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17

27. August 1975

Inhalt

WIRTSCHAFT:
Ford fordert mehr Investitionen und mehr Wettbewerb
-Auszüge aus der Rede des Präsidenten am 25. August in Chicago-

D0KUMENTATI0N:
Die Verpflichtung der Vereinigten Staaten
-Ansprache Kissingers an das amerikanische Volk-

HINTERGRUNDMATERIAL:
USA warnen vor Gefahren eines Umweltkrieges
-Vorbeugende Maßnahmen im Rahmen der Abrüstungsverhandlungen angestrebt-

Um

Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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17/1975

FORD FORDERT MEHR INVESTITIONEN UND MEHR WETTBEWERB
- Auszüge aus der Rede des Präsidenten am 25. August in Chicago CHICAGO --(AD)-- Für Anreize zur Belebung der Kapitalinvestitionen und einen
Abbau staatlicher Maßnahmen, die sich Wettbewerbshemmend auswirken können, hat
sich Präsident Ford am 25. August in einer Rede vor amerikanischen Industriellen in Chicago eingesetzt. Nur so ließen sich das wirtschaftliche Wachstum in
den USA beschleunigen und die wirtschaftlichen Idealvorstellungen der Amerikaner verwirklichen. Die wesentlichen Teile der Rede des Präsidenten haben folgenden Wortlaut:
Heute wird Amerika erneut aufgerufen, für den Fortschritt zu investieret ,
Risiken auf sich zu nehmen und Experimente einzugehen. Wir haben jedoch einer,
Wendepunkt erreicht. Entscheidungen müssen getroffen werden. Die Frage lautet
ganz einfach: Wie können wir sowohl die für ein wirtschaftliches Wachstum erforderlichen Investitionen wie auch die wichtigen Programme, die zur Lösung
humanitärer Probleme notwendig sind, finanzieren?
Heute stehen wir vor deir Problem, neue Arbeitsplätze schaffen zu müssen
-- mehr Arbeitsplätze als jemals zuvor. Obwohl die Arbeitslosenquote bei weitem
zu hoch ist, stehen heute 85 Millionen Amerikaner in Arbeit, 1,2 Millionen
mehr als noch im März. Bis 1980 müssen wir weitere 14 Millionen Arbeitsplätze
schaffen, um den Bedarf unserer wachsenden Bevölkerung zu decken. Dies ist
unser Ziel und es setzt einen sehr beträchtlichen wirtschaftlichen Fortschritt
voraus.

.... .r , . ,
Wirtschaft!icher

�Wirtschaftlicher Fortschritt ist stets davon abhängig, daß wir als Nation in der Lage sind, die Kapitalinvestitionen zu fördern und die Produktivität unserer Arbeiter zu steigern.
Der auf private Investitionen entfallende Teil unseres Bruttosozialproduktes muß in den kommenden Jahren wesentlich gesteigert werden, wenn wir unsere maximale wirtschaftliche Leistung erreichen sollen. Unser

Gesamtbedarf

an Investitionen ist verschiedentlich auf bis zu 4 Billionen Dollar

veran-

schlagt worden.
In dem Maße, wie unser Kapitalbedarf zunimmt, ist jedoch das Vermögen unserer Industrie zurückgegangen, die erforderlichen Gelder aufzubringen. Dies ist
einzig und allein darauf zurückzuführen, daß die Inflation die Bilanzen der
Gesellschaften in gefährlichem Maße ausgehöhlt hat und daß die Steuergesetze
keinerlei Anreiz zu solchen Investitionen bieten.
In kurzen Worten unsere finanziellen Möglichkeiten, die Produktion auszuweiten, nehmen ab. Dieser Rückgang beeinträchtigt die erforderliche Ausweitung
von Arbeitsplätzen und Einkommen und untergräbt unsere Möglichkeiten, der
Wettbewerb auf internationaler Ebene zu bestehen.
Ich bin zuversichtlich, wenn das amerikanische Volk dies erst einmal erkannt hat, dann wird es auch verstehen, daß Amerika eine Steuerpolitik braucht,
die dazu beiträgt, genügend Mittel für die Ausweitung unserer Produktionskapazitäten verfügbar zu machen.
Bei dem heutigen Niveau der Wirtschaftstätigkeit gibt es bei den Industrieanlagen keinerlei Engpässe..Aber die Wirtschaft unseres Landes läuft
auch nicht auf vollen Touren. Wir haben jedoch allen Grund zur Annahme, daß
dies künftig der Fall sein wird. Aber wir dürfen nicht zulassen, daß erneut
Engpässe und Verknappungen auftreten, wenn die Wirtschaft wieder in Schwung
kommt. Wir dürfen keine Bürger zur Arbeitslosigkeit verdammen, weil die für

�I
für den Wettbewerb auf den Weltmärkten erforderlichen modernen Hilfsmittel
fehlen.
Kapital ist von entscheidender Wichtigkeit für alle Teile unserer Wirtschaft, für die Ausweitung unserer Agrarerzeugung, für die Erschließung unserer einheimischen Energiequellen und Rohstoffvorkommen und damit die Verringerung unserer Abhängigkeit von Importen sowie für die Erhaltung und Verbesserung unserer Umwelt.
Diese Administration hat dem Kongreß Reformen vorgeschlagen, um die - wie
einige es nennen - "Kapitalbildung" durch steuerliche Anreize zu fördern. Ich
würde jedoch den Terminus "Schaffung von Arbeitsplätzen" vorziehen, denn genau
das sollen diese Vorschläge bewirken. Im Falle ihrer Annahme würden sie die
"ittel bereit stellen, damit die amerikanische Industrie mehr Arbeitsplätze
schaffen kann - einmal zum Beispiel durch Abbau der Doppelbesteuerung von
Dividenden...
»

Wir müssen das Volumen unseres Wirtschaftskuchens vergrößern und nicht
lediglich einzelne Stücke eines weitaus kleineren Kuchens neu verteilen.
Allein jedoch kann zusätzliches Kapital nicht die Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft und unseres freien Marktsystems bewirken. Wir müssen auch
Schritte unternehmen, um zur Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des
Marktes beizutragen - und ein wirksamer Wettbewerb ist der richtige Weg hierzu. Zu oft in der Vergangenheit hat unsere Regierung diesen Wettbewerb durch
Reglementierung der Wirtschaft zum Schaden der Verbraucher erstickt. Aus diesem Grunde strebt meine Administration - mit der starken Unterstützung des
Kongresses - eine grundlegende Reform der wirtschaftlichen Bestimmungen in den
Vereinigten Staaten an.
Das Problem ist: In zahlreichen Industrien - im Transportgewerbe, auf dem
Energiesektor, im Kommunikationswesen sowie auf anderen Gebieten - haben Bundesaufsichtsämter dem Wettbewerb entgegengearbeitet. Diese bürokratischen
Monopole haben die Wirtschaft viel zu lange in eine widersprüchliche Politik
und einen Paragraphendschungel verstrickt. Sie haben dem Verbraucher die
- 3 -

�die Kosten falsch ausgelegter Bestimmungen aufgehalst. ... Wir werden bei
weiterer Unterstützung durch die Öffentlichkeit den Trend der letzten Jahrzehnte umkehren. Wir werden folgende grundlegende Tatsachen des Wirtschaftslebens
zur nationalen Politik machen: daß eine staatliche Reglementierung kein Ersatz für einen dynamischen Wettbewerb ist. Diesen Worten möchte ich jedoch
hinzufügen, de" einige Bestimmungen notwendig und richtig sind - zum Beispiel,
was die Gesundheit, die Sicherheit und die Umwelt betrifft. Die von uns angestrebten Reformen würden jedoch die unangebrachten, die unnötigen und die
überholten Bestimmungen aufheben.
Im Rahmen dieser Bemühungen zur Sicherung eines starken Wirtschaftssystems
müssen wir eine Antitrustpolitik beibehalten, die unser Bekenntnis zu Wettbewerbsmä'rkten bekräftigt. Wenn wir die staatlichen Bestimmungen für die Wirtschaft abbauen, müssen wir eine nachdrückliche Einhaltung unserer Antitrustgesetze sicherstellen.
Der von staatlichen Bestimmungen befreite und durch Antitrustgesetze geschützte Wettbewerb ist die treibende Kraft unserer Wirtschaft. Er wird die
Kosten auf ein Minimum herunterdrücken und sicherstellen, daß die Preise nach
diesen Kosten kalkuliert werden. Doch durch solche Maßnahmen läßt sich das
Problem nur zum Teil lösen. Weit schwieriger ist dies auf Gebieten, die von
den Antitrustgesetzen nicht erfaßt werden. Es handelt sich hier um regulierende, legale Monopole und staatlich sarktionierte Kartelle...
•

&lt;

Wir müssen sicherstellen, daß die Reformen bei den regulierend eingreifenden Bestimmungen und die Antitrustmaßnahmen Hand in Hand mit den Anreizen zur
Wirkung kommen, die als Initial Zündung für Kapitalinvestitionen zur Schaffung
neuer Arbeitsplätze und neuen Wettbewerbs gedacht sind. Dies ist es, was geschehen muß,um die wirtschaftlichen Idealvorstellungen der Amerikaner erneut
zu beleben.

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17/1975

DIE VERPFLICHTUNG DER VEREINIGTEN STAATEN
- Ansprache Kissingers an das amerikanische Volk Der Außenminister der Vereinigten Staaten,
Dr. Henry A. Kissinger, hat vor einer Vereinigung von Geschäftsleuten (Southern
Commodity Producers Conference) in Birmingham im Staate Alabama am 14. August 1975 die
weltpolitischen Verpflichtungen der USA aufgezeigt. Wir geben diese programmatische Rede
im Wortlaut wieder:
Die Einheit Amerikas und das Nationale Interesse
' ¥ ' • • • • • • — — •

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Ich möchte heute über die Grundelemente unserer Außenpolitik sprechen sowie darüber, warum Amerikaner auf die Rolle ihres Landes in der Welt stolz sein
und auf seine Zukunft vertrauen dürfen.
Seit die ersten Siedler auf diesem ungebä'ndigten Kontinent Zuflucht gesucht haben, ist Amerika immer für die ganze Welt ein Beispiel für die Fähigkeit des Menschen gewesen, sein eigenes Schicksal zu gestalten. Und in den
letzten dreißig Jahren sind der Frieden und das Wohlergehen der Welt in außerordentlich hohem Maße von unseren Anstrengungen abhängig gewesen. Als der
Zweite Weltkrieg zu Ende ging, hat unser Land die Spitze übernommen, um Europa
und Japan beim Wiederaufbau zu helfen. Wir haben in Friedenszeiten Bündnisse
mit den wichtigen industriellen Demokratien geschmiedet. Wir haben das

- 1 -

�das Gleichgewicht der Kräfte erhalten und wir haben im Konflikt vermittelt.
Wir haben die Hungrigen gespeist; wir haben zur wirtschaftlichen Entwicklung
beigetragen; wir haben junge Männer und Frauen aus anderen Ländern ausgebildet,
und wir haben Flüchtlinge vor der Unterdrückung bei uns an den Küsten aufgenommen .
Kein anderes Land hat einen derartigen Beitrag geleistet. Kein anderes
Land kann heute einen solchen Beitrag leisten. Und heute verlangen die alten
Fragen von Krieg und Frieden, der Aufrechterhaltung der Stabilität und der Erfüllung der Hoffnungen der Menschen, der Erhaltung des Friedens und der Förderung des Fortschritts weiterhin ein wachsames und zielbewußtes Amerika.
Aber Amerikaner haben auch ein Recht zu fragen: Die Welt mag uns brauchen, aber brauchen wir die Welt? Dient unsere Politik im Aus 1 am. amerikanischen Interessen und amerikanischen Idealen?
Ein Blick auf den Aufgabenkatalog unserer Zeit läßt keinen Zweifel daran, daß
Frieden für uns untrennbar mit der Ruhe auf der ganzen Welt verbunden ist

und

daß unser Wohlergehen ganz eng mit der Prosperität der übrigen Welt zusammenhängt.
- Niemals zuvor in der Geschichte sind die Waffen des Krieges so gigantisch, so gefährlich - und so ungeeignet für die Fortsetzung der Politik gewesen. Es gibt für uns keine fundamentalere Aufgabe als die Aufrechterhaltung
des strategischen Gleichgewichts, denn sonst riskieren wir unseren Fortbestand.
Es gibt keine dringlichere Verpflichtung für uns,als dem nuklearen Wettrüsten
Einhalt zu gebieten - denn sonst riskieren wir eine v.Jtweite Katastrophe.
- Während militärisch gesehen die Welt noch immer bipolar ist, gibt es
heute viele Zentren der wirtschaftlichen Macht und der politischen Initiative.
Es steht außer Frage, daß politische, militärische und wirtschaftliche Macht
heute nicht mehr synonym sind. Von den demokratischen Ländern sind nur die
Vereinigten Staaten auf jedem Gebiet stark. Wir können daher unseren Verpflich-

- 2 -

�Verpflichtungen nicht ausweichen. Ob unser Land handelt oder versäumt zu handeln hat tiefgreifende Auswirkungen.
- Während die Welt zwar seit über einer Generation keinen Krieg globalen
Ausmasses mehr erlebt hat, gibt es regionale und lokale Konflikte mehr als genug. Wenn diese nicht auf diplomatischem Wege beigelegt werden, dann stellen
sie eine große Gefährung des allgemeinen Friedens dar. Wir haben nur zu deutlich gesehen, daß der Konflikt im Nahen Osten das Risiko einer Konfrontation
der Supermächte birgt und wirtschaftliche Störungen für alle Länder mit sich
bringt.
- Die stets gegenwärtige Gefahr aus örtlichen Konflikten nimmt mit der
möglichen Weiterverbreitung von Kernwaffei. eine n o c n unheimlichere Dimension
an. Wenn wir der Ausbreitung dieser Waffen nicht Einhalt gebieten, dann rückt
die Möglichkeit eines Nuklearkrieges immer näher, und das Risiko des Diebstahls, des Unfalls und der Erpressung wird sich vervielfachen. Sollten sich
die Vereinigten Staaten von ihren Sicherheitsverpflichtungen zurückziehen, dann
würde sich dieser Prozeß beschleunigen, denn Länder, die sich •'"'»tzt auf uns
verlassen, könnten sich gezwungen fühlen, ihre eigenen Kernwaffen zu entwickeln.
- Die Ereignisse haben gezeigt, daß Industrie- und Entwicklungsländer Teil
eines einzigen internationalen Wirtschaftssystems sind, von

dem die Prosperi-

tät aller abhängt. Die Versorgung mit Energie und deren Preis, die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Rohstoffen, die Stärke
der Währungen und der Fluß des Handels sind alle für eine gesunde und produktive amerikanische Wirtschaft lebenswichtig.
Von der heutigen Generation der Amerikaner hängt viel ab. Wegen seiner
geographischen Ausdehnung, seiner Stärke und seiner Tradition ist Amerika ein
führendes Land - ob es uns paßt oder nicht. Wir können nicht immer die Lösungen gewährleisten, die wir gerne hätten, aber ohne unsere Mitarbeit können nur

- 3 -

�r

nur wenige Lösungen gefunden werden. Wenn uns die weltweite Stabilität kein Anliegen ist, wenn wir nicht zum Widerstand gegen die Aggression beitragen, wenn
wir nicht auf eine gerechtere und produktivere Weltwirtschaft hinarbeiten, wenn
wir nicht für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten, dann wird es kein anderes
Land tun - zumindest kein Land, das an unsere Werte glaubt. Dann würden Gewalt
und die Androhung von Gewalt zur Regel werden und den materiellen und geistigen Errungenschaften der Menschheit würde ein schwerer Schlag versetzt. Und
letztlich hätten wir den Preis dafür zu bezahlen.
•

Andere Länder müssen künftig mehr tun, aber unser Land muß weiterbin
seinen Anteil beitragen. Wir haben noch immer einen einzigartigen unc4 unersetzlichen Beitrag zu einer Welt des Friedens, der Prosperität und der Gerechtigkeit zu leisten. Es bedarf weiterhin unserer Führung, um Freunde und Verbündete für eine umfassendere internationale Zusammenarbeit zu mobilisieren.
Wir haben den Vorzug der grenzenlosen Aktiva, mit denen unser Land gesegnet ist - unsere industrielle stärke und landwirtschaftliche Produktivität, die Stütze unserer militärischen Macht und die Talente eines freien Volkes.
Aber all das wird uns wenig nützen, wenn wir nicht einig sind und eine
gemeinsame Zielsetzung haben. Wir müssen uns darüber einig sein, was wir für
Amerika wollen, und wir müssen bereit sein, dafür einzutreten und es zu verteidigen. Wir müssen uns vor den Extremen der Kriegslust hüten, auf die dann
das andere Extrem des Verzichts und der Abkehr folgt. Wir brauchen einen stetigen Kurs, den unser Volk verstehen kann - der unseren Verbündeten Mut einflößt und unsere Gegner zum Nachdenken zwingt. In dieser Periode des weltweiten Wandels, in der die einfachen Kategorien der Zeit unmittelbar nach dem
Kriege den komplexen Realitäten einer modernen Welt nicht mehr entsprechen,
sind Dialog, öffentliche Unterstützung und Vertrauen notwendiger denn je.
Die Bürger unseres Landes haben sich dieser Aufgabe gestellt. Ihr Verantwortungsbewußtsein hat eine wohlüberlegte amerikanische Beteiligung am

- 4 -

�am Weltgeschehen ermöglicht und getragen. Sie wußten, daß Amerika nicht in der
Isolation gedeihen könnte; sie begriffen, daß unsere Werte es verdienen, verteidigt und gefördert zu werden; sie waren sich klar darüber, daß die grundsätzliche Anständigkeit und Großzügigkeit des amerikanischen Volkes unsere
Führung nicht zu einer Sache arroganten Stolzes werden ließen, sondern zu einem
Beitrag zum Wohlergehen der Menschheit.
Heute liegen die Probleme, die unsere Einigkeit während des letzten Jahrzehnts erschüttert haben, hinter uns. Es zeigt sich erneut die Widerstandsfähigkeit unseres Nationalbewußtseins. Wir können voll Vertrauen in die Zukunft
gehen und uns den großen Aufgaben unserer Zeit stellen.
Ich möchte mich jetzt diesen Aufgaben zuwenden und darlegen, wie wir sie
lösen wollen.

Nationale Verteidigung
Erstens, wir haben unsere nationale Verteidigung erhalten und verbessert.
Frieden setzt ein Gleichgewicht der Macht voraus - und unsere Regierung wird
dieses Gleichgewicht aufrechterhalten. Keine große Nation wird ihre Sicherheit
der Gnade oder dem guten Willen anderer überlassen. Jede realistische Hoffnung
auf bessere Beziehungen zu den kommunistischen Ländern - und diese Hoffnung besteht - hängt von einem starken Amerika ab, das anderen Ländern keinen anderen
realistischen Kurs läßt als den der Zurückhaltung und der Zusammenarbeit. So
lange potentielle Gegner ihre Streitkräfte weiterhin ausbauen und verbessern,
werden wir eine Verteidigung aufrechterhalten, die nicht in Frage gestellt werden kann.
Freunde

�Freunde und Verbündete
Die zweite Säule unserer Außenpolitik ist die unerschütterliche Unterstützung unserer Verbündeten. Unsere Bündnisse mit den wichtigen industriellen
Demokratien haben sich 30 Jahre lang günstig entwickelt, weil sie der Ausdruck
gemeinsamer Interessen in einer neuen Ära

wie auch eines gemeinsamen Erbes

an Grundsätzen und Werten sind. Sie sind ein unerläßliches Element der globalen
Stabilität. Diese Bande wurden vor einer Generation geknüpft, um schwächere
Verbündete vor einer militärischen Bedrohung zu schützen. Hei te arbeiten wir
als Gleiche in Fragen zusammen, die weit über die Sicherheit
haben unsere Verteidigung in Europa gestärkt

hinaus gehen. Wir

aber nr haben auch unsere jowei -

ligen Ansätze für eine Lockerung der Spannungen mit dem Osten koordiniert, und
wir haben in unserer Wirtschafts-und Energiepolitik eng zusammengearbeitet.
Als Ergebnis sind unsere Bindungen mit Europa und Japan stärker als jemals
zuvor. Diei&gt; wurde durch den Besuch des Präsidenten auf dem NATO-Gipfeltreffen
Ende Mai in Brüssel, durch sein Zusammentreffen mit wichtigen alliierten Führern in Helsinki und durch seine kürzlichen Konsultationen mit dem japanischen
Ministerpräsidenten Miki in Washington bekräftigt. Jenseits der technischen
Probleme des Tagesgeschäftes liegt die tiefere Notwendigkeit, daß die großen
Demokratien in einer Zeit des Umbruchs ihre Fähigkeit zur Gestaltung ihres Geschicks unter Beweis stellen.
Unsere kleineren Verbündete und Freunde in der ganzen Welt sind wichtige
Faktoren der globalen Stabilität. Wir haben ur^ere Lehren aus Vietnam gezogen:
Das militärische Engagement Amerikas kann kein Ersatz für die eigenen Anstrengungen eines Landes sein, seine Bevölkerung zur eigenen Verteidigung zu mobilisieren. Ebenso wenig werden wir uns von Verbündeten mit dem Argument erpressen lassen, ihre Sicherheit bedeute für uns mehr als für sie selbst. Es
bleibt jedoch die Tatsache bestehen, daß Militärhilfe für Verbündete im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung ist. Sie
trägt zu einem regionalen oder lokalen

Kräftegleichgewicht bei; sie trägt

zur Abschreckung vor örtlichen Konflikten bei: sie untermauert wichtige poli-

- 6 -

�politische Beziehungen. Und

sie verringert die Wahrscheinlichkeit 1er Notwen-

digkeit eines direkten amerikanischen Engagements. Wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, die Lieferungen an einen Verbündeten unterbinden, dann fügen
wir uns selbst einen Rückschlag zu - wie sich bei dem schweren Schaden für unsere nationale Sicherheit gezeigt hat, den das Embargo für Waffenlieferungen an
die Türkei verursachte. Nichts würde die lokale oder regionale Stabilität mehr
untergraben als die mangelnde Bereitschaft Amerikas, weiterhin jenen kleinen
und tapferen befreundeten Nationen, die unsere Hilfe wollen und brauchen, materielle Unterstützung zu gewähren. Wenn unsere Gegner die Unterstützung ihrer
Verbündeten aufrechterhalten, aus welchem Grunde - und zu welchem Preis könnten wir hier zurückstehen?

Beziehungen zur Sowjetunion
Diese Administration hat sich - gestützt auf unsere Stärke und die Einigkeit der Verbündeten - darum bemüht, unsere Beziehungen zu den kommunistischen
Ländern auf eine stabilere und langfristigere Basis zu stellen. Es darf keinerlei Mißverständnisse über das geben, was wir gegenwärtig tun.
Wir versuchen, unter dem drohenden Schatten einer nuklearen Vernichtung
mit einem fundamentalen Konflikt moralischer Ziele und Interessen fertig zu werden; wir bemühen uns um die Erhaltung des Friedens, während wir gleichzeitig
unsere grundlegenden Werte und Ideale verteidigen.
In Krisensituationen wie beim Mayaguez-Zwischenfall, beim Nahostkrieg im
Oktober 1973, in der Jordanien-Krise 1970 oder bei dem sowjetischen Versuch im
Jahre 1970, auf Kuba eine Marinebasis zu errichten, haben wir fest und entschlossen

reagiert - und wir haben dies trotz der Entrüstungsrufe einiger ge-

tan, die uns heute beschuldigen, nicht wachsam genug zu sein. Diese Administration verfolgt entschlossen eine Politik, allen übergriffen und Versuchen entgegenzutreten, die darauf abzielen, sich einseitige Vorteile zu verschaffen.
Gleichzeitig
- 7 -

�Gleichzeitig hängt die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden aber auch
davon ab, daS Normen der Zurückhaltung und Mäßigung unter den Supermächten geschaffen werden. Die Vereinigten Staaten haben diese Prinzipien bei zahlreichen
Anlässen unterstrichen und sie auch auf unseren Gipfeltreffen mit den sowjetischen Führern in die offiziellen Dokumente aufgenommen. Ähnliche Prinzipien des
internationalen Verhaltens sin''' ferner in der Schlußakte der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) niedergelegt worden, die vor
zwei Wochen von 35 Regierungschefs in Helsinki unterzeichnet worden ist. Sie
geben keine Garantie für Frieden, aber eine Definition des Friedens - sie sind
ein Verhaltenskodex, dessen Einhaltung wir durch unsere Entschlossenheit und
Wachsamkeit sicherstellen müssen. Sie sind ein Rahmen für unsere eigenen Anstrengungen und nicht ein Ersatz für diese.
Wir führen mit der Sowjetunion ferner erfolgreich Verhandlungen zur Lösung
konkreter politischer Probleme. Dies^ Bemühungen haben zu gewissen Irfolgen geführt. Ein Vier-Mächte-Abkommen über Berlin beendete 1971

zwei Jahrzehnte

ständiger Krisen. Und unsere Beziehungen zur Sowjetunion haben bisher dazu beigetragen, daß es im Nahen Osten nicht zu einem Konflikt zwischen den Großmächten kam.
Ein zentraler Punkt unserer Bemühungen war die Begrenzung der nuklearen
strategischen Rüstungen. Im Jahre 1972 haben wir ein Abkommen erreicht, das
die sowjetische Aufrüstung zahlenmäßig fünf Jahre lang einfror und durch das
keine amerikanischen Programme eingeschränkt wurden. Daher betrachten wir das
SALT-Abkommen von 1972 als unbestreitbar im Interesse Amerikas liegend. Es
verhinderte die Ausweitung einer bestehenden Lücke bei Raketen und gestattete
es uns, unseren Vorsprung bei Mehrfachsprengköpfen, Bombenflugzeugen und auf
anderen Gebieten der militärischen Technologie zu halten und sogar noch zu
vergrößern.
Im November letzten Jahres haben Präsident Ford und Generalsekretär
Breschnew in Wladiwostok im Prinzip Obereinstimmung über ein neues Abkommen erreicht, das ebenfalls unverkennbar in unserem Interesse liegt. Wenn dieses Ab^

�Abkommen Wirklichkeit gewcrden ist, dann wird es bei den strategischen Systemen
für ein striktes zahlenmäßiges Gleichgewicht sorgen. Es wird das Wettrüsten b i
strategischen Waffen während eines Zeitraums von 10 Jahren begrenzen. Damü
wird erstmalig die Verteidigungsplanung nicht durch die Angst vor einer unbe^nnten militärischen Expansion auf der anderen Seite angetrieben werden. Und
'

ist erst einmal diese gemeinsame Höchstgrenze festgelegt, dann können wir sofort in Verhandlungen über beiderseitige Reduzierungen eintreten.
Wir haben andere Rüstungskontrollabk^Timen mit der Sowjetunion ausgehandelt, die einen zufallsbedingten Ausbruch eines Krieges verhindern und 'M«
Stationierung von Nuklearwaffen im Meeresboden oder im Weltraum verbieten sollen.
Die Verhandlungen in Wien über Truppenreduzierungen in Mitteleuropa werden die ächste Bewährungsprobe für den Prozeß eines Abbaus der Spannungen sein.
Wenn der Fortschritt in Richtung auf den Frieden sich in Europa als dauerhaft
erweisen soll, so ist es an der Zeit, die großen stehenden Heere, die sich gegenwärtig im Zentrum dieses Kontinents gegenüberstehen, auf einer sicheren und
beiderseitigen Basis zu verringern,,
Die Vereinigten Staaten betreiben den Prozeß eines Abbaus der Spannungen
von einer Position des Selbstvertrauens und der Stärke aus. Nicht wir waren in
Helsinki in der Defensive; nicht wir wurden von allen Delegationen aufgerufen,
zu den dort unterzeichneten Prinzipien zu stehen. In Helsinki waren zum ersten
Male in der Nachkriegszeit die Menschenrechte und die fundamentalen Freiheiten
anerkannte Gegenstande der Ost-West-Gespräche und Verhandlungen. Die Konferenz
hat unsere Normen für menschliches Verhalten zur Geltung gebracht, die für
Millionen ein Hoffnungsstrahl waren und auch weiterhin noch sind.
Der Wind des Wandels weht von Westen; die Ideale der Freiheit und die
Herausforderungen durch technische Innovationen kommen aus dem Westen, Die Bemühungen der kommunistischen Länder,nach Jahrzehnten der

Autarkie an der übri-

gen Welt zu partizipieren, sind ein Beweis dafür, wie stark und attraktiv

- 9 -

�attraktiv unser Wirtschaftssystem ist., Dies sind Trümpfe für unsere Diplomatie.
d&gt;e wir einzusetzen bereit sein sollten.
Im Zeitalter thermonuklearer Waffen und eines strategischen Gleichgewichts
ist der Abbau der Spanrju^apn der einzige verantwortungsbewußte Weg und die
einzige Politik, die von einer Administration verfolgt werden kann, der d e
Verantwortung für das Leben der Amerikaner übertragen werden ist. Das amerikanische Volk wünscht keine Politik der Konfrontation um ihrer selbst willen,
Wenn beide Seiten über die militärische Stärke zur Vernichtung der Menschheit
verfügen, wäre es äußerst unbesonnen, unnötige Spannungen heraufzubeschwören
Die Vereinigten Staaten haben es jedoch niemals akzeptiert, daß es der
Sowjetunion frei steht, Spannungen selektiv abzubauen oder sie als Deckmantel
zu benutzen, um einseitige Vorteile zu erreichen. In Portugal, das gegenwärtig
Im Brennpunkt des Interesses steht, sollte die Sowjetunion sich nicht zu der
Annahme verlebten lassen, daß es ihr freisteht, die Ereignisse direkt oder indirekt m beeinflussen und gegen das Recht des portugiesischen Volkes zu verstoßen, seine eigene Zukunft selbst zu bestimmen. Die Einmischung ausländischer
Mächte zu einem solchen Zweck in einem Land, das ein alter Freund und Verbündeter der Vereinigten Staaten ist, läßt sich mit dem Prinzip der europäischen
Sicherheit in keiner Weise vereinbaren.
Die Ereignisse in Portugal haben ihren Ursprung in aus der portugiesischen
Geschichte her wirkenden Kräften, Aber 80 Prozent des portugiesischen Volkes
haben unmißverständlich ihren Wunsch nach einem demokratischen System und demokratischen Parteien bekundet, Der Versuch einer antidemokratischen und doktrinären Minderheit» diesen Wunsch zu vereiteln, stößt auf den unvermeidlichen
und wachsenden Widerstand der Bevölkerung.
Die Vereinigten Staaten haben die portugiesische Revolution begrüßt.Wir
und unsere Verbündeten haben ihre Ziele diplomatisch und materiell unterstützt.
Wir sympathisieren mit den gemäßigten Bevölkerungsschichten, die Portugal mit
demokratischen Mitteln aufzubauen suchen. Wir werden uns gegen die Versuche

- 10 -

�Versuche einer Minderheit wenden und uns gegen sie aussprechen, die die Revolution für ihre eigenen Zwecke zu unterlaufen scheint. Das portugiesische Volk
sollte wissen, daß wir und alle demokratischen Länder des Westens bezüglich
seiner Zuki'nft zutiefst besorgt sind und bereit stehen, einem demokratischen
Portugal zu helfen. Und an einem bestimmten Punkt müssen wir und unsere
europäischen Verbündeten uns fragen, ob ein starker kommunistischer Einfluß
in einer Regierung sich noch mit der Mitgliedschaft in einem Bündnis vereinbaren
läßt, das sich dem Widerstand gegen die kommunistische Aggression verschrieben
hat.
Diese Administration wird niemals den moralischen Unterschied zwischen
Freiheit und Tyrannei außer acht lassen. Noch werden wir außer acht lassen,
daß Friede ebenfalls ein moralisches Gebot ist. Wir sind fest geblieben angesichts der Herausforderung, selbst als wir die Spannungen abzubauen und die
Welt dem Frieden näher zu bringen suchten. Wir werden es nicht zulassen, daß
das amerikanische Volk in ein falsches Gefühl der Sicherheit eingelullt wird.
Wir werden unseren Kurs weiter verfolgen.
Die Kombination von Stärke und Ausgleich bedingt Selbstbeherrschung in
unseren öffentlichen Debatten. Wir sollten ein Ende machen mit dem Hin-und Herschwanken zwischen Konfrontation und falschen Hoffnungen, zwischen Kriegsstimmung und frohen Erwartungen, das für frühere Epochen so charakteristisch
war. Wir sollten die Stabilität und die relative Ruhe, die wir erreicht haben,
nicht al. gegeben

Einnehmen. Wir sollten aufhören,so zu handeln, als ob

wir von einem Fortschritt in Richtung auf den Frieden etwas zu befürchten
hätten. Mögen diejenigen

die uns mit scharfer Rhetorik kommen, genau sagen,

was sie zu tun vorschlagen. Was ist ihre Alternative? Welche Grenzen wollen
sie ändern und mit welchen Mitteln? Welchen Stand von erhöhten Verteidicungsausgaben sind sie zu tragen bereit, über welchen Zeitraum hinweg und zu welchem Zweck? Fordern sie nicht eine Politik der bewußten Konfrontation? Können
wir Unterstützung von irgendeinem unserer Hauptverbündeten für eine so radikale
Alternative erhalten?
Vor
- 11 -

�Vor allem aber sollten wir uns der Tatsache bewußt werden, daß viele unserer Schwierigkeiten im Ausland von uns selbst herrühren. Wenn wir gegenüber der
kommunistischen Einkreisung auf der Hut sein wollen, so müssen wir mit der Demontage und der Demoralisierung unserer Geheimdienste aufhören. Wenn wir ein
Gleichgewicht der Stärke auf der Welt aufrecht erhalten wollen, so können wir
nicht gegen unser Verteidigungsbudget anstürmen oder Waffenembargos poqen wichtige Verbündete verhängen. Wenn wir unsere Interessen du&lt;xh unsere Diplomatie
fördern wollen, so dürfen wir nicht durch restriktive Blankogesetze uns jede
Flexibilität in unseren wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Ländern verbauen. Kurz gesagt, Amerika

kann nicht im Ausland stark sein, wenn es nicht

auch im Inland stark ist.

Hjp neue Dimension der wirtschaftlichen Herausforderung
Zum Teil aufgrund unseres
c&gt;ichgewichts in der Welt und
tums anderer Länder ist in den
wirtschaftlicher Fragen in den
andere Rohstoffe und Handel.

Erfolges bei der Aufrechterhaltung des Machtbei der Förderung des wirtschaftlichen Wachsinternationalen Beziehungen eine neue Dimension
Vordergrund getreten: Energie, Nahrungsmittel,

In diesem Bereich unserer Diplomatie ist die Stärke der amerikanischen
Wirtschaft einer unserer wichtigsten Trümpfe. Alle Ziele Amerikas - unsere
f"1it^rische Sicherheit, unser wirtschaftlicher Wohlstand, unsere Beziehungen
2i verbündeten und Gegnern, zu Industriestaaten und Entwicklungsländern - sind
vor -»er Dynamik der amerikanischen Wirtschaft abhängig. So sagte Präsident
Ford kürzlich, "eine Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft würde mehr
zur Wiederherstellung des Vertrauens der Welt in unsere eigene Zukunft beitra, n ^1s irgend etwas anderes, was wir tun können".
Die Welt braucht dieses Vertrauen. Die Industriestaaten haben die wohl
schwerste Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren durchgemacht. Wie damals
"leben sie, daß wirtschaftliche Stagnation die Brutstätte politischer Insta-

- 12 -

�Instabilität ist, daß sie die Unterstützung durch die Öffentlichkeit untergräbt, die erst Regierungen zu nachdrücklichem Handeln befähigt und die demokratische Gesellschaftsformen aufblühen läßt. Und wie damals lernen wir, wie
sehr die Lösung vor allem von einem unerschütterlichen Vertrauen und Glauben
an eine bessere Zukunft abhängt.

Die demokratischen Industriestaaten werden jetzt vor eine Bewährungsprobe
gestellt. Sie müssen soziale und wirtschaftliche Belastungen überwinden und
ihre freien Institutionen neu stärken. Präsident Fords Gespräche in Helsinki
mit den führenden Staatsmännern der Verbündeten und seine Zusammenkunft mit dem
japanischen Ministerpräsidenten hier in Washington stellten besonders heraus,
welch entscheidende Bedeutung

einer blühenden amerikanischen

Wirtschaft für

die Wiederbelebung der Weltwirtschaft zukommt; sie zeitigten eine Entschlossenheit, die globale wirtschaftliche Herausforderung gemeinsam zu meistern.
Die Vereinigten Staate sind bereit, ihre Konsultationen zu verstärken und
ein koordiniertes Vorgehen anzustreben. Wir sind uns unserer weltweiten Verantwortung bewußt und werden ihr in den kommenden Monaten entsprechen.

Der Erfolg dieser Bemühungen wird von entscheidender Bedeutung für die
übrige Welt sein. Auf die Industriestaaten entfallen 65 Prozent der Gütererzeugung der Welt und 70 Prozent des Welthandels. Der wirtschaftliche Wohlstand der Entwicklungsländer hängt ebenfalls von einer breiten Zusammenarbeit
mit der industrialisierten Welt ab. Leider versuchen zu viele Länder, durch
ideologische Konfrontation das zu erzwingen, was nur durch einen vernünftigen
kooperativen Dialog erreicht werden kann. Die Vereinigten Staaten sind zu
einem aufrichtigen und konstruktiven kooperativen Dialog bereit. Wir sind bereit, gleiche wirtschaftliche Beziehungen zu allen Ländern zu entwickeln. Aber
wir werden niemals den Druck eines Blockes oder Erpressung akzeptieren.

Anfang kommenden Monats wird in New York eine Sondersitzung der UN-Vrllversammlung zusammentreten und sich mit den Fragen der wirtschaftlichen Interdependenz befassen. Dies wird eine schicksalsschwere Stunde sein, denn sie

- 13 -

�sie kann über die Art der Beziehungen zwischen den Industriestaaten und den
Entwicklungsländern entscheiden. Im Namen des Präsidenten werde ich eine Reihe
amerikanischer Vorschläge unterbreiten, die zu einem neuen Beginn in den Beziehungen zwischen den Industriestaaten und den Ländern führen sollen, die ihre
Hilfe brauchen. Wir tun dies aus der Oberzeugung, daß eine expandierende und
als fair zu bezeichnende Weltwirtschaft auch unsere eigene Wirtschaft gesund
erhält. Und unsere eigene Sicherheit wird gestärkt werden, wenn wir in einer
Welt leben, in der Zusammenarbeit und Verständnis für unsere Interdependenz an
die Stelle von Enttäuschung und Verzweiflung treten.
Wir treten in diesen Dialog mit Zuversicht und gutem Willen ein. Unsere
technologischen Innovationen, die Produktivität unserer Farmen und Industrien,
unsere gut ausgebildete und fleißige Bevölkerung sowie die Natur-und Bodenschätze, mit denen wir aesegnet sind,haben uns die Stärke und dar Verantwortungsbewußtsein für eine führende Rolle gegeben.
Auf keinem Gebiet tritt dies stärker in Erscheinung als auf dem Ernährungssektor. Die Produktivität unserer Landwirtschaft wird überall auf der Welt
bewundert und begehrt. Die amerikanischen Farmer und die, die unsere Nahrungsmittel verarbeiten und verkaufen, können stolz sein auf ihren Beitrag zur
Stärke Amerikas auf einer immer wichtiger werdenden Dimension unserer Außenpolitik und unserer führenden Rolle in der Welt.
Amerika hat großzügig Lebensmittelhilfe an unzählige andere Länder gewährt. Aber die Kluft zwischen Erzeugung und Verbrauch wächst ständig. Wenn
wir auch zu einer Fortsetzung der Lebensmittel hilfe bereit sind, so kann dies
nicht eine langfristige Lösung zur Ernährung der Hungernden auf der Welt sein.
Aus diesem Grunde war im November letzten Jahres auf eine Initiative der Vereinigten Staaten eine Welternährungskonferenz nach Rom einberufen worden. Diese
Konferenz hat zu zahlreichen amerikanischen Vorschlägen Beschlüsse gefaßt und
ein umfassendes internationales Programm zur Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung in den Entwicklungsländern sowie zur Steuerung der Hilfsquellen - darunter auch des neu erworbenen Reichtums der öl Produzenten - in Gang gesetzt,

- 14 -

�gesetzt, um die Finanzierung, Erzeugung, Einlagerung und Verteilung von Lebensmitteln zu verbessern.
Wir beabsichtigen ganz generell, unsere Lebensmittel politik zu einem Modell
für '"^oerative Beziehungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern lebenswichtiger
uncknapper

.aterialien sowie zwischen Industriestaaten und Entwicklungslän-

dern CJ machen. Auf diese Weise dienen wir unserem eigenen wie auch einem allgemeinen Interesse. Die amerikanischen Farmer werden von einer stetigen weltweiten Nachfrage nach ihren Erzeugnissen profitieren; in dem Maße, wie die
weltweite Erzeugung zunimmt,wird auch die Last der Bevorratung und der höheren
Preise von unseren Verbrauchern genommen; unsere politischen Beziehungen zu
zahlreichen Entwicklungsländern werden gestärkt und die Bedingungen für eine
weltweite Ordnung verbessert werden.
Vor 30 Jahren waren die Vereinigten Staaten die einzige Großmacht auf
der Welt. Seitdem hat die Stärke unserer Verbündeten und unserer Gegner natürlich zugenommen, so wie sie sich von den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges erholten. Die Welt des kalten Krieges mit zwei starren Machtblöcken gehört
heute der Geschichte an: die kommunistische Welt ist zerfallen; unsere Verbündeten und Freunde sowie die jungen Nationen haben ihre eigene Identität gewjnnen. Die Unterschiedlichkeit selbst zwischen den Entwicklungsländern - zwischen Erzeugern und Verbrauchern lebenswichtiger Materialien wie öl - wird
immer ausgeprägter. Wir leben in einer Welt von rund 150 unabhängigen Länr

;&gt;, einer Welt der aufgeteilten Macht, die von keiner einzigen Nation be-

herrscht wird.
Eine solche Welt ist eine erregende Herausforderung für Amerika. Denn
eine Umwelt dieser Art ist es, die sich am besten mit unseren Werten vereinbar e l'Rt. Nicht wir haben Angst vor einem Abbau der Spannungen oder einer
Ausbreitung der Initiativen und Möglichkeiten. Wir können von Mannigfaltigkeit, Wandel, wirtschaftlichem Wettbewerb, freiem Ideenfluß und Aufteilung der
Verantwortung nur profitieren. Wir verfügen über die Kapazität, diese Komolexität in neue Formen der Ordnung und neue Hoffnungen auf menschlichen

- 15 -

�menschlichen Fortschritt zu bringen.
Aber was die Vereinigten Staaten in der Welt tun können, hängt davon ab,
wie wir uns in unserem eigenen Lande verhalten. Denn unsere Stärke als Nation
hängt in jeder Hinsicht davon ab, wie einig wir als Volk sind.
Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen den Erfordernissen einer Aussenpolitik und denen einer Innenpolitik. In unserer Gesellschaft gibt es nur
einige Fragen, die eigentliches Anliegen der Regierung sind; wir können diese
Fragen selektiv angehen, die verschiedenen betroffenen Gruppen einander • äher
bringen und durch Gesetz eine Lösung schaffen, die hoffentlich das Problem ausräumt.
Außenpolitik auf der anderen Seite ist die Gesamtheit unserer Tätigkeiten
im Ausland. Unser Engagement in der Welt um uns ist kontinuierlich. Unser
Handeln kann nicht in eine Reihe individueller Kompromisse zerfallen, os sei
denn auf Kosten ernster Risiken. Jede Entscheidung setzt eine Folge von Ereignissen in Gang und wird wiederum von den anderen Ländern als symbolisch für
unsere Absichten und Fähigkeiten betrachtet. Obwohl wir in Washington ein
System von getrennten Machtbefugnissen haben, sind wir für die Welt eine Regierung und ein Volk.
Unser demokratisches System - und die breite Mitarbeit unserer gesamten
Bevölkerung und der privaten und öffentlichen Institutionen - bedeutet eine
ständige Herausforderung, aus der Vielfalt zur Einigkeit zu gelangen. Wir haben dies in der Vergangenheit in Augenblicken der Krise getan; wir müssen
dies heute tun in einem Augenblick einer historischen Chance.
Und hier geben die kürzlichen Kontroversen zwischen den zwei Zweigen unserer Regierung Anlaß zur Besorgnis. Die Administration wird verantwortlich gemacht für praktisch jede Schwierigkeit überall auf der Welt - gleichgültig,
ob sie nun eine Folge ihrer Politik ist oder nicht - und dann noch in ihrer

- 16 -

�ihrer Handlungsfähigkeit gelähmt, flexibel und zielstrebig vorzugehen. Auf dem
Energiesektor beeinträchtigt das Fehlen entschlossener Einsparungsmaßnahmen und
alternativer Energiequellen ernsthaft unsere Bemühungen, gemeinsam mit den anderen öl Verbraucherländern unsere Verwundbarkeit zu verringern und unsere Verhandlungsposition gegenüber den Erzeugern zu verbessern. In Lateinamerika werden Versuche, einen neuen Dialog in Gang zu bringen, durch Handelsrestriktionen
und automatische gesetzliche Sanktionen beeinträchtigt, die unsere Verhandlungsflexibilität einengen. In den Ost-Westbeziehungen ist die zum Schutze unserer
nationalen Interessen erforderliche Vollmacht durch umfassende gesetzliche Restriktionen eingeengt worden, die dann ihrerseits die humanitären Ziele auch
nicht erreichten, die sie fördern sollten. Im östlichen Mittelmeer droht der
tote Punkt in unseren militärischen Beziehungen zur Türkei die östliche Flanke
der NATO aus den Angeln zu heben. Der Präsident hat einen Kompromiß vorgeschlajen, um diesen toten Punkt im Kongreß zu überwinden; der Senat, fast die Hälfte
der Repräsentantenhausmitglieder und die führenden Senatoren und Abgeordneten
beider politischer Parteien in beiden Häusern haben ihn unterstützt. Als der
Kongreß im September erneut zusammentrat, hofften wir auf eine schnelle kooperative Lösung, bevor unsere nationale Sicherheit einen nicht wieder gutzumachenden
Schaden erlitten hat.
Unser Land kann es sich leisten, daß einer der beiden Regierungszweige den
anderen beherrscht. Es geht hier nicht um einen Verfassungs-oder Gesetzesstreit. Es geht darum, wie eine einheitliche zielstrebige Außenpolitik in unserem demokratischen System verfolgt werden kann. Unsere Verfassung überträgt
dem Kongreß weitgehende Vollmachten auf wichtigen Gebieten unserer Außen-und
Verteidigungspolitik. Aber der Präsident vertritt die Nation gegenüber dem Ausland; er muß die Möglichkeit haben, eine einheitliche Politik zu entwickeln
und zu verfolgen. Der Ausgleich besonderer oder engstirniger Interessen durch
eine Reihe von Kompromissen führt nicht zwangsläufig zu einer Einheitlichkeit;
Streit zwischen der Exekutive und dem Kongreß beinhaltet ein Risiko, sich in
zu vielen ernsten Fragen nur zwischen beide Stühle zu setzen.
Die

�Die beiden Zweige unserer Regierung haben in den letzten Jahren gezeigt,
daß sie zusammenarbeiten können. Bei zahlreichen strittigen Fragen wurden ehrliche Meinungsverschiedenheiten beigelegt und eine gemeinsame Position erreicht - bei dem rumänischen Handelsabkommen, bei der Grundrichtung unserer
Nahostpolitik, bei den Vorbereitungen für die Sondersitzung de»

Vollversamm-

lung sowie bei zahlreichen Fragen der Rüstungskontrolle und Politik . Lassen
Sie uns hierauf aufbauen. Der Präsident ist ein Mann des Kongresses; er betrachtet die Kongreßmitglieder als seine Kollegen und er hat feierlich zugesagt, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Administration wird alles tun, um den
Kongreß bei der Entwicklung der Außenpolitik zu konsultieren, ihn zu informieren und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Wenn wir gespalten sind, wenn die Parteizugehörigkeit zu scharfen Debatten führt, dann können wir damit Schaden anrichten, der weit länger als unsere
gegenwärtigen Emotionen anhält. Aber wenn wir geeint zusammenstehen, dann
gibt es keine Macht, die stärker ist als die freier Menschen, die geschlossen
handeln.
Meine Damen und Herren, unser Land hat ein Jahrzehnt des Suchens hinter
sich. Meuchelmord, Krieg und innere Unruhen haben alle ihre Zeichen bei uns
hinterlassen. Wir traten in die sechziger Jahre ein, sicher in unserem Glauben an das Gute unserer Zielsetzungen, voll Vertrauen in unsere Stärke, unsere Zukunft zu gestalten,und stolz auf unsere jugendliche Kraft. Jetzt, nach
15 Jahren, durch ungewöhnliche Ereignisse auf die Probe gestellt, gelangten
viele zu der Auffassung, daß wir ohne Kraft sind, um die Welt beeinflussen zu
können, und daß unser Mut der Müdigkeit und der Furchtsamkeit des Alters gewichen ist.
Wir können jedoch bereits erkennen, daß die Pessimisten, wie so oft, zu
früh geschrieen haben. Trotz einer konstitutionellen Krise, wie wir sie seit
den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr erlebt haben, bleibt
unsere Regierung stark und unsere Freiheit ungeschmälert bestehen. Die Völker
der Welt sind durch unser Mißgeschick daran erinnert worden, daß ihre einzige

- 18 -

�einzige wahre Hoffnung auf ein besseres Leben darin besteht, daß

Amerika

weiterhin einer freien und friedlichen Welt verschrieben bleibt. Die Administration hat mit ihrer Antwort klargestellt, daß wir uns nicht von unseren
Verpflichtungen im Ausland zurückziehen und daß wir uns nicht durch unterschiedliche Zielsetzungen im Inland erschüttern lassen werden.
Wieder einmal braucht die von Unruher geplagte Welt ein starkes und zuversichtliches Amerika. Es bietet sich uns keine einfache Wahl, sondern nur das,
was Amerikaner schon immer begrüßt haben: eine Herausforderung an unseren Mut,
eine Gelegenheit zu neuen Taten - ein Aufruf zur Größe.

XXX

- 19 -

�• a m e r i k a dienst
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17/1975

USA WARNEN VOR GEFAHREN EINES UMWELTKRIEGES
-" beugende Maßnahmen im Rahmen der Abrüstungsverhandlungen angestrebt-

— ( P )-- Noch sind Verfahren, mit denen zur Erreichung militärischer Ziele
beim Gegner das Wetter, Klima oder andere Umweltbedingungen beeinflußt oder
verändert werden könnten, mehr oder weniger Hypothese. Da sie aber von den
Experten als eine mögliche Gefahr der Zukunft betrachtet werden, schlugen die
USA eine, wenn auch zunächst informelle, Erörterung des Problemkomplexes vor,
damit dieser rechtzeitig in die Abrüstungsgespräche einbezogen wird.
Der amerikanische Chefdelegierte Joseph Martin,Jr., erklärte zu den Ergebnissen einer Serie solcher informellen Konferenzen in Genf am 12. August
1975: "Es liegt auf der Hand, daß die meisten der in der letzten Woche von den
Experten beschriebenen oder hypothetisch angenommenen Methoden zur Veränderung
der Umweltbedingungen erst in Zukunft anwendbar sind. Dennoch wissen wir bereits
genug über die möglichen verheerenden Folgen der militärischen Anwendung von
Techniken zur Umweltveränderung, um sagen zu können, daP es

etzt an der

Zeit ist, der Bedeutung dieser Gefahr im Zusammenhang mvu aen Abrüstungsfragen
volle Beachtung zu schenken".
In

- 1-

�In den informellen Gesprächen vom 4.-6:August 1975

im Rahmen der Genfer

Abrüstungskonferenz wurde zum ersten Mal auf multinationaler Ebene dieser Themenkreis tiefergehend untersucht. Bereits im Juni (16.-20.6.) hatten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in bilateralen Gesprächen, über die jedoch
keine Einzelheiten veröffentlicht wurden, "in beträchtlichem Umfang Übereinstimmung erzielt".
Wie Botschafter Martin jetzt erklärte, können künstlich herbeigeführte
Umweltveränderungen die Atmosphäre, die Meere, die Bodenverhältnisse

und

die Hochatmosphäre betreffen. Schon heute seien, wie die Versuche zur Nebelauflösung und Erzeugung von Regen durch Impfen von Wolken mit Silberjodid zeigten, Verän

*ungen der atmosphärischen Bedingungen innerhalb enger räumlicher

Grenzen möglich. Jedoch seien Niederschläge alles in allem nur "sehr begrenzt"
steuerbar, und das Problem als Ganzes ist noch lange nicht geklärt. Man arbeite gegenwärtig an der Entwicklung von Maßnahmen, um Sturmwinde abzuschwächen
und Hagel schlag zu verhindern. Jedoch seien die Ergebnisse der bisherigen Ver- *
fahren noch

weitgehend ungewiß".
j

Was die Klimabeeinflussung betrifft so gibt es laut Botschafter Martin
noch keine zuverlässigen Methoden, um die Witterung langfristig verändern zu
können. Eine Veränderung ozeanischer Gegebenheiten, etwa in Verbindung mit der
Umleitung wichtiger Meeresströmungen oder der Erzeugung einer Flut, könnte sich
als katastrophal erweisen und irreversible Folgen haben; gegenwärtig könne man
überhaupt nichts darüber aussagen, was aus solchen Aktionen erwachsen würde.
In der Hochatmosphäre sei eine Veränderung der Ozonschicht und damit deren
Schutzwirkung gegen die Ultraviolettstrahlung von der Sonne denkbar. Aber die
grundlegenden Reaktionsabläufe und natürlichen Rhythmen werden noch unzureichend
verstanden. Folglich seien, so Martin, auch die Auswirkungen eines Eingriffs
in sie kaum vorhersehbar.

Wie

�Wie Botschafter Martin betonte, sollten die informellen Gespräche das
Verständnis dafür entwickeln helfen, was Umweltveränderung und militärische
Anwendung einer entsprechenden Technik tatsächlich bedeuten. Die USA sind der
Ansicht, daß derartige Aktionen zumindest wirksam begrenzt werden müssen, solange die Geißel des Krieges nicht endgültig aus der Welt zu schaffen sei.
Als weiteren wich+iqen Aspekt betrachten die USA die Begrenzung nichtmilitärischer Vorhaben zur Beeinflussung von Umweltbedingungen, sofern diese
nicht unter die Zuständigkeit des internationalen Rechts fallen. Jedoch dürfe
die Forschung auf dem Gebiet von Umweltveränderungen, die in friedlicher Absicht erfolgen, nicht beeinträchtiat werden. In diese'" 7usammenhang hob Botschafter Martin vier in Zukunft anzustrebende Ziele hervor:
- Verhinderung w on Gefahren, die sich mit einer Nutzbarmachung von Umweltveränderungen für militärische Zwecke ergeben;
- Erhaltung und Schutz der natürlichen Umwelt zum Wohle der gesamten
Menschheit;
- Beibehaltung und Förderung internationaler Zusammenarbeit, um die Umwelt als funktionierendes System und die Wechselwirkungen ihrer Komponenten
zu verstehen;und
- schließlich Verbesserung der Möglichkeit, Umweltbedingungen im größeren
Stil für friedliche Zwecke zu verändern, sofern sich ein solches Vorgehen als
durchführbar und sinnvoll erweist.

XXX

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ford fordert mehr Investitionen und mehr Wettbewerb&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus der Rede des Präsidenten am 25. August in Chicago -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verpflichtung der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache Kissingers an das amerikanische Volk -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA warnen vor Gefahren eines Umweltkrieges&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vorbeugende Maßnahmen im Rahmen der Abrüstungsverhandlungen angestrebt -&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation

3

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. August 1980

38

INHALT

DOKUMENTATION
USA entwickeln neue Flugzeug-Technologie
- Erklärungen des US-Verteidigungsministers und des Staatssekretärs
für Forschung und Entwicklung Brown: Strategische Waffen schrecken vor Atomkrieg ab
- Rede des US-Verteidigungsministers vor dem Naval War College -

INFORMATION
USA bedauern Störung der Stimme Amerikas durch Moskau
- Erklärung des State Department Neues Brennstoff-Synthesewerk in Kentucky geplant
Positive Bilanz der Geschwindigkeitsbegrenzung

Um Übcr/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�I

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. August 1980

38

USA ENTWICKELN NEUE FLUGZEUG-TECHNOLOGIE
Erklärungen des US-Verteidigungsministers und des Staatssekretärs
für Forschung und Entwicklung -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten haben eine neue FlugzeugTechnologie entwickelt, die es erlaubt, bemannte oder unbemannte Flugzeuge
zu bauen, die von den bestehenden Luftverteidigungssystemen nicht erfaßt
werden können. Die Entwicklung dieser Technologie, die die Bezeichnung
"Stealth" (heimlich) trägt, wurde am 22. August 1980 von dem amerikanischen
Verteidigungsminister Harold Brown und dem Staatssekretär im Verteidigungsministerium für Forschung und Entwicklung, Dr. William J. Perry, auf einer
Pressekonferenz bekanntgegeben.
Brown betonte, die Bekanntgabe erfolge, weil Berichte in der Presse
über die bisher geheime Entwicklung aufgetaucht seien, und nicht wegen der
bevorstehenden Präsidentschaftswahlen. Es gehe hier um eine Entwicklung für
Bomber, Kampfflugzeuge und Marschflugkörper, die das militärische Kräfteverhältnis wesentlich verändere.

Die

Postfach 2 0 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Die Erklärung des amerikanischen Verteidigungsministers hat folgenden
Wortlaut:
Ich gebe heute einen wichtigen technologischen Fortschritt von großer
militärischer Bedeutung bekannt.

,

Diese sogenannte "Stealth"-Technologie erlaubt es den Vereinigten Staaten, bemannte und unbemannte Flugzeuge zu bauen, die von den bestehenden
Luftverteidigungssystemen nicht erfolgreich abgefangen werden können.

Wir

haben zu unserer Befriedigung herausgefunden, daß die Technologie funktioniert.
Dieser Erfolg wird ein hervorragendes Instrument für den Frieden sein.
Er verspricht, unseren taktischen Streitkräften und der Abschreckungsstärke
unserer strategischen Streitkräfte eine einzigartige neue Dimension hinzuzufügen.

Gleichzeitig wird er uns Fähigkeiten verleihen, die im völligen

Einklang mit unserem Streben nach verifizierbaren R'üstungskontrollabkommen,
vor allem mit den Bestimmungen von SALT II, stehen.
Wir haben die Geheimhaltung dieses Programms drei Jahre lang erfolgreich aufrechterhalten. Das war möglich aufgrund der gewissenhaften Anstrengungen der relativ wenigen Personen in der Exekutive und in der Legislative,
die über die Tätigkeit unterrichtet wurden, und der daran arbeitenden Vertragsfirmen.
In den letzten Monaten wurde jedoch der Kreis der Personen, die von dem
t

Programm wußten, ausgedehnt, zum Teil wegen des erweiterten Bereichs der Anstrengung und zum Teil wegen der Debatte im Kongreß über Vorschläge für neue
Bomber. Bedauerlicherweise hat es in den letzten Tagen einige undichte
Stellen bezüglich des Stealth-Programms in der Presse- und Fernsehberichterstattung gegeben.
Angesichts

- 2 -

�Angesichts dieser durchgesickerten Meldungen halte Ich es nicht fUr angebracht oder glaubwürdig, daß wir die Existenz dieses Programms dementieren.
Und es ist jetzt wichtig, einige der durchgesickerten Informationen zu korrigieren, die den Standpunkt der Regierung bezüglich eines neuen Bomber-Programms falsch darstellten.

Der sogenannte Stealth-Bomber spielte bei unserer

Entscheidung im Jahre 1977, den B-1-Bomber einzustellen, keine Rolle, ja, er
war noch nicht einmal im Entwurf vorhanden.
Ich freue mich, daß bisher keine der höchst sensitiven und wichtigen
geheimen Informationen über die Charakteristika dieses Programms enthüllt
worden sind.

Ein wichtiges Ziel der heutigen Bekanntgabe besteht darin, die

Art von Informationen klarzustellen, die wir mit der höchsten Geheimhaltungsstufe mit allen Mitteln zu schützen beabsichtigen.

Dr. Perry, mein Staats-

sekretär für Forschung und Entwicklung, einer der Hauptarchitekten dieses
Programms, wird diesen Punkt näher erläutern.
Kurz gesagt, wir haben eine neue Technologie von außerordentlicher militärischer Bedeutung entwickelt.

Wir wenden diese Technologie mit Nachdruck

an, um eine Reihe von Militärflugzeugen zu entwickeln, und diese Programme
sind sehr vielversprechend.

i.

Wir können auf diesen jüngsten Erfolg der amerikanischen Technologie
sehr stolz sein. Er kann eine wichtige Rolle spielen in der Stärkung unserer
strategischen und taktischen Streitkräfte, ohne in irgendeiner Weise irgend eine unserer Rüstungskontroll initiativen zu gefährden. Und er kann zur
Aufrechterhaltung des Friedens beitragen, indem er einen neuen und bedeutsamen Ausgleich zu dem Versuch der Sowjetunion darstellt, mit dem zahlenmäßigen
Gewicht eine militärische Überlegenheit zu gewinnen.
Ich möchte jetzt Bill Perry bitten, Ihnen zusätzliche Einzelheiten über
unser Stealth-Programm mitzuteilen.
Die Erklärung von Dr. Perry hat folgenden Wortlaut:

- 3 -

Der

�Der Zweite Weltkrieg hat gezeigt, welche entscheidende Rolle die Luftmacht bei militärischen Operationen spielen kann.

Er zeigte auch das Poten-

tial des Radar als Hauptmittel der Ortung von Flugzeugen und der Feuerleitung
gegen sie.

Im Endeffekt lag jedoch der Vorteil deutlich beim Flugzeug.

Nach

dem Zweiten Weltkrieg wurden Verteidigungsraketen - sowohl landgestützte als

,

auch luftgestützt - entwickelt und mit Radar-Feuerleitsystemen "verheiratet".
Dies erhöhte die Wirksamkeit der Luftverteidigungssysteme wesentlich, und
das Verhältnis verschob sich zu Ungunsten des Flugzeuges.

In den letzten

Jahrzehnten haben wir an Techniken gearbeitet, um solche Luftverteidigungssysteme zu überwinden.

Derzeit machen unsere Militärflugzeuge reichlich Ge-

brauch von elektronischen Gegenmaßnahmen (Störung) und fliegen tief, um sich
im "Radarschatten" (im Konturenflug) zu bewegen, was beides die Wirksamkeit
von Luftverteidigungsradar herabsetzt.

Durch diese Mittel haben wir die Wirk-

samkeit unserer Militärflugzeuge gegen Radar-geleitete Verteidigungsraketen
aufrechterhalten.
Die Sowjets legen jedoch weiterhin sehr großen Nachdruck auf die Entwicklung und Dislozierung von Luftverteidigungsraketen - in dem Versuch, den
Vorteil auszugleichen, den wir in der Luftmacht haben. Sie haben Tausende
von Boden-Luft-Raketensysteme gebaut, sie wenden Hochleistungsradar mit Monopuls-Zielverfolgungsverfahren an, die sehr schwer zu stören sind, und in den
letzten Jahren haben sie Luft-Luft-Raketen entwickelt, die von "Abwärtssicht"("look down")-Radar geleitet werden, die in der Lage sind, Flugzeuge zu orten,
die im Konturenflug (im "Radarschatten") fliegen.
Wegen dieser Entwicklungen und wegen der Bedeutung, die wir der Aufrechterhai tung unserer Luftüberlegenheit beimessen, haben wir seit Jahren an der
Entwicklung der sogenannten "Durchdringungs"-Technologie gearbeitet: der
Technologie, die die Wirksamkeit von Radar und anderen in Luftverteidigungssystemen benutzten Sensoren herabsetzt. Besonderer Nachdruck wurde auf die
Entwicklung jener Technologie gelegt, die ein Flugzeug für Radar "unsichtbar"
macht (wobei "unsichtbar" natürlich nur in übertragenem Sinne gemeint ist).
Anfang der sechziger Jahre wandten wir eine besondere Version dieser Tech-

._ 4 _

^

�Technologie für einige unserer Aufklärungsflugzeuge an. Mitte der siebziger
Jahre wandten wir sie bei den damals entwickelten Marschflugkörpern (Tomahawk
und ALCM) an.

Im Sommer 1977 wurde klar, daß diese Technologie in ihrer

Wirksamkeit wesentlich ausgedehnt werden und auf einen weiten Bereich von
Vehikeln, einschließlich bemannte Flugzeuge, Anwendung finden konnte.

Wir

kamen zu dem Schluß, daß es möglich wäre, Flugzeuge zu bauen, die so schwer
zu orten sind, daß sie von keinem der existierenden Luftverteidigungssysteme
erfolgreich erfaßt werden könnten.
In Erkenntnis der großen Bedeutung einer solchen Entwicklung unternahmen
wir drei miteinander zusammenhängende Maßnahmen: Erstens, wir nahmen eine
rund zehnfache Erhöhung unserer Investitionen zur Förderung dieser Technologie
vor; zweitens, wir leiteten eine Reihe ganz vordringlicher Programme für die
Anwendung dieser Technologie ein; drittens, wir gaben dem gesamten Programm
einen außerordentlichen Geheimhaltungsschutz - bis zu dem Punkt, daß sogar
die Existenz eines solchen Programmes geheimgehalten wurde.
&gt;

Zunächst waren wir,in der Lage, die Kenntnis von dem Programm auf ganz
wenige Regierungsvertreter in der Exekutive und Legislative zu begrenzen,
und es gelang uns,,die Existenz des Programms völlig geheimzuhalten.

Als

das Programm jedoch in seinem Umfang zunahm - derzeit wird jährlich hundertmal mehr Geld für das Programm ausgegeben als zu dem Zeitpunkt 1977, als wir
beschlossen, das Programm zu beschleunigen -, war es notwendig, mehr Personen
zu unterrichten.
kannt geworden.

Die Existenz des Stealth-Programms ist jetzt öffentlich beAber selbst wenn wir jetzt die Existenz eines Stealth-Pro-

gramms bestätigen, so werden wir eine neue Geheimhaltungslinie ziehen, um
jene Information über das Programm zu schützen, die ein sowjetisches Gegenprogramm erleichtern könnte.

Wir werden weiterhin mit der höchsten Geheim-

haltungsstufe Informationen schützen über:
a) die spezifischen Techniken, die wir zur Herabsetzung der Ortungsfähigkeit verwenden;
b) das

�b) das Ausmaß des Erfolgs jeder dieser Techniken;
c) die Charakteristika der spezifischen Vehikel, die entwickelt werden;
d) die Mittel, die für spezifische Programme eingesetzt werden; und
e) die Zeitpläne spezifischer Programme.

*

Aus diesen Grundregeln werden Sie, wie ich meine, erkennen, daß mir in
dem, was ich Ihnen über das Programm sagen kann, außerordentlich enge Grenzen
gesetzt sind.

Ich möchte so sagen:

Erstens, bei der Stealth-Technologie

handelt es sich nicht um einen einzigen technischen Weg, sondern um eine komplexe
Synthese vieler Wege.

Selbst wenn ich es Ihnen beschreiben dürfte, könnte ich

das nicht in einem Satz oder in einem Absatz.

Zweitens, wir haben zwar in den

letzten drei Jahren bemerkenswerte Fortschritte in dieser Technologie erzielt,
aber wir konnten auf der ausgezeichneten Arbeit in unserem Verteidigungstechnologie-Programm der letzten zwei Jahrzehnte aufbauen.

Drittens, diese Tech-

nologie könnte - zumindest theoretisch - auf jedes militärische Vehikel angewandt werden, das mit Radar-geleitetem Feuer angegriffen werden kann.

Wir

erwägen,alle solche Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln, die am praktikabelsten sind und die die größte militärische Bedeutung haben.

Viertens, wir

haben in dem Programm außerordentliche Erfolge erzielt, einschließlich der
Flugerprobung einer Reihe verschiedener Vehikel.

i

+ + + + +

- 6 -

�lO

•L

ilWill Hfl

3PS

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. August 1980

38

BROWN: STRATEGISCHE WAFFEN SCHRECKEN VOR ATOMKRIEG AB
Rede des US-Verteidigungsministers vor dem Naval War College

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Harold Brown
hat sich am 20. August 1980 in einer Rede vor dem Naval War College (Kriegsschule der US-Marine) ausführlich mit der Entwicklung der strategischen Politik der Vereinigten Staaten befaßt.

Er nannte sie "ein ausgewogenes Ganzes

aus Streitkräftemodernisierung, ausgehandelter Begrenzung sowie überzeugender
und wirkungsvoller Abschreckungsdoktrin."

Es sei das einzige Ziel der ameri-

kanischen strategischen Streitkräfte, den Frieden zu bewahren und die Gefahren
eines Atomkrieges zu vermindern.
Die Rede des Verteidigungsministers hat folgenden Wortlaut:
Es ist für mich eine echte Freude, hier im Naval War College zu sein.
Ihr Dienst hier ist eine vorzügliche Gelegenheit, etwas Distanz zu den Verantwortlichkeiten des Alltags zu gewinnen und sich über eine Reihe von wichtigen nationalen Sicherheitsfragen einige intensive und ernsthafte Gedanken
zu machen.
Eine

Postfach20 03 0 0 Tel: 0228-89 32 40
D5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Eine der kritischsten dieser Fragen und zugleich eine, der derzeit viel
öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die strategische Nuklearpolitik.

Sie ist auch das Thema meiner heutigen Anmerkungen.
Die Ausarbeitung einer strategischen Nuklearpolitik, die uns von einem

Atomkrieg weg und nicht auf einen hin führt, erfordert leidenschaftslose
Analyse, ausgewogenes Urteil und ein klares Verständnis der komplexen Vielgestaltigkeit des Atomzeitalters.
Die überragende Zielsetzung unserer strategischen Streitkräfte ist die
Abschreckung vor einem Atomkrieg. Abschreckung erfordert Stabilität. Um
strategische Nuklearstabilität zu erzielen, müssen drei Voraussetzungen erfüllt werden:
Erstens: wir müssen über strategische Kernwaffen verfügen, die einen
sowjetischen Erstschlag absorbieren und auch dann noch mit verheerender Wirkung zurückschlagen können.
Zweitens: wir müssen den Anforderungen im Sicherheitsbereich gerecht
werden und insgesamt ein strategisches Gleichgewicht auf dem niedrigsten
und stabilsten Niveau aufrechterhalten, das durch unsere eigene Streitkräfteplanung und durch unsere Rüstungskontrollabkommen möglich gemacht wird.
Drittens: wir brauchen eine Doktrin und Pläne für den Einsatz unserer
Streitkräfte - im Bedarfsfall -, die den Sowjets die harte Realität klarmachen,
daß sie - welchen Kurs in Richtung auf einen Atomkrieg sie auch immer einschlagen mögen - niemals einen Vorteil erzielen könnten, der den unannehmbaren Preis aufwiegen würde, den sie dafür zu zahlen hätten.
Die Fähigkeit unserer Streitkräfte zum überstehen eines Überraschungsangriffs ist das Wesen der Abschreckung. Derzeit garantiert unsere Triade
der strategischen Kernwaffen, daß unsere Abschreckung überlebensfähig ist.
Aber

�Aber in Zukunft könnten die sowjetischen Militärprogramme zumindest
potentiell die Überlebensfähigkeit jeder Komponente unserer strategischen
Streitkräfte bedrohen.

Was unsere Interkontinentalraketer, (ICßMs) anbelangt,

so ist die Möglichkeit mehr oder minder erkannt worden.

Die Sowjets sind

derzeit dabei, Tausende von ICBM-Gefechtsköpfe zu dislozieren, die treffsicher genug sind, um unsere festen MINUTEMAN-Silos zu bedrohen.

Was unsere

Bomber anbelangt, so sind die Bedrohungen weniger konkret, hinsichtlich unserer U-Boot-gestützten Raketen (SLBMs) mehr hypothetisch.

Jedoch entwickeln

die Sowjets derzeit fliegende Radarstationen und Antiflugzeugraketen, um unsere durchdringenden B-52 Bomber abzuschießen.

Und sie suchen intensiv nach

Systemen, um unsere U-Boote zu entdecken und zu zerstören, die mit ballistischen Raketen bestückt sind.

Diese sowjetischen Anstrengungen dürfen wir

nicht ignorieren.
Als Reaktion auf diese derzeitigen und zukünftigen Bedrohungen verstärken wir unsere strategischen Nuklearkapazitäten in angemessenem Umfang und
in allen Bereichen.

Dies ist notwendig, weil - bei derzeitig im wesentlichen

ausgewogener Stärke - der Umfang und die Schwungkraft der sowjetischen Programme im Lauf der siebziger Jahre, die sich unvermeidlicherweise auf ihre
Dislozierung im Lauf der achtziger Jahre auswirken werden, ausgleichende
Schritte der Vereinigten Staaten erfordern.

Obwohl wir einige bedeutsame Fortschritte erzielt haben, vor allem bei
den Mehrfachgefechtsköpfen, betrugen unsere Investitionen in strategische
Programme weniger als ein Drittel dessen, was die Sowjets für ihre strategischen Programme ausgaben.
*•

Wenn wir eine Fortsetzung dieses Trends zuge-

lassen hätten, dann hätten wir Mitte der achtziger Jahre vor einer Situation
gestanden, die man bestenfalls als eine Vorstellung von Unterlegenheit,
schlimmstenfalls als eine echte Möglichkeit der nuklearen Erpressung bezeichnen müßte.

Daher verstärken wir alle drei Elemente unserer strategischen Streitkräfte:

In
- 3 -

�In dreieinhalb Jahren haben wir das Programm der TRIDENT-Rakete und
das Unterseeboot-Programm wieder ins Gleis gebracht.

Wir haben damit be-

gonnen, unsere Poseidon-Unterseeboote mit der neuen TRIDENT I-Rakete auszurüsten, die die Meeresgebiete, in denen die Unterseeboote patroullieren
können und noch in Reichweite ihrer Ziele sind, um ein Zehnfaches vergrößert.
Das erste TRIDENT-Unterseeboot, die USS Ohio, wird noch in diesem Jahr in
die Seeerprobung und im kommenden Jahr in den aktiven Flottendienst gehen.
Ihr Schwesterschiff, die USS Michigan, wird bald vom Stapel laufen.
Wir unternehmen wichtige Schritte, um eine lebensfähige und wirksame
Bomberflotte aufrechtzuerhalten.

Bereits zu Beginn seiner Amtsperiode kam

Präsident Carter zu dem Schluß, daß Luft-Boden-Marschflugkörper eine wirksamere und leistungsfähigere strategische Waffe wären als der Bomber vom
Typ B-l. Seither haben technische Entwicklungen in den USA und Erkenntnisse der Aufklärung über Fortschritte in der sowjetischen Luftverteidigung
dieses Urteil nachdrücklich bestätigt.
In der Zwischenzeit setzen wir die Entwicklung der Technologie und
die Entwürfe für ein neues Trägerflugzeug für Marschflugkörper und einen
neuen Bomber fort, sollten sie notwendig werden, um mit der Bedrohung in
den neunziger Jahren und darüber hinaus fertig zu werden.
Die Verwundbarkeit unserer festverbunkerten Interkontinentalraketen
wird für die nächsten paar Jahre der am meisten Sorge bereitende Mangel unserer Streitkräfte sein. Beobachter haben diese Entwicklung seit vielen
Jahren kommen sehen, aber eine brauchbare technische Lösung war nicht zu
finden, bis das Programm der multiplen Schutzbunker für die MX entwickelt
und im Jahre 1979 angenommen wurde. Dieses Programm - das, wie wir glauben,
der Kongreß und die öffentliche Meinung auch weiterhin unterstützen werden ist äußerst wichtig für die Erhaltung des strategischen Gleichgewichts auf
lange Sicht. Die anderen Elemente unserer strategischen Streitmacht - von
denen jedes Anfang der achtziger Jahre rasch weiterentwickelt werden wird ermöglichen es uns, das Gleichgewicht und eine überlebensfähige Abschrekkung während der Zeitspanne aufrechtzuerhalten, in der unsere Interkonti-

�Interkontinentalraketen noch verwundbar bleiben.

Dies ist natürlich eine Si-

tuation, in der wir nicht für immer leben wollen.

Wir müssen uns gegen die

möglichen Verwundbarkeiten der anderen Pfeiler der Triade sichern und beispielsweise nicht zulassen, daß sich die Sowjets völlig auf ihre Kapazitäten
zur U-Bootbekämpfung konzentrieren.

Daher die Notwendigkeit der MX.

Die

große Anstrengung - und die erheblichen Kosten -, die wir aufzubringen gewillt sind, um die Überlebensfähigkeit der MX sicherzustellen, sind der Beweis dafür, daß wir in der Planung unseren strategischen Streitkräften eine
Vergeltungsrolle zuweisen.

Ein überlebensfähiges System bedeutet weniger

Gefahr als das verwundbare, das es ersetzt.
Nicht im eigentlichen Sinne ein Teil unserer strategischen Streitkräfte,
aber doch entscheidend wichtig für das nukleare Gesamtgleichgewicht, sind
die nuklearen Mittel Streckensysteme (TNF).

Im vergangenen Jahr ist das NATO-

Bündnis zu einer gemeinsamen Entscheidung gelangt - zu einer für einige Verbündete sehr schwierigen Entscheidung - auf den im großen Rahmen durchgeführten
Aufbau der sowjetischen TNF zu reagieren.

Diese Entscheidung umfaßt ein kom-

biniertes Programm verbesserter amerikanischer TNF - landgestützter Marschflugkörper (cruise missiles) und PERSHING II-Raketen - und die Weiterverfolgung der Bemühungen, mit den Sowjets eine faire und verifizierbare Begrenzung der TNF auf beiden Seiten auszuhandeln.

Wir haben ferner unser Eintre-

ten für eine starke alliierte Nuklearkapazität durch das jüngste Abkommen
unter Beweis gestellt, durch das TRIDENT-Raketen einer modernisierten britischen
Nuklearstreitmacht verfügbar gemacht werden sollen.
Diese Programme ziehen Nutzen aus der technologischen Stärke der Vereinigten Staaten - bei der Gestaltung und der Qualität der U-Boote, bei der
Treffsicherheit und minimalen Größe der Marschflugkörper und bei einem wirksamen Programm für die Mobilität landgestützter Raketen.

Sie bieten lang-

fristige Lösungen und sind nicht Maßnahmen zur bloßen überbrückung von Lücken.
Vor allem bei den strategischen Streitkräften müssen wir unsere Ressourcen
für solche Waffensysteme aufwenden, die unseren Bedürfnissen auf lange Sicht
hin dienen werden, nicht aber unsere Kräfte vergeuden, um rasche aber nur unvollständige und kurzlebige Lösungen zu finden.
Zusammengenommen
- 5 -

�Zusammengenommen stärken diese Programme die Abschreckung.

Sie sorgen

für eine vermehrte überlebensfSh1gkelt unserer strategischen Streitkräfte,
Indem sie unsere Verwundbarkelt gegenüber sowjetischen Drohungen vermindern.
Sie halten die strategische Stabilität aufrecht, indem sie unsere Kapazität
zur Abschreckung vor einem Atomkrieg vermehren.
Ein zweiter Teil unseres Programms zur Erzielung einer strategischen
Stabilität besteht 1n dem Bemlihen um das Zustandekommen gerechter und verlflzlerbarer Abkommen zur Kontrolle der strategischen Rüstungen, wie der SALT IIVertrag.

Rüstungskontrolle Ist nicht ein Ersatz fUr eine energisch durchge-

führte Modernisierung der Streitkräfte, sondern eher eine Ergänzung, indem sie
wirksame Kontrollen in bezug auf Größe und Kapazität der sowjetischen strategischen Streitkräfte an die Hand gibt.

Gleichzeitig erlaubt sie uns die Durch-

führung derjenigen Programme, die wir brauchen, um das strategische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Diese Administration hat sich wie alle anderen Administrationen in
Washington seit Beginn des Nuklearzeitalters um die Kontrolle der nuklearen
Rüstung bemüht - nicht unseren Gegnern zuliebe oder aus irgendeiner Illusion
über ihren wahren Charakter, sondern als Mittel zur Stärkung unserer eigenen
Sicherheit und des Friedens in der Welt.

Wir wollen Rüstungskontrollabkommen

mit den Sowjets, und sie wollen sie mit uns, gerade weil wir Gegner sind - zwischen Freunden sind solche Abkommen nicht nötig.

Beiderseitiges Interesse

ist hier die treibende Kraft und beiderseitiger Nutzen das notwendige Kriterium für ein jedes Rüstungskontroi labkommen zwischen den Supermächten.
Der SALT II-Vertrag wird den Ausbau der strategischen Waffen der Sowjet- i
union erheblich einschränken, weit unterhalb des Niveaus, das wahrscheinlich
ohne die Begrenzungen durch diesen Vertrag erreicht worden wäre; die Sowjets
werden ihre derzeitigen strategischen Kernwaffen um etwa zehn Prozent reduzieren
müssen und werden bei der Zahl von Gefechtsköpfen begrenzt sein, die sie dislozieren können.
SALT II

�SALT II wird bei den zukünftigen strategischen Waffen der Sowjetunion
sowohl hinsichtlich ihrer Anzahl als auch ihrer Eigenschaften genauere Aussagen zulassen - und dadurch unsere eigene Verteidigungsplanung erleichtern.
SALT II wird ein unnötiges, ungehindertes und Liberaus kostspieliges Wettrüsten im Bereich der strategischen Waffen mit der Sowjetunion verhindern.
Dies ist umso wichtiger, als wir vor der dringenden Notwendigkeit stehen, mehr
Mittel für die konventionellen Streitkräfte bereitzustellen - ein Erfordernis,
das nunmehr als Ergebnis der sowjetischen Invasion Afghanistans nur noch umso
dringlicher geworden ist.
Die Chefs des Gemeinsamen Stabes betrachten auch weiterhin die von dem
Vertrag auferlegten Begrenzungen als in unserem nationalen Sicherheitsinteresse liegend.
Die sowjetische Invasion Afghanistans machte es in der praktischen Politik notwendig, die Ratifizierung von SALT II zu verschieben, während wir
die sowjetischen Maßnahmen einer Beurteilung unterzogen und die notwendigen
Antworten gaben. Aber die Ratifizierung des Vertrags zum frühestmöglichen
Zeitpunkt ist auch weiterhin für unser nationales Sicherheitsinteresse von Bedeutung.
Zusätzlich zu den strategischen Waffen, die technisch angemessen sind,
benötigen wir einen politischen Rahmen:
Wir müssen das Notwendige anordnen, damit die Abschreckung auch weiterhin
funktioniert;
wir müssen unsere Beschaffungsstrategie für den Erwerb strategischer Kernwaffen sowie für die entsprechenden Befehls-, Kontroll- und Kommunikationssysteme lenken; und
wir
- 7 -

�wir müssen unsere operative Planung für den Einsatz unserer Streitkräfte
- sollte dies notwendig sein - ausgestalten.
Als Ergänzung zu unseren Anstrengungen bei der Waffenmodernisierung und
bei den RüstungskontrollVerhandlungen haben wir in den vergangenen drei Jahren
intensiv daran gearbeitet, die Abschreckung sicherer und wirkungsvoller zu
machen - durch bessere Planung und durch eine überzeugendere Darlegung unserer
strategischen Doktrin.

Im Verlauf dieses Prozesses haben wir eine Reihe wich-

tiger analytischer und operativer Schritte unternommen.
;

' .

'"

Im Sommer 1977 ordnete Präsident Carter eine grundlegende Überprüfung
unserer Zielpolitik an.

Im Verlauf der folgenden 18 Monate wurde diese Studie

von militärischen und zivilen Experten durchgeführt, wobei unsere Streitkräfte,
Pläne, Probleme und Kapazitäten sowie die Perspektiven, die Stärke und die Verwundbarkeit der Sowjetunion in Rechnung gestellt wurden.
Seit ich dem Präsidenten meinen Bericht zu dieser Analyse vorgelegt habe,
sind wir mit Bedacht daran gegangen, seine Grundprinzipien durchzuführen.
Ich habe die wesentlichen Regeln dieser Strategie des Gegenzuges Anfang 1979
in meinem Verteidigungsbericht ausgeführt, mehr in die Einzelheiten gehend im
Januar dieses Jahres.
Auf einem Treffen der Nuklearen Planungsgruppe der NATO im Juni dieses
Jahres informierte ich unsere Verbündeten über die Schlußfolgerungen, zu denen
wir gelangt sind, und die Maßnahmen, die wir nunmehr ergreifen. Sie unterstützen voll und ganz die Notwendigkeit für die Vereinigten Staaten, über eine
große Bandbreite von nuklearstrategischen Optionen zu verfügen. Unsere Strategie des Gegenzuges steht in völligem Einklang mit der flexiblen Antwort
der NATO und zeigt in der Tat unsere Entschlossenheit an, diese Strategie
des Bündnisses in die Tat umzusetzen.
Präsident Carter hat vor kurzem eine Durchführungsdirektive erlassen
- die Präsidialdirektive No. 59 -, in der unsere neuformulierte Doktrin kodifiziert wird und durch die eine Orientierung bei der weiteren Entwicklung
- 8 -

�Entwicklung unserer Planung und unserer Zielerfassung geschaffen wird.

Es ist offensichtlich, daß die Einzelheiten unserer Planung Pin streng
behütetes Geheimnis bleiben müssen.
unserer Politik öffentlich
zu gefährden.

Dennoch kann die grundlegende Prämisse

mitgeteilt werden, ohne unsere eigene Sicherheit

In der Tat liegt es gerade in unserem nationalen Interesse,

daß unsere Abschreckungspolitik - und die Folgen einer Aggression - sowohl
von Freund als auch von Feind verstanden werden.

Lassen Sie mich zunächst betonen, daß die Präsidialdirektive 59 (P.D.59)
keine neue strategische Doktrin ist; sie ist keine grundlegende Abkehr von
der amerikanischen Strategiepolitik während etwa des vergangenen Jahrzehnts.
Sie ist vielmehr eine Verfeinerung, eine Kodifizierung vorhergehender Erklärungen zu unserer Strategiepolitik.

Die P.D.59 übernimmt die gleiche wesent-

liche strategische Doktrin und formuliert sie klarer, überzeugender angesichts
der gegenwärtigen Bedingungen und der gegenwärtigen Möglichkeiten.

überdies ist es eine Absicht meiner heutigen Darlegung des Problems - sowie meiner früheren Erklärungen zu diesem Thema -, den Sowjets die Natur
unserer Strategie des Gegenzuges klarzumachen.

Dies geschieht, um sicherzu-

stellen, daß kein potentieller Gegner der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten jemals zu der Schlußfolgerung gelangen könnte, eine Aggression könne
die Kosten wert sein, die in ihrem Verlauf entstehen.

Dies gilt für jedwedes

Konfliktniveau, das ins Auge gefaßt werden könnte.

Die Abschreckung bleibt unser grundlegendes strategisches Ziel, so, wie
es dies bisher in der Geschichte der Fall gewesen ist. Aber Abschreckung muß
eine weit größere Bandbreite von Bedrohungen im Zaum halten als nur einen massiven Angriff auf amerikanische Städte.

Wir wollen jeden Gegner von jeder Art

Kurs abschrecken, der zu einem allgemeinen Atomkrieg führen könnte.

Unsere

strategischen Streitkräfte müssen auch von Nuklearangriffen auf kleinere Ziele
in den Vereinigten Staaten oder auf amerikanische Streitkräfte abschrecken sowie ein Schutzwall gegen nuklearen Zwang oder nuklearen Angriff auf unsere

�unsere Freunde und Verbündeten

sein.

Und die strategischen Waffen müssen in

Verbindung mit den nuklearen Mittel Streckensystemen (TNF) zur Abschreckung
auch von konventioneller Aggression beitragen.

(Ich sage "beitragen", denn

wir erkennen, daß weder die Kernwaffen noch die klügste Theorie ihres Einsatzes für uns - und unsere Verbündeten - die Notwendigkeit beseitigen können,
eine wirkungsvolle konventionelle Abschreckung zu unterhalten.)
In unserer Analyse und in unseren Planungen verwenden wir notwendigerweise größere Aufmerksamkeit darauf, wie ein Atomkrieg wirklich auf beiden
Seiten ausgetragen werden würde, wenn die Abschreckung versagen sollte.

Es

gibt dabei keinen Widerspruch zwischen der Überlegung, wie ein Krieg ausgetragen werden würde und welche seine Ergebnisse sein würden einerseits sowie unserer Absicht andererseits, durch gegenseitige Abschreckung auch weiterhin den
Frieden zu sichern.

Ja, diese Betrachtungsweise hilft uns sogar dabei, Ab-

schreckung und Frieden zu erzielen, indem sie nämlich sicherstellt, daß unsere
Fähigkeit zur Vergeltung in vollem Umfang glaubwürdig ist.
Per Definition bedeutet erfolgreiche Abschreckung unter anderem, den
Blick der Sowjets dafür zu schärfen, was ein Krieg bedeuten und welche Risiken
und Verluste eine Aggression beinhalten würde. Wir brauchen Streitkräfte,
Pläne für den Eventualfall, sowie Befehls- und Kontrollkapazitäten, die die
sowjetische Führung davon überzeugen, daß kein Krieg und kein Aggressionskurs
ihrerseits, der zum Einsatz von Kernwaffen führen würde, auf welcher Angriffsskala und in welchem Stadium des Konflikts auch immer, zum Sieg führen könnte wie immer sie auch den Sieg definiert. Sie von dieser grundlegenden Wahrheit
zu überzeugen, ist die sicherste Gewähr dafür, daß sie nicht in die Versuchung
einer Aggression gerät.
Operativ erfordert unsere Strategie des Gegenzuges, daß unsere Pläne und
Kapazitäten so strukturiert werden, daß sie mehr Gewicht auf die Fähigkeit legen, strategische Kernwaffen selektiv genauso wie bei einer umfassenden Vergeltung als Antwort auf massive Angriffe auf die Vereinigten Staaten einzusetzen.
Es ist unsere Politik - und wir haben in zunehmendem Maß die Mittel und die de- 10 -

�detaillierten Pläne, um diese Politik durchzuführen -, sicherzustellen, daß
die sowjetische Führung weiß, daß wir - sollte sie irgendein mittleres
Aggressionsniveau wählen - durch selektive, umfangreiche (aber noch immer
nicht maximale) Angriffe einen unannehmbar hohen Preis in Gestalt von Dingen
erzwingen können, die die sowjetischen Führer am höchsten einzuschätzen
scheinen, nämlich die politische und militärische Kontrolle, die militärische
Macht sowohl nuklearer als auch konventioneller Art, sowie die industrielle
Kapazität, einen Krieg durchzustehen.

Bei unseren Planungen haben wir nicht

das Problem der Beendigung eines Krieges ignoriert; wir würden dies auch nicht
im Fall eines Krieges tun.

Und natürlich haben wir eine überlebensfähige und

dauerhafte Kapazität - und werden sie aufrechterhalten -, um die ganze Bandbreite von Zielen anzugreifen - einschließlich der sowjetischen Wirtschaftsbasen -, sollte dies die angemessene Antwort auf einen sowjetischen Schlag
sein.
Auf Anweisung des Präsidenten hat das Verteidigungsministerium seit 1977
an der Erhöhung der Flexibilität unserer Pläne gearbeitet, um uns der innewohnenden Kapazitäten unserer Streitkräfte zu bedienen. Wir unternehmen außerdem Schritte zur Verbesserung unserer Fähigkeit zum Unterhalt wirkungsvoller
Kommunikation sowie des Kommandos und der Kontrolle unserer Streitkräfte sogar
unter den höchst ungewissen und chaotischen Bedingungen, die bei einem Atomkrieg herrschen würden. Diese Maßnahmen sind eine große Verstärkung unserer
Abschreckung.
Diese Doktrin - ich habe es schon vorher betont - ist kein Neuanfang.
Die Vereinigten Staaten haben zu keiner Zeit eine Doktrin gehabt, die sich einfach und einzig auf reflexhafte, massive Angriffe sowjetischer Städte gründete.
Stattdessen waren unsere Pläne schon immer selektiver (Optionen, die den urban-industriellen Schaden begrenzten) und umfassender (eine ganze Bandbreite
militärischer Ziele).

Auch frühere Regierungen bis weit in die sechziger

Jahre hinein erkannten die Unangemessenheit einer strategischen Doktrin, die
uns einen zu engen Optionsspielraum gab.

Die grundlegende Prämisse der Stra-

tegie des Gegenzuges ist eine natürliche Entwicklung aus den theoretischen
Grundlagen, die sich im Verlauf einer Generation herausgebildet haben - etwa

�etwa unter den Verteidigungsministern McNamara und Schlesinger, um nur zwei
meiner Vorgänger zu nennen, die am engsten mit der Entwicklung unserer Nukleardoktrin identifiziert worden sind.
Diese Regierung erhebt nicht den Anspruch, die Notwendigkeit für eine
breite Skala der Abschreckung, für verbesserte Flexibilität, für sicheres
und verläßliches Kommando und Kontrolle unserer eigenen Streitkräfte im Fall
des Versagens der Abschreckung oder für wirkungsvollen Zieleinsatz der Streitkräfte sowie ihrer politischen Führung und militärischen Kontrolle erfunden
zu haben.
Diese Entwicklung unserer Doktrin erhöht die Abschreckung und vermindert
die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs.

Dies tut sie, weil sie - wie unsere

nuklearen Modernisierungsprogramme - die Überlebensfähigkeit unserer Streitkräfte betont und den Sowjets die Botschaft übermittelt, daß jede oder alle
Komponenten sowjetischer Macht - und nicht nur ihr urban-industrieller Komplex - im Rahmen der Vergeltung angegriffen werden könnten.
Was wir in den vergangenen dreieinhalb Jahren getan haben,war, einen genaueren Blick auf unsere Kapazitäten, unsere Doktrin und unsere Pläne zu werfen angesichts dessen, was wir über die sowjetischen Streitkräfte, ihre Doktrin
und ihre Pläne wissen. Es scheint, daß die sowjetische Führung zumindest mit
der Möglichkeit eines verhältnismäßig langen Schlagabtausches rechnet, falls
es zu einem Krieg kommen sollte; und zumindest in einigen Kreisen scheint die
theoretische Möglichkeit eines Sieges in einem solchen Krieg ernstgenommen zu
werden. Wir können es uns nicht leisten, diese Ansichten zu ignorieren, sogar
dann nicht, wenn wir anders denken - wie ich etwa. Wir brauchen - und wir
haben - eine Position sowohl hinsichtlich der Streitkräfte als auch der Doktrin,
die den Sowjets und der Welt klarmacht, daß jeder Gedanke an Sieg in einem
Atomkrieg unrealistisch ist.
.

Die Einführung unserer Strategie erfordert von uns, bei unserer operativen Planung einige Änderungen vorzunehmen - wie etwa einen graduellen Anstieg
- 12 -

�Anstieg bei Umfang, Vielfalt und Flexibilität der uns für den Fall einer
sowjetischen Aggression zur Verfügung stehenden Optionen.
ist seit 1977 bereits getan worden.

Einiges davon

Aber es muß noch mehr getan werden.

Wir müssen auch die Überlebensfähigkeit und Ausdauer unseres Befehls- und
Kontroll Systems verbessern.

Es handelt sich nicht um eine Strategie des Erstschlags.

Wir sprechen

darüber, was wir tun könnten und entsprechend der Natur eines sowjetischen
Angriffs tun würden in Beantwortung eines sowjetischen Angriffs.

Nichts

an dieser Politik faßt ins Auge, daß ein Atomkrieg ein absichtliches Instrument zur Erreichung unserer nationalen Sicherheitsziele sein könnte - denn
dies kann es nicht sein.

Aber wir können es nicht riskieren, daß die sowje-

tische Führung sich der Illusion hingibt, ein Atomkrieg könne eine Option
darstellen - oder die Drohung damit ein Mittel für sie, um Druck auszuüben.

Während wir unsere Fähigkeit und unsere Absicht erklären, einen sowjetischen Sieg - sogar unter den gefährlichsten Umständen - zu verhindern,
machen wir uns keine Illusionen darüber, was ein Atomkrieg für die Menschheit bedeuten würde.

Er würde eine unvorstellbare Katastrophe sein.

Wir sind uns auch der gewaltigen Ungewißheiten bewußt, die mit jeder
Art Einsatz von Kernwaffen verbunden sind.

Wir wissen, daß das, was als ein

angeblich kontrollierter, begrenzter Schlag anfangen würde, leicht - und
meiner Ansicht nach sogar sehr leicht - zu einem totalen Atomkrieg eskalieren
könnte.

Wir wissen außerdem, daß sogar ein begrenzter nuklearer Schlagab-

tausch gewaltige Verluste und Zerstörung mit sich bringen würde.

Aber neben

der massiven Vergeltung haben wir schon immer als Antwort auf schwerwiegende,
aber immer noch begrenzte Provokation auch andere Optionen benötigt.

Die

Ausweitung der sowjetischen strategischen Kapazität im Verlauf der letzten
zehn Jahre sowie unsere Bedenken darüber, daß die Sowjets womöglich nicht
daran glauben, daß ein Atomkrieg nicht zu gewinnen ist, stellen die Vereinigten Staaten vor die Notwendigkeit weiterer und selektiverer Vergeltungsoptionen.
Die
- 13 -

�Die Maßnahmen bei Doktrin und Planung, die wir ergreifen, verbessern
in Verbindung mit unseren Waffenmodernisierungsprogrammen die Wirksamkeit
unserer strategischen Kernwaffen angesichts der gesamten Bandbreite von Bedrohungen.

Sie verdeutlichen unsere Einstellung, wonach der beste Weg zur

Vermeidung eines Krieges ist, sicherzustellen, daß die sowjetische Führung
sich keinerlei Illusionen darüber hingibt, was ein solcher Krieg für die
sowjetische Staatsmacht und für die sowjetische Gesellschaft bedeutet.
Zusammengenommen ist unsere Strategiepolitik ein ausgewogenes Ganzes
aus Streitkrä'ftemodernisierung, ausgehandelter Begrenzung sowie überzeugender
und wirkungsvoller Abschreckungsdoktrin.

Wir haben ein einziges Ziel:

Frieden zu bewahren und die Gefahr eines Atomkrieges zu vermindern.

den

Dies ist

gleichzeitig ein militärisches, ein politisches und ein moralisches Ziel.
Wir werden auchi weiterhin eine integrierte Politik der Aufrechterhaltung und
Modernisierung unserer Streitkräfte zum Erhalt eines angemessenen Gleichgewichts verfolgen und versuchen, den Rüstungswettlauf zu stabilisieren sowie
unsere Doktrin und unsere Planung zu verbessern, um den Sowjets jede Hoffnung
auf einen Sieg in einem Atomkrieg zu rauben, wie immer sie auch einen Sieg
definieren und auf welche Ebene auch immer ein solcher Konflikt ausgetragen
werden sollte.
•

Es ist von entscheidender Bedeutung, daß unsere Politik der nuklearen
Abschreckung vom amerikanischen Volk, von unseren Freunden und Verbündeten
sowie auch von unseren Gegnern verstanden wird. Dies ist der Sinn und Zweck
dieser Rede. Es liegt vor allem an Experten wie Ihnen, diese verwickelten
und doch so bedeutsamen Politiken der nationalen Sicherheit zu verstehen und
zu erklären. Ja, dies ist eine der wichtigsten Funktionen derjenigen unter
uns, die im Rahmen der Formulierung oder der Durchführung unserer Politik den
nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten dienen.

+ + + + +

- 14-

�Information
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. August 1980

38

USA BEDAUERN STÖRUNG DER STIMME AMERIKAS DURCH MOSKAU
- Erklärung des State Department -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat die Tatsache
bedauert, daß die Sowjetunion die Störungen der Sendungen der Stimme Amerikas
sowie anderer westlicher Rundfunksender wieder aufgenommen hat. In einer Erklärung vom 20. August 1980 betonte das State Department, man könne nur den
Schluß ziehen, daß die sowjetische Maßnahme - der erste derartige Schritt
seit sieben Jahren - durch den großen Unterschied zwischen sowjetischzensierten Nachrichten und dem freien Informationsfluß aus dem Westen ausgelöst worden sei.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministeriums hat folgenden Wortlaut:
"Wir bedauern die Tatsache, daß die Sowjetunion die Störung von Sendungen
der Stimme Amerikas nach der Sowjetunion sowie anderer westlicher Rundfunksendungen zum ersten Mal seit 1973 wieder aufgenommen hat.

Diese Maßnahme der

Sowjetunion erfolgt unter krasser Mißachtung der Bestimmungen der Schlußakte
von Helsinki hinsichtlich der Verbreitung von Informationen.
Wir

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Telex: 08-85432

�Wir wissen nicht, warum die Sowjetunion diesen unglücklichen Rückschritt
getan hat, und wir wissen auch nicht, ob er zeitweiliger oder langfristiger
Natur ist.

Die Rundfunkpolitik der Stimme Amerikas hat sich im Verlaufe der

letzten sieben Jahre nicht wesentlich geändert, und man kann nur annehmen,
daß die sowjetischen Stellen in der letzten Zeit besorgt geworden sind über
die große Lücke zwischen den stark zensierten Nachrichten, wie sie dem sowjetischen Volk durch die sowjetischen Nachrichtenmedien dargeboten werden,
und den Nachrichten, wie sie die Stimme Amerikas bringt."
In einer Erklärung der Stimme Amerikas wird darauf hingewiesen, daß nicht
nur die eigenen, sondern auch die Sendungen der British Broadcasting Company
(BBC) und der Deutschen Welle gestört werden.

Man habe festgestellt, daß zu-

mindest sechs Frequenzen gestört würden, auf denen in russischer, ukrainischer
und armenischer Sprache gesendet werde.

Die Direktorin der Stimme Amerikas,

Mary Bitterman, erklärte in diesem Zusammenhang, es sei nicht an Vergeltungsmaßnahmen gedacht, da sich Amerika dem freien Fluß von Informationen verpflichtet fühle.

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�ä

a
38

Information
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. August 1980

NEUES BRENNSTOFF-SYNTHESEWERK IN KENTUCKY GEPLANT

- (AD) - Ein Kooperationsabkommen über den Bau einer Demonstrationsanlage für die Herstellung von Synthesebrennstoffen in Newman (Kentucky) wurde
vom amerikanischen Energieministerium mit dem Bundesstaat Kentucky und der
"International Coal Refining Company", einem amerikanischen Privatunternehmen,
unterzeichnet. Das 1,5-Milliarden-Dollar-Projekt kann jedoch erst nach Abschluß der Umweltbelastungsanalyse in Angriff genommen werden.
Die Anlage soll 1984 den Betrieb aufnehmen. Bei einem Tagesdurchsatz
von 5400 Tonnen stark schwefelhaltiger Kohle wird sie nach dem SRC-I-Verfahren
(SRC ist die Abkürzung für die Verfahrensbezeichnung "Solvent Refined Coal",
eine neue Methode für die Entfernung von Schwefel und anderer Beimengungen
aus Kohle) ein "sauber" verbrennendes Produkt liefern. Es kann als fester
Brennstoff verwendet oder zu flüssigen Brennstoffen weiterverarbeitet werden.
Demgegenüber wird im Werk Morgantown (Westvirginia), das gemeinsam von den
USA, der Bundesrepublik Deutschland und Japan errichtet wird, das bereits verbesserte SRC-II-Verfahren angewandt. Dieses erlaubt die direkte Umwandlung
von Kohle in flüssige Brennstoffe.

Die

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Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Die Tagesmenge, die im Werk Newman erzielt werden wird, entspricht etwa
20 000 Faß Rohöl.

Die Internationale Coal Refining Company beabsichtigt,

die Demonstrationsanlage ganz zu übernehmen, wenn sich die Methode als erfolgreich erweist, und den Betrieb zu einem großtechnischen Werk mit einer
Tageskapazität auszubauen, die 100 000 Faß Rohöl entspricht.

Während der

ersten Betriebsjahre will man zunächst weitere praktische Erfahrungen sammeln und technische, finanzielle und betriebstechnische Parameter bekommen.
Zwei weitere Demonstrationsanlagen für die Kohleumwandlung, für die das USEnergieministerium erhebliche Mittel zur Verfügung stellt, sind das Hydrierwerk von Catlettsburg (Kentucky) und ein Exxon-Betrieb in Baytown (Texas).

+ + + + +

�Information

i

31

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

38

27. August 1980

POSITIVE BILANZ DER GESCHWINDIGKEITSBEGRENZUNG

- (AD) - Seit Januar 1974 sind auf den meisten amerikanischen Fernstraßen aus Gründen der Energieeinsparung 88 km pro Stunde (55 mph) als
Höchstgeschwindigkeit zugelassen. Wie Energieminister Neil Goldschmidt
kürzlich berichtete, haben inzwischen Untersuchungen zu den Auswirkungen
dieser Maßnahme ergeben, daß pro Jahr im Durchschnitt 12,87 Milliarden Liter
Benzin weniger verbraucht wurden. Außerdem ist die Zahl der Verkehrstoten
merklich zurückgegangen. Während 1973 bei Zugrundelegung von jeweils 160
Millionen Fahrkilometern noch 4,11 tödliche Verkehrsunfälle zu verzeichnen
waren, betrug 1974 die entsprechende Durchschnittszahl 3,52; bis 1979 war
sie auf 3,35 zurückgegangen.
Fachleute schätzen, daß die Einführung der Geschwindigkeitsbeschränkung
wesentlich dazu beitrug, daß in den letzten sechs Jahren der Verkehr etwa
37 000 weniger Todesopfer forderte, als die Statistiken der Jahre vor 1974
hätten erwarten lassen. Bei Umfragen in allen Teilen der USA sprachen sich
mehr als 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung für die Beibehaltung der
Geschwindigkeitsbeschränkung aus.
+ + + + +

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Telex: 08-85432

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA entwickeln neue Flugzeug-Technologie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärungen des US-Verteidigungsministers und des Staatssekretärs für Forschung und Entwicklung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brown: Strategische Waffen schrecken vor Atomkrieg ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Verteidigungsministers vor dem Naval War College -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bedauern Störung der Stimme Amerikas durch Moskau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des State Department -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues Brennstoff-Synthesewerk in Kentucky geplant&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Positive Bilanz der Geschwindigkeitsbegrenzung</text>
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Sonderdienst
27. August 1987

REAGAN:

OFFENHEIT BEI SOWJETISCHEN MILITÄRANGELEGENHEITEN

- Rede Präsident Reagans zu Ost-West-Beziehungen -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�LOS ANGELES - (AD) - Präsident Reagan hat die sowjetische Führung zu mehr
"Glasnost" im militärischen Bereich aufgefordert und auf Schritte gedrängt,
die zum guten Willen des Kreml bei "seinen eigenen Entscheidungen bezüglich
der schwerwiegenden Abrüstungsangelegenheiten und der militärischen Position"
wie auch zu größerem Verständnis der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
beitragen würden.
In seiner am 26. August 1987 in Los Angeles gehaltenen Ansprache drängte
der Präsident die Sowjets unter anderem, das sowjetische Volk und die Welt
insgesamt über Umfang und Zusammensetzung der sowjetischen Streitkräfte zu informieren und im Obersten Sowjet die Diskussion über Militärpolitik und Waffensysteme zu eröffnen.
Nachfolgend drucken wir die Rede Präsident Reagans im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre und
ein Vergnügen heute abend bei Ihnen
zu sein. Ich danke Ihnen für diese
Gelegenheit, vor der Versammlung der
Town Hall of California sprechen zu
können, und es freut mich, daß meine
Ausführungen
gleichzeitig
bei
der
Chautauqua Konferenz in New York vernommen werden können, an der Bürger
der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion teilnehmen.
Ostküste oder
Westküste - wir alle verfolgen das
gleiche Ziel:
Einen von mehr Freiheit und Offenheit gekennzeichneten
Dialog zwischen den Völkern aller Na-

tionen zu fördern und gemeinsam die
Sache des Friedens und der Freiheit
in der Welt voranzutreiben.
Im Februar 1945, bei seinen ersten Begegnungen mit Roosevelt und
Stalin
in
Jalta,
war
Winston
Churchill von eben diesen Beweggründen geleitet.
Er hatte das Gefühl,
daß die Zeit drängte und sagte zu
seiner Tochter:
"Ich kann mir nicht
vorstellen, daß zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit der Schmerz der Welt je so groß
und so weitverbreitet gewesen ist.

�Heute abend wird die Sonne über grösserem Leid untergehen als die Welt je
zuvor gesehen hat."
Es sei nicht nur das Elend des
Zweiten Weltkriegs, das ihn entsetze,
erklärte Churchill, sondern er hege
auch große Angst, daß "...neue Kämpfe
sich aus denen ergeben könnten, die
wir erfolgreich beenden".
in bezug
auf das Treffen der Großmächte in
Jalta fügte er hinzu:
"Wenn (wir)
streiten, werden unsere Kinder zugrunde gerichtet."
Heute wissen wir, daß die Großmächte in Jalta eine Einigung erzielten; schwierige Themenkomplexe wurden
aufgeworfen und gelöst; Abkommen wurden earbeitet; im engeren Sinne war
die Gipfelkonferenz erfolgreich und
die Treffen brachten greifbare diplomatische Ergebnisse hervor.
Eines
dieser Ergebnisse war die Durchsetzung der in der Atlantik-Charta verankerten Rechte, die "die Gewähr dafür bieten wird, daß alle Menschen in
allen Ländern
ihr Leben frei von
Furcht und Not führen können". Auch
das Recht auf Selbstbestimmung der
osteuropäischen Nationen wie zum Beispiel Polen wurde so - zumindest auf
dem Papier - garantiert.
Aber nur
wenige Monate später bewahrheiteten
sich Churchills schlimmste Befürchtungen: die in Jalta verabschiedeten
Garantien für Freiheit und Menschenrechte in Osteuropa wurden zunichte
gemacht, und mit dem Ende der Demokratie in Polen wurde auch die fira
der
Zusammenarbeit
der Verbündeten
beendet.
Was darauf folgte, ist uns als
die
Nachkriegszeit
bekannt.
Eine
Zeit der Spannungen und häufig gefährlichen
Konfrontationen
zwischen
Ost und West - unser "langer Kampf im
Zwielicht der Dämmerung", wie Präsident Kennedy es bezeichnete.

Und
so traten die Großmächte,
weit davon entfernt, den Hader und
das menschliche Leid auf der Welt zu
beenden, die so große Betroffenheit
bei Churchill verursacht hatten, vor
40 Jahren in das Zeitalter des Kalten
Krieges
ein.
in
Erkenntnis
der
ernsthaften Bedrohung unserer eigenen
Sicherheit und der Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa entwarf das
Volk
der
Vereinigten
Staaten
die
Hauptbestandteile der amerikanischen
vom
Zweiparteiensystem
getragenen
Außenpolitik für die kommenden vier
Jahrzehnte.
Im Jahr 1947 wurde mit
dem Marshall-Plan der Wiederaufbau
Europas in die Wege geleitet; ebenfalls im Jahr 1947 wurde dank der
Truman-Doktrin
die
Unabhängigkeit
Griechenlands und der Türkei hergestellt und das Prinzip des Beistands
für Nationen geschaffen, die sich im
Kampf für die Demokratie und gegen
das Aufzwingen totalitärer Regime befinden.
In den seither vergangenen 40
Jahren war die Außenpolitik von acht
amerikanischen
Regierungen
und
20
Kongressen stets von einem Prinzip
geleitet: Ablehnung von Totalitarismus, Befürwortung demokratischer Reformen und der Menschenrechte sowie
der Förderung von weltweitem Wohlstand und Freiheit - und dies alles
gegründet auf eine starke Verteidigung und das entschiedene Eintreten
für unsere Verbündeten und Freunde.
Als diese Regierung ihr Amt antrat, waren wir uns dieser seit langem bestehenden ziele gewahr.
Aber
wir waren uns auch bewußt, daß sehr
viel getan werden mußte, um deren
Wirksamkeit und Resonanz wiederherzustellen.
Struktur und Zweck der
amerikanischen
Außenpolitik
waren
seit den siebziger Jahren in Auflösung begriffen.

- 2 -

�Aber während wir am Wiederaufbau
der
herkömmlichen
geradlinigen
und
mächtigen
Position der Vereinigten
Staaten in der Welt arbeiteten und
einer Außenpolitik, die mehr als 40
Jahre lang die Sicherheit der Verbündeten
gewährleistet
hatte, erneute
Wirksamkeit verleihen wollten, versuchten wir auch das Patt des Kalten
Krieges zu durchbrechen. Wir wollten
mit
neuen
Initiativen
Fortschritte
erzielen, die dazu beitragen könnten,
die Welt der Nachkriegszeit zu gestalten, wir suchten mehr als einen
unsicheren Weltfrieden auf der Spitze
des Vulkans potentieller
nuklearer
Zerstörung.
Wir suchten nach etwas
jenseits der anerkannten Einflußbereiche und spannungsgeladenen Distanz
zwischen der totalitären und der demokratischen Welt. Mit anderen Worten, wir suchten Mittel und Wege, um
die großen, die Nachkriegszeit verdunkelnden
Wolken
zu
vertreiben,
statt sie hinzunehmen:
der Gefahr
des nuklearen Holocaust und der Ausweitung der totalitären Herrschaft.
Bei der Auseinandersetzung
mit
der
nuklearen Bedrohung haben die
Vereinigten Staaten erklärt, sie verfolgten nicht länger reine Rüstungskontrolle - die Verwaltung, Begrenzung oder das kontrollierte Wachstum
bestehender Arsenale.
Anstelle dessen streben die Vereinigten Staaten
zusammen mit den NATO-Partnern einschneidende
verifizierbare
Reduzierungen dieser Arsenale an - also einen Abbau von Rüstungen und nicht nur
Rüstungskontrolle. Um dieses Ziel zu
erreichen, sind wir über den Status
quo hinausgegangen
- einen reinen
modus vivendi der Rüstungskontrolle.
Zusätzlich zur Eröffnung der Verhandlungen über den Abbau bestimmter
Waffenkategorien haben wir einen völlig neuen Weg zur Überwindung der

Angst vor einem Atomkrieg beschritten.
Wir haben ein neues Programm
verabschiedet,
um defensive
Mittel
der Abwehr eines ballistischen Raketenangriffs zu erforschen. Damit haben wir versucht, die Abschreckung
aufrechtzuerhalten, während wir uns
gleichzeitig von dem Konzept der gegenseitigen
versicherten
Zerstörung
hinwegbewegen wollten, die veraltet
ist. Wir wollten nicht länger einen
Vorteil daraus ziehen, immer mehr Offensivwaffen und immer mehr Gefechtsköpfe zu bauen, sondern die Welt von
dem Alptraum der militärischen Großmächte befreien, die sich gegenseitig
als Faustpfand nuklearer Vergeltung
in Schach halten.
Mit anderen Worten, wir haben versucht, einen Verteidigungsschild aufzubauen, der den
Einsatz
ballistischer
Raketen wirkungslos machen
soll.
Dies stand
hinter unserer Entscheidung, das SDIProgramm voranzutreiben, und ich bin
davon übereugt, es war die richtige
Entscheidung zur richtigen Zeit.
Aber bei unserem Streben nach Rüstungskontrolle
und defensiver Abschreckung haben wir niemals die Tatsache außer acht gelassen, daß Nationen nicht geteilter Meinung
sind,
weil sie bewaffnet sind; sie sind bewaffnet, weil sie bezüglich außerordentlich
wichtiger
Angelegenheiten
des menschlichen Lebens und der Freiheit geteilter
Meinung sind.
Die
grundlegenden
Unterschiede
zwischen
totalitärer und demokratischer Herrschaft sind bestehen geblieben. Wir
konnten sie weder beschönigen noch
konnten wir uns weiterhin mit den anerkannten Einflußsphären zufriedengeben, mit einer nur zur Hälfte freien
Welt.
Deshalb haben wir versucht,
die Sache der persönlichen Freiheit
bei jeder sich bietenden Gelegenheit
voranzutreiben.
Gelegentlich bedeutete dies Unterstützung der Liberalisierung, gelegentlich
Unterstützung

- 3 -

�der Befreiung.
Bei regionalen Konflikten haben
wir zum Beispiel eine neue Politik
der Unterstützung demokratischer Rebellen bei ihrem Kampf zur Durchsetzung der Selbstbestimmung und Menschenrechte in ihren Ländern ausgearbeitet - diese Theorie wurde erstmals
mit unserer Entscheidung in die Tat
umgesetzt, dem Volk von Afghanistan
bei seinem Kampf gegen die sowjetische Invasion
und Besetzung zur
Seite zu stehen.
Auf diese Theorie gründete sich
auch unsere Entscheidung, dem Volk
von Nicaragua bei seinem Kampf für
die Ziele der Revolution von 1979 zu
helfen und diese Regierung zur Einhaltung
ihres
Versprechens
zu
veranlassen,
eine
Demokratie
herbeizufüh- ren. Unsere derzeitigen
Bemühungen, die Freiheitskämpfer in
Angola zu un- terstützen, sind das
jüngste Beispiel dieser Politik.
Im Bereich der Menschenrechte haben wir direkt an die Sowjetunion appelliert.
Im Fall Andreij Sacharow
konnten wir beobachten, daß wahrer
Frieden auf der Welt nur geschaffen
werden kann, wenn die Regierungen die
Menschenrechte ihrer Bürger einhalten
und anerkennen.
In ähnlicher Weise
haben wir im Rahmen der bilateralen
Beziehungen - kulturellen und politischen Austauschprogrammen zum Beispiel - versucht, die Sowjets zu einer
Öffnung
dieser
Programme
für
größere und unterschiedlichere Gruppierungen zu bewegen.
Allen diesen Bestrebungen lag unsere Verpflichtung
gegenüber
einer
unvoreingenommenen
Bevölkerung
zum
Wesen der totalitären Herrschaft und
für das vornehmste Ziel der amerikanischen Außenpolitik zu Grunde: Frieden - ja - aber auch Weltfrieden.

Wir weigerten uns zu glauben, es käme
einer kriegerischen Handlung gleich,
den entscheidenden moralischen Unterschied zwischen Demokratie und Totalitarismus öffentlich zu verkünden.
Und in meiner Ansprache vor dem britischen Parlament im Jahr 1982, als
ich die friedliche Verbreitung der
menschlichen Freiheit zum vornehmsten
Ziel der amerikanischen Außenpolitik
erklärte, betonte ich auch, daß die
Geschichte ihre Impulse aus der Sache
der Demokratie und der Freiheit auf
der Welt herleitet. Und ich verlieh
meiner
Hoffnung Ausdruck, daß das
vermehrte
Scheitern
dirigistischer
Volkswirtschaften den Ruf nach politischen Wandel mit sich bringen würde. Mit anderen Worten, ich forderte
einen "Kreuzzug für die Freiheit",
der die Demokratie verbreiten und demokratische
Institutionen
auf
der
ganzen Welt fördern würde.
Wie ich bereits ausgeführt habe,
sind wir der Meinung, daß Bekräftigungen dieser Art in der Öffentlichkeit für die Wahrung und Verbreitung
des Friedens nicht nur vonnöten waren, sondern entscheidend zur Verringerung der Spannungen auf der Welt keineswegs deren Vergrößerung - und
der Verwirklichung des Friedens beitragen.
Unvoreingenommenheit
und
Realismus bezüglich der Sowjets haben
zum Friedensprozeß beigetragen; sie
dienten als Signal für unsere sowjetischen Gegenspieler, jeder Versuchung zur Ausnutzung westlicher Illusionen zu widerstehen, da solche Illusionen nicht länger vorhanden sind.
Unsere Außenpolitik ist also der
Versuch gewesen, sowohl die herkömmlichen Elemente der
amerikanischen
Nachkriegsstrategie erneut zu bekräftigen als auch die Theorien der gegenseitigen
versicherten
Zerstörung
oder Eindämmung zu überwinden - es
war unser Ziel, den toten Punkt, an

- 4 -

�dem wir angelangt waren, zu überwinden und eine Vorwärtsstrategie zu erarbeiten - eine Vorwärtsstrategie für
den Weltfrieden und für die Freiheit
auf der Welt.
Wir haben die Abschreckung oder
Eindämmung nicht aufgegeben - aber in
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten haben wir etwas gesucht, das noch
über diese Theorien hinausgeht. Wir
haben die Abschaffung der nuklearen
Bedrohung und das Ende der Bedrohung
durch den Totalitärismus angestrebt.
Heute können wir beobachten, wie
diese Strategie - eine Stratgie der
Hoffnung - in der Praxis Anwendung
findet. Die Reduzierung von Nuklearwaffen rückt in greifbare Nähe. Die
Strategische
Verteidigungsinitiative
(SDI) nimmt Gestalt an, und unser Angebot, den Nutzen der strategischen
Verteidigung zu teilen, bleibt für
alle bestehen, einschließlich der Sowjetunion. Bei regionalen Konflikten
wie in Afghanistan und Mittelamerika
haben die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten bisher allzuwenig echte
Bereitschaft zum Frieden mit wahrhafter Selbstbestimmung für ihre Völker
gezeigt.
Aber die Freiheitskräfte
nehmen beständig an Stärke zu und
üben immer größeren Druck auf die totalitären Kräfte aus. Der Weg zu einem von Freiheit getragenen Frieden
steht offen, wenn Moskau sich dazu
entschließt, anderen keine sogenannten Revolutionen mehr aufzuzwingen.
In einem anderen Bereich teilen
wir das Interesse der Sowjetunion an
einer politischen Beilegung des Krieges zwischen Iran und Irak; wir hoffen, daß wir trotz unserer Differenzen gemeinsam darauf aufbauen können.
Und schließlich können wir in der Sowjetunion
selbst
eine
Tendenz
zu
größerer Offenheit beobachten, vielleicht sogar zu Fortschritten bei der

Wahrung der Menschenrechte
wirtschaftlichen Reformen.

und

zu

All diese Entwicklungen beschäftigen uns; wir denken über Ihre Bedeutung nach; wir fragen uns, ob wir
tatsächlich in eine neue Phase der
Ost-West-Beziehungen eintreten.
Ist
eine
weitreichende
und
dauerhafte
Veränderung
der
spannungsgeladenen
Distanz der Nachkriegszeit jetzt möglich?
Haben wir endlich jene Gelegenheit zur Beendigung der Leiden des
20. Jahrhunderts, die Churchill stets
vor Augen hatte?
Dies
sind
zweifelsohne
unsere
Hoffnungen.
Ehrlicherweise
müssen
wir jedoch zuzugeben, daß wir auch
von Ängsten und tiefen Sorgen erfüllt
sind.
Und während wir die interessanten Veränderungen in der Sowjetunion anerkennen, wissen wir auch,
wie weit die Sowjets noch immer von
jedwedem westlichen Vorbild der Demokratie entfernt sind.
Wir wissen,
was eine echte Demokratie ausmacht;
wir verstehen deren eigentliche Bedeutung.
Demokratie beinhaltet das Prinzip
der Rechtsstaatlichkeit für die politisch Verantwortlichen ebenso wie für
die Bürger.
Hierzu gehört die Begrenzung der Macht des Staates über
das Volk. Unter Demokratie verstehen
wir geordnete Diskussionen und bedeutungsvolle Abstimmungen.
Demokratie bedeutet Befreiung für die Gefangenen aus der Leibeigenschaft einer herrschenden Elite, die von sich
behauptet, die Wünsche des Volkes
besser zu kennen als das Volk selbst.
Trotz
der
derzeit
bestehenden
Hoffnung gibt es immer noch Unsicherheiten. Daher sind wir uns der Tatsache bewußt, daß wir uns mit der
Sowjetunion auseinandersetzen müssen,
so wie sie war und wie sie heute ist,

- 5 -

�und nicht, wie wir sie uns wünschen.
Und dennoch können wir uns damit
nicht zufrieden geben. Die sich uns
bietende Gelegenheit ist zu großartig, um sie einfach verstreichen zu
lassen.
Darum haben wir im vergangenen Jahr unsere eigenen Erwartungen
zur Herausforderung für die Sowjets
gemacht - als Mittel, uns und der
Welt zu beweisen, wie ernst sie es
mit den grundlegenden Verbesserungen
meinen.
Aus diesem Grund haben wir
Wegweiser
und
Hinweisschilder
für
bessere Beziehungen mit der Sowjetunion aufgestellt.
Seit zwei Jahren haben wir die
Sowjets gedrängt, sich an Diskussionen über ein gemeinsames Vorgehen bei
der Umrüstung auf eine defensive Abschreckung zu beteiligen, die niemand
bedroht. Im April dieses Jahres haben wir dazu aufgerufen, einen Termin
für den raschen und vollständigen Abzug aus Afghanistan noch in diesem
Jahr festzusetzen; im Juni forderten
wir die Sowjets auf, gemeinsam mit
uns die Teilung Berlins erträglicher
zu machen und mit dem Abriß der Mauer
zu beginnen; im Juli drängten wir die
Sowjets,
die
Selbstbestimmung
der
Völker in Osteuropa anzustreben und
die
Breschnew-Doktrin
aufzuheben.
Dies sind natürlich bedeutsame demokratische
Schritte.
Aber
Schritte
wie diese sind für eine grundlegende
Verbesserung der Beziehungen zwischen
Ost und West unerläßlich.
Heute möchte ich der sowjetischen
Führung einen weiteren Schritt vorschlagen,
einen
realistischen
Schritt, der unseren Bemühungen um
einen Abbau der Rüstungen sehr förderlich wäre.
Wir stehen kurz vor
einem historischen Abkommen, das eine
ganze
Waffenkategorie
abschaffen
könnte. Wenn es unterzeichnet wird,
werden wir uns nicht auf Vertrauen

verlassen, sondern darauf, was wir
mit unseren eigenen Augen über dessen
Verwirklichung sehen können. Wie die
Russen sagen, "Dowerjai no Prowerjai"
- vertraue, aber prüfe. Und das werden wir tun.
Aber wirksame Verifikation erfordert mehr als ausschließlich technische Mittel.
Selbst Vor-Ort-Inspektionen sind kein Allheilmittel, besonders jetzt, da wir uns mit dem
ehrgeizigen Vorhaben der Rüstungskontrolle befassen. Wir müssen die Einhaltung bestehender Abkommen anstreben, die allzu häufig von der Sowjetunion verletzt werden. Wir benötigen
auch mehr Offenheit, eine Abkehr von
der Geheimniskrämerei, von der die
sowjetischen
Militärangelegenheiten
so lange gekennzeichnet waren.
Ich sage der sowjetischen Führung: Es ist an der Zeit, für etwas
"Glasnost" in Ihrem militärischen Bereich.
Veröffentlichen sie erstens
eine genaue Aufstellung Ihrer Militärausgaben, ebenso wie wir das tun.
Geben Sie zweitens dem sowjetischen
Volk und der Welt den Umfang und die
Zusammensetzung
der
sowjetischen
Streitkräfte
bekannt.
Stellen Sie
drittens im Obersten Sowjet die grossen Fragen der Militärpolitik
und
Waffensysteme zur Diskussion, genau
wir wir das tun. Diese Schritte würden
zu einem besseren Verständnis
zwischen uns beitragen, und auch zu
einer
positiven
Bewertung
unserer
Entscheidungen über die schwerwiegenden Abrüstungsangelegenheiten und der
militärischen Position führen.
Das
unmittelbare
Abrüstungsprogramm ist klar. Wir können eine Vereinbarung über Mittelstreckenraketen
zügig unter Dach und Fach bringen.
Es gibt Fragen, die noch geklärt werden müssen.
Unsere Delegation in
Genf hat bereits den Weg zur Verein-

- 6 -

�fachung der Verifikationsbestimmungen
geebnet, nachdem wir uns auf die
vollständige
Beseitigung
amerikanischer und sowjetischer Mittelstrekkenwaffen verständigt haben.
Wir
haben ebenfalls wiederholt
darauf hingewiesen, daß die in letzter Minute nachgeschobene Forderung
der Sowjets bezüglich der deutschen
Pershing lA-Raketen jeder Grundlage
entbehrten.
Bundeskanzler Kohl hat
heute sogar dieses künstliche Hindernis beseitigt. Wir haben deshalb die
Hoffnung, daß die Sowjetunion den Beweis antreten wird, ob hinter der in
letzter Zeit so oft wiederholten Rhetorik Substanz steckt - und sie wirklich eine stabilisierende Vereinbarung über Mittelstreckenwaffen will.
Falls dem so ist, wird sie auf unsere
Vorschläge
konstruktiv
antworten,
statt vor einer Vereinbarung zusätzliche Hindernisse in den Weg zu legen.
Wir müssen ferner zügig auf das
Ziel einer 50prozentigen Reduzierung
der strategischen Nuklearwaffen hinarbeiten, worauf Herr Gorbatschow und
ich uns im vergangenen Herbst in
Reykjavik geeinigt haben.
Das wäre
eine großartige Leistung.
Lassen Sie mich kurz auf etwas
eingehen, das die Sache all dieser
Verhandlungen voranbringt. Ich glaube, es ist von vorangiger Bedeutung,
daß sich westliche Berichterstatter
und Redakteure die wirkliche Leistung
dieser Verhandlungen vor Augen führen.
Ich möchte zum Beispiel darauf
hinweisen, daß das Wirtschaftsmagazin
"The Economist" kürzlich einen Artikel nach dem Motto "Ob Sie das glauben wollen oder nicht" veröffentlichte, in dem es seine Leser daran erinnerte, daß es ja die Vereinigten
Staaten waren, die als erste die
Null-Lösung
bei
den
Verhandlungen
- 7

über Mittelstreckenwaffen und den 50prozentigen Abbau der strategischen
Waffen vorschlugen.
Ich würde ganz
einfach sagen:
Je eher die Sowjets
begreifen, daß ihre Versuche, die Medien in bezug auf diese Verhandlungen
zu manipulieren, zum Scheitern verurteilt sind, umso größer sind die
Chancen, schließlich zu einer Unterzeichnung
der Vertragsdokumente
zu
kommen.
Wie den meisten von Ihnen bekannt
sein wird, stehen daher bei unseren
Verhandlungen mit den Sowjets vier
Punkte auf unserer Tagesordnung: Menschenrechte, Rüstungskontrolle, Lösung regionaler Konflikte, und bilaterale Themenkomplexe. Wir müssen in
allen Punkten Fortschritte erzielen,
wenn sich die Beziehungen insgesamt
fortschrittlich
entwickeln
sollen.
Lassen sie mich auf unsere ernste
Sorge über die sowjetischen Aktionen
in einem dieser Bereiche hinweisen:
regionale Konflikte.
Es ist eine
Tatsache, daß die sowjetischen Besatzungstruppen
in
Afghanistan
immer
noch einen Krieg der wahllosen Bombardierung und des Massakers an der
Zivilbevölkerung
gegen
ein
moslemisches Volk führen, dessen einziges
Verbrechen in der Liebe zu ihrem Land
und ihrem Glauben besteht.
In Mittelamerika wurden die Waffenlieferungen aus Ländern des Ostblocks im vergangenen Jahr rapide gesteigert, und
zwar um mehr als 100 Prozent.
Während also die Sowjetunion über
Reformen im eigenen Land spricht, hat
sie ihre Bemühungen verdoppelt, anderen ein zum Scheitern verurteiltes
System aufzuzwingen.
Ich möchte betonen, daß es eine Gewissensfrage gegenüber dem Westen ist, solche Aktionen klar und deutlich anzusprechen,
und daß die sowjetischen Aktionen in
diesem Bereichen der Politik mit der
allergrößten Sorge beobachtet werden.

�Ich kann diesen Punkt nicht genug betonen.
Aber lassen Sie mich nochmals unterstreichen, daß der Fortschritt,
den wir in den Ost-West-Beziehungen
beobachten konnten, von der neuen in
die amerikanische Außenpolitik eingebrachten Stärke und Entschlossenheit
sowie
der
Geradlinigkeit
unserer
Friedensinitiativen
herrührt.
Wir
beobachten
ferner
eine
sowjetische
Führung, die eher bereit zu sein
scheint, die Probleme anzusprechen,
die Ost und West seit so langer Zeit
getrennt haben, und die Abkommen zum
beiserseitigen Nutzen anstrebt.
Vielleicht ist das Wachstum der
Demokratien in der ganzen Welt das
endscheidende Maß
für diese neuen
Entschlossenheit.
Noch
vor
einem
Jahrzehnt wurde die Demokratie in
ganz Lateinamerika angegriffen - heute leben mehr als 90 Prozent der Lateinamerikaner in Staaten, die bereits demokratisch
sind oder sich
entschlossen darauf zubewegen.
Eine kürzliche Sitzung der Vollversammlung
der Vereinten Nationen
über Afrika rief zu mehr persönlicher
Freiheit und einer Verminderung der
Regierungsgewalt auf, um den wirtschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. In den vergangenen Jahren konnten wir ebenfalls erhebliche Fortschritte in Richtung auf eine Demokratisierung
in Nationen
wie
den
Philippinen und Süd-Korea beobachten.
Sogar ein Land wie China hat Offenheit für wirtschaftliche Reformen gezeigt.
Vor allem sind die althergebrachten Lösungensvorschläge des 20. Jahrhunderts zur Minderung der Leiden in
der Welt - Lösungen, die nach immer
mehr Regierungsgewalt in den Händen
einer immer kleineren Elite rufen -

überall unter Beschuß geraten, besonders bei den Intellektuellen.
Die
neue Idee eines Zusammenhangs zwischen
wirtschaftlicher
und
politischer Freiheit als dem Hauptinstrument des sozialen Fortschritts findet
immer mehr Anklang.
Wenn
ich
auf
die
verangenen
sechseinhalb Jahre zurückblicke, muß
ich mir einfach die tiefgreifenste
Veränderung vor Augen führen, die ich
beobachten konnte:
die aufregenden
und neuen Aussichten für die Sache
der Demokratie. Es überwiegt ein Gefühl der Stärke und Hoffnung; die
Planwirtschaft hat bei den Intellektuellen
an Attraktivität verloren;
und überall streben die Nationen und
Völker nach der Erfüllung ihres jahrhundertealten Strebens nach Selbstverwaltung und Selbstbestimmung.
Vielleicht werden wir uns endlich
über das Stadium der spannungsgeladenen Distanz der Nachkriegszeit hinaus
entwickeln, und das in Jalta zwar
eingegangene aber nie gehaltene Versprechen erfüllen. Vielleicht ist es
nicht zu viel verlangt, einen ersten
Schritt hin zu demokratischer Herrschaft und freien Wahlen zu verlangen. Und ich hoffe, dieses Thema bei
der Vollversammlung der Vereinten Nationen noch ausführlicher vortragen
zu können.
Wir könnten dann den Augenblick
erleben, den Churchill damals vorhergesehen hat; den Augenblick, in dem
die Welt die Gelegenheit wahrnehmen
könnte, die sie vor vier Jahrzehnten
versäumt hat; die grenzenlose Freiheit zu erlangen; eine Gelegenheit,
die
schrecklichen
Leiden
des 20.
Jahrhunderts und die zweifache Bedrohung eines nuklearen Krieges und der
totalitären
Ideologie
zu
beenden.
Vor
allem
die
Gelegenheit,
die
Menschheit wachsen und gedeihen zu

- 8 -

�sehen in einer Regierungsform, die
Churchill von allen schlechten Regierungsformen als die beste bezeichnete: Demokratie.
Dies
ist die Gelegenheit, die
sich uns bietet; wir müssen sie jetzt
ergreifen, für uns und für zukünftige
Generationen.
Vielen Dank und Gott schütze Sie.

* * * * *

- 9 -

�</text>
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                <text>Reagan: Offenheit bei sowjetischen Militärangelegenheiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Reagans zu Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Nummer

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

37

2 7 . September 1973

Inhalt
DOKUMENTATION
Rede von A u ß e n m i n i s t e r K i s s i n g e r v o r d e r UN-Vollversammlung
- Wortlaut -

Kissinger und Europa
- Fragen und Antworten vor dem Außenpolitischen Senatsausschuß

HINTERGRUNDMATERIAL
Die neue Zusammenarbeit in der Außenpolitik der USA
- Außenminister und Kongreß kamen sich näher Von Marie H. Koenig
Die wachsende Energiekrise und der Mittlere Osten
Staatssekretär William J. Casey fordert mehr Zusammenarbeit der ErdölVerbraucherländer

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Pioniere an der Weltraumfront
Unternehmen SKYLAB II nach 59 Tagen glücklich beendet
Von G. Weiss
V e r b e s s e r t e Technik f ü r den Hochseefunk
Abwasserkodex f ü r e i n z e l n e I n d u s t r i e b r a n c h e n
US-Umweltschutzbehörde g i b t e x a k t e R i c h t l i n i e n f ü r den Gewässerschutz

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�a m e r i k a dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Dokumentation

300

T e I e x : 08 - 8 54 32

37/1973

REDE VON AUSSENMINISTER KISSINGER VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG
- Wortlaut -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der neue Außenminister der Vereinigten
Staaten, Dr. Henry Kissinger, hat am 24. September vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen eine Rede gehalten, in der er den politischen Kurs seines
Landes absteckte. Die Ansprache hat folgenden Wortlaut

"Herr Präsident, Herr Generalsekretär, sehr geehrte Delegierte, meine
Damen und Herren:

Als erstes möchte ich mich mit meinen Glückwünschen denen anschließen,
die bereits dem Botschafter von Ecuador, Leopold Benites, zu seiner Wahl zum
Präsidenten der Vollversammlung gratuliert haben. Seine langjährigen Erfahrungen
in den Vereinten Nationen, seine zahlreichen Beiträge zum Völkerrecht und dem
interamerikanischen System sind eine Gewähr dafür, daß diese 28. Vollversammlung
von einer überragenden Persönlichkeit geleitet wird.

Ich trete - nachdem ich erst vor zwei Tagen in meinem Art bestätigt worden
bin - hier vor Sie als der wahrscheinlich jüngste Außenminister der Welt hin.
Daß Präsident Nixon mich beauftragte, als meine erste Amtshandlung hier vor
den Vereinten Nationen zu sprechen, bekräftigt erneut die große Bedeutung, die
die Vereinigten Staaten den Werten und Idealen der Weltorganisation beimessen.
Es
- 1-

�»

Es wäre töricht, hier zu bestreiten, daß das amerikanische Volk, gleich
vielen anderen Völkern, oftmals enttäuscht war, weil diese Organisation nicht
mehr Erfolg dabei hatte, die Hoffnungen ihrer Gründer auf einen weltweiten
Frieden zu konkretisieren.

Aber trotz unserer Enttäuschungen stehen die Vereinigten Staaten weiterhin
zu dem Ziel einer Weltgemeinschaft. Wir werden fortfahren, in diesem Parlament
der Menschheit darauf hinzuarbeiten, dieses Ziel zu verwirklichen.

Vor zwei Jahrhunderten sagte der Philosoph Kant voraus, daß es eines
Tages zu einem ewigen Frieden kommen werde - entweder als Folge des moralischen
Strebens der Menschen oder als Folge einer physischen Notwendigkeit. Was damals
utopisch erschien, dürfte morgen zur Realität werden; bald wird es keine Alternative mehr geben. Uns bleibt nur die Wahl, ob durch unseren Weitblick die
Welt geschaffen wird, wie sie der Charta vorschwebt, oder ob es aufgrund unserer
Kurzsichtigkeit zur Katastrophe kommen wird.

Die Vereinigten Staaten haben sich entschieden. Mein Land strebt einen
echten Frieden, nicht nur einen Waffenstillstand an. Wir wollen eine Welt, in
der die Herrschaft des Rechts regiert und in der die grundlegenden Menschenrechte allen an der Wiege mitgegeben werden. Unabhängig von der bilateralen
Diplomatie, den pragmatischen Abkommen und den dramatischen Schritten der
letzten Jahre schwebt uns ein umfassender, institutionalisierter Friede vor ein Friede, für dessen Förderung und Verankerung in den Herzen der Menschen
diese Organisation einzigartige Voraussetzungen mit sich bringt.

Von diesem Geiste wird die amerikanische Außenpolitik geleitet sein.

Diese Haltung wird unsere Arbeit in dieser Organisation bestimmen.

Wir können auf der Grundlage solider Fortschritte aufbauen. Viele der
Krisen, die frühere Vollversammlungen belasteten, liegen hinter uns. Es wurden
Abkommen über Berlin geschlossen; es herrscht Waffenruhe im Nahen Osten; der
Vietnam-Krieg ist beendet worden. Die starre Konfrontation, die ein Viertel-

�•

ViertelJahrhundert lang das Leben der Völker bestimmt und diese Organisation
geschwächt hat, ist gemildert worden.

Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion besteht jetzt ein
gemeinsames Interesse daran, eine nukleare Katastrophe zu verhindern und ein
weitgespanntes Netz konstruktiver Beziehungen zu schaffen. Die Gespräche über
eine Begrenzung der strategischen Rüstungen haben bereits zu historischen Abkommen geführt, die auf eine Verlangsamung des Wettrüstens und die Gewährleistung
einer strategischen Stabilität abzielen; wir haben heute die Verhandlungen über
dieses Thema wieder aufgenommen. Die positiven Ergebnisse, die wir uns erhoffen,
werden die Sicherheit der gesamten Menschheit stärken.

Nach zwei Jahrzehnten der Entfremdung zwischen den Vereinigten Staaten
und der Volksrepublik China ist es zu einem konstruktiven Dialog und einem produktiven Austausch gekommen. Präsident Nixon ist mit den führenden Männern jenes
Landes zusammengetroffen; wir haben einem historischen Kommunique zugestimmt,
das ehrlich unsere Meinungsverschiedenheiten und unsere gemeinsamen Prinzipien
aufzeigt; und jeder hat ein Verbindungsbüro in der Hauptstadt des anderen errichtet.

Viele andere Länder haben die Initiative ergriffen und - in der Substanz
wie im Geist - zur Milderung der Spannungen beigetragen. Die Länder Europas
und Nordamerikas nehmen gegenwärtig an einer Konferenz zur Förderung von Sicherheit und Zusammenarbeit teil. Die beiden deutschen Staaten haben ihren Platz
in dieser Vollversammlung eingenommen.

Indien, Pakistan und Bangladesch haben damit begonnen, Fortschritte in
Richtung auf eine begrüßenswerte Aussöhnung zu machen. Nord- und Südkorea stehen
endlich in einem Dialog, von dem wir hoffen, daß er zu einer neuen Ära des
Friedens und der Sicherheit unter uns führen wird.

So solide diese Erfolge auch sein mögen, so haben sie doch die Gefahren
und Spaltungen, das Erbe der Nachkriegszeit, lediglich etwas entschärft. Wir

- 3-

�Wir haben zahlreiche Konfrontationen des kalten Krieges beendet; doch selbst
in diesem Raum ist das Vokubular des Argwohns noch vorhanden. Die Milderung
der Spannungen wird von manchen lediglich als ein taktisches Zwischenspiel
vor einem erneuten Kampf betrachtet. Andere argwöhnen, daß.ein ZweimächteKondomini um im Anbruch sei.

Und nachdem die Spannungen zwischen den beiden

ursprünglichen Blöcken nachgelassen haben, nimmt eine dritte Gruppe immer
stärker die Züge eines eigenen Blocks ah - der Block der Blockfreien.

So befindet sich die Welt in einem unsicheren Schwebezustand zwischen
alten Schlagworten und neuen Realitäten - zwischen der Auffassung, daß der
Friede nichts als eine Pause in einem endlosen Kampf sei, und der Vision von
einem Frieden, die eine weltweite Zusammenarbeit verheißt.

Im Jahre 1946 hat James Byrnes - der erste amerikanische Außenminister,
der vor dieser Vollversammlung eine Rede hielt - darüber gesprochen, wie die
Vereinten Nationen dazu beitragen könnten, das übliche Denken in Begriffen
nationaler Isolierung zu überwinden und Fortschritte in Richtung auf 'eine
weltweite Verständigung und Toleranz zwischen allen Völkern' zu machen.

Die Vereinigten Staaten werden sich niemals mit einer unsicheren Waffenruhe gegenseitig aufwiegender Blöcke und einer Anpassung je nach Lage zufrieden
geben. Wir wissen, daß Stärke unterwürfige Passivität erzwingen, aber nur
Gerechtigkeitssinn Übereinstimmung erreichen kann. Wir sind überzeugt, daß
ein Bau, der die menschlichen Werte ignoriert, sich als kalt und leer erweisen
und den meisten Menschen keine Erfüllung bringen wird.

Die Vereinigten Staaten sind der festen Auffassung:

- daß Gerechtigkeit nicht durch nationale Grenzen eingeengt werden darf;
- daß Wahrheit universal und nicht ausschließliches Eigentum eines Volkes,
einer Gruppe oder einer Ideologie ist;
- daß Mitgefühl und Menschlichkeit all unserer Unternehmungen beflügeln
muß.
In

�In diesem Geiste rufen wir die Vollversammlung auf, gemeinsam mit uns
von Entspannung zur Zusammenarbeit, von Koexistenz zur Gemeinschaft weiterzuschreiten.

Wir müssen auf unserem Weg mit der Welt, wie sie jetzt ist, und mit den
Fragen, die heute vor uns liegen, beginnen. Die Vereinigten Staaten werden
keine Anstrengungen scheuen, um die Spannungen weiter abzubauen und zu einer
größeren Stabilität zu kommen.

- Wir werden im Geiste des Kommuniques von Shanghai mit unserer Suche nach
einer neuen Beziehung zur Volksrepublik China fortfahren.

- Wir werden uns um die Förderung positiver Entwicklungen in anderen
Teilen Asiens bemühen.

Der unsichere Friede in Indochina muß gestärkt werden; die Völkergemeinschaft der Welt kann sich keinen Rückfall in einen Krieg in diesem Raum leisten
und ihn auch nicht zulassen.

- Wir werden weiterhin nachdrücklich den Aufbau konstruktiver Beziehungen
zur Sowjetunion betreiben.

- Wir werden uns um die Förderung der Aussöhnung in Europa bemühen. Bei
den im nächsten Monat beginnenden Verhandlungen werden wir eine Reduzierung
der Streitkräfte anstreben, die in diesem geteilten Kontinent einander so lange
gegenüber gestanden haben.

- Wir werden unserer Politik der Partnerschaft auf der westlichen Hemisphäre neue Dynamik verleihen.

- Wir werden unser Versprechen einlösen, die Selbstbestimmung, die wirtschaftliche Entwicklung und die Menschenwürde überall auf dem afrikanischen
Kontinent zu fördern.

- 5-

- Wir

�- Wir werden die Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen
mit Nachdruck vorantreiben. Wir erachten diese Gespräche als von entscheidender
Bedeutung für die Sicherheit und die Stabilität in dieser Epoche.

- Wir werden nach Lösungen für das weltweite Problem der konventionellen
Waffen suchen, das an unseren Hilfsguellen zehrt und die Feuer lokaler Konflikte
schürt.

Diese Anstrengungen seitens der Vereinigten Staaten werden von folgenden
Grundprinzipien geleitet sein:

- Wir haben nicht den Wunsch zu beherrschen. Wir werden - so wie wir dies
in diesem Jahrhundert immer getan haben - jedem Land entgegentreten, das sich
für einen solchen Weg entscheidet. Wir sind nicht aufgefordert worden,uns an
einem Kondominium zu beteiligen; wir würden eine solche Aufforderung zurückweisen, falls sie an uns gerichtet werden sollte.

- Wir werden niemals unsere Verbündeten oder unsere Freunde im Stich
lassen. Die Stärkung unserer traditionellen Bindungen bildet die unerläßliche
Voraussetzung für die Entwicklung neuer Beziehungen zu früheren Gegnern.

- Wir werden durch die Vereinten Nationen wie auch durch bilaterale
Beziehungen für den Frieden arbeiten.

Wir sind uns unserer besonderen Verpflichtung als ständiges Mitglied
des Weltsicherheitsrates bewußt, die Suche nach gerechten Lösungen in den
Teilen der Welt zu unterstützen, die wie gegenwärtig der Nahe Osten von Zank
und Streit heimgesucht werden. Auch wenn wir die Anstrengungen der direkt Betroffenen nicht ersetzen können, so sind wir doch bereit, unseren Einfluß
geltend zu machen, um einen Geist des Ausgleiches zu schaffen und die Beteiligten
zu praktischem Fortschritt zu ermutigen.

Aber Fortschritte in den traditionellen Tagesordnungspunkten sind nicht
genug. Je mehr Erfolg wir bei der Lösung politischer Probleme haben, umso

�umso mehr andere und vielleicht größere Aufgaben ergeben sich. So wie die Welt
stabiler wird, müssen wir uns der Frage der Ziele der Entspannung zuwenden.
So wie die Gefahr des Krieges zurückgeht, so erhält das Problem der Lebensqualität noch mehr Dringlichkeit und Bedeutung.

Wir sind Mitglieder einer Weltgemeinschaft, die durch die moderne Wissenschaft, die moderne Technologie und die neuen Kommunikationsformen tatsächlich
so eng zusammengerückt ist, daß wir dafür politisch noch nicht vorbereitet sind.
Die Technologie übersteigt tagtäglich die Fähigkeit unserer Institutionen, mit
ihren Ergebnissen fertig zu werden. Unser politischer Einfallsreichtum muß
mit unseren wissenschaftlichen Visionen Schritt halten. Das ist gleichzeitig
die größte Aufgabe und die größte Chance dieser Organisation:

Die Verschmutzung von Luft, Wasser und Erde ist ein weltweites Problem.

Der gestiegene Getreideverbrauch hat zu einem Abbau der Lebensmittelreserven der Welt auf einen gefährlich niedrigen Stand geführt.

Die Nachfrage nach Energie übersteigt das Angebot und die Notwendigkeit
technologischer Neuerungen ist vordringlich.

Die Expansion der Weltwirtschaft wird durch restriktive Handelsblöcke
und ein internationales WährungsSystem behindert, das nicht flexibel genug
ist.
Die Ausbeutung der Hilfsquellen des Meeresbettes, die zur Deckung des
Bedarfs der schnell wachsenden Bevölkerungszahl notwendig ist, erfordert eine
weltweite Zusammenarbeit und darf nicht in weltweiten Streit ausarten.

Aufgaben einer solchen Größenordnung können nicht von einer Welt gelöst
werden, die in sich selbst abschließende Nationalstaaten oder in starre Blöcke
aufgespalten ist.

Ich
- 7-

�/

Ich habe nicht die Absicht, heute auf das gesamte Gebiet der internationalen
Zusammenarbeit einzugehen. Vielmehr werde ich kurz einige besonders anschauliche
Gebiete gemeinsamen Handelns streifen. Ich versichere, daß die Vereinigten Staaten
bereit sind, diese Probleme gemeinsam zu lösen und Vorschläge zu ihrer Lösung
vorzulegen:

1. Eine Weltgemeinschaft verlangt die Eindämmung von Konflikten.

Die Vereinten Nationen sind in ihrer 28jährigen Geschichte auf diesem
Gebiet nicht immer müßig gewesen. In Indochina, auf dem indischen Subkontinent,
im Nahen Osten, im Kongo und auf Zypern haben sie bewiesen, daß sie wirksame
Ermittlungs-, Schlichtungs- und Friedensmissionen durchführen können. Dieser
zentrale Aspekt der Arbeit der Vereinten Nationen muß gestärkt werden. Auf
einem kleinen Planeten, der technologisch so miteinander verbunden und wirtschaftlich so interdependent ist, können wir uns den ständigen Ausbruch von Konflikten
und die Gefahr ihrer Ausbreitung nicht länger leisten,
4

Trotzdem haben wir es in den letzten Jahren erlebt, daß wir uns in nutzlosen Debatten über die Durchführung von Friedensmissionen und das Maß der Kontrolle verstrickt haben, die der Weltsicherheitsrat über den Friedensapparat
ausüben sollte - ein toter Punkt, der lediglich sicherstellte, daß ein ständiger
Friedensapparat nicht zustande kam. Jede Einheit zur Erhaltung des Friedens,
diewir aufgestellt haben, um eine Krise zu meistern, war eine Improvisation,
Argument und Kontroverse entstand.

Wir dürfen nicht länger zögern. Es ist an der Zeit, daß wir uns auf Richtlinien für die Erhaltung des Friedens einigen, damit diese Organisation bei
künftigen Krisen rasch, zuverlässig und wirksam handeln kann. Zur Überwindung
des toten Punktes sind die Vereinigten Staaten bereit, sich zu überlegen, wie
der Weltsicherheitsrat bei der Durchführung von Friedensmissionen eine zentralere
Rolle übernehmen kann. Wenn alle Länder, die es angeht, an das Problem mit dem
Wunsche herantreten, eine gemeinsame Lösung zu erreichen, dann können die Vereinten Nationen auf dieser Sitzung einen wichtigen Schritt vorwärts tun.

2. Eine

�2. Eine Weltgemeinschaft muß die größtmögliche Zahl von Mitgliedern haben.

Der Ausschluß eines qualifizierten Staates verwehrt nicht nur Regierungen,
sondern auch Völkern eine Vertretung. Die Mitgliedschaft in diesem Gremium
sollte ein Schritt in Richtung auf eine Aussöhnung sein und nicht eine Quelle
des Konflikts. Es ist an der Zeit, daß Nord- und Südkorea ihre ihnen hier zustehenden Plätze angeboten werden, ohne daß dadurch eine künftige Entwicklung
in Richtung auf einen Zusammenschluß präjudiziert wird.

In diesem Geist unterstützen wir auch die ständige Mitgliedschaft Japans
im Weltsicherheitsrat.

3. Eine Weltgemeinschaft muß sicherstellen, daß alle ihre Völker ausreichend ernährt werden.
Die zunehmende Gefährdung der Lebensmittelversorgung der Welt erfordert,
daß sich diese Vollversammlung vordringlich damit befaßt. Seit 1969 ist der
weltweite Getreideverbrauch rascher gestiegen als der Ernteertrag. Die Vorräte
sind auf dem niedrigsten Stand seit Jahren angelangt. Wir stehen heute vor der
Aussicht, daß die Welt - selbst bei Rekordernten - ihre stark zurückgegangenen
Vorräte in diesem Jahrzehnt nicht wieder auffüllen kann.

Kein Land

kann dieses Problem allein meistern. Die Vereinigten Staaten

schlagen daher vor:
- daß 1974 unter den Auspizien der Vereinten Nationen eine Welternährungskonferenz einberufen wird, um Mittel und Wege zur Gewährleistung einer ausreichenden Lebensmittelversorgung zu erörtern und die Anstrengungen aller Länder
nutzbar zu machen, um Hunger und Unterernährung als Folge von Naturkatastrophen
zu bekämpfen;

- daß Länder, die dazu in der Lage sind, technische Hilfe zur Konservierung
von Lebensmitteln anbieten. Die Vereinigten Staaten sind bereit, gemeinsam mit
anderen solche Hilfe zu gewähren.
4. Eine
- g-

�f

4. Eine Weltgemeinschaft darf nicht in ewig reiche und ewig arme Länder
aufgespalten bleiben.

Lassen Sie uns daher auf dieser Vollversammlung beschließen, in diesem
Jahr die Suche nach neuen und großzügigen Lösungen für die Entwicklungsprobleme aufzunehmen - und dabei die besten Köpfe der Welt einzuschalten. Unsere
Suche muß ehrlich und realistisch sein, aber sie muß auch ebenso frei von
zwingenden Forderungen, antagonistischen Vorschlägen, ideologischen Konfrontationen oder propagandistischer Rhetorik sein - oder wir werden mit Sicherheit
einen Fehlschlag erleiden.

Die Vereinigten Staaten sind bereit, sich an dieser neuen Suche zu beteiligen und großzügig die in zwei Jahrzehnten gewonnenen Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Wir haben gelernt, daß wir mit unserer Fähigkeit, Länder umzuformen, nicht zu weit gehen dürfen - aber wir haben auch gelernt, wie viel
Fortschritt möglich ist.

,

Wir werden uns ohne Vorbedingungen, in einer versöhnlichen Haltung und
mit dem Versprechen zur Zusammenarbeit beteiligen. Wir fordern nur, daß die
anderen das gleiche akzeptieren.

In diesem Geiste sind die Vereinigten Staaten bereit, ernsthaft den Vorschlag des hochverehrten Präsidenten von Mexiko für eine Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten von Staaten zu prüfen. Ein solches Dokument wird
einen bedeutenden und historischen Beitrag leisten, wenn es das wahre Streben
aller Nationen widerspiegelt; wenn daraus lediglich eine Verurteilung einer
Gruppe von Ländern durch eine andere wird, dann wird gar nichts erreicht werden.
Um allgemeine Unterstützung zu finden - und verwirklicht werden zu können müssen die vorgeschlagenen Rechte und Pflichten fair abgesteckt werden und
müssen wir den Anliegen der Industriestaaten wie auch der Entwicklungsländer
Rechnung tragen. Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihre Pflichten in einem
humanen und kooperativen Geist festzulegen.

5. Schließlich
- 10 -

�5. Schließlich muß eine Weltgemeinschaft Wissenschaft und Technologie
zum Wohle aller einspannen.
Wir müssen damit beginnen, unsere beachtlichen technologischen Kenntnisse
unseren beachtlichen technologischen Erfordernissen anzupassen. Wir müssen
Mittel und Wege für die gemeinsame und einsichtsvolle Erschließung unserer
Energieguellen finden. Wir müssen verantwortungsbewußt die Probleme des Bevölkerungswachstums anpacken, das die Weltbevölkerung rasch an die Grenzen
dessen treibt, was unsere Erde ernähren kann. Wir müssen eine neue wissenschaftliche Revolution in Angriff nehmen, um die Produktivität der Landwirtschaft
aller Länder zu steigern. Kein Gebiet menschlicher Unternehmung ist, was seinen
Fortschritt anbetrifft, so abhängig von einer offenen Welt; kein Gebiet bedarf
so dringend einer internationalen Zusammenarbeit, um seinen potentiellen Gefahren begegnen zu können.

Herr Präsident, meine Mitdelegierten:

Sind wir bereit, die Imperative einer globalen Gesellschaft zu akzeptieren und unsere Arbeit mit einer neuen Vision zu erfüllen? Oder sollen wir
uns mit einer temporären Pause der Unruhe zufrieden geben, die unser Jahrhundert
erschüttert hat? Sollen wir mit einseitigen Forderungen und sterilen Konfrontationen fortfahren? Oder sollen wir in einem Geiste des Kompromisses, der durch
das Bewußtsein eines gemeinsamen Schicksals bestimmt wird, voranschreiten?
Nach unserer Überzeugung müssen wir von einer zögernden,aus der Notwendigkeit
geborenen Zusammenarbeit weg zu einer echten, auf gemeinsamen Zielsetzungen
beruhenden kollektiven Anstrengung kommen.

Das ist eine Entscheidung, die kein Land allein treffen kann. Wir können
alte Schlagworte wiederholen, oder um neue Hoffnung ringen. Wir können die
Protokolle unseres Tuns mit Bitterkeit füllen oder wir können uns der Beseitigung der größten Nöte der Menschheit widmen. Das Ideal einer Weltgemeinschaft
mag als unrealistisch abgetan werden - aber große Werke waren stets Ideale,

�Ideale, bevor sie zur Realität wurden. Wollen wir uns diesem vornehmsten
aller möglichen Ziele weihen und schließlich das erreichen, was uns so lange
versagt blieb: echte Verständigung und Toleranz unter den Menschen.

Ich danke Ihnen, Herr Präsident."

- 12 -

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..

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37/1973

KISSINGER UND EUROPA
- Fragen und Antworten vor dem Außenpolitischen Senatsaussehuß ~

WASHINGTON - (AD) - Als designierter Außenminister hat Dr. Henry Kissinger
vor seiner Bestätigung vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats zu zahllosen Fragen Stellung genommen. Von besonderem Interesse hier sind seine Ausführungen im Zusammenhang mit Europa:
(7. September 1973)
Senator Pell (Demokrat, Rhode Island): "Wie Sie wissen, wird im Zusammenhang mit Europa die Frage eines Truppenabzugs und der (Verringerung der) Truppenstärke diskutiert und ich frage mich, ob wir nicht unsere militärische Verpflichtung aufrechterhalten und doch die Aufwendungen für unsere Coca Cola-Truppen
und ihren Familienanhang entsprechend der Empfehlung Präsident Eisenhowers verringern könnten, um damit in der Lage zu sein, unsere finanziellen Verpflichtungen zu verringern und doch unsere tatsächliche militärische Präsenz in der
Weise, wie es sein sollte, beizubehalten. Glauben Sie, daß das geht?

Kissinger: Senator, erlauben Sie mir, daß ich diese Frage zuerst in einem
mehr allgemeineren Sinne beantworte. Unsere Truppen in Europa haben eine Reihe
von Funktionen. Die eine besteht darin, unsere Bündnisverpflichtung zum Ausdruck zu bringen. Dazu bedarf es keiner abstrakten Zahlengröße.

Zweitens haben sie eine besondere strategische Funktion, im Falle die
Abschreckung aus irgendeinem Grund versagen sollte.
Nun,
- 1-

�Nun, exnes der Ziele, das wir in dem Dialog zu erreichen versuchten, den
wir mit Europa begannen, besteht darin, irgendwie zu einer Definition der
Sicherheitsziele, die wir in Europa haben, zu gelangen, und es '..at auf Seiten
einiger Europäer hier doch eine ziemlich ambivalente Haltung gegeben, insofern sie einerseits unsere Truppen in Europa aus symbolischen Gründen zu halten
wünschen, andererseits aber, zumindest seit einiger Zeit, sich dem Versuch
widersetzen, diesen Truppen ihre volle Funktion einzuräumen, weil sie fürchteten, dies könnte die Abschreckung schwächen.
Wir glauben nun, daß es notwendig ist, eine rationale Strategie für alle
in der NATO zu entwickeln, in deren Sinne wir dann die Debatte über die Stärke
der Truppen in Europa führen könnten ...

(10. September 1973)
t

Senator Javits (Republikaner, New York): "Dr. Kissinger, Ihnen lastet
man die Erklärung an, und ich sage dies nicht gehässig, daß dies das Jahr
Europas sei. Ist es denn immer noch das Jahr Europas?

Kissinger: Ja, Senator, es ist noch das Jahr Europas.

Senator Javits: Hat sich bei uns im eigenen Land oder im Ausland irgendetwas ereignet, wodurch sich Ihre ursprünglich, wie ich glaube, im April 1973
zum Ausdruck gebrachte

Ansicht geändert hätte, daß dies die Konzentration von

höchster Priorität für die Administration sein würde?

Kissinger: Das sogenannte Jahr Europas ist der Konzentrationspunkt und
eine Aufgabe sehr hoher Priorität, ja sogar der höchsten Priorität für die
Administration geblieben.

Um den Fortschritt zu begreifen, der in dieser Hinsicht gemacht werden
kann, muß man verstehen, daß es hier verschiedene Prozesse gibt, die gleichzeitig ablaufen.
Da

�Da ist einmal die Veränderung in den strategischen Beziehungen, die durch
das Anwachsen des strategischen Arsenals der Sowjets hervorgerufen wurde. Da
ist ferner die Veränderung in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten, aus einer Position der Vorherrschaft seitens der
Vereinigten Staaten zu einer Position, in der die Europäer sich enger zusammenschließen und selbstsicherer werden.

Da ist der Prozeß der europäischen Integration, der dazu führt, daß die
Europäer zu ein und derselben Zeit mit uns als einzelne Nationen in Beziehunge
treten und doch versuchen eine einheitliche europäische Identität zu gewinnen,
die mit einer Stimme für sich sprechen kann.

Und schließlich gibt es auch noch das Problem, wie wir die jeweiligen
Gespräche, die wir mit den Europäern führen, mit den Gesprächen in Beziehung
bringen, die mit den Japanern geführt werden mögen.

Nun, alle diese Prozesse werden zu gleicher Zeit gehandhabt und das erfordert eine ziemlich komplizierte Partitur. Nachdem die Europäer anfänglich
auf einer bilateralen Basis mit uns verhandelten, entschieden sie plötzlich,
daß sie die Gelegenheit unserer Initiative wahrnehmen wollten, um nunmehr auch
ihre eigene einheitliche Ansicht über die politische Zukunft der atlantischen
Gemeinschaft Gestalt werden zu lassen,und daher haben wir sie seit etwas zwei
Monaten nicht öffentlich gedrängt, um ihnen Gelegenheit zur Gestaltung dieser
Ansichten zu geben.

Die europäischen Außenminister der Europäischen Gemeinschaft kommen
heute und morgen in Kopenhagen zusammen und ich glaube, Senator Javits, Sie
werden sehen, daß der Prozeß des sogenannten Jahres Europas nach dieser Tagung beginnen wird, Gestalt anzunehmen.

Senator Javits: Ich nehme an, daß dies für Sie persönlich von höchster
Priorität sein wird angesichts Ihres beachtlichen Erfolges in China und der
Sowjetunion.
Kissinger:
- 3-

�I
Kissinger: Sie haben Recht, Senator Javits, das wird für mich von höchster
Priorität sein ... Ich glaube die Beziehung muß wirklich trilateral sein, sie
muß Japan, die Vereinigten Staaten und Europa in sich schließen.

Senator Javits: Genau! Ich stimme voll und ganz damit überein. Es heißt,
daß unsere Politik darauf aus ist, die Sicherheits-, Wirtschafts- und Sozialprobleme unter einem großen Thema, einer sogenannten Charta - der AtlantikCharta - zusammenzufassen, und daß die europäische Politik nicht von einer
Charta, sondern von einer Deklaration ausgeht, die die Wirtschafts- und Sozialprobleme getrennt von den Sicherheitsfragen behandeln will.

Hat sich nun die Politik der Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht geändert oder sollte sie sich nach Ihrer Ansicht ändern, oder aber sollten wir
fest zu der These stehen, daß alle Übereinkommen, die wir mit Europa auch eingehen mögen, immer die Form eines Gesamtkomplexes, eines Pakets, haben sollten.

Kissinger: Unser Interesse, Senator, richtet sich auf die gültige Ordnung
nicht auf das Verfahren oder auf den Namen, den Sie dem Dokument geben, ob man
es nun eine Charta oder eine Deklaration nennen mag, und für uns besteht da
kein besonderer Vorrang.

Außerdem hat sich, als wir das Problem eingehender mit den Europäern
untersucht haben gezeigt, daß einige der Probleme die Sache einer bestimmten
Gruppe von Institutionen sind, und andere Probleme wieder von anderen Institutionen behandelt werden, was es noch schwieriger macht, mit einem allumfassenden
Dokument herauszukommen.

Zum zweiten kann sich Japan bestimmten Aspekten dieser Erörterung anschließen, aber es würde doch in Schwierigkeiten kommen, wenn es sich beispielsweise einem Dokument anschließen sollte, sich an ein Dokument halten
sollte, das verschiedene Verteidigungserwägungen einschließen würde. Und daher wird die Richtung, in die wir wohl gehen werden, ein Dokument sein, das
sich mit den wirtschaftlichen und politischen Fragen befaßt, die die Neun
angehen - ein Dokument, das die Verteidigung angeht, schließt die NATO-Länder
- 4-

�NATO-Länder ein. Dabei werden sich die Japaner vielleicht dem politischen und
wirtschaftlichen Dokument anschließen. Und schließlich könnte es eine kurze/
allumfassende Deklaration geben, die all diese Dokumente in einen Zusammenhang
zueinander stellt. Das ist die allgemeine Richtung, in die wir heute zu gehen
scheinen.
Senator Javits: Dr. Kissinger, würden Sie nicht sagen, daß dies eine
ausgesprochene Konzession an die europäische Auffassung darstellt, wie sie von
den Neun, und vor allem von Frankreich, zum Ausdruck gebracht worden ist?

Kissinger: Es stellt keine Konzession an die französische Auffassung dar,
da die Franzosen sich zunächst jeder Verhandlung mit der Neun als Einheit sehr
stark widersetzt hatten. Da diese Dokumente aber nur einen Sinn haben, wenn
sie auf beiden Seiten des Atlantik die Überzeugung hervorrufen, daß sie die
Realitäten einer neuen Ära widerspiegeln, ist es notwendig, daß beide Seiten
Konzessionen machen, und es ist vor allem von entscheidender Bedeutung, daß
man auf beiden Seiten des Atlantik an diese Dinge nicht in einem Geist der
Konfrontation herangeht.

Senator Javits: Ein Element der Verhandlungen sind die beiderseitigen
Truppenreduzierungen, wie die Russen es nennen, oder die beiderseitigen, ausgewogenen Truppenreduzierungen, wie wir es nennen. Sehen Sie innerhalb des
nächsten Jahres eine wesentliche Verringerung der Stärke der amerikanischen
Truppen in Europa kommen, es sei denn es kommt zu einem Abkommen?

Kissinger: Die Verhandlungen über beiderseitige Truppenreduzierungen
werden am 30. Oktober beginnen, und wir hoffen, daß im Laufe des kommenden
Jahres sehr beträchtliche Fortschritte erzielt werden können, die dann zu
einer gewissen Verringerung der amerikanischen Truppen führen. Wir wären gegen
eine einseitige Verringerung der amerikanischen Truppen, solange kein solches
Abkommen besteht.

(11. September 1973)
- 5-

�1
(11. September 1973)

Senator Aiken (Republikaner, Vermont): Es ist bereits die Frage angeschnitten und gestellt worden, welche weiteren (militärischen) Reduzierungen
bis 1976 zu erwarten seien. Sehen Sie irgendwelche bedeutsamen Verringerungen
unserer militärischen Stärke zwischen heute und dem genannten Zeitpunkt?

Kissinger: Senator Aiken, wir werden jetzt am 30. Oktober mit Verhandlungen
beginnen, die zu einer beiderseitigen Verringerung der Streitkräfte in Europa
führen. Wir befinden uns gegenwärtig in der Exekutive in einem Prozeß der Überprüfung unserer gesamten strategischen Position und unserer nationalen Interessen in vielen Teilen der Welt angesichts neuer Bedingungen, und unser ständiges
Bemühen geht darauf aus, unsere militärische Position an die Realitäten der
Situation anzupassen - ich möchte also meinen, daß einige weitere Verringerungen
möglich sind, aber ich kann einfach nicht sagen, welche Form sie annehmen werden.
I

Senator Aiken: Und die Kosten für Ausrüstung und Versorgung sind entsprechend gestiegen.

Kissinger: Was die Ausgaben für unsere Streitkräfte, vor allem in Europa,
angeht, so stehen wir gegenwärtig in Verhandlungen mit den Europäern, um die
Belastung unserer Zahlungsbilanz, die durch diese Streitkräfte hervorgerufen
wird, zu reduzieren, ja zu beseitigen."

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37/1973

DIE NEUE ZUSAMMENARBEIT IN DER AUSSENPOLITIK DER USA
- Außenminister und Kongreß kamen sich näher Von Marxe H. Koenig

WASHINGTON - (AD) - Wenn die Anhörungen von Dr. Henry Kissinger vor dem
Außenpolitischen Ausschuß des Senats etwas zustande gebracht haben, dann sicherlich die Aussicht auf eine neue stärkere und vor allem vertrauensvollere
Zusammenarbeit zwischen dem Außenminister und dem Kongreß. Aus der 305 seitigen
Niederschrift der öffentlichen Hearings wird deutlich, daß die Senatoren viele
Fragen an den designierten Außenminister hatten - und sicherlich auch manche
Vorbehalte - aber auch daß es Kissinger gelungen ist, seinen Mann zu stehen.

Dr. Henry Kissinger hat seit fünf Jahren entscheidenden Anteil an dramatischen Erfolgen der amerikanischen Außenpolitik, die die politische Landschaft in der Welt tiefgreifend verändert haben. Seine geheime Reise nach
Peking, die den Weg für ein neues Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten
und der Volksrepublik China bereitete, war ein Beispiel für Ein-Mann-Diplomatie
im besten Sinne. Und doch hat derselbe Diplomat, der in langen zähen Geheimverhandlungen mit den Nordvietnamesen den Durchbruch zum Frieden in Indochina
schaffte, vor dem Außenpolitischen Ausschuß erklärt, daß er als Professor
mehrere Abhandlungen über die Gefahr "virtuoser" Alleingänge geschrieben habe.
Und dieser Auffassung sei er heute noch.

"Ich

�"Ich bin imbedingt überzeugt ...", so erklärte er am 7. September in
dem überfüllten Saal des Ausschusses unter den grellen Jupiterlampen des
Fernsehens, "daß die Notwendigkeit für eine Institutionalisierung der Durchführung unserer Außenpolitik besteht." Als Außenminister habe er eine ganz
andere Rolle als er sie als Berater des Präsidenten habe. Kissinger versicherte,
daß er eng mit dem Ausschuß zusammenarbeiten werde, um diesen stärker an der
Gestaltung der Außenpolitik zu beteiligen.

Der einflußreiche Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses, Senator
J.W. Fulbright, bescheinigte Kissinger einen "brillanten Geist" und beglückwünschte ihn zu seinen historischen Erfolgen in Peking und Moskau. Gleichzeitig
aber stand er nicht an zu erklären, daß die bisherige "sporadische" Unterrichtung von Mitgliedern des Ausschusses in Zukunft als unzureichend betrachtet
werden würde. Wenn Kissinger den Verlust des nationalen Konsens in der Außenpolitik bedauere, dann müsse eine stärkere Gemeinsamkeit mit dem Kongreß geschaffen werden. Der neue Außenminister ließ in diesem Zusammenhang keinen
Zweifel daran, daß er den Konsens für außerordentlich wichtig hält und verwies in diesem Zusammenhang darauf, daß Präsident Nixon ihm in dieser Hinsicht
einen klaren Auftrag erteilt habe.

Kissinger legte dar, daß in den letzten vier Jahren Initiativen ergriffen
wurden, die ein äußerst delikates Vorgehen und größte Geheimhaltung erforderten,
wenn sie Erfolg haben sollten. Nun aber gelte es auf diesen Grundlagen ein
"dauerhafteres Gebäude aufzubauen, das kommenden Administrationen übergeben
werden kann."

Seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit bewies Kissinger, indem er dem Ausschuß hinter verschlossenen Türen einen Einblick in seine Arbeit gewährte und
versicherte, daß er auch weiterhin die Mitglieder an dem Entscheidungsprozeß
beteiligen wolle. Er hoffe, so sagte er, mit ihnen eine Methode ausarbeiten
zu können, mit deren Hilfe sie über Pläne der Administration unterrichtet werden
können, "bevor etwas geschieht" und der Ausschuß über den Verlauf von Konferenzen
und Ereignissen ins Bild gesetzt werden kann.
Die

�Die "Entspannung" zwischen der Exekutive und dem Außenpolitischen Ausschuß
- der sich oft übergangen fühlte - wird keine leichte Aufgabe für den neuen
Außenminister werden. Aber er hat mit beredten Worten seine Absichtserklärung
abgegeben, und es bleibt jetzt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

- 3-

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37/1973

DIE WACHSENDE ENERGIEKRISE UND DER MITTLERE OSTEN
Staatssekretär William J. Casey fordert mehr Zusammenarbeit
der Erdöl-Verbraucherländer

- (AD) - William J. Casey, Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im USAußenministerium, behandelte in einer Rede vor führenden Vertretern der amerikanischen Wirtschaft das Thema "Die wachsende Energiekrise und der Mittlere Osten".
Im Folgenden geben wir die Ansprache auszugsweise wieder.

"Auf dem Energiesektor ist die internationale Zusammenarbeit weniger gut
strukturiert als beispielsweise in Handels- und Währungsfragen. Aber die meisten
Nationen haben erkannt, daß sie sowohl im Interesse der Verbraucher als auch der
Produzenten notwendig ist. So suchen sie nach Möglichkeiten, durch internationale
Zusammenarbeit die Gefahr eines Zusammenbruchs der Energieversorgung zu vermindern und die Grundlage für eine Ausweitung der Energierohstoffe nach Menge
und Art zu schaffen.

Jedes Land hat dabei eine andersgeartete Ausgangssituation, die durch natürliche Hilfsquellen, Technologie, Finanzkraft und Organisationformen bestimmt
wird. Zentrale Aufgabe

der Zusammenarbeit wird es sein, diese jweiligen Fak-

toren wirksam zu kombinieren, um speziellen und gemeinsamen Bedürfnissen gerecht
zu werden.
Das

�Das könnte z.B. durch eine Zuteilung von Öl in Krisenzeiten geschehen.

y

Die USA und die europäischen Nationen praktizierten es in improvisierten Aktionen im Jahr 1956, als der Suezkanal geschlossen wurde, und 1967 nach dem
arabisch-israelischen Sechstagekrieg. Die internationalen Mineralölsgesellschaften, die den größten Teil ihres Öls aus dem Mittleren Osten, Afrika und
Südamerika beziehen, sind verpflichtet, ihre Abnehmer gerecht und gleich zu
behandeln. Die Volkswirtschaften der wichtigsten Energieverbraucher, nämlich
der europäischen Länder, der USA und Japans, sind so voneinander abhängig, daß
eine krasse Reduzierung der Energieversorgung bei einem von ihnen automatisch
nachteilige Auswirkungen auf die anderen hätte. Deshalb bildet ein gerechter
Zuteilungsschlüssel für die Energiewirtschaft eine Sicherheit,durch die Vertrauen aufgebaut und auch eine Zusammenarbeit auf anderen Gebieten gefördert
werden kann. Übrigens existiert innerhalb Europas bereits seit 17 Jahren ein
Erdöl-Zuteilungsplan, der jedoch bisher noch nicht in Aktion getreten ist. Gegenwärtig untersuchen die USA zusammen mit den europäischen Ländern und mit
Japan, Kanada und Australien die Möglichkeiten zu seiner Ausweitung auf andere
Mitglieder der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) .

Dieser Plan könnte als ein kleiner Schritt in Richtung auf eine Lösung
des Problems von Versorgung und Preisinstabilität in einer Welt betrachtet
werden, die erkennen muß, in welchem Ausmaß ihr wirtschaftliches Wachstum von
flüssigen und gasförmigen Kohlenwasserstoffen abhängt, die nur in begrenzter
Menge - noch dazu mit schwindenden Reserven - vorhanden sind. Alle Verbraucher
sind äußerst besorgt über die in einigen Ländern herrschende Tendenz, entgegen
eingegangener Verpflichtungen und ohne angemessene Entschädigung Ölfelder und
Produktionsanlagen,die private Mineralölunternehmen entdeckten und erschlossen,
zu enteignen und den Preis, zu dem dieses Öl an den Verbraucher weitergegeben
werden kann, stark zu erhöhen. Diese Politik mag kurzfristig Vorteile einbringen.
Erfahrene Politiker der erdölproduzierenden Ländern sehen jedoch ein, daß ein
solches Verhalten die Produktionsfähigkeit beeinträchtigt und wahrscheinlich
sogar die Möglichkeiten der Regierungen untergräbt, für ihre Völker eine lebensfähige Wirtschaft mit ausreichenden Variationsmöglichkeiten aufzubauen.
Wenn
- 2-

�Wenn auch bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Welt auf die reichen Ölvorkommen am Persischen Golf weitgehend angewiesen sein wird, steht doch bereits fest, daß keine Zeit mehr verloren werden darf, für sie Ersatz zu suchen.
Die Vereinigten Staaten können nach und nach ihren Energiebedarf aus eigenen Beständen decken. Und je kräftiger die ölproduzierenden Staaten die Preise erhöhen, desto schneller werden neue Energiequellen konkurrenzfähig, desto intensiver wird man in den USA und vor der amerikanischen Küste nach öl- und Gasfeldern suchen, und desto energischer wird man gegen die Verschwendung von
Energie vorgehen.

Was feste Energierohstoffe wie Kohle anlangt, so befinden sich hier die
Vereinigten Staaten in der gleichen Position wie der Mittlere Osten in bezug
auf Öl. Fast die Hälfte aller Kohlevorkommen der Erde liegen auf dem Territorium der USA. Und aus den Ölschieferlagern in Colorado, Utah und Wyoming mit
einem Ölgehalt von rund 285 Milliarden Tonnen müßten sich, wie ein kürzlich
veröffentlichter Bericht des Nationalen Erdölrates besagt, 14 Milliarden Tonnen
Rohöl zum Preis von 42 Dollar pro netr. Tonne gewinnen lassen. Auf dieser Basis ist es durchaus möglich, synthetisches Gas und Öl aus Kohle mit Verfahren
zu erzeugen, die jenen weit überlegen sind, welche während des zweitens Weltkrieges in Deutschland angewandt wurden. Die amerikanischen Kraftfahrer könnten
das so gewonnene Benzin zu niedrigeren Preisen tanken, als die europäischen
und japanischen Kraftfahrer heute in ihren Ländern bezahlen müssen. Gleichzeitig würde diese Entwicklung zu technischen Neuerungen führen und Gewohnheiten
so verändern, daß die Wachstumsrate des Verbrauchs weniger steil ansteigen
würde als bisher.

Aber noch ehe es soweit ist, tragen sicherlich auch die soeben aus den
Hauptstädten der ölproduzierenden Länder

bekannt gewordenen Preise im Verein

mit den Steuer- und Explorationserleichterungen, die Präsident Nixon forderte,
dazu bei, daß man zu Lande und vor den Küsten in den USA und andernorts in
der Welt nach neuen Öl- und Gasvorkommen sucht.

Das

- 3-

�Das von der amerikanischen Bundesregierung mit 10 Milliarden Dollar aus-

i

gestattete Energieforschungs- und Entwicklungsprogramm wird zusammen mit den
Anstrengungen der Privatindustrie und den in Versuchsbetrieben erzielten Ergebnissen ein übriges tun, um Energie aus Kohle rentabler und für die Praxis auch
unter den Aspekten des Umweltschutzes akzeptabel zu machen. Gleichzeitig hilft
es, das Reservoir der Atom- und Sonnenenergie besser auszuloten und schließlich
die Energieproduktion aus Kohlenwasserstoffen durch diese neuen Quellen zu ersetzen. In mancherlei Hinsicht können wir dabei auf schon bekannter Technologie
aufbauen. Und was den Rest angeht, so verlassen wir uns auf die Kräfte, mit
denen es schon einmal möglich war, die Kernspaltung in vier Jahren zur technischen Reife zu bringen, synthetischen Kautschuk sogar in noch kürzerer Zeit
zu erzeugen und die Landung von Menschen auf dem Mond in neun Jahren zu bewerkstelligen.
Das viele Reden und Jammern über die Energiekrise hat uns vergessen lassen,
daß wir selbst daran etwas ändern könnten. Der Nationale Erdölrat untersuchte
im vergangenen Jahr die Bedarfsentwicklung bis zum Jahr 1985 und sondierte Mittel
und Wege, wie man ihr gerecht werden könnte. Er kam zu dem Schluß, daß in den
Vereinigten Staaten der Bedarf um jährlich 4,2 Prozent steigen werde ... Bliebe
der gegenwärtige Trend der Preisentwicklung, der Wachstumsbeschränkungen für
die Produktion auf Grund von Umweltschutzmaßnahmen und in der Explorationsaktivität für Gas und Öl bestehen, so müßte Amerika im Jahr 1985 rund 38 Prozent
seines Energiebedarfs durch Öl- und Gasimporte decken.

Ein günstigeres Bild ergäbe sich jedoch, wenn die wegen befürchteter Um••/eltschäden geäußerten Bedenken gegen den Bau der Alaska-Pipeline, gegen mehr
Kernenergie und synthetische Brennstoffe, gegen zusätzliche Exploration

im

Schelfgebiet und auf regierungseigenem Land aufgegeben würden und mehr wirtschaftliche Anreize für die Auffindung neuer Öl- und Gasfelder aeschaffen würden ...
Dann würden wir nämlich 1985 nur 11 Prozent unserer Energierohstoffe in Form
von Öl und Gas importieren müssen. Und noch eine Tatsache hebt hervor, wie
sehr wir selbst die Kontrolle über unser Energiegeschick in Händen haben: Wir
könnten außerdem den Bedarf für Importöl wesentlich verringern und das Zahlungsbilanzdefizit sowie jeglichu Versorgungsabhängigkeit wegen unseres Energiebe- 4 -

�Energiebedarfs sogar völlig beseitigen, wenn wir die Wachstumsrate und den
Verbrauch für Energie auf 3,4 Prozent herabdrücken, also geringfügig unter
die Wachstumsrate von 3,6 Prozent, wie wir sie von 1955 bis 1970 hatten ...

Würde die Jahresproduktion von Kraftwagen mit günstigerem Benzinverbrauch
(12 Liter auf 100 km oder weniger) nur um 10 Prozent erhöht, so bedeutete das,
daß in zehn Jahren diese Wagen 50 Prozent des Kraftfahrzeugbestands ausmachen.
Dadurch würde die für die nächsten zehn Jahre errechnete jährliche Wachstumsrate des Energieverbrauchs in den USA nicht mehr mit 4,2 Prozent, sondern mit
3,2 anzusetzen sein ... Und wenn wir im Verlauf der kommenden zehn bis zwölf
Jahre die Hälfte der Frachtgüter nicht mehr von Lastwagen, sondern mit der Bahn
transportieren ließen, würden wir bis 1985 etwa 129 OOO Tonnen Öl pro Tag
sparen ... Die amerikanische Bundesregierung hat Maßnahmen in die Wege geleitet,
um einer Erschließung der auf bundeseigenem Boden vermutlich vorhandenen neuen
Vorkommen von öl, Gas und Kohle den Weg zu ebnen, ".her es wäre auch ratsam,
mehr Atomkraftwerke in die Stromversorgung einzubeziehen ...

Die US-Regierung machte bereits Bestandsaufnahme auf jenen Gebieten, wo
verstärkte Anstrengungen in Forschung und Entwicklung erwarten lassen, zusätzliche Versorgungsguellen für Erdöl, Gas und Kraftstrom zu erschließen, Energieguellen sicherer und umweltfreundlicher zu machen und zur Einsparung von Energie
bei höherem Nutzeffekt beizutragen. Im Rahmen der OECD sondieren die USA derzeit, mi t anderen Staaten die in den einzelnen Ländern eventuell gegebenen Möglichkeiten für nutzbringende Weiterentwicklung. Zusammen mit anderen Regierungen
würde dann geprüft, welche Projekte sich für gemeinsame Forschung und Entwicklung eigneten ...

Enorme Investitionen

Investitionen in der Größenordnung von mehr als 300 Milliarden Dollar
werden in den nächsten 10 bis 12 Jahren erforderlich sein, um unseren Energiebedarf zu decken und in der Versorgung unabhängiger zu werden. Diese Anstrengungen werden sich auf unsere Kapitalmärkte auswirken. Eine unserer Hauptaufgaben wird darin bestehen, die Projekte und unsere Kapitalmärkte so zu ent- 5-

�entwickeln, daß sie für ölproduzierende Staaten für eine langfristige Anlage
der Reichtümer attraktiv sind, die sie aus dem Boden holen. Sie haben weitblickende Politiker, die den Wunsch der jungen Generation erkennen, in einer
Welt zu. leben, in der Öl neben den anderen Energiequellen zur Deckung des Weltbedarfs beiträgt. Sie wollen arbeitsteilige Wirtschaftsformen, und sie wollen
ihre Völker bis zu einem gewissen Grade an dem weitgespannten Weltenergiesystem,
wie es die Zukunft verlangt, teilhaben lassen.

Viele Firmen und Unternehmer analysieren gegenwärtig die im Mittleren
Osten verfügbaren billigen Brennstoffe, Gasfelder und andere Rohstoffvorkommen,
um herauszufinden, inwieweit mit dem Einsatz von Kapital und technischem Knowhow
Düngemittel, petrochemische Stoffe und verschiedene energieintensive Produkte
auf die Weltmärkte gebracht werden könnten. Es ist die Politik der Vereinigten
Staaten, diesen Prozeß im Rahmen weltweiter Aktivitäten zu fördern und zu erleichtern, mit denen wir alle für mehr und bessere Energie arbeiten und gemeinsam eine mannigfaltigere Beteiligung an einer sich ausweitenden und besser
strukturierten Weltwirtschaft anstreben."

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37/1973

PIONIERE AN DER WELTRAUMFRONT
Unternehmen SKYLAB II nach 59 Tagen glücklich beendet
Von G. Weiss

- (AD) - Genau 59 Tage, 10 Stunden und 9 Minuten nach ihrem Start zur
SKYLAB-Station am 28. Juli 1973 kehrten Alan L. Bean (41), Dr. Owen K. Garriott
(42) und Jack R. Lousma (37) am 25. September zur Erde zurück. Der Hubschrauberträger USS NEW ORLEANS erwartete das zweite Team, das im "Himmelslabor" gearbeitet hatte, ca. 2 30 Seemeilen südwestlich von San Diego, der amerikanischen
Hafenstand am Pazifik im Süden Kaliforniens.

In Sichtweite des Bergungsschiffs schwebte die APOLLO-Kapsel mit den drei
Astronauten und kostbarer wissenschaftlicher Fracht an Bord aufs Meer. Die
letzte Hürde, eine ungewöhnlich rauhe See mit fast drei Meter hohen Wellen,
wurde durch die Umsicht

und Erfahrung der Bergungstaucher bei der Sicherung

der Kapsel und durch das vorsichtige Manövrieren des riesigen Schiffes, das
sie sofort an Bord nahm, gut überwunden. Ein Raumfahrtunternehmen war beendet,
das nach Aussage von Dr. James Fletcher, des Leiters der US-Behörde für Luftund Raumfahrt (NASA), die Wissenschaftler mindestens fünf Jahre lang beschäftigen
wird.

SKYLAB II brach alle bisherigen Rekorde. Die Astronauten haben ihren
Heimatplaneten 859 Mal umrundet, u.a. mehr als 77 000 Aufnahmen von der Sonne
und fast 17 000 Aufnahmen von der Erde gemacht und dazu von ihr auf ca. 30 OOO

�t

ca. 30 000 m Magnetband zahllose Meßdaten aufgezeichnet. Kommandant Bean,

'

der schon bei APOLLO 12 dabei war und mit Charles Conrad im November 1969
auf dem Mond im "Meer der Stürme" landete, steigerte seine "Weltraumzeit"
auf mehr als 69 Tage. Wissenschaftlerastronaut Garriott verbrachte in drei
Außenbordmanövern 13 Stunden und 43 Minuten im freien Raum. Auf die 93 Minuten
Umlaufzeit im Erdorbit umgerechnet bedeutet dies, daß er dabei insgesamt neun
Mal um unseren Planeten "spazierte".

Aber mit Spazierengehen hatten die damit verbundenen, z.T. recht schwierigen
Aufgaben und Manöver wahrlich nichts zu tun. Es galt z.B. Störungen am Sonnenobservatorium zu beheben, nach möglichen Leckstellen in Kühlflüssigkeitssystemen
zu suchen, Filmmagazine von Teleskopkameras zu bergen, einen zusätzlichen Sonnenschutz aufzuziehen, Experimentierausrüstungen an der Außenwand anzubringen oder
Wartungsarbeiten zu verrichten. Zwei der Astronauten stiegen jeweils aus, der
dritte blieb auf Wache in der Kommandozentrale. Wegen des regelmäßigen Durchgangs durch die Schattenzone auf der Nachtseite der Erde mußten sie in dieser
Zeit die Arbeit mehrmals für gut 30 Minuten unterbrechen und dort, wo sie
sich draußen gerade befanden, den nächsten "Sonnenaufgang" beim Wiedereintritt
in die Tagzone abwarten.

Kleinarbeit für kommende Jahrzehnte

Gelegentlich erinnerten sich die Menschen auf der Erde doch noch der
fast vergessenen Männer der SKYLAB-Raumstation - vor allem dann, wenn sie in
der Abenddämmerung oder kurz nach Einbruch der Dunkelheit zufällig den leuchtenden "Stern" entdeckten, der im letzten Glanz der untergehenden Sonne ziemlich schnell über den Himmel zog.
Seit dem 14. Mai umkreist die Station 435 km über der Erde unseren Planeten.
Ihre Bahn führt über Länder und Meere zwischen dem 50. Grad nördlicher und südlicher Breite, über alle Gebiete in Höhe der amerikanisch-kanadischen Grenze
oder der Linie Paris-Frankfurt-Kiew-Baikalsee auf der Nordhalbkugel bis hinunter
zu den Falklandsinseln

und dem antarktischen Meer südlich von Australien auf

der Südhalbkugel. Die Tatsache, daß dadurch fast alle besiedelten Gebiete und
- 2-

�und die für die Rohstoffversorgung der Menschheit wichtigen Regionen erfa"*
werden, nutzten auf Einladung der NASA die Wissenschaftler zahlreicher Länder
dazu, die verschiedensten Beobachtungen in Auftrag zu geben.

Neuland für die Medizin

Dieser zweite SKYLAB-Einsatz - das 29. bemannte Raumf ahrtunterrehmen ier
USA - war, soweit sich dies so kurze Zeit nach der Landung beurteilen läßt,
das bisher größte Ereignis und das wichtigste Experiment für die Zukunft der
Raumfahrt. Die drei Männer an Bord wußten sehr wohl, daß sie nicht nur technische Pionierarbeit in vieler Hinsicht zu leisten hatten, sondern daß auch
von ihrer Rolle als Versuchsperson der Medizin vieles für die künftige Entwicklung der Raumfahrt abhing. Nie zuvor hatten Menschen so lange Zeit im Zustand der Schwerelosigkeit gelebt und gearbeitet, isoliert von der Familie,
den Freunden, Mitmenschen - und von dem irdischen Milieu, das in einem jahrmillionenlangen Prozeß die Funktionen des menschlichen Organismus geprägt hat.
Nur über die Mittel der Elektronik gab es Verbindung zur Mutter Erde. Daß
den Dreien gegen Ende der Mission die Isolierung doch manchmal etwas zu schaffen
machte, gaben sie ein paar Tage vor der Landung offen zu. Aber es ist der besondere Gewinn aus dem Unternehmen SKYLAB II, eine Vorstellung davon bekommen
zu haben, wie groß die - wohl noch immer nicht ausgeschöpften - Fähigkeit ••.
des Menschen tatsächlich sind, physische und psychische Belastungen

als Folge

der völlig anderen Lebensbedingungen in der Raumstation zu ertragen und Anpassungsreaktionen zu entwickeln. Für die aufgrund früherer Beobachtungen aufgestellten Hypothese, daß diese Reaktionen in Intervallen ablaufen und einen
Rhythmus von ca. 12 Tagen haben könnten, gibt es jetzt gewisse Bestätigungen»

Das Flugunternehmen begann mit mancherlei Schwierigkeiten. Technische
Pannen wie der Ausfall einiger Lagesteuerungsdüsen an dem als Fähre zwischen
Erde und Raumstation benutzten APOLLO-Raumschiff veranlaßten anfangs die NASA
sogar, den Noteinsatz eines zweiten APOLLO-Geräts als Rettungsfahrzeug zu erwägen. Die beruhigenden Ergebnisse der Inspektionen durch die Astronauten an
Bord und die gründlichen Bodentests in Houston rechtfertigten jedoch den Ent- 3-

�• *%

Entschluß, darauf zu verzichten. Wie dann bei der Rückkehr der Verlauf von
Wiedereintritt in die Atmosphäre und Abstieg zur Landestelle zeigte, leistete
das SKYLAB II-Team auch mit dem leicht lädierten Fahrzeug präzise Arbeit.
Besorgnis verursachten in den ersten eineinhalb Wochen die massiven
Symptome von Bewegungskrankheit bei allen drei Astronauten. In dieser Form
hatte man sie bei amerikanischen Raumfahrern noch nicht erlebt. Auch für die
Mediziner kamen diese Erscheinungen zunächst überraschend, weil sich, obgleich
man sie vor Beginn des SKYLAB-Programms wegen der ungewohnten Geräumigkeit des
Himmelslabors im Vergleich zur kleinen APOLLO-Kapsel eigentlich erwartet hatte,
bei der ersten SKYLAB-Gruppe nichts davon zeigte. Heute wird dieser Reaktionsunterschied damit erklärt, daß die Gruppe I wegen der Beschädigungen der Raumstation beim Start nach dem Andocken noch drei Tage in ihrer APOLLO-Kapsel
verblieb und Zeit hatte, sich umzugewöhnen, die Gruppe II dagegen sofort nach
der Ankunft in das Zwei-Etagen-"Haus" umstieg.

Anfänglich konnten die Drei wegen der ständig auftretenden Übelkeit und
der anderen Begleiterscheinungen ihr Arbeitsprogramm nur teilweise oder überhaupt nicht erfüllen. Sie hielten die Mahlzeiten nicht ein und verloren immer
mehr an Gewicht. Nach ca. 10 Tagen waren die akuten Störungen jedoch überwunden,
der Organismus paßte sich an. Mit immer härterem Fitness-Training taten die
Astronauten ein übriges, um Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Herztätigkeit und Kreislaufsystem, auf Stoffwechsel (z.B. Verlust von Calcium und
Phosphor) und Muskelmasse soweit wie möglich zu kompensieren. Und das scheint
ihnen ausgezeichnet gelungen zu sein: Vor der Rückkehr lag ihr Körpergewicht
nur noch wenige Pfund unter dem vor dem Start. In den letzten vier Flugwochen
zeigten sie sich in einem Maße aktiv - z.B. mit 7 oder gar 9 Stunden Sonnenbeobachtung an vielen Tagen, Einbeziehung immer neuer Experimente in das
laufende Programm -, daß dies der Flugkontrolle in Houston schon nicht mehr
ganz geheuer erschien. Aber die handfeste Bestätigung des Trainingseffekts
brachten auch die ersten Schritte, die sie nach dem Aussteigen aus der APOLLOKapsel auf der USS NEW ORLEANS wieder auf irdischem Boden machten. Die ausgiebig erörterten Erfahrungen der ersten Gruppe - Conrad, Dr. Kerwin und Weitz kamen ihnen für den eigenen "Lernprozeß" im Weltraum sehr zustatten. Allerdings

- 4-

�Allerdings dürfte jetzt die Rückgewöhnung mit allen ihren Begleitumständen
doch längere Zeit in Anspruch nehmen.

Die Sonne spielte mit
Die Sonnen- und Erdbeobachtung für spezielle astro - und geophysikalische,
geologische, hydrologische und viele andere Forschungsprogramme waren neben
den medizinischen und biologischen Experimenten Hauptpunkte auf dem Programm.
Und die Sonne spielte mit. Sie hielt sich nicht an die ihr nach der Statistik
zukommende Ruheperiode, sondern lieferte Strahlungsausbrüche und Eruptionen im
Bilderbuchstil. An Bord der SKYLAB-Station wurde jede Phase - soweit dies möglich war, in enger Zusammenarbeit mit Sonnenobservatorien rund um die Erde und
ergänzt durch Synchronbeobachtungen von Forschungssatelliten wie OSO - gründlich studiert. Nach Ansicht der Astrophysiker stellt das zurückgebrachte Filmund Meßmaterial, das jetzt ausgewertet werden kann, das Wertvollste dar, was
der Wissenschaft bisher überhaupt zur Verfügung steht.

Fieberkarten von der Erde
In der zweiten Augusthälfte wurde das Erderkundungsprogramm gelegentlich
durch Wolkendecken über manchen gerade zur Beobachtung vorgesehenen Gebieten
behindert, so z.B. über der Lagune Rodrigo de Freitas bei Rio de Janeiro, wo
tote Fische tonnenweise an der Oberfläche treiben. In insgesamt 26 Aufnahmeserien mit den optischen und elektronischen Augen der SKYLAB-Station und mit
den Handkameras der Astronauten gelang es jedoch - häufig synchron mit dem
Arbeitsprogramm des unbemannten Satelliten ERTS 1 - diese weitgesteckte Aufgabe immer besser in den Griff zu bekommen.

Die vom SKYLAB II-Team gesammelten Daten vermitteln Wissenschaftlern der
verschiedensten Fachrichtungen, Ingenieuren

und Politikern neue Einsichten

und Maßstäbe für manche ihrer Probleme - von Dürrekatastrophen bis zu Vulkan-

- 5 -

�Vulkanausbrüchen, Wirbelstürmen, Waldbränden, umfassender Kartierung unzulänglich erfaßter Regionen»bestmöglicher Trassenführung für Pipelinen und
Straßen, bis zur massiven Verschmutzung von Küstengewässern.

Zu den interessantesten Beobachtungen zählen Infrarotaufnahmen von aktiven
Vulkanen auf den Galapagos-Inseln, vulkanischen Gebieten in Südostasien und von
einem unterseeischen Vulkan

im Räume Japan. Sie könnten dazu beitragen, durch

"Fieberkarten" von der Erdoberfläche, die anomal hohe Temperaturen anzeigen,
vor Vulkanausbrüchen und z.T. auch Erdbeben rechtzeitig zu warnen.

Ein Schweizer Wissenschaftler will mit Hilfe von SKYLAB-Aufnahmen im
Alpengebiet versuchen, eine Bestandsaufnahme von Schneeverhältnissen und
Gletschern zu machen und die Vorhersagemöglichkeiten für Lawinengefahr zu verbessern. Meereskundler aus Brasilien koordinieren ihre Arbeit mit den aus der
SKYLAB-Station gemachten Beobachtungen, um Meeresströmungen und Wassertemperaturen zu kartieren und so Hinweise auf fischreiche Regionen und andere
ozeanische Hilfsquellen zu bekommen.

Der SKYLAB-Projektleiter der iranischen Regierung sucht an Hand der SKYLABund ERTS-Aufnahmen nach möglichen Mineralvorkommen und Wasservorräten in seinem
Land. Ein Fachmann für Ökologie in Israel benutzt SKYLAB-Bilder als wichtige
Arbeitsgrundlage in einer Studie, bei der Wüsten und Trockengebiete daraufhin
geprüft werden, ob sie sich für eine Kultivierung eignen. Dies alles sind
nur ein paar Beispiele von vielen, die zeigen, in welcher Form das Unternehmen
SKYLAB reale irdische Probleme lösen zu helfen und einzelne Projekte voranzubringen vermag.

- 6 -

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37/1973

VERBESSERTE TECHNIK FÜR DEN HOCHSEEFUNK

- (AD) - Wissenschaftler der US-Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung (NOAA) fanden nach jahrelangem Experimentieren eine Möglichkeit,
Schiffsantennen so zu präparieren, daß sie auch bei heftigen Stürmen und
Regen funktionsfähig bleiben. Bisher war es stets ein Problem, auf See Funkkontakte aufrechtzuerhalten, wenn bei länger dauernden Stürmen und schwerem
Seegang Gischt und Salzwasser die Isolatoren der Funkantenne immer wieder
überspülten und schließlich Kurzschlüsse herbeiführten. In solchen Fällen
kann ein Schiff keine Funkverbindung mehr mit anderen Schiffen oder Küstenstationen unterhalten.

Die Funkantennen für die Übermittlung und den Empfang von Nachrichten
über Funktelefon oder Fernschreiber sind durch Porzellan-Isolatoren vom Stahlrumpf isoliert. Solanne Isolatoren sauber, trocken und hochpoliert sind, verhindern sie, daß elektrischer Strom in den Antennen mit dem Schiffskörper
kurzgeschlossen wird. Sobald die Isolierkörper jedoch mit Salzkristallen aus
dem Meerwassergischt oder einer Regenwasserschicht bedeckt sind, sickert
elektrischer Strom aus. Die Leistung der Antenne wird dadurch stark verringert
und fällt bei längerdauernden Schlechtwetterperioden ganz aus.

William F. Seibold (NOAA-Amt für die Schiffahrt) entwickelte ein Verfahren,
bei dem die Porzellan-Isolatoren mit einem silikonhaltigen Schmiermittel überzogen werden, an dem Wasser nicht haften bleibt. Um die Silikonschicht ihrerseits gegen andere Verunreinigungen wie Staub oder Rußteilchen aus verbranntem

- I -

�verbranntem Heizöl zu schützen, wird sie wiederum von einer Fiberglasschicht
abgedeckt. Drei Schiffe der NOAA-Flotte - MT MITCHELL, RESEARCHER und RAINIER haben in den letzten zwei Jahren das von Seibold mit einem Kostenaufwand von
2200 Dollar entwickelte Verfahren mit großem Erfolg erprobt. Nach Ansicht
des Erfinders könnte es auch für Funk- und Fernsehstationen an Land von Bedeutung sein, um beispielsweise Ansammlungen von Eis und Schnee auf Isolatoren
zu verhindern. Solche Ansammlungen führen gelegentlich auch zu kurzschlußartigen
Erscheinungen und zu unangenehmen Frequenzveränderungen für die Ausstrahlung
von Funkwellen über Richtantennen.

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37/1973

ABWASSERKODEX FÜR EINZELNE INDUSTRIEBRANCHEN
US-Umweltschutzbehörde gibt exakte Richtlinien für den Gewässerschutz

- (AD) - Für die ersten zwei von insgesamt 28 verschiedenen Industriebranchen, deren Abwässer künftig besonderer Kontrolle unterliegen sollen, gab
jetzt die US-Behörde für Umweltschutz (EPA) Richtlinien heraus. Es handelt
sich um Fabrikationsanlagen, in denen Zuckerrüben verarbeitet werden und
Fiberglas für Isolierzwecke hergestellt wird.
Zuckerfabriken dürfen ab 1. Juli 1977 nicht mehr Abwässer durch Einleiten in offene Gewässer beseitigen, sofern sie selbst Grund und Boden besitzen, um dort geeignete Anlagen zur Abwasserbehandlung zu errichten. Ist
dies nicht der Fall, darf je nach der Situation und den Umweltbedingungen des
betreffenden Betriebs Kühlwasser aus dem Raffinationsprozeß unter bestimmten
Auflagen in begrenzter Menge auch noch nach diesem Zeitpunkt, jedoch nicht
länger als bis 1983, durch Einleiten beseitigt werden. Im Gegensatz dazu gelten
für die Rückstände vom Rübenwaschprozeß ab sofort und ohne Berücksichtigung
lokaler Gegebenheiten die gleichen strengen Kontroll-Bestimmungen.

Mitentscheidend für das ab 1983 gültige Verbot, nicht oder unzureichend
behandelte Abwässer überhaupt noch einzuleiten, war die Tatsache, daß schon
heute 11 von 52 Zuckerfabriken abwasserfrei arbeiten, d.h. auf eigenem Gelände ihre Abwässer so weiterbehandeln, daß sie beim Einleiten in offene Ge-

�Gewässer als "sauberes Wasser" gelten können. Die Investitionen für die Erfüllung der Umweltschutz-Auflagen für die gesamte Branche werden auf 9 bis
16 Millionen Dollar, der damit verbundene Mehrverbrauch an Strom auf jährlich
46 Millionen Kilowatt geschätzt.

Auf dem Sektor "Fiberglas für Isolierzwecke" arbeiten bereits sechs
von 19 Fabriken abwasserfrei. Hier betragen die notwendigen Investitionen
6 bis 7 Millionen Dollar für die gesamte Industrie. Um den EPA-Bestimmungen
nachzukommen, wären 38,6 Millionen Kilowatt Strom pro Jahr zusätzlich erforderlich. In beiden Fällen muß bei neuen Fabrikanlagen bereits von vornherein
dafür gesorgt werden, das Abwässer auf eigenem Gelände behandelt und nicht
einfach durch Ableiten in offene Gewässer beseitigt werden.

+ ++++

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede von Außenminister Kissinger vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kissinger und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Fragen und Antworten vor dem Außenpolitischen Senatsausschuss -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue Zusammenarbeit in der Außenpolitik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Außenminister und Kongress kamen sich näher -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Marie H. Koenig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die wachsende Energiekrise und der Mittlere Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Staatssekretär William J. Casey fordert mehr Zusammenarbeit der Erdöl-Verbraucherländer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pioniere an der Weltraumfront&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unternehmen SKYLAB II nach 59 Tagen glücklich beendet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von G. Weiss&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verbesserte Technik für den Hochseefunk&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abwasserkodex für einzelne Industriebranchen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Umweltschutzbehörde gibt exakte Richtlinien für den Gewässerschutz&lt;/em&gt;</text>
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%

^

&lt;&amp;

27. September 1989

36

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bush signalisiert Bereitschaft zur Zerstörung chemischer Waffen
- Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen Mosbacher;

"Beachtlicher Wandel" in Polen

- Rede des amerikanischen Handelsministers HINTERGRUND
Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Rüstungskontrolle in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Das amerikanisch-sowjetische Memorandum of Understanding über
chemische Waffen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums START; Eine Rahmenvereinbarung zu Verifizierung und Stabilität
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums ' Stand der Rüstungskontrollverhandlungen
/ - Wöchentliche Übersicht Umweltinitiativen der Bush-Administration
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation
27. September 1989

36

BUSH SIGNALISIERT BEREITSCHAFT ZUR ZERSTÖRUNG CHEMISCHER WAFFEN
- Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen VEREINTE NATIONEN - (AD) - Präsident Bush gab am 25. September 1989 in
einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen ein Drei-Punkte-Programm bekannt, um "die Welt von diesen wahrhaft furchtbaren" Chemiewaffen zu
befreien, wenn auch die Sowjetunion sich daran beteiligt. Bushs Plan zufolge
sind die Vereinigten Staaten bereit, innerhalb von acht Jahren 98 Prozent ihres Bestands an chemischen Waffen zu zerstören und sie innerhalb von zehn Jahren lOOprozentig zu vernichten, wenn alle Länder mit der Fähigkeit zur Hersteilung chemischer Waffen den Vertrag über ein vollständiges Verbot unterzeichnen.
Bush bekundete darüber hinaus, er sei "sehr zufrieden" mit den Fortschritten in den Gesprächen über die Reduzierung konventioneller und strategischer
Waffen zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse in Jackson Hole (Wyoming).
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte der Vereinten Nationen: es ist mir eine Ehre, heute bei der Eröffnung der 44.
Sitzung der Vollversammlung zu Ihnen
sprechen zu dürfen.
Ich möchte zunächst dem ehrenwerten nigerianischen Diplomaten Joseph
Garba £u seiner Wahl zum Präsidenten
dieser Sitzung der Vollversammlung
gratulieren und ihm eine erfolgreiche
Präsidentschaft wünschen.
Ich persönlich freue mich auch
über diese Gelegenheit. Für mich ist
es eine Heimkehr. Die Erinnerungen
an meine Zeit hier in den Jahren 1971
und 1972 sind immer noch lebendig die Augenblicke der Menschlichkeit
und des Humors, die auch bei Unter-

nehmungen an höchster Stelle stattfinden.
Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen - aus einer der
zahlreichen
Sitzungen des Sicherheitsrats.
Ich kam 45 Minuten zu
spät zu der Versammlung, und die ganzen 45 Minuten wurden vom ersten Redner bestritten.
Als ich hereinkam
und meinen Platz einnahm, machte der
Redner eine kurze Pause und sagte
sehr höflich: "Ich begrüße den Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten und werde jetzt ihm zuliebe meine
Rede noch mal von vorn halten." In
diesem Augenblick gab es keine Gegensätze zwischen Bündnissen oder Ideologien mehr. Das am ganzen Tisch von allen Mitgliedern - vernehmbare
Aufstöhnen und das anschließende Ge-

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�lächter einte uns alle.
Heute möchte ich beginnen, indem
ich die gegenwärtigen Ständigen Vertreter würdige, mit denen ich zusammengearbeitet habe: Roberto Martinez-Ordonez, Blaise Rabetafika und
der Ständige Beobachter John Dube.

Kämpfer für den Frieden erinnern. An
einen Amerikaner, der an einer Friedensmission der Vereinten Nationen
und damit an einer Mission zum Wohl
der Welt teilgenommen hat. An einen
zweifellos tapferen Mann mit unbeirrbarem Engagement für das Ideal der
Vereinten Nationen:
Oberstleutnant
William Richard Higgins.

Es ist wunderbar, wenn man sich
umsieht und soviele bekannte Gesichter erblickt - Außenminister, Mitarbeiter des Sekretariats, Delegierte.
Und natürlich Sie, Herr Generalsekretär, der Sie Ständiger Vertreter Ihres Landes waren, und Sie Herr Stellvertretender
Generalsekretär
Abby
Farah, als damaliger Ständiger Vertreter. Ich freue mich, heute zusammen mit Ihnen an dieser historischen
Stätte zu weilen.

Ich fordere die Vollversammlung
auf, den Mord an diesem Soldaten des
Friedens zu verurteilen und bitte die
Verantwortlichen, der Familie seine
sterblichen Überreste, zu übergeben.
Und ich möchte, daß wir uns hier und
jetzt erneut auf die Sache verpflichten, der Oberst Higgins so selbstlos
gedient hat.

Die Vereinten Nationen wurden vor
41 Jahren auf den Trümmern des Krieges errichtet, und ihre Gründung wurde von großen Hoffnungen begleitet.
Und die Vereinten Nationen können
Großes vollbringen. Dabei sind sie
keineswegs unfehlbar.
Sie liefern
kein Allheilmittel für die Probleme
der Welt. Aber sie sind ein ungemein
wichtiges Forum, indem die Nationen
der Welt Konflikte durch Konsens zu
ersetzen suchen, und sie müssen ein
Forum für den Frieden bleiben.
Die Vereinten Nationen nähern
sich diesem Idealbild immer mehr an.
Und sie verfügen über die Zustimmung
der Vereinigten Staaten von Amerika.
In den letzten Jahren - und ganz sicherlich seit meiner Zeit hier - haben die von diesen Wänden widerhallenden Wortgefechte oftmals eine neue
Denkrichtung eingeleitet. Wir haben
eine begrüßenswerte Verlagerung - von
Fehden zu versöhnlichen Worten - beobachten können.
Die
UN-Friedenstruppen
haben
jetzt ihren Dienst aufgenommen, und
in all den Jahren haben mehr als 700
ihrer Mitglieder ihr Leben im Dienst
der
Vereinten
Nationen
gelassen.
Heute möchte ich an einen dieser

Die Gründer dieser historischen
Institution wollten, daß die Nationen
der Welt sich hier zusammenfinden, um
sich darauf zu einigen, daß das Gesetz und nicht die Gewalt regieren
sollte. Und die Vereinten Nationen
können bei den wichtigen Problemen
unserer Zeit eine entscheidende Rolle
spielen.
Denn heute gibt es eine
Idee, die die Welt beherrscht - eine
Idee von unbestreitbarer Macht. Und
diese Idee heißt: Freiheit.
Der Vormarsch der Freiheit läßt
sich überall beobachten. In Mitteleuropa in Ungarn - wo sich Staat und
Gesellschaft nunmehr inmitten einer
Bewegung zu politischem Pluralismus
und freier Marktwirtschaft befinden.
Wo die Zäune, die einmal eine unnatürliche Trennung zwischen Ungarn und
seinen Nachbarn im Westen bewirkten,
jetzt niedergerissen - und durch »neue
Hoffnungen für die Zukunft ersetzt
wurden - neue Hoffnungen auf Freiheit.
Wir beobachten die Verwirklichung
der Freiheit in Polen - wo die kommunistische Partei unter Respektierung des Volkswillens ihr Machtmonopol aufgegeben hat und auch in der
Sowjetunion, wo die Welt die Stimmen
der Menschen vernimmt, die keine
Angst mehr haben, ihre Meinung zu äußern oder auf dem Recht auf Selbstbe-

�Stimmung zu bestehen.
Aber der Vormarsch der Freiheit
bleibt nicht auf einen einzelnen Kontinent oder die Industrieländer beschränkt.
Wir beobachten auch größere Freiheit in Lateinamerika, wo die Diktaturen langsam zugunsten von Demokratien verschwinden.
Wir beobachten dasselbe auf dem
afrikanischen Kontinent, wo mehr und
mehr Länder in freiem Unternehmertum
die Rettung für ihre durch übermäßige
staatliche
Kontrolle
behinderten
Volkswirtschaften erblicken.
Ost und West, Nord und Süd: Auf
jedem Kontinent, an jedem Horizont
erkennen wir den Silberstreif einer
neuen Welt der Freiheit.
Natürlich ist das Werk der Freiheit noch unvollendet. Die Tendenzen, die wir wahrnehmen, finden nicht
überall statt. Einige Regime stellen
sich immer noch den Gezeiten entgegen. Manche der Regierenden verweigern den Menschen immer noch das
Recht, sich selbst zu regieren. Aber
jetzt wird die Macht der Befangenheit
und Tyrannei herausgefordert.
Niemals zuvor haben diese Regime so isoliert und allein dagestanden, so weit
vom stetigen Vormarsch der Freiheit
entfernt.
Heute werden wir Zeuge eines Zusammenbruchs von Ideologien, dem Untergang der totalitaristischen Idee
des allmächtigen Staates.

die Bill of Rights und damit Grundfreiheiten für jeden einzelnen vorgeschlagen. Rechte, die keine Regierung
verweigern
kann.
Dieselben
Rechte sind von dieser Versammlung
der Nationen mit dem Text der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
anerkannt worden, und sie stellen eine Maxime für alle Menschen und alle
Nationen dar.
Von unserem Standpunkt aus gesehen, von der Schwelle dieser neuen
Welt der Freiheit, läßt sich diese
Tendenz eindeutig ausmachen.
Wenn
diejenigen, die unsere heutige Geschichte schreiben, das 20. Jahrhundert als Zeitalter des Staates bezeichnen, muß das 21. Jahrhundert ein
Zeitalter der Emanzipation des Individuums sein.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nichts kann dem Vormarsch der
Freiheit im Weg stehen. Es wird ein
Tag kommen, wo Freiheit auf der ganzen Welt als allgemein verbrieftes
Recht - jeder Rasse und jedes Lebensbereichs - betrachtet wird. Auch unter den schlimmsten Umständen, in den
schwierigsten Zeiten ist Freiheit immer lebendig geblieben - als ferner
Traum vielleicht, aber immer noch lebendig.
Heute ist dies nicht mehr nur ein
ferner Traum. Zum ersten Mal ist für
Millionen Menschen auf der ganzen
Welt eine neue Welt der Freiheit in
Reichweite. Jetzt ist die Zeit reif
für die Freiheit.

Für diesen Zusammenbruch gibt es
zahlreiche Gründe. Aber am Ende läßt
sich das, was wir heute wahrnehmen,
in einem Satz erklären: Für die Anhänger der Idee des Totalitarismus
war deren Triumph ein Gesetz der Geschichte. Sie haben jedoch nicht die
Liebe zur Freiheit beachtet, die in
die Herzen der Menschen geschrieben
ist.

Wie Sie sehen, besteht nunmehr
die Möglichkeit zur Schaffung einer
echten Staatengemeinschaft, die sich
auf gemeinsame Interessen und Ideale
gründet.
Eine echte Gemeinschaft,
eine Welt, in der freie Regierungen
und
freie
Marktwirtschaften
dem
Wunsch der Menschen nach Gestaltung
ihres eigenen Schicksals entgegenkommen: nach einem Leben in Würde und
freier Ausübung ihrer grundlegenden
Menschenrechte.

Vor zweihundert Jahren haben die
Vereingten Staaten - unser Kongreß -

Es ist an der Zeit, daß wir zusammenarbeiten, um dieses Schicksal

- 3 -

�in die Hände aller Menschen zu legen.
Wir stehen vor der Herausforderung, die Grundfesten der Freiheit zu
stärken, ihren Vormarsch zu fördern
und uns unseren vordringlichsten Herausforderungen zu stellen. Den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: wirtschaftliches Wohlergehen, gesunde Umwelt und die großen
Fragen von Krieg und Frieden.
Zunächst zum Wachstum der Weltwirtschaft. In diesem Jahrzehnt sind
eine Reihe von Entwicklungsländern in
die Reihen der fortschrittlichsten
Volkswirtschaften aufgestiegen, und
jedes von ihnen hat es auf der Basis
freien Unternehmertums geschafft.
In den kommenden zehn Jahren können andere dazukommen.
Aber viele
Länder sehen sich Hindernissen gegenüber. Im Falle einiger Länder sind
es selbsterrichtete Hindernisse: unnötige Einschränkungen und Vorschriften, die sich als Hemmschuh für ihre
eigenen Volkswirtschaften und als
Hindernisse für den Außenhandel erweisen.
Aber es gibt noch andere Hindernisse für den Wandel, die auch nach
Taten verlangen. Allzuviele Entwicklungsländer kämpfen heute mit der
Last ihrer Schulden, die ein Wachstum
nahezu unmöglich macht. Die Länder
der Welt verdienen bessere Möglichkeiten, um die Kontrolle über ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal zu
erlangen und ihren Bewohnern ein besseres Leben zu schaffen.
Der von den Vereinigten Staaten
mit dem Brady-Plan unterbreitete Vorschlag wird diesen Länder beim Abbau
ihrer Schuldenlast helfen und gleichzeitig Reformen für eine freie Marktwirtschaft fördern, mit denen Wachstum in Gang gesetzt werden kann.
In zwei Tagen werde ich eine Rede
beim
Internationalen
Währungsfonds
und der Weltbank halten. Ich werde
dabei eingehender auf die Maßnahmen
eingehen, die unsere Länder zur Lö-

sung des Schuldenproblems ergreifen
können.
Aber jetzt kann ich dazu
schon sagen, daß die neue Welt der
Freiheit keine Welt ist, in der einige Länder in Wohlstand leben und andere bedürftig sind.
Die Macht des Handels treibt den
Fortschritt
voran.
Offene Märkte
sind der Schlüssel für anhaltendes
Wachstum in den Entwicklungsländern.
Heute erwerben die Vereinigten Staaten über die Hälfte der verarbeiteten
Exportgüter, die alle Entwicklungsländer zusammen an die Industrieländer verkaufen. Es ist an der Zeit,
daß andere wohlhabende Länder es uns
gleichtun, um mehr Möglichkeiten im
Handel zu schaffen.
Meiner Ansicht nach werden wir im
kommenden Jahrhundert
lernen, daß
viele Länder der Welt ihr volles Entwicklungspotential kaum ausgeschöpft
haben. Freie Marktwirtschaft und ihre Früchte sind nicht nur einigen wenigen vorbehalten, sondern alle sollten davon profitieren.
über
die
Herausforderung
des
weltweiten Wachstums hinaus gibt es
noch eine andere Frage von globaler
Bedeutung:
die Umwelt.
Keine auf
einer Landkarte eingezeichnete Grenze
kann die fortschreitende Verschmutzung der Umwelt aufhalten. Bedrohungen für die Umwelt sind zu einem
weltweiten Problem geworden.
Wir
müssen einen internationalen Ansatz
finden, um der Umweltproblematik größere Dringlichkeit zu verleihen und
gemeinsam nach Lösungen für gemeinsame Probleme suchen.
Die Vereinten Nationen arbeiten
bereits daran. Am Problem der Erwärmung der Erde. Und es gibt Bestrebungen, um Öl- und andere Katastrophen zu verhindern, die unsere Meere
und die Luft, die wir atmen, verschmutzen.
Und dazu möchte ich Ihnen jetzt
sagen: Die Vereinigten Staaten werden ihren Teil dazu beitragen. Wir
haben uns zur weltweiten Abschaffung

- 4 -

�aller
Fluorchlorkohlenwasserstoffe
bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Wir
haben Zusätze zu unserem Gesetz über
die Luftreinhaltung vorgeschlagen, um
innerhalb nur einer Generation saubere Luft für all unsere Bürger sicherzustellen. Wir haben den Import von
Elfenbein verboten, um Elefanten und
Nashörner vor den Wilderern zu schützen, die sie des Profits wegen ausrotten.
Und wir haben begonnen, gemeinsam
mit anderen Ländern Maßnahmen zu erarbeiten - mit den wichtigsten Industrieländern, Polen und Ungarn, um
den Umweltschutz zu einer gemeinsamen
Sache zu machen. Die Umwelt gehört
uns allen. In unserer neuen Welt der
Freiheit müssen alle Menschen der
Welt diese gemeinsame Zuversicht in
allen folgenden Generationen hegen
dürfen.
Das Wachstum der Weltwirtschaft,
die Erhaltung unseres Planeten - beides sind entscheidende Fragen. Wie
immer jedoch müssen Fragen von Krieg
und Frieden für die Vereinten Nationen übergeordnete Bedeutung haben.
Wir müssen uns bemühen, Massenvernichtungswaffen zu begrenzen - und
zu beseitigen. Vor fünf Jahren habe
ich der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf zum Verbot
chemischer Waffen vorgelegt. Seither
wurden Fortschritte erzielt, aber die
Zeit
wird
knapp.
Die Bedrohung
wächst.
Über 20 Staaten besitzen
heute chemische Waffen oder die Fähigkeit, sie herzustellen. Und diese
schrecklichen Waffen werden heute in
regionalen
Konflikten
eingesetzt.
Das ist unannehmbar.
Um der Menschheit willen müssen
wir diese Bedrohung aufhalten und abbauen. Ich möchte heute Schritte ankündigen, die die Vereinigten Staaten
zu unternehmen bereit sind, Schritte,
um die Welt von diesen wahrhaft
furchtbaren Waffen zu befreien, zu
einem Vertrag, der innerhalb von 10
Jahren nach seiner Unterzeichnung al-

le chemischen Waffen auf der ganzen
Welt verbieten und beseitigen wird.
Diese Initiative
wichtige Elemente:

enthält

drei

Erstens
sind
die
Vereinigten
Staaten bereit, in den ersten acht
Jahren nach Abschluß eines Vertrags
über chemische Waffen 98 Prozent ihres Bestands an chemischen Waffen zu
vernichten, wenn sich die Sowjetunion
dem Verbot anschließt. Ich bin überzeugt, daß sie dies tun wird.
Zweitens sind wir bereit, all unsere chemischen Waffen, 100 Prozent,
jede einzelne, innerhalb von 10 Jahren nach der Unterzeichnung eines
Vertrags über das vollständige Verbot
durch alle zur Herstellung dieser
Waffen befähigten Staaten zu zerstören.
Und drittens sind die Vereinigten
Staaten bereit, sofort zu beginnen.
Wir werden noch während der Arbeit an
einem Vertrag über 80 Prozent unserer
Bestände beseitigen, wenn sich die
Sowjetunion uns anschließt, die chemischen Waffen auf ein gleiches Niveau abbaut und wir uns auf Inspektionen einigen, um zu überprüfen, daß
diese Bestände zerstört werden.
Wir wissen, daß die Überwachung
eines vollständigen Verbots chemischer Waffen eine Herausforderung
darstellt. Aufgrund der Erkenntnisse, die wir mit unseren Erfahrungen
aus den jüngsten Rüstungskontrollabkommen gewonnen haben sowie aufgrund
unserer intensivierten Forschung in
diesem Bereich bin ich jedoch der
Übe rzeugung, daß wir einen Grad der
Verifizierung erreichen können, der
uns Vertrauen zum Abschluß eines solchen Verbots gibt.
Die Welt lebt schon zu lange im
Schatten
der chemischen Kriegführung. Lassen Sie uns ab heute gemeinsam handeln, um die Welt von dieser Geißel zu befreien.

- 5 -

Wir bemühen uns ebenso ernsthaft

�um die konventionelle Abrüstung. Aus
diesem Grund haben wir am vergangenen
Donnerstag, dem 21. September 1989,
bei den Wiener KSE-Verhandlungen neue
Vorschläge präsentiert - Vorschläge,
die unser Engagement unter Beweis
stellen, daß wir uns bemühen, sobald
wie möglich die militärischen Spannungen in Europa abzubauen und die
Völker dieses Kontinents ihrer gemeinsamen Bestimmung einen Schritt
näherzubringen:
einem
ungeteilten
und freien Europa.
Die Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß offene und innovative Maßnahmen die Abrüstung fördern
und internationale Spannungen abbauen
können. Genau dieser Gedanke liegt
dem Vorschlag der 'offenen Himmel'
zugrunde, zu dessen Prüfung sich die
Sowjets nun bereiterklärt haben. Er
liegt dem Vorschlag der 'offenen Länder' zugrunde - der zum ersten Mal
die Reisefreiheit aller sowjetischen
und amerikanischen Diplomaten im jeweiligen Gastland vorsieht. Offenheit ist der Feind des Mißtrauens,
und jeder Schritt zu einer offeneren
Welt ist ein Schritt zu der neuen
Welt, wie wir sie anstreben.
Ich möchte noch kurz auf die
Treffen mit Außenminister Schewardnadse in den letzten Tagen eingehen.
Ich bin mit den erreichten Fortschritten sehr zufrieden.
Die Sowjetunion hat eine Reihe von Hindernissen für Fortschritte bei der Reduzierung konventioneller und strategischer Waffen aus dem Weg geräumt.
Wir haben Grundsatzvereinbarungen zu
Problemen von der Verifizierung bis
zu den Atomtests erzielt. Und wir
haben uns auf ein Gipfeltreffen im
Frühjahr oder Frühsommer des Jahrs
1990 verständigt.
Jedes dieser Ergebnisse ist für
sich allein schon bedeutend.
Sie
sind jedoch noch wichtiger als Zeichen der neuen Haltung, die zwischen
den Vereinigten Staaten und der UdSSR
vorherrscht.
Ernste
Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber
die Bereitschaft, diese Meinungsver-

schiedenheiten konstruktiv und offen
zu behandeln, ist eine neue Tatsache,
die wir und die ganze Welt begrüßen
sollten.
Wir sind nicht in ein Zeitalter
ewigen Friedens eingetreten. Die Bedrohungen des Friedens, mit denen die
Staaten heute konfrontiert werden,
mögen sich verändern, aber sie sind
nicht
verschwunden.
Tatsächlich
tritt in einer Reihe von Regionen der
Welt ein brisantes Gemisch zutage:
Regime, die mit alten und unversöhnlichen Animositäten - und modernen
Massenvernichtungswaffen
ausgerüstet
sind.
Durch diese Entwicklung wird das
Risiko bei jedem möglichen Kriegsausbruch erhöht.
Regionale Konflikte
könnten den Weltfrieden in nie gekanntem Ausmaß bedrohen.
Die Bewahrung des Friedens ist
für uns alle hier in diesem Saal eine
persönliche
Herausforderung.
Die
Vereinten Nationen können ein Vermittler sein und ein Forum, das alle
miteinander
in Konflikt stehenden
Parteien auf der Suche nach friedlichen Lösungen zusammenführen kann.
Um des Friedens willen müssen die
Vereinten Nationen ihre Unterstützung
der gegenwärtig stattfindenden Friedensbemühungen
in
Konfliktgebieten
auf der ganzen Welt verdoppeln. Ich
versichere Ihnen:
Die Vereinigten
Staaten sind entschlossen, bei der
Beilegung regionaler Konflikte eine
aktive Rolle zu übernehmen. Bisweilen wird unsere Rolle bei regionalen
Streitigkeiten vollständig der Öffentlichkeit bekanntgegeben. In anderen Fällen arbeiten wir, wie viele
von Ihnen auch, ohne großes Aufsehen
- hinter den Kulissen. Immer jedoch
setzen wir uns für positive Veränderungen und dauerhaften Frieden ein.
Unsere Welt ist noch anderen, weniger geläufigen Bedrohungen ausgesetzt, die für Frieden und Stabilität
in der Welt jedoch nicht minder gefährlich sind. Drogen sind eine Be-

�drohung der Gesellschaftsordnung und
ein Quell menschlichen Leids, wo immer sie Fuß fassen. Die Länder, die
von dieser Geißel der Menschheit betroffen sind, müssen ihre Kräfte im
Kampf
dagegen
zusammenschließen.
Dies geschieht bereits. Ich möchte
insbesondere das Engagement und den
außergewöhnlichen Mut eines einzelnen
Landes hervorheben, nämlich Kolumbiens, in dem wir heute mit der Bevölkerung und ihrem Präsidenten, Virgilio Barco, zusammenarbeiten, um den
Drogenkartellen die Geschäftsgrundlage zu nehmen und die Drogenbarone ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Schließlich müssen wir unsere
Kräfte vereinen, um der Bedrohung des
Terrorismus entgegenzutreten.
Jedes
Land und die Vereinten Nationen müssen den Gesetzlosen der Welt eine
deutliche Botschaft zu übermitteln:
Geiselnahme und der Terror willkürlicher Gewalt werden von der Welt nicht
mit Zustimmung aufgenommen. Jegliche
Art von Terrorismus läuft allen Werten einer zivilisierten Welt zuwider. Täuschen Sie sich nicht: Terrorismus ist ein Mittel, das von keinem Zweck, sei er auch noch so gerecht, geheiligt wird.
Wie auch immer eine Herausforderung beschaffen sein mag, unsere Erfolgschancen werden durch Freiheit
erheblich verbessert. Die Stunde der
Freiheit ist eine Zeit der Hoffnung
für die ganze Welt. Denn, wenn sie
einmal in Bewegung gesetzt wurde,
entwickelt die Freiheit ihre eigene
Dynamik.
Am Tag meiner Amtseinführung habe
ich erklärt: 'Wir müssen nicht nächtelang die bessere Regierungsform erörtern. ' Wir wissen, daß eine frei
gewählte Regierung - Demokratie - am
besten ist.
Dies ist die schwer erkämpfte
Wahrheit unserer Zeit, die unanfechtbare Tatsache, die am Ende eines
Jahrhunderts harter Kämpfe und großen
menschlichen Leids Bestand hat. Dies
gilt nicht deshalb, weil all unsere

Meinungsverschiedenheiten
der Demokratie weichen müssen, sondern weil
die Demokratie all unseren Meinungsverschiedenheiten Raum gibt. In der
Demokratie findet die Vielfalt ihr
gemeinsames Haus.
Der Kern des demokratischen Ideals ist die Achtung - der Freiheit
des Glaubens, der Gedanken- und Handlungsfreiheit in all ihrer Vielfalt,
der Menschenrechte. Die Welt hat genug Ideologien erlebt, die versprachen, den Menschen in einer neuen,
besseren Form noch einmal zu erschaffen. Wir haben die kolossalen Tragödien und zerstörten Hoffnungen erlebt. Wir wissen jetzt, daß Freiheit
unbd Demokratie die Antworten sind.
Was die Menschen und Staaten möchten,
ist die Freiheit, nach ihrem eigenen
Willen zu leben und die Chance, in
Wohlstand und Frieden zu leben.
Zu Beginn meiner heutigen Rede
sprach ich über die Erhaltung des
Friedens.
Ich möchte mich nun der
Schaffung von Frieden widmen.
Wir
müssen denjenigen Menschen den Frieden bringen, die seine Wohltaten noch
nie erfahren konnten.
In meinem Amtszimmer im Weißen
Haus hängt ein Gemälde.
Es zeigt
Präsident Lincoln und seine Generäle
gegen Ende des blutigsten Krieges in
der Geschichte der Vereinigten Staaten. Draußen tobt zu jener Zeit eine
Schlacht. In der Ferne sehen wir jedoch einen Regenbogen, Symbol der
Hoffnung. Das Gemälde trägt den Titel "Die Friedensstifter". Für mich
bedeutet es eine dauernde Mahnung,
daß unser Kampf, der Kampf für den
Frieden, ein von der Hoffnung gesegneter Kampf ist.
Ich erinnere mich an die Zeit,
als ich selbst in diesem Saal saß.
Ich erinnere mich an den Respekt, den
wir, die wir stolz als Delegierte
hier anwesend waren, einander entgegenbrachten.
Ich erinnere mich der
fast endlosen Reden, der Sitzungen
des Sicherheitsrats.
Der Empfänge
und Defllees. Der formellen Treffen

- 7 -

�dieser Versammlung und der informellen Diskussionen in der DelegiertenLobby.
Ich erinnere mich auch noch an
andere Dinge, die über die Hektik und
die manchmal frustrierenden Erfahrungen des Alltags hier hinausgehen: An
den Herzschlag der Vereinten Nationen, die stille Überzeugung, daß wir
die Welt zu einem friedlicheren, einem freieren Ort machen könnten.
Was wir damals anstrebten, ist
nun in greifbare Nähe gerückt. Ich
frage jeden von Ihnen in diesem
Saal: Können wir den Vereinten Nationen nicht ein einheitliches Ziel
geben? Können wir nicht diese neue
Welt der Freiheit zu dem von uns angestrebten gemeinsamen Schicksal machen?
Ich glaube, daß wir es können.
Ich weiß, daß wir es müssen.
Mein feierlicher Wunsch ist heute, daß hier in den Vereinten Nationen dieser Geist Wurzeln schlägt und
daß alle Menschen und alle Staaten
die Stunde der Freiheit zu ihrer eigenen machen.
Ich danke Ihnen, Gott schütze Sie
und die Arbeit der Vereinten Nationen.

* * * * *

- 8-

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VoN^

36

27. September 1989

MOSBACHER:

"BEACHTLICHER WANDEL" IN POLEN

- Rede des amerikanischen Handelsministers -

WA1SCHAI - (AD) - Handels Minister Robert A. Mosbacher erklärte bei einem
Treffer mit imeriManischen unc polnischen Regierungsvertretern und Geschäftsleuten .im 39. S ptember 1989, sein Besuch in Polen sei "ein erster Schritt"
zur Verwirklichung von Präsident Bushs Plan, "die Dynamik des amerikanischen
Pri v/atF^kto. s mi' den Wachstu nschc'ncen des enstehenden polnischen Privatsektors zu kom vinie&gt;-en". Mosbach ^r stellte fest: "Ich bin seit einem Tag in Polen und habe mit eigenen Auge T gesehen, was für eine bemerkenswerte Zeit des
Wandels für diesem Land angebrochen ist."
Nachfolgend v-röffentliehen wir die Rede des Handelsministers im Wortlaut.

Ich bin seit einem Tag in Polen
und habe mit eigenen Augen gesehen,
was für eine bemerkenswerte Zelt des
Wandels für dieses Land angebrochen
ist. Bis vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, daß wir heute zu einem
Treffen mit der ersten nichtltommunistischen Regierung in Osteuropa seit
40 Jahren zusammenkommen.
Die Chance, freie Gewerkschaften
zu gründen, wirkliche Rede- und Pressefreiheit ?.u haben, bei wichtigen
Wahlen
seine Stimme abzugeben und
zwischen
larteien
und
politischen
Vorstellungen zu wählen - all diese
Errungenschaften sind fundamental und
weitreichend.
Den Ereignissen des Sommers 1988
In Polen kommt eine wahrhaft histo-

rische Dimension zu - und ich beglückwünsche das polnische Volk und
seine politisch Verantwortlichen zu
der disziplinierten und weitsichtigen
Art und Weise, in der sie diese tiefgreifenden Veränderungen durchgeführt
haben. Die wirtschaftlichen Veränderungen sind gleichermaßen beeindrukkend. Bis vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, daß ausländische Firmen
in Polen investieren und sogar zu 100
Prozent in ausländischem Besitz befindliche Unternehmen gründen können.
Und niemand hätte sich das Ausmaß
dieser Veränderungen vorstellen können:
dezentralisierter
Entscheidungsprozeß in der Wirtschaft, die
Gründung
von Privatunternehmen
und
der Weg zu echten Großhandelsmärkten
und Preisreformen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dank all dieser Maßnahmen werden
wunderbare Möglichkeiten eröffnet
nicht nur für das polnische Volk sondern auch für Amerikaner und ebenso
für alle anderen.
Als Präsident Bush vor zwei Monaten Polen besuchte, bot er eine Politik der Hoffnung, Ermutigung und Hilfe an. Er verkörperte die von allen
Amerikanern
empfundene Freude über
die hier gemachten Fortschritte - und
ihre große Hoffnung auf weitere Fortschritte und zukünftige Reformen.
Der Präsident hat erklärt:
"Die
demokratischen Kräfte in Polen haben
um die moralische, politische und
wirtschaftliche Unterstützung des Westens gebeten.
und der Westen wird
reagieren."
Die Verwirklichung der sich hier
abzeichnenden tiefgreifenden Beformen
stellt
eine
große
Herausforderung
dar. w.^nn ;*in System der Planwirtschaft und Staatsbetriebe, das die
Verteilung anhand von Warteschlangen
vornimmt, durch t-ine dezentralisierte
Wirtschaft ersetzt wird, die dank
privater Anreize produziert und die
Warenverteilung über den Preis steuert. Dies wird sich als sehr schwierig erweisen.
Es geht kein Weg daran vorbei,
daß große Opfer erforderlich sind.
Und der Erfolg wird sich nicht über
Nacht einstellen. Aber mit Vertrauen,
Geduld
und
Durchhaltevermögen
wird der Erfolg kommen.
Präsident Bush hat den Schlüssel
zur Überwindung der Hindernisse genannt, die sich dem Erfolg in den Weg
stellen: Das Wachstum des Privatsektors.
Initiativen und Innovationen
des Privatsektors können vollbringen,
was keine staatlicher Hilfe oder Verordnung kann: Sie können die polnische Wirtschaft verjüngen.
Einzig
und allein die Kreativität der einzelnen Unternehmer und eine Marktwirtschaft können diese Aufgabe erledigen.

Dieser
Besuch
ist
ein
erster
Schritt zur Verwirklichung von Präsident Bushs Programm - die Dynamik des
amerikanischen Privatsektors mit den
Wachstumschancen des enstehenden polnischen Privatsektors zu kombinieren.
Wir möchten so viel wie möglich
zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums in Polen beitragen - und
zur Erweiterung des Handels mit den
Vereinigten
Staaten.
Unser Besuch
gilt
der
Kontaktaufnahme
zwischen
amerikanischen Firmen und polnischen
Unternehmen, die zur Triebfeder von
Innovation, Kooperation und dynamischer Wirtschaft werden sollen.
Bei unserem Besuch haben wir einen besonderen Auftrag zur Entwicklung des Handels zu erfüllen.
Ein
Teil unserer Delegation besteht aus
amerikanischen
Führungskräften
des
amerikanisch-polnischen
WirtSchaftsrats.
Beurt Servaas, der amerikanische Vorsitzende des Rats, ist Leiter
der Delegation, die mit ihren polnischen Kollegen und Regierungsvertretern zusammentreffen wird, um aus der
Sicht des Privatsektors zu erörtern,
was zur Förderung von Investitionen
und Handel zwischen unseren Ländern
getan werden muß.
Diese Delegation wird besser als
jeder Regierungsvertreter feststellen
können, was genau erforderlich ist,
um den Weg zu raschem Wirtschaftwachstum zu ebnen. Wir haben sie um
einen umfassenden Bericht und eine
Reihe von Empfehlungen gebeten, die
uns dabei behilflich sein sollen, die
Wege zu schnellstmöglichem Ausbau der
Wirtschaftsbeziehungen aufzuzeigen.
Für morgen erwarten wir die Unterzeichnung eines Abkommens, mit dem
enge und zunehmende Kontakte zwischen
polnischen und amerikanischen Firmen
und bilaterale Geschäftsverbindungen
in die Wege geleitet werden sollen.
Darüber hinaus beabsichtigen wir
die Unterzeichnung eines bilateralen
Abkommens, das darauf abzielt, den
Tourismus
zwischen
unseren
beiden

�Ländern zu fördern und amerikanische
Exporte im Touristikbereich sowie Investitionsmöglichkeiten in Polen erweitern soll.
Ein weiterer Teil unserer Delegation bestent aus einer Gruppe, die in
Polen ein Programm durchführt, in
dessen Rahmen pensionierte qualifizierte amerikanische FUhrungskräfte
in polnischen Unternehmen eingesetzt
werden. Diese Führungskräfte sollen
den polnischen Firmen amerikanische
Managementtechniken vermitteln.
Das
Programm staht unter der Schirmherrschaft des International Executive
Service Corps (IESC) und wird - wie
wir hoffen - zu zunehmender Partnerschaft im Bereich der Ausbildung
führen.
Einige bedeutende Abkommen mit
der Touristikindustrie sind bereits
ausgehandelt worden, wie beispielsweise
das
Gemeinschaftsunternehmen
Marriott-LOT und der Kauf von Boeing-Flugzeugen durch die Fluggesellschaft LOT. Ich hatte die Ehre, als
erster Gast in dem neuen MarriottHotel wohnen zu dürfen und sehe bereits den Erfolg unserer gemeinsamen
Bestrebungen.
Unserer Ansicht nach
wird unser bilaterales Abkommen die
gewerbliche Tätigkeit fördern.
Präsident Bush hat den Kongreß um
die Befugnis ersucht, private amerikanische Investitionen in Polen gemäß
dem Programm der Entwicklungsgesellschaft (Overseas Private Investment
Corporation - OPIC) garantieren zu
können und polnischen Exporten in die
Vereinigten
Staaten
Meistbegünstigungsstatus zu gewähren. Das heißt,
für über 4 100 Produkte aus Polen
wird kein Importzoll erhoben.
Wir freuen uns, daß das Repräsentantenhaus diesen Anträgen zugestimmt hat und sie jetzt dem Senat
zur Entscheidung vorliegen.
Sobald
die endgültige
Zustimmung erfolgt
ist, werden wir Investitionsmissionen
gründen und Handelsseminare durchführen, damit die Wirtschaft von diesen
beiden Programmen profitieren kann.

Das Hauptziel besteht im Wachstum
solider amerikanischer Investitionen
in Polen. Priscilla Raab, die Leiterin des amerikanischen Handelsentwicklungsprogramms, hat uns nach Warschau begleitet, um Wege zur Verwirklichung dieses Ziels aufzuzeigen.
Sie prüft von amerikanischer Seite
finanzierte Projektstudien, die zu
einer Vielzahl neuer Investitionen in
die polnische Wirtschaft führen könnten.
Die 24 Abkommen zu Gemeinschaftsunternehmen, die bereits zwischen
amerikanischen und polnischen Unternehmen unterzeichnet wurden, sind ein
weiterer Beweis dafür, daß amerikanische Firmen hier die Geschäftstätigkeit
aufnehmen
wollen.
Das
Marriott-LOT-Gemeinschaftsunternehmen
ist ein Beispiel dafür.
Curtis International, auch ein
Pionier im Beteiligungsgeschäft, hat
im Bereich der Film-Innovation erfolgreich das Hannah-Barbers-Gemeinschaftsunternehmen
abgeschlossen.
Curtis wird in den Bereichen Wohnungbau und pharmazeutische Industrie in
diesem Jahr neue Beteiligungsgeschäfte mit Polen gründen.
Auch 24 amerikanische Firmen haben genügend Geschäftsmöglichkeiten
in Polen ausgemacht, um dort Büros zu
eröffnen.
Johnson und Johnson hat
bereits im Juli seine Niederlassung
eröffnet. Auch Honeywell hat diese
Absicht und damit beläuft sich die
Zahl amerikanischer Unternehmen mit
Geschäftsstellen in Polen auf 26.
Ich möchte nicht zum Schluß kommen, ohne dieses herrliche Gebäude zu
erwähnen, das Zeugnis für die Tradition der Handwerkskunst
und das
künstlerische Geschick hier in Polen
ablegt. Dieses Geschick ist im heutigen Polen überall zu beobachten ebenso wie im 17. und 18. Jahrhundert, als das Wilanow-Palais erbaut
wurde. Aber den polnischen Künstlern
fehlt häufig das Material, das für
ihre ausgezeichnete Arbeit erforderlich ist.

- 3 -

�Aus diesem Grunde - und als Ausdruck der dauerhaften Freundschaft
zwischen unseren beiden Ländern - habe ich die Ehre, ein Geschenk des Nationalen Verbands der Farben- und
Lackproduzenten der Vereinigten Staaten zu Überreichen. Diese Organisation hat mich gebeten, ihr Geschenk
im Wert von 5 000 Dollar an Material
zu überreichen, das zur Beendigung
der
Restaurationsarbeiten
am
Wilanow-Pal.iis benötigt wird. Es ist
ihre - wie auch unsere - Hoffnung,
daß dieses Geschenk den polnischen
Künstlern helfen wird, ihr Bestes bei
der Erhaltung des polnischen Erbes zu
geben.

polnische Kultur sein wird
echte Villa Nova, Wilanow.

Niemand gibt sich der Illusion
hin, daß die Abwicklung von Geschäften in einem Polen leicht sein wird,
das sich a'if dem Weg von einer zentral gelenVten Wirtschaft zu einer
Marktwirtschaft befindet. Insbesondere der Mangel an harter Währung erschwert internationale Transaktionen.
Aber es wäre ein Fehler, sich nur
die Probleme und Schwierigkeiten vor
Augen zu halten und zu der Schlußfolgerung zu gelangen, es sei nicht an
der Zeit für Geschäfte. In den vergangenen Tagen konnten wir das große
Engagement und den Enthusiasmus des
polnischen Volkes bei der Wiederherstellung offener Märkte und auf dem
Weg zu einer von Unternehmergeist geleiteten Wirtschaft beobachten. Wir
stehen vor großen Chancen und Herausforderungen. Wir haben arbeitswillige Arbeitnehmer und vor Ungeduld
brennende Unternehmer von morgen gesehen.
Wir haben innovative Ideen
und den Wunsch zur Bewältigung der
Herausforderungen vernommen.
Wir hegen keinerlei Zweifel - und
auch Sie sollten keine haben -, daß
es in Ihrem Land ein enormes Wachstumspotential gibt, wenn der Geist
der Freiheit und des Unternehmertums
sich entfalten kann.
Sie haben die Chance, ein neues
Polen zu schaffen - das ein "neues
Haus" für das polnische Volk und die
- 4 -

Gott schütze Sie.

* * * * *

-

eine

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums -

Im Rahmen des Treffens von Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen Schewardnadse hat das amerikanische Außenministerium am 23. September 1989 eine Reihe von Übersichten erstellt, von denen wir einige veröffentlichen.

Afghanistan

Mittelamerika

Die Vereinigten Staaten unterstützen die Mujahedin und ihre Bestrebungen, das unrechtmäßige Najibullah-Regime seines Amtes zu entheben. Eine politische Einigung sollte
auf der Selbstbestimmung des afghanischen Volkes basieren und das von den
Sowjets aufoktroyierte Regime durch
eine repräsentative Regierung ersetzen.
Die Sowjets haben die Bildung
eines politischen Prozesses in der
Hand.
Sie liefern jedoch weiterhin
Waffen, wie etwa Scud-Raketen und andere moderne Waffen in unbegrenztem
Umfang an das Na jibullah-Regime.

Wir sind auch weiterhin tief besorgt über die Aktivitäten des Ostblocks in Mittelamerika und seine Unterstützung kubanischer und nicaraguanischer Bestrebungen zur Aushöhlung
regionaler Stabilität.
Trotz der ausgesetzten amerikanischen Militärhilfe an die nicaraguanische Widerstandsbewegung und einer
angeblichen Aufgabe sowjetischer Waffenlieferungen an Nicaragua leistet
der Ostblock den Sandinisten weiterhin unablässig Unterstützung.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Wir ermutigen Moskau, seinen Einfluß in Nicaragua, Kuba und anderen
Ländern geltend zu machen, um eine
friedliche Einigung in der Region
herbeizuführen und freie, faire Wahlen zu ermöglichen.

Naher Osten
Die Vereinigten Staaten begrüßen
sowjetische Bestrebungen zur Übernahme einer aktiveren und konstruktiveren Rolle im Friedensproseß des Nahen
Ostens. Wir haben Moskau ermutigt,
den Plan des israelischen Premierministers Schamir für Wahlen in den besetzten Gebieten zu unterstützen.
Ferner fordern wir die Sowjets zur
Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel auf, wenn sie eine
für alle Beteiligten konstruktive
Rolle spielen wollen. Darüber hinaus
arbeiten wir mit den Sowjets daran,
die Anstrengungen des Dreiparteienausschusses der Arabischen Liga im
Libanon für einen Waffenstillstand
und die Aufhebung des Belagerungszustandes zu unterstützen.

Kambodscha
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion sind sich über die Dringlichkeit einer umfassenden Regelung
für Kambodscha einig.
Die sowjetische Unterstützung für Hun Sen und
die mangelnde Flexibilität Vietnams
bei der Pariser Kambodscha-Konferenz
im Hinblick auf die Teilung der Macht
haben nur bedingt Fortschritte ermöglicht. Wir müssen weiterhin auf diplomatischem Wege alles tun, um ein
Abkommen zu erzielen.

* * * * *

- 2

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

Rüstungskontrolle In den Amerikanisch-Sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums -

Im Rahmen des Treffens von Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen Schewardnadse hat das amerikanische Außenministerium am 23. September eine Reihe von Übersichten erstellt, von denen wir einige veröffentlichen.

Konventionelle Rüstungskontrolle

tionaustausch ab.

Dieses Thema nimmt sowohl bei der
Bush-Administration als auch innerhalb der NATO einen sehr hohen Stellenwert ein. 1986 hat die KSZE-Konferenz mit ihren 35 Teilnehmerstatten
ein innovatives Programm vertrauensbildender Maßnahmen erarbeitet, um
Offenheit und Berechenbarkeit militärischer Aktivitäten zu fördern. Der
Westen verfolgt
bei den laufenden
Verhandlungen
über
Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM)
unter anderem das Ziel eines umfassenden
Informationsaustauschs
über
die Stationierung von Soldaten und
Waffen in Europa und zielt darüber
hinaus auf einheitlichere Richtlinien
für die Beobachtung und Inspektion
von Manövern und besseren Informa-

Die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts haben in
diesem Jahr Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte
in Europa
(KSE) eröffnet, um die massive Überlegenheit der konventionellen Streitkräfte des Warschauer Pakts zu bekämpfen.
Dabei wird das Ziel verfolgt, Sicherheit und Stabilität auf
niedrigen konventionellen Streitkräfteniveaus vom Atlantik bis zum Ural
zu gewährleisten.

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Die NATO hat einige weitreichende
Vorschläge unterbreitet und arbeitet
hart an ihrem Ziel eines KSE-Abkommens in den kommenden sechs bis zwölf
Monaten.

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�Verhandlungen
raumwaffen

über

Kern- und

Welt-

Diese Verhandlungen wurden 1985
aufgenommen und umfassen drei Hauptbereiche:
strategische Offensivwaffen (START), Verteidigung im Weltraum
(D and S) und Mittelstreckenraketen
(INF). Bei START verfolgen die Vereinigten Staaten das Ziel, das Risiko
eines Krieges zu reduzieren, indem
sie ein stabileres nukleares Gleichgewicht auf erheblich niedrigeren Niveaus schaffen. Beide Seiten haben
sich
im
wesentlichen
auf
einen
START-Vertragsentwurf geeinigt, wobei
noch einige wichtige Fragen gelöst
werden müssen. Die Vereinigten Staaten haben im Juni Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilität vorgeschlagen, um den Verhandlungen neue Impulse zu geben und praktische Erfahrungen bei der Verifizierung sicherzustellen.

Die Vereinigten Staaten sind mit
der Durchführung des INF-Vertrages
bis heute zufrieden, wo sich Im Hinblick auf die sowjetische Einhaltung
Probleme ergeben haben, haben wir
diese zu unserer Zufriedenheit gelöst.
Atomtests
Bei den amerikanisch-sowjetischen
Verhandlungen über Atomtests (NTT)
werden
Protokolle über Verifizierungsmaßnahmen ausgehandelt, so daß
der Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) von 1976
und der Schwellenvertrag von 1974
endlich ratifiziert werden können.
Die Vereinigten Staaten verfolgen
langfristig das Ziel eines umfassenden Atomtestverbots, aber erst dann,
wenn die nukleare Abschreckung kein
Erfordernis mehr für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten
ist.

Verteidigung im Weltraum
Die Vereinigten Staaten möchten
erforschen, ob eine effektive Verteidigung eines Tages zur Sicherung eines
stabilen
Streitkräftegleichgewichts zwischen beiden Seiten beitragen kann.
Die amerikanischen Ziele bei der
Verteidigung im Weltraum sind: den
Vereinigten Staaten das Recht zu erhalten, ihr SDI-Programm im Rahmen
ihrer im ABM-Vertrag eingegangenen
Verpflichtungen
weiterzuführen
und
sich gemeinsam mit den Sowjets stärker auf defensive statt auf offensive
Waffensysteme zu stützen, wenn sich
herausstellt, daß die auf beiden Seiten durchgeführte Forschung Verteidigungssysteme als machbar ausweist.

Fragen
Waffen

zum

Vertrag

über

chemische

Die Aufmerksamkeit richtet sich
gegenwärtig auf den vom damaligen Vizepräsident Bush bei der Genfer Abrüstungskonferenz 1984 vorgelegten Vertragstext, in dem der Einsatz, die
Entwicklung, Herstellung, Verbreitung
und Lagerung chemischer Waffen verboten wird.
Jedes Verbot chemischer
Waffen, das auf Akzeptanz der Vereinigten Staaten stoßen kann, muß umfassend, weltweit gültig und wirksam
verifizierbar sein. In dieser Hinsieht haben die amerikanisch-sowjetischen bilateralen Gespräche das
Ziel verfolgt, multilaterale Verhandlungen über ein solches Verbot zu
fördern.

INF
Die Verbreitung chemischer Waffen
Nach dem INF-Vertrag vom Dezember
1987 haben die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion einen weiten Weg
zur Beseitigung einer gesamten Kategorie nuklearer Waffen zurückgelegt.

Die Verbreitung chemischer Waffen
stellt die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten vor eine stärker
werdende Bedrohung. Aus diesem Grund

- 2 -

t

«.

�sind
die
Außenminister
Baker
und
Schewardnadse
übereingekommen,
daß
Bestrebungen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen mit Anstrengungen für einen Chemiewaffenvertrag einhergehen müssen.

Die Verbreitung von Raketentechnik
Die Bush-Administration räumt dem
Problem der Verbreitung von Raketen
und Raketentechnik höchste Priorität
ein - der Golfkrieg zwischen Iran und
Irak hat die Gefahren einer solchen
Verbreitung besonders vor Augen geführt.
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion haben drei Runden von Gesprächen zur Eindämmung der Verbreitung von Raketen und Raketentechnik
geführt.

* * * * *

- 3 -

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Hintergrundmaterial

V O N **

27. September 1989

36

DAS AMERIKANISCH-SOWJETISCHE MEMORANDUM OF UNDERSTANDING
ÜBER CHEMISCHE WAFFEN

- Eine Übersicht des US-Außenministerium -

Nachfolgend bringen wir eine der Übersichten des US-Außenministeriums, die
am 23. September 1989 in Zusammenhang mit dem Treffen zwischen US-Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse veröffentlicht
wurden:

Hintergrund
Das von Außenminister Baker und
seinem
sowjetischen
Amtskollegen
Schewardnadse am 23. September 1989
in Jackson Hole (Wyoming) unterzeichnete
Memorandum
of
Understanding
(MOU) über chemische Waffen sieht ein
bilaterales
Verifizierungsexperiment
und einen Datenaustausch vor.

Verbots chemischer Waffen zu fördern. Dieses Ziel wird von den Vereinigten Staaten seit 1984 verfolgt,
als der damalige Vizepräsident Bush
der Genfer Abrüstungskonferenz, an
der 40 Nationen teilnehmen, einen
Vertragsentwurf zu diesem Thema vorlegte.

Ein Zweiphasen-Abkommen
Diese Vereinbarung wurde von den
Vereinigten
Staaten
vorgeschlagen.
Sie spiegelt das Bestreben der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
wider, den Verhandlungsprozeß, die
Unterzeichnung und die Ratifizierung
eines umfassenden, wirksam verifizierbaren
und
wirklich
weltweiten

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Experiment
und
Datenaustausch
werden in zwei Phasen vorgenommen.
Phase I sieht vor:
Austausch allgemeiner Daten über
das auf beiden Seiten vorhandene

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�Chemiewaffenpotential. Die Daten
für Phase I würden bis Ende dieses Jahres ausgetauscht.
Besuche von einschlägigen militärischen und zivilen Einrichtungen, die vom Gastland ausgesucht
werden. Die für Besuche vorgesehenen Einrichtungen sind Produktionsund Lagerungsstätten für
chemische Waffen sowie Chemiefabriken der Privatindustrie.
Die
Besuche im Rahmen von Phase I
werden ab 30. Juni 1990 beginnen.
Phase II wird beginnen, sobald
beide Seiten formell und gemeinsam
feststellen, daß die Möglichkeit der
Einleitung eines multilateralen Vertrags über chemische Waffen innerhalb
von vier Monaten gegeben ist. Phase
II sieht vor:
Austausch
detaillierter
Daten
über
das
Chemiewaffenpotential
beider Seiten.
-

Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung der angegebenen Daten.

Jeder Seite wird gestattet, bis
zu fünf Inspektionen von angemeldeten
Einrichtungen vorzunehmen, die aus
einer von der anderen Seite bereitgestellten Liste ausgewählt werden sowie bis zu zehn kurzfristige Verdachtsinspektionen in nicht angemeldeten Einrichtungen.
Von den zehn in Phase II zulässigen Verdachtsinspektionen können bis
zu fünf auf jeder Seite innerhalb eines viermonatigen Zeitraums vor der
Einleitung eines Vertrags über chemische Waffen stattfinden. Bis zu fünf
zusätzliche
Inspektionen pro Seite
können durchgeführt werden nachdem
die Parteien ihren jeweils zuständigen gesetzgebenden Körperschaften einen Vertrag über chemische Waffen zur
Ratifizierung
zuleiten.
Verdachtsinspektionen werden im Einklang mit
den Gesetzen des inspizierten Landes
- im Falle von Drittländern mit deren
Zustimmung - durchgeführt.

Das MOU sieht vor, daß beide Seiten regelmäßige Treffen abhalten, um
Fragen über die gelieferten Daten zu
stellen und Problembereiche zu behandeln.

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27. September 1989

36

START:

EINE RAHMENVEREINBARUNG ZU VERIFIZIERUNG UND STABILITÄT

- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Nachfolgend bringen wir eine der Übersichten des US-Außenministeriums, die am
23. September 1989 in Zusammenhang mit dem Treffen zwischen US-Außenminister
Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse veröffentlicht wurden:

Hintergrund
Bei
Wiederaufnahme
der
STARTVerhandlungen in Genf im Juni 1989
präsentierte Präsident Bush eine aus
sieben
Einzelmaßnahmen
bestehende
Initiative, die auf die Stärkung von
Vertrauen und strategischer Stabilität sowie auf die Förderung von Fortschritten, insbesondere
im Bereich
der Verifizierung, abzielte.
Diese Maßnahmen sind ein deutliches
Signal
unseres
Engagements,
Fortschritte bei den START-Verhandlungen zu fördern sowie Stabilität
und Vertrauen schon vor Inkrafttreten
des START-Vertrags zu stärken.
In Genf haben die Vereinigten
Staaten den Sowjets diese sieben Maß-

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nahmen in all ihren Einzelheiten dargelegt.
Die Sowjets waren jedoch
nicht bereit, dieses Thema erschöpfend zu behandeln, weshalb die Erörterungen dazu beschränkt blieben.
Als die sowjetischen Experten zu
den vorbereitenden Arbeitsgesprächen
für das Außenministertreffen in Washington eintrafen, legten sie den
Text einer Grundsatzerklärung zum Verifizierungs- und
Stabilitätspaket
vor. Nach Gesprächen zwischen beiden
Seiten wurde Übereinstimmung zum Text
dieses Dokuments erzielt.
Die Vereinigten Staaten sind über
diese grundsätzliche Übereinkunft befriedigt und sehen konkreten Fortschritten mit den Sowjets zu bestimmten Verifizierungs- und Stabilitäts-

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�maßnahmen nach der Wiederaufnahme der
Genfer Gespräche erwartungsvoll entgegen.

Die Rahmenvereinbarung
Der Vereinbarung zufolge besteht
der doppelte Zweck der Maßnahmen darin, Verifikationsverfahren
für den
START-Vertrag
zu erproben und das
Vertrauen zu stärken, um einen baldigen Abschluß des Vertrags zu erleichtern.
Zu den gegenwärtig diskutierten
speziellen Maßnahmen gehören:
-

Ein frühzeitiger Datenaustausch;

Die Beendigung der Verweigerung
telemetrischer Daten zu ballistischen Raketen, einschließlich der
Verschlüsse]ung;
Einrichtung
der
Vor-Ort-Überwachung von Ein- und Ausgängen bestimmter
Raketenproduktionsstätten;
Behandlung des Problems der SLBMs
mit kurzen Flugzeiten;
Untersuchung
von Verfahren
zur
Überprüfung der Anzahl von Gefechtsköpfen
auf
ballistischen
Raketen;
Vorführung
von sowie Datenaustausch über Techniken zur Identifizierung von Raketen (sogenanntes "Tagging").
Ferner wurde eine von den Vereinigten Staaten vorgeschlagene Vereinbarung über die gegenseitige Benachrichtigung von strategischen Übungen
unterzeichnet.

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27. September 1989

36

STAND DER RÜSTUNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN
- Wöchentliche Übersicht -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. September
1989 vom US-Informationsamt (USIA) herausgegebene Übersicht über den Stand der
Rüstungskontrollverhandlungen bei mobilen Interkontinentalraketen, KSE, chemischen Waffen, Atomtests, Israel, Ägypten und MX.
USA verzichten
biler ICBMs

auf Einbeziehung mo-

Am 19. September 1989 gab Außenminister Baker bekannt, daß die Vereinigten Staaten auf die Einbeziehung
mobiler landgestützter Interkontinentalraketen (ICBMs) in die Rüstungskontrollgespräche mit der Sowjetunion
verzichten.
Der Außenminister fügte jedoch
hinzu, diese Position hänge von der
Zustimmung des Kongresses zur Finanzierung amerikanischer mobiler Raketen ab. Der Vorschlag wurde auch bei
dem Treffen zwischen Baker und seinem
sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse in Wyoming vom 22. bis 23. September 1989 erörtert.

Vorbehaltlich der Zustimmung des
Kongresses werden die amerikanischen
Unterhändler in Genf Baker zufolge
die "entsprechenden Details für die
auf mobile ICBMs angewandten Obergrenzen sowie wirksame Verifizierungsmaßnahmen" ausarbeiten.
Mit diesem Vorschlag wird ein
Hindernis bei den START-Verhandlungen
beseitigt, er erschwert jedoch die
Verifizierung eines Vertrags, da mobile Raketen leichter zu verstecken
und als Ziel schwerer auffindbar sind.
Die Sowjetunion besitzt zwei mobile ICBMs - die SS-25 und SS-24 -,
während sich die zwei amerikanischen
Proramme - die schienenmobile MX und
die straßenmobile Midgetman - noch im

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�Entwicklungsstadium
befinden.
Die
Position
der
Bush-Administration
hängt von der Bewilligung der Mittel
für diese beiden Programme durch den
Kongreß ab.

NATO
stimmt
AbrUstungsvorschlagen
bei konventionellen Rüstungen zu
Außenminister Baker gab bekannt,
daß die NATO-Partner Einigung zu den
"konkreten Vorschlägen zu Verifizierung, Informationsaustausch und Stabilisierungsmaßnahmen" erzielt haben,
die von den Vereinigten Staaten bei
den Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte (KSE) am 21. September
1989 in Genf unterbreitet wurden.

Die
amerikanische
Chemieindustrie
beabsichtigt Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen
Der Verband der amerikanischen
Chemieproduzenten
(CMA) gab einen
fünf Punkte umfassenden Vorschlag bekannt, der darauf abzielt, die Verbreitung chemischer Waffen einzudämmen.
Die CMA, in der 90 Prozent der
amerikanischen Chemieproduzenten zusammengeschlossen sind, forderte seine Mitglieder zu folgenden Maßnahmen
auf:
Verfahren, mit denen festgestellt
werden kann, ob Aufträge für
"sensitive" Chemikalien (die möglicherweise für die Herstellung
chemischer Waffen eingesetzt werden können) für friedliche Zwecke
bestimmt sind;

"Zusammen mit den am 13. Juli
eingebrachten Vorschlägen werden damit die Entscheidungen voll und ganz
in die Praxis umgesetzt, die wir beim
NATO-Gipfeltreffen
anhand der von
Präsident Bush vorgeschlagenen Initiative zu konventionellen Streitkräften getroffen haben", erklärte
der Außenminister am 19. September
1989. Der von Präsident Bush in die
Wege geleitete Plan fordert die Reduzierung von Streitkräften und Gerät
vom Atlantik bis zum Ural im Rahmen
eines voraussichtlich bis nächstes
Jahr abgeschlossenen Vertrags.

freiwillige Bekanntgabe von verdächtigen Aufträgen für oder Anfragen nach sensitiven Chemikalien;
offizielle Routineüberprüfung der
Unternehmenspraxis bei Chemieexporten und Schärfung des Bewußtseins bezüglich chemischer Waffen
unter den Export- und Marketingfachleuten;

Offensichtlich hat Griechenland
auf weitere Einwände gegen die Anzahl
der für die Türkei vorgesehenen gepanzerten Truppenfahrzeuge verzichtet, die zuvor die Vorlage des NATOPakets verzögert hatten.

Kontakte mit Bundesbehören für
Exportkontrolle auf Betriebs- und
Managementebene, sowie

Die neuen Vorschläge enthalten
einen detaillierten Informationsaustausch über Truppen und Depotlagerung
von militärischem Gerät.

ein Referenzsystem innerhalb der
einzelnen Unternehmen, das alle
Exporttransaktionen
sensitiver
Chemikalien vermerkt, in das amerikanische
Regierungsbehörden
Einblick nehmen können.

Die Sowjetunion wird voraussichtlich in Kürze einen Vorschlag unterbreiten, der als Zeichen ihrer Zustimmung zu Obergrenzen für bestimmte
Arten von Kampfflugzeugen gilt, die
sie bisher verweigert hatte.

Richard Clarke, Abteilungsleiter
im Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten und Leiter
der amerikanischen Delegation bei der
Canberra-Konferenz, lobte die "enthusiastische Unterstützung" der Indu-

- 2 -

�strie für einen Vertrag über ein Verbot von Entwicklung, Produktion, Lagerung und Einsatz chemischer Waffen.

schuß des Repräsentantenhauses gegenüber eingeräumt, daß Israel "eine
Art" Raketentest durchgeführt hat.

Er erklärte gegenüber den Teilnehmern der vom 18. bis 22. September
1989 veranstalteten Regierungs-Industriekonferenz gegen chemische Waffen, "die Geheimhaltung" zwischen den
Nationen, die im Besitz chemischer
Waffen sind, müsse aufgehoben werden
und Vertrauen in einen Vertrag über
ein Verbot chemischer Waffen "durch
eine Vielzahl unilateraler, regionaler und multilateraler Schritte" geschaffen werden. Darüber hinaus solle eine Gruppe technischer Experten
gebildet werden, die vor Abschluß eines Vertrags die wichtigsten Problembereiche erörtern.

Auf die am 20. September 1989 gestellte Frage, ob die Vereinigten
Staaten Israel zu dem Test um Stellungnahme gebeten hätten, antwortete
er: "Wir haben mit den Israelis bei
zahlreichen Gelegenheiten über Raketen an sich und ihre Verbreitung gesprochen."
Berichten der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass zufolge
hat Israel am 14. September 1989 eine
ballistische Mittelstreckenrakete zur
Erprobung abgefeuert.

Die
internationale
Chemieindustrie
ä'chtet chemische Waffen
Die Chemieunternehmen, die für
ca. 80 Prozent der Weltproduktion
verantwortlich sind, gaben am 20.
September 1989 eine gemeinsame Erklärung ab, die ihre Abscheu gegenüber
chemischer Kriegführung und die Forderung nach einem Verbot chemischer
Waffen enthält.
Die bei der Regierungs-Industriekonferenz gegen chemische Waffen in
Canberra abgegebene Erklärung ist ein
Zeichen der Bereitschaft privater
Firmen zur Zusammenarbeit mit den nationalen Regierungen, um einen solchen umfassenden und verifizierbaren
weltweiten Vertrag zu erlangen.
Bei der Konferenz kamen zum ersten Mal Regierungen und Vertreter
der Chemieindustrie aus 67 Nationen
in dem Bestreben zusammen, den Weg
für einen Vertrag zu ebnen.

USA nehmen israelischen
zur Kenntnis

Raketentest

Der stellvertretende Außenminister für den Nahen Osten und Südasien, John Kelly, hat einem Unteraus-

Der Sprecher des Außenministerium, Richard Boucher, hatte zuvor erklärt, Israel sei sich der Tatsache
bewußt, daß die Vereinigten Staaten
die Verbreitung von ballistischer Raketentechnologie insbesondere im Nahen O.'iten ablehnen.
"Wir haben alle Länder, die ballistische Raktenprogramme durchführen, davon in Kenntnis gesetzt - einschließlich Israel", stellte er am
15. September 1989 fest.
Berichten zufolge landete die in
der Gegend von Jerusalem abgeschossene Rakete ein gutes Stück von der Libyschen Küste entfernt im Mittelmeer.
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bauen im Rahmen des INFVertrags aus dem Jahr 1987 Raketen
dieses Typs ab.

Ägypten gibt das ballistische Raketenprojekt auf
Der Abteilungsleiter im Außenministerium für den Nahen Osten und
Südasien, John Kelly, erklärte am 19.
September 1989, daß Ägypten offensichtlich "die Zusammenarbeit " mit
Irak bei einem ballistischen Raketenprojekt beendet habe.
In einer Anhörung vor einem Unterausschuß des auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus erklärte

�Kelly, Ägypten und Irak hätten an der
Produktion der Condor 2-Rakete zusammengearbeitet.
Seiner Ansicht nach
habe "Ägypten die Zusammenarbeit bei
diesem Programm beendet".

Annäherung zwischen
bei Atomtests

USA

und

UdSSR

Die mit der Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über die Verifizierung von unterirdischen Atomtests mit einer Sprengkraft von 150
Kilotonnen
befaßten
amerikanischen
und sowjetischen Unterhändler haben
Fortschritte bei einem Abkommen erzielt, das unterschiedliche Verifiziecungsmethoden zuläßt.
Dem Kompromiß zufolge würden die
Vereinigten Staaten den Detonationswert eines Atomtests überwachen, indem sie in der Nähe der Explosionsstelle ein Kabel in den Boden verlegen, gleichzeitig jedoch den Sowjets
gestatten, die von ihnen bevorzugten
seismischen Messungen des Detonationswerts vorzunehmen.
Das Thema Atomtests stand auch
auf der Tagesordnung für das vom 22.
bis 23. September 1989 abgehaltene
Treffen zwischen Außenminister Baker
und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse. Am 19. September hatte Baker erklärt, die Vereinigten
Staaten wollten neue Vorschläge unterbreiten, "um den nun 15 Jahre währenden Stillstand bei Atomtests zu
durchbrechen und damit den Weg für
die Ratifizierung von zwei Atomtestverträgen im nächsten Jahr zu ebnen."

* * * * *

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Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

UMWELTINITIATIVEN DER BUSH-ADMINISTRATION
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht zu Umweltinitiativen der
Bush-Administration, die am 18. September 1989 in Spokane (Washington) vom
Pressebüro des Weißen Hauses veröffentlicht wurde.

Gesetz zur Luftreinhaltung
Am 12. Juni 1989 verkündete der
Präsident Vorschläge zur Reduzierung
von Emissionen, die sauren Regen,
vermehrte Ozonbildung in Großstadtregionen sowie die Verschmutzung der
Luft mit Schadstoffen
verursachen.
Die Vorschläge, die in dem ersten von
einer
Administration
unterbreiteten
allgemeinen Gesetz zur Luftreinhaltung seit über einem Jahrzehnt enthalten sind, sehen eine Reduzierunge
der
S02-Emissionen
(Schwefeldioxid)
um 10 Milliarden Tonnen bis zum Jahr
2000, eine Reduzierung der Emissionen
von NOx (Stickoxid) um zwei Millionen
Tonnen sowie einen 40prozentigen Abbau der Emissionen von flüchtigen organischen Verbindungen, die für den
Smog in Städten verantwortlich sind

sowie eine 75-90prozentige Reduzierung von Luftschadstoffen vor. Diese
Reduzierungen werden ferner dazu beitragen, die aus der Verwendung fossiler
Brennstoffe
herrührende
fortschreitende Erwärmung der Erdatmosphäre zu drosseln.
Der Vorschlag
fördert überdies den Einsatz alternativer Treibstoffe in einer Million
Fahrzeuge bis zum Jahr 1997. Alternative Treibstoffe werden neben der
Reduzierung von Substanzen, die zur
Ozonbildung beitragen, die Menge der
durch konventionellen Treibstoff entstehenden toxischen Aromate verringern. Der Präsident hat dem Kongreß
am 21. Juli 1989 ein umfassendes Gesetz zur Reinhaltung der Luft vorgelegt, in dem die am 12. Juni verkündeten Vorschläge enthalten sind.

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�Vorschläge zur Reduzierung von Emissionen durch Kohleverbrennung ("Saubere Kohle"- Technologien)
Der Präsident hat für das Haushaltsjahr 1990 die Bewilligung von
710 Millionen Dollar für das Technologieprogramm "Saubere Kohle" vorgeschlagen, mit dem die Entwicklung
neuer Technologien zur Reduzierung
von S02~ und NOx-Emissionen gefördert werden soll, damit die Kohle
auch in Zukunft zu unserer Energieversorgung beitragen kann.
Treibstoffverbrauch von Kraftfahrzeugen
Die Administration hat eine Maßnahme zur Verschärfung der Norm für
den Flottenverbrauch von Automobilen
auf 27,5 Meilen pro Gallone gebilligt. Mit dieser Maßnahme werden die
Ölimporte
sowie
der Beitrag von
Kraftfahrzeugemissionen
zur Aufheizung der Erdatmosphäre verringert.

LuftSchadstoffe
Verbot von Asbest
Am 7. Juli ]989 hat die Umweltschutzbehörde (EPA) einen fast vollständigen Verzicht auf Asbest bis zum
Jahr 1997 verkündet. Mit diesem Verbot wird die Einfuhr, Herstellung und
Verarbeitung von Asbest, einem krebserzeugenden Stoff, der mit Lungenkrebs und Mesotheliom in Verbindung
gebracht wird, untersagt. Schätzungen der EPA zufolge verursacht Asbest
zwischen 3 000 und 12 000 krebsbedingte Todesfälle pro Jahr. Die Maßnahme ist das Ergebnis von über einem
Jahrzehnt der Gesetzesvorschläge und
Auswertung von Daten zu den Auswirkungen von Asbest und dessen Einsatz.
Normen für Benzolemissionen
Am 31. August 1989 hat der Leiter
der EPA Normen verkündet, mit denen
die für die von Benzolemissionen verursachten Gesundheitsrisiken verringert werden sollen. Diese Luftschad-

stoffnorm war seit Jahren umstritten,
und diese Maßnahme stellt einen bedeutenden Schritt zur Reduzierung der
Emissionen eines bedeutenden Luftschadstoffs dar.

Entsorgung von Sondermüll
Medizinischer Müll
Die EPA hat am 10. März ein Programm zur Ermittlung der Verursacher
medizinischer Abfälle verabschiedet,
um eine umweltgerechte Entsorgung zu
gewährleisten und Meeresverschmutzung
zu vermeiden. Das Pilotprogramm wird
in zehn Staaten durchgeführt.
Die
EPA wird dem Kongreß nach zwei Jahren
berichten, ob eine landesweite Einführung dieses Programms notwendig
ist. Verstöße können zivilrechtlich
mit Geldstrafen von bis zu 25 000 und
strafrechtlich mit bis zu 50 000 Dollar geahndet werden.
Das Programm
stellt einen ersten Schritt bei der
Einlösung des von Präsident Bush gegebenen Versprechens dar, die Entsorgung medizinischer Abfälle zu regeln,
die in der Vergangenheit an den Meeresstränden angespült worden waren.
Der Superfonds für Entsorgung
In dem vom Präsidenten vorgelegten Haushalt werden 315 Millionen
Dollar für die Verwirklichung eines
ehrgeizigen Zeitplans für die Entsorgung
von
Giftmülldeponien
veranschlagt. Die Administration hat sich
gegen Bestrebungen im Kongreß verwandt, die Mittel dieses Superfonds
auf 150 Millionen Dollar zu kürzen.
Überprüfung der Verwaltung des Superfonds
Im Februar schlug der Präsident
eine erhebliche Stärkung des Superfonds-Programms vor, um dessen Durchsetzung besser als bisher sicherzustellen.
Am 14. Juni 1989 schloß
Verwaltungschef Reilly eine auf Anweisung des Präsidenten vorgenommene
Überprüfung der Verwaltung des Superfonds-Programms ab und unterbreitete

�Initiativen für ein effektiveres Programm, einschließlich privater Kontrollen in hezug auf akute Gefährdungen, bessere Vollstreckungsmaßnahmen,
um Privatunternehmen zu Entsorgungsmaßnahmen zu veranlassen sowie verstärkte Forschung für bessere Entsorgungstechniken. Für die Überwachung
werden in der EPA 500 neue Mitarbeiter eingestellt, die sicherstellen
sollen, daß eine ordnungsgemäße Entsorgung vorgenommen wird.

Verbrecher.
Die Administration hat
mit New York eine Vereinbarung über
die Beendigung der Einleitung von Abwässern, Klärschlamm und Industriemüll Ins Meer bis zum Jahr 1991 unterzeichnet .

Die Atomwaffeneinrichtungen des Energieministeriums

Der Präsident hat für das Haushaltsjahr 1990 einen Anstieg der Mittel zur Erforschung weltweiter Umweltprobleme um 43 Prozent oder 191,5
Millionen Dollar vorgeschlagen. Zusätzlich zu dem Gesetz zur Luftreinhaltung und dem Technologieprogramm
"Saubere Kohle" werden die Vereinigten Staaten im kommenden Februar eine
zwischenstaatliche Konferenz über die
Klimaveränderung
(IPCC)
abhalten.
Die Vereinigten Staaten halten den
Vorsitz in der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Gegenstrategien (Response Strategies Working Group), vor
der Außenminister Baker in einer Rede
im Januar 1989 die Bedeutung koordinierter Bemühungen zur Behandlung der
Klimaveränderung betonte.
Die Vereinigten Staaten haben Diskussionen
über .iinen Rahmen für eine weltweite
Konvention zur Reduzierungen derjenigen Gasemissionen aufgenommen, die
für die Erwärmung der Erde verantwortlich sein könnten.

Der Präsident hat die erhebliche
Aufstockung der Bundesmittel zur Bekämpfung umweltbelastender Einflüsse
durch Atomwaffenfabriken im Bundesbesitz um nahezu eine Milliarde Dollar
beschlossen. Auf Anweisung des Präsidenten hat Minister Watkins ein auf
fünf Jahre angelegtes Umwelt- und Sicherheitsprogramm
für Atomwaffenfabriken angekündigt. Die Administration untersucht mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln mögliche Verletzungen anzuwendender Umweltgesetze, die eventuell in Bundeseinrichtungen vorgekommen sind.
Die nationale Energiestrategie
Der Präsident hat die Erarbeitung
einer nationalen Energiestrategie angekündigt, und das Energieministerium
hat landesweit fünf öffentliche Anhörungen veranstaltet, um Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit zu erhalten. Ein Element der Strategie wird
ein
Plan
zur
Herstellung
eines
Gleichgewichts zwischen der Notwendigkeit einer sicheren, ausreichenden
Energieversorgung und dem Schutz der
Umwelt sein.
Meeresverschmutzung
Mit seinem Haushaltsentwurf für
das Jahr 1990 hat der Präsident dem
Kongreß ein Gesetz zugeleitet, das
die Strafen für die illegale Einleitung von Abfällen ins Meer drastisch
verschärft. Das Gesetz verlangt die
Bestrafung von Zuwiderhandelnden als

Umweltschutz
Ebene

auf

internationaler

Weltweite Klimaveränderung

FluorChlorkohlenwasserstoffe (FCKW)
Am 3. März 1989 forderte der Präsident einen vollständigen weltweiten
Verzicht auf die Verwendung von FCKW
bis zum Jahr 2000, falls bis dahin
sichere
Ersatzstoffe
erhältlich
sind. FCKW verursachen den Abbau der
Ozonschicht.
Sondermüllexporte
Am 10. März 1989 forderte der
Präsident ein Verbot für den Export
von Sondermüll außer in solchen Fällen, in denen sich das Empfängerland
durch ein bilaterales Abkommen zu

- 3 -

�dessen ordnungsgemäßer Entsorgung bereiterklärt. Ein kleiner Teil des in
den Vereinigten Staaten anfallenden
Sondermülls wird exportiert, teilweise in Entwicklungsländer, deren Mangel einer angemessenen Entsorgungspraxis
zu
Umweltproblemen
führen
könnte.
Polen und Ungarn
Am 9. und 10. Juli 1989 kündigte
der Präsident technische Hilfe für
Polen und Ungarn an, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen und die Wasserqualität zu verbessern.
Abkommen über Treibnetzfischerei
Die Administration
hat Japan,
Taiwan und Korea dazu veranlaßt, Abkommen über die Treibnetzfischerei
abzuschließen, mit denen der praktische Einsatz von Treibnetzen überwacht und die Gesetze über das Verbot
des
Fangs
amerikanischer
Lachse
durchgesetzt
werden
sollen.
Dank
dieser Abkommen können die Vereinigten Staaten den versehentlichen Fang
von Seevögeln, Robben, Walen und anderen maritimen Säugetieren zu quantifizieren. Jahr für Jahr wird illegal gefangener Lachs amerikanischer
Herkunft im Wert von mehreren hundert
Millionen Dollar auf dem Weltmarkt
gehandelt. Mit diesen Abkommen wird
das amerikanische Fischereiwesen für
die Zukunft vor solchen Verlusten geschützt, gleichzeitig wird die Meeresumwelt geschützt.

fallentsorgung ,
Wiederaufforstung,
Umgang mit Pestiziden.
Schutz gefährdeter Arten und Lebensräume
Verbot der Einfuhr afrikanischen Elfenbeins
Am 5. Juni 1989 verkündete die
Administration ein Einfuhrverbot für
afrikanisches Elfenbein. Danach ist
die Einfuhr von afrikanischem Elfenbein aus allen Ländern der Welt illegal. Darunter fallen sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle
Einfuhren. Bei Beschlagnahme solcher
Waren kann der Reisende mit einer
Geldstrafe bis zu 5 000 Dollar belegt
werden. Als Ergebnis dieser Maßnahme
ist der Preis für Elfenbein auf dem
Weltmarkt stark gefallen. Somit wurde der Anreiz für das Wildern von
Elefanten verringert.
Die WUstenschildkröte
Das Innenministerium hat die Wüstenschildkröte in einer Notmaßnahme
für Südkalifornien, Utah und Nevada
gemäß dem Gesetz über gefährdete Arten auf die Liste der gefährdeten
Tierarten gesetzt.
Panther
Das Innenministerium hat in Florida zusätzlichen Lebensraum für gefährdete Panther erworben.
Schutz von Lebensraum

Initiativen des Entwicklungsdienstes
Am 18. September 1989 kündigte
der Präsident eine gemeinsame Initiative der EPA und des Entwicklungsdienstes (Peace Corps) an. Mit Beginn des Jahres 1990 sollen Entwicklungshelfer als Teil ihrer Standardausbildung auch den Umgang mit einem
breiten
Spektrum
umweltpolitischer
Herausforderungen erlernen: Vermeidung von Gewässerverschmutzung, Ab-

Die EPA hat die Genehmigung für
den Bau des umstrittenen Two ForksDammes in Colorado verweigert, weil
dieses Bauvorhaben Tausende von Hektar wertvollen Lebensraums für freilebende Tierarten vernichtet hätte.
Entwicklung der Fischerei
Der Präsident hat einen Vorschlag
überstimmt, die Ausgaben von Mitteln

�im Rahmen des Wallop-Breaux Trust
Funds für Schutz und Entwicklung der
Fischerei zu kürzen.
ErÖlbohrungen vor der Küste

•

In seiner Februar-Ansprache vor
beiden Häusern des Kongresses schlug
der Präsident vor, die Vergabe von
Konzessionen für die Erschließung von
Öl- und Gasvorkommen in umweltpolitisch sensiblen Gebieten vor den Küsten von Kalifornien und Florida zurückzustellen.
Der Präsident rief
eine Arbeitsgruppe ins Leben, um die
mit diesen Konzessionen verbundenen
umweltpolitischen Bedenken untersuchen zu lassen und versprach, die Erschließung nur in solchen Gebieten
anzustreben, in denen Bohrungen in
einer umweltverträglichen Art und
Weise vorgenommen werden können. Die
Administration hat Bestimmungen veröffentlicht, denen zufolge die Vergabe von Konzessionen zur Öl- und Gasförderung in dem umweltpolitisch sensiblen Cordell Bank National Maritime
Sanctuary vor der kalifornischen Küste verboten werden soll.

Rückgewinnung
sourcen

und

Schutz

von

206 Millionen Dollar für die Erweiterung
amerikanischer
Nationalparks,
Forst- und
Wildschutzgebiete
vor.
Dies war die erste seit mehreren Jahren vorgeschlagene Erweiterung.
Wiederaufforstung
Der Präsident ist seit langem davon überzeugt, daß das Konzept der
Verwaltung unserer nationalen Ressourcen die Grundlage eines soliden
Ansatzes im Umweltschutz darstellt.
Als Teil dieser Überzeugung ist der
Präsident seit langem ein Befürworter
der Wiederaufforstung.
Sein persönliches Engagement beim Pflanzen von
Bäumen ist ein Zeichen für das Ausmaß
seiner Unterstützung kontinuierlicher
Bemühungen dieser Art auf Bundes-,
Staats- und Gemeindeebene sowie von
Aufforstungsprojekten, die auf privater und freiwilliger Basis durchgeführt werden.

Res-

Feuchtgebiete
Der Präsident fordert die Verankerung des Ziels, bei Feuchtgebieten
"keinen Nettoverlust" hinzunehmen, in
der nationalen Politik. Im Einklang
mit dieser Forderung wurde eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe gebildet, die gegenwärtig Empfehlungen
zur Verwirklichung dieses Ziels erarbeitet. Der Präsident hat eine besondere
gesetzgeberische
Vollmacht
vorgeschlagen, mit der Zinsen von im
Rahmen des Pittman-Robinson-Gesetzes
eingenommenen Geldern für den Kauf
von Feuchtgebieten gemäß dem North
American Waterfowl Management Act
verwendet werden können.
Erweiterung
bieten

von Parks und Schutzge-

In seinem
Haushalt
für 1990
schlug der Präsident Mehrausgaben von
- 5 -

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush signalisiert Bereitschaft zur Zerstörung chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: "beachtlicher Wandel" in Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des amerikanischen Handelsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rüstungskontrolle in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das amerikanisch-sowjetische Memorandum of Understanding über chemische Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;START: eine Rahmenvereinbarung zu Verifizierung und Stabilität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stand der Rüstungskontrollverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wöchentliche Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltinitiativen der Bush-Administration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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*
in

z

u
i^roN ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
27. September 1995

28

VEREINTE NATIONEN

CHRISTOPHER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER REFORM DER UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung

AUSSENPOLITIK

VORGESCHLAGENE HAUSHALTSKÜRZUNGEN
GEFÄHRDEN AMERIKANISCHE FÜHRUNGSROLLE
Rede von Außenminister Christopher

AMERIKA AUF DER SUCHE NACH EINER
PAROLE
von Maynard Glitman

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE HESSEN
Grußwort von Präsident Clinton

"WIEDER ZUSAMMEN"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman

WEITERVERBREITUNG

EINE NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
TAGESORDNUNG
Kampf gegen den Nuklearschmuggel

TELEKOMMUNIKATION

USA SOLLTEN FÜHRUNGSROLLE BEI DER
REFORM DES TELEKOMMUNIKATIONSWESENS ÜBERNEHMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

bitte wenden
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�GESUNDHEIT

"NEIN" ZUR LEGALISIERUNG VON
MARIHUANA
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala

LUFT- UND RAUMFAHRT

LUFT- UND RAUMFAHRT ALS SCHLÜSSELELEMENT DER AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�VEREINTE

N A T I O N EN
27. September 1995

Christopher unterstreicht Notwendigkeit
einer Reform der UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinten Nationen müßten ihre begrenzten Ressourcen für die obersten
Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf die Aufgaben konzentrieren, die sie am besten erfüllen können,
erklärte US-Außenminister Warren Christopher am 25. September 1995 in einer Rede vor der UNGeneralversammlung in New York.
Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen müßten "ihre Tagesordnung so gestalten, als würden wir die
Institution neu gründen... An jedes Programm muß ein einfacher Maßstab angelegt werden - es muß einen
sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen leisten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. Es ist mir eine Ehre, heute im
Namen der Vereinigten Staaten zu Ihnen sprechen
zu dürfen. Vor einem halben Jahrhundert kam die
Generalversammlung erstmals in New York zusammen - auf der anderen Seite des Flusses in
einer umgebauten Eislauf halle in Flushing Meadows.
In dieser bescheidenen Umgebung begannen unsere
Vorgänger mit der Schaffung eines ehrgeizigen
Rahmens, von dem sie hofften, daß er bei der
Sicherung des Friedens ebenso erfolgreich sein
würde wie sie es vorher bei der Kriegführung waren.
In den nachfolgenden Jahren trugen die Vereinten
Nationen dazu bei, zahllosen Menschen weltweit
Frieden, Wohlstand und Hoffnung zu bringen. Der
technologische Wandel brachte die Nationen einander näher, als die Gründerväter der UNO vorhersehen konnten. Die Vereinten Nationen selbst
sahen sich mit ungeahnten Herausforderungen
konfrontiert. Sie mußten komplizierte humanitäre
Notfälle bewältigen - von Bürgerkriegen über Flüchtlingswellen bis zu Epidemien. Diese Evolution stellte
für die Organisation eine große Belastung dar und
zeigte die Notwendigkeit, sie umfassend zu verändern.
Die Clinton-Administration vertritt im Kongreß und
vor unserem Volk energisch eine Fortsetzung der
Führungsrolle Amerikas in den Vereinten Nationen.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich vor 50
Jahren der UN-Charta. Wir sind entschlossen,

AMERIKA DIENST 28

unserer Verpflichtung nachzukommen, einschließlich
unserer finanziellen Verpflichtungen.
Wir werden immer daran denken, daß die Vereinten
Nationen für Millionen Menschen weltweit alles
andere sind als eine gesichtslose Institution. Sie
stehen, wie Harry Truman es einmal formulierte, für
"ein Paket mit Nahrungsmitteln oder Schulbüchern,
einen Arzt, der die Kinder impft, einen Experten, der
beim Anbau von mehr Reis oder Weizen hilft". Für
Millionen weiterer Menschen symbolisieren die
Vereinten Nationen den Unterschied zwischen
Frieden und Krieg.
Wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie der
Schutz der Menschenrechte stehen weiterhin im
Zentrum der Aufgaben der Vereinten Nationen. Die
UNO muß sich jedoch wandeln, um diesen Erfordernissen wirksamer zu entsprechen. Wenn in New
York, Genf oder Wien Geld verschwendet wird und
durch Unbeweglichkeit der Bürokratie Zeit verloren
geht, zahlen diejenigen den Preis dafür, die Hunger,
Krankheit und Gewalt am stärksten ausgesetzt sind.
Es ist an der Zeit für die Erkenntnis, daß die Vereinten Nationen ihre begrenzten Ressourcen für die
obersten Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf
die Aufgaben konzentrieren müssen, die sie am
besten erfüllen können. Der Verwaltungsapparat der
UNO sollte abgebaut werden und eine klare Organisationsstruktur sowie eine deutliche Abgrenzung der
einzelnen Verantwortungsbereiche erhalten.
An
jedes Programm mu ß ein einfacher Maßstab angelegt

Seite 1

�werden - es muß einen sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen
leisten.
In den letzten beiden Jahren wurden unter der
Führung von Generalsekretär Boutros-Ghali die
Grundlagen für substantiellen Wandel gelegt. Die
Vereinten Nationen verfügen über ein Büro mit den
Aufgaben eines Generalinspekteurs sowie über ein
Mandat, gegen Verschwendung und Betrug vorzugehen. Der stellvertretende Generalsekretär Joe
Connor leitete eine aggressive Kampagne zur Verbesserung der Managementkultur der Vereinten
Nationen ein, die wir umfassend unterstützen. Das
UN-Sekretariat schlug den richtigen Kurs ein, als es
einen Haushalt mit Ausgabenkürzungen vorlegte.
Jetzt muß den Reformen mehr Nachdruck verliehen
werden. Ich möchte eine konkrete Agenda vorschlagen:
Erstens müssen wir die Programme der Vereinten
Nationen einstellen, die ihr Ziel erreicht haben, und
diejenigen konsolidieren, die sich überschneiden insbesondere bei den Ämtern für wirtschaftliche und
soziale Fragen. Innerhalb der Vereinten Nationen
gibt es mehr als ein Dutzend Organisationen, die für
Entwicklung, Soforthilfe und Statistik zuständig sind.
Wir sollten in Erwägung ziehen, für jede dieser
Funktionen eine einzige Behörde zu schaffen. Wir
sollten die regionalen Wirtschaftsausschüsse der
UNO verkleinern. Wir sollten sicherstellen, daß sich
die Funktionen der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) nicht mit
denen der neuen Welthandelsorganisation (WTO)
decken. Und wir sollten ein Moratorium für die
großen, von der UNO veranstalteten Konferenzen
verhängen, nachdem die jetztige Serie abgeschlossen ist, und uns statt dessen auf die Einhaltung der
Verpflichtungen konzentrieren, die wir bei den
abgehaltenen Konferenzen eingegangen sind.
Zweitens müssen wir das UN-Sekretariat umstrukturieren, um es effizienter, stärker rechenschaftspflichtig und transparenter zu gestalten. Jeder Teil
des UN-Systems sollte der Kontrolle eines Generalinspekteurs unterliegen. Die Vereinten Nationen
dürfen keinen ethischen oder finanziellen Mißbrauch
dulden, und ihre Führungskräfte sollten auf der
Grundlage ihrer Verdienste ernannt oder befördert
werden.
Drittens sollten wir die Vorschläge für neue und
erweiterte Friedensmissionen einer genauen Überprüfung unterziehen und die Fähigkeit der Vereinten
Nationen verbessern, nach der Billigung neuer
Missionen schnell zu reagieren. Wir müssen uns auf
ein angemessenes Ausmaß von Friedensicherungs-

Seite 2

missionen einigen, das den heutigen wirtschaftlichen
Gegebenheiten Rechnung trägt. Und wir sollten über
einen Gemeinschaftshaushalt für Friedenssicherungsoperationen verfügen.
Schließlich müssen wir die Effektivität des UN-Sicherheitsrates wahren. Deutschland und Japan
sollten Ständige Mitglieder werden. Wir müssen
sicherstellen, daß alle Regionen der Welt gerecht
vertreten sind, ohne daß der Rat schwerfällig wird.
Wir begrüßen die Bildung einer hochrangigen Reformgruppe unter der Leitung des scheidenden
Präsidenten der Generalversammlung Essy. Es muß
unser Ziel sein, noch vor Ende der 50. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung im kommenden
Herbst einen praktischen Plan für eine UN-Reform zu
verabschieden. Der vor uns liegende Weg ist klar:
Wir haben bereits zahllose Studien und Berichte
vorliegen. Jetzt ist es an der Zeit, gemäß den besten
Vorschlägen zu handeln.
Wie Sie wissen, gibt es in meinem Land ernsthafte
Bestrebungen zur Einschränkung unserer Unterstützung für die Vereinten Nationen. Nach Ansicht
der Clinton-Administration wäre es leichtsinnig, einer
Organisationen den Rücken zuzuwenden, die andere
Nationen zur Unterstützung von Zielen mobilisiert, die
im Einklang mit amerikanischen und globalen Interessen stehen. Um die Unterstützung der Vereinten
Nationen unter den Amerikanern und anderen Völkern aufrechtzuerhalten, reicht eine Verteidigung der
Institution jedoch nicht aus. Das beste Argument
gegen Rückzug sind weitere Reformen. Greifbare
Fortschritte werden uns dabei helfen, den Kampf um
Beistand für die UNO zu gewinnen, den wir derzeit in
den Vereinigten Staaten führen.
Nach Abschluß des Reformprozesses müssen die
Vereinten Nationen besser zur Erlangung ihrer
grundlegenden Ziele in der Lage sein, einschließlich
der Wahrung von Frieden und Sicherheit. Von Korea
über den Persischen Golf bis Haiti haben die Vereinten Nationen ihren Mitgliedern durch die Erfüllung
dieser Pflichten ein Mandat verschafft. Die UNOBlauhelme halfen Völkern bei der Schaffung der
grundlegenden Bedingungen für Frieden in einigen
äußerst schwierigen Situationen, obwohl sie ihr
erklärtes Ziel nicht immer erreicht haben.
Vor kurzem wurde ein junger Vater in Haiti gefragt,
was die Friedenssicherungskräfte in seinem Land
bewirkt hätten. "Wir können uns frei bewegen",
antwortete er. "Wir können ruhig schlafen. Niemand
kommt nachts, um uns abzuholen." In Haiti haben
die Vereinten Nationen ebenso wie in Kambodscha,
Mosambik und El Salvador unter Beweis gestellt, daß

AMERIKA DIENST 28

�die Friedenssicherung trotz aller Beschränkungen
ein äußerst nützliches Instrument ist.

diese neuen Integrationskräfte auch die Saat des
Zerfalls und der Zerstörung beinhalten."

Eine Region, in der die UNO-Soldaten und die
internationale Staatengemeinschaft eine entscheidende Rolle übernahmen, ist der Nahe Osten. Am
Donnerstag wird in Washington ein weiterer historischer Meilenstein gesetzt, wenn Israel und die
Palästinenser ihr Abkommen zur Inkraftsetzung der
zweiten Phase ihrer Grundsatzerklärung unterzeichnen. Diese Übereinkunft wird einem erstmals im
Abkommen von Camp David gesteckten Ziel Leben
einhauchen: Die Sicherheit Israels zu schützen und
den Palästinensern im gesamten Westjordanland
Kontrolle über ihr tägliches Leben zu geben. Die
internationale Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen müssen diesen Prozeß auch in
Zukunft politisch und wirtschaftlich unterstützen.

Obwohl die neuen Technologien uns einander
nähergebracht haben, erleichtern sie es Terroristen,
Drogenhändlern und anderen internationalen Kriminellen auch, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, Kokain-Kartelle aufzubauen und
ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu verstecken. Der Zusammenbruch des Kommunismus
hat Diktaturen zerstört. Aber er machte die politischen und juristischen Institutionen der kürzlich
befreiten Nationen auch anfälliger für diejenigen, die
sie untergraben wollen.

Zweifelsohne waren die Vereinten Nationen nie mit
einer schwierigeren Mission konfrontiert als der im
ehemaligen Jugoslawien.
Die Beschränkungen
dieser Mission sind wohlbekannt. Wir müssen uns
aber auch vor Augen halten, daß die UNO Hunderttausenden Hilfe gewährte und Tausende von Menschenleben gerettet hat. Heute befinden sich die
Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft mit Hilfe ihrer von Macht unterstützten Diplomatie auf einem Weg, der Hoffnung auf
wirkliche Ergebnisse weckt. Die Vereinten Nationen
und die NATO arbeiten wirksam zusammen, um der
Region Frieden zu bringen. Am 8. September
akzeptierten die Konfliktparteien in Genf das vom
Sicherheitsrat oft formulierte grundlegende Ziel - den
Fortbestand Bosnien-Herzegowinas als ein Staat
innerhalb seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen.
Wenn ich heute mit den Außenministern Bosniens,
Kroatiens und Serbiens zusammentreffe, werde ich
sie auffordern, die treibende Kraft für den Frieden
aufrechtzuerhalten und konstitutionelle Strukturen für
Bosnien zu schaffen.
Die Verfasser der Charta der Vereinten Nationen
gründeten diese Institution, um den durch Aggression und bewaffnete Konflikte hervorgerufenen
Bedrohungen für Frieden und Sicherheit zu begegnen. Diese Bedrohungen sind immer noch äußerst
präsent. Die Welt sieht sich aber auch mit einer
Anzahl neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen konfrontiert, darunter Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie die weitreichenden Konsequenzen der
Umweltzerstörung. Diese Bedrohungen haben in
einer interdependenteren Welt ein neues und gefährliches Ausmaß angenommen. Präsident Clinton
erklärte im Juni in San Francisco: "Wir wissen, daß

AMERIKA DIENST 28

Obwohl diesen Bedrohungen gelegentlich von Staaten Vorschub geleistet wird, kommen sie nicht
unbedingt aus einem bestimmten Land. Jeder von
uns muß diese Feinde vehement selbst bekämpfen.
Wir werden jedoch erst dann wirklich sicher sein,
wenn wir sie effektiv gemeinsam bekämpfen. Das ist
die neue sicherheitspolitische Herausforderung fürdie
Völkergemeinschaft, und es muß die neue sicherheitspolitische Mission der Vereinten Nationen sein.
Es gibt keinen Bereich, in dem die Vereinten Nationen einen maßgeblicheren Beitrag leisten können als
die Nichtverbreitung. Vor fünfzig Jahren waren die
Vereinigten Staaten das einzige Land, das eine
Atombombe herstellen konnte. Heute verfügen viele
Länder über die Technologie, mit der sie einen
faustgroßen Klumpen Plutonium in eine Bombe
verwandeln können, die so klein wie ein Koffer ist.
Das ist ein Grund, warum über 170 Länder auf der
von Botschafter Dhanapala im Mai hier geleiteten
Konferenz zugestimmt haben, den Nichtverbreitungsvertrag auf unbegrenzte Zeit zu verlängern.
Erstens sollten wir einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschriftsreif haben, wenn wir
uns hier im nächsten Jahr wieder treffen. Wie
Präsident Clinton im vergangenen Monat bekanntgegeben hat, verpflichten sich die Vereinigten Staaten zu einem wirklich absoluten Testverbot. Wir
fordern andere Nationen auf, unserem Beispiel zu
folgen.
Zweitens sollten wir unverzüglich Verhandlungen zu
einem Vertrag über die Einstellung der Produktion
von spaltbarem Material aufnehmen. Diejenigen, die
sich am vehementesten für nukleare Abrüstung
einsetzen, sollten sich bewußt machen, daß dies für
ein Verbot der zukünftigen Produktion von spaltbarem
Material für Nuklearwaffen unabdingbar ist.
Drittens sollten wir die historischen Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion voranbringen.

Seite 3

�OlgtB*. " m » . t .

Ich fordere den amerikanischen Senat und die
russische Duma auf, dem START Il-Vertrag zuzustimmen, damit wir einschneidende Kürzungen
unserer strategischen Nuklearwaffenarsenale festschreiben können. Darüber hinaus arbeiten die
Präsidenten Clinton und Jelzin darauf hin, die Sicherheit, Transparenz und Unumkehrbarkeit der
Reduzierung von Atomwaffen sicherzustellen.
Als Teil dieses Prozesses wird Präsident Jelzin
kommendes Frühjahr in Moskau einen Gipfel über
nukleare Sicherheit veranstalten. Das Gipfeltreffen
sollte eine ehrgeizige Tagesordnung haben, einschließlich einer Grundsatzerklärung über die Sicherheit von Atomreaktoren. Wir erwarten von dem
Gipfel, daß das weltweite Problem der Entsorgung
von Atommüll angesprochen wird, darunter die
Entsorgung im Meer. Das Gipfeltreffen sollte auch
einen Aktionsplan mit Sicherheitsvorschriften für
Nuklearmaterial fördern. Dieser Plan sollte neue
Maßnahmen enthalten, um Kriminelle und Terroristen von der Beschaffung von waffenfähigem Nuklearmaterial abzuhalten.
Schließlich sollten wird auf ein frühestmögliches
Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention drängen.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Senat
aufgefordert, die Konvention unverzüglich zu ratifizieren und aufzuhören, sie und den START Il-Vertrag
mit Themen in Verbindung zu bringen, die nicht im
Zusammenhang damit stehen. Die Welt ist in
diesem Jahrhundert zu häufig Zeuge der Auswirkungen von Giftgas geworden - auf europäischen
Schlachtfeldern während des Ersten Weltkriegs, in
Äthiopien und der Mandschurei in den dreißiger
Jahren und bei iranischen Soldaten und unschuldigen kurdischen Zivilisten während der achtziger
Jahre. Die Chemiewaffenkonvention wird jede
Nation sicherer machen, und wir brauchen sie jetzt.
Die Vereinten Nationen spielen auch eine unschätzbare Rolle dabei, die Aufmerksamkeit auf drängende
regionale Weiterverbreitungsprobleme zu lenken. Im
Irak decken die UNSCOM und ihr Leiter Rolf Ekeus

immer schrecklichere Einzelheiten über Saddam
Husseins Massenvernichtungswaffen auf.
Unter Saddam Hussein entwickelte der Irak im
Geheimen eine todbringende biologische Waffenfähigkeit. Das Land führte Forschungen durch, um
einige der toxischsten Substanzen, die dem Menschen bekannt sind, in Kriegswaffen umzuwandeln.
Wir wissen, daß Saddam Hussein Erfolg dabei hatte,
Bomben und Raketengefechtsköpfe mit Anthrax und
Botulismus zu bestücken. Im Dezember 1990
dislozierte er sie mit der eindeutigen Absicht, sie
gegen die internationale Koalition und unschuldige
Zivilisten einzusetzen. Er wurde nur durch die

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unerschütterliche Entschlossenheit der Vereinigten
Staaten und der internationalen Völkergemeinschaft
davon abgehalten.
Angesichts des von Botschafter Ekeus Aufgedeckten
können wir nur zu der Schlußfolgerung gelangen, daß
Saddam Hussein während der letzten viereinhalb
Jahre über den vollen Umfang des irakischen Waffenprogramms gelogen hat. Es sollte keine Lockerung
des Sanktionsregimes geben, bis die irakische
Regierung alle Forderungen des Sicherheitsrats erfüllt
und unter Beweis stellt, daß sie sich geändert hat.
Die Vereinten Nationen sollten auch Verantwortungsbewußtsein fördern und den Transfer konventioneller
Waffen verhindern. Im vergangenen Jahr hat Präsident Clinton bei der Generalversammlung die Abschaffung von gegen lebende Ziele gerichteten
Landminen vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde
von der Generalversammlung verabschiedet. Bei
meiner jüngsten Reise nach Kambodscha habe ich
die schrecklichen Schäden gesehen, die diese
versteckten Killer anrichten können. In diesem Jahr
werden wir die anderen Länder erneut auffordern,
gemeinsam mit uns den Export von Landminen
einzustellen.
Vor zwei Jahren forderte Präsident Clinton die
internationale Staatengemeinschaft auf, ein wirklich
internationales System zu entwickeln, das den
Transfer konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie regelt. Ich war
erfreut, daß die Russische Föderation zusammen mit
den Vereinigten Staaten und 26 anderen Ländern
gemeinsamen Prinzipien für die Kontrolle der Modernisierung gefährlicher konventioneller Waffen zugestimmt hat. Wir hoffen, dieses "Neues Forum"
genannte globale Regime bis Ende des Jahres zu
aktivieren.
Die Verbreitung von Waffen hat einer uns alle konfrontierenden anderen Bedrohung eine beunruhigende Dimension hinzugefügt: internationalem Terrorismus. Der Saringasanschlag in Tokio in diesem Jahr
ist in der Tat eine bittere Warnung, was geschehen
kann, wenn Terroristen Massenvernichtungswaffen
beschaffen.
Mehr Nationen schließen sich dem Kampf gegen die
Einzelpersonen und Gruppen an, die Zivilisten aus
politischen Gründen angreifen. Die Vereinten Nationen haben diese Bestrebungen in wichtiger Hinsicht
unterstützt. Der UN-Sicherheitsrat trug der Bedeutung der Bekämpfung von staatlich gefördertem
Terrorismus Rechnung, indem er Sanktionen gegen
Libyen für den Bombenanschlag gegen Flug 103 der
Pan Am und UTA 772 verhängte.

AMERIKA DIENST 28

�Terroristen sollten wie Kriminelle behandelt werden,
und es darf keinen Ort geben, an dem sie sich vor
den Konsequenzen ihrer Taten verstecken können.
Staaten, die Terroristen fördern, sollten das volle
Gewicht der Sanktionen zu spüren bekommen, die
von der internationalen Staatengemeinschaft verhängt werden können. Wir dürfen uns nichts vormachen: Jeder Dollar, der in das Staatssäckel eines
Terrorismus fördernden Landes wie Iran fließt, hilft,
die Kugeln oder Bomben eines Terroristen zu
bezahlen. Die Rolle des Iran als erster Förderer von
Terrorismus macht sein geheimes Streben nach
Massenvernichtungswaffen noch alarmierender. Wir
müssen gemeinsam dem Iran entgegentreten, um
das Land von der Beschaffung solch gefährlicher
Fähigkeiten abzuhalten.
Die Vereinigten Staaten haben eine führende Rolle
bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus
übernommen. Wir haben unsere Sanktionen gegen
den Iran verschärft.
Im Januar gab Präsident
Clinton außerdem einen Präsidialerlaß bekannt, der
Finanztransaktionen mit Terrorgruppen und Einzelpersonen verbietet, die den Nahostfriedensprozeß
bedrohen. Wir fordern unseren Kongreß auf, die
Einwanderungs- und Strafgesetze zu verschärfen,
um Terroristen abzuschrecken oder sie hinter Gitter
zu bringen.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die beim Gipfel
von Halifax angekündigten Antiterrormaßnahmen der
G-7 und Rußlands uneingeschränkt, und wir erwarten, daß das P-8-Ministertreffen über Terrorismus in
Ottawa einen konkreten Aktionsplan für die Umsetzung dieser Maßnahmen hervorbringt.
Andere Arten internationaler Verbrechen bedrohen
ebenfalls die Sicherheit unserer Bürger und das
Gefüge unserer Gesellschaften. Und die Globalisierung birgt neue und erschreckende Dimensionen für
das Verbrechen. Die Androhung von Verbrechen ist
für junge Demokratien besonders erschreckend. Sie
schwächt das Vertrauen in Institutionen, plündert das
Wertvollste und unterminiert Marktreformen.
Natürlich muß jedes Land eigene Maßnahmen zur
Bekämpfung dieser Bedrohungen ergreifen. Die
Clinton-Administration schließt zur Zeit eine Überprüfung unseres Ansatzes zu grenzüberschreitenden
Verbrechen ab, die eine bessere, koordiniertere
Inangriffnahme des Problems zur Folge haben wird.
Um anderen Ländern bei der Bewältigung krimineller
Bedrohungen behilflich zu sein, haben die Vereinigten Staaten und Ungarn in Budapest die internationale Strafverfolgungs-Akademie gegründet, um
Polizei- und Strafverfolgungsbeamte aus Zentraleuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjet-

AMERIKA DIENST 28

union auszubilden. Bilateral und über das UNDrogenprogramm bieten wir ähnliche Hilfe für Länder,
deren Gesetze durch Drogenkartelle unterwandert
werden.
Eine besonders heimtückische Form des Verbrechens ist die Geldwäsche. Alle Nationen sollten die
Empfehlungen der OECD umsetzen und die Geldwäsche bekämpfen. Die Nationen dieser Hemisphäre
sollten auch die beim gesamtamerikanischen Gipfel
vom Dezember letzten Jahres eingeführten Initiativen
zur Bekämpfung der Geldwäsche fördern. Gemeinsam müssen wir das schmutzige Geld aus unserem
globalen Finanzsystem herausziehen.
Dank der UNO-Konventionen über Drogen und
Verbrechen verfügt die internationale Staatengemeinschaft über hohe Standards, die wir jetzt verwirklichen müssen. Wir fordern die UNO-Mitgliedstaaten auf, die der UNO-Drogenkonvention von 1988
noch nicht beigetreten sind, dies zu tun. Die Länder,
die der Konvention zugestimmt haben, sollten ihre
wichtigsten Bestimmungen unverzüglich umsetzen.
Wir werden uns zunehmend bewußt, daß Umweltzerstörung und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum die Sicherheit unserer Nationen und das Wohlergehen unserer Völker bedrohen. Die schädlichen
Auswirkungen sind in Hungersnöten, Kindersterblichkeitsraten, Flüchtlingskrisen und dem Abbau der
Ozonschicht sichtbar. An Orten wie Ruanda und
Somalia führen sie zu Bürgerkriegen und Katastrophen, die nur durch kostenintensive internationale
Intervention gelöst werden können. Wir müssen die
bei der Kairoer Konferenz im vergangenen Jahr und
der Konferenz von Rio vor drei Jahren eingegangenen Verpflichtungen ausführen.
Unsere Probleme waren nie komplexer. Es war nie
offenkundiger, daß diese Probleme alle Nationen
betreffen - Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen. Nur durch Zusammenarbeit können wir
effektiv die uns alle konfrontierenden Bedrohungen
bewältigen.
Aus diesem Grund müssen wir im 50. Jahr des
Bestehens der Vereinten Nationen ihre Tagesordnung
so gestalten, als würden wir die Institution neu
gründen. Ebenso wie die Gründer der UNO einen
neuen Rahmen zur Abschreckung von Aggression
und bewaffneten Konflikten schufen, müssen die
Vereinten Nationen, und vor allem der Sicherheitsrat,
jetzt der Bekämpfung der durch Weiterverbreitung,
Terrorismus, internationales Verbrechen, Drogenhandel und Umweltverschmutzung entstandenen Bedrohung dieselbe Priorität einräumen. Wir sollten
unsere Bestrebungen in der UNO und andernorts
darauf richten, unseren globalen Konsens bezüglich

Seite 5

�dieser Bedrohungen in konkrete Aktionen umzusetzen. Wir müssen die Vereinten Nationen nicht um

ihretwillen, sondern um unsertwillen erneuern und
reformieren.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

,

Seite 6

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Vorgeschlagene Haushaltskürzungen gefährden
amerikanische Führungsrolle
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher zufolge stellen die vom Kongreß erwogenen
einschneidenden Kürzungen des Haushalts für auswärtige Angelegenheiten eine ernsthafte Bedrohung der
amerikanischen Interessen sowie "einen fundamentalen Bruch mit der amerikanischen Führungstradition" dar.
In einer am 20. September 1995 vor dem Council on Foreign Relations in Washington gehaltenen Rede
äußerte Christopher, die direkteste Bedrohung seien die jüngsten Aktionen des Bewilligungsausschusses des
Senats, den Haushalt des Außenministeriums um nahezu 300 Millionen Dollar zu kürzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank, Pete, für Ihre einleitenden Worte. Ich
hege große Bewunderung für Sie und die vielen von
Ihnen im öffentlichen und privaten Sektor geleisteten
Beiträge. Im letzten Jahrzehnt hat niemand mehr
getan, um dem Land die Dringlichkeit einer Lösung
der Frage des Haushaltsdefizits zum Bewußtsein zu
bringen. Ich hatte die Ehre, unter Ihnen als Vizepräsident des Councils zu fungieren - aber unsere
wirkliche Wesensverwandtschaft liegt in unseren
gemeinsamen Wurzeln in der Prärie - Petes in
Nebraska und meine in North Dakota. Obwohl wir
schließlich beide in großstädtischen Wolkenkratzern
landeten, hatte es gewisse Vorteile, im weiten Land
im Herzen der Staaten aufgewachsen zu sein.
Wie Sie wissen, hatte ich ursprünglich vor, heute
über die Verbindung zwischen der Wirtschaft und
unserer Außenpolitik zu sprechen. Aber heute
abend habe ich etwas weitaus Dringlicheres im Kopf:
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
und die Notwendigkeit angemessener Ressourcen
zu ihrer Beibehaltung. Diese Notwendigkeit wird
durch zwei Gebiete illustriert, mit denen ich mich
diese Woche befaßt habe - das ehemalige Jugoslawien und der Nahe Osten. Ich möchte zunächst
kurz auf jede dieser Fragen eingehen, bevor ich
mich meinem Hauptthema zuwende.
Die internationale Staatengemeinschaft konnte in
mehr als drei Jahren keine friedliche Beilegung des
Konflikts im ehemaligen Jugoslawien herbeiführen.
Dank der von Präsident Clinton übernommenen
Führungsrolle sowie einer erneuerten Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft ma-

AMERIKA DIENST 28

chen wir jetzt jedoch auf diplomatischer und militärischer Ebene Fortschritte, die wirklich Hoffnung auf
Ergebnisse wecken.
Vor zwei Monaten überzeugten wir unsere Verbündeten in London, daß den serbischen Angriffen auf die
Schutzzonen mit substantiellen und entschiedenen
Luftschlägen begegnet werden sollte.
Seitdem
konnten Sie beobachten, wie unsere äußerst effektiven NATO-Streitkräfte diese Entscheidung in die Tat
umsetzen. Vor zwei Wochen half unsere Verhandlungsdelegation, die Parteien davon zu überzeugen,
den Fortbestand Bosniens als ein Staat innerhalb
seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen
zu akzeptieren.
Unsere Unterhändler kehrten heute morgen zu
Konsultationen und zur Entgegennahme weiterer
Anweisungen nach Washington zurück.
In den
nächsten Tagen werden sie ihre intensive Pendeldiplomatie fortsetzen und ausreichende Übereinstimmung über Schlüsselfragen anstreben, damit direkte
Verhandlungen über eine endgültige Lösung beginnen können.
Ohne unsere militärischen Fähigkeiten und die
Bereitschaft zu ihrem Einsatz befänden wir uns in
Bosnien immer noch in einer Sackgasse. Andererseits schafft militärische Stärke ohne Diplomatie allein
nicht die Bedingungen zur Ermöglichung eines
dauerhaften Friedens. Diplomatie und Stärke sind
untrennbare Instrumente amerikanischer Macht, sei
es in Europa oder in anderen wichtigen Regionen.

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�Im Nahen Osten war die amerikanische Diplomatie
unerläßlich für den Erfolg der arabisch-israelischen
Verhandlungen. In den letzten Wochen waren wir
hinter den Kulissen aktiv bemüht, Israel und den
Palästinensern bei der Erzielung eines Abkommens
über die Umsetzung der erst vor zwei Jahren in
Washington unterzeichneten Grundsatzerklärung
behilflich zu sein.
Die Verhandlungen über die Durchführung der
zweiten Phase der Grundsatzerklärung sind ein sehr
kompliziertes Unterfangen, das Truppenverlegungen,
Sicherheitsvorkehrungen, Wahlen und die Übertragung von Befugnissen beinhaltet. Es ist daher
nicht erstaunlich, daß die Aushandlung dieses
Abkommens viel Zeit erforderte. Erstaunlich ist
vielmehr, daß die Parteien so schwierige Fragen
überwinden und kurz vor einer Übereinkunft stehen.
Dieses Abkommen wird Israels verständliche Sicherheitserfordernisse widerspiegeln und mehr als
zwei Millionen Palästinenser im gesamten Westjordanland in die Lage versetzen, Kontrolle über die
grundlegendsten Aspekte ihres täglichen Lebens
auszuüben. Wieder erwarten die Parteien von uns
die Übernahme einer zentralen Rolle, um die für die
Verwirklichung des Friedens erforderliche Unterstützung zu gewähren.
Bosnien und der Nahe Osten sind Beispiele für die
komplexen Konflikte, mit denen wir in der Welt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin konfrontiert
sind. Die in den letzten Wochen erzielten Fortschritte beinhalten eine deutliche Lektion: Wenn die
Welt sich großen Herausforderungen gegenübersieht, kann ohne eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten sehr wenig erreicht werden. Und unsere
Führungsrolle kann nicht auf die billige Art aufrechterhalten werden.
Wie Sie alle wissen, wurde der Council on Foreign
Relations vor sieben Jahrzehnten gegründet, um für
eine amerikanische Führungsrolle einzutreten. Nach
dem Ersten Weltkrieg und unserem Rückzug in den
Isolationismus befaßte sich die erste Generation der
Mitglieder des Rates mit einer der großen Herausforderungen in unserer Demokratie: Sie begann die
Bildung eines dauerhaften Konsenses über den
Vorschlag, man müsse Verpflichtungen eingehen
und die Ressourcen für ein starkes Amerika und
eine bessere Welt aufwenden.
Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, haben wir
die einzigartige Chance, unsere Interessen und
Werte zu fördern. Wohin ich auch gehe - Amerika
ist aufgerufen, Orientierung und Führung zu bieten.
Auf jedem Kontinent entstehen offene Märkte und
offene Gesellschaften und geben uns die große
Chance zur Förderung von Wohlstand und Stabilität.

Seite 2

Diese vielversprechende Situation wird jedoch nur
andauern, solange wir an ihrer Aufrechterhaltung und
Weiterentwicklung arbeiten. Wir können die von uns
angestrebte Welt nicht bloß herbeiwünschen.
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle ist
eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts.
Als
Weltmacht mit globalen Interessen stellt Rückzug für
die Vereinigten Staaten keine verantwortungsvolle
Option dar.
Die Welt bleibt gefährlich. In den letzten Jahren fand
auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo
immer noch Tausende von Nuklearwaffen stationiert
sind, ein halbes Dutzend bewaffneter Konflikte statt.
Wir müssen ständig wachsam sein um sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und Nordkorea nicht in
den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen
und ihre Nachbarn damit bedrohen können. Dieses
Gebot wird durch die jüngste und eindeutige Bestätigung unterstrichen, daß Saddam sich bemüht, ein
massives biologisches Waffenprogramm zu verstecken. Terrorismus und organisiertes Verbrechen
gefährden auch unsere Sicherheit sowie das Überleben der neuen Demokratien.
Mit Blick auf die heutige Wert haben der Präsident
und ich große Hoffnungen, aber keine Illusionen.
Unser Haushalt ist das Spiegelbild unseres Verständnisses der uns konfrontierenden Chancen und
Bedrohungen und strebt die Bereitstellung der Mittel
an, die Amerika zu ihrer Bewältigung benötigt. In
einer Welt ohne Gefahren wären die jüngsten Versuche des Kongresses, diese Mittel zu verweigern,
vielleicht verständlich. Aber in der realen Welt
würden diese Aktionen Amerika zu einem Zeitpunkt
schwächen, an dem wir stark bleiben müssen.
Wie Pete Petersen uns so oft vor Augen führte, sieht
sich unsere Nation keiner größeren Herausforderung
gegenüber als der, unser wirtschaftliches Haus in
Ordnung zu bringen. Seit den frühen achtziger
Jahren hat das Haushaltsdefizit unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt und unsere Glaubwürdigkeit
bei unseren Verbündeten und Handelspartnern
geschwächt. Vor diesem Hintergrund betrachte ich
das Paket des Präsidenten von 1993 zur Verringerung des Haushaltsdefizits als eine der wichtigsten
außenpolitischen Leistungen.
Das Außenministerium ist nicht von den Haushaltskürzungen ausgenommen und sollte es auch nicht
sein. Tatsächlich wurden unsere Ausgaben für
auswärtige Angelegenheiten im letzten Jahrzehnt real
um 45 Prozent reduziert. Unter meiner Leitung
haben wir 1.300 Stellen gestrichen und die Verwaltungsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 5
Prozent gesenkt.

AMERIKA DIENST 28

�Das amerikanische Volk verlangt zu Recht, daß wir
bei der Entscheidung über die Verwendung seiner
Steuergelder äußerst strenge Maßstäbe anlegen.
Gleichzeitig erwartet es im Grunde genommen, daß
seine Regierung das zur Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand Amerikas Erforderliche
unternimmt. Daher haben der Präsident und ich
eine Linie gezogen: Wir wenden uns gegen Haushaltskürzungen, die so radikal sind, daß sie den
Interessen unserer Nation schaden und unsere
Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
beschneiden.
Bedauerlicherweise scheinen zu viele Kongreßabgeordnete diese Linie überschreiten zu wollen. Die
führenden Vertreter des neuen Kongresses fordern
bei jeder Gelegenheit eine Führungsrolle Amerikas.
Aber allzuviele wollen uns das Minimum an Mitteln
verweigern, das jede Administration zur Erfüllung
dieser Aufgabe benötigen würde. Wenn der Senat
sich an die vom Bewilligungsunterausschuß für das
Wirtschafts-, Justiz- und Außenministerium genehmigten Größenordnungen hält, würde der Haushalt
des Außenministeriums innerhalb eines Jahres um
20 Prozent gekürzt - die größte Kürzung bei den
Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten in der
amerikanischen Geschichte. Wenn diese Kürzungen
beschlossen werden, haben wir keine andere Wahl,
als den Präsidenten um sein Veto gegen diese
Gesetzesvorlage zu bitten.
Vergangenen November befand ich mich am Tag
nach den Kongreßwahlen in Seoul, der ersten
Station meiner langen Asienreise. Damals war ich
ebenso wie heute davon überzeugt, daß die Kongreßwahlen keinen Freibrief darstellen, unsere
globalen Interessen oder die Notwendigkeit einer
überparteilichen Außenpolitik aus den Augen zu
verlieren. Daher habe ich zugesagt, daß die Vereinigten Staaten fest und unerschütterlich zu ihren
weltweiten Verpflichtungen stehen werden.
Der überparteiliche Konsens bezüglich des amerikanischen Engagements in der Welt ist ein Zeichen der
amerikanischen Stärke.
Vor fünf Jahrzehnten
ermöglichte dieser Konsens es Demokraten wie
Truman und Republikanern wie Vandenberg zusammenzukommen, um die NATO und den Marshallplan ins Leben zu rufen. Wenige Jahre später
kandidierte Dwight Eisenhower zum Teil für die
Präsidentschaft, um die Republikanische Partei fest und wie er hoffte, für immer - für globales Engagement zu gewinnen. In den vergangenen zwei
Jahren widerstand dieses Engagement den Kräften
des Isolationismus und Protektionismus bei NAFTA
und GATT und hat unsere Unterstützung für Reformen in der ehemaligen Sowjetunion und den Nahost-Friedensprozeß gefördert.

AMERIKA DIENST 28

In diesem Zusammenhang war ich erfreut, als gestern der frühere Präsident Bush vor den "Kräften der
Isolation" warnte und der New Yorker Bürgermeister
Giuliani "die mächtige Woge des Isolationismus, die
unseren politischen Diskurs erneut infiziert", kritisierte.
Ich hoffe noch immer, daß diese Sichtweise im
Kongreß vorherrschen wird.
Überparteilichkeit hat nie Differenzen in Fragen der
Politik ausgeschlossen. Sie erfordert jedoch die
Übereinstimmung, daß wir unsere Interessen nicht
schützen können, wenn wir nicht die mit unseren
Verpflichtungen einhergehenden Ressourcen klug
verwalten. Wir können nicht alles haben. Diejenigen,
die sagen, sie wollen ein starkes Amerika, haben die
Pflicht, Amerikas Stärke zu bewahren. Und diplomatische Bereitschaft ist unsere erste Verteidigungslinie großenteils damit wir nicht gezwungen sind, unsere
Männer und Frauen in Uniform unnötigen Risiken
auszusetzen. Moral, Ausrüstung und Kommunikation
sind für unsere Diplomaten nicht weniger wichtig als
für unsere Soldaten.
Bedauerlicherweise haben beide Häuser des Kongresses in den vergangenen Monaten drakonische
Maßnahmen zur Kürzung unseres Haushalts für
auswärtige Angelegenheiten vorgeschlagen. Die
jüngsten Aktionen des Senats-Bewilligungsausschusses stellen die vielleicht unmittelbarste Bedrohung
unserer nationalen Interessen dar.
Die für die Bewilligungen zuständigen Senatsbeamten
wollen beispielsweise das grundlegende Betriebsbudget des Außenministeriums um nahezu 300
Millionen Dollar kürzen. Das könnte uns zwingen,
rund 50 Botschaften und Konsulate zu schließen das entspräche allen Missionen in Asien oder Afrika.
Es könnte uns zwingen, zahlreiche Entlassungen und
unfreiwilligen unbezahlten Urlaub, die Schließung von
Paßbüros sowie die Einstellung der Modernisierung
unserer Kommunikationssysteme in Erwägung ziehen
zu müssen.
Unser Opfer wäre das Prinzip der Universalität
unserer Vertretung im Ausland - das Prinzip, daß es
praktisch in jedem Land eine amerikanische Mission
geben sollte. Universelle Vertretung hat sich zu
Beginn dieses Jahres als unschätzbar erwiesen, als
über 170 Länder der Welt von Albanien bis Zaire
gleiches Mitspracherecht bei der Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags hatten und gleichermaßen
von der amerikanischen Diplomatie überzeugt werden
mußten. Sie ist ebenfalls unerläßlich, wenn unerwartet eine Krise ausbricht, sei es in Burundi oder
Belarus, und wenn amerikanische Staatsbürger an
irgendeinem Ort der Welt in Gefahr sind.

Seite 3

�Tag für Tag hängt unsere Fähigkeit zur Bewältigung
dieser Herausforderungen von unseren Mitarbeitern
vor Ort ab. Sie sind für die Rüstungskontrollabkommen mit der Ukraine und Rußland verantwortlich.
Sie sind es, die Einzelheiten unseres Abkommens
über den Schutz geistigen Eigentums mit China
ausgearbeitet haben und seine Umsetzung sicherstellen müssen. Sie müssen die kriegführenden
Parteien in Bosnien überzeugen, sich für den Frieden zu entscheiden - mit hohem Risiko für ihr
Leben, wie wir gesehen haben. Deshalb werde ich
so ärgerlich, wenn ich abfällige Bemerkungen über
Diplomaten im Nadelstreifenanzug und in Limousinen höre.
Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter unserer
Vertretungen im Ausland nahezu zwei Millionen
Anträge von Amerikanern in Übersee beantwortet.
Wir haben über sechs Millionen Pässe ausgegeben.
In den vergangenen Jahren haben unsere Mitarbeiter amerikanischen Firmen Kontakte für Gewinne in
Milliardenhöhe verschafft. Unsere Missionen sind
auch die Arbeitsbasis für über 38 andere Dienststellen etwa des Verteidigungs-, Wirtschafts- und
Landwirtschaftsministeriums, des FBI und der Drogenbekämpfungsbehörde.
Wenn der Kongreß einschneidende und verheerende
Kürzungen vorschreibt, frage ich mich oft, ob er sich
Gedanken darüber gemacht hat, an welchen Orten
der Welt wir einen Rückzug beginnen sollten.
Sollten wir unsere Mitarbeiter von den Botschaften
im Nahen Osten zu einem für den Friedensprozeß
entscheidenden Zeitpunkt abziehen? Sollten wir
Vertretungen in Asien schließen, dem dynamischsten
Markt für unsere Exporte weltweit? Sollten wir
weniger Vorbereitungen für den nächsten Gipfel der
westlichen Hemisphäre treffen und den dramatischsten Marsch der Welt zu Demokratie ignorieren?
Wären Kürzungen dieser Größenordnung vor wenigen Jahren genehmigt worden, frage ich mich, wo
sie vorgenommen worden wären. Bei Haiti? Auf
dem Balkan? Im Falle Nordostasiens?
Eine Hauptaufgabe unserer Diplomaten besteht in
der Verhinderung von Krisen, die uns sonst teuer zu
stehen kommen würden. Dank unseres vereinbarten
Rahmenabkommens mit Nordkorea, mit dem das
Nuklearprogramm des Landes eingefroren wurde,
sparen wir beispielsweise jetzt Millionen Dollar.
Ohne es hätten wir uns gezwungen gesehen, unsere
Streitkräfte in Nordostasien drastisch aufzustocken.
Dennoch haben wir Schwierigkeiten, den Kongreß
zur Genehmigung von 20 Millionen Dollar für die
Umsetzung des Abkommens als unseren bescheidenen Beitrag zu den Milliarden, nicht Millionen Dollar
zu bewegen, die Südkorea und Japan aufzuwenden
bereit sind.

Seite 4

Ich bin auch entschlossen, mich den drastischen
Kürzungen zu widersetzen, die für unsere Beiträge zu
internationalen Institutionen vorgeschlagen wurden.
Die für die Bewilligungen Zuständigen im Senat
wollen unsere Mittel für internationale Institutionen um
nahezu 400 Millionen Dollar reduzieren.
Diese
Maßnahmen könnten unsere Verpflichtungen gegenüber der NATO beeinträchtigen. Sie würden uns
zwingen, die Unterstützung für die Internationale
Atomenergie-Organisation einzuschränken, die für
unsere Bestrebungen von entscheidender Bedeutung
ist, sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und
Nordkorea nicht Nuklearwaffenstaaten werden. Sie
würden die Weltgesundheitsorganisation betreffen,
die führend beim Kampf gegen Krankheiten wie AIDS
und Ebola ist.
Unsere Beiträge zur Friedenssicherung würden auf
nur 250 Millionen Dollar begrenzt. Das würde den
Abzug von Friedenstruppen und Monitoren aus
lebenswichtigen Krisengebieten erzwingen, einschließlich des Nahen Ostens. Die Friedenssicherung hat nicht immer ihren beabsichtigten Zweck
erreicht. Aber ebenso sicher hat sie uns die Förderung unserer Interessen ermöglicht, ohne unsere
Truppen zu zwingen, alle Risiken zu tragen oder den
Steuerzahler, alle Rechnungen zu bezahlen. Ohne
die Friedenssicherung wären wir jedes Mal, wenn
eine Krise entsteht, mit einer inakzeptablen Entscheidung konfrontiert - der Entscheidung, im Alleingang zu handeln oder gar nichts zu tun.
Wenn wir unsere Beiträge zur Friedenssicherung
nicht zahlen, setzen wir auch unsere Fähigkeit aufs
Spiel, auf die Reform der Vereinten Nationen und
anderer Institutionen zu drängen. Zweifelsohne sind
weitreichende Veränderungen erforderlich. Aber wir
werden unsere Verbündeten nicht für die Unterstützung unserer Vorschläge gewinnen, wenn sie
denken, wir nehmen die Reformen als Vorwand,
unsere Verpflichtungen zu umgehen. Wir können
nicht reformieren und uns gleichzeitig zurückziehen.
Die Mitglieder des Bewilligungsauschusses haben
auch dafür gestimmt, das Amt für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA) um über 50 Prozent zu reduzieren.
Wie Sie wissen, stehen wir unmittelbar vor einem
wichtigen Durchbruch in diesem Bereich, einschließlich eines Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Warum sollten wir diesen Moment wählen,
um die zur Aushandlung und Verifizierung solch
lebenswichtiger und komplexer Rüstungskontrollabkommen erforderlichen Ressourcen zu dezimieren?
Der Senat will auch die Mittel für das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA)
sowie für internationale Fernseh- und Rundfunksen-

AMERIKA DIENST 28

�düngen kürzen - des Sprachrohrs für unsere Werte
und mit der kostengünstigste Weg zur Projizierung
unseres Einflusses.
Ich möchte hinzufügen, daß ACDA, USIA und das
Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) spezifische Missionen haben, die beibehalten werden sollten. Hier
geht es um Ressourcen, nicht Reorganisation.
Zu den von mir bereits angesprochenen Kürzungen
kommen noch andere Vorschläge des Kongresses,
die im Falle ihrer Verabschiedung die Auslandshilfe
um fast 3 Milliarden Dollar kürzen würden. Das
würde die Finanzierung für multilaterale Entwicklungsbanken und bilaterale Hilfe zunichte machen.
Ich glaube nicht, daß Präsident Eisenhower unrecht
hatte, als er Amerikas Auslandshilfe als "beste
Investition" bezeichnete. Ich glaube nicht, daß jeder
seit dem Zweiten Weltkrieg gewählte Kongreß
unrecht hatte, als erden amerikanischen Diplomaten
vor Ort stetige Unterstützung gewährte. Ich glaube
nicht, daß jede Administration seit den Tagen von
Franklin D. Roosevelt unrecht hatte bezüglich der
vitalen Bedeutung internationaler Organisationen.
Die vorgelegten Haushaltsvorschläge enthüllen
meiner Ansicht nach, wir kurz unser historisches
Gedächtnis ist. Sie spiegeln einen beunruhigenden
Mangel an Verständnis dafür wider, was die Vereinigten Staaten in den vergangenen 50 Jahren in
der Welt geleistet haben - und wie wir es geleistet
haben. Kürzungen dieser Größenordnung würden
schlicht und einfach einen fundamentalen Bruch mit

*

AMERIKA DIENST 28

der amerikanischen Führungstradition bedeuten. Sie
sind nicht verantwortlich. Die Fähigkeit dieses und
jedes zukünftigen Präsidenten zur Wahrung amerikanischer Interessen steht auf dem Spiel.
Abgesehen von den Budgetkürzungen sollte ich
erwähnen, daß der Senatsausschuß für auswärtige
Angelegenheiten im Augenblick die Nominierungen
von Botschaftern für 30 Länder zurückhält. Er
verweigert auch die Abstimmung über zwei Verträge START II und die Chemiewaffenkonvention - zu
denen praktisch einhellige Zustimmung besteht.
Zusammengenommen verkörpern die von mir heute
abend beschriebenen Aktionen einen beispiellosen
Angriff auf die Fähigkeit zur Durchführung einer
effektiven Außenpolitik eines Landes.
Ich schätze den Rat als Ort lebhafter Diskussionen
und einer gesunden Debatte. Welche Meinungsverschiedenheiten wir über spezifische politische Themen auch haben mögen - ich bitte Sie, folgendes in
Erwägung zu ziehen: Wenn diese Kürzungen vorgenommen werden, könnten wir in wenigen Jahren
nicht die Mittel zur Umsetzung einer Außenpolitik
haben, für die es sich einzutreten lohnt. Und das
wäre eine Tragödie für das Land und die Welt
gleichermaßen.
Die Zeit ist knapp. Jeder von uns muß bessere
Arbeit bei der Verteidigung des andauernden Bedarfs
nach einer amerikanischen Führungsrolle leisten.
Wenn wir Erfolg haben, können wir hoffentlich zu der
Debatte zurückkehren, die wir haben sollten - der
Debatte darüber, wie Amerikas Stärke genutzt wird,
statt darüber, ob wir stark sein sollten.

* * *

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Amerika auf der Suche nach einer Parole
von Maynard Glitman
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Maynard Glitman über die amerikanische Außenpolitik
nach dem Kalten Krieg. Der Verfasser ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Vermont,
ehemaliger amerikanischer Botschafter in Belgien und Chefunterhändler der Amerikaner bei den
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen sowie über Atomraketen mittlerer
Reichweite. Glitman absolvierte kürzlich ein Programm als Gastredner in der Türkei, Bulgarien, Frankreich und
Kanada.

Amerika wurde während des Großteils seiner Geschichte von hehren, inspirierenden Zielen motiviert,
die oftmals mit dem Bestand der Gesellschaft in
Zusammenhang standen. Charakteristisch für die
ersten Jahre waren die Ansiedlung von Europäern
und ihr Überleben sowie das Bestreben, Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren. Die Entwicklung und Einführung eines auf die amerikanische
Erfahrung zugeschnittenen
Regierungssystems
sowie der Kampf um die Aussöhnung des unvereinbaren Nebeneinanders von Demokratie und Sklaverei gipfelte im anschließenden Bürgerkrieg.
Während dieser Zeit und bis weit ins letzte Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts wurde der greifbare Ausdruck
von Amerikas "Manifest Destiny" von der großen
Westbewegung, der "Frontier", beherrscht. Als die
"Frontier" nicht mehr existierte, liebäugelte Amerika
kurze Zeit mit dem Ziel der Gründung eines kolonialistischen Imperiums.
Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg, Roosevelts
Bestrebungen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und insbesondere der Zweite Weltkrieg waren
ebenfalls Beispiele für profunde und weithin akzeptierte nationale Ziele mit noblem Charakter, die unter
anderen Tagesfragen hervorstachen, zu einer Parole
für die Nation wurden und anschließend nahezu
mythische Eigenschaften annahmen.
Der Sieg im Kalten Krieg war das letzte dieser
großen nationalen Ziele. Der erste Krieg war lang,
"total" und hatte Auswirkungen auf die nationale
Politik, Wirtschaft und Psyche. Kennzeichnend für
den Kalten Krieg waren seine Länge und Intensität.
Überschattet von der Angst vor der "Bombe", im Sog
einer subversiven Bedrohung war das Gebot, den
Kalten Krieg zu gewinnen, nahezu ein halbes Jahr-

AMERIKA DIENST 28

hundert lang die dominante Realität der nationalen
Existenz. Es veranlaßte Amerika dazu, Aktionen zu
unternehmen und sich auf eine Art und Weise zu
verhalten, die bisweilen dem Selbstbildnis des
Landes widersprach. Ferner verschlang es große
Mengen der intellektuellen und finanziellen Ressourcen des Landes und förderte mit durch eine Vielzahl
von Krisen verursachter Intensität eine Kultur, die
relativ mehr Betonung auf schnelle als auf überlegte
Reaktion legte.
Obwohl der Kalte Krieg so lange Bestandteil des
amerikanischen Lebens war, endete er auf relativ
undefinierbare Weise, ohne daß eine gegnerische
Armee auf dem Schlachtfeld besiegt wurde und die
amerikanischen Streitkräfte zu einer Siegesparade
nach Hause zurückkehrten. Im Gegenteil: Obwohl
die Nation bereit war, ihre Aufmerksamkeit auf die
Überwindung der negativen Auswirkungen des Kalten
Krieges auf ihre innenpolitische Gesundheit zu
konzentrieren, sah sie sich bald gezwungen, außenund sicherheitspolitischen Themen wie dem Golfkrieg
und Bosnien einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit zu
widmen.
All diese Faktoren tragen dazu bei, die Anpassung an
die Gegebenheiten der Welt nach dem Kalten Krieg
schwierig zu gestalten. Der Umgang mit dem Erfolg
im Kalten Krieg erweist sich als ebenso schwierig wie
der Umgang mit der Feindschaft während des Kalten
Krieges. Daher ist es verständlich, daß nur wenige
Jahre nach der Verkündigung der Beendigung dieses
Krieges noch kein neues, übergeordnetes Ziel zum
Vorschein gekommen war, das die amerikanische
Nation einen könnte.
Nicht, daß amerikanische Politiker keine neuen
Parolen ausgegeben hätten.
In Anbetracht der

Seite 1

�Tatsache, daß auswärtige Angelegenheiten den
Kern der Bestrebungen des Kalten Krieges darstellten und eine Rolle bei den anderen großen nationalen Bestrebungen Amerikas spielten, ist es nicht
erstaunlich, daß sie Bestandteil der Versuche in der
Zeit nach dem Kalten Krieg waren, ein neues,
umfassendes nationales Ziel zu entwickeln. Folglich
unterbreitete Präsident Bush das Konzept einer
"neuen Weltordnung" und der Entwicklung eines
Zusammenschlusses freier Nationen "von Vancouver
bis Wladiwostok". Präsident Clinton forderte Amerika auf, die Ausweitung der Demokratie zu unterstützen - zusammen mit seiner innenpolitischen
Tagesordnung unter Betonung wirtschaftlicher
Umstrukturierung und der Einführung eines nationalen Gesundheitsprogramms.
Keine dieser Initiativen schürte jedoch die nationale
Phantasie. Ohne ein übergeordnetes Ziel scheint
die Politik der Vereinigten Staaten, insbesondere die
Außenpolitik, von einem Gefühl der Orientierungslosigkeit charakterisiert zu sein. Dieses Gefühl
wurde verstärkt durch ausgeprägte regierungsfeindliche Gefühle, für die das Ergebnis der Wahlen
von 1994 ein Beispiel ist, die selbst die Rolle der
Regierung in Zweifel zogen. Es ist wahrscheinlich,
daß die Entwicklung eines neuen nationalen Ziels,
das breite Unterstützung findet, bis zur Lösung
dieser Frage an der Wahlurne warten muß.
Eine politische Führungsrolle kann einem neuen
nationalen Ziel Gestalt, Form und Dynamik verleihen.
Sie muß einem tiefempfundenen und weithin unterstützten Bedürfnis nach der Erreichung eines nationalen Ziels entspringen. Die Amerikaner sind dafür
bekannt, daß sie sich kurzlebigen Modeerscheinungen hingeben. Das für die Einigung der Nation in
Größe erforderliche Ziel muß weitaus tiefer verwurzelt sein. Selbst große Wissenschafts- oder Bauprojekte eignen sich hierfür wahrscheinlich nicht.
Daher ist es durchaus möglich, daß noch mehr Zeit
vergehen wird, bis ein Konsens über eine neue
Parole gefunden wird.
Die Welt (und Amerikas innenpolitische Bedürfnisse)
werden jedoch kein Charakteristikum der Zeit sein,
bis die Generation des Zeitalters nach dem Kalten
Krieg in Amerika ihr "Rendevouz mit dem Schicksal"
erkennt. Man wird Maßnahmen entwickeln und
durchführen müssen. Ohne den Impuls eines neuen
nationalen Ziels werden sie wahrscheinlich keine
heroische Dimension haben. Aber die Außenpolitik
während dieser Zeit könnte ein Erfolg sein, wenn sie
drei Kriterien erfüllt: Die Beibehaltung der Fähigkeit
Amerikas, Ereignisse auf der Welt zu beeinflussen,
die Förderung der amerikanischen Sicherheitsinteressen und die Stärkung ihres wirtschaftlichen Wohlergehens.

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Eine erste Debatte darüber, wie dieses Ergebnis im
Bereich der Außenpolitik erreicht werden kann, hat
bereits begonnen. Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
die Priorität bei der Gewährleistung der amerikanischen Handlungsfreiheit liegen sollte, selbst auf
Kosten einer Schwächung früherer Bündnisse,
insbesondere der NATO, die ihrer Ansicht nach
überflüssig geworden sind.
Es ist das Verdienst des transatlantischen Bündnisses, daß es mehr als jede andere im Kalten Krieg
entstandene Institution die Notwendigkeit des Wandels erkannte. Seine Streitkräfte wurden abgebaut
und umstrukturiert. Es paßte sich an die Evolution
der transatlantischen Partnerschaft an, indem es ein
neues funktionierendes Verhältnis zwischen der
NATO und der WEU schuf. Nach der Gründung des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) wurden
ehemalige Gegner eingeladen, an den Konsultationen
im Hauptquartier des Bündnisses teilzunehmen.
Ferner wurden gemeinsame Militärübungen sowie der
Austausch von Personal und Informationen mit
diesen Ländern aufgenommen, was jetzt im Programm Partnerschaft für den Frieden seinen Niederschlag findet, und eine aktive Erwägung der Aussichten und Modalitäten der Aufnahme neuer Mitglieder wurde begonnen.
Um effektiv zu bleiben, muß das Bündnis jedoch vor
allem seine gewohnheitsmäßige Konsultation und
Kooperation im politischen, Sicherheits- und Verteidigungsbereich beibehalten sowie seine Fähigkeit
bewahren, gemeinsame politische oder militärische
Unternehmungen durchzuführen - entweder unter der
Schirmherrschaft des Bündnisses oder eines anderen
Gremiums. Dies wiederum bedeutet, daß Foren des
Bündnisses, insbesondere der Nordatlantikrat und
Mechanismen wie die integrierte Kommandostruktur
und gemeinsame Manöver auf eine Art und Weise
genutzt werden müssen, die allen Mitgliedern gewährleistet, daß sie dank der NATO - sichtlich - über
die Fähigkeit verfügen, eine Bedrohung ihrer Sicherheit abzuwehren und solche Bedrohungen
notfalls zu überwinden.
Die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit und die
Fähigkeit hierzu sind vielleicht das kostbarste Vermächtnis, das die amerikanischen Gründerväter und
diejenigen, die in den langen Jahren des Kalten
Krieges ihre Arbeit taten, nachfolgenden Generationen hinterließen. Es sollte nicht weggeworfen,
sondern mit anderen geteilt werden, beispielsweise
im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden.
In der Tat haben die Mitglieder des Bündnisses diese
Gewohnheiten und diese Fähigkeit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg in Teilen der Welt im sogenannten

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�bündnisfremden Gebiet, wo ihre entscheidenden
Interessen auf dem Spiel standen, effektiv genutzt,
vor allem während des Golfkriegs. Obwohl die
NATO als NATO nicht beteiligt war, spielten die im
Bündnis entstandenen Gewohnheiten sowie die
Fähigkeit zur Kooperation und Zusammenarbeit eine
Schlüsselrolle beim Erfolg der politischen und
militärischen Bestrebungen am Golf.
Wir können nicht erwarten, daß alle künftigen Krisen
so klar und eindeutig sind wie der Golfkrieg. Der
Aggressor war klar definiert sowie leicht und zutreffend als eine Bedrohung dargestellt. Das Vorgehen
hatte daher legale und moralische Rechtfertigung.
Das gemeinsame Interesse der Bündnispartner an
der Gewährleistung, daß dieser Aggressor nicht
vitale Ressourcen in die Hand bekommt, war ebenfalls offenkundig und lieferte die realpolitische
Grundlage für die Militäraktion.
Wir können auch nicht erwarten, daß alle künftigen
Krisen so komplex und verwirrend sein werden wie
die im ehemaligen Jugoslawien. Der Klarheit der
Situation am Golf, einschließlich eines Gefühls für
die betroffenen nationalen Interessen, steht in der
Balkansituation das genaue Gegenteil gegenüber.
Auf jeden Fall haben die langwierigen und bisher
erfolglosen Bestrebungen zu einer Lösung dieser
Situation nicht nur viele Menschenleben gefordert,
sondern uns auch ein starkes Gefühl des Scheiterns
vermittelt, das im Westen das Selbstvertrauen
unterminiert und das Gefühl "gemeinsamer strategischer Interessen" geschwächt hat, selbst wenn die
Verbündeten dies in ihrem Kommunique vom Mai
1995 proklamierten.
Aber das Scheitern bezieht sich eher auf die Analyse sowie das Verständnis der Geschichte der Region
und des Temperaments seiner Völker als auf mangelnde Willenskraft. Der Wille wäre dagewesen,
wenn wir uns einer der Zeit und dem Ort angemessenen Politik verschrieben hätten.
Wäre zum Beispiel frühzeitig erkannt worden, daß
Jugoslawien sich nicht durchwursteln kann und
auseinanderbrechen würde; wäre erkannt worden,
daß die serbischen Minderheiten zwar bereit wären,
in von kroatischen und slawischen Muslimen dominierten Republiken im Kontext eines föderalen
Jugoslawien zu leben, sie sich jedoch weigern
würden, in solchen Republiken zu leben, wenn diese
unabhängige Staaten geworden wären; wäre das
Widerstreben der westlichen Öffentlichkeit und der
Politiker, in den Krieg einzugreifen, um die serbischen Minderheiten zu zwingen, Teil von Kroatien
und Bosnien zu bleiben, garantiert gewesen; wäre
verstanden worden, daß Menschen nicht mit Bomben zu liebevollen Beziehungen gezwungen werden

AMERIKA DIENST 28

können, sondern daß im Gegenteil, wie durch den
Abzug der Krajina-Serben vor kurzem demonstriert
wurde, viele wünschen oder sich genötigt sehen
würden, lieber umzusiedeln, als in einem von den
anderen jugoslawischen ethnischen/religiösen Gruppen dominierten Staat zu leben, insbesondere
nachdem das Blutvergießen begonnen hatte - dann
wäre der Ansatz zu diesem Problem anders gewesen.
Die Betonung hätte von Anfang an auf der Schaffung
einer neuen Struktur und deren finanzieller Unterstützung gelegen, einschließlich eines lebensfähigen
Staates slawischer Muslime (mit hoffentlich einigen
Rudimenten der Multiethnizität) entlang vornehmlich
slowenischer, serbischer und kroatischer Staaten.
Die Verpflichtung aller vier zu starken Minderheitenrechten wäre ein sine qua non für offizielle Anerkennung gewesen. Hilfsprogramme wären eingerichtet
worden, einschließlich der Entschädigung für zurückgelassenes Eigentum und Hilfestellung bei der
Rückführung, wie sie im Falle von Griechenland und
Bulgarien sowie von Griechenland und der Türkei im
Anschluß an ähnlich blutige ethnische Konfrontationen Anfang der zwanziger Jahre erfolgte.
Selbst aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtet,
ist dies zwar kein perfektes Ergebnis und ein schwacher Trost für diejenigen von uns, die den Schmelztiegel-Ansatz befürworten, es ist jedoch sicherlich das
geringste Übel. In der Tat legen Berichte über den
Inhalt des letzten von den Vereinigten Staaten
unterstützten Friedensplans für die Region nahe, daß
er sich auf eben solche Prämissen stützt, einschließlich der Bereitschaft, den Ansatz der Kompromißlosigkeit aufzugeben, der ein Merkmal früherer, den
kriegführenden Slawen im Süden vorgelegter Pläne
war. Darüber hinaus haben die bosnisch-serbische
Führung und das Parlament (noch vor Beginn der
Bombardierungen) ein Interesse an einer Verhandlungslösung auf der Grundlage dieses Vorschlags
zum Ausdruck gebracht.
Die Zeit wird weisen, ob das letztliche Ergebnis der
Balkan-Tragödie einen Teil des Selbstbewußtseins
wiederherstellen wird, das die Verbündeten in den
vergangenen Jahren verloren haben. Die jüngste
Demonstration der Entschlossenheit gekoppelt mit
dem neuen, realistischeren, politischen Ansatz sollte
hierbei behilflich sein.
Neue Vorschläge für die Stärkung der transatlantischen und europäischen sicherheitspolitischen
Beziehungen wurden ebenfalls vor kurzem unterbreitet.
Dazu zählen Vorschläge bezüglich der
Chartas, Pakte und Freihandelszonen, die in Wirklichkeit breite, übergreifende und häufig interpretierende
Ansätze einzusetzen versuchen, um alten Arran-

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�gements neues Leben einzuhauchen oder die
Kluften in neuen zu überbrücken. Herausragend
dabei sind die Rufe nach einer neuen transatlantischen Charta, um Richtlinien für die Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und
Europa in der Zeit nach dem Kalten Krieg aufzustellen sowie die Erarbeitung einer Art von Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland.
Ein ähnliches, aber konkreteres Konzept betrifft die
Entwicklung einer Freihandelszone, die Nordamerika
mit der Europäischen Union (EU) verbindet. Dieser
Vorschlag hat bereits zu Debatten über ihre Auswirkungen auf die neue Welthandelsorganisation
geführt, die Handel auf globaler Basis ausweiten soll.
Sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Wunsch, wenn nicht sogar den Zwang
vergrößern, daß die europäischen Nichtmitglieder
der EU entweder Mitglieder werden oder ihre Assoziierungsarrangements mit der EU erweitern, wenn sie
nicht einen enormen kommerziellen Nachteil hinnehmen wollen.
In der derzeitigen Situation ist es am wichtigsten,
daß die Regierungen diesen Weg nur verfolgen,
wenn sehr gute Aussichten auf Erfolg bestehen.
Denn das Scheitern eines Abschlusses der Verhandlungen über eine neue transatlantische Charta, eine
transatlantische Freihandelszone oder einen Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland
könnte den Beziehungen, die sie stärken sollen,
großen Schaden zufügen.
Letztlich werden weder diese Ansätze noch die
anderen in der europäischen Sicherheitsarchitektur
vorgenommenen Änderungen Erfolg haben, wenn
die Mitglieder des Bündnisses nicht der Auffassung
sind, daß sie immer noch gemeinsame Interessen
haben, die eine Fortsetzung erstrebenswert machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges besteht zweifelsohne nicht mehr das fundamentale gemeinsame
Interesse, einer Bedrohung der Existenz freier
Gesellschaften durch die Sowjetunion zu widerstehen. Infolgedessen werden die Bündnispartner
Differenzen in Bereichen wie Handel, einschließlich
des Handels mit Mehrzwecktechnologien, nicht so
leicht immer noch vitalen, aber nicht allumfassenden
Sicherheitserwägungen unterordnen.
*

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Dennoch gibt es immer noch mehr als genug Gebiete
gemeinsamen Interesses, die die Bewahrung eines
umstrukturierten Bündnisses rechtfertigen. Natürlich
denkt man an den Golfkrieg. Man könnte jedoch
auch die Bereitwilligkeit anführen, mit der die Mitglieder sich an das Bündnis wandten, ein Forum für
die Erörterung des gescheiterten Putsches in Moskau
vom August 1991 und den innenpolitischen Konflikt
zwischen Präsident Jelzin und der russischen Duma
im Oktober 1993 zu bieten. Die andauernde operative Unterstützung, die sich die Bündnispartner in
Gebieten wie Afrika gewährten, sowie der Wert ihrer
Zusammenarbeit in internationalen Foren wie den
Vereinten Nationen sind andere Beispiele. Besteht
irgendein Zweifel, daß es weitere geben wird?
Es ist offensichtlich, daß es Meinungsverschiedenheiten geben wird, zum Beispiel darüber, wie man mit
der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung durch
den Iran umgeht. Dennoch sind Differenzen über die
Bewältigung solcher Probleme nicht völlig neu und
traten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf.
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit
und der Bewahrung der Bündnispartnerschaft angesichts dieser Meinungsverschiedenheiten und in
Abwesenheit einer existentiellen gemeinsamen
Bedrohung ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, frühzeitig, häufig und offen zu konsultieren
sowie Überraschungen und Faits accomplis zu
vermeiden. Die Gewohnheit der Kooperation sowie
der Wille und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit
erfordern Kompromisse und Rücksichtnahme und
werden die Handlungsfreiheit beschneiden, aber sie
haben in diesem neuen und unsicheren Zeitalter nach
wie vor großen Wert. In der Tat, wenn Handlungsfreiheit wünschenswert ist, so gilt dasselbe für
Verbündete, wenn man sie braucht.
Diese Arbeit zu leisten, erfordert kompetente Führung. Es ist nicht der Stoff, aus dem heroische
Legenden gemacht sind, oder zu dem sich Politiker
hingezogen fühlen. Es ist jedoch unerläßlich sicherzustellen, daß Amerika und seine Verbündeten immer
noch die Option haben, mit Hilfe und innerhalb eines
starken Rahmens internationaler Bündnisse zu
arbeiten, wenn die nächste Parole ausgegeben wird.

*

AMERIKA DIENST 28

�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

50 Jahre Hessen
Grußwort von Präsident Clinton
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir ein Grußwort Präsident Clintons an die Bevölkerung des
Bundeslandes Hessen, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, Charles E. Redman, beim offiziellen Festakt in der Frankfurter Paulskirche aus Anlaß der
Gründung des Bundeslandes Hessen durch die amerikanische Militärregierung vor 50 Jahren verlas.

Als General Dwight D. Eisenhower am 19. September 1945 seine "Proklamation Nummer 2" unterzeichnete, setzte er weit mehr in Bewegung als eine
neue Regierung für das Bundesland Hessen.
Hessische Bürgerinnen und Bürger aus allen Lebensbereichen haben den Neubeginn von 1945
genutzt, um eine starke Tradition repräsentativer
Demokratie, freien Meinungsaustauschs, verfassungsgemäßen Regierens und gemeinsamen
Wohlstands aufzubauen. Die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens von Hessen
bieten eine zeitgemäße Gelegenheit, über Ihre
segensreichen politischen und wirtschaftlichen
Leistungen zu reflektieren.

Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, von
denen viele ihre Vorfahren bis zu der historischen
Region Hessen zurückverfolgen können, sind stolz
darauf, während der vergangenen fünfzig Jahre Ihr
Partner gewesen zu sein. Während dieser Zeit
haben Sie dauerhafte demokratische Traditionen
entwickelt, die uns miteinander verbinden. Wir freuen
uns auf die Fortsetzung unserer Partnerschaft in den
nächsten fünfzig Jahren und darüber hinaus.
Mit den besten Wünschen
William J. Clinton

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

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�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

"Wieder Zusammen"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman
EINSENACH - (AD) - Anläßlich der Eröffnung der Veranstaltungsreihe "Wieder Zusammen - Amerikanische
Tage in Thüringen" hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles
E. Redman, am 20. September 1995 in Eisenach die nachfolgende Ansprache.

Herr Ministerpräsident,
Mr. Stevens,
Mr. Hermann,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute nachmittag
"Wieder Zusammen - Amerikanische Tage in Thüringen" eröffnen zu dürfen. Mit "Wieder Zusammen"
werden die erneuerten Kontakte zwischen den
Vereinigten Staaten und den Bürgern Thüringens
gefeiert. Die Veranstaltung steht für unser großes
Engagement in diesem wichtigen Teil Deutschlands.
Es ist äußerst angemessen, daß wir diese Feier hier,
bei Opel in Eisenach, abhalten. Denn hier sehen wir
die starke amerikanische Präsenz in den neuen
Bundesländern und die Auswirkungen, die diese
Präsenz haben kann, am deutlichsten. Der motivierte, von Teamgeist geleitete Ansatz der Opel AG zur
Problemlösung dient als Modell für die gesamte
ostdeutsche Industrie. Ich möchte Mr. Stevens und
Mr. Hermann persönlich für Ihre Gastfreundschaft
am heutigen Tag danken und Ihnen allen "Herzliche
Glückwünsche zum Geburtstag" sagen.
Die Amerikaner sind aktiv am Aufbau der wirtschaftlichen Zukunft der neuen Bundesländer beteiligt - der
dynamischsten Wachstumsregion im heutigen
Europa. Ungefähr ein Viertel aller ausländischen
Investitionen entfällt auf amerikanische Unternehmen, die rund 15.000 Arbeitsplätze in einer Vielzahl
von Bereichen stellen - Coca Cola, McDonalds,
führende Hotelketten, Banken, MIBRAG (NRG und
Morrison), Dow Chemical und Otis Elevator. Und
natürlich auch Lear Seating, von denen die Stühle
hergestellt wurden, auf denen Sie heute sitzen.
Die Amerikaner sind auch Partner in vielen kleinen
und mittelständischen Betrieben mit weniger als 100
Beschäftigten. Allied Signal plant die Entwicklung

AMERIKA DIENST 28

eines Zentrums für synthetisches Material in Rudolstadt. Applied Materials aus Santa Clara in Kalifornien hat einen Vertrag in Höhe von 80 Millionen DM
für die Installation moderner Technologie in der
neuen Siemensfabrik in Dresden.
Darüber hinaus haben wir in Umwelttechnologie,
Hoch- und Tiefbau, medizinisches Gerät, Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, Unternehmensberatung
und Werkzeugmaschinen investiert.
Die Amerikaner sind ebenfalls stark engagiert bei der
Entsorgung von Altlasten der neuen Bundesländer.
In Brandenburg sind amerikanische Firmen beispielsweise Teil eines innovativen Programms für die
Behebung der von den abgezogenen russischen
Truppen hinterlassenen Schäden durch die Umrüstung verlassener Militärstützpunkte in Hochtechnologieparks.
Dow Chemical hat sich bei der Übernahme der
Werke in Buna und Leuna zu einer umweltverträglichen Umgestaltung dessen verpflichtet, was früher
industrielle Einöde war.
Dieses amerikanische Engagement wird durch eine
wichtige Konferenz in Erfurt am 6. und 7. Oktober
unterstrichen, die gemeinsam von der Amerikanischen Botschaft und der American Chamber of
Commerce veranstaltet wird. Diese Konferenz ist die
dritte einer Serie, die im letzten Jahr in Berlin und
Leipzig begonnen wurde und die kooperative Rolle
der US-Regierung bei der Ankurbelung von Investitionen in den neuen Bundesländern hervorhebt.
Mit Blick in die Zukunft wollen wir ein neues Netz
menschlicher Bande zwischen Amerika und den
östlichen Bundesländern aufbauen. Diese wurzeln in
einer Tradition, die auf die vielen Tausenden von
Deutschen zurückreicht, die diese Region über die
Jahrhunderte hinweg verließen, um in der Neuen

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�Welt ein neues Leben zu beginnen. Sie gehörten zu
den über sieben Millionen Deutsch sprechenden
Europäern, die nach Amerika emigrierten. Heute
haben 60 Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren ein Viertel der US-Bevölkerung.
Zusammen haben wir über die Jahrhunderte eine
Gemeinschaft von Werten und Interessen mit
kulturellen und familiären Banden aufgebaut, die die
Nationen des Nordatlantikraums verbinden. Diese
lebenswichtigen Bande tragen dazu bei, die Stärke
und Flexibilität unserer politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu garantieren.
Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß diese
Bande stark bleiben.
Millionen amerikanischer
Soldaten und ihre Familien haben seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs im westlichen Teil Deutschlands gelebt. Die Menschen in diesem Teil Deutschlands hatten jedoch nicht die Chance zu dieser Art
von intensiven Kontakten mit Amerikanern. Jetzt
müssen wir die verlorene Zeit aufholen, indem wir
Amerikaner und Deutsche in Kontakt miteinander
bringen.
Aus diesem Grund haben wir unser auch für Sachsen und Thüringen zuständiges Amerika HausProgramm in Leipzig eingerichtet, das jetzt erweitert
wird. Mit der starken Unterstützung der Freunde des
Amerika Hauses Berlin werden unsere Programme
in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und MecklenburgVorpommern ebenfalls erweitert. Wir bauen Brücken
wieder auf und stellen Verbindungen wieder her, die
sechs lange Jahrzehnte unterbrochen waren.
Der Jugendaustausch ist von besonderer Bedeutung. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das Deutsch-Amerikanische Partnerschaftsprogramm bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit, zusammen zu leben und zu
arbeiten. Seit 1990 hat die Amerikanische Botschaft
nahezu Tausend jungen Deutschen in den neuen
Bundesländern ein Stipendium für einen Besuch in
den Vereinigten Staaten gewährt.
Auch der Austausch auf Universitätsebene hat sich
als unschätzbar erwiesen. Seit 1952, als das
deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ins
Leben gerufen wurde, haben 25.000 deutsche und
amerikanische Studenten, Dozenten und Professoren Zeit im jeweils anderen Land verbracht. Dies
hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf ihre
Persönlichkeitsbildung, sondern auch auf Fortschritte
in der Wissenschaft und anderen Forschungsgebieten.

Die RIAS Berlin Kommission hat damit begonnen,
engere Kontakte im Bereich der Medien zu fördern,
indem sie Austauschprogramme für Journalisten aus
den fünf neuen Bundesländern durchführt.
•
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen beteiligen
wir uns aktiv an der Einrichtung eines Center for
Advanced English and U.S. Studies in der Lutherstadt
Wittenberg. Radio Charlie der Voice of America hat
in Berlin auf der Frequenz des alten AFN den Sendebetrieb aufgenommen. Eine weitere interessante
neue Institution, die Amerikanische Akademie zu
Berlin, konzentriert sich auf Kulturaustausch über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa.
Ich möchte betonen, daß wir nicht nur neue Bande
knüpfen, sondern auch alte wiederherstellen. Seit
der Vereinigung Deutschlands haben wir unsere
zahlreichen historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen gestärkt. Wir sind wirklich alte
Freunde, die nach langer Zeit wieder vereint sind.
Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Thüringen haben eine lange Geschichte. Goethe, der stets am amerikanischen Experiment interessiert war, hatte in den Vereinigten Staaten großen
Einfluß - und nicht nur infolge seines berühmten
Gedichtes "Amerika, Du hast es besser". Bereits
1817 stiftete er der Harvard University eine Kopie
seiner gesammelten Werke.
John Augustus Röbling stammt ebenfalls aus Thüringen. Er war, wie Sie vielleicht wissen, Ingenieur und
der Architekt der weltberühmten Brooklyn Bridge, die
lange Zeit die längste Hängebrücke der Welt war.
In diesem Jahrhundert hatte die Bauhaus-Bewegung,
die eng mit Weimar in Verbindung steht, weitreichenden Einfluß auf die Vereinigten Staaten im Hinblick
auf Industriedesign und Architekturstil.
Diese Bande waren jahrzehntelang unterbrochen.
Ihre Wiederherstellung ist eine Aufgabe, die Jahre
erfordern wird. Ich freue mich jedoch, daß wir in so
kurzer Zeit so viel erreicht haben.
Mit "Wieder Zusammen" wollen wir den Thüringern
und anderen Bürgern in den neuen Bundesländern
helfen, die Vereinigten Staaten kennenzulernen. In
den kommenden zwei Wochen werden wir unsere
Bande mit 42 verschiedenen Programmen verstärken:
Konzerten, Ausstellungen, Lesungen amerikanischer
Literatur und Filmvorführungen in zwölf Städten
Thüringens.
Heute nachmittag - im Schatten der Wartburg, die
seit Jahrhunderten ein Symbol deutscher Einheit und

Seite 2

AMERIKA DIENST 28

�des deutschen Beitrags zur westlichen Kultur ist kann ich sagen, daß ich mich über das bereits von
uns Erreichte freue, Amerika und die neuen Bundesländer einander näherzubringen, und daß ich der
Zukunft erwartungsvoll entgegensehe. Ich fordere
alle hier Anwesenden auf, sich an "Wieder Zusam-

men" zu beteiligen und mit uns die Erneuerung der
uns verknüpfenden familiären und kulturellen Bande
zu feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

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�WEITERVERBREITUNG
27. September 1995

Eine neue sicherheitspolitische Tagesordnung
Kampf gegen den Nuklearschmuggel
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 14. September 1995 bei der
in Garmisch-Partenkirchen veranstalteten "Internationalen Fachtagung über Nuklearschmuggel" hielt, auf der
Zollexperten von über 30 Ländern eine künftige engere Zusammenarbeit beschlossen.

Vielen Dank für die Einladung am heutigen Abend.
Ich freue mich immer, in dieser herrlichen Alpenlandschaft zu sein. Das einzige Problem ist - es ist so
schön hier, daß es schwierig werden kann, sich auf
die vor uns liegende harte Arbeit zu konzentrieren.
Ich muß nicht darauf hinweisen, daß wir in einer Zeit
tiefgreifenden, sogar revolutionären Wandels leben.
Ihre Anwesenheit am heutigen Tag ist ein Beweis für
diese Tatsache. Eine solche Zusammenkunft - mit
vielen Nationen, die einst Gegner waren - wäre noch
vor wenigen Jahren unmöglich gewesen. Diese
Konferenz ist ein konkreter Beweis für die neue Art
von Vertrauen und Zusammenarbeit, um deren
Aufbau wir uns bemühen.
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, haben wir noch
keine neue Welt des Friedens und Wohlstands
geschaffen. Vielmehr sehen wir uns mit veränderten
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert.
Die Weltbühne kann heutzutage nur als verwirrend
und voll neuer, beunruhigender Gefahren bezeichnet
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß der Umgang
mit solch dramatischen Veränderungen so beschwerlich ist. Schließlich ist die Welt, wie wir sie
ein halbes Jahrhundert lang kannten, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Die
unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
verschwunden. An ihre Stelle ist eine Vielzahl
subtilerer Bedrohungen getreten - von denen keine
als einzelne bedrohlich ist, die aber zusammengenommen ebenso beängstigend sind.
Heute
sprechen wir weniger über nukleare Konfrontation
und mehr über Herausforderungen wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnische
Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung,
Flüchtlingsströme und Migration sowie humanitäre
Krisen.

AMERIKA DIENST 28

Die Verbreitung von - nuklearen, chemischen und
biologischen - Massenvernichtungswaffen ist eine der
unmittelbarsten und dramatischsten Gefahren, mit
denen wir uns konfrontiert sehen. Nuklearwaffen und
das zu ihrer Herstellung erforderliche Material sind
zunehmend verfügbar. Ballistische Raketen und
andere Trägersysteme sind einfacher zu beschaffen.
Zudem sind wir der Ansicht, daß jetzt mehr als zwei
Dutzend Länder über Chemiewaffenprogramme
verfügen.
In direktem Zusammenhang mit der Gefahr einer
Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen steht die
Bedrohung durch den internationalen Terrorismus,
eine weitere Bedrohung, die eine konzertierte internationale Reaktion erfordert. Die Vereinigten Staaten
arbeiten mit anderen betroffenen Ländern an der
Verbesserung von Koordination und Austausch
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse im Kampf gegen
Terroristen und terroristische Organisationen.
Unsere Arbeit wird durch die Tatsache erschwert,
daß einige Länder den internationalen Terrorismus
aktiv unterstützen. Im Fall Irans, der vielleicht der
schlimmsten Vergehen schuldig ist, werden die
Vereinigten Staaten weiterhin Druck ausüben, damit
Teheran seine Unterstützung von Terrorismus und
Gewalt sowie seine Bestrebungen zur Unterminierung
des Nahost-Friedensprozesses einstellt.
In größerer Nachbarschaft bleiben die Länder Zentraleuropas und die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion anfällig für ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten und den besessenen Eifer,
reales und eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Diese Kräfte - die in Teilen des
Balkan und des Transkaukasus bereits außer Kontrolle geraten sind - traten an die Stelle des sowjetischen Expansionismus als gefährlichste Bedrohung
für politischen Fortschritt und wirtschaftliche Entwick-

Seite 1

�lung in Europa. Rußland ist weiterhin ein großes,
kompliziertes Land inmitten politischer und sozialer
Unruhen. Es muß sich noch für eine postkommunistische Identität entscheiden.
Aber obwohl wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte
mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sind, haben wir auch eine einzigartige Chance
zur Gestaltung einer neuen Welt, die unsere Interessen stärker fördert und eher im Einklang mit
unseren Werten steht - eine Welt offener Gesellschaften und offener Märkte.
Insbesondere hier auf diesem Kontinent haben wir
die Chance, die Grundlage für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Präsident Clinton drückte das
vergangenes Jahr klar und deutlich vor dem Brandenburger Tor aus: "Die Berliner Mauer ist gefallen.
Unsere Generation muß nun entscheiden: Was
werden wir an ihrer Stelle aufbauen? ... Ein Europa,
in dem alle Nationen unabhängig und demokratisch
sind. In dem freie Märkte und Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere Sicherheit auf dem
Aufbau von Brücken, nicht von Mauern beruht."
Wo beginnen wir den Prozeß der Errichtung eines
neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Ich würde
vorschlagen, daß unsere oberste Priorität die Wahrung des bereits Erreichten ist. Wir verfügen schon
über eine starke Grundlage, einschließlich bewährter
Institutionen wie der NATO, der Europäischen Union
und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Diese Organisationen
waren auf einen geteilten Kontinent zugeschnitten,
in dem die Sicherheit auf der Verteidigung eines
Blockes gegen den anderen basierte. Jetzt müssen
wir sie an neue Gegebenheiten anpassen, indem wir
einen neuen sicherheitspolitischen Rahmen auf der
Grundlage von Integration und Einbeziehung schaffen.
Im Mittelpunkt dieses Rahmens stehen starke
transatlantische Verbindungen. Die Geschichte lehrt
unmißverständlich, daß das strategische Engagement der Vereinigten Staaten in Europa notwendig
für unser aller Sicherheit ist.
Einige werden argumentieren, Amerika sei seiner
internationalen Verpflichtungen müde geworden. Ich
stimme dem nicht zu. Tatsache ist, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für fortgesetztes amerikanisches Engagement in der Welt stark bleibt.
Meinungsumfragen belegen, daß mindestens zwei
Drittel des amerikanischen Volkes eine Führungsrolle
der Vereinigten Staaten in der Welt wünschen.
Ich bin zuversichtlich, daß Amerika 50 erfolgreichen
Jahren nicht den Rücken zuwendet. Zudem hängt

Seite 2

das Engagement Amerikas für die Zukunft Europas
nicht von einem Präsidenten, einem Kongreß oder
einer politischen Partei ab. Es ist eine nationale
Verpflichtung, die auf gemeinsamen strategischen
Zielen, kollektiven Wirtschaftsinteressen und gemeinsamen Werten basiert.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Die NATO bringt auf dem europäischen Kontinent
amerikanische Macht und Ziele zum Tragen. Die
NATO ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die Hauptinstitution für amerikanisches
Engagement in europäischen Sicherheitsfragen.
Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Verbindungen. Der 1990 begonnene
Abzug unserer Streitkräfte in Europa ist nahezu
abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht dasselbe wie
Rückzug oder Disengagement. In Deutschland sind
noch mehr als 80.000 Soldaten; über 100.000 bleiben
in Europa stationiert. Diese Zahlen sind nicht das
Spiegelbild eines verringerten amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit, sondern nur
einer verringerten Bedrohung.
Mit Blick auf die Zukunft müssen wir offensichtlich
alles Gute aus der Vergangenheit bewahren. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis bleiben und über die zur Verteidigung ihrer
Mitglieder erforderlichen Streitkräfte und integrierte
Kommandostruktur verfügen.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue
Strategie entwickeln und neue Aufgaben übernehmen. Wir befinden uns jetzt inmitten dieses Prozesses.
Die NATO stellt der Westeuropäischen Union jetzt
umfassende politische und militärische Unterstützung
zur Verfügung. Die Stärkung der europäischen Säule
des Bündnisses leistet einen Beitrag zur europäischen Stabilität und transatlantischen Lastenteilung
gleichermaßen.
Und außerdem verbessert sie
unsere kollektive Handlungsfähigkeit.
Am wichtigsten ist, daß die NATO bereits die Entscheidung über eine Förderung der Sicherheit jenseits ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie den Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR),
einen Zusammenschluß von NATO-Staaten und
Mitgliedern des ehemaligen Warschauer Pakts. In
jüngster Zeit rief sie die Partnerschaft für den Frieden
ins Leben, die wichtigste strategische Entwicklung im
Bereich der europäischen Sicherheit seit dem Kalten
Krieg.

AMERIKA DIENST 28

�Mit ihren 26 Mitgliedern dient die Partnerschaft für
den Frieden zwei umfassenden Zielen. Für einige
Länder ist sie eine notwendige Zwischenstation auf
dem Weg zur NATO-Mitgliedschaft, der Übergang
zum Status eines wirklichen Verbündeten. Für
andere stellt sie ein Verbindungsglied zu praktisch
allem dar, was die NATO tut - aber ohne die offizielle Sicherheitsgarantie des Washingtoner Vertrags
und die Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder seine Zukunft
definieren.

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis
verfolgt ein aktives Programm zur Vorbereitung einer
Erweiterung, erörtert die logischen Gründe einer
Erweiterung, die Leitlinien für diesen Prozeß und die
Auswirkungen einer erweiterten Mitgliedschaft. Zu
Herbstbeginn wird die NATO bereit sein, interessierten Ländern die Ergebnisse ihrer Studien mitzuteilen.
Mit Blick in die Zukunft wird die NATO dann bereit
zur Erwägung der nächsten Schritte sein, die zu
Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme
neuer Mitglieder führen.

Die Wirtschaftsreformen dauern an. Ein ehrgeiziges
Privatisierungsprogramm hat das wirtschaftliche
Umfeld Rußlands verändert. Der Privatsektor steht
inzwischen für über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts.

Dieser Prozeß wird stetig, überlegt und transparent
verlaufen. Jedes mögliche Mitglied wird dieselben
Informationen bekommen, jedes wird Zugang zu
allen Aspekten des Gedankenguts des Bündnisses
erhalten.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
- für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.
Die NATO ist nicht länger ein gegen irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hat nicht den Wunsch,
neue Trennlinien entstehen zu sehen - ganz im
Gegenteil. Die NATO widmet sich der Ausdehnung
der europäischen Einheit sowie der Förderung der
Integration unserer neuen demokratischen Freunde
in Zentraleuropa.
In diesem Zusammenhang sind wir uns bewußt, daß
ein dauerhafter und stabiler Sicherheitsrahmen für
Europa die Nationen der ehemaligen Sowjetunion
einbeziehen muß. Insbesondere die Zukunft Rußlands ist für unser Streben nach Stabilität in Europa
von zentraler Bedeutung. Es gibt kein höheres
strategisches Ziel in Europa als die Evolution eines
friedlichen, stabilen und demokratischen Rußland,
das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Unsere Politik gegenüber Rußland basiert auf klarem
Verständnis. Wie Präsident Clinton erklärte, lehnen
wir eine oberflächliche Karikatur Rußlands ab, die
besagt, das Land sei prädestiniert für Diktatur oder
wirtschaftliches Scheitern. Gleichzeitig geben wir
uns nicht der Illusion hin, der Erfolg sei sicher.

AMERIKA DIENST 28

In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Das Land hat einen frei gewählten
Präsidenten, ein Parlament und eine demokratische
Verfassung. Es verfügt über eine unabhängige
Presse, die oftmals die Politik der Regierung kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind lebhaft und offen.

Zweifelsohne muß sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausund inländische Investitionen anziehen. Rußland
muß sein chaotisches Steuersystem in den Griff
bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen und
weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Bei alledem dürfen wir jedoch nicht das enorme
Interesse aus den Augen verlieren, das wir alle am
Ergebnis der kontinuierlichen Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist für
den Aufbau eines sicheren Europas erforderlich. Ein
instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Ferner ist die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner, demokratischer Staaten ein großes Anliegen
für uns. Diese neuen Nationen machen ein Sechstel
der Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium sind
Zehntausende Nuklearwaffen stationiert. Ihre Bevölkerung und natürlichen Ressourcen verleihen ihnen
ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie streben die Aufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft als freie, respektierte und verläßliche Partner an. Ebenso wie in
Rußland ist auch hier das Ergebnis dieses Kampfes
noch ungewiß.
Aber wenn alle - oder die meisten von ihnen - dabei
Erfolg haben, wird jeder von uns sicherer sein. Die
Bedrohung einer nuklearen Vernichtung wird weiter
verringert. Wir werden neue Chancen für Wirtschaftswachstum haben. Für unsere Geschäftsleute
bedeutet es neue Märkte und neue Lieferquellen.

Seite 3

�Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und bei dieser Entscheidung bleiben.
Sie müssen sich von den Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen befreien. Sie
müssen Volkswirtschaften aufgeben, in denen alles
dem Staat gehörte und alles von der Partei entschieden wurde.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, die Risiken und die Last tragen. Es liegt
jedoch in unserem Interesse, daß sie Erfolg haben
und auch die Vorteile der Integration in die neue
Architektur erlangen, die wir aufbauen.
Gemeinsam mit der NATO wird die Europäische
Union eindeutig einen Eckpfeiler der zukünftigen
Sicherheit Europas bilden. Obwohl die EU vornehmlich ein politisches und wirtschaftliches Gebilde ist,
leistet sie einen wichtigen Beitrag zur europäischen
Sicherheit als mächtige Integrationskraft. Ihre Erweiterung nach Osten wird gleichermaßen politisch wie
wirtschaftlich als Teil des Integrationsprozesses und
der Stabilisierung der beiden Hälften Europas von
großer Bedeutung sein.
Die EU wird auch eine zentrale Rolle dabei spielen,
zur Erweiterung und Intensivierung der transatlantischen Kooperation und Koordination bei wirtschaftlichen und sozialen Themen beizutragen, die einen so
großen Teil unserer Beziehungen ausmachen. Wir
wissen, daß die EU sich in den kommenden Jahren
wichtigen Herausforderungen stellen muß - Herausforderungen, die wahrscheinlich ihre Institutionen,
Operationen und ihre Identität verändern werden.
Die erste Herausforderung ist die Bewältigung ihrer
eigenen Erweiterung - ein Prozeß, der den ursprünglich für sechs Mitgliedstaaten gegründeten und
seitdem kaum veränderten EU-Institutionen beträchtliche Lasten auferlegen wird. Die EU wird einen
effizienteren Entscheidungsfindungsprozeß im Einklang mit zunehmender Mitgliedschaft anstreben.
Gleichzeitig muß sie sich mit der grundlegenden
Frage auseinandersetzen, was sie sein sollte: Ein
föderales Europa oder ein Europa der Nationen. Die
zwischenstaatliche Konferenz von 1996 wird diese
Fragen ansprechen, die vielfältige Auswirkungen auf
die neue europäische Sicherheitsarchitektur haben
werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen Bestrebungen zur
Stärkung und Erweiterung der EU ebenso, wie wir in
den vergangenen 45 Jahren den Prozeß der europäischen Integration unterstützt haben. Die demokratischen und republikanischen Administrationen
haben gleichermaßen die Ansicht vertreten, daß ein

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starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet daß unsere transatlantische Brücke an jedem Ende
so starke Pfeiler wie möglich benötigt. Im Einklang
mit dieser Sichtweise wird eine erweiterte EU unseres
Erachtens zur Schaffung eines stabilen und demokratischen Europas beitragen.
Während sich diese Evolution vollzieht, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa jedoch nicht ihre
Mission vernachlässigen, bei der Bekämpfung von
Protektionismus und dem Aufbau zunehmend offener
globaler Märkte zusammenzuarbeiten. Wir haben in
den letzten 50 Jahren viel erreicht, aber unsere Arbeit
ist noch nicht getan. Nun, da die Uruguay-Runde
abgeschlossen und die Welthandelsorganisation eine
Tatsache ist, müssen wir einen transatlantischen
Konsens zur künftigen Richtung unseres bilateralen
Handels und gemeinsamen Ansatzes zur weiteren
Öffnung der Weltmärkte erzielen. Es ist jetzt nicht die
Zeit, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzunehmen.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß die unvermeidlichen Differenzen in unseren Handelsbeziehungen
das übergeordnete Ziel unserer wirtschaftlichen
Partnerschaft unterminieren. Hier ist konstante
Wachsamkeit angesagt. In Ermangelung einer uns
einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht
länger erwarten, daß unsere Meinungsverschiedenheiten beim Handel automatisch gemeinsamen
Sicherheitsbelangen untergeordnet werden.
Und wir werden Differenzen haben wie über das
Bananenregime der EU, ihre audiovisuellen Maßnahmen, Flugzeugsubventionen und ähnliches. Ohne
den Druck des Kalten Krieges werden sich die
Dispute wahrscheinlich eher dahinziehen und erbitterter werden. Es wäre jedoch eine Tragödie, wenn die
Irritationen das Vertrauen, die Zuversicht und den in
50 Jahren erfolgreicher Partnerschaft entwickelten
Kooperationsgeist aushöhlen würden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß die Tatsache unserer
Wettbewerbssituation auf den Weltmärkten unsere
Verpflichtung zur weiteren Liberalisierung untergräbt.
Unsere Beziehungen müssen weiterhin umfassend
und kooperativ sein, unsere gemeinsame Vision und
unsere gemeinsamen Ziele betonen sowie stets den
enormen Wert dessen im Auge behalten, was wir in
den vergangenen 50 Jahren durch die äußerst enge
wirtschaftliche Partnerschaft erreicht haben.
Zusammen mit der NATO und der EU kann auch die
OSZE eine wichtige Rolle bei der europäischen
Sicherheit spielen. Sie ist dafür ausgerüstet, eine
Vielfalt von Herausforderungen zu bewältigen, die
weder die NATO noch die EU ansprechen kann.
Unserer Ansicht nach kann die OSZE das entschei-

AMERIKA DIENST 28

�dende Instrument dabei sein, uns durch die Zeit
nach dem Kalten Krieg zu leiten. Sie kann zur
Förderung der europäischen Integration beitragen
und gleichzeitig unsere flexible erste Verteidigungslinie gegen regionale und ethnische Konflikte werden.

persönlich bin ein Optimist. Schließlich sind die
Herausforderungen von heute nicht die ersten, die wir
gemeinsam angegangen sind. Wenn wir auf die
letzten 50 Jahre zurückblicken, sehen wir viele große
Leistungen angesichts ebenso schrecklicher Prognosen der Hoffnungslosigkeit und des Verhängnisses.

Wenn wir auf die letzten 20 Jahre zurückblicken,
erkennen wir, daß die in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien der territorialen Integrität
und friedlichen Beilegung von Streitigkeiten sich als
revolutionär erwiesen haben. Die Schlußakte verankerte Menschenrechte als legitimes Thema internationaler Gespräche. Sie definierte gemeinsame
demokratische Normen, die jetzt grundsätzlich von
allen Ländern Europas anerkannt werden. Damit
ebnete sie den Weg für die demokratische Umgestaltung des Ostens. Sie ist nach wie vor eine
kohärente und zwingende Grundlage für politische
Reform und regionale Stabilität.

Noch vor wenigen Jahren schien die Ost-WestKonfrontation endlos, und der nukleare Holocaust
täglich möglich. Man dachte, die Berliner Mauer
würde ewig stehen. Es wurde gesagt, das letzte
Kapitel über Deutschland als geeinte Nation sei
geschrieben und die Teilung Europas permanent. Es
wurde gesagt, die amerikanischen Legionen würden
wie die des Alten Roms auf unbegrenzte Zeit in
Berlin und an anderen Vorposten des Kalten Krieges
Wache harten.

Der große Vorteil der OSZE besteht darin, daß sie
sowohl europäisch als auch transatlantisch ist. Sie
umfaßt alle europäischen Staaten plus Kanada und
die Vereinigten Staaten. Sie bietet ihren 53 Mitgliedern - von Vancouver bis Wladiwostok - ein
einzigartiges Instrument für Konsensbildung. Statt
Verhaltensweisen über rechtliche oder militärische
Aktionen durchzusetzen, strebt sie die Schaffung von
Sicherheit durch den Aufbau neuer Formen der
Kooperation an.
Lassen Sie uns folgendes eindeutig klarstellen: Die
OSZE wird weder Ersatz für die NATO noch ein
Instrument zur Beendigung von Kriegen. Aber mit
aufgestockten Ressourcen und modernisierten
Konsultationsmechanismen könnte sie eine größere
Rolle bei der Krisenbewältigung und der Verhinderung regionaler Konflikte spielen.
Zusammengenommen verkörpern diese Institutionen
die institutionelle Grundlage eines wirklich integrierten Europas. Werden sie sich jedoch den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen können? Ich
*

AMERIKA DIENST 28

Heute wissen wir, wie unrecht wir hatten. Die Ereignisse von 1989 und 1991 bewiesen über jeden
Zweifel hinaus die Anziehungskraft und Macht
westlicher Werte. Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Karten
Krieges, aber unsere Reaktion muß auf denselben
Prinzipien gründen, die uns 50 Jahre lang geleitet
haben - und auf der transatlantischen Partnerschaft,
die ihnen Leben und Vitalität verliehen hat. Uns wird
eine ganze Reihe neuer Chancen geboten, um
positive Beziehungen von beiderseitigem Nutzen über
diesen Kontinent hinweg aufzubauen. Das ist der
Grund Ihres Hierseins.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir heute abend zuhören.
Als die Treuhänder und Wächter des Handels und
der Reisen zwischen Nationen ist Ihre Rolle in diesen
ungeordneten aber vielversprechenden Zeiten sowohl
wichtig als auch notwendig. Ich hoffe, daß diese
Konferenz für Sie von Nutzen sein wird, während Sie
über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
Ich bitte Sie alle, sich erneut dazu zu verpflichten, die
Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 5

�TELEKOMMUNI

KATION
27. September 1995

USA sollten Führungsrolle bei der Reform des
Telekommunikationswesens übernehmen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Gore erklärte, die Vereinigten Staaten sollten bei der weltweiten Reform
des Telekommunikationswesens "einen Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben".
Beide Häuser des Kongresses haben unabhängig voneinander Telekommunikationsgesetze verabschiedet.
Ein Konferenzausschuß von Senat und Repräsentantenhaus muß einer Version der ausstehenden
Gesetzesreform zustimmen, über die dann beide Kammern abstimmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident Gore am 12. September 1995 bei der Konferenz
über die vernetzte Wirtschaft hielt.

Eine Redensart besagt, wenn sich ein Stoßzahn
durch Deine Zeltwand bohrt, kannst Du dahinter
einen Elefanten vermuten. Diejenigen von uns in
Washington, die sich mit der Telekommunikationsreform befassen, verbringen manchmal zuviel Zeit
damit, sich auf Stoßzähne zu konzentrieren, und
zuwenig mit dem, was vor dem Zelt steht.
Heute möchte ich mich auf Information als zunehmend zentrale Organisationskraft unserer Gesellschaft und der Welt konzentrieren, wie sie in der
entstehenden Globalen Informationsinfrastruktur
(Global Information Infrastructure - Gll) dargestellt
ist.
Die Vereinigten Staaten wurden aus der Verpflichtung zum freien Fluß von Ideen und Kommunikation
geboren - Religions-, Versammlungs- und Redefreiheit. "Keine Versteuerung ohne Volksvertretung"
war vor 200 Jahren der Schlachtruf gegen eine
Zentralregierung, die den Bitten ihrer Bürger gegenüber taub ist. Es ist kein Zufall, daß der erste
Zusatzartikel zu unserer Verfassung Redefreiheit
garantiert.
Während unserer gesamten Geschichte definierten
wir uns über unseren Wunsch, mit dem Stern am
Horizont zu kommunizieren. Vom Pony Express
über den Telegraphen und die transkontinentale
Eisenbahn bis hin zum die Bundesstaaten verbindenden Autobahnsystem haben wir einen Traum
nach dem anderen aufgebaut, um die Bande zu
stärken, die unsere Nation zusammenhalten.

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Als Neil Armstrong auf dem Mond landete, erkannten
wir, daß unsere Träume über unsere Nation hinaus
auf die gesamte Welt ausgeweitet werden können.
Aber unser heutiger Traum besteht nicht darin,
Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder Pioniere
an eine neue Grenze zu schicken. Er handelt von
der Überwindung der Hindernisse, die unser Wissen
über die Welt, unsere Nachbarn und uns selbst
begrenzen.
Er handelt von Millionen einzelner
Reisen zur Erforschung der Grenzen des Wissens sei es die Konversation eines Kindes über E-mail mit
einem Forscher am Südpol, eine Tour im Louvre
direkt aus dem eigenen Wohnzimmer heraus oder
eine Exkursion zu den jüngst entdeckten Höhlenmalereien, die Frankreich jetzt ins Internet gebracht hat.
Wir werden nicht alle Vorteile der Nationalen Informationsinfrastruktur (National Information Infrastructure Nil) genießen, wenn sie nicht mit dem weltweiten
Netz der Netze, der globalen Informationsinfrastruktur
verbunden ist, die alle Länder, Städte und Dörfer
miteinander verbindet und nicht nur Telefondienste,
sondern auch mit Hochgeschwindigkeit Daten und
Video bereitstellt. Ein solches globales Netz würde
die Amerikaner in die Lage versetzen, über nationale
Grenzen und Kontinente hinweg ebenso leicht zu
kommunizieren wie heute über Bundesstaaten
hinweg. Zeitzonen, nicht Kosten werden das größte
Hindernis dabei darstellen, mit Angehörigen, Freunden und Kollegen ungeachtet ihres Aufenthaltsortes
Kontakt zu pflegen.
Wir sprechen über die Gll als wäre sie ein Ding, ein
Produkt, eine Sammlung von Hardware und Software,

Seite 1

�Satelliten und Telefonen, Schaltern und Fasern. Sie
ist all das - und viel mehr. Sie ist ein Konzept, das
unsere Vorstellung von unserem menschlichen
Potential geändert hat.
Sie ist das Erbe einer Reihe großer gedanklicher
Durchbrüche, die die Menschheit veränderten - von
der Vision des Kopernikus, die zur Erdumsegelung
herausforderte, über die Entdeckung elektromagnetischer Energie, die uns jetzt die Umrundung der Erde
mit Satelliten gestattet, Zellulartelefonen und Computern bis zur Geburt der modernen Physik aufgrund
der gedanklichen Experimente Einsteins, die zu
dramatischen, fast über unser Verständnis hinausgehenden Fortschritten in den Bereichen Energie, Elektronik und Computern führten.
Ich möchte heute nicht über die im Zusammenhang
mit dem Gll stehenden Technologien sprechen, die
Sie allzugut kennen, sondern über die Wahl, die wir
alle in Anbetracht dieser neuen globalen Realität
treffen müssen.
Da Informationen immer reichhaltiger angeboten
werden, anstatt zum knappen Gut zu werden,
schaffen die Nationen das Telekommunikationsmonopol der Vergangenheit ab und ersetzen staatliche Kontrolle durch Privatinvestitionen und Wettbewerb. Dabei entdecken sie, daß ihre Herausforderungen nicht so sehr technologischer wie
politischer und strategischer Natur sind.
Zwei Fragen tauchen immer wieder auf.
Erstens: Was ist die Vision für die Gll?
Und zweitens: Welche Werte wird sie fördern?
Ich möchte über unsere Vision für die Gll sprechen die der Clinton-Administration und vieler Menschen
in unserem Land - über die Werte, die sie definieren
sollten und wie wir zur Erlangung der Vision und der
Werte zusammenarbeiten können.
Angefangen mit der ersten internationalen Konferenz
über die Entwicklung im Telekommunikationswesen,
die Anfang 1994 in Buenos Aires stattfand, förderten
die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll,
welche auch die nach Ansicht dieser Administration
für den Erfolg unserer NM entscheidenden Grundsätze einbezieht. Diese fünf Grundsätze - Privatinvestitionen, Wettbewerb, Universalität der Dienstleistungen, offener Zugang und flexible Bestimmungen wurden seitdem auf industriellen und politischen
Foren weltweit angenommen und befürwortet,
beispielsweise dem APEC-Treffen der Telekommunikationsminister im koreanischen Seoul, dem
interamerikanischen Gipfel in Miami vergangenen

Seite 2

Dezember, dem G-7-Ministertreffen vergangenen
Februar in Brüssel und dem G-7-Gipfel in Halifax.
Obwohl man leichter für diese Grundsätze eintreten
kann als sie zu erlangen, sind sie sichtbare Anzeichen für Fortschritt.
Die APEC-Nationen haben Schritte zur Öffnung der
Märkte für Telekommunikationsgerät und -dienstleistungen unternommen. Die Staaten der Europäischen Union haben eine Liberalisierung des Marktes
für elementare Telefondienstleistungen bis Januar
1998 zugesagt. Die jetzt bei der Welthandelsorganisation in Genf geführten Gespräche bewegen sich
eindeutig auf ein multilaterales Abkommen im Frühjahr kommenden Jahres zur Öffnung der Telekommunikationsmärkte hin. Zusätzlich unterzeichneten
die Vereinigten Staaten jetzt bilaterale Abkommen mit
Chile, Argentinien, der Ukraine, Rußland und anderen
Staaten zur Zusammenarbeit bei der Förderung von
Investitionen und Wettbewerb im Telekommunikationssektor. Wir werden uns diesen Herbst bei der
Weltrundfunkkonferenz in Genf für die Förderung
stärkerer internationaler Verbindungen einsetzen. Wir
führen bilaterale Gespräche mit Südafrika und
nehmen dort nächstes Frühjahr an einem internationalen Treffen über die Rolle der Telekommunikation
in weniger entwickelten Ländern teil.
Die unserer Vision zugrundeliegenden Prinzipien
bieten ein Modell für die Entwicklung der Gll in
Ländern mit stark variierenden Bedürfnissen, Kulturen
und Technologien. In den Entwicklungsländern
fördern und unterstützen wir mit Hilfe dieser Grundsätze die Telekommunikationsentwicklung als wichtigen Bestandteil von Wirtschaftswachstum und Entwicklung, nicht als luxuriöses Ergebnis von Wachstum. Unseren Konkurrenten und Handelspartnern
haben wir in Aussicht gestellt, unsere verbleibenden
Hindernisse für Auslandsinvestitionen bei den Telekommunikationsdienstleistungen zu beseitigen, wenn
sie es auch tun.
In allen Fällen sind globale und nationale Entwicklung
nicht möglich ohne Privatinvestitionen, offenen
Marktzugang und Wettbewerb - und wir setzen uns
dafür ein, das weltweit zu erreichen. Die Gll wird das
Ergebnis Tausender von Bestrebungen weltweit sein,
unsere Nationen und Bürger zu verbinden. Wie ein
wunderschönes, zerbrochenes Bild, dessen Teile
dem Ganzen in seiner Organisationsstruktur und
Gestalt in jeder Hinsicht ähneln. Entsprechend wird
sie als komplexes System ein Niveau der Selbstorganisation erreichen, das neue Funktionen und
Eigenschaften hervorruft, die nicht im Vorfeld konstruiert oder prognostiziert werden können.

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�Es ist unvermeidlich, daß die unsere Bestrebungen
bei der Entwicklung der GM leitenden Werte zusammen mit dem System als Ganzem kopiert werden. Aus diesem Grund machen sich so viele
Menschen Sorgen, wenn alles, was sie über die GM
hören, aus futuristischen, utopischen Szenarien
besteht, die von technologischen Wundern und
seltsamem Vokabular dominiert sind. Sie fürchten,
indem wir die Zukunft der Technologie entwerfen,
würden wir die Zukunft der Demokratie vergessen;
bei der Förderung direkter Kommunikation würden
wir die universelle Bildung und Ausbildung vergessen; bei unserem ehrgeizigen Streben nach
erhöhter Produktivität und neuen Quellen des
Wohlstands würden wir vergessen, das wirtschaftliche Wohlergehen und den Lebensstandard aller
Gesellschaftsschichten zu verbessern. Und sie
fragen mit Recht: "Welches sind die Werte dieses
neuen Informationszeitalters?"
Es gibt Tausende konkurrierender Visionen über die
Entwicklung und Erlangung der GM. Jedes Unternehmen, jeder Industriezweig, jeder Sektor hat seine
eigenen Strategien für Erfolg und zukünftige technologische Dominanz. Aber wer macht sich Sorgen
über die nächste Generation und nicht nur über den
nächsten Dollar?
Wer räumt dem öffentlichen
Interesse einen Platz an der Tafel ein? Wer kann es
sich leisten, über direkte Eigeninteressen hinaus auf
die Eigenschaften des Systems als Ganzes zu
schauen? Und wie können wir diese Aufgaben
erfüllen, ohne den Sektor zu belasten, der verantwortlich für den Aufbau der Gll ist?
Ich bin fest davon überzeugt, daß die angemessene
Rolle der Regierung bei der Entwicklung der Gll
darin besteht, auf jeder Stufe des Wachstums, bei
jedem Stand der Tätigkeit, auf jedem Niveau die im
öffentlichen Interesse liegenden Werte Demokratie,
Bildung und Ausbildung, wirtschaftliches und soziales Wohlergehen all unserer Bürger zu fördern und
zu erlangen. Wenn wir nicht versuchen sicherzustellen, daß jedes Projekt, jedes Netzwerk, jedes
System von Anfang an dem öffentlichen Interesse
dient, stellt sich die Frage, wann man es berücksichtigt. Wie können wir erwarten, daß das Endprodukt
oder System diesen Werten Rechnung trägt, wenn
wir sie nicht von Anfang an in die DNA einfügen?
Die Wahrnehmung des öffentlichen Interesses ist
nicht die einzige Rolle der Regierungen der Welt.
Sie müssen die Verantwortung dafür übernehmen,
die meisten Hindernisse für Privatinvestitionen und
Wettbewerb aus dem Weg zu räumen. Die Förderung und der Schutz des öffentlichen Interesses
müssen jedoch ihr Hauptanliegen sein. Das gleiche
gilt für die Privatindustrie: Obwohl es das Anliegen
der Privatindustrie ist, Profite zu erwirtschaften, sollte

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dies nicht ihre einzige Aufgabe sein. Die Privatindustrie kann die Innovationen und Visionen bieten,
um die Vorteile der Gll in finanzierbarer und nützlicher Weise in jeden Winkel der Welt zu bringen.
Wenn die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll
darlegen sollen, die diese Werte einbezieht, müssen
wir sie in Worte und Taten umsetzen. Wir können
keine Führungsrolle übernehmen, indem wir anderen
sagen, was sie tun sollen und nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Welche Maßnahmen können wir
also ergreifen, welche Maßnahmen ergreifen wir, um
zu beweisen, daß es uns mit unserer Vision und
unseren Werten ernst ist?
Meines Erachtens gibt es zwei Bereiche, in denen die
Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung zu den Prinzipien des Wettbewerbs, offenen Zugangs, universeller
Dienstleistungen, Privatinvestitionen und flexibler
Bestimmungen im Dienste der Werte von Demokratie,
Ausbildung und wirtschaftlichen Chancen demonstrieren können.
Ein Bereich ist natürlich die Reform des derzeit im
Kongreß erörterten Kommunikationsgesetzes von
1934, in dem jedes der fünf Prinzipien gestärkt
werden sollte. Der andere Bereich ist die Art, in der
wir unsere nationalen Ressourcen zur Förderung
dieser Werte im In- und Ausland aufwenden sollten.
Die dem Kongreß zur Verabschiedung vorliegenden
Gesetzesvorlagen zur Reform des Telekommunikationswesens sollten eine große Chance zur Auswertung des uns von vorigen Generationen Hinterlassenen darstellen, die den Weitblick zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesses und zur Planung
der Zukunft hatten, indem sie Chancen verbesserten,
universelle Dienstleistungen erweiterten, Ausbildung
und Bildung förderten sowie die Wirtschaft stärkten.
Statt einer Verpflichtung für die Zukunft sind diese
Gesetzentwürfe, insbesondere die Vorlage des
Repräsentantenhauses, ein Vertrag mit 100 Unternehmen. Diejenigen mit dem höchsten Angebot nicht die höchsten Prinzipien - waren der Maßstab.
Im Veto des Präsidenten zum Gesetzentwurf des
Repräsentantenhauses ist es präzise formuliert: "Ein
Gesetz ist erforderlich, um Investitionen anzuziehen,
Wettbewerb zu fördern, offenen Zugang zu Informationsnetzen bereitzustellen, universelle Dienstleistungen zu stärken und zu verbessern sowie flexible
Bestimmungen für diesen wichtigen Industriezweig
anzubieten. Die Verbraucher sollten in den Genuß
der Vorteile von niedrigeren Preisen, besserer
Qualität und größerer Auswahl bei ihren Telefon- und
Kabeldiensten kommen, und sie sollten weiterhin von
einer Vielfalt der Meinungen und Gesichtspunkte im
Radio, Fernsehen und in den Printmedien profitieren."

Seite 3

�Bedauerlicherweise erreicht die Gesetzesvorlage
H.R. 1555 in ihrer verabschiedeten Form keines
dieser Ziele. Statt Investitionen und Wettbewerb zu
fördern, unterstützt sie Fusionen und die Konzentration von Macht. Statt offenen Zugang und die
Vielfalt von Inhalten und Sichtweisen zu fördern,
gestattet sie, daß weniger Menschen die Kontrolle
über eine größere Zahl von Femseh-, Radio- und
Zeitungseinrichtungen in den Gemeinden haben.
Dieses Gesetz würde:
die Beschaffung einer unbegrenzten Anzahl von
Rundfunksendern in jeder Gemeinde und landesweit durch eine einzige Institution gestatten,
das zur Zeit bestehende Verbot des gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Rundfunkstationen aufheben, das für den Schutz unserer Demokratie vor dem sicheren Mißbrauch von solcher
Bedeutung ist,
den Bell-Telefongesellschaften das Angebot
eines Fernsprechdienstes gestatten, bevor es
beim lokalen Dienst echten Wettbewerb gibt, mit
praktisch überhaupt keinen Schutzmechanismen
und ohne die Entscheidung des Justizministeriums, daß das Unternehmen Wettbewerb nicht
verhindert,
eine übermäßige Zahl von Abfindungen zwischen
Telefongesellschaften und Kabelbetreibern
gestatten, mit denen Wettbewerb durch Konsolidierung ersetzt wird, die Verbraucher in
ländlichen Gebieten und Kleinstädten in den
meisten Fällen keinen Schutz vor überhöhten
Gebühren durch Monopolanbieter haben und in
absehbarer Zeit kein Wettbewerb zu erwarten ist.
Kein Wettbewerb und keine Bestimmungen sind
ein Traum für einige und ein Alptraum für andere,
die Kabelprogrammierungsdienste und Gerätegebühren deregulieren, bevor sich die Kabelbetreiber echtem Wettbewerb ausgesetzt sehen und
keine Vorschriften für den Schutz der Verbraucher nach der Deregulierung vorsehen,
den Bundesstaaten bei der Einführung bestimmter Gebührenvorschriften zuvorkommen und ihren
lokalen Telefonmarkt für bestimmte Arten von
Wettbewerb öffnen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Die kumulativen Auswirkungen dieser Bestimmungen
wären nachteilig für den Wettbewerb und würden die
Vorteile für die Öffentlichkeit schmälern.
Seit der Verabschiedung der Gesetzesvorlagen von
Repräsentantenhaus und Senat hat der Senat das

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Budget des Bundeskommunikationsausschusses
(Federal Communications Commission - FCC) um 20
Prozent gekürzt. Wie Sie vielleicht wissen, übertrugen beide Gesetzentwürfe dem FCC mehr Verantwortung für die Durchführung der Telekommunikationsreform, und infolgedessen impliziert dieses
Vorgehen, daß die Telekommunikationsreform selbst
entweder gescheitert oder ein Betrug ist. Gescheitert, weil der Kongreß die Umsetzung durch den FCC
nicht ernst gemeint hat, oder ein Betrug, weil der
Kongreß vorgab, dem FCC die Macht für Entscheidungen im öffentlichen Interesse zu übertragen, aber
nicht daran interessiert ist, ihm die Mittel zuzuweisen,
dies tatsächlich zu tun.
Das ist nicht die richtige Art, die Welt ins Informationszeitalter zu führen. Und glauben Sie mir, die
Welt beobachtet, was wir tun - und sie beobachtet
sehr genau. Ich fordere den Kongreß auf, das
Telekommunikationswesen überparteilich zu behandeln. Man sollte es nicht als eine Möglichkeit ansehen, nur Trophäen für Finanzgeber zu sammeln und
vorzuzeigen. Unterstützen und verbessern Sie die
internationale Führungsrolle und das Wohlergehen
Hunderter von Unternehmen, indem Sie dem Präsidenten ein Reformgesetz vorlegen, das er unterzeichnen kann.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Reform einen
Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben.
Wir sollten die Führungsrolle in der Welt dabei
übernehmen, dem öffentlichen Interesse eine Rolle in
unserem Telekommunikationssystem zu übertragen.
Der zweite Bereich, in dem wir unser Engagement für
unsere eigene Vision und unsere Werte unter Beweis
stellen müssen, ist der Haushalt. Und auch hier
scheint der Kongreß unsere Vergangenheit außer
acht zu lassen und blind gegenüber unserer Zukunft
zu sein. Die Führungsrolle unserer Nation bei der
Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
gründet sich auf unsere Führungsposition in Wissenschaft und Technologie - eine Führungsposition, die
durch 50 Jahre beispielloser überparteilicher Verpflichtungen ermöglicht wurde.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner
eine technologische Basis aufgebaut, die uns heute
wirtschaftlich belohnt, indem neue Arbeitsplätze
geschaffen und neue Industriezweige hervorgebracht
werden. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte,
einzigartig in der gesamten Geschichte der Menschheit. In der Tat waren Innovationen in den vergangenen 50 Jahren verantwortlich für mindestens ein
Viertel - und möglicherweise sogar fast die Hälfte des Wirtschaftswachstums unserer Nation. Möchte
wirklich jemand ernsthaft das Argument vorbringen,

AMERIKA DIENST 28

�dies wäre ohne eine maßgebliche Rolle der Regierung möglich gewesen?
Die staatlichen Investitionen in technologische
Forschung und Entwicklung haben die wesentlichen
Bausteine der Nil ermöglicht. Es war eine vor über
25 Jahren zwischen der Bundesregierung, der
Industrie und der akademischen Welt begonnene
kreative Partnerschaft bei Hochleistungscomputern
und Kommunikationsleistungen, die Forschung beim
inzwischen als Internet bekannt gewordenen Netzwerk unterstützte und zur Evolution der Kommunikations- und Informationsindustrie beigetragen hat und zur Schaffung neuer Unternehmen, die aus dem
Nichts aufzutauchen scheinen, tatsächlich aber auf
einer soliden Grundlage visionärer technologischer
Unterstützung durch die Regierung, die akademische
Welt und den Privatsektor aufgebaut sind.
Die technologische Zukunft Amerikas sieht sich
heute jedoch Angriffen seitens kurzsichtiger Ideologen ausgesetzt, die vorgeben, die Geschichte zu
verstehen, jedoch überhaupt kein Verständnis
haben. Einer Analyse der amerikanischen Akademie
für die Förderung der Wissenschaft zufolge würde
der von den Republikanern im Kongreß vorgeschlagene Plan für einen Haushaltsausgleich die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung
ziviler Technologie kürzen und zu einem Rückgang
der F &amp; E-Investitionen in den nächsten sieben
Jahren um ein Drittel führen. Darüber hinaus
würden die Bewilligungsmaßnahmen des Repräsentantenhauses die Finanzierung für praktisch jedes
wichtige Technologieprogramm beschneiden Programme, die für die Umsetzung unserer Verpflichtung für die Zukunft entscheidend sind. Zu
diesen Programmen zählen das moderne Technologieprogramm, unsere Initiative zu technologischen
Reinvestitionen, entscheidende Aktivitäten des
Energieministeriums einschließlich der Partnerschaft
für eine neue Generation von Fahrzeugen und
unsere Initiative zur Umwelttechnologie.
Der Senat folgt demselben Irrweg. Er hat die nationale Telekommunikations- und Informationsverwaltung (National Telecommunications and Information
Administration - NTIA) drastisch abgebaut - das Amt,

*

AMERIKA DIENST 28

*

das mit der Förderung eben der Initiativen beauftragt
war, die der Kommunikationsindustrie größeren
Wettbewerb bringen und das einzige Amt, das in
nicht genügend bediente und ländliche Gebiete
investiert, um moderne Telekommunikationsdienste
zur Förderung von Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge und wirtschaftlicher Entwicklung anzubieten. Und der Senat hat die Nil-Stipendien der
NTIA abgeschafft.
Dies ist absolut der falsche
Zeitpunkt, um Investitionen in Innovationen zu kürzen
und die Blaupause zu zerstören, die zu der beispiellosen Zunahme von Aktivitäten nach dem
Zweiten Weltkrieg führte.
Präsident Clinton versteht, wie wichtig ein ausgeglichener Haushalt für unsere wirtschaftliche Zukunft ist.
Er weiß auch, wie entscheidend diese technologischen Investitionen für die Gewährleistung unseres
künftigen Wirtschaftswachstums sind. Aus diesem
Grund hat er den Haushalt so ausgeglichen, daß die
Führungsrolle der Nation bei Wissenschaft und
Technologie bewahrt wird.
Ich habe dem Zeitalter, in das wir jetzt eintreten,
erwartungsvoll entgegengesehen, seit ich vor nahezu
zwanzig Jahren zum ersten Mal ein Faseroptikkabel
in der Hand hielt. Ich bin mit vielen Experten aus
allen Bereichen zusammengekommen, die Fortschritte erzielt haben, die dies ermöglichten. Ich
glaube an die Macht der Technologie, der Welt und
unseren Bürgern Gutes zu bringen. Wir müssen
jedoch den Mut haben, unsere Vision zu leben und
unsere Werte in unserer täglichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen, wenn wir die Welt bei dieser
unglaublich aufregenden Reise anführen sollen.
Jeder von uns und jede Nation hat die Aufgabe, die
Welt in die nächste Generation zu leiten. Die von
uns beim Aufbau der Gll geleistete Arbeit besteht
nicht im Dienst an Kabeln und Satelliten, sondern im
Dienste einer globalen Vision, die in jeder Nachbarschaft der Welt realisiert werden kann. Ich begrüße
Ihre Verpflichtung zu dieser Vision und bitte Sie heute
um Zusammenarbeit, damit sie zu einer Realität im
Dienste der von uns allen hochgeschätzten Werte
wird.

*

*

Seite 5

�GESUNDHEIT
27. September 1995

"Nein" zur Legalisierung von Marihuana
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel wurde von der amerikanischen Gesundheitsministerin, Donna
E. Shalala, verfaßt und erschien auf Deutsch erstmals in der Frankfurter Rundschau vom 14. September 1995.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Wall Street Journal, 18.8.95, (c)
1995. Dow Jones &amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Anfang des Sommers veranstaltete das amerikanische Gesundheitsministerium erstmals eine nationale
Forschungskonferenz über Marihuana, bei der
Wissenschaftler Hintergrundinformationen über die
Gefahren des Marihuanakonsums präsentierten.
Ihre Ausführungen haben Auswirkungen auf alle
Unternehmen, alle Bürger und alle Eltern, insbesondere in Anbetracht erneuter Forderungen nach einer
Legalisierung von Marihuana.
Peter Fried von der Carleton University in Ottawa
erläuterte seine vorläufigen Ergebnisse, der Konsum
von Marihuana während der Schwangerschaft
schädige die geistigen Fähigkeiten von Kindern ein
Jahrzehnt oder noch länger nach ihrer Geburt. Mit
Hilfe eines Abhängigkeitsmodells von Tieren stellte
Billy Martin von der Virginia Commonwealth University unter Beweis, daß der zwanghafte Konsum von
Marihuana eine Abhängigkeit hervorrufen kann, die
der von anderen illegalen Drogen vergleichbar ist.
Diese Erkenntnisse sind besonders beunruhigend
angesichts der Tatsache, daß wir unter amerikanischen Teenagern seit drei Jahren einen Anstieg des
Marihuanakonsums beobachten - zu einem Zeitpunkt, an dem stärkere Formen von Marihuana leicht
zu bekommen sind: 13 Prozent der Achtklässler
sollen 1994 mindestens einmal Marihuana versucht
haben - im Vergleich zu 9,2 Prozent im Jahr 1993,
7,2 Prozent 1992 und 6,2 Prozent 1991. Bei der
Bekämpfung dieses Anstiegs müssen wir uns jedoch
vor Augen halten, daß es auch wichtige positive
Nachrichten gibt. Der Marihuanakonsum Erwachsener bleibt weit hinter dem der späten siebziger und
frühen achtziger Jahre zurück. Das bedeutet, daß
die meisten jungen Menschen kein Marihuana
rauchen, und wir müssen sie immer wieder auf die
Gefahren dieser Droge hinweisen.

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Ein Kardinalfehler
Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, daß
in der Bundeshauptstadt Washington und andernorts
von einigen immer wieder der Vorschlag einer
Legalisierung von Marihuana und anderen illegalen
Drogen gemacht wird. Das wäre ein Kardinalfehler.
Erstens stellt Marihuana in unserem Land ein Problem dar, weil es schädlich ist - nicht weil es verboten ist. Die Forschung zeigt, daß es das Kurzzeitgedächtnis schädigt, die Wahrnehmung beeinträchtigt, Urteilsfähigkeit und komplizierte motorische
Bewegungen behindert, den Herzschlag verändert, zu
schweren Angstzuständen führen und Verfolgungswahn sowie Lethargie verursachen kann.
Der
Marihuanakonsum junger Leute führt eindeutig dazu,
daß die Jugendlichen öfter die Schule schwänzen, in
der Schule schlechter werden oder Straftaten begehen. Neue Forschungen von Roger Roffman und
Robert Stephens von der University of Washington
belegen, daß Langzeitkonsumenten, die mit dem
Konsum von Marihuana aufhören wollen, ernsthafte
Schwierigkeiten damit haben.
Zweitens führt der Konsum von Marihuana zu hohen
Kosten und großen Konsequenzen für die ganze
Gesellschaft - nicht nur für die Konsumenten. Junge
Marihuanakonsumenten werden wahrscheinlich eher
als Nichtkonsumenten illegale Drogen nehmen,
Autounfälle haben und verhaftet werden. Die Wahrscheinlichkeit bei ihnen ist geringer, daß sie ihr
akademisches Potential entfalten, was langfristig die
nationale Produktivität beeinträchtigt. Bei ihnen ist
das Risiko größer, daß sie eine kostspielige Versorgung in der Notaufnahme benötigen, was für uns
kurzfristig teuer ist. 1993 endeten doppelt so viele
Teenager wegen Marihuanakonsums in den Notaufnahmen als wegen Heroin- und Kokainkonsums
zusammengenommen.

Seite 1

�Im weiteren Sinne verursacht der Drogenkonsum,
einschließlich Marihuana, beträchtlichen Schaden an
unseren Arbeitsplätzen. Wenige Amerikaner sind
sich bewußt, daß drei Viertel der regelmäßigen
Konsumenten erwerbstätig sind. Der amerikanischen Handelskammer zufolge sind drogenabhängige Angestellte 33 Prozent weniger produktiv als ihre
nichtabhängigen Kollegen. Und die Wahrscheinlichkeit ist 300 Prozent höher, daß sie medizinische
Kosten verursachen und Leistungen in Anspruch
nehmen.
Drittens würde die Legalisierung von Marihuana
sicherlich mehr junge Menschen dazu veranlassen,
Marihuana und andere Drogen zu nehmen und
davon abhängig zu werden.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß die
Legalisierung von Drogen ein bedeutendes Abschreckungsmittel vom Drogenkonsum beseitigt.
Zudem haben wir seit Beginn unserer Untersuchungen des Drogenkonsums beobachtet, daß sich die
Zahl der Konsumenten immer dann erhöht, wenn der
Prozentsatz der jungen Menschen sinkt, die Marihuana für schädlich halten. Die Legalisierung von
Marihuana würde den Jugendlichen unweigerlich
nahelegen, Marihuana sei nicht schädlich - was ein
wichtiges Hindernis gegen den Konsum beseitigen
würde.
Noch schlimmer ist, daß die Legalisierung - weil
Gesetze in unserer Demokratie von den Bürgern zu
Recht als Ausdruck nationaler Werte angesehen
werden - implizieren würde, der Konsum von Marihuana werde als gesellschaftliche Praxis akzeptiert und sei akzeptabel. Für viele Teenager würde
dadurch der ohnehin beträchtliche Gruppenzwang
zum Konsum von Drogen intensiviert. Unsere
Töchter und Söhne hätten nicht länger die moralische Autorität unserer Gesetze auf ihrer Seite, um
ihre Ablehnung von Drogen und ihren Wunsch, sie
nicht zu nehmen, zu untermauern.
In der Tat könnte eine Umkehrung des Kurses und
Legalisierung von Marihuana Jugendliche dazu
veranlassen, die Warnungen der Regierung und der
Gesellschaft über andere illegale Drogen wie Crack,
Kokain und Heroin in den Wind zu schlagen - eine
Unterminierung des Vertrauens, die niemals zugelassen werden darf.
Was steht hinter dem Ruf nach der Legalisierung
von Marihuana? Manchmal ist es ein Mythos - wie
die fälschliche Annahme, Marihuana sei eine "weiche" Droge. Manchmal ist es der Trugschluß, die
Legalisierung sei der Weg zur Einschränkung der
Verbreitung von Drogen in unserem Land.

Seite 2

Meiner Ansicht nach gibt es einen Weg zu einer
drogenfreien Gesellschaft - aber es gibt kein Patentrezept. Die Clinton-Administration hat eine umfassende Drogenstrategie verabschiedet - massive
Bestrebungen zur Reduzierung von Angebot und
Nachfrage gleichermaßen. Bei diesen Bemühungen
spielt das Gesundheitsministerium eine entscheidende Rolle: Wir arbeiten mit zahlreichen Partnern
zusammen, um Drogenmißbrauch zu verhindern,
effektive Therapie anzubieten, Forschung zu Drogenproblemen durchzuführen und Informationen an
Experten und die Öffentlichkeit weiterzugeben.
Insbesondere im Hinblick auf Marihuana haben wir
eine Reihe entscheidender, gezielter Schritte unternommen. Wir finanzieren weiterhin wichtige Forschungsprojekte über die Auswirkungen von Marihuanakonsum auf das Verhalten. Im Laufe des
kommenden Jahres erwarten wir beispielsweise die
Veröffentlichung der Ergebnisse einer staatlich
geförderten Studie über den Zusammenhang zwischen akutem Marihuanakonsum und den Auswirkungen des gerauchten Marihuanas auf die Arbeitsleistung.
Auf der Grundlage unseres zunehmenden Wissens
über Marihuana haben wir eine aggressive Kommunikationsstrategie entwickelt. Wir wissen zum
Beispiel, daß es entscheidend ist, junge Menschen
frühzeitig mit sachlichen Informationen über Marihuana und konstruktiven Alternativen für ihre Freizeitgestaltung zu erreichen, bevor sie mit dem Drogenmißbrauch beginnen. Kinder haben für gewöhnlich eine
starke Antipathie gegen Drogen - es ist unerläßlich,
sie darin zu bestärken.
Wir wissen auch, daß wir Jugendlichen eindeutige
und kontinuierliche Botschaften senden müssen, um
den Marihuanakonsum zu unterbinden. Infolgedessen arbeiten wir mit zahlreichen Medien und Partnern
zusammen, um den jungen Menschen zu sagen:
"Fang nicht an, Marihuana zu rauchen, und wenn Du
bereits begonnen hast, hör sofort damit auf. Der
Konsum von Marihuana ist illegal, gefährlich und
ungesund. Es ist nicht 'cool'. Es ist schlecht für den
Körper. Und es ist sicherlich nicht Mode unter jungen
Leuten." Das ist die Botschaft, die wir gar nicht
genug betonen können.
Auch unsere Forschung sagt uns etwas. Wir wissen,
daß junge Menschen Botschaften gegen Drogenmißbrauch dort hören müssen, wo sie leben, lernen,
arbeiten, spielen und wo sie ihre Zeit verbringen. Mit
anderen Worten, obwohl die Bundesregierung eine
Führungsrolle übernehmen muß, kann sie das
Drogenproblem nicht alleine lösen - und sollte dies
auch nicht versuchen. Wir können Eltern und andere
Familienangehörige motivieren, jungen Menschen ein

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�Beispiel für ein drogenfreies Leben zu geben und mit
ihnen über Drogen zu sprechen. Wir helfen Schulen, Gemeindegruppen, religiösen Organisationen,
dem Privatsektor sowie den Verwaltungen auf
bundesstaatlicher und Gemeindeebene, sich zusammenzuschließen und den Jugendlichen etwas
anzubieten, zu dem sie "Ja" sagen können. Wir
treffen uns mit den Medien und der Unterhaltungsindustrie, um Programme zu fördern, die Drogenmißbrauch und andere riskante Verhaltensweisen
entmystifizieren. Und wir fordern die jungen Menschen zur Zusammenarbeit mit uns auf in dem
Wissen, daß Teenager eine einzigartige Gabe
haben, Einfluß auf den anderen und sein Verhalten
auszuüben.

Suchtmittelmißbrauch, für geistige Gesundheit und
Therapieprojekte. Das Repräsentantenhaus strich
darüber hinaus 300 Millionen Dollar des Programms
für sichere und drogenfreie Schulen, womit allein im
Jahr 1996 23 Millionen Schülern die Beratung entzogen wurde. Ein Bewilligungsunterausschuß des
Senats schlug die Abschaffung des Drogenkoordinators im Weißen Haus vor.

Eine nationale Herausforderung

Diese Umkehr ist bemerkenswert kurzsichtig. In einer
Zeit steigenden Marihuanakonsums ist die Grundlage
unseres Erfolgs Aufklärung, Prävention, Therapie,
Forschung, Strafverfolgung, Drogenbeschlagnahme
und massives Engagement der Gemeinde - nicht
Legalisierung oder Beschneidung unseres nationalen
Engagements zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sehen uns mit
einer nationalen Herausforderung konfrontiert, und
die Jugendlichen beobachten unsere Reaktion
genau. Wir dürfen nicht zögern. Es ist jedoch
bedauerlich, daß die republikanische Mehrheit im
Kongreß versucht, unser Engagement für die Unterbindung des Drogenmißbrauchs drastisch zu beschneiden. Am 4. August kürzte das Repräsentantenhaus 401 Millionen Dollar der Mittel des Gesundheitsministeriums für Präventionsmaßnahmen gegen

Während wir beim Staatshaushalt den Gürtel enger
schnallen und Umfang und Rolle der Bundesregierung überdenken, dürfen wir nicht vergessen, was
das Drogenproblem für unsere nationale Zukunft
bedeutet. Es geht hier um Menschen - junge Leute,
die in sich sowohl eine Vielfalt von Talenten als auch
eine Zerbrechlichkeit tragen, die sie empfänglich für
dumme Entscheidungen und riskantes Verhalten
machen. Wir müssen für sie da sein. Wir müssen
das tun, was für sie und die Nation richtig ist.

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�LU F T -

UND

RAUMFAHRT
27. September 1995

Luft- und Raumfahrt als Schlüsselelement der
amerikanischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. September 1995 im Bonner Wasserwerk
bei einer Expertentagung über Zusammenarbeit im Bereich Luft- und Raumfahrt hielt.

Vielen Dank für Ihre Einladung. Heute vormittag
haben wir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die
Luft- und Raumfahrtdimensionen unserer gemeinsamen Sicherheit zu erörtern. Als Vertreter einer
entfernt liegenden, aber dennoch europäischen
Macht ist es mir ein Vergnügen und eine Ehre,
gemeinsam mit herausragenden Vertretern der
Bundesregierung und der Industrie das Podium zu
teilen: Staatsminister Dr. Hoyer, Staatssekretär
Schönbohm, Staatssekretär Dr. Lammert und Dr.
Bischoff. Ihre Anwesenheit belegt, wie wichtig die
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekte unserer gemeinsamen Sicherheit für uns alle in
einer veränderten Welt sind.
Deutschland hat nach über einem Jahrhundert des
Konflikts nach dem Kalten Krieg geeint und frei
seinen Platz im Zentrum Europas gefunden. Diese
veränderte Welt hat uns alle - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - jedoch gezwungen,
unsere Politik zu überdenken und neu auszurichten.
Unsere Welt hat die Klarheit des Ost-West-Konflikts
verloren und uns diffuse und weniger drängende
Probleme hinterlassen. Ich bin ganz sicher, daß die
politische Debatte in den Vereinigten Staaten zu
einem neuen Konsens führen wird, der unser Engagement für die europäische Sicherheit bekräftigt.
In dieser Zeit des Wandels müssen wir uns auf
kontinuierliche Zusammenarbeit zur Stärkung des
bestehenden Bündnisses konzentrieren.
Einige
Europäer haben daraus abgeleitet, das amerikanische Engagement für Europa habe sich verringert
und Europa sollte daher seinen eigenen Weg gehen.
Obwohl die Bundeswehr die Anzahl ihrer Soldaten
auf 340.000 reduziert hat, war in den letzten Jahren
eine unglaublich enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu beobachten, darunter im Golfkrieg, in
Bosnien sowie bei gemeinsamen militärischen

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Übungen Tausender von Bundeswehrsoldaten in den
Vereinigten Staaten.
Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ungeachtet dessen, wie verändert Europa den Amerikanern
vorkommen mag, bleiben wir der europäischen
Sicherheit verpflichtet. Wir weisen die Idee zurück,
die Europäer könnten unabhängig von den Vereinigten Staaten Sicherheit schaffen. Unsere Maxime
lautet, daß die europäischen Sicherheitsstrukturen
getrennt werden können, aber nicht getrennt sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Combined Joint Task
Force CJTB (Alliierte Streitkräftekommandos). Wir
Amerikaner haben von unseren gemeinsamen
Erfahrungen in diesem Jahrhundert gelernt, daß
amerikanische und europäische Sicherheit nicht
voneinander getrennt werden können.
Die von uns während der vergangenen fünfzig Jahre
verteidigten Werte leiten uns noch immer. Wir wollen
in einer stabilen, friedlichen und wohlhabenden Welt
leben. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 hat
sich viel verändert, aber die Grundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen ist gleich geblieben: Eine durch die Werte demokratischer Regierungsführung und Marktwirtschaft verbundene Gemeinschaft von Nationen.
Unsere Herausforderung besteht darin, den Erfolg der
transatlantischen Solidarität zu bewahren, die vor nur
wenigen Jahren für die gesamte Welt unter Beweis
gestellt wurde, als friedfertige Männer und Frauen
sich in Zentral- und Osteuropa erhoben, um die
Diktatur abzuschütteln und den Weg zu einer besseren Zukunft zu ebnen.
Mißverstehen Sie mich nicht. Die Vereinigten Staaten sind der europäischen Sicherheit nach wie vor
stark verpflichtet. Wir haben zugesagt, weiterhin rund
100.000 Soldaten in Europa zu stationieren und

Seite 1

�erzielen Fortschritte mit neuen Initiativen zur Stärkung und Erweiterung der NATO, wie der Partnerschaft für den Frieden und den Alliierten Streitkräftekommandos.
Das sind keine Aktionen eines Landes, dessen
Engagement für Europa in Frage steht. Gemeinsam
mit Deutschland und anderen europäischen Partnern
reichen wir die Hand der Freundschaft, um Rußland
und die anderen ehemals kommunistischen Staaten
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem zu
integrieren.
Die Dynamik für Frieden, die wir jetzt in Bosnien
beobachten können, gründet auf einem gemeinsamen amerikanisch-europäischen Ansatz sowie
gemeinsamem Verständnis und gemeinsamen
Zielen. Wir Amerikaner können zu Recht stolz sein
auf unsere Führungsrolle in dieser kritischen Zeit.
Wir übernehmen auch eine Führungsrolle durch
unsere starke Unterstützung europäischer Verteidigungsinitiativen. Wir begrüßen die Westeuropäische Union als Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur.
Wir sind erfreut über die Schritte zur Gründung des
Eurocorps. Aber obwohl wir größeres europäisches
Selbstvertrauen ermutigen, wäre es ein schrecklicher
Fehler, wenn Europa sich für europäische Lösungen
entscheiden würde, nur weil sie europäisch sind.
Wir alle werden konfrontiert mit schrumpfenden
Märkten für die Rüstungsindustrie, immer knapperen
öffentlichen Mitteln und zunehmendem Wettbewerb
auf den Weltmärkten. Die zukünftigen Entwicklungen bei der Luft- und Raumfahrt werden wahrscheinlich alle ein gemeinsames Merkmal haben:
Einen Markt, auf dem sich nur einige wenige große
Produzenten - bisweilen nur einer - halten können.
In dieser Situation ist Wettbewerb, bei dem nur ein
Unternehmen gewinnt und alle anderen zum Scheitern verurteilt sind, riskant. Ein weitaus besserer
Ansatz ist Zusammenarbeit. Starke Unternehmen
können Konkurrenten und Partner gleichermaßen
sein.
Die Vereinigten Staaten stellen die Hälfte des
Marktes für zivile Luftfahrt und einen ähnlich hohen
Anteil der Märkte für militärisches Gerät, Raumfahrt
und andere Hochtechnologieprodukte. Wir bieten
unseren Markt und unsere Technologien, die für
optimale Betriebsvergrößerungen und die Vermeidung von selbstmörderischem Wettbewerb erforderlich sind. Viele amerikanische Firmen sind bereits
Konkurrenten und Partner europäischer Luft- und
Raumfahrtunternehmen. Das gilt auch für Aufklärungssatelliten, Großtransportflugzeuge und
Jäger.

Seite 2

Unsere Partnerschaft ist expansiv. Beispielsweise
stellt das amerikanische Militär pro Jahr logistische
Unterstützung in beträchtlicher Höhe für den deutschen Verteidigungsapparat bereit. Deutschland und
die Vereinigten Staaten sind führende Mitglieder des
Konsortiums, das an dem 25 Milliarden Dollar teuren
Euro-Stinger Produktionsprogramm beteiligt ist. In
Zukunft wird das Luftverteidigungssystem mittlerer
Reichweite MEADS die deutschen, amerikanischen,
französischen und italienischen Streitkräfte vor
taktischen Luftschlägen aller Art schützen.
Bei der Luft- und Raumfahrttechnologie zu nichtmilitärischen Zwecken erhielt Siemens, der größte
Hersteller in ausländischer Hand in den Vereinigten
Staaten, einen bedeutenden Prozentsatz seines F &amp;
E-Budgets für photovaltaische Zellen - seinem
größten amerikanischen Geschäftsfeld - durch
Darlehen des amerikanischen Energieministeriums.
Das bilaterale zivile Luftfahrtabkommen von 1994
führte zu einer stetigen Erhöhung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
sowie der Aussicht auf ein neues Abkommen über
Offene Himmel. Zu diesem Trend trägt die verbesserte Lage bei Lufthansa und United Airlines bei, die
vorwiegend auf den 1994 eingegangenen Zusammenschluß zurückzuführen ist.
Die Vereinigten Staaten unterzeichneten im letzten
halben Jahr ähnliche Abkommen mit acht weiteren
europäischen Ländern.
Deutschland steht bei
Reformen auf diesem Gebiet an der Spitze und wird
hoffentlich eine Führungsrolle dabei übernehmen, die
Vorteile der Liberalisierung des Luftverkehrs auf den
ganzen Kontinent auszuweiten.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland arbeiten
seit über dreißig Jahren bei der Raumfahrt zusammen. Dazu gehören wissenschaftliche und technologische Forschung an vielen verschiedenen Orten und
in verschiedenen Disziplinen in unseren beiden
Ländern.
Es ist eine Erfolgsgeschichte: Ebenso wie das in
Bremen von VFW-Fokker ERNO (jetzt Teil von
DASA) hergestellte Weltraumlabor Spacelab, erfordern die D-1 und D-2 Weltraummissionen und andere
große Projekte umfassende finanzielle und personnelle Ressourcen unserer beiden Länder.
Dank INTELSAT, der durch gemeinsame Forschung
der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands entwickelt wurde,
konnten Menschen in ganz Amerika und der übrigen
Welt sich gemeinsam mit Ihnen freuen, als sie den
Fall der Berliner Mauer live im Fernsehen sahen.

AMERIKA DIENST 28

�In die Zukunft blickend sehen wir die internationale
Weltraumstation als erstes wirklich internationales
Weltraumprojekt unter Beteiligung der Vereinigten
Staaten, der Europäischen Union, Japans, Kanadas
und Rußlands.
Zusammenfassend kann man sagen, die Vereinigten
Staaten und Europa haben ein Vertrauensverhältnis
entwickelt, das sich im Laufe der Zeit in diversen
Krisen bewährt hat. Wir brauchen einander, um

*

AMERIKA DIENST 28

*

unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu gewährleisten. Gemeinsam bilden wir eine Werte- und
Vertrauensgemeinschaft. Der Härtetest für unser
Bündnis besteht darin, den jüngst errungenen Frieden
zu halten, unseren Wohlstand zu gewährleisten und
unser gegenseitiges Vertrauen zu vertiefen, um damit
unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Atom und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pulsreaktor für die technische Forschung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues Mammutgerät zur Untersuchung atomarer Feinstrukturen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues aus der Forschung imt Schallwellen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Welt von der Furcht vor dem Krieg befreien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA errichteten eigene Abrüstungsbehörde&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Otto Preminger dreht in Washington&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Von Linda Kent&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Gedenktage im November 1961&lt;/strong&gt;</text>
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                    <text>amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

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G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

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300

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und
Dokumentation

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

27. Oktober 1976

20

Inhalt

DOKUMENTATION

Die moralischen Grundlagen der amerikanischen Außenpolitik
Von Henry Kissinger

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

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Dokumentation

300

T e I e x : 08 - 8 54 32

20/1976

DIE MORALISCHEN GRUNDLAGEN DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Von Henry Kissinger

NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat am 19. Oktober
1976 in einer vielbeachteten Rede die moralischen Grundlagen der Außenpolitik der USA
umrissen und dabei festgestellt, daß die
Außenpolitik Amerikas der moralischen Verheißung der Nation gerecht werden müsse, während sie gleichzeitig den praktischen Erfordernissen der Weltordnung Rechnung trage.
In seinem Grundsatzreferat anläßlich eines
Essens zum 50jährigen Jubiläum des Rates
der Synagogen Amerikas in New York sagte der
Außenminister, die USA hätten international
immer dann ihre größte Wirksamkeit erzielt,
wenn die idealistischen und die pragmatischen
Traditionen des Landes miteinander zum Tragen
gebracht worden seien.
Die Rede Kissingers hat folgenden Wortlaut:
Die Amerikaner stehen heute inmitten der alle vier Jahre stattfindenden
Debatte über unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und über die Zukunft, die
wir zu schaffen hoffen.

Es ist eine dramatische Demonstration

serer Demokratie und der Größe unserer Nation.

der Stärke un-

Was immer das Ergebnis sein

mag, wir Amerikaner sollten stolz darauf sein, daß wir wieder einmal die Lebenskraft einer freien Gesellschaft unter Beweis gestellt haben, die den zahllosen
Millionen in aller Welt die von Gewaltregimen und intoleranten Ideologien be-

�i

beherrscht werden, Hoffnung gibt.
Es ist auch - wollen wir ehrlich sein - eine Zeit der Verwirrung und
Übertreibung,

Manche Leute sagen uns, wir seien schwach; andere sagen uns,

wir seien starko

Manche Leute sagen, daß unser Prestige schwinde; andere be-

haupten, daß unser weltweiter Einfluß auf Frieden und Fortschritt niemals
größer gewesen sei. Manche Leute sagen uns, daß wir uns überall auf der Welt
auf dem Rückzug befänden, andere wiederum sagen uns, daß wir draußen in der
Welt niemals mehr respektiert worden und erfolgreicher gewesen seien als heute.
Als Außenminister muß ich mich natürlich von parteipolitischen Debatten
fernhalten, obwohl meine Sympathien aus bestimmten Gründen nicht bei den "manchen Leuten", sondern bei den "anderen" liegen.
Aber wie sehr auch immer die Meinungen der Amerikaner in spezifischen Fragen ,
auseinander gehen mögen, die Geschichte der Nachkriegszeit hat keinen Zweifel
über Art und Wesen unserer globalen Verantwortung gelassen. Ohne den Einsatz
*
Amerikas kann es keine wahre Sicherheit in der Welt geben. Ohne unser Eintreten kann es keinen Fortschritt geben. Ohne unsere Stärke werden die Völker auf
der ganzen Welt in Furcht leben. Ohne unseren Glauben und unsere Treue werden
sie in Verzweiflung leben.
Amerikas Beitrag zum weltpolitischen Geschehen entstammt aus unserer Überzeugung, daß»selbst wenn die Geschichte oft grausam ist, das Schicksal durch
menschlichen Glauben und menschlichen Mut gestaltet werden kann. Unser Optimismus ließ uns begreifen, daß die größten Leistungen Träume waren, ehe sie zur
Wirklichkeit wurden. Wir haben - wie nur wenige sonst - aus Erfahrung gelernt,
daß alles, was schöpferisch ist, letztlich eine moralische Gewißheit ist - der
Glaube, der auch dort wagt, wo die Sicherheit fehlt, der Mut, angesichts von
Not und Mißgeschick voranzuschreiten.
Für uns alle hier ist das überleben und die Sicherheit Israels ein tiefes
Anliegen. Aber wir wissen auch, daß selbst das Schicksal unserer engsten Freunde
- 2 -

�Freunde nicht in einem Vakuum gesichert werden kann.

Frieden, Fortschritt und

Gerechtigkeit werden nur dann für Amerika oder Israel zu einem sicheren Besitz
werden, wenn sie in einer friedlichen, fortschrittlichen und gerechten internationalen Ordnung eingebettet sind.

Die Aufgaben, eine solche Ordnung zu ge-

stalten, ist die fundamentale Herausforderung an unsere

Zeit.

Kein Volk hat mehr von des Menschen Erhöhung - und des Menschen Erniedrigung - erfahren als das jüdische Volk.

Das jüdische Volk weiß, daß das über-

leben ein ständiges Kämpfen und Ringen ist.

Aber es weiß genau so gut, daß der

Friede - wenn er mehr als eines Propheten Traum sein soll - auf dem Gewissen der
Menschheit ruhen muß, das durch konkrete Anstrengungen aller Völker und aller Nationen seinen Ausdruck findet.
Amerika ist auf Grund seines eigenen Erbes ständig um eine solche Erforschung seines Gewissens bemüht. Wie dient unsere Außenpolitik moralischen
Zwecken? Wie kann Amerika seine Rolle als Beispiel des Humanen und als Vorkämpfer der Gerechtigkeit in einer Welt spielen, in der die Macht doch oft noch
den letzten Ausschlag gibt? Wie können wir beides - unsere Existenz und unsere
Werte - Sichern? Wie können wir Mittel und Zweck, Prinzip und überleben miteinander in hinklang bringen?
Diese Fragen sind in unserer ganzen Geschichte gestellt worden; sie werden
heute zu Recht erneut gestellt. Aber sie erfordern mehr als simple Antworten
und gängige Schlagworte.
Es besteht kein Zweifel, daß Politik ohne moralische Zielsetzung wie ein
Schiff ohne Steuer ist, das richtungslos von Krise zu Krise treibt.

Eine auf

bloßer Berechnung beruhende Politik ist inhaltsleer, ohne Vision und Humanität.
Ihr fehlt nicht nur die Richtung, sondern auch die Verankerung und das Herz.
Amerikaner haben stets die Ansicht vertreten, daß Amerika für eine moralische
Zielsetzung über und jenseits der materiellen Errungenschaften eintritt.
Aber

�»

Aber wir müssen uns auch daran erinnern, daß die Politik die Kunst des
Möglichen ist; die Wissenschaft vom Relativen.

Wir leben in einer Welt mit

150 souveränen Nationen, tiefgreifenden ideologischen Differenzen und nuklearen
Waffen

Unsere Macht ist gewaltig, aber sie ist dennoch endlich und begrenzt.

Eine wahrhaft moralische Politik muß die Ziele zu den Mitteln und die Verpflichtungen zu den Möglichkeiten ins Verhältnis setzen.

Amerika muß,um sich selbst

treu zu sein, seinen Blick auf entfernte Horizonte gerichtet halten; wir müssen
aber auch mit unseren Beinen fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehen,, W
müssen Moral von moralisieren unterscheiden lernen.

Wir müssen uns erinnern,

daß die feierliche Anrufung hochfliegender Prinzipien in unserer Geschichte genau so oft zu Verzicht wie zu Übereinsatz geführt hat«

Beide Tendenzen aber

wären für die internationale Ordnung und unser Wohlergehen katastrophal.
Es ist die große Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik, der moralischen
Verheißung Amerikas gerecht zu werden und dabei die praktischen Erfordernisse
der Weltordnung zu erfüllen.

Wie wir damit fertig werden, wird für den Frieden

und den Fortschritt Amerikas und der Welt entscheidend sein.
Das ist das Thema, über das ich heute mit Ihnen sprechen möchte.
Von Anbeginn ihrer Geschichte an haben die Amerikaner geglaubt, daß dieses
Land eine moralische Aufgabe und Bedeutung habe, die seine geographische, militärische und wirtschaftliche Macht transzendiere. Ohne Beispiel unter den anderen Nationen der Welt wurde Amerika als eine bewußte Tat von Männern geschaffen, die mit voller Hingabe für ein System politischer und ethnischer Grundsätze
eintraten, die - wie sie glaubten - weltweit gültig und anwendbar seien. Wen
kann es wundern, daß dann Santayana zu dem Schluß kam: "Ein Amerikaner zu sein,
das ist als solches schon beinahe ein moralischer Zustand."
Aber dieser Idealismus stand auch in ständiger Spannung zu einer anderen
tiefreichenden Strömung in unserer geschichtlichen Erfahrung. Seit de Tocqueviile
ist immer wieder darauf hingewiesen worden, daß wir auch ein pragmatisches Volk
seien - mit common sense, undogmatisch und undoktrinär - eine Nation, deren
- 4 -

�deren Energie, Einfallsreichtum und Geist auf die Praxis ausgerichtet sind.
Wir haben die Toleranz und den Kompromiß zur Grundlage unseres politischen Lebens hier in den USA gemacht.

Wir haben unsere grundsätzlichen Ziele defi-

niert - Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Fortschritt - und zwar in
offener und freiheitlicher Form, wodurch die Chancen und die Freiheit

ver-

größert und keine uniformen Verhaltensnormen aufgezwungen werden.
Amerika hat international immer dann seine größte Wirksamkeit erzielt, wenn
unsere idealistischen und pragmatischen Traditionen miteinander zum Tragen gebracht wurden. Unsere Gründerväter waren Idealisten, die ein neues Experiment
der menschlichen Freiheit begannen. Sie waren aber auch welterfahrene und weltoffene Männer; sie verstanden etwas vom europäischen Gleichgewicht der Kräfte
und wandten dies in brillanter Weise an, um ihre Unabhängigkeit zu sichern.
Danach widmeten wir unsere Energie ein Jahrhundert lang der Entwicklung
unseres Kontinents, bereit, die Welt durch ein moralisches Beispiel zu beeinflussen.

Durch zwei Ozeane und die britische Marine abgeschirmt und mit einer

freigebigen Natur des Landes gesegnet, gelangten wir zu der Überzeugung, daß
unsere spezielle Situation

weltweit Gültigkeit habe - selbst für Länder, deren

engerer Lebensraum bedeutete, daß ihre Auswahlmöglichkeiten weitaus begrenzter
waren als die unsrigen.

Wir schätzten die Macht gering ein, selbst als wir

stärker wurden; wir neigten dazu, unsere Erfolge nicht als Ergebnis günstiger
Umstände zu sehen, sondern als das Resultat von Tugend und der Reinheit unserer Motive.
Als unsere Macht wuchs, wurden uns ihre Anwendung und die damit verbundene Verantwortung unbehaglich; wir wurden ungeduldig bezüglich der Kompromisse
der tagtäglichen Diplomatie.

Unser Aufstieg zur Großmacht wurde von zahlreichen

Amerikanern gefürchtet und abgelehnt, die nur den Prozeß einer immer größeren
Verwicklung in eine moralisch fragwürdige Welt voraussahen.
In den frühen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts versuchten wir, die Spannungen
zwischen Idealen und Interessen dadurch auszugleichen, daß wir uns auf humanitäre
- 5 -

�humanitäre Anstrengungen beschränkten und Zuflucht nahmen zu unserem Glauben
an die Vorherrschaft des Rechts. Wir leisteten Pionierarbeit bei den Hilfsprogrammen, wir setzten uns für freien Handel und Auslandsinvestitionen ein.
Wir bemühten uns um juristische Lösungen von internationalen Konflikten - wir
versuchten es mit Schlichtung, Aussöhnung, juristischen Vorkehrungen, Verträgen
zur Beseitigung des Krieges, Neutralitätsgesetzgebung, kollektiven Sicherheitssystemen o Diese Anstrengungen, die Realität der Macht zu verbannen, wurden
durch unser Engagement in zwei Weltkriegen zunichte gemacht.

Während wir ein

klares Sicherheitsinteresse an einem Europa hatten, das frei von Beherrschung
durch irgendeine Macht war, verschleierten wir dieses Interesse mit Behauptungen,
daß wir eigentlich für weltweite moralische Ziele - "einen Krieg zur Beseitigung
des Krieges" - oder für die bedingungslose Kapitulation des Aggressors kämpfen
würden.
Eine Desillusionierung machte sich breit, als das Ergebnis der beiden Weltkriege zwangsläufig nicht den Erwartungen entsprach. Nach dem Ersten Weltkrieg
wuchs die Flut isolationistischer Gefühle, die moralische Proklamationen mit
der Verweigerung konkreter Verpflichtungen verbanden. Wir waren nicht willens,
uns einer Welt mangelhafter Sicherheit, unbequemer Bündnisse, sich ständig
wiederholender Krisen sowie der Notwendigkeit einer politischen Struktur zu
stellen, die den Frieden sichern würde.
Unsere erste längere Periode einer Führungsrolle in der Welt in Friedenszeiten während der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war getragen von einem
überaus großen Selbstbewußtsein, das glücklicherweise mit einer überwältigenden
materiellen Überlegenheit gepaart war. Und wir standen einem Gegner gegenüber,
dessen politisches System und dessen Handeln auf weltpolitischer Bühne unsere
am höchsten geschätzten Grundsätze ausdrücklich in ihrer Existenz bedrohten.
In einer Zeit, in der offensichtlich eine eindeutige, traditionelle SchwarzWeiß-Betrachtungsweise vorherrschte, sahen wir uns auf der ganzen Welt wirtschaftlichen Problemen gegenüber - die wir im eigenen Lande erfolgreich gelöst hatten
und die wir nun überall zu überwinden suchten, indem wir einfach das Gewicht

�Gewicht unserer materiellen Mittel in die Waagschale warfen - oft mit erstaunlichem Erfolg.

Wir projizierten unsere innenpolitischen Erfahrungen ins Aus-

land und gingen davon aus, daß wirtschaftlicher Fortschritt automatisch zu politischer Stabilität führen müsse.

Und im Verlauf dieses Prozesses - ohne eine

bewußte Entscheidung in diesem Sinne zu treffen - versuchten wir, die Welt nach
unseren Vorstellungen zu gestalten.

Die Welt ist komplexer geworden
Unsere Politik nach dem Kriege war durch große Erfolge gekennzeichnet:
Wiederaufbau Europas und Japans, Widerstand gegen Aggression und Förderung der
Entkolonialisierung.
Unsere heutige Welt ist nicht mehr so einfach.
Wir bleiben weiterhin die stärkste Nation und der größte Einflußfaktor in
der Weltpolitik. Dreißig Jahre lang hat unsere Führung für Weltfrieden, Fortschritt und Gerechtigkeit gesorgt. Unsere Führung wird heute noch genau so gebraucht, aber sie muß im Lichte veränderter Bedingungen neu definiert werden.
Wir leben nicht mehr in einer Welt des amerikanischen Nuklearmonopols,sondern
in einer Welt des praktischen nuklearen Gleichgewichts. Wir leben nicht mehr
in einer Welt solider Blöcke und klarer Trennungslinien, sondern in einer Welt
ständig zunehmender Zentren der Macht und des Einflusses. Wir leben nicht mehr
in einer Welt, die nationalen oder regionalen Lösungen zugänglich wäre, sondern
in einer Welt der wirtschaftlichen Interdependenz und gemeinsamer globaler Aufgaben.
Damit machten wir Amerikaner zum ersten Mal die Erfahrung, daß wir uns
weder der Welt entziehen noch sie beherrschen können.

Wir müssen vielmehr

- wie alle anderen Völker in der Geschichte - heute unsere Diplomatie

mit

Fingerspitzengefühl, Flexibilität, Beharrungsvermögen und Einfallsreichtum füh-

�fuhren, wenn wir unsere nationalen Ziele bewahren und fördern wollen.
Wir können nicht mehr anderen unsere Lösungen aufzwingen; und doch wird
unser Handeln - oder unsere Tatenlosigkeit - den Gang der Ereignisse, oft entscheidend, beeinflussen.

Wir können nicht die Macht aus der Weltpolitik verban-

nen, aber wir können unsere gewaltige Macht klug und fest benutzen, um vor der
Aggression abzuschrecken und die Zurückhaltung zu ermutigen.
legung von Streitigkeiten durch Verhandlungen fördern.

Wir können die Bei-

Wir können zum Aufbau

gerechterer Beziehungen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern und
einer stärkeren Interessengemeinschaft aller Nationen beitragen.

Und wir müs-

sen weiterhin für Freiheit und Menschenwürde in der Welt eintreten.
Das sind Ziele, die es wert sind, verfolgt zu werden.
werden.

Sie können erreicht

Aber sie verlangen eine andere Dimension der moralischen Überzeugung

als jene einer einfacheren Vergangenheit.

Sie verlangen Standfestigkeit, um

inmitten von Zwiespältigkeit und endloser Belastung auszuharren; sie verlangen
den Mut, an dem festzuhalten, an das wir glauben - auch in der Erkenntnis, daß
jedes Mal unsere Hoffnungen wahrscheinlich nur zum Teil erfüllt werden.
Wir dürfen niemals vergessen, daß wir vor anderthalb Jahrzehnten genau
unter den Bannern weltweiter moralistischer Schlagworte zu Abenteuern antraten,
die unser Land spalteten und unsere internationale Position unterhöhlten. Erst
in den letzten Jahren haben wir wieder damit begonnen, unsere Verpflichtungen
entsprechend unseren Fähigkeiten auszurichten.
Wir müssen ohne Frage unsere Werte und unsere Grundsätze aufrechterhalten;
aber wir riskieren eine Katastrophe, wenn wir sie nicht nach nationalen Interessen und einer internationalen Ordnung ausrichten, die nicht auf dem Impuls,
sondern auf einer stetigen Zielsetzung beruhen, die das amerikanische Volk auf
lange Sicht aufrechterhalten kann.
Hier geht es nicht um eine Wahl zwischen Moralität und Pragmatismus. Wir
können der einen wie dem anderen nicht ausweichen,ohne unserem eigenen National- 8 -

�Nationalcharakter oder den Erfordernissen der Weltgemeinschaft untreu zu werden.

Unsere Sache muß eine gerechte Sache sein, aber sie muß in einer Welt

souveräner Nationen und konkurrierender Willen gedeihen können.

Wir können

keine positiven Ziele erreichen, wenn wir nicht überleben; und überleben stellt
ganz praktische Anforderungen.

Weder moralistische Rhetorik noch eine Politik

reiner Machtbesessenheit werden eine Außenpolitik hervorbringen können, die
unserer Chancen wert wäre - oder für unser überleben ausreichen würde.

Die Moralitat von Mittel und Zweck
Amerika - und die Gemeinschaft der Völker - stehen heute vor unausweichlichen Aufgaben:
- Wir müssen einen sicheren und gerechten Frieden aufrechterhalten.
- Wir müssen eine kooperative und allen nützlichen internationale Ordnung
schaffen.
- Wir müssen die Rechte und die Würde des Menschen verteidigen.
Jede dieser Aufgaben hat eine moralische und eine praktische Dimension.
Bei jeder geht es um wichtige Zwecke, aber Zwecke, die manchmal im Gegensatz
zueinander stehen. Wenn das der Fall ist, dann stehen wir wirklich vor dem
moralischen Dilemma der Außenpolitik: der Notwendigkeit, zwischen legitimen
Zielen und Zwecken zu wählen und unsere Zwecke den Mitteln anzupassen.

Frieden
In einem Zeitalter, in dem der Fortbestand der Menschheit überhaupt durch

�durch einen nuklearen Weltbrand bedroht ist, ist der Friede ein fundamentales
moralisches Gebot.

Ohen Frieden kann nichts anderes, was wir tun oder anstre-

ben, letztlich Bedeutung haben.

Niemand soll sich darin täuschen - die Abwen-

dung der Gefahr eines Atomkrieges und die Begrenzung und schließliche Verringerung der zerstörerischen nuklearen Arsenale ist ein moralischer und ein politischer Akt.
Im Nuklearzeitalter müssen traditionelle Machtpolitik, der Kampf um marginale Vorteile, das Streben nach Prestige und einseitigen Gewinnen einem bisher nie dagewesenen Verantwortungsgefühl weichen.

Die Geschichte lehrt uns, daß

Kräfteverhältnisse auf der Grundlage eines ständigen Messens der Kräfte immer
zum Krieg geführt haben.

Aber der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß wir

im Nuklearzeitalter nicht zulassen dürfen, daß sich die Geschichte wiederholt.
Jeder Präsident wird früher oder später mit Präsident Eisenhower übereinstimmen
müssen, daß "es keine Alternative zum Frieden gibt".
Aber so entscheidend wichtig der Frieden ist, so kann er doch nicht unser
einziges Ziel sein. Wenn wir ihn um jeden Preis anstreben würden, dann würde
uns das moralisch wehrlos machen und die Welt auf Gnade oder Ungnade dem Unbarmherzigsten überlassen. Die Menschheit muß, wie schon Tacitus sagte, mehr tun,
als nur eine Wüste schaffen und das Frieden nennen.
In einer Welt, deren Besessenheit vom Frieden zur Beschwichtigung führt,
wird es keine Sicherheit geben. Aber ebenso wenig wird es in einer Welt Sicherheit geben, in der das einzige Maß des Wettbewerbs die rhetorische Drohgebärde
und die Anhäufung von Waffen sind. Wir schulden unserem Volk eine überzeugende
Begründung für die Belastung, die es zu tragen hat. Wir müssen alles in unseren
Kräften stehende tun, um den künftigen Generationen einen hoffnungsvolleren Frieden zu hinterlassen als den des Gleichgewichts des Schreckens.
Vor kaum vier Jahren forderten Demonstrationen auf den Straßen "Frieden"
als oberstes Ziel vor allen anderen Überlegungen.

Heute wird eine Politik der

Versöhnung oft als eine Politik einseitiger Zugeständnisse beschimpft.
Extreme gehen an unserer Aufgabe vorbei.

Beide

In der Suche nach Frieden sind wir

�wir ständig aufgerufen, Bilanz zu ziehen - zwischen Stärke und Versöhnung;
zwischen der Notwendigkeit, unsere Werke und Interessen zu verteidigen, und
der Notwendigkeit, die Auffassungen der anderen in Rechnung zu stellen; zwischen Teillösungen und Gesamtlösungen.
Die Aufgabe der Außenpolitik besteht darin, die richtige Bilanz zwischen
konkurrierenden Zielen und Zwecken und zwischen Mitteln und Zwecken zu finden.
Jede gewissenhafte politische Entscheidung wird zwangsläufig von Problemen der
Wahl des Zeitpunktes, der Methode und der Durchführbarkeit bestimmt.

Es gibt

bestimmte Experimente, die man gar nicht erst versuchen kann -, nicht weil die
Ziele nicht wünschenswert wären, sondern weil die Folgen eines Fehlschlags so
groß wären, daß nicht einmal das höchste Ziel das Risiko rechtfertigen kann.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Nahe Osten. Kein Volk sehnt sich mehr
nach einem umfassenden Frieden als das Volk von Israel, dessen Existenz in
seiner ganzen Geschichte von keinem seiner Nachbarn je anerkannt wurde. Es
gibt Leute, die behaupten, daß im Gefolge des Krieges von 1973 der ganze Komplex arabisch-israelischer Fragen - Grenzen, Friedensauflagen, Flüchtlinge
usw. - gleichzeitig auf einer Konferenz hätte angepackt werden sollen. Aber
die Befürworter dieses Kurses lassen die Tatsache außer acht, daß sich dies
damals wahrscheinlich als katastrophal erwiesen hätte: Die Vereinigten Staaten
hatten mit mehreren der wichtigen arabischen Staaten überhaupt keine diplomatischen Beziehungen; praktisch war die Sowjetunion der Anwalt der arabischen
Sache; es herrschte noch immer ein ölembargo; und die Feindseligkeit zwischen
den arabischen Staaten und Israel blieb noch immer am Zündpunkt. Unter solchen
Umständen mußten die Chancen für den Erfolg einer umfassenden Inangriffnahme
gering sein, und die negativen Auswirkungen eines Fehlschlags wären weitreichend
gewesen: Fortsetzung des ölembargos, Verbleiben der amerikanischen Beziehungen
zur arabischen Welt auf dem Nullpunkt, entsprechende Zunahme des sowjetischen
Einflusses, Belastung des Verhältnisses zu unseren Verbündeten in Europa und
Japan, zunehmende Isolierung Israels - und damit die Wahrscheinlichkeit eines
erneuten Aufflackerns des Nahostkrieges unter noch schwierigeren Bedingungen.

Wir
- 11 -

�i

Wir zogen es vor, Schritt für Schritt jene Fragen in Angriff Z J
nehmen, bei denen Raum für ein übereinkommen vorhanden zu sein schien.

Wir

versuchten, ein neues Verhältnis zur arabischen Welt herzustellen, die
Fähigkeit der Sowjets zur Ausnutzung von Spannungen zu verringern

und

unter den direkt Beteiligten ein neues Gefühl des Vertrauens aufzubauen,
das eines Tages Gesamtlösungen möglich machen würde.

Wir nahmen den Frieden

schrittweise in Angriff - aber immer mit der Absicht, am Ende die einzelnen
Schritte zu einer umfassenden Lösung zu vereinen.
In dem kurzen Zeitraum von 18 Monaten wurden drei Abkommen erreicht zwei zwischen Ägypten und Israel und eines zwischen Syrien und Israel. Als
Ergebnis sind heute die Chancen für einen echten Frieden größer als jemals
zuvor.
Es bleibt noch ein tiefer Argwohn, aber die ersten wichtigen Schritte
sind getan. Die Anfänge eines gegenseitigen Vertrauens - vorher niemals zu
sehen - beginnen sich abzuzeichnen. Einige arabische Staaten sprechen zum
ersten Mal öffentlich von Frieden und der Beendigung eines generationsalten
Konflikts. Es ist außenstehenden Ländern nicht mehr so leicht möglich,
einmal verringerte Spannungen zu verschärfen. Die Inangriffnahme Schritt
für Schritt hat uns damit an einen Punkt gebracht, an dem umfassende
Lösungsversuche der nächste logische Schritt sind.
Die Entscheidung, vor der wir heute stehen, ist nicht ob, sondern wie
die nächste Verhandlungsphase einzuleiten ist. Und wir werden uns zusammen mit unseren israelischen Freunden - mit neuer Hoffnung und neuem
Vertrauen an diese Aufgabe machen.
Internationale

- 12 -

�Internationale Zusammenarbeit
Das zweite moralische Gebot für Amerika ist die wachsende Notwendigkeit einer weltweiten Zusammenarbeit.
Wir leben in einer Welt von mehr als 150 Staaten, von denen jeder
Souveränität fordert und das Recht auf Verwirklichung seiner nationalen
Bestrebungen und Hoffnungen beansprucht.

Es liegt auf der Hand, daß keine

Nation alle ihre Ziele verwirklichen kann, ohne daß dadurch die Rechte
anderer beeinträchtigt werden.

Daher sind zumindest bei einigen Streit-

fragen Kompromisse und ein gemeinsames Vorgehen unerläßlich.

Die

wachsende Interdependenz der Staaten macht angesichts polarisierender
Tendenzen des Nationalismus und der Ideologie die Schaffung einer echten
Weltgemeinschaft unbedingt erforderlich.
Wir leben in einem Zeitalter der Teilung - der Teilung zwischen Ost
und West und der Teilung zwischen modernen Industrienationen und den
Entwicklungsländern. Es liegt auf der Hand, daß eine Welt, in der einige
wenige Nationen Inseln des Wohlstands inmitten eines Meeres der Armut,
der Krankheit und der Verzweiflung darstellen, von Grund auf unsicher und
moralisch unerträglich ist. Jene Nationen, die sich vom Besitz ausgeschlossen fühlen, werden zur Brutstätte von Aufruhr. Die Konfrontationstaktiken jedoch, mit denen einige der Entwicklungsländer ihre Ziele verfolgen,sind ebenso unerträglich wie gefährlich.
Die großen Aufgaben der Weltgemeinschaft werden realistische Vorstellungen sowie Maßnahmen von Nord und Süd gleichermaßen erfordern.

Die

Industrienationen sollten nicht von einem Gefühl der Schuld besessen sein
oder auf ewig am Status quo festhalten.

Die Entwicklungsländer anderer-

seits sollten nicht versuchen, ihre Ziele durch Nötigung oder Erpressung
zu erreichen.

Notwendig ist in aller Welt der ernsthafte Einsatz für die

Erfordernisse der Zusammenarbeit, ohne die weder die eine noch die andere
Gruppe ihre Ziele verwirklichen kann.
Die
- 13 -

�Die Ziele der Entwicklungsländer sind klar: sie wollen wirtschaftliche
Entwicklung, sie wollen bei internationalen Entscheidungen, die sie berühren, eine Rolle spielen, und sie wollen einen fairen Anteil an weltweiten wirtschaftlichen Vorteilen.

Die Ziele der Industrieländer sind

gleichermaßen klar: eine wachsende Prosperität, ein offenes weltweites
Handels- und Investitionssystem mit expandierenden Märkten für Nord und
Süd und eine verläßliche und gerechte Entwicklung der Vorräte der Welt an
Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen.
Die Ziele beider Seiten können nur verwirklicht werden, wenn sie als
komplementär und nicht als antagonistisch gesehen werden.

Der Prozess der

Schaffung einer neuen Ära internationaler Wirtschaftsbeziehungen wird über
die restlichen Jahre dieses Jahrhunderts anhalten.

Wenn diese Beziehungen

gerecht und von Dauer sein sollen, dann werden ohne Fragen Verhandlungen und
Kompromisse hinsichtlich der verschiedenartigen und in Widerstreit miteinander
stehenden Interessen nötig sein.

Vor allem aber wird ein moralischer Akt

notwendig sein: auf Seiten der Industriestaaten bedarf es der Bereitschaft,
die für die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls notwendigen Opfer zu
bringen - solange es noch Zeit für versöhnliche Maßnahmen ist -, und auf
Seiten der Entwicklungsländer bedarf es der Bereitschaft, auf Nötigung und
Erpressung zu verzichten - und zv-r jetzt, bevor die Welt unwiderruflich
in zwei sicii befehdende Lager gespalten ist - und Forschritte durch Zusammenarbeit zu suchen.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben sich dem Weg der Zusammenarbeit
verschrieben sowie der Schaffung einer stabilen und kreativen Welt, an deren
Erhaltung alle Nationen - neue und alte, schwache und starke, reiche und
arme - ein Interesse haben, weil sie an ihrer Gestaltung Anteil hatten.
Menschliche

�Menschliche Werte:
Unser drittes moralisches Gebot ist die Pflege der menschlichen Werte.
Es ist die Tragödie unserer Zeit, daß eben die gleichen Werkzeuge der
Technologie, die unser Jahrhundert zu dem produktivsten in der Geschichte
der Menschheit gemacht haben, auch dazu dienten, Millionen von Menschen
einer völlig neuen Dimension der Einschüchterung, des Leidens und der
Furcht zu unterwerfen.
Die Gewissens- und Ausdrucksfreiheit des Einzelnen ist das stolzeste
Erbe unserer Kutlur. All unser Bemühen bei der Suche nach Frieden, im Ringen
um stärkere politische Zusammenarbeit und um eine faire und blühende
internationale Wirtschaft ist in unserer Überzeugung verankert, daß nur
die persönliche Freiheit es ermöglicht, die schöpferische Kraft des
Menschen zu vollstem Ausdruck zu bringen. Wir wissen, daß technischer
Fortschritt ohne Gerechtigkeit der Humanität Hohn spricht; daß nationale
Einheit ohne Freiheit ein hohler Triumph ist und daß Nationalismus ohne
klares Wissen um die menschliche Gemeinschaft - wozu auch das Eintreten
für die Menschenrechte gehört - Gefahr läuft, ein Instrument der Unterdrückung und eine Kraft des Bösen zu werden.
Es ist unsere Pflicht als führende Demokratie der Welt, uns dafür
einzusetzen, daß die Freiheit für den menschlichen Geist gewährleistet
wird. Aber die Verantwortung zwingt uns auch zur Erkenntnis unserer
Grenzen. Unsere Bündnisse, die politischen Beziehungen, die zwischen uns
und anderen Nationen im Verlauf der Jahre aufgebaut wurden, dienen der Sache
des Friedens, indem sie regional und weltweit die Sicherheit stärken. Richtig
verstanden sind sie kein Gunsterweis an andere, sondern Anerkennung gemeinsamer Interessen. Sie sollten aufgelöst werden, wenn diese Interessen
sich wandeln. Sie sollten jedoch in der Regel nicht als Hebel benutzt
werden, um eine Verhaltensnorm zu erzwingen oder Aktionen zu bestrafen, mit
denen wir nicht übereinstimmen. In vielen Ländern - so verschieden ihre
inneren Strukturen auch von den unsrigen sein mögen - ist die Bevölkerung
einmütig in dem Wunsch, unsere Protektion gegen eine
Aggression
- 15 -

�Aggression von außen zu erlangen.

In vielen Ländern haben sich unsere

außenpolitischen Beziehungen nicht als Hindernis für die Kräfte des
Wandels erwiesen.

Und in anderen hat der Prozess der Abkehr Amerikas das

Geühl der Sicherheit untergraben und damit das Gefühl geweckt, daß eine
stärkere innere Disziplin notwendig sei - während sich gleichzeitig unser
Vermögen verringerte, Einfluß auf die innenpolitischen Praktiken, die wir
kritisieren, zu nehmen.
Es gibt keine einfache Antwort auf das Dilemma, dem sich eine große
Demokratie unter solchen Umständen gegenübersieht.

Wir haben sowohl eine

moralische als auch eine praktische Verpflichtung,für unsere Werte einzustehen und Ungerechtigkeit zu bekämpfen. All jene, die sich mit Entschiedenheit für die Freiheit aussprechen und die Übergriffe repressiver Regime
brandmarken, tun dies in der besten amerikanischen Tradition. Sie kennen und haben - damit dramatische und erfreuliche Wirkungen erzielen. Aber es
gibt auch Zeiten, in denen der Versuch, einem anderen Lande eine moralische
Lektion zu erteilen, sich als Rückschlag für die Werte erweisen kann, die
wir zu fördern suchen.
Es ist die Überzeugung dieser Administration, daß jede nur erdenkliche
Anstrengung unternommen werden muß, um die Achtung vor den Menschenrechten
zu fördern und zu vergrößern, daß aber ein öffentlicher Kreuzzug dazu meist
nicht die wirksamste Methode ist.
Unser Ziel waren Resultate, nicht Publizität. Wir waren besorgt - und
das mit gutem Grund - daß die Forderungen des nationalen Prestiges den Sieg
über die ehrenwertesten Ziele erringen würden, wenn solch c'irfizile und
heikle Fragen zur Kraftprobe zwischen Regierungen gemacht würden. Wir waren
generell gegen alle Versuche, solche diffin .en internationalen Menschenrechtsfragen durch gesetzgeberische Maßnahmen zu behandeln • da die Gesetzgebung fast immer zu wenig flexibel, zu sehr an die Öffentlichkeit gewandt
und ein zu schwerfälliges Mittel ist, um das zu erreichen, was man erstrebt.
Durch

�Durch stille Diplomatie hat diese Administration die gänzliche oder
vorläufige Entlassung von vielen Hunderten von Gefangenen in der ganzen
Welt zu erwirken vermocht und in einer Reihe von Ländern repressive Verhältnisse gemildert.

Aber wir haben Erfolge in spezifischen Fällen selten

der Öffentlichkeit bekanntgemacht.
Das eindringlichste Beispiel war der Fall der jüdischen Auswanderung
aus der Sowjetunion. Die Zahl der sowjetischen Juden, denen im Jahre 1968
die Auswanderung gestattet wurde, betrug 400; bis 1973 war diese Zahl auf
35 000 angestiegen. Der Grund für dieses sprunghafte Hochschnellen der
Zahl liegt weitgehend in den beharrlichen,aber vertraulich behandelten
Vorstößen bei der sowjetischen Regierung und der parallel einhergehenden
Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen insgesamt. Hunderte
von Härtefällen wurden von Präsiient Ford und seinen nächsten Mitarbeitern
in vertraulichen persönlichen Diskussionen behandelt. Es gab keine
öffentliche Bekanntgabe oder Konfrontation. Aber die Ergebnisse waren
für alle sichtbar. Als man noch größere Forschritte durch Konfrontation
und Gesetze zu erreichen versuchte, war das Ergebnis tragisch. Heute ist
die ji'-Hsche Emigration aus der Sowjetunion auf die Zahl von annähernd
10 000 im Jahr zurückgefallen. Ich betone dies hier nicht, um Pluspunkte in
der Debatte gegen Männer zu erlangen, deren Ernsthaftigkeit in der Zielsetzung und Hingabe an die Sach&lt;~ der jüdischen Emigration ich zutiefst
respektiere. Vielmehr soll es ein Hinweis darauf sein, daß moralische
Zwecke als solche of nicht ausreichen. Auch die angewandten Mittel haben
eine moralische Qualität und moralische Konsequenzen. Und welche ehrlichen
Meinunsverschiedenheiten auch immer zwischen betroffenen Einzelnen in Bezug
auf das Problem der jüdischen Emigration aus der Sowjetunion bestanden haben
mögen, diese Administration bleibt dem Ziel verschrieben. Sie wird keine
Anstrengung sparen, um den Strom der Emigranten erneut zu verstärken,und
wird mit den zuständigen Organisationen in diesem Bemühen zusammenarbeiten.

Die

- 17 -

�&gt;

Die Frage der Menschenrechte ist - wie ich gesagt habe - keine leichte
Sache,und man sollte sich ihrer Kompliziertheit voll bewußt sein.

Die

Erfahrung des letzten Jahrzehnts dürfte uns gezeigt haben, daß wir unsere
Fähigkeit, soziale und politische Veränderungen in anderen Ländern vorauszusehen, geschweige sie zu gestalten, nicht so überschätzen sollten.
Eingedenk dieser schmerzlichen Lehre, möchte ich jetzt die Grundsätze
darlegen, die die Ford-Administration bei ihrer Arbeit leiten:
- Die Menschenrechte sind ein legitimes internationales Anliegen und
sind in internationalen Abkommen seit über einer Generation so definiert
worden.
- Die Vereinigten Staaten werden die Sache der Menschenrechte in geeigneten internationalen Foren und im Meinungsaustausch mit anderen
Regierungen fördern.

Wir werden all unseren Einfluß nutzen, um ein humanes

Verhalten in und zwischen den Ländern zu unterstützen.
*

- Wir werden der Grenzen unserer Einflußmöglichkeiten eingedenk
bleiben; wir werden uns des Unterschieds zwischen öffentlichem Bekennermut
zur Befriedigung unserer Selbstachtung und einer auf positive Resultate
abzielenden Politik bewußt bleiben.
- Wir werden niemals vergessen, daß die Opfer unserer c ehler - unserer
Handlungen und Unterlassungen - Menschen sind, und daran müssen wir unser
Handeln letztlich messen.
Somit kehren wir also zu dem zentralen Problem von Mittel und Zweck
zurück. Wenn jede Nation auf der Welt auf die unverzügliche Verwirklichung
ihrer Werte, Hoffnungen und Wünsche drängt, dann wird ein ewiger Konflikt
unvermeidlich sein. Sind wir, wenn wir darauf beharren, daß andere alle
unsere moralischen Vorstellungen akzeptieren, dann auch bereit, unsere
militärische Macht zum Schutze derjenigen einzusetzen, die tun, was wir
fordern? Und wenn diejenigen, die unsere Vorstellungen ablehnen, keine
Unterstützung mehr von uns erhalten - was werden wir dann unternehmen, wenn
die Isolation dieser Regierungen Druck von außen oder Angriffe seitens
noch repressiverer Staaten hervorruft?
Dienen
- 18 -

�Dienen wir moralischen Zielen, wenn wir dadurch unsere eigene Sicherheit gefährden?

Wenn wir weltweite moralische Ansprüche mit Macht durch-

setzen, dann laden wir uns die Rolle des Weltpolizisten auf - eine Rolle,
die das amerikanische Volk in einem Jahrzehnt des Aufruhrs abgelehnt hat.
Wenn wir aber diese Ansprüche nicht durchsetzen, dann werden wir an Bedeutung und Glaubwürdigkeit verlieren; wir werden eine Politik um der
eigenen Genugtuung willen ohne jede Wirksamkeit und letztlich ohne jedes
Format betreiben.

Ist es moralischer, das Unerreichbare anzustreben und

es nicht zu erreichen, oder nur die Zusagen zu machen, von denen wir wissen,
daß wir sie auch einhalten können?
Für die Amerikaner von heute gibt es nichts Wesentlicheres als die
Notwendigkeit, sich über die unvermeidlichen und ausweichlichen Spannungen
klar zu werden zwischen unseren moralischen Zielen - die notwendigerweise
in globalen Begriffen dargelegt werden - und dem ständigen Gebot, zwischen
konkurrierenden Zielen zu wählen, das uns durch die Begrenztheit unserer
Mittel auferlegt ist. Die Gestaltung und Durchführung der Außenpolitik ist genau wie im Leben - ein ständiges Bemühen, das richtige Verhältnis zwischen
dem Erstrebenswerten und dem Erreichbaren zu finden -, zwischen dem
erstrebten Zweck und den angewandten Mitteln. Wir brauchen moralische
Stärke, um zwischen den sich anbietenden, oft quälenden Möglichkeiten auszuwählen, und eine ethische Zielsetzung, um zwischen den Untiefen schwieriger
Entscheidungen navigieren zu können. Aber wir benötigen genauso einen ausgereiften Sinn für die anzuwendenden Mittel, damit wir nicht Wunschdenken an
die Stelle des für den Fortbestand Erforderlichen setzen. Der letztliche
Prüfstein für die moralischen Grundlagen der Außenpolitik sind nicht nur
die Werte, die wir proklamieren, sondern auch die Dinge, die zu verwirklichen
wir bereit und fähig sind.
Ich habe das Dilemma einer moralischen Auswahl nicht erörtert, um
Resignation zu predigen, sondern um eine Botschaft der Hoffnung zu verkünden.

So sehr wir Amerikaner auch zur Selbstkasteiung neigen - vor allem

in Jahren, die durch vier teilbar sind (Wahljahren), so können wir doch
stolz

�»
i

stolz sind aufdie außenpolitischen Erfolge der letzten Jahre, Erfolge,die
sowohl auf moralischer als auch auf praktischer

Grundlage fußen:

- Wir haben den vorgefundenen Krieg beendet und den Frieden bewahrt,
- Wir haben unsere Partnerschaft mit den demokratischen Industrieländern und unseren Schwesterrepubliken in dieser Hemisphäre wieder aufgebaut und gestärkt.
-iWir haben neue Beziehungen zu unseren Gegnern angeknüpft.
- Wir haben damit begonnen,dem nuklearen Wettrüsten Einhalt zu gebieten,
- Wir haben dazu beigetragen, daß die Saat des Friedens im Nahen Osten
gelegt wurde, und wir haben den Prozess der Aussöhnung im südlichen Afrika
eingeleitet.
- Wir haben damit begonnen, eine umfassende Agenda für eine Zusammenarbeit zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern zu verwirklichen, um Armut, Unwissenheit, Krankheit, Not und Hunger zu bekämpfen.
- Wir haben in Zusammenarbeit mit anderen neue weltweite Aufgaben angepackt, die über Grenzen und Ideologien hinausreichen - nämlich die Probleme
der Umweltverschmutzung, der Beteiligung an den Ressourcen der Meere und
des technologischen Transfers.
- Wir haben unsere Werte und Interessen in aller Welt verteidigt.
Aber zwangsläufig ist eine ebenso große Liste unerledigt geblieben. Große
Möglichkeiten liegen noch vor uns:
- Die demokratischen Industrienationen können eine neue und dynamische
Periode der Kreativität in ihren Beziehungen zueinander einleiten und die
Grundlage für eine neue Einstellung gegenüber den Entwicklungsländern der
Welt schaffen.
Wir stehen vor der baldigen Möglichkeit, die strategischen Kernwaffenarsenale zu begrenzen und von dort aus zu einer Reduzierung dieser Waffen
zu gelangen.
- Wir

- 20 -

�- Wir können auf der vielversprechenden Grundlage der neuen Beziehungen zu der Volksrepublik China aufbauen.
- Wir haben die Möglichkeit, wichtige Fortschritte in Richtung auf
den Frieden im Nahen Osten zu erzielen, während wir gleichzeitig unsere
Verpflichtung für die Sicherheit und den Fortbestand Israels bekräftigen.
- Wir können dazu beitragen, daß die Völker Afrikas nach Versöhnung,
menschlicher Gerechtigkeit und Entwicklung streben statt nach Gewalt und Hass.
- Wir können dafür sorgen, daß das Atom zum Segen der Menschheit und
nicht zu deren Vernichtung benutzt wird.
- Die Entwicklungsländer können echte

Partner innerhalb der inter-

nationalen Gemeinschaft werden.
- Alle Länder können zusammenarbeiten, um eine weltweite Gemeinschaft
sowohl auf dem Lande als auch im weiten Bereich der Ozeane zu gestalten.
Bei der Verfolgung dieser Ziele müssen wir den Mut haben, uns der
Kompliziertheit zu stellen, und die innere Festigkeit besitzen, auch mit
nuklearen Situationen fertig zu werden. Wir müssen bereit sein, bequeme
Schlagworte zu durchschauen und zu erkennen,daß große Ziele nur mit Geduld
und oft nur Schritt für Schritt erreicht werden können. Eine Welt der
Unruhe und der Gefahr schreit förmlich nach klarer Gliederung und Führung.
Die heutige Zeit verlangt ein beständiges,entschlossenes, zielstrebiges
und selbstbewußtes Amerika. Das erfordert Vertrauen - das Vertrauen der
Führung in die eigenen Werte, das Vertrauen der Öffentlichkeit in ih^e
Regierung und das kollektive Vertrauen der Nation in den Wert ihrer Z'ele.
Es ist an der Zeit, uns daran zu erinnern, daß - wenn wir auch hinsichtlich
der Mittel nicht einer Meinung sein mögen - wir doch als Amerikaner alle
den gleichen Traum haben: Frieden, Prosperität und Gerechtigkeit in unserem
Lande und überall auf der Welt.
Vor vielen Jahren stellte Abraham Lincoln fest, daß kein Land auf Dauer
"halb als Sklave und halb als freier Mensch" leben könne, und damit rührte
er an das Gewissen der Nation.

Heute rufen die Menschen in aller Welt
laut
- 21 -

�I
laut nach Freiheit, Würde und Respektierung, und sie blicken voller
Hoffnung und Sehnsucht auf Amerika, denn wir haben an das Gewissen der
ganzen Menschheit gerührt.

Wenn wir an unseren Idealen festhalten,

wenn wir unsere Ziele hoch ansetzen, aber ohne Selbstgefaeiligkeit, dann
werden die nach uns kommen den Generationen zumindest einmal sagen können,
daß kein Mensch Sklave und kein Mensch Herr ist.

+ + +

- 22 -

�</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

27. Oktober 1982

42

INHALT

WIRTSCHAFT
Malcolm Baldrige zum amerikanisch-europäischen Stahl abkommen
- Erklärung des amerikanischen Handelsministers US-Währungsexperte sieht keine Krise im internationalen Bankensystem

HINTERGRUNDMATERIAL
Rostow: Landgestützte Raketen bewirken politische Instabilität
USA drängen auf Stärkung der COCOM-Exportkontrollen
- Von unserem Korrespondenten Elez Biberaj 300 Jahre deutsche Siedlungsarbeit in Amerika
- Gemeinsame Resolution des US-Kongresses -

BEILAGE
SONDERDIENST
Mittelamerika: Der Weg zum Frieden
- Von Thomas 0. Enders -

Um Übcr/cndung von
ßclcgcxcmplorcn
wird t)cbctcn

Postfach 20 03 00
D 5300 B o n n 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�42

27. Oktober 1982

MALCOLM BALDRIGE ZUM AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN STAHLABKOMMEN
- Erklärung des amerikanischen Handelsministers -

WASHINGTON - (AD) - Im Gegenzug zu freiwilligen Verminderungen der
europäischen Stahlexporte in die Vereinigten Staaten haben sich die amerikanischen Stahl firmen bereiterklärt, ihre Klage gegen 40 europäische Stahlwerke fallenzulassen.

Dies teilte Malcolm Baldrige, der Handelsminister

der Vereinigten Staaten, am 21. Oktober 1982 mit.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Wie der Präsident heute morgen angekündigt hat, haben wir mit Erfolg
die Rücknahme der Ausgleichszoll- und Dumpingklage der amerikanischen Stahlindustrie gegen rund 40 europäische Firmen ausgehandelt.

Der Widerruf kam

nach schwierigen, monatelangen Verhandlungen, die als Resultat ein Abkommen
gemäß unserer Handelsgesetze für Stahl erbrachten, dem beide Parteien den
Vorzug vor einer Fortführung der Klage geben.

Die Vereinbarungen decken über

90 Prozent der europäischen Stahlexporte in die Vereinigten Staaten ab.
Diese Lösung hat viele Vorzüge.

Erstens wird sie eine Hilfe für die

Beschäftigungslage in der amerikanischen Stahlindustrie sein, die ernsthaft

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�die ernsthaft geschädigt worden war.

Zweitens wird sie die subventionierte

Ausfuhr der Arbeitslosigkeit bei der europäischen Stahlindustrie in unser
Land beenden.

Schließlich beseitigt sie die größten Reibungen zwischen den

Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft und zeigt, daß wir in
einer Atmosphäre der Zusammenarbeit, des gegenseitigen Verständnisses und
der Freundschaft gemeinsam auf eine gütliche Lösung schwieriger Streitfälle
hinarbeiten können.

Die europäische Einigkeit wurde durch die Beteiligung

der Bundesrepublik Deutschland, Luxemburgs und der Niederlande an dieser Vereinbarung gestärkt, da es in diesen Ländern nur wenig oder gar keine Subventionen gibt.
Die größten Produzenten der amerikanischen Stahlindustrie haben uns
alle darüber informiert, daß diese Regelung es ihnen erlaubt, ihre Klage zurückzuziehen.
Spezialstähle, die etwa fünf Prozent des Gesamtvolumens ausmachen, wurden in die Vereinbarungen nicht mit einbezogen, da die meisten dieser Firmen
ihre Klagen gemäß Abschnitt 310 des Handelsgesetzes von 1974 eingebracht haben, was bedeutet, daß separate Vereinbarungen erreicht werden müssen. Die
Administration ist tief besorgt über den bedrängten Zustand der amerikanischen
Industrie für SpezialStähle. Die von dieser Industrie eingebrachten Antidumping- und Ausgleichszollklagen und Klagen, die noch folgen mögen, werden
verfolgt werden, außer wenn diese Fälle zurückgezogen werden. Und ich weiß,
daß Botschafter William Brock (der amerikanische Sonderbeauftragte für Handel sverhandlungen) dasselbe bei dem gemäß Abschnitt 301 eingebrachten Petitionen der Industrie für Spezialstähle tut.
Die Regelungen, die heute verkündet wurden, werden der Stahlindustrie
helfen, auch wenn sie sicherlich nicht die Antwort auf alle Probleme dieser
Industrie sind. Anstiege der Produktivität haben nicht mit den Lohnerhöhungen Schritt gehalten und die Programme der Unternehmensmodernisierung müssen
fortgesetzt werden.
Dies war

�Dies war ein langer, beschwerlicher Weg. Alle Parteien haben hart dafür gearbeitet, daß dieses Abkommen erzielt wurde. Ober 70 Personen in diesem Ministerium allein haben sich zehn Monate lang nur mit diesen Fällen beschäftigt, und ich möchte diese Gelegenheit benutzen, ihnen für ihre Pflichterfüllung zu danken.

- 3 -

�Oktober 1982

US-WÄHRUNGSEXPERTE SIEHT KEINE KRISE IM INTERNATIONALEN BANKENSYSTEM

WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für Währungsfragen im amerikanischen Finanzministerium, Beryl Sprinkel, hat nachdrücklich bestritten, daß
das internationale Bankensystem in einer Krise stecke oder eine solche bevorstehe.

In einer Ansprache auf einer amerikanischen Börsenkonferenz in

Washington am 20. Oktober 1982 wandte sich Sprinkel ferner gegen eine zu große
Quotenerhöhung im Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie gegen eine Politik
der aktiven Intervention auf den Devisenmärkten.
Nachfolgend die wesentlichen Auszüge aus der Ansprache des amerikanischen
Staatssekretärs:
Die marktorientierte Einstellung der Reagan-Administration zu internationalen Währungsfragen hat eine recht bemerkenswerte Abkehr von der früheren
amerikanischen Politik gebracht und hat sich gelegentlich von der derzeitigen
Politik einiger unserer Verbündeter unterschieden.

Eine solch tiefgreifende

Veränderung vorzunehmen ist in vieler Hinsicht schwierig - es erfordert Entschlossenheit, sie in die Tat umzusetzen; Glaubwürdigkeit, um sie durchführbar zu machen; und eine aufnahmebereite und kooperative Haltung seitens unserer Verbündeten, um Mißverständnisse hinsichtlich unserer Methoden und Ziele
zu vermeiden...
Glücklicherweise sind

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Telex: 8-85432

�Glücklicherweise sind jetzt zu unseren guten Absichten die entsprechende Beharrlichkeit und deutliche Leistung gekommen.

Die Inflation der Ver-

braucherpreise beläuft sich bisher in diesem Jahr nur auf eine Jahresrate
von 5,1 Prozent, und wir erwarten ohne weiteres, daß sich diese Leistung auch
im kommenden Jahr halten läßt.

Die Zinssätze für kurzfristiges Geld sind au-

genfällig von ihren Höchstsätzen heruntergekommen, und die Zinssätze für langfristiges Geld folgen jetzt diesem Abwärtstrend, da sich die längerfristigen
Inflationserwartungen von Verleihern und Leihern der Realität unserer Zusage
und unseres Erfolges anpassen.

Eine Arbeitslosenrate von über 10 Prozent

ist sicherlich ein hoher Preis dafür, wie man die Dinge auch betrachtet - im
Sinne verlorener Arbeitsplätze, verlorener Produktion und der Bedrängnis für
Familien und Unternehmen im ganzen Lande...
Wenn wir jetzt beginnen, eine Bilanz zu ziehen, was es uns gekostet
hat, die Inflation unter Kontrolle zu bekommen, dann dürfen wir nicht vergessen, warum wir das alles getan haben. Wir dürfen nicht vergessen, welche
Dringlichkeit das amerikanische Volk und unsere Verbündeten noch vor zwei Jahren der Aufgabe beimaßen, die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten zu
senken. Wir haben alle die Stagflationären Folgen der früheren Wirtschaftspolitik erlebt. Die Sparrate war rückläufig, die Investitionstätigkeit stagnierte, der Produktivitätszuwachs verlangsamte sich und die Arbeitslosenrate
ging nach oben. Man erkannte in weiten Kreisen die Gefahr, die eine chronische Inflation für die amerikanische Wirtschaft darstellen würde, und man
war sich weithin darüber einig, daß die Kontrolle der Inflation die Kosten
wert wäre und die oberste Priorität erhalten sollte. Die Kosten waren hoch
- höher als notwendig - aber die Erfolge waren auch bedeutsam und werden im
Laufe der Zeit immer größer werden. Nachdem wir nun schon den Preis gezahlt
haben, wäre es eine Schande, wenn wir jetzt den Rückzug antreten würden und
das bereits gewonnene Gelände in Zukunft erneut erobern müßten.

Aber das ist genau das, was einige Beobachter jetzt vorschlagen - eine
Politik des rascheren Geldmengenwachstums, um den wirtschaftlichen Wiederaufschwung anzuregen.

In Erwiderung darauf kann ich nur wiederum auf den hohen

Preis hinweisen, den wir bereits bezahlt haben, um das Maß an Preisstabilität

�an Preisstabilitä't zu erreichen, das wir heute haben.

Wenn wir die Schleusen

der Inflation wieder öffnen würden, dann wäre die Glaubwürdigkeit der Antiinflationspolitik irreparabel angeschlagen, und die Kosten, die Inflation jemals wieder unter Kontrolle zu bringen, würden unsere jüngsten Erfahrungen
zu einem Kinderspiel machen...
Unser Erfolg bei der Senkung der Inflationsraten und Zinssätze bringt
bedeutsame Vorteile für die internationale Arena mit sich.

Die direkten Vor-

teile liegen auf der Hand - niedrigere Dollarkreditkosten für alle Kreditnehmer auf internationalen Finanzmärkten, einschließlich der Kreditnehmer aus
Entwicklungsländern, und Beseitigung einer der Ursachen für den Aufwärtsdruck
der Zinssätze in anderen Ländern.

Beides trägt zur Stärkung der Aussichten

der Weltwirtschaft bei.
Fallende amerikanische Zinssätze bringen aber auch noch einen wichtigen
indirekten Nutzen mit sich.

So wie unsere Zinssätze in den letzten Monaten

gesunken sind, so sind die ausländischen Zinssätze nicht annähernd so gesunken.

Gleichzeitig blieb der Kurs des amerikanischen Dollar an den Devisen-

märkten sehr stark, trotz der Bewegung der Zinssatzdifferenzen gegenüber
Dollarguthaben.

Diese Ereignisse bestätigen eine Botschaft, die wir schon

seit einiger Zeit begreiflich machen wollen.

Während hohe amerikanische Zins-

sätze eine ziemlich negative Auswirkung auf andere Länder gehabt und zu einer
ohnehin schwierigen Weltlage beigetragen haben, sind doch die Probleme einer
jeden unserer Volkswirtschaften in erster Linie ein Ergebnis unserer jeweiligen Strukturprobleme, der Wirtschaftspolitik und des Standes der Wirtschaftstätigkeit im eigenen Lande.

Wir bedauern die zusätzlichen Probleme, die der

Umstellungsprozeß in den Vereinigten Staaten unseren Verbündeten bereitet hat,
und wir haben alles in unseren Kräften Stehende getan, um diese Periode der
Anpassung so rasch wie möglich hinter uns zu bringen.

Aber wir waren schon

immer der Meinung, daß alle unsere Regierungen besser daran wären, wenn sie
die Antworten innerhalb und nicht außerhalb ihrer eigenen Volkswirtschaften
suchen würden...
Wechsel kurspolitik
- 3 -

�Wechsel kurspolitik
Wenn mein Name mit irgendeinem Problem im internationalen Bereich in
Verbindung gebracht wird, dann darf ich davon ausgehen, daß es sich um die
amerikanische Wechsel kurspolitik handelt.

Zum Zeitpunkt, als diese Administra-

tion ihr Amt übernahm, verfolgte die amerikanische Regierung eine Politik der
häufigen großangelegten Intervention auf den Devisenmärkten.

Während der

letzten sechs Monate der vorigen Administration kauften die Vereinigten Staaten den Gegenwert von fast acht Milliarden Dollar an ausländischen Währungen
an, und in den ersten Wochen der Reagan-Administration wurde für weitere 600
Millionen Dollar angekauft.
An diesem Punkt haben wir eine "Auszeit" gefordert, um unsere Interventionspolitik zu überprüfen.

Als Ergebnis dieser Überprüfung richteten

wir unsere gegenwärtige Politik der Minimalintervention ein - d.h. wir intervenieren nur, wenn es notwendig ist, um eine ernsthafte Unordnung der Devisenmärkte zu verhindern.

Die den amerikanischen Interventionsoperationen zu-

grunde liegende Maxime bleibt die gleiche

wie während der gesamten Periode

der floatenden Wechselkurse - d.h. wir stehen bereit, in Erfüllung von Artikel IV des IWF-Abkommens zu intervenieren, um unordentliche Marktverhältnisse zu verhindern.

Aber die Anwendung dieser Politik hat sich wesentlich

geändert.
Diese Änderung hat im Ausland Kontroversen ausgelöst, vor allem in den
ersten Stadien. Als sich ihre Währungen gegenüber dem Dollar abschwächten,
baten uns einige unserer Wirtschaftspartner, uns die Sache noch einmal zu
überlegen und sich ihnen in der Politik der massiven Intervention zum Schutz
ihrer Währungen anzuschließen. Ein sogar noch weitergehendes Argument basierte auf Befürchtungen hinsichtlich der Unbeständigkeit der Kurse. Man behauptete, daß eine aktivere Einstellung der Vereinigten Staaten zur Intervention
den Umfang und das Tempo kurzfristiger Wechselkursbewegungen verringern würde.
Unsere Antwort war, daß wir die Lehren aus den früheren Erfahrungen
mit der Intervention nicht in den Wind schlagen konnten.
- 4 -

Intervention kann

�Intervention kann gelegentlich eine Rolle spielen, wenn es um ernsthafte
Episoden der Marktunordnung geht.

Aber unsere Erkenntnisse aus der jüngsten

Entwicklung besagen, daß eine aktivere Interventionspolitik - eine Politik,
die auf die Fixierung oder Manipulation der Wechselkurse abzielt - wohl kaum
Erfolg hat.
Wir räumen ein, daß es noch immer Meinungsverschiedenheiten bezüglich
der Wirksamkeit der Intervention gibt.

Aus diesem Grunde haben wir auf dem

Wirtschaftsgipfel vorgeschlagen, daß eine gründliche internationale Studie
über die Auswirkungen der Intervention
genheit erstellt werden sollte.

auf den Devisenmärkten in der Vergan-

Diese Studie wird gegenwärtig unter den Auspi-

zien einer von den nationalen Regierungen ernannten Expertengruppe durchgeführt.

Sie ist beauftragt, die Beweise und die kollektiven Erfahrungen über

die negativen und positiven Auswirkungen der Intervention zusammenzutragen
und den Ministern einen Bericht vorzulegen.

Ihr Bericht soll nicht dazu die-

nen, zu diktieren oder zu verordnen, wie die künftigen Interventionspolitiken
der beteiligten Länder aussehen sollen - er ist vielmehr als ein Beitrag zu
den anhaltenden Diskussionen dieses Themas auf politischer Ebene gedacht.

Die gegenwärtige finanzielle Herausforderung
Während der letzten zwei Monate waren die Zeitungen voll von düsteren
und schrecklichen Berichten über die Aussichten des internationalen Bankensystems.

Sehr viel ist geschrieben und gesagt worden über die Möglichkeit

einer weitverbreiteten Rückzahlungsunfähigkeit von Krediten, die einen Zusammenbruch des Bankensystems auslösen würde.
Belastungen gegeben, und es besteht Anlaß zu

Es hat ohne Zweifel schwere
Besorgnis, aber nach meiner Mei-

nung wird in vielen Kommentaren die Gefahr übertrieben.

Wir stecken nicht

in einer Krise, und wir glauben auch nicht, daß eine Krise unmittelbar bevorsteht.

Das Bankensystem ist widerstandsfähig und in der Lage, mit solchen

Herausforderungen fertig zu werden.
Die Situation

�Die Situation in Mexiko ist zwar noch nicht beigelegt, aber die rasche
und wirksame Reaktion führender privater und amtlicher Kreise zeigt die Fähigkeit des Finanzsystems, mit sehr schwierigen Situationen fertig zu werden.
Allgemeiner gesprochen, die Kreditnehmerländer zeigen eine größere Bereitschaft,
Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen.

Wenn man, wie ich, davon ausgeht, daß wir

all unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten erfolgreich überwinden werden, dann
kann man daraus eine wertvolle Lehre ziehen.

Um ihre Kreditwürdigkeit zu

erhalten, müssen Kreditnehmerländer sicherstellen, daß sie in Zukunft größeren
Wert auf Zahlungsbilanzanpassungen legen und eine diszipliniertere Wirtschaftspolitik verfolgen.

Die Kreditgeber werden dazu beitragen, daß dies geschieht,

wenn sie bei ihren Kreditentscheidungen größere Vorsicht und Umsicht walten
lassen.
Auf der anderen Seite bin ich der Auffassung, daß es etwas Positives
ist, wenn die Kreditgeber sich der Gefahren stärker bewußt geworden sind, dem
"Herdentrieb" zu unterliegen, der leicht dazu führt, in guten Zeiten überoptimistische Verleihtätigkeit zu veranlassen und überschnelle Vorsicht, wenn
die Zeiten schlecht werden.

Verantwortungsbewußte Eigeninteresse setzt vor-

aus, daß Kreditgeber gut daran tun, in ihrer Kreditgewährung zu allen Zeiten
eine normale Vorsicht walten zu lassen und sicherzustellen, daß ihre Erträge
ein genaues Spiegelbild ihrer Risiken sind.

Der Internationale Währungsfonds
Irgendwie ist zu Anfang dieser Administration in der öfentlichkeit die
Vorstellung aufgetaucht, wir lehnten den Internationalen Währungsfonds (IWF)
ab.

Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen.

Es ist richtig, daß wir be-

trächtliche Zeit und Mühe aufwandten, um Mittel und Wege zu prüfen, um den
IWF wirkungsvoller zu gestalten.

Aber der Grund dafür lag darin,daß wir der

grundsätzlichen Überzeugung sind, daß er eine wesentliche und erfolgreiche
Komponente des internationalen Währungssystems ist...
Angesichts des

�Angesichts des großen Finanzierungsbedarfs von Zahlungsbilanzdefiziten
vieler Länder und der vielen Belastungen des Finanzsystems werden die Mittel
des IWF ausgeweitet werden müssen. Eine zu große Erhöhung der Quoten würde
jedoch den Fonds unter Druck setzen, seine Konditionen abzuschwächen, und
drohen, den IWF von einer Währungseinrichtung in eine Entwicklungsbank zu
verwandeln - und damit möglicherweise in einen Motor der Weltinflation. Die
Vereinigten Staaten unterstützen eine angemessene Quotenerhöhung im IWF bei
den gegenwärtigen Verhandlungen: eine Erhöhung, die den Fonds in die Lage
versetzt, den derzeitigen Zahlungsbilanzfinanzierungsbedarf seiner Mitglieder
unter normalen Bedingungen zu decken...
Darüber hinaus haben wir, als eine Ergänzung zur Quotenerhöhung, den
Gedanken einer neuen ständigen Kreditvereinbarung im IWF ins Spiel gebracht,
die dazu dienen soll, den Fonds mit einer Bereitschaftskreditlinie auszustatten, um mit außergewöhnlichen Umständen fertig werden zu können, die das internationale Währungssystem ernsthaft bedrohen könnten. Es sind gewisse Befürchtungen aufgetaucht, daß wir diesen Vorschlag als Ablenkungstaktik benutzen könnten, um die vorgesehene Quotenerhöhung hinauszuzögern oder zu verringern. Deshalb möchte ich ganz klar machen, daß wir an eine Fazilität denken,
die, wenn sie eingeführt wird, eine zusätzliche Sache und kein Ersatz für eine
ausreichende Quotenerhöhung wäre...

- 7 -

�42

27. Oktober 1982

ROSTOW: LANDGESTÜTZTE RAKETEN BEWIRKEN POLITISCHE INSTABILITÄT

DEN HAAG - (AD) - Der Direktor des amerikanischen Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Eugene Rostow, der eine Reihe westeuropäischer
Länder, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, besuchte, erklärte am
20. Oktober 1982 vor der Presse in Den Haag, die Zusammensetzung des sowjetischen Waffenarsenals und der Stand des nuklearen Kräfteverhältnisses zwischen den USA und der Sowjetunion verursachten "eine tiefgreifende Änderung
in der Politik Westeuropas und Amerikas". Auf die schwebenden amerikanischsowjetischen Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme (INF) eingehend sagte Rostow: "Wir sind der Auffassung, und wir sind nach zehnmonatigen Erfahrungen bei den INF-Verhandlungen mehr denn je überzeugt, daß die
landgestützten Raketen wegen ihrer Zerstörungskraft, ihrer Geschwindigkeit,
ihrer Unverwundbarkeit durch die Abwehr und natürlich - im sowjetischen Falle ihrer großen Zahl ein besonderes Problem für die politische Instabilität darstellen."
Rostow fügte hinzu, daß gerade die Zahl der sowjetischen Raketen im Verhältnis zu irgendeiner

vergleichbaren amerikanischen Waffe die ersteren zu

einem "Instrument des politischen Zwangs und der politischen Drohung" mache.
Auf die Frage nach den Gründen für seine Besorgnis - nachdem die Europäer

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�die Europäer 20 Jahre mit Raketen vom Typ SS-4 und SS-5 gelebt hätten - wies
Rostow auf die große Mobilität der neuen SS-20, ihre große Zahl und auf ihre
sehr viel größere Zerstörungskraft hin.

"Es sind vor allem die Zahl wie auch

die technischen Eigenschaften der Waffe, die sie zu einer so schwerwiegenden
militärischen und politischen Macht werden lassen."
Auf die Frage, warum die britischen und französischen Raketen nicht in
die INF-Verhandlungen aufgenommen würden, erklärte Rostow, dies sei nicht möglich, da diese Raketen für einen völlig anderen Zweck vorgesehen seien und
letztlich Instrumente der nationalen Sicherheit dieser Länder seien.

Sie

unterstünden weder der NATO-Kontrolle noch der amerikanischen Kontrolle und
stellten Garanten der Souveränität Großbritanniens und Frankreichs dar.

"Sie

stellen", so fuhr Rostow fort, "in keiner Weise eine Bedrohung der Sowjetunion
dar".

Im übrigen habe die Sowjetunion kein Recht, für sich das Privileg zu

fordern, gleichstarke Streitkräfte zu besitzen, wie alle anderen Länder zusammen.

Wer dies fordere, "fordert das Recht, über alle anderen zu herrschen".

Das Ziel des amerikanisch-sowjetischen Gleichgewichts wäre nach Auffassung Rostows, wenn es erzielt wird, "ein gewaltiger Beitrag zur Stabilität
der Weltpolitik, und das ist unser Ziel bei den Verhandlungen", so betonte er.
Als der Direktor des Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung nach den
Friedensbewegungen in Westeuropa gefragt wurde, erwiderte er, er teile die Besorgnisse Präsident Reagans. "Ich glaube, wir teilen die Prämissen dieser Bewegungen", so erklärte Rostow, "wenn es um den Schrecken eines Atomkrieges
und den ernsthaften Wunsch nach Verhütung eines Atomkrieges geht. Wir sind
jedoch der Meinung, daß die angewandten Methoden, die vorgeschlagenen Methoden - wie etwa einseitige Abrüstung und Einfrieren auf dem heutigen Stand nicht geeignet sind, um diese Ziele zu erreichen, sondern nur das sowjetische
Machtstreben weiter zu ermutigen und zu verewigen." Solche Demonstrationen
regten zwar die Debatte über diese unendlich wichtigen Probleme an, "aber wir
stimmen nicht mit den Heilmitteln überein, die da vorgeschlagen werden."
+ + + + +

- 2-

�27. Oktober 1982

42

USA DRÄNGEN AUF STÄRKUNG DER COCOM-EXPORTKONTROLLEN
Von unserem Korrespondenten Elez Biberaj

WASHINGTON - (AD) - In einem Versuch, das Problem des wachsenden Abflusses westlicher Technologie in den Griff zu bekommen, drängt die ReaganAdministration ihre Verbündeten, ihre Exportkontrollpolitik gegenüber der
Sowjetunion zu verstärken.

Durchlässige Stellen dieser Art könnten, wie aus

amerikanischen Regierungskreisen verlautet, die Verteidigungsindustrie und
die Militärkapazitäten der UdSSR verbessern und damit eine Bedrohung der
Weltsicherheit darstellen.
Das Thema multilateraler Exportkontrollen wurde auf einem Treffen des
Koordinierungskomitees für den Ost-West-Handel (COCOM) vom 4. bis 5. Oktober
1982 in Paris von den Delegationen der Vereinigten Staaten, Westeuropas und
Japans behandelt.

Das Treffen signalisierte den Beginn einer wahrscheinlich

einjährigen Überprüfung der COCOM-Liste für Produkte und Technologie, die
mit einem Embargo belegt sind.
COCOM ist eine informelle Organisation, der die NATO-Mitglieder - außer
Island - und Japan angehören.

Das Komitee wurde 1949 gegründet, um die natio-

nalen Exportkontrollen für strategische Güter in Staaten des Ostblocks zu

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Ostblocks zu koordinieren.

Es basiert weder auf einem formellen Vertrag

noch einem Regierungsabkommen und hat auch keine formelle Beziehung zur NATO
oder zu anderen Organisationen.

Es arbeitet gemäß einer freiwilligen Absprache

der Mitgliedstaaten und Entscheidungen werden stets einstimmig getroffen.

Die

Liste der Güter wird alle drei Jahre einer Oberprüfung unterzogen.
Seit Amtsantritt der Reagan-Administration haben die Vereinigten Staaten
ihre Untersuchung der Problematik eines Technologietransfers in die Sowjetunion
und in die mit ihr verbündeten Staaten des Warschauer Paktes verstärkt und
ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, daß wegen der "gähnenden Löcher"
in der derzeitigen COCOM-Struktur durchlässige Stellen in großem Umfang vorhanden sind.

Auf dem Wirtschaftsgipfel in Ottawa im Juli 1981 forderte Prä-

sident Reagan eine Verstärkung der multilateralen Kontrollen bei kritischer
Technologie und Ausrüstung.

Es wurde ein Obereinkommen darüber erzielt, die

bestehenden Kontrollen zu überprüfen; außerdem wurde im Januar 1982 das erste
COCOM-Treffen auf Ministerebene seit Ende der fünfziger Jahre abgehalten.
"Wichtige Fortschritte sind gemacht worden.

Nunmehr gibt es seitens

unserer COCOM-Partner eine politische Verpflichtung, die als Grundlage dafür
dienen wird, die internationalen Kontrollanstrengungen zu stärken und auf kritische Technologien und Ausrüstung zu konzentrieren", erklärte Lawrence Brady,
Unterstaatssekretär im Handelsministerium.
Die Reagan-Administration bemüht sich um größere Anstrengungen der
COCOM-Mitgliedstaaten bei Exportkontrollen. Hauptziel der Vereinigten Staaten
bei der derzeitigen Überprüfung der COCOM-Liste ist es, wirklich sicherzustellen, daß militärisch wichtige Ausrüstungsgüter und Technologien auf die
Embargoliste gelangen, während umgekehrt Exportgüter von der Liste gestrichen
werden sollen, die nicht länger mehr als sensitiv angesehen werden. Dabei
wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, es könne bereits in naher Zukunft bei
diesen Fragen ein Konsens zwischen den COCOM-Mitgliedern erzielt werden.
Zwar stellten amerikanische Regierungsstellen fest, daß die nationalen
Kontrollen bei diesen Gütern in den vergangenen Jahren "recht wirkungsvoll"
- 2 -

�"recht wirkungsvoll" gewesen seien, es wurde jedoch gleichzeitig der Besorgnis
Ausdruck verliehen, daß die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer
Pakt an Ausrüstung und Technologie von militärischer und strategischer Bedeutung herangekommen seien, indem Exportkontrollen verletzt wurden oder weil
derzeit manche dieser Güter überhaupt nicht kontrolliert werden.
Im Verlauf einer Anhörung vor einem Untersuchungsausschuß des Senats
erklärte Brady am 12. Mai 1982, daß aufgrund der "kurzsichtigen" Lizenzpolitik der Entspannungsära die Sowjetunion und ihre Verbündeten "Erfahrung in
den Bereichen Elektronik, Computerwissenschaft, Produktionstechniken, Luftfahrt und einer ganzen Reihe anderer Bereiche sammelten, die von unschätzbarem Wert für ihr Militär - und deshalb ein ungeheurer Schaden für unsere
eigenen Interessen sind..."
über drei Jahrzehnte lang haben die Vereinigten Staaten Exportkontrollen
gegenüber den kommunistischen Staaten durchgeführt, um sicherzustellen, daß
diese Exporte nicht die nationale Sicherheit und die außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten beträchtlich schädigen oder den Preis und die
Verfügbarkeit von solchen Rohstoffen nicht negativ beeinflussen, die es nur
in geringer Menge gibt.
Ende der vierziger Jahre führten die Vereinigten Staaten zum erstenmal
Exportkontrollen gegen die Sowjetunion und andere kommunistische Staaten einim Anschluß an eine Periode sowjetischer Expansion im östlichen Mitteleuropa.
1949 verabschiedete der amerikanische Kongreß das Exportkontrollgesetz, das
die Ausfuhr aller Güter verbot, die eine Bedrohung der nationalen Sicherheit
darstellten.
Danach wurden die amerikanischen Exportkontrollen im dem Maß modifiziert, in dem sie gewandelte Vorstellungen von den Bedürfnissen der nationalen
Sicherheit widerspiegelten, wobei sie mehr oder minder restriktiv waren in dem
Maß, in dem die Beziehungen zum Sowjetblock Perioden der Konfrontation und
der verstärkten Zusammenarbeit erlebten.
Während der
- 3 -

�Während der siebziger Jahre gab es Erleichterungen bei den amerikanischen
Exportkontrollen für den nationalen Sicherheitsbereich sowie bei den C0C0MVerfahren, verfolgten doch die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten gegenüber der Sowjetunion eine Politik der Entspannung. Der Handel
mit der UdSSR belebte sich unter der Annahme, daß verstärkte Handelsbeziehungen die Sowjetunion dazu bringen könnten, ihr Verhalten sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene zu mäßigen.
Indessen brachten verstärkte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und
West die Sowjetunion nicht von ihrem Abenteurertum ab, wie dies durch den Einsatz kubanischer Truppen in Afrika durch Moskau und durch die sowjetische Invasion in Afghanistan bewiesen wurde. Zugleich wurde deutlich, daß die Sowjetunion den Handel mit dem Westen dazu nützte, ihre militärischen Kapazitäten
zu verstärken.
Im Gefolge der sowjetischen Invasion Afghanistans waren die Vereinigten
Staaten darum bemüht, Exportkontrollen bei Gütern, die für die nationale
Sicherheit von Bedeutung waren, zu verstärken und ihren Verkauf an die Sowjetunion einzuschränken.
Gemäß dem Exportgesetz von 1979 und der hierdurch dem Präsidenten zugewiesenen Vollmacht, kontrolliert das amerikanische Handelsministerium den
Export strategischer Güter und technischer Daten.
Dieses Exportgesetz sieht die Kontrolle für strategische Güter und Technologie vor, die "einen bedeutsamen Beitrag zum militärischen Potential eines
anderen Landes oder einer Vereinigung von Ländern leisten und die sich als
schädlich für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten erweisen würden."
Die vom Handelsministerium kontrollierten strategischen Güter sind auf
der "Commodity Control List" (CCL) zusammengefaßt. Die meisten der Produkte,
die rein militärische Anwendung haben oder speziell für den militärischen Einsatz entworfen sind, tauchen auf der "U.S.-Munitions List" auf, die vom Außen- 4 -

�vom Außenministerium geführt wird.
Die meisten Exporte laufen unter der "allgemeinen Lizenz-Vollmacht", die
eine Ausfuhr erlaubt, ohne daß vom Exporteur verlangt wird, einen Lizenzantrag
zu stellen.

Güter, die auf der CCL-Liste stehen und einer förmlichen Erlaubnis

bedürfen, welche den Export eines bestimmten Produktes an einen namentlich genannten Empfänger in einem bestimmten Land und zu eindeutigem Gebrauch freigibt, fallen unter drei Kategorien:
- Güter, die potentiell beträchtlich zu den militärischen Kapazitäten eines
möglichen Gegners beitragen. Die meisten dieser Güter werden multilateral
durch COCOM kontrolliert. Einige wenige Produkte werden unilateral kontrolliert, weil sie entweder einzig in den Vereinigten Staaten zu haben sind oder
weil sie als besonders sensitiv angesehen werden und dadurch einer strengeren
Kontrolle bedürfen, als COCOM dies angemessen scheint.
- Objekte, die aus außenpolitischen Gründen einer Kontrolle unterliegen
wie etwa Geräte und Einrichtungen auf dem Nuklearsektor, kriminaltechnisches
Gerät; außerdem Kontrollen im Zusammenhang mit Gesetzgebungsvorbehalten im
Bereich der Menschenrechte, des internationalen Terrorismus und anderen Problemkreisen.
- Erdöl- und erdölbezogene Produkte, die aufgrund ihrer Knappheit kontrolliert werden.
Das Exportgesetz gibt dem Präsidenten die Vollmacht, "den Export aller
Güter oder Technologien zu verbieten oder zu beschneiden, die der Gesetzgebung
der Vereinigten Staaten unterliegen oder von einer Person exportiert werden,
die der Gesetzgebung der Vereinigten Staaten unterliegt." Die Formulierung
"Person, die der Gesetzgebung der Vereinigten Staaten unterliegt" soll alle
ausländischen Zweigstellen oder Tochterfirmen inländischer Konzerne einschließen,
die von diesen kontrolliert werden.
Am 29. Oktober

�Am 29. Oktober 1981 verhängte die Reagan-Administration Sanktionen
für den Export von Erdöl- und Erdgasausrüstung und entsprechender, fortschrittlicher Technologie in die Sowjetunion - in Reaktion auf die Rolle,
die die UdSSR bei der Verhä'ngung des Kriegsrechts in Polen gespielt hatte.
Zudem wurde die Lizenzerteilung bei kontrollierten Exporten in die Sowjetunion suspendiert.
Angesichts mangelnder echter Verbesserung der internen Lage Polens
weiteten die Vereinigten Staaten im Juni 1982 die Sanktionen aus und schlössen den Export von Ausrüstung und Technologien ein, die zwar ausländischen
Ursprungs sind, aber von Auslandsfirmen kommen, die amerikanischen Firmen ge
hören oder von ihnen kontrolliert werden, sowie ausländische Produkte, die
auf amerikanischer Technologie basieren, die einem Lizenz- oder Patentabkommen unterworfen sind. Die Reagan-Administration erklärte, daß diese Exportkontrollmaßnahmen notwendig seien, um die außenpolitischen Interessen der
Vereinigten Staaten zu fördern.

+ + + + +

�42

27. Oktober 1982

300 JAHRE DEUTSCHE SIEDLUNGSARBEIT IN AMERIKA
- Gemeinsame Resolution des US-Kongresses -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Kongreß hat eine gemeinsame Resolution verabschiedet, in der der Beginn deutscher Siedlungsarbeit in Amerika
vor 300 Jahren gewürdigt und das kommende Jahr zum Jahr des Gedenkens an dieses Ereignis proklamiert wird.
Die von beiden Häusern des Kongresses verabschiedete Resolution hat folgenden Wortlaut:

Gemeinsame Resolution
zur Proklamierung des Zeitraums 1. Januar 1983 - 31. Dezember 1983 zum Gedenkjahr des Beginns deutscher Siedlungsarbeit in Amerika vor 300 Jahren.
In Anbetracht der Tatsache, daß sich am 6. Oktober 1983 der Beginn deutscher Siedlungsarbeit in Amerika - und zwar in Philadelphia, Pennsylvania zum 300. Male jährt;
angesichts des'sen,

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�angesichts dessen, daß mit diesem Datum die unschätzbaren menschlichen,
wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Beiträge für dieses
Land seitens Millionen deutscher Einwanderer im Laufe der letzten drei Jahrhunderte begannen;
nachdem die Vereinigten Staaten von Amerika und die Bundesrepublik
Deutschland heute ihre enge Freundschaft fortführen, die auf den gemeinsamen
Werten der Demokratie, der garantierten Freiheit des Einzel menschen, der Duldung persönlicher Meinungsunterschiede und der Ablehnung des Totalitarismus
gründet, und
nachdem es angebracht ist, dieses historische Ereignis in einer Weise
zu begehen, die die deutsch-amerikanische Freundschaft würdigt und die demokratischen Werte, die uns verbinden, in den Mittelpunkt stellt, sei es vom
Senat und Repräsentantenhaus des hier versammelten Kongresses der Vereinigten
Staaten von Amerika beschlossen, daß der Zeitraum, der am 1. Januar 1983
beginnt und am 31. Dezember 1983 endet, hiermit zum Gedenkjahr des Beginns
deutscher Siedlungsarbeit in Amerika bestimmt wird und daß der Präsident ermächtigt und ersucht wird, eine Proklamation zu erlassen, in der die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aufgefordert wird, dieses Jahr mit angemessenen
Feiern und Aktivitäten zu begehen.
Als konkreten Beweis unserer Verpflichtung für ein dauerhaftes deutschamerikanisches Verhältnis und als feierlichen Auftakt dieses Gedenkjahres
unterstützen wir nachhaltig die Initiative des Präsidenten für den Jugendaustausch und insbesondere das Konzept eines deutsch-amerikanischen Schüleraustausches, wie er von den Mitgliedern des Kongresses der Vereinigten Staaten
und des Deutschen Bundestages gefördert wird, und sprechen uns mit Nachdruck
für einen Aufenthalt in Gastfamilien des jeweiligen Landes aus.

+ + + + +

- 2 -

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                    <text>27. Oktober 1982

MITTELAMERIKA: DER WEG ZUM FRIEDEN
- Von Thomas 0. Enders

Rede des Unterstaatssekretärs für
Interameri kanisehe Angelegenheiten
vor dem Commonwealth Club, San Franzisko,
am 20. August 1982

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�SAN FRANZISKO (AD) - Mit jeder neuen Krise zeigen sich die Hindernisse,
die einem Frieden in Mittelamerika entgegenstehen, mit verschärfter Deutlichkeit. In Mittelamerika gibt es - sowohl zwischen den einzelnen Staaten als
auch innerhalb dieser Staaten - tiefe politische Gräben. Gewaltige wirtschaftliche Schwierigkeiten erschüttern zusammen mit der weltweiten Rezession die
Volkswirtschaften, die schon durch die hohen ölpreise und durch interne Ineffizienz geschäwcht sind. Und zu Bruchstellen führen auch die sozialen Spannungen, wobei das Bevölkerungswachstum die öffentlichen Einrichtungen aufs
Höchste belastet und die Erwartungen der Öffentlichkeit weit über das hinausschießen, was aufgrund der historischen Gegebenheiten möglich ist.
Aber die gewaltsamen Verstrickungen, die schon so viele Menschenleben
gefordert haben, verweisen direkt auf zwei extreme Methoden zur Lösung dieser
Probleme.

Die eine ist die der gewaltsamen Rechten, nämlich die sozioökono-

mischem Probleme zu ignorieren und - sollte dies unmöglich sein - diejenigen
niederzuschießen, die die Botschaft der Verzweiflung überbringen.

Die andere

ist die der gewaltsamen Linken, nämlich die Ungerechtigkeiten übergroß darzustellen und Konfrontationen zu provozieren, damit ihr Vorgehen, sich den Weg
an die Macht frei zuschießen, den Anstrich des Vernünftigen erhält.
Die Hartnäckigkeit, mit der die extremistischen Minderheiten versuchen,
die Probleme der Region unter Einsatz von Gewalt zu lösen, beherrscht das Bild,
das die Welt draußen von Mittelamerika hat. Aber die Wirklichkeit Mittelamerikas in den vergangenen drei Jahren ist vielmehr die, daß erst die Rechte
und jetzt auch die Linke ständig an Boden bei jenen verlieren, die der Überzeugung sind, daß Demokratie und Herrschaft des Rechts - und nicht Gewalt - der
einzig mögliche Weg zum Fortschritt sind.
Ein Überblick

�Ein Überblick
Ich möchte in aller Kürze diesen Weg aufzeigen.

Er bietet eine Mög-

lichkeit für echte Chancen, die sich jetzt abzeichnen, um ein Ende der Gewalt
zu erreichen und Frieden zu schaffen.

Wir waren es gewohnt, Mittelamerika als

eine Häufung von verachtenswerten Diktaturen anzusehen.

Und nimmt man Costa

Ricas stabile Demokratie aus und akzeptiert das etwas grobe Stereotyp, dann
stimmte das ja auch.

Das bedeutet nicht, daß es kein wirtschaftliches Wachstum

oder sozialen Wandel gegeben hätte.

Ja, oft genug kam es zum Zusammenprall

zwischen kräftigem Wirtschaftswachstum und sozialem Wandel einerseits und starren, unbeweglichen und manchmal repressiven politischen Institutionen andererseits.
Die alte Ordnung zerbrach mit der Flucht Somozas im Juli 1979.
Jahre lang hatten die Somozas Nicaragua beherrscht.

über 40

Aber Schritt für Schritt

verlor das Regime an Unterstützung - durch die Kirche, die Presse, die Geschäftswelt, die freien Berufe.

Und viele der Söhne und Töchter dieser Schichten gin-

gen in die Berge oder auf die Straße, so daß das Regime zuletzt Krieg gegen
sein eigenes Volk führte.
Nur ein paar Monate später wurde das repressive Regime des General Romero
in El Salvador, das das Land seit den dreißiger Jahren beherrscht hatte und
letztes Glied in einer Reihe von Militärregierungen war, von einer Gruppe junger
Offiziere gestürzt, die sich zur Schaffung demokratischer Institutionen und
zur Reform des furchtbar ungerechten Systems des Landbesitzes verpflichtet
hatten.
Es ist eine der bedauerlichen Regeln der Geschichte, daß Extremismus
neuen Extremismus ausbrütet.

Statt in der Schwächung der traditionellen Dik-

taturen eine Möglichkeit zur Errichtung einer Demokratie zu sehen, steigerten
der Fall Somozas und die Probleme anderer etablierter Regierungen nur den
Appetit der Radikalen - mit Motivationen, die von der Utopie bis zum Zynismus
reichten.

In Nicaragua begann eine entschlossene Gruppe marxistisch-leni-

nistischer Ideologen,

mit kubanischer Hilfe ihr Machtmonopol zu konsolidie- 2 -

�zu konsolidieren und das größte militärische Machtinstrument in der Geschichte
Mittelamerikas aufzubauen.
In der Überzeugung, daß ihre eigene Macht nur durch die Installierung
ähnlicher Regierungen in Mittelamerika gesichert würde, verbanden sich Nicaraguas neue caudillos mit Kuba, um die gewaltsame Linke in El Salvador auszubilden und mit Material zu versorgen, unternahm diese doch den Versuch, die
Macht durch Ausnutzung jener Wirren zu ergreifen, die durch den Zusammenbruch
der traditionellen Ordnung und die Reformanstrengungen der neuen Regierung freigesetzt worden waren.
Die gewaltsame Linke Mittelamerikas stürmte die Bühne mit dem Anspruch,
die Geschichte selbst sei auf ihrer Seite.
tische Vorteile.

Diese Behauptung hatte zwei prak-

Der eine war psychologischer Natur.

Die Kombination von

Uninformiertheit und Abscheu, mit der die Welt draußen Mittelamerika betrachtete, ermöglichte es den hauptsächlich in den Künsten des Terrors ausgebildeten Männern und Frauen, sich selbst als Befreier darzustellen.
militärischer Natur.

Der andere war

Die Streitkräfte der Regierung waren sicherlich autori-

tär, aber sie waren zugleich auch schwach, an die Kasernen gebunden und auf
internationaler Ebene isoliert.

Von 1979 an wurden die Armeen Nicaraguas,

El Salvadors und Guatemalas von der amerikanischen Ausbildung und von amerikanischen Lieferungen abgeschnitten.
Rica über keine Armee.

Damals, genau wie heute, verfügte Costa

Im Gegensatz hierzu konnten sich die Guerillastreit-

kräfte auf örtliche Entfremdung, starke Unterstützung durch Kuba - bei Ausbildung, Waffen und Propaganda - sowie auf die Hilfe von Terroristen aus Südamerika und sogar aus dem Nahen Osten verlassen.
Die Ironie des Schicksals wollte es, daß diese Vorteile sich ins Gegenteil verkehrten.

Zu sehr davon überzeugt, daß ihre Sache bei der Öffentlichkeit

Anklang fände, und zu großes Vertrauen auf Waffenlieferungen von außen brachte
die Guerilla von El Salvador dazu, bei ihrer Strategie den militärischen Weg
einzuschlagen.

Im Frühjahr 1981 startete sie eine "Schlußoffensive", die

kläglich scheiterte.

Im März 1982 versuchte sie, Wahlen zu verhindern und pro-

vozierte stattdessen eine massive Wahlbeteiligung, durch die all das zurückge- 3 -

�das zurückgewiesen wurde, wofür die Guerilla stand.

Und wenn auch noch

immer ein großer Prozentsatz ihrer Mitglieder weiterkämpft, so hat sie sich
doch als eine destruktive Minderheit enthüllt, die von der salvadorianischen
Gesellschaft abgelehnt wird.
Ähnliche Fehleinschätzungen haben auch die Herrschaft der Sandinisten
in Nicaragua moralisch in Mißkredit gebracht.

Mit der Zeit stießen die San-

dinisten all diejenigen zur Seite, deren Opfer dazu beigetragen hatten,
Somoza zu Fall zu bringen - die freie Presse, die Kirche, die politischen
Parteien, die Gewerkschaften und den Privatsektor.

Rund 2000 Militär- und

Sicherheitsberater aus Kuba und aus dem Ostblock sind zur Führung des Regimes
gestoßen.

Die Enttäuschung macht sich inzwischen auch unter den Helden der

Sandinista - wie etwa bei Eden Pastora, dem "Commandante Cero" - breit, kommt
es doch nun sogar zu offener Unterdrückung der religiösen Führung und der
ethnischen Minderheiten - ausgerechnet jener Gruppen, deren Schutz das Wesen
des Pluralismus ausmacht.
holen.

Die Geschichte

fängt an, sich selbst zu wieder-

Wahlen wurden verschoben, immer häufiger kommt es zu Demonstrationen,

und einige Gruppen greifen sogar schon zu den Waffen.

Das neue Regime

Nicaraguas verwandelt sich in eine neue Diktatur, wiederum gestützt auf eine
privilegierte und bewaffnete Kaste.

Wie schon das Regime Somozas fängt auch

die jetzige Regierung Nicaraguas an, einen Krieg gegen ihr eigenes Volk zu beginnen.

Alternativen zur Gewalt
Dort, wo die gewalttätige Linke über den Isthmus hinwegstürmt, zieht
auch ihr

traditioneller Rivale, die gewalttätige Rechte, ihren Vorteil daraus.

Als vor fast drei Jahren die Militärregierung von El Salvador gestürzt wurde,
kam es zu Herausforderungen der neuen reformerischen Junta nicht nur durch
die Guerilla der extremen Linken, sondern auch durch die extreme Rechte mit
ihren Todesschwadronen und einigen Elementen der Sicherheitskräfte.
gebnis war eine Explosion der Gewalt.

Das Er-

Vor 18 Monaten verloren zwischen 600

und 2000 Zivilisten pro Monat ihr Leben - je nachdem, welche Zahlen welcher
- 4 -

�Zahlen welcher Seite man für richtig hält.

Das Land lag in der Agonie poli-

tischer Gewalt.
Diese Krankheit ist noch immer nicht geheilt.
Ansteckungsgefahr in den Griff bekommen.

Aber man hat ihre tödliche

In den vergangenen Monaten beliefen

sich die Todesfälle in der Zivilbevölkerung auf etwa 300 bis 500 im Monat wiederum hängen diese Zahlen davon ab, wem man Glauben schenken soll - und
scheinen ständig weiter zurückzugehen.

Sicherlich, noch immer ist dies ein

furchtbarer Blutzoll in einem Land, das nur fünf Millionen Einwohner hat, aber
300 bis 1500 Tote im Monat weniger sind ein Schritt in die richtige Richtung,
das ist nicht zu bestreiten.
Warum geht die politisch motivierte Gewalt in El Salvador zurück? Teilweise ist dies wohl auf die Tatsache zurückzuführen, daß die neue Reformregierung sich konsolidiert, allmählich die Gewalttätigkeit der Guerilla eingedämmt und ihre Autorität über die Sicherheitskräfte erhöht hat, wobei schrittweise ein Klima geschaffen wurde, in dem die Gewalt immer weniger nützt, auch
wenn sie noch nicht in ausreichendem Maß abgeschreckt, kontrolliert und bestraft wird.
Aber vielleicht kommt noch etwas viel Wichtigeres hinzu.

Die sich lang-

sam entwickelnden demokratischen Institutionen bieten - als Mittel des politischen Ausdrucksvermögens - eine Alternative zur Gewalt.

In den Märzwahlen

stellten sich sechs Parteien, von der extremen Rechten bis Mitte links, in
einem Wahlkampf, der zwar nicht gänzlich gewaltfrei war, aber doch auch nicht
entscheidend von Gewaltanwendung geprägt war.

Die neue Demokratie in El

Salvador tut, was ihr zu tun aufgegeben wurde - ein funktionierendes politisches System zu schaffen, in dem sich ein breites Spektrum von Kräften und
Fraktionen betätigen kann.
Gleichzeitig bot eine breitangelegte Bodenreform zum erstenmal den
campesinos eine echte Beteiligung am gesellschaftlichen Leben an.

Rund 20

Prozent des nutzbaren Bodens ging von etwa 2000 bisherigen Besitzern, viele
von ihnen lebten nicht einmal auf ihrem Eigentum, auf 60 000 arme Landarbeiter
- 5 -

�arme Landarbeiter und deren Familien über.
Die vielleicht einschneidendste Maßnahme in Richtung auf einen Fortschritt ist die Umwandlung des Militärs: Aus einer Institution, die dem
Status quo verschrieben war, wird eine, die an der Spitze der Bodenreform
steht und die konstitutionelle Demokratie unterstützt.
Dieser Wandel hin zur Demokratie beschränkt sich nicht auf El Salvador.
Im November 1981 brachte eine gewaltige Wahlbeteiligung in Honduras nach vielen
Jahren der Militärherrschaft eine neue demokratische Regierung an die Macht.
Im Februar dieses Jahres bestätigte ein ähnlicher Wahlausgang die Demokratie
in Costa Rica und brachte die sozialdemokratische Opposition an die Regierung.
Es war kein Zufall, daß - genau wie in El Salvador - praktisch weder im demokratischen Costa Rica noch in Honduras die extreme Linke bei den Wahlen Unterstützung in der Öffentlichkeit fand.
Inzwischen verdrängte in Guatemala ein Staatsstreich eine repressive
Regierung, die von der organisierten Guerilla mit immer bedenkenloserer Gewalt bekämpft wurde. Und obgleich die neue Regierung noch immer eine Militärregierung ist, so gingen die Mißbräuche staatlicher Stellen doch stark zurück,
sind Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung im Gespräch und wurden
die alten Feindseligkeiten und das bisherige Mißtrauen gegen die Landbevölkerung
von Anstrengungen abgelöst, ihnen die Mittel bereitzustellen, ihre Gemeinschaften
zu entwickeln und zu verteidigen.
Mit einem Wort, es gibt jetzt Alternativen zu den gewalttätigen Extremen,
wie sie Mittelamerika in der Vergangenheit kannte.

Die Rolle der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben bei der Förderung solcher Alternativen eine
überaus wichtige Rolle gespielt.

Etwas verspätet vielleicht und zunächst un-

gleichmäßig, aber mit einer Beständigkeit, die angesichts der Tatsache umso
- 6 -

�Tatsache umso eindrucksvoller ist, daß wir unter zwei doch recht verschiedenen
amerikanischen Administrationen unseren grundlegenden Kurs beibehalten haben,
legten wir unser ganzes Gewicht in die Waagschale für das Wohlergehen und die
Sicherheit unserer Nachbarn.
Unsere Anstrengungen konzentrierten sich dabei zum größten Teil auf den
wirtschaftlichen und politischen Bereich.

Nicht weniger als 85 Prozent aller

vom Kongreß gebilligten oder von ihm geforderten Hilfsmittel für die Haushaltsjahre 1981 bis 1983 sind wirtschaftlicher Natur.

Um die Länder Mittelamerikas

in die Lage zu versetzen, in Zukunft auf eigenen Beinen zu stehen, schlug der
Präsident ein innovatives Programm der Zollkonzessionen und der Steueranreize
vor - die Initiative für das Karibische Becken -, die derzeit dem Kongreß zur
Begutachtung vorliegt.

Ihre Verabschiedung würde für Vertrauen und Frieden in

dieser Region einen entscheidenden Impuls bedeuten.
Von gleicher Wichtigkeit ist unser politisches Engagement. Die Agrarreform war eine Idee El Salvadors, aber sie hätte 1980 nie einen erfolgreichen
Beginn erlebt, wenn wir sie nicht unterstützt hätten. Und sie hätte sehr wohl
dieses Frühjahr sterben können, wenn wir nicht unsere Unterstützung fortgesetzt hätten. Die Wahlen in Honduras und in El Salvador entwickelten sich
gleichfalls aus lokalen Bestrebungen - aber auch sie hätten leicht in die falsche Richtung gehen können, hätten wir uns nicht so sehr dafür eingesetzt.
Und schließlich sind die Menschenrechte kein Import aus den Vereinigten Staaten:
Es ist die überwältigende Mehrheit der Mittelamerikaner selbst, die sich nach
einem Ende der Rechtlosigkeit sehnt. Aber wir sind der Überzeugung, daß unser
ständiger Einsatz eine Hilfe dabei war, daß es dort Fortschritte bei der Eindämmung der Mißbräuche im Bereich der Menschenrechte gab.
Gleichzeitig haben wir aber auch die legitimen Ansprüche im Bereich der
Sicherheitshilfe nicht übersehen.

Angesichts der Guerillaoffensive in El

Salvador und in der Erkenntnis, daß ein kommunistisches Netz Waffen und Munition zur Unterstützung dieser Offensive ins Land brachte, bewilligte Präsident
Carter Militärverkäufe an El Salvador.
weiterhin Militärhilfe.

Präsident Reagan gewährt ebenfalls

Dabei handelt es sich hier ebenfalls um weit geringere
- 7 -

�weit geringere Mittel als etwa bei der Wirtschaftshilfe und in anderen Bereichen.
Wir haben weder den Wunsch noch die Absicht, den Konflikt zu verlängern
oder auszuweiten - im Gegenteil.

Aber wir können und werden nicht untätig

beiseitestehen und - weder in El Salvador noch andernorts - zusehen, wie international anerkannte Regierungen bei ihren Reformen, die wir unterstützen, unausgebildete Rekruten mit unzureichender Ausrüstung in den Kampf gegen eine
Guerilla schicken müssen, die in Kuba ausgebildet und von außen versorgt und
koordiniert wird.
Aus dem gleichen Grund leisten wir begrenzte Militärhilfe auch an Honduras,
das zu einem neuen Ziel des Terrors und der bewaffneten Einschüchterung durch
Kuba und Nicaragua geworden ist.

Sogar Costa Rica, ein Land ohne jede Armee,

ist an uns herangetreten, um über Sicherheitshilfe zu sprechen.

Auch das Volk

dort fürchtet die Bedrohung durch ein aggressives Nicaragua, dessen militärische
Macht rasch zunimmt und das dazu entschlossen ist, die gewalttätige Revolution
zu exportieren.

Was zu tun bleibt
Wenngleich schon viel erreicht wurde, so bleibt doch noch viel zu tun.

In

El Salvador muß die demokratische Umwandlung zu einem erfolreichen Ende kommen,
Präsidialwahlen müssen abgehalten, das Rechtssystem muß wieder erneuert, die
Bodenreform verteidigt werden, Gewalt und Zerstörung müssen ein Ende haben und
die noch immer gefährliche Guerilla gilt es davon zu überzeugen, daß sie nicht
mit Waffengewalt an die Macht kommen kann, sondern daß sie um diese Macht an
den Wahlurnen ringen muß.
In Guatemala muß mit der demokratischen Umwandlung begonnen werden, müssen die Übergriffe gegen Indianer und andere Landbewohner aufhören und müssen
die campesinos in die Lage versetzt werden, sich in Frieden zu entfalten.
In Honduras

�In Honduras und Costa Rica, in El Salvador und Guatemala müssen schwache,
bankrotte oder fast bankrotte Volkswirtschaften wieder in Schwung gebracht
werden; man muß ihnen dabei helfen, wieder für neue Investitionen und Handel
attraktiv zu werden.
In Nicaragua gilt es, einen Weg zu finden zurück von einer immer größeren
Macht- und Militärkonzentration - und weg von der immer stärkeren Unterdrückung
der eigenen Bürger und der immer höheren Gefahr für die Nachbarländer.
Von all diesen Problemen ist Nicaragua das quälendste.

Es war die neue

Regierung der Sandinisten, die den Konflikt in Mittelamerika dadurch ausweitete,
daß sie die Gewalt in El Salvador unterstützte.

Daniel Ortega, einer der Füh-

rer der Sandinista, hat einmal zu mir gesagt, daß die FMLN (die Farabundo
Marti National Liberation Front), die Guerilla-Koalition in El Salvador,
"nuestro escudo",

Nicaraguas Schild

sei.

Und so hat die Unterstützung für

die Sandinisten bisher auch nicht nachgelassen.

Das Hauptquartier der FMLN

befindet sich in Nicaragua; sie erhält logistische Unterstützung von Nicaragua,
vor allem durch Lieferungen per Flugzeug und per Schiff, aber auch auf dem Landweg.

Und auch ihre Ausbildungslager befinden sich in Nicaragua.
Und jetzt überzieht Nicaragua auch Costa Rica und Honduras mit Gewalt.

Während immer mehr Bürger Nicaraguas mit ihren Füßen abstimmen - 13 000
Miskito- und Sumo-Indianer und Tausende von ehemaligen Sandinisten sind jenen
in den Schutz der Nachbarländer gefolgt, die ebenfalls gegen die Sandinisten
stehen -, fängt Managua an, seine Nachbarn zu bedrohen und Druck auf sie auszuüben.

Im Stadtzentrum von San Jose organisierten Angehörige des nicaragua-

nischen Geheimdienstes, die von der Botschaft ihres Landes aus tätig sind, den
Terrorismus, einschließlich der Sprengung des Büros einer Luftlinie, während
die Truppen Nicaraguas das Territorium Costa Ricas unsicher machen und Kleinbauern bedrohen, und nicaraguanische Flugzeuge den Luftraum des Landes verletzen.

In Tegucigalpa legte die von den Sandinisten unterstützte salvadoria-

nische FMLN das Elektrizitätssystem der Hauptstadt durch eine Sprengung lahm,
während Nicaragua Honduras offen bedroht, indem es seine Armee und Miliz mobilisiert und Truppen entlang der Grenze zu Honduras verlegt.
Was kann
- 9 -

�Was kann getan werden, um Alternativen zu dieser unverantwortlichen
Ausbreitung der Gewalt zu entwickeln und zu fördern?

Es ist offensichtlich,

daß es keine Alternative zu militärischer Bereitschaft und zur Aufrechterhaltung der Sicherheit gibt, solange gewalttätige Minderheiten von innen - oder
feindliche Nachbarn von außen - sich das Recht zur Anwendung von Gewalt anmaßen.

Die Vereinigten Staaten werden ihren Freunden in dieser Region dabei

helfen, sich selbst gegen diese beiden Bedrohungen zu verteidigen, solange es
notwendig ist.
Aber diese Reaktion allein ist nicht ausreichend.

Wir müssen alle Mög-

lichkeiten zur Aussöhnung und zum Frieden auszuschöpfen suchen.

Seine Heilig-

keit Papst Johannes Paul II. betonte dieses moralische Gebot kürzlich in Briefen an die Bischöfe Nicaraguas und El Salvadors.
er zu Versöhnung und Einigkeit auf.

In beiden Schreiben rief

Der Brief an Nicaragua wurde von den

Sandinisten zensiert, die zunächst offiziell seine Veröffentlichung verhinderten, dann jedoch ihre Meinung änderten. In seinem Brief an El Salvador erklärte der Papst, nachdem er die "neuen institutionellen Perspektiven, die
sich jüngst durch die Wahlen eröffnet haben", erwähnte, daß "eine unabdingbare Voraussetzung für eine Schlichtung die Einstellung aller Feindseligkeiten
und der Verzicht auf den Einsatz von Waffen" ist.
Das ist kein unmöglicher Traum. Möglichkeiten stehen zur Verfügung, um
der Vision des Papstes Substanz zu verleihen. Am deutlichsten zeigen sich die
Möglichkeiten für eine Aussöhnung in El Salvador. Aus den Qualen dieses Landes erstand eine verfassungsgebende Versammlung, eine vorläufige Koalitionsregierung und eine Verpflichtung zu weiterer Demokratisierung. Ein Teil der
Kräfte, die bisher an gewaltsamen Lösungen Gefallen gefunden hatten - vor allem die Kräfte der extremen Rechten -, fängt an, sich an das Gesetz zu halten
und am politischen Prozeß teilzunehmen. Andere - hauptsächlich von der extremen Linken - wiederum müssen noch einen Weg finden, um von ihrer Verpflichtung zur Gewalt loszukommen.
Die neue Regierung in El Salvador hat die Chance erkannt.

Am 3. Au-

gust fanden sich die Führer der politischen Parteien auf Anregung von Präsi- 10 -

�von Präsident Magana zusammen, um einen gemeinsamen Plan zu verabschieden,
der die Uneinigkeit in El Salvador zu einem Ende bringen soll.

Eins der

wichtigsten Elemente dieses Plans ist die Schaffung einer neuen Friedenskommission.

Diese Kommission soll Institutionen, Gruppen und angesehene Persön-

lichkeiten umfassen, die die Voraussetzungen für den Frieden untersuchen und
Lösungen vorschlagen sollen.

Gemeinsam mit ähnlichen neuen Kommissionen für

Menschenrechte und für den politischen Prozeß ist die Friedenskommission ein
weiterer, wichtiger Schritt in Richtung auf eine nationale Aussöhnung.
All dies sind überaus positive Zeichen. Wichtig ist, daß ernsthafte
Anstrengungen unternommen werden. Eine Amnestie muß echte Sicherheit bieten
- mit Beteiligung der Kirche und internationaler Organisationen. Und ein
Dialog muß aus Reden und Zuhören bestehen, wobei den Kritikern Gelegenheit
geboten wird, weiter zu erklären, wie sie sich an den neuen demokratischen
Institutionen beteiligen könnten. Die Vereinigten Staaten hoffen sehr, daß
die neue Regierung in diesem so überaus wichtigen Bereich rasch und einfallsreich vorangeht.

Regionalvorschläge
Den Frieden auf einer regionalen Basis zu schaffen, ist sogar noch schwieriger. Die Ordnung unter den Staaten macht Ordnung innerhalb der Staaten ebenso notwendig wie Vereinbarungen, die deren territoriale Integrität und nationale Identität respektieren. Die Regionalisierung der Spannungen kommt von
den Krisen überall in dieser Gegend.
Auch hier gibt es Grundlagen für Fortschritte. Zwar sind die Probleme
zu vielschichtig, um raschen, einfachen Lösungen zugänglich zu sein. Aber es
gibt eine Vielzahl von Einzelvorschlägen und von Möglichkeiten, um bestimmte
Aspekte des Problems in den Griff zu bekommen.
Honduras hat einen Vorschlag unterbreitet, der Frieden mit Nicaragua
bringen könnte, wobei ein Ende des Eindringens über die Grenze hinweg gefordert
- 11 -

�hinweg gefordert wird, ein Einfrieren der Importe schwerer Waffen sowie eine
umfassende Verifizierung.

Diese Vorschläge wurden von den Partnern Honduras

unterstützt, die der demokratischen Gemeinschaft Mittelamerikas angehören
- Costa Rica und El Salvador.
Auch die Vereinigten Staaten haben Vorschläge vorgelegt.

Seit fast

einem Jahr und besonders intensiv seit April versuchen wir, Nicaragua in einen
Dialog einzubinden.

Wir versuchen, auf die Besorgnisse Nicaraguas zu reagie-

ren und dabei zugleich auch die seiner Nachbarn sowie unsere eigenen im Auge
zu behalten.
Die Sandinisten sagen uns, sie befürchteten eine Invasion durch die Vereinigten Staaten.

Daher haben wir ihnen vorgeschlagen, ein formelles Nicht-

angriffsabkommen zu erarbeiten.

Die Sandinisten sagen zu uns, Anhänger Somozas

würden in den Vereinigten Staaten ausgebildet, um in Nicaragua einzufallen.
Wir haben ihnen versichert, daß wir das Neutralitätsgesetz voll in Anwendung
bringen, das es zu einem Verbrechen macht, von den Vereinigten Staaten aus
einen Angriff gegen ein anderes Land vorzutragen oder zum Zweck eines solchen
Angriffs zu konspirieren.
Die Sandinisten sagen uns, wir würden den Konflikt regionalisieren und
Honduras, El Salvador und Costa Rica als Basen für solcherlei, gegen sie
gerichtete Aktionen vorbereiten. Daher haben wir den Vorschlag gemacht, daß
alle Länder in Mittelamerika übereinkommen sollten, die Anzahl ihrer jeweiligen ausländischen Militär- und Sicherheitsberater zu begrenzen und daß alle
Länder sich dazu verpflichten sollten, keine weiteren schweren Offensivwaffen
zu importieren. Beide Verpflichtungen müßten natürlich einer internationalen
Kontrolle unterliegen.
Nicaragua müßte außerdem für die Besorgnisse Verständnis aufbringen,
die seine Nachbarn und wir haben.

Wir haben darauf gedrängt, daß Nicaragua

sich nicht länger in den Konflikt in El Salvador einmischt.

Die Sandinisten

sagen, sie wüßten nichts von einer solchen Beteiligung, seien jedoch hierzu
bereit.wenn wir ihnen nur die Informationen geben würden, die wir darüber
- 12 -

�wir darüber haben.

Bei unserem jüngsten Meinungsaustausch schlugen wir vor,

daß eine Verlegung der gemeinsamen Guerillahauptquartiere aus Nicaragua ein
guter Ausgangspunkt wäre und boten den Sandinisten unsere Hilfe dabei an,
sie ausfindig zu mache.

So war zum Beispiel der Punkt, von dem aus Guerilla-

operationen in El Salvador gelenkt wurden, noch jüngst in einem Vorort von
Managua.

Wir sind sicher, daß er ausfindig gemacht werden könnte, auch wenn

er innerhalb Nicaraguas hin und herverlegt wird.

Wir warten noch immer auf

eine Antwort Nicaraguas.
Desgleichen muß Nicaragua seine Terrorakte und anderen aggressiven
Aktionen gegen Honduras und Costa Rica einstellen.
Außerdem haben wir auf eine zweite Problematik hingewiesen, die die
Nachbarn Nicaraguas ebenfalls tief beunruhigt. Es handelt sich dabei um den
Trend in der Organisation und der Anwendung der Staatsgewalt in Nicaragua.
Natürlich ist es Sache Nicaraguas, darüber zu entscheiden .welche Regierungsform das Land wünscht. Niemand bestreitet das. Wir nicht; und Nicaraguas
Nachbarn auch nicht.
Aber wir meinen, wir alle haben ein Recht zu der Frage, welche Sicherheiten man uns gibt, daß die Versprechen hinsichtlich der Nichteinmischung
auch gehalten werden, wenn die Staatsgewalt in Nicaragua weiterhin in den
Händen einer kleinen, von Kuba beratenen, marxistisch-leninistischen Elite
verbleibt, die über eine immer größere Militärmacht verfügt und allen Formen
des sozialen Lebens feindlich gegenübersteht, ausgenommen der von ihr dominierten Form? Und wir haben auch ein Recht zu der Frage, was unter diesen
Bedingungen aus den international anerkannten Menschenrechten wird? Solche
Fragen sind in keinster Weise eine Verteidigung des diskreditierten Systems
eines Somoza oder eine Rückwendung dorthin. Aber eine Antwort darauf könnte
gegeben werden durch die Erfüllung der Verpflichtungen zur Demokratie und
zum Frieden in dieser Region, wie sie von den Sandinisten ursprünglich selbst
eingegangen wurden.
Die Notwendigkeit
- 13 -

�Die Notwendigkeit zum Handeln
Dies sind einige der Vorstellungen, die wir vorgetragen haben - nicht
im Sinne einer ärztlichen Verordnung, sondern um einen Dialog einzuleiten,
der auf eine Antwort stößt und ein entsprechendes Klima schafft.

Es gibt

nicht den einen Weg, der den Frieden in Mittelamerika garantiert.

Aber un-

sere gemeinsame Erfahrung zeigt, daß an vier Fronten gehandelt werden muß:
- In allen Staaten ist ein Prozeß der Versöhnung notwendig, bei dem die
Gegner an Stelle des bewaffneten Wettstreits den politischen Wettstreit
suchen.

Dazu gehört, wie seine Heiligkeit der Papst angedeutet hat,

ein Verzicht auf Gewalt und eine Beteiligung am staatsbürgerlichen
Entscheidungsprozeß.

Angesichts der tiefen Gräben in allen Ländern

erfordert dies den Respekt vor oder die Gründung demokratischer oder
zumindest pluralistischer Institutionen und die Ermutigung zu intensiver Mitarbeit in ihnen.
- Der Export von Subversion unter den Staaten sollte aufhören.

Dies

bedeutet die Beseitigung der Hauptquartiere, der logistischen Unterstützung und der Ausbildungslager von Guerillabewegungen, die außerhalb ihres Heimatlandes eingerichtet sind - sowie ein umfassende Verifizierung solcher Schritte.
- Es sollte Schluß sein mit der umfangreichen Aufrüstung, die eine Bedrohung des jeweiligen Nachbarn darstellt und das bisherige militärische
Gleichgewicht der Region durcheinanderbringt.

Es scheint, daß der ein-

fachste Weg hierzu eine Verpflichtung aller Länder in diesem Gebiet wäre,
keine weiteren Waffen wie Panzer oder Kampfflugzeuge zu beschaffen auch dies natürlich unter entsprechender Kontrolle.
- Schließlich sollte die Beteiligung des Auslands begrenzt werden - insbesondere im Bereich der Sicherheitsfragen -, damit die Region zu ihrem
eigenen, friedlichen Gleichgewicht findet.

Jedes Land sollte eine Ober-

grenze für die Anzahl fremder Militär- und Sicherheitsberater und aus- 14 -

�und ausländischer Truppen festlegen, die der Gegenseitigkeit und der
umfassenden Verifizierung unterliegen müßte.

Warum wäre hier nicht

Null die richtige Obergrenze?
Eine ganze Reihe demokratischer Länder - die Vereinigten Staaten,
Honduras, Costa Rica und andere - haben im vergangenen Jahr den Versuch gemacht, in einen Dialog mit Nicaragua einzutreten; bisher mit wenig Erfolg.
Aber wir sollten diesen Gedanken nicht aufgeben. Vielmehr sollten die demokratischen Länder zusammenfinden und sehen, ob sie nicht eine gemeinsame
Haltung erarbeiten können. Die Bausteine für einen Frieden sind vorhanden.
Die Frage ist, wie man sie zusammensetzen sollte.
In der Vergangenheit haben die Vereinigten Staaten im allgemeinen Mittelamerika vernachlässigt - und nur Truppen geschickt, wenn die Lage prekär
wurde. Heute sind die amerikanischen Truppen keine Lösung mehr. Nützen kann
nur noch eine anhaltende amerikanische Verpflichtung - nicht nur dabei, wenn
es um Hilfe geht, die Gewalt zu besiegen oder die Volkswirtschaften wieder in
Ordnung zu bringen und zu entwickeln, sondern wenn es darum geht, die demokratischen Institutionen zu fördern. Denn unsere Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts sagen uns, daß Regierungen, die sich in Wahlen dem Volk stellen müssen, nicht lange dessen Menschenrechte mit Füßen treten können. Und sie bedrohen auch nicht oft ihre Nachbarn.
Ich gestehe Ihnen zu, daß dies eine gewaltige Aufgabe ist. Aber in
einer Region, die für uns wegen ihrer strategischen Lage, ihrer Nähe und wegen unserer menschlichen Bindungen zu ihr so wichtig ist, gibt es keinen anderen Weg. Wir können nicht einfach vor den Problemen davonlaufen.

- 15 -

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                <text>Amerikadienst 27.10.1982 - Sonderdienst</text>
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