich um eine Wiederwahl bemüht, wird die
politische Arena in der Sowjetunion voller neuer Gesichter und Allianzen sein... All dies führt zu einem
Domino-Effekt, der die bereits verringerte Rolle der
kommunistischen Partei weiter einschränken wird.
Die Ereignisse der vergangenen Tage sind Grund zum
Feiern, da sie zeigen, daß die Ideen Gorbatschows
von Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit in wichtigen Bereichen sowjetischen Lebens Wurzeln geschlagen haben. Das Militär hat sich im großen und
ganzen geweigert, an diesem Putsch teilzunehmen.
Auch die meisten Polizeigruppen außerhalb des KGB
blieben den rechtmäßigen Regierungen, der zentralen
als auch den lokalen, treu.
The Philadelphia Inquirer
Der Zusammenbruch hat... gezeigt, daß viele der TopOffiziere in der sowjetischen Armee nicht bereit sind,
einen Angriff auf ihre Mitbürger zu befehlen. Dies war
der Schlüsselfaktor, der die Macht der Putschführer
untergrub und eine Frage beantwortet, die Zweifel
geweckt hatte.
Auch die schlimme Aura des KGB wurde bloßgestellt.
Der KGB mag weiterhin seine Tentakel über die gesamte Sowjetunion ausbreiten, aber es wird nicht
unerkannt bleiben, daß er nicht die Macht zur Vereitelung dieses Staatsstreichs besaß...
Am schwersten wiegt jedoch, wie der fehlgeschlagene
Putsch gezeigt hat, daß sich Hunderttausende von
einstmals durch brutale Führungen eingeschüchterten
Sowjetbürgern heute frei genug fühlen, ihr Leben zur
Verteidigung demokratischer Fortschritte zu riskieren.
Dieses neue Selbstvertrauen muß Auswirkungen auf
die Zukunft des Landes haben. Demokratisch gewählte Führungen der sowjetischen Republiken und großen Städte - zuerst und besonders der russische
Präsident Boris Jelzin - werden nun als Helden und
mächtigste Politiker der Sowjetunion hervortreten...
The Los Angeles Times
Eine mögliche - wenn auch zum jetzigen Zeitpunkt
vorläufige - Erklärung für den politischen Reinfall der
Junta ist die Tatsache, daß der Vorwand der Verschwörer, sie handelten im Rahmen der Verfassung,
ihre Handlungsweise einschränkte. Die heimischen
Medien wurden trotz Zensur niemals vollends zum
Schweigen gebracht. Kritische Stimmen waren wei-

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terhin zu hören. Am bedeutendsten ist vielleicht, daß
nicht frühzeitig versucht wurde, das russische Parlamentsgebäude in Moskau zu besetzen, das rasch zum
Schwerpunkt der Opposition wurde. Unter Stalin,
Chruschtschow oder Breschnew wäre in dem Glauben, daß die Welt zwar klagen, aber nicht intervenieren
würde, die ganze Macht des Staates eingesetzt worden, um den Widerstand zu brechen. Dieses Mal
scheint die Junta - freiwillig oder nicht, bewußt oder
unbewußt - erkannt zu haben, daß die Weltmeinung
nicht so einfach ignoriert oder beleidigt werden kann.
Sie scheint ferner entweder vor ihren Aktionen oder
unmittelbar danach erkannt zu haben, daß sie sich
nicht auf den blinden Gehorsam aller Armee-Einheiten
verlassen konnte. Die Junta irrte, indem sie viele
Dinge unberücksichtigt ließ. Dazu gehörten die Wahlergebnisse in der russischen Föderation. Als sie die
freie Wahl hatten, unterstützten die meisten Mitglieder
der Streitkräfte Jelzin bei seiner Kandidatur für das
Amt des Präsidenten.
USA Today
Vor drei Tagen hätten viele bezweifelt, daß die Sowjetbürger gegen ein Ende der Reformen protestieren
würden. Heute nicht.
Vor drei Tagen hätten viele in Frage gestellt, daß die
Menschen im Westen sich für die Unterstützung der
sowjetischen Politik der Offenheit stark machen würden. Heute nicht.
Alle Fragen oder Zweifel über die Richtung, die die
Menschen weltweit einschlagen wollen, sind ausgeräumt worden.
Der Weg ist nicht leicht. Er kann Rückschläge bergen.
Aber aus den Trümmern des Staatsstreichs erwächst
die Hoffnung auf ein Ende der Ost-West-Konfrontation
und den Beginn weltweiter Zusammenarbeit, um die
Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu erfüllen.
The Wall Street Journal
Die Vereinigten Staaten sollten öffentlch bekanntgeben, daß sie die politische Legitimität aller sowjetischen Republiken anerkennen, die jetzt demokratisch
gewählten Regierungen unterstehen. Es sind die
Republiken Rußland, Armenien, Moldawien und Georgien. In der Ukraine und in Aserbaidschan sind für
Ende des Jahres Wahlen anberaumt.
Gleichermaßen sollten die Vereinigten Staaten formell
die souveräne Unabhängigkeit von Litauen, Lettland
und Estland anerkennen.
Die neue Weltordnung - eine Ära der engen politischen
und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, deren Ziel das
Wohlergehen aller Völker ist - hängt entscheidend von
dem Bürgerrechtsprinzip der Selbstbestimmung ab.

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�Das sowjetische Volk hat mit den Wahlen in den
Republiken unter Beweis gestellt, daß es zur Teilnahme an der weltweiten demokratischen Evolution bereit
ist. Die Völker des Baltikums haben niemals etwas
anderes gesagt.
The Washington Times
Wie Jelzin Präsident Bush telephonisch mitgeteilt hat,
waren die unverzügliche und entschiedene westliche
Verurteilung des Staatsstreichs und die Erläuterung
der Konsequenzen seines Erfolgs für die Beziehungen
zwischen dem Westen und der Sowjetunion außerordentlich hilfreich für die Sache des russischen Präsi-

*

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denten. Dies gilt auch für die Bestrebungen der
Stimme Amerikas und der BBC, die zum wiederholten Male die einzige verläßliche Informationsquelle in
der Sowjetunion waren...
Jelzins Forderung nach der Rückkehr von Präsident
Gorbatschow sprach für die außerordentliche Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit. Es handelte sich
hierbei nicht um Jelzins Gegenputsch, sondern vielmehr um einen Ausdruck seiner Verpflichtung zur
demokratischen und verfassungsmäßigen Politik in
der Sowjetunion... Gorbatschow selbst wird sich dem
demokratischen Test stellen müssen.

* * *

*

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�USA-U DSSR
28. August 1991

SECHS JAHRE AMERIKANISCHSOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
Chronologie der Beziehungen von 1985 -1991
WASHINGTON - (AD) - Während der sechsjährigen Amtszeit von Michail Gorbatschow hat die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ein neues Gefühl der Stabilität auf der internationalen
Bühne und zunehmende Hoffnung auf dauerhaften Frieden weltweit hervorgebracht.
"Es ist unabdingbar, sich die tiefgreifenden Veränderungen vor Augen zu führen, die sich vollzogen haben - zu
Offenheit, Reform, Wandel in Osteuropa, der neuen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern während der Golfkrise und in zahlreichen anderen Bereichen", erklärte Präsident Bush bei einer
Pressekonferenz am 19. August 1991, als der von kommunistischen Hardlinern in Moskau durchgeführte
Staatsstreich den sowjetischen Präsidenten entmachten sollte. Präsident Bush betonte: "Es gibt einen völlig
neuen Bereich der Zusammenarbeit, und wir möchten, daß dies so bleibt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Chronologie der wichtigsten Ereignisse ab Gorbatschows Amtsübernahme
im Jahr 1985.

März 1985

10.-12. Oktober 1986

Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Schrittweise
führt er das Land auf den Weg zu wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Reformen durch seine Programme von Glasnost und Perestrojka.

Reagan und Gorbatschow treffen sich in Reykjavik und
erzielen grundsätzliche Einigung über die Verringerung strategischer Offensivwaffen um 50 Prozent.
Obwohl sie auch Fortschritte bei einem Abkommen
über Mittelstreckenraketen (INF) erzielen, stellt Gorbatschow ein Junktim zu weiteren Fortschritten bei
diesem Thema und zwischen Reduzierungen der strategischen Streitkräfte und der amerikanischen strategischen Verteidigungsinitiative SDI her, das die Vereinigten Staaten als inakzeptabel erachten.

1 9 . - 2 1 . November 1985
Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow
kommen in Genf zusammen. Sie fordern rasche
Fortschritte bei der Reduzierung der strategischen
Offensivstreitkräfte. Die beiden Staats- und Regierungschefs unterzeichnen ein Allgemeines Abkommen über Kontakte, Austausch und Zusammenarbeit
in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Bildung,
Kultur sowie anderen Gebieten und vereinbaren die
Wiederaufnahme des zivilen Flugverkehrs zwischen
beiden Ländern. Darüber hinaus einigen sie sich
darauf, die Gründung von Zentren zur Verringerung
des atomaren Risikos zu prüfen, die Bestrebungen
über ein wirksames und verifizierbares Verbot chemischer Waffen zu beschleunigen und Wege zu Verhinderung der Verbreitung dieser Waffen zu erörtern.
Andere Gesprächsthemen betreffen Angola, Äthiopien, Nicaragua und Kambodscha. Ferner wird die
Eröffnung von Konsulaten in New York und Kiew
vereinbart.
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15. September 1987
Die beiden Länder unterzeichnen ein Abkommen über
die Gründung von Zentren zur Verringerung des atomaren Risikos in ihren jeweiligen Hauptstädten. Die
Zentren haben den Abbau des Konfliktrisikos zum Ziel,
das sich zufällig, aufgrund einer Fehlinterpretation
oder falschen Einschätzung der jeweiligen Seite ergeben könnte.
7.-10. Dezember 1987
Reagan und Gorbatschow kommen in Washington zur
Unterzeichnung des INF-Abkommens über die Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen bodengestützten Raketensysteme mit einer Reichweite von
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�500 bis 5.000 Kilometern zusammen. Darüber hinaus
erörtern sie auf bilateraler Ebene Menschenrechtsund regionale Fragen unter besonderer Berücksichtigung von Mittelamerika, Afghanistan, dem iranischirakischen Krieg, dem südlichen Afrika und Kambodscha. Die beiden Politiker weisen ihre Unterhändler
bei den Rüstungskontrollverhandlungen an, ihre Bestrebungen zur Erlangung eines Vertrags über die
Verringerung strategischer Rüstungen (START) zu
intensivieren. Die Unterhändler sollen ferner einen
neuen, getrennten Vertrag über Fragen der Verteidigung im Weltraum erarbeiten, der jede Seite zur Einhaltung des Vertrags über die Abwehr ballistischer
Raketen von 1972 verpflichtet, während gleichzeitig
die erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung durchgeführt wird. Ein Abkommen über die
Erweiterung des Flugverkehrs zwischen den beiden
Ländern wird unterzeichnet, und auch das Abkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über die Weltmeere wird erweitert.

9. Januar 1989
Das amerikanisch-sowjetische Abkommen über Betäubungsmittel wird unterzeichnet. Damit dokumentieren die Sowjets ihr gesteigertes Bewußtsein zu den
Drogenproblemen im In- und Ausland.
15. Februar 1989
Gorbatschow überwacht den Abzug aller sowjetischen
Truppen aus Afghanistan.
9. März 1989
Die NATO und die Warschauer-Pakt-Staaten nehmen
in Wien Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) auf.
25. April 1989
Die Sowjetunion beginnt mit ihren ersten einseitigen
Truppenreduzierungen in Osteuropa.

29. M a i - I . J u n i 1988

12. Mai 1989

In Moskau findet das vierte Treffen zwischen Reagan
und Gorbatschow statt, bei dem regionale Themen
erörtert werden, unter anderem der Nahe Osten, das
südliche Afrika, das Hörn von Afrika, Zentralafrika,
Afghanistan, Kambodscha und die koreanische Halbinsel. Ferner werden die Ratifizierungsurkunden zu
INF ausgetauscht. Amerikanische und sowjetische
Regierungsvertreter unterzeichnen ein Abkommen über
die vorherige Notifizierung des Abschusses strategischer ballistischer Raketen und die Vereinbarung über
ein gemeinsames Verifizierungsexperiment bei Atomtests. Fernerwerden Abkommen überdie Erweiterung
der kulturellen und bildungspolitischen Austauschprogramme zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion unterzeichnet sowie über die amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit bei der friedlichen
Nutzung von Kernenergie und zur Erforschung des
Weltraums, Such- und Rettungsunternehmen auf See,
Fischereiwesen, Verkehrstechnologie und Funkbetrieb.

Präsident Bush fordert die Sowjetunion und andere
Mitglieder des Warschauer Pakts und der NATO auf,
seinem Vorschlag über offene Himmel zuzustimmen,
damit unbewaffnete Überwachungsflüge über den
jeweiligen Territorien als vertrauensbildende Maßnahme durchgeführt werden können.

Oktober 1988
Gorbatschow wird Präsident der Sowjetunion.
7. Dezember 1988
Reagan und Gorbatschow treffen bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York zusammen.

12. Juni 1989
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion unterzeichnen in Moskau ein Abkommen zur Verhinderung
gefährlicher militärischer Aktivitäten.
21. - 23. September 1989
Die Außenminister beider Länder unterzeichnen in
Wyoming ein Abkommen über strategische Verifizierung und stabilisierende Maßnahmen, ein Abkommen
über die Unterrichtung von strategischen Übungen,
eine Regierungsvereinbarung über einen bilateralen
Datenaustausch und Verifizierungsexperimente für CWaffen, ferner Abkommen über die Beringstraße,
einschließlich der Wanderungen von Eskimos und
Gründung einer regionalen Kommission. Darüber
hinaus wird eine gemeinsame Erklärung über die
Auslegung von Regeln zur friedlichen Durchfahrt von
Schiffen veröffentlicht. Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse stimmt der im Mai vorgeschlagenen amerikanischen Initiative "Offene Himmel" grundsätzlich zu.

Dezember 1988
Nach einem verheerenden Erdbeben in Armenien
akzeptiert die Sowjetunion zum ersten Mal seit dem
Zweiten Weltkrieg Katastrophenhilfe aus den Vereinigten Staaten.

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23. Oktober 1989
Die Vereinigten Staaten begrüßen Schewardnadses
Erklärungen, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan habe sowjetische und internationale Gesetze

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�mißachtet, das Radar von Krasnojarsk verletze den
ABM-Vertrag und die Sowjetunion akzeptiere den
politischen Pluralismus in Osteuropa.
12. November 1989
Die Sowjetunion und die übrige Welt werden Zeuge,
als die DDR mit dem Abbau der Berliner Mauer beginnt.
2 . - 3 . Dezember 1989
Gorbatschow und Bush treffen sich in Malta zu einem
Minigipfel auf Schiffen. Sie erörten die bemerkenswerten Ereignisse, die zu friedlichen und demokratischen
Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa geführt haben, und Bush bekundet seine Unterstützung für
Gorbatschows Programm der Perestrojka. Darüber
hinaus werden die Wirtschafts- und Handelsbeziehungern zwischen beiden Ländern besprochen, ferner
Umweltprobleme, die Verbreitung von Raketen und
die Lage im Libanon. Zum Thema Rüstungskontrolle
erörtern beide Spitzenpolitiker die Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte, strategische Waffen, chemische Waffen, den Schwellenverrag und Verifizierung.
29. Dezember 1989
Beide Länder tauschen Daten über ihre C-Waffenarsenale und Produktionsstätten aus.
16. Januar 1990
In Wien treffen sich hohe Militärs der 35 KSZE-Mitgliedsländer, darunter der Vorsitzende der Vereinigten
Stabschefs, Colin Powell, und der sowjetische General Moissejew, um Möglichkeiten zum Abbau der Spannungen in Europa zu erörtern.
13. Februar 1990
Bei der Konferenz über offene Himmel in Ottawa
kommen Vertreter der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreichs und Großbritanniens mit westund ostdeutschen Politikern zusammen und einigen
sich auf eine "Zwei-plus-Vier"-Formel für die Vereinigung Deutschlands. Die Sowjetunion und andere
KSE-Länder akzeptieren einen früher unterbreiteten
Vorschlag von Präsident Bush über Streitkräftereduzierungen in Europa.
31. M a i - 3 . Juni 1990
Bei ihrem Gipfeltreffen in Washington unterzeichnen
Bush und Gorbatschow Schlüsselelemente einer
Vereinbarung in bezug auf einen Vertrag über strategische Rüstungen, eine Vereinbarung zur Reduzierung der amerikanischen und sowjetischen Chemiewaffenbestände auf 5.000 Tonnen sowie ein Abkommen zum Abbau der Beschränkungen des amerikanisch-sowjetischen Handels. Ein amerikanisch-sowjetisches Getreideabkommen mit fünfjähriger Lauf-

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zeit wird ebenso unterzeichnet wie die Protokolle zum
Schwellenvertrag von 1974 und zum Vertrag über
Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken von 1976.
Darüber hinaus werden bilaterale Abkommen über
kulturellen und wissenschaftlichen Austausch abgeschlossen.
3. August 1990
Die beiden Länder verabschieden eine gemeinsame
Erklärung, in der die irakische Invasion Kuwaits verurteilt und eine Einstellung der Waffenlieferungen an den
Irak gefordert wird.
9. September 1990
Gorbatschow und Bush treffen in Helsinki zu Gesprächen über die irakische Invasion und Annexion Kuwaits zusammen. Sie veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der sie ihre Solidarität bei der Ablehnung der irakischen Handlungen sowie ihre Absicht
zum Ausdruck bringen, bei der Beendigung der Golfkrise umfassend zusammenzuarbeiten.
12. September 1990
Gemeinsam mit den Außenministern Frankreichs,
Großbritanniens und der beiden deutschen Staaten
unterzeichnen die Außenminister Baker und Schewardnadse den "Vertrag über die abschließende
Regelung in bezug auf Deutschland", mit dem der
Zwei-plus-Vier-Prozeß abgeschlossen und der Weg
für die formelle Wiedervereinigung Deutschlands am
3. Oktober bereitet wird.
18. Oktober 1990
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verabschieden eine gemeinsame Erklärung mit der Forderung nach der friedlichen Beilegung des Bürgerkriegs
in El Salvador.
19. November 1990
Die Staatschefs der Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion treffen sich in Zusammenhang mit der
KSZE in Europa und unterzeichnen bei dieser Gelegenheit mit den anderen Staats- und Regierungschefs
der NATO und des Warschauer Pakts den KSEVertrag sowie eine Nichtangriffsverpflichtung. Die
Gespräche konzentrieren sich auf die Golfkrise und die
sowjetische Unterstützung einer vorgeschlagenen UNOResolution, mit der die Anwendung von Gewalt gegen
den Irak legitimiert wird.
Dezember 1990
Bush hebt die Jackson-Vanik-Handelsbeschränkungen auf, die mit der Bedingung verknüpft, daß die
Sowjetunion ihre Auswanderungspolitik liberalisiert.
Er bietet der Sowjetunion ein Hilfspaket an, das nahezu 1 Milliarde Dollar an Krediten zum Ankauf amerikanischer Nahrungsmittel und anderer Erzeugnisse umfaßt.

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�I.April 1991

3 0 . - 3 1 . Juli 1991

Der Warschauer Pakt löst offiziell seine militärische
Struktur auf und beendet seine Existenz.

Bush und Gorbatschow unterzeichnen in Moskau den
START-Vertrag zur Reduzierung der strategischen
Offensivsysteme um ein Drittel. Der Vertrag umfaßt
eine 50prozentige Reduzierung der sowjetischen
schweren Raketen und Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen sowie eine 35prozentige Verringerung
der amerikanischen Gefechtsköpfe auf ballistischen
Raketen. Daneben werden weitere Vereinbarungen
zur amerikanischen Katastrophenhilfe an die Sowjetunion sowie Hilfe für deren Wohnungsbau und wirtschaftliche Entwicklung unterzeichnet. Der Präsident
kündigt an, er werde den Kongreß ersuchen, der
Sowjetunion den Meistbegünstigungsstatus im Handel einzuräumen. Darüber hinaus werde er ein Programm vorlegen, um dem Land bei der Umrüstung
seiner militärischen Produktion zu zivilen Zwecken zu
helfen.

12.-13. Mai 1991
Baker und der sowjetische Außenminister Alexander
Bessmertnych treffen in Kairo zusammen, um Gespräche über den Friedensprozeß im Nahen Osten, das
kurdische Flüchtlingsproblem im Nordirak sowie Rüstungskontrolle und bilaterale Fragen zu führen.
31. Mai 1991
Der von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
vermittelte Friedensschluß in Angola wird in Gegenwart von Baker und Bessmertnych sowie anderen
amerikanischen und sowjetischen Vertretern in Lissabon unterzeichnet. Damit wird der Bürgerkrieg in dem
afrikanischen Land beendet.

18. August 1991
17. Juli 1991
Gorbatschow soll angeblich erkrankt sein und wird in
einem Putsch abgesetzt. Ein selbsternanntes Notstandskomitee übernimmt die Kontrolle über die Zentralregierung und deutet an, es werde sich an die
internationalen vertraglichen Verpflichtungen halten.
Präsident Bush erklärt seine Unterstützung für die
Forderung des russischen Präsidenten Jelzin nach
Wiedereinsetzung von Präsident Gorbatschow.

Bush und Gorbatschow treffen sich beim Wirtschaftsgipfel der G-7 in London. Die beiden Staatschefs
verkünden den Abschluß des START-Vertrages zur
Reduzierung der Interkontinentalraketen um etwa 30
Prozent, und sie sprechen über die wirtschaftliche
Lage in der Sowjetunion.

* *

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�NATIONALISMUS
28. August 1991

DIE ZUKUNFT DES AMERIKANISCHEN
NATIONALISMUS
von Clyde Wilson
Clyde Wilson ist Professor für Geschichte an der University of South Carolina in Columbia. In seinem
nachstehenden Artikel, der zuerst im November 1990 in der Zeitschrift Chronicles erschien, definiert er
Nationalismus "als Vorstellung eines Volkes von sich selbst, seine mehr oder weniger bewußte öffentliche
Identität, in der sich seine Geschichte und Werte widerspiegeln. Dies ist die stillschweigende Grundlage seines
inneren Zusammenhalts und seiner mobilisierten Interaktion mit anderen Staaten. Dabei werden die aus der freundschaftlichen oder feindseligen - Interaktion mit anderen Völkern gewonnenen Erfahrungen rückwirken und
formativen Einfluß auf sein Identitätsgefühl zeitigen."
(c) 1990 by the Rockford Institute. Alle Rechte vorbehalten.

Um den Charakter des amerikanischen Nationalismus
und sein Verhältnis zum Nationalismus in anderen
Teilen der Welt zu verstehen, ist zunächst eine historische Perspektive sowie die Beschreibung des heutigen Bewußtseinsstands erforderlich. Eins steht fest:
Der amerikanische Nationalismus hatte in seinen erkennbaren Aspekten und verglichen mit nationalistischen Strömungen Europas stets etwas Doktrinäres
an sich und drückte sich eher in Gestalt eines Überzeugungssgeflechts aus. Dagegen bildeten in Europa die
Verwandtschaft durch Blut, Dynastie, Sprache, Geschichte, Religion und Territorium den Kern des Gefühls nationaler Identität. Das soll nicht unbedingt
heißen, daß der amerikanische Nationalismus immer
eines ethnischen oder religiösen Kerns entbehrt hätte
oder stets als universeller Begriff verstanden wurde,
der für die gesamte Menschheit gelten sollte.
Die 13 britischen Kolonien in Nordamerika, die sich
zusammenschlössen, um einen erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg zu führen und eine föderale Union mit
einer Verfassung zu gründen, waren ihrer Geschichte,
Wirtschaft und Kultur sowie ihren Interessen nach sehr
unterschiedlich. Gemeinsam war ihnen jedoch die
britisch-protestantische Herkunft, ein starkes Gefühl
vom Wert dieser ererbten Teile britischer, verfassungsmäßig garantierter Freiheit und Selbstregierung,
die für sie besonders nützlich und geeignet waren,
sowie die Erfahrung der Revolution und der Verfassungsgebung selbst.
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Was die amerikanischen Staaten in einer lockeren
politischen Einheit zusammenhielt, war nicht Nationalismus sondern eine verfassungsmäßige Abmachung,
die föderale republikanische Prinzipien beinhaltete.
Einer der stillschweigenden Aspekte dieser Vereinbarung war die Bewahrung einer bereits bestehenden
Identität. (Die Amerikaner geloben ihre Treue immer
noch der Verfassung, nicht der Nation oder irgendeiner
expliziten Reihe von Dogmen). Diese historische
Wahrheit wird heute wenig verstanden. Offiziell geht
man in Amerika vielmehr davon aus, daß die Unabhängigkeitserklärung der Beginn eines endlosen aktiven
Prozesses in Richtung auf eine immer egalitärere und
universellere Gesellschaft gewesen sei.
Vordem Bürgerkrieg (1861 -1865) gingen die Amerikaner bei der Durchsetzung ihrer Rechte und Ehre gegenüber anderen Staaten sowie beim Pochen auf die
Überlegenheit ihrer republikanischen verfassungsmäßigen Freiheiten gegenüber Willkürregierungen andernorts häufig ziemlich brutal vor.
Bis zum Bürgerkrieg war Nationalismus ein Gefühl mit
zahlreichen unterschiedlichen, allgemein anerkannten
Konnotationen. Er war kein instrumentales Konzept,
außer gelegentlich zur Selbstbehauptung gegen ausländische Einmischung. Er beinhaltete keine besonderen Imperative oder organisierten Missionen, außer
im Hinblick auf die offenen Weiten jenseits der Grenzen der Union, die zu künftigen Bundesstaaten werden
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�konnten. Aber auch der Zug nach Westen war im
großen und ganzen eine Sache von Eigenitiative des
einzelnen und nicht nationaler Selbstbehauptung.
Es war die Feuerprobe des Bürgerkriegs, die zuerst
einen amerikanischen Nationalismus im engeren Sinne hervorbrachte. Für Generationen von Amerikanern, die zwei Weltkriege, ein weltweites Imperium und
enorme soziale Veränderungen erlebt haben, sind die
Erinnerung an den Bürgerkrieg und seine Bedeutung
verbla ßt. Trotzdem ist der Bürgerkrieg - im Hinblick auf
die Mobilisierung und die Opfer sowie mit Blick auf die
Folgen - immer noch das größte Ereignis in der amerikanischen Geschichte.
Die zentrale Frage des Bürgerkriegs, der sich alle
anderen Fragen einschließlich Sklaverei und Zentralisierung unterordneten, war die Hinwendung der amerikanischen Gesellschaft zur Modernisierung. Modernisierung bedeutet unter anderem Zentralisierung und
Nationalismus in Wirtschaft, Politik und Kultur.
Während des Bürgerkriegs wurde der amerikanische
Nationalismus mit Appellen an die Union als mystisches, unauflösliches Band, an die unbegrenzte Ausübung der Macht durch die Vertreter einer angenommenen nationalen Mehrheit, an Loyalitätseide und das
archetypische Bild von Uncle Sam zum Leben erweckt. Durch das Ergebnis wurden bestimmte Probleme für immer geregelt. Die ehemals pluralistischen
Vereinigten Staaten waren jetzt ein Nationalstaat mit
einer zentralisierten Wirtschaftspolitik unter der Leitung einer Bundesregierung, die nur durch die ihr
selbst eigenen verfassungsmäßigen Kontrollen eingeschränkt wurde. Darüber hinaus hatte der Verlauf des
Kriegs das Konzept der amerikanischen Staatsbürgerschaft zumindest immens erweitert, wenn nicht völlig
universell gestaltet. Entgegen weitverbreiteter Überzeugung war die Einwanderung neuer Völker in die
Vereinigten Staaten in den frühen Tagen der Republik
ein untergeordnetes Phänomen. (George Washingtons Familie lebte bereits in der fünften Generation in
Amerika.) Erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Einwanderung zum bedeutenden
Faktor. Zu den wichtigsten Komponenten des neuen
Nationalismus' wurden die irischen und deutschen
Einwanderer, die den Ausgang des Bürgerkriegs praktisch ermöglichten.
Zu jener Zeit weniger wichtig und ursprünglich nicht als
Konsequenz beabsichtigt, aber doch von großer Bedeutung für die Zukunft war die Emanzipierung und
Befreiung der afro-amerikanischen Bevölkerung, wobei
der erste Schritt eine militärische Maßnahme und der
zweite eine politische Notwendigkeit für die herrschende Partei war. Vor dem Krieg hätte kein ehrbarer
Politiker aus dem Norden gewagt, mehr vorzuschlagen als die Beschränkung der Sklaverei auf die Territorien, und ein möglicher langsamer Abbau dieser
Institution wäre höchstens für die Zukunft angedeutet
worden, ohne daß konkret gesagt worden wäre, wie

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dies vonstatten gehen solle oder welchen Status die
Freigelassenen erhalten sollten.
Doch in der nationalistischen Mythologie, die sich im
Kampf um die Union bildete, kam der moralische
Imperativ von Gleichheit und universeller Staatsbürgerschaft, wie er im 14. Verfassungszusatz verankert
ist, an Bedeutung gleich hinter der Union an zweiter
Stelle. Der Erfolg dieser neuen Mythologie wurde
anhand der Tatsache demonstriert, daß es zwar möglich
ist, nahezu alles an der amerikanischen Geschichte zu
kritisieren, es aber selbst aus begrenzten historischen
Gründen nahezu unmöglich ist, die Rechtschaffenheit
der Bewegung für die Emanzipierung und Gleichstellung der Freigelassenen zu kritisieren. Mit dem Kreuzzug für Gleichheit hatte der amerikanische Nationalismus nicht nur seine politischen und wirtschaftlchen
Ziele erreicht, sondern er hatte darüber hinaus in
überzeugender Form einen moralischen Imperativ
geschaffen.
Was jedoch dabei entstand, war eine eigenartige Form
universeller Demokratie. Regierung des Volkes durch
und für das Volk erstreckte sich von nun an in einer
neuen und einzigartig amerikanischen Art und Weise
auf alle Menschen. Dieses universelle Prinzip bestand
jedoch im täglichen Kontext einer amerikanischen
Gesellschaft, die nicht nur ihrer Zusammensetzung
sondern auch ihren Werten und Zielen nach immer
noch weitgehend von britischen Protestanten geprägt
war. Tatsächlich war ja gerade das Ziel von Freiheit
und Chancengleichheit für alle an sich ein Ausdruck
des Idealismus, der auf dem besonderen angelsächsischen Erbe beruhte.
In den fünfzig Jahren zwischen dem Sezessionskrieg
und dem Ersten Weltkrieg war der amerikanische
Nationalismus großen Belastungen ausgesetzt. Der
Regionalismus verschwand nicht. Der Süden schottete sich in vieler Hinsicht ab, und in den neuen Staaten
der Prärie und der Rocky Mountains kam es zu ziemlich radikalen Volksaufständen. Noch bedeutender
waren die Belastungen durch die Entstehung eines
modernen industriellen Nationalstaats, der zum Teil
Klassen, Orte, Berufe und Lebenstile ausradierte und
neue schuf. Diesen Belastungen war jede Gesellschaft auf dem Weg in die Modernität ausgesetzt, und
die Belastungen selbst können große Brüche hervorrufen. Aber in Amerika fand gleichzeitig mit diesen
ungeheuren Veränderungen eine weitere einmalige
Verschiebung statt: Ein immenser Einwanderungsschub neuer Völker aus dem Osten und Süden Europas, mit dem sich die ethnische und religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung in einem Ausmaß veränderte, wie es keine andere moderne Gesellschaft je
erlebt hatte.
Die Geschichte sucht immer neue Formen des Gleichgewichts. Aus dieser sozialen Feuerprobe entstand,
zögerlich und uneinheitlich, eine neue Form des
amerikanischen Nationalismus, die schließlich die

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�Oberhand gewann. Die endgültige Form war untrennbar mit der Ära des Fortschritts vom ausgehenden 19.
Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg verbunden. Das
Zeitalter des Fortschritts war keineswegs die klar
umrissene Reformbewegung, wie sie die Geschichtsbücher beschreibt - es war eine tiefgreifende Bewußtseinsveränderung, die Vervollständigung eines Stadiums der intellektuellen Modernisierung mit ungeheuren und oftmals ambivalenten und widersprüchlichen
Auswirkungen, mit denen die Amerikaner heute immer
noch leben und die von Historikern noch kaum angemessen beschrieben worden sind.
Die neue Zeit des Fortschritts, die in unterschiedlicher
Weise von Politikern wie den Präsidenten Theodore
Roosevelt und Woodrow Wilson und Schriftstellern
wie Herbert Croly und Walter Lippmann verkörpert
wird, hatte zwei Seiten. Äußerlich implizierte sie den
Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht ersten
Ranges, zusammen mit Großbritannien, Frankreich
und Deutschland. Es gab Unstimmmigkeiten über die
präzisen Auswirkungen und die einzuschlagende Politik, aber es wurde schnell klar, daß die traditionelle
Isolierung Amerikas einer Entschlossenheit zu aggressive Handeln auf der Weltbühne weichen würde.
Eines der offenkundigsten innenpolitischen Ergebnisse des Triumphs der nationalistischen Fortschrittsbewegung war eine Veränderung im Charakter der
amerikanischen Führungsspitze. Die alte Oberschicht,
die Politiker aus der Region gestellt hatte, wurde von
einer nationalen - sogar internationalen - Klasse von
Politikern, Publizisten, Experten, Intellektuellen und
Künstlern verdrängt, die in vieler Hinsicht zusammenarbeitete, im allgemeinen dieselben Ziele hatte und
sich selbst als die natürlichen Herren des Landes
betrachtete. Zum großen Teil war der neue Nationalismus kein Produkt der Basis, sondern eine Ideologie
der Herren.
Ein weiterer innenpolitischer Aspekt des neuen Nationalismus war der "Schmelztiegel". Der Schmelztiegel
war die amerikanische Antwort auf die ungeheuren
Veränderungen durch die neue Einwanderungswelle.
Er hatte viele Facetten und konnte seinen Charakter je
nach dem Blickwinkel verändern, aus dem man ihn
betrachtete. Er war vage genug, um sowohl dem
Amerikaner alten Schlages, der mit den über sein Land
hinwegfegenden Veränderungen unzufrieden war als
auch dem Einwanderer mit Zweifeln über seinen Platz
in der neuen Welt Trost zu spenden.
Dem Einwanderer eröffnete der Schmelztiegel die
Möglichkeiten der Assimilierung: eine Amerikanisierung, die Wohlstand und volle Beteiligung an der
Demokratie mit sich brachte. Für den alteingesessenen Amerikaner bot er die Möglichkeit, eine unbekannte Masse in eine Form zu gießen, die seinen Werten
entsprach. Es war etwas unklar, ob der Einwanderer

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mit der Zeit ein Angloamerikaner werden würde oder
alle zusammen etwas Neues bilden sollten. In dieser
Unbestimmtheit lag die Stärke.
Sie war mit dem Aspekt verbunden, daß der alteingessene Amerikaner dem Neuankömmling seine Kultur
als Bedingung für Akzeptanz auferlegt. Dies sollte
hauptsächlich auf die erprobte Weise geschehen, in
der die Bewohner Neuenglands die wilden Bewohner
des Südens und Westens zu zähmen pflegten - durch
Schulen, harte Arbeit, wirtschaftlichen Fortschritt,
moralische Ermahnungen und Appelle an einen Idealismus über die amerikanische Einzigartigkeit. Sie war
femer mit dem Aspekt verbunden, daß der Einwanderer selbst eigene Beiträge zu einer neu aufstrebenden
Kultur leistet. Diese Mehrdeutigkeiten wurden nie
geklärt. Die Macht des Schmelztiegels liegt nicht in
seiner Logik, sondern in seiner Fähigkeit, die Zustimmung unterschiedlicher Gruppen zu bündeln.
Der Prozeß zeitigte eine Reihe konkreter Ergebnisse.
Katholiken und Juden, erst tolerierte Kleingruppen,
wurden gleichberechtigte Partner der Protestanten
beim religiösen Engagement in Amerika. Die Anglikaner wurden von einer überwältigenden zu einer schwachen Mehrheit. Ein Erbe an unterschiedlichen Werten
komplizierte jedoch nach wie vor viele Bereiche amerikanischen Lebens und amerikanischer Politik - die
Form und Funktion von Kommunalregierungen, die
Rolle der öffentliche Schulen, das Verhältnis zwischen
Kirche und Staat, und - vielleicht am wichtigsten - die
Haltung des Landes gegenüber anderen Nationen, die
oftmals das Heimatland oder der traditionelle Feind
großer Wählergruppen waren.
Sowohl der alteingessene als auch der neue Amerikaner mußten sich, in dem Maße, in dem sie ihre eigene
Kultur und Religion bewahrten, mit dem Kompromiß,
der sie verband, etwas unbehaglich fühlen. Dennoch
bot Amerika im allgemeinen einen höheren Lebensstandard, bessere wirtschaftliche Möglichkeiten, große Ellbogenfreiheit und Freiheit vom Druck der Konformität, wie er durch Bedrohungen von außen entsteht.
Der aus dem Schmelztiegel entstandene Nationalismus war ein voller Erfolg, auf den Amerikaner zu Recht
stolz waren. In seinem besten Sinne bot er eine
taktvolle Überwindung von Problemen, wie sie keine
große Gesellschaft jemals hatte, und im allgemeinen
förderte er in bemerkenswerter Weise Toleranz und
Zusammenhalt. Der Erste Weltkrieg enthüllte einige,
aber nicht unüberwindliche Spannungen. Der Zweite
Weltkrieg konsolidierte den Erfolg der Amerikanisierung. Ein Regiment von Amerikanern japanischer
Abstammung verzeichnete große Kampferfolge, und
die Alliierten Truppen in Europa wurden von einem
Deutschamerikaner, Dwight Eisenhower, zum Sieg
geführt. Die Amerikaner waren sich praktisch alle
einig, erstens in ihrem Zögern, in den Krieg einzutreten
und dann in ihrer Entschlossenheit zum Sieg.

Seite 3

�Darüber hinaus legte der Zweite Weltkrieg mit der
Ausdehnung der föderalen Macht und der Mobilisierung einer Front gegen den Faschismus die Basis für
eine weitere wichtige Bewegung - die Ausdehnung der
de facto bestehenden Gleichheit schwarzer Amerikaner, die vor einigen Generationen der Sklaverei entronnen waren.
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg machte die
amerikanische Gesellschaft zum dritten Mal einen
gefährlichen Sprung in den Hexenkessel der Geschichte und kondensierte den bestehenden Konsens zur
optimistischen Aussicht, sich eine neuere und gewagtere Form zu geben. In den sechziger Jahren fand
gleichzeitig die Bürgerrechtsrevolution und eine radikale Änderung der Einwanderungsgesetze statt. Es
war als ob der Schmelztiegel, der seine Fähigkeit unter
Beweis gestellt hatte, ganz Europa zu verschmelzen,
nun seine Fähigkeit erproben sollte, das gleiche mit der
ganzen Welt zu tun. Dies erschien als ein so natürlicher und unvermeidbarer nächster Schritt im erfolgreichen Verlauf der amerikanischen Demokratie, daß er
kaum beachtet wurde. Der nahezu uneingeschränkte
Erfolg der Ideale des Schmelztiegels wird durch die
Tatsache belegt, daß die Amerikaner ohne offenkundige Einwände das hundertjährige Jubiläum der Freiheitsstatue nicht als Monument der Freiheit sondern
als Symbol der ethnischen Vielfalt feierten.
Der Versuch, eine dritte Form des amerikanischen
Nationalismus zu schaffen, hatte darüber hinaus auch
einen außen- und innenpolitischen Aspekt. Von einem Akteur auf der Weltbühne wurden die Vereinigten
Staaten gezwungenermaßen zum Führer der Welt. Ihr
Wohlstand, ihre Sicherheit und das Fehlen größerer
Belastungen im Inland, ihre Toleranz und ihr Vertrauen, daß die Gegenwart immer besser als die Vergangenheit ist und die Zukunft stets besser als die Gegenwart sein wird, hatten Vorbildcharakter für die Welt zumindest in den Köpfen ihrer politisch Verantwortlichen.
Zum ersten Mal begann die amerikanische Führungsklasse - die Politiker und Intellektuellen, die Erben des
Glaubens der Ära des Fortschritts an Elite und Herrschaft von Fachwissen, an Technik, Optimismus und
Fortschritt - Amerikas Erfolg als Mittel zum Zweck zu
sehen. Die erfolgreiche Mobilisierung gegen den
Totalitarismus der Rechten, in dem sie - vielleicht
fälschlicherweise - vielmehr einen Dämon der Vergangenheit als ein Omen der Zukunft sahen, stellte für sie
die Notwendigkeit und Möglichkeit weltweiter Demokratie nach amerikanischem Vorbild unter Beweis einer nach amerikanischem Lebensstandard, Gepflogenheiten der Mittelklasse und technologischem Fachwissen entworfenen Demokratie.
Im Inland ist die amerikanische Gesellschaft jetzt mit
dem Experiment befaßt, die Grenzen auszuloten,
innerhalb derer ein schlüssiger Nationalismus in einem
demokratischen System durch die gemeinsame DokSeite 4

trin von Gleichheit und Wohlstand ohne irgendeinen
bindenden kulturellen, ethnischen, religiösen oder
ethischen Zusammnhalt aufrechterhalten werden kann.
Die Strategie der Führungsrolle bei diesem Problem ist
Optimismus.
Die Geschichte Amerikas war stets davon geleitet,
eine realistische Grundlage für Optimismus zu schaffen. Bisher hat es immer Neinsager und Propheten
des Untergangs gegeben, und Amerika hat sie stets
ignoriert und eines Besseren belehrt. Es steht außer
Frage, daß die amerikanische Gesellschaft bereits die
Grenzen aller bisherigen Erfahrungen bei der Schaffung nationaler Einheit aus der Vielfalt heraus erprobt
und überschritten hat. Optimismus, die Erwartung des
Besten, sind an sich schon die Ursachen des Erfolgs
- glauben die Amerikaner - während Pessimusmus
zweifelsohne das vorfindet, was er erwartet.
Die Essenz der Staatskunst besteht jedoch darin, die
Gefahren der Zukunft zu erkennen und sich darauf
vorzubereiten. Es ist vielleicht nicht zu pessimistisch
anzumerken, daß die endgültige Antwort zum jüngsten
und noch andauernden Experiment, die Grenzen des
nationalen Zusammenhalts zu erproben, noch nicht
vorliegt. Weite Teile der amerikanischen Gesellschaft
erhielten und ehalten zunehmend hispanischen und
asiatischen Charakter. Niemand kennt die langfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung. In gewisser
Weise wirkt dies nicht nur der traditionellen westlichen
Kultur und Religion entgegen sondern auch liberalen
Tendenzen wie die Trennung von Kirche und Staat
sowie Feminismus. Viele der neuen Einwanderer
haben Wertesysteme, die nicht völlig mit dem herkömmlichen und zukünftigen Funktionieren der amerikanischen Gesellschaft in Einklang zu bringen sind.
Zahlreiche Beobachter, einschließlich der neuen Einwanderer selbst, stellen das Ideal des Schmelztiegels
in Frage. Einige betrachten es als unerträgliche Unterdrückung, Spanisch für Englisch oder ihre traditionelle
männliche Überlegenheit für amerikanische Normen
größerer Gleichberechtigung aufzugeben. Gleichheit
zwischen Gruppen läßt sich nicht zwangsläufig in
Freiheit unter Einzelpersonen umsetzen. Und was für
bestimmte Gruppen gut ist, wird zunehmend ersetzt
durch das, was für die Gesellschaft als Ganzes gut ist,
selbst über das Maß hinaus, in dem es das Ideal der
Demokratie als auf Konsens beruhendem Kompromiß
zwischen verschiedenen Gruppen gestatten würde.
Das Streben nach Amerikanisierung wurde ersetzt
durch das Streben nach Status in einer Hierarchie der
"Opfer".
Ein Pessimist würde auf den zunehmenden Schwund
der Werte und Institutionen verweisen, die bisher
Einheit und Vielfalt boten. Die dezimierten öffentlichen
Schulen bieten keine gemeinsamen Normen von Kultur und Werten mehr, ganz zu schweigen von einem
gemeinsamen Leistungsstandard bei der Bildung. Bisher
waren die Amerikaner durch die Verfassung geeint -

AMERIKA DIENST 34

�die im großen und ganzen als negativer Druck auf die
Regierung gesehen wurde. Heute bedeutet die Verfassung jedoch das, was die mächtigsten und geschicktesten politischen Kräfte ihr an Bedeutung beimessen.
Aufgrund eines kuriosen Paradoxons sind es die unterprivilegierten Gruppen, die sich nach wie vor einem
bedingungslosen amerikanischen Nationalismus verschrieben haben - das heißt, einer echten Liebe zum
Land, die über die Frage hinausgeht, "Was bietet es
mir?" Amerikaner aus dem Mittelwesten und den
Südstaaten, die offiziell weniger anerkannten und privilegierten ethnischen Gruppen haben höchst bereitwillig auf die Formulierung des amerikanischen Nationalismus im Hinblick auf Stolz und Möglichkeiten reagiert.
Eine gemeinsame Kultur hat in der Vergangenheit eine
Grundlage für Einheit unter ansonsten verschiedenartigen Menschen geschaffen. Die dauerhaftesten und
wertvollsten Kulturformen sind jedoch - zumindest in
ihrem formativen Stadium - ein Produkt von Homogenität und Stabilität. Die Amerikanisierung tendiert
dahin, sowohl die Hoch- als auch die Volkskultur zu
verwässern. Was an Vielfalt gewonnen wurde, ging
als Mittelpunkt verloren. Wie der französische Sozialwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, de Tocqueville,
und andere Beobachter frühzeitig feststellten, geht die
Schubkraft der amerikanischen Demokratie zur Standardisierung - einer Standardisierung, die sich auf

einer recht bequemen Ebene vollziehen kann, die
jedoch dahin tendiert, die höheren Manifestationen der
Kultur abzuwerten.
Amerikaner bauen herrliche Paläste, in denen in anderen Jahrhunderten und anderen Kontinenten geschaffene Kunstwerke ausgestellt werden. Ihre Kultur ist
abgeleitet und von oben kommend, nicht von der Basis
her entwickelt, und sie verbindet daher nur begrenzt.
Ohne Autoren aus den Südstaaten und jüdischer
Herkunft - die nur unzulänglich amerikanisiert sind gäbe es Ende des 20. Jahrhunderts praktisch keine
amerikanische Literatur von Weltruf. Die beiden ursprünglichsten Formen amerikanischer Volkskultur schwarze Musik aus den Südstaaten (die unterschiedlichen Formen des Jazz) und die weiße Musik aus den
Südstaaten ("Country-music") - werden durch die
Standardisierung verwässert, während sie gleichzeitig
auf der ganzen Welt als bewundernswert und einzigartig amerikanisch geschätzt werden.
Für viele erscheint der Verlust eines gewissen kulturellen Zusammenhalts als geringer Preis für tolerante
Vielfalt, hohen Lebensstandard und demokratisches
Denken. Kultur ist jedoch nicht nur wertvoll an sich
sondern ein unabdingbares Bindeglied, das ein Volk
selbst in Zeiten der Rückschläge und Unterdrückung
zusammenhalten kann. Es könnte sich sogar auf
lange Sicht erweisen, daß eine gemeinsame Kultur zur
wirtschaftlichen Notwendigkeit wird.

* *

AMERIKA DIENST 34

*

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Ende des Staatsstreiches in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Berichterstattung in Amerika&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA - UDSSR&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Sechs Jahre amerikanisch-sowjetische Beziehungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Beziehungen von 1985 - 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nationalismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Zukunft des amerikanischen Nationalismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Clyde Wilson&lt;/em&gt;</text>
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21. August 1991

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SOWJETUNION

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BUSH FORDERT DIE WIEDEREINSETZUNG
DES SOWJETISCHEN PRÄSIDENTEN
Erklärung des Präsidenten

4P '

DER STAATSSTREICH
IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika

CHEMISCHE WAFFEN

USA FORDERN ENDE DER HINHALTETAKTIK
BEI C-WAFFENVERTRAG
Erklärung von Botschafter
Ledogar in Genf

AMERIKAS ZUKUNFT

EINE ZEIT DER ERNEUERUNG
Von Richard Rosecrance

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOWJETUNION
21. August 1991

BUSH FORDERT WIEDEREINSETZUNG
DES SOWJETISCHEN PRÄSIDENTEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat seine tiefe Besorgnis über die Ereignisse in der Sowjetunion zum
Ausdruck gebracht und erklärt, er unterstütze die Forderung des russischen Präsidenten Jelzin "nach
Wiedereinsetzung der rechtmäßig gewählten Machtorgane und Bestätigung des Präsidenten der UdSSR,
Michail Gorbatschow, im Amt".
In einer am 19. August 1991 vom Weißen Haus veröffentlichten Erklärung konstatierte Bush: "Unserer Meinung
nach muß die Reformpolitik in der Sowjetunion fortgeführt werden, darunter die Demokratisierung, der Prozeß
der friedlichen Aussöhnung zwischen der Führung und den Republiken sowie die Neuordnung der Wirtschaft."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Bush im Wortlaut.

Die Ereignisse der letzten Stunden in der Sowjetunion
haben uns tief beunruhigt, und wir verurteilen den
verfassungswidrigen Rückgriff auf Gewalt. Obwohl
die Lage noch im Fluß ist und die Informationen
unzureichend sind, werfen die Ausrufung des Notstandes sowie die Stationierung sowjetischer Streitkräfte in
Moskau und anderen Städten sehr ernste Fragen über
den künftigen Kurs der Sowjetunion auf. Mit diesen
fehlgeleiteten und nicht berechtigten Bestrebungen
wird das Gesetz in der Sowjetunion umgangen und der
Wille des sowjetischen Volkes mißachtet.
In diesem Sinne unterstützen wir Präsident Jelzins
Forderung nach Wiedereinsetzung der rechtmäßig
gewählten Machtorgane und Bestätigung des Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, im Amt.
Grö ßere Demokratie und Offenheit in der sowjetischen
Gesellschaft, darunter Schritte zur Verwirklichung der
sowjetischen Verpflichtungen gemäß der Schlußakte
von Helsinki unchJer Charta von Paris haben in den
vergangenen Jahren einen entscheidenden Beitrag
zur begrüßenswerten Verbesserung der Ost-WestBeziehungen geleistet.
Angesichts dieser Umstände wird sich die Politik der
Vereinigten Staaten von folgenden Grundsätzen leiten
lassen:

AMERIKA DIENST 33

Wir glauben, daß die Reformpolitik in der Sowjetunion
fortgeführt werden muß, darunter die Demokratisierung, der Prozeß der friedlichen Aussöhnung zwischen der Führung und den Republiken sowie die
Neuordnung der Wirtschaft.
Wir unterstützen alle verfassungsmäßig gewählten
Amtsträger und erheben Einspruch gegen den Einsatz
von Gewalt oder Einschüchterung, um diese zu unterdrücken oder ihr Recht auf freie Meinungsäußerung zu
beschneiden.
Wir erheben Einspruch gegen den Einsatz von Gewalt
im Baltikum oder gegen andere Republiken, um demokratisch gewählte Regierungen zu unterdrücken oder
abzulösen.
Wir fordern die Sowjetunion auf, ihre internationalen
Verträge und Verpflichtungen einzuhalten, einschließlich ihrer Verpflichtungen zur Wahrung der Menschenrechte und demokratischer Verfahrensweisen nach
der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Wir werden auf jede nur mögliche Art und Weise
Aktionen vermeiden, die diesen Umsturz rechtmäßig
erscheinen lassen, und wir werden ihn auch nicht
unterstützen.

Seite 1

�Wir haben kein Interesse an einem neuen kalten Krieg Gleichzeitig werden wir keine Wirtschaftshilfe mehr
oder an der Verschärfung der Spannungen zwischen leisten, wenn weiterhin verfassungswidrige Mittel eingesetzt werden.
Ost und West.

*

Seite 2

*

* *

AMERIKA DIENST 33

�SOWJETUNION
21. August 1991

DER STAATSSTREICH IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika
WASHINGTON - (AD) - Eine Reihe von amerikanischen Zeitungen widmete ihre Leitartikel der Entmachtung
Michail Gorbatschows von seinem Amt als Präsident der Sowjetunion. Nachfolgend veröffentlichen wir daraus
einige Auszüge.

Washington Post
Der Staatsstreich in Moskau ist ein schrecklicher und
verabscheuungswürdiger Rückfall in den Stalinismus
durch eine Clique, die in ihrem Bestreben nach Rechtfertigung ihres Tuns nicht die geringste Chance hat,
die von ihr zitierten Übel "Chaos und Anarchie" zu
bekämpfen. Im Gegenteil verfügen die acht in Moskau
- obwohl sie angeblich die traditionellen Polizeielemente der Autorität kontrollieren - über keine anderen
Rechte und Mittel als massive Unterdrückung, um die
von Michail Gorbatschow freigesetzten Elemente der
Demokratie und Reform nach ihrem Willen umzugestalten. Es würde der Bilanz von sechs Jahren unter
Gorbatschow Hohn spotten, wenn die Menschen in der
Sowjetunion den Staatsstreich einfach hinnehmen
würden. In den Straßen von Moskau rollen die Panzer,
und dieses Mal lautet die wahrscheinliche Prognose
mehr "Chaos und Anarchie" in Form öffentlichen
Widerstands. Der Staatstreich ist noch nicht beendet.
New York Times

Jeder wußte, daß der sowjetische Präsident einen
DrahtseilaM vollführte. Und es wurde vor einem Staatsstreich, wie es Gorbatschows alter Verbündeter, Alexander Jakowlew, tat, gewarnt. Trotzdem hatten die
Amerikaner, nachdem sie jahrzehntelang an der Schwelle einer nuklearen Konfrontation standen, bereits
begonnen, den Kräften des Wandels zu vertrauen, die
Gorbatschow freigesetzt hatte.
Jetzt plötzlich gefährdet die rücksichtslose Übernahme durch Mitglieder einer in Verruf gerateten alten
Kommunistengarde die Wogen des Fortschritts. Sie
können noch stürzen, wenn die sowjetische Öffentlichkeit sie wegfegt und den Weg zu politischen und
AMERIKA DIENST 33

wirtschaftlichen Reformen wieder beschreitet. Aber
auch wenn der Staatsstreich andauert, verfügen die
Verschwörer nicht über die Berechtigung und die Vision, die für einen Erfolg nötig sind.
Baltimore Sun
Präsident Bush hat zu Recht die Hoffnung bekundet,
das sowjetische Volk solle diesem illegalen militärischen Staatsstreich ein Ende bereiten und zu der
freieren Ausdrucksweise und wirtschaftlichen Liberalisierung der Ära Gorbatschow zurückkehren. Sein
nationaler Sicherheitsberater Brent Scowcroft hat jedoch
ebenso deutlich gemacht, daß innenpolitische Ereignisse in der Sowjetunion außerhalb amerikanischer
Kontrolle liegen. Mahnungen und Druck durch ausländische Staaten können nur am Rande geltend gemacht werden.
Nur einen Augenblick schien die Chance zu bestehen,
daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion bei
der Gestaltung der neuen Weltordnung Verbündete
und nicht Gegner sein könnten. Heute ist es Amerikas
vornehmste Aufgabe, diese Aussicht für den sicheren
Tag aufrechtzuerhalten, an dem das sowjetische Volk
das strahlende Licht der Freiheit wiedergewinnt, das
es nur kurze Zeit gekannt hat.
Washington Times
Wenn die Ereignisse in Moskau und Michail Gorbatschows Hausarrest auf der Krim Präsident Bush und
seinen Beratern überhaupt etwas sagen, dann dies,
daß die Zeit des business as usual mit der Sowjetunion
enden muß. Das Regime auf dem Roten Platz könnte
eine größere Bedrohung der nationalen Sicherheit der
Vereinigten Staaten darstellen als jemals zuvor, und

Seite 1

�eine der ersten Maßnahmen, die Präsident Bush zu
deren Verringerung ergreifen kann, ist die Einstellung
jeglicher finanzieller und wirtschaftlicher Hilfe für die
neuen Machthaber.
... Selbst unter Gorbatschow entwickelte die Sowjetunion die Maschinerie zur Neuausrüstung ihres militärisch-industriellen Komplexes mit Geld und Technologie des Westens. Jetzt, da die kommunistischen
Hardliner Gorbatschow abgesetzt haben - wobei niemand wirklich weiß, mit welchem Ziel - muß Bush alle
Hilfe, die er dem Osten zu gewähren bereit war,
einstellen und die amerikanischen Verbündeten in
Europa drängen, dasselbe zu tun.
USA Today
Wird die sowjetische Umwälzung auf die mitgenommene US-Wirtschaft durchschlagen?
Der Rückgang des Aktienindexes um 70 Punkte am
Montag war vorhersehbar. Die Getreidepreise erlitten
mit der Aussetzung von 1,5 Milliarden Dollar an Kreditbürgschaften für die Sowjetunion drastische Einbußen. Diese Reaktionen werden wahrscheinlich nur
vorübergehenden Charakter haben.
Eine legitimere Sorge gilt dem Druck auf unsere
Bemühungen zur Verringerung des Defizits im Bundeshaushalt, falls es zu einem neuen Wettrüsten kommt.
Die "Friedensdividende" einer 20prozentigen Reduzierung der amerikanischen Streitkräfte bis 1995 würde
zunichte gemacht.
Wall Street Journal
Das sowjetische Volk wurde von den Ereignissen nicht
überrascht. Seit Monaten erwartete man einen Staatsstreich der Kommunistischen Partei. Die Händler des
Arbat verkauften ihre Matrioschka-Puppen der Diktator-Serie mit einer Nach-Gorbatschow-Figur - einem
Militärdiktator mit einem Fragezeichen als Gesicht, der
Gorbatschows Kopf in Händen hält. Die Frage wurde
beantwortet. Das Land befindet sich heute in den
Händen des KGB und der sowjetischen Armee - der
Männer, die die Gewehre kontrollieren.
Was sich als nächstes aus der sowjetischen Feuerprobe ergeben wird, ist schwer vorherzusagen. Aber
selbst wenn sich Boris Jelzin in diesem Trümmerhaufen behaupten könnte oder Gorbatschow auf wunder*

Seite 2

same Weise zurückkehren würde, sollten die westlichen Staats- und Regierungschefs eine ernüchternde
Lektion gelernt haben: die freien Menschen des Westens
können sich nicht auf die guten Absichten derjenigen
verlassen, die das sowjetische System regieren, das
so byzantinisch wie eh und je ist.
Los Angeles Times
Mit beschwichtigenden, wenn auch nicht überzeugenden Worten suggeriert die neue Führung, daß sie die
besten Elemente von Gorbatschows Perestrojka
bewahren will. Obwohl der entmachtete Staatschef
viel von seiner früheren Popularität verloren hatte,
mißt man zahlreichen seiner Reformen noch immer
hohen Wert bei. Der Gedanke, daß die reaktionären
Kräfte, die die Macht erobert haben, beabsichtigen, die
marktorientierten Reformen und die Liberalisierung
des politischen Lebens fortzusetzen, scheint völlig
absurd. Ihr Betriebskapital sind Ordnung, Disziplin,
Kontrollen. Ihre Sicht einer soliden Regierung - wir
befehlen, ihr gehorcht - ist absolut nicht mit dem
Konzept der freien Wahl und der Meinungsfreiheit in
Einklang zu bringen.
Philadelphia Inquirer
Wir hatten uns an den Mann gewöhnt. Aber noch mehr
hatten wir uns an die neue, berechenbarere, weniger
bedrohliche Welt gewöhnt, die durch die Außenpolitik
von Präsident Gorbatschow eingeläutet worden war.
Die Vereinigten Staaten müssen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um sicherzustellen, daß diese Ära nicht
beendet wird.
So schlecht die Dinge liegen, ist das Spiel noch lange
nicht beendet. Über fünf Jahre von Glasnost und
Perstrojka haben die Sowjetunion tiefgreifend verändert. Diese Ära derteilweisen Demokratie, mitgewählten Institutionen und einer zunehmend freien Presse
haben die Angst des Volkes vor Unterdrückung gemindert und ihm das Gefühl vermittelt, daß es in seinem
Leben ein gewisses Sagen haben sollte.
Präsident Bush hat gestern erklärt, man habe die
Meinung des sowjetischen Volkes zu dem Coup noch
nicht gehört. Das trifft zu. Aber auch Bush hat eine
Rolle zu spielen. Er muß sicherstellen, daß das
sowjetische Volk von den Vereinigten Staaten hört und weiß, daß sie auf seiner Seite sind.

* * *

*

AMERIKA DIENST 33

�CHEMISCHE

WAFFEN
21. August 1991

USA FORDERN ENDE DER HIN HALTETAKTIK
BEI C-WAFFENVERTRAG
Erklärung von Botschafter Ledogar in Genf
GENF - (AD) - In einer Erklärung bei der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) hat Botschafter Stephen Ledogar
am 15. August 1991 die Enttäuschung der Vereinigten Staaten darüber zum Ausdruck gebracht, "daß eine kleine
Zahl von Delegationen die Einigung über ein Arbeitsprogramm blockiert, das den Ausschuß für chemische
Waffen bis Januar nächsten Jahres leiten soll". Die amerikanische Regierung finde dies angesichts der Chance,
diese Verhandlungen abzuschließen und nächstes Jahr eine Konvention zu verabschieden, schwer verständlich.
Ledogar zufolge sollte die Arbeit zur Fertigstellung einer Konvention über chemische Waffen bis 1992 "zum
gegenwärtigen Zeitpunkt zentrales Ziel unserer Konferenz" sein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Ich möchte ein amerikanisches Papier vorstellen, das
sich mit der im vergangenen Jahr durchgeführten
nationalen Versuchsinspektion einer Produktionseinrichtung der amerikanischen Chemieindustrie beschäftigt. Diese Inspektion ist eine von mehreren derartigen
Übungen, die von der amerikanischen Regierung bei
privaten und staatlichen Einrichtungen durchgeführt
werden. Anstatt zum jetzigen Zeitpunkt auf Einzelheiten der bei diesem produktiven Unternehmen gewonnenen Erfahrungen einzugehen, möchte ich lediglich
feststellen, daß dieses Papier dem Sekretariat zur
Weitergabe als offizielles Konferenzdokument übergeben wurde. Es sollte Ihnen in Kürze zur Verfügung
stehen.

allen Umständen. In Artikel 2 besteht jetzt kein Zweifel
mehr über die Verpflichtung, die Zerstörung der chemischen Waffen binnen 10 Jahren nach Inkrafttreten der
Konvention abzuschließen. Eine Einigung scheint in
greifbare Nähe gerückt, daß Artikel 10 und 11 in
Anhang 1 des zur Debatte stehenden Textes eingearbeitet werden, und wir sollten in der Lage sein, dasselbe mit einem verbesserten Artikel 6 zu tun. Wir
befinden uns heute inmitten ernsthafter Erörterungen
von Verdachtsinspektionen, vielleicht das dornigste
Problem in unserer Konvention. Wir sind ferner der
Ansicht, daß Fortschritte in einer Reihe anderer Bereiche wie etwa Gerichtsbarkeit und Kontrolle ihren Niederschlag in dem vorläufigen Text finden werden.

Das dritte und vierte Element meiner heutigen Ausführungen behandelt chemische Waffen und den Prozeß
zur Erstellung eines Berichts, mit dem sich die CD zur
Zeit beschäftigt. Obwohl das letztere Thema im Hinblick auf den Zeitdruck, dem wir ausgesetzt sind,
dringlicheren Charakter hat, möchte ich mich zunächst
auf das zum gegenwärtigen Zeitpunkt wesentlich wichtigere und zentrale Ziel unserer Konferenz konzentrieren: den Abschlu ß der Arbeit an einer Konvention über
chemische Waffen bis 1992.

Im Hinblick auf unser Ziel mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir heute die gezielte Entscheidung
treffen müssen, für den Rest des Jahres 1991 unsere
Energien stärker auf die wichtigsten Probleme zu
konzentrieren. Meines Erachtens bestehen im jetzigen Stadium vier solche Fragen: Verdachtsinspektionen, Verifizierung in der chemischen Industrie, Zusammensetzung und Entscheidungsfindungsprozeß
des Exekutivrats sowie Allgemeingültigkeit. Ich werde
nun zu jedem dieser Probleme Stellung nehmen.

Seit Präsident Bush am 13. Mai 1991 seine C-Waffeninitiative verkündete, hat der Ad-hoc-Ausschuß zu CWaffen bedeutende Fortschritte erzielt. Artikel 1 des
Konventionsentwurfs untersagt jetzt ausdrücklich den
Einsatz chemischer Waffen gegen jeden und unter

Zu den Verdachtsinspektionen haben die Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Japan und Australien wie Sie
wissen im vergangenen Monat einen neuen Ansatz
vorgelegt, der die Konferenz zumindest der Lösung
dieses Schlüsselproblems näherbringen soll. Die vier

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�Delegationen haben versucht, das richtige Gleichgewicht zwischen dem für effektive Verifizierung erforderlichen Zugang und der Notwendigkeit zu finden,
sicherheitsempfindliche Aktivitäten zu schützen, die
nicht mit chemischen Waffen in Verbindung stehen
und potentiellen Mißbrauch der Bestimmungen über
Verdachtsinspektionen zu vermeiden.
Das von uns vorgeschlagene Regime schafft einen
Ausgleich aller Sicherheitsinteressen der beteiligten
Staaten. Es wird die Aussichten für eine allgemeine
Einhaltung verbessern und nach seinem Inkrafttreten
der internationalen Inspektionsbehörde die Fähigkeit
verleihen, die Fakten aufzudecken. Es wird mögliche
Vertragsverletzer abschrecken und gleichzeitig den
beteiligten Staaten vernünftigen Schutz ihrer legitimen
Aktivitäten gewähren.
Kein Text ist vollkommen. Wir haben die im Ad-hocAusschuß geäußerten Ansichten zu diesem Vorschlag
aufmerksam zur Kenntnis genommen. Wir fühlen uns
von der für das Konzept abgestuften, kontrollierten
Zugangs zu verdächtigen Standorten in den bisherigen Diskussionen gezeigten allgemeinen Unterstützungermutigt. Wirsind uns derTatsache bewußt, daß
einige Delegationen mehr obligatorischen Zugang und
andere wiederum stärkere Mechanismen zum Schutz
sicherheitsempfindlicher Standorte bevorzugen würden. Wir freuen uns ferner darüber, daß unser Vorschlag eine nützliche konzeptionelle Diskussion über
die Rolle des Exekutivrats zur Folge hatte. Es bleibt
noch manches Problem zu lösen, aber wir sind zuversichtlich, daß wir einen Konsens über diese entscheidende Frage erzielen können.
Im Hinblick auf die Überwachung der chemischen
Industrie war der Vorschlag der acht blockfreien Delegationen ein wichtiger Fortschritt. Er erhält wesentliche Merkmale des gegenwärtig in Artikel 6 des vorläufigen Texts ausgeführten Regimes, schließt aber ein
wichtiges Schlupfloch, daß vielen betroffenen Produktionsstätten gestattet hätte, sich der Inspektion zu entziehen. Infolge des Vorschlags der acht Delegationen
steht der Ad-hoc-Ausschuß nahezu vor einem Konsens, um die Bestimmungen zur Überwachung in
Artikel 6 auf alle Einrichtungen zur Herstellung von CWaffen auszudehnen. Wir müssen weiterhin daran
arbeiten, um die Industrie einzugrenzen und solche
Firmen auszuschließen, die kein Risiko darstellen, und
wir müssen das Inspektionsregime ausarbeiten. Unserer
Ansicht nach sollte sich die allgemeine Unterstützung
für die Abdeckung dieser Einrichtungen in Anhang 1
des vorläufigen Texts widerspiegeln.
Über den Auswahlprozeß für zu inspizierende Produktionsstätten sind viele Gespräche geführt worden. Wir
stehen nicht allein mit unserer Meinung, daß der
Auswahlprozeß Sicherheitsinteressen widerspiegeln
muß. Angesichts der vielen tausend Produktionsstätten müssen die einzelnen Länder die Aufgabe übernehmen, Einrichtungen für die Inspektion zu bestimmen. Dieser Ansatz ist keine verschleierte VerdachtsSeite 2

inspektion. Diese Inspektionen sind Routine und werden
genauso durchgeführt werden. Wir sind uns der
Sorgen um den Mißbrauch bei nationaler Auswahl
bewußt und glauben, daß Sicherheitsmaßnahmen
eingearbeitet werden müssen, zum Beispiel vereinbarte Beschränkungen der jährlichen Zahl von Inspektionen in einem bestimmten Land. Wir sind in diesem
Zusammenhang dankbar für die Arbeit, die der Vorsitzende der Gruppe B zu dieser Frage leistet und werden
den von ihm vorgeschlagenen Ansatz eingehend prüfen.
Vielfach herrscht die Meinung vor, daß die Zusammensetzung und die Entscheidungsbefugnis des
Exekutivrats nur am Ende dieser Verhandlungen vereinbart werden können. Im Gegensatz dazu glauben
wir, daß sich im Ausschuß ein breiter Konsens entwickelt und Einigung über die Struktur und Vorgehensweise dieses wichtigen Exekutivauschusses uns helfen wird, andere substantiellere Fragen zu lösen. Unserer
Ansicht nach gibt es breite Zustimmung für einen
Exekutivrat mit etwa 20 bis 25 Mitgliedern.
Die Auswahl würde auf der Basis einer Kombination
von geographischen und industriellen Kriterien erfolgen. Die Entscheidungsfindung über substantielle
Fragen würde durch eine qualifizierte Mehrheit erfolgen. Mehrere Delegationen haben bereits ihre Meinung zum Exekutivrat geäußert, und wir hoffen, daß
die Arbeitsgruppe C dies sofort aufgreifen kann.
Der vierte wichtige Punkt, den ich ansprechen möchte,
ist Allgemeingültigkeit. Wie kann die Konferenz die
Konvention beeinflussen und alle Länder zum Beitritt
ermutigen? Ich möchte meine Übereinstimmung mit
einem argentinischen Kollegen, Botschafter Garcia
Moritan bekunden, der vergangene Woche erklärt hat,
eine C-Waffenkonvention sei primär eine Sicherheitsvereinbarung.
Andere Delegationen haben auf die Notwendigkeit
hingewiesen, daß die Konvention Beschränkungen
und abschreckende Maßnahmen für diejenigen Länder beinhalten muß, die sich nach einem angemessenen Zeitraum entscheiden, dem Abkommen nicht
beizutreten. Dem stimmen wir uneingeschränkt zu.
Wir haben vorgeschlagen, daß Vereinbarungen über
den Handel mit chemischen Stoffen für C-Waffen nach
einem angemessenen Zeitraum NichtUnterzeichner
ausschließen sollte. Unser Vorschlag wird verlangen,
daß die Parteien den Handel mit Material für C-Waffen
mit allen Ländern ablehnen, die nicht innerhalb eines
angemessenen Zeitraums Mitglieder der C-Waffenkonvention werden. Diese Bestimmmungen betreffen
direkt den eigentlichen Zweck der Konvention und die
Sicherheit künftiger Mitglieder. WirwerdenSieum Ihre
Zustimmung zu diesen Prinzipien bitten.
Ich möchte heute noch ein weiteres Problem ansprechen, nämlich die seit langem anstehende Frage "alter" oder "stillgelegter" chemischer Waffen. Dieses
Problem ist jetzt kein wichtiges Hindernis für den
AMERIKA DIENST 33

�Abschluß der Konvention. Wenn es jetzt gelöst werden kann, muß es auch keins werden. Dennoch
müssen wir es jetzt in den Griff bekommen.

problem erwähnt, das politische Aufmerksamkeit verlangt und letztlich Bestandteil eines möglichen Pakets
sein könnte.

Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß diese Frage
eine Reihe unterschiedlicher Probleme widerspiegelt,
die alle politisch heikel sind. Zum Beispiel sind Befürchtungen über negative Reaktionen der Öffentlichkeit zu der Bezeichnung "chemische Waffen" laut
geworden. Die Bezeichnung "chemische Waffen" hat
starke emotionale und politische Implikationen und
gibt in der Öffentlichkeit Anlaß zu Mißverständnissen.
Aus diesem Grund vertreten wir die Auffassung, man
sollte die Möglichkeit eines differenzierten Ansatzes
bei den erforderlichen Erklärungen erforschen. Damit
würde gewährleistet, daß die unterschiedlichen Situationen nicht pauschal unter der einzigen Bezeichnung
"chemische Waffen" zusammengefaßt werden.

Anfang dieses Sommers haben die Vereinigten Staaten beachtliche Fortschritte bei vielen dieser Schlüsselprobleme erzielt, insbesondere den Fragen nach
dem Recht auf Vergeltung und unserem 2 ProzentVorschlag, um Allgemeingültigkeit zu erzielen sowie
den Artikeln 10 und 11. Darüber hinaus haben wir Bestimmungen zu Ad-hoc-lnspektionen eingeführt und
sind bereit, mit dem Exekutivrat die Frage der Kosten
zu erörtern.

Eine weitere Befürchtung betrifft die Verantwortung für
die Zerstörung, wenn chemische Waffen eines Landes
auf dem Territorium eines anderen Landes gefunden
werden. Es wäre am besten, wenn solche Angelegenheiten zwischen den betroffenen Ländern gelöst werden könnten. Jedenfalls können wir uns kein Schlupfloch leisten und einem Staat die Beibehaltung chemischer Waffen auf seinem Territorium gestatten, sondern sie müssen vom Eignerstaat beseitigt und zerstört werden.
Leider hat ein Großteil der Gespräche zu diesen
Fragen ohne angemessene Informationen stattgefunden. Ich schlage vor, daß die Konferenz nicht länger
auf der Basis von Gerüchten oder Halbwahrheiten
operiert. Wir fordern die Regierungen auf, die Probleme mit alten oder stillgelegten Chemiewaffen haben,
technische Informationen über die Art des bestehenden Problems zu liefern. Das könnte zum Beispiel
beim Treffen der Zerstörungsexperten im Herbst dieses Jahres geschehen. Unserer Meinung nach würden solche Informationen nicht nur zur Klärung der
Situation beitragen, sondern auch gemeinsame Bestrebungen erleichtern, um zu gewährleisten, daß die
Waffen sicher beseitigt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich das Angebot der Vereinigten
Staaten wiederholen, die bei der Zerstörung chemischer Waffen jedem Staat, der sich mit diesem Problem konfrontiert sieht, technische Hilfe anbieten.
Einige der Verhandlungsteilnehmer haben noch keine
Informationen zur Verfügung gestellt, ob sie C-Waffen
besitzen oder nicht. Wir haben sie aufgefordert, dies
zu tun, damit die Konferenzteilnehmer eine genaue
Beurteilung der Dimension des C-Waffenproblems
vornehmen können.
Abschließend möchte ich eine Bilanz zum Stand der
Verhandlungen ziehen. Wie ich bereits ausgeführt
habe, wurden viele der Themen, bei denen wir im
Verlauf des Sommers Fortschritte erzielten, bereits in
dem Papier des Vorsitzenden des C-Waffen-Ad-hocAusschusses vom vergangenen Frühjahr als HauptAMERIKA DIENST 33

Angesichts dieser Schritte hat sich bei mir in den
vergangenen Tagen eine gewisse Enttäuschung über
substantielle und verfahrensmäßige Fragen eingestellt. Wir haben von einzelnen Delegationen Drohungen vernommen, sie würden die Verabschiedung
bestimmter Artikel verzögern, wenn ein anderer Artikel
nicht ihren Wünschen gemäß formuliert würde. Solche taktischen Manöver, die jeglicher Rationalität
entbehren, führen nur dazu, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird.
Wenn wir bis zum Jahr 1992 eine Konvention über
chemische Waffen haben wollen, sollten beim derzeitigen Stand der Verhandlungen unseres Erachtens
alle ernsthaften Vorschläge und insbesondere Vorschläge, die breite Unterstützung erhalten, ihren Niederschlag in einem vorläufigen Text gegebenenfalls
mit Fu ßnoten oder Klammern finden. Es ist an der Zeit,
allgemeine Diskussionen ohne konkreten Inhalt zu
beenden. Wenn wir Lösungen für diese Probleme
finden wollen, ist die beste Grundlage dafür die für die
Konvention vorgesehene aktuelle Sprachregelung. Wir
können unsere Bemühungen dann auf den vorgeschlagenen Vertragstext selbst konzentrieren, wo irgend möglich Kompromisse anstreben und wenn dies
nicht möglich ist, eindeutige Alternativen für eine politische Lösung aufzeigen.
Ich möchte unsere Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, daß eine kleine Zahl von Delegationen
die Einigung über ein Arbeitsprogramm blockiert, das
den Ausschu ß für chemische Waffen bis Januar nächsten Jahres leiten soll. Meine Regierung hat angesichts der Möglichkeit, diese Verhandlungen zu Ende
zu bringen und bis zum nächsten Jahr eine Konvention
zu erarbeiten, Schwierigkeiten, diese Haltung zu verstehen. Meine Delegation betrachtet diese Angelegenheit nicht als abgeschlossen, und wir werden während
der acht Wochen dauernden Überprüfungskonferenz
der Konvention über biologische Waffen und der Sitzung des ersten Ausschusses weiterhin auf Arbeit an
einer Konvention zu C-Waffen drängen. Zu diesem
Zweck fordern wir die hier vertretenen Hauptstädte
auf, ihre Delegationen entsprechend aufzustocken.
In meinen heutigen Ausführungen habe ich die Bereiche erläutert, auf die sich meines Erachtens die Arbeit
konzentrieren und welchen Ansatz wir verfolgen sollSeite 3

�ten. Ich möchte das Thema C-Waffen mit einer
Mahnung abschließen. Ich habe gehört, daß einige
der in diesem Saal Anwesenden der Meinung sind,
nach dem Golf krieg und der Operation "Wüstensturm"
hätten die Vereinigten Staaten weniger Interesse an
einer Konvention über chemische Waffen. Diesem
Argument zufolge hätten wir selbst demonstriert, daß
der C-Waffenfähigkeit eines Aggressors mit Waffen
aus unserem konventionellen Arsenal begegnet werden könnte, und wir und die Sowjetunion hätten das
Problem unserer eigenen riesigen C-Waffenbestände
und der Sicherheitsanforderungen durch unsere bilateralen Abkommen bewältigt.
Diese Art der Argumentation ist falsch. Die Sicherheit
der Vereinigten Staaten wird durch die Konvention
verbessert. Darüber hinaus haben die Vereinigten
Staaten Verbündete und Freunde auf der Welt, deren
Sicherheit - einschließlich dem Schutz vor einem CWaffenangriff - für uns lebenswichtig ist. Das von den
Präsidenten Bush und Gorbatschow am 1. Juni ver-

gangenen Jahres unterzeichnete bilaterale amerikanisch-sowjetische Abkommen ist untrennbar mit der
Erlangung einer Konvention über chemische Waffen
verbunden. Wir werden also weiterhin so hart wie
bisher für ein Abkommen in diesem Bereich arbeiten.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu glauben, daß die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten mehr an der
Erlangung einer C-Waffenkonvention interessiert seien als andere Konferenzteilnehmer und dem Vertrag
entsprechend eine zunehmende Zahl von Bestimmungen hinzugefügt werden kann, die nicht mit dem Vertrag in Verbindung stehen, in der Annahme, wir würden
weiterhin Konzessionen machen. Wir sind bei diesen
Verhandlungen nicht die Bittsteller. Der Abschluß
einer Konvention über chemische Waffen wird die
Sicherheit jedes einzelnen Staates verbessern, der
Vertragspartner wird. Dies ist ein wichtiges, erstrebenswertes Ziel. Wir sollten es nicht aus den Augen
verlieren.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 33

�AMERIKAS

ZUKUNFT
21. August 1991

EINE ZEIT DER ERNEUERUNG
von Richard Rosecrance
Das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem begünstigt heute einen erneuten Aufstieg der Nation
außerordentlich.
Die Geschichte lehrt, daß große Mächte aufsteigen und ihr Niedergang durch wirtschaftliche Lähmung im Insowie weitreichende Verpflichtungen im Ausland vorprogrammiert ist. Während der vergangenen Jahre haben
Wissenschaftler, Politiker und andere Diskussionen geführt, ob die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftliche
Vormachtstellung verlieren und die Nation dem selben Abwärtstrend der Geschichte folgen wird wie andere
große Mächte vor ihr. Im vorliegenden Artikel sieht der Politologe Richard Rosecrance hier Aussichten für eine
Erneuerung Amerikas. Er erläutert, daß die Vereinigten Staaten im Gegensatz zu vergangenen Mächten ein
Land von der Größe eines Kontinents mit enormen natürlichen Ressourcen, einer gebildeten Bevölkerung,
hochentwickelten Industriebasis und Vormachtstellung in wissenschaftlicher Forschung sind. Darüber hinaus
begünstigen internationale Institutionen - mit der Liberalisierung der osteuropäischen Märkte und dem Schritt zu
weltweitem freiem Handel - in einzigartiger Weise die Ankurbelung der amerikanischen Wirtschaft.
Richard Rosecrance ist Professor für Politologie und Stellvertretender Direktor des Zentrums für internationale und strategische Angelegenheiten an der University of California (Los Angeles). Er ist Verfasser mehrerer
Bücher, unter anderem America's Economic Resurgence: A Bold New Strategy (1990), dem dieser Artikel
entnommen ist. Copyright (c) 1990 by Richard Rosecrance. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von
Harper Collins, Publishers.
Heute herrschen drei grundlegende Sichtweisen zur
Zukunft Amerikas vor. Die eine lautet, daß sich die
Vereinigten Staaten ebenso wie Großbritannien im 19.
Jahrhundert im Endstadium der wirtschafltichen Lähmung und des Niedergangs befinden. Der zweite
Blickwinkel ist, daß sich die Position der Vereinigten
Staaten nicht merklich verändert hat, obwohl die Nation Höhen und Tiefen erlebt hat. Die dritte Ansicht, die
ich teile, lautet, daß die Vereinigten Staaten einen
spürbaren wirtschafliehen Niedergang erfahren mußten, jedoch ein Comeback erleben können und werden.
Die Propheten des Niedergangs - eine Gruppe, der
Akademiker wie David Calleo von der Johns Hopkins
University und Politiker wie der ehemalige Gouverneur
von Colorado, Richard D. Lamm, angehören - verweisen darauf, daß kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 45
bis 50 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt auf
die Vereinigten Staaten zurückzuführen war, sie heute
jedoch nur noch 22 Prozent ausmachen und dieser
Anteil bald unter 16 Prozent fallen könnte. Dieser
Niedergang war zum Teil aufgrund der Gesundung
Westeuropas, Japans und Ostasiens nach dem Zweiten Weltkrieg zu erwarten. Die Propheten des Niedergangs argumentieren jedoch, daß die Wende im SchickAMERIKA DIENST 33

sal Amerikas schwerwiegender ist, als diese Zahlen
andeuten. Von der Position des führenden Industrieexportlands sind die Vereinigten Staaten auf den dritten Platz hinter Deutschland und Japan zurückgefallen. Seit 1975 hatten sie jedes Jahr ein Handelsdefizit
zu verzeichnen. (Im Jahr 1989 belief sich das Zahlungsbilanzdefizit auf rund 109 Milliarden Dollar). Um
den amerikanischen Appetit auf Importe jeglicher Art
von Autos und Mineralwasser bis zu Werkzeugmaschinen und Computer zu stillen, wurde das Land zum
größten Schuldner der Welt. Die Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten beträgt heute über 600
Milliarden Dollar und wird beim derzeitigen Stand
Anfang der neunziger Jahre die eine Billion überschreiten. Alles in allem beläuft sich die nationale und von
amerikanischen Firmen und Verbrauchern angehäufte
private Verschuldung auf rund 7 Billionen Dollar. Dies
macht nahezu 140 Prozent der jährlichen Gesamtproduktion des Landes aus und über 1 Drittel des weltweiten BSP. Selbst wenn die Vereinigten Staaten ihr
Gleichgewicht im Handel in fünf Jahren wiedererlangen - was ihnen mit einem gerüttelt Maß an Glück
gelingen könnte -, würden galoppierende Zinsen und
Dividendenzahlungen an das Ausland einen Großteil
dieser Fortschritte zunichte machen.

Seite 1

�In einem Industriezweig nach dem anderen haben
amerikanische Unternehmen ihre Führungsrolle verloren. Das Wall Street Journal formulierte diese Situation jüngst mit eindeutigen Worten: "Während amerikanische Produzenten im Jahr 1969 82 Prozent der
Fernsehgeräte, 88 Prozent der Autos und 90 Prozent
der Werkzeugmaschinen des Landes herstellten, wurden
(1988) praktisch überhaupt keine Fernsehgeräte produziert, und sie haben die Hälfte des Binnenmarktes
für Werkzeugmaschinen und 30 Prozent des Automobilmarktes aufgegeben. Selbst in einem neuen Industriezweig wie Halbleiter ist der Anteil des Landes am
Weltmarkt von 85 Prozent im Jahr 1980 auf 15 Prozent
gesunken."
Als Amerika seine Führungsrolle bei Autos, Verbraucherelektronik und modernen Werkzeugmaschinen
verloren hatte, tröstete man sich mit dem Gedanken,
die Vereinigten Staaten stünden im Finanzwesen und
bei Dienstleistungen an oberster Stelle. Aber in allen
Bereichen haben Japan und andere Nationen aufgeholt. Heute zählt keine einzige amerikanische Bank zu
den 10 größten Geldinstituten der Welt - sie sind alle
japanisch. Bei Biotechnik, zivilem Flugzeugbau,
modernen Halbleitern und Computern steht Japan an
der Türschwelle der Vereinigten Staaten. Selbst die
prahlerische Behauptung der amerikanischen Farmer,
sie seien die effizientesten Nahrungsmittelerzeuger
der Welt, wird angefochten.
Die Propheten des amerikanischen Niedergangs vertreten die Auffassung, daß die vernichtende Studie
des Yale-Historikers Paul Kennedy, Aufstieg und
Fall der großen Mächte (1987), Amerikas Zukunft
voraussagt. Sie verweisen darauf, daß sich intelligente Holländer im 17. Jahrhundert und vorausschauende
Briten im 19. Jahrhundert sehr wohl der Bürde ihrer
Länder bewußt, jedoch unfähig waren, diesen Niedergang aufzuhalten. Was erwartet die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert? Kennedy schreibt: "Die
einzige Antwort auf die zunehmend von der Öffentlichkeit diskutierte Frage, ob die Vereinigten Staaten ihre
derzeitige Position aufrechterhalten können, lautet
'Nein' - weil es einfach keiner einzigen Gesellschaft
vergönnt war, ständig über allen anderen zu stehen,
denn dies würde ein Einfrieren des diffenzierten Gefüges von Wachstumsraten, technologischem Vorteil
und militärischer Entwicklung bedeuten, das seit undenklichen Zeiten besteht."
Die zweite gedankliche Richtung zum Niedergang der
Vereinigten Staaten bietet einen sehr viel beruhigenderen Blickwinkel. Die Vertreter dieser Richtung sind
entweder der Auffassung, in den Vereinigten Staaten
gäbe es keinen Niedergang oder jeder Niedergang sei
vorübergehend und erklärbar, ungefährlich oder leicht
zu beheben.
Einige gelangen zu der Schlußfolgerung, Amerika
habe nur unerhebliche Rückschläge erlitten, und es
gebe kein Projekt, das nicht zu bewältigen sei, wenn
Seite 2

die Bürger mit neuen Steuern zu seiner Finanzierung
bereit sind. In Can America Compete? (1984) spricht
Robert Z. Lawrence vom Brookings Institute stellvertretend für eine Gruppe, die der Ansicht ist, der Fertigungsbereich floriere so gut wie eh und je. Und selbst
wenn die Fertigung abgenommen hat, so argumentieren andere, sind die Vereinigten Staaten bei Dienstleistungen so konkurrenzfähig wie ehedem. Noch andere bemerken, bei der Wirtschaftslage Amerikas gebe
es relativ gesehen nichts dramatisch Neues. Mitte der
sechziger Jahre produzierten die Vereinigten Staaten
rund 24 Prozent des BSP der Welt - heute beläuft sich
diese Zahl auf ungefähr 22 Prozent. In der Tat ist der
amerikanische Anteil am weltweiten BSP nicht sehr
viel geringer als 1938.
Wenn die Vereinigten Staaten einen spürbaren Niedergang erlebten, so argumentieren die Verfechter
des Status quo, dann wegen und nicht trotz der amerikanischen Politik. In diesem Tenor stellt Joseph Nye
von der Harvard University fest, da ß Ende der vierziger
Jahre "die Vereinigten Staaten sich für die Ankurbelung der wirtschaftlichen Gesundung ihrer Verbündeten entschieden statt Hegemonie über sie anzustreben und als Gegengewicht zur sowjetischen Macht
eine strategische Partnerschaft zu schaffen".
Eine weitere Erklärung für den schwindenen Einfluß
Amerikas lautet, daß wir heute in einer komplizierteren
und widerspenstigeren Welt leben. Die unentwickelten, nicht mobilisierten Völker, die im 19. Jahrhundert
den britischen Imperialismus passiv übersieh ergehen
ließen, haben sich zu widerborstigen und harten neuen
Nationen entwickelt. Kleine, ehedem schwache Mächte sind heute ziemlich einflu ßreich - ebenso wie solche
neuen "Spieler" auf der internationalen Bühne wie
multinationale Unternehmen und multilaterale Institutionen. Selbst die stärkste Macht kann in solch einer
interdependenten Welt nicht immer davon ausgehen,
ihren Willen zu bekommen. Worum es laut dieser Sicht
heute geht, ist Überzeugungskraft.
Dieser Argumentation zufolge haben im übrigen nicht
nur die Vereinigten Staaten sondern auch Japan einen
Niedergang erlebt. Samuel Huntington von der Harvard University schreibt: "Es gibt wenige Gründe,
warum die japanische Wirtschaft insgesamt sehr viel
schnellerwachsen sollte als die amerikanische, und es
gibt keinen Grund zu der Annahme, daß ein einzelner
amerikanischer Arbeitnehmer entschieden produktiver als ein japanischer sein sollte. Anhand solcher
Indikatoren der Wirtschaftsleistung sollte man langfristig eine Annäherung zwischen Ländern mit gleicher
Wirtschaftsentwicklung und vergleichsweise komplexen Volkswirtschaften erwarten."
Wieder andere Autoren, die mit der Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten zufrieden sind, sagen
zum Thema wirtschaftlicher Niedergang: "Na und?" In
der neuen Wirtschaft "einer Welt" fallen die amerikanischen Handelsdefizite mit Japan und Südkorea nicht

AMERIKA DIENST 33

�mehr ins Gewicht als das Handelsdefizit von Maine mit
Kalifornien. Das Kapital fließt frei über nationale
Grenzen und die Geschicke eines Gebildes bedeuten
nicht viel solange das System als Ganzes funktioniert.
Bundeshaushaltsdefizite? Als Prozentsatz des BSP
ist das Defizit von einer Höchstmarke von 6 Prozent
des BSP im Jahr 1983 auf heute nur 3,5 Prozent
gesunken - weniger als das von Japan Mitte der
siebziger Jahre unschwer Erreichte.
Es überrascht nicht, daß diejenigen, die den Niedergang Amerikas leugnen, der Auffassung sind, die
Vereinigten Staaten könnten weiterhin beträchtliche
militärische und diplomatische Verpflichtungen eingehen. Wenn das Defizit irgendwann abgebaut werden
muß, könnte eine Kürzung von einem Drittel leicht
bewirkt werden indem man beispielsweise eine höhere
Mineralölsteuer erhebt. Und wie der ehemalige französische Präsident Valery Giscard d'Estaing einmal
feststellte: "Es ist schwerlich ernstzunehmen, daß ein
Land tiefgreifende Probleme hat, wenn diese gelöst
werden können, indem man die Mineralölsteuer um 25
Pfennig pro Liter erhöht."
Eine Untergruppe innerhalb der zweiten Schule akzeptiert einen Teil der Niedergangstheorie, geht jedoch
gleichzeitig davon aus, daß dieses Argument überstrapaziert worden ist. Aaron Friedberg von der Universität Princeton zum Beispiel behauptet, daß die Militärausgaben für den Niedergang der großen Mächte der
Vergangenheit nicht verantwortlich waren. Schlimmstenfalls hätten die Verteidigungslasten die Probleme
eines Landes akzentuiert, das bereits wirtschaftlich
angeschlagen war. Friedberg glaubt, daß die Zunahme des Konsums oder der Sozialausgaben in den
meisten Fällen Ursache für den Niedergang waren,
und dies treffe auch für die Vereinigten Staaten von
heute zu.
Die dritte mögliche Perspektive zum Niedergang, die
auch von mir vertreten wird, lautet, da ß die Vereinigten
Staaten in der Tat einen Niedergang erlebt haben, daß
ihnen jedoch ein Comeback gelingen kann und wird.
Die Beweise für den Niedergang Amerikas sind unwiderlegbar. Im Jahr 1929, also lange bevor die Vereinigten Staaten den künstlichen Vorteil ihres Siegs im
Zweiten Weltkrieg besaßen, nahmen sie über 43 Prozent
der Weltindustrieproduktion für sich in Anspruch. Heute
sind dies nur noch 22 Prozent. In zwanzig Jahren wird
Japan den zweiten Platz in unmittelbarer Nähe zu den
Vereinigten Staaten eingenommen und die Aussicht
haben, in den zwanziger Jahren des nächsten Jahrhunderts den Spitzenplatz zu belegen. China wird die
Sowjetunion vom dritten Platz verdrängt haben und ein
starkes Wachstum aufweisen. Wenn darüber hinaus
die Europäische Gemeinschaft ihr Ziel einer echten
politischen und wirtschaftlichen Union nach 1992 verwirklicht, könnte sie die Führung der Vereinigten Staaten herausfordern. Die daraus resultierende multipolare Welt wird ein wesentlich unsicherer Ort sein als die
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relativ schlichte Weltordnung von heute. Dies könnte
leicht eine Rückkehr zur Situation der dreißiger Jahre
bedeuten: enorme Konflikte über Handelsfragen und
die Schaffung gegnerischer Zollblöcke. Nur ein kontinuierlich wachsender amerikanischer und Weltmarkt
wird solche Wirtschaftskonflikte verhindern können.
Die Literatur darüber, was geschieht, wenn eine ehemals dominierende Wirtschaftsmacht verfällt, ist schier
unerschöpflich. Viele Gelehrte ziehen den Schluß,
ohne eine einzelne Führungsmacht werde die internationale Ordnung zusammenbrechen. Aufsteigende
Herausforderer weigern sich, die Kosten zu zahlen etwa in Form von Krediten oder Märkten für Staaten in
Not - um das internationale Wirtschaftssystem offen zu
halten. Die drei oder vier Staaten auf den folgenden
Plätzen neigen zur Aufrechterhaltung hoher Zollschranken, die den Welthandel hemmen, wie während der
großen Depression derdreißiger Jahre. Die Geschichte ist in diesem Punkt überzeugend: es ist weit besser,
wenn eine Großmacht das Steuer der Weltwirtschaft
übernimmt. Die Vereinigten Staaten sind unter Umständen jedoch nicht in der Lage, ihre Führungsrolle
aufrechtzuerhalten. Selbst heute können sich die
Vereinigten Staaten und ihre engsten Verbündeten in
Westeuropa über viele wichtige Maßnahmen zur Wirtschafts- und Handelspolitik nicht einigen. Werden
sich ein triumphierendes Japan und ein aufstrebendes
China in 20 Jahren eher veranlaßt fühlen, mit den
Vereinigten Staaten zu einer Verständigung zu kommen?
In Zukunft wird es einer höheren amerikanischen
Wachstumsrate - von durchaus erreichbaren drei Prozent
oder mehr - und eines dynamischen amerikanischen
Markts bedürfen, um andere davon zu überzeugen,
daß sie auf amerikanische Maßnahmen reagieren und
ihre Volkswirtschaften für den Außenhandel öffnen
müssen. Um jedoch ein stärkeres Wachstum hervorzubringen, muß ein massiver Wandel der amerikanischen Prioritäten einsetzen. Die nationale Sicherheit
muß so neu definiert werden, daß sie Stärke und
Produktivität der Wirtschaft einbezieht, denn diese ist
schließlich die Grundlage militärischer Fähigkeiten.
Einige Einsparungen aufgrund reduzierter amerikanischer Verpflichtungen in Übersee - plus eventuell
Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen im Inland
- werden erforderlich sein, um einen wirtschaftlichen
Wiederaufstieg anzukurbeln, der es den Vereinigten
Staaten letztlich erlauben wird, erneut ihre Führungsrolle in der Welt einzunehmen.
Wenn Amerikas Schicksal mit neuem Leben erfüllt
werden soll, werden die politisch Verantwortlichen
hierzulande die Amerikaner dazu auffordern müssen,
der Ethik des "Lebens auf Pump" zu entsagen. Besondere Anreize sollten denjenigen gewährt werden, die
für den Ruhestand oder die Ausbildung ihrer Kinder
sparen. Die grassierende Inflation der siebziger Jahre
erzog eine ganze Generation von Amerikanern dazu,
zu kaufen anstatt zu sparen, Geld zu leihen anstatt zu
Seite 3

�investieren. Die Geschichte zeigt, daß große Zivilisationen durch solche Selbstgefälligkeit tödlich geschwächt
wurden.
Großbritannien durchlief eine solche Phase der Dekadenz im Zeitalter König Edwards vor dem Ersten
Weltkrieg. Die Vereinigten Staaten scheinen heute in
eine ähnliche Phase eingetreten zu sein. Finanzstrategien, in deren Mittelpunkt die Maximierung kurzfristiger Profite steht, lösen die langfristigen Ziele der
Verbesserung von industrieller Wettbewerbsfähigkeit
und Erhöhung von Marktanteilen ab. Das Ethos harter
Arbeit und der Teamgeist der industriellen Pioniere
degeneriert zu Egoismus und auffälligem Konsumverhalten der Enkel. Kurzum: wenn die Kritiker der
heutigen Lage in den Vereinigten Staaten recht haben,
sind die Vereinigten Staaten in ein Stadium praktisch
unaufhaltsamen Abstiegs eingetreten.
Aber die Pessimisten, selbst die historisch gebildeten,
haben nicht immer recht. Nationen können untergehen und dann wieder aufsteigen. So schienen Deutschland und Japan in den dreißiger Jahren ihren wirtschaftlichen Zenit erreicht zu haben. Trotzdem erlebten beide nach einem drastischen Niedergang eine
bemerkenswerte Renaissance nach dem Zweiten
Weltkrieg. Das zaristische Rußland erreichte im Jahr
1913 einen ökonomischen Höhepunkt, aber das stalinistische Rußland verzeichnete in den späten zwanziger und den dreißiger Jahren ein starkes Wachstum.
Es trifft zu, daß Rußland eine Revolution und Japan
und Deutschland im Zweiten Weltkrieg eine Niederlage erleben mußten, um den wirtschaftlichen Umbruch
einzuleiten. Es scheint ebenfalls richtig zu sein, daß
keiner absteigenden Macht hegemonialen Ranges
jemals ein echtes Comeback geglückt ist. Spanien, die
Niederlande und England sind der Wiedererlangung
ihres früheren Status' niemals nahe gekommen.
Aber mit der möglichen Ausnahme Rußlands war
keines dieser Länder eine mit enormen Ressourcen
und einer großen, gut ausgebildeten Bevölkerung
ausgestattete Macht kontinentalen Ausmaßes. Keines, einschließlich Rußlands, besitzt wie die Vereinigten Staaten von heute eine gewaltige, hochmoderne
Industrie sowie die Fähigkeit, Spitzentechnologie zu
schaffen. Trotz gewisser Parallelen zur Vergangenheit bleiben die Vereinigten Staaten in einer besonderen Stellung. Kein Hegemonialstaat blieb in anderen
geschichtlichen Abschnitten bei der Gesamtproduktion von Waren und Dienstleistungen seinen Konkurrenten weit voraus. Keiner der imperialen Vorgänger
besaß aufgrund der Beiträge anderer Länder nahezu
unbegrenzte Investitionsmittel. Kein anderer Staat
hatte bei Forschung und Wissenschaft eine beherrschende Stellung inne.
Darüber hinaus verhandeln die Vereinigten Staaten im
Gegensatz zu ihren hegemonialen Vorgängern, um
ihre Stellung zu bewahren. Großbritannien versäumte
es am Ende des 19. Jahrhunderts, als der wirtschaftSeite 4

liche Niedergang begonnen hatte, die britische Industrie zu untergraben, eine Öffnung des deutschen und
amerikanischen Markts auszuhandeln. In harten
Handelsgesprächen mit den Japanern und anderen
haben die Vereinigten Staaten jedoch gezeigt, daß sie
nicht bereit sind, Ländern, die für amerikanische Waren
verschlossen sind, einen unbegrenzten Markt zu bieten.
In der Geschichtswissenschaft ist es traditionell üblich,
Aufstieg und Fall als aufeinanderfolgende Ereignisse
zu beschreiben. Die Historiker haben angenommen,
daß Nationen wie biologische Organismen zur Macht
aufsteigen und dann altern und absterben. Ein Abstieg
kann jedoch auch das Vorspiel zur Wiedergeburt sein.
Bei wichtigen Ländern (wenn auch noch nicht bei den
Gro ßmächten) gingen Abstieg und Verlust häufig einer
wirtschaftlichen Wiederbelebung voraus. In seinem
Buch The Rise and Decline of Nations von 1982
legte der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson
von der University of Maryland überzeugend dar, daß
Staaten eine starke Erschütterung benötigen, um sich
von alten Gewohnheiten und Institutionen zu befreien
und das Wachstum zu erneuern. Länder, die noch
nicht weit genug abgestiegen sind, die noch nicht den
nationalen Schock von Niederlage und Verzweiflung
erleben mußten, hatten größere Schwierigkeiten, das
Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten als diejenigen, denen dies widerfahren ist. Japan, Deutschland,
Frankreich, die "kleinen Drachen" Ostasiens und die
kleinen Demokratien West- und Mitteleuropas - ihnen
wurde durch die Niederlage und Besetzung im Krieg
ein mächtiger wirtschaftlicher Impuls zuteil. Dagegen
wurden Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und die Vereinigten Staaten - allesamt Sieger nicht angestoßen, um nach wirtschaftlichem Wiederaufstieg zu streben.
Der Sieg in zwei Weltkriegen sanktionierte eine Geschichte träger wirtschaftlicher Anstrengungen und
schwachen sozialen Fortschritts in Großbritannien. In
den Vereinigten Staaten brachte der kalte Krieg nicht
die erforderliche Neubewertung wirtschaftlicher Strategien zustande. Der Rüstungswettlauf der Supermächte behinderte die notwendigen Reinvestitionen in
die zivile Volkswirtschaft bei beiden Gegnern. Paul
Kennedy zufolge fesselten militärische "Überdehnung"
und hohe Verteidigungsausgaben gerade das Investitionskapital, das für die Regeneration des Wirtschaftswachstums benötigt wurde.
Die Sache ist jedoch nicht so einfach, denn Militärausgaben müssen eine Volkswirtschaft nicht lähmen, wenn
der Verbrauch im Inland unter Kontrolle bleibt. Dies
war zweifellos der Fall bei Großbritanniens kostspieligen Kriegen gegen das napoleonische Frankreich
zwischen 1795 und 1812, die der Industriellen Revolution in Großbritannien keinen Abbruch taten. Militärausgaben können sogar zu industriellem Wachstum
führen, wenn es beträchtliche ungenutzte Industriekapazitäten gibt. Es waren hauptsächlich Ausgaben für
AMERIKA DIENST 33

�die Aufrüstung und nicht die Sozialausgaben des New
Deal, mit denen Präsident Franklin D. Roosevelt Amerika
schließlich aus der Großen Depression herausführte.
Ebenso scheint kaum bezweifelt zu werden, daß die
Militärausgaben der Reagan-Administration dazu beitrugen, die Nation aus der Rezession von 1981-82 zu
führen.

'

k

Alle imperialen Mächte mußten ein Gleichgewicht
zwischen Verbrauch, Investitionen und den Kosten zur
Erhaltung des Imperiums finden. Im frühen 18. Jahrhundert verhängte Holland ruinöse Steuern, um seine
Kriege gegen das Frankreich Ludwigs XIV. zu finanzieren. Die Preise stiegen rapide, und damit sank die
Wettbewerbsfähigkeit holländischer Erzeugnisse.
Gegen Ende der holländischen Kolonialmacht ermutigte die Inflation die einstmals konservativen Bürger,
ihr Geld mit vollen Händen auszugeben. Die holländischen Händler versäumten es, ausreichend in die
nunmehr weniger gewinnträchtigen Auslandsmärkte
zu investieren und schickten ihr Geld lieber nach
London, wo es mehr abwarf. Kurzfristige wirtschaftliche Gewinne der Ober- und Mittelklasse hatten Vorrang vor dem Aufbau einer starken Binnenwirtschaft.
Dies zeigt, daß für das Wirtschaftswachstum umfangreiche Spareinlagen ebenso notwendig sind wie Investitionen, ferner mu ß der Konsum einen vergleichsweise festen Prozentsatz des BSP betragen, und die
Ausgaben für Verteidigung und Außenpolitik müssen
gering bleiben, außer in Zeiten eines Konjunkturrückgangs. Aufsteigende Mächte können diesen Bedingungen eher gerecht werden als etablierte. Die aufstrebende Macht sieht sich jedoch unweigerlich irgendwann rivalisierenden Militärmächten oder der
Notwendigkeit gegenüber, die Verbraucher für ihre
Opfer in der Vergangenheit zu belohnen. Wenn dies
gleichzeitig erfolgt, ist das betreffende Land gezwungen, seine Vermögenswerte anzugreifen.

'

Beim Aufstieg Gro ßbritanniens hat das Volk investiert,
gespart und langfristiges Wachstum angestrebt. Als
die Briten jedoch die Vorherrschaft erlangt hatten,
erlagen sie der Versuchung, die Hände in den Schoß
zu legen und ihre Stellung zu genießen. Kurzfristige
Gewinne wurden wichtig, um Aktionäre und Investoren zu beschwichtigen und das Risiko gering zu halten.
Fabrikbesitzer behielten ihre alten Maschinen und
tätigten oftmals keine neue Investitionen, wenn diese
nicht unmittelbar Gewinne brachten. Deshalb gaben
britische Hersteller nach 1870 weniger für die Entwicklung neuer Produkte aus als ihre Kollegen in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Sie taten weniger,
um die Produktivität der Arbeitskräfte zu steigern und
gaben sich mit schlechter ausgebildeten und technisch
kaum versierten Arbeitnehmern zufrieden. Als sie im
Inland weniger gewinnträchtige Investitionsmöglichkeiten vorfanden, entschieden sie sich zunehmend für
die Anlage ihres Geldes im Ausland.
Was lehrt uns das Beispiel der Briten über wirtschaftAMERIKA DIENST 33

liche Verkrustung und wirtschaftlichen Niedergang?
Die Geschichte belegt nicht, daß Verteidigungsausgaben Ursache des Niedergangs waren. Lange bevor
man es gezwungen hatte, Mittel aus der zivilen Wirtschaft in die Aufrüstung umzuleiten, hat Großbritannien versäumt, in demselben Umfang zu investieren
wie Deutschland und Amerika. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Prozeß nur abgeschlossen.
Es überrascht nicht, daß die holländische Kolonialmacht, Großbritannien und die Vereinigten Staaten
sich alle dem doppelten Problem hohen Konsums und
großer Militärausgaben gegenübersehen. Die Vereinigten Staaten wollen heute nicht nur ihre Vorherrschaft zur See erhalten, sondern trotz der abnehmenden sowjetischen Bedrohung wahrscheinlich auch
umfangreiche Bodentruppen in Europa beibehalten.
Die irakische Herausforderung könnte sogar ein neues
langfristiges Engagement von Streitkräften im Nahen
Osten bedingen.
Noch stärker als bei der Aufrüstung im Vietnamkrieg
sollten die hohen Verteidigungsausgaben in den achtziger Jahren den Konsum der Zivilbevölkerung nicht
mindern, sondern sie wurden durch Kredite im In- und
Ausland finanziert. Diese Strategie brachte für Großbritannien nach den Napoleonischen Kriegen keine
großen Schwierigkeiten mit sich, weil das Land über
solide Zahlungsbilanzüberschüsse verfügte. Im Gegensatz dazu ließ man in den achtziger Jahren in
Amerika zu, daß die Exporte im Vergleich zu den
Importen erheblich sanken, und damit gab es keine
Möglichkeit, die steigenden Auslandssschulden des
Landes abzuzahlen.
Die zeitliche Steuerung großer Steigerungen bei den
Militärausgaben kann ebenso wichtig sein wie deren
Höhe. In den Vereinigten Staaten blieb die Frage
bisher unbeantwortet, ob die nationalen Spareinlagen
und Investitionen rechtzeitig aufgestockt werden können, um bei der Produktivität höhere Wachstumsraten
zu erzielen. Kann Amerika die Beschränkungen überwinden, die großen Mächten von der Geschichte vielfach auferlegt werden?
Die Geschichte liefert uns keine ausreichende Perspektive, um die Auswirkungen der gegenwärtigen
Situation Amerikas vorauszusehen. In manchen Punkten
ist die Lage beispiellos. Die militärische Belastung der
großen Mächte der Vergangenheit wurde niemals
erleichtert. Heute scheint für die Vereinigten Staaten
eine verminderte militärische Belastung möglich, wenn
sie ein kostspieliges dauerhaftes Engagement im Nahen
Osten vermeiden können.
Jede Hegemonialmacht der Vergangenheit mußte sich
ständig vergewissern, wer sie unter Umständen übervorteilen wollte. Spanien mu ßte auf Frankreich und die
Niederlande achten, Holland auf Frankreich und England, und Großbritannien durfte die deutsche Herausforderung nicht außer acht lassen. In den neunziger

Seite 5

�Jahren sieht sich die Welt jedoch mit einer ganz neuen
Situation konfrontiert. Esgibtkeinen Nachfolger für die
Vereinigten Staaten in ihrer Vormachtstellung, und es
wird wahrscheinlich auch keinen geben. Obwohl militärische Bedrohungen bestehen werden, gegen die
man sich wappnen muß - wie die irakische Invasion
Kuwaits bewiesen hat - wird kein einzelner militärischer Herausforderer den Vereinigten Staaten die
Führungsrolle streitig machen können. Wenn Amerika
sich umsieht, dann ist das aufholende Land keine
große Militärmacht, sondern vielmehr eine Handelsnation - Japan. Es gibt keine große und anhaltende
territoriale Bedrohung für die bestehende Ordnung.
Deshalb war die Wahl, mit der sich führende Politiker
der Welt in der Vergangenheit konfrontiert sahen, eine
andere als die der Vereinigten Staaten. Früher mußte
man ständig - mit verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen - um die Vorherrschaft kämpfen, wenn man
nicht aus dem Rennen der großen Mächte fallen
wollte. Mehrere große Mächte mußten aufgeben. Die
Vereinigten Staaten stehen nicht vor einem solchen
Dilemma. Sie können, wenn auch in einer etwas
weniger großen Rolle, weitermachen, weil es keine
kombinierte militärische und wirtschaftliche Herausforderung gibt.
Die Geschichte lehrt, daß in der Regel ein Schock
erforderlich ist, um das stabile soziale und wirtschaftliche System einer großen Macht zu erschüttern. Aber
es gibt verschiedene Gründe zu glauben, daß ein
Schock - abgesehen von einem anhaltenden Krieg ausreichen wird, um die Vereinigten Staaten aufzurütteln. Erstens sieht sich das Land bereits mit einer
großen wirtschaftlichen Herausforderung in Form einer Rezession konfrontiert. Zweitens gibt es die
Herausforderung des Außenhandels. In der Vergangenheit waren andere Staaten mit einer Führungsrolle
in der Welt, insbesondere Holland und Großbritannien,
Haupthandelsmächte, aber die Konzentration auf militärische Belange hielt sie davon ab, sich weiterhin um
den Handel zu kümmern. Allzu lange schleppten sie
sich dahin und versuchten, ihre Rolle als Großmacht
mit einem florierenden Exportsektor zu kombinieren.
Als sie herausfanden, daß beides nicht möglich war,
hatten sie ihre Vormachtstellung im Handel verloren.
Das Ende des kalten Kriegs erspart den Vereinigten
Staaten ein ähnliches Schicksal. Im Gegensatz zu
ihren Vorgängern werden die Vereinigten Staaten
zunehmend in der Lage sein, sich auf den Außenhandel zu konzentrieren.
Gleichzeitig begünstigt das internationale Wirtschaftsund Finanzsystem einen erneuten Aufstieg Amerikas
außerordentlich. Die Unterstützung für den Außenhandel hat nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt zugenommen. Früher gab
es immer große Konflikte zwischen Ländern mit geringerem und solchen mit reichlich vorhandenem Kapital.
Im allgemeinen gilt, daß Länder mit viel Kapital niedrige Zölle wollten und von expandierendem Handel

Seite 6

profitierten. Im Gegensatz dazu befürworteten Länder
mit kurzer Kapitaldecke und wenig Land Protektionismus. Da nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land nach
dem anderen (in jüngster Zeit Südkorea) das Stadium
des Kapitalüberflusses erreichte, haben dominierende
wirtschaftliche Interessen in diesen Ländern ein Interesse an niedrigen Zöllen mit sich gebracht. Dies
könnte der Grund sein, warum es in den Vereinigten
Staaten trotz des beunruhigenden Handelsdefizits keine
Tendenz zu höheren Zöllen gibt. Bestimmte Industriesektoren haben um Erleichterung gebeten und sie
auch erhalten, aber Japan verkauft weiterhin 36 Prozent seiner Exporte auf dem amerikanischen Markt. In
den dreißiger Jahren verschanzten sich die Vereinigten Staaten hinter hohen Zöllen, heute bleiben sie auf
den Weltmärkten. Es gibt eben noch größere Anreize
für die Modernisierung der Industrie als die Herausforderung des Außenhandels.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Länder
mit einem stimulierenden Schock und einer günstigen
Weltlage eine Spirale des Niedergangs abwenden
können. Ein neuer Aufstieg wird möglich, wenn die
Tatsache des Scheitern nicht länger ignoriert werden
kann und neue Ressourcen verfügbar sind, um eine
alternative Strategie zu finanzieren. Dann macht die
Herausforderung an die nationale Psyche frühere
Vorstellungen und eingefahrene Verhaltensmuster
zunichte. Der aufgerüttelte Staat kann Einsparungen
und Umstrukturierungen vornehmen, Militärausgaben
und Konsum einschränken und sich auf eine neue
Strategie konzentrieren, die Modernisierung der Industrie und Ausbau der Exporte kombiniert.
Sicherlich kann eine zu große Verzögerung bei der
Rückkehr zu einer solchen Strategie den nationalen
Wirtschaftsinstitutionen irreparable Schäden zufügen
und ein Aufholen unmöglich machen. Die amerikanische Forschung in Wissenschaft und Technologie
setzt immer noch Maßstäbe für die Welt. Wichtige
Industriezweige der Vereinigten Staten, wie etwa die
zivile Luftfahrt, die chemische Industrie, Pharmakonzerne, Computerhersteller und Software-Entwickler
sind nach wie vor führend. Aber es muß eine Renaissance in Amerika geben, und die Vernachlässigung
dieser wertvollen Ressourcen muß ein Ende haben.
Was getan werden muß, ist kein Geheimnis: bürokratische Verkrustungen müssen aus dem öffentlichen
und privaten Sektor verschwinden; die Steuerpolitik,
die eine Verschuldung der Unternehmen fördert, muß
sich ändern; die Defizite der Regierung und andere
politische Maßnahmen zur Anhebung der Kosten für
Investitionskapital müssen abgebaut werden, und es
könnte notwendig sein, daß die Regierung Kapital
direkt der Industrie zuleitet. Schließlich sind Verbesserungen an amerikanischen Schulen notwendig, damit
amerikanische Arbeitnehmer international konkurrenzfähig bleiben.
Aus zwei Gründen kann man zuversichtlich sein, daß

AMERIKA DIENST 33

�die Vereinigten Staaten ihr Gleichgewicht wiederfinden. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte
unserer Zeit stimulieren die internationalen Beziehungen - in diesem Fall die Weltwirtschaft - nationale
Veränderungen. In der Vergangeheit waren internationale Beziehungen von epochemachenden Ereignissen in einzelnen Ländern geprägt - der Französischen
Revolution oder der Oktoberrevolution. Die Realität
von heute sind der Aufstieg Japans, eines typischen
Handelslandes und die überragende Bedeutung des
Wettbewerbs im Welthandel. Wenn die Sowjetunion,
Osteuropa und China ihre Wirtschaft liberalisieren,
werden diese neuen Herausforderungen sicherlich
eine Wiederbelebung der amerikanischen Industrie
ankurbeln.

*

AMERIKA DIENST 33

Die neue Betonung auf wirtschaftlichem Wettbewerb
wird darüber hinaus ein günstigeres Umfeld für ein
Wiederaufleben Amerikas schaffen. Weil das Wachstum eines Landes das Wachstum eines anderen Landes nicht behindert (sogar eher fördern kann), wird das
Streben nach Wirtschaftswachstum internationale
Konflikte abbauen und den Vereinigten Staaten Gelegenheit geben, ihre kostspieliegen ausländischen
Belastungen zu verringern. Die Herausforderungen
der Weltpolitik sind Wirtschaft und Au ßenhandel, nicht
die Kriegführung. Unter diesen neuen Bedingungen ist
der Niedergang einzelner Länder nicht mehr endgültig.
Große Mächte können sich erholen und wieder aufsteigen.

*

Seite 7

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                <text>&lt;strong&gt;1. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush fordert die Wiedereinsetzung des sowjetischen Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Staatsstreich in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Berichterstattung in Amerika&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Ende der Hinhaltetaktik bei C-Waffenvertrag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Ledogar in Genf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Amerikas Zukunft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Zeit der Erneuerung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard Rosecrance&lt;/em&gt;</text>
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dienet

a,
U.S. Information Service
Jr + Embassy of the United States of America

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14. August 1991

32

NATIONALE SICHERHEIT

BERICHT ZUR
NATIONALEN SICHERHEIT
Eine Übersicht des Weißen Hauses

RAKETENABWEHR

NEUORIENTIERUNG DER PLÄNE
FÜR RAKETENABWEHRSYSTEM
Schutz vor begrenzten Schlägen
soll gewährleistet werden

GESELLSCHAFT

ZAHL DER EINPERSONENHAUSHALTE WÄCHST
Auswirkungen auf Gesellschaft,
Kultur, Wirtschaft

NACH DEM SCHMELZTIEGEL
von William A. Henry IM

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NATIONALE

SICHERHEIT
14. August 1991

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die folgende Übersicht über den von Präsident Bush dem Kongreß zugeleiteten Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie 1991 wurde am 13. August 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht.

Der Präsident hat heute gemäß dem Goldwater-Nichols-Zusatz des Nationalen Sicherheitsgesetzes von
1986 dem Kongreß den Bericht zur nationalen Sicherheit 1991 übermittelt. Der Bericht trägt den jüngsten
dramatischen Veränderungen im internationalen Umfeld
Rechnung und umreißt die amerikanischen Maßnahmen, um auf diese Veränderungen zu reagieren und
sie zu steuern. Es wird festgestellt, daß wir an einem
Zeitpunkt historischer Chancen angelangt sind, an
dem wir und die Welt ein neues internationales System
aufbauen können, das mit unseren Werten und Idealen in Einklang steht. Zu den wichtigsten Punkten des
Berichts gehören:
Die Erkenntnis, daß die amerikanische Strategie des
Containment, die sich 40 Jahre lang bewährt hat,
heute modifiziert werden muß, um den geostrategischen Realitäten gerecht zu werden.
Die Ermutigung der konstruktiven Evolution der Sowjetunion.
Die Erkenntnis, daß die amerikanischen Bündnisse
von der Hinwendung der Sowjetunion zu innenpolitischen Problemen grundlegend beeinflußt werden.
Die Anerkennung der Tatsache, daß die Welt politisch,
wirtschaftlich, technologisch und militärisch zunehmend interdependent ist und gleichzeitig die Führungsrolle der Vereinigten Staaten insgesamt unerläßlich bleibt.
Die Betonung kleinerer, beweglicherer Streitkräfte, um
regionale Anliegen und Engagement in Friedenszeiten
zu berücksichtigen. Diese Streitkräfte könnten jedoch
gegebenenfalls die Grundlage für die Auffüllung einer
größeren Streitmacht bilden.

AMERIKA DIENST 32

Die anhaltende amerikanische Unterstützung eines so
offenen und umfassenden Weltwirtschaftssystems wie
möglich sowie der NATO als unerläßliche Grundlage
der transatlantischen Zusammenarbeit mit einem kürzlich
vereinigten und freien Europa.
Energische Vertretung der amerikanischen Politik
gegenüber dem Nahen Osten in Anerkennung der
neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich
aus unserem Sieg im Golfkrieg ergeben.
Anerkennung der andauernden Bedeutung Ostasiens
und des Pazifiks sowie der entscheidenden Rolle
unserer Sicherheitsbeziehungen mit dieser Region.
Verstärkte Unterstützung für eine gekräftigte UNO, die
zur Friedenssicherung beiträgt, das Los der Menschen
verbessert und menschliches Leid mildert.
Die Anerkennung eines unerschütterlichen Engagements für Rüstungskontrolle als Mittel zur Festigung
weltweiter Stabilität durch die KSE- und START-Verträge.
Erneuerter Eintritt für die Prinzipien politischer und
wirtschaftlicher Freiheit als den sichersten Garanten
für Fortschritte in den Beziehungen der Menschen und
weltweiten Frieden.
Eine neue weltweite Tagesordnung für den Umgang
mit Flüchtlingsströmen, Drogenmißbrauch und Zerstörung der Umwelt.
Der Bericht unterstreicht den dauerhaften Charakter
unserer grundlegenden Interessen und Ziele in den
neunziger Jahren.

Seite 1

�Das Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation mit intakten Grundwerten und
Sicherheit für ihre Institutionen und Menschen.

die von außerordentlich positiven Veränderungen
geprägt ist, in der aber immer noch Herausforderungen und Bedrohungen für unsere Sicherheit - und die
unserer Verbündeten und Freunde - lauern. Die VerEine gesunde und wachstumsorientierte US-Wirtschaft, einigten Staaten engagieren sich weiterhin voll und
die dem einzelnen Chancen für Wohlstand bietet und ganz in der größer werdenden Welt, und sie werden
Ressourcen für nationale Unternehmungen im In- und nach wie vor ihre Ziele gemeinsam mit denjenigen
Ausland gewährleistet.
verfolgen, die ihre Werte und Sorgen teilen. Unser
Ansatz
für die Sicherheit wird auch in Zukunft von der
Stabile, kooperative und politisch dynamische BezieTatsache
geprägt sein, daß wir eine Nation sind, die
hungen mit Verbündeten und freundlich gesinnten
von
vielen
ihrer wichtigsten Freunde und Interessen
Ländern.
durch Ozeane getrennt ist. Deren Verteidigung wird
Eine stabile und sichere Welt, die von politischer und weiterhin die Präsenz von US-Truppen in Übersee
wirtschaftlicher Freiheit, Menschenrechten und demo- erfordern, unterstützt von der Fähigheit der Vereinigten Staaten, Macht zu übertragen. Der Strategiebekratischen Institutionen geprägt ist.
richt schließt mit einer Forderung nach anhaltendem
Der Bericht erläutert, daß unsere grundsätzliche Her- Dialog, enger Zusammenarbeit und engen Konsultaausforderung darin besteht, alle verfügbaren politi- tionen mit dem Kongreß, um eine Sicherheitsstruktur
schen, wirtschaftlichen und militärischen Mittel für zu schaffen, die den Chancen von heute und den
diese dauerhaften Ziele in einer Welt bereitzustellen, Herausforderungen von morgen gerecht wird.
*

*

*

*

AMERIKA DIENST 32

�RAKETENABWEHR
14. August 1991

NEUORIENTIERUNG DER PLÄNE FÜR
RAKETENABWEHRSYSTEM
Schutz vor begrenzten Schlägen soll gewährleistet werden

WASHINGTON - (AD) - Die Notwendigkeit weltweiter
Verteidigungssysteme gegen ballistische Raketen hat
erheblich zugenommen, da solche Raketen immer
zahlreicher, weitreichender und technisch ausgereifter
werden.
Diese Realität hat die Bush-Administration dazu veranlaßt, die politischen Ziele für die von der ReaganAdministration im Jahr 1983 zunächst als Programm
zur Verteidigung gegen einen Angriff mit strategischen
Atomwaffen gedachte Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) zu überprüfen. Das Ergebnis dieser
Überprüfung war ein neuorientiertes Programm mit
dem Ziel, Schutz "gegen begrenzte Schläge mit ballistischen Raketen jeglichen Ursprungs" zu gewähren.
Die neue von Präsident Bush im Januar angekündigte
defensive Strategie trägt den Namen "weltweiter Schutz
gegen begrenzte Schläge" (Global Protection Against
Limited Strikes - GPALS). Ohne einen Beschluß über
die Stationierung zu treffen, hat der Präsident das
Verteidigungsministerium angewiesen, im Rahmen des
SDI-Programms der Erforschung und Entwicklung von
Fähigkeiten Vorrang einzuräumen, die den Vereinigten Staaten sowie ihren Freunden und Verbündeten in
der ganzen Welt umfassenden Schutz vor begrenzten
Schlägen mit ballistischen Raketen gewähren würden.
GPALS hätte nicht einmal den halben Umfang der
ersten Phase des früher geplanten SDI. Die neue
Strategie würde sich folgendermaßen zusammensetzen:
Boden- und weltraumgestützte Sensoren zur
lückenlosen weltweiten Überwachung und Aufspürung ballistischer Raketen jeglicher Reichweite vom Zeitpunkt des Abschusses an. Die
Sensoren würden ferner den amerikanischen
AMERIKA DIENST 32

Streitkräften sowie potentiell den Verbündeten
der Vereinigten Staaten Informationen liefern.
Boden- und weltraumgestützte Abfangsysteme,
die allen angegriffenen Zielen einen sehr hohen
Schutz gewähren würden. Die bodengestützten Abfangsysteme wären zum Abfangen aller
Arten von Gefechtsköpfen auf ballistischen
Raketen in der Lage: atomar, chemisch oder
biologisch. Die weltraumgestützten Abfangsysteme würden eine kontinuierliche weltweite
Abriegelung gegen Raketen mit Reichweiten
von über 400 Kilometern bereitstellen.
Hintergrund
Das SDI-Programm war ursprünglich als Verteidigung
gegen sowjetische Interkontinentalraketen gedacht.
Eine geschwächte Sowjetunion und der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa sowie der
Struktur des Warschauer Pakts haben einen tiefgreifenden Wandel in der Welt bewirkt.
SDI sollte ursprünglich der Verteidigung gegen einen
von der Sowjetunion ausgelösten Großangriff mit vielleicht Tausenden von Wiedereintrittsflugkörpem (RVs)
dienen. Bei GPALS besteht das Ziel in der Abwehr
eines begrenzten Angriffs jeglichen Ursprungs mit
Raketen, die zwischen 100 und 200 RVs tragen.
Obwohl für die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit
zur Abschreckung eines möglichen massiven und
beabsichtigten sowjetischen Offensivschlags mit Atomwaffen wohl für den Rest dieses Jahrhunderts bestehen bleibt, deuten weltweite Entwicklungen darauf hin,
daß sich regionale Bedrohungen amerikanischer Interessen weiter verschärfen werden.

Seite 1

�Ein Faktor, der das neuorientierte SDI-Programm
zwingend erforderlich machte, war der anhaltende
weltweite Trend hin zu technisch immer anspruchsvolleren ballistischen Raketensystemen mit größerer
Reichweite und Wirkung. Amerikanischen Nachrichtendiensten zufolge werden bis zum Jahr 2000 24
Entwicklungsländer ballistische Raketen besitzen, und
von diesen werden neun atomare Fähigkeiten haben
oder kurz vor deren Beschaffung stehen.
Während einige Länder der dritten Welt versuchen,
Kurz- und Mittelstreckenraketen zu beschaffen oder
entwickeln, könnten andere auch die Vereinigten Staaten bedrohen, indem sie Weltraumraketen für interkontinentale Reichweiten umrüsten.
Experten der Nachrichtendienste nehmen ferner an,
daß bis zum Ende des Jahrhunderts 30 Staaten chemische und 10 möglicherweise biologische Waffen
besitzen werden, die auf ballistischen Raketen stationiert werden könnten. Tatsächlich entdeckten UNOInspektoren kürzlich bei einem Besuch im Irak einige
auf SCUD-Raketen montierte chemische Gefechtsköpfe, die jedoch nie zum Einsatz kamen.
Aufgrund dieser Entwicklungen geht die Administration davon aus, daß wir uns nicht mehr ausschließlich
auf die Strategie der Abschreckung stützen können.
Im Golfkrieg, zum Beispiel, hat der Irak selbst angesichts sicherer Vergeltung SCUD Boden-Boden-Raketen abgefeuert.
Wie die Patriot-Luftabwehr gegen auf Saudi-Arabien
und Israel abgefeuerte SCUD-Raketen gezeigt hat,
können Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen Menschenleben retten und massive Opfer
unter der Bevölkerung vermeiden. Präsident Bush
zufolge werden die Bedrohungen durch ballistische
Raketen in Zukunft "technisch noch ausgeklügelter
sein als die SCUD, und wir werden modernere und
fähigere Verteidigungssysteme benötigen, um sie zu
bekämpfen".
Ein kürzlich von der SDI-Organisation (SDIO) veröffentlichter Bericht über GPALS stellt fest, daß die
Vereinigten Staaten keine Situation akzeptieren können, in der es den Fähigkeiten ballistischer Systeme
"gestattet wird, die Flexibilität eines amerikanischen
Präsidenten bei der Vertretung der weltweiten Interessen und Pflichten des Landes zu beschneiden".
Wirksame Verteidigungssysteme verringern potentiell
die Notwendigkeit eines Präventivschlages gegen
Länder, die mit einem ballistischen Raketenangriff
drohen. Verteidigungssysteme reduzieren ferner den
Druck auf die politisch Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten, bei Verwicklungen in regionale Konflikte ihre Pläne aufgrund der Androhung oder des Einsatzes ballistischer Raketen zu ändern.
Das Raketenabwehrsystem GPALS zielt darauf ab,
kontinuierlichen Schutz gegen zufällige, unbefugte
Seite 2

oder vorsätzliche begrenzte Angriffe mit ballistischen
Raketen von Ländern der dritten Welt oder der Sowjetunion zu bieten, die gegen vorne stationierte USStreitkräfte, Freunde oder Verbündete der Vereinigten
Staaten oder die Vereinigten Staaten selbst gerichtet
sind.
Das System hat vor allem folgende Aufgaben: Peilung, um Objekte aufzuspüren, zu erfassen, verfolgen
und zu unterscheiden; es fängt bedrohliche Objekte ab
und zerstört sie und erfüllt Aufgaben der Gefechtsführung wie Führung und Kommunikation.
GPALS besteht aus drei eng verbundenen Elementen:
Verteidigung gegen örtlich begrenzte ballistische Raketen mit angeschlossenen weltraumgestützten Sensoren, um US-Streitkräfte im
Ausland sowie Verbündete zu schützen;
etwa 750 bis 1.000 landgestützte Abfangraketen (mit Weltraumsensoren) zum Schutz des
gesamten Territoriums der Vereinigten Staaten
gegen ballistische Raketen längerer Reichweite
und
etwa 1.000 weltraumgestützte kleine Abfangraketen (Brilliant Pebbles) zur weltweiten Abwehr
von ballistischen Raketen mit Reichweiten über
400 Kilometern.
Die Verteidigungselemente von GPALS könnten den
Planern zufolge nach ihrer jeweiligen Fertigstellung
bereits phasenweise stationiert werden und nicht erst,
wenn alle Elemente fertig sind.
Der gegenwärtige Plan sieht im Haushaltsjahr 1993 die
Stationierung einer verbesserten Patriot-Verteidigung
vor, im Haushaltsjahr 1994 soll die Abfangrakete mit
vergrößerter Reichweite (Extended-Range Interceptor - ERINT) stationiert werden, im Haushaltsjahr 1996
die amerikanisch-israelische Abfangrakete Arrow und
bis zum Haushaltsjahr 1996 die Verteidigung in großer
Höhe über dem Gefechtsfeld (THAAD - Theater High
Attitüde Area Defense).
Die Stationierung von Brilliant Pebbles, Brilliant
Eyes (Sensoren) und landgestützten US-Verteidigungselementen könnte noch vor der Jahrtausendwende
beginnen.
Alle GPALS-Abfangraketen würden Gefechtsköpfe
durch ihre Aufschlagkraft zerstören, ohne daß Sprengstoff benutzt oder Atomexplosionen ausgelöst würden.
Eine lOOprozentige Verteidigung der Vereinigten Staaten gegen eine Bandbreite von Bedrohungen würde
sechs landgestützte Abfangorte erfordern, einschließlich Alaska und Hawaii. Eine Verteidigung gegen UBootgestützte ballistische Raketen könnte SDIO zufolge zusätzliche Orte erfordern. Zur Verteidigung gegen
eine große Bandbreite möglicher Bedrohungen wäre
AMERIKA DIENST 32

�die Stationierung von mehreren hundert landgestützten Abfangraketen pro Ort nötig.
Zusammenarbeit der Verbündeten
Die Verbündeten der Vereinigten Staaten haben technische Beiträge zu den Verteidigungsbestrebungen im
Bereich der strategischen ballistischen und Gefechtsfeldraketen geleistet. Durch multinationale Zusammenarbeit können weiterhin technische Fortschritte
erzielt werden.
Als Beweis des bereits bestehenden funktionsfähigen
Programms der Zusammenarbeit haben die Vereinigten Staaten mit Großbritannien, der Bundesrepublik,
Israel, Italien und Japan Regierungsvereinbarungen
zurSDI-Forschung unterzeichnet. Firmen in Ländern,
mit denen keine Regierungsvereinbarungen bestehen, wie Belgien, Kanada, Frankreich, Dänemark und
die Niederlande, haben sich erfolgreich um SDI-Verträge beworben.

und Japan an den Aspekten der örtlich begrenzten
Raketenabwehr im Zusammenhang mit GPALS interessiert sein werden.
Vertreter der Vereinigten Staaten stellen sich vor, daß
GPALS die Sicherheit ihrer Freunde und Verbündeten
verbessern soll und die Regierung deren aktive Mitarbeit anstrebt. Der gegenwärtige Schwerpunkt der
Beteiligung von Verbündeten lag auf der örtlich begrenzten Raketenabwehr, Versuchsträgern, technischen Experimenten und anderen Bereichen gemeinsamen Interesses.
Kosten des Programms
Das gesamte GPALS-System soll über einen Zeitraum von 14 Jahren 46 Milliarden Dollar (zu Preisen
von 1991) kosten:
10 Milliarden für Verteidigung gegen Gefechtsfeldraketen,
11 Milliarden Dollar für Brilliant Pebbles und

Die Vereinigten Staaten erwarten, daß angesichts der
Verbreitung ballistischer Raketen in der dritten Welt
eine Reihe freundlich gesinnter Länder in der NATO

*

AMERIKA DIENST 32

* * *

25 Milliarden für landgestützte Abfangraketen
(einschließlich weltraumgestützter Sensorunterstützung)

*

Seite 3

�GESELLSCHAFT
14. August 1991

ZAHL DER EINPERSONENHAUSHALTE WÄCHST
Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft
von Paul Malamud, USIA

Die Lebensverhältnisse in den Vereinigten Staaten
ändern sich. Die Amerikaner heiraten später, eine
zunehmende Zahl lebt "zwischen" Ehen als Singles
oder heiratet überhaupt nicht und eine erhebliche Zahl
der Senioren lebt gezwungenermaßen allein oder zieht
das Singledasein vor.
Die Experten sind sich über die langfristigen Auswirkungen dieses Trends uneinig, aber es steht fest, daß
er sich heute bereits auf Gesellschaft, Kultur und
Wirtschaft auswirkt - und daß sich diese Auswirkungen
weiter vertiefen werden.
Den Zahlen der letzten Volkszählung zufolge besteht
bereits jeder vierte Haushalt in den Vereinigten Staaten aus nur einer Person. Einigen Schätzungen zufolge könnte dies in einigen großen Städten bereits für45
Prozent der Erwachsenenbevölkerung zutreffen.
Darüber hinaus gilt:
Im Jahr 1989 betrug das geschätzte mittlere
Alter bei der ersten Eheschließung 26,2 Jahre
für Männer und 23,8 Jahre für Frauen. Im Jahr
1970 hatten diese Zahlen noch bei 23,2 Jahren
für Männer und 20,8 Jahren für Frauen gelegen.
Dies ist das höchste mittlere Heiratsalter für
Männer seit 1890 und das höchste jemals für
Frauen ermittelte.
Seit 1970 hat sich der Anteil der Frauen zwischen 25 und 29 Jahren, die noch nicht verheiratet waren, nahezu verdreifacht (von 10,5 auf
29,4 Prozent), während er bei Männern um
mehr als das doppelte anstieg (von 19,1 auf
45,9 Prozent).
AMERIKA DIENST 32

Der Prozentsatz der nie zuvor verheirateten
Personen zwischen 30 und 34 Jahren erhöhte
sich bei Frauen von 6,2 auf 16,9 Prozent und bei
Männern von 9,4 auf 25,8 Prozent.
Der Anteil von Kindern unter 18 Jahren, die in
Familien mit beiden Elternteilen leben, fiel von
85 Prozent im Jahr 1970 auf etwa 73 Prozent im
Jahr 1989. (54 Prozent der schwarzen Kinder
leben mit einem Elternteil, im Vergleich zu 19
Prozent bei den weißen und 30 Prozent bei den
hispanischen Kindern.)
Bei etwa 50 Prozent der Amerikaner wird die
Ehe voraussichtlich mit einer Scheidung enden.
Nach einer Studie des amerikanischen Statistischen Bundesamts wird dies auf das Verhalten
der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen
geburtenstarken Jahrgänge zurückgeführt, deren kulturelle und soziale Lebensweise Veränderungen in den traditionellen amerikanischen
Konventionen bewirkt haben. Etwa drei Viertel
der Geschiedenen heiraten wieder.
"Obwohl das Leben als Single für gewöhnlich Übergangscharakter hat", schreibt Arlene F. Saluter, Statistikerin im Statistischen Bundesamt, "verbringt ein
zunehmender Prozentsatz der Erwachsenen einen
größeren Teil ihres Lebens als Singles. Bei jungen
Männern und Frauen kann heute mit gutem Grund
angenommen werden, daß etwa 10 Prozent nie heiraten werden. Von denen, die heiraten, werden sich
etwa 50 Prozent scheiden lassen, während bei den
verbleibenden Ehen am Ende die Witwenschaft stehen wird." Im Jahr 1986 betrug die durchschnittliche
Seite 1

�Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten für Männer
71,3 Jahre und für Frauen 78,3 Jahre - und die verbesserte medizinische Versorgung könnte dazu führen,
daß mehr alte Menschen alleine leben.

Ehen scheitern wie bei Teenagerehepaaren. Ob sie in
Wohnheimen, mit Freunden, allein leben oder zu ihren
Eltern zurückkehren - all dies fällt unter die Rubrik
Experimente."

Der am häufigsten diskutierte Aspekt des SinglesPhänomens ist die Zunahme relativ wohlhabender
junger Leute, die spät oder niemals heiraten. Der
Soziologe Neil Bennett von der Universität Yale bemerkt, daß "die Menschen heute länger allein leben als
früher. Das gilt insbesondere für Frauen, weil sie
häufiger als bisher berufstätig sind und Hochschulen
besuchen. Daher ist es nur logisch, daß sie ihre Heirat
aufschieben bis sie ihre Ausbildung abgeschlossen
und im Berufsleben Fuß gefaßt haben."

Riche zufolge führt das Singles-Phänomen nicht unbedingt zu dem vielbeschworeren "Geburtenrückgang"
bei der amerikanischen Mittelklasse. "Etwa 50 Prozent der jungen Menschen gehen aufs College", erklärt
Riche. "Frauen warten bis Ende zwanzig oder Anfang
dreißig - aber sie bekommen dann Kinder. Es dauerte
lange, bis sich diese Entwicklung etablierte." Darüber
hinaus bleiben aufgrund der veränderten sozialen
Normen viele junge Frauen freiwillig ledig, auch wenn
sie Kinder bekommen und aufziehen.

Eine umstrittene Untersuchung von Bennett und dem
Wirtschaftswissenschaftler David E. Bloom aus Harvard kommt zu dem Schluß, daß 20 Prozent aller
Frauen über 30 voraussichtlich, noch heiraten werden,
bei den über 40jährigen sind es lediglich 2,6 Prozent.
Wird es das Phänomen der jungen Singles weiterhin
geben? Bennett erklärt, die demographische Entwicklung deute auf einen Stillstand hin. Er fügte jedoch
hinzu, "auch andere Dinge beinflussen diesen Prozeß,
vor allem Einstellungen."

"Was die wirtschaftlichen Auswirkungen betrifft", erläutert Riche, "bedeutet es, daß Einzelpersonen im
Vergleich zu Familien mehr konsumieren. Für Unternehmen und Marketingstrategen heißt das, sie müssen überlegen, wer Zielgruppe ihrer Produkte ist- man
kann nicht mehr für die "Durchschnittshausfrau" planen. Im Gegensatz zu traditionellen Strukturen ergibt
sich jetzt, daß alleinlebende Männer zu einer wichtigen
Verbrauchergruppe werden - obwohl die Auswirkungen noch nicht eindeutig sind."

"In der Hauptsache findet allgemein eine Aufschiebung dessen statt, was die Demographen als Eintritt in
die Welt der Erwachsenen bezeichnen", konstatiert
Martha Farnsworth Riche, Redakteurin der Zeitschrift
American Demographie«. "Meiner Ansicht nach sind
in der heutigen Zeit die 18- bis 24jährigen noch nicht
erwachsen - das Erwachsenenleben beginnt eigentlich nicht vor dem 25. Lebensjahr. Die Menschen
bleiben länger in der Schule. Sogar High SchoolAbbrecher treten erst mit etwa 25 Jahren in das
Erwerbsleben ein." Sie fügt jedoch hinzu: "Sie handeln
nicht etwa unverantwortlich sondern verhalten sich
vernünftig. Weil unsere Gesellschaft immer komplexer wird und es mehr Gelegenheit für Erfolg und
Mißerfolg gibt, verbringen junge Menschen mehr Zeit
mit dem Sammeln von Informationen und mit Experimenten. Das gilt sowohl für Karrieren als auch für
Ehen - und das ist gut so, weil bei Menschen, die mit
Anfang zwanzig heiraten, inzwischen genauso viele

Allein zu leben bedeutet keinen entwurzelten Lebensstil. 1983 kam eine Untersuchung des amerikanischen
Verbands der Immobilienmarkler (National Association of Realtors) zu dem Schluß, daß Singles 25
Prozent aller Käufer stellen, die erstmals ein Haus
erwerben und einen großen Anteil der Käufer, die zum
zweiten oder dritten Mal ein Haus kaufen. 41 Prozent
der alleinlebenden Frauen und 29 Prozent der ledigen
Männer besitzen ein eigenes Haus.

*

Seite 2

Für die steigende Zahl älterer Menschen, die gesund
und finanziell abgesichert genug sind, ist das Alleinleben ebenfalls eine bessere und oftmals wünschenswertere Option. Untersuchungen zeigen, daß etwa 80
Prozent der älteren Mitbürger - die Mehrheit aller
Singles in Amerika - Kinder haben, die nur eine Autostunde entfernt leben. Ein Psychologe erklärt dazu:
"Viele ältere Leute möchte in der Nähe ihrer Familien,
aber dennoch unabhängig leben."

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�GESELLSCHAFT
14. August 1991

NACH DEM SCHMELZTIEGEL
von William A. Henry III
Der nachfolgende Artikel, den wir leicht gekürzt veröffentlichen, erschien erstmalig 1990 im Nachrichtenmagazin
Time . Der Autor ist langjähriger Mitarbeiter dieser Zeitschrift, (c) 1990 The Time Inc. Magazine Company.

In nicht allzu ferner Zukunft - und zweifelsohne sehr
viel früher als den meisten bewußt, die im Jahr 1990
die Formulare für die Volkszählung ausgefüllt haben werden weiße Amerikaner eine Minderheit sein. Lange bevor dieser Tag kommt, wird die Annahme, daß
der "typische" Bürger der Vereinigten Staaten seine
Wurzeln direkt in Europa hat, ein Relikt der Vergangenheit sein. Bis die Schüler an der Kester Elementar/
School in Los Angeles (Kalifornien) die Mitte ihres
Lebens erreicht haben, werden die vielfältigen mit Angehörigen anderer ethnischer Gruppen im Klassenzimmer gemachten Erfahrungen landesweit in den
Wohnvierteln und an Arbeitsplätzen in den Vereinigten
Staaten ihren Niederschlag finden.
Einer von vier Amerikanern bezeichnet sich bereits als
Hispanier oder Nichtweißer. Wenn der derzeitige
Trend bei den Einwanderungs- und Geburtenraten
anhält, wird bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die hispanische Bevölkerung schätzungsweise um weitere
21 Prozent zunehmen, die asiatische um rund 22 Prozent, die schwarze um nahezu 12 Prozent und die
wei ße um nur wenig mehr als 2 Prozent. Bis zum Jahr
2020 wird sich die Zahl der hispanischen oder nichtweißen Einwohner der Vereinigten Staaten mit 115
Millionen mehr als verdoppelt haben, während sich die
wei ße Bevölkerung überhaupt nicht vermehrt. Im Jahr
2056, wenn ein heute Geborener 65 Jahre alt sein wird,
stammt der vom amerikanischen Statistischen Bundesamt als solcher definierte "Durchschnittsamerikaner" aus Afrika, Asien, der hispanischen Welt, den
Pazifischen Inseln, der arabischen Welt - praktisch
jedem Kontinent außer Europa.
Auch wenn es noch Städte oder Enklaven geben wird,
in denen selbst eine schwarze Familie eher etwas
Ungewöhnliches ist, wo englische, irische und deutAMERIKA DIENST 32

sche Nachnamen vorherrschen, wo man noch immer
an fast jeder Straßenecke das traditionelle ...Amerika
vorfindet, wird dies nur ein Relikt einer früheren Nation
sein. Die ehemalige Mehrheit wird als Teil des täglichen Lebens die Bedeutung der auf amerikanischen
Münzen eingravierten lateinischen Worte E pluribus
unum begreifen lernen - Einer von Vielen.
Unter der jüngeren Bevölkerung, die zur Schule geht
und ins Erwerbsleben eintritt, wird sich der Wandel
rascher vollziehen. An einigen Orten ist bereits ein
Amerika nach dem Schmelztiegel entstanden. Im
Staat New York gehören rund 40 Prozent der Schüler
an Grund- und weiterführenden Schulen einer ethnischen Minderheit an. In einem Jahrzehnt wird dieser
Anteil voraussichtlich 50 Prozent betragen. In Kalifornien sind weiße Schüler bereits in der Minderheit.
Hispanier (die sich unabhängig von ihrer Hautfarbe im
allgemeinen von Schwarzen und Weißen unterscheiden) machen 31,4 Prozent der Zugänge an öffentlichen Schulen aus, Schwarze 8,9 Prozent, Asiaten und
andere Nationalitäten 11 Prozent - insgesamt also
51,3 Prozent Nichtweiße. Diese Zahl spiegelt nicht nur
die Flucht der Weißen aus nicht mehr nach Rassen
getrennten Schulen wider. Weiße aller Altersstufen
machen nur 58 Prozent der kalifornischen Bevölkerung aus. In San Jose ist der vietnamesische Nachname Nguyen sehr viel öfter im Telephonbuch zu finden
als Jones (Jones ist einer der am häufigsten vertretenen amerikanischen Nachnamen) - vierzehn Spalten
im Gegensatz zu acht.
Dieser Wandel ist nicht nur auf die Küsten begrenzt.
Rund 12.000 Hmong-Flüchtlinge aus Laos haben sich
in St. Paul (Minnesota) niedergelassen. In einigen
billigen Appartmenthäusern in Atlanta (Georgia), die
praktisch nur von Schwarzen bewohnt waren, müssen
Seite 1

�die Sozialarbeiter heute Spanisch sprechen können.
Im Sesame Hut Restaurant in Houston (Texas) bildet
der aus Korea eingewanderte Besitzer hispanische
Einwanderer in der Zubereitung chinesischer Speisen
für eine vorwiegend schwarze Kundschaft aus. Im
Gebiet von Detroit (Michigan) leben rund 200.000
Menschen aus dem Nahen Osten, ungefähr 1.500
kleine Gemüse- und Gemischtwarenläden werden von
einer Subkultur chaldäischer Christen mit Wurzeln im
Irak geführt. "Einstmals war Amerikaein Mikrokosmos
europäischer Nationalitäten" erläutert der Leiter der
Abteilung für afro-amerikanische Studien an der Temple
University in Philadelphia (Pennsylvania), Molefi Asante. "Heute ist Amerika ein Mikrokosmos der Welt."
Die Geschichte lehrt, daß die Aufrechterhaltung einer
wirklich multirassischen Gesellschaft schwierig oder
zumindest ungewöhnlich ist. Nur einer Handvoll der
großen Mächte der Frühzeit - vor allem dem Ägypten
der Pharaonen oder dem römischen Imperium - ist es
gelungen, eine eindeutige nationale Identität zu bewahren und gleichzeitig eine ethnische Melange zu
vereinigen und von ihr regiert zu werden... Solche
Vergleiche hinken jedoch, weil diese Imperien durch
Eroberungen entstanden und durch eine aggressive
Militärpräsenz aufrechterhalten wurden. Die Vereinigten Staaten wurden vornehmlich durch freiwillige Einwanderer geschaffen und werden nach wie vor durch
sie definiert. In diesem Prozeß liegt eine der großen
Stärken des Landes, die es mit Talent und Energie
versorgt. Die "Bräunung Amerikas" bietet enorme
Möglichkeiten, erneut von den Leistungen vieler
Menschen aus zahlreichen Ländern zu profitieren.
Dieser grundlegende Wandel in der ethnischen Zusammensetzung der Vereinigten Staaten birgt jedoch
auch Risiken. Der amerikanische Charakter ist flexibel
und dürstet nach Veränderungen. Die vergangenen
Perioden rascher Evolution haben allerdings leider
auch die tieferen, erschreckenderen Aspekte der Volksseele aufgedeckt.
Eine wirklich multirassische Gesellschaft wird sich
zweifelsohne als sehr viel schwieriger zu regieren erweisen. Selbst anscheinend nicht durch Rassengegensätze hervorgerufene Konflikte werden durch ethnische Spannungen zunehmend kompliziert. Beispielsweise wird die erwartete Kraftprobe Anfang des
21. Jahrhunderts zwischen der wachsenden Zahl von
Rentnern und der schwindenen Anzahl von Arbeitnehmern, die für die Sozialleistungen der Älteren aufkommen müssen, durch die Tatsache erschwert, daß eine
gro ße Mehrheit der Nutznie ßer wei ß sind, wohingegen
die Mehrheit der Arbeitnehmer, die für sie bezahlen,
Nichtweiße sind.
Während frühere Generationen von Einwanderern der
Überzeugung waren, sie müßten schnell Englisch
lernen um zu überleben, vertreten viele Hispanier die
Auffassung, die spanische Sprache sei untrennbar mit
ihrer ethnischen und kulturellen Identität verbunden
und versuchen, zeitlebens beide Sprachen, wenn nicht
Seite 2

sogar vorwiegend nur Spanisch zu sprechen. Sie
sehen in Gesetzesvorlagen, Englisch zur einzigen
Amtssprache zu machen, die sich in mindestens 16
Staaten durchgesetzt haben, einen politischen Peitschenhieb. [Vergleiche "Americäs Official Language?" in ASN, 22 (September 1990), S. 25-38]. Arturo
Vargas vom Mexican American Legal Defense and
Educational Fund erklärt: "Genau darum ist es bei der
Diskussion um Englisch als ausschlie ßliche Amtssprache gegangen - es war eine Reaktion auf die wachsende Bevölkerung und den zunehmenden Einfluß der
Hispanier. Es liegt in der menschlichen Natur begründet, Veränderungen gegenüber skeptisch zu sein.
Das war der Zweck der Volkszählung - die Veränderungen zu dokumentieren und sicherzustellen, daß
Amerika Schritt hält."
Rassische und ethnische Konflikte sind nach wie vor in
allen Schichten des amerikanischen Lebens eine
häßliche Tatsache, vom Ghetto der Arbeiterklasse bis
hin zum College-Campus, und diejenigen, die nicht
ihre Faust erheben, erheben häufig ihre Stimme zu
Themen wie Gleichstellung und anderen Formen der
Teilung von Macht. Als die aus staatlichen Mitteln
finanzierte Atlantic University in Florida unter Druck
geriet, die niedrige Zahl ihrer schwarzen Studenten zu
erhöhen und das Angebot machte,... jedem qualifizierten schwarzen Erstsemester kostenlose Ausbildung
zu gewähren, wurde die Universität mit Beschwerden
überschüttet, in denen einige protestierten, für "echte"
Amerikaner würde nichts getan. In dem Maße, in dem
die Zahl der Minderheiten ansteigt, intensivieren sich
zwangsläufig ihre Forderungen nach einem Anteil an
nationalen Fördermitteln, während die Weißen unweigerlich noch mehr auf die Barrikaden gehen. Unternehmer fühlen sich häufig hin und her gerissen zwischen Einwanderungsgesetzen, die sie für die Anstellung illegal eingereister Ausländer bestrafen und Antidiskriminierungsgesetzen, die sie mit Geldstrafen
belegen, weil sie von ausländisch aussehenden Arbeitsplatzbewerbern zuviele Ausweispapiere verlangen. Selbst Firmen, die ständig versuchen, das richtige zu tun, können von dem Problem überwältigt
werden, eine vorwiegend weiße Geschäftsführung
schnell genug umzuerziehen, um eine Belegschaft zu
leiten, die zunehmend aus Nichtweißen besteht und
potentiell ablehnend eingestellt ist.
Diese Spannungen beschränken sich auch nicht schlicht
auf den diametralen Gegensatz zwischen weiß und
nichtweiß. Trotz all der... aufrührerischen Rufe nach
gemeinsamen Zielen fühlen sich die Minoritätengruppen häufig außerordentlich wettbewerbsfähig. Hispanische Politiker haben in Chicago (Illinois) Klimmzüge
veranstaltet, um den weißen und schwarzen Fraktionen jeweils dort Unterstützung anzubieten, wo sie sich
den besten Nutzen für ihre Gemeinde versprachen.
Um Dan Solis von der hispanisch orientierten Nachbarschaftshilfeorganisation United Neighborhood zu
zitieren: "Wenn Sie an Macht denken, dann setzen Sie
nicht alles auf eine Karte."
AMERIKA DIENST 32

�Schwarzen, die von sich sagen, daß sie am längsten
gewartet und im Kampf um Gleichberechtigung am
meisten erduldet hätten, wird beim Gedanken, von
Hispaniern oder in einigen Gegenden von Asiaten - der
zahlenmäßig größten und einflußreichsten Minderheit
- verdrängt zu werden, unbehaglich zumute. Das gilt
umso mehr, wenn sie von diesen Gruppen noch bei
Wohlstand und gesellschaftlichem Status ausgestochen werden. Weil Hispanier so zahlreich und Asiaten
eine solch rasch wachsende Gruppe sind, wurden sie
zu den "gefragtesten" Minderheiten, während die
Schwarzen der Meinung sind, daß ihren Bedürfnisse
ein geringerer Stellenwert eingeräumt wird. Mit der
Erweiterung von Gleichstellungsprogrammen auf andere
Gruppen, von denen weiße Frauen vielleicht am stärksten begünstigt werden, haben sie für Schwarze viel
von ihrem Wert verloren.
Politischer Druck hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits tiefgreifende Veränderungen in Schulbüchern hervorgebracht und beginnt, die geisteswissenschaftlichen Lehrpläne solcher Eliteuniversitäten
wie Stanford in Kalifornien zu beeinflussen. Auf der
College-Ebene geht es um die Frage, ob der traditionelle "Fächerkanon" mit Griechisch, Latein und europäisch geprägter Geisteswissenschaft erweitert werden sollte, um auch die Kulturen Afrikas, Asiens und
anderer Erdteile zu berücksichtigen. Viele von früheren Generationen als Klassiker betrachtete Bücher
gelten heute als Werkzeuge eines kulturellen Imperialismus. In seiner extremen Form wird diese Art des
Denkens zu einem aller Werte beraubten Neutralismus, der alle Kulturen unabhängig von Größe oder
Dürftigkeit ihrer Leistungen grundsätzlich gleichstellt.
Noch besorgniserregender ist ein revisionistischer Ansatz
zur Geschichte, demzufolge Gruppen, die in der
Gegenwart an Macht gewonnen haben, die Geschichte neu schreiben, um ein Bild nach ihren Wünschen zu
erhalten. Wenn die Gesellschaft des 18., 19. und
frühen 20. Jahrhunderts nicht so stark von weißen,
christlichen Männern westeuropäischer Herkunft beherrscht hätte sein sollen, so argumentieren sie, dann
sollte die Gesellschaft der Vergangenheit als pluralistisch und demokratisch noch einmal erfunden werden. Alternativ dazu werden Rassismus und Sexismus der Vergangenheit als untrennbar mit traditionellen Lehren und Werten verbunden dargestellt, die
somit auf immer und ewig diskreditiert seien.
Obwohl College-Lehrpläne heftig diskutiert werden,
können Professoren für gewöhnlich die schlimmsten
Verirrungen abwenden oder unterlaufen, und die Studenten sind normalerweise in ihrem Urteilsvermögen
reif genug, um die Argumente abzuwägen. Die Lehrpläne der Grund- und weiterführenden Schulen erreichen jedoch eine wesentlich größere Gruppe in einem
Beeinflussungsversuchen weit zugänglicheren Alter,
und politische Berechnung gewinnt hier häufiger die
Oberhand über intellektuelle Redlichkeit. In New York
kam es zu einer erbitterten Auseinandersetzung, nachAMERIKA DIENST 32

dem eine staatliche Expertengruppe zu dem Schluß
gekommen war, daß "Afro-Amerikaner, Amerikaner
asiatischer Herkunft, Puertoricaner und amerikanische Ureinwohner gemeinsam Opfer einer geistigen
und bildungspolitischen Unterdrückung geworden sind,
die Kultur und Institutionen der Vereinigten Staaten
und der europäisch-amerikanischen Welt seit Jahrhunderten geprägt hat... Negative Charakterisierungen oder das Nichtvorhandensein positiver Bezüge
haben furchtbare Auswirkungen auf die Psyche der
jungen Menschen gehabt." Die Gruppe begründete ihr
Eintreten für überarbeitete Lehrpläne folgendermaßen: "Kinder aus der europäischen Kultur werden als
Angehörige einer Gruppe, die 'an allem schuld war',
eine weniger arrogante Haltung einnehmen." Darüber
sind viele Intellektuelle empört. Der Politologe Andrew
Hacker vom Queens College in New York etwa fällt ein
vernichtendes Urteil über den Vorschlag der Expertengruppe, den Kindern beizubringen, wie "die amerikanischen Ureinwohner die Siedler aus Holland, dem
Senegal, England, Indonesien, Frankreich, dem Kongo, Italien, China und der iberischen Halbinsel hier
willkommen hießen". Hacker: "Haben die Indianer all
diese Gruppen wirklich willkommen gehei ßen ? Waren
sie auf Ellis Island, als die ersten Italiener eintrafen?
Das ist nicht Geschichte sondern ein Mythos mit dem
Ziel, das Selbstwertgefühl bestimmter Kinder zu stärken, und - möglicherweise - eine Plattform für Verfechter verschiedener ethnischer Interessen."
Sosehr wirtschaftliche und politische Fragen die Gemüter
auch in Wallung bringen mögen, sind sie grundsätzlich
doch praktischen Lösungen zugänglich. Die tiefere
Bedeutung der Entwicklung Amerikas zu einer mehrheitlich nichtweißen Gesellschaft liegt jedoch darin,
was dies für die nationale Psyche, für das Gefühl des
einzelnen im Hinblick auf sich selbst und sein Land
bedeutet - seine Einschätzung dessen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Farbige hatten häufig das
Gefühl, daß Weiße die Gleichberechtigung eher als
den Minderheiten gewährtes Almosen denn als unveräußerliches natürliches Recht betrachteten. Diese
herablassende Haltung wird sicherlich verschwinden.
Anstatt die amerikanische Geschichte und ihre Bedeutung als geklärt zu betrachten, werden sich die Bürger
in zunehmendem Maße bemüßigt fühlen, darüber zu
diskutieren, worauf die Erfolge dieses Landes beruhten und welches seine unveränderlichen Credos sind.
Sie werden darüber streiten, welche Mythen und Bilder
im Bildungswesen, in der Volkskultur, in zeremoniellen
Reden von Wahlkämpfen bis zum jährlichen Bericht
des Präsidenten zur Lage der Nation zitiert werden
sollen. Welche Art von Heldentum ist verehrungswürdiger: das mutige Aushalten einiger weniger, nach
Eroberung trachtender Weißer gegenüber den Mexikanern am Alamo oder der anonyme Ausdruck von
Hoffnung durch Millionen von Einwanderern, die über
Ellis Island ins Land strömten? Symbole, die für die
eine Gruppe von tiefer Bedeutung sind, können bei
einer anderen auf völlige Gleichgültigkeit stoßen. Dazu
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�erklärt die Kanzlerin der University of Wisconsin, Donna
Shalala: "Meine Großeltern kamen aus dem Libanon.
Mit den Pilgervätern kann ich mich nicht persönlich
identifizieren."
Christopher Jencks, Soziologieprofessor an der Northwestern University in Illinois, stellt die Frage: "Ist an
Truthähnen und Pilgervätern irgendetwas Wichtigeres
als an Martin Luther King und (dem Marsch auf) Selma,
Alabama? Für mich haben sie den gleichen Stellenwert, wenn Kinder verstehen, was es heißt, einer
Minderheit Andersdenkender anzugehören. Weil uns
der Kampf um die Bürgerrechte zeitlich näher steht,
wird er wahrscheinlich von Personen vermittelt, die
daran wirklich Anteil nehmen."
Die Traditionalisten unterscheiden zunehmend zwischen einer "multirassischen" Gesellschaft, die ihrer
Meinung nach in Ordnung wäre, und einer "multikulturellen" Gesellschaft, die sie mißbilligen. Sie erklären,
jede Gesellschaft benötige ein allgemein anerkanntes
Wertgefüge, und Neuankömmlinge sollten deshalb
gedrängt werden, sich der Mentalität anzupassen, auf
der Wohlstand und Freiheit der Vereinigten Staaten
errichtet worden seien. So stellt Allan Bloom in seinem
Bestseller The Closing of the American Mind fest:
"Offenkundig kann die Zukunft Amerikas nicht gestärkt
werden, wenn die Menschen an ihren eigenen Gebräuchen festhalten und für immer Außenseiter bleiben.
Die Gesellschaft mu ß sie zu Amerikanern machen. Es
gibt natürliche Befürchtungen, daß die Einwanderer
von heute für eine auf westliche Werte gegründete
Nation eine Art kultureller Überdehnung hervorrufen
werden."
Das von Gelehrten wie dem Historiker Thomas Bender
von der New York University vorgetragene Gegenargument lautet, daß man, wenn das Zentrum nicht
standhalten kann, das Zentrum eben neu definieren
muß. Bender zufolge sollte es "das sich ständig
verändernde Ergebnis eines fortwährenden Wettbewerbs zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Ideen
um die Macht zur Definition der öffentlichen Kultur"
sein. Außerdem, so fügt er hinzu, engagieren sich
viele Einwanderer bereits bei ihrer Ankunft für amerikanische Werte, denn teilweise waren es diese Werte,
die sie angezogen haben. Julian Simon, Professor für
Betriebswirtschaft an der University of Maryland, meint
dazu: "Das Leben und die Institutionen hier formen die
Einwanderer und nicht umgekehrt. Dieses Gerede
über Immigranten, die unsere Institutionen und unsere
grundlegende Lebensweise verändern, ist Unsinn. Es
dient einigen Einheimischen dazu, Angst zu schüren."
Von Historikern wurde festgestellt, daß bereits in der
Vergangenheit Amerikaner dachten, ihre historisch
gewachsene Kultur werde von Einwanderern erdrückt,
aber Konflikte zwischen früher eingewanderten Engländern, Deutschen und Iren und später gekommenen

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Italienern und Juden enthielten nicht das offenkundige
und bleibende Element der Hautfarbe. Daneben ist es
nie der Fall gewesen, daß Elemente außerhalb der
Hauptströmung allein durch ihre Zahl die Möglichkeit
für sich in Anspruch nehmen konnten, sich zu vereinen
und politische Dominanz auszuüben. Bender: "Die
wahre Frage lautet, ob unser Begriff von Vielfalt die
Trennungslinie der Hautfarbe überwinden kann."
Für Weiße, besonders diejenigen, die ihre Herkunft bis
auf die frühen Jahre der Vereinigten Staaten zurückführen, ist das amerikanische Erbe eine Quelle des
Stolzes. Für Menschen anderer Hautfarbe wird es
eher ein Gefühl des Zorns und bisweilen der Scham
erzeugen. Der Platz, an dem die Hoffnung geteilt wird,
liegt in der Zukunft. Der Demograph Ben Wattenberg,
vormals als Gegner sozialen Wandels bekannt, räumt
ein: "Es besteht gute Aussicht, daß der amerikanische
Mythos in den neunziger Jahren und danach einen
weiteren Schritt zur Verwirklichung dieser Idee leisten
wird, daß wir eine Gesellschaft universeller Prägung
sind. Das erinnert an die manifest destiny. Wir sind
ein Volk mit einer Mission und Zielbewußtsein, und wir
glauben, daß wir der Welt etwas zu bieten haben."
Nicht jeder ehemalige Prophet des Unheils kann sich
zu solchem Optimismus zwingen. So stellt Norman
Podhoretz, Herausgeber der Zeitschrift Commentary, fest: "Eine Menge Leute versuchen, die Grundlagen der amerikanischen Erfahrung zu unterminieren
und drängen auf eine Balkanisierung der Gesellschaft.
Das wäre meines Erachtens eine Katastrophe, nicht
nur, weil es ein kostbares gesellschaftliches Erbe
zerstören sondern auch, weil es zu enormem Unfrieden, vielleicht sogar zu Gewalt führen würde."
Obwohl sich der "Know-Nothingism" (eine kurzlebige
politische Partei um die Mitte des 19. Jahrhunderts,
deren Mitglieder sich geheim trafen, gegen die Einwanderung sowie die Wahl oder Berufung im Ausland
Geborener protestierten und auf Befragungen zu ihren
politischen Vorstellungen behaupteten, sie wüßten
von nichts,) im allgemeinen auf die trostloseren Winkel
der amerikanischen Psyche beschränkt, scheint es
doch allzu wahrscheinlich, daß eine wachsende Zahl
der politischen Mitte zuzurechnender wei ßer Amerikaner in den nächsten Jahrzehnten offen von der Nation
sprechen werden, die zu verlieren sie im Begriff seien... Weiße Amerikaner sind gewohnt, sich selbst für
das Ebenbild ihrer Nation zu halten. So anregend dies
für den Rest der Welt, so bedeutend es für die Rolle der
Vereinigten Staaten in der Weltpolitik, im Welthandel
und beim Streben nach Frieden sein mag: die Entstehung einer offenkundig multirassischen Gesellschaft
wird für viele Durchschnittsbürger zwangsläufig eine
Erfahrung mit Höhen und Tiefen sein. Älteren Amerikanern, die in einer Welt aufwuchsen, in der die Zahl
der Weißen größer war und die Sichtbarkeit Nichtwei-

AMERIKA DIENST 32

�ßer sorgfältig begrenzt wurde, wird die neue Welt noch zimmern des ganzen Landes zunehmend feststellen:
fremder erscheinen. Aber wie die Kinder der Kester die Welt ist hier. Sie ist es heute, und dies ist
Elementary School und ihre Mitschüler in den Klassen- unwiderruflich das Amerika der Zukunft.

* * * * *

V

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Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. Nationale Sicherheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht zur nationalen Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Raketenabwehr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neuorientierung der Pläne für Raketenabwehrsystem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schutz vor begrenzten Schlägen soll gewährleistet werden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zahl der Einpersonenhaushalte wächst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach dem Schmelztiegel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von William A. Henry III&lt;/em&gt;</text>
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7. August 1991

KSZE

KAMPELMAN: BEHANDLUNG DER
MINDERHEITENPROBLEME VORDRINGLICH
Rede von Botschafter Kampelman
vor Kongreßkommission

GOLFKRISE

UNO NACH WIE VOR UNBEUGSAM
GEGENÜBER IRAK
Interview mit Botschafter Pickering

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG
IN AMERIKA
Umfrage zur Golfkrise

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse in den
Monaten Juni und Juli 1991

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�KSZE
7. August 1991

KAMPELMAN: BEHANDLUNG DER MINDERHEITENPROBLEME VORDRINGLICH
Rede von Botschafter Kampelman vor Kongreßkommission
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der Kongreßkommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
erklärte der Leiter der amerikanischen Delegation bei der bevorstehenden Moskauer Konferenz über die
Menschliche Dimension, Botschafter Kampelman, am 31. Juli 1991 zum Ausmaß, in dem die Vereinigten Staaten
Menschenrechtsbelange in Moskau vorbringen werden: "Ich habe mich in meinem Handlungsspielraum niemals
eingeschränkt gefühlt". Zur Frage der Menschenrechte im allgemeinen fügte er hinzu, er sei bereit, einzelne Fälle
vorzutragen.
In seinen Ausführungen unterschied Kampelman zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Recht
auf Abspaltung. Seiner Ansicht nach sei das Recht auf Sezession "durch die Schlußakte von Helsinki nicht für
unverletzbar erklärt oder legitimiert". Minoritäten, die eine Abspaltung befürworteten, sollten diese "durch
friedliche Verhandlungen" anstreben.
Kampelman kommentierte ferner das kürzlich in Genf beendete KSZE-Treffen zu Minderheiten. Er erwähnte
den dort von den Vereinigten Staaten eingebrachten Vorschlag, dereinen Schlichtungsprozeß der KSZE fordert,
"um die in Europa bestehenden irritierenden und gefährlichen Minderheitenprobleme" zu behandeln. Dieser
Vorschlag habe "breiten Konsens" erzielt und es herrsche das Gefühl vor, er solle auf die "gesamte menschliche
Dimension" ausgeweitet werden, fuhr der Botschafter fort. "Dies ist daher eines der Hauptziele, die unsere
Delegation in Moskau verfolgen wird", fügte er hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kampelman im Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit, Ihnen heute meine
Bilanz des jüngsten KSZE-Treffens zu nationalen
Minderheiten darlegen zu können. Ich bin sicher, Sie
sind über die einzelnen greifbaren Ergebnisse bereits
informiert, da sie in dem einstimmig beim Genfer
Treffen verabschiedeten Schlußbericht enthalten sind.
Sie waren bescheiden, jedoch von entscheidender
Bedeutung. Sie haben auch die von mir bei dem
Treffen abgegebenen Erklärungen sowie die Beiträge
unserer Delegationsmitglieder gesehen.
Bevor ich fortfahre, möchte ich jedoch Ihnen und den
Mitgliedern der Kommission meinen Dank für die
ausgezeichnete Unterstützung aussprechen, die Sie
unserer Delegation gewährt haben, indem Sie uns Ihre
Mitarbeiter als Delegationsmitglieder zur Verfügung
gestellt haben. Ohne sie hätten wir nicht angemessen
arbeiten können. Unter der Anleitung von Samuel
Wise und David Evans haben Ihre hervorragenden
Mitarbeiter unserer Delegation mit Erfahrung, Kennt-

AMERIKA DIENST 31

nis nichtstaatlicher Organisationen, Urteilsvermögen,
Schriftsätzen und Verhandlungsgeschick zur Seite
gestanden.
Das Genfer Treffen war besonderer Art und nicht
vorgesehen, als Ende 1988 in Genf die Entscheidung
getroffen wurde, die KSZE-Fahne zwischen dem Folgetreffen in Wien und dem geplanten Folgetreffen in
Helsinki 1992 hochzuhalten. Dieses besondere Treffen wurde von den Außenministern und Staats- und
Regierungschefs beim Pariser Gipfel im vergangenen
November in Anbetracht der wachsenden Erkenntnis
anberaumt, daß wir mit Abbau der Spannungen zwischen Ost und West einen krassen Anstieg der Spannungen bei Minderheiten beobachten konnten. Dies
wurde mit Beginn unseres Genfer Treffens am 1. Juli
deutlich.
Die in Jugoslawien ausgebrochene Gewalt überschattete unsere Sitzungen, als wir unsere Erörterungen

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�aufnahmen. Die Gefahr, daß die Gewalt über die
jugoslawischen Grenzen ausufern und andere Staaten einbeziehen würde, war real. Zwei im Rahmen der
KSZE-Verfügungen mögliche außerordentliche Sitzungen wurden in die Wege geleitet als wir uns versammelten. Eine davon in Wien, durch die eindeutigen
Anzeichen gerechtfertigt, daß in Jugoslawien ungewöhnliche militärische Aktivitäten stattfanden. Ein
weiteres Treffen wurde in Prag unter den vereinbarten
Bestimmungen für eine friedliche Lösung von Streitfällen zwischen Staaten einberufen. Dies war das Hauptthema unserer Besorgnis und Gespräche während der
ersten Woche. Am Sonntagabend vor Eröffnung unserer
Sitzung traf ich mit Botschafter John Maresca zusammen, der die Vereinigten Staaten sowohl bei den
Pariser als auch bei den Wiener Gesprächen vertritt,
und der nach Genf gekommen war, um mich über die
Ereignisse in Jugoslawien aus seiner Sicht zu unterrichten. Darüber hinaus stellten wir fest, daß eine
Reihe der für unser Treffen in Genf vorgesehenen
Delegationsleiter in Wien und Genf anderweitig beschäftigt waren.
Glücklicherweise erzielten die Delegationen in Genf
einen Konsens, daß es nicht unsere Aufgabe sei, die
spezielle jugoslawische Krise zu behandeln, während
sie andernorts bereits angesprochen wurde. Es lag
jedoch auf der Hand, daß die Spannungen zwischen
Serbien, Kroatien und Slowenien sowie die Probleme
bezüglich Albaniens und des Kosovos die Aufmerksamkeit Europas erforderten und vom KSZE-Prozeß
nicht ignoriert werden konnten. Unsere jetzt von einem
Gefühl der Dringlichkeit geleitete Aufgabe bestand
darin zu sondieren, wie die KSZE gegebenenfalls
europaweite Interessen bei der Beilegung von Spannungen bei Minderheiten vertreten könnte, wo immer
sie ohne Gewalt und im Kontext der Stabilität entstehen.
Die amerikanische Delegation war bei diesem Genfer
Treffen von zwei umfassenden Prinzipien geleitet.
Erstens waren wir an der Erarbeitung eines Konsenses interessiert, daß die KSZE bei der Behandlung
dieser Minderheitenprobleme eine unanfechtbare Rolle
zu spielen hat. Zweitens wollten wir unser Treffen nicht
ohne einen wirklich substantiellen Schlu ßbericht beenden, der nicht nur die Vereinbarungen von Kopenhagen wiederholen sollte.
Als wir nach Genf kamen, vertrat ich die Meinung, daß
es wahrscheinlich keinen Weg gab, mit dem wir die
Vereinbarungen von Kopenhagen signifikant verbessern könnten. Es war nur ein Jahr vergangen, seit
diese außerordentliche Erklärung verabschiedet worden war. Ich hatte vielmehr das Gefühl, unsere
Aufgabe sollte darin bestehen zu erforschen, wie die
Kopenhagener Vereinbarungen verwirklicht wurden
und wie diese Verwirklichung infolge unserer Erörterungen verbessert werden könnte. Es war mir außerordentlich daran gelegen sicherzustellen, daß wir nicht

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versuchen sollten, das in Kopenhagen Niedergelegte
zu wiederholen - aus der Sorge heraus, dies könne die
Vermutung nahelegen, die in Genf nicht wiederholten
Kopenhagener Verfügungen könnten von geringerer
Bedeutung sein. Glücklicherweise wurden unsere
Zielsetzungen von nahezu allen anderen Delegationen geteilt.
Die in Europa bestehenden Spannungen bei Minderheiten wurden in unseren Sitzungen deutlich, aber es
schien kein Wunsch zu bestehen, diese Dispute durch
besondere Betonung in Genf zu verschärfen. Es wird
Sie nicht verwundern, Herr Vorsitzender, daß die
amerikanische Delegation die Unterdrückung im Kosovo in ihre Liste von Anliegen aufnahm, weil wir nicht
der Auffassung sind, die Behandlung ernsthafter Probleme bestehe darin, sie zu ignorieren. Wir verwiesen
ferner auf die andauernde Diskriminierung der Ungarn
in Rumänien. Wir haben einen tiefgreifenden Gedankenaustausch mit Vertretern beider Länder in dem
Bestreben geführt, diesen verständlicherweise bitteren Disput in konstruktive Bahnen zu lenken. Wir
haben die beachtlichen Verbesserungen in Bulgarien
festgestellt, insbesondere im Hinblick auf die Behandlung der türkischen Minderheiten in diesem Land. Wir
haben jedoch auch Privatgespräche über die ernsthafte Kritik geführt, die wir in Bulgarien über die Mängel
der neuen Verfassung vernommen haben. Darüber
hinaus wurden die Probleme zwischen Griechenland,
der Türkei und Zypern bei unserem Treffen festgehalten, obwohl unsere Delegation sie nicht behandelt hat,
weil offensichtlich in anderen Foren ernsthafte Bemühungen zur Bewältigung dieses Problems im Gange
sind.
Sie sind sich zweifelsohne bewußt, daß die Vereinigten Staaten in ihrer Eröffnungs- und Schlußerklärung
den Wunsch der baltischen Staaten nach Unabhängigkeit unterstützt und der Hoffnung Ausdruck verliehen
haben, daß Estland, Lettland und Litauen in nicht allzu
ferner Zukunft Vollmitglieder der KSZE werden. Darüber hinaus schloß sich unsere Delegation der Initiative der schwedischen Delegation an, die den Vorsitz
einer Gruppe "Freunde des Baltikums" übernommen
hat. Wir sind mit den baltischen Vertretern zusammengetroffen, haben sie unterrichtet und versucht, ihnen
bei ihren Bestrebungen behilflich zu sein, das Bewußtsein der Delegationsmitglieder für ihre Belange zu
schärfen.
Zwei unserer Tagesordnungspunkte zur Überprüfung
der Durchführung und auf nationaler Ebene gesammelte Erfahrungen könnten für das Treffen bei der
Behandlung von Minderheitenfragen hilfreich sein. Wir
haben natürlich in beiden Bereichen umfassend mitgearbeitet. Wir mußten einige Überredungskünste aufbieten, um eine Reihe unserer Verbündeten dazu zu
veranlassen, mit uns gemeinsam den Tagesordnungspunkt Durchführung zu behandeln. Einige taten es.
Andere entschieden sich dafür, ihre Kommentare zur

AMERIKA DIENST 31

�Durchführung in den Kontext ihrer auf nationaler Ebene
gesammelten Erfahrungen zu stellen. Ich möchte in
diesem Zusammenhang anmerken, daß ich vom
Ausmaß der geäußerten Selbstkritik positiv beeindruckt war. Wir haben ferner sehr viel darüber erfahren, was von einzelnen Ländern getan wird, um die
Chancen und demokratischen Rechte ihrer Minderheiten auszubauen. Wir haben zu diesem Lernprozeß
erheblich beigetragen, indem wir unsere eigene Bürgerrechtsbilanz und unsere Bemühungen in diesem
Bereich sowie unsere Minderheitenprobleme erörterten und ausführliche Erklärungen zu unseren rechtlichen Traditionen und Praktiken in diesem Bereich einschließlich unserer Gesetze über Verbrechen aus
Haß - abgaben.
Ich bin mir der Tatsache bewußt, daß die Kommission
bei anderen Gelegenheiten ihren Wunsch zum Ausdruck gebracht hat, den Begriff "nationale Minderheit"
zu definieren. Das ist nicht geschehen. In der Tat
drangen zahlreiche Delegationen ausdrücklich darauf,
dies nicht zu tun, weil es sich als ein Ding der Unmöglichkeit erweisen könnte. Ein ranghoher Diplomat wies
mich zum Beispiel darauf hin, daß die Vereinten Nationen in all den Jahren ihres Bestehens außerstande
waren, eine solche Definition zu erarbeiten.
Dies ist ein wichtiges Thema. Seine Bedeutung wurde
mir in Kopenhagen bewußt, als einer meiner europäischen Kollegen nach einer intensiven Verhandlungsrunde mit einer Reihe unserer Verbündeten und Freunde darauf hinwies, daß die meisten europäischen
Länder im Gegensatz zu uns in den Vereinigten Staaten eine solch umfassende Definition von Minderheiten einfach nicht kennen - und genau dies sei die
Wurzel einiger unserer Meinungsverschiedenheiten
darüber, wie wir dieses Problem angehen sollten. Er
gab zu verstehen, für die meisten europäischen Staaten müsse eine besonders geschützte Minderheit
einheimisch und tief in der jeweiligen Gesellschaft
verwurzelt sein. Neueinwanderer kämen ihm zufolge
in ihre neue Heimat in dem vollen Bewußtsein, daß sie
in ein Land einwanderten, dessen Kultur und Sprache
sich von ihrer unterscheiden. Sie reisten aus freien
Stücken dorthin und hätten deshalb die Pflicht, die
Kultur der Mehrheit anzunehmen ohne der betreffenden Gesellschaft eine zusätzliche Last aufzuerlegen.
Wir in den Vereinigten Staaten gehen natürlich über
den einheimischen Indianer und die in unserer Gesellschaft lebenden einheimischen Schwarzen hinaus und
bieten auch den Neueinwanderern unseren gesetzlichen Schutz.
Wir haben alles in unserer Macht Stehende unternommen, um die amerikanische Position zur Frage der
Minderheiten zu erläutern. Für uns ist der gemeinsame Nenner das Individuum, dessen Menschenrechte
es zu schützen gilt. Wir gingen davon aus, daß die
europäischen Staaten in dem Maße, in dem sie den
Erfordernissen des Kopenhagener Dokuments gerecht werden, die Rechte des einzelnen schützten;
AMERIKA DIENST 31

daß ihre Gesellschaften auf politischer Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit und politischem Pluralismus gründeten. Per definitionem käme die unvermeidliche
Folge dieses Geflechts aus Recht und Politik allen
zugute, unabhängig von den Gruppen, denen sie
angehörten. Wenn also einer Einzelperson zum Beispiel das Recht gewährt würde, jede von ihr gewünschte Sprache zu sprechen und sich frei mit Gleichgesinnten unabhängig vom politischen, wirtschaftlichen, religiösen oder sozialen Zweck zu versammeln, so wäre
es nicht erforderlich oder gar wüschenswert, besondere Gruppenrechte gesetzlich festzuschreiben. Dieses
Konzept wird bei künftigen KSZE-Treffen erneut vorgetragen werden, da eine Reihe europäischer Staaten
diesen Ansatz zu Rechten und Gemeinschaften nicht
als selbstverständlich annimmt oder versteht.
Ich möchte nun kurz auf das Schlußdokument eingehen, das ich als "bescheiden" bezeichnet habe. Wir
sind über Kopenhagen hinausgegangen, indem wir die
erforderlichen Mittel zur Verwirklichung der Kopenhagener Prinzipien identifiziert haben. Wir haben vierzehn alternative Möglichkeiten aufgelistet, die in verschiedenen Staaten ausprobiert wurden, um den Opfern
von Diskriminierung Abhilfe zu bieten.
Wir haben die Kopenhagener Anliegen im Hinblick auf
Haß erweitert, und zwar auf eine Art und Weise, die mit
unserer Verfassung in Einklang steht. Wir haben den
Gedanken akzeptiert, daß Akte, die eine Anstachelung
zur Gewalt darstellen, verboten werden sollten. Wir
haben die Versammlung femer über unser Gesetz zur
Statistik für Haßverbrechen von 1990 informiert und
stießen auf Zustimmung, daß auch in anderen Staaten
eine Schärfung des öffentlichen Bewußtseins für Vorurteile und Haß durch die Veröffentlichung solcher
Statistiken erforderlich ist.
Wir haben ausführlich über verschiedene Arten grenzüberschreitender Zusammenarbeit gesprochen, die
wünschenswert seien, um einen freien Informationsfluß zu gewährleisten. Wir stellten fest, daß es selbst
bei voller Wahrung von Minderheitenrechten erforderlich sei abzuschätzen, daß auch innerhalb von hauptsächlich von einer Minderheit besiedelten Gebieten
Angehörige anderer Minderheiten sowie der Bevölkerungsmehrheit leben könnten, die ebenfalls ein Recht
auf Schutz haben. Wir betonten den Wunsch, lokale
Probleme mit einer Zentralregierung auf ein Mindestmaß zu beschränken, indem die örtlichen Vertreter
gewählt und nicht von der Zentralregierung ernannt
werden. Darüber hinaus befürworteten wir die Anwesenheit von Beobachtern bei Wahlen unterhalb der
nationalen Ebene.
Ich möchte hier noch ein Wort zu den Zigeunern
sagen. Vor wenigen Monaten suchte mich ein Vertreter der europäischen Zigeuner hier in Washington auf.
Ich versicherte ihm, wir würden einen Weg finden, um
das Bewußtsein für ihre Notlage in Europa zu schärfen. Das Kopenhagener Dokument enthielt zum er-

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�sten Mal eine Anerkennung dieses Problems. Ich
habe ihn darüber hinaus jedoch aufgefordert, im Plenum erzieherisch zu wirken. Ich freue mich sagen zu
können, daß solche Bemühungen wirklich stattfanden
und sich als wirksam erwiesen. Eine Reihe von
Delegationen erwähnten die Notlage der Zigeuner in
den von ihnen vertretenen Staaten. Viele nahmen an
den von Zigeunern organisierten Veranstaltungen teil,
die dazu dienten, das Bewu ßtsein zu schärfen und das
Wissen über ihre Kultur und Schwierigkeiten zu vergrößern.
Es gibt zwei wichtige Probleme von möglicherweise
großer Bedeutung für die Zukunft, die ich nun kurz
ansprechen möchte. Das erste betrifft die ganze
Frage der "Selbstbestimmung der Völker". Dieses
Konzept wird heute allgemein anerkannt, aber es
besteht überhaupt keine Übereinstimmung darüber,
was es bedeutet, und es ist für sich gesehen zweifellos
von begrenztem Nutzen. Es gibt keine Definition
davon, was unter "Völkern" zu verstehen ist und keine
Klarheit über die Grenzen des von diesen Völkern
bewohnten geographischen Gebiets.
Eine der Hauptschwierigkeiten besteht meines Erachtens in der Tatsache, daß das Recht auf Selbstbestimmung in den Köpfen vieler Menschen - darunter auch
vieler Staatsoberhäupter - mit dem Recht auf Sezession verwechselt wurde. Das ist nicht dasselbe. Es
handelt sich um unterschiedliche Rechte, und das
Recht auf Sezession wird meines Erachtens durch die
Schlußakte von Helsinki nicht für unverletzlich erklärt
oder legitimiert. Ein Land kann in seiner Verfassung
oder seinen Gesetzen das Rechtauf Sezession verankern, und das ist in Ordnung. Andere Länder können
das Recht auf Sezession verweigern, und auch das ist
der Schlußakte von Helsinki zufolge in Ordnung. Wir
wollten die Achtung des einzelnen: Rechte, unabhängig von der Zugehörigkeit des einzelnen zu Mehrheit
oder Minderheit. Wir wollen, daß Mitglieder von Minderheiten - wenn sie dies wünschen - die Möglichkeit
haben, sich friedlich zu versammeln und politisch,
wirtschaftlich oder gesellschaftlich zu wirken, wie sie
möchten, ihre Muttersprache zu sprechen, wenn sie
möchten, ihre Kinder mit ihrer traditionellen Kultur
vertraut zu machen, wenn sie möchten. Aber wenn sie
sich abspalten möchten, so ist dies meiner Meinung
nach kein Recht, das sie gemäß der Schlußakte von
Helsinki geltend machen können. Dies ist ein Ziel, das
sie durch friedliche Verhandlungen anstreben sollten.

*

Seite 4

*

Herr Vorsitzender, diese theoretische Unterscheidung
hat einen praktischen Zweck. Aber, so möchte ich
gleich hinzufügen, sie ist nicht auf das Verhältnis der
baltischen Staaten zur Sowjetunion anwendbar. Wir
und viele andere Staaten haben den Akt sowjetischer
Aggression niemals anerkannt oder legitimiert, der zur
Eroberung dieser Staaten durch die Streitkräfte der
Sowjetunion führte. Ihre Forderung nach Unabhängigkeit ist keine Forderung nach Selbstbestimmung. Es
ist die Forderung nach Wiedererlangung der Freiheit,
die ihnen durch Akte bewaffneter Aggression geraubt
wurde.
Meine letzte Bemerkung bezieht sich darauf, was die
Geschichte einst als wichtigste Entwicklung von Genf
einstufen mag. Die Vereinigten Staaten unterbreiteten
einen formlosen Vorschlag zur Schaffung eines Schlichtungsverfahrens der KSZE, um die in Europa bestehenden irritierenden und gefährlichen Minderheitenprobleme zu behandeln. Uns allen schien offenkundig,
daß der Ansatz in Genf auf breite Unterstützung stieß.
Tatsächlich herrschte die starke Überzeugung, daß
das von uns geforderte Schlichtungsverfahren für die
gesamte menschliche Dimension und nicht nur für
Minderheitenprobleme gelten solle. Dies ist deshalb
eines der Hauptziele, die unsere Delegation in Moskau
verfolgen wird. In der bis zum Moskauer Treffen
verbleibenden Zeit beabsichtigen wir, andere Staaten
zu konsultieren und unsere Gedanken neu zu definieren.
Zum Abschluß, Herr Vorsitzender, möchte ich erklären, daß ich die von Ihren Mitarbeitern angefertigte
Zusammenfassung unseres Treffens gelesen habe
und es nicht für notwendig halte, die Substanz dieses
Berichts heute nachmittag noch einmal zu wiederholen. Es trifft zu, daß die Vereinigten Staaten eine
wichtige Rolle dabei gespielt haben sicherzustellen,
daß ein konstruktives Schlußdokument bei diesem
Treffen erstellt wurde. Ohne diese Bemühungen wäre
es wahrscheinlich nicht zu einem solchen Dokument
gekommen. Wir freuen uns, daß wir in diesem Maß
dazu beitragen konnten.
Schließlich möchte ich Ihnen nochmals meinen Dank
aussprechen für das Entgegenkommen, das Sie mir
erwiesen haben und für die wirklich besondere Zusammenarbeit, die ich stets von Ihnen und den Mitarbeitern
der Kommission erfahren durfte.

*

*

AMERIKA DIENST 31

�GOLFKRISE
7. August 1991

UNO NACH WIE VOR UNBEUGSAM GEGENÜBER IRAK
Interview mit Botschafter Pickering
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der "Schock und die Abscheu" gegenüber Saddam Husseins Invasion und
Besetzung Kuwaits sowie seiner Mißachtung der UN-Resolutionen trugen dazu bei, die internationale Koalition
zu schmieden, die sich zusammenfand, um Iraks Aggression Einhalt zu gebieten, erklärte der amerikanische
Botschafter Thomas Pickering in einem Interview mit dem US-Informationsamt USIA am 2. August 1991
anläßlich des Jahrestages der irakischen Invasion in Kuwait.
Obwohl zahlreichen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und der blockfreien Länder der Einsatz von Gewalt zur
Vertreibung der irakischen Truppen aus Kuwait zunächst unbehaglich war, erleichterte Saddam Husseins
Reaktion auf die Resolutionen des Sicherheitsrats Botschafter Pickering zufolge das Vorgehen des Rats.
"Auf lange Sicht war unsere Richtschnur, daß wir uns in der Sicherheitsstruktur nach dem kalten Krieg mit einer
riesigen Kluft konfrontiert sehen würden, die nirgendwo überbrückt werden kann, wenn die Bestrebungen des
Rats scheitern", erklärte Pickering.
Ein Jahr nach der Besetzung Kuwaits zog Botschafter Pickering Bilanz über die Entscheidungen des Sicherheitsrats und betonte, der Rat sei nach wie vor "der Verwirklichung seiner Resolutionen stark verpflichtet".
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Botschafter Pickering in wesentlichen Auszügen.

Frage: Könnten Sie rückblickend erklären, wie und
warum es der gegen Saddam Hussein gebildeten
internationalen Koalitionsstreitmacht möglich war, sich
so schnell zu formieren?
Antwort: Das Bemerkenswerteste war, daß die Koaliton
sich praktisch von Anfang an aufgrund des Schocks
und der echten Abscheu gegenüber Saddam Husseins Vorgehen selbst gebildet hat. Es war in der Tat
die Art seiner Aggression und sein Verhalten gegenüber dem Rat - oder in den meisten Fällen seine
Mißachtung des Rats - die dazu beitrugen, die Menschen in der absoluten Notwendigkeit zusammenzuführen, der Aggression durch Aktionen im Sicherheitsrat zu begegnen. Der erste Gedanke waren Sanktionen. Sie wurden unverzüglich durchgeführt und dann
in jedem Stadium verstärkt, in dem Saddam - wie ich
sagte - den Rat zu mi ßachten schien, dessen Maßnahmen zu ignorieren versuchte und Drohgebärden machte.
In der Tat wurde das außerordentlich hohe Maß an
Konsens über den Einsatz von Gewalt - Resolution
678 - erzielt, weil Präsident Bush und Außenminister
Baker beide der Überzeugung waren, es sei eine
absolut notwendige Maßnahme, die von jedem rational denkendem Menschen, der sich mit der Angelegenheit befaßte, als weiterer Schritt abgesehen von
AMERIKA DIENST 31

einem Krieg angesehen würde. Ihr enormes persönliches Engagement in dieser besonderen Phase bewirkte einen ungeheuren Wandel bei der Konsensbildung . Da die Entscheidung, einen Krieg zu führen oder
ihn zu genehmigen von den Staats- und Regierungschefs selbst getroffen wird, erfordert es diplomatisches Geschick des Präsidenten und des Außenministers, um den Zusammenhalt des Rats zu bewahren
und auf den nächsten Schritt vorzubereiten.
Meines Erachtens war den Ratsmitgliedern der Gedanke nicht ganz behaglich, daß der Rat seine Entscheidungen nicht durchsetzen konnte und dies zum
Einsatz von Gewalt führen würde. Sie konnten jedoch
ruhigen Gewissens dem Gedanken zustimmen, daß
wir eine Entscheidung zugunsten des Einsatzes von
Gewalt treffen, eine Pause des guten Willens einlegen,
Diplomatie zur Lösung des Problems anwenden sollten, und dann - wenn alle anderen Bemühungen
scheiterten - lautete das oberste Gebot, daß das
Prinzip der internationalen kollektiven Sicherheit gegebenenfalls unter Einsatz von Gewalt verteidigt würde.
Frage: Sie deuteten Überraschung über Saddam
Husseins Mißachtung des Rats an und erklärten, dies
habe sich im Nachhinein als hilfreich erwiesen. Könnten Sie das etwas erläutern?

Seite 1

�Antwort: Es war Saddams Reaktion auf die Ratsentscheidungen, die es erleichterten, die Geschlossenheit im Rat zu kräftigen und von einem schwierigen
Schritt zum nächsten zu gehen. Das war die Überraschung. Wenn jemand zu Anfang gesagt hätte, der
Rat bliebe unbeugsam und würde diesen gesamten
Prozeß so durchlaufen, wie er im Jahr 1945 vorgesehen worden war, hätte ich gesagt, die Chancen sind
ziemlich gering.
Aber als der Prozeß voranschritt, gewannen wir alle
meines Erachtens mehr Zuversicht, daß der Rat zusammenhalten würde und das Faszinierende an der
Sache war, daß es zu allen Resolutionen 12 oder 13
Ja-Stimmen gab. Der andere interessante Aspekt ist,
daß der Rat weiterhin der Verwirklichung seiner Resolutionen stark verpflichtet ist.
Frage: Schien die Stimmung der Ratsmitglieder zu
schwanken - vielleicht unbeugsamer gegenüber Saddam Husseins offensichtlicher Kompromißlosigkeit als Sie sich zusammensetzten, um Saddams Aggression zu stoppen?
Antwort: Auf lange Sicht war unsere Richtschnur,
daß wir uns in der Sicherheitsstruktur nach dem kalten
Krieg mit einer riesigen Kluft konfrontiert sehen würden, die nirgendwo überbrückt werden kann, wenn die
Bestrebungen des Rats scheitern.
Wenn wir Erfolg haben würden, hätten wir einen ernsthaften Fortschritt im Geiste und in der Tat im Wortlaut
der UN-Charta bei der Schaffung eines Systems der
internationalen kollektiven Sicherheit erzielt, eines
Systems, das zum Einsatz von Gewalt zur Bekämpfung eindeutiger und offenkundiger Aggression bereit
ist, wenn es für die internationale Staatengemeinschaft absolut notwendig ist.
Frage: Als Sie die Resolutionen gegen den Irak
verabschiedeten, konnten Sie sich da an Präzedenzfällen orientieren oder haben Sie generell Neuland
beschritten?
Antwort: In jeder Phase gab es herkömmliche Elemente und bahnbrechende Elemente mit Auswirkungen auf die Zukunft, bis zur letzten umfangreichen
Resolution 687 - die an sich schon einzigartig ist, weil
der Sicherheitsrat erstmals Stellung zu den Schritten
nach dem Konflikt beziehen mußte, um eine solidere
Grundlage für regionale Sicherheit zu schaffen.
Zum Beispiel waren die ersten Sätze der Resolution
660 von gesundem Menschenverstand geleitet. Die
Resolutionen über Sanktionen basierten auf entsprechenden früheren Resolutionen, zum Beispiel auf denen,
die sich mit der Rhodesien-Frage und anderen Problemen beschäftigten.
Was die Resolutionen über eine Verschärfung der
Sanktionen betrifft, so hatte die Resolution über den

Seite 2

Einsatz der Marine zumindest in etwa einen Vorläufer
in einer Maßnahme bei der Rhodesienkrise. Bei der
Resolution über den Einsatz von Gewalt mußte man
natürlich nur einem Vorbild folgen: was 1950 in Korea
getan worden war. Es war nicht ganz dasselbe, weil
man neue und andere Gegebenheiten in Betracht
ziehen mußte.
Aber der Rat mußte im Hinblick auf Resolution 687
tatsächlich Neuland beschreiten, weil er sich der Notwendigkeit gegenübersah, eine ganze Bandbreite von
Problemen nach dem Konflikt zu lösen. Wie Sie
wissen, befaßte er sich unter anderem mit dem Problem eines Schadenersatzfonds, den Grenzen und
einer Sonderkommission für Inspektionen. Dies alles
bringt neue Probleme mit sich, mit Ausnahme der
Beobachtermission, die an der Grenze zur entmilitarisierten Zone patrouilliert.
Frage: Waren Sie überrascht über die in Saddam
Husseins Arsenal entdeckten Waffen und darüber, wie
schnell die Koalitionsstreitkräfte die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieben haben?
Antwort: Wir waren uns alle darüber im klaren, daß er
ungeheure Geldsummen und viel Zeit in die Programme der Massenvernichtungswaffen und auch der
konventionellen Waffen gesteckt hatte. Aber meiner
Ansicht nach waren wir trotzdem angenehm überrascht - auch wenn manches nicht eindeutig klar war
und wir auf Vermutungen angewiesen waren - daß sein
Militär tatsächlich nach einem viertägigen Landkrieg
zusammenbrach.
Ich denke, der alliierten militärischen Führung und
allen Boden-, Luft- und Seestreitkräften gebührt Dank
dafür, daß wir diese Ziele so schnell erreicht haben.
Dieser ganze Prozeß bietet viele kleine und große
Überraschungen. Es gab Hinweise, daß er über ein
umfangreiches C-Waffenprogramm verfügte, aber
trotzdem haben uns die Details und präzisen Zahlen
erst vor Augen geführt, daß dieser Mensch unglaublich
viel Geld ausgab und Aufwand trieb, um eine große
Militärmaschinerie aufzubauen. Seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten könnten ihn veranlaßt haben,
einen weiteren Eroberungsfeldzug zu führen. Der Irak
befand sich in einer Art Teufelskreis, der wohl eine
Zeitlang unterschätzt worden ist.
Nach seiner Invasion Kuwaits konnte man ihn kaum
noch unterschätzen. Vorher war es leichter zu unterschätzen, wer und wie er war und was er vorhatte.
Frage: Der Sicherheitsrat hat bis jetzt die Gratwanderung zwischen Festigkeit gegenüber Saddam Hussein
und Mitgefühl und Verständnis für die Leiden der
kurdischen Flüchtlinge und andere Zivilisten in der
Region bewältigt. Glauben Sie, daß dies dem Sicherheitsrat in den kommenden Monaten weiterhin gelingen wird?

AMERIKA DIENST 31

�Antwort: Das glaube ich schon. Es war die auch vom
Präsidenten geäu ßerte Grundlage unserer Politik, daß
die Vereinigten Staaten ein starkes humanitäres Interesse am Wohlergehen des irakischen Volkes haben,
und wir nehmen unsere Verpflichtung in dieser Hinsicht sehr ernst. Wir sind bestrebt, alles in unserer
Macht Stehende zu tun, um es aus seiner besonderen
Zwangslage zu erlösen, obwohl seine Führung in
unseren Augen verwerflich handelt.
Jüngste Meinungen hier in New York und andernorts
gehen dahin, daß im Hinblick auf die humanitären
Probleme nicht die internationale Staatengemeinschaft
die Rechnung zahlen soll, sondern der Irak. Aber der
Irak sollte es auf eine Weise tun, bei der die gegen
Saddam Hussein und seine Partei getroffenen Regelungen nicht gefährdet werden. Es scheint, daß
Möglichkeiten dazu jetzt von den Ratsmitgliedern
vorgeschlagen und vorsichtig erwogen werden, und
meiner Ansicht nach ist dies eine wichtige und nützliche Entwicklung.
Daher sprechen wir nicht mehr über die Aufhebung von
Sanktionen sondern darüber, daß der Irak für die
humanitäre Hilfe direkt zahlen soll - möglicherweise
durch Öllieferungen - und die Sanktionen gegen Saddam und sein Gefolge in Kraft bleiben. Sie sollen
isoliert bleiben und sich keine Vorteile verschaffen
können.
Ich habe dem Kongreß vorgetragen, daß ein solches
Vorgehen den Vereinten Nationen zwei wichtige Rollen verschaffen würde, die den Druck aufrechterhalten
und vielleicht sogar noch verstärken würden. Die
Vereinigten Staaten würden die Erlöse aus dem Verkauf von Öl kontrollieren. Die Vereinten Nationen
könnten bei der Überwachung der Verteilung von
Nahrungsmitteln und Medikamenten im Irak strenger
und sorgfältiger vorgehen, um zu gewährleisten, daß
Saddam nicht mehr - wie in der Vergangenheit geschehen - Mittel nur für seine Parteilieblinge, seine Freunde
im Militär und die Leute abzweigt, die ihm in seiner
Heimatstadt und deren Umgebung grundlegende
Unterstützung gewährt haben.
Frage: Glauben Sie, daß diese Ereignisse am Golf
positive Veränderungen im Hinblick auf den Vertrag
über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, das Verifizierungsregime und die Einhaltung des Vertrags über
C- und B-Waffen hervorbringen wird?
Antwort: Davon gehe ich aus. Meines Erachtens
haben wir gelernt, daß kurzfristig anberaumte Verdachtsinspektionen als Bestandteil eines Rüstungskontrollregimes teilweise die Fähigkeit liefern, Betrugsmanöver aufzudecken und ans Licht zu bringen.
Es gab sicherlich kein vollständig vereinbartes Regime, und es ist klar, daß der Irak seine Sicherheitsarrangements laut Nichtverbreitungsvertrag ständig
gebrochen hat. Ebenso waren die irakische Behandlung der Inspektionen sowie die Art und Weise, in der
die Iraker mit den Inspektionen umgegangen sind
AMERIKA DIENST 31

unserer Ansicht nach eindeutige Verletzungen der
Resolution 687 und ihrer Verfügungen.
Dies scheint seitens des Irak chronisch zu sein. Bisweilen scheinen die Iraker einerseits bis zu einem
gewissen Punkt weitere Informationen zu liefern. Das
ist wie bei einem Kriminellen, der hofft, daß er die von
ihm begangenen schwerwiegenden Verbrechen verschweigen kann, wenn er ein Geständnis über die
weniger bedeutenden ablegt. Aber wie bei jedem
Kriminellen, der sich vor Gericht oder in den Händen
der Polizei befindet, ist es offensichtlich, daß diese
Leute versuchen werden, den ganzen Fall zu lösen.
Über die IAEO und die Sonderkomission bemühen
sich die Vereinten Nationen derzeit intensiv, dies zu
tun.
Frage: Im Hinblick auf die irakische Weigerung,
umfassend mit den Inspektionsteams zusammenzuarbeiten, die sich um die Überprüfung der atomaren,
chemischen und biologischen Waffen des Irak bemühen, können Sie unter den Sicherheitsratsmitgliedern
eine Tendenz feststellen, derzufolge das Verifizierungsregime der IAEO gestärkt oder erneut untersucht
werden soll?
Antwort: Dr. Hans Blix, der Generaldirektor der IAEO,
hat selbst von möglichen Wegen zur Stärkung des
Regimes gesprochen, und er selbst wei ß sehr wohl um
den Wert einiger der Inspektionsverfahren, die in
Resolution 687 ausgeführt sind. Ich bin deshalb sicher, daß man sich sehr sorgfältig mit diesem Teil
beschäftigen wird.
Eines ist dabei zutage getreten, nämlich die Tatsache,
daß ein Land mit einer relativ modernen industriellen
Struktur, mit Entschlossenheit und dem notwendigen
Ausbildungsstand keiner großartigen Hilfe von außen
bedarf, um mit der Entwicklung eines Nuklearprogramms zu beginnen. Sicherlich schienen die vom
Irakin Angriff genommenen Verfahren zurelektromagnetischen Trennung von Isotopen in diese Kategorie
zu fallen.
Man kann daher nicht alle Kontrollen zur Nichtverbreitung einzig auf dem Gedanken aufbauen, daß nur
importiertes Material oder importierte Technologien
oder Aktivitäten zu kontrollieren sind. Es müssen
vielmehr durchgreifende Maßnahmen getroffen werden, um sicherzustellen, daß die einzelnen Staaten
ihre Verpflichtungen auch bei national produziertem
Material erfüllen. Das ist eine schwierigere Frage,
wenn nicht irgendeiner Organisation das Recht eingeräumt wird, Inspektionen durchzuführen, insbesondere dort, wo einzelne Staaten dies nicht melden und wo
die Überwachung des internationalen Handels nicht
zur Entdeckung dieser Materialien führt.
Frage: Glauben Sie, daß die Effektivität der Vereinten
Nationen bei der Lösung der Golfkrise andere Nationen dazu veranlaßt hat, die UNO um Hilfe bei der
Lösung ihrer Probleme zu bitten?
Seite 3

�Antwort: Das ist möglich. Man sollte in diesem
Zusammenhang zwei Punkte erwähnen. Der eine ist,
daß der Wandel in den Vereinten Nationen bereits vor
einiger Zeit eingesetzt hat und bereits einige Zeit
anhält, und dies war unterschwellig eine Grundlage für
die folgende Entwicklung. So ergab sich die Regelung
für Angola aus der Lösung für Namibia. Es dauerte
zehn Jahre, um die Regelung für Namibia zu erreichen.
Die UNO spielte in den vergangenen zwei Jahren eine
wichtige Rolle bei ihrer Verwirklichung.
Bei der weiteren Entwicklung dieser Prozesse spielt
jedoch meines Erachtens zunehmend das durch den
Golf krieg geschärfte Bewußtsein der Öffentlichkeit

*

Seite 4

*

und der politisch Verantwortlichen in der Welt sowie
das enorme weltweite Interesse daran und die Berichterstattung der Medien über den Golfkrieg eine Rolle.
Dies hat die Möglichkeiten der UNO zur Erfüllung einer
effektiveren Rolle in all diesen Bereichen in den Augen
der Menschen erhöht, die sich zu diesem Zweck an sie
wenden oder auf sie stützen könnten.
Es handelt sich um eine Symbiose. Es hängt zusammen. Es war nicht der Golfkrieg, der die UNO verändert hat. Vielmehr vollzog sich in der UNO gerade ein
Wandel, als der Golfkrieg ausbrach. Die UNO und die
Veränderungen und der Golf krieg waren Teil gemeinsamer Bemühungen.

* *

AMERIKA DIENST 31

�GOLFKRISE
7. August 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfrage zur Golfkrise
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einige in Amerika aktuelle Problembereiche zur Golf krise
und die Meinung der Bürger zu diesen Themen, wie sie aus jüngsten Meinungsumfragen hervorgehen. Das
Material zu diesen Umfragen wurde vom Roper Center for Public Opinion an der University of Connecticut
gesammelt.

Amerikanische Maßnahmen am Golf immer noch
gut zu begründen

Saddam Hussein soll nicht mehr die Macht haben,
Kriege zu führen

Ein Jahr nach der irakischen Invasion Kuwaits halten
die meisten Amerikaner den Golfkrieg immer noch für
gerechtfertigt und geben an, immer noch über die
Bedingungen in der Region besorgt zu sein. Eine Mitte
Juli durchgeführte Umfrage von Associated Press
fragte, welcher der folgenden Punkte (im nachhinein)
"für die Vereinigten Staaten eine gute oder keine gute
Begründung waren, um gegen den Irak Krieg zu führen".

Antworten:

Der Irak soll daran gehindert werden, ein wichtiges Weltölreservoir zu kontrollieren.

Antworten:

Antworten:
Gute Begründung

72%

Keine gute Begründung

25%

Keine Meinung

3%

Der Irak soll an der Entwicklung von Atomwaffen
gehindert werden.
Antworten:
Gute Begründung

86%

Keine gute Begründung

12%

Keine Meinung

AMERIKA DIENST 31

Gute Begründung

85%

Keine gute Begründung

12%

Keine Meinung

2%

Irakische Truppen dürfen die Menschen in Kuwait
nicht mehr töten und mißhandeln

Gute Begründung

86%

Keine gute Begründung

13%

Keine Meinung

1%

Die kuwaitische Regierung muß wiedereingesetzt
werden
Antworten:
Gute Begründung

69%

Keine gute Begründung

26%

Keine Meinung

5%

1%

Seite 1

�Gegenwärtige Sorgen

Die Mehrheit hält den Golfkrieg für gerechtfertigt

USA Today befragte die Amerikaner über ihre aktuellen Sorgen zur Golfregion. Auf die Frage, ob sie über
"Kuwaits demokratische Fortschritte" besorgt seien,
antworteten sie:

Es wurde ferner die Frage gestellt: "Meinen Sie
aufgrund dessen, was Sie heute wissen, daß der
amerikanische Angriff auf die irakischen Streitkräfte
richtig oder falsch war?"

Sehr besorgt

24%

Etwas besorgt

47%

Richtig

79%

Nicht sehr besorgt

18%

Falsch

16%

Überhaupt nicht besorgt

9%

Keine Meinung

5%

Antworten:

Keine Meinung

Von der Nachrichtenagentur Associated Press wurde darüber hinaus gefragt, ob rückblickend "die Vereinigten Staaten den Kampf (gegen den Irak) hätten
fortsetzen sollen, um Saddam Hussein zu stürzen?"

Das irakische Atomwaffenprogramm
Sehr besorgt

67%

Etwas besorgt

22%

Nicht sehr besorgt

6%

Überhaupt nicht besorgt

4%

Keine Meinung

1%

Antworten:

43%

Etwas besorgt

40%

Ja

70%

Nein

22%

Keine Meinung

8%

Die von USA Today gestellte Frage, ob die Vereinigten Staaten "derzeit (weitere) militärische Maßnahmen gegen den Irak ergreifen sollten", wurde dagegen
folgendermaßen beantwortet:

Das Schicksal der Kurden
Sehr besorgt

5%

21%
Nicht sehr besorgt

8%

Überhaupt nicht besorgt

5%

Keine Meinung

4%

71%
Keine Meinung

7%

Saddam Husseins weiterer Verbleib an der Macht
Sehr besorgt

74%

Etwas besorgt

17%

Nicht sehr besorgt

4%

Überhaupt nicht besorgt

5%

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�GOLFKRISE
7. August 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse in den Monaten Juni und Juli 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Fortsetzung der Chronologie zu den Ereignissen
am Golf.

5. Juni
Der Sprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater,
konstatierte in einer Sondererklärung des Weißen
Hauses, der Irak habe systematisch erhebliche Mengen der im Rahmen des Weltnahrungsmrttelprogramms
(World Food Program - WFP) gelieferten Nahrungsmittel in reguläre Lebensmittelrationen des Handelsministeriums umgewandelt. "Dies ist ein weiteres
Beispiel für Saddams zynische Mißachtung schwacher Gruppen von Frauen und Kindern zugunsten von
Stützungsmaßnahmen für sein Regime", erklärte Fitzwater. Das WFP beschränkt die Verteilung von Lieferungen in dem Land, bis das Problem angemessen
gelöst ist.
7. Juni
Den Vereinten Nationen zufolge soll die erste Gruppe
von Waffenexperten zur Überwachung der Zerstörung
von chemischen und biologischen Waffen des Irak am
9. Juni in Bagdad eintreffen.
Die Sonderkommission der Vereinten Nationen (U.N.
Special Commission - UNSCOM) zur Überwachung
der Abrüstung im Irak schätzt, daß der Irak etwa 600
Tonnen chemische Waffen besitzt und erklärt, sie
verfüge über "Hinweise einiger Regierungen, daß es
mehr chemische Waffen gibt als der Irak zugibt." Die
Inspektionen von UNSCOM werden bestimmen, ob
der Irak Material zur Herstellung biologischer Waffen
besitzt, das zerstört werden sollte.
8. Juni
Die kuwaitische Regierung verkündet eine Aufhebung
des Kriegsrechts zum 25. Juni. Der kuwaitische JuAMERIKA DIENST 31

stizminister erklärt, alle Gerichtsverfahren würden nach
dem 25. Juni von regulären Gerichten erneut verhandelt.
Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen ist für die Abwicklung der Operation Provide
Comfort - dem gemeinsamen Hilfsprogramm für kurdische Flüchtlinge in Nordirak - zuständig. Er wird
femer die Rolle der nichtstaatlichen und privaten Hilfsorganisationen koordinieren, die Nahrungsmittel und
Wasser verteilen, medizinische Hilfe leisten und im
Irak Versorgungscamps für die Flüchtlinge aus dem
Irak aufbauen.
10. Juni
Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Kuwait,
Edward Gnehm, begrüßt Kuwaits "unglaubliche Leistungen" beim Wiederaufbau seit der Befreiung von
der irakischen Besetzung. Gnehm fordert die Kuwaitis
auf, "in demselben Maße Gerechtigkeit und Kontinuität
für alle Menschen in Kuwait walten zu lassen, in dem
die ganze Welt diese Grundsätze für die Kuwaitis
erkämpft hat".
11. Juni
Die irakische Einhaltung von Resolution 687 des UNSicherheitsrats zur Beendigung des Krieges war "weniger als eine angemessene, befriedigende Einhaltung," deshalb werden die Handelssanktionen gegen
Bagdad wahrscheinlich weiterhin gelten, erklärte der
US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Alexander Watson, nach einem zweistündigen Folgetreffen
des UN-Sicherheitsrats. Resolution 687 stellt einen
Zeitplan auf, nach dem der Irak die Bedingungen
erfüllen muß. Die Resolution fordert eine schrittweise
Seite 1

�Aufhebung des Handelsembargos, wenn der Irak entsprechende Bedingungen erfüllt.

Beamte der Vereinten Nationen bestätigen, daß etwa
10 Beamte und Waffenexperten der IAEO und UNSCOM in den Irak zurückkehren sollen, um Berichte
12. Juni
über zusätzliche Einrichtungen zu prüfen, die zur
Waffenherstellung
Uran verarbeiten. Die Gruppe will
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar leitet eine KonBehauptungen
eines
irakischen Wissenschaftlers
ferenz in Genf, um Geld für die Programme an der
verifizieren,
der
im
Nordirak
zu den US-Truppen überGrenze des Irak zu Kuwait, der Türkei und dem Iran zu
gelaufen
ist
und
demzufolge
das irakische Regime
sammeln. Die Vereinten Nationen erklären, ihren
versucht
hat,
Uran
zur
Waffenherstellung
zu verarbeiHilfsprogrammen für den Irak, Kuwait, den Iran und die
Türkei fehlten 240 Millionen Dollar, und sie benötigten ten und über vier geheime Einrichtungen verfügt, die
dringend Geld für Nahrungsmittel und zur Unterstüt- im Krieg nicht von den Bomben der Alliierten zerstört
wurden.
zung der UNO-Truppen in kurdischen Städten.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschie13. Juni
det einstimmig die UN-Resolution 699, die dem Plan
US-Botschafter Alexander Watson erklärt dem UN- des Generalsekretärs zustimmt, daß die IAEO und
Sicherheitsrat, daß 50 Prozent der irakischen Ölein- UNSCOM die Zerstörung irakischer Waffen durchfühnahmen zur Abgeltung der Schäden des Golfkriegs ren sollen.
verwendet werden sollten. Watson zufolge liegt Perez
de Cuellar mit seiner Empfehlung von 30 Prozent In einer gesonderten Abstimmung verabschiedet der
"etwas zu niedrig". Die obligatorischen Sanktionen UN-Sicherheitsrat Resolution 700, mit der das Waffengegen irakisches Öl sind jedoch immer noch in Kraft, embargo gegen den Irak bestätigt wird. Das Embargo
deckt alle Arten von konventionellen Waffen und miliund in absehbarer Zukunft werden keine irakischen
tärischem Gerät ab, chemische und biologische WafÖlverkäufe erwartet.
fen und ihre Bestandteile, alle ballistischen Raketen
mit einer Reichweite über 150 Kilometer und Atomwaf14. Juni
fen, Material oder Bestandteile. Der Rat bittet alle
Der Stellvertretende UN-Generalsekretär Richard Foran Länder, Waffenlieferungen zu überwachen und für
erklärt, Kuwait werde die erste größere Lieferung Verletzungen Strafen zu verhängen.
seines vom Irak erbeuteten Eigentums - 3.216 Goldbarren - in zwei Wochen erhalten, bei einer Übergabe 20. Juni
in Arar, Saudi-Arabien, 60 km südlich der irakischen
Grenze und 400 km westlich von Kuwait. Foran Der Stellvertretende Sprecher des Außenministeriums,
zufolge gibt es bisher keine Hinweise, daß Exponate Richard Boucher, bekräftigt die Sorge der Vereinigten
Staaten über die Notwendigkeit angemessener Rechtaus den kuwaitischen Museen auf dem internationalen
sprechung bei den weiterhin nach dem Kriegsrecht
Kunstmarkt gehandelt werden.
geführten Prozessen in Kuwait. "Wir haben der kuwaitischen
Regierung gegenüber... immer wieder betont,
17. Juni
wie wichtig die Achtung der Menschenrechte und
Der Abteilungsleiter im US-Außenministerium, John ordentliche Prozesse sind, und das haben wir auch bei
Kelly, erklärt dem Kongreß, die Vereinigten Staaten den laufenden Gerichtsverfahren betont," erklärt
werden weiterhin die Vereinten Nationen ermutigen, Boucher.
die Bestimmungen der Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats zu verwirklichen, die ein andauerndes Em- 21. Juni
bargo militärischer Lieferungen an den Irak fordert,
ferner die internationale Überwachung der Zerstörung Das US-Finanzministerium setzt sieben Personen auf
von irakischen Massenvernichtungswaffen und balli- seine Liste von Firmen, die als Tarnunternehmen für
stischen Raketen mit Reichweiten über 150 Kilome- den Irak gearbeitet haben. Damit setzt das Ministerium seine Untersuchung fort, um die weltweite Betern.
schaffung und das finanzielle Netzwerk des Irak aufzuDem Stellvertretenden Sprecher des Weißen Hauses, decken und unschädlich zu machen. Es handelt sich
Richard Boucher, zufolge ist es wichtig, daß die In- um Ali Hassan Al-Majid, Saddams Cousin väterlicherspektionsteams der IAEO und UNSCOM ihre Autorität seits und Innenminister des Irak; Hussein Kanel Al"bestmöglich nutzen", um "kurzfristige Inspektionen Majid, Saddams Schwager und Leiter des Ministeverdächtiger Einrichtungen" durchzuführen und somit riums für Industrie und militärische Industrialisierung;
die Beseitigung der Fähigkeit des Irak zur Herstellung Barzan Ibrahim Hassan Al-Takriti, Saddams Halbbruvon Atomwaffen zu gewährleisten. Vorsitzender der der und Ständiger Vertreter des Irak bei den Vereinten
UNSCOM ist Botschafter Rolf Ekeus aus Schweden, Nationen in Genf; Sabawi Ibrahim Al-Takriti, Saddams
sein Stellvertreter ist Dr. Robert L. Gallucci aus den Halbbruder und Leiter des irakischen NachrichtenVereinigten Staaten. Der Kommission gehören Abrü- dienstes; Watban Al-Takriti, Saddams Halbbruder und
Beamter im irakischen Präsidentenpalast; Udai Sadstungsexperten aus 19 weiteren Ländern an.

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�dam Hussein, Saddams ältesten Sohn und Latif Nusayyif Jaasim, Mitglied des Revolutionären Kommandorats und früherer Minister für Kultur und Information
in der irakischen Regierung.
Die Mehrheit der 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrats
einigt sich darauf, daß die Handelssanktionen gegen
den Irak nicht aufgehoben werden. Die Aufrechterhaltung der Handelssanktionen gegen den Irak sei jedoch
nicht gegen irakische Zivilisten gerichtet, erklärt Botschafter Alexander Watson. "Die Lage im Irak kann
aus einer Vielzahl von Gründen schwierig sein ... die
auf das Verhalten der irakischen Regierung zurückzuführen sind", fügt der Botschafter hinzu.
24. Juni
Das von der Sonderkommission der Vereinten Nationen (UNSCOM) entsandte Team zur Zerstörung der
C-Waffen veröffentlicht eine Erklärung über die Ergebnisse seiner ersten Inspektion der Muthanna-Anlage
im Irak. Es berichtet, irakische Vertreter hätten dem
Team gegenüber erklärt, die Anlage sei für die Produktion der Unkrautvernichtungsmittel Propanil und Dalapon sowie für Forschung an den Nervengasen Soman
und VX verwendet worden, eine umfangreiche Produktion von Nervengasen habe jedoch nicht stattgefunden. Der Bericht gelangt zu dem Schluß, daß die
Besichtigung "nur eine erste Sondierungsinspektion"
gewesen und es nicht möglich sei, Schlußfolgerungen
über den Wahrheitsgehalt der generellen Erklärung
des Irak zur Muthana-Anlage zu ziehen.
25. Juni
Die kuwaitische Regierung gibt die Aufhebung des
Kriegsrechts bekannt.
26. Juni
Die Vereinigten Staaten beschuldigen den Irak der
absichtlichen Täuschung der Vereinten Nationen und
der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO)
über sein Atomwaffenprogramm und verurteilen Bagdad für die Verhinderung der Überraschungsinspektion einer Militäranlage, in der Material zur Kernspaltung vermutet wird. Die Vereinigten Staaten "sind tief
besorgt über die Umgehung der Verpflichtungen des
irakischen Regimes gemäß UN-Resolution 687", stellt
die Sprecherin des US-Außenamts, Margaret Tutwiler, in einer Sondererklärung fest.
Der Irak verweigert der Sonderkommission der Vereinten Nationen (UNSCOM) im Irak die Verifizierung und
Offenlegung von Material zur Kernspaltung und Massenvernichtungswaffen des Irak, erklärt der Abteilungsleiter im US-Außenministerium, John Kelly, vor
dem Kongreß. Der Irak verhindert den Zugang zu
Anlagen, "in denen verdächtige Aktivitäten stattfinden", so Kelly. "Wir sind nicht bereit, Nein als Antwort
zu akzeptieren.. Wir sind fest entschlossen, für die
vollständige Durchführung dieser Resolutionen Sorge

AMERIKA DIENST 31

zutragen. Wir werden darauf drängen, daßdie Vereinten Nationen eine unerschütterliche Haltung gegenüber dem Irak einnehmen, weil diese Art von Verletzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats... nicht
hinnehmbar ist."
Der UN-Sicherheitsrat hält offizielle und inoffizielle
Sitzungen ab, "um tiefe Bestürzung über den Versuch
des Irak zum Ausdruck zu bringen, das Ausmaß seiner
mit Atomwaffen zusammenhängenden Programme zu
verschleiern." Der Rat weist seinen derzeitigen Präsidenten, den Vertreter der Elfenbeinküste, Jean-Jacques Bechio, an, sich mit dem ständigen Vertreter des
Irak zu treffen, um "neue schriftliche Versicherungen
der Einhaltung von Resolution 687 durch den Irak" zu
fordern. Der Ratspräsident ist angewiesen, die unbeugsame Haltung des Sicherheitsrats anzudeuten,
daß der Irak unverzüglich der Sonderkommission das
von der Anlage im Irak entfernte Gerät zur Verfügung
stellt.
27. Juni
Der Unterabteilungsleiter im US-Außenministerium,
David Mack, beruft den Leiter der irakischen Interessenvertretung in Washington ins Außenministerium,
um Bagdad zu warnen, daß es die Bestimmungen der
Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats bezüglich der
Inspektion seiner Nuklearanlagen strikt einhalten muß.
28. Juni
Die Vereinigten Staaten erklären, am 28. Juni seien
Warnschüsse auf Inspektionsteams abgefeuert worden, als irakische Behörden die Überraschungsinspektion einer Militäreinrichtung zum zweiten Mal binnen
einer Woche verhinderten. Mit der Verurteilung der
"totalen Mißachtung" der Resolution 687 des UNSicherheitsrats durch den Irak, die den ungehinderten
Zugang zu vermuteten Atomanlagen fordert, charakterisiert die Sprecherin des US-Außenministeriums,
Margaret Tutwiler, das Verhalten des Irak als "einen
eindeutigen und offenkundigen Bruch der Resolution
687 des UN-Sicherheitsrats".
In einer in Kennebunkport (Maine) abgegebenen Erklärung bekräftigt Präsident Bush, daß der irakische
Präsident Saddam Hussein die UN-Resolutionen einhalten muß. "Wie alle anderen möchte auch ich die
vollständige Verwirklichung dieser UN-Resolutionen
sehen", stellt der Präsident fest.
Der UN-Sicherheitsrat entscheidet die Entsendung
einer Sonderdelegation nach Bagdad, um mit den
irakischen Behörden den jüngsten Vorfall zwischen
dem irakischen Militär und einem UN-Team zu erörtern, das versuchte, vermutlich in eine zweite irakische
Anlage verlegtes uranangereichertes Material zu inspizieren. Dem schwedischen Diplomaten Rolf Ekeus
zufolge, der die UN-Sonderkommission leitet, wurde
dem Team am Morgen des 28. Juni erneut der Zugang
zur AI Falluja-Anlage verweigert. Mit diesem ZwiSeite 3

�schenfall hat der Irak zum zweiten Mal in einer Woche
Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats verletzt.
30. Juni
Eine UN-Delegation mit Botschafter Rolf Ekeus, dem
Vorsitzenden der UNSCOM, Hans Blix, dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation und Yasushi Akashi, dem Stellvertretenden UNGeneralsekretär für Information bricht in den Irak auf.
5. Juli
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen umfangreiche
diplomatische Konsultationen zum kontinuierlichen
Widerstand des Irak gegen internationale Nuklearinspektionen, erklärt der Stellvertretende Pressesprecher des Weißen Hauses, Roman Popadiuk.
9. Juli
Die Vereinigten Staaten fordern die vollständige Enthüllung der Nuklearaktivitäten des Irak und unverzüglichen Zugang zu irakischen Einrichtungen für UNInspektoren. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Margaret Tutwiler, erklärt, die irakische Regierung habe in einem 29 Seiten umfassenden Schreiben
an UN-Generalsekretär Perez de Cuellar zugegeben,
aus bestimmten "nationalen Sicherheitserwägungen"
Gerät vor der UN und IAEO versteckt zu haben, jedoch
eingeräumt, ihr Programm diene nur friedlichen Zwekken. Die vom Irak abgegebenen Erklärungen zum
Umfang seiner Fähigkeiten decken sich nicht mit den
wissenschaftlichen Daten der Vereinigten Staaten über
die irakischen Programme, so Tutwiler. "Wir finden
dies völlig inakzeptabel", stellt sie fest und verweist auf
die Zustimmung des Irak zu Resolution 687 des UNSicherheitsrats und deren vollständiger Verwirklichung.
Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pete
Williams, erklärt, von den auf dem Höhepunkt der Krise
rund 500.000 Geflohenen, "verbleiben nur ungefähr
9.500 im UN-Camp in Sacho". Ihm zufolge ist die
humanitäre Mission der amerikanischen Streitkräfte
im Nordirak "praktisch abgeschlossen".
Beim Treffen der fünf Ständigen Vertreter des UNSicherheitsrats über Rüstungstransfers und Nichtweiterverbreitung in Paris wird eine von Massenvernichtungswaffen freie Zone im Nahen Osten gefordert. Die
Vereinigten Staaten, Großbritannien, China, Frankreich und die Sowjetunion erklären den Nahen Osten
zum Hauptspannungsgebiet und vereinbaren ein Treffen im September, um Konsultationen und einen Informationsaustausch über Waffenlieferungen in die Region
zu erarbeiten.
11. Juli
Die Regierung des Irak ist sowohl im Rahmen des
gültigen Völkerrechts als auch der Resolution 687 des
UN-Sicherheitsrats "voll und ganz verantwortlich" für

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während der Besetzung Kuwaits verursachte "mutwillige" Umweltverschmutzung, erklärt der Rechtsberater
des US-Außenministeriums, Michael J. Matheon, vor
dem Kongreß.
12. Juli
Dem Pentagon-Sprecher Pete Williams zufolge haben
die Nordirak verlassenden Koalitionsstreitkräfte den
Irak vor einer erneuten Verletzung des Friedens in der
Region gewarnt. Williams erklärt, irakische Regierungsvertreter seien über die besonderen Forderungen der Koalitionsstreitmacht informiert worden: Irakische Flugzeuge dürfen nicht nördlich des 36. Breitengrades fliegen, und die irakische Armee, Sonderpolizei
und militärischen Grenzschutzbeamten müssen ausserhalb der Sicherheitzone bleiben.
Die fünf Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats mahnen
den Irak, in den nächsten zwei Wochen sein gesamtes
Nuklearwaffenmaterial offenzulegen oder sich auf
ernsthafte Konsequenzen gefaßt zu machen. Westliche Diplomaten geben keine Einzelheiten über das
Treffen hinter verschlossenen Türen zwischen den
fünf Botschaftern und dem irakischen Botschafter Abdul
Amir Al-Anbari preis. Die Fünf räumen Bagdad eine
Frist bis zum 25. Juli zur uneingeschränkten Zusammenarbeit mit den UN-Teams im Land ein.
Der kurdische Rebellenführer Jalal Talabani trifft mit
dem irakischen Staatspräsidenten Saddam Hussein
zusammen und erklärt anschließend, das Gespräch
habe einige Hindemisse auf dem Weg zu einer Vereinbarung über kurdische Autonomie aus dem Weg geräumt. Dagegen stellt der Anführer der Kurdischen
Demokratischen Partei, Massud Barzani, fest, es gebe
noch eine Reihe ungelöster Probleme mit der irakischen Regierung, darunter der Umfang des künftigen
autonomen Kurdengebiets sowie Bestimmungen in
einem Mehrparteiengesetz, die es allein der regierenden Baath-Partei Saddam Husseins gestatten würden, in den Streitkräften und Sicherheitszonen zu
werben.
15. Juli
Die humanitären Grundbedürfnisse des irakischen
Volkes könnten dem Stellvertretenden Sprecher des
US-Außenministeriums, Richard Boucher, zufolge im
Rahmen der bestehenden Sanktionen des UN-Sicherheitsrats befriedigt werden. Gleichwohl gingen die
Vereinigten Staaten davon aus, daß jeder zur Grundversorgung des irakischen Volkes entwickelte Liefermechanismus "strikte Kontrollen und genaue Überwachung beinhalten muß". Boucher erklärt, daßseitdem
22. März 1991 Lieferungen von über 1,1 Millionen
Tonnen an Nahrungsmitteln (für den Irak) bekanntgeworden seien, also etwa eine Tonne auf 18 Iraker. Die
Vereinigten Staaten stünden "in engen Konsultationen
mit den Mitgliedern des Sicherheitsrats und unseren
Koalitionspartnern".

AMERIKA DIENST 31

�Die UNO-Sonderkomission (UNSCOM) berichtet, sie
habe eine weitere viele Milliarden Dollar teure Stätte
zur Anreicherung von Uran ermittelt, die Bagdad in
seiner Deklaration für den UN-Sicherheitsrat nicht
erwähnt habe. Dem Bericht zufolge bestehen weiterhin Diskrepanzen zwischen den von Irak gemeldeten
Beständen und den Ermittlungsergebnissen der Experten bei Inspektionen von Einrichtungen im gesamten Land. Das Team erklärt, der Typ der bisher
untersuchten Einrichtungen sei für die friedliche Nutzung der Kernenergie ungeeignet.
Die UNSCOM bestätigt Berichte, wonach sie am 18.
Juni 1991 abgeschickte Dokumente vom Irak erhalten
habe, in denen Bagdad den Bau einer "Superkanone"
zugibt. Noch im Mai hatte der Irak den Besitz einer
solchen Kanone dementiert. Aus diplomatischen Kreisen
verlautet, die Kommission versuche herauszufinden,
ob diese Waffe chemischen, biologischen oder nuklearen Zwecken dienen sollte.
18. Juli
Der Abteilungsleiter im US-Außenministerium, John
Bolton, erklärt in einer Stellungnahme im Kongreß zur
Freigabe irakischer Vermögenswerte und deren Übergabe an das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
(UNICEF), die Vereinigten Staaten stünden den Bedürfnissen des irakischen Volkes und den Absichten
dieses Vorschlags wohlwollend gegenüber. "Der erste
Schritt muß jedoch von Bagdad ausgehen. Man hat
dort keinerlei humanitäre Anzeichen gegeben."
US-Botschafter Thomas Pickering erklärt nach einer
scharfen Verurteilung der irakischen Verletzungen des
Waffenstillstandsabkommen zur Beendigung des
Golfkrieges vor dem Kongreß, jegliche Hilfslieferungen an irakische Bürger müßten strikt kontrolliert und
von der internationalen Staatengemeinschaft überwacht werden.
19. Juli
Die UNSCOM erklärt, "es bleibt noch viel zu tun", um
das gesamte Ausmaß des irakischen Programms zu
klären. Ein Drittel der Nuklearexperten und IAEOVertreter besichtigten gegenwärtig Standorte und
sammelten Daten im Irak.
Die U NO-Truppen im Nordirak berichten von Zusammenstößen zwischen kurdischen und irakischen Streitkräften. Erste beim Chefdelegierten Prinz Sadruddin
Agha Khan in Genf eingegangene Berichte sprechen
von 50 bis 500 Opfern. Die Zahl der Verletzten ist
unklar.
23. Juli
Das Exekutivrat der UN-Entschädigungskommission,
dem Vertreter der gegenwärtigen 15 Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats angehören, tritt zum ersten Mal in

AMERIKA DIENST 31

Genf zusammen, um Leitlinien für die Stellung und Bewertung von Forderungen aufgrund der irakischen Besetzung Kuwaits festzulegen.
24. Juli
Fausto Pocar, Menschenrechtsexperte aus Italien und
Vorsitzender des Menschenrechtskomitees der Vereinten Nationen, kritisiert den Irak wegen "unbefriedigender" Antworten auf Fragen zur Einhaltung internationaler Menschenrechtsnormen und erklärt, das
Komitee "sei überhaupt nicht zufrieden" mit den Antworten des Irak auf Fragen über seine Aktionen im
Umfeld der Invasion Kuwaits. In einigen Fällen seien
die Antworten "nicht existent", stellt er fest.
25. Juli
Die von den fünf Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats gesetzte Frist für die vollständige Bekanntgabe seines Nuklearprogramms durch den Irak verstreicht, ohne daß die Diplomaten mit den Antworten
Bagdads zufrieden sind.
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO)
erklärt, der Irak habe nicht - wie von der Waffenstillstandsresolution des Sicherheitsrats verlangt - das
vollständige Ausmaß seines Atomprogramms preisgegeben und darüber hinaus den Vertrag über die
Nichtverbreitung von Kernwaffen gebrochen. Die IAEO
plant deshalb eine vierte Inspektion der Einrichtungen
des Irak. Der britische Botschafter Hannay stellt in

diesem Zusamenhang fest: "Wir alle überlegen uns
sehr sorgfältig, was wir nun unternehmen, und dies ist
in den kommenden Tagen ein Hauptanliegen für den
Sicherheitsrat." Er fügt hinzu: "Auf die eine oder
andere Weise wird das Atomprogramm des Irak beseitigt werden."
Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pete
Williams, stellt fest, obwohl "Äußerungen über militärische Aktionen nie besonders an den Stichtag 25. Juli
gebunden waren ... sind wir weiterhin bereit, militärische Maßnahmen zu ergreifen, wenn wir den Befehl
dazu erhalten".
26. Juli
Präsident Bush benachrichtigt den Kongreß, daß er
die Anweisungen vom 2. und 9. August 1990 über ein
vollständiges Embargo für den Handel mit dem Irak
verlängert hat.
Dem Präsidenten zufolge hat das irakische Regime
"weiterhin grundlegende Menschenrechte verletzt, indem
es die irakische Zivilbevölkerung unterdrückt, ihr
humanitäre Hilfe vorenthalten und es versäumt hat,
sich voll und ganz an die verbindlichen Resolutionen
des UN-Sicherheitsrats zu halten. Die Vereinigten
Staaten werden die Wirtschaftssanktionen aufrechterhalten, um den Irak von der Bedrohung des Friedens
und der Stabilität der Region abzuschrecken."

Seite 5

�30. Juli
UN-Vertreter bestätigen, daß Kuwait das Gold, die
Banknoten und Währungsreserven, die vom Irak
gestohlen wurden, ab dem 5. August 1991 zurückerhalten wird.
Die Überführung von 3.216 Goldbarren wird von den
Vereinten Nationen in der saudiarabischen Stadt Arar
60 Kilometer südlich der irakischen Grenze und 400
Kilometer westlich von Kuwait überwacht. Hans Glittenberg, Verwaltungschef des Wiener UNO-Büros,
wird den Transfer beaufsichtigen. Zwei Goldexperten
der Österreichischen Nationalbank werden daran teilnehmen.

der chemischen Waffen und Einrichtungen", die sie
Mitte Juni während ihrer ersten Inspektion eines Standorts von 25 Quadratmeilen Größe bei Samarra vorfanden, überrascht gewesen. Als Ergebnis der Enthüllungen wird die Sonderkommission Ekeus zufolge "ein
umfassendes und komplexes Inspektionsprogramm"
mit "fünf aufeinanderfolgenden Inspektionen" durchführen. Ein Team von 70 Chemiewaffenexperten soll
im September für sechs bis acht Wochen in den Irak
reisen. Zwei weitere Missionen an anderen Standorten sollen im August stattfinden.

Der Generaldirektor der IAEO, Hans Blix, erklärt in
einem Bericht an den Sicherheitsrat über die Ergebnisse der dritten Inspektion der irakischen Nukleareinrichtungen,
einen bevorstehenden Besuch zur BesichtiUNSCOM-Inspektoren zufolge besitzt der Irak46.000
gung
biologischer
Waffenstandorte und Pläne zur
Chemiewaffen - viermal soviel wie ursprünglich gemelÜberwachung
der
langfristigen
Einhaltung der Waffendet. In seinem Bericht an den UN-Sicherheitsrat hatte
stillstandsbedingungen
durch
den
Irak, das vollständiBagdad angegeben, es besitze 11.100 mit Wirkstoffen
ge
Ausmaß
der
irakischen
nuklearen
Fähigkeiten sei
gefüllte Waffen sowie 1.000 Tonnen an Wirkstoffen
unbekannt
und
die
IAEO
besitze
noch
keine Aufstelund chemischen Grundstoffen.
lung allen Nuklearmaterials in dem Land.
"Die Mitglieder des Sicherheitsrats waren von den
neuen Zahlen über chemische Waffen und der Menge 2. August
der Bestände schockiert, die ihnen zum ersten Mal Ein UN-Team von Inspektoren für biologische Waffen
mitgeteilt wurden", erklärt Botschafter Pickering.
trifft in Bagdad ein, obwohl der Irak erklärt hat, er habe
Der Vorsitzende von UNSCOM, Botschafter Rolf Ekeus, kein B-Waffenprogramm.
stellt fest, die Ermittler seien von "Menge und Umfang

Seite 6

AMERIKA DIENST 31

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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

30

Deichmanns Aue 29

31. Juli 1991

5300 Bonn 2

MOSKAUER GIPFEL

BUSH: UMFASSENDE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN MIT SOWJETUNION IN
GREIFBARER NÄHE
Rede beim Moskauer Staatsinstitut
für internationale Beziehungen

START

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER DIE
VERRINGERUNG STRATEGISCHER
RÜSTUNGEN
Eine Übersicht des ACDA

NAHER OSTEN

PARISER TREFFEN ERSTER SCHRITT
ZUR BEGRENZUNG VON
WAFFENLIEFERUNGEN IN
DEN NAHEN OSTEN
Bartholomew vor Unterausschuß des Senats

UMWELT

PRÄSIDENT ERNENNT KOMMISSION
FÜR UMWELTQUALITÄT
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�MOSKAUER

GIPFEL
31. Juli 1991

BUSH: UMFASSENDE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
MIT SOWJETUNION IN GREIFBARER NÄHE
Rede beim Moskauer Staatsinstitut für internationale Beziehungen
MOSKAU - (AD) - Mit dem Ziel der vollständigen Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion
wird Präsident Bush dem amerikanischen Kongreß ein Handelsabkommen vorlegen, das der UdSSR den
Meistbegünstigungsstatus einräumt.
In einer Rede beim Moskauer Staatsinstitut für internationale Beziehungen am 30. Juli 1991 erklärte Bush
darüber hinaus, er werde die Aufhebung gesetzlicher Beschränkungen anstreben, mit denen den Sowjets der
Zugang zu staatlichen Krediten und Kreditbürgschaften der Vereinigten Staaten versperrt werde. Bush zufolge
bemühen sich die Vereinigten Staaten "die Türen für den sowjetischen Eintritt in die Weltwirtschaft zu öffnen".
Sie würden die Vollmitgliedschaft der UdSSR im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen unterstützen,
nachdem die Sowjetunion die notwendigen Wirtschaftsreformen durchgeführt hat.
Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte Rede des US-Präsidenten im Wortlaut.

Über vier Jahrzehnte hinweg waren unsere beiden
Staaten in einem Konflikt verhaftet, als der kalte Krieg
seine Schatten auf einen bewaffneten und unsicheren
Frieden warf. Dieser Gipfel markiert einen neuen
Anfang, die Aussicht, daß wir einem langen Zeitalter
der Gegnerschaft ein Ende bereiten, ein neues Kapitel
in der Geschichte unserer beiden Staaten schreiben,
eine neue Partnerschaft und einen soliden Frieden
schmieden können.
Wir haben Grund zur Hoffnung. Ja, wir haben sogar
guten Grund zur Hoffnung. Eine nach der anderen
treten die grausamen Realitäten des kalten Krieges in
den Hintergrund, und eine neue Welt der Möglichkeiten ruft uns auf, vorwärts zu schreiten. In Europa, das
40 Jahre lang die Trennungslinie im Ost-West-Konflikt
bildete, finden die Nationen Mitteleuropas heute ein
gemeinsames Haus in der Demokratie vor. Weit über
die Grenzen dieses Kontinents hinaus, von Afghanistan bis zum Hörn von Afrika, von Angola bis Mittelamerika drohen regionale Konflikte nicht länger zu
Auslösern einer Konfrontation zwischen den Supermächten zu werden. Weltweit ist das Risiko eines den
Globus umspannenden Krieges heute niedriger als
jemals in der Nachkriegszeit.

AMERIKA DIENST 30

Die Herausforderung, der wir bei diesem Gipfeltreffen
gegenüberstehen, die Herausforderung, mit der Sie
als gegenwärtige und künftige Führungskräfte dieser
großen Nation konfrontiert sind, lautet schlicht und
einfach folgendermaßen: gemeinsam müssen unsere
beiden Nationen ein halbes Jahrhundert des Mißtrauens überwinden, um diese Gelegenheit zu ergreifen
und einen dauerhaften Frieden aufzubauen.
In den vergangenen zwei Jahren haben Präsident
Gorbatschow und ich substantielle Fortschritte beim
Aufbau dieses neuen Verhältnisses erzielt. Gemeinsam haben wir - die sowjetische Seite und die amerikanische Seite - der Rüstungskontrolle neue Chancen
eröffnet. Im vergangenen Herbst haben wir in Paris
epochemachende Reduzierungen der in Europa stationierten konventionellen Streitkräfte vereinbart. Morgen
werden wir im Kreml den historischen START-Vertrag
unterzeichnen, den ersten Vertrag, der die gefährlichsten und destäbilisierendsten atomaren Waffen erheblich reduziert.
Die Abnahme von Spannungen hat es ferner unseren
beiden Staaten ermöglicht, die Wirtschaftsbeziehungen zu normalisieren. Präsident Gorbatschow und ich

Seite 1

�haben dies beim Gipfeltreffen in Malta zur Priorität
erklärt, und ich freue mich heute berichten zu können,
daß dieser Prozeß der Normalisierung jetzt nahezu
abgeschlossen ist. Im Mai hat der Oberste Sowjet das
Haupthindernis für den Ausbau des Handels beseitigt:
die sowjetischen Beschränkungen für freie Auswanderung. Das neue sowjetische Auswanderungsgesetz
bedeutet einen wichtigen Schritt nach vom, einen Sieg
für alle, die den Menschenrechten einen hohen Wert
beimessen.
Als Folge dieses Prozesses werde ich nach meiner
Rückkehr nach Washington dem Kongreß der Vereinigten Staaten das von uns vor einem Jahr unterzeichnete amerikanisch-sowjetische Handelsabkommen
vorlegen. Danach können wir der Sowjetunion den
Meistbegünstigungsstatus einräumen.
Ich werde den Kongreß auffordern, die Byrd- und
Stevenson-Zusätze aufzuheben, Beschränkungen, mit
denen die Kreditvergabe eingeschränkt und der Handel behindert wird. Darüber hinaus werden wir unsere
Bemühungen beschleunigen, ein Steuerabkommen
und ein bilaterales Investitionsabkommen abzuschließen.
Einen Großteil dieses Jahrhunderts stand die Sowjetunion au ßerhalb des Weltmarkts. Sie stand abseits als
die Kräfte des freien Markts im Westen einzigartigen
Wohlstand schufen. Die Ergebnisse dieser selbstgewählten Isolation von der Weltwirtschaft erwiesen sich
als äußerst kostspielig.
Aber nun haben Veränderungen eingesetzt. Beim
Londoner Gipfeltreffen diesen Monat sprach Präsident
Gorbatschow vom Interesse der Sowjetunion an einer
vollständigen Integration in die Weltwirtschaft.
Die Sowjetunion sollte vollständig an der Weltwirtschaft teilhaben, und die Vereinigten Staaten werden
Sie bei diesen Bemühungen unterstützen. Über den
beiderseitigen Handel hinaus bemühen sich die Vereinigten Staaten, die Türen für den sowjetischen Eintritt
in die Weltwirtschaft zu öffnen. Und deshalb haben die
Vereinigten Staaten den sowjetischen Beobachterstatus beim GATT unterstützt - und die Vollmitgliedschaft,
wenn die UdSSR die notwendigen Reformen vollendet, die sie in Angriff genommen hat. Aus diesem
Grund habe ich ferner im vergangenen Dezember
vorgeschlagen - und die G-7 hat dem soeben zugestimmt -, daß die UdSSR eine besondere Assoziierung
mit IWF und Weltbank eingeht. Die Sowjetunion hat
unlängst ihr massives Wiederaufbauprogramm einer
Wirtschaftsreform in Angriff genommen. Ihre Bedeutung und ihre schiere Grö ße berechtigen sie zu diesem
Sonderstatus, der schneller zu dem Tag hinführen
wird, an dem sie sich vollständig für die Leistungen der
internationalen Finanzinstitutionen qualifiziert.
Mit diesen Maßnahmen werden der Sowjetunion Hilfe
und Fachwissen zur Verfügung gestellt, die dazu bei-

Seite 2

tragen können, den schwierigen Übergang zu einer
Marktwirtschaft zu erleichtern und den Lebensstandard des sowjetischen Volks zu verbessern.
Der krönende Beweis dafür, daß wir die Animositäten
des kalten Kriegs überwinden, bleibt jedoch unsere
Zusammenarbeit am Persischen Golf. Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges hätte die irakische Aggression gegen einen kleinen Nachbarstaat unsere beiden
Nationen und sogar die ganze Welt sehr wohl an den
Rand eines Konflikts bringen können. Statt dessen hat
unsere Zusammenarbeit die internationale Isolierung
Saddam Husseins sichergestellt. Und wenn Saddam
Hussein gedacht hat, er könne unsere Differenzen zu
seinem eigenen Vorteil ausbeuten, so hat er sich total
verrechnet. An jedem entscheidenden Punkt der Krise
arbeiteten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zusammen, um Saddam ein starkes und anhaltendes Signal zu senden, daß diese Aggression nicht
Bestand haben würde.
Und heute gibt unsere Zusammenarbeit am Golf Anlaß
zu der Hoffnung, daß wir zusammen auf einen gerechten und dauerhaften Frieden in Weltregionen hinarbeiten können, die heute im Nahen Osten, Kambodscha
und Afghanistan von Konflikten geschüttelt werden, so
wie wir zusammengearbeitet haben, um Frieden und
freie Wahlen nach Namibia, Angola und - ja - Nicaragua zu bringen.
Bei jedem Aspekt unserer Beziehungen - militärisch,
politisch, wirtschaftlich - sehen wir positive Anzeichen
einer neuen Partnerschaft. Aber trotz aller von uns
erzielten Fortschritte - darüber sollten wir uns nicht
hinwegtäuschen - bleiben Hindemisse bestehen. Unsere
Fähigkeit, sie zu überwinden, wird die entscheidende
Probe für die Stärke dieser neuen Beziehung sein, von
der ich spreche.
In vielen Fällen sind wir mit Konflikten und Streitigkeiten konfrontiert, die ihren Ursprung in dem Weltkrieg
haben, der vor 50 Jahren gekämpft wurde und die
durch den darauf folgenden langen kalten Krieg in
ihrem damaligen Zustand eingefroren wurden. Dazu
gehören Auseinandersetzungen wie der von uns unterstützte japanische Anspruch auf seine nördlichen
Territorien. Dieser Streitfall könnte Ihre Integration in
die Weltwirtschaft behindern, und wir möchten alles in
unserer Macht Stehende tun, um beiden Seiten bei
seiner Lösung zu helfen.
Auch die Fragen im Hinblick auf die Zukunft der
baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind
schwierig. Heute bittet eine neue demokratisch gewählte und den Willen der baltischen Völker widerspiegelnde Generation politisch Verantwortlicher im Baltikum eine neue Generation sowjetischer Politiker, eines der dunkelsten Kapitel der Stalin-Ära zu schlie ßen.
Zweifelsohne können vernunftbegabte und von gutem
Willen geleitete Männer und Frauen einen Weg finden,
um den baltischen Völkern Frieden zu geben.

AMERIKA DIENST 30

�Nur aufrichtig geführte Verhandlungen mit den baltischen Regierungen können das Streben ihrer Völker
nach Freiheit erfüllen. Wir dürfen die positiven Fortschritte, die wir erzielt haben, nicht Gefahren ausgesetzt oder in Zweifel gezogen sehen. Vor allem
benötigen wir eine eindeutige und uneingeschränkte
Verpflichtung zu friedlichem Wandel.
Ein weiteres Hindernis liegt unmittelbar vor der Türschwelle der Vereinigten Staaten. Ich bin sicher, Sie
alle wissen, wovon ich spreche. Neunzig Meilen vor
der Küste Floridas befindet sich noch immer dieses
Hindernis - Kuba. Die Vereinigten Staaten stellen
keine Bedrohung für Kuba dar und aus diesem Grund
besteht für die Sowjetunion keine Notwendigkeit, Millionen von Dollar an Militärhilfe nach Kuba zu pumpen,
insbesondere da der uneinsichtige, durch seinen eigenen veralteten Totalitarismus isolierte Castro seinem
Volk jeden Schritt zur Demokratie verweigert. Castro
teilt weder Ihr Vertrauen in Glasnost noch Ihr Vertrauen in Perestrojka.
Schlie ßlich ist es an der Zeit, daß Ihr Militärapparat den
Friedenszeiten angepaßt wird. Es ist Zeit, die Militärausgaben zu reduzieren. In den Vereinigten Staaten
tun wir das bereits. Die Welt hat sich verändert.
Während Sie darum kämpfen, Teil der Weltwirtschaft
zu werden, bieten wir unsere Hilfe bei der Umrüstung
Ihres militärisch-industriellen Potentials zu produktiven, friedlichen Zwecken an. Wir sind uns der Schwierigkeiten der Militärreform und der konkurrierenden
Bedürfnisse des Volkes bewußt, das sich in einem
Vakuum befindet, wenn das Ende des kalten Krieges
den Weg zu einer neuen Weltordnung freimacht, aber
wir wissen auch: die Entmilitarisierung Ihrer Volkswirtschaft ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Umbruch.
Er wird Sie in die Lage vesetzen, mehr Ressourcen für
Wirtschaftswachstum aufzuwenden und die Regale in
Ihren Läden füllen.
Die größte Herausforderung - der einzelne, wesentlichste Faktor beim Schmieden einer neuen Partnerschaft zwischen unseren beiden Nationen - ist nach
wie vor das Ergebnis des Experiments der Umgestaltung der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Führen Sie sich die Sowjetunion von heute vor Augen
- die Tage, an denen ein kleiner, hinter den hohen
Mauern des Kreml versteckter Kader die Hebel der
Macht bewegte, sind vorüber. Die Tage eines Parlaments der Ja-Sager und des Einparteienmonopols,
das eine Meinung durchsetzte, gehören der Vergangenheit an.
Statt dessen sehen wir unverkennbare Zeichen der
neuen Sowjetunion. Einstmals in der Verbannung
schmachtende Dissidenten sind heute Abgeordnete
im Volkskongreß. Samisdat wurde von offen auf der
Straßen geäußerter Kritik abgelöst. Eine neue sowjetische Revolution hat begonnen - eine vom Auftreten
vieler Meinungen innerhalb und außerhalb der Regierung und der Bildung zahlreicher politischer Parteien

AMERIKA DIENST 30

hier in Moskau und allen Teilen der unendlichen Weite
dieses großen und wundervollen Landes gekennzeichnete Revolution.
Die Kräfte des reaktionären Widerstands haben noch
immer große Macht, aber jeder Tag schafft neue
Bündnisse, ein neues Manifest für Wandel, einen
neuen Ruf nach Aktion. Inmitten dieses sich verändernden Szenariums stellen einige die Frage: "Was
für eine Politik vertreten wir gegenüber all diesen
Gruppen? Wen und was unterstützen wir?" Und
meine Antwort ist klar. Die Vereinigten Staaten stehen
zu den Kräften der Freiheit und Reform, wo immer sie
anzutreffen sind.
Mein Land ist bereit, dieser neuen sowjetischen Revolution zu helfen. Im wirtschaftlichen Bereich muß die
Umgestaltung von innen kommen. Weder der Mangel
an ausländischem Kapital hat Ihre Wirtschaft in die
Krise gestürzt, noch können Ihre wirtschaftlichen
Schwächen mit einer simplen Kapitalspritze kuriert
werden. Nur durch echte Reformen kann die Sowjetunion die kontraproduktive Kommandowirtschaft abschaffen, nur durch echte Reformen kann sie die
Talente, Energie und das unternehmerische Potential
ihres Volkes freisetzen.
Während die Marktreformen Fortschritte machen, sind
die Vereinigten Staaten zur Unterstützung Ihrer Bestrebungen bereit. Der nächste Schritt ist meines
Erachtens jetzt, eine Wirtschaftsstrategie mit dem IWF
und der Weltbank zu erarbeiten, eine Strategie, die
sich der Unterstützung der internationalen Investoren
erfreut. Es sollte sich um ein Programm handeln, das
Prioritäten festsetzt und Ihre enormen natürlichen
Schätze sinnvoll nutzt. Vor allem aber muß es ein Plan
sein, der Ihr großes menschliches Potental - das
sowjetische Volk - freisetzt. Der Fortschritt hängt vom
Tempo Ihrer Reformen ab - der Geschwindigkeit, mit
der Sie von einem auf Kommando und Kontrolle gegründeten zu einem auf Angebot und Nachfrage basierenden System übergehen. Ebenso wie in Osteuropa
wird unsere Hilfe mit dem Tempo Ihrer Reformen
Schritt halten.
Unsere neue Partnerschaft muß jedoch über die
Regierungsstellen in Washington und Moskau und den
Hauptstädten Westeuropas hinausgehen. Angesichts
ihrer knappen Ressourcen haben die westlichen
Regierungen nicht viel Handlungsspielraum. Aus diesem
Grund müssen wir die Geschäftsleute aus Europa und
Amerika und ihre Partner in der gesamten Sowjetunion
zusammenbringen.
Unsere neue Partnerschaft muß die Tausenden von
Meilen zwischen amerikanischen Kleinstädten und
Städten in der Sowjetunion überbrücken. Das bedeutet, den Austausch von Wissenschaftlern, Künstlern
und Technikern zu erweitern. Und von den großen
Städten Moskau und Kiew, den Ebenen Zentralasiens
und den Dörfern in Sibirien bis zum Hafen von Wladi-

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�wostok und für alle dazwischenliegenden Orte heißt
dies, daß Schüler an amerikanischen Schulen lernen
und bei amerikanischen Familien leben werden, weitere Tausende amerikanischer Studenten in die Sowjetunion kommen, um Ihre Vergangenheit zu erforschen und aus erster Hand die Zukunft zu erleben, die
Sie schaffen.
Vier lange Jahrzehnte war Zusammenarbeit dieser Art
Opfer des kalten Krieges. Lassen Sie also diesen
Moskauer Gipfel als eindeutiges Symbol für das Ende
dessen stehen, das - und darin sind wir uns wohl alle
einig - ein Zeitalter des Mi ßtrauens war, und lassen Sie

ihn ein Symbol für den Neuanfang zwischen unseren
beiden Nationen sein. Ein Zeitalter des Fortschritts zu
einer neuen Welt des Friedens und der Partnerschaft.
Ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit, vor
diesem Institut sprechen zu dürfen. Ich möchte Ihnen
versichern, daß die Beziehugnen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten gut sind und
besser werden, und es ist mein Ziel als Präsident der
Vereinigten Staaten, danach zu trachten, daß sie noch
besser werden. Ich danke Ihnen. Gott schütze das
Volk der Sowjetunion.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 30

�START
31. Juli 1991

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER DIE VERRINGERUNG
STRATEGISCHER RÜSTUNGEN
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht über die START-Verhandlungen wurde am 29. Juli 1991 vom
Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

Der START-Vertrag - Was er umfaßt

Regierungsvereinbarung zu Daten

Der Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) enthält den grundlegenden Vertragstext sowie eine Reihe von Begleitdokumenten.
Darüber hinaus umfaßt er mehrere Protokolle, die
Durchführungsverfahren vorsehen, mit denen die Verpflichtungen des Vertrags unterstützt werden und die
integraler Bestandteil des Vertrags sind.

enthält die Bezugsdaten und Kategorien des Vertrags,
die regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht
werden.

Das Vertragsdokument
Die 17 Artikel, in denen die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion sich auf die Verringerung und Begrenzung ihrer strategischen Offensivwaffen einigen, umfassen Rüstungsbegrenzungen, Zählregeln, Umrüstung
oder Beseitigung von Waffensystemen, Verifizierung
und Inspektionen, kooperative Maßnahmen, die Gründung einer Gemeinsamen Einhaltungs- und Inspektionskommission (Joint Compliance and Inspection
Commission - JCIC) sowie Verfahrensweisen für Inkrafttreten, Änderung, Gültigkeitsdauer und Abzug.
Anhang zu vereinbarten Erklärungen
beinhaltet vereinbarte Erklärungen zur Erweiterung
der grundlegenden Vertragsbestimmungen.
Anhang zu Definitionen und Terminologie
enthält die Defintion der durchgängig im Vertrag verwendeten Termini.
Protokoll zu Umrüstung oder Beseitigung
legt die Verfahren zur Umrüstung oder Beseitigung
von vertraglich begrenzten Gegenständen fest.

AMERIKA DIENST 30

Protokoll zur Inspektion
enthält detaillierte Bestimmungen über die Vertragsverpflichtungen zu Vor-Ort-Inspektionen und kontinuierlicher Überwachung. Legt die Verfahren zur Durchführung der Inspektionsbestimmungen fest.
Protokoll zur Notifizierung
unterstützt die Verifizierungsbestimmungen, indem die
erforderlichen Notifizierungen über den Stand derstrategischen Atomwaffen festgelegt werden.
Protokoll zum Wurfgewicht
legt die Verfahrensweisen für Feststellung und Offenlegungspflicht der Wurfgewichte von ICBMs und SLBMs
fest.
Protokoll über die Gemeinsame Einhaltungs- und
Inspektionskommission (JCIC)
legt die Verfahren für Aktivitäten und Vorgehensweise
der JCIC fest.
Protokoll zu Telemetrie
legt die Bestimmungen für den Austausch telemetrischer Bänder, Ausnahmen, interpretierbare Daten und
Beschleunigungsprofile fest.
Übersicht: START - die grundlegenden Bestimmungen des Vertrags.

Seite 1

�START-Reduzierungen
Verringerungen auf gleiche Niveaus strategischer
Offensivwaffen, ausgeführt in drei Phasen binnen sieben
Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags.
Spezifische, gleiche Zwischenniveaus für vereinbarte
Kategorien strategischer Offensivwaffen bis zum Ende
jeder Phase.
Die zentralen Begrenzungen umfassen:
1.600 strategische Trägersysteme (SNDVs)
6.000 anrechenbare Gefechtsköpfe
4.900 Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
1.540 Gefechtsköpfe auf 154 schweren Interkontinentalraketen (ICBMs) für die sowjetische
Seite. Die Sowjets haben ferner in einem Begleitschreiben den Abbau von 22 SS-18-Trägersystemen pro Jahr für die Dauer von sieben
Jahren vereinbart, um dieses Ziel zu verwirklichen.
1.100 Gefechtsköpfe auf stationierten mobilen
ICBMs
Obergrenze des Wurfgewichts von 3.600 Tonnen
Trägersysteme
Eine Obergrenze von 1.600 für die Anzahl der SNDVs,
die stationierte ICBMs und ihre Trägersysteme, dislozierte unterseebootgestützte ballistische Raketen
(SLBMs) und ihre Trägersysteme sowie schwere Bomber
umfaßt.
Gefechtsköpfe
Eine Obergrenze von 6.000 anrechenbaren Gefechtsköpfen umfaßt die auf die Anzahl der stationierten
ICBMs und SLBMs angerechneten Gefechtsköpfe, die
Anzahl der für LRNA ausgerüsteten schweren Bombern angerechneten nuklearbestückten luftgestützten
Marschflugkörper längerer Reichweite (LRNA) sowie
einen Gefechtskopf, der auf jeden nur für nuklear
bestückte Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer
Reichweite (SRAMs) ausgerüsteten schweren Bomber angerechnet wird.
Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen, der
einer Rakete zugerechnet wird, zählt als ein Gefechtskopf innerhalb der Obergrenze von 6.000 Gefechtsköpfen.
Keine Flugerprobung von Raketen mit Wiedereintrittsflugkörpern (RVs) über die angerechnete Anzahl hinaus.
Eine Quote von Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung, daß dislozierte ballistische Raketen nicht mehr
RVs enthalten als die Anzahl der ihnen angerechneten
Gefechtsköpfe.

Seite 2

Verbot neuer Typen von ICBMs und SLBMs mit mehr
als 10 Gefechtsköpfen.
Verbot der Aufstockung der angerechneten Gefechtsköpfe bei zukünftigen Typen von ICBMs und SLBMs.
"Downloading"
Die Anzahl der Gefechtsköpfe auf bis zu drei Typen
von ballistischen Raketen und ihre Anrechnung im
Rahmen von START kann bis auf eine Gesamtzahl
von 1.250 RVs reduziert werden ("downloading").
Jede sowjetische SS-N-18 kann mit 3 RVs angerechnet werden; insgesamt 896 SS-N-18-Gefechtsköpfe
fallen unter die Obergrenze für "downloading".
Amerikanische Minuteman III können um 1 oder 2 RVs
reduziert werden.
Soweit innerhalb der Obergrenze von 1.250 gestattet,
können bis zu 500 RVs auf zwei anderen bestehenden
Typen ballistischer Raketen reduziert werden (bis zu 4
RVs pro Rakete).
Verbot des "downloading" neuer Typen. Verbot der
Stationierung neuer Typen mit mehr Gefechtsköpfen
als der reduzierte Typ (mit Ausnahme der Minuteman
III und der SS-N-18). Verbot des "downloading" schwerer ICBMs.
Wenn eine ICBM um mehr als 2 RVs reduziert wird,
muß sie mit einer neuen Steuer- und Kontrolleinheit in
der Raketenspitze ausgerüstet werden, und alle alten
Einheiten sind zu zerstören.
Schwere Bomber
Zusätzlich zu der erforderlichen Reduzierung stationierter schwerer ICBMs und ihrer Gefechtsköpfe um
50 Prozent beinhalten weitere Einschränkungen bei
schweren Raketen folgendes: kein "downloading",
keine Erhöhung des Abschuß- oder Wurfgewichts,
keine mobilen Abschuß Vorrichtungen für schwere
ICBMs, Verbot neuer Typen schwerer Raketen. Die
Konstruktion neuer Silos für schwere ICBMs ist gestattet, jedoch nur in Ausnahmefällen für die Verlegung
und nur als Ersatz für beseitigte schwere ICBM-Silos
unter außergewöhnlichen Umständen. Es sind maximal 154 solcher Silos gestattet. Die Modernisierung
und Erprobung der bestehenden schweren ICBMs
kann fortgesetzt werden.
Neue Typen von ICBMs und SLBMs
Eine ICBM oder SLBM wird als neuer Typ einer ICBM
oder SLBM angesehen, wenn sie eines der folgenden
Kriterien erfüllt: Geänderte Anzahl der Stufen, Veränderungen beim Typ des Treibmittels, 10prozentige
Veränderung der Länge der Rakete oder ihrer ersten
Stufe, 10prozentige Veränderung des Abschußgewichts der Rakete, 5prozentige Veränderung des
Durchmessers, Sprozentige Veränderung der Länge
der ersten Stufe mit 21 prozentiger Erhöhung des
Wurfgewichts.

AMERIKA DIENST 30

�Eine Obergrenze von 21 Prozent bei erlaubten Erhöhungen des Wurfgewichts bestehender Typen von
ICBMs und SLBMs.
Die Anrechnung von Gefechtsköpfen auf zukünftige
Typen von ICBMs und SLBMs entspricht der Höchstzahl erprobter und simulierter RVs, jedoch nicht weniger als die Anzahl, die man erhält, indem man 40
Prozent des Raketenwurfgewichts durch das Gewicht
der leichtesten erprobten RVs auf diesem Typ von
ICBM oder SLBM dividiert. Die Anwendung der 40Prozentregel auf neue Systeme mit nichtkonventioneller Raketenspitze wird in der JCIC erörtert.
Schwere Bomber
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem (SNDV). Jeder für Atomwaffen außer
atomaren luftgestützten Marschflugkörpern längerer
Reichweite (d.h. nur für Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite - SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber wird als ein Gefechtskopf auf die Obergrenze von 6.000 angerechnet. Eine vereinbarte Zahl von
schweren Bombern könnte durch Umrüstung zu rein
konventionellen Systemen von der SNDV-Obergrenze von 1.600 ausgenommen werden. Für atomare
ALCMs längerer Reichweite (LRNA) ausgerüstete
schwere Bomber werden von anderen schweren
Bombern zu unterscheiden sein.
Im Gegenzug für die Ausklammerung des Tupolew22-M-Bombers (Backfire) aus dem START-Vertrag
wird die Sowjetunion eine politisch bindende Erklärung
abgeben, derzufolge sie nicht mehrals 300 Backfire für
die Luftwaffe und nicht mehr als 200 Maschinen dieses
Typs für die Marine stationieren wird und diese Bomber keine interkontinentale Fähigkeit erhalten.
Atomare luftgestützte Marschflugkörper längerer
Reichweite (LRNA)
Atomar bestückte ALCMs mit einer Reichweite von
über 600 Kilometern (LRNA) werden vom STARTVertrag betroffen sein. Neue weitreichende, konventionell bestückte ALCMs, die sich von nuklear bestückten ALCMs unterscheiden lassen, werden von START
nicht begrenzt und können auf jedem beliebigen Flugzeug stationiert werden.
Für die Anrechnung auf die Obergrenze von 6.000
Gefechtsköpfen werden die betreffenden Gefechtsköpfe folgendermaßen den für LRNA ausgerüsteten
schweren Bombern zugerechnet: jeder bestehende
und zukünftige für LRNA ausgerüstete schwere Bomber der Vereinigten Staaten zählt soviel wie 10 Gefechtsköpfe, darf jedoch maximal mit 20 LRNA ausgerüstet werden (Ausnahme siehe unten). Jeder bestehende und zukünftige für LRNA ausgerüstete schwere
Bomber der UdSSR zählt soviel wie 8 Gefechtsköpfe,
darf jfidoch mit maximal 16 LRNA bestückt werden
(Ausnahme siehe unten).

AMERIKA DIENST 30

Die Vereinigten Staaten dürfen die obengenannte
Zählregel auf bis zu 150 für LRNA ausgerüstete schwere Bomber anwenden; die Sowjetunion kann die obengenannte Zählregel für bis zu 180 für LRNA ausgerüstete schwere Bomber anwenden. Für alle über diese
Obergrenzen hinausgehenden für LRNA ausgerüsteten schweren Bomber gilt, daß die Zahl der anrechenbaren Gefechtsköpfe der Zahl von LRNA entspricht,
für die die Bomber tatsächlich ausgerüstet sind.
Atomare ALCMs längerer Reichweite mit Mehrfachgefechtsköpfen sind verboten.
Mobile ICBMs
Im großen und ganzen wurde Übereinstimmung über
zulässige Bewegungen und damit einhergehende
Notifizierungsverfahren erzielt.
Nichtstationierte mobile ICBMs und Abschuß Vorrichtungen werden zahlenmäßig und geographisch begrenzt (siehe unten Nichtstationierte Raketen).
Sowjetische mobile Systeme: SS-24, SS-25. Aufgrund des Prinzips der Gegenseitigkeit wird das
amerikanische Peacekeeper-System als mobil eingestuft, obwohl es nie als mobile ICBM getestet wurde.
Nichtstationierte Raketen
Bei nichtstationierten ballistischen Raketen wird für
alle ICBMs eines Typs, der bereits von einer mobilen
Abschußrampe im Flug erprobt wurde, eine zahlenmäßige Obergrenze von 250 eingeführt; von diesen dürfen höchstens 125 nichtstationierte Raketen schienengestützt sein. Darüberhinaus werden nichtstationierte
Abschußvorrichtungen für mobile Raketen auf 110
begrenzt. Davon dürfen höchstens 18 nichtstationierte Abschußvorrichtungen für schienengestützte ICBMs
sein.
Andere nichtstationierte ballistische Raketen werden
keinen zahlenmäßigen Begrenzungen unterliegen. Es
wird jedoch Beschränkungen im Hinblick auf Standort
und Bewegungen geben, und sie werden in den erforderlichen Datenaustausch einbezogen.
Ferner werden verschiedene andere Bestimmungen
vereinbart, um das rasche Nachladen von ICBMAbschußrampen zu verhindern.
Beide Seiten haben ferner vereinbart, daß die Zahl der
Marschflugkörper und anderer Waffen für schwere
Bomber keinerlei Begrenzung unterworfen wird. Die
Stationierungsorte der LRNA werden teilweise begrenzt.
Ausnahmen von den vertraglichen Obergrenzen
75 nichtmoderne für nichtnukleare Waffen ausgerüstete schwere Bomber, ehemalige schwere Bomber
und schwere Bomber für Schulungszwecke.
20 schwere Bomber zu Testzwecken.

Seite 3

�25 Siloabschußvorichtungen zu Testzwecken sowie
20 mobile Abschuß Vorrichtungen zu Testzwecken in
Erprobungsstellen.
SLCMs
Seegestützte Marschflugkörper (SLCMs) werden vom
START-Vertrag nicht begrenzt. Jede Seite wird jedoch der jeweils anderen eine politisch bindende
Deklaration über die atomaren SLCMs längerer Reichweite, also atomare SLCMs mit einer Reichweite von
über 600 Kilometern, zukommen lassen. In jährlichen
Deklarationen wird die geplante Höchstzahl dieser
stationierten atomaren SLCMs für jedes der folgenden
fünf Vertragsjahre präzisiert werden. Die geplante
Höchstzahl wird 880 atomare SLCMs längerer Reichweite nicht überschreiten. Nuklear bestückte SLCMs
mit einer Reichweite von 300 - 600 Kilometern werden
einem vertraulichen jährlichen Datenaustausch unterworfen. Die Seiten werden keine atomaren SLCMs mit
Mehrfachgefechtsköpfen produzieren oder stationieren.
Verifizierung
Die Verifizierung spielte bei der Konzeption des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen
(START) eine große Rolle, und Verifizierungsmaßnahmen wurden parallel zu anderen Aspekten ausgehandelt. Deshalb ist die Grundstruktur des Vertrags
darauf ausgelegt, die Verifizierung durch nationale
technische Mittel (NTM) zu erleichtem. Der STARTVertrag enthält detaillierte, ineinander übergreifende
und sich wechselseitig verstärkende Bestimmungen
zur Ergänzung nationaler technischer Mittel, um ein
wirksames Verifizierungsregime zu schaffen. Dieses
Regime sieht den Austausch von Daten sowie Notifizierung im Hinblick auf vertraglich erfaßte strategische
Systeme und Einrichtungen, ein Verbot der Verweigerung telemetrischer Daten, zwölf Arten von Vor-OrtInspektionen und Vorführungen, die kontinuierliche
Überwachung von Einrichtungen zur Endmontage
mobiler ICBMs sowie kooperative Maßnahmen vor.
Diese Elemente werden nachfolgend dargestellt.
Nationale technische Mittel (NTM)
Der START-Vertrag sieht die Anwendung und Nicht-

behinderung nationaler technischer Mittel zur Verifizierung - also Satelliten - vor. Er enthält ausdrückliche
Bestimmungen zum Verbot der Behinderung von NTM
oder von Maßnahmen zur Geheimhaltung, die einer
Verifizierung durch NTM im Wege stehen würden.
Telemetrie
Den Parteien ist jegliche Aktivität untersagt, die den
vollständigen Zugang zu telemetrischen Informationen während der Flugerprobung von Raketen verweigert, wobei gewisse begrenzte Ausnahmen zulässig
sind. Darüber hinaus sind die Parteien verpflichtet,
telemetrische Bänder, interpretierbare Daten und
Beschleunigungsprofile für jeden Testflug auszutauschen.

Seite 4

Datenaustausch und Notifizierung
Vor Unterzeichnung des Vertrags werden beide Seiten
Daten überzahlen, Standorte und technische Charakteristika von START-spezifischen Waffensystemen
und Einrichtungen austauschen. Danach werden sie
einander regelmäßig notifizieren und fortgeschriebene
Daten liefern.
Kooperative Maßnahmen
Siebenmal pro Jahr kann jede Partei von der anderen
die offene Vorführung von straßengestützten mobilen
Abschußvorrichtungen, schienengestützten mobilen
Abschußvorrichtungen und schweren Bombern auf
von der inspizierenden Partei zu bestimmenden Stützpunkten verlangen. Zusätzliche kooperative Maßnahmen können nach einer operativen Auflockerung
beantragt werden.
Kontinuierliche Beobachtungsaktivitäten
Der START-Vertrag schafft eine kontinuierliche Überwachung von Umfeld sowie Ein- und Ausgängen der
mobilen ICBM-Montageeinrichtungen beider Seiten.
Die Vereinigten Staaten hätten demnach das Recht
zur Etablierung eines Beobachtungspostens in Wotkinsk, wo sich die Endmontageeinrichtung für die SS25 befindet, sowie in Pawlograd, der Endmontageeinrichtung für die SS-24. Die sowjetische Seite hätte das
Recht zur Beobachtung von Thiokol Strategie Operations in Promontory (Utah), der Endmontageeinrichtung für die anrechenbare Stufe der PeacekeeperRakete. Eine solche Beobachtung würde auch für jede
künftige Einrichtung zur Montage mobiler ICBMs eingeführt.
Vor-Ort-Inspektionen
Es gibt zwölf Arten von Vor-Ort-Inspektionen und
Vorführungen. Dies sind: Inspektionen zur Verifizierung von Ausgangsdaten, Inspektionen zur Überprüfung neuer Daten, Inspektionen neuer Einrichtungen,
Inspektionen mutmaßlicher Standorte, Inspektionen
von Wiedereintrittsflugkörpern, Inspektionen zur Überwachung der Auflockerung nach Übungen, Inspektionen zur Überprüfung der Umrüstung oder Beseitigung
von Systemen, Abschlußinspektionen nach Schließung von Standorten, Inspektionen zur Überprüfung
ehemals gemeldeter Einrichtungen, Vorführungen
technischer Charakteristika, Unterscheidbarkeitsvorführungen sowie Vorführungen der Grundausführungen schwerer Bomber.
Einhaltung
Anliegen im Hinblick auf die Einhaltung des Vertrags
können von jeder Seite in der Gemeinsamen Einhaltungs- und Inspektionskommission (JCIC) oder bei
jedem anderen geeigneten Forum vorgebracht werden.
Verweigerung von Daten
Vereinbarung zur Übertragung aller telemetrischen

AMERIKA DIENST 30

�Informationen von Erprobungsflügen von ICBMs und
SLBMs und zum Verbot sämtlicher Maßnahmen
(darunter Verschlüsselung, Verkapselung und Störung), die den vollständigen Zugang zu telemetrischen
Informationen verhindern. Begrenzte Ausnahmen sind
zulässig.
Pflicht zur Bereitstellung vollständiger telemetrischer
Bänder, Beschleunigungsprofile sowie gewisser besonders aufgeführter interpretierbarer Informationen
nach jedem Erprobungsflug eines ICBM oder SLBM.
Als Geste des guten Willens kamen die Seiten überein,
120 Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags auf
Verschlüsselung oder Störung des Funkverkehrs zu
verzichten.
Vertragsdauer

nicht vorher durch ein Folgeabkommen abgelöst wird.
Mit Zustimmung beider Seiten kann der Vertrag für
weitere Zeiträume von jeweils fünf Jahren verlängert
werden.
Nichtumgehung/Drittlandsfragen
Kein Transfer strategischer Offensivwaffen an Drittländer, es sei denn, bestehende Strukturen der Zusammenarbeit werden nicht berührt.
Es wird keine dauernde Stationierung strategischer
Offensivwaffen und keine Inspektionen au ßerhalb des
jeweiligen nationalen Territoriums geben. Eine vorübergehende Stationierung schwerer Bomber in Übersee ist gestattet, aber dafür gelten gewisse Notifizierungspflichten. Anlegen von SSBNs in Häfen ist
gestattet.

Der Vertrag hat eine Laufzeit von 15 Jahren, sofern er

* * * *

AMERIKA DIENST 30

*

Seite 5

�NAHER

OSTEN
31. Juli 1991

PARISER TREFFEN ERSTER SCHRITT ZUR
BEGRENZUNG VON WAFFENLIEFERUNGEN
IN DEN NAHEN OSTEN
Bartholomew vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Das Treffen der fünf führenden Waffenlieferanten in den Nahen Osten - Vereinigte
Staaten, Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und China - Anfang dieses Monats in Paris markierte den
"ersten wichtigen Schritt zur Begrenzung destabilisierender Waffenlieferungen in den Nahen Osten", erklärte der
Staatssekretär für internationale Sicherheitsbelange, Reginald Bartholomew, am 25. Juli 1991.
In einer Rede vor den Unterausschüssen des Repräsentantenhauses für Europa, den Nahen Osten und
Rüstungskontrolle, internationale Sicherheit und Wissenschaft verwies Bartholomew auf die von den fünf
Nationen in Paris bei der "Entwicklung eines pragmatischen Verhaltenskodex für Waffenlieferungen" erzielten
Fortschritte. Ein solcher Kodex sollte den Standard setzen, an dem das Verhalten anderer waffenexportierender Nationen gemessen wird, fügte er hinzu.
Bartholomew, der Leiter der US-Delegation bei den Pariser Gesprächen war, betonte, daß jeder Versuch zur
Verhängung eines Moratoriums auf legale Rüstungsverkäufe der Vereinigten Staaten an verbündete Nationen
im Nahen Osten jedoch zum Scheitern verurteilt wäre.
"Ein Moratorium würde unsere Bestrebungen zum Aufbau eines effektiven internationalen Systems für die
Selbstbeschränkung der Lieferanten vereiteln, die anderen führenden Lieferanten von der Zusammenarbeit mit
uns abschrecken und 'Renegaten' einfach gestatten, unseren Platz einzunehmen", führte er aus.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bartholomews Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, vor diesen
beiden Unterausschüssen meine Sicht des vor kurzem
beendeten Treffens von Rüstungslieferanten in Paris
sowie unsere kontinuierlichen Bestrebungen zur Förderung der Stabilität im Nahen Osten darzulegen. Ich
weiß Ihr anhaltendes Interesse an der Rüstungskontrollpolitik der Administration und die ermutigenden
Worte von Ihnen und Ihren Kollegen zu den Ergebnissen des Pariser Treffens zu schätzen. Ich möchte mit
einem Abriß der Ereignisse beginnen, die zu dem
Pariser Treffen geführt haben.
In seiner Rüstungskontrollinitiative für den Nahen Osten
vom 29. Mai 1991 schlug der Präsident ein Treffen der
fünf wichtigsten Rüstungslieferanten für den Nahen
Osten - Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und die Sowjetunion - vor, um die Trans-

AMERIKA DIENST 30

parenz im Prozeß der Rüstungslieferungen zu erhöhen. Der Präsident unterbreitete den Vorschlag zu
ersten Gesprächen zwischen diesen fünf Ländern, die
in den vergangenen Jahren eine beachtliche Menge
von Waffen in die Region geliefert haben.
Bei dem Treffen sollten sich die Gespräche auf die
Schaffung eines Regimes zur Verhinderung destabilisierender Exporte konventioneller Waffen und das
Verbot des Transfers von Massenvernichtungswaffen
sowie verwandter Technologien konzentrieren. Die
Fünf kamen vom 8. bis 9. Juli 1991 in Paris zusammen,
um Gespräche dieses Inhalts aufzunehmen.
Bei dem Pariser Treffen strebten die Vereinigten Staaten die Zustimmung der anderen Teilnehmer zu drei
grundlegenden Elementen von Präsident Bushs Vor-

Seite 1

�schlag an. Erstens die Entwicklung einer Reihe von
Richtlinien zu konventionellen Rüstungslieferungen
und einen Mechanismus für Konsultationen, Notifizierung und Informationsaustausch zu ihrer Unterstützung. Zweitens die Entwicklung von Richtlinien zur
Verhinderung des Transfers von Massenvernichtungswaffen, Boden-Boden-Raketen und verwandter Technologien. Drittens, eine Reihe spezifischer Rüstungskontrollvorschläge für die Region mit Unterstützung
der fünf Teilnehmerstaaten durchzuführen. Nach
anderthalbtägigen Gesprächen verabschiedete die
Gruppe diese grundlegenden Prinzipien. In dem von
den Fünf herausgegebenen Kommunique fanden diese Prinzipien und die Tatsache ihren Niederschlag,
daß die von Präsident Bush vorgebrachten Ideen als
Grundlage der Gespräche dienten.
Die Fünf einigten sich, erstmalig Regeln der Selbstbeschränkung in Form von Richtlinien beim Transfer
konventioneller Waffen in den Nahen Osten einzuhalten. Diese Richtlinien bilden das Kernstück eines
anhaltenden Prozesses, der Konsultationen und Informationsaustausch zu Rüstungslieferungen in die Region
beinhaltet.
Die Fünf vereinbarten darüber hinaus, strikte nationale
und so weit wie möglich harmonisierte Kontrollen zur
Eindämmung des Transfers von Massenvernichtungswaffen und verwandtem Material zu entwickeln und
aufrechtzuerhalten.
Die Fünf unterstützen die Initiative des Präsidenten für
ein umfassendes Programm zur Rüstungskontrolle im
Nahen Osten uneingeschränkt:
Sie verabschiedeten das Einfrieren der Erprobung und Beschaffung von Boden-Boden-Raketen mit dem Ziel ihrer endgültigen Beseitigung.
Sie vereinbarten, daß alle nuklearen Aktivitäten
in der Region unter die Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) fallen sollen.
Sie unterstützen ein Verbot der Einfuhr und
Herstellung von nuklearfähigem Material und
sie erzielten Einigung, daß alle Staaten in der
Region Unterzeichner der Konvention zum Verbot
chemischer Waffen werden sollten, sobald diese (im Jahr 1992) abgeschlossen wird.
Die Gruppe vereinbarte, die in Paris begonnene Arbeit
mit der nächsten Plenarsitzung kommenden Oktober
in London fortzusetzen. In der Zwischenzeit wird im
September in London ein Treffen auf Expertenebene
abgehalten, um die im Kommunique geforderten
Konsultationsmechanismen und Richtlinien zu erörtern.

Seite 2

Das Pariser Treffen ist der Anfang einer neuen Form
der Zusammenarbeit zwischen ä&amp;n fünf führenden
Rüstungslieferanten in den Nahen Osten. Wir haben
von den Fünf die gegenseitige Verpflichtung erhalten,
die Konzepte von Transparenz und Selbstbeschränkung der Lieferanten bei Rüstungstransfers beschleunigt zu entwickeln. Kurzum: Wir haben in Paris ein
höheres Maß an Einigung zur Quintessenz des Ansatzes von Präsident Bush zu einem früheren Zeitpunkt
erzielt als viele Beobachter dies für möglich gehalten
hätten.
Wir fühlten uns durch die positive Reaktion ermutigt,
die die internationale Staatengemeinschaft den Ergebnissen des Pariser Treffens entgegenbrachte. Beim
jüngsten Gipfeltreffen der G-7 haben Deutschland,
Italien, Japan und Kanada gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich die Notwendigkeit für Transparenz und Konsultatioen im Rüstungstransferprozeß
hervorgehoben.
In ihrer Gipfelerklärung betonten die G-7 den internationalen Charakter dieses Problems. Dem können wir
nur zustimmen. Ein Teil unserer Diskussionen in Paris
konzentrierte sich auf die Notwendigkeit, wirksame
Maßnahmen auf internationaler Ebene zu erarbeiten.
Die Vorschläge von Premierminister Major und Präsident Mitterrand tragen diesem Punkt Rechnung. Nichtverbreitung ist ein internationales Problem und die
Administration nimmt es als solches in Angriff. Aber
selbst wenn wir unsere Arbeit bei bestehenden Nichtverbreitungsregimen intensivieren und bilaterale Bestrebungen zu Themen von weltweitem Interesse
verfolgen, müssen die Fünf vordringlich das Problem
der Weiterverbreitung im Nahen Osten - dem Gebiet,
das uns die größten Sorgen bereitet - ansprechen. Ich
denke, wir sind uns alle einig, daß der Golfkrieg diesen
Punkt in sehr drastischer Art und Weise illustriert hat.
Herr Vorsitzender, gerade die Tatsache, daß die Fünf
überhaupt zusammentrafen, um das sensible Thema
Waffenlieferungen zu erörtern, ist eine bedeutende
Leistung an sich. Daß sie darüber hinaus übereinkamen, destabilisierende Lieferungen zu begrenzen,
beweist die Stärke des Ansatzes des Präsidenten zu
dieser äußerst schwierigen Frage.
Wir sind zwar mit dem Ausmaß des in Paris erzielten
Erfolgs sehr zufrieden, geben uns im Hinblick auf die
noch vor uns liegenden Herausforderungen jedoch
keinen Illusionen hin. Obwohl alle dem Konzept der
Zurückhaltung zustimmten, wird es sehr schwierig
werden, die Fünf zu einer Einigung auf bestimmte
Maßnahmen zur Begrenzung von Waffenlieferungen
zu bewegen. Dies wird ein beispielloses Ausmaß an
multilateraler Zusammenarbeit erfordern. Wir müssen
gewisse Lieferanten, die für gewöhnlich heimlich Waffen
exportieren, dazu bringen, diesen Prozeß für Konsultationen, Notifizierung und Informationsaustausch transparent zu machen.

AMERIKA DIENST 30

�Durch die Initiative des Präsidenten führen wir gleichzeitig im Nahen Osten Konzepte ein, die dort bisher
praktisch unbekannt waren. Wir fordern Staaten in
dieser Region, die normalerweise ihre nationale Sicherheit auf Geheimhaltung und Anhäufung von Waffen aufbauen, dazu auf, einen Ansatz zu akzeptieren,
der Transparenz und Rüstungsbegrenzung verlangt.
Auch dies wird nicht einfach sein. Aber wie der
Präsident bei der Ankündigung der Initiative im Mai
erklärte, ist der Weg zum Frieden niemals leicht.
Trotzdem hoffen wir, daß der Erfolg des Pariser Treffens bei den Staaten der Region einen neuen Realismus im Hinblick auf ihre Sicherheitsbedürfnisse hervorrufen wird. Wir haben bereits Anzeichen in diese
Richtung festgestellt. Saudi Arabien hat seine Führungsrolle unterstrichen, indem es mutig seine Bereitschaft erklärte, sich an alle Beschränkungen für Massenvernichtungswaffen zu halten und zu den ersten
Nationen zu gehören, die von diesen Beschränkungen
erfaßte Waffen vernichten. Wie in der MubarakInitiative zum Ausdruck kommt, unterstützt Ägypten
weiterhin unsere Bemühungen und teilt unsere Ziele
für Rüstungskontrolle im Nahen Osten. Die Administration begrüßt diese Schritte wärmstens und ermutigt andere Staaten in der Region zu ähnlichen Gesten.
Solche Schritte werden der Zurückhaltung seitens der
Lieferländer eindeutig Vorschub leisten und der Rüstungskontrolle im Nahen Osten mehr Legitimität verleihen.
Unsere Rüstungskontrollverhandlungen mit den Sowjets haben uns eine sehr wichtige Lektion gelehrt.
Selbst in Zeiten tiefer Feindschaft und starken Mißtrauens kann Rüstungskontrolle dem Abbau des militärischen Wettbewerbs und der Einbeziehung eines
Elements der Berechenbarkeit und Stabilität in die
politische Gleichung förderlich sein.
Mit zunehmendem Auftrieb des arabisch-israelischen
Friedensprozesses werden wir unsere Bemühungen
zur Eindämmung des regionalen Rüstungswettlaufs
intensivieren. Rüstungskontrolle und der Friedensprozeß sind keine aufeinanderfolgenden Ereignisse. Sie
verstärken sich wechselseitig. Sie sind Teil unseres
umfassenden Gesamtkonzepts zur Vertrauensbildung
und Behandlung der Probleme in der Region.
Eine wichtige Komponente bei diesem Prozeß der
Vertrauensbildung ist die Stärkung der Sicherheit unserer
Freunde und Verbündeten in der Region. Unsere
Waffenlieferungspolitik dient einzig und allein dem
friedlichen Zweck, ihnen die Mittel bereitzustellen, um
Aggression abzuschrecken und sich gegebenenfalls
dagegen zu verteidigen. Wie die fünf wichtigsten
Waffenexporteure in Paris bekräftigten, garantiert die
Charta der Vereinten Nationen jedem Staat das Recht
auf Selbstverteidigung sowie das Recht, die Mittel zu
seiner Verteidigung zu erwerben.

AMERIKA DIENST 30

Wir sind uns jedoch der Tatsache bewußt, daß Selbstverteidigung durch die verantwortungsvolle Lieferung
konventioneller Waffen gewährleistet werden sollte,
die legitimen Verteidigungszwecken dienen und keine
destabilisierenden konventionellen Ungleichgewichte
hervorrufen. Dies war stets eine Komponente unserer
Politik und ist eines unserer Ziele bei der Entwicklung
von Beschränkungen seitens der Lieferanten.
Herr Vorsitzender, ich bin mir der Sorgen voll und ganz
bewußt, die Sie und Ihre Kollegen über eine Rückkehr
zu "business as usual" im Nahen Osten empfinden.
Dazu möchte ich folgende Anmerkungen machen.
Erstens möchte ich Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten im Hinblick auf ihre Militärhilfeprogramme niemals eine Haltung des "business as usual"
eingenommen haben. Wir genehmigen nur solche
Waffenlieferungen, die im Einklang mit unseren Exportgenehmigungsverfahren stehen, zur regionalen
Verteidigungsfähigkeit beitragen und damit die Stabilität stärken sowie die amerikanische militärische
Zusammenarbeit mit der Region verbessern. Wir
werden weiterhin eine kluge Militärhilfepolitik verfolgen, mit der die defensiven Erfordernisse verantwortungsbewußter, befreundeter und friedliebender Regierungen gestärkt werden.
Erinnern Sie sich bitte an einen sehr wichtigen Punkt:
Es waren nicht von den Vereinigten Staaten gelieferte
Waffen, die zur Krise am Golf führten. Glaubt irgendein verantwortlicher Experte wirklich, daß der Verkauf
von Waffen an Israel, Ägypten und Saudi-Arabien die
brutale Invasion Kuwaits heraufbeschworen hat? Femer
liefern wir auch keine Waffen an solche Staaten des
Nahen Ostens, die eine ständige Quelle aggressiven
Verhaltens und unverantwortlicher Aktionen sind. Wir
sind nicht die Quelle übertriebener Arsenale im Nahen
Osten. Unsere Bilanz verantwortungsbewußter Waffenlieferungen kann sich sehen lassen und spricht für
sich.
Zweitens haben wir eine einzigartige Chance, in dieser
Angelegenheit die Führungsrolle zu übernehmen. In
der Tat tun wir mit der Initiative des Präsidenten genau
dies. Wir bringen andere Lieferanten dazu, die Art von
Zurückhaltung bei Waffenlieferungen zu übernehmen,
die stets integraler Bestandteil der amerikanischen
Rüstungsexportpolitik gewesen ist. Wir haben den
fünf führenden Lieferanten ein Forum geboten, um die
Probleme zu erörtern, bevor sie gefährlich außer Kontrolle
geraten. Wir entwickeln einen pragmatischen Verhaltenskodex für Waffenlieferungen, der Normen dafür
schaffen wird, wie die Aktionen der anderen waffenexportierenden Staaten bewertet werden. Die Bemühungen der fünf wichtigsten Lieferanten in Paris zeugen von diesem Ziel.
Vor dem Golfkrieg existierte weder ein Überwachungssystem, um die Aufrüstung des Irak zu verhindern,

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�noch gab es irgendeine Vereinbarung, um destabilisierende Waffenlieferungen zu erörtern. Genau das
wollen wir ändern, und das ist die Richtung, in die
unsere Führungsrolle weist.
Schließlich müssen wiruns vor Augenführen, daß jede
einseitige Maßnahme der Vereinigten Staaten beim
Streben nach einer Veränderung des weltweiten
Waffenhandels, wie etwa die Verhängung eines Moratoriums, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
Wird die einseitige Einstellung amerikanischer Waffenlieferungen in den Nahen Osten unsere Chancen
verbessern, andere Waffenlieferanten dazu zu veranlassen, unserem Beispiel zu folgen? Die Administration geht davon aus, daß genau das Gegenteil der Fall
wäre.
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ein Moratorium
unsere Bestrebungen zum Aufbau eines effektiven
internationales Systems für die Selbstbeschränkung
der Lieferanten vereiteln, die anderen führenden Lieferanten von der Zusammenarbeit mit uns abschrecken
und "Renegaten" einfach gestatten würde, unseren
Platz einzunehmen.

*

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Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß damit unseren
regionalen Verbündeten demonstriert würde, daß die
Vereinigten Staaten kein verläßlicher Unterstützer ihrer
legitimen Verteidigungsbedürfnisse sind. Es bestehen
kaum Zweifel daran, daß diese sich dann an andere
wenden werden, um ihre Verteidigungsbedürfnisse zu
befriedigen, wenn wirnicht bereit sind, dies zu tun. Das
einzige greifbare Ergebnis eines Moratoriums wäre
also eine Verringerung der amerikanischen Fähigkeit,
das von uns angestrebte Resultat zu beeinflussen.
Herr Vorsitzender, das Pariser Treffen war der erste
wichtige Schritt zur Begrenzung destabilisierender
Waffenlieferungen in den Nahen Osten. Wir fühlen
uns durch die Bereitschaft der Fünf ermutigt, bei der
Sondierung des ungewohnten Terrains der Selbstbeschränkung seitens der Lieferanten zusammenzuarbeiten. Während wir die Initiative des Präsidenten
weiterverfolgen, hoffe ich mit Ihrer anhaltenden Unterstützung und der des Ausschusses rechnen zu können, um ein von uns allen geteiltes Ziel zu erreichen:
die Stärkung der Stabilität im Nahen Osten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 30

�UMWELT
31. Juli 1991

PRÄSIDENT ERNENNT KOMMISSION
FÜR UMWELTQUALITÄT
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 23. Juli 1991 vom Weißen Haus herausgegebene Übersicht zu Organisation und Aufgabe der von Präsident Bush ernannten Kommission für Umweltqualität.

Präsident Bush hat heute 25 führende Vertreter von
Umweltorganisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und
Stiftungen als Mitglieder seiner Kommission für
Umweltqualität benannt.
Zweck dieser Kommission ist die Bewertung von
Möglichkeiten, um wichtige umweltpolitische Herausforderungen der neunziger Jahre durch Vernetzung
der Ziele Umweltqualität, Wirtschaftswachstum und
Lebensqualität in Angriff zu nehmen. Die Kommission
wird Bündnisse und Partnerschaften fördern, die innovativen Umweltprogrammen Schwungkraft verleihen.
Diese Aktivitäten werden über bestehende gesetzliche
und behördliche Auflagen zur Verbesserung der
Umweltqualität hinausgehen.
In den vergangenen 20 Jahren haben behördliche und
gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der Umwelt
beigetragen. Der Präsident beabsichtigt, diese Bemühungen zu ergänzen, indem die Aufmerksamkeit auf
Möglichkeiten gelenkt wird, den Wirkungsgrad der
Marktkräfte schöpferisch zur Verbesserung der
Umweltqualität zu nutzen.
Organisation
Die Kommission wird regelmäßig zusammentreten
und dem Präsidenten über Fortschritte Bericht erstatten. Der Vorsitzende des Rats für Umweltqualität im
Leitungsbüro des Präsidenten wird der Kommission
als Vorsitzender dienen. Ein Direktor wird die Maßnahmen der Kommission leiten. Besondere Expertengruppen, die sich auf das Fachwissen des Privatsektors stützen, werden mögliche Maßnahmen identifizieren und Modellprogramme zur Behandlung dieser
Bereiche fördern. Die Arbeit der Kommission ist auf
zwei Jahre begrenzt. Eine Verlängerung ist möglich.
AMERIKA DIENST 30

Leitlinien

Die Leitlinien der Kommission beinhalten eine innovative umweltpolitische Tagesordnung. Sie stellen sich
wie folgt dar:
Nutzung der Marktkräfte - ihrer Vitalität, Flexibilität und Effizienz.
Befähigung der Bürger, freiwillige Maßnahmen
zu ergreifen, durch Verstärkung des Informationsflusses in alle gesellschaftlichen Bereiche.
Förderung der Prävention von Umweltverschmutzung, die sich als Synergie umweltpolitischer
und wirtschaftlicher Ziele darstellt, anstatt Mittel
auszugeben, um nach erfolgter Verschmutzung
Altlasten zu beseitigen.
Förderung der Umweltqualität durch einen
ganzheitlichen Ansatz zu Umweltfragen, indem
Ressourcen so effizient wie möglich genutzt
werden und Umweltqualität zu einem wichtigen
Bestandteil der wirtschaftlichen Grundlagen
gemacht wird.
Förderung kooperativer Partnerschaften zwischen unterschiedlichen Gruppen und Interessen.
Die Tagesordnung der Umweltqualität
In den vergangenen 20 Jahren hat das Land bemerkenswerte Fortschritte bei der Behandlung vieler
Umweltprobleme gemacht. Die Kosten des traditionellen, auf behördlichen Anordnungen und Vorschriften
beruhenden Regimes sind jedoch erheblich, und viele
Fragen lassen sich nicht administrativ lösen. Für die
Seite 1

�Arbeit der Kommission wurden vier Themenkomplexe
identifiziert, in denen sich die neue umweltpolitische
Tagesordnung widerspiegelt und die Chancen für
meßbare Fortschritte bieten. Dies sind:
Verhinderung von Umweltverschmutzung
und Management der Umweltqualität: Solide Managementpraktiken resultieren aus der
Einbeziehung umweltpolitischer Gedanken in
die tägliche Entscheidungsfindung. Die Verlagerung des Schwerpunkts von nachträglichen
Gegenmaßnahmen zur Verhinderung der
Umweltverschmutzung von Beginn an ist eine
der aussichtsreichsten Methoden zum Umgang
mit einem Spektrum von Umweltproblemen.
Diese Strategien vereinen für gewöhnlich Kosteneinsparungen, Effizienz und Wettbewerb
mit der Forderung deröffenlichkeit nach Schutz
der Umwelt sowie der öffentlichen Gesundheit
und Sicherheit.

in positive Maßnahmen für die Umwelt umzusetzen. Über die Studien, Debatten und institutionellen Maßnahmen hinaus ist letzlich der
einzelne die treibende Kraft beim Schutz der
Umwelt. Bürger, Konsumenten, Arbeitnehmer,
leitende Angestellte und Entscheidungsträger
können über die Medien, Berufsverbände, Marketjngkanäle und besonders durch das Bildungswesen erreicht werden - wo unsere Schulen die
Bewahrer der Erde von morgen ausbilden.
Durchführung des Programms
Die Arbeit der Kommission wird durch Erreichen folgender Ziele verwirklicht:
Schaffung eines Führungsnetzes von Einzelpersonen, die dem Präsidenten bei der Förderung einer gesunden Umwelt und starken Wirtschaft helfen werden, indem sie Zeit und Mittel
für die Förderung von Maßnahmen und Bildungsprogrammen auf freiwilliger Basis einsetzen.

Umgang mit natürlichen Ressourcen: Der
vernünftige Umgang mit unseren natürlichen
Ressourcen wird durch kooperative Managementpläne sowie Partnerschaften zwischen
öffentlichem und privatem Sektor gestärkt, der
traditionelle Praktiken der Bewirtschaftung von
Boden und Wasser übersteigt.
Innovative
Bündnisse stellen die Vorteile umweltpolitischer
Partnerschaften unter Beweis und führen Behörden, Ressourcen Verwalter, Partner aus der
Industrie, Bürgervertreter und Freiwillige zusammen.
Internationale Zusammenarbeit: Die Förderung umweltpolitisch sensibler wirtschaftlicher
Entwicklung und technologischer Zusammenarbeit bietet Möglichkeiten, um die Bedingungen nicht nur im In- sondern auch im Ausland zu
verbessern. Die Verflechtung der Umweltqualität über nationale Grenzen hinweg ist mit dem
Auftreten globaler Umweltfragen immer stärker
in Erscheinung getreten. Die internationale
Zusammenarbeit ist für unsere Zukunft von entscheidender Bedeutung, wenn wir die von weltweiter Umweltverschmutzung ausgehenden
Bedrohungen abbauen, dauerhafte Entwicklung
fördern und die internationalen Beziehungen
verbessern wollen.
Bildung und Kommunikation: Durch breite
Unterrichtung der Öffentlichkeit kann die Kommission den Bürgern dabei helfen, ihre Sorgen

Identifizierung erfolgreicher Modelle dafür, was
der Privatsektor auf kooperativer freiwilliger
Grundlage leisten kann, indem er seine eigenen
Ressourcen und schöpferischen Fähigkeiten
nutzt.
Anregung weiterer Maßnahmen durch Informationsprogramme, die öffentliche Nachfrage und
Unterstützung dieser Bemühungen verstärken
sowie Schaffung einer Infrastruktur für technische Hilfe.
Verbesserung durch Resonanz, Betonung einer
Überprüfung der Effektivität von Aktionen, die
den bestmöglichen Einsatz von Ressourcen zur
Bewältigung umweltpolitischer Herausforderungen fördern.
Durch diese zu verwirklichenden Ziele wird die Kommission einen Rahmen für Maßnahmen verfechten,
der Einzelpersonen und Organisationen dazu veranlassen wird, sich für ein gesundes ökonomisches und
wirtschaftliches Umweld der Vereinigten Staaten einzusetzen.
Weitere Informationen sind erhältlich bei: Patricia
Kearney, Director, President's Commission on Environmental Quality, 722 Jackson Place, Washington
DC., 20503.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 30

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