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\Q

28. August 1974

Inhalt

INFORMATION:
Ford: Entschlossen für den Frieden eintreten
-Auszüge aus der Rede vom 19. August-

DOKUMENTATION:
Rede Kissingers auf dem Jahreskonvent der "American Legion"
-WortlautFulbright und Harriman umreißen amerikanische Entspannungspolitik

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:

Kernkraftwerke sind sicher
-Amerikanische Wissenschaftlerkommission veröffentlicht neuen BerichtMedizinische Geräte für Klinik und Labor
-Fachausstellung und Tagung im US-Handelszentrum-

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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18/1974

FORD: ENTSCHLOSSEN FÜR DEN FRIEDEN EINTRETEN
- Auszüge aus der Rede vom 19.August -

CHICAGO—(AD)— Nach den Worten von Präsident Ford muß es eines der grundlegenden Ziele der amerikanischen Politik bleiben, Frieden durch Stärke und
echte Verhandlungen zu erreichen. Auf dem 75. Jahreskonvent amerikanischer
Kriegsveteranen betonte Ford am 19. August in Chicago, "die Vereinigten Staaten sind nicht der Polizist der Welt, aber sie müssen weiterhin das Rückgrat der kollektiven Verteidigung der freien Welt sein". Wörtlich sagte
der Präsident unter anderem:

"... Alle von uns, die in dem einen oder anderen Kriege gedient haben,
wissen nur zu gut, daß alle Kriege hohen Ruhm und tiefes Leid für die Jugend
bedeuten. Ich bin der Oberzeugung, diese jungen Amerikaner sollten eine
zweite Chance haben, ihren fairen Anteil zur Wiederherstellung des Friedens
unter uns und zwischen allen Völkern zu leisten.

Daher werde ich das ganze Gewicht meines Präsidentenamtes auf die Waage
der Justitia für die Sache der Milde einsetzen. Ich erwarte ihre verdiente

-1-

�\
verdiente Wiedereingliederung in eine neue Atmosphäre der Hoffnung, harter
Arbeit und beiderseitigen Vertrauens.
Ich werde schnell, fair und fest entschlossen in dem

gleichen Geiste

handeln, der einst Abraham Lincoln und Harry Truman beseelte. So wie ich eine
Amnestie ablehne, so lehne ich auch Vergeltung ab.

Für diese Administration steht die Unterstützung der Männer, die die
Hauptlast der Kämpfe zu tragen hatten, an allererster Stelle... Aber Ihrer
Regierung sind zwangslaeufig auch durch andere Erwägungen Grenzen gesetzt.
Wir alle sind Soldaten in einem Krieg gegen die brutale Inflation.

Amerika kämpft heute um sein wirtschaftliches Fortbestehen. Tatsache ist,
daß die unkontrollierte Inflation das Gebäude und die Grundlagen Amerikas
vernichten könnte, und ich werde nicht zögern, ein Veto gegen Gesetze einzulegen und zu versuchen, inflationistische Auswüchse unter Kontrolle zu bringen

Der Friede hängt von der Stärke und Schlagkraft unserer Verteidigung ab.
Und ich werde jede vernünftige Maßnahme unterstützen, um Moral und Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte zu stärken.

Die Vereinigten Staaten, unsere Verbündeten und unsere Freunde überall
auf der Welt müssen weiterhin Stärke und Entschlossenheit zeigen. Die potentiellen Gegner beobachten natürlich, wie groß unsere Einsatzbereitschaft

und

die Festigkeit unseres Willens ist. Wir werden hier keine Schwäche zeigen.

Amerika

-2-

�Amerika ist nicht der Polizist der Welt, aber wir werden weiterhin das
Rückgrat eines kollektiven Sicherheitssystems der freien Welt sein.

So wie Amerika seine nukleare Abschreckungsstärke beibehalten wird, so
werden wir doch niemals in den Verhandlungen nachlassen, diese Gefahr für die
Menschheit unter Kontrolle zu bringen - und hoffentlich auch zu verringern.
Eine große Nation zeigt sich nicht nur stark, sondern auch klug; sie hat
nicht nur ihre Grundsätze, sondern auch ihre Ziele. Ein grundlegendes Ziel
unseres Landes muß es sein, Frieden durch Stärke und echte Verhandlungen zu
erreichen.

Unser guter Wille darf niemals so ausgelegt werden, als fehle es uns an
Entschlossenheit. Und ich weiß, ich kann auf jeden von Ihnen und die Familien
eines jeden von Ihnen zählen, Frieden und Sicherheit erfordern Bereitschaft
und Opfer...".

+-H-

-3-

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18/1974

REDE KISSINGERS AUF DEM JAHRESKONVENT DER "AMERICAN LEGION"
- Wortlaut -

MIAMI --(AD)-- Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat sich am
20. August erneut gegen jede einseitige Verringerung der amerikanischen Truppen in Europa ausgesprochen und unterstrichen, daß die Verteidigung Westeuropas weiterhin den Eckstein für die Sicherheit Amerikas bildet. Die Rede des
Außenministers vor dem amerikanischen Veteranenverband "American Legion" hat
folgenden Wortlaut:
"Ich darf Ihnen die Grüße von Präsident Ford übermitteln, der mich gebeten hat, Ihnen zu sagen, er hoffe, im nächsten Jahr auf Ihrem Jahreskonvent
bei Ihnen zu sein.

Ich bin stolz, die Ehre zu haben, heute abend unter Ihnen weilen zu dürfen. Das grundlegende Ziel dieser Organisation - die Erhaltung unserer nationalen Sicherheit - war auch das zentrale Anliegen meines Lebens in den über
20 Jahren, die ich als Lehrer und Schriftsteller wie auch im öffentlichen
Dienst tätig war. Ihre unerschütterliche Hingabe für dieses Ziel über ein

-1-

�ein halbes Jahrhundert lang, in guten wie in schlechten Zeiten, spiegelt
nicht nur das Streben einer einzelnen Organisation, sondern auch die Zielsetzungen einer ganzen Nation wider.

Die Größe einer Nation wird nicht nur an ihrem Mut in der Stunde der
Krise, sondern auch an ihrem Verhalten in langen, schweren Zeiten gemessen.
Aus einem Jahrzehnt nationaler Tragödien und Sorgen sind Amerika und das amerikanische Volk jetzt stark und geeint hervorgegangen.

Zwei Jahrzehnte lang haben wir nach dem zweiten Weltkrieg geglaubt, daß
wir alles vermöchten - später dann, in jüngster Zeit sprachen Einzelne von
einem Überengagement und begannen zu glauben, daß wir nichts vermochten. Aber
jetzt, da wir uns dem 200. Jahrestag des Bestehens der USA nähern, ist unser
Glaube an uns zurückgekehrt. Wir haben aus unseren Erfahrungen gelernt. Indem
wir die uns gesetzten Grenzen sehen lernten, haben wir auch unsere Möglichkeiten erkannt. Wir haben die Extreme eines Weltpolizisten und der Isolation verworfen, die allzulange unsere Debatten beherrschten. Dies hat uns in die Lage versetzt, zur Definition einer Außenpolitik zu gelangen, die das amerikanische Volk in den kommenden Jahrzehnten unterstützen und durchhalten kann.

Unsere Beständigkeit ist die Hoffnung der Welt. So erklärte Präsident
Ford in seiner ersten Rede vor dem Kongreß letzte Woche: 'Solange die Völker
der Welt Vertrauen in unsere Ziele haben und unserem Wort glauben, wird die
jahrhundertealte Vision vom Frieden auf Erden immer klarer werden*.

-Amerikas

�»

i
- Amerikas Stärke -

Es gibt kein Ziel, dem jeder Präsident mehr Zeit, mehr Gedanken und mehr
Raum in seinen Gebeten widmet als das, Amerika und der Welt Frieden zu bringen.
Jede Generation hat nach Frieden gestrebt - doch ganz unvermeidlich kam
es immer wieder zu Kriegen,, sei es gewollt oder aufgrund von Fehlkalkulationen. Keine Generation in diesem Jahrhundert konnte dem entgehen. In dieser
Generation muß es anders sein. Zum ersten Mal in der Geschichte verfügt der
Mensch über das Potential, die Menschheit buchstäblich zu vernichten. In
unserem Zeitalter könnte eine Fehlkalkulation allem Leben ein Ende setzen.

Keine Gruppe von Menschen versteht besser die Bedeutung des Friedens
als die, die persönlich die Schrecken des Krieges kennengelernt hat.

Die größten militärischen Führer

Amerikas standen stets in der vorder-

sten Front derer, die sich darum bemüht haben, aus der menschlichen Geschichte ständiger Kriege eine neue, internationale Ordnung der Gerechtigkeit, der
Zusammenarbeit und des Friedens zu entwickeln.
So hat z.B. der Beitrag, den George Marshall nach dem zweiten Weltkrieg
für die Menschheit leistete, sogar noch seinen historischen Beitrag während
des Krieges übertroffen. Er half mit, die nationale Überzeugung zu begründen,
daß die Sicherheit Amerikas untrennbar von der Sicherheit der Welt ist, und
daß die großen Fragen der nationalen Verteidigung über die Zielsetzungen der
Parteien und der Gruppen hinausreichen. Diese Tradition hat uns unter fünf

3-

�fünf Administrationen gute Dienste geleistet.

Dwight D. Eisenhower hat dem eine weitere Dimension hinzugefügt. Er
lenkte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer starken, ständigen Verteidigung. Er sagte: »Die Schwachen können des Friedens nicht sicher sein;
sie können die Zukunft nur hinnehmen, ohne sie zu beeinflussen.» Aber er war
sich ebenso darüber im klaren, daß im nuklearen Zeitalter Stärke allein
nicht die ultima ratio sein kann. Er verkündete, was kein Präsident seitdem
jemals vergessen hat: »Es gibt nicht länger mehr irgendeine Alternative zum
Frieden».

Daher beginnt unsere Suche nach Frieden mit der Stärke Amerikas. Damit
andere Nationen auf unsere Ziele bauen und unserem Wort glauben können, muß
Amerika weiterhin die stärkste militärische Macht bleiben. Wie ich aus Erfahrung bezeugen kann, bildet in Zeiten einer Krise und am Konferenztisch die
militärische Macht Amerikas die Grundlage für unsere diplomatische Stärke.
Wir haben in den letzten Jahren Fortschritte in Richtung auf den Frieden gemacht, weil wir flexibel waren - aber auch, weil wir entschlossen waren. Wir
dürfen niemals vergessen, daß Entgegenkommen nur bei jenen eine Tugend ist,
von denen man glaubt, daß sie die Wahl haben.

-- Eine starke Verteidigung ist die unerläßliche Abschreckung für eine
Aggression. Indem sie demonstriert, daß es keine Alternative zu Verhandlungen gibt, bildet sie die Voraussetzung für unsere Politik, die Spannungen im Verhältnis zu unseren Gegnern abzubauen.

•-Eine

-4-

�-- Eine starke Verteidigung ist das Band, das unsere Bündnisse zusammenhält, und bestärkt den Willen unserer Partner, sich an der gemeinsamen Verteidigung zu beteiligen. Sie bildet die Basis des gegenseitigen
Vertrauens und damit unserer Zusammenarbeit auf dem ganzen weiten Bereich unserer gemeinsamen Interessen.

Seit dem zweiten Weltkrieg hat jede Administration, gleichgültig welcher
Partei sie angehörte, die Aufrechterhaltung unserer militärischen Stärke
unterstützt. Und in jeder wichtigen Frage der nationalen Verteidigung hat
der Kongreß während der letzten 25 Jahre den Präsidenten unterstützt. Dies
ist ein stolzes Ergebnis, das wir fortsetzen müssen und werden.
Aber wir leben in einer Zeit, in der Verteidigungsfragen eine noch nie
dagewesene Komplexität annehmen. Im nuklearen Zeitalter müssen wir:
-- die Hilfsquellen zwischen strategischen und taktischen Streitkräften aufteilen;
-- die militärische Stärke auf die außenpolitischen Zielsetzungen abstellen;
-- unsere Sicherheit aufrechterhalten, während wir das Wettrüsten beenden und schließlich in die Gegenrichtung wenden.

In einer Zeit eines ungefähren strategischen Gleichgewichts verliert
die Drohung mit einem totalen nuklearen Krieg immer mehr an Glaubwürdigkeit,
und es wird daher immer unwahrscheinlicher, daß sie auf den gesamten Bereich
potentieller Konflikte abschreckend wirken kann. So nimmt die

-5-

�die politische und militärische Bedeutung taktischer Streitkräfte entsprechend
immer mehr zu.

Unsere konventionellen Streitkräfte müssen daher stark sein. Sie halten
die nukleare Schwelle hoch, indem sie mithelfen, Feindseligkeiten einzudämmen,
vor ihrem Risiko abzuschrecken oder sie überhaupt zu verhindern. Sie bilden das
unerläßliche Werkzeug unserer Diplomatie in Zeiten einer Krise. In keiner der
letzten Krisen kam es soweit, daß wir dicht an einem Einsatz unserer strategischen Streitkräfte standen - aber bei zahlreichen Anlässen wurden unsere
taktischen Streitkräfte in Alarmzustand versetzt oder in Bereitschaft gebracht,
um vor aggressiven Schritten abzuschrecken oder die Interessen Amerikas und
seiner Verbündeten zu schützen. Etwa ein Drittel unserer konventionellen
Streitkräfte ist im Ausland stationiert. Sie stehen dort aufgrund dieser Zielsetzungen. Sie sind nicht anderen Ländern zu Gefallen im Ausland stationiert
- sie stehen im Ausland als Teil unserer eigenen Verteidigung.

Die amerikanischen Streitkräfte in Europa sind ein lebendiges Beispiel
dieser Prinzipien. Eine einseitige Reduzierung unserer Truppen dort würde das
Risiko einer ernsten militärischen und politischen Instabilität im Zentrum
Europas in sich bergen, den politischen Einfluß der Sowjets durch Versäumnis
stärken und - ironischerweise - die Notwendigkeit vergrößern, daß wir uns auf
Nuklearwaffen verlassen müssen. Sie würde die vielversprechenden Verhandlungen
über eine beiderseitige Truppenreduzierung unterminieren. Die Verteidigung
Westeuropas bleibt weiterhin - so wie dies während der gesamten Nachkriegszeit
der Fall war - der Eckstein unserer eigenen Sicherheit.
So

-6-

�So wie wir ein Gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte gewährleisten müssen, so müssen wir auch ein nukleares Gleichgewicht sicherstellen.
Wir sind entschlossen, niemals bei den Nuklearwaffen zurückzufallen. Wir werden niemals das strategische Übergewicht einer anderen Macht akzeptieren. Wir
werden unser strategisches Waffenprogramm auf jeder Ebene fortführen, die
hierzu erforderlich ist.

Die Definition der Begriffe angemessen, ausreichend oder gleichgewichtig
ist jedoch nicht einfach. In der Geschichte bestand die wesentliche Aufgabe,
die nationale Sicherheit zu wahren, stets darin, militärische Macht zu akkumulieren. Es wäre noch vor einer Generation unvorstellbar erschienen, daß eine
solche einmal erreichte Stärke nicht direkt in einen außenpolitischen Vorteil
umgemünzt werden könnte.

Heute müssen wir wie auch die Sowjetunion von der Prämisse ausgehen, daß
im nuklearen Zeitalter ein Zuwachs in bestimmten

Kategorien militärischer

Stärke nicht unbedingt auch eine vermehrte nutzbare politische Stärke bedeutet. Wenn zwei Nationen bereits das Potential besitzen, sich gegenseitig zu
vernichten, dann gibt es eine Obergrenze, über der zusätzliche Waffen ihre
politische Bedeutung verlieren. Die ungeheure Vernichtungskraft der Nuklearwaffen macht es schwer, ihre Anwendung mit spezifischen politischen Zielsetzungen in Verbindung zu bringen, und schafft in der Tat neue politische Probleme.

Eine ständige Expansion der strategischen Streitkräfte auf beiden Seiten
wird nicht zu größerer Sicherheit führen. Sie wird nur zu neuen Gleichgewichten auf höheren Ebenen der Komplexität und der Risiken und zu riesigen Kosten

-7-

�Kosten führen. Sie wird eine Atmosphäre der Feindseligkeit und des Argwohns
schaffen, die politische Konflikte wahrscheinlicher werden läßt und die im
Laufe der Zeit das Streben nach einer ruhigeren und sichereren Welt zunichtemachen wird.

Aus diesem Grunde hat Präsident Ford, ein glühender Verfechter der nationalen Verteidigung,als einen seiner ersten Schritte als Präsident die sowjetischen Führer eingeladen, sich gemeinsam mit uns an verstärkten Bemühungen
zu beteiligen, eine wirksame und gerechte Begrenzung der strategischen Rüstungen auszuhandeln.

Wir werden uns von zwei grundlegenden Prinzipien leiten lassen:

— Erstens, bis weitere Rüstungsbegrenzungen ausgehandelt sind, werden
wir die strategische Stärke Amerikas, gleichgültig unter welchen Kosten,
aufrechterhalten. Unsere Stärke wird nicht durch mangelnde Entschlossenheit oder mangelnde Opferbereitschaft beeinträchtigt werden.

-- Zweitens, wir werden die Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen mit einer Energie und Überzeugung fortführen, die der
vor uns liegenden Aufgabe entspricht. Wir sind entschlossen, die Herren
unserer eigenen Technologie, nicht ihr Sklave zu werden.

Der Präsident hat mich beauftragt, zu betonen, daß seiner Ansicht nach
die Entscheidung klar ist. Wir werden das nukleare Gleichgewicht durch einseitige Maßnahmen, wenn wir dies müssen, aufrechterhalten, und durch Verhandlungen, wenn das irgend möglich ist. Ich kann Ihnen versichern, daß diese Verhand-

-8-

�Verhandlungen nicht fehlschlagen werden, weil es auf unserer Seite an gutem
Willen oder der Bereitschaft fehlt, neue Lösungen zu finden.

- Amerikas Zeitplan für die Zukunft -

Winston Churchill sagte einst zum amerikanischen Volk: • Das Schicksal
der Menschheit wird nicht durch materielle Berechnungen entschieden. Wenn
große Dinge im Kommen sind ... lernen wir, daß etwas in Raum und Zeit vor
sich geht - und über das Räumliche und Zeitliche hinaus, das - ob wir das
gerne sehen oder nicht - zur Pflicht ruft.'
Amerika hat jetzt eine Möglichkeit - und damit eine Pflicht - wie sie
sich selten einer Nation bietet, nämlich, dazu beizutragen, eine neue, friedliche internationale Ordnung zu gestalten. Diese Herausforderung besteht
für uns als Volk, nicht als Parteigänger irgendeiner Sache. Dies ist der
Grund, warum diese Bemühungen - selbst in Zeiten großer innenpolitischer
Spannungen - die Unterstützung beider politischer Parteien hatten. Die Führer beider Parteien im Kongreß verdienen den Dank der Nation, weil sie unsere Außen- und unsere Sicherheitspolitik aus unseren jüngsten innenpolitischen Schwierigkeiten herausgehalten haben.

Das Erbe Präsident Nixons, das er Präsident Ford hinterließ, ist eine
Welt, die sicherer ist als die von ihm vorgefundene. Präsident Ford hat sich
selbst zu der Aufgabe bekannt, seinem Nachfolger eine Welt in Frieden zu
hinterlassen, die sich dieses Friedens bewußt ist.
Viele

�Viele Konflikte der letzten drei Jahrzehnte sind gelöst worden. Wir

t

haben die ständigen Krisen um Berlin zum Verstummen gebracht; zum ersten Male
ist es möglich, von einer dauerhaften Lösung im Nahen Osten zu sprechen;
unser Kampfengagement im Vietnam-Krieg ist ehrenvoll beendet und das Ausmaß
der Kämpfe verringert worden. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
haben nach Jahrzehnten tiefen Argwohns ein gemeinsames Interesse entwickelt,
eine nukleare Katastrophe zu vermeiden und ein weitgespanntes Netz konstruktiver Beziehungen zu schaffen. Und nach zwei Jahrzehnten der Entfremdung zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China ist es jetzt zu
einem konstruktiven Dialog und einem produktiven Austausch gekommen.

Aber wenn auch diese Welt besser ist als wir befürchtet hatten,so bleibt
sie doch immer noch weit hinter unseren Hoffnungen zurück. Wir haben zahlreiche Krisen beigelegt; wir haben ihre Wurzeln jedoch noch nicht beseitigt.
Unsere Leistungen, so solide sie sind, haben noch nicht die Gefahren und Spal- •
tungen der Nachkriegsära beseitigt. Wir haben den Weg von der Konfrontation
zur Kooperation, von der Koexistenz zur Gemeinschaft begonnen, aber noch
nicht beendet. Wir sind entschlossen, diesen Weg zu beenden.

Bei der Verfolgung dieses Kurses werden wir auf zahlreiche Hindernisse
stoßen. In vielen Teilen der Welt wird es zu Unruhen kommen wie zum Beispiel
jetzt auf Zypern. Wir werden den Standpunkt einnehmen, daß wir nicht der Weltpolizist sein können, daß wir jedoch stets unseren Einfluß für Frieden und
Aussöhnung geltend machen werden. Wir werden keinem Druck irgendwelcher
Gruppe nachgeben, aber wir werden stets auf die Vernunft hören. Wir werden
in der Außenpolitik als Treuhänder der Zukunft handeln in dem Bewußtsein, daß

-10-

�daß man uns danach beurteilen wird, wie gut wir einen dauerhaften Frieden aufgebaut haben, und nicht danach, wie oft wir uns emotionellen Forderungen des
Augenblicks beugten.

Amerika ist immer noch die Hoffnung der Welt, nicht nur aufgrund unserer
physischen Hilfsquellen und unserer militärischen Stärke, sondern aufgrund
der schöpferischen Fähigkeiten unseres Volkes, der Dynamik unserer Institutionen und der Ideale unserer Nation.
Zu einer Zeit, da einige in diesem Land an unserer Fähigkeit zweifelten,
die Aufgaben der Zukunft meistern zu können, war der größte Teil der Welt der
Auffassung, daß Amerika stärker hervorging als zu irgendeinem Zeitpunkt in
den letzten zehn Jahren. Unsere Bündnisse sind stark. Ein Land, das einst
ganz von Vietnam beansprucht war, wendet sich nunmehr seinen größeren Zielen
zu. Ein Land, das einst von der einen großen kommunistischen Macht isoliert
war und in Konfrontation zu der anderen stand, hat einen konstruktiven Dialog
mit beiden aufgenommen. Und ein Land, das sich den Krisen einer wirtschaftlich interdependent gewordenen Welt gegenübersieht, hat - so unbefriedigend
sie auch ist - eine der niedrigsten Inflationsraten der Welt und ist weit weniger abhängig von ausländischen Energiequellen als irgend eine andere Industrienation.

Damit verfügen wir über eine feste Basis, auf der wir aufbauen können.
-- Wir müssen sicherstellen, daß das Kernstück der amerikanischen
Außenpolitik - unsere Bündnisse mit der atlantischen Gemeinschaft und mit

-11-

�n
mit Japan - den Aufgaben der nächsten Generation entsprechen kann. Die

t

wichtigsten Bündnisse Amerikas haben eine Zeit der Belastungen überdauert, die durch die zwangsläufige Anpassung an die neuen Gegebenheiten
ausgelöst wurden. Jetzt bietet sich uns eine Chance für eine neue Epoche
schöpferischer Tätigkeit, um in gemeinsamen Anstrengungen den Problemen
und Möglichkeiten einer immer mehr voneinander abhängigen Welt gerecht
zu werden. Eines der Hauptziele der Außenpolitik Präsident Ford*s wird
es sein, die Dynamik unserer Bündnisse zu erhalten und ihren gemeinsamen
Anstrengungen noch stärkere Impulse zu verleihen.

-- Wir müssen sicherstellen, daß jene Zeit, in der kurze Augenblicke
besserer sowjetisch-amerikanischer Beziehungen mit langen Perioden der
Konfrontation wechselten, durch eine unwiderrufliche Verpflichtung zur
Wahrung des Friedens abgelöst wird. Wir werden keine Mühe scheuen, um
die Realität des Wettstreits mit dem unbedingten Gebot zur Zusammenarbeit
in Einklang zu bringen. Im nuklearen Zeitalter gibt es keine andere rationale Alternative.

-- Wir müssen den Prozeß einer wachsenden Verständigung und Respektierung
fortsetzen, den wir gegenüber der Volksrepublik China in Gang gesetzt
haben. Tiefgehende ideologische und politische Meinungsverschiedenheiten
bleiben bestehen. Aber wir glauben, daß die neuen Beziehungen grundlegenden nationalen Zielen beider Länder dienen, daß sie durch Hingabe und
Sorgfalt gestärkt werden können und daß sie Bestand haben werden.

—Wir
-12-

�-- Wir müssen im

Nahen Osten einen dauerhaften Frieden,nicht lediglich

eine weitere Waffenruhe schaffen. Meine Reisen durch dies auf so tragische Weise zerrissene Gebiet haben mich vor allem von der einen grundsätzlichen Tatsache überzeugt: Die Bevölkerung des Nahen Ostens, ob
Araber oder Juden, hat genug vom Blutvergießen, sie verlangt nach Frieden. Und Frieden kann sie haben, wenn sie und wir den Willen und die
Geduld besitzen, ihn zu erreichen. Für die Araber kann es keinen Frieden geben ohne Rückgabe von Gebieten und ohne Entschädigung für das
Leid der Vertriebenen. Für Israel setzt Frieden sowohl Sicherheit als
auch Anerkennung seiner legitimen Rechte als Nation durch seine Nachbarn
voraus. Unsere arabischen und israelischen Freunde haben mit unserer
Hilfe in den letzten sechs Monaten die ersten schwierigen Schritte auf
dem Wege zur Verwirklichung dieser Wünsche getan. Wir haben noch einen
weiten Weg zurückzulegen, aber mit Geduld und harter Arbeit werden wir
ihn beenden. Die Bevölkerung des Nahen Ostens verdient es, der Friede
auf der Welt erfordert es.

-- Wir müssen mit unseren Freunden in Afrika und mit den blockfreien
Ländern zusammenarbeiten, um sie in ihrer nationalen Unabhängigkeit,
ihrem wirtschaftlichen Wachstum und ihrem sozialen Fortschritt zu unterstützen.

-- Wir müssen auf der westlichen Hemisphäre ein neues Verhältnis von
Gleichheit und Partnerschaft finden. Dabei wird uns die Überzeugung
leiten, daß Gemeinsamkeit in der Geschichte eine Chance bietet und
gemeinsame Hoffnungen und Zielsetzungen die Grundlage für neue Wege und

-13-

�und Methoden schaffen. Das Verhältnis zwischen Industrie-und Entwicklungsländern kann nirgendwo anders als auf dieser Hemisphäre zu einer
schöpferischen Lösung gebracht werden.

— Wir müssen die Völker Indochinas in der Fähigkeit stärken, über ihr
eigenes Schicksal zu bestimmen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben wir
viele hundert Milliarden ausgegeben, um ehemaligen Verbündeten wie ehemaligen Gegnern zu helfen, die Verwüstungen der sechs Kriegsjahre wieder
zu beseitigen. Nach dem Koreakrieg gaben wir Milliarden aus, um beim
Wiederaufbau Südkoreas mitzuhelfen. Heute jedoch, nach zehn Jahren Krieg
und dem Verlust von 50 000 amerikanischen Gefallenen, zögern einige, Südvietnam - für das der Krieg noch nicht beendet ist - die Hilfe zu gewähren, die es so verzweifelt braucht, um sich selbst als unabhängige Nation zu behaupten. Es wäre tragisch - ja es wäre ein Treuebruch an all
den Amerikanern, die dort gekämpft haben und gestorben sind - wenn wir
es jetzt unterlassen, die relativ bescheidene Anstrengung zu machen, die
die Administration dem Kongreß vorgeschlagen hat, um Südvietnam ein Überleben zu ermöglichen.

Es gibt noch einen unerledigten Punkt in bezug auf Indochina, der, wie
ich weiß, für dieses Auditorium ein besonderes Anliegen ist - die Nachforschung nach dem Verbleib unserer Männer, die im Einsatz vermißt sind - und
darunter auch die Toten, deren Leichnam niemals gefunden wurde. Ich bin mit
den Familien der Vermißten immer wieder im Verlauf der letzten fünf Jahre zusammengekommen und ich weiß, wie schwer für sie ein Leben ohne Wissen um das
Schicksal ihrer Lieben ist. Mehr als 18 Monate sind vergangen, seitdem das
-14-

�das Pariser Abkommen unterzeichnet wurde, das ausdrücklich eine Zusammenarbeit
in bezug auf dieses humanitäre Problem vorsieht. Korrekte Angaben und Nachweise über die Vermißten und die Rückgabe der sterblichen Überreste der Toten
bringen bestimmt keinen politischen oder militärischen Vorteil. Wir werden
unsere Bemühungen fortsetzen, bis wir die genauestmöglichen Angaben erhalten
haben, wie dies in den feierlich beschlossenen Abkommen festgelegt wird.

Friede ist jedoch mehr als das bloße Nichtbestehen eines bewaffneten Konflikts. Es ist etwas, was tiefer reicht als die Schaffung von Stabilität. Um
die Unterstützung der Menschheit für sich zu gewinnen, muß er die ewigen Hoffnungen des Menschen auf eine humane und blühende Welt widerspiegeln.
Die Begeisterung schöpferischen Tuns, des Vorstoßes in Neuland war charakteristisch für jede bedeutende Periode der amerikanischen Geschichte. Heute
stehen wir vor einer neuen, noch nie dagewesenen Aufgabe und Herausforderung.
Die von dem technischen Genie des Menschen geschaffenen Produkte - Waffen von unvorstellbarer Stärke, ein globales Wirtschaftssystem, eine Technologie, die die begrenzten Hilfsquellen in wachsendem Maße aufzehrt - haben
diesen Planeten zusammengedrängt und unser gegenseitiges Aufeinanderangewiesensein vervielfacht. In einem Zeitalter der unmittelbaren Kommunikation ist
der Kampf um Gerechtigkeit und Menschenwürde universal geworden. Das nationale
Interesse läßt sich nicht länger isoliert vom globalen Interesse verfolgen
- wie das die Probleme der Energie, der Nahrungsmittel und der Inflation erst
vor kurzem klargemacht haben.
Der

-15-

�Der Mensch hat seine Welt interdependent gemacht. Nun besteht die Aufgabe darin, sie zu einem Ganzen zu machen.

Unser eigenes nationales Selbstinteresse erfordert starke amerikanische
Initiativen für eine offene und kooperative Welt. Ohne Globallösungen wird
unsere eigene Wirtschaft stagnieren. Ohne einen amerikanischen Beitrag aber
kann es keine globale Lösung geben. In industrieller Hinsicht sind wir die
am weitesten fortgeshrittene Nation der Welt. Auf Grenzgebieten der bedeutendsten Umwälzungen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts wie Technologie, Nachrichtenübermittlung, Landwirtschaft und Gesundheitswesen aber stehen wir als Nation noch im Pionierzeitalter.

Mit Ihrer Unterstützung und der Unterstützung des amerikanischen Volkes
werden wir beitragen:

—

zu kooperativen Anstrengungen,um eine expandierende Energieversor-

gung sowie eine Versorgung mit anderen notwendigen Materialien zu gerechten Preisen sicherzustellen;

-- zur Überwindung der überhandnehmenden weltweiten Inflation durch Zusammenarbeit beim Aufbau eines Handels-, Währungs-und Investitionssystems, das ein globales Wirtschaftswachstum fördert;

-- Zur Entwicklung einer langfristigen Politik,um

die chronischen, weit

weiten Lebensmittelverknappungen zu überwinden und einen Ausgleich zwischen Nahrungsmittelprodukten und Bevölkerungswachstum zu schaffen;

-- zur
-16-

�—

zur Unterstützung des Drittels der Menschheit, das von Unterernährung

und ständiger Unterentwicklung bedroht ist, um ihm eine bessere Zukunft
zu schaffen.

Wir in den Vereinigten Staaten können nicht alleine sicherstellen, daß
die überragende Notwendigkeit zur Zusammenarbeit die historische Eigennützigkeit der Nationalstaaten überwindet. Aber es ist genau so klar, daß die Menschheit nicht ihren Erfordernissen ohne den Glauben, die Dynamik und die schöpferische Kraft unseres Landes gerecht werden kann.

- Schlußbemerkungen Schon immer haben wir in unserem Land übereilt aufgerüstet, wenn uns der
Krieg überfiel, und mit noch größerer Eile abgerüstet, wenn der Krieg vorbei
war; wir neigen dazu, unsere Beziehungen zu anderen Ländern absolut zu betrachten - Freund oder Feind, Verbündeter oder Gegner, unbegrenzter Krieg oder
dauerhafter Friede. Wir bewegten uns in Zyklen von Überengagement und Rückzug, von Enthusiasmus und Zynismus.
Wir können uns das nicht länger mehr leisten. Wir müssen uns auf lange
Sicht festlegen. Die Suche nach Frieden braucht unsere ganze Kraft.

Wir müssen lernen, auf Nuancen zu achten - bei dem Streben nach dem Guten
nie zu vergessen, was am besten ist. Das Schicksal hat uns eine noch nie dagewesene Chance gegeben, unsere echöpferische Kraft bei der Suche nach Frieden

�f
i

Frieden zu entfalten.

Wir dürfen auf den Taten

.

&lt;..,

der letzten Jahre nicht ausruhen, sondern

wir müssen neue Hoffnungen und neuen Glauben an uns selbst finden, um weiter
voranzuschreiten.

Wenn wir uns selber treu bleiben, kann Amerika sowohl stark als auch
zielbewußt sein, zu seinen Prinzipien stehen und trotzdem realistisch bleiben, sich gleichermaßen für die Abschreckung vor einem Kriege wie auch für
die Verwirklichung der größten Hoffnungen der Menschheit einsetzen. Vor
drei Jahrzehnten hat Präsident Roosevelt von seiner Generation gesagt, sie
habe ein Rendezvous mit dem Schicksal. Von unserer Generation soll man einst
sagen können, sie hatte ein Rendezvous mit dem Frieden - und wurde ihm gerecht."

-18-

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FULBRIGHT UND HARRIMAN UMREISSEN AMERIKANISCHE ENTSPANNUNGSPOLITIK

- Auszüge -

WASHINGTON —(AD)-" Zu den Zielen der amerikanischen Entspannungspolitik
gegenüber der Sowjetunion und den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu den
kommunistischen Ländern haben der Vorsitzende des Außenpolitischen Senatsausschusses J. W. Fulbright und Botschafter W. Averall Harriman im Rahmen der
von dem Ausschuß durchgeführten öffentlichen Anhörungen am 15. August Stellung genommen.

Senator Fulbright führte unter anderem aus:
"... Der eigentliche Sinn und Schwerpunkt der Entspannungspolitik - und
damit das meiner Ansicht nach zentrale Anliegen unserer Außenpolitik - liegt
in der Verringerung der Gefahr eines nuklearen Krieges. Angesichts eines so
grundlegenden und wesentlichen Zieles gibt es für uns kaum die Möglichkeit,
in der Frage der Rüstungskontrolle oder des Handels aufzugeben, so entmutigend
die Aussichten bisher auch immer scheinen mögen. Wir dürfen die Entspannung

-1-

�1
'-1
Entspannung nicht zu Grabe tragen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil
es keine vernünftige Alternative gibt. Die Alternative zu SALT-Abkommen besteht im Wettrüsten; die Alternative zum Handel wäre der Wirtschaftsboykott
in der einen oder anderen Form; die Alternative zu normalen Beziehungen ist
der kalte Krieg mit der stets präsenten Gefahr eines heißen Krieges. Wenn wir
im Jahre 1974 zu keinem SALT-Abkommen gelangen können, dann gebietet die Vernunft, herauszufinden, warum wir dazu nicht imstande waren, und erneut zu
versuchen, ein Abkommen im Jahre 1975 zu erreichen.
Worauf es ankommt ist, daß wir nicht aufgeben, sondern beharrlich auf
das hinarbeiten, was erreichbar ist, anstatt das Unmögliche zu

fordern.

So wie die Dinge jetzt liegen, wäre ein Abkommen, das die Dislozierung von
Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen begrenzt, vielleicht möglich, sofern die politische Führung auf beiden Seiten ihren militärischen
Apparat eindämmen kann. Auch ein bescheidenes aber lohnendes Handels-und
Investitionsprogramm ist möglich, wenn wir nicht zu fordernd hinsichtlich
größerer Veränderungen in der inneren Struktur des sowjetischen Gesellschaftssystems sind. Wenn wir aber über den Bereich des Möglichen und Durchführbaren
- hinausgehen und eine schwer zu definierende strategische Überlegenheit im
Namen einer sogenannten 'Äquivalenz* fordern - oder was man einmal eine Ent. Spannung im Bereich der freien Menschenrechte genannt hat -, dann gelangen
wir effektiv überhaupt nicht zu einer Entspannung,weil nämlich die Sowjetunion - eine stolze und starke Nation - keine Konzessionen machen wird, die
,wir selbst auch um den Preis eines SALT-Abkommens nicht machen würden. Und
so wird sie auch nicht daran denken, als Preis für mehr Handel sich selbst

-2-

�selbst nach dem Vorbild einer westlichen Demokratie umzugestalten. Kernwaffen,
daran muß man sich erinnern, stehen beiden Seiten in einer Menge und Vielfalt
zur Verfügung, die die Begriffe 'Überlegenheit' und 'Unterlegenheit' sinnlos
machen..."

Auf den Unterschied zwischen dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen bei
der Formulierung nationaler Ziele hinweisend, erklärte Senator Fulbright weiter:
"Zwischen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit genau zu unterscheiden
ist deshalb so außerordentlich wichtig, weil wir unser beiderseitiges Verhalten durch Einschätzung der Absichten des anderen beeinflussen. In dem Maße,
wie die eine Seite annimmt, die andere Seite bereite sich darauf vor, ihr
durch einen Überfall zuvorzukommen oder strebe nach der Erstschlagkapazität,
und sich entsprechend verhält, verwandeln sich diese Möglichkeiten mehr und
mehr zu Wahrscheinlichkeiten. Wenn wir annehmen, die Russen seien auf einen
Erstschlag aus, dann werden wir das auch tun, und dann werden sie sofort nachziehen, ob sie dies nun vorher wirklich wollten oder nicht. Kurzum,

die Pro-

phezeiung erfüllt sich aus sich selbst. So kommt es, daß die kalten Krieger
in ihren Behauptungen über die Absichten der anderen Seite in gewisser Weise
das Richtige treffen. Was sie dabei jedoch nicht sehen, ist, daß sie selbst
diese Absichten gestalten halfen.

Am schlimmsten aber ist, daß eine solche Basierung unserer Politik auf
theoretischen Möglichkeiten statt auf vernünftigen Wahrscheinlichkeiten einen
Weg hinabführt, der schließlich - wenn nicht in nuklearer Zerstörung - so
doch in einer amerikanischen Gesellschaftsform endet, die völlig verschieden

-3-

�verschieden von dem ist, was uns aus der Vergangenheit bekannt ist oder auf
was wir in der Zukunft hoffen - ein Gesellschaftssystem, in dem ein immer
größerer Anteil unserer Hilfsquellen, Energien und Talente in die Technologie
der Zerstörung investiert wird zum Schaden der Qualität des Lebens. Und so
werden wir die Vereinigten Staaten ruiniert haben bei dem Versuch, sie zu
retten.
Umgekehrt können bestehende positive Tendenzen auf beiden Seiten durch
entsprechende positive Reaktionen verstärkt werden. Wenn wir von der Möglichkeit ausgehen, daß Chruschtschow die Wahrheit sprach, als er sagte, er
wünschte, er könnte einen Teil des für Waffen ausgegebenen Geldes für die
Lebensmittelproduktion verwenden oder daß Breschnew dies auch meinte, als er
im vergangenen Jahr in Washington sagte: *Wir sind hergekommen, um die guten
Dinge zu konsolidieren, nicht aber um zu streiten», dann könnten wir möglicherweise in der Lage sein, solche Neigungen auf sowjetischer Seite zu bestärken. Das aber - auf eine einfache Formel gebracht - ist es, worum es bei
der Entspannung überhaupt geht: so wenig oder so viel wie nötig- wann und wo
immer und mit allen nur möglichen Mitteln zu tun, damit diese beiden großen
und gefährlichen Natinen in Frieden miteinander leben,'.1 (Ende der Auszüge
Senator Fulbrights).

- -.

Botschafter Harriman führte unter anderem aus:
"... Was den Handel mit der Sowjetunion betrifft, so ist es Unsinn, davon auszugehen, daß dies eine Einbahnstraße sei - eine Form von Auslandshilfe.
'

' • • • • • '

•

W e n n

�Wenn man mit gesundem Menschenverstand an ihn herangeht, so kann dieser
Handel sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für Rußland von beträchtlichem Wert sein. Es gibt hier zwei grundsätzliche Fragen: Gewährung der
Meistbegünstigung für die Sowjetunion und Bereitstellung landfristiger Kredite und technologischen Wissens. Die zweite Frage ist bei weitem die wichtigste und auch die komplizierteste.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Meistbegünstigung ist stark übertrieben
worden, sie ist jedoch psychologisch außerordentlich bedeutsam. Die Verweigerung der Meistbegünstigung ist im sowjetischen Denken gleichbedeutend mit einer
von den Vereinigten Staaten eingenommenen feindseligen Position geworden. Nach
meiner Überzeugung ist für uns in unseren Beziehungen zur Sowjetunion politisch mehr zu gewinnen, wenn wir sie einräumen als wenn wir sie auch weiterhin
vorenthalten. Außerdem stellt sie jetzt ein Handicap für gewisse Verhandlungen
über einen potentiell wünschenswerten Handel dar. Die Frage der Meistbegünstigungsklausel ist seit vielen Jahren ein Dorn in unseren Beziehungen zur Sowjetunion

gewesen. Im Jahre 1963, als wir über den begrenzten Atomstoppver-

trag verhandelten, warf Chruschtschow die Frage auf und erklärte in seiner
unverblümten Art: 'Die den Frieden wollen unterstützen auch den Handel*.

Wenn es irgendeine Koppelung zwischen Handel und irgendeinem anderen Thema gibt, dann sollte diese meiner Ansicht nach die sowjetische Haltung gegenüber der Rüstungsbegrenzung betreffen. Der sowjetischen Führung sollte klargemacht werden, daß wir ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht finanzieren können, wenn dies dazu führt, daß sie sich zu einer Steigerung ihrer militärischen Ausgaben ermutigt fühlt. Diese Koppelung entspricht dem gesunden Men-

-5-

�Menschenverstand. Unsere Verhandlungen über Rüstungskontrollen müssen jedoch
strikt auf den Gegenstand selbst beschränkt bleiben. Sie

werden ihre Sicher-

heit nicht gerade aus kommerziellen Erwägungen eintauschen,

genausowenig wie

wir das tun würden.
Die Frage der Kredite bedarf einer sehr sorgfältigen Analyse und Behandlung. Die Export-Importbank sollte zur Gewährung von Krediten ermächtigt werden, und zwar mit Billigung des Außenministeriums und nach Konsultation anderer Behörden, wie dem Handelsministerium, dem Federal Reserve Board und dem
Verteidigungsministerium in solchen Fällen,in denen die nationale Sicherheit
mit betroffen ist.

Ich möchte einige wenige

Beispiele von Transaktionen anführen, bei de-

nen es, nach meiner Meinung, für uns vorteilhaft wäre, wenn wir sie billigten.

1.

Von amerikanischen Gesellschaften vorgeschlagene Projekte, die - wenn

wir sie ablehnen.- von westeuropäischer oder japanischer Seite übernommen werden könnten und wahrscheinlich auch übernommen würden...

2.

Projekte, die in Beziehung zur Steigerung der Leistung der sowjetischen

Landwirtschaft stehen wie die Erweiterung der Düngemittelproduktion. Für die
Welternährungslage zeichnet sich ein düsteres Zukunftsbild mit drohenden Hungersnöten in einzelnen Gebieten ab...
Im Interesse stabiler Verhältnisse auf der Welt wäre ein Rückgang der
sowjetischen Getreidekäufe auf dem Weltmarkt von Nutzen.

�3.

Projekte, die zu bestimmten Gebrauchsgütern in Beziehung stehen,

wie Polyvinylchlorid und andere synthetische Stoffe, zu deren Erzeugung
Erdgas erforderlich ist, besonders, wenn wir dafür Produkte erhalten, die
bei uns knapp sind...

Jede einzelne Transaktion sollte in allen ihren Aspekten geprüft werden, um den Schutz der amerikanischen Interessen zu gewährleisten.

Es sollten Verfahren geschaffen werden, die bei Anfragen seitens der
amerikanischen Industrie rasche Entscheidungen ermöglichen. Ja, ich glaube,
daß unsere Industrie - wenn möglich - im voraus unterrichtet werden sollte,
sobald ein Projekt ernsthaft in Betracht gezogen wird. Die Schwerfälligkeit
der Bürokratie in Washington ist für die amerikanischen Firmen im Konkurrenzkampf mit ausländischen Konzernen ein Handicap.

Herr Vorsitzender, Sie haben um Stellungnahme zur sowjetischen Auswanderungspolitik und anderen bürgerrechtlichen Problemen innerhalb der sowjetischen Gesellschaft gebeten. Dies ist ein äußerst schwieriges Thema, um es
in Kürze zu erörtern. Ich glaube jedoch, daß, ohne das System zu verändern,
der Kreml auf einer pragmatischen Basis Ausnahmen machen könnte, wie es
bei der den Juden erteilten Erlaubnis, nach Israel zu gehen, der Fall war...
Prinzipiell bin ich durchaus dafür, daß wir auch weiterhin allen wirksamen
Einfluß,den wir haben,nutzen, um die jüdische Auswanderung fortzusetzen und
die den Wissenschaftlern gemachten Scherereien zu vermindern... Wenn jedoch
das Jackson-Amendment Gesetz werden sollte, dann könnte es sehr wohl negative Auswirkungen haben und sogar zu äußerst unglücklichen Resultaten führen.

Die
-7-

�1
&gt;

Die Erörterungen sollten privat und öffentlich weitergeführt iwerden. Es
sollte mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, daß die öffentliche
Meinung Amerikas auf zahlreiche Entspannungsprobleme einen ungünstigen Einfluß
ausüben würde, wenn den Juden, die auszuwandern wünschen, das verweigert
wird.

Ich glaube nicht, daß es eine wirksame Koppelung zwischen ideologischen
Fragen und anderen Problemen geben kann. Aber der Einfluß der öffentlichen
Meinung im Westen hat in der Vergangenheit eine Rolle gespielt und wird dies
auch künftig tun. Das amerikanische Volk sollte sich auch weiterhin über die
verschiedenen Organisationen gegen die Unterdrückung in jeder Form in der
Sowjetunion und in anderen kommunistischen Staaten aussprechen. Sie zögern ja
auch nicht, uns als imperialistische Aggressoren und kapitalistische Ausbeuter
zu kritisieren. Der eigentliche Kampf jedoch um die bürgerlichen Freiheiten
muß innerhalb der Sowjetunion selbst beginnen. Es hat hier seit den Zeiten
Stalins erhebliche Verbesserungen gegeben, aber sie sind noch weit entfernt
von dem, was wir gewünscht haben. Ich glaube, daß im Verlauf der Jahre weitere
Fortschritte erfolgen werde. Der Drang nach Freiheit von rund 250 Millionen
kraftvoller russischer Menschen wird, so meine ich, auf die Dauer den Sieg davontragen.

Nach meinem Dafürhalten werden die Sowjets jedoch ihre Ideologie nicht
für materielle Güter hingeben. Mehr als durch Drohung läßt sich durch Vernunft
und die Weltmeinung erreichen."

-8-

�' amerika dienst
K

U n i t e d

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18/1974

KERNKRAFTWERKE SIND SICHER
Amerikanische Wissenschaftlerkommission veröffentlicht neuen Bericht

--(AD)-- Die Ergebnisse einer zweijährigen Studie über die Risiken von Unfällen in Kernkraftwerken für die Öffentlichkeit und über mögliche Konsequenzen eines solchen Unfalls wurden Ende August 1974 in Washington veröffentlicht. Die Untersuchungen, über die ein 14-bändiger Bericht vorliegt,
hatte eine Kommission von 60 Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof.
Norman C. Rasmussen (Department für Kerntechnik des "Massachusetts Institute
of TechnologyV» Boston) durchgeführt. Zur Klärung von Einzelfragen waren zusätzlich Spezialisten der verschiedensten Fachgebiete herangezogen worden.
Den Anlaß zu der Studie gaben die Pläne der amerikanischen Privatwirtschaft,
bis zum Jahre 1980 die Anzahl der Kernkraftwerke zu verdoppeln und zu Beginn
des neuen Jahrzehnts etwa 100 Stationen in Betrieb zu haben.

Die Wissenschaftler kommen u.a. zu dem Schluß, daß für die Allgemeinheit
eine Gefährdung durch alltägliche

Unfallursachen zehntausendmal größer sei

als durch Kernkraftwerke. Ein Unfall im Zusammenhang mit einer der 100 Sta-

-l-

�1

Stationen, der einen hohen Tribut an Menschenleben fordern könnte, sei ebenso wenig wahrscheinlich wie z.B. der Sturz eines Riesenmeteoriten auf eine
große Stadt. Da es weder zum einen noch zum anderen Fall Erfahrungswerte
gibt, errechneten die Wissenschaftler die Wahrscheinlichkeit mit mathematischen Methoden. Demnach betrüge die Zeitspanne, in der eine solche Katastrophe auftreten und 1 000 Menschen den Tod bringen könnte, etwa 1 Million
Jahre. Im Vergleich dazu verursachen Erdbeben Katastrophen dieser Größenordnung einmal in etwa 50 Jahren, Tornados in 25 Jahren.

Im Jahre 1980 dürften in den Vereinigten Staaten ungefähr 15 Millionen
Menschen im Nahbereich von Kernkraftwerken, d.h. in einem Umkreis bis zu
32 km wohnen. Der Statistik zufolge entfallen auf eine Bevölkerungsgruppe
dieser Größe in einem Jahr 4 200 tödliche Autounfälle, 560 tödliche Unfälle
durch Brände und 8 durch Blitzschlag - aber höchstens 0,3 durch Kernreaktoren.

Wie Prof. Rasmussen erläuterte, käme als Ursache für Todesfälle oder körperliche Schäden durch Kernkraftwerke das Ausdringen radioaktiver Substanzen
in Frage. Automatische Sicherheitsvorrichtungen machten jedoch das Auftreten
von Lecks im Radioaktivitätsbereich nahezu unmöglich.

Und selbst wenn es zu

einer Störung käme, die zur Leckbildung führen kann, würden mehrere Stunden
verstreichen, bis die radioaktive Wolke die nächstgelegenen menschlihen An- Siedlungen erreicht. In dieser Zeit könnte die bedrohte Bevölkerung in Sicherheit gebracht werden. Explosionen von der Art einer Kernexplosion seien bei
einem Kernkraftwerk ausgeschlossen.
Die

�V

Die US-Atomenergie-Kommission, auf deren Initiative die Studie in
Angriff genommen wurde, ersuchte jetzt die Öffentlichkeit um Stellungnahmen
zu den veröffentlichten Ergebnissen; sie sollen bei der Endfassung des Berichtes berücksichtigt werden.

3-

�amerika dienst
United

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18/1974
MEDIZINISCHE GERÄTE FÜR KLINIK UND LABOR
- Fachausstellung und Tagung im US-Handelszentrum -

-- (AD) — Vom 30. September bis 3. Oktober 1974 veranstaltet das Amerikanische Handelszentrum in Frankfurt/Main eine Ausstellung und Fachtagung zum
Thema "Medizinische Geräte für Klinik und Labor", auf der rund 30 US-Hersteller ihre neuesten Erzeugnisse und Entwicklungen dem deutschen und europäischen Publikum vorstellen werden.

Die Ausstellung ist sowohl für den medizinischen Fachhandel als auch
für den Krankenhausarzt und den Laborarzt und Biochemiker von großem Interesse, da eine Anzahl von Firmen ihre Erzeugnisse erstmalig in Deutschland
zeigen. Sie gibt einen umfassenden Überblick über den Stand der medizinischen Technik in den USA mit ihrem besonderen Schwerpunkt auf Elektronik und
Systemkonzepten.

Einige Beispiele aus dem angebotenen Programm sind:
mehrkanalige

�mehrkanalige Schreiboszillographen mit extremer Linearität, FlüssigkeitsSzintillationszählsysteme einschließlich Reagenzien, Testsysteme für Blutuntersuchungen mit vorgefertigten Sätzen, Mehrfachoszilloskop für 8 verschiedene physiologische Wellenformen und digitaler Darstellungsmöglichkeit für
4 Patientenparameter mit Einschubelektronik, Ultrazentrifugen mit großer Auswahl an Zonen-und Abscheiderrotoren, tragbare Blutdruckmonitoren mit Drucktransducer, Untersuchungstische mit Motorantrieb für alle diagnostischen Lagen, und vieles mehr.
An allen vier Ausstellungstagen wird gleichzeitig eine Fachtagung abgehalten, auf der amerikanische und deutsche Spezialisten zu den einschlägigen
Fragen und Problemen Stellung nehmen.

Weitere Informationen und Programme durch: US-Handelszentrum, 6 000 Frank,
fürt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4; Telefon (0611) 72 08 Ol;
Telex: 416535

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                    <text>^H

^P^^^H

nrormouon
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

28. August 1985

34

INHALT

DOKUMENTATION
Reagan : 5DI soll Leben retten
- Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten in Los Angeles Fortschritt in der Rüstungskontrolle hängt vom Verhalten der Soviets
ab_
- Ausführungen von US-Sicherheitsberater McFarlane -

HINTERGRUND
Großeinsatz gegen Cannbis-Anpflanzungen
- "Operation Delta-9" vernichtet Marihuana-Ernte WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Elektrowerkstatt im freien Weltraum
- DISCOVERY-Astronauten bemühen sich um Reparatur eines
Nachrichtensatelliten * * * * *

Um Über/endung von
ßelegexemplcwen
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

T e l . : 0 2 2 8 - 3 3 9 2035
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

28. August 1985

34

REAGAN:

SDI SOli LE3EN FETTEN

- Auszüge aus der Ansprache des Präsidenten in Los; Angeles -

LOG ANGFXiES - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat in einer Ansprache
in Los Ange3.es am 22. August 1985 betont, die /on ihm 1983 in die Wege
geleitete Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) solle dazu dienen,
"Leben zu retten". Auf einem Essen, das die Republikanische Partei Kaliforniens veranstaltete, um Mittel für die Wahlcampf&lt;asse zu sammeln, wies
Reagan darauf hin, daß SDI einen Weg aus dem nakleacen Dilemra biete und
der Erfolg des Programms daran gemessen werde, wieviel Kenschenleben es
retten statt vernichten könne.

Zu seinen wichtigsten politischen Aufgaben in seiner zwe:.ten Amtszelt
sagte Präsident Reagan:

Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben, aber es bleibt noch
viel zu tun.

Diesen Herbst werden

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Diesen Herbst werden wir uns um die unfassendste Steuerreform bemühen, die dieses Land seit den zwanziger Jahren erlebt hat. Sie wird die
Steuersätze senken und die Maschen der Gesetzgebung schließen; sie wird
fair sein; und wenn sie erst einmal durchgeführt ist, wird sie unserer
Wirtschaft neue Kraft geben und die Investitionstätigkeit und die Unternehmen anregen. Die Menschen werden einen Anreiz haben, ihre Mittel in
Arbeitsplätze schaffende Geschäfts- und Handelsunternehmungen anzulegen,
statt sie unproduktiv in Sicherheit zu bringen oder die Steuer zu umgehen. Wir werden das alles dem Volk direkt vortragen. Es geht um die
Wahl zwischen dem Einzelinteresse und dem Gesamtinteresse. Das ist eine
große Sache, und mit Ihrer Hilfe werden wir sie für Amerika gewinnen.

Mit Blick in die Zukunft führen wir ein Forschungsprogramm weiter,
das uns einen Ausweg aus dem nuklearen Dilemma bietet, unter dem die
Menschheit seit vier Jahrzehnten leidet. Das Forschungsprogramm der
Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) bietet uns die Hoffnung, uns
selbst und unsere Verbündeten vor einem Angriff mit Atomraketen zu
schützen. Dies wird es uns ermöglichen, uns darauf zu konzentrieren,
Menschenleben zu retten, statt auf ihre Vernichtung zu zählen. Wir suchen
einen Schild gegen Kernwaffen - wir wollen die Technologie benutzen, um
mehr Sicherheit für uns zu erreichen. Unser Erfolg wird an der Zahl der
Menschenleben gemessen werden, die wir retten können - nicht vernichten.

Wir hören von unseren selbsternannten Experten immer wieder, unser
SDI-Konzept sei undurchführbar und eine Geldverschwendung. Nun, wenn das
wahr wäre, warum regen sich die Sowjets so sehr darüber auf? Warum investieren sie denn dann so viele Rubel in die gleichen Technologien?

Einer der Gründe, warum die Amerikaner uns gewählt haben, ist der,
daß wir nicht vor unserer Verpflichtung zurückschrecken, alles Notwendige
zu tun, um die Sicherheit unseres Landes zu erhalten und unseren Kindern
und Kindeskindern die Segnungen der Freiheit zu erhalten.
Dies wird nirgendwo deutlicher als in Mittelamerika. Wir haben in den
letzten viereinhalb Jahren eine verzweifelte Lage gewendet. Langsam und

�Langsam und still und ohne großes Aufsehen wurde eine der stolzesten
Leistungen dieser Administration vollbracht. Als wir die Regierung in
Washington übernahmen, war die Frage, die auf jedermanns Lippen lag:
"Wird El Salvador an die Kommunisten fallen?" Heute ist die Frage: "Wird
die Demokratie in Nicaragua siegen?" Und morgen wird die Frage lauten:
"Wie bald?"

Wir sind standhaft geblieben. Wir werden weiterhin alles Notwendige
tun, um die Sicherheit unseres Landes zu schützen und den Völkern Mittelamerikas zu helfen, freie, blühende und demokratische Länder aufzubauen.

- 3 -

�28. August 1985

34

FORTSCHRITT IN DER RÜSTUNGSKONTROLLE
HÄNGT VOM VERHALTEN DER SOWJETS AB
- Ausführungen von US-Sicherheitsberater McFarlane -

SANTA BARBARA, KALIFORNIEN - (AD) - Ohne eine radikale Änderung der
E i n s t e l l u n g der Sowjets

i n Sicherheitsfragen wird es schwer s e i n , auch

nur minimale F o r t s c h r i t t e

i n der Rüstungskontrolle und i n der Verbesse-

rung der Beziehungen zu Moskau zu e r z i e l e n .

Dies e r k l ä r t e der Berater

Präsident Reagans f ü r Fragen der nationalen S i c h e r h e i t , Robert McFarlane,
am 19. August

1985 vor

privaten Bürgervereinigungen

i n Santa

Barbara.

Der Präsident, so betonte McFarlane, sei nach wie vor b e r e i t , der Sowjetunion auf halbem Wege entgegenzukommen.
Der Sicherheitsberater

wies darauf h i n , daß die sowjetische

Haltung

i n regionalen Fragen, wie die sowjetische Invasion Afghanistans, die Unterstützung t e r r o r i s t i s c h e r
als S t e l l v e r t r e t e r
kleine

Fortschritte

Staaten wie Libyen oder die Benutzung Kubas

die Motivation der Sowjets
in

fragwürdig mache.

den amerikanisch-sowjetischen

Selbst

Beziehungen wären

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Beziehungen wären nur mit größten Schwierigkeiten zu erzielen.

Die Ausführungen von McFarlane haben folgenden Wortlaut:

Präsident Reagan wird bald in Genf mit dem Generalsekretär der KPdSU,
Gorbatschow, zusammentreffen.

Das Treffen findet in einem historischen Moment statt, wenn man bedenkt, wie gewaltig der Wandel im Westen war und wie groß das augenscheinliche Potential für einen Wandel im Osten ist.

In den letzten vier

Jahren haben wir hier in den Vereinigten Staaten und ganz allgemein im
Westen eine politische, wirtschaftliche und soziale Erneuerung von historischem Ausmaß erlebt.

Vor vier Jahren schienen wir durch die moralischen und institutionellen Nachwehen von Vietnam und Watergate gelähmt zu sein.

Unsere wirt-

schaftlichen Probleme schienen überdimensional zu sein und es waren keine
Lösungen in Sicht.

Das militärische Kräfteverhältnis hatte sich in dra-

matischer Weise zu unserem Nachteil verlagert, und die Auswirkungen dieses Zustandes waren in dem wachsenden Einfluß der Sowjets von Angola bis
Äthiopien und von Indochina über Afghanistan bis Nicaragua zu erkennen.
Unsere Bündnisse waren schwer erschüttert und die führenden Persönlichkeiten von London über Paris bis Moskau fragten sich, ob die Vereinigten
Staaten vom Iteg abgekommen seien und ob wir überhaupt noch in der Lage
wären, unsere Fähigkeit wiederzugewinnen, eine positive Führungsrolle in
der Weltpolitik zu spielen.

Heute sieht das Bild augenfällig anders aus.
unsere

Präsident Reagan hat

Wirtschaft auf einen soliden Weg zum Aufschwung gebracht.

Grundlage unserer Stärke ist wiederhergestellt worden.

Die

Der sowjetischen

Expansion ist Einhalt geboten worden, ja sie ist auf einer kleinen Insel
in der Karibik sogar zurückgedrängt worden.

Alles in allem, Amerika hat

wieder zu sich selbst gefunden; es übt eine Führungsrolle aus und der
Frieden ist sicherer geworden.
Auf der sowjetischen
- 2 -

�Auf der sowjetischen Seite der Bilanz ist das Bild weniger klar. Aber
es existiert sicherlich die Möglichkeit für eine vielversprechende Zukunft.

Die Sowjetunion hat einen neuen Führer - einen Mann, der nicht

mit den Vfechselfällen von Vorwahlen und Ifehlkämpfen zu ringen braucht;
einen Mann also, der vielleicht bis zur Jahrhundertwende im Amt bleiben
kann.

Hier in den Vereinigten Staaten - einem Land der Optimisten mit dem
größten Optimisten unserer Geschichte an der Spitze Beste.

hoffen wir auf das

Natürlich sind wir nüchtern genug zu wissen, daß unser Optimismus

nicht immer gerechtfertigt ist; doch wir geben ihn nicht auf.

Wenn wir

uns auf den heg machen in eine, wie wir hoffen, vielversprechende Zukunft, dann sollten wir offen und ehrlich vorgehen und unsere Ziele und
Zwecke wie auch unsere Zweifel deutlich machen und weder mit unseren
Hoffnungen noch mit unseren Befürchtungen hinter dem Berge halten.

Wir erleben eine Zeit, in der die Dinge im Kreml ziemlich im Fluß
sind und man sich Gedanken über sich selbst macht.

Die Sowjets haben ein

Recht zu wissen, wo wir stehen, wenn sie kohärente Entscheidungen treffen
sollen.

Wenn wir ihnen einige unserer Besorgnisse mitteilen, können wir

vielleicht ihre Überlegungen beeinflussen.

Und genau das will ich heute

tun.

Es wird oft gesagt, daß die Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjtunion unveränderlich und es unsere Aufgabe sei, sie
nicht zu beenden, sondern sie lediglich unter Kontrolle zu halten. Manche Leute sagen, daß es seit 1945 nur einen toeg gebe, sie zu beenden, und
der sei zu schrecklich, als daß man auch nur daran denken könne.

Aber

für viele andere wird die Unausweichlichkeit dieser Konkurrenz nicht allein durch die harten Tatsachen des Atomzeitalters hervorgerufen.

Sie

hat sehr viel tiefere, ältere - und wie manche Leute sagen - unauslöschlichere Ursachen.

Für manche Leute haben die berühmten Vorhersagen von

Tocqueville vor 150 Jahren eine volkstümliche, wenn nicht gar intellektuelle Gültigkeit angenommen.
Jeder, der mit
- 3 -

�Jeder, der mit den konkreten Problemen zu tun h a t , die diese Länder
trennen, weiß, daß praktische Entscheidungen der P o l i t i k niemals von der
Annahme ausgehen, v i e l l e i c h t

sei eine grundlegende Änderung der

isch-amerikanischen Beziehungen i n S i c h t .

sowjet-

Im Gegenteil, wir müssen die

Konkurrenz a l s eine gegebene Tatsache hinnehmen und das Beste daraus machen.

Aber das darf nicht zur Ausrede dafür werden, daß wir etwa n i c h t

an das dächten, was den Kern unserer Meinungsverschiedenheiten ausmacht.
Seit v i e l e n Jahren beschäftige ich mich mit den Problemen der

Vfeltpoli-

t i k ; aber niemand konnte mich bislang von der Existenz eines Naturgesetzes überzeugen, das von zwei bevölkerungsreichen und mächtigen Ländern
der

Erde

Vtenn sie

verlangt,

in

ständiger

sich f e i n d s e l i g

Feindseligkeit

verhaftet

gegenüberstehen, dann hat dies

zu

bleiben.

wahrscheinlich

andere Gründe a l s nur die Tatsache i h r e r Gegensätzlichkeit, i h r e r großen
Bevölkerung, i h r e r Macht oder i h r e r Entfernung voneinander.

Ich glaube, die

e i g e n t l i c h e n Kräfte

sich ändern können - und ändern.
militärische

Rivalität

des K o n f l i k t s

sind Dinge, die

Vtenn zwischen zwei großen Ländern eine

besteht, dann wird sie weniger durch die

Steffen

selbst hervorgerufen, als durch die Art und Vfeise, wie beide Seiten über
militärische

Sicherheit

denken.

Vtenn es eine

geopolitische

Rivalität

g i b t , dann wird diese nicht durch die Gegebenheiten der Geographie verursacht , sondern durch die A r t und Vteise, wie beide Seiten i h r e p o l i t i s c h e
Sicherheit und ihre anderen Interessen d e f i n i e r e n .

Vtenn es zu einem Zu-

sammenprall der Ideen kommt - nun, dann kann man sagen, daß selbst Ideologien nicht ewig dauern.

Manche p o l i t i s c h e n Ideologien sind die Quelle

f a s t grenzenloser Energie und K r e a t i v i t ä t , aber andere sind wahre Gefängn i s s e , die nicht

nur jene einsperren, die an sie glauben, sondern auch

die v i e l e n anderen, die nicht daran glauben.

Nichts kann die menschliche

Energie und K r e a t i v i t ä t mehr einschränken a l s eine schlechte Idee.

Aber

Ideen s i n d , wie i c h gesagt habe, Gott sei Dank nicht u n s t e r b l i c h .

Sie

sind e i n e r , wie man es gelegentlich nennt, "Therapie der R e a l i t ä t " u n t e r worfen - sie müssen vor der Z e i t und der Erfahrung bestehen.
kann man sie mit etwas Glück abwerfen.
ses stürzen gelegentlich e i n .

Manchmal

Vvände eines g e i s t i g e n Gefängnis-

Und so selten es i n diesem Jahrhundert des

i n s t i t u t i o n a l i s i e r t e n Fanatismus auch vorkommen mag - Menschen ändern i h -

�ändern i h r e Meinung.
Wir wissen aus den Erklärungen der sowjetischen Führer, daß dieser
Tage

viele

der

bestehenden

überprüfen werden.
war

sicherlich

politischen

Die Bewährungsprobe

hart.

Generalsekretär

Vorstellungen

besonders

genau

vor der Z e i t und der Erfahrung
Gorbatschow

selbst

hat

kürzlich

"eine neue Einstellung zu a l l den Mängeln, negativen Entscheidungen und
zu a l l e n Arten von Schlamperei" g e f o r d e r t .

Er machte d e u t l i c h , daß die

Neubewertung lange hinausgeschoben worden s e i .

I n Zukunft, so seine Wor-

t e , "wird mehr Ordnung gefordert werden, mehr wissenschaftliches Streben,
mehr wichtige Entscheidungen, usw.

A l l e s i n allem wird es einer M o b i l i -

sierung der schöpferischen Kräfte und der Fähigkeit bedürfen, die Dinge
i n unserem Lande neu zu ordnen und neu i n A n g r i f f zu nehmen - nicht nur
i n der Wirtschaft, sondern auch im g e s e l l s c h a f t l i c h e n Bereich, im Bereich
der K u l t u r , der Ideologie und i n a l l e n anderen Bereichen."

Das scheinen hoffnungsvolle Worte zu s e i n , aber v i e l l e i c h t werden Sie
mir

zustimmen, daß wir h i e r

im Westen es von außen sehr schwer haben,

diese Worte r i c h t i g zu i n t e r p r e t i e r e n .
Prozeß des t i e f g r e i f e n d e n

Wir können nicht wissen, ob e i n

Wandels im Gange i s t oder n i c h t .

I n der Ver-

gangenheit war der Eindruck des Wandels nicht mehr a l s eine Maske, h i n t e r
der die starren Formen des Systems weiterbestanden.

Jeder neue Führer

- so stark er auch einen toöndel befürwortet haben mag - mußte erkennen,
daß die Tatsache, daß er durch die Befolgung der Regeln des Systems an
die Macht gekommen war, i h n auch zum Gefangenen dieser

Regeln machte.

Wenn e i n solcher Prozeß i n Gang kommen s o l l t e , dann wird das schwer f e s t zustellen s e i n ; wir wissen n i c h t , ob wir einen Beitrag zu diesem Prozeß
l e i s t e n können oder nicht und wir können nicht voraussagen, wie er ausgehen w i r d .

Aber da er uns sehr stark b e r ü h r t , i s t

es s i c h e r l i c h ange-

bracht , daß wir die Art von Fragen vorschlagen, die wir i n dieser

Hin-

s i c h t s t e l l e n werden - die Fragen, deren Antwort einen wesentlichen E i n fluß auf unsere eigene P o l i t i k haben werden.

Ich gehe davon aus, daß die

sowjetischen Führer ebenfalls gerne wissen möchten, wie w i r darüber denken, welche A r t von Änderung am meisten dazu beitragen könnte, das amerikanisch-sowjetische Verhältnis s t a b i l e r zu g e s t a l t e n .

Manchmal vernehmen

�Manchmal vernehmen wir Klagen der Sowjets, sie wüßten nicht, worauf wir
hinauswollten - lassen Sie mich also offen darüber sprechen.

Ich möchte mit militärischen Fragen beginnen.

Ich habe gesagt, daß

die Räder der militärischen Rivalität nicht durch die Waffen selbst in
Bewegung gesetzt werden, sondern durch das Denken, das die Waffen beherrscht, durch die politischen Doktrinen, Entscheidungen und Interessen,
wie sie durch die Organisation, den Aufbau und den Umfang einer Militärmaschinerie zum Ausdruck kommen.

In den letzten Jahren waren einige so-

wjetische Entscheidungen sehr beunruhigend für uns, da sie eine Einstellung zu Sicherheitsfragen erkennen ließen, die sich von der unsrigen völlig unterscheidet.

Damit meine ich nicht nur, daß die sowjetischen Mili-

tärausgaben so hoch sind - obwohl sie wirklich hoch sind.
möchte ich nicht hinaus.

Aber darauf

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf etwas ganz

anderes lenken - auf Entscheidungen, die die Konkurrenz auf einem Gebiet
neu beleben oder in Gang setzen, wo es bisher überhaupt keine Konkurrenz
gab.

Nehmen Sie die chemischen Waffen.

In diesem Jahrhundert haben diese

Waffen bei der Öffentlichkeit im Westen eine Abscheu und einen Schrecken
hervorgerufen wie nur die Kernwaffen. Es war ein Schrecken, der es unseren Regierungen sogar ermöglichte, recht erfolgreich zu handeln.

Das

Genfer Protokoll von 1925 war viele Jahre lang das Rüstungskontrollabkommen, das am meisten Unterstützung und Einhaltung fand.

Als Ergebnis nah-

men unsere eigenen Kapazitäten, Vorräte und unsere Ausbildung stetig ab.
Leider verlief die Entwicklung in der Sowjetunion nicht parallel dazu,
deren große Anstrengungen auf diesem Gebiet von uns nicht länger ignoriert werden konnten.

Aus diesem Grunde haben wir jetzt vorgeschlagen,

unser eigenes Programm für chemische Waffen zu modernisieren.

Wir würden

das lieber nicht tun; der Kongreß würde das auch lieber nicht tun; und
wir haben versucht, daran vorbei zu kommen.

Im April 1984 hat Präsident

Reagan Vizepräsident Bush mit Vorschlägen nach Genf gesandt, über ein
völliges Verbot chemischer Waffen zu verhandeln - aber seitdem haben die
Verhandlungen keine Fortschritte gebracht.
Durch diese

�Durch diese Entwicklung drängt sich zwangsläufig eine Frage auf: Väs
hat die Sowjetunion aus der Wiederbelebung dieses Wettstreits gewonnen?
Ist es vor allem heute, da chemische Waffen von kleinen Ländern billig
hergestellt und tödlich eingesetzt werden, nicht zwingend notwendig, daß
wir verifizierbare Kontrollen finden?

Ich wünschte, das wäre ein völlig isolierter Fall.

Aber wir können

das gleiche Prinzip in der Frage erkennen, die die sowjetisch-amerikanischen Rüstungskontrollverhandlungen - wie auch die Kontroverse in der Öffentlichkeit - während der ersten Amtszeit des Präsidenten beherrschte:
Die nuklearen Mittelstreckensysteme (INF).
storischer Rückblick ganz nützlich.

Auch hier ist ein kleiner hi-

Sie wissen sicherlich, daß die Ver-

einigten Staaten viele Jahre ihre Kapazitäten bei den Mittelstreckenraketen in Europa immer weiter abgebaut haben.
getan.

Die Sowjets haben das nicht

In den fünfziger und sechziger Jahren wurden im westlichen Bünd-

nis viele Pläne entwickelt, um den sowjetischen Vorsprung auszugleichen,
aber einer nach dem anderen wurde aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Gründe wieder aufgegeben.

Mit dem Aufkommen der Entspannung Ende

der sechziger Jahre begann das Gefühl der Dringlichkeit dieser Angelegenheit zu schwinden.

Und vor allem die militärischen Besorgnisse, die

durch den steigenden Raketenvorsprung der Sowjets hervorgerufen wurden,
nahmen mit der Zeit ab:

Die Sowjetunion schien ihre großen Mittelstrek-

kenraketen veralten zu lassen.

Aber dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Sowjets begannen stattdessen, mit der SS-20, einer der schrecklichsten Waffen, die der Osten je
eingeführt hat, ihre Streitmacht zu verstärken.

Um mich kurz zu fassen:

Das Ergebnis war ein NATO-Beschluß, daß diesen neuen sowjetischen Dislozierungen etwas entgegengesetzt werden müsse.

Im Jahr 1983, nachdem wir

uns zwei Jahre vergeblich bemüht hatten, eine Lösung des INF-Problems
auszuhandeln, begann der Westen seine eigenen Raketen aufzustellen.

Die nuklearen Mittelstreckensysteme machen dieser Tage keine Schlagzeilen mehr, und dies mag einen analytischen Vorteil haben.

Wir haben

heute zu dem Ablauf dieser Ereignisse einen gewissen Abstand gewonnen und

�gewonnen und haben die Pflicht, sie kritisch zu beurteilen, tos geschah?
Es war ein Streit zwischen Ost und West über eine Frage entstanden, die
manche längst erledigt geglaubt hatten.

Dies führt zu zwei Fragen, die

meinern Meinung nach noch immer schwer zu beantworten sind: tos glaubte
die Sowjetunion aus der Neubelebung dieser Konkurrenz zu gewinnen?

tos

hat sie aus jahrelangen einseitigen Verhandlungspositionen gewonnen, die
von der Erwartung westlicher Uneinigkeit ausgingen?

Und lassen Sie mich schließlich eine militärische Frage aufgreifen,
die Schlagzeilen macht:

das Verhältnis zwischen offensiven und defensi-

ven strategischen Systemen.

Wie Sie wissen, kamen die Vereinigten Staa-

ten und die Sowjetunion im Jahr 1972 überein, wonach keine Seite eine Abwehr gegen ballistische Flugkörper aufbauen solle.

Die Sowjetunion un-

terhält seither um ihre Hauptstadt ein Verteidigungssystem, das durch den
Vertrag gestattet ist.
getan.

Die Vereinigten Staaten haben nichts dergleichen

Beide Seiten haben Forschung betrieben, wie der Vertrag das ge-

stattet. Die sowjetische Forschungsanstrengung war außerordentlich stark.

Nun hat Präsident Reagan völlig im Einklang mit den Begrenzungen des
ABM-Vertrages die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) vorgeschlagen, um die Möglichkeiten einer Verteidigung neu zu prüfen.
vor allem waren es, die zu dieser Entscheidung führten:

Zwei Gründe

Erstens die ge-

waltige offensive Aufrüstung der Sowjets im vergangenen Jahrzehnt, die
die Überlebensfähigkeit unserer Streitkräfte in Frage gestellt hat; und
zweitens der Wjnsch des Präsidenten, wirklich herauszufinden, ob die Zerbrechlichkeit des nuklearen Gleichgewichts verringert werden kann, indem
man sich von der moriisch unbefriedigenden Doktrin der nuklearen Vergeltung entfernt.

Wie der Präsident oft gesagt hat, handelt es sich hier um

die hoffnungsvollste Chance unserer Zeit.

Wir sind überzeugt, daß sie

zur Sicherheit beider Seiten beitragen könnte, vor allem, wenn wir bei
den Genfer Abrüstungsverhandlungen Fortschritte erzielen.

Wir hoffen, in

diesen Verhandlungen herausfinden zu können, wie beide Seiten die strategische Stabilität gestärkt wissen wollen. Aber wie haben die Sowjets reagiert?

Öffentliche Erklärungen der Sowjets, mit denen viele von Ihnen

vertraut sein werden, schlagen einfach etwas vor, worüber unserer Auffas-

�unserer Auffassung nach überhaupt nicht verhandelt werden und was auch
nicht verfiziert werden kann:

Ein Verbot der Forschung - zu einem Zeit-

punkt, da sie, die Sowjets, selbst das größte Forschungsprogramm auf Erden betreiben.

Und als ein Meisterwerk von Unverfrorenheit behaupten sie

immer wieder, unser Programm ziele darauf ab, eine Erstschlagkapazität zu
erwerben.

Kurzum, wir haben mit der Aufnahme eines wirklichen Dialogs eine ganze Menge Schwierigkeiten.

Und angesichts der anderen, von mir erwähnten

Beispiele haben wir uns einige beunruhigende Fragen zu stellen.

Wird die

Sowjetunion diese Probleme potentiell kooperativ angehen oder wird sie
alles unter einem Nullsummen-Aspekt betrachten?

Die anderen Beispiele

- chemische Waffen und INF - lassen den Schliß zu, daß diese Taktik des
Alles oder Nichts den Sowjets nicht wirklich dienlich ist.

Offensichtlich hängt viel von der Beantwortung dieser Fragen ab.

Der

Präsident ist die Verpflichtung eingegangen, der Sowjetunion bei der Ausarbeitung verantwortungsbewußter Lösungen für die anstehenden Probleme
auf halbem Vtege entgegenzukommen.
te wiederholen.

Ich kann diese Verpflichtung auch heu-

Aber ohne eine gewisse Änderung in der Haltung der So-

wjets bei Sicherheitsfragen und bei dem ihr zugrundeliegenden Denkansatz
fürchte ich, daß selbst schrittweise Verbesserungen nur sehr schwer zu
erreichen sein werden; und selbst diese werden nur mit Mühe an Schwungkraft gewinnen und sich gegenseitig bestärken.

Die Probleme sowjetisch-amerikanischer Rivalität gehen natürlich über
das Militärische hinaus.

Da gibt es die überaus wichtige Frage, wie jede

Seite ihre Interessen in der toelt definiert.

Viele Menschen im Westen

halten nach Zeichen des Wandels Ausschau, was die Vorstellungen anbelangt , die die Sowjetunion von den Problemenm der internationalen Politik
hat.

Manche Leute, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, argumen-

tieren, die UdSSR sei nunmehr das, was man eine "reife" Nation nennt; sie
werde nicht mehr von Lenins alter Doktrin - "Je schlimmer, desto besser"
- geleitet; sie werde nicht mehr so stark von ihrer ideologischen Abneigung gegenüber dem Westen angetrieben; und sie habe es nicht mehr nötig,
- 9 -

�mehr nötig, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, um zu ihrem eigenen Vorteil die Politik Amerikas zu lähmen.

Das währen sicherlich wichtige Veränderungen.
finden, ob sie echt sind?
men.

Wie können wir heraus-

Offensichtlich nur durch praktische Maßnah-

Wenn es in Moskau um die Diskussion dieser Fragen geht, sollte sich

die sowjetische Führung der Tatsache bewußt sein, daß wir an praktische
Dinge, wie Afghanistan, Kuba und Libyen, denken.

Nehmen wir Afghanistan.

Heute führen 120 000 sowjetische Soldaten

den brutalsten Krieg, den es derzeit auf der Erde gibt.

WDZU?

Das läßt

sich nicht leicht sagen. Manche Leute im Westen glauben, die Sowjetunion
habe zu dem kommunistischen Staatsstreich im Jahr 1978 aufgehetzt, der
der Invasion des Jahres 1979 vorausging.

Wie Sie wissen, haben sich die

staatlichen Stellen wie die Kommentatoren in der Sowjetunion stets hiervon distanziert und erklären, sie hätten damit nichts zu tun.

Uns fehlen

die entsprechenden Erkenntnisse, aber wir können uns Fragen über die sowjetische Politik stellen, um uns über deren Ziele Klarheit zu verschaffen.

Wenn die Sowjets sich wirklich von allem distanzieren wollen, wenn
sie wirklich zeigen wollen, daß sie kein Interesse daran haben, derlei
Ereignisse zu schüren - warum stehen dann 120 000 Soldaten in Afghanistan
und beschützen die paar Leute, die diesen Staatsstreich gegen das afghanische Volk unternahmen?
zen ein

ihnen

Die Sowjets sagen, sie brauchten an ihren Gren-

freundlich

gesonnenes Afghanistan.

Wir können diesen

Wjnsch womöglich verstehen, aber wie kann man diese Freundschaft denn
verwirklichen?

Wir sagen der sowjetische Führung:

Eure derzeitige Poli-

tik verstärkt nur den Haß des afghanischen Volkes.

Haben die Sowjets ei-

ne nichtmilitärische Strategie, um mit diesem Problem

fertigzuwerden?

Wenn dem so ist, werden sie uns bereit finden, ihnen dabei zu helfen, sie
zu verwirklichen.

Oder nehmen Sie Libyen.

Es gibt heute nur wenige Regierungen, wenn

überhaupt welche, deren Politik insgesamt mit dem Ausdruck umschrieben
- 10 -

�Ausdruck

umschrieben

werden

könnte:

"Je schlechter, desto besser."

Oberst Ghaddafi steht im Gefolge dieser Tradition, die versucht, Unruhe
und Instabilität zu provozieren oder von ihr zu profitieren.

Angesichts

dieser Tatsache müssen wir Amerikaner einige ernste Fragen hinsichtlich
seiner Unterstützung durch die Sowjetunion stellen.
wird genügen:

Ein kleines Beispiel

Vtelchen Nutzen hat angesichts all der Terrorismus-Probleme

in diesem Teil der Vfelt die Tatsache, daß die Sowjetunion Ghaddafi Unterseeboote zur Verfügung stellt?

Oder wem dient es angesichts des Krieges

im Persischen Golf, der sich endlos hinzuziehen scheint, wenn sie Oberst
Ghaddafi Raketen gibt, die ihren Iteg in den Iran finden und schließlich
mitten in Bagdad landen, der Hauptstadt eines Landes, das einen Freundschaf tsvertrag mit der Sowjetunion hat?
Freundschaftsverträgen sein?
stem Ernst zu fragen:

Soll das die Bedeutung von

Wir Amerikaner haben das Recht, mit voll-

Vfenn dieses "Je schlechter, desto besser" nicht

sowjetische Politik sein sollte - sollte dann das Verhältnis zwischen der
Sowjetunion und Oberst Ghaddafi nicht ganz anders sein?

Nehmen Sie schließlich Kuba.

Auf dem Preisschild der sowjetischen

Unterstützung Kubas stehen nach Berechnungen unserer Experten etwa 5 Milliarden Dollar im Jahr.

Zum Vergleich:

Das ist in etwa so viel wie wir

für Ägypten und Israel zusammen zur Verfügung stellen - wobei beide Länder zusammengenommen eine fünfmal größere Bevölkerung haben als Kuba.
Kuba muß also für die sowjetische Politik eine Verpflichtung von ganz erheblicher

Bedeutung

darstellen.

Eine

Verpflichtung

aber

wozu?

Uns

scheint, um ganz offen zu sein, der Hauptvorteil für die Sowjetunion darin zu liegen, daß Kuba - die kubanischen Truppen, die kubanischen Berater und die kubanischen Basen - zu offensiven Zwecken genutzt werden kann.

Die kubanische Politik der letzten zehn Jahre ist wirklich außergewöhnlich, und sie ist umso außergewöhnlicher, weil sie gar nicht so hätte
zu sein brauchen.

Rund die ersten zehn Jahre nach der Raketenkrise von

1962 war Kuba für die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen kein entscheidendes Reizthema.

Jetzt ist es eines.

Kubas Soldaten sind in Krie-

ge auf zwei Kontinenten verwickelt und trotz des internationalen Drucks
aus vielen Richtungen gibt es kein Zeichen für ihren Rückzug in die Hsi- 11 -

�die Heimat.

Das Muster ist in etwa das gleiche wie bei den chemischen

Waffen oder bei den Raketen in Europa, das ich bereits skizziert habe.
Die Sowjetunion hat eine Konfliktquelle erneut offengelegt.
aus Vorteile gezogen?

Hat sie dar-

Wir hoffen, daß man sich diese Frage in Moskau

stellen wird.

Es sollte keinerlei Zweifel hinsichtlich der Fähigkeit der Vereinigten Staaten geben, mit diesen Schwierigkeiten fertigzuwerden, wenn sie
sich uns in den Weg stellen. Aber darum geht es nicht. Sicher, wir müssen der Sicherheit Pakistans mehr Aufmerksamkeit schenken, als dies vor
einigen Jahren der Fall war - aber das kann getan werden.
müssen wir heute der Sicherheit

Desgleichen

von El Salvador mehr Aufmerksamkeit

schenken als vorher, aber auch das können wir in den Griff bekommen. Und
nicht anders betrachten wir die Probleme, die Libyen für seine Nachbarstaaten, zu denen einige gute Freunde der Vereinigten Staaten gehören,
schafft.

Die verbleibende Frage betrifft die umfassendere

Wirkung, die all

dies auf die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sowie darauf hat, ob
dies wirklich die Wirkung ist, die die sowjetische Seite wünscht.

Sie

schickt uns sicherlich laute und unüberhörbare Botschaften über die Motivationen sowjetischer Politik.
reichen nur schwieriger.

Das macht Verbesserungen in anderen Be-

Es ist nur eine Garantie dafür, daß jedweder

kleine Schritt vorwärts , den wir möglicherweise machen könnten, isoliert
bleiben wird und nur mühsam gesichert werden kann - von einer Würdigung
im vorhinein durch beide Seiten ganz abgesehen.

Hinzuzufügen wäre, daß sich an all dem nichts ändert, wenn man sowjetischerseits von Moskaus Verantwortung zur Hilfe für andere "sozialistische" Staaten hört.

Das reduziert sich für uns natürlich darauf,

daß anderen Regierungen dabei geholfen wird, ihre Völker zu unterdrükken.

Wir sind der Meinung, daß der Sozialismus sowjetischen Stils vielen

großen Nationen Leid gebracht und deren Fähigkeiten nur eingeschränkt
hat.

Hiervon sind wir absolut überzeugt.

Zweifellos ist die sowjetische

Führung anderer Meinung, aber damit ist es nicht getan.
- 12 -

Ich hoffe viel-

�hoffe vielmehr, sie werden schließlich doch einmal eine andere Frage
überdenken.

Ob nämlich eine derartige sowjetische Verwicklung überhaupt

aus ihrer eigenen Interpretation heraus gerechtfertigt ist.

So erinnern

wir uns hier im Westen zum Beispiel an die Bemerkung von Generalsekretär
Andropow über den Unterschied zwischen dem Aufbau des Sozialismus einerseits und seiner bloßen Proklamierung andererseits.

Wir hoffen, daß solch eine Skepsis Quelle des Zweifels darüber sein
kann, ob die von mir beschriebene Politik der Sowjetunion wirklich deren
Interessen gedient hat.

Bisher habe ich von den politisch-militärischen Fragen gesprochen,
die unsere Beziehungen trüben.

Sie dominieren fast immer die Tagesord-

nung der zwischen uns bestehenden Probleme.
unsere Unterhändler.

Auf sie konzentrieren sich

Es gibt noch weit mehr Themen, die ich aufgreifen

könnte - von Polen bis zur Weiterverbreitung von Kernwaffen.

Wie wichtig

sie auch sein mögen, so gehören sie doch nicht zu dem Bereich, in dem die
Veränderungen von größter Tragweite stattfinden könnten.

Offen gesagt,

die dauerhafteste und weitreichendste Verbesserung der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen - und wahrscheinlich der sowjetischen Beziehungen
mit fast allen Ländern der Erdekönnte sich durch Ereignisse innerhalb der
Sowjetunion vollziehen.

Wenn Amerikaner gegenüber sowjetischen Regierungsvertretern die Frage
der Menschenrechte aufwerfen, wissen sie, was auf sie wartet.

Der so-

wjetischen Haltung zufolge mischen wir uns in "inner Angelegenheiten"
ein.

Die sowjetische Seite hat sich mittlerweile auch an das gewöhnt,

was wir normalerweise darauf antwortetn - daß nämlich viele dieser Fragen
Verpflichtungen beinhalten, die durch die Schlußakte von Helsinki eingegangen wurden.

Wir sprechen von Verpflichtungen, die die Sowjetunion

freiwillig eingegangen ist.

Dies ist ein wichtiger Punkt.
genommen werden.

Unterzeichnete Verträge müssen ernst-

Aber dies ist nicht der Hauptgrund dafür, daß Amerika-

ner ein Interesse an den Menschenrechten und an der Demokratie bekunden.
- 13 -

�Demokratie bekunden.

Und es geht auch nicht allein darum, daß wir an Mo-

ral in der Politik glauben, oder daß unser Herz bei den sowjetischen Juden ist, die emigrieren wollen, dies aber nicht können.
gentliche Grund

ist, daß echter Fortschritt

Nein, der ei-

in dieser Richtung eine

grundlegende Wirkung auf das internationale System und auf die Art und
Weise haben würde, wie wir miteinander verkehren.

Als Präsident Reagan im April 1984 in China war, hielt er eine Rede,
die sicherlich eine der freimütigsten war, die jemals von einem führenden
Politiker gehalten wurde, der ein Land mit anderem politischem System besucht.

Seine Botschaft war einfach:

"Vertraut dem Volk."

Für uns ist

die Bedeutung eines solchen Satzes offensichtlich, aber viele der Ideologien des 20. Jahrhunderts gründen sich auf Argwohn gegenüber dem Volk,
auf der Überzeugung, daß es zu selbständigem Handeln nicht fähig sei.
Deshalb lassen Sie mich kurz darlegen, was es, ganz praktisch gesehen,
bedeutet, dem Volk zu vertrauen.
wir ganz konkret.

Erstens:

Lassen wir Gefühle beiseite und seien

Was kann ein Volk tun, wenn man ihm vertraut?

Nur das Volk kann die landwirtschaftliche Produktivität re-

volutionieren.

Alle anderen Versuche gehen hoffnungslos in die Irre.

Vor über 20 Jahren beschuldigte die Kommunistische Partei der Sowjetunion
die Chinesische Partei des Glaubens "Wenn ein Volk Sandalen trägt und aus
einer einzigen großen Schüssel Wassersuppe ißt - das ist Kommunismus."
Heute könnte man eine derartige sarkastische Unterstellung nicht mehr machen.

In den vergangenen sieben Jahren hat sich die landwirtschaftliche

Produktivität in China verdoppelt.

Und während seines jüngsten Besuchs

hier bei uns sprach der indische Ministerpräsident Gandhi von den Fortschritten, die Indiens Landwirtschaft aufgrund verstärkter Anreize gemacht habe,
dies?

heute ist Indien bei Weizen ein Nettoexporteur.

Wie kommt

Das Volk schaffte es.

Zweitens:

Nur das Volk kann die wissenschaftlich-technologische Re-

volution schaffen.

Und sie wird in jenen Ländern geschafft, die sich

heute des raschesten Wirtschaftswachstums erfreuen.
zentralen Planwirtschaft kann das schaffen.
- 14 -

Kein Ministerium der

In den Vereinigten Staaten

'

�Vereinigten Staaten i s t das Schlagwort f ü r Itendel i n der Struktur unserer
Volkswirtschaft die Dezentralisierung - und schon schießen Firmen aus dem
Boden, die neue Produkte etwa im Bereich der Informationstechnologie a n bieten.
dent

In seiner Rede i n China, die ich gerade erwähnte, sagte P r ä s i -

Reagan:

"Täuschen wir

uns n i c h t :

Jene, die diese

lebenswichtige

Hahrheit mißachten, werden i h r e Länder dazu verdammen, immer weiter z u rückzufallen.. ."
Schließlich:
neu beleben...

Nur das Volk kann seine nationale Kultur immer wieder
Kein Ministerium der Kultur kann das.

Sicher wird jedes Volk diese Aufgaben auf seine eigene Vfeise b e w ä l t i gen.

Jede Kultur hat ihre Besonderheiten.

Bei allem Handel b l e i b t China

eindeutig chinesisch und erkennbar s o z i a l i s t i s c h .
erwähnten Aufgaben zu bewältigen, g i l t

Aber um diese von mir

für a l l e Menschen dasselbe:

Sie

müssen i h r e Entscheidungen selbst f ä l l e n , sie müssen i h r e Fähigkeiten zum
Tragen bringen, sie müssen i n der Lage s e i n , von anderen zu lernen und
sie müssen Kenntnis von den entscheidenden Faktoren des w i r t s c h a f t l i c h e n
und sozialen Lebens haben.

Es g i l t , die i n s t i t u t i o n a l i s i e r t e

Geheimnis-

krämerei abzuschütteln, die die übrige Vtelt nur absurd und s e l b s t z e r s t ö rerisch findet.

Es g i l t , über die ganz einfachen Dinge Bescheid zu wis-

sen - etwa den Umfang der Vteizenernte des vergangenen Jahreswie über die
größeren
geht.

Zusammenhänge

- etwa

das, was draußen

in

der

Vfelt

vor

sich

Menschen müssen i h r Land verlassen d ü r f e n , wenn sie dies w o l l e n .

Wird ihnen a l l das verweigert, b l e i b t ihnen nicht v i e l zu tun ü b r i g .

Der sowjetischen Führung würde ich sagen, daß dies nicht etwa unsere
romantischen

Ideale

sind.

auch i h r e r eigenen Z i e l e .

Sie

sind

vielmehr

praktische

Erfordernisse

Und sie sind praktische Erfordernisse von Z i e -

l e n , die auch wir selbst haben, denn sie sind der Schlüssel zur Veränderung der Ost-Vfest-Beziehungen.
Lassen Sie mich zum Abschluß zu den praktischen Perspektiven zurückkehren, mit denen i c h begonnen habe:
Erwartung

der

Veränderung

des

Wir planen unsere P o l i t i k nicht

Ost-Vfest-Verhältnisses.

- 15 -

Wir

in

streben

�Wir streben schrittweise Verbesserungen an und wir betrachten deren Wart
nicht als unerheblich.

Die sowjetische Führung sollte wissen, daß Präsi-

dent Reagan bereit ist, geduldig und methodisch kleine Schritte vorwärts
zu tun und daß wir nach Maßgabe dessen reagieren, was wir von ihr bekommen.

Es scheint mir, daß wir zu diesem Zeitpunkt des Nachdenkens in der
Sowjetunion von uns wie von der sowjetischen Seite mehr fordern sollten.
Wir sollten erkennen, daß jene, die nur kleine Verbesserungen anstreben,
am Ende oft überhaupt keine erreichen.

Wir erkennen kosmetische Verbes-

serungen , wenn wir sie sehen, und wir kennen die Bedeutung und den Wart
großen Wandels.

Wir sollten uns jene Fragen stellen und auf den Antwor-

ten beharren, die wegweisend sind.

* * * * *

- 16 -

�28. August 1985

34

GROSSEINSATZ IN DEN USA GEGEN CANNABIS-ANPFLANZUNGEN
- "Operation Delta-9" vernichtet Marihusna-Ernte -

- (AD) -- Dank der Zusammenarbeit mit einigen Anfaulendem und wirksamer juristischer Maßnahmen im Inland gelang es den Vereinigten Staaten,
das Einschleusen von Marihuana (Haschisch* aus Mittsl- und Südamerika
merklich einzudämmen. Dies veranlaßt die Drahtzieher hinter der Drogenszene, den illegalen Cannabis-Anbau (indischer Hanf) in den Vereinigten
Staaten selbst zu forcieren.
Die Frühernte war Anfang Ajgust zu erwarten. Dagegen lie"? nun fünf
Tage lang die "Operation Delta-9". Die Bezeichnung ist in Kurzform von
der chemischen Formel für den aktiven Bestandteil in Marihuana abgeleitet. Mehr als 2200 Beamte und Mitarbeiter von Hundes-, Staats- und Kommunalbehörden, vom Bundesforstdienst bis zur Küstenwacht, waren landesweit
im Einsatz. Koordiniert wurden die in allen 50 Bundesstaaten gleichzeitig
durchgeführten Aktionen von 150 Mitarbeitern der DEA (Bundesbehörde für
Rauschgiftbekämpfung). Bill Deac, der Sprecher der DEA, bezeichnete sie
als den "größten Einsatz gegen Marihuana in dec Geschichte".
Schon am ersten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Schon am ersten Tag wurden 336 Anpflanzungen ausgemacht und, in 30
Bundesstaaten, weit über 100 000 Cannabis-Pflanzen vernichtet. Rund 55
Personen karren in Haft, Waffen aller ^rt wurden beschlagnahmt. Die Pflanzer greifen immer mehr zur Gewalt, um ihre Cannabis-Felder zu schützen mit Fallen, Schrotflinten, Dynamit, Wachhunden und anderen Mitteln gehen
sie gegen Eindringlinge vor. In Arkansas wurde ein Polizeihubschrauber
beschossen, jedoch gab es keine Verletzten.

Wie DEA-Administrator Jack C. Lawn, der zusammen mit Justizminister
Edwin Meese III von einem Hubschrauber aus einen Teil der Einsätze beobachtete, in einer Pressekonferenz berichtete, seien im vergangenen Jahr
in den Vereinigten Staaten etwa 12 Prozent des konsumierten Marihuana im
Lande selbst angebaut worden. Während der Kampagnen gegen den Cannabis-Anbau im Jahr 1984 wurden Felder mit mehr als 13 Millionen Pflanzen zerstört, 4941 Personen wurden in Haft genommen.

Die Strafen für jene, die in diesem Jahr wegen Drogenkriminalität
festgenommen werden, fallen aufgrund einer Gesetzesänderung vom vergangenen Jahr erheblich härter aus: Wer Cannabis-Pflanzen anbaut, hat mit bis
zu 15 Jahren Gefängnis und bis zu 250 000 Dollar Geldstrafe zu rechnen.
Das Land, auf dem der indische Hanf steht, wird konfisziert. Das Gleiche
geschieht mit allen anderen persönlichen Gegenständen, die zum Anbau benutzt oder mit Einkünften aus dem Verkauf von Marihuana angschafft wurden. Die drastischen Strafen sollen vor dem Anbau, der Herstellung und
der Weitergabe von Haschisch abschrecken. Dem neuen Gesetz zufolge werden
bei Händlern mit Heroin, Kokain und anderen Suchtstoffen Bankguthaben,
Eigenheime, Autos und anderes, mit ihren Gewinnen angeschafftes Eigentum
eingezogen. Sie haben mit 20 Jahren Zuchthaus und 250 000 Dollar Geldstrafe zu rechnen. Übrigens wurden auch die Strafen für privaten Drogenmißbrauch verschärft.

Appelle an die Weltöffentlichkeit
- 2 -

�Appelle an die Weltöffentlichkeit

Der Schutz von Jugend und Familien vor Drogenmißbrauch und den damit
verbundenen katastrophalen Folgewirkungen ist ein besonderes Anliegen von
Nancy Reagan, der Frau des amerikanischen Präsidenten. Im April dieses
Jahres hatte sie zum ersten Mal Frauen von Staats- und Regierungschefs zu
Gesprächen über Drogenprobleme eingeladen, zu denen die "First Ladies"
von 17 Ländern nach Washington kamen. Anschließend nahm die Gruppe noch
für zwei Tage an der überaus erfolgreichen diesjährigen PRIDE-Konferenz
teil. (PRIDE ist die Abkürzung von "Parents' Resource Institute on Drug
Education" - einer privaten Organisation für Familienhilfe und Elternberatung bei Drogenproblemen.) Im Rahmen der PRIDE-Bewegung, die sich die
Arbeit an der Basis zum Ziel gesetzt hat, bildeten sich in den Vereinigten Staaten in den letzten paar Jahren mehr als 4 000 Elternkreise als
sehr aktive Arbeitsgruppen in sämtlichen 50 Bundesstaaten. Mancherorts
sind auch Schulen und Jugendorganisationen in die PRIDE-Tätigkeiten einbezogen.

Nancy Reagan beabsichtigt, die Feierlichkeiten anläßlich des 40jährigen Bestehens der Vereinten Nationen im Oktober 1985 zum Anlaß zu nehmen, zu einer wesentlich erweiterten Konferenz über das Drogenproblem die
Frauen der Staats- und Regierungschefs einzuladen, die sich zur UN-Tagung
in New York einfinden. Vorbeugung, Information und Erziehung zur Immunität gegen die Verlockungen von Suchtstoffen aller Art werden als die
wichtigsten Punkte erörtert. Fast alle Teilnehmerinnen sind ja selbst
Mütter und somit auch persönlich daran interessiert, daß ihre Kinder oder
Enkel und deren Freunde nicht in den Rauschgiftstrudel gezogen werden.
Manche der First Ladies setzen sich in ihren Ländern bereits aktiv für
den Schutz der Jugend vor Drogen ein. Die Frau des amerikanischen Präsidenten hofft, durch die bevorstehende Tagung im Rahmen der Vereinten Nationen die Weltöffentlichkeit stärker als bisher für den Kampf gegen
Rauschgift und Suchtstoffe zu mobilisieren.
* * * * *

- 3-

�34

28. August 1985

ELEKTROWERKSTATT IM FREIEN WELTRAUM
Discovery-Astronauten bemühen sich um Reparatur
eines Nachrichtensatelliten -

- (AD) - Deram 27. August 1985 gestartete amerikanische Raumtransporter
DISCOVERY soll bei seiner sechsten Mission im All mit fünf Astronauten an
Bord acht Tage lang die Erde umkreisen. Aber zunächst waren es widrige
Wetterbedingungen am Kap Canaveral, dann Probleme mit dem Hauptcomputer,
die eine Verschiebung des ursprünglich für den 24. August geplanten
Starts der Raumfähre notwendig machten.

Der 20. Einsatz eines amerikanischen Raumtransporters steht unter der
Führung von Astronaut Joe Engle, Kopilot beim zweiten Flug der COLUMBIA
und, in den sechziger Jahren, Pilot des inzwischen legendären Raketenflugzeuges X-15, mit dem er in großen Höhen operierte. Zur jetzigen
DISCOVERY-Besatzung gehören außerdem Richard Covey als Kopilot, John
Lounge als Missionspezialist und Dr. William Fisher sowie James van
Höften als Nutzlastspezialisten.
Van Höften wird

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Van Höften wird seine Erfahrungen beim Einfangen und bei der Reparatur des Sonnenforschungssatelliten SOLARMAX im vergangenen Jahr gut gebrauchen könne. Denn ihm und Fisher steht die schwierigste Aufgabe der
neuen Mission bevor - nämlich das Einholen und die Reparatur des Nachrichtensatelliten SYNCOM IV-3 (auch als LEASAT bezeichnet). Er blieb
stumm, reagierte auf keinerlei Funkbefehle, zündete nicht die Feststofftriebwerke zur Weiterbeförderung auf die Äquatorbahn in 36 000 km Höhe,
nachdem er am 14. April 1985 aus dem Nutzlastraum der DISCOVERY bei ihrem
damaligen vierten Einsatz abgesetzte worden war. Zwar gaben sich drei
Astronauten zwei Tage später in einem improvisierten Außenbordmanöver und
mit improvisierten Hilfsmitteln jede nur erdenkliche Mühe, die Elektrik
des 4,25 mal 4,25 m großen Kolosses doch noch funktionsfähig zu bekommen
und den Aktivierungsmechanismus in Gang zu setzen - aber vergeblich. Die
NASA entschied dann, daß zunächst die Ursache der Panne ausfindig gemacht
werden müße. SYNCOM wurde erst einmal seinem Schicksal überlassen.

Inzwischen ergaben Untersuchungen bei der Herstellerfirma Hughes Communications Inc., die den Satelliten an die amerikanische Marine für deren weltweites Nachrichtennetz vermieten sollte, daß mit großer Wahrscheinlichkeit der Zeitgeber für den gesagten Ablauf der Aktivierung der
SYNCOM-Systeme von der Stromzuführung abgeschnitten und damit funktionsunfähig geworden war. Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, daß ein
Hebel an der Außenseite des Satelliten, der sich beim Absetzen aus dem
Raumtransporter automatisch hätte umlegen und die Systemaktivierung in
Gang setzen sollen, auf die von den Astronauten damals vorgenommen Manipulationen absolut nicht reagierte. Denn auch für diesen Hebel war ein
Signal vom Zeitgeber erforderlich.

In Laboratorien und Werkstätten der Fa. Hughes wie der NASA hat man
inzwischen Verfahren und Hilfsgeräte entwickelt, um z. B. durch das Anbringen von Griffen auf beiden Seiten des riesigen Satelliten Greifmöglichkeiten und eine Halterung für den 17 m langen "Robotkran" an Bord
der DISCOVERY zu schaffen und den defekten Zeitgeber durch die Montage
von Überbrückungsleitungen zu ersetzen.
Gut sechs Stunden

�Gut sechs Stunden Arbeitszeit im Weltraum werden die Astronauten
Fisher und Van Höften benötigen, wenn erst einmal das Rendevous mit dem
defekten Nachrichtensatelliten und die Annäherung des Raumtransporters
auf ca. 12 m Abstand gelungen ist. Auf der Arbeitsplattform an der Spitze
des Kranes "verankert", wird Van Höften nach dem Anbringen des ersten
Griffes in einem bestimmten Bereich der SYNCOM-Seitenwand zunächst versuchen, den langsam rotierenden Satelliten (er dreht sich vermutlich pro
Minute einmal um die eigene Achse) immer wieder an diesem Griff zu fassen
zu bekommen und wenigstens ein paar Sekunden zu halten. "Halten" bedeutet
allmähliches Abbremsen. Das dürfte angesichts der Masse des Objekts (fast
sieben Tonnen) und der daraus resultierenden Trägheitskraft zur Fortsetzung der Eigenbewegung nicht ganz einfach sein. Zumindest erfordert es
viel Geschick, Geduld und wohl doch erheblich viel Zeit.

Erst wenn SYNCOM zum Stillstand gekommen ist, kann Fisher, im offenen
Nützlastraum an einer Leine gesichert, den zweiten Griff an der gegenüberliegenden Seite des Außenwand und die Halterung für den Kran anbringen. Dies ist die Voraussetzung dafür, daß der vom Cockpit der DISCOVERY
aus ferngesteuerte Robotarm den Satelliten greift, fest zu halten bekommt
und in den Nutzlastraum absenkt, wo die Reparatur vorgenommen werden soll.

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit - ein Vorhaben unter Begleitumständen, für die es noch keinen Präzedenzfall gibt. Denn SYNCOM ist, mit
3350 kg Treibstoff für seine Feststofftriebwerke und 2212 kg flüssigem
Treibstoff beladen, ein brisantes Objekt. Die NASA und die Astronauten
versichern, daß alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen bedacht worden seien
und keine Gefahr bestünde. Auch dürfte allein schon die Weltraumkälte,
der SYNCOM während der vergangenen viereinhalb Monate ausgeliefert war,
bewirkt haben, daß die Zündfähigkeit des Treibstoffes noch eine Zeitlang
beeinträchtigt sein wird. Denn die auch für die Zündung wichtige Temperaturregelung für die einzelnen Systeme kann überhaupt erst in Gang kommen,
wenn die Elektronik wieder funktioniert.

Van Höften und Fisher umgehen den nicht funktionsfähigen Zeitgeber
- 3 -

�funktionsfähigen Zeitgeber durch Verlegen neuer Leitungen und vorübergehendes Neuschalten von Ver- bindungen. Sie öffnen die Seitenwand, montieren zwei neue Acht-Stunden-Zeitgeber, benutzen zur Prüfung und Aktivierung bestimmter Systeme Buchsen, die sonst nur dem Hersteller zum Durchprüfen des Satelliten in der Werkstatt dienen, und montieren vorübergehend ein Schaltsystem, damit endlich die Rundstrahlantenne ausgefahren
werden kann. Auch sie hatte sich im April einfach nicht gerührt. Sie wird
dringend gebraucht, um die Funkbefehle der Kontrollstation auf der Erde
für SYNCOM aufzunehmen und ständige Verbindung zum Satelliten zu halten.
Während der ganzen Zeit können die Astronauten mit beiden Händen am Satelliten arbeiten - der Robotkran hält ihn in Position. Ist die Reparatur
beendet, wird SYNCOM wieder freigegeben, wobei van Höften versuchen wird,
ihn erneut in Rotation zu versetzen. Wünschenswert wären zwei Umdrehungen
pro Minute. Die DISCOVERY kann sich nun absetzen. Die zuständige Bodenstation für SYNCOM übernimmt mittels Funkbefehl die Aktivierung und künftige Steuerung. Bis zur Zündung der Feststoffraketen, die SYNCOM IV-3 in
knapp 36 000 km Hohe katapultieren sollen, können allerdings noch zwei
Monate vergehen. Und erst dann ist zu beurteilen, ob der Reparaturversuch
tatsächlich erfolgreich war.

Nicht vor dem sechsten Flugtag soll die Rettungsaktion beginnen. In
den ersten drei Tagen steht das Absetzen von drei Nachrichtensatelliten
auf dem Programm. Einer davon ist, mit einiger Veränderung, vom gleichen
Typ wie SYNCOM IV-3. Beim zweiten Nachrichtensatelliten handelt es sich
um AUSSAT-1, der im Auftrag der australischen Regierung abgesetzt wird
und abgelegene Gebiete an das Fernmelde- und Fernsehnetz anschließen
soll. Auftraggeber für den dritten Nachrichtensatelliten ist das Unternehmen "American Satellite Corporation". Außerdem hat die Firma "3M" mit
der NASA die Fortsetzung der Experimente zur Züchtung von Kristallen aus
organischen Lösungen vereinbart, die bei einem DISCOVERY-Flug im November
1984 in speziellen Reaktoren an Bord des Raumtransporters zum ersten Mal
in der Schwerelosigkeit durchgeführt wurden. Die Kristalle sollen der
Elektronik, Optik und Filmtechnik neue Möglichkeiten eröffnen.
* * * * *

- 4-

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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•

ftA*?*1

28. August 1991

34

SOWJETUNION

DAS ENDE DES STAATSSTREICHES
IN DER S O W J E T U N I O N

Die Berichterstattung in Amerika

USA - UDSSR

SECHS JAHRE AMERIKANISCHSOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
Chronologie der Beziehungen
von 1985-1991

NATIONALISMUS

DIE ZUKUNFT DES AMERIKANISCHEN
NATIONALISMUS
von Clyde Wilson

:

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�SOWJETUNION
28. August 1991

DAS ENDE DES STAATSSTREICHS
IN DER SOWJETUNION
Die Berichterstattung in Amerika
WASHINGTON - (AD) - Zahlreiche amerikanische Zeitungen haben dem Ende des Staatstreichs in der
Sowjetunion und der Wiedereinsetzung einer progressiven Regierung ihre Leitartikel gewidmet. Nachfolgend
veröffentlichen wir Auszüge aus verschiedenen Kommentaren.

The New York Times
Die Anstifter des Staatsstreichs behaupteten, das
System vor dem Chaos zu bewahren. Statt dessen
haben sie in ihrer Verzweiflung die alte Ordnung in der
Sowjetunion zerstört. Am Schluß hat selbst die
Kommunistische Partei jede Verbindung zu diesen
alten treuen Parteigängern aufgekündigt... Die wilde
Flucht der Verschwörer zeigt, wie gründlich Gorbatschows Revolution die Sowjetunion verändert hat...
Bis jetzt schrecken andere Länder davor zurück, Milliarden in ein schwarzes Loch zu buttern, in dem das
Wort "Markt" ganz zu schweigen von dessen Implikationen kaum verstanden wird. Aber sie würden wahrscheinlich gern Investitionen und Hilfe fördern, wenn
es in der Sowjetunion ein glaubwürdiges Wirtschaftsprogramm gäbe. Bis jetzt ist Gorbatschow überzeugenden Vorschlägen immer wieder in letzter Minute
ausgewichen.
Wenn er einem solchen Programm jetzt zustimmt,
kann dieser verheerende Staatsstreich dennoch eine
konstruktive Lehre beinhalten. Die Selbstzerstörung
der alten Garde kann es ihm - und künftigen sowjetischen Präsidenten - ermöglichen, den Menschen in
der Sowjetunion den Lebensstandard zu geben, für
den sie diese Woche auf die Straße gegangen sind.
Dieser Prozeß kann heute beginnen.

Kampf beginnen, aber nicht beenden konnte. Seine
bisherigen Leistungen für die Reformen sind beeindruckend, aber seine Bedeutung für die Zukunft wird
sich neu erweisen müssen. Es ist gedemütigt worden,
und er hat Schaden genommen.
Nationale Reformen (in der Sowjetunion) werden in
einem politischen Kontext erfolgen, der durch die
Entlassung und Diskreditierung der alten Garde von
Kommunisten und die Schwächung des Mannes in der
Mitte - Gorbatschow - verändert wurde. Zumindest
kurzfristig könnte dies weniger Forschritte und mehr
Unruhe mit sich bringen.
The Christian Science Monitor
Probleme der Butter auf dem Brot waren nicht der
Hauptgrund, warum 150.000 Moskowiter am Dienstag
auf die Straße gegangen sind ... und sich vor dem
russischen Parlamentsgebäude versammelt haben,
um Boris Jelzin zu unterstützen. Es steht etwas
wichtigeres auf dem Spiel - die neuen Rechte und die
Selbstbestimmung, in deren Genuß die Sowjets erstmals mit Glasnost gekommen sind. Vielleicht ist das
nur einer Minderheit von Russen bewußt und nicht
egal, aber diese Minderheit nimmt zu...
Etwa 150.000 Moskowiter gingen auf die Straße, weil
sie sich an die Geschichte erinnern und weil sie auf den
Geschmack der Demokratie gekommen sind.

The Washington Post
Boris Jelzin repräsentiert den Aufstieg der Demokratie
- er ist ein demokratisch gewählter Politiker und nunmehr kampferprobt. Die Tatsache, daß er für Grundsätze und Rechtmäßigkeit gekämpft hat, deren Nutznießer jemand anders - Michail Gorbatschow - war,
verleiht ihm besondere Größe. Bei seiner Rückkehr
ins Amt wird Gorbatschow Rechenschaft ablegen
müssen, wie er eine Revolution und einen politischen
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Im weiteren Sinne heißt der Scheideweg, an dem sie
jetzt stehen "Bürgerrechte".
The Baltimore Sun
Gorbatschow ist heute nicht nur wegen des persönlichen Mutes und der Führungskraft des russischen
Präsidenten Boris Jelzin wieder im Amt sondern auch,
weil sich auch alle anderen Republiken weigerten, dem

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�reaktionären Putsch gegen die Zentralregierung zu
folgen.... Es ist... ziemlich sicher... daß die Republiken eine stärkere Teilung der Macht mit einem Präsidenten fordern werden, den zu retten sie halfen...
Der Michail S. Gorbatschow, der seine Amtsgeschäfte
im Kreml wiederaufnimmt, wird wahrscheinlich ein
Übergangspräsident sein, der die Umgestaltung seines Landes zu einer Föderation, vergleichbar einem
Commonwealth, leitet. Da es unwahrscheinlich ist,
daß er sich um eine Wiederwahl bemüht, wird die
politische Arena in der Sowjetunion voller neuer Gesichter und Allianzen sein... All dies führt zu einem
Domino-Effekt, der die bereits verringerte Rolle der
kommunistischen Partei weiter einschränken wird.
Die Ereignisse der vergangenen Tage sind Grund zum
Feiern, da sie zeigen, daß die Ideen Gorbatschows
von Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit in wichtigen Bereichen sowjetischen Lebens Wurzeln geschlagen haben. Das Militär hat sich im großen und
ganzen geweigert, an diesem Putsch teilzunehmen.
Auch die meisten Polizeigruppen außerhalb des KGB
blieben den rechtmäßigen Regierungen, der zentralen
als auch den lokalen, treu.
The Philadelphia Inquirer
Der Zusammenbruch hat... gezeigt, daß viele der TopOffiziere in der sowjetischen Armee nicht bereit sind,
einen Angriff auf ihre Mitbürger zu befehlen. Dies war
der Schlüsselfaktor, der die Macht der Putschführer
untergrub und eine Frage beantwortet, die Zweifel
geweckt hatte.
Auch die schlimme Aura des KGB wurde bloßgestellt.
Der KGB mag weiterhin seine Tentakel über die gesamte Sowjetunion ausbreiten, aber es wird nicht
unerkannt bleiben, daß er nicht die Macht zur Vereitelung dieses Staatsstreichs besaß...
Am schwersten wiegt jedoch, wie der fehlgeschlagene
Putsch gezeigt hat, daß sich Hunderttausende von
einstmals durch brutale Führungen eingeschüchterten
Sowjetbürgern heute frei genug fühlen, ihr Leben zur
Verteidigung demokratischer Fortschritte zu riskieren.
Dieses neue Selbstvertrauen muß Auswirkungen auf
die Zukunft des Landes haben. Demokratisch gewählte Führungen der sowjetischen Republiken und großen Städte - zuerst und besonders der russische
Präsident Boris Jelzin - werden nun als Helden und
mächtigste Politiker der Sowjetunion hervortreten...
The Los Angeles Times
Eine mögliche - wenn auch zum jetzigen Zeitpunkt
vorläufige - Erklärung für den politischen Reinfall der
Junta ist die Tatsache, daß der Vorwand der Verschwörer, sie handelten im Rahmen der Verfassung,
ihre Handlungsweise einschränkte. Die heimischen
Medien wurden trotz Zensur niemals vollends zum
Schweigen gebracht. Kritische Stimmen waren wei-

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terhin zu hören. Am bedeutendsten ist vielleicht, daß
nicht frühzeitig versucht wurde, das russische Parlamentsgebäude in Moskau zu besetzen, das rasch zum
Schwerpunkt der Opposition wurde. Unter Stalin,
Chruschtschow oder Breschnew wäre in dem Glauben, daß die Welt zwar klagen, aber nicht intervenieren
würde, die ganze Macht des Staates eingesetzt worden, um den Widerstand zu brechen. Dieses Mal
scheint die Junta - freiwillig oder nicht, bewußt oder
unbewußt - erkannt zu haben, daß die Weltmeinung
nicht so einfach ignoriert oder beleidigt werden kann.
Sie scheint ferner entweder vor ihren Aktionen oder
unmittelbar danach erkannt zu haben, daß sie sich
nicht auf den blinden Gehorsam aller Armee-Einheiten
verlassen konnte. Die Junta irrte, indem sie viele
Dinge unberücksichtigt ließ. Dazu gehörten die Wahlergebnisse in der russischen Föderation. Als sie die
freie Wahl hatten, unterstützten die meisten Mitglieder
der Streitkräfte Jelzin bei seiner Kandidatur für das
Amt des Präsidenten.
USA Today
Vor drei Tagen hätten viele bezweifelt, daß die Sowjetbürger gegen ein Ende der Reformen protestieren
würden. Heute nicht.
Vor drei Tagen hätten viele in Frage gestellt, daß die
Menschen im Westen sich für die Unterstützung der
sowjetischen Politik der Offenheit stark machen würden. Heute nicht.
Alle Fragen oder Zweifel über die Richtung, die die
Menschen weltweit einschlagen wollen, sind ausgeräumt worden.
Der Weg ist nicht leicht. Er kann Rückschläge bergen.
Aber aus den Trümmern des Staatsstreichs erwächst
die Hoffnung auf ein Ende der Ost-West-Konfrontation
und den Beginn weltweiter Zusammenarbeit, um die
Bedürfnisse der gesamten Menschheit zu erfüllen.
The Wall Street Journal
Die Vereinigten Staaten sollten öffentlch bekanntgeben, daß sie die politische Legitimität aller sowjetischen Republiken anerkennen, die jetzt demokratisch
gewählten Regierungen unterstehen. Es sind die
Republiken Rußland, Armenien, Moldawien und Georgien. In der Ukraine und in Aserbaidschan sind für
Ende des Jahres Wahlen anberaumt.
Gleichermaßen sollten die Vereinigten Staaten formell
die souveräne Unabhängigkeit von Litauen, Lettland
und Estland anerkennen.
Die neue Weltordnung - eine Ära der engen politischen
und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, deren Ziel das
Wohlergehen aller Völker ist - hängt entscheidend von
dem Bürgerrechtsprinzip der Selbstbestimmung ab.

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�Das sowjetische Volk hat mit den Wahlen in den
Republiken unter Beweis gestellt, daß es zur Teilnahme an der weltweiten demokratischen Evolution bereit
ist. Die Völker des Baltikums haben niemals etwas
anderes gesagt.
The Washington Times
Wie Jelzin Präsident Bush telephonisch mitgeteilt hat,
waren die unverzügliche und entschiedene westliche
Verurteilung des Staatsstreichs und die Erläuterung
der Konsequenzen seines Erfolgs für die Beziehungen
zwischen dem Westen und der Sowjetunion außerordentlich hilfreich für die Sache des russischen Präsi-

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denten. Dies gilt auch für die Bestrebungen der
Stimme Amerikas und der BBC, die zum wiederholten Male die einzige verläßliche Informationsquelle in
der Sowjetunion waren...
Jelzins Forderung nach der Rückkehr von Präsident
Gorbatschow sprach für die außerordentliche Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit. Es handelte sich
hierbei nicht um Jelzins Gegenputsch, sondern vielmehr um einen Ausdruck seiner Verpflichtung zur
demokratischen und verfassungsmäßigen Politik in
der Sowjetunion... Gorbatschow selbst wird sich dem
demokratischen Test stellen müssen.

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�USA-U DSSR
28. August 1991

SECHS JAHRE AMERIKANISCHSOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
Chronologie der Beziehungen von 1985 -1991
WASHINGTON - (AD) - Während der sechsjährigen Amtszeit von Michail Gorbatschow hat die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ein neues Gefühl der Stabilität auf der internationalen
Bühne und zunehmende Hoffnung auf dauerhaften Frieden weltweit hervorgebracht.
"Es ist unabdingbar, sich die tiefgreifenden Veränderungen vor Augen zu führen, die sich vollzogen haben - zu
Offenheit, Reform, Wandel in Osteuropa, der neuen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern während der Golfkrise und in zahlreichen anderen Bereichen", erklärte Präsident Bush bei einer
Pressekonferenz am 19. August 1991, als der von kommunistischen Hardlinern in Moskau durchgeführte
Staatsstreich den sowjetischen Präsidenten entmachten sollte. Präsident Bush betonte: "Es gibt einen völlig
neuen Bereich der Zusammenarbeit, und wir möchten, daß dies so bleibt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Chronologie der wichtigsten Ereignisse ab Gorbatschows Amtsübernahme
im Jahr 1985.

März 1985

10.-12. Oktober 1986

Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Schrittweise
führt er das Land auf den Weg zu wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Reformen durch seine Programme von Glasnost und Perestrojka.

Reagan und Gorbatschow treffen sich in Reykjavik und
erzielen grundsätzliche Einigung über die Verringerung strategischer Offensivwaffen um 50 Prozent.
Obwohl sie auch Fortschritte bei einem Abkommen
über Mittelstreckenraketen (INF) erzielen, stellt Gorbatschow ein Junktim zu weiteren Fortschritten bei
diesem Thema und zwischen Reduzierungen der strategischen Streitkräfte und der amerikanischen strategischen Verteidigungsinitiative SDI her, das die Vereinigten Staaten als inakzeptabel erachten.

1 9 . - 2 1 . November 1985
Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow
kommen in Genf zusammen. Sie fordern rasche
Fortschritte bei der Reduzierung der strategischen
Offensivstreitkräfte. Die beiden Staats- und Regierungschefs unterzeichnen ein Allgemeines Abkommen über Kontakte, Austausch und Zusammenarbeit
in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Bildung,
Kultur sowie anderen Gebieten und vereinbaren die
Wiederaufnahme des zivilen Flugverkehrs zwischen
beiden Ländern. Darüber hinaus einigen sie sich
darauf, die Gründung von Zentren zur Verringerung
des atomaren Risikos zu prüfen, die Bestrebungen
über ein wirksames und verifizierbares Verbot chemischer Waffen zu beschleunigen und Wege zu Verhinderung der Verbreitung dieser Waffen zu erörtern.
Andere Gesprächsthemen betreffen Angola, Äthiopien, Nicaragua und Kambodscha. Ferner wird die
Eröffnung von Konsulaten in New York und Kiew
vereinbart.
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15. September 1987
Die beiden Länder unterzeichnen ein Abkommen über
die Gründung von Zentren zur Verringerung des atomaren Risikos in ihren jeweiligen Hauptstädten. Die
Zentren haben den Abbau des Konfliktrisikos zum Ziel,
das sich zufällig, aufgrund einer Fehlinterpretation
oder falschen Einschätzung der jeweiligen Seite ergeben könnte.
7.-10. Dezember 1987
Reagan und Gorbatschow kommen in Washington zur
Unterzeichnung des INF-Abkommens über die Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen bodengestützten Raketensysteme mit einer Reichweite von
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�500 bis 5.000 Kilometern zusammen. Darüber hinaus
erörtern sie auf bilateraler Ebene Menschenrechtsund regionale Fragen unter besonderer Berücksichtigung von Mittelamerika, Afghanistan, dem iranischirakischen Krieg, dem südlichen Afrika und Kambodscha. Die beiden Politiker weisen ihre Unterhändler
bei den Rüstungskontrollverhandlungen an, ihre Bestrebungen zur Erlangung eines Vertrags über die
Verringerung strategischer Rüstungen (START) zu
intensivieren. Die Unterhändler sollen ferner einen
neuen, getrennten Vertrag über Fragen der Verteidigung im Weltraum erarbeiten, der jede Seite zur Einhaltung des Vertrags über die Abwehr ballistischer
Raketen von 1972 verpflichtet, während gleichzeitig
die erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung durchgeführt wird. Ein Abkommen über die
Erweiterung des Flugverkehrs zwischen den beiden
Ländern wird unterzeichnet, und auch das Abkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über die Weltmeere wird erweitert.

9. Januar 1989
Das amerikanisch-sowjetische Abkommen über Betäubungsmittel wird unterzeichnet. Damit dokumentieren die Sowjets ihr gesteigertes Bewußtsein zu den
Drogenproblemen im In- und Ausland.
15. Februar 1989
Gorbatschow überwacht den Abzug aller sowjetischen
Truppen aus Afghanistan.
9. März 1989
Die NATO und die Warschauer-Pakt-Staaten nehmen
in Wien Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) auf.
25. April 1989
Die Sowjetunion beginnt mit ihren ersten einseitigen
Truppenreduzierungen in Osteuropa.

29. M a i - I . J u n i 1988

12. Mai 1989

In Moskau findet das vierte Treffen zwischen Reagan
und Gorbatschow statt, bei dem regionale Themen
erörtert werden, unter anderem der Nahe Osten, das
südliche Afrika, das Hörn von Afrika, Zentralafrika,
Afghanistan, Kambodscha und die koreanische Halbinsel. Ferner werden die Ratifizierungsurkunden zu
INF ausgetauscht. Amerikanische und sowjetische
Regierungsvertreter unterzeichnen ein Abkommen über
die vorherige Notifizierung des Abschusses strategischer ballistischer Raketen und die Vereinbarung über
ein gemeinsames Verifizierungsexperiment bei Atomtests. Fernerwerden Abkommen überdie Erweiterung
der kulturellen und bildungspolitischen Austauschprogramme zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion unterzeichnet sowie über die amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit bei der friedlichen
Nutzung von Kernenergie und zur Erforschung des
Weltraums, Such- und Rettungsunternehmen auf See,
Fischereiwesen, Verkehrstechnologie und Funkbetrieb.

Präsident Bush fordert die Sowjetunion und andere
Mitglieder des Warschauer Pakts und der NATO auf,
seinem Vorschlag über offene Himmel zuzustimmen,
damit unbewaffnete Überwachungsflüge über den
jeweiligen Territorien als vertrauensbildende Maßnahme durchgeführt werden können.

Oktober 1988
Gorbatschow wird Präsident der Sowjetunion.
7. Dezember 1988
Reagan und Gorbatschow treffen bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York zusammen.

12. Juni 1989
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion unterzeichnen in Moskau ein Abkommen zur Verhinderung
gefährlicher militärischer Aktivitäten.
21. - 23. September 1989
Die Außenminister beider Länder unterzeichnen in
Wyoming ein Abkommen über strategische Verifizierung und stabilisierende Maßnahmen, ein Abkommen
über die Unterrichtung von strategischen Übungen,
eine Regierungsvereinbarung über einen bilateralen
Datenaustausch und Verifizierungsexperimente für CWaffen, ferner Abkommen über die Beringstraße,
einschließlich der Wanderungen von Eskimos und
Gründung einer regionalen Kommission. Darüber
hinaus wird eine gemeinsame Erklärung über die
Auslegung von Regeln zur friedlichen Durchfahrt von
Schiffen veröffentlicht. Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse stimmt der im Mai vorgeschlagenen amerikanischen Initiative "Offene Himmel" grundsätzlich zu.

Dezember 1988
Nach einem verheerenden Erdbeben in Armenien
akzeptiert die Sowjetunion zum ersten Mal seit dem
Zweiten Weltkrieg Katastrophenhilfe aus den Vereinigten Staaten.

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23. Oktober 1989
Die Vereinigten Staaten begrüßen Schewardnadses
Erklärungen, der sowjetische Einmarsch in Afghanistan habe sowjetische und internationale Gesetze

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�mißachtet, das Radar von Krasnojarsk verletze den
ABM-Vertrag und die Sowjetunion akzeptiere den
politischen Pluralismus in Osteuropa.
12. November 1989
Die Sowjetunion und die übrige Welt werden Zeuge,
als die DDR mit dem Abbau der Berliner Mauer beginnt.
2 . - 3 . Dezember 1989
Gorbatschow und Bush treffen sich in Malta zu einem
Minigipfel auf Schiffen. Sie erörten die bemerkenswerten Ereignisse, die zu friedlichen und demokratischen
Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa geführt haben, und Bush bekundet seine Unterstützung für
Gorbatschows Programm der Perestrojka. Darüber
hinaus werden die Wirtschafts- und Handelsbeziehungern zwischen beiden Ländern besprochen, ferner
Umweltprobleme, die Verbreitung von Raketen und
die Lage im Libanon. Zum Thema Rüstungskontrolle
erörtern beide Spitzenpolitiker die Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte, strategische Waffen, chemische Waffen, den Schwellenverrag und Verifizierung.
29. Dezember 1989
Beide Länder tauschen Daten über ihre C-Waffenarsenale und Produktionsstätten aus.
16. Januar 1990
In Wien treffen sich hohe Militärs der 35 KSZE-Mitgliedsländer, darunter der Vorsitzende der Vereinigten
Stabschefs, Colin Powell, und der sowjetische General Moissejew, um Möglichkeiten zum Abbau der Spannungen in Europa zu erörtern.
13. Februar 1990
Bei der Konferenz über offene Himmel in Ottawa
kommen Vertreter der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreichs und Großbritanniens mit westund ostdeutschen Politikern zusammen und einigen
sich auf eine "Zwei-plus-Vier"-Formel für die Vereinigung Deutschlands. Die Sowjetunion und andere
KSE-Länder akzeptieren einen früher unterbreiteten
Vorschlag von Präsident Bush über Streitkräftereduzierungen in Europa.
31. M a i - 3 . Juni 1990
Bei ihrem Gipfeltreffen in Washington unterzeichnen
Bush und Gorbatschow Schlüsselelemente einer
Vereinbarung in bezug auf einen Vertrag über strategische Rüstungen, eine Vereinbarung zur Reduzierung der amerikanischen und sowjetischen Chemiewaffenbestände auf 5.000 Tonnen sowie ein Abkommen zum Abbau der Beschränkungen des amerikanisch-sowjetischen Handels. Ein amerikanisch-sowjetisches Getreideabkommen mit fünfjähriger Lauf-

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zeit wird ebenso unterzeichnet wie die Protokolle zum
Schwellenvertrag von 1974 und zum Vertrag über
Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken von 1976.
Darüber hinaus werden bilaterale Abkommen über
kulturellen und wissenschaftlichen Austausch abgeschlossen.
3. August 1990
Die beiden Länder verabschieden eine gemeinsame
Erklärung, in der die irakische Invasion Kuwaits verurteilt und eine Einstellung der Waffenlieferungen an den
Irak gefordert wird.
9. September 1990
Gorbatschow und Bush treffen in Helsinki zu Gesprächen über die irakische Invasion und Annexion Kuwaits zusammen. Sie veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der sie ihre Solidarität bei der Ablehnung der irakischen Handlungen sowie ihre Absicht
zum Ausdruck bringen, bei der Beendigung der Golfkrise umfassend zusammenzuarbeiten.
12. September 1990
Gemeinsam mit den Außenministern Frankreichs,
Großbritanniens und der beiden deutschen Staaten
unterzeichnen die Außenminister Baker und Schewardnadse den "Vertrag über die abschließende
Regelung in bezug auf Deutschland", mit dem der
Zwei-plus-Vier-Prozeß abgeschlossen und der Weg
für die formelle Wiedervereinigung Deutschlands am
3. Oktober bereitet wird.
18. Oktober 1990
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verabschieden eine gemeinsame Erklärung mit der Forderung nach der friedlichen Beilegung des Bürgerkriegs
in El Salvador.
19. November 1990
Die Staatschefs der Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion treffen sich in Zusammenhang mit der
KSZE in Europa und unterzeichnen bei dieser Gelegenheit mit den anderen Staats- und Regierungschefs
der NATO und des Warschauer Pakts den KSEVertrag sowie eine Nichtangriffsverpflichtung. Die
Gespräche konzentrieren sich auf die Golfkrise und die
sowjetische Unterstützung einer vorgeschlagenen UNOResolution, mit der die Anwendung von Gewalt gegen
den Irak legitimiert wird.
Dezember 1990
Bush hebt die Jackson-Vanik-Handelsbeschränkungen auf, die mit der Bedingung verknüpft, daß die
Sowjetunion ihre Auswanderungspolitik liberalisiert.
Er bietet der Sowjetunion ein Hilfspaket an, das nahezu 1 Milliarde Dollar an Krediten zum Ankauf amerikanischer Nahrungsmittel und anderer Erzeugnisse umfaßt.

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�I.April 1991

3 0 . - 3 1 . Juli 1991

Der Warschauer Pakt löst offiziell seine militärische
Struktur auf und beendet seine Existenz.

Bush und Gorbatschow unterzeichnen in Moskau den
START-Vertrag zur Reduzierung der strategischen
Offensivsysteme um ein Drittel. Der Vertrag umfaßt
eine 50prozentige Reduzierung der sowjetischen
schweren Raketen und Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen sowie eine 35prozentige Verringerung
der amerikanischen Gefechtsköpfe auf ballistischen
Raketen. Daneben werden weitere Vereinbarungen
zur amerikanischen Katastrophenhilfe an die Sowjetunion sowie Hilfe für deren Wohnungsbau und wirtschaftliche Entwicklung unterzeichnet. Der Präsident
kündigt an, er werde den Kongreß ersuchen, der
Sowjetunion den Meistbegünstigungsstatus im Handel einzuräumen. Darüber hinaus werde er ein Programm vorlegen, um dem Land bei der Umrüstung
seiner militärischen Produktion zu zivilen Zwecken zu
helfen.

12.-13. Mai 1991
Baker und der sowjetische Außenminister Alexander
Bessmertnych treffen in Kairo zusammen, um Gespräche über den Friedensprozeß im Nahen Osten, das
kurdische Flüchtlingsproblem im Nordirak sowie Rüstungskontrolle und bilaterale Fragen zu führen.
31. Mai 1991
Der von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
vermittelte Friedensschluß in Angola wird in Gegenwart von Baker und Bessmertnych sowie anderen
amerikanischen und sowjetischen Vertretern in Lissabon unterzeichnet. Damit wird der Bürgerkrieg in dem
afrikanischen Land beendet.

18. August 1991
17. Juli 1991
Gorbatschow soll angeblich erkrankt sein und wird in
einem Putsch abgesetzt. Ein selbsternanntes Notstandskomitee übernimmt die Kontrolle über die Zentralregierung und deutet an, es werde sich an die
internationalen vertraglichen Verpflichtungen halten.
Präsident Bush erklärt seine Unterstützung für die
Forderung des russischen Präsidenten Jelzin nach
Wiedereinsetzung von Präsident Gorbatschow.

Bush und Gorbatschow treffen sich beim Wirtschaftsgipfel der G-7 in London. Die beiden Staatschefs
verkünden den Abschluß des START-Vertrages zur
Reduzierung der Interkontinentalraketen um etwa 30
Prozent, und sie sprechen über die wirtschaftliche
Lage in der Sowjetunion.

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�NATIONALISMUS
28. August 1991

DIE ZUKUNFT DES AMERIKANISCHEN
NATIONALISMUS
von Clyde Wilson
Clyde Wilson ist Professor für Geschichte an der University of South Carolina in Columbia. In seinem
nachstehenden Artikel, der zuerst im November 1990 in der Zeitschrift Chronicles erschien, definiert er
Nationalismus "als Vorstellung eines Volkes von sich selbst, seine mehr oder weniger bewußte öffentliche
Identität, in der sich seine Geschichte und Werte widerspiegeln. Dies ist die stillschweigende Grundlage seines
inneren Zusammenhalts und seiner mobilisierten Interaktion mit anderen Staaten. Dabei werden die aus der freundschaftlichen oder feindseligen - Interaktion mit anderen Völkern gewonnenen Erfahrungen rückwirken und
formativen Einfluß auf sein Identitätsgefühl zeitigen."
(c) 1990 by the Rockford Institute. Alle Rechte vorbehalten.

Um den Charakter des amerikanischen Nationalismus
und sein Verhältnis zum Nationalismus in anderen
Teilen der Welt zu verstehen, ist zunächst eine historische Perspektive sowie die Beschreibung des heutigen Bewußtseinsstands erforderlich. Eins steht fest:
Der amerikanische Nationalismus hatte in seinen erkennbaren Aspekten und verglichen mit nationalistischen Strömungen Europas stets etwas Doktrinäres
an sich und drückte sich eher in Gestalt eines Überzeugungssgeflechts aus. Dagegen bildeten in Europa die
Verwandtschaft durch Blut, Dynastie, Sprache, Geschichte, Religion und Territorium den Kern des Gefühls nationaler Identität. Das soll nicht unbedingt
heißen, daß der amerikanische Nationalismus immer
eines ethnischen oder religiösen Kerns entbehrt hätte
oder stets als universeller Begriff verstanden wurde,
der für die gesamte Menschheit gelten sollte.
Die 13 britischen Kolonien in Nordamerika, die sich
zusammenschlössen, um einen erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg zu führen und eine föderale Union mit
einer Verfassung zu gründen, waren ihrer Geschichte,
Wirtschaft und Kultur sowie ihren Interessen nach sehr
unterschiedlich. Gemeinsam war ihnen jedoch die
britisch-protestantische Herkunft, ein starkes Gefühl
vom Wert dieser ererbten Teile britischer, verfassungsmäßig garantierter Freiheit und Selbstregierung,
die für sie besonders nützlich und geeignet waren,
sowie die Erfahrung der Revolution und der Verfassungsgebung selbst.
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Was die amerikanischen Staaten in einer lockeren
politischen Einheit zusammenhielt, war nicht Nationalismus sondern eine verfassungsmäßige Abmachung,
die föderale republikanische Prinzipien beinhaltete.
Einer der stillschweigenden Aspekte dieser Vereinbarung war die Bewahrung einer bereits bestehenden
Identität. (Die Amerikaner geloben ihre Treue immer
noch der Verfassung, nicht der Nation oder irgendeiner
expliziten Reihe von Dogmen). Diese historische
Wahrheit wird heute wenig verstanden. Offiziell geht
man in Amerika vielmehr davon aus, daß die Unabhängigkeitserklärung der Beginn eines endlosen aktiven
Prozesses in Richtung auf eine immer egalitärere und
universellere Gesellschaft gewesen sei.
Vordem Bürgerkrieg (1861 -1865) gingen die Amerikaner bei der Durchsetzung ihrer Rechte und Ehre gegenüber anderen Staaten sowie beim Pochen auf die
Überlegenheit ihrer republikanischen verfassungsmäßigen Freiheiten gegenüber Willkürregierungen andernorts häufig ziemlich brutal vor.
Bis zum Bürgerkrieg war Nationalismus ein Gefühl mit
zahlreichen unterschiedlichen, allgemein anerkannten
Konnotationen. Er war kein instrumentales Konzept,
außer gelegentlich zur Selbstbehauptung gegen ausländische Einmischung. Er beinhaltete keine besonderen Imperative oder organisierten Missionen, außer
im Hinblick auf die offenen Weiten jenseits der Grenzen der Union, die zu künftigen Bundesstaaten werden
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�konnten. Aber auch der Zug nach Westen war im
großen und ganzen eine Sache von Eigenitiative des
einzelnen und nicht nationaler Selbstbehauptung.
Es war die Feuerprobe des Bürgerkriegs, die zuerst
einen amerikanischen Nationalismus im engeren Sinne hervorbrachte. Für Generationen von Amerikanern, die zwei Weltkriege, ein weltweites Imperium und
enorme soziale Veränderungen erlebt haben, sind die
Erinnerung an den Bürgerkrieg und seine Bedeutung
verbla ßt. Trotzdem ist der Bürgerkrieg - im Hinblick auf
die Mobilisierung und die Opfer sowie mit Blick auf die
Folgen - immer noch das größte Ereignis in der amerikanischen Geschichte.
Die zentrale Frage des Bürgerkriegs, der sich alle
anderen Fragen einschließlich Sklaverei und Zentralisierung unterordneten, war die Hinwendung der amerikanischen Gesellschaft zur Modernisierung. Modernisierung bedeutet unter anderem Zentralisierung und
Nationalismus in Wirtschaft, Politik und Kultur.
Während des Bürgerkriegs wurde der amerikanische
Nationalismus mit Appellen an die Union als mystisches, unauflösliches Band, an die unbegrenzte Ausübung der Macht durch die Vertreter einer angenommenen nationalen Mehrheit, an Loyalitätseide und das
archetypische Bild von Uncle Sam zum Leben erweckt. Durch das Ergebnis wurden bestimmte Probleme für immer geregelt. Die ehemals pluralistischen
Vereinigten Staaten waren jetzt ein Nationalstaat mit
einer zentralisierten Wirtschaftspolitik unter der Leitung einer Bundesregierung, die nur durch die ihr
selbst eigenen verfassungsmäßigen Kontrollen eingeschränkt wurde. Darüber hinaus hatte der Verlauf des
Kriegs das Konzept der amerikanischen Staatsbürgerschaft zumindest immens erweitert, wenn nicht völlig
universell gestaltet. Entgegen weitverbreiteter Überzeugung war die Einwanderung neuer Völker in die
Vereinigten Staaten in den frühen Tagen der Republik
ein untergeordnetes Phänomen. (George Washingtons Familie lebte bereits in der fünften Generation in
Amerika.) Erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Einwanderung zum bedeutenden
Faktor. Zu den wichtigsten Komponenten des neuen
Nationalismus' wurden die irischen und deutschen
Einwanderer, die den Ausgang des Bürgerkriegs praktisch ermöglichten.
Zu jener Zeit weniger wichtig und ursprünglich nicht als
Konsequenz beabsichtigt, aber doch von großer Bedeutung für die Zukunft war die Emanzipierung und
Befreiung der afro-amerikanischen Bevölkerung, wobei
der erste Schritt eine militärische Maßnahme und der
zweite eine politische Notwendigkeit für die herrschende Partei war. Vor dem Krieg hätte kein ehrbarer
Politiker aus dem Norden gewagt, mehr vorzuschlagen als die Beschränkung der Sklaverei auf die Territorien, und ein möglicher langsamer Abbau dieser
Institution wäre höchstens für die Zukunft angedeutet
worden, ohne daß konkret gesagt worden wäre, wie

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dies vonstatten gehen solle oder welchen Status die
Freigelassenen erhalten sollten.
Doch in der nationalistischen Mythologie, die sich im
Kampf um die Union bildete, kam der moralische
Imperativ von Gleichheit und universeller Staatsbürgerschaft, wie er im 14. Verfassungszusatz verankert
ist, an Bedeutung gleich hinter der Union an zweiter
Stelle. Der Erfolg dieser neuen Mythologie wurde
anhand der Tatsache demonstriert, daß es zwar möglich
ist, nahezu alles an der amerikanischen Geschichte zu
kritisieren, es aber selbst aus begrenzten historischen
Gründen nahezu unmöglich ist, die Rechtschaffenheit
der Bewegung für die Emanzipierung und Gleichstellung der Freigelassenen zu kritisieren. Mit dem Kreuzzug für Gleichheit hatte der amerikanische Nationalismus nicht nur seine politischen und wirtschaftlchen
Ziele erreicht, sondern er hatte darüber hinaus in
überzeugender Form einen moralischen Imperativ
geschaffen.
Was jedoch dabei entstand, war eine eigenartige Form
universeller Demokratie. Regierung des Volkes durch
und für das Volk erstreckte sich von nun an in einer
neuen und einzigartig amerikanischen Art und Weise
auf alle Menschen. Dieses universelle Prinzip bestand
jedoch im täglichen Kontext einer amerikanischen
Gesellschaft, die nicht nur ihrer Zusammensetzung
sondern auch ihren Werten und Zielen nach immer
noch weitgehend von britischen Protestanten geprägt
war. Tatsächlich war ja gerade das Ziel von Freiheit
und Chancengleichheit für alle an sich ein Ausdruck
des Idealismus, der auf dem besonderen angelsächsischen Erbe beruhte.
In den fünfzig Jahren zwischen dem Sezessionskrieg
und dem Ersten Weltkrieg war der amerikanische
Nationalismus großen Belastungen ausgesetzt. Der
Regionalismus verschwand nicht. Der Süden schottete sich in vieler Hinsicht ab, und in den neuen Staaten
der Prärie und der Rocky Mountains kam es zu ziemlich radikalen Volksaufständen. Noch bedeutender
waren die Belastungen durch die Entstehung eines
modernen industriellen Nationalstaats, der zum Teil
Klassen, Orte, Berufe und Lebenstile ausradierte und
neue schuf. Diesen Belastungen war jede Gesellschaft auf dem Weg in die Modernität ausgesetzt, und
die Belastungen selbst können große Brüche hervorrufen. Aber in Amerika fand gleichzeitig mit diesen
ungeheuren Veränderungen eine weitere einmalige
Verschiebung statt: Ein immenser Einwanderungsschub neuer Völker aus dem Osten und Süden Europas, mit dem sich die ethnische und religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung in einem Ausmaß veränderte, wie es keine andere moderne Gesellschaft je
erlebt hatte.
Die Geschichte sucht immer neue Formen des Gleichgewichts. Aus dieser sozialen Feuerprobe entstand,
zögerlich und uneinheitlich, eine neue Form des
amerikanischen Nationalismus, die schließlich die

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�Oberhand gewann. Die endgültige Form war untrennbar mit der Ära des Fortschritts vom ausgehenden 19.
Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg verbunden. Das
Zeitalter des Fortschritts war keineswegs die klar
umrissene Reformbewegung, wie sie die Geschichtsbücher beschreibt - es war eine tiefgreifende Bewußtseinsveränderung, die Vervollständigung eines Stadiums der intellektuellen Modernisierung mit ungeheuren und oftmals ambivalenten und widersprüchlichen
Auswirkungen, mit denen die Amerikaner heute immer
noch leben und die von Historikern noch kaum angemessen beschrieben worden sind.
Die neue Zeit des Fortschritts, die in unterschiedlicher
Weise von Politikern wie den Präsidenten Theodore
Roosevelt und Woodrow Wilson und Schriftstellern
wie Herbert Croly und Walter Lippmann verkörpert
wird, hatte zwei Seiten. Äußerlich implizierte sie den
Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht ersten
Ranges, zusammen mit Großbritannien, Frankreich
und Deutschland. Es gab Unstimmmigkeiten über die
präzisen Auswirkungen und die einzuschlagende Politik, aber es wurde schnell klar, daß die traditionelle
Isolierung Amerikas einer Entschlossenheit zu aggressive Handeln auf der Weltbühne weichen würde.
Eines der offenkundigsten innenpolitischen Ergebnisse des Triumphs der nationalistischen Fortschrittsbewegung war eine Veränderung im Charakter der
amerikanischen Führungsspitze. Die alte Oberschicht,
die Politiker aus der Region gestellt hatte, wurde von
einer nationalen - sogar internationalen - Klasse von
Politikern, Publizisten, Experten, Intellektuellen und
Künstlern verdrängt, die in vieler Hinsicht zusammenarbeitete, im allgemeinen dieselben Ziele hatte und
sich selbst als die natürlichen Herren des Landes
betrachtete. Zum großen Teil war der neue Nationalismus kein Produkt der Basis, sondern eine Ideologie
der Herren.
Ein weiterer innenpolitischer Aspekt des neuen Nationalismus war der "Schmelztiegel". Der Schmelztiegel
war die amerikanische Antwort auf die ungeheuren
Veränderungen durch die neue Einwanderungswelle.
Er hatte viele Facetten und konnte seinen Charakter je
nach dem Blickwinkel verändern, aus dem man ihn
betrachtete. Er war vage genug, um sowohl dem
Amerikaner alten Schlages, der mit den über sein Land
hinwegfegenden Veränderungen unzufrieden war als
auch dem Einwanderer mit Zweifeln über seinen Platz
in der neuen Welt Trost zu spenden.
Dem Einwanderer eröffnete der Schmelztiegel die
Möglichkeiten der Assimilierung: eine Amerikanisierung, die Wohlstand und volle Beteiligung an der
Demokratie mit sich brachte. Für den alteingesessenen Amerikaner bot er die Möglichkeit, eine unbekannte Masse in eine Form zu gießen, die seinen Werten
entsprach. Es war etwas unklar, ob der Einwanderer

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mit der Zeit ein Angloamerikaner werden würde oder
alle zusammen etwas Neues bilden sollten. In dieser
Unbestimmtheit lag die Stärke.
Sie war mit dem Aspekt verbunden, daß der alteingessene Amerikaner dem Neuankömmling seine Kultur
als Bedingung für Akzeptanz auferlegt. Dies sollte
hauptsächlich auf die erprobte Weise geschehen, in
der die Bewohner Neuenglands die wilden Bewohner
des Südens und Westens zu zähmen pflegten - durch
Schulen, harte Arbeit, wirtschaftlichen Fortschritt,
moralische Ermahnungen und Appelle an einen Idealismus über die amerikanische Einzigartigkeit. Sie war
femer mit dem Aspekt verbunden, daß der Einwanderer selbst eigene Beiträge zu einer neu aufstrebenden
Kultur leistet. Diese Mehrdeutigkeiten wurden nie
geklärt. Die Macht des Schmelztiegels liegt nicht in
seiner Logik, sondern in seiner Fähigkeit, die Zustimmung unterschiedlicher Gruppen zu bündeln.
Der Prozeß zeitigte eine Reihe konkreter Ergebnisse.
Katholiken und Juden, erst tolerierte Kleingruppen,
wurden gleichberechtigte Partner der Protestanten
beim religiösen Engagement in Amerika. Die Anglikaner wurden von einer überwältigenden zu einer schwachen Mehrheit. Ein Erbe an unterschiedlichen Werten
komplizierte jedoch nach wie vor viele Bereiche amerikanischen Lebens und amerikanischer Politik - die
Form und Funktion von Kommunalregierungen, die
Rolle der öffentliche Schulen, das Verhältnis zwischen
Kirche und Staat, und - vielleicht am wichtigsten - die
Haltung des Landes gegenüber anderen Nationen, die
oftmals das Heimatland oder der traditionelle Feind
großer Wählergruppen waren.
Sowohl der alteingessene als auch der neue Amerikaner mußten sich, in dem Maße, in dem sie ihre eigene
Kultur und Religion bewahrten, mit dem Kompromiß,
der sie verband, etwas unbehaglich fühlen. Dennoch
bot Amerika im allgemeinen einen höheren Lebensstandard, bessere wirtschaftliche Möglichkeiten, große Ellbogenfreiheit und Freiheit vom Druck der Konformität, wie er durch Bedrohungen von außen entsteht.
Der aus dem Schmelztiegel entstandene Nationalismus war ein voller Erfolg, auf den Amerikaner zu Recht
stolz waren. In seinem besten Sinne bot er eine
taktvolle Überwindung von Problemen, wie sie keine
große Gesellschaft jemals hatte, und im allgemeinen
förderte er in bemerkenswerter Weise Toleranz und
Zusammenhalt. Der Erste Weltkrieg enthüllte einige,
aber nicht unüberwindliche Spannungen. Der Zweite
Weltkrieg konsolidierte den Erfolg der Amerikanisierung. Ein Regiment von Amerikanern japanischer
Abstammung verzeichnete große Kampferfolge, und
die Alliierten Truppen in Europa wurden von einem
Deutschamerikaner, Dwight Eisenhower, zum Sieg
geführt. Die Amerikaner waren sich praktisch alle
einig, erstens in ihrem Zögern, in den Krieg einzutreten
und dann in ihrer Entschlossenheit zum Sieg.

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�Darüber hinaus legte der Zweite Weltkrieg mit der
Ausdehnung der föderalen Macht und der Mobilisierung einer Front gegen den Faschismus die Basis für
eine weitere wichtige Bewegung - die Ausdehnung der
de facto bestehenden Gleichheit schwarzer Amerikaner, die vor einigen Generationen der Sklaverei entronnen waren.
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg machte die
amerikanische Gesellschaft zum dritten Mal einen
gefährlichen Sprung in den Hexenkessel der Geschichte und kondensierte den bestehenden Konsens zur
optimistischen Aussicht, sich eine neuere und gewagtere Form zu geben. In den sechziger Jahren fand
gleichzeitig die Bürgerrechtsrevolution und eine radikale Änderung der Einwanderungsgesetze statt. Es
war als ob der Schmelztiegel, der seine Fähigkeit unter
Beweis gestellt hatte, ganz Europa zu verschmelzen,
nun seine Fähigkeit erproben sollte, das gleiche mit der
ganzen Welt zu tun. Dies erschien als ein so natürlicher und unvermeidbarer nächster Schritt im erfolgreichen Verlauf der amerikanischen Demokratie, daß er
kaum beachtet wurde. Der nahezu uneingeschränkte
Erfolg der Ideale des Schmelztiegels wird durch die
Tatsache belegt, daß die Amerikaner ohne offenkundige Einwände das hundertjährige Jubiläum der Freiheitsstatue nicht als Monument der Freiheit sondern
als Symbol der ethnischen Vielfalt feierten.
Der Versuch, eine dritte Form des amerikanischen
Nationalismus zu schaffen, hatte darüber hinaus auch
einen außen- und innenpolitischen Aspekt. Von einem Akteur auf der Weltbühne wurden die Vereinigten
Staaten gezwungenermaßen zum Führer der Welt. Ihr
Wohlstand, ihre Sicherheit und das Fehlen größerer
Belastungen im Inland, ihre Toleranz und ihr Vertrauen, daß die Gegenwart immer besser als die Vergangenheit ist und die Zukunft stets besser als die Gegenwart sein wird, hatten Vorbildcharakter für die Welt zumindest in den Köpfen ihrer politisch Verantwortlichen.
Zum ersten Mal begann die amerikanische Führungsklasse - die Politiker und Intellektuellen, die Erben des
Glaubens der Ära des Fortschritts an Elite und Herrschaft von Fachwissen, an Technik, Optimismus und
Fortschritt - Amerikas Erfolg als Mittel zum Zweck zu
sehen. Die erfolgreiche Mobilisierung gegen den
Totalitarismus der Rechten, in dem sie - vielleicht
fälschlicherweise - vielmehr einen Dämon der Vergangenheit als ein Omen der Zukunft sahen, stellte für sie
die Notwendigkeit und Möglichkeit weltweiter Demokratie nach amerikanischem Vorbild unter Beweis einer nach amerikanischem Lebensstandard, Gepflogenheiten der Mittelklasse und technologischem Fachwissen entworfenen Demokratie.
Im Inland ist die amerikanische Gesellschaft jetzt mit
dem Experiment befaßt, die Grenzen auszuloten,
innerhalb derer ein schlüssiger Nationalismus in einem
demokratischen System durch die gemeinsame DokSeite 4

trin von Gleichheit und Wohlstand ohne irgendeinen
bindenden kulturellen, ethnischen, religiösen oder
ethischen Zusammnhalt aufrechterhalten werden kann.
Die Strategie der Führungsrolle bei diesem Problem ist
Optimismus.
Die Geschichte Amerikas war stets davon geleitet,
eine realistische Grundlage für Optimismus zu schaffen. Bisher hat es immer Neinsager und Propheten
des Untergangs gegeben, und Amerika hat sie stets
ignoriert und eines Besseren belehrt. Es steht außer
Frage, daß die amerikanische Gesellschaft bereits die
Grenzen aller bisherigen Erfahrungen bei der Schaffung nationaler Einheit aus der Vielfalt heraus erprobt
und überschritten hat. Optimismus, die Erwartung des
Besten, sind an sich schon die Ursachen des Erfolgs
- glauben die Amerikaner - während Pessimusmus
zweifelsohne das vorfindet, was er erwartet.
Die Essenz der Staatskunst besteht jedoch darin, die
Gefahren der Zukunft zu erkennen und sich darauf
vorzubereiten. Es ist vielleicht nicht zu pessimistisch
anzumerken, daß die endgültige Antwort zum jüngsten
und noch andauernden Experiment, die Grenzen des
nationalen Zusammenhalts zu erproben, noch nicht
vorliegt. Weite Teile der amerikanischen Gesellschaft
erhielten und ehalten zunehmend hispanischen und
asiatischen Charakter. Niemand kennt die langfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung. In gewisser
Weise wirkt dies nicht nur der traditionellen westlichen
Kultur und Religion entgegen sondern auch liberalen
Tendenzen wie die Trennung von Kirche und Staat
sowie Feminismus. Viele der neuen Einwanderer
haben Wertesysteme, die nicht völlig mit dem herkömmlichen und zukünftigen Funktionieren der amerikanischen Gesellschaft in Einklang zu bringen sind.
Zahlreiche Beobachter, einschließlich der neuen Einwanderer selbst, stellen das Ideal des Schmelztiegels
in Frage. Einige betrachten es als unerträgliche Unterdrückung, Spanisch für Englisch oder ihre traditionelle
männliche Überlegenheit für amerikanische Normen
größerer Gleichberechtigung aufzugeben. Gleichheit
zwischen Gruppen läßt sich nicht zwangsläufig in
Freiheit unter Einzelpersonen umsetzen. Und was für
bestimmte Gruppen gut ist, wird zunehmend ersetzt
durch das, was für die Gesellschaft als Ganzes gut ist,
selbst über das Maß hinaus, in dem es das Ideal der
Demokratie als auf Konsens beruhendem Kompromiß
zwischen verschiedenen Gruppen gestatten würde.
Das Streben nach Amerikanisierung wurde ersetzt
durch das Streben nach Status in einer Hierarchie der
"Opfer".
Ein Pessimist würde auf den zunehmenden Schwund
der Werte und Institutionen verweisen, die bisher
Einheit und Vielfalt boten. Die dezimierten öffentlichen
Schulen bieten keine gemeinsamen Normen von Kultur und Werten mehr, ganz zu schweigen von einem
gemeinsamen Leistungsstandard bei der Bildung. Bisher
waren die Amerikaner durch die Verfassung geeint -

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�die im großen und ganzen als negativer Druck auf die
Regierung gesehen wurde. Heute bedeutet die Verfassung jedoch das, was die mächtigsten und geschicktesten politischen Kräfte ihr an Bedeutung beimessen.
Aufgrund eines kuriosen Paradoxons sind es die unterprivilegierten Gruppen, die sich nach wie vor einem
bedingungslosen amerikanischen Nationalismus verschrieben haben - das heißt, einer echten Liebe zum
Land, die über die Frage hinausgeht, "Was bietet es
mir?" Amerikaner aus dem Mittelwesten und den
Südstaaten, die offiziell weniger anerkannten und privilegierten ethnischen Gruppen haben höchst bereitwillig auf die Formulierung des amerikanischen Nationalismus im Hinblick auf Stolz und Möglichkeiten reagiert.
Eine gemeinsame Kultur hat in der Vergangenheit eine
Grundlage für Einheit unter ansonsten verschiedenartigen Menschen geschaffen. Die dauerhaftesten und
wertvollsten Kulturformen sind jedoch - zumindest in
ihrem formativen Stadium - ein Produkt von Homogenität und Stabilität. Die Amerikanisierung tendiert
dahin, sowohl die Hoch- als auch die Volkskultur zu
verwässern. Was an Vielfalt gewonnen wurde, ging
als Mittelpunkt verloren. Wie der französische Sozialwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, de Tocqueville,
und andere Beobachter frühzeitig feststellten, geht die
Schubkraft der amerikanischen Demokratie zur Standardisierung - einer Standardisierung, die sich auf

einer recht bequemen Ebene vollziehen kann, die
jedoch dahin tendiert, die höheren Manifestationen der
Kultur abzuwerten.
Amerikaner bauen herrliche Paläste, in denen in anderen Jahrhunderten und anderen Kontinenten geschaffene Kunstwerke ausgestellt werden. Ihre Kultur ist
abgeleitet und von oben kommend, nicht von der Basis
her entwickelt, und sie verbindet daher nur begrenzt.
Ohne Autoren aus den Südstaaten und jüdischer
Herkunft - die nur unzulänglich amerikanisiert sind gäbe es Ende des 20. Jahrhunderts praktisch keine
amerikanische Literatur von Weltruf. Die beiden ursprünglichsten Formen amerikanischer Volkskultur schwarze Musik aus den Südstaaten (die unterschiedlichen Formen des Jazz) und die weiße Musik aus den
Südstaaten ("Country-music") - werden durch die
Standardisierung verwässert, während sie gleichzeitig
auf der ganzen Welt als bewundernswert und einzigartig amerikanisch geschätzt werden.
Für viele erscheint der Verlust eines gewissen kulturellen Zusammenhalts als geringer Preis für tolerante
Vielfalt, hohen Lebensstandard und demokratisches
Denken. Kultur ist jedoch nicht nur wertvoll an sich
sondern ein unabdingbares Bindeglied, das ein Volk
selbst in Zeiten der Rückschläge und Unterdrückung
zusammenhalten kann. Es könnte sich sogar auf
lange Sicht erweisen, daß eine gemeinsame Kultur zur
wirtschaftlichen Notwendigkeit wird.

* *

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Seite 5

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Raumflug&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rationalisierung in Cape Canaveral&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Startfrequenz für Großraketen wird wesentlich erhöht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wanderfeldröhre durchdringt "Ionenschild" an Raumschiffen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Raumanzug mit Motorantrieb&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Schulfernsehen&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erste Unterrichtsperiode der "fliegenden Katheder" erfolgreich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schulfernsehen aus der Luft für eine Million Teilnehmer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Washingtoner Universitäten im Dienste des US-Friedenskorps&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die hohe Schule einer ganzen Nation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Verantwortung der Universitäten als Kulturträger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von S.J. Harry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Kulturnachrichten aus den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;The Passion of Jake Wade: ein neues Opernwerk der Ford-Stiftung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Bostoner nun unter Erich Leinsdorf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachwuchsförderung des Musiktheaters&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Physik und Malerei&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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Nummer

39

Inhalt

28&lt;

September

1972

DOKUMENTATION
Nixon fordert grundlegende Reform des internationalen Währungssystems
Wortlaut der Rede des Präsidenten auf der Jahrestagung des IWF und
der Weltbank
Shultz erläutert US-Vorstellungen zur internationalen Währungsreform
Wortlaut der Rede des amerikanischen Finanzministers auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank
Rede von Außenminister Rogers vor der UN-Vollversammlung
- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Vereinte Nationen werden sich mit Terrorismus befassen
- Amerikaner unterstützen UN-Generalsekretär INFORMATIONEN
USA und Sowjetunion unterzeichnen Memorandum über Durchführung des
Umweltabkommens
Chromatographie und Spektroskopie
Ausstellung und Fachtagung im US-Handelszentrum
Kulturbrief aus den USA
Literatur - Musik - Film - Museen
WIRTSCHAFT
Die amerikanischen Vorstellungen zur internationalen Währungsreform
- Das Zahlungsbilanzproblem steht im Mittelpunkt Von Eugene Brake
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
APOLLO 16-Proben für deutsche Wissenschaftler
Biochemische Präzisionsmessungen
Strengere Maßstäbe für Standardtests

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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39/1972

NIXON FORDERT GRUNDLEGENDE REFORM DES INTERNATIONALEN WÄHRUNGSSYSTEMS
Wortlaut der Rede des Präsidenten
auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank

WASHINGTON - (AD) - Präsident Nixon hat in einer Rede auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank am 25. September
eine grundlegende Reform des internationalen Währungssystems gefordert. Eine
solche Reform müsse auch, so betonte Nixon,Handel und Investitionsmöglichkeiten
einschließen. Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Es ist schon zu einem Brauch geworden, in einer Ansprache vor einem so
bedeutenden internationalen Gremium zu erklären, daß wir gegenwärtig einen
großen Augenblick der Geschichte erleben. Große Augenblicke der Geschichte
lassen sich leicht erkennen - Schlagzeilen erscheinen, und die Welt heftet ihre
Blicke auf die Fernsehschirme, wenn die führenden Staatsmänner der Welt zusammenkommen .
Aber wirklich große Veränderungen in der Geschichte sind weitaus schwerer
zu erkennen, wenn wir mitten drin stehen. Die Ereignisse vollziehen sich viel
langsamer, weniger dramatisch und sind unendlich viel komplexer, so wie die
sich rändelnden Gegebenheiten und die neuen Bedürfnisse der Menschen das Verhalten der Völker verändern.
Ich bin aufgrund der Ereignisse des letzten Jahres überzeugt, daß wir nicht
nur einen großen Augenblick der Geschichte erleben, sondern daß wir Zeuge sind,
wie sich eine tiefgreifende Veränderung in der Geschichte vollzieht, und daß

- 1 -

�daß wir dazu beitragen, sie in Gang zu setzen.
Diese Veränderung führt weg von der Lösung potentieller Konflikte durch
Krieg und weist in Richtung auf ihre Lösung mit friedlichen Mitteln.
Die in diesem Räume versammelten Experten sind nicht so naiv, etwa zu erwarten, daß damit alle Meinungsverschiedenheiten beigelegt wären. Wir müssen
mit der Möglichkeiten von Konflikten rechnen, solange Menschen und Völker unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Lebensformen und unterschiedliche
Ideale haben.
Wir müssen daher das Außergewöhnliche schaffen, was der Frieden von uns
verlangt. So wie die Gefahr eines bewaffneten Konflikts zwischen den Großmächten abgenommen hat, ist die Möglichkeit wirtschaftlicher Konflikte gestiegen.
So wie die Möglichkeit eines Friedens immer mehr zunimmt, werden einige
der ursprünglichen Bande, die unsere Bündnisse in der Nachkriegszeit zusammenhielten, immer schwächer.
So wie die Länder überall auf der Welt neue wirtschaftliche Stärke erlangen, vermehren sich sowohl die Berührungspunkte für kommerzielle Kontakte
als auch die Möglichkeiten für Meinungsverschiedenheiten um ein Vielfaches.
Aber auch einer anderen Ironie sollten wir uns alle bewußt sein. Mit einer
Ausnahme können die hier versammelten Länder, deren Binnenwirtschaften heute so
gewaltig expandieren, einen Großteil ihres Wachstums nach dem Kriege auf die
Ausweitung des Welthandels zurückführen.
Die eine Ausnahme sind natürlich die Vereinigten Staaten - die Industrienation, deren Welthandel den mit Abstand kleinsten Prozentsatz des Bruttosozialprodukts ausmacht.
Warum aber stehen die Vereinigten Staaten - für die scheinbar am wenigsten
auf dem Spiele steht - in vorderster Front der Länder, die auf eine umgehende
'and durchgreifende Reform des internationalen Währungssystems hinarbeiten - mit
all dem, was dies für die Ausweitung des Handels jetzt und in der Zukunft bedeutet?
Ein

- 2-

�Ein Grund ist natürlich unser nationales Selbstinteresse. Wir wollen,
daß unsere arbeitenden Männer und Frauen, unsere Geschäftsleute eine faire
Chance im Wettbewerb um ihren Anteil an einem expandierenden Handel zwischen
den Ländern haben. Vor einer Generation machten wir uns zielstrebig an die Aufgabe, unseren ehemaligen Gegnern und unseren geschwächten Verbündeten zu helfen,
so daß sie die wirtschaftliche Stärke erlangen konnten, die sie in die Lage
versetzen würde, mit uns den Wettbewerb auf den Weltmärkten anzutreten. Nunmehr
erwarten wir von unseren Handelspartnern, daß sie zur Herbeiführung gleicher
Wettbewerbsbedingungen mit beitragen.
Es gibt noch einen weiteren, viel tiefer gehenden und fundamentaleren
Grund, der die Vereinigten Staaten veranlaßt, auf eine wirtschaftliche und
monetäre Reform zu drängen.
In gemeinsamer Arbeit müssen wir eine Wirtschaftsstruktur schaffen, die
das historische Fortschreiten der Welt in Richtung auf den Frieden fördert und
nicht behindert.
Wir müssen sicherstellen, daß der internationale Handel zu einer Quelle
der Stabilität und Eintracht und nicht zum Anlaß für Spaltung und Animosität
wird.
Ein potentieller Konflikt muß in einen gemeinsamen Wettbewerb übergeleitet
werden.
Das ist der Grund, warum die Struktur des internationalen Währungssystems
und des künftigen Welthandelssystems für uns heute ein so zentrales Anliegen
ist.
Es ist nunmehr die Zeit des Handelns an der gesamten Front der internationalen Wirtschaftsprobleme gekommen. Immer wiederkehrende Währungskrisen, wie
wir sie alle während des letzten Jahrzehnts nur zu oft erlebt haben; unfaire
Wechselkursfestsetzungen und Handelsvereinbarungen, die die Arbeiter eines
Landes gegenüber denen eines anderen Landes benachteiligen; große Unterschiede
im Grad der wirtschaftlichen Entwicklung, die die Ursache von Verstimmungen
sind; ein Währungssystem, das keine Bestimmungen für die Realitäten der Gegen-

- 3-

�Gegenwart und die künftigen Erfordernisse enthält - dies alles schädigt nicht
nur unsere Volkswirtschaften, sondern schafft politische Spannungen, die die
Sache des Friedens untergraben.
Es muß eine durchgreifende Reform des internationalen WährungsSystems
erfolgen, um den Weg für einen künftigen, gesunden Wettbewerb zu öffnen. Wir
müssen monetäre Reformen als einen entscheidend wichtigen Bestandteil einer
Gesamtreform der internationalen Wirtschaftsprobleme betrachten, die Handel
wie auch Investitionsmöglichkeiten einschließt.
Wir müssen realistische wirtschaftliche Verhaltensnormen schaffen, die als
Richtschnur für unsere gegenseitigen Beziehungen dienen - ein Kodex, der den
Regierungen die Freiheit einräumt, legitime binnenwirtschaftliche Ziele zu verfolgen, der sie aber auch veranlaßt, sich den vereinbarten internationalen Verhaltensnormen zu beugen. Jedes einzelne Land sollte versuchen, beispielhaft zu
sein, was realistisches und ordentliches Verhalten in binnenwirtschaftlichen
Fragen anbetrifft, so daß es seine Erzeugnisse und nicht seine Probleme exportiert.
Wir können alle darin übereinstimmen, daß eine gesunde Weltwirtschaft
und die Stabilität des internationalen Wirtschaftssystems weitgehend auf einem
erfolgreichen Management der Binnenwirtschaft beruhen.
Die Vereinigten Staaten sind sich der Wichtigkeit einer starken, nicht
inflationären Binnenwirtschaft bewußt, die sowohl den Bedarf der eigenen Bevölkerung deckt und gleichzeitig zu einer starken Weltwirtschaft beiträgt. Wir
haben uns kompromißlos verpflichtet, unsere Ziele - ein starkes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität - zu erreichen.
Wir sind ermutigt ob der derzeitigen Leistungen unserer Wirtschaft. Wir
haben gegenwärtig eine der niedrigsten Inflationsraten und eine der höchsten
realen wirtschaftlichen Wachstumsraten von allen Industriestaaten.
Die jüngste Zunahme der Produktivität und der Realeinkommen der amerikanischen
Arbeiter waren ermutigend. Wir beabsichtigen die Politik, die solche Erfolge ge-

- 4-

�gebracht hat, fortzusetzen.
Wir sind uns ferner darüber im klaren, daß auf lange Sicht die Binnenwirtschaftspolitik allein nicht alle internationalen Probleme lösen kann. Selbst
wenn alle Länder beim Management ihrer eigenen Volkswirtschaften so erfolgreich
sein sollten, könnten sich Belastungen und Spannungen an Kontaktpunkten zu
anderen Volkswirtschaften ergeben.
Wir können uns kein System leisten, das fast jedes Jahr erneut eine Währungskrise herausfordert. Das ist der Grund, warum wir jetzt vor der Notwendigkeit
stehen, Verfahren für umgehende und ordnungsgemäße Anpassungen zu entwickeln.
Das spricht sich so leicht aus: 'umgehende und ordnungsgemäße Anpassungen'.
.Aber diese wenigen Worte fassen die wahren Probleme der arbeitenden Männer und
Frauen, die Ängste und Hoffnungen der Investoren und Manager großer und kleiner
Betriebe und daher auch die Besorgnisse der maßgebenden Politiker aller Länder
zusammen. Keinem Lande sollte die Möglichkeit einer Anpassung verwehrt werden,
noch sollte es von der Verpflichtung, eine Anpassung vorzunehmen, entbunden sein.
Bei den bevorstehenden Verhandlungen wird es Unterschiede in den Ansichten
und bezüglich der Wege geben. Die unmittelbaren Interessen mögen vielleicht im
Widerspruch zueinander stehen. Es wird Zeiten geben, da sich tote Punkte ergeben,
die zu überwinden, unmöglich erscheinen mag.
Aber die Welt hat in letzter Zeit einige Erfahrungen mit langen und harten
Verhandlungen gesammelt - Beispiele dafür sind die Abkommen über eine Begrenzung
der strategischen Rüstungen, die von der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
unterzeichnet worden sind.
Das waren bilaterale Verhandlungen zwischen zwei Ländern und nicht zwischen
124 Ländern. Aber sie schienen nahezu unendlich komplex zu sein; die Widerstände
hatten sich 25 Jahre lang verhärtet; die Frage der nationalen Sicherheit war ein
so heikles Problem, wie es nur zwischen zwei Weltmächten bestehen kann.
Wir gelangten dieses Jahr mit Moskau zu einem Abkommen, weil die uns einende
Frage - nämlich ein Ende des verschwenderischen und gefährlichen Wettrüstens zu

- 5-

�zu suchen - überwog gegenüber den Fragen, die una trennten.
Wir erreichten ein Abkommen, weil wir erkannt hatten, daß es unmöglich
war, daß eina der beiden Seiten in den Verhandlungen einen Vorteil gegenüber
der anderen erreichen konnte. Nur ein Abkommen, bei dem jeder Seite daran gelegen sein mußte, es auch einzuhalten, war es wert, abgeschlossen zu werden.
Diese beiden Prinzipien können uns als Anhalt beim Aufbau des Währungssystems der Zukunft dienen.
Wir wissen, daß es zahlreiche und schwerwiegende Fragen gibt, die uns
trennen. Aber der Ansporn, der diese Verhandlungen zum Erfolg führen wird, ist
die Kraft,die uns eint: die Notwendigkeit für uns alle, eine gesunde und dauerhafte Grundlage für den Handel zu schaffen, die zu besseren Lebensbedingungen
für alle Menschen in der Welt führt.
Diese gemeinsame Notwendigkeit - nennen wir sie das Interesse der Welt erfordert eine neue Freiheit des Welthandels und eine neue Fairness des internationalen wirtschaftlichen Verhaltens.
Es ist ein Zeichen unserer Reife, daß wir erkennen, daß ein heute in einem
Abkommen erzielter unfairer Vorteil dieses Abkommen morgen untergräbt. Nur ein
System bewährt sich, bei dem jedes Land ein aktives Interesse daran hat, daß es
sich bewährt.
Die Notwendigkeit liegt auf der Hand. Der Wille zur Reform des Währungssystems ist hier in diesem Raum vorhanden. Und es gibt ein Sprichwort - übrigens
fast in jeder Sprache - wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.
Wir sind hier zusammengekommen, um ein den Erfordernissen entsprechendes
Währungssystem zu schaffen - den Erfordernissen von Stabilität und Offenheit
entsprechend, und den Erfordernissen jedes Landes entsprechend, seinen besonderen
Eigenarten Rechnung zu tragen.
Auf diese Weise bringen wir eine der großen Lehren des Föderalismus zur
Geltung: daß der beste Weg zur Durchsetzung einer vereinbarten Ordnung darin besteht, es jedem einzelnen Mitglied zu überlassen, auf seine Weise solche Maß- 6-

�Maßnahmen zu ihrer Einhaltung zu treffen, die am besten seinen lokalen Eigenheiten, dem Stadium seiner wirtschaftlichen Entwicklung und seiner wirtschaftlichen Struktur entsprechen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika ihrerseits werden weiterhin zu ihren
internationalen Verpflichtungen stehen und gemeinsam mit anderen Ländern eine
moderne Weltwirtschaftsordnung schaffen und in ihr mitarbeiten.
Wir fühlen uns in unserer Unabhängigkeit so sicher, daß wir freiwillig unsere
Abhängigkeit von anderen - unsere Interdependenz - einräumen können. Und dies
sind die Prinzipien,von denen ich zutiefst glaube, daß sie die Vereinigten Staaten
in ihrem internationalen Verhalten leiten sollten und werden:
Wir werden darauf drängen, daß die Welt des Handels gerechter und offener
wird.
Wir werden uns dem Wettbewerb stellen und ihm nicht ausweichen.
Wir werden ein anspornender Handelspartner und ein ehrlicher Unterhändler
sein.
Wir werden uns nicht nach innen wenden und zu Isolationisten werden. Auf
der anderen Seite werden wir von unseren Freunden erwarten, daß sie ähnliche
Zeichen einer Ablehnung des Isolationismus in wirtschaftlichen und politischen
Fragen zeigen.
Wollen wir uns doch entschließen, mit neuen Augen in das Hauptbuch des
internationalen Handels zu blicken - und dafür zu sorgen, daß ein temporärer
Überschuß nicht als Heldentat oder ein temporäres Defizit nicht als Untat betrachtet wird, sondern die Erkenntnis sich durchsetzt, daß ein Fortschritt nur
im Rahmen des Gleichgewichts möglich ist. Hier ist ein kühnes Handeln im Sinne
einer gerechteren und offeneren Welthandelsordnung notwendig.
Wie jeder führende Staatsmann der hier vertretenen Länder,möchte ich dafür
sorgen, daß überall auf der Welt neue Arbeitsplätze geschaffen werden, aber ich
werde den durch eine in das Welthandelssystem eingebaute Unfairness verursachten
Export von Arbeitsplätzen aus den Vereinigten Staaten nicht gutheißen.
Alle
- 7-

�Alle Länder, die sich in einem fortgeschritteneren Stadium der industriellen
Entwicklung befinden, sollten gemeinsam die Verantwortung dafür tragen, den
Ländern zu helfen, deren wirtschaftliche Entwicklung zurückgeblieben ist - und
der Versuchung widerstehen, diese Hilfe als Instrument für Diskriminierung und
Rivalitäten zu benutzen.
Es geht hier um weit mehr als nur um die Mechanik von Handel und Finanzen.
Es geht um die Chance, dem Leben der Menschen aller Länder zusätzliche echte
Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, um die Chance, weitere Stabilität und Sicherheit für die Ersparnisse und Einkommen von hunderten von Millionen Menschen
zu schaffen, und um die Chance, die Stützen des Friedens wirtschaftlich weiter
zu untermauern.
Ich habe heute morgen ganz allgemein darüber gesprochen, wie wir unsere
wirtschaftliche Interdependenz ausbauen können. Im Laufe der Woche wird Finanzminister Shultz eine Reihe von Vorschlägen erläutern, die die besten Gedanken
meiner maßgeblichen Wirtschaftsberater zusammenfassen. Ich empfehle Ihnen, sie
sorgfältig zu prüfen.
Führt man das Wort 'Ökonomie' auf seinen griechischen Ursprung zurück, so
bedeutet es 'die Hausordnung'.
Das Haus, in dem wir leben, - die Gemeinschaft der Völker - braucht weit
bessere Gesetze, die unser künftiges wirtschaftliches Verhalten regeln. Jedes
Land kann blühen und gedeihen, wenn es im Rahmen einer modernen wirtschaftlichen
Weltordnung arbeitet, an deren Erhaltung es ein Interesse hat.
Von dem, was in diesen Verhandlungen geleistet wird, wird in der breiten
Öffentlichkeit nur sehr wenig verstanden oder gewürdigt werden.
Aber die Geschichte wird in ihren Annalen festhalten, wie entscheidend
wichtig die vor uns liegenden Aufgabe war. Ich bin zuversichtlich, daß die hier
versammelten Experten und Nationen die Gelegenheit ergreifen werden, um ein
'Jährüngs- und Handelssystem zu schaffen, daß sich in der kommenden Generation
bewähren wird - und das dazu beitragen wird, die kommenden Jahre zu einer Generation des Friedens zu machen."
+ + + + +
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39/1972

SHULTZ ERLÄUTERT US-VORSTELLUNGEN ZUR INTERNATIONALEN WÄHRUNGSREFORM
Wortlaut der Rede des amerikanischen Finanzministers
auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Finanzminister George P. Shultz hat
am 26. September in einer Rede auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank die amerikanischen Vorstellungen bezüglich einer
Reform des internationalen Währungssystems erläutert. Die Rede des Ministers
hat folgenden Wortlaut:

"Die hier versammelten

Länder haben es in ihrer Macht, eine neue Bilanz

in den internationalen Wirtschaftsangelegenheiten zu ziehen.

Das neue Gleichgewicht, von dem ich hier spreche, beschränkt sich nicht auf
die Konzeptionen einer Handels- und einer Zahlungsbilanz.

Die Welt braucht ein neues Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Stabilität
für ihre grundlegende Haltung in geschäftlichen Dingen.

Die Welt braucht ein neues Gleichgewicht zwischen Einheit der Zielsetzung
und Vielfalt der Ausführung, die es den Ländern gestattet, eng miteinander zusammenzuarbeiten, ohne ihre Individualität und Souveränität zu verlieren.

Uns fehlt dieses Gleichgewicht heute. Der Erfolg der Verhandlungen, in denen
wir gegenwärtig stehen, wird daran gemessen werden, inwieweit wir in der Lage

- 1 -

�Lage sind, dieses Gleichgewicht in der Zukunft zu erreichen.

Ich hoffe dabei auf eine enge und intensive Zusammenarbeit mit Ihnen, wenn
es darum geht, unsere besten Ideen zu formulieren und neu zu formulieren, wobei
wir von der Erkenntnis ausgehen müssen, daß die legitimen Ansprüche jedes einzelnen Landes zu einem harmonischen Ganzen zusammengeschmolzen werden müssen.

In diesem Geiste hat mich Präsident Nixon beauftragt, Ihnen bestimmte Vorstellungen vorzutragen.

Wenn ich das jetzt tue, so muß ich meine heutigen Ausführungen zwangsläufig
auf monetäre Fragen konzentrieren. Ich bin mir zutiefst bewußt, daß wir, wenn
wir jetzt an diese große Aufgabe einer Währungsreform herangehen, die Erfordernisse der wirtschaftlichen Entwicklung nicht vernachlässigen dürfen. Und ich bin
mir ebenso bewußt, daß der Erfolg unserer Entwicklungsanstrengungen letztlich
und in hohem Maße davon abhängt, daß wir in der Lage sind, ein Währungs- und
Handelsklima zu schaffen und zu erhalten, in dem alle Länder gedeihen und von dem
Fluß von Gütern, Dienstleistungen und Investitionen profitieren können.

Die Bildung des Zwanziger-Ausschusses, in dem die gesamte Mitgliedschaft
des Fonds repräsentiert ist, ist Spiegelbild und Symbol zugleich für die Tatsache, daß wir es hier mit Fragen zu tun haben, die für alle Mitglieder von
großem Interesse sind, und daß vor allem die Anliegen der Entwicklungsländer bei
der Erörterung der Reform des internationalen Währungssystems voll berücksichtigt
werden müssen.

Wenn wir im Rahmen dieser Gruppe die Verhandlungen beginnen, dann haben wir
den nützlichen Bericht des Direktoriums vorliegen, der einige der grundlegenden
Fragen, die zu lösen sind, umreißt und abklärt.
Wir hoffen ferner auf die Mitarbeit anderer internationaler Organisationen,
die jeweils dort mitwirken können, wo sie am besten zu helfen in der Lage sind.
Die vor uns liegende Aufgabe erfordert eine wesentliche Modifizierung der Institutionen und Praktiken auf dem gesamten Bereich der internationalen wirtschaft-

- 2-

�wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Eine Vielzahl von Stellen, öffentlicher wie privater, hat bereits anregende
Beiträge zu unseren Überlegungen geleistet. Ich habe die in den letzten Monaten
von einzelnen anderen Gouverneuren abgegebenen Erklärungen sowie die acht Punkte
mit besonderer Sorgfalt geprüft, die in den Beratungen der Finanzminister der
Europäischen Gemeinschaft erarbeitet worden sind.

Auf diesem Gedankenaustausch und auf dem Smithsonian-Abkommen aufbauend
können wir jetzt nach einer festen Übereinstimmung über neue Währungsvereinbarungen suchen, die uns in den kommenden Jahrzehnten dienen werden. Ja,ich
glaube, daß bestimmte, einer Währungsreform zugrundeliegende Prinzipien bereits
eine weitgehende Unterstützung finden.

An oberster Stelle steht unser gemeinsames Interesse, einen freieren Handel
mit Gütern und Dienstleistungen sowie den Kapitalfluß dorthin, wo er am meisten
zum Wirtschaftswachstum beitragen kann, zu ermutigen. Wir müssen verhindern,
daß die Welt in antagonistische Blöcke aufgespalten wird. Wir dürfen nicht hinter
den Mauern des Protektionismus Zuflucht vor unseren Problemen suchen.

Das Streben nach gemeinsamem Wohl durch mehr freien Handel wird durch einen
alten und immer wiederkehrenden Trugschluß gefährdet. Zahlungsbilanzüberschüsse
werden allzu oft als Zeichen des Erfolges und des guten Managements angesehen statt als Maßstab für die Güter und Dienstleistungen, die ein Land für andere
aufbringt, ohne eine laufende Gegenleistung zu erhalten.

Wir müssen uns natürlich darüber im klaren sein, daß ein freierer Handel
mit der Forderung jedes Landes in Einklang stehen muß, abrupte Änderungen, die
zu ernsthaften Störungen von Produktion und Beschäftigtenstand führen könnten,
zu vermeiden. Wir müssen auf eine Ausweitung der produktiven Beschäftigung in
allen Ländern hinarbeiten - aber diese darf nicht auf Kosten anderer erfolgen.

Ein zweites grundlegendes Erfordernis ist die Notwendigkeit, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu schaffen, um das Gebäude einer freien und offenen inter- 3-

�internationalen Wirtschaftsordnung zu schützen und zu stärken.

Solche Grundregeln wie 'keine wettbewerbsverzerrende Abwertung' und die
'Meistbegünstigungsklausel' haben uns gute Dienste geleistet, aber diese und
andere Grundsätze müssen erneut bekräftigt, ergänzt und auf die heutigen Gegebenheiten zugeschnitten werden. Ohne derartige Regeln für uns wäre eine enge
und fruchtbare tagtägliche Zusammenarbeit nicht möglich.

Drittens müssen wir uns bei der Ausarbeitung dieser Regeln der Notwendigkeit klarer Verbindlichkeiten und Verhaltensnormen für den internationalen Anpassungsprozeß bewußt sein - dies war eine entscheidende Lücke in dem System von
Bretton Woods. In der Debatte über die Ursachen, die zu den Ungleichgewichten
der Vergangenheit geführt haben, sowie über die Verpflichtung zu Initiativen zu
ihrer Korrektur ist die Tatsache zu oft aus dem Auge verloren worden, daß Anpassung an sich ein zweiseitiger Prozeß ist - daß in der Welt insgesamt jedem
Überschuß ein Defizit gegenübersteht.

Die Weigerung der Überschußländer, ihre Überschüsse abzubauen, vereitelt
das Ziel einer Währungsordnung genauso wie das Versäumnis der Defizitländer, die
Ursache ihrer Defizite zu bekämpfen. Jeder Versuch, ein ausgewogenes und gerechtes
Währungssystem zu schaffen, muß dieser einfachen Tatsache Rechnung tragen: Für
jedes dauerhafte System sind wirksame und symmetrische Anreize für Anpassungen
unerläßlich.

Viertens sollten wir, während wir zwar auf der Notwendigkeit von Anpassungen
bestehen, den einzelnen Regierungen eine beträchtliche Flexibilität bei der Wahl
ihrer Mittel für eine Anpassung einräumen. In einer so vielfältigen Welt müssen
gleiche Verantwortung und gleiche Möglichkeiten nicht unbedingt eine starre Einförmigkeit bestimmter Praktiken bedeuten. Sie bedeuten jedoch eine gemeinsame
Verpflichtung auf vereinbarte internationale Ziele. Es ist eine weitverbreitete
Auffassung - und wir teilen diese Auffassung - daß das Wechselkurssystem flexibler
sein muß. So wichtig die Wechselkurse auch sind, so sind sie doch nicht das einzige einer Anpassungspolitik zur Verfügung stehende Instrument, noch werden sie
in bestimmten Fällen unbedingt das wünschenswerteste Instrument sein.
Fünftens
- 4-

�Fünftens stellen unsere Währungs- und Handelssysteme einen in sich zusammenhängenden Komplex dar. Wenn wir eine Reform der Währungsbestimmungen anstreben, müssen wir gleichzeitig auch Anreize für eine Liberalisierung des
Handels schaffen. Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen ohne Frage Mittel und
Wege für eine bessere Integration der Arbeit des GATT und des IWF gefunden werden.
Gleichzeitig sollten wir sicherstellen, daß ein Druck hinter eine ausreichende
Entwicklungshilfe und gegen Kontrollen gesetzt wird, die den freien Fluß von
Investitionen ersticken.

Schließlich, und das ist vielleicht das wichtigste, muß jedes stabile und
gutfunktionierende internationale Währungssystem auf einer gesunden Politik zur
Förderung des binnenwirtschaftlichen Wachstums und der Preisstabilität in den
großen Ländern basieren. Dies sind zwingende nationale Ziele für meine Regierung
- und auch für Ihre Regierungen. Gleichgültig, wie gut das von uns entworfene
internationale System sein wird, seine Aussichten auf Bestand werden ohne wirksame Lösung dieser Aufgaben zweifelhaft sein.

Heute ist nicht der richtige Augenblick, um einen detaillierten Entwurf
für eine Währungsreform vorzulegen. Ich möchte jedoch diese allgemeinen Prinzipien
durch bestimmte spezifische und miteinander zusammenhängende Gedanken darüber
ergänzen, wie diese Prinzipien in einem praktisch durchführbaren internationalen
Abkommen niedergelegt werden könnten.

Diese Anregungen zielen auf Stabilität ohne Starrheit ab. Sie gehen davon
aus, daß die meisten Länder im Rahmen festgelegter Wechselkurse arbeiten wollen.
Sie möchten diese Wechselkurse in festgelegten Bandbreiten halten, solange dies
ohne Verzerrung des Handels- und Zahlungsgefüges oder der Entwicklung der Binnenwirtschaft möglich ist. Wir wollen den freieren Fluß von Handel und Kapital
fördern und gleichzeitig die Verzerrungen auf ein Minimum beschränken, die sich
aus dem destabilisierenden Fluß mobilen Kapitals ergeben. Wir möchten die Stimme
der internationalen Völkergemeinschaft, die im IWF zusammenarbeitet, stärken.

Ich möchte diese Gedankengänge unter folgenden sechs Überschriften zusammenfassen, wobei ich mir bewußt bin, daß noch viel Arbeit zu tun bleibt, um für

- 5-

�für jeden Bereich die besten Verfahren zu finden:
Das Wechselkurssystem
Der Reservemechanismus
Der Zahlungsbilanz-Anpassungsprozeß
Kapitalkontrollen und sonstige Zahlungsbilanzkontrollen
Hiermit zusammenhängende Verhandlungen
Institutionelle Auswirkungen

1. Das Wechselkurssystem
Wir sind uns darüber im klaren, daß die meisten Länder einen festen Bezugspunkt für ihre Währungen aufrechterhalten wollen - also einen Mittel- oder Parikurs. Dazu gehört eine Bereitschaft, diese Kurse durch Gewährleistung der Konvertierbarkeit der eigenen Währungen in andere internationale Reserveguthaben aufrechtzuerhalten und zu stützen.

Die Bandbreiten, innerhalb derer die Wechselkurse auf dem Markt um solche
Mittelkurse schwanken können, müssen groß genug sein, um den Anreiz zu kurzfristigen Kapitalbewegungen zu dämpfen und, falls Änderungen des Mittelkurses
wünschenswert erscheinen, den Übergang zu erleichtern. Das Smithsonian-Abkommen
bildete einen wichtigen Schritt in dieser Richtung. Ausgehend von dieser Initiative
könnten im Rahmen eines symmetrischen Systems die zulässigen Ober- und Untergrenzen dieser Bandbreiten bei allen Währungen - einschließlich des Dollars - in
der gleichen Größenordnung festgelegt werden, wie sie heute für den Handel von
Nicht-Dollarwährungen untereinander erlaubt ist.

Wir könnten uns zum Beispiel auch vorstellen, daß Länder, die gerade im Begriff stehen, eine Währungsunion - mit der weitergehenden politischen und wirtschaftlichen Integration, die dies bedingt - zu bilden, untereinander engere
Bandbreiten aufrechterhalten möchten, und dies sollte ihnen gestattet sein.
Darüber hinaus könnten einzelne Länder, vor allem Entwicklungsländer, sich um
die Zustimmung eines wichtigen Handelspartners bemühen, für die gegenseitigen
Wechselkurse engere Bandbreiten zu unterhalten.
Es
- 6 -

�•

Es müssen ferner Bestimmungen für solche Länder getroffen werden, die
eine Freigabe des Wechselkurses (ein Floaten) ihrer Währungen beschließen.
Ein Land, das von der Festsetzung eines Mittelkurses Abstand nimmt, vor allem
wenn dieser Zustand über eine kurze Übergangsperiode hinausgeht, sollte jedoch
gehalten sein, in anderer Hinsicht strengere Verhaltensnormen zu beachten,
damit gewährleistet bleibt, daß sein Vorgehen im Einklang mit den grundlegenden
Erfordernissen der kooperativen Ordnung steht.

2. Reservemechanismus

Wir glauben, daß die Sonderziehungsrechte (SDR) an Bedeutung zunehmen und
zu einem offiziellen Numeraire des Systems werden. Zur Erleichterung seiner Aufgaben sollte dieses Instrument von solchen Hindernissen befreit werden, wie
etwa Rekonstitutionspflicht, Designierungsverfahren und Begrenzung der Bestände Dinge, die in einem reformierten System unnötig wären. Eine Änderung der Menge
der in dem System insgesamt vorhandenen Sonderziehungsrechte wird in bestimmten
Zeitabständen notwendig sein, um den Gesamtbedarf an Reserven zu decken.
Ein 'System von Mittelwerten1 impliziert ge-.visse Fluktuationen der offiziellen Währungsreserven einzelner Länder, um temporären Störungen ihrer Zahlungsbilanzpositionen zu begegnen. Darüber hinaus sollte es jedem Land normalerweise
freistehen, bilateral oder multilateral über den IWF oder auf anderem Wege Mittel
aufzunehmen oder auszuleihen.

Gleichzeitig besteht keine Notwendigkeit, amtliche Devisenbestände allgemein
zu verbieten oder zu fördern. Manche Länder mögen Devisenbestände dahingehend betrachten, daß sie einen nützlichen Flexibilitätsspielraum für die Reservepolitik
bieten, und Fluktuationen dieser Bestände

können dem System als ganzem eine

gewisse Elastizität verleihen, um plötzlichen Bewegungen schädlicher Gelder zu
begegnen. Die Vorschläge für einen Umtausch eines Teiles der derzeitigen Bestände
an Reservewährungen in eine Sonderausgabe von Sonderziehungsrechten auf Option
des Inhabers sollten sorgfältig geprüft werden.
Die

- 7-

�Die vorgeschlagenen Bestimmungen über Mittelwerte und Konvertierbarkeit
implizieren nicht, daß das auf Goldbasis beruhende System wiederhergestellt
wird. Die Starrheit eines solchen Systems, das Imponderabilien wie Goldgewinnung,
Spekulation und Nachfrage der industriellen Verbraucher unterliegt, kann den
heutigen Erfordernissen nicht mehr genügen.
Ich erwarte nicht, daß die Goldbestände der Regierungen über Nacht verschwinden werden. Meines Erachtens stehen ordnungsgemäße Verfahren zur Verfügung,
um den Übergang zu einem internationalen Währungssystem zu erleichtern,in dem
Gold eine geringere Rolle spielt.

3. Der Zahlungsbilanz-Anpassungsprozeß

In einem System der Konvertierbarkeit (der Währungen) und der Mittelkurse
ist ein wirksamer Zahlungsbilanz-Anpassungsprozeß untrennbar mit entsprechenden
Kriterien für Änderungen der Mittelkurse sowie für die angemessene Höhe, Tendenz
und Zusammensetzung der Reserven verbunden. Eine Übereinstimmung in diesen
Fragen wie auch in anderen Elementen eines wirksamen und zeitgerechten Anpassungsprozesses ist unbedingt erforderlich, um ein System praktisch durchführbar und
dauerhaft zu machen.
Gewöhnlich besteht natürlich eine sehr enge Beziehung zwischen Zahlungsbilanzungleichgewichten und Fluktuationen

der Reservepositionen. Länder mit

einer sehr starken Verschlechterung ihrer Reservepositionen mußten im allgemeinen
ihre Währungen abwerten oder andere Maßnahmen zur Stärkung ihrer Zahlungsbilanz
ergreifen. Überschußländer mit einem unverhältnismäßig hohen Zuwachs an Reserven
standen jedoch unter einem weit geringeren Druck, ihre Währungen aufzuwerten
oder andere politische Maßnahmen mit entsprechenden Auswirkungen auf ihre Zahlungsbilanz durchzuführen. Wenn der Anpassungsprozeß in einem reformierten System wirksamer sein soll, so muß diese Asymmetrie korrigiert werden.

Meines Erachtens wäre das am meisten Erfolg versprechende Vorgehen, sicherzustellen, daß ein Übermaß an Reserven einen Druck anzeigt und auslöst, An-

- 8-

�Anpassungen auf der Überschußseite vorzunehmen, so wie ein Verlust von Reserven
dies bereits auf der Defizitseite tut. Hier könnten ergänzende Richtlinien und
verschiedene technische Verfahren geeignet sein und sollten geprüft werden. Es
werden bedeutende Übergangsschwierigkeiten zu überwinden sein. Meines Erachtens
wäre jedoch ein unangemessener Zuwachs oder Verlust an Reserven letztlich der
wohl gerechteste und wirksamste Indikator, den wir als Richtschnur für den Anpassungsprozeß haben.

Wie bereits angedeutet, kann man eine ganze Reihe von politischen Gegenmaßnahmen zur Beeinflussung der Zahlungsbilanz in Erwägung ziehen. Von einem
Land, dessen Reserven unverhältnismäßig stark zurückgehen, würde man erwarten,
daß es korrigierende Maßnahmen ergreift. So würde man einem solchen Land beispielsweise geringfügige Abwertungen ohne weiteres zugestehen. Bei angemessener
internationaler Überwachung hätte ein solches Land an einem bestimmten Punkt
eine glaubhaft erscheinende Begründung für eine stärkere Abwertung.

Während wir uns offen der Tatsache stellen müssen, daß es unter bestimmten
Umständen Grenzen für die Anwendung nationaler währungs- und steuerpolitischer
oder sonstiger innerer Maßnahmen als Mittel zurFörderung internationaler Anpassungen gibt, sollten wir auch einsehen, daß das Defizitland es durchaus vorziehen könnte - und in der Lage wäre - striktere innere finanzielle Disziplin
zu üben statt seine Währung abzuwerten. Direkte Restriktionen sollten einem
Land nur in Ausnahmefällen und auf begrenzte Zeit zugestanden werden, und diese
müssen zudem allgemein und nichtdiskriminierend sein. Die beharrliche Weigerung,
grundlegende Anpassungsmaßnahmen zu treffen, könnte den Widerruf des Kreditanspruchs und des Rechtes auf die Zuteilung von Sonderziehungsrechten sowie anderer
Privilegien zur Folge haben.

Umgekehrt könnte ein Land, das es duldet, daß seine Reserven in unangemessener Weise zunehmen, den Anspruch auf Konvertierung derselben verlieren,
wenn es nicht zumindest eine begrenzte Aufwertung vornimmt oder andere akzeptable
Anpassungsmaßnahmen ergreift. Wenn die Reserven dennoch weiterhin zunehmen und
auf diesem höheren Stand über einen längeren Zeitraum hinweg aufrechterhalten
werden, dann wären nachdrückliche Anpassungsmaßnahmen angezeigt.
Eine
- 9 -

�Eine Änderung des Wechselkurses braucht weder für ein Überschuß- noch für
ein Defizitland die einzige überlegenswerte Form der Abhilfen zu sein. Die verstärkte Bereitstellung von nichtgebundener Entwicklungshilfe, die Senkung von
Zöllen und der Abbau von anderen Handelsschranken sowie die Beseitigung von
Hindernissen für Investitionen im Ausland - unter gewissen Umständen auf Option
des betreffenden Landes - stellen Ergänzungs- oder Alternativmaßnahmen dar.
Solange jedoch eine echt wirksame Kombination von korrigierenden Maßnahmen aussteht, sollte es anderen Ländern letztlich freistehen, ihre Interessen durch Erhebung einer Importabgabe auf Waren aus chronischen Überschußländern zu schützen.

Was Länder angeht, die sich auf dem Wege zu einer Währungsunion befinden,
könnte man die Richtlinien auf kollektiver Basis anwenden, sofern diese Länder
bereit sind, mit einer Stimme zu sprechen und es selbst wünschen, daß sie hinsichtlich der Anwendung der Grundregeln des internationalen Währungs- und Handelssystem-^ als Einheit behandelt werden.

4. Kapitalkontrollen und andere Zahlungsbilanzkontrollen

Das Gesagte impliziert, daß der Anpassungsprozeß meines Erachtens auf die
Förderung eines freieren Handels und offener Kapitalmärkte gerichtet sein sollte.
Wenn in Extremfällen Handelskontrollen aus Zahlungsbilanzgründen vorübergehend
gestattet werden, dann sollten sie in Gestalt von Importabgaben oder einer
linearen Besteuerung verwirklicht werden. Eine Kontrolle der Kapitalflüsse darf
nicht zum Mittel für die Absicherung einer chronisch unterbewerteten Währung
werden. Kein Land darf dazu gezwungen werden, Kontrollen anstatt anderer und
tiefer greifender Anpassungsmaßnahmen anzuwenden.

5. Hiermit zusammenhängende Verhandlungen

Wir begrüßen die Zusagen wichtiger Länder, im kommenden Jahr im Rahmen des
GATT detaillierte HandelsVerhandlungen zu führen. Diese Verhandlungen, die sich
auf spezifische Erzeugnisse und spezifische Restriktionen erstrecken sollen,
brauchen nicht bis zu einer internationalen Währungsreform aufgeschoben zu
werden, und diese wiederum braucht nicht zu warten, bis die Ergebnisse spezi-

- 10 -

�spezifischer Handelsverhandlungen vorliegen.

Diese Verhandlungen und die Ausarbeitung von Regeln des Wohlverhaltens
im engeren Währungsbereich bedürfen der Ergänzung durch Verhandlungen mit dem
Ziel, hinsichtlich der Anwendung von Subventionen und fiskalischer oder administrativer Druckmittel bei Handels- und Investitionstransaktionen zu größerer
Gerechtigkeit und Einheitlichkeit zu gelangen. Ungehörige Praktiken in diesem
Bereich verzerren die Handels- und Investitionsbeziehungen sicherlich ebenso wie
Handelsschranken und Währungsungleichgewichte. In manchen Fällen - wie etwa
bei Zollzuschlägen oder Kapitalkontrollen aus Zahlungsbilanzgründen - ist der
Zusammenhang so eng, daß der Zwanziger-Ausschuß mit dieser Angelegenheit sich
direkt wird befassen müssen. In Ergänzung ihrer eigenen Tätigkeit kann diese
Gruppe auch dazu beitragen, daß andere Gremien ebenfalls ernsthafte Bemühungen
unternehmen, eine Harmonisierung der Praktiken der Länder bezüglich der Besteuerung des internationalen Handels und der internationalen Investitionen,
der Gewährung von Exportkrediten und der Subvention des internationalen Investitionsflusses herbeizuführen.

6. Institutionelle Auswirkungen

Wenn ich in die Zukunft blicke, so scheint es mir mehrere klar umrissene
institutionelle Erfordernisse für eine vernünftige Reform des Währungs- und
Handelssystems zu geben.

Verschiedentlich habe ich heute die Notwendigkeit für einen umfassenden
Rahmen von neuen Währungsregeln unterstrichen. Diese Regeln müssen der Aufsicht des IWF unterstellt werden, der bereit sein muß, eine noch entscheidendere
Rolle innerhalb der Weltwirtschaft zu übernehmen.

Angesichts der Wechselbeziehungen von Handel und Zahlungsverkehr kann diese
Rolle nicht wirksam ausgeübt werden, wenn nicht die Statuten des IWF und des
GATT harmonisiert werden und eine enge Zusammenarbeit zwischen ihnen erreicht
wird.
Schließlich

�Schließlich müssen wir uns dessen bewußt sein, daß wir uns hier zwangsläufig mit Fragen befassen, an denen bestimmte Länder ein wesentliches und
waches nationales Interesse haben. Internationale Entscheidungen werden nicht
glaubwürdig oder wirksam sein, wenn sie nicht von Repräsentanten getroffen
werden, die eindeutig einen hohen Status und großen Einfluß in den Gremien ihrer
eigenen Regierungen haben. Unsere internationalen Institutionen werden dieser
Realität Rechnung tragen müssen, damit die Regierungen der einzelnen Staaten in
den kommenden Jahren an den Beratungen und Prozessen dieser Institutionen eingehend und ständig beteiligt sein werden. Ohne eine Verpflichtung seitens der
Regierungen der einzelnen Länder, ein neues System auf diese Weise arbeitsfähig zu machen, könnten all unsere übrigen Bemühungen zunichte werden.

Ich bin mir völlig darüber im klaren, daß die Vereinigten Staaten wie auch
andere Länder nicht von heute auf morgen ohne Übergangszeit in neue Währungsund Handelsvereinbarungen eintreten können. Ich kann jedoch versichern, daß die
Vereinigten Staaten nach einer solchen Übergangszeit bereit wären, eine Verpf 1i Jhtung zu übernehmen, im Rahmen eines zufriedenstellenden Systems, wie ich
es vorgeschlagen habe - eines Systems, das eine wirksame und gerechte Durchführung des Anpassungsprozesses gewährleistet - Dollarreserven ausländischer
Regierungen in andere Reserveguthaben umzutauschen. Dieser Beschluß muß natürlich davon ausgehen, daß wir uns während der Übergangsperiode eindeutig in
die Lage versetzt sehen, diese Verpflichtung in bezug auf unsere Reserve- und
Zahlungsbilanzposition erfüllen zu können.

Wir sind uns völlig darüber im klaren, daß wir noch nicht die Stärke erlangt haben, die die Konten unserer Außenbilanz haben müssen. Letztlich kann es
keinen Ersatz für eine solche Stärke geben, wenn es gilt, die Grundlage für einen
stabilen Dollar und ein stabiles Währungssystem zu schaffen.

Ein akzeptables Währungssystem setzt

die Bereitschaft von uns allen vor-

aus, zu dem gemeinsamen Ziel eines uneingeschränkten internationalen Gleichgewichts beizutragen. Ohne ein solches Gleichgewicht wird kein System funktionieren. Das Gleichgewicht kann nicht durch den Alleingang eines Landes erreicht
werden.
Wir
- 12 -

�Wir haben die Erörterung der Handels- und Finanzfragen in dem vollen Bewußtsein der Notwendigkeit aufgenommen, unsere eigenen Anstrengungen zur
Wiederherstellung unseres Zahlungsbilanzgleichgewichts auf breiter Front fortzusetzen. Ich muß hier in aller Offenheit hinzufügen, daß unsere Anstrengungen
zur Verbesserung unserer Zahlungsbilanzposition in mehr als einem Fall durch
das Zögern anderer zunichte gemacht worden sind, eine ungerechtfertigte bevorzugte und stark abgeschirmte Marktposition aufzugeben. Wir können jedoch ohne
einen Erfolg bei unseren Bemühungen unseren erwünschten Anteil an der Bereitstellung von Hilfe nicht aufrechterhalten und unsere offizielle Verschuldung
gegenüber ausländischen Währungsbehörden abbauen.

Wir sind recht stolz auf unsere Fortschritte, die wir im letzten Jahr in
Richtung auf Preisstabilität, Produktivitätsanstieg und rascheres Wirtschaftswachstum erzielt haben. Setzen sich diese Fortschritte auch künftig fort, wie
es sein soll, so wird diese Entwicklung die beste Medizin nicht nur für unseren
Wohlstand im eigenen Land, sondern auch für ein wirksames Funktionieren des
internationalen Finanzsystems sein.

Meine Ausführungen heute spiegeln die lange Tagesordnung wieder, die vor
uns liegt. Ich habe schwierige, komplizierte und kontroverse Fragen angeschnitten.
Ich bin nicht davor zurückgeschreckt aus dem einfachen Grunde: Ich weiß, daß Sie,
wie auch wir, Fortschritte in Richtung auf die vor uns liegenden großen Aufgaben
wünschen.

Wollten wir abwarten, ob wir nicht in Nairobi im nächsten Jahr sagen können,
daß ein neues Gleichgewicht in Sicht und daß Übereinstimmung über die wichtigsten
Grundzüge eines neuen Systems erzielt worden ist. Wir sind uns auch einander
diese Anstrengung schuldig."

+ + + + +

- 13 -

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Dokumentation

300

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

39/1972

REDE VON AUSSENMINISTER ROGERS VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG

- Wortlaut -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Außenminister William
P. Rogers hat am 25. September vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen
folgende Rede gehalten:
"Herr Präsident, Herr Generalsekretär:
Während der letzten Jahre hat die Welt bemerkenswerte Fortschritte in
Richtung auf das Ziel der Charta gemacht 'Toleranz zu praktizieren und miteinander als gute Nachbarn in Frieden zusammenzuleben1.
Allein im Jahre 19 72 haben:
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zugesagt, ihr 'Äußerstes' zu tun,
um militärische Konfrontationen zu vermeiden, die souveräne Gleichberechtigung
aller Länder zu respektieren und Bedingungen zu fördern, unter denen kein Land
Gegenstand 'einer ausländischen Einmischung in seine inneren Angelegenheiten
sein würde';
die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten genau festgelegte Beschränkungen für unsere Verteidigung und zumindest für die nächsten fünf Jahre auch
für unsere offensiven strategischen Raketensysteme vereinbart;
die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China damit begonnen, die
Verständigung zwischen ihren Völkern auszuweiten, die Beziehungen zwischen uns

- 1 -

�uns zu verbessern - in der Überzeugung, daß dies 'im Interesse aller Länder1
sein würde, und alle Versuche in Richtung auf eine Hegemonie in Asien und eine
Aufteilung der Welt 'in Interessensphären' abzulehnen;
Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
spezifische Bestimmungen vereinbart, um den unbehinderten Verkehr von und nach
Berlin auf dem Straßen-, Schienen- und Wasserwege zu gewährleisten;
die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik
Verhandlungen über einen Vertrag zur Normalisierung ihrer Beziehungen aufgenommen;
Nord- und Südkorea ihre Gespräche intensiviert, um das Los der getrennten
Familien zu erleichtern, sowie vereinbart, einen gemeinsamen Ausschuß zur Prüfung der Probleme eines Zusammenschlusses einzusetzen.
Es gab 1972 zahlreiche weitere Erfolge in Richtung auf die Z iele der Charta.
Ich erwähne diese Beispiele lediglich, um zu zeigen, wie alte Feindschaften beseitigt werden. Wenn dieser Prozeß weitergeht, wird dies schließlich auch seinen
Niederschlag in den Vereinten Nationen finden.
Wir sind ebenso ermutigt von den Forderungen in östlichen wie auch westlichen Hauptstädten nach einem sichereren und offeneren Europa.
Ein Schritt zur Verwirklichung dieses Zieles wäre die Schaffung eines
stabileren militärischen Gleichgewichts in Mitteleuropa durch Verhandlungen über
beiderseitige und ausgewogene Truppenverringerungen (MBFR). Wir führen gegenwärtig zu diesem Zweck Konsultationen mit unseren Verbündeten und sind der Auffassung, daß vorbereitende Gespräche hierüber in einigen Monaten beginnen könnten.
Wir bauen darauf, daß diese produktiv sein werden.
Genauso wichtig ist es, daß Fortschritte in Richtung auf normalere Beziehungen in Europa gemacht werden - Beziehungen, die seit Ende des zweiten
Weltkrieges nicht mehr bestanden haben.
Hierbei

�Hierbei könnte eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(KSZE), sofern sie sorgfältig und konstruktiv vorbereitet ist, eine entscheidende
Rolle spielen.
Eine Konferenz, deren Hauptzweck nur darin bestünde, den Stempel der Zustimmung unter die starre Spaltung Europas zu setzen, würde lediglich die gegenwärtigen Probleme auf eine weitere Generation ausdehnen. Eine Konferenz, die
normalere Bez iehungen zwischen allen europäischen Ländern und Völkern fördert,
würde die Bemühungen um bessere Beziehungen auf anderen Ebenen verstärken.
Aus diesem Grunde sind wir der Auffassung, daß die Konferenz praktische
Schritte zur Förderung einer größeren Freizügigkeit für Menschen, Ideen und
Güter auf dem gesamten Kontinent ergreifen muß.
Wir prüfen gegenwärtig auch Alternativen für die bevorstehenden SALT-Verhandlungen. Die Vereinigten Staaten werden dabei die folgenden allgemeinen
Ziele verfolgen:
1) Wir werden uns um Verhandlungen über Offensivwaffen bemühen. Dabei werden
wir den Kreis der strategischen Offensivwaffen, die in die Begrenzungen einbezogen werden, zu erweitern und ein Gleichgewicht bei den wichtigsten Trägersystemen zu erreichen suchen.
2) Wir werden die qualitativen Begrenzungen sorgfältig zu. prüfen wünschen,
die sich fördernd auf die Stabilität auswirken könnten.
3) Wir werden bei den strategischen Waffen auf eine Reduzierung des Rüstungsstandes hinarbeiten. Wie Präsident Nixon 1969 in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung erklärte, besteht unser Ziel darin, 'nicht nur eine Begrenzung des
weiteren Ausbaus der strategischen Rüstung, sondern sogar ihren Abbau zu erreichen. '
Natürlich messen wir auch der Arbeit der Abrüstungskonferenz große Bedeutung
bei, die nunmehr ihr Augenmerk darauf gerichtet hat, das Anlegen von Beständen
an chemischen Waffen für eine Verwendung im Kriege zu verhindern. Die Konferenz
hat lange gebraucht, um einige der wichtigen und komplexen Fragen im Zusammen- 3 -

�Zusammenhang mit möglichen bedeutsamen Beschränkungen auf diesen Gebieten zu
lösen. Die Vereinigten Staaten haben ihre Prüfung aller Vorschläge beschleunigt/
und wir rechnen damit, bald auf sie antworten zu können.
Aus dem, was ich gesagt habe, wird klar, daß die Vereinigten Staaten der
Auffassung sind, daß ein Vorgehen Schritt um Schritt in der Praxis der beste
Weg ist, um einen echten Fortschritt in Richtung auf eine Abrüstung zu erreichen.
Lassen Sie mich noch auf andere Gebiete der Welt eingehen, wo die Fortschritte beschleunigt werden müssen.
In Afrika muß diese Vollversammlung fortfahren, das Streben aller Völker
aller Rassen nach Menschenwürde, Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit zu
verteidigen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin allen diesbezüglichen,
praktisch

durchführbaren Bemühungen ihre volle Unterstützung gewähren.

In Lateinamerika, wo die Wachstumsraten in den letzten Jahren die von der
Allianz für den Fortschritt gesetzten Ziele zwar weit übertroffen haben, ist
die wirtschaftliche Entwicklung immer noch ein Hauptanliegen und oberstes Erfordernis. Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin zu einem wesentlichen
Wirtschaftshilfeprogramm stehen und wir werden in anbetracht der großen Bedeutung,
die der Handel für die wirtschaftliche Entwicklung hat, die Teilnahme der lateinamerikanischen und anderer Entwicklungsländer an den bevorstehenden Verhandlungen
über ein neues internationales Handelssystem aktiv unterstützen.
In Vietnam haben die Vereinigten Staaten die Stärke ihrer Streitkräfte von
rund 550 000 auf 35 000 Mann verringert. Präsident Nixon hat eine Waffenruhe
für ganz Indochina unter internationaler Überwachung, einen Austausch der Kriegsgefangenen und einen völligen Abzug aller amerikanischen Truppen vorgeschlagen.
Nach diesem Vorschlag könnte über die politische Zukunft Vietnams von den
Vietnamesen

selbst verhandelt werden. Präsident Nixon hat ferner wesentliche An-

strengungen zugesagt, um beiden vietnamesischen Staaten beim Wiederaufbau nach
dem Kriege zu helfen. Unter diesen Umständen fällt es schwer zu verstehen, warum
die andere Seite hartnäckig bei der Auffassung bleibt, daß der Krieg fortgesetzt
werden sollte.
Und
- 4-

�Und im Nahen Osten muß die Schwungkraft in Richtung auf eine friedliche Regelung zurückgewonnen werden.
Wir sollten von zwei positiven Elementen Kenntnis nehmen. Die Waffenruhe
besteht nunmehr seit 26 Monaten. Das Klima für eine Regelung schien sich im Laufe
des Jahres 1972 immer weiter zu verbessern.
Wir müssen uns jedoch darüber klar sein, daß die Morde in München eine bedauerliche Folge von Aktionen und Gegenaktionen ausgelöst und die Aussichten auf
einen baldigen Fortschritt verdunkelt haben. Trotzdem hat keine der beiden Seiten
die Tür für künftige diplomatische Bemühungen für immer zugeschlagen. Wir glauben,
daß die eine friedliche Regelung begünstigenden Kräfte immer noch die Oberhand
haben. Unsere Aufgabe ist es, alles in unseren Kräften stehende zu tun, um dafür zu sorgen, daß sie unterstützt werden.
Die gegenwärtig im Nahen Osten bestehende Situation des Nicht-Friede/NichtKrieg kann und wird niemandes Interessen in diesem Raum dienen. Natürlich ist
ein stabiles, gerechtes und dauerhaftes Friedensabkommen auf der Basis der Resolution 242 des Weltsicherheitsrates auch weiterhin das Ziel der Vereinigten
Staaten.
Aber dies kann nicht erreicht werden, ohne daß echte Verhandlungen zwischen
den betroffenen Parteien aufgenommen werden. Keine von außerhalb aufgezwungene
Regelung könnte lange von Bestand sein. Verhandlungen bedeuten nicht Kapitulation.
Es finden gegenwärtig überall auf der Welt Verhandlungen zwischen solchen statt,
die seit langem Gegner sind. Warum sollte der Nahe Osten eine Ausnahme sein. Wenn
Nordkorea mit Südkorea spricht, wenn die Ostdeutschen mit den Westdeutschen
sprechen, wenn die Inder und die Pakistanis sofort nach dem Kriege und noch vor
einem Abzug der Truppen zusammenkommen können, dann sollte der Nahe Osten bestimmt keine Ausnahme von der allgemeinen Regel sein, daß Meinungsverschiedenheiten durch einen aktiven Dialog zwischen den betroffenen Parteien beigelegt
werden können.
Wir glauben nicht, daß dieser Prozeß unbedingt mit direkten Verhandlungen
beginnen muß. Es bestehen auch andere diplomatische Kanäle. Botschafter Jarring

- 5-

�Jarring steht weiterhin zur Verfügung, um den Parteien bei den Verhandlungen
über die Bedingungen einer Friedensregelung, die im Einklang mit der Resolution
242 des Weltsicherheitsrates steht, zu helfen.
Ein anderer - unseres Erachtens sehr verheißungsvoller erster Schritt - wären
Annäherungsgespräche, die zu einem Interimsabkommen über den Suezkanal führen.
Damit würden die kämpfenden Parteien getrennt und die ägyptische

Verwaltung

des Suezkanals wieder hergestellt werden, dies würde einen gewissen Rückzug der
Israelis bedingen, die Waffenruhe erhalten und weiteren Bemühungen um eine Gesamtlösung neuen Auftrieb verleihen.
Es ist ermutigend, daß beide Seiten übereinstimmen, daß ein solches Interimsabkommen in sich nicht das Ende, sondern nur der erste Schritt in Richtung
auf eine Gesamtfriedensregelung sein würde. Ein solcher praktischer Test für
den Frieden zu Lande läge im Interesse beider Seiten, und die Vereinigten Staaten
stehen weiterhin bereit, dabei mitzuhelfen. Ferner muß eine Gesamtregelung im
Einklang mit der Resolution 242 den legitimen Bestrebungen und Anliegen der Regierungen beider Seiten wie auch des palästinensischen Volkes Rechnung tragen.
Wenn man die großen politischen Entwicklungen der letzten Jahre betrachtet,
dann muß man feststellen, daß die Vereinten Nationen nicht direkt daran beteiligt waren. Diese Tatsache wird in Angriffen gegen die Weltorganisation oft
angeführt.
Wir sind uns natürlich darüber im klaren, daß die Charta nicht darauf abzielt, die Vereinten Nationen zum Mittelpunkt aller Diplomatie zu machen. Immer
noch ist,.jwie;es .der Generalsekretär in seinem Jahresbericht milde formuliert
hat,'der Platz der Organisation in der politischen Sphäre ... ungewiss1. Mit
dieser Feststellung dürften die meisten von uns übereinstimmen.
Wenn wir in die Zukunft blicken, dann sollten wir nicht aus dem Auge verlieren, daß die Lösungen des Problems nicht so sehr in institutionellen Reformen,
sondern im nationalen Willen gefunden werden müssen. So weit jedoch bessere Arbeitsmethoden und realistischere institutionelle Vereinbarungen dazu beitragen
werden, müssen wir auch versuchen, diese herbeizuführen. Dafür einige Beispiele:
Wir
- 6 -

�Wir sind der Überzeugung, daß der Sicherheitsrat, wenn er seinen Einfluß
und seine Autorität behalten will, Wege finden muß, um die Vertretung von Staaten
über die gegenwärtigen ständigen Mitglieder hinaus zu gewährleisten - Staaten,
deren Mittel und Einfluß von wesentlicher Bedeutung für die Weltpolitik sind.
So fällt beispielsweise auf, daß Japan in einer Körperschaft nicht vertreten ist,
die dazu dienen soll, die Verantwortung der wichtigen Mächte der Welt zum Tragen
zu bringen.
Wir sind der Überzeugung, daß größere Mittel für Untersuchungskommissionen,
Vermittlerdienste und für die stille präventive Diplomatie eingesetzt werden
müssen.
Wir sind der Überzeugung, daß die zunehmende Abstimmung nach Blöcken - oft
ohne ein unabhängiges Ansehen der Sache an sich - in zunehmendem Maße zu unrealistischen Ergebnissen führt.
Die Erörterung der Schwächen der Vereinten Nationen bei der Behandlung
politischer Probleme hat ihren Höhepunkt genau zu dem Zeitpunkt erreicht, da
ihr Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur wissenschaftlichen und
technologischen Zusammenarbeit große Fortschritte macht.
Lange bevor die wirtschaftliche Entwicklung zu einem großen internationalen
Anliegen wurde, haben die Vereinten Nationen Bemühungen eingeleitet, um die wirtschaftliche Kluft zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländer zu verkleinern.
Die Vereinigten Staaten haben diese Bemühungen von Anfang an unterstützt. Es
ist eine ermutigende Tatsache, daß während der ganzen letzten drei Jahre das
Produktionswachstum pro Kopf in den Entwicklungsländern eine höhere Rate erreicht hat als in den Industrieländern. Die kürzliche Studie der Weltbank zeigt
jedoch, daß noch immer ein ernstes Problem im Hinblick auf Einkommensverteilung,
hohe Raten der Kindersterblichkeit, hohe Raten des Analphabetentums, der schweren
Unterernährung und des weit verbreiteten schlechten Gesundheitsstandes besteht.
Die Vereinigten Staaten wollen weiterhin der Lösung solcher Probleme ernsthafte
Anstrengungen widmen - durch das verbesserte Entwicklungsprogramm der Vereinten
Nationen und durch andere Mittel und Wege der Wirtschaftshilfe.
Auch

- 7-

�Auch die Tätigkeiten der Vereinten Nationen auf dem Gebiet der Wissenschaft
und Technologie haben ihre Wirkung Die Konferenz der Vereinten Nationen über die menschliche Umwelt, die als
Meilenstein gelten kann, hat eine weltweite Beobachtung des Verschmutzungsstandes
von 'Wasser, Luft, Erde und Lebewesen' vorgeschlagen* die Messung des Standes
bestimmter Chemikalien wie Kohlenwasserstoff, der die Luft über den Städten der
Welt verpestet. Um diese und andere wichtigen Programme ohne Verzug in Gang zu
bringen, appelieren wir an die Versammlung, das Sekretariat und den geforderten
Fonds von 100 Millionen Dollar für den Umweltschutz einzurichten.
Die Vereinten Nationen können ferner einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung des Rauschgifthandels, vor allem des Heroinhandels leisten. Eine revidierte zusammengefaßte Konvention über Rauschgifte wird dem Ausschuß für Narkotika die Vollmacht geben, den Mohnanbau und die Opiumproduktion in Ländern zu
verringern, die die Quelle für diesen Handel zu sein scheinen. Der Fonds der Vereinten Nationen zur Bekämpfung

des Drogenmißbrauchs hilft den einzelnen Staaten

die Drogenüberwachung zu verbessern, Polizei-und Zollbeamte auszubilden, andere
Einkommensquellen für Opiumanbauer zu erschließen und die Drogensucht zu verhindern und zu behandeln. Präsident Nixon hat vorige Woche erklärt, daß jede Regierung, die gegen den Drogenmißbrauch vorgehen will, auf die volle Unterstützung
der Vereinigten Staaten dabei rechnen kann.
Erst letzte Woche hat der Generalsekretär bekanntgegeben, daß 1974 das Jahr
der Weltbevölkerung und der Zeitpunkt einer großen Bevölkerungskonferenz der
Vereinten Nationen sein wird. Wir hegen die Hoffnung, daß die Konferenz zur Aufstellung konkreter Ziele hinsichtlich eines verringerten Wachstums der Weltbevölkerung führen wird.
Diese Vollversammlung wird ferner den Fortschritt ihres Meeresbett-Ausschusses bei der Vorbereitung einer Konferenz über das Seerecht prüfen. Es ist
wichtig für uns, diese Gelegenheit dazu zu benutzen, um die Ozeane zu einem
Beispiel der internationalen Zusammenarbeit zu machen und sie nicht zu einem
Gebiet des künftigen Konflikts werden zu lassen.
Tätigkeiten

- 8-

�Tätigkeiten auf solchen Gebieten wie dem Umweltschutz, den Rauschgiften,
dem Meeresbett und der Bevölkerungskontrolle - wo vielfach neue Anwendungsmöglichkeiten der Wissenschaft und der Technologie bestehen - werden in Zukunft
an Bedeutung gewinnen. Wir sind der Auffassung, daß fast alle diese Tätigkeiten
eine stärkere Aufmerksamkeit und höhere Priorität in den Vereinten Nationen erfordern werden.
Ich habe heute von einigen der Schwächen wie auch einigen der Stärken der
Vereinten Nationen gesprochen, weil ich der Überzeugung bin, daß wir diese Organisation realistisch betrachten müssen, wenn wir zu ihrer künftigen Entwicklung
beitragen wollen. In diesem Geiste werden die Vereinigten Staaten die Vereinten
Nationen auch weiterhin unterstützen. Wir bleiben dem Ziel verpflichtet, sie stärker
und wirksamer zu gestalten.
Während dieser Sitzungsperiode werden die Vereinten Nationen die Gelegenheit
und auch die Verpflichtung haben, Maßnahmen von lebenswichtiger Bedeutung für die
internationale Gemeinschaft zu ergreifen. Die Vereinten Nationen müssen sich wirksam und energisch mit kriminellen Akten des internationalen Terrorismus auseinanderzusetzen, die überall in so tragischer Weise in das Leben von Menschen eingreifen - ohne Warnung, ohne Unterschied und ohne Rücksicht auf die Heiligkeit
des menschlichen Lebens.
Vor 20 Jahren bekräftigten die Vereinten Nationen in ihrer Erklärung der
Menschenrechte, daß jeder Mensch ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
der Person hat. Aber wie steht es in der heutigen Welt mit dieser Sicherheit?
In Schweden werden 90 Menschen, die einen internationalen Flug antreten
zu Geiseln gemacht und von kroatischen Terroristen gegen Lösegeld festgehalten.
In London wird ein israelischer Diplomat durch eine Bombe getötet, die ihm
mit der Post zugeschickt wurde. Hier in New York entgehen Kollegen bei den Vereinten Nationen nur knapp einem ähnlichen Schicksal.
Auf Zypern entkommen 95 Personen vieler Nationalität in einem venezolanischen
Flugzeug nur knapp dem Tode, da eine Bombe gerade noch rechtzeitig entdeckt wird.
In
- 9-

�In New York werden Schüsse in die Wohnung eines Mitglieds der sowjetischen
Mission abgegeben, in der Kinder spielen.
In München werden elf olympische Sportler an einem Tag des Schreckens, den
die ganze Welt erlebte, entführt und ermordet.
In der Tschechoslowakei wird ein tschechoslowakischer Pilot getötet und
sein Flugzeug nach Westdeutschland entführt.
In Israel werden 26 Touristen - davon 16 amerikanische Staatsbürger - in
einem wahnsinnigen Angriff auf einen internationalen Flughafen hingemetzelt.
Allein in diesem Jahr sind 25 Flugzeuge aus 13 Ländern erfolgreich entführt
worden und 26 andere solcher Versuche konnten abgewendet werden. Allein in diesem
Jahr wurden 140 Luftpassagiere und Besatzungsmitglieder durch Terrorakte getötet
und 97 verwundet. In fünf Jahren sind 27 Diplomaten aus 11 Ländern entführt und
drei ermordet worden. In New York sind arabische und andere Vertretungen bedroht
worden.
Gibt es einen von Ihnen hier, der nicht anläßlich einer Flugreise von irgendwoher über seine eigene persönliche Sicherheit besorgt gewesen wäre? Gibt es
einen von Ihnen hier, der sich nicht gefragt hätte, welcher Terrorist als nächster
und an welcher Stelle zuschlagen könnte?
Hier geht es nicht um Krieg - Krieg zwischen Staaten, Bürgerkrieg oder
revolutionären Krieg - hier geht es nicht darum, daß Völker danach streben,
Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu erreichen.
Hier geht es vielmehr darum, ob Millionen von Luftreisenden weiterhin
jedes Jahr in Sicherheit fliegen können. Hier geht es darum, ob eine Person
die einen Brief erhält, ihn ohne Angst öffnen kann, in die Luft gesprengt zu
werden. Hier geht es darum, ob Diplomaten ihren Aufgaben in Sicherheit nachkommen können. Hier geht es darum, ob internationale Zusammenkünfte - wie die
olympischen Spiele, wie diese Versammlung - ohne die ständige Bedrohung durch
Gewalt vonstatten gehen können.
Kurz

- 10 -

�Kurz gesagt, hier geht es darum, ob die leicht angreifbaren internationalen
Verbindungslinien, die Luftwege und die Postverbindungen, die diplomatische
Tätigkeit und internationale Tagungen - ohne Störung fortgeführt werden können,
um Nationen und Völker zusammenzuführen. Alle die das angeht, geht es auch an,
entscheidende Maßnahmen zur Unterdrückung dieser wahnsinnigen Akte des Terrorismus zu treffen.
Wir wissen alle, daß viele kriminelle Akte des Terrorismus abgesehen von
den psychopathischen und den rein bösartigen Ursachen auch politischen Ursprungs
sind. Wir sind uns alle darüber im klaren, daß Fragen wie die Selbstbestimmung
auch weiterhin von der internationalen Gemeinschaft ernsthaft behandelt werden
müssen. Aber politische Leidenschaft, so tief sie auch sein mag, kann keine
Rechtfertigung für kriminelle Gewalt gegen unschuldige Menschen sein.
Die Terrorakte, die ich gerade angeführt habe, sind ohne Frage absolut
unannehmbare Angriffe gegen das eigentliche Gefüge der internationalen Ordnung.
Sie müssen weltweit verurteilt werden, ob wir nun die Gründe, die die Terroristen
anführen, für nobel oder schändlich, für legitim oder illegitim ansehen.
Wir müssen wirksame Schritte ergreifen, um die Entführung von internationalen
Zivilflugzeuge zu verhindern.
Wir müssen wirksame Schritte ergreifen, um Mordanschläge und Entführungsversuche; gegen Diplomaten zu.verhindern.
Wir müssen wirksame Schritte ergreifen, um Terroristen daran zu hindern,
Bomben mit der Post zu versenden oder unschuldige Zivilisten zu ermorden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen die Initiative des Generalsekretärs,
die Frage auf die Tagesordnung zu bringen.
Vor zwei Jahren, noch bevor das Problem seine gegenwärtige Dimension erreichte, unternahm die Vollversammlung den ersten Schritt - den Schritt der
uns jetzt leiten muß. In der Erklärung über freundschaftliche Beziehungen unter
Staaten, die das Recht auf Selbstbestimmung so nachdrücklich unterstrich, hat
die Vollversammlung auch einstimmig erklärt, daß jede Nation die Pflicht hat,

- 11 -

�hat, sich der Unterstützung terroristischer Akte in einem anderen Staat zu enthalten oder sich sonstwie daran zu beteiligen oder innerhalb ihres Territoriums
organisierte Tätigkeiten zu dulden, die auf die Ausübung solcher Akte gerichtet
sind.
Es ist jetzt an der Zeit, dieser Verpflichtung, die diese Vollversammlung
so feierlich ausgesprochen hat, wirklich Sinn und Bedeutung zu geben.
In den letzten zwei Jahren hat die internationale Gemeinschaft bestimmte
Schritte auf dem Gebiet der Flugzeugentführung unternommen. Es sind Konventionen
abgeschlossen worden, die schwere Strafen für die Entführung und die Sabotage
von Flugzeugen vorsehen, und von den Staaten verlangen, Entführer und Saboteure
auszuliefern oder strafrechtlich zu verfolgen. Wir appellieren an alle Staaten,
die diese Konventionen noch nicht ratifiziert haben, dies zu tun.
Wir stehen jetzt vor der dringenden Notwendigkeit, internationale

Gewalt-

verbrechen nicht nur in der Luft, sondern überall in unserer Gesellschaft zu
verhüten und zu bestrafen. Die Vereinigten Staaten fordern dringend, daß diese
Versammlung handelt - und zwar sofort handelt - um dieser Herausforderung zu
begegnen.
Erstens»sollte noch in dieser Sitzungsperiode dieser Versammlung der Entwurf für einen Vertrag über die Strafverfolgung oder Auslieferung von Personen,
die Diplomaten oder Vertreter ausländischer Regierungen oder internationaler
Organisationen angreifen oder entführen, abgeschlossen

und zur Unterzeichnung

aufgelegt werden. Der Vertragsentwurf liegt dieser Versammlung in Dokument
A/8710 vor.
Zweitens, ein Vertrag, der die Aussetzung des gesamten Luftverkehrs nach
Ländern vorsieht, die Entführer oder Saboteure von Zivilflugzeugffi nicht bestrafen
oder ausliefern, sollte sofort abgeschlossen und zur Unterzeichnung aufgelegt
werden. Eine Nation, die Entführern Unterschlupf

gewährt, sollte von der inter-

nationalen Gemeinschaft geächtet werden. Der Entwurf für einen Vertrag in diesem
Sinne ist bereits von einem Unterausschuß der Zivilen Luftfahrtorganisation erörtert worden. Um baldige Maßnahmen zu erreichen, sollte der Prozeß der Be-

- 12 -

�I

Behandlung beschleunigt und ohne Verzug eine diplomatische Konferenz zur Fertigstellung des Vertrages einberufen werden.
Drittens, ein neuer Vertrag gegen den 'Export von internationalem Terrorismus'
sollte so bald wie möglich abgeschlossen und zur Unterzeichnung aufgelegt werden.
Der Vertrag sollte eine weltweite Verurteilung von Personen enthalten, und ihre
Strafverfolgung oder Auslieferung fordern, die unschuldige Zivilisten in einem
anderen Staat zu dem Zwecke töten, ernsthaft verwunden oder entführen, um einem
Staat oder einer internationalen Organisation Schaden zuzufügen oder von ihnen
Zugeständnisse zu erzwingen.

Zum Abschluß eines solchen Vertrages

sollte so

bald wie möglich eine diplomatische Konferenz einberufen werden. Die amerikanische
Regierung bringt heute einen ersten Entwurf für einen solchen Vertrag in Umlauf.
Wir fordern alle Regierungen auf, diesem Entwurf ernste Beachtung zu schenken.
Wir haben diese verschiedenen Vorschläge ferner in einem Resolutionsentwurf niedergelegt, den wir heute morgen dem Sekretariat zur Verteilung übermittelt haben.
Diese Maßnahmen würden einen wesentlichen Fortschritt in dem Kampf gegen
den internationalen Terrorismus bedeuten. Es liegt sicherlich im kollektiven
Interesse jeder hier in dieser Halle vertretenen Nation, dem wachsenden Angriff
auf die internationale Ordnung Einhalt zu gebieten, vor dem wir heute alle
stehen.
Möge diese Vollversammlung die treibende Kraft für die spezifischen und
die nachdrücklichen Schritte sein, die erforderlich sind. Möge sie beweisen,
daß die Vereinten Nationen diese Probe bestehen können. Möge sie den Menschen
überall in der Welt zeigen, daß diese Organisation hier und jetzt in der Lage
ist, die konkreten Maßnahmen zu treffen, die notwendig sind, um uns einer Welt
näherzubringen die frei von Gewalt ist - einer Welt, wie sie das große Ziel
der Charta der Vereinten Nationen ist.

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39/1972

VEREINTE NATIONEN WERDEN SICH MIT TERRORISMUS BEFASSEN
- Amerikaner unterstützen UN-Generalsekretär -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Die Tatsache, daß sich die Vollversammlung der Vereinten Nationen mit dem weltweiten Terrorismus befassen und
zumindest Vorschläge zu dessen Bekämpfung hören wird, hat die Vereinigten
Staaten mit Befriedigung erfüllt. Amerika hat von Anfang an die Bemühungen
von Generalsekretär Waldheim unterstützt, den Punkt "Terror" auf die Tagesordnung zu bringen.
Vor dem Lenkungsausschuß, der mit 15 gegen sieben Stimmen, bei zwei Stimmenthalt ;ngen, der Vollversammlung die Erörterung von "Maßnahmen zur Verhütung
von Terrorismus und anderen Formen der Gewalt, die unschuldige Menschenleben
gefährden oder kosten oder Grundfreiheiten in Frage stellen" empfohlen hatte,
legte der amerikanische Chefdelegierte, Botschafter George Bush, den Standpunkt
seiner Regierung dar. "Die Vereinigten Staaten", so erklärte er, "unterstützen
nachdrücklich die Aufnahme dieses wichtigen Punktes, dieses dringenden Punktes,
auf die Tagesordnung. Die tragischen Ereignisse in weit auseinander liegenden
Gegenden der Erde lassen keinerlei Zweifel daran, daß die Gefahren nicht nur
für die internationalen Beziehungen, sondern auch für unschuldige Zivilisten
überall unmittelbar und ernst sind. Das kann niemand bestreiten ..."
Obwohl jede Nation die Verpflichtung hat, alles in ihrer Macht stehende
zu tun, um das Auftreten von Terrorakten zu verhindern, und obwohl bilaterale
Maßnahmen zu diesem Zweck unerläßlich sind, erfordert die weltweite Natur des

- 1 -

�des Problems Maßnahmen der ganzen Völkergemeinschaft, wenn nicht unschuldige
Zivilisten in zunehmendem Maße Opfer der Gewalt werden sollen".
Die Weltöffentlichkeit sei über den wachsenden Terror alarmiert, so betonte Bush, und dieses Problem in den Vereinten Nationen nicht zu behandeln,
hieße an dem eigentlichen Zwecke der Weltorganisation vorbeigehen.
Auch der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, Charles Bray,
hatte wiederholt unterstrichen, daß die Vereinten Nationen über Maßnahmen zur
Bekämpfung und Unterbindung des Terrors aktiv werden müßten. Die Vereinigten
Staaten hielten dieses Thema für außerordentlich wichtig. Der Sprecher wies
darauf hin, daß das Problem bei bilateralen Gesprächen von Außenminister Rogers
immer wieder angeschnitten worden sei, so unter anderem mit dem französischen
Außenminister Maurice Schumann und dem israelischen Außenminister Abba Eban.
Rogers habe seinem französischen Kollegen gegenüber auch darauf hingewiesen,
daß die Vereinigten Staaten auf harte Sanktionen gegenüber Ländern drängten,
die Luftpiraten und Saboteuren Unterschlupf gewähren.
Der bekannte amerikanische Kommentator James Reston vertrat in einem Leitartikel in der New York Times die Auffassung, daß vor allem die fünf Großmächte
- die fünf Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen eine besondere Verantwortung trügen, das "internationale Banditentum" zu bekämpfen. Die Vereinigten Staaten müßten alles in ihren Kräften stehende tun,
dieses Problem vor die Vereinten Nationen zu bringen - selbst auf die Gefahr
hin, daß dies mit einer Debatte über Vietnam verquickt würde.
In amtlichen Kreisen in Washington hält man die Vollversammlung der Vereinten Nationen für das durchaus geeignete Forum, um praktische Schritte gegen
den Terror zu beschließen. So könnte die Vollversammlung ihre Mitglieder auffordern, sich an die bereits bestehenden Konventionen von Tokio, Den Haag und
Montreal gegen die Luftpiraterie zu halten. Auch könnten die Vereinten Nationen
nach amerikanischer Auffassung eine Konvention über den Schutz von Diplomaten
ausarbeiten.
Die

- 2-

�Die Vereinigten Staaten selbst haben weitere Schritte zum Schutz vor
Terrorakten ergriffen. So hat der Außenpolitische Ausschuß des Senats die
Ratifizierung der Konvention von Montreal empfohlen, und das Plenum des Senats
hat eine Gesetzesvorlage gebilligt, die die Aufstellung einer neuen Flughafensicherungspolizei ermöglichen soll.

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39/1972

USA UND SOWJETUNION UNTERZEICHNEN MEMORANDUM ÜBER DURCHFÜHRUNG
DES UMWELTABKOMMENS

MOSKAU - (AD) - Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben in der
friedlichen Zusammenarbeit einen "wichtigen Schritt vorwärts" getan und ein
Momorandum über die Durchführung ihres Umweltabkommens unterzeichnet.
Did am 21. September zum Abschluß der viertägigen amerikanisch-sowjetischen
Gespräche erzielte Vereinbarung ist das erste Ergebnis des von Präsident Nixon
und Präsident Podgorny am 23. Mai in Moskau unterzeichneten Abkommens über
Zusammenarbeit im Umweltschutz.
Der amerikanische Delegationschef, Dr. Russell E. Train, bezeichnete
diese Vereinbarung als die bisher umfassendste, die zwischen beiden Ländern auf
diesem Gebiet je getroffen wurden, und als "einen wichtigen Schritt vorwärts".
Dr. Train und der sowjetische Delegationsführer, E.K.Fedorow,kündigten vor der
Presse an, daß sie die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Projekte auch anderen
Ländern zugänglich machen würden.
Dr. Train, der Vorsitzender des amerikanischen Beirats für Umwelthygiene
ist, betonte, daß die zu untersuchenden Probleme "weltweiter Natur" leien. Der
amerikanische Delegationschef ging auf einige der über 30 spezifischen Gebiete
einer engen Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Politikern beider Seiten
ein. So sollen noch in diesem Jahr gemeinsamen mit sowjetischen Wissenschaftlern
Erdbebenstudien in San Francisco durchgeführt werden, während zu einem späteren

- 1 -

�späteren Zeitpunkt zu dem gleichen Zweck eine amerikanische Expertengruppe
nach Zentralasien reisen wird. Als weitere Punkte der Zusammenarbeit nannte
Train

die Bekämpfung der Verschmutzung von Luft und Wasser, die urbane Umwelt

sowie klimatische und landwirtschaftliche Fragen. Diesbezügliche Studien sollen
unter anderem im Rahmen verschiedener Programme in St. Louis und Leningrad, am
Baikal-See und an den amerikanischen Großen Seen sowie in San Francisco und
Atlanta und in Leningrad und wahrscheinlich Wolgograd durchgeführt werden. Eines
der vorgesehenen multinationalen Projekte fußt auf einer anlaufenden Studie
des amerikanischen Handelsministeriums über die Auswirkungen von Überschallflugzeugen auf die Umwelt, für die auch britische, französische und japanische
Daten herangezogen werden.
In einer zum Abschluß der amerikanisch-sowjetischen Gespräche veröffentlichten
Erklärung heißt es, daß die beiden Delegationen "in einer freundschaftlichen
Atmosphäre Beratungen über eine beiden Seiten zum Nutzen gereichende Zusammenarbeit geführt haben".
Die nächsten Beratungen der beiden Delegationen sollen im kommenden Jahr
in den Vereinigten Staaten geführt werden. In der Zwischenzeit werden, wie es
in der Erklärung heißt, Koordinatoren beider Seiten die Kontakte aufrechterhalten, um Fortschritte des Programms sicherzustellen.

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39/1972

CHROMATOGRAPHIE UND SPEKTROSKOPIE
Ausstellung und Fachtagung im US-Handelszentrum

- (AD) - Unter dem Titel "Chromatographie und Spektroskopie" zeigen
vom 23. - 27. Oktober 1972 über 40 amerikanische Hersteller im US-Handelszentrum in Frankfurt am Main moderne Apparaturen und Systeme für die Analytik.
Das Ausstellungsprogramm umfaßt ein lückenloses Geräte-Angebot, das auch alle
wichtigen elektronischen Hilfsmittel für die beiden bedeutendsten Analysenmethoden in der Chemie, in der physikalischen Chemie, Biochemie und Labormedizin umfaßt. Neben den "großen Namen" werden auf der Ausstellung auch
kleinere und noch weniger bekannte Firmen vertreten sein.
Gezeigt werden u.a.: Gas-Chromatographen, Detektoren, FlüssigkeitsChromatographen, Aminosäure-Analysatoren, Elektrophorese-Geräte, Photometer
zur Auswertung von Chromatogrammen und Elektropherogrammen, Spektrophotometer,
Spektrallichtquellen, Monochromatoren, Röntgenfluoreszenz-Spektrometer, automatische Analysengeräte für chemische und klinische Untersuchungen, Blutgasanalysatoren, Geräte für die chemische Metallanalyse sowie Datenerfassungsgeräte und Rechner für analytische

Instrumente..

Angeschlossen an die Ausstellung ist eine Fachtagung vom 24. - 26. Oktober,
auf der deutsche und amerikanische Fachleute über die neuesten Erkenntnisse
der Analysentechnik berichten und fortschrittliche Geräteentwicklungen
diskutieren.
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39/1972

KULTURBRIEF AUS DEN USA
Literatur - Musik - Film - Museen

NEW YORK

- (AD) - Im September 1972 - Alexander Solschenizyns Romane

und Erzählungen sowie die Fülle von Artikeln, die über ihn in der amerikanischen
Presse erschienen sind, machen den Wunsch amerikanischer Leser verständlich,
mehr über das eigentliche Leben dieses Mannes zu erfahren, der 1970 mit dem
Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde und dessen soeben veröffentlichte
Nobelpreisrede diesem Wunsche wieder neue Nahrung gibt. So werden viele Amerikaner das Erscheinen der Solschenizynbiographie von David Burg und George Feifer
begrüßen. Beide Autoren sind hervorragende Kenner der Sowjetunion. Trotz der
Anfeindungen durch sowjetische Behörden - Feifer ist die Einreise in die Sowjetunion auf Lebenszeit untersagt - und trotz der Tatsache, daß Solschenizyn
selbst sich nachdrücklich dagegen verwahrt hat, daß Biographien zu seinen Lebzeiten veröffentlicht werden, haben die beiden Autoren doch ein erstaunlich
objektives Buch vorgelegt. An Hand von Solschenizyns eigenen Schriften - die
ja vorwiegend Autobiographisches enthalten - sowie aus Bemerkungen seiner Freunde
und Bekannten, zeichneten sie das Lebensbild eines Sowjetbürgers, der Krieg,
politische Verfolgung, Arbeitslager, eine bösartige Krebserkrankung und die
Schikanen eines starren Bürokratismus ertragen und überdauert hat. Das Buch
erscheint in einem günstigen Augenblick, nämlich kurz vor Auslieferung der
amerikanischen Ausgabe von Solschenizyns "August 1914", das vom Book-of-theMonth Club in einer ersten Auflage von 100 000 Exemplaren auf den Markt gebracht wird*
Jede

- 1 -

�Jede andere Neueerscheinung wird es im Hinblick auf das Publikumsinteresse schwer haben, sich gegen "August 1914" zu behaupten. Die Verlagsprogramme
für Herbst 1972 lassen außerdem eine gewisse Zurückhaltung auf dem Gebiet der
Romanliteratur erkennen, zumal es immer schwieriger scheint, aufnahmewillige
Märkte zu finden. Herausgegriffen aus dem Herbstangebot etablierter Schriftsteller seien "Museums and Women and other Stories", ein Kurzgeschichtenband
von John Updike; "Marriage and Infidelities" von Joyce Carol Oates; "Transparent
Things" von Vladimir Nabokov und "Chimera" von John Arth.

Auf dem Gebiet der Musik ist Amerika nach wie vor ungeheuer aktiv. Rechnet
man die stattliche Anzahl der Sommerfestivals und Gastspieltourneen großer
Opernensembles und Sinfonieorchester hinzu, hat die Musik in den USA das ganze
Jahr über Saison. Unermüdlich scheint die New York City Opera, die bereits
Ende August die neue Spielzeit mit Donizettis "Maria Stuart" mit Beverly Sills
in der anspruchsvollen Titelrolle eröffnet hat. Vorgesehen sind ferner je
fünf Aufführungen von Mozarts "Don Giovanni" in englischer und italienischer
Sprache - ein Experiment, das viele Opernfreunde begrüßen werden. Mit zu den
rührigsten Opernhäuser Amerikas zählt auch die Santa Fe Opera in Santa Fe,
New Mexiko. Das Haus besteht seit 16 Jahren und hatte auch in diesem Jahr wieder
einen großstädtischen Spielplan aufzuweisen, so u.a. "Don Giovanni" (Mozart),
"Salome" (Richard Strauss), "Madame Butterfly" (Puccini) und die amerikanische
Erstaufführung der Oper "Melusine" von Aribert Reiman (Berlin, , Das Theater
ist eine Art Freilichtbühne mit hervorragenden akustischen Eigenschaften; insgesamt eine Anlage, die sich harmonisch in die zauberhafte Landschaft Neu
Mexikos einfügt. Die Metropolitan Opera eröffnete das Winterprogramm am
19. September mit einer Inszenierung von Bizets "Carmen" von Göran Gentele,
dem leider inzwischen tödlich verunglückten neuen Intendanten der Met. Am
20. September gedachte das New York Philharmonie Orchestra unter der Leitung
seines Chefdirigenten Pierre Boulez im Rahmen eines festlichen Konzerts des
10. Jahrestags der Eröffnung des Lincoln Center.

- 2-

�Die Tatsache, daß drei neue Theater in der kommenden Saison den New Yorker
Theaterplan zusätzlich bereichern, mag als Beweis gewertet werden,daß der
Broadway keineswegs so moribund ist wie einige Kommentatoren dies mit großer
Hartnäckigkeit immer wieder behaupten. Ein weiteres Anzeichen für seine ungebrochene Vitalität ist das Rekordangebot an neuen Musical-Produktionen. Hinzu
kommt die Übernahme außerordentlicher Off-Broadway-Erfolge, einschließlich des
Lustspiels "That Championship Season" von Jason Miller und des Musicals "Jacques
Brei is Alive - and Well and Living in Paris", das in der Off-Broadwayinszenierung
seit Jahren erfolgreich aufgeführt wird und bisher mehr als 1800 Vorstellungen
erreichte.

Das American Film Institute Theater im Washingtoner Kennedy Center ist
zwar noch nicht offiziell eingeweiht, was indes die Manager nicht hinderte,
eben dieses zum Schauplatz einer Art Musikfilmfestival zu machen. Gezeigt
wurden sechs Verfilmungen von Bernsteinkonzerten mit ausgewählten Werken von
Beethoven, Mahler, Verdi und Brahms, die in Tanglewood, London und Wien aufgenommen wurden. Die Vorführungen fanden im Eisenhower Theater des Kennedy
Center statt, das wegen seiner hervorragenden Akustik sich auch für die Aufführung von Kammermusiken und Schauspielen eignet.

Der Jahresbericht der National Gallery of Art (Washington) von 1971 berichtet von 333 Kunstwerken, die 1971 erworben wurden, einschließlich eines
Porträts von Cezanne

sowie Graphiken von Goya, Dürer und Rembrandt. Hinzu

kommen Arbeiten von Künstlern, deren Namen man vor wenigen Jahren in Publikationen der Nationalgalerie wohl vergeblich gesucht haben würde, Namen wie
Morris Louis, Lowell Nesbitt, Andy Warhol und Tom Weselmann. Sie sollen später
in dem noch im Bau befindlichen neuen Flügel der Nationalgalerie, der eine
repräsentative Sammlung moderner Kunst aufnehmen soll, gezeigt werden.
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39/1972

DIE AMERIKANISCHEN VORSTELLUNGEN ZUR INTERNATIONALEN WÄHRUNGSREFORM
- Das Zahlungsbilanzproblem steht im Mittelpunkt -

Von Eugene Brake

WASHINGTON - (AD) - Der Kern des neuen amerikanischen Planes für eine Reform des internationalen Währungssystems ist der Vorschlag, daß die einzelnen
Länder und -er Internationale Währungsfonds (IWF) Veränderungen der Währungsreserven eines Landes daraufhin beobachten, ob eine Anpassung des Wechselkurses seiner Währung nach oben oder nach unten vorgenommen werden sollte.

Der amerikanische Finanzminister George Shultz, der die amerikanischen
Vorstellungen auf der Jahrestagung des IWF am 26. September erläuterte, erklärte hierzu, "ein unangemessener Zuwachs oder Verlust an Reserven" - Währungsguthaben, die von den einzelnen Regierungen zur Finanzierung von Zahlungsbilanzdefiziten benutzt werden - "wäre letztlich der wohl gerechteste und wirksamste
Indikator, den wir als Richtschnur für den Anpassungsprozeß haben".

Es wird also von jedem einzelnen Land erwartet, daß es den Wechselkurs
seiner Währung ändert oder gleich wirksame, international akzeptable Maßnahmen
ergreift, wenn immer dieser Indikator klar zeigt, daß eine Wechselkursänderung
notwendig ist.

So könnten Sanktionen gegen Defizit- oder Überschußländer verhängt werden,
die sich weigern, Anpassungen ihres Wechselkurses vorzunehmen, nachdem die
- 1 -

�die Gemeinschaft der Völker der Welt - vertreten durch den Internationalen
Währungsfonds - entschieden hat, daß eine solche Anpassung nicht länger mehr
aufgeschoben werden kann.

Defizitländer würden Währungsreserven verlieren und könnten ebenfalls
ihres Zugangs zu IWF-Krediten oder ihrer Zuteilung von Sonderziehungsrechten
- den vom IWF geschaffenen und verwalteten internationalen Reserveguthaben verlustig gehen.

Länder mit ständigen Zahlungsbilanzüberschüssen, die sich in der Vergangenheit nur einem geringen Druck, zu handeln, ausgesetzt sahen, hätten zwei neue
Arten von möglichen Sanktionen zu gewärtigen:

1. Sie würden das Recht verlieren, die Einlösung fremder Währungen, die
durch Markttransaktionen erworben wurden, von den Ausgabelandern gegen andere
Reserveguthaben zu fordern. Praktisch wären dann von ihnen erworbene Dollar,
Franc, Yen oder andere Währungen nicht mehr konvertierbar.

2. In extremen Fällen würde es anderen Ländern gestattet werden, besondere
Importabgaben bei Gütern zu erheben, die aus solchen Ländern kommen, die sich
weigern, die neuen Bestimmungen einzuhalten.

Obwohl die neuen amerikanischen Vorstellungen nur ganz allgemein gehalten
waren, und absichtlich vermieden wurde, Einzelheiten über die Arbeitsweise des
neuen Systems darzulegen', hat Shultz doch klar zu verstehen gegeben, daß der
amerikanische Plan dem Internationalen Währungsfonds bei der Schlichtung von
Streitfragen, wann und wie die neuen Bestimmungen angewandt werden sollen, eine
wesentlich stärkere Stellung einräumen würde.

Sobald irgend ein System, so führte Shultz weiter aus, das eine Anpassung
von Zahlungsbilanzungleichgewichten gewährleistet, in Kraft tritt, würden die
Vereinigten Staaten wieder Sonderziehungsrechte oder andere Reserveguthaben
zur Einlösung von Dollar anbieten, die von den Zentralbanken anderer Länder erworben worden sind. Sie würden dies allerdings nur nach einer Übergangszeit
tun, in der die Zahlungsbilanzposition der Vereinigten Staaten eine wesentliche
Stärkung erfahren hat.
Noch

�Noch im Laufe der Woche wird sich der neue Zwanziger-Ausschuß des IWF konstituieren, um dann substantielle Verhandlungen über eine Währungsreform aufzunehmen. Wahrscheinlich werden die amerikanischen Pläne dann in diesen Verhandlungen im Detail ausgearbeitet und zusammen mit dem kürzlichen IWF-Bericht über
eine Währungsreform sowie den Vorschlägen anderer Länder erörtert werden. Da die
meisten der 20 Mitglieder des Ausschusses Ländergruppen repräsentieren, werden
praktisch alle Mitgliedsstaaten des IWF direkt oder indirekt bei den Verhandlungen
vertreten sein.

Die Vereinigten Staaten haben zwar neue Bestimmungen vorgeschlagen, die eine
Korrektur grundlegender Ungleichgewichte innerhalb

des internationalen Währungs-

systems sicherstellen sollen, ihr Plan läßt jedoch eine große Vielfalt in der Wahl
der politischen Instrumente zu, die von den einzelnen Regierungen hierbei eingesetzt werden können.

So könnten Länder den Wechselkurs ihrer Währungen innerhalb verhältnismäßig
großer Bandbreiten freigeben. Gleichzeitig würde es aber auch der Europäischen
Gemeinschaft gestattet sein, ihren Plan für eine Verringerung der Bandbreiten
innerhalb der Gemeinschaft durchzuführen. Und ein Entwicklungsland, das sich
großer Wechselkursstabilität rühmen kann, könnte mit seinem wichtigsten Handelspartner vereinbaren, den Wechselkurs seiner Währung eng an den Wechselkurs dieses
Landes zu binden.

Unter bestimmten Umständen würde es Länden erlaubt sein, den Wechselkurs
ihrer Währungen freizugeben. Aber ein solches Floaten würde neuen strengen
Bestimmungen unterliegen - zum Beispiel Bestimmungen, die sicherstellen, daß
wirklich keinerlei offizielle Interventionen zur Beeinflussung des Kurswertes
vorgenommen werden.

Obwohl bei internationalen Zahlur.gsbilanzungleichgewichten allgemein eine
Anpassung der Wechselkurse erwartet wird, können die betreffenden Länder auch
unter einer Vielzahl anderer, international akzeptabler Maßnahmen wählen - bei
Defizitländern zum Beispiel scharfe Beschränkungen auf binnenwirtschaftlichem
Gebiet oder bei Überschußländern ein Abbau der Handelsschranken oder eine Er- 3-

�Erhöhung der zinsgünstigen Finanzhilfe an Entwicklungsländer.

Dadurch, daß der Anpassungsmechanismus verschiedene Alternativen zuläßt,
haben die einzelnen Regierungen eine größere Handlungsfreiheit. Dies dient
aber auch einem anderen wichtigen Zweck. Für die Spekulanten erhöht sich damit
das Risiko, wenn sie auf künftige Auf- oder Abwertungen setzen. Ihnen wird der
Anreiz zu Spekulationen genommen, den, wie einige Experten befürchteten, jedes
auf automatischen und vorhersehbaren Wechselkursänderungen basierende System
geben könnte.

Gleich den meisten anderen Ländern treten die Vereinigten Staaten für eine
Stärkung der Rolle der Sonderziehungsrechte in dem künftigen internationalen
WährungsSystem ein, während dem Gold eine mehr untergeordnetere Rolle zugewiesen
werden soll. Offensichtlich würde auch der Dollar nicht mehr eine so wichtige
Rolle für die internationalen Währungsreserven spielen, doch hat Shultz angedeutet, daß Ländern, die ihre gesamten Reserven - oder einen Teil - in Dollar
halten wollen, dies gestattet sein soll.

Der amerikanische Plan sieht ferner eine enge Zusammenarbeit von Internationalem Währungsfonds und Allgemeinem Zoll- und Handelsabkommen (GATT) vor.
Dadurch soll sichergestellt werden, daß Handelsschranken und Subventionen nicht
das Ziel einer Wiederherstellung des Gleichgewichts der Internationalen
Zahlungsbilanzen zunichte machen. Dagegen sind Maßnahmen zum Abbau von Beschränkungen und Kontrollen im Handel und im Kapitalverkehr in dem amerikanischen Plan
nicht vorgesehen.

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APOLLO 16-PROBEN FÜR DEUTSCHE WISSENSCHAFTLER

BONN - (AD) - Neue Boden- und Gesteinsproben vom Unternehmen APOLLO 16
sind in der Bundesrepublik eingetroffen. Sie stammen aus dem Descartes-Hochland, ca. 300 km südlich des Mond-Äquators, wo die Astronauten Young und Duke
insgesamt 97 kg Material einsammelten. Ein Teil davon wird gegenwärtig vom
US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) an einige Hundert "Principal Investigators"
in den Vereinigten Staaten und im Ausland zur Vornahme spezieller Untersuchungen
verteilt.
Meist handelt es sich um Proben von nur einigen Gramm Gewicht, die unter
den verschiedensten chemischen und physikalischen Aspekten analysiert werden.
Die sieben Proben der jetzigen Sendung sind für Prof. Wolf von Engelhardt
(Universität Tübingen), Dr. Heinrich Hintenberger und Dr. Hermann Wanke (beide
Max Planck-Institut für Chemie in Mainz) und Dr. T. Kirsten (Max Planck Institut für Kernphysik in Heidelberg) bestimmt.
Im Vordergrund der Untersuchungen stehen dieses Mal Altersbestimmungen
vom ersten Material aus den lunaren "Kontinenten", d.h. vom Hochland über den
Mare-Becken, sowie chemische Analysen, einschließlich der Ermittlung von Spurenelementen. Die genannten Wissenschaftler beteiligten sich bereits an den Analysen
von Material aus dem Gebiet früherer APOLLO-Landeplätze. So wurden an Gesteinssplittern, Staub und Brekzien von der APOLLO 15-Basis am Apennin und an der
Hadley-Rille u.a. Druckwelleneffekte bestimmt, wie sie nahe der Aufsturzstelle

-

I

-

�Aufsturzstelle eines Meteoriten auftreten können. Ferner befaßte man sich
mit Kristallgitter-Untersuchungen, Kristallverformung unter Druckwelleneinwirkung im Vakuum und bei tiefen Temperaturen, mit dem Gehalt der Proben an
Edelgasen und gewöhnlichen Gasen sowie dem Anteil von deren verschiedenen
Isotopen, mit der Altersbestimmung des Materials sowie möglicherweise eingetretenen KernUmwandlungen unter dem Einfluß der kosmischen Strahlung.

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- 2-

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BIOCHEMISCHE PRÄZISIONSMESSUNGEN

- (AD) - In einem Vortrag vor der Gesellschaft amerikanischer Chemiker
erläuterte Dr. Charles Scott vom Kernforschungszentrum Oak Ridge National
Laboratory (Tennessee) ein neues Verfahren, das die Empfindlichkeit von bestimmten Untersuchung, oiethoden außerordentlich erhöht. Scott nennt es
"Differential-Chromatographie mit sehr hoher Auflösung". Die dabei verwendeten
Instrumente vergleichen Flüssigkeiten und deren Verhalten bei der erzwungenen
Passage fester Stoffe. Diese Feststoffe halten gewisse Elemente zurück und beschleunigen den Transport anderer Elemente. Die quantitativen Unterschiede in
der Zusammensetzung von Flüssigkeiten, die in zwei parallel geschalteten Chromatographen verglichen werden, braucht man dann nur abzulesen.
Das Verfahren eignen sich nach Scott für diagnostische Zwecke in der Medizin,
zur Prüfung der Wirkung von Arzneimitteln und zur Ermittlung von Schmutz- und
Schadstoffen, die wegen ihrer geringen Konzentration schwer zu erfassen sind.
Versuchsweise wurde die Methode auch bei der Krebsdiagnose angewandt. Dabei
zeigte sich u.a., daß Krebs, ranke größere Mengen methylierter Purinverbindungen Elemente des genetischen Materi als der Zelle - ausscheiden, als gesunde Kontrollpersonen. Das Instrument mißt z-B. auch die Wirkung eines Medikaments, indem
die Zusammensetzung des Urins vor und nach der Einnahme bzw. Anwendung des
Präparats qualitativ und quantitativ analysiert wird. Außerdem war es bei Versuchen möglich gewesen, Spuren von Kohlenwasserstoffen in Abwässern vor und nach
deren Behandlung mit Chlor zu bestimmen.

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39/1972

STRENGERE MASSTÄBE FÜR STANDARDTESTS

- (AD) - Die amerikanische "Food and Drug Administration" (US-Bundesbehörde zur Überwachung von Lebens- und Arzneimitteln sowie kosmetischen Präparaten) hat angekündigt, daß sie für diagnostische Standardtests strengere Vorschriften und neue bundeseinheitlichen Standardwerte festsetzen werde. Das gleiche
gelte für alle biologischen Produkte, die zur Verhütung und Behandlung von Krankheiten verwendet werden.
Die amerikanische Bundesbehörde FDA verfolgt damit das Ziel, alle auf dem
Markt befindlichen Artikel, mit denen beispielsweise jedermann selbst den
Zuckerspiegel im Harn prüfen kann, mit denen Frauen selbst einen Schwangerschaftstest vornehmen oder das technische Personal in medizinischen Laboratorien unter großer Zeiteinsparung BlutUntersuchungen unter den verschiedensten
Gesichtspunkten ausführt, zu überprüfen und einer strengeren Kontrolle zu unterwerfen. Nach Aussage von Henry Simmons, des FDA-Direktors für pharmazeutische
Produkte, hat die Herstellung solcher Do-it-yourself-Diagnosehilfen und vorbereiteten Testpräparate eine solche Ausweitung erfahren, daß manche dieser Artikel
sogar ohne Lizenz auf den Markt kommen. Da allgemeine Richtlinien für die Anwendung und die Interpretation der Meßwerte fehlen, sind viele Hersteller und
kommerzielle Laborbetriebe dazu übergegangen, eigene Vorschriften und Maßstäbe
für die Interpretation zu entwickeln. Dies alles soll bis zum Jahr 1973 bundeseinheitlich geregelt und an den von der FDA ausgearbeiteten Vorschriften orientiert werden.
Die

-

I

-

�Die Durchführung von Bluttests und der Blutfaktoren-Bestimmung wird auch
deshalb überprüft, damit die mögliche Gefahr einer Übertragung von Infektionskrankheiten wie Hepatitis ausgeschaltet wird. Ferner will man die Impfstoffe
gegen bakterielle Infektionen und andere biologische Präparate unter die Lupe
nehmen, damit gewährleistet wird, daß sie tatsächlich Antikörper-Reaktionen
gegen die von ihnen zu bekämpfenden Krankheitserreger in Gang setzen.
Die Aktion beginnt bei den Präparaten für die häufig angewandten Glukosetests; als nächstes kommen die Verfahren an die Reihe, mit denen auf einfache Weise Hämoglobin im Blut bestimmt wird.

- 2-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nixon fordert grundlegende Reform des internationalen Währungssystems&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede des Präsidenten auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz erläutert US-Vorstellungen zur internationalen Währungsreform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede des amerikanischen Finanzministers auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rede von Außenminister Rogers vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinte Nationen werden sich mit Terrorismus befassen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Amerikaner unterstützen UN-Generalsekretär -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Sowjetunion unterzeichnen Memorandum über Durchführung des Umweltabkommens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Chromatographie und Spektroskopie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausstellung und Fachtagung im US-Handelszentrum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kulturbrief aus den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Literatur - Musik - Film - Museen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Vorstellungen zur internationalen Währungsreform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Das Zahlungsbilanzproblem steht im Mittelpunkt -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;APOLLO 16-Proben für deutsche Wissenschaftler&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Biochemische Präzisionsmessungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Strengere Maßstäbe für Standardtests</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation
United States Information Service

26

28. September 1977
INHALT

DOKUMENTATION
Präsident Carter erläutert seine Menschenrechtspolitik
\

Brown bekräftigt BUndnistreue der Vereinigten Staaten
- Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977
Young: Vereinte Nationen müssen Nord-Süd-Dialog fortsetzen
- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -

WIRTSCHAFT
Ansprache Carters vor dem IWF und der Weltbank
- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Die Vereinten Nationen als Forum für den Nord-Süd-Dialog
- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes
Erdgas aus Alaska
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"ENTERPRISE" zum zweiten Mal im freien Flug
Meeresalgen als Methanquelle

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

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�Dokumentation

I a

United States Information Service

28. September 1977

26

PRÄSIDENT CARTER ERLÄUTERT SEINE MENSCHENRECHTSPOLITIK

Präsident Jimmy Carter hat in einem mit
seinem Namen gezeichneten Artikel in der
amerikanischen Zeitung BALTIMORE SUN seine
Vorstellung von den Menschenrechten definiert. Der Artikel, der am 19. September
1977 auf der Kommentarseite des Blattes
erschien, wurde auf Ersuchen der Zeitung
geschrieben.

Bei genauem Hinsehen gibt es gar keinen "typischen Amerikaner".
Nach Herkommen, Religion, Hautfarbe, Dialekt, kulturellem Hintergrund
- ja selbst nach Geburtsland - sind wir so vielfältig wie die Menschheit selbst.
Aber wenn es etwas gibt, das uns alle vereint, dann ist es ein gemeinsamer
Glaube an bestimmte Grundrechte des Menschen.
In den acht Monaten,seit ich im Amt bin, habe ich versucht, die diesen
Rechten gebührende Achtung in das Gewebe unserer Außenpolitik hineinzuflechten.
Als Nebenerscheinung dieses notwendigerweise noch im Versuchsstadium steckenden Bemühens entspann sich eine Debatte über das Wesen der Menschenrechte und
wie sie am besten zu fördern seien, die unsere ganze Nation - ja die ganze Welt
ergriff.
Die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die Menschenrechte zu definieren, ist ein riskantes Unterfangen.

Es be-

steht die Gefahr, daß etwas wesentliches ausgelassen wird; aber ebenso besteht auch die Gefahr, daß Dinge mit einbezogen werden, die - so erwünscht
sie auch sein mögen - keinesfalls Rechte sind.

Die beste Definition, die

ich kenne - und gewiß die bündigste - ist der von Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung benutzte Ausdruck:

Leben, Freiheit und das Streben nach

Glück.
Das fundamentalste dieser Rechte ist das Leben - das Recht auf Unverletzlichkeit der Person.

Das ist das Recht eines jeden Einzelnen, in Frie-

den und frei von jeder willkürlichen Hinrichtung, Folter oder Gefangennahme
zu leben.
Unter Menschen guten Willens, welcher politischen Ideologie sie auch
anhängen mögen, kann es keinen Streit über dieses Recht geben.
unverrückbare Grundlage des Sozial Vertrages, und ein

Es ist die

Regime, das dieses

Recht systematisch und wiederholt verletzt, büßt am Ende seine eigene Legitimität ein.
Jeffersons zweites "unabdingbares Recht" - das Recht auf Freiheit - umfaßt die bürgerlichen Freiheiten, wie sie in vielen großen und berühmten Dokumenten niedergelegt sind - angefangen von unserer eigenen "Bill of Rights"
(Bürgerrechte) bis zu dem ersten Teil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Die wichtigste dieser Freiheiten ist die Gewissensfreiheit mit den dazugehörigen Freiheiten der Rede und der Presse.
Das dritte Recht ist das Streben nach Glück, und es ist ein Zeichen für
die Besonderheit des Genius von Jefferson, daß er es gerade in dieser Weise
ausdrückte und nicht die doch recht kalte Formulierung der damaligen Zeit
von dem "Streben nach Besitz" gebrauchte.
In unserer modernen Zeit würden die meisten von uns das Streben nach
Glück so verstehen, daß dazu das Recht auf einen Grundstandard der materiellen

�materiellen Existenz gehört - auf Nahrung, Wohnung, Gesundheitsfürsorge
und Bildung.

Im internationalen Recht findet dieses dritte Menschenrecht

- das weniger eine Freiheit als vielmehr eine Angelegenheit der sozialen
und wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist - seinen Ausdruck in der zweiten
Hälfte der Allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Wenn es schwierig ist, die Menschenrechte zu definieren, so ist es
noch schwieriger, Mittel und Wege zu finden, um sie zu fördern. Menschenrechte können nicht das einzige Ziel unserer Außenpolitik sein - nicht in
einer Welt, in der der Friede buchstäblich eine Sache des Überlebens ist.
Uns sind Grenzen gezogen durch die Tatsache, daß eine Entscheidung, die
uns auf das eine unserer Ziele hinführt, uns von einem anderen weiter hinwegbringen kann,und durch die Grenzen unserer Macht. In dieser unvollkommenen Welt werden die Ergebnisse unseres Handelns keineswegs immer eindeutig sein, selbst wenn das Motiv unseres Handelns es ist.
Durch öffentliche Diskussion und Einwirkung im Stillen ist einiger Fortschritt erzielt worden.

Aber wir können im Kampf für die Menschenrechte

keine raschen oder leichten Ergebnisse erwarten - in einem Kampf, der schon
seit vielen Jahrhunderten andauert.
Letztlich ist der beste Weg, wie wir die Sache der Menschenrechte in
anderen Ländern fördern können, alles zu tun, um sie im eigenen Lande zu fördern. Man kann die Menschenrechtssituation in totalitären Ländern mit der
in unserem eigenen Land nicht vergleichen. Eine systematische Zerstörung der
Freiheitsrechte durch einen allmächtigen Staat hat es in der amerikanischen
Geschichte niemals gegeben.
Dennoch ist es gut, sich daran zu erinnern, daß noch vor 15 Jahren amerikanischen Bürgern das Stimmrecht aufgrund ihrer Hautfarbe vorenthalten
wurde.

Und selbst heute noch ist die dritte der Freiheiten Jeffersons nur

unvollkommen verwirklicht, soweit es viele Amerikaner betrifft.
Der
- 3 -

�•

Der Kampf geht weiter hier in unserem eigenen Land. Und wenn dies
auch weiterhin für die Vereinigten Staaten gilt, deren demokratische Freiheiten eine Geschichte haben, die sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, so
gilt es umso mehr für die ganze Welt, von der viele Teile diese Freiheiten
niemals gekannt haben.
•

Auf lange Sicht bin ich optimistisch. Veränderungen werden nicht rasch
kommen, aber sie werden mit Sicherheit kommen. Der Gang der Geschichte ist
langsam und oft verwirrend, aber solange wir uns selbst treu bleiben, ist
die Geschichte - was die Menschenrechte anbetrifft - auf unserer Seite.

•

+ + + + +

.

�1

1
I

Dokumentation
United States Information Service

28. September 1977

26

BROWN BEKRÄFTIGT BONDNISTREUE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Harold Brown
bekräftigte in einer Rede am 15. September 1977 vor dem Verband der Rüstungsindustrie in den USA die Bündnistreue der Vereinigten Staaten und versicherte,
daß der Verteidigungshaushalt jährlich um drei Prozent erhöht werde.

Brown

nahm auch klar und eindeutig zu der in Europa umstrittenen Sicherheitsstudie
PRM-10 Stellung und hob den Unterschied zwischen Studie und politischer Entscheidung hervor.
Die Rede des Verteidigungsministers hat folgenden Wortlaut:
Ich nehme an, daß viele von Ihnen kürzlich eine Menge über eine Sache
gelesen haben, die PRM-10 genannt wurde.

Falls Sie nicht ganz sicher sind,

worauf ich mich beziehe: PRM-10 ist weder ein Kinderwagen (pram) noch ein Getränk.

PRM-10 ist die Abkürzung für Presidential Review Memorandum Nummer 10.

Es ist eine zwischenbehördliche Studie, die vom Präsidenten in Auftrag gegeben
wurde.

Ihr

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�Ihr offizieller Titel lautet:
Truppenstä'rkenanalyse."

"Umfassende vergleichende Lage - und

Ihr Thema sind die Ziele der nationalen Sicherheit,

Strategien und die Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Weil ich den Eindruck habe, daß mancherorts fälschlicherweise eine Studie
und eine politische Entscheidung für ein und dieselbe Sache gehalten werden,
möchte ich diese Gelegenheit benutzen, um darzulegen, warum es Studien wie
PRM-10 gibt, warum PRM-10 wohl so viele Kommentare ausgelöst hat und welches
Ziel diese Regierung auf dem Gebiete der nationalen Sicherheit tatsächlich
verfolgt.
.

Die Notwendigkeit für PRM-10
Ich kann verschiedene Gründe dafür anführen, warum PRM-10 in Auftrag
gegeben wurde.

Denken ist eine harte Arbeit.

Es ist eine besonders harte

Arbeit, wenn man die Umwelt analysieren, operative Ziele herausheben sowie
wirksame und erfolgreiche Programme zur Erreichung dieser Ziele ausarbeiten
muß.
Wenn diese Arbeit erst einmal getan ist, dann entsteht - vor allem in
großen Organisationen - die Tendenz.alles in einen konkreten Rahmen zu bringen.
Einzelne Stäbe verhalten sich defensiv zu den Programmen. Man widersetzt
sich einem Wandel.
Die Programme werden zum Selbstzweck. Deshalb sollten unsere Stäbe von
Zeit zu Zeit Abstand gewinnen von ihren Mikro-Analysen und ihren Mini-Schiachten, damit sie sich den größeren Fragen und den ihren Programmen zugrundeliegenden Voraussetzungen zuwenden können. Wir möchten, daß sie sich überlegen, was sich denn - wenn überhaupt - in der Umwelt geändert hat. Sie müssen sich fragen, ob unsere operativen Ziele auf die heutige Realität bezogen
sind. Sie müssen sehen, ob ihre Programme noch einen Sinn haben.
Wir

�Wir könnten nach einer solchen Überprüfung dann sehr wohl entscheiden,
daß keine Änderungen, keine Änderungen nach oben angebracht sind - oder gar
drastische Änderungen.

Aber solch eine gelegentliche Überprüfung ist meiner

Ansicht nach genau so wichtig wie von Zeit zu Zeit eine ärztliche Untersuchung,
obwohl ich nicht empfehlen würde, das jedes Jahr zu veranstalten.

Das Aus-

maß an Arbeit, die wachgerufenen Besorgnisse und das Unbehagen insgesamt sind
beträchtlich.

Darüber hinaus ist überhaupt nicht gesagt, daß die internatio-

nale Gemeinschaft und ihre verschiedenen Gebrechen sich so rasch verändern,
daß eine jährliche Überprüfung dieses Umfangs erforderlich wäre.

Aber für

eine neue Administration führt kein Weg an einer solchen Analyse vorbei, und
es gibt keinen Ersatz dafür.
Eine dieser wichtigen von Zeit zu Zeit stattfindenden Überprüfungen
war die PRM-10-Studie. Ein Teil dieser Studie - eine umfassende allgemeine
Lagebewertung - untersuchte die Weltlage im allgemeinen und die sich zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion entwickelnde Beziehung im besonderen. Der zweite Teil gab eine Einschätzung der Kapazitäten der derzeitigen
amerikanischen Verteidigungsposition unter verschiedenen Grundannahmen und
konstruierte eine Reihe von Verteidigungssituationen für die Vereinigten
Staaten zusammen mit einer ungefähren Einschätzung ihrer Kosten und des durch
sie Erreichbaren. Ein Vergleich dieser Optionen mit der programmierten Position gab uns eine Möglichkeit - aber nicht die einzige - ,um entscheidende
Grundvoraussetzungen ins Licht zu rücken und Fragen aufzuwerfen, wie weit sie
richtig und wertvoll seien.

Die Konsequenzen der PRM-10-Studie
Die Beachtung, die PRM-10 in der Öffentlichkeit gefunden hat, mag zu
einem guten Teil einfach daher rühren, daß man die Studien der PRM-10 Arbeitsstäbe mit der nationalen Sicherheitspolitik durcheinanderbrachte.

Wenn

Grundvoraussetzungen durch alternative militärische Ziele und Positionen
analysierend in Frage gestellt werden, so können diese Infragestellungen und
- 3 -

�und Alternativen allzu leicht irrtümlich für mehr gehalten werden,als sie
sind - nämlich Illustrationen dessen, was mit dem Aufbau der Streitkräfte geschehen könnte, wenn die Ziele und Grundvoraussetzungen der einen oder anderen Art verändert werden.
Ich bin überzeugt, daß die PRM-10-Studie ihren Aufwand an Zeit, Energie
und Mühe wert gewesen ist.

Alle an ihr Beteiligten haben eine Menge gelernt

- sowohl in bezug auf die Bürokratie als auch über die Substanz.

Eine neue

Administration gewann so ein besseres Verständnis für die Entscheidungen ihrer
Vorgänger.

Die wesentliche Kontinuität der amerikanischen nationalen Sicher-

heitspolitik wurde bekräftigt, wenngleich zweifellos Verbesserungen in dieser
Politik erfolgen werden in dem Maße,wie die Verhältnisse sich ändern und wir
uns weiterhin mit den yor uns liegenden komplexen Problemen auseinandersetzen
werden.
•

Nationale Sicherheitspolitik
Hier ist vielleicht der Punkt, an dem ich einhalten sollte. Aber, um
die Redensart einmal in einem modernen Sinne zu benutzen, ich muß noch weitersingen, um mir mein Abendessen zu verdienen. Bevor ich Ihnen also einen zusammenfassenden Überblick darüber gebe, wie diese Administration die Welt sieht,
was wir für unsere wichtigsten Probleme der nationalen Sicherheit halten und
wie wir sie anpacken wollen, möchte ich das eine unterstreichen: Verteidigungsprogramme sind - anders als PRM-10 - keine Studien.
Verteidigungsprogramme müssen spezifisch sein und müssen zwischen Alternativen wählen.

Sie sind notwendigerweise abhängig von der Zeit und beschränkt

durch die verfügbaren Mittel.
stellen.

Sie müssen eine ungewisse Zukunft in Rechnung

Infolgedessen werden Veränderungen in der Gesamtposition nahezu

immer schrittweise und Stück für Stück erfolgen.

Wo so gewaltige Dinge auf dem

Spiel stehen, muß Evolution - nicht Revolution - die Parole des Tages sein.
Auch wenn uns Hoffnungen beflügeln mögen, müssen uns doch am Ende die Realitäten und unsere langfristigen Ziele leiten.
Tendenzen

�Tendenzen und Ziele
Ich will zusammenfassend über einige dieser Realitäten sprechen, die
uns in unserer heutigen Welt leiten müssen:
- Erstens, die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion bleiben weiterhin gekennzeichnet durch Wettstreit und Zusammenarbeit, mit dem innewohnenden Risiko des Konflikts wie aber auch der Chance
zur Stabilisierung dieser Beziehungen.
- Zweitens, in vielen der nicht-militärischen Aspekte des Wettstreits
haben die Vereinigten Staaten gewaltige Vorteile gegenüber der Sowjetunion:
1n ihren industriellen, landwirtschaftlichen und technologischen Kapazitäten
und in ihrem diplomatischen Einfluß, in bezug auf die Energie und die Unternehmungskraft ihrer Bürger, in dem Anklang, den unser System - in seinem Verständnis und seiner Hilfsbereitschaft und seinem schlichten Anstand - findet,
und in der Unterstützung der Verbündeten und anderer Freunde, die wahrhaft
ähnliche Hoffnungen und Ziele wie wir verfolgen.
- Drittens, die Sowjetunion leidet unter größeren inneren Schwächen und
Mängeln wirtschaftlicher, politischer und sozialer Art. Ihr fehlt es an Verbündeten, die aufrichtig zu ihr halten, und sie hat Rückschläge in ihren Beziehungen zur Volksrepublik China, zu Indien und Teilen Afrikas erleben müssen.
Andererseits ist die UdSSR aufgrund eines geschlossenen Prozesses der politischen Entscheidungen imstande, ihre Anstrengungen auf einen engen Bereich
zu konzentrieren.

In einigen Fällen ist das für sie ein realer Vorteil.

- Viertens, viele internationale Tendenzen und Probleme entwickeln sich
weiterhin unabhängig von dem Wettstreit zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten; es wäre demnach ein Fehler, all unsere Aufmerksamkeit und
unsere Ressourcen ausschließlich auf diese Rivalität oder auf seine militärischen Komponenten zu konzentrieren.
- Fünftens

�- Fünftens, die Sowjetunion bleibt trotz der Wichtigkeit dieser anderen
Bewegungen und Tendenzen unser Hauptproblem für die nationale Sicherheit
- zwar nicht das einzige ,aber doch das größte.
Vor allem sollten wir uns über die eine Tatsache nicht täuschen:

Die

Sowjetunion ist dabei, eine militärische Macht zu gewinnen, die der der Vereinigten Staaten vergleichbar ist.
Wir müssen weiterhin mit den Sowjets um Abkommen über eine in angemessener Weise verifizierbaren Rüstungskontrolle und Abrüstung verhandeln, durch
die die internationale Stabilität verstärkt und das Wettrüsten begrenzt werden - sowohl auf nuklearem wie auf nicht-nuklearem Gebiet.

Wir sollten ver-

suchen, die Sowjetunion in einer Reihe globaler Aktivitäten mit einzubeziehen
- auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, einschließlich des Handels mit
nichtstrategischen Gütern.

Wir sollten sie zur Zusammenarbeit bei der Lösung

regionaler Konflikte und bei der Reduzierung von Spannungsgebieten ermutigen,
die zu einer Konfrontation führen könnten.
Aber keine dieser Bemühungen darf uns dazu bewegen, das Eintreten Amerikas
für die Menschenrechte und die Freiheit herunterzuspielen.
Und sie sollten uns ganz gewiß nicht davon abhalten, der militärischen
Macht der Sowjets mit der gleichen Stärke entgegenzutreten und einem gegen
uns gerichteten sowjetischen Einfluß in so entscheidend wichtigen Gebieten
wie Westeuropa, Ostasien und dem Nahen Osten wirksam zu begegnen.
Hierzu wird im Verein mit unseren Verbündeten unser Hauptverteidigungsziel die Aufrechterhaltung eines ausgewogenen militärischen Gesamtstärkeverhältnisses mit der Sowjetunion sein, das zumindest so günstig für uns ist
wie das derzeit bestehende.
ist es, was wir wollen.

Abschreckung - nicht aber überwältigende Macht -

Dazu aber brauchen wir eine glaubwürdige Kampfkapazi-

tat.
- 6 -

Um
—

�Um diese Abschreckung zu sichern, wollen wir die Höhe der amerikanischen
Verteidigungsausgaben um jährlich real etwa drei Prozent erhöhen.

Unsere

NATO-Verbündeten haben sich ebenfalls verpflichtet, zu versuchen, dieses Ziel
zu erreichen.

Strategisehe Nuklearstreitkräfte
Obwohl ein strategischer Nuklearangriff die am wenigsten wahrscheinliche
Möglichkeit ist, der wir uns gegenübersehen, so ist doch die Aufrechterhaltung
eines ausgewogenen strategischen nuklearen Kräfteverhältnisses eine der lebenswichtigsten Verteidigungsaufgaben, vor der wir stehen.
Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion besteht zur Zeit ein
strategisch-nukleares Gleichgewicht.
Situation nennen.

Manche Leute mögen es auch eine Patt-

Die strategische Abschreckung wirkt auf jeden Fall.

Diese Administration ist entschlossen, die strategische Abschreckung der
USA aufrechtzuerhalten. Wir würden vorziehen, es durch gerechte und verifizierbare Abkommen über eine Begrenzung und Reduzierung der Kernwaffen aufrechtzuerhalten. Wir werden es aber aufrechterhalten, welche Mittel und
Ressourcen auch immer dazu notwendig sein mögen. Niemand sollte auch nur die
geringsten Zweifel in dieser Hinsicht haben.
Ich unterstreiche diese Entschlossenheit aus zwei wesentlichen Gründen:
Der erste besteht ganz einfach darin, daß das strategische Kräfteverhältnis
nicht statisch ist; aufgrund der wesentlichen und anhaltenden Anstrengungen
der Sowjetunion ist es in höchstem Maße dynamisch. Der zweite Grund ist die
Tatsache, daß es eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe ist, mit dieser
dynamischen Entwicklung fertig zu werden; es gibt hier keine leichten, auf
einen Schlag zu erreichende Lösungen.

Die
- 7 -

�Die Vereinigten Staaten haben in diesem Wettbewerb nicht geschlafen.
Wir haben nicht auf unseren Händen gesessen.

Aber wir müssen alle erkennen,

daß die Sowjets eine ganze Anzahl großer, eindrucksvoller und kostspieliger
strategischer Programme in Arbeit haben, um ihre Offensivkapazität, ihre aktive Verteidigung und ihr passives Verteidigungssystem zu stärken.

Sie be-

gnügen sich nicht damit, ein Problem zu prüfen, sie arbeiten daran.
Um Ihnen nur einen Hinweis darauf zu geben, welche Anstrengungen - und
welcher Schwung - dahinter stehen:

Die Sowjets dislozieren gegenwärtig eine

vierte Generation von Interkontinentalraketen (ICBM) in einem Tempo von 100
bis 150 pro Jahr.

Diese Raketen sind, was ihre Treffsicherheit und ihre Trag-

kraft anbetrifft, fast übereinstimmend erstklassig.
Gleichzeitig entwickeln die Sowjets vier neue Interkontinentalraketen,
sie setzen die Arbeit an der SS-16, ihrer mobilen Interkontinentalrakete,fort,
ynd sie modernisieren vier weitere Raketen.

Warum die Sowjets die Verbesserung

ihrer strategischen Nuklearkapazität so nachdrücklich vorantreiben, kann niemand genau sagen.
Fest steht jedoch, daß wir ihre Anstrengungen nicht einfach außer acht
lassen oder davon ausgehen können, daß die Sowjets von Verteidigungsüberlegungen oder gar von Menschenfreundlichkeit motiviert seien.
Nach meiner eigenen Auffassung stehen wir seit vielen Jahren an einem
Punkt, wo ein voller thermonuklearer Schlagaustausch zwischen der Sowjetunion
und den Vereinigten Staaten für beide Seiten eine Katastrophe unvorstellbaren
Ausmaßes wäre.

Ich habe in den letzten acht Monaten nichts in Erfahrung bringen

können, was diesen Schluß geändert hätte.
Würden die beiden Supermächte Kernwaffen gegeneinander zur Anwendung
bringen - seien es taktische oder strategische - so würde das nach meiner Ansicht das äußerste Risiko heraufbeschwören, daß sich der Konflikt rasch zu
einem vollen thermonuklearen Krieg ausweitet, obwohl ich mit dieser Voraus-

�Voraussage nicht ganz so sicher sein kann wie mit meiner vorigen These.
Wenn aber die Abschreckung vor einem nuklearen Krieg das unser Verteidigung zutiefst zugrundeliegende Ziel ist - und das ist es sicherlich - dann
kommt es darauf an, was die politischen und militärischen Führer der Sowjets
glauben. Hier stehen wir vor einer weiteren Ungewißheit. Was uns als ausreichend erscheint, mag ihnen als etwas anderes erscheinen. Was uns abschrekken würde, mag sie nicht abschrecken. Was manche als Abschreckung für glaubwürdig halten, mögen sie als einen Bluff abtun. Große Vorsicht und sorgfältige Absicherung sind angesichts dieser Ungewißheiten entscheidend wichtig.
Grundsätzlich erfordern sie von uns, daß wir auf einer im wesentlichen Gleichwertigkeit der strategischen nuklearen Streitkräfte mit der Sowjetunion beharren. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, können wir uns nicht mit
weniger zufrieden geben.
Unter einer im wesentlichen Gleichwertigkeit verstehen wir die Erreichung
der folgenden vier allgemeinen Bedingungen:
Erstens, daß die Sowjets ihre strategischen Nuklearstreitkräfte nicht
als nutzbare Instrumente für politische Machtausübung, diplomatischen Druck
oder militärische Überlegenheit ansehen.
Zweitens, daß die nukleare Stabilität, vor allem während einer Krise,
aufrechterhalten wird.
Drittens, daß alle Vorteile in bezug auf bestimmte Charakteristika der
Streitkräfte, die die Sowjets für sich verbuchen können, durch andere Vorteile für die Vereinigten Staaten ausgeglichen werden.
Viertens, daß die amerikanische Position in ihrer Kapazität den Streitkräften der Sowjetunion nicht faktisch unterlegen ist und auch nicht als
unterlegen angesehen wird.
Ich
- 9 -

�Ich darf hinzufügen, daß die Vereinigten Staaten weder den Wunsch noch
den Plan haben, eine die Bewaffnung des Gegners ausschaltende ErstschlagkapaZität gegen die Sowjetunion zu entwickeln.

Wir werden uns daher um eine sol-

che Kapazität auch nicht bemühen, vorausgesetzt, daß die Sowjets eine ähnliche
Zurückhaltung gegenüber den Vereinigten Staaten zeigen.
Die spezifischen Bedingungen für Gleichwertigkeit werden sich zweifellos mit der zeitlichen Entwicklung und dem Erfolg der SALT-Verhandlungen verändern.

Zu allen Zeiten aber sollten sie die Fähigkeit zur Durchführung fol-

gender Aufgaben einschließen:
Im Falle eines nuklearen Angriffs eine rechtzeitige Warnung und Einschätzung ermöglichen.
Einen mit voller Stärke geführten, genau koordinierten Überraschungsangriff durch die Sowjets aufzufangen und doch alle wesentlichen Aufgaben voll
auszuführen.
Zu diesen Aufgaben sollte die Fähigkeit gehören:
- Der UdSSR nach einem umfassenden sowjetischen Erstschlag einen nicht
ertragbaren Schaden zuzufügen;
- eine Reihe selektiver Optionen zu realisieren, um eine Eskalation unter Kontrolle zu bringen, den Schaden soweit wie möglich zu begrenzen und den
Kampf zu den günstigsten Bedingungen zu beenden;
- das Kommando und die Kontrolle beizubehalten, die zur Ausführung dieser Optionen aber auch zu vollen, umfassenden Gegenschlägen notwendig sind;
- eine gesicherte Streitmacht in Reserve zu halten für den möglichen Einsatz nach einem größeren nuklearen Schlagabtausch;
- eine
10 -

�- eine ausreichende Überwachung und Kontrolle des amerikanischen Luftraums zu ermöglichen; und
- die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für aktive strategische Verteidigung (einschließlich ABM) sicherzustellen, die ausreichend ist, um die
sowjetischen Verteidigungsprogramme richtig einzuschätzen und ihnen zweckmäßig zu begegnen.
Solange wir die Fähigkeit zur Durchführung dieser Aufgaben beibehalten,
dürfte das strategische nukleare Kräfteverhältnis stabil bleiben.

Ich werde

darauf achten, daß wir diese Kapazitäten behalten.

Allgemeine Streitkräfte
Es kann keinen Zweifel geben, daß wir in einer Zeit der strategischen
nuklearen Parität

mehr denn je um eine Reihe taktischer Ausgewogenheiten

besorgt sein müssen sowie um die Angemessenheit der konventionellen Kapazitäten der USA und der Verbündeten.

Durch strategische Parität ist keines-

wegs jegliche Gewaltanwendung gebannt; vielmehr wird durch sie eine mögliche
Anwendung der traditionelleren Formen von Gewalt für unsere Gegner eher verlockender.
Ob nun aus diesem oder irgendeinem anderen Grunde, jedenfalls hält der
Sowjetblock seine Kapazität für einen Großangriff auf Westeuropa bei und ist
weiterhin bestrebt, sie zu verbessern.

Ein solcher Angriff könnte mit nuklearen

oder nicht-nuklearen Mitteln geführt werden.

Er könnte nach einer längeren

Periode der Mobilisierung und Dislozierung durch den Warschauer Pakt erfolgen.
Aber wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, daß die mächtigen Streitkräfte des Paktes, die in Osteuropa bereits aufgestellt sind, ohne Verstärkung
und nahezu ohne taktische Warnung mitten in einer Ost-West-Krise angreifen.

Die

�Die gegenwärtigen NATO-Richtlinien tragen der Bedeutung dieser Möglichkeiten Rechnung.

Der Nachdruck auf die flexible Antwort und die Notwendig-

keit für konventionelle wie taktische und strategische Nuklearstreitkräfte
ist weiterhin voll und ganz angebracht.

Alle Verbündeten sind sich jedoch

darin einig, daß Verbesserungen auf vier Gebieten unbedingt erforderlich sind:
- der konventionellen Kapazität der NATO
- der Vorneverteidigung des Bündnisses
- der Ausgangskampfkapazitat der Streitkräfte der NATO-Vorneverteidigung
und
- der raschen Verstärkungskapazität der Verbündeten.
Die Vereinigten Staaten haben seit langem die Verpflichtung, ihren Beitrag dazu zu leisten, daß die NATO über die Kapazität - die nukleare wie die
nicht-nukleare - verfügt, die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Westeuropas zu wahren.

Spezifischer ausgedrückt, wir sind verpflichtet mitzu-

helfen, daß jeder Angriff mit einem Mindestmaß an Verlust alliierten Territoriums gestoppt wird und daß die Grenzen.wie sie vor einem solchen Krieg bestanden, wiederhergestellt werden.

Ich beabsichtige, dafür zu sorgen, daß

diese Verpflichtungen eingehalten werden.
Neben Europa gibt es eine Anzahl anderer Gebiete in der Welt, wo heikle
oder sogar potentiell explosive Situationen bestehen. Der Nahe Osten, der
Persische Golf und Korea sind drei Beispiele für Gebiete, in denen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten lebenswichtige Interessen haben. Ein
Konflikt in einem dieser Gebiete könnte nicht nur die Entsenduna angemessener
amerikanischer Streitkräfte zur Unterstützung von Freunden und Verbündeten an
Ort und Stelle erforderlich machen; ein solcher Fall könnte sehr wohl einer
Krise oder einem Zusammenprall in Europa vorausgehen und diesen sogar auslösen.
Der erste Angriff könnte von feindlichen einheimischen Kräften geführt
werden. Sie könnten aber auch von leichten sowjetischen Expeditionsstreitkräften unterstützt werden, die aus der Luft oder über See von der UdSSR aus eingesetzt werden. In jedem Falle aber müssen wir weiterhin eine Verteidigungs- 12 -

�Verteidigungsposition beibehalten, die es uns erlaubt, bei einer relativ
kleinen wie auch bei einer größeren militärischen Auseinandersetzung wirksame und rechtzeitige Gegenmaßnahmen zu treffen.
Für eine solche Verteidigungsposition ist - über die für Europa programmierten Streitkräfte hinaus, folgendes erforderlich:
- Eine begrenzte Zahl relativ leichter Verbände für den Erdkampf (wie
beispielsweise die drei Divisionen des Marinekorps und einige leichte ArmeeDivisionen);
- Seestreitkräfte und taktische Luftstreitkräfte in mittlerer Stärke;
und
- mobile strategische Streitkräfte mit einem Radius und mit Gerät, durch
die unsere Abhängigkeit von überseeischen Aufmarsch- und Nachschubbasen so
klein wie möglich gehalten wird.
Damit ist die Liste unserer Verteidigungserfordernisse keineswegs abgeschlossen. Die Vereinigten Staaten sind eine seefahrende Nation. Anders als
die Sowjetunion sind wir auf den Zugang zu großen Luft- und Seegebieten angewiesen, um entscheidend wichtige Rohstoffe zu erhalten,und um anderer friedlicher Ziele willen, aber auch um unsere lebenswichtigen Interessen, unsere
Streitkräfte und die Verbündeten in Übersee in Kriegszeiten zu schützen.
Die Sowjets haben Luftstreitkräfte mit weitem Aktionsradius und eine
Flotte aufgebaut, die imstande sind, unsere Interessen zur See zu bedrohen.
Wir müssen die entsprechenden Luft- und Seestreitkräfte unterhalten, die erforderlich sind, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein,und die amerikanische Macht an den Küsten ausbauen, wo und wie immer dies erforderlich ist.
In einer Welt voller Gefahren, in der schnelle und heftige Angriffe in
wachsendem Maße möglich sind, sind feierliche Verpflichtungen (so bindend :si_e
- 13 -

�sie auch sein mögen) und der Mechanismus der kollektiven Sicherheit zur Abschreckung und Verteidigung nicht ausreichend.

Wir und unsere Verbündeten

müssen auch Streitkräfte unterhalten, die modern, einsatzfähig und in kritischen Gebieten disloziert sind.

Ich wies bereits darauf hin, daß ein solches

Gebiet der Westliche Pazifik ist.
Der vorgesehene Abzug der 2. Division aus Korea ändert nichts an unserem
lebenswichtigen Interesse an der Stabilität Ostasiens und im Westlichen Pazifik.
Wir planen, die Kampfkraft der südkoreanischen Landstreitkräfte zu erhöhen.
Wir werden uns auch weiterhin jeder Aggression in Korea entgegenstellen.

Wir

werden die Interessen der Vereinigten Staaten schützen und alle VertragsVerpflichtungen in diesem Gebiet erfüllen.
Der Präsident hat feierlich versichert, daß die Vereinigten Staaten eine
Position der Stärke im Westlichen Pazifik einnehmen werden, wozu auch eine
weitere Bereitstellung der 2. Division für eine rasche Dislozierung in Asien
im Falle einer dort auftretenden Krise gehört.

Ich will dafür Sorge tragen,

daß auch dieser Verpflichtung nachgekommen wird.

Zusammenfassung
Wenn ich unsere Verteidigungsposition überblicke, so komme ich zu dem
Schluß, daß kein Gegner glauben sollte, er könnte uns einschüchtern oder
durch Androhung oder selektive Anwendung von Gewalt gegen die Vereinigten
Staaten oder gegen ihre Verbündeten zu etwas zwingen.

Niemand sollte so un-

besonnen sein, zu glauben, die Vereinigten Staaten könnten mit der Wahl zwischen Kapitulation oder Vernichtung konfrontiert werden.
Wir haben unsere Optionen,und wir werden sie behalten.

Wir werden un-

sere Streitkräfte ausbauen und verbessern,so wie es nötig ist.
nicht an Waffen unterlegen sein.

Wir werden

Man wird uns nicht einschüchtern können. Man
-14 -

�Man wird uns auch nicht zu etwas zwingen können.
Das ist in kürze der Standpunkt,den diese Administration einnimmt.
Das ist die Politik der Vereinigten Staaten, die der Präsident und ich
- mit Unterstützung des Volkes und des Kongresses - einzuhalten beabsichtigen.

Ich glaube, daß sie für diese schwierigen Zeiten die richtige ist.

Ich danke Ihnen!

- 15 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

28. September 1977

26

YOUNG: VEREINTE NATIONEN MÜSSEN NORD-SÜD-DIALOG FORTSETZEN
- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Chefdelegierte bei
den Vereinten Nationen, Botschafter Andrew Young, hat bei der Eröffnung der
viertägigen Abschlußsitzung der 31. Vollversammlung am 13.September 1977 in
New York gefordert, daß die Vereinten Nationen weitere Schritte zur Förderung
einer neuen und gerechten internationalen Ordnung unternehmen.

Die 31. Voll-

versammlung war nochmals einberufen worden, um die Ergebnisse der Konferenz
für Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) zu erörtern.
Die Erklärung von Botschafter Young hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Generalsekretär,
einer unserer Vorfahren, noch Sklave, hat einmal gesagt, daß derjenige,
der Freiheit und Gerechtigkeit ohne Kampf will, einem Manne gleicht, der ernten
will, ohne zu pflügen.
te.

Das wäre, als ob man Regen ohne Blitz und Donner woll-

Als ob man die Schönheit der Meere wollte ohne ihre donnernde Brandung.

Eine neue internationale Wirtschaftsordnung wird nicht ohne Kampf zu erreichen

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�erreichen sein.

Sie wird keine einfache Sache sein.

Aber dank der Klugheit

des Präsidenten der 31. Vollversammlung und der Ko-Vorsitzenden der Konferenz
über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist es uns möglich, diesen
Kampf auf dem diplomatischen Parkett auszutragen.
Wir sind heute hier zusammengekommen, um weiter am Zustandekommen einer
neuen internationalen Wirtschaftsordnung zu arbeiten - einer Ordnung, die den
Ansprüchen und Anliegen aller Bürger dieser Welt dient und die die Beteiligung
aller an ihrer Entwicklung und Verbesserung fördert.

Die amerikanische Regie-

rung ist bereit, alles in ihrer Macht stehende zum Aufbau einer neuen Ordnung
beizutragen.
Ich glaube, daß hier in diesem Gremium ein Konsens besteht, daß diese
Sitzung den Anfang einer neuen Phase in einem anhaltenden internationalen Wirtschaftsdialog signalisieren soll - einen Dialog, in dem wir zur Sache kommen
und in die Arbeit zum Aufbau gerechterer und produktiverer wirtschaftlicher Beziehungen unter den Staaten eintreten.
•

Meine Regierung ist der Auffassung, daß die Konferenz über Internationale
Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) in bedeutsamer Weise zu dem produktiven
Dialog über die Zusammenarbeit aller Länder in der Entwicklung beigetragen hat,
zu der wir uns auf der Siebten Sondersitzung der Vollversammlung der Vereinten
Nationen verpflichtet hatten. Die Konferenz hat nicht alles erreicht, was wir
uns erhofften. Aber sie stellte einen wichtigen Schritt nach vorn dar bei der
Schaffung eines internationalen Wirtschaftssystems, das auf Wachstum, Fairness
und Gerechtigkeit aufgebaut ist. Diese Tagung der Vollversammlung sollte einer
allgemeinen Beurteilung der Arbeit in Paris dienen und eine Anregung für erneute
Anstrengungen in den vielen Gremien bieten, in denen die Verhandlungen über ungelöste Fragen fortgesetzt werden können.
Die Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit hat den
Dialog auf verschiedene bedeutsame Weise vorangetrieben. Wir haben uns in zahlreichen Fragen geeinigt, wie aus dem Kommunique der Konferenz hervorgeht. Wir

�Wir haben ein besseres Verständnis für die internationale Energiesituation
gewonnen und waren uns über die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit in der Energieversorgung und -entwicklung einig.
geeinigt, über einen gemeinsamen Fonds zu verhandeln.

Wir haben uns darauf
Wir kamen überein, daß

der Fluß von Mitteln in die Entwicklungsländer wesentlich verstärkt werden
soll, was uns zur Unterstützung einer allgemeinen Kapitalerhöhung in der Weltbank und eines Sonderaktionsprogramms zur Unterstützung der ärmsten Länder
verpflichtet.

Wir erzielten Übereinstimmung über Ernährung und Landwirtschaft,

über die Wichtigkeit der Entwicklung der Infrastruktur, vor allem in Afrika,
und über viele Aspekte der Investition.
Sicherlich gab es auch Gebiete, auf denen die unterschiedlichen Auffassungen der zahlreichen Beteiligten nicht überbrückt werden konnten. So bedauern wir es beispielsweise, daß die Schuldenfrage nicht gelöst werden konnte
und keine Einigung über Maßnahmen zur Zusammenarbeit auf dem Energiesektor
zustande kam.
Wir sind überzeugt, daß bei gutem Willen auf allen Seiten
die schwierigsten Probleme

selbst für

praktische Lösungen gefunden werden können.

Auf

jeden Fall müssen wir in unserer Suche nach Lösungen flexibel und ausdauernd
sein.
Die Hauptbedeutung der Konferenz über Internationale Wirtschaftliche
Zusammenarbeit liegt in ihrer Rolle als fortlaufender Prozeß zum Aufbau einer
neuen und gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung auf der Grundlage
eines weltweiten wirtschaftlichen und sozialen Wachstums und weltweiter Stabilität, größerer Gerechtigkeit bei der Verteilung des Einkommens, größerer
Sorge um die Menschenrechte und die Grundansprüche des Menschen und einer
stärkeren Beteiligung der Entwicklungsländer. Wie Außenminister Vance es
vor der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
ausgedrückt hat:
"Die

�"Die Ära, in der wir uns gefragt haben, ob wir überhaupt zusammenarbeiten sollen, liegt hinter uns.

Wir sind in eine Zeit eingetreten, in der

wir die Mittel und Institutionen der Zusammenarbeit entwickeln müssen.
ist der Wendepunkt, den wir in der CIEC umrundet haben."

&gt;,rü9 is

Das
*s%

nsb^ew }&gt;Wß32i9v rio'ff.
In diesem Sinne stellte die Pariser Konferenz nach unserer Auffassung
einen sehr wesentlichen Fortschritt dar bei der Lösung einiger der grundlegenden Konflikte in der Haltung, die für den wirtschaftlichen Dialog in der
Vergangenheit oft so typisch waren.

Wir sind zu einem neuen Verständnis der

gemeinsamen Natur der Weltwirtschaftsprobleme gelangt,

und ich möchte hier

Außenminister Vance nochmals zitieren:
-ZI

MiB

2S

"Lösungen unserer Probleme hängen von der Erkenntnis ab, daß unsere Probleme mit denen der Dritten Welt verknüpft sind - und daß die Hoffnungen und
Wünsche unserer Bürger die gleichen sind wie die der Bürger der Dritten Welt."
Alle Nationen sollten ihre Verpflichtung erneuern, daß diese anhaltende
und lebenswichtige Anstrengung zur Förderung eines internationalen Systems,
das für alle Länder und Völker stärkeres Wachstum und größere Gerechtigkeit
bietet, zügig weitergeht.

Als Regierungen müssen wir in unserer Einstellung

flexibel sein und immer daran denken, daß eine neue internationale Wirtschaftsordnung nur durch einen wachsenden Konsens, durch einen Entwicklungsprozeß
erreicht werden kann, zu dem auch die ständige Bereitschaft gehört, neue Vorschläge aufzugreifen und, wenn notwendig, alte Vorschläge abzuändern oder aufzugeben.

Dabei müssen wir immer bestimmte Grundprinzipien im Auge behalten.

Bei der Aufzählung dieser Grundprinzipien möchte meine Delegation eindeutig klarstellen, daß unsere Zustimmung zu dem Konzept einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung keine sprachliche Pflichtübung, sondern eine
Verpflichtung zum Wandel bedeutet. Ich kann mich bei der Aufzählung einiger
der Grundelemente kurz fassen:
9'rO"

- Gerechte

�- Gerechte Beteiligung der Entwicklungsländer am weltweiten Entscheidungsprozeß in der Wirtschaft;
- Gewährleistung einer größeren Stabilität in Preisen und Rohstoffversorgung durch individuelle Rohstoffabkommen, wo dies angebracht ist;
- Verpflichtung zur Beseitigung von Hunger durch eine verstärkte Lebensmittelproduktion in den Entwicklungsländern;
- Aufbau einer einheimischen wissenschaftlichen und technologischen Kapazität in den Entwicklungsländern durch kooperative und beiderseits nützliche
Anstrengungen;
- Erleichterung transnationaler Investitionen und Ausbreitung der Technologie unter anderem durch einen Konsens über Verhaltensnormen;
- verbesserter Zugang zu Märkten, vor allem in Entwicklungsländern, für
Fertigwaren aus Entwicklungsländern und für kapital suchende Entwicklungsländer innerhalb eines realistischen politischen und wirtschaftlichen Rahmens
in den Entwicklungsländern; und
Gewährleistung, daß die internationale wirtschaftliche Gerechtigkeit
auch in die Erfüllung grundlegender menschlicher Ansprüche übersetzt wird,
wobei im Auge behalten werden muß, daß das Wohlergehen im letzten der Maßstab
für den Erfolg eines wahrhaft gerechten Wirtschaftssystems ist.
Meine Regierung möchte keinen Zweifel daran lassen, daß sie bereit ist,
über all diese Fragen zu sprechen und über die Mittel und Wege zu ihrer Lösung - und zwar in Gremien, die Erfolg versprechen. Auf der anderen Seite
wollen wir auch keinen Zweifel daran lassen, daß unsere Zustimmung zu dem
Konzept einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung nicht bedeutet, daß
wir daran glaubten, es bestehe in all ihren Elementen heute schon Übereinstimmung oder es gäbe einen fix und fertigen Plan für die Verwirklichung all je- 5 -

�jener Elemente, über die wir uns einig sind. Es müssen noch große Fragen
gelöst werden.
Aber wir spüren, daß es eine Erneuerung des politischen Willens gibt,
allseits akzeptable und nutzbringende Lösungen zu erreichen, und eine Bekräftigung des Realismus, der notwendig ist, wenn diese Lösungen sich in
der Tätigkeit der Weltwirtschaft niederschlagen sollen und nicht nur in Resolutionen und Dokumenten dieses Gremiums hier. Jedes Land mag seine Idealvorstellung von einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung haben. Der
Prozeß ihrer Verwirklichung wird einen Kompromiß zwischen Elementen all dieser Idealvorstellungen erfordern. Aber wenn wir niemals die grundlegenden
Ziele unserer Anstrengungen aus dem Auge verlieren, dann kann die Arbeit
dieser wieder aufgenommenen Sitzung der Vollversammlung zu einem internationalen Konsens beitragen.

�Wift/choft
United States Information Service

26

28. September 1977

ANSPRACHE CARTERS VOR DEM IWF UND DER WELTBANK
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat den Vertretern von 131 Nationen versichert, daß die Vereinigten Staaten der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) weiterhin erhöhte Mittel zur Verfügung stellen
wollen, um zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme der Welt beizutragen.
Präsident Carter begrüßte am 26. September die Delegierten, die zur fünftägigen Jahrestagung des IWF und der Weltbank in Washington zusammengekommen
waren. Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich, Sie hier in Washington zu Beginn Ihrer Jahrestagung
begrüßen zu dürfen.
Nachdem ich jetzt einige Monate Präsident bin, mit dem Kongreß zu tun hatte,
nachdem ich vor vielen schwierigen Fragen stand, ist es für mich ein Vergnügen,
mit einer Gruppe zusammenzutreffen, bei der es keine Uneinigkeit gibt, bei der
vollkommene Harmonie heirscht, und wo man die Antworten auf alle schwierigen
Fragen gefunden hat.
Diese Konferenz ist für uns alle wichtig, denn die Partnerschaft, die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�die zwischen Nationen und Menschen besteht, wird hier in diesem Saal deutlich.
Diese Zusammenkünfte bieten eine Gelegenheit für die führenden Vertreter der
Finanzinstitute der Welt, öffentlich und in geschlossenem Kreis die Wirtschaftsprobleme und auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Länder zu erörtern.
Und durch die Weltbank und den IWF sind wir in der Lage, die Aufgaben für ein
gemeinsames Wohlergehen zu meistern.
Die beiden größten Aufgaben, vor denen wir stehen, sind die Wiederherstellung
und Aufrechterhaltung eines stetigen nicht-inflationären Wachstums der Weltwirtschaft und die Beschleunigung des Wachstums in den Entwicklungsländern der Welt
mit einer weiten und gerechten Verteilung der Gewinne aus diesem Wachstum unter
uns allen.
Die Gesundheit des internationalen Wirtschaftssystems hängt von der Gesundheit unserer einzelnen Volkswirtschaften ab.

So wie keiner von uns ohne ein

stabiles System weiterkommen kann, so wird das System nicht gesund sein, wenn
wir nicht im eigenen Lande verantwortungsbewußt handeln.
Ich freue mich, daß die amerikanische Wirtschaft gesund ist und wächst.
Unsere Inflationsrate ist zwar mit etwa sechs Prozent nach unserem Geschmack
noch immer zu hoch, aber sie schwächt sich ab und liegt unter der Rate der
meisten anderen Länder.
Wir werden in diesem Jahr das Wachstumsziel für unsere Wirtschaft mit etwa
sechs Prozent real erreichen, und wir werden auch im nächsten Jahr ein starkes
und nicht-inflationäres Wachstum zu verzeichnen haben.
Ich bin verpflichtet, als Präsident alle Maßnahmen zu treffen, die notwendig
sind, um zu gewährleisten, daß sich diese optimistischen Voraussagen verwirklichen
werden.

Wir werden hauptsächlich so handeln, weil es gut ist für unser eigenes

Land, aber auch weil es zur wirtschaftlichen Gesundheit der übrigen Welt beiträgt.
Unsere Arbeitslosenrate geht stetig zurück.

Wir haben hier wenig Zweifel,

�Zweifel, da das Gefühl der Verpflichtung für unser Land und die Stärke unseres
Wirtschaftssystems auch in der Zukunft vorhanden sein werden.

Ein starkes wirt-

schaftliches Wachstum in den Vereinigten Staaten und eine Verlangsamung des
Wachstums in anderen Ländern zusammen mit exzessiven amerikanischen öl einfuhren
haben in diesem Jahr zu einem Anstieg des amerikanischen Handelsdefizit geführt,
das selbst noch im letzten Monat angehalten hat.
Was die öleinfuhren anbetrifft, so habe ich dem Kongreß vorgeschlagen, nun
wirklich zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes ein umfassendes Energieprogramm zu verabschieden, das in den kommenden Jahren unsere Ulimporte wesentlich unter den heutigen Stand senken soll, und für die nächsten acht Jahre auf
weniger als die Hälfte der ursprünglichen Vorausberechnungen.
Wir wissen, daß es von entscheidender Bedeutung ist, daß der Kongreß starke
und wirksame Energiemaßnahmen beschließt.

Die Vereinigten Staaten brauchen ein

glaubhaftes Programm, um den Zuwachs des Ölverbrauchs zu begrenzen und damit
die öleinfuhren zu senken.
Ich rufe alle Nationen und vor allem die großen Industrieländer auf,
zusammen mit uns die Energieverschwendung zu verringern und mit uns eine Politik
des wirtschaftlichen Wachstums und der Stabilisierung zu verfolgen, die zu einer
expandierenden, nicht-inflationären Weltwirtschaft, einem zunehmenden internationalen Handel und einem verbesserten System von Handelsbilanzen in der Welt
führt.
Der Internationale Währungsfonds hat bereits eine entscheidend wichtige
Rolle gespielt, um das internationale Währungssystem flexible und funktionsfähig zu halten.

Ich bin besonders dankbar, für die einsichtige fiskalische

Disziplin, die IWF und Weltbank überall in der Welt mit ihren Anleihen fördern.
Das gegenwärtige System funktioniert gut.
Die

- 3 -

�Die Vereinigten Staaten haben die Änderungsbestimmungen der Satzung des
IWF ratifiziert, und hoffen, daß andere Nationen, andere Mitglieder, das gleiche
tun werden, um die Mittel des Fonds zu erhöhen und seine Fähigkeit zur Überwachung der Wechsel kurspolitik und zur Aufsicht über Finanzabkommen zu stärken.
Die neuen zusätzlichen Fazilitäten des IWF fügen der Kapazität des Fonds
ein wichtiges Element hinzu.

Dies wird von meinem Lande voll und ganz unter-

stützt.
•

Die Vereinigten Staaten werden sich ferner mit anderen zusammenschließen,
um eine ausreichende Erhöhung der Quoten des IWF während der 7. Sonderüberprüfung dieser Quoten zu erreichen.
Die Vereinigten Staaten bleiben fest einer Politik verpflichtet, die ohne
die negativen Folgen eines Protektionismus einen freieren und umfangreicheren
Handel fördern wird. Mein Land strebt zusammen mit anderen nach einem wesentlichen Fortschritt der laufenden multinationalen Handelsverhandlungen bis Ende
dieses Jahres.
Die Wiederherstellung der Gesundheit der Weltwirtschaft wird es uns ermöglichen, das zu erreichen, was nach unser aller Erkenntnis eine lebenswichtige
menschliche Verpflichtung ist, nämlich den armen Ländern in der Aufgabe der
menschlichen Entwicklung zu helfen. Wenn die rund eine Milliarde Menschen,
die heute in extremer Armut leben, ihre Chance haben sollen, dann muß jedes
Land wirksame Maßnahmen ergreifen, und die Vereinigten Staaten sind bereit,
sich einer solchen internationalen Kampagne anzuschließen.
Die jetzt von der Weltbank und dem IWF durchgeführte Studie über Weltentwicklungsprobleme dürfte einen Rahmen bieten, innerhalb dessen alle Nationen
ihre Anstrengungen für ein gemeinsames Entwicklungsprogramm verstärken können.
Natürlich

�Natürlich sind die Entwicklungsländer letztlich selbst für ihr eigenes
Wachstum verantwortlich.

Nur sie können die Fähigkeiten und die Ressourcen

mobilisieren, die für die Entwicklung notwendig sind.

Nur sie können gewähr-

leisten, daß die Vorteile des Wachstums, wenn es zustande kommt, im ganzen
Land spürbar werden und jenen zugute kommen, die es am meisten brauchen.
Aber die Industrieländer wie die Vereinigten Staaten müssen mehr Kapital
von außen stellen. Ich freue mich, Ihnen berichten zu können, daß der
amerikanische Kongreß in diesem Jahr mehr als doppelt so viel Geld für die
Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken bewilligt hat, als im vorigen
Jahr.
Ich hoffe, daß die Verhandlungen über eine große allgemeine Kapital auf Stockung es der Weltbank ermöglichen werden, ihr reales Kreditvolumen zu erhöhen.
All das braucht seine Zeit. Wir werden unsere Ziele nicht über Nacht
erreichen, und der Schlüssel ?.\i unserem Erfolg wird die Beharrlichkeit sein.
Wir werden viele Schwierigkeiten zu überwinden, viele komplizierte Fragen zu
beantworten, viele nationale Interessen, die zwischen Ländern stehen könnten,
zu überwinden und eine gemeinsame Verpflichtung zur gemeinsamen Verantwortung
zu übernehmen haben.
Die Vereinigten Staaten werden mi' Ihnen allen zusammenarbeiten. Wir
sind bereit, den Kurs zu wagen, und Sie werden sich auf uns verlassen können.

+ + + + +

- 5 -

�28. September 1977

26

DIE VEREINTEN NATIONEN ALS FORUM FÜR DEN NORD-SÜD-DIALOG
- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes •

Charles William Maynes, Unterstaatssekretä'r
für internationale Organisationen im amerikanischen Außenministerium sieht eine immer
stärkere Rolle der Vereinten Nationen im
Nord-Süd-Dialog. In einem Interview mit
dem Korrespondenten des US-Informatonsdienstes
John Harter legt Maynes die Auffassungen der
amerikanischen Regierung dar.

FRAGE: Mr. Maynes, die Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) ist kürzlich zu Ende gegangen, nachdem sie sich anderthalb
Jahre einem umfassenden Dialog über wirtschaftliche Fragen zwischen Nord und
Süd gewidmet hat. Rechnen Sie damit, daß dieser Dialog in den Vereinten Nationen fortgesetzt wird?
ANTWORT:

Ich rechne ganz sicher damit, daß dies auf die eine oder andere

Art geschehen wird.

Das nochmalige Zusammentreten der 31. Vollversammlung

- die Sitzung vom 13. bis 16. September im Hauptquartier der Vereinten Nationen
in New York - ist nur für den Zweck angesetzt worden, die Ergebnisse der CIEC
zu erörtern.
Natürlich

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�Natürlich wird dieser Themenkreis, der Nord-Süd-Dialog, auf die anschliessende 32. Vollversammlung übergehen.

Man hat begriffen, daß ein vernünftiger

Dialog besser ist als ewige Wortgefechte.

Die Einzelfragen werden sicherlich

an die zuständigen Sonderorganisationen überwiesen werden, die sich bereits mit
solchen Problemen befassen.
So wird sich beispielsweise die Konferenz der Vereinten Nationen für
Handel und Entwicklung (UNCTAD) weiterhin mit Rohstoffragen befassen, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) mit der Exportförderung für Entwicklungsländer und die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit
Krediten für die Entwicklungsländer.

FRAGE: Wird es ein Gebiet geben, mit dem sich die Vereinten Nationen
selbst zentral befassen werden?
ANTWORT: Ich bin der Auffassung, daß es weiterhin einer Art Gesamtforums
für den Nord-Süd-Dialog bedarf, um den konstruktiven Meinungsaustausch über all
diese Probleme und ihren Zusammenhang miteinander fortsetzen zu können, wie
er auf der CIEC stattfand. Hier gibt es viele Standpunkte. Manche Leute meinen,
der Wirtschafts- und Sozial rat der Vereinten Nationen (ECOSOC) sollte gestärkt
und zum Mittelpunkt solcher Diskussionen gemacht werden. Andere meinen, man
sollte für diesen Zweck einen Sonderausschuß der Vollversammlung einsetzen.
Und wieder andere treten für gelegentliche Sondersitzungen der Vollversammlung
selbst ein. Es ist noch eine ganze Reihe weiterer Vorschläge gemacht worden.
Im Augenblick gibt es noch keine festen Standpunkte, aber man ist weithin der Meinung, daß die Vereinten Nationen ein logisches Gremium seien, um
diesen Dialog in der einen oder anderen Form fortzusetzen. Die Vereinigten
Staaten würden sich sicherlich an einem solchen andauernden Dialog beteiligen,
und wir würden hoffen, daß ein solcher Dialog verantwortlicheund qualifizierte
Regierungsvertreter aus den Hauptstädten der Welt anziehen würde.
FRAGE:
- 2 -

�FRAGE:

Sind Sie der Meinung, daß die Vereinten Nationen insgesamt ihre

Aufmerksamkeit in Zukunft stärker als in der Vergangenheit internationalen
Wirtschaftsproblemen zuwenden werden?
ANTWORT:

Ja, ich bin dessen sicher.

Während der letzten Jahre sind

Probleme der Wirtschaft mehr und mehr an die Spitze der internationalen Tagesordnung gerückt, und dies hat auch in der Arbeit der Vollversamlung und anderer
UN-Gremien seinen Ausdruck gefunden.

Ich bin überzeugt, daß das so weiter-

gehen wird und daß man sich in verstärktem Maße der Vereinten Nationen als Instrument bedienen wird, um zu einem internationalen Konsensus hinsichtlich der
allgemeinen Ziele des Nord-Süd-Dialogs zu gelangen.
Man muß ferner daran denken, daß das System der Vereinten Nationen auf
einer anderen Ebene eine Anzahl von Sonderorganisationen umfaßt - die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und die Weltgesundheitsorganisation, um Beispiele
zu nennen. Wir können erwarten, daß all diese Institutionen ihre eigenen speziellen Beiträge zur Entwicklung des Prozesses weiter intensivieren werden,
der für alle Nord-Süd-Probleme von so zentraler Bedeutung ist.
Diese beiden wirtschaftlichen Aufgaben für die Vereinten Nationen - der
schwierige und vertrackte aber wesentliche Prozeß, einen Gesamtrahmen und
Konsens für die Nord-Süd-Beziehungen zu schaffen,und die technische Arbeit
auf spezifischen, funktionalen Gebieten faktisch zu leisten - sind miteinander
verbunden.

Was auf jeweils dem einen Gebiet geschieht, wird sich darauf aus-

wirken, was auf dem anderen geschehen kann.

FRAGE: Ist es heute schwieriger in den Vereinten Nationen zu konkreten
Resultaten zu gelangen,als es dies früher war?
ANTWORT:

Nun, ja, es ist schwieriger - aber ich glaube, man sollte sehr

genau darauf achten, warum dies so ist.
- 3 -

Der Hauptgrund ist, daß die interna-

�internationale Szene in den vergangenen dreißig Jahren außergewöhnlichen Veränderungen unterworfen war.

Im Jahre 1950 betrug der Anteil der Vereinigten

Staaten an der Industrieproduktion der Welt 60 Prozent, heute etwa 30 Prozent.
Im gleichen Jahr entfielen von den gesamten militärischen Ausgaben in der Welt
50 Prozent auf die Vereinigten Staaten, heute ist diese Zahl auf 25 Prozent
heruntergegangen.

Im Jahre 1950 verfügten wir über mehr als 50 Prozent der

Weltwährungsreserven, heute sind es noch etwa 7 Prozent.

Das heißt nicht,

daß die Macht Amerikas abgenommen hat - im Gegenteil.
Vielmehr hat sich die Macht vieler anderer Länder im gleichen Zeitraum
vermehrt und in vielen Fällen sehr eindrucksvoll.

Das gilt nicht nur für un-

sere europäischen Verbündeten und Japan, sondern auch für eine ganze Reihe von
Entwicklungsländern, deren beachtliche Fortschritte sie in die Lage versetzten,
eine immer bedeutendere Rolle im Weltgeschehen zu übernehmen.
All dies hat bemerkenswerte Auswirkungen für die Vereinten Nationen und
andere internationale Organisationen, vor allem was die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft anbelangt, wirksame Aktionen in bestimmten Gebieten
zu unternehmen. Wenn - vor 25 Jahren - die Vereinigten Staaten eine Entscheidung trafen oder zu verstehen gaben, daß sie einen bestimmten Aktionskurs in
den Vereinten Nationen oder in einer der anderen bedeutenderen internationalen
Organisationen befürworteten, dann brachte dies allein schon die erforderliche
kritische Masse zusammen, die einen Fortschritt in einer solchen Richtung ermöglicht. Heute dagegen, bei dieser Art von Machtverteilung im internationalen
System, wie wir sie in den letzten drei bis fünf Jahren erlebt haben, braucht
man eine ganze Koalition von Ländern, um diese Art von kritischer Masse zu erlangen.

FRAGE: Was bedeutet dies in bezug auf die Vorteile und Nachteile der
Behandlung außenpolitischer Probleme im Rahmen der Vereinten Nationen?
ANTWORT:

Nun, einer der offenkundigen Vorteile besteht darin, daß die

�die Vereinten Nationen eine wertvolle Möglichkeit bieten, Koalititonen zur
Unterstützung bestimmter internationaler Schritte und Maßnahmen zu bilden,
die einen wirklichen Fortschritt möglich machen.

Welches sind die Nachteile?

Es ist ein sehr mühseliger, vertrackter Prozeß. Unterschiedliche Länder haben nicht die gleichen außenpolitischen Ziele - obwohl es eine größere Harmonie der Zielsetzungen gäbe, wenn wir alle unseren längerfristigen Interessen größere Bedeutung beimäßen.

Es ist nun aber mal eine Tatsache unseres

Lebens, daß die Außenpolitik der meisten Länder stark dem Einfluß kurzfristiger
Erwägungen unterliegt,und das macht den Prozeß einer Übereinkunft - der
Schaffung jener kritischen Masse, die die notwendige

Vorbedingung für kon-

struktive internationale Zusammenarbeit ist - sehr,sehr schwierig.

FRAGE:

Warum können angesichts solcher Schwierigkeiten die Regierungen

dann nicht die Vereinten Nationen einfach vergessen und sich mehr auf bilaterale Anstrengungen zur Lösung dieser internationalen Probleme konzentrieren?
ANTWORT: Trotz aller Schwierigkeiten ist die multilaterale Diplomatie
das beste - und manchmal auch das einzig wirksame - Mittel, sich mit einigen
der Fragen auseinanderzusetzen, die gegenwärtig an der Spitze der Tagesordnung
der Vereinten Nationen stehen. Diese Fragen, die Vorschläge zur Schaffung
einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung, das südliche Afrika, der Nahe
Osten, haben zwei Charakteristika gemeinsam. Sie alle rufen mächtige politische Leidenschaften sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern hervor, und zweitens sie können einfach nicht auf zufriedenstellende
Weise durch bilaterale Abkommen zwischen irgendwelchen zwei Ländern geregelt
werden, weil die realen wirtschaftlichen und politischen Interessen einer großen
Anzahl von Ländern auf dem Spiele stehen.

FRAGE:

Viele Leute scheinen der Ansicht zu sein, daß die Formel: ein

Land - eine Stimme in der UN-Vollversammlung - insbesondere jetzt, da so viele
kleine und neue Staaten Mitglied der Vereinten Nationen sind - ernsthaft die
- 5 -

�die Wirksamkeit der Weltorganisation beeinträchtigt.

Sind Sie auch dieser

Ansicht?
ANTWORT:
übertreiben.

Ich glaube, daß manche Leute die Bedeutung dieses Problems
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es Mißbräuche der Ab-

stimmungssysteme gegeben hat, nicht nur hinsichtlich der Formel: ein Land eine Stimme in der Vollversammlung, sondern auch hinsichtlich des Vetos im
Sicherheitsrat.

Das ist nun einmal eine Tatsache, mit der wir leben müssen,

wenn wir in den Vereinten Nationen arbeiten.
Aber das ist nicht wirklich "neu".

Schon in den späten vierziger Jahren und

Anfang der fünfziger Jahre - bevor die neuen Nationen in die Weltorganisation
aufgenommen wurden - entfielen etwa 40 Prozent der Stimmen in der Vollversammlung auf Lateinamerika - mit weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung und
einem sogar noch kleineren Anteil des wirtschaftlichen Reichtums.
Aber wenn Sie sich nun einmal die Abstimmungsmuster ansehen, die Art und
Weise, wie die einzelnen Länder ihre Haltung zu besonderen Fragen bei tatsächlichen Abstimmungen zum Ausdruck bringen, dann werden Sie finden, daß die
Haltung einzelner Länder bei den Vereinten Nationen weniger sprunghaft ist,
als manche Leute annehmen. Es ist praktisch möglich, daß eine Mehrheit von
Ländern in den Vereinten Nationen - Länder, die weniger als fünf Prozent ihres
Budgets beitragen oder auf die weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung
entfallen, die Arbeit der Vollversammlung beherrschen könnte.
Aber in der
Praxis ist das doch nicht so. Die Koalitionen, auf die der Hauptanteil der
Stimmen entfällt, stellen über 70 Prozent der Weltbevölkerung, einen Anteil des
wirtschaftlichen Reichtums, der zumindest ins Gewicht fällt, sowie einen beträchtlichen Teil der militärischen Macht der Welt dar.
Die eigentlichen Probleme der Vereinten Nationen sind also nicht kosmetischer Natur, sie reflektieren einfach große Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich wesentlicher Positionen zwischen den Ländern der Welt zu kritischen
politischen und wirtschaftlichen Fragen.

Ich möchte auch darauf hinweisen, daß

�daß es in der Vollversammlung eine immer stärkere Trendenz gibt, auf ein
Konsens-Verfahren zurückzugreifen, um die Arbeit der Vollversammlung zu erleichtern. Nur sehr wenige Fragen rufen jene Schärfe hervor, über die dann
in der Presse berichtet wird.

FRAGE: Sie stimmen also nicht mit denjenigen überein, die behaupten,
daß die Überlegungen, über die wir jetzt sprechen, die Vereinten Nationen
der Möglichkeit berauben, konstruktive Arbeit auf wirtschaftlichem Gebiet
zu leisten?
ANTWORT: Nein, das tue ich nicht. Es gibt Zeiten, in denen lange, polemische Reden eine nachteilige Wirkung auf den politischen Prozeß in den
Vereinten Nationen haben und das Zustandekommen eines Konsens erschweren.
Und man muß allerdings auch einräumen, daß das Verfahren: ein Staat - eine
Stimme in der Vollversammlung gelegentlich das Zustandekommen einer wirksamen Entscheidung in diesem Rahmen erschwert, vor allem was die wirtschaftlichen Probleme anbetrifft.
Schließlich müssen zu der "kritischen Masse" der Länder, die über wirtschaftliche Fragen entscheiden, auch eine angemessene Zahl der wichtigsten
Wirtschaftsmächte der Welt gehören, doch haben Diskussionen solcher Fragen
in der UN - und die Abstimmungen darüber in der Vollversammlung - diese fundamentale Realität oft nicht zum Ausdruck gebracht.
Andererseits bin ich über den beträchtlichen Fortschritt ermutigt, den
wir seit 1974 gemacht haben, als es so wenig sichtbare Ansatzpunkte für gemeinsame Ziele im Nord-Süd-Verhältnis gab, daß die Konfrontation komplett erschien.
Ich glaube beide Seiten haben wesentliche Fortschritte insofern gemacht, daß
sie anerkennen, wie wichtig es ist, diese Dinge in kooperativer Form zu
meistern.
FRAGE:
- 7 -

�FRAGE:

Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben Ver-

fahren entwickelt, um Entscheidungen zu treffen, die den relativen Beitrag
der Industrieländer zur Weltwirtschaft widerspiegeln.

Glauben Sie, daß ein

System dieser Art in Zukunft wahrscheinlich auch in anderen Institutionen
entwickelt werden wird?
ANTWORT:

Nun, ich glaube, die internationalen Finanzierungsinstitute

sind etwas sehr Spezielles.

Das heißt, wenige Banken werden nach demokratischen

Prinzipien geführt, selbst in Demokratien.

So ist es nicht überraschend, daß

die Weltbank und der IWF besondere Abstimmungsverfahren entwickelt haben und
auch besondere Formen, wie sie ihre Geschäfte wahrnehmen.

Denken Sie daran,

daß nach der Einrichtung des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche
Entwicklung (IFAD)

die öl exportierenden Länder auf einer besonderen Form der

Abstimmung - dem "weighted voting", d.h. gewichtete Abstimmung - für das Präsidium des Fonds bestanden.

Infolgedessen entfallen ein Drittel der Stimmen

auf die westlichen Industrieländer, ein Drittel auf die öl exportierenden Länder und ein Drittel auf die Entwicklungsländer.
Mit anderen Worten, sobald es ans Bezahlen geht, sind es nicht nur die
Industrieländer,die auf einer anderen Methode der Abstimmung bestehen als
"ein Staat - eine Stimme". Sobald ihre Beiträge finanziell ins Gewicht fielen, haben die öl exportierenden Länder den gleichen Weg eingeschlagen. Aber
ich meine, wir sollten einen klaren Unterschied machen zwischen Finanzierungsinstituten und anderen internationalen Institutionen, weil diejenigen, die die
Wirtschaftsentwicklung finanzieren, sich sehr von denen unterscheiden, die
über internationale politische oder wirtschaftliche Probleme diskutieren.
•

Wirtschaftliche Rolle der UN stärken
FRAGE: Herr Unterstaatssekretär,glauben Sie, daß die Aktivitäten der verschiedenen Gremien innerhalb der Organisation der Vereinten Nationen auf wirtschaftlichem Gebiet ausreichend koordiniert sind?
ANTWORT:

�ANTWORT:

Nein.

Das ist zweifellos ein Gebiet, auf dem Verbesserungen

im System der Vereinten Nationen notwendig sind,

übrigens herrscht hier in

bezug auf die Bedeutung des Begriffs "Koordination" eine ziemliche Konfusion.
Er sollte nicht mit dem der "Duplikation" gleichgesetzt werden.

Ich meine,

es gibt nur wenige Beispiele dafür, daß zwei Organisationen versuchen, den
selben Brunnen anzubohren.

Aber dennoch muß die Koordination im Gesamtpro-

gramm des Entwicklungsprozesses verbessert werden.
In der Tat gibt es zur Zeit so viel Arbeit, die getan werden muß, um
aen Fortschritt der Entwicklungsländer zu beschleunigen, daß jede Institution
dazu tendiert, ihr eigenes Programm - aggressiv und unabhängig - zu entwickeln,
ohne dabei zu bedenken, ob die von ihr verausgabten Mittel nicht wirksamer mit einem höheren Ertrag - in anderen Programmen oder Aktivitäten verwendet
werden könnten. Und es ist sehr schwierig, die verschiedenen Programme und
Aktivitäten dieser Behörde zu koordinieren, wenn die zu leistenden Aufgaben
derart groß sind. Ich glaube wir dürfen - auf der Ebene der beitragleistenden
Regierungen - nicht allzu betroffen sein, wenn jene Art von Koordination, wie
wir sie gern auf der nationalen Ebene hätten, auf der internationalen Ebene
nicht besteht.
Trotzdem sind wir ständig darum bemüht, sicherzustellen, daß die Ressourcen insgesamt, die den Vereinten Nationen zur Verfügung stehen, die richtige
Mischung finden zwischen Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Wasserentwicklung,
Industriebeziehungen oder wie immer sonst das Problem gelagert sein mag, das
die wirtschaftliche Entwicklung in einem bestimmten Lande hemmt.

FRAGE;

Die anspruchsvollste Analyse und die damit verbundenen Vorschläge

für eine Verbesserung der Gesamtstruktur und der Funktion des UN-Systems auf
wirtschaftlichem Gebiet war wohl die 1975 von einer Expertengruppe erstellte
Studie, die von Richard N. Gardner, dem derzeitigen amerikanischen Botschafter
in Italien, vertreten wurde.

Erwarten Sie, daß diese Empfehlungen zu irgend-

welchen Resultaten führen werden?
ANTWORT:
- 9 -

�ANTWORT:
fehlungen

Wir sind tatsächlich der Meinung, daß der Bericht und die Emp-

einen sehr wertvollen Beitrag zum internationalen Verständnis des-

sen darstellten, was das System der Vereinten Nationen zur Unterstützung der
Entwicklungsländer zu tun vermag und was nicht.

In der Tat gibt es da den

Ad-hoc-Ausschuß der Vereinten Nationen unter dem Vorsitz von Botschafter
Dodzie aus Ghana, der mehrere Vorschläge entwickelt hat, die die wichtigsten
Vorschläge dieses früher erstellten Berichtes vervollkommnen sollen.

Einige

Punkte in dem Bericht stießen bei mehreren Ländern auf Widerstand,und einige
seiner Ziele werden derzeit auf eine andere Weise verfolgt, die für die Mitgliedstaaten genau so nützlich ist.
•
•

FRAGE:

Könnten Sie angeben, welche von den Vorschlägen Ihrer Ansicht

nach am nützlichsten sind und am meisten Aussicht haben.akzeptiert zu werden?
ANTWORT: Um die Positionen der Regierungen wird noch verhandelt, so
daß hier ein gewisses Maß an Flexibilität besteht, aber zu den in Betracht
gezogenen Ideen gehören die Vorschläge zur Eliminierung von einigen der Hilfsorganisationen des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen (ECOSOC),
zur Konsolidierung der Fonds, die den verschiedenen Organisationen des Systems
zur Verfügung stehen sowie zur Gliederung des ECOSOC in spezifischere Verantwortungs- und Tätigkeitsbereiche, damit die richtigen Leute in den Hauptstädten
gewonnen werden können, im Bemühen um die Sicherung sinnvoll miteinander in
Verbindung stehender Erörterungen und Entscheidungen. Verbesserungen in dieser Richtung könnten den ECOSOC auch instand setzen, als ein zentrales Forum
für den Nord-Süd-Dialog zu dienen in der von der Konferenz für Internationale
Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) eingeschlagenen Richtung.

FRAGE: War es nicht eine der Hauptempfehlungen dieses früheren Berichtes,
den ECOSOC zu stärken?
•

•

ANTWORT:

�ANTWORT:

Das ist richtig.

Und eine der Möglichkeiten, wie man den

ECOSOC stärken könnte, bestünde darin, die Zahl der Hilfsorganisationen, die
dem ECOSOC Bericht erstatten, zu begrenzen.

Auch eine Reorganisation der

Tagesordnung und der Verfahren des ECOSOC zur Verbesserung ihrer Wirksamkeit
als Forum für die Diskussion und Verhandlung wäre sehr nützlich.

Das dabei

ins Auge gefaßte Ziel wäre es, die Fähigkeit des ECOSOC zur Koordinierung der
verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Programme der UN-Organisation zu
verbessern.
Ein anderer wichtiger Vorschlag des früheren Berichtes sah vor, einen
Generaldirektor für die Wirtschafts- und Sozialprogramme der Vereinten Nationen zu ernennen, dessen Aufgaben in der Gesamtkoordinierung der verschiedenen funktionalen Programme der Vereinten Nationen und ihrer Sonderorganisationen bestehen sollte. Eine Alternative zu diesem Vorschlag wäre die Schaffung des Postens eines Stellvertretenden Generalsekretärs, der Generalsekretär
Waldheim in der Gesamtgeschäftsführung unterstützen könnte, die zur Sicherung
einer wirksamen Durchführung dieser Programme notwendig ist und der als amtierender Generaldirektor im Hauptquartier fungieren könnte, wenn der Generalsekretär dort nicht anwesend ist, was wegen seiner diplomatischen Aufgaben
häufig der Fall ist.

FRAGE:

Wie paßt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP)

in dieses Schema?
ANTWORT: Dieses Entwicklungsprogramm ist die eigentliche und zentrale
Quelle für die Finanzierung der technischen Hilfe durch die Organisation der
Vereinten Nationen, und als solche ist es der größte Agent für die Vermittlung
technischer Hilfe in der heutigen Welt. Es verausgabt ungefähr 400 Millionen
Dollar im Jahr und vermag damit eine zentrale koordinierende Rolle im System
der Vereinten Nationen zu spielen. Der Vertreter der UNDP im jeweiligen Gastland hat bei der Durchführung der Programme entscheidenden Einfluß auf die
Einberufung der verschiedenen Experten der Organisation der Vereinten Nationen
- 11 -

�Nationen - beispielsweise auf dem Gebiet der Landwirtschaft, der Erziehung
und des Gesundheitswesens und auf die Zusammenstellung des für die Durchführung
der Pläne der Regierungen der Gastländer erforderlichen Teams. Der Bericht
empfahl eine Höhereinstufung der Position dieses Vertreters in den Gastländern.

FRAGE:

Glauben Sie, daß die Vereinten Nationen in den kommenden Monaten

Fortschritte in der Verbesserung ihrer Fähigkeit machen werden, wirtschaftliche
und soziale Probleme in den Griff zu bekommen?
ANTWORT:

Ich meine, daß dies eine wesentliche Voraussetzung ist, wenn

die Vereinten Nationen in Zukunft eine konstruktive Rolle im Nord-Süd-Dialog
spielen sollen.

Ich meine auch, daß es für die Vereinten Nationen ein stän-

diges und zentrales Anliegen sein muß, in der Suche der Welt nach neuen Formen
kooperativer wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Entwicklungsländern und
Industrieländern mitzuhelfen.
Eine der neuen Realitäten im internationalen Leben sind die wachsende
Rolle und der wachsende Einfluß der Entwicklungsländer, und die Vereinten Nationen als das Gremium, in dem sie alle vertreten sind, müssen ihren legitimen
Interessen und Anliegen hinsichtlich einer gerechteren und wirksameren internationalen Ordnung, die ihrem wirtschaftlichen Wachstum dienlich ist, Ausdruck verleihen. Ich meine, es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten und
anderer Industriestaaten, alles in unseren Kräften stehende zu tun, um innerhalb und außerhalb der Vereinten Nationen mit den Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten.

+ + + + +

- 12 -

�motcrio
United States Information Service

28. September 1977

26

ERDGAS AUS ALASKA

- (AD) - über den Bau einer Erdgasleitung von Alaska über Kanada in die
USA haben sich jetzt Kanada und die Vereinigten Staaten in einer Grundsatzerklärung geeinigt. Dies gaben Präsident Carter und Premierminister Trudeau
am 8. September 1977 bekannt. Mit dem Projekt sollen die Erdgasvorkommen
an der Prudhoe-Bucht in Alaska und im Gebiet des Mackenzie-Deltas in Kanada
erschlossen werden. Wie der amerikanische Energieminister Dr. James Schlesinger
vor Pressevertretern erklärte, werden beide Länder von dem Unternehmen profitieren. Es beeinträchtige in keiner Weise die Unabhängigkeit beider Nationen.
Denn diese Unabhängigkeit sei "das Fundament, auf dem unsere Energie-Beziehungen zu den Kanadiern aufgebaut sind".
Die Pipeline würde die USA in die Lage versetzen, Erdgas aus den riesigen Feldern in Alaska zur Nordroute der amerikanischen Mittelweststaaten unmittelbar südlich der kanadischen Grenze zu bringen. Eine später zu bauende
Abzweigung würde es Kanada erlauben, seine Erdgasvorkommen im Gebiet des
Mackenzie-Deltas für den eigenen Bedarf zu nutzen und Exportverpflichtungen
aus gegenwärtig bestehenden Verträgen nachzukommen.
Die Hauptleitung von Alaska bis zu den südlicheren amerikanischen Bundesstaaten hätte eine Länge von 5750 km.

Eine Querverbindung, die Erdgas aus

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�aus dem Mackenzie-Delta nach Dawson im kanadischen Yukon-Territorium bringen
und außerdem die Verbindung zu Whitehorse im Yukon-Territorium herstellen
soll, würde ca. 1100 km lang.

Die Kosten des Projekts werden auf 9,6 Mil-

liarden Dollar geschätzt, einschließlich der Kosten für eine 1916 km lange
Abzweigung innerhalb der USA, die Erdgas nach Kalifornien transportieren soll

+ + + + +

•

- 2 -

�1

I

E' im

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

-

)

28. September 1977

26

"ENTERPRISE" ZUM ZWEITEN MAL IM FREIEN FLUG

EDWARDS AIR FORCE BASE, KAL. - (AD) - Mit dem Raumtransporter-Testgerät
ENTERPRISE wurde am 13. September 1977 der zweite freie Flug mit Landung ohne
eigene Motorkraft durchgeführt. Nach der Trennung vom Trägerflugzeug, einer
Boeing 747, in 7200 m Höhe führte die zweiköpfige Besatzung des Fluggeräts
in 5 Minuten 20 Sekunden zur vorgesehenen Landung auf einem ausgetrockneten
See im Bereich des Luftstützpunktes Edwards Air Force Base in Kalifornien zurück. Vor dem Ausklinken war die Fluggeschwindigkeit auf 500 km/Stunde gebracht worden. Die beiden Piloten im Cockpit der ENTERPRISE - Joe Engle, der
bereits die X-15 geflogen hatte, und Astronaut Richard Truly - führten nach
der Trennung zunächst eine scharfe Rechtswendung um 55 Grad aus, richteten
dann durch eine flachere Kurve die ENTERPRISE auf die Landebahn aus und setzten
das Gerät sicher auf.
"Während des gesamten Countdown und des Fluges klappte alles wie am
Schnürchen", meinte später der Flugleiter Donald K. Slayton, selbst ehemaliger
Astronaut. Das Programm kann zügig weitergehen. Drei weitere Flüge im gegenwärtigen Testabschnitt sind für den 27. September, 27. Oktober und 15. November
vorgesehen.
+ + + ++

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�1

1
I

Wi//en/chaft
mul Technik
United States Information Service

28. September 1977

26

MEERESALGEN ALS METHANQUELLE

- (AD) - Wissenschaftler der Fa. General Electric in Philadelphia
(Pennsylvanien) haben eine Seetang-Farm entwickelt, die im Frühjahr 1978
vor der Küste von Kalifornien im Meer verankert werden soll. Man erwartet,
daß sie pro Jahr etwa 100 Tonnen Braunalgen (Kelp) produziert, die in einer
Anlage auf dem Festland durch bakterielle Zersetzung Methan liefern. Methan
ist der Hauptbestandteil von Erdgas. Bei den gegenwärtigen Erdgaspreisen
könnte nach Ansicht der Fachleute die Testfarm, die eine Ausdehnung von 0,1
Hektar hat, pro Jahr eine Gasausbeute im Wert von 600 000 Dollar erbringen.
Den größten Anteil an den 3 Millionen Dollar Investitionskosten stellte die
"American Gas Association" bereit. Dort ist man der Überzeugung, daß mit
der Umwandlung von "Biomasse" in Energie ein beachtlicher Beitrag zur Lösung der Weltenergiekrise geleistet werden könnte. Die praktische Durchführung des Projekts überläßt General Electric dem kalifornischen Unternehmen
"Global Marine Development".
Die Tangfarm sieht aus wie ein riesiger umgestülpter Regenschirm, aus
dessen Rippen die Riesenalgen (Macrocystis Pyrifera) wachsen. Sie zählen
zu den größten und am schnellsten wachsenden Pflanzen, die es auf der Erde
gibt. Sie werden bis zu 60 m lang und setzen pro Tag 50 - 60 cm an. In

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�&lt;-

In der Tangfarm sollen sie mehrmals pro Jahr geerntet, zerkleinert und zur
Küste gebracht werden, wo man dann Bakterien die Gasbildung überläßt. Riesenbraunalgen wurzeln in Wassertiefen von 18 m und mehr. In Kalifornien werden
die natürlichen Vorkommen schon seit geraumer Zeit industriell verwertet,
vor allem zur Gewinnung von Algin.
Wenn die Versuchsfarm in ihren Betriebs- und Ernteergebnissen den Erwartungen entspricht, sollen Anfang der achtziger Jahre Unterwasserfarmen
angelegt werden, die eine Ausdehnung von 200 - 400 Hektar haben. Sie könnten
eine billige Quelle zur Erzeugung von Methan im Wert von vielen Millionen
Dollar pro Jahr darstellen - eine Energiequelle, die außerdem die Umwelt
nicht belastet.

+ + + + +
•

&lt;•-»•.

•

•

.
•

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Carter erläutert seine Menschenrechtspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brown bekräftigt Bündnistreue der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Young: Vereinte Nationen müssen Nord-Süd-Dialog fortsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Carters vor dem IWF und der Weltbank&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinten Nationen als Forum für Nord-Süd-Dialog&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erdgas aus Alaska&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"ENTERPRISE" zum zweiten Mal im freien Flug&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meeresalgen als Methanquelle</text>
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                    <text>und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

39

28. September 1983

INHALT

DOKUMENTATION
Rede des US-Präsidenten vor der UN-Vollversammlung
- Wortlaut Shultz unterstreicht Friedensmission der USA im Libanon
- Erklärung vor dem Außenpolitischen Ausschuß des
Repräsenantenhauses Richard Perle:

Die Sicherheitspolitik der NATO - ein Überblick

- Rede des Unterstaatssekretärs für internationale Sicherheitspolitik im amerikanischen Verteidigungsministerium -

HINTERGRUNDMATERIAL
Deutsch-Amerikaner heute
- Der einzige im Ausland geborene Amerikaner, der je zum amerikanischen
Außenminister ernannt wurde, war ein Deutsch-Amerikaner -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Farmwirtschaft nach Computerdaten
- Satelliten liefern die Informationen

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dokumentation

1

United States Information Service
Embassy of the United States of America

39

Zti. September iyb3

REDE DES US-PRÄSIDENTEN VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG
- Wortlaut

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat in einer
vielbeachteten Rede auf der Eröffnungssitzung der 38. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York am 26. September 1983 neue Abrüstungsinitiativen
der Vereinigten Staaten angekündigt. Wenn die Sowjetunion einer weltweiten
Verringerung und Begrenzung der Raketen zustimme, dann würden die USA auf einen
vollen Ausgleich durch amerikanische Dislozierungen in Europa verzichten. Die
Vereinigten Staaten würden beiderseits akzeptable Mittel und Wege überlegen,
um dem sowjetischen Wunsch nach Einbeziehung von Flugzeugen in einem Abkommen
entgegenzukommen. Die Vereinigten Staaten seien bereit, die Zahl der PERSHING
II-Raketen sowie der landgestützten Marschflugkörper niedriger anzusetzen.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Ehre gegeben haben, heute an diesem
ersten Tag der Generaldebatte der 38. Sitzungsperiode der Vollversammlung zu
sprechen.

Wieder einmal trete ich vor dieses Gremium und denke vor allem an

den Frieden.

Beim vorigen Mal stand ich hier, um vor der Sondersitzung über

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Sondersitzung über Abrüstung zu sprechen.

Heute komme ich zu Ihnen, um die

Verpflichtung meiner Nation zum Frieden zu erneuern.

Ich bin gekommen, um

mit Ihnen darüber zu sprechen, wie wir die Träume bewahren können, die diese
Organisation entstehen ließen.
Die Vereinten Nationen wurden zum Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet,
um künftige Generationen vor der Geißel

des Krieges zu bewahren, die poli-

tische Selbstbestimmung und die weltweite Prosperität

zu fördern und ein

zivilisiertes Verhalten unter den Völkern zu stärken.

Die Gründer wollten

an die Stelle einer Welt im Kriege eine Welt mit einer zivilisierten Ordnung
setzen.

Sie hofften, eine Welt des nie nachlassenden Konflikts würde einer

neuen Ära Platz machen, einer Ära, in der die Freiheit die Oberhand über die
Gewalt gewinnen würde.
Vor welchen Herausforderungen die Welt auch immer stehen sollte, so
wollten die Gründer doch, daß diese Körperschaft für bestimmte Werte einstehen sollte - auch wenn sie nicht erzwungen werden könnten - und daß sie
die Gewalt verurteilen sollte - auch wenn ihr kein Einhalt geboten werden
könnte.

Diese Köerpschaft sollte mit der Stimme der moralischen Autorität

sprechen,und eben das sollte ihre größte Stärke sein.
Die schreckliche Wahrheit ist jedoch, daß im letzten Jahrzehnt Gewalt
zur Erreichung politischer Ziele immer häufiger - und etwa nicht seltener angewandt

wurde.

Die Ereignisse der letzten Wochen haben einen neuen un-

willkommenen Beweis der brutalen Mißachtung des Lebens und der Wahrheit gebracht.

Sie haben unerwünschtes Zeugnis davon abgelegt, wie gespalten und

gefährlich unsere Welt ist; wie schnell auf Gewalt zurückgegriffen wird.
Was ist aus den Träumen der Gründer der Vereinten Nationen geworden?
Was ist aus dem Geist geworden, in dem die Vereinten Nationen geschaffen
wurden?
Die Antwort

�Die Antwort liegt auf der Hand:
der Völker im Wege.
Ost und West.

Die Regierungen standen den Träumen

Die Träume gerieten in die Auseinandersetzungen zwischen

Die Hoffnungen wurden zu politischem Wortgeklingel.

schritt wurde zu einem Streben nach Macht und Herrschaft.

Der Fort-

Irgendwann geriet

die Wahrheit in Vergessenheit, daß es nicht die Völker sind, die Kriege führen, sondern die Regierungen.
Und heute erschüttern in Asien, Afrika, Lateinamerika, im Nahen Osten
und im Nordpazifik die Waffen des Krieges die Sicherheit der Völker, die dort
leben; gefährden den Frieden der Nachbarn und schaffen immer mehr Schauplätze der Konfrontation zwischen den Großmächten. Allein während des letzten
Jahres sind gewalttätige Konflikte in den Hügeln um Beirut, in den Wüsten des
Tschad und der westlichen Sahara, in den Bergen von El Salvador, in den Straßen
von Surinam, in den Städten und Dörfern Afghanistans, an den Grenzen von
Kampuchea und auf den Schlachtfeldern des Iran und Irak ausgebrochen.
Wir können nicht auf den Überlebensinstinkt zählen, um uns vor dem Krieg
zu schützen - trotz all der durch den Krieg vergeudeten Menschenleben und
Hoffnungen.

Der Krieg ist zu einer stehenden, wenn auch schrecklich kost-

spieligen Einrichtung geworden, durch die Nationen die Entscheidung ihrer
Streitigkeiten anstreben oder ihre Ziele erreichen wollen.
Und der Fortschritt in der Waffentechnologie hat den Fortschritt zum
Frieden bei weitem überholt. In unserer modernen Zeit ist ein neues, noch
erschreckenderes Element zu dieser Kalkulation hinzugekommen: die Kernwaffen.
Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen und darf nie geführt werden. Wenn Regierungen, dessen bin ich sicher, entschlossen sind, vor einem Krieg abzuschrecken
und einen Krieg zu verhüten, dann wird es keinen Krieg geben. Nichts steht
mehr in Einklang mit dem Geist der Charta der Vereinten Nationen als die
Rüstungskontrolle.
Als ich vor der Zweiten Sondersitzung über Abrüstung sprach, bekräftigte ich die Verpflichtung der amerikanischen Regierung und meine persönliche
Verpflichtung, die Kernwaffen zu verringern und in gutem Glauben zur Erreichung
- 3 -

�zur Erreichung dieses Zieles zu verhandeln.
Heute bekräftige ich diese Verpflichtung erneut.

Die Vereinigten Staaten

haben bereits die Zahl ihrer Kernwaffen weltweit verringert, und wenn auch
der Ersatz älterer Waffen unerläßlich ist, so wollen wir doch über Rüstungsverringerungen verhandeln und bedeutsame, gerechte und verifizierbare Rüstungskontroll abkommen erreichen.

Und lassen Sie mich dies hinzufügen:

Wir müssen

dafür sorgen, daß die Sicherheit der Welt nicht durch eine weitere Ausbreitung
der Kernwaffen untergraben wird.

Die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen

darf kein vergessenes Element der Rüstungskontrolltagesordnung der Welt werden.
Bei meinem vorigen Besuch hier brachte ich die Hoffnung zum Ausdruck,
daß eine ganze Klasse von Waffensystemen - die weiterreichenden nuklearen
Mittel Streckensysteme - LRINF - vom Angesicht der Erde verbannt werden könnte.

Ich glaubte, die Zeit sei reif, um zum erstenmal in der Geschichte die

tiefe

Sorge der Völker in Europa und Asien -eine Bedrohung der Sicherheit -

ausschließlich durch Rüstungskontrolle zu beheben.

Ich bin noch immer der

Überzeugung, daß die Beseitigung dieser Waffen - die Null-Lösung - die beste,
fairste und praktischste Lösung dieses Problems ist.

Leider hat die Sowjet-

union die völlige Beseitigung dieser Waffenklasse abgelehnt.
Als ich voriges Mal hier sprach, hoffte ich, daß die entscheidend wichtigen Verhandlungen über die Verringerung der strategischen Waffen (START)
sich vordringlich auf jene Systeme konzentrieren würden, die das größte Risiko
eines Atomkrieges tragen - die schnell fliegenden, treffsicheren Interkontinentalraketen, die ein Erstschlagpotential darstellen.

Ich hoffte ferner, daß die

Verhandlungen die Zahl der strategischen Raketen auf jeder Seite um die Hälfte
und die Zahl ihrer Gefechtsköpfe um ein Drittel verringern könnten.

Auch

hier war ich enttäuscht, als die Sowjets es ablehnten, über so tiefgreifende
Verringerungen zu sprechen und sich auch weigerten, sich auf diese gefährlichsten und destabilisierendsten Waffen zu konzentrieren.
Trotz dieser Zurückweisungen haben die Vereinigten Staaten das Streben

�das Streben nach bedeutsamen Rüstungskontroi labkommen nicht aufgegeben und
werden es nicht aufgeben.

Im Juni dieses Jahres habe ich einen neuen Weg

für START-Verhandlungen vorgeschlagen.

Wir haben nicht unser Ziel wesent-

licher Verringerungen geändert, sondern eingesehen, daß es eine ganze Reihe
von Wegen gibt, um dieses Ziel zu erreichen.

In der letzten Verhandlungs-

runde in Genf haben wir einen Vertragsentwurf unterbreitet, der auf eine Reihe
von Anliegen der Sowjetunion einging.

Wir werden auf dieser Initiative weiter

aufbauen.
In ähnlicher Weise haben die Vereinigten Staaten bei unseren Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme (INF) - als sich die sowjetischen
Führung beharrlich weigerte, über eine völlige Beseitigung dieser Waffen zu
sprechen - ein neues Angebot gemacht. Wir schlugen als Zwischenlösung eine
Zahl zwischen Null und 572 für beide Seiten vor, wobei wir für den niedrigstmöglichen Stand eintraten.
Aber wiederum lehnten die Sowjets eine gerechte Lösung ab und schlugen
stattdessen etwas vor, was man als "halbe Null-Lösung" bezeichnen könnte für uns Null und für sie viele Hundert Gefechtsköpfe. Das ist der Stand der
Dinge heute, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß die Sowjetunion in ernsthafte Verhandlungen eintreten wird.
Wir sind entschlossen, keine Mühe zu scheuen, um ein gerechtes und verifizierbares Abkommen zu erreichen. Aus diesem Grunde habe ich Botschafter
Nitze in Genf neue Anweisungen erteilt und ihn beauftragt, ein ganzes Paket
von Schritten vorzuschlagen, um die Verhandlungen so rasch wie möglich voranzutreiben. Diese Initiativen bauen auf dem Interimsrahmen auf, den die Vereinigten Staaten im März vorgeschlagen hatten, und gehen auf Besorgnisse ein,
die die Sowjets in der Vergangenheit am Verhandlungstisch geltend gemacht
haben.
Im einzelnen
- schlagen die
- 5 -

�- schlagen die Vereinigten Staaten erstens eine neue Initiative über
globale Begrenzungen vor. Wenn die Sowjetunion Verringerungen und Begrenzungen auf globaler Basis zustimmt, dann werden die Vereinigten
Staaten nicht die ganze weltweite sowjetische Raketendislozierung durch
amerikanische Dislozierungen in Europa ausgleichen. Wir würden jedoch
selbstverständlich das Recht behalten, anderswo Raketen zu dislozieren.
- Zweitens, die Vereinigten Staaten sind bereit, bezüglich des Inhalts
der gegenwärtigen Verhandlungen flexibler zu sein. Die Vereinigten Staaten werden beiderseits akzeptable Mittel und Wege in Erwägung ziehen, um
dem sowjetischen Wunsch entgegenzukommen, daß ein Abkommen sowohl Flugzeuge als auch Raketen begrenzen sollte.
- Drittens, die Vereinigten Staaten werden sich mit der Zusammensetzung
(Mix) der Raketen befassen, die durch Verringerungen entstehen würde.
Im Zusammenhang mit Verringerungen auf einen beiderseits gleichen Stand
sind wir bereit, die Zahl der PERSHING II-Raketen sowie der landgestützten
Marschflugkörper zu verringern.
Ich habe beschlossen, diese wichtigen Initiativen nach vollen und ausgedehnten Konsultationen mit unseren Verbündeten zu unterbreiten, einschließlich eines Briefwechsels, den ich mit den Regierungschefs der NATO-Länder und
Japans führte, und häufiger Sitzungen der Besonderen Beratungsgruppe der NATO
(SCG).

Ich stehe zudem in engem Kontakt mit anderen interessierten Freunden

und Verbündeten.

Die Tür für ein Abkommen ist offen. Jetzt liegt es an der

Sowjetunion, einzutreten.
Ich möchte den hier heute in dieser Weltarena Versammelten ein klares
und eindeutiges Versprechen geben:

Die Vereinigten Staaten streben nach

einem gerechten, verifizierbaren Abkommen, das die Streitkräfte auf niedrigerer Ebene, als dies heute der Fall ist, stabilisiert, und werden jedes solche
Abkommen akzeptieren.

Wir sind bereit, flexibel an die Dinge heranzugehen,

ja, wir sind zum Kompromiß bereit. Wir können jedoch, besonders im Lichte

�im Lichte der jüngsten Ereignisse, bei der Notwendigkeit einer wirksamen
Verifizierung keine Kompromisse machen.
Die Reaktionen auf die Tragödie mit dem koreanischen Passagierflugzeug
erinnern uns zur rechten Zeit, wie sehr sich die Vorstellungen der Sowjets
von Wahrheit und internationaler Zusammenarbeit von denen der übrigen Welt
unterscheiden.

Die Erfahrung verlangt, daß wir nicht einfach davon ausgehen,

daß mit der Sowjetunion ausgehandelte Abkommen auch eingehalten werden.
Wir haben die Schlußakte von Helsinki ausgehandelt, aber die versprochenen Freiheiten zur Überwachung der Einhaltung dieser Übereinkommen wurden
nicht gewährt, und jene, die sich dafür einsetzten, schmachten im Gefängnis.
Wir haben eine Konvention über das Verbot biologischer Waffen ausgehandelt,
aber weiterhin fallen tödlicher Regen und andere toxische Kampfmittel auf
die Dörfer der Hmong und auf Lager in Afghanistan. Wir haben Rüstungskontrollabkommen ausgehandelt, aber der hohe Grad der sowjetischen Verschlüsselung
entzieht die Information, die für ihre Verifizierung notwendig wäre. Eine
neuentdeckte Radar-Anlage und eine neue Interkontinentalrakete erwecken
ernste Zweifel an der Einhaltung bereits abgeschlossener Abkommen durch die
Sowjets.
Dem Frieden wird durch eine Pseudo-Rüstungskontrolle nicht gedient.
Wir brauchen verläßliche, beiderseitige Verminderungen. Ich rufe die Sowjetunion heute auf, die Spannungen abzubauen, die sie in den letzten Wochen
der Welt aufgebürdet hat, und ein entschlossenes Engagement für den Frieden
zu zeigen, indem sie mit einem neuen Verständnis ihrer Verpflichtungen an
den Verhandlungstisch kommt. Ich fordere sie auf, es unserer Flexibilität
gleichzutun.
Wenn die Sowjets sich an den Verhandlungstisch setzen und echte Rüstungsverminderungen anstreben, dann wird es Rüstungsverminderungen geben.

Die Re-

gierungen des Westens und ihre Völker werden durch falsche Informationen und
Drohungen nicht von ihrem Weg abgelenkt werden.

- 7 -

Für die Sowjetunion ist die

�ist die Zeit gekommen, zu beweisen, daß sie wirklich eine Rüstungskontrolle
wünscht - nicht nur rhetorisch.
Sinnvolle Rüstungskontrollabkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion würden unsere Welt weniger gefährlich machen - wie auch
eine Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen, die wir der Sowjetunion bereits
vorgeschlagen haben.
Rüstungskontrolle erfordert einen Geist, der über engstirnige nationale
Interessen hinausgeht.

Dieser Geist ist einer der Grundpfeiler, auf denen

die Vereinten Nationen gegründet wurden.
Geist an.

Wir streben eine Rückkehr zu diesem

Ein grundlegender Schritt wäre eine echte Blockfreiheit der Ver-

einten Nationen.

Dies würde eine Rückkehr zu den wahren Werten der Charta

signalisieren, einschließlich des Prinzips der Universalität.

Die Mitglie-

der der Vereinten Nationein müssen auf der Seite der Gerechtigkeit zusammenstehen, nicht der Ungerechtigkeit, auf der Seite des Friedens statt der Aggression, auf der Seite der Menschenwürde statt der Unterwerfung.

Jedes andere

Eintreten liegt außerhalb der Ziele dieser großen Körperschaft und wirkt sich
zerstörerisch auf die Harmonie aus, die sie anstrebt.

Was der Charta schadet,

schadet auch dem Frieden.
Die Gründer der Vereinten Nationen erwarteten, daß die Mitgliedstaaten
sich wie Einzelmenschen verhalten und abstimmen würden, nachdem das Für und
Wider einer Sache abgewogen wurde - wie auf einer großen, globalen Bürgerversammlung. Das Entstehen von Blöcken und die Polarisierung der Vereinten
Nationen unterminieren alles, was diese Organisation ursprünglich wert- und
hochhielt.
Wir müssen uns daran erinnern, daß die blockfreie Bewegung ins Leben
gerufen wurde, um der Entwicklung von Blöcken entgegenzuwirken und die Entspannung zwischen ihnen 7.u fördern.

Ihre Begründer sprachen von dem Recht

kleinerer Länder, nicht in die Meinungsverschiedenheiten anderer verwickelt
zu werden.

Seither ist die Zahl der Mitglieder der blockfreien Bewegung

dramatisch angewachsen, aber nicht alle neuen Mitglieder hielten sich an die
- 8 -

�an die Verpflichtung der Gründer zu einer echten Blockfreiheit.

Ja,

Satellitenregierungen der Sowjetunion, die schon seit langem ihre Unabhängigkeit verloren haben, sind in die blockfreie Bewegung hineingeströmt und
haben, nachdem sie einmal dieser Bewegung angehörten, gegen deren wahre
Ziele gearbeitet.

Eine Pseudo-Blockfreiheit ist nicht besser als eine Pseudo-

Rüstungskontrolle.
Die Vereinigten Staaten weisen als falsch und irreführend den Standpunkt zurück, daß die Welt zwischen den Imperien des Ostens und des Westens
aufgeteilt sei. Wir weisen dies aus ganz sachlichen Gründen zurück. Die
Vereinigten Staaten stehen nicht an der Spitze irgendeines Blockes unterwürfiger Länder, und wollen dies auch nicht. Was man den Westen nennt, ist ein
freies Bündnis von Regierungen, von denen die meisten demokratisch sind und
die alle ihre Unabhängigkeit überaus schätzen. Was man den Osten nennt, ist
ein Imperium, das vom Zentrum aus dirigiert wird, nämlich von Moskau aus.
Die Vereinigten Staaten treten heute wie in der Vergangenheit mit allem
Nachdruck für die Freiheit und die Selbstbestimmung aller Völker ein.

Wir

begrüßen die Vielfalt; wir unterstützen das Recht aller Nationen, ihre nationalen Ziele zu bestimmen und zu verfolgen.

Wir respektieren ihre Ent

Scheidungen und ihre Souveränität und verlangen lediglich, daß sie auch die
Entscheidungen und die Souveränität anderer respektieren.

Sehen Sie sich die

Welt der letzten 30 Jahre an, und entscheiden Sie dann selbst, ob die Vereinigten Staaten oder ob die Sowjetunion eine expansionistische Politik betrieben haben.
Heute tragen die Vereinigten Staaten zum Frieden bei, indem sie kollektive Anstrengungen seitens der Völkergemeinschaft unterstützen. Wir unterstützen beharrlich die friedenserhaltenden Anstrengungen dieser Körperschaft
wie auch andere derartige multilaterale Anstrengungen überall auf der Welt.
Die Vereinten Nationen blicken auf eine stolze Geschichte der Förderung der
Versöhnung und der Mithilfe zur Wahrung des Friedens zurück. Heute befinden
sich friedenserhaltende Truppen oder Beobachter der Vereinten Nationen auf
Zypern und in Kaschmir, auf den Golanhöhen und im Libanon.
Zusätzlich zu
- 9 -

�Zusätzlich zu unserer Förderung der internationalen Diplomatie sind sich
die Vereinigten Staaten ihrer Verantwortung bewußt, ihren eigenen Einfluß für
den Frieden zum Tragen zu bringen. Seit den Tagen, da Theodore Roosevelt
1905 im russisch-japanischen Krieg vermittelte, haben wir eine lange und
ehrenhafte Tradition der Vermittlung oder der Dämpfung von Konflikten und
der Förderung friedlicher Lösungen.
Im Libanon haben wir uns gemeinsam mit Frankreich, Italien und Großbritannien für eine Waffenruhe, den Abzug aller ausländischen Truppen sowie
für die Wiederherstellung der Souveränität und der territorialen Integrität
des Libanon eingesetzt.
Im Tschad haben wir gemeinsam mit anderen die anerkannte Regierung angesichts einer Aggression von außen unterstützt.
In Mittelamerika wie im südlichen Afrika sind wir bemüht, die Anwendung
von Gewalt zu verhindern und einen Rahmen für friedliche Verhandlungen zu
schaffen.

Wir unterstützen eine Politik, die die Großmächte aus dem Konflikt

der Dritten Welt heraushält.
Die Charta der Vereinten Nationen räumt regionalen Organisationen bei
der Suche nach Frieden eine wichtige Rolle ein. Die amerikanischen Anstrengungen für die Sache des Friedens sind nur ein Ausdruck des Geistes, der
auch andere in der Weltgemeinschaft beflügelt.

Die Organisation Amerikanischer

Staaten (OAS) hat Pionierarbeit auf dem Gebiet regionaler Sicherheitsanstrengungen geleistet.

In Mittelamerika sind die Mitglieder der CONTADORA-Gruppe

bemüht, eine Grundlage für die friedliche Lösung der Probleme jener Region
zu schaffen.

In Ostasien haben die asiatischen Länder einen Rahmen für die

friedliche politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit geschaffen, der die
Aussichten für einen dauerhaften Frieden in diesem Gebiet wesentlich gestärkt
hat.

In Afrika sind solche Organisationen wie die Wirtschaftsgemeinschaft

Westafrikanischer Staaten nachdrücklich dabei, funktionierende Strukturen
in dem Bemühen um eine Verwirklichung des Potentials Afrikas zu erarbeiten.
Von Anfang
- 10 -

�Von Anfang an ging unsere Hoffnung für die Vereinten Nationen dahin,
daß sie ein optimales Spiegelbild der Völkergemeinschaft abgeben würde.

Die

Vereinten Nationen können - wenn sie optimal genutzt werden - dazu beitragen,
daß wir Furcht und Gewalt überwinden, und sie können als eine gewaltige Kraft
für den Frieden und die Prosperität wirken.

Wenn wir zusammenarbeiten, kön-

nen wir die internationale Gesetzlosigkeit überwinden und die Menschenwürde
stärken.
Wenn die in diesem Gremium vertretenen Regierungen den Frieden so lauter
und unverfälscht wollen wie ihre Völker, dann werden wir ihn auch finden.
Wir können dies dadurch tun, daß wir die moralische Autorität der Vereinten
Nationen wieder geltend machen. In den vergangenen Wochen scheint auch die
moralische Entrüstung der Welt wieder erwacht zu sein.
Warum sollte, so mögen manche fragen, der Tod von ein paar Hundert Menschen - aus jenen Milliarden heraus, die diesen Planet bewohnen - die Welt
so tief erschüttern? Warum sollte der Tod einer Mutter, die wieder mit ihrer
Familie Zusammensein wollte oder der Tod eines Gelehrten, der dabei war, neue
Wege der Wissenschaft zu beschreiten, eine so große Bedeutung haben? Warum
sind Staaten, die keine Bürger bei dieser Tragödie verloren, so aufgebracht?
Die Gründe liegen darin, wie wir uns das zivilisierte Leben und das Bemühen um den Frieden vorstellen. Das Vertrauen, das es einer Mutter oder
einem Gelehrten ermöglicht, nach Asien, Afrika, Europa oder an einen anderen
Ort auf diesem Planeten zu reisen, mag nur ein kleiner Sieg im Kampf der
Menschheit um den Frieden sein. Aber was ist der Frieden - wenn nicht die
Summe solcher kleiner Siege?
Alles Bemühen um den Frieden und jeder kleine Sieg sind wichtig für den
Weg zu einem umfassenderen, dauerhaften Frieden.
zielt.

Wir haben Fortschritte er-

Wir haben einen weiteren Weltkrieg vermieden.

Wir sind Zeuge des

Endes der alten Kolonial zeit und der Geburt von 100 nunmehr souveränen Staaten geworden.

Und obgleich die wirtschaftliche Entwicklung auch weiterhin

- 11-

�auch weiterhin eine gewaltige Herausforderung bleibt, so haben wir doch ein
bemerkenswertes Wirtschaftswachstum bei den Industrie- wie bei den Entwicklungsländern erlebt.

Die Vereinten Nationen und ihre Tochterorganisationen

haben wichtige Beiträge zur Lebensqualität auf diesem Planeten geleistet wie sie etwa ganz direkt zahllosen Menschen durch ihre Flüchtlings- und Notprogramme das Leben gerettet haben.

All diese Leistungen werden jedoch über-

schattet durch die Probleme, die so drückend auf uns lasten.

Die Probleme

sind alt, aber noch ist es nicht zu spät, uns um einen neuen Anfang zu bemühen, einen Anfang, der so lebendig ist, wie die Ideale der Charta der Vereinten Nationen.
Heute, zu Beginn dieser 38. Sitzungsperiode, erkläre ich feierlich, daß
mein Land die ursprünglichen Ideale der Vereinten Nationen hochhalten wird.
Unsere Ziele sind auch die, die diese Vereinigung leiten.

Unser Streben ist

dasselbe wie das der Gründer der Vereinten Nationen, die darum bemüht waren,
eine Welt im Kriege durch eine andere zu ersetzen, in der die Herrschaft des
Rechts gelten würde, in der die Menschenrechte geachtet würden, in der die
wirtschaftliche Entwicklung gedeihen würde und in der der Konflikt der Freiheit von Gewalt weichen würde.
Im Jahr 1956 kam Präsident Dwight D. Eisenhower in einem Schreiben an
einen Verleger zu folgender Überlegung in bezug auf Waffen und Abschreckung:
"Wenn wir eines Tages an dem Punkt anlangen, an dem beide Seiten wissen, daß
bei jedwedem Ausbruch allgemeiner Feindseligkeit - ungeachtet des Überraschungselementes - die Zerstörung sowohl gegenseitig als auch vollständig
sein wird, werden wir möglicherweise genug Vernunft haben, um uns an einem
Konferenztisch in dem Verständnis zu treffen, daß die Zeit der Waffen zu Ende
ist und die menschliche Rasse ihre Handlungen mit dieser Wahrheit in Einklang bringen oder aber sterben muß." Und er fuhr fort: "... Die Entwicklung
ist an einem Punkt angelangt, an dem die Sicherheit nicht mehr allein durch
Waffen gewährleistet werden kann... Ihre Nützlichkeit konzentriert sich mehr
und mehr auf ihre Eigenschaften als Abschreckungsmittel denn als Instrumente,
mit denen ein Sieg errungen werden könnte..."
Verehrte Delegierte,
- 12 -

�Verehrte Delegierte, meine Damen und Herren, während wir mit unserer
Suche nach einer sichereren Welt fortfahren, müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, damit die Diplomatie die Oberhand behält.
als der ehrenwerteste aller Berufe

Die Diplomatie

kann die segensreichste aller Gaben brin-

gen, das Geschenk des Friedens. Wenn uns dies gelingt, wird die Welt im
Frieden einen Anreiz und eine Erfüllung finden, die weit über das hinaus
gehen, was jemals durch Gewalt und Krieg Zustandekommen könnte.
Ich möchte Ihnen heute eine Botschaft bringen, über die ich oft zu den
Bürgern meines eigenen Landes gesprochen habe - besonders in Zeiten, in
denen ich das Gefühl hatte, sie seien entmutigt und unsicher. Ich überbringe sie Ihnen mit ebenso viel Hoffnung und Anteilnahme,wie ich dies bei
meinem eigenen Volk tat. Sie haben das Recht, großartige Träume zu träumen.
Sie haben das Recht, für Ihre Völker eine bessere Welt zu schaffen. Und wir
alle haben die Verantwortung, für eine bessere Welt zu arbeiten. Und denken
wir doch als sorgende, friedvolle Völker daran, welch eine gewaltige Macht
zum Guten wir sein könnten. Verehrte Delegierte, holen wir uns den Traum
zurück, den die Vereinten Nationen einstmals träumten.

- 13 -

�' 1111.] '

•7TT3T

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

28. September 1983

39

SHULTZ UNTERSTREICHT FRIEDENSMISSION DER USA IM LIBANON
Erklärung vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister George Shultz hat
die Friedensmission der Vereinigten Staaten im Libanon unterstrichen. "Unsere
Strategie im Libanon besteht darin, solche Verhältnisse schaffen zu helfen,
daß es im Interesse aller liegt, eine Art von Gleichgewicht herzustellen, das
eine Waffenruhe, eine politische Angleichung und letztlich den Abzug aller
ausländischen Streitkräfte fördert", sagte Shultz am 21. September 1983 vor
dem Außenpolitischen Ausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses. Die
Erklärung des amerikanischen Außenministers zur Nahostpolitik der Vereinigten
Staaten hat folgenden Wortlaut:
Ich begrüße diese Gelegenheit, mit Ihnen über unsere Ziele im Libanon
und über die Bedeutung zu sprechen, die Präsident Reagan der Zusammenarbeit
mit dem Kongreß beim Verfolg dieser Ziele beimißt.
Die Herausforderung im Libanon ist eine Herausforderung an alle von uns
als Nation.

Hier geht es nicht um parteipolitische Fragen.

Es geht um Ziele

und Prinzipien der amerikanischen Außenpolitik, über die es, wie ich sagen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�••

ich sagen möchte, ein großes Maß an Übereinstimmung gibt.
Meinungsverschiedenheiten

es

Welche legitimen

bezüglich Taktik oder Prärogative auch geben

mag, unsere führende Rolle in der Welt ist ernsthaft in Frage gestellt, wenn
der Präsident und der Kongreß versuchen, jeweils eine andere Außenpolitik
zu verfolgen.
Wir müssen zusammenarbeiten, um unserer gemeinsamen nationalen Verantwortung nachzukommen, oder unsere gemeinsamen
Welt werden leiden.

nationalen Interessen in der

In den letzten 15 Jahren hat es Fälle eines Patts zwi-

schen unseren beiden Regierungszweigen gegeben, die unserer Außenpolitik geschadet und zu menschlichen Tragödien geführt haben.

Der Präsident ist ent-

schlossen, dies nicht zu einem solchen Fall werden zu lassen.
Das ist der Geist, in dem wir an dieses Problem herangehen, und ich
freue mich, daß ich im Kongreß einen ähnlichen Geist gespürt habe. Wie Präsident Reagan gestern erklärt hat, unterstützen wir das von beiden Parteien
erzielte Abkommen.

Dieses Abkommen dient

nach meiner Auffassung

dem natio-

nalen Interesse.
Lassen Sie mich darlegen, um was es nach Auffassung der Administration
im Nahen Osten und im Libanon geht; was unsere Diplomatie dort zu erreichen
versucht; und warum die Präsenz der Soldaten unseres Marinekorps dort von
so ungeheurer Bedeutung ist.

Unsere Nahostpolitik
Seit dem Oktober-Krieg 1973 sind fast zehn Jahre vergangen, und in diesem Jahrzehnt waren die Vereinigten Staaten nachhaltig und fast ständig in
der Nahostdiplomatie engagiert.
Aufgrund unserer starken moralischen und politischen Verpflichtung gegenüber Israel und unserer vielen starken Freundschaften in der arabischen

�der arabischen Welt

sind wir immer davon ausgegangen, daß eine Verhandlungs-

lösung des arabisch-israelischen Konflikts im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten liegt.

Israel und seine arabischen Nachbarn verdienen es,

in Frieden und Sicherheit zu leben; das palästinensische Volk verdient eine
gerechte Erfüllung seiner legitimen Rechte und Hoffnungen; alle Nationen der
Region verdienen eine Zukunft frei von Intervention von außen und Konfrontation der Supermächte.
Der Weg zum Frieden ist lang und schwer, und wir machen uns darüber
keine Illusionen.
Aber wir können stolz sein auf die Rolle, die unser Land
dabei gespielt hat, in den letzten zehn Jahren viele wichtige Schritte zum
Frieden herbeizuführen.
Est vor einem Jahr hat Präsident Reagan selbst die weitergefaßten Fragen
des Nahostfriedens in einer großen Initiative angesprochen, die eine praktikable, zweckmäßige und hoffnungsvolle Basis für Verhandlungen bot - und noch
bietet. Jeder im Nahen Osten, der wirklich eine gerechte, sichere und umfassende Lösung des Konfliktes anstrebt, wird sich in die Richtung der Initiative des Präsidenten wenden müssen, weil sie fest auf den Übereinkommen von
Camp David und den Sicherheitsratsresolutionen 242 und 338 beruht.
Die Krise im Libanon kann nicht von der umfassenderen Krise im Nahen
Osten getrennt gesehen werden. Hier sind viele der gleichen Parteien verwikkelt, denen es um die größeren Fragen eines Nahostfriedens geht. Es geht um
die gleichen Fragen der Sicherheit, der Achtung der Souveränität und der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten. Wenn wir im Libanon einer friedlichen
Lösung näherkommen, dann tragen wir zu dem umfassenderen Friedensprozeß bei.
Rückschläge, im Libanon werden die umfassendere Anstrengung nur umso schwerer
machen.

Unsere Ziele

�Unsere Ziele und unsere Politik im Libanon
Wir haben von Anfang an im Libanon im wesentlichen drei Ziele angestrebt:
- Abzug aller fremden Truppen aus dem Libanon;
- einen souveränen unabhängigen Libanon, der sich der nationalen Einheit verschrieben hat und in der Lage ist, sein ganzes nationales Territorium
zu kontrollieren; und
- Sicherheit für die Nordgrenze Israels, damit die Bewohner Nordisraels
in Sicherheit und ohne Angst vor Artillerie- und Raketenangriffen leben
können.
Diese Ziele ändern sich nicht; sie sind und bleiben eine Konstante unserer Politik.

Auch der jüngste Ausbruch von Kämpfen sollte uns nicht dazu

bringen, sie aus dem Auge zu verlieren.
Der Libanon ist ein stolzes und schönes Land, dessen Bewohner der Welt
viel gegeben haben.
schichte gehabt.
wirklich tief.

Aber er hat auch eine verschlungene und turbulente Ge-

Die Wurzeln der Feindseligkeit in diesem Land

reichen

Trotzdem blühte der Libanon viele Jahre lang auf, weil die

politischen Rivalitäten im Zaum gehalten und ein fein ausbalanciertes Gleichgewicht bewahrt wurde.

Auch unser Land hat unter einem tragischen Bürger-

krieg gelitten, aber wir haben ihn überlebt und überwunden.

Die Menschen im

Libanon erinnern sich glucklicherer Zeiten, als ihre Nation noch eine dynamische, fortschrittliche und blühende Demokratie war.

Auch die Friedens-

sehnsucht hat tiefe Wurzeln im Libanon.
Mit dem Ende des schrecklichen Leidens von Beirut im Sommer vorigen
Jahres und der Wahl von Präsident Amin Gemayel kurz danach schien es, als
ob der Libanon endlich eine zweite Chance bekommen würde.

Fast alle der

Konfessionsgruppen sicherten ihrem neuen Führer ihre Loyalität zu und schienen
bereit zu sein, ihre Differenzen im Namen der politischen und wirtschaftlichen
- 4 -

�und wirtschaftlichen Erneuerung zu begraben.

Die Schäden des Krieges wurden

in Beirut rasch beseitigt, und der Wiederaufbau schien gut anzulaufen.
Um diesen hoffnungsvollen Anfang zu festigen, war es klar, daß der
Libanon als vordringliche Aufgabe für den Abzug aller nichtlibanesischen
Truppen von seinem Boden sorgen mußte. Welche eingeborenen Schranken der
nationalen Versöhnung der Libanesen auch im Wege stehen mögen, und so bereit sie auch sein mögen, diese Schranken zu überwinden, wenn man ihnen die
Chance dazu gibt, so kann dieser Prozeß niemals wirklich in Gang kommen, solange der Libanon von ausländischen Armeen, ausländischen paramilitärischen
Kräften und ausländischen Terroristengruppen besetzt bleibt.
Die Vereinigten Staaten haben positiv auf das Ersuchen der libanesischen
Regierung - und vieler unserer arabischen Freunde - reagiert, dem Libanon
und Israel zu helfen, ein Abkommen zu erreichen, das ein erster Schritt zu
diesem Ziel wäre. Israel zeigte sich bereit abzuziehen, und der Libanon
war bereit, über ein Abkommen zu verhandeln, das Israels legitimen Sicherheitsansprüchen an seiner Nordgrenze gerecht wurde. Nach längeren Verhandlungen und nachdem beide Seiten viel guten Willen aufgebracht hatten, erreichten der Libanon und Israel am 17. Mai ein solches Abkommen.
Parallel zu diesen Bemühungen legten wir unser Gewicht zugunsten der
Bewegung von Präsident Gemayel für eine politische Annäherung in die Wagschale.
Am 31. August erließ Präsident Gemayel mit seinem Ministerrat einen
Appell an wichtige libanesische Führer, in einen Dialog über einen nationalen Weg zur Versöhnung und Einheit einzutreten. Er ließ seine Bereitschaft
erkennen, die Basis und Zusammensetzung seiner Regierung zu erweitern, um
eine echte Teilung der Macht zu erreichen.
Das ist eine Politik, die wir nachdrücklich gefördert und unterstützt
haben, und wir haben keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Präsident
Gemayel.

Die Botschafter Robert McFarlane und Richard Fairbanks haben viel
- 5 -

�haben viel Zeit und Mühe für dieses Unterfangen aufgewandt - ebenso wie
Saudi-Arabien.
Das Problem war natürlich Syrien.

Beide Wege der libanesischen Politik

- Abzug der ausländischen Truppen und nationale Aussöhnung - wurden von Syrien
blockiert, das seit der Niederlage im vorigen Sommer von der Sowjetunion wieder massiv aufgerüstet wurde.

Niemand stellt Syriens legitime Sicherheitsan-

sprüche bezüglich des Libanon in Frage.

Aber Syrien hat sich im Gegensatz zu

Israel geweigert, mit dem Libanon darüber zu verhandeln, wie man seine Sicherheitsansprüche mit dem souveränen Recht des Libanon, seinen eigenen Weg zu
gehen, miteinander vereinbaren könnte.
Es erhebt sich die Frage, ob das Ziel Syriens die Gewährleistung seiner
Sicherheit oder die Beherrschung des Libanon ist.
- Syrien hat heute die größte Armee im Libanon stehen, aber es hat sich
geweigert, über den Abzug seiner Truppen zu verhandeln - im Widerspruch
zu wiederholten Zusagen, daß es dies tun würde, sobald Israel es täte.
Syrien hat an diesem seinem Kurs festgehalten selbst unter Mißachtung
eines formellen Antrags der libanesischen Regierung an Syrien, die PLO
und die Arabische Liga auf Abzug aller ausländischen Truppen. Israel
hat erklärt, daß es nicht bereit sei, alle Truppen abzuziehen, solange
noch syrische Truppen dort stehen. Damit ist die groteske Lage eingetreten, daß Syrien israelische Streitkräfte im Libanon hält. Syrien
läßt ferner den Wiedereintritt bewaffneter Palästinensergruppen in das
Aleyh-Schuf-Gebiet zu - unter Verletzung der aufgrund der Vermittlung
von
Botschafter Habib im vorigen Jahr getroffenen Abkommen.
- Gleichzeitig nutzt Syrien seinen Einfluß im Libanon, um den Prozeß der
nationalen Aussöhnung zu stören.

Syrien hat sogar die politische Op-

position im Libanon aufgestachelt und verschiedene Gruppen bewaffnet,
die militärische Aktionen gegen die legitime Regierung durchführen.
Deshalb konzentriert

�Deshalb konzentriert sich unsere Diplomatie - vertreten durch die Botschafter McFarlane und Fairbanks - zunächst auf einen Waffenstillstand zwischen den verschiedenen Gruppen im Libanon.
Ziel ebenfalls aktiv verfolgt.

Saudi-Arabien hat dieses gleiche

Jordanien, Ägypten und andere befreundete

arabische Länder zeigen sich gegenüber diesen diplomatischen Bemühungen sehr
aufgeschlossen.
Das Ergebnis dieser Verhandlungen wird, wie bei allen Verhandlungen,
vom Gleichgewicht der Kräfte abhängen. Jene, die ihre Position mit Gewalt
verbessern wollen, werden einem Waffenstillstand wahrscheinlich nicht zustimmen, bis sie auf dem Schlachtfeld nicht mehr weiterkommen.
Das führt mich zu der militärischen Lage und zur Rolle der Multinationalen Streitmacht im Libanon, zu der auch, wie Sie wissen, rund 1200 Soldaten des amerikanischen Marinekorps im Gebiet von Beirut gehören.

Die Multinationale Streitmacht und die US-Marinesoldaten
Vor einem Jahr entsandte Präsident Reagan diese Angehörigen des amerika&lt;nischen Marinekorps, um sich an der von der Regierung des Libanon angeforderten Multinationalen Streitmacht zu beteiligen. Die Anwesenheit dieser Streitmacht sollte dazu dienen, der libanesischen Regierung bei der Aufrechterhaltung von Souveränität und Autorität zu helfen; sie sollte ferner zu den Bemühungen dieser Regierung beitragen, die Sicherheit der Menschen in dem Gebiet zu gewährleisten und die Gewalttätigkeit zu beenden, die in so tragischer
Weise bei den Massakern von Sabra und Shatila zu verzeichnen waren.
Zusammen mit unseren Marinesoldaten tun britische, französische und
italienische Streitkräfte Dienst, und so handelt es sich bei MNF wirklich um
eine multinationale Streitmacht.

Ihre Aufgabe ist die Erhaltung des Friedens,

nicht einen Krieg zu führen.
Es ist

�Es ist nicht ihre Aufgabe, sich in einem Krieg auf die eine oder andere
Seite zu schlagen, sondern im Gegenteil der legitimen Regierung des Libanon
ein Gefühl der Sicherheit zu verleihen, wenn sie sich für ihre nationale
Souveränität und die nationale Einheit einsetzt.

Die meisten der wichtigen

Religionsgruppen und der befreundeten arabischen Staaten unterstützen diese
Rolle der MNF, als sie in den Libanon entsandt wurde, und sie unterstützen
sie auch weiterhin.
•

Jetzt wind die MNF von jenen herausgefordert, die offensichtlich entschlossen sind, eine internationale politische Beilegung des Problems zu verhindern.

Der Präsident hat amerikanischen Flottenstreitkräfte

zur Unterstüt-

zung vor der Küste verstärkt und die amerikanischen Streitkräfte autorisiert,
ihr Recht auf Selbstverteidigung auszuüben, sollten die Angriffe auf sie andauern.

Unsere Partner in der MNF haben ähnliche oder andere Maßnahmen er-

griffen, um ihre Sicherheit und Selbstverteidigung zu gewährleisten.
Wir sind besorgt, daß strategische Schlüsselstellungen in der Umgebung
von Beirut, die von lebenswichtiger Bedeutung für die Sicherheit unserer
Marinesoldaten und anderen amerikanischen militärischen und diplomatischen
Personals sowie für die Sicherheit von Beirut sind, in letzter Zeit angegriffen wurden.

Wir haben auf diese Angriffe geantwortet, um unser Personal zu

schützen, und wir werden das auch weiterhin tun.

General Kelley wird die

militärische Lage im Detail darlegen.
Ein Waffenstillstand wird, wie ich ausgeführt habe, erst Zustandekommen,
wenn alle Beteiligten zu dem Schluß kommen, daß er in ihrem Interesse liegt.
Unsere Strategie im Libanon besteht darin, solche Verhältnisse schaffen
zu helfen, daß es im Interesse aller liegt, eine Art von Gleichgewicht herzustellen, das eine Waffenruhe, eine politische Angleichung und letztlich
den Abzug aller ausländischen Streitkräfte fördert. Wir suchen auf den folgenden Säulen ein Gebäude der Stabilität zu errichten:
- Das erste
- 8 -

�- Das erste Element sind politische Verhandlungen, um im Libanon selbst
eine nationale Aussöhnung herbeizuführen, um die inneren Rivalitäten
und den gegenseitigen Argwohn abzubauen oder beizulegen, die den Kernpunkt der Agonie des Libanon bilden.

Die Vereinigten Staaten haben die-

se Bemühungen mit allem Nachdruck unterstützt.

Wir machen uns auch Sor-

gen über die Sicherheit von palästinensischen Zivilisten im Libanon.
- Das zweite Element ist die diplomatische Bemühung, internationale Unterstützung für die legitime libanesische Regierung, für ihre Bemühungen
um eine Aussöhnung und für einen Waffenstillstand zu mobilisieren.
Vereinigten Staaten sind aktiv darum bemüht.

Die

- Was die militärische Dimension anbetrifft, so liegt die Hauptverantwortung bei den libanesischen Streitkräften, die sich gut geschlagen haben.
Wir haben mitgeholfen, diese Streitkräfte auszubilden und auszurüsten,
und wir freuen uns darüber, daß diese Streitkräfte wieder so auftreten,
daß sie als Faktor in dem Kräfteverhältnis der Religionsgruppen anerkannt werden. Eine Armee, die für ihre Aufgabe der Aufrechterhaltung
der Ordnung mehr als ausreichend wäre, wenn die ausländischen Truppen
abgezogen wären, steht jetzt jedoch begreiflicherweise unter schwerem
Druck, weil sie von Kräften angegriffen wird, die von Syrien geschützt,
bewaffnet und ermutigt werden. Es ist die Einmischung von außen, die
nicht-libanesische Einmischung, die das Problem so gewaltig verschärft.
- Israel hat weiterhin Einfluß auf viele Gruppen im Libanon und ein
Interesse an der Ermutigung der nationalen Aussöhnung und Stabilität.
Die Ereignisse nördlich des Awwali-Flusses müssen Israel Sorgen bereiten, da seine Sicherheit auf lange Sicht von einer Beherrschung des übrigen Libanon durch Syrien und die PLO berührt würde.
- Die MNF, einschließlich unserer Marinesoldaten, bietet ein zusätzliches
Maß an Stabilität in der Gesamtgleichung, wie ich dargestellt habe.
Unsere Marinesoldaten

�Unsere Marinesoldaten oder die ganze MNF können das Kräfteverhältnis
allein nicht entscheidend ändern - und das ist auch gar nicht ihre Aufgabe.
Aber ihre Präsenz ist und bleibt eine entscheidende Säule zur Stützung des
Gebäudes der Stabilität.

Als früherer Angehöriger des Marinekorps werde

ich nicht zulassen, daß irgend jemand daran zweifelt, wie hervorragend selbst
diese kleine Zahl von Marinesoldaten wirken kann.
Sie stellen eine wichtige Abschreckung dar, ein Symbol der internationalen Unterstützung der legitimen Regierung des Libanon
Gewicht in der Wagschale.

und ein wichtiges

Ein Abzug der Marinesoldaten würde die Regierung

und das, was sie zu erreichen versucht, gefährden.
Das ist der Grund, warum die innenpolitische Auseinandersetzung über
die Kriegsvollmachten (War Powers) so beunruhigend war.
Die Ungewißheit
hinsichtlich der amerikanischen Verpflichtung kann unsere Wirksamkeit nur
schwächen. Zweifel an unserem Durchhaltevermögen können nur dazu führen,
daß der Aggressor unsere Anwesenheit nicht zählt - oder seine Angriffe intensiviert in der Hoffnung, unseren Abzug beschleunigen zu können. Eine Annäherung zwischen dem Präsidenten und dem Kongreß, um diesen Streit beizulegen, wird dazu beitragen, die Zweifel an unserem Durchhaltevermögen zu zerstreuen und unsere Position zu stärken.
Die Exekutive und die Legislative haben, wie Sie selbst wissen, wichtige prinzipielle unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Resolution über
die Kriegsvollmachten. Die Exekutive hat traditionell ihre Zweifel gehabt,
ob der Präsident einer Vollmacht durch den Kongreß bedarf, um über unsere
Streitkräfte zu verfügen, da der Präsident der Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, aber auch aus praktischen Gründen.
Der Kongreß hatte natürlich eine andere Ansicht. Wir konnten nicht damit rechnen, daß dieser grundlegende Unterschied jetzt definitiv aus der Welt
geschafft würde, aber die Administration war bereit, praktische Vorschläge
zu erwägen, die den Schutz unseres gemeinsamen nationalen Interesses im Libanon

- 10 -

�im Libanon ermöglichen, ohne unsere jeweilige Position in der grundsätzlichen
Prinzipienfrage zu prä'judizieren.
In dieser Hinsicht sind wir froh, daß in der Führung beider Parteien im
Kongreß ein Übereinkommen erreicht worden ist, eine Resolution einzubringen
und zu verabschieden, die die weitere Präsenz und Aufgabenstellung der amerikanischen Friedensstreitmacht im Libanon bewilligt.
Wie der Präsident gestern erklärte, ist er - trotz wesentlicher Bedenken
bezüglich einiger Teile dieser Resolution - bereit, die vorgeschlagene Resolution zu unterzeichnen - nicht ohne diese Bedenken zum Ausdruck zu bringen.
Wir sind besonders froh, daß die vorgeschlagene Resolution nicht nur unsere
Politik im Libanon unterstützt, sondern uns jetzt in die Lage versetzt, unsere nationalen Interessen auf einer soliden überparteilichen Basis geltend
zu machen, die das traditionelle Kennzeichen der amerikanischen Außenpolitik
ist und war.

Um was geht es im Libanon?
Im Libanon geht es um einige Grundprinzipien des Völkerrechts und der
internationalen Moral, die eine weiterreichende Bedeutung für die amerikanische Außenpolitik haben:
- Es geht um das Recht eines kleinen Landes, selbst zu entscheiden, wie
es seine souveränen Ziele frei von Einmischung, Bedrohung oder Erpressung von außen erreichen will.
- Es geht um den Grundsatz, daß internationale Streitigkeiten durch friedliche Mittel und nicht durch die Anwendung oder Androhung von Gewalt
beigelegt werden.
Es geht

- 11 -

�Es geht auch um einige Anliegen, die unsere nationalen Interessen und
die Sicherheit unserer Freunde und Verbündeten berühren.

Wenn die amerika-

nischen Bemühungen um friedliche Lösungen mit brutaler Gewalt zunichte gemacht werden, dann wird unsere Rolle überall entsprechend geschwächt werden.
Freunde, die sich auf uns verlassen, werden entmutigt und entsprechend weniger
sicher sein.
Die Gemäßigten in der arabischen Welt, die wir ermutigen, das Risiko
des Friedens einzugehen, werden sich entsprechend weniger sicher fühlen, das
zu tun.

Die Bemühungen der Sowjetunion, unsere Diplomatie zu stören, werden

einen Sieg zu verzeichnen haben.

Die radikalen und ablehnenden Elemente wer-

den gestärkt werden.

Die Sache des Friedens und der Gerechtigkeit wird einen

Rückschlag erleiden.

Die Sicherheit Israels an seiner Nordgrenze wird ge-

schwächt werden.
Was wir im Libanon tun, ist richtig.

Natürlich sind Risiken damit ver-

bunden, aber alle wichtigen Unternehmungen sind mit Risiken verbunden.

Wenn

wir die Rolle und den Einfluß einer Großmacht haben wollen, dann müssen wir
die Verantwortung einer Großmacht übernehmen.

Viele Millionen von Menschen

in der ganzen Welt blicken auf uns als den stärksten Verteidiger von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Wir können vor unserer Verantwortung nicht

davonlaufen, ohne einaimoralischen und politischen Preis dafür zu zahlen.
Ich sehe es lieber positiv:

Nach all den Erfahrungen der letzten 15

Jahre könnte nichts unseren Freunden in der Welt mehr Auftrieb geben als das
Bild, daß der Präsident und der Kongreß in Harmonie handeln - daß sie vereint
hinter einer starken und zweckdienlichen nationalen Politik stehen.
die Chance, die wir heute haben.

Wir dürfen sie nicht verpassen.

+ + + + +

- 12 -

Das ist

�I

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America
28. September 1983

39

RICHARD PERLE: DIE SICHERHEITSPOLITIK DER NATO - EIN OBERBLICK
Rede des Unterstaatssekretärs für internationale Sicherheitspolitik
im amerikanischen Verteidigungsministerium -

Diese Rede von Richard Perle wurde am
19. September 1983 vor der Norwegischen
Militärgesellschaft in Oslo gehalten.

OSLO - (AD) - Praktisch überall auf der Welt herrscht die Vorstellung,
daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sich seit Jahren in einem
Wettrüsten befänden, das zumeist im Bild einer sich stetig aufwärtsbewegenden Spirale bei den Kernwaffen seinen Ausdruck findet. Wir sehen uns angeklagt - um einen der am häufigsten gebrauchten Sätze zu zitieren -, Waffen
auf Waffen zu häufen. Und doch sehen die Tatsachen ziemlich anders aus.
Seit Ende der sechziger Jahre haben die Vereinigten Staaten beständig die
Anzahl der nuklearen Gefechtsköpfe verringert, die sich in ihren Arsenalen
befinden - bis hin zu dem Punkt, wo wir heute weltweit etwa 8000 weniger Kernwaffen disloziert haben als gegen Ende der sechziger Jahre. Außerdem beträgt
die Megatonnage dieser Waffen - also die Zerstörungskraft - heute kaum ein
Viertel von der Ende der sechziger Jahre.
Auch herrscht

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Auch herrscht bisweilen der Eindruck vor, die Vereinigten Staaten lägen
bei diesem Wettstreit vorn - und würden Waffen dislozieren, auf die diese
armen Russen gezwungenermaßen reagieren müßten.

In den 20 Jahren seit 1962

haben die Vereinigten Staaten 14 strategische Waffensysteme disloziert, beginnend mit der TITAN-I-Rakete bis hin zu den mit TRIDENT-Raketen ausgestatteten Unterseebooten - von denen das erste jetzt von Stapel gelaufen ist.

In

diesen 20 Jahren dislozierten die Sowjetunion 44 strategische Systeme.
Wir stehen nun schon seit Jahren - und insbesondere seit 1972, als die
ersten Rüstungskontroi labkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion geschlossen wurden - vor der Tatsache, daß die amerikanische Zurückhaltung kein Gegenstück in einer entsprechenden Zurückhaltung seitens
der Sowjetunion fand - mit dem Ergebnis, daß das strategische Gleichgewicht
- das Gleichgewicht also der strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion - sich deutlich zuungunsten der Vereinigten Staaten
verschiebt.

Dies hat meiner Meinung nach tiefgreifende Auswirkungen auf die

Stabilität des nuklearen Gleichgewichts, auf die langfristige Wirksamkeit
der strategischen Abschreckung der Vereinigten Staaten und umgekehrt auf die
Stabilität und Sicherheit des Bündnisses, insbesondere aber auf jene Mitglieder unseres Bündnisses, die selbst nicht über Kernwaffen verfügen.
In Erkenntnis der Veränderungen dieses Gleichgewichts während der vergangenen 20 Jahre hat diese Administration, wie ihre Vorgänger, mit einem
Programm der strategischen Modernisierung begonnen, das die Notwendigkeit
widerspiegelt, Waffensysteme unter großen Kosten - Kosten, die wir viel lieber vermeiden würden - zu ersetzen, da sie ansonsten veraltet und nicht mehr
einsatzfähig wären.

Würde man dem glauben, was mancherorts gesagt wird,

dann könnte man zu der Oberzeugung gelangen, das Modernisierungsprogramm
der Reagan-Administration stelle eine neue und gefährliche Eskalation dar.
Lassen Sie mich daher einen Blick auf jedes der wichtigsten Elemente dieses
Modernisierungsprogramms werfen und alle in die entsprechende Perspektive
rücken.

So haben die Vereinigten Staaten in ihrer strategischen Bomberflotte

die B-52-Flugzeuge, die 1956 gebaut wurden.

- 2 -

Ich habe bereits darauf hinge-

�darauf hingewiesen: Die skandinavische Fluggesellschaft SAS würde nicht im
Traum daran denken, mit Flugzeugen aus dem Jahr 1956 zu fliegen, und es gibt
auch keinen Grund, warum die strategische Luftwaffe der Vereinigten Staaten
mit Flugzeugen operieren sollte, die älter sind als die Piloten, die sie fliegen - Flugzeuge, die nicht länger mehr ihre Ziele in der Sowjetunion erreichen
können, weil sie - um durch die sowjetische Luftverteidigung zu gelangen einen Spießrutenlauf durchstehen müßten, zu dem 5000 Radaranlagen, 10 000
Boden-Luft-Raketen und 2000 Abfangjäger gehören - von denen einer gerade erst
ein Passagierflugzeug abgeschossen hat. Um also das Bomber-Element der strategischen Triade aufrechtzuerhalten, dislozieren wir Marschflugkörper auf unseren B-52, damit diese Flugzeuge außerhalb der Reichweite der sowjetischen
Luftverteidigung bleiben und dennoch ihre Waffen abschießen könnten - weniger
Waffen, als wir gegen Ziele in der Sowjetunion als Teil unserer Vergeltungskapazität abzufeuern in der Lage waren, als die Flugzeuge diese Luftverteidigung noch durchdringen konnten.
Sogar mit den Marschflugkörpern werden die B-52 schließlich wirkungslos werden. Aus diesem Grund haben wir mit dem Bau des B-1-Bombers begonnen,
eines modernen Flugzeugs,das die B-52 ersetzen soll. Und je nachdem, wie es
die erfolgreiche Entwicklung zuläßt, werden wir in angemessenem zeitlichen
Abstand einen technologisch entsprechend fortgeschrittenen Bomber dislozieren. Das gesamte Paket - der auf neuer Technologie basierende Bomber, die
B-1-Bomber und die Marschflugkörper an Bord der B-52 - soll jedoch der Tatsache gerecht werden, daß unsere derzeitige Bomberflotte anfängt, veraltet
zu sein und des Ersatzes bedarf.
Unsere strategische Unterseebootflotte besteht hauptsächlich aus
POSEIDON-Booten, da die früheren POLARIS-Boote ausgemustert wurden.
glaube, es bleiben nur noch eins oder zwei zur Ausmusterung.

Ich

Aber sogar

die POSEIDON-Boote - die neuesten unserer Unterseeboote - werden jetzt allmählich recht alt.
15 bis 20 Jahre alt.

Das letzte wurde 1967 gebaut.

Im Durchschnitt sind sie

Sie wurden für eine Lebensdauer von 20 Jahren gebaut.

Ich meine, es ist deutlich, daß auch sie sich rasch dem Punkt nähern, da sie

- 3 -

�da sie schlicht aufgrund der Tatsache ausgemustert werden müssen, daß sie
veraltet und nicht mehr einsatzfähig sind.

Deshalb haben wir mit dem Pro-

gramm der TRIDENT-Unterseeboote begonnen - von denen eines übrigens vorige
Woche auf den Namen USS Henry M. Jackson getauft wurde.

Wir haben mit die-

sem Programm des Baus von TRIDENT- Unterseebooten und der Raketen für diese
Unterseeboote begonnen, um das seegestützte Element unserer Triade der strategischen Streitkräfte einsatzbereit zu halten.
Schließlich besteht unsere Raketenstreitmacht hauptsächlich aus MINUTEMANRaketen und einigen TITAN-Raketen (die TITAN-Raketen wurden 1962 gebaut und
werden jetzt außer Dienst gestellt);hauptsächlich also aus MINUTEMAN-Raketen
- Raketen, die heute durch einen sowjetischen Angriff verwundbar sind; verwundbar seit 1972, dem Jahr,in dem die Unterzeichnung des ersten Vertrags
über die Begrenzung der Strategischen Waffen (SALT) durch die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion stattfand - eines Vertrages, der die Entwicklung
weiterer strategischer Waffen einfrieren sollte,und eines Vertrages, unter
dem die Sowjets rund 5000 sehr große, sehr zielgenaue Gefechtsköpfe auf ihre
ballistischen Interkontinentalraketen montiert haben, mit dem Ergebnis, daß
die MINUTEMAN-Streitmacht durch einen Angriff verwundbar ist.

Sie bedarf also

auch wie die Unterseeboote und die Bomber des Ersatzes.
Es gibt eine Statistik, die den Unterschied zwischen der strategischen
Streitmacht der Vereinigten Staaten und der der Sowjetunion zusammenfaßt.
Und die sieht so aus: Nur vier Prozent der Gefechtsköpfe strategischer Trägerwaffen der Vereinigten Staaten befinden sich auf Trägerwaffen, die jünger als
fünf Jahre sind. Und diese vier Prozent befinden sich übrigens auf dem einen
TRIDENT-Unterseeboot, das derzeit zur See fährt. Etwa 77 Prozent der Gefechtsköpfe, die die Vereinigten Staaten auf strategischen Trägerwaffen haben, befinden sich auf solchen, die 15 Jahre oder älter sind. Was die UdSSR anbelangt, so sieht das Bild ganz anders aus. 94 Prozent der strategischen Waffen
die die Sowjets besitzen, befinden sich auf Trägerwaffen, die weniger als
zehn Jahre alt sind.

Und 77 Prozent befinden sich auf Startgeräten, die jün-

ger als fünf Jahre sind.

Ich meine, daß diese Zahlen die Situation verdeut-

�Situation verdeutlichen.

Die Vereinigten Staaten haben eine strategische

Streitmacht, die modernisiert werden muß, weil sie sich an dem Punkt des Veraltens befindet.

Die Sowjetunion verfügt über eine strategische Streitmacht,

die modernisiert ist und die mit gewaltigen Mitteln gebaut wurde - zumeist
in den Jahren, in denen wir den Versuch unternahmen, das Gleichgewicht durch
Rüstungskontroi labkommen zu stabilisieren.
können,

Wie Sie sich sicher vorstellen

ist dies der Grund dafür, daß wir keine Begeisterung für das Konzept

eines "Einfrierens" aufbringen können, da ein Einfrieren der Modernisierung
der amerikanischen Streitkräfte Einhalt gebieten würde, während es andererseits der Sowjetunion erlauben würde - sogar wenn diese sich an ein solches
Einfrieren halten würde -, in ihrem Arsenal Waffen zu belassen, die hochmodern und wirkungsvoll sind.

Innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums würde man

Zeuge der unvermeidlichen Verschlechterung der amerikanischen Abschreckung ,
während die sowjetische Abschreckung einsatzfähig und wirkungsvoll bliebe.
Diese strategische Situation, vor der wir stehen, existiert aber nicht
in einem - weder politischen noch, im umfassenderen Sinn - militärischen
Vakuum. Unglücklicherweise ist die Situation auch nicht sehr beruhigend,
wenn man einen Blick auf die konventionellen Waffen wirft. Neben der strategischen Modernisierung drängt daher die Reagan-Administration darauf - und
arbeitet auch ihrerseits hart daran -, daß das Bündnis als Ganzes sich sorgfältig mit neuen Technologien in der Absicht auseinandersetzt, die technologischen Kapazitäten des Westens zum Einsatz zu bringen, damit wirkungsvollere
konventionelle Waffen beschafft werden. Wir unternehmen den Versuch,die Abhängigkeit von den Kernwaffen und die Bedeutung der Kernwaffen für die NATOStrategie zu verringern. Dabei müssen wir jedoch das Ausmaß des konventionellen Ungleichgewichts im Auge behalten. Lassen Sie mich dies mit ein paar
Statistiken erläutern.
Die NATO-Staaten haben insgesamt 2,6 Millionen Mann in Europa unter Waffen; der Warschauer Pakt hat 4 Millionen.

Das NATO-Bündnis hat 13 000 Kampf-

panzer in Europa, die Sowjetunion und ihre Verbündeten 42 500. Bei der Diskussion über das Ungleichgewicht bei der Anzahl von Panzern ist es erstaun-

- 5 -

�es erstaunlich für mich, wie oft Leute fragen:
unseren Vorteil bei den Panzerabwehrwaffen?
nicht wichtig.
wehrwaffen."

"Ja, aber wie steht es um

Panzer gegen Panzer - das ist

Wichtig ist das Gleichgewicht zwischen Panzer und PanzerabDie NATO besitzt derzeit 8100 Panzerabwehrwaffen, die Sowjet-

union 24 300 Panzerabwehrwaffen.

Und was einstmals als Antwort der NATO auf

die Sowjetunion gedacht war,ist mittlerweile zur Antwort der Sowjetunion auf
die NATO geworden.
Die Zahlen sind für das gesamte Waffenarsenal dieselben:
schütze für die NATO, 31 000 für die Sowjetunion.

11 000 Ge-

30 000 Mannschaftspanzer

und Schützenpanzer für die NATO, 78 800 für die Sowjetunion und so weiter.
Und das in Europa.

Dazu gehören noch nicht einmal die sowjetischen Dislo-

zierungen im Fernen Osten.
Man hört oft - und man hörte es gerade auch im Zusammenhang mit dem Abschuß des koreanischen Flugzeuges häufig -, daß die Sowjetunion ein Land sei,
das sich unsicher fühle. Daher unterhalte es starke Streitkräfte als ein
Mittel, um mit dieser Unsicherheit fertigzuwerden. Es besteht kein Zweifel
darüber, daß tief im Innern der sowjetischen Psyche ein Aspekt der Unsicherheit existiert. Aber es besteht auch kein Zweifel darüber, daß das Dilemma,
vor dem das westliche Bündnis bei seinem Verhältnis zu einer unsicheren
Sowjetunion steht - die zugleich auch noch bis an die Zähne bewaffnet ist -,
in keiner Weise durch die Tatsache verringert wird, daß die Sowjets vielleicht besorgt oder alarmiert sein mögen. Ja, man kann es nur schwerlich
begreifen, daß die Sowjets in den achtziger Jahren tatsächlich über die Aussicht auf einen Angriff der NATO auf die Sowjetunion ernsthaft besorgt sein
sollen. Zahlen wie diejenigen, die ich gerade genannt habe, spiegeln etwas
weit Grundlegenderes im sowjetischen System wider. Und das ist die fast
ausschließliche Abhängigkeit von der militärischen Macht, die sich überall
in dieser Gesellschaft zeigt. Es ist eine Gesellschaft, die über 50 Jahre
nach der Revolution, die unter dem Wahlspruch "Brot und Freiheit" antrat,
weder Brot noch Freiheit bietet. Es ist eine Gesellschaft, die offensichtlich sehr gut in der Herstellung von Kriegswaffen zu sein scheint, aber nicht

- 6 -

�aber nicht viel anderes zustande zu bringen scheint.
Und trotz der Besorgnis im Westen, die sich aus Zahlen wie den obengenannten ergibt und aus einer Situation wie der geschilderten, sind wir sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Bündnis - entschlossen, eine
Art von Sicherheit anzustreben, die in der Ansicht der einen nur durch Abkommen - durch ausgehandelte R'üstungskontrollabkommen - und in der Ansicht
anderer zumindest teilweise durch Rüstungskontrollabkommen erzielt werden
kann. Ich selbst zähle mich zur zweiten Kategorie. Die Geschichte der Menschheit berechtigt niemanden dazu, sein ganzes Vertrauen in mit totalitären Staaten ausgehandelte Abkommen zu setzen. Aber wenn es Gelegenheiten zur Aushandlung von Abkommen mit der Sowjetunion gibt, dann sollten wir diese auch ergreifen. Wenn wir dies tun, müssen wir sehr vorsichtig sein, damit Verträge
ausgehandelt werden, die unsere Sicherheit auch wirklich erhöhen, und es
keine Verträge sind, die nur als Gelegenheit dienen, nur noch weitere und
neuere Waffen zu bauen. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber ich meine,
daß SALT I und SALT II zu der letzteren Sorte gehörten.
Sie ermöglichten
eine ganz beträchtliche Anhäufung neuer Waffen. Und wir sehen diese Aufhäufung neuer Waffen ja auch: Denn in einer besonders ironischen Verdrehung
ist ja die sowjetische SS-20-Rakete - die wahrscheinlich in Westeuropa bekannteste Rakete - ein Produkt eines Rüstungskontrollabkommens. 1972 kamen
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion überein, die Anzahl der Starteinrichtungen für ballistische Interkontinentalraketen einzufrieren. Dabei
definierten wir eine ballistische Interkontinentalrakete als eine Rakete,
die 5500 Kilometer weit reicht. Aber kaum war die Tinte dieses Vertrags
getrocknet, da begann die UdSSR damit, eine Stufe einer dreistufigen sowjetischen Rakete - SS-15 genannt - zu beseitigen und verringerte damit ihre
Reichweite auf 5000 Kilometer. Sie wurde SS-20 genannt und seither immer
wieder disloziert.

Auf ganz eigene Art und Weise stellt die SS-20 die überaus geschickte
Ausnützung dessen dar, was man eine Unzulänglichkeit des SALT I-Vertrages
nennen könnte.

Dennoch werden wir auch weiterhin versuchen, zu Verhandlungs-

- 7 -

�zu Verhandlungslösungen zu kommen, wie wir dies auch derzeit in Genf mit
Hinblick auf die nuklearen Mittel Streckensysteme tun.
Ich möchte damit schließen, noch etwas über diese Verhandlungen zu sagen,
die im Bewußtsein der Völker ganz oben stehen.

Großteils in Reaktion auf die

Bedenken, die von unseren europäischen Kollegen in einer Reihe von Konsultationsforen zum Ausdruck gebracht wurden, gingen die Vereinigten Staaten im
Herbst 1971 in Genf an den Verhandlungstisch und setzten sich - wie ich meine,
zur Überraschung vieler Leute - für eine Verhandlungslösung ein, die bis dahin hauptsächlich von europäischen Sozialdemokraten vertreten worden war - einschließlich der holländischen, der deutschen und anderer - nämlich die sogenannte Null-Lösung.

Wir schlugen ganz einfach vor, daß beide Seiten ihre nuklearen

Mittel Streckensysteme beseitigen sollten.

Trotz des Lobes, das dieser Vor-

schlag erhielt - ich nahm heute vormittag an einer Konferenz teil, bei der auch
Egon Bahr anwesend war, der, wie ich mich erinnere, diesen Vorschlag für eine
großartige Idee hielt -, dauerte es nicht lange, bis wir hörten, daß die NullLösung unrealistisch sei.

Nicht, daß sie schlecht sei.

Nicht, daß sie im

Widerspruch zu den europäischen Interessen stünde; aber, daß sie unrealistisch
sei.

Und unrealistisch - daß wir uns hier gut verstehen - war nur eine ver-

kürzte Art, zu sagen:

Unannehmbar für die Sowjetunion.

Tatsächlich:

Das

ist der einzige Mangel, der meines Wissens nach jemals der Null-Lösung nachgesagt wurde.
Auf diese Weise geriet die amerikanische Regierung unter beträchtlichen
Druck: Sie sollte mit einem anderen Vorschlag kommen. Und wir dachten geraume Zeit darüber nach, wie ein anderer Vorschlag aussehen sollte. Und wieder kamen wir in Reaktion auf die Bedenken unserer Verbündeten mit einem anderen Vorschlag. Der Präsident erklärte unter Zustimmung seiner Kollegen,
daß die NATO ein Zwischenabkommen vorschlagen sollte, demzufolge die Zahl
der Waffen, über die die Vereinigten Staaten verfügten, der Zahl jener Waffen gleich sein sollte, die die Sowjetunion besaß - und dies auf jedem Niveau,
das die Sowjets wählen sollten: Irgendwo zwischen Null - was ja unannehmbar
war - und 572. Und wir haben seither die Sowjetunion immer wieder dazu ein-

- 8 -

�dazu eingeladen, einen Stand vorzuschlagen, mit dem sie zufrieden wäre, um
dann ein Abkommen abzuschließen.
Natürlich haben sie keinen solchen Stand vorgeschlagen. Und allen Gegenvorschlägen, die die Sowjets seither machten, war ein ganz bestimmtes
Charakteristikum zu eigen. Ich wundere mich manchmal über die Aufmerksamkeit,
die den Einzelheiten der Art und Weise zuteil wird, in der Herr Andropow und
vorher Herr Breschnew mit den unwichtigen Details ihrer Vorschläge herumspielen. Denn alle diese sowjetischen Vorschläge - egal ob von Breschnew oder von
Andropow - haben bis zum heutigen Tag die Eigenart, daß sie bedeuten würden:
Keinerlei Waffen für die Vereinigten Staaten bei den nuklearen Mittelstreckenraketen - aber mehrere Hundert Gefechtsköpfe für die nuklearen Mittel Streckensysteme der Sowjetunion. Dies ist die harte und unangenehme Wahrheit über die
sowjetische Verhandlungsposition. Und wenn Sie das nächstemal Ihr Radio anstellen und hören, daß Andropow sagt, er wolle Raketen ebenso wie Starteinrichtungen verschrotten, oder lieber Gefechtsköpfe anstatt Raketen, dann fragen Sie sich lieber, wie es unter dem Strich aussieht, denn bislang sah es unter dem Strich immer so aus - und sieht auch weiterhin so aus -, daß sich für
die Vereinigten Staaten Null ergibt und für die Sowjetunion eine sehr große
Anzahl - der einzige Unterschied besteht darin, daß diese große Anzahl unterschiedlich groß ist.

Dennoch:

Wir werden in Genf bleiben und auch weiterhin versuchen, ein

befriedigendes Abkommen auszuhandeln, ein Abkommen, das für Gleichheit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sorgt.

Denn unserem Urteil

nach - und ich glaube, auch dem Urteil unserer Verbündeten nach - sind es nur
die Vereinigten Staaten, die den Nichtnuklearstaaten des Bündnisses einen
glaubwürdigen Nuklearschirm bieten können.

Wenn ich Norweger wäre, wäre ich

nicht unbedingt davon überzeugt, daß ich durch die französische

Nuklearab-

schreckung geschützt wäre - und das gilt auch für die britische Nuklearabschreckung.

Und ich glaube,das ist eine Einstellung, die auch in der Bundes-

republik Deutschland und andernorts geteilt wird.

Letztlich ist es nur der

strategische Schirm der Vereinigten Staaten, der Ländern wie Norwegen strategischen Schutz bieten kann.

Und als Folge dessen muß es ein Gleichgewicht
- 9 -

�ein Gleichgewicht zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geben.
Der Gedanke, die britischen und französischen Streitkräfte könnten irgendwie
ein Gleichgewicht in bezug auf die sowjetischen Streitkräfte darstellen, ist
militärisch gesehen Unsinn und, wie ich meine, politisch gesehen schädlich.
Die Russen kümmerten sich bislang wenig um die britischen und französischen
Streitkräfte.
deutend.

Herr Breschnew sagte 1980 zu Helmut Schmidt, sie seien unbe-

Aber jetzt dienen sie einem sehr nützlichen Zweck.

Zählt man die

britischen und französischen Streitkräfte zusammen, dann gibt es für amerikanische nukleare Mittel Streckensysteme in Europa überhaupt keinen Platz, und
man hätte den sowjetischen Wunsch bei diesen Verhandlungen erfüllt, der ja
Null für die Vereinigten Staaten und eine große Anzahl für die Sowjetunion
möchte.

Und die Frage ist: Warum beharren die Sowjets dermaßen auf diesem

Ergebnis?

Ich glaube, die Antwort muß lauten:

Die UdSSR möchte es bei der

Situation belassen, in der sie Nuklearraketen besitzt, mit denen sie überall
in Europa zuschlagen kann - und dies im Wissen, daß die Vereinigten Staaten
nicht eine einzige Rakete besitzen, die in der Lage ist, von europäischem
Territorium aus tief in sowjetisches Territorium einzudringen.

Die Sowjets

ziehen es vor, hinter einem cordon sanitaire im Sanktuarium sowjetischen
Territoriums zu sitzen.

Und ich glaube, sie sorgen sich recht wenig über

die europäische Sicherheit - gleich, ob in Ost oder West.

Sie sorgen sich

zutiefst darum, was sowjetisches Territorium treffen kann.

Sie sind daher

entschlossen, bei diesen Verhandlungen ein Ergebnis zu erzielen, das Null für
die Vereinigten Staaten bedeutet.

Meiner Ansicht nach, wäre es für das west-

liche Bündnis ein Fehler von historischer Tragweite, einem Verhandlungsergebnis zuzustimmen, das den Vereinigten Staaten Null belassen und zugleich der
Sowjetunion eine bestimmte Anzahl von Raketen lassen würde - sogar wenn es
sich dabei nur um eine kleine Anzahl von nuklearen Mittelstreckenraketen handeln würde.
enger und

Bislang ist dies auch die Einstellung des Bündnisses, die in

wirklich bemerkenswert harmonischer Konsultation erreicht wurde.

Und ich hege die Hoffnung, daß es auch weiterhin die Einstellung des Bündnisses sein wird.
Lassen Sit

- 10 -

�Lassen Sie mich mit dem schließen, mit dem ich begann:

Ich möchte noch

einmal unterstreichen, daß man nicht im NATO-Bündnis arbeiten kann ohne eine
immer größere Achtung für seine Institutionen und seine Menschen und für die
hervorragende Art und Weise, in der wir - trotz aller Meinungsverschiedenheiten - die gemeinsame Zielsetzung finden und der gemeinsamen Verteidigung
verpflichtet bleiben.

Es bedeutet, daß Menschen in Chicago, Kansas, Los

Angeles und New York bereit sind, das Risiko eines Krieges einzugehen - sogar
das Risiko eines Atomkrieges -, um die Menschen in Bergen oder Oslo oder
Kirkeness, in Bonn, London oder Paris zu verteidigen.

Nur wenn wir die Ge-

fahren teilen und sie fair teilen, wenn wir die Lasten teilen und sie fair
teilen, halten wir dieses großartige Bündnis zusammen.

+ + + + +

11

�28, September 1983

DEUTSCH-AMERIKANER HEUTE
Der einzige im Ausland geborene Amerikaner, der je zum amerikanischen Außenminister ernannt wurde, war ein Deutsch-Amerikaner
Dies ist der letzte von sechs Artikeln
über die Deutschen in Amerika, die wir
im Zusammenhang mit den Feuerlichkeiten
anläßlich des 300= Jahrestages deutscher
Einwanderung in Amerika bis zum 6 Oktober veröffentlichen»

- (AD) - Die Flut deutscher Einwanderer nach Amerika hatte ihren Höhepunkt in den achtziger Jahren des 19, Jahrhunderts, als beinahe eineinhalb
Millionen Deutsche in den USA eine neue Heimat fanden0 Infolgedessen erreichte die deutschstämmige Bevölkerung Amerikas ihren Höchststand in den
neunziger Jahren, als fast drei Millionen deutsch-stämmige Amerikaner gezählt wurden. Jedoch war die deutsche Einwanderungswelle auch die erste unter den Einwanderungsströmen europäischer Nationen, die langsam verebbteWährend der fünfziger Jahre des darauffolgenden Jahrhunderts bildeten die
Italo-Amerikaner, gemessen an der Volkszugehörigkeit erster und zweiter Generation, die stärkste europäische Einwanderungsgruppe in Amerika, Und mit
Ausnahme der turbulenten dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre lag die
deutsche Einwanderung dieses Jahrhunderts, die von 1880 bis 1890 konstant

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�1890 konstant über ein Viertel der gesamten Einwanderer ausmachte, bei weniger
als 10 Prozent.

Im Jahr 1979 - dem letzten Jahr, für das vollständige Zahlen-

angaben vorhanden sind - machten deutsche Einwanderer weniger als 1,5 Prozent
aus, und von denen, die in jenem Jahr die amerikanische Staatsbürgerschaft erwarben, kamen lediglich 2 Prozent, also ganze 3500, aus Deutschland.
Aus all diesen Gründen wird der Einfluß der in Deutschland geborenen
Amerikaner auf das amerikanische Leben und seine Gesellschaft immer geringer,
während der Einfluß der Deutsch-Amerikaner - Amerikaner mit einem feststellbaren deutschen Erbe - allgemein weiter zunimmt.

Und selbst im Hinblick auf

Amerikaner, die in Deutschland geboren wurden, findet man hier eine Reihe bemerkenswerter Ausnahmen.
Hier ist als erster Henry Kissinger zu nennen, der 1923 in Fürth geboren
wurde.

Kissinger emigrierte im Jahr 1938 mit seiner Familie nach Amerika und

wurde in New York ansässig.

Nach langer Verbindung mit der Harvard-Univer-

sität - als Student und Professor - war Kissinger außenpolitischer Berater
der Präsidenten Kennedy und Johnson und anschließend nationaler Sicherheitsberater Präsident Nixons.

1973 wurde er zum Außenminister ernannt - der ein-

zige im Ausland geborene Amerikaner, der dieses Amt je innehatte - und erhielt im selben Jahr den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen um die Beendigung des Vietnamkrieges.

Dr. Kissinger ist auch heute noch eine zentrale

Figur der politischen Szene Washingtons, gegenwärtig leitet er eine Arbeitsgruppe für Mittelamerika.
Ein anderer deutsch-stämmiger Amerikaner, der seit kurzem erst ein hohes
Amt im öffentlichen Leben einnimmt, ist Senator Rudy Boschwitz, ein unabhängiger Republikaner aus Minnesota.

Boschwitz wurde 1930 in Berlin geboren

und hat seit 1979 einen Sitz im US-Senat.
Die deutsch-amerikanische "Erfolgs-Story" der Gegenwart ist jedoch die
des Mannes, der als erster den Mond betrat, des Astronauten Neil Armstrong.
Die Familie Armstrong - mit ihrem für Amerika so typischen, gemischten eth-

- 2 -

�gemischte ethnischen Hintergrund - kann ihre deutschen Ursprünge bis in die
westfälische Stadt Ladbergen zurückverfolgen.
Ergebnisse einer Volkszählung aus dem Jahr 1979 zeigte, daß fast 29 Prozent aller Amerikaner deutsche Vorfahren hatten, wenn auch der Prozentsatz
jener Bevölkerungsteile, die ihre Abstammung mit "gänzlich deutsch" angaben,
bei etwa zehn Prozent lag.

Dies bedeutet praktisch, daß über 62 Millionen

Amerikaner eine deutsche Abstammung geltend machen - eine Gruppe, die größer
ist, als jede andere ethnische Gruppierung in den Vereinigten Staaten von
heute.

+ + + + +

- 3 -

�Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

39

28. September 1983

FARMWIRTSCHAFT NACH COMPUTERDATEN
Satelliten liefern die Informationen -

- (AD) - Die amerikanische Landwirtschaft exportiert derzeit mehr als
zwei Drittel der Erträge einer bedeutenden Anzahl ihrer Agrarprodukte. Die
Anbauplanung wäre jedoch für die Farmer wesentlich einfacher, wenn rechtzeitig ausreichende Informationen und Voraussagen darüber vorlägen, in welchem Umfang Nahrungsmittel und Futtermittel weltweit verfügbar sind und gebraucht werden.
Diese Lücke versucht ein Privatunternehmen mit Hilfe von Daten, die
Wetter- und Fernerkundungssatelliten übermitteln, unter Anwendung modernster
Computertechnik zu schließen. Die Earth Satellite Corporation (EarthSat) in
Bethesda (Maryland) erstellt laufend Zustandsberichte über die Anbau-,
Wachstums- und Reifesituation der Agrarwirtschaft aller Länder für die 12
wichtigsten Feldfrüchte. Diese Berichte sind den Kunden über Personalcomputer zugänglich und können von jedem Computer-Terminal in den Vereinigten
Staaten innerhalb von 24 bis 48 Stunden über das von EarthSat entwickelte
Computer-Kommunikationssystem "Crop Dialup" abgerufen werden. Der Benutzer
benötigt dazu nur ein Modem für die Telefonverbindung zu einem ComputerTerminal .
EarthSat begann,

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Telex: 8-85432

�EarthSat begann, wie Kevin Marcus, Agrarmeteorologe bei der Earth
Satellite Corporation, in der Zeitschrift "The Futurist" berichtet, Anfang
der siebziger Jahre mit dem Projekt, auf der Basis von Satellitendaten
Computermodelle für die Abschätzung von Ernteerträgen auszuarbeiten. Daraus entstand das Vorhersagesystem CROPCAST, das seit dem Jahr 1976 kommerziell angeboten wird.

Es basiert auf einem riesigen Komplex von Daten, die

alle nur erdenklichen Details von der Aussaat bis zur Ernte, über Produktionspotentiale für die verschiedensten Fruchtarten einschließlich möglicher Verluste durch Witterungsumstände wie lange Trockenheit, Überschwemmungen, Hitze
und Kälteeinbrüche berücksichtigen.
Der gesamte Globus ist in ein Gitterwerk aus 48 km großen Quadraten
aufgeteilt, die u.a. Bodenbeschaffenheit, Anbau und besondere Merkmale von
Feldfruchtarten verzeichnen.

Für jedes Quadrat werden durch Extrapolieren der

Meßdaten von Wettersatelliten täglich die Bodenwetterdaten ermittelt und gesammelt.

Ein Hochgeschwindigkeitscomputer verarbeitet die Datenflut der Sa-

telliten und gibt zusätzliche Informationen, z. B. über Temperaturen, Niederschlag, Wind und Feuchtigkeit, in Simulatormodelle für das Wachstum von Feldpflanzen ein. Diese Modelle vermitteln eine Übersicht, welche Auswirkungen
die Witterung auf die Wachstumsbedingungen in dem speziellen Planquadrat hat.
Für Erntevorausschätzungen wird außerdem die längerfristige Wettervorhersage herangezogen. Zusätzliche Hinweise geben die Strahlungsmeßdaten
der Fernerkundungssatelliten LANDSAT, aus denen sich z.B. Informationen über
die Lebenskraft der Vegetation und spezieller Vegetationsarten ergeben.

Sie

bestätigten beispielsweise im Juli 1982 die Diagnose aus dem CROPCAST-Simulationsmodell, daß weite Gebiete der normalerweise mit Sommerweizen bebauten
Agrarflachen in der UdSSR durch heiße, trockene Winde stark geschädigt worden waren.
Als nächstes beabsichtigt EarthSat den Farmerkunden CROPCAST-Programme
mit Wachstums- und Preispeojektionsmodellen anzubieten, die noch vor der Aussaat eine Abschätzung von Ertrag und Erntepreisen zulassen. Sie sollen außerdem eine Übersicht über Angebot und Nachfrage in der ganzen Welt geben.
+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede des US-Präsidenten vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz unterstreicht Friedensmission der USA im Libanon&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Richard Perle: Die Sicherheitspolitik der NATO - ein Überblick&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des Unterstaatssekretärs für internationale Sicherheitspolitik im amerikanischen Verteidigungsministerium -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutsch-Amerikaner heute&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Der einzige im Ausland geborene Amerikaner, der je zum amerikanischen Außenminister ernannt wurde, war ein Deutsch-Amerikaner -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>: eo

S

T&gt;

AMERIKA DIENST

28. September 1988

35

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan hält START-Abkommen Innerhalb des nächsten Jahres für möglich
- Rede aes Präsidenten vor den Vereinten Nationen HINTERGRUNDMATERIAL
Frieden, Chancengleichheit und Führungsstärke bestimmen die Debatte
- Artikel zum ersten Fernsehduell Bush-Dukakis -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Organtransplantationen sind Routine geworden
- Lange Wartezeiten für Empfänger Antarktisforschung begann vor 150 Jahren
u

* * * * *

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�^° s ^&lt;

AMERIKA DIENST
Dokumentation

28. September 1988

35

REAGAN HÄLT START-ABKOMMEN INNERHALB DES NÄCHSTEN JAHRES FÜR MÖGLICH
- Rede des Präsidenten vor den Vereinten Nationen VEREINTE NATIONEN - (AD) - Trotz erheblicher Zweifel, ob es zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion innerhalb der nächsten Monate zum Abschluß eines Vertrags über den Abbau strategischer Waffen kommen wird, erklärte Präsident Reagan in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 26. September 1988, es "sei mehr als wahrscheinlich", daß innerhalb
des nächsten Jahres ein solches Abkommen zwischen beiden Seiten erzielt werden
kann.
Reagan verwies ferner auf den Einsatz chemischer Waffen im Krieg zwischen
Iran und Irak und forderte die Signatarstaaten des Genfer Protokolls von 1925
über ein Verbot chemischer Waffen auf, gemeinsam mit anderen Interessenten
"gemeinsame Maßnahmen zur Abwendung der ernstzunehmenden Aushöhlung dieses
Vertrages zu erörtern".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede im Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Generalsekretär,
sehr verehrte Delegierte. Auf der
anderen Seite der Erde - und weit
entfernt von diesem Ort des Friedens
- haben zum ersten Mal in der jüngsten Zeit Kämpfe, Mord und Blutvergießen in zwei gnadenlosen Konflikten
nahezu ein Ende.
Nachdem wir zunächst der Liste von Schreckenstaten
neue Namen hinzufügen konnten - Namen
wie Halabja, Maidan Schar und Spin
Buldak - besteht heute im Persischen
Golf und in Afghanistan Hoffnung auf
Frieden.
Über Frieden wird auch in den
Hochebenen und Küstenstädten des südlichen Afrika - Stätten des Bürgerkrieges und der Besetzung durch ausländische
Truppen
gesprochen:
Frieden für das geplagte Angola.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

6 500 Meilen weiter östlich besteht
jetzt in dem südostasiatischen Land
Kambodscha Hoffnung auf eine Einigung, Hoffnung auf den Abzug der
vietnamesischen
Besatzungstruppen.
Und schließlich leben auf unserem
Kontinent heute etwa 90 Prozent der
Völker Lateinamerikas in einer demokratischen Regierungsform - vor nur
zwölf Jahren waren es lediglich ein
Drittel. Insbesondere in Mittelamerika haben jetzt Länder wie El Salvador, die einstmals durch Todesschwadrone und das Gespenst totalitärer
Herrschaft von Anarchie bedroht waren, Hoffnung auf Selbstbestimmung
und Aussichten auf wirtschaftliches
Wachstum.
Und es gibt noch eine weitere
Veränderung, Herr Generalsekretär -

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�eine Veränderung steht bevor, die,
wenn sie sich fortsetzt, als eine der
bemerkenswertesten Leistungen der Geschichte gelten wird und uns verwundert den Kopf schütteln läßt - eine
Veränderung, die an die Wurzel der
Spannungen
in
der
Nachkriegszeit
rührt und den einstmals scheinbar unerfüllbaren Traum vom Ende der beiden
eng verknüpften Bedrohungen unserer
Zeit aufgreift - Totalitarismus und
einen thermonuklearen Weltkrieg.
Zum ersten Mal bestehen bei den
Unterschieden zwischen Ost und West grundlegenden
Unterschieden
über
wichtige moralische Fragen zum Wert
des Einzelnen und dem Problem, ob Regierungen die Menschen kontrollieren
sollten oder umgekehrt - Anzeichen
für eine Annäherung und zwar bis zu
einem Punkt, an dem nicht nur wie etwa in Afghanistan ein Abzug von Truppen stattfindet, sondern vielmehr im
Ostblock Gespräche über Reformen und
größere Presse- , Versammlungs- und
Religionsfreiheit
geführt
werden.
Dennoch bestehen weitere grundlegende
Unterschiede. Aber wenn die Gespräche über Reformen darüber hinausgehen
und zur Realität werden, besteht die
Aussicht, daß nicht nur ein neues
Zeitalter in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, sondern ein neues Jahrhundert des Friedens in der
Welt anbricht. Denn solche Reformen
können Frieden hervorbringen; die Geschichte lehrt uns - und mein Land
hat immer daran geglaubt -, daß die
Achtung der Rechte des Einzelnen und
des Volkes den Krieg in weite Ferne
rücken läßt, denn es sind nicht Menschen, die Krieg führen, sondern lediglich Regierungen.
Ich stehe also in einem Augenblick der Hoffnung an diesem Pult Hoffnung nicht nur für die Menschen
in den Vereinigten Staaten oder der
Sowjetunion, sondern für alle Völker
der Welt. Und Hoffnung auch für den
Traum vom Frieden unter den Völkern,
den Traum, der zur Gründung der Vereinten Nationen führte.
Aufgrund

eben dieser Veränderun-

gen haben die Vereinten Nationen heute eine Lebensfähigkeit und Arbeitsmöglichkeiten wie nie zuvor.
Herr
Generalsekretär, Sie haben bereits
durch Ihre Beharrlichkeit, Geduld und
ihre unerschütterliche Willenskraft
bei der Arbeit am Frieden in Afghanistan und im Persischen Golf bewiesen,
welcher Wert den Vereinten Nationen
zukommen kann. Und wir würdigen Ihre
Leistungen.
Genau in diesem Augenblick finden
in
Genf
zahlreiche
Verhandlungen
statt:
multilaterale Verhandlungen
bei der Abrüstungskonferenz sowie bilaterale Verhandlungen zu einer Reihe
von Problembereichen
zwischen der
Sowjetunion und den Vereinigten Staaten.
Und diese Verhandlungen, von
denen einige unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen stehen,
beinhalten ein umfangreiches Programm
im Bereich der Rüstungskontrolle bei den strategischen Offensivwaffen,
der strategischen Verteidigung im
Weltraum, Atomtests und der Kriegführung mit chemischen Waffen, deren
Dringlichkeit uns erst vor einigen
Tagen wieder bezeugt wurde.
Herr Generalsekretär, die Verhandlungen sind in vollem Gange und
waren in den vergangenen Jahren weit
mehr als nur eine akademische Fingerübung. Bewegung findet statt. Der
tote Punkt ist überwunden.
Erst
kürzlich wurde mit der Unterzeichnung
des INF-Vertrages zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjtunion
eine ganze Kategorie amerikanischer
und sowjetischer Nuklearwaffen abgeschafft. Weitere Fortschritte werden
bei Verhandlungen
zur Reduzierung
einer großen Zahl strategischer Waffen bei wirkungsvoller Verifizierbarkeit erzielt. Und in Kürze werden
Gespräche über einen Abbau konventioneller Streitkräfte in Europa aufgenommen.
Viele der Gründe für all dies
liegen meiner Ansicht nach in Genf
selbst - in dem kleinen Schloß am
See, in dem ich zum ersten meiner Kamingespräche mit dem Generalsekretär

- 2 -

�der Sowjetunion zusammentraf und wo
der Austausch von Offenheit, aber
auch Wohlwollen gekennzeichnet war.
Ich habe beim ersten Genfer Gipfeltreffen erklärt, daß dies eine einzigartige Zusammenkunft zweier Menschen war, die genug Macht besitzen,
um den Dritten Weltkrieg oder ein
neues Zeitalter des Friedens unter
den Völkern zu beginnen. Und ich habe ebenfalls darauf verwiesen, daß
Friedenskonferenzen,
Riistungskontrollverhandlungen und Vorschläge für
Verträge nur sinnvoll sein können,
wenn sie Teil eines umfassenderen
Kontextes sind - ein Kontext, in dem
die tiefer zugrundeliegenden Unterschiede zwischen uns erforscht und
gelöst werden. Ich habe damals Herrn
Gorbatschow wie jetzt auch Ihnen hier
erklärt:
Nationen hegen kein Mißtrauen gegeneinander, weil sie bewaffnet sind, sondern sie sind bewaffnet, weil sie einander mißtrauen.
An diesem Ort, an diesem friedlichen See in der neutralen Schweiz,
sind Herr Gorbatschow und ich eine
neue Beziehung eingegangen, die sich
nicht allein auf das Engagement zu
dem Einzelproblem der Rüstungskontrolle gründete, sondern auf ein umfangreicheres Programm über unsere
grundlegenden Unterschiede; ein Programm üter Menschenrechte, regionale
Konflikte und den Austausch zwischen
unseren Völkern. Sogar bei der Rüstungskontrolle selbst haben wir beschlossen, über die Vergangenheit
hinauszugehen und nicht nur nach Verträgen zu streben, die uns den Bau
von Waffen auf höherem Niveau erlauben, sondern nach revolutionären Abkommen, mit denen eine ganze Kategorie von Nuklearwaffen tatsächlich reduziert und sogar beseitigt werden
würde.
Was an diesem Morgen in Genf begonnen wurde, hat Früchte getragen:
den INF-Vertrag, meinen jüngsten Besuch in Moskau, meine Chance, mit
sowjetischen Bürgern und Dissidenten
zu Gesprächen über Menschenrechte zusammenzutreffen. Und ich konnte auf
dem Lenin-Hügel in Moskau zu den jun-

gen Menschen in der Sowjetunion über
das Wunder und die Qualität der Freiheit des Menschen sprechen. Die Ergebnisse dieses Morget.s. in Genf zeigen sich in den Friedenskonferenzen,
die jetzt auf der ganzen Welt zu regionalen Konflikten stattfinden und
auch in der Arbeit der Vereinten Nationen hier in New York und in Genf.
Herr Generalsekretär, die Geschichte mahnt dennoch zur Vorsicht:
tatsächlich ist das Gebäude in Genf,
in dem wichtige Verhandlungen stattgefunden haben - beispielsweise das
Genfer Afghanistan-Abkommen, die Verhandlungen zwischen Iran und Irak steinernes Zeugnis eines unerfüllten
Traums vom Frieden in einem anderen
Zeitalter.
Der Palais des Nations
war der Sitz des Völkerbundes - einer
Institution, die das Ende des Krieges
überhaupt symbolisieren sollte. Und
dennoch fanden diese Institution und
ihre edlen Ziele mit dem Zweiten
Weltkrieg ihr Ende, weil die Länder
der Welt in den dreißiger Jahren
nicht die Chance für den Frieden genutzt und die Menschheit nicht den
Mut gefunden hat, die Aggressoren zu
isolieren und Regierungsformen zu
verwerfen, die dem Staat und nicht
den Menschen dienen.
Herr Generalsekretär, wir haben
uns heute mit der Entschlossenheit
hier eingefunden, daß den Vereinten
Nationen ein solches Schicksal erspart bleiben soll. Wir wollen, daß
den Vereinten Nationen Erfolg beschieden ist und sie der Sache des
Friedens für die Menschheit dienen.
Herr Generalsekretär, wir sind
uns aber auch in dieser Zeit der
Hoffnung der Tatsache bewußt, daß die
Möglichkeit des Scheiterns real vorhanden ist. Dieses Wissen entmutigt
uns jedoch nicht. Es beflügelt uns
vielmehr. Denn der Einsatz ist hoch:
Werden wir jetzt schwanken und versagen und den gerechten Zorn künftiger
Generationen über uns heraufbeschwören? Oder setzen wir die Arbeit der
Gründer dieser Institution fort und
sorgen dafür, daß letzten Endes die

- 3 -

�Freiheit
geachtet
wird
und
die
Menschheit keine Kriege mehr kennt?
Und daß dieser Ort, dieser Boden hier
wahrhaftig
"der
Welt
letztes
Schlachtfeld" sein wird.
Wir sind entschlossen, dies zu
erreichen.
Deshalb wenden wir uns
nun dem Programm des Friedens zu.
Lassen Sie uns zunächst ein Anliegen
ansprechen, daß mich während meines
Treffens mit Herrn Gorbatschow im
Kreml wie auch die sowjetischen Bürger, denen ich in Moskau begegnet
bin, beschäftigt hat. Wie ich weiß,
ist dies auch ein Problem mit unmittelbarer Bedeutung für die Delegierten dieser Versammlung, die diesen
Herbst den 40. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
begehen.
Jene Erklärung drückt ganz klar
das aus, was diejenigen, die nach
Frieden streben, nur unter äußerster
Gefahr vergessen können, nämlich, daß
der Frieden auf einer Grundlage beruht: der Beachtung "der unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der
menschlichen
Familie".
In
einem
Jahrhundert, in dem totalitäre Regierungen die Menschenrechte verweigert
haben, wie nie zuvor in der Geschichte - wobei so viele Millionen Menschen aufgrund staatlicher Politik
willkürlich dem Hungertod preisgegeben oder vernichtet wurden -, einer
Geschichte aus Blut, Dummheit und
Stacheldraht, wie einmal gesagt wurde, da kann sich kaum jemand wundern,
daß sich der Frieden als so schwer
erreichbar erwiesen hat.
Wir sollten folgendes verstehen:
wenn wir Frieden möchten, dann müssen
wir die Grundrechte unserer Mitmenschen anerkennen. In unserem eigenen
Land und in anderen Ländern. Wenn
wir den Frieden wollen, dann darf der
menschliche Geist nicht länger mit
Füßen getreten werden. Menschenrechte gelten nicht nur für einige und
für eine befristete Zeit. Die Menschenrechte gelten, wie in der von
dieser Versammlung im Jahr 1948 verabschiedeten
Allgemeinen
Erklärung

proklamiert, "für alle Menschen und
alle Staaten". Und für alle Zeit.
Diese Beachtung der Menschenrechte als Grundlage des Friedens bildet
den Kern der Vereinten Nationen. Die
Verhungernden in Äthiopien, die Kurden, die dem Tod preisgegeben sind,
diejenigen, die mit rassischer Ungerechtigkeit in Südafrika konfrontiert
sind, diejenigen, die in der Sowjetunion immer noch nicht frei schreiben
oder sprechen können, diejenigen in
der Ukraine, die ihre Religion nicht
ausüben können und diejenigen, die
auf Booten im Südchinesischen Meer um
ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen,
diejenigen in Managua, die nicht frei
publizieren oder sich versammeln können - all dies ist mehr als nur ein
Tagesordnungspunkt auf ihrem Terminkalender. Es muß ein vordringliches
Anliegen sein; ein Problem, das den
anderen übergeordnet
ist.
Denn,
wenn die Menschenrechte nicht bei den
Vereinten Nationen an erster Stelle
stehen - wenn die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte nicht in diesen Hallen und Konferenzzimmern respektiert wird -, dann steht die
Glaubwürdigkeit dieser Organisation
auf dem Spiel, ist der Zweck ihrer
Existenz in Frage gestellt.
Aus diesem Grund werden die Vereinten Nationen stärker, wenn Fortschritte im Bereich der Menschenrechte erzielt werden, und die Vereinigten Staaten sind darüber sehr erfreut. Nach zweijährigen Bemühungen
unter der Führung der Vereinigten
Staaten hat die UNO-Menschenrechtskommission zum Beispiel einen wichtigen Schritt zur Beendigung von Doppelmoral und Zynismus unternommen,
die sie so lange geprägt hatten.
Jahrelang war Kuba, ein eklatanter
Verletzer der Menschenrechte seiner
Bürger, der Mißbilligung oder auch
nur Überprüfung durch die Vereinten
Nationen entgangen. In diesem Jahr
hat Kuba auf den von der Menschenrechtskommission ausgeübten Druck reagiert, indem es eine Untersuchung
seiner Menschenrechtsverletzungen akzeptierte.
Fidel Castro hat schon

�begonnen, einige politische Gefangene
freizulassen, die Bedingungen in den
Gefängnissen zu verbessern und die
Existenz einer kleinen, unabhängigen
nationalen
Menschenrechtsgruppe
zu
tolerieren.
Es muß noch mehr getan werden;
die Vereinten Nationen müssen beim
Streben nach Veränderungen schonungslos und unnachgiebig sein. In Kuba
und andernorts. Und wir müssen uns
ebenso darum bemühen, daß die Allgemeine Erklärung nicht durch einzelne
Vorgänge entwertet wird, wie etwa die
Resolution "Zionismus ist Rassismus".
Die Beachtung der Menschenrechte ist
die erste und fundamentale Mission
dieses Gremiums, die grundlegendste
Verpflichtung seiner Mitglieder. Wohin man sich in der heutigen Welt
auch wendet, gibt es ein neues Bewußtsein, eine wachsende Leidenschaft
für die Menschenrechte - die Menschen
der Welt werden sich immer einiger;
neue Gruppen, neue Koalitionen bilden
sich; Koalitionen, die die Regierung
beobachten, die sich gegen Diskriminierung wehren, die gegen religiöse
oder politische Unterdrückung kämpfen, gegen unrechtmäßige Inhaftierung, Folter oder Exekution. Mit den
Worten derjenigen, mit denen ich im
vergangenen Juni im Spaso-Haus gesprochen habe: solche Bewegungen machen einen Unterschied.
Wenn wir uns nun den regionalen
Konflikten zuwenden, so spüren wir
wiederum Auftrieb für Hoffnungen. Im
Golf-Krieg zwischen Iran und Irak einem der blutigsten Konflikte seit
dem Zweiten Weltkrieg - gibt es einen
Waffenstillstand.
Die Entschlossenheit und Festigkeit der verbündeten
Nationen, den Persischen Golf für die
internationale Schiffahrt offen zu
halten, hat nicht nur die Herrschaft
des Gesetzes gewahrt, sondern auch
zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Konflikt beigetragen und
die Grundlage des Friedens geschaffen.
Die entschlossene Resolution
des Sicherheitsrats vom Juli vergangenen Jahres ist zum Plan für einen
friedlichen Golf geworden. Laßt die-

sen Krieg - einen Krieg, in dem es
weder Sieger noch Besiegte, sondern
nur Opfer gab - laßt dieser. Krieg
jetzt zu Ende gehen. Sowohl der Iran
als auch der Irak sollte mit dem Generalsekretär und dem Sicherheitsrat
bei der Anwendung der Resolution 598
zusammenarbeiten.
Laßt den Frieden
einziehen.
Wenden wir uns einer zweiten Region zu. Als ich Jahr 1983 zum ersten Mal vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen sprach, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der
Weltöffentlichkeit auf die brutale
Invasion und illegale Besetzung Afghanistans.
Nach fast neun langen
Kriegsjahren haben sich der Mut und
die Entschlossenheit des afghanischen
Volkes und der afghanischen Freiheitskämpfer durchgesetzt - und heute
ist ein Ende der Besetzung in Sicht.
Am 14. April unterzeichnete die UdSSR
die Genfer Vereinbarungen, die unter
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen von Pakistan und dem Kabuler Regime ausgehandelt wurden. Wir ermutigen die Sowjetunion, ihren Truppenabzug zum frühestmöglichen Zeitpunkt
abzuschließen,

damit

das

afghanische

Volk ohne weitere Einmischung von
außen frei über seine Zukunft entscheiden kann.
Auch im südlichen Afrika beginnen
Jahre geduldiger Diplomatie und Unterstützung derjenigen in Angola, die
nach Selbstbestimmung streben, sich
auszuzahlen. Wir sehen einem Abkommen zwischen den Regierungen Angolas,
Kubas und Südafrikas mit Zuversicht
entgegen, das einen vollständigen Abzug aller ausländischen Truppen - vor
allem der Kubaner - aus Angola vorsieht.
Ebenso zuversichtlich sind
wir im Hinblick auf die vollständige
Anwendung der UNO—Sicherheitsratsresolution 435 und unser seit langem
bestehendes Ziel der Unabhängigkeit
von Namibia.
Wir werden weiterhin
den wachsenden Konsens unter den führenden afrikanischen Politikern fördern, die ebenfalls der Meinung sind,
daß ein Ende des Konflikts in der Region unmöglich ist, solange es keine

- 5 -

�nationale Aussöhnung in Angola gibt.
Herr Generalsekretär, es bestehen
neue Hoffnungen in Kambodscha, einer
Nation, für deren Freiheit und Unabhängigkeit wir ebenso leidenschaftlich eintreten wie wir dies für die
Freiheit und Unabhängigkeit Afghanistans taten. Wir fordern den zügigen
Abzug aller vietnamesischen Truppen
und eine Lösung, die die Rückkehr der
Roten Khmer an die Macht verhindert
und stattdessen die Errichtung einer
wirklich
repräsentativen
Regierung
erlaubt
einer
Regierung,
die
schließlich die Rechte der Bürger
Kambodschas vollständig respektieren
und dem unsäglichen Leid, das sie so
mutig und unnötigerweise ertragen haben, ein Ende bereiten wird.
In anderen wichtigen Bereichen
begrüßen wir die Bemühungen des Generalsekretärs, ein Referendum über die
West-Sahara zu entwerfen.
Und im
Mittelmeerraum finden direkte Gespräche zwischen griechischen und türkischen Zyprioten statt, die große Aussichten auf ein Abkommen in diesem
geteilten
Inselstaat
bieten.
Schließlich
hoffen
wir auf eine
friedliche Lösung des arabisch-israelischen Konflikts. Und auch die unnatürliche
Teilung Europas bleibt
weiterhin ein bedeutendes Hindernis
für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.
In der Mehrzahl dieser Bereiche
können wir also erfreulicherweise
Fortschritte beobachten.
Noch vor
wenigen Jahren, Herr Generalsekretär,
gerieten diese und andere Konflikte
in gefährlichem Maße außer Kontrolle.
In der Tat schien die Invasion Afghanistans und die offensichtlich fehlende Willenskraft der demokratischen
und friedliebenden Nationen zur Abschreckung solcher Vorfälle eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Aggression großer und wie auch kleiner
Nationen zu einer Epidemie wurde eine Atmosphäre, wie sie die Welt
seit den dreißiger Jahren nicht mehr
erlebt hatte. Nur wurde dieses Mal
ein größerer Krieg verhindert, weil

die freien und friedlichen Nationen
der Welt ihre Willenskraft und Entschlossenheit
wiedergewannen.
Und
die Vereinten Nationen leisten heute
wertvollen Beistand bei der Bekämpfung dieser Epidemie.
Und da wir diesen Zustand aufrechterhalten wollen, käme es einer
Vernachlässigung
meiner
Pflicht
gleich, wenn die eine Ausnahme unter
den regionalen Konflikten unerwähnt
bliebe, bei der keine Fortschritte zu
verzeichnen waren. Ich beziehe mich
auf die kontinuierliche Verschlechterung der Menschrechtssituation in Nicaragua und die Weigerung der verschwindend kleinen Elite, die heute
dieses Land regiert, das Versprechen
der Demokratisierung zu erfüllen, das
sie ihrem eigenen Volk und der internationalen Völkergemeinschaft gegenüber abgelegt haben.
Wiewohl sie
sich selbst als revolutionär bezeichnet, sucht diese Elite keine echte
Revolution; diesen Ausdruck zu verwenden ist eine Täuschung zur Verschleierung des Lasters, das zu den
ältesten und korruptesten der Menschheit gehört - des uralten Willens des
Menschen nach Macht, seine Lust, das
Leben anderer zu kontrollieren und
ihnen die Freiheit zu stehlen.
Aus diesem Grund werde ich als
Präsident weiterhin den Kongreß und
die
amerikanische
Öffentlichkeit
drängen, sich hinter diejenigen zu
stellen, die diesem Versuch widerstehen, dem Volk von Nicaragua ein totalitäres Regime aufzuzwingen; die Vereinigten Staaten werden nach wie vor
denjenigen Beistand gewähren, die von
der Aggression dieses Regimes gegen
seine Nachbarn in Mittelamerika bedroht sind.
Ebenso appelliere ich heute an
die Sowjetunion, in Mittelamerika
denselben konstruktiven Realismus an
den Tag zu legen, wie sie ihn in anderen regionalen Konflikten unter Beweis gestellt hat. Ihren Teil zur
Beendigung des Konflikts in Mittelamerika beizutragen, indem der Strom
von Waffen und Munition in Milliar-

�denhöhe an das sandinistische Regime
unterbrochen wird, ein Regime, dessen
Ziel der regionalen Beherrschung wenn auch letztlich zum Scheitern
verurteilt - weiterhin großes Leiden
für das Volk in diesem Gebiet verursachen kann und ein Risiko für die
sowjetisch-amerikanischen Beziehungen
birgt.
Wenn nicht jetzt Maßnahmen
ergriffen werden.
Zum Thema Rüstungskontrolle habe
ich bereits die Bedeutung des INFVertrages und die bei den START-Verhandlungen erzielten Fortschritte erwähnt. Der START-Vertragsentwurf ist
ein umfangreiches Dokument, in dem
zahlreiche Formulierungen zur Kennzeichnung solcher Abschnitte noch in
Klammern stehen, bei denen die Meinungsverschiedenheiten zwischen den
beiden Vertragsparteien noch nicht
ausgeräumt sind. Aber im Verlauf der
Somtnersitzungen in Genf konnte eine
Vielzahl dieser Formulierungen in
endgültiger Version vorgelegt werden
und es besteht aller Grund zu der Annahme, daß dieser Prozeß fortgesetzt
werden kann. An die Adresse der hier
Anwesenden gerichtet kann ich sagen,
daß es höchst unwahrscheinlich ist,
einen solchen Vertrag in wenigen Monaten fertigzustellen - ich kann Ihnen aber versichern, daß der Zeitraum
eines Jahres von heute an gerechnet
wahrscheinlich, sogar mehr als wahrscheinlich ist. Wir haben uns jedoch
keine Frist gesetzt. Kein Abkommen
ist besser als ein schlechtes Abkommen.
Die Vereinigten Staaten sind
weiterhin optimistisch und erkennen
die von der Sowjetunion bei diesen
Verhandlungen bewiesene Kooperation
an. Wir erwarten, daß diese Einstellung auch bei unserer Besorgnis über
die Einhaltung der bestehenden Abkommen zum Tragen kommt.
Unsere Gespräche über Atomtests,
Verteidigung und den Weltraum waren
ebenfalls sehr nützlich. Ich möchte
hier vor der Vollversammlung jedoch
betonen, daß ein Großteil der bei den
Rüstungskontrollverhandlungen erzielten Fortschritte dem technologischen
Fortschritt selbst zu verdanken sind,

insbesondere im Hinblick auf das Potential für weltraumgestützte Defensivsysteme. Ich bin der Überzeugung,
daß die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, solche Defensivsyteme
- Systeme die der Vernichtung von Raketen und nicht von Menschen dienen zu erforschen, zu entwickeln und
wenn es soweit ist - zu stationieren,
in hohem Maße für die in den vergangenen Jahren in Genf erzielten Fortschritte verantwortlich ist. Im Falle eines versehentlichen Raketenabschusses oder der Tat eines Wahnsinnigen irgendwo auf der Welt werden
die Weltmächte mit solchen Systemen
zum ersten Mal nicht mit der alleinigen Option massiver Vergeltung konfrontiert sein, sondern stattdessen
die Möglichkeit zu einer weiseren
Entscheidung haben - sich gegen einen
Angriff zu schützen, anstatt ihn zu
rächen. In dem Maße, in dem Defensivsysteme an Wirksamkeit zunehmen,
verringern sie also die Bedrohung und
den Wert immer größerer Ofxensivarsenale. Noch vor kurzem habe ich aus
Informationsgesprächen im Oval Office
den Eindruck gewonnen, daß Fortschritte in Richtung auf solche Systeme noch rascher erzielt werden und
weniger kostenintensiv sein könnten,
als wir zunächst angenommen haben.
Heute
bekräftigen die Vereinigten
Staaten ihre Verpflichtung zur Strategischen Verteidigungsinitiative und
unserem Angebot, den Nutzen strategischer Verteidigung mit anderen zu
teilen.
Und selbst während diplomatische
und technologische Fortschritte zu
Hoffnungen Anlaß geben, den schrecklichen Alptraum nuklearen Terrors, in
dem wir während der Nachkriegszeit
gelebt haben, aus der Welt zu schaffen - selbst in diesem Augenblick
breitet sich ein anderes bedrohliches
Gespenst des Schreckens auf der Welt
aus. Ein Grauen, von dem wir annahmen, es läge ninter uns, ein Grauen,
das nun aus der lange begrabenen Vergangenheit
bedrohlich
näherrückt:
aus der gespenstischen, traumatischen
Erfahrung der Schützengräben und den
gequälten, fahlen Gesichtern von Mil-

- 7-

�lionen Toten in einem der unmenschlichsten Konflikte aller Zeiten.
Giftgas. Chemische Waffen. Herr
Generalsekretär, verehrte Delegierte
- diese Schrecken.
Dieses Grauen.
Wir verurteilen sie.
Der Einsatz
chemischer Waffen im iranisch-irakischen Krieg bringt - über den tragischen menschlichen Tribut hinaus die Schranken von Moral und Gesetz
ins Wanken, die diese Waffen seit dem
Ersten Weltkrieg unter Kontrolle gehalten haben. Diese Tragödie muß zu
einer erneuten Bekräftigung des Genfer Protokolls führen, das den Einsatz chemischer Waffen für ungesetzlich erklärt. Ich fordere die Unterzeichnerstaaten
dieses
Protokolls
ebenso wie die anderen betroffenen
Staaten zur Einberufung einer Konferenz auf, um gemeinsam zu ergreifende
Maßnahmen zur Abwendung der ernstzunehmenden Aushöhlung dieses Vertrages
zu erörtern. Und wir drängen alle
Nationen zur Zusammenarbeit bei der
Verhandlung
eines
verifizierbaren,
wirklich weltweiten Verbots chemischer Waffen bei der Abrüstungskonferenz in Genf.
Es obliegt allen zivilisierten
Nationen, Kriegführung unter Einsatz
von chemischen Waffen und Giftgasen
ein für allemal - auf einer verifizierbaren Basis und weltweit - zu
verbieten.
Darüber hinaus müssen wir, Herr
Generalsekretär,
unsere
Bemühungen
verdoppeln, der Weiterverbreitung von
Nuklearwaffen auf der Welt Einhalt zu
gebieten. Auch andere hochentwickelte Waffen wie die ballistischen Raketen sind nahezu weltweit verbreitet
und verschärfen somit regionale Rivalitäten in einer Art und Weise, die
weltweite Auswirkungen haben kann.
Die
Anzahl
potentieller
Anbieter
nimmt in alarmierendem Maße zu und es
muß mehr getan werden, um die Verbreitung dieser Waffen zu stoppen.
Dies war ein Thema bei den in der
vergangenen Woche zwischen den Außenministern Shuitz und Schewardnadse
geführten Gesprächen.
Gespräche zu

diesem Thema werden heute zwischen
amerikanischen und sowjetischen Experten aufgenommen. Und wir setzen
unsere Hoffnung auf multilaterale Bestrebungen, damit Krisenherde wie der
Nahe Osten nicht noch tödlichere
Schlachtfelder werden, als sie bereits sind.
Aber in der Mehrzahl dieser Bereiche können wir nicht nur Fortschritte sondern auch das Potential
für die immer maßgeblichere Rolle
multilateraler Bestrebungen und Institutionen wie der Vereinten Nationen beobachten.
Aus diesem Grund
müssen die Vereinten Nationen ihre
Effektivität mehr denn je durch Haushalts- und Programmreformen verbessern. Die Vereinten Nationen nehmen
bereits einschneidende Kürzungen vor,
die Personalabbau, Konsens bei der
Budgeterstellung und die Formulierung
der
Programmprioritäten
betreffen.
Diese Maßnahmen sind von vorrangiger
Bedeutung. Dank der Fortschritte bei
den Reformen konnte ich Mittel freigeben, die Restriktionen des Kongresses unterlagen. Ich gehe davon aus,
daß die Reformprogramme fortgeführt
und weitere Mittel im kommenden Haushaltsjahr freigegeben werden.
Und lassen Sie mich an dieser
Stelle hinzufügen:
wir beglückwünschen die Vereinten Nationen zu der
Arbeit, die sie auf drei besonders
wichtigen Gebieten geleistet hat.
Erstens muß unser Kampf gegen die
Geißel des Terrorismus und staatlich
geförderten Terrorismus unvermindert
anhalten. Ebenso müssen wir Geiselnahmen ein Ende bereiten. Zweitens
ist die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation bei der Koordinierung und
der Förderung von Forschungsvorhaben
zur Bekämpfung von AIDS lebenswichtig. Die internationalen Bestrebungen auf diesem Gebiet müssen verstärkt werden. Die AIDS-Problematik
ist bedrohlich - wir müssen ihr gemeinsam begegnen.
Das gleiche trifft auf das Drogenproblem zu.
Ein neues Abkommen
zur Bekämpfung des Drogenhandels ist

�in greifbare Nähe gerückt.
Dieser
wichtige Vertrag wird im Dezember
fertiggestellt sein und ich bin zuversichtlich, daß andere maßgebliche
Programme der Vereinten Nationen zur
Drogenkontrolle folgen werden.
Das
amerikanische Volk ist äußerst besorgt und zutiefst verärgert. Drogenhandel werden wir nicht tolerieren. Wir sind entschlossen, dagegen
zu Felde zu ziehen - und wir glauben,
daß dies ein Krieg ist, den die Vereinten Nationen unterstützen und an
dem sie sich beteiligen können.
Die Vereinten
Nationen stehen
besser da als noch vor acht Jahren dies gilt ebenso für die Welt. Doch
die wirkliche Reformproblematik in
den Vereinten Nationen ist nicht lediglich auf finanzielle oder verwaltungstechnische
Verbesserungen
begrenzt, sondern umfaßt auch eine höhere Ebene von Reformen intellektueller und philosophischer Natur, die
Reform althergebrachter Anschauungen
über die Beziehungen zwischen dem
Einzelnen und dem Staat.
Nur wenige Entwicklungen waren
beispielsweise für die Vereinigten
Staaten ermutigender als jene Sondersitzung, die dieses Organ vor zweieinhalb Jahren über Afrika abgehalten
hat.
Bei dieser Sitzung sprachen
sich die Vereinten Nationen mit einer
Stimme für freie Marktanreize und den
Abbau staatlicher Kontrollen zur Förderung wirtschaftlicher Entwicklungen
aus.
Bei einer der ersten internationalen Versammlungen unter meiner Präsidentschaft erklärte ich im mexikanischen Cancun, die Geschichte beweise stets erneut, daß Wirtschaftswachstum und menschlicher Fortschritt
den größten Auftrieb in Ländern erhalten, die wirtschaftliche Freiheit
fördern. Jene Landwirte, Arbeitnehmer, Eigentümer, Händler und Geschäftsführer sind das Kernstück der
Entwicklung.
Vertraut ihnen.
Denn
wo immer sie etwas schaffen und erbauen dürfen, wo ihnen eine persönliche Beteiligung
an Entscheidungen

über Wirtschaftspolitik und an den
Früchten
ihrer
Arbeit
eingeräumt
wird, werden Gesellschaften dynamischer, erfolgreicher, fortschrittlicher und freier. Wir glauben an die
Freiheit. Wir wissen, daß sie funktioniert.
Und dies, Herr Generalsekretär
und sehr geehrte Delegierte, ist die
unwiderrufliche
Lektion der Nachkriegszeit:
die Freiheit funktioniert. Ich möchte sogar noch weitergehen:
Freiheit und Frieden gehen
Hand in Hand. Jedes Jahr findet diese Lektion weitere Verbreitung auf
der Welt, von der Volksrepublik China
bis zum Kamerun, von Bolivien bis
Botswana, und sogar in der Hochburg
des Marxismus-Leninismus. Nein, mein
Land hat dieses Zusammenwirken von
Frieden und Freiheit nicht erfunden,
aber - seien Sie versichtert - wir
werden dem freien Export unserer in
über zwei Jahrhunderten gesammelten
Erfahrung damit keine Beschränkungen
auferlegen. Freie Menschen, die von
den Segnungen wirtschaftlicher Chancen profitieren und die von Gesetzen
geschützt sind, die die Würde des
Einzelnen wahren, werden nicht in den
Krieg oder die Herrschaft über andere
getrieben. Darin liegt der Weg zum
Weltfrieden,
Und wir Amerikaner verfechten die
Freiheit nicht nur, weil sie praktisch und nutzbringend ist, sondern
auch weil sie gerecht und moralisch
richtig ist. Und ich hoffe, daß Sie,
Herr Generalsekretär, mir an dieser
Stelle erlauben darauf hinzuweisen,
daß ich vor dieser Versammlung häufiger als jeder meiner Vorgänger gesprochen habe, und daß dies zugleich
auch das letzte Mal sein wird. Ich
hoffe, Sie gestatten mir einige abschließende Bemerkungen.
Die Welt ist heute Zeuge einer
anderen Feier internationaler Zusammenarbeit. Bei den Olympischen Spielen beobachten wir, wie Nationen gemeinsam in den sportlichen Wettkampf
eintreten, und erleben junge Menschen, die so herzlich wenig von den

- 9 -

�Ressentiments ihrer Väter wissen, wir
sehen Sie als eine Gemeinschaft zusammenkommen.
Eine unserer jüngeren - aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Athletinnen sagte, sie schöpfe die
Kraft für ihre Leistungen aus einer
anderen Quelle des Reichtums. Über
die Liebe, die ihr gegeben, und die
Werte, die ihr vermittelt wurden, erklärte sie: "Als Familie waren wir
reich."
Herr Generalsekretär, ich wage zu
hoffen, daß wir in den Empfindungen
dieser jungen Athletin ein Zeichen
des Wiedererwachens althergebrachter
und erprobter Werte - wie beispielsweise der Familie - erblicken werden.
Dies ist die erste und wichtigste
Einheit der Gesellschaft, in der alle
Werte und alles Lernen beginnt, eine
Institution, die bewahrt und geschützt werden muß. Das gilt auch
für Werte wie Arbeit, Gemeinschaft,
Freiheit und Glauben.
Denn genau
hier finden wir die logische Grundlage für die Sache der Menschenrechte
und des Weltfriedens.
Und unsere eigene - amerikanische
- Erfahrung auf diesem Kontinent konfrontierte uns bei all ihrer Kürze
ganz unverkennbar mit dem Beharren
auf der Bewahrung einer heiligen
Wahrheit.
Es handelt sich um die
Wahrheit, die unser erster Präsident
- unser Gründervater - erstmals in
seiner Abschiedsrede an das amerikanische Volk weitergab. Es ist eine
Wahrheit, die ich mit Ihrer Erlaubnis
nun in meinen Abschiedsbemerkungen
zitieren möchte.
Es handelt sich um eine Wahrheit,
die in unserer Unabhängigkeitserklärung verankert ist: daß die Sache
der unveräußerlichen Rechte, der Gedanke der Menschenwürde, der Stellung
&lt;1es Gewissens über den Zwang nur im
Zusammenhang mit einem höheren Recht
vertreten werden kann. Nur im Zusammenhang mit dem, was einer der Gründer dieser Organisation, Generalsekretär Dag Hammarskjold, die "Hingabe

an etwas, das größer und höher ist
als wir selbst" genannt hat.
Dies ist ein endloser Kreislauf,
die letzte Wahrheit, zu der die
Menschheit anscheinend immer wieder
zurückkehrt. Daß Religion und Moral
und der Glaube an ein höheres Wesen
die
Voraussetzungen
für
Freiheit
sind. Und daß Gerechtigkeit und innerer Frieden der erste Schritt zu
Gerechtigkeit und Frieden auf der
Welt und für alle Zeiten ist.
Dies ist der Ort langer Debatten
und ernsthafter Diskussionen.
Und
dennoch muß ich an dieser Stelle darauf hinweisen, daß einer unserer
Gründerväter, der weltlich gesinnte
und zugleich international orientierte Benjamin Franklin den Ablauf unserer verfassungsgebenden Versammlung
unterbrach, um im Grunde das Gleiche
zu sagen.
Und ich muß am heutigen Vormittag
an andere Anfänge denken. Daran, wo
und wann ich zum ersten Mal jene Worte las: "und sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen machen..." und
"ihre jungen Menschen sollen Visionen
haben und ihre alten Menschen sollen
Träume träumen..." An diesem Vormittag gehen meine Gedanken an sie, die
mir so viel im Leben gegeben hat, deren wichtigstes Geschenk aber die Gewißheit ihres Glücks war und der
Trost, den man im Gebet findet. Es
ist die größte Hilfe, die mir in meiner Präsidentschaft zukam. Ich erinnere mich hier an Lincolns Worte, der
gesagt hat, nur der dümmste Mensch
könnte annehmen, die Pflichten des
von mir derzeit übernommenen Amtes
erfüllen zu können, ohne sich an jemanden Stärkeren zu wenden, eine
Macht,
die
über
allem
anderen
steht...
Wenn also zukünftige Generationen
wirklich von uns sagen, daß in unserer Zeit der Friede nähergekommen ist
und wir tatsächlich ein neues Zeitalter der Wahrheit und Gerechtigkeit
hervorgebracht haben, dann wird dies
ein Grund, stolz zu sein. Aber es

- 10 -

�wäre sogar Grund zu noch größerem
Stolz, wenn dann auch gesagt wird,
wir wären klug genug gewesen zu erkennen, daß die Erwägungen großer
Staatsmänner und großer Gremien nur
eine Overtüre sind - daß die wahrhaft
königliche Musik - die Musik der
Freiheit, der Gerechtigkeit und des
Friedens - die Musik ist, die entsteht, wenn wir nicht nur an uns
selbst denken und uns dem Willen des
Schöpfers beugen.
Ich danke für den
Empfang, den Sie mir in
ren bereitet haben und
mich nun von Ihnen.
Sie.

freundlichen
all den Jahverabschiede
Gott schütze

* * * * *

- 11 -

�: e ° S7&gt;

V,aN

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

28. September 1988

35

FRIEDEN, CHANCENGLEICHEIT UND FÜHRUNGSROLLE BESTIMMEN DIE DEBATTE

- Artikel zum ersten Fernsehduell Bush-Dukakis -

WINSTON-SALEM (North Carolina) (AD) - In der ersten Fernseh-Debatte
der Präsidentschaftskandidaten am 25.
September 1988 betonte Vizepräsident
George Bush Frieden und Chancengleichheit, während sein Gegenspieler, der Gouverneur von Massachusetts
Michael Dukakis, den Schwerpunkt auf
eine starke Flihrungsrolle legte.
Beide Kandidaten haben in ihrer
Wahlkampagne immer wieder auf diese
Bereiche verwiesen und sie auch in
der neunzig Minuten langen Debatte,
die in der Wake Forst University
stattfand, erneut selbstbewußt und
überzeugend vertreten. Die Kandidaten beantworteten Fragen von Journalisten, wobei die Antworten landesweit
an ein Fernsehpublikum von
schätzungsweise
100 Millionen Zu-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schauern gerichtet waren.
Keinem
Kandidaten unterlief bei der erneuten
Darstellung seiner Ansichten und Qualifikationen gegenüber den Wählern
ein größerer Schnitzer.
Bush verteidigte die Leistungen
der Reagan-Administration und erklärte, mit Frieden durch Stärke sei es
möglich gewesen, ein Rüstungskontrollabkommen mit der Sowjetunion zu
erzielen, das niemand für möglich gehalten hätte. Bush wörtlich: "Jetzt
erkennt jeder, daß Frieden durch
Stärke funktioniert."
Er erklärte, die Bilanz mit der
Vereinbarung eines Vertrages über die
Reduzierung strategischer Waffen und
eines Verbots zum Einsatz chemischer
Waffen noch verbessern zu wollen.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Der andere zentrale Punkt der
Wahl Ist Bush zufolge Chancengleichheit, die er als die Möglichkeit definierte, Amerika Arbeitsplätze - vor
allem im Privatsektor - zu erhalten.
Dukakis bekannte sich als leidenschaftlicher Verfechter der Führungsrolle, da ihm an den Menschen liegt
und er sich aus diesem Grunde um Probleme wie Gesundheitsfürsorge und den
Wohnungsmarkt kümmert. Er erklärte,
das Land benötige eine starke und
wirkungsvolle Abschreckung mit Nuklearwaffen, er befürworte dennoch nur
eine begrenzte Forschung im Rahmen
der Strategischen Verteidigungsinitiative
der
Reagan-Administration,
und seiner Ansicht nach sei die Ausgabe von Milliarden Dollar für das
Programm sinnlos. "Unsere nationale
Sicherheit und die Sicherheit unserer
Wirtschaft sind untrennbar", erklärte
Dukakis.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

28. September 1^88

35

ORGANTRANSPLANTATIONEN SIND ROUTINE GEWORDEN
- Lange Wartezeiteten für Empfänger -

(AD) - Seit der ersten Herztransplantation durch Dr. Christiaan Barnard vor mehr als 20 Jahren in Kapstadt (Südafrika; wurden chirurgische
Techniken und spezielle Medikamente
entvickelt, die heute
den Erfolg
einer Organübertragung in den allermeisten Fällen sichern können. Stets
geht es darum, ein unheibar krankes
oder funktionsunfähiges Organ - Herz,
Leber, Niere - durch ein gesundes Organ von einer anderen Person zu ersetzen. Bei den Spendern handelt es
sich meist um Unfallopfer, seltener
um Menschen mit plötzlicher massiver
Hirnblutung.
Ihre
Hirnfunktionen
sind irreversibel zum Stillstand gekommen, obgleich das Herz mit apparativer Hilfe noch schlägt. Sie hatten
verfügt - oder ihre Angehörigen hatten zugestimmt -, in eiern solchen

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Embassy of the United States of America

Fall Organe zu entnehmen und anderen
Menschen mit einer Organspende zu
helfen.
Den größten Fortschritt für das
Gelingen
von
Organübertragungen
brachte zweifellos die Entdeckung von
Cyclosporin, eines Medikaments, das
die Abstoßung von Fremdgewebe drastisch verringert, ohne gleichzeitig
die körpereigenen Abwehrkräfte gegen
Infektionen völlig auszuschalten. Es
wurde Ende der siebziger Jahre gefunden, als man Bodenpilze auf mögliche
antibiotische
Eigenschaften
untersuchte.
Noch vor weniger als einem Jahrzehnt war das Einheilen eines Fremdorgans infoige von Abstoßungsreaktionen des körpereigenen
Immunsystems

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�ernsthaft behindert. Aber schon 1986
konnten dank des nun verfügbaren Cuclosporings z.B. alleine in den Vereinigten Staaten 8 900 Nieren übertragen werden. Im gleichen Jahr kam
es zu 1 300 Herztransplantationen,
dreimal mehr als 1984 bis 1986, wurde
die Anzahl von Leberübertragungen
verdoppelt - auf 924. Eine Transplantation
der
Bauchspeicheldrüse,
die noch immer als risikoreiche Prozedur gilt, wurde im Jahr 1986 140
mal vorgenommen, dreimal so oft wie
zwei Jahre zuvor.
Der erste Transplantationspatient
Barnards starb 18 Tage nach Empfang
des neuen Herzens an Lungenentzündung. Heute ist damit zu rechnen, so
Dr. Glenn Barnhart, Chefarzt für Chirurgie am Herztransplantationszentrum
aes Virginia Medical College (Washington) , daß zwei Drittel der Organempfänger länger als ein Jahr, 50
Prozent länger als fünf Jahre leben.
Allerdings kann Cyclosporin Nebenwirkungen, u.a. Nierenschädigungen, hervorrufen. Aber es gibt dem Arzt auch
die Möglichkeit, Patienten über 50
Jahren, die zuvor von solchen Operationen ausgeschlossen waren, ein neues Organ einzupflanzen.
So kann
jetzt auch ein 58jähriger Patient ein
neues Herz erhalten, und er hat die
Chance, damit 65 Jahre oder älter zu
werden.
Der bisher älteste Organempfänger war 67 Jahre alt.
Die Zeit, in der ein Spenderorgan
transplantationsfähig bleibt, konnte
ebenfalls verlängert werden: Nieren
lassen sich jetzt für ca. 50 Stunden
(noch vor kurzem höchstens 24 Stunden) konservieren.
Eine Leber muß
innerhalb von 24 Stunden, ein Herz
innerhalb von 12 bis 14 Stunden implantiert werden. Derzeit wird intensiv daran gearbeitet, diese Fristen durch verbesserte Konservierungstechniken zu verlängern. Ebenso
werden die Untersuchungen auf Gewebeverträglichkeit zwischen Spender und
Empfänger immer weiter verfeinert, um
ein möglichst komplikationsloses Einheilen des Spenderorgans zu gewährleisten.

Im Jahr 1984 verabschiedete der
US-Kongreß ein "National Organ Procurement and Transplantation Act".
Dieses Gesetz über die "Bereitstellung von Spenderorganen und deren
Transplantation" verlangte die Schaffung privater Organisationen zur Förderung der Bereitschaft, Organe zu
spenden, sowie eines privaten gemeinnützigen Netzwerks, um die Gewebetypisierung und die Entscheidung über
die
Gewebeverträglichkeit
zwischen
Spender und Empfänger zu erleichtern.
Dieses zentralisierte Netzwerk trägt
den Namen "United Network for Organ
Sharing"
(UNOS).
Es gewähleistet
eine faire Verteilung von Spenderorganen.
Einem im November 1987 verabschiedeten Bundesgesetz zufolge muß
jedes Hospital, in dem Organtransplantationen vorgenommen werden, der
Transplantationsorganisation UNOS angehören und genau spezifizierten Anforderungen genügen, um auch in die
zur medizinischen Versorgung alter
und minderbemittelter Bürger eingerichteten
Bundesprogramme
MEDICARE
und MED1CAID einbezogen werden zu
können. Das Gesetz verlangt außerdem
von allen Kliniken "schriftliche Protokolle über die Identifizierung potentieller Organspender".
Ca. 97
Prozent der 6 800 privaten und öffentlichen Krankenhäuser in den Vereinigten Staaten partizipieren am
MEDICAREoder
MEDICAID-Program,
häufig auch an beiden.
Wie Dr. Keith Johnson, der Präsident von UNOS, berichtet, sei die
UNOS-Organisation verpflichtet, spezielle Daten über alle Spender und
Empfänger von Organen zu sammeln, die
innerhalb der USA transplantiert wurden - "gleichgültig, ob die Spender
bzw. Organe aus den Vereinigten Staaten...oder aus anderen Ländern stammen und zur Vornahme der Transplantation in die USA verbracht wurden".
John Gold, Stallvertretender Direktor
der Abteilung Organtransplantation am
US-Bundesministerium für Gesundheit
und soziale Dienste (HHS), fügte hin-

- 2 -

�zu, daß im allgemeinen keine Organe
aus anderen Ländern, Kanada ausgenommen, eingeführt werden. Von UNOS arrangiert würden allerdings bestimmte
Organe in andere Länder gesandt,
hauptsächlich nach England und in
einige weitere europäische Staaten.
Aufgrund des Gesetzes sei es ferner
ausdrücklich
verboten,
menschliche
Organe für Transplantationen zu kaufen oder zu verkaufen. Sämtliche im
Zusammenhang mit einer Transplantation ergriffenen Maßnahmen müssen den
Vorschriften der nationalen Organisation UNOS entsprechen.
Andernfalls
verlieren die betreffenden Kliniken
jeglichen Anspruch auf Zahlungen im
Rahmen von MEDICARE- und MEDICAIDProgrammen, was als sehr harte Strafbestimmung gilt.

Die Zahl der Zentren, in denen
Chirurgenteams Spenderorgane implantieren, hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Landesweit gibt
es in den Vereinigten Staaten z. Zt.
123 Kliniken die Herztransplantationen durchführen (vor vier Jahren waren es erst 37). Obgleich die amerikanische Öffentlichkeit zum größten
Teil
Organtransplantationen
unterstützt, besteht ein erheblicher Mangel an Spenderorganen.
Mehr als
13 000 Menschen warten auf eine neue
Niere, erwa 900 auf ein Spenderherz.
Bei jedem dritten aus der letztgenannten Gruppe ist der Zustand so bedenklich, daß er den Zeitpunkt nicht
erleben dürfte, and dem für ihn ein
vielleicht ein geeignetes Spenderherz
zur Verfügung stünde.

Die mehr als 70 gemeinnützigen
Verbände zur Organbeschaffung in den
USA stellen dort die wichtigste Verbindung zwischen Spendern und Empfängern dar. Es gibt sie in fast jedem
amerikanischen Bundesstaat.
Gewöhnlich sind sie großen Kliniken angeschlossen. Sie verfügen über hochspezialisierte
medizinische
leams,
die potentielle Organspender identifizieren, Familien über Gewebeund Organspenden beraten, die Krankheitsgeschichten potentieller Spender prüfen
und Informationene über Spender and
die nationale Organisation
(UNOS)
weiterleiten.
UNOS speichert diese sofort in
einem permanent auf dem neuesten
Stand gehaltenen Computer, wo die Informationen mit den Daten aller in
den USA inzwischen erfaßten Personen,
die auf eine Organspende warten, verglichen werden. Spezielle Computerprogramme machen es möglich, den für
ein in Frage kommendes Organ am besten geeigneten Empfänger ausfindig
zu machen. Dann arrangiert UNOS den
Transport und sorgt für die sofortige
Kontaktaufnahme zwischen dem Zentrum,
wo die Explantation vorgenommen wird,
und dem Empfängerzentrum.
Täglich
rettet UNOS auf diese Weise Menschenleben.

- 3-

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

28. September 1988

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ANTARKTISFORSCHUNG BEGANN VOR 150 JAHREN

(AD) - Vor 150 Jahren begann eine
der wichtigsten Forschungsexpeditionen der Geschichte - eine Expedition,
in deren Folge geographische Karten
um eine bis dahin fast völlig unbekannte Region und entsprechende Bücher um ein neues großes Kapitel ergänzt wurden. Unter der Leitung des
amerikanischen
Marineleutnants
Charles Wilkes brach am 18. August
1838 eine wissenschaftliche Expedition aus den Vereinigten Staaten zu
den südlichsten Gewässern des Stillen
Ozeans auf. Am 30. Januar 1840 sichtete Wiikes Land. Er nannte es den
"Antarktischen Kontinent".
Als erster hatte Wilkes erkannt, daß man es
mit einer riesigen Landmasse, einem
"Kontinent", nicht nur mit unendlichen Eis- und Schneefeldern zu tun
hatte.

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Generationen von Entdeckern und
Wissenschaftlern haben seitdem in der
Antarktis geforscht.
Während der
weltweiten als "Internationales Geophysikalisches Jahr" bezeichneten Gemeinschaftsaktien 1957/58 bildete sie
sogar einen der Schwerpunkte. Wissenschaftler aus 13 Ländern waren an
der Errichtung von 60 Forschungsstationen beteiligt. Der "Weiße Kontinent" wurde zu einem riesigen Laboratorium und ist es bis heute geblieben. In noch weitestgehend unberührter Natur studieren dort Wissenschaftler Erdgeschichte aus Zeiträumen, die Hunderte von Millionen Jahren zurückreichen. Sie suchten - und
fanden - Meteoriten aus Materie, die
vom Mond und vom Planeten Mars
stammt. Im Eis der Antarktis waren
sie unverändert erhalten geblieben.

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�Und die Forscher stellten z.B. fest,
daß der antarktische Kontinent eine
weite Strecke gewandert sein mußte,
bis er seine jetzige Position am Südende unserer Welt erreichte.
Versteinerungsfunde
und
Kohleschichten
geben Kunde von einer Zeit, in der
sich die Antarktis in einer tropischen Klimaregion befand.
Angesichts der Erfolge im "Internationalen
Geophysikalischen
Jahr"
setzten die USA ihr Antarktisprogramm
bis zum heutigen Tag fort. Eine Reihe anderer Nationen richteten ähnliche Programme ein, um die einzigartigen Forschungsmöglichkeiten in dieser
Region zu nutzen. Die Nationale Forschungsstiftung
der USA ("National
Science Foundation" - NSF) wendet
derzeit mehr als 115 Millionen Dollar
im Jahr für die Antarktisforschung
auf, an der etwa 100 000 Amerikaner
mitarbeiten.
Die
USA
unterhalten
jetzt ganzjährig vier Forschungsstationen, von denen aus Untersuchungen
auf den Gebieten Meeresund Landbiologie, Biomedizin, Geologie und Geophysik, Meteorologie
und
Physik
der
Hochatmospäre vorgenommen werden.
Dem 1959 abgeschlossenen Antarktis-Vertrag sind mittlerweile 32 Länder beigetreten.
Zusammen repräsentieren sie zwei Drittel der Erdbevölkerung. Der Vertrag schuf den rechtlichen Rahmen für internationale Zusammenarbeit in der Antarktis, für
freie Forschung in der Region und für
den Austausch von Forschungsplänen,
von Personal, Beobachtungen und von
Forschungsergebnissen.
Er verbietet
ausdrücklich nukleare Explosionen und
das Deponieren radioaktiver Abfälle
in diesem Gebiet und garantiert das
Recht
jedes
Teinehmerstaates,
die
Stationen und Ausrüstungen der anderen Partner zu inspizieren.

* * * * *
- 2 -

�</text>
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