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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

49

SS O l

America

11. Dezember 1991

'•-...rviCO*:

Oeichmanns Aus 29

5300 Bonn 2

PEARL HARBOR

BUSH ERTEILT ABSAGE AN ISOLATIONISMUS
UND PROTEKTIONISMUS
Rede vor Kriegsveteranen in Pearl Harbor

OSTEUROPA

WETTBEWERB UNVERZICHTBAR FÜR
FORTSCHRITTE IN OSTEUROPA UND
DER SOWJETUNION
Rede von Notenbankchef Greenspan

OSTEUROPAER BEURTEILEN KAPrTALISMUS
ZURÜCKHALTEND
Meinungsumfrage von Times Mirror

JUGOSLAWIEN

USA VERHANGEN SANKTIONEN GEGEN
JUGOSLAWIEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

UMWELT

REILLY: OECD MUSS ENTWICKLUNGSHILFE
AN UMWELTPROGRAMME KNÜPFEN
Rede des EPA-Leiters vor der OECD

PORTRAT

SKINNER GESCHICKTER KRISENMANAGER
Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�PEARL

HARBOR
11. Dezember 1991

BUSH ERTEILT ABSAGE AN ISOLATIONISMUS
UND PROTEKTIONISMUS
Rede vor Kriegsveteranen In Pearl Harbor
PEARL HARBOR - (AD) - Präsident Bush hat Japan dazu aufgerufen, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
"an einer von freien Märkten und freien Menschen beherrschten Zukunft" zu arbeiten. Stimmen des
Isolationismus und Protektionismus erteilte der Präsident in diesem Zusammenhang eine Absage.
In einer Rede vor Kriegsveteranen aus Anlaß des 50. Jahrestags des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor in
Hawaii erklärte Bush am 7. Dezember 1991 darüber hinaus, es ist an der Zeit für "die amerikanischen
Handelspartner in Europa und Asien sowie weltweit zu erkennen, daß wirtschaftlicher Isolationismus falsch ist".
"Im nächsten Monat werde ich in Asien mit unseren pazifischen Freunden und Verbündeten über deren Pflicht
sprechen, gemeinsam mit uns die Herausforderungen und Lasten der Führung in der Zeit nach dem kalten Krieg
zu teilen..."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.
Ich möchte die heute hier anwesenden Mitglieder
meines Kabinetts begrüßen, insbesondere Dick Cheney, unseren fähigen Verteidigungsminister, der so
viel für die Streitkräfte getan und eine solch wichtige
Führungsrolle für unsere Nation gespielt hat. Ich
möchte General Powell begrüßen, den Vorsitzenden
der Vereinigten Stabschefs, und die Gelegenheit an
diesem historischen Tag ergreifen, um ihm erneut für
seine begeisternde Führung all der Männer und Frauen zu danken, die in den Streitkräften dienen.
Ich möchte dem Kommandeur der Pazifikflotte, Admiral Larson, meinen Dank aussprechen, und ich möchte
besonders all die hier anwesenden Mitveteranen
begrüßen - vor allem die Überlebenden dieses historischen Tages.
Ich glaube, wenn wir hier durch den Raum gehen
würden, würden wir alle uns erinnern. Ich erinnere
mich noch genau daran, wie ich die Nachricht über
Pearl Harbor erfuhr. Ich war 17 Jahre alt und ging über
den Schulrasen, und meine Gedanken kreisten damals nicht um weltpolitische Ereignisse sondern um
viel schlichtere, prosaischere Dinge, etwa, ob ich in die
Basketball-Mannschaft oder das College aufgenommen würde. Jener Spaziergang über den Campus
bedeutete für mich das Ende der Unschuld. Und als
die Amerikaner die Nachricht erfuhren, waren sie
zunächst vom Schock wie gelähmt, kamen aber ebenso rasch wieder zur Besinnung.
AMERIKA DIENST 49

Wie alle jungen Amerikaner dieser Zeit wurde ich von
den Ereignissen mitgerissen. An jenem Tage beschloß ich, in die Marine einzutreten und Marineflieger
zu werden. An meinem 18. Geburtstag, dem 12. Juni
1942, wurde ich als Matrose zweiter Klasse in der
Marine vereidigt. Und ich war schockiert. Ich war
schockiert bei meiner ersten Begegnung mit Pearl
Harbor im April 1944. Wir liefen mit einer CBL-30 an
Bord des Flugzeugträgers San Jacinto den Hafen an,
und in der Nähe lag immer noch die Utah mit Schlagseite, und Teile der Arizona ragten immer noch aus
dem Wasser. Überall erhoben sich Schiffswracks
über der Wasseroberfläche, als wollten sie uns zur
Mahnung dienen und uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnern.
Über 2.000 Männer starben vor einem halben Jahrhundert an diesem Ort innerhalb von Minuten. Viele
mehr ließen am gleichen Tag ihr Leben, als die japanischen Streitkräfte die Philippinen, Guam, Wake Island, Midway, die malayische Halbinsel, Thailand,
Singapur und Hongkong angriffen. An diesem Tag der
Schande warf Pearl Harbor jeden von uns in jenen
Titanenkampf um die Zukunft der Menschheit. Wie nie
zuvor schweißte dieses Ereignis den amerikanischen
Geist zu der zielstrebigen Entschlossenheit zusammen, die nur ein Ergebnis hervorbringen konnte: den
Sieg.

Seite 1

�Churchill wußte es, sobald er die Nachricht erfuhr. Er
hatte die Eroberung Europas durch die Nazis erlebt,
die Bombenangriffe auf London, den Schrecken der UBoote. Als jedoch Amerika angegriffen wurde, erklärte
er, es gebe keinen Zweifel über den Ausgang. Er
wu ßte damals, daß der amerikanische Geist die Sache
der Freiheit nicht verraten würde.
Der Gegner mißverstand unsere Vielfalt, die Vielfalt
dieses Landes als Schwäche. Aber Pearl Harbor
wurde zum Schlachtruf für Männer und Frauen aller
Schichten der Gesellschaft, aller Hautfarben und Religionen, und am Ende machte uns diese Geschlossenheit im Krieg ebenso unbesiegbar wie sie uns heute
im Frieden sicher macht.
Am nächsten Tag verkündete Präsident Roosevelt das
einzige amerikanische Kriegsziel: "Im Vertrauen auf
unsere Streitkräfte, mit der grenzenlosen Entschlossenheit unseres Volkes, werden wir den unvermeidlichen Triumph erringen, so wahr uns Gott helfe." Es
war die Standhaftigkeit des amerikanischen Volkes,
die den Krieg und den darauffolgenden Frieden gewinnen sollte.
Wir triumphierten in beidem, trotz der Tatsache, daß
das amerikanische Volk nicht in den Konflikt hineingezogen werden wollte. Der ungewollte Krieg, so ist er
bezeichnet worden. Ironischerweise versammelten
sich genau zu dem Augenblick, als die ersten Amerikaner hier in Pearl Harbor einen gewaltsamen Tod fanden, Isolationisten in Pittsburgh unter dem Schlagwort
jener Tage, "Amerika zuerst". Die Isolationisten sahen
nicht, da ß die Saat für Pearl Harbor im Jahr 1919 gesät
worden war, als ein siegreiches Amerika beschloß,
wegen des Fehlens eines bedrohlichen Feindes im
Ausland all seine Energie nach innen zu richten.
Dieses isolationistische Selbstverständnis bildete den
Begleitschutz für die Bomber, die vor 50 Jahren unsere
Männer angriffen. Im Jahr 1945 forderte manch einer
erneut die Rückkehr Amerikas zum Isolationismus, als
ob die Abkehr von einer weltweiten Führungsrolle
Voraussetzung für die Bewältigung drängender innenpolitischer Probleme sei. Und sie wurden rüde wachgerüttelt von der brutalen Wirklichkeit des Eisernen
Vorhangs, der sowjetischen Blockade Berlins und der
kommunistischen Invasion Südkoreas.
Heute triumphieren wir zum dritten Mal in diesem
Jahrhundert, dieses Mal am Ende des kalten Kriegs.
Wie in den Jahren 1919 und 1945 stehen wir keinem
Gegner gegenüber, der unsere Sicherheit bedroht.
Aber wir stehen heute hier am Ort einer Tragödie, der
durch Isolationismus ausgelösten Tragödie. Und es ist
dieser Ort, an dem wir lernen und dieses Mal die
Gefahren des Isolationismus von heute und seines
wirtschaftlichen Komplizen, des Protektionismus, vermeiden müssen.

Seite 2

Etwas anderes zu tun, zu glauben, wenn wir uns von
der Welt abwendeten, würden wir unser Schicksal im
Inland verbessern, hieße, die tragischen Lehren des
20. Jahrhunderts zu ignorieren. Tatsache ist, daß
Wachstum und Sicherheit dieses Landes dann am
längsten währten, als wir den politischen und wirtschaftlichen Isolationismus zugunsten von Engagement und Führung verwarfen.
Wir sind eine pazifische Nation. Im kommenden Monat
werde ich in Asien mit unseren pazifischen Freunden
und Verbündeten über deren Pflicht sprechen, gemeinsam mit uns die Herausforderungen und Lasten
der Führung in der Zeit nach dem kalten Krieg zu teilen.
Es ist an der Zeit für die amerikanischen Handelspartner in Europa und Asien sowie weltweit zu erkennen,
daß wirtschaftlicher Isolationismus falsch ist. Vor
allem den politisch Verantwortlichen in Japan möchte
ich sagen, dieser feierliche Anlaß sollte unsere Entschlossenheit bekräftigen, gemeinsam an einer von
freien Menschen und freien Märkten beherrschten
Zukunft zu arbeiten. Daher werde ich mich nach wie
vor gegen Isolationismus und Protektionismus im
In- und Ausland verwahren.
Vor fünfzig Jahren haben wir einen hohen Preis für
Selbstgefälligkeit und übermäßiges Selbstvertrauen
bezahlt. Auch dies ist eine Lektion, die wir niemals
vergessen werden. Denjenigen, die unser Land von
den Küsten Guadalcanals bis zu den Hügeln Koreas,
vom Dschungel Vietnams bis zur Wüste Kuwaits verteidigt haben, sage ich folgende Worte: Wir werden
uns stets erinnern. Wir werden immer vorbereitet sein
- auf Aggression zu reagieren, Schritte zur Aussöhnung zu unternehmen und den Frieden zu sichern.
Wenn wir Rückschau halten, ist Vergangenenheitsbewältigung unabdingbar. Keine Nation kann sich ganz
verstehen oder ihren Platz in der Welt einnehmen,
wenn sie nicht offenen Auges auch auf all die Höhen
und Tiefen der Vergangenheit blickt. Wir in den
Vereinigten Staaten sind uns einer solchen Ungerechtigkeit in unserer Geschichte bewußt. Die Internierung
von Amerikanern japanischer Abstammung war eine
große Ungerechtigkeit, und sie wird sich niemals wiederholen. Heute sollten alle Amerikaner das öffentlich
bekundete tiefe Bedauern des japanischen Ministerpräsidenten Miyazawa über den Angriff auf Pearl Harbor
würdigen. Es war eine denkwürdige und schwierige
Geste, die das Volk der Vereinigten Staaten sehr zu
schätzen wußte.
Die Werte, die wir als Nation hochhalten - Qualität der
Chancen, freie Religionsausübung, Rede- und Versammlungsfreiheit, freie und lebendige Wahlen - werden heute von vielen Nationen geachtet. Unser größter Erfolg im Zweiten Weltkrieg fand nicht auf dem
Schlachtfeld statt, sondern in den Nationen, die wir
einst als Gegner angesehen hatten. Die Ideale von

AMERIKA DIENST 49

�Demokratie und Freiheit haben in einer Welt triumphiert, die einst mit der Erorberung durch Tyrannei und
Despotismus bedroht war.

Vaters steht für die der Vereinigten Staaten: Tue
Deine Pflicht und erziehe die nächste Generation
dazu, ihre zu tun."

Heute, da wir die Evolution der Welt zur Freiheit feiern,
gedenken wir der gefallenen Helden der Demokratie,
der Verteidiger der Freiheit und der Opfer der Diktatur,
die niemals das Licht der Freiheit erblickten. Anfang
dieses Jahres, als ehemalige Gegner mit uns gemeinsam die Aggression am Persischen Golf abwehrten,
bekräftigten wir die Werte, die von den Helden von
Pearl Harbor hochgehalten wurden. Die Freunde, die
ich verloren habe, die wir alle verloren haben, lie ßen ihr
Leben für eine große und edle Sache. Aufgrund ihres
Opfers genießt die Welt heute mehr Freiheit und
Frieden als je zuvor.

Ich verstehe Bills Gefühle. Ich habe mich gefragt, wie
ich mich bei diesem Treffen mit Ihnen - den Veteranen,
den Überlebenden von Pearl Harbor - an diesem
denkwürdigen Tag fühlen würde. Und ich fragte mich,
ob ich diesen abgrundtiefen Haß empfinden würde,
den wir alle vor 50 Jahren dem Feind entgegenbrachten. Ich habe an jenen schändlichen Tag und den
Verlust von Freunden zurückgedacht und mich gefragt, wie meine Reaktion sein würde, wenn ich nach
Pearl Harbor zurückkomme. Wie wird die Reaktion der
anderen alten Veteranen an diesem Ort sein, insbesondere derjenigen, die diesen schrecklichen Tag
überlebten?

Zu Recht sind wir alle heute hier versammelt, und zu
Recht benutzen wir dies als Ausgangspunkt. Wie Sie
wissen, habe ich gerade die Gedenkstätte der USS
Arizona besucht, wo alles begann. Und hinter uns liegt
die USS Missouri, wo alles beendet wurde. Aber die
Missouri war auch ein Anfang.
Kurz danach stattete Kaiser Hirohito General MacArthur einen Besuch ab, der später feststellte, der Kaiser
habe eine führende Rolle bei der geistigen Erneuerung
Japans gespielt. Ihr Treffen machte Geschichte, und
eine vielversprechende Zukunft für ein demokratisches Japan begann Gestalt anzunehmen.
Ich dachte an dieses Treffen mit MacArthur, als ich
1989 an der Beerdigung des Kaisers teilnahm. Ich
habe auch heute morgen daran gedacht, am Nationalfriedhof und dann bei der Arizona-Gedenkstätte. Wenn
man sich sein Leben vor Augen hält und die unternommenen Schritte zurückverfolgt, sind es die Wendepunkte, die entscheidenden Momente, die zählen.
Nach all den Jahren steht Pearl Harbor noch immer als
Teil meines Ichs. Für jeden hier anwesenden Veteranen und in der Tat für alle Amerikaner steht Pearl
Harbor als Teil ihres Selbst.
Vor kurzem erhielt ich einen Brief von dem Sohn eines
Seemanns mit Namen Bill Lew, der Pearl Harbor
überlebt hat und heute hier anwesend ist. Sein Sohn
schreibt aus Tokio, wo er heute lebt, folgende Worte:
"Vor einem halben Jahrhundert drehten sich die Gedanken meines Vaters darum, den Angriff zu überleben und den Krieg zu gewinnen. Er konnte sich keine
Zukunft vorstellen, in der sein Sohn in Japan studieren
und arbeiten würde. Aber er erkannte, daß sich die
Welt verändert hat und die Herausforderungen für
Amerika anders gelagert sind. Die Haltung meines
*

AMERIKA DIENST 49

Ich möchte Ihnen sagen, was ich fühle. Ich hege
keinen Groll gegen Deutschland oder Japan in meinem
Herzen - überhaupt keinen. Und ich hoffe, daß Sie
trotz der erlittenden Verluste keinen in Ihrem Herzen

hegen. Dies ist nicht die Zeit für gegenseitige Schuldzuweisungen. Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, er ist
Geschichte. Wir haben gewonnen. Wir haben den
Totalitarismus vernichtet. Und als dies getan war,
haben wir unseren Gegnern geholfen, die Demokratie
aus der Wiege zu heben.
Wir haben sowohl Europa als auch Asien unsere Hand
gereicht. Wir haben unsere Feinde zu Freunden
gemacht. Wir haben ihre Wunden geheilt und uns
damit selbst geholfen. Die Lektionen des Kriegs
werden zu Recht Bestand haben: Bereitschaft, Stärke, Anstand und Ehre, Mut, Opferbereitschaft, Bereitschaft, für sein Land - Amerika, das Land der Freien
und Mutigen - zu kämpfen und sogar zu sterben.
Wenn ich nur für mich selbst spreche - ich hege keinen
Groll in meinem Herzen. Ich sehe immer noch die
Gesichter der gefallenen Kameraden, und ich bin
sicher, auch Sie sehen noch die Gesichter Ihrer gefallenen Kameraden oder Ihrer Familienmitglieder vor
sich. Aber glauben Sie nicht, daß sie sagen: "Fünfzig
Jahre sind vergangen. Unser Land ist der unumstrittene Führer der freien Welt und wir leben im Frieden."
Glauben Sie nicht, jeder sagt: "Ich bin nicht umsonst
gestorben."
Möge Gott Sie alle schützen, die Opfer gebracht und
gedient haben, und möge Gott seinen gütigen Schutz
über dieses, das großartigste Land auf dieser Erde die Vereinigten Staaten von Amerika - ausbreiten.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

Seite 3

�OSTEUROPA
11. Dezember 1991

WETTBEWERB UNVERZICHTBAR FÜR FORTSCHRITTE
IN OSTEUROPA UND DER SOWJETUNION
Rede von Notenbankchef Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Der Wettbewerbsdruck einer Marktwirtschaft ist unerläßlich, um in der ehemaligen
Sowjetunion und Osteuropa wirtschaftliche Flexibilität und Reformen zu erzielen. "Sicherlich wird der Öffentlichkeit durch eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft auf vielfältige Weise gedient, "erklärte Alan Greenspan,
der Chef der amerikanischen Zentralbank, in einer am 3. Dezember 1991 in Washington gehaltenen Rede.
Darüber hinaus habe die marxistische Ideologie als ehemalige volkswirtschaftliche Grundlage in der Sowjetunion
und Osteuropa Wettbewerb als destruktiven Faktor betrachtet.
"Heute, da die ehemalige Sowjetunion nach Integration in die Weltwirtschaft strebt, ist offensichtlich, daß
zahlreiche Staatsbetriebe überflüssig und nicht wettbewerbsfähig sind", warnte er. "Mit der Zeit werden sie
geschlossen und ersetzt werden müssen. Welche Fabriken sofort und welche nach und nach geschlossen
werden, ist eine schwierige Entscheidung. Zweifellos sollten die Fabriken offenbleiben, deren Ertrag - in
Marktpreisen - höher ist als der Wert des verarbeiteten Materials und der anfallenden Arbeitskosten. Die
Notwendigkeit einer Rendite auf Fabrik und Ausrüstung kann unter diesen Bedingungen außer acht gelassen
werden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Alan Greenspan im Wortlaut.

Meine Freunde, ich fühle mich geehrt, heute abend
hier sprechen zu dürfen. Ich möchte mich einem
wichtigen Thema widmen: den Wirtschaftsreformen in
der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa.
In einer Welt, die sich so rasch verändert wie die
unsrige, kann man bei gewissen Ereignissen leicht den
Maßstab verlieren. Wir sollten jedoch nicht die Tatsache außer acht lassen, daß wir in den vergangenen
Jahren eine der bemerkenswertesten Entwicklungen
dieses Jahrhunderts erlebt haben: den Zerfall der
kommunistischen Systeme in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Obgleich die marxistischen
Systemen immanenten Widersprüche seit langem
bekannt waren und die Enttäuschung ihrer Bevölkerung über ihre sinnlosen Entbehrungen zunehmend
offen zutage trat, war das Tempo dieses Zerfalls noch
vor drei Jahren unvorstellbar.
Während wir uns mit den Menschen in diesem Teil der
Welt über diese dramatische und hoffnungsvolle
Wendung der Ereignisse freuen, müssen wir feststellen, daß sie den leichten Teil bereits hinter sich haben.
Was vor ihnen liegt, ist die außerordentlich schwierige
Aufgabe, gesunde, stabile und faire politische und
Rechtssysteme sowie lebensfähige WirtschaftsunterAMERIKA DIENST 49

nehmen zu schaffen. Darüber hinaus wird ein erfolgreicher Wiederaufbau dieser Volkswirtschaften die
Mobilisierung großer Mengen an Privatkapital und
Know-how erfordern, was wiederum gut durchdachte,
auf dem Vertragsrecht beruhende wirtschaftliche
Rechtssysteme notwendig macht. Das letztere Element wird nur selten erwähnt, ist jedoch unverzichtbar
für den Erfolg der Bemühungen, ein marktwirtschaftliches System einzuführen und die Beteiligung enormer
Mittel des Privatsektors im In- und Ausland zu gewinnen.
Im allgemeinen wird politischer und wirtschaftlicher
Erfolg von folgenden Faktoren abhängen: der Klugheit
der Architekten der neuen Ordnung in diesen Ländern;
der Geduld ihrer Bevölkerungen, die vielleicht derjenigen Hiobs gleichkommen muß; der Bereitschaft von
Menschen in unserem Teil der Welt, Hilfe in zahlreichen verschiedenen Bereichen zu leisten.
Zum jetzigen Zeitpunkt sind die ehemalige Sowjetunion und viele ihrer früheren Verbündeten in Osteuropa
mit extrem schwierigen Zeiten konfrontiert. Produktion und Einkommen schrumpfen, während das zentralisierte Kommandosystem zur Lenkung der Ressourcen zusammengebrochen ist. Ersatz für dieses
Seite 1

�System wird jedoch nur langsam geschaffen. Dies
erfordert nicht nur Marktsignale sondern auch Unternehmen, die auf diese Signale reagieren.
Gleichzeitig steigt der inflationäre Druck, und die
Hyperinflation ist eine echte Bedrohung, da die Regierungen mit steigenden Haushaltsdefiziten zu kämpfen
haben - teilweise zur Deckung der Verluste staatlicher
Unternehmen - und zur Druckerpresse greifen, um
diese Fehlbeträge zu finanzieren. In der Tat scheint
der Zerfall der Sowjetunion einen zerstörerischen
Wettbewerb der Geldproduktion zwischen den Republiken nach sich zu ziehen, der ohne weiteres zu einer
Hyperinflation führen könnte. Dies sind Bedingungen,
die sozialen und politischen Unruhen den Weg bereiten können, die letztlich Hoffnungen und Träume zunichte
machen würden, wenn neue repressive Regime dieses Vakuum ausfüllen. Zweifellos haben wir großes
Interesse an einem positiven Ergebnis.
Das große Potential des Gebiets, das vormals die
Sowjetunion ausmachte, gründet sich hauptsächlich
auf seine ungeheuren Bodenschätze. Seine massiven
Reserven an Erdöl und-gas sowie verschiedenen
Mineralien sind ebenso bekannt wie die riesigen Flächen fruchtbaren Ackerlandes. Überdies besitzt es
große Humanressourcen - insbesondere einen sehr
umfangreichen Kader äußerst fähiger Wissenschaftler
und Ingenieure.
Die Ausstattung mit Ressourcen weist jedoch ein
erhebliches Mißverhältnis auf. Was fehlt, ist die große
Anzahl von Wirtschaftspraktikern, die im Westen dazu
beitragen, den Privatsektor und die Märkte in Gang zu
halten. Das sind die Buchhalter, Rechnungsprüfer,
Marketing-Fachleute, Kreditberater und so weiter, die
das "Fußvolk" einer Marktwirtschaft bilden. Sie sind
diejenigen, die Unternehmen in die Lage versetzen,
kontinuierlich auf die Millionen von Marktsignalen zu
reagieren, die letztlich die Ressourcen in einer dezentralisierten Marktwirtschaft ihrem nützlichsten Zweck
zuführen. Sie liefern die notwendigen Informationen
an die Entscheidungsträger, die nach neuen Wegen
Ausschau halten, um die Produktivität zu verbessern
und die Kosten zu senken, kalkulierte Risiken einzugehen und gesundes Urteilsvermögen bei der Vergabe
von Krediten anzuwenden. Die Aus- und Fortbildung
von Leuten mit solchen Fähigkeiten ist offenkundig
eine Priorität, und wir im Westen haben bei der Ausbildung solcher Fachleute viel zu bieten und müssen
unseren Teil dazu beitragen.
Eine ebensolche Herausforderung wird sicherlich die
Umstrukturierung von Industrien sein. Für den Erfolg
der Marktwirtschaften waren Wettbewerb und - in
gewissem Maß - industrieller Überschuß bedeutende
Elemente. In Marktwirtschaften gibt es traditionell
verschiedene Unternehmen und zahlreiche Fabriken,
die ähnliche oder identische Produkte herstellen sowie
sich überschneidende Transportsysteme. Die Exi-

Seite 2

stenz von Rivalen auf dem Markt führt zu einer konstruktiven Spannung, bei der Anbieter ständig danach
streben, ihre Lage zu verbessern, indem sie der Öffentlichkeit neue und bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten, ihre Kosten durch bessere Effizienz
senken und attraktivere Preise und Bedingungen
gewähren.
Infolgedessen hat überdies die Schließung einzelner
Fabriken, die sich aus Streiks oder Betriebsstörungen
ergeben kann, selten gesamtvolkswirtschaftliche
Auswirkungen. Es ist der Wettbewerbsdruck innerhalb einer Marktwirtschaft, der diesen Überschuß und
damit auch Flexibilität hervorbringt. Sicherlich wird der
Öffentlichkeit durch eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft auf vielfältige Weise gedient.
Im Gegensatz dazu betrachtet die marxistische Ideologie, einstmals die Grundlage der Volkswirtschaften
der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Verbündeten, Wettbewerb als zerstörerisch. Demgemäß war
die Produktion durch Staatsmonopole organisiert.
Darüber hinaus setzten die sowjetischen Planer offensichtlich voraus, daß Kostensenkungen automatisch
zum Tragen kämen - das heißt, mit Expansion des
Unternehmens fallen die Stückkosten. Dies verstärkte
ihre Bevorzugung einzelner Produzenten noch.
Die in den westlichen Marktwirtschaften gesammelten
Erfahrungen lassen solch große Rationalisierungsgewinne als äußerst zweifelhaft erscheinen, deuten sie
doch eher darauf hin, daß die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern wahrscheinlich zu Ineffizienz beigetragen hat. In der Tat weisen die Schwierigkeiten insbesondere bei der Leitung großer Unternehmen die
Tendenz auf, sich mit zunehmender Größe des Unternehmens zu multiplizieren. Im Grunde genommen
wird die Fähigkeit, auf veränderte Marktsignale zu
regieren, durch zuviel Bürokratie und Trägheit behindert. Das Aufbrechen zahlreicher Konglomerate im
Westen in den achtziger Jahren hat solcher Ineffizienz
und dem damit einhergehenden Mangel an Flexibilität
Rechnung getragen.
Die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern in zentral
gelenkten Wirtschaftssystemen bedeutete, daß bei
jeder Betriebsstörung in einem einzelnen Produktionsbetrieb das gesamte Wirtschaftssystem mit Anpassungsproblemen zu kämpfen hatte. Tatsächlich ist
wahrscheinlich dieses außergewöhnlich schlecht strukturierte System einer der wichtigsten Gründe dafür,
daß Energie und Kapital in der ehemaligen Sowjetunion so unwirtschaftlich eingesetzt wurden. Diese Ineffizienz wurde anscheinend noch verstärkt, weil Stalin,
der sich über die Möglichkeit der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit einzelner Republiken Sorgen machte,
einzelne voneinander abhängige Fabriken so in der
gesamten Sowjetunion verteilte, daß die Abhängigkeit
der Republiken voneinander verstärkt wurde. Denken
Sie nur an die enorme Verschwendung von Energie,

AMERIKA DIENST 49

�Kapital und Arbeitskräften in Zusammenhang mit dem
Transport unfertiger Waren von einem Produktionsabschnitt zum nächsten über weite Strecken.
Die Probleme des Übergangs werden durch die notwendige Umrüstung von militärischer zu ziviler Produktion noch verstärkt. Eine Reihe von Städten in der
Sowjetunion sind nahezu ausschließlich in der Rüstungsproduktion tätig: Dies bedeutet, daß die Kürzung der militärischen Produktion den in diesem Sektor Beschäftigten Schwierigkeiten dabei verursacht, in
der Umgebung einen zivilen Arbeitsplatz zu finden.
Die Konversion von Fabriken ist deshalb ein wesentlich schwierigeres Problem als in den Vereinigten
Staaten, wo andere Beschäftigungsmöglichkeiten in
städtischen Ballungsgebieten vorhanden sind. Überdies könnten sich beträchtliche Umzugs- und Umschulungsprobleme für wissenschaftliches und technisches Personal ergeben, da die erforderliche Zusammensetzung der zivilen Erwerbsbevölkerung wahrscheinlich weniger dem in der militärischen Spitzentechnologie tätigen Personal entspricht. Dies ist besonders unangenehm, weil der militärisch-industrielle
Komplex in der ehemaligen Sowjetunion den Großteil
der führenden Wissenschaftler und Techniker beschäftigt. Diese erstklassigen Fachkräfte sollen marktorientierten Wirtschaftssystemen wichtige Unterstützung
leisten.
Heute, da die ehemalige Sowjetunion nach Integration
in die Weltwirtschaft strebt, ist offensichtlich, daß
zahlreiche Staatsbetriebe überflüssig und nicht wettbewerbsfähig sind. Mit der Zeit werden sie geschlossen und ersetzt werden müssen. Welche Fabriken
sofort und welche nach und nach geschlossen werden,
ist eine schwierige Entscheidung. Zweifellos sollten
die Fabriken offenbleiben, deren Ertrag - in Marktpreisen - höher ist als der Wert des verarbeiteten Materials
und der anfallenden Arbeitskosten. Die Notwendigkeit
einer Rendite auf Fabrik und Ausrüstung kann unter
diesen Bedingungen außer acht gelassen werden.
Diejenigen, die nicht die zur Deckung der Betriebskosten erforderlichen Einnahmen zu Marktpreisen erzielen können, sollten geschlossen werden, es sei denn,
diese Kosten können ziemlich bald gesenkt werden.
Leider besteht noch große Unsicherheit im Hinblick auf
die Umsetzung dieser Grundsätze in dem, was von der
Wirtschaft der ehemaligen Sowjetunion noch übrig ist,
da die Preise nicht den Marktwert widerspiegeln und
Kostensenkungsmaßnahmen äußerst suspekt erscheinen. In diesem Bereich wären erfahrene Kostenfachleute besonders hilfreich und ein System von Marktpreisen für Produktion und Einsatz unerläßlich. Ohne
solche Bedingungen können zahlreiche lebenswichtige Entscheidungen nur aufgrund von Anhaltswerten
gefällt werden, und die Ergebnisse dürften in den
meisten Fällen nicht die optimale Wirkung erreichen.
Aufgrund der wenigen nützlichen Fabriken und Maschinen erscheint es als wahrscheinlich, daß in den
AMERIKA DIENST 49

Frühstadien der Entwicklung einer Marktwirtschaft auf
dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion das Hauptaugenmerk Industrien mit niedrigen Kapitalanforderungen gelten wird - im allgemeinen der mittelständischen Wirtschaft und der Leichtindustrie. Diese werden durch Unternehmen der Spitzentechnologie ergänzt, die sich das große Reservoir von Fachkräften
zunutze machen.
Die vielleicht größte Herausforderung wird die Veränderung kultureller Einstellungen sein, die durch die
nahezu 75jährige Herrschaft des Marxismus hervorgebracht wurden. Obgleich sich zahlreiche sowjetische Politiker von der marxistischen Wirtschaftstheorie abgewandt haben und unter der Bevölkerung nur
noch wenig Unterstützung dafür besteht, wurde die
marxistische Ideologie und deren Ablehnung von
Profiten, Kapitalismus und Wettbewerb einem Großteil der Bevölkerung durch das Bildungssystem eingeimpft. Profit wurde so gleichermaßen zum Synonym
für die Ausbeutung von Arbeitern und Verbrauchern.
Der Kapitalismus wurde als System betrachtet, das
sich auf solche Profite gründet.
Mit diesen Einstellungen geht die fehlende Konzentration auf Chancen für persönlichen Gewinn einher, die
denjenigen vergleichbar sind, mit denen wir aufgewachsen sind und die wir für selbstverständlich halten.
In Amerika hat jedes Kind, das schon einmal an einem
Limonadenstand gearbeitet hat, gelernt, nach Marktchancen Ausschau zu halten. Darüber hinaus hat
dieses Kind die Notwendigkeit erkannt, einen Preis
festzusetzen, der sich nicht zu weit von dem der
örtlichen Konkurrenz absetzt und gleichzeitig die Kosten
deckt. Diese Art von Konzentration auf die Entdekkung von und Suche nach Chancen zur Erfüllung
wirtschaftlicher Bedürfnisse existiert in der Bevölkerung jenes Teils der Welt kaum, den wir als die UdSSR
gekannt haben.
Es wird unmöglich sein, eine erfolgreiche Marktwirtschaft aufzubauen, wenn diese Initiative nicht gefördert wird und, was noch wichtiger ist, wenn es innerhalb des kulturellen Wertesystems keine politisch
bedeutsame, philosophische Unterstützung für eine
solche Organisation der Gesellschaft gibt. Ferner
müssen gewisse Einkommensunterschiede toleriert
werden. Die Bereitschaft muß vorhanden sein, höhere
Einkommen für diejenigen zu akzeptieren, die grö ßere
Anstrengungen unternehmen und höhere Risiken
eingehen.
Auf einer konkreteren Ebene müssen sich die Bemühungen zur Einführung marktwirtschaftlicher Reformen in der ehemaligen Sowjetunion auf den Aufbau
einer soliden gesetzlichen Infrastruktur konzentrieren.
Der Eckpfeiler jeder gut funktionierenden Marktwirtschaft ist das Vertragsrecht. Das Vertragsrecht in
solchen Systemen trägt der Tatsache Rechnung, daß
die Menschen nur ungern Wertgegenstände austauschen, wenn ihnen nicht klar ist, was sie als GegenleiSeite 3

�stung erhalten. Das Verlagsrecht erkennt ferner an,
daß die Parteien in einem Tauschgeschäft vernünftige
Zusicherungen einer solchen Rendite sowie von Regreßansprüchen haben müssen, falls die Gegenpartei
den Vertrag nicht einhält.
Ein System mit einem soliden Vertragsrecht fördert
deshalb die Integrität und das Vertrauen in eine Marktwirtschaft. Wo es Integrität und Vertrauen gibt, sind
die Menschen eher bereit, Verpflichtungen einzugehen, insbesondere solche langfristiger Natur, und sie
benötigen keine hohen Prämien als Ausgleich für
Ungewißheiten bezüglich der Vertragserfüllung. Solches Vertrauen spielt eine Schlüsselrolle bei der
Kanalisierung knapper Mittel zu ihrem nützlichsten
Einsatz sowie bei der Erleichterung von Innovationen.
Die Integrität der Märkte ist besonders wichtig im
Finanzsektor, wo Ressourcen durch den Kapitalbildungsprozeß dirigiert werden, um künftigen wirtschaftlichen Erfordernissen gerecht zu werden und die Produktivität der Erwerbsbevölkerung zu erhöhen. Wenn
die Investoren kein Vertrauen in das Vertragswesen
haben, verlangen sie große Unsicherheitszuschläge,
um das Risiko möglicher Vertragsverletzungen abzudecken, was zu Verzerrungen des Kapitalbildungsprozesses führt. Mit anderen Worten: eine solide, auf
einem fest verankerten Vertragsrecht gegründete
gesetzliche Infrastruktur führt so weit wie möglich zur
Reduzierung von Risiken und damit auch zur Verringerung der effektiven Kapitalkosten, indem sie es den
Kapitalressourcen erlaubt, ihrer bestmöglichen und
vorteilhaftesten Verwendung zugeführt zu werden.
Bei der Erwägung von Reformen für die Wirtschaftssysteme in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa müssen wir der Annahme widerstehen, man benötige dort jetzt vor allem hochentwickelte Finanzsysteme, die mit den unseren vergleichbar sind. Man
benötigt dort kein Füllhorn an Finanzinstrumenten und
Produkten zur Risikoverlagerung, die von den neuesten Datenverarbeitungs- und Telekommunikationstechnologien unterstützt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre man dort besser beraten, sich auf die
Grundlagen zu konzentrieren und mit Reformen des
Banksystems zu beginnen, die effiziente und zuverlässige Zahlungssysteme bereitstellen und eine solide
Kreditbeurteilung in die Systeme einführen, damit knappe
Kreditmittel zur Finanzierung der aussichtsreichsten
Projekte eingesetzt werden können. Dies setzt natürlich die parallele Entwicklung von Marktpreissystemen
voraus, damit - wie ich bereits früher erwähnte - die
produzierten Waren für den Verbraucher mehr Wert
haben als die zu ihrer Herstellung eingesetzten Mittel.
Wenn die mit jenem größeren Wert einhergehende
Rendite tatsächlich höher ist als die Kapitalkosten
haben wir wahrscheinlich ein kreditwürdiges Projekt
vor uns.
Die Einführung eines Marktes für Staats- und Industrieobligationen ist ebenfalls eine Priorität für die

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ehemalige Sowjetunion und Osteuropa. Die Entwicklung eines solchen Rentenmarkts kann einen wichtigen Beitrag zur Abschöpfung überschüssiger Liquidität haben, die aufgrund der zur Finanzierung explosionsartig wachsender Haushaltsdefizite übermäßig
erhöhten Geldmenge entstanden ist. Sind diese Defizite erst einmal unter Kontrolle gebracht worden, kann
ein Rentenmarkt die nichtinflationäre Finanzierung
sämtlicher noch verbleibender Defizite der öffentlichen
Hand erleichtern. Darüber hinaus erleichtert ein Binnenmarkt für die Staatsschuld die Einführung einer
gesunden Geldpolitik, indem ein effektives Mittel für
Vermehrung oder Verringerung der Liquidität des
Bankensystems geschaffen wird. Ein Markt für Industrieanleihen ermöglicht es Staatsunternehmen ferner, sich von Zentralbankkrediten abzunabeln und
gleichzeitig den Unternehmensleitungen mehr Marktdisziplin aufzuerlegen. Rentenmärkte können einen
sehr starken disziplinierenden Einfluß auf Unternehmensführungen ausüben, indem sie diese zu soliden
und erfolgversprechenden Strategien anhalten. Dies
geschieht dadurch, daß Unternehmer die Kreditgeber,
die Risikokapital zur Verfügung stellen, davon überzeugen, daß die Unternehmensleitung Produkt- und
Kostenbegrenzungsstrategien verfolgt, die Zinszahlungen sowie die Rückzahlung der Kreditsumme sicherstellen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die Ungewißheiten bezüglich vertraglicher Rechte und damit einhergehender Risiken für nahezu alle Investoren prohibitive Wirkung. Es ist schwierig, einen Investor dazu zu
veranlassen, für wenige Jahre, geschweige denn für
20 oder 30 Jahre die für zahlreiche sinnvolle Projekte
erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, wenn
die Ertragsaussichten ungewiß und die Entschädigungsverfahren im Falle von Zahlungsunfähigkeit
schwammig definiert sind. Wie ich jedoch bereits
feststellte, lassen sich diese prohibftiven Risiken grundlegend verringern. Die umgehende Einführung sorgfältig ausgearbeiteter Vertragsgesetze sowie einer
ergänzenden Aufsichtsstruktur, die gewährleistet, daß
die Spielregeln eingehalten werden, sind für den Erfolg
der Reformbemühungen in diesem Teil der Welt unerläßlich.
Zum Abschluß möchte ich darauf verweisen, daß der
Übergang zu politischer Demokratie und Marktwirtschaften in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa eine äußerst delikate Aufgabe ist, deren Weg mit
zahlreichen Hindernissen gepflastert ist. Wir im Westen
können uns der Tatsache nicht entziehen, daß wir
großes Interesse an diesem Ergebnis haben und viel
dazu beitragen können, insbesondere im Bereich technischer Hilfe. Dennoch tragen die Entscheidungsträger in den ehemaligen sowjetischen Republiken und
den neuen unabhängigen Nationen Osteuropas die
Hauptlast bei der Entwicklung glaubwürdiger, umfassender Programme für eine rasche Annäherung an ein
Marktsystem, in dem die Ressourcen von Marktsigna-

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�len geleitet werden können. Darüber hinaus müssen
sie ihre Völker eingehend über die Schwierigkeiten
eines solchen Übergangs und die Notwendigkeit informieren, gegebenenfalls die Einstellung zu Wettbewerb, Profit und Eigeninitiative radikal zu verändern.
Die Reformen werden keinen Erfolg haben und der
Rest der Welt wird keinen substantiellen Beitrag leisten , bevor nicht eine glaubwürdige, auf dem Vertragsrecht basierende gesetzliche Infrastruktur eingeführt
* *

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wird. In der Zwischenzeit muß der Eindämmung der
Inflation und der Verhinderung einer Hyperinflation
vordringlich Aufmerksamkeit gewidmet werden. Vieles muß korrekt ablaufen, wenn ihr Ziel - das wir so
eindeutig teilen - verwirklicht werden soll, und zwar auf
eine Art und Weise, die menschliches Leid und die
Risiken für die sozialen und politischen Systeme
möglichst gering hält.

*

*

Seite 5

�OSTEUROPA
11. Dezember 1991

OSTEUROPÄER BEURTEILEN
KAPITALISMUS ZURÜCKHALTEND
Meinungsumfrage von Times Mirror

Nach Jahrzehnten unter einem kommunistischen
Wirtschaftssystem befürworten die Osteuropäer einen
raschen Übergang zum Kapitalismus - jedoch eher
nach dem schwedischen als dem amerikanischen
Modell.
Diese Bevorzugung eines sozialdemokratischen Ansatzes, bei dem der Staat weiterhin eine wichtige Rolle
in der Gesellschaft spielt, gegenüber einer geringeren
staatlichen Präsenz wie in den Vereinigten Staaten ist
eines der wichtigsten Ergebnisse einer umfassenden
Erhebung, die vom zur Los Angeles Times gehörenden Times Mirror Center for the People &amp; the Press
durchgeführt wurde.
Die Untersuchung setzt sich aus 13.000 persönlichen
Gesprächen mit Einwohnern neun europäischer Staaten und drei sowjetischer Republiken sowie 34 in
diesen Ländern durchgeführten Zielgruppendiskussionen und Analysen von Wissenschaftlern und Meinungsforschern zusammen. Die von Ende April bis
Ende Juni veranstalteten Befragungen deckten ein
breites Spektrum sozialer, politischer und wirtschaftlicher Einstellungen bei Ost- und Westeuropäern ab.
Die Fragen zur Wirtschaft zeigten, daß die Befragten
in ganz Osteuropa durchweg den Gedanken einer
freien Marktwirtschaft befürworteten.
Diese Unterstützung war am stärksten in der ehemaligen DDR, wo 86 Prozent einem solchen System
zustimmten, während es von nur 9 Prozent abgelehnt
wurde. In der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen
sowie in Litauen - zu diesem Zeitpunkt noch eine
Sowjetrepublik - waren die Mehrheiten ähnlich deutlich.

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Weniger große Mehrheiten befürworteten marktwirtschaftliche Systeme in den Republiken Rußland und
Ukraine - 54 zu 33 in Rußland sowie 53 zu 34 in der
Ukraine.
Bei der Frage, welchen Typ von Volkswirtschaft sie als
bestes Modell für ihre Gesellschaft betrachteten, entschieden sich große Mehrheiten der Befragten für
"sozialdemokratischen Kapitalismus" gegenüber einem strengeren kapitalistischen Ansatz. Tatsächlich
bewegte sich die Unterstützung einer "streng kapitalistischen" Volkswirtschaft zwischen lediglich 23 Prozent in Ungarn und Polen und nur 14 Prozent in der
Tschechoslowakei.
In den sowjetischen Republiken wurden ähnliche
Ergebnisse verzeichnet. In Rußland, der Ukraine und
Litauen war die Unterstützung für einen amerikanisch
geprägten Kapitalismus größer als für das alte kommunistische System - jedoch schwächer als für die
Kategorien "demokratisch-sozialistisch" und "kapitalistisch nach schwedischem Modell".
Ungarn, Bulgaren und Russen - sowie in geringerem
Maß Ukrainer und Litauer - zeigten sich ungeduldig
über das Tempo des Wandels zu einer freien Marktwirtschaft. In Ostdeutschland, der Tschechoslowakei
und Polen hielten sich die Aussagen die Waage zwischen denjenigen, die der Meinung waren, der Wandel
vollziehe sich zu rasch und denjenigen, die das Tempo
für zu langsam hielten. Nur in der Tschechoslowakei
meinte die größte Gruppe, das Tempo sei in etwa
richtig.
Die Untersuchung erbrachte erhebliche Unterschiede
aufgrund von Alter, Bildungsgrad und Geschlecht.

Seite 1

�Ein von Times Mirror erstellter Bericht gab dafür folgende Erklärung: "Wie zu erwarten war, ist Ungeduld
eher bei der Jugend vertreten. Das gleiche gilt für die
Marktwirtschaft. Die Osteuropäer unter 25 stehen
einer freien Marktwirtschaft wesentlich enthusiastischer gegenüber... und möchten sie in ihren Ländern
wesentlich schneller verwirklicht sehen."

und Litauer möchten die Landwirtschaft dem Privatsektor überlassen. Das ist aber auch schon alles",
stellt der Bericht fest.

Weniger leicht zu erklären waren die eindeutigen und
konstanten geschlechtsspezifischen Meinungsunterschiede: "In allen untersuchten Ländern stehen Frauen einer freien Marktwirtschaft wesentlich weniger
aufgeschlossen gegenüber als Männer", berichtet Times
Mirror.

Kleinere aber immer noch erhebliche Mehrheiten befürworten eine exklusive Rolle des Staates im Telekommunikations- und Verkehrswesen. Dabei gibt es
nur eine Ausnahme: die Befragten in der Tschechoslowakei befürworten mit der knappen Mehrheit von 49 zu
43 Prozent die Privatisierung des Verkehrswesens.

Die Ergebnisse sind am deutlichsten im Bereich der
Schwerindustrie. Hier variieren die Mehrheiten für
ausschließliche Staatskontrolle zwischen 86 Prozent
in der Ukraine und 70 Prozent in Ungarn und Polen.
Im Hinblick auf den Bildungsgrad fanden die Mei- Die größte Unterstützung für die Beteiligung des Prinungsforscher heraus, daß Menschen mit zunehmen- vatsektor in der Schwerindustrie wurde in Litauen
dem Bildungsgrad auch eher bereit sind, eine freie verzeichnet - verschwindend geringe acht Prozent der
Befragten.
Marktwirtschaft zu unterstützen.

Der Bericht verweist ferner darauf, daß die in der
Meinungsumfrage zum Ausdruck kommenden Einstellungen zur Privatisierung ein mögliches Hindernis
für den raschen Übergang zu freien Marktwirtschaften
sind.

Das dem Kapitalismus immanente Profitmotiv wurde
von den Befragten mit gemischten Gefühlen beurteilt.
Mehrheiten in der Tschechoslowakei, Polen, Rußland
und Litauen unterstützen ein unbeschränktes Profitpotential, während starke Minderheiten in allen vier Staaten staatlich festgesetzte Grenzen für Gewinne forder"Obgleich die meisten Osteuropäer den Gedanken ten. Eine Mehrheit der befragten Bulgaren wünschte
einer freien Marktwirtschaft unterstützen, haben sie staatliche Obergrenzen, während bei Ungarn und
bezüglich ihrer Ausgestaltung kein Vertrauen in den Ukrainern die Meinung nahezu gleichmäßig geteilt
Privatsektor. Der Staat soll ihrer Meinung nach Schwer- war.
industrie, Verkehrswesen und Telekommunikation
betreiben und eine Rolle in Gesundheits- und Bank- Die meisten Deutschen, Tschechen und Slowaken,
wesen, Landwirtschaft, Herstellung von Konsumgü- Ungarn, Polen und Bulgaren meinten, die Betreiber
tern, Zeitungswesen, Radio und Fernsehen spielen", privater Unternehmen hätten einen guten Einfluß "auf
faßt der Bericht zusammen.
die Entwicklung" in ihren Ländern. Russen, Ukrainer
und Litauer waren der Auffassung, daß Unternehmer,
"Tschechen und Slowaken, Ungarn, Polen und Litauer "die Kooperativen besitzen", einen schlechten Einfluß
neigen eher dazu, Geschäfte und Restaurants dem haben, und sie wurden ebenso negativ gesehen wie
Privatsektor anzuvertrauen. Polen, Russen, Ukrainer Schwarzmarkthändler.

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�JUGOSLAWIEN
11. Dezember 1991
•

USA VERHÄNGEN SANKTIONEN
GEGEN JUGOSLAWIEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht zu den amerikanischen Sanktionen gegen Jugoslawien wurde am 6. Dezember 1991 vom
US-Au ßenministerium veröffentlicht.

Die amerikanischen Sanktionen gegen Jugoslawien

Einleitung
Die am 6. Dezember 1991 verkündeten Maßnahmen
sind mit den von der Europäischen Gemeinschaft
veranlaßten Schritten vergleichbar und dienen dazu,
Druck auf die Parteien in Jugoslawien zum Abschluß
eines echten Waffenstillstands und zur sinnvollen
Beteiligung an einer politischen Regelung im Rahmen
der Haager Konferenz auszuüben.
Diese Sanktionen untersagen nicht den Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Jugoslawien. Ein
Handelsembargo würde Importe und Exporte stoppen,
während diese Sanktionen auf die Aussetzung von
Zollvergünstigungen für Importe aus Jugoslawien
begrenzt sind.
Die Sanktionen werden dem jugoslawischen Volk keine Waren vorenthalten und es nicht an der Entfaltung
wirtschaftlicher Aktivitäten hindern. Die eigentliche
Ursache für die dem Volk auferlegten Härten war die
Unfähigkeit der Parteien, eine friedliche Beilegung
ihrer Differenzen anzustreben.

Von Januar bis September 1991 gingen die amerikanischen Exporte im Vergleich zum selben Zeitraum
des Vorjahres um 23 Prozent, und die Importe aus
Jugoslawien um 13 Prozent zurück.
Unsere wichtigsten Exporte sind landwirtschaftliche
Produkte (Mais, Sojabohnen), aber auch Kohle und
Computer haben Bedeutung. Unsere wichtigsten
Importe aus Jugoslawien sind Schuhe, Textilien, Möbel
und Fleisch.
Hilfsprogramme
Jugoslawien fällt unter das SEED-Programm, das
amerikanische Hilfen für Mittel- und Osteuropa vorsieht. Die Sicherheitsbedingungen in dem Land haben
seit Juni die Mehrzahl dieser Programme eingeschränkt
oder unterbrochen; wir waren weiterhin an der Durchführung eines begrenzten Privatisierungsprogramms
beteiligt.
Das Allgemeine Präferenzsystem

Vor dem Konflikt betrug der Handel mit den Vereinigten Staaten fünf Prozent des jugoslawischen Gesamthandelsverkehrs. Europa und die UdSSR sind die
führenden Handelspartner Jugoslawiens.

Dem Allgemeinen Präferenzsystem zufolge gewähren
die Vereinigten Staaten sowie 27 weitere Staaten
Entwicklungsländern bei bestimmten Produkten Abgabenfreiheit. Die Aussetzung dieses Systems bedeutet, daß jugoslawische Exporte in die Vereinigten
Staaten künftig dem Zollsatz nach dem Meistbegünstigungsstatus unterliegen.

Im Jahr 1990 erreichten die amerikanischen Exporte
nach Jugoslawien 565 Millionen Dollar und die Importe
aus Jugoslawien 776 Millionen Dollar.

Im Jahr 1990 hat Jugoslawien im Rahmen des Allgemeinen Präferenzsystems Waren im Wert von 280
Millionen Dollar in die Vereinigten Staaten exportiert.

Handel

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�Die wichtigsten Güter im Rahmen dieses Programms
waren Möbel, Kühlschränke, Aluminiumprodukte,
Autoteile und Sanitärzubehör.
Textillen
Die Textilvisum-Vereinbarung ist eine Methode, nach
der Exportländer ihre Textil- und Bekleidungsexporte
in die Vereinigten Staaten ausweisen und überwachen. Die Nichtanerkennung jugoslawischer Visa
bedeutet, daß Beamte der jugoslawischen Bundesregierung Republiken bei der Vergabe dieser Visa nicht
diskriminieren können.
Wir haben Berichte erhalten, wonach es für Exporteure einiger nichtserbischer Republiken immer schwieriger geworden ist, Textilvisa für ihre Lieferungen zu
erhalten. Die jugoslawischen Textilexporteure werden
nicht länger verpflichtet sein, für Exporte in die Vereinigten Staaten eine Erlaubnis aus Belgrad zu erhalten.

Die Kündigung der Visavereinbarung wird nicht die
Gültigkeit des bilateralen Textilabkommens mit Jugoslawien aufheben, demzufolge zahlreiche Textil- und
Bekleidungswaren Quoten unterliegen. Dieses bilaterale Abkommen gestattet uns darüber hinaus, die
Gefahr künftiger Marktstörungen oder von Bestrebungen zur Umgehung unserer Textilvereinbarungen zu
bewältigen.
Sanktionen
Die Sanktionen betreffen lediglich jugoslawische Exporte in die Vereinigten Staaten, nicht amerikanische
Exporte nach Jugoslawien.
Einigen amerikanischen Importeuren werden durch
die Aufhebung der Vorteile des Allgemeinen Präferenzsystems höhere Kosten entstehen.
Die Verfügungen treten 15 Tage nach ihrer Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft.

* * * * *

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�UMWELT
11. Dezember 1991

REILLY: OECD MUSS ENTWICKLUNGSHILFE
AN UMWELTPROGRAMME KNÜPFEN
Rede des EPA-Leiters vor der OECD
PARIS - (AD) - Dem Leiter des amerikanischen Bundesumweltamts EPA, William Reilly, zufolge sollten die
Industrienationen ihre Auslandshilfeprogramme auf die Förderung dauerhafter und umweltverträglicher wirtschaftlicher Fortschritte in den Entwicklungsländern zuschneiden. In seiner Rede vor den Ministern für Umwelt
und wirtschaftliche Zusammenarbeit der OECD zeigte Reilly am 2. Dezember 1991 in Paris Wege dafür auf.
Er drängte die Mitgliedstaaten zur Einhaltung der neuen OECD-Richtlinien, die sicherstellen sollen, daß
Entwicklungshilfe stets der Umwelt Rechnung trägt und schlug vor, die Geberländer sollten vermehrt solche
Mittel wie "Schuldenerlaß im Gegenzug zur Erhaltung der Umwelt" zum Schutz von Ressourcen einsetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Reillys Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, die Tagung
über "Technologische Zusammenarbeit und Aufbau
von Kapazitäten" eröffnen zu dürfen. Zunächst möchte ich feststellen, daß ich diesem historischen Treffen
der OECD-Minister für Umwelt und wirtschafltiche
Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegengesehen
habe. Meines Erachtens bietet sich den hier versammelten Ministern die einmalige Chance, weltweit eine
Führungsrolle bei der Förderung dauerhafter und umweltverträglicher Entwicklung zu übernehmen.
Dauerhafte Entwicklung! Dieser Begriff kann ungeachtet seiner hehren Ziele nicht präsize definiert werden. Der ehemalige Präsident Theodore Roosevelt
erfaßte den Wesensgehalt dauerhafter Entwicklung in
seiner Philosophie des Naturschutzes. Er erklärte:
"Naturschutz bedeutet gleichermaßen Entwicklung und
Schutz. Ich erkenne das Recht und die Pflicht dieser
Generation an, die natürlichen Ressourcen unseres
Landes zu entwickeln und einzusetzen. Sie hat jedoch
nicht das Recht, sie zu verschwenden oder nachfolgende Generationen durch verschwenderischen Einsatz dieser Ressourcen zu berauben." Dauerhafte
Entwicklung ist also Entwicklung, die sich im Einklang
mit dem Ökosystem vollzieht. Die Vereinigten Staaten
wenden zur Zeit 115 Milliarden Dollar - rund 2 Prozent
ihres BSP - für Umweltschutzmaßnahmen auf. Dieser

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Betrag wird sich bis zum Jahr 2000 voraussichtlich auf
3 Prozent ihres BSP erhöhen, allein, um bereits verabschiedete Gesetze in die Praxis umzusetzen.
Technologische Zusammenarbeit und Aufbau von
Kapazitäten - wie die einzelnen Länder ihr Wissen zur
Verwirklichung gemeinsamer umweltpolitischer und
wirtschaftlicher Ziele kombinieren -, diese Themen
bilden das Kernstück jedes Programms zur Förderung
dauerhafter Entwicklung. Für die Entwicklungsländer
ist es am wichtigsten - ganz abgesehen von den
rhetorischen Wortgebilden der Kommuniques - wie sie
selbst ihre Instrumente, ihr Know-how und ihre finanziellen Ressourcen zur Schaffung wirtschaftlichen
Wohlstands einsetzen können, um ihren Völkern eine
bessere Lebensqualität zu verschaffen und die Ökosysteme zu schützen, die die Grundlage für Wirtschaftswachstum bilden.
Die OECD und ihre Mitgliedstaaten haben angesichts
ihrer Ressourcen und Erfahrung die einzigartige Fähigkeit, diese realen internationalen Herausforderungen anzusprechen. Obwohl die OECD-Länder bei
technischer Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle
zu spielen haben, sind die Entwicklungsländer selbst
für die Durchführung geeigneter Maßnahmen und
Programme verantwortlich. Dennoch können wir sehr
viel tun.

Seite 1

�Erstens, indem wir die OECD als Institution nutzen.
Diese Organisation verfügt über umfassendes Wissen
in solchen Bereichen wie saubere Technologien, Vermeidung von Umweltverschmutzung, Kontrolle von
Chemikalien und Abfällen, Biotechnik, Energie, wirtschaftlichen Instrumenten und Umweltindikatoren.
Zweitens kann jeder von uns als Mitglied der OECD in
den Entwicklungländern etwas bewirken, indem er
unsere bilaterale und multilaterale Hilfe besser koordiniert. Wir unterstützen und verwirklichen die neuen
OECD-Richtlinien über Umwelt und Entwicklungshilfe,
die sicherstellen werden, daß Entwicklungshilfe stets
der Umwelt Rechnung trägt. Darüber hinaus können
wir den Einsatz von Umweltaktionsplänen durch die
Entwicklungsländer ermutigen, um Prioritäten zu setzen und den Konsultationsprozeß zwischen diesen
Ländern mit uns und internationalen Organisationen
zu fördern.
Drittens ist die OECD sehr wohl in der Lage, die
Entwicklung marktorientierter Ansätze zu unterstützen, die wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz
verknüpfen. Wie ich beim Treffen der OECD-Minister
für wirtschaftliche Zusammenarbeit im letzten Januar
ausgeführt habe, können wir innovative Finanzierungsmechanismen fördern, wie etwa Schuldenerlaß im
Gegenzug zur Erhaltung der Umwelt und eine Handelspolitik erarbeiten, die Umweltbelangen besser
Rechnung trägt. Präsident Bushs Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Länder Amerikas
vernetzt Handel, Schuldenerlaß, Investitionen, wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz - und dies
sind genau die Verbindungen, die man sicherstellen
muß, wenn man in den Volkswirtschaften der Entwicklungsländer praktisch etwas bewirken will. Im Rahmen
der Initiative soll mit den lateinamerikanischen Ländern neu über Schulden bei den Vereinigten Staaten in
Höhe von rund 7 Milliarden Dollar verhandelt werden,
um Geld für die Erhaltung der Umwelt bereitzustellen.
Dank der Initiative könnten mehrere Hundert Millionen
Dollar pro Jahr zur Erhaltung von Wäldern, besserer
Verwaltung von Naturschutzparks sowie dem Schutz
des Ökosystems zur Verfügung gestellt werden.
Die Hauptfunktion der öffentlichen Hand besteht femer

darin, den Entwicklungsländern bei der Schaffung der
Konditionen zu helfen, die Investitionen des Privatsektors in effizientere und sauberere Technologien fördern - beispielsweise durch eine liberale Politik im
Handel und bei Privatinvestitionen, Vergabe und Schutz
der Rechte an Privateigentum, konsequente Rahmenbestimmungen, die Umweltnormen harmonisieren sowie
ergänzende öffentliche Investitionen in Infrastruktur
und Bildung.
Wir können den Privatsektor auch ermutigen, umweltfreundliche Technologien an die Gegebenheiten vor
Ort anzupassen. Im Bundesumweltamt haben wir
festgestellt, daß ein freiwilliges, energiesparendes,
"Green Lights" genanntes Elektrizitätsprogramm bei-

Seite 2

spielsweise beträchtliche Einsparungen finanzieller Mittel
und Energieressourcen zur Folge hat. Schätzungen
des EPA zufolge könnten die Kosten für elektrisches
Licht halbiert werden, wenn energiesparende Lichtquellen überall dort in den Vereinigten Staaten eingesetzt würden, wo sich dies als profitabel erweist. Dies
würde landesweit zu einer Verringerung des Jahresenergieverbrauchs von 11 Prozent führen. Auf internationaler Ebene hat das US-Amt für internationale Entwicklung eine Initiative für Energiesparmaßnahmen in
die Wege geleitet. Ein Pilotprogramm in Costa Rica
wird als Modell für andere Länder dienen. Das Programm konzentriert sich auf bessere Ausnutzung durch
den Endverbaucher, Energiesparen und erneuerbare
Energiequellen.
Ein weiteres mächtiges Instrument zur Förderung
umweltfreundlicher Technologien ist der freie Informationsfluß. In den Vereinigten Staaten haben unsere
Gesetze über die Freisetzung von Schadstoffen und
das Recht der Gemeinde auf Information darüber die
Art und Weise revolutioniert, in der wir Umweltbelastungen angehen. Während die Unternehmen eigene
Kontrollmessungen durchführen und detaillierte Aufstellungen ihrer gesamten Emissionen an Schadstoffen verfügbar machen, sind viele über das gesamte
Ausmaß ihrer Schadstoffemissionen überrascht. Die
Strategie von 3M "Umweltschutz macht sich bezahlt"
hat dem Unternehmen seit 1975 über 500 Milliarden
Dollar durch veränderte Herstellungsverfahren eingespart, mit denen die Produktion von Abfällen vermieden wurde, die wiederaufbereitet hätten werden müssen. Diese Art von Informationen über die Freisetzung
von Schadstoffen wird zweifelsohne Fortschritte im
Bereich der Umwelt ankurbeln und wirtschaftliche Profite
zeitigen. Bis zum Jahr 2000 werden Luftschadstoffe in
den Vereinigten Staaten gesetzlich um 75 Prozent
reduziert. Freiwillige Verpflichtungen werden bis 1995
zu einem 50prozentigen und bis 1992 zu einem
33prozentigen Abbau der größten Schadstoffquellen
führen. Es ist die Verfügbarkeit genauer Informationen
über die Freisetzung von Schadstoffen - Chemikalie
für Chemikalie und Betrieb für Betrieb - die dieses zu
einem festen und überprüfbaren Engagement macht.
Viertens können wir verstärkt Anstrengungen unternehmen, um den Entwicklungsländern bei der Verbesserung ihrer Fähigkeiten zur Förderung des Wirtschaftwachstums so behilflich zu sein, daß der Schutz
ihrer Umwelt und der Gesundheit ihrer Bevölkerung
gewährleistet ist. Der Aufbau von Kapazitäten ist die
Hauptkomponente des wirtschaftlichen Entwicklungshilfeprogramms der Vereinigten Staaten in Höhe von
gut 5 Milliarden Dollar, und dies gilt auch für die
Zukunft. Wir können die Entwicklung und Verabschiedung besserer Umweltindikatoren unterstützen, die
das Niveau der nationalen Rechenschaftspflicht erhöhen. Wir können diesen Ländern bei der Einführung
von Maßnahmen helfen, die sicherstellen, daß die
Preise den gesamten Kosten der Verwendung von
Ressourcen Rechnung tragen. Wir können lokale
AMERIKA DIENST 49

�nichtstaatliche Organisationen unterstützen, die höchst
wirksam Initiativen an der Basis in die Wege leiten
können. In der Tat fließen insgesamt 25 Prozent des
für Empfängerländer bestimmten Budgets des USAmts für internationale Entwicklung über nichtstaatliche Organisationen, da diese große Erfahrung und
Erfolge bei der Zusammenarbeit vor Ort zur Förderung
umweltfreundlicher Entwicklung aufzuweisen haben.
Bei diesem Ministertreffen - der ersten Vollversammlung der OECD-Minister für Umwelt und wirtschaftliche
Zusammenarbeit - bietet sich uns die Chance zur
Erarbeitung einer Strategie für dauerhafte Entwicklung
bis zum nächsten Jahrhundert - eine Strategie, die die
vordringlichsten Herausforderungen für die Entwicklungsländer anspricht und im Einklang mit diesen
Nationen entwickelt wurde. Damit können wir ein
deutliches Signal setzen, daß wir uns dem Erfolg der
UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in nächsten Juni in Brasilien verschrieben haben.
Zu diesem Zweck sollten wir uns jetzt den wichtigsten

vor uns liegenden Fragen über technologische Zusammenarbeit und den Aufbau von Kapazitäten zuwenden:

*

AMERIKA DIENST 49

Welche Art von Hilfe seitens der OECD und
ihren Mitgliedstaaten war am wirksamsten? Was
hat wirklich funktioniert?
Welche Art von Hilfe wird jetzt und in Zukunft am
dringendsten benötigt?
Welche Programme können wir unterstützen,
die den gemeinsamen Anliegen der Entwicklungs- und Industrienationen dienen?
Wenn wir diese Fragen offen angehen und uns einig
sind, zur nächsten Phase - Handeln - überzugehen,
dann kann dieses Ministertreffen seinen ursprünglichen Zweck erfüllen, einen Zweck, der realistisch ist
und hier verwirklicht werden kann: Minister zusammenzubringen, die für gewöhnlich nicht zusammengearbeitet haben sowie eine Möglichkeit der Zusammenarbeit zu bieten, die die lebenswichtige Verbindung zwischen Umwelt und Wirtschaft sicherstellt. Am
Ende dieses Tages ist dies die Quintessenz der Entwicklung, die wir alle anstreben - eine Entwicklung, die
die wirtschaftlichen Möglichkeiten aller verbessert und
gleichzeitig die produktiven Ökosysteme erhält, von
denen alle menschlichen Aktivitäten einschließlich der
wirtschaftlichen abhängen.

* * *

*

Seite 3

�PORTRAT
11. Dezember 1991

SKINNER GESCHICKTER KRISENMANAGER
Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verkehrsminister Samuel Skinner, der von Präsident Bush am 5.
Dezember 1991 zum Nachfolger von John Sununu als Stabschef des Weißen Hauses ernannt wurde, wird
weithin für seine geschickte Handhabung einer Reihe von schlagzeilenträchtigen Vorfällen gelobt.

Während seiner fast dreijährigen Amtszeit im Kabinett
wurde Skinner - ein langjähriger Vertrauter des Präsidenten - wiederholt gebeten, in Krisenzeiten im Namen
der Regierung Stellungnahmen abzugeben und Schritte in die Wege zu leiten.

Skinner, 53, ist ein ehemaliger Anwalt aus Chicago,
und hat eine Fluglizenz als Pilot. Er begann seine
politische Karriere als Protege des ehemaligen Gouverneurs von Illinois, James Thompson, einem langjährigen Vertrauten und Anhänger des Präsidenten.

Als Vertreter des Präsidenten begutachtete Skinner
die durch die Exxon Valdes in Alaska verursachte
verheerende Ölverschmutzung. Ebenfalls im Namen
des Präsidenten reiste er nach dem Erdbeben in San
Franscisco nach Kalifornien und an die Atlantikküste
im Südosten, um die durch den Hurrikan Hugo angerichteten Verwüstungen in Augenschein zu nehmen.

Bevor er 1989 ins Kabinett Bush berufen wurde, war
Skinner vier Jahre lang Vorsitzender der Northeastern
Illinois Transportation Authority, eine Funktion, die er
neben seiner Anwaltstätigkeit als Seniorpartner einer
Chicagoer Kanzlei ausübte.

Der Minister, dem auch die Bundesluftfahrtbehörde
und die US-Küstenwache unterstehen, spielte eine
führende Rolle beim Kampf gegen den illegalen Drogenhandel und war stets ein starker Verfechter der
internationalen Flugsicherheit.
Angesichts der zahlreichen zu bewältigenden Problembereiche hat Skinner häufig in Femseh- und Zeitungsinterviews Stellung bezogen und sich das Renomme eines der prominentesten und wertvollsten
Mitglieder des Beraterstabes des Präsidenten erworben.
Das Magazin Washingtonian würdigte ihn 1989 und
1990 als herausragendes Kabinettsmitglied, und die
Chicago Tribüne beschrieb in kürzlich als "fähigen
Politiker, der um Konsens bestrebt ist und Köpfe nur im
äußersten Notfall rollen läßt".
Gemeinhin als gemäßigter Pragmatiker eingeschätzt,
hat Skinner zahlreiche Freunde in Washington gewonnen und wird in seiner Funktion als Stabschef erwartungsgemäß sehr viel weniger Kontroversen auslösen
als Sununu.

Der Minister leitete Bushs Wahlkampagne 1988 in den
Vorwahlen und allgemeinen Wahlen in Illinois und war
1980 maßgeblich an dem Vorwahlkampf des Präsidenten in diesem Bundesstaat gegen den ehemaligen
Präsidenten Reagan beteiligt.
Geboren in Springfield (Illinois), machte er seinen
Abschluß als Wirtschaftsprüfer an der University of
Illinois und wurde einer der besten Verkäufer von IBM
in Chicago, bevor er ein Jurastudium an der De Paul
University aufnahm und ins Justizministerium eintrat.
1975 wurde er von Präsdident Ford zum US-Staatsanwalt von Chicago ernannt und im Anschluß daran zum
Leiter der regionalen Verkehrsbehörde der Stadt berufen, bevor der den Posten als Verkehrsminister des
Bundesstaats annahm.
Skinner spielt gern Golf und ist Golfpartner von Präsident Bush und Vizepräsident Quayle. Ferner war er
Gast im Sommerhaus des Präsidenten in Maine.
Skinner und seine Frau Mary - ebenfalls Anwältin haben drei Kinder. Die beiden Söhne sind Rechtsanwälte, die Tochter ist Rundfunkjournalistin.

* * * *
AMERIKA DIENST 49

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Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Pearl Harbor&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush erteilt Absage an Isolationismus und Protektionismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor Kriegsveteranen in Pearl Harbor&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wettbewerb unverzichtbar für Fortschritte in Osteuropa und der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Notenbankchef Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Osteuropäer beurteilen Kapitalismus zurückhaltend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Meinungsumfrage von Times Mirror&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA verhängen Sanktionen gegen Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reilly: OECD muss Entwicklungshilfe an Umweltprogramme knüpfen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des EPA-Leiters vor der OECD&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Skinner geschickter Krisenmanager&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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4. Dezember 1991

US-AUSSENPOLITIK

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

EUROPA

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA NACH
DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins

KONGRESS

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken
Bildungsfonds

UMWELTSCHUTZ

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

AMERIKA HEUTE

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�US-AUSSENPOLITIK
4. Dezember 1991

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Dem Stellvertretenden US-Außenminister Lawrence Eagleburger zufolge müssen sich
die Vereinigten Staaten heute an "eine andere und zutiefst herausfordernde Welt" anpassen. In einer Rede bei
der Elliott School of International Affairs der George Washington University erklärte Eagleburger am 21.
November 1991 in der amerikanischen Hauptstadt, die Unterscheidung zwischen Außen- und Innenpolitik sei
"zunehmend künstlich". Es sei wichtig, das amerikanische Volk auf die Integration in eine hochkomplizierte und
von scharfem Wettbewerb gekennzeichnete Weltwirtschaft vorzubereiten. Dies, so stellte er fest, "ist heute
unsere wichtigste außenpolitische Herausforderung".
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.
Jahrestage sind für gewöhnlich ein Anlaß, um Rückschau zu halten, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und zu feiern. Genau dies tun wir am heutigen
Abend, indem wir nicht nur die Gründung der Elliott
School of International Relations vor 25 Jahren würdigen sondern auch die Beiträge der George Washington University zu internationalen Studien in diesem
Land seit dem Zeitpunkt, als die Vereinigten Staaten
am Ende des vergangenen Jahrhunderts das erste
Mal zur Weltmacht aufstiegen.
Zufällig stehen wir gleichzeitig am Vorabend einiger
wichtiger Jahrestage in der amerikanischen Geschichte, von denen jeder für uns ein Grund ist, eine Bestandsaufnahme dessen vorzunehmen, woher wir kommen und wohin wir in einer Zeit revolutionärer Veränderungen in der ganzen Welt gehen.
In wenigen Monaten würdigen wir den 500. Jahrestag
der Ankunft von Kolumbus in Amerika und die Geburt
einer neuen Welt in dieser Hemisphäre.
In wenigen Wochen begehen wir den 50. Jahrestag
des Angriffs auf Pearl Harbor und der Übernahme
weltweiter Pflichten sowie des Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur Supermacht.
Und morgen gedenken wir jenes Freitags im November vor etwas über einem Vierteljahrhundert, als ein
Attentäter der Psyche dieser Nation - die bis zu jenem
Zeitpunkt im Kampf des kalten Kriegs um die Vorherrschaft in der Welt enthusiastisch jeden Preis bezahlte
und jede Last ertrug - einen schweren Schlag versetzte.
AMERIKA DIENST 48

Das Bemerkenswerte beim Verlauf der Zeit besteht
darin, daß er unsere Sichtweise zu Ereignissen verändern kann, deren Bedeutung ehemals felsenfest zu
sein schien. So sprechen wir zum Beispiel nicht mehr
von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, als ob
jene, die vor ihm an diese Gestade kamen und seit
Jahrtausenden hier lebten, vor seiner Ankunft nicht
existiert hätten.
Heute sind wir uns auch des Leids bewußt, das die
Ankunft der Europäer sowohl für die Ureinwohner
Amerikas als auch für die Afro-Amerikaner bedeutete,
die in Ketten hierher kamen. Und mit dem Näherrükken des 7. Dezember beginnen wir erneut darüber
nachzudenken, welch hohen Preis wir bezahlt und
welche Lasten wir während des Großteils eines halben
Jahrhunderts getragen haben, um nicht nur für uns
selbst den Frieden zu sichern und die Freiheit zu
verteidigen sondern auch für einen Großteil der Welt.
Aber trotz alledem ist unbestreitbar, daß die Eroberung der neuen Welt durch die alte der Menschheit ihre
atemberaubendste Chance verschaffte, um den Fesseln der althergebrachten Sitten, Gebräuche und
Überzeugungen zu entkommen und sich selbst neu zu
definieren. Es ist unleugbar, daß zumindest in diesem
Land unsere Vorväter diese Chance nicht vergeudeten
sondern statt dessen freie politische Institutionen
schufen, die weiterhin dazu beitragen, den amerikanischen Traum heute ebenso zur Realität zu machen wie
zur Zeit der ersten Einwanderer. Es ist ebenfalls
unbestreitbar, daß wir die Freiheit während des ge-

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�samten gefahrvollsten Jahrhunderts der Geschichte
geschützt haben, indem wir vor 50 Jahren die Führungsrolle in der Welt übernahmen.
Es kann für das, was wir als Gemeinwesen und Weltmacht erreicht haben, kein beredteres Zeugnis geben
als die Tatsache, daß unsere ideologischen Gegner
gescheitert sind und die Welt nahezu einmütig hinter
unseren politischen Idealen steht. Gleichwohl hat
unser Erfolg im kalten Krieg die Frage aufgeworfen,
was wir im außenpolitischen Bereich als nächstes tun
sollten. Es steht außer Frage, daß wir die alte Politik
im Licht der neuen und sich verändernden Umstände
überprüfen sollten. In einer Demokratie ist die kritische
Untersuchung dieser Art eine Notwendigkeit. In einem
Wahljahr kann sie auch eine Katastrophe sein. Den
Vereinigten Staaten ist jedoch die Tatsache eigen, daß
jede Generation nicht nur über die Vorzüge dieser oder
jener Politik diskutiert sondern über den existentiellen
Zweck der amerikanischen Außenpolitik selbst. Eine
solche Debatte wäre in den meisten anderen Ländern
undenkbar, in denen die Außenpolitik nationalen Interessen dienen soll, die als zeitlos und unveränderlich
angesehen werden.
In den Vereinigten Staaten neigen wir jedoch seit jeher
zu der Annahme, daß unsere Außenpolitik einem
moralischen Zweck dienen muß, und wir haben eine
sehr düstere Ansicht zu dem vertreten, was wir als den
unmoralischen Kampf um egoistische Vorteile betrachteten, derdie Beziehungen zwischen souveränen
Staaten seit Menschengedenken kennzeichnete.
Bisweilen waren wir versucht, diese verderbte Welt
nach unserem Ebenbild neu zu erschaffen, und manchmal wurden wir gezwungen zu intervenieren, um einen
internationalen Drachen zu töten. Historisch gesehen
bestand unsere Position jedoch darin, uns von der
gefallenen Welt jenseits unserer Gestade so weit wie
möglich fernzuhalten.
Diese Politik des Ausweichens vor den Rivalitäten
zwischen den großen Mächten wurde von einigen
unserer brilliantesten Denker und prominentesten
Persönlichkeiten der frühen Republik als Klugheit
empfohlen. Als es uns jedoch nicht länger möglich
war, Sicherheit in der Isolation zu finden, erachteten
wir es für notwendig, unser Engagement nicht im Sinne
des nationalen Interesses sondern auf der Grundlage
eines moralischen Kreuzzuges zu rechtfertigen, eines
Kreuzzuges, um die Welt im Ersten Weltkrieg sicherer
für die Demokratie zu machen, eines Kreuzzuges
gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg und
eines Kreuzzuges gegen den Kommunismus und
sowjetischen Expansionismus im kalten Krieg.
Aber auch Kreuzzüge nehmen ihren Lauf, und wir
finden uns dann nach Beendigung des Kreuzzuges
ohne eine au ßenpolitische Grundlage wieder. Daraus

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resultierten unsere Rückkehr zum Isolationismus nach
dem Ersten Weltkrieg und die überhastete Demobilisierung unserer Streitkräfte nach der Niederlage der
Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg.
Es könnte durchaus dazu kommen, daß wir uns in den
letzten Jahren dieses Jahrhunderts an der Schwelle
einer Periode befinden, in der ebenfalls keine klaren
Ziele vorhanden sind. Der moralische Kreuzzug gegen den Kommunismus ist vorbei. Nach dem Ende
des kalten Kriegs suchen wir eine neue Grundlage, um
unseren Standort und unser Ziel in der Welt zu bestimmen. Und selbst der missionarische Impuls scheint in
einer Welt, die einer raschen Übernahme unseres
ModeRs und unserer Ideale immer näher kommt, überholt
zu sein.
Vor mehreren Jahren spürte ich bereits, daß diese
existentielle Debatte auf uns zukommen würde, und
ich hielt aus diesem Anlaß eine Rede, in der ich vor der
Gefahr der Selbstzufriedenheit warnte, vor der Gefahr,
daß wir der Versuchung erliegen könnten, das Spiel für
beendet und gewonnen zu erklären und das Spielfeld
zu verlassen. Mein Argument lautete damals, daß wir
von der relativ stabilen aber historisch ungewöhnlichen bipolaren Struktur des kalten Kriegs in eine Ära
eintreten würden, in der Macht und Einfluß unter einer
Vielzahl von Staaten verteilt sind. Dies müsse sich der
Natur der Sache nach als instabile Lage erweisen,
argumentierte ich und fuhr fort, daß auch in den
folgenden Jahren eine weltweite Führungsrolle der
Vereinigten Staaten zur Vermeidung des Chaos erforderlich sein würde. Ich wurde deshalb als Nostalgiker
des kalten Kriegs beschuldigt.
Rückblickend machte ich mich meines Erachtens jedoch ehereines Understatements schuldig. Einerseits
ist heute dank Saddam Hussein, der Ereignisse in
Jugoslawien und andernorts klar, daß die Welt nach
dem kalten Krieg instabiler ist als ich vorhergesehen
hatte und für den internationalen Frieden und die
amerikanischen Interessen echte Gefahren birgt.
Andererseits habe ich nicht vorhergesehen, in welchem Maß die Debatte über Außenpolitik nicht nur von
Selbstgefälligkeit sondern auch von den Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage bestimmt werden
würde.
Trotzdem diskutieren wir heute über den Standort der
Vereinigten Staaten in der Welt nach dem kalten Krieg
zu einer Zeit innenpolitischer Schwierigkeiten und am
Vorabend einer Präsidentschaftswahl. Dies sind sicherlich keine idealen Bedingungen. Die Debatte läuft
Gefahr, ausschließlich von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt zu werden. Darüber hinaus läuft sie
Gefahr, von kurzfristigem politischem Kaikühl beherrscht
zu werden. Demagogie im Hinblick auf Auslandshilfe
und Außenpolitik hat bereits ihr häßliches Gesicht

AMERIKA DIENST 48

�gezeigt. Aber in der Demokratie ist alles erlaubt, und
die Verfechter einer verantwortungsbewußten Außenpolitik für die vor uns liegende instabile Phase werden
Mut beweisen und ihre Argumente dem amerikanischen Volk überzeugend präsentieren müssen.
Was mich angeht, so werde ich nicht einen Augenblick
lang die Tatsache in Frage stellen, daß wir ernste
Probleme im Inland haben, die unsere Ressourcen
und unsere Aufmerksamkeit erfordern. Ich habe keine
Zweifel an der Notwendigkeit sicherzustellen, daß die
Auslandshilfe konkreten amerikanischen Interessen
dient und für diese Hilfe im Licht der veränderten
internationalen Bedingungen neue Prioritäten festzulegen.
Im Gesamthaushalt ist die Auslandshilfe jedoch nur ein
verschwindend geringer Teil, und die Politiker wissen
dies. Die unlängst im Kongreß geäußerte Behauptung, wir könnten unsere innenpolitischen Probleme
lösen, indem wir die Auslandshilfe streichen, ist ein
Trugbild und meines Erachtens ein Beispiel für Demagogik der übelsten Sorte.

Trotz der Gefahr einer zu starken Vereinfachung bin
ich der Auffassung, daß es drei Kriterien der Ära nach
dem kalten Krieg gibt, die die von den Vereinigten
Staaten vertretene Außenpolitik und internationale
Rolle bestimmen sollten. Erstens, die Tatsache einer
zerfallenden und instabilen Weltordnung. Zweitens,
der relative Niedergang der amerikanischen Macht
oder zumindest der Fähigkeit, unseren Weg im Alleingang zu gehen. Und drittens, die Tatsache einer
integrierenden Weltwirtschaft.
Die Realität einer zerfallenden Weltordnung hängt
zunächst mit der Tatsache zusammen, daß die Welt
nicht länger dem Regime von zwei Blocksystemen
unterliegt, die während des gesamten kalten Kriegs
existierten. Noch vor wenigen Jahren wäre Saddam
Hussein beispielsweise durch seinen Herrn und Meister entmutigt und es wäre ihm verboten worden,
einseitige Schritte zu unternehmen, die das Risiko
einer umfassenderen Konfrontation bergen. Diese
Beschränkung besteht nicht mehr. Und auch das
Band, das den Westen zusammenhielt - die Angst vor
der Sowjetunion - existiert nicht mehr.

Andererseits habe ich überhaupt keine Probleme mit
der Behauptung, die Vereinigten Staaten sollten nicht
mehr dieselben finanziellen, politischen und militärischen Lasten der weltweiten Führungsrolle tragen wie
während des kalten Kriegs. Tatsache ist doch, daß wir
Verbündete in Westeuropa und Asien haben, die
beginnen müssen, Verantwortung für die weltweite
Stabilität zu übernehmen, die mit ihrem erheblichen
Wohlstand in Einklang steht.

Die zerfallende Weltordnung spiegelt sich auch in dem
Verlust der Kontrolle einer wachsenden Zahl souveräner Staaten über ihre inneren Angelegenheiten wider.
Dieser Niedergang der Autorität der Zentralmacht, den
wir in Jugoslawien, der Sowjetunion und allen Entwicklungsländern beobachten, ergibt sich aus einer Reihe
von Faktoren wie etwa der Schuldenkrise, der Bevölkerungsexplosion und dem allgemeinen Scheitern der
Kommandowirtschaften sowie der repressiven Regime, mit einer internationalen freien Marktwirtschaft
Ich darf Ihnen versichern, daß ich bei all der Zeit, die ich
Schritt zu halten. Zunehmend resultiert er auch aus
damit verbringe, die Amerikaner dazu zu ermahnen,
der Unfähigkeit unterschiedlicher ethnischer Gruppen,
weiterhin zu tun, was wir in der Welt tun müssen,
Seite an Seite, geschweige denn, unter einem Dach zu
mindestens ebensoviel Zeit darauf verwende, andere
leben.
Länder dazu aufzurufen, mehr zu tun als sie derzeit
leisten. Kurzum, es muß eine neue Verteilung von
Mit anderen Worten, der Status quo befindet sich
Rollen und Pflichten unter den führenden demokrati- weltweit im Belagerungszustand, wir müssen uns jedoch
schen Mächten geben.
vor Augen führen, daß er sich zum ersten Mal im
Atomzeitalter im Belagerungszustand befindet. Wie
Ich möchte jedoch auf die aufflammende Debatte im
sicher ist eine Welt, in der die Sowjetunion mit TausenInland über unsere angemessen Rolle in der Welt
den von Nuklearwaffen in Anarchie oder Bürgerkrieg
zurückkommen. Wir sind gefährlich nahe daran, diese
verfallen könnte? Wie sicher ist eine Welt, in der selbst
Debatte ausschließlich an Ressourcen oder vielmehr
kleine Nationen den Wettlauf mit ihren Nachbarn ander Besorgnis über Ressourcen festzumachen. Und
treten, um Nuklearwaffenfähigkeiten zu erwerben?
dann liegt es nahe, unsere Schlußfolgerungen von der
Wie sicher ist eine Welt, in der Saddam Hussein
Frage der Ressourcen diktieren zu lassen. Meines
Massenvernichtungswaffen anhäufen kann? OffenErachten hieße dies, den Karren vor das Pferd zu
kundig überhaupt nicht.
spannen.
Als erstes sollten wir die Herausforderungen definieren. Was für eine Welt liegt jetzt vor uns? Was sind
unsere nationalen Interessen? Wie lauten die Bedrohungen dieser Interessen? Und was für eine Welt
wollen wir für unsere Kinder? Nur nach Beantwortung
dieser Fragen können wir die Themen Strategie,
Maßnahmen und Ressourcen angehen.

AMERIKA DIENST 48

Das heißt, ein Versuch der Vereinigten Staaten, Sicherheit im Rückzug oder in der Isolation zu finden, ist
heute ebensowenig gültig wie zu dem Zeitpunkt als sie
zum ersten Mal durch sowjetische Interkontinentalrakten angreifbar wurden. Die Quintessenz ist, daß wir
von einer stabilen internationalen Ordnung abhängen
und unseren Beitrag zur Gestaltung einer solchen

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�Ordnung leisten müssen. Es ist gleichfalls eine Tatsache, daß wir im Hinblick auf Arbeitsplätze, Kapital,
Technologie und Know-how von der Weltwirtschaft
abhängen und unseren Teil zur Gewährleistung eines
offenen und stabilen internationalen Handelssystems
beitragen müssen.
Kurzum: Leben und Arbeitsplätze in den Vereinigten
Staaten, unsere Sicherheit und unser Wohlstand hängen
in höherem Maße als je zuvor seit wir eine unabhängige Nation wurden vom Ausland ab. Die Unterscheidung zwischen Innen-und Außenpolitik wird zunehmend künstlich, und wir werden teuer für eine billige
Außenpolitik bezahlen müssen. Wir werden auch
teuer bezahlen müssen, wenn wir in einem multipolaren Zeitalter zu leicht den Gedanken akzeptieren, daß
einzelne Nationen ungeachtet des Gemeinwohls ihren
eigenen Weg gehen. Angesichts der Tatsache, daß
wir nach wie vor der einzige Kandidat für eine internationale Führungsrolle sind, wird unsere Reaktion auf
diese beiden Sirenengesänge entscheidend dazu
beitragen, ob der kalte Krieg einer neuen Weltordnung
oder Instabilität internationalen Ausmaßes den Weg
bereitet.
Meines Erachtens benötigen wir als erstes eine Außenpolitik, die auf den offenkundigen Leistungen der
US-Diplomatie während des kalten Kriegs aufbaut den institutionalisierten Mustern der Zusammenarbeit
zwischen den westlichen Demokratien. Die in Institutionen wie NATO, OECD und GATT verkörperte Zusammenarbeit erwuchs aus der Erkenntnis, daß zum
ersten Mal in der Geschichte alle Nationen des Westens sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen sahen,
die ein gemeinsames Schicksal teilten. Wir müssen
jetzt diesen Kreis erweitern, um die vielen neuen
Mitglieder der demokratischen Staatengemeinschaft
aufzunehmen - in Osteuropa, Lateinamerika und
andernorts - und in der Tat die Neigung zu Kompromiß
und Beilegung von Meinungsverscheidenheiten allgemeingültig machen, die sowohl während des kalten
Kriegs als auch heute unabdingbar für die Sicherheit
des Westens war und ist. Ob wir wollen oder nicht - wir
müssen auch bereit sein, solange kontinuierlich internationale Krisen zu bewältigen, wie der Aufbau eines
neuen internationalen Systems oder Gleichgewichts

nach dem kalten Krieg dauert.
Ich frage mich, wie diejenigen, die uns auffordern,
auswärtigen Angelegenheiten den Rücken zu kehren,
auf Saddam Husseins Aggression in einer Region von
großer Bedeutung für unsere Wirtschaft und Sicherheit reagiert hätten. Ich frage mich, ob sie die durch
unseren Sieg gebotene Chance ergriffen hätten, um
Verhandlungen in die Wege zu leiten, die auf lange
Sicht sehr wohl amerikanische Menschenleben retten
könnten. Ich frage mich, ob sie die Notwendigkeit
erkannt hätten, die NATO in einer Periode großer
Instabilität in Europa zusammenzuhalten und das
Augenmerk auf Themen wie die Verbreitung von

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Massenvernichtungswaffen und freien Handel zu lenken, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben
und den Lebensunterhalt des amerikanischen Volkes
haben könnten. Ja, all dies sind Themen auf der
außenpolitischen Tagesordnung, aber ich möchte den
sehen, der ihre Relevanz für die innenpolitische Tagensordnung in Frage stellt.
Darüber hinaus benötigen wir einen Außenpolitik, die
sich der Unterstützung eines Kongresses erfreut, der
immer noch an der Tradition der Überparteilichkeit von
Rayburn und Vandenberg, Acheson und Dulles, Truman und Eisenhower festhält - einem Kongreß, der
nicht das Weite sucht, wenn zu Hause alles aus dem
Ruder läuft. Die Außenpolitik des Landes wird zweifelsohne Schwierigkeiten haben, wenn die Führung
sich nur nach der öffentlichen Meinung richtet statt
offen mit dem amerikanischen Volk über die Gefahren
zu reden, mit denen wir uns konfrontiert sehen und die
Verantwortung, die wir in einer instabilen und sich verändernden Welt weiterhin auf uns nehmen müssen.
Femer müssen der Kongre ß und alle Amerikaner - was
das anbetrifft, auch ich - aufhören, beides haben zu
wollen. Wir können nicht einerseits behaupten, unsere
Ressourcen seien begrenzt - was tatsächlich der Fall
ist - während wir andererseits handeln, als könnten wir
auf der Welt unseren Willen noch immer so und in dem
Maße durchsetzen wie vor 20 Jahren.
In diesem Land wird praktisch immer noch automatisch angenommen, wenn wir Gewalt oder irgendeine
Krise im Fernsehen sehen, müßten die Vereinigten
Staaten Abhilfe schaffen. Es herrscht immer noch
automatisch die Neigung, einen ausländischen Schurken zu bestrafen, selbst wenn wir durch unseren
Alleingang nur uns selbst bestrafen würden. Es herrscht
immer noch automatisch die Neigung, einem bevorzugten Land Schutz zu gewähren, selbst seitens derjenigen, die am lautesten von uns verlangen, unsere
Auslandshilfeprogramme zu kürzen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß unsere Fehlertoleranz in der Außenpolitik geschrumpft ist, und zwar
beträchtlich. Wir werden mehr als in der Vergangenheit für unsere diplomatischen Fehler bezahlen müssen und benötigen deshalb eine Außenpolitik, die
nuancierter ist als bisher. Die amerikanische Diplomatie wird sich auf Realität gründen und viel mehr gegen
die Konsequenzen als de Absichten abgewogen werden
müssen. Und sie wird konkreten amerikanischen
Interessen ebenso wie amerikanischen Idealen dienen
müssen.
Vor allem müssen wir erkennen, daß die Förderung
sowohl unserer Ideale als auch unserer Interessen die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen erfordert. Das
ist eine Binsenwahrheit in der Ära nach dem kalten
Krieg. Sie bedarf der Kompromisse und des Engagements in einer Welt, die für gewöhlich nicht im Einklang
mit unseren Idealen steht und die nicht länger attraktiv

AMERIKA DIENST 48

�für unser Sendungsbewußtsein und unseren moralischen Auftrag ist.
Schließlich - und vor allem -werden wir eine Außenpolitik benötigen, die die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen Volkes genießt. Einige
unserer neoisolationistischen Kritiker haben kürzlich
beklagt, daß unser internationalistischer Ansatz seit
dem Zeiten Weltkrieg elitär war und den echten Bedürfnissen der Amerikaner nicht Rechnung trug. Ich
muß ihnen indirekt zustimmen, auch wenn das amerikanische Volk keine Elite braucht, um ihm zu sagen,
was es zu tun habe - selbst wenn es hart auf hart geht,
wie es jüngst am Golf der Fall war.
Meines Erachtens enthält das Argument jedoch ein
Quentchen Wahrheit, daß die öffentliche Unterstützung für eine internationalistische Außenpolitik nicht
automatisch dem Zusammenbruch eines bösen Imperiums folgt. Es liegt für die meisten Amerikaner nicht
auf der Hand, warum wir weiterhin internationale Verpflichtungen auf uns nehmen sollten insbesondere,
wenn die wohlhabenden Demokratien, die so lange
von unserer Größe profitiert haben, noch nicht bereit
sind, ihren gerechten Anteil der Last zu übernehmen.
Und wir könnten psychologisch noch nicht bereit sein
zur Unterstützung einer aktiven Außenpolitik im Namen
so prosaischer Ziele wie internationaler Stabilität und
moralisch neutraler wie nationaler Interessen.
Der Prozeß der amerikanischen Anpassung an eine
andere und zutiefst herausfordernde Welt muß beginnen, und zwar jetzt. Es ist natürlich in gewissem Maße
eine Frage der Erziehung, wenn auch nicht zwangs-

läufig der Erziehung im Hinblick auf unsere Herausforderungen und Verantwortung in der Außenpolitik
schlechthin. Dies war die Art von Erziehung, die wir
während des kalten Kriegs nahezu ausschließlich den
außenpolitischen Eliten und Experten zukommen ließen. Wir haben gute Arbeit geleistet. Nehmen Sie
zum Beispiel die Leistungen der Elliott School, die wir
heute Abend würdigen. Nehmen Sie schließlich unseren historischen Sieg im kalten Krieg selbst.
Es ist vielmehr eine Frage der Vorbereitung des
amerikanischen Volkes auf die Integration in eine
hochentwickelte und von scharfer Konkurrenz geprägte Weltwirtschaft. Das ist heute unsere erste Herausforderung in der Außenpolitik. Wir müssen wettbewerbsfähigerwerden und, um dies zu werden, müssen
wir ein besser ausgebildetes und kosmopolitischeres
Volk werden: ein Volk, das Fremdsprachen lernt und
offen für ausländisches Know-how und Innovationen
ist. Falls uns dies gelingt, werden wir feststellen, daß
wir auch eine Öffentlichkeit ausgebildet haben, die die
kreative internationale Führungsrolle eher versteht
und unterstützt, die wir in der Ära nach dem kalten
Krieg weiterhin spielen müssen.
Die Herausforderung ist da und nicht allzuschwer
auszumachen. Es liegt an Institutionen wie der Elliott
School sicherzustellen, daß diese Herausforderung in
Angriff genommen und bewältigt wird, so daß in 25
Jahren, wenn eine andere Generation zusammenkommt, um 50 Jahre des Fortschritts zu würdigen, sie
dies in einem Amerika tut, das noch immer die größte
Hoffnung der Menschheit ist. Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 48

*

Seite 5

�EUROPA
4. Dezember 1991

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA
NACH DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins
BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Vertreter bei den Europäischen Gemeinschaften, Botschafter James
Dobbins, erklärte am 22. November 1991, der erfolgreiche Aufbau neuer euro-atlantischer Strukturen zur
Bewältigung der Herausforderungen des Wandels in Europa "wird die Fähigkeit der westlichen Nationen unter
Beweis stellen, ihre Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt anzupassen".
In einer Rede vor der 8. Jahresversammlung des Center for European Policy Study (CEPS) mit dem Thema "Zu
einer Euro-atlantischen Gemeinschaft" erläuterte Dobbins im einzelnen die Anpassungen, die der Westen in den
vergangenen Jahren aufgrund von Ereignissen wie der Befreiung Osteuropas, der Vereinigung Deutschlands
und der Umgestaltung in der Sowjetunion vornehmen mußte.
Dobbins zufolge sollten die atlantischen Partner zum gegenwärtigen Zeitpunkt zusätzlich zu neuen Strukturen
"weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden unterschiedlichen institutionellen Ressourcen - insbesondere
NATO, EG und KSZE - nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittel- und Osteuropa
sowie der ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euroatlantische Gemeinschaft zu schaffen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Dobbins im Wortlaut.

Wir kommen heute hier zu einer Zeit äußerster Aktivität zusammen, die das Gefüge der europäischen und
atlantischen Beziehungen verändern wird.
Am 22. Oktober vereinbarten die EG und die
EFTA, den Europäischen Binnenmarkt auf 19
Länder und 380 Millionen Menschen auszuweiten.
Am 8. November haben die Staats- und Regierungschefs der NATO alle Nationen des ehemaligen Warschauer Pakts zum Beitritt zu einer
von der NATO geförderten neuen Sicherheitsstruktur eingeladen, die sich "von Wladiwostok
bis Vancouver" erstreckt.
Am 9. November gelang es dem Präsidenten
der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Kommission und den Vereinigten Staaten bei einem Treffen in Den Haag, die Handelsgespräche der Uruguay-Runde einem frühzeitigen Abschluß näherzubringen.
Vom 9.-10. Dezember werden die Staats- und
Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht zusammenkommen, um die

AMERIKA DIENST 48

Pläne für eine europäische politische und
Währungsunion abzuschließen.
Am 20. Dezember werden die Außenminister
der Sowjetunion und ihrer fünf ehemaligen Verbündeten im NATO-Hauptquartier in Evere am
ersten Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen.
Innerhalb dieses Zeitrahmens beabsichtigen wir eine
europäische Energiecharta zu vervollständigen, und
die EG hofft, die Assoziierungsabkommen mit der
Tschechoslowakei, Polen und Ungarn zu verabschieden.
In nur zwei Monaten können die atlantischen Partner
gemeinsam und im Alleingang so endgültig folgendes
schaffen:
einen Europäischen Wirtschaftsraum,
eine Europäische Währungsunion,
eine Europäische Politische Union,
ein internationales Handelsabkommen,

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�eine Europäische Energiecharta und
ein euro-atlantisches Sicherheitsforum.
Der Erfolg dieser Unternehmungen wird die Fähigkeit
der westlichen Nationen unter Beweis stellen, ihre
Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt
anzupassen. Konfrontiert mit Turbulenzen im Osten
haben Nordamerika und Westeuropa ihre Tagesordnung fest im Griff. Als Reaktion auf den Zusammenbruch des Kommunismus bietet der Westen neue
institutionelle Strukturen, um die Entwicklung zu
Demokratie und freien Marktwirtschaften in ganz Europa zu unterstützen. Angesichts der Herausforderung
zum Aufbau einer neuen Weltordnung unternehmen
die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
entschiedene Schritte zur Schaffung einer echten Euroatlantischen Gemeinschaft.
Diese kreativen Impulse zu neuen euro-atlantischen
Strukturen wurden vor nahezu zwei Jahren gegeben.
Ihre erste Phase fand im Jahr 1990 statt, als Reaktion
auf die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung
Deutschlands. Die zweite Phase erhielt 1991 Auftrieb
durch das sich immer noch beschleunigende Tempo
der Veränderungen in der Sowjetunion selbst.
So ehrgeizig die bereits in die Wege geleiteten Modifizierungen der europäischen und atlantischen Architektur auch sein mögen, so müssen die atlantischen
Partner auf noch weiterreichende Veränderungen in
der Zukunft vorbereitet sein, während wir auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Auflösung des sowjetischen Imperiums reagieren, indem
wir den Menschen im Osten neue Strukturen, Institutionen und kooperative Arrangements anbieten, denen sie sich anschließen können.
Phase 1: Die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung Deutschlands
Phase 1 der euro-atlantischen institutionellen Anpassung erhielt ihren mächtigsten Impuls durch die Ereignisse am 9. November 1989 in Berlin. Die Mauer fiel
und das deutsche Volk manifestierte seinen Wunsch
nach Vereinigung. Einen Monat später, am 12. Dezember, bot Außenminister Baker in Berlin einen ersten Beitrag zur europäischen Architektur nach dem
kalten Krieg an.
Bei dieser Gelegenheit sprach er von einem neuen
Europa und einem neuen Atlantizismus. Er unterbreitete folgende Vorschläge:
eine wiederbelebte NATO mit neuer politischer
Verantwortung,
eine institutionalisierte KSZE mit neuen Strukturen und Mandaten und
eine geschlossenere Europäische Gemeinschaft
mit stärkeren, offiziellen Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten.
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Gleichzeitig war der am meisten beachtete Teil der
Rede, daß Außenminister Baker als vierten Pfeiler
dieses neuen Europas und neuen Atlantizismus' ein
vereinigtes Deutschland ausmachte.
Binnen weniger als einem Jahr wurde diese Vision
verwirklicht. Im Juli 1990 nahmen die Staats- und
Regierungschefs der NATO bei ihrem Londoner Treffen Abstand von neuen Nuklearwaffenstationierungen. Sie erklärten Atomwaffen zum "letzten Ausweg".
Sie luden alle Länder des Warschauer Pakts ein,
Vertreter nach Evere zu entsenden und direkte Beziehungen mit dem Atlantischen Bündnis aufzunehmen.
Am 3. Oktober gelangten die "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen über die Vereinigung Deutschlands zu
ihrem historischen Abschluß.
Am 21. November unterzeichneten die europäischen
Staats- und Regierungschefs in Paris den Vertrag zur
Begrenzung der Konventionellen Streitkräfte in Europa und vereinbarten eine neue institutionelle Grundlage für die KSZE, unter anderem ein Sekretariat, ein
Konfliktverhütungszentrum, ein Büro für freie Wahlen
und eine parlamentarische Versammlung.
Zwei Tage später, am 23. November, gaben die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft
eine gemeinsame Erklärung heraus. Sie erweiterten
den Rahmen ihrer Zusammenarbeit und vereinbarten,
sechs Treffen auf höchster Ebene pro Jahr abzuhalten
- zwei Gipfel, zwei Treffen der 12 Außenminister der
EG mit dem der Vereinigten Staaten sowie zwei Treffen hochrangiger Mitglieder der Kommission und des
amerikanischen Kabinetts. Ferner kamen sie überein,
diesen dichtgedrängten Terminplan von Kontakten auf
höchster Ebene durch ein erweitertes Gefüge der
Zusammenarbeit auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter und Experten zu unterstützen.
Phase 2: Umbruch in der Sowjetunion
Kaum waren diese Innovationen der europäischen und
atlantischen Architektur eingeführt, begann sich das
Tempo der Veränderungen im Osten erneut zu beschleunigen. 1990 hatten die atlantischen Partner ihre
Zusammenarbeit für Verhandlungen mit einem befreiten Osteuropa und einem vereinigten Deutschland
verstärkt. Im Jahr 1991 verlagerte sich ihr Augenmerk
auf die Liberalisierung und die sich abzeichnende
Auflösung der Sowjetunion.
Am 18. Juni, durch Zufall wiederum in Berlin, unterbreitete Außenminister Baker weitere amerikanische
Vorschläge für europäische und atlantische Strukturen. Indem er die Evolution in Westeuropa zu supranationalen Autoritätsformen der Auflösung im Osten
gegenüberstellte, argumentierte Baker, die grundlegende Herausforderung der Demokratie bestehe darin, "ethnische Bande auf der Basis gemeinsamer - und
viel stärker noch universeller Werte - zu umfassen und
zu repräsentieren, aber auch zu überwinden". Im

AMERIKA DIENST 48

�Osten wie im Westen mußten neue Strukturen und
Muster multikultureller internationaler und vielleicht
supranationaler Zusammenarbeit geschaffen werden.
Das langfristige Ziel, so gab er zu verstehen, bestehe
in der Schaffung einer "Euro-atlantischen Gemeinschaft", die im Lauf der Zeit die atlantische Partnerschaft freier Völker und demokratischer Regierungen
auf das Gebiet "von Vancouver bis Wladiwostok"
ausdehnen solle.
Um diesem Ziel näherzukommen, schlugen die Vereinigten Staaten eine zusätzliche Erweiterung des NATOMandats zur Zusammenarbeit mit ehemaligen Gegnern sowie neue Funktionen für die KSZE vor, darunter
die Fähigkeit zur Reaktion auf Krisen sowie die Ausdehnung ihrer rüstungskontrollpolitischen Tagesordnung.
Aufbau einer Euro-atlantischen Gemeinschaft: Die
vor uns liegende Aufgabe
Bei seiner Verkündung im vergangenen Juni erschien
dieses Ziel einer Euro-atlantischen Gemeinschaft als
Arbeit für eine ganze Generation. Im August hatte
diese Aufgabe jedoch nach dem gescheiterten Putsch
in der Sowjetunion bereits neue Dringlichkeit gewonnen.
Die gegenwärtig stattfindende zweite russische Revolution könnte wie die erste fehlschlagen. Eine Form der
Diktatur könnte durch eine andere ersetzt werden.
Ethnische Konflikte und nationale Rivalitäten könnten
auf massive Art und Weise die Tragödie wiederholen,
die sich heute in Jugoslawien vollzieht.
Das erste russische Experiment mit der Demokratie
lief unter dem Druck des Weltkriegs aus dem Ruder.
Im Vergleich zu 1917 ist das internationale Klima heute
jedoch wesentlich freundlicher. Mit der richtigen Mischung aus Rat und Tat hat der Westen dieses Mal
eine gute Chance, der zweiten russischen Revolution
dabei zu helfen, sich irgendwo in der Mitte des politischen Spektrums zu stabilisieren.
In ganz Osteuropa haben wir bereits gesehen, daß
sich eine künstlich eingeimpfte Feindschaft, die nicht
aus tiefverwurzeltem historischem Groll entstanden
ist, rasch in herzliche Freundschaft verwandeln kann.
Der Beginn eines solchen Umschwungs ist auch unter
reformorientierten Elementen der sowjetischen Gesellschaft offenkundig. In den kommenden Monaten
könnte der Westen die Chance haben, ein Verhältnis
zur ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken
aufzubauen, das in gewisser Weise mit dem Verhältnis
der Vereinigten Staaten zu Deutschland und Japan
nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist - ein
Verhältnis, bei dem auf aufgeklärtem Eigeninteresse
beruhende Großzügigkeit unsererseits dauerhaften
Respekt und Freundschaft seitens der Völker der
ehemaligen Sowjetunion fördert.

AMERIKA DIENST 48

Die dominierende Herausforderung wird für die sowjetische "Außen"-politik der kommenden Monate die
Neugestaltung der Beziehungen mit ihren Republiken
sein. Neben dieser Aufgabe wird das Hauptaugenmerk der nach außen gerichteten Politik des Zentrums
und der meisten Republiken, insbesondere Rußlands,
darauf konzentriert sein, die Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten und Westeuropa zu stärken und
engere Beziehungen mit den verschiedenen westlichen Institutionen, einschließlich von G-7, IWF, IBRD,
OECD, Europarat, EG und NATO, herzustellen. Wir
werden sorgfältig prüfen müssen, wie wir auf diese
Ouvertüren reagieren. Einerseits müssen wir die
Integrität und Effektivität unserer Institutionen bewahren, während wir uns gleichzeitig anschicken, die
aufstrebenden Demokratien im Osten in eine erweiterte euro-atlantische Partnerschaft einzubeziehen.
Die atlantische Partnerschaft beruht auf drei Hauptpfeilern - NATO, KSZE und amerikanisch-europäische
Beziehungen. Jeder dieser drei Pfeiler wird eine
wichtige Rolle bei der Stützung der Reformen im Osten
und Schaffung breiterer Strukturen der Zusammenarbeit spielen müssen.
Die NATO hat - zumindest seit dem Harmel-Bericht zur
Mitte der sechziger Jahre - eine doppelte Mission der
Verteidigung und des Dialogs. Als Reaktion auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Umgestaltung der Sowjetunion wird das Dialogelement des
NATO-Mandats stark erweitert.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der KSZE wird
ebenfalls intensiviert. Der jüngste NATO-Gipf el hat mit
dem Vorschlag, ein Büro zur Entwicklung demokratischer Institutionen zu gründen, soeben einen weiteren
Schritt zur Institutionalisierung dieses paneuropäischen
Prozesses unter kommen.
Der Europäischen Gemeinschaft fällt bei der Entwicklung einer Euro-atlantischen Gemeinschaft eine zentrale Rolle zu. Die Erweiterung der ursprünglichen
Gemeinschaft hat bereits Stabilität, Wohlstand und die
Konsolidierung der Demokratie in Spanien, Portugal
und Griechenland gefördert. Viele erwarten heute von
der EG, ebenfalls die Umgestaltung im Osten zu
bewirken, die sie bereits so erfolgreich an ihrer westlichen und südlichen Peripherie gefördert hat.
Läßt man die Frage der Mitgliedschaft einmal beiseite,
so kann die Europäische Gemeinschaft mehrere wichtige Beiträge zur Integration Mittel- und Osteuropas,
einschließlich der Sowjetunion, in den umfassenderen
internationalen Rahmen leisten. Erstens ist und bleibt
die Gemeinschaft eine unverzichtbare Quelle der
Solidarität unter den Staaten Westeuropas bei der
Bewältigung dieser Aufgaben. Zweitens liefert die
Gemeinschaft, wie ich bereits ausführte, den Völkern
des Ostens ein Modell und eine Quelle anhaltender
Inspiration. Die Geschichte der Europäischen Ge-

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�meinschaft in den vergangenen 40 Jahren ist ein
Paradebeispiel dafür, daß historische Gegensätze und
ethnischer Haß durch geduldigen, mühsamen Aufbau
supranationaler Strukturen überwunden werden können. Drittens kann die Gemeinschaft zusammen mit
den Vereinigten Staaten und anderen den sich entwickelnden Demokratien des Ostens konkrete Hilfe
und, was vielleicht noch wichtiger ist, Zugang zu ihren
Märkten bieten. Die führende Rolle der EG-Kommission beim G-24-Prozeß ist symptomatisch für die
zentrale Rolle der Europäischen Gemeinschaft in diesen Fragen.
Bei der Erörterung der künftigen Entwicklung der
Gemeinschaft sind sich die Amerikaner bewußt, daß
der Erfolg der Europäischen Gemeinschaft in den
vergangenen 40 Jahren ebenso stark aus ihrem moralischen Gehalt wie aus dem Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik resultierte. Die Verpflichtung, nationalen Ehrgeiz
einem umfassenderen Ideal - dem Ideal eines vereinten Europas - unterzuordnen, hat die Gemeinschaft
durch alle Krisen geleitet und ihr gestattet, aus jeder
dieser Krisen mit gestärkten Institutionen hervorzugehen. Wenn die Gemeinschaft nun die Frage ihrer
Erweiterung innerhalb eines Kontinents erörtert, der
plötzlich frei von ideologischen Schranken ist, hoffen
wir, daß sie Lösungen finden wird, die diesen grundlegenden und entscheidenden Impuls bewahren.
Gemeinsame Ziele, sich überschneidende Kompetenzen
In den kommenden Monaten werden NATO, KSZE
und EG, deren Kompetenzen sich bisweilen überschneiden, weiterhin ihre Aktivitäten und Beziehungen
nach Osten erweitern. Dies wird vielleicht ein gewisses Maß an Überschneidungen, Konkurrenz und sogar
Verwirrung nach sich ziehen. Zu einer Zeit, da der
Westen jedoch die größtmöglichen Anstrengungen
unternehmen muß, um Beziehungen mit den demokratischen Kräften in der Sowjetunion aufzubauen und
deren Erfolgsaussichten zu stärken, ist es sinnvoll, all
unsere institutionellen Ressourcen einzusetzen und
gleichzeitig einige grundsätzliche Festlegungen im
Hinblick auf institutionelle Mandate und Mitgliedschaft
in den wichtigsten westlichen Organisationen zurückzustellen, bis der Lauf der Ereignisse in der Sowjetunion klarere Konturen gewinnt.
Zum jetzigen Zeitpunkt sollten die atlantischen Partner
deshalb weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden
verschiedenen institutionellen Ressourcen, insbesondere NATO, EG und KSZE, nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittelund Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion
und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euro-atlantische Gemeinschaft zu
schaffen. Wir sollten das Liaisonkonzept der NATO
mit allen unseren ehemaligen Gegnern zu einer wahrhaft kooperativen Sicherheitsbeziehung ausbauen. Die
Intensivierung der europäischen Integration und die

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Öffnung der Märkte der EG sowie der Vereinigten
Staaten für Osteuropa und die Sowjetunion sollten
parallel ablaufen. Vor allem sollten die atlantischen
Partner weiterhin die Reformen und Reformer in der
Sowjetunion unterstützen und sich bemühen, die
Sowjetunion und ihre Republiken in die umfassendere
Euro-atlantische Gemeinschaft zu integrieren sowie
die grundlegenden europäischen und atlantischen
Institutionen in einem Tempo und in eine Richtung neu
zu orientieren, die von dem Tempo und dem Umfang
bestimmt werden, in dem diese Reformen Fuß fassen.
Die Zukunft Osteuropas und besonders die Zukunft
der Sowjetunion können nicht ausschließlich im europäischen oder auch euro-atlantischen Kontext betrachtet werden. Ein Großteil der Sowjetunion liegt in
Asien. Entwicklungen in diesem Land sind für Japan
ebenso wichtig wie für die Vereinigten Staaten oder
Europa. Die Probleme der sowjetischen Wirtschaft
sind einfach zu umfangreich als daß sie nur im regionalen Kontext behandelt werden könnten. Deshalb
liegt es sowohl im amerikanischen als auch im europäischen Interesse, daß internationale Institutionen wie
IWF, Weltbank, OECD und GATT eine zentrale Rolle
bei der Integration der Sowjetunion und ihrer Republiken in die Weltwirtschaft spielen. In diesem Zusammenhang ist ein erfolgreicher Abschluß der UruguayRunde eine besonders wichtige Komponente jeder
Strategie, die darauf ausgerichtet ist, den Erfolg der
Umgestaltung Osteuropas und der Sowjetunion zu
Marktwirtschaften und demokratischen Gesellschaften zu sichern.
Ich habe meine Ausführungen mit der Feststellung
begonnen, daß wir inmitten einer dramatischen Periode des Wandels zusammenkommen. Die potentiellen
Errungenschaften dieses Herbstes - ein Europäischer
Wirtschaftsraum, ein Nordatlantischer Kooperationsrat, ein weltweites Handelsabkommen, eine Europäische Energiecharta, eine Europäische Politische Union
und eine Europäische Währungsunion - werden uns
besser in die Lage versetzen, die im Osten stattfindenden Veränderungen zu bewältigen. Das Tempo des
Wandels beschleunigt sich dort jedoch noch. Unsere
Fähigkeit zur Innovation und Anpassung wird in den
kommenden Monaten weiter auf die Probe gestellt.
Wir werden sowohl auf die kurzfristigen Hilfsanforderungen der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Republiken reagieren müssen als auch auf ihre langfristigen
Bedürfnisse der Eingliederung in eine umfassendere
Gemeinschaft demokratischer Staaten und freier
Marktwirtschaften. Wir müssen dem Bürgerkrieg in
Jugoslawien ein baldiges Ende setzen - dem ersten
Krieg Europas nach 1945. Wir sollten zusammenarbeiten, um eine europäische Verteidigungsidentität zu
fördern und sicherzustellen, daß ihre Entwicklung auch
die lebenswichtige atlantische Verbindung verstärkt.
Aufgrund der Bilanz der vergangenen beiden Jahre
und der in den nächsten Wochen für uns in greifbarer
Nähe liegenden Errungenschaften gehe ich davon
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�aus, daß die atlantischen Partner in der Lage sein
werden, diesen Herausforderungen im Vertrauen auf
unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum Treffen
* *

AMERIKA DIENST 48

schwieriger Entscheidungen und zur Schaffung einer
echten Euro-atlantischen Gemeinschaft zu begegnen.
*

*

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�KONGRESS

4. Dezember 1991

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken, Bildungsfonds

WASHINGTON - (AD) - Vor den langen Parlamentsferien hat der 102. Kongreß noch eine Reihe von Maßnahmen verabschiedet. In der letzten Woche vor der Pause fanden in beiden Kammern Marathonsitzungen statt.
Zu den getroffenen Entscheidungen gehören die Zustimmung zu einem Hilfspaket, mit dem sowjetische
Abrüstungsmaßnahmen unterstützt werden sollen, die Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
sowie die Bereitstellung zusätzlicher Gelder, um in Schwierigkeiten geratene Banken zu retten. Ein besonderer Bildungstreuhandfonds wurde geschaffen, um auf die veränderte Weltlage zu reagieren. Ein Ausschußbericht stellte darüber hinaus fest, daß der irakische Präsident Saddam Hussein schweres Gerät aus dem Irak
verlegt und damit die UN-Sanktionen verletzt.

Plan zur Unterstützung sowjetischer Abrüstungsmaßnahmen verabschiedet

Irak verletzt UN-Verbot durch Verlegung von Gerät
in den Iran

Der Kongreß bewilligte 500 Millionen Dollar - die dem
Verteidigungshaushalt entnommen werden - zur Unterstützung der Sowjetunion beim Abbau ihrer Kernund C-Waffenarsenale. Die Abgeordneten gehen
davon aus, daß der Plan im nationalen Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten liegt, da er dazu
beitragen wird, die Sicherheit sowjetischer Waffen vor
möglichem Mißbrauch zu verbessern, falls es in den
Republiken während des erwarteten harten Winters in
der Sowjetunion zu Unruhen kommen sollte.

Einem Sonderbericht des Auswärtigen Ausschusses
des Senats zufolge verletzt Bagdad mit der Verlegung
von schwerem Gerät in den Iran ein von den Vereinten
Nationen verhängtes Verbot.

Mit dieser Maßnahme werden 400 Millionen Dollar für
die 50prozentige Reduzierung von Moskaus nuklearen Gefechtsköpfen bewilligt -15.000 von 30.000. Die
verbleibenden 100 Millionen werden für Flüge amerikanischer Militärmaschinen zum Transport von Nahrungsmitteln in die sowjetischen Republiken im Rahmen der Soforthilfe für diesen Winter eingesetzt.
Der Kongreß genehmigte die Mittel als Teil eines
Gesetzes, mit dem die Regelungen des historischen
Vertrags über die Verringerung der konventionellen
Streitkräfte in Europa (KSE) umgesetzt werden, der
vom Senat am 25. November 1991 ratifiziert worden
war.

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Ein am 27. November 1991 vom Ausschuß veröffentlichtes Dokument stellte fest, im Nordirak operierende
kurdische Verbände, die in Opposition zu Saddam
Hussein stehen, hätten berichtet, daß "ganze Fabriken" mit verbotenem Gerät über die Grenze gebracht
worden seien. Die Kurden sprachen direkt mit Mitarbeitern des Kongresses, die sich in der Gegend aufhielten.
Diese Mitarbeiter beobachteten selbst Aktivitäten, die
die Behauptungen der Kurden untermauern. Ein führendes Mitglied der amerikanischen Gruppe erklärte:
"Es ist klar, daß der Irak seine Infrastruktur zu Schleuderpreisen in den Iran exportiert." Er habe in einer
Grenzstadt Bulldozer, Kräne, Bagger und Muldenkipper gesehen, die auf ihre Weiterfahrt in den Iran
warteten.
Dem Bericht zufolge kontrollieren kurdische Widerstandskräfte 80 Prozent des kurdischen Gebiets im

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�Irak. Mindestens 600.000 Kurden haben jedoch keine
Unterkunft und es steht ihnen ein katastophaler Winter
bevor. Massengräber wurden gefunden und legen den
Schluß nahe, daß 182.000 angeblich vom Regime
1988 in den Süden umgesiedelte Kurden statt dessen
von Saddam Husseins Truppen ermordet wurden,
stellt der Bericht fest.

Den in Schwierigkeiten geratenen Banken werden bei
Anzeichen drohender Zahlungsunfähigkeit striktere
Kontrollen ihrer Aktivitäten auferlegt. Die Bundesaufsichtsbehörde hat die Befugnis, die Aktiendividenden
und die Zinssätze auf Einlagen zu begrenzen sowie
hohe Gehälter und Prämien für leitende Mitarbeiter
und Angestellte zu verbieten.

Der Ausschuß Vorsitzende Claibome Pell drängte auf
äußerst strikte Durchsetzung der UN-Sanktionen gegen
den Irak und forderte begrenzte Militärhilfe für die
Kurden und andere irakische Rebellen, um Saddam
Husseins Regime zu stürzen.

In dem Bestreben, einen weiteren Skandal wie den der
Bank of Credit and Commerce International (BCCI) zu
vermeiden, hat der Kongreß der Bundesnotenbank die
Befugnis zur Prüfung aller ausländischen Bankoperationen in den Vereinigten Staaten erteilt. Die Zentralbank wäre ferner befugt, neue Büros ausländischer
Banken zu schließen und die Eröffnung neuer Büros
zu verbieten.

Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
Am 27. November verabschiedete der Kongreß ein
Verkehrsgesetz in Höhe von 151 Milliarden Dollar.
Das Repräsentantenhaus stimmte mit 372 zu 47, der
Senat mit 79 zu 8 Stimmen für die Maßnahme.
Das Gesetz sieht 119,5 Milliarden Dollar für Bau und
Instandhaltung von Straßen und Brücken sowie 31,5
Milliarden Dollar für Bau und Erweiterung des Nahverkehrsnetzes vor. Die Kongreßabgeordneten begrüßten die Maßnahme mit der Begründung, daß damit in
den nächsten vier bis sechs Jahren zwischen 2 und 4
Millionen Arbeitsplätze geschaffen würden. Präsident
Bush hat die Unterzeichnung der Gesetzesvorlage
zugesagt.
Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Finanzinstitutionen
Der Kongreß stimmte für die Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Bundesbehörden,
die mit dem Zusammenbruch von Finanzinstitutionen
kämpfen müssen. Die praktisch zahlungsunfähige
Bundeseinlagen-Versicherungsgesellschaft wird damit
zur Aufstockung der Anleihen von 5 Milliarden Dollar
auf 30 Milliarden Dollar in der Lage sein, die sie bei der
öffentlichen Hand aufnimmt. Darüber hinaus kann sie
dann Anleihen in Höhe von bis zu 90 Prozent der
Vermögenswerte aufnehmen, die sie von bankrotten
Institutionen beschlagnahmt hat.
Der Gesamtumfang der durch diese beiden Programm
getätigten Anleihen beläuft sich auf 70 Milliarden Dollar.

*

Seite 2

Genehmigung eines internationalen Bildungsfonds
Die Gesetzgeber haben der Bereitstellung von 150
Millionen Dollar für das umfassendste internationale
Programm im Bereich der Hochschulbildung seit 1950
zugestimmt. Der Fonds dient der Unterstützung eines
internationalen Bildungstreuhandfonds, der Stipendien
für Auslandsstudien, zum Studium von Fremdsprachen sowie Mittel für Universitäten zur Erweiterung
ihrer Fremdsprachen- und Landeskundeprogramme
vorsieht.
Der Fonds beträgt zunächst 35 Millionen pro Jahr. In
den folgenden Jahren erfolgt die Finanzierung durch
Zinsen aus dem verbleibenden Kapital.
Die Mittel kommen aus dem Bildungsbudget. Der
Vorsitzende des Bildungsausschusses des Senats,
David Boren, erklärte, der Fonds spiegele die neue
Realität der Zeit nach dem kalten Krieg wider. "Vier
Jahrzehnte lang sprach die Welt unsere Sprache.
Diese Zeit ist vorüber", so Boren.
"Um wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu sein und unsere diplomatischen und nationalen Sicherheitsinteressen zu schützen, müssen wir international denken",
stellte er fest. "Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir
eine entscheidende Bedrohung unserer nationalen
Sicherheit und unserer Fähigkeit ignorieren, eine
Führungsrolle in der Welt zu spielen."

*

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�UMWELTSCHUTZ
4. Dezember 1991

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Unternehmen bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für verbesserten
Umweltschutz - Zusammenarbeit mit Umweltexperten im US-Kongreß, Aufwendung beträchtlicher Mittel zur
Erfüllung der Auflagen zur Reinhaltung der Luft sowie Recycling und Entwicklung alternativer Energiequellen.
Der Autor ist freiberuflicher Schriftsteller. Der nachfolgende Artikel wurde erstmals in The American Legion
Magazine veröffentlicht. Copyright (c) 1990.

Die Herstellung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen
(FCKW) war ein solides Geschäft mit einem Jahresumsatz von 750 Millionen Dollar für E l . Du Pont de
Nemours &amp; Co., den amerikanischen Chemiegiganten. Wissenschaftliche Untersuchungen gelangten
jedoch zu dem Schluß, daß FCKW die Ozonschicht
der Erde abbauen. Daher gab Du Pont die Einstellung
der Produktion des profitablen Kühl- und Reinigungsmittels bekannt und wendete bis zu 1 Milliarde Dollar
zur Erforschung eines Ersatzstoffes auf.
Werden sie zu Umweltfanatikern? Du Pont gibt freiwillig schätzungsweise 50 Millionen Dollar mehr für
Umweltprojekte aus, als Gesetze und Auflagen fordern.
Räumen die Fanatiker das Feld? Nicht ganz. Anhand
der bei der Reinigung und Verbesserung ihrer Chemiefabriken gesammelten Erfahrungen hat Du Pont eine
Abteilung zur Unterstützung anderer Industriefirmen
eingerichtet, die Probleme mit giftigen Stoffen haben eine Abteilung mit prognostizierten Jahreseinnahmen
in Höhe von rund 1 Milliarde Dollar. Das Unternehmen
geht davon aus, daß die Abteilung und neue umweltfreundliche Produkte bis 1995 Jahresumsätze von bis
zu 8 Milliarden Dollar erzielen werden.
Dem Vorsitzenden von Du Pont, Edgar Woolard Jr.,
zufolge ist der Druck der Umweltschützer "ein zweischneidiges Schwert. Eine Schneide ist Verletzbarkeit, die andere sind Chancen."

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Du Pont ist nur eines von vielen amerikanischen Unternehmen, die Chancen zur Entwicklung eines Umweltbewußtseins ausgemacht haben. Nach nahezu 20
Jahren des Meckerns über Gesetze zur Reinhaltung
von Luft und Wasser, Verzögerungstaktiken bei deren
Erfüllung und gelegentlichem Kampf bis aufs Messer
über diese Gesetze werden Unternehmen mit Köpfchen zunehmend umweltbewu ßt - und es ist eine kluge
Untemehmensentscheidung.
In seinem Buch The Environmental Factor schrieb
der Autor Michael Silverstein: "Um es einmal ganz
unmoralisch zu formulieren: Bisher konnte man gutes
Geld damit verdienen, die Umwelt zu ignorieren oder
zu ihrer Zerstörung beizutragen. In Zukunft wird man
noch besseres Geld damit verdienen, zur Beseitigung
des Mülls beizutragen."
Zu den Rennern der von Börsenmaklern angebotenen
Aktien zählen die von Umweltschutzfirmen. Unternehmen von der herkömmlichen Müllabfuhr bis zu Firmen,
die Abgaskontrollgeräte, Umweltschutztechnologien
und alternative Energiequellen entwickeln, expandieren am schnellsten.
"Umweltbewußte Verbraucher" wählen bereits Produkte oder Markenzeichen, die das umweltfreundlichste Image verbreiten. Um Justizminister Hubert
Humphrey III. aus Minnesota zu zitieren: "Wir beobachten eine grüne Revolution in den Regalen der
amerikanischen Geschäfte."

Seite 1

�An Wall Street vollzieht sich ein Szenenwechsel. Für
berufliche Aufsteiger hei ßt das Schlagwort Umwelt. In
Berufen, die vor 10 Jahren noch nicht existierten,
beschäftigen führende petrochemische Unternehmen
und kleinere Dienstleistungsbetriebe Tausende von
Ingenieuren, Chemikern, Laboranten, Biologen sowie
Spezialisten für die Arbeit im Umweltschutz. Einige
Unternehmen vergeben sogar Prämien und Gehaltserhöhungen zur Belohnung des umweltbewußten
Verhaltens der Geschäftsführung.
In altruistisch anmutender Kooperation arbeiten viele
Großunternehmen mit Umweltexperten auf dem Kapital bei der Erarbeitung noch strengerer Auflagen zusammen. In einem Artikel in National Review stellt
David Brooks in einem Leitartikel jedoch fest: "Ein
Großunternehmen kann Gesetzeshürden überspringen, die kleinere Firmen vom Aufstieg abhalten." Obwohl
damit der Wettbewerb verringert wird, profitiert die
Gesundheit des Planeten dennoch.
Egal aus welchem Blickwinkel man es auch betrachtet
- die Umwelt ist das Thema der neunziger Jahre.
"Umweltbewu ßtsein wird das entscheidende Kriterium
sozialer Reformen und das absolut wichtigste Thema
für die Unternehmen sein", erklärt Gary Miller, ein
Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit an der Washington
University in St. Louis (Missouri). Präsident Bush will
das Amt für Umweltschutz (EPA) zu einem Ministerium machen. Und wie der Vorsitzende von Monsanto,
Richard J. Mahoney, bei einem Abendessen der National Wildlife Foundation zu Ehren der Umweltschutzarbeit seines Unternehmens sagte: "Die Fackel des
Umweltschutzes ist - wenn sie auch noch nicht hell
leuchtet - in amerikanischen Unternehmen zumindest
entzündet worden."
Sie wurde teils durch die Spannungen zwischen Auflagen auf Bundes-, Staaten- und Gemeindeebene sowie
die Kosten der - fahrlässig oder routinemäßig verursachten - Umweltverschmutzung gezündet. Strafen
werden in Form von Geldbußen, Gerichtsverfahren
und Reinigungskosten verhängt und es wird öffentlich
Unmut geäußert wie im Fall des durch die Exxon
Valdez verursachten Ölteppichs in Alaska. Bei Fabriken sind die Strafen für die Nichteinhaltung der Grenzwerte inzwischen höher als das durch die Verschmutzung gesparte Geld. Intellekt, Fähigkeiten und Bestrebungen kluger Wissenschaftler, Ingenieure und Führungskräfte konzentrieren sich auf Sparmaßnahmen
und die Umwelt.
Zu viele staatliche Vorschriften waren schon immer ein
Greuel für Unternehmen und viele Bürger. Man kann
jedoch argumentieren, daß Umweltvorschriften in die
Kategorie fallen, die von Ökonomen als "das Gemeinwohl" bezeichnet werden wie ein solides Bildungswesen und eine ausreichende nationale Verteidigung.

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Die Öffentlichkeit ist eindeutig zu Ausgaben bereit. Bei
einer von der New York Times und CBS regelmäßig
durchgeführten Meinungsumfrage wird die Frage gestellt,
ob Umweltschutz so wichtig ist, daß die Auflagen nie
zu streng sein können und ob Verbesserungen unabhängig von den Kosten vorgenommen werden sollten.
1981 stimmten nur 45 Prozent zu, während 42 Prozent
dies ablehnten. In jüngster Zeit stimmten nahezu 80
Prozent der Öffentlichkeit zu.
Zahlreiche Umfragen belegen, daß fast alle sich in
gewissem Maße als Umweltschützer betrachten. Es
überrascht daher nicht, daß in den Reihen der amerikanischen Führungskräfte das Umweltbewußtsein
Einzug hält. Generationen, die Ende der sechziger
Jahre erwachsen wurden, als die verheerenden Auswirkungen der Verschmutzung offenkundig wurden,
nehmen jetzt Führungspositionen ein. Anstatt die Industrie von außen zu bekämpfen, ändern sie sie von
innen heraus. "Unternehmen wie unseres erleben
das, was nur als Revolution des Umweltbewußtseins
bezeichnet werden kann", stellt Mahoney fest.
Die Unternehmen geben derzeit schätzungsweise 32
Milliarden Dollar jährlich für die Erfüllung der Auflagen
zur Reinhaltung der Luft aus. Die klugen wenden
jedoch noch mehr auf. "Wenn man einen Betrieb baut,
der die Vorschriften jetzt gerade eben erfüllt, wird man
in Zukunft sehr viel mehr bezahlen müssen", erklärt
Lester Lave, Professor für Öffentlichkeitsarbeit und
Ingenieur an der Wirtschaftsfakultät der CarnegieMellon University in Pittsburgh (Pennsylvania).
Ein Vertreter der Minnesota Mining &amp; Manufacturing
(3M) stimmt dem zu. "Die Bestimmungen drohen uns
zu überschwemmen", so Robert Bringer, Vizepräsident für Umweltschutz und Abgaskontrolle. "Die einzige Art und Weise, damit fertigzuwerden, besteht in
der Reduzierung der Emissionen, die die Auflagen
nach sich ziehen."
Die 3M-Produktion beschichteter Erzeugnisse, etwa
selbstklebender Notizzettel und Videobänder, war früher
mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden. Durch
die Wiederaufbereitung von Lösungsmitteln, die einst
in die Atmosphäre gelangten sowie den Ersatz flüchtiger Lösungsmittel durch solche auf Wasserbasis, hat
die Firma die Notwendigkeit teurer Geräte zur Eindämmung von Umweltbelastungen verringert.
Innovative Unternehmen reduzieren nicht nur die
Emissionsmenge, die in die Atmosphäre abgegeben
wird, sondern auch den Materialanteil, der in Mülldeponien entsorgt wird, deren Gebühren zur Zeit explosionsartig in die Höhe schießen. Diese Praktiken
führen überdies zu einer besseren Nutzung von Ressourcen. So hat zum Beispiel ein unternehmensweites
Projekt der ölfirma Chevron mit dem beziehungsrei-

AMERIKA DIENST 48

�chen Titel "Save Money and Reduce Toxics (SMART)"
den von der Firma verursachten Sondermüll seit 1986
um über 60 Prozent verringert.
Die Beschäftigung mit Sondermüll und selbst mit
gewöhnlichem Müll ist zu einem extrem gewinnträchtigen Geschäft geworden. Waste Management of
North America, das im Jahr 1989 einen Umsatz von 4,5
Milliarden Dollar und einen Gewinn von 562 Millionen
Dollar verzeichnete, bedient als führendes Müllentsorgungsunternehmen der Vereinigten Staaten 7,6 Millionen Haushalte. Obwohl es eine Zielscheibe von
Umweltschützern ist, die Waste Management einer
Reihe von Umweltvergehen beschuldigen, ist das
Unternehmen in aller Stille ebenfalls zur führenden
Recyclingfirma der USA geworden.
Waste Management sammelt in 1,2 Millionen Haushalten Aluminium, Glas, Zeitungen und Kunstoffe.
Dieser Nebenerwerb ist zwar noch nicht in der Gewinnzone, bietet aber gute Wachstumsaussichten. "Der
Enthusiasmus für die Wiederverwertung ist überwältigend. Die Leute haben das Gefühl, daß sie etwas
bewirken können", erklärt der Vorsitzende von Waste
Management, Dean L Buntrock.
Diese Begeisterung und ein wachsender Markt für
wiederverwertetes Material bringen wirtschaftliche
Möglichkeiten hervor. Der Präsident von Hafner Industries in New Haven (Connecticut), Edwin Hafner,
beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Entwicklung und
Finanzierung eines Verfahrens zur Wiederverwertung
von PVC und anderen Kunststoffen. "Ich kann PVC
wiederaufbereiten und dabei eine 10Oprozentig neuwertige Qualität zu lediglich 20 Prozent der Energiekosten erreichen, die bei der Herstellung neuen PVCs
anfallen", erklärt Hafner.
In The Environmental Factor stellt Silverstein fest,
daß etwa 2.500 Hersteller heute umweltorientierte
Erzeugnisse und Geräte produzieren und über 3.000
Firmen Umweltberatung anbieten. An der Wall Street
werden die Aktien von etwa 80 Firmen in diesem
Bereich notiert. Das Umsatzwachstum der größten
Umweltdienstleistungsunternehmen übersteigt 20
Prozent im Jahr, wobei einige Umsatzsprünge von 40
bis 80 Prozent verzeichnen.
Neben Empfehlungen, in Dienstleistungsunternehmen
zu investieren, messen Anlageberater bei der Aktienbewertung auch der Umweltbilanz eines Unternehmens immer größere Bedeutung bei. Eine Firma, die
sich nicht energisch um den Abbau von Umweltbelastungen kümmert, mag zwar heute noch profitabel
sein, bietet jedoch Risiken für den künftigen Ertrag.
Und Verbrauchergruppen können diesen Ertrag kontrollieren. So gibt es heute bereits "grüne" Wertpapier-

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fonds, die ihre Investitionsentscheidungen großenteils
aufgrund der umweltpolitischen und sozialen Praktiken von Unternehmen treffen. Die Franklin Research
&amp; Development Corporation in Boston sowie der Calvert Social Investment Fund in Maryland legen kein
Geld in Firmen an, die eine schlechte Umweltbilanz
aufzuweisen haben.
Die Betonung der Umwelt bereitet auch anderen Unternehmen den Weg, insbesondere im Bereich alternativer Energien. Nach einem Jahrzehnt der Enttäuschungen sind Windkraftwerke - vielleicht die umweltfreundlichste Form der Elektrizitätsgewinnung - heute
gesunde Unternehmen, die Investitionen selbst von
konservativen Firmen der Wall Street anziehen.
Die Windenergie, die Mitte der achtziger Jahre mit dem
Wegfall von Steuervergünstigungen in eine Krise geriet, schafft es heute auch ohne steuerliche Anreize. In
Kalifornien, wo über 90 Prozent der Weltwindenergie
gewonnen werden, hat ein Konsortium aus der Pacific
Gas &amp; Electric Company, U.S. Wind Power und dem

Electrical Power Research Institute ein mit 15 Millionen
Dollar ausgestattetes, auf fünf Jahre ausgelegtes
Programm zur Entwicklung einer neuen Generation
von Windturbinen gestartet. U.S. Wind Power, das
größte Unternehmen seiner Art, beschäftigt 300 Mitarbeiter.
Die Sorge um die Umwelt schafft auch Arbeitsplätze.
So arbeiten etwa 16.000 Mitarbeiter für das amerikanische Umweltbundesamt EPA, während 27.000
Beschäftigte der Bundesstaaten und viele mehr bei
den Kommunen im Umweltbereich tätig sind. Etwa
5.000 Techniker arbeiten seit 1985 an der Reinigung
von Sondermülldeponien. Das Kongreßbüro für die
Bewertung von Technologien (Office of Technology
Assessment) schätzt, daß bis 1995 insgesamt 22.000
benötigt werden. Du Pont beschäftigt etwa 3.000
Mitarbeiter im Bereich Umwelt, deren Gehälter und
Sozialleistungen sich zusammengenommen auf 240
Millionen Dollar belaufen.
Schulen bilden Schüler für den wachsenden Arbeitsmarkt im Umweltbereich aus - in Fähigkeiten, die die
Wirtschaft benötigt und von Neueinstellungen zunehmend auch verlangt. Über 700 Universitäten veranstalten heute Umweltprogramme, und zahlreiche traditionelle Studiengänge zur Ausbildung von Chemikern
und Ingenieuren widmen heute der Umwelt größere
Aufmerksamkeit.
Produkte, die Umweltfreundlichkeit verbreiten, werden vom Verbraucher bevorzugt. In einer Reihe von
Umfragen gaben Verbraucher an, sie seien bereit, für
Verpackungen, die entweder aus wiederverwertetem
Material gewonnen, selbst wiederverwertbar oder biologisch abaubar sind, bis zu 5 Prozent mehr zu zahlen.

Seite 3

�Unter Berücksichtigung dieses Trends hat die Firma
Procter &amp; Gamble damit begonnen, den Kunststoffanteil an ihren Verpackungen zu verringern. So enthalten
zum Beispiel ihre Flaschen mit Crisco Oil weiterhin die
gleiche Menge öl, aber der Kunstoffanteil der Flasche
wurde um 28 Prozent verringert.
Das Unternehmen fördert heute die Herstellung von
Konzentraten - die dem Produkt Vorrang vor der
Verpackung gibt - in sogenannten "Enviropaks". Es
hat eine Linie "multifunktionaler" Produkte entwickelt,
zum Beispiel das Waschmittel Tide mit Bleichmittel, so
daß der Verbraucher ein Paket anstatt zwei kauft.
Darüber hinaus laufen Markttests für eine Reihe von
Reinigungsmitteln und Weichspülem in Kunstofflaschen aus Altmaterial.
Genau dies ist die Art von "grünen" Produkten, die WalMart Stores, der Einzelhandelsgigant mit einem Jahresumsatz von 16 Milliarden Dollar, heute seinen Kunden
empfiehlt. In einem ehrgeizigen Programm fordert der
Konzern seine Lieferanten auf, an ihren Produkten und

*

Seite 4

Verpackungen Umweltverbesserungen vorzunehmen,
die dann von Wal-Mart in den Geschäften besonders
herausgestellt werden.
Umweltschutz ist in den Vereinigten Staaten zu einer
nationalen Leidenschaft geworden. Ein Professor
stellte in diesem Zusammenhang fest: "Unsere Gesellschaft hat einen neuen Konsens gefunden, wonach
Umweltverschmutzung moralisch falsch ist - nicht nur
schädlich oder gefährlich sondern falsch."
Wir müssen uns jedoch auch der Tatsache bewußt
sein, daß Umweltbelastungen ein Nebenprodukt von
Herstellungsprozessen sind, von Erzeugnissen und
Dienstleistungen, die den Amerikanern eine Lebensqualität geliefert haben, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Die Tatsache, daß die amerikanische
Gesellschaft es sich leisten kann, Mittel fürdie Verbesserung der Umweltqualität einzusetzen, ist ein Zeichen nationaler Stärke. Wenn die Wirtschaft in den
neunziger Jahren gesund bleibt, wird die amerikanische Wirtschaft sicherlich eine grüne Wirtschaft sein.

* * *

*

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�AMERIKA

HEUTE
4. Dezember 1991

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney
WASHINGTON - (AD) - Gedanken über die Zukunft nehmen in den Vereinigten Staaten zunehmend breiten
Raum ein, und eine wachsende Zahl von Klein- und Großunternehmen wenden sich an professionelle
Futurologen zur Prognose der Trends von morgen.
Paul Sweeney ist freiberuflicher Schriftsteller in Washington. Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig in
American Way, dem Flugmagazin von American Airlines. Copyright (c) 1991, American Airlines.

In New York lesen die Angestellten von Inferential
Focus pro Monat 300 Publikationen, wobei sie ihr
Augenmerk insbesondere auf ominöse Artikel über
anscheindend unzusammenhängende Themen wie
die asiatische Wirtschaft und Rockmusik lenken.
Warum? Weil 52 Kunden der kleinen Unternehmensberatung jährlich über 2 Millionen Dollar für die Beschaffung eines breiten Spektrums an Informationen
zahlen, anhand dessen es die Zukunft der Welt prog nostiziert. Die Unternehmen, die solche Vorhersagen
in Auftrag geben, kommen aus allen Sparten des
Geschäftslebens, von Converse-Sportschuhen bis zu
Fidelity Investments, einer Investmentgesellschaft.
Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, daß diese
Prognosen zu besseren Unternehmensentscheidungen beitragen.
Das Erahnen der Zukunft bevor sie eintritt ist zu einem
florierenden Geschäft geworden. Die Futures Group
in Washington ist beispielsweise eine Untemehmensberatung mit einem Umsatz von 20 Millionen Dollar, die
eine ganze Bandbreite von Experten einsetzt - von
ehemaligen Offizieren des militärischen Nachrichtendienstes bis hin zu Soziologen - und versucht, alles von
Schauplatz und Grausamkeit des nächsten größeren
Kriegs bis zur sich abzeichnenden Bevölkerungsentwicklung in Erfahrung zu bringen. Die Unternehmen
bezahlen für die Zukunftsprognosen der Unternehmensberatung. Der Präsident von The Futures Group,
Robert H. Smith, räumt jedoch ein, "Wir prophezeien
nicht, wir prognostizieren. Prophezeien ist die Domäne der Wahrsager."
Wie auch immer sie ihre Arbeit beschreiben, so sind
die wachsenden Legionen der "Futurologen", wie wir
sie bezeichnen, emsig damit beschäftigt, über morgen
AMERIKA DIENST 48

[

- und darüber hinaus - nachzudenken. Für gewöhnlich
verlassen sich Futurologen auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, leistungsfähige Computer, wissenschaftliche Forschungsmethoden, umfangreiche Lektüre und
kreatives Denken. Viele haben sogar ihre Talente in
Studien über Futurologie an Colleges wie der Univer-

sity of Hawaii oder der University of Houston in Texas
vertieft.
"Futurologen betrachten das gesamte Zusammenspiel der Kräfte - sozialer, politischer, technologischer,
wirtschaftlicher und umweltpolitischer", erklärt Thomas Mandel, 44, der Direktor des VALS-Programms
bei SRI International (einem Forschungs- und Beratungsunternehmen in Menk) Park, Kalifornien, mit einem
Jahresumsatz von 300 Millionen Dollar), der sein Examen
in Futurologie abgelegt hat. "Sie geben keine Zukunftsprognosen unter nur einem Aspekt ab", fügt er hinzu.
"Sie erfassen die Trends und Unwägbarkeiten vielmehr durch die Entwicklung alternativer Szenarien."
Darüber hinaus blicken die Futurologen weiter voraus
als je zuvor. "Jeder weiß, was in den nächsten zwei
oder drei Jahren geschehen wird", so Mandel, "aber
die Nachfrage nach langfristiger Forschung steigt.
Professionelle Futurologen prognostizieren die nächsten 10 Jahre und darüber hinaus."
Gedanken über die Zukunft wird zunehmend Aufmerksamkeit und Respekt zuteil. "Insbesondere an der
Seh welle der neunziger Jahre besteht ein wachsendes
Interesse an langfristigen Zukunftsstudien von Regierungen und Organisationen aller Art", erklärt Timothy
H. Willard, geschäftsführender Redakteur von The
Futurist, einer von der World Future Society in Bethesda (Maryland) herausgegebenen Zeitschrift.
Seite 1

�"Es gibt immer mehr Gruppen, die 'Futurologe' in ihrem
Titel führen", so Willard. "Das Interesse wird auch
durch die wachsende Zahl von Ländern belegt, die
Studien zum 'Jahr 2000' erstellen. An die 50 oder 60
Regierungen untersuchen das nächste Jahrhundert.
Selbst Schulverwaltungen, die nie über das nächste
Jahr hinausdachten, fragen: 'Was ist unser Bedarf im
Jahr 2000?'"
Auf die Frage, wieviele Futurologen es tatsächlich
geben könnte, gibt es keine eindeutige Antwort insbesondere, weil keine Einigung darüber besteht,
was einen Futurologen genau ausmacht. Michael
Marien, Redakteur von Future Survey, stellt fest:
"Viele Menschen, die über die Zukunft schreiben oder
nachdenken, bezeichnen sich nicht als 'Futurologen'."
Marions Meinung nach sollte der Titel eines Futurologen "sehr viele Akademiker einbeziehen, die sich
selbst als 'Analysten' bezeichnen sowie Tausende von
Umweltschützern". Mandel von SRI zufolge sind alles
in allem vielleicht 5.000 bis 10.000 Menschen in den
Vereinigten Staaten professionell an Trends, Vorhersagen und möglichen Folgen interessiert. Unter ihnen,
stellt Marien fest, sind viele diametral entgegengesetzter Meinung, was legitim ist und was Torheiten oder
sogar Scharlatanerie ausmacht.
Nimmt man zum Beispiel den Fall von Michael S.
Jenkins, einem Anlageberater und Herausgeber von
Stock Cycles Forecast, einem Börseninformationsdienst. Jenkins gründet seine Prognosen über die
Fluktuationen des Aktienmarkts auf die KondratieffWelle, eine Theorie, derzufolge der Markt von 54 bis 60
Jahre dauernden Zyklen gekennzeichnet ist. Jenkins
sieht in den neunziger Jahren "ein Zeitalter der Liquidation" und drängt die Investoren, ihr Geld in Edelmetallen wie Gold anzulegen.
Jenkins kann auf eindrucksvolle Erfolge verweisen.
Sein Informationsdienst hat beispielsweise den Zusammenbruch des Markts im Oktober 1987 genau
antizipiert. Dennoch erzeugt die Theorie der Kondratieff-Welle vornehmlich Skepsis unter den vielen Futurologen. Jenkins räumt ein, daß "viele über unsere
Arbeit lachen".
Nicht, daß die meisten Futurologen der Geschichte
nicht Tribut zollen würden. Aber nicht viele betrachten
die Vergangenheit als bombensicheren Wegweiser in
die Zukunft. So erklärt Smith von der Futures Group
zum Beispiel: "Die Geschichte ist kein Prophet für die
Zukunft, sie ist lediglich deren Vorläufer. Wenn man
seine Schlüsse ausschließlich aus der Geschichte
zieht, ist es ebenso wahrscheinlich, Recht zu haben
wie Unrecht."
Recht zu haben, war jedoch nicht immer das Ziel der
Zukunftsforscher. Frühe Futuristen wie die Schriftsteller Aldous Huxley (Schöne neue Welt) und George

Seite 2

Orwell (1984) benutzten ihre Gedanken über die Zukunft eher, um ihre Mitbürger zu schockieren und als
politische Aussagen über eine außer Kontrolle geratene Technik. In den letzten beiden Jahrzehnten sind
jedoch Sachbücher zum bevorzugten Genre von Autoren geworden, die sich mit der Zukunft beschäftigen.
Alvin Tofflers Werke Der Zukunftsschock und The
Third Wave sowie Paul Ehrlichs The Population
Bomb erwiesen sich überraschenderweise als Bestseller. In jüngster Zeit ging Ronald Reagans sozialer
und politischer Optimismus mit den von Zuversicht und
Optimismus geprägten Büchern Megatrends und
Megatrends 2000 John Naisbitts einher. Trotz eines
ausgesprochen schwachen Echos seitens der Futuristengemeinde haben sich die Megatrends-Bücher
erstaunlich gut verkauft.
An sich waren wirtschaftliche Entscheidungsträger
bisher im großen und ganzen geneigt, Erörterungen
über die Zukunft in Bausch und Bogen als Unsinn zu
verdammen. Um eine Aufgabe durchzuführen, verlasse man sich lieber auf harte Arbeit, Intuition und
angeborene Erfindungsgabe.
Es deuten sich jedoch bereits Veränderungen an. So
beschäftigte die Werbeagentur J. Walter Thompson
einmal einen Vize-Präsidenten mit dem Titel "Futurologe". Ein weiteres Beispiel ist der Fall des multinationalen ölkonzems Royal Dutch/Shell. In den Annalen
der Wirtschaft gibt es in der Tat nur wenige Unternehmen, die es an Weitblick und Planung in den vergangenen 20 Jahren mit Shell Oil aufnehmen können.
Als der durch den arabisch-israelischen Krieg im Oktober 1973 ausgelöste erste ölschock die ölverbraucherstaaten traf, war Shell das am besten vorbereitete
Unternehmen der ölbranche. Donald N. Michael, ein
Unternehmensberater und Zukunftsforscher aus San
Francisco, verweist darauf, daß Shell bereits "Alternativszenarien" für den Fall von Unruhen im ölreichen
Nahen Osten ausgearbeitet hatte und deshalb "unbeschadet aus dieser Episode hervorging".
Und zu Beginn der achtziger Jahre mit ihrer "Forderung nach Straffung und Umstrukturierung", schrieb
Pierre Wack, ein ehemaliger Strategieplaner für Shell
Oil in der Zeitschrift Harvard Business Review, "war
Shell bereit, weil das Unternehmen diesen Prozeß
bereits frühzeitig eingeleitet hatte. Shell prognostizierte für die achtziger Jahre konsequent ein sehr geringes
Wachstum des Energieverbrauchs."
Aufgrund solcher Erfolge in wichtigen Bereichen der
Wirtschaft hat die Zukunftsforschung an Glaubwürdigkeit gewonnen. Trotzdem sind Unternehmen, die sich
um Vorausschau bemühen, häufig über die Zukunftsaussichten verärgert - insbesondere, nachdem sie
Zehntausende Dollar an Beraterhonoraren gezahlt
haben. M.H. Roboff, Direktor für strategische Planung

AMERIKA DIENST 48

�bei Converse Inc., einem Unternehmen aus der Schuhbranche, findet nicht immer Gefallen an dem, was er
von Inferential Focus zu hören bekommt: "Meistens ist
das, was man uns erzählt, für uns nur schwer zu
akzeptieren", erklärt Roboff.
Trotzdem sei die Bilanz von Inferential Focus so gut,
daß die leitenden Angestellten die Ermahnungen dieser Firma berherzigten. "Ihre Prognose zu Osteuropa
war in berkenswertem Maße korrekt", so Roboff. "Sie
sagten die Veränderungen ein Jahr vor ihren Eintreten
voraus." Darüber hinaus habe Inferential Focus sein
Unternehmen frühzeitig auf negative Entwicklungen
wie etwa den schwindenden Einfluß von Donald Trump
(dem Multimillionär und Stadtentwickler aus New York),
den Niedergang der Fernsehserien Denver-Clan und
Dallas sowie von Gucci-Handtaschen hingewiesen,
was IF als Trendwende zu einer Abkehr von öffentlich
zur Schau getragenem Reichtum interpretierte. Die
amerikanische Gesellschaft wird bodenständigeren
Ansätzen mehr Wert beimessen. Diese Art von Wissen könnte Roboff zufolge bei der Neukonzeption
einer Marketing-Kampagne seines Unternehmens
ausschlaggebend sein.
Es nimmt nicht wunder, daß auch der US-Kongreß
diesen Faden aufgenommen hat. Das Congressional
Clearinghouse on the Future, eine kaum bekannte
Organisation mit Sitz in Washington, wurde im Jahr
1976 geschaffen, um rund 100 Kongreßabgeordnete
und Senatoren über "sich anbahnende Themen" zu
informieren. Es gibt darüber hinaus ein Congressional
Institute for the Future, eine gemeinnützige bildungspolitische Organisation, die mit dem Kongreß sowie
führenden Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft

*

AMERIKA DIENST 48

und regionalen Verwaltungen zusammenarbeitet. Mit
Mitteln der Carnegie-Stiftung untersucht das Institut
die politischen Auswirkungen neuer Technologien.
Obgleich viele von Futurologen entworfene mögliche
Szenarien Furcht einflößen - Atomkrieg, weltweiter
Zusammenbruch der Wirtschaft, rasche Klimaveränderungen durch den Treibhauseffekt -, sehen andere
eine Zukunft, die von solchem Unheil verschont bleibt.
Es gibt sogar Erwartungen, da ß bessere Technologien
den Alterungsprozeß aufhalten und die Gesundheit
verbessern sowie die Lebenserwartung verlängern
werden. Auch Fortschritte bei Robotik und Heimcomputern könnten die Lebensqualität im Alltag enorm
verbessern.
Das Morgen könnte also eine Verbesserung des Heute
bringen. Anstatt über die Unberechenbarkeit des
Menschen zu lamentieren und sich auf Sterndeuter zu
verlassen, so die Futurologen, müssen wir mehr über
die Beschaffenheit des Universums in Erfahrung bringen.
Moderne Zukunftsforscher könnten den Wink des
Römers Cicero aufgenommen haben, der vor 2000
Jahren feststellte: "Von Beginn der Welt an war
bestimmt, daß gewisse Zeichen gewisse Ereignisse
ankündigen sollten." Clarke Burnham, ein Experimentalpsychologe an der University of Texas in Austin, lobt
die ernsthafte Arbeit der Futurologen und stellt fest,
daß sie sowohl die Reichweite als auch den Umfang
des menschlichen Einflusses erweitert. "Mit der
modernen Technologie und dem Wissen dieses Landes sollten wir das Gefühl bekommen, daß wir mehr
Kontrolle über die Zukunft haben als frühere Kulturen."

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten müssen sich neuer Weltlage anpassen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herausforderungen für Europa nach dem Umbruch&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Dobbins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aus der Arbeit des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken, Bildungsfonds&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umweltschutz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wachsendes Umweltbewusstsein der amerikanischen Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jay Stuller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Amerika Heute&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Über Morgen nachdenken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul Sweeney&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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United States Information Sörvtee
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Library Services
Deichmanns Aue 29

5300 Bonn 2

47

TERRORISMUS

27. November 1991

ZUSÄTZLICHE INFORMATIONEN ZUM BOMBENANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

LIBYEN WEITERHIN FÜR TERRORAKTE
VERANTWORTLICH
Broschüre des US-Außenministeriums

IRANER UND PFLP-GC: DIE ERSTEN
VERDÄCHTIGEN NACH DEM SPRENGSTOFFANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

LIBYSCHER TERRORISMUS
UND PAN AM-FLUG 103
Kommentar der Stimme Amerikas

DROGEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

MARTINEZ FORDERT EUROPÄER AUF, SICH
DEM DROGENPROBLEM ZU STELLEN
Rede in Brüssel

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�TERRORISMUS
27. November 1991

ZUSATZLICHE INFORMATIONEN ZUM
BOMBENANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die libysche Regierung war für den Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am am 21. Dezember 1988
verantwortlich. Die folgende Übersicht des US-Au ßenministeriums erläutert sowohl das Beweismaterial, das der
amerikanischen Anklage gegen zwei libysche Regierungsbeamte zugrundeliegt als auch Hintergrundinformationen, die Verbindungen zwischen den Beschuldigten und ranghohen libyschen Regierungsvertretern aufzeigen.
Zusammenfassung
Schottische Behörden und das amerikanische Justizministerium haben gegen zwei Libyer Anklage wegen
der Ausführung des Bombenanschlags erhoben: gegen
Abd el-Bassit el-Mikrahi, ein ranghohes Mitglied des
libyschen Geheimdienstes sowie gegen Lamin Fuheima, den ehemaligen Leiter des Büros der Libyan Arab
Airlines (LAA) in Malta. Die Beschuldigungen beruhen
auf eindeutigen Beweisen, wonach el-Mikrahi, Fuheima und andere, nicht identifizierte Mitverschwörer die
Bombe in die Maschine der Pan Am einschmuggelten,
indem sie
einen korrekt ausgefüllten Gepäckanhänger der
Air Malta beschafften und anbrachten, mit dessen Hilfe sie die Sicherheitskontrollen für Gepäck umgingen und den Koffer mit dem Sprengsatz in den Zubringerflug für die Pan Am-Maschine in Heathrow und sodann in diese Maschine selbst einschmuggelten;
den Zeitzünder so einstellten, daß der Sprengsatz etwa eine Stunde nach dem planmäßigen
Abflug der Maschine von London-Heathrow
detonieren würde;
ihr Wissen und ihren Zugang aufgrund ihres
Rangs als offizielle Vertreter der Libyan Arab
Airlines benutzten, um die Operation auf dem
Flughafen Luqa von Valletta zu unterstützen.
Damit wären sie in der Lage gewesen, die
Sicherheitskontrollen zu umgehen und sicherzustellen, daß der Koffer mit der Bombe unter
das Gepäck eines Air Malta-Fluges nach Frankfurt gelangte.

AMERIKA DIENST 47

El-Mikrahi, ein hochrangiger Mitarbeiter des libyschen
Nachrichtendienstes, handelte mit Billigung höchster
Stellen der libyschen Regierung. Wir gehen davon
aus, daß Sa'id Raschid - ein führender Planer und
Vollstrecker libyscher terroristischer Aktionen gegen
die Vereinigten Staaten und Dissidenten im vergangenen Jahrzehnt und Mitglied des inneren Kreises der
libyschen Regierung - der hohe Regierungsvertreter
war, der den Anschlag leitete. Eine derart ausgeklügelte und aufwendige Operation mit Personen, die der
libyschen Führung so nahestanden, konnte nur mit
Zustimmung hoher libyscher Regierungsvertreter stattfinden.
Der Fall
Die amerikanische Anklage stützt sich auf nachfolgend zusammengefaßte Beweise, die libysche Regierungsvertreter unmittelbar mit dem Koffer, in dem sich
die Bombe befand, sowie mit dessen Einfügung in das
Gepäcksystem in Verbindung bringen. Die Beweise
sprechen darüber hinaus für eine direkte Verbindung
zwischen el-Mikrahi und der schweizerischen Firma,
die den bei dem Anschlag verwendeten Zeitzünder
herstellte.
Der Koffer. Technischen Untersuchungen zufolge
handelte es sich bei dem Gepäckstück mit der Bombe
um einen Hartschalenkoffer der Marke Samsonite.
Folgende Beweise sprechen für eine direkte Verbindung von el-Mikrahi und Fuheima mit dem Koffer:
El-Mikrahi trifft unter falschem Namen zusammen mit Fuheima aus Libyen kommend am
Abend des 20. Dezember 1988, einen Tag vor
dem Bombenanschlag, in Valletta ein. Fuhei-

Seite 1

�ma, der frühere Leiter des LAA-Büros in Valletta, hatte weiterhin uneingeschränkten Zugang
zum Flughafen. El-Mikrahi und Fuheima führten bei dieser Gelegenheit einen großen, braunen Hartschalenkoff er der Marke Samsonite mit
sich.
Schottische Ermittler fanden heraus, daß Kleidungsstücke in dem Koffer mit dem Sprengsatz
aus einem maltesischen Bekleidungsgeschäft
stammten. Ein Libyer hatte diese Kleidungsstücke einige Wochen vor dem Anschlag, wahrscheinlich am 7. Dezember 1988, erworben.
Ankunftsformulare des Flughafens zeigen, daß
sich el-Mikrahi am 7. Dezember 1988 in Malta
aufhielt.
Im Februar 1991 wurde el-Mikrahi als dem Libyer ähnelnd beschrieben, der die Kleidung
gekauft hatte.
Die Einfügung. Unterlagen des Frankfurter Flughafens vom 21. Dezember zufolge wurde ein unbegleitetes Gepäckstück mit Flug 180 der Air Malta (KM 180)
vom Flughafen Luqa in Valletta nach Frankfurt transportiert und dort in den Zubringerflug für Pan Am 103
umgeladen. Die Beweise deuten darauf hin, daß ein
korrekt ausgefüllter Gepäckanhänger der Air Malta
den Koffer mit dem Sprengsatz zum John F. KennedyFlughafen in New York via Pan Am 103 dirigiert haben
würde. Die folgenden Beweise bringen el-Mikrahi und
Fuheima unmittelbar mit diesem Verfahren in Verbindung:
Fuheimas Terminkalender enthält einen Erinnerungsvermerk für den 15. Dezember 1988, demzufolge Gepäckanhänger der Air Malta abgeholt
werden sollten - eine Verletzung von Bestimmungen des Flughafens und der Fluggesellschaft. Andere Eintragungen deuten darauf hin,
daß Fuheima seinen Auftrag erfüllte.
Gemäß Aufzeichnungen und Aussagen von
Mitarbeitern des Flughafens Luqa wurde das
Gepäck für Flug KM 180 etwa zur selben Zeit
abgefertigt wie ihre Gepäckstücke für einen
Flug der Libyan Arab Airlines (LN 147) nach
Tripolis.
El-Mikrahi - immer noch unter falschem Namen
reisend - ging am Morgen des 21. Dezember
1988 an Bord von LN 147, demselben Morgen,
an dem der Sprengsatz unter das Gepäck von
KM 180 geschmuggelt wurde. El-Mikrahis
Rückflug nach Libyen wurde am selben Schalter
abgefertigt wie KM 180, und die Abfertigungszeiten für beide Flüge überschnitten sich.
Der Zeitzünder. Das Fragment eines zu dem Sprengsatz in Pan Am 103 gehörenden Schaltkreises war Teil
eines hochmodernen Zeitzünders des Typs, den senegalesische Beamte im Besitz zweier im Februar 1988
Seite 2

festgenommener libyscher Teroristen fanden. Die als
MST-13 gekennzeichneten Zeitzünder wurden von
Meister et Bollier (MEBO), einer schweizerischen
Elektronikfirma mit Sitz in Zürich hergestellt. Die
Zeitzünder des Typs MST-13 sind einmalig. MEBO
war der alleinige Hersteller. Alle produzierten Zeitzünder dieses Typs wurden nach Libyen geliefert.
MEBO lieferte der Libyschen Organisation für Äußere
Sicherheit (ESO, auch bekannt unter dem Namen
Jamahirya Security Organisation - JSO) Ende 1985 20
MST-13 Zeitzünder. Danach wurden keine Geräte
dieses Typs mehr hergestellt. Zwei Elektroingenieure
der ESO bestellten die Zeitzünder und nahmen sie in
Empfang: Izz Eidin Hinschiri, gegenwärtig Minister für
Komunikationswesen und Verkehr, und Sa'id Raschid.
El-Mikrahi ist ein naher Verwandter und alter Weggefährte von Sa'id Raschid. Zu dem Zeitpunkt als
Raschid die Zeitzünder in Empfang nahm, war elMikrahi sein direkter Untergebener.
El-Mikrahi mietete bei MEBO ein Büro und hielt sich im
Dezember 1988 zumindest zweimal kurz in Zürich auf.
Die Verantwortlichkeit der libyschen Regierung
Die Schlußfolgerung, daß die libysche Regierung den
Anschlag auf Pan Am 103 genehmigte, ergibt sich aus
der zentralen und andauernden Rolle Abd el-Bassit elMikrahis in libyschen Geheimdienstoperationen sowie
seiner engen Verbindung mit libyschen Regierungsvertretern, die Libyens Einsatz des Terrorismus als
Instrument staatlicher Politik in den vergangenen Jahren
durchgesetzt und geleitet haben. Die langjährige
Laufbahn dieser Vertreter deutet darauf hin, daß die
libysche Regierung ihre Operationen, Taktiken und
Ziele ständig unterstützt hat.
El-Mikrahis nachrichtendienstliche Aufgaben. Abd
el-Bassit el-Mikrahis tiefe Verstrickung in die sicherheitsempfindlichsten und vordringlichsten Beschaffungsoperationen Libyens zeigt, daß er das volle Vertrauen
der libyschen Führung besaß. Wir gehen davon aus,
daß ihm seine Kontakte und Erfahrung in den Bereichen Zivilluftfahrt, Speditionswesen und Betrieb kleiner Unternehmen auch eine intakte Infrastruktur lieferten, um die Durchführung des Sprengstoffanschlags
auf Pan Am 103 zu unterstützen.
El-Mikrahi ist ein ranghoher Mitarbeiter des Nachrichtendienstes mit engen Verbindungen zum militärischen Beschaffungsapparat Libyens sowie zur ESO.
Im Jahr 1987 wurde er Direktor des Zentrums für
strategische Studien (CSS), einer Einheit, die dem
ESO und dem Ministerium für militärische Beschaffungen durch verschiedene Aktivitäten zuarbeitete, darunter
Beschaffung chemischer Grundstoffe für Chemiewaffen. Ein in Deutschland im Jahr 1988
tätiger Untergebener el-Mikrahis spielte eine

AMERIKA DIENST 47

�wichtige Rolle bei der Beschaffung und Lieferung chemischer Grundstoffe für C-Waffen nach
Libyen. El-Mikrahi wird auch mit einem führenden Manager des libyschen C-Waffenprogramms
in Verbindung gebracht;
Beschaffung von Flugzeugen und Flugzeugteilen für das libysche Militär und die LAA. Badri
Hassan, ein weiterer enger Mitarbeiter el-Mikrahis, gehört zu Libyens führenden Experten zur
Umgehung amerikanischer Embargobestimmungen, die den Verkauf amerikanischer Technologie und Flugzeugteile an Libyen verbieten;
Unterstützung libyscher Bemühungen, lateinamerikanische Terrorgruppen für sich zu gewinnen oder zu fördern. Unter der Führung elMikrahis hat das CSS anderen nach außen
tätigen libyschen Dienststellen geholfen, indem
es Propagandakampagnen beisteuerte, Informationen über die Haltung radikaler Gruppen
sammelte und die nachrichtendienstliche oder
operative Eignung von Arabern bewertete, die in
Zielländern ansässig waren;
Gründung von Reisebüros und anderen Tarnunternehmen, um Reisen sowie die Bewegung
von Gerät und Personal zu erleichtern, eine
Tätigkeit, die unserer Auffassung nach sowohl
die Beschaffungs- als auch Beeinflussungsprogramme des CSS und anderer libyscher Geheimdienstelemente unterstützte.
Zu den hochrangigen Libyern, die eng mit el-Mikrahi
und anderen an diesen Aktivitäten beteiligten Vertretern des CSS zusammenarbeiteten, gehören:
Oberst Rifi Ali el-Scherif, ein hoher libyscher
Offizier, der eine prominente Rolle bei den Beschaffungsbemühungen Libyens spielt. Oberst
el-Scherif, der Mentor und Förderer von Badri
Hassan, hat angeblich die Bemühungen elMikrahis und Badri Hassans zur Beschaffung
amerikanischer Flugzeuge über Benin in den
Jahren 1986 und 1987 unterstützt und die Gründung eines Reisebüros als gemeinsames Unternehmen von CSS/militärischer Beschaffung
in Osteuropa gefördert.
Sa'id Raschid, der im Jahr 1988 den Spezialisten el-Mikrahis in Deutschland für die Beschaffung chemischer Grundstoffe zur C-Waffenproduktion bezahlte und anleitete.
Die terroristischen Aktivitäten von el-Mikrahi
El-Mikrahis Position und Kontakte im libyschen Geheimdienstapparat machen ihn zu einem festen Mitglied im Lager seines Vetters ersten Grades Sa'id
Raschid - einem führenden Planer und Vollstrecker der

AMERIKA DIENST 47

terroristischen Maßnahmen Libyens und mächtigem
Mitglied im inneren Kreis der libyschen Führung. Vor
seinem Amtsantritt als Direktor des CSS zu Beginn
des Jahres 1987 war el-Mikrahi mindestens zwei Jahre
lang ESO-Leiter für Flugsicherheit und dabei unmittelbar Raschid unterstellt, der im Jahr 1986 Operationsleiter der ESO war.
El-Mikrahi führte seine terroristischen Aktivitäten auch
nach seinem Dienstantritt als Leiter des CSS fort. Im
Jahr 1988
traf sich el-Mikrahi in Malta mit einer Gruppe
libyscher Agenten, die eine Reise in den Tschad
zur Durchführung einer nicht bekannten Operation planten. Abdallah Senussi, der neuernannte Operationsleiter der ESO befahl der Gruppe,
die Operation abzubrechen, da sie nicht in der
Lage war, die notwendigen Flugverbindungen
herzustellen. Senussi ist einer von vier Libyern,
gegen die von Frankreich am 30. Oktober 1991
wegen des Bombenanschlags auf den Flug
UTA 772 im September 1989 Anklage erhoben
wurde. Die Maschine war nach dem Abflug aus
Ndjamena explodiert.
traf er sich mit griechischen Waffenhändlem
und interessierte sich dabei für den Ankauf von
1.000 Briefbomben und damit zusammenhängendem Gerät.
Sa'id Raschid und die libyschen
Terroroperationen
Sa'id Raschid hat kontinuierlich libysche Bemühungen
zur Durchführung terroristischer Aktionen gegen
amerikanische Interessen in den frühen achtziger Jahren
geleitet. Raschid genießt seit langem bevorzugten
Zugang zu den höchsten Ebenen der libyschen Regierung und ist an einem breiten Spektrum nachrichtendienstlicher Aktivitäten beteiligt. Er ist ranghohes
Mitglied des Büros der Revolutionskomitees, das die
Ausführung der radikalen Politik der libyschen Regierung im In- und Ausland überwacht.
Raschid stieg zwischen 1980 und 1985 rasch in den
Rängen der ESO und im Apparat der libyschen Revolutionskomitees auf, indem er sich aggressiv für die
Programme der libyschen Regierung zur Ermordung
von Dissidenten sowie die terroristischen und subversiven Aspekte der libyschen Afrikapolitik engagierte.
Ein italienisches Gericht verurteilte Raschid in Abwesenheit zu lebenslanger Haft wegen seiner Führung
eines Teams, das im Juli 1980 einen Exil-Libyer in
einem Mailänder Bahnhof ermordete. Dieser Mord
war einer unter vielen im Rahmen einer Kampagne
gegen Dissidenten, die in ganz Westeuropa stattfand
und von Raschid zumindest bis 1985 geleitet wurde.

Seite 3

�Im Oktober 1980 führte Raschid eine Gruppe
nach Togo, die die Ermordung des Präsidenten
von Tschad, Hissan Habre, plante.
Im Jahr 1983 inhaftierte Libyen widerrechtlich
37 französische Staatsbürger und übte damit
erfolgreichen Druck auf Frankreich zur Freilassung Raschids aus, der in Paris verhaftete
worden war und auf die Auslieferung nach Italien wegen der Mordanklage in Zusammenhang
mit dem Mord in Mailand von 1980 wartete.
Raschid begann Ende 1981, Anschläge speziell gegen
amerikanische Interessen durchzuführen, als er die
operative Gesamtverantwortung für die libyschen
Bemühungen zum Sturz des sudanesischen Regimes
von Dschaf ar Numeiri übernahm, der damals ein enger
Verbündeter der Vereinigten Staaten war. In dieser
Zeit zeichneten Raschid und seine Untergebenen für
Ausbildung, Ausrüstung und Anleitung sudanesischer
Terroristen verantwortlich, die versuchten, Sprengstoffanschläge gegen amerikanische Interessen durchzuführen, wobei sie verschiedentlich getarnte Sprengsätze mit "Decade"-Zeitzündern sowie Semtex-H
benutzten. Decade-Zeitzünder waren in den frühen
achtziger Jahren typisch für libysche und von Libyen
unterstützte Terroristen.
Eine dieser Bomben, die in einer Stange Zigaretten
untergebracht war, wurde beim gescheiterten Sprengstoffanschlag auf einen Pan Am-Flug im Dezember
1983 benutzt. Der Terrorist versuchte damals, ein
unbegleitetes Gepäckstück auf einen Alitalia-Flug von
Istanbul nach Rom einzuchecken. Das Gepäckstück,
das von türkischen Sicherheitskräften aufgrund verstärkter Sicherheitsmaßnahmen entdeckt wurde, war
mit einem Gepäckanhänger ausgestattet, der es auf
einen Pan Am-Flug von Rom nach New York geleitet
hätte, was in etwa dem Verfahren entsprach, das im
Fall von Pan Am 103 erfolgreich angewendet wurde.
Raschid spielte weiterhin eine Schlüsselrolle bei der
libyschen Planung von Anschlägen auf amerikanische
Interessen, nachdem die Spannungen zwischen beiden Ländern Mitte der achtziger Jahre zugenommen
hatten.
Raschids Agenten begannen mit Planungen für
einen Anschlag auf amerikanische Einrichtungen in der Türkei im Jahr 1986, die in dem
gescheiterten Sprengstoffanschlag auf den
amerikanischen Offiziersclub in Ankara Ende
April 1986 gipfelten. Der Offizier des libyschen
Nachrichtendienstes, der die Operation in der
Türkei leitete, benutzte eine Tätigkeit bei der
LAA als Deckmantel.
Raschid beauftragte mehrere Palästinenser,
Anschläge auf amerikanische Einrichtungen in
Deutschland zu verüben, und er leitete den
Sprengstoffanschlag auf die Diskothek La Belle

Seite 4

in Berlin. Dem Sprengsatz von La Belle, der
besonders amerikanische Soldaten und deren
Angehörige töten sollte, fielen drei Personen,
darunter zwei Amerikaner, zum Opfer.
Am Tag nach dem Sprengstoffanschlag auf die
Diskothek La Belle reiste Raschid nach Khartum, wo er die Arbeit mit sudanesischen Oppositionellen weiterführte. Raschid hielt sich am
15. April 1986 in Khartum auf, als ein Mitarbeiter
der amerikanischen Botschaft als Vergeltung
auf den amerikanischen Bombenangriff gegen
Libyen vom selben Tag schwer verletzt wurde.
• Raschid gehörte zu den libyschen Ingenieuren,
die der schweizerischen Firma MEBO die Spezifikationen für den Bau des Zeitzünders lieferten, der bei Pan Am 103 benutzt wurde. Darüber hinaus demonstrierte er vor palästinensischen Rekruten eine von MEBO hergestellte
femgesteuerte Aktentaschenbombe.
Beide im Senegal mit dem MEBO-Zeitzünder
festgenommenen Libyer waren seit Anfang der
achtziger Jahre Raschids Untergebene.
Anfang 1987 beförderte die libysche Regierung Raschid von der ESO zum Leiter der Libyan Electronics
Company, die tief in Technologietransfer und andere
Beschaffungsaktivitäten verstrickt ist. Gleichzeitig
ernannte die libysche Regierung el-Mikrahi zum Leiter
des Zentrums für strategische Studien. Wir gehen
davon aus, daß die beiden Cousins ihre Aktivitäten im
Zuge ihres zunehmenden Engagements für Beschaffungsprogramme weiter koordinierten - wie im Falle
ihrer gemeinsamen Führung von el-Mikrahis Beschaffungsspezialisten für chemische Waffen in Deutschland.
El-Mikrahis andere Vorgesetzte. Als Direktor des
CSS war el-Mikrahi den folgenden prominenten Libyern entweder unterstellt, oder er unterhielt direkte
Kontakte zu ihnen.
ESO-Direktor Ibrahim el-Bischari benutzte das Büro
el-Mikrahis bei der MEBO in Zürich als Adresse und
behauptete, daß el-Mikrahi ihm als Direktor des CSS
unmittelbar unterstellt war. El-Bischari ist gegenwärtig
libyscher Außenminister und hat angeblich weiterhin
seinen Posten beim Nachrichtendienst inne.
Im Herbst 1988 war Abdallah el-Senussi el-Mikrahis
unmittelbarer Vorgesetzter bei der ESO. El-Mikrahi
war ein Terrorist, der beim CSS für Senussi arbeitete.
El-Senussi gehört zu den wichtigsten nachrichtendienstlichen Mitarbeitern der libyschen Regierung. Über
Jahre hinweg genehmigte, leitete und finanzierte er
eine Reihe libyscher Terroraktionen. Die französische
Justiz hat wegen des Sprengstoffanschlags auf UTA
772 vom September 1989 Anklage gegen el-Senussi
erhoben.

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�Nassir Ali Aschur wird sowohl mit el-Mikrahi als auch
den MEBO-Zeitzündern in Verbindung gebracht. Aschur,
der frühere Tests der Zeitzünder beaufsichtigte, mit
denen ihre vollständige Zerstörung bei einer Detonation sichergestellt werden sollte, wurde zwei Tage vor
dem Sprengstoffanschlag auf Pan Am 103 in el-Mikrahis Haus gesehen. Maltesische Einreiseformulare und
eine amerikanische nachrichtendienstliche Quelle
bestätigen außerdem, daß sich Aschur und el-Mikrahi
Anfang Oktober 1988 in Malta trafen und die beiden im
August 1987 gemeinsam von Zürich nach Malta reisten. Aschur ist den Franzosen zufolge der Verschwörung mitschuldig, da er massive libysche Waffenlieferungen - darunter Tonnen von Semtex-H - an die
Provisional Irish Republican Army organisierte.
Abdallah Mahmud Hidschasi ist wahrscheinlich ebenfalls ein wichtiger Kontaktmann el-Mikrahis, obwohl wir
keine konkreten Beweise für eine direkte Verbindung
besitzen. Hidschasi, Raschids langjähriger Förderer,
war bis 1986 Direktor des libyschen Ministeriums für
militärische Beschaffungen. Im Jahr 1988 war er
angeblich führend an der Organisierung libyscher
subversiver Operationen in Westafrika und im Tschad
beteiligt.
Ibrahim Najili, den die Franzosen am 30. Oktober 1991
wegen seiner Beteiligung am Sprengstoff anschlag auf
UTA 772 anklagten, wurde von mehreren Quellen als

*

AMERIKA DIENST 47

*

der ESO-Vertreter in Athen identifiziert, der potentielle
Lieferanten für Waffen und Flugzeugteile mit el-Mikrahi zusammenbrachte. El-Najili wurde Mitte 1989 ESOLeiter für Flugsicherheit. El-Mikrahi hatte dieselbe
Position inne bevor er Direktor des CSS wurde.
Der historische Kontext
Vorhergehend wurden die libyschen Verbindungen zu
Pan Am 103, die beteiligten Personen sowie die zentrale Rolle dieser Personen bei terroristischen und
nachrichtendienstlichen Programmen der libyschen
Regierung beschrieben. Die Verwicklung der libyschen Regierung in den Terrorismus beginnt jedoch
nicht mit der Zerstörung von Pan Am 103 und endet
damit auch nicht. Wir haben ein konsequentes Muster
eines von Libyen geförderten Terrorismus festgestellt,
das auch nach dem blutigen Anschlag auf Pan Am 103
bis heute andauert. Dieses Muster entkräftet jedes
Argument, Pan Am 103 sei eine Einzeloperation
gewesen, die nicht die Zustimmung höchster libyscher
Stellen genossen habe. Eine so wichtige Operation
konnte nicht ohne die Zustimmung der höchsten Ebenen
der libyschen Regierung durchgeführt werden.
Zahlreiche weitere von Libyen geförderte Terroranschläge werden in öffentlich zugänglichen Weißbüchern erläutert, die vom US-Außenministerium Mitte
November 1991, im August 1990, Januar 1989 und
1986 veröffentlicht wurden.
*

*

Seite 5

�TERRORISMUS
27. November 1991

LIBYEN WEITERHIN FÜR TERRORAKTE
VERANTWORTLICH
Broschüre des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) -Nachfolgend veröffentlichen wir die vom US-Außenministerium im November 1991
herausgegebene Broschüre "Libyen weiterhin für Terrorakte verantwortlich".

Einleitung
Dieses Weißbuch soll den Kontext für die Beschuldigungen der amerikanischen und schottischen Behörden gegen libysche Staatsbürger wegen der Bombenexplosion bei Flug 103 der Pan Am im Dezember 1988
liefern. Zu diesem Zweck wird die Haltung der Regierung Gaddafi gegenüber Terrorismus und die libysche
Verantwortung für Terroranschläge dargelegt.
Anhand von Analysen des libyschen Verhaltens über
viele Jahre hinweg, auf der Grundlage der Ermittlungen der Bombenexplosion während Flug 103 der Pan
Am seit 1988, aufgrund der Struktur des libyschen
Regimes und der Beziehungen zwischen führenden
Vertretern dieses Regimes gelangen wir zu der Schlußfolgerung, daß die Bombenexplosion bei Flug 103 der
Pan Am kein Zufall sondern eine von der libyschen
Regierung autorisierte Aktion war. Libyens Unterstützung des Terrorismus begann in den frühesten Tagen
des Gaddafi-Regimes. Bereits 1972 bot der libysche
Revolutionsführer Muammar Gaddafi extremistischen
Bewegungen seine Hilfe an - einschließlich der Provisional Irish Republican Army und der Black PowerBewegung in den Vereinigten Staaten - sowie Unterstützung für alle Gruppen im Nahen Osten, die zu
einem Angriff auf Israel bereit seien. 1973 entsandte
Gaddafi Terroristen nach Italien, um ein israelisches
Flugzeug abzuschießen, und bereits 1975 befahl er
die Ermordung libyscher im Ausland lebender Systemkritiker. Obwohl Dissidenten traditionell kaum - wenn
überhaupt - eine Bedrohung für Gaddafis Herrschaft
darstellten, konzentrierte sich der libysche Revolutionsführer auf deren Beseitigung. Die Ermordungen
fanden Anfang und Mitte der achtziger Jahre statt und
dazu zählten zwei Attentate (eines davon erfolgreich)
auf libysche Studenten in den Vereinigten Staaten.

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Die libysche Beteiligung an und die Unterstützung von
Terrorakten expandierte Anfang der achtziger Jahre.
Tripolis stellte Pässe für Mitglieder der Abu Nidal
Organisation (ANO) aus, die im Dezember 1985 einen
Anschlag auf einen Ticketschalter der El AI im Wiener
Flughafen verübten. Auch die Bombenexplosion in der
Berliner Diskothek La Belle, bei der im April 1986 drei
Menschen einschließlich zwei amerikanischer Soldaten getötet wurden, geschah mit libyscher Hilfe.
Über Jahre hinweg, selbst als libysche Agenten und
ihre Handlanger Terroranschläge planten und ausführten, suchte Gaddafi regelmäßig die internationale
Besorgnis durch die öffentliche Verurteilung des Terrorismus zu beschwichtigen. 1977 plante Gaddafi
beispielsweise die Ermordung eines amerikanischen
Botschafters, nachdem er gerade Präsident Carter
versichert hatte, er sei um gute Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten bestrebt. Darüber hinaus gab
Gaddafi regelmäßig öffentliche Dementis seiner Beteiligung an Terrorakten heraus, während sein Nachrichtenapparat Terroranschläge vorbereitete.
Die libyschen Aktionen waren nicht auf israelische und
westliche Ziele begrenzt. Mitte der achtziger Jahre
unterstützte Libyen Anschläge auf den ägyptischen
Staatspräsidenten Mubarak, den ehemaligen Präsidenten des Sudan, Numeiri, den Präsidenten von Zaire, Mobutu, den ehemaligen tunesischen Präsidenten
Bourguiba und den ehemaligen Präsidenten des Tschad,
Habre. Abgesehen von Terroranschlägen und der
Unterstützung von Terrorakten hat Gaddafi immer
wieder versucht, Regierungen in Afrika, Asien und
Lateinamerika zu unterwandern.

Seite 1

�Die Bilanz der vergangenen fünf Jahre
Der Luftangriff der Vereinigten Staaten auf Libyen
1986 sowie zunehmender internationaler Druck haben
Tripolis' Unterstützung des Terrorismus nicht beendet.
Nach dem Luftangriff begann Gaddafi Scheinfirmen
und andere Organisationen einzusetzen, um die libysche Handschrift zu vertuschen. Darüber hinaus
unternahm Gaddafi besondere Anstrengungen, die
libysche Beteiligung an Terroranschlägen zu verschleiern, um Libyens Wirtschaftsbeziehungen mit seinen
afrikanischen Nachbarn und den führenden europäischen Handelspartnern nicht aufs Spiel zu setzen. Die
Libyer unterstützten unmittelbar nach dem amerikanischen Luftangriff vom April 1986 eine Reihe von
Operationen gegen die Vereinigten Staaten. Tripolis
war verantwortlich für die Schüsse auf einen Mitarbeiter der Amerikanischen Botschaft am 15. April 1986 im
Sudan und für die Schüsse auf einen anderen Botschaftsangehörigen in Sanaa (Nordjemen) am 25.
April 1986. Ferner wurden am 18. April 1986 zwei
Libyer bei dem Versuch festgenommen, einen Anschlag auf den amerikanischen Offiziersclub in Ankara
mit Granaten zu verüben, die sie vom dortigen libyschen Volksbüro erhalten hatten. Die Libyer gestanden, es sei ihnen befohlen worden, der Anschlag
müsse so viele Tote und Verwundete wie möglich zur
Folge haben, insbesondere Frauen und Kinder.
Unseres Erachtens war Libyen verantwortlich für die
Explosion bei Flug 103 der Pan Am am 21. Dezember
1988 über Lockerbie in Schottland, und in frühere
Terroranschläge auf der ganzen Welt verwickelte
hochrangige Regierungsvertreter bereiteten die Operation vor. Gerichtsgutachten zufolge konnte der
Zünder der Bombe nur aus libyschen Beständen stammen, und ein Vertreter der libyschen Fluggesellschaft
Libyan Arab Airlines konnte dank seines Rangs die
Sicherheitskontrollen in Malta umgehen, um die Operation zu unterstützen.
In den vergangenen Jahren hat Libyen palästinensische Terroristen unterstützt und ihnen geholfen, Anschläge gegen israelische und westliche Ziele auszuführen:
Im Mai 1990 versuchten Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) einen Seeangriff auf Israel. Die Operation scheiterte, 4
Terroristen wurden getötet und 12 festgenommen. Libyen bildete die Gruppe aus und stellte
modernes Gerät, Waffen und das Schiff für die
Operation zur Verfügung.

Libyen sieht in Afrika ein attraktives Umfeld für seine
Operationen und ist verantwortlich für mehrere Anschläge dort:
Am 30. Oktober 1991 erließ ein französischer
Richter internationale Haftbefehle, in denen vier
libysche Regierungsvertreter der Beteiligung an
der Bombenexplosion während des UTA-Flugs
772 im September 1989 beschuldigt wurden.
Im März 1990 wurden libysche Diplomaten nach
einer Bombenexplosion im Hilton Hotel in Addis
Abeba - dem offensichtlichen Versuch, den dort
logierenden israelischen Botschafter zu töten ausgewiesen.
Im Februar 1988 wurden zwei bekannte Terroristen in Dakar (Senegal) festgenommen, die
sich im Besitz von Sprengstoff und Waffen
befanden.
Im Oktober 1987 explodierte eine Bombe im
Büro von World Vision, einer privaten Hilfsorganisation, die in Moudou im Tschad tätig ist.
Nach Cotonou (Benin) entsandte libysche Diplomaten unterstützten die Terroristen, die den
Anschlag verübten.
Im März 1987 explodierte eine Bombe im Cafe
"L'Historil" in Dschibuti, wobei 11 Menschen
verletzt und 50 verwundet wurden. Die Libyer
befahlen einer Palästinensergruppe, der Volkskampffront, den Anschlag auszuführen, andenfalls würde ihnen Tripolis' finanzielle Unterstützung entzogen.
Die Libyer unterstützen Terroristengruppen in Europa,
insbesondere die Provisional Irish Republican Army
(PIRA), die Oberst Gaddafi als populäre nationale
Befreiungsbewegung bezeichnet. Mitte der achtziger
Jahre versorgte Libyen die Gruppe mit Waffen. Die
libysche Handschrift wurde im Oktober 1987 offenkundig, als französische Behörden den Frachter "Eksund"
vor der Küste Frankreichs abfingen und 150 Tonnen
für die PIRA bestimmte Waffen und Sprengstoff beschlagnahmten. Libyen hat die PIRA auch finanziell
unterstützt.
Seit April 1986 habe libysche Mörder drei in Griechenland, Italien und Frankreich ansässige libysche Dissidenten und Gaddafi-Gegner ermordet. Tripolis hat
nach wie vor andere im Exil lebende vermeintliche
"Gegner" der libyschen Regierung im Visier.
Derzeitige Unterstützung des Terrorismus

Im Juli 1988 griffen Angehörige der ANO das
griechische Kreuzfahrtschiff 'The City of Porös"
an, wobei neun Menschen getötet und über 100
verletzt wurden. Libyen stellte die bei der
Operation verwendeten Waffen zur Verfügung.

Seite 2

Trotz der Bestebungen der internationalen Staatengemeinschaft ist die libysche Beteiligung an Terrorakten
noch immer umfangreich. Tripolis ist einer der größten
Geldgeber für Terroristen weltweit und gestattet Terrorgruppen weiterhin, in Lagern in Libyen zu operieren.

AMERIKA DIENST 47

�Im Nahen Osten unterstützen die Libyer ein breites
Spektrum von Terrorgruppen:
Die ANO - die über 100 Terroranschläge ausgeführt hat und auf deren Konto seit ihrer Gründung der Tod von über 280 Menschen und
mindestens 650 Verletzte gehen - erhält weiterhin beträchtliche libysche Unterstützung. Die
Gruppe hat ihr Hauptquartier in Tripolis, und
Libyen stellt der ANO Ausbildungseinrichtungen und mehrere Millionen Dollar jährlich zur
Verfügung.
Gaddafi hat für Ahmed Dschebrils Volksfront
zur Befreiung Palästinas - Generalkommando
1990 über 1 Million Dollar bereitgestellt. Die
Gruppe war verantwortlich für Bombenexplosionen in zwei amerikanischen Militärzügen in
Deutschland in den Jahren 1987 und 1988.
Teile der PLF sind weiterhin in Libyen stationiert
und erhalten finanzielle und logistische Unterstützung von der libyschen Regierung. Auf das
Konto der Gruppe geht eine lange Liste von
Terroranschlägen, einschließlich der Entführung
des Kreuzfahrtschiffes "Achille Lauro" im Oktober 1985, die die Ermordung eines an den
Rollstuhl gefesselten amerikanischen Passagiers zur Folge hatte sowie der bereits erwähnte
Anschlag auf einen Strand in Tel Aviv.
Libyen finanziert außerdem Sa'ika und Elemente des palästinensischen Islamischen Heiligen
Kriegs.
Libyen unterstützt gezielt ausgewählte Nichtpalästinensergruppen. Das Hauptkriterium scheint das Ausmaß
zu sein, in dem eine Gruppe ihre Fähigkeit und Bereitschaft zum Angriff auf die Feinde Libyens weltweit
demonstriert, einschließlich amerikanischer und westlicher Ziele.
In Europa unterhält Libyen Beziehungen zur PIRA,
trotz Gaddafis Behauptung Anfang dieses Jahres,
seine Unterstützung für diese Gruppe eingestellt zu
haben. Die Libyer haben Kontakte zu der kurdischen
Separatistengruppe PKK, die zahlreiche Terroranschläge gegen türkische Ziele ausgeführt hat.
Ein Hauptempfänger der libyschen Finanzhilfe in Asien
ist die Kommunistische Partei der Philippinen (CPP)
und ihr militärischer Flügel, die Neue Volksarmee
(NPA), die seit 1987 10 Amerikaner getötet hat. Die
Libyer haben der CPP und der NPA seit 1987 mindestens 7 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.
In Lateinamerika versuchen die Libyer weiterhin,
Gruppen ausfindig zu machen, die zur Ermordung von
Amerikanern bereit sind. Im vergangenen Jahr bezahlte Tripolis der haitianischen Befreiungsorganisation beispielsweise über 20.000 Dollar, um einen
Anschlag auf die Amerikanische Botschaft in Port-au-

AMERIKA DIENST 47

Prince zu verüben. Die Mission der Gruppe scheiterte
jedoch. Libyen hat erfolglos versucht, die Nationale
Befreiungsfront Farabundo Marti in El Salvador zu
rekrutieren, um gegen Geld anitwestliche Anschläge
durchzuführen.
Die Libyer haben femer Kontakte mit anderen Terrorgruppen in der Region unterhalten, einschließlich der
costaricanischen patriotischen Organisation Juan Santa
Maria, der revolutionären Bewegung Tupac Amaru in
Peru sowie der patriotischen Front Manuel Rodriguez
in Chile.
Das Antiimperialistische Zentrum (AIC) - auch unter
dem Namen Mathaba bekannt - wird von der libyschen
Regierung zur Unterstützung des terroristischen Netzes benutzt und spielt daher eine wichtige Rolle in
Gaddafis Terrorismusstrategie. 1982 zur Unterstützung von "Befreiungs- und Revolutionsgruppen" gegründet, hat das AIC eine Reihe von offenkundig
antiwestlichen Konferenzen in Tripolis veranstaltet.
Gleichzeitig hat das AIC den Auftrag, Revolutionäre für
ideologische und militärische Ausbildung in Libyen
auszumachen und zu rekrutieren. Während ihrer
Ausbildung in AlC-Lagern werden bestimmte Personen weiter ausgebildet, etwa im Umgang mit Waffen
und Sprengstoff sowie Indoktrinierung.
Das AIC wird von Mussa Kussa geleitet, einem Vertrauten Gaddafis, der gleichzeitig der Stellvertretende
libysche Außenminister ist. Mit Vertretern in zahlreichen libyschen Botschaften weltweit, betreibt das AIC
unabhängig verdeckte Operationen und verteilt Gelder
an terroristische, Rebellen- und subversive Gruppen.
Ausbildung
Oberst Gaddafi bildet nach wie vor Terroristen und
systemkritische Organisationen aus dem Nahen Osten, Afrika, Asien und Lateinamerika in Lagern in Libyen, auch in Tripolis, aus. Zu den größten Ausbildungslagern zählen:
El Kalah. Ungefähr 100 Kilometer südwestlich
von Tripolis gelegen, ist El Kalah die wichtigste
ANO-Einrichtung in Libyen. Im vergangenen
Jahr hat die ANO das Lager beträchtlich erweitert.
Ausbildungslager7. April. Rund 9 Kilometer von
Tripolis entfernt, werden in dieser Einrichtung
Afrikaner und Lateinamerikaner sowie libysche
Militärs in Terrorismus und Subversion ausgebildet.
Hafenanlage Sidi Bilal. Die Terroristen, die den
Seeangriff gegen Israel vom Mai 1990 verübten,
wurden hier ausgebildet.
Bin Ghaschir. Unmittelbar südlich von Tripolis
geigen, werden in dieser Einrichtung Systemkritiker aus Afrika, Asien und Lateinamerika in
Terror- und Guerillataktiken ausgebildet.
Seite 3

�Ras el Hilal. In dieser Einrichtung wurden
palästinensische Terroristen ausgebildet.
Perspektiven für terroristische Beteiligung
Terrorismus ist ein wichtiges Instrument der libyschen
Außenpolitik. Libyen wird stets Terrorakte zur Durchsetzung seiner Ziele einsetzen, insbesondere wenn
Oberst Gaddafi der Auffassung ist, seine Beteiligung
plausibel dementieren zu können. Gaddafis Einsatz
und Unterstützung von Terroranschlägen als politisches Instrument strafen seine Bemühungen Lügen,
die Welt glauben machen zu wollen, er unterstütze
keine Terrorakte. Die für Terroranschläge verantwortlichen libyschen Regierungsvertreter sind weiterhin in
hochrangigen Ämtern. Im vergangenen Jahr benannte Gaddafi Ibrahim Bischari, den Leiter des libyschen
Nachrichtendienstes und Hauptdrahtzieher bei libyschen Terroranschlägen in den achtziger Jahren zum
libyschen Außenminister.
Gaddafi und Entführungen
Daß Gaddafis Erklärungen nur Worthülsen sind, wird
am besten durch Libyens andauernde Beteiligung an
Entführungen illustriert, obgleich er dies stets weit von
sich weist. 1978 entführten libysche Agenten des
Nachrichtendienstes Imam Mussa Sadr, den geistigen
Führer der libanesischen Schiiten unmittelbar nach
dessen Ankunft in Tripolis. Mussa Sadr starb in der
libyschen Gefangenschaft. Während der achtziger
Jahre dementierte Gaddafi öffentlich die illegale Festsetzung von Geiseln durch Extremistengruppen im
Libanon. Dennoch bezahlte und veranlaßte Libyen im
April 1986 die Ermordung von drei westlichen Geiseln
im Libanon, unter anderem des Amerikaners Peter
Kilburn. Im November 1987 entführte die Abu Nidal
Organisation (ANO) die Jacht "Silco" in internationalen
Gewässern. Die Geiseln - belgische und französische
Staatsbürger - wurden nach und nach freigelassen,
die letzte erst im Januar 1991. Die Jacht wurde auf
Anweisung des libyschen Nachrichtendienstes von
Elementen der ANO entführt und einige der Geiseln
wurden sogar auf libyschem Boden festgehalten.
Vergleich zwischen Gaddafis öffentlichen
Erklärungen zu Terrorismus und den Tatsachen
Behauptung: Libyen "lehnt Terrorakte einschließlich der Ermordung von friedlichen, unschuldigen alten Männern, Frauen oder Kindern weltweit ab, sei es an Bord eines Flugzeugs oder
andernorts". Inlandsdienst Tripolis, 5. September 1986.
Tatsache: Libyen stellte der Abu Nidal Organisation finanzielle und logistische Unterstützung
für die Entführung der Pan Am Maschine auf
dem Flug 073 nach Karatschi in Pakistan zur

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Verfügung, bei der 21 Passagiere getötet und
120 verwundet wurden. 5. September 1986.
Behauptung: Libyen leugnet die Beteiligung der
Provisional Irish Republican Army (PIRA) an
dem Bombenanschlag in Enniskillen (Nordirland), bei dem 11 Menschen starben und 65
verletzt wurden. JANA, 10. November 1987.
Tatsache: Französische Behörden fangen am
31. Oktober 1987 ein Schiff mit 150 Tonnen
Waffen und Sprengstoff ab, das von der libyschen Regierung bereitgestellt wurde und für
die PIRA in Irland bestimmt war. Vier frühere
Schiffsladungen gelangten erfolgreich an ihren
Bestimmungsort.
Behauptung: "Die große Dschamahiriah praktiziert weder Terrorismus, noch unterstützt sie
ihn". Oberst Gaddafi, 11. Februar 1988.
Tatsache: Am 21. Dezember explodierte die
Pan Am Maschine 103 über Schottland. Dabei
wurden 259 Personen an Bord und 11 Einwohner von Lockerbie getötet. Die libysche Beteiligung steht außer Frage.
Behauptung: Libyen "bekräftigt nach wie vor,
daß es Terrorismus öffentlich verurteilt und
ablehnt". JANA, 9. April 1989.
Tatsache: Auf Anweisung hochrangiger Regierungsvertreter in Tripolis verüben libysche
Agenten einen Sabotageakt gegen Flug 772 der
UTA. Die Maschine explodiert über Niger, wobei
alle 171 Menschen an Bord ums Leben kommen. 19. September 1989.
Behauptung: In Bezug auf den PLF-Anschlag
auf Israel erklärt Libyen, es "bestehe keine
Verbindung zwischen Libyen und dieser Operation". JANA, 6. Juni 1990.
Tatsache: Libyen hat den Anschlag der PLF auf
Israel vom 30. Mai 1990 materiell unterstützt,
der von der libyschen Küste aus verübt wurde,
indem es den Beteiligten umfangreiche Ausbildung, militärisches Gerät sowie Navigationsinstrumente zur Verfügung gestellt hat.
Behauptung: Gaddafi erklärt der ägyptischen
Presse im Juni 1991, daß "Abu Nidal überhaupt
nicht operiert. Die Welt hat seit Jahren nichts
mehr von ihm gehört... Abu Nidal ist nicht in
Libyen."
Tatsache: Die ANO hat weiterhin ihr Hauptquartier in Tripolis und von Abu Nidal selbst wei ß
man, daß er sich mit Oberst Gaddafi getroffen
hat. November 1991.

AMERIKA DIENST 47

�Die libysche Benutzung terroristischer
Frontorganisationen
Aufgrund der öffentlichen Bloßstellung der Rolle der
Libyschen Volksbüros im internationalen Terrorismus
zu Beginn der achtziger Jahre hat Libyen in den
vergangenen Jahren einige seiner terroristischen
Unterstützungsoperationen auf andere Institutionen
verlagert. Zu diesen Institutionen gehören die Islamic
Call Society, Studentenorganisationen und Freundschaftsgesellschaften sowie libysche Tarnunternehmen. Durch den Einsatz zahlreicher Organisationen
ist Libyen in der Lage, seine Aktivitäten selbst nach
Enttarnung einer Gruppe fortzusetzen.
Scheinfirmen bieten libyschen Agenten Deckmantel
und Täuschungsmöglichkeiten. Einige dieser Unternehmen wurden wahrscheinlich als legitime Firmen
gegründet und danach durch Erpressung zur Zusammenarbeit mit den libyschen Nachrichtendiensten
gezwungen. Die Scheinfirmen stellen in der Regel
eine Partnerschaft mit einheimischen Bürgern her, um
ihre Tarnung zu verbessern. Die Partner dieser Firmen wissen selten, daß sie es mit libyschen Geheimdienstagenten oder libyschen Geschäftsleuten zu tun
haben, die ihre Befehle von der libyschen Regierung
erhalten.
Zu den libyschen Scheinfirmen, die mit Sicherheit
mittelbar oder unmittelbar an terroristischen Operationen des vergangenen Jahrzehnts beteiligt waren,
gehören Exo-Commerce sowie Sarra oder Sarrah. So
hat zum Beispiel die in Benin ansässige Firma Sarrah
Ende der achtziger Jahre unter dem Deckmantel
"legitimer" Geschäftstätigkeit Waffen und Sprengstoff
für terroristische Aktionen in benachbarte afrikanische
Länder geschmuggelt. Eine weitere Tarnorganisation,
die Germa Shipping and Stevedoring Company mit
Sitz in Griechenland besaß das Schiff Tiny Star, das
am 30. Mai 1990 für einen Angriff der PLF auf Israel
benutzt wurde, der von einem libyschen Hafen ausgegangen war.
Darüber hinaus dienen weitere Unternehmen als
Handlanger des libyschen Nachrichtendienstes. Neutron
International wird von Musbah Warfalli geleitet, einem
Planer libyscher Anschläge auf libysche Dissidenten in
den frühen achtziger Jahren. Die Libyan Arab Foreign
Investment Company (LAFICO) befindet sich vollständig im Besitz des libyschen Staates und wird bisweilen
vom libyschen Nachrichtendienst als Tarnung eingesetzt. Die General Arab African Company ist eine
weitere Handelsfirma, die als Tarnunternehmen des
libyschen Nachrichtendienstes im gesamten Afrika
südlich der Sahara dient.
Selbst libysche Geschäftsleute, die nicht sofort mit
dem libyschen Geheimdienst oder einer Tarnfirma in
Zusammenhang gebracht werden, wurden für Operationen benutzt. So nahm zum Beispiel die Regierung

AMERIKA DIENST 47

des Tschad im Januar 1991 zwei sich als Geschäftsleute ausgebende libysche Agenten fest, die offenbar
versuchten, Sprengstoff nach Ndjamena zu schmuggeln. Wir haben Grund zu der Annahme, daß zahlreiche weitere libysche Geschäftsleute und Unternehmen weltweit Verbindungen zum libyschen Nachrichtendienst unterhalten.
Die im Staatsbesitz befindliche libysche Fluglinie Libyan Arab Airlines (LAA) bietet Passagier- und Frachtdienste nach Europa, Afrika und dem Nahen Osten an.
Obwohl ihre Aktivitäten an sich legitim sind, wurde die
LAA benutzt, um Waffen, Sprengstoff und Terroristen
zu transportieren. Zu den Libyern, die in Zusammenhang mit Waffenlieferungen an die PI RA von 1985 bis
1987 beschuldigt werden, gehört auch ein Mitarbeiter
der LAA. Ein LAA-Flug wurde im August 1986 bei der
Flucht von sechs Terroristen benutzt, die für den
Anschlag auf den britischen Stützpunkt in Akrotiri
(Zypern) am 3. August verantwortlich gemacht werden. Die sechs waren als Mitglieder der Besatzung
getarnt, und der Kapitän der Maschine machte den
Flughafenbehörden gegenüber falsche Angaben über
die Anzahl des Personals, um ihre Anwesenheit zu
vertuschen. Die Fluglinie ist weiterhin in einer guten
Position, um Anschläge zu unterstützen, insbesondere da mindestens 30 Prozent der im Ausland stationierten LAA-Mitarbeiter Agenten des libyschen Nachrichtendienstes sind.
Die von den Libyern zur Propagierung des Islam
geschaffene Islamic Call Society (ICS) wird für legitime
religiöse Zwecke eingesetzt, aber Gaddafi benutzt
daneben den philantropischen Ruf der Organisation,
um sein terroristisches Programm zu fördern. Das
ICS-Büro in Curacao unterstützte Separatisten, die in
Cayenne (Französisch Guayana) im Januar 1987 einen
Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude verübten. Während eines Großteils der achtziger Jahre
benutzte Tripolis das Büro der Call Society in Cotonou
(Benin) zur Rekrutierung und Finanzierung von Terroristen in der Region.
Die Libyer setzen ferner Reisebüros in der ganzen
Welt ein, um Reisen einheimischer Terroristen nach
Libyen zur weiteren Ausbildung zu erleichtern. Das
Reisebüro bucht dabei für gewöhnlich Dissidenten/
Terroristen auf Routen über Drittländer, damit deren
eigentlicher Bestimmungsort - libysche Ausbildungslager für Terroristen - unentdeckt bleibt.
Der UTA-Flug 772
Am 30. Oktober 1991 erließ ein französischer Richter
internationalen Haftbefehl gegen vier libysche Regierungsvertreter wegen ihrer Rolle beim Bombenanschlag auf UTA-Flug 772 im September 1989. Die
Maschine auf dem Flug von Brazzaville (Kongo) nach
Paris über Ndjamena (Tschad) explodierte über der
Wüste im Südwesten von Niger. Dabei wurden alle
171 Passagiere und Besatzungsmitglieder getötet.

Seite 5

�Unter den Passagieren waren sieben Amerikaner,
darunter die Frau des amerikanischen Botschafters im
Tschad. Neben den Haftbefehlen gegen Abdallah
Senussi (ein Verwandter von Gaddafi und stellvertretender Kommandeur der libyschen Nachrichtendienste), Najili Ibrahim (ein Untergebener Senussis), Abd
El-Asragh und Abbas Musbah (ein Vertreter der libyschen Dienste in Brazzaville) erließ der Richter internationale Fahndungsgesuche gegen Mussa Kussa
(Leiter des AIC und Stellvertretender Außenminister)
und Abd El-Salam Sadma. Al-Asragh, der Erste
Sekretär des libyschen Volksbüros in Brazzaville, wird
beschuldigt, den Sprengstoff geliefert und drei Kongolesen rekrutiert zu haben, um eine Kofferbombe in der
Maschine unterzubringen. Zwei dieser drei Personen
sind zur Zeit in Haft - einer in der Volksrepublik Kongo,
der andere in Zaire.
Wie Libyen Terroristen finanziert
Die Libyer benutzen eine Reihe von Mechanismen, um
terroristische Gruppierungen zu finanzieren:
Tripolis verteilt häufig Geld an Terroristen, die
zur Ausbildung im Lande sind. Praktisch alle in
Libyen ausgebildeten aktiven Terroristen erhalten mindestens Reisegeld sowie eine kleine
Summe für persönliche Ausgaben.
Libysche Volksbüros und das AIC werden für
die Weitergabe von Geldern an Terroristen
eingesetzt.
Radikale palästinensische Gruppen erhalten
häufig libysche Mittel über Bankkonten, insbesondere im Nahen Osten.
In seltenen Fällen haben die Libyer Kuriere
eingesetzt, um Geld an terroristische Organisationen zu übermitteln. Die Übergabe findet für
gewöhnlich in einem Drittland statt.
Libysche Ausbildungslager
Libyen bildet seit den frühen siebziger Jahren Palästinenser und andere Terroristen im Land selbst aus.
Neben zwei Haupteinrichtungen in Tripolis und Umgebung haben die Libyer in den vergangenen beiden
Jahrzehnten kleinere, über das gesamte Land verteilte
Ausbildungslager betrieben. In einigen Fällen wurden
Terroristen auf libyschen Militärstützpunkten ausgebildet. So wurden zum Beispiel im Jahr 1988 Mitglieder
der radikalen Palästinensergruppe Volkskampffront
(Populär Struggle Front) auf einem Luftwaffenstützpunkt in der Region Aouzou ausgebildet. Mitglieder
der Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommand sind mit Sicherheit auch in libyschen Militärlagern ausgebildet worden.
Zu den nichtpalästinensischen Gruppierungen, die in
den letzten Jahren in Libyen ausgebildet wurden,
gehören die ecuadorianische Alfaro Vive, CarajoOrganisation, die M-19 aus Kolumbien, die HaitianiSeite 6

sche Befreiungsorganisation, die Patriotische Front
Manuel Rodriguez aus Chile, die Armenische Geheimarmee für die Befreiung Armeniens und die Japanische Rote Armee.
Terroristen aus Asien, Lateinamerika und Afrika begeben sich häufig legal zur Ausbildung nach Libyen,
indem sie sich als Studenten ausgeben. Bisweilen
reisen Bürger aus Staaten der dritten Welt zu ihrer
Meinung nach legalen AusbHdungszwecken nach Libyen,
etwa zur technischen und religiösen Ausbildung. Bei
ihrer Ankunft werden sie dann jedoch am Flughafen
von Soldaten in Empfang genommen, auf einen Lastwagen verfrachtet und zu einem Ausbildungslager für
Terroristen/Dissidenten transportiert. Diejenigen Studenten, die sich libyschen Ouvertüren gegenüber
ablehnend verhalten, werden umgehend des Landes
verwiesen und als unwürdige Studenten gebrandmarkt.
Extremisten reisen auch auf anderen Wegen nach
Libyen. So fuhren etwa im Jahr 1987 Radikale aus
Mauritius nach Tripolis, wo sie angeblich an einer
Jugendkonferenz teilnahmen. Statt dessen begaben
sie sich in ein Ausbildungslager für Terroristen.
Anhang
Libysche Unterstützung des Terrorismus seit dem
15. April 1986
Sommer 1990 - Libyen stellt der Haitianischen Befreiungsorganisation 20.000 Dollar zur Verfügung, um
einen Anschlag auf die Amerikanische Botschaft in
Port-au-Prince zu verüben. Haitianische Vertreter
verhaften zwei der Agenten bevor sie den Anschlag
verüben können.
Mai 1990 - Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront versuchen, Israel von See her anzugreifen;
vier werden getötet und 12 gefangengenommen. Die
Libyer sind an allen Teilen der vereitelten Operation
beteiligt und liefern moderne Ausrüstung, Navigationshilfen, Know-how bei der Planung sowie die Waffen,
die beim Angriff benutzt werden.
März 1990 - Eine Bombe explodiert im zweiten Stock
des Hilton Hotels in Addis Abeba (Äthiopien). Die
Detonation ereignet sich etwa 50 Meter von der Suite
des israelischen Botschafters entfernt. Die äthiopische Regierung verweist danach zwei libysche Diplomaten wegen ihrer Verwicklung in die Tat des Landes.
September 1989 - Eine Bombe explodiert auf dem
UTA-Flug 772 über dem Niger. Alle 171 Passagiere
und Besatzungsmitglieder an Bord werden getötet.
Die französische Untersuchung des Vorfalls kommt zu
dem Schluß, daß die Operation von Libyen geplant
und vom libyschen Volksbüro in Brazzaville durchgeführt wurde. Die Franzosen haben internationale
Haftbefehle gegen vier libysche Regierungsvertreter
wegen Beteiligung an dem Anschlag erlassen.

AMERIKA DIENST 47

�April 1989 - Fünf Personen - darunter zwei Amerikaner - werden verletzt und mehrere Fahrzeuge beschädigt, als eine Bombe in der Nähe des Haupteingangs
zum US-Costa Rican Binational Cultural Center in San
Jose (Costa Rica) detoniert. Die Santa Maria Patriotic
Organisation führt diesen Anschlag durch, ihre Mitglieder wurden in Libyen ausgebildet.
Dezember 1988 - Eine Maschine der Pan Am explodiert auf Flug 103 über Schottland. Alle 259 Personen
an Bord, darunter 189 Amerikaner, kommen dabei
ums Leben. Elf Einwohner von Lockerbie werden
getötet.
Juli 1988 - Terroristen der Abu Nidal Organisation
(ANO) greifen das griechische Kreuzfahrtschiff City of
Porös mit Maschinengewehren und Handgranaten an.
Neun Personen werden getötet und nahezu 100 verletzt. Die benutzten Waffen wurden von Libyen geliefert, und die Terroristen waren mit libyschen Pässen
nach Griechenland eingereist.
April 1988 - Von Libyen unterstützte Terroristen sind
am Bombenanschlag auf eine Kommunikationseinrichtung der amerikanischen Luftwaffe bei Humosa
(Spanien) beteiligt.
Februar 1988 - Zwei bekannte libysche Terroristen
werden zusammen mit einem senegalesischen Staatsangehörigen in Dakar (Senegal) wegen Sprengstoffund Waffenbesitz festgenommen.
Dezember 1987 - Ein Sprengsatz detoniert in der
USO-Lounge in Barcelona. Dabei wird ein amerikanischer Marineangehöriger getötet, neun Personen werden
verletzt. Eine fiktive Gruppe bezichtigt sich des Anschlags. Die Untersuchung belastet jedoch Libyen als
Urheber der Operation.
November 1987 - Die ANO entführt die Jacht "Silco" in
internationalen Gewässern des Mittelmeers. Die "Silco" hat acht belgische und französische Staatsbürger
an Bord. Die letzten Geiseln werden am 21. Januar
1991 freigelassen. Der libysche Nachrichtendienst ist
bei der ANO-Aktion federführend.
Oktober 1987 - Der französische Zoll stoppt die "Eksund",
ein französisches Schiff, das 150 Tonnen Waffen und
Sprengstoff für die Provisional Irish Republican Army
an Bord hat. Zur Ladung gehören Boden-Luft-Raketen
sowie der Plastiksprengstoff Semtex. Vier frühere
Ladungen erreichen in den Jahren 1986 und 1985
ungehindert ihren Bestimmungsort.
Oktober 1987 - Eine Bombe explodiert im Büro von
World Vision, einer privaten amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation in Moudou (Tschad). Niemand
wird verletzt. Der Sprengsatz wird angeblich von
Terroristen gelegt, die vom libyschen Volksbüro in
Cotonou (Benin) unterstützt wurden.

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Juni 1987 - Zwei Libyer erschießen einen libyschen
Dissidenten in Rom. Die Killer werden verhaftet. Sie
bezeichnen sich selbst als Mitglieder des "libyschen
Revolutionskomitees".
Mai 1987 - Zwei Killer versuchen, einen prominenten
libyschen Dissidenten in Wien zu ermorden. Einer der
Täter verliert bei der Flucht seinen libyschen Paß.
April 1987 - Zwei Araber verwunden einen Stabsfeldwebel der britischen Armee und seinen Begleiter bei
einer Autofahrt nahe Limassol (Zypern) durch Schüsse. Zwei später aufgrund dieser Tat verhaftete Araber
werden als von Libyen unterstützte Terroristen identifiziert.
März 1987 - Eine Bombe explodiert auf der KousseriBrücke, die Kamerun und den Tschad verbindet. Der
Zeitzünder wurde zu früh eingestellt, so daß der Bombenleger, ein Bürger des Tschad, der für die Libyer arbeitete, getötet wurde.
März 1987 - Eine Bombe explodiert im Cafe "L'Historir
in Dschibuti. Dabei werden 11 Personen getötet und
über 50 verletzt. Die von Libyen unterstützte Volkskampffront begeht diesen Anschlag, da Libyen gedroht hat, ihr die finanzielle Unterstützung zu entziehen.
Januar 1987 - Eine Bombe explodiert in einem Regierungsgebäude von Cayenne in Französisch Guayana.
Die von Libyen geleitete Islamic Call Society in Curacao unterstützt Dissidenten aus Guayana bei der
Ausführung dieses Anschlags.
Januar 1987 - Ein libyscher Geschäftsmann und offener Kritiker von Oberst Gaddafi wird von zwei wahrscheinlich libyschen Killern außerhalb Athens erschossen.
September 1987 - Libyen liefert Sprengstoff, der bei
einem Angriff der ANO auf die Neve-Shalom-Synagoge in Istanbul verwendet wird. Dabei kommen 21
Menschen ums Leben.
September 1986- Im Verlauf einer versuchten Entführung von Flug 73 der Pan Am in Karatschi töten
Terroristen der ANO 21 Personen, darunter zwei
Amerikaner. 120 Menschen werden verletzt. Das
libysche Volksbüro in Islamabad unterstützte zumindest einen der Entführer durch Bereitstellung von
Reisedokumenten.
August 1986 - Terroristen greifen den britischen Luftwaffenstützpunkt in Akrotiri (Zypern) mit Mörsern,
raketengetriebenen Granaten und Handfeuerwaffen
an und verwunden dabei zwei britische Staatsbürger.
Die sechs Terroristen entkommen als vermeintliche
Besatzungsmitglieder eines Fluges der Libyan Arab
Airlines. Der Kapitän machte den Flughafenbehörden

Seite 7

�gegenüber falsche Angaben zur Anzahl der Besatzung, um ihre Anwesenheit zu verschleiern. Femer
zeigen Markierungen auf nach dem Anschlag aufgefundenen Mörserteilen, daß die Waffen Teil zweier
getrennter Lieferungen sind, die in den Jahren 1976
und 1977 an Libyen gegangen waren.
Juni 1986 - Ein gegen Oberst Gaddafi eingestellter
libyscher Geschäftsmann wird in Versailles von libyschen Killern erschossen.

April 1986 - Zwei Libyer werden unweit des USOffiziersklubs in Ankara festgenommen, als sie im
Begriff sind, einen Anschlag mit sechs in der Sowjetunion hergestellten Splittergranaten zu begehen, die
sie vom libyschen Volksbüro erhalten haben.
April 1986 - Libyen organisiert den Mord an einer
amerikanischen und zwei britischen Geiseln im Libanon.

April 1986 - Libyen steht mit den Schüssen auf einen
April 1986 - Libyen steht hinter der Erschießung eines amerikanischen Diplomaten in Khartum in Verbindung.
Diplomaten der US-Botschaft in Nordjemen.
* *

Seite 8

* *

AMERIKA DIENST 47

�TERRORISMUS
27. November 1991

IRANER UND PFLP: DIE ERSTEN VERDÄCHTIGEN
NACH DEM SPRENGSTOFFANSCHLAG
VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die vorherrschende Hypothese im Fröhstadium der
Ermittlungen nach dem Bombenanschlag auf Flug 103
der Pan Am basierte auf Hinweisen, denen zufolge der
Anschlag Ergebnis gemeinsamer Planungen des Korps
der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) und der
Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC) war:
Zuverlässige Geheimdienstberichte deuteten
darauf hin, daß die PFLP-GC und Elemente der
iranischen Regierung als Vergeltung für den
versehentlichen Abschuß einer iranischen
Passagiermaschine durch ein US-Kriegsschiff
im Juli 1988 einen Anschlag auf ein amerikanisches Ziel planten.
Am 26. Oktober 1988 verhaftete die deutsche
Polizei eine von Hafis Dalkamoni geführte Zelle
der PFLP-GC. Die Polizei fand in Dalkamonis
Pkw einen Sprengsatz, der gezielt für den Einsatz gegen ein ziviles Flugzeug gebaut worden
war. Dazu gehörte ein mit einem Höhenmesser
verbundener Schalter, der gewährleistete, daß
die Bombe nach Erreichen der normalen Flughöhe detonieren würde und kurzfristige Luftdruckschwankungen während der Sicherheitskontrolle im Flughafen keine vorzeitige Explosion auslösen würden.
Frühzeitige Erkenntnisse bei den Ermittlungen
im Fall von Pan Am 103 deuteten darauf hin,
daß die Bombe ebenso wie im Falle des in
Dalkamonis Auto gefundenen PFLP-GC-Sprengsatzes in einem Kofferradio der Marke Toshiba
untergebracht war und aus weniger als 500
Gramm PETN und RDX bestand - der beiden
Komponenten, die bei SEMTEX-H Verwendung
finden.
Die Ermittler kamen zu dem Schluß, daß sich
der Koffer mit dem Sprengsatz in einem Gepäckcontainer befand, der umgeladenes Ge-

AMERIKA DIENST 47

päck eines Zubringerflugs aus Frankfurt enthielt
- dem Ort, an dem im Oktober 1988 ein Großteil
der Aktivitäten der PFLP-GC konzentriert war.
Mit der Zeit wurde jedoch die erste Theorie, wonach die
PFLP-GC in den Anschlag von Lockerbie verwickelt
war, durch neues Beweismaterial erschüttert. Die
Ermittlungen wurden in folgende Richtungen fortgeführt:
Es wurde herausgefunden, daß sich das in
Dalkamonis Pkw entdeckte Toshiba-Radio mit
der Bombe dem Aussehen nach wesentlich von
dem Radio unterschied, das den technischen
Experten zufolge den Sprengsatz von Pan Am
103 enthielt.
Zusammen mit dem Sprengsatz von Lockerbie
verpackte Kleidungsstücke waren am oder um
den 7. Dezember 1988 in Malta gekauft worden.
Darüber hinaus zeigten Unterlagen des Frankfurter Flughafens, daß der Koffer mit dem Sprengsatz als unbegleitetes Gepäckstück von einem
Flug der Air Malta, der Valletta am Morgen des
Anschlags verlassen hatte, in einen Zubringerflug zu Pan Am 103 umgeladen wurde.
Im Juni 1990 wurde entdeckt, daß der Sprengsatz von Lockerbie im Gegensatz zu den Sprengsätzen der PFLP-GC, die Höhenmesserschalter und relativ primitive Zeitzünder verwendeten, durch einen hochmodernen Zeitzünder
ausgelöst wurde. Ferner fanden wir heraus,
daß der Zeitzünder von Lockerbie im Jahr 1985
nach Libyen geliefert worden war und daß zwei
libysche Terroristen mit einem identischen Zeitzünder im Februar 1988 im Senegal verhaftet
worden waren.
An der Absturzstelle der Pan Am 103 wurden
keinerlei Hinweise darauf gefunden, daß die
Terroristen einen mit einem Höhenmesser verbundenen Schalter benutzten.
Seite 1

�Zusammspiei verschiedener staatlicher Förderer?

Libyen Anschläge auf Flugzeuge zur gleichen Zeit
plante, zu der die Zelle der PFLP-GC in Deutschland
Heute machen wir die libysche Regierung für den ihre Sprengsätze baute. Tripolis wußte ferner um die
Anschlag von Lockerbie verantwortlich. Wir können Verbindung der PFLP-GC mit dem Iran - und es war
eine umfassendere Verschwörung zwischen Libyen selbst während des iranisch-irakischen Krieges ein
und anderen Regierungen oder terroristischen Organi- enger Verbündeter Teherans.
sationen nicht ausschließen. Die zur Verfügung stehenden Informationen untermauern diesen Schluß Syrien, der wichtigste politische Förderer der PFLPjedoch nicht. Wir gehen davon aus, daß Libyen - die GC und ein weiterer starker Verbündeter des Iran, war
Hauptquelle finanzieller Unterstützung der PFLP-GC zumindest im weiteren Sinne über die Bündnisse und
in den achtziger Jahren - wahrscheinlich von den Operationen der PFLP-GC informiert. Trotz dieser
früheren Plänen Dalkamonis für Bombenanschläge Verbindungen besitzen wir keine Informationen über
gegen Flugzeuge wußte. Die Aktivitäten, die im Herbst eine direkte Zusammenarbeit von Iran, Syrien und
1988 von den Libyern durchgeführt wurden, die unmit- Libyen zur Unterstützung der geplanten Bombenantelbar für den Anschlag von Lockerbie vom Dezember schläge der PFLP-GC auf Flugzeuge oder des liby1988 verantwortlich waren, deuten darauf hin, daß schen Sprengstoffanschlags von Lockerbie.

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Seite 2

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AMERIKA DIENST 47

�TERRORISMUS
27. November 1991

LIBYSCHER TERRORISMUS UND PAN AM-FLUG 103
Kommentar der Stimme Amerikas
WASHINGTON -(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen am 15. November 1991 von der Stimme Amerikas
gesendeten Kommentar zur Sicht der US-Regierung.

Nach umfangreichen Ermittlungen sind die Vereinigten Staaten zu dem Schluß gelangt, daß die libysche
Regierung für den Sprengstoffanschlag auf ein amerikanisches Verkehrsflugzeug über Lockerbie (Schottland) verantwortlich ist. Bei der Explosion kamen alle
259 Personen an Bord der Pan Am-Maschine auf dem
Flug 103 sowie 11 Einwohner von Lockerbie ums
Leben.
In dieser Woche haben amerikanische und britische
Behörden Haftbefehle gegen zwei Libyer wegen ihrer
Beteiligung an dem Sprengstoffanschlag erlassen.
Die Anklage gründet sich auf zwingende Beweise, die
Abd el-Bassit Ali el-Mikrahi, einen hochrangigen Agenten des libyschen Geheimdienstes, und Lamem Fuheimah, den ehemaligen Leiter des Büros der Libyan
Airlines in Malta, mit dem Koffer in Verbindung bringen,
der die Bombe enthielt.
Wie der Stellvertrende Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, jedoch betonte, war der
Anschlag keine "Einzeloperation. Eine Operation dieser
Größenordnung, an der Personen aus der unmittelbaren Umgebung der libyschen Führung beteiligt waren,
konnte nur mit Genehmigung hochrangiger libyscher
Regierungsvertreter durchgeführt werden." Boucher
erklärte, die Vereinigten Staaten machten "die libysche Regierung für die Ermordung von 270 Menschen
verantwortlich".
Wie das Au ßenministerium in einem kürzlich veröffentlichten Bericht darlegt, hat Libyen seit der Machtübernahme von Moammar Gaddafi vor 20 Jahren kontinuierlich den internationalen Terrorismus unterstützt.
Bereits 1972 bot Gaddafi extremistischen Bewegun-

gen öffentlich seine Unterstützung an - einschließlich
der Provisional Irish Republican Army und der Black
Power-Bewegung in den Vereinigten Staaten - sowie
Unterstützung aller Gruppen im Nahen Osten, die zu
einem Angriff auf Israel bereit seien. Gaddafi entsandte 1973 Terroristen nach Italien, um ein isrealisches
Verkehrsflugzeug abzuschießen und befahl bereits
1975 die Ermordung im Ausland lebender libyscher
Dissidenten. Anfang der achtziger Jahre nahm die libysche Beteiligung an Terrorakten zu. Tripolis stellte
Pässe für Mitglieder der Abu Nidal Organisation aus,
die im Dezember 1985 einen Anschlag auf einen Flugschalter der israelischen Fluggesellschaft im Wiener
Flughafen verübt hatten. Darüber hinaus unterstützte
Libyen den Sprengstoffanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle im April 1986, bei dem drei Menschen,
unter ihnen zwei amerikanische Soldaten, getötet
wurden.
Der Sprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater,
stellte fest, die Vereinigten Staaten "erwägen jetzt
ernsthaft, welche Maßnahmen im Hinblick auf Libyen
zu ergreifen sind". Er fügte hinzu, Präsident Bush "wird
enge Konsultationen mit dem britischen Premierminister John Major und anderen Staats- und Regierungschefs führen, um gemeinsam eine kooperative internationale Reaktion auf diese terroristische Greueltat der
Regierung Gaddafi zu erarbeiten". "Obwohl nichts die
Menschen wieder zum Leben erwecken kann, die bei
dem Sprengstoffanschlag auf die Pan Am-Maschine
ihr Leben lassen mußten", betonte Fitzwater, haben
sich die Vereinigten Staaten verpflichtet, "alles in ihrer
Macht Stehende zu tun, damit Gerechtigkeit waltet und
solche Terrorakte in Zukunft verhindert werden".

* * * *

AMERIKA DIENST 47

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Seite 1

�DROGEN
27. November 1991

MARTINEZ FORDERT EUROPÄER AUF,
SICH DEM DROGENPROBLEM ZU STELLEN
Rede in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - Gouverneur Robert Martinez hat im Zuge seiner Bemühungen um verstärkte Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern beim Kampf gegen Drogen erklärt, es sei jetzt an der Zeit, "unser Bündnis
bei der Bekämpfung dieses internationalen Problems zu erweitern". Der Direktor des Amts für nationale
Drogenbekämpfungspolitik verwies in seiner Rede vor dem Rat für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des
Zollwesens (CCC) in Brüssel am 20. November 1991 auf eine Studie des Europaparlaments, derzufolge über
die Hälfte der in Europa verübten Verbrechen mit Drogen in Zusammenhang stehen. Dies sollte, so stellte er
fest, "Motivation genug sein, um Ihre Bemühungen fortzusetzen".
Die abnehmende Nachfrage in den Vereinigten Staaten habe die Drogenhändler bereits dazu veranlaßt, nach
neuen Märkten Ausschau zu halten - "neuen Märkten in Europa, Lateinamerika und Asien. Wie wir... beobachten
konnten, sind große Mengen an Drogen zu Billigpreisen das Rezept für eine Drogenepidemie", erklärte Martinez
in diesem Zusammenhang.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gouverneur Martinez im Wortlaut.
Seit meiner Bestätigung als Drogenbeauftragter Präsident Bushs habe ich eine Reihe von Auslandsreisen
durchgeführt. Meine früheren Reisen, insbesondere
nach Lateinamerika, dienten dazu, die Hilfe meines
Landes zur Eindämmung des Angebots an Drogen zu
erweitern - eines Angebots, von dem heute kein Land
verschont bleibt. Präsident Bush hat ein historisch
einmaliges Verhältnis mit Lateinamerika aufgebaut,
um dieses Ziel zu erreichen. Meine Reise nach
Europa, in deren Rahmen ich mit dieser angesehenen
Gruppe zusammentreffe, gilt jedoch einem anderen
Problemfeld, dem ich mich noch nicht gewidmet habe.
Heute spreche ich zu den Drogenverbraucherländern
als Vertreter des größten Verbraucherlands. Für uns
ist das Problem weniger das Angebot, obwohl Ihr
Gremium natürlich ein Interesse an der Eindämmung
des Angebots sämtlicher Drogen hat. Das Problem
besteht für die meisten unserer Länder darin, aus
unser aller Erfahrungen zu lernen, um unser schädliches Verlangen nach Drogen zu reduzieren.
Ich möchte jedoch ein noch tiefergehendes Problem
ansprechen - letzteres kann jedoch weder von dieser
Konferenz noch von der heutigen Generation politisch
Verantwortlicher gelöst werden. Ich muß dieses Problem aufgrund des besonderen historischen Verhältnisses zwischen unseren Ländern hier in Europa erörtern. Die hier vertretenen Staaten kämpfen nicht um
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eine demokratische Regierungsform - wir sind die
Staaten, in denen die Demokratie blüht und gedeiht.
Unsere Verfassungssysteme, die einst Experimente
waren, sind heute beispielhaft. Wir streben nicht nach
dem Ziel der demokratischen Regierung - wir setzen
den Standard. In Dschungeln und Wüsten überall auf
der Welt kämpfen Männer und Frauen heute für das,
was uns als selbstverständlich gilt. Die Menschen
Osteuropas haben Jahrzehnte gewartet, um einen
Geschmack von der für uns normalen Freiheit zu
bekommen.
Aus diesem Grund erhält meine Reise nach Europa
eine tiefere Bedeutung. Ich kann Ihnen erklären, was
wir Amerikaner aus harten Erfahrungen gelernt haben:
Drogenmißbrauch ist eine unmittelbare und besondere Bedrohung der demokratischen Regierungsform.
Er zerstört den Charakter unserer Bürger. Er führt zu
sozialer Entwurzelung. Er schädigt die Traditionen
des zivilisierten Umgangs miteinander und der Selbstkontrolle, die freien Gesellschaftssystemen Stabilität
verleihen. Er zerreißt Gemeinschaften und Familien.
Er bedeutet enorme Lasten für unser Gesundheitswesen.
So zerstörerisch Drogenmißbrauch für unsere Gesellschaften ist - der Drogenhandel ist eine noch größere
Bedrohung für Länder, die nach demokratischer Regierung streben. Der Drogenhandel bedeutet eine
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�direktere Bedrohung der aufstrebenden Demokratien
in der Welt. Ernte und Produktion von Rauschgift
zerstören viele Morgen fruchtbaren Landes. Drogendollar verzerren und untergraben ihre im Aufbau befindlichen Volkswirtschaften. Demokratien befinden
sich im Belagerungszustand. Die Waffen der Killer
fordern das Leben zahlreicher Richter, Politiker und
Führungskräfte. Und die politisch Verantwortlichen
jener Länder haben reagiert, da sie sich der Tatsache
bewußt wurden, daß die Freiheiten, für die sie so lange
gekämpft hatten, bedroht waren. Die amerikanischen
Beziehungen zu vielen Verbündeten in Drogenproduktionsländem haben sich von Ablehnung zu Zusammenarbeit gewandelt. Wo wir dereinst mit den Fingern
aufeinander zeigten, gehen wir heute Seite an Seite.
Wo wir einst kritisierten, verhandeln wir heute über die
Probleme, denen wir uns gemeinsam stellen müssen.
Wo wir einst zueinander sagten, es waren Ihre Bürger,
die das Drogenproblem geschaffen haben, erklären
wir heute, daß Drogen jedermanns Problem und wir
bereit sind, es gemeinsam zu lösen.
Bei meinem Aufenthalt in Europa, in dessen Rahmen
ich Gedanken zu Strafverfolgung sowie Angebotsreduzierung austauschen möchte, geht es also um mehr
als die Verfeinerung unsere Maßnahmen zur Drogenbekämpfung. Vor dem Hintergrund dieses politischen
Problems lautet die tief ergehende Frage, wie die Völker der Welt mit den Vorzügen der Freiheit umgehen
werden. Wir müssen uns fragen: wie werden wir
zusammenarbeiten - zur Reduzierung von Angebot
und Nachfrage illegaler Drogen -, um die Dauerhaftigkeit dieser Vorzüge sicherzustellen?
Diese Frage bildet den Kern meiner heutigen Botschaft: Drogenmißbrauch und -handel sind eine internationale Bedrohung, der wir uns gemeinsam stellen
müssen, weil das Drogenproblem auf vielfältige Art
und Weise unsere Demokratien gefährdet. Die Geißel
des Kokains, Heroins, Marihuanas und anderer Drogen hat sich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von
Kontinent zu Kontinent ausgebreitet. Wir alle werden
uns immer stärker bewu ßt, da ß keine Gesellschaft von
dem Elend verschont bleibt, das mit Drogenherstellung und -mißbrauch einhergeht. Ich bin nicht nach
Europa gekommen, um Trübsinn zu verbreiten, künftiges Unheil oder verstärkten Drogenkonsum auf diesem Kontinent vorherzusagen - alle hier Versammelten wissen um diese Gefahren. Aber ich möchte den
CCC darüber informieren, welche Erfahrungen die
Vereinigten Staaten bei der Konfrontation mit dieser
Bedrohung sowie bei der Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur Beseitigung des Drogenhandels
gewonnen haben.
Als Präsident Bush sein Amt antrat, waren Drogen in
den Vereinigten Staaten ein kritisches nationales und
internationales Problem. Drogenkonsum führte zu
Blutvergießen auf unseren Straßen, beraubte Mütter
ihrer Söhne und brach die Herzen vieler Familien.

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Präsident Bush gelobte, dieser Bedrohung in den
Vereinigten Staaten und im Ausland den Garaus zu
machen.
Wir haben diese Versprechen mit einer umfassenden
Strategie untermauert, die im In- und Ausland Drogenhandel und -konsum auf breiter Front in Angriff nimmt.
Wenn sich die Vereinigten Staaten ausschließlich nur
auf ein Element des Drogenphänomens konzentrieren
würden, wären unsere Bemühungen zum Scheitern
verurteilt. Wie alle Demokratien dies tun sollten,
begannen wir unseren Kampf gegen dieses Problem
im Inland beim einzelnen Bürger. Unsere innenpolitische Strategie ist sowohl weitreichend als auch bemerkenswert einfach - Reduzierung des Drogenkonsums durch Strafverfolgung, Überzeugungsarbeit und
Therapie. Strafverfolgung, Aufklärung und Therapie
stehen in keinem Spannungsverhältnis zueinander,
sie sind einander ergänzende Kräfte, die die Nachfrage nach Drogen reduzieren.
Wir haben uns in den Vereinigten Staaten dem zerstörerischen Verlangen nach Drogen gestellt. Um unsere
Verpflichtung zur Verringerung der Nachfrage nach
Drogen in den Vereinigten Staaten zu erfüllen, haben
wir die Verantwortung - und die Folgen - dem einzelnen
Konsumenten auferlegt. Wenn die Konsumenten die
Botschaft der Vernunft nicht beherzigen, dann müssen
sie um die Folgen wissen. Das Konzept der Rechenschaftspflicht des Konsumenten ist meines Erachtens
im Wesensgehalt einer freien Gesellschaft verankert daß der einzelne Entscheidungsfreiheit haben muß
und für die von ihm getroffene Entscheidung verantwortlich ist.
Wir konzentrieren so viel Aufmerksamkeit auf den
Gelegenheitskonsumenten, weil unserer Ansicht nach
der Gelegenheitskonsument der wichtigste Verbreiter
der Drogenabhängigkeit ist. Gelegenheitskonsumenten sind eine wandelnde Werbung für Drogenmißbrauch, weil sie die Illusion verbreiten, daß sie ihr
Leben unbeeinträchtigt von den schädlichen Folgeerscheinungen des Drogenkonsums weiterführen können. Der Gelegenheitskonsument sichert den Drogenhändlern das Geschäft und erhält den Fluß von
Drogen, Chemikalien und schmutzigem Geld aufrecht,
der sich durch Flughäfen, Bahnhöfe und Depots ergießt. Es sind diese Personen, nicht die mittellosen
Abhängigen auf der Straße, die andere davon überzeugen, daß Drogenkonsum niemandem schadet.
Wir haben die Einführung kreativer Sanktionen befürwortet, um jenen kritischen Augenblick der ersten Entscheidung zu verhindern - der Entscheidung, ob man
Drogen von einem Freund oder Bekannten annimmt
oder nicht. Dazu gehören der Entzug des Führerscheins, Verlust des Arbeitsplatzes sowie Entzug des
Anrechts auf eine Sozialwohnung, um nur einige zu
nennen.

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�Unsere Botschaft an die wichtigsten Gesetzesbrecher
- die Drogenbosse und die Händler auf unseren Straßen - war ebenso direkt: hartes gesetzliches Durchgreifen reduziert Drogenverbrechen, verringert das
Angebot und stört den Markt für Drogen.
Ich bin mir bewußt, daß solche Strenge von einigen als
unnötig repressiv betrachtet wird. Man sollte jedoch
solche Schlußfolgerungen vermeiden, bevor man sich
nicht mit den schrecklichen Folgen des Drogenmißbrauchs beschäftigt hat - Säuglinge, deren kleine
Körper von Drogen entstellt sind, die ineinander verkeilten Waggons eines verunglückten Zugs, der von
einem drogenabhängigen Zugführer gesteuert wurde,
vielversprechende Sportler, die jung sterben - wir
haben gesehen, wie der Konsum von Kokain in den
Vereinigten Staaten zu viele Tragödien dieser Art
verursacht hat.
Wir haben darüber hinaus ein Programm zur Unterbindung des Nachschubs entwickelt, das die Drogenhändler in der Luft, zu Wasser und zu Lande unter
Druck setzen soll. Die Vereinigten Staaten haben der
Versuchung widerstanden, ihre Grenzen abzuriegeln,
da dies weder machbar ist noch im Einklang mit
unserem Erbe als Nation von Einwanderern oder unserer
Verfassungstradition steht. Wenn wir jedoch unsere
Bestrebungen zur Unterbindung des Drogennachschubs
aufgeben würden, hieße dies, wir würden unserer
Verantwortung nicht gerecht, unsere Bürger vor der
ernsthaften Drogengefahr zu schützen.
Der CCC hat die lebenswichtige Aufgabe übernommen, nicht nur Ihre Bürger sondern alle Menschen auf
der Welt zu schützen. Durch Informations- und Gedankenaustausch sowie Koordinierung der Aktivitäten
der Zollfahndung machen Sie all unsere Gesellschaften sicherer. Ich freue mich, daß der CCC die Verabschiedung eines dem "Carrier lnitiative"-Programm
der Vereinigten Staaten entsprechenden Programms
befürwortet hat. Durch die "Carrier Initiative" hat die
amerikanische Zollfahndung enge Arbeitsbeziehungen mit privaten See- und Lufttransportgesellschaften
entwickelt, um den Drogenfluß zu verringern. Bis
heute haben über 1.800 Luft- und Seetransportgesellschaften die Sicherheit an ihren Terminals und an Bord
ihrer Flugzeuge und Schiffe verbessert und arbeiten
mit der amerikanischen Zollfahndung zusammen, um
vermutete Schmuggelversuche auszumachen und
bekanntzugeben. Wir beglückwünschen den CCC für
seine Folgeaktionen zum beim Londoner Wirtschaftsgipfel 1991 verabschiedeten "Carrier Initiative"-Abkommen. Die Tatsache, daß der Privatsektor die
Verantwortung zur eigenständigen Kontrolle übernimmt,
bevor er von den Strafverfolgungsbehörden dazu
angehalten wird, ist eine entscheidende Entwicklung
bei der Drogenbekämpfung.
Neben dem durch unsere aggressive Strafverfolgungskampagne geschaffenen Schutz haben wir eine Aufklärungsoffensive in die Wege geleitet. Programme
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zur Aufklärung und Schärfung des Bewußtseins sind
auf Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene, auf die
Vorstädte und Innenstädte ausgedehnt worden. Wir
tragen die Verantwortung, unsere Kinder die harten
Lektionen des Drogenmißbrauchs in den Klassenzimmern zu lehren bevor sie sie in den Hinterhöfen oder
auf einer Polizeiwache lernen. Wenn es unseren
Lehrern, Rektoren und Eltern nicht gelingt, gemeinsam ein drogenfreies Umfeld zu schaffen, dann werden wir zweifelsohne unseren Kindern nicht gerecht.
Glücklicherweise haben heute praktisch alle Schulbezirke in den Vereinigten Staaten Drogen- und Alkoholpräventionsprogramme eingeführt, um im Kindergarten, in Grund- und weiterführenden Schulen die Gefahren von Crack, Kokain und anderen Drogen zu
vermitteln.
Wir wissen auch, daß die große Mehrheit der amerikanischen Drogenkonsumenten erwerbstätig ist. Aus
diesem Grund haben sich Großunternehmen und kleine Firmen dem Kampf gegen Drogen angeschlossen
und führen Drogenbekämpfungsmaßnahmen durch,
um die Beschäftigten vom Drogenkonsum abzuhalten.
Darüber hinaus werden Unterstützungs- und Beratungsprogramme für diejenigen eingeführt, die drogenabhängig sind. Ähnliche Progamme und Maßnahmen sind gesetzlich für alle Arbeitsplätze im Staatsdienst vorgeschrieben.
Seit dem Höhepunkt der Drogenepidemie in den Vereinigten Staaten hat unsere umfassende Strategie
drastische Fortschritte an der Heimatfront erzielt. Die
Drogenhändler sehen, daß wir es ernst meinen. Während
die Zahl der Straftaten 1990 insgesamt praktisch
unverändert blieb, gibt es Anzeichen, daß drogenbezogene Straftaten in unseren größeren Städten ihren
Höhepunkt erreicht haben. In den Vereinigten Staaten
ist weniger Kokain verfügbar. Und wir intensivieren
unseren Kampf gegen die Drogenhändler. Im vergangen Jahr haben die Bundesbehörden allein über 100
Tonnen an Kokain beschlagnahmt.
Diese umfassende Strategie zeitigt Erfolge. Die Hälfte
der Drogenkonsumenten in den Vereinigten Staaten
enthält sich bereits der Drogen und erhält Hilfe. Zwischen 1985 und 1990 fiel der Drogenkonsum der
Amerikaner um 44 Prozent - über 10 Millionen ehemalige Drogenabhängige nehmen keine Drogen mehr. In
nur zwei Jahren, von 1988 bis 1990, verringerte sich
der gelegentliche Kokainkonsum um 29 Prozent,
während der häufige Gebrauch um 23 Prozent abnahm.
Es gibt noch ermutigendere Anzeichen, daß die amerikanischen Jugendlichen die Drogenbotschaft erhalten. Umfragen belegen, daß unter High-School-Absolventen und Erstsemestern die Abneigung größer ist
als je zuvor. In zahlreichen Schulen treten landesweit
amerikanische Kinder drogenfreien Jugendgruppen
bei, die Reisen, Clubs und Sportereignisse organisieren, bei denen die einzige Auflage für die Teilnahme in

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�dem Versprechen besteht, keine Drogen zu nehmen.
Dies alles ergibt folgende Tatsache: der Drogenkonsum in den Vereinigten Staaten nimmt ab.
In den Vereinigten Staaten freuen wir uns über diese
Fortschritte, aber wir müssen wachsam bleiben und
weiterhin das Ausmaß und die Entwicklung unseres
Drogenkonsums sowie die Konsequenzen des Drogenmißbrauchs beobachten. Die Erstellung von Daten über die Tendenzen des Drogenkonsums in meinem Land gibt uns die erforderlichen Richtlinien an die
Hand, um kostengünstige Maßnahmen zur Unterbindung des Nachschubs an den Grenzen sowie kreative
Therapie- und Präventionsprogramme in die Wege zu
leiten, um der Drogengefahr zu begegnen. Ohne
solche Informationen werden nationale Mittel und die
Fähigkeit zur Motivierung unserer Bürger vergeudet,
sich mit dem Drogenproblem auseinanderzusetzen.
Unsere umfassende Strategie macht auch auf internationaler Ebene Fortschritte. Während wir uns der
Realität des Nachfrageproblems stellen, haben die
Kokain produzierenden Länder Lateinamerikas mit
amerikanischer Unterstützung begonnen, ihr Angebotsproblem in den Griff zu bekommen. Alte Mißverständnisse haben den Weg zu neuer Zusammenarbeit
und einer starken und zunehmenden Entschlossenheit bereitet, gemeinsam die Drogenhändler zu bekämpfen. Die aggressiven Aktionen der lateinamerikanischen Regierungen geben vielen Drogenhändlern
Anlaß zur Sorge. Zahlreiche internationale Drogenhändler sitzen in Mexiko, Kolumbien, Bolivien und
anderen Teilen der Welt im Gefängnis und warten auf
ihren Prozeß. Chemikalien, Waffen, Flugzeuge, Geld
und andere Instrumente des Drogenhandels wurden in
Rekordmenge beschlagnahmt oder zerstört.
Viele dieser Länder haben Schritte unternommen, den
Anbau von Koka, Marihuana und Mohn einzustellen.
Drogenbeschlagnahmungen sind in Lateinamerika auf
dem Vormarsch. 1987 wurden weniger als 60 Tonnen
Kokain beschlagnahmt, 1990 wurden über 160 Tonnen konfisziert und in diesem Jahr wurde die Gesamtmenge des vergangenen Jahres bereits überschritten.
Überall sind Drogenbeschlagnahmungen auf dem
Vormarsch. Im vergangenen Jahr hat die Drogenfahndung der hier vertretenen Länder 477 Tonnen illegaler
Drogen konfisziert. Weltweit haben aggressive Zollmaßnahmen den Drogenhändlern aller Nationen einen schweren Schlag zugefügt.
Die Drogenbarone von Kolumbien, Bolivien und Peru
- und allmählich weltweit - haben sich als das entpuppt,
was sie wirklich sind: Kriminelle der untersten Kategorie. Sie haben allzu deutlich gezeigt, daß sie auf jede
Taktik zurückgreifen werden, egal wie gewalttätig, mit
jedem Verbündeten kollaborieren werden, egal wie
gemein, und Demokratien unterminieren werden, egal
zu welchem Preis für die guten Menschen in ihren
Ländern. Ich bin mir bewußt, daß den meisten Ihrer
Länder die Gefahr und soziale Unruhe erspart geblie-

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ben ist, mit denen sich die Vereinigten Staaten und ihre
Partner in den Andenstaaten konfrontiert sahen, und
viele weltweit das Drogenproblem noch immer als
"amerikanisches" Problem ansehen. Aber die Drogenbanden Ostasiens, die Heroinhändler der Balkanroute
oder die Haschischverkäufer des Nahen Ostens sind
nicht weniger gravierend, nur weil sie nicht ebenso
häufig auf Gewalt zurückgreifen. Im Stillen untergraben sie das Wohlergehen von Familien, Städten, Institutionen und Nationen mit den illegalen Drogen, die sie
liefern.
Die relative Ruhe dieses Kontinenets sollte einen nicht
zu der Annahme verleiten, die Gefahr habe sich abgeschwächt oder unsere Aufgabe sei erledigt. Die jüngste Studie des Europäischen Parlaments, die belegt,
daß über die Hälfte der in Europa begangenen Straftaten drogenbezogen ist, sollte Motivation genug sein,
um Ihre Bemühungen fortzusetzen. Wir sehen bereits
Anzeichen, daß die verringerte Drogennachfrage in
den Vereinigten Staaten die Drogenhändler auf die
Suche nach neuen Märkten schickt - neuen Märkten in
Europa, Lateinamerika und Asien. Wie wir in Ländern
wie Pakistan beobachten konnten - in denen es den
Statistiken zufolge eine halbe Million neuer Heroinsüchtiger pro Jahr gibt - sind gro ße Mengen an Drogen
zu Billigpreisen das Rezept für eine Drogenepidemie.
Während die Welt ungeduldig die Entstehung des
Europäischen Binnenmarkts erwartet, sollten die europäischen Grenzen nicht Hochsaison für Drogenhändler beim Verkauf ihrer illegalen Ware signalisieren.
Wie wir in den Vereinigten Staaten sehen konnten,
schafft ein überwältigendes Drogenangebot soziale
Probleme, deren Behebung riesige Ressourcen und
viele Jahre benötigt.
Dies ist der Grund, warum multilaterale Organisationen wie der CCC so wichtig sind. Aber Kooperation
muß mehr sein, als der Austausch von Informationen,
Ideen und Ressourcen. Kooperation erfordert das
Ausräumen von Mißtrauen und Rivalität sowie bessere Koordination zwischen den Zoll- und anderen Polizei- und Strafverfolgungsbehörden, weil wir alle einen
gemeinsamen Feind haben. Alle Drogenhändler müssen
wissen, daß sie sich mit einer geschlossenen, effektiven und entschlossenen Front konfrontiert sehen.
Händlerringe werden nicht durch willkürliche, unkoordinierte Durchsuchungen auf Flugplätzen oder Häfen
zerschlagen. Aber mit enger Zusammenarbeit und
dem Austausch von Informationen können Sie etwas
bewirken. Wir düfen es internationalen Kriminellen
schlicht und einfach nicht gestatten, frei zu agieren,
während die gesetzestreuen Nationen der Welt daneben stehen und nichts tun.
Während sich die Drogenhändler weltweit auf der
Flucht befinden, haben wir die historische Chance,
dem Drogenhandel ein für allemal das Geschäft zu
versalzen. Es ist jetzt an der Zeit für Ihre Länder, Ihre
Anstrengungen zu verdoppeln, um sicherzustellen,
daß die sozialen Zerstörungen von Drogenmißbrauch
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�und -abhängigkeit nicht das Gefüge Ihrer Länder zunichte
machen. Es ist jetzt Zeit, weiter sowohl auf den
hiesigen als auch auf den von Ihnen zusammen mit
unseren Freunden in Lateinamerika und Asien in die
Wege geleiteten Strafverfolgungs-, Therapieprogrammen und Unterstützungsmaßnahmen aufzubauen. Es
ist jetzt an der Zeit, unser Bündnis bei der Bekämpfung
dieses internationalen Problems zu erweitern. Wir
müssen die Zusammenarbeit in allen Bereichen ausdehnen - nicht nur bei der Zollfahndung oder den
Strafverfolgungsbehörden - so gut sie auch sein mögen.
Wir brauchen einen besseren Austausch von Erfahrung und Know-how bei Präventions- und Therapieprogrammen sowie bei Programmen zur Aufklärung
und Schärfung des Bewußtseins.

*

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*

Mit dem Ende des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall
alter Regime ist eine neue Ära in Europa angebrochen.
Diese Ära darf nicht von den sich zusammenziehenden Wolken des Drogenmißbrauchs und der Verzweiflung verdunkelt werden. Jeder gefaßte und bestrafte
Drogenhändler, jedes Kind, das die Gefahren des
Drogenkonsums begreift, jeder Abhängige, der"clean°
und nüchtern wieder in die Gesellschaft eingegliedert
werden kann, wird die Zukunft Ihrer Länder erhellen.
Lassen Sie uns enger zusammenarbeiten, um bessere Drogenbekämpfungsprogramme sowie freie und
dauerhafte Institutionen aufzubauen, damit sich unsere Freunde in Lateinamerika, Südwest- und Südostasien und anderen drogenproduzierenden Ländern mit
uns ungeschmälert durch die Tyrannei der Drogen des
hellen Lichts der Demokratie erfreuen können.
*

*

Seite 5

�</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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20. November 1991

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VEREINTE NATIONEN

PICKERING SIEHT NEUE ART VON
WELTKONFLIKTEN VORAUS
Rede über die Rolle der Vereinten Nationen

WAHLEN 1992

INITIATIVEN: GUTE DEMOKRATIE ODER
SCHLECHTE GESETZGEBUNG?
von Kenneth Jost

DROGEN

MARTINEZ DRÄNGT EUROPA ZU KAMPAGNE
GEGEN DROGENMISSBRAUCH
Verabschiedung europaweiter
Kontrollen gefordert

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�VEREINTE

NATIONEN
20. November 1991

PICKERING SIEHT NEUE ART VON
WELTKONFLIKTEN VORAUS
Rede über die Rolle der Vereinten Nationen
WASHINGTON - (AD) - Botschafter Thomas Pickering zufolge sehen sich die Vereinten Nationen nach dem
Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit neuen politischen und diplomatischen Herausforderungen
konfrontiert. "Nirgendwo sind die Veränderungen augenfälliger und von unmittelbarerer Konsequenz für die
amerikanischen Interessen" als im Bereich der internationalen Sicherheit, so Pickering.
In einer Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte Pickering am 13. November 1991, die
Vereinten Nationen - und die internationale Staatengemeinschaft - müßten lernen, lokal begrenzte aber dennoch
todbringende Konflikte wie den derzeit in Jugoslawien wütenden in den Griff zu bekommen.
"Wie der Nahe Osten und Jugoslawien täglich demonstrieren, wird die regionale Stabilität nach dem kalten Krieg
... vornehmlich durch im großen und ganzen engstirnige Anliegen ethnischer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art geprägt", fügte Pickering hinzu. "Dies mag eine gewisse Sehnsucht nach der Eindeutigkeit
der irakischen Bedrohung wachrufen, die möglicherweise nicht das beste Beispiel für die vor uns liegenden
ungeordneten Herausforderungen ist", so Pickering.
Pickering zufolge müßten die Vereinten Nationen die Funktionen stärken, die regionale Konflikte schlichten und
verhindern helfen, selbst wenn dies die Androhung des Einsatzes internationaler Streitkräfte bedeute.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Pickering im Wortlaut.
Das Ende des kalten Kriegs hat Auswirkungen auf alle
Aktivitäten. Nirgendwo sind die Veränderungen augenfälliger und von unmittelbarerer Konsequenz für
die amerikanischen Interessen als im Hinblick auf die
Rolle der Vereinten Nationen im Bereich der internationalen Sicherheit. Aus diesem Grund werde ich einen
Großteil meiner Ausführungen der künftigen Rolle der
Vereinten Nationen bei Frieden und Sicherheit widmen. Ich werde jedoch versuchen, diese Gedanken in
einen breiteren Kontext zu stellen, der die bedeutende
Rolle des Völkerrechts und die sich abzeichnenden
staatlichen Verhaltensnormen berücksichtigt.
Beim Entwurf eines neuen Ansatzes zur sicherheitspolitischen Rolle der Vereinten Nationen arbeiten wir in
einem extrem vagen Umfeld. Die vordringlichen Sicherheitsbelange der kommenden Jahre sind weiterhin unbekannt. Darüber hinaus können wir nicht davon
ausgehen, daß die Vereinten Nationen und insbesondere der Sicherheitsrat den gleichen Rahmen wie in
der Vergangenenheit bieten werden. Die Vereinten
Nationen sind eine Organisation von Mitgliedstaaten.
Ändern sie sich, so verändern sich auch die Vereinten
Nationen. Offenkundigster Beweis dafür sind die
Auswirkungen der gegenwärtigen Auflösung der Union
AMERIKA DIENST 46

der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die geringsten
Veränderungen in Struktur und Zusammensetzung
des Sicherheitsrats werden zweifelsohne den Kurs
beeinflussen, den er den Vereinten Nationen vorgibt.
Mit dieser Warnung möchte ich einige Gedanken über
die Zukunft der Vereinten Nationen bei der Bewahrung
des internationalen Friedens und der Sicherheit darlegen.
Aus internationaler Sicht wurde durch das Ende des
kalten Kriegs das internationale politische System
seines bisherigen zentralen und dominierenden Prinzips beraubt - dem Ost-West-Konflikt. In einer Rede
vom vergangenen April legte Präsident Bush seine
Vision einer neuen Ordnung in folgenden Worten dar:
"Die neue Weltordnung bedeutet nicht, auf unsere
nationale Souveränität zu verzichten oder unsere Interessen preiszugeben. Sie bezeichnet vielmehr eine
Verantwortung, die durch unsere Erfolge auferlegt ist.
Sie bezieht sich auf neue Wege der Zusammenarbeit
mit anderen Nationen, um Aggression abzuschrecken
und Stabilität zu erlangen, um Wohlstand und vor
allem Frieden zu schaffen. Sie erwächst aus der
Hoffnung auf eine Welt, die auf einem von kleinen und
Seite 1

�großen Nationen geteilten Engagement für eine Reihe
von Prinzipien gründet, die unsere Beziehungen untermauern - friedliche Beilegung von Konflikten, Solidarität gegen Aggression, reduzierte und kontrollierte
Waffenarsenale und gerechte Behandlung aller Völker."
Was sind die sicherheitspolitischen Auswirkungen des
Übergangs von der Ära des kalten Kriegs zu der von
Präsident Bush beschriebenen neuen Ordnung?
Betrachtet man die amerikanischen Sicherheitsinteressen nach dem kalten Krieg aus dem Blickwinkel der
Vereinten Nationen, so besteht ein Weg, um diesen
Blickwinkel zu beschreiben darin, zwei durch eine
relativ durchlässige Grenze getrennte nebeneinanderliegende Kreise auszumachen. In den ersten Kreis
stellt man die wichtigsten Sicherheitsinteressen der
Vereinigten Staaten:
Schutz vor direktem Angriff,
Schutz der amerikanischen Staatsbürger im
Ausland,
Hilfe und Unterstützung für die Verbündeten,
Aufrechterhaltung unbehinderter internationaler Kommunikationswege und des Handels,
Gewährleistung des Zugangs zu unerläßlichen
Ressourcen,
Abgrenzung grundlegender Interessen von den
Auswirkungen ausländischer Kriege - wie etwa
die Tankereskorten gegen Ende des iranischirakischen Kriegs und so weiter.
In den zweiten Kreis stellt man die umfassenden Ziele,
Werte und Grundsätze, die die Substanz der von
Präsident Bushs Vision heraufbeschworenen bürgerlichen internationalen Gesellschaft ausmachen, wenn
er von einer neuen Ordnung oder einer "Pax Universalis" spricht. Sie umfaßt Rechtsstaatlichkeit, Abkehr
von Aggression und die friedliche Beilegung von Konflikten, Wahrung der Souveränität, Verteidigung der
Menschenrechte, Rüstungskontrolle, Eindämmung der
Verbreitung von Nuklearwaffen und generell einen

disziplinierten, kooperativen Ansatz zur gemeinsamen
Sicherheit. Heute möchte ich die Rolle der Vereinten
Nationen bei der Stärkung und Durchsetzung dieser
Prinzipien erkunden.
Ich möchte zunächst einige Gedanken darüber darlegen, wie die Rolle des UN-Sicherheitsrats erweitert
werden könnte. Diese Gedanken passen in die traditionelle Sicht der Zwangsmaßnahmen der Vereinten
Nationen - das heißt, Intervention in Konflikte zwischen Staaten. Als nächstes möchte ich etwas weitergehende Betrachtungen darüber anstellen, wie die
Vereinten Nationen eine konstruktive Rolle bei der
Schaffung der im zweiten Kreis beschriebenen bürgerlichen internationalen Gesellschaft spielen können.
Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, die
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Kluft zwischen den Rechten von Staaten (Souveränität) und den Rechten von Völkern zu schließen - eine
in diesen Tagen abnehmender internationaler jedoch
andauernder Konflikte zwischen Völkern innerhalb
nationaler Grenzen zunehmend relevante Frage.
Einleitend möchte ich feststellen, daß die zentrale
Rolle des UN-Sicherheitsrats bei der Erarbeitung und
Legitimierung der Reaktion auf die irakische Aggression Erwartungen und damit politischen Druck nach
einer vergleichbaren Rolle des Rats bei anderen Krisen geweckt hat. Erwartungen, daß die Vereinten
Nationen unverzüglich auf Haiti, in Jugoslawien und
Liberia eingreifen sollten, belegen dieses Argument.
Abgesehen von den Erwartungen ist das triftigere
Argument, daß die Charta niemals den Sicherheitsrat
als einziges oder ausschließliches Gericht erster Instanz angesehen hat. Artikel 52 und Kapitel VIII der
Charta verfügen in der Tat ausdrücklich regionale
Bestrebungen zur Beilegung oder Behebung von
Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit bevor
die Vereinten Nationen um Beistand angerufen werden. Und das ist gut so. Aus gemeinsamen regionalen, politischen und kulturellen Interessen erwachsenes konstruktives Engagement einer regionalen Gruppe schafft möglicherweise einen breiteren Handlungsspielraum.
Dennoch wird die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit zweifelsohne Krisen mit sich bringen, die trotz der
besten Absichten der regionalen Akteure weder regional begrenzt noch vollständig gelöst werden können.
Zu diesem Zeitpunkt kann man sich als notwendigen
und legitimen nächsten Schritt an den Sicherheitsrat
wenden. Der Rat kann darüber hinaus gegebenenfalls
auf regionalen Bestrebungen aufbauen, indem er beispielsweise ein regionales Handelsembargo institutionell verankert.
Mit Ausnahme des Koreakriegs und der irakisch-kuwaitischen Krise ist das Thema der von den Vereinten
Nationen genehmigten Zwangsmaßnahmen ein ungeschriebenes Buch. Die Arbeit an der Verfassung des
Textes wird durch die Tatsache erschwert, daß die
Bedrohungen, die wir bewältigen müssen, schlecht in
jede vorstellbare auf die Vereinten Nationen gegründete Struktur passen. Und genausowenig werden die
Vereinten Nationen - unabhängig von ihrer Verstärkung - leicht mit den möglicherweise umfassenderen
Sicherheitsaufgaben der Zukunft fertigwerden. Wir
sollten daher von den Vereinten Nationen erwarten,
daß sie bestenfalls einen Teil der Lösung bieten können. Wie groß dieser Teil ist, wird von ihrer Fähigkeit
abhängen, zwei Schlüsselelemente für jeden neuen
sicherheitspolitischen Ansatz zu entwickeln: Legitimität und Flexibilität.
Zunächst müssen wir uns vor Augen fütlren, was unter
"Legitimität" bei Intervention durch Gewalt zu verstehen ist. Für uns und unsere Verbündeten kam die
Verfügung von Resolution 678, "alle erforderlichen
AMERIKA DIENST 46

�Mittel" zur Gewährleistung des unverzüglichen und
bedingungslosen Abzugs des Irak aus Kuwait einzusetzen, einer idealen Formulierung nahe. Sie erteilte
den Vereinten Nationen die Befugnis zum Einsatz von
Gewalt ohne unnötige Einschränkungen von Art und
Umfang, die bei der erfolgreichen Durchführung von
Operationen wichtige militärische und politische Erwägungen sind. Es war offenkundig impliziert, daß die
Koalition die Verwirklichung des Ziels eines Abzugs
aus Kuwait anstreben würde; die uneingeschränkte
Einhaltung des Kriegsvölkerrechts und der Einsatz
konventioneller Waffen waren Teil des Mandats.
Es überraschte nicht, daß diese unbegrenzten Attribute zahlreiche andere UN-Mitglieder beunruhigten. Selbst
der Generalsekretär hat festgestellt, obwohl der Krieg
gegen den Irak "durch den Sicherheitsrat legitimiert
wurde", sei er "nicht ein Sieg der Vereinten Nationen
gewesen", da dieser sich nur aus "Feindseligkeiten
unter der Kontrolle und Weisung der Vereinten Nationen" hätte ergeben können. Man muß Perez de
Cuellars Ansicht nicht teilen, um seiner Argumentation
folgen zu können: die ehernste legale Rechtfertigung
könnte uns nicht das Legitimität genannte vergänglichere politische Gut erkaufen.
Obwohl die Aktionen der Verbündeten im Irak sich
praktisch uneingeschränkter internationaler Unterstützung erfreuten, besteht die Gefahr, daß eine solche
Genehmigung für einige Länder zum Einsatz von
Gewalt im Namen des Rats Kritiker zu der Argumentation veranlaßt, das Vorgehen sei ein Projekt einiger
weniger Regierungen, die für die internationale Staatengemeinschaft nicht repräsentativ seien. Für militärische Aktionen in der Größenordnung von Desert
Storm scheint es keine klare Antwort auf dieses Problem zu geben, weil jedes nennenswerte Ausmaß von
Weisungen und Kontrolle von Kampfhandlungen durch
die Vereinten Nationen lähmende Beschränkungen
auferlegen würde. Dennoch könnte sich der durch die
Erfahrungen mit dem Irak geförderte Zusammenhalt
im Rat auf andere Bereiche übertragen. Wenn sich
dies als richtig erweist, kann Druck ausgeübt werden,
die Rolle des Sicherheitsrats bei künftigen Maßnahmen für den Frieden zu verbessern. Dies sollte in
Betracht gezogen werden.
Eine Möglichkeit, die die Charta dafür bietet, ist durch
Aushandeln von Vereinbarungen gemäß Artikel 43
zwischen dem Sicherheitrat und von ihm ausgewählten Ländern. Absatz 1 des Artikels 43 fordert die Mitgliedstaaten auf:
"...beizutragen, daß sie nach Maßgabe eines oder
mehrerer Sonderabkommen dem Sicherheitsrat auf
sein Ersuchen Streitkräfte zur Verfügung stellen, Beistand leisten und Erleichterungen einschließlich des
Durchmarschrechts gewähren, soweit dies zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlich ist".

AMERIKA DIENST 46

Eine wichtige Frage zu Artikel 43 lautet, ob und welche
Art von Vereinbarungen im Hinblick auf das Kommando er vorsieht. Meiner Ansicht nach schlie ßen die Vereinbarungen nach Artikel 43 einen großen militärischen Spielraum seiner Unterzeichner nicht aus, wenn
solche Vereinbarungen in Anspruch genommen werden. In diesem Sinne könnte die Vereinbarung weniger ein Mittel zur direkten Kontrolle des Rats sein als
Ausdruck seiner allgemeinen Fähigkeit, Entscheidungen und damit ein Instrument der Abschreckung durchzusetzen.
Eine Delegierung von Operationen wird in der UNCharta ausdrücklich antizipiert, vor allem in den Artikeln 48 und 53. Artikel 48 ermächtigt den Sicherheitsrat zu bestimmen, welche Mitglieder "zur Wahrung des
Weltfriedens und der internationalen Sicherheit"
Maßnahmen ergreifen sollen. Artikel 53 gestattet dem
Rat, sich zur Durchführung von Zwangsmaßnahmen
unter seiner Autorität "regionaler" Abmachungen oder
Einrichtungen zu bedienen.
Ungeachtet der Legalität der delegierten Operationen
sollten wir uns jetzt die Möglichkeit vor Augen führen,
daß sich der Rat nicht so völlig der Führung und
Kontrolle enthalten wird wie in Resolution 678. Wie Sie
wissen, bietet Kapitel VII, insbesondere die Artikel 42,
46 und 47, das Instrument zur direkten Beteiligung des
Rats an Planung, Einsatz und Führung.
Jede Bewegung in diese Richtung wird Sorgen unter
den Bereitstellern von Truppen aufwerfen. Kapitel VII
mit seiner besonderen Betonung der Rolle des Generalstabsausschusses ist besonders problematisch: kein
Land, dessen Truppen sich an Feindseligkeiten beteiligen, wird deren Bewegungen von einer Gruppe bestimmen lassen, dessen Mitglied es nicht ist oder
dessen Mitglieder nicht unbedingt ebenfalls Truppen
bereitgestellt haben. Große oder überlegene Beitragsleistende wollen unter Umständen eine ähnliche
Rolle bei Führung und Kontrolle.
Es mag tatsächlich Möglichkeiten zur teilweisen Anwendung der Artikel 42 und 47 geben, wenn man ihm
gleichzeitig die Schärfe nimmt. Es erscheint angebracht, dies insbesondere im Kontext kleiner Konflikte
oder solcher geringerer Intensität zu erforschen. In
dieser Hinsicht möchten wir unter Umständen auch
Arrangements prüfen, denen zufolge Friedenstruppen
regelmäßig oder persönlich dem Rat selbst oder einer
seiner Untergruppen Bericht erstatten. Eine solche
konsultative Verbindung könnte ein hilfreiches Instrument für die Erhaltung des Konsenses sein, ohne die
Führungsbeziehungen zu verändern.
Eine der Fragen, die unsere Sicherheitsgemeinschaft
erwägen muß, ist die Frage der Integration von Führung und Einsatz der Truppen, mit deren Hilfe unter
Umständen eine Entscheidung des Sicherheitsrats
verwirklicht wird. Dies erfordert einen Kompromiß
zwischen der Notwendigkeit, eine Überidentifizierung

Seite 3

�mit einigen Ländern zu vermeiden und dem Bedarf an
einer Einheit von Führung, schneller Stationierung,
koordinierten Bewegungen und so weiter. Bevor wir
das Ausmaß der gemeinsamen Aktionen wie bei Desert
Storm überschreiten, müssen wir gute Antworten auf
viele ungeprüfte militärische und politische Fragen
über die Kriegführung der Koalition stellen.
Bisher habe ich vor allem das Vorgehen der Vereinten
Nationen in Fällen des bereits offenen Konflikts erörtert, aber ein anderer sehr wichtiger Bereich gesteigerter UN-Aktivitäten ist die Vermeidung von Konflikten.
Im Kommunique des Londoner Gipfels vom Sommer
dieses Jahres haben sich die Staats- und Regierungschefs der G-7 verpflichtet, die Grundlage für eine
präventive Diplomatie der Vereinten Nationen zu unterstützen. Dieses Thema hat der Präsident in seiner
Rede vor der Generalversammlung im September
aufgegriffen. Um diese Ziel zu verwirklichen, muß die
Institution eine schnellere Gangart einschlagen. Folgende Schritte wurden vorgeschlagen:
Informeller Informationsaustausch zwischen uns
und anderen Mitgliedstaaten, um den Generalsekretär vollständig über bestehende oder potentielle Situationen auf dem laufenden zu halten, die zu internationalen Spannungen führen
könnten (dies findet gegenwärtig im Rahmen
der Resolution 687 mit dem Inspektionsprogramm für Massenvernichtungswaffen im Irak
statt). Der Generalsekretär benötigt einen kleinen, ausgewählten Mitarbeiterstab, der mit ihm
und den Mitgliedstaaten an diesem Thema
zusammenarbeitet.
Kontrahenten oder potentielle Kontrahenten
müssen den Generalsekretär und durch ihn den
Sicherheitsrat über alle relevanten Tatsachen
informieren.
Unterstützung des verbesserten Einsatzes von
besonderen Repräsentanten bei Vermittlungsdiensten und stillen diplomatischen Missionen,
um Fragen zu lösen, die zu Konflikten führen
können.
Einsatz einzelner Ländern oder kleiner Ländergruppen, die an der Lösung eines bestimmten
Problems interessiert sind und auf diplomatischem Wege zur Lösung solcher Konflikte beitragen sollen.
Schließlich sollen der Generalsekretär und der
Rat aufgefordert werden, den Einsatz von UNTruppen als Mittel der Konfliktvermeidung zu
erwägen, bevor es zu Feindseligkeiten kommt,
etwa durch die Stationierung an den Grenzen
eines bedrohten Landes. Dies könnte sowohl
Elemente traditioneller Friedenserhaltung als
auch der Durchsetzung des Friedens enthalten.

Seite 4

Es wird ferner besonderer Erwägung und Arrangements bedürfen, um es erfolgreich durchzuführen.
Zum Thema Wahrung des Friedes befinden wir uns in
einer Wachstumsphase. Die Vereinten Nationen haben
in den vergangenen drei Jahren mehr Missionen durchgeführt als in den vergangenen 43. Umfang und
Bandbreite der Funktionen haben ebenfalls zugenommen. Es ist an der Zeit, die Organisationsstruktur der
UN-Friedensplanung und -Verwaltung zu stärken, um
mit der größeren Arbeitsbelastung Schritt zu halten.
Darüber hinaus ist es an der Zeit, die Finanzierung der
Friedenswahrung auf eine stabilere langfristigere Basis
zu stellen, die ihrer Bedeutung für die internationale und unsere eigene - Sicherheit Rechnung trägt. In den
Vereinigten Staaten könnte es sich als nützlich erweisen, im Rahmen des Haushalts des Verteidigungsministeriums die Einrichtung eines Titels für den Frieden
zu erwägen, weil Ausgaben für den Frieden eindeutig
dem Ziel der Sicherheit dienen.
Ich möchte mich nunmehr Frieden und Sicherheit in
einem breiteren Kontext zuwenden. Die meisten Konflikte
heute sind Konflikte innerhalb einzelner Länder, nicht
unter ihnen. In der Zeit nach Desert Storm lohnt es,
sich daran zu erinnern, daß Bedrohungen für die
regionale Stabilität nicht primär durch Fehlkalkulationen großer Staaten mit expansionistischen Bestrebungen entstehen. Wie der Nahe Osten und Jugoslawien täglich demonstrieren, wird die regionale Stabilität nach dem kalten Krieg - ebenso wie vor ihm vornehmlich durch im großen und ganzen engstirnige
Anliegen ethnischer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art geprägt. Dies mag eine gewisse
Sehnsucht nach der Eindeutigkeit der irakischen
Bedrohung wachrufen, die möglicherweise nicht das
beste Beispiel für die vor uns liegenden ungeordneten
Herausforderungen ist.
Ein tägliches Dilemma für den Sicherheitsrat in diesem
Zusammenhang ist, daß Rechtsstaatlichkeit und Ordnung sich nach dem kalten Krieg gut ergänzen, aber
nicht gleich sind. Das Völkerrecht hat wenig Positives
über die Verpflichtungen anderer Staaten im Falle von
Staatsstreichen, Anarchie oder Blutvergießen innerhalb der Grenzen des Nachbarn zu sagen. Tatsächlich
würde die Rechtsstaatlichkeit einen Staat zulassen obwohl die Vorstellung unangenehm ist -, der von
außerordentlich zerstörerischen, aber völig legalen,
inneren Konflikten erschüttert ist. (Die Erklärung von
Santiago der OAS über die Unannehmbarkeit eines
Regierungswechsels durch einen Staatsstreich stellt
einen wichtigen Schritt nach vorn dar, der jetzt in Haiti
auf die Probe gestellt wird).
Diesem Dilemma wird nicht durch die Tatsache abgeholfen, daß das Gewohnheitsrecht einzelner Länder
und die unter ihnen vereinbarten Konventionen und

AMERIKA DIENST 46

�Verträge widersprüchliche Forderungen zulassen.
Nirgendwo ist dies augenfälliger als wenn die internationale Staatengemeinschaft gezwungen ist, zwischen
den Rechten von Staaten und den Rechten von Völkern zu entscheiden.
Wie Sie wissen, gestattet Resolution 678 des UNSicherheitsrats Maßnahmen zur Durchführung von
Artikel 2, dem Verbot der UN-Charta des Einsatzes
von Gewalt gegen einen anderen Staat. Wie Sie
ebenfalls wissen, kam Resolution 688 zu dem Schluß,
daß die Verfolgung irakischer Kurden eine Gefahr für
den Weltfrieden und die internationale Sicherheit darstell, eine Erkenntnis, daß nach Ansicht der Mehrheit
ein anderes Prinzip desselben Artikels (Absatz 7) aufhebt, der die Einmischung in innere Angelegenheiten
von Mitgliedstaaten verbietet.
Die Tatsache, daß Resolution 688 trotz der humanitären Frage wie auch der Möglichkeit einer Ausbreitung
auf andere Länder nur durch zähe Verhandlungen
erreicht wurde sowie der spätere Widerstand gegen
sehr einschneidende Resolutionen zu Jugoslawien
und Haiti bedeuten meiner Ansicht nach zweierlei.
Erstens muß noch manches getan werden, bevor der
Sicherheitsrat in der Lage ist, regelmäßig als weltweiter Krisenmanager zu fungieren, da noch kein eindeutiger und berechenbarer Konsens darüber besteht, wie
und in welchem Ausmaß er mit Bedrohungen der
internationalen Sicherheit umgehen soll, die sich aus
innenpolitischen Vorgängen in einzelnen Staaten ergeben. Zweitens müssen wir der UNO-Charta zufolge
offen für alternative regionale und auch unilaterale
Instrumente sein, um die vom Präsidenten erörterten
Programme für "Ordnung" sowie "Recht und Gerechtigkeit" zu verwirklichen.
In gewissem Sinne führt uns diese Art von Einstellung
gegenüber der Sicherheit zurück zu den ersten Prinzipien. Ein Teil der vor uns liegenden "Arbeit" ist mit der
identisch, die unsere Mitgliedschaft in den Vereinten
Nationen und anderen internationalen Institutionen
seit jeher erfordert hat. Es ist die mühselige Aufgabe,
eine internationale Gesellschaft gemeinsamer Werte
aufzubauen, um die geregelte Welt zu informieren und
beleben, in der wir alle leben möchten und deren
Schaffung wir deshalb anstreben sollten.
Während der Zusammenbruch des Kommunismus
den wichtigsten weltweiten Konflikt zwischen unterschiedlichen Werten beseitigt hat, hatte er bei anderen
nationalistischen, auf Stammesgegensätzen beruhenden oder religiösen, wirtschaftlichen und ethnischen
Konflikten, die bereits länger existieren und den wirtschaftlichen Gegensatz zwischen Nord und Süd erneut zu verschärfen drohen, genau das Gegenteil zur
Folge. Aus diesem Grund ist eine baldige Ausweitung
des Völkerrechts oder der Praxis des Sicherheitsrats
auf gesicherte äußere Garantien für Minderheitenrechte, demokratisch gewählte Regierungen oder von

AMERIKA DIENST 46

Bürgerkriegen heimgesuchte hungernde Menschen
unwahrscheinlich. Eine bedeutende Zahl der Ratsmitglieder betrachtet solche Prinzipien nicht als ordnungsfördernd sondern als Aushöhlung von Ordnung - oder
zumindest als subversiv für eine Ordnung, die auf
festgefügten Doktrinen staatlicher Souveränität und
Nichteinmischung beruht.
Das heißt jedoch nicht, daß wir jeglichem Fortschritt
von vornherein entsagen. Im Gegenteil, für ein rasch
entstehendes weltweites Sicherheitssystem liegt meines Erachtens die Antwort auf dieses Problem in einer
Kombination aus Pragmatismus und Phantasie. Wann
immer möglich, würde ein solcher Ansatz die Arbeit
innerhalb der etablierten Organe der Vereinten Nationen fordern, um die Lücke zwischen "Ordnung" und
Recht zu überbrücken. Wenn jedoch dieser Weg
verschlossen ist, bedeutet ein pragmatischer Ansatz,
über die Vereinten Nationen hinauszugehen - und
trotzdem im Rahmen der UNO-Charta zu bleiben -, um
andere Foren oder Instrumente einzusetzen. Schließlich müssen wir parallel zu diesem pragmatischen
Ansatz, der häufig von überraschenden Ereignissen
diktiert werden wird, die Phantasie besitzen, neue
Möglichkeiten für eine geradlinige Anwendung des
Völkerrechts zu erschließen.
Der Fall der Kurden und Resolution 688 sind ein gutes
Beispiel für den ersten Ansatz. Der Resolution zufolge
stellte die Lage eine Bedrohung für die internationale
Sicherheit und den Weltfrieden dar. Sie forderte
darüber hinaus die Mitgliedstaaten auf, die humanitären Bemühungen des Generalsekretärs zu unterstützen. Diese beiden Elemente sowie die Tatsache, daß
der Irak bereits den Zwangsbestimmungen von Kapitel
VII unterworfen war, reichten aus, um für die Koalition
eine rechtliche Grundlage zur Bereitstellung von Hilfe
und Unterstützung für die Kurden zu schaffen. Dieser
Spielraum wurde von denjenigen ständigen und anderen Ratsmitgliedem nicht beanstandet, die für gewöhnlich dazu neigen, aus Gründen der Nichteinmischung einen direkteren Ansatz abzulehnen.
Die zweite Reaktion auf die Einschränkungen, denen
die formellen Organe der Vereinten Nationen unterliegen, besteht im Verständnis, wann es notwendig sein
könnte, sie zu umgehen. Weder die Ausübung unserer
Rechte nach Artikel 51 noch vorsichtiges Engagement
zur Unterstützung unserer außenpolitischen Grundsätze verpflichten uns, stets nur mit ausdrücklicher
Genehmigung der Vereinten Nationen zu handeln.
Zwar mag dies vorzuziehen sein, aber man kann sich
unschwer Bedingungen vorstellen, unter denen die
rasche Entwicklung der Bedrohung zusammen mit der
Unfähigkeit oder Nichtbereitschaft des Sicherheitsrats
zur Entscheidungsfindung für eine regionale oder unter gewissen Umständen - einseitige Reaktion im
Einklang mit der Charta sprechen.
Ein dritter Ansatz besteht darin, jede Möglichkeit zu

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�nutzen, um die Lücke zwischen den schwerwiegenden
Anforderungen einer gerechten und geordneten Welt
und den begrenzten Mitteln des Völkerrechts in seiner
heutigen Form auszufüllen. Ich bin nicht der Überzeugung, daß dies bedeutet, wie müßten uns nun in eine
neue Runde von Verhandlungen über das Völkerrecht
stürzen. Im Gegenteil, meines Erachtens besteht
unsere wichtigste Aufgabe darin, die uns heute zur
Verfügung stehende rechtliche Struktur besser und
umfassender zu nutzen.
Der Menschenrechtspfeiler dieser Struktur ist hier ein
nützliches Beispiel, da es meines Erachtens drei
Schlüsselbereiche gibt, in denen die Stärkung dieses
Pfeilers jetzt oder in absehbarer Zeit möglich ist:
Normen, Beobachtung und Durchsetzung. Ich möchte
auf jeden dieser Bereiche kurz eingehen.
Auf der normativen Ebene fand die weltweite Hinwendung zur Demokratie bei der diesjährigen Generaldebatte starken Wiederhall in den Reden zahlreicher
Vertreter von Entwicklungsländern. In einigen Bereichen wird die Rhetorik durch Taten unterstützt. Dies
verschafft den Vereinten Nationen eine bessere Ausgangslage für ein aggressiveres Streben nach internationalen Maßnahmen und Verfahrensweisen zum Schutz
der traditionellen Menschenrechte des einzelnen (dazu
gehören die Rechte religiöser, ethnischer, nationaler
und kultureller Minderheiten) sowie der bisweilen so
bezeichneten Grundfreiheiten, darunter die Rechte
des einzelnen auf demokratische Teilhabe an der
Regierung. Beide Gruppen von Rechten werden von
zwei UNO-Instrumenten ausdrücklich bekräftigt. Dies
sind die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte
und der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte. Angesichts der großen Zahl von Unterzeichnerstaaten des Pakts sowie der Bedeutung seiner demokratischen und pluralistischen Schutzbestimmungen für so viele Länder, die heute von inneren
Veränderungen erschüttert werden, würde eine baldige Ratifizierung durch den Senat sein Ansehen weiter
stärken.
Humanitäre Normen würden ferner von aggressiverer
Unterstützung profitieren. Ich beziehe hierin die Bestimmung gegen Folter ein, die Bestandteil einer weiteren vom Senat noch zu ratifizierenden Konvention ist
sowie solch grundlegende moralische Pflichten wie die
Nichteinmischung bei der Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütem für Völker in Not. Obwohl
letzteres weder in der Erklärung noch im Pakt enthalten ist, liegt es eindeutig im Sinne dieser Dokumente.
Der durchgreifende Wandel, der die Wahrung von
Demokratie und Menschenrechten unter den Mitgliedstaaten der UNO erhöht hat, eröffnet neue Möglichkeiten für die Stärkung der Überwachung von Menschen-

rechten und sogar für die Untersuchung von Optionen
zu ihrer Durchsetzung. In der ersten Kategorie besteht
ein ehrenwertes, wenn auch in weiter Ferne liegendes
Modell für die Vereinten Nationen darin, sich den
Mechanismus der Menschlichen Dimension zu eigen
zu machen, eine bemerkenswerte neue Leistung der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa. Der KSZE-Mechanismus ist eine Abfolge von
Schritten, mit denen KSZE-Mitgliedstaaten ein anderes Mitgliedsland für vermutete Verletzungen zur
Rechenschaft ziehen können. Für die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen wären zwei
wichtige Schritte in diese Richtung die Stärkung und
Ausweitung des Systems der Berichterstatter für einzelne Länder sowie die Straffung des heutigen langwierigen und komplizierten Mechanismus zur Prüfung
gesammelter Einzelbeschwerden.
Wenn wir die Menschenrechte ernst nehmen, müssen
wir es letztlich auch mit der Durchsetzung ernst meinen. Die Vereinigten Staaten haben traditionell eine
Vielzahl bilateraler und multilateraler Mittel eingesetzt,
um die starke Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen zum Ausdruck zu bringen. Aktionen der UNO
haben im allgemeinen keine große Rolle gespielt.
Veränderungen könnten jedoch heute möglich sein.
Ein relativ bescheidener Schritt nach vorn würde durch
die Bestimmung über Dringlichkeitssitzungen der
Menschenrechtskommission erzielt, um besonders
wichtige und drängende Probleme zu erörtern. Weiter
in der Zukunft, aber trotzdem der Untersuchung wert,
liegt die Möglichkeit, Sanktionen gegen massive
Menschenrechtsverletzer einzusetzen. Mit der Verabschiedung von Resolution 688 hat der Sicherheitsrat
bereits zu verstehen gegeben, daß auf einer bestimmten Ebene Menschenrechtsverletzungen eine echte
Bedrohung für Frieden und Sicherheit schaffen können, die Aufmerksamkeit seitens des Sicherheitsrats
erforderlich macht.
Von Zeit zu Zeit benutzen Autoren in Zusammenhang
mit bemerkenswerten historischen Entwicklungen den
Begriff "annus mirabilis" oder "wunderbares Jahr", um
ihrer Verblüffung Ausdruck zu verleihen. Dies sind in
der Tat erstaunliche Zeiten. Vom sicherheitspolitischen Standpunkt aus sind sie jedoch keineswegs
wunderbar. Es besteht kein Mangel an Zielen, für die
Menschen zu töten oder sterben bereit sind. Auch
werden wir heute nicht all die klassischen Instrumente
beiseite legen, mit denen wir unsere Interessen verfolgen oder verteidigen. Dasselbe gilt für andere. Ich
möchte jedoch behaupten, daß die Fähigkeit der Vereinten Nationen, gemeinsamen Sicherheitsanliegen
zu dienen, niemals größer, beziehungsweise konstruktivem Denken oder Einfluß gegenüber niemals
aufgeschlossenen war.

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 46

�W A H L E N 1992
20. November 1992

INITIATIVEN: GUTE DEMOKRATIE ODER
SCHLECHTE GESETZGEBUNG?
von Kenneth Jost
BONN - (AD) - Die Kritiker von Initiativen verweisen auf eine Verwirrung an den Urnen, zu große Macht der
Geldgeber und Polarisierung. Die Befürworter erklären sie zur besten Kontrollmöglichkeit der Regierung. Der
Autor stellt Vor- und Nachteile des Prozesses der Initiativen vor, mit dem Wähler über Gesetzesvorlagen direkt
abstimmen können.
Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgt mit Genehmigung von Editorlal Research Reports. Copyright (c)
1990, Congressional Quarterly, Inc.
Kritiker des Initiativverfahrens in den Vereinigten Staaten weisen darauf hin, es funktioniere nicht im beabsichtigten Sinne. An den Urnen herrscht Verwirrung,
Geldgeber mit Eigeninteressen manipulieren die Wähler,
und mit der Kunst des Kompromisses wird kurzer
Prozeß gemacht. Befürworter gestehen Probleme,
erklären aber, im allgemeinen biete das System der
Basisdemokratie den Bürgern eine ausgezeichnete
Gelegenheit zur Kontrolle einer mächtigen Regierung.
Beide Seiten sprechen über Reformen, aber die Reformen selbst bringen unter Umständen neue Schwierigkeiten mit sich.
In 23 Staaten und dem District of Columbia dürfen
Wähler direkt an der Wahlurne über Gesetzesvorlagen
abstimmen. Zahlreiche Initiativen erreichten 1990 die
Urnen der Bundesstaaten - eine Fortsetzung der Tendenz
der achtziger Jahre. Dieses Jahrzehnt verzeichnete mit Ausnahme der dreißiger Jahre der Depression den höchsten Einsatz der Initiativen, seit sie von den
progressiven Bewegungen und ihren beiden direkten
demokratischen Verwandten - dem Referendem und
der Abberufung - Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts institutionalisiert wurden.
Die Progressiven wollten den Wählern mit der Initiative
ein direktes Mitspracherecht an den Gesetzen geben
und Eigeninteressen sowie nicht den Bedürfnissen
entsprechende Gesetzen ausschalten. Heute schütteln jedoch viele Wähler den Kopf, wenn sie versuchen, bei einer einzigen Abstimmung die Einzelheiten
jedes Themas zu verarbeiten. Dahersind den Kritikern
zufolge die Ergebnisse oftmals nicht von sorgfältigem
Abwägen bestimmt sondern von den Botschaften der
Medien, die bestenfalls stark vereinfacht und schlimmstenfalls ganz einfach irreführend sind: Vertreter
AMERIKA DIENST 46

besonderer Interessen haben gelernt, wie man das
System zähmt und es sich selbst zunutze macht. Der
Prozeß der Initiativen hat im Laufe der Zeit eine Flut
von politischen Beratern und Organisationen hervorgebracht, die Petitionen einreichen, eine veritable
Industrie, die allein bei der Wahl im November 1988 26
Millionen Dollar eingenommen hat.
Die Erfahrungen in Kalifornien mit der starken Zunahme von Abstimmungen über Einzelfragen, hohen Kosten
für Kampagnen und raffinierten Medienstrategien waren
ein schlagkräftiges Argument für Gesetzgeber, die in
den 27 Staaten, die keine Initiativen zulassen, den
Status quo erhalten wollen. Aber in den Staaten, die
diese Form der Basisdemokratie gestatten, hat sich
das progressive Vermächtnis als widerstandsfähig
gegenüber Veränderungen erwiesen. Die öffentliche
Befürwortung des Prozesses der Initiativen ist - in
Kalifornien und im ganzen Land - nach wie vor stark
und bietet eine politische Schranke für alle Angriffe auf
den Prozeß.
Die Kritik scheint dort, wo sie auftritt, davon abzuhängen, welchen Ochsen man bei den Hörnern nimmt.
Kaliforniens Liberale jubelten Anfang der siebziger
Jahre, als ihnen das Initiativverfahren gestattete, im
Rahmen der Kampagne eine Finanzreform zu verabschieden, mit der die Küste des Bundesstaats geschützt und Kernkraftwerke fast verhindert werden
konnten. Aber 1978 machte sich bei den Liberalen
Ernüchterung breit, als der Steuergegner Howard Jarvis
die Verabschiedung von Antrag 13 gewann - eine
Senkung der Grundsteuer - was dann ähnliche Initiativen in einem halben Dutzend anderer Staaten inspirierte.

Seite 1

�Mit der Zeit scheint sich die ideologische Bilanz jedoch
auszugleichen, jedenfalls David Schmidt zufolge, dessen
Buch Citizen Lawmakers: The Bailot Initiative
Revolution den Prozeß der Initiativen stark unterstützt. Schmidts Berechnungen zufolge brachten
Liberale, Umweltschützer oder linksgerichtete Gruppen von 1977 bis 1986 96 Initiativen in den Bundesstaaten ein und erlangten Zustimmung für 43 - 45
Prozent. Konservativ ausgerichtete Gruppen legten
91 Initiativen zur Abstimmung vor, wovon 41 -oder 45
Prozent - verabschiedet wurden.
Schmidt wird in seinen Ansichten von dem Konservativen Patrick McGuigan unterstützt, der als Redakteur
des von der Free Congress Foundation
herrausgegebenen Family, Law and Democracy Report die Initiativen in den achtziger Jahren beobachtet
hat. "Die Mechanismen der Basisdemokraatie", so
McGuigan, "sind ideologisch neutral und eignen sich
uneingeschränkt für die Beeinflussung und Nutzung
aller - oder durch alle."
Wenn die allgemeine Annahme, die Initiative sei ideologisch entweder konservativ oder liberal eingefärbt,
der eingehenden Überprüfung der Tatsachen nicht
standhält, dann auch nicht andere Behauptungen von
Befürwortern oder Gegnern, die ihren Standpunkt in
der anhaltenden Debatte über Basisdemokratie untermauern.
Befürworter erklären zum Beispiel, Initiativen und
Volksabstimmungen erhöhten die Wählerbeteiligung,
indem sie die öffentliche Debatte über bestimmte
Themen stimulieren und der Öffentlichkeit eine direkte
Rolle bei ihrer Entscheidung zuweisen. Aber der
Politologe Thomas E. Cronin vom Colorado College,
im allgemeinen ein Befürworter des Einsatzes der
Initiativen, gibt in seiner jüngsten Untersuchung Direct
Democracy zu, alle Tatsachen sprächen dafür, daß
die Wählerbeteiligung im allgemeinen bei der Abstimmung über bestimmte Themen niedriger ist als bei
einer Abstimmung über Kandidaten bei derselben Wahl.
Andererseits zeigen auch die Argumente der Gegner
Schwächen. Zum Beispiel bezeichnen sie die Initiative
als zu oft benutzte Taktik, ihrer Meinung nach ist es zu
leicht, Maßnahmen in einen Wahlgang einzubringen,
so daß die Wähler zu bereitwillig den einmal eingebrachten Maßnahmen zustimmen. Die Gegner weisen jedoch darauf hin, daß der Prozeß der Initiativen
sogar bei sehr häufigem Einsatz insgesamt ein relativ
seltenes rechtliches Mittel ist, die meisten Bestrebungen zur Vorlage von Initiativen bei der Wahl scheitern
und Wähler etwa die Hälfte oder mehr der zur Wahl
stehenden Initiativen ablehnen.
In den letzten Jahren haben die Gegner einen neuen
- angesichts der Geschichte der Basisdemokratie
paradoxen - Kritikpunkt vorgebracht. Ihnen zufolge
dominieren Eigeninteressen den Prozeß der Initiativen, weil sie ihre hohen finanziellen Mittel einsetzen,
um Medienkampagnen zu starten, die einer populären
Seite 2

Idee bis zum Wahltag den Garaus machen können.
Beispiele dazu liefern zwei erfolglose Initiativen in
Kalifornien, die dem Juraprofessor Daniel Lowenstein
von der University of California at Los Angeles (UCLA)
zufolge durch "einseitige Ausgaben" von Gegnern aus
der Industrie geprägt wurden: eine Anti-RaucherMaßnahme von 1978 und die 'Tax Big Oil"-Kampagne
1980. Befürworter der Initiativen verweisen jedoch auf
zwei aktuellere Beispiele aus Kalifornien - den Erfolg
einer Tabaksteuermaßnahme im Jahr 1986 und die
Verabschiedung von Antrag 103, der Senkung der
Kraftfahrzeugversicherung 1988 - als Beweis dafür,
daß Initiativen wohlfinanzierten Kampagnen der Industrie Widerstand entgegensetzen können und manchmal die einzige Möglichkeit bieten, starre Lobbys der
Industrie zu besiegen.
Diese nüchternen Debatten finden vor dem Hintergrund einer anhaltenden Spaltung über den Einsatz
der Initiativen statt, einer Spaltung über die Teilnahme
oder Nichtteilnahme zwischen denjenigen, die Zugang
zur konventionellen Rechtsprechung und denjenigen,
die keinen haben - ungeachtet der politischen Ideologie. Der liberale Schmidt und der konservative McGuigan können zum Beispiel beide den Prozeß der Initiativen unterstützen. Für Schmidt sind die Initiativen
"eine seltene und wertvolle Blume der Demokratie", ein
System, das weder von rechts, links oder von Eigeninteressen kontrolliert wird sondern von den Menschen."
Für McGuigan zeigen Maßnahmen wie der Antrag 13
- die Steuerreform -, wie die Initiative "der Mehrheit hart
arbeitender, engagierter steuerzahlender Bürger"
Hoffnung gibt, wie sie mehr von ihrem Geld behalten
können, während Initiativen über soziale Belange den
Bürgern gestatten, traditionelle Werte zu bekräftigen,
die von der politischen Elite allzuoft ignoriert werden.
Für viele Gesetzgeber, etablierte Lobbyisten und manche
Politologen hat dieser angebliche Vorteil der initiative
eine beunruhigende Kehrseite. Sie erkennen einen
immanenten Trend zu Polarisierung, Konfrontation
und alarmierendem Protest, eine Abwendung von
Kompromiß, Verständigung und fein abgestimmter
Ausarbeitung der Gesetze.
"Es ist eine schlechte Art, Gesetze zu schreiben", so
der Professor für Politologie an der Brigham Young
University in Provo (Utah), David Magelby, dessen
Buch von 1984 Direct Legislation die umfassendste
Studie zur Basisdemokratie aus einem skeptischen
Blickwinkel ist. John Knox, ein ehemaliger Abgeordneter aus Kalifornien, der versuchte, das Verfahren der
Gesetzesinitiativen im Bundesstaat einzuschränken,
stimmt dem zu. "Meines Erachtens sind die meisten
Institutionen auf der rechten und linken Seite des
politischen Spektrum bedroht", erklärte er 1984 in
einem Interview, als er einen erneuten und letztlich
erfolglosen Versuch zur Überarbeitung des Verfahrens der Gesetzesinitiativen in Kalifornien unternahm.
"Es ist wie ein Schuß, der nach hinten losgehen kann.
Jede Gruppe kann angegriffen werden, von der ameAMERIKA DIENST 46

�rikanischen Bürgerrechtsbewegung bis zur Ölindustrie. Es ist einfach keine gute Art und Weise, Gesetze
zu verfassen."
Für Befürworter der Basisdemokratie sind jedoch die
Initiative und das Referendum unabdingbare Sicherheitsventile für nichtrepräsentative und indifferente
gesetzgebende Körperschaften. Sie vertreten die
Auffassung, Basisdemokratie biete ein Gegenmittel
für das sich aus der Dominanz des politischen Prozesses durch organisierte Interessengruppen ergebende
Gefühl der Machtlosigkeit und Entfremdung der Wähler. "In einem Zeitalter, in dem politisches Handeln
zunehmend durch Finanzierungskampagnen großen
Stils und 30 Sekunden dauernde Fernsehwerbung
beherrscht wird,", schreibt Schmidt, "sind Kampagnen
für Gesetzesinitiativen ein Bereich der Politik, in dem
die Vorstöße des Normalbürgers noch etwas verändern können."
Für Bürgerinitiativen bietet die Initiative das, was gelegentlich als einzig gangbarer Weg zur Überwindung
starrer Opposition durch Interessengruppen und die
vorherrschenden politischen Kräfte erscheint.
Kritiker der Initiative wissen für gewöhnlich einige ihrer
vermeintlichen Vorteile zu würdigen und nehmen davon
Abstand, die Abschaffung des Verfahrens zu fordern.
Ihnen zufolge übertreiben die Befürworter jedoch seine Vorteile, und in einem umfassenderen Kontext
bringen sie das Argument vor, das System sei grundsätzlich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis
schlechter als die repräsentative Demokratie.
"Wir haben vor 200 Jahren die Entscheidung getroffen,
welche Art der Regierung wir wollen", erklärt Alan
Karcher, ein ehemaliger Anführer der Demokraten im
Parlament von New Jersey, der in diesem Bundesstaat den Kampf, gegen die Einführung der Initiative
im Jahr 1986 erfolgreich führte. "Wir wollten nicht dem
Modell der Französischen Revolution folgen. Wir
wollten eine strukturierte, institutionell verankerte repräsentative Demokratie, in der der Wille des Volkes
durch Vertreter kanalisiert wurde."
Ein Vorteil des Gesetzgebungsverfahrens, argumentieren die Kritiker der Wahlurnen-Demokratie, ist die
größere Menge der dem Gesetzgeber zur Verfügung
stehenden Informationen. "Wir wählen Abgeordnete
und Senatoren als unsere Vertreter weil wir als Einzelpersonen keinen Einblick in die Themen nehmen können,
die Gesetze erfordern", stellte Robert T. Hall, der
geschäftsführende Direktor der Bürgerrechtsgruppe
"Common Cause" in West Virgina zur Begründung
seiner Ablehnung der Gesetzesinitiative in seinem
Bundesstaat fest.
Gegner der Initiative erklären jedoch, das Gesetzgebungsverfahren habe einen größeren Vorteil als nur
die Bereitstellung von mehr Information. Bei einer
Initiative können die Wähler nur Ja oder Nein ankreuzen. Bei der Gesetzgebung können und müssen
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Kompromisse zwischen konkurrierenden Interessen
erarbeitet werden. Institutionen können Kompromisse
erfordern, nicht nur um bessere Gesetze zu machen,
argumentieren die Gegner der Initiative, sie können
auch Minderheiten schützen. Julian Eule, Juraprofessor an der UCLA, verweist darauf, daß die Begründer
der amerikanischen Verfassung aus Mißtrauen gegenüber der Herrschaft des Volkes ein System der
gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von Kongreß und Regierung als Schutz vor
einer überwältigenden Mehrheit geschaffen haben.
Zwei der wichtigsten Strukturelemente der Verfasser ein Zweikammernsystem und das Veto der Exekutive
- sind im Verfahren der Gesetzesinitiativen nicht enthalten, und Eule zufolge wurde das dritte - richterliche
Nachprüfung - sowohl von den Gerichten der Bundesstaaten als auch den Bundesgerichten bei der rechtlichen Infragesstellung von Initiativen zu vorsichtig
ausgeübt.
Weit von der Förderung von Kompromissen entfernt,

hat das Verfahren der Gesetzesintitiativen in der entscheidenden Entwurfsphase eine eingebaute Tendenz zur Polarisierung. Die organisatorische Notwendigkeit der Sammlung von Unterschriften und Aufbringung von Mitteln bedingt ehrgeizige Vorschläge, die
leicht übermittelt werden können und verlockend sind,
wie die Steuerbegrenzungen in der Gesetzesvorlage 2
von Massachusetts oder die 20prozentige Senkung
der Kraftfahrzeugversicherung in Vorlage 103 des
Bundesstaates Kalifornien.
Wie Magelby feststellt, hegen darüber hinaus Interessengruppen, die nur ein Thema vertreten "häufig den
Wunsch, eine 'eindeutige' Abstimmung zu ihrem Statut oder Verfassungszusatz zu erhalten. Diese Gruppen, und häufig auch ihre Gegner, sind nicht so besorgt
über die Auswirkungen auf den Regierungsprozeß wie
darüber, ihren Willen zu dem Thema durchzusetzen."
Trotz der Kritik und der gescheiterten Erwartungen im
Hinblick auf das Verfahren der Gesetzesinitiativen
belegen öffentliche Meinungsumfragen, daß sich die
Basisdemokratie national breiter Unterstützung durch
die Öffentlichkeit erfreut, sogar in Bundesstaaten wie
Kalifornien, wo sie häufig Kontroversen auslöst. Eine
von Cambridge Survey Research 1977 durchgeführte
Umfrage ergab, daß 57 Prozent eine Verfassungsänderung zugunsten einer nationalen Gesetzesinitiative
befürworten und nur 25 Prozent dagegen sind. Eine
1987 für Thomas Cronins Buch bei Gallup in Auftrag
gegebene Untersuchung kam zu dem Schluß, daß
zwei Drittel der 1.009 befragten Personen die Auffassung vertraten, die Wähler sollten zu einigen staatlichen und kommunalen Gesetzen direkt abstimmen
können. Eine von "Common Cause" und dem Institut
für Politik und Staatsrecht der University of Southern
California durchgeführte Umfrage belegte im Jahr 1985,
daß 71 Prozent der Befragten gegen die Abschaffung
des Initiativensystems waren.

Seite 3

�Aufgrund der breiten öffentlichen Unterstützung hat
sich die Basisdemokratie als außerordentlich dauerhaft in den Staaten erwiesen, in denen sie in die Praxis
umgesetzt wurde. Kein Staat hat die Initiative je
aufgegeben, nachdem sie einmal verabschiedet war,
und Bestrebungen zur Verschärfung der Verfahren
scheitern häufig angesichts des triftigen Arguments,
man nehme dem Volk sein Recht zur Selbstregierung.
"Einige Gesetzgeber fürchten, eine Stimme gegen die
Änderung des Verfahrens der Gesetzesinitiativen würde
als Abstimmung gegen das Verfahren an sich angesehen", erklärt Margaret Herman, Rechtsberaterin der
kalifornischen Liga weiblicher Wähler, die in den vergangenen 5 Jahren erfolglos ein Gesetz zur Reform
der Initiative durchzusetzen versuchte.
Magelby verweist hingegen auf die Erkenntnisse einiger Meinungsumfragen, die gemischte Gefühle der
Öffentlichkeit bezüglich der Anwendung der Initiative
belegen. Als die Gesetzgeber von New Jersey beispielsweise Ende der siebziger Jahre ein Gesetz zur
Schaffung einer Initiative erwogen, kam eine vom
Eagleton Institute of Politics an der Rutgers University
zu dem Schluß, daß 57 Prozent der Befragten keine
Meinung dazu hatten, ob die Initiative eine gute Idee
sei.
Laut Magelby war noch wichtiger, daß der Meinungsumfrage zufolge ungefähr zwei Drittel der Befragten
einigen der wichtigsten von den Kritikern der Basisdemokratie vorgebrachten Argumente zustimmten: Die
Aufgabe der Gesetzgebung sollte den gewählten
Vertretern überlassen bleiben, viele Wähler seien nicht
in der Lage, eine fundierte Wahlentscheidung zu treffen, zahlreiche Themen seien zu kompliziert für eine.
einfache Abstimmung mit Ja oder Nein, und besondere Interessen würden durch das Initiatiwerfahren an
Macht gewinnen, indem mehr Geld ausgegeben würde. In ähnlichem Tenor stellt Magelby fest, von dem
kalifornischen Meinungsforscher Mervin Field durchgeführte Untersuchungen belegten, daß zwei Drittel
der Befragten der Überzeugung waren, gewählte
Vertreter seien besser als die Wähler zur Entscheidung außerordentlich schwieriger technischer oder
rechtspolitischer Fragen geeignet.
Zweifel über die Entstehung der Initiative veranlassen
viele Studenten und Beobachter des Verfahrens zum
Ruf nach Reformen. Trotz ihrer unterschiedlichen
Perspektive haben beispielsweise sowohl Magelby als
auch Cronin Listen von Vorschlägen, die ihres Erachtens das Initiativverfahren verbessern würden. In
Kalifornien haben sich "Common Cause" und die Liga
der weiblichen Wähler zusammengeschlossen, um
Reformvorschläge für die Initiative zu unterstützen,
und Zeitungskolumnisten und Verfasser von Leitartikeln befürworten dieses Ziel regelmäßig in Wahlkampfzeiten.

Seite 4

Einige Reformen können nur als Kesselflickerei bezeichnet werden: zum Beispiel Verschärfung der
Unterzeichungsverfahren, um die Zahl der Initiativen
zu verringern oder Begrenzung der Wahlthemen auf
allgemeine Wahlen, bei denen die Wahlbeteiligung
normalerweise höher ist und wahrscheinlich weniger
verzerrt wird als bei den Vorwahlen. Aber alle vorgeschlagenen Reformen - selbst diese - fordern Kritik
heraus.
Andere Reformvorschläge haben zum Ziel, dem Einfluß entgegenzuwirken, den besondere Interessen
über das Initiatiwerfahren erlangt haben. Die Zunahme bezahlter Unterschriftensammler hat einige Bundesstaaten einschließlich Colorado veranlaßt, ihren
Einsatz zu verbieten.
Im Jahr 1988 brachte das Oberste Bundesgericht
jedoch ein Gesetz des Staates Colorado als verfassungswidrig zu Fall. Lowenstein von UCLA war Mitverfasser einer unlängst veröffentlichten Untersuchung,
die jene Entscheidung scharf kritisierte und einen
Altemativvorschlag unterbreitete, demzufolge von
Freiwilligen gesammelte Unterschriften einen erheblichen Bonus erhalten sollten. Er gibt jedoch zu, daß
dieser Vorschlag den Abgeordneten nur schwer
schmackhaft gemacht werden kann, da er als "zu
trickreich" erscheint.
Ein zweiter Weg, um den Einfluß von Sonderinteressen auf Abstimmungen über Einzelanliegen durch
Beitrags- oder Ausgabenbegrenzung zu verringern,
könnte ebenfalls an Verfassungsgrundsätzen scheitern.
Ohne Beitrags- oder Ausgabenbegrenzung bestünde
eine alternative Methode zur Verringerung der Auswirkungen einseitiger Ausgaben bei solchen Abstimmungen darin, öffentliche Gelder für solche Kampagnen
zur Verfügung zu stellen. Der Politologe Austin Ranney von der University of California in Berkeley ist der
Meinung, die Abwesenheit von klaren Parteilinien, die
für gewöhnlich dem Wähler Orientierung geb9n, akzentuiere die Bedeutung, die der ausreichenden Informierung des Wählers bei Abstimmungen über Einzelfragen von beiden Seiten zukomme. Unter Berufung
auf dieses Argument unterstützt Cronin den von Ranney ins Spiel gebrachten Gedanken, bei einer solchen
Kampagne einer Seite begrenzte öffentliche Unterstützung - einen Grundstock - zukommen zu lassen,
wenn die andere Seite mehr als einen festgesetzten
Betrag aufbringt.
Eine weitere Kategorie vorgeschlagener Reformen
konzentriert sich auf strukturelle Veränderungen beim
Initiatiwerfahren. Diese Vorschläge sind nicht darauf
ausgerichtet, den Zugang zur Abstimmung zu begrenzen oder Ungleichgewichte zu beheben sondern da-

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�rauf, bei der Vorbereitung einer Initiative für die Abstimmung einen Diskussionsprozeß zu fördern oder
vorzuschreiben.
Was auch immer die Argumente für die Überarbeitung
des Initiativprozesses sein mögen, die politischen
Hindernisse für die Verabschiedung solcher Veränderungen bleiben bestehen. Und genau dies könnte ein
Grund für den offenkundigen Anstieg von Klagen - vor
der Verabschiedung und in einigen Fällen auch schon
vor der Abstimmung - gegen Initiativen im vergangenen Jahrzehnt sein.
In gewissem Sinne ist die Debatte über Initiativen
juristisch und politisch in eine Sackgasse geraten.
Kritiker des Prozesses sind politisch nicht stark genug,
um ihn zu beschneiden, aber seine Befürworter haben
keine Erfolge verzeichnet, seit sich Wyoming und
Florida im Jahr 1968 den Reihen der Staaten angeschlossen haben, die Initiativen vorsehen. In den
vergangenen zwei Jahrzehnten haben mindestens 20
Staaten ohne die Möglichkeit der Initiative Gesetze in
Erwägung gezogen, um Sonderabstimmungen zuzulassen, aber politische Trägheit, Opposition in den
Parteien und Mangel an Interesse der Öffentlichkeit
zusammengenommen haben diesen Vorschlägen den
Garaus gemacht. Wähler in zwei Staaten haben vom
Parlament unterbreitete Vorschläge zur Einführung
der Initiative nur knapp abgewiesen: In Minnesota im
Jahr 1980 und Rhode Island im Jahr 1986.
Die Möglichkeit der nationalen Initiative liegt in noch
weiterer Ferne. Das Thema wurde bei Anhörungen
des Kongresses im Jahr 1977 zur Sprache gebracht,
aber Gesetzentwürfe dazu haben keine Fortschritte
gemacht.
Aus einem relativ desinteressierten Blickwinkel konstatiert Cronin, daß der Initiativprozeß funktioniert hat
- und er hat "auf Staats- und Gemeindeebene besser
funktioniert als die meisten sich bewu ßt sind". Aber wo
die Befürworter der Basisdemokratie den Vorteil erkennen, daß neue Teilnehmer in das politische System
einbezogen werden, sehen die Kritiker eine Abzweigung politischer Energien und Ressourcen von bevorzugten politischen Prozessen. Was Praktiker des
Initiativprozesses als Instrument für politische Durchbrüche und Volksherrschaft betrachten, wird von den
Kritikern als verselbständigter Impuls für Mehrheitshysterie und Gesetzgebung angesehen, die sich nicht
um Einzelheiten schert. Einzelinitiativen sorgen femer
noch Jahre nach ihrer Annahme oder Verwerfung für
hitzige Debatten.
Selbst die schärfsten Kritiker der Initiative würden sich
jedoch dem Schluß Cronins nicht verschließen, wonach die Mechanismen der Basisdemokratje 'Von Dauer
sind", und zumindest einige Befürworter würden seiner
Forderung nach zusätzlichen Sicherungen bei diesem
Prozeß applaudieren. Bei eingehender Prüfung weist
die Initiative zwar schwerwiegende Mängel auf, aber

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das gleiche gilt für das Gesetzgebungsverfahren und
konventionelle Wahlen. Möglicherweise lassen sich
einige dieser Mängel beheben, aber ob mit oder ohne
Mängel, wo die Initiative zugelassen ist, stellt sie eine
Grundtatsache des amerikanischen politischen Lebens
dar, die von gewählten Vertretern, Interessengruppen
und Wählern insgesamt nicht außer acht gelassen
werden kann.
Die Terminologie der Basisdemokratie
Direct Initiative (Direkte Initiative) - Verfügungen
oder Verfassungsänderungen werden durch Petition
vorgeschlagen und mit einer ausreichenden Zahl von
Unterschriften dem Wähler unmittelbar zur Zustimmung oder Ablehnung vorgelegt. Die Legislative spielt
dabei keine Rolle.
Indirect Initiative (Indirekte Initiative) - Verfügungen
werden durch Petition vorgeschlagen, dann jedoch
dem Parlament unterbreitet. Falls das Parlament nach
einer bestimmten Frist die Verfügung nicht verabschiedet oder so verändert hat, daß sie für deren
Verfechter nicht mehr annehmbar ist, können diese
weitere Unterschriften sammeln und den ursprünglichen Vorschlag dem Wähler zur- Abstimmung vorlegen.
In 23 Staaten sowie dem District of Columbia (Territorium der Bundeshauptstadt Washington) sind die direkte oder indirekte Initiative zulässig.
Populär Referendum (Volksbegehren) - Wähler können
Unterschriften sammeln, um zu fordern, daß bestimmte von der Legislative verabschiedete Gesetze allen
Wählern zur Abstimmung vorgelegt werden. Dieses
Volksbegehren ist in 25 Staaten sowie dem District of
Columbia zulässig.
Für gewöhnlich gelangen einzelne Gesetzesvorhaben
nicht durch Volksbegehren zur allgemeinen Abstimmung. Statt dessen werden sie durch Beschluß der
Legislative dem Volk zur Abstimmung vorgelegt.
Zahlreiche Verpflichtungsgesetze (einen Bundesstaat
oder Gemeinden betreffend) sowie Veränderungen
von ursprünglich durch Initiativen eingeführten Verfügungen erfordern die Zustimmung der Wähler. Alle
Staaten außer Delaware erfordern die Zustimmung
der Wähler zu Verfassungsänderungen.
Recall (Abberufung) - Wähler können Unterschriften
sammeln, um einen Amtsträger abzulösen oder zu
entlassen, für gewöhnlich in einer Sonderabstimmung.
Petitionen für eine Abberufung erfordern normalerweise mehr Unterschriften als eine Initiative oder ein
Volksbegehren.
Gesetze zur Abberufung von Staatsvertretern bestehen in 15 Staaten und dem District of Columbia,
während 36 Staaten die Abberufung von Gemeindevertretern gestatten. Das Verfahren wird auf Staatsebene äußerst selten angewendet.

Seite 5

�DROGEN
20. November 1991

MARTINEZ DRÄNGT EUROPA ZU KAMPAGNE
GEGEN DROGENMISSBRAUCH
Verabschiedung europaweiter Kontrollen gefordert
LONDON - (AD) - Obwohl Drogenbekämpfungsmaßnahmen nicht immer populär sind, forciert der Drogenbeauftragte der US-Regierung, Bob Martinez, die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs zum Handeln
auf, bevor diese Länder sich mit einer ausgewachsenen Drogenepidemie konfrontiert sehen.
"Wir wollen es den Drogenhändlern schwer machen,
ihre Profite zu behalten. Dies bedeutet Kontrollen bei
Geldwäsche und die Beschlagnahmung von Vermögen", erklärte Martinez in einem Interview, während er
im Auftrag des Präsidenten vom 15. bis 26. November
1991 eine Reise in sechs europäische Länder antrat.
Auch die Vereinigten Staaten drängen auf europaweite Kontrollen beim Verkauf von Chemikalien, die zur
Herstellung von Kokain und Heroin verwendet werden
können, auf Präventionsprogramme gegen Drogenmißbrauch, zunehmende Bestrebungen zur Unterbindung des Nachschubs sowie Unterstützung bei der
Bereitstellung alternativer Wirtschaftsprogramme in
Drogenerzeugerländern, fügte Martinez hinau.
Er räumte ein, daß einige Drogenbekämpfungsinitiativen wie die Bekanntgabe von Geldtransfers und chemische Kontrollen politisch nicht immer populär sind.
Martinez verwies jedoch darauf, daß die öffentliche
Unterstützung für Strafverfolgungsmaßnahmen und
Präventionsinintiativen während seiner Amtszeit als
Bürgermeister von Tampa (Florida) und in den achtziger Jahren als Gouverneur von Florida mit Verschärfung des Drogenproblems drastisch anstieg.
Sein Interesse an diesem Problem wurde 1979 geweckt, als er als neu gewählter Bürgermeister von
Tampa 10- bis 12jährige Kinder auf den Straßen in der
Nähe öffentlicher Wohnsiedlungen mit brandneuen
Mopeds herumlungern sah.
"Die Polizei erzählte mir, die Drogenhändler heuerten
diese Kinder an", so Martinez. Die Kinder bekamen
Mopeds und rund 50 Dollar am Tag, um nach neuen
Opfern Ausschau zu halten, "und wenn sie es nicht
richtig machten, nahmen ihnen die Drogenhändler die
Mopeds weg."

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Bedauerlicherweise stieg der Drogenkonsum Martinez zufolge drastisch an, aber die Öffentlichkeit interessierte sich kaum für das Problem oder verschloß die
Augen davor.
Als Martinez 1987 Gouverneur wurde, begann sich
das Verhalten zu ändern, "aber bis dahin hatte der
Drogenkonsum in Florida epidemische Ausmaße erreicht."
Martinez leitete ein breites Spektrum von Drogenbekämpfungsprogrammen ein wie den Einsatz der Nationalgarde in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen
Zoll bei der Inspektion von Containerladungen, Aufstockung der Zahl von Polizeibeamten, Labors und
Zellen sowie die Bereitstellung staatlicher Mittel zum
Abbau der Nachfrage in Schulen und am Arbeitsplatz.
"Wir haben erkannt, daß es ungeachtet der Nationalität oder politischen Lage einen Zeitraum des Verleugnens gibt, den jeder durchläuft," erklärte Martinez und
bezog sich damit auf das Leugnen des Drogenproblems.
"Ich verstehe, daß man in der Politik viele Dinge tun
kann, bevor man ein Krisenstadium erreicht...," fügte
er hinzu. "Aber das mindeste, was wir meiner Ansicht
nach tun können, ist, unsere Erfahrungen zu vermitteln."
Martinez wird in Großbritannien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Spanien mit Regierungsvertretern, Geschäftsleuten, Drogenexperten und
Polizeibeamten zusammentreffen.
Er verwies darauf, daß bereits viel getan wird, einschließlich der Hilfe für die Andenstaaten Bolivien,
Kolumbien und Peru. "Einigen von ihnen wollen wir

Seite 1

�danken", erklärte er. "Manche dieser Länder haben "Ich habe Berichte gesehen, denen zufolge Crack jetzt
bereits Geld investiert, und ihre Beamten reisen in die Einzug in einigen Städten Europas hält, wo die Drogenkonsumenten und -händler bisher nicht darauf
Regionen, um sich dort ein Bild zu verschaffen."
vorbereitet waren. Jetzt sind sie gewappnet," erklärt
Martinez betonte jedoch, "es gibt ungeheure Bestre- Martinez.
bungen der Kokain-Kartelle zum Vertrieb ihres Produkts in Europa ... Sie sind sehr klug, finanziell gut In den siebziger Jahren haben Martinez zufolge die
ausgestattet, und sie setzen die beste Technologie Menschen in den Vereinigten Staaten nicht auf die
ein. Ich bin nicht sicher, ob es manche westlichen Warnungen der Polizei gehört, Drogenhandel und
Länder mit ihnen aufnehmen können."
Gewalt würden zunehmen. "Meiner Meinung nach ist
dies ein Grund, warum Drogen in den Vereinigten
Für die Vereinigten Staaten "ist der Umgang mit den Staaten so gut Fuß fassen konnten, und heute müssen
kolumbianischen Kartellen schwierig genug", erklärte wir so viel Geld und Mühe zur Eindämmung des
er, "auch mit den 11,7 Milliarden Dollar, die ausgege- Drogenkonsums investieren."
ben werden" um ihren illegalen Handel zu durchkreuzen.
"Wenn der Import von Kokain nach Europa nur die
Frage einiger Jahre war", fügte er hinzu, "und wenn
Diese Zahl fordert Präsident Bush für die Drogenbe- man die Zahlen betrachtet, steigen sie eher als daß sie
kämpfung im Haushaltsjahr 1992. Der Antrag wurde fallen, dann kann es noch einige Jahre dauern, bis sich
vom Amt für nationale Drogenbekämpfungspolitik - die vollen Auswirkungen dort zeigen."
das Martinez leitet - in Zusammenarbeit mit anderen
Bundesbehörden erarbeitet.
* *

Seite 2

*

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�</text>
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Embassy of the United States of America

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5300 Bonn 2

13. November 1991

USA-EUROPA

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag

NATO-GIPFEL

BUSH: NATO-STREITKRAFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom

KSE

KSE-VERTRAG EIN MEILENSTEIN DER
SICHERHEITSVERHANDLUNGEN
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß

WAHLEN IN DEN USA

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen

ERWACHSENENBILDUNG

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
13. November 1991

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag
DEN HAAG - (AD) - Präsident Bush hat am 9. November 1991 bei einem vom niederländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers gegebenen Mittagessen in Den Haag erklärt, die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft müßten den Staaten Mittel- und Osteuropas helfen, um die von ihnen errungenen Freiheiten zu
sichern, die dazu beitragen werden, "das letzte Kapitel des kalten Kriegs zu schreiben".
Dabei warnte Bush vor "kurzsichtigen" Isolationisten in den Vereinigten Staaten sowie vor der Gefahr, daß die
"Verbündeten des kalten Kriegs die wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte Krieger, die sich in
Wirtschaftskrieger verwandeln".
Unfaire Handelsschranken zwischen den Nationen würden zu "wirtschaftlichem Ruin" führen und die Staaten in
eine Rivalität treiben, wie sie während der Großen Depression geherrscht habe. "Als Präsident ist es Teil meiner
Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum und Chancen sicherzustellen. In
einer Weltwirtschaft bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Bushs in Den Haag im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident, Präsident Dolors, Außenminister van den Broek, verehrte Gäste,

unfreien Nationen Osteuropas die ersten Anzeichen
des Wandels.

ich möchte Ihnen allen danken. Mein Dank gilt insbesondere Ihrer Majestät, der Königin, für die außergewöhnlich warmherzige, aufrichtige Gastfreundschaft,
die uns heute hier entgegengebracht wurde und die
Barbara und ich auch in der Vergangenheit als ihre
Gäste genie ßen durften. Es ist mir eine Freude, wieder
einmal hier sein zu können.

In der Steinkirche von Leiden sprach ich von dem
neuen Geist, der auf diesem Kontinent lebendig, von
der neuen Welt, die in greifbarer Nähe sei. Und heute,
da wir uns in diesem historischen Rittersaal versammelt haben, ist Europa umgewandelt. Eine neue Welt
erstreckt sich vor uns, eine Welt, die vom Versprechen
der Freiheit belebt wird.

Ich freue mich, mit Ihnen am Ende dieser ersten
Zusammenkunft von politisch Verantwortlichen der
Vereinigten Staaten und der EG auf europäischem
Boden zusammenzutreffen. Daß dies auf niederländischem Boden geschieht, macht diesen Moment noch
bedeutsamer, denn nirgends ist das moralische Rückgrat unserer Atlantischen Gemeinschaft stärker.

Erst vor zwei Jahren fegte die Revolution jenes kalte
und düstere Symbol der europäischen Teilung hinweg,
und die Mauer wurde in Trümmer gelegt. Aber die
Geschichte läßt wenig Zeit zum Feiern.

Ich habe meinen ersten Besuch in Den Haag als
Präsident vor zwei Jahren am Vorabend der Revolution von 1989 gemacht. Zu jenem Zeitpunkt standen
wir in einem Konflikt verhaftet, dem bewaffneten und
unbehaglichen Frieden, den wir als kalten Krieg bezeichneten. Und doch bemerkte die Welt sogar in den

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Mit dem Wandel kommen neue Herausforderungen,
neue Herausforderungen für alte Verbündete, die einen
gemeinsamen Kurs in dem Frieden festlegen müssen,
der dem kalten Krieg folgt. Neue Herausforderungen
für alte Gegner-hier in Europa, die gewährleisten, daß
die Staaten des Ostens von ihren westlichen Nachbarn
Hilfe bei der Sicherung ihrer schwer errungenen Freiheiten erwarten können.

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�Wenn wir uns der Zukunft stellen, dürfen wir die
Irrtümer der Vergangenheit nicht wiederholen. Auf
meiner Seite des Atlantiks haben einige das Ende des
kalten Kriegs mit einem Chor des "Komm nach Hause,
Amerika" begrüßt.
Für sie bedeutete der Zusammenbruch des Kommunismus, daß das Engagement der Vereinigten Staaten
in Europa beendet war. Nichts könnte kurzsichtiger
sein - für Europa, für die Vereinigten Staaten und für
die Welt.
Wir müssen die schwer erkämpften Lektionen dieses
Jahrhunderts beherzigen, wenn wir die neuen Chancen im nächsten ergreifen wollen.
Wir sollten künftigen Historikern darüber hinaus keinen
Grund liefern, um 1991 als Wiederholung von 1919 zu
betrachten, ein Zeitalter des naiven Isolationismus, in
dem die großen Demokratien der Welt entzweit und
verwirrt waren, Europa zwischen Siegern und Besiegten geteilt und blind gegenüber unerwarteten Gefahren war. Dieses erste Zeitalter der Naivität machte die
Schrecken Hitlers, gefolgt von dem lang anhaltenden
kalten Krieg erst möglich. Ich denke, wir sind uns einig,
daß die Welt für diesen ersten Flirt mit der Verblendung
teuer bezahlt hat. Der Krieg kostete Millionen Menschenleben. Unschuldige Generationen verloren den
Traum der Freiheit.
Die Frage, der wir uns heute ausgesetzt sehen, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Frage, die
unsere Vorfahren im Jahr 1919 zu lösen hatten. In
unserem Falle wußten wir, wie man den kalten Krieg
führt. Aber wissen wir, wie man den Frieden gestaltet?
Wir müssen mit der Einsicht beginnen, daß die NATO
nicht nur ein militärisches Gebilde ist, das sich zusammenschloß, um einer gemeinsamen Bedrohung entgegenzutreten. Wir müssen erkennen, daß unser
Atlantisches Bündnis in der instabilen Welt von heute
ebenso lebenswichtig ist wie vor Jahren, als Europa
durch Stalins Armee bedroht wurde.
Von Anbeginn war unser Bündnis und ist auch heute
noch eine Allianz freier Nationen, Demokratien und
durch den Lauf der Geschichte und das gemeinsame
Erbe verbundener Länder. Wie wir seit einem halben
Jahrhundert beobachten konnten, sind Europa und
Amerika heute Partner im Frieden. Heute sind wir
auch Partner im Wohlstand mit starken Handelsverbindungen, die unsere Völker bereichern, neue Möglichkeiten eröffnen und Wachstum fördern.
Es besteht kein Zweifel, daß sich die NATO verändern
wird. In Rom haben wir die Art und Weise verändert,
in der das Bündnis die gemeinsame Verteidigung
gewährleistet, wie wir mit unseren ehemaligen Gegnern und mit uns selbst umgehen. Unsere neue
Verteidigungsdoktrin wird sicherstellen, daß jeder
Verbündete vor jeder Bedrohung sicher ist - Sicherheit,
die durch hochmobile, multinationale, einschneidend

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im Umfang reduzierte aber in ihrer menschlichen und
technologischen Qualität unübertroffene Streitkräfte
glaubwürdig wird.
Unser neues NATO-Liaisonprogramm für die jüngsten
Demokratien Europas - Polen und Ungarn, die Tschechoslowakei und andere - wird ihnen helfen, ihren
Militärapparat von einer Waffe des Staates zu einem
Garant freier Menschen umzugestalten. Und schließlich wird die Förderung einer europäischen Verteidigungsidentität durch das Bündnis - der lange angestrebte "europäische Pfeiler" - unseren europäischen
Verbündeten mehr Verantwortung beim Schutz gemeinsamer vitaler Interessen, hochgehaltener Ideale
und Rechtsstaatlichkeit übertragen.
Mein Land und die Nationen dieses Kontinents schmieden eine neue atlantische Partnerschaft. Blicken Sie
auf die Zeit vor vierzig Jahren zurück, die Tage der
Berlinblockade und des Marshallplans. Praktisch ganz
Europa lag in Ruinen, die Hälfte seiner Völker in Ketten
gefangen. Und heute steht Westeuropa als Modell für
das, was Demokratie, freie Märkte und Zusammenarbeit bieten können. Über 300 Millionen Menschen, die
insgesamt ein Fünftel der Wirtschaftsproduktion der
Welt ausmachen, Nationen, die unter den führenden
und am besten ausgebildeten der Welt stehen.
Diese Ära des Wohlstands der Nachkriegszeit hat
Europa für größere Verantwortung vorbereitet. Wir
werden heute Zeuge eines neuen Europas in Aktion das gemeinsam mit uns den Bürgern Mittel- und Osteuropas hilft, ihre Systeme, Gesellschaften und ihr
Leben umzugestalten. Im Nahen Osten ist die Europäische Gemeinschaft unser Partner im Streben nach
Frieden. Wir sehen das neue Europa bei der Arbeit in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft, beim Streben
nach Beendigung des Kriegs in Jugoslawien mit ungewissen Aussichten.
Wir begrüßen das Entstehen des neuen Europas auf
dem Weg der Europäischen Gemeinschaft zu einem
Binnenmarkt und einer politischen Union, im Wiederaufleben der Westeuropäischen Union, in den neuen
Abkommen der EG mit der EFTA. Die Wiederbelebung der Atlantischen Allianz und der Aufbau einer
Europäischen Union gehen Hand in Hand. Beide
können zu einem sicheren, wohlhabenden Europa und
einer humanen Weltordnung beitragen. Eine kontinuierliche Rolle Amerikas in Europa kann Integration
erleichtern und damit Stabilität fördern. Ein vertrauensvolleres und geschlosseneres Europa wird unseres Erachtens wünschen, daß die Vereinigten Staaten
voll und ganz engagiert bleiben.
Aus diesem Grund hoffen wir auf dauerhafte Fortschritte beim bevorstehenden EG-Gipfel in Maastricht,
weil die Vereinigten Staaten in der Beschleunigung der
Einheit Europas eine natürliche Entwicklung zu unserem gemeinsamen Ziel sehen: einen Staatenbund
freier Nationen, die im Einklang arbeiten, eine neue

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�Welt, in der mehr und mehr Nationen in den sich
erweiternden Kreis der Freiheit eintreten.
In den kommenden Monaten und Jahren wird dieser
Staatenbund gefordert sein, gleichzeitig geduldig und
standhaft, resolut und handlungsbereit zu sein. Aber
zuerst müssen wir das Schlußkapitel des kalten Kriegs
schreiben. Wir müssen den Nationen des Ostens bei
der Sicherung der Freiheiten helfen, die sie errungen
haben. In Mittel- und Osteuropa hat sich die Euphorie
von 1989 gelegt. Diese Länder kämpfen jetzt mit dem
Aufbau funktionierender freier Märkte aus den Ruinen
des sozialistischen Systems und der Wiederbelebung
des für eine demokratische Gesellschaft unabdingbaren Gefühls von Vertrauen.
Diese Nationen bedürfen unserer Hilfe. Sie benötigen
Zugang zu westlichen Märkten, finanzielle und technische Unterstützung zur Erleichterung des Übergangs.
40 lange Jahre haben die gefangengehaltenen Nationen des Ostens auf den Westen für ein Zeichen der
Hoffnung geblickt und es ist jetzt an der Zeit, diesen
neuen Demokratien zu sagen: "Wir werden Euch
helfen." Nach einer solchen kalten und andauernden
Isolierung ist es darüber hinaus für uns an der Zeit,
ihnen ein warmes Willkommen in diesem Bund der
Freiheit zu entbieten.
Und dennoch sehen einige in dem Triumph der Freiheit
eine bittere Ernte während die dringliche Arbeit des
Aufbaus von Demokratien und Marktreformen voranschreitet. Aus ihrer Sicht hat der Zusammenbruch des
Kommunismus eine Büchse der Pandora alter ethnischer Haßgefühle, Ressentiments und selbst der
Rachsucht geöffnet. Einige fürchten, die neuen Freiheiten der Demokratie würden nicht verwendet, um
neues Vertrauen aufzubauen sondern alte Rechnungen zu begleichen. Ganz Europa blickt der Gefahr
eines alten Feindes ins Auge, einem von Haß geschürtem und höheren Zielen unberührtem Nationalismus.
Niemand braucht gesunden Nationalstolz zu fürchten,
die eindeutigen und prägenden Traditionen, die lebende Geschichte, die Völkern und Nationen das Gefühl
der Identität, der Prinzipien und des Zwecks vermitteln. Wir müssen uns jedoch gegen einen Nationalismus der düstersten Sorte wappnen, der auf alte, starre
Vorurteile aufbaut, Menschen Intoleranz, Mißtrauen
und sogar Rassismus und Antisemitismus lehrt, der
Nation gegen Nation, Bürger gegen Bürger aufhetzt.
Für diese alten Animositäten darf es in dem neuen
Europa keinen Platz geben.
Die Antwort besteht nicht darin, die dunklen Impulse,
die Nationen zerstören, zu unterdrücken sondern sie
zu überwinden und einen Geist demokratischer Toleranz und friedlicher Veränderungen zu kultivieren, ein
Konzept der Mehrheitsregierung, die Rechte von
Minderheiten respektiert. Demokratie ist nicht die
Ursache der Kämpfe in Osteuropa und der Sowjetunion sondern deren Lösung. Westeuropa liefert das

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Beispiel, daß der Geist der Demokratie im Zeitraum
von etwas mehr als einer Generation Jahrhunderte der
Rivalitäten, Kriege und nationaler Fehden überwinden
kann.
In Jugoslawien beobachten wir, wie der stolze Begriff
Nationalismus ein Land in einem blutigen Bürgerkrieg
spalten kann. Amerika unterstützt - voll und ganz - die
Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft, diesem Konflikt ein Ende zu bereiten.
Wir würdigen Lord Carrington für seine unermüdlichen
Bestrebungen und fordern alle Parteien auf, der Gewalt
Einhalt zu gebieten und ein unverzügliches Ende des
Leidens mit friedlichen Mitteln anzustreben. Wir sind
bereit, gemeinsam mit der EG diejenigen in Jugoslawien zur Verantwortung zu ziehen, die diese Verbrechen begehen und deren engstirnigen Ambitionen
diese Agonie fortbestehen lassen.
Zweitens müssen wir die Gelegenheiten noch weiter
im Osten ergreifen, um die demokratische Umgestaltung in der Sowjetunion und ihren Republiken zu
fördern. Darauf hat Ministerpräsident Lubbers hingewiesen. Der vereitelte Staatsstreich im August hat die
Entschlossenheit der Reformer erhöht, demokratische
Veränderungen zu institutionalisieren und echte marktwirtschaftliche Reformen einzuführen.
Wir im Westen müssen darauf reagieren, indem wir
humanitäre Hilfe anbieten, unsere Märkte für Waren
aus jeder Republik öffnen, Investitionen fördern sowie
wirtschaftliche Beratung und Know-how anbieten. Meiner
Ansicht nach wollen die Völker in diesem ganzen
weiten Land Veränderungen. Aber keine schnelle
Lösung kann ihnen Leiden und Not ersparen, da sie
sich von über 70 Jahren der Mißwirtschaft befreien.
Ein harter Winter und harte Zeiten liegen vor uns.
Verzweifelte Zeiten bringen Demagogen hervor. Amerika
und Europa haben ein gemeinsames Interesse am
Erfolg der Reformen in der Sowjetunion, und wir müssen
gemeinsam handeln, um die Kräfte der Freiheit,
Demokratie und freien Unternehmertums in dieser
geplagten Region zu fördern.
Schließlich müssen wir uns gegen die Gefahr wappnen, daß die alten Verbündeten des kalten Kriegs die
wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte
Krieger, die sich in Wirtschaftskrieger verwandeln.
Offen gesagt gibt es zu beiden Seiten des Atlantiks
Anzeichen dafür, daß dies geschehen könnte. Schrille
Stimmen auf beiden Seiten befürworten Protektionismus als Weg zu Wohlstand.
Meiner Ansicht nach führt dieser Weg in den wirtschaftlichen Ruin und ist das Rezept, um uns in die Art
von Armut nach sich ziehenden Rivalitäten zu stürzen,
die unsere Wirtschaft während der Großen Depression heimgesucht haben.

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�Als Präsident ist es Teil meiner Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum
und Chancen sicherzustellen. In einer Weltwirtschaft
bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen.

Aus diesem Grunde freue ich mich, heute berichten zu
könen, daß die Vereinigten Staaten und die EG in den
letzten Tagen Fortschritte erzielt und gelobt haben,
keine Mühen zu scheuen, um die noch ausstehenden
ebenso wichtigen Probleme zu lösen.

In Nordamerika wie in Europa sind große Fortschritte
beim Abbau von Handelsschranken erziolt worden,
aber dieser Fortschritt bedeutet wenig, wenn sich die
Welt in streitbare Handelsblöcke spaltet. Das Prinzip
des freien Handels muß in der Uruguay-Runde eine
Feuerprobe bestehen. Ein positives Ergebnis, das das
GATT-System bestätigt und erweitert, wird beweisen,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft als wirtschaftliche Zugpferde in der
Welt zuversichtlich sind, entschlossen in ein neues
Zeitalter freien und offenen Handels eintreten zu können sowie Arbeitsplätze und Chancen zu beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.

Hilfe für die aufstrebenden Demokratien Osteuropas,
Förderung demoraktischer Reformen in der Sowjetunion und auch in ihren Republiken, Förderung freieren Welthandels -jede dieser Herausforderungen stellt
eine Feuerprobe dar. Jede birgt eine Chance, unsere
Bindungen über den Atlantik hinweg zu stärken, unseren Staatenbund freier Nationen allen zu öffnen, die
Freiheit lieben und Frieden anstreben.

*

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Ich danke Ihnen. Gott schütze die Niederlande und die
freien Völker Europas.

*

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�NATO-GIPFEL
13. November 1991

BUSH: NATO-STREITKRÄFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Glpfel in Rom
ROM - (AD) - Trotz einer geringeren sowjetischen Bedrohung sollte die NATO Truppen stationieren, die
"schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres Personals und ihrer Technologie" sind. Dies erklärte
Präsident Bush am 7. November 1991 beim Gipfeltreffen der NATO in Rom.
In seiner Ansprache versicherte der Präsident seinen Partnern, daß die Vereinigten Staaten "ihre Pflichten, ihre
Interessen und ihren Platz in Europa nicht aufgeben" werden. Er bekräftigte, daß Washington im Bündnis
niemals "ein Übergewicht angestrebt" habe und fügte hinzu: "Wir versuchen gewi ß nicht, es aufrechtzuerhalten."
Bush stellte fest, das an Osteuropa ausgesprochene "Liaison"-Angebot - darunter eine Einladung an Vertreter
aus Osteuropa, dem Baltikum und der Sowjetunion zur Teilnahme am Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel
am 20. Dezember - "ist nicht das beste sondern das mindeste, was wir tun können. Wir müssen die ausgestreckte
Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen
wurde."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Der Rat tritt zum zweiten Mal an einem historischen
Wendepunkt zusammen. Der erste war der Tag, an
dem das Bündnis geboren wurde. Damals war die
Welt geteilt. Die eine Hälfte wurde unterdrückt, die
andere war voller Furcht. Dean Acheson erklärte
damals, unsere Aufgabe bestehe darin, eine halbfreie
Welt zu schaffen.

In Nordamerika, in Westeuropa und sogar im Osten
wird das Bündnis zu Recht als Kern europäischer - und
sogar weltweiter - Stabilität angesehen. Als seinen
Sachwaltern obliegt es uns, dem Bündnis eine Richtung zu geben und seine herausragenden Stärken für
edle Ziele einzusetzen. Um dies zu tun, müssen wir
Antworten auf vier definierende Fragen geben:

Meine Freunde, wir haben mehr getan, als die Freiheit
der halben Welt zu bewahren. Wir haben dazu beigetragen, eine neue Welt zu schaffen. Heute müssen wir
uns mit den Kräften des Wandels auseinandersetzen,
die durch unseren Erfolg freigesetzt wurden - Kräfte,
die mächtig, aufregend, ungewohnt und voller Gefahren und Chancen sind. Die Herausforderungen dieser
Welt sind ebenso beängstigend wie Stalins Armee vor
vierzig Jahren bedrohlich war.

Erstens: Wie können wir in dieser unsicheren
Welt sicher sein, daß jeder Verbündete gegen
jede Art von Bedrohung geschützt ist?

Wie damals ist dies eine Zeit der Entscheidung für das
Bündnis. Wir sollten klug entscheiden, denn wir tragen
eine furchteinflößende und unentrinnbare Verantwortung nicht nur für die Menschen sondern auch für die
Zukunft. Um klug zu entscheiden, müssen wir freimütig sprechen. Ich werde nicht von Brücken, Säulen
oder Eckpfeilern sprechen. Wir sind nicht als Ingenieure sondern als politisch Verantwortliche und Treuhänder der Demokratie hier anwesend.

Und letztens: Wie sollen wir uns auf dem Weg
Europas zu einer Union verhalten?

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Zweitens: Wie sollen wir die Anträge der neuen
Demokratien Europas auf Beitritt zur NATO beantworten?
Drittens: Wie sollen wir auf den Zerfall der
sowjetischen Macht reagieren?

Wir müssen diese Fragen jetzt beantworten, und zwar
richtig.
Gespräche über Militärstrategie sind gelegentlich
ungemütlich für Politiker, die sich als Männer des
Friedens rühmen. Unsere erste Verantwortung be-

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�steht jedoch darin, jeden Zweifel darüber auszuräumen, daß unsere Völker, ihr Zuhause und ihre vitalen
Interessen sicher sind. Die Geschichte lehrt uns, daß
angemessene militärische Stärke eine Voraussetzung
für politisches Vertrauen und die Verwirklichung der
Zusammenarbeit ist.
Heute sollten wir eine grundlegend neue strategische
Doktrin verabschieden. Unsere Streitkräfte werden
schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres
Personals und ihrer Technologie sein. Keine Ecke des
Bündnisgebiets wird ungeschützt sein. Und wir werden - lassen Sie mich dies eindeutig klarstellen - eine
glaubwürdige aber drastisch reduzierte nukleare Abschreckung aufrechterhalten. Wer daher je eine
Aggression gegen einen Bündnispartner in Erwägung
zieht, wird sich mit der Macht eines vereinten Bündnisses mit einer ganzen Bandbreite von Optionen konfrontiert sehen. Ohne Zweifel hat der Abzug sowjetischer Truppen aus dem Herzen Europas generell
unsere Sicherheit erhöht. Dies ist jedoch noch immer
eine gefährliche Welt, und der oberste Grundsatz
dieses Bündnisses hat noch immer Gültigkeit: Eine
Bedrohung gegen einen Verbündeten ist eine Bedrohung gegen alle.
Im Osten wollen die unfreiwilligen Verbündeten unseres ehemaligen Gegners jetzt unsere Verbündeten
werden. Ihr Wunsch sollte uns weder überraschen
noch alarmieren. Ich gestehe ein, daß das vorgeschlagene "Liaison"-Programm nicht das beste sondern das
mindeste ist, was wir tun können. Wir müssen die
ausgestreckte Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen wurde.
Wenn wir hier an diesem Tisch über Instabilität in der
Sowjetunion besorgt sind, sollten wir überlegen, wie
die Welt unseren europäischen Mitbürgern erscheinen
muß, die am Rande leben. Rufen Sie sich die Zeit ins
Gedächtnis, als wir am Rande lebten. Vor vierzig
Jahren lauteten die Namen Ernest Bevin, Robert
Schuman, Paul Henri Spaak. Heute heißen sie Lech
Walsa, Vaclav Havel, Josef Anfall.
Die Sicherheit für diese Nationen besteht niciü in
neuen juristischen Konstruktionen sondern in der
Unterstützung der Umgestaltung ihrer Länder. Es ist
unsere Pflicht - und liegt in unserem Interesse - ihnen
zu helfen, ihren Militärapparat von einer Waffe des
Staats zu einem Garant eines freien Volkes umzugestalten. Das "Liaison"-Programm wird eine unerläßliche Rolle in einer sehr viel umfassenderen Strategie
spielen und all unsere Institutionen einbeziehen. Wir
können diese Nationen nicht in unserer Wertegemeinschaft willkommen heißen und sie auf Armlänge von
unseren Angelegenheiten entfernt halten. Vierzig
Jahre lang haben wir gesagt, wir hören sie, obwohl ihre
Stimmen durch Tyrannei zum Schweigen gebracht
wurden. Können wir uns nun, da diese Stimmen frei
sind, taub stellen?
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Wir und die Europäer im Osten von uns sind den
Entwicklungen, die sich noch weiter östlich vollziehen,
verhaftet - dem Raum, der einstmals das Refugium
einer Macht war, die unsere Interessen und Werte
bedrohte - eine Macht, deren Armeen mehr als einmal
durch Europa marschiert sind. Obwohl wir nicht ausschließen können, daß trotz all unserer Wünsche und
Bestrebungen eines Tages erneut eine Bedrohung in
diesem Raum entstehen wird, können wir in absehbarer Zukunft andere mächtige revolutionäre Kräfte am
Werk beobachten:
einen mutigen Kampf zur Schaffung einer rechtmäßigen Regierung und
den raschen Zerfall der Autorität dessen, was
einstmals ein immens mächtiger Zentralsstaat
gewesen ist.
Männer mit Grundsätzen - Gorbatschow, Jelzin, Nasarbajew und andere - versuchen, durch diesen gefährlichen Übergang zu manövrieren, und sie verdienen unser Verständnis und unsere Unterstützung.
Europa und Amerika können auf diese Situation nicht
getrennt reagieren. Wir müssen unsere Einschätzungen teilen, unsere Strategien abstimmen und gemeinsam handeln. Das Bündnis war seit seiner Gründung
bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber der UdSSR unverzichtbar, und das gilt auch
heute noch. Aus diesem Grund haben wir eine Intensivierung der Konsultationen im Nordatlantikrat vorgeschlagen. Wir sollten uns in diesem Augenblick über
unsere Prinzipien im klaren sein und das Bündnis
benutzen, um sie in der Praxis umzusetzen.
Damit komme ich zur vierten Frage: Wie gehen wir
miteinander um? Lassen Sie mich dazu die amerikanische Meinung darlegen.
Erstens werden - und können - die Vereinigten Staaten
ihre Pflichten, ihre Interessen und ihren Platz in Europa
nicht aufgeben. Wir haben eine der schmerzlichsten
Lektionen dieses blutigen Jahrhunderts gelernt.
Zweitens wird behauptet, die Vereinigten Staaten wollten
im Bündnis Anhänger, aber was wir wollen, sind Partner. Das Bündnis ist keine amerikanische Initiative
oder ein Instrument amerikanischer Macht. Wir haben
niemals ein Übergewicht angestrebt, und wir versuchen gewiß nicht, es aufrechtzuerhalten. Wir nehmen
auch kein Monopol für Ideen zum Bündnis in Anspruch. Wenn wir das täten, säße niemand von uns
heute hier, weil die Idee des Washingtoner Vertrags
aus Europa kam.
Drittens waren, sind und werden de Vereinigten Staatenein bereitwilliger Befürworter des Ziels und Prozesses europäischer Integration sein. Die starke amerikanische Unterstützung erstreckt sich auf die Aussicht
einer politischen Union ebenso wie auf das Ziel einer
Verteidigungsidentität.

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�•
*

Viertens wird - was uns betrifft und soweit wir das
beurteilen können - selbst die Verwirklichung einer
europäischen Union die Notwendigkeit für die NATO
nicht verringern. Wir sehen nicht, wie es einen Ersatz
für das Bündnis als Garant unserer Verteidigung und
der Sicherheit Europas geben könnte. Wir unterstützen die Entwicklung der WEU, weil sie das Bündnis
ergänzen und die Rolle Europas in ihm stärken kann.
Sie kann Europa und Nordamerika helfen, sich gemeinsam den Bedrohungen für wichtige Interessen
außerhalb Europas zu stellen. Aber wir betrachten die
WEU nicht als europäische Alternative für das Bündnis. Wir gehen davon aus, daß die amerikanische
Rolle bei der Verteidigung und den europäischen
Angelegenheiten durch eine europäische Union nicht
überflüssig wird.
Und schließlich können zu einer Zeit, da unsere Gesellschaften nach einer Friedensdividende verlangen,
redundante Fähigkeiten nur auf Kosten der bereits
bestehenden aufgebaut werden. Wenn wir uns aufein-

ander verlassen können - und ich zweifle nicht daran,
daß wir dies können - sollte unsere Interdependenz ein
für alle Male befriedigend und redundante Fähigkeiten
unnötig sein.
Mit diesem Gedanken möchte ich schließen. Das
Bündnis war erfolgreicher als irgendjemand von uns zu
träumen gewagt hätte. Es war geplant, unsere Freiheit
zu verteidigen, aber tatsächlich hat es über Totalitarismus triumphiert. Was wir aufgebaut haben, ist kein
militärischer Pakt sondern eine Gemeinschaft der Werte
und des Vertrauens - einmalig in der Geschichte,
dauerhaft und unabdingbar für die neue Ordnung. Es
gibt keine Wegweiser für die neue Welt, keine Möglichkeit zu wissen, was das neue Jahr - ganz zu schweigen
vom nächsten Jahrhundert - bringen wird. Aber unsere
Fähigkeit, die Zukunft zu bewältigen - sie tatsächlich zu
gestalten - wird unverhältnismäßig größer sein, wenn
wir morgen bei der Abreise ein erneuertes Bündnis
geschaffen haben.

* * * * *

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�KSE
13. November 1991

KSE-Vertrag ein Meilenstein der
Sicherheitsverhandlungen
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen im US-Außenministerium,
Reginald Bartholomew, hielt am 4. November 1991 eine Rede vor dem Streitkräfteausschuß des Senats, die wir
nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Außenminister Baker hat Ihnen in seinem Brief vom
12. Oktober 1991 dargelegt, daß die Regierung sich
weiterhin voll und ganz für die baldige Ratifizierung und
vollständige Durchführung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa einsetzt. Die Präsidenten Bush und Gorbatschow haben dies vergangene
Woche bei ihrer Zusammenkunft in Madrid bekräftigt
und die Notwendigkeit rascher Fortschritte bei der
Ratifizierung betont.
Der KSE-Vertrag ist ein Meilenstein in der Geschichte
der Sicherheitsverhandlungen. Nach seinen Bestimmungen werden die konventionellen Streitkräfte in
Europa auf ihren niedrigsten Stand der letzten fast
fünfzig Jahre reduziert. Die Reduzierungen sind für die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten von ungeheurem Vorteil. Darüber hinaus wird das Gerät dieser
Streitkräfte dauerhaft begrenzt, weil überschüssiges
Gerät zerstört wird und strenge Regeln für die Konzentration und Bewegung der Streitkräfte gelten. Diese
Bestimmungen sind extrem wichtig, weil sie einen
international sanktionierten Schutzwall gegen Willkürpolitik oder militärische Übergriffe bieten.
Diese Bestimmungen werden ferner durch ein strenges Verifizierungs- und Inspektionsregime untermauert. Durch ein verknüpftes System des Informationsaustauschs, Vor-Ort-Inspektionen, Verifizierung der
Zerstörung oder Umwandlung von Gerät und Verdachtsinspektionen zusammen mit nationalen nachrichtendienstlichen Mitteln haben wir großes Vertrauen, daß der KSE-Vertrag effektiv verifzierbar ist. Durch
die KSE-Bedingungen für den Datenaustausch werden wir auch erheblich besseren Zugang zu Informationen über konventionelle Streitkräfte in Europa haben.

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Angesichts der in Europa stattfindenden bahnbrechenden Ereignisse wird der Wert dieses Vertrags
immer offenkundiger. Veränderung und Umgestaltung werden in absehbarer Zukunft die Regel sein. Der
KSE-Vertrag wird ein Regime liefern, dem zufolge ein
Land über seine Maßnahmen gemäß dem Völkerrecht
Rechenschaft ablegen muß. Die Sicherheit durch
niedrigere Niveaus beim Gerät und eine berechenbare, international anerkannte konventionelle Sicherheitsstruktur wird letztlich Stablität in Europa fördern.
Unsere europäischen Verbündeten, die Signatarstaaten Ost- und Mitteleuropas und die neuen Sowjetrepubliken sind sich dieser Vorteile lebhaft bewußt. Sie
haben uns gedrängt, schnell zu handeln, um den
Vertrag in Kraft zu setzen, damit sie in einer Atmosphäre geringerer Spannungen planen und handeln können. Die vollständige Durchführung des KSE-Vertrags
wird dazu beitragen, in dieser Zeit des politischen
Wandels Rivalitäten oder einer neuen Aufrüstung
zuvorzukommen.
Die Auswirkungen der Lage in Jugoslawien sind niemandem entgangen und haben die Dringlichkeit noch
verstärkt, mit der die Verwirklichung des KSE-Vertrags
betrachtet wird. Unsere europäischen Partner sind mit
uns der Meinung, daß KSE ein hervorragendes Modell
für verantwortliche und vorteilhafte multilaterale Interaktion bietet. Die erfolgreichen Verhandlungen vom
vergangenen Herbst zwischen den sechs früheren
Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts über ihre Bestände und Kontingente war ein anschauliches Beispiel dafür, wie effektiv die Mechanismen des KSEVertrags für Gespräche und Entscheidungsfindung
sein können.

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�Darüber hinaus wird zunehmend ersichtlich, daß der
KSE-Vertrag selbst ein flexibles Instrument ist, das
sogar die epochalen Veränderungen in der Sowjetunion bewältigen kann, die wir unlängst beobachtet haben. Er wurde in einer Zeit der Ungewi ßheit ausgehandelt und ist darauf zugeschnitten, neue politische
Entwicklungen eher als wahrscheinlich anzusehen
anstatt sich dagegen zu stemmen. Theoretisch befinden wir uns deshalb in einer hervorragenden Ausgangsposition, um mit der Ratifizierung und Verwirklichung des Vertrags in seiner vorliegenden Form fortzufahren.
Ein gutes Beispiel für die Anpasungsfähigkeit des im
KSE-Vertrag festgelegten Regimes bietet die vor
wenigen Wochen in Wien erzielte Vereinbarung über
den Status der sowjetischen Streitkräfte im Baltikum.
Die Vertragsparteien einigten sich auf eine rechtsverbindliche Erklärung, derzufolge das sowjetische Gerät
im Baltikum allen Bestimmungen des Vertrags unterliegt, daß darüber als Teil der sowjetischen Bestände
Informationen geliefert werden und sie auf die sowjetische Verpflichtung zur Reduzierung angerechnet
werden. Darüber hinaus wird festgelegt, daß die
baltischen Staaten uneingeschränkte Souveränität
genießen und die Inspektionen auf ihren Territorien
nur mit ihrer Zustimmung stattfinden können. Die
Vereinbarung wurde relativ komplikationslos durch die
Gemeinsame Konsultativgruppe erzielt, ein Gremium,
in dem alle Unterzeichnerstaaten des Vertrags vertreten sind. Die Inspektion der sowjetischen Streitkräfte
im Baltikum wird durch gegenwärtig im Entwicklungsstadium befindliche getrennte Nebenvereinbarungen
mit diesen Regierungen geregelt.
Die Schaffung der Gemeinsamen Konsultativgruppe
ist an sich schon einer der vielen Vorteile des Vertrags,
und diese wird weiterhin einen wirksamen Mechanismus für die Behandlung von Fragen und Problemen
bieten, die im Hinblick auf die Durchführung der Vertragsbestimmungen auftreten könnten. Nach Prüfung
einer großen Bandbreite möglicher Ergebnisse ist die
Administration jedoch zu dem Schluß gekommen, daß
höchstwahrscheinlich lediglich technische Fragen etwa die Fortschreibung der Namen der Vertragsparteien - als Ergebnis der jüngsten Entwicklungen in der
Sowjetunion erforderlich würden. Durchführungsbedingungen - wie die Neubestimmung sowjetischer
Ausrüstungsansprüche, falls sich aus dem Territorium
der UdSSR neue Staater. bilueii und diese dann beschließen, dem Vertrag beizutreten - wären von den
bestehenden Vertragsbestimmungen gedeckt.
Um die Integrität des Vertragsregimes aufrechtzuerhalten, wäre es für all die Republiken, die bedeutende
Mengen von vertraglich erfaßtem Gerät behalten,
sicherlich notwendig, dem KSE-Vertrag beizutreten.
Glücklicherweise sind die Erklärungen russischer,
ukrainischer, sowjetischer und anderer offizieller Vertreter im Hinblick auf die Erfüllung der KSE-Bestim-

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mungen ermutigend. Wir werden weiterhin mit ihnen
zusammenarbeiten, um die Tragfähigkeit des Vertrags zu gewährleisten.
Die Regelungen des KSE-Vertrags liefern mehrere
wirksame Möglichkeiten, um solche Situationen in den
Griff zu bekommen. Die bereits erwähnte Gemeinsame Konsultativgruppe ist eine entscheidende, da sie
einen Mechanismus für die Anpassung des Vertrags
liefert, ohne den beschwerlichen Prozeß der Änderung
des Vertrags erforderlich zu machen.
Die Tatsache, daß Entscheidungen über nationale
Zuwendungen auch außerhalb der Vertragsstruktur
getroffen werden, gestattet die erforderlichen Anpassungen aufgrund von Veränderungen der politischen
oder militärischen Situation sowie die Erweiterung
oder Reduzierung der Zahl von Vertragsparteien,
wiederum ohne Rückgriff auf Vertragszusätze. Die
Bestimmung zur Einberufung außerordentlicher Sitzungen bietet noch ein weiteres Mittel zur Schlichtung
von Streitfällen oder zur Feinabstimmung des Vertrags
ohne ihn neu verhandeln zu müssen.
Wir sind der festen Überzeugung, da ß die Ratifizierung
zügig erfolgen sollte. Es besteht kein Zweifel, daß der
KSE-Vertrag von großem Vorteil für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten ist. Seine zahlreichen
Vorteile werden jedoch nicht vor seiner Ratifizierung
und Durchführung verwirklicht werden. Es ist angebracht, jetzt Schritte zu unternehmen, unsere Führungsrolle in diesem Prozeß fortzusetzen, die Vorteile
des KSE-Vertrags festzuschreiben und uns weiterhin
für ein wirklich ungeteiltes, freies - und sicheres Europa zu engagieren.
Die Ratifizierung und Durchsetzung des KSE-Vertrags

ist ein Schlüsselelement zur Sicherstellung einiger der
wichtigsten außenpolitischen Zielsetzungen der Vereinigten Staaten. Wir würden es begrüßen, wenn Europa noch geschlossener und stabiler würde. Wir möchten ein berechenbares Muster militärischer Arrangements, damit die sicherheitspolitischen Angelegenheiten zuversichtlich gehandhabt sowie Aufmerksamkeit
und Energie auf die Entwicklung von Demokratie und
freien Marktwirtschaften konzentriert werden können.
Wir möchten nach wie vor genau die Art von multilateraler Kooperation und Planung fördern, die von der
KSE so anschaulich verkörpert wird. Dieser Vertrag
wurde häufig - zu Recht - als der Eckpfeiler der neuen
europäischen Sicherheitsstruktur bezeichnet. Wir
müssen diesen Eckpfeiler jedoch richtig plazieren,
wenn wir darauf aufbauen wollen. Dies können wir
nicht, solange der KSE-Vertrag nicht ratifiziert und
durchgesetzt ist.
Drei Nationen - die Tschechische und Slowakische
Föderative Republik, Ungarn und Bulgarien - haben
den Vertrag bereits ratifiziert. Einige andere Nationen
sind damit befaßt. Eine Reihe von Signatarstaaten,
einschließlich der Sowjetunion, haben sich zur Ratifi-

AMERIKA DIENST 45

�zierung vordem 19. November 1991 verpflichtet, wenn
die vorläufige Anwendung von bestimmten Bereichen
des Vertrags die Erweiterung erforderlich machen
würde. Die Entschlossenheit und das Tempo, mit dem
die Vereinigten Staaten die Ratifizierung angehen,
werden maßgebliche Auswirkungen auf den von anderen Hauptstädten eingeschlagenen Kurs haben. Ebenso
wie wir während des gesamten Verhandlungsprozesses die Führungsrolle übernommen haben, werden
alle anderen Teilnehmer bei der Ratifizierung und
Durchsetzung des Vertrags auf uns blicken. Ein

*

AMERIKA DIENST 45

*

Zögern unsererseits könnte die zahlreichen Vorteile
des KSE-Vertrags aufs Spiel setzen, ebenso wie eindeutiges Vorgehen zweifelsohne die Ratifizerungsbestrebungen andernorts und das Inkrafttreten des Vertrags beschleunigen würde.
Herr Vorsitzender,
ich fordere Sie und Ihre Kollegen auf, so bald wie
möglich Ihre Zustimmung zur Ratifizerung des KSEVertrags zu geben.

*

*

Seite 3

�WAHLEN

IN DEN

USA
13. November 1991

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die Wahlen in den Vereinigten Staaten vom 5. November 1991 wurden in einer Reihe
amerikanischer Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge aus
Leitartikeln.

Kolumnist Robin Toner von der New York Times
Das Weiße Haus hat den Alarmknopf gedrückt. Die
Demokraten haben in einigen Bundesstaaten frohlockt, in anderen getrauert und landesweit bekundeten
die Wähler, daß sie schlechter Laune sind und die
Amtsinhaber sie nur auf eigene Gefahr hin ignorieren
sollten.
Beide Parteien versuchten heute, gute Miene zu einem
gemischten Ergebnis zu machen, aber es gab jede
Menge Vorhersagen und Alarmsignale angesichts der
siechenden Wirtschaft und der öffentlichen Meinung,
die sich vehement mit Gesundheitswesen, Rassenfragen und Steuern befaßt, während sich die Nation auf
dem Weg zu den Präsidentschaftswahlen des Jahres
1992 befindet.
Präsident Bush, der noch vor wenigen Wochen unbestritten die Wiederwahl anzusteuern schien, entdeckte
diese Woche, daß die politische Landschaft mit Minenfeldern versetzt ist. Der überraschende Sieg der
Demokraten bei den Senatswahlen in Pennsylvania
und die unsichere Reaktion des Weißen Hauses darauf - die Absage der Auslandsreise am Wahltag und
das Dementi, dies stehe mit den Wahlergebnissen in
Zusammenhang - setzten ein eindeutiges Signal für
die Republikaner, daß ihr politisches Vorgehen überarbeitet und ihre Botschaft umgeschrieben werden muß...
Pennsylvania könnte eine weitere Auswirkung auf die
Kampagne des nächsten Jahres haben: Einige
Demokraten erklären, dies könnte Gouverneur Mario
M. Cuomo aus New York anspornen, ins Rennen zu
gehen, und dies wäre ein weiteres schmerzliches
Anzeichen der Verletzbarkeit der Republikaner.
Die Bedeutung von Pennsylvania wurde noch unterstrichen durch die Reaktion des Weißen Hauses darauf. Mit Eintreffen der Ergebnisse gab das Weiße
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Haus bekannt, daß Präsident Bush eine für Ende des
Monats geplante Reise in den Fernen Osten absagen
werde. Demokraten, die Präsident Bushs Reisepläne
schadenfroh zum Symbol für seine Vernachlässigung
der innenpolitischen Tagesordnung zu machen versuchen, konnten kaum an sich halten. Sie verteilten die
ganze Woche T-Shirts mit der Auf schritt "George Bush
ist nach Rom gereist und alles, was ich bekommen
habe, ist diese lausige Rezession"...
Für Präsident Bush mu ßte die Wahl bestätigen, wieviel
seine politische Mannschaft seit dem Wahlkampf 1988
verloren hatte, als er sich auf James Baker, heute
Außenminister und Lee Atwater, der Anfang dieses
Jahres an einem Gehirntumor verstarb, verlassen
konnte.
Aber die Repubklikaner faßten Mut aufgrund ihrer
Siege andernorts. Vor einem Jahr, als die Bundesstaaten mit Haushaltsengpässen und all den schweren
Entscheidungen zu kämpfen hatten, die sie erforderlich machen, bestraften die Wähler zahlreiche ihrer
Gouverneure bei der Stimmabgabe. In diesem Jahr
scheinen sie den Trend fortzusetzen, indem der
Demokrat Maybus in Mississippi den Sieg davontrug
und sie ihrem Unmut über die Regierung in Virginia und
New Jersey Luft machten, wo die Republikaner große
Stimmvorteile zu verzeichnen hatten.
Kolumnist David Broder von der Washington Post
Abgesehen von der Niederlage seines ehemaligen
Kabinettmitglieds DickThomburgh bei den Schlagzeilen machenden Senatswahlen in Pennsylvania enthalten die Wahlen von 1991 zwei weitere Warnungen für
Präsident Bush. Und auch für die Demokraten leuchteten einige Warnsignale auf, wenn sie sie in ihrem
Jubel nicht übersehen.
Seite 1

�Angefangen bei Bush ist das deutlichste Signal des
Tages, daß eine kränkelnde Wirtschaft, die Mittelklassewähler über ihre Zukunft besorgt macht, politischen
Ärger für die Politiker birgt, die sich dafür verantwortlich fühlen sollten. Und diese Bedrohung ist noch
größer, wenn der Politiker an seinem Mangel an Grundüberzeugungen Verrat begeht...
Mit Ambitionen für ein nationales Amt in einer Partei,
die nach rechts abdriftet, wurde Thornburgh wiederholt zum Apologeten einer Politik, die er nicht vertrat.
Als er zum ersten Mann der Bestrebungen der Administration wurde, die Bürgerrechte als "Quotenregelung" zu brandmarken und verfassungsmäßigen Schutz
für willkürliche Suche und Ansprüche aufzugeben,
konnte man den Mann, der er einstmals gewesen war,
kaum noch erkennen.
Dasselbe Schicksal könnte George Bush ereilen. Trotz
all der Prinzipien, die er in der Außenpolitik erkennen
ließ, scheint auch er ohne feste eigene Überzeugungen in der Innen- und Wirtschaftspolitik. Als Skeptiker
bezüglich der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik
als er erstmals für die Präsidentschaft kandidierte
schluckte er lange Zeit seine Zweifel und gab dann
seine Haltung gegenüber Steuerhöhungen auf, um im
Jahr 1990 einen Haushalt verabschieden zu können.
Die ganze Zeit war er unschlüssig bei Themen wie
Abtreibung, Umweltgesetzen und einer Reihe von
Fragen wie Arbeitsmarkt und Bildung, die echte Anliegen der Wähler sind. Von Nachteil ist, daß er nicht das
Gefühl vermittelt, wirklich zu wissen, wie er nicht nur
die andauernde Rezession in Griff bekommen will,
sondern das, was die Wähler eindeutig als den langfristigen Niedergang der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit ansehen.
Aber bevor die Demokraten frohlocken, sollten sie sich
besser eine andere Botschaft der Wahlergebnisse
vom Dienstag (5. November) zu Herzen nehmen. In
einer rückläufigen Wirtschaft sind Steuerhöhungen
tödlich, und es herrscht wenig Toleranz gegenüber
reinen Umverteilungsmaßnahmen wie sie Gouverneur
Jim Florio (Demokrat) aus New Jersey mit seiner
Reform der Schulfinanzierung versuchte.
Auch Sozialausgaben sind ein unpopuläres Thema in
Zeiten wie diesen, und wie der Wahlkampf der Gouverneure in Mississippi erneut demonstrierte, haben die
Demokraten noch keine wirksame Antwort auf die
rassistisch verbrämten Botschaften der republikanischen Rechten gegen Sozialhilfe gefunden.
Boston Globe
Was Dick Thornburghs Niederlage im Kampf um den
Sitz im Senat für Demokraten so aufregend machte,
war ihre Eindeutigkeit. Bei den Wählern bestand keine
Verwirrung darüber, worum es bei dieser Wahl ging um eine Präsidentschaft, die für die destruktiven
Auswirkungen der Rezession auf Amerikas Familien
blind ist und nicht begreift, wie anfällig sie für den
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Verlust von Arbeitsplätzen und den finanziellen Ruin
aufgrund von Krankheiten sind.
Sogar Präsident Bush hat die Botschaft begriffen klipp und klar. Trotz der Dementis, daß er von der
Niederlage in Pennsylvania überrascht war, beeilt sich
Bush, sich erneut als Präsident darzustellen, der sich
angemessen um die nachlassende amerikanische
Wirtschaft kümmert.
Der Demokrat und Oppositionelle Harris Wofford, ein
polternder und blasser 65jähriger Demokrat ohne
hervorstechende Eigenschaften, begann die Kampagne als höchst unwahrscheinlicher politischer Held. Er
war nicht einmal die erste Wahl der Demokraten
seines Bundesstaates.
Aber Wofford hatte Großes vor - er wollte den Amerikanern mit mittlerem Einkommen die Illusionen über
eine Regierung rauben, die ihre wirtschaftliche Not
ignoriert. Und Wofford hat ganz richtig bemerkt, daß
die angestaute Frustration der Wähler darin zum
Ausdruck kam, daß die Regierung zum Thema Gesundheitswesen nichts Hilfreiches getan hat.
Acel Moore vom Philadelphia Inquirer
Es ist schon von Bedeutung, daß Thornburgh als
Verfechter der Reagan-Bush-Linie mit mehr als 10
Prozent gegen den Außenseiter Wofford verloren hat.
Woffords Sieg ist eine Botschaft an das Weiße Haus,
daß die Menschen sich über das Fehlen einer Innenpolitik ärgern und sich Sorgen über den wirtschaftlichen Niedergang machen, mit dem wir uns alle konfrontiert sehen.
Wofford hatte eine brilliante Kampagne, die offensichtlich viele Menschen ansprach, Republikaner und
Demokraten gleichermaßen.
In mehreren Zeitungen erschienener Artikel des
Kolumnisten Mark Shields
Noch vor Ende der Stimmenauszählung spiegelten
sich die Ergebnisse in der Erklärung des Weißen
Hauses wider, der Präsident werde eine zweiwöchige
Reise in den Orient absagen und zugunsten der Innenpolitik auf Auslandsreisen verzichten.
Aber es liegen keine schlüssigen Beweise dafür vor,
daß die nationale Führung der Demokraten die Bedeutung des Wunders von Harris Wofford begriffen hat.
Es ist ganz einfach: Wofford hat das angesprochen,
worüber die Menschen täglich reden. Wofford hat
nicht als liberaler Demokrat kandidiert, er hat als
demokratischer Mittelklassepopulist gewonnen.
Kolumnist Tom Wicker von der New York Times
Der Umschwung in Pennsylvannia hat dje Demokraten
mindestens zwei Lektionen gelehrt. Eine lautet, daß
sie im nächsten Jahr"das Programm festlegen", wie es
Wofford bereits getan hat, als er das Gesundheits-

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�wesen und wirtschaftliche Erholung zu vordringlichen
Themen erklärte. Die andere, damit zusammenhängende Lektion lautet, der demokratische Präsidentschaftskandidat sollte Bush bei diesen und anderen
populären Fragen anzugreifen suchen und ihm nicht
gestatten, ihn in die Defensive zu drängen.
Es war zu beobachten, daß Woffords Kampagne in
den letzten Wochen an Dynamik gewonnen hat, und
damit war sein Sieg nicht das überraschendste Wahlergebnis von 1991. Dieser Titel fällt der Ablehnung
einer radikalen Maßnahme im Staat Washington zu,
die Amtszeiten der Parlamentarier in den Bundesstaaten und der Bundesregierung zu begrenzen. Bei einer
Verabschiedung der Beschränkungen hätten diese
rückwirkend gegolten, so daß alle Kongreßabgeordneten des Staates 1994 hätten abtreten müssen.
Umfragen vor den Wahlen haben gezeigt, daß 60
Prozent der Wähler in Washington für eine Begrenzung der Amtszeiten sind, aber nach einer starken
Kampagne der Opposition unter Leitung des Sprechers Tom Foley und anderer wurde dieser Vorschlag
mit 54 zu 46 Prozent abgeschmettert. Dieser entscheidende Rückschlag scheint das zu bändigen, was eine
steigende politische Flut zu sein schien, die in etwa 17
Staaten im nächsten Jahr Maßnahmen zur Begrenzung der Amtszeit nach sich gezogen hätte. In Oklahoma, Kalifornien, Colorado und einigen Stadtverwaltungen gilt für Amtszeiten bereits eine gewisse Beschränkung.
Gegner der Beschränkung von Amtszeiten argumentieren in Washington und andernorts, dieser drastische Schritt würde der Exekutive (auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten) Macht übertragen, gute
Abgeordnete durch schlechte ersetzen und die Freiheit der Wähler beschneiden, Amtsinhaber wiederzuwählen. Es heißt, die Bewegung repräsentiere im
Grunde die Absicht der Republikaner, die Vorherrschaft der Demokraten im Kongreß und in Parlamenten der Bundesstaaten zu brechen.
&gt;

*

Das Ergebnis in Washington deutet auch auf etwas
hin, das weniger oft erwähnt wird - die Begrenzung von
Amtszeiten würde die Macht im Kongreß von den
kleinen Bundesstaaten auf die großen übertragen. Ein
kleiner Bundesstaat übt oftmals Macht aus, weil einer
seiner Abgeordneten im Repräsentantenhaus lange
im Amt ist und Vorsitzender eines Ausschusses wird.
Das wäre bei einer Begrenzung von Amtszeiten nicht
möglich, weil die Macht im Kongreß allein von der Zahl
der Abgeordneten großer Staaten abhinge.
Philadelphia Inquirer
Während die Wähler im Staat Washington eine Initiative ablehnten, mit der die Amtszeiten der Abgeordneten dort begrenzt worden wären, haben die Wähler in
New Jersey bewiesen, daß es immer noch möglich ist,
die Amtszeiten auf altmodische Weise zu begrenzen indem man die Falschen rauswirft.
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Die Wähler haben dem Gouverneur Florio ihre Meinung zu verstehen gegeben, indem sie Dutzende von
langjährigen demokratischen Abgeordneten hinauswarfen, die für seine 2,8 Milliarden-Erhöhung der Einkommens- und Umsatzsteuer gestimmt hatten. Sie
scheinen zwei Dinge vermittelt zu haben - sie mögen
Florios Anmaßung nicht, und sie wollen keine höheren
Steuern.
Jetzt kommt der schwierige Teil.
Die Republikaner, von denen viele versprochen hatten, die Erhöhung der Umsatz- und Einkommenssteuer rückgängig zu machen, werden ihre Chance bekommen, das zu tun, weil sie über allen Vetos standhaltende Mehrheiten im Parlament und im Senat verfügen.
Kolumnist Robert Turner vom Boston Globe
Das trifftigste Argument zugunsten genereller Amtszeitbegrenzungen - daß die Amtsinhaber zu stark sind,
um Herausforderern eine vernünftige Chance einzuräumen - wurde von den Wählern untergraben, die den
einzigen Senator abwählten, der sich zur Wiederwahl
stellte, nämlich Ray Maybus aus Mississippi. Das
gleiche traf auf andere Amtsträger zu, vom Oberbürgermeister Houstons bis zu 20 Bürgermeistern und
Ersten Stadtverordneten in Connecticut und vier Bürgermeistern in Massachusetts.
Wall Street Journal
Im Fall Mississippis ist der gewählte Gouverneur Kirk
Fordice ein republikanischer Geschäftsmann, der seinen Wahlkampf mit Themen führte, die von Bush
abgelehnt oder ignoriert wurden. Dazu gehören eine
Reform der Sozialhilfe, Quoten für Minderheiten und
Amtszeitbegrenzungen. Der Sieg von Fordice zeigt,
daß diese Fragen legitim und immer noch durchschlagend sind, wenn man sie von Gestalten wie David
Duke, dem Scharlatan aus Louisiana trennt. Wir
waren beglückt, als Bush gestern Duke ablehnte, aber
sein jüngster "Kompromiß" zu den Bürgerrechten hat
Duke einen Spielraum gelassen, um vernünftig zu
erscheinen.
Hinter all diesen Resultaten steht eine Öffentlichkeit,
die mit dem Status quo des politischen Patts unzufrieden ist. Der Kongreß ist ebenso sehr ein potentielles
politisches Opfer wie Bush selbst: Der Sprecher des
Repräsentantenhauses, Tom Foley, errang einen
persönlichen Sieg, als er dazu beitrug, das Referendum über eine Amtszeitbegrenzung im Bundesstaat
Washington abzuweisen, aber dazu mußte er Amtsinhaber aus anderen Bundesstaaten (Kalifornien) kritisieren. Diese Stimmung unter den Wählern bietet all
den Politikern beider Parteien Vorteile, die Ideen zur
Verbesserung der Wirtschaftslage sowie Reform und
Abbau staatlicher Tätigkeit vorlegen. .

Seite 3

�Washington Post
Die Wähler leisteten in den Wahlen vom Dienstag
Außergewöhnliches, von der Niederlage DickThornburghs und der Abwahl anderer favorisierter Amtsinhaber bis zu der Entscheidung im District of Columbia
(Bundeshauptstadt Washington), die Hersteller halbautomatischer Waffen für die mit diesen Waffen angerichteten Verwüstungen schadenersatzpflichtig zu
machen. Selbst wenn ihre ungewöhnlicheren Initiativen scheiterten, haben sie doch ein nachdrückliches
Ausrufezeichen gesetzt.
Im Bundesstaat Washington zum Beispiel, wo die
einschneidende Initiative zur Begrenzung der Amtszeiten glücklicherweise abgelehnt wurde, erhielt die
Verliererseite sehr viele Stimmen. Die Meinungsumfragen, in denen die Initiative favorisiert wurde, zeigten
in den letzten Wochen ein Abbröckeln der enormen
Mehrheit für die Begrenzung. Mehrere Faktoren haben
angeblich zu diesem Ergebnis beigetragen, darunter
die Ankündigungen einiger prominenter Politiker, sie
würden sich nicht zur Wiederwahl stellen, was den
Vorschlag aus den Sphären der Abstraktion auf den
Boden der Realität zurückholte. Eine weitere möglicherweise wichtige Tatsache war das Argument, daß
der Staat Washington im Hinblick auf die Vertretung
seiner Interessen im Kongreß sozusagen eine mehr
oder weniger einseitige Abrüstung betreiben würde.
Dieser Theorie zufolge würden andere Bundesstaaten
weiterhin ihre altgedienten Amtsinhaber als Ausschußvorsitzende und erfahrene Repräsentanten haben, um
die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken, bevor
die Novizen aus dem "reformierten" Staat Washington
zum Zuge kämen. Was auch immer der Grund für das
Scheitern der Initiative gewesen sein mag:

es ist

bemerkenswert, wie viele Stimmen sie erhielt. Nahezu
die Hälfte derjenigen, die in einer Wahl mit außergewöhnlich hoher Beteiligung abstimmten, sprachen sich
für die Amtszeitbegrenzung aus. Der Vorschlag wurde
eindeutig abgelehnt, aber trotzdem wurde eine Botschaft der Unzufriendenheit vermittelt.
New York Times
Vielleicht hört Bush jetzt endlich, was die Meinungsumfragen schon seit Wochen andeuten: Wie bewundernswert seine Leistungen im Ausland auch sein
mögen, scheint er doch den Problemen im Inland
*

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ausgesprochen teilnahmslos gegenüberzustehen. Dies
ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft, die von den
Wählern am Dienstag ausgesandt wurden. Es wäre
gut für ihn, wenn er sie sich zu Herzen nähme.
Baltimore Sun
Der Präsident hat Glück. Er hat ein ganzes Jahr Zeit,
um etwas im Hinblick auf die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und andere innenpolitische Fragen zu
unternehmen. Tut er dies nicht, riskiert er, der dritte
Amtsinhaber unter den letzten vier Präsidenten zu
werden, der abgewählt wurde. Es wird mehr als die
Absage von Auslandsreisen und die gerade abgegebenen Erklärungen erforderlich sein, er kümmere sich
um die Innenpolitik, um sich selbst zu retten. Die
Amerikaner wollen eindeutig Taten und Ergebnisse
sehen.
Christian Science Monitor
Zweifellos wird Bush innenpolitischen Themen mehr
Aufmerksamkeit widmen müssen. Er hat bereits eine
Reise nach Asien abgesagt. Er kann nicht erklären,
der Wirtschaft gehe es gut, wenn dies nicht zutrifft.
Bushs Rezept für die Wirtschaft - die Amerikaner
sollten zur Tat schreiten und ein neues Haus und ein
Auto kaufen - scheint direkt aus der Eisenhower-Ära zu
stammen. Mehr Führungskraft bei den schwierigen
Problemen von Rasse, Verbrechen, Bildung, Umwelt,
Gesundheitswesen und Kinderbetreuung ist vonnöten. Dies sind die Fragen, bei denen er die Ärmel
aufkrempeln muß.
Im Vergleich dazu können Telefongespräche mit ausländischen Staats- und Regierungschefs, Reisen in
weit entfernte Gegenden der Welt sowie Tischreden

für Diplomaten der Öffentlichkeit als Elitebeschäftigung wichtigtuerischer Internationalisten erscheinen,
die den Alltagsproblemen des Durchschnittsbürgers
entrückt sind.
Trotzdem läuft die Frage Außenpolitik oder Innenpolitik Gefahr, Opfer einer Demagogik zu werden, die sich
Ignoranz und Isolationismus zunutze macht. Die
Außenpolitik ist wichtig. Die Welt ist heute ein zerbrechliches Gefüge. Bedeutende strukturelle Veränderungen vollziehen sich in Europa, Afrika und Asien.
Die Ergebnisse sind noch nicht abzusehen. Die verbleibende Supermacht hat erhebliche Pflichten.

*

AMERIKA DIENST 45

�ERWACHSENENBILDUNG
13. November 1991

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian
Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig im Mai 1991 in USA TODAY. Copyright (c) 1991, the Society for
the Advancement of Education.
Die Autorin ist Leiterin des Büros für Erwachsenenbildung, The College Board, New York. Der Artikel wurde unter
Mitarbeit von Natalie Green verfaßt.

Für die achtziger Jahre wurde angesichts der kontinuierlich sinkenden Zahl von High School-Absolventen
pro Jahr generell eine Abnahme von College-Immatrikulationen vorhergesagt. Trotz aller Spekulationen
nahm die Zahl jedoch zu und als sie ihren Höhepunkt
erreicht zu haben schien, stieg sie noch weiter.
In den siebziger Jahren verdoppelten sich die CollegeImmatrikulationen nahezu von rund 8 Millionen auf ungefähr 12 Millionen. Abwohl in den achtziger Jahren 25
Prozent weniger Studenten ihren Abschluß an der
High School machten, stieg die Zahl der CollegeImmatrikulationen von 12 Millionen auf 13,5 Millionen
- was einem Gesamtzuwachs von 12,5 Prozent ent
spricht.
Einzelne Colleges ziehen mehr Schüler aus den oberen High-School-Klassen an als andere und verleiben
sich so den größeren Anteil eines kleineren Marktes
ein. Obwohl dies eine vernünftige Erklärung ist, trägt
sie der landesweiten Zunahme an Immatrikulationen
nicht Rechnung. Nicht jedes College kann seinen
Anteil bei einer abnehmenden Schülerzahl aufrechterhalten oder vergrößern.
Tatsache ist, daß der Markt nicht kleiner wird, trotz der
unleugbar kontinuierlichen Abnahme der Anzahl von
High School Seniors, die jedes Jahr ihren Abschluß
machen. Er wird vielmehr größer. Wir führen dies auf
die Erwachsenen zurück - per definitionem die ab
25jährigen - die in größerer Zahl als je zuvor Colleges
besuchen.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil
erwachsener Studenten ständig erhöht, von rund 30
Prozent im Jahr 1970 auf 40 Prozent 1980 und 45
Prozent im Jahr 1987 (anhand der jüngsten vorliege-

nen Statistiken). Das bedeutet, auf jeden CollegeStudenten unter 25 kommt ein älterer Student.
Eine Studie des College Board gelangte zu dem Schluß,
daß sich jeder 25. Amerikaner über 25 Jahre für ein
Seminar oder ein Studienzielprogramm am College
einschreibt - was über 6 Millionen erwachsene Studenten jährlich zur Folge hat. (Diese Zahlen stehen nur für
Erwachsene, die einen akademischen Abschluß anstreben. Fügt man die Zahl derjenigen hinzu, die das
College als Gasthörer oder zu Fortbildungszwecken
besuchen, beläuft sich die Zahl auf mindestens 12
Millionen). Die Annahme, nur 18- bis 24jährige aus
Mittelklassefamilien strebten weiterführende Bildung
an, ist fast ebenso falsch wie die Überzeugung, die
amerikanische Durchschnittsfamilie bestünde aus Vater
(Ernährer), Mutter (Hausfrau) und 2,3 Kindern. Die
Studie des College Board erstellte Statistiken über die
Studenten über 25, die im vergangenen Jahr ans
College zurückgekehrt waren, um einen akademischen Abschluß zu erwerben. Die Daten ergaben
unterschiedliche Muster:
Als Erwachsene studieren mehr Frauen als
Männer. Frauen leisten später im Leben, was
einige Männer in jüngeren Jahren tun konnten.
Dies ist auf eine unterschiedliche Lebensplanung zurückzuführen. Unseres Erachtens werden
die Frauen jedoch wahrscheinlich den Vorsprung
der Männer wettmachen, so daß sie im Alter von
50 Jahren beide auf dieselbe Anzahl von Studienjahren zurückblicken können. Da die Zahl
der Frauen derjenigen der Männer entspricht,
die sich nach dem High School-Abschluß am
College einschreiben und da mehr Frauen als
Männer im Erwachsenenalter das College be-

Seite 1

�suchen, werden Frauen darüber hinaus mehr
Jahre am College verbringen als Männer und
damit den Trend der vergangenen Jahre umkehren.
Im Hinblick auf rassische und ethnische Zusammensetzung dominieren die Weißen den Markt
für Erwachsenenbildung - rund 90 Prozent der
Immatrikulationen entfallen auf sie. Dem Bericht zufolge "schreiben sich junge Schwarze
und Hispanier unmittelbar nach der High School
nicht im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil
am College ein; und im Verhältnis zu ihrem
Anteil an der Bevölkerung noch weniger erwachsene Schwarze und Hispanier. Im Gegensatz zu weiblichen Erwachsenen gehen schwarze und hispanische Erwachsene nicht aufs
College, wenn sie dies in jüngeren Jahren nicht
getan haben."
Der Anteil von Erwachsenen am College nimmt
mit zunehmendem Alter ab. Im Alter gibt es
weniger Lebensphasen, die Lernen erfordern.
Im Leben älterer Erwachsener finden weniger
Veränderungen statt. Der Druck, neues Wissen
zu erwerben, um mit Ereignissen Schritt zu
halten, nimmt entsprechend ab. Beispielsweise
finden weniger Veränderungen im Berufsleben
oder am Arbeitsplatz statt. Da der Großteil der
Erwachsenenbildung arbeitsbezogen ist, bedeuten weniger Wechesl des Arbeitsplatzes weniger Studien.
Eine überwältigende Mehrheit (85 Prozent) der
erwachsenen Studenten arbeitet, die meisten
von ihnen ganztags an ihrem Arbeitsplatz oder
zu Hause. Die meisten Erwachsenen sind sehr
beschäftigt und jonglieren zwischen Arbeit, Familie
und Studium.
Einige andere für erwachsene Studenten typische
Kriterien sind überraschender. Nachfolgend einige
Vorurteile über ihr Studium und die Tatsachen, die sie
widerlegen:
Vorurteil: Sie studieren nur abends. Tatsache: 50
Prozent aller erwachsenen Studenten belegen Kurse
vor 17.00 Uhr, vorwiegend in den Morgenstunden.
Vorurteil: Sie nehmen ihr Studium nicht ernst. Tatsache: Genau 60 Prozent wollen einen akademischen
Abschluß erwerben. Vier von fünf Erwachsenen, die
einen Abschluß machen, erwerben ihn in einem vielversprechenden Berufszweig.
Vorurteil: Sie haben nicht viel Zeit zum Studium.
Tatsache: 25 Prozent aller erwachsenen Studenten
sind Vollzeitstudenten.
Andere Muster bei der Untersuchung von erwachsenen Studenten und solchen im normalen Studienalter
helfen zu erklären, warum sich junge und ältere Studenten an den Universitäten mit jedem Jahr eher
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ähneln als unterscheiden. Bei Teilzeitstudenten denken wir gemeinhin an ältere Studenten. Dennoch
beobachten wir ein Teilzeitstudium zunehmend bei
jüngeren Studenten, die auf eine Art und Weise lernen,
die man im allgemeinen mit Erwachsenen verbindet.
Jüngere Studenten besuchen das College zeitweise
abends oder am Wochenende, auch mehrere Colleges. Sie setzen ihr Studium für ein Semester oder ein
Jahr aus, schreiben sich als Gasthörer ein, belegen
berufsbildende Kurse, fahren täglich zur Universität
statt in den Wohnheimen zu leben, leisten Teilzeitarbeit, sind verheiratet oder leben zusammen, besitzen
Autos und ziehen Kinder groß.
Ein weiteres klares und zunehmendes Verhaltensmuster - viel weniger augenfällig als das erste, aber in
gewisser Weise genauso wichtig - ist das Vollzeitstudium älterer Studenten, vor allem tagsüber. Wie ist
das zu erklären? Die Antwort ist so schwierig wie das
Muster klar ist. Es gibt Hypothesen, wer diese Erwachsenen sein mögen, die ebenso wie junge Studenten
studieren. Es sind zum Beispiel geschiedene Frauen
mit genug finanzieller Unterstützung, um sich ein Vollzeitstudium leisten zu können, verheiratete Frauen,
die ab 4 Uhr nachmittags zu Hause bei ihren kleinen
Kindern sein wollen oder verheiratete Frauen mit
erwachsenen Kindern, deren Collegegebühren bezahlt sind und die dieses Geld jetzt für sich selbst
ausgeben können. Es können Personen sein - Männer
oder Frauen - die ihre Arbeitsplätze verloren (oder sie
gekündigt) haben und wieder ein Vollzeitstudium aufnehmen, um etwas Neues zu lernen.
Zum Schluß noch ein Blick auf das Universitätsstudium (nach dem B.A.). Die Mehrzahl der graduierten
Studenten (55 %) sind 30 Jahre oder älter. Man kann
deshalb davon ausgehen, daß alle Universitäten in den
Vereinigten Staaten Institutionen der Erwachsenenbildung sind. Wenn alle Studenten über 25 morgen ihr
Studium abbrechen würden, müßte fast jede Universität in Amerika schließen. Die wenigen, die noch
geöffnet wären, würden über die Hälfte ihrer Studenten
verlieren.
Eine Möglichkeit, um die Gegenwart oder die Zukunft
zu verstehen, besteht darin, die Vergangenheit zu
untersuchen. Zurück zu den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts. Die meisten Leute besuchten keine
High School - nur etwa 25 %, 75 % gingen nach der
achten Klasse ab. 1940 gingen bereits 70 % zur High
School. Die Veränderung reichte aus, um den Charakter der weiterführenden Schulbildung in Amerika in nur
20 Jahren zu verändern.
Was trieb diese jungen Menschen in die High School?
Die primäre Ursache war die Große Depression -1922
gab es für 15jährige viel zu tun, 1932 nicht. Wenn
Amerikaner ihre Arbeitsplätze verlorengingen sie zur
Schule. Als es Ende der dreißiger Jahre wieder
Arbeitsplätze für junge Menschen gab, hatten sie sich
verändert. Sie erforderten mehr Fähigkeiten, was
AMERIKA DIENST 45

�bedeutete, daß dazu mehr Schulbildung erforderlich
war.
In den neunziger Jahren erkennen wir dasselbe Muster, aber dieses Mal in den Colleges statt in den High
Schools. Dabei gibt es viele Parallelen. Die achtziger
Jahre in Amerika lassen sich mit den dreißiger Jahren
vergleichen. Viele Arbeitsplätze verschwanden - einige für junge Leute, aber mehr noch für Erwachsene.
Die neuen Jobs erfordern mehr Schulbildung. Viel
mehr junge Leute und Erwachsene entscheiden sich
für das College - manche Erwachsene zum ersten Mal,
andere kehren zum zweiten oder dritten Mal zurück.
Die Arbeitgeber haben ihre Anforderungen an Bildung
und Ausbildung aus drei Gründen erhöht: die neuen
Arbeitsplätze waren komplexer und erforderten mehr
Fähigkeiten. Die Bewerber für diese Arbeitsplätze
verfügten bereits über mehr Bildung, und deshalb
waren die an sie gestellten Erwartungen noch höher.
1920 stammten die High-School-Absolventen - gemessen an ihren intellektuellen Fähigkeiten - aus den
oberen 20 % der Bevölkerung, und diese verfügten
vielleicht auch über die nötige Energie und das nötige
Engagement. In den neunziger Jahren stammt ein
Absolvent des Colleges nach vierjährigem Studium
nicht unbedingt aus diesen obersten 20 Prozent der
Bevölkerung. Heute muß ein Arbeitgeber schon einen
College-Absolventen einstellen, wenn er das Äquivalent von einem High-School-Absolventen des Jahres
1920 haben will.
Der Arbeitsmarkt verändert sich, und das wird auch für
den Rest des Jahrhunderts gelten. Der Verlust von
Arbeitsplätzen, deren Veränderung und die Schaffung
neuer Arbeitsplätze sind für Erwachsene die primären
Auslöser, um wieder ein College zu besuchen. Nationale Untersuchungen zeigen, daß 85 Prozent aller
über 25jährigen studieren, weil sich ihr Leben im
Umbruch befindet. Sie müssen neue Fähigkeiten
lernen und neues Wissen erwerben, um mit den Veränderungen in ihrem Berufsleben Schritt zu halten.
Erwachsene sprechen über das Lernen, wenn sie
ihren ersten Arbeitsplatz finden, befördert werden oder
auf einem Arbeitsplatz etwas leisten wollen, auf den
sie bereits befördert wurden oder wenn sie nach dem
Verlust eines Arbeitsplatzes einen anderen Berufsweg
einschlagen wollen. Kein anderer Bereich des Lebens
- Familie, Gesundheit oder Freizeit - scheint so turbulent zu sein oder soviel Lernen zu erfordern wie ein
Wechsel des Berufswegs. Infolgedessen besuchen
manche Erwachsene zum ersten Mal ein College.
30 % dieser Erwachsenen verfügen über keinen HighSchool-Abschluß, und etwa 50 % haben sich nicht
unmittelbar nach der High School für das College
entschieden. Manche erwachsenen Studenten kehren zurück, um das zu vollenden, was sie früher einmal
begonnen haben. Jüngsten Berichten des nationalen
Verbandes unabhängiger Colleges und Universitäten
zufolge erwerben lediglich 15 % der Studenten ihren

Abschluß in vier Jahren. Dies basiert auf den Ergebnissen einer nationalen Untersuchung von High-SchoolAbsolventen, die am College ein vierjähriges Vollzeitstudium aufnehmen. Manche Erwachsene kehren
regelmäßig zurück, um auf dem laufenden zu bleiben.
Nahezu ein Drittel aller Rückkehrer besitzen bereits
den Abschluß eines Colleges. Dieses Bild erklärt die
Erwachsenenbildung in den siebziger und achtziger
Jahren. Was wird die Zukunft bringen?
Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert
Veränderungen in der beruflichen Laufbahn haben den
Entschluß Erwachsener zur Aufnahme eines CollegeStudiums entscheidend beeinflußt. Dies wird sich
beim Eintritt in das 21. Jahrhundert verstärkt fortsetzen und immer mehr Erwachsene dazu bewegen,
mehrmals in ihrem Leben ein College oder eine Universität zu besuchen. Dies hat folgende Gründe:
In den neunziger Jahren und darüber hinaus
wird es mehr Arbeitsplätze als Arbeitnehmer
geben. Die Dienstleistungsindustrie wird nahezu alle neuen Berufe und den Löwenanteil des
neuen Wohlstands hervorbringen. Diese Arbeitsplätze werden zusätzliche Fähigkeiten erfordern. Es werden nur sehr wenige für Personnen geschaffen werden, die weder lesen noch
Anweisungen folgen oder rechnen können.
Da die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge älter werden und die Vertreter der geburtenschwachen Jahrgänge ins Berufsleben eintreten, wird sich das Durchschnittsalter der
Erwerbsbevölkerung von heute 36 auf 39 im
Jahr 2000 erhöhen. Die Anzahl junger Arbeitnehmer zwischen 16 und 24 Jahren wird sich um
nahezu 2 Millionen oder 8 Prozent verringern.
Ältere Arbeitnehmer werden über die neuesten
Entwicklungen in ihrem Berufszweig auf dem
laufenden gehalten werden müssen, sie werden
Anreize zur Verlängerung ihres Erwerbslebens
oder Ausbildung für völlig neue Berufe benötigen.
Noch mehr Frauen werden ins Erwerbsleben
eintreten. Über 60 Prozent der neuen Erwerbstätigen werden Frauen sein. Im Jahr 2000
werden 60 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig sein. Frauen werden
kontinuierlich für den Einstieg oder Neueinstieg
ins Berufsleben aus- und weitergebildet werden
müssen, da sie versuchen, Erwerbstätigkeit und
Familie zu meistern.
Angehörige von Minderheiten werden einen
größeren Anteil der Berufsanfänger ausmachen.
Bis zum Jahr 2000 werden bis zu 30 Prozent der
neuen Erwerbstätigen Nichtweiße sein - eine
Verdoppelung ihres gegenwärtigen Anteils. Da
zahlreiche Arbeitnehmer aus Minderheiten heute

Seite 3

�noch nicht bereit sind, werden Colleges und
Arbeitgeber bei Einstellung, Aus- und Fortbildung dieser Arbeitskräfte enger zusammenarbeiten müssen.
Einwanderer werden den größten Anteil am
Wachstum der ErwerbsbevölKerung seit dem
Ersten Weltkrieg darstellen. Selbst mit den
neuen Gesetzen werden bis zum Ende des
Jahrhunderts Jahr für Jahr 600.000 legale und
illegale Einwanderer ins Land kommen. Diese
Menschen werden zunächst Alphabetisierung
und die Ausbildung in grundlegenden Fähigkeiten benötigen, um Arbeitsplätze zu bekommen,
die auf ihre Talente angewiesen sind.
Im Gegensatz zu allen bisherigen Zeitaltem wird das
21. Jahrhundert hohe Anforderungen an unser Humankapital stellen, da wir in einen Zeitraum rascher
sozialer, technologischer und ökonomischer Schwankungen eintreten. Das soll nicht heißen, das 20.
Jahrhundert habe stagniert - ganz im Gegenteil. Die
vergangenen Jahrzehnte waren aufgrund von Veränderungen in Arbeit, Familienleben, Wirtschaft, Rolle
von Minderheiten und Frauen sowie Demographie
turbulent. Es ist zu erwarten, daß sich solche Umbrüche im nächsten Jahrhundert noch rascher vollziehen
werden. Mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt
zu halten, wird viel Energie und ungewöhnlichen Einfallsreichtum seitens der meisten Amerikaner erfordern.

Frühere Forschungsarbeiten zur Erwachsenenbildung
haben festgestellt, daß die Periode rascher sozialer
Veränderungen mit einem entsprechenden Anstieg in
der Erwachsenenbildung einherging. Veränderungen
der Lebensumstände stellen eine Herausforderung
dar und zwingen den Menschen, sich weiterzuentwikkeln und anzupassen, um den Anforderungen neuer
Rollen gerecht zu werden. Dies ist das Umfeld, das die
große Beteiligung Erwachsener an Bildungsprogrammen und den Anstieg dieser Beteiligung in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts erklärt,
und es wird ferner ihre anhaltend große Beteiligung an
Bildungsprogrammen in den kommenden Jahren erklären.
Das Weiße Haus hat in den von ihm vorgelegten
"nationalen Bildungszielen" folgendes erklärt: "Heute
ist ein neuer Standard für eine gebildete Bevölkerung
erforderlich, der dem nächsten Jahrhundert angemessen ist. Unsere Bevölkerung muß ebenso kenntnisreich, gut ausgebildet, kompetent und erfinderisch
sein wie die jedes anderen Landes. Alle unsere
Bürger, nicht nur einige wenige, müssen in der Lage
sein, ihren Lebensunterhalt mit dem Kopf zu sichern,
sich an Veränderungen ihres Umfelds anzupassen
und die Welt um sie herum zu verstehen. Sie müssen
die Verantwortung und Pflichten von Bürgern verstehen und akzeptieren. Sie müssen während ihres
gesamten Lebens kontinuierlich lernen und neue
Fähigkeiten erwerben. Wir müssen erkennen, daß
Bildung eine lebenslange Bestrebung ist, nicht nur ein
Unterfangen für unsere Kinder."

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 45

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Westen muss letztes Kapitel des Kalten Krieges schreiben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Den Haag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: NATO-Streitkräfte sollten "schlagkräftig, agil, unerreicht" sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSE-Vertrag ein Meilenstein der Sicherheitsverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen vom 5. November 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Erwachsenenbildung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das neue Gesicht amerikanischer Universitäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carol B. Aslanian&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

6. November 1991

44

* &gt; * • *

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DENSKONFERENZ BUSH: FRIEDEN IM NAHEN OSTEN "MUSS KEIN
TRAUM BLEIBEN"
Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz

GATT

HILLS OPTIMISTISCH IM HINBLICK AUF
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
Rede bei der OAS

BAUCUS SCHLAGT GATTUMWELTGESPRÄCHE VOR
Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß
für Handel

KONGRESS

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am
Verteidigungshaushalt ab

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHOST-FRIEDENSKONFERENZ
6. November 1991

BUSH: FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
"MUSS KEIN TRAUM BLEIBEN''
Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz
MADRID - (AD) - In seiner Rede zur Eröffnung der Madrider Nahost-Friedenskonferenz erklärte Präsident Bush
am 30. Oktober 1991, Frieden im Nahen Osten "muß kein Traum bleiben".
Dem Präsidenten zufolge ist "der ägyptisch-israelische Friedensvertrag ein greifbarer Beweis, daß ehemalige
Gegner Frieden schließen und bewahren können". Darüber hinaus respektieren die Parteien in der Region
"Abkommen nicht nur auf der Sinaihalbinsel sondern auch auf den Golanhöhen".
"Was wir anstreben, ist ein naher Osten, in dem Ressourcen nicht länger ausschlie ßlich für Rüstungen verwendet
werden", betonte Bush. "Einen Nahen Osten, in dem junge Menschen nicht länger ihr Leben dem Kampf widmen
und allzuoft dabei lassen müssen. Einen Nahen Osten, der nicht länger in den Fängen von Furcht und Terror
ist. Einen Nahen Osten, in dem jedermann ein normales Leben führen kann."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident Gonzalez, Präsident Gorbatschow, Exzellenzen. Ich möchte zunächst der spanischen Regierung meinen Dank aussprechen, als
Gastgeber dieser historischen Zusammenkunft zu
wirken. Das spanische Volk und seine politisch Verantwortlichen haben in kürzester Zeit diesen glanzvollen Rahmen geschaffen. Wir hoffen, daß diese Madrider Konferenz für den Anfang eines neuen Kapitels der
Geschichte des Nahen Ostens stehen wird.
Darüber hinaus möchte ich gleich zu Beginn meine
Freude über die Anwesenheit von Präsident Gorbatschow zum Ausdruck bringen, der Mitveranstalter
dieser Konferenz ist. In einer Zeit enormer Herausforderungen in seinem eigenen Land haben Präsident
Gorbatschow und seine Führungsmannschaft die
Absicht bekundet, die Sowjetunion als Kraft positiven
Wandels im Nahen Osten einzubringen. Dies ist ein
deutliches Signal für alle, die nach Frieden streben.
Wir sind nach Madrid in einer Mission der Hoffnung
gekommen - die Arbeit an der gerechten, dauerhaften
und umfassenden Beilegung des Konflikts im Nahen
Osten aufzunehmen. Wir sind hierher gekommen, um
Frieden für einen Teil der Welt zu schaffen, der in der
langen Geschichte der Menschheit viel zuviel Haß,
Schmerz und Krieg erfahren mußte. Ich kann mir kein
wertvolleres - oder notwendigeres - Unterfangen vorstellen.

AMERIKA DIENST 44

Unsere Zielsetzung muß klar und eindeutig sein. Es
geht nicht nur darum, den Kriegszustand im Nahen
Osten zu beenden und durch eine Waffenruhe zu
ersetzen. Das ist nicht genug und wäre nicht von
Dauer. Vielmehr streben wir Frieden, echten Frieden
an. Und unter echtem Frieden verstehe ich Verträge.
Sicherheit. Diplomatische Beziehungen. Wirtschaftsbeziehungen. Handel. Investitionen. Kulturaustausch.
Selbst Tourismus. Was wir anstreben, ist ein Naher
Osten, in dem Ressourcen nicht länger ausschließlich
für Rüstungen verwendet werden. Einen Nahen Osten,
in dem junge Menschen nicht länger ihr Leben dem
Kampf widmen und allzuoft dabei lassen müssen.
Einen Nahen Osten, der nicht länger in den Fängen
von Furcht und Terror ist. Einen Nahen Osten, in dem
jederman ein normales Leben führen kann.
Niemand darf die Grö ßenordnung dieser Herausforderung verkennen. Der Kampf, den wir beenden wollen,
hat eine lange und schmerzliche Geschichte. Jedes
verlorene Leben - jede Greueltat und jeder Gewaltakt
- ist tief in die Herzen und die Geschichte des Volkes
in dieser Region eingegraben. Ihre Geschichte wiegt
schwer gegen die Hoffnung. Und dennoch muß die
Geschichte nicht zwangsläufig den Menschen beherrschen.

Seite 1

�Ich erwarte, daß einige sagen werden, ich wolle das
Unmögliche. Aber erinnern Sie sich. Wer hätte im Jahr
1945 gedacht, daß Frankreich und Deutschland nahezu ein Jahrhundert lang erbitterte Rivalen - nach
dem Zweiten Weltkrieg Verbündete würden? Und wer
hätte noch vor zwei Jahren den Fall der Berliner Mauer
vorhergesagt? Und wer hätte Anfang der sechziger
Jahre geglaubt, der kalte Krieg würde zu einem friedliche Ende kommen und durch Zusammenarbeit ersetzt - anschaulich belegt durch die Tatsache, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion heute hier
anwesend sind - nicht als Rivalen, sondern als Partner,
wie Ministerpräsident Gonzalez ausgeführt hat.
Nein, Frieden im Nahen Osten muß kein Traum bleiben. Frieden ist möglich. Der ägyptisch-israelische
Friedensvertrag ist ein greifbarer Beweis, daß ehemalige Gegner Frieden schaffen und bewahren können.
Und darüber hinaus respektieren die Parteien in der
Region Abkommen nicht nur auf der Sinaihalbinsel
sondern auch auf den Golanhöhen.
Die Tatsache, daß wir alle heute hier zum ersten Mal
versammelt sind, belegt eine neues Potential für Frieden. Jeder von uns hat durch die Zusammenkunft hier
in Madrid einen entscheidenden Schritt zu echtem
Frieden unternommen. All die Formulierungen auf
dem Papier, all die hehren Erklärungen der Welt werden keinen Frieden bewirken, wenn es keinen praktischen Mechanismus für Fortschritt gibt.
Frieden wird nur infolge von direkten Verhandlungen,
Kompromiß, Geben und Nehmen möglich sein. Frieden kann nicht von außen von den Vereinigten Staaten
oder irgend jemand aufgezwungen werden. Während
wir weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun
werden, um den Parteien bei der Überwindung der
Hindernisse behilflich zu sein, muß Frieden von innen
heraus entstehen.
Wir sind als Realisten nach Madrid gekommen. Wir
erwarten nicht, daß Frieden in einem Tag, einer Woche,
einem Monat oder selbst einem Jahr ausgehandelt
werden kann. Er wird und sollte Zeit erfordern - Zeit,
damit die Parteien, die solange Krieg geführt haben,
lernen, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören. Zeit, um die Wunden zu heilen und Vertrauen
aufzubauen. Bei diesem Streben darf die Zeit nicht
dem Fortschritt im Wege stehen.
Was wir uns vorstellen, ist ein Prozeß direkter Verhandlungen, die auf zwei Ebenen geführt werden,
einmal zwischen Israel und den arabischen Staaten
und zum anderen zwischen Israel und den Palästinensern. Die Verhandlungen sollten auf der Grundlage
der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
geführt werden.
Die wirkliche Arbeit wird nicht bei dieser Plenarsitzung
sondern in direkten bilateralen Verhandlungen geleistet werden. Diese Konferenz kann den Teilnehmern

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keine Lösung aufzwingen oder ein Veto gegen Vereinbarungen einlegen. Ebenso wichtig ist, daß die Konferenz nur mit Zustimmung jedes einzelnen Teilnehmers wiedereinberufen werden kann. Der Fortschritt
liegt in den Händen der Parteien, die mit den Folgen
leben müssen.
Schon bald nach Aufnahme der bilateralen Gespräche
werden die Parteien ebenfalls zusammentreffen, um
multilaterale Verhandlungen zu organisieren. Diese
werden sich auf die Fragen konzentrieren, die nationale Grenzen überschreiten und die gesamte Region
betreffen: Rüstungskontrolle, Wasser, Flüchtlingsprobleme, wirtschaftliche Entwicklung. Fortschritte in
diesen Foren sind nicht als Ersatz dessen gedacht,
was in den bilateralen Gesprächen entschieden werden muß. Im Gegenteil, Fortschritte bei den multilateralen Fragen können zu einer Atmosphäre beitragen,
in der seit langem bestehende bilaterale Streitfragen
leichter gelöst werden können.
Für Israel und die Palästinenser gibt es bereits einen
Rahmen für diplomatische Bemühungen. Die Verhandlungen werden in Phasen stattfinden und mit
Gesprächen über Interimslösungen für eine Selbstregierung beginnen. Wir sind bestrebt, ein Abkommen
innerhalb eines Jahres zu erlangen. Nach Erzielung
dieses Abkommens wird diese Interimsregelung zur
Selbstregierung fünf Jahre gültig sein. Vom dritten
Jahr an werden Verhandlungen über den dauerhaften
Status stattfinden. Niemand kann genau vorhersagen,
wie das Endergebnis aussehen wird. Unserer Meinung nach muß etwas entwickelt werden, das für
Israel, die Palästinenser und Jordanien akzeptabel ist,
das den Palästinensern eine sinnvolle Gestaltung ihres eigenen Lebens und Schicksals ermöglicht und
gleichzeitig die Akzeptanz und Sicherheit Israels
gewährleistet.
Wir alle können verstehen, daß sowohl Israel als auch
die Palästinenser über Kompromisse besorgt sind,
daß sie sich Sorgen machen, selbst beim unbedeutendsten Punkt Kompromisse zu schließen, weil sie
fürchten, einen Präzedenzfall für die wirklich wichtigen
Fragen zu schaffen. Niemand sollte jedoch einen
Kompromiß bei Interimsregelungen vermeiden, und
zwar aus einem einfachen Grund: nichts, was heute
beschlossen wird, wird die Verhandlungen über den
dauerhaften Status präjudizieren. Im Gegenteil, diese
Folgeverhandlungen werden aufgrund ihrer eigenen
Verdienste bewertet werden.
Frieden kann nicht allein von Kompromissen abhängen. Echter Frieden - dauerhafter Frieden - muß auf
Sicherheit für alle Staaten und Völker, einschließlich
Israels, gegründet sein. Zu lange hat das israelische
Volk in Furcht gelebt, umgeben von einer arabischen
Welt, die es nicht akzeptierte. Heute ist für die arabische Welt der ideale Moment gekommen, um zu
zeigen, daß sich Einstellungen verändert haben, daß

AMERIKA DIENST 44

�die arabische Welt bereit ist, mit Israel in Frieden zu
leben und Zugeständnisse an Israels begründete Sicherheitsbedürfnisse zu machen.
Wir wissen, daß Frieden auch auf Fairneß gegründet
sein muß. Ohne Fairneß wird es keine Legitimität
geben - keine Stabilität. Dies gilt besonders für die
Palästinenser, von denen viele vor allem anderen
Unruhen und Frustration erfahren haben. Israel hat
heute die Gelegenheit zu zeigen, daß es bereit ist, ein
neues Verhältnis mit seinen palästinensischen Nachbarn einzugehen, das auf gegenseitiger Achtung und
Zusammenarbeit beruht.
Im gesamten Nahen Osten streben wir eine stabile und
dauerhafte Lösung an. Wir haben nicht definiert, was
dies bedeutet. Ich mache diese meine Ausführungen
in der Tat ohne Landkarte, die anzeigt, wo die Grenzen
letzlich gezogen werden sollen. Trotzdem gehen wir
davon aus, daß ein territorialer Kompromiß für den
Frieden unumgänglich ist. Grenzen sollten die Qualität
von militärischen und politischen Regelungen widerspiegeln. Die Vereinigten Staaten sind bereit, alles zu
akzeptieren, was die Parteien selbst akzeptabel finden. Wie ich am 6. März erklärt habe, streben wir eine
Lösung an, die die doppelte Probe auf Fairneß und
Sicherheit besteht.
Ich weiß - und ich nehme an, wir alle wissen -, daß
diese Verhandlungen nicht einfach sein werden. Ich
weiß auch, daß diese Verhandlungen nicht reibungslos verlaufen werden. Es wird Meinungsverschiedenheiten und Kritik, Rückschläge und - wer weiß - möglicherweise Unterbrechungen geben. Verhandlungen
und Kompromisse sind immer schmerzhaft. Der Erfolg
wird uns versagt bleiben, wenn wir uns nur auf das
konzentrieren, was aufgegeben werden muß.
Wir müssen unsere Vision dessen definieren, was
echter Frieden bringen würde. Frieden bedeutet doch
schließlich nicht nur die Vermeidung von Krieg und den
Kosten, sich darauf vorzubereiten. Der Nahe Osten ist
mit großen Ressourcen gesegnet: physischen, finanziellen und vor allem menschlichen. Neue Möglichkeiten befinden sich in greifbarer Nähe - wenn wir nur das
Vorstellungsvermögen besitzen, sie zu ergreifen.
Um Erfolg zu haben, müssen wir uns vor Augen führen,
daß Frieden im Interesse aller Parteien liegt - und Krieg
für niemand einen absoluten Vorteil bringt. Die Alternative zum Frieden im Nahen Osten ist eine Zukunft
der Gewalt, Verschwendung und Tragik. Jeder künftige Krieg beinhaltet die Gefahr des Einsatzes von
Massenvernichtungswaffen. Wie wir im Golfkrieg gelernt
haben, ermöglichen moderne Waffenarsenale Angriffe auf städtische Ballungszentren - um das Leben
unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zu bedrohen, Straßen, Schulen und Kinderspielplätze der Städte in Schlachtfelder zu verwandeln.

AMERIKA DIENST 44

Heute können wir beschließen, einen anderen Weg in
die Zukunft einzuschlagen - Konflikte zu vermeiden.
Ich fordere alle Parteien auf, einseitige Maßnahmen,
sei es in Wort oder Tat, zu vermeiden, die Vergeltung
nach sich ziehen oder - noch schlimmer - diesen
Prozeß selbst beeinträchtigen oder bedrohen würden.
Ich appelliere an alle Parteien, Maßnahmen in Betracht zu ziehen, die gegenseitiges Vertrauen fördern
- Schritte, die ein ernsthaftes Engagement für eine
Aussöhnung signalisieren.
Ich möchte etwas zur Rolle der Vereinigten Staaten
von Amerika sagen. Wir haben eine aktive Rolle dabei
gespielt, diese Konferenz zu ermöglichen. Sowohl der
Außenminister, Jim Baker, als auch ich werden eine
aktive Rolle dabei spielen, dem Prozeß zum Erfolg zu
verhelfen. Zu diesem Zweck haben wir Israel, Syrien,
Jordanien, dem Libanon und den Palästinensern schriftliche Zusicherungen gegeben. Im Geist der Offenheit
und Ehrlichkeit werden wir alle Parteien über die
Zusicherungen informieren, die wir den anderen gegeben haben. Wir sind bereit, Garantien zu geben,
Technik und Unterstützung zu liefern, wenn der Frieden dies erfordert. Wir werden ferner unsere Freunde
und Verbündeten in Europa und Asien auffordern, sich
uns bei der Bereitstellung von Ressourcen anzuschließen, damit Frieden und Wohlstand Hand in Hand
gehen.
Außenstehende können helfen, aber letztlich obliegt
es den Völkern und Regierungen des Nahen Ostens,
die Zukunft des Nahen Ostens zu gestalten. Es ist ihre
Chance und ihre Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende
zu tun, um diese Versammlung zu nutzen, diese
historische Versammlung und alles, was sie symbolisiert und verspricht.
Niemand sollte annehmen, daß die vor uns liegende
Chance zum Friedensschluß bestehen bleibt, wenn
wir es versäumen, diesen Moment zu nutzen. Ironischerweise ist diese Gelegenheit aus dem Krieg geboren - der Zerstörung vergangener Kriege, der Furcht
vor künftigen Kriegen. Die Zeit ist gekommen, um dem
Krieg ein Ende zu bereiten - die Zeit ist gekommen, um
den Frieden zu wählen.
Stellvertretend für das amerikanische Volk möchte ich
bekräftigen, daß die Vereinigten Staaten bereit sind,
die Suche nach Frieden zu erleichtern, als Katalysator
zu wirken, wie wir dies in der Vergangenheit und bis vor
Kurzem getan haben. Wir streben nur ein Ziel an, und
das tun wir nicht für uns selbst, sondern für die Völker
der Region und besonders die Kinder: daß diese und
künftige Generationen im Nahen Osten die Bedeutung
und Segnungen des Friedens erfahren.
Wir haben zu viele Generationen von Kindern gesehen, deren gequälte Augen nur Furcht widerspiegeln zu viele Beerdigungen von Brüdern und Schwestern,

Seite 3

�Müttern und Vätern, die zu früh starben - zu viel Haß,
zu wenig Liebe. Und wenn wir nicht den Mut aufbringen können, für uns selbst die Vergangenheit hinter
uns zu lassen, so laßt uns beschließen, es für unsere
Kinder zu tun.

Möge Gott das Werk dieser Konferenz segnen und
leiten, und möge diese Konferenz uns auf den Weg des
Friedens führen,

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 44

�GATT
6. November 1991

HILLS OPTIMISTISCH IM HINBLICK AUF
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
Rede bei der OAS
WASHINGTON - (AD) - Die US-Handelsbeauftragte Carla Hills hat in einer Rede bei der Konferenz der
Handelsminister der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) am 29. Oktober 1991 in Washington erklärt,
sie sei in bezug auf den erfolgreichen Abschluß der nun schon fünf Jahre andauernden Uruguay-Runde
multilateraler Handelsgespräche seit langem nicht mehr so optimistisch gewesen.
Wir veröffentlichen die Rede von Hills, die darüber hinaus auf das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada sowie die Initiative zur Förderung der
Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas (EAI) einging, nachfolgend im Wortlaut.

Einleitung
Bei einer Feierstunde im Rosengarten des Weißen
Hauses anläßlich des ersten Jahrestages der EAI
bekräftigte Präsident Bush im vergangenen Juni sein
Engagement zum "Aufbau einer soliden Grundlage für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Wohlstand" auf
dem Kontinent. "Freier Handel", erklärte der Präsident, "muß unsere gesamte Hemisphäre erfassen."
Die Organisation Amerikanischer Staaten war bei diesem
entscheidenden Unterfangen ein zuverlässiger Verbündeter und Befürworter.
Wenn wir umfassenden und dauerhaften Wohlstand
erlangen wollen, müssen wir uns bemühen, die Wohlstand schaffende Macht offener Märkte über die Grenzen unserer Hemisphäre hinaus auszudehnen. Wir
müssen zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß
unsere Güter und Dienstleistungen in der ganzen Welt
frei bewegt werden können. Der Weg, um dies zu
ermöglichen, ist die Schaffung eines wirklich offenen
und pulsierenden Welthandelssystems.
Die amerikanische Handelspolitik
Aus diesem Grund ist die Handelspolitik von Präsident
Bush darauf ausgerichtet, jede Chance zu ergreifen
und jedes Forum zu nutzen, um die Weltmärkte für
Unternehmer aller Länder zu öffnen.

AMERIKA DIENST 44

Um diese Politik zu verwirklichen, bemühen wir uns
energisch,
die Verhandlungen über den Welthandel im
Rahmen der Uruguay-Runde erfolgreich abzuschließen;
mit Mexiko und Kanada Verhandlungen über ein
Nordamerikanisches Freihandelsabkommen zu
führen;
die Initiative des Präsidenten zur Förderung der
Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas mit
dem Endziel einer Freihandelszone in der gesamten Hemisphäre zu verwirklichen.
Die Uruguay-Runde
Zweifelsohne sind die Welthandelsgespräche im
Rahmen der Uruguay-Runde für alle Nationen heute
das wichtigste Verhandlungsforum zum Handel. Die
108 am Verhandlungstisch vertretenen Staaten repräsentieren über 90 Prozent des Welthandels.
Die Nationen Amerikas verstehen die Bedeutung der
Uruguay-Runde und des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Costa Rica, El Salvador und
Venezuela sind in den vergangenen zwei Jahren dem
GATT beigetreten. Guatemala wird seinen Beitritt in
wenigen Monaten vollzogen haben. Honduras wird mit
dem Beitrittsprozeß beginnen, und Panama hat gerade die Aufnahme beantragt.

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�Der Grund dafür, daß Sie alle Teil des GATT werden
möchten, ist einfach. Eine multilaterale Liberalisierung
des Handels hat eine größere Durchschlagskraft als
regionale Handelsvereinbarungen (selbst bilaterale
Freihandelsabkommen). Sowohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen als auch die EAI bieten
den Teilnehmern wichtige Vorteile, aber jedes ist letztlich durch die Größe der beteiligten Märkie begrenzt
Es ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit: 108 Nationen,
die 90 Prozent des Welthandels vertreten, können
zusammengenommen mehr erreichen, um Märkte zu
öffnen, den Handel auszuweiten und Wohlstand hervorzubringen als 3 oder 30 Länder.
Die Uruguay-Runde ist die weitreichendste jemals
veranstaltete Runde weltweiter Handelsgespräche.
Eine Verringerung traditioneller Marktzugangshemmnisse - tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen wie etwa
Quoten - um ein Drittel durch die Runde könnte die
Weltproduktion im nächsten Jahrzehnt um 5 Billionen
Dollar erhöhen.
Die Vereinigten Staaten und andere Regierungen
Amerikas müssen nicht nur zusammenarbeiten, um
diesen wirtschaftlichen Impuls zu verwirklichen, sondern auch, um folgende Entwicklungen sicherzustellen:
Öffnung neuer und Ausweitung bestehender
Märkte;
Abbau handelsverzerrender Agrarsubventionen;
neue Rechte an geistigem Eigentum;
Öffnung der Dienstleistungsmärkte;

länger hinziehen. Die Regierungen müssen heute
entscheiden, ob sie ein Abkommen schließen wollen
oder nicht.
Generaldirektor Dunkel hat einen kühnen Plan in Angriff
genommen, um diese Entscheidung zu erzwingen und
die Verhandlungen zu beschleunigen. Er beabsichtigt,
bis Mitte November ein umfassendes Abkommen
vorzulegen. Er hat die Vorsitzenden der wichtigsten
Verhandlungsgruppen aufgefordert, umgehend zusammenzutreten. Dunkel hat erklärt, er werde Lösungen
für die noch ausstehenden Probleme vorschlagen,
wenn sie keine Übereinkunft erzielen können.
Wir können Substanz nicht durch Geschwindigkeit
ersetzen. Wir benötigen ein umfassendes Paket von
Vereinbarungen, das für Unternehmer weltweit ein
breites Spektrum von Möglichkeiten schafft. Die Vereinigten Staaten brennen darauf, mit den Handelspartnern zusammenzuarbeiten, um diese entscheidenden
Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ergebnis zu
führen.
Der Dunkel-Plan könnte die erforderliche Antriebskraft
liefern, um der Runde zum Gelingen zu verhelfen. Vor
zwei Wochen hat Wirtschaftsminister Möllemann den
EG-Handelsministern beim Treffen in Den Haag berichtet, daß Deutschland seine Position geändert hat
und jetzt bereit ist, eine Reduzierung der Agrarsubventionen auszuhandeln. Die EG-Handelsminister treffen
am kommenden Sonntag und die Außenminister am
Montag erneut zusammen.
Dies ist der Augenblick, in dem die Mitglieder der
Organisation Amerikanischer Staaten zusammenarbeiten können, um alles in ihrer Macht Stehende zu
tun, die Gespräche zu einem erfolgreichen Abschluß

Förderung arbeitsplatzschaffender Investitionen.
Die enthusiastische Unterstützung der Regierungen
Amerikas - einzeln sowie durch Organisationen wie die
OAS - für ein umfassendes Abkommen der UruguayRunde könnte entscheidend dazu beitragen, die von
uns allen angestrebten wachstumsfördernden Handelsreformen zu verwirklichen.
Liegt ein Abkommen in greifbarer Nähe?
Es besteht kein Zweifel: die Vorteile einer erfolgreichen Uruguay-Runde könnten enorm sein. Nahezu
ein Jahr nach dem Patt von Brüssel stellt jeder die
Frage "Wird es ein Abkommen der Uruguay-Runde
geben?"
Ich bin lange nicht mehr so hoffnungsvoll gewesen wie
heute.
Der Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel, hat
unlängst die Delegationsleiter in Genf zusammengerufen, um eine eindeutige Botschaft zu übermitteln: die
Verhandlungen der Uruguay-Runde dürfen sich nicht

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zu bringen.
Es ist fünf Minuten vor zwölf, was die Uruguay-Runde
anbetrifft. Die Vereinigten Staaten haben ein vollständiges Verhandlungsteam nach Genf entsandt, das zu
Fortschritten bereit ist. Ich fordere alle heute hier
anwesenden Regierungen auf, hochrangige Experten
aus ihren Hauptstädten nach Genf zu entsenden. Die
Zeit ist knapp, und wir müssen Erfolg haben.
Während wir am erfolgreichen Abschluß der Runde
arbeiten, müssen wir uns auch mit der Öffnung von
Märkten befassen, wo immer dies weltweit möglich ist.
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
Ich bin gestern aus Zacatecas in Mexiko zurückgekehrt, wo ich zum dritten Mal mit meinen Amtskollegen
aus Mexiko und Kanada zusammengetroffen bin, um
die Verhandlungen über ein Nordamerikanisches
Freihandelsabkommen fortzusetzen. Gemeinsam
könnten wir einen Markt mit 360 Millionen Verbrauchern und Produzenten und einer Jahresproduktion im
Wert von 6 Billionen Dollar schaffen.

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�Die Vorteile eines Nordamerikanischen Freihandelsabkommens sind jedoch nicht auf die drei Teilnehmerländer begrenzt. Jedesmal, wenn "der Kuchen wächst",
gibt es mehr für alle.

Als ersten Schritt der EAI haben die Vereinigten Staaten in der Zwischenzeit Rahmenabkommen mit praktisch allen Ländern Mittelamerikas sowie den meisten
Ländern Lateinamerikas und der Karibik geschlossen.

Mexikos dynamisches Wachstum wird vermehrte
Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen schaffen, die Sie, seine Nachbarn auf dem Kontinent, am
besten liefern können. Sie kennen den Geschmack,
Bedarf und die Wünsche der Mexikaner. Sie werden
einen natürlichen Vorteil beim Verkauf an ein reicheres
Mexiko haben.

Diese Abkommen sehen eine Reihe fester Handels und
Investitionsprinzipien, die Verpflichtung zu regelmäßigen Konsultationen sowie eine vorläufige Tagesordnung der Konsultationen vor.

Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen wird
als Vorreiter für den besseren Schutz von Patenten,
Urheberrechten und anderem geistigem Eigentum
dienen und Märkte für Anbieter von Dienstleistungen
sowie Investoren öffnen. Parallele Gespräche werden
Normen für die Rechte von Arbeitnehmern und den
Umweltschutz festsetzen. Dies sind nicht nur Vorteile
für die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Auch
andere Länder in der Region werden von unseren
Erfahrungen und unserem Beispiel profitieren.
Die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in
den Ländern Amerikas (EAI)
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen kann
als Wegweiser bei unserem gemeinsamen Unterfangen zur Schaffung einer Freihandelszone auf dem
gesamten Kontinent dienen - einem langfristigen Ziel
der Initiative des Präsidenten zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas. Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen hat Modellcharakter für künftige Abkommen.
Die notwendigen technischen und politischen Grundlagen für weitere Freihandelsabkommen benötigen
Vorbereitungszeit. Es dauerte vier Jahre von der
Aushandlung eines Rahmenabkommens zwischen den
Vereinigten Staaten und Mexiko bis zur Aufnahme der
Gespräche über ein Freihandelsabkommen.
Der amerikanische Kongreß wird die positiven Ergebnisse des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens
sehen wollen, bevor er der Administration die Befugnis
erteilt, neue Freihandelsabkommen mit anderen Handelspartnern in der Region in die Wege zu leiten.
Die Mitglieder des Kongresses werden wissen wollen,
ob die an einem Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten interessierten Länder ihr Engagement
für offene Märkte unter Beweis gestellt haben. Die
Bereitschaft des Kongresses zur Aufnahme solcher
Verhandlungen wird davon abhängen, ob die Länder
verbesserten Zugang zu ihren Märkten haben, und
zwar nicht nur für Waren sondern auch für die Anbieter
von Dienstleistungen und Investoren, und ob sie dem
Weltstandard entsprechenden Schutz an geistigem
Eigentum anbieten können.

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In unseren wildesten Träumen hätten wir niemals
erwartet, daß so viel in so kurzer Zeit nach Ankündigung der EAI erreicht werden würde.
Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Nachbarländern in Lateinamerika unmöglich gewesen. Diese Rahmenabkommen belegen die außerordentliche Übereinstimmung unserer Philosophien
und Zielsetzungen. In ganz Lateinamerika herrscht ein
kühner, neuer Geist der Freiheit und freier Märkte.
Brücken bauen
Es wurde jedoch die Besorgnis geäußert, daß die
regionalen Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur
Öffnung von Märkten eine Abkehr von unserer Unterstützung des multilateralen Handelssystems signalisieren, das uns seit über 40 Jahren so gut gedient hat.
Nichts könnte jedoch weniger der Wahrheit entsprechen. Unser Ziel besteht im Abbau von Handelsschranken, wo immer und wann immer möglich, und
wir hegen keinerlei Intention, einen nach innen gerichteten Handelsblock zu schaffen oder zu unterstützen.
Bestrebungen zum Abbau regionaler Handelshemmnisse beeinträchtigen nur dann das Gefüge des Welthandelssystems, wenn sie neue Schranken für die
übrige Welt zur Folge haben. Im Gegenteil - unsere
regionalen Bestrebungen in Mexiko, Lateinamerika
und Asien sollen unsere weltweiten Bestrebungen zur
Öffnung von Märkten und Erweiterung des Handels
verstärken.
In der Tat lehnen wir den Aufbau protektionistischer
Handelsblöcke in allen Teilen der Welt ab und warnen
davor. Wir versuchen, die Liberalisierung des Handels
überall voranzutreiben.
Schlußbemerkung
Mit der Uruguay-Runde, dem Nordamerikanischen
Freihandelsabkommen und der Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas
haben wir einzigartige Chancen, Präsident Bushs Vision
einer von einem dynamischen Welthandelssystem
getriebenen neuen Weltordnung zu verwirklichen.
Unseres Erachtens werden diese Initiativen zur Marktöffnung zusammengenommen alle Länder Amerikas
an die Schwelle einer neuen, wechselseitig vorteilhaf-

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�ten Wirtschafts- und Handelsbeziehung mit unseren
weltweiten Handelspartnern führen.
In seiner Rede vor den Vereinten Nationen erklärte
Präsident Bush im vergangenen Monat: "Wachstum
füllt nicht nur Regale auf, sondern leistet mehr - es
billigt jedem Menschen Gewinn zu - nicht auf Kosten

sondern zum Vorteil anderer. Wohlstand ermutigt die
Menschen, als Nachbarn, nicht als Raubtiere zu leben."
Das ist unser Ziel. Gemeinsam können wir es verwirklichen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 44

�GATT
6. November 1991

BAUCUS SCHLÄGT GATT-UMWELTGESPRÄCHE VOR
Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß für Handel
WASHINGTON - (AD) - Einem einflußreichen US-Senator zufolge soll das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen auch den Bereich Umwelt umfassen.
Der Vorsitzende des Unterausschusses für Handel, Max Baucus, schlug dem Institut für Weltwirtschaft am 30.
Oktober 1991 vor, die GATT-Mitglieder könnten nach dem Vorbild des Subventionskodex einen Umweltkodex
aushandeln.
Der neue Kodex sollte einzelnen Ländern die Verhängung von Handelssanktionen für Importe anderer Länder
gestatten, die international vereinbarte Normen verletzen sowie eine Schlichtungsstelle ähnlich der nach dem
Subventionskodex eingerichteten schaffen, erklärte Baucus.
Ihm zufolge würde die Annahme des Vorschlags demonstrieren, daß das GATT Umweltschutz als ebenso
wichtiges Ziel der Handelspolitik betrachtet wie nationale Sicherheit oder Naturschutz, US-Firmen "die gleiche
Ausgangsbasis" verschafft, damit sie höhere Umweltschutzmaßstäbe als ausländische Konkurrenten erfüllen
können und einzelne Länder zur Verabschiedung einer zuverlässigen Umweltpolitik ermutigt.
Nachfolgend veröfentlichen wir Baucus' Rede im Wortlaut.

Die Welt steht in den nächsten zehn Jahren vor zwei
großen Herausforderungen: erstens dem Schutz der
Umwelt und zweitens der Schaffung eines freieren
Welthandelssystems.
Aber diese Herausforderungen stehen nicht für sich
allein. Die Verknüpfung zwischen der Umwelt und der
Handelspolitik ist in den letzten Monaten sehr deutlich
geworden.
Handelspolitik ist ein weltvolles Instrument zur Stimulierung eines Umweltbewußtseins im Ausland. Aber
Handelssanktionen können - insbesondere in den
Entwicklungsländern - Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten hervorrufen und ernsthafte Streitigkeiten im Handel entfachen.
Eine der zentralen Herausforderungen, die sich uns
bei den bevorstehenden Gesprächen über den Welthandel stellt, ist die Verabschiedung umweltbewußter
Handelsabkommen - Abkommen zum Schutz der
Umwelt, die gleichzeitig die Handelsinteressen der
Vereinigten Staaten schützen.
Die Einbeziehung von Umweltthemen in Handelsvergespräche ist nur der letzte Schritt in einer natürlichen
Folge. Angesichts der zunehmenden Verflechtung der
Volkswirtschaften der Welt müssen auch die Handelsgespräche erweitert werden.
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Ursprünglich haben sich die Handelsgespräche nur
auf Zölle konzentriert. Aber uns ist nach und nach
bewußt geworden, daß nichttarifäre Hemmnisse - wie
Quoten und Einfuhrgenehmigungen - ebenso wichtig
sind. Später haben wir erkannt, daß andere Themen
wie Subventionen und Preispolitik ebenso angesprochen werden müssen, um die gleiche Ausgangsbasis
für alle zu gewährleisten.
Wir haben jetzt begonnen, noch weitere Themen wie
den Schutz geistigen Eigentums und Antitrustmaßnahmen bei den Handelsgesprächen zu erörtern. Die
Einbeziehung dieser neuen Themen hat zur weltweiten Öffnung der Märkte und Erweiterung des Handels
beigetragen.
Jetzt ist es an der Zeit, den Umweltschutz der länger
werdenden Liste von Themen hinzuzufügen, die bei
den Handelsgesprächen erörtert werden müssen.
Sollte sich ein Land nicht zur Einführung angemessener Umweltschutzbestimmungen entscheiden, verringert es die Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit in diesem
Land zu Lasten der Umwelt. Zusätzlich zur Belastung
der Umwelt verschafft dies einen relativen Vorteil
gegenüber Nationen, die die Umwelt schützen. Dieser
Vorteil kann in Handelsprofite umgesetzt werden und
zusätzliche Investitionen anziehen.

Seite 1

�Die Handelspolitik ist einer der wenigen Hebel, die die
Vereinigten Staaten ansetzen können, um andere
Nationen zum Schutz der Umwelt zu veranlassen. Es
wird großer Druck zur Verhängung von Handelssanktionen ausgeübt, um die Ziele des Umweltschutzes
durchzusetzen.
Angesichts dieses Trends können Umweltfragen nicht
länger von Handelsthemen getrennt werden.
Nach gro ßem Druck seitens des Kongresses steht das
Thema Umwelt jetzt definitiv auf der Tagesordnung
der Gespräche über eine Freihandelszone zwischen
den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Und ich
bin ziemlich zuversichtlich, daß der Kongreß kein
Nordamerikanisches Freihandelsabkommen verabschieden wird, das weder in dem Handelsabkommen
noch in einer parallelen Vereinbarung strenge und
durchsetzbare Umweltschutzbestimmungen enthält.
Die Logik, die uns zur Einbeziehung der Umweltthemen in diese Verhandlungen veranlaßt hat, gilt jedoch
auch weltweit.
Es ist an der Zeit, das Handelspaket der Welt - das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) - zu
erweitern, um Umweltbelange anzusprechen. Im
Optimalfall könnte ein internationales Abkommen
ausgehandelt werden, um angemessene Umweltnormen weltweit festzusetzen. Ein solches Abkommen
liegt wahrscheinlich noch in weiter Ferne. In der
Zwischenzeit sollte meines Erachtens ein GATTUmweltkodex entsprechend dem aktuellen Subventionskodex ausgehandelt werden.
Zahlreiche Details eines solchen Kodex müssen den
Verhandlungen vorbehalten bleiben, sollten jedoch
folgenden Hauptelemente umfassen;
Jeder Nation sollte gestattet werden, ihre eigenen Umweltschutznormen festzulegen.
Jeder Nation sollte erlaubt werden, den Import
von Waren zu verbieten oder anderweitig einzuschränken, die unter Verletzung international
anerkannter Normen hergestellt wurden, wie
beispielsweise mit Treibnetzen gefangener
Thunfisch, und Handelssanktionen zu verhängen, um internationale Umweltschutzabkommen durchzusetzen.
Wenn importierte Produkte oder das zur Herstellung dieser Produkte verwendete Verfahren
nicht den Umweltnormen des Importlandes
entsprechen, kann das importierte Produkt mit
Zöllen belegt werden, vorausgesetzt zwei Kriterien sind erfüllt:
Erstens müssen die verwendeten Umweltschutznormen eine solide wissenschaftliche Grundlage haben.

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Zweitens müssen dieselben Normen für die
gesamte Inlandsproduktion gelten.
Die Höhe der Ausgleichszölle sollte ausreichen,
um jeglichen wirtschaftlichen Vorteil auszugleichen, der sich ergibt, wenn ein Produkt unter
weniger strengen Umweltschutzauflagen hergestellt wird.
Ein GATT-Schlichtungsgremium vergleichbar
dem nach dem Subventionskodex gebildeten
Gremium sollte Streitfälle in bezug auf die Durchführung des Umweltkodex regeln.
Ein solcher Kodex hätte drei bedeutende Vorteile.
Erstens würde der Kodex ein offenkundiges Defizit des
GATT korrigieren, wie es erst unlängst in der Entscheidung eines Schlichtungsausschusses im mexikanischen Thunfischfall zum Ausdruck kam. In diesem Fall
entschied der Schlichtungsausschu ß, daß die von den
Vereinigten Staaten auf Thunfischimporte aus Mexiko
verhängten Beschränkungen aufgrund der Tatsache,
daß mexikanische Fischer weiterhin Delphine abschlachten, das GATT verletzten. Der Beschluß des Ausschusses mag die bestehenden Regeln des GATT
exakt widerspiegeln. Dies ist jedoch ein Argument für
die Änderung des GATT und nicht für die Beendigung
der Bemühungen zum Schutz der Delphine.
Wir können nicht zulassen, daß das GATT zu einem
Schutzschild für die Staaten wird, die international
anerkannte Normen für den Umweltschutz unterlaufen. Das GATT muß den Umweltschutz ebenso als
legitimes Ziel der Handelspolitik anerkennen wie nationale Sicherheit und Naturschutz.
Zweitens wäre er hilfreich, um eine gleiche Ausgangsbasis für amerikanische Unternehmen zu schaffen, die
gezwungen sind, schärfere Umweltauflagen zu erfüllen als ihre ausländischen Konkurrenten. Der Umweltschutz würde nicht mehr unbedingt negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer
Unternehmen haben.
Schließlich würde der Kodex die Nationen dazu ermutigen, eine gesunde Umweltschutzpolitik einzuführen.
Ein Großteil der aus lockeren Umweltschutzbestimmungen resultierenden wirtschaftlichen Vorteile würde verschwinden. Darüber hinaus würde der Anreiz,
Zölle zu vermeiden, die Staaten dazu veranlassen,
bessere Umweltschutzvorschriften einzuführen.
Der neue von mir beschriebene GATT-Kodex würde
eine sinnvolle Norm schaffen, mit deren Hilfe Staaten
legitime umweltpolitische Ziele verfolgen könnten, ohne
mit ihren Verpflichtungen im Rahmen des GATT in
Konflikt zu geraten. Natürlich muß ein solcher Kodex
sorgfältig ausgearbeitet werden, damit sich legitime
Umweltschutzmaßnahmen von verstecktem Protektionismus unterscheiden lassen.

AMERIKA DIENST 44

�Zweifelsohne steckt das Konzept eines Umweltkodex der nächsten Runde von GATT-Verhandlungen wernoch in einem sehrfrühen Entwicklungsstadium. Es ist den - einer Runde, die hoffentlich wegen ihrer Konzennoch nicht ausreichend verfeinert worden, um in die tration auf die Umwelt als Grüne Runde bekannt
Uruguay-Runde von GATT-Verhandlungen Eingang werden wird,
zu finden. Er sollte statt dessen ein zentrales Thema
* * * * *

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�KONGRESS
6. November 1991

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am Verteidigungshaushalt ab
Die Mitglieder des Vermittlungsausschusses von
Repräsentantenhaus und Senat haben im großen und
ganzen die Arbeit am Verteidigungshaushalt in Höhe
von 291 Milliarden Dollar abgeschlossen, der die
Ausgaben für strategische Verteidigung erhöht, Finanzhilfe für die Sowjetunion bewilligt und das Programm zum Bau des umstrittenen Tarnkappenbombers B-2 kürzt.
Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses des
Senats, Sam Nunn, erklärte am 1. November 1991, die
Leitlinien des Berichts lieferten einen "Fahrplan" für die
Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) und definierten, was "im Hinblick auf ein wirksames, begrenztes Verteidigungssystem getan werden sollte, um Schutz
gegen versehentliche (Raketen)-Abschüsse und gegen Bedrohungen aus der dritten Welt zu gewähren,
wie sie in Zukunft auftreten könnten".
Der Bericht, der jetzt vom Repräsentantenhaus und
Senat verabschiedet werden muß, sieht die höchsten
jemals bewilligten Ausgaben für strategische Verteidigungssysteme vor (4,15 Milliarden Dollar) und genehmigt darüber hinaus die Entwicklung eines ersten
amerikanischen ABM-Systems (ABM = Raketenabwehr), das im Jahr 1996 stationiert werden soll (die
Sowjets besitzen ein solches System bereits). Während der erste Standort (mit 100 bodengestützten
Abwehrraketen) dem ABM-Vertrag von 1972 zufolge
gestattet ist, wäre dies bei zusätzlichen Standorten,
wie sie im Rahmen des GPALS-Programms (GPALS
= Globaler Schutz gegen begrenzte Schläge) erforderlich sind, nicht der Fall. Deshalb unterstützten die
Mitglieder des Vermittlungsausschusses unverzügliche Gespräche mit der Sowjetunion, um den Vertrag
dahingehend abzuändern, daß zusätzliche ABM-Standorte zulässig sind.
Senator John Warner, der zusammen mit Nunn am 1.
November an einer Pressekonferenz zum Thema
Verteidigungshaushalt teilnahm, stellte fest, die Gespräche mit den Sowjets würden sich auf die Erweiterung amerikanischer Rechte zur Stationierung zusätzlicher ABM-Verteidigungssysteme konzentrieren, um
"eine hochwirksame Verteidigung gegen begrenzte
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Schläge mit ballistischen Raketen zu gewährleisten".
Die Mittel für SDI würden "die künftige Sicherheit
unseres Landes, die Unversehrtheit unserer Streitkräfte in Übersee sowie unserer Freunde und Verbündeten" sicherstellen, fügte er hinzu.
In Zusammenarbeit mit dem Vorsitzendes des Streitkräfteausschusses des Repräsentantenhauses, Les
Aspin, schlug Nunn eine überraschende, in letzter
Minute vorgestellte amerikanisch-sowjetische Kooperationsinitiative in Höhe von 1 Milliarde Dollar vor. Ein
Teil dieses Vorschlags würde die Benutzung amerikanischer Militärmaschinen zum Transport von Nahrungsmitteln und Medikamenten in die Sowjetunion bei
Notlagen gestatten, wie sie im strengen Winter erwartet werden.
Darüber hinaus werden Mittel für Austausch- und
Umschulungsprogramme bewilligt, um den Sowjets
beim "Abbau ihrer Streitkräfte" zu helfen. Diese
Maßnahme muß in Zusammenhang mit einer möglichen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
gesehen werden, erklärte er, da Länder der dritten
Welt versuchen könnten, arbeitslose sowjetische Ingenieure und Wissenschaftler anzuwerben.
Senator Trent Lott kritisierte diese Hilfsregelung für die
Sowjetunion, indem er bei einer getrennt veranstalteten Pressekonferenz erklärte, es würde angesichts der
hilfsbedürftigen Menschen in den Vereinigten Staaten
ein falsches Signal gegeben. Senator Robert Smith
fügte hinzu, ein solcher Plan sei in Anbetracht der
Rezession in den Vereinigten Staaten "empörend".
Warner zufolge wurden die Bestrebungen zur Abschaffung des Tarnkappenbombers B-2 "erfolgreich
abgewendet". Nunn beschrieb das Programm als
"lebendig, aber nicht ganz gesund". Bisher wurden 15
B-2 genehmigt, die Bush-Administration möchte jedoch insgesamt 75 dieser Flugzeuge beschaffen.
Obwohl der Bericht des Vermittlungsausschusses die
vier von der Administration in der Haushalts vorläge für
1992 beantragten B-2 nicht bewilligt, stellt er 1,8
Milliarden Dollar zur Erhaltung der Produktionsanla-

Seite 1

�gen für das Flugzeug bereit. Darüber hinaus wird 1
Milliarde Dollar zum Kauf eines sechzehnten B-2 zur
Verfügung gestellt, wenn das Flugzeug erwiesenermaßen alle technischen Voraussetzungen erfüllt. Warner
erklärte, ihm sei von Verteidigungsminister Cheney
am 1. November 1991 versichert worden, Präsident
Bush würde gegen den Kompromißvorschlag zum
Verteidigungshaushalt 1992 wegen der im Zusammenhang mit dem B-2 ergriffenen Maßnahmen nicht
sein Veto einlegen.
Die Mitglieder von Senat und Repräsentantenhaus
einigten sich ferner auf den Kauf weiterer 48 F-16Kampfflugzeuge zu einem Gesamtpreis von 1.073
Milliarden Dollar. Der erfolgreiche Einsatz des F-117
Stealth-Kampfflugzeugs am Persischen Golf ermutigte die Gesetzgeber, den Kauf zusätzlicher vier Flugzeuge zu einem Gesamtpreis von 560 Millionen Dollar
zu bewilligen. Darüber hinaus stimmten sie der Finanzierung von 4 weiteren C-17-Transportflugzeugen für
1,6 Milliarden Dollar zu.

*

Seite 2

Der Bericht des Vermittlungsausschusses sieht im
kommenden Haushaltsjahr 548 Millionen Dollar für die
Midgetman-Interkontinentalrakete (ICBM) vor. Im
Einklang mit der Initiative des Präsidenten zur Reduzierung der Nuklearwaffen wurden für die schienengestützte MX-Peacekeeper-Rakete keine weiteren Mittel
bereitgestellt.
Die Bewilligung sieht 552,6 Millionen Dollar für Minenräummaßnahmen der Marine vor, einschließlich 361,1
Million für die drei Minensuchschiffe der Küstenwache
sowie 129 Millionen Dollar für Minensuchhubschrauber.
Zwischen 1991 und 1995 werden die US-Streikräfteniveaus um 25 Prozent reduziert.
Frauen sind nicht länger automatisch vom Einsatz in
Kampfflugzeugen ausgeschlossen. Statt dessen erteilt der Kongreß dem Präsidenten die Befugnis, eine
15köpfige Kommission zur Prüfung der Verwendung
von Frauen im Militär zu benennen und fordert ihn auf,
dem Kongreß bis zum 15. November 1992 seine
Empfehlungen vorzulegen.

* * *

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Nahost-Friedenskonferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Frieden im Nahen Osten "muss kein Traum bleiben" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hills optimistisch im Hinblick auf Abschluss der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der OAS&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baucus schlägt GATT-Umweltgespräche vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß für Handel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aus der Arbeit des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am Verteidigungshaushalt ab&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>&lt;^os^

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

*&lt;Ä &gt;£»

30. Oktober 1991

AUSSEN- UND INNENPOLITIK

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTUTZUNG FÜR
FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten

DEUTSCH-AMERIKANISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN - DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin

DROGEN

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien

VOICE OF AMERICA

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�A U S S E N - UND

INNENPOLITIK
30. Oktober 1991

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTÜTZUNG
FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten
WASHINGTON -(AD) - Präsident Bush versprach am 25. Oktober 1991, die Vereinigten Staaten "können und
werden ein engagierter und aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein".
Dennoch können die Vereinigten Staaten "nicht Frieden im Nahen Osten schließen - das können nur die Parteien
selbst," erklärte der Präsident anläßlich einer Pressekonferenz in Washington, bei der er auch auf die
bevorstehende Nahost-Friedenskonferenz in Madrid einging.
Bush wird zur Eröffnung der Konferenz eine Rede halten und am 29. Oktober mit dem sowjetischen Präsidenten
Gorbatschow zusammentreffen. "Ich bin bereit, (beim Treffen mit Gorbatschow) Kernwaffen zu erörtern, ich bin
bereit, über ihre und unsere Wirtschaft ebenso zu sprechen wie über alles, was ihn interessiert", erklärte Bush.
Der Präsident nahm darüber hinaus zur nationalen Wirtschaftslage und anderen innenpolitischen Themen
Stellung und erklärte, mit den Mehrheitsführern der Republikaner und Demokraten im Senat sei Übereinstimmung über ein Bürgerrechtsgesetz erzielt worden, "auf das alle Amerikaner stolz sein können".
Bush kündigte an, sich Bestrebungen zur Revision der im vergangnen Jahr zwischen dem Kongreß und der
Regierung ausgearbeiteten Haushaltsvereinbarung widersetzen zu wollen, denn die Vereinbarung sei "die
einzige Obergrenze, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Präsident Bush in wesentlichen Auszügen.

Bush: Ich möchte eine kurze Erklärung abgeben und
werde dann gern auf Ihre Fragen eingehen.
Nach außerordentlich eingehenden Debatten und
Verhandlungen haben wir mit den Führungen der Republikaner und Demokraten im Senat ein Bürgerrechtsgesetz vereinbart, auf das alle Amerikaner stolz
sein können. Es nimmt keine Zuflucht zu Quotenregelungen und fördert die Sache der Gleichberechtigung
am Arbeitsplatz. Sowohl der Kongreß als auch die Regierung können dem amerikanischen Volk dieses Gesetz
als neue Maßnahme gegen Diskriminierung und für
Chancengleichkeit präsentieren.
Diese Vereinbarung wurde vergangene Nacht in Maralhonverhandlungen erzielt, bei denen Senator John
Danforth aus Missouri die Führung übernahm, unterstützt von Senator Dole und anderen Abgeordneten
beider Parteien. Das war eine stolze Leistung für den
Kongreß und die Regierung. Jetzt können wir gemeinsam voranschreiten und in diesem Land Fortschritte
bei den Bürgerrechten erzielen.

AMERIKA DIENST 43

Ich erinnere mich, vor über anderthalb Jahren mit
Justizminister Thornburgh im Rosengarten gestanden
und mich den Bürgerechtlern des Landes gegenüber
unverrückbar verpflichtet zu haben, ein Bürgerrechtsgesetz ohne Quotenregelung anzustreben, das ich
unterzeichnen könne. Unter der Voraussetzung, daß
es keine Veränderungen mehr in dem Gesetz gibt, wie
es letzte Nacht verabschiedet wurde, verfügen wir jetzt
über ein solches Gesetz. Mein Versprechen wird
gehalten, und ich werde dieses Gesetz mit Begeisterung unterzeichnen.
Ein anderes Thema ist die Nahost-Friedenskonferenz.
Ich möchte auf die historische Bedeutung dieser Zusammenkunft hinweisen. Seit Jahrzehnten ist der
Nahe Osten Sinnbild für gefährliche und tragische
Konflikte. Zwischen den Menschen dieser Region gibt
es immer noch erhebliche Differenzen. Aber ich
möchte auf das staatsmännische Geschick aller Teilnehmer an der Friedenskonferenz verweisen.

Seite 1

�Wenn man sich zusammensetzt, fängt man an, sich zu
verstehen. Natürlich kennen wir nicht das Ergebnis,
Es wird Geduld und Entschlossenheit erfordern. Die
Vereinigten Staaten können nicht Frieden im Nahen
Osten schließen - das können nur die Parteien selbst.
Aber wir können und werden ein engagierter und
aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein.
Außenminister Baker hat Geduld und Beharrlichkeit
bewiesen, und er hat unermüdlich und diszipliniert mit
der Sowjetunion und allen Parteien in der Region
zusammengearbeitet, um diese Konferenz und die
Hoffnung auf Frieden wahr werden zu lassen. Dafür
schulden wir ihm großen Dank.
Ich begebe mich auch nach Madrid, um Präsident
Gorbatschow zu treffen, und ich weiß, daß Präsident
Gorbatschow ebenso wie ich die Hoffnungen der ganzen
Welt auf diese neuen Chancen für Frieden richten
möchte.
Frage: Zur Innenpolitik. Die amerikanische Wirtschaft
bereitet immer mehr Menschen Anlaß zur Sorge.
Millionen sind arbeitslos, und täglich werden neue
Statistiken über eine potentielle Rezession vorgelegt.
Sind die Anzeichen nicht deutlich, daß etwas getan
werden muß? Was würden Sie den Amerikanern
sagen, worin Ihre Hilfe besteht?
Antwort: Ich möchte die Mutmaßungen über eine
weitere Rezession nicht vertiefen. Danach ist mir
nicht. Die Wirtschaft war schwerfällig. Sie war nicht
halb so gut, wie ich oder das amerikanische Volk sie
gern gesehen hätte. Was ich tun möchte? Ich hätte es
gern gesehen, daß der Kongreß die von mir bereits
1989 und auch später für das Wachstum vorgeschlagenen Maßnahmen ergreift. Wir benötigen eine Stimulation des Wirtschaftswachstums.
Meiner Ansicht nach ist nunmehr jeder mit der Tatsache vertraut, daß eine Senkung der Kapitalertragsteuer das Wachstum ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen
und Chancen bereiten würde. Wir werden hingegen
angegriffen, hierbei handele es sich um eine Steuererleichterung für die Reichen. Ich möchte dem Kongreß
vorschlagen, es zu versuchen: ich werde auf der politischen Seite die Schuld auf mich nehmen, wenn ich
nur die Hälfte der Anerkennung bekomme, wenn es
der Wirtschaft zum Vorteil gereicht.
Darüber hinaus haben wir ein Programm, das verbesserte Forschung und Entwicklung umfaßt, wir haben
ein Gesetz über die Reform des Bankwesens, das im
Kreditwesen sicher stimulierend wirken würde - es sitzt
im Kapitol fest. Wir haben ein Programm über steuerbegünstige Sparanlagen für die private Altersvorsorge
vorgelegt. Wir haben ein Verkehrsgesetz, das Arbeitsplätze schafft. Wir setzen uns für Industrieförderungsgebiete ein.

Seite 2

Hier ist also ein gutes 6-Punkte-Programm für das
Wachstum, und der Kongreß weigert sich, auch nur
das geringste dafür zu tun. Und ich glaube nicht, daß
es einen Menschen im ganzen Land gibt, der daran
zweifelt, daß wir für diese Dinge eintreten.
Wir werden sehen, wohin uns unser Weg führt. Aber
ich mache mir Sorgen, wenn Menschen in Not sind,
macht man sich natürlich Sorgen. Ich wünsche mir ein
aus laufenden Erträgen bezahltes Paket der Arbeitslosenunterstützung, das nicht zum Defizit beiträgt und
nicht nachfolgende Generationen mit einem höheren
Defizit der Bundesregierung belastet. Es soll innerhalb
der Haushaltsvorlage funktionieren. Das habe ich
vorgeschlagen. Ich hoffe, der Kongreß wird einmütig
sein und mir ein solches Paket vorlegen.
Frage: Einige Republikaner im Kongreß haben ihre
Bereitschaft bekundet, den Steuerermäßigungen für
die Mittelschicht zuzustimmen, wie sie die Demokraten vorgeschlagen haben. Wären Sie bereit, hier zuzustimmen?
Antwort: Ich wäre sehr enthusiastisch über eine
Steuerermäßigung für alle Amerikaner, aber das kann
nicht innerhalb der Haushaltsvorlage geleistet werden.
Aber es muß erreicht werden, und wenn es etwas
Neues dazu geben soll, dann dies. Man sollte sich
überlegen, wie es in die Haushaltsvorlage zu integrieren ist.
Ich möchte vor allem folgendes betonen: Reduzierung
der Kapitalertragsteuer, Forschung und Entwicklung,
Reform des Bankwesens, Vergünstigungen für Spareinlagen zum Zweck der Altersversorgung, Verkehrsgesetz, Industrieförderungszonen - all die Dinge, auf
die ich bereits verwiesen habe. Aber ich bin nicht völlig
gegen alles, was ich hier höre. Aber sie sollten unser
Wachstumspaket in Betracht ziehen. Damit würde ich
beginnen. Wenn sich noch weitere Vorteile ergeben auch gut. Aber wir sollten nicht die Haushaltsvorlage
angreifen und dann sagen, das Defizit der Bundesregierung spielt keine Rolle. Es spielt eine Rolle. Das tun
Defizite immer.
Frage: Ministerpräsident Schamir wird die israelische
Delegation nach Madrid leiten. Erst gestern erklärte
er, keine territorialen Konzessionen an die arabischen
Staaten machen und die israelische Siedlungspolitik
nicht einfrieren zu wollen. Kann es in Madrid und
darüber hinaus Fortschritte geben, wenn er diesen
Standpunkt vertritt?
Antwort: Ich wußte, daß jemand solche Fragen
stellen würde - detaillierte Fragen nach der Position der
Konferenzteilnehmer. Das ist höchst verständlich. Ich
werde darauf nicht antworten. Was ich nicht möchte,
ist diesen Prozeß unabsichtlich zu komplizieren. Die
Parteien sollten sich wie geplant zusammensetzen

AMERIKA DIENST 43

�und darüber diskutieren - eine Priorität nach der anderen. Es ist nicht an den Vereinigten Staaten, dies zu
tun.
Zu 242 und 338 ist unsere Haltung bekannt. Ebenso
bekannt sind unsere Positionen zu einer Reihe von
anderen Themen, die möglicherweise dort erörtert
werden. Aber wir versuchen, als Katalysator zu fungieren, Menschen zusammenzubringen und sie Meinungsverschiedenheiten diskutieren zu lassen. Es tut mir
also leid, daß ich diese Frage nicht definitiv beantworten werde und auch keine anderen über besonders
strittige Themen zwischen den Parteien. Wir versuchen nicht, eine Einigung zu erzwingen. Wir versuchen, Menschen zusammenzuführen, damit sie Einigung erzielen können.
Frage: Werden Sie denn die Standpunkte der Vereinigten Staaten erläutern, wenn Sie die Konferenz
eröffnen?
Antwort: Ich glaube nicht, daß wir dies an dem Punkt
tun müssen. Die Positionen der Vereinigten Staaten
sind eindeutig. Aber das ist nicht der Punkt. Wir halten
keine Konferenz über US-Politik ab sondern führen
eine Konferenz durch, bei der wir Menschen zusammenbringen, um Jahre alte Konflikte beizulegen.
Frage: Werden Sie Schamir treffen?
Antwort: Das werde ich ganz sicher. Ich werde auch
mit anderen Delegationsleitern zusammentreffen und
Präsident Gorbatschow sehen. Ich hoffe ferner den
spanischen Ministerpräsidenten und den König zu
treffen. Ich weiß nicht, wieviele bilaterale Treffen ich
genau haben werde. Das steht noch nicht fest. Aber
ich sehe dem mit Interesse entgegen.
Frage: Das Bürgerrechtsgesetz begrenzt Schadenersatzansprüche in Fällen der Diskriminierung aufgrund
des Geschlechts, nicht aber bei Rassendiskriminierung. Zum ersten Mal werden damit finanzielle Schäden für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
beziffert. Wie aber rechtfertigen Sie dies gegenüber
Frauen, die es als Zeichen verstehen könnten, Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts würden einfach nicht so ernst genommen wie Rassendiskriminierung?
Antwort: Ich würde versuchen, diese Befürchtungen
zu zerstreuen und erklären, die Hauptsache sei ein
Bürgerrechtsgestz, das gegen sexuelle Belästigung
und Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgeht. Genauso würde ich darauf antworten. Dies ist das erste ...
Frage: Warum sollte es ein Unterschied sein?
Antwort: Das ist das erste Mal in der Geschichte. Ich
muß Sie daher an die Juristen verweisen.
Frage: Zurück zu den Thomas-Anhörungen. Angesichts der Macht seiner ungeschminkten Aussagen bei
den 11 stündigen Anhörungen, von denen viele Leute
AMERIKA DIENST 43

glauben, sie hätten seine Nominierung gerettet, frage
ich mich, ob Sie Kandidaten in die Hände von Trainern
aus dem Weißen Haus geben wollen, die offensichtlich
alle Ecken und Kanten von ihren Positionen abschleifen und sie abhalten wollen, etwas Kontroverses zu
sagen.
Antwort: Diese Frage habe ich bereits gehört. Erst
am Samstag. Ich denke, Sie leisten den Kandidaten
einen Bärendienst, wenn sie von Trainern des Weißen
Hauses sprechen, die jeden auf Kurs brigen. Eine
Person, die sich dem Prozeß der Bestätigung unterziehen muß, begrüßt Beratung. Aber wenn man andeuten will, der Kandidat tut das, was die Berater wollen,
ist das meiner Ansicht nach falsch.
Ich denke, mit der Fragestellung erweist man Richter
Thomas einen schlechten Dienst, der seinen Kurs
verfolgt hat. Natürlich haben ihm einige Leute geholfen, es gab bestimmte Fragen, bei denen sie vorausgesagt haben, sie würden wahrscheinlich gestellt.
Aber ich denke, man wird ihm nicht gerecht, wenn man
glaubt, die Trainer geben die Antworten vor. Es gibt bei
diesen Anhörungen zur Bestätigung ein Muster, wem
welche Frage gestellt wird oder nicht. Meiner Ansicht
nach wurde er zum einen oder anderen Thema mehr
befragt als sein Vorgänger.
Frage: Herr Präsident, Thomas hat selbst vor Abgabe
seiner Erklärung am Freitag gesagt, er sei nicht das
Produkt - seine eigenen Worte - irgendwelcherTrainer.
Er hat doch erkannt, daß Berater bei seinen Anhörungen eine Rolle gespielt haben?
Antwort: Ich sage nicht, daß es niemanden gab, der
ihm geholfen hat. Irgendwie gefällt mir das Wort
Trainer nicht - wie bei Preisboxem: geh hin und schlag
ihn nieder. Darum geht es doch wohl nicht. Vielleicht
verstehe ich Ihre Frage falsch.
Frage: Sprechen wir hier nicht über Leute, die normalerweise Lobbyisten für private Interessen sind, die
verständlicherweise gute Beziehungen zum Kongreß
unterhalten müssen und deren Beteiligung bei einer
solchen Situation einem Interessenkonflikt gleichkommt,
weil sie niemanden verärgern wollen, auch nicht den
Kandidaten?
Antwort: Wenn Sie damit andeuten wollen, daß ein
Kandidat - in diesem Fall Richter Thomas - Prinzipien
aufgeben würde, weil einer seiner Helfer den Kongreß
nicht verärgern will, muß ich das zurückweisen. Ich
denke nicht, daß diese Anschuldigung seinem intellektuellen Niveau entspricht.
Frage: Colin Powell scheint zu glauben, das Pentagon
könne mit der Hälfte der 75 B-2 Tarnkappenbomber
leben, die Sie vorgeschlagen haben. Wenn das der
Fall ist, wie werden Sie verhindern, daß Gegner des
Programms die niedrigere Zahl noch weiter verringern?

Seite 3

�Antwort: Wir haben ein Programm. Wir werden
weiterhin eine große Bandbreite von Verteidigungsangelegenheiten erörtern. Ich möchte mich nicht zu einer
angeblichen Position einer wichtigen Person äußern
und sie damit vergleichen, wie jemand anders in der
Regierung darüber denkt.
Frage: Es klingt, als wäre ihre Position zu der Zahl 75
nicht rigide.
Antwort: Das würde ich nicht sagen. Uns liegt ein
Vorschlag vor, und wir werden sehen, wo wir damit
landen.

stellen? Viele Leute würden das gern sehen. Es gibt
eine Menge Probleme in diesem Land, von denen
einige mehr Geld erfordern würden. Es gibt aber auch
die Pflicht, übermäßigen Ausgaben entgegenzutreten.
Und hier kommt die Haushaltsvereinbarung ins Spiel.
Frage: In Washington hat man sich diese Woche mit
Vorschlägen für Steuersenkungen gewissermaßen
überboten, was durch einige Ihrer Treffen mit den
Republikanern ausgelöst wurde. Ist dieser Wettkampf
nun beendet? Konnten Sie ihn beenden? Und meine
zweite Frage lautet: Wenn die Haushaltsvereinbarung
nicht durch irgendwelche Steuersenkungen zu Fall
gebracht werden kann, wird sie dann nicht ausgehöhlt?

Frage: Als Sie die Haushaltsvorlage mit dem Kongreß
unterzeichnet haben, befand sich die Wirtschaft nicht
in einer Rezession, die Sowjetunion hatte keinen
Zusammenbruch erlebt, und deshalb hatten Sie keine
Kürzung der nuklearen Arsenale des Landes vorgeschlagen. Es gab noch keine Schätzungen, daß die
Vereinigten Staaten mit viel kleineren Streitkräften
leben könnten. Warum wird angesichts all dessen die
Haushaltsvorlage nicht überarbeitet, auch angesichts
der Tatsache, daß das Haushaltsdefizit sowieso höher
ist als es die Vorlage fordert.

Antwort: Ich glaube nicht, daß wir diese Konkurrenz
beenden können. Es ist meines Erachtens verständlich, wenn Menschen sich Sorgen machen - schlechte
Wirtschaftszahlen treten von Zeit zu Zeit auf, obwohl
sie dieses Mal eher gemischt sind, mit einigen ziemlich
guten darunter. Ich bin besorgt. Aber ich sage diesen
Leuten nicht, daß sie keine Vorschläge machen sollen.
Ich werde mich jedoch nicht an einem Wettstreit dieser
Art beteiligen.

Antwort: Ich werde sie nicht überarbeiten, weil sie die
einzige Obergrenze ist, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht. Sie ist die
einzige Garantie für den Steuerzahler, daß seine Interessen in gewissem Maße berücksichtigt werden.

Es gibt einige gute Vorschläge. Einige werden aus rein
politischen Erwägungen kritisiert, meines Erachtens
auf ziemlich unfaire Weise; Dinge, die die Wirtschaft
schon vor langer Zeit angekurbelt hätten. Und ich mu ß
die sechs Punkte nicht noch einmal wiederholen...

Wenn Sie so überarbeitet wird, daß diese Beschränkungen aufgehoben sind, werden den Ausgaben Tür
und Tor geöffnet. Das haben wir bereits bei einigen
Gesetzen beobachtet - die Arbeitslosenhilfe ist ein
gutes Beispiel aus jüngster Zeit. Machen Sie sich
keine Sorgen über Haushaltsdefizite, über die Menschen, die Steuern zahlen, geben Sie einfach mehr
aus. Es tut mir leid, aber ich möchte die Haushaltsvorlage nicht freigeben, weil ich die Ausgabenbeschränkungen für hilfreich halte.

Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, daß diese
Schritte Arbeitsplätze schaffen und die Gründung neuer
Unternehmen fördern würden. Der Kongreß möchte
einen anderen Ansatz wählen. Man hat sich dort aber
noch nicht verständigt, und ich werde das weitere
Vorgehen beobachten. Ich werde dabei berücksichtigen, ob sie das Haushaltsabkommen zu Fall bringen
oder nicht und dann eine Entscheidung treffen, an
deren Ende möglicherweise eine neue Kombination
dessen stehen kann, was ich für das Beste halte.
Vielleicht sollte ich das tun.

Es gibt ein paar Dinge, die sie durchbrochen haben.
Ich denke dabei an die Probleme der Banken, von
denen manche außergewöhnlich waren. Aber wenn
wir diese Vorlage umgestalten, werden Sie sich einer
Flut von Ausgabenprogrammen gegenübersehen. Und
das schränkt uns bei der Erstellung unseres Haushalts
ebenso ein wie den Kongreß bei seinen Ausgaben.
Deshalb werde ich sie nicht überarbeiten.
Frage: Stellt es kein Problem dar, so eingeschränkt zu
sein, wenn man mit neuen Problemen wie etwa der
anhaltenden Arbeitslosigkeit fertigwerden muß?
Antwort: Ja, das ist ein Problem. Aber es hilft uns, ein
altes Problem zu behandeln, das uns schon seit Jahren am Herzen liegt - die Beschränkung des Defizits im
Bundeshaushalt. Aber das trifft sicher zu. Welcher
Präsident würde nicht gerne die Taschen voller Geld
haben, um für jede gute Sache Mittel zur Verfügung zu

Seite 4

Frage: Solange der Preis für eine Verringerung der
Kapitalertragssteuer aus der Perspektive der Demokraten in einer Erhöhung der Steuersätze oder in einer
Begrenzung der Sätze besteht, wird sie aus Ihrer
Perspektive wohl nicht zustande kommen?
Antwort: Ich habe eine Senkung der Kapitalertragssteuer ohne Erhöhung der Einkommensteuern vorgeschlagen, und ich mag diese Idee. Ich möchte mich
nicht erneut in eine Diskussion über Steuererhöhungen verwickeln lassen, und meines Erachtens möchte
auch das amerikanische Volk keine Steuererhöhungen, unabhängig davon, ob es sich um niedrige, mittlere oder höhere Einkommen handelt.
Es besteht in diesem Land deutliches Unbehagen im
Hinblick auf höhere Steuern. Viele Menschen denken,
wir sollten uns besser um die Kontrolle der Ausgaben
AMERIKA DIENST 43

�kümmern. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht
möchte, daß der Kongreß die Haushaltsvereinbarung
zerstört. Wir werden also dabei bleiben. Alles, was ich
vorschlage, hat echtes Wachstum zum Ziel.
Frage: Es wurden Berichte veröffentlicht, wonach Sie
persönlich die Kampagne genehmigt haben, mit der
republikanische Senatoren Anita Hill diskreditieren
wollten. Marlin sagte, das treffe nicht zu. Ob dies
zutrifft oder nicht...
Antwort: Es trifft nicht zu. Ich möchte Sie bereits hier
unterbrechen - es trifft nicht zu. Fahren Sie fort.
Frage: Haben Sie die republikanische Taktik gutgeheißen? Undfalls nicht, warum haben Sie sie als Mann
an der Spitze der Republikanischen Partei und Präsident der Vereinigten Staaten nicht aufgehalten?
Antwort: Von welcher Taktik sprechen Sie bitte?
Frage: Nun, es gab zahlreiche Kritiker der republikanischen Senatoren, die eine Kampagne anführten, um
Anita Hills Aussage zu diskreditieren.
Antwort: Ich gehöre nicht dazu. Ihre Aussage hat
beim amerikanischen Volk, das mit überwältigender
Mehrheit Clarence Thomas unterstützte - übrigens
ganz am Ende ebenso wie vorher -, gewisse Fragen
aufgeworfen. Meines Erachtens ist es angemessen,
diese Aussage zu untersuchen.
Frage: Hatten Sie irgendwelche Probleme mit der Art

von Fragen, die gestellt wurden oder versteckten
Andeutungen, daß es noch andere Dinge gab, die sie
nicht...
Antwort: Ich hatte Probleme mit der ganzen Sache.
Ich habe gestern eine Rede über meine Probleme
gehalten, die meines Erachtens mit den Problemen
identisch sind, die das amerikanische Volk in bezug auf
den ganzen Prozeß hatte, denn diese plastischen nicht
jugendfreien Anschuldigungen hätten unabhängig davon,
ob sie nun zutrafen oder nicht, hinter verschlossenen
Türen vorgebracht werden müssen. Ich bin der Meinung, das amerikanische Volk hat ein Recht auf Information, aber auch das Recht zu delegieren. Und
meines Erachtens hatte Joe Biden zu Beginn der
ganzen Anhörung recht als er vorschlug, Zeugen könnten
unter Ausschluß der Öffentlichkeit befragt werden. So
hätte ich mir eine Lösung dieser Frage vorgestellt.
Und in diesem Fall ginge es weder dem amerikanischen Volk noch Clarence Thomas oder Anita Hill
schlechter. Allen Beteiligten würde es vielmehr besser
gehen.
Frage: Dürfte ich fragen, ob sie Ihrer Meinung nach
fair behandelt wurde?
Antwort: Ich möchte Senator Biden nicht beschuldigen, kein faires Hearing veranstaltet zu haben. Ich
habe bereits ganz am Anfang erklärt, daß er meines
AMERIKA DIENST 43

Erachtens gute Arbeit geleistet hat. Also versuchen
Sie bitte nicht, mich in eine Diskussion darüber zu
verwickeln, was fair war und was nicht. Einige Leute
waren von den Ergebnissen enttäuscht. Sie könnten
denken, es sei nicht fair zugegangen. Ich war über die
Ergebnisse erfreut, weil ich der Meinung bin, daß sich
das Vertrauen des amerikanischen Volkes in diesen
Richter als korrekt erwiesen hat.
Frage: Obgleich Sie glauben, daß Anita Hill im Gegensatz zu Ihrem Kandidaten nicht die Wahrheit sagte,
machen Sie, Herr Bush, sich keine Sorgen darüber,
daß drei Frauen, die über die sogenannte "gläserne
Wand" aussagen sollten...
Antwort: Nein, ich mache mir darüber keine Sorgen.
Frage: Obwohl sie geäußert haben, die Behandlung
von Anita Hill habe sie davon überzeugt, nicht an die
Öffentlichkeit zu gehen und ihre Arbeitgeber öffentlich
zu kritisieren?
Antwort: Schauen Sie, es gibt eine Menge Leute auf
allen Seiten, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck
bringen. Ich meine, das Land ist froh, die Angelegenheit abgeschlossen zu haben. Meines Erachtens hat
sie sich angesichts des Endresultats in befriedigender
Weise gelöst - Clarence Thomas ist Mitglied des
Obersten Bundesgerichts. Ich war persönlich besonders beeindruckt von seinen Ausführungen darüber,
wie es ihm und seiner Familie aufgrund dieser Ereignisse ergangen ist. Wenn die Frage also lautet: hätte
man die Anhörung verlängern sollen, damit drei weitere Personen aussagen können, so bin ich nicht
dieser Meinung.
Frage: Nein, dabei handelte es sich um eine andere
Anhörung, bei der drei Frauen sich weigerten, über
einen anderen Bereich der Diskriminierung am Arbeitsplatz auszusagen und angaben, das, was sie als
die öffentliche Vorführung Anita Hills betrachteten
spiegele wider, was sie selbst zu erwarten hätten,
wenn sie...
Antwort: Entschuldigen Sie, ich habe Sie mi ßverstanden. Ja, darüber bin ich besorgt. Ich mache mir
Sorgen, daß gute Leute, die andernfalls eine positive
Einstellung zur Regierung hätten, nicht in den Staatsdienst eintreten könten, weil sie selbst nicht auf diese
Weise durch die Mangel gedreht werden möchten. Ja,
ich mache mir sehr große Sorgen darüber.
Frage: Entschuldigen Sie, Herr Bush. Hier handelte
es sich um Frauen, die bereits im Staatsdienst tätig
waren und angaben, daß sie vor der Aussage von
Anita Hill Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz
gewesen seien, weil sie Frauen sind. Nach ihrer [Hills]
Aussage und ihrer Behandlung durch den Rechtsausschuß des Senats weigerten sie sich aus Furcht vor
einer solchen Behandlung, öffentlich auszusagen,
obwohl ihre Behauptungen fundiert sein könnten, was

Seite 5

�Ihrer Meinung nach bei Anita Hill nicht der Fall war. Ich
frage Sie nun, ob Sie sich Sorgen über eine abschrekkende Wirkung...
Antwort: Ich habe das nicht behauptet - Sie legen mir
Worte in den Mund. Ich habe so etwas nicht behauptet. Aber machen Sie bitte weiter.
Frage: Machen Sie sich Sorgen über eine mögliche
abschreckende Wirkung?
Antwort: Ja, das habe ich gerade gesagt. Ja, ich
mache mir Sorgen über eine abschreckende Wirkung.
Je mehr eine solche offene, überfrachtete Debatte
stattfindet, in der der Charakter von Menschen auf der
einen oder anderen Seite das Ziel von Angriffen ist,
desto mehr Sorgen mache ich mir. Ich habe dies in
meiner gestrigen Rede angesprochen und einige
Vorschläge dazu gemacht. Und einer dieser Vorschläge läuft darauf hinaus, daß es mehr Geheimsitzungen
des Senats geben sollte, wenn es dazu kommt oder
wenn es um persönliche Anliegen von Menschen geht.
Ja, darüber mache ich mir Sorgen.
Frage: Sie haben in Louisiana den Wahlkampf von
Buddy Roemer unterstützt. Wie lautet Ihre politische
Analyse des Klimas, das eine solche Anzahl von
Wählerstimmen für einen ehemaligen Führer des Ku
Klux Klan und Sympathisanten der Nazis, David Duke,
hervorgebracht hat, der behauptet, ein Republikaner
zu sein?
Antwort: Ich habe mich nicht eingehend genug mit
den dortigen Themen beschäftigt, um zu wissen, warum
Menschen für ihn gestimmt haben. Ich möchte klarmachen, daß ich David Duke aufgrund des Rassismus
und seiner jüngsten Äußerungen, die angesichts ihrer
Bigotterie und allem anderen besorgniserregend sind,
auf keinen Fall unterstützen könnte.
Nachdem ich dies gesagt habe, kann ich Ihnen leider
im Hinblick auf die anderen Fragen, die offensichtlich
zahlreiche normale, ehrliche und anständige Wähler
dort unten beeinflußt haben, nichts Genaues sagen.
Aber es besteht Unzufriedenheit bei zahlreichen Wählern,
und vielleicht hat er da einen Nerv getroffen.
Wenn dies nun so verstanden werden sollte, daß es für
die Wähler wegen des Rassismus oder der Bigotterie
attraktiv war, so möchte ich dies energisch zurückweisen.
Frage: Würde Ihre Ablehnung so weit gehen, daß Sie
den Bürgern von Louisiana raten würden, für seinen
Gegenkandidaten zu stimmen oder vielleicht einen
anderen Namen auf den Stimmzettel zu schreiben?
Antwort: Ich habe bereits Buddy Roemer unterstützt,
und ich wei ß nicht, wie die Regeln dort aussehen, aber
ich bin sehr unglücklich darüber, daß der Gouverneur
dort nicht wiedergewählt wurde oder in die Stichwahl
kam. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn ich bin

Seite 6

immer noch der Meinung, daß er ein vernünftiger
Mann, ein zukunftsorientierter und guter Mann ist.
Aber ich werde mich hier nicht einmischen, außer mit
der Feststellung, daß wir David Duke aus den angeführten Gründen niemals auf irgendeine Weise unterstützen können. Versuchen Sie also nicht, mich in die
Stichwahl in diesem Staat zu verwickeln. Ich werde
mich da nicht hineinziehen lassen.
Frage: Werden Sie bei dem Treffen mit Präsident
Gorbatschow in Madrid in der Lage sein, einige seiner
Vorschläge im Hinblick auf Kernwaffen mit eigenen
Vorschlägen zu beantworten?
Antwort: Nein.
Frage: Wenn nicht, worüber werden Sie dann reden?
Antwort: Nun, Ende offen. Das Hauptthema ist eine
Friedenskonferenz für den Nahen Osten. Aber ich bin
sicher, wir werden über bilaterale Fragen sprechen,
und ich werde zu Gesprächen über Kernwaffen bereit
sein. Ich bin bereit, über ihre und unsere Wirtschaft zu
sprechen. Ich bin bereit, über alles zu diskutieren, was
ihn interessiert. Wir führen immer sehr umfassende
Gespräche, und ich freue mich wirklich sehrauf diesen
Teil.
Aber der Grund, aus dem ich so schnell geantwortet
habe, besteht darin, daß ich nicht den Eindruck hinterlassen möchte, wir würden ein neues Vier-PunkteProgramm oder ein Sechs-Punkte-Programm vorlegen , um auf seine positive Antwort auf unsere Initiative
zu reagieren.
Frage: Einige Leute meinen, für Frauen laute der
Tenor der Anhörungen Anita Hill/Clarence Thomas:
Bemühen Sie sich nicht, über sexuelle Belästigung zu
sprechen, denn es wird Ihnen ja doch niemand glau
ben. Ist dies Ihrer Meinung nach der Tenor oder
würden Sie den amerikanischen Frauen sagen, daß
sie sich zu Wort melden sollten?
Antwort: Ich sage, sie sollten sich zu Wort melden.
Aber dies sollte in einem Klima geschehen, daß Menschen nicht in einem solchen Verfahren zerstört werden. Und aus diesem Grund erkläre ich, wir sollten es
hinter verschlossenen Türen tun oder Verfahren durchführen, in denen keine vertraulichen Informationen
weitergegeben werden, wie dies bei Anita Hill der Fai!
war, als jemand nach außen ging und dies heimtükkisch weitergab und sie in ein öffentliches Debakel
hineingezogen wurde, das sie von Anfang an vermeiden wollte.
Ja, ich mache mir Sorgen darüber und über ihre
Gefühle sowie all das, was damit zusammenhing. Ich
habe Vorschläge zur Abhilfe unterbreitet, einschließlich der Art und Weise des Umgangs mit FBI-Akten.
Wenn also Menschen nicht an die Öffentlichkeit gehen
können, weil sie befürchten, ihr Ruf könnte geschädigt
und in den Schmutz gezogen werden, so bin ich

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�darüber besorgt. Und aus diesem Grund habe ich
gestern einige Vorschläge gemacht, die meines Erachtens zur Bewältigung des Problems beitragen
werden. Ob sie es lösen können, weiß ich nicht. Und
ich wiederhole: das gilt nicht nur für Frauen, die sich
in einem Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu Wort melden oder um Anita Hill zu unterstützen, es gilt für Personen, die sonst in den Staatsdienst
eintreten würden, sich aber nicht mit Enthüllungen
dieser Art konfrontiert sehen möchten, die ihren Charakter in Zweifel ziehen.
Ich weiß nicht, wie wir das Problem völlig lösen können. Aber ich habe einige Vorschläge gemacht, die
meines Erachtens dazu beitragen werden.
Frage: Aber warum solten Frauen heute darüber
besorgt sein, daß ihr Ruf geschädigt wird, wenn sie
Beschuldigungen erheben, da die meisten Anhörungen wegen sexueller Belästigung nicht im Fernsehen
übertragen werden?
Antwort: Warum sollte ein Kandidat für ein Amt nicht
besorgt sein, daß sein Charakter mit Füßen getreten
wird wie bei Richter Thomas? Sie stellen es auf eine
Grundlage. Sie stellen es auf die feministische Grundlage. Ja, ich bin darüber besorgt. Und ich habe
Vorschläge gemacht, was man unternehmen könnte.
Ich mache mir ebenfalls über die Basis des öffentlichen
Dienstes Sorgen, und in diesem Fall war ich sehr über
den Rufmord an Clarence Thomas besorgt. Es gibt
einen Weg, um solche Fragen zu behandeln. Man
delegiert nachrichtendienstliche Fragen; warum kann

*

AMERIKA DIENST 43

*

man - und ohne daß jeder das Recht hat, jedes Detail
zu erfahren - in diesen Anhörungen das Urteil über
diese Fragen nicht auf die Senatoren hinter verschlossenen Türen delegieren? Und warum können wir den
Prozeß nicht erleichtern, indem wir uns so gut wir
können vor der heimtückischen Weitergabe vertraulicher Informationen schützen, die Personen in der
Minute schädigt, in der sie stattfindet? Ich habe also
meine Vorschläge dazu gemacht, und ich bin in der Tat
besorgt.
Aber ich möchte hier nicht mit einem negativen Schlußakkord enden. Ich möchte zum Schluß mitteilen, wie
erfreut ich über die Abstimmung über das Bürgerrechtsgesetz bin. Wie Sie wissen, haben einige Leute
gesagt, der Präsident will vielleicht gar kein Bürgerrechtsgesetz, er möchte irgendein Problem - meine
politischen Gegner behaupten dies immer wieder. Die
Tatsache, daß wir jetzt ein gutes, solides und vernünftiges Bürgerrechtsgesetz haben, ist meines Erachtens
gut für das amerikanische Volk. Es reicht meiner
Meinung nach über Parteipolitik hinaus.
Ich möchte Bob Dole und Jack Danforth auf unserer
Seite und andere auf der demokratischen Seite beglückwünschen, die bereit waren, konstruktiv zu arbeiten - mit allen Höhen und Tiefen, Behauptungen und
Gegenbehauptungen. Aber heute haben wir ein gutes
Bürgerrechtsgesetz. Ich möchte daher den Senat
auffordern, es umgehend und ohne Veränderungen zu
verabschieden. Ich möchte das Repräsentantenhaus

bitten, ihm zuzustimmen. Laßt uns etwas Gutes und
Richtiges im Bereich der Bürgerrechte für das amerikanische Volk tun.

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�DEUTSCH-AMERIKANISCHE

BEZIEHUNGEN
30. Oktober 1991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin
BERLIN - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, hat am
24. Oktober 1991 beim Aspen-Institut in Berlin eine Rede zum Thema "Die deutsch-amerikanischen Beziehungen - die menschliche Dimension" gehalten, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich freue mich über diese Gelegenheit, so kurz nach
meiner Ankunft in Deutschland heute abend beim
Aspen-Institut in Berlin sein zu können. Ich möchte
Ihnen das Bedauern meines Freundes Henry Catto,
dem Direktor des US-Informationsamts, überbringen,
der bei diesem Anlaß nicht anwesend sein kann.
Botschafter Catto mußte seine geplante Reise nach
Deutschland absagen, hofft aber, den Besuch so bald
wie möglich im neuen Jahr nachzuholen.
Da ich erst kürzlich gebeten wurde, für Henry Catto
einzuspringen, hatte ich nicht genug Zeit, um diese
Rede auf Deutsch vorzubereiten, wie ich es normalerweise tue. Ich werde also heute abend Englisch
sprechen, freue mich aber bereits auf einen Vortrag in
Deutsch bei meinem nächsten Besuch. Ich werde
nach meinen Ausführungen auch gern Fragen beantworten, um, nachdem ich Ihnen meine Ansichten
vorgetragen habe, Ihre Meinung kennenzulernen.
Ich fühle mich nicht nur wegen der hervorragenden
Persönlichkeiten, die vor mir hier gesprochen haben,
geehrt, in diesem besonderen Forum sprechen zu
dürfen, sondern auch wegen der wichtigen Arbeit, die
Sie im Bereich der deutsch-amerikanischen Beziehungen leisten. Seit der Gründung des Aspen-Instituts
Berlin im Jahr 1974 als privater, gemeinnütziger und
überparteilicher Institution haben Sie in einem freien
und schöpferischen Umfeld zahllose Seminare zu
einigen der drängendsten - und schwierigsten - aktuellen Fragen veranstaltet. Das Aspen-Institut ist zu
einem brillianten Beispiel jener Affinität geworden, die
der große Gelehrte und Staatsmann Adolf von Harnack vor langer Zeit mit folgenden Worten diagnostizierte: "Unter den zivilisierten Ländern der Welt ist
Amerika für uns räumlich das entfernteste, geistig

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jedoch das nächste, mit der größten Affinität." Durch
die Förderung des geistigen Dialogs zwischen Deutschland und Amerika haben Sie die Stärke der uns
verbindenden transatlantischen Brücke in Herz und
Verstand aufrechterhalten.
Insbesondere Ihre öffentliche Vortragsreihe zum
Andenken an Hans Wallenberg muß hier lobend erwähnt
werden. Wallenbergs Saga - ein Wort, das ich mit
voller Absicht verwende, denn das Wörterbuch definiert "Saga" als eine Geschichte heldenhafter Leistungen - ist eine spezifisch deutsch-amerikanische Geschichte, die den Historikern und der Nachkriegsgeneration bekannt ist und an nachfolgende Generationen
überliefert werden muß. Im dunklen Zeitalter des
kalten Kriegs leistete er mit Hilfe des Journalismus auf
beiden Seiten des Atlantiks wichtige Beiträge zum
Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Sein Name
und das, wofür er stand, dürfen nicht vergessen
werden.
Als Außenminister Baker im Juni dieses Jahres beim
Aspen-Institut sprach, erklärte er, Berlin nehme einen
ganz besonderen Platz im Herzen der Amerikaner ein.
Er charakterisierte Ihre Stadt als Ort, an dem Deutsche
und Amerikaner "gelitten, geteilt und für die Freiheit
gestritten" haben. Für Millionen Amerikaner bedeutet
Berlin in der Tat Symbol und Feuerprobe eines halben
Jahrhunderts der Geschichte.
Für meine Familie sind Berlin und seine Umgebung mit
besonderen Erinnerungen verbunden. Meine Eltern
trafen sich in Berlin und heirateten hier im März 1947,
und ich wurde neun Monate später in dfen Vereinigten
Staaten geboren - ich habe mich also stets im Geist als
Berliner betrachtet. In meiner Jugend sprachen meine

Seite 1

�Eltern oft von ihrer Verlobungszeit und dem Beginn
ihrer Ehe in Berlin, Potsdam und an anderen Plätzen
der Stadt in den Jahren 1946 und 1947 und zeigten uns
Photos aus dieser Zeit. Sie können sich also vorstellen, wie stolz ich sein werde, wenn ich sie zu ihrem 45.
Hochzeitstag im nächsten März zu einem Wiedersehen mit Berlin - und natürlich auch mit Potsdam und
jedem anderen Ort, den sie in den neuen Bundesländern besuchen möchten - begrüßen kann.
Ferner bin ich erfreut und stolz darauf, daß sich unter
den Zuhörern des heutigen Abends mein engster
deutscher Freund, Peter Weisbach, befindet, der ebenfalls im Jahr 1947 geborene - Sohn der besten
deutschen Freundin meiner Mutter. Peter und ich
kennen uns seit Jahrzehnten, aber erst jetzt können
wir so viel Zeit miteinander verbringen, wie wir uns
gewünscht haben.
Aber selbst die Amerikaner, die nicht diese familiären
Bindungen an Berlin besitzen, teilen eine persönliche
Beziehung zu dieser Stadt und ihren Bürgern, die von
Jahrzehnten unvergeßlicher Bilder geprägt ist:
Im Jahr 1945 machten uns die Bilder eines
zerbombten Berlins die schrecklichen Kosten
des Krieges sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit klar, um eine solche Tragödie in
Zukunft zu verhindern.
Im Jahr 1948 verließen die Sowjets in einer
Erklärung des kalten Kriegs den Alliierten Kontrollrat und blockierten Berlin. Die Vereinigten
Staaten und ihre Alliierten reagierten mit der
Berliner Luftbrücke, deren Andenken durch das
Luftbrückendenkmal, das ich heute in Tempelhof besucht habe, unsterblich gemacht wurde.
Manch einer vergißt jedoch, daß es ein ähnliches Denkmal auf dem Luftwaffenstützpunkt
Rhein-Main in Frankfurt gibt, von dem aus viele
Flüge der Jahre 1948 und 1949 ausgingen. Ich
habe dieses Denkmal am Dienstag dieser Woche
besucht, als ich die Ehre hatte, Jesse Turner
nach seiner Entlassung aus der Geiselhaft im
Nahen Osten in Deutschland zu begrüßen. Wie
passend, daß Jesse Turners Luftbrücke in die
Freiheit - wie bei anderen amerikanischen Geiseln vor ihm - über das Symbol einer früheren
Luftbrücke führte, das ebenso beredtes Zeugnis vom unstillbaren Verlangen der Menschheit
nach Freiheit ablegt.
Im Jahr 1953 veranstalteten die Berliner den
ersten Volksaufstand gegen die sowjetische
Tyrannei in Osteuropa. Es war eine Ehre für
mich, heute erneut über die Straße des 17. Juni
zum Brandenburger Tor zu gehen, in dessen
unmittelbarer Nähe sich das Grundstück befindet, auf dem ehedem unsere Botschaft stand.

Seite 2

Im Jahr 1961 wurde mit der Berliner Mauer das
letzte Schlupfloch aus dem Gefangenenlager
der Nationen verschlossen, zu dem Osteuropa
geworden war. Meine Familie lebte von 1960
bis 1964 in Deutschland, als mein Vater noch
beim Heer war, und ich hatte das Glück, Berlin
vor dem Mauerbau zu besuchen. Ich kann mich
deshalb noch lebhaft daran erinnern, wo ich am
13. August 1961 war und was ich an jenem Tag
tat, ebenso wie ich mich noch genau an den Tag
der Ermordung Präsident Kennedys, den 22.
November 1963 erinnere: Zwei Daten, die für
Amerikaner und Deutsche mit großer Trauer
verbunden sind.
Im Jahr 1971 kristallisierte sich im Viermächteabkommen über Berlin das schreckliche Dilemma der Entspannungspolitik - daß die Zusammenarbeit zwischen Ost und West von der
dauerhaften Teilung dieses Kontinents ausging.
Und dann, im Jahr 1989, fand - wiederum in
Berlin - das wichtigste Ereignis aller Zeiten gewiß das dramatischste Ereignis der Nachkriegszeit - statt: am 9. November wurde die
Mauer zum Tor. Die Berliner feierten das größte
und vielleicht emotionalste Familienfest der
Geschichte. Und wir alle, die wir in Amerika
diese Szenen sahen, die uns per Satellit ins
Haus gebracht wurden, fühlten erneut: Wir sind
alle Berliner.
Ja, mehr als jede andere Stadt der Welt wird Berlin in
den Vereinigten Staaten mit dem Kampf für Freiheit
und Widerstand gegen Unterdrückung identifiziert.
Das westliche Bündnis half der Stadt über ihre schweren Zeiten hinweg, aber nichts hätte ohne den Geist
und die Entschlossenheit der Stadt und ihrer Bürger
erreicht werden können.
Außenminister Baker stellte fest, daß es in Berlin war,
wo Deutsche und Amerikaner die transatlantische
Gemeinschaft schufen, und er verlieh unserer Überzeugung Ausdruck, daß wir sie von Berlin aus erweitem müssen. Er ging detailliert darauf ein, wie die
NATO, die Europäische Gemeinschaft, die KSZE und
andere etablierte und bewährte Organisationen als
Grundsteine einer euro-atlantischen Gemeinschaft von
Vancouver im Westen bis Wladiwostok im Osten dienen können und sollten.
Er sprach femer von der euro-atlantischen Gemeinschaft als einer "Wertegemeinschaft". Das ist es,
worüber ich heute abend mit Ihnen diskutieren möchte:
Die Bedeutung der menschlichen Dimension der
deutsch-amerikanischen Beziehungen für die atlantische Wertegemeinschaft und darüber, was wir in den
Vereinigten Staaten tun, um diese Dimension auf die
neuen Bundesländer auszudehnen.

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�Über vier Jahrzehnte lang waren die Energien des
westlichen Bündnisses darauf konzentriert, die Bedrohung der freien Welt durch die Kräfte des Kommunismus einzudämmen. Dieser Kampf ist vorbei. Die
Deutsche Demokratische Republik ist von der Landkarte verschwunden und wurde durch ein freies und
vereintes Deutschland ersetzt. Und die Amerikaner einschließlich des Durchschnittsamerikaners im ganzen Land, der sich kaum einmal außenpolitischen
Themen widmet - sind stolz auf Ihre Leistung und die
umgehende Unterstützung, die unsere Regierung von
Beginn an dem Prozeß der Vereinigung zuteil werden
ließ, einschließlich der sehr aktiven Rolle, die wir beim
Zwei-plus-Vier-Prozeß spielten.
Im Berlin von heute ist die Mauer, die einst einen
Kontinent - eine Welt - teilte, zu Staub zerfallen, zu
Souvenirs geworden. Die noch stehenden Teile werden künftigen Generationen als wichtige Erinnerung
an jenes dunkle Zeitalter dienen. Im Mai wurde der
Warschauer Pakt Teil der Geschichte, und dies geschah nicht mit militärischen Fanfaren sondern seine
Auflösung wurde auf den hinteren Seiten der wichtigsten Tageszeitungen der Welt berichtet.
Aber nur wenige Monate nach diesen historischen
Ereignissen erkennen wir auch, daß uns das Ende des
kalten Kriegs nicht in ein Zeitalter des ewigen Friedens
geführt hat. Mit dem Zurückweichen der Ost-WestKonfrontation wird die euro-atlantische Partnerschaft
vor neue Herausforderungen gestellt.
Es ist daher angebracht, sich den Grundsatz vor
Augen zu führen, daß erfolgreiche Institutionen wie die
NATO und ihre wichtige transatlantische Verbindung
für Frieden und Stabilität in der Zukunft ebenso unerläßlich sind wie in der Vergangenheit.
Die im Gründungsvertrag niedergelegte und in der
Londoner Erklärung bekräftigte Hauptfunktion der NATO
besteht in der Bewahrung von Frieden und Sicherheit
für all ihre Mitglieder sowie der Schaffung einer "auf die
gemeinsame Werte von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit'' gegründeten gerechten
und friedlichen Ordnung in Europa. Zur Bewerkstelligung dieser Aufgabe ist eine der Kernfunktionen der
NATO - wie in der Erklärung der Ministertagung des
Nordatlantikrats vom Juni dieses Jahres formuliert als ein 'Iransatlantisches Forum für Konsultationen
unter den Verbündeten über Fragen, die ihre vitalen
Interessen einschließlich möglicher Entwicklungen
berühren, die Risiken für die Sicherheit der Bündnismitglieder mit sich bringen, und als Forum für sachgerechte Koordinierung ihrer Bemühungen in Bereichen,
die sie gemeinsam angehen", zu dienen.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
epochemachende Gipfeltreffen abgehalten, und im
kommenden Monat wird ein weiterer Gipfel zur Umgestaltung der NATO in Rom stattfinden, um die vor ihr
liegenden Herausforderungen der neuen Welt zu

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bewältigen. Die jüngste gemeinsame Erklärung der
Außenminister Baker und Genscherformuliertkonkrete Gedanken über die weiteren Schritte in diesem
kontinuierlichen Prozeß, insbesondere im Hinblick auf
die Einbeziehung der Staaten Ost- und Mitteleuropas.
Der KSZE-Prozeß ist die Institution, die bereits alle
Nationen Europas und Nordamerikas auf der Grundlage der gemeinsamen Verpflichtung zu Menschenrechten und demokratischen Prinzipien zusammenführt.
Wir alle stellen jedoch fest, daß es leichter ist, die
Prinzipien der Demokratie hochzuhalten als funktionsfähige demokratische Regierungen aufzubauen.
Demokratie bedeutet in der Tat sehr viel mehr als den
einmaligen Sturz eines tyrannischen Regimes, einen
gescheiterten Putschversuch oder selbst eine erste
freie Wahl. Zur Aufrechterhaltung der Bewegung zur
Demokratie müssen wir die demokratischen Institutionen dort stärken, wo sie bereits bestehen und zu ihrem
Aufbau beitragen, wo sie noch nicht existieren.
Die Vereinigten Staaten und die Mitgliedstaaten der
EG sehen sich darüber hinaus mit der Herausforderung konfrontiert, einen erfolgreichen Übergang der
Planwirtschaften in Osteuropa und der Sowjetunion
zum Weltmarkt zu unterstützen. Wir haben bei der
Mobilisierung der wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung dieser Länder bei ihrem Kampf um die
Entwicklung von Marktwirtschaften eng mit der Bundesregierung und der Europäischen Gemeinschaft
zusammengearbeitet. Osteuropa und die Sowjetunion benötigen jedoch Handelschancen ebensosehr wie
Hilfe. Präsident Bush hat zusätzliche Handelsvergünstigungen für Mittel- und Osteuropa gefordert. Wir
erwarten den Abschluß der EG-Assoziierungsabkommen zur Bereitstellung dieser Hilfe, wie auch den
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde in diesem
Jahr.
Es gibt keine Straßenkarte oder ein Patentrezept, wie
NATO, EG, WEU, KSZE und andere Organisationen
in die neue Gemeinschaft passen werden, die wir
aufbauen. Zwangsläufig wird es beim Aufzeigen dieses neuen Kurses zu gewissen Überlappungen und zu
gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten kommen.
Ein Faktor, der uns allen als verläßlicher Kompaß
dienen wird, ist die Erkenntnis, daß der Hauptgrund für
unseren erfolgreichen Zusammenschluß in der NATO
über diese vielen Jahre hinweg die grundlegende
Übereinstimmung von Idealen und Zielsetzungen
zwischen uns war. Diese Partnerschaft hätte niemals
aufrechterhalten werden können und wäre nicht gediehen, wenn sie nicht sehr viel mehr als ein militärisches
Bündnis wäre.
Auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind
und waren ihrem bloßen Charakter nach eine philosophische, kulturelle und soziale Verbindung sowie eine
offizielle Beziehung zwischen militärischen Verbündeten. Unsere gegenseitige Verpflichtung - selbst in

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�militärischer Hinsicht - ist stets über das rituelle Versprechen der militärischen Unterstützung hinausgegangen, das Bündnisse in der Vergangenheit charakterisierte.

Wie können wir das bewirken? Als Antwort auf diese
Frage möchte ich Ihnen die Worte eines visionären
Amerikaners übermitteln, der noch lebt, diese Worte
jedoch vor über 40 Jahren gesprochen hat:

Die alte Ordnung gehört der Vergangenheit an. Eine
neue Ordnung zeichnet sich ab. Viele Jahre lang
waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen von
ihren politischen und militärischen Dimensionen beherrscht. In Zukunft werden die wirtschaftlichen,
ökologischen und soziokulturellen Dimensionen dieser Beziehung vorherrschen. Bundeskanzler Kohl hat
auf die Notwendigkeit verwiesen, eine - wie er es
bezeichnet - neue Fahrbahn auf der transatlantischen
Brücke zu bauen, die diese neuen Dimensionen zur
Schaffung einer noch solideren Grundlage unserer
Bande betont.

"Die Macht, Nationen in Völker und Ideologien in
menschliche Bestrebungen zu verwandeln, ist
vielleicht die größte Macht des Schüler- und
Studentenaustauschs. Er wird nicht mit Sicherheit Zuneigung zwischen Völkern schaffen, und
dies gehört auch nicht zu seinen grundlegenden
Zielen. Es reicht völlig aus, wenn er zum Gefühl
eines gemeinsamen Menschseins, einem
emotionalen Bewußtsein beiträgt, daß andere
Länder nicht von furchteinflößenden Doktrinen
bewohnt werden sondern von einzelnen Menschen - Menschen mit derselben Fähigkeit zu
Freude und Leid, Grausamkeit und Güte wie die
Menschen, mit denen zusammen wir in unseren
Heimatländern aufgewachsen sind."

Während wir um das Verständnis und die Reaktion auf
sich rasch verändernde Gegebenheiten ringen, dürfen
wir jedoch nicht die Grundlage unserer erfolgreichen
Partnerschaft außer acht lassen - das klare Verständnis für und die Zustimmung zu den grundlegenden
Werten, Prinzipien und Zielen des anderen. Diese
gemeinsame Sichtweise gestattet uns mit noch größerer Zielstrebigkeit und Konsequenz zusammen die
Bewältigung der Herausforderungen von heute ebenso anzugehen, wie wir dies in der Vergangenheit getan
haben.
Eine wichtige gegenwärtig stattfindende Veränderung
fällt nicht unmittelbar ins Auge, hat jedoch besondere
Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Noch vor wenigen Jahren wurde die politische und intellektuelle Szene in unseren beiden Ländern von denjenigen dominiert, die lebhafte persönliche Erinnerungen an den Krieg und die unmittelbare
Nachkriegszeit hatten. Hier und in den Vereinigten
Staaten sind jedoch neue Generationen herangewachsen, für die die vorherrschenden Bilder im Hinblick auf
die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht der
Wiederaufbau der späten vierziger Jahre oder die
enge Zusammenarbeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre sind, sondern vielmehr die Spannungen
Ende der sechziger, in den siebziger und achtziger
Jahren. Aus diesem Grund ist verbessertes Verständnis der Gesellschaft des anderen unter jüngeren
Deutschen und insbesondere Amerikanern ein unerläßliches Element für enge Bande zwischen unseren
beiden Ländern, während sich die Welt weiterhin im
Wandel befindet und unsere Beziehung weiter reift.
Als Eltern, Lehrer und Politiker tragen wir die Verantwortung und stehen vor der Herausforderung, auf
beiden Seiten des Atlantiks sicherzustellen, daß die
gemeinsamen demokratischen Werte, die uns so lange miteinander verbunden haben, von denjenigen
verstanden und gewürdigt werden, die in unsere
Fußstapfen treten.

Seite 4

Dieser Amerikaner war Senator J. William Fulbright,
dessen in diesen Worten zum Ausdruck gebrachte
Vision das Austauschprogramm zur Folge hatte, das
seinen Namen trägt. Dank dieses Programms konnten rund 25.000 Deutsche und Amerikaner aus erster
Hand diese verbindenden gemeinsamen Werte studieren und erfahren, von denen ich gesprochen habe.
Seine Worte haben jedoch einen sehr viel größeren
Anwendungsbereich und umfassen das gesamte
Spektrum persönlicher Kontakte, die das Verständnis
vertiefen und die deutsch-amerikanischen Beziehungen bereichern.
Auch Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher teilen diese Überzeugung, und unter ihrer Schirmherrschaft wurden die Austauschprogramme mit den
Vereinigten Staaten in den letzten zehn Jahren erweitert. Im Rahmen des parlamentarischen PatenschaftsProgramms Deutscher Bundestag/Kongreß USA
können beispielsweise bis zu 400 Jugendliche aus
dem jeweiligen Land ein Jahr bei Gastfamilien verbringen und die Schule im Partnerland besuchen. Die
Auswirkungen dieses Programms zeichnen sich bereits ab, da zahlreiche ehemalige Teilnehmer sich jetzt
für Fulbright- und andere Stipendien bewerben, um ihr
Verständnis des anderen Landes zu vertiefen.
Es besteht kein Zweifel, daß das Fulbright-Programm,
das Bundestag-Kongreß-Patenschafts-Programm, der
deutsche Akademische Austauschdienst, das deutschamerikanische Partnerschaftsprogramm und andere
staatlich geförderte Bestrebungen für die Kommunikation zwischen unseren beiden Ländern unabdingbar
sind. Und dennoch repräsentieren diese offiziellen
Programme nur einen kleinen Prozentsatz all der
persönlichen Kontakte. Infolge von Privatinitiativen
und Kreativität des einzelnen wurde sehr viel mehr
bewirkt. Private Jugendaustauschorganisationen -

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�American Field Service International, Youth for Undertanding, Sister Cities, die Carl-Duisberg-Gesellschaft
und andere - leisten zusammengenommen mehr als
jede Regierung.
Aut Universitätsebene werden selbst die umfassenden Programme der Fulbright-Kommission und des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes von der
Zahl derjenigen in den Schatten gestellt, die privat im
Ausland studieren. Anhand der jüngsten Statistiken
der Konsularabteilung der Botschaft sind in diesem
Jahr bisher rund 25.000 Deutsche im Rahmen von
Austauschprogrammen oder Universitätsstudien in die
Vereinigten Staaten gereist. Zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten bestehen über 230
offizielle Verbindungen, und diese Zahl nimmt beständig zu.
Im folgenden möchte ich erläutern, was wir leisten, um
den Herausforderungen und Möglichkeiten gerecht zu
werden, die die Vereinigung Deutschlands mit sich
gebracht hat.
Wie Sie in Berlin nur allzugut wissen, ist der Bedarf, ja
der Durst nach Wissen über die amerikanische Gesellschaft in den neuen Bundesländern am größten bei
den Bürgern aller Altersstufen der ehemaligen DDR.
Vieles von dem, was sie wissen, wurde ihnen von der
kommunistischen Propagandamaschinerie vermittelt,
die jeden Bereich ihres Lebens kontrollierte. Die
Vereinigten Staaten wurden abwechselnd als aggressive, kriegstreiberische Nation mit der Absicht dargestellt, den Warschauer Pakt anzugreifen oder als
exzentrisches Volk, das in der Scheinwelt von Fernsehfilmen lebt.
Am Abend des 9. November 1989 hatten wir dann
plötzlich unmittelbaren Zugang zu 17 Millionen Deutschen, mit denen wir Amerikaner nur sehr beschränkten Kontakt pflegen durften. Unser Kontakt mit den
jungen Menschen in Ostdeutschland - früher ein Häuflein
linientreuer Personen - weitete sich zu einer Flut aus.
Praktisch über Nacht sahen wir uns mit vierzig Jahren
angestautem Bedarf an Kontakt mit den Vereinigten
Staaten konfrontiert.
Tausende junger Menschen strömten in die Bibliothek
unserer Botschaft in Ostberlin ebenso wie in die Amerika
Häuser in Westberlin und Westdeutschland, um erstmals den Geschmack der ehemals verbotenen Früchte - Informationen über die Vereinigten Staaten - zu
kosten.
Dieser Geschmack regte den Appetit auf mehr an mehr Bücher, mehrZeitschriften, mehr Unterrichtsmaterial für Englisch, mehr Austauschprogramme, mehr
Informationen über ein Studium in den Vereinigten
Staaten - kurzum: mehr von allem.
Ebenso ergreifende Geschichten gibt es von Deutschen der älteren Generation zu erzählen. Sie brachten Bücher über die Vereinigten Staaten zurück, die sie
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1961 vor dem Mauerbau aus der Amerika HausBibliothek in Berlin geliehen und in den 28 Jahren des
darauffolgenden Freiheitsentzugs gehegt und gepflegt
hatten. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen,
daß unser renoviertes und erweitertes Amerika Haus
hier in Berlin, das ich heute besucht habe, morgen
seine große Wiedereröffnung feiert.
Der Bedarf in den neuen Bundesländern ist ungeheuer, und die Erwartungen einer Bevölkerung, der ein
Kontakt zum Westen lange vorenthalten war, sind
hoch. Wir in der Botschaft haben schnell gehandelt,
um die Ostdeutschen einzubeziehen und fördern
amerikanische Investitionen und Interessen in der
Region.
Ab September dieses Jahres sind über hundert
US-Unternehmen in den neuen Bundesländern
tätig, oftmals durch ihre bekannten deutschen
Tochterfirmen. Allein fünf dieser Unternehmen
haben über 2 Milliarden DM investiert und über
10.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten.
Zu den wichtigsten US-Privatinvestoren mit
Ambitionen in den neuen Ländern zählen General Motors/Opel mit 1 Milliarde DM und 2.000
geplanten Arbeitsplätzen und Coca Cola mit
660 Millionen DM und 1.500 neuen Arbeitsplätzen.
Andere amerikanische Unternehmen, die in die
Region ziehen, sind IBM, ESSO, Philip Morris,

Burger King, McDonalds und Woolworth, das
allein in diesem Jahr 50 neue Filialen eröffnen
will.
Im Hinblick auf die Kulturarbeit und persönliche Kontakte haben Programme im Osten bei uns eindeutig
Vorrang. Wir werden die Bürger der ehemaligen
Bundesrepublik nicht vernachlässigen, aberwirerkennen im Osten einen einmaligen Bedarf und einmalige
Chancen.
Wir haben in Leipzig ein Generalkonsulat eröffnet, und bald wird es dort auch ein vollständig
ausgestattetes Amerika Haus geben.
Wir erweitern unsere Seminarprogramme über
Englischunterricht und Amerikanistik in den fünf
neuen Ländern und haben zu diesem Zweck
unser Personal in Berlin aufgestockt.
Das Fulbright-Programm ist auf die neuen Länder erweitert worden und bringt traditionsreiche
Universitäten erneut in Kontakt mit den Intellektuellen meines Landes.
Unser Programm für junge Führungskräfte, im
Rahmen dessen viele von Ihnen erstmals Kontakt mit den Vereinigten Staaten hatten, wird
ausgebaut. Allein in diesem Programm konnten
etwa 17.000 jungen Akademikern Erfahrungen

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�aus erster Hand in den Vereinigten Staaten
vermittelt werden. Seit der Vereinigung Deutschlands haben über 50 Deutsche aus den neuen
Bundesländern von diesem Programm profitiert.

Nach den Bedingungen des Zwei-plus-VierAbkommens sind militärische Aktivitäten der
Vereinigten Staaten in den neuen Bundesländern nicht gestattet. Persönliche Kontakte sind
jedoch erlaubt, und eine Reihe von US-Militärorchestern wurde zu Veranstaltungen in die fünf
neuen Länder eingeladen, soeben erst am 3.
Oktober zur offiziellen Feier des Tags der deutschen Einheit in Schwerin.

Im Rahmen einer neuen erst in dieser Woche
begründeten Initiative unserer beiden Regierungen reisen Gruppen junger Akademiker aus
den neuen Bundesländern in die Vereinigten
Staaten, um Kontakte mit ihren Kollegen in
verschiedenen amerikanischen Städten zu
knüpfen. Ich hatte das Vergnügen, vergangene
Woche mit der ersten Gruppe - fünfzehn jungen
Journalisten aus dem Osten - anläßlich ihres
Einführungskurses zusammenzutreffen. Meiner Ansicht nach ist dieses Programm ein ausgezeichneter erster Schritt auf der langen Reise, die wir antreten müssen, wenn wir unser
Wissen über uns und unsere Wertschätzung
füreinander steigern wollen.
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben
kürzlich die Gründung der RIAS-Stiftung bekanntgegeben, die sich der Kontaktpflege zwischen Medienorganisationen und ihren Mitarbeitern in den fünf neuen Ländern und deren
amerikanischen Kollegen widmen wird. Dies ist
unserer Ansicht nach eine Reaktion auf die sich
verändernden Bedürfnisse des Publikums, das
RIAS im Zeitalter des kalten Kriegs so gut
versorgt hat.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß das
Patenschaftsprogramm von US-Kongreß und
Bundestag auf die fünf neuen Länder erweitert
worden ist. Die ersten jungen Deutschen aus
diesen Ländern leben jetzt bei amerikanischen
Familien und gehen in den Vereinigten Staaten
zur Schule,
Wir haben einige unserer Stützpunkte in Westdeutschland geschlossen und die renommierten Bibliotheken dieser Stützpunkte ostdeutschen Institutionen zur Verfügung gestellt. Seit
Einführung dieses Programms sind über 50.000
Bücher übergeben worden. Ich kann mir keinen
besseren Weg vorstellen, Schwerter zu Pflugscharen zu machen, als einem ganzen Volk die
Werte der westlichen Zivilisation in gedruckter
Form zu stiften.
*

Seite 6

*

Ein konkretes Beispiel dafür, daß Menschen
zusammenarbeiten, wo es zählt, ist die jüngste
Ankündigung der Zusammenarbeit zwischen
dem Verband der deutsch-amerikanischen Clubs
und dem Kommando der US-Army, Europe, um
das sehr erfolgreiche Freundschaftsprogramm
"Kontakt" durch Städtepartnerschaften auf die
neuen Länder zu erweitern. Die ersten dieser
Partnerschaften zwischen Leipzig und Frankfurt am Main, Erfurt und Mainz, KindelbrückSömmerda und Baumholder - wo meine Familie
von 1962 bis 1964 lebte und mein jüngster
Bruder gegenwärtig stationiert ist - werden
nächsten Monat begründet.
Wenn man von Berlin den Blick ostwärts nach Wladiwostok richtet, besteht kein Zweifel, daß noch viele
Herausforderungen bewältigt werden müssen. Aber
es gibt auch unbegrenzte Möglichkeiten, und die neue
euro-atlantische "Wertegemeinschaft" nimmt jetzt
Gestalt an. Das ist heute möglich, weil Menschen wie
Hans Wallenberg und viele andere sich in den dunkelsten Stunden des kalten Kriegs für Freiheit eingesetzt
haben. Dank dieser Menschen haben wir jetzt die
Chance, eine bessere Zukunft für unsere Kinder und
deren Kinder aufzubauen.
Wenn wir in unserem Streben nach einer besseren
Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen wir uns weiterhin für die demokratischen Werte engagieren, für die
Hans Wallenberg gekämpft hat und dank derer die
transatlantische Brücke in diesen vielen Jahren solide
geblieben ist. Die von uns angestrebte vielversprechendere Zukunft hängt davon ab, daß wir unseren
Kindern und deren Kindern alle Möglichkeiten bieten,
um diese Brücke - in beide Richtungen und viele, viele
Male - zu überqueren.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 43

�DROGEN
30. Oktober 1991

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der zweite einer Serie über Behandlungmethoden bei
Drogenmißbrauch.

Die Patienten sitzen 45 Minuten lang gemütlich in
einem großen Raum mit drei oder vier kurzen, dünnen
Nadeln in der Haut unter jedem Ohr. Einige scheinen
zu meditieren. Die Frauen haben häufig ein Baby auf
dem Schoß. Das einfache, als Akupunktur bekannte
Verfahren ist eine von mehreren Strategien, die zur
Bekämpfung von Drogenabhängigkeit in den Vereinigten Staaten angewendet werden.
Andere erfolgreiche Prgramme umfassen die freiwilligen wöchentlichen Zusammenkünfte der Narcotics
Anonymous (NA), die das Bewußtsein und die persönliche Verantwortung ebenso einbeziehen wie den neuen
Ansatz, Medikamente zur Behandlung von Funktionsstörungen des Gehirns einzusetzen.
Akupunktur, eine im Fernen Osten seit Jahrhunderten
zur Schmerzbehandlung benutzte Technik, ist zu einer
kostengünstigen Behandlungsmethode bei Drogenabhängigkeit geworden, die das Interesse von Vertretern
der Gesundheitsbehörden weltweit weckt. Die Ärzte
am Lincoln Hospital in New York City haben unter
Anwendung von Akupunktur seit 1974 Heroin-und
Kokainmißbrauch behandelt.
Das Lincoln-Programm, das Akupunktur mit Beratung
und Treffen der NA kombiniert, wurde von 70 Kliniken
in den Vereinigten Staaten und weitere 25 in Europa,
Lateinamerika und Asien übernommen. Ein Vorteil der
Akupunktur ist die Tatsache, daß sie bei vielen Patienten ambulant und preiswert eingesetzt werden kann rund 21 Dollar pro Konsultation.
Das Verfahren wird während der ersten 10 Tage
täglich und in den darauffolgenden rund drei Monaten
weniger häufig angewandt.

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Obwohl immer noch nicht genau bekannt ist, wie
Akupunktur funktioniert, können Forschungen zufolge
die an bestimmten Punkten des Körpers gesetzten
Nadeln Endorphine - körpereigene Schmerzstiller freisetzen.
"Akupunktur hilt den Menschen, sich besser zu entspannen", stellt der Leiter des Lincoln-Programms, Dr.
Michael Smith, fest. "Sie verringert die Sucht- und
Entzugserscheinungen. Patienten erklären, sie fühlten sich weniger ängstlich und könnten klarer denken.
Die erste Behandlung wirkt bereits nach wenigen
Minuten."
In der Lincoln-Klinik werden täglich 300 Patienten
behandelt. Die New Yorker Gerichte weisen jährlich
etwa 1.000 Personen in diese Klinik ein. Smith erklärt,
die auf der Basis mindestens drei Monate drogenfreier
Urintests gemessene Erfolgsquote der Klinik liege bei
65 Prozent der Abhängigen, die vom Gericht eingewiesen werden. Bisher gibt es zur Akupunktur noch keine
Ergebnisse aus vergleichenden Langzeituntersuchungen, gegenwärtig wird jedoch eine solche Studie vom
Nationalen Institut für Drogenmißbrauch erstellt.
Ein weiteres Therapieprogramm mit durchschlagenden Wachstumsraten ist Narcotics Anonymus. Die
Organisation, die keine Mitgliedskartei führt, ist von
unter 200 eingetragenen Gruppen vor zehn Jahren
heute auf über 20.000 Gruppen in mehr als 55 Ländern
gewachsen. Die Organisation ist in den meisten
Ländern Europas, Amerikas, in Indien und Australien
gut eingeführt. In einer Reihe von Ländern in Ostasien
und dem Nahen Osten werden neue Gruppen gegründet.

Seite 1

�Deren Mitglieder müssen zugeben, daß sie im Hinblick
auf ihre Abhängigkeit machtlos sind und die Existenz
einer "höheren Macht" anerkennen. Das 12-PunkteProgramm der Organisation ermutigt Mitglieder, vollständige Abstinenz zu üben, bei den von ihnen Geschädigten etwas wiedergutzumachen und mit anderen heilungswilligen Drogenabhängigen zusammenzuarbeiten.
"Der Abhängige erreicht einen Punkt der Hoff nungslosigkeit - einen Verlust von Vertrauen, Engagement und
Gleichgewicht," erklärt der Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit der in Van Nuys (Kalifornien) ansässigen
NA, Carl Prescott.
"Der Prozeß der 12 Schritte bringt den Abhängigen
zurück an den Punkt, wo er nach etwas sucht, an das
er glauben kann," so Prescott. "Dem Abhängigen wird
schmerzlich bewußt, daß er seinen Drogenkonsum
nicht mehr kontrollieren konnte. Das Konzept besteht
darin, offen zu sein für eine Kraft außerhalb der eigenen Person, die eine Veränderung bewirken kann."
Prescott fügte hinzu, hinter diesem Leitsatz stehe
keine bestimmte Lehre. NA ist nicht religiös motiviert
und ermutigt jedes Mitglied zum eigenen Verständnis
dieses spirituellen Erwachens. Der Erfolg des Programms basiert darauf, daß es therapeutisch wertvoll
ist, wenn ein Abhängiger dem anderen hilft.
Prescott berichtet, daß über 50 Prozent der gegenwärtigen Mitglieder weniger als ein Jahr und die anderen
Mitglieder zwischen einem und fünf Jahren drogenfrei
geblieben sind. Im Gegensatz zu vielen anderen
Programmen kann bei NA jeder teilnehmen, weil keine
festen Gebühren oder Mitgliedsbeiträge erhoben werden.
Experten berichten, daß über 50 Länder die todbringende Ausbreitung der Drogenabhängigkeit durch
langfristige stationäre Behandlung einzudämmen
suchen, bei der sich Abhängige gegenseitig helfen,
durch das Zusammenleben in einem drogenfreien
Umfeld, das harte körperliche Arbeit, Beratung und
Kommunikation betont, ihre Gewohnheiten zu durchbrechen. Diese Therapien können zwischen einigen
Monaten und drei Jahren dauern.
Das älteste und größte gemeinnützige Therapieprogramm der Welt, DaytopVillage, legt besonderen Wert
auf medizinische Behandlung, Rechtsberatung, Familientherapien. Berufsausbildung und Studium und ein
Wiedereinstiegsprogramm, das Patienten die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht, in der sie
als arbeitende Mitglieder einen produktiven Beitrag
ieisten. Untersuchungen deuten darauf hin, daß etwa
90 Prozent derjenigen, die das Daytop-Programm
beenden, nach fünf Jahren noch drogenfrei sind.

Seite 2

Eine weitere immer populärere Form der Suchtbehandlung sind die einmonatigen stationären Rehabilitationsprogramme. Bei diesen Programmen geht
Abstinenz mit intensiver, auf den einzelnen zugeschnittener Beratung und Gruppentherapie einher.
Die Bedeutung regelmäßiger Teilnahme an Selbsthilfegruppen wie Narcotics Anonymous nach der Entlassung wird betont. Das 30tägige Programm wurde
zuerst von Hazelden erprobt, einer gemeinnützigen
Klinik in Minneapolis, die sich seit langem der Behandlung von Alkoholikern und Drogenabhängigen widmet.
Einer Umfrage aus dem Jahr 1987 unter 260 in Hazelden behandelten Personen zufolge gaben 56 Prozent
an, daß sie ein Jahr nach der Entlassung keinen
Alkohol und 80 Prozent, daß sie keine anderen Drogen
zu sich genommen hätten.
Ein weiterer Ansatz bei der Bekämpfung des Drogenmißbrauchs leitet sich aus der Entdeckung her, daß
einige Drogenabhängige unter Funktionsstörungen des
Gehirns leiden, die sie anfällig für Depressionen,
Angstzustände und Nervosität machen. Für diesen
Personenkreis wird die Sucht zu einer Art von Selbstbehandlung, in der Drogen die Funktionsstörungen
korrigieren und Erleichterung verschaffen.
So produziert zum Beispiel Kokain einen Schub von
Dopamin, einem natürlich im Gehirn vorkommenden
Stoff, der Gefühle der Euphorie und Heiterkeit auslöst.
Einige depressive Personen mit zu wenig Dopamin
fühlen sich besser, wenn Kokain die Menge dieser
Substanz erhöht.
Forscher experimentieren mit Arzneimitteln, die die
Folgeerscheinungen des Drogenmißbrauchs blockieren, die Sucht bei Abhängigen verringern und Entzugs
erscheinungen mildern oder ganz beseitigen. Eines
dieser Mittel ist das Antidepressivum Desipramin, von
dem Wissenschaftler herausgefunden haben, daß es
das Dopaminsystem nach dem Konsum von Kokain
wieder auf den normalen Stand bringen kann sowie die
Suchtsymptome und Rückfälle reduziert, die mit Drogenmißbrauch einhergehen.
"Wir führen gegenwärtig zur Behandlung der Kokainabhängigkeit mit drei oder vier Medikamenten Untersuchungsreihen am Menschen durch und erproben
Dutzende weitere in Tierversuchen", erklärt Charles
Schuster, der Leiter des amerikanischen Nationalen
Instituts für Drogenmißbrauch. "Diese Medikamente
sind jedoch keine Heilverfahren. Indem sie die Folgeerscheinungen der mißbrauchten Drogen blokkieren, gestatten sie es dem einzelnen, an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen und seine Verhaltensweise so zu ändern, wie es für ein drogenfreies
Leben erforderlich ist."

AMERIKA DIENST 43

�Das seit über einem Jahrzehnt bei der Behandlung von
Heroinsüchtigen eingesetzte Methadon ist eines der
wenigen zur Zeit von der amerikanischen Nahrungsund Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente für die Behandlung Drogenabhängiger. Von
den Forschern wird betont, daß sich Methadon als

äußerst wirksam bei der Verringerung des Heroinkonsums und der damit einhergehenden Kriminalität
erwiesen hat, wenn die Verabreichung mit regelmäßiger Beratung, Familientherapie und psychiatrischer
Behandlung einhergeht.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Seite 3

�VOICE

OF

AMERICA
30. Oktober 1991

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer
WASHINGTON - (AD) - Dem Direktor der Voice of America, Chase Untermeyer, zufolge braucht die Welt auch
nach dem Ende des kalten Kriegs eine starke Stimme der Freiheit, wie sie in den weltweiten Sendungen des von
ihm geleiteten Rundfunksenders zum Ausdruck kommt.
Anläßlich einer vom US-Informationsamt in Washington veranstalteten Konferenz mit dem Titel "Toward a
Postcommunist World" ging Untermeyer am 23. Oktober 1991 auf die künftige Rolle der Voice of America nach
dem Niedergang des Kommunismus ein. Dabei stellte er fest, "VOA ist niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen... Bei ihrer Gründung vor 50 Jahren bestand ihr ursprünglicher Zweck... darin, objektiv über
die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand dann den Schluß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil... vorzuziehen seien, so war dies die richtige Schlußfolgerung."
Nachfolgende veröffentlichen wir die Rede Untermeyers im Wortlaut.
Der Untergang des Kommunismus in der Sowjetunion,
Osteuropa und andernorts ist in jüngster Zeit viel

ihrer humanitären Version als Mittel, um den Armen
der Welt zu helfen oder in ihrer abstoßenderen Form

gefeiert worden, und das durchaus zu Recht, denn wir

als Ausdruck von Neid oder Rache.

haben viel zu feiern (selbst wenn wir durch den perlenden Champagner hindurch die Millionen Chinesen,
Kubaner, Vietnamesen und anderen sehen, die sich
nicht freuen).
Wenn es eine Party gegeben hat, so ist es nun an der
Zeit, das Licht auszudrehen und nach oben zu gehen,
um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und
während wir die Treppe emporsteigen, werden wir an
das berühmte Gedicht von Hughes Mearns erinnert, in
dem er sagt:
"As I was going up the stair,
"I met a man who wasn't there.
"He wasn't there again today.
"I wish, I wish he'd stay away."
Der kleine Mann mag nicht Karl oder Friedrich oder
Wladimir heißen, weil es nicht mehr schick ist, sich als
Marxisten oder Leninisten zu bezeichnen (obwohl
Maoisten immer noch in Ländern wie Peru und den
Philippinen ihrem tödlichen Handwerk nachgehen).
Aber wir kennen diesen kleinen Mann: Es ist derselbe
Geist, der Karl Marx an seinem Schreibtisch im Britischen Museum erfaßte und der in der ganzen Geschichte der Menschheit immer wieder aufgetaucht ist
und immer wieder auftreten wird - die Forderung nach
Umverteilung der Güter durch den Staat - entweder in
AMERIKA DIENST 43

Das Zehnte Gebot gilt seit 3500 Jahren, und trotzdem
begehrt die Menschheit nach wie vor den Besitz des
Nachbarn, der dadurch noch attraktiver wird, daß
jemand anders dafür gearbeitet hat. Vielleicht war es
diese Erkenntnis über die Gezeiten der Geschichte
und dieses Element der menschlichen Natur, die Lenin
zu folgender Feststellung veranlaßte:
Die Revolution vollzieht sich nie geradlinig, mit
einer kontinuierlichen Entwicklung. Statt dessen ist sie wie eine Kette, die aus Ausfällen und
Rückzügen, Angriffen und Ruhepausen besteht,
in denen sich die revolutionären Kräfte stärken
und auf den Endsieg vorbereiten können.
Kurzum: Was wir gefeiert haben, war der Zusammenbruch der Regime - den vergänglichsten Instrumenten
des Menschen. Andere andauernde Gefahren sind
noch nicht ausgeräumt und können sehr leicht unsere
Party verderben.
Die Mauer mag gefallen sein, aber die Mauern von
Haß, Neid und Mißtrauen stehen immer noch fest und
unzerstört, um Nationen zu trennen. Die kommunistischen Herrscher mögen geächtet sein, aber die Verfechter von Habgier, Ambitionen und Grausamkeit
sind immer noch mit all ihren Privilegien an der Macht
und leicht in der Lage, ihr eigenes Volk zu unterdrükken oder Aggression gegen ihre Nachbarn auszuüben.

Seite 1

�Ihre Flaggen tragen vielleicht nicht mehr Hammer und
Sichel (oder Hakenkreuze), aber sie können noch
immer Chaos auslösen, wo immer sie wehen.
Als Beweis für rasche Veränderungen auf der Welt
sollten wir uns die Situation im letzten glücklichen Jahr
- 1929 - vor Augen führen. Es war das Zeitalter
wachsender internationaler Zusammenarbeit, der
Abrüstung - eine Zeit, in der ernsthaft unterzeichnete
große Verträge zur Ächtung des Kriegs ein Mittel zur
Beilegung von Konflikten waren. Der größte Konflikt
über die Rückzahlung von Kriegsschulden war gelöst,
der ungefähr so heftig wie eine Diskussion über ausstehende Mitgliedsbeiträge in einem Herrenclub geführt wurde.
1929 war das Jahr, in dem der Außenminister, der
große Henry L. Stimson, die sogenannte Black Chamber - den Entschlüsselungsraum - des US-Außenministeriums schloß, weil, wie er erklärte, "Gentlemen die
Post des anderen nicht lesen". Stimson war kein
naiver Mann. Er unternahm diesen Schritt, weil (mit
den Worten seines autorisierten Biographen, McGeorge Bundy), "Die Welt guten Willens dauerhaften Frieden anstrebte, und alle Nationen sich an dieser Bestrebung beteiligten."
Wie Bundy feststellte, unterschieden sich die ersten
zwei Jahre von Stimson Amtszeit von den zweiten "wie
Tag und Nacht". Bis zum Jahr 1931 waren "drei
schreckliche Tatsachen" aufgetreten, um dieses friedfertige Weltreich zu verändern.
Um nochmals Bundy zu zitieren:
"Erstens stürzte der wachsende Sturm weltweiter
Depression das Finanzsystem der Nachkriegszeit wie
ein mutwilliges Kind eine Reihe von Zinnsoldaten
umwirft - indem es den Kleinsten im hintersten Glied
umschmeißt.
Zweitens, in einem durch Leiden ausgelösten Ausbruch und indem sie Stärke aus dem offensichtlichen
Scheitern einer friedliche Führung ableiteten, wagten
die Militärs in Japan das Abenteuer der Aggression
(indem sie die Mandschurei eroberten).
Drittens - und von allem am schlimmsten - wurde bald
klar, die Stimmung in den Vereinigten Staaten war
derart, daß (die Vereinigten Staaten) nur noch die
gravierendsten Auswirkungen der wirtschaftlichen
Katastrophe und militärischen Aggression abschwächen konnten."
Es liegt mir fern, anzudeuten, 1991 sei 1929 - einen
Republikaner lie ße der Gedanke erschauern - sondern
ich möchte beweisen, wie schnell sich die Gegebenheiten auf der Welt ändern können. In der Tat können
sie sich aufgrund der enormen Kommunikationsfortschritte heute sehr viel schneller ändern als vor 60
Jahren.

Seite 2

Dies bringt uns zur Rolle internationaler Rundfunkübertragungen in einer solchen Welt. Amerikanische
und britische Sendeanstalten - Voice of America,
Radio Free Europe, Radio Liberty und die BBC können zu Recht stolz auf ihre Rolle bei der Förderung
und Verbreitung der triumphalen demokratischen
Veränderungen in Osteuropa, der Sowjetunion und
andernorts sein. Vaclav Havels Bekenntnis, daß die
VOA-Sendungen ihm im Gefängnis Hoffnung machten, sind bereits Legende. Michail Gorbatschows
Erklärung, er habe sich auf VOA, BBC sowie Radio
Free Europe und Radio Liberty verlassen, um zu
erfahren, was während seiner erzwungenen Rekonvaleszenz auf der Krim im vergangenen August auf der
Welt vor sich ging, und Boris Jelzins dringende Anweisung an die demokratischen Kräfte in Rußland, über
USIA und insbesondere VOA unter seinem Volk die
Nachricht zu verbreiten, daß die Panzer sein Weißes
Haus umstellten, belegen diese Tatsache.
Die Frage, die mir häufig gestellt wird, lautet: "Welche
Rolle kommt der Voice of America jetzt zu, da der
Kommunismus tot ist oder im Sterben liegt?" Ich
antworte, VOA sei niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen, um sich dem Kommunismus zu
widersetzen oder die UdSSR abzulehnen. Ihr ursprünglicher Zweck, als sie im kommenden Februar
vor 50 Jahren in den schlimmsten Tagen des Zweiten
Weltkriegs gegründet wurde, bestand darin, objektiv
über die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand den Schlu ß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil dem in der
Sowjetunion oder China vorzuziehen seien, nun, so
war dies die richtige Schlußfolgerung.
Vielleicht verwechseln meine Fragesteller VOA mit
Radio Free Europe und Radio Liberty. Auch sie
werden voll und ganz von der US-Regierung finanziert,
sind jedoch von USIA unabhängig und sogenannte
Ersatzsender mit dem Ziel, als tschechische, polnische oder ukrainische Radiosender zu fungieren statt
der nationalen Sender. Der Unterschied wurde folgendermaßen definiert: Wenn VOA "wir" sagt, bedeutet
dies, wir Amerikaner, wenn Radio Free Europe und
Radio Liberty "wir" sagen, meinen sie, wir Ungarn,
Usbeken, wir Rumänen usw.
Die Mission der Radiosender wurde erfolgreich durchgeführt, und der Tag, an dem sie erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist in Sicht. Aber noch nicht
ganz: die Führungen der aufstrebenden Demokratien
in Osteuropa, vor allem Polen, der Tschechoslowakei
und Ungarn haben die Vereinigten Staaten (eigentlich
die US-Haushaltsbehörde) gebeten, weiterhin in ihren
Ländern zu senden, bis sie die Zeit finden, selbst lokale
Radiosender und einen Stab unabhängiger Journalisten zu bilden.

AMERIKA DIENST 43

�Ein weiteres berühmtes Paar von Ersatzsendern unter
der Ägide von USIA sind Radio und TV Marti, die
natürlich nur nach Kuba senden. Radio Marti ist bei
einem Hörerpublikum von fast 80 Prozent auf der
ganzen Insel außerordentlich beliebt. TV Marti verfügt
nicht über dieselben Möglichkeiten, weil es nur vor
Tagesanbruch zweieinhalb Stunden täglich sendet.
Aber sein Programm wird immer besser im Hinblick auf
zuverlässige Nachrichten und Informationen für diejenigen, die bereit sind, aufzustehen und ihnen zuzuhören und die sie trotz der von Castro veranlaßten
Störungen hören können.
Es gibt noch einen Vorschlag für eine andere Art
Ersatzradiosender, etwa ein Radio Free China oder
ein Radio Free Asia. Eine sehr große Koalition im
Kongreß ist dafür, die Regierung verhält sich dazu
offiziell neutral, hat aber der Zusammenarbeit mit einer
Kommission zugestimmt, um dieses spezielle Problem zu sondieren.
Unserer Ansicht nach ist bei VOA keine bürokratische
Schlacht um Einf lu ßgebiete im Gange, weil es unserer
Ansicht nach nicht vor allem darum geht, was die eine
oder andere Behörde in Washington denkt, sondern ob
der Hörer in Schanghai, Pjöngjang oder Hue mehr von
einem neuen Sender oder einer stärkeren Voice of
America profitiert. In der Zwischenzeit sendet VOA
über 21 Stunden täglich nach China - in Mandarin,
Kantonesisch, Tibetanisch und Englisch. Ich möchte
hinzufügen, daß lediglich die englische Übertragung
nicht gestört wird.
In der ehemals kommunistischen Welt Osteuropas
und anderer Länder hat VOA nach wie vor die Aufgabe,
an grundlegenden Instruktionen zum Aufbau der
Demokratie und den Mechanismen der Marktwirtschaft
mitzuwirken. Sogar die rudimentärsten Dinge, wie
man eine Besprechung durchführt, einen Kredit beantragt, was in den Federalist Papers steht, werden von
unseren Hörern in Osteuropa und der Sowjetunion
begeistert verfolgt.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Zu dem Argument, daß es sich bei VOA nicht um ein
Werkzeug des kalten Kriegs handelt, gibt es zwei
Beispiele aus jüngster Zeit, die nichts mit Ost-WestPolitik oder Ideologie zu tun haben, aber die dringende
Notwendigkeit internationaler Rundfunkübertragungen
illustrieren. Das erste betrifft Haiti, wo eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt wurde und bis heute
die einzig verläßlichen Meldungen und Informationen,
die das haitanische Volk in seiner eigenen Sprache
hören kann, aus den Vereinigten Staaten, von der
Voice of America kommen.
Das zweite Beispiel ist Burma, wo erst letzte Woche
Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis erhielt. Die
Meldung von ihrem Erfolg und der Hoffnung auf eine
demokratische Zukunft, die dies für das burmesische
Volk beinhaltet, wurde von den beiden internationalen
Radiosendem in Burmesisch, der Voice of America
und der BBC übertragen. Am Tag, als ihr der Preis
verliehen wurde, kommentierte das Wall Street Journal, es sei nicht sicher, daß Aung San Suu Kyi die
Berichte gehört habe, weil sie seit zwei Jahren von der
Außenwelt abgeschnitten sei. "Aber sicher ist, daß die
40 Millionen Bürger Burmas durch die Voice of America und die BBC von der Auszeichnung wissen und sich
darüber freuen. Jedes Signal, daß die Welt vom
Leiden in Burma weiß, kann nur diejenigen ermutigen,
die es beenden wollen."
Auch wenn der Kommunismus so tot ist wie eine
Moskauer Telephonleitung, werden die Voice of America
und alle internationalen Rundfunksender eine wichtige
Rolle spielen. So lange Menschen andere unterdrükken, muß es freie laute Stimmen geben, die von
weither die Informationen verbreiten und - noch wichtiger - Hoffnung vermitteln. Archibald MacLeish hat
dazu einmal bemerkt: "Es gibt immer Leute, die
erklären, die Freiheit der Gedanken und der Menschen
sei nur ein Traum, und sie haben recht. Es ist der
amerikanische Traum."

*

*

Seite 3

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42

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

23. Oktober 1991

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n 7HEUE

WELTORDNUNG

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew

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RÜSTUNGSKONTROLLE

USA DRANGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman
vor UNO-Ausschuß

IWF/WELTBANK

BRADY FORDERT REFORM
VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF
und Weltbank

PORTRAT

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr

DAS MEINUNGSBILD
IN AMERIKA

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung,
Entwicklungshilfe, Wirtschaft

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUE

WELTORDNUNG
23. Oktober 1991

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew
WASHINGTON - (AD) - Der für internationale Sicherheitsfragen zuständige Staatssekretär im US-Außenministerium, Reginald Bartholomew, hat am 17. Oktober 1991 bei einer Konferenz der Georgetown University mit
dem Titel "Die Vereinigten Staaten, Europa und die Strukturen einer neuen Weltordnung" folgende Rede
gehalten (es gilt das gesprochene Wort):

Ich möchte einige Überlegungen zu dem meiner Meinung nach zentralen Thema dieser Konferenz anstellen: Wie sollte das Programm der transatlantischen
Staatengemeinschaft in der neuen Weltordnung aussehen, die sich uns heute eröffnet?
Der Zusammenbruch des Kommunismus', die dramatischen gegenwärtigen Veränderungen im Gefüge der
Sowjetunion, die Wiedergewinnung der Souveränität
durch die Staaten Mittel- und Osteuropas, die beschleunigte Entwicklung zur europäischen Einheit diese Ereignisse, die sich gerade in den vergangenen
beiden Jahren vollzogen haben, haben das bisherige
Programm, die alte Ordnung, schlicht ausgelöscht.
Der einst alles dominierende Imperativ der Eindämmung des ständigen sowjetischen militärischen und
politischen Drucks im Herzen Europas wird unser
Programm nicht länger beherrschen.
Die Weltordnung, die über mehr als 45 Jahre hinweg
von der Konfrontation zwischen zwei ideologisch
gegensätzlichen Systemen und Supermächten definiert wurde, ist nun auf Dauer überwunden.
Nichts könnte dies deutlicher unterstreichen als der
außergewöhnliche Meinungsaustausch zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, der durch
Präsident Bushs Initiative ausgelöst wurde und an dem
ich in Washington und Moskau unmittelbar teilnehmen
durfte.
Das neue Programm und die neue Ordnung
Welche Aufgaben sind heute von der transatlantischen Staatengemeinschaft zu bewältigen? Welches
sollten unsere internationalen Prioritäten sein? Was
für eine neue Weltordnung sollten wir anstreben?
AMERIKA DIENST 42

Dies waren Fragen, mit denen die Staats- und Regierungschefs des atlantischen Bündnisses bei ihrem
Londoner Gipfel im Juli 1990 konfrontiert waren und
mit denen sie sich bei ihrem im nächsten Monat in Rom
anstehenden Gipfel erneut auseinandersetzen müssen.
Wir können die Antwort auf diese Fragen folgendermaßen umreißen: Mit dem Verschwinden der unmittelbaren Bedrohung und der bipolaren Welt müssen wir
unsere Energien nun auf die harte und komplizierte
Arbeit des Auf baus der soliden Fundamente dauerhafter Sicherheit und der positiven Weltordnung konzentrieren, in der wir leben möchten.
Zunächst müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um zur Entwicklung demokratischer
politischer Systeme und freier Volkswirtschaften mit
stabilen Beziehungen untereinander beizutragen. Dies
gilt für die ganze Welt, aber in besonderer Weise für
den menschlich und strategisch so bedeutenden Raum,
der sich östlich der Oder erstreckt.
Dies ist der einzige Weg, mit dem wir sicherstellen
können, daß der gegenwärtige radikale Umbruch unsere
beiderseitige Sicherheit und unseren Wohlstand konsolidiert anstatt neue Bedrohungen hervorzubringen.
Mit anderen Worten: Dies muß von dieser Generation
an das beherrschende und leitende Element unseres
Programms sein.
Jedoch können wir uns auf dieses große politische
Unterfangen nur dann konzentrieren, wenn wir weiterhin die militärische Macht und Organisation aufrechterhalten, die uns Vertrauen in unsere eigene Sicherheit verleihen.

Seite 1

�Das Vertrauen, daß niemand attraktive oder auch nur
mögliche militärische Optionen gegen uns und unsere
Interessen erkennen kann - aus welchem Bereich
auch immer.
Das Vertrauen, daß wir auf jegliche Gewaltanwendung
erfolgreich reagieren können und weiden.
Das Vertrauen, daß die Organisation unserer Verteidigung weiterhin kollektiv und nicht in Konkurrenz zu
einander erfolgen wird.
Wie Außenminister Baker festgestellt hat, ist unser
Ziel der Aufbau einer echten euro-atlantischen Gemeinschaft - von Vancouver bis Wladiwostok -, die auf
gemeinsamen Werten, Demokratie, Menschenrechten sowie freien und offenen Märkten beruht.
Die Säulen dieser Gemeinschaft werden von drei
lebenswichtigen Institutionen gebildet: NATO, EG und
KSZE.
Jede dieser Institutionen unterliegt Veränderungen:
der Annahme neuer und der Neudefinierung alter
Rollen.
Jede leistet ihren einzigartigen Beitrag zur größeren
Gemeinschaft. Ohne diese Institutionen könnte die
neue euro-atlantische Gemeinschaft nicht aufgebaut
werden.
Es gibt keinen festen Plan dafür, wie sich diese Organisationen in die neue Gemeinschaft, die wir heute
aufbauen, einfügen werden. Es wird zu Überlagerungen, zu Verwirrung und sogar zu Spannungen kommen.
Wenn wir jedoch an unseren gemeinsamen Werten,
unseren gemeinsamen Zielen und unserem Engagement zum Aufbau einer besseren Welt festhalten, ist
unser Erfolg gesichert.
Die atlantischen Beziehungen
Das atlantische Bündnis war aus vielen Gründen erfolgreich. Ein wesentlicher Grund für unseren Erfolg
war der zwischen uns bestehende grundsätzliche
Einklang von Idealen und Zielen. Die Partnerschaft
hätte niemals aufrechterhalten werden oder gedeihen
können, wenn sie nicht mehr gewesen wäre als lediglich ein militärisches Bündnis.
Seinem wahren Charakter nach ist das atlantische
Bündnis seit jeher ebenso ein philosophisches, kulturelles und soziales Bindeglied wie ein formelles militärisches Bündnis. Unser gemeinsames Engagement selbst in seinen militärischen Bereichen und Formen ging stets über die rituellen Zusagen militärischer
Unterstützung hinaus, wie sie die Bündnisse der Vergangenheit kennzeichneten.
Insbesondere im Atomzeitalter, in dem Verteidigung
das Überleben einer Zivilisation sichert, ist die transat-

Seite 2

lantische Verbindung so tiefgreifend, daß sie die Grundlagen unserer inneren wie auch unserer internationalen Identität beeinflußt.
Aber heute gilt die alte Ordnung nicht mehr. Am
Horizont deutet sich eine neue Ordnung an. Trotz
unserer Stärken ist ein automatischer Erfolg unserer
Vision der Zukunft nicht gesichert. Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind sogar noch komplizierter als diejenigen, die wir gerade erst bewältigt
haben. Die Einheit wird besonders dann in Frage
gestellt, wenn das Gefühl für die äußere Bedrohung
abgenommen hat.
Ich möchte deshalb eine ganz wichtige Botschaft
unterstreichen: Eine neue und bessere Ordnung kann
nicht erreicht werden, wenn die beiden großen Quellen
demokratischer Stärke - Europa und Nordamerika nicht weiterhin in einer transatlantischen Gemeinschaft
mit einem gemeinsamen Programm vereint bleiben.
Wir wissen bereits, wie schwierig es sein wird, Demokratie und Stabilität in Mittel- und Osteuropa zu festigen und ihre Entwicklunmg in der Sowjetunion zu
fördern.
Nur durch engste Kooperation können wir letztlich den
Erfolg unserer gemeinsamen Sache gewährleisten.
Es gibt hier Arbeit für alle Europäer und transatlantischen Institutionen, und die NATO hat sich der Aufgabe mehr als gewachsen gezeigt.
Ihr ideenreiches Programm mit ihren früheren Gegnern - den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten - ist
ein überwältigender Erfolg. Diese Länder sind dafür
sehr empfänglich, - sie haben den Kontakt gesucht und die NATO hat sich dies zunutze gemacht, um
westliche Ideen von Demokratie und Sicherheit dort
verankern zu helfen, wo sie am dringendsten benötigt
werden.
Dies ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen
- die Tatsache, daß sich alle Länder im Osten angesichts ihrer veränderten Regierungen nicht nach innen, sondern nach außen zum Westen - einschließlich
der NATO - wenden.
Tatsächlich betrachten die Länder Mittel- und Osteuropas sowie die Sowjetunion die NATO als wichtiges
Element der Sicherheit und Stabilität auf dem Kontinent, an dem sie teilhaben wollen.
Die zugrundeliegenden Stärken der transatlantischen
Partnerschaft und die vor uns liegende große politische Aufgabe sollten die Sorgen derjenigen zerstreuen, die angesichts einer Reduzierung der militärischen
Bedrohung fürchten, die NATO habe keine Existenzberechtigung mehr. Aber im militärischen Bereich ist
die durch unser Bündnis ermöglichte integrierte Struktur eine besondere Garantie für Stabilität und Frieden.

�Bei der jetzt in Europa entstehenden verworrenen
Situation kann die NATO die Sicherheit und das Vertrauen einer demokratisch verwurzelten, integrierten
militärischen Macht und Struktur bieten, die die von mir
bereits dargelegte Rolle übernehmen kann.
Die NATO kann die Energien Westeuropas und Nordamerikas bündeln, um eine Militär- und Sicherheitsstruktur zu entwerfen, die sich an bestimmten Werten
orientiert.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
Gipfel mit Meilensteincharakter abgehalten, und nächsten Monat wird ein dritter Gipfel stattfinden, auf dem
es sich und die neue Welt, mit der es sich konfrontiert
sieht, neu gestalten wird.
Bei ihrem Gipfel 1989 in Brüssel hat die NATO die
Initiative ergriffen und die ungeheure Konzentration
konventioneller Streitkräfte in Europa abgebaut. Ferner hat sie ein politisches Programm vorgestellt, um
die Teilung des Kontinents zu beenden.
Bei ihrem Londoner Gipfel 1990 hat die NATO eine
Reihe umfangreicher Initiativen in die Wege geleitet,
um auf die gegenwärtig stattfindenden demokratischen Revolutionen im Osten zu reagieren und sie
gestalten zu helfen. Deshalb hat die NATO einen
Prozeß zur eigenen Umgestaltung eingeleitet:
das von mir bereits erwähnte Programm der
NATO mit der Sowjetunion und Osteuropa,
eine Reihe von Initiativen zur Stärkung der
KSZE,
die Aufnahme der Arbeit zur Neugestaltung der
militärischen Organisation und Kommandostruktur der NATO und
die Einleitung der grundlegenden Überprüfung
der NATO-Strategie und Doktrin.

Unsere eigenen Interessen und die Art und Weise ihrer
Verflechtung mit der Weltwirtschaft und der Technologiewirtschaft zeigen uns, daß wir uns nicht grundsätzlich oder radikal nach innen kehren dürfen.
Wir sind uns - ebenso wie auch andere - bewußt, daß
die Rolle und der Beitrag der Vereinigten Staaten
weder in Europa oder der Welt vollständig verwirklicht
noch hier politisch gerechtfertigt werden können, wenn
die Vereinigten Staaten "im Abseits stehen" oder
unerreichbar sind. Und das meine ich nicht nur im
politischen sondern auch im militärischen Sinne.
Das soll nicht heißen, daß die amerikanische Rolle in
Europa und der Welt unveränderlich ist oder daß sie
sich nicht an die jetzt von uns zu schaffende ganz
andere Ordnung anpassen sollte.
Natürlich wird die amerikanische Militärpräsenz in Europa
viel geringer sein obwohl unsere konventionellen Streitkräfte ein wichtiger Faktor im neuen Gleichgewicht
bleiben und unsere nuklearen Streitkräfte nach wie vor
die Basis für westliche Sicherheit darstellen werden.
Darüber hinaus sind wir bereit, auch unsere politische
Rolle zu verändern.
Die meiste Zeit in der Ära nach dem kalten Krieg haben
die Vereinigten Staaten eine führende Rolle im Atlantischen Bündnis gespielt - und einen entscheidenden
Anteil am politischen Willen, der erforderlichen Energie und den militärischen Ressourcen aufgebracht.
Dies wurde nicht willkürlich von Amerikanern oder
Europäern geleistet. Es war eine Reaktion auf die
massive und unmittelbare sowjetische Bedrohung,
eine Reflektion des relativen Gleichgewichts zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa im Hinblick auf
den Willen und die Fähigkeit zu handeln und ein
Produkt der einzigartigen Rolle Amerikas als nuklearem Garant.

Im nächsten Monat wird ein Gro ßteil dieser Arbeit beim
Gipfeltreffen in Rom vollendet und neue Aufgaben
verteilt werden. Die im laufenden Monat herausgegebene Gemeinsame Erklärung der Außenminister Baker
und Genscher bietet verschiedene Ideen über den
einzuschlagenden Weg an.

Aber das heutige Programm und die von uns angestrebte neue Ordnung zusammen mit neuen Impulsen
für die europäische Identität bereiten den Weg für eine
größere europäische Rolle bei den uns alle angehenden Entscheidungen für Sicherheit und Verteidigung.

Eins möchte ich dazu nachdrücklich feststellen: die
Vereinigten Staaten werden ein voll und ganz engagiertes Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft
und des Atlantischen Bündnisses bleiben. Sie werden
femer eine europäische Macht und eine Weltmacht
bleiben.

Meiner Ansicht nach ist die Hinwendung zu einer
europäischen Union ebenso grundlegend wichtig ganz bestimmt für viele Europäer in Ost und West - wie
die turbulenten Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen.

Meiner Ansicht nach weiß das amerikanische Volk,
daß wir nicht einfach nach Hause gehen können, weil
weder wir noch die Welt so sind wie vor fünfzig Jahren.

Seit 1945 haben Politiker zu beiden Seiten des Atlantiks geglaubt, die europäische Identität lasse sich am
besten durch Konzentration auf praktische Aufgaben
wiederherstellen.

AMERIKA DIENST 42

Europas neue Identität und Einheit

Seite 3

�Wenn ein Amerikaner das sagen darf: dieser Prozeß
hat hervorragend funktioniert. In jeder Phase ihrer
institutionellen Entwicklung hat die Europäische
Gemeinschaft die Entwicklung der europäischen Identität ein Stück vorangebracht.
Mit der Verwirklichnug des Gemeinsamen Markts 1993
und Fortschritten im Hinblick auf eine Wirtschafts- und
Währungsunion wird die nächste Aufgabe darin bestehen, die Institutionen des gemeinsamen politischen
Willens zu stärken. Dies wird wahrscheinlich die
schwierigste Aufgabe sein.
Europas Vision über seine Rolle im 21. Jahrhundert
muß noch vervollständigt werden. Sogar die Definition
des gegenwärtigen Europas muß noch erarbeitet
werden. Soll es weiterhin nur in den geographischen
Grenzen der europäischen Halbinsel bestehen? Oder
sprechen wir lediglich von einer geringfügig erweiterten EG? Oder möchte Europa seine Führungsrolle in
der euro-atlantischen Gemeinschaft erweitern, wie sie
Außenminister Baker beschrieben hat?
Dies sind grundlegende Fragen, auf die ich keine
spezifische Antwort geben kann und sollte. Ich bin mir
jedoch einer Sache gewiß. Europa kann nicht gedeihen, wenn es seinen Blickwinkel auf den eigenen
Kontinent begrenzt: Wenn die Amerikaner nicht nach
Hause zurückkehren können, kann es auch Europa
nicht. Es scheint ebenso sicher, daß Europa nicht auf
das Territorium der jetzigen EG begrenzt werden darf.
Das Engagement der EG für die Staaten Mittel- und
Osteuropas - und darüber hinaus - kann den wichtigsten Kontakt dieser Staaten zu westlichen Werten und
Institutionen bieten.
Diese täglichen Kontakte mit den aufstrebenden
Demokratien können vielleicht mehr dazu beitragen
diese Länder in demokratische, wohlhabende und
stabile Gesellschaften umzugestalten als alle anderen
politischen, wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen
Verbindungen, die der Westen zu bieten hat.
Ich möchte einen Punkt eindeutig klarstellen. Die
Vereinigten Staaten verstehen, wie schwierig es war,
den Prozeß der europäischen Identität voranzubringen. Wir stimmen überein, daß die Entwicklung weiterer Intitutionen, die aus einem zur Teilung der Souveränität bereiten Kern von Staaten entsteht, das beste
Erfolgsrezept ist. Ohne die heutigen Schlagzeilen
oder irgendwelche anderen spezifischen Vorschläge
ansprechen zu wollen, unterstützen wir den Wunsch
dieser Kernstaaten uneingeschränkt, jetzt die Definition einer gemeinsamen Politik in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung in Angriff zu nehmen.
Wir alle können von der neuen Stärke und Energie
profitieren, die hoffentlich die Folge sein werden.
Wir hoffen auf Fortschritte bei der Entwicklung einer
europäischen Sicherheitsidentität beim EG-Gipfeltref-

Seite 4

fen im Dezember in Maastricht. Zusammen mit dem
NATO-Gipfeltreffen sehen wir dies als Teil eines großen historischen Prozesses.
Natürlich - und ich sage natürlich, weil dies meines
Erachtens im großen und ganzen auf beiden Seiten
des Atlantiks verstanden wird - kann eine eindeutige
europäische Identität einschließlich der politischen
und organisatorischen Strukturen einer solchen Identität nur erfolgreich aufgebaut werden, wenn sie von
der Welt ausgent, wie sie sich seit 1945 entwickelt hat.
Es ist eine Welt, in der der Begriff "europäische Kultur"
in Nordamerika so aktiv verstanden wird wie in Europa.
Es ist eine Welt, in der die Berechnungen der wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit nicht länger
in getrennten europäischen und amerikanischen Kategorien definiert werden können. Es ist die Welt einer
transatlantischen Gemeinschaft, die in den vergangenen 45 Jahren aufgebaut wurde.
Ich möchte hier auf die tiefgreifenden Auswirkungen
verweisen, die die Uruguay-Runde auf die zukünftigen
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa haben kann.
Der Erfolg der Uruguay-Runde wird an sich schon die
beste Garantie dafür sein, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich weiterhin des erforderlichen Wohlstands zur Verwirklichung unserer umfassenderen
politischen Ziele erfreuen.
Dies wird in den Vereinigten Staaten jedoch nicht nur
als reine Handelsangelegenheit angesehen. Es wird
uns etwas wichtiges über die Offenheit Europas gegenüber der Welt vermitteln und darüber, wie die
europäischen Mechanismen der Einigung funktionieren - heute im Bereich der Wirtschaft und morgen bei
Außen- und Sicherheitspoltitk.
Der vor uns liegende Weg und die umfassenderen
europäischen Strukturen
Während wir mit Befriedigung auf die tiefgreifenden
positiven Veränderungen der vergangenen zwei Jahre
zurückblicken, führt der vor uns liegende Weg bereits
zu jahrhundertealten wiederaufflammenden Rivalitäten - am dramatischsten in Jugoslawien aber auch in
anderen Regionen. Nationale und religiöse Volksgruppen, deren Wünsche seit Generationen unterdrückt
wurden, finden es schwer verständlich, warum sie
nicht die Früchte der Selbstbestimmung genießen
können, die der Westen so lautstark für sich in Anspruch nimmt.
Selbst während militärisches Gerät drastisch reduziert
wird, macht sich im östlichen Teil Europas Verwirrung
über Ziel und Zweck der nationalen Verteidigung breit.
Begriffe wie "Sicherheitsvakuum" enthüllen die echte
Besorgnis über die Fähigkeit der neuen demokratischen Gesellschaften, sich gegen mögliche Feindseligkeiten von innen oder außen zu schützen.

AMERIKA DIENST 42

�Während meines jüngsten Besucchs in Moskau im
Anschluß an die Initiative des Präsidenten zu Nuklearwaffen wurde ich mit zahlreichen dieser Ängste konfrontiert. Bei einem Treffen fand ich mich in Gegenwart
der Vertreter aus vier Republiken, die alle Nuklearwaffen auf ihrem Territorium stationiert haben. Bei späteren Gesprächen stellten wir fest, da ß diese Republiken
ihre "Souveränität" ernst nehmen.
Daher wird der Prozeß der "europäischen Sicherheit"
in Zukunft eine noch tiefgreifendere politische Anstrengung bedeuten. Jede neue und bessere Weltordnung
muß zuallererst diese neuen Visionen der nationalen
Identität und Souveränität in eine Struktur integrieren,
die Diversifizerung gestattet und gleichzeitig die Mittel
zur Bewältigung von Spannungen bereitstellt.

Wir können jedoch die uns zur Verfügung stehenden
Instrumente nutzen, um die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Ich habe stets von der wichtigen Rolle
von NATO und EG gesprochen. Diese beiden Kernorganisationen werden von der KSZE umrahmt.
Die KSZE hat eine andere Funktion als NATO und EG.
Während die beiden erstgenannten Organisationen
von gemeinsamen Zielen und Interessen ausgehen,
besteht die Aufgabe der KSZE darin, eine solche
Harmonie zwischen Nationen herzustellen, die sich bis
vor kurzem noch im Konflikt befanden. Daher bieten
NATO und EG durch ihren bloßen Charakter Sicherheit, indem sie gemeinsame Ziele bündeln. Die KSZE
wiederum versucht, Sicherheit zu schaffen, indem sie
so viele Gemeinsamkeiten wie möglich hervorbringt.

Das wird nicht leicht sein. Die tragischen Ereignisse in
Jugoslawien sind ein dramatischer Beweis dafür. In
den vergangenen Jahren haben Experten an den
Verfahren für Krisenmanagement und Konfliktlösung
gearbeitet. Sie konzentrieren sich vornehmlich auf die
KSZE in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

Zu dem neuen Europa kann die KSZE durch zwei
Aspekte beitragen, die sonst nirgends geboten werden:

In den kommenden Jahren wird sich unser Engagement für den langfristigen Prozeß des Aufbaus demokratischer Institutionen wahrscheinlich wiederholt mit
solchem Wiederaufflackern von Konflikten konfrontiert
sehen. Traditionelle Konzepte wie Souveränität und
Selbstbestimmung werden im Licht der neuen Gegebenheiten geprüft und überprüft werden.

Und sie stellt die Spielregeln auf. Die Schlußakte legt
in der Tat eine Art von Straßenkarte für demokratische
Entwicklung in Europa fest. Wenn sich die Nationen an
diese Straßenkarte halten, sind die Erfolgsaussichten
enorm verbessert.

Die wichtigste Tatsache, die man sich vor Augen
führen muß, ist, daß es keine einfache Lösung gibt. Es
wird den westlichen Nationen nicht möglich sein, Freundschaften mit Menschen zu schließen, die ein tiefes
Gefühl des Konflikts untereinander empfinden. Wir
werden das perfekte System für Krisenmanagement
nicht erfinden.

Sie ist wirklich universal. Sie bietet den Rahmen für
Zusammenarbeit zwischen Nationen mit höchst unterschiedlichem Hintergrund und Zielen.

Ich möchte diese Ausführungen mit zwei Bemerkungen abschließen. Die Vereinigten Staaten sind der
Auffassung, daß in dieser ersten Phase des Aufbaus
einer Weltordnung nach dem kalten Krieg ein Mosaik
politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer
Bestrebungen erforderlich sein wird, um den vor uns
liegenden Herausforderungen zu begegnen. Es gibt
keine allgemeingültige Antwort. Keine Institution kann
allein alle Bedürfnisse erfüllen.

* *

AMERIKA DIENST 42

*

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
23. Oktober 1991

USA DRÄNGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem Direktor des amerikanischen Rüstungskontroll- und Abrüstungsamts
(ACDA), Ronald Lehman, zufolge werden die Vereinigten Staaten sich weiterhin für die Verwirklichung der
Rüstungskontrolle engagieren, auch wenn die Verantwortung nicht ausschließlich bei ihnen liegt.
"Das künftige Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die Staaten in anderen Regionen der Welt insbesondere in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und Konflikten Gewalt und Chaos drohen - in Wort
und Tat engagieren", erklärte Lehman am 15. Oktober 1991 in einer Rede beim Ersten Ausschuß der UNGeneralversammlung, dem Forum der Vereinten Nationen, in dem Themen wie internationale Sicherheit und
Rüstungskontrolle erörtert werden.
Lehman fügte hinzu, die internationale Staatengemeinschaft beginne zu verstehen, daß Sicherheitskonzepte,
"wenn sie wirklich Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen und nicht nur die Anzahl der Waffen in
nationalen Arsenalen erfassen dürfen". Sie müssen "wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität, Menschenrechte und Freiheiten" einbeziehen, stellte Lehman in seinen Ausführungen fest, die eine Bilanz der derzeitigen
und zukünftigen Rüstungskontrollstrategie der Vereinigten Staaten zogen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von ACDA-Direktor Lehman im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, erneut vor
diesem erlauchten Gremium sprechen zu dürfen und
ihnen die Ansichten meiner Regierung zu den wichtigen Themen darzulegen, mit denen sich dieser Ausschuß konfrontiert sieht. Als Forum der Vereinten
Nationen zur Erörterung von Themen wie internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle ist der Erste
Ausschuß wesentlicher Bestandteil weltweiter Bestrebungen für dauerhaften Frieden und Stabilität. Wir
sind hier zusammengekommen, um Bilanz über die
Fortschritte dieser Arbeit zu ziehen und herauszufinden, wie wir die Sache des Friedens weiter voranbringen können.
In diesem Zusammenhang möchte ich die neuesten
Mitglieder der Vereinten Nationen begrüßen. In diesen
Pionierzeiten sind neue Impulse beim Aufzeigen des
zukünftigen Kurses von Rüstungskontrolle und Abrüstung außerordentlich wichtig. Im Namen der amerikanischen Regierung möchte ich Sie alle aufrichtig
willkommen heißen.
Vor dem Hintergrund eines sich radikal verändernden
internationalen Szenariums wurde vielfach die Frage
aufgeworfen, ob es eine dauerhafte Rolle für Rü-

AMERIKA DIENST 41

stungskontrolle und Abrüstung gibt. Mit der Unterzeichnung des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) Anfang August und der
Abkehr der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
von der Konfrontation des kalten Kriegs wurden in der
Tat Vermutungen laut, daß Rüstungskontrolle ihren
Zweck erfüllt habe und der Rüstungskontrollprozeß
beendet sei. Diese Prognosen waren absolut falsch.
Der Putschversuch in Moskau und die darauf folgenden dramatischen Veränderungen in der Sowjetunion,
die Ereignisse im Irak nach dem Golfkrieg sowie die
andauernde Gewalt in anderen Regionen der Welt
führen uns allen vor Augen, daß Rüstungskontrolle
das entscheidende Element von Außenpolitik und
internationaler Sicherheit bleiben muß.
Während wir das Umfeld der Rüstungskontrolle sondieren, müssen wir uns jedoch bewußt sein, daß wir
uns an einem Scheideweg befinden, an dem Schnittpunkt, an dem das Alte auf das Neue trifft. Herkömmliche Aspekte der Rüstungskontrollandschaft bleiben
bestehen, aber neue Elemente sind hinzugekommen.
Unsere vordringlichsten Rüstungskontrollaufgaben
konzentrieren sich immer weniger auf die traditionellen
Fragen des militärischen Gleichgewichts zwischen
Ost und West sondern vielmehr auf die Probleme von

Seite 1

�Instabilität und Gewalt, die nur wenig oder überhaupt
nicht ideologisch gefärbt sind, die an unerwarteten
Orten und in ungeahnter Weise aufbrechen und unser
aller Frieden und Wohlergehen bedrohen. Diese
Bedrohung wird noch durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme
verschärft. Dies ist eine Gefahr, die aufkeimende
Bestrebungen zu Demokratie und Freiheit weltweit im
Keim zu ersticken droht, die als Symbol für das Ende
des kalten Kriegs standen.
An diesem Scheideweg befinden wir uns an einem
besonders guten Ausgangspunkt, um das Terrain der
Rüstungskontrolle zu sondieren. Gestatten Sie mir,
eine Bilanz der amerikanischen Sichtweise vorzunehmen, wo wir bei Rüstungskontrolle stehen und welchen Kurs wir in Zukunft einschlagen müssen.
Wenn wir das derzeitige Terrain sondieren und über
den Horizont blicken, müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß Entscheidungen der Vergangenheit
unseren heutigen Standort bestimmt haben, ebenso
wie die Entscheidungen an diesem Wendepunkt unseren Weg für die Zukunft definieren werden.
Während der Spannungen des kalten Kriegs wurde
das Fundament für unser aktuelles Programm gelegt.
Während jener Tage der Unsicherheit gewährten die
Vereinigten Staaten ihren Verbündeten Schutz und
verfochten die Sache der Freiheit weltweit. Zusammmen mit ihren Verbündeten beharrten die Vereinigten
Staaten darauf, daß der Schlüssel zu weltweiter Stabilität der Auf recherhaltung einer wachsamen Verteidigung in Kombination mit der Bereitschaft beruhte,
potentielle Gegner in einen Prozeß einzubeziehen, der
- wenn er unsere Differenzen nicht löste - einen stabilen Rahmen zu ihrer Bewältigung aushandelte. Rüstungskontrolle war eine entscheidende Komponente
dieses Rahmens. Die Vereinigten Staaten forderten
jedoch auch, daß sich die Verhandlungen auf solide
Konzepte und Prinzipien gründeten, die bedeutsame
Abkommen hervorbrachten, nicht rhetorische Gesten,
die nichts zur Festigung der Stabilität beitrugen. Die
Konzepte und Prinzipien - wirksame Verifizierung,
gerechte Ergebnisse sowie strikte Einhaltung der
Vertragsbestimmungen - sind für die vor uns liegenden
wichtigen Rüstungskontrollbestrebungen weiterhin
entscheidend.
Obwohl die Tage des kalten Kriegs in der Tat häufig
düster waren, zeitigten sie jedoch auch Erfolge. Vor
dem Ende des kalten Kriegs traten die Vereinigten
Staaten über einem Dutzend wichtiger Rüstungskontrollabkommen bei, die sowohl die amerikanische als
auch die internationale Sicherheit verbesserten.
Diese Entwicklungen waren ein wesentlicher Beitrag
zu den positiven Veränderungen, die wir in jüngster
Vergangenheit beobachten konnten und boten eine
entscheidende Grundlage für die Architektur der neuen Weltordnung. Die Vereinigten Staaten sind stolz

Seite 2

auf ihre Bilanz der Rüstungskontrolle und überzeugt,
daß ihre Bestrebungen entscheidend dazu beigetragen haben, die Welt von der Möglichkeit einer atomaren Konfrontation in das heutige Zeitalter zu führen, in
dem die Aussichten für Frieden so vielversprechend
sind.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Vergangenheit nur
ein Prolog der Zukunft ist. Unsere Arbeit ist nicht
getan, und ich möchte unsere aktuellen Rüstungskontrollpobleme erörtern sowie unsere Bestrebungen zu
deren Bewältigung zusammenfassen.
Strategische Nuklearwaffen
Bei den herkömmlichen Aspekten der Rüstungskontrolle besteht die erste Priorität der Vereinigten Staaten darin zu gewährleisten, daß die Errungenschaften
der START-Vertrags nicht verloren gehen. Der STARTVertrag zielt darauf ab, einschneidende stabilisierende
Verringerungen der strategischen Offensivwaffen der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu bewirken.
Der Vertrag enthält gleiche Obergrenzen und konzentriert sich auf die Begrenzung der destabilisierendsten
Waffen - das heißt, ballistischer Raketen. Einer der
wesentlichsten Beiträge von START zur Stabilität sind
die Zählregeln. Diese Regeln beinhalten striktere
Obergrenzen für Gefechtsköpfe auf ballistischen
Raketen, die schnell fliegen und im Gegensatz zu den
langsameren Bombern, die zurückgerufen werden
können, zur Abwehr eines Erstschlags gut geeignet
sind. Der START-Vertrag begrenzt ferner ballistische
Raketen durch zahlenmäßige Obergrenzen, insbesondere die 50prozenfjge Reduzierung schwerer ICBMs
der Sowjetunion - der destabilisierendsten strategischen Nuklearwaffen; das Verbot der Aufstockung der
Zahl von Gefechtsköpfen pro Rakete; eine Obergrenze für das Wurf gewicht insgesamt sowie eine Begrenzung der Erhöhung der Wurfgewichte.
Der START-Vertrag trägt darüber hinaus der Tatsache
Rechnung, daß in den letzten Jahren eine Revolution
im Hinblick auf Verifizierung und Rüstungskontrollabkommen stattgefunden hat. Die Verifizierungsmaßnahmen des Vertrags, die einen umfassenden Datenaustausch, gemeinsame Maßnahmen und Vor-OrtInspektionen einschließlich Überwachung von Umfeld
sowie Ein- und Ausgängen der Montageeinrichtungen
und peinlich genaue Vor-Ort-Inspektionen vorsehen,
sind ein wesentlicher Beitrag zur Überwachung durch
die nationalen technischen Mittel der Verifizierung.
Diese Maßnahmen sind heute anerkannte Prinzipien
der internationalen Rüstungsreduzierungen. Im Rahmen von START wurden sie erweitert. Sogar während
der Verhandlungsphase hat START neues Terrain
erschlossen. Bei der Erarbeitung von Verfahren zu
Vor-Ort-Inspektionen bei Wiedereintrittsflugkörpern
wurde probeweise Inspektoren beider Seiten gestattet, die Steuer- und Kontrolleinheit des Wiedereintrittsflugkörpers der wichtigsten ICBMs der jeweils
anderen Seite zu prüfen. Der Vertrag sieht eine Reihe

AMERIKA DIENST 41

�solcher Inspektionen vor, um sicherzustellen, daß
stationierte Raketen nicht mit einer größeren Anzahl
von Gefechtsköpfen als erlaubt bestückt werden. Ein
weiterer Aspekt sind Notifizierungen über Zentren zur
Verringerung des nuklearen Risikos. Im Rahmen von
START sollen sie um das 20fache derjenigen aufgestockt werden, die gemäß dem INF-Vertrag gefordert
werden.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen die Ratifizierung des START-Vertrags und gehen davon aus, daß
die Sowjetunion dasselbe tun wird. Unseres Erachtens liegt es im Interesse beider Parteien, die wichtigsten Reduzierungen und Verifizierungsverpflichtungen von START festzuschreiben. Trotz des Umbruchs
in ihrem Land hat die Sowjetunion die Absicht bekundet, ihren Rüstungskontrollverpflichtungen gerecht zu
werden. Die Verwirklichung von START wird die
Transparenz des Militärs und der Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion erhöhen und darüber hinaus wirtschaftliche Ziele bei der Umrüstung von militärischem
Gerät ergänzen. Dies sind die Hauptziele der sowjetischen Reformer. Der START-Vertrag bietet ferner
eine solide Basis für Folgebestrebungen.
Am 27. September 1991 hat Präsident Bush seine
dramatische Initiative angekündigt, die das gesamte
Spektrum der amerikanischen Nuklearwaffen betrifft.
Er entschied, diese Initiative in die Wege zu leiten, um
Umfang und Art der nuklearen Stationierungen der
Vereinigten Staaten weltweit zu reduzieren, die Stabilität zu verbessern und die jüngsten tiefgreifenden
Veränderungen in der Sowjetunion zu nutzen.
Die Initiative des Präsidenten umfaßt folgende Maßnahmen:
Abzug und Zerstörung aller atomaren Artilleriegranaten sowie aller atomaren Gefechtsköpfe
für ballistische Raketen kurzer Reichweite,
Abzug aller taktischen Nuklearwaffen und atomaren Marschflugkörper auf Schiffen und Angriffs-U-Booten sowie der Nuklearwaffen auf
unseren landgestützen Marineflugzeugen. Das
bedeutet die Beseitigung aller nuklearen Marschflugkörper von amerikanischen Schiffen und
Unterseebooten sowie der Atombomben an Bord
von Flugzeugträgern,
Aufhebung des Alarmzustands für alle strategischen Bomber und deren gelagerte Waffen,
die unverzügliche Aufhebung der Alarmbereitschaft für alle ICBMs, die gemäß START deaktiviert werden sollen sowie ihre beschleunigte
Beseitigung, sobald START ratifiziert ist,
Einstellung des schienengestützten Peacekeeper-ICBM-Systems sowie der mobilen Komponenten der kleinen ICBMs,

AMERIKA DIENST 41

Einstellung der Angriffsraketen kurzer Reichweite und
Schaffung eines neuen amerikanischen strategischen Kommandos mit dem Ziel, die Führung
und Kontrolle aller strategischen Nuklearstreitkräfte zu verbessern.
Der Präsident hat die Sowjetunion aufgefordert, entsprechende Schritte zu unternehmen. Darüber hinaus
hat er vorgeschlagen, daß die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion so bald wie möglich Abkommen zur
Beseitigung aller landgestützten ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen anstreben - den zweifelsohne destabisierendsten Systemen. Der Präsident hat die Sowjetunion ferner aufgefordert, ebenfalls konkrete Schritte
zu unternehmen, um die begrenzte Stationierung nichtnuklearer Verteidigungssysteme zum Schutz gegen
begrenzte Angriffe ballistischer Raketen gleich welcher Herkunft zu gestatten.
Die Vereinigten Staaten waren über die rasche und
positive Reaktion der sowjetischen Führung auf diesen
Vorschlag erfreut. Obwohl nicht alle Entscheidungen
und Ideen Präsident Gorbatschows unseren entsprechen, gibt es sehr viel gemeinsames Terrain, da sowohl
die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion
entschieden haben, Schritte zur weiteren einschneidenden Reduzierung der Zahl und Art von Nuklearwaffen in beiden Arsenalen zu unternehmen. Wir haben
zu diesen Entscheidungen und Vorschlägen bereits
Gespräche in Moskau geführt und hoffen, daß der
Prozeß beschleunigt fortgesetzt wird. Das Ergebnis
der Initiative des Präsidenten sollte nicht weniger
dramatisch sein als die Veränderungen auf der Welt,
auf die er reagiert.
Für die Welt ist es jetzt offenkundig, daß die beiden
führenden Nuklearmächte begonnen haben, nach rund
40 Jahren die thermonukleare Leiter herabzusteigen.
Dies ist wirklich ein historischer Wendepunkt.
Konventionelle Streitkräfte in Europa
Das zweite wichtige Merkmal der gegenwärtigen
Rüstungskontrollandschaft ist der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa. Der KSE-Vertrag ist
ein Meilenstein in der Geschichte von Bestrebungen
der Vereinigten Staaten und der NATO zum Aufbau
eines sichereren und stabileren Europas.
Dieser Vertrag stellt ein Gleichgewicht konventioneller
Streitkräfte in Europa auf niedrigeren Niveaus her und
beseitigt die Fähigkeit für Überraschungsangriffe oder
raumgreifende Offensiven mit konventionellen Waffen
auf einem europäischen Kriegsschauplatz. Der Vertrag wird die Belastung durch Waffen in Europa drastisch reduzieren und damit eine wichtige Ursache der
Instabilität in Europa beseitigen helfen. Er enthält
weitreichende Verifizierungsbestimmungen und institutionalisiert Transparenz und Offenheit. Kurzum: der

Seite 3

�KSE-Vertrag wird in einer Zeit der Unsicherheit und
des Wandels in Europa ein Fundament der Stabilität
und Berechenbarkeit legen und infolgedessen eine
feste Basis für zukünftige Kooperation sein.
Ost-West-Rüstungskontrolle ist ein wichtiges Ziel der
Vereinigten Staaten, weil es notwendig ist, sich der
Bedrohung durch Spannungen zu stellen, an denen
Länder mit Atomwaffenarsenalen oder konventionellen Streitkräften in Europa beteiligt sein könnten. Das
Kriegsrisiko in Europa ist gering, aber die Auswirkungen eines Krieges wären katastrophal. Die Vereinigten Staaten sind jedoch zunehmend besorgt über
Bedrohungen, Instabilitäten und gefährliche Fähigkeiten in anderen Teilen der Welt, wo das Kriegsrisiko
höher ist und die Gefahr der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen steigt. Zu diesen gefährdeten
Regionen zählen der Nahe Osten, die Halbinsel Korea
und der südasiatische Subkontinent. Aus dem KSEVertrag resultierende Stabilisierungsmaßnahmen und
die verschiedenen Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa lassen sich nicht unbedingt auf andere Regionen übertragen. Sie können
jedoch als Quelle der Inspiration und Erfahrung für
angemessene Arrangements außerhalb Europas dienen. Wir verdoppeln unsere Bestrebungen, um einen
solchen Ansatz zum Abbau regionaler Spannungen zu
fördern.
Bestrebungen zur Nichtverbreitung
Darüber hinaus steht die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrenTrägersystemen auf unserer Tagesordnung zur Rüstungskontrolle ganz oben.
Jüngste Entdeckungen der UNO-Teams bei der Inspektion von Einrichtungen zur Herstellung nuklearer,
chemischer und biologischer Waffen sowie ballistischer Raketen im Irak können niemanden gleichgültig
über die Herausforderung lassen, die sich uns mit der
Notwendigkeit zur Eindämmung der Verbreitung dieser gefährlichen und destabilisierenden Waffen stellt.
Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur Drosselung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen haben eine lange Geschichte, die mit dem BaiuchPlan von 1946 ihren Anfang nimmt. Diese Bestrebungen umfassen den Schwellenvertrag, die Konvention
über biologische Waffen, die Einrichtung des Kontrollregimes für Raketentechnologie, die Australien-Gruppe und die laufenden Genfer Verhandlungen über ein
weltweites Verbot chemischer Waffen.
Heute verfolgen die Vereinigten Staaten bei der Nichtverbreitung eine vielschichtige Strategie: erstens werden
bestehende Regime zur Nichtverbreitung gefördert,
indem wir multinationale Nichtverbreitungsregime
einhalten und ihnen beitreten. Zweitens leiten wir neue
Initiativen ein, wie die Begrenzung konventioneller
Waffen und den Austausch von Informationen, wobei
wir uns angemessener Ansätze in der Rüstungskon-

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trolle bedienen, die den Anreiz zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme reduzieren.
Die Vereinigten Staaten legen seit langem großen
Wert darauf, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu
verhindern. Wir engagieren uns für die bessere Durchführung des Schwellenvertrags (Non-Proliferation Treaty
- NPT) und bemühen uns um seine unbegrenzte
Verlängerung bei der NPT-Konferenz 1995, deren
Vorbereitungen 1993 beginnen sollten. Besonders
ermutigt uns der Beitritt von vier afrikanischen Ländern
;,i diesem Jahr - Südafrika, Tansania, Sambia und
Zimbabwe. Femer haben kürzlich Frankreich und
China - beides Atommächte - ihre Absicht bekundet,
dem Vertrag beizutreten. Darüber hinaus freuen wir
uns, daß Litauen am 23. September 1991 Vertragspartei wurde. Wir sehen der Teilnahme neuer Parteien am
Nichtverbreitungsregime und dem baldigen Beitritt der
noch unschlüssigen Parteien entgegen. Wir engagieren uns auch für die Förderung der Internationalen
Atomenergie-Organisation und ihrer wichtigen Sicherungssysteme.
Unsere Bestrebungen, die Verbreitung von destabilisierenden Raketen zu verhindern, konzentrieren sich
auf das Kontrollregime zur Raketentechnologie (Missile Technology Control Regime - MTCR). Die Kooperation unter den 17 Mitgliedstaaten des MTCR ist
unabdingbar, um eine Reihe besorgniserregender
Raketenprojekte in instabilen Regionen aufzuhalten
oder zu Fall zu bringen. Wichtige Prioritäten von
MTCR werden weiterhin darin bestehen, Lieferanten
(Nichtmitglieder) von der Vermeidung von Technologieexporten, die die Kontrolle des Regimes zur Nichtverbreitung unterminieren und von einer Mitgliedschaft
zu überzeugen.
In der US-Außenpolitik hat ein weltweites Verbot
chemischer Waffen - meines Erachtens der beste Weg
zur Kontrolle solcher Waffen - weiterhin hohe Priorität.
Als vordringliche Angelegenheit fordern die Vereinigten Staaten alle Länder auf, gemeinsam mit ihnen am
baldigen Abschluß der Verhandlungen über das weltweite Verbot chemischer Waffen und der Einhaltung
der Konvention über biologische- und Toxinwaffen zu
arbeiten. Dennoch stellen die Verbreitung chemischer
Waffen und der Einsatz solcher Waffen eine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit dar und erschweren
das Ziel eines weltweiten Verbots. Deshalb bemühen
wir uns weiterhin um den Abschlu ß der Verhandlungen
über ein Verbot und unternehmen nach wie vor einseitige und gemeinsame Maßnahmen zur Förderung
dieser Verhandlungen und Verhinderung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer Waffen.
Im Rahmen unserer erweiterten Initiative zur Kontrolle
der Verbreitung sind nunmehr Exportlizenzen für
Chemiefabriken und ihre Planung, Geräte zur Herstellung chemischer und biologischer Waffen sowie für 50
Vorläufer chemischer Waffen erforderlich. Ferner

AMERIKA DIENST 41

�haben wir die Kontrolle und die Verantwortung für
Geräte und Technologietransfers in Fällen verschärft,
bei denen ein Exporteur davon Kenntnis hat oder von
der US-Regierung darüber informiert wurde, daß ein
bestimmter Export zur Planung, Entwicklung oder
Herstellung von Raketen sowie chemischen oder biologischen Waffen bestimmt ist. Darüber hinaus werden nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten amerikanische Staatsbürger bestraft, die wissentlich ausländische Programme zur Herstellung von Raketen
und chemischen oder biologischen Waffen unterstützen.
Auf multilateraler Ebene beteiligen sich die Vereinigten
Staaten aktiv an internationalen Bestrebungen zur
Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen. Die
Vereinigten Staaten konsultieren informell mit 20
westlichen Ländern über Wege und Mittel zur Bewältigung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer
Waffen. Diese informelle Gruppe unter dem Vorsitz
Australiens wurde 1984 ins Leben gerufen als Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen im Krieg
zwischen Iran und Irak. In jüngster Zeit sind Mitglieder
der Gruppe übereingekommen, ihre nationalen Kontrolle zu erweitem, damit sie auch Geräte zur Herstellung chemischer Waffen einbezieht.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir uns weiterhin für den baldigen Abschluß einer C-Waffen-Konvention als dem besten Mittel zur Bewältigung der
Verbreitung chemischer Waffen engagieren. Dieses
Engagement wurde durch Präsident Bushs Erklärung
im Mai dieses Jahres über weitere Schritte zur Beschleunigung der Genfer Verhandlungen bekräftigt.
Insbesondere hat der Präsident angekündigt, daß die
Vereinigten Staaten unmittelbar nach Inkrafttreten der
C-Waffen-Konvention dem Einsatz von C-Waffen formell, einschließlich von Vergeltungsschlägen mit CWaffen gegen irgendein Land, unter allen Umständen
entsagen würden. Darüber hinaus verpflichten sich
die Vereinigten Staaten zur Zerstörung ihrer C-Waffen-Arsenale innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten der Konvention.
Femer haben wir unsere Bereitschaft zum Austausch
von Technologie bekundet, um die sichere Zerstörung
von C-Waffenarsenalen auf der ganzen Welt zu gewährleisten. Gemeinsam mit anderen Ländern haben
die Vereinigten Staaten in diesem Sommer in Genf
einen praktischen Vorschlag für Vedachtsinspektionen vorgelegt, einem Schlüsselelement bei C-Waffen,
mit dem der Abschlu ß der Konvention in unserer Macht
steht. Wirfordern die Abrüstungskonferenz auf, die CWaffen-Konvention bis Ende Mai 1992 abzuschließen
und bitten alle anderen Länder, Mitglied zu werden.
Die dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über
biologische und Toxinwaffen wurde kürzlich in Genf
abgeschlossen. Aus dem Blickwinkel meiner Regierung war die Konferenz ein Erfolg. Das von der
Überprüfungskonferenz verabschiedete Paket vertrauAMERIKA DIENST 41

ensbildender Maßnahmen wird Transparenz, Offenheit und damit das Vertrauen in die Konvention erheblich steigern, und wir fordern alle Parteien auf, an der
Durchführung dieser vertrauensbildenden Maßnahmen mitzuwirken. Zu anderen wichtigen Vereinbarungen zählten verbesserte Verfahrensweisen für Konsultation und Kooperation zur Abschreckung von Vertragsverletzungen. Ferner wurde bei der Konferenz
entschieden, eine Ad-hoc-Expertengruppe solle zusätzlich zu vereinbarten Maßnahmen - die wissenschaftlichen und technischen Aspekte potentieller
Verifizierungsmaßnahmen untersuchen. Die Teilnehmern bekräftigten darüber hinaus erneut die Bedeutung der Einhaltung aller mit der Konvention eingegangener Verpflichtungen. All diese Maßnahmen spiegeln die Erkenntnis der internationalen Staatengemeinschaft wider, biologische Waffen seien keine
abstrakte, sondern eine sehr reale Bedrohung, und die
internationale Staatengemeinschaft müsse etwas
dagegen tun.
Erfahrungen im Irak und Im Nahen Osten
Die Erfahrung der Welt mit dem Irak im vergangenen
Jahr betont die Gefahr der Verbreitung und unterstreicht die Bedrohung, der wir uns alle stellen müssen, um sie zu verhindern. Die Resolutionen des UNSicherheitsrats 687, 707 und 715 liefern das weitreichendste Regime zur Beseitigung und Verifizierung
von Waffensystemen, das jemals entwickelt wurde.
Sie verfügen nicht nur ein Waffenembargo für den Irak
sondern auch ein aggressives Inspektionsregime, das
von den Vereinten Nationen und der IAEO zur Beseitigung chemischerund biologischer Waffen, bestimmter Raketen und jetzt vom Irak enthüllter Atomwaffenprogramme durchgeführt wird. Darüber hinaus richtet
es ein langfristiges Überwachungsprogramm ein, um
den Irak an der Aufrüstung seiner konventionellen
Waffen zu hindern. Die Welt ist abhängig von der
demonstrativen Entschlossenheit der Vereinten Nationen, um ein hartnäckiges Außenseiterregime davon
abzuhalten, andere mit Massenvernichtungswaffen zu
bedrohen. Wir müssen uns jedoch darüber im klaren
sein, daß die gegenwärtigen Ereignisse im Irak die
Konsequenz der gescheiterten Aggression sind. Es
handelt sich dabei nicht um freiwillige Rüstungskontrolle.
Auf der anderen Seite umfaßt das von mir bereits
vorgestellte Rüstungskontrollprogramm Herausforderungen und neue Möglichkeiten im gesamten Nahen
Osten. Um effektiv zu sein, müssen Rüstungskontrollarrangements auf militärische Risiken in einer von
Krieg zerrütteten Region eingehen, wo sogar die ersten kleinen Schritte schwierig und komplex sind. Ein
wichtiges erstes Ziel werden grundsätzliche vertrauensbildende Maßnahmen sein. Ebenso wie solche
Rüstungskontrollmaßnahmen zum Abbau der Spannungen zwischen Ost und West beigetragen haben,
können sie auch dem Friedensprozeß im Nahen Osten
helfen. Rüstungskontrolle kann einen vollständigen
Seite 5

�Friedensprozeß natürlich nicht ersetzen, aber sie bietet Möglichkeiten für den Dialog und ein schrittweises
Mittel, um Absichten zu testen. Auch die Länder weit
außerhalb der Regio nmüssen eine nützliche Rolle
spielen.
Vor diesem Hintergrund hat Präsident Bush im Mai
eine Rüstungskontrollinitiative für diese Region vorgelegt. Im Rahmen dieser Initiative wollen die fünf
Länder, die vielleicht 85 Prozent aller konventionellen
Waffen in den Nahen Osten liefern, Richtlinien für
Waffenlieferungen in die Region erarbeiten. Schließlich stellen wir uns ein umfassendes Regime vor, das
Verantwortung bei den Lieferungen und effektive
Exportkontrollen betont. Zum Umgang mit der nuklearen Gefahr in der Region hat der Präsident vorgeschlagen, daß die Länder des Nahen Ostens als ersten
Schritt ein verifizierbares Verbot zur Herstellung in
Waffen einsetzbaren angereichertem Uran oder gespaltenem Plutomium erlassen. Alle Einrichtungen
zur Herstellung nuklearer Waffen in der Region müßten sich an die Vorschriften der IAEO halten. Schließlich hat Präsident Bush vorgeschlagen, die Beschaffung, Herstellung und Erprobung von Boden-BodenRaketen von Ländern des Nahen Ostens einzufrieren.
Femer möchten die Vereinigten Staaten, daß diese
Raketen und alle Massenvernichtungswaffen in der
Region vollständig beseitigt werden.
Die Vereinten Nationen befinden sich in der ausgezeichneten Lage, die Realisierung dieser Ziele zu
fördern. Ihr Einfluß war niemals größer, sie waren der
Verwirklichung ihrer Ziele niemals näher.
Die Vereinten Nationen können eine wichtige Rolle bei
der Förderung einer zunehmend dynamischen Rolle
der Rüstungskontrolle bei der Verhinderung und Begrenzung von Konflikten spielen. Ein großer Teil der
anstehenden Arbeit betrifft Aufklärung. Mit ihren internationalen Mitgliedern und ihrer neugewonnenen Vitalität sind die Vereinten Nationen in einer guten Position, um krisengeschüttelte Länder von der Notwendigkeit zu überzeugen, Ungleichgewichte bei Waffen
zu verhindern und Auswüchse zu regulieren, bevor sie
tatsächlich Instablität hervorrufen. Ebenso wie die
Vereinten Nationen die Welt von den Pocken befreit
haben, sollten sie dazu beitragen, die Geißel chemischer und biologischer Waffen und die Bedrohung
unverantwortlicher Aufrüstung auszurotten.
Herr Vorsitzender, meine Behörde - das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung - feiert ihr 30jähriges
Bestehen, und deshalb blicken die Vereinigten Staaten zurück auf die Rolle, die Rüstungskontrolle und
Abrüstung bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten und bei den Bestrebungen zur Förderung internationaler Sicherheit
gespielt haben.

*

Seite 6

*

Welchen Erfolg wir auch gehabt haben mögen - die
Verdienste müssen mit anderen geteilt werden. Ebenso wie die Vereinigten Staaten haben viele Länder durch die Führungskraft ihrer Regierungen und die
öffentlichen Debatten ihrer Bürger- Rüstungskontrolle
zu einem zentralen Punkt nationaler Strategie und
nationaler Ziele gemacht. Unser Engagement für den
Erfolg dieser Bestrebungen ist eng mit unserem Glauben verbunden, daß Demokratie, Frieden und Stabilität Hand in Hand gehen.
Auch wenn wir Zeuge der Beilegung alter Feindschaften zwischen Ost und West werden, beobachten wir,
wie diese von - einigen neuen, anderen tief verwurzelten - Feindseligkeiten in anderen Teilen der Welt
abgelöst werden. Zur gleichen Zeit, da einmalige
Chancen zum Aufbau des Friedens in Europa am
Horizont erkennbar sind, nehmen wir die dunklen
Schatten regionaler und ethnischer Konflikte wahr.
An diesen Ereignissen beunruhigt die Tatsache, daß
einige der vehementsten Befürworter der Rüstungskontrolle - solange sie auf die großen Mächte beschränkt ist - oftmals am meisten zögern, sich für
substantielle Rüstungskontrollbestrebungen in ihrer
eigenen Region zu engagieren. Diese Verfechter der
Reduzierung von Waffen anderer messen mit zweierlei Maß, weil sie keinen Sinn darin sehen, ihre eigenen
Waffen zu reduzieren.
Das Rüstungskontrollprogramm der Zukunft ist bereits
geschrieben. Es verspricht sich von dem der Vergangenheit zu unterscheiden. Es ist zunehmend klar, daß
diejenigen, die sich am stärksten am bisherigen Rüstungskontrollprogramm beteiligt haben, die neue
Tagesordnung nicht allein tragen können. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, werden wir weiterhin zu
den Puristen der Rüstungskontrolle zählen, aber die
Verantwortung liegt nicht allein bei uns. Das künftige
Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die
Staaten in anderen Regionen der Welt - insbesondere
in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und
Konflikte Gewalt und Chaos drohen - in Wort und Tat
engagieren.
Die internationale Staatengemeinschaft beginnt zu
begreifen, daß Sicherheitskonzepte, wenn sie wirklich
Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen
und nicht nur die Anzahl der Waffen in nationalen
Arsenalen erfassen dürfen. Darüber hinaus müssen
sie wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität,
Menschenrechte und Freiheiten umfassen.
Der Zug verläßt den Bahnhof. Sein Ziel ist mehr
Freiheit, stabile Demokratie, wirtschaftlicher Wohlstand, gemeinsame Sicherheit und ein gerechter Frieden. Immer mehr Länder springen auf, um diese
aufregende Reise zu unternehmen, die unsere Phantasie stark beflügelt. Wir hoffen inständig, daß niemand zurückbleiben muß. Wir haben unsere Wahl
getroffen - jetzt müssen andere ihre Wahl treffen.
* *
AMERIKA DIENST 41

�IWF/WELTBANK
23. Oktober 1991

BRADY FORDERT REFORM VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank
BANGKOK - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady zufolge erfordern die Entwicklungen
in Osteuropa und der Sowjetunion eine Änderung der Organisation des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Weltbank.
Diese Institutionen müssen "eine Partnerschaft mit dem Privatsektor entwickeln", um den aufstrebenden
Demokratien zu helfen, die Basis für Marktwirtschaften zu schaffen, erklärte Brady am 15. Oktober 1991 in seinen
Ausführungen bei der Jahresversammlung von IWF und Weltbank.
Er forderte die Weltbank zur Änderung ihrer Statuten auf, um direkte Kreditvergaben an den Privatsektor zu
ermöglichen.
Brady stellte fest, IWF und Weltbank müßten über einen längeren Zeitraum hinweg Experten in die Region
entsenden, um grundlegende Kenntnisse über die Führung von Privatunternehmen und den Aufbau einer
funktionsfähigen Rechtsgrundlage für diese Unternehmen zu vermitteln.
"Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn man nur mit den Zentralregierungen verhandelt", erklärte Brady. "Die Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen
beraten und ausbilden müssen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Brady im Wortlaut.

Zunächst möchte ich den Dank unserer Delegation für
die Gastfreundschaft unserer thailändischen Gastgeber zum Ausdruck bringen. Hier in Bangkok wird uns
die wirtschaftliche Dynamik Asiens und die zunehmende Bedeutung der Region für unsere wirtschaftliche
Zukunft vor Augen geführt.
Ich möchte die neuesten Mitglieder von IWF und
Weltbank willkommen heißen: Albanien und die
Mongolei. Ferner begrüße ich die Gäste aus dem
Baltikum und der Sowjetunion.
Wir kommen an einem Wendepunkt der Geschichte
zusammen. Marktorientierte Systeme, die bessere
Wirtschaftsleistung und höhere Lebenstandards bewirken, verbreiten sich zunehmend. Länder in allen
Regionen der Welt - jetzt auch die Sowjetunion ändern ihren Kurs. Wir entdecken Chancen, die uns
bisher verwehrt waren: internationale wirtschaftliche
Integration, Kooperation und Wohlstand.
Diese Entwicklungen konfrontieren die internationalen
Finanzinstitutionen mit einer beispiellosen Herausforderung. Zwangsläufig werden diese Institutionen in
entscheidendem Maße für Erfolg oder Mißerfolg der
Bestrebungen zur Integration ehemaliger KommandoAMERIKA DIENST 42

und Planwirtschaften in das internationale Marktsystem verantwortlich gemacht. Ob Sie wollen oder nicht
- dies ist die Realität.
Die Schwierigkeiten dieser Umgestaltung sollten nicht
unterbewertet werden. Es gibt keine erprobten Patentrezepte für den Übergang von einem zentral gelenkten
Kommandosystem zu einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Es liegt jedoch auf der Hand, daß dieser
Übergang ein tiefgreifender, allumfassender Prozeß
ist. Jeder Bereich der Wirtschaftsaktivität und -politik
ist betroffen.
Diese Realität wirft eine wichtige Frage auf. Sind wir
dieser Aufgabe gewachsen? Um sich dieser Herausforderung zu stellen, müssen die internationalen Finanzinstitutionen zur Anpassung bereit sein. Sie müssen
ihre Einstellungen ändern, ihre Zielsetzungen erweitem und ihre Hilfsmöglichkeiten verbessern. Und sie
müssen diesen Prozeß unverzüglich in Angriff nehmen.
Vor kurzem haben IWF und Weltbank ihre Fähigkeit
zur Flexibilität bei der Reaktion auf bestimmten Bedarf
unter Beweis gestellt. Während des Golfkonflikts und
im Anschluß daran haben sie rasch gehandelt, um
Seite 1

�Ressourcen für die am schwersten betroffenen Länder
bereitzustellen. Der IWF hat unverzüglich Ressourcen
über die Fazilität zur kompensierenden Finanzierung
von Exporterlösausfällen (Compensatory and Contingency Financing Facility - CCFF) ausgezahlt, um den
Ländern zu helfen, die Kosten der irakischen Aggression zu bewältigen. Die Weilbank erweiterte ihre
Kreditvergabeprogramme und beschleunigte die Auszahlungen, um die sektorale Anpassung und die
Umsiedlung von Flüchtlingen zu unterstützen.

Die Aufgaben lauten folgendermaßen:
1.

Die Einstellung gegenüber der Schaffung von
Wohlstand muß geändert werden, um die Dynamik des Privatsektors freizusetzen. Frjeie Unternehmen und freies Unternehmertum heißt,
daß Unternehmen und Unternehmer ungehindert den Erfolg anstreben können. Staatliche
Anordnungen sind kein Ersatz für Privatinitiative.

In Osteuropa waren IWF und Weltbank Vorreiter bei
Bestrebungen zur Förderung von freien Marktwirtschaften und Demokratie. Mit der Unterstützung von
IWF und Weltbank führen diese Länder Reform- und
Stabilisierungsprogramme durch. Die finanziellen
Verpflichtungen des IWF für Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und Rumänien beliefen sich
im Jahr 1991 auf insgesamt 8 Milliarden Dollar. Die
Verpflichtungen der Weltbank für Osteuropa betrugen
im Haushaltsjahr 1991 über 2,6 Milliarden Dollar.

2.

Die Länder benötigen Hilfe beim Aufbau grundlegender privater und staatlicher Wirtschaftsinstitutionen, wie etwa der Entwicklung von Kapitalmärkten sowie Bank- und Rücklagensystemen.

3.

Sie benötigen grundlegende Ausbildung bei der
Führung profitabler Unternehmen, die auch die
besonderen Berufszweige der Kalkulation, Vertragsverhandlungen, des Vertriebs und Marketings einbeziehen.

4.

Sie benötigen praktischen Rat bei der Verwaltung eines soliden Finanzsystems: Richtlinien
zur Festsetzung und zum Einzug der Steuern,
einen Haushaltsmechanismus für die öffentliche Hand, Zollämter an den Grenzen und eine
Datenbank.

5.

Und schließlich benötigen sie Unterstützung
beim Aufbau einer funktionsfähigen Rechtsgrundlage für Privatuntemehmen einschließlich
eines durchführbaren Vertragssystems.

IWF und Weltbank haben eine besondere Assoziierung mit der Sowjetunion geschaffen, um diesem Land
zu helfen, die drängenden Probleme der tiefgreifenden
Reform zu bewältigen. Wir begrüßen diese besondere Assoziierung und hoffen, es wird keine Mühe gescheut, in den vor uns liegenden Tagen hart zu arbeiten. Auch wir sind davon überzeugt, daß der Status
der besonderen Assoziierung den Weg zur Vollmitgliedschaft in beiden Institutionen ebnen wird.
In der Sowjetunion und Osteuropa sehen wir uns mit
der radikalsten Wirtschaftsreform der Nachkriegszeit
konfrontiert. Die Suche nach neuen Werten hat ihren
Preis. Diese Länder haben eine bewußte Entscheidung für eine rasche Umstellung von einem politischen
und wirtschaftlichen System auf ein anderes getroffen.
Sie schreiben im wahrsten Sinne des Wortes alle
Regeln neu. Mein Besuch in der Sowjetunion im
vergangenen Monat erinnerte mich an die Kolonialzeit
in Amerika: ein neuer Anfang und eine neue Regierungsform. Vor über 200 Jahren begannen die Vereinigten Staaten mit dem Aufbau stabiler Institutionen ein Prozeß, der Jahre bis zu seiner Vervollständigung
bedurfte. Dennoch versucht die Sowjetunion, eine
ähnliche Aufgabe in nur wenigen Monaten zu bewältigen.
Den internationalen Finanzinstitutionen wird bei der
Förderung dieses Übergangs eine besondere Rolle
zukommen. Bei der Definition dieser Rolle müssen wir
den Bedürfnissen der Länder im Umbruch Rechnung
tragen. Es steht au ßer Frage, daß ein Teil des Bedarfs
durch den traditionellen Ansatz von IWF und Weltbank
abgedeckt wird: Beratung bei der Formulierung umfassender wirtschaftspolitischer Programme sowie
Finanzhilfe zur Förderung dieser Programme. Sie
benötigen jedoch auch grundlegende Hilfsleistungen,
die weit über die gewöhnlichen Anpassungsprogramme hinausgehen.

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Dies sind die Grundpfeiler einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Wirwerden dieser Aufgabe nur gewachsen
sein, wenn Weltbank und IWF auf diesen institutionellen Rahmen aufbauen und makroökonomische Reformen einführen. Um dies zu verwirklichen, müssen die
Bretton Woods-Institutionen eine Partnerschaft mit
dem Privatsektor entwickeln, um ihr Know-how beim
Aufbau solider Grundlagen für Marktwirtschaften in
diesen Ländern zum Tragen zu bringen.
Um Unterstützung in all diesen Bereichen zu gewähren, müssen IWF und Weltbank neue Betriebsformen
entwickeln. Kurze Besuche von Delegationen zur
Aushandlung von Anpassungsprogrammen mit den
Zentralregierungen sind nicht genug.
IWF und Weltbank werden in ihren Programmen dem
Humankapital sehr viel größere Aufmerksamkeit widmen müssen. Sie werden Experten für einen längeren
Zeitraum ins Land entsenden müssen. Sie werden auf
Vertreter der Regierung, Unternehmen, Banken, Justiz und Universitäten zurückgreifen müssen.
IWF und Weltbank werden ferner ihre Kontakte im
Land auf alle Regierungsebenen ausweiten müssen.
Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn
man nur mit den Zentralregierungen verhandelt. Die

AMERIKA DIENST 42

�Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen beraten und
ausbilden müssen.
Zu Recht wurde die Frage aufgeworfen, ob diese
Konzentration auf die osteuropäischen Länder und die
Sowjetunion zu einer Kürzung der Ressourcen für die
traditionellen Nutznießer führen wird. Sowohl die
Weltbank als auch der IWF haben eine gute Kapitaldecke, und ich sehe keinen Grund, warum es irgendeine Verringerung des Kapitalflusses geben sollte. Die
Ressourcen werden entsprechend unserer Aufgaben
verteilt.
Andere haben die Frage gestellt, ob aufgrund der
vermehrten Aufmerksamkeit für die Probleme der
Sowjetunion und Osteuropas die den herkömmlichen
Nutznießern von IWF und Weltbank zur Verfügung
gestellte technische Hilfe gekürzt wird. Legitime bisherige Prioritäten sollten nicht betroffen sein. Darüber
hinaus sollte der Beitrag zur internationalen Stabilität
den großen wie den kleinen Ländern diesen Preis wert
sein.
In anderen Regionen der Welt werden IWF und Weltbank ihrer Verantwortung gerecht, indem sie eine
entscheidende Rolle beim Erfolg der internationalen
Schuldenstrategie spielten. Im Rahmen dieser Strategie haben IWF und Weltbank Marktreformen ermutigt
und den unterschiedlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten in mehreren Schuldnerländem angepaßte Pakete
mit den Geschäftsbanken ausgehandelt. Mexiko,
Chile und Venezuela erfreuen sich jetzt wieder des
Zugangs zu internationalen Kapitalmärkten, neuen
Investitionen und Rückkehr des Fluchtkapitals. Noch
vor kurzem steckten sie bis zum Hals in Schulden.
Als Ergänzung zu den Vorteilen des Pakets zum
Schuldenabbau mit den Geschäftsbanken im Rahmen
der Schuldenstrategie für bei den Geschäftsbanken
hochverschuldete Länder sieht Präsident Bushs Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas für in Frage kommende Länder in Lateinamerika und der Karibik einen Abbau der Schulden
seitens der US-Regierung vor. Chile, Jamaica und
Bolivien wurden im Rahmen dieses Programm bereits
erste Vorteile verschafft. Die Interamerikanische
Entwicklungsbank (Inter-American Development Bank
- IDB) hat ein neues Kreditvergabeprogramm für den
Investitionssektor in die Wege geleitet, um Reformen
bei Investitionen in Entwicklungsländern zu fördern.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus einen
Multilateralen Investmentfonds vorgeschlagen, um den
Volkswirtschaften in der Region bei der Anpassung an
den internationalen Wettbewerb behilflich zu sein. Die
Vereinigten Staaten und Japan beabsichtigen, jeweils
500 Millionen Dollar für den Fonds bereitzustellen. Wir
erwarten, daß sich auch andere Länder in absehbarer
Zukunft an diesen Bestrebungen beteiligen werden.

AMERIKA DIENST 42

In den ärmsten Ländern einschließlich Afrikas südlich
der Sahara stellen IWF und Weltbank konzessionäre
Ressourcen zur Verfügung, um anhaltendes Wachstum zu fördern und die Armut zu lindern. Einige dieser
Länder haben das Blatt gewendet. Ihr Beispiel bestätigt, daß marktorientierte Reformen in allen Phasen
der Entwicklung möglich und nützlich sind. Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits im vergangenen Jahr
konzessionäre Schulden dieser Länder in Höhe von
2,3 Milliarden Dollar erlassen. Darüber hinaus unterstützen wir die Erweiterung der Liste der für die Erweiterte Strukturanpassungsfazilität (Enhanced Structural Adjustment Facility - ESAF) in Frage kommenden
Länder, um die Kapazitäten des Fonds zur Unterstützung von Ländern mit niedrigen Einkommen aufzustocken.
IWF und Weltbank müssen für ihr Umweltengagement
beglückwünscht werden. Ich stimme mit den Ausführungen von Ministerpräsident Anand heute morgen
überein, daß wir uns alle um unsert- und zukünftiger
Generationen willen für die Umwelt engagieren müssen. Darüberhinaus muß der Linderung der Armut und
der Rolle der Frau in den Entwicklungsländern vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Wir
müssen kontinuierliche Fortschritte an diesen Fronten
sicherstellen.
Es ist an der Zeit für IWF und Weltbank, ihre Unterstützung des Privatsektors zu verstärken. Die Weltbank
prüft, welche Veränderungen bei den vereinbarten
Artikeln vorgenommen werden müssen, um direkte
Kreditvergaben an den Privatsektor vornehmen zu
können. Wenn die Länder den Besitz von Unternehmen an den Privatsektor übergeben, werden einzelne
Firmen im Prozeß der Privatisierung Ressourcen von
der Weltbank benötigen. Die Rolle der Weltbank bei
der Unterstützung der Wirtschaftsentwicklung steht
auf dem Spiel. Aus diesem Grund freuen wir uns, die
Kapitalaufstockung der Internationalen Finanz-Corporation (IFC) in Höhe von 1 Milliarde Dollar sowie damit
einhergehende Maßnahmen für den Privatsektor unterstützen zu können.
Der zunehmende finanzielle Bedarf in den Schuldnerländern, Osteuropa und den ärmsten Ländern bedingt,
daß den internationalen Finanzinstitutionen umfangreiche Ressourcen zur Verfügung stehen. Aus diesem
Grund unterstützen die Vereinigten Staaten die Quotenerhöhung des IWF zur Erfüllung seiner finanziellen
Verpflichtungen uneingeschränkt.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die
internationalen Finanzinstitutionen jetzt Programme
für die wirtschaftliche Umgestaltung und das letztliche
Ziel eines einheitlichen internationalen Wirtschaftssystems durchführen müssen. Die Aktivitäten von IWF

Seite 3

�und Weltbank müssen angepaßt und erweitert werden, während dieses beispiellose weltweite Wirtschaftspotential in greifbare Nähe rückt. Wir müssen die sich
durch die praktisch vollständige Mitgliedschaft in diesen Institutionen und die Verabschiedung marktorientierter Prinzipien bietenden Chancen nutzen. Die
Führungsrolle von IWF und Weltbank kann die gemeinsame Wirtschaftsphilosophie in gerneinsamen
Wohlstand umsetzen.
*

Seite 4

*

Selten in der Geschichte der Menscheit war die internationale Staatengemeinschaft mit einer solchen
Gelegenheit konfrontiert wie wir heute. Mit Phantasie,
Entschlossenheit, mit Vision und Mut steht es meines
Erachtens in unserer Macht, diesen Augenblick zu
nutzen und diese Vision des Wohlstands und der
Harmonie, von dem ich gesprochen habe, Realität
werden zu lassen. Ich glaube, wir sind dieser Aufgabe
gewachsen.

*

*

AMERIKA DIENST 42

�PORTRAT
23. Oktober 1991

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr
WASHINGTON - (AD) - Der Kandidat des Präsidenten für das Amt des nächsten Justizministers der Vereinigten Staaten ist ein Verwaltungsjurist, der in seiner Laufbahn eher Umgang mit rechtlichen und administrativen
Fragen hatte als mit Politik.
Bei der Ankündigung von Barrs Nominierung am 16.
Oktober 1991 erklärte Bush, er habe eine Person
ausgewählt, die "durch und durch professionell, darüber hinaus Verfechter der Rechte des einzelnen ist und
sich der Bekämpfung von Verbrechen verschrieben
hat."
Der 41jährige Barr würde Richard Thornburgh als
Leiter des Justizministeriums ablösen. Für dieses Amt
muß er mehrheitlich durch den Senat bestätigt werden.
Barr wuchs in New York City auf, wo er 1973 einen
Magister an der Columbia University erwarb. Er zog
nach Washington und besuchte die juristische Fakultät
der George Washington University in Abendseminaren. Nach seinem Examen arbeitete Barr als Jurist
beim US-Nachrichtendienst CIA. 1978 ließ er sich als
Anwalt nieder.
Barr trat 1982 der Reagan-Regierung bei, wo er im Rat
für Innenpolitik im Weißen Haus als Jurist tätig war.
1989 wechselte erzurBush-Regierung, wurde Staatssekretär im Justizministerium und damit verantwortlich
für das Büro für Rechtsberatung, das dem Weißen
Haus und den Exekutivbehörden des Präsidenten
Rechtshilfe leistet.
1990 wurde Barr Stellvertretender Justizminister und
damit zweiter Mann im Justizministerium. Die Mitarbeiter des Ministeriums lobten seine Gesprächsbereitschaft über Angelegenheiten des Ministeriums. Als
Thornburgh im August vergangenen Jahres zurücktrat, um in Pennsylvania für einen Sitz im Senat zu
kandidieren, wurde Barr automatisch amtierender
Justizminister.
*
AMERIKA DIENST 42

Nur drei Tage nach seinem Amtsantritt gab es im
Talladega-Bundesgefängnis in Alabama eine Revolte
kubanischer Gefangener, die zehn Geiseln nahmen,
um ihre Abschiebung nach Kuba zu verhindern. Barr
traf eine schwierige Entscheidung und wies Rettungseinheiten des FBI an, das Gefängnis mit High-PowerWaffen und Spezialgranaten zu stürmen, wobei die
Opfer zeitweise kampfunfähig gemacht, aber nicht
verletzt wurden. Die Geiseln konnten unverletzt befreit
und die Gefangenen erneut festgesetzt werden, ohne
daß ein Schuß fiel.
Barr vertritt eine andere Meinung als wichtige Kongreßabgeordnete über ein Gesetz von 1989, das ihm
zufolge US-Behörden befugt, Verdächtige im Ausland
für in den Vereinigten Staatem begangene Straftaten
zu verhaften - ohne Zustimmung der ausländischen
Regierung. Barr ist der Auffassung, dieses Recht
beinhalte die Strafverfolgung für Verbrechen gegen
die Vereinigten Staaten außerhalb der gerichtlichen
Zuständigkeit der Vereinigten Staaten.
Barr schrieb einen Kommentar zu diesem Thema, den
der Rechtsausschuß des Senats im Sommer vergangenen Jahres prüfen wollte. Die Regierung verweigerte die Freigabe des Dokuments. Eine Verfassungskrise konnte vermieden werden, weil der Ausschuß später
Teile des Dokuments einsehen konnte.
Der Ausschußvorsitzende Joseph Biden - ein Demokrat - erklärte, die Anhörungen für Barrs Bestätigung
würden trotz dieser Meinungsverschiedenheiten "fair
und gründlich" geführt.

* * *

*

Seite 1

�DAS

MEINUNGSBILD

IN

AMERIKA
23. Oktober 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Themen und Probleme, die Amerikaner im Augenblick
beschäftigen und ihre Meinung, wie sie sich in jüngsten Umfragen darstellt. Die Umfragen wurden vom Roper
Center for Public Opinion an der University of Connecticut durchgeführt.

Starke Unterstützung für Bushs Abrüstungsinitiative

Die 59% Befürworter wurden nach ihrer Meinung für
den Fall gefragt, daß die Sowjetunion nicht gleichzieht.

Eine große Mehrheit der Amerikaner begrüßt Präsident Bushs Initiative zum Abzug land- und seegestützter Nuklearwarfen kurzer Reichweite aus Europa
und Asien, aber nur, wenn die Sowjetunion gleichzieht.
Eine überwältigende Mehrheit befürwortet die Beseitigung aller Nuklearwaffen, wobei die meisten dies nicht
als realistische Möglichkeit betrachten. CBS und die
New York Times erhielten auf ihre vom 5. bis 7.
Oktober 1991 durchgeführte persönliche Befragung
von 1.280 Wahlberechtigten in den Vereinigten Staaten folgende Antworten:

Ich stimme zu

32%

Ich stimme nicht zu

63

Stimmen Sie dem Abzug von Nuklearwaffen
kurzer Reichweite aus Europa und Asien zu?
Ich stimme zu

59%

Ich stimme nicht zu

35

Weiß nicht/Keine Angabe

6

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Befürworten Sie die weltweite Zerstörung von
Nuklearwaffen?
Ja

87%

Nein

11

Weiß nicht/Keine Angabe

2

Ist die Zerstörung von Nuklearwaffen eine
realistische Möglichkeit?
Realistische Möglichkeit

25%

Nicht realistisch

70

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Die 35% der Befragten, die sich negativ geäußert
hatten, wurden nach ihrer Meinung für den Fall befragt,
daß die Sowjetunion gleichzieht.

Würde die Sowjetunion eine neue Vereinbarung
zur Begrenzung von Nuklearwaffen ernstnehmen?

Ich stimme zu

69%

Ja

50%

Ich stimme nicht zu

25

Nein

35

Wei ß nicht/Keine Angabe

15

Weiß nicht/Keine Angabe

AMERIKA DIENST 42

6

Seite 1

�Zu hohe Verteidigungsausgaben? Zu viel
Entwicklungshilfe?
Die Amerikaner sind im Hinblick auf ihre Meinung, ob
die Vereinigten Staaten zuviel Geld oder genau die
richtige Summe für nationale Verteidigung und militärische Zwecke ausgeben, in zwei nahezu gleiche
Lager gespalten. Sie sind generell für eine Kürzung
der Entwicklungshilfe, auf die Frage nach bestimmten
Empfängerländern erhält jedoch Osteuropa stärkere
Unterstützung als der Nahe Osten. Die folgenden
Antworten wurden bei einer landesweit vom 20. bis 24.
September 1991 bei 1.510 Wahlberechtigten durchgeführten telephonischen Befragung von NBC News und
dem Wall Street Journal gesammelt.
Verteidigung und Militärausgaben
Zu gering

10%

Zu hoch

42

Richtiger Betrag

41

Für Ägypten
Notwendig

37%

Nicht notwendig

47

Unsicher

16

Besorgnis der Amerikaner über ihre Wirtschaft
Dieselbe Umfrage von NBC News und dem Wall Street
Journal stellte die Frage nach der Wirtschaftslage in
den Vereinigten Staaten. Drei Viertel der Befragten
erklärten, ihrer Meinung nach befinde sich das Land in
einer Rezession, und dieser Gruppe wurden einige
zusätzliche Fragen gestellt.
Befinden sich die Vereinigten Staaten in einer
Rezession?
Ja

75%

Nein

18

Unsicher
Unsicher

7

7
Ist die Rezession schwach oder gravierend?

Eine verminderte sowjetische Bedrohung bedeutete
eine 50%ige Kürzung der Verteidigungsausgaben bis
zum Jahr 2000.
Richtig

41%

Falsch

50

Unsicher

9

Kürzung der Entwicklungshilfe
Ich bin dafür

69%

Ich bin dagegen

24

Ich bin unsicher

7

Hilfe für die Sowjetunion
Notwendig

58%

Nicht notwendig

32

Unsicher

10

Für Polen

Schwach

59%

Gravierend

32

Dazwischen

7

Unsicher

2

Ist der Höhepunkt der Rezession überwunden?
Höhepunkt überwunden

43

Das Schlimmste kommt noch

49

Unsicher

8

Wie lange wird die Rezession dauern?
Unter 3 Monaten

1%

3 bis 6 Monate

10

6 Monate bis 1 Jahr

34

Über ein Jahr

47

Unsicher

8

Notwendig

55%

Nicht notwendig

29

Leistet die Bush-Regierung genug zur Bekämpfung
der Rezession?

Unsicher

16

Leistet genug

29%

Leistet nicht genug

59

Unsicher

12

Für Israel
Notwendig

44%

Nicht notwendig

46

Unsicher

10

Seite 2

AMERIKA DIENST 42

�Leistet der Kongreß genug zur Bekämpfung der
Rezession?

Das US-Handelsdefizit
Alle gleich wichtig

8
10

Leistet genug

16%

Leistet nicht genug

71

Unsicher

13

Allen wurde folgende Frage gestellt: Hat sich die
nationale Wirtschaftslage im vergangenen Jahr verbessert, verschlechtert, oder ist sie in etwa gleich
geblieben?

Leistet genug

32%

Verbessert

Leistet nicht genug

44

Verschlechtert

57

Unsicher

24

Gleich geblieben

33

Unsicher

Die Bundesbank?

Alle Teilnehmer wurden gefragt: Was ist das wichtigste Problem in der Wirtschaft, mit dem sich das Land
konfrontiert sieht?

Unsicher

3

8%

2

Inflation

10%

Alle wurden befragt: Wird sie sich im kommenden Jahr
verbessern, verschlechtern oder in etwa gleich
bleiben?

Arbeitslosigkeit

37

Verbessern

32%

Verschlechtem

24

Gleich bleiben

39

Zinsen
Das Haushaltsdefizit

Steuern der Bundesregierung

3
23

6

Unsicher

5

* * * * *

AMERIKA DIENST 42

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Neue Weltordnung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Weltordnung erfordert neues Programm&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Bartholomew&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA drängen auf weltweites Engagement bei Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. IWF/Weltbank&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brady fordert Reform von IWF und Weltbank&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush nominiert Verwaltungsjuristen für das Amt des Justizministers&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von William Barr&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Das Meinungsbild in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die öffentliche Meinung in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
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^
Embassyofthe United States of America \ J I V H I
} ^

^

16. Oktober 1991

41

NEUER OBERSTER RICHTER

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU 48
STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller
Belästigung ergebnislos

DIE SOWJETISCHE
MILITÄRMACHT

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers
zum Pentagon-Bericht

US-STREITKRAFTE

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell vor der Vereinigung
der Atlantischen Gesellschaften

DROGEN

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener
Bevölkerungsgruppen

KUNST

CIRCA 1492: ART IN THE
AGE OF EXPLORATION
Ausstellung in der National Gallery
of Art in Washington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUER

OBERSTER

RICHTER
16. Oktober 1991

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU
48 STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller Belästigung ergebnislos

WASHINGTON - (AD) - Nach wochenlangen Debatten
über seine Rechtsauffassungen und seinen Charakter
hat der Senat Richter Clarence Thomas in seinem Amt
im Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten
bestätigt.
Der Senat stimmte am 15. Oktober 1991 mit 52 zu 48
Stimmen für Thomas, wobei sich 11 Demokraten den
41 von 43 Republikanern im Senat anschlössen, um
Präsident Bushs Kandidaten - einen konservativen 43
Jahre alten schwarzen Richter am Berufungsgericht zum Richter am Obersten Gerichtshof zu machen, der
dem ausscheidenden Thurgood Marshall nachfolgt.
Präsident Bush, der sich in dem ganzen turbulenten
Prozeß nachdrücklich für Thomas ausgesprochen hatte,
veröffentlichte eine Erklärung, mit der er seine Freude
über die Entscheidung des Senats bekundete. "Das
Land und das Gericht profitieren davon, einen Mann
mit Prinzipien zu haben, der den Problemen und
Möglichkeiten aller Amerikaner sensibel gegenübersteht," erklärte der Präsident.
Die Endabstimmung folgte auf drei Tage spannende
und oft spektakuläre Anhörungen vor einem rasch
einberufenen Rechtsausschuß des Senats zu in letzter Minute bekanntgewordenen Anschuldigungen,
Thomas habe eine frühere Mitarbeiterin sexuell belästigt.
Der gesamte Senat war bereit, am 8. Oktober nach
umfangreichen Anhörungen über Thomas Qualifikationen für das Oberste Gericht abzustimmen, in denen
Thomas im allgemeinen die Bestrebungen mancher
Senatoren abwehren konnte, seine Meinung zu Abtreibung und anderen möglichen Probleme des Obersten
Gerichtshofs in Zweifel zu ziehen.
Aber am Vorabend dieser Abstimmung erhielten die
Medien ein vertrauliches Protokoll des FBI über Beschuldigungen von Anita Hill, einer Juraprofessorin der
AMERIKA DIENST 41

University of Oklahoma, die vor zehn Jahren bei zwei
Bundesbehörden für Thomas gearbeitet hatte, er habe
ihr ungebührliche Aufmerksamkeit geschenkt, sie
wiederholt um Verabredungen gebeten, mit seiner
sexuellen Potenz geprahlt und ihr Szenen aus pornographischen Filmen geschildert.
Der Ausschuß hatte Kenntnis von Hills' Vorwürfen,
bevor er Thomas Nominierung an den Senat zum
Beschluß durch Fraktionszwang mit einer Stimmengleichheit von 7 zu 7 weiterleitete.
Die Veröffentlichung der Anschuldigungen - offensichtlich von einem der Senatoren des Ausschusses
oder einem ihrer Mitarbeiter durchgesickert - führte zu
einer Welle der Entrüstung von Frauen- und anderen
Gruppen, die sich beschwerten, das Gremium habe
das ernste Problem der sexuellen Belästigung ignoriert.
Dies führte zur Verschiebung der Abstimmung um eine
Wophe, wobei der Ausschuß weitere Anhörungen
anordnete, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Bei den landesweit ausgestrahlten Anhörungen, die
am Freitag, den 11. Oktober wiederaufgenommen
wurden, trug Hill noch mehr und detailliertere Anschuldigungen vor, die von Thomas vehement und kategorisch geleugnet wurden, und er beschwerte sich, gedrängt
zu werden, etwas Nichtexistentes zu beweisen. In den
Anhörungen wurden sexuelle Begriffe ausgesprochen,
die niemals zuvor in einem Senatsverfahren zu hören
waren, es kam zu den heftigsten Debatten zwischen
Republikanern und Demokraten, an die man sich
erinnern kann.
In langen Befragungen warf Hill am 11. Oktober Thomas vor, er habe sich - oftmals hinter verschlossenen
Türen und niemals vor Zeugen - ungebührlich verhalten, als sie für ihn beim Bildungsministerium und bei
der Gleichstellungsbehörde (Equal Employment OpSeite 1

�portunity Commission - EEOC) gearbeitet habe. Sie
erklärte, seine Bemerkungen seien die unausgesprochene Aufforderung gewesen, "Sex mit ihm zu haben".

Senatoren - konfrontiert mit zwei diametral entgegengesetzten Aussagen zweier beeindruckender, wortgewandter Zeugen - gegenübersahen.

Thomas Befürworter im Ausschuß versuchten ihre
Anschuldigungen als unglaubwürdig zurückzuweisen.
Sie fragten wiederholt, warum sie nicht damals gegen
Thomas vorgegangen sei, warum sie ihm zur EEOC
gefolgt sei, als er die Stelle wechselte, warum sie ihn
nach Aufgabe ihrer Stelle mehrmals und anscheinend
in freundlicher Absicht angerufen und warum sie 10
Jahre gewartet habe, um das Thema der angeblichen
Belästigung öffentlich zur Sprache zu bringen.

Der derzeitige Senatspräsident und frühere Mehrheitsführer, Demokrat Robert Byrd, ergriff das Wort mit
der Feststellung, nach Ansicht praktisch aller Fernsehübertragungen habe er seine Meinung geändert und
werde jetzt gegen Thomas stimmen.

In einer emotional geführten Anhörung am 11. und 12.
Oktober wies Thomas Hills' Beschuldigungen als
"Unsinn" zurück und erklärte: "Ich kann mich an nichts
erinnern, was ich Anita Hill gesagt oder getan habe,
das als sexuelle Belästigung mißverstanden werden
könnte". Er gab zu, ihre Anhörung nicht verfolgt zu
haben.
Thomas, wie Hill schwarz, argumentierte, die Versuche zur Vereitelung seiner Nominierung gründeten
sich auf rassistische Vorbehalte, und das Verfahren,
dem er sich unterziehen müsse, sei eine "hochmoderne Form der Lynchjustiz an vermessenen Schwarzen".
Während einer Marathonsitzung am 13. Oktober gaben
ein kalifornischer Richter, ein amerikanischer Universitätsprofessor für Rechtswissenschaften und zwei
andere Juristen, die Anita Hill kannten, zu Protokoll, sie
hätte ihnen Anfang und Mitte der achtziger Jahre
mehrmals anvertraut, sexuell belästigt zu werden.
Diese Anhörung befaßte sich mit den Vermutungen
von Thomas' Befürwortern, Hill habe diese Behauptungen in Absprache mit ungenannten "Interessengruppen" erst jetzt mit der Absicht fabriziert, die Bestätigung des Konservativen Thomas zu verhindern.
Dieser Anhörung folgten jedoch über ein Dutzend
Zeugen, die Aussagen über Thomas' Integrität machten. Unter ihnen waren viele Frauen, die früher für ihn
gearbeitet hatten und aussagten, er sei in ihrer Gegenwart stets höflich und zuvorkommend gewesen, 'ind
sexuelle Belästigung sei nicht mit seinem Wesen in
Einklang zu bringen.
Bei einer der Endabstimmung vorausgegangenen
eintägigen Debatte im Senat wurden am 15. Oktober
eine Reihe häufig recht eloquenter Reden gehalten,
die die verwirrende Situation beleuchteten, der sich die

"Ich glaube Anita Hill", stellte er fest.
Byrd fuhr fort, er sei erstaunt und enttäuscht über
Thomas' offenkundige Weigerung gewesen, den
Aussagen seiner Anklägerin Gehör zu schenken. Dies
stelle Thomas' juristische Kompentenz und seine
Fähigkeit als Richter in Frage, erklärte er.
Im Hinblick auf das Argument, "im Zweifel für den
Angeklagten", bestand Byrd darauf, daß ein solcher in
einem Gerichtsverfahren zulässiger Ansatz in einer
gesetzmäßigen Anhörung zur Bestätigung für den
Obersten Gerichtshof unangebracht sei. Hier, so
Byrd, sollte jeder Zweifel zugunsten des Gerichts und
der Nation, nicht des Kandidaten, ausgeräumt werden.
Senator Alan Dixon, einer der Thomas unterstützenden Demokraten, erklärte jedoch, Thomas "stehe das
Recht der angenommenen Unschuld" zu. Da die
Anhörung vor dem Ausschuß nicht das Gegenteil
bewiesen habe, "können Professor Hills Anschuldigungen nicht dazu verwendet werden, eine Abstimmung gegen Richter Thomas zu rechtfertigen" und
seine Entscheidung werde sich auf eher traditionelle
Themen stützen, stellte Dixon fest.
Republikanische Befürworter wie die AusschußmitgliederOrrin Hatch und Alan Simpson insistierten, Hills
Aussalgen seien schlicht und einfach nicht glaubwürdig
gewesen und Thomas sei aufgrund der vorliegenden
Tatsachen der Bestätigung würdig.
Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Joseph Biden,
der) die Anhörung leitete, erklärte, er werde gegen
Thomas stimmen, weil er die Ansichten des Richters
"zu Themen, die Konsequenzen für die Zukunft dieser
Nation haben" inakzeptabel fände. Indem er seine
Besorgnis darüber zum Ausdruck brachte, daß das
Ergebnis als Entscheidung zugunsten der Glaubwürdigkeit des Richters gegenüber Hills gesehen würde,
erklärte Biden, "Wir stimmen über die Zukunft der
Nation, nicht über den Charakter dieses Mannes ab."

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 41

�DIE

SOWJETISCHE

MILITÄRMACHT
16. Oktober 1991

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers zum Pentagon-Bericht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentichen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Cheney zum
diesjährigen Bericht des Pentagons über die sowjetische Militärmacht mit dem Titel "Streitkräfte im Umbruch".

Wir werden stets die Bilder vom 19. bis 21. August
1991 vor Augen haben - den russischen Präsidenten
Jelzin auf einem Panzer in den ersten Stunden des sowjetischen Staatsstreichs, als er dem Putsch den
Kampf ansagte, Tausende von Moskauer Bürgern, die
Menschenketten gegen Panzer bildeten, die das russische Parlament zu überrollen drohten und den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow bei seiner Rückkehr nach Moskau nach dem gescheiterten Putsch.
Vor allem aber werden wir uns an den Triumph der
Demokratie über die Anstifter des Staatsstreichs, den
Sturz des Lenin-Denkmals und die Straßen voller
Menschen erinnern, die die Aussicht auf Selbstbestimmung feierten. Diese Bilder spiegelten die Ereignisse
wider, deren Zeuge die Welt in Prag, Ostberlin und
anderen osteuropäischen Städten in den Jahren 1989
und 1990 geworden war - die Ablehnung des Kommunismus und der Erfolg derjenigen, die Freiheit anstrebten.
Man kann sich schwerlich des Gefühls der Euphorie
über diese Ereignisse und den Zusammenbruch der
repressiven Institutionen erwehren, die das sowjetische Leben über 70 Jahre lang beherrscht haben.
Heute bieten sich zahlreiche Gelegenheiten für demokratisches Wachstum in der ehemaligen Sowjetunion.
Obwohl der Putsch gescheitert ist, bleiben jedoch noch
viele grundlegende politische, nationale und wirtschaftliche Probleme bestehen. Diese außerordentlich
komplexe Gesellschaft lebt in über 11 Zeitzonen,
umfaßt über 100 verschiedene Volksgruppen und hat
eine Bevölkerung von 275 Millionen. Sie hat lange
unter einem inkompetenten politischen System gelitten und die Härten und Verzerrungen einer Planwirtschaft erduldet. Weder die Wirtschaftsreformen zur
Umwandlung dieser Gesellschaft in eine freie Marktwirtschaft noch die politischen Reformen zur Schaffung effektiver Institutionen mit Rechenschaftspflicht
gegenüber den Menschen werden sich über Nacht
vollziehen.
AMERIKA DIENST 41

Nach den bemerkenswerten Ereignissen Mitte August
und der andauernden Unberechenbarkeit jedes Aspekts
des Lebens in Rußland und den anderen Republiken
haben wir uns entschlossen, in diesem Jahr Die
sowjetische Militärmacht nicht zu veröffentlichen. In
dieser Publikation wurden die Tendenzen im sowjetischen Militär sowie der politische und wirtschaftliche
Kontext, in dem die sowjetischen Streitkräfte operierten, im einzelnen dargelegt . Aufgrund des sehr
unsicheren Charakters so vieler Belange mit direktem
Einfluß auf militärische und nationale Sicherheitsfragen haben wir absichtlich eine Reihe von Themen nicht
erörtert, die in der Ausgabe 1991 von Die sowjetische
Militärmacht enthalten gewesen wären.
Statt dessen konzentriert sich Streitkräfte im Umbruch auf die nüchternen Fakten über die Streitkräfte
dieses Landes. Es ist eine Momentaufnahme der im
August 1991 demonstrierten Fähigkeiten, mit neuesten Informationen über die Zeit nach dem Staatsstreich, soweit wir diese beibringen konnten. Unseres
Erachtens liefert der Bericht so viele Informationen wie
möglich, die zweifelsohne Thema politischer Debatten
werden. Dieses Detail kann für amerikanische und
sowjetische Bürger wie auch für die interessierten
Leser weltweit gleichermaßen von Bedeutung sein.
Aus diesem Grund haben wir Beobachtungen darüber
angestellt, wie die Zentralbehörden der Sowjetunion
und die Republiken den Grundstock für die Neugestaltung militärischer Verantwortung nach dem Scheitern
des Staatsstreichs legen.
Die Bedeutung einer solchen Publikation wurde mir
während meines ersten offiziellen Besuchs als Verteidigungsminister in der Sowjetunion im Oktober 1990
bewußt. Ich traf mit den beiden Ausschüssen des
Obersten Sowjet zusammen, die sich mit Verteidigung
und internationalen Angelegenheiten befassen. Die
Sitzung selbst war beispiellos. Nachdem ich eine

Seite 1

�kurze Erklärung abgegeben hatte, führten wir eine
lebhafte Diskussion über das breite Spektrum militärischer und sicherheitspolitischer Themen. Ich war
angesichts der bisherigen Geschichte amerikanischsowjetischer Beziehungen über die Aufrichtigkeit und
Freimütigkeit dieser Diskussion überrascht. Ich war
noch überraschter, als ein Ausschußmitglied aufstand,
um ein Argument vorzubringen und zu dessen Bekräftigung ein Dokument hochhielt - die Ausgabe 1990 von
Die sowjetische Militärmacht. Ein anderes Ausschußmitglied erzählte mir, dieser Bericht sei die einzig verläßliche Quelle über militärische Beschaffung
und die Verteidigungsausgaben in seinem Land. Die
Ausschußmitglieder waren besonders wißbegierig über
die Investitionen ihrer Regierung in Nuklearwaffen - ein
Bereich, der in diesem Bericht behandelt wird.
Das sowjetische Imperium wurde durch Eroberung
geschaffen und durch den Zwang der Kommunistischen Partei, des KGB und des Militärs zusammengehalten. Seit dem gescheiterten Staatsstreich befindet
sich jede dieser Institutionen in einem bemerkenswerten Auflösungsprozeß. Eine - die Kommunistische
Partei - wurde ihrer Macht enthoben oder zumindest
weitestgehend eingeschränkt. Es sollte uns daher
nicht überraschen, daß die Union selbst geschwächt
und ihre Zukunft zweifelhaft ist. Selbst der Name des
Landes wird sich wahrscheinlich ändern.
Was während dieser Übergangsphase in der sowjetischen Geschichte geschieht, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Politik haben. Dies
ist eine Zeit großer Unsicherheit für die Sowjetunion
und den Westen. Die ehemalige UdSSR ist nach wie
vor eine Atommacht inmitten einer Revolution - eine
Situation, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.
Der Fortbestand enormer militärischer Fähigkeiten in
einem Staat, der sich in den Geburtswehen einer
Revolution und dem damit einhergehenden Potential
für Gewalt und Chaos - befindet, stellt eine neue Art der
Sicherheitsbedrohung für die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten dar. Der Einsatz von Gewalt zur
Beilegung seit langem schwelender ethnischer, territorialer und wirtschaftlicher Konflikte ist bereits in einigen
Republiken offenkundig. Wenn sich solche Koniiikte
ausbreiten sollten, Massen von Flüchtlingen die Grenzen überqueren oder die Konfrontationen die Bedrohung oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen beinhalten würde, könnten regionale Konflikte leicht
zu einer weltweiten Krise eskalieren.
Der wahrscheinlich einzige Punkt, über den Einigung
besteht, ist, daß wir einfach nicht wissen, was die
Zukunft für die ehemalige Sowjetunion bereithält. Es
gibt jedoch fünf grundlegende Fragen bezüglich der
Art der Krise, die die ehemalige Sowjetunion durchmacht. Die Beantwortung jeder dieser Fragen wird das
Maß bestimmen, in dem die ehemalige Sowjetunion in
Zukunft als ernsthafte Sicherheitsbedrohung angesehen werden muß.

Seite 2

Die ersten Frage betrifft die Union selbst. Präsident
Gorbatschow und andere unternehmen drastische
Schritte zur Rettung der Union, und einige Politiker in
den Republiken arbeiten hart, um einen "gemeinsamen Wirtschaftsraum" zu schaffen. Es sind jedoch
auch mächtige soziale und politische Kräfte am Werk,
die ehemalige Sowjetunion auseinanderzureißen.
Die drei von Stalin als Teil eines Handels mit Hitler
annektierten Baltenstaaten haben ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, und die anderen Republiken haben
Souveränitäts- oder Unabhängigkeitserklärungen verabschiedet. Einige bauen neue Streitkräfte auf. Die
Spannungen zwischen den Republiken nehmen zu,
und im Transkaukasus, in Moldawien und Zentralasien
bekämpfen sich einzelne Volksgruppen. Ob diese
Pressionen in Gewalt ausarten und welche Auswirkungen diese Gewalt auf das Tempo der Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion - und die Sicherheit ihrer
Nachbarn - haben werden, ist allgemein Anlaß zur
Sorge.
Das zweite Problem betrifft politische Macht und Autorität. Seit einiger Zeit sind die Kanäle der Autorität
zwischen der Zentralregierung und den Republiken
und in den Republiken geschwächt oder ernsthaft
gestört. Die Behörden der Exekutive auf allen Ebenen
sehen sich jetzt vor ernsthaften Schwierigkeiten, ihre
Entscheidungen durchzusetzen. Lokale Ratsversammlungen benötigen Zeit, um Erfahrung und Autorität zu
gewinnen, politische Leitlinien zu entwerfen oder
Regierungsstellen anzuweisen, die ihnen nominell
unterstehen, und die Bürger selbst müssen die Bedingungen der politischen und wirtschaftlichen Macht
festlegen. Die alltäglichen Verfahren einer demokratischen Regierung in einer großen vielfältigen Nation
müssen noch gelernt werden und brauchen Zeit, um in
der früheren Sowjetunion zu reifen.
Das dritte Problem betrifft die Wirtschaftskrise, in der
sich die Sowjetunion befindet. Offiziellen sowjetischen
Statistiken zufolge ist das Bruttosozialprodukt in der
ersten Hälfte dieses Jahres in der Sowjetunion um 10
Prozent gefallen, wobei sich der Rückgang noch beschleunigen könnte. Nachschub an Lebensmitteln
und Brennstoffen für diesen Winter gibt Anlaß zur
Sorge, und eine Hyperinflation liegt nach wie vor im
Bereich des Möglichen. Darüber hinaus könnte sogar
die beste langfristige Wirtschaftspolitik kurzfristig soziale
Unruhen und Verschiebungen in der Wirtschaft verschärfen, bevor sie Vorteile bringt.
Viertens steht die Frage der Bereitstellung von Mitteln
für das sowjetische Militär im Raum. Seit einiger Zeit
wird ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dem
ausdrücklichen Reformprogramm des Kreml und den
anhaltend hohen Ausgaben für den Militäretat und die
Rüstungsindustrie beobachtet. Einerseits hat die
Sowjetunion den politischen Charakter ihrer Gesellschaft und Außenpolitik mit Glasnost und Perestrojka

AMERIKA DIENST 41

�verändert. Präsident Gorbatschow hat beispiellose
politische Reformen eingeführt und in Bereichen der
Weltpolitik kooperiert, in denen es jahrelang nur Spannungen und Mißtrauen gegeben hatte. In den letzten
Jahren haben die Sowjets mit sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen gekämpft, und
es gab vielfältige Bestrebungen, um den wirtschaftlichen Niedergang unter Kontrolle zu bekommen.

Wirtschaft, Reduzierungen der Streitkräfte und Außenpolitik. Angesichts der ungewissen politischen
Situation, der angespannten Wirtschaftslage und des
Mangels an demokratischen Traditionen in der sowjetischen Gesellschaft gelangen sowjetische und westliche Beobachter zu der Überzeugung, das Risiko des
Rückfalls in alte autoritäre Strukturen bestehe weiterhin.

Andererseits hat die ehemalige Sowjetunion trotz politischer Reformen und einer starken wirtschaftlichen
Rezession weiterhin ungeheure Summen für ihr Waffenarsenal ausgegeben und die Produktion in der
Rüstungsindustrie auf einem Niveau weitergeführt,
das alle möglichen Verteidigungserfordernisse bei
weitem überstieg. Die Frage wurde laut: Warum gibt
ein Land in außergewöhnlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und kurz vor dem Bankrott 15 bis 17 Prozent
- einigen sowjetischen Ökonomen zufolge sogar 33
Prozent - seines Bruttosozialprodukts für Rüstung
aus? Wir hoffen, insbesondere angesichts des gescheiterten Staatsstreichs, daß die Führung in Rußland und den anderen Republiken diese Frage mit
drastischen Kürzungen im Militärhaushalt beantworten wird.

Wir hegen ähnliche Hoffnungen für die ehemalige
Sowjetunion wie die Reformer. Obwohl das Verhältnis
der Republiken untereinander von den Menschen selbst
entschieden werden muß, ist es wichtig, daß jeder
Zusammenschluß freiwillig ist und sich auf demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft gründet. Wir fordern die Achtung der Menschenrechte auf der Basis des Respekts für den einzelnen einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten und fordern die Einhaltung internationaler
Gesetze und Verpflichtungen. Wir wünschen uns eine
Entmilitarisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, die
Umwandlung der enormen Rüstungsindustrie in eine
zivile Produktion, die Umleitung von Mitteln zum Wohl
der Bevölkerung und Beiträge zu weltweiter Stabilität.

Schließlich stellt sich noch die Frage nach dem Charakter der zukünftigen sowjetischen Außenpolitik. Die
Sowjetunion hat sich von der doktrinären internationalen Politik der Vergangenheit abgewandt und spielt
jetzt in der Weltpolitik eine konstruktivere Rolle. Am
bemerkenswertesten war die Rolle des Kreml während
der demokratischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa, als die sowjetischen Streitkräfte keinen Versuch unternahmen, die Hinwendung zur Unabhängigkeit von Moskau aus zu behindern. Nach der irakischen Invasion in Kuwait haben die Sowjets internationale Bestrebungen zur Vertreibung der irakischen
Streitkräfte aus Kuwait unterstützt. Sowjetische Diplomaten haben an dem Vertrag über Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) und auch am Vertrag über
die Verringerung strategischer Rüstungen (START)
mitgearbeitet. Nach dem Putsch hat die sowjetische
Regierung versprochen, ihre militärische Präsenz in
Kuba zu verringern, und sie will ebenso wie wir aufhören, den streitenden Parteien in Afghanistan todbringende Waffen zu liefern.
Natürlich wirft die neue Machtverteilung in der früheren
Sowjetunion Fragen über die künftige Außenpolitik
auf. Die Vereinigten Staaten haben sowjetische Erklärungen begrüßt, ihre Rüstungskontrollabkommen und
anderen internationalen Verpflichtungen einhalten zu
wollen.
Der gescheiterte Putsch vom 19. - 21. August war
eindeutig ein Sieg für die demokratischen Reformer in
der gesamten Sowjetunion. Obwohl es neue Hoffnung
auf einen Übergang zur Selbstregierung und Marktwirtschaft gibt, bleiben noch Fragen offen über die
Union, die politische Autorität, Wiederbelebung der

AMERIKA DIENST 41

Wir können viel tun, um diesem Land in Not zu helfen.
Wir müssen jedoch Gewißheit haben, daß unser Handeln
im Einklang mit unserer eigenen Sicherheit und unseren langfristigen Zielen steht. Bei aller Unsicherheit
und Unberechenbarkeit der politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion ist eines klar:
unsere eigene Sicherheit wird am besten gewährleistet durch eine objektive Bewertung der weltweiten
Herausforderungen, die sich uns stellen, ungeachtet
ihres Ursprungs.
Aus diesen Gründen müssen wir kritisch beobachten,
wie sich die politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Revolutionen in der ehemaligen Sowjetunion auf ihre
militärischen Fähigkeiten auswirken. Die sowjetische
Politik im Hinblick auf diese Fähigkeiten, wie Rüstungsausgaben und -produktion, Streitkräfteniveaus,
das Tempo der Modernisierung und Stationierung sind
echte Indikatoren für militärische Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion.
Die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion befinden sich an einem Scheideweg der Geschichte. Wenn
die gegenwärtige Krise zu Repression, Anarchie oder
Bürgerkrieg führt, werden die ehemalige Sowjetunion
und die Welt sich mit zunehmenden Gefahren konfrontiert sehen. Wenn die frühere Sowjetunion diese
Gefahren jedoch vermeidet, weiterhin einen demokratischen Weg beschreitet und eine Politik verfolgt, die
zu friedlicheren Beziehungen und reduzierten militärischen Fähigkeiten führt, sind die Zukunftsaussichten
vielversprechend. Die erfolgreiche Einführung eines
demokratischen politischen Systems und freier Marktwirtschaft werden eine bessere Chance für die Sicherheit beider Seiten mit erheblich verminderten Streitkräfteniveaus bieten.

Seite 3

�US-STREITKRAFTE
16. Oktober 1991

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell bei der
Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften
WASHINGTON - (AD) - Dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, zufolge wird
"Vornepräsenz" - die dauerhafte Stationierung amerikanischer Streitkräfte - in Europa, den Mittelmeeranrainerstaaten, Südwestasien sowie im Pazifik ein Schlüsselelement der neuen amerikanischen Streitkräftestruktur
sein.
"Die in Europa vorne stationierten Streitkräfte werden entschieden reduziert. In den kommenden Jahren werden
sie von rund 300.000 auf 150.000 Mann abgebaut", erklärte Powell. "Wir dürfen jedoch nicht nur paramilitärische
Streitkräfte haben. Wir müssen eine echte Streitmacht unterhalten, die von unseren Freunden in Europa und
denjenigen auf der anderen Seite des Atlantiks, die uns vielleicht Böses wünschen, als solche angesehen wird",
fuhr Powell fort.
Bei der 37. Generalversammlung der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften (ATA) stellte der General am
9. Oktober 1991 fest, die amerikanischen Streitkräfte in Europa würden "besser in die verbündeten Streitkräfte
integriert", bestünden aus "einem in multinationale Korps eingegliederten Korps mit zwei Divisionen statt zwei
nationalen Korps mit vier Divisionen".
"Obwohl wir das der NATO zur Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern,
werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von
Mehrzweckkampfflugzeugen bestehen", führte Powell aus.
Im Hinblick auf Südwestasien stellte er fest: "Unsere Vornepräsenz wird etwas umfangreicher sein als bisher
und wird eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen. Gleichzeitig wird die Zahl der amerikanischen Truppen in Südkorea, Japan und auf den
Philippinen reduziert."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von General Powell in wesentlichen Auszügen.

Ein Schlüsselelement (der neuen amerikanischen
Militärstrategie) ist Vornepräsenz - die Sicherstellung
unserer vorne stationierten Streitkräfte im Atlantik,
beiderseits des Atlantiks, in Europa, im Mittelmeer und
in Südwestasien.

In Südwestasien wird unsere Vornepräsenz jedoch
etwas umfangreicher sein als in der Vergangenheit
und eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen.

Zweifelsohne werden die in Europa vorne stationierten
Elemente drastisch reduziert - und besser in die verbündeten Streitkräfte integriert - als die Streitmacht,
die den Frieden in unserer Generation bewahrt hat: ein
in multinationale Korps eingegliedertes Korps mit zwei
Divisionen statt zwei nationalen Korps mit vier Divisionen. Weniger als vier taktische Jagdgeschwader statt
mehr als acht.

Unsere Streitkräftestruktur und unsere Strategie sehen auch die Fähigkeit zur Machtentfaltung und Verstärkung beiderseits des Atlantiks vor, sollte dies in
Krisenzeiten erforderlich werden, und wir haben in
unserer Strategie und Streitkräftestruktur die Fähigkeit
bewahrt, die Streitkräfte gegebenenfalls bei Fehleinschätzungen unsererseits oder für den Fall neu zu
formieren, daß die Welt sich doch nicht als so friedlich
entpuppt wie wir dachten.

AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�Diese Streitkräfte, die wirfür unsere atlantischen Interessen in unsere Struktur integrieren, müssen sehr
flexibel sein. Sie müssen bereit sein, in Konflikten
geringer Intensität zu kämpfen.
Operation Provide Comfort - unser zusammen mit den
Streitkräften Ihrer Länder in der Türkei und im Nordirak
durchgeführtes humanitäres Hilfsprogramm - ist ein
gutes Beispiel für transatlantische Bedürfnisse geringer Intensität.
Unsere Atlantischen Streitkräfte müssen auch bereit
sein, in mit modernsten Waffen ausgetragenen Konflikten mittlerer oder hoher Intensität zu kämpfen, mit
denen wir uns konfrontiert sehen könnten. Die Gefechte, die wir in der kuwaitischen und irakischen
Wüste, in der Luft und im Golf geführt haben, waren
Gefechte hoher Intensität, die modernste Technologie
erforderten.
Wir haben im Grunde einen europäischen Krieg in der
Wüste geführt, und das einzige, was fehlte, waren
Berge, Nebel und viele Bäume.
Daher müssen unsere Atlantischen Streitkräfte über
schwere Streitkräfte verfügen und Gefechte hoher
Intensität in der Luft, zu Lande, auf dem Wasser und
am Strand führen können. Sie werden wichtige aktive
Komponenten sowie den Großteil unsere Reservestreitkräfte umfassen.
Sie müssen ferner strategisch beweglich sein sowie
schnell und in großem Umfang von einem Gebiet des
Atlantiks zum anderen und wieder zurück verlegt werden
können.
Wir haben darüber hinaus vitale Interessen in anderen
Gebieten der Welt, wenn auch nicht so unmittelbar
durch die Ereignisse in der Sowjetunion betroffene wie
Europa. Ich denke, der Pazifik steht hier an erster
Stelle.
Seit über 40 Jahren haben unser Engagement und
unsere Präsenz im und am Pazifik uns sowie unseren
Freunden und Verbündeten in der Region einen Schutzschild geboten. Unsere Freunde haben auf unsere
Vornepräsenz im Pazifik als Kreisel gezählt, der in der
Region das Gleichgewicht herstellt und die Richtung
weist.
Die Strategie unseres Präsidenten konzentriert sich
daher zu Recht weiterhin auch auf unsere Interessen
jenseits des Pazifiks.
Unsere damit einhergehende Militärstrategie für den
Pazifik wird sich auf Vornepräsenz aber mit reduzierten Zahlen konzentrieren. Wie Sie wissen, werden wir
in Korea und Japan und natürlich auf den Philippinen
Stützpunkte schließen.
Unsere Streitkräftestruktur für den Pazifik war immer
bescheiden - ein sparsamer Einsatz der Kräfte und
Mittel auf dem Gefechtsfeld. Dies wird auch in Zukunft
Seite 2

so bleiben, mit Betonung auf leichten Streitkräften,
Seestreitkräften, Militärhilfe sowie Übungen mit unseren Freunden in der Region.
Andere Bedürfnisse diktieren auch die Art der von uns
benötigten übergreifenden Streitkräftestruktur. In den
24 Monaten meiner Amtszeit als Vorsitzender waren
die anderen Stabschefs und ich mit einer Vielzahl von
Krisen und unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert. Panama und die Philippinen, Liberia und Somalia, El Salvador und dem Drogenkrieg. Wüstenschild,
Wüstensturm, Provide Comfort-im Nordirak und Sea
Angel in Bangladesch.
Für diese Art von Bedingungen und für die Bewältigung
der Situationen in anderen Regionen der Welt, die
nicht in das atlantische und pazifische Gefüge passen,
benötigen wir eine Ansammlung von Streitkräften, die
wir als Eventualfallkräfte bezeichnen: eine aus allen
Teilstreitkräften zusammengesetzte Streitmacht, die
rasch in jede Region der Welt, wo sie benötigt wird,
verlegt werden kann, ein Gefechtsfeld über den Atlantik oder Pazifik hinweg verstärken oder sich au ßerhalb
dieser Gefechtsfelder engagieren kann - häufig zusammen mit unseren Verbündeten.
Und schließlich werden wir weiterhin ausreichende
strategische Streitkräfte benötigen - Nuklearstreitkräfte. Wir sind verpflichtet, sie auf dem neuesten Stand
und effektiv zu halten.
Präsident Bush hat in Konsultationen mit anderen
Staats- und Regierungschefs eine spektakuläre Initiative in die Wege geleitet, um Umfang und Gestaltung
des nuklearen Arsenals der Vereinigten Staaten - und
wie es jetzt aussieht auch der Sowjetunion - zu verändern. Dies ist die größte Veränderung bei der Dislozierung amerikanischer Nuklearwaffen seit ihrer Integration in unsere Streitkräfte.
Diese Initiative macht die Welt bereits zu einem sichereren Ort. Präsident Bush hat uns alle auf eine neue
moralische Ebene gehoben. Wir und die Sowjetunion
steigen jetzt von der thermonuklearen Leiter herab.
Ich werde an diesem Wochenende in Wien mit meinem
sowjetischen Amtskollegen Lobow zusammentreffen,
um diese atemberaubenden neuen Entwicklungen zu
erörtern.
Diese Entwicklungen können jedoch nicht per se über
die Tatsache hinwegtäuschen, daß die Sowjetunion
nach wie vor die einzige Nation auf der Welt mit der
Fähigkeit zur Vernichtung der westlichen Zivilisation
mit thermonuklearen Waffen binnen einer halben Stunde
ist.
Deshalb müssen unsere strategischen Streitkräfte sowohl in der herkömmlichen strategischen Triade von
Systemen als auch unseren Verteidigungsprogrammen mit ballistischen Raketen - weiterhin tragfähig und
glaubwürdig sein.

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�Ich sollte hinzufügen, obwohl wir das der NATO zur
Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern, werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von Mehrzweckkampfflugzeugen
bestehen.
Diese vier konzeptionellen Streitkräftepakete - Atlantische Streitkräfte, Pazifische Streitkräfte, Eventualfallkräfte und Strategische Streitkräfte - bilden die Grundlage für die Größenordnung und Gliederung unserer
militärischen Kräfteverteilung. Das Ergebnis ist die
Basisstreitmacht - das Minimum an Streitkräften, das
zur Bewältigung der ständigen Bedürfnisse in einer
sich verändernden Welt benötigt wird.
Diese vier Streitkräftepakete müssen auch von soliden
und reagierenden militärischen Transport- und Weltraumfähigkeiten sowie kontinuierlichen Forschungsund Entwicklungsprogrammen unterstützt werden und
der Verpflichtung zur Neuformierung der Streitkräfte,
*

AMERIKA DIENST 41

falls sich unsere Prognosen für eine vielversprechendere Zukunft als falsch erweisen sollten.
Sie wird weiterhin eine echte, keine Scheinstreitmacht
sein. Eine Streitmacht, die, wenn sie zur Ausübung
einer militärischen Mission aufgefordert wird, keinen
Zweifel an ihrer Fähigkeit läßt, dies zu tun. Wie Sie
sehen, haben wir die Basisstreitmacht darüber hinaus
auf unsere regionalen Interessen zugeschnitten.
Wir reduzieren unsere Streitkräfteniveaus in einer Art
und Weise, die nicht länger auf einen Weltkrieg mit der
Sowjetunion ausgerichtet ist. Im Falle eines Weltkriegs - sollte er je nochmals wahrscheinlich werden müßten wir unsere Streitkräfte neu formieren.
Aus unserer Sicht haben wir die richtige Kombination
von Streitkräften geschaffen, um jegliche Aggression
abschrecken, unseren Erfordernissen der Vornepräsenz gerecht werden, auf jede Krise reagieren und
gegebenenfalls zusätzliche Streitkräfte neu formieren
zu können.

* * *

*

Seite 3

�DROGEN
16. Oktober 1991

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der erste in einer Serie über die Behandlung von
Drogenabhängigen in den USA.

Mit neun Jahren fing Louis Marsit an, seinem Vater
Bierflaschen zu entwenden. Dann folgten wiederholte
Episoden von Drogenmißbrauch, er geriet mit dem
Gesetz in Konflikt und unternahm Selbstmordversuche. Mit 18 verlie ß er die Schule, und acht Jahre später
saß er im Gefängnis. Bei seiner Verhandlung bat er
den Richter, ihn in ein Therapiezentrum für Drogenabhängige in Maryland - "Second Genesis" - einzuweisen.
Ein Jahr später ist Louis nicht mehr drogenabhängig
und aktives Mitglied seiner Gemeinde. Louis bekundete kürzlich bei der Eröffnungsfeier eines neues Therapiezentrums seine feste Überzeugung: "Wenn es
'Second Genesis' nicht gegeben hätte, wäre ich heute
nicht hier. Ich wäre tot."
Louis ergreifende Geschichte steht für viele Millionen
ehemals Drogen- und Alkoholabhängiger, die einem
der Tausenden in den letzten zehn Jahren in den
Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt entstandenen Therapiezentren ihre Rehabilitation verdanken.
Dies war auch die Botschaft, die viele Sprecher den
3.000 Teilnehmern der 14. Weltkonferenz der Therapiezentren kürzlich in Montreal zu vermitteln suchten.
Ihnen zufolge hat die Idee der Therapiezentren dort
Erfolg, wo andere Bestrebungen im Kampf gegen
Drogen versagt haben.
In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Konsumenten illegaler Drogen drastisch gesunken, von 23 Millionen im Jahr 1985 auf unter 13 Millionen 1990. Der
Mißbrauch der am meisten verbreiteten illegalen Droge Kokain ist in der Risikogruppe der 18- bis 25jährigen
um 45 Prozent gesunken. Jüngste Untersuchungen
weisen auf eine geringe Zahl neuer Konsumenten von
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"Crack" hin, der populären Form des Kokains, die
gebraucht wird. Der Konsum von Marihuana ist seit
1973 auf dem niedrigsten Stand.
Allein in den Vereinigten Staaten gibt es etwa 700
therapeutische Einrichtungen, die quer durch alle
Bevölkerungsschichten und alle Altersgruppen Behandlungen durchführen. Es gibt spezielle Programme für Schulkinder und Jugendliche, Häftlinge, Fabrikarbeiter, Schwangere und Mütter mit Kindern. Darüber hinaus gibt es Fürsorgeprogramme für Senioren
und Obdachlose. Die Behandlung kann von drei
Monaten bis zu drei Jahren dauern.
Der Leiter des Büros des Präsidenten für nationale
Drogenpolitik, Robert Martinez, erklärte den Konferenzteilnehmern, die Therapiezentren vermittelten die
Art von klaren, hilfreichen Werten, die größtenteils
zum Rückgang des Drogenmißbrauchs führen.
"Nahezu alle der erfolgreichen Programme basieren
auf dem Ethos der persönlichen Verantwortung, dem
Einhalten strenger Regeln, persönlichen Opfern und
Sanktionen für Fehlverhalten", erklärte er. "Tatsächlich gibt es wahrscheinlich mehr Gemeinsamkeiten als
Unterschiede zwischen effektiven Strafmaßnahmen
und einer effektiven Behandlung."
Die Therapiezentren bieten ein sehr streng geregeltes
drogenfreies Umfeld, das im Rahmen des Entzugs
Sanktionen und Strafen verhängen, aber auch Privilegien zubilligen kann. Mitglieder des Zentrums sind Teil
einer "Familiengruppe", nicht Patienten wie in anderen
Institutionen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der
Organisation der Gemeinschaft und sind positive
Vorbilder für andere.

Seite 1

�Der Vizepräsident des Daytop Village in New York,
David Deitch, erklärte, das Modell der Therapiezentren gehe davon aus, daß Drogenabhängigkeit ein
Problem der Person insgesamt ist und soziale, moralische, psychologische, erzieherische und familiäre
Probleme gelöst werden müssen. Ob die Behandlung
nach der Schule, ambulant oder als langfristige Wohngemeinschaft stattfindet - das Konzept bleibt dasselbe.
"Das Konzept geht von der Idee aus, daß neue Verhaltensweisen unter allen Umständen möglich sind", erklärte
Deitch, "und wir betrachten das Leben in einem Zentrum als Weg zu diesen Veränderungen".
Daytop ist das größte gemeinnützige Therapiezentrum der Welt, in dem über 3.000 Menschen aller
Altersstufen behandelt werden. Es bietet eine Vielzahl
von Programme an, um den pädagogischen, emotionalen und psychologischen Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt es viele
andere:
Das Arete Center in Saginaw (Michigan) behandelt
Personen, die nach dem Bundesgesetz für Straftaten
(keine Gewaltverbrechen) verurteilt wurden und nach
ihrer Inhaftierung wieder resozialisiert werden sollen.
Die Bewohner des Zentrums erhalten die Möglichkeit
zu arbeiten und zahlen für einen Teil ihres Aufenthalts.
Das Apple Center in Hauppauge (New York) bietet
hochgradig Drogenabhängigen und psychisch kranken Süchtigen eine langfristige Behandlung im Zentrum. Femer kümmert es sich um obdachlose Drogenabhängige.
Das Westeare Center in Las Vegas (Nevada) bietet
Ausreißern und obdachlosen Jugendlichen Hilfe bei
Konflikten sowie Obdach und hilft jungen Menschen,
die aufgrund von Alkohol- oder Drogenmißbrauch in
Not geraten sind.
Das Amity Center in Tucson (Arizona) führt Programme durch, bei denen Schwangeren im Rahmen ihrer
Drogentherapie pädagogische Fähigkeiten vermittelt
werden. Bei diesem Pilotprogramm können Kleinkinder nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben, weil
Untersuchungen belegen, daß sich viele Mütter überhaupt nicht in Behandlung begeben oder diese abbrechen, wenn ihre Kinder bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht werden.
Den Konferenzteilnehmern zufolge gewinnt die Methode der Therapiezentren auf der ganzen Welt immer
mehr Anhänger. Von den Gemeinden eingerichtete
Zentren in anderen Ländern wenden sowohl traditionelle als auch experimentelle Behandlungsmethoden
an, zum Beispiel helfen Rekonvaleszenten anderen,
von ihrer Sucht loszukommen, und es werden Psychologen eingesetzt. Einige Therapiezentren in Süditalien
werden von der Kirche unterhalten.

Seite 2

Der Leiter des Nationalen Instituts für Drogenmißbrauch (National Institute on Drug Abuse - NIDA),
Charles Schuster, erklärte den Konferenzteilnehmern,
die Effektivität der Behandlung Drogenabhängiger lasse
sich in zahlreichen Studien bis in die siebziger Jahre
zurückverfolgen. Ihm zufolge kamen die Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß über 90 Prozent derjenigen, die eine Behandlung abschließen, danach
drogenfrei blieben. Eine Verbesserung wurde auch bei
denjenigen erkannt, die ihre Behandlung nicht abschlössen, aber lange Zeit an Programmen teilnahmen.
Regierungsvertreter erklärten, die Bundesausgaben
für Therapiezentren hätten sich nahezu verdoppelt
und seien von 870 Millionen Dollar im Haushaltsjahr
1989 auf über 1,6 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr
1992 gestiegen.
Der Präsident der Therapiezentren in Amerika, Daniel
Heit, erläuterte, die Abbruchrate sei in den ersten
Behandlungsmonaten immer am größten, aber sogar
dieser Trend kehre sich um. Er erklärte, das von ihm
geleitete Zentrum zur Behandlung von Jugendlichen in
Pennsylvania und Virginia habe seine Durchhaltequote in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht.
Deitch zufolge sind sich sogar diejenigen, die eine
Therapie frühzeitig abbrechen, der Option bewußt,
daß sie etwas zur Überwindung ihrer Abhängigkeit tun
können und sind beim weiteren Drogenkonsum zurückhaltender. Experten schätzen, daß es in den
Vereinigten Staaten immer noch über 5,7 Millionen
Drogenabhängige gibt.
"Obwohl wir immer noch einen bedauerlicherweise
großen Kern von chronischen Drogenkonsumenten
haben, die einer Behandlung bedürfen, beobachten
wir eine Verlangsamung der Ausbreitung des Drogenmißbrauchs gegenüber den späten siebziger und frühen achtziger Jahren," erklärte Deitch. "Das ist ein
wichtiger Punkt. Die Behandlung funktioniert, und das
hat sich auf diesem Wege gezeigt."
Der Präsident des Rats für Alkohol- und Drogenpolitik
in Kalifornien, Andrew Mecca, erklärte, einer der wichtigsten Faktoren hinter dem Erfolg der Therapiezentren sei ihre Fähigkeit, das Selbstwertgefühl des einzelnen wieder zu wecken.
"Das Selbstwertgefühl wird in einem Umfeld gestärkt,
dem sich jemand zugehörig fühlt, das ihm ein Gefühl
von Bedeutung verleiht, ihn für seine Leistungen belohnt und seine Kompetenz anerkennt," erklärte Mecca.
"Geheilte Drogenabhängige sind tatsächlich mit dem
klassischen Helden zu vergleichen, derfortging, um zu
erobern und mit neuen Einsichten und Weisheiten
zurückkehrte, die er an andere weitergab, damit sie

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�nicht dasselbe durchmachen mu ßten," fuhr er fort. "Je
mehr wir meiner Ansicht nach in den Grundsatz der
Therapiezentren investieren, daß gewöhnliche Menschen gemeinsam ungewöhnliche Dinge tun können...
ist dies wirklich der beste Hoffnungsschimmer, den wir
an die nächste Generation weitergeben können."
Der Leiter der Abteilung Therapieverbesserung im
Büro für Alkohol, Drogenmißbrauch und psychisch
Kranke, Dr. Benny Primm, berichtete, daß eine steigende Zahl von Therapiezentren vielen Drogenabhängigen entweder eine psychiatrische Betreuung anbieten oder die Notwendigkeit dafür erkennen. Ihm
zufolge belegen Untersuchungen, daß bei der Hälfte
der Personen mit einem Abhängigkeitsproblem eine
psychische Krankheit diagnostiziert wurde und 28
Prozent von ihnen an Depressionen leiden oder manisch-depressiv sind.
Primm erläuterte ferner Forschungsergebnisse, denen zufolge der Konsum illegaler Drogen bei vielen
dieser Menschen eine Selbstbehandlung ist, weil sie
mit ihrem Alltag nicht zurechtkommen, die oftmals von
Armut und Hoffnungslosigkeit geprägt ist.
"Diese Menschen haben vielfach keinen Zugang zu
guter psychologischer Beratung und stolpern infolgedessen über ein Mittel, das Ihren Schmerz lindert,"
erklärte Primm. "Wenn wir die Notwendigkeit des
Einsatzes von Psychiatern bereits in einem frühen
Behandlungsstadium erkennen, können wir möglicherweise das Bild der Abhängigkeit in der Gesellschaft
verändern."
Der Stellvertretende Direktor für Nachfragereduzierung im Büro für nationale Drogenkontrollpolitik, Dr.
Herbert Kleber, erklärte, der Gelegenheitskonsument
von Drogen sei der Schlüssel zum Drogenproblem.
"Der Konsument harter Drogen ist nicht das klassische
Beispiel," konstatiert Kleber. "Niemand möchte der
stolpernde Betrunkene, der psychotische Kokainkonsument oder ausgebrannte Heroinabhängige sein. Als
Beispiel dient derjenige, der Drogen konsumieren und
sich in einen Rausch versetzen kann, dabei aber
seinen Arbeitsplatz, seine Familie, Gesundheit und
sein Eigentum behält."

Kleber zufolge kann diesem Irrtum nur abgeholfen
werden, indem Experten die Gefahren des Drogenmißbrauchs in wissenschaftlichen Forschungen aufzeigen, Pädagogen die Informationen und - noch wichtiger - das Beispiel der "unglücklichen prominenten
Vorbilder" vermitteln, deren Leben durch den Drogenkonsum beeinträchtigt worden ist. Kleber erläuterte,
die Berichterstattung über den plötzlichen Tod des
Basketballstars der Maryland University, Len Bias,
infolge einer Überdosis Kokain im Jahr 1986 sei ein Katalysator für Bestrebungen zur Aufklärung der Öffentlichkeit gewesen.
Kleber erklärte ferner, ein weiterer Irrtum bestehe in
der Annahme, die meisten Drogenabhängigen seien
arm und arbeitslos. Ihm zufolge stehen 68 Prozent in
einem Beschäftigungsverhältnis und über 70 Prozent
gehören Mehrheitsgruppen - nicht etwa Minderheiten
-an.
"Obwohl die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten
unter den Abhängigen überrepräsentiert sind, stellen
sie nicht die Mehrheit der Abhängigen", erklärte Kleber.
Redner bei der Konferenz berichteten, jüngsten Untersuchungen zufolge sei einer von fünf Arbeitnehmern
zwischen 18 und 25 Jahren in den Vereinigten Staaten
abhängig. Der US-Handelskammer zufolge kostet
Drogenabhängigkeit die Arbeitgeber jährlich über 60
Milliarden Dollar, Alkoholabhängigkeit noch mehr.
Eine 1988 von Gallup durchgeführte Untersuchung
erbrachte, daß 28 Prozent der größten US-Unternehmen jetzt Drogentests durchführen, um den Mißbrauch
einzuschränken und Arbeitsunfälle zu verringern. Zwei
Drittel dieser Unternehmen bieten ihren Arbeitnehmern Therapien an. NIDA hat in diesem Jahr ein
Programm ins Leben gerufen, damit kleinere Firmen
ebenso wie viele Großunternehmen drogenfreie Arbeitsplätze schaffen können.
"Wir versuchen, einen drogenfreien Arbeitsplatz zu
schaffen, an dem Unternehmen die Politik bestimmen,
Mitarbeiter und Vorgesetzte informieren und angemessene Drogentests durchführen", erklärte Kleber.
"Für den Gelegenheitskonsumenten ist die Botschaft
klar - wenn Du abhängig bist, werden wir Dir helfen,
wenn Du weiterhin Drogen konsumierst, gehörst Du

nicht mehr an diesen Arbeitsplatz."
*

AMERIKA DIENST 41

* * *

*

Seite 3

�KUNST
16. Oktober 1991

CIRCA 1492: ART IN THE AGE OF EXPLORATION
*

Ausstellung in der National Gallery of Art In Washington

WASHINGTON - (AD) - Dem Kustos der National
Gallery, J. Carter Brown, zufolge ist die Welt das
Thema der Ausstellung Circa 1492: Art in the Age of
Exploration, die vom 12. Oktober 1991 bis zum 12.
Januar 1992 in der National Gallery of Art in Washington gezeigt wird.
Die Ausstellung ist Teil der Feierlichkeiten zum 500.
Jahrestag der Entdeckungen von Christoph Kolumbus. Brown erklärte gegenüber Mitarbeitern des USInformationsamts am 30. September 1991 in Washington: "Mit dem 500. Jahrestag der Reise von
Christoph Kolumbus bietet sich uns eine einzigartige
Gelegenheit, über einen Meilenstein in der Geschichte
der Menschheit nachzudenken, der ungeachtet seiner
Interpretation als Scheideweg in der Weltgeschichte
angesehen werden muß.
Brown erläuterte femer die Zielsetzung von Circa
1492, aus dem beständigen Blickwinkel von Kunst und
kulturellen Errungenschaften das von uns etwas vage
als "Zeitalter der Entdeckungen" bezeichnete Jahrhundert zu beurteilen, seine Bedeutung in der Vergangenheit und auch für die Gegenwart im Hinblick auf das
herannahende Jahr 2000.
"Unser Glaube an die Zeitlosigkeit und Bedeutung
dieses Themas hat sein Gegenstück in der Gro ßzügigkeit und enthusiastischen Unterstützung gefunden, die
wir von unseren Kollegen sowie von Regierungen und
Leihgebern aus der ganzen Welt erfahren haben,"
erklärte Brown.
Die Ausstellung ist Brown zufolge die umfangreichste
in der 50jährigen Geschichte der National Gallery. Sie
umfaßt etwa 600 Exponate, von denen einige zum
ersten Mal in den Vereinigten Staaten gezeigt werden.
Brown verwies ferner darauf, daß die Ausstellung nur
in der National Gallery zu sehen sein wird. "Es ist sehr
schwierig, 600 Exponate zu transportieren, und wir
sind allen Ländern, die sich an der Ausstellung beteiligen, außerordentlich dankbar."
AMERIKA DIENST 41

Brown zufolge stellen die Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und dekorativen Objekte, Landkarten und
wissenschaftlichen Instrumente der Circa 1492 die
künstlerischen Leistungen der wichtigsten Zivilisationen in Europa, Afrika, Asien und Amerika dar.
Folgende Länder stellten der National Gallery Leihgaben zur Verfügung: Belgien, Chile, China, Costa Rica,
Dänemark, Deutschland, Dominikanische Republik,
Frankreich, Großbritannien, Hongkong, Indien, Irland,
Israel, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Korea Mexiko,
die Niederlande, Nigeria, Österreich, Peru, Polen,
Portugal, Puerto Rico, Saudi-Arabien, Spanien, Schweden, Schweiz, Taiwan, Türkei und die Vereinigten
Staaten.
Leonardo da Vincis Bildnis "Dame mit Hermelin" aus
dem Czartoryski-Museum in Krakau und seine "Studien zu den Proportionen des menschlichen Körpers
nach Vitruv" aus der Galleria dell'Accademia in Venedig sind Brown zufolge erstmals in den Vereinigten
Staaten zu sehen.
Brown erläuterte, das Bildnis "Dame mit Hermelin" sei
eines der drei erhaltenen weiblichen Porträts, die
Leonardo mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben
werden. Die anderen sind die Mona Lisaim Louvre und
das Bildnis der Ginevra de'Benci, das mit Mitteln des
Ailsa Mellon Bruce Fonds 1967 von der National
Gallery of Art erworben wurde.
Brown verwies darauf, daß die Ausstellung nach drei
Hauptthemen gegliedert ist: "Europe and the Mediterranean World", "Toward Cathay", and "The Americas".
"Europe and the Mediterranean World" bietet einen
Überblick über die Erkenntnisse und Spekulationen im
mittelalterlichen Europa über den Osten und erforscht
die wichtigsten politischen Mächte im Mittelmeerraum
zu Kolumbus' Zeiten - Portugal, Spanien, die Königreiche im westlichen Afrika, die Stadtstaaten Italiens und
die islamischen Imperien - sowie die wesentlichen
intellektuellen und geistlichen Strömungen jener Zeit.

Seite 1

�Die Ausstellung umfaßt eine Auswahl der schönsten
erhaltenen wissenschaftlichen Instrumente aus dem
15. Jahrhundert sowie Landkarten über sich aufgrund
der Forschungsreisen wandelnde Darstellungen der
Welt.
Dieser Bereich befaßt sich mit den Entwicklungen
während der Renaissance bei der Wiedergabe der
Perspektive und der Darstellung des menschlichen
Körpers. Sie schließt mit Werken von Leonardo da
Vinci und Albrecht Dürer ab, den typischsten Vertretern von Kunst und Wissenschaft der Renaissance,
deren weitreichende Interessen die gesamte Bandbreite des Strebens nach Wissen jener Zeit verkörpern, erläuterte Brown.
Der Bereich "Toward Cathay" bietet eine Übersicht
über die Zivilisationen Ostasiens im späten 15. Jahrhundert. In der Welt des Jahres 1492 zählten die
Kulturen des Fernen Ostens zu den ältesten, wohlhabendsten und technologisch am weitesten entwickelten der Welt.
"Toward Cathay" umfaßt Gemälde, Skulpturen, Kalligraphien und dekorative Kunstwerke aus Japan, Korea, China und Indien. Von besonderem Interesse ist
Brown zufolge der neue Stil monochromer Gemälde,
der in China, Korea und Japan in dieser Periode gängig
war.
Das abschließende Element der Ausstellung, 'The
Americas" bietet einen Überblick über die Zivilisationen auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent
vor der Ankunft der Europäer.
*

Seite 2

*

Insgesamt liegt die Betonung auf der Rolle, die Kunstwerke in unserem Verständnis der Kulturen gespielt
haben, die sie hervorbrachten, erklärte Brown. Die
Azteken werden als Schöpfer eines komplexen kosmologischen Systems dargestellt, das sich auf alle
Aspekte ihres Lebens erstreckte und sich in den ausgestellten Exponaten widerspiegelt, so Brown. Diese
reichen von monumentalen Skulpturen bis zu wertvollen Handschriftenrollen, die Aufzeichnungen über religiöse Erkenntnisse enthielten.
'The Americas" zeigt femer Exponate geometrischer
Stoffmuster der Inkas, beeindruckende Skulpturen der
Woodlands-Indianer aus Nordamerika sowie brillianten, von den Tupinamba in Brasilien gefertigten farbigen Federschmuck. Dieser Bereich schließt mit einer
umfangreichen Auswahl von mit großer Kunstfertigkeit
hergestellten Goldobjekten aus Kolumbien und Costa
Rica.
Die Ausstellung erstreckt sich auf rund 2.700 m2 im
Ostflügel der National Gallery of Art. Die 30 Ausstellungsräume wurde speziell konzipiert, um die in der
Ausstellung gezeigten Kulturen besonders hervorzuheben und sie durch Graphiken und Texte zu ergänzen.
Brown zufolge wurde von der National Geographie
Society eine Sonderreihe von Karten für die Ausstellung und den 672 Seiten umfassenden Ausstellungskatalog entworfen. Der Katalog wird von der Yale
University Press in Zusammenarbeit mit der National
Gallery of Art herausgegeben.

* *

'

AMERIKA DIENST 41

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                <text>&lt;strong&gt;1. Neuer Oberster Richter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senat bestätigt Thomas mit 52 zu 48 Stimmen als Obersten Richter &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung über die Vorwürfe sexueller Belästigung ergebnislos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die sowjetische Militärmacht&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Streitkräfte im Umbruch: 1991 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vorwort des Verteidigungsministers zum Pentagon-Bericht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Streitkräfte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;"Vornepräsenz" als Kernstück der US-Streitkräftestruktur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von General Powell vor der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drogenmissbrauch und der Einfluss von Therapiezentren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Kunst&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Circa 1492: Art in the Age of Exploration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausstellung in der National Gallery of Art in Washington&lt;/em&gt;</text>
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cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

9. Oktober 1991

*?

DEUTSCH-AMERIKANISCHER
TAG

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN TAG 1991

AUSSENPOLITIK

EAGLEBURGER: FREIHANDELSORDNUNG
ERSTE PRIORITÄT DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers
vor Unternehmern

GATT

UNTERHÄNDLER ARBEITEN AM
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
von Louis Murphy

KSZE

USA MIT MOSKAUER KSZE-TREFFEN
ÄUSSERST ZUFRIEDEN
Eine Erklärung des Außenministeriums

GOLFKRISE

KALTER KRIEG UND GOLFKRIEG DIE AUSWIRKUNGEN AUF DEN NAHEN OSTEN
von Richard Haass

UMWELT

DAS UMWELTPROGRAMM DER
BUSH-ADMINISTRATION
Eine Übersicht zum Umweltschutz

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG
9. Oktober 1991

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN TAG 1991
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush lobte anläßlich des 3. Oktober 1991, des ersten Tages der deutschen
Einheit nach der Wiedervereinigung, die Ostdeutschen für ihren Mut zur Überwindung einer tyrannischen
Ideologie.
Bei der Unterzeichnung der Proklamation zum Deutsch-Amerikanischen Tag begrüßte Bush insbesondere die
Vertreter aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.
Dem Präsidenten saß im Roosevelt-Saal Bundesaußenminister Genscher zur Seite, als er erklärte, er wolle
"ganz besonders unsere 17 Millionen neuen deutschen Freunde aus den östlichen Bundesländern, der
ehemaligen DDR, würdigen. Wir bewundern Ihren Mut, mit dem sie die Fesseln einer schrecklichen Ideologie
abgeschüttelt und sich Ihren Brüdern im Westen angeschlossen haben, um ein neues ungeteiltes und freies
Deutschland aufzubauen."
Bush bezeichnete die Ostdeutschen als "wichtige neue Mitglieder unserer transatlantischen Gemeinschaft und
Teil des besonderen Bandes zwischen Deutschen und Amerikanern. Amerikaner und Ostdeutsche waren seit
über zwei Generationen voneinander getrennt... Deshalb begrüße ich Sie, die Besucher aus dem Osten,
besonders herzlich."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation des Präsidenten zum "Deutsch-Amerikanischen Tag" am 6.
Oktober 1991 und am 6. Oktober 1992.

Als sich die deutschen Siedler am 6. Oktober 1693 in
der Nähe von Philadelphia niederließen, legten sie
damit den Grundstein für die vielen Bande zwischen
den Vereinigten Staaten und Deutschland. Seitdem
haben Generationen deutscher Einwanderer und ihre
Nachkommen hervorragende Beiträge zur amerikanischen Geschichte und Kultur geleistet. Dennoch sind
die Bande, die wir heute feiern, nicht nur rein verwandtschaftlich, sondern basieren auch auf gemeinsamen
Werten und Hoffnungen. In der Tat beseelt dieselbe
Freiheitsliebe, die die ersten deutschen Einwanderer
zu diesen Ufern geführt hat, immer noch die amerikanisch-deutschen Beziehungen.
Seit über 40 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
standen die Vereinigten Staaten zu ihren Freunden in
der Bundesrepublik Deutschland, um diesem Land
Freiheit und Sicherheit garantieren zu helfen und unsere
gemeinsamen Interessen zu fördern. Dennoch hegten
wir gemeinsam die Hoffnung, daß eines Tages alle
Deutschen die Segnungen der Freiheit in einem vereinigten, demokratischen und souveränen Deutschland
genießen könnten. Die dramatische Öffnung der
AMERIKA DIENST 40

Berliner Mauer im November 1989 und die offizielle
Vereinigung Deutschlands knapp ein Jahr später haben
die Verwirklichung dieses Ziels belegt. Heute sehen
die Vereinigten Staaten der Fortsetzung der Freundschaft entgegen, die unsere beiden Völker so lange
genossen haben. Aktiver Handel und enge politische
Zusammenarbeit im Kontext des Atlantischen Bündnisses zählen zu den wichtigsten Dimensionen dieser
Beziehungen. Dennoch messen wir auch unseren
verschiedenen Kontakten "von Mensch zu Mensch"
und Austauschprogrammen große Bedeutung bei.
Deshalb haben wir zur Förderung des Austauscht von
Informationen und Ideen mit den fünf neuen Bundesländern - die allzu lange durch ihr kommunistisches
Regime isoliert wurden - gemeinsam mit der Bundesregierung die RIAS-Stiftung gegründet. Die Stiftung
wird gemeinsame Radio- und Fernsehprogramme
fördern und darüber hinaus Ausbildungs- und andere
Programme für Studenten, Rundfunkjournalisten und
andere Medienvertreter anbieten. Ferner haben die
Vereinigten Staaten in diesem Jahr ein neues Generalkonsulat in Leipzig eröffnet und damit die Bande zwischen unseren beiden Völkern noch enger geknüpft.
Seite 1

�Mit dem neuen vereinigten Deutschland verbindet die
Vereinigten Staaten Freundschaft aber auch eine
Partnerschaft in der Führungsrolle. Nach der brutalen
Invasion irakischer Streitkräfte in Kuwait am 2. August
1990 hat sich Deutschland der internationalen Koalition angeschlossen, die die Aggression verurteilt und
sich für eine Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkei*
entschieden hat. Darüber hinaus symbolisiert Deutschland heute nicht nur ein neues ungeteiltes und freies
Europa, sondern steht auch bei den Bestrebungen zur
Verwirklichung dieses Ziels an vorderster Front.
Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen
westlichen Nationen gewährt Deutschland den aufstrebenen Demokratien Mittel- und Osteuropas seine
Unterstützung durch Investitionen, Ausbildungsprogramme und technische Hilfe.
Im Einklang mit seiner verbesserten Position als Kraft
für Frieden und Stabilität in der Weltpolitik wird Deutschland Gastgeber des nächsten Gipfels der sieben führenden Industrieländer der Welt sein. Die Vereinigten
Staaten sehen diesem Treffen im Juli 1992 in München

*

Seite 2

entgegen und begrüßen die zahlreichen Chancen, die
sich in den deutsch-amerikanischen Beziehungen bieten.
Mit der gemeinsamen Entschließung 151 des Senats
hat der Kongreß den 6. Oktober 1991 und den 6.
Oktober 1992 zum "Deutsch-Amerikanischen Tag"
erklärt und den Präsidenten ermächtigt und ersucht,
zur Würdigung dieser Tage eine Proklamation zu
erlassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, George Bush, Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika, hiermit den 6.
Oktober 1991 und den 6. Oktober 1992 zu DeutschAmerikanischen Tagen. Ich bitte die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, diese Tage mit angemessenen Feiern und Veranstaltungen zu begehen.
Unterzeichnet am 3. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1991 und im 216. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.
(Unterzeichnet) George Bush

* * *

*

AMERIKA DIENST 40

�AUSSENPOLITIK
9. Oktober 1991

EAGLEBURGER: FREIHANDELSORDNUNG
ERSTE PRIORITÄT DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers vor Unternehmern
WASHINGTON -(AD) - Die Aufrechterhaltung der internationalen Freihandelsordnung sollte erste Priorität der
Vereinigten Staaten in derAußenpolitiksein, erklärte der Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger
in einer Rede vor amerikanischen Unternehmern am 3. Oktober 1991 und unterstrich das sicherheitspolitische
und wirtschaftliche Interesse der Vereinigten Staaten am Erfolg des "derzeit in Osteuropa und der Sowjetunion
stattfindenden Experiments zu Demokratie und freien Marktwirtschaften".
Darüber hinaus "verfolgen wir die Vision einer Freihandelszone auf dem Kontinent, mit der amerikanische
Exporte angekurbelt und die Demokratie für Jahrzehnte in der (westlichen) Hemisphäre gestärkt werden könnte".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers bei dem von der Zeitschrift
Business Week veranstalteten Symposium.

Der Zusammenbruch der internationalen Nachkriegsordnung hat in jüngster Zeit in diesem Land eine
heftige Debatte über die amerikanische Außenpolitik
und Zielsetzung der Vereinigten Staaten in einer stark
veränderten und sich verändernden Welt ausgelöst. In
einer Demokratie wie der unseren ist eine solche
Debatte fruchtbar und notwendig. Mit ihrer Hilfe können wir herkömmliche Maßnahmen im Hinblick auf ihre
Relevanz unter neuen Bedingungen überprüfen - mit
den Worten Abraham Lincolns können wir dank ihr
"neu denken".
Diese Debatte hat gerade erst begonnen und wird
wahrscheinlich keinen Konsens hervorbringen bis eine
neue internationale Ordnung Gestalt angenommen
hat - ein anscheined vages Ziel, zumindest für die
absehbare Zukunft. Es gibt jedoch einen Aspekt
dieser Debatte, den ich beunruhigend finde und heute
im Hinblick auf seine besondere Relevanz mit dieser
hier unter der Schirmherrschaft von Business Week
versammelten Gruppe von Führungskräften erörtern
möchte.
Ich beziehe mich auf die These, daß die Elemente, die
den Erfolg der Vereinigten Staaten im kalten Krieg
bewirkten, eine Verantwortung in einer von diametral
entgegengesetzten Herausforderungen gekennzeichneten Welt nach den kalten Krieg sind. Mit anderen
Worten, es wird das Argument vorgebracht, unser
militärischer und diplomatischer Heldenmut seien
bestenfalls irrelevant und schlimmstenfalls ein HandiAMERIKA DIENST 40

cap für uns in der bevorstehenden Auseinandersetzung über neue Probleme und Herausforderungen von denen die meisten wirtschaftlicher Art sein werden. Infolgedessen sehen wir uns gezwungen, unsere
Verteidigungsausgaben drastisch zu kürzen und unser Engagement in Übersee einzuschränken, um uns
für den vor uns liegenden gnadenlosen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf zu wappnen.
Zur Zeit wird dieses Argument zumindest in seiner
extremsten Form vorwiegend vom Rande des politischen Spektrums vorgebracht. Es ist jedoch einigermaßen offenkundig, daß es innerhalb des Staates
insgesamt fruchtbaren Boden gibt, auf dem solche
Gefühle gedeihen können. Es ist eine Tatsache, daß
das amerikanische Volk den wohlbegründeten Wunsch
nach Bewältigung unserer Herausforderungen im Inland hegt sowie zur Übernahme eines größeren und
faireren Anteils der internationalen Verantwortung durch
unsere Verbündeten. Es besteht die Gefahr, daß
diese berechtigten Sorgen genutzt werden können,
um die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Art der
amerikanischen Führungsrolle zu untergraben, die
nach wie vor wichtig ist - selbst im Hinblick auf die
engste Definition unserer nationalen Interessen.
Ich beabsichtige nicht, die Verdienste bestimmter
außenpolitischer Programme oder Verpflichtungen zu
erörtern, und als der für den Etat des US-Außenministeriums Verantwortliche gestehe ich als erster ein,
daß wir angesichts sich verändernder Realitäten und
Seite 1

�knapper Ressourcen vor allem Prioritäten setzen
müssen. Ich räume jedoch ein, daß sich die Vereinigten Staaten international finanziell grundsätzlich nicht
übernommen haben und unsere Probleme im Inland
nicht aus unserem Engagement in Übersee herrühren
oder aus der aktiven Außenpolitik, die wir in den
vergangenen 45 Jahren betrieben haben. Im Gegenteil, meines Erachtens hängt unser nationales Wohlergehen einschließlich einer gesunden Volkswirtschaft
von einer stabilen internationalen Ordnung ab - einer
Ordnung, die nicht existieren wird, wenn wir sie nicht
gestalten und die Führungsrolle übernehmen.
Daher möchte ich heute die These vorbringen, daß
das, was wir getan haben, um den kalten Krieg zu
gewinnen, in der Tat für die Herausforderungen äußerst relevant ist, mit denen wir uns im In- und Ausland
konfrontiert sehen und wir den Sirenengesang derjenigen ignorieren müssen, die uns drängen, "heimzukommen" und die Last der internationalen Führungsrolle
abzuwerfen, die uns im kommenden Dezember vor 50
Jahren aufgebürdet wurde. Ich vermute oder hoffe
zumindest, daß ich hier in diesem Saal zu den Konvertierten predige, von denen zahlreiche an vorderster
Front darum kämpfen, die Vereinigten Staaten bei
dem harten Konkurrenzkampf auf den Weltmärkten
wettbewerbsfähig zu haften. Die Öffentlichkeit als
Ganzes muß jedoch davon überzeugt werden, daß wir
- da wir den kalten Krieg gewonnen haben - jetzt ein
Disengagement vermeiden und statt dessen bereit
sein müssen, uns mit der Konfusion und Instabilität
auseinanderzusetzen, die unweigerlich auf diesen Sieg
folgen werden.
Ein kluger Mann hat einmal gesagt, diejenigen, die
nicht aus der Geschichte lernen, sind zu ihrer Wiederholung verdammt. Wir müssen uns nur vor Augen
führen, wie erschreckend die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts war - vielleicht der tragischste Fünfzigjahreszeitraum in den Annalen der Geschichte - und
wie das amerikanische Disengagement zu den Desastem jener Zeit beigetragen hat. Wir müssen uns auch
vor Augen führen, daß das amerikanische Engagement und die Führungsrolle den kalten Krieg bewirkt
haben, der einer Ära der Stabilität und des Wohlstands
für uns und unsere westlichen Partner folgte.
Die Geschichte konfrontiert uns also mit zwei diametral entgegengesetzten Ansätzen der amerikanischen
Außenpolitik in diesem Jahrhundert mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist offenkundig, daß wir
beim Eintritt in ein neues Zeitalter unseren Ansatz
überdenken und die erforderlichen Änderungen vornehmen müssen, um neuen Herausforderungen zu
begegnen. Wenn wir jedoch nicht wollen, daß die Zeit
nach dem kalten Krieg der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ähnelt - was sie bereits in einiger Hinsicht tut
- dann müssen wir das ausmachen, was wir während
des kalten Kriegs richtig gemacht haben und lange und
intensiv überlegen bevor wir diese Politik über Bord

Seite 2

werfen. Kurzum: wir müssen besondere Vorsicht
walten lassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.
Die Geschichte unserer Leistungen im kalten Krieg
begründet sich aus dem Scheitern der europäischen
und amerikanischen Diplomatie, den Sieg im Ersten
Weltkrieg in einen stabilen und dauerhaften Frieden
umzuwandeln. Wir traten in diesen Konflikt ein, um
eine imperiale Macht davon abzuhalten, den europäischen Kontinent unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber
nachdem wir dieses Ziel mit der militärischen Niederlage des Kaiser-Deutschlands erreicht hatten, gelang
es uns aufgrund unserer mangelnden Bereitschaft, die
der Weltmacht - zu der wir geworden waren - entsprechende Verantwortung zu übernehmen nicht, es zu
sichern. Das Ergebnis war ein Wiederaufleben der
deutschen Bedrohung der europäischen Ordnung und
ein zweiter weltweiter Flächenbrand, in den wir unweigerlich hineingezogen wurden.
So lehrreich diese Lektion war, erlagen wir gegen Ende
des Zweiten Weltkriegs beinahe ein zweites Mal der
Versuchung des Disengagements. Angesichts der
Roten Armee vor den Toren und eines Westeuropas in
Ruinen wurde jedoch deutlich, daß wir entweder selbst
eine neue internationale Ordnung schmieden müßten
oder es überhaupt keine internationale Ordnung geben würde. Aus diesem Grund beschlossen wir zum
ersten Mal in unserer Geschichte, Risiken einzugehen, Verpflichtungen zu übernehmen und Opfer im
Namen von und in Verbindung mit anderen Nationen
zu bringen. Kurz gesagt, wir bildeten ein eng verflochtenes Bündnis und knüpften unser Schicksal auf einer
mehr oder weniger permanenten Basis an das weit
entfernter Völker.
Das war praktisch eine Revolutionierung der amerikanischen Außenpolitik und stand in vollständigem
Gegensatz zu unseren Traditionen sowie unseren
tiefverwurzelten Neigungen als Volk. Die Architekten
dieser Revolution waren von Vision und Mut geleitete
Männer - Harry Truman, George Marshall, Dwight
Eisenhower, Dean Acheson, Arthur Vandenberg und
andere Republikaner und Demokraten -, und sie brachten eine ganz neue Welt hervor, in der souveräne
Nationen ihre Wirtschaftspolitik koordinieren und zugunsten einer gemeinsamen Verteidigung zusammenarbeiten würden. Darüber hinaus verankerten sie
dieses neue Gefüge der internationalen Zusammenarbeit institutionell, indem sie multilaterale Gremien wie
IWF, Weltbank, OECD und die NATO schufen.
Meines Erachtens ist es unvorstellbar, daß die demokratischen Bewegungen in Osteuropa und der Sowjetunion entstanden wären, wenn nicht aufgrund des
Vermächtnisses dieser Pioniere. Bei der Konfrontation zwischen einem totalitären Koloß mit scheinbar
unbegrenzten militärischen Ressourcen und einem
Bündnis parlamentarischer Demokratien hielt die gegen

AMERIKA DIENST 40

�die sowjetische Expansion gezogene Linie 45 Jahre
stand. Aut unserer Seite dieser Linie konsolidierten die
Westeuropäer hinter dem Schild der NATO und gestärkt durch den Marshallplan ihre demokratischen
Institutionen, integrierten ihre Volkswirtschaften und
erlangten phänomenales Wachstum und Wohlstand.
Diejenigen hinter dem Eisernen Vorhang ließen sich in
der Zwischenzeit durch den Erfolg der Westeuropäer
und ihre Unbeirrbarkeit gegen sowjetische Einschüchterung und Aggression inspirieren. Auf lange Sicht
konnte das totalitäre System das Beispiel von Freiheit
und Wohlstand vor seiner Türschwelle einfach nicht
ignorieren. Unfähig, dieses Beispiel auszuradieren,
verkümmerte das System und ging an seinen eigenen
inneren Widersprüchen zugrunde.
Während wir heute über unseren Sieg im kalten Krieg
nachsinnen, ist es ernüchternd, sich vor Augen zu
führen, daß wir schon früher so waren. In der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts haben wir zweimal große
Opfer gebracht, um einen Feind zu bekämpfen, der
unsere demokratischen Freunde zu überwältigen und
eine Hegemonie in Europa zu schaffen drohte - nur um
diese Siege in Friedenszeiten entweder zunichte
gemacht oder bedroht zu sehen. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sind wir heute erneut mit der
Versuchung konfrontiert, uns aus internationalen
Angelegenheiten zurückzuziehen und Nabelschau zu
betreiben.
Man kann die vor uns liegende Wahl aus zweierlei
Blickwinkeln betrachten. Für mich ist es unumstößlich,
daß wir den grundlegenden Ansatz bewahren sollten,
der uns während des kalten Kriegs nicht nur Sieg
sondern Frieden und Wohlstand beschert hat. Für
andere bedeutet das Ende des kalten Kriegs ipso
facto, daß eine neue Ära einen neuen Ansatz verlangt.
Wie zuvor in diesem Jahrhundert muß bei der Lösung
unseres Dilemmas zwischen Engagement oder Rückzug ein weiter Weg zurückgelegt werden, um die
Gestalt der vor uns liegenden Welt zum Guten oder
Schlechten zu bestimmen. Wir sind einfach zu groß,
als daß es anders sein könnte. In der Zwischenzeit ist
die Welt nach dem kalten Krieg nicht sicher, welche
von zwei höchst unterschiedlichen Richtungen sie
einschlagen soll. Einerseits könnte sie den Weg
Osteuropas und der Sowjetunion in den vergangenen
45 Jahren gehen, wo Unterdrückung den Haß zwischen Volksgruppen und Nationalitätenkonflikte nicht
mildem konnte, die jetzt an die Oberfläche kommen.
Dort könnte die Geschichte zu einem Vergeltungsschlag ausholen, die Konsolidierung der Demokratie
bedrohen und auf neue Unruhen nach dem kalten
Krieg hindeuten.
Auf der anderen Seite steht das Beispiel dessen, was
die westlichen Nationen seit dem Zweiten Weltkrieg
geleistet haben. In diesem kurzen Zeitraum wurden
alte Feindseligkeiten begraben, Muster der Zusammenarbeit institutionell verankert und Armeen unter
AMERIKA DIENST 40

einem einheitlichen Kommando integriert statt gegeneinander aufgestellt. Dort wurde die Geschichte überwunden und ein Modell geschaffen, das den Weg zur
möglichen Gestaltung der neuen Weltordnung weist.
Wir müssen also versuchen, auf diesem Modell aufzubauen, indem wir weiterhin unser Schicksal an das
unserer demokratischen Partner knüpfen. Wir müssen die Institutionen stärken, die multilaterale Kooperation gefördert und gleichzeitig die demokratische
Runde auf unsere ehemaligen Feinde im Osten erweitert haben. Genauso haben wir nach dem Zweiten
Weltkrieg Feinde zu Verbündeten gemacht.
Wir solten uns keinen Illusionen darüber hingeben,
daß eine Aufrechterhaltung - von einer Erweiterung
gar nicht zu reden - des Vermächtnisses der Zusammenarbeit nach dem Krieg leicht ist. Eine solche Kooperation sucht in der Geschichte ihresgleichen und
wurde durch Umstände ermöglicht, die selbst einmalig
waren und nicht mehr existieren - die rigide bipolare
Logik des Systems im kalten Krieg. Vorbei ist der
Kreuzzug gegen den Kommunismus, der Amerika bei
seinen internationalen Aufgaben vereinte und die Außenpolitik oftmals zu einer einfachen Wahl zwischen
Gut und Böse werden ließ. Vorbei ist auch eine
sowjetische Bedrohung in einem Ausmaß, das die
westlichen Demokratien zwingt, Konzessionen zu
machen und sich ständig auf die Interessen anderer
einzustellen.
Und dennoch, wenn wir nicht den Willen aufbieten, aus
der Geschichte zu lernen, könnten wir einmal mehr
Opfer der Geschichte werden. Tatsache ist, daß wir es
mit einer zerfallenden Welt zu tun haben. Der Untergang der Struktur des kalten Kriegs hat sich in einen
Verlust der Kontrolle souveräner Staaten über ihre
inneren Angelegenheiten und des internationalen
Systems über die Behandlung seiner Mitglieder verwandelt. Die multipolare Welt, in die wir zurückkehren,
ist eine Welt, in der einzelne Länder versucht sind,
ihren eigenen Weg zu gehen und kaum Rücksicht auf
das Gemeinwohl oder die internationale Ordnung zu
nehmen. Saddam Hussein mit seinen hemmungslosen Ambitionen und seinen Massenvernichtungswaffen hat uns einen Eindruck davon vermittelt, wie die
Welt aussehen könnte.
Diejenigen, die ein Disengagement Amerikas predigen, haben nicht viel über unser Verhalten in einer
zerfallenden Welt zu sagen, außer der Behauptung,
was außerhalb unserer Grenzen vorgeht, habe für uns
kaum Bedeutung. Tatsächlich können wir uns unmöglich von einer Unmenge internationaler Probleme oder
ihren Konsequenzen abschirmen - von Schulden,
Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Drogenhandel bis zu Terrorismus und Verbreitung von Waffen. Vielleicht am wichtigsten ist, daß wir uns nicht vom
sich schnell integrierenden Weltmarkt isolieren können, von dem wir im Hinblick auf Arbeitsplätze, Technologie, Rohstoffe und Kapital zunehmend abhängen.

Seite 3

�Deshalb sollte die Aufrechterhaltung des freien Welthandels außenpolitisch höchste Priorität haben. Unsere
Wirtschaft hängt ebenso davon ab wie Frieden und
Wohlstand in einer Welt, die unter Umständen stark an
die dreißiger Jahre erinnern könnte, wenn wir ein
Abgleiten in den Protektionismus nicht vermeiden.
Kurzum: die Vereinigten Staaten benötigen eine
Außenpolitik, die eine stabile, aber keineswegs statische internationale Ordnung fördert. Wir sind zum
Beispiel stark interessiert am Erfolg des Experiments
mit freien Märkten und Demokratie in Osteuropa und
der Sowjetunion, das in politischer, sicherheitspolitischer und letztlich auch in wirtschaftlicher Hinsicht
gemessen werden kann. In ähnlicher Weise verfolgen
wir das Konzept einer Freihandelszone auf dem Kontinent, die amerikanische Exporte beleben und in den
nächsten Jahrzehnten Demokratie auf dem gesamten
Kontinent stärken könnte.
Letztlich bricht also das Argument "Amerika zuerst"
zusammen - es dient nicht nationalen amerikanischen
Interessen, weil es sie zu eng definiert. Wir sind
eindeutig Teil einer Welt, die es sich nicht leisten kann,
ohne die von den Vereinigten Staaten in den letzten 50
Jahren ausgeübte Führungsrolle zu bestehen. Wir
sind nach wie vor der einzige Kandidat mit der Klugkeit,
der Erfahrung und dem weltweiten Einfluß, wie sie für
diese Arbeit erforderlich sind. Sogar unsere unmittelbarsten Interessen werden leiden, wenn wir nicht
unseren Beitrag leisten, um die Kräfte der Anarchie auf
der Welt unter Kontrolle zu halten.

*

Seite 4

*

In diesem Sinne trifft es zu, daß unsere Fähigkeit zur
Ausübung einer weltweiten Führungsrolle Ordnung in
unserem wirtschaftlichen Haus erfordert. Es ist ferner
unvermeidlich, daß wir von dem hohen Stand unseres
auswärtigen Engagements und unserer Ausgaben im
kalten Krieg herunterkommen und auf unsere wohlhabenden Freunde und Verbündeten blicken, auf daß sie
ihren gerechten Anteil an den internationalen Verpflichtungen übernehmen. Wir haben das nach dem
Zweiten Weltkrieg getan - jetzt müssen sie das tun.
Wir sollten uns jedoch daran gewöhnen, auch mit
ihnen die Entscheidungsfindung über eine Vielzahl von
Fragen zu teilen, bei denen unsere Ansichten nicht
unbedingt übereinstimmen. Es ist ganz einfach eine
Tatsache in der Zeit nach dem kalten Krieg, daß die
Durchsetzung unserer Meinung Konzessionen und
Einsatz erfordert. Wenn Saddam Hussein den Weg
der weltweiten Anarchie gewiesen hat, so hat George
Bush die einzige Alternative aufgezeigt: eine Welt, in
der die Vereinigten Staaten als führende Kraft und als
Katalysator internationaler Kooperation und kollektiven Handels fungieren.
Wir treten zweifellos in eine neue und andere Welt ein.
Die alten schlechten Tage des potentiellen nuklearen
Holocaust liegen hoffentlich für immer hinter uns. Aber
Armut, Hunger, Konkurrenz um Märkte, zügellosen
Nationalismus und Instabilität gibt es immer noch.
Wenn das 21. Jahrhundert eine Zeit der Hoffnung und
keine Wiederholung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein soll, dann nur, weil die Vereinigten Staaten
bereit waren, den Weg dorthin zu ebnen.

*

*

AMERIKA DIENST 40

�GATT
9. Oktober 1991

UNTERHÄNDLER ARBEITEN AM
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
von Louis Murphy
WASHINGTON - (AD) - Der Autor ist Leiter der Abteilung multilaterale Angelegenheiten im Handelsministerium.
Der nachfolgend veröffentliche Artikel erschien erstmals am 23. September 1991 in der Publikation des
Ministeriums, Business America.

Die Vorteile, die sich aus einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde von Verhandlungen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT)
ergeben, sind kaum zu überschätzen. Präsident Bush
hat zum Beispiel die Uruguay-Runde mit ihren 108
Teilnehmerländern als Motor bezeichnet, "der die
amerikanische und die Weltwirtschaft ins 21. Jahrhundert steuern kann" und als "Initiative für den stärksten
Wettbewerb". Die Vereinigten Staaten waren eine
treibende Kraft, um die Länder an den Verhandlungstisch zu bringen, und für die Bush-Regierung hat die
Runde nach wie vor höchste Priorität in der Handelspolitik. Das überrascht nicht: schätzungsweise könnte
ein erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde in einem Zeitraum von 10 Jahren nach Abschluß dieser
Runde eine Gesamtzunahme der US-Produktion von
mehr als 1 Billion Dollar zur Folge haben.
Die Uruguay-Runde ist die jüngste in einer Reihe von
acht Verhandlungsrunden über die Liberalisierung des
Handels, die seit der Einführung des GATT im Jahr
1947 abgehalten wurden. Diese im September 1986
in Puntadel Este (Uruguay) aufgenommene Runde ist
bis heute die bei weitem ehrgeizigste und komplexeste
- die Zahl der Teilnehmer und der verhandelten Themen ist größer als je zuvor.
In den fünf Jahren seit Beginn der Uruguay-Runde
haben sich die Zielsetzungen der Vereinigten Staaten
nicht verändert. Wir streben nach wie vor ein umfassendes Paket von Vereinbarungen an, darunter:
niedrigere tarifäre und nichttarifäre Hemmnisse
für Fertigwaren und andere Güter,

AMERIKA DIENST 40

effektive Regeln über die Beilegung von Streitfällen, Subventionen, Antidumping, Normen, Zahlungsbilanz, Importlizenzen, Importschutz und
das Funktionieren des GATT-Systems (FOGS),
Regeln zum Schutz geistigen Eigentums amerikanischer Unternehmer (die Verhandlungsgruppe über handelsbezogene Aspekte des Rechts
auf geistiges Eigentum - TRIPs),
Regeln für den Handel mit Dienstleistungen,
weniger Beschränkungen für US-Investoren, im
Ausland zu operieren (Verhandlungsgruppe über
handelsbezogene Investitionsmaßnahmen TRIMs),
eine grundlegende Reform des Handels mit
Agrarerzeugnissen, die zu fairerem Wettbewerb
und offeneren Märkten führt und
volle Beteiligung der Entwicklungsländer am
Welthandelssystem.
Von den hier beschriebenen Verhandlungsbereichen
werden drei - Dienstleistungen, TRIMs und TRIPs - als
"neue Themen" bezeichnet. Darüber hinaus ist diese
Runde die erste, die Verhandlungen über eine weitreichende Liberalisierung des Agrarhandels umfaßt. Wir
haben Bestrebungen zur Einbeziehung dieser vier
Bereiche in die Tagesordnung der Uruguay-Runde voll
und ganz unterstützt. Ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft ist unbestreitbar. 1989 wurde geschätzt, daß
allein diese vier Bereiche mehr als ein Drittel des
gesamten Welthandels oder über 1,5 Billionen Dollar
ausmachten.

Seite 1

�Wie sieht der Zeitplan für den Abschluß der Runde en und den Welthandel anzukurbeln. Dennoch muß
dieser Motor mit dem politischen Willen aller Teilnehaus?
mer betrieben werden. Die Vereinigten Staaten tun
Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen im Februar alles in ihrer Macht Stehende, um zu gewährleisten,
1991 nach ihrer Unterbrechung beim Brüsseler Mini- daß die Uruguay-Runde in ein umfassendes und
stertreffen haben sich die Teilnehmer auf die Lösung substantielles Paket von Abkommen mündet. Jetzt ist
so vieler technischer Fragen wie möglich konzentriert es an unseren Verhandlungspartnern, dasselbe Maß
und damit die schwierigste der politischen Fragen auf an Zielstrebigkeit zu beweisen.
den Herbst dieses Jahres verschoben, wo sie von den
Unterhändlern geprüft werden soll. In jüngster Zeit hat Im folgenden werden kurze Abrisse der Entwicklungen
der Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel, gefor- in jeder Verhandlungsgruppe seit Wiederaufnahme
dert, die Verhandlungen sollten beschleunigt werden der Verhandlungen im Februar dieses Jahres dargeund die Teilnehmer dürften nicht länger Unterschei- legt. Ferner werden Probleme beschrieben, die in
dungen zwischen "technischen" und 'politischen" Fragen jedem Bereich noch gelöst werden müssen. Darüber
machen. Er erklärte, bei der Runde sei das Stadium hinaus legen wir einen Bericht über ein jüngstes Seminar
gekommen, da eine Entscheidung ("Dealmaking") des Handelsministeriums und des Büros der USgetroffen werden müsse, und die Teilnehmer sollten Handelsbeauftragten vor, um Vertreter der Bundesbereit sein, "hart zu verhandeln und die Verknüpfun- staaten und Kommunen über potentielle Entwicklungen zu informieren, die für sie bei den Verhandlungen
gen zwischen den Problemen positiv zu nutzen".
über staatliche Beschaffung und Dienstleistungen reDie Vereinigten Staaten sind bereit, bei der Fortset- levant sind.
zung der Verhandlungen in diesem Monat auf schnelle
Fortschritte hinzuarbeiten. Beim jüngsten Weltwirt- Marktzugang
schaftsgipfel in London hat Präsident Bush gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs sein Diese Kategorie umfaßt die Verhandlungen über tariEngagement für einen substantiellen und umfassen- färe und nichttarifäre Maßnahmen und - für die Entden Abschluß der Uruguay-Runde bekräftigt und vor- wicklungsländer - Textilien und Landwirtschaft. Die
geschlagen, alle Mitglieder des GATT sollten sich den Verhandlungsgruppen über tropische und RohstoffAbschluß der Runde im Jahr 1991 zum Ziel setzen. produkte sind Teil dieser Verhandlungen.
Dennoch sind die Vereinigten Staaten realistisch über
den Arbeitsumfang, bevor das letzte Paket von Verein- Im Frühjahr und Sommer wurden die Verhandlungen
barungen zur Uruguay-Runde Gestalt annehmen kann, über Marktzugang vor allem in einer Reihe von bilateinsbesondere in wichtigen Verhandlungsbereichen wie ralen und plurilateralen Treffen der Teilnehmer geführt. Darüber hinaus fanden multilaterale Treffen zur
Landwirtschaft.
Überprüfung bilateraler und plurilateraler Fortschritte
statt.
Die Vereinigten Staten konzentrieren sich nach
Landwirtschaft wird auch als Dreh- und Angelpunkt
wie
vor
auf Vorschläge zum Abbau von Zöllen auf der
der Runde bezeichnet. Die Zustimmung der IndustrieBasis
der
Gegenseitigkeit ("Zero/Zero") in 10 Sektoländer, Landwirtschaft zu verhandeln, war einer der
ren:
Fischereiwesen,
Baumaterial, medizinische Hilfswichtigsten Faktoren, um die Entwicklungsländer an
güter,
Elektronik,
nichteisenhaltige
Metalle, Holz, Papier,
den Verhandlungstisch zu bringen und bestimmt ihre
Stahl,
Arzneimittel
und
Bier.
Die
meisten wichtigen
Unterstützung für mehrere Elemente im industriellen
Teilnehmer
haben
sich
bereits
verpflichtet,
ihre Zölle
Paket. Die Vereinigten Staaten haben sich uneingeauf
Arzneimittel
und
Stahl
auf
Null
zu
senken.
Denschränkt für die Verhandlungen über Landwirtschaft
noch
hat
die
Europäische
Gemeinschaft
die
meisten
engagiert. Dennoch ist nicht klar, ob sich einige
unserer Handelspartner, insbesondere die Europä- anderen Sektoren noch nicht unterstützt, und Japan ist
ische Gemeinschaft, bei der Runde ernsthaft für die nicht zu Verhandlungen über Fischereiwesen und Holz
Verhandlungen über grundlegende Reformen in der bereit.
Landwirtschaft einsetzen.

Bei den bilateralen Verhandlungen engagieren sich die
Vereinigten
Staaten in technischen Diskussionen mit
Verständlicherweise sind die Vereinigten Staaten ebenso
über
30
Handelspartnern,
um substantiellen Verhandwie andere Verhandlungsteilnehmer nicht bereit, bei
lungen
im
Herbst
den
Weg
zu bereiten. Dennoch wird
dem Abkommen Inhalte zugunsten von Geschwindigder
Erfolg
ebenso
wie
bei
den
"Zero/Zero"-Vorschläkeit zu opfern. Unserer Meinung nach wird ein neuer
gen
in
den
meisten
unserer
bilateralen
Verhandlungen
Termin festgesetzt, sobald es in allen Berichen ernstvon
Fortschritten
bei
Verhandlungen
mit
unseren größhafte Verhandlungen gibt, einschließlich Landwirtschaft,
ten
Handelspartnern
abhängen:
der
Europäischen
Dienstleistungen und Marktzugang. Diese Bereiche
waren Gegenstand umfangreicher Arbeit auf techni- Gemeinschaft und Japan. Im Sommer haben die
Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinscher Ebene in Genf.
schaft Forderungslisten und erste Reaktionen auf diese
Präsident Bush hat erklärt, die Uruguay-Runde könne Interessen ausgetauscht. Dieser Austausch wird den
als Motor fungieren, um Handelsschranken abzubau- Grundstein für Fortschritte im Herbst legen. Im HinSeite 2

AMERIKA DIENST 40

�blick auf Japan drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf Zollsenkungen unter die gegenwärtig in
Japan geltende Sätze sowie auf erhebliche Senkungen der Zölle auf verarbeitete Agrarerzeugnisse. Im
Fall der Entwicklungsländer müssen bestimmte Probleme bei den Agrarverhandlungen gelöst werden,
bevor größere Fortschritte beim Marktzugang erzielt
werden können. Bei den nichttarifären Maßnahmen
drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf begrenzte Verpflichtungen zur Liberalisierung bestimmter
länderspezifischer Maßnahmen.
Textilien
Im Sommer ist die Arbeit in der Verhandlungsgruppe
Textilien zur Definition der Produkte in einem Abkommen über Textilien und Bekleidung fortgeführt worden.
Mögliche Methoden der Beurteilung einer Liberalisierung von Quoten und ein US-Vorschlag für die Durchsetzung von Quoten (Nichtumgehung) wurden ebenfalls erörtert. Der vom Vorsitzenden der Gruppe
vorbereitete Text, der auch beim Brüsseler Ministertreffen im Dezember vergangenen Jahres als Diskussionsbasis diente, bleibt Ausgangspunkt künftiger
Verhandlungen.
Die wichtigste Entwicklung bei Textilien in den letzten
Wochen war die ohne Revision erfolgte Verlängerung
des Multifaserabkommens (MFA). Das Abkommen,
das am 31. Juli 1991 auslaufen sollte, wurde bis Ende
1992 um 17 Monate verlängert. Die Verlängerung war
notwendig, um Berechenbarkeit und Stabilität im Textilund Bekleidungshandel zu gewährleisten, bis die
Endergebnisse der Uruguay-Runde durchgeführt werden
können.
Landwirtschaft
Seit Wiederaufnahme der Konsultationen über Landwirtschaft im März in Genf sind technische Fortschritte
erzielt und wichtige Themen in jedem der drei Schlüsselbereiche neu definiert worden - Unterstützung im
Inland, Exportsubventionen und Marktzugang. Dennoch gibt es immer noch technische Probleme in
jedem Bereich, und über den Grad und den Zeitrahmen von Verpflichtungen zur Reduzierung sind keine
Vereinbarungen getroffen worden.
Im Hinblick auf die Unterstützung im Inland sind generell Fortschritte über die Definition einer Reihe von
Maßnahmen erzielt worden, die von den Verpflichtungen zur Reduzierung ausgenommen werden sollen.
Differenzen bestehen weiterhin über die Definition des
Instruments für Verpflichtungen zur Reduzierung "inländischer Unterstützung". Beim Marktzugang gab es
Fortschritte bei der Methode zur Umwandlung nichttarifärer Maßnahmen (non-tarif measures - NTMs) in
Zölle, eine Politik, die von den Vereinigten Staaten
befürwortet wird. Dennoch haben nicht alle Teilnehmerzugestimmt, ihre NTMs in Zölle umzuwandeln. Im
Bereich Exportsubventionen gab es Fortschritte bei

AMERIKA DIENST 40

der Identifizierung von Maßnahmen, die in ein Abkommen umgesetzt werden sollen. Differenzen über die
Definition bleiben bestehen, und eine Übereinstimmung, wie diese Programme zu reduzieren sind, muß
noch erzielt werden.
Die nächsten Konsultationen über Landwirtschaft sind
für Mitte September geplant. Die Teilnehmer müssen
die Instrumente definieren, mit denen in den drei
ungelösten Schlüsselbereichen die Unterstützung in
der Landwirtschaft bewertet und reduziert werden
kann. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, werden
Fortschritte bei den Verhandlungen über Landwirtschaft von der Bereitschaft der Europäischen Gemeinschaft abhängen, in allen Bereichen ernsthaft zu verhandeln.
GATT-Institutionen
Die Verhandlungsgruppe Institutionen hat die früheren
Verhandlungsgruppen überdie Beilegung von Streitigkeiten und die Funktionsweise des GATT-Systems
(FOGS) abgelöst. Diese Gruppe wird auch die Verantwortung für den Entwurf der die Ergebnisse der Runde
umfassenden letztlichen Instrumente tragen. Sie kann
möglicherweise auch eine neue Organisationsstruktur
entwerfen, die nach der Runde ausgearbeitet werden
soll.
Die Funktionsweise des GATT (FOGS). Ein wichtiges Ziel bei den Verhandlungen über FOGS besteht
darin, die Position des GATT zu verbessern und GATTPrinzipien bei der Entwicklung einer Welthandelspolitik durch alle GATT-Mitglieder zu stärken. Infolge des
bei der Zwischenbilanz der Runde erzielten Abkommens haben die Teilnehmer einen Überprüfungsmechanismus für eine substantielle neue Handelspolitik
vereinbart, mit dem das GATT die Handelspolitik einzelner Länder überwachen kann. Darüber hinaus
wurde vereinbart, durch eine stärkere Beteiligung der
Minister an den GATT-Aktivitäten die institutionelle
Effektivität zu verbessern. Ferner will man den Beitrag
zur Weltwirtschaftspolitik steigern, auch durch engere
Verbindungen zwischen dem GATT und den internationalen Finanzinstitutionen.
Bei GATT-Konsultationen über FOGS haben sich die
Teilnehmer geeinigt, Gespräche über die Schlußakte
(mit der die bei der Runde ausgehandelten Vereinbarungen in das GATT aufgenommen werden) zu verschieben. Das Problem der Einheitlichkeit (Handel,
Geldpolitik und Haushalt) in der Wirtschaftspolitik wird
ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt aufgegriffen.
Beilegung von Streitfällen. Als Ergebnis der Zwischenbilanz der Uruguay-Runde wurden am 1. Mai
1989 wichtige Interimzusätze zum Prozeß der Beilegung von Streitfällen verabschiedet, die bis zum Abschluß der Runde gelten sollen. Dann wird eine
Entscheidung fallen, ob sie permanent verabschiedet
werden sollen. Diese Zusätze korrigieren viele verfah-

Seite 3

�renstechnische Schwachstellen im Prozeß der Beilegung von Streitfällen, beseitigen Möglichkeiten zur
Verzögerung der Einrichtung eines Ausschusses oder
der Verfahren nach dessen Gründung.

Dennoch scheinen die weniger entwickelten Länder
das Thema der Zahlungsbilanzreform eher als politisches Anliegen denn als kritisches Element des Verhandlungspakets der Uruguay-Runde anzusehen.

Trotz dieser Verbesserungen wird der Prozeß zur
Beilegung von Streitfällen immer nuch von der Möglichkeitderunterliegenden Partei behindert, die Verabschiedung von Ausschußberichten durch das Fehlen
effektiver Verfahren zu blockieren, mit denen sichergestellt werden soll, daß die Ausschußergebnisse
unverzüglich durchgeführt werden sowie die Fähigkeit
der Verliererpartei, die Forderung der Gewinner zu
blockieren, sich bei Nichteinhaltung zu rächen. Die
Vereinigten Staaten streben darüber hinaus eine Vereinbarung über enge Zeitrahmen für den Prozeß der
Beilegung von Streitigkeiten an, die im Einklang mit
dem in Paragraph 301 des erweiterten Handelsgesetzes von 1974 erlaubten Zeitrahmen stehen. Diese und
andere Probleme werden von den Unterhändlern für
die Beilegung von Streitfällen aufgegriffen, wenn die
Gruppe Ende September wieder zusammentritt.

Die Vereinigten Staaten führten die jüngsten Entwicklungen bei Artikel XVIII b als Beweis dafür an, daß sich
bei der Zahlungsbilanzreform Chancen abzeichnen.
Die Vereinigten Staaten stellten fest, daß eine Reihe
von Ländern bei der Bewältigung der Zahlungsbilanzprobleme bereit ist, einen neuen Kurs einzuschlagen - einen politischen Kurs, der Liberalisierung des
Handels und wirtschaftliche Effizienz betont. (Brasilien, Argentinien und Peru haben kürzlich die Anwendung
des Zahlungsbilanzausgleichs aufgehoben, mit dem
handelsverzerrendende Praktiken gerechtfertigt wurden).

Bei den jüngsten Diskussionen über die Reform der
Zahlungsbilanz zeigten die Vertreter der Entwicklungsländer, die sich bisher der Verhandlung dieses Themas vehement widersetzt hatten, größere Flexibilität.

ausstehende Thema, das bei dem angestrebten neuen Subventionsabkommen gelöst werden muß. Es
gibt jedoch noch andere Probleme, die ebenfalls angesprochen werden müssen bevor die Verhandlungen

Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen. Die
Vereinigten Staaten waren einer der vehementesten
Verfechter der Stärkung des GATT-Abkommens über
Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen. Enttäuscht
vom begrenzten Erfolg des Subventionskodex der
Tokioter Runde zur Begrenzung von Subventionen
G ATT-Regeln und TRIMs
strebten die amerikanischen Unterhändler eine neue
Die Konsultativgruppe über GATT-Regeln umfaßt Subventionsvereinbarung an, die 1. multilaterale
Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen, Import- Subventionsregeln und -disziplinen insbesondere bei
schutz, GATT-Artikel, Normen, Antidumping, Importli- "Binnensubventionen" klären und stärken, 2. den
zenzen, staatliche Beschaffung und Zollbewertung. Schlichtungsmechanismus vereinfachen, 3. EntwickFerner behandelt diese Konsultativgruppe zwei Pro- lungsländer in den Rahmen der Subventionsverpflichbleme im Zusammenhang mit multilateralen Verhand- tungen voll einbeziehen und 4. die Wirksamkeit natiolungen über Marktzugang, Inspektionen vor dem Trans- naler Hilfsmaßnahmen bei Ausgleichszöllen aufrechtport und Herkunftsbezeichnungen. Seit kurzem wer- erhalten würde. Obwohl diese Ziele von einigen andeden auch TRIMs von dieser Gruppe abgedeckt.
ren Ländern geteilt wurden (einige Ziele zwar mehr als
andere) waren viele unserer Handelspartner praktisch
Die Länder haben die Verhandlungstexte ad referen- ausschließlich an Verhandlungsregeln interessiert, die
dum akzeptiert (die Unterhändler haben einen Text bestimmte Subventionen gegen Ausgleichszölle oder
vereinbart, der vor dem endgültigen Abschluß der GATT-Maßnahmen immunisieren würden.
Uruguay-Runde nicht erneut verhandelt wird) für Inspektionen vordem Transport, Herkunftsbezeichnun- Dieses breite Interessenspektrum spiegelt sich in dem
gen, Importlizenzen, Zollbewertungen und staatliche zum Ministertreffen in Brüssel weitergeleiteten VerBeschaffung (Zulassung weiterer Länder) sowie GATT- handlungstext wider, obwohl er insgesamt nur von
Artikel (über staatlichen Handel, Neuverhandlung von sehr wenigen Ländern verabschiedet und von den
Zollkonzessionen und die Festschreibung anderer Zölle wichtigsten Verhandlungspartnern als unausgewogen
und Abgaben im Zollsystem). Weiterhin gibt es folgen- bezeichnet wurde. Anhand des beim Ministertreffen in
de Entwicklungen:
Montreal im Dezember 1988 vereinbarten "Ampelprinzips" definiert er drei Kategorien von Subventionen:
GATT-Artikel. Das wichtigste von dieser Verhanverbotene Subventionen, zulässige aber einklagbare
dlungsgruppe erörterte Thema ist die Reform der ZahSubventionen sowie zulässige, nicht einklagbare
lungsbilanz-Bestimmungen des GATT. Die VereSubventionen. Beim Brüsseler Ministertreffen warder
inigten Staaten streben eine Änderung der ZahlungbiHauptstreitpunkt ein angemessenes "Gleichgewicht"
lanz-Bestimmungen an, so daß andere Länder (insbezwischen entweder formal oder tatsächlich verbotesondere die weniger entwickelten) präzisere, konnen und nicht einklagbaren Subventionen, unabhänstruktivere Regeln zu Verfügung haben u nd sich für die
gig davon, ob die nicht einklagbaren Subventionen
am wenigsten handelsverzerrenden Maßnahmen entgegenteilige Wirkung auf den Handel hätten.
scheiden können, wenn sie die Anwendung dieser Verfügungen in Zukunft für notwendig erachten.
Diese Frage des "Gleichgewichts" ist das wichtigste

Seite 4

AMERIKA DIENST 40

�erfolgreich abgeschlossen werden können. Diese
Themen beziehen sich auf eher technische Fragen,
etwa wie bestimmte Subventionen ausgemacht und
bewertet oder wie Entwicklungsländer und Länder "im
Übergang zu Marktwirtschaften" behandelt werden.
Obwohl seit dem vergangenen Winter nicht sehr viel
mehr als organisatorische Aktivitäten und Bestandsaufnahmen stattgefunden haben, werden die Unterhändler erwartungsgemäß diese substantielleren
Themen im Laufe dieses Monats erneut behandeln.
Antidumping. Der aktuelle GATT-Kodex zu Antidumpingpraktiken wurde während der Tokioter Runde
ausgehandelt, und die Vereinigten Staaten waren in
den vergangenen zehn Jahren mit seiner Anwendung
im großen und ganzen zufrieden. Daher sind wir nicht
für eine radikale Überarbeitung dieser Vereinbarung
obwohl die amerikanischen Unterhändler bestimmte
Bereiche ausgemacht haben, in denen Verbesserungen der Regeln wünschenswert wären. Die Vereinigten Staaten haben insbesondere die Verhandlung von
Regeln befürwortet, die größere Transparenz und
Verfahrensschutz für die Antidumpingsysteme aller
Länder gewährleisten würden sowie Regeln zur Bewältigung des Problems der Umgehung von Antidumpingmaßnahmen. Eine Reihe anderer Länder würde
statt dessen die erneute Aushandlung der Grundlagen
des Kodex bevorzugen, mit der präzise und detaillierte
Regeln zur Abschaffung praktisch der gesamten
administrativen Befugnis der Prüfungsbehördern aufgestellt würden. Obwohl wir nicht gegen größere
Klarheit bei einzelnen Bestimmungen des Kodex sind,
lehnen wir Bestrebungen zur Abschaffung der herkömmlichen Antidumpingmethoden und zur Schwächung von Maßnahmen gegen Antidumping ab.
Infolge dieser tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten konnten sich die Unterhändler nicht auf einen
einzigen Text - nicht einmal als Verhandlungsgrundlage - einigen. Dennoch besteht im großen und ganzen
Konsens zwischen den Teilnehmern bezüglich der
verfügbaren Optionen zur Behandlung der ausstehenden Themen falls ein Abkommen über das wahre
Ausmaß und die Art des neuen Kodex erzielt wird.
Bisher ist noch unklar, ob die Befürworter radikaler
Veränderungen jetzt bereit sind, ein bescheideneres
Paket zu akzeptieren, das für alle betroffenen Länder
annehmbar wäre.
Staatlicher Beschaffungskodex. Die Unterzeichner
des GATT-Beschaffungskodex arbeiten an der Erweiterung der Regeln und Verfahren des Kodex auf vom
Staat betriebene Einrichtungen, Beschaffung von
Dienstleistungen sowie nachgeordnete Regierungsstellen. Zur Zeit werden die Bestimmungen des Kodex, mit denen die nicht differenzierende Vergabe von
Regierungsverträgen gewährleistet wird, nur auf die
Beschaffung für Waren im Wert von über 172.000

AMERIKA DIENST 40

Dollar durch bestimmte Regierungsinstitutionen angewendet. Die Unterhändler hoffen, auch die Regeln und
Verfahrensweisen zu verbessern, die auf die gesamte
Beschaffung zutreffen, einschließlich der Einrichtung
eines nationalen Systems, um Einspruch gegen Ausschreibungen zu erheben, mit dem Beschwerden gegen
bestimmte Beschaffungen unverzüglich und wirksam
ausgeräumt und die Einschränkungen für vom Kodex
abgedeckte Beschaffungen gelockert werden.
Ein Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen bezieht
sich auf den Kodex für Anlagen, insbesondere Telekommunikationsnetze. Die amerikanischen Hersteller
warten sehr gespannt auf die Öffnung der EG-Märkte
für staatliche Elektrizitäts- und Telekommunikationsanlagen, die bisher "nationale Vorreiter" bei ihren
Entscheidungen über Beschaffungen bevorzugt haben.
Normenkodex. Am 18. Oktober 1990 wurde ein
Textentwurf vereinbart, der das Abkommen der Tokioter Runde über technische Handelshemmnisse (den
"Normenkodex") überarbeitet. Dieser Textentwurf
beinhaltet einige wichtige amerikanische Zielsetzungen, einschließlich erweiterter Disziplinen für Konformitäts-Beurteilungsverfahren, Abdeckung von Verarbeitungs- und Produktionsmethoden, Abdeckung nichtstaatlicher regionaler Normenentwicklung sowie verbesserte Transparenz. Seit der Wiederaufnahme der
Verhandlungen im Februar haben die Vereinigten
Staaten mehrere ausstehende Themen mit den wichtigsten Delegationen bei einer Reihe bilateraler und
multilateraler Treffen erörtert, unter anderem: die
Verpflichtung der Bundesregierung, die Einhaltung
von Bestimmungen des Kodex durch die Bundesstaaten und Kommunen sowie des Vorschriftenkodex bei
der Entwicklung freiwilliger Normen sicherzustellen.
TRIMs. Bei ihren Bestrebungen, die staatliche Anwendung handelsbezogener Investitionsmaßnahmen
in die GATT-Disziplin einzubeziehen, stoßen die Vereinigten Staaten weiterhin auf den Widerstand der
Entwicklungsländer gegen eine Disziplin für TRIMs
und insbesondere auf die Ablehnung des Verbots
solcher Maßnahmen durch die Entwicklungsländer.
Hardlinerunterden Entwicklungsländern verhinderten
die Vorlage eines Texts des Vorsitzenden beim Ministertreffen in Brüssel, der das Verbot enthielt. Obwohl
die TRIMs-Gruppe im Augenblick keinen Text vorliegen hat, sind die TRIM-Unterhändler in diesem Frühjahr und Sommer mehrfach zur Erörterung der Tagesordnung zusammengekommen. Das Treffen im Juli
bewirkte keine offizielle Änderung in der Position der
Länder, brachte jedoch eine Erklärung zum uneingeschränkten Engagement fürdas von der Europäischen
Gemeinschaft vorgelegte Thema hervor. Die TRIMsGruppe wird in diesem Monat erneut zusammentreffen.

Seite 5

�TRIPs
Die TRIPs-Unterhändler befassen sich mit den unangemessenen internationalen Normen für den Schutz
von solchen Eigentumsrechten wie Patenten, Warenzeichen, Urheberrechten, Handelsgeheimnissen, Design
von Halbleiterchips sowie der Verwirklichung dieser
Normen. Die Unterhändler streben ferner die Erarbeitung eines wirksamen Schlichtungsmechanismus bei
Meinungsverschiedenheiten an, mit dem Probleme
beim Recht an geistigem Eigentum angesprochen
werden sollen, da derzeit kein effektiver, international
anwendbarer Mechanismus existiert. Bis heute haben
die Verhandlungen einen Text hervorgebracht, der
mehrere Optionen zu ausstehenden Fragen enthält.

laysia bis zu entwickelten Märkten wie Japan und der
Europäischen Gemeinschaft. Diese Angebote unterscheiden sich im Umfang. Amerikanische Regierungsvertreter haben bilaterale Konsultationen mit rund
40 Ländern geführt, um die Vorlage von Angeboten zu
ermutigen, die bereits unterbreiteten zu klären und auf
den Abbau von Handelshemmnissen zu drängen.
Die Vereinigten Staaten haben ihr erstes Angebot im
November 1990 vorgelegt. Die amerikanische Regierung überarbeitet dieses Angebot derzeit zur Vorlage
im Herbst dieses Jahres.

Im Juni 1990 haben die Vereinigten Staaten andere
Länder über rund 28 spezifische Hemmnisse informiert, die den Export amerikanischer Dienstleistungen
behindern.
Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit
Seit Wiederaufnahme der Uruguay-Runde in diesem
einer
Überprüfung
dieser Liste von HandelshemmnisFrühjahr haben zwei Treffen der TRIPs-Verhandlungssen
befaßt.
Diese
überarbeitete
Liste sollte um den 20.
gruppe stattgefunden. Alle Teilnehmer stimmten überein,
September
vorgelegt
werden,
ein
Termin, auf den wir
daß die TRIPs-Gruppe bei technischen Fragen so
uns
mit
unseren
Handelspartnern
für die Vorlage von
große Fortschritte wie derzeit möglich gemacht hat.
Anträgen
zum
Abbau
von
Handelshemmnissen
für
Die Teilnehmer der TRIPs-Gruppe waren sich einig,
Dienstleistungen
auf
den
jeweiligen
Märkten
verständaß die wichtigsten Probleme nicht gelöst werden
können, bis die Verhandlungen in anderen Bereichen digt hatten. Amerikanische Regierungsvertreter er- insbesondere Landwirtschaft - weiter vorankommen. warten die Aufnahme noch intensiverer bilateraler
Verhandlungen nach Erhalt dieser Anträge im Hinblick
Die TRIPs-Gruppe konnte nach wie vor bei mehreren auf den Austausch von Konzessionen, um Hemmniswichtigen Themen keine Einigung erzielen, beispiels- se für bestimmte Sektoren anzusprechen.
weise, ob die Patentnormen alle Technologien - so
etwa Arzneimittel - schützen und welche Disziplinen Auch beim Text für ein Dienstleistungs-Rahmenabfür die obligatorische Patentlizenzvergabe angewandt kommen wurden Fortschritte erzielt. Bei mehreren
werden, ob Aufzeichnungsrechte (die Rechte von Themen zeichnet sich ein Konsens ab, wie etwa bei
Herstellern von Tonaufzeichnungen, Sendern und der Auslegung des Prinzips der "nationalen BehandDarstellern) von dem Abkommen und die Art der lung", den Verfahren zur Abdeckung bestimmter SekBestimmungen bei der Bezeichnung des Herkunfts- toren sowie einigen Teilen getrennter Anhänge, die
landes (Behandlung geographischer Bezeichnungen) sich mit Mobilität der Arbeitskräfte und finanziellen
abgedeckt werden. Diese Themen werden jedoch von Dienstleistungen befassen.
der TRIPs-Gruppe als politischer Natur angesehen
und müssen oberhalb der Verhandlungsebene gelöst Im Herbst werden die Unterhändler versuchen, die
werden. Das nächste Treffen der TRIPs-Verhand- verbleibenden Differenzen bei bestimmten Rahmenverfügungen einzugrenzen, die nicht verabschiedet
lungsgruppe war für Mitte September anberaumt.
werden konnten. Dazu zählen Fragen wie etwa, ob der
Ausschluß vom Meistbegünstigungsstatus zeitlich
Dienstleistungen
begrenzt werden kann, die Wirksamkeit von ZahlungsNach der Wiederaufnahme der Gespräche im Februar bilanz-Schutzmaßnahmen, Verpflichtungen im Zusamdieses Jahres unterstrich die Verhandlungsgruppe menhang mit Technologietransfer sowie der internaDienstleistungen die Notwendigkeit zur Liberalisierung tionale Zahlungsverkehr.
bestimmter ausländischer Handelshemmnisse als
grundlegendes Element zur Erlangung eines Dienst- Seminar über Beschaffung und Dienstleistungen
leistungs-Abkommens. Ein wesentliches Ziel der für die US-Unterhändler
Vereinigten Staaten bestand darin, die Länder zu
drängen, ein "Angebot" der Sektoren zu unterbreiten, Ende Juli nahmen Regierungsvertreter aus den Bundie sie in dem vorgesehenen Dienstleistungs-Rahmen- desstaaten und Gemeinden an einem vom Handelsmiabkommen abdecken werden. Die Vereinigten Staaten nisterium und der US-Handelsbeauftragten (USTR)
streben die Abdeckung in kommerziell entscheiden- veranstalteten Seminar in Washington, D.C., über
den Bereichen wie Finanz- und Versicherungswesen, staatliche Beschaffung und Dienstleistungen teil - zwei
freiberufliche Dienstleistungen, Telekommunikation, Bereiche, die in der Uruguay-Runde verhandelt werden und direkten Einfluß auf die Regierungen der
audio-visuelle und gewerbliche Dienstleistungen an.
Bundesstaaten und Gemeinden haben. Dieses SemiBis heute wurden Angebote von 35 Ländern vorgelegt, nar bot den amerikanischen Unterhändlern Gelegenvon weniger entwickelten Ländern wie Chile und Ma- heit, die Vertreter der Bundesstaaten und Gemeinden

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�über den Stand der Verhandlungen zu informieren. in, mit dem Angebot der Europäischen Gemeinschaft
Auch die amerikanischen Unterhändler profitierten enorm gleichzuziehen, alle regionalen Beschaffungsbehörvon den Informationen der Teilnehmer.
den einzubeziehen.
Im Hinblick auf Dienstleistungen haben die Vereinigten
Staaten die Regierungen der Bundesstaaten und
Gemeinden gebeten, ihnen bei der Vorlage des überarbeiteten Angebots behilflich zu sein. Das Washingtoner Seminar wurde abgehalten, um den Bundesstaaten eine Chance zu geben, die amerikanische
Handelsdelegation über Bestimmungen der Bundesstaaten zu Dienstleistungen für das überarbeitete
Angebot zu beraten. Die amerikanischen Unterhändler rechnen mit einer umfassenden Antwort auf diese
Fragen, um sicherzustellen, daß sich die Interessen
der Bundesstaaten genau in der amerikanischen Verhandlungsposition niederschlagen.

Bei dem Washingtoner Seminar wurden die Vertreter
aus den Bundesstaaten und Gemeinden über den
Stand der Genfer Verhandlungen und die Vorteile
unterrichtet, die sich für die Bundesstaaten und
Gemeinden ergeben werden, wenn sie der Anwendung
des Kodex zustimmen. Mehrere prominente amerikanische Geschäftsleute - etwa von General Electric
und AT&amp;T - unterstützten die amerikanischen Unterhändler bei der Befürwortung der Anwendung des
Kodex. Gouverneur Tommy Thompson aus Wisconsin kündigte seine Absicht an, die Anwendung des
Kodex auf die Beschaffungspraktiken in seinem Bundesstaat zu betreiben.

Im Hinblick auf staatliche Beschaffungen beabsichtigen die amerikanischen Unterhändler, die staatlichen
und lokalen staatlichen Beschaffungsstellen einzubeziehen, die sich freiwillig dazu bereiterklärt haben. Die
Vereinigten Staaten haben die staatlichen und lokalen
Regierungen gebeten, den Kodex entsprechend dem
Geltungsbereich des Kodex für die amerikanische
Bundesregierung auf ihre Beschaffungsverträge anzuwenden. Die amerikanische Strategie besteht dar-

Bei der knapp einen Monat später anberaumten Jahresversammlung der National Govemor's Association
gaben die amerikanischen Gouverneure ihre Übereinstimmung bekannt, auf die Anwendung des Kodex in
allen Staaten hinzuarbeiten. Sie stellten fest, daß
verbesserter Zugang zu europäischen Märkten ebenso wie die Möglichkeit zur Senkung ihrer Haushaltstitel
die Abschaffung zuwiderlaufender Gesetze - "Buy
America" und "Buy State" - zugunsten offener Märkte
im Ausland rechtfertigen.

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�KSZE
9. Oktober 1991

USA MIT MOSKAUER KSZE-TREFFEN
ÄUSSERST ZUFRIEDEN
Eine Erklärung des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das Außenministerium erklärte am 4. Oktober 1991, die Vereinigten Staaten seien
"äußerst zufrieden" mit den Ergebnissen der Moskauer KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension und
die "kooperative Atmosphäre, in der sie stattgefunden hat".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Stellvertretenden Sprechers Richard Boucher.

Das am 10. September 1991 begonnene Moskauer
Treffen der KSZE-Konferenz über die Menschliche
Dimension wurde am Freitag nachmittag, den 4. Oktober 1991 beendet. Wir sind äußerst zufrieden mit den
Ergebnissen der Zusammenkunft und der kooperativen Atmosphäre, in der sie stattgefunden hat.
Das Moskauer Treffen ist ein weiterer Schritt zur
Bereicherung des KSZE-Prozesses, ein Ziel, das
Au ßenminister Baker in seiner diesjährigen Rede beim
Aspen-Insitut in Berlin gesteckt hat. Der Aufruf des
Außenministers, dem Mechanismus der menschlichen
Dimension Delegationen als fünften Schritt hinzuzufügen, ist durch die Einführung eines Verfahrens der
"guten Dienste" erfüllt worden, mit dem die Lösung von
Menschenrechtsproblemen erleichtert werden soll.
Der Leiter der US-Delegation, Botschafter Max Kampelman, seine Mitarbeiter und die Delegationen der
anderen Teilnehmerländer haben hart gearbeitet, um
ein Schlußdokument zu erarbeiten, das die ernsthafte
Verpflichtung der KSZE-Länder für die Achtung der
Menschenrechte widerspiegelt.

Zusätzlich zum Verfahren der "guten Dienste" stärkt
das Schlußdokument den KSZE-Mechanismus der
menschlichen Dimension, indem es das Engagement
der KSZE-Teilnehmer für eine große Bandbreite von
Menschen-, Bürger- und politischen Rechten fördert,
einschließlich der Rechte der Frauen auf Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Förderung der Rolle
nichtstaatlicher Organisationen (NGOs).
Darüber hinaus erkennt das Schlußdokument zum
ersten Mal ausdrücklich an, daß besondere KSZEVerpflichtungen im weiten Feld der Menschenrechte
und Grundfreiheiten Probleme von legitimem internationalen Interesse und nicht ausschließlich den inneren Angelegenheiten eines Landes zuzurechnen sind.
Das Treffen, in dessen Rahmen die Baltenstaaten der
KSZE beitraten, unterstützte ferner die Erweiterung
des Büros für freie Wahlen, damit es in den Teilnehmerländern demokratische Institutionen stärken kann.
Dieser ursprünglich von Außenminister Baker in Berlin
unterbreitete Vorschlag wird bei den kommenden KSZETreffen erörtert werden, auch beim Expertentreffen
über Demokratische Institutionen, das vom 4. bis 15.
November in Oslo stattfindet.

* * * *

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*

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�GOLFKRISE
9. Oktober 1991

KALTER KRIEG UND GOLFKRIEG DIE AUSWIRKUNGEN AUF DEN NAHEN OSTEN
von Richard Haass
Der Autor ist Sonderberater des Präsidenten und Leiter der Abteilung Naher Osten und Südasien im Nationalen Sicherheitsrat. Der nachfolgende Artikel "Das Ende des kalten Kriegs und des Golfkriegs: Konsequenzen
für den Nahen Osten und den Golf" ist einer kürzlich beim Washingtoner Institut für Nahostpolitik gehaltenen
Rede entnommen.

1991 war das Jahr der Beendigung zweier Kriege. Der
erste, bekannt als "kalter Krieg", aber auch als "friedliche Koexistenz" und "Entspannung", begann (abhängig von Ihrer Geschichtsschreibung) entweder vor 75
Jahren und endete (wiederum abhängig von Ihrer

Geschichtsschreibung) 1990 oder 1991. Der zweite
Konflikt, der Golfkrieg, begann am 2. August 1990 und
wurde mit der vernichtenden Niederlage des Irak und
der darauffolgenden Befreiung Kuwaits beendet.
Den Vereinigten Staaten war in diesen beiden äußerst
unterschiedlichen Konflikten aus ähnlichen gelagerten
Gründen Erfolg beschieden. Zum Teil, weil wir bei der
Wahl unserer Gegner Glück hatten. Die Sowjetunion
litt unter systemimmanenter Schwäche, war Opfer
ihrer politischen und wirtschaftlichen Ideologie. Der
Irak litt unter eher persönlichen Einbrüchen, in diesem
Fall Saddam Husseins ungezügeltem Ehrgeiz und
autokratischem Führungsstil.
Unsere Leistungen sprechen jedoch auch für unsere
Bestrebungen. Die Sowjetunion und Saddam Hussein
gleichermaßen hätten die Konsequenzen ihrer Fehler
verhindern oder zumindest verzögern können, wenn
sie nicht auf eine entschlossene und geschlossene
Opposition gestoßen wären. Ich meine die Stärke des
Westens und die diplomatische und militärische Führungsrolle der Vereinigten Staaten.
Die sich uns hier und jetzt stellende Frage ist die der
Konsequenz - oder besser Konsequenzen - dieser
beiden Hand in Hand gehenden Entwicklungen für die
Region. Unter "Region" verstehe ich das geographische Gebiet, das sich von Marrakesch nach Bangladesch erstreckt- Nordafrika, die Levante, den Golf und
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Südasien - aber insbesondere den Nahen Osten und
den Golf. Ich habe mich auf diese Unterregionen nicht
nur konzentriert, weil die südasiatischen Länder weitgehend mit ihren eigenen Belangen befaßt und die
nordafrikanischen geographisch getrennt sind sondern auch, weil Technologie, Politik und Bevölkerungsstruktur die Geschicke des Golfs und des Nahen
Ostens zunehmend verflechten.
Zunächst sollte man den Blick auf die Sowjetunion und
den Irak richten. Die Sowjetunion wird voraussichtlich
durch die internen Probleme politischer und wirtschaftlicher Reformen sowie das Verhältnis zwischen der
Zentralregierung und der Peripherie abgelenkt, wenn
nicht sogar vollständig absorbiert. Auch der Irak wird
sich weiterhin mit regionalen und ethnischen Herausforderungen konfrontiert sehen. Aber anders als die
Politiker der Sowjetunion, die auf maßgebliche politische und wirtschaftliche Unterstützung des Auslands
zählen können, sehen sich die derzeitigen Machthaber
im Irak einer Zukunft unnachgiebiger politischer Isolation und wirtschaftlicher Sanktionen inmitten einer
Gesellschaft gegenüber, die sich von der Zerstörung
des Kriegs zu erholen versucht.
Daher wird aus unterschiedlichen Gründen keines der
beiden Länder in der Lage sein, soviel Einfluß auf die
oder in der Region auszuüben wie zuvor. Im Falle der
Sowjetunion bin ich nicht sicher, ob dies wirklich gut ist.
Obwohl die Sowjets seit Jahrzehnten allzu oft durch
die Bewaffnung des einen oder anderen Satellitenstaats, einzelner Gruppierungen oder Vereitelung der
amerikanischen Diplomatie zu regionalen Spannungen beitrugen, hat die Sowjetunion in den vergangenen Jahren und Monaten eine zunehmend konstruktiSeite 1

�ve Rolle gespielt. Jeder, der dies bezweifelt, muß sich
nur eine vor dem Hintergrund politischer und militärischer Unterstützung der Sowjetunion für den Irak
abgewickelte Golfkrise oder einen Friedensprozeß
vorstellen, der in jeder Hinsicht mit Moskaus Machenschaften zu kämpfen gehabt hätte.
Eine geschmälerte sowjetische Rolle hat jedoch einen
negativen Aspekt. Selbst auf der Höhe des amerikanisch-sowjetischen geopolitischen Wettkampfs konnte man normalerweise darauf zählen, daß der Kreml
die Rivalität unter Vasallen nicht bis zu dem Punkt
ausarten lassen würde, an dem direkte amerikanischsowjetische Konfrontation möglich wurde. Es ist in der
Tat eine plausible Annahme, daß der irakische Aggressionskrieg gegen Kuwait zum Teil aufgrund der
irakischen Einschätzung geführt wurde, die Sowjetunion sei zu schwach und abgelenkt, um irgendetwas
anderes zu unternehmen als Zurückhaltung zu üben.
Dies ist die Art "internationaler Deregulierung", von der
ich vor fast 18 Monaten bei einer anderen Washingtoner Sitzung gesprochen habe, in dem Fall über die
möglichen Konsequenzen der Beendigung des kalten
Kriegs. Bedauerlicherweise ist dies eine der wenigen
von mir gemachten Vorhersagen, die sich erfüllt haben.
Im Falle Iraks besteht sehr viel weniger Grund, seine
entschieden beeinträchtigte Fähigkeit zu bedauern,
Einfluß auf das Schicksal der Golfregion und des
Nahen Ostens auszübern. Obwohl die irakische
Fähigkeit, militärische Gewalt einigermaßen wirksam
einzusetzen, nicht immer unwillkommen war - man
muß nur einige Jahre zurückdenken, als der Westen
Bagdad bei der Verteidigung gegen den Iran zur Seite
stand, zu der Zeit die gefährlichere regionale Möchtegern-Hegemonialmacht -, ist die relative Entmachtung
des von Saddam Hussein geführten Irak eine überwältigend positive Entwicklung. Alle Staaten der Region,
und alle Staaten, die ein Interesse an der Region
haben, können ihren Geschäften in dem Wissen nachgehen, daß der bis vor kurzem am wahrscheinlichsten
ihr Wohlergehen bedrohende regionale Akteur dazu
jetzt sehr viel weniger in der Lage ist.
Diese Veränderungen sind nicht notwendigerweise

von Dauer. Wir müssen abwarten, was sich aus der
bisherigen Sowjetunion ergibt. Mit der Zeit können
eine oder mehrere der Republiken oder ein wiedergeschaffenes Ganzes erneut zu einer wichtigen Kraft in
der Region werden, die die Dinge zum Guten oder
Schlechten wendet. Und der Irak - insbesondere ein
Irak unter einer anderen Führung - der dazu bereit ist,
in Frieden mit seinem eigenen Volk und seinen Nachbarn zu leben, kann sich aus der selbstverursachten
Isolierung befreien und wiederum eine zentrale Rolle
am Golf und im Nahen Osten spielen. Im Augenblick
sind jedoch die vom Ausland - vor allem den Vereinigten Staaten, aber auch der Europäischen Gemeinschaft und anderen - beeinflußten regionalen Staaten
der Schlüssel für die Zukunft dieser Region.
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Wenige Konflikte enden, wenn überhaupt, mit automatischen oder unvermeidbaren Konsequenzen. Der
kalte Krieg und der Golfkrieg bilden keine Ausnahme.
Das Ende jedes dieser beiden Kriege könnte im Rückblick als historischer Wendepunkt angesehen werden,
als Markierungslinie, die gefährlichen Wettkampf von
konstruktivem Einvernehmen trennt. Oder das Ende
eines der beiden Konflikte könnte nicht so sehr als
Wendepunkt oder sogar das Ende eines Krieges gesehen
werden, sondern einfach als Beendigung eines Kampfes, der wiederum den Weg für neue Auseinandersetzungen bereitet hat. Kurz gesagt, Kriege und ihre
Nachwirkungen bieten Chancen für Veränderungen Ordnung oder Unruhe können die Folge sein. Was im
aktuellen Kontext geschehen wird, hängt größtenteils
davon ab, wie gut wir und die Staaten in der Region die
vor uns liegenden Herausforderungen meistern. Ich
möchte daher die wichtigsten Herausforderungen im
Nahen Osten und am Persischen Golf sowie das
umreißen, was zu tun bleibt, wenn wir all das Geleistete in etwas Dauerhaftes und Nützliches umsetzen
wollen.
Erstens ist die Erkenntnis wichtig, daß der Irak weder
entwaffnet noch gewandelt ist. Er stellt nach wie vor
eine akute und potentielle Bedrohung für seine Nachbarn dar. Infolgedessen müssen wir den Druck auf den
Irak solange aufrechterhalten, wie er nicht alle entsprechenden Resolutionen des UN-Sicherheitsrats - insbesondere Resolution 687 - und alle Aspekte des
Waffenstillstands vollständig einhält und solange er
seiner derzeitigen Führung untersteht. Diplomatische
und wirtschafltiche Sanktionen können mit der Zeit
gleichermaßen die immer noch bestehende Fähigkeit
des Irak zur Kriegführung schwächen und das irakische Volk davon überzeugen, daß seine Zukunft nur
dann vielversprechend sein kann, wenn sich ein Führungswechsel vollzieht. Darüber hinaus vertreten wir
die Auffassung, daß eine neue, pluralistischere politische Ordnung für den Irak möglich ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind wir uns jedoch bewußt, daß Frieden in der Region und für das irakische Volk unmöglich
ist, solange Saddam Hussein an der Macht bleibt. Wir
sind nach wie vor der Ansicht, daß Saddam in nicht
wiedergutzumachender Weise diskreditiert ist. Infolgedessen bleiben alle möglichen Sanktionen solange
in Kraft bis er abgetreten ist. Die Iraker werden nicht
an den sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen
Vereinbarungen für die Region nach der Krise beteiligt,
bis ein Regimewechsel stattgefunden hat. Wenn dies
geschieht, sind wir bereit, die Sanktionen aufzuheben
und eine Lockerung der Reparationszahlungen in
Erwägung zu ziehen, während wir die Rückkehr des
Irak ins normale internationale Leben erleichtern.
Zweitens müssen wir weiterhin tragfähige Verteidigungsarrangements verwirklichen, die Abschreckung
leisten können und gegebenenfalls neue Bedrohungen der Stabilität am Golf verteidigen, obwohl die
irakische Niederlage die Notwendigkeit einer Containment-Strategie drastisch verringert. Die UNO-BeobAMERIKA DIENST 40

�achterdelegation befindet sich bereits an der irakischkuwaitischen Grenze. Die Konsultationen über eine
bescheidene arabische Friedesstreitmacht, die in Kuwait
stationiert würde, dauern an. Wir haben mit der
kuwaitischen Regierung ein Abkommen über Zugang
und einsatznahe Bereitstellung paraphiert. Es muß
jedoch noch mehr getan werden. Die Umrisse des von
uns Angestrebten zeichnen sich ab: erweiterte Marinepräsenz der Vereinigten Staaten, regelmäßigere
Übungen, Ausbildung und Planung der amerikanischen Eingreiftruppen, einsatznahe Bereitstellung von
Gerät, besserer Luft- und schneller Seetransport sowie
verbesserte Zusammenarbeit mit den Staaten in der
Region. Wir sind nicht an Stützpunkten oder der
permanenten Stationierung amerikanischer Landstreitkräfte in der Region interessiert. Wir beabsichtigen die
Entwicklung eines Ansatzes, der Sicherheitserfordernisse erfüllt ohne politischen Druck zu schaffen, der
eben die Stabilität bedrohen könnte, die wir fördern
wollen.
Der dritte Aspekt dessen, was wir am Golf leisten,
betrifft den Bereich der Rüstungskontrolle. Wir haben
soeben einen erschreckenden Eindruck von der
möglichen Zukunft einer Region gewonnen, in der
Kriege nicht auf Schlachtfelder, Soldaten und konventionelle Munition beschränkt sind. Es handelt sich
vielmehr um eine Zukunft, in der Städte zu Schlachtfeldern und Zivilisten zu Kämpfern werden, in der Massenvernichtungswaffen auf ballistischen Raketen die
bekannte, aber ebenso todbringende Welt von Infanterie und Panzern ergänzen. Wir können nicht einfach
die Hände in den Schoß legen und dieses Phänomen
beobachten. Wir müssen versuchen, es zu beseitigen
oder zumindest daran zu arbeiten.
Das tun wir. Wir haben eine umfassende Rüstungskontrollinitiative vorgeschlagen, die potentielle Lieferanten und Empfänger gleichermaßen einbezieht und
mit deren Hilfe die Verbreitung destabilisierender
konventioneller und nichtkonventioneller Waffen sowie deren Trägersysteme eingedämmt und möglicherweise zurückgeschraubt werden kann. Wir haben
Übereinstimmung zwischen den fünf führenden Exporteuren konventioneller Waffen in die Region sichergestellt, damit sie über Waffenlieferungen konsultieren
und Leitlinien erarbeiten, um in Zukunft destabilisierende Rüstungsexporte in die Region zu begrenzen.
Ferner besteht Grund zu Optimismus, daß wir die
Verbreitung von Technologie zur Verbesserung nichtkonventioneller Waffen eindämmen können. Gleichzeitig wünschen wir uns multilaterale Verhandlungen
über Rüstungskontrolle und regionale Sicherheit als
Teil des Friedensprozesses. Realistischerweise können Fortschritte in diesem Bereich erst nach politischer Versöhnung erfolgen - danach könnte die Chance für Fortschritte bei der Förderung vertrauensbildender Maßnahmen bestehen, wodurch die Möglichkeit
einer Fehleinschätzung oder eines versehentlichen
Krieges gemindert würde. Wir engagieren uns, um

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jeden möglichen Weg zu erforschen, der die Verbreitung ballistischer Raketen aufhalten oder noch besser
rückgängig machen könnte.
Viertens tun wir alles in unserer Macht Stehende, um
dem Friedensprozeß im Nahen Osten Auftrieb zu
verleihen. Unser Ziel ist die Einberufung einer Konferenz, die direkte Verhandlungen zwischen Israel, den
arabischen Ländern und den Palästinensern einleitet.
Dabei würde Israel zum ersten Mal seinen arabischen
Nachbarn gegenübersitzen. Die Prinzipien, von denen
sich unsere Bestrebungen leiten lassen, sind bereits
bekannt - wir streben einen umfassenden Frieden an,
auf der Basis der Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats. Wir streben einen echten Frieden an,
der Israel einbezieht und ihm wirklich Sicherheit garantiert. Gleichzeitig bemühen wir uns um einen gerechten Frieden, der den Palästinensern ihre legitimen
politischen Rechte sichert und eine Lösung für die
Probleme bezüglich Land, Wasser und Sicherheit findet, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
dieses Landes eine zentrale Rolle spielen. Wir unternehmen diese Anstrengungen nicht mit einem Plan
oderder Fähigkeit des Friedensstifters sondern mit der
Entschlossenheit, ein Katalysator für den Frieden zu
sein und denjenigen zu helfen, die sich tatsächlich
selbst helfen wollen.
Unserer Meinung nach haben wir eine gute Chance,
das zu tun. Die Vereinigten Staaten besitzen eine
hohe Glaubwürdigkeit in der Region. Der Konflikt am
Golf war nicht nurfür den Irak eine Niederlage, sondern
auch für die Kräfte des Radikalismus in der arabischen
Welt. Das Ende des kalten Kriegs hat ein Signal
gesetzt, daß die Sowjetunion nicht länger eine Alternative zur Kooperation mit dem Westen und der übrigen
internationalen Staatengemeinschaft bietet. Mehr
arabische Länder als jemals zuvor sind bereit, Israels
Existenz zu akzeptieren und sich an direkten Verhandlungen zu beteiligen. Die Bereitschaft wichtiger arabischer Staaten, den wirtschaftlichen Boykott gegenüber Israel aufzuheben, wenn Israel die Besiedlung
aufgibt, ist ein weiteres Beispiel für diesen Wandel.
Und auch in Israel finden Veränderungen statt, weil der
Golfkrieg demonstriert hat, daß Territorium in einem
Zeitalter nichtkonventioneller Waffen nicht unbedingt
Sicherheit bietet. Ob diese neue Haltung genug Material für erfolgreiche Friedensbemühungen bietet, bleibt
abzuwarten - klar ist jedoch, daß potentielle Friedensstifter wie wir mehr Arbeit haben als zu irgendeinem
Zeitpunkt der jüngsten Vergangenheit.
Im Libanon haben die Taif-Vereinbarungen erhebliche
Fortschritte bewirkt. Eine rechtmäßige Regierung ist
jetzt funktionsfähig und gewinnt an Autorität. Mehrere
Milizen sind entwaffnet worden, und in Beirut und
andernorts ist wieder das normale Leben eingegekehrt. Natürlich muß noch viel getan werden, bevor
der Libanon tatsächlich souverän und von allen nichtlibanesischen Truppen befreit ist. Auch der Libanon

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�steht auf der Tagesordnung der Friedenskonferenz,
an deren Einberufung wir so hart arbeiten.
Fünftens sind wir uns bewußt, daß Stabilität in dieser
oder einer anderen Region der Welt nicht nur durch die
Beziehungen einzelner Länder untereinander erzielt
werden kann. Auch die Bedingungen in diesen Ländern sind wichtig. Wir versuchen, größere Achtung der
Menschenrechte, bessere Vorkehrungen für substantielle politische Beteiligung sowie höhere Wirtschaftsproduktivität und Zusammenarbeit zugunsten von Entwicklung zu fördern. Fortschritte in diese Richtung beobachten wir in Kuwait. Die für Oktober 1992 geplanten Wahlen werden das parlamentarische Leben wiederherstellen und Kuwait zum führenden Verfechter
der politischen Mitbestimmung am Golf machen.
Allgemeiner gesprochen gibt es keinen Grund für die
Völker und Länder im Nahen Osten und am Persischen Golf, nicht an den intellektuellen, politischen und
wirtschaftlichen Strömungen unserer Zeit teilzuhaben
- Strömungen, die das Leben der Menschen auf der
ganzen Welt verbessert haben. Übermäßige staatliche Kontrolle der politischen Arena oder des Markts
sind in Mißkredit geraten. Ich möchte in diesem
Zusammenhang zu etwas Bescheidenheit mahnen.
Bei der Förderung solcher Veränderungen sollten wir
uns bewußt sein, daß wir den sozialen Vertrag für
Gesellschaften und Kulturen mit langen und eigenständigen Traditionen nicht schreiben und erst recht
nicht diktieren können.
Sechstens berücksichtigt unser Ansatz für eine Ordnung an Golf humanitäre Fragen und spricht sie auch
an. Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
übernommen, indem sie andere ermutigen, notwendige Hilfe für die vielen Flüchtlinge zu leisten, die Saddam Husseins Gewalt und Unterdrückung zu entfliehen suchen. Von Anfang an wollten wir diese dringenden Bedürfnisse der Menschen stillen, ohne militärisch
in die inneren Konflikte des Iraks verwickelt zu werden.
Damit würden wir dann endgültig zu einer Zeit zum
Weltpolizisten, in der es in der Welt oder hier im Inland
keinen Konsens gibt, der uns eine solche Rolle zubilligt
- und keine Garantie, daß wir selbst mit einer solchen
Zustimmung erfolgreich wären.
Siebtens werden wir weiterhin Terrorismus bekämpfen und an der Freilassung der Geiseln arbeiten. Wir
sind ermutigt durch das Ausbleiben von Terrorakten,
die die Golfkrise ausgelöst haben, ferner ermutigen
uns Signale, daß die Geiselnehmer bereit sein könn-

ten, ihr zynisches und inhumanes Tun aufzugeben.
Wenn der Iran also bereit ist, all seinen Einfluß gegen
Geiselnahmen geltend zu machen und den Einsatz
von Gewalt auf der ganzen Linie aufzugeben, sind wir
bereit, unsere Politik Teheran gegenüber zu überprüfen. Irans Verhalten im Golfkrieg und seitdem gibt uns
Grund zu Optimismus, aber wir müssen eine eindeutige Chance für eine Verhaltensänderung wahrnehmen, bevor wir reagieren.
Dies sind also die wichtigsten Herausforderungen, die
vor uns liegen. Lassen Sie mich mit zwei Punkten
schließen. Man mag das Argument vorbringen, diese
Herausforderungen seien so groß, daß sie keine Veränderung zum Besseren bewirken. Das trifft nicht zu.
Die Geschichte ist in dem Teil der Welt, in dem unsere
Geschichte begonnen hat, keinesfalls zu Ende. Aber
die Bewältigung dieser Herausforderungen aufgrund
von Erfolgen - so schwierig sie auch sein mögen - ist
eindeutig dem vorzuziehen, was aus dem Versagen
entstanden wäre, die irakische Aggression abzuwehren. Wir haben in der ersten Phase des Zeitalters nach
dem kalten Krieg ein gutes Stück auf dem Weg zur
Errichtung eines neuen, konstruktiven Gefüges in der
Weltpolitik zurückgelegt. Eine Akzeptanz der irakischen Invasion und Annexion Kuwaits hätte nicht nur
in der Region ernste, negative Konsequenzen gezeitigt. Andere potentielle Aggressoren hätten daraus die
Lehre gezogen, daß sich Aggression auszahlt, mögliche Opfer hätten gesehen, daß Beschwichtigungspolitik der einzige Weg ist. Statt dessen haben wir einen
nützlichen Präzedenzfall für Beschränkung und Kooperation in einer Region geschaffen, die für Gewalt
und Konflikt bekannt ist.
Abschließend möchte ich darauf verweisen, daß die
Vereinigten Staaten mehr als irgendeine andere außenstehende Partei dazu beitragen können, diese
verbleibenden Herausforderungen zu lösen. Die Vereinigten Staaten können einen einzigartigen Beitrag
leisten: als Mittler bei den Streitigkeiten in der Region,
als Vorbild und als motivierende Kraft für politische und
wirtschaftliche Entwicklungen. Aber wir können das
nicht allein leisten, so sehr wir uns auch bemühen.
Letztlich sind es die Menschen und vor allem die
Politiker im Nahen Osten und am Golf, die den Löwenanteil des Einflusses auf ihre Zukunft tragen werden.
Sie sind es, die bestimmen werden, ob die mit der
erfolgreichen Beendigung des kalten Kriegs und des
Golfkriegs geschaffenen Möglichkeiten ausgeschöpft
oder vertan werden.

* *

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�UMWELT
9. Oktober 1991

DAS UMWELTPROGRAMM
DER BUSH-ADMINISTRATION
Eine Übersicht zum Umweltschutz
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Rat für Umweltqualität am 7. Oktober 1991
herausgegebene Übersicht.

Präsident Bush hat zum Schutz der Umwelt folgende Schritte in die Wege geleitet:
Luftreinheit. Die umfassendsten und marktorientiertesten Gesetze zur Reinhaltung der Luft vorgeschlagen und unterzeichnet, mit denen die Schwefeldioxidemissionen um 50 Prozent reduziert, die Luft in städtischen Ballungsgebieten verbessert, Schadstoffemissionen um 90 Prozent verringert sowie die Ozonschicht weltweit durch das vollständige Verbot von
FCKW bis zum Jahr 2000 geschützt werden sollen.

dent hat Programme zum Schutz des Fischereiwesens, verbesserte Erholungsmöglichkeiten für Camper, Wanderer, Bootsfahrer und Sportler, zum Schutz
von Feuchtgebieten und Vogelflugbahnen sowie zum
Schutz gefährderter Spezies geschaffen.
Durchführung.
In zwei Jahren 40 Prozent der
Bußgelder aller vom Umweltschutzamt (Environmental Protection Agency - EPA) zeit seines Bestehens
gewonnenen Zivilverfahren eingenommen.
Ein neues Strafmaß bei Umweltvergehen verhängt.

Vereinbarungen zwischen Industrieunternehmen und
Umweltschutzorganisationen gefördert, um saubere
Brennstoffe und verbesserte Sicht im Grand Canyon
Nationalpark zur Bedingung zu machen.
Küstenschutz. Bis über das Jahr 2000 hinaus ein
Moratorium für die Off-shore-ÖI- und Erdgasförderung für 99 Prozent der kalifornischen Küste und alle
Küsten von Washington, Oregon, Süd-Florida und
Neuengland angekündigt.
Maßgeblich an Abkommen über das Verbot der Entsorgung von Klärschlamm im Meer bis 1992 mitgewirkt
und ein Pilotprogramm zum Aufspüren medizinischer
Abfälle ins Leben gerufen.
America The Beautiful. Eine langfristige Kampagne
zur Erweiterung und Verbesserung des Bestands an
Nationalparks, Wäldern, bedrohten Arten und Erholungsgebieten in den Vereinigten Staaten in die Wege
geleitet.
Seit ihrem Amtsantritt hat die Bush-Administration den
Etat für amerikanische Parks, Wälder und öffentliches
Land um 750 Millionen Dollar aufgestockt. Der PräsiAMERIKA DIENST 40

Die Rate der Beseitigung von Sondermülldeponien
verdreifacht. Die Arbeitskosten wurden von den Verursachern getragen und im Rahmen des Superfondsprogramms durchgesetzt.
Beispiellose Prozesse zum Schutz der Everglades,
Chesapeake Bay, der Great Lakes und der Ozonschicht weltweit geführt.
Schutz der Ozonschicht. Ein 1990 in London erzieltes internationales Abkommen unterzeichnet, mit dem
das vollständige Verbot aller die Ozonschicht der Erde
zerstörenden Substanzen gefordert wird.
Gesetze verabschiedet, um den amerikanischen Zeitplan für das Verbot unterden internationalen Fristen zu
halten und ein Bußgeld für die Produktion von FCKW
in den Vereinigten Staaten zu verhängen, mit dem die
Vereinigten Staaten dem Plan weit voraus sind.
Weltweite Klimaveränderungen. Einen weltweiten
Vertrag über Klimaveränderungen gefordert, der von
den führenden Nationen der Welt im Juni 1992 bei der
UNO-Konferenz in Brasilien unterzeichnet werden soll.
Seite 1

�Eine nationale Energiestrategie vorgeschlagen, die falls verwirklicht - die amerikanischen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 auf oder unter dem
1987 festgesetzten Niveau ohne Einbußen beim Wirtschaftswachstum festschreibt.
Den damit in Zusammenhang stehenden Forschungsetat um das 5fache auf rund 1 Milliarde im Haushaltsjahr 1991 aufgestockt und für das Haushaltsjahr 1992
1,2 Milliarden vorgeschlagen.
Pflanzen von Bäumen. Ein ehrgeiziges Wiederaufforstungsprogramm vorgeschlagen, um landesweit in
Amerika 1 Milliarde Bäume zu pflanzen. Dank dieses
Programms werden die Kohlendioxidemissionen in
unserer Luft absorbiert und die Trinkwasser- und Luftqualität verbessert.
Darüber hinaus hat der Präsident den Vorschlag für
eine weltweite Forstkonvention unterbreitet, um die
Wälder der Welt zu schützen.
Ölpest. Ein Gesetz und ein internationales Protokoll
zur Verbesserung der Gesetze über den Öltransport
vorgeschlagen und unterzeichnet. Das neue Gesetz
forciert einen doppelt verstärkten Schiffsrumpf bei neuen
Tankern, verbessert die Reaktionsfähigkeit entlang
unserer Küsten sowie die Haftbarkeit der Verursacher.
Gesetz über landwirtschaftliche Betriebe. Hat das
umweltpolitisch progressivste Gesetz über landwirtschaftliche Betriebe von 1990 unterzeichnet. Es umfaßt
Schutz von Feuchtgebieten, Wiederaufforstung, Einsatz von Pestiziden sowie die Trinkwasserqualität. Mit
dem Gesetz werden die Agrarsubventionen gekürzt
und ein "Feuchtgebietreservat" von bis zu 400.000 ha
geschaffen.
Kabinettsbeschluß zu EPA. Einen Gesetzentwurf
zur Gründung eines US-Umweltministeriums vorgelegt.
Schutz der Antarktis. Ein Gesetz und eine internationale Vereinbarung über die Verbesserung des Umweltschutzes und das Verbot unbegrenzten Abbaus
und der Verarbeitung von Mineralien in der Antarktis
unterzeichnet.
Feuchtgebiete. Die Mittel für Forschung, Schutz und
Verbesserung der Feuchtgebiete von 295 Millionen
Dollar im Jahr 1989 auf 480 Millionen Dollar 1991
aufgestockt. Darüber hinaus hat der Präsident eine
weitere Anhebung von 48 Prozent (auf 710 Millionen
Dollar) für das Haushaltsjahr 1992 vorgeschlagen.
Den Kauf von Land in die Wege geleitet, um den
amerikanisch-kanadischen Waterfowl Management Plan

*

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zu verwirklichen und den Everglades Nationalpark um
42.400 ha zu erweitem.
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas. Neue Schritte beim Schuldenerlaß im
Austausch für Umweltmaßnahmen und die Gründung
von Umweltfonds vorgeschlagen, um langfristige
Umweltschutzmaßnahmen in Lateinamerika und der
Karibik zu fördern.
Marktorientierte Lösungen. Wirtschaftliche Anreize
eingeführt, um die Emmission von Schwefeldioxid und
ozonzerstörenden Substanzen sowie Schadstoffen
einzudämmen.
Das Projekt "Green Lights" ins Leben gerufen, um die
Umwelt durch innovative und freiwillige Initiativen des
Privatsektors zu schützen.
Artenschutz. Den Schutz der Arten auf staatlichem
Land verbessert und eine Strategie zum Schutz der
Vielfalt heimischer Arten dargelegt.
Eine Führungsrolle beim internationalen Verbot des
Handels mit afrikanischem Elfenbein übernommen.
Darüber hinaus überredete er andere Länder, die
Einfuhr des Schildpatts von Meeresschildkröten zu
verbieten und stand bei Bestrebungen zum Verbot von
Treibnetzfischerei zum Schutz der Meeressäugetiere
an vorderster Front.
Bildungswesen. AMERICA 2000, das Programm
des Präsidenten für die Reform des Bildungswesens,
enthält Bestimmungen zur Verbesserung der Umwelterziehung in allen Schulstufen. Andere Maßnahmen,
einschließlich der Verabschiedung von Gesetzen und
Einführung interministerieller Aktivitäten, zielen auf die
Verbesserung des Bewußtseins auf College-Ebene.
Entwicklung von Länderhilfe. Leistete Polen und
dem osteuropäischen Umweltzentrum in Budapest
(Ungarn) Hilfe.
Leitete Bestrebungen ein, um gemeinsame amerikanisch-mexikanische Umwelt- und Wirtschaftsprogramme zu erweitern und zu koordinieren.
Green Fund. Bewilligte dem Umweltbüro der Weltbank, dem sogenannten "Green Fund", 150 Millionen
Dollar, um Entwicklungsländern zu helfen, weltweite
Umweltprobleme zu lösen, wie etwa die Zerstörung
der Ozonschicht und weltweite Klimaveränderungen.
Verabschiedete Gesetze zur Förderung der Beurteilung von Auswirkungen auf die Umwelt durch multilaterale Entwicklungsbanken.

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AMERIKA DIENST 40

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