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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

2. Dezember 1992

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USA/DEUTSCHLAND/EUROPA

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DIE WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS UND DIE
ÜBERWINDUNG DER TEILUNG EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt in Dresden

CLINTON/AUSSENPOLITIK

CLINTON VOR AUSSENPOLITISCHEN
HERAUSFORDERUNGEN
Experten beraten den künftigen
Präsidenten

VERTEIDIGUNG

US-STREITKRÄFTE: KLEINER
ABER STARK UND EINSATZBEREIT
Keine einschneidenden Veränderungen
von Clinton erwartet

SOMALIA

DIPLOMATIE KONZENTRIERT SICH
AUF SICHERE NAHRUNGSMITTELLIEFERUNGEN NACH SOMALIA
Vereinigte Staaten nicht
für Machtübernahme der UNO

RASSENBEZIEHUNGEN

BERUFLICHE GLEICHSTELLUNG UND
DIE AMERIKANISCHE WELTANSCHAUUNG
von Seymour Martin Lipset

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA/DEUTSCHLAND/EUROPA
2. Dezember 1992

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DIE WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS UND DIE
ÜBERWINDUNG DER TEILUNG EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt in Dresden
DRESDEN - (AD) - In einer Rede vor Gästen der Herbert Quandt Stiftung im Dresdener Schloß forderte USBotschafter Robert M. Kimmitt am 23. November 1992 Amerikaner und Europäer auf, die wirtschaftlichen und
kulturellen Dimensionen der amerikanisch-europäischen Beziehungen zu vertiefen und gleichzeitig auf neue
Arten von Sicherheitsanliegen zu reagieren.
Kimmitt verwies auf die Bedeutung, die der kontinuierlichen Pflege der bestehenden Bindungen zwischen
Deutschland und den USA zukomme und ging danach auf die Bemühungen von Deutschen und Amerikanern
ein, durch Kulturprogramme und Austauschmaßnahmen das Wissen über sein Land in den neuen Ländern zu
vertiefen. "Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß
unsere Beziehungen zunehmend auf den persönlichen Bindungen ruhen werden, die zwischen den Menschen
unserer beiden Länder geknüpft wurden." Austauschprogramme wie das Fulbright Programm und das Programm für junge Führungskräfte ermöglichten es jungen Deutschen, selbst etwas über sein Land und die
Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu lernen und sich ihre eigene Meinung darüber zu bilden,
was gemeinsam in der Zukunft getan werden könne. "In dieser Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten für unsere
beiden Länder müssen wir unter Einsatz all unserer Kreativität eine Partnerschaft der öffentlichen und privaten
Unterstützung für diese Aktivitäten entwickeln, die von lebenswichtiger Bedeutung sind."
Zu den US-Investitionen in den neuen Bundesländern erklärte Kimmitt: "Nach unseren Berechnungen sind über
180 amerikanische Firmen im Osten aktiv. ... Die in den fünf neuen Bundesländern tätigen amerikanischen
Firmen haben insgesamt über 5 Milliarden D-Mark investiert und 38.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten.
...Verstärkte wirtschaftliche Aktivitäten amerikanischer Unternehmen in den neuen Bundesländern stellen
dringend erforderliche Investitionen zur Verfügung - und verstärken darüber hinaus die Kontakte zwischen
unseren Völkern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Graf von der Goltz,
verehrte Frau Quandt,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, heute hier auf Einladung der Quandt
Stiftung in diesem historischen Dresdener Schloß zu
Ihnen sprechen zu können. Ich finde es beeindrukkend, daß die Münchener Stiftung eines führenden
deutschen Unternehmens den amerikanischen Botschafter nach Dresden eingeladen hat, um über die
deutsch-amerikanischen Beziehungen zu sprechen.
Welch besseres Beispiel könnte es für das Zusammenwachsen von Deutschen, die lange getrennt wa-

AMERIKA DIENST 48

ren, für die Bindungen zwischen Amerikanern und
Deutschen sowie für unsere gemeinsamen Interessen
geben?
Seit zweiundzwanzig Jahren hat sich die Herbert Quandt
Stiftung intensiv mit den Ideen auseinandergesetzt,
die die Denkweise von Menschen beeinflussen und was ebenso wichtig ist - die Art und Weise, in der sie
miteinander umgehen. "Was können wir wissen?",
"Was können wir erhoffen?", "Was können wir tun?" dies sind philosophische Fragen, die jahrhundertelang
eine Herausforderung für die Menschheit darstellten,
und dies ist der philosophische Leitfaden, mit dessen
Hilfe Sie im Lauf der Jahre so erfolgreich Menschen
aus unterschiedlichen Nationen zusammengeführt

Seite 1

�haben. Ich beglückwünsche Sie zu den Beiträgen, die
Sie zum besseren Verständnis zwischen den Völkern
geleistet haben und wünsche Ihnen bei Ihrer wichtigen
Arbeit anhaltenden Erfolg für die Zukunft.

als "neue Weltordnung" bezeichnen würden auf der
Grundlage von Zusammenarbeit zwischen den Nationen, Selbstbestimmung und öffentlicher Prüfung zugänglicher Diplomatie.

Im vergangenen Jahr organisierte die Quandt Stiftung
ein Treffen an der Georgetown University in Washington, um die Zukunft der Vereinigten Staaten und Europas in einer "neuen Weltordnung" zu erörtern. Während dieser Veranstaltung gab der Präsident der
Georgetown University, Leo J. O'Donovan, eine Erklärung ab, die einen Kontext für das liefert, worüber ich
heute sprechen möchte. Reverend O'Donovan sagte,
daß "wir von einem Zeitalter großer Konfrontation zu
einem Zeitalter großer Hoffnung übergehen, aber ebenso
von einem Zeitalter erheblicher Stabilität und Klarheit
in den internationalen Beziehungen zu einem Zeitalter,
das komplexer und häufig weniger berechenbar sein
wird".

Zum Nachteil von Europäern und Amerikanern gleichermaßen begingen die Vereinigten Staaten an diesem Punkt in der Geschichte einen entscheidenden
Fehler, indem sie zu einer engstirnigen Kirchturmpolitik zurückkehrten, anstatt eine weltweite Führungsrolle zu übernehmen, die nach dem Krieg so verzweifelt
benötigt wurde. Die folgenden Ereignisse erwiesen
sich als katastrophal - eine weltweite Wirtschaftskrise
und ein zweiter Weltkrieg folgten.

Diese Erklärung hat unmittelbare Auswirkungen auf
die deutsch-amerikanischen Beziehungen, weil sich
unser Verhältnis in einer Übergangsphase befindet.
Für die Vereinigten Staaten und Deutschland enthält
diese Übergangsphase besondere Aspekte, die sich
sowohl aus der einzigartigen Partnerschaft ergeben,
die wir während der vergangenen 47 Jahre unterhielten, als auch aus dem Gewicht unserer beiden Länder
in der ganzen Welt.
Amerikanische Perspektiven und Ziele
Zunächst möchte ich Ihnen meine eigenen Ansichten
zu einigen derprägenden Erfahrungen der Vereinigten
Staaten vermitteln. Die Gründer meines Landes, die in
europäischer Politik sehr bewandert waren, warnten
vor unserer Verstrickung mit europäischen Mächten,
deren Streitigkeiten unserem Land lediglich unerwünschte und unnötige Unannehmlichkeiten bereiten würden.
George Washington riet in seiner Abschiedsrede den
Vereinigten Staaten, "sich von dauerhaften Bündnissen mit jedem Teil der ausländischen Welt fernzuhalten". Präsident Thomas Jefferson warnte vor verstrikkenden Bündnissen. Beider Rat wurde im gesamten
ersten Jahrhundert der amerikanischen Geschichte
befolgt.
Das zwanzigste Jahrhundert leitete jedoch ein neues
Zeitalter in den europäisch-amerikanischen Beziehungen ein, ein Zeitalter, in dem der atlantische Ozean
nicht mehr ausreichte, um die Vereinigten Staaten von
den Konflikten zu isolieren, die auf dem europäischen
Kontinent stattfanden. Der Erste Weltkrieg zog amerikanische Armeen zum ersten Mal in eine Schlacht auf
dem Kontinent hinein.
Die erste Nachkriegszeit
Am Ende dieses verheerenden Krieges forderte
Woodrow Wilson in seinen revolutionären Vierzehn
Punkten einen Frieden ohne Sieg, einen Frieden, der
die Grundlagen für etwas schaffen sollte, das wir heute
Seite 2

Die zweite Nachkriegszeit
Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die amerikanische Politik zunächst wieder von dem Instinkt geleitet,
nach Hause zurückzukehren. Glücklicherweise behielten klügere, vorausschauende Entscheidungsträger wie George Marshall, John J. McCIoy und andere
die Oberhand, Männer, die die historischen Fehler, die
Amerika 1918 begangen hatte, im Hinblick auf die
Zukunft nicht wiederholen wollten. Dank ihrer Führung
trafen die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten
Weltkrieges die richtige Entscheidung - sie blieben in
Europa und beteiligten sich am Wiederaufbau der
zerstörten Volkswirtschaften und Gesellschaften ihrer
ehemaligen Verbündeten und Gegner. Unser Ziel
bestand darin, stabile demokratische Nationen zu
schaffen, mit denen die Vereinigten Staaten produktive, harmonische Beziehungen unterhalten und mit
denen sie zusammenarbeiten konnten, um für den
Weltfrieden einzutreten.
Die politisch Verantwortlichen in Amerika gingen gleichzeitig davon aus, daß ein integrierteres Europa stabil
und friedlich sein werde, was zweifellos im Interesse
der Vereinigten Staaten lag. Deshalb haben die Vereinigten Staaten von den Anfängen der Montanunion
über die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bis zur Schaffung des Binnenmarktes am
Ende dieses Jahres die Integration Europas stets aus
ganzem Herzen unterstützt und gefördert.
Ebenso uneingeschränkt haben wir die Vereinigung
Deutschlands unterstützt und auf das Ende der Teilung Europas gehofft. In dem gesamten Zeitabschnitt
nach dem Zweiten Weltkrieg betrachteten die Amerikaner die Teilung Deutschlands und die Spaltung
Europas als künstliche und nicht aufrechtzuerhaltende
Trennungen. Unser Wunsch wares, beide Spaltungen
friedlich zu überwinden und Freiheit für alle Betroffenen sicherzustellen.
Vom Atlantik bis zum Pazifik haben sich Amerikaner
am 3. Oktober 1990 mit Deutschland gefreut, als die
polrtische Vereinigung schließlich besiegelt wurde.
Aber: So schwierig politische Gleichberechtigung für
alle Deutschen zu erringen war - die Verwirklichung
wirtschaftlicher Chancengleichheit wird noch schweAMERIKA DIENST 48

�rer zu erreichen sein. Der Mut und die Energie, mit
denen der Wiederaufbau- und Aussöhnungsprozeß
durchgeführt wird, verdienen die Unterstützung des
amerikanischen Volkes heute ebenso wie der politische Prozeß nach dem Fall der Mauer im Jahre 1989.
Die dritte Nachkriegszeit
Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des
Kalten Krieges sind wir in die dritte Nachkriegszeit
dieses Jahrhunderts eingetreten. Über eines sollten
wir uns im klaren sein: Diese dritte Nachkriegszeit ist
von ebenso entscheidender Bedeutung wie die ersten
beiden. Wiederum müssen wir die richtigen Entscheidungen treffen und die richtigen Verpflichtungen eingehen. Wir müssen aus den tragischen Fehlschlägen
der Vergangenheit ebenso wie aus unseren großen
Erfolgen lernen und den richtigen Kurs einschlagen.
Die vier Jahre von 1990 bis 1994 werden für unsere
Zukunft genauso wichtig sein wie es die vier Jahre von
1945 bis 1949 nach dem Zweiten Weltkrieg für die
Gestaltung jener Nachkriegszeit waren. Wir müssen
jetzt die Fundamente errichten, die unseren Kurs im
21. Jahrhundert bestimmen werden, in dem die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten ebenso
untrennbar mit dem Europa der Zukunft verbunden
sein werden wie mit dem Europa der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg.
Das andauernde amerikanische Engagement in Europa geht mit dem Prozeß der europäischen Integration
Hand in Hand. Wir bitten lediglich darum, daß Europa
auf einer Grundlage der Weltoffenheit zusammenfindet, die bestehenden Institutionen fördert anstatt von
ihnen wegzuführen, insbesondere von der NATO.
Das Atlantische Bündnis der Zukunft
Die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner wurden in der Vergangenheit durch die gemeinsame
Bedrohung ihrer Sicherheit zusammengeführt. Dieser
von der sowjetischen Bedrohung geschaffenen Verbindung lag jedoch eine Bindung zugrunde, die auf den
politischen Werten beruhte, die wir gemeinsam hatten
und die zu verteidigen wir bereit waren. Heute, am
Ende des Kalten Krieges, erkennen wir, wie sehr uns
diese Werte einander nähergebracht haben - und wie
wichtig der Schutz dieser Werte nach wie vor ist. Wie
die jüngsten Ereignisse auf brutale Weise unterstrichen haben, sind wirtrotzdem weiterhin mit Bedrohungen unserer Sicherheit konfrontiert. Der effektivste
Weg, um diese in den Griff zu bekommen, führt über
erprobte Institutionen - wie die NATO -, die den neuen
Umständen angepaßt sind.

stark ist. Die amerikanische Beteiligung an der NATO
verkörpert unsere Verpflichtung zur europäischen
Sicherheit.
Wenn wir die Lage in Europa heute, nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums betrachten, werden wir von der Realität ernüchtert, daß ein Zeitalter ewigen Friedens und fortwährender Sicherheit noch nicht in Sicht ist. Während die
Bedrohung der Ost-West-Konfrontation im Verschwinden begriffen ist, sind regionale Konflikte - und potentielle Konflikte - als neue und ernste Herausforderung
auf den Plan getreten. Viele Fragen in Zusammenhang mit der Zukunft der transatlantischen Beziehungen drehen sich um diese Sorgen. Wenn die Grundlagederamerikanischen Präsenz in Europa nicht mehr
vorwiegend der Schutz vor einer sowjetischen Bedrohung ist, wie sollte sie dann beschaffen sein? Wenn
Europa sein Sicherheitskonzept neu definiert, wird es
dann überhaupt eine amerikanische Präsenz geben?
Falls ja, welches sind die allseits akzeptablen Bedingungen dafür?
Die Vereinigten Staaten betrachten die NATO weiterhin als Eckpfeiler der transatlantischen Beziehungen.
Diejenigen, die dieses erfolgreichste Sicherheitsbündnis der Geschichte als Relikt des Kalten Krieges betrachten, übersehen den entscheidenden Punkt.
Der Nordatlantikvertrag erwähnt weder die Sowjetunion noch den Kalten Krieg, und er hat auch kein
"Verfallsdatum". Das Geniale ist seine Flexibilität.
Innerhalb seiner Struktur kann die euroatlantische
Gemeinschaft eine Sicherheitspolitik entwickeln, die
vom Charakter der Bedrohung - ob global oder regional
- unabhängig ist. Die NATO hat sich bereits bewährt,
und sie wird es uns gestatten, uns einer Vielzahl
unbekannter, selbst überraschender Bedrohungen
unterschiedlichsten Ausmaßes anzupassen.
Die NATO kann ihre Glaubwürdigkeit jedoch nur
bewahren, indem sie sich den neuen Bedingungen der
vergangenen zwei Jahre anpaßt. Vieles von dem, was
wir tun, wird von der künftigen Gestalt des ehemaligen
sowjetischen Imperiums abhängen. Wenn unabhängige und demokratische Gesellschaften in der Region
feste Wurzeln schlagen, dann sollte die Evolution der
NATO dieses Niveau größerer europäischer Stabilität
widerspiegeln. Ein perfektes Beispiel ist der Nordatlantische Kooperationsrat, in dem sich die NATO bemüht,
ehemalige Gegner im Osten beim Prozeß der Stärkung demokratischer Institutionen und der Entwicklung neuer sicherheitspolitischer Maßnahmen zu unterstützen.

Um es nochmals zu betonen: Unser Ziel ist ein
stärkeres Europa und eine stärkere NATO. Besonders
Die Erfahrung, zweimal in europäische Konflikte hin- in dieser Zeit unmittelbar nach dem Kalten Krieg
eingezogen worden zu sein, überzeugte das amerika- müssen wir Nullsummenanalysen als vereinfachend
nische Volk, daß seine Sicherheit mit der Europas und gefährlich zurückweisen, die davon ausgehen,
verflochten ist - eine Überzeugung, die nach wie vor eine stärkere europäische Sicherheitsidentität könne
Sicherheit

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�nur auf Kosten der NATO entwickelt werden. Wir
können beides haben. Die Vereinigten Staaten werden in Europa militärisch präsent bleiben, solange
unsere Anwesenheit erwünscht ist. Die Stärke unsererhier stationierten Truppen wird vonden Erfordernissen unseres Auftrages und den Dimensionen der
militärischen Pflichten abhängen, die wir mit unseren
Verbündeten teilen.

zusätzlich 4 Billionen Dollar erwirtschaftet werden.
Diese Summe ist fast so hoch wie das gesamte
jährliche Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten.
In einer Zeit, in der die Wiederherstellung soliden
Wirtschaftswachstums für alle Länder - einschließlich
der Dritten Weh und der ehemaligen Sowjetunion - die
wichtigste Priorität ist, stellt dieses Abkommen genau
den richtigen Schritt im richtigen Moment dar.

In dieser dritten Nachkriegszeit des Jahrhunderts
benötigen wir darüber hinaus ein wesentlich klareres
Verständnis unserer Sicherheitsinteressen. Wir sind
nicht länger mit einem einzigen eindeutig definierten
Gegner konfrontiert. Wie die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien auf brutale Weise unterstreichen,
erfordern andere Sicherheitsanliegen unsere Aufmerksamkeit. Ferner sind die wirtschaftlichen, umweltpolitischen, wissenschaftlichen und kulturellen Dimensionen unserer Beziehungen erheblich wichtiger geworden. Deshalb müssen wir uns in dieser Nachkriegsperiode darum bemühen, unsere Beziehungen zu vertiefen und erweitern, um diese zusätzlichen Dimensionen
einzubeziehen und gleichzeitig auf neue Arten von
Sicherheitsanliegen reagieren. Es sind diese anderen
Dimensionen unserer Beziehungen, denen ich mich
nun zuwenden möchte.

Kulturelle Bindungen
Ich möchte mich jetzt der Bedeutung der kulturellen
Bindungen zwischen unseren beiden Ländern zuwenden. Die Übergangsphase in unseren Beziehungen
erfordert Verständnis und ein gemeinsames Gefühl
der Verpflichtung auf beiden Seiten des Atlantiks. In
diesem Zusammenhang ist eine Dimension der transatlantischen Beziehungen, die bei der Konzentration
auf unsere dringenderen Anliegen leicht übersehen
werden kann, die persönliche und kulturelle Dimension.

Im Jahre 1946 brachte ein prominenter amerikanischer Senator, William Fulbright, das in der Folgezeit
bedeutendste Gesetzeswerk im Bereich der internationalen Kulturbeziehungen in der amerikanischen
Geschichte ein - das Fulbright-Hays-Gesetz, mit dem
ein internationales akademisches Austauschprogramm
Wirtschaft
ins Leben gerufen wurde. Fulbright ging davon aus,
Der Handel spielt in unseren Beziehungen eine zuneh- daß junge Menschen, denen ein Studium im Ausland
mend wichtige Rolle. Zwei der wichtigsten Bindeglie- geboten würde, andere Nationen schließlich nicht mehr
der zwischen den Vereinigten Staaten, Deutschland nur als abstrakte Gebilde betrachteten.
und ganz Europa sind die sich selbst verstärkenden
In einer Rede über die deutsch-amerikanischen BezieBande des Handels und der Investitionen.
hungen hat Bundeskanzler Kohl in Heidelberg im Juni
Wir freuen uns darüber, daß die Unterhändler der dieses Jahres ebenfalls festgestellt, daß die FreundEuropäischen Gemeinschaft und der Vereinigten Staa- schaft zwischen unseren beiden Nationen nicht nur im
ten in der Lage waren, die noch zwischen uns beste- Verstand, sondern auch in den Herzen der Menschen
henden Meinungsverschiedenheiten - insbesondere verankert bleiben und wissenschaftliche und kulturelle
im Bereich der Landwirtschaft - auszuräumen, die so Zusammenarbeit gleichberechtigt neben die politische
lange einen erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde und wirtschaftliche Zusammenarbeit gestellt werden
verhindert haben. Darüber hinaus begrüßen wir die muß.
Einigung beim Thema Ölsaaten, die einen Handelskrieg abwendet, der in niemandes Interesse gelegen Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland
geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß unsere
hätte.
Beziehungen zunehmend auf den persönlichen BinDiese Leistung wurde durch Kreativität, enorme Ge- dungen ruhen werden, die zwischen den Menschen
duld und die Bereitschaft aller betroffenen Parteien unserer beiden Länder geknüpft wurden. Diese durch
errungen, im Interesse freieren Handels mit seinem akademische Austauschprogramme, Tourismus,
Wohlstand hervorbringenden Potential für alle erheb- Konferenzen, wissenschaftliche Zusammenarbeit und
liche Zugeständnisse zu machen. Diese Übereinkunft künstlerische Veranstaltungen geschaffenen Bande
verschafft uns die Möglichkeit, die von allen Teilneh- werden eine noch wichtigere Dimension unserer künfmerstaaten des Münchner Gipfels eingegangene tigen Beziehungen sein.
Verpflichtung zu erfüllen, bis zum Jahresende ein
Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde zu schlie- Diese Bindungen müssen kontinuierlich gepflegt und
vertieft werden. Jede nachfolgende Generation muß
ßen.
sich erneut zur Bewahrung und Stärkung dieser Bande
Die Handelsbeauftragte der Vereinigten Staaten, Carla verpflichten, damit sie sich nicht auflösen. Diese
Hills, hat geschätzt, daß in den ersten zehn Jahren Aufgabe ist jetzt von besonderer Bedeutung, weil die
nach der erfolgreichen Beendigung der Uruguay-Runde Generationen der Nachkriegszeit sowohl in Deutschweltweit Waren und Dienstleistungen im Wert von land als auch in Amerika in einflußreiche Positionen

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AMERIKA DIENST 48

�gelangen, und ihr Bild voneinander wurde in den
turbulenten sechziger und siebziger Jahren geformt.
Und, wie Sie hier in Dresden nur allzugut wissen, sind
diese Bemühungen wichtig für die Deutschen aller
Altersstufen in den neuen Bundesländern, die von der
persönlichen Dimension der deutsch-amerikanischen
Beziehungen noch nicht profitieren konnten.
Das amerikanische Engagement für die neuen
Bundesländer
Der erste Schritt in dem Prozeß der Stärkung dieser
Bindungen muß darin bestehen, das von uns bereits
zwischen den westlichen Bundesländern und den
Vereinigten Staaten aufgebaute Netz von Kontakten
auf die fünf neuen Länder auszudehnen - ein Prozeß,
den wir schon vordem Oktober 1990 begonnen haben.
Unsere Kontakte in dieser Region wurden von der
ehemaligen Regierung sehr eingeschränkt, und es
bleibt noch viel zu tun, um die Isolierung von den
Vereinigten Staaten zu überwinden, der die Bürger
dieses Gebietes über Jahrzehnte hinweg unterworfen
waren.
Mit großer Freude konnte ich im Januar dieses Jahres
in Neubrandenburg eine erhebliche Erhöhung des
amerikanischen Beitrages für mehrere Austauschprogramme - darunter das Fulbright-Programm - um
insgesamt über eine Million Dollar bekanntgeben, damit
die Austauschprogramme mit Menschen in den fünf
neuen Bundesländern erweitert werden können.
Im Juni dieses Jahres haben wir ein neues Amerika
Haus in Leipzig eröffnet, das den Bedürfnissen der
Menschen in Sachsen und Thüringen dienen und die
Arbeit des Amerika Hauses in Berlin ergänzen soll.
Unser Programm für junge Führungskräfte, in dessen
Rahmen viele von Ihnen zum ersten Mal mit den
Vereinigten Staaten bekanntgemacht wurden, wird
erweitert. Allein dieses Programm hat es nahezu
17.000 jungen deutschen Akademikern ermöglicht,
die Vereinigten Staaten aus erster Hand kennenzulernen. Seit der Wiedervereinigung haben über 150
Deutsche aus den neuen Bundesländern von diesem
Programm profitiert.

ten für Englischunterricht, der von seinem Berliner
Büro aus in den neuen Ländern Unterstützung leistet.
Zwei wertere amerikanische Spezialisten sind an den
Universitäten in Greifswald und Chemnitz tätig.
Mit der Schließung einiger unserer militärischen Stützpunkte in Westdeutschland werden Bibliotheken auf
Universitätsniveau an ostdeutsche Institutionen übergeben. Fast 300.000 Bücher in englischer Sprache
wurden seit Beginn dieses Programms überreicht,
darunter 20.000 Bände an die Sächsische Landesbibliothek und 10.000 an die Universität Dresden. Ich
kann mir keinen besseren Weg denken, um Schwerter
zu Pflugscharen zu machen, als eine ganze Bevölkerung mit Büchern auszustatten, aus denen sie lernen
und gewinnen kann.
Unser Ziel bei all diesen Maßnahmen liegt auf der
Hand - die Deutschen, insbesondere die jungen Deutschen, in diesem Teil des Landes zu befähigen, dasselbe zu tun, was ihre Mitbürger im Westen tun können, nämlich selbst etwas über unser Land und die
Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu lernen und sich ihre eigene Meinu ng darüber zu
bilden, was wir gemeinsam in der Zukunft tun können.
Die amerikanischen Investitionen in den neuen
Bundesländern
Ebenso haben amerikanische Investitionen den neuen
Bundesländern ihren Stempel aufgedrückt. Eines
meiner persönlichen Ziele als Botschafter besteht darin,
das Land so viel wie möglich zu bereisen, insbesondere die neuen Bundesländer. Neben zahlreichen Reisen nach Berlin habe ich die fünf neuen Länder achtzehnmal besucht, umdie Priorität zu verdeutlichen, die
wir dem deutschen Vereinigungsprozeß und neuen
amerikanischen Investitionen in Ostdeutschland beimessen.

In einer Rede in Berlin hat Au ßenminister Baker im Juni
1991 erklärt: "Ich zweifle nicht daran, daß dieser Teil
Deutschlands in nicht allzu femer Zukunft eines der
wirtschaftlichen Zugpferde Europas sein wird. Andern
Tag, so glaube ich, werden Amerikaner und Deutsche
gemeinsam an diesem Werk beteiligt sein." Heute sind
Deutsche und Amerikaner in vielen Unternehmen in
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben kürz- Ostdeutschland bereits gemeinsam an diesem Werk
lich die Gründung der RIAS Kommission bekanntge- beteiligt. Nach unseren Berechnungen sind über 180
geben, die sich dem Ausbau von Kontakten und Stu- amerikanische Firmen im Osten aktiv. Heute nachmitdien zwischen Medienzentren und Rundfunkjoumali- tag habe ich eine dieser Firmen - Spezialtechnik Dressten in den fünf neuen Ländern und deren amerikani- den - besucht, die im Mai dieses Jahres von General
schen Kollegen widmen wird. Dies, so glauben wir, ist Atomics in San Diego übernommen wurde. Die naheeine Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse des zu 1.400 Beschäftigten dieses Unternehmens sind an
Publikums, die der RIAS - Radio im Amerikanischen der Konversion der Rüstungsindustrie beteiligt. Sie
Sektor - während des Kalten Krieges so gut erfüllt hat. verarbeiten Munitionsbestände unter anderem zu
Rollstühlen, Erdbaugeräten und umweltverträglichen
Wir haben unsere Seminare für Englischlehrer und Produkten.
Amerikanistikstudien in den fünf neuen Bundesländern erheblich erweitert, insbesondere im Bereich der Die in den fünf neuen Bundesländern tätigen amerikaunmittelbaren Unterstützung von Universitäten und nischen Firmen haben insgesamt über 5 Milliarden Dpädagogischen Hochschulen. Wir haben einen Exper- Mark investiert und fast 38.000 Arbeitsplätze geschafAMERIKA DIENST 48

Seite 5

�fen oder erhalten. Zwei weitere amerikanische Unternehmen, die zum Energiesektor gehören, sind an
Investitionen interessiert, mit denen die Gesamthöhe
der amerikanischen Investitionen mehr als verdoppelt
werden könnte.

reit, mehr zu tun als Besorgnis auszudrücken. Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den
neuen Bundesländern, zu denen unsere Firmen Beiträge erbringen, sind Teil der Lösung, weil sie an den
Wurzeln der gegenwärtigen Schwierigkeiten ansetzen. Verstärkte kulturelle Aktivitäten und persönliche
Verstärkte wirtschaftliche Aktivitäten amerikanischer Kontakte sind ebenfalls lebenswichtig, und wir haben
Unternehmen in den neuen Bundesländern stellen unser Budget für solche Maßnahmen in den neuen
dringend erforderliche Investitionen zur Verfügung - Bundesländern erhöht. Wir sind zuversichtlich, daß
und verstärken darüber hinaus die Kontakte zwischen Deutschland wegen der grundsätzlichen Stärke seiner
unseren Völkern. Mit dem Abzug beträchtlicher ame- demokratischen Werte diese Probleme lösen wird rikanischer Truppenverbände aus Deutschland wer- und damit weiter die Toleranz und den Respekt für
den die von ihnen geknüpften persönlichen Kontakte, muftikulturelle Werte ausbauen wird, die in einer pulwie ich hoffe, durch Kontakte zwischen Deutschen und sierenden, lebendigen Demokratie so wichtig sind.
amerikanischen Geschäftsleuten und deren Familien
abgelöst. Ich habe die Hoffnung, daß jeder heimkeh- Die vor uns liegende Herausforderung
rende G.l. tatsächlich oder im Geiste durch einen
Deutschen, der hier für eine amerikanische Firma Sowohl die deutsche als auch die amerikanische
arbeitet, oder von einem Amerikaner, der für ein deut- Regierung waren in der Vergangenheit die Hauptförsches Unternehmen in den Vereinigten Staaten arbei- derer von Austauschprogrammen in Kultur und Biltet, ersetzt wird. Deutsche Firmen werden besonders dungswesen, und sie werden sich auch in Zukunft aktiv
wegen ihrer Betonung von Aus- und Fortbildung be- für diese Maßnahmen engagieren. Wenn wir unsere
wundert und sind sicherlich in den Vereinigten Staaten heutige Lage jedoch realistisch betrachten, müssen
willkommen. BMW ist das jüngste einer langen Reihe wir uns vor Augen führen, daß die staatlichen Mittel
führender deutscher Unternehmen, die in den Verei- künftig mehr als wir uns dies wünschen begrenzt sein
nigten Staaten investieren, und ich begrüße beson- werden.
ders die Entscheidung, sich in South Carolina niederIm vergangenen Jahr hat das US-Außenministerium
zulassen.
ohne Erhöhung seines Haushalts 20 neue Botschaften
in den neuen unabhängigen und souveränen Staaten
Die gemeinsame Erfahrung
eröffnet. Die Budgets für unsere bestehenden KulturHier und in den Vereinigten Staaten vernehme ich programme geraten stärker unter Druck, während wir
starke Besorgnis über extremistische Gewalttaten im versuchen, die heutigen Austauschprogramme in Kultur
Deutschland von heute. Manchmal wird die Frage und Bildungswesen auf diese neuen Gebiete auszugestellt: "Wird Deutschland zu den dunklen Tagen dehnen. Ich werde energisch dafür eintreten, unsere
seiner Vergangenheit zurückkehren?" Meines Erach- in Deutschland bestehenden Programme zu erhalten,
tens ist es an der Zeit, daß wir unseren Kopf gebrau- aber Einsparungen sind unvermeidlich. Angesichts
chen anstatt unsere Hände zu ringen. Wenn ich meine der Kosten der Vereinigung bin ich sicher, daß sich
eigenen Erfahrungen als Maßstab für die Beurteilung auch die Programme der Bundesregierung im kultureldieser Frage anlege, so ist den Deutschen in Ost und len Bereich Engpässen ausgesetzt sehen.
West gleichermaßen bewußt, daß Demokratie kein
Geschenk ist, das gegeben oder empfangen wird, Die Aktivitäten von Organisationen wie der Herbert
sondern ein Gesellschaftsvertrag, der geschaffen und Quandt Stiftung zur Unterstützung des internationalen
ständig bekräftigt werden muß. Die Deutschen verste- Verständnisses durch Austauschprogramme werden
hen Goethes Satz sehr wohl, daß die Freiheit stets in Zukunft noch wichtiger sein als in der Vergangenheit. Ihr Bertrag zu den historischen Ereignissen,
aufs neue errungen werden muß.
deren Zeuge wir in Europa gewesen sind, mag vielWir unterstützen voll und ganz die Bemühungen leicht niemals ermessen werden, aber eines ist sicher:
Deutschlands, unverwandt auf dem Weg der Demo- Sie haben die Herausforderungen des Kalten Krieges
kratie und der Marktwirtschaft voranzuschreiten, auf angenommen und diejenigen unterstützt, die weiter
einem Weg, den der Ostteil des Landes heute erst die Frage stellten, "Was können wir wissen?" und "Was
antritt. Aus unserer eigenen nationalen Erfahrung können wir tun?" Neue Völker haben ihre Freiheit
wissen wir, daß Nationen nicht einfach erfunden wer- errungen und können nun dieselben Fragen stellen.
den, sondern wachsen. Die amerikanische Demokra- Auch sie müssen ermutigt und in ihrem Streben nach
tie ist organisch gewachsen und hat sich im Verlauf Wissen unterstützt werden.
unserer über zweihundertjährigen Geschichte fortwährend verändert und weiterentwickelt, während wir Ich bin hier, um Ihre Hilfe zu erbitten. In dieser Zeit
wirtschaftlicher Schwierigkeiten für unsere beiden Länder
vormals benachteiligte Gruppen integriert haben.
müssen wir unter Einsatz all unserer Kreativität eine
Gemeinsam mit den anderen Freunden und Verbün- Partnerschaft der öffentlichen und privaten Unterstütdeten Deutschlands sind die Vereinigten Staaten be- zung für diese Aktivitäten entwickeln, die von lebensSeite 6

AMERIKA DIENST 48

�Beginn der neuen Administration einer eingehenden Prüfung unterzogen werden.

wichtiger Bedeutung sind. Wir haben 40jährige Erfahrung bei der Erarbeitung von Programmen, die Zehntau sende Deutsche und Amerikaner zusammengeführt haben. Nur indem wir diese Erfahrung mit Mitteln
des Privatsektors kombinieren, können wir gewährleisten, daß dieses Vermächtnis an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Ich bin hier, um
jeden von Ihnen zu bitten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um dieses Vermächtnis lebendig zu erhalten. Es ist die Pflicht von uns allen, Bereiche zu
identifizieren, in denen wir bei der Vertiefung des
deutsch-amerikanischen Verständnisses zusammenarbeiten können und dann unsere Ärmel hochkrempeln, um dieses Werk zu vollenden.
Diese Art von Erfahrung aus erster Hand führt gemeinsam mit soliden Amerikanistikprogrammen deutscher
Universitäten zu dem tieferen Verständnis von unserem Land, das produktive Zusammenarbeit und dauerhafte Bündnisse hervorbringt. Ich begrüße wärmstens
die Initiativen der Quandt Stiftung zur Förderung von
Amerikanistikprogrammen und damit zusammenhängenden Aktivitäten in den neuen Bundesländern. Die
Qualität der bestehenden Programme der Stiftung ist
wohlbekannt und verspricht hervorragende Ergebnisse in diesem Teil Deutschlands. Besonders erfreut bin
ich darüber, daß die Stiftung es amerikanischen Dozenten und Fachleuten ermöglicht, die neuen Bundesländer zu besuchen und engere Beziehungen zwischen den akademischen Institutionen hier und in den
Vereinigten Staaten herzustellen.
Die neue Administration
Abschließend möchte ich die jüngsten Wahlen in den
Vereinigten Staaten kommentieren.
Wie Präsident Bush möchte auch ich Gouverneur
Clinton zu seinem Wahlsieg gratulieren. In einem
weiteren Beispiel der von Präsident Bush so bezeichneten "Majestät der Demokratie" hat das amerikanische Volk gesprochen, und es findet zur Zeit ein
reibungsloser Übergang statt.
Gouverneur Clinton hat am Tag nach seiner Wahl
erklärt, er beabsichtige, Kontinuität in der amerikanischen Außenpolitik anzustreben: "Auch wenn Amerikas Regierungen wechseln", stellte er fest, "Amerikas
fundamentale Interessen verändern sich nicht." Aber
eine kontinuierliche Außenpolitik ist keine identische
Außenpolitik, und von seinen Erklärungen im Wahlkampf wissen wir, daß es Unterschiede geben wird.
Erstens werden aufgrund der Tatsache, daß
Gouverneur Clinton der Innenpolitik Vorrang
einzuräumen gedenkt, alle Teile des Haushalts
für die nationale Sicherheit - Verteidigung,
Auslandshilfe und Aktivitäten im Ausland - zu
* *

AMERIKA DIENST 48

Zweitens hat Gouverneur Clinton bereits erklärt, er werde den amerikanischen Verteidigungshaushalt etwas weiter kürzen als Präsident Bush vorgeschlagen hat. Obwohl er klargestellt hat, daß er eine schlagkräftige Streitmacht in Europa beibehalten möchte, haben
seine Berater Zahlen zwischen 75.000 und
100.000 genannt anstatt der von Präsident Bush
vorgeschlagenen 150.000. Sie haben femer im
Kongreß erhobene Forderungen aufgegriffen,
wonach unsere europäischen Verbündeten einen
größeren Teil der Lasten übernehmen sollen.
Drittens hat Gouverneur Clinton ein auf freiem
und fairem Handel basierendes offenes Welthandelssystem unterstützt. Er hat dem Wort
"fair" jedoch erhebliches Gewicht beigemessen
und insbesondere eine höhere Besteuerung
ausländischer Firmen in den Vereinigten Staaten vorgeschlagen.
Diese Auszüge aus den Wahlkampf reden des gewählten Präsidenten Clinton stellen die allgemeinen Richtlinien der neuen Außenpolitik der USA dar. Wie diese
Außenpolitik in ihren Einzelheiten durchgeführt wird,
obliegt selbstverständlich dem neuen Präsidenten sebst
nach der Amtsübernahme am 20. Januar.
Schlußbemerkung
Von heute bis zum Mittag des 20. Januar werde ich eng
mit Vertretern der Bundesregierung zusammenarbeiten, um diese und andere noch ausstehende Probleme
in unseren bilateralen Beziehungen zu behandeln. Ob
und für wie lange ich dies noch nach dem 20. Januar
tun werde, liegt bei dem neuen Präsidenten.
Wie auch immer meine Zukunft aussehen mag, eines
ist sicher: Ich gedenke, mich den Rest meines Lebens
- in und außerhalb der Regierung - für engere Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland einzusetzen. Ich werde dies großenteils deshalb
tun, weil ich dieses Land, seine Menschen und seine
Kultur liebe. Ich tue dies jedoch umso mehr, als engere
deutsch-amerikanische Beziehungen für den künftigen Frieden und Wohlstand in unseren beiden Ländern, in Europa und der ganzen Welt lebenswichtig
sind. Es ist mein brennender Wunsch, daß unsere
Kinder eines Tages Grund haben, uns dafür zu danken, die Grundlagen für ebenso solide und produktive
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland geschaffen zu haben wie unsere Eltern
es für uns taten. Ich freue mich, mit Ihnen zusammen
auf dieses gemeinsame Ziel hinzuarbeiten.
Ich danke Ihnen.
*

*

Seite 7

�CLINTON/AUSSENPOLITIK
2. Dezember 1992

CLINTON VOR AUSSENPOLITISCHEN
HERAUSFORDERUNGEN
Experten beraten den künftigen Präsidenten
im Verteidigungssektor Tätigen abstimmen, ohne ihnen ein Vetorecht gegen seine Entscheidungen einzuräumen, in der Öffentlichkeit klar darlegen, was getan
werde - einschließlich der Rückschläge und Risiken und sich vor allem der multilateralen Unterstützung
versichern. Falls Gewaltanwendung erforderlich sei,
Dies war das Fazit der eintägigen, am 24. November sollten der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und
1992 im US-Außenministerium abgehaltenen Konfe- wenn möglich andere im bedrohten Gebiet ansässige
renz mit dem Thema "Die au ßenpolitischen Prioritäten regionale Organisationen Maßnahmen ergreifen.
Amerikas in einer neuen Welt", an der renommierte
amerikanische Experten und ausländische Delegierte Der künftige Präsident müsse erneut bekräftigen, daß
teilnahmen. Gemeinsamer Veranstalter der Konfe- die Vereinigten Staaten - falls erforderlich - auch
renz waren die Carnegie Endowment for International militärische Gewalt anwenden, er müsse jedoch - so
Peace und die American Foreign Service Association. Halperin - auch verstehen, daß das Unterstützung im
In- und Ausland erfordere. Jegliche militärische
Die angesprochenen Themen reichten von Welthan- Gewaltanwendung müsse an die Darlegung eines
del und Wirtschaftsfragen bis zu Umweltproblemen, Konzepts einer neuen Weltordnung gebunden sein.
Flüchtlingsströmen, gemeinsamer Sicherheit, der
Nichtverbreitung von Atomwaffen, Menschenrechten, Paula Dobriansky, Leiterin der Abteilung für politische
der Stärkung internationaler Organisationen und dem und programmatische Fragen des US-Informationsamtsund ehemalige hochrangige MenschenrechtsexAufbau der Demokratie.
pertin im US-Außenministerium, stand auf der KonfeMort Halperin, ehemaliger hochrangiger Berater Hen- renz dem Gremium für Menschenrechte, humanitäre
ry Kissingers im Nationalen Sicherheitsrat unter Präsi- Angelegenheiten, Völkerrecht und Aufbau der Demodent Richard Nixon, Vorsitzender der amerikanischen kratie vor.
Bürgerrechtsvereinigung (American Civil Uberties Unbn)
und führender Mitarbeiter der Carnegie-Stiftung gab "Die Förderung der Demokratie wird in absehbarer Zeit
einen Überblick über die potentiellen militärischen und unsere vorrangige Herausforderung sein", äußerte
Dobriansky auf der Schlußsitzung. Die Vereinigten
politischen Probleme Clintons.
Staaten haben zwar eine wichtige Rolle zu spielen und
"Es wird ihm meiner Ansicht nach so gehen wie all können ihre einzigartigen Erfahrungen anderen zuunseren Präsidenten der Nachkriegszeit, die entdeckt gänglich machen", erklärte sie, "wir müssen jedoch
haben, daß die Welt sie nicht in Ruhe läßt", stellte immer davon ausgehen, daß man Demokratie nicht
Halperin fest.
einfach von einem Land in ein anderes verpflanzen
kann".
Zu den Brennpunkten, mit denen Clinton sich Halperin
zufolge möglicherweise konfrontiert sehen wird, gehö- Sie stellte fest, "kollektives Engagement bei der Förderen der Irak, das ehemalige Jugoslawien, Somalia und rung von Demokratie sei garantiert" und fügte hinzu,
Haiti.
daß muftilaterale und regionale Organisationen wie die
Vereinten Nationen, die Konferenz über Sicherheit und
Er erklärte, beim Umgang mit potentiellen BedrohunZusammenarbeit in Europa (KSZE) sowie die Organigen müsse der gewählte Präsident die eindeutige sation Amerikanischer Staaten (OAS) in dieser HinUnterstützung des Kongresses erhalten, sich mit den sicht eine wichtige Rolle zu spielen hätten.
WASHINTON - (AD) - Obwohl der gewählte Präsident
Bill Clinton sich auf die Wiederbelebung der Binnenwirtschaft konzentrieren will, sieht er sich bereits mit
einer Reihe außenpolitischer Herausforderungen
konfrontiert.

AMERIKA DIENST

Seite 1

�"Fürdie Förderung der Demokratie ist die Rechtsstaatlichkeit von Bedeutung", betonte Dobriansky. Dies
beinhalte eine unabhängige Judikative, rechtmäßige
Verfahren, den Schutz von Minderheiten sowie die
Respektierung der Menschenrechte, der eingegangenen Vertragsverpflichtungen und der Souveränität
anderer Staaten.
"Im Verlauf unserer Sitzung wurde festgestellt, daß
das US-Informationsamt immer die Demokratie gefördert hat", erklärte sie. "Seine Aufgabe war stets die
Verbreitung demokratischer Werte und Ideen. Aus
diesem Grunde wurde darauf hingewiesen, daß das
US-Informationsamt gut als führende Organisation für
die Förderung der Demokratie im Ausland geeignet
sei.
"Darüber hinaus wurde dringend empfohlen, daß eine
organisationsübergreifende, dem Amt unterstellte
Arbeitsgruppe für die Bemühungen der Vereinigten
Staaten zum Aufbau der Demokratie auf der ganzen
Welt und deren bessere Koordinierung ins Leben gerufen wird", äußerte Dobriansky. Die Bestrebungen
um den Aufbau der Demokratie würden als ein "langfristiger evolutionärer Prozeß" betrachtet, "ein Prozeß,
der für die Vereinigten Staaten eine lohnende, wenn
nicht entscheidende Investition in den Weltfrieden und
die globale Sicherheit darstellt".

Ellen Frost, renommierte Mitarbeiterin des Institute for
International Economics und ehemalige hochrangige
Beamtin im Verteidigungsministerium, warnte auf der
Schlußsitzung der Konferenz, daß Clinton sich im
Bereich der Wirtschaft einer "sehr düsteren Lage auf
der Welt" gegenübersehen könnte.
"Es ist nicht allzu schwierig vorherzusagen, daß sich
der künftige Präsident Clinton im nächsten Jahr einigen äußerst schwierigen wirtschaftspolitischen Problemen stellen muß. Beispielsweise könnten wir mühelos
prognostizieren, daß das Paket (binnenwirtschaftlicher) Anreize erst mit Verzögerung Ergebnisse zeitigen, der Dollar fallen und teurere Importe zum ersten
Mal seit den letzten Tagen der Carter-Administration
wirklich zu höherer Inflation führen würden", stellte sie
fest.
•

Frost fügte hinzu: "Wir können nicht länger unsere
Binnenwirtschaft von der Weltwirtschaft gesondert
betrachten. Handel und Wirtschaftswachstum sind
untrennbar verbunden. Wir müssen uns vor Augen
führen, daß im Jahr 1991 die Hälfte des in den Vereinigten Staaten zu verzeichnenden Wachstums auf
Exporte zurückzuführen ist; in den letzten vier Jahren
waren das ungefähr 30 Prozent."
Frost betonte, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und die Uruguay-Runde seien zwar
"im Kern politisch", stellten aber in der Tat das Welthandelssystem dar und müßten gestärkt werden.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 48

�VERTEIDIGUNG
2. Dezember 1992

US-STREITKRÄFTE: KLEINER ABER
STARK UND EINSATZBEREIT
Keine einschneidenden Veränderungen von Clinton erwartet
WASHINGTON - (AD) - Obwohl die Vereinigten Staaten in den kommenden Jahren ihre Verteidigungsausgaben
senken und weniger Truppen im Ausland stationieren werden, verpflichten sie sich nach wie vor, die für den
Schutz ihrer Interessen und der ihrer Verbündeten sowie die Förderung internationaler Stabilität erforderliche
militärische Fähigkeit beizubehalten.
Besorgnisse, die Vereinigten Staaten könnten einer isolationistischen Strömung folgen, entbehren jeglicher
Grundlage. Vor über zwei Jahren hat die Bush-Administration eine energisch betriebene amerikanische
Verteidigungsstrategie nach dem Ende des Kalten Krieges eingeführt, und es steht nicht zu erwarten, daß die
neue Clinton-Administration diese in ihrer Substanz verändert.
Sie wird sich teilweise deshalb nicht verändern, weil der gewählte Präsident seine Haltung zu wichtigen
verteidigungspolitischen Fragen bereits angedeutet hat und weil die Militärbürokratie, die den Präsidenten berät
und die Strategie mitgestaltet hat, grundsätzlich dieselben Verpflichtungen befürworten wird. Beim kontinuierlichen Abbau von Streitkräften und Haushalt werden Truppenstärke und Dollarausgaben verändert werden - der
auf fünf Jahre angelegte Haushaltsplan Clintons liegt jedoch nur fünf Prozent unter den Ansätzen Bushs.
Der gewählte Präsident Bill Clinton ist sich - wie auch seine Vorgänger - bewußt, daß die Welt "immer noch ein
gefährlicher Ort ist". Militärische Macht "ist weiterhin bedeutsam", so erklärt er, "und ich bin der Aufrechterhaltung einer starken und einsatzbereiten Verteidigung verpflichtet. Ich werde diese Stärke gegebenenfalls
einsetzen, um unsere vitalen Interessen zu verteidigen." So unterstützt er die Entscheidung Bushs, den
irakischen Kurden und Schiiten Luftunterstützung zu gewähren ebenso wie die Fortsetzung der NahostFriedensgespräche. Darüber hinaus befürwortet er eine stärkere Unterstützung demokratischer Regime in
Lateinamerika.
Diejenigen, die versuchen könnten, "ihre Ziele mit Macht und Gewalt" zu verwirklichen, sollten Clinton zufolge
wissen, daß seine Administration "die militärische Stärke aufrechterhalten wird, die wir zur Verteidigung unseres
Volkes ... und unserer Werte benötigen".

ken, wann immer eine Krise ausbricht, die eine amerikanische Reaktion notwendig macht. "Wir müssen in
Der strategische Rahmen, der von zivilen und militäri- der Lage sein, rasch und in ausreichender Stärke
schen Entscheidungsträgem formuliert wurde, deutet Macht nach Europa, dem Nahen Osten und Asien zu
darauf hin, daß die Vereinigten Staaten ein klares verlagern, um jeden möglichen Aggressor zu besieZukunftskonzept haben. Dazu gehört die weitere gen, der durch unsere Vomepräsenz nicht abgeschreckt
Vornestationierung amerikanischer Streitkräfte in wurde", erklärt der Vorsitzende der Vereinigten StabsRegionen von vitalem nationalem Interesse für die chefs (JCS), Colin Powell.
Vereinigten Staaten, die sich 40 Jahre lang bewährt
Aber Powell, der auch in der Clinton-Administration im
hat.
Amt bleiben wird, da seine Amtszeit als JCS-VorsitDie amerikanischen Interessen werden die andauern- zender bis zum September 1993 läuft, verweist darauf,
de Präsenz von Truppen in entscheidenden Regionen daß sich die amerikanische Militärstrategie nicht länwie Europa, dem Nahen Osten und Ostasien ebenso ger auf die Annahme stützt, in Europa könne es
erfordern wie die Fähigkeit, diese Präsenz zu verstär- kurzfristig zum Ausbruch eines größeren Krieges
Der strategische Rahmen

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�kommen. Dies, so erklärt er, habe "tiefgreifende
Auswirkungen darauf, wie wir unsere Streitkräfte in
Europa und in den Vereinigten Staaten planen und
strukturieren".

Andauerndes Engagement

Cheney zufolge könnte die Zukunft auch davon abhängen, wie andere Nationen die amerikanische Fähigkeit
zum raschen Streitkräfteaufwuchs sowie zur effektiven Abschreckung oder Abwehr eines Angriffs einschätzen. Die Bewahrung einer weltweiten amerikanischen Präsenz mit der Fähigkeit zur raschen Reaktion,
so Cheney, "wird absolut entscheidend für die Bewältigung künftiger Krisen und die Abschreckung künftiger Aggressoren sein". Daß Clinton Verbesserungen
der militärischen Luft- und Seetransportfähigkeiten
hohe Priorität einräumt, weist darauf hin, daß diese
Erfordernis ernst genommen wird.

Wolfowitz zufolge sind das amerikanisch-japanische
und das amerikanisch-südkoreanische Bündnis ebenso wie die NATO in Europa "Eckpfeiler der Stabilität in
diesen Regionen der Wert". Auch Clinton befürwortet
die Aufrechterhaltung eines starken Engagements für
die NATO.

Das Thema Engagement durchzieht den von Präsident Bush erstmals im August 1990 dargelegten politischen Kurs wie ein roter Faden. Paul Wolfowitz,
Verteidigungsminister Cheney zufolge wird die künfti- Staatssekretär im Verteidigungsministerium, hat es
ge Stabilität von der Bereitschaft der Vereinigten Staa- folgendermaßen formuliert: "Meines Erachtens sind
ten abhängen, Streitkräfte im Ausland zu stationieren wir nicht der Weltpolizist. Wir müssen mit anderen zuund im Inland eine qualitativ hochwertige Truppe bei- sammenarbeiten, und immer mehr Völker... wollen mit
zubehalten. Die wachsende Stärke der amerikani- uns zusammenarbeiten... Es ist beeindruckend, wie
schen Verbündeten jedoch, so fügt er hinzu, "wird es viele der Demokraten auf der Wert, einschließlich in
ihnen ermöglichen, mehr Verantwortung für unsere Moskau, uns weiterhin an der Macht und in der Welt
gemeinsamen Sicherheitsinteressen zu übernehmen". engagiert sehen wollen. Wir sind in der Tat eines der
wenigen Völker, denen jeder vertraut."
Zwischen den Lagern von Bush und Clinton hat es
Meinungsverschiedenheiten über die Zahl amerikani- Die amerikanische Militärpräsenz in Europa "unterscher Truppen gegeben, die in Europa stationiert mauert die Stabilität" dort, steift Powell fest. In
bleiben sollen. Clinton geht davon aus, daß 100.000 Südwestasien hält sie "den Tyrannen in Schach", geausreichen, während Bush 150.000 beibehalten woll- währleistet die Einhaltung der UNO-Sanktionen und
te. Darüber hinaus bestehen unterschiedliche Mei- bietet Stabilität. Im Pazifischen Becken, so Powell, ist
nungen über den Gesamtumfang der Streitkräfte bis das "amerikanische Engagement ein Sicherheitsschild
zum Jahr 1997, aber die Differenzen sind marginal: für uns und unsere zahlreichen Freunde in der ReClinton würde die von Bush angestrebte Zahl von 1,6 gion". Die US-Präsenz in all diesen Regionen ist "ein
Millionen um weitere 200.000 verringern.
strategischer Imperativ", erklärt er.

Obwohl der Umfang der US-Streitkräfte aufgrund des
Fehlens einer vorhersehbaren weltweiten Bedrohung
schrumpfen wird, bleiben die Vereinigten Staaten in
der Lage, gegebenenfalls ihre Streitkräfte rasch wiederaufzubauen: durch Aufstellung neuer Kampfeinheiten, Mobilisierung von Soldaten und Aktivierung der
rüstungsindustriellen Basis in großem Stil.

Das System amerikanischer Bündnisse ist "ein entscheidender Bestandteil der künftigen Verteidigung",
so der Sprecher des Pentagon, Pete Williams. "Wir
geben Kollektivismus nicht auf, stellt er fest. Die
Bewahrung und Erweiterung enger Zusammenarbeit
mit Verbündeten und Freunden zur Erlangu ng gemeinsamer sicherheitspolitischer Ziele bleibt weiterhin eine
amerikanische Forderung.

Zalmay Khalilzad, Referatsleiter für politische Planung
im US-Verteidigungsministerium, steift fest, die Verteidigungsplanung der Vereinigten Staaten habe sich
von der Reaktion auf die bisher von der Sowjetunion
ausgehende Bedrohung - die "unmittelbarer und apoUnd während die Rüstungskontrollabkommen der letz- kalyptischer und in gewisser Hinsicht berechenbarer
ten Jahre eindeutige und substantielle Reduzierungen war - auf die regionalen Herausforderungen verlagert,
der strategischen Kernwaffen bedeuten werden, ha- mit denen wir uns aller Voraussicht nach in der Zukunft
ben sich die Vereinigten Staaten weder von der Not- konfrontiert sehen - Herausforderungen, die sehr viel
wendigkeit abgewendet, ein modernes, zuverlässiges multidimensionaler und weniger berechenbar sind".
strategisches Abschreckungspotential beizubehalten,
darunter eine Triade luft-, land- und seegestützter In Zukunft erwartet das Pentagon, daß kleinere NatioRaketen, noch von der Erfordernis, Verteidigungssy- nen moderneres konventionelles militärisches Gerät
steme gegen begrenzte Angriffe mit ballistischen und Massenvernichtungswaffen besitzen werden. Dies
Raketen zu entwickeln. Obwohl er das Ziel der Stra- könnte bedeuten, daß die Dritte Welt über einstmals
tegischen Verteidigungsinitiative (SDI) unterstützt, Supermächten vorbehaltene militärische Fähigkeiten
möchte Clinton die strukturelle Orientierung von SDI verfügen wird.
von Weltraumsystemen wegverlagern und in dem auf Die Strategie der Vereinigten Staaten ist darauf ausgefünf Jahre veranschlagten Haushalt etwa 20 Milliarden
richtet, so Khalilzad, "Trends zu antizipieren und zu
Dollar streichen.
fördern, die unsere Sicherheit und die unserer Freunde
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AMERIKA DIENST 48

�verbessern". Das entstandene neue Sicherheitsumfeld bietet laut Khalilzad eine Chance, "alte Feindschaften in kooperative Beziehungen umzuwandeln
und gleichzeitig die Fähigkeit beizubehalten, feindlich
gesinnte, nichtdemokratische Mächte davon abzuhalten, regionale Hegemonialmächte zu werden".

anderer demokratischer Werte sowie dem Übergang
von offensiven zu defensiven militärischen Doktrinen
und Einsatzkonzepten gerecht zu werden.
Unterschiedliche militärische Rollen

Während Clinton sich anschickt, 1993 die Verantwortung
des Oberbefehlshabers zu übernehmen, sieht er
Darüber hinaus werden sich Khalilzad zufolge mehr
sich
laut
Libby an "der Schwelle eines neuen ZeitalChancen zur Lösung der sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Probleme durch "neue oder wiederbe- ters", in dem wahrscheinlich "gegenläufige Trends und
lebte internationale Organisationen'' bieten. Die erwei- große Unsicherheiten die neuen Demokratien schwäterte Rolle der Vereinten Nationen und die zunehmen- chen, entscheidende Regionen destabilisieren, Agde Prominenz der Internationalen Atomenergie-Orga- gression freisetzen oder gefährliche militärische Technisation sind zwei Beispiele. Die Vereinigten Staaten nologien - einschließlich nuklearer, biologischer oder
ziehen es vor, die internationalen Herausforderungen chemischer Waffen und modernster Trägersysteme der Zukunft "durch kollektive Aktionen anzusprechen, in unverantwortliche Hände gelangen werden".
aber wir müssen die Fähigkeit beibehalten, gegebenenfalls zum Schutz unserer Interessen unabhängig Clinton hat die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und der dazugehörigen Trägersysteme als eine
zu handeln", stellt er fest.
"der gravierendsten Bedrohungen" der internationalen
Äußerungen des Abteilungsleiters für Politik im Vertei- Sicherheit ausgemacht. Das ihm unterstehende
digungsministerium, I. Lewis Libby, zufolge strebt die amerikanische Militär soll erwartungsgemäß jedoch
amerikanische Strategie "eine Verstärkung und Erwei- auch weiterhin Terrorismusbekämpfung, Unterbindung
terung des Systems von Sicherheitsarrangements an, des Drogenhandels, Abrüstungsbestrebungen sowie
das demokratische und gleichgesinnte Nationen in die Bereitstellung humanitärer Hilfe weltweit unterstütgemeinsamer Verteidigung gegen Aggression verbin- zen.
det, Kooperation aufbaut, die Renationalisierung sicherheitspolitischer Maßnahmen vermeidet und Sicherheit zu geringeren Kosten und mit niedrigeren
Risiken für alle bereitstellt".
Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, "lange
bestehende Bündnisse" in die Zukunft zu übertragen,
stellt der Regierungsvertreter fest, und gleichzeitig
Rußland, die Ukraine und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie Mittel- und Osteuropas in eine
"Friedenszone" einzubeziehen. Das US-Verteidigungsministerium beabsichtigt, seiner Rolle durch die Erweiterung von Kontakten auf militärischer Ebene, Förderung demokratischer ziviler Kontrolle des Militärs und

*

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*

Die Strategie der Zukunft läßt sich in einem relativ
einfachen, vielleicht von Powell am besten formulierten Konzept zusammenfassen, der sie als "Beruhigung für u nsere Freunde und Abschreckung für unsere
potentiellen Gegner" bezeichnet.
Eine solche Führungsrolle, so Powell, impliziert das
weitere Engagement der Vereinigten Staaten . Obwohl historische Veränderungen in der Militärstrategie
und Truppenstruktur vorgenommen werden können,
steift er fest, "ziehen wir ganz entschieden einen
Rückzug aus der Welt nicht in Betracht". Die Struktur
der Zukunft wird Powell zufolge wahrscheinlich "ein
Konzert der Macht anstelle eines Gleichgewichts der
Macht" sein.
*

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Seite 3

�SOMALIA
2. Dezember 1992

DIPLOMATIE KONZENTRIERT SICH
AUF SICHERE NAHRUNGSMITTELLIEFERUNGEN
NACH SOMALIA
Vereinigte Staaten nicht für Machtübernahme der UNO
WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium betonte am 30. November 1992, daß die
Debatten der Vereinten Nationen über Somalia sich
darauf konzentrieren, Möglichkeiten der sicheren
Nahrungsmittelversorgung für die 1,5 Millionen vom
Hungertod bedrohten Menschen zu finden und nicht
auf eine Machtübernahme der UNO in dem von Hunger und Bürgerkrieg erschütterten Land.
Die allgemeine Lage in Somalia hat sich noch verschlechtert, da sich befehdende Kriegsherren und
bewaffnete Banden die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen an der Bereitstellung von Nahrungsmitteln und
humanitärer Hilfe für die Notleidenden in verschiedenen Teilen des Landes hindern.

Sterberate stieg weiter und es wurde uns immer klarer,
daß es uns unter den gegebenen Bedingungen nicht
gelingen würde, alle Notleidenden mit Nahrungsmitteln zu versorgen."
Auf Seiten der Vereinigten Staaten und vieler anderer
Regierungen "wächst die Erkenntnis, daß in bestimmtem Maße Militär eingesetzt werden muß, um die für
Nahrungsmittellieferungen nötige Sicherheit zu gewährleisten", erklärte Boucher, lehnte es jedoch ab,
Einzelheiten des Angebots von Eagleburger bekanntzugeben. Presseveröffentlichungen ist zu entnehmen, die Vereinigten Staaten seien bereit, bis zu
30.000 Soldaten zur Verfügung zu stellen.

"Im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen NahrungsSchätzungsweise 300.000 Menschen sind schon mittellieferungen", hob Boucher hervor. In ganz Somalia
gestorben und weitere 1,5 Millionen vom Hungertod haben wir uns mit den drei wichtigsten Aspekten der
bedroht, erklärte Sprecher Richard Boucher auf einer jetzigen Situation dort befaßt, die ganz offensichtlich
Pressekonferenz. "Wir sind daran interessiert, mit den miteinander verbunden sind. Der erste umfaßt NahUN-Organisationen zusammenzuarbeiten, um siche- rungsmittel- und humanitäre Hilfe, der zweite Sicherre Hilfslieferungen zu gewährleisten. Viele Menschen heit, der dritte politische Stabilität oder eine politische
sind gerade jetzt der Ansicht, daß militärische Aktio- Lösung. Wir waren in jedem dieser drei Bereiche tätig,
nen welcher Art auch immer erforderlich seien. Wir um mit der Situation fertigzuwerden.
wollen im Rahmen der UNO tätig werden", betonte er.
"Wir befürworten nicht, daß die Vereinten Nationen auf
"Wir verfolgen nicht die Absicht, eine Regierung einzu- die eine oder andere Art die Macht in Somalia übernehsetzen oder die Machtstrukturen des Landes zu verän- men", äußerte der Sprecher. "Wir vertreten die Andern, sondern wollen lediglich die Sicherheit der sicht, daß die Vereinten Nationen in der Lage sind, den
humanitären Hilfslieferungen gewährleisten", erklärte Menschen in Somalia beim Aufbau einer zivilen Verwaltung in ihrem Land behilflich zu sein.
Boucher.
Der amtierende Au ßenminister Eagleburger flog letzte
Woche nach New York, um mit UN-Generalsekretär
Boutros-Ghali über die Möglichkeiten eines Einsatzes
von amerikanischem Militär zur Sicherung der Hilfslieferungen nach Somalia zu sprechen.

"Am wichtigsten wäre eine funktionierende Verwaltungsstruktur zur Bereitstellung von Nahrungsmitteln
und Hilfe, und die UNO könnte in diesem Bereich eine
große Hilfe sein", stellte er fest. "Aber es läge bei den
Vereinten Nationen und den Vertretern Somalias, im
Hinblick darauf Entscheidungen über künftige Maßnahmen zu treffen."

"Wir mußten verschieden Möglichkeiten in Betracht
ziehen", antwortete Boucher auf die Frage, was Eagleburger zu dem Angebot eines Einsatzes von US- Boucher antwortete den Fragestellern, es würden
Truppen veranlasse. Die Situation in Somalia "hat sich "verschiedene Möglichkeiten in Erwägung gezogen",
ganz offensichtlich verschlechtert", stellte er fest. "Die konnte jedoch keine Einzelheiten nennen. Er betonte
AMERIKA DIENST 48

Sehe 1

�nochmals, daß man sich vor allem auf eine Stabilisie- Im Hinblick auf einen möglichen Einsatz amerikanirung der Sicherheitslage konzentriere, damit die Hilfs- scher Truppen bei erweiterten Hilfslieferungen für
lieferungen die Notleidenden erreichten.
Somalia äußerte Boucher, die Führungsmodalitäten
könnten zusammen mit den Vereinten Nationen ausDer Sprecher bezeichnete die Vereinten Nationen gearbeitet werden. In einem Fernsehinterview am 28.
deutlich als den "besten Koordinator" für alle Aktivitä- November 1992 erklärte Eagleburger, die Truppen
ten mit dem Ziel einer wirksamen Hilfe für Somalia und sollten amerikanischem Kommando unterstehen aber
äußerte, jetzt müsse Boutros-Ghali den einzuschla- unter dem Mandat der Vereinten Nationen operieren.
genden Kurs empfehlen.
Der Sprecher stellte fest, eine Anzahl führender PoliDie Vereinigten Staaten sprechen mit den anderen tiker Somalias hätte in der Presse die Möglichkeit
Mitgliedern des Sicherheitsrates, um deren Ansichten amerikanischer Hilfe zur Sicherung der Hilfsmaßnahzu sondieren, und nachdem der Generalsekretär seine men begrüßt.
Empfehlungen gegeben hat, "wird es eingehendere
Beratungen geben", so Boucher.
Boucher gab bekannt, zwischen dem 25. und dem 29.
November hätten amerikanische Militärflugzeuge bei
"Ich bin sicher, daß es viele Länder gibt, die mit uns 62 Einsätzen 724 Tonnen humanitäre Hilfsgüter an
zusammen das Ziel verfolgen, den Menschen in Somalia Ziele in Somalia und Kenia geliefert. Seit August
Nahrungsmittel und Hilfe zu gewährleisten", erklärte wurden Boucher zufolge von amerikanischen Milrtärer, hielt es jedoch für 'Verfrüht", vorzuschlagen, was und Zivilflugzeugen 23.042 Tonnen Hilfsgüter beförandere Länder vielleicht im Zusammenhang mit einem dert.
spezifischen UNO-Plan unternehmen möchten.
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Seite 2

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AMERIKA DIENST 48

�RASSENBEZIEHUNGEN

GLEICHSTELLUNG UND DIE
AMERIKANISCHE WELTANSCHAUUNG
von Seymour Martin Lipset
Dem Verfasser zufolge sollte zur Vertiefung des nationalen Konsenses über Bürgerrechte und Gerechtigkeit
zwischen den Rassen in den Vereinigten Staaten Gleichstellung als Maßnahme einer Überprüfung unterzogen
werden. In dem nachfolgenden Artikel nimmt der Autor eine Übersicht über die Geschichte der Gleichstellung
vor und erörtert die Bedeutung von Gleichheit, wie sie von den unterschiedlichen Gruppen der amerikanischen
Gesellschaft gesehen wird.
Trotz der großen Bürgerrechtstriumphe der sechziger Jahre steht die Rassenpolitik wieder im Mittelpunkt des
amerikanischen Lebens. Was jedoch Lipsets Argumentation zufolge ein Konflikt zwischen Schwarzen und
Weißen zu sein scheint, ist vielmehr eine Kontroverse zwischen der amerikanischen Öffentlichkeit und der
politischen Elite des Landes über die wahre Bedeutung der Gleichheit.
Seymour Martin Lipset, Forscher am Wilson Center und der Hoover Institution, ist Hazel Professor of Public
Policy an der George Mason University. Derzeit ist er gewählter Präsident der American Sociological
Association, war jedoch unter anderem auch Präsident der American Political Science Association. Sein
jüngstes Buch hat den Titel Continental Divide: The Values and Institutions of the United States and
Canada (1990). Copyright (c) 1992 by Seymour Martin Lipset.
Nachdruck dieses Artikels gestattet mit folgendem Zusatz: Copyright (c) 1992 Seymour Martin Lipset mit
freundlicher Genehmigung von Wilson Quarterly.
Keine Errungenschaft der amerikanischen Politik im
zwanzigsten Jahrhundert ist von größerer Bedeutung
als die Erlangung eines nationalen Konsenses über
Bürgerrechte. Dieser Konsens wurde im vergangenen
Vierteljahrhundert von einer Bürgerrechtsbewegung
errungen, die die Amerikaner schließlich zu einer
Konfrontation mit der tiefen Kluft zwischen der Behandlung von Schwarzen und den egalitären Werten
zwang, die sie in ihrer nationalen Weltanschauung
nährten.

Gleichstellung wurde 1965 im Geiste der ersten Bürgerrechtsrevolution geboren. Bald danach wurde sie
in ein System rassischer Bevorzugung umgewandelt,
und heute polarisiert Gleichstellung die Rassenpolitik
in den Vereinigten Staaten zunehmend. Die Seiten mit
den Leitartikeln und Kommentaren strotzen vor Auseinandersetzungen mit und Analysen von Gleichstellung. In der Wahlkampagne von 1990 um das Gouverneursamt von Kalifornien konzentrierte sich der Republikaner Pete Wilson beim Kampf gegen Diane Feinstein auf die "Quotenfrage". Im gleichen Jahr gewann
In den vergangenen Jahren haben die Protagonisten Senator Jesse Helms die Wiederwahl in North Carolider Bürgerrechtsbewegung jedoch den Schwerpunkt na mit Hilfe der Quotenfrage, und in Louisiana benutzvonderVerwirklichunggleicherChancenauf die Erlan- te das ehemalige Mitglied des Ku-Klux-Klan David
gung substantieller Gleichheit durch bevorzugte Be- Duke sie, um eine Mehrheit der Stimmen von Weißen
handlung verlagert. Dadurch hat sich die Lage zuge- auf sich zu vereinigen, obwohl er die Kandidatur um
spitzt, weil die meisten Amerikaner, einschließlich einen Senatssitz verlor. Sein gescheiterter Wahlzahlreicher Schwarzer, diese Verlagerung nicht zu- kampf für das Gouverneursamt im vergangenen Herbst
sammen mit den Anführern der Bewegung vollzogen wurde ein nationales Drama. Als der Kongreß 1991 die
haben. Der Grund hierfür ist nicht schwer zu finden: Sitzungsperiode aufnahm, war der erste von der
Während die Bürgerrechtsbewegung der sechziger demokratischen Führung im Repräsentantenhaus
Jahre von den Amerikanern forderte, einem einzigen, eingebrachte Gesetzentwurf die von ihren Gegnern
unanfechtbaren Ideal gerecht zu werden, löst sie heute als "Quotengesetz" bezeichnete Bürgerrechtsgeseteinen Konflikt zwischen zwei wesentlichen amerikani- zesvorlage. Selbst als eine Version dieses Gesetzentschen Werten aus: Egalitarismus und Individualis- wurfs im November als Gesetz verabschiedet wurde,
mus.
AMERIKA DIENST 48

Seite 1

�hielt die Kontroverse über seine Bedeutung und Auswirkungen an.

Diese Version von Gleichheit ist eines der fünf miteinander verbundenen Elemente der amerikanischen
Weltanschauung: Freiheit, Individualismus, PopulisHäßliche politische Kampagnen und noch häßlichere mus (die Herrschaft des Volkes) und laissez faire. Im
Rassenzwischenfälle allerorts von Bensonhurst bis Europa der Zeit von de Tocqueville, mit seinem VerLos Angeles erwecken manchmal den Eindruck, daß mächtnis des Feudalismus, waren die Gesellschaften
in den Vereinigten Staaten ein Wiederaufflammen von in strenge soziale Schichten eingeteilt. Die entstehenRassismus zu beobachten ist. Der alte Konsens de Arbeiterklasse im Europa des 19. Jahrhunderts sah
zugunsten von Bürgerrechten und Chancengleichheit das Klassensystem daher als unveränderlich an und
besteht jedoch nach wie vor. Amerikaner, einschließ- strebte durch den Sozialismus Gleichheit der Ergeblich zahlreicher Wei ßer aus dem Süden, lehnen die Art nisse als Gruppe an. In Amerika - oder zumindest im
von Rassendiskriminierung kategorisch ab, die in die- weißen Amerika - der reinsten bürgerlichen und klassem Land noch vor wenigen Jahrzehnten an der sisch liberalen Gesellschaft der Welt, wird Klasse
Tagesordnung war. Eine 1991 von Gallup für News- behandelt als eine wirtschaftliche Konstruktion, und
week durchgeführte Meinungsumfrage belegte, daß die Lösung für Ungleichheit wird als wirtschaftliche
"72 Prozent der Schwarzen und 52 Prozent der Wei- Chance gesehen.
ßen aussagten, sie würden es vorziehen, in einer
rassisch 'halb und halb' gemischten Nachbarschaft zu In den späten zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
leben - dieser Prozentsatz liegt auf beiden Seiten als sich die ersten Anzeichen des Sozialismus in
höher als noch vor drei Jahren." Über zwei Drittel der Europa noch kaum bemerkbar machten, entstanden in
Weißen und vier Fünftel der Schwarzen behaupten, New York, Philadelphia und anderen amerikanischen
"sehr viele Angehörige der anderen Rasse gut zu Städten Arbeiterparteien. Aber die Arbeiter waren
kennen". Verschwindend wenig Weiße (6 Prozent) keine Sozialisten, sie glaubten an Privateigentum und
geben an, sie würden sich 'bei gemeinsamer Arbeit mit wollten, daß die Menschen sozialen Aufstieg anstrebAngehörigen einer anderen Rasse oder einem einer ten. Die New Yorker Partei lehnte die zu jener Zeit von
anderen Rasse angehörigen Vorgesetzten unbehag- zahlreichen egalitären Reformern befürwortete Idee
lich fühlen."
von Gemeinschaftsschulen (das heißt, öffentlichen
Schulen) ab und schlug statt dessen die Gründung
Gleichzeitig befürworten die meisten Amerikaner gewisse staatlich finanzierter Internate vor. Der Argumentation
Formen von Kompensation, um Schwarzen und ande- der Arbeiter zufolge bestand der einzige Weg zur
ren benachteiligten Gruppen zu Leistungen entspre- Schaffung der sprichwörtlichen gleichen Chancen darin,
chend der von der Gesellschaft festgelegten Wettbe- die Jugendlichen aller Schichten 24 Stunden lang in
werbsebene zu verhelfen: Head Start und andere einer Gemeinschaft zu erziehen.
spezielle Bildungsprogramme, staatliche Unterstützung für College-Studenten, berufliche Ausbildung Die amerikanische Betonung des Individualismus wurde
und Enwicklung des Gemeinwesens. Eine große früh durch das religiöse Engagement für die "nonkonMehrheit der Weißen und rund die Hälfte aller Schwar- formistischen" protestantischen Sekten bekräftigt, die
zen ziehen jedoch eine Grenze bei bevorzugter Be- wie in Europa und andernorts Voluntarismus im Hinhandlung, der Aussetzung von Normen und Einfüh- blick auf den Staat und eine persönliche, nicht durch
rung von Quoten oder anderen Hilfsmitteln, die Bürger hierarchisch organisierte Kirchen vermittelte Bezieauf der Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit begün- hung zu Gott betonen. Die Hinwendung der Amerikastigen.
ner zu Liberalismus und dem Markt begünstigte ferner
einen unterschiedlichen Ansatz zur Gleichheit. Der
Wenn die meisten Amerikaner eine solche Vorzugsbe- Markt fordert eine Leistungsgesellschaft und die Abhandlung ablehnen, wer befürwortet sie dann? Wie es lehnung von Nepotismus und anderer Formen der
scheint, kommt die Unterstützung vornehmlich von Begünstigung. Die Einstellung der am besten qualifieinem Teil der nationalen Führungsschicht. In der Tat zierten Person, sei sie schwarz oder weiß, Jude oder
wurde diese Politik praktisch ausschließlich von politi- NichtJude, gebürtiger Amerikaner oder im Ausland
schen und sozialen Eliten - Republikanern und Demo- geboren, ist der beste Weg, wirtschaftlichen Ertrag zu
kraten gleichermaßen - gegen den Wunsch der Mehr- maximieren.
heit der amerikanischen Öffentlichkeit entworfen und
wird weiterhin von ihnen gefördert. Die Kontroverse Die Auswirkungen der Unterschiede zwischen Europa
über Vorzugsbehandlung ist in Wirklichkeit weniger ein und Amerika wurden von dem Politologen Walter Dean
Konflikt zwischen Wei ßen u nd Schwarzen als vielmehr Burnham präzise formuliert: "Kein Feudalismus, kein
zwischen Menschen und ihren politisch Verantwortli- Sozialismus - mit diesen vier Worten kann man die
grundlegenden soziokulturellen Realitäten zusammenchen.
fassen, die der amerikanischen Wahlpolitik im InduVor über 150 Jahren beobachtete Alexis de Tocquevil- striezeitalter zugrundeliegen."
le, daß die amerikanische Version von Egalitarismus
die Gleichheit von Chancen und Respekt betonte, statt Eine andere Realität ist jedoch unleugbar: Schwarze
die Gleichheit von Ergebnissen oder Bedingungen. stehen für die schreckliche Ausnahme der gemeinsaSeite2

AMERIKA DIENST 48

�men amerikanischen Erfahaing. Sie verbrachten ihre
ersten zweieinhalb Jahrhunderte in diesem Land als
Sklaven und weitere 100 Jahre nach dem Bürgerkrieg
als streng getrennte Gruppe der unteren Gesellschaftsschicht - soziale Arrangements, die in beiden Fällen
sehr viel deutlicher hierarchisch und vererbt waren als
irgend etwas im europäischen Feudalismus. Die
Behandlung der Schwarzen durch die weißen Amerikaner konzentrierte sich auf Gruppenkriterien, auf die
Definition und Behandlung von Menschen nicht aufgrund ihrer persönlichen Verdienste, sondern wegen
ihrer Abstammung, ihrer Rasse und ihrer ethnischen
Identifizierung.

ropäisches Land kann damit Schritt halten. Nur 31
Prozent der Franzosen und 30 Prozent der Westdeutschen können beispielsweise auf den Besuch einer
Fachhochschule, einer Universität oder anderen Bildungsinstitution nach dem Gymnasium verweisen.

Die Vereinigten Staaten geben proportional sehr viel
mehr öffentliche Gelder für das Bildungswesen aus als
jedes europäische Land, wohingegen Europa mehrfür
Sozialhilfe aufwendet. 1985 beliefen sich die Ausgaben für das Bildungswesen in den Vereinigten Staaten
auf 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Durchschnitt von 17 westeuropäischen Ländern lag bei 5,1
Prozent. Seit 1981 wurde ein Fünftel des amerikaniDie Betonung von Gruppencharakteristika ermutigt schen Bruttoinlandsprodukts für Sozialausgaben beGruppenlösungen. In Europa förderte die Bedeutung reitgestellt (einschließlich Bildung), verglichen mit mehr
der eigenen Position Klassenbewußtsein bei der unte- als einem Viertel in den 24 Industrienationen der
ren Gesellschaftsschicht und in gewissem Maße einen Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Sinn von noblesse oblige unter den Privilegierten. Entwicklung.
Sowohl die auf die Unterschicht gegründete sozialdemokratische Linke als auch konservative Politiker der Die Bedeutung, die Amerikaner kulturell bedingt aufOberschicht wie Disraeli in Großbritannien und Bis- Leistung legen, steht außer Frage. Die meisten
marck in Deutschland befürworteten staatliche Bestre- Amerikaner sind der Auffassung, daß es harte Arbeit
bungen zur Verbesserung des Loses der weniger statt "Glückstreffern oder Hilfe von anderen" ist, was
Wohlhabenden ohne notwendigerweise ihre Position den Menschen zum sozialen Aufstieg verhilft. Vom
in der sozialen Ordnung zu verändern: Sozialhilfe, Nationalen Meinungsforschungszentrum (National
sozialer Wohnungsbau, Beschäftigung im öffentlichen Opinion Research Center - NORC) von 1983 bis 1990
Dienst, staatliche Gesundheitsfürsorge. Europas durchgeführte Umfragen belegen die einhellige ZuSozialdemokraten waren seit den dreißiger Jahren stimmung von rund zwei Dritteln der Befragten, daß
häufig an der Regierung und haben sehr viel zur "man durch harte Arbeit vorankommt". 88 Prozent
Verbesserung des Lebens der Arbeiter getan. In den gaben an, "Ehrgeiz" sei unabdingbar oder sehr wichtig
meisten Ländern haben sie jedoch weder die Gymna- "für den sozialen Aufstieg im Leben". Die große
sien der Elite abgeschafft noch die Möglichkeiten zur Mehrheit der Amerikaner, einschließlich der meisten
Universitätsausbildung für die Jugendlichen der Arbei- Schwarzen, sind der Meinung, daß die Vereinigten
Staaten immer noch ein Land der Chancen sind, eine
terklasse maßgeblich verbessert.
Leistungsgesellschaft in Theorie und Praxis. Auf die
Im Gegensatz dazu haben die Amerikaner immer 1988 gestellte Frage, ob sie eine gute Chance zur
mehr Betonung auf die Erweiterung der Chancen des Verbesserung ihres Lebensstandards hätten, gaben
einzelnen durch Bildung gelegt. Seit Anfang des 19. 71 Prozent der Amerikaner NORC eine positive AnJahrhunderts standen die Vereinigten Staaten welt- wort. Im Gegensatz dazu vertraten nur 43 Prozent der
weit im Hinblick auf den Prozentsatz der Bevölkerung Italiener, 36 Prozent der Deutschen und Engländer
an führender Stelle, der die Grundschul- und High- und nur 23 Prozent der Holländer diese Ansicht. Und
School-Ausbildung abschließt. Horace Mann und obwohl bereits sehr viel mehr Amerikaner aufs College
andere Bildungsreformer der dreißiger und vierziger gehen als Menschen in jedem anderen Land, sind
Jahre des 19. Jahrhunderts, die für das Konzept der nahezu zwei Drittel (65 Prozent) der Auffassung, daß
Gemeinschaftschule warben, bestanden darauf, daß die Chancen für weiterführende Studien noch weiter
die Schulen für alle - reich und arm, Kinder von verbessert werden sollten. Verglichen damit haben
Einwanderern und gebürtigen Amerikanern - aber nicht nur 55 Prozent der Briten und 31 Prozent der Deutfür die Schwarzen offen sein sollten. Solche Reformer schen dieses Gefühl.
lehnten das europäische, nach Schichten unterteilte
Bildungssystem ab und verhöhnten die deutschen Die meisten weißen Amerikaner sind heute der ÜberGymnasien, die französischen Lycees, und die engli- zeugung, daß die erfolgsorientierte Ethik der Nation
schen "öffentlichen" Schulen, die höchstens die ober- auch auf Schwarze und Frauen Anwendung findet.
Und obwohl sie den Versprechungen Amerikas versten 10 Prozent der Bevölkerung ausbildeten.
ständlicherweise ambivalent gegenüberstehen, haDie transatlantischen Unterschiede sind heute bei den ben sich die meisten Schwarzen auch dem Glauben
weiterführenden Studien am offenkundigsten. Seit verschrieben, daß harte Arbeit und Bildung ihnen zu
1987 haben 65 Prozent aller 20-24jährigen Amerika- sozialem Aufstieg verhelfen. Eine 1991 von Gallup
ner an irgendeiner Form von Ausbildung nach der durchgeführte Meinungsumfrage gelangte zu dem
weiterführenden Schule teilgenommen. Kein westeu- Schluß, daß "69 Prozent der Weißen und 68 Prozent

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�der Schwarzen erklären, Afroamerikaner sollten ihre
Energie mehr auf die Verbesserung (ihrer) Ausbildung
konzentrieren".
Die Situation der Schwarzen hat die Werte der Nation
von Anfang an vor eine Herausforderung gesteht. "Ich
zittere um mein Land, wenn ich daran denke, daß Gott
gerecht ist", schrieb Thomas Jefferson 1781. Sollte
sich das Land über die Frage der Sklaverei spalten,
berichtete ein Freund von George Washington 1791,
"war Washington entschlossen, zu handeln und sich
den Nordstaaten anzuschließen". Jefferson sah voraus, daß das in seinen eingängigen Worten enthaltene Versprechen, "alle Menschen sind gleich geschaffen", dauerhafte Auswirkungen auf die amerikanische
Politik haben und letztlich die Sklaverei unterminieren
würde.
Der Logik von Jeffersons Beobachtungen folgend,
stellte der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal 1944
in An American Dilemma fest, daß weiße Amerikaner, einschließlich der meisten Südstaatler, fest an
diese Weltanschauung glaubten, selbst wenn sie diese mit "Jim Crow" und anderen Rassentrennungspraktiken zutiefst verletzten. Er gelangte zu der Schlußfolgerung, die Überzeugung sei so stark, daß die Weißen
nachgeben müßten, wenn die Schwarzen sich zur
Verteidigung ihrer Rechte organisieren würden. Die
politischen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den
sechziger Jahren bewiesen, daß Myrdal recht hatte.
Aber mit ihrem politischen Einlenken stimmte die weiße männliche politische Elite nicht nur der Erweiterung
der Rechte des einzelnen für die Schwarzen zu, sondern auch der Gruppenrechte, die in der Geschichte
ihresgleichen suchen.
Gleichstellung erlebte in den Vereinigten Staaten zweimal
eine Wiedergeburt und bei ihrer ersten während der
Kennedy-und Johnson-Administrationen spiegelte sie
einen mehr oder weniger traditionellen amerikanischen
Ansatz zum Problem der Ungleichheit wider. Die
vielleicht beste Erklärung der Logik dieser Vielfalt von
Gleichstellung wurde von Präsident Lyndon Johnson
in einer Rede vor der Howard University im Jahr 1965
angeboten:

ten, die auf das Baby, das Kind und schließlich
den Mann einwirken.
LBJs Lösung war der Krieg gegen die Armut, zu dem
höhere Ausgaben für das Bildungswesen durch Programme wie Head Start, Erweiterung der Hilfe für
Familien mit unterhaltspflichtigen Kindern sowie eine
Reihe anderer Initiativen zählten. Diese Bestrebungen
wurden durch Gesetze gestützt, die Abbau von Diskriminierung am Arbeitsplatz, in Wohngebieten, Schulen
und nicht zuletzt Bereichen wie Club-Mitgliedschaften
zum Ziel haben, die soziale Beziehungen betreffen.
Die Gewährung der uneingeschränkten politischen
Staatsbürgerschaft für Schwarze durch das Wahlrechtsgesetz von 1965 sowie spätere Gesetze und
Rechtsentscheidungen hatten zur Folge, daß Schwarze ebenso wie Weiße ihre legitimen Rechte als einzelner in den Gerichten und Verwaltungstribunalen durchsetzen konnten.
Die Gleichstellung wurde einer tiefgreifenden Veränderung unterzogen - mit deren Konsequenzen wir
noch heute zu kämpfen haben - als die politisch
Verantwortlichen zu der Überzeugung gelangten, daß
der erste Ansatz zu langsam Wirkung zeigte. Ironischerweise wurde die Veränderung von der konservativen Nixon-Administration durchgeführt. Es war keine
Reaktion auf spezifische, von den Schwarzen oder der
amerikanischen Linken geäußerte Bedürfnisse, sondern schien eine Innovation von Teilen der weißen
Elite zur Erfüllung der Ziele der Bürgerrechtsbewegung zu sein.
Im Oktober 1969 gab Nixons Arbeitsminister George
Shultz einen Verwaltungserlaß bekannt, mit dem eine
Quote für die Einstellung von schwarzen Lehrlingen für
Staatsaufträge der Bauindustrie von Philadelphia festgesetzt wurde, deren Arbeitgeber und Gewerkschaften zusammenarbeiteten, um Schwarzen die Arbeit zu
verwehren. Diese Politik wurde rasch auf andere
Städte und schließlich auf andere Gebiete ausgedehnt. Rückblickend erinnert sich Laurence Silberman, der als Shultz' Rechtsberater den Schriftsatz
verfaßt hatte, mit dem der Philadelphia-Plan gemäß
dem rechtmäßigen Verfahren im Rahmen des Fünften
Verfassungszusatzes gerechtfertigt wurde, daß er und
seine Kollegen durch die Doppeldeutigkeit des Gleichstellungserlasses der Johnson-Administration beunruhigt waren. Und weil sie sich "unbehaglich mit dem
Bild fühlten, das die Partei von Abraham Lincoln entwickelt hatte", schrieb der später von Reagan zum
Richter ernannte Silberman, "und vor allem, weil die
Republikaner bestrebt waren, die Berufschancen für
Schwarze zu verbessern, leiteten wir eine - wie ich
inzwischen erkannt habe - im Grunde ungesunde
Politik in die Wege."

Man nimmt nicht einen Menschen, der jahrelang
in Ketten gefesselt war und befreit ihn, stellt ihn
an die Startlinie eines Rennens und sagt dann:
"Du bist frei, um mit all den anderen zu konkurrieren", und gibt sich dann immer noch dem
berechtigten Glauben hin, man sei völlig fair
gewesen... Männer und Frauen aller Rassen
werden mit denselben Fähigkeiten geboren.
Fähigkeiten sind jedoch nicht nur das Produkt
der Geburt. Fähigkeiten werden von der Familie
und der Nachbarschaft, von der Schule, die man
besucht und der Armut oder dem Reichtum der Das neue Gleichstellungsverfahren wurde vom PräsiUmgebung gefördert oder verkümmern. Sie denten des Bundesrechnungshofes der Vereinigten
sind ein Produkt von hundert unsichtbaren Kräf- Staaten Eimer Staats (der von Johnson ernannt wor-

Seite4

AMERIKA DIENST 48

�den war), der nationalen Gewerkschaftsführung und
der Mehrzahl der Demokraten im Kongreß aufs Schärfste abgelehnt. Clarence Mitchell von der nationalen
Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association forthe Advancement of Colored People) verurteilte es als einen "direkt vom Schreibtisch des Präsidenten kommenden kalkulierten Versuch, die Koalition zwischen Negern und den Gewerkschaften aufzubrechen. Der Großteil des sozialen Fortschritts in
diesem Land hat sich aus diesem Bündnis ergeben."
Im Namen der Administration kritisierte George Shultz
die Anführer der Bürgerrechtsbewegung, weil sie den
Quotenplan nicht unterstützten.
Gegner wandten ein, die Antidiskriminierungsklausel
des Bürgerrechtsgesetzes von 1964, Titel VII, verurteile ausdrücklich "berufliche Diskriminierung". Staats
zitierte Senator Hubert Humphreys Versprechen, daß
kein Bestandteil des Gesetzes "weder der (Gleichstellungs-) Kommission noch einem Gericht die Macht
verleihen wird, die Einstellung, Entlassung oder Beförderung von Beschäftigten zur Erfüllung einer'Rassenquote' oder Herstellung eines Rassengleichgewichts
zu fordern", sowie die Zustimmung seiner liberalen
Fraktionsführer im Senat, daß "die Hautfarbe... bei der
Entscheidung über Einstellung oder Beförderung keine Rolle spielen wird". Im Dezember 1969 lehnte der
Kongreß jedoch einen Zusatz zu einem Bewilligungsgesetz ab, der Quoten ausdrücklich verboten hätte.
Die Republikaner stimmten mit 124 zu 41 gegen das
Verbot, wohingegen die Demokraten mit 115 zu 84
dafür stimmten. "Die Demokraten orientieren sich an
der Sache - wir am Arbeitsplatz", erklärte Nixon. Binnen Kürze sollten die Parteien ihre Rolle wechseln.

folgerung, daß die Juden zwar viel Diskriminierung
erdulden mußten, jedoch alles, was sie benötigten, um
zu Wohlstand zu gelangen, ein Ende der Diskriminierung und die Anwendung von Kriterien der Leistungsgesellschaft auf sie selbst sei. Nachdem ihnen das
gelungen war, machten die jüdischen Organisationen
die amerikanische Weltanschauung zu ihrem Fetisch
und bestanden darauf, daß alle Minderheiten und
Einwanderer nur die gleiche Behandlung benötigten.
Die Sehwarzenführer argumentierten daraufhin, sie
könnten zu Recht Gruppenrechte für sich beanspruchen, teils als Wiedergutmachung für 350 Jahre beispielloser Ausbeutung durch die weiße Gesellschaft.
Schließlich, so erklären sie heute, hat der Kongreß
Amerikaner japanischer Ab stammung fürihre Inhaftierung während des Zweiten Weltkriegs entschädigt und
die deutsche Bundesregierung an die Juden und Israel
Reparationszahlungen geleistet.
Lange vor der Gleichstellung wichen die Amerikaner
darüber hinaus bei der Behandlung von Kriegsveteranen vom Prinzip der Leistungsgesellschaft ab. Als
Entschädigung für ihren Dienst wurden die Veteranen
bei den Einstellungsverfahren im öffentlichen Dienst
bevorzugt und erhielten besondere Unterstützung bei
der Finanzierung ihrer weiterführenden Studien und
Hypotheken.

In vieler Hinsicht waren die Vereinigten Staaten jedoch
niemals eine perfekte Leistungsgesellschaft. Auf dem
Arbeitsmarkt und in anderen Bereichen tendiert man
dazu, Verwandte, Freunde und Angehörige der eigenen ethnischen, religiösen, kommunalen oder kulturellen Gruppen zu begünstigen. Und Universitäten obwohl in ihren Werten ausdrücklich am Prinzip der
Nixon und seine Nachfolger- Republikaner und Demo- Leistungsgesellschaft und Universalität orientiert kraten gleichermaßen - erweiterten die "kommunalen bevorzugten schon immer die Kinder ehemaliger StuRechte" allmählich auf andere Minderheiten und Frau- denten und Fakultätsmitglieder, ganz zu schweigen
en. Solche Gesten wußte die amerikanische Öffent- von Sportlern und deren Zulassungspraktiken. Sie
lichkeit jedoch kaum zu schätzen.
vergeben femer besondere Begabten- und Forschungsstipendien, die auf Bewerber besonderer regionaler,
Meinungsumfragen haben wiederholt belegt, daß die ethnischer oder religiöser Abstammung sowie nach
überwältigende Mehrheit der Weißen - Männer wie Geschlecht begrenzt sind - obwohl einige dieser Prakauch Frauen - und häufig über 50 Prozent der Schwar- tiken jetzt verboten wurden. Die Schwarzen waren in
zen sie ablehnen.
hohem Maße von diesem Netz an Privilegien ausgeschlossen.
Zahlreiche amerikanische Eliten scheinen das Gefühl
zu haben, daß die individualistische Betonung der Frauen und die Angehörigen der meisten anderen
amerikanischen Weltanschauung einer Überholung Minderheiten benötigten lediglich echte Chancengleichbedarf. Von den vielen während der sechziger Jahre heit und keine besonderen Hilfen, um sich einen Platz
für sie vorgebrachten Argumenten wurde das bemer- in der amerikanischen Gesellschaft zu sichern. Dies
kenswerteste von einem schwarzen Gelehrten, Harald ist Juden, "konfuzianischen" Asiaten und Indem im
Cruse, in The Crisis of the Negro Intellectual (1967) Durchschnitt tatsächlich besser gelungen als alteingeangeführt. Angesichts der Unterdrückung der Vergan- sessenen weißen Amerikanern mit ähnlichen Qualifigenheit und der andauernden Diskriminierung, so kationen und Bildungsabschlüssen. Rund 40 Prozent
argumentierte er, müssen die Schwarzen als einzigar- der Amerikaner mexikanischer Herkunft sind heute als
tige nationale Minderheit anerkannt werden. Sie ver- Angestellte oder in anderen gehobenen Positionen
dienen femer über die von anderen Minderheiten und tätig, obwohl die meisten noch nicht einmal in den
nichtschwarzen Armen angestrebten Rechte hinaus- Vereinigten Staaten geboren wurden. Jedenfalls erhegehende Gruppenrechte. Cruse verglich die Situation ben Einwanderer im allgemeinen keine Ansprüche
der Schwarzen mit der der Juden anhand der Schluß- gegenüber der amerikanischen Gesellschaft. Was
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Seite 5

�auch immer ihre Handicaps sein mögen - unzureichen- Meinungsforschungsinstitut Gallup stellte zwischen
de Bildung, Mangel an Qualifikationen, Unerfahrenheit 1977 und 1989 fünfmal dieselbe Frage:
mit den städtischen Gepflogenheiten -, sie wurden
Einige Leute sagen, um die bisherige Diskriminicht von der amerikanischen Gesellschaft verursacht.
nierung zu kompensieren, sollten Frauen und
Schwarze erheben eindeutig Ansprüche gegenüber
Angehörige von Minderheiten bei der Vergabe
dieser Gesellschaft. Wie ich bereits 1963 in The First
von Arbeits- und Studienplätzen bevorzugt
New Nation schrieb: "Vielleicht besteht die wichtigste
behandelt werden. Andere sagen, daß die
Tatsache, die im Hinblick auf die heutige Lage des
anhand von Prüfungsergebnissen gezeigte
amerikanischen Negers erkannt werden muß, darin,
Qualifikation entscheidend sein sollte. Welche
daß Gleichheit nicht ausreicht, um seine EinbezieMeinung entspricht am ehesten Ihrer eigenen?
hung in die Gesellschaft als Ganzes zu gewährleiIn jeder Untersuchung erklärten 10 bis 11 Prozent, daß
sten." Die Frage ist, was wird ausreichen ?
Minderheiten bevorzugt behandelt werden sollten,
Ein neuerer Vorschlag wird von Lawrence Fuchs von während 81, 83 oder 84 Prozent antworteten, die
der Brandeis University in seinem Buch The Ameri- Qualifikation sollte der entscheidende Faktor sein. Als
can Kaleidoscope (1990) gemacht. Er befürwortet die Antworten im Jahr 1989 nach Rassenzugehörigkeit
ein System der Vorzugsbehandlung am Arbeitsplatz, der Befragten aufgeschlüsselt wurden, ergab sich,
die je nach Art des Arbeitsplatzes variiert. Fuchs daß Schwarze etwas mehr zur Vorzugsbehandlung
verweist darauf, daß in vielen - wenn nicht allen - neigten als Weiße (14 zu 7 Prozent). Eine Mehrheit der
Tätigkeiten die Arbeitgeber hauptsächlich die entspre- Schwarzen (56 Prozent) befürwortete "durch Testerchenden Fähigkeiten erwarten und keine außerge- gebnisse erwiesene Qualifikation". Es ist festzustelwöhnlichen Leistungen. Rechte nach Dienstalter, len, daß Frauen ebenso antworteten wie Männer: 10
Gesetze, die ein obligatorisches Rentenalter verbieten Prozent unterstützten eine Vorzugsbehandlung, wähsowie die Unkündbarkeit von Schullehrern sind unter rend 85 Prozent die Qualifikation als entscheidendes
der Voraussetzung gerechtfertigt, daß die allgemeinen Kriterium wünschten.
Fähigkeiten eine ausreichende Qualifikation für die
Beschäftigung darstellen. Aus diesem Grund, so Im Auftrag der Times Mirror Corporation stellte Gallup
behauptet Fuchs, können Bemühungen zur Erhöhung in den Jahren 1987 und 1990 die folgende, teilweise
der Zahl von Minderheiten angehörenden Arbeitneh- veränderte Frage: "Wir sollten alles tun, um die Lage
mern, bei weniger anspruchsvollen Tätigkeiten - der Schwarzen und anderen Minderheiten zu verbes"Feuerwehrleute, Maschinisten, Computer-Bediener sern, auch wenn dies bedeutet, ihnen eine Vorzugsbesowie Anwärter für die Zahntechnikerschule" - ver- handlung zu gewähren." Diese Formulierung wurde
nünftigerweise zahlenmäßige Ziele umfassen. Damit stärker unterstützt. 24 Prozent stimmten in beiden
werde erlaubt, daß beider Vergabe von Arbeitsplätzen Jahren zu, während sie von 71 bis 72 Prozent abge"Rassenzugehörigkeit als einer von vielen Faktoren lehnt wurde. Schwarze waren mit 32 zu 18 Prozent
einbezogen..." wird. Er vertritt jedoch die Ansicht, daß eherdafür, aber auch hier ist bemerkenswert, daß über
für Bereiche, in denen hochqualifizierte Leistungen zwei Drittel der Schwarzen eine Vorzugsbehandlung
äußerst wichtig sind - Lehre und Forschung, Medizin, ablehnten. Neben vier Fünftel der befragten RepubliSport, Verkehrsfliegerei und Unternehmensleitung - kanerlehnten auch zwei Drittel der Demokraten Präfeweder Quotenregelungen noch eine besondere Vor- renzen ab. Ein relativ hoher Anteil derjenigen, die sich
zugsbehandlung gelten sollten, abgesehen von be- als "überzeugte Liberale" bezeichneten, nämlich 43
sonderen Einstellungs- und Ausbildungsmaßnahmen. Prozent, befürwortete die Vorzugsbehandlung, aber
dieser Personenkreis repräsentierte lediglich 10 ProWelche Vorzüge die Unterscheidung von Fuchs auch zent der Befragten.
bieten mag, Menschen die in diesen weniger gehobenen Bereichen arbeiten, akzeptieren eine solch herab- Im vergangenen Frühjahr stellte eine Newsweeksetzende Einschätzung ihres Werts nicht. In Mei- Gallup-Erhebung die Frage im Hinblick auf Personen
nungsumfrage auf Meinungsumfrage wird deutlich, mit gleicher Qualifikation: "Sind Sie der Ansicht, daß
daß weiße Arbeiter keinen Grund sehen, warum auf aufgrund der Diskriminierung von Schwarzen in der
Leistung basierende Normen und allgemeingültige Vergangenheit qualifizierte Schwarze bei der Vergabe
Regeln nicht auf sie angewendet werden sollten. von Studien- oder Arbeitsplätzen gegenüber gleich
Tatsächlich ist bei Mitgliedern der weißen Elite, die qualifizierten Weißen bevorzugt werden sollten?" Nur
sich ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse und ihres ge- 19 Prozent der Weißen bejahten dies, während 72
sellschaftlichen Status wesentlich sicherer sind, mehr Prozent mit nein antworteten. Bei den Schwarzen
Unterstützung (oder zumindest Akzeptanz) für beson- jedoch sprach sich eine Mehrheit von 48 Prozent dafür
aus, während 42 Prozent verneinten.
dere Präferenzen anzutreffen.
Die Masse der Bevölkerung ist jedoch stets gegen eine Die Vorzugsbehandlung schneidet etwas besser ab,
Vorzugsbehandlung benachteiligter Gruppen. Das wenn sie als Kompensation fürfrühere Diskriminierung
gerechtfertigt wird, wenn Qualifikationen nicht als AI-

Seite 6

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�temative bezeichnet werden, wenn sie auf Schwarze
begrenzt und überdies nur auf Arbeitgeber angewendet wird, die in der Vergangenheit Diskriminierung
praktiziert haben. Die nationale Erhebung der New
York Times stellte im Mai und Dezember 1990 die
Frage: "Glauben Sie, daß heute Schwarze an solchen
Arbeitsplätzen bevorzugt eingestellt oder befördert
werden sollten, an denen sie in der Vergangenheit
diskriminiert wurden?" Beide Male antworteten rund
ein Drittel mit Ja. Kleine Mehrheiten von 51 bis 52
Prozent jedoch lehnten selbst unter diesen Bedingungen eine Bevorzugung ab.

•

Im Juni 1991, als die Debatte über das von den
Republikanern als Quotengesetz attackierte Bürgerrechtsgesetz stattfand, fiel die Unterstützung für Präferenzen auf 24 Prozent, während die Ablehnung auf
61 Prozent stieg. Einen Monat später kam eine von
USA Today durchgeführte Umfrage unter Schwarzen,
die deren Reaktion auf die Nominierung von Clarence
Thomas für das Oberste Bundesgericht untersuchen
sollte, zu dem Ergebnis, daß sie Quoten ablehnten.
Die Frage lautete: "Thomas hat erklärt, daß rassenabhängige Einstellungsquoten und andere gesetzliche
Gleichstellungsmaßnahmen die Aufstiegschancen von
Schwarzen schädigen. Er betont statt dessen die
Selbsthilfe. Stimmen Sie dem zu oder nicht?" Mit 47
Prozent stimmten mehr Schwarze Thomas zu als mit
37 Prozent gegenteiliger Auffassung waren, während
14 Prozent mit "weiß nicht" antworteten.
Sowohl Weiße als auch Schwarze werden jedoch eine
als "Gleichstellungsmaßnahme" bezeichnete Politik
unterstützen, wenn sie ausdrücklich keine Quoten
vorsieht, wie eine vom Wall Street Journal bei NBC
News in Auftrag gegebene Meinungsumfrage im Juli
1990 herausfand. Zwei Drittel der Weißen (66 Prozent) und 84 Prozent der Schwarzen beantworteten
die folgende Frage positiv: "Sind Sie im großen und
ganzen für oder gegen Gleichstellungsprogramme für
Schwarze in der freien Wirtschaft, falls es keine starren
Quoten gibt?"
Amerikaner unterscheiden nachdrücklich zwischen
Kompensationsmaßnahmen und Vorzugsbehandlung.
Um auf Lyndon Johnsons Bild vom gefesselten Läufer
zurückzukommen: Sie sind bereit, mehr zu tun als nur
die Fesseln abzunehmen. Sie werden bestimmte
Ausbildungsprogramme und finanzielle Hilfen unterstützen, mit denen die vormals Gefesselten zu denjenigen aufschließen können, die aufgrund von früheren
unfairen Vorteilen vorne liegen. Aber sie ziehen die
Grenze, wenn die Ergebnisse des Wettbewerbs schon
im voraus bestimmt werden sollen.
In gewissem Maß findet die Unterscheidung zwischen
"Kompensationsmaßnahmen" und "Vorzugsbehandlung" ihre Entsprechung bei der Unterscheidung, die
zwischen "Chancengleichheit" und "Ergebnisgleichheit" getroffen wird. Kompensationsmaßnahmen werden
wahrscheinlich als Möglichkeit betrachtet, um die
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Chancengleichheit zu verbessern. Da Schwarze in der
Vergangenheit diskriminiert wurden, ist es fair, sie
besonders zu berücksichtigen, damit sie in Zukunft
bessere Chancen haben. Vorzugsbehandlung andererseits klingt in den Ohren der meisten Weißen vielleicht wie eine Bemühung, das Ergebnis des Konkurrenzprozesses vorwegzunehmen.
Die nachhaltigste Unterstützung der Vorzugsbehandlung scheint von den liberalen Intellektuellen zu kommen, den hochgebildeten fünf oder sechs Prozent der
Bevölkerung, die nach dem College eine Universität
besucht haben, und denen, die im College Geisteswissenschaften studiert haben. (Die Universitäten selbst
fordern weiterhin Quoten oder besondere Präferenzen, die den an Universitäten stärker als in anderen
Lebensbereichen in Amerika ausgeprägten Liberalismus widerspiegeln. Es überrascht daher nicht, daß die
umfassendste Anwendung von Quoten im höheren
Bildungswesen in den Geisteswissenschaften und den
"weichen" Sozialwissenschaften angetroffen werden
kann, den am meisten nach links tendierenden Disziplinen). Starke Unterstützung gibt es darüber hinaus
bei der politischen Elite, besonders den Demokraten
und auch vielen Republikanern (hier jedoch nicht bei
zahlreichen prominenten Amtsträgern). Die Demokraten im Kongreß unterstützen diese Maßnahmen immer
stärker, eine Veränderung, die aus der Tatsache resultieren könnte, daß der Anteil demokratischer Abgeordneter, die aufgrund ihrer Stimmabgabe als liberal eingestuft werden können, seit den sechziger Jahren
stetig zugenommen hat.
Führende demokratische Politiker entfernen sich immer
weiter von der öffentlichen Meinung, und es schadet
ihnen. Die Republikaner, deren Einführung von Quoten längst in Vergessenheit geriet, verfechten heute
nachdrücklich die Normen der Leistungsgesellschaft.
Die Demokraten stehen vor einem Dilemma: Wie
sollen sie auf den Druck von Bürgerrechtsgruppen und
Intellektuellen einerseits reagieren und andererseits
verhindern, daß die Identifizierung der Partei mit Quoten
ihre traditionelle Basis unter den Weißen der Arbeiterschicht und des Südens entfremdet? Lyndon Johnson
sah dieses Problem bereits 1965 voraus, als er in
privaten Gesprächen über Bürgerrechte im Weißen
Haus feststellte: "Wir müssen sie als Sache des
Rechts fordern, aber darüber hinaus müssen wir erkennen, daß wir damit die Demokratische Partei zerstören werden."
Genau dies geschieht heute. Einer Mitte 1991 von
CBS News für die New York Times durchgeführten
Erhebung zufolge erklärten 56 Prozent der Amerikaner, die Demokratische Partei "kümmert sich mehr um
die Bedürfnisse und Probleme der Schwarzen", während nur 15 Prozent dies von den Republikanern
behaupteten. Wichtiger könnte das Ergebnis sein,
daß bei derselben Fragestellung im Hinblick auf "die
Bedürfnisse und Probleme der Weißen" 45 Prozent
antworteten, die Republikanische Partei kümmere sich
Seite 7

�mehr um sie, während nur 19 Prozent dies den Demokraten zubilligten und 14 Prozent angaben, beide
Parteien kümmerten sich gleich stark um beide Rassen.

steht. So forderten Mitarbeiter des Urban Institute
unlängst gleich qualifizierte Weiße und Schwarze auf,
sich in Chicago und Washington für Arbeitsplätze in
Fabriken, Dienstleistungsunternehmen, Einzelhandel
und Büros zu bewerben. Die Weißen wurden in 20
Gleichstellungsmaßnahmen werden häufig als umge- Prozent der Fälle beim Vorstellungsgespräch besser
kehrte Diskriminierung betrachtet. Viele weniger behandelt, Schwarze in sieben Prozent. Die Weißen
wohlhabende Weiße glauben, daß die Zahl der ihnen hatten eine bessere Einstellungschance. Eine Erzur Verfügung stehenden Arbeitsplätze infolge einer kenntnis ist ermutigend: In drei Viertel der VorstelBevorzugung von Schwarzen geschrumpft ist. Zwei in lungsgespräche gab es keinerlei Diskriminierung. Die
den Jahren 1985 und 1987 von Stanley Greenberg für Wahrscheinlichkeit, daß Schwarze auf dem Arbeitsdie Analysis Group der Demokratischen Partei Michi- markt für Arbeiter von Rassismus betroffen sind, ist
gan durchgeführte Untersuchungen deuten darauf hin, jedoch immer noch höher als die, daß Weiße umgedaß die negative Reaktion auf Gleichstellungspro- kehrter Diskriminierung ausgesetzt werden.
gramme eine wichtige Rolle beim Bruch weißer männlicher Fabrikarbeiter mit der Partei gespielt hat: "Zum Wenn Weiße das Ausmaß umgekehrter Diskriminiegroßen Erstaunen und Entsetzen Greenbergs und rung überschätzen, so unterschätzen Weiße und
seiner Auftraggeber", so stellte ein Autor fest, "trat die Schwarze gleichermaßen das Ausmaß der von SchwarWut von Weißen über Gleichstellungsprogramme in zen in den vergangenen Jahrzehnten erzielten wirtbeiden seiner Berichte als Hauptanliegen der Wähler schaftlichen Fortschritte. Das allgemeine Unwissen
zutage. Demokratische Wahlkampfthemen wie 'Fair- über den Erfolg der Schwarzen basiert teilweise auf
neß', 'Gleichheit', und 'Gerechtigkeit' wurden - nicht der Abneigung führender Schwarzer, dies zuzugeben.
ohne Berechtigung - als Codewörter für Quoten ver- Mitte der achtziger Jahre gaben drei Fünftel der fühstanden."
renden Schwarzen in Meinungsumfragen an, die
Schwarzen bewegten sich rückwärts, während zwei
Nationale Meinungsumfragen belegen dieselbe Be- Drittel in einem repräsentativen Querschnitt der Schwarsorgnis. In zwei Erhebungen, die eine vom Institute for zen erklärten, sie machten Fortschritte. (Die UnterSocial Research der University of Michigan im Jahr stützung der optimistischen Haltung ging in den letzten
1986, die andere vom NORC im Jahr 1990 durchge- Jahren der Reagan-Ära etwas zurück. Anfang Juli
führt, antworteten große Mehrheiten von Weißen, es 1990 berichtete eine von ABC News für das Wall
sei "sehr wahrscheinlich" (28 Prozent in beiden Umfra- Street Journal durchgeführte Meinungsumfrage, 60
gen) oder "ziemlich wahrscheinlich" (48 und 42 Pro- Prozent aller Schwarzen erklärten, im Vergleich zu 10
zent), "daß ein Weißer einen Arbeitsplatz oder eine Jahren vorher gehe es Schwarzen in Amerika "besBeförderung nicht erhält, während statt dessen ein ser", während 29 Prozent meinten, es gehe ihnen
gleich oder weniger qualifizierter Schwarzer dies er- "schlechter").
hält". Zwei Fünftel der in der Studie von 1986 befragten
Weißen glaubten, sie oder ein Familienmitglied wür- Die Weigerung einiger führender Schwarzer, die Besden das Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz serung einzuräumen, ist verständlich. Je schlechter
werden. Ein Bericht über eine von der Leadership die Dinge erscheinen und je größer die Kluft zwischen
Conference on Civil Rights in Auftrag gegebene Erhe- ihnen und anderen zu sein scheint, desto höhere
bung aus dem Jahr 1991 kommt zu dem Schluß, "eine Forderungen können sie stellen. Doch trägt die stänerhebliche Zahl von Wählern gehe davon aus, daß dige Wiederholung der Behauptung, es seien nur
Bürgerrechtsgesetze unfaire Vorteile schaffen, die auf wenige Fortschritte erzielt worden, auch zur Verfestidem Arbeitsmarkt Rang- oder Klassenprivilegien ein- gung des Arguments bei, staatliche Bemühungen zur
führen".
Begünstigung von Schwarzen funktionierten ohnehin
nicht, es gebe der Situation der Schwarzen innewoh"Weiße Amerikaner... betrachten sich nicht als Rassi- nende Faktoren, die Schwarze daran hinderten, vorsten oder Gegner von Chancengleichheit und grund- wärtszukommen. Und viele Schwarze und Weiße
sätzlicher Fairneß", bemerkt der Kolumnist William neigen dazu, dieses Argument zu verinnerlichen. Das
Raspberry. "Was sie ablehnen, sind Bemühungen, NORC fand heraus, daß von 1985-89 durchschnittlich
Minderheiten Vorzugsbedingungen zu gewähren... Wie 62 Prozent der Weißen und 36 Prozent der Schwarzen
könnten wir von ihnen erwarten, ein Produkt zu kaufen, der These zustimmten, die im Durchschnitt schlechtedas wir (die Schwarzen) 400 Jahre lang zu beseitigen ren Arbeitsplätze, geringeren Einkommen und schlechversucht haben: gesetzlich verankerte, rassisch be- tere Wohnsituation von Schwarzen gegenüber Weigründete Vorteile?"
ßen seien darauf zurückzuführen, daß "die meisten
Schwarzen einfach nicht die Motivation oder WillensFehleinschätzungen haben viel mit der Polarisierung
kraft (haben), um sich von der Armut zu befreien". Eine
von Rassenpolitik zu tun. Die besten Forschungser- von der Washington Post bei ABC News im Oktober
gebnisse belegen beispielsweise, daß in der Realität 1989 in Auftrag gegebene Umfrage kam zu dem
beim Konkurrenzkampf um weniger anspruchsvolle Ergebnis, daß 60 Prozent der Weißen und Schwarzen
Arbeitsplätze wenig umgekehrte Diskriminierung beSeite 8

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�dem Satz zustimmten: "Wenn Schwarze sich stärker der Schwarzen seit dem 2. Weltkrieg analysieren,
bemühen würden, könnte es ihnen genausogut gehen kamen 1986 zu dem Schluß, daß "das wirklich Wichwie den Weißen."
tige der letzten vierzig Jahre das Entstehen einer
schwarzen Mittelschicht ist", die "als Gruppe... zahlenSolche Überzeugungen untermauern rassistische Kli- mäßig größer ist als die der armen Schwarzen".
schees und schwarzen Selbsthaß. Anfang Januar
1991 veröffentlichte das NORC die Ergebnisse einer Die Mehrheit der Schwarzen hat eine feste Arbeit und
Erhebung des Jahres 1990. Sie belegen, daß die gehört entweder zur Mittelschicht oder könnte als
meisten Weißen der Ansicht sind, Schwarze seien solider Teil einer Arbeiterschicht mit sicherem Arbeitsweniger intelligent, fauler, gewalttätiger und neigten platz bezeichnet werden. Sie sind verheiratet oder
eher dazu, auf Dauer Sozialhilfe in Anspruch zu neh- haben eine stabile, langfristige Beziehung. Das Einmen als Weiße und mehrere andere ethnische Grup- kommen von verheirateten Schwarzen beträgt 77
pen.
Prozent des Einkommens vergleichbarer Weißer; vor
20 Jahren waren es nur 60 Prozent. Der Anteil der
Der Schaden wird durch die unbarmherzige Konzen- Schwarzen, die ihre High School-Ausbildung abbretration der Nachrichtenmedien auf die sozio-pathologi- chen, ist von 31 Prozent im Jahr 1970 auf 18 Prozent
schen Zustände in den Ghettos noch verstärkt, die den im Jahr 1988 gefallen, während sich der der Weißen
Eindruck erweckt, die meisten Schwarzen lebten im (14 Prozent) nicht geändert hat.
Elend. Soziologen schätzen jedoch, daß die Unterschicht bei Schwarzen und Weißen gleichermaßen Diese drastischen sozialen und wirtschaftlichen Änderelativ klein ist. William Julius Wilson, der als Soziolo- rungen haben zu einer wachsenden Differenzierung
ge besondere Aufmerksamkeit auf diese Frage gerich- innerhalb der Gemeinschaft der Schwarzen geführt.
tet hat, rechnet heute ein Sechstel der 30 Millionen Ein Gremium der Nationalen Akademie der WissenSchwarzen in den Vereinigten Staaten zu den Ghetto- schaften stellte im Jahr 1989 fest, daß Männer schwarArmen, wie er sie zu bezeichnen pflegt. (Dabei handelt zer Hautfarbe im Alter von 25 bis 34 Jahren mit
es sich um Menschen, die in "Gebieten mit extremer zumindest teilweiser Collegeausbildung Anfang der
Armut leben, in denen 40 Prozent der Bevölkerung arm achtziger Jahre 80 bis 85 Prozent dessen verdienten,
sind"). Eine Arbeitsgruppe des Urban Institute schätzt was ihre Kollegen weißer Hautfarbe bekamen. Andedie Unterschicht als noch geringer ein: zwei oder drei rerseits hatte ein Viertel ihrer schwarzen Peer-group
Millionen Menschen im Jahr 1980, davon zwei Drittel nicht einmal ihre High School-Ausbildung abgeschlosSchwarze und ein Fünftel Hispanier.
sen und war so zu einem Leben am Rande der
Gesellschaft verurteilt.
Inzwischen ist der Gesamtanteil der in Armut lebenden
Schwarzen, von denen viele nicht von den pathologi- Die Autoren vertreten die Ansicht, daß die beiden
schen Problemen der unterprivilegierten Klasse be- größten Gruppen innerhalb der Sozialstruktur der
troffen sind, drastisch gesunken. Während es viele Schwarzen zur Zeit "eine von alleinerziehenden MütDiskussionen über die Definition von Armut gibt, ist laut tern dominierte Unterschicht und eine vor allem aus
statistischen Erhebungen der Prozentsatz der in Armut Familien, in denen beide Elternteile präsent sind,
lebenden Schwarzen von 55 Prozent im Jahr 1959 auf bestehende Mittelschicht" seien. Das Problem besteht
33,5 Prozent im Jahr 1970 gesunken. 1990, in einem darin, daß die meisten schwarzen Erwachsenen in
von Rezession gekennzeichneten Jahr, betrug er 31,9 einer intakten Familie und stabilen wirtschaftlichen
Prozent.
Verhältnissen leben, daß das bei den meisten schwarzen
Kindern jedoch nicht der Fall ist. Sie sind die NachDer "invisible man", um Ralph Ellisons Buchtitel anzu- kommen einer großen Zahl alleinerziehender schwarführen, der unsichtbare Mann der 90iger Jahre, ist der zer Mütter. Der Anteil der schwarzen Kinder alleinererfolgreiche schwarze Vorstädter der Arbeiter- und ziehender Mütter betrug 1960 noch 23 Prozent, 1969
Mittelschicht. Der neue "invisible man", der in intakten dann 28 Prozent, stieg 1980 auf 45 Prozent und liegt
Familien außerhalb dertraditionellen Wohngebiete der heute bei 62 Prozent. Das Leben in einem solchen
Schwarzen lebt, hat nicht die Erfahrung der in Ghettos Haushalt ist häufig mit einem Leben in Armut gleichzulebenden Schwarzen und wird von den meisten Wei- setzen. Im Jahr 1988 betrug die Armutsquote für
ßen ignoriert. In den 70iger Jahren erhöhte sich die Familien Alleinerziehender mit Kindern 56,3 Prozent,
schwarze Vorstadtbevölkerung vor allem aufgrund der die für schwarze Familien, in denen beide Elternteile
Abwanderung aus den Innenstädten um 70 Prozent. präsent sind, 12,5 Prozent.
In den 80iger Jahren stieg die Zahl der schwarzen
Vorstadtbewohner von 5,4 Millionen auf 8,2 Millionen. Es besteht allgemein der Eindruck, daß ein exploZwischen 1986 und 1990 waren 73 Prozent des Bevöl- sionsartiger Anstieg illegitimer Kinder unter der schwarkerungswachstums bei den Schwarzen in den Vor- zen Bevölkerung der Grund für die zunehmende Verstädten zu verzeichnen.
armung der schwarzen Kinder ist. Christopher Jencks
von der Northwestern University kalkuliert hingegen,
Die Wirtschaftswissenschaftler James P. Smith und daß der Anteil der unehelich geborenen schwarzen
Finis R. Welch, die die Veränderungen der Situation Kinder während dieser Jahre nur von 23 auf 29 Prozent
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�angestiegen wäre, wenn schwarze Frauen im Jahr
1987 genausoviele Kinder bekommen hätten wie 1960.
Der Prozentsatz ist viel höher, da verheiratete Schwarze jetzt weniger Kinder bekommen.

impliziere, daß "ein Achtel der Dichter, bedeutenden
Politiker, Gelehrten, Autoren und Philosophen" Schwarze sein sollten. Douglass betonte, daß "natürliche
Gleichheit ganz verschieden von praktizierter Gleichheit ist, und ... obwohl die Menschen potentiell gleich
Welche Gründe die Armut unter Kindern auch haben sind, die Umstände eine Zeitlang die auffallendsten
mag, Gleichstellungsprogramme sind kein Heilmittel. Ungleichheiten verursachen können". Bei anderer
Vorzugsbehandlung oder Quotenregelungen sind für Gelegenheit wandte sich Douglass gegen "spezielle
den im Ghetto in Armut lebenden unehelich geborenen Anstrengungen" für freigelassene schwarze Sklaven
jungen Schwarzen, der eine minderwertige Erziehung und argumentierte, sie könnten "zur Aufrechterhaltung
erhält, kaum eine Hilfe. William Julius Wilson schreibt, genau der Vorurteile dienen, die unbedingt abgedaß dadurch wahrscheinlich eher "Familienmitglieder schafft werden sollten".
der bevorzugtesten Minderheitsgruppen..." begünstigt
werden, "(die) am besten qualifiziert für gehobene Von Thomas Jeffeison bis Hubert Humphrey haben
Positionen sind - wie beispielsweise besserbezahlte die Linken in Amerika sich für eine reale ChancenStellen, Zugang zum College, Beförderungen etc. Wenn gleichheit eingesetzt. Es war wirklich eine Ironie, daß
folglich die bevorzugte Auswahl für solche Positionen Richard Nixon, der am meisten von den Demokraten
nicht aufgrund der tatsächlichen Benachteiligung ein- geschmäht wurde, eine Situation schuf, die sie auf die
zelner, sondern aufgrund von Rasse oder der Zugehö- falsche Seite der Angelegenheit stellte.
rigkeit zu einer ethnischen Gruppe geschieht, dann
werden diese Maßnahmen die Chancen der Privile- Um wieder einen nationalen Konsens über Bürgergierteren erhöhen, ohne die Probleme der wirklich rechte und Rassengerechtigkeit zu schaffen, sollten
Programme zur Bekämpfung der Diskriminierung von
Benachteiligten anzugehen."
Minderheiten neu ausgerichtet und nicht aufgegeben
Der Konflikt zwischen verschiedenen Versionen von werden. Quoten und Vorzugsbehandlung werden
Gleichheit, zwischen dem Schwergewicht auf dem nicht den schlecht Ausgebildeten und Unqualifizierten
einzelnen und der Gruppe, wird hier und im Ausland zu einem guten Arbeitsplatz verhelfen. Erfolg in der
weitergehen. Aufgrund der Gruppenzugehörigkeit zu postindustriellen Gesellschaft erfordert eine gute Bileiner Kaste oder Sprache organisierte Gesellschaften dung und Ausbildung. Eine Ausweitung und bedeuten- in Indien, Pakistan und Kanada- haben tiefverwurzel- de Verbesserung der Ausbildung in den Ghettos, der
te Quotenregelungen für bestimmte Gruppen, die sich frühzeitige Einsatz von Förderprogrammen, finanzielwahrscheinlich kaum ändern werden. Aber das Schei- le Anreize für Schüler, Lehrer und erfolgreiche Schulen
tern verschiedener Schattierungen des Sozialismus sowie eine Ausweitung der Ausbildungsprogramme
und die steigende Akzeptanz des Marktes als die sind ein Schritt in die richtige Richtung. Solche ProQuelle von Wirtschaftswachstum - nicht nur in Europa, gramme sollten allen weniger Privilegierten ungeachsondern auch in Lateinamerika und Afrika - deutet tet ihrer rassischen und ethnischen Zugehörigkeit
darauf hin, daß in vielen Ländern der Welt neue angeboten werden.
Betonung auf eine wettbewerbsorientierte LeistungsDie ganze Gesellschaft kann auch aus der Erfahrung
gesellschaft und Individualismus gelegt wird.
mit Schwarzen im Militärdienst lernen, wo ihnen eine
Führende Bürgerrechtler, Liberale und Demokraten Berufsausbildung und die Möglichkeit einer festen
schwimmen gegen einen starken Strom. Zu Hause Anstellung und eines beruflichen Aufstiegs angeboten
stehen die Meinung der Weißen und, wie wir gesehen wurde. Diese Leistung ist ein Argument für einen
haben, sogar die Gefühle vieler Schwarzer, gegen sie. großangelegten Dienst an der Allgemeinheit. Wenn
ShelbySteele, ein schwarzer Autor, der früher in Jesse alle jungen Amerikaner ermutigt werden, sich freiwillig
Jacksons Regenbogenkoalition aktiv war, kommt zu für den Dienst an der Allgemeinheit zu melden, dann
dem Schluß, daß "Gleichstellungsprogramme eher können diejenigen mit unzureichender Ausbildung und
schlecht als gut sind und daß Schwarze ... dadurch Fähigkeiten eine Berufsausbildung erhalten, während
jetzt mehr verlieren als gewinnen könnten." Er lehnt sie sie und ihre Altersgenossen beim Wiederaufbau der
ab, da sie über "die harte Arbeit hinausgehen, ein zuvor nationalen Infrastruktur und bei der Leistung sozialer
unterdrücktes Volk so weit zu entwickeln, daß es eine Dienste mithelfen können.
angemessene eigene Vertretung erhält...". Er fürchtet, aufgrund solcher Programme festgelegte Quoten Die Abwendung von spezieller Vorzugsbehandlung
unterminierten die Moral der Schwarzen und trügen zu muß nicht, ja darf nicht bedeuten, daß man das Engaeiner "Vergrößerung der Selbstzweifel" bei, da sie gement der Nation für die Gewährleistung von Chanimplizierten, erfolgreiche Schwarze hätten sich ihre cengleichheit für benachteiligte Bürger aufgibt. Der
Positionen nicht selbst verdient. Mehr als ein Jahrhu n- Gedanke der Rechte des einzelnen bleibt ein integraler
dert zuvor, im Jahr 1871, stellte der gefeierte schwarze Bestandteil der amerikanischen Weltanschauung und
Abolitionist Frederick Douglass viele ähnliche Behaup i li lyeieUitigkeit aufgrund von Rasse und kastenartige
I eiluny stehen dazu in krassem Widerspruch. Wir sind
tungen auf. Er macht die Idee von Rassenquoten als
"in der Praxis absurd" lächerlich und stellte fest, es immer noch mit dem amerikanischen Dilemma konSeite 10

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�frontiert, undesstelltfürunseinemoralischeVerpflichtung dar, sicherzustellen, daß die Rasse weder eine
Behinderung noch einen Vorteil darstellt. Bis schwärze Amerikaner voll in die Wirtschaft und Gesellschaft

unserer Nation integriert sind, sollten wir, um Jeffersons Worte zu gebrauchen, einen gerechten Gott
fürchten,

* * * * *

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Seite 11

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA/Deutschland/Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Überwindung der Teilung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kimmitt in Dresden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Clinton/Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton vor außenpolitischen Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Experten beraten den künftigen Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Verteidigung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;US-Streitkräfte: kleiner aber stark und einsatzbereit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Keine einschneidenden Veränderungen von Clinton erwartet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Somalia&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Diplomatie konzentriert sich auf sichere Nahrungsmittellieferungen nach Somalia&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vereinigte Staaten nicht für Machtübernahme der UNO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Rassenbeziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Berufliche Gleichstellung und die amerikanische Weltanschauung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Seymour Martin Lipset&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

25. November 1992
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CLINTON-KONGRESS
•_

^

FRAKTIONSFUHRER DER DEMOKRATEN UND
REPUBLIKANER BEGRÜSSEN CLINTON IM
KAPITOL
Clinton verspricht Zusammenarbeit
mit dem Kongreß

CLINTON-AUSSENPOLITIK

CLINTONS INTERESSE AN AUSSENPOLITIK BEGANN IM COLLEGE
Georgetown, Oxford als
prägende Erfahrungen

GATT

BUSH GIBT EINIGUNG MIT EG ÜBER
AGRARHANDELSFRAGEN BEKANNT
Erklärung des Präsidenten
USA, EG ERZIELEN EINIGUNG ZU
WESENTLICHEN FRAGEN DER
URUGUAY-RUNDE
Gemeinsame Erklärung der
USA-EG-Kommission
USA UND EG VERKÜNDEN DURCHBRUCH
BEI WELTHANDELSGESPRÄCHEN
Beschleunigung der Verhandlungen erwartet

JUGOSLAWIEN

VERBRECHEN IN JUGOSLAWIEN WERDEN
GESÜHNT
Rede von Botschafter Blackwell

PORTRAT

HILLARY CLINTON WIRD "SPRACHROHR'
FÜR KINDER SEIN
Die Frau des gewählten Präsidenten ein Porträt
TIPPER GORE IST TREIBENDE KRAFT
DER NATIONALEN ELTERNBEWEGUNG
Die Gattin des gewählten Vizepräsidenten
- ein Porträt

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�CLINTON/KONGRESS
25. November 1992

FRAKTIONSFÜHRER DER DEMOKRATEN UND
REPUBLIKANER BEGRÜSSEN CLINTON IM KAPITOL
Clinton verspricht Zusammenarbeit mit dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Der künftige Präsident Clinton der Exekutive, von denen ein Großteil der Reaganhat auf dem Capitol Hill verkündet, daß er bei der und Bush-Administrationen gekennzeichnet war, im
Lösung der Wirtschaftsprobleme des Landes mit dem Verschwinden begriffen seien. "Wenn Sie genau
Kongreß zusammenarbeiten will und erhielt nicht nur aufpassen, können Sie heute schon spüren, wie sich
von den Mitgliedern seiner eigenen Partei, sondern die festgefahrene Situation lockert", stellte dergewählauch von den Fraktionsführem der republikanischen te Vizepräsident fest.
Oppositionspartei erste Zusicherungen.
Clinton sprach von 'beispiellosen" Problemen der Nation,
Am 19. November, dem letzten Tag seines zweitägi- die mit den Gegebenheiten des Zeitalters nach dem
gen Besuchs in der Bundeshauptstadt Washington, Kalten Krieg zu tun hätten, in dem "wir uns darum
traf sich Clinton im Kapitol zu mehreren Gesprächen, kümmern müssen, wie wir mit der Weltwirtschaft Schritt
teils auch unter vier Augen, mit führenden Parlamen- halten oder in manchen Fällen auch nicht".
tariern, die über das Schicksal der von ihm vorgeschlaClinton zufolge erfordert die Lösung der wirtschaftligenen Programme entscheiden werden.
chen Probleme die Zusammenarbeit beider Parteien
Auf einer am Nachmittag nach einer Reihe von Ge- und er versprach den Republikanern "eine offene Tür
sprächen anberaumten Pressekonferenz erläuterte und regelmäßige Gespräche".
der gewählte Präsident nochmals seine Prioritäten
nach der Vereidigung am 20. Januar 1993: Wirt- Die Fraktionsführer der Republikaner ihrerseits schieschaftswachstum, Abbau des Haushaltsdefizits, Ko- nen die Angebote des gewählten Präsidenten zu
stenkontrolle und Kostendeckung im Gesundheitswe- begrüßen.
sen, sein Vorschlag eines Dienstes an der Allgemein- Dole, der einige Tage zuvor angekündigt hatte, daß er
heit für Collegestudenten und politische Reformen.
vielleicht während Clintons "Flitterwochen" mit dem
Clinton erschien auf der in der historischen Standbildgalerie des Kapitals stattfindenden Pressekonferenz
zusammen mit seinem gewählten Vizepräsidenten
Gore, dem Sprecher des Repräsentantenhauses
Thomas Foley, Senator George Mitchell und dem
Mitglied des Repräsentantenhauses Richard Gephardt,
den demokratischen Fraktionsführern des Senats und
des Repräsentantenhauses sowie deren Amtskollegen aus dem republikanischen Lager, Senator Robert
Dole und dem Mitglied des Repräsentantenhauses
Robert Michel.

Kongreß die Rolle der Anstandsdame übernehmen
werde, prophezeite, "es wird viele Bereiche geben, bei
denen wir einer Meinung sind".
"Sie sind Demokraten, wir sind Republikaner, aber es
liegt in unserem gemeinsamen Interesse, das Land
weiterzubringen, uns um Arbeitsplätze, die Wirtschaft,
das Gesundheitswesen, den Abbau des Haushaltsdefizits zu kümmern... Daher vermute ich, daß viele
Gemeinsamkeiten gefunden werden", fügte er hinzu.

Michel stellte fest, Clinton werde sich "dem Dilemma
gegenübersehen, die Wirtschaft anzukurbeln, ohne
Clinton verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, bis zu seiner das Problem des Haushaltsdefizits zu verschärfen,
Amtseinführung die Einzelheiten seines Wirtschafts- dem wir uns gegenübersehen". Ihm zufolge bieten
förderungsprogramms ausgearbeitet zu haben, um diese Bestrebungen die Chance zusammenzuarbeirechtzeitig eine Rede zur Lage der Nation halten zu ten, und "wir alle werden das im Interesse unseres
können, die "den Konsens, welchen Kurs wir einschla- Landes tun müssen".
gen müssen", reflektiere.
Nach der offiziellen Pressekonferenz machte Michel
Er betonte die Rolle, die er Gore beim Aufbau einer vor Reportern noch einige Ausführungen und stellte
funktionierenden Partnerschaft mit dem Kongreß ein- fest, daß viele Mitglieder des Repräsentantenhauses
räumen will, und Gore selbst äußerte die Vermutung, "das Haushaltsdefizit sehr ernst nehmen." Es werde
daß derartige Konflikte zwischen der Legislative und
AMERIKA DIENST 47

Seite 1

�seiner Ansicht nach für sie von höchster Priorität sein,
"eine ordnungsgemäße Ausgabenreduzierung durchzusetzen", gleichzeitig aber exzessive Kürzungen der
Verteidigungsausgaben zu verhindern.
Der allgemeine Eindruck des guten Einvernehmens
zwischen den beiden Parteien wurde sogar durch
Newt Gingrich, dem abwesenden, an zweiter Stelle in
der Rangfolge der Republikaner liegenden Mitglied
des Repräsentantenhauses gefördert, der normalerweise den Demokraten mit offener Feindseligkeit
begegnet. Gingrich brachte einen von ihm an Clinton
geschriebenen Brief in Umlauf, in dem er sich für seine
Abwesenheit entschuldigte, und versprach, sich an
den "gemeinsamen Anstrengungen" zur Lösung der
Probleme des Landes zu beteiligen.
Clinton betrat auf seiner Pressekonferenz wenig Neuland,
gab aber zu spezifischen Fragen folgende Kommentare ab:
Explodierende Kosten im Gesundheitswesen,
sowohl im öffentlichen als auch im privaten
Bereich, sind ein entscheidendes Element bei
den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes und "niemand glaubt ernsthaft, daß wir
jemals das Defizit unter Kontrolle bringen können, bis wir ein System einführen, das (sie)...
unter Kontrolle bringt''. Er wird an der Entwicklung eines überparteilichen Vorschlags arbeiten, der eine Kontrolle der Kosten vorsieht und
gleichzeitig allen Amerikanern eine Grundversorgung anbietet.
Er räumt der Verwirklichung des anstehenden
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens
(NAFTA) mit Kanada und Mexiko höchste Priorität ein. Clinton, der früher gesagt hatte, daß
einige Punkte des NAFTA-Entwurfs zu UmweRund Arbeitsfragen noch geprüft werden müßten, wiederholte "es gebe noch einiges andere
zu tun", bevor der Vertrag in Kraft gesetzt werden könne, fügte jedoch hinzu: "Ich freue mich
auf die Zusammenarbeit mit Präsident Salinas
(Mexiko) in diesem Bereich, die sicherlich erfolgen wird."

Auf Präsident Bushs "sehr aggressive Politik"
zur Erweiterung des Handels mit Lateinamerika
angesprochen, antwortete er: "Ich werde wahrscheinlich noch aggressiver sein." Er hofft auf
ein Handelsabkommen mit Chile und "mehr
Handel mit Argentinien".
Die Vereinigten Staaten haben "ein großes Interesse daran, China nicht zu isolieren, darauf
hinzuwirken, daß China weiter eine Marktwirtschaft entwickelt". Aber gleichzeitig "müssen
wir darauf bestehen, daß ... in den Bereichen
Menschenrechte und Menschenwürde Fortschritte gemacht werden". Er habe "in den letzten
Monaten Anzeichen dafür gesehen, daß eine
starke Hand unserer Regierung dazu beitragen
kann, das zu erreichen", da die Bush-Administration "aus welchem Grund auch immer...
gegenüber von Strafgefangenen hergestellten
Waren und unfairen Handelspraktken eine härtere
Gangart einschlug".
Er will die amerikanische Politik bei Waffenverkäufen als Teil einer entschiedenen, mit anderen Nationen zu koordinierenden Anstrengung
überprüfen, "um die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Ansammlung
von Waffen in den Händen derjenigen zu verhindern, die zu ihrem Einsatz entschlossen sind".
Während die Politik der Bush-Administration,
Flüchtlinge aus Haiti abzuschieben, zu undifferenziert war, ist eine vernünftige Unterscheidung zwischen Wirtschafts- und politischen
Flüchtlingen legitim. "Es wäre meiner Ansicht
nach äußerst unklug, wenn irgend jemand denken
würde, ich würde eine Politik der wahllosen
Massenmigration befürworten... Es geht hier
darum, den Haitianern die Chance zu geben,
aus triftigen Gründen eine Zeitlang in diesem
Land Asyl zu beantragen, bis auf Haiti wieder
eine demokratisch gewählte Regierung eingesetzt worden ist", stellte Clinton fest.
Clinton befürwortet weiterhin, den District of
Columbia zum Bundesstaat zu erklären und
geht davon aus, daß ein entsprechender Gesetzesvorschlag im Kongreß eingebracht wird.

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AMERIKA DIENST 47

�CLINTON/AUSSENPOLITIK
25. November 1992

CLINTONS INTERESSE AN AUSSENPOLITIK
BEGANN IM COLLEGE
Georgetown, Oxford als prägende Erfahrungen
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Bill
Clinton hatte stets ein starkes Interesse an auswärtigen Angelegenheiten, und er hat sein Studium und
seine Karriere so angelegt, ihn darauf vorzubereiten,
eine internationale Führungsrolle zu spielen, behaupten einige Personen, die ihn seit seiner Universitätszeit
kennen.
Kommilitonen von der School of Foreign Service der
Georgetown University sowie ehemalige Rhodes-Stipendiaten, die Ende der sechziger Jahre mit ihm in
Oxford studiert haben, sind sich darin einig, daß Clinton immer ein reges Interesse an der Welt insgesamt
und an der amerikanischen Rolle darin gehabt hat.
In einem Interview mit der Washington Post stellte
Clinton fest, er habe sich für das Studium an der
Georgetown University in der Bundeshauptstadt
Washington entschieden, weil "ich erkannte, daß die
Welt immer kleiner wurde und jeder, der den Lauf der
Ereignisse in jedem beliebigen Teil der Welt beeinflussen wollte, auch den Rest davon verstehen müßte".
Georgetown "war die einzige Universität, an der er sich
bewarb", erklärt Tom Campbell, der dort vier Jahre
lang das Zimmer mit Clinton teilte. "Er fragte seine
Studienberaterin an der High School in Hot Springs
(Arkansas), wohin er gehen solle, um Außenpolitik zu
studieren, und sie verwies ihn an die School of Foreign
Service in Georgetown."
Obwohl Clinton aus einer Kleinstadt im Süden kam,
war er "stets sehr kosmopolitisch und in seinem Denken immer sehr zukunftsorientiert", erläutert Campbell, der heute Pilot bei einer Fluggesellschaft ist. "Er
paßte perfekt zu Georgetown."
In Georgetown war Clinton Sprecher im 1. und 2.
Studienjahr seines Jahrgangs und bewarb sich im
letzten Studienjahr erfolglos um das Amt des Präsidenten des Studentenrats. "Bei allem stand er stets an
der Spitze seines Jahrgangs", so Campbell.

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Clintons Interesse an internationalen Angelegenheiten "war bereits sehr stark ausgeprägt, als ich ihn traf,
erklärt der Romanschriftsteller Thomas Caplan, der
ebenfalls in Georgetown das Zimmer mit Clinton teilte.
Die von Clinton ausgewählten Kurse "waren sehr stark
auf die Wert ausgerichtet", erläutert Caplan. "Der
Mann hat stets die größte Neugier und das stärkste
Interesse an der Welt gezeigt... Erglaubt.daßdiesein
großartiges Land ist, das in einer größeren Welt existiert... Er gehört nicht zu denen, die eine scharfe
Trennungslinie zwischen Innen- und Außenpolitik ziehen, weil sie sehr stark miteinander verbunden sind gewiß im Hinblick auf wirtschaftliche und moralische
Fragen."
Campbell erinnert sich daran, wie Clinton mit einem
Zimmergenossen, der zeitweise für den Vorsitzenden
des Streitkräfteausschusses des Senats arbeitete,
"endlos" Außenpolitik diskutierte, insbesondere den
Vietnamkrieg.
Damals arbeitete Clinton nebenbei als Assistent für
den Gouverneur von Arkansas, J. William Fulbright,
damals Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.
Fulbright war der Initiator des nach ihm benannten
internationalen Austauschprogramms, das 1946 vom
Kongreß verabschiedet wurde.
Clinton nahm sich den Senator als Vorbild, so Campbell. "Fulbright kam aus einer kleinen Stadt in Arkansas, erhielt seine Ausbildung an der Ostküste, war
Rhodes-Stipendiat und kam dann nach Arkansas zurück
und wurde erfolgreich."
Fulbright, jetzt 87, wehrt seinen Einfluß auf Clinton
bescheiden ab, fügt jedoch hinzu, Clinton sei "ein sehr
fähiger Mann - besser als das, was wir als Präsidenten
gewohnt sind".
"Er ist sehr intelligent, jung, tatkräftig, hat eine reizende
Gattin und sollte ein Erfolg sein. Das amerikanische
Volk hat großes Glück, einen Mann seiner Qualitäten

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�in dieser Position zu haben. Meiner Prognose zufolge
wird er sehr gute Arbeit leisten."
Seitdem er seinen Posten als Senator im Jahr 1974
aufgegeben hat, ist Fulbright Sozius einer Washingtoner Rechtsanwaltskanzlei.
Als Rhodes-Stipendiat verbrachte Clinton zwei Jahre
in Oxford und bereiste ganz Europa. Die Zeit in Oxford
"war für uns alle eine wundervolle Erfahrung. Wir
waren ein Gruppe von hart arbeitenden, zielstrebigen,
disziplinierten Studenten", stellt John Isaacson fest,
der sich zusammen mit Clinton am College der Universität eingeschrieben hatte.
"Es war eine Zeit, in der wir lernen konnten, was wir
wollten. Man hatte eine Tendenz, das zu lesen, was
man früher nicht gelesen hätte, zu reisen und eine
andere Kultur kennenzulernen", erklärt Isaacson,
Gründer und Leiter einer Personalberatung für Managementpositionen.

Clinton "ist jemand, der in der Tat sehr viel mehr über
internationale Angelegenheiten - insbesondere Europa und Asien - weiß als man erwarten würde, weil wir
uns in unserer Jugend vor allem damit auseinandersetzten, wie sich die Vereinigten Staaten in die Weltordnung einfügen", erklärt Isaacson. "Clinton studiert
und engagiert sich für die Welt entschieden intensiver,
als sich die meisten bewußt sind."
"Bill hat genau dasselbe wie ich in Oxford getan - wir
haben unermüdlich gelesen", stellt Richard Stearns
fest, ebenfalls Rhodes-Stipendiat, mit dem Clinton
einige Monate das Zimmer teilte. "Er erzählte mir, er
habe während seines ersten Jahres dort nahezu 300
Bücher gelesen."

Stearns und Clinton reisten zusammen nach Deutschland, Österreich und Spanien. "Bill beschrieb es als
eine intellektuelle Odyssee", so Stearns. "Wir erkannten beide, daß der Spanische Bürgerkrieg sehr viel
komplexer war, als wir zunächst angenommen hatten",
erklärt Sterns, der heute beigeordneter Richter
Im außenpolitischen Bereich "verfügten wir über beam
höchsten
Gerichtshof von Massachusetts ist.
scheidenes Wissen, aber einige von uns, insbesondere Strobe Talbott (jetzt Redakteur von Time Maga- Clinton erklärte dem American Oxonian, einer Vierzine) hatten wirklich fundierte Kenntnisse", fügte Isaac- teljahresschrift für ehemalige Rhodes-Stipendiaten,
son hinzu. Er verwies darauf, daß Talbott, mit dem die Zeit in Übersee habe seine - während seiner Arbeit
Clinton während der Semesterferien die Sowjetunion fürden Auswärtigen Ausschuß unter Fulbright gebildebesuchte, Nikita Chruschtschows Memoiren während te - Meinung bestätigt, "daß Amerika sich für die übrige
seiner Zeit in Oxford übersetzte.
Welt engagieren muß. In diesem Sinne bin ich zum
Internationalisten geworden."

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AMERIKA DIENST 47

�GATT
25. November 1992

BUSH GIBT EINIGUNG MIT EG ÜBER
AGRARHANDELSFRAGEN BEKANNT
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft sich über ein Paket von Agrarhandelsmaßnahmen geeinigt haben, das seiner Ansicht nach zu
einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde des GATT führen wird. Nachfolgend veröffentlichen wir die
Erklärung des Präsidenten vom 20. November 1992 im Wortlaut.
Ich begrüße Minister Madigan und Botschafterin Carla
Hills. Meine heutige Ankündigung bezieht sich auf
beider Arbeit. Es ist mir eine große Freude, bekanntgeben zu können, daß die Vereinigten Staaten und die
Kommission der Europäischen Gemeinschaften übereinstimmend ein Agrarhandelspaket angenommen haben, das den baldigen erfolgreichen Abschluß der
Welthandelsgespräche ermöglichen sollte.

zur Verfügung stehen, von denen einige äu ßerst technisch sein können. Sie wissen, wie stolz ich auf die von
ihnen geleistete Arbeit bin. Ich war Zeuge, wie sie hier
in Amerika und im Ausland dieses Abkommen ausgearbeitet haben. Das hat sehr lange gedauert, aber es
steht auf einer soliden Grundlage.

Zusätzlich haben wir Lösungen zur Beilegung unserer
Differenzen über Ölsaaten und andere Agrarfragen
gefunden und damit einen möglichen Handelskrieg
verhindert, was von sehr großer Bedeutung ist.

Der nächste Schritt wird dann für die Vereinigten
Staaten, die EG und alle anderen Verhandlungspartner in der Uruguay-Runde darin bestehen, mit der
Bereitschaft an den Verhandlu ngstisch in Genf zurückzukehren, die für den erfolgreichen Abschluß dieser
Verhandlungen nötige Flexibilität zu zeigen.

Der Weg hin zu dem heute erzielten Ergebnis war lang
und schwierig. Ich erinnere mich an die ausführlichen
Diese Welthandelsgespräche, die sogenannte Uru- und häufig lebhaften - diese Bezeichnung habe ich
guay-Runde des GATT, sind wesentlich für die Ankur- bewu ßt gewählt - Debatten über Landwirtschafts- und
belung des Wirtschaftswachstums und die Schaffung andere Handelsfragen auf dem Weltwirtschaftsgipfel
von Arbeitsplätzen in unserem Land, ja auf der ganzen in Houston im Jahr 1990 und auf jedem der nachfolWelt. Ich hege die Hoffnung, daß der heute erzielte genden Gipfel. Jetzt bin ich voll und ganz davon
Durchbruch die laufenden Verhandlungen zwischen überzeugt, daß die geleistete Arbeit die Sache wert
allen GATT-Mitgliedern in Genf auf breiter Front in war. Heute Morgen sprach ich mit Premierminister
Bewegung bringen wird, so daß wir zu dem schon so John Major und hatte die Gelegenheit, ihm für seine als
lange angestrebten umfassenden, weltweiten und gegenwärtiger Präsident der EG gespielte Schlüsselrolle zu danken.
ausgewogenen Abkommen gelangen können.

Besonders freue ich mich darüber, daß Botschafterin
Hills und Minister Madigan heute bei uns sind, denn sie
haben mit ihrer hervorragenden Arbeit zur Erzielung
dieses historischen Ergebnisses beigetragen. Auch
möchte ich ihre hier anwesenden Mitarbeiter begrüßen. Sie werden heute zur Beantwortung von Fragen

Ich möchte nochmals unsere Partner bei diesen Anstrengungen grüßen. Und besonders grüße ich das
au ßergewöhnlich effektive Team, das mit seiner Arbeit
diesen Erfolg möglich gemacht hat.

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AMERIKA DIENST 47

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�GATT
25. November 1992

USA, EG ERZIELEN EINIGUNG ZU WESENTLICHEN
HANDELSFRAGEN DER URUGUAY-RUNDE
Gemeinsame Erklärung der USA-EG-Kommission
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut einer am 20. November 1992 herausgegebenen gemeinsamen Erklärung der Kommission der Europäischen Gemeinschaften und der Vereinigten
Staaten, in der die zwischen ihnen erzielte Einigung zu Agrarfragen, Marktzugang und Dienstleistungsproblemen bei den Handelsgesprächen der Uruguay-Runde bekanntgegeben wird.
Die Vereinigten Staaten und die Kommission der
Europäischen Gemeinschaften beabsichtigen, einen
erfolgreichen Abschlu ß der Uruguay-Runde anzustreben. Als Ergebnis unserer Erörterungen vertreten wir
die Auffassung, daß wir die erforderlichen Fortschritte
erzielt haben, um Einigung zu den wesentlichen Fragen zu gewährleisten, die Fortschritte in Genf blockieren - vor allem in den Bereichen Landwirtschaft, Dienstleistungen und Marktzugang. Ein erfolgreiches Ergebnis wird sich positiv auf das Handels- und Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaften der Welt auswirken.

Wir stimmen voll u nd ganz überein, da ß ein wirksames
Abkommen über Agrarreformen die Beteiligung aller
Länder an den Verhandlungen erfordert.
Die Vereinigten Staaten und die EG-Kommission haben
sich auf eine Lösung der Kontroverse über Ölsaaten
geeinigt.

Im Hinblick auf Marktzugang haben die Vereinigten
Staaten und die EG-Kommission die Basis zur Erlangung eines ehrgeizigen Ergebnisses gefunden, das
ihre jeweiligen Zielsetzungen folgendermaßen erfüllt:
Unsere Unterhändler kehren nach Genf zurück, um Die detaillierten Verhandlungen über bestimmte Sekgemeinsam auf den Aufbau eines umfassenden, glo- toren oder Produkte werden fortgesetzt, um Fortschritbalen und ausgewogenen Pakets hinzuarbeiten, das te zum Abschlu ß eines substantiellen und ausgewogewir beide bei diesen Verhandlungen anstreben. Wir nen Pakets zu ermöglichen. Die Senkung von Zöllen
beabsichtigen, mit GATT-Direktor Dunkel bei endgül- wird mit so wenigen Ausnahmen wie möglich maxitigen Vereinbarungen über alle im Entwurf der "Schluß- miert, einschließlich einer beträchtlichen Reduzierung
akte" dargelegten Bereiche zusammenzuarbeiten, die hoher Zölle, der Harmonisierung von Zöllen auf äuer im vergangenen Dezember vorgelegt hat, sowie ßerst niedriger Ebene und der Beseitigung von Zöllen
beimAbschlußderVerhandlungenüberMarktzugang, in Schlüsselbereichen. Es besteht die Aussicht, daß
die unserer einhelligen Meinung nach integralen Be- das in Montreal festgesetzte Ziel erheblich überschritstandteil der Gesamtergebnisse der Uruguay-Runde ten werden kann. Die Beteiligung dritter Länder - nicht
nur der Entwicklungsländer, sondern auch anderer
bilden.
Industrienationen - sowie die Behebung nichttarifärer
Verzerrungen
wird als von entscheidender Bedeutung
Im Bereich Landwirtschaft haben wir unsere Differenerachtet
und
beide
Parteien werden ihre Bestrebunzen über die Hauptbestandteile im Hinblick auf inländigen
fortsetzen,
während
der kommenden Wochen in
sche Stützungsmaßnahmen, Exportsubventionen und
Genf
weiterhin
die
bestmöglichen
Ergebnisse in dieser
Marktzugang so beigelegt, daß es dem GeneraldirekHinsicht
zu
erzielen.
tor möglich sein sollte, die Verhandlungen zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen. Wir werden Generaldirektor Dunkel über unsere Fortschritte informieren Darüber hinaus wurden im Bereich staatlicher Beund mit ihm zusammenarbeiten, um eine umfassende schaffung wesentliche Fortschritte im Hinblick auf die
Vereinbarung in Genf sicherzustellen. Wir haben Erweiterung der Abdeckung erzielt. Die Unterhändler
unsererseits unsere Unterhändler angewiesen, die der Vereinigten Staaten und der EG wurden angewiedetaillierten Verhandlungen zu unseren jeweiligen sen, die Einzelheiten der Erweiterung der Abdeckung
Terminplänen zu rasch wie möglich abzuschließen. und der Verbesserungen des Kodex auszuhandeln.

AMERIKA DIENST 47

Seite 1

�Bei Dienstleistungen stimmen wir überein, daß die
Angebote zu Marktzugang integralen Bestandteil des
ehrgeizigen Ergebnisses bilden müssen, das wir anstreben. Wir haben jetzt einen gemeinsamen Ansatz
zu Finanzdienstleistungen vereinbart. Darüberhinaus
haben wir Verbesserungen unserer jeweiligen Angebote erörtert und uns auf die größtmögliche Liberalisierung mit minimalen Ausnahmen geeinigt, in der Erwartung, daß die anderen Teilnehmer der Verhandlungen
ihre Angebote entsprechend verbessern werden.
Wir sind voller Erwartung, daß der von uns erzielte
Durchbruch die Patt-Situation der Verhandlungen
beheben und den zum Abschluß der Runde erforderlichen Auftrieb verleihen wird. Wir ermutigen unsere

Verhandlungspartner, die notwendige Flexibilität an
den Tag zu legen, um diese Verhandlungen zu beenden.
Beim Wirtschaftsgipfel in München im Juli dieses
Jahres forderten die Staats- und Regierungschefs der
G-7 den Abschluß der Uruguay-Runde bis Ende dieses Jahres. Die Zeit ist knapp, aber die Unterhändler
kehren nach Genf in dem Vertrauen zurück, daß
substantielle Fortschritte erzielt werden können, um
die Verpflichtung der Staats-und Regierungschefs der
G-7 zu erfüllen, vorausgesetzt, die anderen Länder
sind zur Zusammenarbeit mit uns bereit, um ein ehrgeiziges und weitreichendes Ergebnis dieser wichtigen Gespräche sicherzustellen.

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AMERIKA DIENST 47

�GATT
25. November 1992

USA UND EG VERKÜNDEN DURCHBRUCH BEI
WELTHANDELSGESPRÄCHEN
Beschleunigung der Verhandlungen erwartet
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten und Dabei werden die Staaten generell aufgefordert, ihre
die Europäische Gemeinschaft haben ihre gröbsten gesamten inländischen Stützungsmaßnahmen für die
Differenzen über die Reform des Welthandels mit Landwirtschaft in einem Zeitraum von sechs Jahren
Agrarprodukten beigelegt und damit den Weg für den um 20 Prozent zu verringern - auf ein Niveau, das von
Abschluß der Uruguay-Runde weltweiter Handelsge- den Vereinigten Staaten durch das Landwirtschaftsgespräche geebnet.
setz von 1990 bereits erreicht wurde.
Der durch gravierende Meinungsverschiedenheiten
über Ölsaaten verschärfte Disput über Agrarsubventionen zwischen den Vereinigten Staaten und der EG
hatte in den vergangenen beiden Jahren alle wirklichen Fortschritte bei den Welthandelgesprächen blokkiert. An den Verhandlungen, die neben der Landwirtschaft Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen,
geistiges Eigentum und Textilien umfassen, nehmen
über 100 Staaten teil.
Bei der Bekanntgabe der Einigung über Ölsaaten und
die umfassenderen Fragen in der Uruguay-Runde
zwischen der EG und den Vereinigten Staaten verlieh
Präsident Bush am 20. November 1992 der Erwartung
Ausdruck, dies werde es den Ländern ermöglichen,
bei den Welthandelsgesprächen auf dem Weg zu
einem erfolgreichen Abschluß Fortschritte zu erzielen.
"Diese Welthandelsgespräche ... sind wesentlich für
die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und die
Schaffung von Arbeitsplätzen in unserem Land, ja auf
der ganzen Welt", erklärte Bush.
"Unseres Erachtens ist dies ein sehr, sehr gutes Abkommen für die landwirtschaftlichen Erzeuger in den
Vereinigten Staaten", erläuterte der amerikanische
Landwirtschaftsminister Edward Madigan im Anschluß
an Bushs Erklärung vor Reportern.
Obwohl nur vage Einzelheiten der Vereinbarungen zu
den umfassenderen Problemen veröffentlicht wurden,
scheinen diese im allgemeinen dem von Arthur Dunkel, dem Generaldirektor des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens (GATT), vor fast einem Jahr
skizzierten Plan zu folgen.

AMERIKA DIENST 47

Ferner wird eine 36prozentige Reduzierung der für
Exportsubventionen aufgewendeten Mittel sowie eine
21 prozentige mengenmäßige Reduzierung subventionierter Exporte gefordert, gemessen am Durchschnittsniveau der im Basiszeitraum von 1986-90 bereitgestellten Exportsubventionen.
Um dieses Ziel zu erreichen, müßte die EG ihre
Exportsubventionen gemessen an den Ausgaben in
den Jahren 1991 und 1992 um 38 Prozent senken, da
diese wesentlich höher liegen als im Basiszeitraum
von 1986-90, stellte Madigan fest.
Madigan zufolge sollten es die Bestimmungen über
Exportsubventionen den landwirtschaftlichen Erzeugern in den Vereinigten Staaten gestatten, viele in den
vergangenen Jahren infolge der europäischen Subventionen verlorengegangene M ärkte zu rückzugewinnen.
Ein entscheidendes drittes Element der Landwirtschaftsverhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde Beschränkungen des Marktzugangs - wurde von
Madigan nicht erwähnt. Amerikanischen Vertretern
zufolge sollen diese Woche weitere Einzelheiten der
Einigung veröffentlicht werden.
Die US-Handelsbeauftragte Carla Hills erklärte - ebenfalls vor Reportern - am 20. November, das von den
Europäern angestrebte Konzept des "Ausgleichs"
(rebalancing) sei in der Vereinbarung nicht enthalten.
Diesem Konzept zufolge hätten die Europäer die
Subventionen bei einer Produktart erhöhen können,
solange der Gesamtumfang der Subventionskürzungen eingehalten würde.

Sehe 1

�"Nachdem wir die Probleme im Bereich Landwirtschaft
aus dem Weg geräumt und sie zumindest in das
multilaterale Forum in Genf verlagert haben, besitzen
wir jetzt eine optimale Chance zur Erlangung eines
multilateralen Abkommens, das tiefgreifende positive
Auswirkungen auf alle unsere Volkswirtschaften im
Welthandelssystem haben könnte", erklärte Hills.
Bush verwies auf eine Unterredung mit dem britischen
Premierminister John Major, in der er ihm dafür dankte,
daß er die Gespräche vorwärts gebracht habe. Major
hatte entscheidend dazu beigetragen, dem französischen Widerstand gegen landwirtschaftliche Reformen entgegenzutreten.

"Ich hoffe, daß zwischen Montag, dem 23. (November)
und dem Beginn der Weihnachtsferien aggressive
Verhandlungen stattfinden", erklärte Hills. "Mit gutem
Willen und Energie von allen Seiten können in diesen
drei Wochen enorme Fortschritte erzielt werden."
"Wir haben sicherlich eine gute Ausgangsposition",
erklärte Hills.
Hills zufolge haben sich die beiden Seiten ferner über
die Vorgehensweise bei mehreren Teilbereichen der
Uruguay-Runde verständigt, darunter die Senkung
von Zöllen, Regeln für staatliche Beschaffungen und
die Einbeziehung von Finanzdienstleistungen in die
Welthandelsgespräche.

Der Präsident forderte alle Staaten auf, mit der Bereitschaft an den Verhandlungstisch in Genf zurückzukehren, "die für den erfolgreichen Abschluß dieser
Verhandlungen nötige Flexibilität zu zeigen".

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AMERIKA DIENST 47

�JUGOSLAWIEN
25. November 1992

VERBRECHEN IN JUGOSLAWIEN WERDEN GESÜHNT
Rede von Botschafter Blackwell
WARSCHAU - (AD) - Diejenigen, die "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" im ehemaligen Jugoslawien
begangen haben, "werden zur Verantwortung gezogen, egal wie lange dies dauert und wie schwierig diese
Aufgabe auch sein mag", erklärte der amerikanische Vertreter bei der UN-Menschenrechtskommission
(UNHRC), Botschafter Kenneth Blackwell, am 17. November 1992.
Blackwell, der kürzlich aus Bosnien-Herzegowina zurückgekehrt war, wo er 19 Intemierungszentren in 13
Städten besucht hatte, sprach beim Seminar über Toleranz der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE).
Obwohl die internationale Staatengemeinschaft mehr tun müsse, um zu versuchen, den Konflikt im ehemaligen
Jugoslawien zu beenden, betonte Blackwell, daß "der Versuch, ethnische Kriegführung nach deren Ausbruch
zu beenden, der ineffektivste Weg ist, um das Problem in den Griff zu bekommen". Die amerikanische Erfahrung
habe ihn davon überzeugt, daß Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der Schutz der Menschenrechte des
einzelnen der beste Weg seien, "um zu verhindern, daß ethnische Spannungen zu Gewaltanwendung entarten",
erklärte Blackwell.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Botschafter Blackwells im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, wir treffen in einer Zeit zusammen,
in der auf diesem Kontinent, an einem Ort namens
Jugoslawien, Akte unsäglichen Grauens stattfinden.
Ich brauche vor diesem Publikum den widerlichen
Katalog der Verbrechen gegen die Menschlichkeit
nicht im einzelnen zu erläutern, die jenes Land und das
Leben aller Menschen befleckt haben, ob sie dort
leben oder nicht - ein weiteres Beispiel aus einer
langen Reihe von Gesellschaften, in denen unzureichend bekämpfte und im Lauf der Zeit verfestigte
Intoleranz zum Wahnsinn geführt hat.

den, um dem Alptraum im ehemaligen Jugoslawien ein
Ende zu setzen. Den Umständen nach wäre dies
selbstgefällig. Was immer wir unternommen haben,
es ist offensichtlich nicht genug. Und wir alle, in
unseren Regierungen, in den Vereinten Nationen, in
der Europäischen Gemeinschaft und nicht zuletzt in
der KSZE müssen unsere Maßnahmen und unsere
Verpflichtungen erneut unter die Lupe nehmen, um zu
sehen, was wir zusätzlich tun können - denn wir
können mehr tun, und wir müssen mehr tun.

Dies ist nicht nur eine Frage, die das ehemalige
Jugoslawien
betrifft, so schrecklich die Lage dort auch
Ich bin kürzlich aus Bosnien-Herzegowina zurückgeist.
Seit
dem
Ende des Kalten Krieges wurden die
kehrt, wo ich 19 Intemierungszentren in 13 Städten
Schranken,
die
ethnische Konflikte gezügelt hatten, an
besucht habe, und ich glaube deshalb, daß ich zuminallzu
vielen
Orten
- und nicht nur in Europa - weggedest einen Teil dieses Wahnsinns aus eigener Ansprengt.
Diese
Entwicklung
bedroht die Ausbreitung
schauung erlebt habe. Meine Regierung hat den
der
Demokratie,
die
durch
das
Ende des Kalten Krieges
Vereinten Nationen gerade ihren dritten Bericht über
auf
der
ganzen
Welt
ausgelöst
wurde.
die dortige Situation zugeleitet, und dieses Gremium
hat erst vor wenigen Wochen seinen eigenen Bericht
veröffentlicht. Niemand sollte sich täuschen: Diejeni- Das Versprechen "nie wieder" ist zu einer Art Klischee
gen, die diese Verbrechen begangen haben, werden geworden - nie wieder eine Situation zuzulassen, wie
zur Verantwortung gezogen, egal wie lange dies dau- sie das ehemalige Jugoslawien und Somalia erfaßt hat
ert und wie schwierig diese Aufgabe auch sein mag. oder andere Regionen, über deren Lage zu wenig
berichtet wurde, etwa der Sudan und Liberia. Aber das
Ich beabsichtige heute nicht, diese Berichte detailliert ist es, wonach wir weiterhin streben müssen. Es gibt
zu erläutern oder die Maßnahmen aufzuführen, die keine andere Option.
von meiner und anderen Regierungen ergriffen wurAMERIKA DIENST 47

Seite 1

�I

Diese Aufgabe ist in allen Gesellschaften erforderlich,
auch in meiner - und es ist eine Aufgabe, bei der alle
Regierungsstellen gefordert sind, nicht nur auf nationaler Ebene. Ich hatte die Ehre, 12 Jahre als Bürgermeister und Ratsmitglied in Cincinnati (Ohio) tätig zu
sein - einer größeren, ethnisch vielfältigen Stadt im
Mittelwesten. Ich neige also dazu, diese Dinge ebenso
aus einem praktischen wie aus einem theoretischen
Blickwinkel zu betrachten. Sicherlich ist es für jeden
politischen Entscheidungsträger - ob er eine Nation,
einen Bundesstaat oder wie ich eine Stadt führt wichtig, sein Amt als eine Art Kanzel (mit den Worten
von Präsident Theodore Roosevelt) zu benutzen, um
Toleranz und Verständnis zwischen den ethnischen
Gruppen zu fördern. Ebenso entscheidend ist es
jedoch, energisch zu handeln, die Institutionen der
Regierung einzusetzen, um die Förderung von ToleManch einer vertritt die Ansicht, das Trennende sei in ranz zur ersten Aufgabe jeder Institution, jedes Proeinigen Ländern so stark, daß kein Rechtssystem und gramms und besonders jeder Ernennung zu machen.
kein Regierungsmodell Gewalt und Chaos abwenden Diese Spitzenbeamten stehen im Licht der Öffentlichkönnten.
keit und müssen durch ihr Beispiel führen.

Der Versuch, ethnische Kriegführung nach deren
Ausbruch zu beenden, ist der ineffektivste Weg, um
das Problem in den Griff zu bekommen. Der Kampf für
Toleranz und Verständnis zwischen ethnischen Gruppen muß ein Lebensstil sein, keine Anleitung zum
Handeln, wenn bereits zuviel Blut vergossen wurde,
als daß die Welt dies weiterhin ignorieren könnte.
Die amerikanische Erfahrung hat mich davon überzeugt, daß Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der
Schutz der Menschenrechte des einzelnen, etwa des
Rechts auf friedliche Versammlung und das Recht auf
freie Rede, der beste Weg sind, um alle Bürger zu
schützen, einschließlich der Angehörigen von Minderheiten, und um zu verhindern, daß ethnische Spannungen zu Gewaltanwendung entarten.

Ich aber bin der Überzeugung, daß eine solche Haltung gefährlich und defätistisch ist. Obwohl Zeitungen
und Fernsehberichte häufig anderes aussagen, gibt es
viele Beispiele für Länder mit zahlreichen ethnischen
Gruppen, die Rivalität und Konflikte erfolgreich bewältigt haben. Der Grund: Die Menschenrechte des
einzelnen werden geschützt und freie Institutionen
können gedeihen. Nehmen Sie zum Beispiel die
Schweiz. Bürger, die deutsch, französisch, italienisch
und rätoromanisch sprechen, haben sicherlich kein
utopisches Paradies des Verständnisses geschaffen.
Aber sie leben in Frieden, weil Demokratie und Freiheiten des einzelnen institutionalisiert sind und praktiziert
werden.

Ich habe nicht die Zeit, um viele Beispiele zu nennen.
Eines jedoch möchte ich anführen - die Verbrechensbekämpfung. Obwohl in meinem Land die Polizei
eindeutig der Kontrolle ziviler Behörden unterliegt und
obwohl jeder Polizeibeamte denselben Gesetzen unterworfen ist wie alle anderen Bürger, hat es Fälle
gegeben, in denen intolerante Handlungen einiger
weniger Polizeibeamter größere städtische Unruhen
auslösten. Dies könnte im vergangenen Mai in Los
Angeles im Fall Rodney King so gewesen sein, mit
dem Sie sicherlich alle vertraut sind.

Ich sage "könnte", denn trotz des Spruchs der Geschworenen in diesem Fall ist immer noch ein VerfahEs gibt zahlreiche weitere Fälle, in denen ethnische ren vor einem Bundesgericht im Hinblick auf die mögliche
Gruppen friedlich Seite an Seite miteinander leben, Verletzung von Rodney Kings Bürgerrechten anhänetwa in Schweden und Finnland - und nicht nur in gig. Es wäre jedoch nicht statthaft, wenn ich diesen
Europa. Nehmen Sie zum Beispiel die Karibik. Auf speziellen Fall vor dem Urteilsspruch kommentieren
Jamaica, in Trinidad und Tobago und auf Barbados würde. Aber ich möchte betonen, daß jede Stadt und
leben Schwarze und Südasiaten ebenso wie andere jeder Staat aggressive Programme einführen könnte,
Gruppen und bauen seit der Erlangung der Unabhän- um die für die Verbrechensbekämpfung Zuständigen
gigkeit eine wachsende demokratische Tradition auf. für die besonderen Probleme ethnischer Minderheiten
Ahnliche Beispiele gibt es in anderen Regionen. Es zu sensibilisieren, auf diese Gemeinden zuzugehen
trifft einfach nicht zu, daß ethnische Gruppen nicht und die Art von Personalpolitik zu verankern, die
harmonisch zusammenleben können, wenn die Rech- sowohl die Vielfalt der Gemeinde als auch schärfste
te jedes einzelnen - der Angehörigen von Minderheiten Normen ethisch einwandfreien Verhaltens widerspieund der Mehrheit gleichermaßen - geschützt werden gelt.
und wenn die Regierungen rechenschaftspflichtig sowie Die Verbrechensbekämpfung ist nur ein Beispiel, das
institutionelle Kontrollen und Ausgleichsmechanismen im Hinblick auf die Rolle besonders wichtig ist, die
fest verankert sind.
Vorfälle zwischen Polizeibeamten und Bürgern bei der
Es ist lebenswichtig, nicht nur diese Maßnahmen zu
ergreifen, die zur Schaffung eines Klimas der Toleranz
beitragen und friedliche M ittel zur Beilegung von Streitfällen bereitzustellen, sondern auch, die politische
Kultur und die politischen Institutionen zu fördern, mit
denen die Neigung zu Intoleranz bewältigt und eingedämmt werden kann.

Seite 2

Auslösung städtischer Unruhen im Lauf der Jahre
gespielt haben. Es gibt aber noch weitere, die ich
Ihnen im einzelnen erläutern könnte - die Bedeutung,
die insbesondere in den ersten Schulklassen der Einbeziehung der Toleranzförderung in Lehrpläne zukommt, die Notwendigkeit des Engagements der verschiedenen Gruppen auf allen Regierungs- und Ent-

AMERIKA DIENST 47

�scheidungsebenen sowie - an vielleicht wichtigster
Stelle - die Notwendigkeit, eine möglichst breite politische Beteiligung sicherzustellen. Einigen dieser Ziele
könnte durch Bürgerräte und lokale Kommissionen,
die sich der Kontaktpflege widmen, sehr gut gedient
werden. Beide Mechanismen können Maßnahmen
zur frühzeitigen Warnung, Prävention und Konfliktlösung bereitstellen. Diese beiden gemeindeorientierten Mechanismen können dazu beitragen, eine politische Kultur zu bewahren, die Vielfalt schätzt. Sie
können durch Informationskampagnen deutlich machen, daß eine unterschiedliche Volkszugehörigkeit,
Rasse, Religion oder ein anderes Herkunftsland kein
Defizit im Wesen eines Menschen oder eine Rechtfertigung ist, um die Würde eines Menschen anzutasten.
Die Entscheidungsträger auf Gemeindeebene müssen darüber hinaus nationale Bürgerrechtsgesetze
uneingeschränkt unterstützen, die dazu dienen, Diskriminierung abzuschrecken und in auftretenden Diskriminierungsfällen Abhilfezu schaffen. Viele Städte in
den Vereinigten Staaten haben die nationalen Bürgerrechtsgesetze um Bürger- und Menschenrechtsgesetze auf Staats- und Gemeindeebene ergänzt. Wiederum liegt es in der Verantwortung von Gemeindevertre* *

AMERIKA DIENST 47

tem zu gewährleisten, daß diese Gesetze eingehalten
und befolgt werden. Die Förderung von Toleranz muß
sowohl von unten nach oben als auch von oben nach
unten wahrgenommen werden.
Die Welt nähert sich dem 21. Jahrhundert mit der
Demokratie als Sieger, zumindest im Kampf um die
Köpfe von Männern und Frauen. Aber eine Schlacht
muß noch gewonnen werden, die so alt ist wie die
Geschichte selbst - der Kampf gegen Bigotterie, Rassismus und ethnischen Haß. Während die ideologischen Kämpfe, die dieses Jahrhundert so entstellt
haben, in der Vergangenheit verblassen, sollten wir
uns in diesem Gremium erneut verpflichten, die Institutionen und Verfahren zu stärken, die wir zur Konfliktverhütung geschaffen haben. Gleichzeitig sollten wir
jedoch aggressiv nach neuen Wegen suchen, damit
die KSZE eine dynamische praxisorientierte Kraft wird,
die Toleranz in ganz Europa zum Lebensstil macht.
Dies ist die elementare Antwort auf die Situation in
Jugoslawien, die bleibende Lehre aller Jugoslawien
unserer Vergangenheit und der moralische Imperativ
zur Verhütung aller Jugoslawien, die noch kommen
könnten.
*

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Seite 3

�PORTRAT
25. November 1992

HILLARY CLINTON WIRD
"SPRACHROHR FÜR KINDER" SEIN
Die Frau des gewählten Präsidenten - ein Porträt
WASHINGTON - (AD) - Hillary Clinton weckt Hoffnungen bei vielen amerikanischen Frauen, die Beruf und
Mutterschaft unter einen Hut bringen müssen und
davon ausgehen, daß sie ihren Einfluß als First Lady
benutzen wird, um sich für arbeitende Mütter und die
Kinder einzusetzen.
"Wie wir unsere Kinder behandeln, sollte Dreh- und
Angelpunkt unseres nationalen Programms sein", hat
Frau Clinton wiederholt festgestellt. "Ich möchte ein
Sprachrohr für die Kinder sein."
Die 45jährige Ehefrau des gewählten Präsidenten ist
als stark und entschlossen, intelligent, selbstbewußt,
abenteuerlustig, verspielt, als harte Rechtsanwältin,
liebende Mutter, loyale Freundin und Mensch charakterisiert worden, auf dessen Urteil ihr Mann, Bill Clinton, am meisten vertraut.

die Seele einer Aktivistin und wird sich eine politische
Rolle entweder im Bildungswesen oder im Bereich
Kindererziehung sichern wollen".
In Arkansas leitete Frau Clinton eine Kommission,
deren Ziel die Verbesserung der Schulen des Bundesstaates war. Zu jener Zeit legte ihr Mann, derdamalige
Gouverneur, einen - später verabschiedeten - auf den
Empfehlungen der Kommission fußenden Gesetzentwurf vor, der unter anderem die Überprüfung der
Fachkenntnisse von Lehrern vorsah.
Ein Korrespondent, der Bill Clinton während des
Wahlkampfs begleitete, stellte fest, die Frau des
gewählten Präsidenten sei seine "engste Vertraute,
und er verläßt sich auf ihr Urteil mehr als auf das jedes
anderen Menschen". Sie machte Vorschläge, half bei
der Abfassung von Reden und kritisierte seine Auftritte
bei den Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten.

Politische Experten spekulieren heftig darüber, ob sie
in der Clinton-Administration eine politische Rolle spielen wird, sind sich jedoch in der Vorhersage einig, daß Hillary Clinton stand im Wahlkampf jedoch auch im
sie als First Lady ihren eigenen besonderen Stil ent- Mittelpunkt von Kontroversen. "Selten wurde die Frau
eines Präsidentschaftskandidaten von der politischen
wickeln wird.
Opposition so eingehend unter die Lupe genommen
In den frühen sechziger Jahren schrieb Hillary Clinton und kritisiert", schrieb das Nachrichtenmagazin Time
als Teenager einen Brief an die Nationale Luft- und zwei Monate vor der Wahl.
Raumfahrtbehörde NASA, in dem sie mitteilte, sie
wolle Astronautin werden. Sie erinnert sich an das Die Konservativen porträtierten Frau Clinton als radiAntwortschreiben der NASA, in dem stand: "Wir kale Feministin, und sie wurde Zielscheibe von Attaknehmen keine Bewerbungen von Mädchen für die ken in den Medien und in Reden, die beim WahlparteiTätigkeit als Astronaut an." Das, so erklärte sie, hat tag der Republikaner gehalten wurden. Sie hielt dem
"mich auf die Palme gebracht".
entgegen, ihre Ansichten seien häufig falsch dargestellt worden, insbesondere die zu den Rechten von
Die Zeiten haben sich geändert. Seit 1983 schickt die Kindern.
NASA Frauen ins Weltall. Und jetzt bekommen die
Vereinigten Staaten zum ersten Mal eine First Lady, Darüber hinaus waren ihr einige ihrer eigenen Bemerdie an der gleichen Universität (Yale) studiert hat wie kungen abträglich. Als man sie kritisierte, weil sie
ihr Mann und die für berufliche Leistungen bekannt ist, während der Tätigkeit ihres Mannes als Gouverneur
die denen ihres Gatten ebenbürtig sind. Die Frau des von Arkansas ihre Karriere als Rechtsanwältin aktiv
gewählten Präsidenten wird zu den 100 besten Rechts- weiterverfolgte, antwortete Hillary Clinton: "Wahranwälten des Landes gezählt.
scheinlich hätte ich zu Hause bleiben, Plätzchen bakken und Kaffeekränzchen veranstalten sollen." Diese
In einem unlängst veröffentlichten Artikel über die Bemerkung wurde weithin verbreitet, nicht jedoch der
künftige First Lady stand zu lesen, Hillary Clinton "hat
AMERIKA DIENST 47

Seite 1

�Rest ihrer Äußerungen - daß sie sich bemüht habe,
Frauen eine freie Entscheidung zu ermöglichen, "ob
sie vollzeitig berufstätig sein, sich ganz der Rolle als
Mutter widmen oder irgendeine Kombination aus beidem anstreben mochten".

Ein Beitrag in Time vermerkte Frau Clintons "im Lauf
der Jahre gewachsene Spiritualität... Sie führt ihre
liebsten Schriften (aus der Bibel)... stets mit sich. Vor
dem Zubettgehen beten sie und Bill regelmäßig mit
Chelsea."

Mit dem Herannahen des Wahltages wurde Frau Clinton vorsichtiger in ihren Äußerungen, da sie sich
bewußt wurde, daß ihre Bemerkungen aus dem Zusammenhang gerissen werden konnten. Sie machte
klar, daß sie ihre Rolle als Frau von Bill Clinton, als
Mutter ihrer 12jährigen Tochter Chelsea und als Karrierefrau hoch einschätzte.

Caputo zufolge gibt Frau Clinton derzeit keine Interviews. "Sie nimmt sich Zeit, um über ihre Rolle und
darüber nachzudenken, welchen Ansatz sie wählen
soll, und sie verbringt eine besonders intensive Zeit mit
ihrer Familie."

Wie auch immer ihre Rolle als First Lady aussehen
wird, so ein Kolumnist in der Baltimore Sun, viele
"Das amerikanische Volk lernt sie nur besser kennen", Menschen sind der Meinung, es wäre "eine furchtbare
erklärte ihre Pressesprecherin Lisa Caputo. Caputo Verschwendung von Intelligenz", wenn es Hillary Clinfügte dem jedoch hinzu, daß "nicht genug über die ton nicht gestattet würde, einen wichtigen Beitrag zu
spirituelle Seite" Frau Clintons und ihre Fähigkeit gesagt den für sie wichtigen Problemen zu leisten.
worden sei, die Anforderungen von Karriere und Familie
zu meistern, die von so vielen amerikanischen Frauen
heute erfüllt werden müssen.
* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 47

�PORTRAT
25. November 1992

TIPPER GORE IST TREIBENDE KRAFT
DER NATIONALEN ELTERNBEWEGUNG
Die Gattin des gewählten Vizepräsidentschaftskandidaten - ein Porträt
WASHINGTON - (AD) - Tipper Gore hat sich in den
Vereinigten Staaten einen Namen gemacht, lange
bevor ihr Mann vom demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton als Kandidat für die Vizepräsidentschaft ausgewählt wurde und lange bevor sie
gemeinsam den Sieg bei den allgemeinen Wahlen in
den Vereinigten Staaten errungen haben.
Tipper Gore, deren richtiger Name Mary Elizabeth
lautet, ist eine treibende Kraft der nationalen Elternbewegung, die um den Gewalt und Sexualität verherrlichenden, potentiell negativen Einfluß von Rockmusik
besorgt ist.

sie nie getan hat -, verwenden einige Schallplattenfirmen jetzt freiwillig Aufkleber, die vor Sexualität und
Gewalt verherrlichenden Texten warnen.
Einem Sprecher des Eltern-Musikzentrums zufolge
hat die Recording Industry Association of America,
eine Dachorganisation der Schallplattenindustrie, Gore
für ihr eingehaltenes Versprechen gelobt, die Zensur
nicht zu fördern.

In der Clinton-Administration wird ihre Kampagne weitere
Unterstützung finden. Der gewährte Präsident Bill
Clinton hat erklärt, er fühle sich durch manche Fernsehprogramme "abgestoßen" und seinem Wunsch
Gore hat einen Magister in Psychologie, ist Mutter von Ausdruck verliehen, daß Hollywood eine Führungsrolvier Kindern und zusammen mit Susan Baker, der le bei der "Entglorifizierung von gedankenlosem Sex
Gattin des ehemaligen Außenministers James Baker, und Gewalt" übernimmt. Und die zukünftige First Lady
Mitbegründerin des Eltern-Musikzentrums - einer na- Hillary Clinton, Rechtsanwältin und vehemente Vertionalen Anlauf stelle, die Informationen darüber bereit- fechterin der Rechte von Kindern, hat ebenfalls ihre
stellt, wie die Botschaft der Popmusik Kinder und Unterstützung für Gores Bestrebungen zugesagt.
Erwachsene beinflußt.
Die 44 Jahre alte Tipper Gore hat jedoch immer wieder
festgestellt,
"es treffe sie", wenn gesagt würde, sie
In einem 1987 veröffentlichten Buch beschreibt Gore,
hasse
Rockmusik.
Sie hält dem stolz entgegen, daß
was sie zur Gründung des Zentrums motivierte. Sie
sie
in
ihrer
Jugend
Schlagzeug
gespielt hat und in ihrer
erinnert sich daran, wie sie ihrer 11 Jahre alten Tochter
High-School-Zeit
in
den
sechziger
Jahren Mitbegründas Prince-Album "Purple Rain" kaufte und schockiert
derin
der
"Wildcats"
war,
einer
nur
aus Mädchen
über die sexuell äußerst freizügigen Texte der Lieder
bestehenden
Rockband.
war. Sie sah sich dann das Rock-Video-Kabelprogramm von MTV an und glaubte, ihren Augen nicht
Entertainment Weekly zitiert Gore mit den Worten:
trauen zu können.
"Ich wollte Schlagzeug spielen, bekam mit 14 Jahren
"Diese Bilder erschreckten meine Kinder und mich", eines geschenkt und fing einfach an, zu Hause zu
schreibt sie. "Der offenkundige Sex und die Gewalt üben... Ein Jahr später gründete ich die nach dem Auto
waren zuviel für uns." In ihrem Buch schlägt sie vor, die meiner Mutter - einem schwarzen Buick Wildcat Eltern sollten sich mit der Musik und den Videos benannten Wildcats."
befassen, denen ihre Kinder ausgesetzt werden.
Frau Gore, deren Gatte seit 1984 Senator von TennesTipper Gore hielt Vorträge über dieses Thema, trat im see ist, hat sich auch zum Sprachrohr von DrogenbeFemsehen auf und sagte in von Senator John Danforth kämpfungskampagnen gemacht und die Unterhaltungsanberaumten Senatsanhörungen aus, dessen Gattin industrie beschuldigt, Gewalt, Drogen und Sex zu
verherrlichen.
Mitglied des Eltern-Musikzentrums ist.
Ihre Kampagne beginnt, sich bezahlt zu machen.
Obwohl zahlreiche Vertreter der Musikindustrie Gore
zunächst beschuldigten, für Zensur einzutreten - was
AMERIKA DIENST 47

Bei der internationalen Konferenz von PRIDE (Parents' Resource Institute on Drug Education - Elterninstitut zur Drogenaufklärung) im März 1991 war es
Seite 1

�Gore, die langjährige Aktivistin gegen die Darstellung
von Gewalt und Drogenmißbrauch in den Medien, die
als Mutter von vier Kindern erklärte, sie sei "sehr
ärgerlich, daß meine Kinder und Ihre Kinder sich den
Gefahren stellen müssen, mit denen wir uns jetzt
aufgrund der Drogenepidemie konfrontiert sehen...
Unser Land wird mit chemischen Waffen bedroht, und
wir müssen diesen Krieg mit Entschlossenheit, Stärke
und den richtigen Waffen bekämpfen."
Gores Freunde haben sie als jemand bezeichnet, den
sie um die Integrität, den Weitblick, das Mitgefühl und
Verständnis beneiden. Sie erinnern sich beispielsweise an eine Episode Anfang der achtziger Jahre. Frau

Gore kam von einem M ittagessen mit ihren Kindern auf
dem Kapital zurück. Wenige Häuserblocks entfernt
sah sie eine Frau in Lumpen, die mit sich selbst sprach.
Die Kinder wollten die Frau mit nach Hause nehmen.
Tipper Gore erklärte ihnen, das ginge nicht, aber kurz
darauf organisierte sie die Familienfürsorge für Obdachlose, die sich dem Sammeln von Spenden verschrieben hat und Menschen zusammenbringt, die zur
Unterstützung der Bedürftigen bereit sind.
"Wie jeder andere habe ich meine Augen von den
Obdachlosen abgewandt", stellte sie in der Washington Post fest. "Meine Kinder haben mein Herz berührt
und mir die Augen geöffnet."

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 47

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                <text>&lt;strong&gt;1. Clintons-Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fraktionsführer der Demokraten und Republikaner begrüßen Clinton im Kapitol&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Clinton verspricht Zusammenarbeit mit dem Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Clinton-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons Interesse an Außenpolitik begann im College&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Georgetown, Oxford als prägende Erfahrungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush gibt Einigung mit EG über Agrarhandelsfragen bekannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA, EG erzielen Einigung zu wesentlichen Fragen der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung der USA-EG-Kommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA und EG verkünden Durchbruch bei Welthandelsgesprächen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Beschleunigung der Verhandlungen erwartet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verbrechen in Jugoslawien werden gesühnt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Blackwell&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hillary Clinton wird "Sprachrohr" für Kinder sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Frau des gewählten Präsidenten - ein Porträt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tipper Gore ist treibende Kraft der nationalen Elternbewegung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Gattin des gewählten Vizepräsidenten - ein Porträt&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. November 1992

46
^

CLINTON-KONGRESS

CLINTON UND KONGRESS VERSPRECHEN
RASCHE MASSNAHMEN FÜR WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG
Führende Politiker sprechen von
neuem Geist der Zusammenarbeit

UMWELT

GLOBALE UMWELTFRAGEN VORRANGIG
IN CLINTONS PLAN
Gravierende Unterschiede
zur Bush-Administration

US-AUSSENPOLITIK

CLINTON DEFINIERT AUSSENPOLITISCHE
PRIORITÄTEN
Rüstungskontrolle, Nahost,
Wirtschaftswachstum
DER PRIMAT DER WIRTSCHAFT
von C. Fred Bergsten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�CLINTON - KONGRESS
18. November 1992

CLINTON UND KONGRESS VERSPRECHEN RASCHE
MASSNAHMEN FÜR WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG
Führende Politiker sprechen von neuem Geist der Zusammenarbeit
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Clinton und die demokratische Führung des Kongresses
haben enge Zusammenarbeit zugesagt, um die schwache amerikanische Konjunktur wieder auf Kurs zu
bringen.

engagierten sich gemeinsam für "unsere Priorität Nr. 1
- die Schaffung von Arbeitsplätzen, Anhebung der
Einkommen, den Aufschwung unserer Wirtschaft und
die langfristige Wettbewerbsstärke der amerikanischen
Wirtschaft."

Bei einer ungewöhnlichen gemeinsamen Pressekonferenz in Little Rock skizzierten sie am 16. November
1992 Pläne, um sich nach dem Amtsantritt der neuen
Administration im Januar rasch den verflochtenen
Problemen zu widmen, die von der Schaffung von
Arbeitsplätzen über den Defizitabbau bis zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen reichen.

"Wir werden zusammenarbeiten, um die Kosten im
Gesundheitswesen unter Kontrolle zu bringen und
allen Bürgern eine medizinische Grundversorgung zu
garantieren", erklärte Clinton. "Wir werden zusammenarbeiten, um dieses Defizit verantwortungsbewußt und diszipliniert abzubauen."

Während des Wahlkampfs versprochene Schritte zur
Verbesserung der Steuergerechtigkeit durch die Verlagerung der Belastungen von Bürgern mit mittlerem
Einkommen auf die Wohlhabenden werden Clinton
zufolge ebenfalls Teil dieses Pakets sein.
Die Unterrichtung der Öffentlichkeit folgte einem längeren Arbeitsessen am vorausgegangenen Abend,
bei dem der gewählte Präsident gemeinsam mit dem
gewählten Vizepräsidenten Gore als Gastgeber für
den Sprecher des Repräsentantenhauses, Thomas
Foley, den Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Senat,
George Mitchell und den Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus, Richard Gephardt,
auftrat.
Clinton erklärte, dieses Treffen sei nach Jahren häufig
von Streit gekennzeichneter Beziehungen zwischen
einem republikanischen Präsidenten und einem demokratischen Kongreß ein Vorzeichen für "eine neue
Ära der Zusammenarbeit und des Handelns in unserer
Bundeshauptstadt".
"Ich möchte keine Fortsetzung des Kalten Krieges
zwischen dem Kongreß und dem Weißen Haus", erklärte Clinton. "Die Pennsylvania Avenue (die Straße
zwischen dem Capitol und dem Weißem Haus) wird
wieder in beiden Richtungen befahrbar sein."
Unter Hinweis auf "eine neue Ethik geteilter Verantwortung" stellte er fest, er und die Kongreßführung
AMERIKA DIENST 46

Sprecher Foley teilte den Reportern mit, die Führung
des Repräsentantenhauses werde, um unverzügliche
Maßnahmen zur Verwirklichung des Programms des
neuen Präsidenten vorzubereiten, die Kammer
rascher konstituieren "als jemals in der jüngeren Geschichte". Dies werde es dem Parlament gestatten,
Clintons vorrangige Gesetzesvorhaben zu behandeln,
sobald dieser am 20. Januar 1993 in sein Amt eingeführt werde "oder sogar schon kurz davor". Die neue
103. Legislaturperiode des Kongresses beginnt am 5.
Januar.
Auf die Frage eines Reporters bekräftigte Clinton, er
wolle zwar rasch handeln, fühle sich jedoch nicht
verpflichtet, Ziele zu definieren, die während der ersten
100 Tage seiner Administration verabschiedet werden
müßten. Diese Formulierung bezog sich auf die Präsidentschaft Franklin Roosevelts, der einen Großteil
seines New Deal zur Bekämpfung der Großen Depression in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit durchsetzte.
Obwohl viele seiner Vorschläge frühzeitig vorgelegt
werden, könne er nicht mit Sicherheit sagen, welche in
100 Tagen verabschiedet und welche nicht verabschiedet werden", erklärte Clinton. "Ich habe kein
Programm, das sagt, in 100 Tagen werden wir dies tun
und in 200 Tagen jenes. Ich werde nur so hart arbeiten
wie ich kann und so viel so rasch verwirklichen wie ich
kann."

Seite 1

�Auf die Frage, ob er von einigen jüngeren günstigen
Wirtschaftsberichten dazu veranlaßt worden sei, das
von ihm angestrebte Programm zur konjunkturellen
Erholung zu reduzieren, stellte Clinton fest, er habe
"nichts gesehen, was mich bisher davon überzeugt
hat, daß wir weniger tun sollten als ich während des&lt;
Wahlkampfs empfohlen habe".
Der gewählte Präsident erklärte, er sehe noch keine
Beweise für eine langfristige Stärkung der Produktionsbasis oder einen bedeutenden Anstieg des Vertrauens der Verbraucher. Die rasche Verwirklichung
von Wahlkampfversprechen "würde das Vertrauen der
Verbraucher dramatisch steigern". Dazu würde auch
beitragen zu demonstrieren, daß "wir ernsthaft einen
aggressiven Versuch anstreben, um den amerikanischen Produktionssektor im Einklang mit unseren
Verpflichtungen zum Ausbau des Handels wiederzubeleben".
Clinton betonte die Verflechtung der wirtschaftlichen
Probleme und argumentierte, eine integrierte Lösung
sei erforderlich.

fahren vorbehaltlich der mehrheitlichen Überstimmung
durch den Kongreß genehmigen würde, sei "zumindest ein guter Ausgangspunkt für eine Diskussion".
Die allgmeine Kompromißbereitschaft und das gemeinsame Engagement von Clinton und den Fraktionsführern im Kongreß wurde durch Kommentare
des Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus Gephardt unterstrichen. "Die Botschaft
dieser Zusammenkunft ist eindeutig und klar. Die PattSituation ist behoben, und Kooperation und Teamwork
haben begonnen", stellte er fest.
Im Hinblick auf die Außenpolitik erinnerte Clinton die
Journalisten daran, daß Präsident Bush noch bis zum
20. Januar 1993 im Amt ist. Er bekräftigte, daß er jede
Entscheidung von Bush unterstützen werde, den Stabschef des Weißen Hauses James Baker erneut in den
Nahen Osten zur weiteren Förderung des Friedensprozesses zu entsenden. Diese Entscheidung, so
unterstrich er, sei das Privileg des Präsidenten.

Der gewählte Präsident stellte fest, abgesehen von
militärischer Intervention biete sich eine Reihe von
"Ich glaube nicht, daß man das Defizit senken kann, Optionen bei den Bestrebungen zur Beendigung der
ohne das Wirtschaftswachstum wiederherzustellen", menschlichen Tragödie im ehemaligen Jugoslawien
erklärte er, "... und ich glaube nicht, daß man das an. "Ich möchte keine dieser Optionen ausschließen",
Wachstum wiederherstellen oder das Defizit reduzie- so Clinton. "Ich möchte diese Optionen zur Verfügung
ren kann, wenn man die Kosten im Gesundheitswesen haben."
nicht unter Kontrolle bringt." Die gesundheitspolitische
Komponente und die enormen Kosten in Verbindung Clinton deutet an, die endgültige Anerkennung der
mit der Krise der Spar- und Darlehensbanken sind "die Regierung von Vietnam durch die Vereinigten Staaten
wichtigsten außer Kontrolle geratenen Elemente" im hänge von der vollständigen Aufklärung des Schicksals der Amerikaner durch diese Regierung ab, die
Haushalt, stellte Clinton fest.
immer noch als Kriegsgefangene und Vermißte wähZum Thema Steuern erklärte Clinton, er sei weiterhin rend des Vietnamkriegs geführt würden.
der Ansicht 'Vir sollten aufgrund der Rückläufigkeit
des derzeitigen Steuersystems einige Erleichterungen "Meines Erachtens wird das amerikanische Volk
unweigerlich auf den umfassendsten und in gutem
gewähren".
Glauben unternommenen Bestrebungen bestehen, um
"Wenn wir dafür eine Lösung finden können, würde ich vor der Anerkennung eine weitestgehende Offenlegern einen Plan vorlegen, der im Einklang mit dem gung des Schicksals der Kriegsgefangenen und Versteht, was ich während des Wahlkampfs empfohlen mißten zu erhalten. Dies ist stets meine Position
habe, ein gewisses Maß an Steuergerechtigkeit zu gewesen, und ich beabsichtige nicht, sie zu ändern",
gewähren, auf dem wir einen langfristigen Plan zum stellte er fest.
Abbau des Haushaltsdefizits aufbauen können", erklärte er. Die Entwicklung eines gerechteren Steuer- Clinton wurden eine Reihe von Fragen zu seinem im
systems werde das amerikanische Volk "wesentlich Wahlkampf gegebenen Versprechen gestellt, das Verbot
eher dazu veranlassen, das Argument zu akzeptieren, für Homosexuelle zum Dienst im amerikanischen Milidaß wir alle Opfer bringen und langfristig Beiträge tär aufzuheben. Clinton erwiderte, er habe keinen
Zeitplan zur Verwirklichung seiner Absicht erstellt,
leisten müssen".
einen Präsidialerlaß entsprechenden Inhalts zu verClinton und die Parlamentarier verwiesen darauf, man künden und wolle zunächst Konsultationen mit Vertrehabe Fortschritte bei einem Thema erzielt, das seit tern des Militärs zu diesem Thema aufnehmen.
langem zwischen dem Kongreß und der Exekutive
umstritten ist: der Vorschlag, dem Präsidenten das Clinton fügte hinzu, er erwarte die Einführung eines
Recht einzuräumen, durch die Anwendung eines "sehr strengen Verhaltenskodex" in Zusammenhang
"selektiven Vetos" bestimmte vom Kongreß verab- mit der Aufhebung des Verbots für Homosexuelle und
die unverzügliche Entlassung aus dem Militärdienst
schiedete Ausgaben abzulehnen.
oder andere entsprechenden Sanktionen für diejeniEr erklärte, ein von Foley bei dem Abendessen unter- gen, die ihn nicht einhalten.
breiteter Kompromißvorschlag, der ein solches VerSeite 2

AMERIKA DIENST 46

�Auf die Frage, ob seine Meinungsverschiedenheiten
mit dem Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses
des Senats, Senator Sam Nunn, Nunn als möglichen

Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers
ausschließen würden, erwiderte der gewählte Präsident, dies sei nicht der Fall.

* * * *

AMERIKA DIENST 46

*

Seite 3

�UMWELT
18. November 1992

GLOBALE UMWELTFRAGEN VORRANGIG
IN CLINTONS PLAN
Gravierende Unterschiede zur Bush-Administration
WASHINGTON - (AD) - Während seines Wahlkampfs
hat der inzwischen gewählte Präsident Bill Clinton
einen U mweltplan mit vier Zielen u mrissen, von denen
eines in "der internationalen Führungsrolle für eine
gesundere globale Umwelt" besteht.
Nach seiner Entscheidung für Senator AI Gore Jr. als
Vizepräsidentschaftskandidaten - einen Protagonisten
für Umweltfragen im Kongreß, derüberdie Notwendigkeit umfassender neuer globaler Programme geschrieben hat - war es nicht überraschend, daß Clinton
seinen Umweltvorschlägen einen prominenten Platz in
internationalen Belangen eingeräumt hat.
Ferner überraschte es nicht, daß sich seine Positionen
in mehreren Bereichen deutlich von denen Präsident
Bushs unterscheiden.
Der vielleicht gravierendste Unterschied besteht in
Clintons Unterstützung zur Stabilisierung der Emissionen von Treibhausgasen, die zur Erderwärmung führen und tiefgreifende Klimaveränderungen bewirken
können. Ebenso wie Westeuropa und Japan setzte er
sich für einen Vertrag ein, der die Emissionen von
Kohlendioxid - dem wichtigsten Treibhausgas - bis
zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 begrenzt.
"Diese Nation sollte ihre Position als die verbleibende
Supermacht und größter Erzeuger von C0 2 (Kohlendioxid) der Welt nutzen, um die Führungsrolle bei der
Verringerung von Emissionen zu übernehmen", stellte
er in einer Erklärung fest, mit der ihm und Präsident
Bush während des Wahlkampfs von der League of
Conservation Voters gestellte Fragen beantwortet
wurden. Die League ist der politische Arm von 20
Umweltorganisationen. Sie unterstützte während der
Wahlkampagne keinen Kandidaten, ihre Vertreter
sprachen sich jedoch eindeutig für Clinton aus. Einige
ihrer Unterorganisationen unterstützten ihn offiziell.
Die Vereinigten Staaten waren das einzige Industrieland, das bindende Verpflichtungen zur Stabilisierung
der Emissionen von Kohlendioxid in einem Vertrag
über die Erderwärmung ablehnten. Die Oppostion der

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Bush-Adminstration führte zur Unterzeichnung eines
Vertrags im Juni, der indirekt ein freiwilliges Stabilisierungsziel setzt.
Bei der Beanwortung einer anderen Frage ging Clinton
jedoch noch weiter und forderte Kohlendioxidreduzierungen unter die Niveaus von 1990. Er bekräftigte, er
werde "20- bis 30prozentige Verringerungen ernsthaft
in Erwägung ziehen".
Deutschland, Dänemark, Australien und Neuseeland
sind der League zufolge die Verpflichtung zu solchen
Reduzierungen bis zum Jahr 2005 eingegangen.
Vertreter der Bush-Administration haben das Argument vorgebracht, die Wissenschaftler seien nicht
sicher, bis zu welchem Grad und wann eine Erwärmung in bestimmten Regionen erfolgen würde. Die
Ungewißheit rechtfertige die Verweigerung von Maßnahmen, die zu einer Störung der Volkswirtschaften
führen würden, so die Argumentation der Administration.
Kohlendioxid wird bei der Verbrennung von solchen
fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl freigesetzt.
Vertretern der Administration zufolge würden Begrenzungen des Einsatzes dieser Brennstoffe den Betrieb
von Autos, Lastwagen, Fabriken und Elektrizitätswerken betreffen, die den Motor einer Industriewirtschaft
darstellen.
Ebenso wie Gore in einem wenige Monate vor den
Novemberwahlen veröffentlichten Buch argumentierte auch Clinton, eine wärmere Erde könne das Überleben des Menschen bedrohen. "Der potentielle Schaden für den Nahrungsmittelkorb der Wert wäre extrem
nachteilig für die Vereinigten Staaten und verheerend
für die Entwicklungsländer", stellte Clinton fest.
Der gewählte Präsident schlägt eine Reduzierung durch
energiesparendere Autos, Lastwagen und Gebäude,
Förderung von Wiederaufforstungsprogrammen - weil
auch Bäume Kohlendioxid absorbieren - und Steuerändeurungen vor, um vom Einsatz von fossilen Brenn-

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�Stoffen zu entmutigen und zur Verwendung erneuerbarer Energien wie Solarenergie zu ermutigen.
Steueranreize sollten für Investitionen in Technologie
für erneuerbare Energien entwickelt werden, erklärte
Clinton. "Wir müssen weniger auf importiertes öl
zurückgreifen und mehr auf billiges und reichlich vorhandenes Erdgas sowie auf Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energieressourcen'', stellte er fest.

Das ist nicht genau das, wofür Umweltschützer gekämpft haben. Sie unterstützten Gesetze, die vom
Kongreß abgelehnt wurden, vor allem aufgrund der
Oppostion von Präsident Bush, die bis zum Jahr 2001
die Norm von 5,2 Litern für bestimmte Automobilhersteller gesetzlich vorgeschrieben hätten.

Weniger Verschmutzung könnte auch erreicht werden, wenn die amerikanischen Fabriken und Bürogebäude so energiesparend gemacht würden wie diejeFerner sollte auch die Besteuerung von Kohlendioxid- nigen in Europa, fuhr Clinton in Beantwortung des
emissionen sondiert werden, solange die industrielle Fragenkatalogs der League fort.
Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten nicht
beeinträchtigt wird und die Verbraucher nicht höhere Ebenfalls im Gegensatz zur Bush-Administration stellBenutzergebühren zahlen müßten, fügte er hinzu.
te Clinton als Antwort auf eine weitere Frage der
League fest, er unterstütze die Wiederaufnahme der
Eine weitere in Erwägung zu ziehende Option sei die Beitragszahlungen an den Bevölkerungsfonds der
Schaffung eines Bonus- und Tauschsystems für Koh- Vereinten Nationen. Er werde ferner die Weiterleitung
lendioxidemissionen, so Clinton. Für Unternehmen amerikanischer Hilfsmittel an die geplante internatiowürden Emissionsnormen festgelegt und diejenigen, nale Elternföderation gestatten.
die Emissionen unter die Normen reduzieren oder
einen Ausgleich schaffen, würden einen Bonus erhal- "Einzelpersonen und Familien sollten das Recht, die
ten. Ein solcher Bonus könnte mit anderen Unterneh- Informationen und Mittel haben, um sich für oder
men getauscht werden, die ihre Normen nicht erfüllen gegen Kinder zu entscheiden", so Clinton.
oder mit Firmen, die neue Anlagen bauen.
Er würde jedoch Ländern wie China weiterhin finanzielDie Bush-Administration hat ein dem von Clinton vor- le Unterstützung verweigern, die "Programme erzwungeschlagenen Tauschsystem vergleichbares einge- genen Schwangerschaftsabbruchs" unterhalten.
führt, jedoch nur für Schwefeldioxidemissionen, einen
Ihm zufolge werde er internationale Bestrebungen zur
Hauptbestandteil des sauren Regens.
Bereitstellung von Kontrazeptiva für diejenigen förClintons Vorschlag zu Enegieverbrauchsnormen für dern, die dies wünschen. Er verweigerte jedoch eine
Autos und Lastwagen stand ebenfalls in eindeutigem genaue Angabe des Betrags, den er für diese Zwecke
zur Verfügung stellen würde.
Gegensatz zu Präsident Bushs Position.
In Beantwortung einer von der League gestellten Frage erklärte Clinton, er unterstütze Gesetze, mit denen
die Hersteller gezwungen würden, energiesparendere
Autos zu produzieren, die die gegenwärtige Norm von
8,6 Litern pro 100 Kilometer unterschreiten. Ihm
zufolge sollte das "Ziel" von 5,2 Litern pro 100 Kilometer "in nationalen Gesetzen verankert" werden.

"Die Bevölkerungsexplosion stellt die größte Bedrohung des Ökosystems und der Lebensqualität der
Erde dar. Große Anstrenungen sind jetzt zur Kontrolle
des Bevölkerungswachstums erforderlich oder wir
können davon ausgehen, daß das Bevölkerungsniveau der Welt zwei- oder dreimal so hoch werden wird
wie die derzeitigen 5,2 Milliarden", stellte Clinton fest.

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�US-AUSSENPOLITIK
18. November 1992

CLINTON DEFINIERT AUSSENPOLITISCHE PRIORITÄTEN
Rüstungskontrolle, Nahost, Wirtschaftswachstum
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Bill Clinton hat am 12. November 1992 die wichtigsten
außenpolitischen Prioritäten für seine ersten 100 Tage im Weißen Haus definiert. Er erklärte, er suche einen
Außenminister, der sich der Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu "Kontinuität" und "Veränderungen" bewußt
sei.
Zunächst veröffentlichen wirdie Erklärung, die der gewählter Präsident Bill Clinton zu Beginn seiner Pressekonferenz abgab, im Wortlaut:
Ich habe bereits - vor allem in den vergangenen drei
Tagen - mehrere Stunden mit Senator Gore, Warren
Christopher und anderen zusammengearbeitet, um
die potentiellen Kabinettsmitglieder zu erörtern. Ich
habe mit Senator Gore und anderen Mitarbeitern enorm
viel Zeit auf die Diskussion dessen verwandt, was wir
von diesen Ressorts erwarten. Meines Erachtens
standen die gewählten Präsidenten in der Vergangenheit zu häufig unter Zeitdruck, die Kabinettsposten zu
besetzen, bevor sie entschieden, ob diese Ministerien
Ich weiß, daß einige von Ihnen an den Ernennungen einen anderen Kurs als bisher verfolgen sollten und
auf Kabinettsebene interessiert sind, muß Ihnen je- ohne vielleicht in Betracht zu ziehen, ob diese Resdoch sagen, daß ich heute nichts bekanntgeben kann. sorts dies in Einklang bringen können.
Ich möchte Sie jedoch wissen lassen, was ich beabsichtige und I hnen einige der Kriterien erläutern, die ich Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel dafür nennen.
für die Besetzung dieser Positionen aufgestellt habe.
Ich habe zumindest in meinen Geschichtsbüchern
An oberster Stelle steht das uneingeschränkte Enga- gelesen, daß einigen Kabinettsmitgliedern ein höherer
gement der Kandidaten für den öffentlichen Dienst. Rang als anderen eingeräumt wird. Ich weiß nicht, wo
Morgen werde ich einen Verhaltenskodex für Regie- sie die Ministerien für Handel und Energie in dieser
rungsvertreter bei diesem Übergang veröffentlichen, Hinsicht einordnen würden, aber aufgrund der von mir
und in den nächsten Tagen werden wir einen Sittenko- dargelegten Wirtschaftspolitik und der Dinge, die wir
dex formulieren, dessen Befolgung die für die Clinton- meiner Ansicht nach vollbringen müssen, um die WirtGore-Administration Designierten zustimmen müssen, schaftslage dieses Landes zu ändern, sind dies äußerst wichtige Ernennungen. Wie die Amtsinhaber die
um in einem hohen Regierungsamt tätig zu sein.
Aufgaben dieser Ministerien erfüllen, wird den Erfolg
Darüber hinaus habe ich dem amerikanischen Volk oder das Scheitern der wirtschaftlichen Bestrebungen
versprochen, daß mein Kabinett mehr von Amerika dieser Administration ebenso bestimmen wie das von
widerspiegeln wird als das der bisherigen Administra- den anderen Hauptakteuren in der Wirtschaft Volltionen . Wie ich bereits gesagt habe, kann und mu ß die brachte.
große Vielfalt dieser Nation eine Quelle der Stärke
sein, während wir die vor uns liegenden Herausforde- Daher habe ich geraume Zeit mit der Prüfung potentielrungen in Angriff nehmen.
ler Namen verbracht. Ich beabsichtige, sehr viel mehr
Zeit damit zu verbringen. Ich bin hier persönlich

"Ich möchte bekanntgeben, daß der Übergangsprozeß termingerecht verläuft. Die von uns heute veröffentlichten Ernennungen werden der Übergangsphase in L'rttle Rock und Washington Dynamik verleihen.
Sie stehen für mein Engagement, die qualifiziertesten
und unterschiedlichsten Männer und Frauen mit umfassender Erfahrung zu versammeln, von denen einige im Wahlkampf aktiv waren, andere erst jetzt auf
unserem Weg in die Regierung zu uns stoßen.

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�außerordentlich engagiert und denke, wir werden die
Ernennungen zum richtigen Zeitpunkt und in der geeigneten Form vornehmen.

Clinton skizzierte seine Kriterien für die Auswahl eines
Außenministers mit den Worten, er suche jemanden,
"der sich unserer Verpflichtungen zu Kontinuität und
Wandel bewußt ist und auch, daß die Pfeiler unserer
nationalen Sicherheits- und Außenpolitik grundsätzlich aus einer anderen - aber weiterhin sehr starken Verteidigung bestehen sollten".

Ferner möchte ich feststellen, daß Senator Gore und
ich die während des Wahlkampfs entstandene Partnerschaft fortgesetzt haben. Er hat heute den ganzen
Tag mit mir zusammengearbeitet, und dies ist vielleicht einmalig, abergutfürdieses Land. Ich denke, es Clinton unterstrich ferner die Bedeutung "eines Engawird uns bei unserem weiteren Weg stärken und gements für weltweites Wachstum und die wirtschafthelfen.
liche Regeneration" in den Vereinigten Staaten sowie
der Erfüllung der amerikanischen Pflicht als einziger
Ich habe noch ein anderes Versprechen gemacht, das verbleibender Supermacht auf der Welt, Demokratie
ich heute bekräftigen möchte - daß ich beabsichtige, und Freiheit zu unterstützen und die Verbreitung von
über die Parteigrenzen hinweg Beamte zusammenzu- Massenvernichtungswaffen einzudämmen.
bringen, die uns dabei behilflich sein sollen, unsere
Nation in den kommenden vier Jahren zu leiten. Wenn "Ich möchte jemanden, der dies in meinen Augen
wir unsere Ziele erfüllen wollen, die Wirtschaft wieder- versteht und diese Fragen den Menschen in der ganzubeleben und eine neue Weltordnung für die Verei- zen Welt vermitteln kann, die sich mit ihnen auseinannigten Staaten in der Zeit nach dem Kalten Krieg zu dersetzen", erklärte der gewählte Präsident.
entwerfen, müssen wir einen Großteil unserer bisherigen Vorurteile über Bord werfen. Und ich habe vor, Mit dem Hinweis, dieselben Eigenschaften erwarte er
mich umzusehen und bin bereits dabei, mich vehe- von seinem künftigen nationalen Sicherheitsberater
ment nicht nur unter Menschen verschiedener rassi- stellte Clinton fest, seines Erachtens hätten die Berascher und ethnischer Herkunft und Männern und Frau- ter Präsident Bushs "in diesem Bereich sehr gute
en, sondern auch unter Menschen mit unterschiedli- Teamarbeit geleistet. Und das möchte ich auch. Es ist
chem politischen Hintergrund umzusehen, die unser für mich äußerst wichtig, einen nationalen Sicherheitsgemeinsames Ziel der Wiederherstellung des Wirt- berater, einen Verteidigungsminister und einen Ausschaftswachstums, Schaffung von Arbeitsplätzen sowie senminister auszuwählen, die bei dieser TagesordEinkommensverbesserungen und Stärke für dieses nung zusammenarbeiten können."
Land teilen".
Clinton versprach ferner, die Innenpolitik zu seiner
In der ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl zum ersten Priorität zu erheben und rasch SteuervergünstiPräsidenten stellte Clinton fest, seine außenpoliti- gungen und Ausgabenprogramme vorzuschlagen, die
schen Prioritäten umfaßten "die Verabschiedung ei- zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen.
nes auf mehrere Jahre angelegten Plans für den Der gewählte Präsident verwies darauf, seine VorVerteidigungshaushalt, der die Verteidigung dieses schläge in den ersten 100 Tagen würden sowohl ein
Landes als stärkste der Welt erhält und die Notwendig- "kurzfristiges Wirtschaftsprogramm" als auch ein länkeit des Abbaus berücksichtigt".
gerfristiges Engagement zur Erhöhung der amerikaniDen Reportern erklärte Clinton in Little Rock (Arkansas), er wolle "unsere andauernden Bemühungen zur
Reduzierung von Kernwaffen mit Rußland und anderen Atommächten" fortsetzen und sich nachdrücklich
darum bemühen, der "Verbreitung von nuklearen,
biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen" Einhalt zu gebieten.

schen Produktivität und Reduzierung des Haushaltsdefizits umfassen.
Zu seinen ersten Gesetzesvorhaben wird eine Steuergutschrift für Investitionen gehören, "um dem Privatsektor Anreize zur Investition in neue Anlagen und
Ausrüstung zu geben und um seine Kapazität für
Einstellungen zu erhöhen".

Der Gouverneur von Arkansas betonte ferner, er wolle Clinton verwies auf die Studie einer unabhängigen
"den Nahost-Friedensprozeß auf Kurs halten" und Beratungsfirma, derzufolge die Steuergutschrift für
alles in seiner Macht Stehende tun, "um zu gewährlei- Investitionen allein im Jahr 1993 500.000 Arbeitsplätze
sten, daß es keinen Bruch der Kontinuität gibt".
in der Privatwirtschaft schaffen wird.
Er führte die Notwendigkeit an, "das weltweite Wirt- Ein zweiter Vorschlag zielt auf die Beschleunigung von
schaftswachstum im Hinblick auf die Lösung ausste- Investitionen in die Infrastruktur des Landes ab, etwa
hender Probleme mit Mexiko zu stärken, die ausste- in das Verkehrswesen.
henden Probleme in Europa hoffentlich zu lösen und
eine auf Zusammenarbeit mit den anderen Wirtschafts- Clintons Plan hat die Besorgnis ausgelöst, die zusätzmächten gegründete Strategie zu betreiben, um das lichen Investitionsausgaben würden das bereits hohe
Weltwirtschaftswachstum zu fördern".
Haushaltsdefizit weiter steigern. Der gewählte Präsi-

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�dent hielt dem entgegen, ein "diszipliniertes" Wirtschaftsprogramm, das eine "stufenweise" Reduzierung des Defizits umfasse, werde einen wesentlichen
Anstieg bei den Infrastrukturinvestitionen ermöglichen
und gleichzeitig "den Märkten im In- und Ausland ein
eindeutiges Signal (senden), daß wir dieses Defizit
abbauen werden".
"Ich gehe davon aus, daß wir diesen Haushart nicht
ausgleichen können, wenn wir nicht mehr Wachstum
bekommen als wir derzeit haben", fügte er hinzu.
Clinton warnte, für die Wirtschaftsprobleme des Landes gebe es keine kurzfristigen Lösungen. "Ich erwarte, da ß der Schwerpunkt auf diesen Wirtschaftsproblemen bleibt", erklärte er. "Meines Erachtens versteht
das amerikanische Volk, daß es sich hierum langfristige Probleme handelt und es keine Wunder über Nacht
geben wird."
Zu Clintons weiteren wichtigen kurzfristigen Prioritäten
zählen ein Plan zur Bewältigung der Kostenexplosion
im Gesundheitswesen, ein Plan für politische Reformen und ein Programm für einen nationalen sozialen
Dienst, der es Studenten gestatten wird, beim Staat
einen Kredit zur Finanzierung des Studiums aufzunehmen und als Gegenleistung den Gemeinden für ein bis
zwei Jahre in Bereichen wie Bildung, Polizei und
Gesundheitswesen zur Verfügung zu stehen.
Er werde ein "Wirtschaftsteam von Weltklasseformat"
zusammenstellen, das ihm bei seinen wirtschaftlichen
Vorhaben behilflich sein solle, erklärte Clinton. Darüber hinaus stellte der gewährte Präsident fest, er werde
den fortdauernden erheblichen Finanzproblemen der
Spar- und Darlehensbanken und dem Zustand des
Bankensystems besondere Aufmerksamkeit schenken.

Bei der Skizzierung der künftigen Politik seiner Administration auf der koreanischen Halbinsel verlieh Clinton der Hoffnung Ausdruck, daß "das koreanische Volk
eines Tages in einer demokratischen und freien Gesellschaft wiedervereinigt sein wird". Darüber hinaus
hoffe er, daß die Vereinigten Staaten "weiterhin eine
Kraft für die Sicherheit Südkoreas sein können" und
Nordkorea keinen Erfolg bei der Entwicklung einer
"realen nuklearen Fähigkeit" haben werde.
Auf die Frage, wie rasch er Maßnahmen zur Erfüllung
seines Versprechens ergreifen werde, Homosexuellen den Militärdienst zu gestatten, erklärte Clinton: "Ich
werdedazu Maßnahmen ergreifen... Ichbemühemich
dabei, dies auf eine Art und Weise zu tun, die für das
Management der gesamten nationalen Sicherheit und
die militärischen Interessen des Landes am geeignetsten ist."
"Was ich tun möchte", stellte Clinton fest, "ist, eine
geeignete Antwort zu finden, die sich eindeutig auf die
Tatsache konzentriert, daß wir Menschen haben, die
homosexuell sind und unserem Land hervorragend
gedient haben... Das Thema sollte 'Führung' heißen hat irgend jemand irgend etwas getan, das ihn disqualifizieren würde? ... Was ich in geeigneter Weise und
unverzüglich zu tun gedenke, ist, eine Gruppe von
Leuten zusammenzustellen, die mich beraten sollen,
wie wir dies am besten tun können. Aber ich werde
meine Position dazu nicht ändern."
Auf die Frage, ob er mit der Art und Weise zufrieden
sei, in der Präsident Bush mit den Nachforschungen
des US-Außenministeriums während des Wahlkampfs
in bezug auf sein (Clintons) Vorleben umgegangen ist,
erklärte der gewählte Präsident, er sei froh, daß Elizabeth Tamposi, die Abteilungsleiterin im US-Außenministerium, die mit der Untersuchung von Clintons Reisepaßunterlagen vor dem Wahltag in Verbindung
gebracht wird, "ihre Stellung etwa sechs Wochen
vorzeitig verlassen mußte. Ich war der Ansicht, daß
dies eine geeignete Maßnahme war."

Auf die Frage nach der derzeitigen amerikanischen
Politik gegenüber haitianischen Flüchtlingen erklärte
Clinton, er werde diese Politik als Präsident ändern
und bekräftigte seine Ansicht, daß Bootsflüchtlinge
aus Haiti nicht zurückgeschickt werden sollten, bevor Tamposi wurde am 10. November entlassen, nachsie Gelegenheit zu einer Anhörung bekommen hätten. dem bekanntgeworden war, daß Vertreter ihrer Dienst"Meines Erachtens besteht ein legitimer Unterschied stelle auch die Reisepaßunterlagen des unabhängizwischen politischen und Wirtschaftsflüchtlingen", stellte gen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot wieder
er fest. "Aber wir sollten ein Verfahren haben, in hervorgeholt hatten.
dessen Rahmen diese Haitianer eine Chance erhal- "Sollte ich jemanden dabei erwischen, daß er während
ten, ihren Fall vorzutragen. Meines Erachtens war es meiner Präsidentschaft das Außenministerium auf diese
ein Fehler ... sie unter den Umständen nach Haiti Weise benutzt, werden Sie nicht bis nach dem Wahltag
zurückzuschicken, die im vergangenen Jahr vorherrsch- darauf warten müssen, daß er geht", unterstrich Clinten. Ich werde dieses Verfahren deshalb modifizie- ton. "Ich möchte mit Ihnen nicht über die Ereignisse
ren."
der Vergangenheit sprechen. Die Wahl ist vorbei... Ich
Clinton ging nicht näher darauf ein, wie dies getan möchte Sie nur wissen lassen, daß das Außenministewerden solle, sondern erklärte: "Ich kann Ihnen sagen, rium dieses Landes nicht mit Bill Clintons Politik sein
Spiel treiben wird, und wenn ich irgend jemanden dabei
daß ich die Politik ändern werde."
erwische, werde ich ihn am nächsten Tag feuern."
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�US-AUSSENPOLITIK
18. November 1992

DER PRIMAT DER WIRTSCHAFT
von C. Fred Bergsten
Kernstück jeder effektiven amerikanischen Außenpolitik muß dem Autor zufolge eine substantielle Verbesserung der Leistungsfähigkeit und internationalen Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft sein. Der
Verfasser untersucht die beherrschenden Fragen in der internationalen Wirtschaft und weist auf den
möglicherweise zu erwartenden politischen Kurs hin.
C. Fred Bergsten ist Direktor des Institute for International Economics und Vorsitzender des vom Kongreß ins
Leben gerufenen Competitiveness Policy Council. Von 1977-81 war er Leiter der Abteilung für internationale Angelegenheiten im US-Finanzministerium und von 1969-71 hochrangiger Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrats. Zu seinen 19 Büchern zählt America in the World Economy: A Strategy for the 1990s
(1988).
Nachdruck mit folgendem Zusatz gestattet: Copyright (c) 1992 Carnegie Endowment for International Peace.
Nachdruck mit Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Sommer 1992.
Die amerikanische Außenpolitik ist von Ungewißheit
gekennzeichnet. Mit dem Zusammenbruch des
Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion sind
die Grundsätze, die das Verhalten in der Vergangenheit prägten, verschwunden oder rasch im Schwinden
begriffen. Ein Ersatz ist noch nicht gefunden und
vereinbart worden. Entscheidungen über einzelne
Probleme werden ad hoc und ohne Kontext getroffen.
In den vergangenen 50 Jahren wurden die internationalen Beziehungen im allgemeinen und die amerikanischen auswärtigen Interessen im besonderen von vier
Grundkonzepten definiert:
Das erste war die Dominanz von Sicherheitsfragen. Militärische Fähigkeit bildete das zentrale
Element für das internationale Engagement der
Vereinigten Staaten. Die meisten weltweiten
Wirtschaftsinitiativen der Vereinigten Staaten,
insbesondere diejenigen, mit denen versucht
werden sollte, in den frühen Nachkriegsjahren
systematische Strukturen zu schaffen, wurden
primär durch Sicherheitsanliegen motiviert.

Drittens enthielt die bipolare Rivalität eine wichtige ideologische Dimension. Amerika setzte
sich für Demokratie und Kapitalismus ein. Die
UdSSR verkörperte totalitäre Politik und Kommandowirtschaft unter dem Banner des Kommunismus.
Viertens schuf jede Supermacht ein Bündnissystem zur Unterstützung ihrer Ziele. Die Vereinigten Staaten gingen auf ehemalige Gegner
zu, um die NATO und den amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrag zu erarbeiten, und sie
bauten multilaterale Organisationen auf, um
ihre Ziele zu fördern. Die UdSSR schuf den
Warschauer Pakt. Jede Supermacht war bestrebt, so viele Länder wie möglich an ihren
Block zu binden. Die universellen Organisationen, die beide Gruppen umfaßten - insbesondere die Vereinten Nationen-.traten auf der Stelle,
da die Hauptgegner Aktionen blockierten, die
ihrem jeweiligen Rivalen nützen konnten.

Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen die politischen Entscheidungsträger in den Vereinigten StaaDas zweite elementare Konzept war die Bipola- ten die Richtlinien, von denen die Weltpolitik künftig
rität. Die Weltordnung (oder -Unordnung) ba- geleitet wird, neu bewerten und diese Parameter mit
sierte auf der Existenz von zwei militärischen den amerikanischen Interessen verknüpfen. Die ausSupermächten und deren Beziehungen zu ein- wärtigen Herausforderungen von heute werden der
ander. Das internationale Umfeld wurde weitge- amerikanischen Öffentlichkeit verdeutlicht und auf eine
hend von dem Kampf zwischen den Vereinigten Art und Weise bewältigt werden müssen, die breite
Staaten und der Sowjetunion definiert.

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�Unterstützung hervorbringt. Dabei wäre es vernünftig,
erneut ein zentrales Thema zu artikulieren, das bereitwillig aufgenommen und akzeptiert wird.

Die amerikanische Außenpolitik wird auch von einem
äußeren Umfeld geformt werden, das sich stark in
Richtung Wirtschaft verschoben hat. Selbst während
des Kalten Krieges setzten die meisten Staaten wirtTraditionelle sicherheitspolitische Fragen wie Nicht- schaftliche Anliegen auf ihrer au ßenpolitischen Tagesverbreitung und regionale Konflikte werden sicherlich ordnung ganz oder fast an die erste Stelle. Japan
ihre Bedeutung beibehalten. Aggressive Länder wer- entschied sich dafür, die meisten Entwicklungsländer
den abgeschreckt und gegebenenfalls abgewehrt wurden aufgrund der Umstände ebenfalls dazu gewerden müssen. Darüber hinaus werden die Vereinig- zwungen. Die europäischen Verbündeten Amerikas
ten Staaten - wie beim gegenwärtig stattfindenden und einige wenige Länder wie Südkorea und Taiwan,
Übergang in Osteuropa und der ehemaligen Sowjet- die mit einzigartigen Bedrohungen ihrer Sicherheit
union - ihre elementaren Werte wie Demokratie und konfrontiert waren, konzentrierten erhebliche Mittel
Menschenrechte in der ganzen Welt verbreiten wollen. auf die militärische Einsatzbereitschaft, betonten wirtSolche "neuen globalen Probleme" wie Umwelt,
schaftliche Anliegen jedoch wesentlich stärker als die
Wanderungsbewegungen und Flüchtlingsströme,
Vereinigten Staaten.
Bevölkerungswachstum, Waffentransfer und Drogenhandel gewinnen ständig an Bedeutung. Die anhalten- Mit der Beseitigung der Hauptbedrohung für den
de und sogar verstärkte Unterstützung der Entwick- Weltfrieden wird sich der Vorrang, den die meisten
lung ärmerer Länder muß ebenfalls auf der Tagesord- Länder wirtschaftlichen Fragen einräumen, erheblich
nung stehen.
verstärken. Diese Tendenz wird - zumindest in den
nächsten Jahren - durch die weltweite KonjunkturDie zentrale Aufgabe bei der Entwicklung einer neuen schwäche noch verschärft werden, während die Vereiamerikanischen Außenpolitik besteht darin, Prioritä- nigten Staaten mit ihren tiefgreifenden Strukturprobleten zu setzen und zentrale Themen auszuwählen. men kämpfen, die westeuropäischen Staaten ihre
Diese Entscheidungen müssen sich aus den nationa- Inflationsraten und Haushaltsdefizite reduzieren, um
len Interessen der Vereinigten Staaten herleiten, die sich für die Wirtschafts- und Währungsunion zu qualisich stark auf den wirtschaftlichen Bereich verlagert fizieren und sich Japan an Arbeitskräftemangel und
haben. Der Anteil des Handels an der amerikanischen das Zerplatzen seiner finanziellen Luftblase anpaßt.
Wirtschaft ist seit 1960 um das Zweieinhalbfache Das Ergebnis wird ein noch stärkerer Wettbewerb um
gestiegen. Aus- und Einfuhren von Waren und Dienst- Märkteund Investitionen auf der ganzen Welt sein. Die
leistungen erreichen nahezu ein Viertel des gesamten Aussichten auf eine weltweite Verknappung von SparBruttoinlandsprodukts. Die Vereinigten Staaten sind einlagen würde - falls es erneut zu stärkerem Wirtheute ebenso wie die Europäische Gemeinschaft (EG) schaftswachstum käme - den Kampf um Kapital verfeals Gruppe und Japan stark vom Handel abhängig. Als stigen und sogar noch verschärfen. Wenn die Urugrößter Schuldner der Welt und Land mit anhaltend guay-Runde des Allgemeinen Zoll- und Handelsabhohen Außenhandelsdefiziten bauen die Vereinigten kommens (GATT) fehlschlagen sollte, was hauptsächStaaten darüber hinaus auf beträchtliche Kapitalzu- lich aufgrund der mangelnden europäischen Bereitflüsse aus dem Ausland.
schaft zur Reform der Agrarpolitik der Fall wäre, würde
sich der europäisch-amerikanische Handelskonflikt zu
Überdies ist die amerikanische Wirtschaft inzwischen den bereits bestehenden japanisch-amerikanischen
erheblich von exportgestütztem Wachstum abhängig: Spannungen gesellen. Damit würde ein ZweifrontenDie jährliche Handelsbilanz hat sich seit 1987 real um krieg im Handel drohen, der die Vorrangstellung der
über 120 Milliarden Dollar verbessert. Sie hat 1990 die Wirtschaft noch schärfer akzentuieren würde.
Hälfte des US-Wirtschaftswachstums hervorgebracht
und 1991 die Rezession um die Hälfte vermindert. Die Selbst die bereits angeführten "nichtökonomischen"
von den achtziger Jahren übernommenen massiven Fragen sind von wesentlichen wirtschaftlichen InhalHaushaltsdefizite schließen einen bedeutenden Ein- ten geprägt. Konflikte am Persischen Golf, der instasatz der Steuerpolitik zur Ankurbelung der Konjunktur bilsten aller Regionen, konzentrieren sich häufig auf
aus. Der erforderliche Defizitabbau wird die Wirtschaft Erdöl. Das Wachstum in der Dritten Welt ist für den
tatsächlich für einige Zeit belasten. Die Brüchigkeit Absatz amerikanischer Exporte ebenso wichtig wie für
des Finanzsystems und der Überhang privater Schul- humanitäre Impulse. Die Bevölkerungsexplosion wird
den begrenzen die Auswirkungen einer lockereren letztlich nur durch raschere wirtschaftliche EntwickGeldpolitik, wie die magere Reaktion auf die wiederhol- lung eingedämmt werden können. Es wird klar, daß
ten und beträchtlichen Zinssenkungen durch die Bun- die Schädigung der Umwelt große wirtschaftliche Kosten
desnotenbank verdeutlicht. Die Vereinigten Staaten verursachen kann. Waffenlieferungen werden mindetreten also in ein Jahrzehnt ein, in dem die normaler- stens ebensosehr von wirtschaftlichen wie von sicherweise für die Förderung der Inlandsnachfrage zur heitspolitischen Interessen motiviert. Die außenpolitiVerfügung stehenden politischen Werkzeuge nicht sche Tagesordnung der Zukunft kehrt wiederholt zur
vorhanden sind, und sie werden sich bis weit in die Wirtschaft zurück.
neunziger Jahre auf ausländische Märkte stützen
müssen.
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�Der Primat wirtschaftlicher über sicherheitspolitischen
Fragen wird einen zweiten grundlegenden Wandel
herbeiführen: Drei ungefähr gleich starke wirtschaftliche Supermächte (Tripolarität) werden zwei ungefähr
gleich starke militärische Supermächte (Bipolarität) im
Zentrum des Weltgeschehens ablösen. Die Europäische Gemeinschaft hat bereits eine größere Volkswirtschaft als die Vereinigten Staaten und wird im Hinblick
auf Weltwirtschaftsfragen zunehmend als einheitliche
Kraft auftreten. Japan ist bereits das größte Gläubigerland der Welt und bei zahlreichen Technologien
führend. Seine Volkswirtschaft wird in absoluten Dollarzahlen zu Beginn des nächsten Jahrzehnts ebenso
stark sein wie die der Vereinigten Staaten (wenn sie
gegenüberden 2-2,5 Prozent Wachstum der Vereinigten Staaten jährlich um 4 Prozent wächst und der
Wechselkurs des Yen zum Dollar auf 100:1 steigt). Die
Vereinigten Staaten, Japan und die EG hängen etwa
gleich stark von internationalem Handel und Kapitalströmen ab - niemand könnte also einen Handelskrieg
in der Annahme führen oder begrüßen, daß andere
mehr verlieren würden. Zwischen den drei großen
Wirtschaftsräumen herrscht bereits in den wichtigsten
Kriterien, die den globalen Status bestimmen, ein
Gleichstand.

osteuropäischen Mitgliedstaaten des ehemaligen
Warschauer Pakts unterzeichnen bereits Assoziierungsabkommen mit der EG und werden vermutlich
innerhalb eines Jahrzehnts Mitglieder werden. Die
baltischen Staaten und mehrere andere Republiken,
die aus der Asche der Sowjetunion emporgestiegen
sind, streben ähnliche Arrangements an. Rußland
selbst könnte sich in absehbarer Zukunft mit Westeuropa assoziieren. Die NATO erarbeitet bereits neue
Modelle der Zusammenarbeit mit den ehemaligen
Gegnern.

In Asien würde die Einführung des von Malaysia vorgeschlagenen Ostasiatischen Wirtschaftsausschusses
die erste moderne panasiatische Gruppierung darstellen. Sie könnte frühere Gegner - insbesondere China,
möglicherweise aber auch Vietnam und Nordkorea einbeziehen, ebenso wie Rußland in die europäischen
Abkommen eingebunden werden könnte. Ähnliche
Muster werden aufgrund der jüngsten explosionsartigen Zunahme subregionaler Pakte in Lateinamerika,
wie etwa der gemeinsame Markt (Mercosur) in Südamerika und der wiederbelebte Andenpakt erkennbar.
Diese lateinamerikanischen Bemühungen werden teilweise von dem Wunsch motiviert, sich für spätere
Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten über eine
Drittens wird die ideologische Konfrontation des Kalten Erweiterung der Nordamerikanischen FreihandelszoKrieges zwischen Kapitalismus und Kommunismus ne (North American Free Trade Area - NAFTA) zu
wahrscheinlich vom Wettbewerb zwischen alternati- einer Freihandelszone für die westliche Hemisphäre
ven Versionen der Marktwirtschaft abgelöst werden. zu qualifizieren, beziehungsweise die Position für dieIn der japanischen "nichtkapitalistischen Marktwirt- se Verhandlungen zu stärken.
schaft" verfolgen die Unternehmen die Interessen der
Angestellten, Lieferanten und Gemeinden stärker als All diese Veränderungen sind äußerst wünschensdie der Aktionäre und haben deshalb Leitungssyste- wert. Selbst Handelskriege sind weit weniger bedrohme, die sich von denen amerikanischer Firmen we- lich als ein nuklearer Holocaust. Die Konkurrenz
sentlich unterscheiden. Klar ist, daß Japan die Pro- zwischen Demokratien mit Marktwirtschaften ist der
duktion im Gegensatz zum Verbrauch erheblich höher Konfrontation mit einem unversöhnlichen ideologischen
einschätzt als die Vereinigten Staaten. Der Staat spielt Gegner, dessen Ziel die Weltherrschaft ist, bei weitem
beim japanischen Modell sicherlich eine wesentlich vorzuziehen. Der Wandel in der Szenerie stellt einen
stärkere Rolle als beim angelsächsischen. Westliche historischen Triumph der Vereinigten Staaten und
Beobachter untersuchen das japanische und andere ihrer Verbündeten dar.
asiatische Modelle sehr aufmerksam, um herauszufinAber die Welt geht nun zu neuen Herausforderungen,
den, was man daraus zur Verbesserung der Wirtzu neuen Machtkonfigurationen und sogar zu neuen
schaftsleistung des Westens lernen könnte.
Bedrohungen über. Es gibt keine Zeit, um sich in den
Die Sozialleistungssysteme des kontinentalen Euro- Erfolgen der jüngsten Vergangenheit zu sonnen. Die
pas bieten eine weitere Alternative zum amerikani- Vereinigten Staaten müssen die neuen Realitäten
schen Modell. Der Staat spielt bei der Leitung wenn verstehen und darauf reagieren, wenn sie ihre nationanicht sogar Verdrängung privater Aktivität eine we- len Interessen effektiv verfolgen und eine neue, gesentlich stärkere Rolle. Banken haben erheblich mehr schlossene Außenpolitik gestalten wollen.
Einfluß auf die Unternehmensleitung, insbesondere in
Amerikanische Aufgaben, amerikanische DilemDeutschland.
mas
Der vierte mögliche Wandel betrifft die Bündnisarran- Die amerikanische Außenpolitik muß in diesem neuen
gements. Das Regime bilateraler und multilateraler Zeitalter drei Hauptziele verwirklichen, von denen jedes
Gruppierungen aus der Zeit des Kalten Krieges, das für die Vereinigten Staaten ein großes Dilemma darauf die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion aus- stellt. Am wichtigsten werden Bestrebungen zur Vergerichtet war und sich bis nach Vietnam oder Kuba wirklichung amerikanischer Wirtschaftsziele sein. Es
erstreckte, weicht sehr verschiedenen und in einigen ist unmöglich, sich ein wohlhabendes Amerika oder ein
Fällen natürlicheren regionalen Gruppierungen. Die Amerika, das die Führungsrolle in der Welt auf rechter-

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Seite 3

�hält, ohne eine Außenpolitik vorzustellen, die die wirtschaftlichen Interessen des Landes effektiv unterstützt.

ben, weil für die Schwäche der Binnenwirtschaft zunehmend äußere Faktoren sowie das Scheitern der
eigenen Unterhändler verantwortlich gemacht werden. Ebenso, wie die Gewerkschaften in den sechziDie Wirtschaftsziele der Vereinigten Staaten konzen- ger und siebziger Jahren die liberale Handelskoalition
trieren sich darauf, durch die Erlangung und Bewah- verließen, als sie zu dem Schluß kamen, freier Handel
rung offener Märkte für internationalen Handel und liege nicht länger in ihrem Interesse, werden die UnterInvestitionen den Lebensstandard des Durchschnitts- nehmer und andere Gruppen, die das weltweite Engaamerikanersund die Konkurrenzfähigkeit der amerika- gement der Vereinigten Staaten unterstützt haben,
nischen Wirtschaft anzuheben. Trotz seiner Größe eine zunehmend ambivalente Haltung einnehmen kann der amerikanische Markt nicht vollständig wett- oder sogar die Seiten wechseln -, wenn Washington
bewerbsfähig und effizient sein, wenn seine Unterneh- nicht nachdrücklich genug für ihre finanziellen Interesmen und Arbeitskräfte nicht durch die Verfügbarkeit sen eintritt. Die neue amerikanische Außenpolitik wird
ausländischer Produkte und Dienstleistungen ständig sowohl ein starkes wirtschaftliches Fundament im
Impulse erhalten. Darüber hinaus können amerikani- Inland als auch erfolgreiche Wirtschaftsinitiativen im
sche Unternehmen und Arbeitnehmer ohne Zugang zu Ausland benötigen.
wichtigen Auslandsmärkten auch nicht ihr vollständiges Potential entfalten, da die Weltwirtschaft viermal Eine zweite kritische Aufgabe der amerikanischen
so groß ist wie ihre eigene. Wegen ihrer Auswirkungen Politik wird darin bestehen, reibungslose Beziehungen
auf die US-Handelsbilanz, die Wettbewerbsposition zwischen den wirtschaftlichen Supermächten aufrechteinzelner amerikanischer Industriezweige und die zuerhalten, ebenso wie sie früher bestrebt war, die
binnenwirtschaftlichen Maßnahmen der Handelspoli- Spannungen mit derSowjetunionzu begrenzen. Dafür
tik müssen die innere und die äußere Liberalisierung gibt es sowohl positive als auch negative Gründe.
Hand in Hand gehen - da die faire Behandlung ameri- Positiv ist, daß alle Länder (zumindest zusammengekanischer Exporte durch andere unerläßlich ist, um es nommen) von einem offenen Welthandel und Investiden Vereinigten Staaten zu ermöglichen, ihren eige- tionsklima Vorteile haben. Daher erfordert ein Maxinen Markt offenzuhalten.
mum an Wohlstand für die Menschen auf der ganzen
Welt, einschließlich der Amerikaner, eine gezielte
Die Wiederherstellung der Wettbewerbsstärke Ameri- Zusammenarbeit zwischen den großen Industrienatiokas ist darüber hinaus entscheidend für den globalen nen. Jetzt können sie anstelle des verlustbringenden
Status des Landes. Japan konnte während des Kalten Sicherheitsspiels aus dem Zeitalter des Kalten Krieges
Krieges als "wirtschaftlicher Gigant und politischer dem gewinnbringenden Spiel der Weltwirtschaft PrioZwerg" beschrieben werden, aber die Vereinigten rität einräumen.
Staaten müssen in den kommenden Jahren verhindern, daß für sie der umgekehrte Fall eintritt. Von Gleichzeitig dürfen die unvermeidbaren Kontroversen
Bundeskanzler Helmut Kohl wird berichtet, er habe über Wirtschaftsfragen und anderes nicht in schädlierklärt, "wir wissen, wer die Medaillen bei den Olympi- che Konflikte unter relativ Gleichgestellten ausarten schen Spielen der Wirtschaft im Jahr 2000 gewinnen die Vereinigten Staaten könnten hierbei zu den Verliewird, aber wir wissen nicht, welche Länder Gold, Silber rern gehören. Darüber hinaus ist es gar nicht so
und Bronze nach Hause bringen werden". Die unein- undenkbar, daß Spannungen zwischen den Wirtschaftsgeschränkte amerikanische Beteiligung an den ele- giganten zu größeren Konflikten ausarten könnten. Es
mentaren globalen Entscheidungen, wenn nicht sogar gibt viele historische Beispiele für das Scheitern interdie amerikanische Fähigkeit, weiterhin eine Führungs- nationaler Systeme dabei, dem Status und den legitirolle auszufüllen, steht auf dem Spiel - wie es die Briten men Bestrebungen aufsteigender Mächte Rechnung
dieses Jahrhundert bereits in den Jahrzehnten ihres zu tragen.
Niedergangs erfahren mußten.
Außerdem ist es, wie schon Flora Lewis, Kolumnistin
Aber ebenso, wie das Interesse der Vereinigten Staa- der New York Times in ihrer Abhandlung in der
ten an der Verwirklichung ihrer Wirtschaftsziele enorm Ausgabe von Foreign Policy vom Winter 1991/92
zugenommen hat, ist die Fähigkeit des Landes, dies zu scharfsinnig feststellte "ein einzigartiges Phänomen
tun, aufgrund des Aufstiegs der neuen wirtschaftlichen (dieses) Zeitalters, daß die wirtschaftliche und die
Supermächte und anderer äußerst wettbewerbsfähi- militärische Macht nicht in denselben Händen liegen" ger Länder (wie der asiatischen Schwellenländer) jäh ganz im Gegensatz zu früheren Zeiten in der Geschichte. In der Frühjahrsausgabe 1992 von Foreign
gesunken.
Policy stellte Yoichi Funabashi, Kolumnist von Asahi
Dies ist das erste Dilemma, vor dem die US-Außenpo- Shimbun, fest, daß die Kontroversen zwischen den
litik heute steht: Die Vereinigten Staaten werden in Vereinigten Staaten und Japan sich bereits jenseits
internationalen Wirtschaftsverhandlungen zunehmend wirtschaftlicher Fragen auf politischer Ebene abspielals Fordernder auftreten, jedoch weniger in der Lage ten. Ein übereilter miitärischer Rückzug der Vereinigsein, ihre Ziele zu erreichen. Dies wird es in der Folge ten Staaten aus Europa und Asien könnte sogar andeextrem erschweren, eine aktive Außenpolitik zu betrei- re Wirtschaftsmächte dazu bringen, mehr Geld für ihr
Se'rte 4

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�Militär auszugeben und das Risiko zukünftiger Konfrontationen weiter zu erhöhen.
Natürlich sind Kontroversen über Wirtschaftsfragen
zwischen Europa, Japan und den Vereinigten Staaten
nichts Neues. Ihr Charakter und vielleicht auch ihre
Bedeutung werden jetzt jedoch ganz anders beschaffen sein. Der Beginn eines Mächtegleichgewichts
zwischen den dreien bedeutet, daß Washington nicht
länger aufgrund seiner überlegenen Wirtschaftsmacht
das Sagen hat. Aber weder Japan noch Westeuropa
können die Vereinigten Staaten als methodisch vorgehenden Schiedsrichter wirtschaftlicher Streitigkeiten
ersetzen, und die drei haben weder gemeinsam gehandelt, um das zu tun, noch diese Befugnis einer der
internationalen Organisationen übertragen. Folglich
gibt es keinen verläßlichen Mechanismus für die friedliche Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Wirtschaftsmächten.
Noch wichtiger ist, daß, wie ich schon in der Ausgabe
vom Sommer 1990 von Foreign Affairs voraussagte,
die führenden Politiker Amerikas, Europasund Japans
nicht länger, wie es während des Kalten Krieges der
Fall war, gezwungen sind, dem Erhalt ihrer Allianzen
übergroße Bedeutung einzuräumen und folglich Konflikte über Wirtschaftsfragen und anderes zu unterdrücken. Ohne die Sicherheitsfrage, die sie aneinander bindet, können wesentlich schneller ernste Antagonismen zwischen den Wirtschaftsmächten entstehen. Eswäre wirklich eine IroniederGeschichte, wenn
sich die marxistische Prophezeiung eines unvermeidlichen Konfliktes zwischen den kapitalistischen Nationen als Ergebnis des Zusammenbruchs des marxistischen politischen Systems bewahrheiten würde.
Trotzdem muß die Eindämmung der Gefahr eines
Konfliktes zwischen den Wirtschaftsmächten die Eindämmung eines militärischen Risikos aus der Zeit des
Kalten Krieges als primäre Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik ersetzen.
Es gibt natürlich eine immanente Spannung zwischen
der Verteid igung der amerikanischen Wirtschaftsinteressen und der Pflege guter Beziehungen zwischen
den Wirtschaftsgiganten. Eine aggressive Verfolgung
ihrer nationalen Wirtschaftsinteressen wird die Vereinigten Staaten oft zum Gegner der EG oder Japans
oder manchmal beider machen und somit die Beziehungen zwischen den dreien in Gefahr bringen. Das ist
das zweite Dilemma, dem sich eine auf Wirtschaftsfragen konzentrierte amerikanische Außenpolitik gegenübersieht.
Ein drittes wichtiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik in der Zeit nach dem Kalten Krieg wird die
Förderung kollektiver Sicherheitsvorkehrungen sein.
Die Vereinten Nationen stellten im Golfkrieg einen
Rahmen für die Allianz gegen den Irak zur Verfügung
und die UNO (sowie einige regionale Organisationen)
wird immer wieder mit schwierigen und kostspieligen
Missionen zur regionalen Friedenssicherung betraut.
AMERIKA DIENST 46

Vereinbarungen zur kollektiven Sicherheit werden wahrscheinlich im Mittelpunkt der Sicherheitspolitik der
Vereinigten Staaten stehen.
Wie schon während des Golfkrieges wird sich die Welt
wahrscheinlich weiterhin auf die militärische Stärke
Amerikas stützen wollen, wenn regionale Instabilität
eine bewaffnete Antwort erfordert. Die Vereinigten
Staaten müssen jedoch weiterhin darauf drängen, daß
auch andere Länder ihre Streitkräfte einsetzen und
daß die anderen Wirtschaftsmächte neben den direkt
betroffenen Ländern, die sich das leisten können,
einen Großteil der Rechnungen bezahlen.
"Kollektive Führung''während des Golfkrieges bedeutete, daß die Vereinigten Staaten die Führung übernahmen und das Geld einsammelten - die Einnahmen
überstiegen ihre marginalen militärischen Kosten, und
die Vereinigten Staaten erzielten aus dem Konflikt
einen wirtschaftlichen Gewinn. Infolgedessen wurde
in einigen Hauptstädten, vor allem in Tokio und Bonn,
ein neuralgischer Punkt berührt. In Zukunft wird die
Aufteilung der Lasten und der damit verbundenen
Pflichten organisiert werden müssen, um in allen beteiligten Ländern die politische Unterstützung zu gewährleisten.
Aber die unvollständige Überlappung zwischen den
führenden Ländern im Bereich von Wirtschaft und
Sicherheit machen dies sehr schwierig. Eine erweiterte Rolle der UNO in Sicherheitsfragen verleiht den
Mitgliedern des Sicherheitsrates - China, Frankreich,
Rußland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten
- entscheidende Befugnisse. Die größten Geldgeber
werden jedoch Japan und die EG (wobei Deutschland
eine Schlüsselrolle spielt) sein, und man kann von
ihnen Geld wohl nur erwarten, wenn ihre Ansichten in
Entscheidungen zu Sicherheitsfragen ihren Niederschlag finden. Das dritte Dilemma der amerikanischen
Außenpolitik besteht darin, wie bei diesem ungleichen
Einfluß auf Sicherheits- und Wirtschaftsfragen ein
Ausgleich geschaffen werden kann.
Beim Entwurf einer neuen Außenpolitik werden die
Vereinigten Staaten folglich drei verwandte Ziele ansteuern und drei Dilemmas überwinden müssen. Sie
werden ihre eigenen Wirtschaftsinteressen trotz einer
starken Verringerung ihrer relativen Wirtschaftsmacht
fördern müssen. Sie müssen freundschaftliche Beziehungen zwischen den wirtschaftlichen Supermächten
pflegen und mit ihnen zusammenarbeiten, um eine
offene, global orientierte Weltwirtschaftsordnung zu
schaffen, während sie ihre enger gefaßten Wirtschaftsinteressen im Inland verfolgen. Und sie werden neue
Systeme kollektiver Sicherheit benötigen, die von den
Beiträgen verschiedener Ländergruppierungen in den
Bereichen Politik und Wirtschaft abhängen.
Solche Ziele standen bisher nicht an der Spitze der
Tagesordnung in Washington - oder auch nur in ihrer
Nähe. Einige dieser Ziele sind in der Vergangenheit

Seite 5

�mit einer Begründung verfolgt worden, die im Kampf
des Kalten Krieges wurzelt. Jetzt ist zweifellos ein
neuer Ansatz vonnöten.

eigenen Weg - ohne die Vereinigten Staaten - zu
gehen. Ende der siebziger Jahre schuf die EG das
Europäische Währungssystem vor allem, um der aufgrund der durch die Orientierung am Dollar geschaffeEine neue Außenpolitik
nen Instabilität zu entgehen. In jüngster Zeit trug die
scheinbare Unfähigkeit der Vereinigten Staaten, den
Eine Politik, die den Wirtschaftsinteressen der VereiIWF und die Weltbank zu unterstützen, zum Wunsch
nigten Staaten dient und neue Wirtschafts- und Sicherder Europäer nach einer alternativen Organisation bei
heitssysteme schafft, hätte fünf Hauptbestandteile:
- der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
-, bei der sie eine vorherrschende Rolle
Die grundlegende Reform der Institutionen im
spielen
und
die sie zur Unterstützung der WirtschaftsInland, um die Wettbewerbsfähigkeit der amerireformen
in
Osteuropa
und der früheren Sowjetunion
kanischen Wirtschaft, auch im Welthandel und
nutzen
können.
Japans
stillschweigende Billigung des
im Finanzsektor, zu verbessern.
von Malaysia vorgeschlagenen Ostasiatischen WirtDie schrittweise Truppenreduzierung der Verei- schaftsausschusses, der die Vereinigten Staaten
nigten Staaten zur Minimierung der Aufrüstungs- ausschließt, steht zweifelsohne in Zusammenhang mit
japanischen Zweifeln über die zukünftige Stärke und
anreize für die neuen Wirtschaftsmächte.
Politik der Vereinigten Staaten.
Die Pflege enger bilateraler Beziehungen mit
den wichtigsten Wirtschaftsmächten, allen vor- Umden erforderlichen wirtschaftlichen Aufschwung zu
an Westeuropa und Japan, aber auch Saudi erlangen, wird man auf drei Ebenen handeln müssen,
Arabien und anderen, die für die Weltwirtschaft wie es kürzlich in dem ersten Jahresbericht des
von Bedeutung sind.
Competitiveness Policy Council an den Präsidenten
und den Kongreß beschrieben wurde, einer überparDie Verabschiedung einer Reihe von Initiativen, teilichen nationalen Kommission, deren zwölf vom
mit denen die Vereinigten Staaten, ein sich ver- Präsidenten, dem Senat und vom Repräsentanteneinendes Europa und Japan (die Gruppe der haus ernannte Mitglieder aus Vertretern von WirtDrei oder G-3) erneut eine offene, auf gemein- schaft, Gewerkschaften, Regierung und der Öffentsamen Rechten und Pflichten basierende Welt- lichkeit bestehen. Bedeutsame Veränderungen in der
wirtschaft schaffen würden.
makroökonomischen Politik werden notwendig sein,
um
die Spar- und Investitionsraten des Landes zu
Die Institutionalisierung eines Systems kollektierhöhen,
die für die Steigerung des nationalen Produkver Sicherheit, hauptsächlich durch die Vereintivitätszuwachses
entscheidend sind, der zur Zeit jedoch
ten Nationen, das politische, militärische, wirtder
bei
weitem
niedrigste aller Industrieländer ist.
schaftliche und finanzielle Vereinbarungen
Daher
muß
das
Haushaltsdefizit
durch eine sorgfältig
umfassen würde.
geplante Kombination von Kürzungen im VerteidiDas Kernstück jeder wirksamen amerikanischen gungshaushalt und bei gesetzlich festgelegten AusgaAu ßenpolitik mu ß eine substantielle Verbesserung der ben sowie durch die Spartätigkeit fördernde SteuererLeistung und internationalen Wettbewerbsfähigkeit der höhungen in einen Überschuß umgewandelt werden.
amerikanischen Wirtschaft bilden. Ganz oder teilwei- Auch werden wohl grundlegende Änderungen im Steuse aufgrund ihrer verschlechterten Wirtschaftslage ersystem nötig sein, um Anreize zu größererSpar- und
sind die Vereinigten Staaten gefährlich nahe daran, bei Investitionstätigkeit zu geben. (Die Vereinigten Staaeiner wachsenden Zahl globaler Fragen keine ernst- ten sind bereits das größte Schuldnerland der Welt und
hafte Rolle mehr spielen zu können, ganz zu schwei- es wäre unsicher und unklug, zur Finanzierung der
gen von einer führenden Rolle. Beispiele hierfür sind Innpolitik weiterhin Anleihen im Ausland aufzunehdie Unterstützung von Wirtschaftsreformen und De- men.)
mokratie in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, die Energiepolitik und das damit einhergehende Strukturreformen sind zur Stärkung der amerikaniProblem der Erderwärmung und sogar die Aktivitäten schen Bildungs- und beruflichen Ausbildungssysteme,
ihrer "eigenen" internationalen Finanzinstitutionen zur Reduzierung der Kosten im Gesundheitswesen
(Internationaler Währungsfonds und Weltbank). Wich- sowie zur Verbesserung der Unternehmenskontrolle
tiger noch ist, daß die Unterstützung im Inland für eine und Kommerzialisierung von Technologie notwendig.
aktive Außenpolitik schwinden wird, wenn die Wirt- Durchdachte sektorspezifische innenpolitische Maßschaftslage trotz großen internationalen Engagements nahmen können der Entwicklung von Schlüsselindustrien förderlich sein, wie es in der Vergangenheit im
weiterhin so schlecht bleibt.
Hinblick auf die Landwirtschaft, die zivile LuftfahrtinduEine weitere Erosion der wirtschaftlichen Position strie und zahlreiche andere im Zusammenhang mit der
Amerikas wird bei anderen wichtigen Ländern zuneh- Verteidigung stehende Produkte der Fall war. Eine
mende Erbitterung und sogar Verachtung hervorrufen. umfassende, diese drei Elemente beinhaltende WettDieser beunruhigende Trend wird sie ermutigen, ihren bewerbsstrategie, einschließlich staatlicher Hilfe für

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AMERIKA DIENST 46

�diejenigen, die unter dem Prozeß der erforderlichen
Anpassung leiden, kann eine Alternative zu Protektionismus oder einer gelenkten Handelspolitik bieten, die
die amerikanische Konkurrenzfähigkeit eher untergraben würden, anstatt sie zu fördern. Solch eine Strategie würde nicht nur die wirtschaftliche Stärke Amerikas
wiederherstellen, sondern könnte auch eine offene
Weltwirtschaft aufrechterhalten helfen und das Dilemma lösen, gleichzeitig die amerikanischen Wirtschaftsinteressen verfolgen und Konflikte mit anderen wirtschaftlichen Supermächten begrenzen zu wollen. Die
Strategie ist sowohl aufgrund außenpolitischer Überlegungen als auch aus "rein wirtschaftlichen" Gründen
erforderlich.
Das zweite Element einer neuen Außenpolitik besteht
darin, das Tempo und die Verteilung des amerikanischen Truppenabbaus zu mäßigen. Erneute militärische Aufrüstung in Europa und insbesondere Japan
würde beträchtliche Unsicherheit hervorrufen, aber es
gibt wenige Beispiele in der Geschichte, daß Wirtschaftsmächte die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit scheuten. Diejenigen, bei denen das der Fall
war, - wie heute beispielsweise Kuwait und Saudi
Arabien - mußten häufig Hilfe von außen in Anspruch
nehmen. Deutschland und Japan haben sich während
der Nachkriegszeit nur aufgrund ihrer einzigartigen
historischen Umstände auf andere verlassen.
Die Vereinigten Staaten werden eine Zeitlang einen
"relativen Vorteil" bei der Gewährung von militärischem Schutz sowohl atomarer als auch konventioneller Art für andere Länder haben. Es ist wohl kaum
irrational von den Vereinigten Staaten, nachdem sie
Billionen von Dollar investiert haben, einen solchen
Vorteil zu schaffen und ihre Mittel so einzusetzen, daß
ihren wirtschaftlichen und den für ihre weitere Sicherheit wichtigen Zielen gedient ist. Die beste Art und
Weise, das zu tun, ist die Beibehaltung einer angemessenen Militärpräsenz im Übersee und einer angemessenen allgemeinen Verteidigungsfähigkeit, um die neuen
Supermächte von Aktionen abzuhalten, die zu Reibungen führen könnten. Glücklicherweise wollen die
meisten Europäer und Asiaten, einschließlich der wirtschaftlichen Supermächte, daß die amerikanischen
Streitkräfte in ihrem Land bleiben. Es ist auch kostengünstiger, die amerikanischen Truppen im Ausland zu
stationieren, anstatt zu Hause, vor allem in Japan, wo
die japanische Regierung den Großteil der Kosten
trägt.

ren Einsatz entweder alleine oder zusammen mit anderen
treffen, wobei sie zweifellos das Vetorecht behalten
würden.
Es zeichnet sich wiederum ein schwieriger Handel ab.
Beim Verteidigungshaushalt sind große Einschnitte
notwendig, um das Haushaltsdefizit in einen Überschuß umzuwandeln. Die Freisetzung von hochqualifiziertem Humankapital und Finanzmitteln wird zur
Wiederherstellung der wirtschaftlichen Stärke der
Vereinigten Staaten beitragen. Amerikas Wirtschaftsund umfassendere Sicherheitsinteressen würden jedoch durch übermäßige Kürzungen gefährdet, und
daher müssen die Maßnahmen ein sorgfältiges Gleichgewicht bewirken.
Das dritte Element der außenpolitischen Strategie der
Vereinigten Staaten sollte die Pflege enger bilateraler
Beziehungen zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten
sein. Die Beziehungen zu Japan dürfen sich nicht
soweit verschlechtem, daß man sich einhellig aus dem
Dollargeschäft zurückzieht, was sowohl die Inflation
als auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten in die
Höhe schnellen ließe und Technologien der Spitzenklasse den Zugang zum amerikanischen Markt verwehren würde. Die Beziehungen zu Saudi Arabien
müssen Washingtons Fähigkeit erhalten, auf dieses
Land zur Sicherung angemessener ölvorräte zu vernünftigen Preisen zurückgreifen zu können.
Es sollte relativ einfach sein, solche Beziehungen
aufrechtzuerhalten, denn weder Japan noch Saudi
Arabien haben andere Freunde in der Welt, an die sie
sich wenden können. Diejenigen im Land, die gegen
Japan eingestellt sind und die Araber ablehnen, sprechen sich gegen solche Beziehungen aus, aber für
eine auf die Wirtschaft konzentrierte Außenpolitik sind
sie entscheidend. Der von den Vereinigten Staaten
gewährte militärische Schutz dieser Staaten gegen
Bedrohungen der Sicherheit wäre ein essentieller
Bestandteil dieses Handels.

Mit Europa, das wirkliche Alternativen zu engen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten hat, ist das Problem viel komplizierter. Europa räumt seinen Nachbarn im Osten bereits Vorrang ein und leitet Initiativen
zur Erweiterung seiner Bindungen zu Asien in die
Wege, wodurch die seichteste Stelle der tripolaren
Beziehung vertieft werden soll. Zumindest ist es
unumgänglich, daß die Vereinigten Staaten Europa
und Asien nicht ermutigen, sich gegen sie zu verDie Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in militäri- schwören, was aufgrund einer ganzen Reihe von
scher Hinsicht die Führungsrolle innehaben und ihre Ereignissen geschehen könnte: eine deutliche EntVerbündeten um Beteiligung an den Kosten bitten, scheidung für Protektionismus im Kongreß, eine weimacht sie ebensowenig zu den "Söldnern des 21. tere Aushöhlung der amerikanischen Wirtschaft und
Jahrhunderts" wie ihr Drängen darauf, daß andere den insbesondere die Auffassung, daß dieses Land "nie
Golfkrieg finanzieren sollten. Die Vereinigten Staaten sein Haus in Ordnung bringen wird", oder ein überwürden ihre eigenen nationalen Interessen verfolgen, stürzter Abzug der amerikanischen Truppen aus dem
indem sie Truppen im Ausland stationieren. Sie wür- Ausland. Eine jede dieser Entwicklungen würde natürden weiterhin alle wichtigen Entscheidungen über ih- lich den Einfluß der Vereinigten Staaten auf entscheidende zukünftige Probleme weiter schwächen.
AMERIKA DIENST 46

Seite 7

�Die größte Herausforderung für eine neue amerikanische Außenpolitik ist die Notwendigkeit, im Bereich
von Wirtschaft und Sicherheit Systeme kollektiver
Führung aufzubauen. Dies ist für künftige amerikanische Interessen von entscheidender Bedeutung, da
die Vereinigten Staaten nicht länger eine beherrschende Position haben, die amerikanische Öffentlichkeit
nicht mehr alles im Alleingang tun will und daraus die
Notwendigkeit entsteht, sowohl die Kosten als auch
die Pflichten zu teilen. Die Schaffung und Aufrechterhaltung solcher Systeme wird Jahre geduldigen Anspornens seitens Vereinigten Staaten und die Bereitschaft der anderen wichtigen Länder erfordern, die
neuen Regime einzuführen und eine gleichberechtigte
Rolle bei ihrer Handhabung zu akzeptieren.

weitere Option bestünde in der Globalisierung fester,
jedoch anpassungsfähiger Wechselkurse wie den vom
Europäischen Währungssystem seit Ende der siebziger Jahre verabschiedeten.

Am Anfang der wirtschaftlichen Bestrebungen muß
eine politische Erklärung stehen, die dem neuen internationalen Umfeld Rechnung trägt und die Schaffung
einer kollektiven Führungsstruktur zum Ziel hat. Eine
solche Erklärung würde feststellen, daß der Kalte
Krieg unter anderem die erneute Überprüfung der
Wirtschaftsinstitutionen fordert, die während der Periode der militärischen Konfrontation und amerikanischen Hegemonie gegründet worden waren. Sie
würde berücksichtigen, daß die bestehende Wirtschaftsordnung seit einiger Zeit im Zerfall begriffen ist, wie wir
anhand der internationalen Währungsinstabilität seit
dem Zusammenbruch der festen Wechselkurse von
1971 - 73 und der Aushöhlung der internationalen
Handelspolitik im vergangenen Jahrzehnt beobachten
konnten, als 20 der 24 Länder in der Organisation für
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sich
praktisch in Richtung auf gelenkten Handel zubewegten. Sie würde die Ansicht verwerfen, daß "internationale Zusammenarbeit die Verfolgung innenpolitischer
Ziele" gefährdet, mit der Feststellung, das erstere
helfe nahezu immer dem letzteren, ausgenommen
kurzfristig.

Die verantwortlichen Minister könnten den Prozeß in
die Wege leiten, indem sie die Uruguay-Runde - wenn
sie immer noch unbeendet ist - zu einem raschen,
weitreichenden und erfolgreichen Abschluß bringen.
Der Agrarhandel müßte mit zusätzlichen Konzessionen der EG und Japans liberalisiert werden. Ebenso
würde der Textilhandel Konzessionen seitens der
Vereinigten Staaten und Europa verlangen. Der Handel
mit Dienstleistungen müßte mit Konzessionen von den
Vereinigten Staaten und Japan liberalisiert werden,
wobei keiner der wichtigen Sektoren ausgenommen
werden dürfte. Die Entwicklungsländer müßten das
Recht auf geistiges Eigentum anerkennen und der
Marktzugang für Waren und Dienstleistungen müßte
überall verbessert werden.

Die Eindämmung der Konfliktrisiken unter den wirtschaftlichen Supermächten muß an die Stelle der
Eindämmung des militärischen Risikos des Kalten
Krieges als Hauptzweck der amerikanischen Außenpolitik treten.
Die Staats- und Regierungschefs könnten dann ihre
Regierungsvertreter anweisen, anhand der neuen
Regeln und institutionellen Arrangements die Arbeit
aufzunehmen. Beispielweise würden die Finanzminister mit der Schaffung stabilerer Währungsvereinbarungen beauftragt, die anhaltendes weltweites Wachstum untermauern und die enormen Handelsungleichgewichte verhindern würden, die - wie Mitte der achtziger Jahre und jetzt mit einem erneut schnell zunehmenden Gesamtüberschuß der Japaner - schwerwiegende wirtschaftliche Verwerfungen bewirken und
Anreize für Protektionismus bieten. Ein mögliches
Arrangement wären Zielzonen für die stärksten Währungen, die sich auf die von der G-7 im Jahr 1987
verabschiedeten Referenzbereiche gründen. Eine
Seite 8

Im Handelsbereich sollte das Ziel der Vereinigten
Staaten in der Wiederbelebung eines offenen und
global orientierten internationalen Systems bestehen.
Eine eindeutige Präferenz für ein solches Regime
anstatt regionaler Blöcke sollte zum Ausdruck kommen. Regionale Arrangements wie EG und NAFTA
sollten nur gefördert werden, wenn sie die standardisierten GATT-Kriterien der Nichtdiskriminierung erfüllen und Ergänzungen statt Alternativen zu einem global orientierten System darstellen.

Die Uruguay-Runde - so ehrgeizig sie zu sein scheint
- wird jedoch zahlreiche Fragen ungelöst lassen, von
denen die Welthandelspolitik geplagt ist. Die Minister
sollten deshalb unverzüglich die neue Tagesordnung
in Angriff nehmen und damit dem für gewöhnlich
stattfindenden Rückfall in Protektionismus im Anschluß
an die Runde vorbauen. Zu diesen Themen zählen
das Junktim zwischen Handel und Umweltpolitik,
Harmonisierung oder zumindest eine gewisse Annäherung des nationalen Wettbewerbs- und Steuerpolitik, Vereinbarungen über ausländische Direktinvestitionen und vielleicht neue Normen für die Einwanderung. Über Geld und Handel hinaus könnte die neue
Führung ferner die Erarbeitung kollektiver Ansätze
zum andauernden Energieproblem der Welt, zu
Umweltproblemen (insbesondere Erderwärmung) und
zum Waffenhandel anstreben.
In all diesen Bereichen würde die G-3 (oder im Augenblick die G-7) als inoffizieller Lenkungsausschuß operieren, um positive Reaktionen zu kanalisieren. Sie
würde weder neue Institutionen schaffen noch Entscheidungen für die bestehenden Organisationen diktieren. Sie würde andere wichtige Länder konsultieren, deren Ansichten in ihre eigenen Pläne zur Erlangung eines globalen Konsenses integrieren und versuchen, die neuen Ansätze in den globalen Institutionen
durchzuführen.

AMERIKA DIENST 46

�Die G-3 würde jedoch der Tatsache Rechnung tragen,
daß ihre Mitglieder - die Vereinigten Staaten, Japan
und eine erweiterte EG - rund zwei Drittel der Weltproduktion ausmachen. Sie muß schlicht und einfach die
Hauptverantwortung für das Funktionieren des Systems übernehmen, um sowohl den wirtschaftlichen
Fortschritt der Welt zu fördern als auch ihre Mitglieder
vor dem Auseinanderdriften zu bewahren. Sie könnte
gegebenenfalls im Verlauf des Prozesses Absprachen
in Problembereichen treffen, wie sie dies so erfolgreich
beim Bonner Gipfel von 1978 getan hat. Weil "die
Mäuse zertrampelt werden, wenn Elefanten kämpfen",
wären die kleineren und Entwicklungsländer die Hauptnutznießer, wenn eine effektive G-3-Führung eine
offenere und wohlhabendere Weltwirtschaft hervorbringen könnte.
Die hier vorgeschlagenen neuen Systemarrangements
werden den Vereinigten Staaten die beste Chance zur
Lösung des Dilemmas zwischen Verfolgung ihrer eng
defininierten Wirtschaftsinteressen und Verhinderung
eines konstanten Konflikts und eventuell drastischer
Verschlechterung der Beziehungen mit den anderen
wirtschaftlichen Supermächten einräumen. Es wird
immer gewisse Spannungen zwischen wichtigen
Handels- und Finanzpartnern geben, aber solche
Spannungen können endemisch werden, wenn es
sektorspezifischen Konflikten gestattet wird, die Wirtschaftsbeziehungen zu dominieren und sie nur auf
einer Ad-hoc-Basis behandelt werden. Dieses Muster
zeichnet sich zwischen Japan und den Vereinigten
Staaten ab - wofür Präsident Bushs Reise nach Tokio
im Januar 1992 und ihre Folgen symptomatisch sind nach ihrer anfänglich gesunden Konzentration auf
makroökonomische Themen in den Jahren 1985 bis
1987 und strukturelle Hemmnisse von 1989 - 90. Nur
die neuen Systemmechanismen, die Konflikte in von
ausgehandelten Regeln geleitete Verfahren kanalisieren, können Wirtschaftsprobleme lösen und gleichzeitig Schuldzuweisungen und die Suche nach einem
Sündenbock verhindern. Die japanisch-amerikanischen Beziehungen müssen insbesondere kooperative Systemverwaltung hervorheben, um sowohl die
sektorspezifischen Konflikte des Landes in den richtigen Kontext zu bringen und Techniken zu deren Lösung mit weniger Schärfe anzubieten. Die Vereinigten
Staaten haben die Welt in kluger Weise bei der Gründung multilateraler Institutionen für die erste Nachkriegszeit geführt. Unter den heutigen schwierigen
Umständen müssen sie wiederum die Führungsrolle
übernehmen - dieses Mal mit der Erarbeitung kollektiver Führungstechniken zur Wiederbelebung der Institutionen, um ihre eigene Hegemonie zu ersetzen.

diese untereinander und sind daher in der besten
Position, die neuen internationalen Arrangements zu
befürworten und durchzusetzen, die ihre Interessen
schützen. Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, so bald wie möglich neue Regime bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung ihrer einzigartigen Position zu
scharfen. Der Positivsaldo des Ergebnisses sollte die
anderen entscheidenden Länder ebenfalls dazu veranlassen.
Das abschließende Element der amerikanischen
Außenpolitik sollte eine Initiative zur kollektiven Sicherheit sein, bei der gemeinsame Aktionen - sei es die
Durchführung einer erforderlichen Intervention oder
die Abschreckung von Weiterverbreitung und regionalen Konflikten - das Kernstück bilden. Auch hier sollten
die bestehenden Institutionen das zentrale Instrument
sein: die UNO und in gewissem Maße regionale
Organisationen. Eine institutionelle Erneuerung würde jedoch benötigt, um die wirtschaftlichen Supermächte in den inoffiziellen Lenkungsausschuß einzubeziehen, der die Führung übernehmen würde. Wie
von dem Politologen Joseph Nye und seinen Kollegen
in ihrem Bericht an die Trilaterale Kommission vom Juli
1991 vorgeschlagen, ist der vielversprechendste Ansatz
die Schaffung einer politischen "P-7" einschließlich
Japans und Deutschlands (bis die EG bei Sicherheitsfragen gemeinsam handeln kann) zusammen mit den
fünf derzeitigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats
(der "P-5"), die Konsultationen führen, bevor offizielle
kollektive Sicherheitsentscheidungen getroffen würden. Eine weniger formelle Variante - die bereits bei
der Lage in Kambodscha durch eine "P-10" Anwendung gefunden hat - ist die Gründung von Ad-hocKonsultativgruppen für jede Krise, denen stets die
wirtschaftlichen Supermächte angehören. Ein solches
Regime würde unabhängig von der genauen Technik
das Gefälle zwischen den Ländern beheben, das jetzt
Sicherheits- und Wirtschaftsfragen dominiert.

Es ist von entscheidender Bedeutung festzustellen,
daß nur die Vereinigten Staaten und Japan anfänglich
Teilnehmer der Wirtschafts- und sicherheitspolitischen
Lenkungsgruppen wären. Die EG kann noch bis auf
weiteres nicht als eine Einheit bei Sicherheitsfragen
fungieren. Obwohl Japan an den inoffiziellen P-7Konsultationen über Sicherheit beteiligt würde, ist es
nicht Ständiges Mitglied des Sicherheitsrats. Daher
wären die Vereinigten Staaten das einzige Mitglied
aller Komponenten des Prozesses und würden eine
einzigartige Rolle als "Lenker der Lenker" übernehmen. Davon würde ihr Status als einzige Supermacht
- sowohl in militärischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht - profitieren. Darüber hinaus würden die Vereinigten
Staaten in die Lage versetzt, wirtschafts- und
Dank solcher Reformen werden die Vereinigten Staasicherheitspolitische
Themen in ihren bilateralen Beten ferner am besten zur Lösung des Dilemmas in der
ziehungen
zu
Japan
und den wichtigsten europäiLage sein, ihre nationalen Wirtschaftsziele trotz der
schen
Ländern
miteinander
zu verknüpfen und damit
Abnahme ihrer relativen Wirtschaftsmacht zu erlanihren
relativen
Vorteil
über
die
beiden Hemisphären
gen. Die Vereinigten Staaten haben sehr viel engere
hinweg
zu
maximieren.
Beziehungen mit Europa und Japan unterhalten als

AMERIKA DIENST 46

Seite 9

�Alternative Wege

Sollte sich die Welt in feindliche Blöcke aufteilen,
würden die Vereinigten Staaten versuchen, ebenso
Angesichts des Vorrangs von Wirtschaftsproblemen Arrangements für das Pazifische Becken zu entwickund der zunehmenden Dominanz der drei wirtschaftli- eln wie ihre Initiativen zur westlichen Hemisphäre zu
chen Supermächte werden globale Wirtschafts- (und verfolgen, indem sie auf die WirtschaftskooperationsSicherheits-) arrangements voraussichtlich einen von gruppe für Asien und den Pazifik aufbauen. Solche
zwei Wegen einschlagen. Der erste besteht in kollek- Bestrebungen könnten jedoch rasch durch die gleiche
tiver Führung durch die führenden Mächte, die inoffi- Rivalität mit Japan vereitelt werden, die die G-3-Koozielle Lenkungsausschüsse im bestehenden interna- peration in erster Linie verhinderte und zu einem
tionalen Rahmen - wie hier vorgeschlagen - leiten, um weiteren Dilemma führte: entweder einem Scheitern
ein kollektives Sicherheitsregime zu schaffen und eine der gesamten Kooperationsbestrebungen im Pazifioffene Weltwirtschaft wiederzubeleben. Der andere schen Becken oder einer Version, die Japan auszuWeg führt zu regionalen Blöcken, die zunehmend schließen versuchen und damit die gefährlichen natiorestriktiv und exklusiv würden. Solche Blöcke würden nalistischen Reaktionen in diesem Land verstärken
sich zu Anfang in einer wirtschaftlichen Hemisphäre würde.
hauptsächlich als Reaktion auf Mängel des globalen
Wirtschaftssystems entwickeln, die Geschichte belegt Die Devolution der Weltwirtschaft in feindliche Blöcke
jedoch, daß sie leicht in politische und sogar militäri- wäre für die Vereinigten Staaten außerordentlich rissche Bereiche ausufern können. Diese Tendenzen kant, und die amerikanische Au ßenpolitik sollte alles in
könnten durch einen verfrühten Rückzug der Vereinig- ihrer Macht Stehende tun, um dies zu verhindern.
ten Staaten aus ihrer globalen Sicherheitsrolle be- Gemeinsame Initiativen zur Organisation kollektiver
schleunigt werden - eine nur zu plausible Aussicht Sicherheit (durch die P-7) und globale Wirtschaftsarangesichts der innenpolitischen Wirtschaftsbedürfnis- rangements (durch die G-3) sind weit besser. Regiose der Vereinigten Staaten und der Unsensibilität nale Arrangements würden immer noch gebildet, aber
anderer Länder - wie der in der Uruguay-Runde vertre- diskriminierender und feindlicher Wettbewerb könnte
tenen - gegenüber dem Junktim zwischen Wirtschafts- verhindert werden, da ihre Beziehungen durch wirksaund militärischen Problemen in der amerikanischen me globale Vereinbarungen geregelt sind. In der Tat
Innenpolitik.
sollte eine neue kollektive Führung auf globaler Ebene
die Wert sicher für einen konstruktiven Regionalismus
Eine Welt der Blöcke würde fundamentalen amerikani- machen.
schen Interessen zuwiderlaufen. Europa und Japan
sind mit Abstand die größten Volkswirtschaften der Wenn die Vereinigten Staaten ihre WettbewerbsfähigWelt außerhalb der Vereinigten Staaten, und jede keit wiederherstellen, indem sie die innenpolitischen
gravierende Auflösung der Bindungen mit ihnen würde Reformen am Kern der vorgeschlagenen Strategie
die amerikanischen Bestrebungen zur raschen Expan- durchführen, würden jene kollektiven Arrangements
sion von Exporten und Anziehung ausländischer Inve- die vehemente Verfolgung der Wirtschaftsinteressen
stitionen nachhaltig lähmen.
der Vereinigten Staaten trotz ihres relativen wirtschaftlichen Niedergangs erleichtern. Auf internationaler
Darüber hinaus wäre der "natürliche Block" der Verei- Ebene würden die Arrangements ein neues Bindeglied
nigten Staaten die westliche Hemisphäre. Japan schaffen, um die Verbündeten zusammenzuhalten
würde Asien dominieren und die EG die Vorherrschaft und dem Risiko neuer Wirtschaftskonflikte vorzugreiin Osteuropa, einschließlich eines Großteils der ehe- fen, die zu noch größerer Feindseligkeit führen könnmaligen UdSSR und des Nahen Ostens, übernehmen. ten. Sie würden ferner ein wirksames SicherheitsregiObwohl Lateinamerika eindeutig auf dem Weg der me zur Verfügung stellen, das neue Saddam Husseins
Erholung ist, während ein Land nach dem anderen abschrecken oder einschränken sollte.
beginnt, sich der Früchte der schmerzhaften Reformbestrebungen der achtziger Jahre zu erfreuen, befin- Solch eine ehrgeizige "neue Weltordnung" wird nur
det sich jeder Staat in der Region noch in einem relativ entstehen, wenn die Vereinigten Staaten ihre Außenfrühen Stadium der Modernisierung und ist ein Netto- politik diesem Ziel widmen. Die Verabschiedung dieschuldner. Eine Wirtschaftsgruppierung in der westli- ser Strategie wird ein schwieriges psychologisches
chen Hemisphäre - wie von Bush in seiner Initiative zur Umdenken der Amerikaner erfordern: Sie werden
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Ame- schmerzliche, umfassende Anstrengungen zur Wierikas vorgeschlagen - könnte der gesamten Region bei derherstellung ihrer Wettbewerbsfähigkeit unternehder Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit behilf- men und gleichzeitig eine kollegialere Rolle beim glolich sein, würde jedoch die globale Position der Verei- balen Management akzeptieren müssen. Die große
nigten Staaten kaum stärken, wenn dynamischere wirtschaftliche Interdependenz des Landes wird es
Bereiche den anderen Supermächten überlassen ihm jedoch nicht gestatten, sich aus der Welt zurückwürden.
zuziehen, trotz der Bitten einiger weniger, die lauten:

Seite 10

AMERIKA DIENST 46

�"Komm nach Hause, Amerika". Die einzige echte
Alternative ist ein verzweifelter Versuch zur Aufrechterhaltung der Hegemonie. Der im März 1992 durchgesickerte strategische Plan des Pentagon zieht diesen
Kurs in Erwägung, und die Politik der amtierenden
Bush-Administration scheint ihn zu verfolgen: Den
Versuch, den Großteil der Entscheidungsgewalt zu
behalten - zumindest bei Sicherheitsfragen - während
man andere auffordert, die Rechnung zu begleichen.
Objektive globale und innenpolitische Gegebenheiten
werden einen solchen Kurs jedoch schlicht und einfach
nicht gestatten. Neue kollektive Arrangements auf der
Grundlage der Wiederbelebung der amerikanischen
Binnenwirtschaft bieten die einzig konstruktive Möglichkeit.
Die Verlagerung zu Tripolarität hat sich auf der wirtschaftlichen Bühne bereits vollzogen, wo die EG und
Japan eindeutig ein Veto gegen amerikanische Initiativen einlegen können. Doch selbst in den dortigen
Volkswirtschaften hat noch keine Verlagerung zu
positiver kollektiver Führung stattgefunden. Ein deutlicher Indikator ist das kontinuierliche Scheitern der
Uruguay-Runde, ein weiterer die Fehlschläge der G-7,
eine mögliche weltweite Rezession abzuwenden sowie
das erneute Auftreten von Handelsungleichgewichten,
insbesondere der japanische Überschuß.
Dennoch ist die G-7 (oder deren Vorläufer) auf regelmäßiger Basis sieben Jahre und auf unregelmäßiger
fast zwei Jahrzehnte lang zusammengekommen. Sie
hatte spektakuläre Erfolge zu verzeichnen wie das
Bonner Gipfelpaket von 1978 und das Plaza-Abkommen von 1985 sowie Perioden anhaltender Fortschritte wie bei den festen Wechselkursen in den sechziger
Jahren und dem Schuldenproblem der Dritten Welt.
Die beiden vorherigen multilateralen Handelsabkommen, die Kennedy-Runde der sechziger und die Tokioter Runde der siebziger Jahre wurden vornehmlich von
den Vereinigten Staaten und Europa ausgearbeitet.
Es besteht also Grund zu der Hoffnung, daß kollektive
wirtschaftliche Führung erzielt werden kann, wenn die
Vereinigten Staaten andere überzeugen können, daß
sie bereit sind, sowohl den Entscheidungsprozeß als
auch die Kosten zu teilen.
Die uneinheitliche Bilanz von G-7, Internationalem
Währungsfonds (IWF) und GATT deckt jedoch die
Schwächen der derzeitigen Institutionen auf. Die G-7
hat kein institutionelles Gedächtnis. Bei der Eindämmung der enormen Währungsschwankungen und
Handelsungleichgewichte Anfang der achtziger Jahre
*

AMERIKA DIENST 46

*

erwies sie sich als völlig unfähig. Sie hat sich über
Gebühr auf Befürworter wie James Baker, Kiichi Miyazawa und Gerhard Stoltenberg verlassen, die gemeinsam die Plaza- und Louvre-Wechselkursstrategien in
den achtziger Jahren duchführten. Der IWF bietet den
erforderlichen institutionellen Rahmen, aber die G-7
hat sich für eine drastische Beschneidung seiner
Kompetenzen entschieden, statt ihn zur Verfolgung
der entscheidenden Fragen der Weltwirtschaft zu
benutzen. Dem GATT ist es nicht gelungen, zentrale
Themen des Welthandels - Landwirtschaft, Dienstleistungen und geistiges Eigentum - in seine Domäne zu
ziehen. Nach jeder Verhandlungsrunde verfällt es in
Untätigkeit und gestattet neue protektionistische Aktivitäten wie im gesamten Verlauf der achtziger Jahre.
Sehr viel systematischere Arrangements werden zur
Erlangung positiverund berechenbarer Ergebnisse erforderlich sein.
Kollektive Sicherheitszusammenarbeit ist ein alter
Gedanke - jedoch einer, mit dem die Vereinigten
Staaten und andere wenig Erfahrung haben. Er wurde
erst mit dem Ende des Kalten Krieges möglich, und
bisher war der Golfkrieg sein wichtigster Test. Glücklicherweise werden Sicherheitsarrangements per se
weniger häufig erprobt als Wirtschaftsarrangements.
Bestrebungen zum Aufbau einer globalen Sicherheitsstruktur könnten rechtzeitig Früchte tragen, um die
nächste größere Krise zu bewältigen.
Die hier vorgeschlagene Strategie reagiert auf die
Hauptinteressen der Vereinigten Staaten in einer Welt
nach dem Kalten Krieg, in der Wirtschaftsfragen Vorrang vor Sicherheitsanliegen eingenommen haben,
die letzteren jedoch nach wie vor wichtig sind und
ebenfalls angesprochen werden müssen. Sie trägt der
Tatsache Rechnung, daß die Vereinigten Staaten wie
alle Länder in einer außerordentlich interdependenten
Weh pluralistischer Machtverhältnisse leben, in der sie
bereits einen Großteil der echten Souveränität über
ihre eigenen Angelegenheiten verloren haben. Sie
konzentriert sich auf Beziehungen zwischen den drei
wirtschaftlichen Supermächten. Sie geht davon aus,
daß Wettbewerb in der neuen Welt zwischen unterschiedlichen marktorientierten Wirtschaftsmodellen
stattfindet, statt antithetischer Ideologien mit einer
stark militärischen Komponente. Es ist eine Strategie,
die sowohl die zentralen internationalen Bedürfnisse
der Vereinigten Staaten in der Ära nach dem Kalten
Krieg erfüllen als auch die Grundlage für Frieden und
Wohlstand auf der Welt bis weit ins 21. Jahrhundert
legen könnte.
* *

Seite 11

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Clinton-Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton und Kongress versprechen rasche Maßnahmen für Wirtschaftsaufschwung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Führende Politiker sprechen von neuem Geist der Zusammenarbeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globale Umweltfragen vorrangig in Clintons Plan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gravierende Unterschiede zur Bush-Administration&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton definiert außenpolitische Prioritäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rüstungskontrolle, Nahost, Wirtschaftswachstum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Primat der Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von C. Fred Bergsten&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
45

11. November 1992

8 W e i ^
fsmerioa
Embassy oi w c i c e s
Deichmanns Aue ^
5300 Bonn 2

ÜBERGANGSTEAM

VERNON JORDAN, WARREN CHRISTOPHER
LEITEN ÜBERGANGSTEAM
Unterstützten Clinton bei Auswahl des
Vizepräsidentschaftskandidaten

PORTRAT

BÜRGERRECHTSAKTIVIST UND RECHTSANWALT LEITET CLINTONS ÜBERGANGSTEAM
Porträt von Vernon Jordan
ALTGEDIENTER DIPLOMAT UND RECHTSANWALT AN DER SPITZE DES ÜBERGANGSTEAMS
Porträt von Warren Christopher

WAHLEN '92

RENNEN UM SENATSSITZE: MEHR FRAUEN
UND MEHR ETHNISCHE VIELFALT
IM KONGRESS
Größerer Vorsprung der Demokraten;
die meisten Amtsinhaber gewinnen
NEUE GESICHTER IM REPRÄSENTANTENHAUS
ABER GLEICHE KONTROLLE DER
DEMOKRATEN
Große Parteimehrheit hilft Clinton
AMTSZEITBEGRENZUNG FÜR GEWÄHLTE
AMTSTRÄGER WEITGEHEND GEBILLIGT
Abstimmungen über Abtreibung,
Homosexualität und Sterbehilfe
DIE AMERIKANISCHEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Amerikanische Pressestimmen

GATT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

USA VERHÄNGEN HANDELSSANKTIONEN
GEGEN EG
Eine Übersicht der US-Handelsbeauftragten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�UBERGANGSTEAM
11. November 1992

VERNON JORDAN, WARREN CHRISTOPHER
LEITEN ÜBERGANGSTEAM
Unterstützten Clinton bei der Auswahl des
Vizepräsidentschaftskandidaten
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Bill "Die erste Priorität" besteht ihm zufolge darin, "einen
Clinton hat den Washingtoner Rechtsanwalt Vernon an dem Vorbild des Auswahlprozesses für den VizeJordan und den ehemaligen Stellvertretenden US- präsidentschaftskandidaten orientierten geordneten
Außenminister, Warren Christopher, in Schlüsselfunk- Prozeß für die Auswahl der Kabinettsmitglieder und
anderer entscheidender Funktionsträger zu schaffen."
tionen seines Übergangsteams benannt.
Jordan wird Vorsftzender des Clinton-Gore-Übergangs- Auf die Frage, welche Ämter zuerst besetzt werden
vorstands und Christopher der Leiter des Übergangs- sollten, antwortete Christopher: "Aus dem Wahlkampf
teams, gab der Kommunikationsdirektor des Clinton- ist eindeutig ersichtlich, daß die Wirtschaftsthemen
Gore-Wahlkampfes, George Stephanopoulos, in einer Vorrang haben... Ich gehe davon aus, daß Gouverim Fernsehen übertragenen Pressekonferenz am 6. neur Clinton die Betonung auf diese Themen legen
wird."
November 1992 in Little Rock (Arkansas) bekannt.
Sowohl Jordan, ein Bürgerrechtler, als auch der Rechtsanwalt Christopher gehörten dem Ausschuß für die
Auswahl des Vizepräsidenten an, der den Gouverneur
von Arkansas Clinton Anfang dieses Jahres beriet,
bevor er sich für Senator Albert Gore als seinen
Vizepräsidentschaftskandidaten entschied.

Im Hinblick auf den Sittenkodex stellte er fest: "Meines
Erachtens werden Sie den strengsten Sittenkodex
sehen, der jemals für unser Land formuliert wurde."

Auf die Frage, ob Jordan oder irgendein anderes
Mitglied des Übergangsteams später von einer Position im Kabinett ausgenommen würde, antwortete
"Mitglieder des Clinton-Gore-Stiftungsvorstands für Christopher: "Mit Blick auf die anderen Mitglieder des
die Planung des Übergangs werden in den Clinton- Vorstandes hoffe ich aufrichtig, daß sie nicht ausgeGore-Übergangsvorstand übernommen. Die anderen schlossen werden. Was mich persönlich anbetrifft, so
Mitglieder werden zu einem späteren Zeitpunkt be- habe ich Gouverneur Clinton gegenüber erklärt, ich sei
davon ausgegangen, daß ich mit der Übernahme
nannt", erklärte Stephanopoulos.
dieser Aufgabe in der Zukunft keine größere VerantZu den Mitgliedern der vor einigen Wochen von Clinton wortung zu tragen hätte. Ich denke, dies bietet eine
gegründeten Planungsstiftung zählen der Vorsitzende bessere Gewährleistung der Objektivität meinerseits."
der Clinton-Gore-Wahlkampagne, Mickey Kantor, der
ehemalige Bürgermeister von San Antonio, Henry Indem er seine und Jordans Aufgaben erläuterte,
Cisneros, die ehemalige Gouverneurin von Vermont, stellte Christopher fest, er werde "aktiv, auf täglicher
Madelaine Kunin, und Mack McLarty, der Vorsitzende Basis" im Hauptquartier in Little Rock tätig und "immer
der Arkansas-Louisiana Gas Company.
dort sein, wo Gouverneur Clinton ist. Wenn er nach
Washington geht, beabsichtige ich, ihn zu begleiten."
Indem er die Ziele des Übergangsteams definierte, Christophers Erwartungen zufolge wird er 'täglich die
stellte Christopher Journalisten gegenüber fest, "der operative Kontrolle" der Übergangsbestrebungen
Übergang ist eine besonders wichtige Zeit... Meine wahrnehmen.
Kollegen und ich werden alles in unserer Macht Stehendetun, um den gewählten Präsidenten Clinton und Jordan wird eine aktive Rolle als VorstandsvorsitzenSenator Gore bei der Bildung ihrer Regierung zu der übernehmen, so Christopher, und "eine bedeutenunterstützen und ihr zu einem lebhaften Start zu ver- de Rolle im Zusammenhang mit unserem Washingtohelfen."
ner Büro spielen, das nächste Woche eröffnet wird".

AMERIKA DIENST 45

Seite 1

�Christopher erläuterte, daß Clinton die Bekanntgabe
des Übergangsteams nicht selbst vorgenommen habe,
weil der gewählte Präsident noch immer Probleme mit
seiner Stimme hat und versucht, die durch einen
langen und kräftezehrenden Wahlkampf verursachten
Stimmprobleme zu überwinden. Clinton "wird das
Wochenende freinehmen", um zu sehen, ob eine "etwas
verlängerte Ruhepause den Zustand verbessert", stellte
Christopher fest.
Christophers diplomatische und juristische Fähigkeiten haben sich bereits drei vorherige demokratische
Administrationen zunutze gemacht. Der 67jährige
Rechtsanwalt diente unter der Carter-Administration
als Stellvertretender US-Au ßenmini st er und wurde der
amerikanische Chefunterhändler zur Beendigung des
Geiseldramas im Iran.

de, indem er einen zivilen Ausschuß leitete, der nach
den Unruhen in Los Angeles im Anschluß an das
Verfahren gegen Rodney King gegen das Polizeipräsidium der Stadt ermittelte.
Jordan war 10 Jahre lang geschäftsführender Direktor
der National Urban League, einer Art Städtetag und
eine der führenden sozialen und Bürgerrechtsorganisationen des Landes. Er wurde als "eines der prominentesten und einflußreichsten Sprachrohre für die
schwarzen Amerikaner" beschrieben.

Jordan, 57, ist derzeit Sozius der in Texas und Washington ansässigen Rechtsanwaltskanzlei Akin, Gump,
Strauss, Hauer und Feld. Anfang der sechziger Jahre
war er Assistent in der Kanzlei des renommierten
Bürgerrechtsanwalts Donald Hollowell. Femer war er
Leiter des Projekts zur Wählererziehung für den SouWährend der Johnson-Administration war Christopher thern Regional Council (1964-1970) und geschäftsfühvon 1967 bis 1969 Stellvertretender Justizminister und render Direktor des United Negro College Fund (1970davor Handelsberater der Kennedy-Administration.
1971).
Als ehemaliger Assistent von Richter William Douglas
am Obersten Bundesgericht war Christopher mit
Ausnahme seiner Zeit in der Regierung seit 1950 in der
Anwaltskanzlei O'Melveny and Myers in Los Angeles
tätig. Vor kurzem diente er dem Wohl seiner Gemein-

Nach einer Rede vor dem Ortsverband des Städtetages in Fort Wayne (Indiana) wurde Jordan 1980 von
einem mit einem Jagdgewehr bewaffneten Heckenschützen in den Rücken geschossen. Er lag drei
Monate im Krankenhaus und wurde fünfmal operiert.

* * * * *
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Seite 2

AMERIKA DIENST 45

�PORTRAT
11. November 1992

BÜRGERRECHTSAKTIVIST UND RECHTSANWALT
LEITET CLINTONS ÜBERGANGSTEAM
Porträt von Vernon Jordan
WASHINGTON - (AD) - Als ein Mann, der wegen
seines Charmes und politischen Geschicks gerühmt
wird, istderWashingtonerlnsiderVernon E. JordanJr.
eine geeignete Wahl als Vorsitzender des Übergangsteams des gewählten Präsidenten Clinton.
Der 56jährige Jordan ist Seniorpartner in der Washingtoner Kanzlei von Akin, Gump, Hauer and Held, die
ihren Hauptsitz in Texas hat und der auch der gegenwärtige amerikanische Botschafter in Rußland, Robert
S. Strauss, angehörte. Nahezu ein Jahrzehnt lang war
Jordan Präsident der National Urban League, einer
Organisation, deren Schwerpunkt die Verbesserung
der sozialen Lage der Schwarzen in den amerikanischen Städten ist.
Jordan und der ehemalige Stellvertretende Außenminister Warren Christopher, der sich um die täglichen
Geschäfte in der Übergangszeit kümmern wird, waren
beide an dem allgemein gelobten Prozeß zur Auswahl
eines Vizepräsidenten beteiligt. Die beiden Politiker
werden dazu beitragen, die Vergabe von Kabinettsund anderen wichtigen Posten in der neuen Administration zu steuern.
Jordan wird die Eigenschaft zugeschrieben, bei kontroversen Themen äußerst geschickt und effektiv mit
Mitgliedern beider Parteien umgehen zu können. So
traf er zum Beispiel häufig auf freundschaftlicher Basis
mit Präsident Bush zusammen, obwohl beide sehr
unterschiedliche Auffassungen zum Bürgerrechtsgesetz von 1990 vertraten. Der Präsident legte einmal
sein Veto gegen die Gesetzesvorlage ein, die er als
Quotengesetz bezeichnete.

In seinen Sozietät wird Jordan als äußerst geschickt in
Vorstandspolitik, als Vertrauter von Spitzenmanagern
und fähiger Aquisiteur von Klienten unter den Großunternehmern des Landes angesehen.
"Das letzte, was man wünschen könnte, ist, daß Vernon seine Zeit mit juristischen Routinefragen verbringt", meinte der ehemalige Seniorpartner David
Hardee. "Er gleicht mehr einem Seniorpartner in einer
New Yorker Anwaltskanzlei. Er berät Rechtsanwälte
in Vorstandsangelegenheiten."
Zu den Unternehmen,förderenVorstände er tätig ist,
gehören American Express, Bankers Trust, RJR
Nabisco, Revlon, Sara Lee, Xerox und Union Carbide.
Jordan wurde 1935 in Atlanta (Georgia) geboren und
wuchs in dem ersten für Schwarze gebauten Sozialwohnungskomplex auf. Sein Vater war Kontrolleur bei
der Post und seine Mutter führte einen Partyservice.
Sein Großvater war Tagelöhner. In der High School
spielte er Basketball - ein Sport, den er auch an der
DePauw University in Indiana ausübte, wo er ein
Bakkalaureat in Politologie erwarb. Sein Juraexamen
legte er 1960 an der Howard University ab.
"Ich arbeitete, um für das College zu bezahlen", erklärt
er. "Ich war zwei Sommer lang Busfahrer bei den
Chicagoer Verkehrbetrieben ... verdiente 2,45 Dollar
pro Stunde und arbeitete manchmal 16 Stunden am
Tag."

Nach dem College war Jordan 12 Jahre aktiv in der
Bürgerrechtsbewegung tätig, teilweise als Rechtsanwalt und Organisator der National Association for the
Mary Frances Berry von der amerikanischen Bürger- Advancement of Colored People (Nationale Vereinirechtskommission zufolge ist Jordan "ein alter Hase" in gung zur Förderung der Farbigen - NAACP) im Süden.
Er führte persönlich Boykotts und Demonstrationen an
Bürgerrechtsfragen.
und beteiligte sich an der Aufhebung der Rassentren"Er kennt die Themen ... (und) die politischen Proble- nung an der University of Georgia. Da er überzeugt
me", erklärte sie der Washington Post. "Er kennt die davon war, daß der Schlüssel zu mehr Einfluß der
Menschen, die Erfahrung haben, und er dürfte in der Schwarzen im Süden in der Beteiligung an Wahlen lag,
Lage sein, Clinton dabei zu helfen, ein Gleichgewicht war er von 1964 - 68 als Leiter des Voter Education
zwischen diesen wichtigen Fragen herzustellen."
Project (Wählererziehungsprojekt) für den Südlichen
AMERIKA DIENST 45

Seite 1

�Regionalrat tätig. Darüber hinaus war er ein Jahr lang
Vorstandsmitglied des United Negro College Fund,
bevor er 1972 in die National Urban League eintrat.
Jordan leitete die Eröffnung von 17 neuen Zweigstellen der Urban League und verwaltete schließlich einen
Haushalt von 100 Millionen Dollar, von denen ein
großer Teil durch die Bundesregierung bereitgestellt
wurde. Einige Schwarze kritisierten seinen Lebensstil,
darunter seine Vorliebe für teure Anzüge und Zigarren,
sowie seine engen Beziehungen zu führenden weißen
Politikern. Jordan erklärte dem Magazin Ebony (eine
Zeitschrift für Schwarze, Anm. d. Red.), daß "nicht nur
die Schwarzen davon profitieren, wenn ich hier gute
Arbeit leiste, sondern auch das Land. Es liegt im
ureigenen Interesse des Landes, daß es den Schwarzen gut geht. Es trifft wirklich zu, daß die Kette so stark
ist, wie ihr schwächstes Glied... Diejenigen von uns,
die in der Führung der schwarzen Gemeinde tätig sind,

tragen eine enorme Last, um die Probleme zu verdeutlichen und definieren."
Jordan verließ die League 1981, kurz nachdem er - im
Auto sitzend - von einem Heckenschützen verwundet
worden war. Jordan verwies später darauf, daß im
Gegensatz zur Vergangenheit, als viele Schwarze "auf
der Autobahn starben", man ihn umgehend ins Krankenhaus brachte, wo er von schwarzen Ärzten behandelt wurde. "Das deutet doch darauf hin, daß es
Fortschritte (in der Rassenfrage) in Amerika gegeben
hat", erklärte er.
Darüber hinaus verdeutlichte er, daß er die Urban
League nicht wegen des Attentats verlassen habe, und
versprach: "Ich werde als Rechtsanwalt nicht vor
Bürgerrechtsfällen weglaufen." In der Folge trat er in
die Kanzlei Akin, Gump ein, wo er seit über zehn
Jahren als Sozius tätig ist.

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AMERIKA DIENST 45

�PORTRAT
11. November 1992

ALTGEDIENTER DIPLOMAT UND RECHTSANWALT
AN DER SPITZE DES ÜBERGANGSTEAMS
Porträt von Warren Christopher
WASHINGTON - (AD) - Warren Christopher - Rechtsanwalt, altgedienter Diplomat und geschickter Verhandlungsführer - bringt in Bill Clintons Übergangsteam eine Vorgeschichte herausragender Leistungen
im Dienst von drei ehemaligen demokratischen Regierungen ein.

Der als 'Vollblutdiplomat" bezeichnete 67jährige Christopher wird allgemein respektiert und ist bekannt für
einen Führungsstil, der von Ruhe und Rationalität
anstatt Zwang und Einschüchterung geprägt ist.

Ende 1980 bediente sich Christopher einer intensiven
Reisediplomatie und flog nach Algerien, um die Freilassung der amerikanischen Botschaftsgeiseln im Iran
auszuhandeln. Die Geiseln wurden erst kurz nach der
Amtseinführung Ronald Reagans im Januar 1981 freigelassen.

Bryce Nelson, Professor für Publizistik an der University of Southern California, der während der Polizeibefragung Christophers Sprecher war, wird in der New
York Times folgendermaßen zitiert: "Christopher ist
keiner, der Geschäfte macht oder manipuliert. Er ist
mehr als eine politische Figur. Er ist ein Mann der Tat,

Vor etwa sechs Monaten wurde Christopher von Clinton gebeten, ein Team zu leiten, dessen Aufgabe die
Christopher, der die Tagesgeschäfte während des Überprüfung der Liste möglicher VizepräsidentschaftsÜbergangs leiten wird, ist gegenwärtig Vorsitzender kandidaten war und das ihm helfen sollte, einen Kanvon O'Melveny and Myers, einer Anwaltskanzlei mit didaten auszuwählen. Dieser Prozeß führte schließüber 500 Rechtsanwälten in Los Angeles. Er war unter lich zur Wahl des Senators aus Tennessee, AI Gore,
der Carter-Administration Stellvertretender Außenmi- der sich als starke Ergänzung der demokratischen
nister, Stellvertretender Justizminister in der Johnson- Liste erwies.
Administration und Verhandlungsführer der KennedyPolitische Beobachterverweisen darauf, daß ChristoAdministration bei Handelsgesprächen.
phers Ernennung als Leiter der Bemühungen des
In den letzten Monaten der Amtszeit von Präsident gewählten Präsidenten zum Aufbau einer neuen
Carter war Christopher Chefunterhändler bei den Regierung Clinton erwartungsgemäß eine Periode der
Bemühungen, die Freilassung der amerikanischen Ruhe verschaffen wird, während Wahlkampfhelfer und
Geiseln im Iran zu erwirken. Carter charakterisierte andere Clinton-Anhänger um Positionen in der künftiChristopher als Regierungsvertreter, der ihn mehr als gen Administration konkurrieren.
jeder andere beeindruckt habe, und der ehemalige
Präsident verlieh ihm am 16. Januar 1981 die Medal of Christopher führte unlängst den Vorsitz der BürgerFreedom - die höchste zivile Auszeichnung der Verei- kommission, die das Verhalten der Polizei von Los
Angeles während und nach den auf einem Videofilm
nigten Staaten.
aufgezeichneten Schlägen von Polizeibeamten gegen
Nach seiner Vereidigung als Stellvertretender Außen- Rodney King im Jahr 1991 untersuchte. Die Kommisminister am 26. Februar 1977 erwarb sich Christopher sion wurde gegründet, als der Freispruch der Beamten
den Ruf einer raschen Auffassungsgabe in der Außen- von den meisten der ihnen zur Last gelegten Anklagepolitik und spielte eine entscheidende Rolle als Chef- punkten in diesem Frühjahr in Los Angeles zu schweunterhändler der Administration bei den Verträgen ren Ausschreitungen führte.
über den Panamakanal.
Bürgermeister Tom Bradley ernannte Christopher in
Im Außenministerium wurde er zum Koordinator von das Gremium, dasspäteralsChristopher-Kommission
Carters Menschenrechtspolitik im Ausland sowie zum bekannt wurde. Sie empfahl tiefgreifende Reformen
Vorsitzenden einer interministeriellen Kommission innerhalb der Polizei, und die Wähler von Los Angeles
ernannt, die die Menschenrechtsbilanz für jedes Land sprachen sich in einem Volksentscheid für die Reformen aus.
getrennt beurteilte.

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�nicht der Worte... Ich würde ihm jedes Geheimnis
anvertrauen. Clinton weiß, was er mit Warren alles
erreichen kann."
Der am 27. Oktober 1925 in Scranton (North Dakota)
geborene Chnstopher schloß 1945 an der Universrty of
Southern California seine Collegeausbildung ab. Von
Juli 1943 bis September 1946 war er in der Marinereserve und kam als Leutnant zur See auf dem pazifischen Kriegsschauplatz zum Einsatz. Von 1946 bis
1949 besuchte er die juristische Fakultät der Stanford
University.

Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung im Jahr
1981 kehrte Christopher zu O'Melveny and Myers
zurück - einer Anwaltskanzlei, mit der er nahezu sein
ganzes Berufsleben verbunden war, außer während
s e i n e r Regierungstätigkeit. In den vergangenen 11
J a h r e n w a r Christopher Vorsitzender der Unternehmensleitung und damit in der Praxis für die Tagesgeschäfte zuständig,
Als ehemaliger Präsident des Anwaltsvereins im Landkreis Los Angeles war Christopher 1959 Sonderberater des kalifornischen Gouverneurs Edmund Brown.
Er war Direktor des Los Angeles World Affairs Council
und Mitglied der TrilateralCommission. Von 1961 -65
war er Sonderberater von Staatssekretär George Ball
für auswärtige Wirtschaftsprobleme.

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�WAHLEN

'92
11. November 1992

RENNEN UM SENATSSITZE: MEHR FRAUEN
UND MEHR ETHNISCHE VIELFALT IM KONGRESS
Größerer Vorsprung der Demokraten; die meisten Amtsinhaber gewinnen
WASHINGTON - (AD) - Die Senatswahlen in den
Bundesstaaten im ganzen Land haben die parteipolitische Zusammensetzung dieser Institution nur wenig
geändert, ihre Vielfalt jedoch aufgrund einer größeren
Anzahl von Frauen und Angehörigen ethnischer Minderheiten erhöht.
Die von vielen erwartete "Säuberung" von Amtsinhabern fand bei den Wahlen vom 3. November für 34
Sitze der aus 100 Mitgliedern bestehenden gesetzgebenden Körperschaft nicht statt. Tatsächlich verloren
nurdrei Senatoren - ein Demokrat und zwei Republikaner - die Wiederwahl.

hätte, um einen eventuellen Filibuster zu verhindern die manchmal von einer Minderheitsfraktion benutzte
Verschleppungstaktik durch Dauerreden zur Verzögerung oder Verhinderung einer Abstimmung über eine
umstrittene Angelegenheit.
Der Durchbruch der Frauen verspricht, neue Standpunkte in den traditionell praktisch fast nur aus Männern bestehenden Senat einzuführen.

Die Gewinnerinnen gehörten zu der Rekordzahl von
insgesamt 12 Kandidatinnen, von denen viele aufgrund ihres Ärgers über die Anhörungen im Senat im
Jahr 1991 zur Bestätigung von Clarence Thomas, dem
Die Wähler entschieden sich fürvier Frauen, diezu den Richterdes Obersten Gerichtshofes, zu ihrer Kandidabereits im Senat vertretenen zwei Frauen hinzukom- tur veranlaßt wurden. Thomas war der sexuellen
men. Darunter sind die erste Schwarze in dieser Belästigung der Juraprofessorin Anita Hill beschuldigt
Institution, die aus Illinois stammt, und zwei Jüdinnen worden, aber ihre Aussage wurde schließlich von dem
aus Kalifornien, wodurch dieser Bundesstaat der ein- nur aus Männern bestehenden Rechtsausschuß des
zige ausschließlich durch Frauen vertretene ist.
Senats verworfen, der seine Bestätigung empfahl.
In Colorado wurde der erste Indianer in den Senat
gewählt.
Mit Hilfe der guten Wahlergebnisse ihres Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton, der an oberster Stelle
auf dem Wahlzettel stand, werden die Demokraten
voraussichtlich die Zahl ihrer Sitze im Senat um einen
erhöhen und damit einen Vorsprung von 58 zu 42
erzielen. Dabei geht man davon aus, daß der Demokrat Wyche Fowler seinen Vorsprung behält und die
Stichwahl in Georgia in dem einzigen noch nicht entschiedenen Wahlkampf gewinnt.
Zusammen mit einem demokratischen Präsidenten
und einer Mehrheit von Demokraten im Repräsentantenhaus verschaffen diese Resultate der Partei eine
äußerst starke Position in der Legislative.

Der demokratische Fraktionsführer der Mehrheitspartei im Senat, George Mitchell, begrüßte die neuen
weiblichen Abgeordneten mit den Worten: "Ich glaube,
alle Institutionen benötigen ständig Wandel und Erneuerung, und der hier stattfindende Wandel ist meiner Meinung nach sehr gesund."
Die Siegerin aus Illinois und erste Schwarze im Senat
ist Carol Moseley Braun, eine Landkreisbeamtin aus
der Region Chicago, die den Republikaner Richard
Williamson besiegte, der unter den Reagan- und BushAdministrationen ernannt worden war. Sie hatte sich
für das Rennen qualifiziert, indem sie bei den Vorwahlen der Demokraten einen überraschenden Sieg über
den Amtsinhaber Senator Alan Dixon davontrug.

In Kalifornien schlug die ehemalige Bürgermeisterin
von San Francisco, Dianne Feinstein, den republikaniDie Demokraten verfehlten jedoch knapp die Gesamt- schen Senator John Seymour, und die Abgeordnete
zahl von 60 Sitzen, die ihnen dank der erforderlichen Barbara Boxer besiegte den konservativen KommenStimmen die unangefochtene Führung eingeräumt tator Bruce Herschensohn.

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�Feinstein sprach in Anlehnung an die beiden Hauptdarstellerinnen der beliebten Krimiserie Cagney-Lacey von einem Erfolg des schlagkräftigen Duos aus
Kalifornien. "Ob Washington bereit ist oder nicht - wir
kommen!"
Sowohl Feinstein als auch ihr besiegter Gegner Seymour werden allgemein als gemäßigt eingestuft. Die
Kontrahenten Boxer-Herschensohn hingegen boten
dem Land den deutlichsten ideologischen Wettkampf.
Boxer, eine traditionelle Liberale, sprach sich in der
Wahlkampagne für einschneidende Kürzungen im
Verteidigungshaushalt, Umweltschutz, das Recht auf
Schwangerschaftsabbruch, für Rechte der Homosexuellen und gegen die Todesstrafe aus; Herschensohn
hatte zu praktisch jeder dieser Fragen entgegengesetzte Ansichten. Er verringerte Boxers Vorsprung in
den letzten Wochen vor der Wahl, indem er ihr vorwarf,
eine der Hauptnutznießerinnen der Vorzugsbehandlung von Abgeordneten durch die Kongreßbank gewesen zu sein.

D'Amato hat den Ruf, sich auf die praktischen Fragen
im Bundesstaat zu konzentrieren. In den letzten
Jahren mußte er sich wiederholt Beschuldigungen
sittenwidriger Verfehlungen stellen. Die beiden Kandidaten hielten eine Reihe lebhafter Debatten, in denen
sie sich gegenseitig neue Namen verpaßten; D'Amato
bezeichnete Abrams als "hofflungslos liberal", während Abrams den Senator einmal ärgerlich "Faschist"
nannte.
Der einzige demokratische Amtsinhaber, der nicht
wiedergewählt wurde, war Terry Sanford aus North
Carolina, der vermutlich aufgrund seiner ernsthaften
gesundheitlichen Probleme in den letzten Monaten
Verluste erlitt. Er wurde nur wenige Tage vor dem
Wahltermin aus dem Krankenhaus entlassen, nachdem er sich wegen einer Herzklappeninfektion einer
Operation unterzogen hatte.

Sanford unterlag dem Republikaner D.M. Faircloth,
einem vom Congressional Club unterstützten konservativen Geschäftsmann, einer von dem altgedienten,
ultrakonservativen Senator Jesse Helms gegründeten
In Kalifornien fanden Wahlen für zwei Sitze im Senat Organisation. Faircloth, ein ehemaliger Demokrat,
statt, da Seymourdie noch nicht ausgelaufene Amts- war früher ein enger Freund von Sanford. Er forderte
zeit des ehemaligen Senators Pete Wilson zu Ende die Einstellung der gesamten Auslandshilfe, mit Ausführte, der vor zwei Jahren ausschied, um Gouverneur nahme der Hilfe für humanitäre Zwecke, verlangte,
des Bundesstaates zu werden.
daß die Amerikaner arbeiten mü ßten, bevor sie Sozialhilfe erhalten könnten und ist ein Befürworter des
Die vierte neue Senatorin ist die Demokratin Patty
Schulgebets.
Murray aus dem Bundesstaat Washington, die als
"Mutti in Tennisschuhen" gegen den seit fünf Amtszei- Auf republikanischer Seite war abgesehen von Seyten amtierenden republikanischen Abgeordneten des mour in Kalifornien der zweimal gewählte Senator aus
Repräsentantenhauses, Rod Chandler, antrat. S«* Wisconsin, Robert Kasten, der einzige nicht wiedergewird dem Demokraten Brock Adams ablösen, der in wählte Amtsinhaber. Kasten verlor gegen den Demoden Ruhestand trm.
kraten Russell Feingold, einen jungen Senator des
In Maryland erreichte die demokratische Amtsinhabe- Bundesstaates, der erstaunlicherweise bei den Vorwahlen (tor Dsmokratischen Partei 70 Prozent der
rin Barbara Mikulski mühelos ihre Wiederwahl.
Stimme" aegen seme Deidcn bekannteren und finanzEine andere hochkarätige Kandidatin, die Demokratin kräftigeren v- "ner gewonnen hatte.
Lynn Yeakel, verlor knapp gegen Allen Specter, den
1
republikanischen Amtsinhaber aus Pennsylvania. Yeakel Feingold, 39, bezeichnete s** ' selbst als einen Außenbaute ihre Kampagne auf Specters aggressive Befra- seiter. Er sprach sich gegen so populäre Maßnahmen
gung von Frau Hill während der Anhörungen zur Bestä- wie einen Zusatzartikel zur Verfassung über einen
tigung von Thomas auf. Specter, der im Hinblick auf ausgeglichenen Haushalt, eine Begrenzung der Amtssoziale Fragen einschließlich des Rechts auf Schwan- zeiten von Kongreßabgeordneten und Steuersenkungerschaftsabbruchs als liberal eingestuft wird, gelang gen für die Mittelschicht aus.
es jedoch, sie als Schmalspurkandidatin hinzustellen. Das Rennen in Georgia endete mit einer Stichwahl, als
es Amtsinhaber Fowler nicht gelang, die nach den
In Colorado wurde Ben Nighthorse Campbell, ein
Farmer und väterlicherseits Cheyenne-indianischer Gesetzen des Bundesstaates für einen glatten Sieg
Abstammung, zum Kongreßabgeordneten gewählt. erforderlichen 50 Prozent auf sich zu vereinigen. Nach
Auszählung von 99 Prozent der Stimmen hatte Fowler
Er wird der einzige Indianer im Senat sein.
49,11 Prozent gegenüber 47,78 Prozent fürden RepuEine der schmutzigsten Kampagnen im Land endete blikaner Paul Coverdell, den ehemaligen Leiter des
mit einem der knappsten Rennen, als Alphonse Peace Corps. Ein dritter Kandidat, Jim Hudson, LiberD'Amato, der republikanische Kongreßabgeordnete tarian, schöpfte ungefähr 3 Prozent der Wählerstimaus New York, seinen demokratischen Herausforde- men ab.
rer, den Justizminister des Bundesstaate Robert AbZu den demokratischen Amtsinhabern, die ihre Sitze
rams, schlug.
behielten, gehören neben Mikulski auch Richard Shel-

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�by aus Alabama, Dale Bumpers aus Arkansas, Christopher Dodd aus Connecticut, Bob Graham aus Florida, Daniel Inouye aus Hawaii, Wendell Ford aus
Kentucky, Harry Reid aus Nevada, John Glenn aus
Ohio, Ernest Hollings aus South Carolina, Tom
Daschle aus South Dakota, Patrick Leahy aus Vermont und John Breaux aus Louisiana, der keinen Gegenkandidaten hatte.

heitspartei im Senat, Robert Dole aus Kansas, sowie
Frank Murkowski aus Alaska, John McCain aus Arizona, Dan Coats aus Indiana, Charles Grassley aus
Iowa, Kit Bond aus Missouri, Don Nickles aus Oklahoma und Bob Packwood aus Oregon.
Senatoren haben eine Amtszeit von sechs Jahren; alle
zwei Jahre wird ungefähr ein Drittel von ihnen neu
gewählt.

Zu den wiedergewählten Republikanern zählen neben
Specter und D'Amato der Fraktionsführer der Minder* * * *

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�WAHLEN

'92
11. November 1992

NEUE GESICHTER IM REPRÄSENTANTENHAUS
ABER GLEICHE KONTROLLE DER DEMOKRATEN
Große Parteimehrheit hilft Clinton
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Bill
Clinton erhofft sich eine gute parlamentarische Zusammenarbeit mit dem Repräsentantenhaus, das im
103. Kongreß die gleiche parteipolitische und ideologische Zusammensetzung aufweisen wird wie der scheidende 102. Kongreß.

teausschuß, Lee Hamilton, der wahrscheinlich Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten wird und der Wahlkampf manager der Demokraten, Vic Fazio.

Entgegen der weitverbreiteten Annahme, daß die Wähler
zur Abwahl ihrer Abgeordneten bereit waren, wurden
Die republikanische Minderheitsfraktion erreichte bei die meisten Amtsinhaber beider Parteien wiedergeden Wahlen am 3. November nicht die erhofften Gewinne, wählt. Durch die Abwahl von nur 24 Abgeordneten
so daß die demokratische Partei wie schon seit 1956 wurden somit 93 Prozent von ihnen wiedergewählt,
die überwältigende Mehrheit und uneingeschränkte wenn auch die meisten mit knapperen Wahlergebnissen nach Washington zurückkehren als je zuvor. Den
Kontrolle im Repräsentantenhaus behält.
größten Umbruch gab es vor den allgemeinen Wahlen
Das Haus weist jedoch eine neue demographische Zu- durch Niederlagen bei den Vorwahlen, Rücktritte im
sammensetzung mit mehr Frauen und Angehörigen Zuge von Skandalen und durch Eintritt in den Ruhevon Minderheiten auf als jemals zuvor. Dies bedeutet stand. Insgesamt wird es im Repräsentantenhaus 105
nicht zwangsläufig, daß es darauf vorbereitet ist, die neue Gesichtergeben. Und diese vielen neuen AbgeWirtschafts- und Haushaltsprobleme anzugehen, die ordneten wurden gewählt, ohne die Parteienlandschaft
als ausschlaggebende Gründe für die Wahlniederlage im Repräsentantenhaus großartig zu verändern.
von George Bush angesehen werden. Im Gegenteil,
dieser Wechsel im Kongreß kann zu einem vollständig Die demographische Zusammensetzung des Repräneuen Ausgabenprogramm führen, mitbestimmt von sentantenhauses hat sich jedoch verändert. Durch
Frauen und der Wählerschaft von Minderheiten mit den Umschwung ist die Zahl der weiblichen Abgeordlangfristigen Programmen für Gesundheitswesen, Aus- neten von 28 auf die Rekordzahl von 47 angestiegen.
Auch bei der Zahl der Afroamerikaner, die bald dem
bildung und Arbeitsplatzreformen.
Repräsentantenhaus beitreten werden, wurde ein
Die drei Demokraten, die im Repräsentantenhaus Rekord gebrochen - 38 im Gegensatz zu bisher 25.
führende Positionen einnehmen, wurden am 3. No- Das Gleiche gilt für Hispanoamerikaner: verglichen
vember alle wiedergewählt: der Sprecherdes Hauses, mit bisher 11 wurden 17 gewählt. Und schließlich geThomas Foley, der Fraktionsführer Richard Gephardt wannen vier Amerikaner asiatischer Abstammung
und sein Stellvertreter David Bonior. Foley erklärte am Mandate; falls der kalifornische Demokrat Mark Taka4. November, daß er das Haus zur Kooperation mit no siegt werden es sogar fünf sein. Eines der neuen
dem neuen Präsidenten veranlassen werde. "Ich bin Mitglieder ist der kalifornische Republikaner Jay Kim,
sehr zufrieden, daß wir... mit der Clinton-Administra- der erste aus Korea stammende Amerikaner im Kontion zusammenarbeiten", stellte der Sprecher fest. greß.
Robert Michel, der Fraktionschef der Republikaner,
wurde ebenso wiedergewählt wie sein Stellvertreter Anders als im Senat, in den jeder Bundesstaat zwei
Newt Gingrich.
Vertreter entsendet, ist die Vertretung im Repräsentantenhaus mit seinen 435 Mandaten streng proportioFührende demokratische Ausschußvorsitzende ha- nal und wird von den Parlamenten der Bundesstaaten
ben ebenfalls die Wahlen gewonnen: Jamie Whitten alle zehn Jahre den Ergebnissen der Volkszählungen
vom Bewilligungsausschuß, Les Aspin vom Streitkräf- angepaßt.

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�Die wachsende Kontrolle der Parlamente durch die
Republikaner führte in den letzten Jahren dazu, daß
Bezirksgrenzen zugunsten der republikanischen Kandidaten für das Repräsentantenhaus gezogen wurden. Zusätzlich zur Neufestsetzung der Bezirksgrenzen wurde in diesem Jahr eine sogenannte Neueinteilung vorgenommen, bei der einige Staaten, die einen
relativ größeren Bevölkerungsanteil dazugewonnen
haben, mehr Vertreter zugeteilt bekommen. Die meisten der dazugewonnenen Mandate wurden Staaten
im Süden und Westen zugesprochen, Gebiete, in
denen die Republikaner in der letzten Zeit gute Wahlergebnisse erziehen. Die Republikaner glaubten, daß
diese Neufestsetzung und Neueinteilung die Demokraten mindestens 25 Sitze ihrer bisherigen Mehrheit
im Repräsentantenhaus von 100 Sitzen kosten würde.

Die Demokraten werden im nächsten Jahr über 259
Mandate verfügen, die Republikaner über 175. Der
einsame Unabhängige, Vermonts einziger Abgeordneter, wurde wiedergewählt. Fünf Delegierte aus
Territorien in Übersee und Vertreter der Bundeshauptstadt Washington haben ebenfalls Sitze im Repräsentantenhaus, besitzen aber, außer in Ausschüssen,
kein Stimmrecht.

Die sichere Kontrolle der Mehrheit ist femer gewährleistet durch strenge Verfahrensregeln im Repräsentantenhaus, die dem Sprecher der Kammer große Vollmachten verleihen und der Minderheit jedes Recht
verweigern, die Verabschiedung von Gesetzen zu verzögern. Selbst wenn sich die Parteizugehörigkeit um
25 Sitze zugunsten der Republikaner verändert hätte,
wäre die demokratische Mehrheit immer noch so groß
Der wahre Mandatsverlust der Demokraten scheint gewesen, daß die Republikaner praktisch nur gegen
sich jedoch auf neun Mandate zu reduzieren, was zum den Willen der Mehrheit hätten protestieren können.
Teil in Clintons Popularität begründet ist, die die
Demokraten im Repräsentantenhaus in der Wahlkabi- Darüber hinaus wird sich die Frage des Überst immens
ne unterstützt. Diese "Sogwirkung" kompensierte die eines Vetos des Präsidenten nicht stellen. Das Weiße
Neufestsetzung der Wahlbezirksgrenzen und gab der Haus und der Kongreß werden von derselben Partei
neuen Administration praktisch eine Garantie, daß ihre geführt. In den nächsten vier Jahren wird es wohl nicht
Anträge vom Repräsentantenhaus genehmigt wer- zu der Pattsituation kommen, die von einem demokraden. Dies ist besonders bei Ausgaben- und Steueran- tischen Kongreß und einem republikanisch geführten
trägen wichtig, die im Repräsentantenhaus initiiert Weißen Haus ausgeht - eine Pattsituation, die die
Präsidentschaften von Ronald Reagan und George
werden.
Bush bestimmte.
Selbst Skandale der Poststelle und der Bank des von
Demokraten geleiteten Repräsentantenhauses während des letzten Jahres haben sich nicht in Gewinne für
die Republikaner ummünzen lassen.

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11. November 1992

AMTSZEITBEGRENZUNG FÜR GEWÄHLTE
AMTSTRÄGER WEITGEHEND GEBILLIGT
Abstimmungen über Abtreibung, Homosexualität und Sterbehilfe
WASHINGTON - (AD) - Bei den Wahlen vom 3.
November sprachen sich die Wähler mit überwältigender Mehrheit für eine Begrenzung der Amtszeit ihrer
Abgeordneten auf nationaler und bundesstaatlicher
Ebene aus und stimmten fürdas Recht auf Abtreibung,
lehnten jedoch in einer großen Anzahl von Initiativen
und Volksabstimmungen die Sterbehilfe ab.

In zwei Bundesstaaten wurde über das umstrittene
Recht auf Abtreibung abgestimmt. In Arizona wurde
der Vorschlag, einen Schwangerschaftsabbruch nur
dann zu erlauben, wenn das Leben der Mutter in
Gefahr ist, mit 69 gegenüber 31 Prozent zurückgewiesen. In Maryland sprachen sich die Wählergegen eine
Einmischung des Staates in das Recht der Frau, eine
Abtreibung vorzunehmen, aus.

Bei den Wahlen in 15 der 50 Bundesstaaten sollte die
Anzahl der Jahre, die Abgeordnete und Senatoren
künftig im Amt bleiben dürfen, begrenzt werden. Die
gebilligten Beschränkungen fürden Kongreß betragen
zwölf Jahre für die Senatoren und sechs bis zwölf
Jahre für die Abgeordneten des Repräsentantenhauses, abhängig vom jeweiligen Bundesstaat.

Der Antrag 161 aus Kalifornien, der unheilbar Kranken
eine vom Arzt unterstützte Sterbehilfe ermöglichen
sollte, wurde mit 54 gegenüber 46 Prozent zurückgewiesen. Die Gegner der kalifornischen "Gesetzesvorlage über einen Tod in Würde", von denen viele Ärzteverbänden und kirchlichen Vereinigungen angehören,
vertreten die Ansicht, daß der Vorschlag nicht die zur
Für die Begrenzung der Amtszeit sprachen sich die Verhinderung einer übereilten Entscheidung aufgrund
Wähler in den Staaten Arizona, Arkansas, Kalifornien, einer falschen Diagnose oder einer Depression nötiFlorida, Michigan, Missouri, Montana, Nebraska, North- gen Vorsichtsmaßnahmen enthält.
Dakota, Ohio, Oregon, Rhode Island, South-Dakota,
Washington und Wyoming aus. Einzig im Staat Colo- Am Wahltag wurde in Bundesstaaten im ganzen Land
rado waren vorher schon Gesetze über Amtszeitbe- über insgesamt 232 Fragen abgestimmt. Wichtige
grenzungen für die beiden Häuser des Kongresses Fragen betrafen u.a. die Todesstrafe, die Rechte
erlassen worden, aber diese werden erst im Jahr 2002 Homosexueller, die Umwelt, das Glücksspiel, Mitsprain Kraft treten. Die Bundesstaaten Oklahoma und che im Erziehungswesen, Steuern und GleichberechKalifornien hatten einer Begrenzung der Amtszeit von tigung.
Kongreßabgeordneten im Jahr 1990 zugestimmt.
In zwei Bundesstaaten und in der Bundeshauptstadt
Washington
wurde über die Todesstrafe abgestimmt.
Die Befürworter der Amtszeitbegrenzung vertreten die
In
Arizona
sprachen
sich die Wähler fü r die TodesspritAnsicht, daß gewählte Volksvertreter nicht so leicht
ze
anstelle
der
Gaskammer
bei der Vollstreckung der
von Interessengruppen und Sorgen um ihre WiederTodesstrafe
aus.
In
New
Jersey
wurde die Todesstrawahl beeinflußt werden, wenn ihre Amtszeit begrenzt
fe
für
Verbrechen
ohne
Tötungsvorsatz
gebilligt. Die
ist. Ralph Nader vom Verbraucherschutz lobte die
Wähler
in
der
Bundeshauptstadt
Washington
spraAmtszeitbegrenzung als eine Möglichkeit, die "bequechen
sich
mit
überwältigender
Mehrheit
gegen
einen
men Beziehungen zwischen Lobbyisten bestimmter
Interessengruppen und Politikern auf Lebenszeit" zu Vorschlag zur Wiedereinführung der Todesstrafe für
Mord aus, der bei den Afroamerikanern auf heftigen
beenden.
Widerstand gestoßen war.
Einige Kritiker behaupteten jedoch, daß es gegen die
Verfassung verstoße, wenn die Bundesstaaten die Die Initiativen zu den Rechten Homosexueller fanden
Dauer der Amtszeit vorschrieben, und regten an, daß während der Wahlen ein gemischtes Echo. Die Wähler
die Angelegenheit vor den Obersten Gerichtshof ge- in Oregon lehnten es mit 56 gegenüber 44 Prozent ab,
Homosexualität als "anormal, schlecht, unnatürlich
bracht werden solle.

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�oder pervers" zu bezeichnen und staatliche Gelder zu
sperren, die "Homosexualität, Pädophilie, Sadismus
oder Masochismus fördern, bestärken oder erleichtem." In Portland im Bundesstaat Maine unterstützten
die Wähler einen Erlaß, der Homosexuelle vor Diskriminierung im Wohnungswesen, auf dem Arbeitsmarkt,
bei der Vergabe von Darlehen und öffentlichen Geldern schützt. Die Wähler in Colorado sprachen sich für
ein Verbot von Gesetzen auf bundesstaatlicher oder
kommunaler Ebene zum Schutz der Rechte Homosexuellerund gegen zuvor in Aspen, Boulderund Denver
beschlossene Schutzmaßnahmen aus. In Florida
setzten Bürger aus Tampa einen Erlaß über die Rechte Homosexueller außer Kraft.

gegen eine nicht rechtsverbindliche Volksbefragung,
um das Glücksspiel in Spielkasinos zu verbieten. Utah
sprach sich gegen Totoveranstaltungen auf Rennplätzen aus. South-Dakota jedoch stimmte gegen eine
Maßnahme zum Verbot von Videolotteriespielen,
Missouri billigte Glücksspiel auf den Flußdampfem.
Sowohl in Kentucky als auch in Oklahoma stimmten
die Wähler für eine Erlaubnis von Glücksspiel für
wohltätige Zwecke. In Mississippi wurde eine Aufhebung des Verbots von Lotteriespiel befürwortet und
Nebraska sprach sich für das Lotteriespiel aus. Man
erwartete, daß die Maßnahmen in Georgia für ein
staatliches Lotteriespiel angenommen würden.

Weitere wichtige von den Wählern in den Vereinigten
Auch über Umweltfragen wurde in einigen Staaten Staaten angenommene Beschlüsse:
abgestimmt. In Massachusetts sprach man sich gegen
Arizona war der letzte der 50 Bundesstaaten, in
die Verpflichtung zur Verwendung wiederverwertbarer
dem man sich für die Einhaltung eines staatliVerpackungen und gegen eine Verbrauchssteuer auf
chen Feiertages und des Bürgerrechtstages
giftige Chemikalien und einige Mineralölprodukte aus.
zum Gedenken an Martin Luther King ausIn Ohio stimmte man gegen die Forderung, Giftstoffe
sprach.
mit Warnetiketten zu versehen und die Nachbarn vor
möglichen Gefahren durch Giftstoffhersteller in ihrer
Die Wähler in Massachusetts beschlossen, die
Nähe zu warnen. Die Wähler in Oregon stimmten
Tabaksteuer von 25 auf 51 Prozent anzuheben,
gegen die Schließung des einzigen Kernkraftwerks
womit sie die höchste Tabaksteuer im ganzen
des Bundesstaates. In Alabama wurde beschlossen,
Land haben.
ein staatliches Programm für den Ankauf und Schutz
von natürlichen Lebensräumen ins Leben zu rufen und
In New Mexico wurde eine Gesetzesvorlage
in South-Dakota beschloß man eine Beschränkung
über die Beteiligung von Verbrechensopfern an
der Ausbeutung der Gold- und Silbervorkommen an
der strafrechtlichen Verfolgung der Täter angeder Erdoberfläche in den Black Hills.
nommen. Auch Illinois, Kansas und Missouri
billigten Vorlagen zum Schutz der Opfer von
In einigen Staaten befaßte man sich mit dem GlücksVerbrechen.
spiel. In Idaho wurde ein Verbot von Spielkasinos
beschlossen. Auf den Jungferninseln stimmte man
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�WAHLEN

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11. November 1992

DIE AMERIKANISCHEN PRASIDENTSCHAFTSWAHLEN
Amerikanische Pressestimmen
Eine Reihe amerikanischer Zeitungen befaßte sich in Leitartikeln mit den Präsidentschaftswahlen vom 3.
November. Nachfolgend einige Auszüge aus den Kommentaren.

New York Times
In der amerikanischen Öffentlichkeit wurde gestern vor
allem der Ruf nach einer Wende laut. Durch ihr
zahlenmäßiges Aufgebot sandten die Wähler eine
eindrucksvolle Botschaft. Die Flutwelle, die in all die
Kirchen und Schulen schwappte, war die Verkörperung der Ungeduld der Öffentlichkeit, sogar ihres Ärgers,
über den von Wirtschaft und Regierung eingeschlagenen Kurs.
All das läuft auf einen Sieg gewaltigen, aber dennoch
unbedeutenden Ausmaßes hinaus. Der Test jetzt wird
sein, wie schnell es dem gewählten Präsidenten gelingt, sein Mandat in neue Impulse umzusetzen.
Wenn ihn nicht dasselbe Schicksal ereilen soll wie
Jimmy Carter, den letzten Präsidenten der Demokratischen Partei, der die Nachfolge einer gescheiterten
Administration der Republikaner antrat, dann wird er
sich ein paar ganz klare Ziele setzen und schnell
handeln müssen, um sie zu erreichen, bevor es zu spät
ist...
Los Angeles Times
Die Kraft des Wandels machte sich letzte Nacht mit
dem Knall eines Überschallflugzeugs bemerkbar.
Plötzlich waren 12 Jahre Ronald Reagan und George
Bush - und ihr Anteil an bemerkenswerten Erfolgen
und Fehlschlägen - Geschichte geworden. Plötzlich
wird eine neue Persönlichkeit, die relativ jung, außerhalb von Arkansas relativ unbekannt, aber zweifellos
intelligent, talentiert, scharfsinnig und außerordentlich
entschlossen ist, der neue Oberkommandierende der
Streitkräfte, führende Politiker der westlichen Welt und
42. Präsident der Vereinigten Staaten...

de amerikanische Wirtschaft... Clinton wird einen
kühnen Wirtschaftsplan mit genau festgelegten Prioritäten ausarbeiten und dafür Unterstützung gewinnen
müssen, um das Haushaltsdefizit zu bewältigen, eine
neue Politik der Reindustrialisierung auszuarbeiten,
sich mit der Gesundheitsfürsorge zu befassen und bei
der Freihandelszone mit Mexiko und ähnlichen Gelegenheiten Fortschritte zu erzielen. Präsident Clinton
wird auch helfen müssen, Amerika wieder zusammenzubringen.
Wall Street Journal
Die Wirtschaft stand während der Wahlkampagne an
erster Stelle, und sie wieder in Gang zu bringen wird für
Präsident Clinton an erster Stelle stehen. Was auch
immer die gestrigen Wahlen bewirkt haben, sie haben
vielleicht den Bann des Fiaskos mit den Spar- und
Darlehensbanken gebrochen und werden der in den
letzten Zügen liegenden Wirtschaft wieder Luft zum
Atmen verschaffen.
Baltimore Sun
Er (Clinton) wird zu einem Zeitpunkt ins Weiße Haus
einziehen, an dem sich der Übergang von einer Kriegswirtschaft zu einer Friedenswirtschaft in einer schmerzlichen Rezessionsphase befindet. Sein Instinkt - der
Instinkt seiner Demokratischen Partei - sagt ihm, daß
seine Regierung zur Wiederherstellung der Lebensfähigkeit des Landes eine aktive Politik betreiben muß.
Jedoch wird die enorme Staatsverschuldung Clinton in
seinen Möglichkeiten einschränken. Seine Aufgabe
besteht in nichts Geringerem als der Wiederherstellung des Vertrauens der Amerikaner in ihre eigenen
Fähigkeiten.
Miami Herald

Die stärkste Kraft bei dieser Wahl waren nicht etwa die
Persönlichkeit oder der Charakter von Clinton oder
Bush, sondern die in großen Schwierigkeiten stecken-

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Bill Clinton wurde gestern unter der Prämisse zum 42.
Präsidenten der Vereinigten Staaten gewährt, daß

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�man vor einem Wechsel nicht nur keine Angst zu qualitäten werden erforderlich sein. Wirtschaftliche
haben braucht, sondern daß er stattfinden muß, wenn Fortschritte müssen erzielt werden. Wir müssen unser
der amerikanische Traum weiterbestehen soll.
Haushaftsdefizit reduzieren. Unser Bildungssystem
muß unbedingt verbessert und ein bezahlbares GeAber versteht das amerikanische Volk, das mit der sundheitssystem zugänglich gemacht werden...
Wahl von Bill Clinton von dieser Prämisse ausging, Angesichts der Tragweite der wirtschaftlichen und
daß auch Ross Perot recht hatte, als er sagte, der sozialen Herausforderungen muß es Clinton gelingen,
Amerikanische Traum könne nicht ohne Schmerzen die Aktivitäten der Amerikaner freizusetzen.
und ohne Opfer aller wiederbelebt werden? Man kann
nur hoffen, daß es so ist. Wenn das der Fall ist, und Times-Dispatch aus Richmond (Virginia)
sich Bill Clinton mit Weitsicht und Engagement der
Werkzeuge bedient, die die Amerikaner ihm gegeben George Bush ist der letzte Präsident seiner Generahaben, dann könnte seine Präsidentschaft zu einer tion. Amerika wird nie wieder einen Präsidenten
Zeit der nationalen Neuentdeckung, Neuorientierung haben, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat... Warum
verlor Bush die Wahlen? "Hier handelt es sich wohl um
und der Neudefinition werden.
einen Mangel an Kommunikation'', sagte schon der
Star-Telegram aus Fort Worth
Wächter in dem Film 'Cool Hand Luke'. Mit Ausnahme
der angespannten Wochen vor der Operation WüstenUm des gewählten Präsidenten Clinton willen, und sturm gelang es Bush nicht, das Grundprinzip seiner
mehr noch um unserer selbst willen, müssen wir alle Präsidentschaft darzulegen. Die Einzelteile der Politik
beten, daß sein Selbstvertrauen begründet ist. Wir seiner Administration waren größer als die Gesamtmüssen hoffen, daß seine Ideen zur Verbesserung der summe. Aber Bush präsentierte sie nie als ein zusamwirtschaftlichen Situation auf einer festen Grundlage menhängendes Ganzes.
stehen. Wir müssen wirklich hoffen, daß es ihm
gelingen wird, Amerika wieder Vertrauen an sich selbst Philadelphia Daily News
als einen Motor für den Wohlstand und eine Bastion
Bill Clinton ist bemerkenswert schnell und intelligent
der Gerechtigkeit zu geben.
und auf praktisch jedes Thema voll und ganz vorbereitet.
Er kann die Menschen auf eine Art und Weise
Press Herald aus Portland (Maine)
erreichen, wie es nur den talentiertesten Politikern
Clinton wird nach 16 Jahren wieder der erste Präsident gelingt.
sein, der im Einvernehmen mit einem von seiner
eigenen Partei kontrollierten Kongreß regiert.
Er weiß, daß die vor uns liegenden Fragen komplexe,
verworrene und schwierige Probleme beinharten, wie
Das ist ein bedeutsamer Wandel, der das Potential für zum Beispiel den Übergang von einer Kriegswirtschaft
eine starke Führungsrolle beinhaltet. Und Führungs- zu einer Wirtschaft, die nützliche Dinge produziert...
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�GATT
11. November 1992

USA VERHÄNGEN HANDELSSANKTIONEN GEGEN EG
Eine Übersicht der US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Der folgende Text ist eine am 5. November 1992 vom Büro der amerikanischen
Handelsbeauftragten herausgegebene Übersicht, die darlegt, warum die Vereinigten Staaten infolge des
ungelösten Handelskonflikts mit der Europäischen Gemeinschaft über deren Ölsaatensubventionen bestimmte
Produkte der EG mit Strafzöllen belegen werden.
Als Reaktion auf die Weigerung der Europäischen
Gemeinschaft, sich bei ihren Ölsaatensubventionen
an die Regeln des GATT zu halten, hat die amerikanische Handelsbeauftragte Carla Hills heute angekündigt, daß die Vereinigten Staaten Handelskonzessionen zurückziehen und Importe von Weißwein, Rapsöl
und Weizenkleber aus der EG mit Strafzöllen belegen
werden.

Die amerikanische Regierung schätzt, daß sich der
den amerikanischen Ölsaatenproduzenten aufgrund
der EG-Subventionen zugefügte Schaden auf jährlich
ungefähr 1 Milliarde US-Dollar beläuft. Sollten weitere
Schritte erforderlich sein, könnten die Vereinigten Staaten
Waren sowohl von der heute herausgegebenen als
auch von der am 12. Juni veröffentlichten Liste mit
Strafzöllen belegen.

Diese Produkte haben in den USA einen durchschnittlichen jährlichen Importwert von ungefähr 300 Millionen Dollar und wurden von einer Warenliste im Gesamtwert von 2 Milliarden Dollar ausgewählt, die am
12. Juni 1992 im amerikanischen Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. Die amerikanische Zollbehörde wird
die Produkte ab dem 5. Dezember 1992 mit einem
Strafzoll von 200 Prozent belegen.

Ein Gremium des GATT hat zweimal festgestellt, daß
die Ölsaatensubventionen der Europäischen Gemeinschaft die Vergünstigungen beeinträchtigen, die den
Vereinigten Staaten unter den ihnen von der EG
garantierten Bestimmungen über Zollfreiheit für Ölsaaten zustehen. Die Vereinigten Staaten haben ihren
Willen bekundet, die Festsetzung des ihnen geschuldeten Betrages einer Schiedsinstanz zu überlassen;
die EG hat ein solches Verfahren jedoch zurückgewiesen.

"Wir bedauern, daß wir zu solchen Maßnahmen gezwungen wurden", erklärte Hills. "Die EG hat sich fünf
Jahre lang geweigert, sich den Vereinigten Staaten
gegenüber an die internationalen Handelsbestimmungen zu halten. Hier stehen die Glaubwürdigkeit und die
Funktionsfähigkeit des GATT auf dem Spiel."

Auf dem gestrigen Treffen des GATT-Rates in Genf
hat die EG ein Ersuchen der Vereinigten Staaten
zurückgewiesen, dem GATT die Aufhebung von Zollvergünstigungen, die uns im Rahmen der GATT-Bestimmungen zusteht, zu überlassen. Die Vereinigten
"Wir haben au ßerordentliche Geduld gezeigt und sind Staaten haben die EG erneut aufgefordert, einen
in den 30 Tagen vor Verhängung der Strafzölle für Schiedsspruch über den dem amerikanischen Handel
weitere Verhandlungen offen", so Hills. "Angesichts zugefügten Schaden zu akzeptieren, aber diese weider Handelsnachteile für die Vereinigten Staaten sehen gerte sich erneut.
wir uns jedoch zu weiteren kompensatorischen MaßDie Vereinigten Staaten hatten die Verhandlungen mit
nahmen gezwungen."
der Europäischen Gemeinschaft im Rahmen des GATT
Hills gab heute auch eine Liste mit zusätzlichen Pro- im Jahr 1988 aufgenommen, nachdem die Amerikanidukten der EG frei, die die USA mit Strafzöllen belegen sche Sojabohnenvereinigung gemäß Paragraph 301
werden, falls die Verhandlungen mit der EG nicht zu der EG vorgeworfen hatte, ihre Ölsaatensubventionen
angemessenen Reformen führen. Diese Produkte schadeten den amerikanischen Exporteuren und verhaben einen durchschnittlichen jährlichen Importwert letzten die Bestimmungen über Zollfreiheit.
von ungefähr 1,7 Milliarden Dollar. Die Liste sowie eine
Bitte um Stellungnahme der Öffentlichkeit werden am Nachdem ein GATT-Ausschuß im Jahr 1989 eine
10. November 1992 im Bundesregister veröffentlicht. Entscheidung zugunsten der Vereinigten Staaten

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�etroffen hatte, stimmte die EG einer Änderung ihrer
Hsaatenpolitik zu, um sich an die Empfehlungen des
BGATT-Ausschusses
zu halten. Derselbe Ausschuß

- Die EG ergriff nicht die für das Erntejahr 1991
erforderlichen Maßnahmen. Am 24. Mai 1991 gab die
EG bekannt, sie würde die Empfehlungen des Ausstellte im März diesen Jahres fest, daß die von der EG schusses in ihrer neuen öisaatenpolitik ab dem 31.
vorgenommenen Abänderungen die Beeinträchtigun- Oktober 1991 umsetzen und die Reformen würden
gen nicht beseitigten und empfahl der EG eine unver- sich auf alle im Jahr 1992 und danach geernteten
zügliche Änderung ihrer Öisaatenpolitik.
Ölsaaten beziehen.
Seitdem haben die Vereinigten Staaten sowohl in
direkten Verhandlungen als auch im Rahmen des
GATT mit der EG zusammen nach einer Lösung
gesucht. Die EG war jedoch nicht bereit, die für die
Befolgung der Entscheidungen des GATT-Ausschusses notwendigen Schritte einzuleiten.
"Diese Maßnahmen werden nicht unsere entschiedenen Bemühungen beeinträchtigen, zu einer Einigung
im Rahmen der Uruguay-Runde zu gelangen", stellte
Frau Hills fest. "Die Vereinigten Staaten bleiben
weiterhin einem starken und funktionierenden GATTSystem verpflichtet. Tatsächlich würde die Glaubwürdigkeit des GATT in Frage gestellt, wenn wir diese
Maßnahmen nicht ergreifen würden."

- Nach Überprüfung der vorgeschlagenen neuen Regime
kamen die Vereinigten Staaten zu dem Schluß, daß
die Reformen nicht den Entscheidungen des Ausschusses Genüge leisteten. Daraufhin schlugen sie
vor, daß der ursprüngliche Ausschuß nochmals zusammenkommen sollte, um festzustellen, ob die von
der EG vorgeschlagene Politik die Entscheidungen
des Ausschusses in die Tat umsetzen würde.
- Am 16. März 1992 stellte der nochmals zusammengetretene Ausschuß seinen Bericht vor, in dem bestätigt wird, daß das neue Regime der EG weiterhin die
Zugeständnisse über Zollvergünstigungen für Ölsaaten verletzt.

- Der erneut zusammengetretene Ausschuß empfahl
Die heutige Ankündigung wird am 10. November 1992 der EG, unverzüglich diese Beeinträchtigung entweim Bundesanzeiger veröffentlicht.
der durch eine Änderung ihres neuen Beihilfesystems
oder durch Neuverhandlungen über ZollvergünstigunÜbersicht der amerikanischen Handelsbeauftrag- gen für Ölsaaten unter Artikel XXVIII zu beseitigen.
ten: Ölsaaten
- Auf dem Treffen des GATT-Rates im April 1992 wies
- Am 16. Dezember 1987 reichte die amerikanische die EG darauf hin, daß sie noch nicht bereit sei, auf die
Sojabohnenvereinigung gemäß Paragraph 302 des eine oder andere Art zu handeln. Aus diesem Grund
Handelsgesetzes von 1974 ein Gesuch ein, in dem sie veröffentlichten die Vereinigten Staaten eine Meldung
vorbrachte, daß die Öisaatenpolitik der Europäischen im Bundesanzeiger, in der sie um Stellungnahme der
Gemeinschaft den Vereinigten Staaten die ihnen unter Öffentlichkeit zu dem Vorschlag baten, die Zölle auf
dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) Warenimporte aus der EG in die USA zu erhöhen.
zustehenden Rechte und Vergünstigungen streitig
machte.
- Auf dem Treffen des GATT-Rates im Juni 1992 bat
d«* EC um die Genehmigung, ihre Zollvergünstigun- Am 5. Januar 1988 leitete die Handelsbeauftragie gen für ^'saaten unter Artikel XXVIII Absatz 4 der
eine Untersuchung dieser Praktiken ein.
GATT-Bestimmungen neu zu verhandeln, die sie auch
- Nachdem der Disput auch durch umfassende Konsul- erhielt.
tationen nicht beigelegt werden konnte, baten die
Vereinigten Staaten um die Einsetzung eines Schlichtungsausschusses im Rahmen des GATT.

- Zwischen den Vereinigten Staaten und der EG fanden gemäß den Bestimmungen von Artikel XXVIII
Absatz 4 vier Treffen statt. Die EG versäumte es
jedoch,
ein Angebot zu untenbreiten oder zu akzeptie- Der GATT-Ausschuß stellte im Jahr 1989 fest, daß
ren,
das
ihren Verpflichtungen im Rahmen des GATT
die ölsaatensubventionen der EG die Vergünstigunentsprechen
oder die Vereinigten Staaten für die fortgen beeinträchtigen, die den Vereinigten Staaten unter
gesetzte
Beeinträchtigung
entschädigen würde.
den ihnen von der EG im Rahmen des GATT garantierten Bestimmungen über Zollfreiheit auf Ölsaaten zu- - Auf dem Treffen des GATT-Rates im September
stehen. Der Ausschuß empfahl der EG, sich an die 1992 bat die EG um die Einsetzung eines ArbeitsausGATT-Bestimmungen zu halten und die Verletzung schusses zur Überprüfung der Verhandlungen von
der Zollzugeständnisse einzustellen.
Artikel XXVIII Absatz 4. Die Vereinigten Staaten und
- Am 25. Januar 1990 nahm der GATT-Rat den Bericht andere Exporteure von Ölsaaten wiesen den Vordes Ausschusses übereinstimmend an und der Vertre- schlag der EG zurück, da er nur zu weiteren Verzögeter der EG bekräftigte die Absicht der EG, sich an die rungen ohne konkrete Ergebnisse geführt hätte.
Empfehlungen des Ausschusses zu halten. Die EG
ließ verlauten, daß die notwendigen Maßnahmen im
Emtejahr 1991 ergriffen würden.

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- Auf demselben Treffen des GATT-Rates ersuchten
die Vereinigten Staaten die EG, einer bindenden
Schiedsentscheidung über die Festsetzung des den
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�Amerikanern aufgrund der europäischen ölsaatensubventionen zugefügten Schadens zuzustimmen. Die
EG wies diesen Vorschlag der Vereinigten Staaten
zurück.

Schiedsinstanz verbindlich festsetzen zu lassen. Die
EG ging hierauf nicht ein. Die Vereinigten Staaten
beantragten eine Genehmigung des GATT für eine
Zurücknahme der Vergünstigungen, was ihr Recht ist,
aber die EG gab keine Unterstützung für die übereinstimmende Erteilung einer solchen Genehmigung.

- Nach dem Treffen des GATT-Rates im September
führten die Vereinigten Staaten intensive Verhandlungen mit der EG über das Problem der Ölsaaten. Der - Die Vereinigten Staaten schätzen, daß sich der
EG ist es noch nicht gelungen, eine akzeptable Lösung weltweit aufgrund der Politik der EG entstandene
anzubieten.
Schaden auf ungefähr 2 Milliarden Dollar beläuft; die
amerikanische Industrie verliert jährlich ungefähr 1
- Auf dem Treffen des GATT-Rates am 4. November Milliarde Dollar. Nach den Schätzungen der EG be1992 wiederholten die Vereinigten Staaten ihr Ersu- läuft sich der Schaden weltweit auf weniger als 400
chen, die Höhe des entstandenen Schadens von einer Millionen Dollar.

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                <text>&lt;strong&gt;1. Übergangsteam&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vernon Jordan, Warren Christopher leiten Übergangsteam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unterstützen Clinton bei Auswahl des Vizepräsidentschaftskandidaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bürgerrechtsaktivist und Rechtsanwalt leitet Clintons Übergangsteam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Vernon Jordan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Altgedienter Diplomat und Rechtsanwalt an der Spitze des Übergangsteams&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Warren Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rennen um Senatssitze: mehr Frauen und mehr ethnische Vielfalt im Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Größerer Vorsprung der Demokraten; die meisten Amtsinhaber gewinnen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Gesichter im Repräsentantenhaus aber gleiche Kontrolle der Demokraten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Große Parteimehrheit hat Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amtszeitbegrenzung für gewählte Amtsträger weitgehend gebilligt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Abstimmungen über Abtreibung, Homosexualität und Sterbehilfe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA verhängen Handelssanktionen gegen EG&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht der US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
— * -

4. November 1992

*£'•

S&gt;~

PRÄSIDENT CLINTON

BILL CLINTON: DER 42. PRÄSIDENT DER
VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Porträt des neugewählten Präsidenten

VIZEPRÄSIDENT GORE

VIZEPRÄSIDENT AL GORE
Porträt des neugewählten Vizepräsidenten

US-AUSSENPOLITIK

CLINTON VERSPRICHT KONTINUITÄT IN
US-AUSSENPOLITIK
Erklärung in Little Rock am 4. November

GUS-HILFE

NEUE AMERIKANISCHE INITIATIVEN BEI
KONFERENZ IN TOKIO BEKANNTGEGEBEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

RUSSLAND

WARUM DIE VEREINIGTEN STAATEN EIN
STARKES RUSSLAND WOLLEN
von Paul Wolfowitz

START

START-VERTRAGSPARTNER VEREINBAREN
VERFAHRENSREGELN FÜR JCIC
Gemeinsame Presseerklärung

VIETNAM

BUSH: ABKOMMEN ZWISCHEN USA UND
VIETNAM ÜBER VERMISSTE/KRIEGSGEFANGENE "BEDEUTSAM"
Schritte zur Verbesserung der Beziehungen
erwogen

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFT MUSS INTERNATIONAL DENKEN
von Nicholas F. Brady

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�PRÄSIDENT

CLINTON
4. November 1992

BILL CLINTON: DER 42. PRÄSIDENT DER
VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Porträt des neugewählten Präsidenten
"Meine Vision gilt einer in friedlichem Handel vereinten
Welt. Einer Welt, in der die Nationen zunehmend
wirtschaftlich und immer weniger militärisch miteinander konkurrieren. Einer Welt dynamischen, marktorientierten Wachstums, das die Kluft zwischen arm
und reich verringert. Einer Welt, die sich zunehmend
für Demokratie, Toleranz für die Vielfalt und die Wahrung der Menschenrechte engagiert. Einer Welt, die
sich vereint den gemeinsamen Feinden der Menschheit entgegenstellt: Krieg, Armut, Unwissen, Krankheiten und Umweltzerstörung. Einer Welt, die wir
unseren Kindern und deren Kindern in dem Wissen
übergeben können, daß wir gemeinsam den neuen
Pflichten dieser neuen Welt und dieses neuen Zeitalters gerecht geworden sind."
Bill Clinton ist der 42. Präsident der Vereinigten Staaten. Mit 46 Jahren ist er der jüngste Amtsinhaber seit
John Fitzgerald Kennedy (1961-1963), und er ist der
erste nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Präsident
- eine klare Zäsur zwischen seiner Generation und der
seines Vorgängers George Bush. Als ehemaliger
Gouverneur von Arkansas ist er überdies der fünfte
amtierende Gouverneur, dem in diesem Jahrhundert
der Einzug ins Weiße Haus gelang.

Chancen - Verantwortung
Diese Schlüsselbegriffe zogen sich wie ein roter Faden
durch seine Reden. Der neue Präsident betonte
darüber hinaus die entscheidende Verbindung zwischen Innen- und Außenpolitik in einem veränderten
Zeitalter nach dem Kalten Krieg. "In einer Welt der
Veränderungen", erklärte er in einer Rede vordem Los
Angeles World Affairs Council, "ergibt sich Sicherheit
aus Initiative, nicht aus Nichtstun... In diesem neuen
Zeitalter sind unsere erste außenpolitische Priorität
und unser wichtigstes innenpolitisches Anliegen ein
und dasselbe: die Wiederbelebung unserer Wirtschaft. Amerika muß seine wirtschaftliche Stärke
wiedergewinnen, um seine eigentliche Rolle als führende Kraft der Welt auszufüllen. Die Welt braucht ein
starkes Amerika, und die Stärke Amerikas beginnt hier
im Inland."

Präsident Clinton war 12 Jahre lang Gouverneur des
weitgehend ländlichen Bundesstaates Arkansas. Sein
Ansatz in der Regierung, seine Ideen für neue Maßnahmen und Programme wurden von seinen Bemühungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen dort geprägt. Er wuchs in einer Kleinstadt in
Arkansas auf, verließ später jedoch den Staat, um eine
erstklassige Ausbildung an der Georgetown University
Ein neues Programm
(Washington D.C.), in Oxford und an der Yale UniverPräsident Clintons Wahlkampf stand unter dem Leit- sity (New Haven, Connecticut) zu absolvieren. Er
gedanken, "den Menschen in den Mittelpunkt zu stel- vergaß jedoch nie seine Herkunft und schlug Möglichlen". Er war der Ansicht, daß die Bundesregierung zur keiten aus, die ihm aufgrund der hervorragenden
Ankurbelung der lahmenden amerikanischen Konjunk- Ausbildung gegeben waren, um nach Arkansas zutur in Aus- und Fortbildung, Entwicklung von Arbeits- rückzukehren und dort am öffentlichen Leben teilzuplätzen, medizinische Versorgung und eine Vielzahl nehmen.
anderer sozialer und wirtschaftlicher Programme investieren müsse, die darauf abzielen, den Menschen die Ein Sohn von Arkansas
Möglichkeit zu geben, produktive Mitbürger zu werden. Gleichzeitig forderte er die Amerikaner auf, mit Präsident Clinton bringt in sein Amt eine starke BodenPflichtbewußtsein der Gesellschaft etwas zurückzu- ständigkeit mit. Er wuchs in bescheidenen Verhältnisgeben, wenn sie Hilfe vom Staat in Anspruch genom- sen auf - eine Tatsache, die den meisten Amerikanern
vor seiner Nominierung beim demokratischen Konvent
men hätten.
im Juli 1992 unbekannt war. Die Öffentlichkeit nahm

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�fälschlicherweise an, seine Ausbildung in Georgetown, Oxford und Yale habe eine privilegierte Kindheit
bedeutet. Privilegiert war sie jedoch nur aufgrund des
reichhaltigen Gemeindelebens, das er in Hope (Arkansas) mit seinen 10.000 Einwohnern erlebte - wo das
größte gesellschaftliche Ereignis das jährliche Wassermelonenfest war und das höchste Gebäude die
baptistische Kirche - und später in dem Urlaubsort Hot
Springs (36.000 Einwohner), in dem er die Oberschule
besuchte.
Bill Clinton kam drei Monate nach dem Tod seines
Vaters durch einen Autounfall als William Jefferson
Blythe IV am 19. August 1946 in Hope zur Welt. Kurz
darauf wurde er den Großeltern zur Betreuung anvertraut, als seine Mutter eine Ausbildung zur Fachkrankenschwester für Anästhesie aufnahm. Die Zeiten
waren hart in Hope. Sein Großvater verdiente sich
mühsam seinen Lebensunterhalt mit einem kleinen
Gemischtwarenladen in einem armen, rassisch gemischten Viertel, und die Familie lebte in einem bescheidenen Haus. Der junge Bill verbrachte Stunden
in dem Geschäft seines Großvaters und lernte dort
eine grundlegende Lektion für den Umgang mit Menschen. "Wissen Sie, woher mein Engagement kommt,
Menschen ohne Ansehen der Rasse zusammenzuführen? Es begann alles mit meinem Großvater."

kandidierte. Clinton warbei den Wahlen so erfolgreich,
daß die Schulverwaltung die Regeln änderte, um die
Zahl der Ämter zu begrenzen, die ein Schüler innehaben konnte. "Bill war die Art von Mensch", sagte einmal
einer seiner Klassenkameraden, "der auf jeden neuen
Schüler zuging und sagte: 'Hallo, wie geht es Dir? Ich
heiße Bill Clinton und kandidiere gerade für etwas',
was auch immer es sein mochte. Wir dachten immer,
Bill werde eines Tages Präsident werden."
Aber trotz Clintons unermüdlicher Aktivität besserte
sich die häusliche Lage nicht. Nach einem besonders
schweren Zwischenfall stellte sich Clinton, der inzwischen zu kräftiger Statur herangewachsen war (er ist
1,88 Meter groß), seinem Stiefvater entgegen und
verbot ihm, seine Mutter je wieder zu schlagen. Selbst
dabei zeigte er noch ein für ihn bezeichnendes Gefühl
des Mitleids für den Benachteiligten. Seine Mutter
erinnerte sich folgendermaßen an diese Szene: "Er
bat seinen Vater, den einzigen Vater, den er kannte,
aufzustehen, denn er müsse ihm etwas sagen. Und
als der dafür ziemlich lange brauchte, sagte er zu ihm:
'Daddy, wenn Du nicht aufstehen kannst, werde ich Dir
helfen, aber aufstehen mußt Du, um anzuhören, was
ich Dir zu sagen habe.'"

"Wenn die Kunden meines Großvaters - ob sie nun
Weiße oder Schwarze waren -, die hart arbeiteten und
ihr Bestes gaben, ohne Geld in den Laden kamen,
dann gab er ihnen auch so etwas zu essen. Er schrieb
nur an", erklärte Clinton. "Ich tat desgleichen. Bevor
ich groß genug war, um über die Ladentheke sehen zu
können, lernte ich von ihm, zu Leuten aufzublicken, auf
die andere herabblickten."

In einer von Alkoholismus zerrissenen Familie zu
leben, hatte grundlegenden Einfluß auf Bill Clinton. Er
wurde zum Versöhner, zum Vermittler. "In einer
Alkoholikerfamilie wuchs ich mit wesentlich größerem
Einfühlungsvermögen für die Probleme anderer Menschen auf als der Durchschnittsbürger", stellte Clinton
fest. "Ich wurde deshalb viel selbständiger und härter
als ich sonst vielleicht geworden wäre. Und ich habe
gute Fähigkeiten entwickelt, um Menschen zusammenzuhalten und zu versuchen, Probleme zu lösen."

1950 heiratete Clintons Mutter Roger Clinton, einen
Autohändler, dessen Namen Clinton später annahm,
und die Familie zog nach Hot Springs, 128 Kilometer
nordöstlich von Hope. Hot Springs war eine größere,
kosmopolitischere Stadt mit einem Heilbad, einer
Rennstrecke und dem größten illegalen Spielbetrieb
des Südens. Von Hot Springs wurde behauptet, es
vereine die baptistische Moral der Kleinstädte von
Arkansas mit weltlicher Toleranz. Die Clintons lebten
in Hot Springs ein für die Mittelschicht typisches
komfortables Leben, aber in der Familie gab es ein
dunkles Geheimnis: Roger Clinton, ansonsten ein
anständiger, liebenswürdiger Mensch, war Alkoholiker
und neigte zu Gewaltausbrüchen.

In der Cbcrsch-j'0 hatte Clinton die für Jugendliche
typischen Zioie. Er wollte Arzt, Journalist oder Musiker
werden. Aber im Sommer 1963 prägte ein Handschlag
sein weiteres Leben. Es geschah in Washington,
wohin er als Vertreter von Arkansas bei Boy's Nation,
einem von der nationalen Veteranenorganisation
American Legion veranstalteten Programm für Schüler zur Vermittlung von Führungsqualitäten entsandt
wurde. Zu dem Programm gehörte auch eine Einladung in den Rosengarten des Weißen Hauses zu
einem Treffen mit dem Präsidenten. Ein Photograph
hielt den Augenblick, in dem der 17jährige Clinton
Präsident John F. Kennedy vorgestellt wurde, im Bild
fest.

Um der Unruhe des Familienlebens zu entfliehen,
widmete sich Clinton voll und ganz der Schule und
Aktivitäten in der Gemeinde. Er war ein Genie in
Mathematik und einer der besten in Latein. Er spielte
Saxophon in der Schulkapelle. Er war ein begeisterter
Pfadfinder. Jeden Sonntag sang er im Kirchenchorder
Baptisten. Zur Kirche ging er allein ohne Begleitung
seiner Eltern, die lieber ausschliefen. Er war ein
geselliger junger Mensch, der gern für Schulämter

"Als er zurückkehrte", berichtete seine Mutter, "war
das erste, was er tat, seine Tasche zu öffnen und mir
sein Bild vom Handschlag mit Präsident Kennedy zu
geben. Etwas stand ihm ins Gesicht geschrieben, und
ich zweifelte nie daran, was er später einmal tun
würde."

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Aber wenn auch seine politischen Ambitionen an diesem Tag Gestalt angenommen haben mögen, es
AMERIKA DIENST 44

�lagen noch viele Jahre der Vorbereitung vor ihm, die
mit dem Besuch des Colleges begannen. Clinton
lehnte ein Stipendium für ein Musikstudium an der
Louisiana State University ab und schrieb sich an der
Georgetown University ein. Ihr Standort: die Hauptstadt Washington. Näher konnte ein junger Mann aus
Arkansas dem Regierungssitz nicht kommen.

Bundesstaat aufnehmen? Clintons Charme, seine
Energie und sein gesunder Menschenverstand überbrückten die Kluft. "Ich erinnere mich daran, wie Bill in
der Long Hall Hof hielt, in der wir unser Essen einzunehmen pflegten", erläutert ein Mitstipendiat aus den
Vereinigten Staaten. Die englischen Studenten waren
von Bill überausfasziniert under ebenso von ihnen. Es
war üblich, nicht einfach zu essen und dann rasch
Studienjahre
wieder zu gehen, sondern zu essen und zu reden und
über die Ereignisse des Tages zu diskutieren, bis wir
Clinton traf im Herbst 1964 an der Georgetown Univeraus dem Speisesaal geworfen wurden. Bill war stets
sity ein, und es störte ihn nicht im gerigsten, daß er ein
mitten in diesen Gesprächen, und er war dort unBaptist aus dem Süden war, der sich anschickte, an
schwer der populärste Student."
einer von Jesuiten geleiteten Universität zu studieren.
Mehr noch, der Kontakt mit dem Katholizismus und Die Freunde, die sich Clinton - besonders unter den
anderen Religionen steigerte seine religiöse Sensibili- amerikanischen Studenten - in Oxford erwarb, stehen
tät. Einer seiner Lehrer, Pater Sebes, der ein Seminar ihm nach wie vor zur Seite. So bezieht er viele seiner
in vergleichender Religionswissenschaft abhielt, hin- Ansichten über Wirtschaftsfragen von Robert Reich,
terließ bei Clinton einen besonderen Eindruck. "Pater einem politischen Ökonomen an der Harvard UniversiSebes vermittelte mir ein Gefühl für etwas, das ich als ty. "Wir haben in Oxford ein Gespräch begonnen, das
die natürliche Religiosität des Menschen betrachte", seither fortgesetzt wurde", stellte Reich fest. "Bill
erklärte Clinton. "Wir beschäftigten uns mit all diesen Clinton wurde mit jedem Buch und Papier belastet, das
Kulturen und all ihren Religionen, und ganz gleich, wie ich jemals geschrieben habe. Und zu meinem Erstauverschieden sie auch sein mochten, war es doch nen hat er tatsächlich das meiste davon gelesen und
offensichtlich, daß sie alle danach hungerten, über die aufgenommen."
vergänglichen Dinge hinaus, die die meisten von uns
im Großteil unseres Lebens in Anspruch nehmen, Clinton kehrte im Jahr 1970 in die Vereinigten Staaten
einen Sinn in ihrem Leben auszumachen. Ich entwik- zurück und nahm ein Jurastudium an der Yale Univerkelte ein wirklich tiefes Verständnis für diese Tatsa- sity auf. Dort traf er seine spätere Frau, Hillary
Rodham, die ebenfalls Jura studierte und zu den
che."
besten Studenten ihres Jahrgangs gehörte. Sie heiraWährend des Studiums in Georgetown arbeitete Clin- teten 1975 und haben eine 12jährige Tochter, Chelton zeitweise für Senator J. William Fulbright aus sea.
Arkansas, einen glühenden Internationalisten (und
Begründer des gleichnamigen Austauschprogramms) Während seines Jurastudiums beteiligte sich Clinton
und lautstarken Gegner des Vietnamkrieges. Clinton auch an Wahlkämpfen. Er half Joseph Duffy, einem
selbst lehnte den Krieg aus moralischen Gründen ab. gegen den Krieg eingestellten Demokraten in Connec"Meine Gefühle gegen den Krieg waren für mich zu ticut, bei dessen Wahlkampf für den Senat im Jahr
Beginn besonders schmerzlich, weil ich das Militär 1970. Duffy verlor, aber er gewann den dritten Konniemals grundsätzlich so ablehnte, wie das bei vielen greßwahlkreis, für den Clinton zuständig war. Dann,
anderen der Fall war", so Clinton. (Clinton hat nie beim im Herbst 1972, fuhren Clinton und sein Kommilitone
Militär gedient. Seine heimatliche Einberufungskom- Taylor Branch nach Texas, um dort den Präsidentmission stellte ihn wegen seines Studiums zurück, und schaftswahlkampf von Senator George McGovern zu
später zog er in der Wehrdienstlotterie eine Nummer, leiten, einem weiteren demokratischen Kriegsgegner.
die hoch genug war, um jede Möglichkeit einer Einbe- Es war sein erster Kontakt mit einer politischen Kamrufung auszuschließen.)
pagne, und er war dabei erfolgreich. "Bill war mir
voraus, indem er erkannt hatte, daß Politik viel damit
Nachdem er sein Studium 1968 mit einem Examen in zutun hatte, wie Menschen miteinander umgehen, und
internationalen Angelegenheiten abgeschlossen hat- indem er verstand, wie einzelne Menschen arbeiten",
te, erhielt Clinton ein prestigeträchtiges Rhodes-Sti- erklärte Branch. "Er wußte, wie man Menschen erpendium für einen zweijährigen Studienaufenthalt in reicht, wie man auf ihre Stärken und Schwächen
Oxford. Rhodes-Stipendien wurden an Studenten mit eingeht. Politik ist die Liebe zu den Menschen und zum
"moralischerCharakterstärke, die sie für Führungsauf- Prozeß. Bill war dafür eine Naturbegabung."
gaben befähigt" sowie "literarischen und akademischen Leistungen" vergeben, die aus ehemaligen Clinton beendete 1973 erfolgreich sein Jurastudium
Mitgliedsländern des britischen Weltreiches kommen. und hatte sich damit eine Reihe von BefähigungsnachClinton war einer von 32 Amerikanern, die unter 1.200 weisen erworben - Georgetown, Rhodes-Stipendium,
Bewerbern ausgewählt wurden.
Jurastudium in Yale -, die ihm nahezu uneingeschränkten Zugang zu den höchsten Stellen in Rechtswesen,
Oxford zieht einige der brillantesten Studenten der Wirtschaft oder der Verwaltung der Bundesregierung
Welt an. Wie würden sie diesen großen, ungestümen garantierten. Aber er lehnte alle Angebote ab und
jungen Mann aus einem obskuren amerikanischen
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�strebte nicht nach hochbezahlten Stellungen. "Alles,
was ich tun wollte, war, nach Hause zurückzukehren.
Ich überlegte mir, daß ich in Hot Springs als Rechtsanwalt praktizieren und sehen wollte, ob ich für ein Amt
kandidieren könnte."

schiedet, die eine schwache Staatsregierung vorsah:
eine zweijährige Amtszeit für den Gouverneur, ein
Parlament, das jedes zweite Jahr für neunzig Tage
zusammentritt und keine Erhöhung der Einkommensteuern - in anderen Bundesstaaten eine wichtige
Finanzierungsquelle - ohne Zweidrittelmehrheit im
Gouverneur von Arkansas
Parlament. Diese Regeln konnten einen aktiven
Gouverneur, der Bill Clinton sicherlich sein wollte,
Statt nach Hot Springs ging der 27jährige Clinton nach
ernsthaft behindern.
Fay etteville, wo er eine Assistenzprofessur für Rechtswissenschaft an der University of Arkansas annahm Clinton trat sein Amt mit einem Programm für jedes
und unter anderem Seerecht lehrte. 1974 kandidierte Problem von der Energieversorgung über das Biler zum ersten Mal für ein Wahlamt. In jenem Jahr dungswesen bis zu wirtschaftlicher Entwicklung an.
schien der populäre republikanische Kongreßabge- Eine der wichtigsten Prioritäten Clintons war der Ausordnete, der die Region Fayetteville vertrat, verwund- bau der Autobahnen des Bundesstaates. Um dieses
bar zu sein - zumindest in den Augen Bill Clintons. Programm zu finanzieren, erhöhte er die MineralölRichard Nixon war kurz zuvor wegen des Watergate- steuer und Zulassungsgebühren. In einem BundesSkandals vom Amt des Präsidenten zurückgetreten, staat, in dem viele Menschen alte Autos fahren und
und ein schwerer Rückschlag für die Republikaner deren Ver- oder Ankauf beinahe als Sport betrachten,
schien unvermeidbar. Da kein ortsansässiger Demo- trieben diese Erhöhungen die Wähler auf die Barrikakrat zu einer Kandidatur bereit war, bewarb sich Clin- den. Es gab noch andere Fehltritte: eine Gruppe
ton mit der Hilfe von Dutzenden von Jurastudenten. Er junger, hartgesottener Mitarbeiter des Gouverneurs,
führte einen tatkräftigen Wahlkampf, aber er verlor. deren Verhalten manche der gestandenen Politiker
Trotzdem erhielt er48,5 Prozent der Wählerstimmen - empörte, sowie erfolglose Auseinandersetzungen mit
genug, um ihn als Politiker mit Zukunft auszuweisen. verschiedenen mächtigen Interessenvertretern der
Wirtschaft dieses Bundesstaates.
Zwei Jahre später kandidierte Clinton für das Amt des
Generalstaatsanwalts des Bundesstaates und wurde Das Fazit war, daß Clinton im Kampf um seine Wiederohne republikanischen Gegenkandidaten gewählt. In wahl im Jahr 1980 eine schwere Niederlage erlitt und
diesem Amt erwarb er sich einen Ruf als Verbraucher- damit der jüngste Ex-Governeur in der Geschichte der
anwalt, weil er die Strom- und Telefongebühren nied- Vereinigten Staaten wurde. "Viele Wähler in Arkansas
rig hielt und das Werbeverbot für Produkte wie Brillen verglichen diese Wahl mit einer politischen Ohrfeige",
aufhob, um den Preiswettbewerb anzukurbeln. Dann, meinte ein Beobachter. "Bill war ihr Junge, aber er war
im Jahr 1978, schlug er in einem harten Vorwahlkampf ein wenig zu aufsässig geworden."
vier andere Demokraten und wurde zum Kandidaten
der Demokratischen Partei für den Posten des Gou- Obwohl die Niederlage Clinton erschütterte, tat er
verneurs nominiert. Der Ausgang der Wahl war aus- üiwas, wozu nur wönige Politiker fähig sind. Er reiste
gemachte Sache in einem Bundesstaat, in dem in querdurch den Staat und fragte die Menschen, was er
hundert Jahren nur ein republikanischer Gouverneur falsch gemacht habe, warum sie ihn nicht mehr gegewählt worden war. Der 32jährige Clinton gewann wählt hätten. Hillary Clinton, die damals Sozius in einer
problemlos und wurde der jüngste Gouverneur des Anwaltskanzlei in Arkansas war und sich mit BildungsLandes seit 1938.
themen und Fragen der Fürsorge für Kinder beschäftigt hatte, erinnerte sich an mehrere dieser "SuperArkansas besitzt ein fruchtbares Tiefland am Missis- marktbeichten", wie sie es nannte. "Die Leutetraten an
sippi, Nadelwälder, einen Gebirgszug sowie ein hüge- Bill heran und sagten, sie hätten gegen ihn gestimmt,
liges Plateau, die Ozarks. Bei Clintons Regierungsan- fänden es jedoch schade, daß er verloren habe, und er
tritt als Gouverneur hatte der Staat etwa 2,4 Millionen entgegnete ihnen, daß er dies verstehe und es tue ihm
Einwohner, von denen 83 Prozent Weiße und 13 leid, daß er ihnen nicht besser zugehört habe."
Prozent Schwarze waren (von denen die meisten in
einem südlichen Gürtel lebten, zu dem auch Hope Als geläuterter Mann kandidierte Clinton 1982 für die
gehörte).
Wiederwahl und gewann. "Ich habe schmerzhaft
gelernt", erklärte Clinton, "daß man wirklich Prioritäten
In gewissem Maß wirkt sich der Bürgerkrieg (1861 - 65) setzen und diese den Menschen verdeutlichen muß.
immer noch auf die Politik von Arkansas aus. Arkan- Man muß die Leute für etwas gewinnen. Und um dies
sas kämpfte auf der Seite der Sklavenhalterstaaten zu tun, muß man Zeit opfern, um ihnen zuzuhören."
des Südens. Nach dem Krieg wurde der Staat von den
Truppen der Bundesregierung besetzt, die eine Staats- Als er ins Amt zurückkehrte, war Gouverneur Clintons
regierung von gegen den Süden eingestellten Republi- wichtigste Priorität die Verbesserung des Bildungssykanern unterstützten. Nach dem Abzug der Truppen stems. Bei den Leistungen im Bildungswesen stand
wählte man in Arkansas Demokraten in die Ämter des Arkansas bundesweit an letzter Stelle, und sein StaatsBundesstaats, und es wurde eine Verfassung verab- gerichtshof hatte das System der Schulfinanzierung
Sehe4

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�für verfassungswidrig erklärt. Clinton rief eine Kom- Clinton aufzubringen. "Es war eine von mehreren
mission von Bildungsexperten und betroffenen Bür- Erfahrungen aus dieser Amtszeit, die mir verdeutlichgern ins Leben, die ein Paket zur Verbesserung des ten, wie wichtig es war, gegnerische Parteien zusamBildungssystems erarbeiten sollte. Sie veranstaltete menzuführen, um einen echten Wandel zu bewirken,
in jedem Winkel des Staates Anhörungen und gab anstatt die Menschen zu polarisieren und für die eine
jedem die Gelegenheit, sich zu äußern, wie die Schu- oder andere Seite Stellung zu beziehen, was häufig zu
len von Arkansas verbessert werden sollten.
einer Lähmung von Regierungsprogrammen führt und
nicht zu Fortschritten", stellte Clinton fest.
Das schließlich zusammengestellte Paket beinhaltete
erhebliche Gehaltserhöhungen für die Lehrer, Bera- Unter Clintons Führung haben sich die Bedingungen in
tungsdienste für die Schüler in Grundschulen sowie Arkansas im Lauf des letzten Jahrzehnts langsam
der Unter- und Mittelstufe von Oberschulen (Dienstlei- aber meßbar verbessert. Clinton meinte dazu: "Ich
stungen, die für gewöhnlich nur Oberstufenschülern habe unsere Steuerbelastung in Prozent vom Einkomzuteil wurden), eine Begrenzung der Klassenhöchst- men - bei Staats- und Gemeindesteuern - so niedrig
stärken sowie Prüfungen für Studenten, in denen belassen, daß wir zu den fünf Staaten mit den geringgewisse Mindestanforderungen zu erfüllen waren. Die sten Steuern gehören. Beim Anteil der Mittel, die wir
Lehrervereinigung, eine mächtige politische Kraft, stimm- in die Bildung stecken, stehen wir landesweit an dritter
te dem uneingeschränkt zu.
Stelle, beim Verhältnis Computer pro Kind in den
Schulen stehen wir an fünfter Stelle. Bei der Zahl der
Bei den Anhörungen hatte Clinton jedoch eine ständig Collegestudenten rangieren wir über dem Durchschnitt,
wiederkehrende Klage vernommen. Einige Teilneh- obwohl wir einkommensmäßig an 47. Stelle stehen."
mer brachten den Gedanken zur Sprache, daß einige
Lehrer unfähig seien und schlugen vor, der gesamte Er hat Arkansas nicht regiert, ohne Aufmerksamkeit zu
Lehrkörper des Staates solle überprüft werden, um erregen. In einer Umfragedes Jahres 1991 wurdendie
diese auszusondern. Da dieses bildungspolitische Gouverneure des Landes befragt, welchen Kollegen
Paket der Zustimmung des Parlaments bedurfte und sie als effektivsten einstufen würden. Clinton erhielt
die Erhöhung der Verkaufssteuer um einem Cent mehr Stimmen (39 Prozent) als jeder andere.
erforderte, fügte Clinton eine Vorschrift hinzu, derzufolge Lehrer ihre Befähigung nachweisen mußten. Die Aktivitäten auf nationaler Ebene
Lehrervereinigung lehnte dies ab, konnte aberden von
Clinton im Parlament hergestellten Konsens nicht Clinton gehörte zwei politischen Gruppen außerhalb
aufheben. Die Bildungsreform wurde mit der Rege- von Arkansas an. Als Gouverneur war er Mitglied der
lung zur Überprüfung der Lehrer verabschiedet - das Nationalen Gouverneursvereinigung (National Govererste Programm dieser Art im ganzen Land. Es wird nors' Association), deren Stab in Washington beim
als Clintons hervorragendste gesetzgeberische Lei- Kongreß und der Administration für die Interessen der
stung des Jahrzehnts und nationales Modell für Bil- Bundesstaaten eintritt. Darüber hinaus wirkte er 1985
dungsreformen in anderen Bundesstaaten betrachtet. bei der Gründung des Demokratischen Führungsrats
(Democratic Leadership Council - DLC) mit, einer
Clinton dirigierte noch weitere soziale Programme Gruppe besorgter Demokraten, die sich nach den
durch das Staatsparlament - Initiativen, die das Bil- katastrophalen Wahlniederlagen in den Präsidentendungsniveau, die Qualifikationen und das Wohlerge- wahlen von 1980 und 1984 für die politische Neudefihen der Bürger von Arkansas verbessern sollten, nition der Demokraten als Partei der Mitte beziehungsdamit sie auf dem Markt konkurrieren und einen höhe- weise für eine konservativere politische Ausrichtung
ren Lebensstandard genießen konnten. Debatten engagierten. In jeder dieser Organisationen spielte er
über die Einzelheiten seiner Politik waren seine Stär- eine Führungsrolle und äu ßerte sich dadurch zu natioke, und häufig trat er bei Anhörungen vor Ausschüssen nalen Fragen, was ihn im ganzen Land bekannt machauf oder verwickelte Abgeordnete in den Korridoren in te.
Diskussionen. Häufig vermittelte er zwischen gegenDer DLC erwies sich als besonders hervorragendes
sätzlichen Interessen und versuchte, einen gemeinsaElement. Er unterhielt eine Denkfabrik in Washington,
men Nenner zu finden. Für die Beteiligten war dies
die das Magazin The New Democrat herausgab, und
eine anstrengende Erfahrung. "Wenn man mit Bill
regte ansonsten Diskussionen über die künftige RichClinton verhandelt", so ein Abgeordneter, "dann sollte
tung der Demokratischen Partei an. Viele der von ihm
man seine Hausaufgaben gemacht haben. Sein
befürworteten Maßnahmen deckten sich mit den BilGedächtnis ist phänomenal."
dungs- und Sozialhilfeprogrammen, die Clinton in
Vor allem jedoch erlaubte Clinton seiner Administra- Arkansas verwirklichte. Als Vorsitzender des DLC
tion nie, beim Eintreten für ein Vorhaben eine kontro- bereiste er 1990 monatelang 35 Staaten, unterrichtete
verse Position einzunehmen. Sein junger Mitarbeiter- Demokraten über den DLC und förderte die Gründung
stab hatte dies während seiner ersten Amtszeit gegen- von DLC-Unterorganisationen in den Bundesstaaten.
über der mächtigen Holzindustrie versucht, ohne viel "Diese Reisen waren für seine Entwicklung zum Präsibewirken zu können, außer, diese Branche gegen dentschaftskandidaten sehr wichtig", erklärt der VorAMERIKA DIENST 44

Seite 5

�Standsvorsitzende des DLC. Im Mai 1991 war er
Hauptredner beim Jahrestreffen des DLC in Cleveland
(Ohio). Wie häufig der Fall bei ihm, benutzte er für
seine Ansprache Aufzeichnungen, die im Rhythmus
baptistischer Predigten des Südens abgefaßt waren er hielt einen Diskurs über Chancen und Pflichten, über
Investitionen in Humankapital, Themen, denen er sich
in Arkansas gewidmet hatte.

Außenpolitik

Was internationale Fragen anbelangt, betont Präsident Clinton oft, daß die Position der Vereinigten
Staaten in der Welt in ihrer Starke zu Hause wurzelt. In
einer maßgeblichen Rede über außenpolitische Fragen im Dezember 1991 vor der Georgetown University
sagte er: "Es besteht kein Zweifel daran, daß in der
heutigen Welt Außen- und Innenpolitik untrennbar
"Meines Erachtens wurde er in Cleveland von der sind. Wenn wir zu Hause nicht stark sind, können wir
politischen Welt entdeckt, als er eine Rede hielt, die nicht führend in der Welt sein, zu der wir doch so viel
allgemein als die beste des Jahres betrachtet wurde", beigetragen haben. Und wenn wir uns aus der Welt
erklärte einer der Zuhörer. "Es wurde sofort offenkun- zurückziehen, dann schadet das unserer Wirtschaft zu
dig, daß Clinton für das Amt des Präsidenten kandidie- Hause."
ren konnte, wenn er dies wollte."
Präsident Clinton wird auch daran arbeiten, die demoClinton selbst hatte 1988 eine Kandidatur erwogen, als kratischen Werte zu fördern. "Die Verteidigung der
der führende demokratische Kandidat ins Straucheln Freiheit und die Unterstützung für die Demokratie auf
kam. Aufgrund der Erinnerung an seine von Unsicher- der ganzen Welt reflektieren nicht nur die tief in uns
heit geprägte Kindheit kam er jedoch zu dem Schluß, verwurzelten Werte," sagte Clinton vor der Georgedie Ablenkungen eines nationalen Wahlkampfs wür- town University. "Sie sind für unsere nationalen Interden seiner siebenjährigen Tochter schaden. "Geistig essen lebenswichtig. Demokratie bedeutet, daß Nawar ich zu 100 Prozent zu einer Bewerbung entschlos- tionen in Frieden miteinander leben, daß sie für die
sen, aber emotional war ich das nicht", stellte er fest. Ideen der anderen und für den Handel mit den anderen
offen sind."
Bis 1992 war Clinton jedoch zu der Überzeugung
gelangt, daß für ihn die einzige Möglichkeit, Arkansas Daher beabsichtigt Präsident Clinton, entstehende
- und anderen unter ungünstigen Wirtschaftsbedin- institutionelle Strukturen zu fördern, die denjenigen
gungen leidenden Bundesstaaten - zu helfen, darin Ländern helfen, die mit dem Übergang zur Demokratie
bestand, zu kandidieren. Nach Konsultationen mit und zu freien Märkten zu kämpfen haben. In einer
seinen Beratern und seiner Frau gab Clinton vor dem Ansprache im Jahr 1992 legte er Einzelheiten seiner
Old State House in Little Rock (Arkansas) am 3. außenpolitischen Ansichten dar:
Oktober 1991 seine Kandidatur für das Präsidenienamt bekannt. Im Juli 1992 wurde er nach dem Sieg "Meine wichtigste Priorität im Bereich der Au ßenpolitik
in einer zermürbenden fünfmonatigen Vorwahlkam- wird darin bestehen, die wirtschaftliche Lebensfähigpagne gegen mächtige Konkurrenz als Präsident- keit Amerikas wiederherzustellen. Ich habe eine Strategie entworfen, um das Ausbildungsniveau unserer
schaftskandidat nominiert.
Bürger zu verbessern, die Produktivität zu erhöhen,
Seine Nominierungsrede umfaßte die Wahlkampfthe- Innovationen und Investitionen zu fördern, die Staatsmen, die er der amerikanischen Öffentlichkeit anbot, verschuldung zu verringern und uns zur stärksten
und deutete auf seine Prioritäten als Präsident hin.
Handelsmacht der Welt zu machen. Ich werde im
Bereich der Au ßenpolitik mehr Gewicht auf wirtschaft"Wir benötigen einen neuen Ansatz für die Regierung", liche Aspekte legen und einen Wirtschaftlichen Sichererklärte er und erläuterte, was er als Präsident anders heitsrat, ähnlich dem Nationalen Sicherheitsrat, schafmachen werde. "Eine Regierung, die mehr Selbstän- fen....
digkeit und weniger Anspruchsberechtigung bietet,
mehr Wahlmöglichkeiten für junge Menschen in den Die zweite Erfordernis einer führenden Rolle des Präöffentlichen Schulen und mehr Wahlmöglichkeiten für sidenten in diesem neuen Zeitalter besteht darin, die
ältere Mitbürger und Menschen mit Behinderungen, mächtige weltweite Bewegung hin zu Demokratie und
die langfristigerer Pflege bedürfen. Eine Regierung, zur Marktwirtschaft zu stärken. Unsere strategischen
die gestrafft ist, aber nicht unfreundlicher. Eine Regie- Interessen und moralischen Werte sind beide in dierung, die die Chancen erhöht und nicht Bürokratie sem Ziel verwurzelt. Wenn wir zur Verbreitung der
verstärkt. Eine Regierung, die versteht, daß Arbeits- Demokratie beitragen, dann erhöht das unsere Sicherplätze aus dem Wachstum eines dynamischen Sy- heit und die unserer Verbündeten. Demokratien fühstems freien Unternehmertums entstehen.
ren nur selten miteinander Krieg oder unterstützen den
Terrorismus. Sie stellen verläßlichere Partner im
Arbeitsplätze, Gesundheitsfürsorge, Bildungswesen. Bereich des Handels und der Diplomatie dar. Eine
Diese Verpflichtungen sind mein Lebenswerk. Unsere wachsende Marktwirtschaft erhöht die Chancen des
Prioritäten sind klar. Wir müssen den Menschen in den Einzelnen und die Toleranz der Gesellschaft....
Mittelpunkt stellen."

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�"Meine Administration wird sich für die Demokratie
einsetzen. Wir werden die internationale Hilfe an neu
entstehende, schwache Demokratien in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa unterstützen und ein
Demokratie-Corps schaffen, das ihnen hilft, freie Institutionen zu entwickeln. Und wir werden weiterhin
Druck auf Südafrika ausüben, bis der Tag wirklicher
Demokratie anbricht.... Wir werden die demokratischen Kräfte auf Haiti, in Peru und in der ganzen
westlichen Hemisphäre unterstützen. Und wir werden
die Vereinigten Staaten zu einem Katalysator für eine
gemeinsame Ablehnung von Aggression machen."
Zweifellos glaubt Präsident Clinton, daß die Außenpolitik der USA nicht von den moralischen Grundsätzen
getrennt werden kann, die dem Großteil aller Amerikaner gemeinsam sind. "Wir können uns nicht darüber
hinwegsetzen, wie andere Regierungen die Menschen
in ihrem Land behandeln, ob die Institutionen in ihrem
Land demokratischer oder repressiver Natur sind, ob
sie illegales Verhalten jenseits ihrer Grenzen ermuntern oder eindämmen," sagte Clinton im Jahr 1991 vor
der Georgetown University. Das bedeutet nicht, soder
Präsident, daß die Vereinigten Staaten lediglich mit
demokratischen Ländern Beziehungen unterhalten
sollten; vielmehr sollten die Vereinigten Staaten gewillt
sein, ihre diplomatische und wirtschaftliche Macht zu
nutzen, um Anreize zum Aufbau von Demokratien und
zu marktwirtschaftlichen Reformen auf der ganzen
Welt zu geben und sogar Auslandshilfe und Maßnahmen zur Schuldenreduzierung an sichtbaren Fortschritt zu binden.
"Ich habe eine neue Strategie für das amerikanische
Engagement verlangt, im Ausland die Ausbreitung der
Demokratie und ihre Festigung zu fördern," so Clinton.
"Eine solche Strategie kann man nicht nur nach Bedarf
oder halbherzig verfolgen.... Das bedeutet, daß wir
politischer Unterdrückung in ganz Afrika genauso
entschieden Einhalt gebieten wie politischer Unterdrückung in Asien oder im Nahen Osten. Und das
bedeutet auch, daß wir den Opfern des Krieges in
Westafrika und Somalia ebensolche Unterstützung
gewähren, wie wir es bei den Opfern des Krieges im
ehemaligen Jugoslawien tun."

essen zu schützen sowie die überlegene Technologie
und die Streitkräfte bereitzustellen, die der entscheidende Garant für die Freiheit sind."
Der Präsident will verkleinerte, flexiblere Streitkräfte,
die sich auf regionale Bedrohungen konzentrieren. Er
plant, die Produktion des B-2 Bombers anzuhalten und
Geld von der Strategischen Verteidigungsinitiative (oft
"Krieg der Sterne" genannt) abzuziehen und einem
begrenzten Raketenverteidigungsprogramm im Rahmen des ABM-Vertrages zuzuführen. Er möchte die
Atomwaffenarsenale des Landes durch Verhandlungen und andere Aktionen auf der Grundlage der
Gegenseitigkeit reduzieren. "Wir sollten die Programme beenden oder einschränken, die das Ziel haben,
der sowjetischen Bedrohung zu begegnen," sagte
Clinton. Er wird aufbauend auf den im Golfkrieg
gemachten Erfahrungen die Beteiligung Amerikas an
der Schnellen Eingreiftruppe der UNO untersuchen.
Da das Land seine Militäreinrichtungen reduziert, hofft
Präsident Clinton, Offiziere und Soldaten zur Erfüllung
der zahlreichen notwendigen Aufgaben im Land heranziehen zu können. "Unsere Bürger in Uniform
gehören zu den am besten Ausgebildeten in den
Bereichen, die für uns am wichtigsten sind," sagte
Clinton. "Wir müssen dieses Humankapital in unsere
arbeitende Bevölkerung und sogar in unsere Schulen
bringen, vielleicht durch die teilweise Nutzung unserer
Reservistenzentren und geschlossenen Stützpunkte
für auf der Gesellschaft basierende Erziehungs- und
Ausbildungsprogramme."
Innenpolitik

Präsident Clintons immer wiederkehrendes Thema im
Bereich der Innenpolitik war die Notwendigkeit, Amerikas wirtschaftliche Grundlage wieder neu aufzubauen. Im Programm Clintons wird dazu aufgerufen, mehr
Arbeitsplätze für die Amerikaner zu schaffen, indem
die Infrastruktur des Landes (d.h. sein Verkehrs- und
Erziehungssystem) erneuert wird, Gelder aus dem
Verteidigungshaushalt für notwendige Aufgaben im
Inland abgezweigt, die Städte neu belebt, private Investitionen angeregt und die Exporte verstärkt werden.
Es belohnt Arbeit durch eine Reduzierung der Steuerlast
der Mittelschicht und durch Einschnitte im jetzigen
Sicherheit und Verteidigung
Sozialhilfesystem, um die Menschen von Sozialhilfe
Präsident Clinton wird Amerikas militärisches Einsatz- unabhängig zu machen und ihnen Arbeit zu geben.
konzept neu bewerten, um es einer Welt anzupassen, "Wir werden die Aus- und Fortbildung und medizinidie nicht länger durch den Kalten Krieg geteilt ist. "Wir sche Versorgung anbieten, die Sie brauchen," verhaben jetzt nicht länger den Auftrag, eine expansioni- sprach Clinton denen, die von der Sozialhilfe abhängig
stische Sowjetunion einzudämmen," sagte er. "Aber sind, "aber wenn Sie arbeiten können, dann werden
dauerhafte Aufgaben bestehen: Die atomare Ab- Sie arbeiten gehen müssen, denn sie können nicht auf
schreckung beizubehalten, selbst wenn wir unsere ewig von der Sozialhilfe leben." Gemäß seinen VorAtomwaffenarsenale abbauen, unsere Freunde und schlägen würden berufstätige Eltern drei Monate
demokratischen Verbündeten zu ermutigen und mög- unbezahlten Urlaub für die Betreuung ihres Babys
liche Gegner abzuschrecken, unsere Interessen oder die Pflege eines kranken Familienmitglieds nehmöglichst durch gestärkte Institutionen kollektiver men können - "ein Recht, das die Menschen in jedem
Sicherheit zu wahren, die Freiheit auf Hoher See zu anderen fortschrittlichen Industriestaat schon haben,"
erhalten und unsere weltweiten wirtschaftlichen Inter- so Clinton.
AMERIKA DIENST 44

Seite 7

�Aus- und Fortbildung für alle Bürger ist für den Präsidenten Clinton ein ebenso wichtiges Ziel, wie es das für
den Gouverneur Clinton war. Er macht den Vorschlag,
in den Menschen in jeder Lebensphase zu investieren.
Bildungsprogramme der Bundesregierung sollen den
Eltern helfen, ihre Kinder auf die Schule vorzubereiten.
In den Hauptfächern wie Mathematik und den Naturwissenschaften soll ein nationales Prüfungssystem
eingeführt werden. Teenager sollen die Möglichkeit
bekommen, entweder durch Lehrlings-Programme eine
Ausbildung zu machen, oder das College mit Hilfe
eines Darlehens oder durch zwei Jahre Dienst an der
Allgemeinheit zu bezahlen. Clinton sagte den Töchtern und Söhnen der Mittelschicht, deren Eltern es
schwerfällt, das Schulgeld oder die Studiengebühren
zu zahlen: "Wir werden es Ihnen ermöglichen, aufs
College zu gehen, aber wenn Sie diese Hilfe bekommen, dann müssen Sie dem Land auch etwas dafür
zurückgeben."
Präsident Clinton wird sich mit den Sorgen der Amerikaner um ihre Gesundheitsfürsorge befassen. Ungefähr 60 Millionen Amerikaner haben eine unzureichende oder gar keine Krankenversicherung. Er schlägt
vor, eine allgemeine medizinische Versorgung für alle
einzuführen, die durch eine Kontrolle der Kosten im
Gesundheitswesen, eine Reform der Versicherungsprogramme, eine Überarbeitung der Strategien für die
Bereitstellung von medizinischer Versorgung und durch
mehr Betonung von Vorsorge in der Medizin finanziert
werden soll. "Alle Amerikaner werden ein Paket von
Grundleistungen erhalten, und niemand wird davon
ausgenommen oder ausgeschlossen, niemandem wird

das verwehrt und niemand wird gezwungen, minderwertige medizinische Versorgung zu akzeptieren," sagte
Clinton.
Das sind ehrgeizige Programme, die auf seit langem
bestehenden Problemen in der amerikanischen Gesellschaft ausgerichtet sind. Obwohl die Ziele klar sind
und das Ergebnis erwünscht ist, sind Veränderungen
dennoch beunruhigend. Clinton schreckt nicht vor
Veränderungen zurück. Er verweist auf seine Vergangenheft in Arkansas. "Ein Wandel ist nicht leicht," sagte
Clinton, "und der Grund dafür, daß die Leute an mich
glauben sollten, ist der, daß ich in der Vergangenheit
schon 10 Jahre lang Änderungen herbeigeführt habe.
Es geht dabei darum, daß die Dinge wieder funktionieren, daß man den Menschen hilft, ihre Fähigkeiten zu
nutzen, daß die Menschen wettbewerbsfähig werden
- daß Probleme gelöst werden und den Menschen
wieder Auftrieb gegeben wird. Und genau das tue ich.
Darin besteht meine Arbeit. Und das ist der Grund,
warum ich Gouverneur geworden bin, deshalb habe
ich fünfmal kandidiert - eben weil ich die Geduld und die
Entschlossenheit besaß und den Wunsch hatte, Änderungen herbeizuführen. Das ist mein Lebensziel."
In all seinen Reden hat Präsident Clinton das Thema
des Engagements für alle Menschen betont. "Die
Menschen in unserem Land haben immer an zwei
große Ideen geglaubt," sagte er: "Erstens, daß die
Zukunft besser sein kann als die Vergangenheit, und
zweitens, daß jeder von uns eine persönliche, eine
moralische Verantwortung hat, dazu beizutragen."

* * * * *

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AMERIKA DIENST 44

�VIZEPRÄSIDENT

GORE
4. November 1992

VIZEPRÄSIDENT AL GORE
Porträt des gewählten Vizepräsidenten
Ebenso wie Bill Clinton ist auch Vizepräsident AI Gore
ein junger Südstaatler: Er ist 44 Jahre alt und stammt
aus dem Bundesstaat Tennessee, der an Clintons
Heimatstaat Arkansas grenzt. Im Gegensatz zu Clinton war er jedoch im gesamten Verlauf seines öffentlichen Lebens im parlamentarischen Bereich tätig.
Seit 1984 war er US-Senator aus Tennessee, davor
acht Jahre Abgeordneter im Repräsentantenhaus.
Bei der Bekanntgabe seiner Entscheidung für Gore als
Vizepräsidentschaftskandidaten würdigte Clinton dessen
von den Kritikern gelobtes Buch über die Umwelt Earth
in the Balance: Ecology and the Human Spirit. "AI
Gore hat mich gebeten, sein Engagement zu teilen,
nicht nurdie Umwelt der Vereinigten Staaten, sondern
der Welt für künftige Generationen zu erhalten", erklärte Clinton.

bracht, die dort zuvor nie erörtert worden waren, wie
etwa die Erwärmung des Erdklimas.
In den vergangenen Jahren gelang Gore die Verabschiedung von Maßnahmen zur Beschleunigung des
stufenweisen Verbots von die Ozonschicht zerstörenden Chemikalien, die Einführung von Gesetzen zur
Beendigung des sogenannten "Umweltrassismus", der
von Minderheiten bewohnte Gemeinden einem größeren Risiko aussetzt sowie die Erarbeitung eines historischen Abkommens, um von den Nachrichtendiensten gesammelte Informationen über die Erde erstmalig im zivilen Bereich tätigen Wissenschaftlern zugänglich zu machen. Aufgewachsen in der nach seinem
Vater, dem 32 Jahre lang als Kongreßabgeordneter
und Senator aus Tennesse tätigen Albert Gore Sr.
benannten Hauptstadt, befand sich der jüngere Gore
von klein auf in der Gesellschaft prominenter Politiker.
Bei seiner Geburt am 31. März 1948 in Washington,
D.C., war sein Vater im 10. Jahr Abgeordneter des
Repräsentantenhauses.

Präsident Clinton zufolge hat Gore "sein ganzes Leben
für das Gesundheitswesen und den Verbraucherschutz
gekämpft und ist wahrscheinlich Amerikas führender
Verfechter der Entwicklung neuer Technologien - wie
Faseroptik und Gentechnologie - zur Schaffung der In seiner Jugend verbrachte Gore die Sommer auf der
hochdotierten Arbeitsplätze, die Amerika beim Über- rund 65 Kilometer östlich von Nashville gelegenen
Familienfarm in Carthage (Tennessee) und das Schulgang ins 21. Jahrhundert benötigt".
jahr in der Bundeshauptstadt, wo er die exklusive
Ein ernsthafter Parlamentarier
Privatschule St. Albans Episcopal School für Jungen
besuchte. Er war einer der besten Schülerund Kapitän
1990 gewann Gore die Wiederwahl in den Senat und
der Footbalmannschaft.
war damit der erste Kandidat - sowohl der Republikaner als auch der Demokraten - der alle 95 Landkreise 1965 schrieb sich Gore an der Harvard University
von Tennessee auf sich vereinigen konnte. Seine (Cambridge, Massachusetts) ein und erwarb 1969 mit
Kollegen beschreiben ihn als intelligent, aufrichtig, hart einer Examensarbeit über "Die Auswirkung des Fernarbeitend, kollegial und auf die etwas altmodische Art sehens auf die Führung der Präsidentschaft, 1947 der Südstaatler höflich.
1969"ein Bakkalaureat in Staatswissenschaften. Kurz
nach seinem Examen heiratete Gore Mary Elizabeth
"Er ist sehr ernsthaft", so ein Senator. "Wenn er sich 'Tipper" Aitcheson, die er am Abend seiner St. Albansmit einem Thema befaßt, ist es seine Art, sich damit Abschlußfeier kennengelernt hatte. Das Ehepaar hat
auseinanderzusetzen, bis er voll und ganz damit ver- vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn.
traut ist."
Als führender Verfechter des Umweltschutzes im Der Vizepräsident diente während des Vietnamkriegs
Kongreß leitete erdie Senatsdelegation beim Erdgipfel zwei Jahre als Heeresreporter beim außerhalb von
in Rio de Janeiro im Juni 1992. Er hat ein breites Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt) stationierten 20. PionierSpektrum von Vorschlägen zum Umweltschutz befür- bataillon der US-Armee. Er sandte Kopien seiner
wortet und häufig Themen in den Kongreß einge- Berichte nach Hause, von denen einige vom Tennes-

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Seite 1

�sean, einer Nashviller Zeitung, veröffentlicht wurden. Sonstige Fachkenntnisse
Nach Beendigung seiner Dienstzeit im Jahr 1971
nahm Gore eine Stelle als Journalist bei dieser Zeitung Zusätzlich zu seinen Anliegen Gesundheitswesen und
Umweltschutz ist Gore für Hochtechnologie und Rüan.
stungskontrolle eingetreten. Die Führungsrolle des
Die Politik ruft
Vizepräsidenten im Hochtechnologiebereich spiegelt
sich in seinen erfolgreichen 12jährigen Bestrebungen
Während Gore beim Tennessean von 1971 bis 1972 zum Aufbau eines neuen, nationalen Hochgeschwinauf Nachtschicht arbeitete, besuchte er die Graduate digkeits-lnformationsnetzes - den "Superhighways" School of Religion der Vanderbilt Universrty. 1974 wider, mit dem die stärksten Computer der Vereinigten
schrieb sich Gore an der juristischen Fakultät der Staaten mit Schulen und Forschungszentren verbunVanderbilt University ein, die er zwei Jahre lang be- den werden, die sonst keinen Zugang zu diesen
suchte, während er gleichzeitig Leitartikel für den mächtigen Maschinen haben würden. Das im DezemTennessean schrieb.
ber 1991 verabschiedete Gesetz über Hochleistungscomputer wurde als wichtigste Einzelmaßnahme beAls der demokratische Abgeordnete aus Tennessees schrieben, die die Vereinigten Staaten unternehmen
viertem Wahlkreis 1976 unerwartet seine Entschei- können, um auf dem internationalen Markt der Zukunft
dung bekanntgab, sich nicht der Wiederwahl zu stel- wettbewerbsfähiger zu sein.
len, entschloß sich Gore, für den Sitz im Repräsentantenhaus zu kandidieren. Er besiegte acht Mitbewerber Im Bereich der Rüstungskontrolle verfolgt Gore die
bei den Vorwahlen der Demokraten und gewann die Verknüpfung von drastischen Reduzierungen der Anzahl
Wahl in Herbst mit einem Wahlprogramm, das höhere von Waffen mit einer Verlagerung zu Raketen mit nur
Steuern für die Wohlhabenden, mehr Arbeitsplätze im einem Gefechtskopf. Der von Gore als einem von 10
öffentlichen Dienst und geringere Verteidigungsaus- Beobachtern des Senats bei den Genfer Abrüstungsgaben forderte.
verhandlungen unterbreitete bahnbrechende Vorschlag
zur Beseitigung landgestützter Raketen mit MehrfachIn den acht folgenden Jahren kandidierte er zweimal
gefechtsköpfen auf beiden Seiten wurde als ein zenfür den Kongreß und schlug seinen einzigen Gegentrales Abkommen zwischen Rußland und den Vereikandidaten mit einem riesigen Vorsprung. Als Howard
nigten Staaten verabschiedet. Obwohl Gore den
Baker Jr., ein republikanischer Senator aus TennesPositionen der Reagan- und Bush-Administrationen
see und Führer der Mehrheit im Senat, 1983 seinen
zur Verteidigung kritisch gegenüberstand, warereiner
Rücktritt ankündigte, war Gore der Spitzenkandidat für
von nur 10 demokratischen Senatoren, die Präsident
seine Nachfolge. Gore schlug seinen republikaniBushs Einsatz von Gewalt 1991 unterstützten, um
schen Gegner mühelos mit über 60 Prozent der StimSaddam Hussein aus Kuwait zu vertreiben.
men.
Präsidentschaftskandidatur und Tragödie
Kongreß
Als Abgeordneter wie auch als Senator charakterisiert
sich Gore als "begeisterten Gemäßigten". Nachdem
er seine erste Kongreßwahl gewonnen hatte, erklärte
er: "Ich glaube, daß die Leute den Liberalismus
teilweise diskreditiert haben, weil sie das Vertrauen in
seine Kompetenz verloren haben. Sie haben den
Konservatismus diskreditiert wegen dessen offensichtlicher Gleichgültigkeit angesichts von Problemen beispiellosen Ausmaßes. Er besteht das Gefühl, es habe
zu viel Philosophie und nicht genug gesunden Menschenverstand gegeben."
Während seiner Jahre im Repräsentantenhaus konzentrierte sich Gore besonders auf Probleme im
Gesundheitswesen. Beispielsweise war er Mitverfasser des von ihm geförderten Gesetzes über Organspenden und Transplantationen von 1984, das den
Ver- oder Ankauf menschlicher Organe zu Transplantationszwecken untersagt und jährlich 2 Millionen Dollar
zum Aufbau einer nationalen Organbank bewilligt, die
Patienten mit den benötigten Organen versorgt.

Seite 2

1988 bewarb Gore sich um die Präsidentschaft, erhielt
jedoch nicht die erforderliche Unterstützung für die
Nominierung durch die Demokraten. Kurz danach
erlebte er ein noch größeres persönliches Trauma, als
sein sechs Jahre alter Sohn Albert IM. von einem Auto
angefahren wurde und beinahe starb. Gore und seine
Frau pflegten Albert während seiner langen Rekonvaleszenz.
Während er im Krankenzimmer seines Sohnes saß
und über sein Leben nachdachte, begann Gore mit
dem Buch Earth in the Balance. In der Einleitung
stellt er fest: "Ich hatte gerade einen Präsidentschaftswahlkampf verloren. Ich war gerade vierzig Jahre alt
geworden. In gewissem Sinne war ich empfänglich für
den Wandel, der mich in der Mitte meines Lebens ereilt
hatte."
Der Wandel in Gores Leben beinhaltete ein noch
größeres Engagement für Umweltprobleme. In seinem Buch erklärt der Vizepräsident, die Welt müsse
"die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisations-

AMERIKA DIENST 44

�prinzip der Zivilisation" machen. Er fordert die Ver- "Ich komme aus Carthage in Tennessee", erklärte
pflichtung aller Nationen zur Stabilisierung des Bevöl- Gore dem Publikum, als der Präsident ihn als Vizepräkerungswachstums, die Erarbeitung und Verwendung sidentschaftskandidaten vorstellte. "Ich bin noch nie in
neuer umweltverträglicher Technologien sowie gesell- Hope in Arkansas (der Heimatstadt des Präsidenten)
schaftliche Veränderungen, die den Schutz der Um- gewesen, habe jedoch gehört, sie sei genau wie Carwelt durch Erziehung der Öffentlichkeit und verstärkte thage. Es ist ein Ort, wo man weiß, wann jemand
Rechenschaftspflicht der Verursacher zum Ziel ha- geboren wird und traurig ist, wenn jemand stirbt. Das
ist das Amerika, in dem Bill Clinton und ich aufgewachben.
sen sind. Das ist die Art von Nation, die wir wieder
Ergänzung zu Clinton
werden wollen."
Gore bringt für das Amt des Vizepräsidenten Stärken
mit, die eine Ergänzung zu denen Bill Clintons bilden.
Darüber hinaus haben beide die gleiche Einstellung zu
amerikanischen Werten.
* * * *

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*

Seite 3

�US-AUSSENPOLITIK

CLINTON VERSPRICHT KONTINUITÄT
IN US-AUSSENPOLITIK
Erklärung in Little Rock am 4. November
LITTLE ROCK (ARKANSAS) - (AD) - Der neugewählte Präsident Bill Clinton hat am 4. November 1992 "die
grundsätzliche Kontinuität" der amerikanischen Außenpolitik bekräftigt und für weitweite Zusammenarbeit
während der verbleibenden Amtszeit von Präsident Bush geworben.
In einer kurzen Erklärung in Little Rock keine 24 Stunden nach seinem Wahlsieg stellte Clinton fest, er sehe in
der Übergangszeit zwischen den Administrationen der engen Zusammenarbeit mit Bush erwartungsvoll
entgegen, "um die Kontinuität in der Weltpolitik zu gewährleisten, die für alle Amerikaner von Interesse ist".
Clinton forderte Amerikas "Freunde und Gegner gleichermaßen" auf, anzuerkennen, daß "auch wenn die
Regierungen Amerikas wechseln", seine "fundamentalen Interessen sich nicht verändern". Er erklärte, "der
größte Fehler, den ein Gegner begehen könnte, wäre der, die Entschlossenheit Amerikas in dieser Übergangsperiode anzuzweifeln".
Nachfolgend veröffentlichen wir Clintons vor dem Amtssitz des Gouverneurs von Arkansas abgegebene
Erklärung im Wortlaut.
Heute möchte ich die grundsätzliche Kontinuität der
amerikanischen Außenpolitik und meinen Wunsch
bekräftigen, die Unterstützung beider Parteien für unsere
Rolle in der Welt anzustreben. Während der nun
beginnenden Übergangsphase fordere ich die Freunde und Gegner Amerikas gleichermaßen auf, ebenso
wie ich anzuerkennen, daß Amerika jeweils nur einen
Präsidenten hat, daß die amerikanische Außenpolitik
allein in seinen Händen bleibt, daß auch wenn die
Regierungen Amerikas wechseln, die fundamentalen
Interessen Amerikas sich nicht verändern. Daß die
beste Geste des guten Willens, die jede Nation mir
entgegenbringen kann, deren weitere uneingeschränkte Zusammenarbeit mit unserem einzigen Präsidenten, George Bush, in diesem Zeitraum ist und daß der
größte Fehler, den ein Gegner begehen könnte, der
wäre, die Entschlossenheit Amerikas in dieser Übergangsperiode anzuzweifeln.
Ich sehe der engen Zusammenarbeit mit Präsident
Bush erwartungsvoll entgegen, um die Kontinuität in
der Weltpolitik zu gewährleisten, die für alle Amerikaner von Interesse ist -von anhaltenden Fortschritten in
den Nahost-Friedensgesprächen, der Vollendung der
Verhandlungen über die Einzelheiten des Rüstungskontrollabkommens START II und weiteren Fortschritten in den Welthandelsgesprächen bis zur Stärkung
der beginnenden Demokratie in Rußland, zu den
Bemühungen für eine friedliche Lösung der Konflikte

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in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens und
zur Hilfe für die Opfer der Hungersnot in Somalia.
Darüber hinaus freue ich mich, die schwere und lebenswichtige Aufgabe der Wiedergewinnung unserer wirtschaftlichen Stärke in Angriff zu nehmen. Heute sage
ich zu unseren Entscheidungsträgem in Finanzwelt
und Wirtschaft, daß wir uns trotz des sich am Horizont
abzeichnenden Wandels der Notwendigkeit bewußt
sind, beim Streben nach Wachstum auch Stabilität
anzustreben. Die von mir gewollten Veränderungen
werden die Marktsysteme der Vereinigten Staaten
stärken und nicht schwächen. Und den Bürgern
unserer großen Nation, denen wir versprechen, jeden
Morgen aufzustehen und hart für die wirtschaftlichen
Chancen zu kämpfen, die das Kernstück der ClintonGore-Kampagne bildeten, sage ich, daß die Aufgabe
bereits begonnen hat. Sie wird nicht einfach sein, aber
wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um
Wachstum, Arbeitsplätze und Einkommen des amerikanischen Volkes wiederherzustellen.
Darüber hinaus möchte ich auf die Risiken und Chancen der kommenden Monate und Jahre hinweisen.
Der Kalte Krieg ist gewonnen. Heute haben wir die
Chance, einen neuen Frieden aufzubauen. Wir sind in
eine Weltwirtschaft eingetreten. Heute haben wir die
Möglichkeit, seine auf Wettbewerb beruhenden Herausforderungen zu bewältigen anstatt zu gestatten,

Seite 1

�daß diese Veränderungen unsere Stärke untergraben.
Wir sind ein vielfältiges Volk mit verschiedenen Hautfarben, Sprachen und Überzeugungen geworden. Heute
haben wir die Pflicht zu gewährleisten, daß unsere
Vielfalt für uns alle hier im Inland sowie in der ganzen
Welt eine Quelle der Stärke und des Stolzes ist. Wir
sind zu einer Nation von 250 Millionen Amerikanern
geworden. Heute haben wir die Chance und die Pflicht
zu gewährleisten, daß wir nicht einen unter diesen 250
Millionen zurücklassen, während wir auf das nächste
Jahrhundert zugehen.

nehmer und Unternehmer, die das Lebenselixier
Amerikas sind, des Stolzes für die Männerund Frauen,
die Amerikas Uniform tragen, sowie des Stolzes für die
Völker anderer Länder, die heute in Freiheit oder in
Furcht leben und die aus den Idealen Amerikas Stärke
beziehen und unsere Vision von einer friedlichen und
wohlhabenderen Welt teilen.

Amerika hat mich aufgefordert, unser nächster Präsident zu sein, aber unsere Vorfahren appellieren in
diesem Augenblick an uns alle, ihre Bemühungen, ihre
Opfer, ihre Ideale und ihr Leben zu ehren, indem wir
Wir sind in ein Zeitalter großer Herausforderungen und hart arbeiten, indem wir zusammenarbeiten, um diese
außergewöhnlicher Chancen für unser Land eingetre- gute und große Nation zu verbessern, für unsere
ten. Ich bin zuversichtlich, daß wir es zu einer Zeit des Kinder und deren Kinder in demselben Maß, wie es
Stolzes in unserer Geschichte machen können - des unsere Vorgänger taten. Sie fordern uns auf, unsere
Stolzes für die Familien, die die nächste Generation Träume und unsere Hoffnungen zu verwirklichen.
dieses Landes aufziehen, des Stolzes für die Arbeit-

* * * *

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AMERIKA DIENST 44

�GUS - HILFE
4. November 1992

NEUE AMERIKANISCHE INITIATIVEN BEI
KONFERENZ IN TOKIO BEKANNTGEGEBEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die Vereinigten Staaten haben bei der Konferenz über Hilfe für die GUS in Tokio am 29. Oktober 1992 sechs neue
Initiativen bekanntgegeben, um die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des US-Außenministeriums zu diesen Initiativen.
Die Vereinigten Staaten werden eine umfangreiche
humanitäre Initiative durchführen, um bei der Bereitstellung des lebenswichtigen Bedarfs an Nahrungsmitteln und Medikamenten in der GUS in diesem Winterzu helfen. Das Nothilfepaket mit Nahrungsmittelhilfe im Umfang von 260 Millionen Dollar und Medikamenten in Höhe von 14 M illionen Dollar wird den sozial
schwächsten Gruppen in der GUS gewidmet sein.

Aktion Hoffnung III

Obwohl wir der Meinung sind, daß nur umfassende
Reformen das Wirtschaftswachstum garantieren können, das künftiges menschliches Leid verhindern kann,
engagieren wir uns nach wie vor für unverzügliche
Schritte zur Deckung humanitärer Bedürfnisse und zur
Unterstützung von Reformen. Als Beitrag zur multilateralen humanitären Hilfsaktion dieses Winters planen
Wir werden unsere Bemühungen intensivieren, um die Vereinigten Staaten die Vergabe von Nahrungsmitpolitische und wirtschaftliche Reformen in der GUS zu telhilfe und Medikamenten in Höhe von mindestens
unterstützen, indem wir fünf neue Initiativen zur Ge- 260 Millionen Dollar. Die Vereinigten Staaten werden
währung von technischer Hilfe starten. Dazugehören:
- in diesem Winter Nahrungsmittelhilfe für über 260
die Einrichtung eines mit mindestens 65 Millio- Millionen Dollar liefern, die speziellen Bevölkerungsnen Dollar ausgestatteten Unternehmensfonds gruppen in Regionen zugutekommen soll, in denen
in Rußland und der Ukraine.
Grundnahrungsmittel knapp sind oder angesichts
schlechter lokaler Produktionskapazitäten beziehungsein Austauschprogramm im Umfang von 50 weise Störungen bei der Verteilung knapp werden
Millionen Dollar.
dürften. Darüber hinaus wird Nahrungsmittelhilfe für
ausgewählte städtische Gebiete bereitgestellt werein Programm in Höhe von 8 Millionen Dollar,
den, in denen das Potential für steigende Arbeitslosigdas demokratische Regierungsformen auf Gekeit und Inflation sowie die Zahl von Rentnern hoch
meindeebene zum Inhalt hat (Local Democratic sind.
Govemance).
ein Umweltschutzprogramm in Höhe von 35 - Der Großteil der Nahrungsmittelhilfe wird an Städte in
Millionen Dollar (Partnership for the Environ- Nordrußland, dem Fernen Osten sowie Regionen im
Ural und im Kusbas geliefert werden.
ment).
Ein Programm zur Unterstützung der Familien
von Angehörigen der Streitkräfte.
Diese sechs Initiativen zielen ebenso wie bereits laufende Programme darauf ab, unsere Unterstützung
von Reformen und Reformern in der GUS auszubauen. Wir werden weiterhin mit unseren internationalen
Partnern in den neu gebildeten Konsultativgruppen
zusammenarbeiten um zu gewährleisten, daß Demokratisierung und marktwirtschaftliche Reformen in der
GUS Erfolg haben.
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-Mindestens 70 Millionen Dollarwerden durch Verkäufefinanziert. Die auf diese Weise aufgebrachten Mittel
werden für die Unterstützung von Rentnern und anderen Personen mit festem Einkommen eingesetzt, die
unter den gegenwärtig stattfindenden Wirtschaftsreformen besonders leiden.
- Lieferung überschüssiger Bestände des Verteidigungsministeriums. Die Lieferung von 9.000 Tonnen
überschüssiger Militärverpflegung im Wert von 20
Millionen Dollar sowie vier Millionen Fertiggerichten im
Seite 1

�Wert von rund 18 Millionen Dollar wurde bereits aufgenommen.

durch Schuldenaufnahme oder Aktienausgabe
Kapital für kleine und mittlere Privatunternehmen in Rußland und der Ukraine beschaffen;

- Durchführung eines medizinischen Hilfeprogramms.
Die Vereinigten Staaten werden die zweite Tranche
ein besonderes "Fenstei der Rüstungskonvereines zweistufigen medizinischen Hilfsprogramms in
sion" einrichten, um in diesem Schlüsselbereich
Höhe von 20 Millionen Dollar in diesem Winter bereitverstärkt Unterstützung zu gewähren;
stellen. Mit dem Programm sollen kritische Engpässe
bestimmte Formen technischer Hilfe in Rußland
bei grundlegenden Medikamenten und medizinischen
und der Ukraine bereitstellen sowie als Mittler
Bedarfsartikeln gelindert werden. Darin enthalten sind
für finanzielle Hilfe aus Drittländern dienen, wie
Antibiotika zur Behandlung von Atemwegserkrankunbereits im Falle anderer Unternehmensfonds
gen und anderen Infektionskrankheiten, Impfstoffe für
üblich ist.
die Immunisierung von Kindern und alten Menschen
gegen lebensbedrohende Krankheiten, Medikamente
zur Behandlung von Kreislauf erkrankungen und Krebs Die amerikanische Regierung ermutigt die Europäisowie Einweghandschuhe und -spritzen zur Eindäm- sche Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie
andere Geberländer und private Investoren zu einer
mung der Verbreitung von Infektionen.
Beteiligung.
- Im Rahmen der ersten Tranche von 6 Millionen Dollar Local Governance Program
haben die Vereinigten Staaten Impfstoffe gegen Masern,
Tetanus, Polio und Diphterie sowie einschlägige Be- Die Vereinigten Staaten werden ein mit 8 Millionen
darfsartikel angekauft, um 520.000 Kleinkinder in Dollar ausgestattetes Programm für die öffentliche
Turkmenistan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbeki- Verwaltung aufnehmen, das auf die Stärkung lokaler
stan sowie weitere 261.000 Kinder in Armenien und Verwaltungen ausgerichtet ist. Mit diesem Programm
der Ukraine zu immunisieren.
werden reformorientierte Oblasts und Gemeinden bei
der Entflechtung öffentlicher und privater Funktionen
- Die verbleibenden 14 Millionen Dollar werden einge- unterstützt, um soziale Dienstleistungen für alle Einsetzt, um diesen Winter dringend benötigte Medika- wohner zu gewährleisten und das Wachstum des
mente und medizinische Bedarfsartikel in alle 12 Privatsektors zu fördern. Verwaltungsbeamte sollen
unabhängigen Staaten zu liefern.
im Einsatz moderner Finanzverwaltungssysteme
geschult
werden, um angesichts der begrenzten Mittel
- Unterstützung der Partnerschaft zwischen öffentlifundierte
Verwaltungsentscheidungen treffen zu könchem und privatem Sektor. Die amerikanische Regie nen.
Darüber
hinaus soll die Ausstattung lokaler
rung wird logistische Unterstützung, Transportmittel
Verwaltungen
verbessert
werden. Im Verein mit
und Fachwissen bereitstellen, um Hilfsbemühungen
Maßnahmen
im
Energiesektor,
bei Wohnungsbau,
der Privatwirtschaft und nichtstaatlicher OrganisatioPrivatisierung
und
Entwicklung
mittelständischer
Unnen für die unabhängigen Staaten in diesem Winter zu
icinenmen
Kann
mec
3s
Programm
dazu
beitragen,
unterstützen.
lokalen Behörden mehr Einfluß zu sichern und die
- Über 5.000 Tonnen Nahrungsmittel im Wert von 24,3 Grundlage für eine effektive Verwaltung legen. Dabei
Millionen Dollar sowie 1.593 Tonnen Medikamente werden die Vereinigten Staaten insbesondere
und medizinische Bedarfsartikel im Wert von 25 MillioBerater vor Ort stationieren. Die Vereinigten
nen Dollar sind seit Januar in Städte in den gesamten
Staaten werden Berater langfristig in ausgeunabhängigen Staaten geliefert worden.
wählte Städte in den neuen unabhängigen Staaten entsenden, um vorwiegend in Bereichen wie
Unternehmensfonds für Rußland und die Ukraine
Finanzverwaltung und städtisches HaushaltsDie Vereinigten Staaten werden russisch-amerikaniwesen Unterstützung zu gewähren.
sche und ukrainisch-amerikanische UnternehmensAusbildung von Verwaltungsbeamten. Amerifonds einrichten. Die Unternehmensfonds werden
kanische Verwaltungsexperten werden Ausbilsich an ähnlichen, von der Administration für mehrere
dungsseminare und Workshops über VerwalStaaten Mittel- und Osteuropas eingerichteten Fonds
tungsfragen für städtische Bedienstete in den
orientieren, die sich als äußerst erfolgreich bei der
neuen unabhängigen Staaten abhalten. Wo
Förderung der Entwicklung des Privatsektors erwiedies als geeignet erscheint, werden wir uns um
sen haben. Die beiden Fonds werden auf drei Jahre
die Stärkung lokaler Institute und neugegründemit mindestens 65 Millionen Dollar jährlich ausgestatter Schulen für öffentliche Verwaltung und Betet. Jeder Unternehmensfonds wird
triebswirtschaft bemühen.
von einem Vorstand aus Bürgern der VereinigBereitstellung von Gerät. In bestimmtem Umten Staaten und Rußland oder der Ukraine
fang werden Gerät und Software bereitgestellt,
geleitet werden;
um die Informationsinfrastruktur auf Gemeindeebene zu verbessern.
Seite 2

AMERIKA DIENST 44

�Austauschprogramme
Eine der besten Hilfsmöglichkeiten für die neuen
unabhängigen Staaten bietet die Plazierung westlicher
Experten vor Ort und die Entsendung von Russen,
Ukrainern, Kasachen, Armeniern und Angehörigen
der anderen Völker der neuen unabhängigen Staaten
in die Industrieländer, um an deren Erfahrungen und
Fachwissen teilzuhaben. Aus diesem Grund werden
die Vereinigten Staaten 1993 50 Millionen Dollar für
Austauschprogramme bereitstellen. Diese Austauschprogramme werden ebenso wie die daraus entstehenden Vorteile in beiden Richtungen wirken.
Das US-Informationsamt (United States Information Agency) wird ein Austauschprogramm
für höhere Schulen im Wert von 20 Millionen
Dollar durchführen, das Aufenthalte zwischen
einem Monat und einem Jahr vorsieht.
Wir erwarten die Ankunft der ersten Teilnehmer
an diesem Programm in den Vereinigten Staaten im Februar.
Die Vereinigten Staaten werden ein Programm
in Höhe von 30 Millionen Dollar durchführen, um
ein breites Spektrum von Austauschmaßnahmen zu unterstützen, das unter anderem College- und Universitätsstudenten, Verwaltungsfachleuten, Führungskräften der Wirtschaft,
Landwirtschaftsfachleuten, Ärzten, Wissenschaftlern, Parlamentariern, Richtern, Diplomaten,
Journalisten und anderen Akademikern zugutekommen wird.
Partnership for the Environment
Um zu gewährleisten, daß Umweltschutz mit den
wirtschaftlichen und demokratischen Reformen Hand
in Hand geht, werden die Vereinigten Staaten eine auf
vier Jahre angelegte Umweltschutzinitiative in Höhe
von 35 Millionen Dollar ins Leben rufen, die sowohl auf
nationaler Entscheidungsebene als auch in sorgfältig
ausgewählten Regionen der GUS durchgeführt werden soll. Diese Initiative wird die drei wichtigsten
Gruppen unterstützen, die Verantwortung für einen
soliden Umgang mit der Umwelt tragen: Regierung,
Privatwirtschaft und verantwortungsbewußte Bürgerorganisationen. Das Programm wird sich drei Bereichen widmen:
Umweltpolitik und Aufbau von Institutionen: In
Zusammenarbeit mit wichtigen Entscheidungsträgern in den Ministerien für Umweltschutz und
Rohstoffe sowie deren Partnern in der Legislative werden vor Ort stationierte sowie reisende
Berater an der Entwicklung neuer Umwertschutzmaßnahmen, -gesetze und -Vorschriften mitwirken und Ausbildungsprogramme organisieren
und durchführen, um im Umweltbereich tätige
Verwaltungsinstitutionen zu stärken.

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Technische Zusammenarbeit: In enger Zusammenarbeit mit Weltbank, EBWE und anderen internationalen Institutionen werden die Vereinigten Staaten Regionen mit erheblichen Umweltproblemen nach Dringlichkeit der erforderlichen
Maßnahmen auswählen. Amerikanisches Knowhow wird bereitgestellt werden, um die medizinischen und ökonomischen Kosten von Umweltbelastungen in ausgewählten Regionen zu
bestimmen und durch Referenztechniken neue
Maßnahmen und Verfahren zur Verbesserung
der Umweltqualität zu entwickeln.
Umweltpolitische Rechenschaftspflicht: Die
Vereinigten Staaten werden Partnerschaften
zwischen privaten amerikanischen Umweltorganisationen und deren Partnern in den neuen
unabhängigen Staaten unterstützen, um ihre
Fähigkeiten im Management zu stärken und das
öffentliche Bewußtsein für Umweltprobleme zu
schärfen.
Unterstützung für die Familien von Angehörigen
der Streitkräfte
Familienangehörige von Offizieren, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und den baltischen Staaten
heimkehren, gehören zu den gefährdeten Gruppen der
Gesellschaft. Für die im aktiven Dienst verbleibenden
Offiziere wird es ebenso wie für die ausscheidenden
eine Übergangsperiode geben, in der ihre sozialen
Stützungssystemeunterdasgewohnte-und in einigen
Fällen - akzeptable Niveau fallen werden. Private
gemeinnützige Organisationen engagieren sich dafür,
den verletzbarsten Familien mit humanitärer Hilfe,
medizinischer Versorgung, Umschulung und Umsiedlung zu helfen. Die Vereinigten Staaten werden
Verbindungen und Partnerschaften zwischen
internationalen gemeinnützigen Privatorganisationen und einheimischen Gruppen in Rußland
fördern, um die Lebensqualität für die Familien
von Soldaten zu verbessern und wertvolle Fortbildung bei sozialen Dienstleistungen gewähren;
russische Privatorganisationen bei der Förderung von Selbsthilfegruppen auf Stützpunkten
und in Gemeinden unterstützen, die von der
Militärpräsenz beeinflußt werden. Diese Selbsthilfegruppen könnten Programme fördern, die
erforderliche soziale Dienstleistungen für Kinder von Zivilpersonen ebenso wie für Kinder von
Militärangehörigen bereitstellen können;
Durchführung von Gemeinschaftsprojekten wie
Kampagnen zur Schutzimpfung von Kindern,
mobile diagnostische Teams, Ausbildungsprogramme für ehrenamtliche Helfer in Sozialarbeit
und Kinderbetreuung, Fähigkeiten für ehrenamtliche Arbeit auf Gemeindeebene, Informations-

Seite 3

�dienste zur Hilfe für Familien, die besondere
BikJungsmaßnahmen oder medizinische Hilfe

* * * *

Seite 4

benötigen sowie Unterstützung für Vermittlungsdienste für ausscheidende Soldaten in den wichtigsten Städten.
*

AMERIKA DIENST 44

�RUSSLAND
4.November 1992

WARUM DIE VEREINIGTEN STAATEN EIN
STARKES RUSSLAND WOLLEN
von Paul Wolfowitz
Der Verfasser ist Staatssekretärfür politische Fragen im amerikanischen Außenministerium. DerfolgendeArtikel
ist ein Auszug aus seiner jüngsten Rede bei der Konferenz des Zentrums für strategische und internationale
Studien in Moskau.
Rußland befindet sich gegenwärtig in einer Zeit großer
Reformen und wachsender Demokratie. Was wir im
letzten Jahr gesehen haben, reflektiert ein beharrliches Verständnis dessen, was eine demokratische
Zukunft bedeuten wird. Die langen Jahre totalitärer
Herrschaft haben den Mut und die Sehnsucht des
russischen Volkes nach Freiheit nicht ausgelöscht.
Und das russische Volk, das so schwer unter dem
Kommunismus gelitten hat, ist jetzt dabei, ein besseres Leben zu schaffen. Es ist ein Leben, das es
verdient.

bevorzuge. Man könnte denken, vor allem das Pentagon würde ein Rußland vorziehen, das seinen Problemen nicht entkommen kann. Das ist nicht der Fall. Ich
möchte ganz deutlich die Gründe hierfür darlegen.

Wie Verteidigungsminister Cheney vor dem amerikanischen Kongreß gesagt hat: "Es steht enorm viel auf
dem Spiel. Wenn Rußland, die Ukraine und die
anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu einem neuen, auf westlichen Werten basierenden Staatsund Wirtschaftsystem übergehen, dann wird meiner
Meinung nach das nächste Jahrhundert wahrscheinlich von Frieden und Wohlstand gekennzeichnet sein.
Gelingt das nicht, dann werden wir uns mit sehr vielen
Problemen für unsere Sicherheit konfrontiert sehen."

In Wahrheit wäre ein starkes, aber undemokratisches
Rußland ein großes Problem für uns und den Westen,
für die Völker Rußlands, Eurasiens und des östlichen
Mitteleuropa wäre es jedoch sicherlich eine Tragödie.
Der Westen wäre vielleicht gezwungen, ähnlich viel für
Verteidigung auszugeben wie während des Kalten
Krieges: Wir würden uns vielleicht wieder einmal
großen Gefahren gegenübersehen. Aber die Hoffnungen der Völker Ru ßlands und in der Tat vielleicht sogar
der Nachbarn Rußlands würden sicherlich enttäuscht
- vielleicht für weitere 70 Jahre.

Erstens ist sogar ein "schwaches" Rußland stark genug,
um eine Gefahr darzustellen - sogar eine tödliche
Gefahr, und es ist viel wahrscheinlicher, daß es auf
gefährliche Art und Weise handelt.

Zweitens - was am wichtigsten ist - ist es langfristig am
wahrscheinlichsten, daß ein starkes Rußland durch
Ich möchte hier unmißverständlich sagen: Wir glau- demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
ben an dieses demokratische Rußland. Wir glauben entsteht - das ist die wichtigste Lektion der letzten 50
daran, daß Rußland als demokratische Nation auf die Jahre, und genau diese Reformen machen es wahrWeltbühne zurückkehrt. Wir wollen kein hohles oder scheinlich, daß Moskaus Stärke die Stärke unserer
von Krisen geschütteltes Rußland. Wir wollen ein demokratischen Verbündeten erhöhen und daher ebenso
wohlhabendes Rußland, einen Handelspartner, einen willkommen sein wird. Damit meinen wir jedoch nicht,
demokratischen Partner, ein Bollwerk der Sicherheit. daß unsere Interessen immer identisch sein, sondern
Ein durch seine demokratische Revolution gewandel- vielmehr, daß sie meistens übereinstimmen und diestes Rußland könnte eine wohltuende Wirkung auf die bezügliche Entscheidungen so getroffen werden, wie
Welt haben und der Sache des Friedens große Kraft es unserem gemeinsamen demokratischen Charakter
entspricht.
verleihen.

Manche stellen in Frage, ob der Westen wirklich
Rußlands Macht wiederhergestellt sehen möchte oder Während die Kosten eines starken, undemokratischen
ob der Westen nicht vielmehr ein schwaches Rußland Rußlands bekannt sind, gibt das Versprechen eines

AMERIKA DIENST 44

Seite 1

�starken, demokratischen Rußlands vier Jahrzehnten
der Opfer eine zusätzliche Bedeutung. Es würde dazu
beitragen, eine bessere, sicherere Welt zu schaffen.
Wir unterstützen also ein starkes Rußland, ein demokratisches Rußland, sowie starke Staaten auf dem
Gebiet des ehemaligen Warschauer Paktes. Wir
begrüßen eine starke, demokratische Ukraine und ein
starkes, demokratisches Polen. Wir schauen auf die
Balten, die Menschen in Belarus, die Tschechen,
Slowaken, Ungarn, Bulgaren und andere, um unsere
demokratische Gemeinschaft zu bereichem und zu
unserer gemeinsamen Sicherheit beizutragen. Jeder
kann einen großen Beitrag leisten.
Der russische Botschafter in den Vereinigten Staaten,
Wladimir Lukin, schrieb kürzlich über die Rolle der
Demokratie bei der Überwindung "der totalen Kontrolle
eines übermächtigen Staates...über die Gesellschaft
und die Mittel des Landes im Namen seiner engstirnig
egoistischen und manchmal expansionistischen Ziele." Die Demokratie ändert die Sichtweise einer Nation
gegenüber ihren nationalen Interessen und die Art und
Weise, sie zu schützen. Ein demokratisches Rußland
wird in der Gemeinschaft der demokratischen Nationen Unterstützung finden. Seine Staats- und Wirtschaftsreformen verbinden es auf natürliche Weise mit
anderen Demokratien.
Niemand bittet Rußland oder irgendeine andere Nation, ihrem einzigartigen Erbe den Rücken zuzukehren. Die demokratische Gemeinschaft ist nicht geschlossen. Sie ist eine Gemeinschaft der Prinzipien der Rechte des einzelnen, der in ihrer Macht beschränkten, parlamentarischen Regierungen und der
freien Märkte. Diese Prinzipien waren die Grundlage
für den Frieden und den Wohlstand, die verschiedene
Nationen auf der ganzen Welt vereinen. Wir begrüßen
Rußland nicht nur auf dem ihm zustehenden Platz am
Tisch, sondern wir glauben, daß der Erfolg Rußlands
für unsere eigenen Interessen wichtig ist.
Beim Aufbau unserer neuen Beziehungen müssen wir
- wie bereits in der Charta von Washington geschehen
- auf unsere gemeinsamen Prinzipien und Interessen
schauen. Einige Interessenkonflikte sind unvermeidlich, sogar zwischen den engsten Verbündeten. Aber
ich glaube, daß unsere beiden Länder möglicherweise
viel mehr vereint als trennt, und es wird, tragisch sein,
wenn das Trennende erneut die Oberhand gewinnt.
Es liegt bei den Russen, ihr eigenes nationales Interesse zu bestimmen. Aber wie sie das tun, wird den
Charakter ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und anderen Demokratien entscheidend bestimmen.
Ein demokratisches Rußland hat mit den Vereinigten
Staaten gemeinsame Interessen und Perspektiven,
die von unseren Beziehungen in der Vergangenheit
verdeckt oder sogar in Gründe für einen Konflikt verkehrt wurden:

Seite2

1. Sogar auf der Höhe des Kalten Krieges hatten wir
ein gemeinsames Interesse an der Verhinderung eines Atomkrieges und trugen eine besondere Verantwortung hierfür. Aber der Wandel in unseren politischen Beziehungen hat den üi .arakter dieses gemeinsamen Interesses verändert und viele der arten Hindemisse bei seiner Wahrung beseitigt:
Wir haben im letzten Jahr mehr Fortschritte
beim Abbau von Atomwaffen gemacht als in
24jährigen Verhandlungen über die Kontrolle
von Atomwaffen. Dieser Abbau war wirklich
atemberaubend. Es wurden ganze Kategorien
von Waffen abgeschafft, die einst für unsere
nationale Sicherheit für unentbehrlich gehalten
wurden.
Nachdem wir von der fast zwanghaften Notwendigkeit befreit waren, uns auf die Möglichkeit
eines atomaren Angriffs vorzubereiten, konnten
wir die Alarmbereitschaft unserer Truppen sicher und auf eine Art und Weise reduzieren, die
die Gefahr von Fehleinschätzungen verringert.
Am wichtigsten ist, daß wir begonnen haben,
über Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung mit ballistischen Raketen zu sprechen,
und damit unser gemeinsames Interesse an
einem Schutz vor begrenzten Angriffen anerkannt haben. Es bleiben zwar noch wichtige
Differenzen im Hinblick auf den ABM-Vertrag,
aber wir glauben, daß eine Einigung möglich
sein sollte.
2. Unsere beiden Länder betrachten die Welt aus
breiter Perspektive. Aufgrund geographischer und
anderer Faktoren haben wir beide ein großes Interesse an kritischen Regionen in der Welt, insbesondere
Europa, das nordöstliche und südwestliche Asien. In
der Vergangenheit standen diese Interessen oft in
Konflikt, aber mit einem demokratischen Rußland
verschwinden viele, wenn nicht alle, diese Konflikte,
und es öffnen sich wichtige Bereiche der Zusammenarbeit.
Wir sind beide pazifische Nationen und wir
haben ein gemeinsames Interesse an der
Wahrung der Stabilität im nordöstlichen Asien.
Unsere politischen Maßnahmen in Korea sind in
zunehmendem Maße darauf gerichtet, gleichzeitig eine friedliche Evolution auf der Halbinsel
zu unterstützen und den Bestrebungen Nordkoreas im Bereich der Atomwaffen Einhalt zu
gebieten. Wir glauben, daß unsere Sicherheitsbeziehung mit Japan die Stütze für Stabilität in
der Region bleibt, und es gibt keinen Grund für
ein demokratisches Rußland, sich davon bedroht zu fühlen. Und wir haben beide ein Interesse an einer Entwicklung Chinas in der Richtung entwickelt, daß seine wachsende Wirtschaftsmacht zum Nutzen des chinesischen
Volkes und nicht für militärische Zwecke einge-

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�setzt wird. Und natürlich teilen wir beide das
Risiko, falls in Asien eine gefährliche Fehlentwicklung eintritt.
Die erste Errungenschaft ist nicht selbstverständlich.
Die Integration der liberalen Demokratien unter der
Führung der Vereinigten Staaten in ein historisch
einmaliges System der kollektiven Verteidigung ist
eine der großen Errungenschaften der letzten 40 Jahre.
Zumindest jetzt ist esuns in Nordamerika, Westeuropa
und Japan gelungen, eine "Zone des Friedens" zu
schaffen, innerhalb derer - so kann man wohl sagen ein Krieg wirklich unvorstellbar ist. Angesichts der
Geschichte des 20. Jahrhunderts ist das eine nicht zu
verachtende Leistung - und sie zu bewahren, ist ein
Ziel von größter Bedeutung.
Wir werden dies tun, weil es in unserem eigenen
Interesse liegt, aber ich glaube, es liegt auch im
Interesse Rußlands und der anderen neuen Demokratien Europas. Es ist eine Ironie des Endes des Kalten
Krieges, daß die NATO und andere integrierende
Institutionen Westeuropas eine Stabilität einbringen,
die auch den Interessen Rußlands dient.
Vielleicht liegt die größte aller Herausforderungen darin,
jene demokratische "Zone des Friedens" so auszuweiten, daß die neuen Demokratien mit einbezogen werden. Wir wollen, daß die gewaltigen Veränderungen in
Europa die Stabilität, den Frieden und den Wohlstand
auf dem gesamten Kontinent fördern. Wir wollen nicht
herausfinden müssen, daß wir eine Mauer abgerissen
haben, nur um eine andere zu errichten, die Europa in
eine stabile und eine instabile Hälfte teilt.

Aber es gibt mehr als genug Probleme, die uns daran
erinnern, wie dünn die Trennlinie zwischen diesen
beiden Situationen sein kann und wie schwierig es ist,
zurückzugehen, wenn man diese Linie einmal überschritten hat.
Einige Nationen sind von einer natürlichen ethnischen
Exklusivität gekennzeichnet, aber viele Staaten, insbesondere im heutigen Europa, sind ethnisch gemischt. In solchen Staaten kann ethnischer Stolz eine
Quelle der Stärke und der Leistung sein, aber von
ethnischer Exklusivität bis zu ethnischem Haß kann es
nur ein kleiner Schritt sein. Ethnischer Haß enthält das
Potential für Gewalt und Tragödie, oder - was am
schlimmsten ist - für entsetzliche Verbrechen, wie die
"ethnischen Säuberungen", die wir heutzutage erleben.
Die Vereinigten Staaten sind in ethnischer Hinsicht
mannigfaltig. Wir halten solche Vielfalt für eine Quelle
großer Stärke im Inland und bei unseren Beziehungen
innerhalb einer immer kleiner werdenden Welt. Zweifellos bringt solche Vielfalt Probleme mit sich, die wir
noch lange nicht völlig gelöst haben, aber wir zählen
ihre Vorzüge zu unseren größten Reichtümern.

Da wir die schwierige Seite von ethnisch begründeten
Problemen kennen, wissen wir, daß es keine einfachen Antworten gibt. Aber es gibt einige klare Lehren.
Regierungen können ethnischem Haß nicht über Nacht
Einhalt gebieten, aber Regierungen müssen die Pflicht
akzeptieren, ihn unter Kontrolle zu bringen, und die
Regierungen, die den Haß schüren, tragen eine Verantwortung, die eine Generation des Blutvergießens
nicht löschen kann. Sind diese Brände einmal entzünRußland knüpft Beziehungen zu einer Reihe von neuen det, kann niemand sagen, wo sie enden oder wen sie
Staaten an, die früher Teil des russischen oder sowje- verbrennen werden.
tischen Imperiums waren. Um das vielleicht wichtigste
Beispiel anzuführen: Rußland und die Ukraine, die Aus diesem Grund haben wir ein gemeinsames Intereine Anzahl von gemeinsamen kulturellen und sprach- esse daran, daß die Menschenrechte aller respektiert
lichen Wurzeln haben, gehen in der Welt verschiedene werden. Der Schutz der Menschenrechtserklärung
Wege. Wir erkennen an, daß zwischen Rußland und der Vereinten Nationen, der Schlußakte von Helsinki
der Ukraine noch viele schwierige und schmerzhafte oder anderer KSZE-Abkommen und internationaler
Angelegenheiten gelöst werden müssen. Aber als Abkommen über Menschenrechte gilt für alle Völker.
außenstehende Beobachter können wir nur die kon- Es gibt wirklich keine zivilisierte Alternative zur Sichestruktive und geschäftsmäßige Art und Weise bewun- rung der fundamentalen Menschenrechte für jeden.
dern, in der die Präsidenten Jelzin und Krawtschuk und
ihre Kollegen bereits an der Lösung von Fragen gear- 3. Schließlich haben wir ein gemeinsames Interesse
beitet haben, bei denen ein Konsens nicht leicht zu am wirtschaftlichen Wohlstand des anderen. Wir
erreichen war. Eine Fortsetzung dieses friedlichen wollen das unsere tun, um Rußland bei dem schwieriAnsatzes zur Lösung von Differenzen wird einen ent- gen Übergang zu einer Marktwirtschaft zu helfen. Bei
scheidenden Einfluß auf die Beziehungen Rußlands den Treffen der G-7-Staaten während der letzten zwei
mit dem Westen haben. Aber sie wird eine noch viel Jahre war man bemüht, Rußland technische Mittel zur
wichtigere Auswirkung auf Rußlands eigene Hoffnun- Gewährleistung weiterer Hilfe für die Übergangszeit
gen auf Wohlstand und demokratischen Fortschritt und ein wichtiges 24-Milliarden-Dollar-Programm für
wirtschaftliche Hilfe zur Verfügung zu stellen. Durch
haben.
das Freedom Support Act haben die Vereinigten StaaEs gibt einen dramatischen Unterschied zwischen der ten Milliarden Dollar an bilateraler Unterstützung und
ethnischen Gewalt, die das ehemalige Jugoslawien Beiträgen zu multilateralen Hilfsinstitutionen bewilligt,
zerreißt, und dem ethnischen Frieden, der großenteils die in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion fließen.
zwischen Rußland und seinen Nachbarn herrscht.

AMERIKA DIENST 44

Seite 3

�Aber die größte Verantwortung für die Zukunft Rußlands liegt bei den Russen. Es ist ein schwieriger
Prozeß, den keine Nation zuvor durchlaufen hat. Der
letzte Fluch einer kommunistischen Wirtschaft, die
Rußland verarmen ließ, ist der Mangel an Mitteln oder
an einem juristischen Rahmen, die den Schmerz des
Übergangs zu einem System der freien Marktwirtschaft lindern könnten, das Rußland verjüngen kann,

Es gibt keine Landkarten, aber es gibt einige grundlegende Wegbeschreibungen als Leitfaden. Letztlich
wird nurderfreie Markt Wohlstand bringen, und nurdie
Kräfte eines freien Marktes in einem geeigneten juristisehen Rahmen werden Rußland weiterbringen. Im
Westen muß man sich davor hüten zu predigen, aber
es liegt in unserem eigenen Interesse, soviel zu helfen
wie wir können.

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•

Seite 4

AMERIKA DIENST 44

�START
4. November 1992

START-VERTRAGSPARTNER VEREINBAREN
VERFAHRENSREGELN FÜR JCIC
Gemeinsame Presseerklärung
GENF - (AD) - Die fünf Vertragsparteien des START-Abkommens überdie Reduzierung strategischer Kernwaffen haben am 23. Oktober 1992 in Genf eine Vereinbarung überdie Verfahrensregeln unterzeichnet, die bei der
Führung des Gremiums zur Überwachung der Durchführung des Vertrages - der Gemeinsamen Einhaltungsund Inspektionskommission (Joint Compliance and Inspection Commission - JCIC) - angewandt werden sollen.
"Diese Vereinbarung ist das erste multilaterale Abkommen, das in der JCIC unterzeichnet wird", heißt es
in einer gemeinsamen Presseerklärung zur Unterzeichnung, die in der US-Mission in Genf stattfand. "Es
erlaubt der JCIC, ihr Mandat zur Förderung der Ziele
und der effektiven Durchführung des (START)-Vertrages auszuüben."
Der START-Vertrag war in Genf ausgehandelt und im
Juli 1991 in Moskau von den Vereinigten Staaten und
der damaligen Sowjetunion unterzeichnet worden. Nach
dem Zerfall der Sowjetunion in unabhängige Staaten
arbeiteten die Vereinigten Staaten und Rußland, die
Ukraine, Belarus und Kasachstan - die vier ehemaligen Sowjetrepubliken, auf deren Territorium strategische Waffen stationiert sind - Abmachungen aus, um
die vier neuen Länder zu Vertragsparteien des STARTVertrages zu machen. Ein Protokoll in diesem Sinne
wurde am 23. Mai 1992 in Lissabon unterzeichnet.
Seine Bestimmungen verwiesen auf die Notwendigkeit, daß sich alle fünf Parteien auf Verfahrensregeln
zur Leitung der JCIC verständigen.
"Die heute unterzeichnete Vereinbarung stellt die
Grundlage bereit, auf der sich alle Parteien an der JCIC
beteiligen", heißt es in der Presseerklärung, deren
Text wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen:

Heute haben die Vereinigten Staaten von Amerika, die
Republik Belarus, die Republik Kasachstan, die Russische Föderation und die Ukraine eine Vereinbarung
über die neuen Verfahrensregeln unterzeichnet, die
den Betrieb der Gemeinsamen Einhartungs- und Inspektionskommission (JCIC) regeln.

Die JCIC wurde gemäß dem Vertrag zwischen den
Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Reduzierung und Begrenzung von strategischen Offensivwaffen (START) vom 31. Juli 1991 gegründet. Die JCIC
ist zuständig für die Lösung von Problemen in bezug
auf die Einhaltung der vertraglich eingegangenen
Verpflichtungen, die Vereinbarung zusätzlicher Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensfähigkeit und
Wirksamkeit des Vertrages und die Lösung von Fragen im Hinblick auf die Anwendung der einschlägigen
Bestimmungen des Vertrages.
Die neue Vereinbarung überdie Verfahrensregeln der
JCIC, die von den fünf Parteien bei Treffen in Kiew und
Genf entwickelt wurde, anerkennt und berücksichtigt
die politischen Veränderungen, die mit der Entstehung
neuer unabhängiger Staaten auf dem Territorium der
ehemaligen Sowjetunion einhergingen und liefert den
Mechanismus für die Beteiligung aller fünf Parteien an
der JCIC. Damit wird eine Voraussetzung des Lissaboner Protokolls vom 23. Mai 1992 erfüllt, das die
Beteiligung der Republik Belarus, der Republik Kasachstan, der Russischen Föderation und der Ukraine
an der JCIC als Parteien zum START-Vertrag vorsieht. Die heute unterzeichnete Vereinbarung stellt die
Grundlagebereit, auf der sich alle Parteien an der JCIC
beteiligen.
Diese Vereinbarung ist das erste multilaterale Abkommen, das in der JCIC unterzeichnet wird. Es erlaubt
der JCIC, ihr Mandat zur Förderung der Ziele und der
effektiven Durchführung des Vertrages auszuüben.

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Seite 1

�VIETNAM
4. November 1992

BUSH: ABKOMMEN ZWISCHEN USA UND VIETNAM
ÜBER VERMISSTE/KRIEGSGEFANGENE
"BEDEUTSAM"
Schritte zur Verbesserung der Beziehungen erwogen
WASHINGTON - (AD) - Die Öffnung vietnamesischer
Militärarchive für amerikanische Ermittler markiert einen
"bedeutsamen Anfang" dabei, "das letzte Kapitel des
Vietnamkriegs zu schreiben", erklärte Präsident Bush
am 24. Oktober 1992.
Nach einer Unterrichtung über die jüngsten Bemühungen zur vollständigen Ermittlung der amerikanischen
Opfer des Krieges erklärte der Präsident vor einem im
Rosengarten des Weißen Hauses versammelten
Publikum, er werde Sondierungen darüber aufnehmen, "welche zusätzlichen Schritte" die Vereinigten
Staaten zur Verbesserung der Beziehungen mit Hanoi
unternehmen können.
Als Teil des Prozesses im Hinblick auf bessere Beziehungen in der Zukunft hat Washington dem Präsidenten zufolge "den von Flutkatastrophen betroffenen
Gebieten Vietnams sehr bescheidene Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellt" und begonnen, mit den
Vietnamesen "Möglichkeiten zu erarbeiten, um diejenigen zu identifizieren", die von Hanoi als vermißt
gemeldet werden. Die Vereinigten Staaten werden
darüber hinaus weitere Hilfe für Kriegsbeschädigte
bereitstellen.

Vorsitzenden des Ausschusses der sich mit den
Ermittlungen zur Aufklärung des Schicksals von rund
2.265 Amerikanern beschäftigt, begleitet.
Kerry betonte zwar, daß diplomatische Schritte in die
Zuständigkeit des Präsidenten fallen, meinte jedoch,
es sei notwendig, zwischen der Aufhebung des bestehenden Wirtschaftsembargos gegen Hanoi und der
Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen zu
unterscheiden. Er kenne niemanden in seinem Ausschuß, der "es befürwortet, morgen oder nächste
Woche (die Beziehungen) automatisch zu normalisieren, was die Vergabe von Krediten, (Aufnahme in) den
Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und so
weiter impliziert. Viele unter uns sind jedoch der
Meinung, daß wir auf Gegenseitigkeit beruhende Schritte
unternehmen müssen, die den von Vietnam unternommenen Schritten Rechnung tragen."
Ohne auf Einzelheiten einzugehen, fügte Kerry hinzu,
es gebe "Dinge, die wir tun können, insbesondere im
Hinblick auf das Embargo, die unsere Beziehungen
sehr verbessern und ... diesen Informationsfluß fördern würden". Er erwarte, daß Bush Schritte unternehmen werde um sich zu revanchieren, bezweifle aber,
daß der Präsident "kurzfristig" eine völlige Normalisierung gestatten werde.

"Ich bin überzeugt", so Bush, "daß wir beginnen können, das letzte Kapitel des Vietnamkrieges zu schreiben. Ich möchte betonen, daß dies nur ein Anfang ist, McCain bezeichnete es als "äußerst voreilig", eine
Aufhebung des Embargos zum jetzigen Zeitpunkt in
aber es ist ein bedeutsamer Anfang."
Betracht zu ziehen. Er gehe davon aus, daß WashingDer Präsident äußerte sich nach einem Treffen mit ton bereit sei, "den Vietnamesen in gewissem Umfang
General a.D. John Vessey, seinem Sonderbeauftrag- Hilfe zu leisten". Er führte die Tatsache an, daß "es
ten zur Aufklärung des Schicksals von Amerikanern, südvietnamesische Soldaten gibt, die immer noch
die in Vietnam, Laos und Kambodscha gefangenge- keine Prothesen (für fehlende Gliedmaßen) haben. In
nommen wurden oder als vermißt gelten. Der General diesem Bereich würden wir gerne helfen. Es gibt
war zu Beginn der Woche von seinem jüngsten Be- immer noch 300.000 vermißte vietnamesische Soldasuch in Hanoi zurückgekehrt und brachte dabei eine ten. Wir würden gerne die erforderliche technische
"symbolische Probe" des neuen Materials mit. Vessey Hilfe bereitstellen, um ihnen bei der Lösung des Verwurde von dem republikanischen Senator John McCain mißtenproblems zu helfen. Meines Erachtens ist es
aus Arizona, einem ehemaligen Marinepiloten und äußerst voreilig, über eine Aufhebung des Embargos
Kriegsgefangenen in Vietnam sowie dem demokrati- zu reden, bevor dieser Prozeß in Gang kommt."
schen Senator John Kerry aus Massachusetts, dem
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Sehe 1

�Vessey forderte beide Seiten auf, einen Prozeß des
"wie Du mir, so ich Dir" zu vermeiden. "Wir sollten den
Vietnamesen humanitäre Unterstützung gewähren,
die der humanitären Unterstützung bedürfen", erklärte
er. "Sie (die Vietnamesen) sollten zur Lösung dieses
Problems als einem humanitären Problem beitragen."
Wenn jede Seite abwarte, wie die andere reagiere,
"werden wir erneut eine Pattsituation haben. Wir
müssen uns beide nach vom bewegen."

Politik (der Bush-Administration) überein, er pflichtet
der Notwendigkeit bei, eine vollständige Aufklärung zu
erhalten und (der Tatsache), daß es sich in der Tat um
überparteiliche Bemühungen ganz Amerikas handelt".

McCain teilte einem Fragesteller mit, seiner Auffassung nach seien die Vietnamesen entgegenkommender geworden, weil sie heute "verzweifelt nach wirtschaftlicher Hilfe" Ausschau hielten und "sich Sorgen
über die Chinesen machen. Ich denke, sie sind zu der
Vessey stellte fest, vietnamesische Regierungsvertre- Überzeugung gelangt, daß Kooperation und Entgeter hätten ihm versichert, daß Hanoi die Vereinbarung genkommen für sie der beste Weg zur Aufhebung des
über die Öffnung seiner Archive als "Wendepunkt" in Embargos sind."
den Bemühungen zur Aufklärung des Schicksals von
Kerry stimmte dem zu und meinte darüber hinaus,
Amerikanern betrachtet.
interne Spannungen in der vietnamesischen RegieDie Ermittler sind Vessey zufolge auf keinen Fall eines rung spielten ebenfalls eine Rolle. Im September
noch lebenden Amerikaners in Vietnam gestoßen. wurde Le Duc Anh, ein General mit einem Ruf als
Das neue Material werde jedoch dazu beitragen die Problemloser, infolge einer Regierungsumbildung
Möglichkeit auszuschließen, daß amerikanische Kriegs- Präsident Vietnams. "Ich habe das Gefühl", erklärte
gefangene immer noch am Leben sind, es werde die Kerry, "daß die Notwendigkeit zur Lösung dieses
Suche nach den sterblichen Überresten gefallener Problems heute höhere Akzeptanz genießt. In gewisSoldaten und Flieger fördern und "uns rascher voran- ser Weise fiel der Zeitpunkt zusammen."
bringen als alles, was wir sonst zur möglichst vollstänAlle drei dementierten, daß der Präsidentschaftswahldigen Aufklärung tun könnten".
kampf bei der Ankündigung oder der Terminierung
Kerry betonte den überparteilichen Charakter dieser eine Rolle gespielt habe. McCain erklärte, das "GeBemühungen und erklärte, er habe mit dem demokra- genteil" sei der Fall - die Vietnamesen befürchteten
tischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton über den "Anstrich" der Parteilichkeit. "Deshalb war es
die M ission und seinen eigenen Brief an das vietname- wichtig, daß Senator Kerry ihnen versicherte, eine
sische Außenministerium gesprochen, wobei die Un- etwaige Clinton-Administration oder eine Bush-Admiterstützung republikanischer und demokratischer nistration würden diese Frage identisch behandeln",
Vertreter für die Aufklärung bekräftigt worden sei. stellte McCain fest.
Clinton stimme "dem Ansatz zu, er stimmt mit der

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Seite 2

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�WIRTSCHAFT
4. November 1992

WIRTSCHAFT MUSS INTERNATIONAL DENKEN
von Nicholas F. Brady
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag des amerikanischen Finanzministers,
Nicholas F. Brady. Der Artikel ist ohne Einschränkungen für den Nachdruck freigegeben.

Wenn wir die Welt an der Wende zum 21. Jahrhundert
betrachten, haben sich die wirtschaftlichen und politischen Grenzen verwischt. Unsere nationale Volkswirtschaft hat sich von einem autarken und isolierten
Kontinent zu einer Insel in einem Weltarchipel entwikkelt - einer Insel, deren Wohlstand unmittelbar und
dramatisch von der Entwicklung an den gegenüberliegenden Küsten von Ozeanen beeinflußt wird. Es ist
nicht länger sinnvoll, in rein innenpolitischen Kategorien zu denken, es gibt keine klare Trennungslinie
mehr zwischen Innen- und Außenpolitik. Handelsgespräche wirken sich auf die Inlandsbeschäftigung aus,
die Bildungspolitik beeinflußt die künftige Wettbewerbsfähigkeit, Frieden im Nahen Osten bedeutet sichere
Energiequellen, auf denen die Binnenproduktion beruht, und Investitionen des Auslands bedeuten Arbeitsplätze für Amerikaner.
Mit den Veränderungen in der Welt um uns herum
müssen auch wir uns wandeln, und um dies zu tun,
müssen wir den Charakter des tiefgreifenden wirtschaftlichen Übergangs verstehen, den Amerika und
die Welt jetzt erleben. Dabei sind zwei voneinander
getrennte und deutlich umrissene Elemente am Werk:
Eine Reihe bedeutsamer aber vorübergehender Störungen, die das System durchlaufen werden, und-was
wichtiger ist - ein struktureller und dauerhafter Wandel
in der Organisation des weltweiten wirtschaftlichen
Wettbewerbs - der teilweise durchgreifender ist, als
jeder seit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts verzeichnete.
Beispiele für den bedeutsamen aber vorübergehenden Wandel sind unter anderem:
Der Sieg im Kalten Krieg wird der Weltwirtschaft
unschätzbare Vorteile bringen. Aber auch die
Wohltaten des Friedens hatten ihren Preis: Die
Belastungen, die dadurch verursacht wurden,
daß dieses Land nahezu 50 Jahre lang die
Bürde der Verteidigu ng der freien Welt getragen
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hat, treten heute klar zutage. Allein in diesem
Land hat der Übergang zu einer Friedenswirtschaft Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge in den vergangenen drei Jahren
über 1,6 Millionen Arbeitsplätze gekostet. Ohne
diesen Arbeitsplatzschwund wäre die Arbeitslosenquote heute über ein Prozent niedriger. Der
Frieden hat seinen Preis.
Auch früher schon haben wir am Kriegsende Anpassungenvorgenommen. Bei Kriegsende im ersten Jahr
der Truman-Administration fiel das Bruttosozialprodukt sogar in einem einzigen Jahr um 19 Prozent.
Damit wird unser heutiges Wirtschaftswachstum von
über 2 Prozent wieder in die Perspektive gerückt. In
Trumans zweiter Amtszeit wuchs die Wirtschaft nach
vollendeter Umstrukturierung um nahezu 25 Prozent
in vier Jahren.
Zweitens hat die Verschuldung quer durch alle
Schichten der amerikanischen Gesellschaft in
den vergangenen vier Jahren historische Höchststände erreicht. Es ist jedoch festzustellen, daß
diese Schulden zu sinken beginnen, da die
Unternehmen ihre Bilanzen verbessern und die
Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge in
den neunziger Jahren selbst Eltern werden, die
auf ihre Budgets achten und für den Ruhestand
und die Ausbildung ihrer Kinder sparen. Der
Abbau der Staatsverschuldung legt langfristig
den Grundstein für neues Wachstum - obwohl
er kurzfristig eine starke Verlangsamung des
Wachstums bedeutet hat.
Drittens wurde das Wirtschaftswachstum durch
ein Bankensystem behindert, dasdurch die Verschuldung der Dritten Welt, den Bankrott von
Spar- und Darlehensbanken sowie sinkende
Immobilienpreise geschwächt wurde. Die Schuldenkrise der Dritten Wert liegt jedoch heute
hinter uns, die Bereinigung des Problems der

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�Spar- und Darlehensbanken ist nahezu vollendet, und die Probleme auf dem Immobilienmarkt
nehmen ab. Die Banken sind darüber hinaus
profitabler und liquider als seit Jahrzehnten.
Viertens hat die amerikanische Industrie in den
vergangenen Jahren einen Umstrukturierungsprozeß durchlaufen. Nach der Durchführung
von Maßnahmen zurSteigerung der Produktivität ist die amerikanische Industrie heute konkurrenzfähiger. 1988 betrug unser Handelsbilanzdefizit bei Waren und Dienstleistungen nahezu
l02Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr war
es auf nur noch 11,7 Milliarden Dollargesunken.
Wir gewinnen die Schlacht um Exporte.
Fünftens war die Geldmenge - von der die
Finanzierung des Wachstums eines Landes
abhängt - während des Großteils der vergangenen drei Jahre lediglich ein untergeordnetes Ziel
der Bundesnotenbank. In den vergangenen
Monaten war das M-2-Wachstum negativ oder
gleichbleibend.
Schließlich haben wir ein gebremstes Weltwirtschaftswachstum festgestellt. Wir schneiden
wirtschaftlich besser ab als Deutschland, Japan, Großbritannien und andere Handelspartner. Das verschafft den Amerikanern wenig
Befriedigung - aber es ist eine Tatsache.

Mehr noch, Informationen und geistiges Kapital
sind für den Herstellungsprozeß zunehmend
wichtige Elemente geworden. Neue Unternehmen werden gegründet, die sich weniger auf
materielles Kapital und mehr auf bestimmte
Fähigkeiten und Know-how Nützen. Diese neuen
Unternehmen werden zu den führenden Industrien der neuen Welt: So hat Microsoft einen
Börsenwert von insgesamt 22 Milliarden Dollar;
Amgen, eine führende Biotechnik-Firma, hat
einen Börsenwert von 9 Milliarden Dollar und
McCaw Cellular von 5 Milliarden Dollar. Der
Staat kann solche neuen Unternehmen nicht
schaffen, er besitzt diese Fähigkeit nicht.
Verbesserungen im Verkehrswesen haben
zusammen mit neuen Informations- und Kommunikationssystemen die Transportzeit von
Waren dramatisch verkürzt, was den Unternehmen gestattet, selbst in Zusammenarbeit mit
weit entfernten Lieferanten "Just-in-Time"-Methoden anzuwenden. Eine Flugzeugfabrik in
Kalifornien kann einem Lieferanten in Leeds in
England per Telefax eine Teilebestellung schicken und die Komponenten am nächsten Tag in
Empfang nehmen.
Kapital wird auf Knopfdruck - ohne staatliche
Genehmigung - weltweit an jeden Ort bewegt,
der die höchsten Erträge verspricht, sei dies nun
Frankfort in Indiana oder Frankfurt in Deutschland. Um das Ausmaß dieser Mobilität zu
verdeutlichen: Jeden Tag werden über die
Bundesnotenbank in New York Transaktionen
im Wert von über 1,5 Billionen Dollar getätigt.

Jede dieser sechs Bedingungen hat für sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, aber zusammengenommen ist ihre kombinierte Wirkung größer als die
Summe der Einzelteile. Durch die negative Beeinflussung des Verhaltens von Unternehmern und Verbrauchern bedeuteten sie einen weiteren Hemmschuh für Diese Veränderungen haben die Wirtschaftsordnung
das Wachstum und verstärkten die Besorgnis über die umgestaltet, die während des Großteils unseres Lebens
Zukunftsaussichten dieses Landes.
Böütand hatte. Veis&gt;ieir.d!'cherweise ist dies für uns
Aber selbst bei einer Beseitigung all dieser vorüberge- alle beunruhigend. Der starke internationale Wettbehenden Störungen müssen wir immer noch die langfri- werb hat einige der bekanntesten Firmen unseres
stige Umgestaltung des wirtschaftlichen Wettbewerbs Landes zu Umstrukturierungen veranlaßt, nicht nur
in den Griff bekommen, die von der Technik ermöglicht General Motors, sondern auch Xerox, IBM, AT&amp;T und
wurde. Noch vor zwanzig Jahren konnten die meisten andere.

Unternehmen ihre Kunden mit Hilfe einer Straßenkarte Amerikanische Arbeitnehmer gehen zum Teileregal
ausfindig machen, heute benötigen sie eine Weltkarte. und sehen dort Aufschriften, die ihnen Sorgen maDies hat unsere Unternehmen und die tägliche Arbeit chen. Wie George Shultz kürzlich einmal feststellte:
beeinflußt. Zum Beispiel:
"Ich sah einen Schnappschuß von einem AdressenIn der Welt von heute sind Unternehmen nicht aufkleber für irgendwelche von einer amerikanischen
aufgrund geographischer Gegebenheiten auf Firma hergestellten Schaltkreise. Darauf stand, 'Herein bestimmtes Land beschränkt. Über ein gestellt in einem oder mehreren der folgenden Länder:
elektronisches Datennetz können getrennte Teile Korea, Hongkong, Malaysia, Singapur, Taiwan, Maudes Produktionsprozesses von jedem Ort der ritius, Thailand, Indonesien, Mexiko, Philippinen.
Welt aus geleitet werden. So wird beispielswei- Genaues Ursprungsland unbekannt.'"
se ein Personalcomputer von Hewlett Packard
in Palo Alto geplant und vermarktet, in Grenoble Die Amerikaner sorgen sich darüber, was ein solcher
entwickelt, seine Komponenten werden in Ma- Aufkleber über ihre eigene Zukunft aussagt. Diejenilaysia hergestellt und in Singapore montiert, gen jedoch, die Amerikaner davon zu überzeugen
während 50 Prozent des Umsatzes in den Ver- versuchen, daß sie die neue Wi rt schaftsweit des freien
Handels und Wandels fürchten sollten, haben unrecht.
einigten Staaten getätigt werden.
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AMERIKA DIENST 44

�Die meisten der Branchen, die den Vereinigten Staaten
ihre Führungsrolle in dieser neuen Weltwirtschaft verleihen - Sparten wie Pharmazie, Software, Telekommunikation, Luft- und Raumfahrt sowie Computer florieren durch den Handel. Wenn Wettbewerb der
Hebel ist, mit dem ein Land seine Produktivität im 21.
Jahrhundert verbessern wird, dann ist Handel der
Angelpunkt.
Tatsache ist, daß Exporte in den Vereinigten Staaten
Millionen neuer und besserer Arbeitsplätze schaffen
werden - deren Dotierung bisher durchschnittlich 17
Prozent über dem Durchschnittslohn lag. Andere
Länder werden ihren Lebensstandard erhöhen und
infolgedessen mehr hochwertige Produkte von den
Vereinigten Staaten erwerben. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten ihre Ausfuhren nach
Mexiko in den vergangenen vier Jahren von 14 auf 33
Milliarden Dollar gesteigert.

unseren Nachbarn im Norden und Süden verbinden
und einen Binnenmarkt von über 360 Millionen Menschen mit einer Gesamtproduktion von 6,5 Billionen
Dollar schaffen. Der neue Binnenmarkt wird eine
beispiellose Lokomotive für Wachstum und Arbeitsplätze darstellen. Aber ohne die Initiative und das
konstante Drängen Präsident Bushs wäre dieses
Abkommen nie unterzeichnet worden. Nichts könnte
das Verständnis des Präsidenten für die neue Weltwirtschaft besser unter Beweis stellen.
Die Schlüsselfunktion kleiner und mittlerer
Betriebe

Zwei Drittel der in den Vereinigten Staaten geschaffenen Arbeitsplätze entstehen in kleinen und mittleren
Unternehmen. Nur 11 Prozent der Beschäftigten
arbeiten für die fünfhundert größten Unternehmen
(Fortune 500). Wir dürfen den vier Millionen kleineren
Firmen, die in dieser Übergangsphase von den ArbeitTatsache ist, da ß die Amerikaner am besten abschnei- nehmern benötigte Arbeitsplätze schaffen, keine Fesseln
den, wenn die Konkurrenz hart ist - wir leisten das anlegen. Die heute in den Kinderschuhen steckenden
Beste, indem wir kreativer, unternehmerischer und Industrien werden die Arbeitsplätze von morgen schafinnovativer handeln. In der Welt von morgen werden fen.
Innovationen eine Hauptquelle künftiger attraktiver
und hochbezahlter Arbeitsplätze sein. Darin werden Mit diesem Ziel hat Präsident Bush unlängst eine
wir Amerikaner begünstigt. Innovationen und Wandel umfassende, auf fünf Jahre angelegte Initiative im
sind unser Erbe - von jenem Sommertag im Jahr 1776 Umfang von 20 Milliarden Dollar angekündigt, die auch
als wir eine neue Staatstheorie ins Leben riefen bis eine Senkung der Steuern für kleine und mittlere
zum jüngsten Flug der Raumfähre Atlantis. Die Unternehmen vorsieht. Dabei würden bis zu 2.500
Amerikaner sind in einer einzigartig guten Position, um Dollar der Betriebsgründungskosten steuerabzugsfäin der modernen Welt des 21. Jahrhunderts Erfolg zu hig, die Abzüge für Betriebsmittel würden erhöht und
der Papierkrieg, der kleine Unternehmen besonders
haben.
belastet, würde verringert.
Deshalb wird es Ziel der Bush-Administration in den
nächsten vier Jahren - wie schon in der Vergangenheit Bedingungen zur Gewinnung von Investitionen
- sein, den Veränderungen nicht auszuweichen, son- Die Sicherung der wirtschaftlichen Führungsrolle
dern sich ihnen zu stellen, nicht auf der Stelle zu treten, Amerikas wird darüber hinaus die Einführung von
sondern voranzugehen. Unser einhelliges Ziel ist es, Maßnahmen bedeuten, die das Sparen begünstigen
hochwertige Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und die Kapitalkosten reduzieren, um zu Investitionen
zu schaffen. Um dieses Ziel zu erlangen, sollten wir zu ermutigen. Dies bedeutet eine Regierungsführung,
folgendes tun.
bei der Inflationsrate und Zinssätze niedrig bleiben,
und heute sind die kurzfristigen Zinssätze und die
Inflation auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.
Wir müssen die spektakulären Erfolge fortsetzen, die Es bedeutet die Reduzierung der Kapitalgewinnsteuwir in den vergangenen vier Jahren bei der Öffnung er, um so die Investitionstätigkeit anzukurbeln. Es
freier und wachsender Märkte für unsere Ausfuhren bedeutet ferner den Abbau unnötiger vorschriftenbehatten. In den achtziger Jahren wurde das Wachstum dingter Beschränkungen und die Korrektur von Exzeshauptsächlich durch Schulden und Verbrauch ange- sen unseres Rechtssystems.
trieben, in den neunziger Jahren muß Wachstum statt
dessen durch Exporte und Investitionen entstehen. Für die Bedeutung eines attraktiven InvestitionsumfelDie amerikanischen Warenexporte sind in den vergan- des möchte ich folgendes Beispiel anführen: BMW,
genen fünf Jahren um rund 195 Milliarden Dollar das die Wahl in der ganzen Welt hatte, beschloß
gestiegen, und jede Milliarde an Ausfuhren stützt etwa kürzlich, sein erstes Werk außerhalb Deutschlands in
20.000 Arbeitsplätze. Eine einfache Multiplikation South Carolina zu errichten. Mit den Worten von BMW
weist darauf hin, daß dieses Exportwachstum nahezu "werden die Exporte, die wir von dem Betrieb in den
USA aus planen, die weltweite Wettbewerbsfähigkeit
vier Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen hat.
von BMW stärken". Stellen Sie sich deutsche AutomoPräsident Bush hat das Nordamerikanische Freihan- bile vor, die von Amerikanern hergestellt und an Eurodelsabkommen gebilligt. Das NAFTA wird uns mit päer und Japaner verkauft werden.
Exporte gleich Arbeitsplätze

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Sehe 3

�Investitionen in die Zukunft Amerikas

sem Grund hat Präsident Bush im Februar einen Plan
für eine umfassende Gesundheitsreform vorgelegt,
Schließlich müssen wir in die Zukunft Amerikas inve- um den Zugang zu medizinischer Versorgung durch
stieren. Investitionen in Ausbildung ebenso wie in eine erschwinglichere Krankenversicherung zu verTechnologie und Forschung sind der Schlüssel zur bessern. Der Plan des Präsidenten wird nicht zu einer
Steigerung der Produktivität unserer Arbeitnehmer. Rationierung medizinischer Leistungen führen und
Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß Bildung die beläßt die Wahlfreiheit im Gesundheitswesen in den
Garantie für sichere Arbeitsplätze ist. Unsere Großvä- Händen der Menschen und nicht des Staates.
ter haben vielleicht noch ihr ganzes Leben an einem
Arbeitsplatz verbracht. Der Beschäftigte von heute Diese Ziele tragen der Verflechtung zwischen Außenwird beim Eintritt in den Ruhestand im Durchschnitt und Innenpolitik Rechnung. Sie berücksichtigen die
fünf Berufe ausgeübt haben. Bildung wird der Schlüs- dynamischen Veränderungen in der Weltwirtschaft
sel zu einer produktiven Zukunft sein. Wenn amerika- und betonen die Initiative des einzelnen, anstatt auf die
nische Arbeitnehmer ebenso wie Studenten gelernt Lokomotivfunktion großer staatlicher Programme zu
haben zu lernen, werden sie den Grundstein für ein setzen.
Leben voller neuer Fähigkeiten gelegt haben.
Einige werden sagen, dieses Programm sei falsch.
Die amerikanische Erwerbsbevölkerung muß die am Wettbewerb im In- oder Ausland, so werden sie bebesten ausgebildete sein, um die produktivste Arbeit- haupten, ist destruktiv - Handel kostet Arbeitsplätze,
nehmerschaft zu bleiben. Das bedeutet die Überho- Wahlfreiheit plündert Schulen aus, Investitionsanreize
lung unseres Bildungssystems - durch die Verwirkli- helfen nur den Reichen. Aber sie sind es, die unrecht
chung von Präsident Bushs Plan, der den Schulen haben. Alles, was sie anbieten - gekleidet in die
größere Rechenschaftspflicht abverlangt, die freie neusten Slogans - sind die erschöpften Heilmittel von
Schulwahl ausbaut und die Bundesstaaten ermutigt, Protektionismus, Steuererhöhungen und staatlicher
Bevormundung. Sie sind die neuesten Mitglieder der
sinnvollere Bildungsziele festzulegen.
Bewegung, die meint, die Erde sei eine Scheibe. Sie
Bei der Umgestaltung unserer Wirtschaft werden wir sind unfähig, die Welt um sie herum zu verstehen.
diejenigen nicht vergessen, die infolge des Wechsels
von einem Beruf zu einem anderen im Lauf ihres Wir können nicht an der alten Welt festhalten, und wir
Lebens umgeschult werden müssen. Die Initiativen sollten dies auch nicht wollen. Wir wissen, was wir tun
der Regierung zur Anpassung der Beschäftigten und müssen, um in der neuen Weltwirtschaft zu reüssiezur Verbesserung der Fertigkeiten von Jugendlichen ren. Schließlich befindet sich das Spielfeld auf unsewerden die gegenwärtig für Umschulungsmaßnah- rem angestammten Terrain: Kreativität, Risiko, Wettmen zur Verfügung stehenden Mittel verdreifachen.
bewerb, Leistung. Mit Optimismus, Energie und
Engagement kann Amerika bleiben, was es stets
Investitionen in Amerikas Zukunft bedeuten schließ- gewesen ist: Die Arche für die Freiheit der Welt und die
lich auch die Bereitstellung einer erschwinglichen Lokomotive ihres Wohlstands. Das nächste amerikaKrankenversicherung für alle Amerikaner bei gleich- nische Jahrhundert kann ebenso strahlend und brillant
zeitiger Dämpfung der steigenden Kosten. Aus die- sein wie aas letzte.
* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 44

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Präsident Clinton&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bill Clinton: der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neugewählten Präsidenten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vizepräsident Gore&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vizepräsident Al Gore &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neugewählten Vizepräsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Kontinuität in US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung in Little Rock am 4. November&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. GUS-Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue amerikanische Initiativen bei Konferenz in Tokio bekanntgegeben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum die Vereinigten Staaten ein starkes Russland wollen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul Wolfowitz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Start&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Start-Vertragspartner vereinbaren Verfahrensregeln für JCIC&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Presseerklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Vietnam&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Abkommen zwischen USA und Vietnam über Vermisste/Kriegsgefangene "bedeutsam"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schritte zur Verbesserung der Beziehungen erwogen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;8. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaft muss international denken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Nicholas F. Brady&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

28. Oktober 1992

43

&gt;

i

GUS-HILFE
IRAK

WAHLEN '92

BUSH UNTERZEICHNET FREEDOM
SUPPORT ACT
Erklärung des Präsidenten
USA VERNEINEN UNTERSTÜTZUNG
IRAKISCHER RÜSTUNGSPROGRAMME
Offener Brief von Eagleburger an
New York Times
DIE VERTEILUNG DER WAHLMANNERSTIMMEN NACH BUNDESSTAATEN
Neue Verteilung bei gleicher Anzahl
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN VERTRETEN ÄHNLICHE ANSICHTEN
ZU VERTEIDIGUNGSPOLITIK
Sprecher verweisen auf wenige bedeutende
Unterschiede
SCHARFE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN CLINTON
UND BUSH BEI UMWELTPOLITIK
Engagierte Umweltschützer unterstützen Clinton
WACHSENDES INTERESSE DER WÄHLER
IN USA, ZUNEHMENDE REGISTRIERUNG
VERZEICHNET
Rezession, ungewisser Wahlausgang als
Hauptfaktoren
MEDIEN WICHTIGER FAKTOR BEI
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Aktuelle Berichte und Anzeigen als
wichtigste Elemente
UNABHÄNGIGE KANDIDATEN UND
PRÄSIDENTSCHAFTSBEWERBER VON
DRITTPARTEIEN
von Robert E. Mutch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�GUS - H I L F E
28. Oktober 1992

BUSH UNTERZEICHNET FREEDOM SUPPORT ACT
Erklärung des Präsidenten
BILLINGS (MONTANA) - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung von Präsident Bush zur Hilfe für
die ehemalige Sowjetunion. Sie wurde am 25. Oktober in Billings (Montana) von der Pressestelle des Weißen
Hauses herausgegeben.
Heute habe ich mit meiner Unterschrift S. 2532, dem
"FREEDOM Support Act", Gesetzeskraft verliehen.
Dieses historische Gesetz bewilligt ein breites Spektrum von Programmen zur Förderung freier Marktwirtschaften und demokratischer Reformen in Rußland,
der Ukraine, Armenien und den anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Insbesondere
werden mit diesem Gesetz die Anhebung des amerikanischen Anteils am Internationalen Währungsfonds
(IWF) um 12 Milliarden Dollar und 410 Millionen Dollar
an bilateraler amerikanischer Hilfe freigegeben. Darüber hinaus beseitigt das Gesetz eine Reihe überholter gesetzlicher Beschränkungen der amerikanischen
Beziehungen mit den neuen unabhängigen Staaten,
die noch aus der Zeit des Kalten Krieges stammen.

Staaten einbezieht. Verschiedene Bestimmungen dieses
Gesetzes werden die speziellen Fähigkeiten und das
Fachwissen der amerikanischen Privatwirtschaft nutzen. S. 2532 wird Unterstützung für die Handels- und
Investitionstätigkeit amerikanischer Unternehmen
gewähren, die zum Aufbau des wirtschaftlichen und
kommerziellen Fundaments beitragen sollen, auf dem
die neuen Demokratien ruhen werden. Dies ist eine
Investition in unsere ebenso wie in deren Zukunft.

Die Quotenaufstockung des IWF wird sicherstellen,
daß dem IWF angemessene Mittel zur Förderung
freier Märkte in der ehemaligen Sowjetunion ebenso
wie andernorts in der ganzen Welt zur Verfügung
stehen. Durch seinen Beitrag zu einer blühenderen
Wertwirtschaft wird der IWF Märkte für amerikanische
Ich bin stolz darauf, daß die Vereinigten Staaten diese Exporteure erweitern und zusätzliche Arbeitsplätze für
historische Chance haben, Demokratie und freie Märkte amerikanische Arbeitnehmer schaffen.
in diesem entscheidenden Teil der Werl zu unterstützen. Obwohl allen klar ist, daß die Zukunft der neuen Dieses Gesetz wird uns darüber hinaus gestatten, im
unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion in kommenden Winter humanitäre Hilfe bereitzustellen,
deren eigenen Händen liegt, stellt die Verabschiedung die demokratischen Reformen und freie Marktwirtdes FREEDOM Support Act das Engagement der schaften zu unterstützen, Handel und Investitionen zu
Vereinigten Staaten zur Unterstützung dieses Vorha- fördern, bei Vorhaben in den Bereichen Gesundheit
und Arbeitswesen zu helfen, zur Überwindung von
bens unter Beweis.
Problemen im Energiebereich, bei der Sicherheit ziviler
Kernreaktoren, des Verkehrswesens und der TeleWieder einmal hat sich das amerikanische Volk zukommunikation
beizutragen, bei der Bewältigung der
sammengeschlossen, um die Sache der Freiheit vorschweren
Umweltprobleme
in der Region mitzuwirken
anzutreiben, um Frieden zu erlangen und um dazu
und
ein
breites
Spektrum
an
persönlichen Austauschbeizutragen ehemalige Gegner zu friedlichen Partnern
programmen
ins
Leben
zu
rufen,
deren Ziel die endgülzu machen. Dieser demokratische Frieden wird auf
tige
Beseitigung
des
Mißtrauens
und
der Mißverständdem soliden Fundament politischer und wirtschaftlinisse
ist,
die
unsere
Beziehungen
mit
der Sowjetunion
cher Freiheit in Rußland und den anderen unabhängiin
der
Vergangenheit
geprägt
haben.
gen Staaten gründen. Wir müssen die Reformer in
Rußland, der Ukraine, Armenien und den anderen
Das Gesetz sieht außerdem weitere Mittel und Befugneuen Staaten weiterhin unterstützen.
nisse vor, um Bemühungen zur Zerstörung nuklearer
Ich freue mich darüber, da ß dieses Gesetz wie niemals und anderer Waffen zu unterstützen und die Produkzuvor unseren Privatsektor bei der Bereitstellung tech- tionseinrichtu ngen dieser Waffen für friedliche Zwecke
nischer Hilfe für Rußland und die anderen neuen umzurüsten.

AMERIKA DIENST 43

Seite 1

�Wir führen diese Hilfsprogramme durch, weil wir uns
für mehr Sicherheit von uns selbst, von unseren Verbündeten und den Völkern der neuen unabhängigen
Staaten engagieren. Diese Programme werden unsere Sicherheit durch Demilitarisierung sowie humanitäre und technische Hilfe fördern.
Eine Reihe von Bestimmungen in diesem Gesetz
geben jedoch Anlaß zu verfassungsrechtlichen Bedenken. Einige Bestimmungen beabsichtigen, mir
oder meinen Bevollmächtigten Anweisungen im Hinblick auf die Beteiligung an internationalen Institutionen zu geben. Unserem Verfassungssystem zufolge
ist allein der Präsident in solchen Angelegenheiten
zuständig. Ich werde solche Bestimmungen deshalb
nur als beratend betrachten.
Darüber hinaus könnte das Gesetz mit meiner Aufsichtskompetenz für die Exekutive kollidieren, indem
ein untergeordneter Beamter des Außenministerium
bevollmächtigt wird, gewisse interministerielle Streitfälle zu lösen und indem es regelt, wie andere Behörden Lizenzanträge der nationalen Raumfahrtbehörde
(NASA) behandeln sollen. Ich werde diese Bestimmungen im Licht meiner verfassungsmäßigen Pflichten interpretieren.
Das Gesetz gestattet femer die Einrichtung angeblich
nichtstaatlicher Gebilde - des Democracy Corps und

einer Stiftung, die wissenschaftliche Aktivitäten und
Austauschprogramme durchführen wird -, die staatlichen Anweisungen unterliegen würden, überwiegend
zur Ausführung staatlicher Maßnahmen geschaffen
und großenteils auf staatliche Finanzierung angewiesen wären. Wie ich bereits erklärt habe, untergraben
Gebilde, die weder eindeutig staatlichen noch eindeutig privaten Charakter haben die Prinzipien der Gewaltenteilung und der politischen Rechenschaftspflicht.
Bei der Entscheidung über die Ausübung der mit
diesem Gesetz gewährten Vollmacht werde ich berücksichtigen - und ich weise auch den Direktor der
Nationalen Wissenschaftsstiftung an dies zu berücksichtigen -, ob diese Gebilde im Einklang mit diesen
Grundsätzen geschaffen und betrieben werden können.
Ferner melde ich einen Vorbehalt bezüglich der Bestimmung an, dergemäß Gerichtsverfahren nach dem
Datenschutzgesetz (Freedom of Information Act) im
Hinblick auf das Democracy Corps in der "Zuständigkeit" des Amts für Internationale Entwicklung liegen.
Diese Zuständigkeit sollte nicht als Antastung der
allgemeinen Prozeßvollmacht des Justizministers
aufgefaßt werden. Deshalb weise ich das Amt für
Internationale Entwicklung an, alle Angelegenheiten
dieser Art im Einklang mit dessen gültiger Vollmacht an
den Justizminister zu überweisen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 43

�IRAK
28. Oktober 1992

USA VERNEINEN UNTERSTÜTZUNG
IRAKISCHER RÜSTUNGSPROGRAMME
Offener Brief von Eagleburger an New York Times
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium hat Behauptungen in aller Schärfe zurückgewiesen, wonach
die Vereinigten Staaten vor dem Golfkrieg die Rüstungsprogramme Saddam Husseins unterstützt hätten. Zu
diesem Thema veröffentlichte das US-Außenministerium am 20. Oktober 1992 einen Brief des amtierenden
Außenministers, Lawrence Eagleburger, der am 21. Oktober in der New York Times erschienen ist.
"Der Gedanke, daß wir ihm Waffen geliefert haben, ist
völlig unzutreffend", erklärte der Sprecher des Außenministeriums, Richard Boucher, am 21. Oktober 1992
bei einer Pressekonferenz, in deren Verlauf er eine
detaillierte Widerlegung aus der Luft gegriffener Behauptungen über eine amerikanische Unterstützung
der Rüstungsprogramme des Irak abgab.
Nach mehreren Anhörungen im Kongreß, Hunderten
von Fragen und 45 Inspektionen der Vereinten Nationen "ist unseres Erachtens die Bilanz eindeutig", erklärte Boucher.
"Es gibt keinerlei Beweise, daß amerikanische Technologie einen bedeutsamen Beitrag zu den militärischen Fähigkeiten des Irak oder seinen Programmen
zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen geleistet hat", stellte der Sprecher fest. Tatsächlich
entharte die Bilanz der Inspektionen Beweise dafür,
daß in den Vereinigten Staaten beschaffte Ausrüstung
und Technologie keinen bedeutsamen Beitrag darstellten.

Seit der Schaffung des Regimes zur Kontrolle von
Raketentechnologie (MTCR) im Jahr 1987 wurden
Boucher zufolge keine Lizenzanträge für die Ausfuhr
von dem MTCR unterliegenden Gütern - Raketen,
wichtigen Subsystemen oder Komponenten, darunter
auch Mehrzweckgerät - in den Irak genehmigt.
Exportlizenzen für alle in chemischen oder biologischen Waffen verwendbaren Wirkstoffe, die auf der
amerikanischen Munitionskontrolliste stehen, wurden
dem Irak verweigert, erklärte Boucher und verwies
darauf, daß seit 1984 eine wachsende Liste chemischer Grundstoffe bestanden habe, die durch eine
eindeutige Verweigerungspolitik gegenüber dem Irak
gestützt wurde.
"Irak war der Schwerpunkt der amerikanischen Bemühungen gegen die Weiterverbreitung, besonders in
den Jahren 1989 und 1990", erklärte der Sprecher. Zu
diesen Bemühungen gehörten die Verbesserung der
Kontrollen in multilateralen Foren sowie eine neue
Initiative, die chemischen und biologischen Waffen
sowie Raketenprojekten galt. Ausländische Regierungen wurden aufgefordert, keine Technologien dieser
Art an den Irak zu liefern.

Die amerikanische Exportkontrollpolitik gegenüber dem
Irak vor dem Golfkrieg war "schärfer als die jedes
anderen Industriestaates, und sowohl die Reagan- als
auch die Bush-Administration verfolgten eine strikte Zwischen 1985 und 1990 wurden sogenannte MehrPolitik, den Export von Waffen oder Waffensystemen zweckexporte in Höhe von rund 500 Millionen Dollar
in den Irak zu verwehren", erklärte Boucher.
von den Vereinigten Staaten an den Irak geliefert,
während tatsächlich Exportlizenzen für Lieferungen in
Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten seit Höhe von 1,5 Milliarden Dollar erteilt wurden. Dabei
langem eine Politik betrieben, die eine nukleare Zu- handelte es sich um Gegenstände, "die im konventiosammenarbeit mit dem Irak ausschließe. "Die Verei- nellen und nichtkonventionellen militärischen Sinne
nigten Staaten haben keine Exporte von Gerät oder als unbedenklich betrachtet wurden", erklärte er.
Technologie in den I rak genehmigt, die für Kernreaktoren, Urananreicherung oder die Wiederaufarbeitung "Es waren Mehrzweckgüter", so der Sprecher. "Viele
von Plutonium genutzt werden könnten."
davon waren einfache Computer, schwere Lastkraftwagen und dergleichen. Die amerikanische Regierung
AMERIKA DIENST 43

Seite 1

�hat im allgemeinen versucht, unschädliche Verkäufe
von Mehrzweckgerät zu gestatten - von Dingen, die
auch andernorts frei verfügbar sind und bei denen es
keinen großen Unterschied macht, ob man sie exportiert oder nicht."

Ob absichtlich oder nicht, die Redaktion der New York
Times - wie auch zahlreiche Kolumnisten der Zeitung
- entstellen weiterhin die Tatsachen im Hinblick auf die
amerikanische Politik gegenüber dem Irak vor dem
Golfkrieg. Das jüngste Beispiel dieser Neigung zu
verzerrter Darstellung findet sich in Ihren Leitartikeln
vom 6. und 14. Oktober. Erlauben Sie mir, für Sie und
Ihre Leser die Dinge zurechtzurücken.

Keines dieser Güter diente "nuklearen, chemischen,
biologischen oder anderen einschlägigen Zwecken",
erklärte Boucher. "Es handelte sich um Mehrzweckgüter, die allgemein erhältlich waren und wenig - oder Erstens, bis heute hat keine Untersuchung - vom
praktisch gar keine- Auswirkungen auf die Programme Kongreß, vom US-Staatsanwalt in Atlanta oder von
des Irak hatten."
irgendeiner Bundesbehörde - Beweise für einen irakischen Mißbrauch von Kreditbürgschaften zum Kauf
Inspektionsteams der Sonderkommission der Verein- von Waffen, noch für eine Umleitung von an den Irak
ten Nationen (UNSCOM) und der Internationalen verkauften Waren in Drittstaaten erbracht.
Atomenergie-Organisation (IAEO), die den Irak besucht haben, "haben in irakischen Rüstungsbetrieben Zweitens, die Banca Nazionale del Lavoro (BNL) war
eine sehr begrenzte Menge von Mehrzweckgerät nie in irgendeiner Weise mit den 500 Millionen Dollar
amerikanischen Ursprungs vorgefunden", so Boucher. an Kreditbürgschaften befaßt, die von der Bush"Aber weder die Menge noch der Charakter dieser Administration tatsächlich für den Ankauf amerikaniGegenstände deuten darauf hin, daß amerikanische scher Agrarprodukte durch den Irak genehmigt wurGüter einen bedeutsamen Beitrag zu den Rüstungs- den.
programmen des Irak geleistet haben."
Drittens, die Exportkontrollpolitik der amerikanischen
In dieser Hinsicht führte erdas irakische Programm zur Regierung gegenüber dem Irak war schärfer als die
Herstellung von Kernwaffen an, dessen Kosten auf bis jedes anderen Industriestaates - und sie funktionierte.
zu 10 Milliarden Dollar geschätzt wurden. Der Wert Während der Operation Wüstensturm stießen die
von Gütern amerikanischer Herkunft, die von den Koalitionsstreitkräfte auf dem Schlachtfeld auf keinerUNO-Inspektoren in dem irakischen Kernwaffenpro- lei von den Vereinigten Staaten gelieferte Waffen oder
gramm entdeckt wurden, betrage hingegen weniger irgendwelche anderen amerikanischen Exporte. Die
über 40 seit dem Golfkrieg von der Internationalen
als 15 Millionen Dollar.
Atomenergie-Organisation und der UNO-SonderkomObwohl der Irak einige Güter legal durch von den USA mission im Irak durchgeführten Inspektionen haben
genehmigte Exportlizenzen beschaffte, "erwarb er eine darüber hinaus überzeugend bewiesen, daß amerikaMenge Material von anderen Personen, und er erwarb nische Technologie keinen bedeutsamen Beitrag zu
einige Waren illegal", erklärte Boucher.
den militärischen Fähigkeiten des Irak geleistet hat.
Er bekräftigte die Erkenntnisse der UN-Inspektionen,
wonach die Waren, die der Irak - legal oder illegal - aus
den Vereinigten Staaten bezogen hat, keinen großen
Einfluß auf seine militärischen Fähigkeiten gehabt
hätten.
"Die Inspektoren waren dort draußen. Sie haben ein
wenig amerikanische Ausrüstung gefunden, darunter
einiges unwichtige Material, für das eine Lizenz erteilt
worden war sowie Dinge, die Saddam illegal beschafft
hatte. Das Material ist vorhanden, aber es hat keinen
großen Einfluß gehabt", erklärte er. "Es gibt keine
Beweise dafür, daß auf dem Schlachtfeld entdecktes
Material amerikanische Technologie war - illegal, legal
oder was auch immer - oder amerikanische Waffen",
so Boucher. "Die Vorstellung, daß wir ihm Waffen
geliefert haben, ist eindeutig unzutreffend."

viertes, bei d?r amerikanischen Politik gegenüber
dem Irak gab «s weder Geheimnisse noch Verschleierungen. Unser Ziel bestand schlicht darin, durch eine
Mischung aus begrenzten Anreizen und starker Abschreckung ein gemäßigtes Verhalten des Irak anzustreben.
Schließlich, die Beschuldigung einer Vertuschung durch
die amerikanische Regierung entbehrt jeder Grundlage. Wir haben dem Kongreß buchstäblich Tausende
von Dokumenten auf Kosten von Zehntausenden von
Arbeitsstunden und Hunderttausenden Dollar zur
Verfügung gestellt. Die Administration hat dem Kongreß den Zugang zu keinem einzigen Dokument in
Zusammenhang mit der amerikanischen Politik gegenüber dem Irak verweigert.

Dies sind die schlichten Tatsachen zur amerikaniDer Brief des amtierenden Außenministers, Lawrence schen Politik gegenüber dem Irak vor dem Golfkrieg.
Eagleburger, an die New York Times zum selben Unabhängig von den Einwänden, die die New York
Thema hat folgenden Wortlaut:
Times gegen diese Politik vorbringen mag, sind Sie es
Ihren Lesern schuldig, die Fakten korrekt darzustellen.
•

Seite 2

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AMERIKA DIENST 43

�WAHLEN

«9 2
28. Oktober 1992

DIE VERTEILUNG DER WAHLMÄNNERSTIMMEN
NACH BUNDESSTAATEN
Neue Verteilung bei gleicher Anzahl
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Liste der Gesamtzahl von Wahlmännerstimmen,
die jedem Bundesstaat und dem District of Columbia bei der Wahl des Präsidenten und des Vizepräsidenten der
Vereinigten Staaten zufallen.
Das Gewicht eines Bundesstaates im Wahlmännergremium entspricht seiner Vertretung im Kongreß - seinem
proportionalen Anteil an der Zahl der Mitglieder im Repräsentantenhaus plus zwei, um der für jeden Bundesstaat
gleichen Zahl der Senatoren gerecht zu werden.
Diese tabellarische Darstellung, in der die Neueinteilung zum Ausdruck kommt, wie sie bei der letzten der alle
zehn Jahre durchgeführten Volkszählungen im Jahr 1990 festgelegt wurde, ist zum ersten Mal am 3. November
1992 gültig.
Die Gesamtzahl der Stimmen im Wahlkollegium liegt jedoch unabhängig von demographischen Veränderungen
immer bei 538 - für die 535 Mitglieder des Kongresses plus drei für den District of Columbia, der keinen
Bundesstaat sondern eher eine Bundesenklave darstellt. Für den Sieg im Wahlkollegium ist eine einfache
Mehrheit von 270 Stimmen erforderlich.
Alabama

9

Kansas

6

Alaska

3

Kentucky

8

Arizona

8

Louisiana

9

Arkansas

6

Maine

4

Kalifornien

54

Maryland

10

Colorado

8

Massachusetts

12

Connecticut

8

Michigan

18

Delaware

3

Minnesota

10

District of Columbia

3

Mississippi

7

Florida

25

Missouri

11

Georgia

13

Montana

3

Hawaii

4

Nebraska

5

Idaho

4

Nevada

4

Illinois

22

New Hampshire

4

Indiana

12

New Jersey

15

7

New Mexico

5

Iowa
AMERIKA DIENST 43

Seite 1

�New York

33

Tennessee

11

North Carolina

14

Texas

32

North Dakota

3

Utah

5

21

Vermont

3

Oklahoma

8

Virginia

13

Oregon

7

Washington

11

Pennsylvania

23

West Virginia

5

Rhode Island

4

Wisconsin

11

South Carolina

8

Wyoming

3

South Dakota

3

Ohio

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 43

�WAHLEN

'92
28. Oktober 1992

PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN VERTRETEN
ÄHNLICHE ANSICHTEN ZU VERTEIDIGUNGSPOLITIK
Sprecher verweisen auf wenige bedeutende Unterschiede
WASHINGTON - (AD) - Bei der von den Präsidentschaftskandidaten der drei großen Parteien vertretenen Haftung zur Zukunft der amerikanischen Verteidigungsstrategie bestehen mehr Gemeinsamkeiten als
Unterschiede.

Der Umfang der Streitkräfte muß sich an den möglichen Bedrohungen orientieren, erklärte Bingaman.
Das Verteidigungsministerium könne nicht als Behörde geführt werden, deren einzige Aufgabe die Verteilung von Arbeitsplätzen ist.

Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg betonen sowohl die
republikanischen als auch die demokratischen Kandidaten die Notwendigkeit einer anhaltenden technologischen Überlegenheit der Vereinigten Staaten, der
Beibehaltung hochqualifizierten Militärpersonals und
einerstarken Rüstungsindustrie. Beide Seiten fordern
die Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung und
scheinen sich über die wahrscheinlich zu erwartenden
künftigen Bedrohungen einig zu sein. In der Frage
jedoch , wie man sich darauf am besten vorbereiten
sollte, gehen ihre Meinungen auseinander.

Bingaman, der Vorsitzender des Senatsunterausschusses für Rüstungsindustrie und militärische Technologie ist, verteidigte den Plan seines Kandidaten, ab
1996 nur noch 100.000 Soldaten in Europa zu stationieren. Die Bush-Administration geht davon aus,
150.000 seien eine angemessene Zahl. Der Senator
verwies darauf, es werde schwierig sein, einen hohen
Truppenbestand in Europa auf unbegrenzte Sicht
politisch zu rechtfertigen.

Der ehemalige Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung unter der Regierung Reagan,
Präsident Bush und Gouverneur Clinton möchten in Ken Adelman, erklärte der ADPA, Clinton wolle die
den kommenden Jahren über kleinere Streitkräfte und amerikanischen Truppen in Europa reduzieren, um
Militärhaushalte verfügen, wenn auch in unterschied- damit Einsparungen zugunsten anderer von dem
Gouverneur befürworteter großer innenpolitischer
lichem Ausmaß.
Ausgabenprogramme zu identifizieren. Adelman verDer Plan der Demokraten sieht im Zeitraum von 1993 wies jedoch darauf, es sei billiger, Truppen im Ausland
bis 1997 Einsparungen von 60 Milliarden Dollar zu- zu stationieren als im Inland. Darüber hinaus erläutersätzlich zu den von den Republikanern angekündigten te er, es werde kostspieliger sein, in Zukunft Truppen
Kürzungen vor. Das Pentagon hat für den gleichen von den Vereinigten Staaten zu Krisenherden - etwa
Zeitraum bereits geplante Einsparungen von 63,8 im Nahen Osten - zu verlegen als dies von Europa aus
Milliarden Dollar bekanntgegeben. Die Demokraten zu tun.
wollen die weitere Senkung durch die zusätzliche
Auf die Frage zur Truppenstärke im Pazifikraum deuDemobilisierung von 200.000 Soldaten erreichen.
tete Bingaman an, unter einer Clinton-Administration
Senator Jeff Bingaman, der Clinton bei einer Zusam- werde es "gewisse Verringerungen" geben. Der
menkunft des Ortsvereins Washington der American Gouverneur wolle jedoch die heutige Zahl amerikaniDefense Preparedness Association (ADPA) am 21. scher Truppen in Südkorea beibehalten, bis die SpanOktober 1992 vertrat, stellte fest, der demokratische nungen auf der koreanischen Halbinsel abgebaut seiKandidat schlage "keine einseitige Abrüstung vor". en.
Obwohl in Zukunft weniger amerikanische Truppen in
Übersee stationiert würden, werde die von Clinton Adelman, der zur Zeit Vizepräsident des Institute for
beabsichtigte Beibehaltung von 1,4 Millionen aktiven Contemporary Studies in Washington ist, erklärte, es
Soldaten die Vereinigten Staaten als "bei weitem fähig- gebe "einen grundlegenden Unterschied" zwischen
ste Militärmacht der Welt" erhalten. (Dem Bush-Plan den Kandidaten im Hinblick auf die Zukunft der Stratezufolge würden im Jahr 1993 schätzungsweise 1,7 gischen Verteidigungsinitiative (SDI). Unter Hinweis
darauf, daß Clintons Programm von weltraumgestützMillionen aktive Soldaten beibehalten.)
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Seite 1

�ten Verteidigungssystemen wie "Brilliant Pebbles"
abgerückt sei, stellte Adelman fest, die Bush-Administration befürworte die Entwicklung land- und weltraumgestützter Systeme, weil die Hauptbedrohung für
die Vereinigten Staaten von ballistischen Raketen
ausgehe. Darüber hinaus verlieh er seiner Besorgnis
Ausdruck, Länder der Dritten Welt könnten "Waffen
der Ersten Welt" erlangen.

Zum Thema Lastenteilung erklärte Bingaman, die im
Kalten Krieg an einigen amerikanischen Verbündeten
geäußerte Kritik wegen unzureichender Beiträge sei
"eine legitime Klage" gewesen. Heute, so Bingaman,
ist es "unsererseits nicht länger produktiv, sie zu
drängen, mehr zu tun". Statt dessen wäre es dem
Senator zufolge wichtiger, die amerikanischen militärischen Fähigkeiten "besser mit den Realitäten der Welt
in Einklang zu bringen". Die Vereinigten Staaten
Bingaman stellte fest, die Clinton/Gore-Kampagne trügen "einen zu großen Teil der Lasten, aber das ist
unterstütze zwar gefechtsfeldgebundene Raketenab- unser eigener Fehler... Wir müssen diesen Anteil
wehrprogramme wie Patriot und Arrow, lehne jedoch - senken."
wie beide Kandidaten bereits seit 1983 betonten - die
Verschwendung von "Milliarden und Abermilliarden Vertreter der Bush-Administration haben die amerikaDollar" für nichtfunktionierende oder nicht besonders nischen Verbündeten wiederholt beim Thema Lastenwirtschaftliche exotische SDI-Programme ab. Er teilung verteidigt. Adelman erklärte lediglich, die Verappellierte für Realismus bei der Einschätzung der bündeten sollten "Sicherheitsfragen mit mehr VerantZukunft von SDI und verwies auf landgestützte Syste- wortungsbewußtsein handhaben" und verwies auf die
me, die am vielversprechendsten seien.
Fehlschläge im Hinblick auf das ehemalige Jugoslawien.
Adelman erklärte, das Ziel solle es sein zu versuchen,
die SDI-Forschungsarbe'rten so rasch wie möglich In bezug auf die konventionellen Streitkräfte stellte
abzuschließen, um ein System herzustellen, das im Bingaman fest, eine Clinton-Administration werde die
größtmöglichen Ausmaß Schutz vor künftigen Verringerung der Flugzeugträgergruppen von 12 auf
Raketenangriffen bieie.
10 vorschlagen (die Republikaner verringern die Zahl
von 14 auf 12). 10 seien ausreichend, um auf "regioZum Thema der Waffenverkäufe und Exporte ameri- nale Krisen" zu reagieren.
kanischer Technologie meinte Adelman, Rüstungsexporte seien erforderlich, um die rüstungsindustrielle Die Bush-Administration hat festgestellt, aufgrund des
Basis zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern. Das Fehlens der sowjetischen Bedrohung werde das
Bush/Quayle-Lager unterstütze dieses Konzept, so- Angriffsunterseeboot Seawolf nicht mehr benötigt,
lange die Technologie "für die schlechten Burschen während Clinton das Programm befürwortet. Bingaaußer Reichweite" bleibt. Der Empfänger des Sy- man zufolge untermauert Clintons Entscheidung desstems ist wichtiger, stellte er fest, als die eigentlichen sen Verpflichtung zur Bewahrung der industriellen
Fähigkeiten des Systems.
Basis. Adelman kritisierte dies als "Bevorzugung"
bestimmter Gemeinden, die auf die Produktion der
Bingaman zufolge unterstützt Clinton "aggressivere Seawolf angewiesen sind und erklärte, wenn die EntBemühungen" zur Förderung aller Arten von Industrie' Verringerung der Verteidigungsausgaexporten, einschließlich von Rüstungsgütern.
ben gefaiien sei, könnten Programme ohne echten
Zweck nicht fortgesetzt werden.
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�WAHLEN

'92
28. Oktober 1992

SCHARFE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN CLINTON
UND BUSH BEI UMWELTPOLITIK
Engagierte Umweltschützer unterstützen Clinton
WASHINGTON - (AD) - George Bush schien im
Wahlkampf 1988 eine ganz eindeutige Position zu
vertreten, als er versprach, er werde der "Umweltpräsident" sein. Innerhalb weniger Monate nach Amtsantritt schlug er dann ein durchgreifendes Gesetz zur
Reinhaltung der Luft vor.

um 50 Prozent, Smog um 40 Prozent und Emissionen
toxischer Schadstoffe um 75 Prozent reduzieren würde. Nach harten Verhandlungen wurde es ein Jahr
später vom Kongreß gebilligt. Das heißt, der Präsident
erreichte ein Gesetz, das Umwehschützer 10 Jahre
lang gefordert hatten.

Umweltschützer begrüßten das Versprechen und den
Vorschlag, beklagen aber seither, der Präsident habe
mehr Schaden angerichtet als Gutes getan. Der Sierra
Club, eine der größten Umweltorganisationen in den
Vereinigten Staaten, ist nur eine der Gruppen, die
Bushs Gegner im Jahr 1992, den seit 12 Jahre amtierenden Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, unterstützt haben.

Bald darauf wurden die Haushalte des Bundesamts für
Umweltschutz (EPA) aufgestockt, ein 10jähriges
Moratorium der Öl-und Erdgasexploration vor weiten
Teilen der Atlantik- und Pazifikküste sowie freiwillige
Programme eingeführt, um Unternehmen in Bemühungen zur Senkung des Energieverbrauchs und toxischer Emissionen einzubinden.

Clinton selbst erklärt, seine Sorge um den Zustand der
Erde werde am besten durch seine Wahl von Albert
Gore Jr. als Vizepräsidentschaftskandidat unterstrichen. Gore ist einerderführenden Umweltschützer im
US-Senat.
Präsident Bush und insbesondere Vizepräsident Quayle
haben Clinton wegen dessen auch von seinen Anhängern eingeräumten dürftigen Umweltbilanz als Gouverneur angegriffen. Im Fall von Gore behauptet die
Wahlpropaganda von Bush, die Positionen, die dieser
im Senat und in einem von ihm verfaßten Buch vertreten habe, seien so extrem, daß sie viele Arbeitsplätze
kosten würden, falls sie Gesetzeskraft erlangten.
Der unabhängige Kandidat Ross Perot, ein wohlhabender Geschäftsmann, und dessen Vizepräsidentschaftskandidat, der Admiral a.D. James Stockdale,
haben über ihr umweltpolitisches Programm wenig
gesprochen. In einem von Perot geschriebenen Buch
über seine Wahlkampfvorschläge betont dieser Anreize für die Industrie zur Verringerung der Schadstoffbelastung sowie Investitionen im rasant wachsenden
Bereich der Umwelttechnologie.
Innerhalb von fünf Monaten nach seinem Amtsantritt
im Januar 1989 legte Bush dem Kongreß ein Gesetz
vor, das innerhalb von 10 Jahren den sauren Regen

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Auf internationaler Ebene beschleunigte Bush die
Beendigung des Einsatzes von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), die die den Menschen vor Hautkrebs schützende Ozonschicht abbauen, schlug einen
Waldschutzvertrag vor und führte Bemühungen an,
um die in großem Stil betriebene Treibnetzfischerei
und den Handel mit Elfenbein von afrikanischen Elefanten zu verbieten.
Zu Beginn des Jahres 1991 setzte sich Bush jedoch für
die Erschließung der allgemein vermuteten erheblichen ö l - und Gasvorkommen in einem WikJschutzgebiet am Polarmeer in Alaska ein. Er teilte dem Kongreß
mit, die Bohrungen würden die Umwelt nicht schädigen, wohingegen Umweltschützer und ihre Verbündeten im Kongreß seinen Plan erbittert bekämpften und
seine Streichung aus dem vorgesehenen Energiegesetz erwirkten. Der Preis, den sie dafür zahlten, war
die Ausklammerung einer anderen, von Bush abgelehnten Maßnahme, die den Automobilherstellern
schärfere Grenzwerte für den Energieverbrauch der
von ihnen hergestellten Fahrzeuge vorgeschrieben
hätte.
Die Frage, ob man die Hersteller zwingen sollte, verbrauchsgünstigere Automobile zu produzieren, war
eines der wenige Umweltthemen, die von den Kandidaten oder ihren Fragestellern in den vier Fernsehdebatten des Jahres 1992 zur Sprache gebracht wurden.

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�Bush behauptete, die amerikanische Automobilindustrie würde schwer angeschlagen, wenn sie versuchen
müßte, schärfere Grenzwerte für den Treibstoffverbrauch von Automobilen einzuhalten. Clinton wiederholte seinen Standpunkt, daß die amerikanischen
Hersteller schärfere Normen erfüllen und damit einen
Wettbewerbsvorteil erringen könnten. Er ließ sich
jedoch nicht darauf festlegen, wie scharf die neuen
Grenzwerte sein sollten.
Während der erbittert geführten Debatte des Jahres
1991 über die Erschließung von Bodenschätzen in
Alaska und die Verbrauchsnormen schwächte sich die
Konjunktur infolge der 1990 begonnenen Rezession
weiter ab, und Präsident Bush begann, die Notwendigkeit zur Erhaltung von Arbeitsplätzen und Hilfe für
Unternehmen zu betonen, die durch einen Abbau
belastender staatlicher Vorschriften erreicht werde.
Bald darauf begann ein Ausschu ß des Wei ßen Hauses
unter dem Vorsitz von Vizepräsident Quayle die vom
EPA vorgeschlagenen Vorschriften unter die Lupe zu
nehmen. Ein Ergebnis war die Änderung einer vom
EPA vorgelegten Verfügung, um es den Industrien zu
gestatten, "geringfügige" Steigerungen umweltbelastender Emissionen ohne staatliche Genehmigung
oder öffentliche Anhörungen vorzunehmen.

Bush wandte sich erfolgreich gegen die vertragliche
Festlegung rechtlich verbindlicher Verpflichtungen zur
Stabilisierung des wichtigsten Treibhausgases, des
Kohlendioxids, auf dem Niveau von 1990 bis zum Jahr
2000. Als einziger Industriestaat vertraten die Vereinigten Staaten die Ansicht, es sei voreilig, die in einer
Volkswirtschaft erforderlichen einschneidenden Veränderungen zur Stabilisierung von Kohlendioxidemissionen vorzunehmen, weil die Wissenschaftler noch
nicht sicher seien, wie stark die Erwärmung in verschiedenen Regionen ausfallen wird.
Gore stimmte mit amerikanischen Umweltschützem
und europäischen Regierungen überein, die der Meinung waren, daß Volkswirtschaften durch Stabilisierungsmaßnahmen nicht geschädigt würden und daß
die Stabilisierung eine gewisse Sicherheit vor den
Auswirkungen möglicher Klimaveränderungen gewährleisten werde. Seine Position ist heute fester Bestandteil von Clintons Programm.

In einer kürzlich veranstalteten Debatte von Anhängern der verschiedenen Kandidaten erklärte Michael
Deland, Vorsitzender des Rats für Umweltqualität des
Präsidenten, der Ausschuß des Weißen Hauses zur
Überprüfung der von Bundesbehörden empfohlenen
Bestimmungen solle seine Arbeit fortsetzen. Er stelle
Als ein Bundesgericht ein Gesetz bestätigte, das den sicher, daß die jährlich von Staat und Wirtschaft zum
Holzeinschlag in einem unberührten Waldgebiet unter- Schutz der Umwelt ausgegebenen 130 Milliarden Dollar,
sagte, weil dadurch der Lebensraum einer gefährde- "was mehr ist, als die Ausgaben jedes anderen Lanten Eulenart zerstört würde, forderte Bush eine Ge- des", klug verwendet werden.
setzesänderung. Er bat darum, daß die wirtschaftlichen Auswirkungen des Schutzes bedrohter Arten bei Die Anwältin Cathleen Stone, die das Clinton-Team
jeder Maßnahme zu deren Rettung einbezogen wer- vertritt, stellte fest, dies sei ein wichtiger Unterschied
zwischen den beiden Lagern. Der Ausschuß habe der
den sollten.
Großindustrie dabei geholfen, rechtliche BestimmunBei Beginn des Wahlkampfs 1992 gab es unter gen zur Verringerung der Umweltverschmutzung zu
Umweltschützern wenig Unterstützung für die Bush- VÖI meiden, "bubl. hat eine Bilanz der Versäumnisse
Administration.
bei der Verwirklichung geltender Rechtsnormen vorzuweisen", erklärte sie vor einem Publikum von RechtsAls Gouverneur Clinton seinen Wahlkampf startete, anwälten.
verwiesen Umweltschützer und seine Gegner bei den
Vorwahlen der Demokratischen Partei darauf, daß er Deland konzentrierte sich auf eine Punkt-für-Punktals Gouverneur von Arkansas bisweilen Wirtschaftsin- Verteidigung der Umweltbilanz Bushs und versicherte,
teressen nachgegeben habe. Das schlagendste Bei- Umweltschutz werde auch in einer neuen Administraspiel ist die Erlaubnis, Abfälle aus der Hühnerzucht in tion hohe Priorität genießen. "Kein Präsident seit Teddy
Flüsse seines Bundesstaates einzuleiten.
Roosevelt hat so viel für den Schutz der Umwelt
getan", erklärte er. Roosevelt war zu Beginn des
Er und seine Anhänger erkennen an, daß dies ein Jahrhunderts Präsident und förderte die Einrichtung
Fehler war und erklären, das Problem werde positiv von Nationalparks, Naturschutz und Forschungsvorgelöst. Was ihn bei Umweltschützern jedoch am haben.
beliebtesten machte, war die Wahl Gores als Vizepräsidentschaftskandidat.
Stone versprach, eine Clinton-Gore-Administration
werden ein Spektrum von Reformen durchführen,
Gore ist seit langem ein hartnäckiger und scharfer darunter Anreize für die Industrie zur Verringerung der
Kritiker von Bushs Umweltpolitik. Dies traf insbeson- Abfallproduktion und Förderung des Recycling, ein
dere während der von großer öffentlicher Aufmerk- schärferes Gesetz zur Wasserreinhaltung, Bewahsamkeit begleiteten internationalen Verhandlungen zu, rung größerer Feuchtgebiete und verstärkte Nutzung
die Mitte 1992 mit einem Vertrag zur Kontrolle von von Erdgas in Fahrzeugen, um die Emissionen von
Treibhausgasen ihren Höhepunkt erreichten, die das Treibhausgasen einzudämmen.
Erdklima erwärmen und große klimatische Veränderungen hervorbringen könnten.
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�Perot fordert in seinem Buch die Einstellung von
Subventionen für umweltschädigende Maßnahmen in
der Bergbau- und Holzindustrie, den Einsatz von An-

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reizen anstatt Vorschriften zur Erlangung von Umweltzielen sowie Hilfen für andere Länder zur Stabilisierung des Bevölkerungswachstums und zum Abbau
der Armut.
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�WAHLEN

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28. Oktober 1992

WACHSENDES INTERESSE DER WÄHLER IN USA,
ZUNEHMENDE REGISTRIERUNG VERZEICHNET
Rezession, ungewisser Wahlausgang als Hauptfaktoren
WASHINGTON - (AD) - In der Endphase des Wahlkampfes 1992 erschüttert die amerikanische Öffentlichkeit die gängige Vorstellung vom apathischen und
desinteressierten Bürger.
Anekdotenhaftes Material und die zur Verfügung stehenden ersten statistischen Daten enthalten eine gemeinsame Aussage: Eine wachsende Zahl von
Amerikanern interessiert sich für den Wahlprozeß und
hat sich entschieden, selbst dabei mitzuwirken.
Dieser Schluß läßt sich aus der großen Zahl von
Menschen ziehen, die die jüngste Serie von Femsehdebatten der drei Hauptkandidaten für das Präsidentenamt mitverfolgten ebenso wie aus der steigenden
Registrierung von Wählern im ganzen Land vorder am
3. November stattfindende Wahl.
Beobachter betrachten diesen offenkundigen sprunghaften Anstieg der Wählerbeteiligung als Reaktion auf
die schweren wirtschaftlichen Zeiten im Verein mit
einem sehr offenen Rennen um die Präsidentschaft,
das der einzelnen Wählerstimme mehr Bedeutung
verleiht. Darüber hinaus habe das Auftreten eines
dynamischen unabhängigen Kandidaten, Ross Perot,
dazu beigetragen, das Interesse der Öffentlichkeit zu
wecken.
Die Registrierung von Wählern hat dem Komitee zur
Untersuchung der amerikanischen Wählerschaft
(Committee for the Study of the American Electorate)
zufolge, einer überparteilichen Forschungsgruppe, die
statistische Daten sammelt und auswertet, dieses
Jahr in 9 von den 10 Verwaltungsbezirken zugenommen, die als erste ihre offiziellen Gesamtzahlen bekanntgaben. (Da jeder Bundesstaat sein eigene Verfahren und Zeitpläne fürdie Registrierung festlegt, sind
umfassendere landesweite Ergebnisse noch nicht verfügbar.)
Die Gruppe berichtete, daß zumindest in drei dieser
Verwaltungsbezirke - den Bundesstaaten Louisiana
und North Carolina sowie dem District of Columbia - bei
der Registrierung Rekordmarken erreicht wurden. Ein

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neuer Höchststand könnte auch im Staat Mississippi
erzielt worden sein, obwohl die Nachlässigkeit bei der
Führung der in diesem Staat erstellten Wählerverzeichnisse einen Vergleich mit früheren Jahren erschweren mag.
Nur in Alaska ging die Registrierung zurück.
Der Analyse zufolge stieg die Registrierung in den 10
erfaßten Verwaltungsbezirken 1992 auf 70,85 Prozent
der Bevölkerung im Wahlalter, gegenüber 69,0 Prozent im Jahr 1988. Damit wurde der höchste Stand seit
den 72,98 Prozent registrierter Wähler im Jahr 1964
erzielt.
Der Direktor der Forschungsgruppe, Curtis Gans, gibt
an, die ersten Resultate veranlaßten ihn zu der Überzeugung, daß in vielen Staaten ein weiterer Zuwachs
zu erwarten sei, der jedoch relativ bescheiden ausfallen und keine neuen nationalen Rekordmarken erreichen werde.
Gans führt den diesjährigen Zuwachs auf drei klar
definierbare Gründe zurück: die Rezession, die Einführung von Verfahren in zahlreichen Bundesstaaten,
die eine Registrierung durch die Verbindung mit der
Beantragung eines Führerscheins erleichtern sowie
"wahrscheinlich aber nicht sicher die Registrierung
vordem nicht eingetragener Perot-Anhänger, die sich
registrieren lassen mußten, um Petitionen zu unterschreiben", mit denen ihr Kandidat auf die Stimmzettel
der Bundesstaaten gelangte.
"Die Rezession ist einer der Faktoren, die die Leute
veranlassen - entweder aus Angst oder aus Verärgerung - zu den Wahlurnen zu gehen. Dieses Jahr
scheint es von beidem etwas zu sein", erklärt Gans.
Der letzte Anstieg der Wahlbeteiligung wurde 1982
verzeichnet, als es ebenfalls eine Rezession gab.
Gans zufolge wird der sprunghafte Anstieg in der
Wählerregistrierung am 3. November eine höhere
Wahlbeteiligung nach sich ziehen. Das könnte jedoch
ausbleiben, "wenn die republikanischen Angriffe auf

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�Gouverneur Clinton andauern und seine Negativeinschätzungen so hochtreiben, daß den Menschen nur
eine unattraktive Auswahl bleibt", warnt er.

ten, dann hoffen sie, mit dem Urnengang ihr Leben
verändern zu können."

Die Rolle der Konjunkturschwäche für den Anstieg der
Wahlbeteiligung wird auch von dem Kolumnisten Charles
Krauthammer angeführt. In einem von der Washington Post am 23. Oktober veröffentlichten Beitrag
erklärt Krauthammer, eine hohe Wahlbeteiligung am
3. November "wird nur schwerlich als ein plötzlicher
Anstieg staatsbürgerlichen Bewußtseins oder eine
jähe Erneuerung des Vertrauens in den demokratischen Prozeß erklärt werden können."

Über 100 Millionen Zuschauer schalteten ihr Fernsehgerät zumindest bei einer dieser Debatten ein, wie
ABC Research herausfand. Tatsächlich deutet eine
Untersuchung der von allen Fernsehsendern gelieferten Zahlen darauf hin, daß allein bis zu 96 Millionen
Zuschauer die letzte Debatte der Präsidentschaftskandidaten mitverfolgten.

Welche Gründe sie auch haben mag, die Tatsache der
Ein weiterer Veteran unter den Wahlbeobachtern, stärkeren Registrierung ist unbestreitbar. "Praktisch
William Kimberling, betrachtet die Gründe für die dies- überall erklären die Beamten, mit denen wir gesprojährige Zunahme in der Registrierung unter ähnlichen chen haben, sie scheine hoch zu sein", erklärt KimberGesichtspunkten.
ling. Darüber hinaus habe es eine starke Nachfrage
nach Briefwahlunterlagen gegeben, wobei in einigen
Kimberling, der stellvertretender Leiter des Büros für Gegenden den Verwaltungen sogar die Formulare
die Durchführung von Wahlen der amerikanischen ausgegangen seien.
Bundeswahlkommission ist, stimmt der Ansicht zu, der
Hauptauslöser sei die Tatsache, daß "es der Wirt- Die beiden großen Parteien haben ebenso wie verschaft schlecht geht und sich die Menschen persönlich schiedene ethnische Gruppen im ganzen Land große
davon betroffen fühlen. Es gibt kein wichtigeres Pro- Erfolge mit ihren Kampagnen zur Wählerregistrierung.
blem als die Bedrohung des eigenen Geldbeutels."
In einem Bundesstaat, Texas, könnte die WahlbeteiliDies werde noch durch die Tatsache ergänzt, daß die gung überdies durch ein Verfahren gesteigert werden,
Wahl "dieses Mal wirklich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist demzufolge registrierte Wähler ihre Stimme bis zu 20
- ein Rennen, bei dem die einzelne Wählerstimme Tage vor dem eigentlichen Wahltag in Wahllokalen
wirklich einen U nterschied bewirken kann". Kimberling abgeben können, die über jeden Landkreis verteilt
zufolge hat darüber hinaus "der Eintritt Perots... einige sind.
Leute angeregt, die sonst von den beiden großen
Daß das Interesse hoch ist, kommt auch in der großen
Parteien abgeschreckt würden".
Zahl von Zuschauern zum Ausdruck, die die in einem
Wie Gans erwartet auch Kimberling nach 20 Jahren Zeitraum von neun Tagen im Oktober ausgestrahlten
des Rückgangs, der im Jahr 1988 zu einem Tiefstand drei Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten
von lediglich 50,15 Prozent der wahlfähigen Bevölke- sowie eine Debatte der Vizepräsidentschaftskandidarung führte, dieses Jahr eine höhere Wahlbeteiligung. ten am Bjldschirm verfolgten.

Diese fahlen steiior. im Vergleich zu den 73 Millionen
Zuschauern, die im Jahr 1988 die erste Debatte zwiSie wird wesentlich leichter als Funktion der Unzufrie- schen dem damaligen Vizepräsidenten Bush und seidenheit zu erklären sein", so Krauthammer. "Wenn nem demokratischen Herausforderer, Gouverneur
sich die Dinge negativ entwickeln, wenn die Menschen Michael Dukakis, erlebten.
arbeitslos sind oder sich vor der Arbeitslosigkeit fürch-

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�WAHLEN

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28. Oktober 1992

MEDIEN WICHTIGER FAKTOR
BEI PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Aktuelle Berichte und Anzeigen als wichtigste Elemente
WASHINGTON - (AD) - Die Berichterstattung der
Massenmedien über die amerikanische Präsidentschaftswahl umfaßt zwei besonders wichtige Elemente - aktuelle Nachrichten und bezahlte Anzeigen.
Gemeinsam machen sie die Medien zu einem bedeutenden - und einflußreichen - Faktor im Wahlprozeß.
Die Medien - Zeitungen, Illustrierte, Fernsehen und
Rundfunk - zählen auf die Wahlkampagnen, um Nachrichten und Einnahmen zu erzielen. Die Kandidaten
wiederum zählen auf die Medien, um die größtmögliche Zahl von Wählern zu erreichen.
Die meisten Amerikaner beziehen ihre Informationen
über Politik und aktuelle Fragen aus den Medien, und
das Fernsehen ist die dominierende Kraft. Über
Wahlkampfereignisse wird in den Abendnachrichten
berichtet, und die Kandidaten treten nicht nur in Interviews der Nachrichtenprogramme auf, sondern auch
im Rahmen von tagsüber ausgestrahlten Talkshows.
Debatten und Parteikonventen wird viel Sendezeit
eingeräumt. Und das betrifft lediglich die nationale
Ebene.
Auf Bundesstaats- und Gemeindeebene räumt ein
Kandidat bei jedem Aufenthalt während einer Wahlkampfreise Zeit für ein Exklusivinterview mit Journalisten in der betreffenden Region ein. Die Kandidaten
haben im Lauf der Jahre erkannt, daß die nationalen
Medien, die stets auf der Suche nach schlagzeilenträchtigen Berichten sind, häufig dazu neigen, sich auf
die kontroversen Aspekte des Wahlkampfs zu konzentrieren, während die Berichterstattung auf lokaler Ebene
oft positiver ist.

sorgfältig inszenierte Medienereignisse an solch photogenen Orten wie Fahnenfabriken oder nationalen
Denkmälern veranstalten, mit Ballons und Transparenten im Hintergrund. Dabei geben sie sogenannte
"sound bites" ab - kurze, sorgfältig formulierte Sätze,
die in der Nachrichtensendung einen bleibenden Eindruck hinterlassen sollen.
Im Jahr 1992 gab es einen dramatischen Anstieg bei
den tagsüber ausgestrahlten Talkshows als politischem
Forum, was hauptsächlich auf die Bereitschaft der
Kandidaten zurückzuführen ist, Einladungen zu Interviews von den Moderatoren dieser Programme anzunehmen. Der unabhängige Kandidat Ross Perot leitete dieses Phänomen im Februar ein, als er während
eines Auftritts in der CNN-Talkshow Larry King Live, an
der sich Zuschauer mit Telefonanrufen beteiligen können,
die Bedingungen erläuterte, unter denen er eine Präsidentschaftskandidatur erwägen würde.
Solche Shows sind für Fernsehzuschauer, Rundfunkhörer und das Studiopublikum ein Mittel, um mehr von
den Kandidaten zu sehen als die von den Sendern
ausgestrahlten Kurzstatements gestatten. Durch das
direkte Gespräch mit den Kandidaten haben die Wähler
darüber hinaus eine Möglichkeit, ihre eigene Meinung
auszudrücken.
Die Präsidentschaftskandidaten sind vielleicht die
wichtigsten Medienereignisse in einem Wahlkampf,
weil die Wähler erleben können, wie die Kandidaten
unter Stress reagieren und danach zahlreiche Artikel
mit Analysen der Debatten erscheinen.

Die Zeitungen räumen dem Wahlkampf jedoch im
allgemeinen
mehr Platz ein als das Fernsehen, weil sie
Die Medien "neigen dazu, sich auf negative Aspekte zu
nicht
unter
den
gleichen zeitlichen und finanziellen
konzentrieren", erklärt der politische Analyst Norman
Beschränkungen
arbeiten wie letzteres. Die ZeitunOrnstein vom American Enterprise Institute, "um am
gen
können
außerdem
eine tiefgreifendere Berichterschärfsten die Amtsinhaber oderdie in Führung liegenstattung
bieten,
weil
sie
in der Lage sind, eine größere
den Kandidaten zu kritisieren und Skandale zu betoZahl
von
Reportern
für
den
Wahlkampf abzustellen.
nen".
Die Kandidaten versuchen dem entgegenzuwirken
und benutzen die Medien zu ihrem Vorteil, indem sie
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Die neue Computertechnik gibt den Zeitungen darüber
hinaus den Vorteil des von dem politischen Analysten

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�Stephen Hess von der Brookings Institution so bezeichneten "Korrektivjournalismus". Anstatt an einem
Tag die Erklärung eines Kandidaten abzudrucken, am
nächsten Tag eine Gegendarstellung der Opposition
und am dritten Tag einen damit in Zusammenhang
stehenden Kommentar verleiht die Technik, indem sie
unmittelbaren Zugang zu Informationen bietet, den
Journalisten Hess zufolge heute die Fähigkeit, Behauptungen, Gegenbehauptungen, Hintergrundmaterial und Analysen in ein und demselben Artikel zu
liefern.

jedoch darauf, daß seit dem Abschluß der Vorwahlen
im Juni die negative Beurteilung des Präsidenten in
den Nachrichten im Verhältnis von 3:2 überwog, während
bei Clinton ein ausgewogeneres Verhältnis bestand.
Infolgedessen wurden die Demokraten in den Fernsehnachrichten dieses Jahr gegenüber den Republikanern tendenziell bevorzugt.

Eine weitere Forschungseinrichtung, das in New York
ansässige Freedom Forum Media Studies Center, hat
in seiner Bewertung der Berichterstattung über den
Präsidentschaftswahlkampf durch die Medien erklärt,
Hess verweist jedoch darauf, daß diese Veränderung ein Hauptkritikpunkt sei dieses Jahr die Betonung der
im Journalismus, obwohl sie Kandidaten zu schärferen "Charakterfrage" gewesen.
Erklärungen veranlassen und zur Informierung der
Wähler beitragen wird, bisher zu verstärkter Kritik an Gegen Clinton vorgebrachte Beschuldigungen der
den Medien wegen Voreingenommenheit und wach- Untreue, des Drogenmißbrauchs und der Drückebergerei haben die Frage aufgeworfen, welches Material
sendem Zynismus unter den Wählern geführt hat.
für die Medien zur Einschätzung eines Kandidaten
In einer Untersuchung von über 1.600 Wahlkampfbe- herangezogen werden sollte. Ein Querschnitt vom
richten, die in diesem Jahr bereits in den Abendnach- Freedom Forum Center befragter politischer Journalirichten der Fernsehsender ausgestrahlt wurden, kam sten erklärte, die Konzentration auf den Charakter
das Zentrum für Medien und öffentliche Angelegenhei- liefere den Wählern einen Maßstab, um die Integrität
ten (Centerfor Media and Public Affairs), eine überpar- und Führungskraft eines Kandidaten zu beurteilen.
teiliche Forschungseinrichtung in Washington, zu dem
Schluß, daß die politischen Positionen der Kandidaten Im Bereich der Werbung werden Millionen von Dollar
unter allen Wahlkampfaspekten die größte Aufmerk- an Spendengeldern der Kandidaten für Zeitungsanzeisamkeit erhielten und in über einem Drittel der Berichte gen und Fernseh- oder Rundfunkwerbung ausgegebesonders hervorgehoben wurden. Dies geschah ben, besonders für das Fernsehen. Diese Sendungen
nahezu doppelt so häufig wie im Präsidentschafts- reichen von den gegenwärtig von Bush und Clinton
eingesetzten 30-Sekunden-Spots, in denen der Chawahlkampf 1988.
rakter des Gegners in Frage gestellt wird - sogenannter
"Angriffswerbung"- bis zu den von Perot eingekaufDagegen war das am meisten behandelte Einzeltheten
30-Minutensendungen, um sein Wirtschaftsproma im Wahlkampf 1988 das sogenannte "Pferderengramm
anhand von Tabellen und Grafiken zu erläunen", nämlich an welcher Stelle die Kandidaten lagen
tern.
und welche Aussichten sie hatten. Dieses Thema
rangierte 1992 an vierter Stelle.
Negativ« Gpots cc^ecken viele Wähler ab, aber dem
Zwei andere Aspekte des Wahlkampfs - die Strategie Politikwissenschafiler William Rosenberg von der Drexel
und Kontroversen wie etwa Skandale und Fehlleistun- University zufolge sind "Negativspots nicht per definigen - erhielten etwa gleich viel Aufmerksamkeit wie vor tionem uninformativ. Sie können Informationen über
vier Jahren, stellte das Zentrum fest.
einen Gegenkandidaten enthalten, die man in einem
Wahlkampf vernünftigerweise weitergeben sollte."
Darüber hinaus wurde festgestellt, daß während der
Vorwahlen sowohl Präsident Bush als auch dem Und das ist es, was die Medien in einem Präsidentdemokratischen Kandidaten Bill Clinton in den Fern- schaftswahlkampf sowohl durch Reportagen als auch
sehnachrichten mehr negative Berichterstattung zuteil durch bezahlte Anzeigen zu tun versuchen - vernünfwurde als ihren Gegnern. Das Zentrum verweist tige Informationen weiterzugeben.
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28. Oktober 1992

UNABHÄNGIGE KANDIDATEN UND PRÄSIDENTSCHAFTSBEWERBER VON DRITTPARTEIEN
von Robert E. Mutch
In dem nachfolgenden Beitrag untersucht der Verfasser die erfolgreicheren Bewerbungen amerikanischer
Präsidentschaftskandidaten seit dem frühen 19. Jahrhundert. Dagegen seien in diesem Jahrhundert unabhängige Kandidaten und Bewerber von Drittparteien für das Präsidentenamt "zunehmend politische Randfiguren"
gewesen.
Robert Mutch ist freiberuflicher Schriftsteller in Washington.
Seit George Washington im Jahr 1797 seine Amtszeit
beendete, waren die meisten Präsidentschaftswahlen
in den Vereinigten Staaten Wettbewerbe zwischen
zwei Kandidaten der beiden großen politischen Parteien. Zwar gab es bei jeder Wahl noch weitere Bewerber, aber diese konnten nurwenige Wähler für sich gewinnen. Wenn ein solcher Kandidat auch nur fünf
Prozent der Gesamtstimmen erhält, ist dies bereits ein
Zeichen der Unzufriedenheit mit den beiden großen
Parteien und häufig ein Vorbote politischen Wandels.
Die spektakuläre Kandidatur des texanischen Milliardärs Ross Perot im Jahr 1992 bietet einen guten Anlaß
für eine Rückschau auf relativ erfolgreiche Kandidaturen solcher Drittkandidaten.

drei Bewerbern auswählt, die die meisten Stimmen
erhalten haben. Nach längeren internen politischen
Auseinandersetzungen wählte das Repräsentantenhaus John Quincy Adams. General Andrew Jackson,
einer der Verlierer, war so verbittert, daß er und seine
Anhänger die nächsten vier Jahre damit verbrachten,
die Demokratische Partei zu organisieren, die ihm bei
der Wahl von 1828 zum Einzug ins Weiße Haus
verhalf. Damit schuf er die heute älteste Partei der
Welt. Die weniger gut organisierten Gegner des
Generals scharten sich um einen seiner Rivalen aus
dem Jahr 1824.

Die erste dritte Partei, die Anti-Masons, war wenig
mehr als ein Sammelbecken von Jackson-Gegnern in
Die erste Gründung einer dritten Partei in Amerika fand New York, Pennsylvania und Massachusetts. Die
statt, als sich das erste Zweiparteiensystem des Lan- Partei entlehnte ihren Namen einer kurzlebigen Volksdes gerade aufgelöst hatte und das zweite im Entste- bewegung, die nach dem Verschwinden eines unzuhen begriffen war. Die erfolglose Bewerbung von friedenen Freimaurers im Bundesstaat New York im
Präsident John Adams von der Federalist Party um die Jahr 1826 entstand, derein Buch geschrieben hatte, in
Wiederwahl im Jahr 1800 leitete den Abstieg der dem die Geheimnisse dieses Ordens enthüllt wurden.
Federalists als nationaler Partei ein und bildete den Politiker machten sich die Gelegenheit zunutze, um
Anfang vom Aufstieg der Democratic-Republtcans, der Bewegung politische Inhalte zu geben und sie auf
der Partei des neugewählten Präsidenten Thomas Nachbarstaaten auszudehnen. Um eine breitere ÖfJefferson. Da wegen des Fehlens einer politischen fentlichkeit zu gewinnen, spielten diese Politiker die
Opposition die Grenzen der Democratic-Republicans Angriffe auf die Freimaurer herunter. In der Folgezeit
als Partei immer verschwommener wurden, wurde wurden zahlreiche Vertreter der Partei in Ämter auf
auch das System der Parteiversammlungen zur Gemeinde- und Bundesstaatsebene gewählt. Als die
Nominierung von Präsidentschaftskandidaten immer Führer der Anti-Masons 1832 beschlossen, sich an
weniger angewandt. Infolgedessen gab es bei der der Präsidentschaftswahl zu beteiligen, entdeckten
Präsidentschaftswahl von 1824 vier selbstnominierte sie, daß ihr einziger gemeinsamer Nenner die AblehKandidaten, von denen keiner eine Stimmenmehrheit nung Jacksons war, und sie konnten sich nur mit
erreichte. Dies war der erste und bisher einzige Schwierigkeiten auf einen Präsidentschaftskandidaderartige Fall in der amerikanischen Geschichte. ten einigen. Trotzdem hat die Partei gerade in diesem
Aufgrund dieses Vorgangs wurde auf eine Bestim- Bereich einen dauerhaften Beitrag zur amerikanischen
mung der US-Verfassung zurückgegriffen, derzufolge Politik geleistet.
das Repräsentantenhaus den Präsidenten unter den
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�Die Anti-Masons hatten zuwenige Vertreter im Kongreß, um eine Nominierungsversammlung abzuhalten, selbst wenn dieses System noch existiert hätte.
Auf der Suche nach einem Weg, um jemanden auf für
alle als legitim akzeptierte Weise zu nominieren, griff
die Parteiführung den Gedanken des Konvents auf.
1831 veranstaltete sie in Baltimore (Maryland) einen
nationalen Konvent und forderte die Bundesstaaten
auf, eine ihrer Zahl von Kongreßabgeordneten entsprechende Zahl von Delegierten zu entsenden. Dies
war der erste Nominierungskonvent für eine Präsidentschaftswahl in der Geschichte des Landes, der
von den Anti-Masons darüber hinaus benutzt wurde,
um das erste Parteiprogramm zu verfassen. Andere
Parteien übernahmen umgehend beide Praktiken, die
bis heute benutzt werden.

Nachdem Abraham Lincoln, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner im Jahr 1860, im Norden eine
Stimmenmehrheit erhalten hatte, gelangten die führenden Politiker der Südstaaten zu der Überzeugung,
daß sie ihre Interessen nicht mehr innerhalb der Union
verteidigen könnten. Sie spalteten sich von den Vereinigten Staaten ab, und dieser Beschluß löste den
vierjährigen Bürgerkrieg aus.
Die Republikanische Partei beherrschte nicht nur die
Politik des Nordens, sondern auch die Unionsarmee.
Als diese Armee dann nach dem Krieg die besiegten
konföderierten Staaten des Südens regierte, dominierten die Republikaner auch die Politik in diesen Bundesstaaten. Die Demokraten behielten nur wenige der
Mitglieder, die sich vor dem Krieg gegen die Sklaverei
gewandt hatten, und nach dem Krieg erstand die
Demokratische Partei neu als eine schwache nationale Partei, in der sich Wähler aus den Städten des
Nordens, insbesondere von der Begünstigung der
Einheimischen durch die Republikaner abgestoßene
Einwanderer aus Irland und anderen Staaten, mit
wegen des Kriegsrechts aufgebrachten Südstaatlern
zusammenfanden. Für über einhundert Jahre nach
Einstellung der Feindseligkeiten blieben die weißen
Südstaatler nahezu geschlossen demokratisch. Die
Farmer im Westen und Mittelwesten blieben nahezu
ebenso hundertprozentige Republikaner. Die ländlichen Protestparteien des ausgehenden 19. Jahrhunderts stellten Farmergegen Eisenbahngesellschaften
und Banken. Dieser Konflikt hatte auch eine ausgeprägte regionale Dimension zwischen Ost und West
und brachte den einzigartigen Charakter der amerikanischen Entwicklung zum Vorschein: die Landwirtschaft hatte sich nach Westen ausgedehnt, während
sich gleichzeitig eine wachsende, städtisch geprägte
lndu«*"esf,?eii&lt;«haft in den älteren Staaten des Nordostens entwickelte.

Der Partei gelang es nicht, einen landesweit anerkannten Politiker zur Annahme der Nominierung zu bewegen , ein Problem, das auch später andere dritte Parteien belastete. Schließlich nominierten die Anti-Masons
den ehemaligen Justizminister William Wirt, der an
dem Konvent überhaupt nicht teilgenommen hätte,
wenn er nicht zufällig in seiner Heimatstadt stattgefunden hätte. Wirt errang 1832 nur knapp acht Prozent
der abgegebenen Stimmen, und zwei Drittel davon
stammten aus einem Bundesstaat, aus Pennsylvania.
Wenige Jahre danach vereinigte sich die Partei mit
zwei anderen Gruppen und bildete die Whig Party. Die
Whigs hatten kaum begonnen, sich als Partei zu
organisieren, als sie und die Demokraten unter dem
Druck der Sklavenfrage bereits wieder auseinanderbrachen. Im Jahr 1848 hatten beide Parteien wegen
der Haltung zur Ausdehnung der Sklaverei auf neue
Bundesstaaten Anhänger im Norden verloren. In
jenem Jahr schlössen sich abtrünnige Fraktionen von
Whigs in Neu-England und Demokraten aus New York
mit Gruppen von Abolitionisten (deren Ziel die Abschaffung der Sklaverei war) zur Free Soil Party zuSeit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wandsammen.
ten sich die Farmer der Präriestaaten hilfesuchend an
Die Partei nominierte den ehemaligen Präsidenten die Parlamente der Bundesstaaten, um den EisenMartin Van Buren, der die Ausdehnung der Sklaverei bahngesellschaften die Frachtraten für den Transport
ablehnte und dessen eigene Demokratische Partei ihrer Produkte zu den Märkten des Ostens vorzu1848 seine Nominierung abgelehnt hatte. Van Buren schreiben. Da sie außerstande waren, sich gegen die
schnitt im Norden gut ab, erhielt jedoch landesweit nur Macht der Eisenbahnmagnaten in den großen Partei10 Prozent der Stimmen. Der Mißerfolg der Partei die en durchzusetzen, gründeten die Bauern ihre eigenen
Wähler im Norden davon zu überzeugen, daß sie ein Parteien und brachten Kandidaten in Staatsämter von
wirksames politisches Instrument darstellte, veranlaß- Indiana bis Kalifornien. Die Forderung der Landwirte
te die ehrgeizigen Politiker, die sie erst vor wenigen nach einer Inflationswährung, die sie als "Greenbacks"
Monaten ins Leben gerufen hatten, wieder zu ihren bezeichneten und die den Farmern bei der Begleialten Parteien zurückzukehren. Trotzdem blieb die chung ihrer Schulden bei Banken im Osten helfen
Free Soil Party bis 1854 intakt, als das Problem der sollte, gewann nach dem finanziellen Zusammenbruch und der Depression der siebziger Jahre des 19.
Sklaverei erneut zum heißen Eisen wurde.
Jahrhunderts wachsende Anziehungskraft. GewerkIn diesem Jahr schlössen sich die Anhänger der Free schaftliche und städtische Reformgruppen schlössen
Soil Party mit die Sklaverei ablehnenden Whigs und sich mit den Farmerparteien im Westen zur GreenDemokraten zur Republikanischen Partei zusammen. back-Partei zusammen, die auf Gemeinde- und BunBei den Kongreßwahlen des Jahres 1854 errangen die desstaatsebene sehr erfolgreich abschnitt.
Republikaner sogleich den Status einer großen Partei.

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�Diese Bündnisse zwischen Stadt und Land, zwischen
Bauern und Industriearbeitern waren stets brüchig,
aber sie blieben angesichts des Schweigens der großen Parteien in den Fragen der Monopole und Regulierung der Eisenbahnen sowie ihres Engagements für
eine harte Währung hartnäckig bestehen. Schließlich
schlössen sich im Jahr 1891 Bauernorganisationen
des Südens und Westens mit den Knights of Labor
zusammen, um mit der People's Party die stärkste
dritte Partei der amerikanischen Geschichte zu gründen.

sen sich ebenso den Republikanern an. Diese Reform-Republikaner und populistischen Demokraten
trugen auf unterschiedliche Weise zur Fortschrittsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bei.

Wie bereits bei früheren politischen Bewegungen bestand
die Basis der Fortschrittsbewegung aus Bauern und
Arbeitern. Im Gegensatz zu früheren Bewegungen
erhielt sie beispiellose Unterstützung wohlhabender
Unternehmer, was zu einer politischen Richtung führte, die davon ausging, daß die Regierung wie ein
Unternehmen geführt werden sollte. Die Progressiven
Am 4. Juli 1892 nominierten die Populisten zwei Generäle begannen ebenfalls nicht als dritte Partei, sondern
aus dem Bürgerkrieg, je einen von der Union und den arbeiteten innerhalb der beiden großen Parteien. Es
Konföderierten, als Präsidentschafts- und Vizepräsi- war eine Spaltung der Republikanischen Partei, die zur
dentschaftskandidaten. Der Präsidentschaftskandi- ersten Kandidatur der Fortschrittspartei führte, der
dat, James B. Weaver, war ein Demokrat, der sich der Kandidatur des ehemaligen Präsidenten Theodore
Free Soil Party und den Republikanern angeschlossen RooseveK im Jahr 1912.
hatte, bevor er 1880 zum Präsidentschaftskandidaten
der Greenback-Partei nominiert worden war. Sowohl Zwischen 1908 und 1912 hatte sich zwischen Konserdie Greenback-Partei als auch die Populisten befür- vativen und Progressiven in der Republikanischen
worteten eine progressive Einkommenssteuer, Bun- Partei eine tiefe Kluft gebildet. Roosevelt hatte enge
desvorschriften für den Verkehr zwischen den Bun- Bindungen zu beiden Lagern, aber seine Fehde mit
desstaaten, einen achtstündigen Arbeitstag und das Präsident William Howard Taft, seinem Nachfolger im
Weißen Haus und Anführer der Konservativen, veranallgemeine Wahlrecht.
laßte ihn dazu, die Progressiven unter seinem eigenen
Weaver erhielt bei der Wahl von 1892 8,5 Prozent der Banner aus der Partei herauszuführen. Roosevelt
Wählerstimmen. Wichtiger war jedoch, daß der Partei errang 27,4 Prozent der Wählerstimmen und verzeichdie Wahl von Gouverneuren in drei Bundesstaaten nete damit das beste jemals von einem dritten Kandigelang, sie eine Mehrheit der Sitze im Parlament von daten erzielte Ergebnis. Der Preis dieses Erfolges war
Nebraska errang und in anderen Bundesstaaten die die Spaltung der republikanischen Wählerschaft, die
Republikaner oder Demokraten als wichtigste Opposi- zum Wahlsieg eines anderen Progressiven führte, des
tionspartei ablöste. Darüber hinaus stellte die Partei - demokratischen Kandidaten Woodrow Wilson. Im
bisweilen auf gemeinsamen Listen mit den Demokra- Jahr 1916 war Roosevelt wieder Mitglied
ten - drei US-Senatoren und 11 Mitglieder des Repräsentantenhauses. Keine andere dritte Partei hat jemals An der Wahl von 1912 nahm noch eine weitere "dritte"
Partei teil, die Socialist Party of America. Diese Partei
auf allen Ebenen so gut abgeschnitten.
war 1897 von Eugene V. Debs gegründet worden, der
Die Populisten gewannen jedoch nur wenige Arbeiter damals Präsident der amerikanischen Eisenbahnerin den Städten des Ostens für sich, deren Unterstüt- gewerkschaft war. Die Einbeziehung von Bauern
zung für den Erfolg einer wirklich landesweit vertrete- durch die Partei stellte diese in die Tradition der
nen dritten Partei von solch entscheidender Bedeu- Versuche im 19. Jahrhundert, eine Verbindung zwitung war. Auch gelang es ihnen nicht, den tiefverwur- schen Stadt und Land herzustellen, aber sie wurde
zelten Partikularismus des Parteiensystems der Zeit auch von europäischen Einwanderern beeinflußt, die
nach dem Bürgerkrieg zu überwinden. Mitglieder aus sich in den Städten des Ostens niedergelassen hatten.
den Südstaaten lehnten den Weg einer dritten Partei Die Kombination aus eingewanderten Industriearbeiab, da sie wahrscheinlich die Demokraten spalten und tern und im Land geborenen Bauern schuf darüber
den Republikanern eine neue Chance eröffnen werde. hinaus unterschiedliche Definitionen des Sozialismus:
Die Mitglieder aus dem Westen und mittleren Westen Erstere befürworteten die europäische Idee, Sozialiswaren bereit, mit den Demokraten zusammenzuarbei- mus bedeute die Verstaatlichung der Produktionsmittel, während die letzteren, insbesondere die Parteimitten ohne sich mit ihnen zu vereinigen.
glieder aus Oklahoma, die amerikanische Erfahrung
1896 kooptierte die Demokratische Partei die Populi- einbezogen und Sozialismus als gleichmäßigere Versten, indem sie sich deren Parteiprogramm zu eigen teilung privaten Eigentums betrachteten. Debs errang
machte. Diese Maßnahme trieb die Populisten aus 1912 sechs Prozent der Wählerstimmen, das erste
dem Westen erneut den Republikanern in die Arme und letzte Mal, daß er so gut abschnitt. Die Partei
und provozierte den "Wall-Street-Flügel" der Demo- errang darüber hinaus in diesem und folgenden Jahren
kraten, in diesem Jahr einen eigenen Versuch zur Hunderte von Mandaten auf Gemeindeebene, aber
Schaffung einer dritten Partei zu starten. Viele Refor- ihre sehr verschiedenartige Wählerschaft ging schließmer aus der Oberschicht des Ostens, die bereits früher lich getrennte Wege.
in Drittparteibewegungen aktiv gewesen waren, schlösAMERIKA DIENST 43

Seite 3

�Vordem Beginn der Depression wurde noch ein letzter
Versuch unternommen, um Bauern und Arbeiter in
einer dritten Partei miteinander zu verbinden. 1922
bildeten die Eisenbahnergewerkschaften, die Sozialistische Partei, verärgerte RooseveR-Progressive und
eine Bauernorganisation aus dem Mittelwesten (die
heute noch unter dem Namen Minnesota DemocraticFarmer-Labor Party existiert) die Conference for Progressive Political Action. Diese Organisation beabsichtigte lediglich Progressive in beiden Parteien zu
unterstützen und nicht, eine dritte Partei zu gründen.
Erst als sowohl die Republikaner als auch die Demokraten im Jahr 1924 konservative Präsidentschaftskandidaten aufstellten, startete die Conference eine
eigene Kampagne für den Einzug ins Weiße Haus.
Man wählte einen Kandidaten, den man bereits sehr
gut kannte - Senator Robert M. LaFollette, den meistbekannten republikanischen Progressiven des Landes. Die erfahrene Organisation der Sozialisten auf
lokaler Ebene war im Wahlkampf hilfreich, ebenso wie
die demokratischen Progressiven, die den von der
eigenen Partei nominierten Rechtsanwalt aus der Wall
Street ablehnten. LaFollette blieb mit nur 16,5 Prozent
der Wählerstimmen weit unter dem Resultat Roosevelts. Er verstarb im folgenden Jahr, und mit ihm
verschwand auch die Partei.

und Progressiven. Sie löste sich schlicht auf. Bis zum
Jahr 1982 hatte sich das politische Klima so sehr
verändert, daß Wallace bei seiner erfolgreichen Kampagne für eine vierte Amtszeit als Gouverneur von
Alabama selbst erfolgreich um schwarze Wählerstimmen warb. (Wallace hat jedocn 1968 einen Wandel
beschleunigt: Seine Kampagne führte gemeinsam mit
der Entfremdung liberaler Demokraten wegen der
Unterstützung ihrer Partei für den Vietnamkrieg zu
einem knappen Wahlsieg des republikanischen Kandidaten Richard M. Nixon.

Die unabhängige Präsidentschaftskampagne des
republikanischen Kongreßabgeordneten John Anderson 1980 paßt nicht in das Schema früherer Kandidaturen unabhängiger Bewerber. Wie andere zuvor,
scheint Anderson bei den Vorwahlen angetreten zu
sein, um seine Ablehnung der von seiner Partei eingeschlagenen Richtung auszudrücken. Solche Kandidaten möchten im allgemeinen lediglich eine Plattform,
um ihre Meinung kundzutun und streben nicht ernsthaft nach einer Nominierung. Doch anstatt seine
Kampagne einzustellen, als deutlich wurde, daß Ronald Reagan von den Republikanern nominiert werden
würde, startete Anderson einen unabhängigen Wahlkampf fürden Einzug ins Weiße Haus. Anderson hatte
weder ein Thema noch eine persönliche Gefolgschaft.
Über vierzig Jahre vergingen, bevor erneut ein unab- Er hatte sich bestenfalls mit einer Stimmung identifihängiger Kandidat - der Gouverneur von Alabama ziert, die von gemäßigten und liberalen Republikanern
George C. Wallace - so viele Stimmen auf sich verei- und Demokraten geteilt wurde, die mit den von ihren
nigen konnte wie die obengenannten Kandidaten. Parteien Nominierten unzufrieden waren. Damit erWallace hatte zum ersten Mal landesweit Aufmerk- rang er 1980 6,6 Prozent der Stimmen.
samkeit erregt, als er sich im Jahr 1963 in die Tür d?s
Verwaltungsgebäudes der University of Alabama stell- Ross Perots Einbruch in die Politik der Präsidentte, um die Einschreibung von zwei schwarzen Studen- schaftswahlen unterscheidet sich noch stärker von
ten zu verhindern. Er erklärte sich selbst zum Symbol frühere.i Bewerbungen dritter Kandidaten. Perot baut
des Widerstands gegen die gerichtlich erzwungene seine Kandidatur nicht auf einem öffentlichen Amt,
Rassenintegration, und fünf Jahre später benutzte z; 3«i wörri aui seil .er? ^«atus als erfolgreicher Unternehsein gewonnenes nationales Ansehen um eine unab- mer aüt. Auen er identifiziert sich mit einer Stimmung
hängige Kandidatur für das Präsidentenamt zu beflü- und hat umgehend eine große Anhängerschaft von
Menschen um sich geschart, die von den Politikern
geln.
genug haben. Die unabhängigen Kandidaten hatten
Wallaces Wahlkampf im Jahr 1968 demonstrierte, daß sich zur Rekrutierung von Wahlkampfhelfern und
ein einstmals regional begrenztes Thema zu einem Beratern auf lokale oder regionale Parteiorganisationationalen Anliegen geworden war. Es hatte sich nen gestützt, selbst wenn diese zu Parteien gehörten,
inzwischen eine große schwarze Bevökerung im Norden aus denen die Anhänger dieser unabhängigen Kandigebildet, und deshalb gab es auch dort eine Opposition daten gerade austraten. Perot stützt sich statt dessen
gegen die Integrationspolitik der Bundesregierung. auf seinen immensen Reichtum, um aus seinen so
Nur durch die Gewinnung von Anhängern im Norden verschiedenen unpolitischen Bewunderern eine neue
gelang es Wallace, mit 13,5 Prozent der abgegebenen politische Organisation zu schmieden.
Stimmen ein zweistelliges Ergebnis zu erzielen. Indem er zeigte, daß sich der Widerstand gegen die Im 19. Jahrhundert repräsentierten Drittkandidaten
Integration auch im Norden ausgebreitet hatte, ver- echte Parteien. Weder die Anti-Masons noch die Free
deutlichte er gleichzeitig jedoch ebenfalls, daß die Soil Party kamen der Wahl eines Präsidenten nahe,
Unterstützung dafür auch den Süden erfaßt hatte. Die aber beide schufen Netze auf Gemeinde- und BundesProtestbewegung, die seine unabhängige Kandidatur staatsebene, die den Grundstein für Präsidentschaf1968 angetrieben hatte, wurde weder zur Grundlage ten der großen Parteien legten. Das Programm der
einer neuen Partei - wie im Falle der Anti-Masons und Free Soil Party wurde zum Programm der Republikader Free Soil Party -, noch wurde sie von einer der nischen Partei, und die Demokraten nahmen das
großen Parteien einverleibt, wie bei den Populisten Programm der Populisten auf.

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AMERIKA DIENST 43

�Im 20. Jahrhundert waren die Kandidaten von Drittpar- was seiner Kandidatur nahezu Zufallscharakter verteien, ausgenommen Eugene V. Debs, mehr oder leiht. Perot handelte völlig außerhalb des Parteiensyweniger charismatische Persönlichkeiten anstatt stems und nominierte sich selbst zum Kandidaten der
Unpolitischen.
Bannerträger wirklicher Parteien. Theodore RooseveK und Robert LaFollete verbrachten Jahre damit,
Im 20. Jahrhundert vollzog sich eine Entwicklung hin
einen Ruf als republikanische Progressive aufzubauzu
Kandidaten, die sich zunehmend als politische
en, bevor sie die Partei verließen, um als Unabhängige
Randfiguren
erwiesen. Ross Perots Kandidatur jezu kandidieren. George Wallace bereitete seine
doch
bezeugt
ein weiteres Mal die anhaltende Stärke
Kandidatur vor, indem er einen Protest gegen die
jener
Art
progressiven
Denkens, die die Politik verabPolitik seiner Partei anführte. John Anderson fand bis
scheut
und
bestrebt
ist,
Probleme des Regierens mit
zum Beginn seiner Kampagne keine Gefolgschaft,
unternehmerischen Methoden zu lösen.

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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21. Oktober 1992

53OO Bonn 2

WAHLEN '92

IRAK WICHTIGES THEMA BEI DRITTER
FERNSEHDEBATTE DER DREI
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Letzte Debatte von Bush, Clinton und
Perot - Auszüge

REKORDZAHL VON KANDIDATINNEN
BEI WAHLEN '92
Dramatischer Zuwachs im Kongreß erwartet

ZAHLREICHE "DRITTE" PARTEIEN TRETEN
BEI AMERIKANISCHEN WAHLEN AN
Wenige finden Anklang beim Wähler

JUGENDLICHE UND STUDENTEN ZIELGRUPPEN FÜR POLITISCHE PARTEIEN
Organisationen aktiv in Colleges

KONGRESS

KONGRESS BEENDET 102. LEGISLATURPERIODE
Gesetze zu Auslandshilfe und Rüstungskontrolle verabschiedet

UMWELT

USA RATIFIZIEREN ALS ERSTER INDUSTRIESTAAT DIE KLIMASCHUTZKONVENTION
Regierungsvertreter kritisiert europäische
und japanische Haltung

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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D 5300 Bonn 2

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Telex: 8-85432

�WAHLEN

'92
21. Oktober 1992

IRAK WICHTIGES THEMA BEI DRITTER FERNSEHDEBATTE DER DREI PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Letzte Debatte von Bush, Clinton und Perot - Auszüge
EAST LANSING (MICHIGAN) - (AD) - Bei der dritten und letzten Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten Bush, Clinton und Perot am 19. Oktober 1992 spielte die Politik gegenüber dem Irak eine wichtige Rolle.
Dabei erklärte Präsident Bush, es gebe "nicht die Spur eines Beweises" dafür, daß die Iraker durch Entscheidungen der amerikanischen Regierung zu r Zusammenarbeit mit Saddam Hussein amerikanische Waffen erlangt
hätten.
Zunächst kritisierten der unabhängige Kandidat Ross Perot und danach der demokratische Herausforderer Bill
Clinton Bush wegen seines Umgangs mit dem irakischen Präsidenten vor der Invasion Kuwaits.
In einer landesweit ausgestrahlten Fernsehdebatte an
der Michigan State Universrty in East Lansing griff
Perot Bush scharf an und erklärte: "Wenn Sie Saddam
Hussein über 10 Jahre lang mit dem Einsatz von
Milliarden Dollar an amerikanischen Steuergeldern
erst geschaffen haben, dann treten Sie vor und erklären Sie, daß es ein Fehler war. Wenn Sie Noriega mit
Steuergeldern erst geschaffen haben, dann treten Sie
vor und erklären Sie, daß es ein Fehler war." Er
beschuldigte die Bush-Administration, sie habe Saddam Hussein wissen lassen, die Vereinigten Staaten
würden sich nicht in seinen Grenzkonflikt mit Kuwait
einmischen und forderte den Präsidenten auf, die
Papiere der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die
man vor den Operationen Wüstenschild und Wüstensturm der amerikanischen Botschafterin im Irak, April
Glaspie, gegeben habe. "Wir haben ihm (Saddam
Hussein) gesagt, er könne den Norden von Kuwait
einnehmen, und als er das Ganze nahm, drehten wir
durch", stellte Perot fest.

Bush fuhr fort: "Es ist schwierig, einen Konsens
herzustellen. Wir gingen zu den Vereinten Nationen.
Wir brachten dort historische Resolutionen hervor, die
ganze Welt war vereint. Unser Kongreß zögerte.
Gouverneur Clinton erklärte, 'Nun, ich hätte bei der
Minderheit sein können, laßt die Sanktionen wirken,
aber wahrscheinlich hätte ich mit der Mehrheit gestimmt'. Ein Präsident kann das nicht tun."
Perot kam im weiteren Verlauf der Debatte auf dieses
Thema zurück und wiederholte seine Beschuldigungen: "Wir gaben Botschafter Glaspie schriftliche Instruktionen. Das ist eine Tatsache. Wir haben es dem
Kongreß und dem Auswärtigen Ausschuß, dem Geheimdienstausschuß des Senats niemals gestattet,
sie zu sehen. Das ist eine Tatsache.

Botschafter Glaspie hat unmittelbar nach dem 25. Juli
viel geredet - und das ist eine Tatsache, und es steht
in allen Zeitungen, aus denen Sie das alles entnehmen
können - was ich getan habe -, und es ist ziemlich klar,
Bush antwortete: "Damit wird die nationale Ehre in was sie und Kelly und all die anderen wichtigen damit
Frage gestellt. Ross, wir haben Saddam Hussein nicht befaßten Personen sich dabei dachten.
gesagt, 'Du kannst den Norden von Kuwait nehmen'.
Dann, am Ende des Krieges, als sie dazu aussagen
Das ist völlig absurd - Glaspie hat ausgesagt - und
mußten, waren ihre Geschichten völlig anders als das,
Glaspies Papiere wurden dem Senat der Vereinigten
was sie im August, September und Oktober erklärt
Staaten vorgelegt."
hatten. Ich sage Ihnen deshalb, daß alles ganz einfach
Bush verwies ferner darauf, man habe vergeblich ist: Saddam Hussein hat, wie Sie wissen, ein Tonband
versucht, Saddam Hussein "in die Staatenfamilie ein- veröffentlicht, von dem er behauptete, es enthalte die
zubeziehen. Er hatte die viertgrößte Armee. Aber als Aufzeichnung ihres Treffens, bei dem sie gesagt habe,
er gegen Kuwait vorging, habe ich erklärt, dies wird 'Wir werden uns in Ihren Grenzstreit nicht einmischen',
und daß er im Endeffekt den Norden des Landes
nicht Bestand haben."
einnehmen könne.
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�Später erklärten wir dann, 'Nein, das stimmt nicht'. Ich
sagte, 'Nun, das ist einfach. Wie lauteten ihre schriftlichen Instruktionen?' Wir hüten sie sprichwörtlich wie
die Geheimnisse der Atombombe.

Vor der Debatte gingen zahlreiche politische Beobachter davon aus, es werde für Bush die letzte Gelegenheit sein, sich landesweit zu profilieren und Schwungkraft für die letzten beiden Wahlkampfwochen zu
gewinnen. Den Meinungsumfragen zufolge liegt ClinJetzt sage ich, wessen Land ist dies eigentlich? Dies ton landesweit und in den meisten Bundesstaaten vor
ist unser Land. Wem wird es schaden, wenn wir diese dem Präsidenten. Die drei neuesten landesweiten
Papiere auf den Tisch legen? Das schlimmste daran Umfragen sehen Clinton um etwa 18 Prozent vorne.
ist, daß es - wieder- ein Fehler ist. Niemand hat es mit Perot liegt mit weitem Abstand auf dem dritten Platz.
bösen Absichten getan. Ich wehre mich nur gegen die
Tatsache, daß wir Dinge bemänteln und verheimli- Wie bei den beiden vorausgegangenen Präsidentchen, ob es sich um Iran-Contra, Irakgate oder was schaftsdebatten wurde auch dieses Mal umfassend
immer Sie wollen, handelt. Es ist ein ständiger Strom." über Wirtschaft, Führungsqualitäten und Glaubwürdigkeit gestritten.
Zum gleichen Thema meinte Clinton: "Nehmen wir
Herrn Bush doch heute beim Wort. Er hat recht. Wir Der aggressiver auftretende Bush attackierte Clinton
haben zumindest keine Beweise dafür, daß unsere mit der Behauptung, er habe bei Themen wie freiem
Regierung Saddam Hussein gesagt hat, er könne Handel und dem Wehrdienst während des Vietnamdiesen Teil Kuwaits haben, und wir sollten ihm die kriegs stets 'Versucht, es allen recht zu machen".
gebührende Anerkennung für die Organisation von Nachdem Clinton erklärt hatte, die Vereinigten Staaten
Wüstenschild und Wüstensturm zukommen lassen. befänden sich wirtschaftlich im Niedergang, behauptete Bush, Clintons Heimatstaat Arkansas stehe dabei
Es war ein bemerkenswerter Vorgang.
"absolut an letzter Stelle". Bush erklärte: "In nahezu
Schauen wir uns jedoch an, wo meines Erachtens der jeder Kategorie hinken sie hinterher. Ich werde Ihnen
wirkliche Fehler lag. Als im Jahr 1988 der Krieg ein Beispiel geben:
zwischen Irak und Iran endete, wußten wir, daß Saddam Hussein ein Tyrann war. Wir pflegten Umgang mit Er spricht über all die Arbeitsplätze, die er in einem
ihm, weil er gegen den Iran war. Der Feind meines oder zwei Jahren geschaffen hat. In den letzten zehn
Feindes ist vielleicht mein Freund.
Jahren seit er Gouverneur ist, liegen sie um 30 Prozent
- 30 Prozent - unter dem Landesdurchschnitt, bei der
In Ordnung. Der Krieg ist vorbei. Wir wissen, daß er Bezahlung von Lehrern, bei all diesen Kategorien, ist
seine eigene Bevölkerung mit Senfgas bombardiert. Arkansas ganz nah am Bodensatz. Ich habe dies
Wir wissen, daß er gedroht hat, halb Israel in Schutt Ihnen gegenüber bisher noch nicht erwähnt, aber wir
und Asche zu legen. Mehrere unserer Ministerier.
sind jetzt in der entscheidenden Phase, und es ist
mehrere - besaßen Informationen, denen zufolge er meines Erachtens jetzt an der Zeit um zu beginnen, die
unsere Hilfe für militärische Zwecke nutzte und ver- Dinge in die richtige Perspektive zu rücken, und das
suchte, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln, aber werde ich tun. Das ist kein schmutziger Wahlkampf,
Ende '89 unterzeichnete der Präsident eine geheime rter.fs o. ^pi U K L;crQi»s seit einem halben Jahr oder seit
Maßnahme, wonach wir weiterhin versuchen würden, 11 Mofuienüütti meine Bilanz. Wir müssen das also
die Beziehungen mit ihm zu verbessern, und wir haben tun. Ich muß es in die richtige Perspektive rücken.
ihn am Vorabend seiner Invasion in Kuwait wissen
lassen, daß wir immer noch bessere Beziehungen Was ist sein Fehler? Geben Sie es zu, Arkansas
wünschten.
schneidet nach allen Maßstäben überaus schlecht ab,
in der Umwelt, bei der Unterstützung von PolizeibeamWas meines Erachtens falsch war - und ich erweise ten, was immer es auch ist."
Ehre, wem Ehre gebührt, aber der Fehler war, Saddam
Hussein zu verhätscheln, als dafür kein Grund bestand Dies zog ein energisches Dementi des Gouverneurs
und hochrangige Vertreter unserer Regierung wußten, nach sich, der dieses Amt bereits seit fünf Amtszeiten
bekleidet. Clinton verwies darauf, Zahlen des Bundesdaß er versuchte, abscheuliche Dinge zu tun."
amts für Arbeitsstatistik zufolge liege "Arkansas dieBush wiederum verwies auf den Erfolg seiner Politik, ses Jahr bei der Schaffung von Arbeitsplätzen landesindem er feststellte: "Wir haben die viertgrößte Armee weit an erster Stelle, an vierter Stelle bei den Arbeitszerstört, und das Schlachtfeld wurde durchsucht, und plätzen in der Produktion, an vierter Stelle beim Abbau
nicht die Spur eines Beweises wurde gefunden, daß der Armut, an vierter Stelle beim Einkommenszusich irgendwelche amerikanische Waffen auf diesem wachs. In den vergangenen zehn Jahren haben wir im
Schlachtfeld befanden", erklärte er. "Und die Nuklear- Verarbeitungsbereich wesentlich schneller Arbeitsplätfähigkeit (des Irak) wurde von den Vereinten Nationen ze geschaffen als im Bundesdurchschnitt. In den
durchleuchtet, uns es gab nicht den Anschein eines vergangenen fünf Jahren lag der Einkommensanstieg
Beweises dafür, daß amerikanische Technologie dabei bei uns über dem Bundesdurchschnitt. Wir haben die
eingesetzt wurde."
zweitniedrigste Steuerlast im Land. Wir haben die

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'
•

�niedrigsten Staats- und Gemeindeausgaben im Land.
Wir geben wenig aus und haben eine niedrige Steuerlast. Wir erhöhen drastisch die Investitionen, und
unsere Arbeitsplätze wachsen. Ich wünschte, Amerika hätte diese Art von Bilanz vorzuweisen, und meines
Erachtens wünschen sich die meisten Menschen, die
uns heute abend zuschauen, daß wir mehr Arbeitsplätze und niedrigere Staatsausgaben hätten."

Clinton stellte fest, er befürworte das NAFTA unter
Bedingungen. Dies, so Bush, sei "typisch" für Clintons
Umgang mit wichtigen Themen. Clinton erklärte,
"Bush war sehr dankbar, als ich zu den Demokraten
gehörte, die feststellten, er solle die Vollmacht haben,
ein Abkommen mit Mexiko auszuhandeln. Weder ich,
noch irgend jemand anders hat ihn, soviel ich weiß,
dazu ermächtigt zu sagen, was für die Arbeitnehmer
dieses Landes und die Interessen dieses Landes das
Zu diesem Thema meinte Perot, der Staat Arkansas Besteist.... Ich sage, daß es (NAFTA) im großen und
sei "ein ziemlich ländlicher Staat. Seine Bevölkerung ganzen mehr Gutes als Schlechtes anrichtet, wenn ist kleiner als die von Chicago oder Los Angeles... wenn - wir einen gewissen Schutz der Umwelt erreiMeines Erachtens machen wir also einen Fehler, wenn chen können, damit die Mexikaner ihre eigenen
wir Abend für Abend die Zukunft der Nation an einer Umwertnormen einhalten müssen, ihre eigenen arsolch kleinen Einheit messen."
beitsrechtlichen Normen und wenn wir eine aufrichtige
Verpflichtung erreichen, die amerikanischen ArbeitBush und Clinton kritisierten gegenseitig ihre Wirt- nehmer fortzubilden und umzuschulen, die ihre Arschaftspläne, und Perot meinte, keiner von beiden beitsplätze verlieren und wenn wir in diese Wirtschaft
Plänen würde funktionieren. Bush verwies darauf, die erneut investieren. Ich habe eine realistische Haltung
wirtschaftliche Bilanz seiner Regierung sei nicht so zum Handel. Ich möchte mehr Handel, und ich weiß
schlecht, und viele Amerikaner profitierten von niedri- daß dieses Abkommen einige gute Elemente enthält,
gen Zinssätzen und niedriger Inflationsrate. Der Prä- aber es kann sicherlich noch verbessert werden."
sident erklärte, Clinton werde im Falle seiner Wahl "der
Mittelschicht Saures geben", und der Gouverneur von In ihren Abschlußbemerkungen baten die drei KandiArkansas antwortete darauf, er werde "die Steuern für daten zum Ende einer Serie von drei Fernsehdebatten
die Mittelschicht nicht erhöhen", während der Präsi- in nur acht Tagen das amerikanische Volk um seine
dent selbst einer großen Steuererhöhung zugestimmt Unterstützung. Clinton erklärte, erbiete "einen neuen
und dann "sein Veto gegen Steuererleichterungen für Ansatz. Kein Ansatz einer Wirtschaft, die auf den
die Mittelschicht dieses Jahr eingelegt" habe. Clinton Sickereffekt setzt. Er ist 12 Jahre lang versucht
stellte darüber hinaus fest, Bush befürworte eine Wirt- worden und gescheitert. Mehr Menschen arbeiten
schaftspolitik des "Durchsickems", die der Mittelschicht härter für weniger Geld, monatlich verlieren 100.000
schade.
Menschen ihre Krankenversicherung, die Arbeitslosigkeit steigt, unsere Konjunktur verlangsamt sich. Wir
können es besser machen. Und dabei handelt es sich
nicht um eine Wirtschaftspolitik höherer Steuern und
Staatsausgeben. Es geht um Investitionen und Wachstum, die Menschen sollen in den Mittelpunkt gestellt,
die Kosten im Gesundheitswesen kontrolliert und eine
medizinische Grundversorgung für alle Amerikaner
sichergestellt werden, wir müssen ein Bildungssystem
haben, das keinem anderen nachsteht, und wir müssen die Privatwirtschaft wiederbeleben. Das ist meine
Verpflichtung Ihnen gegenüber. Es ist die Art von
Wandel, der zu Beginn des letzten Jahrzehnts dieses
Jahrhunderts und auf dem Weg in das 21. Jahrhundert
eine ganz neue Wert von Chancen für Amerika eröffnen kann. Ich möchte ein Land, in dem Menschen, die
hart arbeiten und sich an die Spielregeln harten, belohnt und nicht bestraft werden. Ich möchte ein Land,
in dem die Menschen über die Grenzen von Rasse,
Bush entgegnete, es gebe bereits heute erhebliche Religion und Einkommenzueinanderfinden. Ich weiß,
Lohnunterschiede zwischen Mexiko und den USA. wir können es besser machen. Es wird keine Wunder
Bush zufolge werde "der Freihandel unsere Arbeits- erfordern, und es wird nicht über Nacht stattfinden,
marktchancen verbessern". Es seien "die Exporte, die aber wir können es viel, viel besser machen, wenn wir
uns gerettet haben, als wir in einer weltweiten Wirt- den Mut zu Veränderungen haben."
schaftsflaute steckten, einer weltweit verflochtenen
Flaute, einer Rezession in einigen Ländern. Und es ist Bush stellte fest, Arbeitsplätze seien "Priorität Numder freie Handel, der faire Handel, der unser Marken- mer 1, und ich gehe davon aus, daß mein Programm
zeichen sein muß, und wir benötigen mehr Freihan- zur Ankurbelung von Investitionen, zur Förderung kleiner
und mittlerer Unternehmen, eines brandneuen Ansatdelsabkommen, nicht weniger."

Zum Thema eines Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada (NAFTA) erklärte Bush, er sei dafür,
während Perot angab, er lehne es ab, weil man in
Mexiko "den Leuten einen Dollar pro Stunde bezahlt,
es keine Krankenversicherung gibt, keine Renten,
keine Kontrollen gegen Umweltverschmutzung, et cetera,
et cetera, et cetera." Dies werde dazu führen, daß
Arbeitsplätze "gerade zu einem Zeitpunkt aus diesem
Land (USA) abgezogen werden, an dem wir das Steueraufkommen benötigen, um die Schulden zu bezahlen und die Zinsen auf die Schulden zu begleichen und
unser Haus wieder in Ordnung zu bringen." Die
Experten hätten ihm gesagt, so Perot, die Löhne in
Mexiko würden "schließlich auf 7,50 Dollar pro Stunde
steigen, und unsere werden schließlich auf 7,50 Dollar
pro Stunde fallen. Da führt Ihr Euch doch wirklich gut,
wenn Ihr das hört, nicht wahr?"

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�zes im Bildungswesen, einer Stärkung der amerikanischen Familie und - ja - Schaffung zusätzlicher Exporte
der richtige Weg ist. Ich glaube nicht an einen Staat,
der auf den Sickereffekt vertraut. Ich glaube nicht an
höhere Steuern und mehr Staatsausgaben.

Frage lautet in Wahrheit, wen wollen Sie im Weißen
Haus? Nun, Sie müssen aufhören, diesen Leuten zu
gestatten, Ihnen zu sagen, wen Sie wählen sollen. Sie
müssen aufhören, diesen Presseleuten zu gestatten,
Ihnen zu sagen, Sie würden ihre Stimme verschwenden. Sie müssen beginnen, selbst Ihren Kopf zu
Einige meinen, Außenpolitik sei irrelevant. Ich glaube benutzen. Dann lautet die Frage, können wir regieren?
das nicht. Wir leben in einer miteinander verflochtenen Ich liebe diese Frage. Wir, das sind Sie und ich. Sie
Welt. Die ganze Welt steckt in wirtschaftlichen Schwie- können Ihren Hut darauf verwetten, daß wir regieren
rigkeiten. Die Vereinigten Staaten schneiden besser können, denn wir werden zusammen dabei sein. Und
ab als viele andere.
wir werden herausfinden, was zu tun ist, und Sie
werden ein Patt nicht länger akzeptieren. Sie werden
Aber wir können es noch wesentlich besser machen. keine divergierenden Interessen mehr tolerieren, und
Und wenn eine Krise auftritt, dann frage ich, wer besitzt Sie werden keine nicht vorhandenen Leistungen mehr
die Urteilskraft und Erfahrung - und auch den Charak- akzeptieren. Und, glauben Sie mir: Jeder, der mich
ter -, um die richtige Entscheidung zu treffen? Und kennt, weiß, daß meine Toleranzschwelle für nicht
zuletzt, am gestrigen Abend hat Gouverneur Clinton vorhandene Leistungen äußerst dürftig ist. Gemeinzum Thema Charakter erklärt, es gehe nicht um den sam können wir alles schaffen.
Charakter des Präsidenten, sondern um den Charakter der Präsidentschaft. Meine Auffassung ist der Der Präsident erwähnte, daß Sie in einer Krise die
seinigen diametral entgegengesetzt. Horace Greely richtige Person brauchen. Nun Leute, wir haben eine,
hat einmal gesagt, das einzig Dauerhafte sei der und diese Krise ist eine Finanzkrise. Ganz einfach,
Charakter. Und ich glaube, es war Richter Black, der wer ist die am besten qualifizierte Person hier oben auf
gesagt hat, daß große Nationen wie große Männer zu der Bühne um Arbeitsplätze zu schaffen? Treffen Sie
ihrem Wort stehen müssen. Die Frage lautet also, wer Ihre Entscheidung und wählen Sie am 3. November.
wird diese Nation bewahren? Wer wird unsere Bevöl- Ich schlage vor, Sie ziehen jemanden in Erwägung, der
kerung und unsere Kinder schützen? Ich brauche Ihre Arbeitsplätze geschaffen hat. Zweitens, wer ist die
Unterstützung. Ich bitte um Ihre Stimme. Und möge beste Person, um mit Geld umzugehen? Ich schlage
Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen." vor, Sie wählen jemanden, der erfolgreich mit Geld
In seiner abschließenden Erklärung versprach Perot,
dies sei "heute abend nur der Anfang. In den nächsten
beiden Wochen werden wir mit Volldampf weitermachen um zu gewährleisten, daß Sie eine Stimme
bekommen und daß Sie Ihr Land zurückbekommen..."
"Die Frage lautet nun, können wir gewinnen? Ganz
sicher können wir gewinnen, denn es ist Ihr Land. Die

umgegangen ist. Wer ist die beste Person, um Resultate zu erzielen und nicht Gerede? Schauen Sie sich
die Bilanz an und treffen Sie Ihre Entscheidung. Und
schließlich, wem würden Sie Ihren Pensionsfonds und
Ihre Ersparnisse zur Verwaltung anvertrauen? Und
zuletzt, wem würden Sie Ihr Vermögen und Ihre Kinder
anvertrauen, wenn Ihnen etwas zustoßen sollte?"

* * * * *

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�WAHLEN

'92
21. Oktober 1992

REKORDZAHL VON KANDIDATINNEN BEI WAHLEN '92
Dramatischer Zuwachs im Kongreß erwartet
WASHINGTON - (AD) - Mehr amerikanische Frauen
als je zuvor streben ein Wahlamt an, und es wird
erwartet, daß Kandidatinnen für Sitze im Kongreß bei
den am 3. November stattfindenden Wahlen Rekordgewinne erzielen.

der größten Gewinne" in 20 Jahren, stellt Smeal fest.
"Dieses phänomenale Durchbruchs-'Jahr der Frau'
wird die Starthilfe für ein 'Jahrzehnt der Frauen' sein,
in dem das Ziel von 50 Prozent Frauen im Kongreß bis
zum Jahr 2000 verwirklicht wird."

Die großen Parteien haben 11 Frauen für den Senat
und 108 Frauen für das Repräsentantenhaus nominiert. Damit wurden neue Rekordmarken für beide
parlamentarische Gremien erzielt, und viele der Kandidatinnen gehen als Favoriten in die Wahlen.

Die Studievon Feminist Majority zeigt, daßdie Zahl der
Bewerberinnen in den Kongreßwahlen 1992 64 Prozent höher liegt als 1990. Der Bericht verweist auf die
steigende Zahl der Frauen, die von Republikanern und
Demokraten nominiert wurden oder sich als unabhängige Kandidatinnen bewerben.

"Noch bevor in der Wahlnacht die Stimmen ausgezählt
werden, wissen wir, daß Frauen große Gewinner sein
werden", erklärt Eleanor Smeal, Präsidentin des Fonds
für die feministische Mehrheit (Fund for the Feminist
Majority), der kürzlich eine landesweite Untersuchung
über weibliche Kandidaten veröffentlicht hat.

An den Kongreßwahlen nehmen doppelt so viele Frauen bei den Demokraten wie bei den Republikanern teil,
nämlich 71 gegenüber 37. Die Demokraten haben 10
Frauen für den Senat nominiert, und bei den Republikanern bewirbt sich eine Frau um einen Sitz im Senat.
Drei Frauen - eine Republikanerin und zwei Demokratinnen - wurden für drei der 12 neu zu besetzenden
Gouverneursposten nominiert.

Smeal prognostiziert, daß im Repräsentantenhaus mit
seinen 435 Sitzen mindestens 50 Frauen vertreten
sein werden. Gegenwärtig gibt es dort 29 weibliche
Abgeordnete. Sie geht ferner davon aus, daß im Die politischen Chancen von Frauen haben sich dieses
Senat, in dem zur Zeit zwei Frauen vertreten sind, bis Jahr aus einer Reihe von Gründen verbessert. Darunter fallen der Ruf nach "Veränderungen" auf allen
zu sechs Frauen einen Sitz erringen können.
Regierungsebenen, die ablehnende Haltung der Wähler
Frauen halten gegenwärtig 18 Prozent der Sitze in den gegenüber Abgeordneten, die mit dem Skandal um die
Parlamenten der Bundesstaaten, und Smeal zufolge Hausbank des Kongresses und anderen Affären in
könnte dieser Anteil nach den Wahlen im November Verbindung gebracht werden, die Ablehnung einer
auf über 20 Prozent steigen. Einige Bundesstaaten, Begrenzung des Rechts auf Abtreibung sowie die
darunter zum Beispiel Washington, könnten ihr zufol- Neueinteilung von Wahlkreisen, die aufgrund bei der
ge in ihren Parlamenten ein Gleichgewicht zwischen Volkszählung im Jahr 1990 festgestellter demographiden Geschlechtern erlangen.
scher Veränderungen im Rahmen des Wahlrechtsgesetzes vorgenommen wurde.
Im Jahr 1992 werden Frauen "der gläsernen Wand in
der Politik den ersten großen Sprung zufügen", erklärt Ein weiterer Faktor ist Smeal zufolge "das VermächtSmeal in Anspielung auf ein Phänomen, das als un- nis von Anita F. Hill", der Juraprofessorin aus Oklahosichtbare und unüberwindbare Barriere charakterisiert ma, deren im Jahr 1991 gegen den für das Oberste
worden ist, die verhindert, daß Frauen in höchste Bundesgericht nominierten Clarence Thomas erhobeberufliche Positionen aufrücken.
ne Beschuldigungen der sexuellen Belästigung zu
"Wir werden den prozentualen Anteil von Frauen im langwierigen Anhörungen durch den Justizausschuß
US-Kongreß verdoppeln - von fünf Prozent auf zehn des Senats führten, die landesweit im Fernsehen
Prozent, der erste jemals verzeichnete erhebliche übertragen wurden. Politische Beobachter gehen
Anstieg - und doppelt so hoch wie der Zuwachs in den davon aus, daß weibliche Kandidaten, besonders die
Parlamenten der Bundesstaaten, mit dem Ergebnis Bewerberinnen um einen Sitz im nahezu völlig aus

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Sehe 1

�Männern bestehenden Senat, durch die bittere Kontroverse über den Umgang des Senats mit den Beschuldigungen von Hills einen starken Schub bekommen
haben.

beide Senatssitze aufgestellt wurden. Zum ersten Mal
nominierten die Kalifornier Kandidaten für die gleichzeitige Besetzung von zwei Senatssitzen, und die
Tatsache, daß beide demokratische Nominierungen
an Frauen gingen, ist ein einzigartiger Vorgang in der
Hills "mutige Haltung hat den Frauen überall geholfen, amerikanischen Politik.
die dringende Notwendigkeit weiterer Frauen in öffentlichen Amtern zu verstehen... Zahlreiche Frauen auf "Für uns alle waren die historischen Kampagnen von
allen Ebenen entschlossen sich aufgrund der Exklusi- Dianne Feinstein und Barbara Boxer für den US-Senat
vität und nicht vorhandenen Sensibilität des nur aus phantastisch, aber die kalifornischen Frauen haben
Männern bestehenden Justizausschusses des Senats dieses Jahr auch die Zahl von Bewerberinnen für das
zu einer Bewerbung", meint Smeal.
Parlament dieses Bundesstaates gegenüber 1990 um
enorme 80 Prozent gesteigert. Dies ist ein direktes
Die Jungpolitikerin Lynne Yeakel von der Demokrati- Ergebnis der intensiven Rekrutierung von Kandidatinschen Partei kandidierte in der Vorwahl des Staates nen, die vom Fund forthe Feminist Majority angeführt
Pennsylvania, weil sie sich über die aggressive Befra- wurde", erläutert Smeal.
gung Anita Hills durch Senator Arien Specter bei der
Anhörung geärgert hatte. Yeakel, die Mitbegründerin "In vielen Staaten", so fügt sie hinzu, "haben die
und Präsidentin von Women'sWay ist, einer Organisa- Feminist Majority, die National Organization for Women
tion, die Spenden für Frauenanliegen sammelt, errang und andere Gruppen, die für die Rechte der Frau
in der Vorwahl im vergangenen April einen aufsehen- eintreten, feministische Frauen rekrutiert, um die
erregenden Sieg. Heute liefert sie sich ein Kopf-an- Wahlliste zu überfluten und sich um öffentliche Ämter
Kopf-Rennen mit Senator Specter.
zu bewerben. Diese Kampagnen zur Feminisierung
der Macht haben - in Bundestaaten wie Kalifornien,
In Illinois machte die Demokratin Carol Moseley Braun, New York, Oregon, Tennessee, Florida und South
die Grundbuchbeamtin des Cook County, Geschichte, Carolina - mit Erfolg die politische Landschaft veränals sie in der im März veranstalteten Vorwahl ihres dert."
Bundesstaates den Senator Alan Dixon schlug. Sie
kandidierte teilweise wegen Dixons Stimme für die Smeals zufolge ist der "Durchbruch" von Frauen in der
Bestätigung von Thomas. Brauns Sieg katapultierte Politik im Jahr 1992 "die Folge all der gescheiterten
sie in das nationale Rampenlicht und machte sie über Versuche ein gesetzlich verankertes Recht auf AbtreiNacht außerhalb von Illinois bekannt. Damit wurde der bung durchzusetzen, den Verfassungszusatz über
Weg für ihre mögliche Wahl zur ersten schwarzen Gleichberechtigung, das Gasetz über Familien- und
Senatorin der Vereinigten Staaten frei.
Krankenurlaub sowie Maßnahmen gegen sexuelle
Belästigung zu verabschieden, um nur wenige zu
Eine Bewerberin in den Kongreßwahlen in Iowa, die nennen".
Demokratin Elaine Baxter, hat wahrscheinlich landesweit mit die besten Chancen, einen Amtsinhaber aus Sie nrnonostiziert, daß dieses "Jahr der Frau" zum
dem Rennen zu werfen. Baxter, die zur Zeit Staatsse- "Jahrzehnt der Frauen" werden wird, weil die Technikretärin in Iowa ist, kandidiert gegen den republikani- ken zur Rekrutierung von Frauen immer wirkungsvolschen Amtsinhaber Jim Lightfoot in einem neu einge- ler werden und sich die Infrastruktur zur Unterstützung
teilten Wahlkreis. Lightfoot schnitt bei der Neueintei- von Kandidatinnen überproportional verbessert hat.
lung schlechter ab als alle anderen Republikaner im
Land: lediglich 13 Prozent der Bevölkerung in seinem Neben Boxer, Feinstein, Braun und Yeakel wurden
neuen Wahlkreis sind mit der des alten identisch, und dieses Jahr folgende Frauen von der Demokratischen
der Großteil des neuen Wahlkreises liegt in einer Me- Partei für ein Mandat im Senat nominiert: die Amtsindienregion, in der Lightfoot kaum bekannt ist. In haberin Barbara Mikulski aus Maryland, Jean LloydLightfoots neuem Wahlkreis gibt es darüber hinaus Jones (Iowa), Gloria O'Dell (Kansas), Geri Rothmanwesentlich mehr demokratische Wähler als in seinem Serot (Missouri), Ciaire Sargent (Arizona) und Patty
Murray (Washington).
alten.
Die Kampagnen zur "Feminisierung der Macht" sind
eine weitere Kraft, die Smeal zufolge die politischen
Aussichten von Frauen in diesem Jahr gestärkt haben.
Sie verweist darauf, daß ein schlagendes Beispiel
dafür in Kalifornien zu finden ist, wo die Kongreßabgeordnete Barbara Boxer und die ehemalige Bürgermeisterin von San Francisco, Dianne Feinstein, - beides
Demokratinnen - bei den Vorwahlen am 2. Juni für
* *

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Charlene Haar aus South Dakota ist die einzige für den
Senat nominierte Republikanerin.
Die für Gouvemeursposten aufgestellten Kandidatinnen sind die Republikanerin Elizabeth Leonard in
Rhode Island sowie die Demokratinnen Dorothy Bradley in Montana und Deborah Arnie Arnesen in New
Hampshire.
* *

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�WAHLEN

'92
21. Oktober 1992

ZAHLREICHE "DRITTE" PARTEIEN TRETEN BEI
AMERIKANISCHEN WAHLEN AN
Wenige finden Anklang beim Wähler
Die im Jahr 1971 gegründete Libertarian Party geht
von der Überzeugung aus, das Ziel des Staates bestehe darin, allen Bürgern ein Höchstmaß an Freiheit zu
gewähren. Ihr Präsientschaftskandidat Andre Marrou,
ein ehemaliger Abgeordneter im Parlament von Alaska, vertritt Positionen, die von der Abschaffung sämtlicher Beschränkungen des Rechts auf Abtreibung bis
zur Freigabe von Drogen reichen. Einem ihrer Kandidaten für den Kongreß zufolge glaubt die Partei an eine
größtmögliche persönliche Wahlfreiheit für jeden Bürger, solange man "weder Gewalt noch Betrug gegen
Die Apathy Party, die Looking Back Group, die Prohi- andere anwendet".
bition Party, die Take Back America Party und die New
Party (letztere von der National Organization for Women Die 1979 von dem marxistischen Psychotherapeuten
gegründet) gehören laut Presseberichten zu den Fred Newman in New York gegründete New Alliance
Gruppen, die Kandidaten aufstellen und dem Wähler Party befürwortet die Senkung der VerteidigungsausPositionen, Maßnahmen und Versprechungen anbie- gaben und die Garantie des Rechts auf Krankenversicherung und Wohnung für alle Bürger. Daneben
ten.
unterstützt die NAP unter anderem die Rechte von
In dem Zweiparteiensystem, das sich in den Vereinig- Arbeitern, Frauen, Minderheitengruppen und Homoten Staaten entwickelt hat, sind dritte Parteien, die eine sexuellen. Sie geht davon aus, daß die traditionelle
solch große Herausforderung wie Ross Perot im Jahr Partei der Linken, die Demokraten, nicht progressiv
1992 darstellen können, äußerst selten. Dritte Partei- genug ist. Präsidentschaftskandidatin der NAP ist
en sind jedoch stets Bestandteil der amerikanischen Lenora Fulani, ebenfalls eine Psychotherapeutin aus
Szene gewesen, und wie Perot haben sie bisweilen New York.
einen wesentlichen Beitrag zum politischen Dialog
ihrer Zeit geliefert, wie etwa Theodore Roosevelts Bull Die U.S. Taxpayers Party wurde 1990 von KonservaMoose Party im Jahr 1912 oder die gegen die Sklaverei tiven gegründet, die der Meinung waren, daß der
eingestellte Free Soil Party in der Mitte des 19. Jahr- Reagan-Bush-Flügel der Republikanischen Partei zu
gemäßigt ist. Ihr Gründer und Präsidentschaftskandihunderts.
dat Howard Phillips, ein ehemaliger Mitarbeiter von
Im allgemeinen war ihr Einfluß jedoch stets sehr be- Präsident Richard Nixon, befürwortet die Reduzierung
scheiden. Die Notwendigkeit zur Bildung separater der Bundesausgaben, Beseitigung der EinkommenOrganisationen in jedem Bundesstaat erfordert häufig steuer und Einstellung staatlicher Unterstützung für
mehr Geld und Personal als diese Gruppen für sich Schwangerschaftsabbrüche sowie den Austritt der
gewinnen können. Einige haben mehr Erfolg als Vereinigten Staaten aus multilateralen Organisationen
andere. Nachfolgend eine Liste kleinerer Parteien, die wie der UNO.
im Jahr 1992 Präsidentschaftskandidaten ins Rennen
schicken und es geschafft haben, auf den Stimmzet- Die 1992 gegründete Natural Law Party leitet ihre
teln in einer relativ großen Anzahl von Bundesstaaten Philosophie von den Lehren des in Indien geborenen
Gurus Maharishi Mahesh Yogi her und befürwortet den
zu erscheinen:

WASHINGTON - (AD) - Obwohl sie nahezu die
gesamte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhalten,
sind Präsident Bush, Bill Clinton und Ross Perot
dieses Jahr weder die einzigen Präsidentschaftskandidaten, noch sind die Republikanische und die Demokratische Partei die einzigen antretenden Parteien.
Auf den Stimmzetteln zahlreicher Bundesstaaten erscheinen Bill Kimberling von der Bundeswahlkommission zufolge in diesem Wahljahr rund 24 Präsidentschaftskandidaten kleinerer Parteien.

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�staatlichen Einsatz der transzendentalen Meditation
zur Schaffung einer friedlichen Atomsphäre sowie
elektronische Gehirnuntersuchungen für alle Kandidaten,umeine"Gehirnkarte"zuerstellen,dieeinegesunde oder kranke Hirnfunktion anzeigt. Der Präsidentschaftskandidat der Partei ist John Hagelin, ein in
Harvard ausgebildeter Physiker.
Die Populist Party unterstützt die "Werte und Überzeugungen der Mehrheit aus der Mittelschicht". Im Jahr
1988 war der ehemalige Ku-Klux-Klan-Führer David
Duke Präsidentschaftskandidat der Partei. Ihr derzeitiges Programm lehnt Gleichstellungsprogramme und

"Rassismus gegen Weiße" ab. Der 53jährige James
"Bo" Gritz aus Nevada, ein ehemaliges Mitglied der
"Green Berets" ist Präsidentschaftskandidat der Partei
im Jahr 1992.
Das National Democratic Pcücy Committee, das Pres
sebericfrten zufolge unter der Führung von Lyndon
LaRouche gegen die von der englischen Königsfamilie
angeführte weltweite Drogenverschwörung kämpft,
Kernenergie und Weltraumaktivitäten befürwortet, warnt
ferner vor einem bevorstehenden weltweiten wirtschaftliehen Zusammenbruch.

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Seite 2

AMERIKA DIENST 42

�WAHLEN

4

92
21. Oktober 1992

JUGENDLICHE UND STUDENTEN ZIELGRUPPEN
FÜR POLITISCHE PARTEIEN
Organisationen aktiv in Colleges
WASHINGTON - (AD) - Republikaner und Demokraten durchkämmen im ganzen Land die Colleges, um
nichtgebundene Studenten für die Abstimmung bei der
Präsidentschaftswahl am3. November zu registrieren.

Committee - AIPAC)" und ähnliche Gruppen mit Organisationen auf Universitätsebene. Als ein Mittel, um
Studenten für politisches Engagement zu gewinnen,
wurden "Demonstrationen veranstaltet", bei denen in
Zusammenarbeit mit "Leuten in Hollywood bekannte
"Die Stimmen der Jungwähler stellen ein erstaunliches Stars zu Colleges im ganzen Land reisten", um für das
Potential dar", erklärt die Pressesprecherin des von Programm der Demokraten Wahlpropaganda zu
den College-Demokraten ins Leben gerufenen Pro- machen.
jekts "Vote for Change", Julie Brof. "Es gibt über 7
Millionen Studenten zwischen 18 und 24 Jahren, aber "Unsere nächste Veranstaltungsrunde", erklärt Brof,
im Jahr 1988 gingen nur 48 Prozent davon zur Wahl." "wird darauf ausgerichtet sein, in die Gemeinden hinDas Mindestalter der Wählerregistrierung liegt in den einzugehen, da wir unter den Studenten selbst einen
solchen Elan festgestellt haben, daß wir der ÜberzeuVereinigten Staaten bei 18 Jahren.
gung sind, wir können ihre Bemühungen in der Ge"Wir hoffen, die Registrierung um 10 Prozent zu stei- meinde verbreiten, in der sie angesiedelt sind."
gern und damit die Zahl der Wähler auf rund 60 Prozent
zu erhöhen", fügt Brof hinzu. "In Meinungsumfrage auf Auch die Republikaner bemühen sich intensiv um die
Meinungsumfrage stellen wir fest, daß sich die Stu- Registrierung von Jungwählern. Der nationale Judenten über viele Fragen Sorgen machen - nur haben genddirektor der Kampagne Bush-Quayle '92, Bill
sie in vielen Fällen noch nicht die Verbindung zwischen Spadea, verweist darauf, daß das College Republican
diesen Problemen und wahlpolitischen Maßnahmen in National Committee "landesweit über 110.000 MitglieAmerika hergestellt. Wir versuchen, für sie diese der" hat und an über 1.100 Colleges "in allen 50
Verbindung zu schaffen, indem wir ihnen vor Augen Bundesstaaten organisiert" ist.
führen, daß Wählen für sie die leichteste Möglichkeit
darstellt, um ihre Meinung zu verdeutlichen, wenn sie Die Studenten sind laut Spadea "die Fußsoldaten des
Wahlkampfs für den Präsidenten an der Basis". Die
auf nationaler Ebene Einfluß nehmen möchten."
College-Republikaner seien "aktiv unter den anderen
Brof zufolge hat die Demokratische Partei Ortsvereine College-Studenten und jungen Leuten in ihren Ge"an über tausend Universitäten landesweit". Ihr wich- meinden", um Bushs Botschaft von "niedrigen Steuern
tigstes Anliegen war dieses Jahr die Wählerregistrie- und weniger Staat" zu vermitteln.
rung. Obwohl dies bei Studenten, die häufig weit
entfernt von ihrem heimatlichen Wahlkreis auf dem Die Bemühungen umfaßten "themenspezifische BriefUniversitätsgelände wohnen und Anträge auf Brief- und Telefonaktionen" und richteten sich an "junge
wahl einschicken müssen, eine zeitraubende Aufgabe Leute, (jüngere) Collegeabsolventen, zur Wahl regisein kann, verweist Brof darauf, daß ihre Organisation strierte Schüler von High Schools und Schüler im
300.000 Studenten für die diesjährige Präsidenten- Collegealter, die nicht unbedingt ein College besuchen
müssen und hauptsächlich durch Werbeaktionen und
wahl registriert hat.
Verteilung von Literatur in lokalen Einkaufszentren, bei
"Als Teil dieses Projekts arbeiten wir mit anderen Veranstaltungen der Republikanischen Partei und bei
Gruppen zusammen, darunter etwa die UmweKorgani- Jahrmärkten angesprochen werden. Wir verbringen
sation Greenvote, die Nationale Liga für das Recht auf den Großteil des Sommers damit, bei diesen JahrAbtreibung (National Abortion-Rights League - NA- märkten auf Kreis- und Bundesstaatsebene Leute zur
RAL), das Komitee für amerikanisch-israelische öf- Wahl einzuschreiben, und dies ist Teil unserer Wahlfentliche Angelegenheiten (American-Israel Public Affairs kampfstrategie."
AMERIKA DIENST 42

Seite 1

�Wie die Demokraten schickt auch Spadea seine ehrenamtlichen Helfer aus, um "bei all den anderen Koalitionsgruppen mitzuarbeiten - der Koalition der Afroamerikaner, der jüdischen Koalition, der katholischen
Koalition und Koalitionen der Bush-Kampagne, die
verschiedene Gruppen ansprechen wollen". Darüber
hinaus seien "Republikaner im Teenagealter landesweit" in 50 Bundesstaaten organisiert, während sich
die Organisation "Young Republicans" an Jungakademiker richte.

"Der Grund, warum so viele junge Leute nicht wählen",
erklärt Spadea, "ist, daß es keine strukturierte Kampagne-wie wirsie jetzt führen-gegeben hat, umsiedafür
zu werben. Wir bemühen uns um die NichtWähler, weil
wir bei jungen Leuten vielfach die Erfahrung gemacht
haben, daß sie an der Seite festhalten, die zu ihnen
durchdringt - die ihnen die Ideen liefert und sie für ein
Team gewinnt. Wenn man jemanden rekrutiert, der
18,19, 20 Jahre alt ist, dann wird er im allgemeinen
sein Leben lang Republikaner bleiben."

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AMERIKA DIENST 42

�KONGRESS
21. Oktober 1992

KONGRESS BEENDET 102. LEGISLATURPERIODE
Gesetze zu Auslandshilfe und Rüstungskontrolle verabschiedet
WASHINGTON - (AD) - Die 102. Legislaturperiode
des Kongresses ging am 9. Oktober 1992 zu Ende. In
dem verstrichenen Jahr wurden alle wesentlichen
parlamentarischen Vorhaben abgeschlossen, obwohl
Konflikte mit Präsident Bush Fortschritte bei einer
Reihe wichtiger Wirtschaftsthemen verhinderten.
Die Parlamentarier verabschiedeten alle Bewilligungsgesetze für die 13 Ressorts der amerikanischen Regierung, einschließlich eines Verteidigungshaushalts,
der eine weitere Modernisierung des Militärs bei gleichzeitiger zahlenmäßiger Reduzierung vorsieht. Sie
genehmigten dringend benötigte humanitäre Hilfe für
Rußland und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion, verabschiedeten ein allgemeines Auslandshilfegesetz, ratifizierten einen epochalen Vertrag zur
Reduzierung strategischer Kernwaffen und konzipierten ein Gesetz für eine unabhängige Energieversorgung.
Die Überparteilichkeit hörte jedoch bei innenpolitischen Fragen auf, eine Entwicklung, die von den
Randerscheinungen des Skandals um die Kongreßbank und der wachsenden Ablehnung der gegenwärtigen Amtsinhaber seitens der Wähler noch verschärft
wurde, die in den bevorstehenden Wahlen am 3.
November zahlreiche Kongreßmitglieder abzuwählen
drohen.

Die erste Konfrontation ergab sich, als der Kongreß
Bushs Wirtschaftsplan die Zustimmung verweigerte.
Daraufhin legte Bush sein Veto gegen einen im März
vom Kongreß verabschiedeten Plan ein. Bei der
Ablehnung des Bush-Pakets hatten die Demokraten
einen Gegenvorschlag präsentiert, der viele von Bushs
Vorschlägen enthielt, jedoch Steuersenkungen für
Bezieher mittlerer Einkommen auf Kosten von Steuererhöhungen für die Reichen vorsah.
Bush und seine Verbündeten im Kongreß machten
Ende März einen weiteren Wirtschaftsvorschlag der
Demokraten zunichte, als sie im Repräsentantenhaus
eine Maßnahme ablehnten, die Gelder aus vorgesehenen Einsparungen im Verteidigungshaushalt in innenpolitische Sozialprogramme umleiten sollte. Bush
hatte darauf bestanden, daß sogenannte "Feuerschneisen" zwischen den Ausgabenkategorien gemäß dem
Haushaltsgesetz von 1990 die erforderliche Haushaltsdisziplin gewährleisteten. Alle 162 abstimmenden Republikaner standen einstimmig hinter Bush als
das Repräsentantenhaus den Änderungsvorschlag
ablehnte.
Bemühungen zur Verabschiedung einer noch gewichtigeren Veränderung der Haushaltsverfahren - durch
Annahme eines Zusatzes zur US-Verfassung, der
einen ausgeglichenen Haushalt vorschreibt - scheiterten im Juni und Juli.

Das parlamentarische Jahr begann mit Präsident Bushs
Bericht zur Lage der Nation, in dem er seine Pläne zur
Ankurbelung der lethargischen amerikanischen Wirtschaft skizzierte, die eine während seiner gesamten
Präsidentschaft vergeblich angestrebte Senkung der
Kapitalertragssteuer vorsahen.

Bush hatte bis zu den letzten Tagen der Legislaturperiode eine makellose Vetobilanz vorzuweisen. Während seiner Präsidentschaft hatte er 35 Gesetze abgelehnt, davon 10 in diesem Jahr, ohne jemals überstimmt zu werden. Die Demokraten im Kongreß
durchbrachen schließlich dieses Muster als zunächst
Die demokratische Führung im Kongreß antwortete, der Senat und danach das Repräsentantenhaus am 3.
sie werde die außenpolitischen Bemühungen des Oktober genug Stimmen aufbrachten, um gegen den
Präsidenten unterstützen, während seine Wirtschafts- Widerstand des Präsidenten ein populäres Gesetz
initiativen einer genauen Prüfung unterzogen würden. durchzubringen, das die Regulierung der KabelfernAlternativpläne für Wirtschaftswachstum und eine sehindustrie wiedereinführt.
Steuerreform erwiesen sich als Stoff für ständige
Auseinandersetzungen, die das gesamte Jahr über Trotz der Anzeichen für ein Patt in vielen Bereichen
andauerten - und bei Beendigung der Legislaturperio- wurden 1992 wichtige außenpolitische und Verteidide waren diese Probleme weiterhin ungelöst.
gungsgesetze verabschiedet.

AMERIKA DIENST 42

Sehe 1

�Der Senat ratifizierte den historischen Vertrag zur
Reduzierung strategischer Kernwaffen (START) und
machte damit für die Vereinigten Staaten und die
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion den
Weg frei, um Tausende von strategischen Kernwaffen
zu demontieren. Die Senatoren ratifizierten darüber
hinaus einen Vertrag, der Bergbau und Ölbohrungen in
der Antarktis für mindestens 50 Jahre untersagt und
andere Aktivitäten reguliert, die deren empfindliche
Umwelt beeinträchtigen könnten.

rungsfonds abzudecken sowie weitere 10 Milliarden
Dollar für Kreditbürgschaften, um Israel bei der Ansiedlung von Einwanderern zu helfen. Das Gesetz
sieht zusätzliche Kürzungen des Verteidigungshaushalts vor und zweigt Mittel für Wirtschaftshilfe ab.

Die Abgeordneten verabschiedeten ein allgemeines
Auslandshilfegesetz über 13,9 Milliarden Dollar. Das
Gesetz für 1993 enthält weitere Verpflichtungsermächtigungen über 12,3 Milliarden Dollar, um die amerikanische Quotenerhöhung für den Internationalen Wäh-

Aufgrund der Rekordzahl von Parlamentariern, die in
den Ruhestand treten, in Vorwahlen besiegt wurden
oder ein anderes Amt anstreben - und der erwarteten
Abwahl von Amtsinhabern bei den allgemeinen Wahlen am 3. November, werden bei Eröffnung der 103.

Der Kongreß hat für das Haushaltsjahr 1993 274,5
Milliarden Dollar für Verteidigungszwecke bewilligt.
Dabei ist bis zum Jahr 1996 eine Verringerung der
amerikanischen Truppen in Europa auf 100.000 vorgesehen. Das Gesetz stellt für das Haushaltsjahr 1993
Darüber hinaus ratifizierten sie das beim UN-Umwelt- 4,050 Milliarden Dollar für die Strategische Verteidigipfel in Rio im Juni ausgehandelte Klimaschutzab- gungsinitiative (SDI) bereit. Es verändert das Gesetz
kommen. Es schreibt allen Unterzeichnern der Kon- über Raketenverteidigung (Missile Defense Act), um
vention vor, nationale Register vom Menschen verur- ein landgestütztes System zur Abwehr von versehentsachter Emissionen anzulegen und Programme zur lichen oder begrenzten Raketenangriffen zu betonen,
während ursprünglich ein weltraumgestütztes SDIMilderung der Klimaveränderung durchzuführen.
System zur Abwehr massiver Angriffe vorgesehen
Der Kongreß verabschiedete femer ein wichtiges Gesetz, war. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen gedas Ru ßland und den anderen Republiken der ehema- währt das Gesetz der Luftwaffe insgesamt 20 Tarnligen Sowjetunion Millionen Dollar an Hilfe für humani- bomber B-2.
täre und Zwecke der Nichtverbreitung von Kernwaffen
gewährt. Das Gesetz sieht 410 Millionen Dollar für Der Vermittlungsausschuß von Senat und Repräsenbilaterale humanitäre Hilfe und Bemühungen für markt- tantenhaus einigte sich auf eine Erhöhung der Exportwirtschaftliche Reformen vor sowie 790 Millionen Dollar subventionen für amerikanische Unternehmen um 24
für Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von Prozent. Das Gesetz wird die Beihilfen der ExportWaffen. Darüber hinaus ist der Einsatz amerikani- Import-Bank der Vereinigten Staaten (Eximbank) von
scher IWF-Kredite von bis zu 3 Milliarden Dollar einge- 612 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1992 auf 757
plant, um einen Währungsstabilisierungsfonds für den Millionen Dollar im Jahr 1993 anheben. Es schreibt
Rubel in Höhe von 6 Milliarden Dollar zu unterstützen. den Betrieb der Bank bis zum 30. September 1997 fort
und fordert eine Obergrenze von 15,5 Milliarden Dollar
Das Rußlandhilfegesetz legt ferner 11 Kriterien fest, für Direktkredite, Kreditbürgschaften und Versicherunnach denen der Präsident Hilfslieferungen an die gen im nächsten Jahr. Das Gesetz reduziert die Liste
ehemalige Sowjetunion beurteilen muß. Dazu gehö- der Länder, denen keine Leistungen der Eximbank geren Fortschritte beim Aufbau demokratischer Institu- währt werden dürfen, auf sechs: Vietnam, Kambodtionen und Marktwirtschaften, die Wahrung der Men- scha, Nordkorea, China, Kuba und Laos.
schenrechte und des Völkerrechts, Zusammenarbeit
bei der Lösung ethnischer und regionaler Konflikte, die MzzY. ftaitaMM r.vc!j5hrigen häufig kontrovers geführDurchführung einer verantwortungsbewußten Sicher- ten Debatten verabschiedete der Kongreß ein umfasheitspolitik, Schritte zum Schutz der Umwelt, die Ver- sendes Gesetz zur Sicherung der Energieversorgung
sagung von Unterstützung für internationale terroristi- mit dem Ziel, die wachsende Abhängigkeit der Vereische Akte, die Begleichung von Schulden gegenüber nigten Staaten von ölimporten abzubauen. Das Gesetz
amerikanischen Firmen, Zusammenarbeit bei der Suche enthält steuerliche Anreize zur Steigerung der effiziennach Unterlagen über amerikanische Kriegsgefange- ten Energieausnutzung in Wohnhäusern und Büros,
ne sowie die Einstellung der Unterstützung für Kuba. Förderung des Einsatzes alternativer Treibstoffe,
Ausdehnung von Forschung und Entwicklung im BeDem Gesetz zufolge wird die Hilfe an die Staaten der reich sauberer Kohle und erneuerbarer Energien sowie
früheren Sowjetunion eingestellt, wenn diese nicht die Steigerung des Wettbewerbs bei der StromgewinMenschenrechte einhalten, ihren Rüstungskontroll- nung.
verpflichtungen nachkommen oder Waffen beziehungsweise Technologien zur Massenvernichtung oder die Der Kongreß gewährte weiterhin Mittel für den supraFähigkeiten zur Herstellung von Kernwaffen weiterge- leitenden Teilchenbeschleuniger. Damit kann dieses
ben - oder, im Falle Rußlands, wenn das Land keine kontroverse Projekt fortgeführt werden, nachdem es
Fortschritte beim Abzug seiner Truppen aus den bal- zu Beginn des Jahres vom Kongreß nahezu beseitigt
tischen Staaten macht.
worden wäre.

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AMERIKA DIENST 42

�Legislaturperiode am 4. Januar zahlreiche neue Ge- Ergebnisse der Abstimmung des Wahlmännergremiums
sichter im Kongreß erwartet. Ihre erste Amtshandlung über die Wahl des Präsidenten und des Vizepräsidenwird am 6. Januar stattfinden, wenn der Präsident des ten bekanntgibt.
Senats in einer Sitzung beider Häuser offiziell die

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Seite 3

�UMWELT
21. Oktober 1992

USA RATIFIZIEREN ALS ERSTER INDUSTRIESTAAT
DIE KLIMASCHUTZKONVENTION
Regierungsvertreter kritisiert europäische und japanische Haltung
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten haben
Vertretern der Regierung Bush zufolge als erster Industriestaat den Vertrag zur Kontrolle von Gasemissionen unterzeichnet, die das Erdklima radikal verändern
könnten.

Bush weigert sich, eine solche Taktik einzuschlagen,
erklärte Deland.

Der Vertrag legt als Ziel eine Begrenzung der Emissionen von Treibhausgasen auf dem Niveau von 1990 bis
zum Jahr 2000 fest. Die Vereinigten Staaten waren
der einzige große Industriestaat, der eine rechtlich
verbindliche Verpflichtung zu einer Stabilisierung von
Emissionen in dem Vertrag ablehnte, und ihr Erfolg in
dieser Frage zieht weiterhin harte Kritik von amerikanischen Umweltgruppen und deren Verbündeten im
Kongreß nach sich.

Der amerikanische Senat verabschiedete den Vertrag
Anfang Oktober und billigte einen Bericht seines Auswärtigen Ausschusses, der feststellte, daß jegliche
Vereinbarung für eine Hinzufügung verbindlicher Ziele
und Zeitpläne für Treibhausgasemissionen der Aushandlung eines neuen Vertrag gleichkämen. Ein Mitarbeiter des Ausschusses erklärte, diese Sprachregelung werde gewährleisten, daß dieses Thema im Senat
behandelt würde, wenn eine neue Administration
beschließen sollte, verbindliche Stabilisierungsverpflichtungen eingehen zu wollen.

Deland verwies ferner auf anfängliche Äußerungen
japanischer Vertreter, sie würden den vorgesehenen
Stabilisierungswert durch den Bau von 132 Kernkraftwerken
- die keine Treibhausgase freisetzen - bis zum
Der amtierende ständige Delegierte der Vereinigten
Jahr
2000
erreichen. Diese Schätzung wurde seither
Staaten bei den Vereinten Nationen, Alexander Watauf
40
Kernkraftwerke
bis zum Jahr 2020 korrigiert.
son, hat am 15. Oktober 1992 die Ratifikationsurkunde
Auf
die
Frage,
ob
Japan
diesen kleineren aber trotzzur Klimaschutzkonvention der UNO beim Hauptquardem
ehrgeizigen
Plan
werde
verwirklichen können,
tier der Vereinten Nationen in New York hinterlegt.
entschuldigten sich die Vertreter des Landes und
In einer begleitenden Erklärung forderte Präsident erklärten, sie müßten an einer Besprechung teilnehBush die anderen 148 Unterzeichnerstaaten der Kon- men, teilte Deland mit.
vention auf, den Ratifizierungsprozeß rasch abzuschließen. Die Vereinigten Staaten haben die Konven- "Wenn wir über Japan sprechen, sollten wir meines
tion als erster Industriestaat und insgesamt als viertes Erachtens vorsichtig sein und zwischen Rhetorik und
Realität unterscheiden", erklärte er.
Land ratifiziert.

Der Vorsitzende des vom Präsidenten eingesetzten
Rates für Umweltqualität, Michael Deland, griff das
Argument in einer Debatte am 15. Oktober auf, in der
er - wie auch bereits andere Regierungsvertreter behauptete, die europäischen Regierungen seien mit
Ausnahme der Niederlande nicht ernsthaft an einer
Stabilisierung der Treibhausgasemissionen interessiert.
Europäische Regierungsvertreter seien während der
Verhandlungen überden Vertrag an ihn herangetreten
und hätten argumentiert, die Vereinigten Staaten sollten die Stabilisierung der Emissionen zusagen, es
jedoch späteren Administrationen überlassen Wege
zu finden, wie dies erreicht werden könne. Präsident
AMERIKA DIENST 42

Alle Länder, die den Vertrag ratifizieren, müssen eine
Aufstellung der Treibhausgasemissionen anfertigen
und Pläne zu deren Begrenzung konzipieren. Die
Industriestaaten müssen noch weiter gehen und die
Maßnahmen detailliert angeben, die sie zur Begrenzung der Gase vornehmen werden und wie diese sich
Klimaveränderungen anpassen würden.
Präsident Bush hat dieses Jahr bereits angekündigt, er
werde den Entwicklungsländern 25 Millionen Dollarzur
Verfügung stellen, um ihnen bei der Schaffung nationaler Pläne zu helfen, Klimaveränderungen abzuschwächen oder sich an sie anzupassen.
* * *
Seite 1

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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
41

14. Oktober 1992

'«tu s.-Miti, &gt;f .America
Lib^,7 Services
Defchmanns Aue 29
5300 Bonn. 2

WILLY BRANDT

PRÄSIDENT BUSH WÜRDIGT WILLY BRANDT
Erklärung des Weißen Hauses

FLÜCHTLINGE

FLÜCHTLINGSSTROM ERFORDERT
INNOVATIVE REAKTIONEN
Abram vor UNHCR-Ausschuß

UN-GENERALVERSAMMLUNG

USA ERLÄUTERN ZIELE FÜR ENTWICKLUNGSAKTIVITÄTEN DER VEREINTEN
NATIONEN
Rede von Botschafter Perkins

CHEMISCHE WAFFEN

WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG FÜR KONVENTION ÜBER CHEMISCHE WAFFEN ANGESTREBT
Rüstungskontrollexperten bezeichnen
Vertrag als Kompromiß

WAHLEN '92

ERSTE FERNSEHDEBATTE MIT SCHWERPUNKT
AUF ARBEITSPLÄTZEN UND AUSSENPOLITIK
Bush, Clinton und Perot diskutieren
in St. Louis (Missouri)

DIE ERSTE FERNSEHDEBATTE DER
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Amerikanische Pressestimmen

ARBEITSPLATZE, WACHSTUM UND STEUERN
IM MITTELPUNKT DES WAHLKAMPFS
Wirtschaftsthemen dominieren

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�WILLY

BRANDT
14. Oktober 1992

PRÄSIDENT BUSH WÜRDIGT WILLY BRANDT
Erklärung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Die folgende Erklärung wurde am 9. Oktober 1992 von der Pressestelle des Weißen
Hauses veröffentlicht:
Voller Trauer hat der Präsident vom Tod des großen
deutschen Staatsmanns und Patrioten Willy Brandt
erfahren.
Willy Brandt war eine der überragenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, ein Mann mit Vision und Mut.
Er wird in die Geschichte als ein unerschütterlicher
Verfechter von Freiheit und Demokratie eingehen, der
als Bürgermeister von Berlin während der dunkelsten
Stunden der Stadt der sowjetischen Bedrohung furchtlos entgegentrat, die das Leben und die Ideale seiner
geliebten Stadt und ihrer Bevölkerung bedrohte. Er
wird in die Geschichte eingehen als einer, der seine
Stimme für die Verständigung zwischen West und Ost
erhob. Erst als Außenminister, dann als Bundeskanzler hat er sich für die Entspannung in Europa stark
gemacht, durch die die Welt für uns alle sicherer
wurde. Der Zusammenbruch des Kommunismus und

der Vormarsch der Demokratie in Osteuropa und der
ehemaligen Sowjetunion bestätigen in eindrucksvoller
Weise die Richtigkeit seiner Vision vor zwanzig Jahren.
Die Amerikaner werden sich an Willy Brandt nicht nur
als einen Verfechter von Freiheit und Demokratie
erinnern, sondern auch als einen treuen Freund der
Vereinigten Staaten. Seine starke Unterstützung der
transatlantischen Gemeinschaft spiegelte den Glauben wider, daß die enge Zusammenarbeit zwischen
Amerikanern und Deutschen von großer Bedeutung
für die Bewahrung von Frieden und die Förderung der
Demokratie war.
Gemeinsam mit unseren deutschen Freunden und all
denen, die für die Ziele gekämpft haben, denen Willy
Brandt sein Leben widmete, betrauert das amerikanische Volk den Verlust Willy Brandts.

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�FLÜCHTLINGE
14. Oktober 1992

FLÜCHTLINGSSTROM ERFORDERT
INNOVATIVE REAKTION
Abram vor UNHCR-Ausschuß
GENF- (AD) - Dem Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen in Genf, Botschafter
Morris Abram, zufolge muß die internationale Staatengemeinschaft nach neuen Wegen suchen, um den ständig
anschwellenden weltweiten Strom von Flüchtlingen und Migranten zu bewältigen.
Die Regierungen und internationalen Behörden müßten "innovative und integrierte" Reaktionen auf "vielfältig
motivierte Wanderu ngsbewegu ngen" finden - Flucht vor wirtschaftlichem Chaos und Bürgerkrieg ebenso wie vor
politischer Verfolgung, erklärte Abram am 9. Oktober 1992 in einer Rede vor dem 46 Mitgliedstaaten
umfassenden Exekutivausschuß der Hohen Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Traditionell stützt sich die Arbeit der UNHCR, einer Behörde der Vereinten Nationen, die sich mit gegenwärtig
rund 17 Millionen Flüchtlingen weltweit befaßt, auf eine im Jahr 1951 verabschiedete Konvention, die einen
Flüchtling als Einzelperson definiert, die vor politischer Verfolgung flieht.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Abram im Wortlaut.
Fluchtgründe. Der Flüchtling mag ein Land inmitten
politischer Unruhen verlassen haben, wo er zur Unterschicht gehörte und Ziel von Diskriminierung war. Von
der für einzelne Antragsteller auf politisches Asyl
konzipierten Maschinerie wird heute jedoch erwartet,
daß sie den massenhaften Zustrom von Personen
bewältigt, die individuell vielleicht keine gut begründete
Furcht vor Verfolgung aufgrund von Rasse, Religion,
Es ist nicht nur die Zahl der Flüchtlinge, die sich seit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen
Verabschiedung der Konvention im Hinblick auf den oder politischen Gruppe haben, wie es die Definition
Status von Flüchtlingen im Jahr 1951 verändert hat. eines Flüchtlings in der Konvention von 1951 vorsieht.
Der Charakter und die Gründe der Migration sind nicht
so einfach zu definieren. Fliehen sie vor Verfolgung Einige Länder, die traditionell einwandererfreundlich
des einzelnen oder politischer Instabilität, vor Men- waren, haben sich den jüngsten Wanderungsbeweschenrechtsverletzungen oder Bürgerkrieg? Oder sind gungen entgegengestellt. Einige haben sogar ihre
Armut, Überbevölkerung, Zerstörung der Umwelt oder Grenzen geschlossen. Die Länder hüten sich davor,
Naturkatastrophen die Gründe der Abreise? Es ist einem einzelnen Asyl zu gewähren, wenn sein gesamunbestreitbar, daß es im Charakter des Menschen tes Dorf folgen könnte. Selbst wenn Asyl theoretisch
begründet ist, mit seinen Lebensbedingungen nicht zeitlich befristet gewährt wird, werden die Flüchtlinge
völlig zufrieden zu sein. Gewiß, je mehr man über die vielleicht nicht mehr heimkehren wollen, wenn in ihrem
andere Seite des Berges erfährt, desto fetter scheinen Dorf Frieden herrscht. Der Durchschnittseinwohner im
die Weidegründe dort zu sein.
Aufnahmeland erkennt, daß er das leichtere Leben
genießt und wird annehmen, daß sich vorübergehenIn den heutigen Wanderungsbewegungen treffen po- de Flüchtlinge zum Bleiben entschließen werden. Kein
litische Asylsuchende - diejenigen, die im Wirkungsbe- Land möchte sich mit der domigen Frage der Abschiereich der Konvention von 1951 kommen - gemeinsam bung befassen. Die Motive und Begründungen derjemit denjenigen ein, die vor Bürgerkrieg und wirtschaft- nigen, die ihre Türen schließen, sind fast so komplex
licher Unsicherheit fliehen. Häufig vermischen sich die wie die derjenigen, die anklopfen.
Die Welt von heute gestaltet sich dramatisch anders
als die Weht von 1951. Im Jahr 1951 gab es keine
düsengetriebenen Verkehrsflugzeuge, kein Satellitenfernsehen, keine Photokopierer oder Faxgeräte. Die
Weltbevölkerung betrug 2,5 Milliarden, und heute nähert
sie sich 6 Milliarden. Die Zahl der Flüchtlinge hat von
2 Millionen auf 17 Millionen zugenommen.

AMERIKA DIENST 41

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�Wanderungsbewegungen aus vielfältigen Motiven
erfordern innovative und integrierte Reaktionen unter
Verwendung einer Vielzahl von Maßnahmen, um sowohl
die Ursachen als auch die Symptome des Problems zu
behandeln.
Mit ihrer Note zum Internationalen Schutz hat Frau
Ogata der Komplexität dieser Fragen Rechnung getragen und die ersten Schritte zu ihrer Lösung unternommen. Sie tritt für größeres Engagement der UNHCR
und der internationalen Staatengemeinschaft im Ursprungsland ein, um die Probleme der Flüchtlinge dort
zu behandeln, wo sie entstehen. Frau Ogata hat diese
Woche bereits über internationale Präsenz als unabdingbares Element der Prävention gesprochen. Die
Präsenz könnte physischer Natur sein, durch die
UNHCR, wie in dem Bericht als eine Möglichkeit vorgeschlagen wird oder durch Überwachung durch eines
der Menschenrechtsgremien der UNO. Welcher Ansatz
auch gewählt wird, die entscheidende Verbindung
muß zwischen Menschenrechtsverletzungen und der
Schaffung von Flüchtlingen hergestellt werden.

Kreative nichttraditionelle Ansätze wie die in Jugoslawien und im Irak gewählten sind auch in Zukunft
erforderlich. Wie Generalsekretär Boutros-Ghali in
seinem Jahresbericht feststellte, "gibt es eine dynamische Verbindung zwischen Friedensherstellung, Friedenssicherung und humanitärer Hilfe".
Die Gründung des Büros für humanitäre Angelegenheiten in New York war ein Schritt zu der Koordinierung, die in einer einheitlichen UNO erforderlich ist.
Die Beschreibung dieses Büros in einem unlängst
veröffentlichten Leitartikel als "Schnittstelle zwischen
humanitärem Einsatz und Sicherheit, Hilfe und Friedenssicherung" bekräftigt jedoch die unmögliche
Bandbreite der zugewiesenen Verantwortung. Koordinierung läßt sich nicht durch eine Person erreichen,
sondern muß eine tiefgreifendere zwischenbehördliche Zusammenarbeit auf dem gesamten Spektrum
von der Prävention biszu Hilfe und Entwicklung umfassen.

Ein behördenübergreifender Plan mit dem Ziel, bei
unterschiedlich motivierten Fluchtumständen zu funkDie lobenswerten Bemühungen der UNHCR in den tionieren, kann die Wurzeln der Flucht untersuchen
späteren Stadien von Flüchtlingsströmen sind ein und die Verfolger zur Rechenschaft ziehen, bei der weiteres Beispiel für die Art der erforderlichen Koordi- dauernden oder vorübergehenden - Ansiedlung derjenation zwischen den Behörden. In der Jugoslawienkri- nigen helfen, die nicht in die Heimat zurückkehren
se hat die UNHCR eng mit dem IKRK und der UNPRO- können und technische Hilfe bereitstellen, um nach
FOR zusammengearbeitet, um eine Herausforderung Beendigung der Krise Institutionen und Wohnungen
unauflöslich miteinander verbundener humanitärer, wiederaufzubauen. Natürlich müssen alle geschaffeFlüchtlings- und Sicherheitserfordemisse in den Griff
nen und entwickelten Mittel und Instrumente letztlich
zu bekommen.
innerhalb der Kompetenzen und politischen Möglichkeiten der Mitgliedstaaten liegen.
Andere Reaktionen, wie etwa der Ruf der UNHCR
nach vorübergehendem Schutz als Mittel zur Bewälti- Eine Herausforderung der Krisen von heute wird darin
gung des massenhaften Zustroms aus dem ehemali- bestehen, einen Präzedenzfall für den Umgang mit
gen Jugoslawien, spiegeln die Flexibilität wider, die für den Krisen von morgen zu schaffen. Frau Ogata hat
die komplexen Bedürfnisse der Gruppen erforderlich zu Recht mit ihrem Vorschlag einer weiterentwickelten
ist. Flüchtlingsgruppen haben häufig wesentlich ande- Rolle der UNHCR und der internationalen Staatengere Bedürfnisse als der Flüchtling nach der Konvention meinschaft als Ganzem reagiert, die den enormen
aus dem Jahr 1951. Vorübergehender Schutz für weltweiten Veränderungen seit Verabschiedung der
einen definierten Zeitraum ist oft eine humane und Konvention von 1951 angepaßt wird. Wir können nicht
angemessene Reaktion.
zulassen, d?!? vn? r*s den gegenwärtigen Krisen innewohnenden Komplexitäten erdrücken. Vielmehr sollten wir sie als Herausforderung betrachten, auf die zu
reagieren eine flexible, kreativere UNO befähigt ist.
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AMERIKA DIENST 41

�UN-GENERALVERSAMMLUNG
14. Oktober 1992

USA ERLÄUTERN ZIELE FÜR ENTWICKLUNGSPOLITISCHE AKTIVITÄTEN DER VEREINTEN NATIONEN
Rede von Botschafter Perkins
VEREINTE NATIONEN - (AD) - "Wirtschaftliche Sicherheit, Chancen und Wettbewerbsfähigkeit" sind die
wichtigsten amerikanischen Anliegen bei den Diskussionen über Weltwirtschaft und Entwicklung in der UNGeneralversammlung, erklärte der amerikanische UNO-Botschafter Edward Perkins am 7. Oktober 1992.
Im Rahmen der allgemeinen Aussprache des Zweiten Ausschusses (für Wirtschaft und Sozialwesen) der 47.
Generalversammlung stellte Perkins fest, die Vereinigten Staaten würden mit anderen Delegationen zusammenarbeiten, um "effektive Hilfsmaßnahmen zum Aufbau starker, unabhängiger Volkswirtschaften" zu entwickeln,
die "zu einer wachsenden Weltwirtschaft beitragen können, deren Ziel der Abbau von Armut ist".
Unter Betonung des zunehmenden wirtschaftspolitischen Charakters der wichtigsten UN-Aktivitäten im Zeitalter
nach dem Kalten Krieg verwies der Botschafter darauf, daß "globale Stabilität wenigervon ideologischen Credos
abhängig ist als von wirtschaftlichen und finanziellen Kräften".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Perkins im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, ich möchte Sie und die Mitglieder
des Büros bei dieser Gelegenheit zu Ihrer Wahl beglückwünschen. Meine Delegation sieht der Arbeit mit
Ihnen und dem Büro im Geist konstruktiver Zusammenarbeit, die zu verwirklichen Sie begonnen haben,
erwartungsvoll entgegen.

Handelssanktionen, die Verwaltungsreform des UNOSystems und den Gesamtkomplex der Finanzierung
der Friedenssicherung gewichen.

Das Subtile an unserer diplomatischen Arbeit ist der
zunehmende wirtschaftspolitische Charakter der UNAktivitäten. Schlagzeilen zu Resolutionen über die
Nichtverbreitung von Kernwaffen sind solchen über

Präsident Bush hat in seiner Rede vor der Generalversammlung erklärt, daß wirtschaftliche Sicherheit,
Chancen und Wettbewerbsfähigkeit ein vordringliches
Anliegen der Vereinigten Staaten werden. Heute trägt

Gewiß wird in einer Welt, die energisch nach Wegen
zur Privatisierung von Industrien sucht, die Märkte und
Volkswirtschaften miteinander verbindet und historiWirtschafts- und Finanzfragen erhalten auf der Tages- sche Turbulenzen mit Kapitalbewegungen von einer
ordnung der Vereinten Nationen einen immer wichtige- Billion Dollar täglich durchsteht, die weltweite Stabilität
ren Stellenwert. Dies geschieht auf eine Art und weniger von ideologischen Credos abhängig als von
Weise, die sowohl offenkundig als auch subtil ist. wirtschaftlichen und finanziellen Kräften.
Offenkundig ist, um es mit den Worten von Weltbankpräsident Lewis Preston auszudrücken, die Tatsache, Die Arbeit des Zweiten Ausschusses ist traditionell ein
daß " es für die Menschheit heute keine wichtigere Ort, an dem politische Fragen in den wirtschaftlichen
Aufgabe gibt als den Abbau der Armut und umweltver- Kontext gestellt werden. Heute bedeutet politische
trägliche Entwicklung". Ebenso offensichtlich sind Führung eine globale Verantwortung, und eine effektiBewegungen zur wirtschaftlichen Integration, interna- ve globale Verantwortung beruht auf internationaler
tionale Währungsturbulenzen sowie historisch einma- Zusammenarbeit. Meine Delegation geht davon aus,
lige Bemühungen zur Privatisierung von Staatsindu- daß dieser Ausschuß einen neuen Standard der Zusammenarbeit schafft.
strien.

AMERIKA DIENST 41

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�meine Delegation diese Botschaft direkt in den Zweiten Ausschuß. Gemeinsam werden wir ein breites
Spektrum von Problemen behandeln, die nie wichtiger
waren als heute - in einem Zeitalter, das weniger von
Krieg und Frieden beherrscht wird und sich mehr auf
Frieden und Wohlstand konzentriert.
Präsident Bush hat femer festgestellt, daß Wohlstand
für den Weltfrieden unabdingbar ist, gemeinsam mit
Friedenssicherung und Nichtverbreitung.
Dieser
Wohlstand hängt von einer wachstumsorientierten Weltwirtschaftsordnung ab, einer Ordnung, die die Umwelt
schützt und in der die Privatwirtschaft die Lokomotive
für die Expansion sich entwickelnder und aufstrebender Volkswirtschaften ist.
Das grenzüberschreitende Engagement des Privatsektors schafft wirtschaftliche Brüderlichkeit und kein
reines Abhängigkeitsverhältnis. Letzteres war häufig
das Ergebnis der traditionellen zwischenstaatlichen
Entwicklungshilfe. Während der 47. Generalversammlung wird meine Delegation mit Ihnen und Ihren Kollegen zusammenarbeiten, um effektive Hilfsmaßnahmen zum Aufbau starker, unabhängiger Volkswirtschaften zu finden, die zu einer wachsenden Weltwirtschaft beitragen können, deren Ziel der Abbau von
Armut ist.

sind seit langem der größte einzelne Geber von Entwicklungshilfe. So werden wir in Kürze die dringlich
erwartete Aufstockung des amerikanischen Anteils
am Internationalen Währungsfonds um 12,3 Milliarden
Dollar verabschieden, die neben unserem normalen
Engagement für bilaterale Hilfe in Höhe von 9 Milliarden Dollar gewährt wird.
Die Vereinigten Staaten unterstützen Entwicklung und
umweltverträgliches Wirtschaftswachstum. Präsident
Bush hat Ihnen sein Interesse an einer Umstrukturierung unserer Auslandshilfeinstitutionen erläutert.
Darüber hinaus bemühen wir uns ständig darum, Hilfe
für umweltpolitische Zwecke als bedeutsamen Teil in
unsere bilateralen und multilateralen Beiträge einzubeziehen.
Die starke Unterstützung meiner Regierung für Bemühungen der Vereinten Nationen, den Schwerpunkt
ihrer Aktivitäten der Ausrottung von Hunger und Unterernährung zu widmen, ist wohlbekannt. Wir sind
entschlossen, auf jede erdenkliche Art u nd Weise dazu
beizutragen, die Leistungen der UNO in diesem entscheidenden Bereich zu verbessern.

Wie friedenssichernde Operationen für die Eindämmung bewaffneter Konflikte erforderlich sind, so dient
die Bereitstellung humanitärer Nothilfe dazu, der HerEine spezielle Initiative, die wir gemeinsam mit ande- ausforderung von Hungersnöten, Krieg und Krankheiren Förderern anbieten werden, betrifft die Privatisie- ten für das Überleben des Menschen zu begegnen.
rung. Durch die Herstellung eines weltweiten Konsen- Die seit langem bestehende Unterstützung der Vereinigten Staaten für humanitäre Hilfsaktionen wird anses zu diesem wichtigen Phänomen kann die internationale Staatengemeinschaft Entwicklungsländern und dauern. Die Initiative Präsident Bushs zur Friedenssiaufstrebenden Staaten dabei helfen, den wirtschaftli- cherung wird die bereits heute umfangreichen Fähigchen Übergang auf der Grundlage solider nationaler keiten der Vereinigten Staaten zur Unterstützung
humanitärer Missionen noch weiter verstärken. Wir
Maßnahmen reibungsloser zu vollziehen. Damit werden die Chancen für Handel und Investitionen gestei- fordern alle Staaten auf, kühne Schritte zu unternehmen, um die Fähigkeit der Vereinten Nationen zur
gert und dringend benötigte ausländische InvestitioLieferung humanitärer Hilfe zu unterstützen. Die Mitnen angelockt. Wir sehen den fruchtbaren Gesprächen über diese Initiative erwartungsvoll entgegen, gliedstaaten sollten Vorräte bezeichnen, die zur Bederen Ziel es ist, Mittel für Wohlstand und gegen Armut wältigung humanitärer Notlagen eingesetzt werden
können, um es den Staaten zu gestatten, rascher auf
einzusetzen.
Hungersnöte, Rutkatastrophen, Unruhen und andere
Die Ursachen der Armut sind komplex, und dasselbe Katastrophen zu reagieren. Verbesserte Planung,
gilt für die zahlreichen Maßnahmen, die zu deren Krisenmanagement und Fähigkeiten zur Sammlung
Abbau erforderlich sind. Wir haben von den Armen von Informationen für humanitäre Operationen sollten
selbst gelernt, daß Unterstützung die umfassenden entwickelt werden. Die Vereinigten Staaten werden
politischen und strukturellen Hindemisse ebenso wie neue Wege sondieren, um angemessene amerikaniBeschränkungen im technischen, menschlichen und sche finanzielle Unterstützung für humanitäre Operamateriellen Bereich behandeln muß.
tionen zu gewährleisten.
Der Abbau von Armut erfordert nicht nur quantitative
Verbesserungen beim Einkommen, sondern ebenso
qualitative Verbesserungen bei Gesundheit, Bildungswesen und Ernährung. Umweltverträgliche und
umweltbewußte Entwicklung, Menschenrechte, demokratische Institutionen - sie alle sprechen für den
vernünftigen Umgang mit produktiven Ressourcen.
Femer erwarten wir in diesem Ausschuß die Rolle der
Entwicklungshilfe zu erörtern. Die Vereinigten Staaten

Seite 2

Wie ich bereits erwähnte, hat Präsident Bush erklärt,
die Förderung weltweiten Wohlstands bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt sei eine der drei miteinander
zusammenhängenden Herausforderungen für unsere
Vereinten Nationen. In diesem Ausschuß werden wir
mit einer konkreten Manifestation dieser Herausforderung ringen. Die amerikanische Regierung ist entschlossen ihren Teil beizutragen, um eine effektive
Nachbereitung der UN-Konferenz über Umwelt und

AMERIKA DIENST 41

�Entwicklung zu gewährleisten. In einer der wichtigsten
Empfehlungen des Gipfels von Rio werden wir aufgefordert, eine Kommission für umweltverträgliche Entwicklung zu gründen.
Meine Delegation sieht der intensiven Arbeit zur Gründung dieser Kommission erwartungsvoll entgegen.
Die Schaffung einer effektiven Koordinierung der
Reaktion der UNO auf Agenda 21 ist entscheidend,
wenn wir uns erfolgreich auf den in Rio vorgezeichneten Weg machen wollen. Unser Ziel wird die Etablierung einer praxisorientierten Kommission des Wirtschafts- und Sozialrats sein, die innerhalb des UNSystems als Schwerpunkt zur Förderung der Verwirklichung von Agenda 21 und der Integration von Wirtschaft und Entwicklung dienen wird. Die Kommission
für umweltverträgliche Entwicklung sollte ein Forum
bereitstellen, in dem die Staaten von den Erfahrungen
und Bemühungen anderer bei der Verwirklichung
umweltverträglichen Wachstums und umweltverträglicher Entwicklung lernen können. Dieses Forum wird
nicht nur die Regierungen ermutigen, sich an Bemühungen zur Bewältigung dieser Herausforderung zu
beteiligen, sondern es sollte darüber hinaus Vertreter
einschlägiger zwischenstaatlicher Organisationen und
von Finanzinstitutionen sowie von in den Bereichen
Wissenschaft, Industrie, Wirtschaft und Umwelt tätigen nichtstaatlichen Organisationen zur Teilnahme
ermutigen.
Wir begrüßen den erfolgreichen Abschluß der Rahmenkonvention über Klimaveränderungen. Präsident
Bush hat dieses entscheidende Abkommen am 13.
Juni in Rio unterzeichnet, und wir hoffen unseren Ratifizierungsprozeß dieses Jahr abzuschließen. Die
Vereinigten Staaten sind uneingeschränkt davon überzeugt, daß Vorbereitungen zur baldigen und effektiven
Durchführung der Konvention nach deren Inkrafttreten
erforderlich sind, und wir begrüßen die Einberufung
der sechsten Sitzungsperiode des zwischenstaatlichen Verhandlungsausschusses (INC) in Genf für Dezember.
Unserer Meinung nach ist der INC das geeignete
Forum, um Vorbereitungen für das Inkrafttreten der
Konvention zu treffen und mit der Sammlung von
Informationen zu beginnen, die von den Staaten und
regionalen Organisationen zur wirtschaftlichen Integration im Hinblick auf Maßnahmen übermittelt werden, die im Einklang mit den Bestimmungen der Konvention stehen und von der Resolution zur unverzüglichen Arbeitsaufnahme gefordert werden, wie sie der
INC im Mai verabschiedet hat. Die Vereinigten Staaten haben die uneingeschränkte und effektive Beteiligung aller Staaten unterstützt, insbesondere der Entwicklungsländer. In diesem Prozeß werden wir weiterhin freiwillige Beiträge zu dem mit Resolution 45/212
der Generalversammlung eingerichteten Treuhandfonds leisten, und wir fordern alle anderen Regierungen und Organisationen, die in der Lage dazu sind, auf,
ähnliche Beiträge zu erbringen.
AMERIKA DIENST 41

Wir appellieren an den Zweiten Ausschuß, die Resolution zur unverzüglichen Arbeitsaufnahme gutzuheißen
und insbesondere dem INC und seinem Sekretariat
seine weitere Unterstützung zu gewähren, um es
diesen zu ermöglichen, Arrangements für weitere Sitzungen bis zum Inkrafttreten der Konvention zu treffen.
Ein Bestandteil umweltverträglicher Entwicklung sind
effektive und effiziente Vereinte Nationen. Was ist der
Unterschied zwischen "effektiv" und "effizient"? Das
erste bedeutet das Richtige zu tun, das zweite bedeutet es richtig zu machen. Wir begrüßen die andauernde Verwaltungsreform des Generalsekretärs, die das
Richtige ist. Die Mitgliedstaaten müssen jetzt das
Richtige tun, das heißt, sie müssen auf echte Reformen im gesamten System hinarbeiten.
Die Reform der Vereinten Nationen in den Bereichen
Wirtschaft und Sozialwesen fällt in drei breite Kategorien:
Erstens die Reform und Reorganisation des
UN-Sekretariats;
Zweitens die Reform der ECOSOC, vielleicht in
der von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Form, sie zum Leitungsgremium für die vier
operativen Gruppen (UNDP, UNICEF, WFP
und UNFPA) zu machen;
Drittensdie Reform der operativen Maßnahmen
der Vereinten Nationen vor Ort, um Geschlossenheit, Koordinierung und Verwaltung der Entwicklungshilfemaßnahmen durch das System
der Vereinten Nationen zu verbessern.
Im Hinblick auf den letzten Punkt wurde im Jahr 1989
mit der alle drei Jahre stattfindenden Überprüfung
(Triennial Policy Review) ein Meilenstein erreicht. Jetzt,
drei Jahre später, ist es erneut an der Zeit für eine
Überprüfung unserer Maßnahmen. Diesen Herbst
wird meine Delegation auf Reformen drängen, die
Kostenrentabilität und größeres Selbstvertrauen zum
Ziel haben, darunter die stärkere Dezentralisierung
des UN-Entwicklungssystems auf Länderebene. Wir
werden eine weitere Stärkung von Koordinierung,
Programmgestaltung und nationaler Durchführung vor
Ort fordern. Insbesondere werden die Vereinigten
Staaten ihren jüngsten ECOSOC-Vorschlag zur Reform der Vor-Ort-Vertretungen des UN-Entwicklungssystems weiterverfolgen.
Ein weiteres notwendiges Reformvorhaben wird den
Zweiten Ausschuß dazu veranlassen, die künftige
Rolle und das Mandat des Welternährungsrats (WFC)
zu überdenken. Wir stimmen voll und ganz mit dervom
WFC selbst gezogenen Schlußfolgerung überein, daß
er nicht weitermachen kann wie bisher und daß seine
Zukunft im Licht der gesamten Umstrukturierung der
Vereinten Nationen geprüft werden muß.

Seite 3

�Wir sind enttäuscht darüber, daß der WFC nicht in der
Lage war, seine Rolle und sein Mandat wie ursprünglich vorgesehen zu erfüllen. Deshalb unterstützen wir
von diesem Ausschuß zu treffende Maßnahmen, um
die politische Koordinierungsfunktion und die behördenübergreifende Koordinierungsfunktion des
WFC auf den Wirtschafts- und Sozialrat beziehungsweise den Administrativen Koordinierungsausschuß
zu übertragen. Wir sind der festen Überzeugung, daß
dies die Entwicklung und Koordinierung der internationalen Ernährungspolitik wesentlich verbessern und
damit die Bemühungen der UNO bei der Hilfeleistung
für die Hungernden der Welt stärken würde.

Herr Vorsitzender, diese zahlreichen Fragen werden
vor dem Hintergrund historischer Veränderungen in
den weltweiten wirtschaftlichen und finanziellen Abläufen erörtert werden. Internationale Zusammenarbeit
ersetzt die alten wirtschaftlichen Nationalismen, wie
sie in Devisenbewirtschaftung, unnachgiebigem Schutz
von Binnenmärkten und lähmenden Beschränkungen
multinationaler Wirtschaftstätigkeit zum Ausdruck
kamen. Diese Kontrollen verschwinden heute, da eine
auf größerer Mobilität von Informationen, Kapital,
Arbeitskräften und Waren basierende Weltwirtschaft
sowohl die Märkte als auch die Produktionsmittel direkt
in die Hände des wertvollsten Produktionsmittels legt,
das es gibt - des Menschen.

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AMERIKA DIENST 41

�CHEMISCHE

WAFFEN
14. Oktober 1992

WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG FÜR KONVENTION
ÜBER CHEMISCHE WAFFEN ANGESTREBT
Rüstungskontrollexperten bezeichnen Vertrag als Kompromiß
WASHINGTON - (AD) - "Viel Arbeit" bleibt noch zu tun,
um eine "allgemeine Konvention" zum Verbot chemischer Waffen zu verwirklichen, erklärt ein hochrangiger amerikanischer Rüstungskontrollunterhändler. Ihm
zufolge werden sich die diplomatischen Bemühungen
in den kommenden Jahren darauf konzentrieren, so
viele Staaten wie möglich zu veranlassen, der Konvention über chemische Waffen beizutreten.
In einer Stellungnahme bei einer Konferenz über die
Durchführung der C-Waffenkonvention prognostizierte der amerikanische Botschafter bei der Genfer Abrüstungskonferenz, Stephen Ledogar, am 6. Oktober
1992 darüber hinaus einen "internationalen LemmingEff ekt", wenn sich immer mehr Länder zur Unterzeichnung des Abkommens bereiterklärten. Damit würde
es für andere Staaten immer unangenehmer, ihre
Unterschrift zu verweigern.

Ledogar erklärte, die Resolution werde inzwischen von
124 Staaten mitgetragen und er gehe davon aus, daß
die meisten davon dem Vertrag beitreten würden.
Obwohl eine Reihe von wichtigen Staaten noch unterzeichnen müssen - darunter Rußland, die Volksrepublik China, Pakistan und die arabischen Staaten -, ist
er der Überzeugung, daß China letztlich zustimmen
wird. China werde dies jedoch nur nach Rußland tun.
Rußland hat seine Absicht bekundet, Unterzeichner
des Pakts zu werden.
Der Botschafter stellte ferner fest, daß seiner Meinung
nach Pakistan kurz vor einem Beitritt steht. Pakistan
hat eine gemeinsame Deklaration mit Indien unterzeichnet, derzufokje es der C-Waffenkonvention beitritt.

Er erklärte, der Vertrag zum Verbot chemischer Waffen werde "alle militärisch erheblichen BetrugsversuAm 3. September 1992 hat die Abrüstungskonferenz che" aufdecken. Ledogar verwies ferner darauf, dies
den von 39 Nationen ausgehandelten Text der C- sei die erste multilaterale Konvention, die "wirklich
Waffenkonvention verabschiedet, der inzwischen der peinlich genaue Inspektionen in den kontinentalen
UN-Generalversammlung zur Beschlu ßf assung zuge- Vereinigten Staaten" erfordern wird. Der Botschafter
leitet wurde. Der für multilaterale Angelegenheiten prognostizierte, man werde nur selten auf kurzfristig
zuständige Stellvertretende Direktor des US-Amts für anberaumte Verdachtsinspektionen zurückgreifen.
Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Michael
Moodie, stellte fest, der Text sei "ein Kompromiß von Keiner der Redner bei der CSIS-Konferenz konnte
eine Prognose zu den voraussichtlichen Kosten für die
Interessen, Anliegen, Fähigkeiten (und) Ansätzen".
Durchführung der Konvention abgeben. Ledogar
Er stelle "eine wichtige internationale Norm dar, an der erwartete jedoch, daß die Kosten in den ersten Jahren
das Verhalten jedes Mitglieds der internationalen der Durchführung steigen "und danach abflauen werStaatengemeinschaft gemessen wird", erklärte Moo- den".
die in einem Redebeitrag bei der vom Zentrum für
strategische und internationale Studien (CSIS) veran- Wie hoch die Gesamtkosten der Durchführung auch
sein mögen, sie wird es wert sein, meinte Donald
stalteten Konferenz.
Mahley, Steifvertretender Abteilungsleiter für multilaDie Vereinigten Staaten haben gemeinsam mit ande- terale Angelegenheiten im ACDA.
ren Staaten eine UN-Resolution zur Unterstützung der
Konvention eingebracht und planen bei Unterzeich- Die erste Vorbereitungskonferenz wird kurz nach der
nung der Konvention in Paris im Januar zu den Erstun- offiziellen Unterzeichnungszeremonie im Januar stattterzeichnern zu gehören. "Wir hoffen, daß sich uns so finden, so Robert Mikulak, Sonderunterhändler des
viele Staaten wie möglich anschließen werden", fügte ACDA für chemische Waffen. Die Vorbereitungskonferenz wird verschiedene Fragen regeln, darunter die
Moodie hinzu.

AMERIKA DIENST 41

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�Finanzierung der neuen Organisation, die die Konvention überwachen wird. Etwa 750 Mitarbeiter werden an
dem Projekt beteiligt sein, für das ein Budget von rund
150 Millionen Dollar erwartet wird.

Gründung einer gemeinnützigen nichtstaatlichen
Organisation mit dem Namen Internationales Zentrum
für Abrüstung und Konversion unterzeichnet.

Dieses Zentrum werde die internationale Zusammen"Es ist wichtig", erklärte Moodie, daß die Staaten nicht arbeit mit dem Ziel der uneingeschränkten Einhaltung
nur den Vertrag unterzeichnen, "sondern daß sie rati- der C-Waffenkonvention fördern und Bemühungen
fizieren und die Konvention unter Beteiligung so vieler unterstützen, um Einrichtungen zur Herstellung von
Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft in Rüstungsgütern auf zivile Produktion umzustellen.
Kraft tritt wie möglich". Der Vertrag tritt 180 Tage nach
seiner Ratifizierung durch 65 Staaten in Kraft, stellte er Der Erste Sekretär der Botschaft der Russischen
Föderation, Dr. Igor Chrifunow, erklärte, dem russifest, aber frühestens in zwei Jahren.
schen Parlament werde in wenigen Wochen ein VorWährend der Konferenz gab Kyle Olson vom Institut schlag zugeleitet, der den Bau von drei Einrichtungen
zur Kontrolle chemischer und biologischer Waffen zur Zerstörung chemischer Waffen vorsehe. Dem
(CBACI) bekannt, ein Vertreter des CBACI und Gene- besten Szenarium zufolge würden diese Einrichtunral Anatolij Kunzewitsch, Vorsitzender des Präsidial- gen im Jahr 1997 in Dienst gestellt. Er stellte darüber
hinaus fest, es sei wichtig, den anderen neuen Repuausschusses zu konventionellen Problemen der chebliken
der ehemaligen Sowjetunion dabei zu helfen, im
mischen und biologischen Waffen der Russischen
Hinblick
auf die Frage der Waffenzerstörung auf die
Föderation hätten am 2. Oktober ein Abkommen zur
öffentliche Meinung einzuwirken, insbesondere auf
Gemeindeebene.

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AMERIKA DIENST 41

�WAHLEN

'92
14. Oktober 1992

ERSTE FERNSEHDEBATTE MIT SCHWERPUNKT AUF
ARBEITSPLÄTZEN UND AUSSENPOLITIK
Bush, Clinton und Perot diskutieren in St. Louis (Missouri)
ST. LOUIS - (AD) -Alle drei Kandidaten fürdas Präsidentenamt haben es am 11. Oktober 1992 abgelehnt, in dem
"Schlamassel" in Bosnien amerikanische Bodentruppen einzusetzen, aber Herausforderer Bill Clinton forderte
Präsident Bush auf, den Druck der Weltöffentlichkeit auf Serbien zu verschärfen.
Bush und Clinton traten mit dem unabhängigen Kandidaten Ross Perot in einer 90minütigen Femsehdebatte auf,
bei der die beiden Herausforderer die Haltung Bushs zu den amerikanischen Streitkräften in Europa, zu den
Beziehungen mit China sowie zum Einsatz amerikanischer Streitkräfte in Teilen des notleidenden ehemaligen
Jugoslawiens kritisierten.
Bush lehnte trotz seiner Besorgnis über die "ethnische
Säuberung" serbischer Truppen gegen Moslems in
Bosnien den Einsatz amerikanischer Bodentruppen in
Bosnien ab. "Ich bin darüber sehr besorgt", erklärte er,
"ich bin besorgt über ethnische Säuberungen, ich bin
besorgt über Angriffe auf Moslems dort, aber ich muß
den Einsatz amerikanischer Truppen ausschließen bis
ich weiß, wie (das Militär) dort wieder herauskommt
oder wie es dort hereinkommt."

gegen einen schwer bewaffneten Gegner stehen, der
zur ethnischen Säuberung entschlossen ist. Wir können uns nicht in diesen Schlamassel begeben, aber wir
müssen tun, was wir können."

Unter Hinweis auf die dort bestehenden "traditionellen
ethnischen Rivalitäten" erklärte Bush, "dies läßt sich
nicht durch die Entsendung der 82. Luftlandedivision
lösen. Ich werde dies nicht tun."

Die drei Kandidaten traten in der überfüllten Versammlungshalle der Washington Univershy in St. Louis auf,
und ihre Debatte wurde von etwa 70 Millionen Haushalten am Bildschirm verfolgt.

Perot bezeichnete Bosnien als vordringliche Angelegenheit der Europäischen Gemeinschaft und nannte
es "unangemessen", daß amerikanische Streitkräfte
auf jedes Problem reagieren sollten.

Es war die erste von drei geplanten Fernsehdebatten
der drei Präsidentschaftskandidaten, dieses Mal mit
einer Gruppe von drei Journalisten, die den Kandidaten Fragen stellten. Die weiteren Debatten finden am
15. und 19. Oktober unter unterschiedlichen Bedin"Meiner Ansicht nach ist es wichtig", stellte Clinton fest, gungen statt. Viele Zuschauer teilten Reportern nach
"anzuerkennen, daß es Dinge gibt, die wir außerdem der Debatte mit, sie seien von dem sachlichen Ton der
tun können... Es gibt schließlich zwei Millionen Flücht- Teilnehmer sowie der Tatsache beeindruckt, daß es
linge wegen der Probleme im ehemaligen Jugosla- nicht zu gegenseitigen Verleumdungen gekommen
wien, die größte Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg." sei.
Clinton verwies auf die Gefahr des Verhungems oder
Erfrierens Hunderttausender im herannahenden Win- Keiner der Kandidaten fügte seiner Bewerbung Schaden zu, wie dies bei früheren Debatten bisweilen
ter.
geschehen war, aber den größten Erfolg konnte wohl
"Meines Erachtens sollten wir das Embargo gegen die Perot für sich verbuchen. Zahlreiche Zuschauer stellBelgrader Regierung verschärfen", erklärte Clinton, ten mit Befriediegung fest, der Milliardär aus Texas
"und wir müssen überlegen, ob wir das (bestehende) habe solch realistische Antworten gegeben und - in
Waffenembargo gegen die Bosnier nicht aufheben den Worten eines Zuschauers - "die anderen zwei auf
sollten, da sie keineswegs in einem fairen Kampf die wirtschaftlichen Themen festgenagelt, mit denen
Auch Clinton und Perot pflichteten Bushs Absage an
den Einsatz von Bodentruppen bei, jedoch meinte
Clinton, Washington müsse mehr tun, um den Kämpfen ein Ende zu machen.

AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�das Land konfrontiert ist". Viele bedauerten, daß der
Texaner seine Kampagne im vergangenen Sommer
eingestellt habe, bevor er sie vergangenen Monat
wiederaufnahm.

könne man es sich nicht leisten, 150.000 Soldaten in
Europa zu stationieren. Außerdem sei die Rote Armee
reduziert worden und es habe Rüstungskontrollabkommen gegeben.

Perots Ansichten differierten am schärfsten von denen
Bushs und Clintons in der Frage der Stationierung
amerikanischer Truppen in Europa in einer Zeit, in der
die Bedrohung durch einen aggressiven Kommunismus verschwunden ist. Während Bush darauf verwies, ein Ende des Friedenszustands in Europa würde
maßlose Kosten verursachen und es sei deshab "wichtig,
daß die Vereinigten Staaten in Europa bleiben und
weiterhin den Frieden bewahren", verband Perot seine
Aussage zu diesem Problem mit seinem Thema einer
Gesundung der amerikanischen Wirtschaft durch den
Abbau des Haushaltsdefizits und erklärte, es sei für die
Vereinigten Staaten nur sinnvoll, für die Verteidigung
Europas und Asiens zu zahlen, wenn die Verbündeten
dort verarmt seien.

Im Hinblick auf die Beziehungen zu China verteidigte
Bush seine Politik, für in die Vereinigten Staaten
exportierte chinesische Waren den Meistbegünstigungsstatus zu gewähren. Auf diese Politik, so die Kritik
Clintons, habe China mit dem Export von Nukleartechnologie in den Nahen Osten geantwortet. Clinton
behauptete, die von der Bush-Administration ergriffenen Maßnahmen, um Veränderungen in Chinas Haltung zum Handel und in der Behandlung seiner Bürger
zu erreichen, seien nur aufgrund öffentlichen und
politischen Drucks zustandegekommen.

"Wir geben jährlich rund 300 Milliarden Dollar für
Verteidigungszwecke aus", stellte Perot fest. "Die
Japanergeben etwa 30 Milliarden Dollar in Asien aus,
die Deutschen etwa 30 Milliarden Dollar in Europa.
Deutschland wird in den nächsten 10 Jahren 1 Billion
Dollar für den Aufbau der Infrastruktur ausgeben. Das
ist ziemlich leicht, wenn man für die Verteidigung
seines Landes eine Rechnung von nur 30 Milliarden
Dollar zu bezahlen hat."
"Die Europäische Gemeinschaft ist in der Lage, wesentlich mehr zu bezahlen als in der Vergangenheit",
erklärte Perot. "Ich stimme dem Präsident zu. Als sie
es nicht konnten, war dies unsere Aufgabe. Heute, da
sie es können, sollten sie es tun. Wir scheinen einen
Wunsch zu haben, dort zu bleiben und die Kontrolle
auszuüben. Um es ganz offen zu sagen: Sie möchten
nicht, daß wir die Kontrolle haben. Deshalb ist es für
uns meines Erachtens sehr wichtig, daß sie einen
wachsenden Anteil der Lasten übernehmen und daß
wir dieses Geld hierhin zurückbringen und unsere
Infrastruktur wiederaufbauen, denn wir können nur
dann eine Supermacht sein, wenn wir eine wirtschaiiliche Supermacht sind. Wir können nur dann eine
wirtschaftliche Supermacht sein, wenn wir eine wachsende Arbeitsplatzbasis haben."
Clinton stimmte der Notwendigkeit einer Beibehaltung
der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa zu,
möchte jedoch im Gegensatz zu Bush die Zahl nicht
auf 150.000 sondern auf 100.000 verringern. "Sicherlich müssen wir dort ein Engagement aufrechterhalten.
Es gibt dort gewiß Gefahren. Es gibt sicherlich noch
andere Krisengebiete auf der Wert, die näher an Europa als an den Vereinigten Staaten liegen."
"In Zukunft werden wir mehr Geld für militärische
Technologie und größere Mobilität, mehr Lufttransport, mehr Seetransport, die B-22 ausgeben müssen",
stellte Clinton fest. Da dies große Kosten bedeute,

Seite 2

Clinton erklärte, er werde amerikanischen Einfluß gelten
machen, um "Festigkeit zu demonstrieren". Er werde
Handelsvorteile mit der Wahrung der Menschenrechte
und einer "offenen Gesellschaft" verbinden. Eine feste
Position, so Clinton, würde die Chinesen "langfristig zu
verläßlicheren Partnern" machen.
Auf die Bitte, er möge das in seinen Augen "überragende" nationale Interesse definieren, forderte Clinton
eine "den Herausforderungen des Zeitalters nach dem
Kalten Krieg gewachsene" neue Verteidigungs- und
nationale Sicherheitspolitik mit kleineren und mobileren Streitkräften. Er befürwortete Verhandlungen über
einen weiteren Abbau von Kernwaffen über die bereits
vereinbarten Reduzierungen hinaus sowie die Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Die amerikanische Wirtschaftskraft müsse
wiederhergestellt und Demokratie im Ausland gefördert werden.
Perot bezeichnete die Wiedergewinnung der wirtschaftlichen Überlegenbheit Amerikas insbesondere im
Produktionsbereich als wichtigste Priorität und forderte zusätzliche Hilfen für die Staaten der ehemaligen
Sowjetunion. Er bezeichnete solche Hilfen als "Pfennigbeträge im Vprnjpirh , u ^ n Kosten einer Erneuerung des Kalten Krieges".
Perot forderte Bush auf, sich für die tatsächliche
Beseitigung von nuklear bestückten Interkontinentalraketen einzusetzen, über die bereits Vereinbarungen
erzielt wurden, deren Demontage jedoch noch nicht
begonnen hat.
Bush erklärte, die Vereinigten Staaten würden militärisch und wirtschaftlich "von der ganzen Welt beneidet". Die amerikanischen Streitkräfte "werden auf der
ganzen Welt respektiert". Amerika hat sich so sehr
nach innen gewandt, beklagte er, daß es die wahrhaft
globale Position der Vereinigten Staaten nicht verstehe.
Im Hinblick auf sein Wirtschaftsprogramm stellte Ross
Perot fest, er werde sofort nach seiner Wahl mit allen
Entscheidungsträgem in Washington gemeinsam an
AMERIKA DIENST 41

�die Arbeit gehen. Es gebe "überall in Washington
großartige Pläne, die niemand jemals verwirklicht". Als
ersten Schritt werde er "das Problem kleiner und
mittlerer Unternehmen in Angriff nehmen. Eine Arbeitsgruppe sollte sich damit beschäftigen. Zweitens
gibt es angeschlagene Großunternehmen, zum Beispiel in der Rüstungsindustrie. Dazu sollten wir eine
weitere Arbeitsgruppe einsetzen. Eine dritte Arbeitsgruppe sollte sich mit neuen Industrien der Zukunft
befassen um zu gewährleisten, daß wir sie für unser
Land festhalten und sie nicht in Europa und Asien
enden."

Außenpolitik getan hast. Du wirst Wirtschaftskoordinator für alle innenpolitischen Aspekte, und dazu zählt
die gesamte wirtschaftliche Seite, der ganze Ausbildungsbereich, und stelle dieses Programm zusammen.' Wir werden einen neuen Kongreß haben, und
wir werden ihm sagen: 'Sie haben ebenso wie wir dem
Wähler zugehört. Keiner möchte eine Fortsetzung der
Blockadepolitik. Also sollten wir dieses Programm
durchziehen.'
Die drei Kandidaten faßten ihre Ansichten in äußerst
unterschiedlichen Schlußerklärungen zusammen.

Perot wiederholte seine frühere Kritik, die Regierung
habe "den Kontakt zum Volk verloren. Die Leute in
Washington sind gute Leute, wir haben lediglich ein
schlechtes System. Wir müssen das System verändern. Es ist an der Zeit dies zu tun, denn wir haben so
hohe Schulden aufgehäuft, daß die Zeit nicht länger
auf unserer Seite ist. Wir müssen unser Haus in
Ordnung bringen." Er erklärte, seine Wahl würde es
Zum selben Thema meinte Clinton, "dieses Land braucht der Nation erlauben "den amerikanischen Traum für
dringend ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, und meine unsere Kinder und Enkel zu erneuern".
erste Priorität wäre es, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zu verabschieden, es am Tag meiner Amtsein- Clinton schloß mit der Bemerkung, er wolle der Nation
führung ins Leben zu rufen. Ich würde mich mit der "eine neue Richtung" geben und äußerte die ÜberzeuFührung des Kongresses treffen, mit allen neugewähl- gung, bei der Wahl im nächsten Monat gehe es um die
ten Mitgliedern des Kongresses und mit vielen ande- Entscheidung zwischen "Hoffnung und Furcht", zwiren, mit denen ich von meiner Wahl bis zur Amtseinfüh- schen "Veränderung und mehr desselben" sowie zwirung zusammentreffen könnte, und wir würden ein schen "dem Mut, in eine neue Zukunft aufzubrechen
oder der Menge zu folgen, die sagt, es könnte noch
Arbeitsbeschaffungsprogramm vorlegen.
schlechter sein". Er werde sich für "Investitionen in
Danach würden wir einen Plan zur Kontrolle der Ko- amerikanische Arbeitsplätze, amerikanische Bildung,
sten im Gesundheitswesen vorstellen und stufenweise die Kontrolle der Kosten im Gesundheitswesen" eineine Krankenversicherung für alle Amerikaner einfüh- setzen. "Ich möchte, daß die Zukunft dieses Landes
ren. Bevor wir nicht die Kosten im Gesundheitswesen so vielversprechend und glänzend ist wie seine Verkontrollieren, werden wir das Haushaltsdefizit nicht in gangenheit, und es kann gelingen, wenn wir den Mut
den Griff bekommen. Es ist der Hauptschuldige. Aber zum Wandel haben."
zunächst benötigen wir ein aggressives ArbeitsbeDer Präsident führte erneut seine außenpolitischen
schaffungsprogramm."
Erfolge an - das Ende des Kalten Krieges, die verrinBush verwies in diesem Zusammenhang auf seinen gerte Furcht vor einem Atomkrieg, die Freiheit in
Plan für kleine und mittlere Unternehmen. Er habe Osteuropa, die Fortschritte zum Frieden im Nahen
"bereits Pläne vorgelegt, die dieses Land schnell an die Osten - und forderte die "Ermächtigung" der BevölkeArbeit bringen werden", darunter "Steuervergünsti- rung in seinerzweiten Amtszeit. "Wir müssen investiegungen für Investitionen, Reduzierung der Kapitaler- ren und sparen, wir müssen mehr im Bildungswesen
tragssteuer, mehr für Forschung und Entwicklung, tun. Wir müssen mehrbei der beruflichen Umschulung
eine Steuergutschrift für Ersterwerber von Wohnei- leisten. Wir müssen unsere Exporte erhöhen - und sie
gentum".
florieren in der Tat - und wir müssen die amerikanische
Familie stärken. Ich hoffe", erklärte der Präsident zum
"Wenn dieser Wahlkampf vorbei ist, werde ich zu Jim Schluß, "daß ich Ihr Vertrauen erworben habe. Ich
Baker sagen: 'Setzen wir uns zusammen. Jetzt bitte um Ihre Unterstützung ... um diese Arbeit zu
machst Du in der Innenpolitik dasselbe, was Du in der beenden."

"Wir müssen vom Kapitalismus des 19. zum Kapitalismus des 21. Jahrhunderts übergehen", erklärte Perot.
In den Vereinigten Staaten bestehe ein Gegensatz
zwischen Staat und Wirtschaft, während es bei den
internationalen Konkurrenten ein "intelligentes Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, ein unterstützendes Verhältnis" gebe.

* *

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�WAHLEN

'92
14. Oktober 1992

DIE ERSTE FERNSEHDEBATTE DER
PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Zahlreiche amerikanische Zeitungen und Kolumnisten haben die erste Fernsehdebatte des diesjährigen amerikanischen Wahlkampfs kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus
einigen dieser Kommentare.
Washington Post

New York Times

Die erste Debatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten am Sonntag abend scheint die relative Stellung von George Bush und Bill Clinton im Wahlkampf
nicht verändert zu haben. Perot ging nach oben, aber
Bush konnte den Abstand zwischen sich und Clinton
nicht verringern. Um solche Ereignisse herum baut
sich immer enorme Spannung auf, denn sie können in
jedem Moment einen (häufig vom Kandidaten selbst
verursachten) K.o. herbeiführen. Dieses Mal kam es
nicht zu einer solchen Erschütterung. Nahezu alles,
was die Kandidaten sagten, hatten sie schon früher
gesagt.

Viele einschlägige Themen wurden nicht angesprochen - wie der Iran-Contra-Skandal, der gegenwärtig
zutagetretende Skandal um Kredite an den Irak, das
Recht auf Abtreibung, die Umwelt, Nominierungen für
das Oberste Bundesgericht, die Reform der Wahlkampffinanzierung. Aber solche Auslassungen sind
unabhängig von der Form der Debatte unvermeidlich.
Wirklich enttäuschend ist die Oberflächlichkeit, die von
der Form einer solchen Gruppenbefragung über die
angesprochenen Probleme vorgezeichnet wird.

Die Kandidaten sind reibungslos in der Lage, ausgefeilte Antworten zu nahezu jedem Thema zu geben.
Baltimore Sun
Aber selbst wenn die Fragesteller Experten sind, beispielsweise zum Defizitabbau oder zur GesundheitsIm Vergleich zu anderen Präsidentschaftsdebatten reform, haben sie nahezu keine Chance, bei langweiwar das erste Zusammentreffen von Bush, Clinton und ligen Antworten nachzuhaken.
Perot informativ, umfassend und enthüllend. Eszeigte
alle drei Männer im besten Licht - Clinton in die Nachdem die 90 Minuten vorbei waren, konnten die
Modalitäten des von ihm angestrebten Postens ver- Zuschauer kaum sagen, wo sich die drei Männer bei
tieft, Bush zuversichtlich aufgrund seiner Amtserfah- den verschiedenen Themen unterscheiden. Welche
rung und Perot als praxisorientierter Störenfried. Schade Unterschiede zeigten sie bei beruflicher Bildung, bei
nur, daß die nächsten Debatten keine direkten Kon- AIDS, bei der Gesundheitsreform? Und die wichtigste
frontationen zwischen Bush und Clinton sein können... Frage: Wie würden sie das Land aus seiner gegenwärtigen wirtschaftlichen Stagnation herausführen?
Bush verdammte ständig den Pessimismus und die
Kritik seiner Herausforderer und berief sich darauf, Christian Science Monitor
daß unter seiner Führung der Karte Krieg beendet
worden sei und die Wirtschaft trotz der gegenwärtigen Während kein Kandidat einen überwältigenden Erfolg
Rezession immer noch von der ganzen Welt beneidet verzeichnen konnte, war Clinton de facto der Sieger.
werde. Clinton, der führte, er könnte bei diesem Er schadete sich nicht durch eigene Fehler und er
Kontrast Punkte verlieren, erklärte in seiner Schlußbe- schien sich mehr als der Präsident an ein Thema zu
merkung, daß er mit der Forderung nach echten Ver- halten: seine wirtschaftliche Vision von "Investitionen
änderungen in Washington Hoffnung gegen Furcht und Wachstum" und seine Entschlossenheit, ein vereintes Land zu führen. Clintons Vorsprung in den
und eine glänzende Zukunft für das Land anbiete.
Meinungsumfragen dürfte sicher sein.
Jetzt warten wir auf Runde zwei.

AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�Auch Bush wählte einen vorsichtigen Ansatz, er vermied die schrillen Töne, die sich in seine Propagandareden einschleichen, bewahrte die Haltung eines Präsidenten und betonte seine Erfahrung. Bush erinnerte
die Wähler häufig an den veränderten Zustand der
Welt im Hinblick auf die Freiheit und das nahe Verschwinden des Kommunismus. Häufig verwies er auf
seine Rolle als Oberkommandierender.
Wall Street Journal
Ross Perots Konzentration auf das Defizit ist wohlbekannt, aber er war unerwartet überzeugend beim Thema
Familienwerte (seit Houston ein bevorzugtes Thema
des Spotts für die eingeweihtesten Medienvertreter).
Perot klingt überzeugend und völlig ohne politische
Arglist, wenn er erklärt: "Wir werden kein großes Land
haben, wenn wir nicht in jedem Heim eine starke
Familieneinheit haben." Er spricht vom "chemischen
Krieg" gegen die Kinder in den Innenstädten. Es ist gut
zu hören, wie ein Kandidat der Unzufriedenen sagt:
"Unsere Vielfalt ist unsere Stärke."
Viele Wähler sind wahrscheinlich immer noch damit
beschäftigt auszumachen, wer Bill Clinton ist. Irgendwie schafft er es, persönlich weniger Selbstvertrauen
auszustrahlen als die beiden älteren Männer. Gleichzeitig trifft er aufgrund seiner enormen Informiertheit
bisweilen den Nagel auf den Kopf. Er hat recht, daß
gleichgewichtige Sanktionen gegen bewaffnete Serben und unbewaffnete Bosnier wenig Sinn machen. Er
hat recht, wenn er mehr offene Unterstützung für
Chinas Demokraten fordert. Und er hat recht, daß
"Anreize zum Investieren" eine Bedeutung erster Güte
haben (aber, bitte, erläutern Sie das noch etwas genauer.
Kolumnist Andrew Rosenthal in der New York
Times
Bush, der immer noch versucht, nur drei Wochen vor
der Wahl seiner Kandidatur für die Wiederwahl neues
Leben einzuhauchen, brauchte eine Überraschung,
um den Wählern Grund zu geben, ihre Meinung über
einen Präsidenten zu änderen, der für die meisten
Amerikaner in den vergangenen vier Jahren eine feste
Definition bekommen hat. Er hat sie nicht geliefert.
Gouverneur Bill Clinton mußte einen großen Schnitzer
vermeiden, der seine Kampagne behindern könnte,
und das schaffte er. Er könnte auch noch bei einem
anderen Ziel Erfolg gehabt haben: daß er die Amerikaner mit dem Gedanken versöhnte, daß er ins Oval
Office (Amtszimmer des Präsidenten, Anm. d. Red.)
einzieht.
Und Ross Perot hat gewiß bekommen, was er wollte Zeit auf derselben Bühne mit den Kandidaten der
großen Parteien und eine Chance, seine besondere
Version hausgemachter Rezepte für die Krankheiten
Amerikas anzubieten - während die anderen ihre Zeit
damit verbrachten, einander anzugreifen.
Seite 2

In der Tat war es eines der offenkundigsten Resultate
der ersten Debatte, daß sich Bushs Bestehen auf der
Einbeziehung Ross Perots in die Fernsehdebatten als
Eigentor erwiesen haben könnte.
Statt Clintons Stellung als fühlender Kandidat anzuschlagen, wie die Republikaner erhofft hatten, gesellte
sich Perot zu dem demokratischen Kandidaten in
einem Angriff von zwei gegen einen, den Präsidenten.
Kolumnist David S. Broder
Was soll man nun daraus machen? Bush erscheint mir
als verbrauchte Kraft - in der Kampagne und in der
Regierung. Sein Versprechen, James A. Baker III als
Chef der Wirtschafts- und Innenpolitik im Weißen
Haus zu halten - womit er eine frühere Erklärung
umstieß, Baker werde ins Außenministerium zurückkehren - wäre bedeutsam, wenn es zu einer zweiten
Amtszeit käme. Es ist aber auch ein Eingeständnis,
daß Bushs eigenes Engagement, innenpolitische
Anliegen an erste Stelle zu setzen, an sich nicht
überzeugend ist.
Clinton ist offenkundig die Wahl der Mehrheit derer, die
einen Wechsel in der Führung und in der Politik anstreben. Er wird als kenntnisreicher Innenpolitiker empfunden. Die Bemühungen Bushs, seinen Charakter in
Frage zu stellen, sind gescheitert. In einem Rennen
von zwei Bewerbern hat Clinton nahezu alles getan,
was für seinen Sieg erforderlich wäre.
Aber Perot fügt dieser Gleichung eine Unbekannte
hinzu. Ich bin heute überzeugt, daß er diesen Wahlkampf zu einem echten Rennen zwischen drei Kandidaten hätte machen können, wenn er nicht aus Frustration über die Presse und seine professionellen
Macher seine Kandidatur im vergangenen Juli verworren hätte. Dieser im^ulc!"* Entschluß, sich nach der
ersten Kritik aus dem Rennen zurückzuziehen, wiegt
bei den Wählern - zu Recht - schwer gegen ihn.
Aber wie die meisten Experten Perots potentielle
Auswirkungen auf die erste Debatte unterschätzt hatten, so unterschätzen sie heute auch das Potential von
Perots Anhängern an der Basis, die Lehre von Perots
Ruf nach "fairen, geteilten Opfern" zu verbreiten.
Es ist vielleicht noch nicht zu Ende.
Kolumnist Jack Germond in der Baltimore Sun
Da er kein Patentrezept besitzt, mußte sich Bush auf
irgendeinen großen Fehler Clintons verlassen, vielleicht einen Schnitzer, der ernste Fragen über seine
Eignung für das Oval Office aufwerfen würde. Aber
auch das geschah nicht. Im Gegenteil, der Gouverneur von Arkansas gab sich nach einiger anfänglicher
Nervosität entspannt und selbstbewußt.
Clinton gewann darüber hinaus wahrscheinlich die
Konkurrenz um das Kurzstatetement, das wahrscheinlich am häufigsten von den Fernsehanstalten benutzt
AMERIKA DIENST 41

�werden wird, als er sich an Bush wandte und ihn
geißelte, weil er seinen Patriotismus in Frage gestellt
hatte. Dabei führte er die Art und Weise an, in der der
Vater des Präsidenten, der verstorbene Senator Prescott Bush aus Connecticut, vor einer Generation die
Führungsrolle beim Kampf gegen den McCarthyismus
übernommen hatte.
Das wahre Problem Bushs bestand jedoch darin, daß
er keine Trümpfe in der Hand hielt. Während des
gesamten Wahlkampfs hat er verzweifelt nach
Angriffspunkten gegen Clinton gesucht, ohne einen zu
finden, der funktioniert. Und am gestrigen Abend wiederholte er sie alle, ohne einen Treffer zu landen. Der
Versuch, Clinton lediglich als einen weiteren Liberalen
in der Manier eines Walter F. Mondale und Michael S.
Dukakis zu charakterisieren, der "Steuern erhöht und
Geld ausgibt", hat sich bereits als Fehlschlag erwiesen, wie die Meinungsumfragen in den Südstaaten
überdeutlich zeigen.

*

AMERIKA DIENST 41

*

Kolumnist Paul Greenberg
Die Erfahrung sprach für George Bush, als er mit Bill
Clinton um die wichtige Mitte der amerikanischen
Politik stritt. Selbst als der Gouverneur die solidere
Position in der Außenpolitik einzunehmen schien - er
ist gegen Appeasement gegenüber den Kommunisten
in China und für mehr Engagement, um die am Pulverfaß Balkan auflodernden Flammen einzudämmen -,
war der Präsident in der Lage, ihn in der Debatte
auszupunkten. Wie in dem Fall, als Bush sagte, er
habe aus dem Vietnamkrieg gelernt, daß man seine
Truppen nicht ins Ausland entsendet, ohne eine klare
Vorstellung davon zu haben, wie "Ihre Söhne und
Töchter" wieder nach Hause gebracht werden können.
Als die Heimatfront angesprochen wurde, war das
beste, was der Präsident machen konnte sein Versprechen, sein altes Genie Jim Baker zum Chef der
Innenpolitik zu machen. Dieses Versprechen ist nicht
so attraktiv wie früher, bevor Baker antrat, um Bushs
Wahlkampf zu leiten, der immer noch auf einen durchschlagenden Erfolg wartet.
* *

Seite 3

�WAHLEN

'92
14. Oktober 1992

ARBEITSPLÄTZE, WACHSTUM UND STEUERN IM
MITTELPUNKT DES WAHLKAMPFS
Wirtschaftsthemen dominieren
WASHINGTON - (AD) - Wenn sich amerikanische Präsidentschaftskandidaten heute zu Wort melden, dann geht
es um Arbeitsplätze, Krankenversicherung, Umwelt und Handel, nicht um Raketen und Weltsicherheit.
Diese Themen stehen auch im Mittelpunkt der Fernsehdebatten zwischen den Kandidaten, die am 11. Oktober
begannen und am 19. Oktober abgeschlossen werden. Wahltag ist der 3. November.

Die heiße Phase des Wahlkampfs findet in einem
Klima statt, das von hoher Arbeitslosigkeit, schleppendem Wirtschaftswachstum und großer Unsicherheit
bei Einzelpersonen und Unternehmen bezüglich der
Aussichten auf Besserung in den nächsten Monaten
geprägt ist.
Eine Ursache dieser Unsicherheit ist das wachsende
Defizit im Bundeshaushalt, das in dem am 30. September zu Ende gegangenen Haushaltsjahr die Rekordhöhe von schätzungsweise 333 Milliarden Dollar erreichte u nd nächstes Jahr voraussichtlieh auf 341 Milliarden
Dollar steigen wird. Alle Kandidaten räumen den Ernst
dieser Defizite ein, aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.
Präsident Bush schlägt Ausgabenkürzungen ohne
Steuererhöhungen sowie Steuersenkungen zur Förderung von Investitionen vor. Er betont weiterhin, daß
die Wirtschaft ihre Probleme überwinden wird und
verkündete in einer kürzlich gehaltenen Rede das Ziel,
die Wirtschaftsleistung bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts auf 10 Billionen Dollar zu steigern - nominell
nahezu das Doppelte des heutigen Stands.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Bill Clinton erklärt, er wolle die wirtschaftliche Basis Amerikas
durch die Verlagerung von Verteidigungsausgaben
auf innenpolitische Bedürfnisse wiederaufbauen. Dazu
gehören die Erneuerung der Verkehrsinfrastruktur und
des Bildungssystems sowie Steuersenkungen für die
Mittelschicht und Steuererhöhungen für wohlhabende
Amerikaner.
"Meine nationale Wirtschaftsstrategie stellt den Menschen in den Mittelpunkt, indem in den nächsten vier
Jahren 50 Milliarden Dollar jährlich investiert werden,
während das Defizit halbiert wird", schrieb der Gouverneur von Arkansas in seiner im Juni veröffentlichten
"Nationalen Wirtschaftsstrategie". "Diese Investitionen werden Millionen gutbezahlter Arbeitsplätze schaffen und Amerika helfen, in der Weltwirtschaft konkurrenzfähig zu sein."

Der unabhängige Kandidat Ross Perot, Besitzereiner
Computerfirma, dessen persönliches Vermögen auf 2
Milliarden Dollar geschätzt wird, hat sowohl drastische
Ausgabenbeschränkungen im Inland als auch breite
Steuererhöhungen gefordert und hinzugefügt, daß
weder Clinton noch Bush bereit seien, die wirklich
"Mit einer Volkswirtschaft von 10 Billionen Dollar könn- harten Maßnahmen durchzuführen, die für den Abbau
ten wir die privaten und öffentlichen Mittel aufbringen, des Defizits und die Wiederbelebung der Wirtschaft
um unsere ehrgeizigsten sozialen und finanziellen erforderlich sind.
Erfordernisse zu befriedigen", erklärte Bush in einer
am 10. September gehaltenen Rede, in der er seinen "Wählen Sie die Person, die dies tun wird - die nicht nur
Wirtschaftsplan für seine erhoffte zweite Amtszeit darüber redet", erklärte Perot am 6. Oktober in seinem
skizzierte. "Wir könnten Amerika erneuern und gleich- ersten Fernsehauftritt seit er am 1. Oktober seine
zeitig unsere Nationalschuld abtragen... Meine Rich- Kandidatur bekanntgegeben hatte. "Wählen Sie den
tung ist klar - ich möchte weniger ausgeben und Präsidenten, der Ihrer Meinung nach die Fähigkeit
weniger Steuern erheben."
besitzt, die Aufgabe für Sie und Ihre Kinderzu erfüllen."

AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�Inzwischen haben Wirtschaftsexperten sowohl Bush
als auch Clinton wegen ihrer übermäßig optimistischen Schätzungen kritisiert, während einige behaupten, Perots Plan könne eine bereits angeschlagene
Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen und die
schon hohe Arbeitslosigkeit weiter verschärfen.
Nachfolgend ein kurzer Abriß der Haltung der Kandidaten zu den wichtigsten Themen:
Ausgaben
Bush: Der Präsident möchte das Wachstum bei
sogenannten gesetzlich vorgeschriebenen Ausgabenprogrammen - solche, die nach einer bestimmten
Formel steigen und nicht jedes Jahr neu bewilligt
werden müssen - begrenzen. Davon ausgenommen
wären die Renten. Er möchte Einsparungen von 132
Milliarden Dollar erreichen, von denen er in der Vergangenheit bereits 60 Milliarden vorgeschlagen hatte,
die vom Kongreß jedoch abgelehnt wurden. Der
Präsident hat nicht erklärt, in welchen Programmen die
neuen Einschnitte vorgenommen werden sollen.
Clinton: Der Gouverneur von Arkansas möchte auf
der Ausgabenseite etwa 140 Milliarden Dollar einsparen, darunter 37,5 Milliarden Dollar an zusätzlichen
Einsparungen im Verteidigungshaushalt die über die
von Bush für 1993-96 vorgeschlagenen hinausgehen,
22 Milliarden an nicht definierten Einsparungen in der
Verwaltung, 15,3 Milliarden durch einen Stellenabbau
im öffentlichen Dienst des Bundes um 100.000 sowie
17,1 Milliarden durch Verwaltungsreformen bei der
Resolution Trust Corporation, deren Aufgabe die
Übernahme und Veräußerung bankrotter Spar- und
Darlehenskassen ist. Weitere 45 Milliarden Dollar
sollen Clinton zufolge durch Maßnahmen gegen ausländische Firmen eingespart werden, die amerikanische Steuergesetze manipulieren. Bei Personen mit
Jahreseinkommen von über 125.000 Dollar würde er
die Kosten für stationäre Krankenhausbehandlung über
den gegenwärtigen Satz im Rahmen von Medicare
anheben, der staatlichen Krankenversicherung für
Rentner und Behinderte.
Perot: Der Unternehmer aus Texas möchte die Bundesbehörden um bis zu 10 Prozent abspecken und
damit in fünf Jahren 108 Milliarden Dollar einsparen.
Das Programm für den Bau einer Weltraumstation
sowie die Rural Electrification Administration würden
abgeschafft, und der Inflationsausgleich der Renten
für Zivilpersonen und Veteranen würde um ein Drittel
reduziert. Perot möchte die Verteidigungsausgaben
um 40 Milliarden Dollar über die von Bush vorgeschlagene Summe hinaus verringern. Dies soll durch
Reduzierungen des Personalumfangs der Streitkräfte
sowie die Abschaffung des Tarnbombers B-2 und des
U-Bootes Seawolf erreicht werden.

Seite 2

Steuern
Bush: Der Präsident erklärt, wenn seine Einsparungen verwirklicht würden, könnten die Einkommensteuern um ein Prozent gesenkt und die Steuern für kleine
und mittlere Unternehmen sowie die Steuern auf
Kapitalgewinne für Investiveinkommen reduziert werden. Er hat femer die dauerhafte Einführung einer
Steuergutschrift für Forschung und Entwicklung, einen
Steuerabzug von 5.000 Dollar für Ersterwerber von
Wohnimmobilien sowie Steuerabzüge für den Erwerb
von Grundbesitz vorgeschlagen.
Clinton: Der Gouverneur fordert wesentliche Steuererhöhungen für die wohlhabendsten Amerikaner - mit
Einkommen ab 200.000 Dollar - und eine Ergänzungsabgabe für Millionäre. Gleichzeitig möchte er die
Steuerlast für Amerikaner mit mittlerem Einkommen
reduzieren, indem diesem Personenkreis eine Wahl
zwischen niedrigeren Einkommensteuern oder auf der
Anzahl der Kinder basierenden zusätzlichen Steuervergünstigungen gelassen wird. Zur Förderung privater Investitionen möchte er denjenigen Steuergutschriften gewähren, die mit langfristigen Investitionen in
neue Unternehmen Risiken eingehen. Darüberhinaus
möchte er Unternehmen, die in neue Fabriken und
Ausrüstung in den Vereinigten Staaten investieren,
dauerhafte Steuervergünstigungen für Forschung und
Entwicklung einräumen.
Perot: Er möchte den Spitzensteuersatz von 31 auf33
Prozent erhöhen, innerhalb von fünf Jahren die Mineralölsteuer um 50 Cents pro Gallone (3,8 Liter) anheben, die Tabaksteuer erhöhen, die Abzugsfähigkeit für
Geschäftsessen und Hypotheken begrenzen sowie
den zu versteuernden Anteil von Rentenzahlungen
anheben. Er möchte jedoch Steuervergünstigungen
für Unternehmen erweitern, die in neue Maschinen
und Ausrüstung investieren, die Kapitalzuwachssteuerfür Gründer von kleinen und mittleren Unternehmen
abschaffen, wachsende Steuervergünstigungen für
Investoren einführen, die ihre Investitionen länger hatten
und Steuervorteile für Investitionen zur Alterssicherung gewähren.
Handel
Bush: Der Präsident hat der Zustimmung des Kongresses zum gerade abgeschlossenen Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) mit Mexiko
und Kanada sowie dem Abschluß der Uruguay-Runde
weltweiter Handelsgespräche hohe Priorität eingeräumt. Er erklärt, er werde ein "strategisches Netz"
von Freihandelsabkommen mit Lateinamerika, Polen,
Ungarn und der Tschechoslowakei sowie möglicherweise zwischen NAFTA und den Staaten des pazifischen Raums entwickeln. Er möchte jedoch weiterhin
die Subventionen für Agrarexporte im Rahmen des

AMERIKA DIENST 41

�Exportförderungsprogramms (EEP) uneingeschränkt Gutscheine über bis zu 3.000 Dollar pro Person bereitaufrechterhalten, um die Agrarsubventionen der Euro- stellen würde, um zu den Kosten für berufliche Fortbildung und Umschulung beizutragen.
päischen Gemeinschaft auszugleichen.
Clinton: Der demokratische Herausforderer hat das
NAFTA mit Einschränkungen unterstützt, möchte jedoch
neue Vereinbarungen in bezug auf Umwelt, Arbeitnehmerrechte und Arbeitsschutz aushandeln. Er befürwortet den Abschluß der Uruguay-Runde. Der Gouverneur hat erklärt, der Schlüssel zur weltweiten
Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Unternehmen
seien Investitionen in Bildung, berufliche Ausbildung
und Infrastruktur. Er würde jedoch auch energische
Gesetze im Rahmen von "Super 301 "unterstützen, mit
denen automatisch handelspolitische Maßnahmen
gegen solche Länder verhängt würden, die unfaire
Handelsschranken gegen amerikanische Importe
aufrechterhalten. Er würde eine Verordnung unterzeichnen, die es amerikanischen Unterhändlern bei
Handelsgesprächen für einen gewissen Zeitraum nach
dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst untersagen
würde, als Repräsentanten ausländischer Firmen oder
Regierungen zu fungieren.
Perot: Der unabhängige Kandidat würde die Agrarsubventionen und Schutzzölle für Zucker abschaffen.
Wie Clinton wendet er sich energisch dagegen, daß
ehemalige US-Regierungsvertreter für ausländische
Regierungen oder Firmen arbeiten.
Berufsausbildung
Bush: Der Präsident hat ein Programm vorgeschlagen, das alle umgesetzten Arbeitskräfte erfassen und

Clinton: Der Gouverneur hat vorgeschlagen, daß
jeder Arbeitgeber 1,5 Prozent der Lohnsumme für
Fortbildungsmaßnahmen ausgibt, die nicht nur Führungskräften sondern allen Arbeitnehmern offenstehen.
Gesundheitswesen
Bush: Der Präsident möchte den Krankenversicherungsschutz erweitem, indem einkommensschwachen
Familien Steuervorteile - oder Gutscheine für Personen, die keine Steuern bezahlen - gewährt werden, die
für eine Basisversicherung - etwa 3.750 Dollar für eine
Familie - ausreichen. Andere Familien mit niedrigem
oder mittlerem Einkommen würden Steuervergünstigungen erhalten, um die Kosten ihrer Krankenversicherung teilweise auszugleichen.
Clinton: Der Gouverneur möchte das derzeitige
System abschaffen und Arbeitgebern und Arbeitnehmern freistellen, entweder eine private Versicherung
abzuschließen oder einem staatlichen Programm beizutreten. Jeder Amerikaner, der nicht durch ein vom
Arbeitgeber angebotenes Programm versichert ist,
würde eine Grundsicherung erhalten, die ambulante
ärztliche Behandlung, stationäre Heilbehandlung,
verordnete Medikamente und ein Minimum an psychiatrischer Behandlung abdecken würde. Alle Unternehmen müßten unabhängig von ihrer Größe pro
Arbeitnehmer einen festgelegten Betrag abführen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 41

Sehe 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Willy Brandt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bush würdigt Willy Brandt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Weißen Hauses&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Flüchtlinge&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Flüchtlingsstrom erfordert innovative Reaktionen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Abram vor UNHCR-Ausschuß&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. UN-Generalversammlung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA erläutern Ziele für Entwicklungsaktivitäten der Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Perkins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweite Unterstützung für Konvention über chemische Waffen angestrebt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rüstungskontrollexperten bezeichnen Vertrag als Kompromiß&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wahlen'92&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Erste Fernsehdebatte mit Schwerpunkt auf Arbeitsplätzen und Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bush, Clinton und Perot diskutieren in St. Louis (Missouri)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die erste Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Arbeitsplätze, Wachstum und Steuern im Mittelpunkt des Wahlkampfs&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wirtschaftsthemen dominieren&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

JFjP
U.S. Information Service
,5|ifibassy of the United States of America

7. Oktober 1992

START

BUSH BEGRUSST ZUSTIMMUNG
DES SENATS ZUM START-VERTRAG
Erklärung des Präsidenten

AUSLANDSHILFE

US-SENAT VERABSCHIEDET
AUSLANDSHILFEGESETZ 1993
14,106 Milliarden Dollar
bewilligt

US-KONGRESS

IM NÄCHSTEN US-KONGRESS WERDEN
VIELE VERÄNDERUNGEN ERWARTET
Demokraten behalten voraussichtlich
die Mehrheit

WAHLEN '92

PEROT WILL ALS ERSTER UNABHÄNGIGER
ZUM PRÄSIDENTEN GEWÄHLT WERDEN
Porträt von Präsidentschaftskandidat
Ross Perot
JAMES STOCKDALE: KRIEGSHELD,
GELEHRTER, PHILOSOPH
Porträt des Kandidaten für die
Vizepräsidentschaft
DIE PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATUR
VON ROSS PEROT
Amerikanische Pressestimmen
WÄHLEN IN AMERIKA
von Denise Hyland

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�START
7. Oktober 1992

BUSH BEGRÜSST ZUSTIMMUNG
DES SENATS ZUM START-VERTRAG
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat die Zustimmung des Senats zum Vertrag über die Verringerung
strategischer Rüstungen am 1. Oktober 1992 begrüßt und bekräftigt, daß das Abkommen den Weg zu noch
einschneidenderen Kürzungen der Nuklearwaffen ebnen wird.
Obwohl der Vertrag die Reduzierung von 40 Prozent der strategischen Nuklearwaffen zwingend vorschreibt,
verwies der Präsident in einer Erklärung darauf, daß seine strikten Verifizierungsverfahren noch einschneidendere Kürzungen erlauben. Diese Verfahren, fügte Bush hinzu, hätten ihm 1991 und 1992 "größere einseitige
Reduzierungen" gestattet, denen die Präsidenten Gorbatschow und Jelzin später gefolgt seien.
START und nachfolgende Aktionen werden Präsident Bush zufolge "unsere strategischen Nuklearstreitkräfte
um rund 75 Prozent des Niveaus von 1990 reduzieren".
Am 1. Oktober 1992 stimmte der Senat mit 93 zu 6 Stimmen für die Ratifizierung des Vertrags.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.
Ich freue mich, da ß der Senat heute seine Zustimmung
zur Ratifizierung des Vertrags über die Verringerung
strategischer Rüstungen - START - gegeben hat. Die
START-Verhandlungen wurden vor 10 Jahren aufgenommen. Diese langen Jahre der Verhandlungen
erreichten ihren Höhepunkt in einem historischen
Abkommen, erst mit der Sowjetunion und dann mit
Rußland, der Ukraine, Belarus und Kasachstan. Es
handelt sich hierbei um echte Reduzierungen strategischer Rüstungen und nicht nur Begrenzungen oder
Kontrollen.
START reduziert die amerikanischen und ehemals
sowjetischen strategischen Waffen um rund 40 Prozent und verfügt noch einschneidendere Kürzungen
der Waffen, die uns die größten Sorgen bereiten schnell fliegende ballistische Raketen.
Er trägt ferner dazu bei sicherzustellen, daß der Niedergang der Sowjetunion nicht zur Verbreitung von
Nuklearwaffen führt. Im START-Vertrag haben die
Ukraine, Belarus und Kasachstan vereinbart, als Nichtkernwaffenstaaten dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten und die Beseitigung strategischer Nuklearstreitkräfte von ihrem Territorium zu garantieren.
Schließlich hat dieses historische Abkommen den
Weg für weitere bahnbrechende Schritte und weitreichende Reduzierungen geebnet. Größtenteils auf-

AMERIKA DIENST 40

grund der Verifizierungsbestimmungen von START
konnte ich mit meinen Initiativen vom September 1991
und Januar 1992 größere einseitige Reduzierungen
vornehmen und die Präsidenten Gorbatschow und
Jelzin erfolgreich dazu aufzufordern, gleichzuziehen.
Von noch größerer Bedeutung ist, daß Präsident Jelzin und ich dank des START-Vertrags bei unserem
Gipfeltreffen im Juni letzten Jahres - nach nur fünfmonatigen Verhandlungen - ein Abkommen über außerordentliche weitere Reduzierungen der strategischen
Nuklearwaffen erzielen konnten. All die im vergangenen Jahr erlangten Abkommen werden, angefangen
mit START, unsere strategischen Nuklearstreitkräfte
um rund 75 Prozent des Niveaus von 1990 reduzieren.
Damit haben START und nachfolgende Vereinbarungen viel dazu beigetragen, den nuklearen Holocaust zu
vermeiden.
Dank der Entscheidung des Senats von heute morgen
werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, den
START-Vertrag zu ratifizieren, sobald die anderen vier
Parteien gehandelt haben. Ich möchte mit Befriedigung feststellen, daß die Regierung von Kasachstan
den START-Vertrag bereits verabschiedet hat und
fordere die anderen Vertragsparteien - Rußland, Belarus und die Ukraine - auf, diesen historischen Vertrag
unverzüglich zu verabschieden, damit ohne Verzögerung mit den vorgeschriebenen Reduzierungen begonnen werden kann.
Seite 1

�AUSLANDSHILFE
7. Oktober 1992

US-SENAT VERABSCHIEDET
AUSLANDSHILFEGESETZ 1993
14,106 Milliarden Dollar bewilligt
WASHINGTON - (AD) - Der Senat hat das Bewilli- Damit sind keine Auszahlungen verbunden, und diese
gungsgesetz für Auslandshilfe für das am 30. Septem- Summe wird nicht auf die Gesamtausgaben des
Bewilligungsgesetzes angerechnet.
ber 1993 endende Haushaltsjahr verabschiedet.
Das mit 87 gegen 12 Stimmen am 1. Oktober genehmigte Gesetz muß noch mit der vom Repräsentantenhaus im Juni verabschiedeten Fassung in Einklang
gebracht werden und könnte bis zum 5. Oktober von
Präsident Bush unterzeichnet werden, dem Tag, an
dem die Sitzungsperiode des Kongresses aufgrund
der bevorstehenden Wahlen zu Ende geht.

Eine Zusatzbestimmung, die eine unverbindliche Aufforderung des Kongresses zum Ausdruck bringt, sieht
vor, daß der Finanzminister den amerikanischen
Exekutivdirektor des IWF anweist, jeden Kredit an
Rußland abzulehnen, der primär der Refinanzierung
von Schulden dient und nicht für vom IWF unterstützte
Wirtschaftsreformen eingesetzt wird.

Seit Beginn des Haushaltsjahres 1993 am 1. Oktober
wird das Auslandshilfeprogramm durch einen Fortschreibungsbeschluß aufrechterhalten.

Einer weiteren Zusatzbestimmung zufolge soll der
IWF wirtschaftliche und geldpolitische Stabilität in den
Mitgliedstaaten fördern.

Das vom Senat verabschiedete Auslandshilfegesetz
sieht Ausgabeermächtigungen in Gesamthöhe von
14,106 Milliarden Dollarvor, 1 Milliarde weniger als von
der Administration beantragt, aber324 Millionen Dollar
mehr als vom Repräsentantenhaus bewilligt.

Das vom Senat verabschiedete Gesetz beinhaltet eine
Zusatzbestimmung, derzufolge Kredite internationaler
Finanzinstitutionen an Entwicklungsländer abzulehnen sind, wenn deren Ausgaben für militärische Zwekke größer sind als für Gesundheit und Bildung.

Die 14,106 Milliarden Dollar umfassen: 7,588 Milliarden Dollar für bilaterale Wirtschaftshilfe, 1,727 Milliarden für multilaterale Wirtschaftshilfe, 826 Millionen für
Exportbeihilfen und 3,965 Milliarden für Militärhilfe.

Eine weitere Zusatzbestimmung begrenzt die amerikanische bilaterale Hilfe für Rußland, falls Rußland
nicht seine Exporte militärischer und militärisch nutzbarer Waren und Dienstleistungen in den Iran einstellt.

Das vom Senat verabschiedete Gesetz genehmigt
darüber hinaus Kreditbürgschaften in Höhe von 10
Milliarden Dollar für den Wohnungsbau in Israel, wobei
jedoch keinerlei Zahlungen vorgesehen sind. Die
Kreditgarantien werden in fünf Raten von je 2 Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren gewährt.

Das Gesetz beinhaltet ferner eine Zusatzbestimmung,
die den Einsatz bewilligter Mittel untersagt, mit denen
amerikanischen Unternehmen finanzielle Anreize zur
Verlagerung ins Ausland gewährt würden, wenn eine
solche Förderung zum Verlust amerikanischer Arbeitsplätze führen würde.

Eine Zusatzbestimmung verpflichtet den Präsidenten,
dem Kongreß - spätestens bis zum 1. September in
jedem Haushaltsjahr ab 1994 - über die Absichten der
Regierung im Hinblick auf jede Rate der Kreditbürgschaften Bericht zu erstatten.

Weitere Zusatzbestimmungen sehen 20 Millionen Dollar
an humanitärer und anderer Hilfe für Kriegsopfer in
Bosnien-Herzegowina und im Kosovo vor sowie 5
Millionen Dollar für Flüchtlinge in Armenien und humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Kurdistans.

In einer getrennten Maßnahme genehmigte der Senat
darüber hinaus 12,313 Milliarden Dollar als amerikanischen Anteil an der geplanten 50prozentigen Kapitalerhöhung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Eine andere Zusatzbestimmung genehmigt amerikanische Waffenlieferungen in Höhe von 50 Millionen
Dollar an die Regierung von Bosnien-Herzegowina zu
Selbstverteidigungszwecken, falls amerikanische

AMERIKA DIENST 40

Seite 1

�Hilfe für Marokko wird an dessen uneingeschränkte Kooperation mit den Vereinten Nationen im
Hinblick auf den Selbstbestimmungsplan für die
Westsahara geknüpft;

Verbündete bereit sind, sich an einem solchen Vorhaben zu beteiligen, um Sicherheit und Stabilität in der
Region zu fördern.
Darüber hinaus sieht das Gesetz vor:

Genehmigung von begrenzter Hilfe zur Unterstützung des Übergangs zur Demokratie in Zaire;

die unverbindliche Aufforderung des Senats an
den Präsidenten, eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats einzuberufen, um der Politik "ethnischer Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien Einhalt zu gebieten;

Verpflichtung des Außenministeriums, Lage und
Zustand der Urbevölkerungen auf der ganzen
Werl in seinen jährlichen Menschenrechtsbericht aufzunehmen.

ein Verbot von Hilfe für Länder, die den internationalen Terrorismus unterstützen und international anerkannte Menschenrechte verletzen;

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 40

�US-KONGRESS
7. Oktober 1992

IM NÄCHSTEN US-KONGRESS WERDEN
VIELE VERÄNDERUNGEN ERWARTET
Demokraten behalten voraussichtlich die Mehrheit
WASHINGTON - (AD) -Auch wenn die Ergebnisse der
allgemeinen Wahlen am 3. November 1992 noch nicht
bekannt sind, wird sich politischen Beobachtern zufolge die Zusammensetzung des nächsten amerikanischen Kongresses beträchtlich verändern.

ten Abgeordneten, die besiegt wurden, zählen die
Demokraten Stephen Solarz aus New York und Beverly Byron aus Maryland sowie die Republikaner Robert
Lagomarsino aus Kalifornien und Guy Vander Jagt aus
Michigan.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Eine Rekordzahl von
Amtsinhabern hat die Vorwahlen verloren, und andere
Abgeordnete sind verstorben, in den Ruhestand getreten, streben ein anderes Amt an oder müssen gegen
Kollegen im Kongreß kandidieren, weil ihre Wahlbezirke aufgrund der bei der Volkszählung von 1990 ermittelten Einwohnerzahl neu eingeteilt wurden.

53 Abgeordnete des Repräsentantenhauses haben
sich in diesem Jahr entschieden, in den Ruhestand zu
treten und sich nicht der Wiederwahl zu stellen darunter die Demokraten Dante Fascell aus Florida
und Gus Yatron aus Pennsylvania sowie die Republikaner William Broomfield aus Michigan und Vin Weber
aus Minnesota. Abgesehen von den beiden Mitgliedern des Repräsentantenhauses, die im Amt verstarben, kandidieren 13 weitere für das Amt des Senators
oder Gouverneurs ihrer Bundesstaaten.

Da zahlreiche Amtsinhaber sich hartem Wettbewerb
ausgesetzt sehen, ist es möglich, daß ein Viertel oder
mehr Abgeordnete des Repräsentantenhauses eine
erste Amtszeit absolvieren. Damit könnte vielleicht die
Rekordmarke nach dem Zweiten Weltkrieg überschritten werden, die 1948 mit 118 neuen Parlamentariern
erreicht wurde.
Andere Gesichter bedeuten jedoch nicht zwangsläufig
eine Veränderung des Machtverhältnisses zwischen
den Parteien. Zur Zeit haben die Demokraten einen
Vorteil von 100 Sitzen gegenüber den Republikanern
in der 102. Legislaturperiode, die demnächst abläuft.
Von den 435 Sitzen in der Kammer halten die Demokraten 266 und die Republikaner 166 Sitze. Es gibt
einen unabhängigen Abgeordneten, und aufgrund des
kürzlichen Todes von zwei Demokraten sind diese
Sitze derzeit nicht besetzt. Von den 100 Sitzen des
Senats haben die Demokraten 57 inne, die Republikaner 43.
Eine Rekordzahl von 19 Mitgliederndes Repräsentantenhauses haben ebenso wie ein Senator - Alan Dixon
aus Illinois - in diesem Jahr die Vorwahlen verloren,
weil viele Wähler gegen die Amtsinhaber protestierten,
insbesondere gegen diejenigen, die in den Bankenskandal des Repräsentantenhauses verwickelt waren.
Einige Gesetzgeber mußten sich geschlagen geben,
weil ihre Wahlkreise neu eingeteilt wurden und sie ihre
Machtgrundlage verloren haben. Zu den renommierAMERIKA DIENST 40

Zusätzlich zu Dixon, der die Vorwahl verloren hat,
treten sieben Mitglieder des Senats in diesem Jahr in
den Ruhestand. Der Demokrat Quentin Burdick aus
North Dakota starb während seiner Amtszeit. Daher
wird es zu Beginn der 103. Legislaturperiode im nächsten Jahr mindestens neun neue Senatsmitglieder
geben.
Bei den allgemeinem Wahlen von 1992 stehen alle
Sitze des Repräsentantenhauses und ein Drittel der
Senatssitze auf dem Spiel. Zahlreiche politische
Beobachter sind sich einig, daß die Demokraten eine
Reihe von Kongreß-Wahlbezirken verlieren, aber
dennoch die Kontrolle im Repräsentantenhauses
behalten werden. Dies ist vor allem auf die Neueinteilung der Wahlkreise zurückzuführen. Die Mehrzahl
der neuen Sitze im Repräsentantenhaus gingen an
den Süden und Westen, wo die Republikaner einen
Vorteil hatten.
Den Beobachtern zufolge werden die Demokraten
dagegen ihre Führung im Senat verstärken. Obwohl
öffentliche Meinungsumfragen den Schlu ß nahelegen,
daß mehrere derzeit von Demokraten gehaltene Sitze
des Südens gefährdet sind, haben alle die Wiederwahl
anstrebenden demokratischen Amtsinhaber gute
Chancen im Gegensatz zu mindestens drei Republika-

Seite 1

�nern. Wenn die Demokraten insgesamt noch drei
Sitze im Senat gewinnen, können sie die erforderliche
60prozentige Mehrheit erlangen, um Versuche der
Republikaner zu vereiteln, demokratische Initiativen
durch Marathondebatten zu Fall zu bringen.

CQ verweist ferner darauf, daß das neue Repräsentantenhaus wahrscheinlich nach Rasse und Geschlecht
vielfältiger zusammengesetzt sein wird. Neue im
Rahmen des Gesetzes über die Rechte von Wählern
geschaffene Wahlbezirke werden mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit 11 weitere Schwarze
21 Sitze der Demokraten und 15 der Republikaner und noch 6 Hispanier wählen. Die Bewerbungen von
stehen im Senat auf dem Spiel. Die beiden am meisten Frauen, besonders derjenigen, die für den praktisch
beachteten Rennen finden in Kalifornien statt, wo der nur aus Männern bestehenden Senat kandidieren,
Demokrat Alan Cranston in den Ruhestand geht und erhielten auch durch die Kontroverse Auftrieb, wie der
der Republikaner John Seymour in Meinungsumfra- Senat die Anschuldigung des für das Oberste Bundesgen zurückliegt. Die beiden demokratischen Heraus- gericht nominierten Richters Clarence Thomas wegen
forderersind Frauen, die Kongreßabgeordnete Barba- sexueller Belästigung von Anita Hills handhabte.
ra Boxer und die ehemalige Bürgermeisterin von San
Francisco, Dianne Feinstein.
Bei hart umstrittenen Wahlen konnten zahlreiche
Kandidaten für den Kongreß in der Vergangenheit auf
Die anderen in Meinungsumfragen zurückliegenden der Erfolgswelle eines populären Präsidentschaftsrepublikanischen Amtsinhaber sind die Senatoren AI kandidaten zum Sieg schwimmen. Aber weder PräsiD'Amato aus New York und Bob Kasten aus Wiscon- dent Bush noch dem demokratischen Herausforderer
sin.
Bill Clinton wird von Beobachtern die erforderliche
Popularität hierfür zugeschrieben.
Kalifornien - in diesem Jahr bereits mehrfach in den
Schlagzeilen wegen Haushaltsproblemen, Erdbeben Thomas Mann von der Brookings Institution ist einer
und Rassenunruhen - hat jetzt Gelegenheit, das poli- der politischen Analysten, die prognostizieren, daß die
tische Gleichgewicht des Landes zu verlagern. Der Demokraten ihre Führung im Senat verbessern und
Bundesstaat wird diesesmal zwei Senatoren statt einem "einige wenige" Sitze im Repräsentantenhaus verliewählen, und wenn die demokratischen Kandidatinnen ren werden. Sollte dem Präsidenten die Wiederwahl
beide gewinnen, wird der Senat eine Rekordzahl weib- gelingen, wird sich Mann zufolge bei einem solchen
licher Mitglieder aufweisen. Ferner werden in dem Szenarium "der grundlegende Konflikt nicht verrinbevölkerungsreichsten Bundesstaat sieben neue gern, der jetzt zwischen den Parteien (im Kongreß)
Kongreßabgeordnete aufgrund der Neueinteilung besteht und Bush nicht in der Lage sein, in einem
gewählt, wodurch sich die Mitgliederzahl der Delega- positiven Sinn zu regieren". Mann verweist jedoch
tion auf 52 erhöht und Kalifornien 20 Prozent der darauf, daß es für Clinton das Potential für einen
Stimmen des Wahlmännerkollgeiums erhält, das von "großen Start" gibt, wenn er die Wahl gewinnt und "eine
der Größe der Kongreßdelegation des Bundesstaates große Chance für breite Unterstützung, da sich die
abhängt.
neuen Kongreßabgeordneten als Mittler des Wandels
sehen".
In Illinois wird die Demokratin Carol Moseley Braun, die
Dixon besiegte, wahrscheinlich die erste Schwarze im Zusätzlich zu den Präsidentschafts-und Kongreßamerikanischen Senat.
wahlen werden 1992 in 12 Bundesstaaten GouverDem Forschungsverlag Congressional Quarterly neurswahlen abgehalten: In Delaware, Missouri,
zufolge ist das Wahlergebnis landesweit in 132 Wahl- Montana, New Hampshire, North Carolina, Utah und
bezirken zu knapp für sichere Prognosen. Bei den am Vermont, die derzeit von den Republikanern kontrolmeisten umstrittenen Rennen für das Repräsentan- liert werden sowie in Indiana, North Dakota, Rhode
tenhaus beteiligen sich, so CQ, 16 demokratische und Island, Washington und West Virginia, die demokra11 republikanische Amtsinhaber, und weitere 29 tisch sind.
Wahlbezirke sind noch offen.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 40

�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

PEROT WILL ALS ERSTER UNABHÄNGIGER
ZUM PRÄSIDENTEN GEWÄHLT WERDEN
Porträt von Präsidentschaftskandidat Ross Perot
WASHINGTON - (AD) - Ross Perot versucht etwas zu
vollbringen, was bisher noch niemandem in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten gelungen
ist - ohne die Unterstützung einer großen politischen
Partei Präsident zu werden.
Seine Anhänger sind enthusiastisch, daß der in Texas
geborene Multimillionär sich entschlossen hat, als
unabhängiger Kandidat mit dem Argument ins Rennen
zu gehen, den Republikanern und Demokraten sei es
nicht gelungen, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten
des Landes zu bewältigen.
Seine zahlreichen Kritiker behaupten jedoch, er versuche entweder, die Präsidentschaft mit seinem enormen Reichtum zu kaufen oder den gesamten Wahlprozeß aufgrund des komplexen Systems ins Chaos zu
stürzen, demzufolge die Wahl im Repräsentantenhaus
entschieden werden muß, wenn ein Kandidat in einem
Rennen mit drei Bewerbern nicht die Mehrheit der
Stimmen des Wahlmännerkollegiums auf sich vereinigt.
Im Februar gab Perot erstmals bekannt, daß er zwar
nie zuvor ein öffentliches Amt angestrebt habe, sich
aber als unabhängiger Kandidat stellen werde, wenn
die Amerikaner, die mit dem demokratischen und
republikanischen Präsidentschaftskandidaten unzufrieden sind, sich zusammenschließen und seinen
Namen rechtzeitig für die Wahlen am 3. November
1992 in allen 50 Bundesstaaten auf die Wahlzettel
setzen würden.
Er erklärte ferner, er verzichte auf Wahlspenden von
Einzelpersonen und der Regierung, er werde seine
Ausgaben "für einen erstklassigen Wahlkampf" selbst
bezahlen, auch wenn sie 100 Millionnen Dollar betragen würden. Und er installierte ein hochmodernes
Telephonnetz, bei dem in fünf Wochen über zwei
Millionen Anrufe von Bürgern eingingen, die ihre Hilfe
anboten.

AMERIKA DIENST 40

Landesweit organisierten sie den Präsidentschaftswahlkampf an der Basis "wie Heuschrecken in einem
Weizenfeld", stellte Perot fest. Ein loses Netz von
Freiwilligen sammelte Unterschriften von Wählern in
allen Bundesstaaten, um Perots Namen auf die Wahlzettel zu setzen.
Aber im Juli, als er an Dynamik gewann und öffentlichen Meinungsumfragen zufolge ungefähr gleichauf
mit Präsident Bush und dem demokratischen Herausforderer Bill Clinton lag, gab Perot, der seine Kandidatur nie offiziell erklärt hatte, plötzlich seinen Rückzug
bekannt mit der Begründung, er könne nicht gewinnen.
Perot verblüffte und verägerte viele seiner Anhänger
und erhielt jede Menge negativer Schlagzeilen für
seinen Abgang. Er hatte sich jedoch eine Hintertür
offengehalten, indem er seine Anhänger bat, ihre
Bestrebungen fortzusetzen, seinen Namen auf die
Wahlzettel aller Bundesstaaten zu setzen.
Dies war Ende September gelungen, und am 1. Oktober erklärte Perot mit großen Rummelund einer öffentlichen Entschuldigung an seine Anhänger, weil die
beiden Parteien die wirtschaftichen Schwierigkeiten
der amerikanischen Bevölkerung nicht richtig angingen, sei er zurückgekehrt, um ihnen dabei behilflich zu
sein. Viele seiner Anhänger waren erfreut, aber andere, die desillusioniert worden waren, stimmten mit
seinen Kritikern in dem Argument überein, Perot sei
nur wegen seines enormen Egos in den Wahlkampf
zurückgekehrt.
Die Kritik an Perot konzentriert sich auf die von vielen
geteilte Überzeugung, daß erzwar Geschäftssinn und
Führungskraft bewiesen habe, dies jedoch nicht unbedingt die Fähigkeiten sind, die man zur Leitung der
Regierungsgeschäfte benötigt. Perot widerspricht mit
dem Argument, er sei sich der Komplexität einer
Regierung bewußt und würde mit der Führung des
Kongresses, den Kabinettsmitgliedern und anderen
zusammenarbeiten, die Probleme lösen können, "um
sie gemeinsam zu lösen".

Seite 1

�Damit das Land funktioniert, muß man seines Erachtens auf das arte Konzept einer "Gemeindeversammlung" zurückgreifen, was heute dank des Fernsehens
enorm erweitert werden kann, um den Amerikanern
Probleme zu erläutern, auf lokaler Ebene einen breiten
Konsens aufzubauen und die Bürger ihre Ansichten
gegenüber den Kongreßabgeordneten zum Ausdruck
bringen zu lassen.

Perot. Ironischerweise begann die wirtschaftlich angeschlagene GM 1992 mit der Einführung zahlreicher
Ideen von Perot, die früher abgelehnt worden waren.

Anfang der sechziger Jahre war Perot einer der erfolgreichsten IBM-Verkäufer für Computergeräte. Er erkannte, daß seine Kunden auf ihren individuellen Bedarf
zugeschnittene Software benötigten und versuchte,
seine Chefs von einer Erweiterung des Unternehmens
zu überzeugen. IBM war jedoch nur an der ComputerHardware interessiert. Daraufhin kündigte Perot,
gründete mit 1.000 Dollar der Ersparnisse seiner Frau
und einer 80stündigen Arbeitswoche die Electronic
Data Systems Corporation (EDS) und erfand eine
neue Computer-Softwareindustrie.

10 Jahre später, als EDS einen Vertrag mit der iranischen Regierung für die Computerisierung des Gesundheitswesens hatte, wurden die Zahlungen und die
Arbeit mit Ausbruch der iranischen Revolution eingestellt. Ohne einer Straftat beschuldigt worden zu sein,
wurden zwei EDS-Vertreter verhaftet. Perot organisierte ein Team von Kommandos, die auf seinem
Anwesen ausgebildet und dann in den Iran geflogen
wurden, wo sie einen Aufruhr anzettelten, das Gefängnis stürmten und die beiden Männer quer durch das
Land zur türkischen Grenze und in Freiheit brachten.
Die Aktion erhielt in den Vereinigten Staaten eine
positive Presse, obwohl einige Vertreter der CarterAdministration sie als gefährliche persönliche Diplomatie bezeichneten, die ihrer Meinung nach einen
Bruch des Völkerrechts darstellte.

18 Monate nachdem er GM verlassen hatte, gründete
er eine neue Firma, Perot Systems. Sein Büro im
Stadtzentrum von Dallas überragt sein altes bei EDS.

Der wohlhabende Tycoon geriet mehrfach in die internationalen
Schlagzeilen. 1969 versuchte er auf Bitten
Zu Problembereichen nimmt Perot höchst unterschiedvon
Präsident
Nixon vergeblich, amerikanische Kriegsliche Haltungen ein und kombiniert wirtschaftlichen
gefangene
in
Nordvietnam mit Nahrungsmitteln und
Konservatismus mit sozialem Liberalismus. Er beMedikamenten
zu versorgen. Er schickte zwei Düsenzeichnet sich selbst als politisch unabhängig. Wie die
flugzeuge
mit
Lieferungen
nach Asien und Hunderte
meisten Republikaner befürwortet er jedoch eine Kürvon
Freiwilligen
packten
einzelne
Pakete. Sie erreichzung der staatlichen Ausgaben und niedrige Steuern
ten
die
Gefangenen
nie,
aber
viele
sagten später, das
auf Investitionskapital. Wie viele Demokraten ist er für
Aufsehen,
dasdieses
Ereignis
erweckte,
habe zu einer
das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und Waffenhumaneren
Behandlung
durch
ihre
Wärter
geführt.
kontrolle. Darüber hinaus möchte er Japan und DeutschPerot
wurde
für
seine
Bemühungen
die
Medal
for
land an den amerikanischen Verteidigungsausgaben
Distinguished
Public
Service
verliehen.
beteiligen und ist gegen freien Handel mit Mexiko.

Sein erster Kunde, ein großes Lebensmittelunternehmen, gab ihm zwei Jahre, um ein funktionierendes
Computersystem zu installieren. Perot und seine
Angestellten - viele hatte er von IBM mitgenommen erfüllten den Auftrag in acht Wochen. Das Unternehmen erhielt dann Regierungsaufträge, um die Akten
des staatlichen Gesundheitswesens auf Computer
umzustellen. Die Medicare- und Medicaid-Programme waren vom Kongreß 1965 gerade erst ins Leben
gerufen worden und wurden von den 50 Bundesstaaten über Verträge mit privaten Versicherungsfirmen
verwaltet. Diese Firmen sahen sich mit einer Flut von
Anträgen überschwemmt, und Perots neues Unternehmen konnte die benötigte Erleichterung bieten.
EDS wurde rasch in einer Reihe von Bundesstaaten
zum wichtigsten Vertragsnehmer von Medicare und
Medicaid und als EDS 1968 erstmals auf den Aktienmarkt ging, schnellte ihr Wert in die Höhe. Mit langen
Arbeitstagen, die er auch von seinen Angestellten
forderte, baute Perot EDS zu einem Giganten auf, den
er 1984 für 2,5 Milliarden Dollar an die General Motors
Corporation verkaufte. Durch diese Fusion wurde er
auch Vorstandsmitglied von GM, wo sein Führungsstil
bald mit dem anderer Vorstandsmitglieder kollidierte.
Um ihn aus dem Vorstand zu entlassen, vereinbarte
GM die Zahlung zusätzlicher 700 Millionen Dollar an

Seite 2

In allen Fällen erklärte Perot, erbiete nur seine Dienste
für etwas an, was die Bundesregierung nicht selbst tun
könne oder wolle.
Perot erwies auch der Reagan-Administration mehrere Gefallen und stellte Hunderttausende Dollar zur
Befreiung der amerikanischen Geiseln in Beirut und
eines Armee-Generals zur Verfügung, der von Terroristen in Italien gekidnappt worden war. Er war mehrere Jahre im Beratergremium des Präsidenten für
ausländische Nachrichtendienste tätig, trat jedoch
aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit amerikanischen Regierungsv&amp;rtretern zurück.
In seinem Heimatstaat leitete er eine Arbeitsgruppe
zur Reform des öffentlichen Schulsystems und war
dem Gouverneur bei der Durchsetzung von Gesetzen
behilflich, die höhere Steuern für Schulprogramme,
kleinere Klassen, an die Beurteilung des Arbeitsplatzes gekoppelte Lehrergehälter und die Beteiligung von
Schülern an Sportwettbewerben nur bei guten Noten
vorsahen. Perot wurde von Lehrergewerkschaften

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�und den Trainern kritisiert, ihm zufolge hatte er jedoch
nur das Wohl der Schüler im Auge, nicht bestimmter
Interessengruppen.
Perot, 61, wurde in Texarkana (Texas) als Sohn eines
Baumwollhändlers geboren. Er schloß 1953 die U.S.
Naval Academy ab und absolvierte eine Dienstzeit als
Offizier an Bord eines Zerstörers.

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Seit 39 Jahren mit Margot Perot, geborene Birmingham, verheiratet, lebt er auf einem riesigen Anwesen
mit einem Schwimmbad, Tennisplätzen und einer
Sporthalle außerhalb von Dallas. Als Entspannung
genießt er nächtliches Windsurfen auf dem TexomaSee. Er und seine Frau haben einen Sohn und vier
Töchter.

*

*

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�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

JAMES STOCKDALE: KRIEGSHELD,
GELEHRTER, PHILOSOPH
Porträt des Kandidaten für die Vizepräsidentschaft
WASHINGTON - (AD) - Als der unabhängige Präsidentschaftskandidat Ross Perot Vizeadmiral a.D. James
Bond Stockda&gt;e als seinen Kandidaten für das Amt des
Vizepräsidenten bei den Wahlen im November vorstellte, würdigte er den ehemaligen Marinekampfpiloten als "Held der Helden" und "Gelehrten".
Stockdale, 68, wurde nach achtjähriger Kriegsgefangenschaft in einem nordvietnamesischen Lager die
Congressional Medal of Honor verliehen - die höchste
militärische Auszeichnung der Vereinigten Staaten.
Als Kapazität der griechischen Philosophie ist er zur
Zeit als Dozent an der Hoover Institution der Stanford
University in Kalifornien tätig.

Juli zurückgezogen hatte und nach seiner jüngsten
Entscheidung, wieder in den Präsidentschaftswahlkampf einzutreten, bat Perot Stockdale für den weiteren Verlauf des Wahlkampfs sein Mitbewerber zu bleiben.
Als Marinekampfpilot leitete Stockdale 1964 den ersten amerikanischen Bombenangriff auf Nordvietnam.
Diese Mission folgte angeblichen Angriffen der Vietnamesen auf zwei amerikanische Zerstörer im Golf von
Tonkin. Stockdale kommentierte später: "Ich habe
buchstäblich den ersten Schlag in einem Krieg geführt,
von dem ich wußte, daß er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gerechtfertigt wurde."

Ein Jahr später wurde Stockdales A-4-Düsenjäger
abgeschossen, und er geriet in nordvietnamesische
Gefangenschaft. Sein linkes Knie wurde von einer
empörten Menge gebrochen - und im Gefängnis nochmals gebrochen. Den Großteil seiner achtjährigen
"Gestern habe ich in Stanford nach dem geeigneten Gefangenschaft verbrachte er in Eisenfesseln oder
Zitat von Epictetos gesucht, das mir Auftrieb verleihen Einzelhaft. Nach seiner Freilassung wurde Stockdale
würde und mich für folgendes entschieden:'Ein Leben, die Medal of Honor für das Erdulden von Folterungen
das nicht auf die Probe gestellt wird, ist es nicht wert, und für das Zurückhaften von Informationen vor seinen
gelebt zu werden." Und ich danke der Vorsehung für Wärtern verliehen, die seinen Befürchtungen zufolge
dieses Leben mit all seinen Prüfungen und für diese seine Mitgefangenen gefährdet hätten.
Chance", steifte er fest.
Ein weiterer amerikanischer Kriegsgefangener im
Stockdale verwies darauf, daß er "für seine Unabhän- sogenannten "Hanoi Hifton", Vizeadmiral William P.
gigkeit im Denken und Verhalten bekannt ist, daher Lawrence, bezeichnete Stockdale als "inspirierende
gibt mir diese (neue politische Rolle) zusätzliche Be- Führungskraft" und "einen echten Fels in der Branfriedigung."
dung".
In seiner Ansprache bei der Pressekonferenz nach
Perots Ankündigung in Dallas am 1. Oktober bezeichnete Stockdale seine Vizepräsidentschaftskandidatur
"als großartige Erfahrung und große Chance".

Ebenso wie Perot hat Stockdale die U.S. Naval Academy absolviert. Ende der sechziger Jahre arbeitete
Perot mit Stockdales Frau Sybil und anderen zusammen, als er versuchte, auf Nordvietnam Druck auszuüben, die Behandlung der amerikanischen Kriegsgefangenen zu verbessern. Als Perot im Sommer letzten
Jahres seinen Wahlkampf begann, bat er Stockdale,
sein Interim-Vizepräsidentschaftskandidat zu werden,
denn eine solche Entscheidung war erforderlich, um
Perots Namen auf die Wahlzettel in allen 50 Bundesstaaten zu setzen. Nachdem er seine Kandidatur im
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1979 trat Stockdale im Rang eines Vizeadmirals in den
Ruhestand. Nach einem Jahr als Präsident der Citadel, einem Militärcollege in South Carolina, übernahm
er seine derzeitige Position an der Hoover Institution.
Stockdale wurde 1923 als Sohn eines Töpfers in
Abingdon (Illinois) geboren. Nach seinem Abschluß
an der Marineakademie wurde er 1946 zum Leutnant
zur See ernannt. Zu seiner Laufbahn als Marineflieger
zählen Einsätze als Testpilot, Staffelkommandeur und
Luftgeschwaderkommandeur. Nach seiner Freilas-

Seite 1

�sung durch die Vietnamesen wurde er Präsident des
Naval War College in Newport (Rhode Island).

Stockdale hofft, daß "wir die Bewegung unabhängiger
Aktionen" gegen die von ihm so bezeichneten "Gesalbten" oder das politische Establishment voranbringen
Stockdale und seine Frau sind seit 45 Jahren verheira- können.
tet und haben vier Kinder sowie fünf Enkelkinder. Sie
sind Mitverfasser des Buches In Love and War, einem Stockdales Interesse an Philosophie und seine KenntBericht über Stockdales Erfahrungen als Kriegsgefan- nis auswärtiger Angelegenheiten werden erwartungsgener, der als Grundlage für einen 1987 von NBC gemäß jede Debatte der Vizepräsidentschaftskandigedrehten Fernsehfilm diente.
daten beleben, an denen er mit seinem republikanischen Herausforderer Dan Quayle und dem demokraStockdale zufolge ist eines seiner Ziele als Perots tischen Kandidaten Senator AI Gore teilnehmen könnVizepräsidentschaftskandidat, Politiker darauf aufmerk- te.
sam zu machen, "daß es so etwas wie eine politische
Bewegung gibt, die viel Unruhe in den Wahlprozeß in
den Vereinigten Staaten bringen kann, und vielleicht
gewinnen wir und übernehmen das Ruder".

* * * * *

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�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

DIE PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATUR
VON ROSS PEROT
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Eine Reihe amerikanischer Tageszeitungen und Kolumnisten haben die Ankündigung
des texanischen Unternehmers Ross Perot kommentiert, er bewerbe sich um die Präsidentschaft. Nachfolgend
veröffentlichen wir Auszüge aus einigen dieser Kommentare.
The Baltimore Sun

The New York Times

So ist H. Ross Perot doch noch einen Monat und einen
Tag, bevor die Wähler zu den Urnen gehen, verspätet
als Präsidentschaftskandidat angetreten. Wenn es
nicht zum größten Umschwung der öffentlichen Meinung in den Annalen der Politik kommt, hat er keine
Chance zu gewinnen. Zur Jahresmitte warder Milliardär aus Texas ein echter Konkurrent, der seinen
beiden Mitbewerbern aus den großen Parteien in
Meinungsumfragen häufig knapp voraus war. Den
jüngsten Umfragen zufolge ist sein Zuspruch heute auf
unter 10 Prozent gesunken. Er ist hauptsächlich für
seine ehrenamtlichen Helfer ein Held, die ihn trotz ihrer
Enttäuschung über seinen Rückzug im Juli in allen 50
Staaten auf die Stimmzettel setzten.

Die gute Nachricht lautet, Perot möchte, daß die Leute
ihn zur Wirtschaft befragen - wie er das erdrückende
Defizit von 4 Billionen Dollar beseitigen, "die Arbeitsplatzbasis und die industrielle Basis" wiederherstellen
und "die Worte 'Made in the U.S.A.' wieder zum
Weltstandard für hervorragende Leistungen machen"
würde. Es wird interessant sein zu sehen, ob er bereit
ist, seine Antworten uneingeschränkt bekanntzugeben.

Wenn Perot nicht gewinnen kann, welches Ziel verfolgt
er dann? Oder noch besser, was sollte sein Ziel sein?
Zweifellos verändert er die Dynamik des Rennens sehr zum Schaden des Demokraten Bill Clinton, dessen Vorsprung gegenüber dem Republikaner George
Bush in einem Rennen von nur zwei Kandidaten die
Dimensionen eines Erdrutschs annimmt. Bedeutet
das, er wünscht den Sieg des gegenwärtigen Präsidenten? Wchl kaum. Seine persönlichen und politischen Differenzen mit Bush sind Legion.
Zwei andere Erklärungen drängen sich auf. Eine ist,
daß er sich auf einem kolossalen Ego-Trip befindet,
wie ihn sich nur Superreiche leisten können. Perots
Maßlosigkeit schafft dieser Theorie zufolge im Verein
mit weitverbreiteter Frustration eine potente politische
Mixtur. Oder, um seine Kandidatur im besten Licht
erscheinen zu lassen, er ist so angewidert vom Versagen der beiden Kandidaten der großen Parteien bei der
Behandlung der schweren Wirtschaftsprobleme, daß
er eine nationale Plattform schaffen will, um seine
eigenen Vorschläge bekanntzumachen.
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Früher wurde Perot zornig, wenn irgendjemand ihn
fragte, welche Positionen er einnehme. Nachdem er
sich zurückzog, veröffentlichte er ein Programm zum
Abbau des Defizits und zur wirtschaftlichen Erholung,
das detaillierter war als das von Bush oder Clinton.
Es enthält viel bittere Medizin - höhere Steuern für viele
Amerikaner, deutlich höhere Mineralölsteuern, Obergrenzen für den Zinsabzug auf Hypotheken, neue
Steuern für wohlhabendere Empfänger von heiligen
Leistungsansprüchen. Es ist nicht perfekt, aber es
verdient eine ernsthafte Debatte. Das Problem ist, das
Programm bleibt zwischen den Deckeln von Ross
Perots Buch. Der Kandidat selbst hat wenig Neigung
gezeigt, es zu artikulieren.
Gestern gab es einen kurzen Hinweis darauf, daß er es
jetzt tun könnte. Will er wirklich den Benzinpreis für
"den Durchschnittsamerikaner" in die Höhe treiben?
Ja. Benzin ist in den Vereinigten Staaten viel zu billig,
erklärte er, und eine Steuer könnte zur Wiederherstellung der verfallenden Infrastruktur beitragen.
Es war wahrscheinlich das erste Mal im Wahlkampf,
daß Ross Perot über Gemeinplätze hinausgegangen
ist. Selbst wenn er keine Chance hat, die Wahl zu
gewinnen, könnte er einen Ruf retten, der heute durch

Seite 1

�Launenhaftigkeit gekennzeichnet ist, indem er mehr
davon liefert.

Thema können sie dem Land eine klare Entscheidung
anbieten.

The Washington Post

Eine Patt-Situation? Die Wähler könnten die Republikaner und Demokraten sowohl in die Verantwortung
für das Weiße Haus als auch den Kongreß wählen.
Perot ist nur eine dritte, weithin unbekannte Variable.

Bei zu vielen anderen Problemen, die nichts mit dem
Haushalt zu tun haben, sind die Positionen Perots
entweder unbekannt oder beunruhigend. Besonders
ungeduldig erscheint er im Hinblick auf die traditionellen bürgerlichen Freiheiten. Wenn sein Ziel heute
teilweise darin besteht, gehört zu werden, ernst genommen zu werden und an den wahrscheinlich stattfindenden Präsidentschaftsdebatten teilzunehmen, dann
werden wir alle auch darüber etwas herausfinden. Es
gibt zahlreiche Spekulationen darüber, wem seiner
Rivalen aus den großen Parteien Perot in den verbleibenden Wochen wahrscheinlich am meisten helfen
oder schaden wird. Wer weiß es? Vielleicht wird seine
Kandidatur (wiederum) ein Reinfall sein, vielleicht wird
sie ein wichtiger Faktor sein oder genug von einem der
beiden, um nach der Wahl eine Fußnote zu setzen:
Wenn er nur nicht auf dem Stimmzettel gestanden
hätte, wäre die Wahl anders verlaufen. Das wäre das
schlechteste Resultat.
Perot hat erklärt, er kandidiere, weil keine Partei die
Fragen angesprochen hätte, wie er es sich erhofft
habe. Er hat recht, sie haben es nicht getan, aber bis
gestern galt das auch für ihn. Auch er hat bisher die
Debatten vermieden, die zu erzwingen er angeblich in
das Rennen eintrat.
The Wall Street Journal
Nur ungern nehmen wir an, daß Ross Perot eigentlich
nur im Sinn hatte, sich beste Sendezeit kaufen zu
können. Angeblich war Perot bereit, 40 Millionen
Dollar für eine Serie von Werbespots auszugeben, um
seine Ideen zu verkünden. Kein Gedanke daran. Den
Spielregeln zufolge, nach denen das Spiel um politische Werbespots heute für Einzelpersonen abläuft,
kann man Fernsehspots nur dann ausstrahlen lassen,
wenn man seine Kandidatur erklärt hat.

Der Abbau des Defizits von 4 Billionen Dollar - Perots
Hauptthema? Zweifelsohne entscheidend - und er hat
recht, daß Bush und Clinton es den Wählern mit
solcher Vehemenz verdeutlicht haben, wie sie den
Flaum von einer Pusteblume blasen. Sie haben jedoch
konkrete Pläne, wie sie die Wirtschaft wieder in Gang
bringen würden.
Perot hat wenig Genaues geboten - und noch weniger
anderen drängenden Sorgen Rechnung getragen wie
der Handels- und Steuerpolitik, veränderten Verteidigungsaufgaben und Beziehungen zu anderen Staaten.
Die Wähler sollten sich auch Perots Versuch vom
Donnerstag bewußt sein, die Debatte auf eine Handvoll Themen zu beschränken.
Vor allem sollten sie vorsichtig sein, zusätzliche Entscheidungen mit effektiven zu verwechseln.
Los Angeles Times
Die Perot-Kandidatur wird jetzt zum Joker im Wahlkampf 1992. Als Perot seine Kampagne im Juli aussetzte, war er in den Umfragen auf unter 10 Prozent
gesunken. Diese Zahlen sollten nach seinem Wiederauftauchen, wenn auch nur kurz, steigen, obwohl es
unwahrscheinlich erscheint, daß er am 3. November
viel besser abschneiden wird als es Kandidaten dritter
Parteien für gewöhnlich getan haben. Aber in einigen
wichtigen Staaten - Texas und Ohio werden am häufigsten erwähnt - könnte Perot genug Stimmen auf sich
vereinigen, um entweder den Ausschlag für Präsident
Bush oder seinen demokratischen Herausforderer,
den Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, zu geben.
Dies könnte Auswirkungen auf die Wahlmännerstimmen und offensichtlich sogar die Wahl haben. Letztlich
könnte Perots politische Hauptbedeutung darin bestehen, nicht ein Macher oder Inspirator zu sein, sondern
nur ein Spielverderber.

Statt daß ein Citizen Perot harmlos zu uns über das
Defizit quasselt, während wir gerade in die Küche
gehen, bekommen wir jetzt einen Candidate Perot, der
droht, die amerikanische Präsidentschaftswahl zu
demolieren nur, damit er seine 40 Millionen Dollar
teuren Werbespots ausstrahlen kann. Bei der gestri- Kolumnist A.M. Rosenthal in der New York Times
gen Ankündigung erklärte Perot zum Schluß mit einem
boshaften Lächeln:
Als es hart auf hart ging, trat Perot den Rückzug an. Er
tauchte wieder auf, als es hübsch einfach aussah.
"Ich muß meinen Lebensunterhalt verdienen, ich muß Angesichts der wenigen verbleibenden Wochen konnfür die Werbespots bezahlen."
te man ihn weder zum Thema Wirtschaft noch zu
anderen Plänen in die Mangel nehmen, die er versproUSA Today
chen hatte, aber nie vorlegte. Er erklärte, persönliche
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Angelegenheiten seien unter seiner Würde, daher
Bush oder Clinton der nächste Präsident sein. Zu werde er nur "echte Themen" erörtern. Dann zieht er
jedem von Perot am Donnerstag angeschnittenen bei Problemfragen den Schwanz ein. Großartig.

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�Die republikanischen Bürokraten - in Dallas konnte man es reduzieren könne. Herr Perot erklärte, er habe
man sie nicht von den Pilgern unterscheiden - haben keine Zeit, und sagte seinen Beratern, sie sollten sich
Herrn Perot kennengelernt. So weit so gut. Vor Dallas selbst damit beschäftigen. Sie machten ein Buch "von
haben sie mit diesem wissenden Gehabe gefragt, wie Ross Perot" daraus.
tickt der Mann eigentlich?
Warum schenken wir Perot dann überhaupt AufmerkAber als er den kleinen Finger krumm machte, sind sie samkeit? Zum Teil wegen der Presse. Sie brauchte
nach Dallas gerannt und haben die grausame Farce zu etwas, um den Wahlkampf zu beleben, und der Faktor
einem nationalen Drama hochgespielt. Sie sagten Perot tat seine Schuldigkeit.
nicht, was sie über Perot wußten, weil die andere
Partei um seine Stimmen oder seinen Segen buhlte. Aber Ross Perot berührt auch einen Nerv, wenn er
So gaben sie alle vor, er sei noch des nationalen feststellt, daß wir uns in diesem Land nicht den wirklichen Problemen stellen. Viele Amerikaner teilen das
Vertrauens würdig.
Gefühl. Er hat weder den Mut noch die EntschlossenKolumnist Anthony Lewis in der New York Times heit gehabt, die harte Arbeit zu leisten, Antworten zu
finden. Aber das Argument ist stichhaltig.
Perot erklärt, er kandidiere wieder, um die Aufmerksamkeitauf "die Themen" zu lenken, insbesondere das Und schließlich widmen wir ihm Aufmerksamkeit, weil
Haushaltsdefizit. Eines ist jedoch komisch: er hat sich James Baker es will: er will einen dritten Mann im
Rennen, in den Debatten. 1988 hat erden Wahlkampf
wenig oder garnicht damit befaßt.
für George Bush gewonnen, indem er Ablenkungen
Während seines früheren Wahlkampfs hat er ein Tref- wie Willie Horton ins Spiel brachte. Die Ablenkung in
fen von Substanz zum Thema Defizit abgehalten. diesem Jahr - der Willie Horton dieses Jahres - ist Ross
Seine Berater unterbreiteten einen Vorschlag, wie Perot.
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�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

WÄHLEN IN AMERIKA
von Denise Hyland
"Schwarze, Frauen und Jugendliche gehören zu den Gruppen, die in den 216 Jahren seit der Amerikanischen
Revolution das Wahlrecht für sich angestrebt und errungen haben", schreibt Denise Hyland in dem nachstehenden Beitrag, der die Geschichte des Wahlrechts in den Vereinigten Staaten behandelt.
Die Autorin lebt als freiberufliche Schriftstellerin in Rochester (New York). Die in Niagara Falls (New York)
geborene Verfasserin hat ein Bakkalaureat in Kommunikationswissenschaften von der State University of New
York in Buffalo und war bisher als Feature-Autorin und Redakteurin für verschiedene Tageszeitungen im
Bundesstaat New York tätig.
Wenn Lisa Thurman im November 1992 die Wahlkabine betritt, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten
mitzuwählen, wird dieser schlichte Akt ein Symbol für
den Sieg nicht nur in einer, sondern in zwei stolzen
Kampagnen für das Wahlrecht in Amerika sein.
Thurman (32) aus Schenectady (New York) ist eine
Frau afroamerikanischer Herkunft. Ihre Vorfahren, die
befreiten Sklaven englischer Kolonisten, konnten nur
von dem Tag träumen, an dem sie sich am politischen
Prozeß beteiligen könnten, und Frauen besaßen vor
1920 kein Stimmrecht.
"Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter", erklärt
Thurman über ihr Recht zu wählen. "Meine Vorfahren
haben für ihren rechtmäßigen Platz an der Wahlurne
hart gearbeitet, und dasselbe gilt für Frauen aller
Hautfarben. Für mich bedeutet Wählen also nicht nur
ein Recht. Es ist meine Pflicht."
Schwarze, Frauen und Jugendliche gehören zu den
Gruppen, die in den 216 Jahren seit der Amerikanischen Revolution das Wahlrecht für sich angestrebt
und errungen haben. Die Erfolge der Wahlrechtler
haben jedoch nicht nur die Erlangung ihrer Wahlrechte
bewirkt. Sie haben dazu beigetragen, die Quintessenz
des amerikanischen Demokratieverständnisses zu
prägen.
"Eines der positiven Merkmale des amerikanischen
Systems besteht darin, daß diese Kämpfe erfolgreich
waren", steift der Bürgerrechtsexperte und Autor Allan
Lichtman, Geschichtsprofessor an der American University in Washington, fest. "Das Wahlrecht ist ein
Grundrecht aller Bürger, das niemandem verweigert
wird."

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Heute besitzt in den 50 Bundesstaaten jeder, der das
18. Lebensjahr vollendet hat, das Recht, bei Wahien
auf Gemeinde-, Staats- und Bundesebene abzustimmen. Lediglich unzurechnungsfähige oder für Kapitalverbrechen wie Mord und Brandstiftung verurteilte
Personen sind ausgeschlossen.
In den 13 Kolonien des 18. Jahrhunderts war am
Wahltag eine weit exklusivere Gruppe aktiv. Die
britischen Kolonien in Amerika hatten sich die Vollmacht gegeben, Wahlgesetze zu erlassen, und diese
waren auffallend ähnlich. Im Einklang mit englischen
Traditionen wurde die Teilnahme an Wahlen eher als
Privileg denn als Recht betrachtet. Nur weißen Männern,
die Land, Geld oder eine gesellschaftliche Stellung
besaßen, war die Stimmabgabe gestattet.
Der für die Ausübung des Wahlrechts vorgeschriebene Mindestumfang an Besitz oder persönlichem Vermögen war in den einzelnen Kolonien unterschiedlich.
In Virginia schrieb das Gesetz den Besitz von 20 ha
Land oder 10 ha Land mit einem Haus darauf, eines
Stadtgrundstücks mit einem Haus oder von 50 Pfund
an Wertgegenständen vor, wozu Sklaven, Werkzeuge, Möbel oder Tiere gehören konnten. Die Abgeordneten der Kolonien mußten mindestens 10- oder
20mal soviel besitzen wie der einfache Wähler.
Die große Mehrheit der Kolonisten verteidigte die
Besitzqualifikation, da Landbesitzer den Großteil der
Steuern entrichteten. Darüber hinaus glaubten sie,
daß arme Wähler zum Schaden von Recht und Ordnung anfällig für Wahlbestechung sein könnten. Aber
in der gesamten Geschichte des Wahlrechts gab es
Versuche, Beschränkungen zu verhängen um zu verhindern, daß neue Leute Macht gewinnen und den
Status quo erschüttern würden.
Seite 1

�Die im Jahr 1776 im Gefolge der Abtrennung der
Kolonien von England verfaßte Unabhängigkeitserklärung stellte fest, die Regierungen würden "ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten
herleiten". Während die Amerikaner heute unter "den
Regierten" alle Bürger verstehen, waren "die Regierten" für die Gründerväter diejenigen, die in den Wahlregistern eingetragen waren: die Männer, die die
Voraussetzungen erfüllten.
Der Kampf des gemeinen Mannes für sein Wahlrecht
wurde durch die Erinnerung an die heiß umkämpfte
Revolution angespornt. Soldaten konnten im Krieg
ihre Offiziere wählen. Sie begannen anzunehmen,
daß sie zum Dank für den Dienst an ihrem Land das
Recht hätten, auch die politische Nachkriegsführung
zu wählen. Zweitens nahmen sie angesichts der
Tatsache, daß auch NichtWähler Steuern zahlen mußten,
den Kampfruf der Revolution gegen England - "No
taxation without representation" - auf und bezogen ihn
auf sich selbst.

Pierce Butler aus South Carolina, stellte fest: "Es gibt
kein Recht, auf das die Menschen eifersüchtiger sind,
als das Wahlrecht."
"Die Debatten über das Wahlrecht waren lang und
bitter, und am Ende beschlossen die Delegierten, den
einzelnen Staaten zu erlauben, ihre eigenen Voraussetzungen festzulegen", schreibt Carole Lynne Corbin
in ihrem 1985 veröffentlichten Buch The Right To
Vote. "Infolgedessen durften Männer, die in einem
Bundesstaat das Wahlrecht hatten, beim Umzug in
einen anderen Staat häufig nicht mehr wählen."
"Nachdem schließlich nationale Wahlen in den Köpfen
der Männer ebenso wichtig geworden wahren wie
solche auf Gemeindeebene - und als sie erkannten,
daß sie durch die Wahl den Steuersatz kontrollieren
konnten - begannen sie, das Wahlrecht an jedem Ort
aufgrund der Tatsache zu verlangen, daß sie Staatsbürger waren", erläutert Corbin. "Die Demokratie
begann Fuß zu fassen."

"Diese Philosophie, diese Überzeugung - daß man die
Fähigkeit zur Wahl der Regierung haben sollte, wenn
diese Regierung Anspruch auf Mittel von Bürgern
erhebt - war das allen Bemühungen zur Erlangung des
Wahlrechts zugrundeliegende Prinzip", erklärt Lichtman. "Und dies gilt nicht allein für die amerikanische
Gesellschaft: in den meisten Gesellschaften hatten
die Menschen vor dieser Zeit keine direkte Vertretung."

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnten
alle weißen Männer, alle Steuerzahler und alle freien
Schwarzen mit einem Mindestmaß an Besitz oder
persönlichem Vermögen in allen Staaten außer Virginia und Rhode Island wählen. In letzterem Bundesstaat führte eine bewaffnete Rebellion im Jahr 1842
zur Ausdehnung des Wahlrechts auf alle im Land
geborenen Amerikaner, die eine Steuer von 1 Dollar
entrichteten.

Nachdem sich die Kolonien von England getrennt und
zu Staaten geworden waren, mußten sie ihre eigene
Verfassung niederlegen. In ihren ersten Verfassungen gewährten New Hampshire, Pennsylvania und
Georgia allen Steuerzahlern das Wahlrecht. Andere
Staaten nahmen lediglich geringfügige Änderungen
ihrer Wahlvorschriften vor, und Massachusetts hob die
Mindestvermögensgrenzen aufgrund des Einflusses
von John Adams, einem der Gründerväter und von
1797 bis 1801 zweiter Präsident der Vereinigten Staaten, sogar noch an.

Kopfsteuern wurden mit guten Absichten eingeführt.
Nachdem sie zuerst 1776 in New Hampshire erhoben
wurden, sah man darin ein Mittel, um das Wahlrecht
beträchtlich zu erweitern. Den neuen Wahlgesetzen
zufolge wurde Steuerzahlern das Wahlrecht eingeräumt, und die geringe Abgabe (im allgemeinen 2
Dollar oder weniger) wurde als Weg angesehen, auf
dem alle Männer diese Voraussetzung erfüllen konnten.

Adams hatte keine Vorstellung davon, wie prophetisch
seine Äußerungen noch werden würden. Die Mehrzahl der Delegierten beim amerikanischen Veriassungskonvent von 1787 in Philadelphia gehörte zum
"konservativen" Lager von Adams. Der Wissenschaftler und Schriftsteller Benjamin Franklin aus Pennsylvania argumentierte jedoch, wählen sei vielmehr ein
Recht statt ein Privileg. Ein anderer Delegierter,

Beteiligung an Bundeswahlen untersagte. Im Jahr
1966 ging das Oberste Bundesgericht sogar noch
weiter und erklärte alle von Gemeinden und Bundesstaaten erhobenen Kopfsteuern für illegal.

Corbin schreibt jedoch: "Die Kopfsteuer war eine
Wahlrechtsreform, die von den Rassisten entstellt
Adams erklärte, er sei gegen die Erweiterung des wurde... So mußte zum Beispiel in Mississippi die
Wahlrechts, da"... dies ein Faß ohne Boden ist. Neue Steuer Monate im voraus entrichtet werden, und die
Forderungen werden auftreten, Frauen werden das Quittung war an der Wahlurne vorzuzeigen. Dies
Wahlrecht verlangen, Burschen zwischen 12 und 21 wurde jedoch nur von Schwarzen verlangt."
werden meinen, ihre Rechte würden nicht gebührend Nach einer massiven Bürgerrechtsbewegung verabbeachtet und jeder Mann, der keinen Heller besitzt, schiedete der Kongreß 1960 den 24. Verfassungszuwird das gleiche Recht wie alle anderen verlangen."
satz, der alle steuerlichen Voraussetzungen für die

Seite 2

Als die schwarzen Sklaven 1863 durch die Emanzipationserklärung von Präsident Abraham Lincoln befreit
wurden, gerieten die Weißen angesichts der Möglichkeit in Panik, sie könnten ihre seit langem bestehende

AMERIKA DIENST 40

�Regierungsmacht verlieren. Demzufolge wurde freien
Schwarzen das Wahlrecht in den meisten Bundesstaaten entzogen, in denen sie dieses Recht noch
besaßen. Und obwohl Lincoln der Große Emanzipator
war, lehnte er Diktate an die Bundesstaaten ab und
wollte sie nicht zwingen, den Schwarzen das Wahlrecht zu verleihen.
"Die Sklaverei ist nicht abgeschafft, bis der schwarze
Mann das Wahlrecht genießt," erklärte Frederick
Douglass, jene herausragende schwarze Persönlichkeit. Große Fortschritte beim Wahlrecht der Schwarzen kamen mit dem Reconstruction-Gesetz von 1867,
mit dem das Land nach dem Bürgerkrieg (1861-65)
wiederaufgebaut und wiedervereinigt werden sollte.
Das Gesetz zwang die 12 ehemaligen konföderierten
(Süd)-Staaten, ihre Verfassungen zu überarbeiten.
Die Delegierten zu den Verfassungskonventen sollten
von den männlichen Bürgern "jeglicher Rasse" gewählt werden.

rung von Wählern bei allen Wahlen und sah die Anwesenheit von staatlichen Wahlregistratoren vor, wenn
Diskriminierungen festgestellt wurden. Binnen sechs
Monaten wurden landeswert 250.000 Schwarze auf
die Wählerlisten gesetzt.
Heute gibt es in den Vereinigten Staaten laut Statistiken des Joint Center for Political Studies in Washington insgesamt 7.490 Schwarze, die ein Wahlamt innehaben.
Einwanderer und auch die Urbevölkerung haben von
der Abschaffung der Lese- und Schreibprüfungen in
Englisch profitiert. Das Wahlrechtsgesetz von 1965
und spätere Zusätze von 1975 ebneten den Weg für
Wahlmaterial wie Registrierungsformulare und Wahlzettel, die in Spanisch, Chinesisch, Indianisch und der
Sprache der Ureinwohner von Alaska gedruckt wurden.

Der Kampf für das Frauenwahlrecht begann während
der
Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und der
Schwarze wurden in alle Bundesstaatskonvente geProhibition
zu brodeln. Er wurde von Lucretia Mott und
wählt. Dadurch entstanden progressive VerfassunElizabeth
Cady
Stanton geschürt, Ehefrauen und Mütter,
gen, die das Wahlrecht allen Männern gewährten und
die
sich
beide
aktiv gegen Sklaverei und Alkohol
Besitzvoraussetzungen für die Bekleidung eines
engagierten.
Als
die beiden Frauen als Kandidatinnen
Wahlamts abschafften. Ende 1867 hatten sich über
für
einen
Kongreß
über die Abschaffung der Sklaverei
700.000 Schwarze im Süden als Wähler registrieren
aufgrund
ihres
Geschlechts
abgelehnt wurden, geloblassen. In Georgia war die Zahl der schwarzen Wähler
ten
sie,
ihre
Energien
umzudirigieren.
Ihre Bewegung
im Jahr 1870 ebenso hoch wie die der weißen.
wird im allgemeinen auf einen Kongreß von 1848 in
Das bahnbrechende Gesetz für schwarze Wähler war Seneca Falls (New York) zurückgeführt, bei dem die
jedoch der 15. Zusatz zur amerikanischen Verfassung Delegierten das Recht zu wählen und Eigentum zu
im Jahr 1870, hinter dem das Mandat der Bundesre- besitzen forderten.
gierung stand. Diskriminierung auf der Basis von
Rassenzugehörigkeit wurde mit folgenden Worten Die Frauenrechtlerin Susan B. Anthony versuchte, die
abgeschafft: "Das Wahlrecht der Bürger der Vereinig- Gerichte zu der Entscheidung zu veranlassen, daß
ten Staaten darf von den Vereinigten Staaten oder wählen aufgrund des 14. Zusatzartikels zur Verfaseinem Einzelstaat nicht aufgrund der Rassenzugehö- sung ein Bürgerrecht ist, der allen im Lande geborenen
rigkeit, der Hautfarbe oder des vormaligen Dienstbar- und naturalisierten Personen die Staatsbürgerschaft
verleiht und nicht näher definierte "Privilegien" schützt.
keitsverhältnisses versagt oder beschränkt werden."
Im Jahr 1872 gab sie trotz der Einwände des RegistraUm die Jahrhundertwende hatten die Schwarzen im tors ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl im
Süden aufgrund der neuen Vorbedingung für die Bundesstaat New York ab.
Wählerregistrierung - lesen und schreiben zu können
- ihr Wahlrecht de facto verloren. Mit der Vorschrift, Ein Richter befand sie jedoch der illegalen Wahl für
daß Wähler des Lesens und Schreibens mächtig sein schuldig und verurteilte sie zu einer Strafe von 100
mußten, sollte vordergründig eine intelligente Nutzung Dollar plus der Gerichtskosten, die sie sich weigerte zu
des Wahlrechts gefördert werden, und sie betraf alle zahlen.
Wähler. Schwarze und Ausländer waren jedoch be"Der Entzug des Wahlrechts erklärt allen Frauen:
nachteiligt: um wählen zu können, mußten sie Eng'Dein Urteil ist nicht gesund, Deine Meinung ist es nicht
lisch lesen und schreiben können.
wert, gezählt zu werden'", stellte Anthony fest. "Der
In den darauffolgenden Jahrzehnten erhob sich eine Mann ist der Überlegene, die Frau das Subjekt beim
massive Bürgerrechtsbewegung, um gegen die Be- derzeitigen Stand der Politik, und bis dieses große
schränkungen für schwarze Wähler zu protestieren. Unrecht behoben ist, werden ignorante Männer und
Ihr Anführer war Reverend Martin Luther King Jr. Nach kleine Jungen weiterhin die Meinung von Frauen mit
dem inzwischen berühmt gewordenen Marsch Kings Verachtung strafen."
von Selma (Alabama) in die Hauptstadt Montgomery
im Jahr 1965 verabschiedete der Kongreß das Wahl- Anthonys Gruppe, die National Woman Suffrage
rechtsgesetz von 1965. Das Gesetz verbot Lese- und Association, begann an der Verabschiedung eines
Schreibübungen als Voraussetzung für die Registrie- Verfassungszusatzes zu arbeiten, der von Senator
Aaron Sargent aus Kalifornien im Jahr 1878 vorgelegt
AMERIKA DIENST 40

Seite 3

�wurde. Der als "Anthony-Zusatz" bekannte Artikel
lautete folgendermaßen: "Das Recht eines Bürgers
der Vereinigten Staaten soll nicht von den Vereinigten
Staaten oder einem Bundesstaat aufgrund des Geschlechts verweigert oder beschränkt werden." Dieser
19. Zusatzartikel blieb unverändert, bis er 1920 Gesetz
wurde.
Auch eine andere Gruppe besaß kein uneingeschränktes Wahlrecht: die Urbevölkerung Amerikas.
Bis Anfang der zwanziger Jahre hatte die US-Regierung zwei Dritteln der amerikanischen Urbevölkerung
durch Vertragsvereinbarungen, Statuten und Naturalisierungsverfahren sowie durch den Dienst in den
Streitkräften im Ersten Weltkrieg die Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht gewährt. 1924 wurde
der übrigen in den Vereinigten Staaten geborenen
Urbevölkerung die Staatsbürgerschaft verliehen.
Die Mehrheit der amerikanischen Urbevölkerung lebt
heute in eigenen Gemeinden, wo sie aktiv Stammespolitik betreibt.
"Bei den Stammeswahlen beteiligen sich 80 bis 90
Prozent der Indianer", erklärt der Abgeordnete des
Repräsentantenhauses Ben Nighthorse Campell
(Demokrat aus Colorado). "Aber bei Bundeswahlen
haben wirdie geringste Beteiligung aller Minderheitengruppen."
Campell ist Cheyenne-indianischer und portugiesischer Abstammung. Inzwischen in der dritten Amtszeit im Repräsentantenhaus hat er landesweit die
Führungsrolle dabei übernommen, die Beteiligung der
amerikanischen Urbevölkerung an der Regierung zu
fördern.
Campell sieht große Fortschritte. Einer Studie des
National Congress of American Indians aus dem Jahr
1990 zufolge sind 21 Ureinwohner in Parlamenten der
Bundesstaaten tätig. Im gleichen Jahr wurde Larry
Echohawk für den prestigeträchtigen Posten des
Justizministers von Idaho ernannt. Und unter den
Delegierten, die beim Demokratischen Parteitag 1988
ihre Stimme abgaben, waren 52 Ureinwohner. Campell prognostiziert, daß ihre Zahl 1992 noch höher sein
wird.
"Viele Indianer sagen: 'Wozu ist meine Stimme gut?
Sie wird nichts verändern'", stellt Campell fest. "Ich
versuche klarzumachen, daß sie dies kann."
Die Bedeutung der einzelnen Stimme ist zentraler
Bestandteil jeder Diskussion über Wählerbeteiligung
in den Vereinigten Staaten.

demonstrationen belebten ein uraltes Argument. "Art
genug um zu kämpfen, alt genug um zu wählen", war
seit dem Bürgerkrieg der Slogan, als 14jährige Jungen
auf beiden Seiten kämpften.
Bis 1971 war man jedoch erst ab 21 Jahren wahlberechtigt, und die Ratifizierung des 26. Zusatzartikels
zur Verfassung erfolgte in diesem Jahr. 11 Millionen
Jugendlichen zwischen 18 und 21 wurde das Wahlrecht erteilt, aber nur 50 Prozent hatten sich bei den
Präsidentschaftswahlen 1972 zur Wahl eingetragen
und 15 Prozent davon erschienen nicht zur Wahl.
Die niedrige Registrierung und die entsprechend geringe Wahlbeteiligung ist nicht auf Amerikas Jugendliche
beschränkt. Statistiken der Bundeswahlkommission
zufolge gaben nur knapp über 50 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner bei den Präsidentschaftswahlen 1988 ihre Stimme ab. Die Wahlbeteiligung ist in
Jahren, in denen keine Präsidentschaftswahlen stattfinden, traditionell geringer: 1990 betrug sie 34 Prozent.
Dem Wahlanalysten und Autor des Buches Why
Americans Don't Vote, Ruy Teixeira, zufolge kann
man bei denjenigen, die wählen, ein klares Muster
verfolgen. Bevölkerungsstatistiken der wählenden
Mehrheit blieben in dem statistisch erfaßten Zeitraum
von 1960-1984 im wesentlichen unverändert.
Teixeiras Studien des Jahres 1980 ergaben beispielsweise, daß die überwältigende Mehrheit der Wähler
weiß ist (84 Prozent), nicht in den Südstaaten lebt (73
Prozent) und über 12 oder mehr Jahre Schulbildung
verfügt (74 Prozent). Die Mehrheit war weiblich (56
Prozent), verheiratet (60 Prozent), angestellt (60 Prozent), 37 Jahre oder älter (58 Prozent) und nicht arm
(65 Prozent).
Teixeira fand einen anderen maßgeblichen Faktor
heraus: 67 Prozent der Wähler waren in den letzten
zwei Jahren nicht umgezogen. Aufgrund dieser Tatsache konnten sie einfach zu ihrem gewohnten Wahllokal gehen, sich eintragen und wählen. Die 33 Prozent,
die ihren Wohnsitz gewechselt hatten, mußten sich in
ihrem neuen Bundesstaat zur Wahl registrieren lassen.
Die Registrierungsgesetze sind von Bundesstaat zu
Bundesstaat sehr unterschiedlich. In einigen Bundesstaaten müssen sich die Wähler registrieren lassen,
wenn sie von einem Distrikt in den anderen ziehen. In
anderen besteht eine Wartezeit von 30 Tagen vom Tag
der Registrierung bis zur Stimmabgabe.

Jüngste Studien belegen, daß eine Änderungen der
Registrierungsgesetze wesentliche Auswirkungen auf
In der Tat wurde von der Bevölkerungsgruppe, die als
die Wahlbeteiligung haben könnte. Wenn beispielsletzte das Wahlrecht erhielt - den 18- bis 21jährigen weise jeder Bundesstaat eine Wahltag-Registrierung
erwartet, daß sie die Politik mit ihren Stimmen beeineinführen würde - wie Wisconsin, Minnesota und Maine
flussen würden. Ihre Protestaktionen in den sechziger
- würde sich die Wahlbeteiligung um 6 bis 7 Millionen
Jahren gegen den Vietnamkrieg und bei Bürgerrechts-

Seite 4

AMERIKA DIENST 40

�Wähler erhöhen, berichtete das Komitee zur Untersuchung der amerikanischen Wählerschaft 1987.
"In zahlreichen Bundesstaaten finden es die Einwohner schwierig, sich zur Wahl registrieren zu lassen",
stellt der Abgeordnete des Repräsentantenhauses
Charles A. Hayes (Demokrat aus Illinois) fest. "Die
Behörden und Einrichtungen zur Wählerregistrierung
sind oft schwer zu finden. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß jeder Amerikaner sein Postamt am Ort finden
kann."

rung registriert.
Wahlanalysten haben viele Theorien über die Wahlbeteiligung vorgebracht. Vorrangig darunter ist die ApathieTheorie, nach der man sich entweder aufgrund von
mangelndem Interesse am Wahlergebnis oder mangelndem Vertrauen in die Wahrscheinlichkeit, daß die
eigene Stimme das Wahlergebnis beeinflußt, der Stimme enthält.

Im Oktober 1991 wurde die Bedeutung von nur einer
Stimme in einem ungewöhnlichen Forum schiaglichtEntsprechend hat Hayes, ein Schwarzer aus Chicago, artig erhellt - den Anhörungen im Rechtsausschuß des
im Kongreß zwei Gesetzesvorlagen unterstützt. Die Senats über die Ernennung von Clarence Thomas aus
eine fordert, daß der amerikanische Postdienst den Georgia zum Obersten Bundesgericht, der jetzt der
Ummeldeformularen Wahlregistrierungsformulare für 106. Richter des Gerichts ist.
die Einwohner beilegen muß, die umziehen. Die
andere die Auslage von Registrierungsformularen in Unter den Millionen von den Anhörungen gefesselten
Bürgern war auch Lisa Thurman.
den Postämtern.
Ein anderer Gesetzentwurf, das von Senator Robert
Dole (Republikaner aus Kansas) unterstützte Gesetz
zur Erweiterung der nationalen Wählerregistrierung
(The National Voter Registration Enhancement Act)
würde die Wählerregistrierung mit der Ausgabe oder
Erneuerung des Führerscheins automatisch vornehmen. Mit dieser Art von Registrierung, die bereits in
Colorado stattfindet, würden dem Unterausschuß des
Repräsentantenhauses für Wahlen zufolge automatisch bis zu 91 Prozent der wahlberechtigten Bevölke-

*

AMERIKA DIENST 40

*

"Ich erkannte, daß nur eine Stimme über den Sitz im
höchsten Gericht des Landes für Richter Thomas
entscheidend sein könnte", stellte sie fest. "Und dann
wurde mir bewußt, daß mein Senator in der Tat meine
Stimme abgeben würde. Aber da ich mir nicht die
Mühe gemacht hatte, für oder gegen ihn zu stimmen,
hatte ich sozusagen meine eigene Stimme erstickt."
"Nun sehe ich, worum es bei der Stimmabgabe geht",
erklärte Thurman. "Im November bin ich im Wahllokal."

*

*

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. Start&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush begrüßt Zustimmung des Senats zum Start-Vertrag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Auslandshilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Senat verabschiedet Auslandshilfegesetz 1993&lt;br /&gt;&lt;em&gt;14,106 Milliarden Dollar bewilligt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Im nächsten US-Kongress werden viele Veränderungen erwartet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Demokraten behalten voraussichtlich die Mehrheit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perot will als erster unabhängiger zum Präsidenten gewählt werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Präsidentschaftskandidat Ross Perot&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;James Stockdale: Kriegsheld, Gelehrter, Philosoph&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des Kandidaten für die Vizepräsidentschaft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Präsidentschaftskandidatur von Ross Perot&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wählen in Amerika &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Denise Hyland&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
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30. September 1992

39

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££
UNO

BUSH VERKÜNDET INITIATIVEN
ZUR BEWÄLTIGUNG GLOBALER
HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor der UNO-Generalversammlung

USA-DEUTSCHLAND

NEUES OPEL-WERK
IN EISENACH ERÖFFNET
Botschafter Kimmitt überbringt
Botschaft von Präsident Bush

WAHLEN '92

BUSH SCHLÄGT ÜBERRASCHEND
VIER DEBATTEN VOR
Neuer Schachzug des Präsidenten

JUGOSLAWIEN

USA: AUSSCHLUSS BELGRADS DURCH
UN-GENERALVERSAMMLUNG "ANGEMESSEN'
Erklärung von Botschafter Perkins

KSZE

USA: SICHERHEITSFORUM WIRD
AGGRESSIONSRISIKO VERRINGERN
Amerikanische Erklärung bei der
Eröffnung des Sicherheitsforums
DIE KSZE 1992: DIE HERAUSFORDERUNGEN DES WANDELS
Vortrag von John Kornblum

NATO

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EUROPA UND NORDAMERIKA WERDEN
GEMEINSAM FORTSCHRITTE ERZIELEN
Rede von Botschafter Bartholomew

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�UNO
30. September 1992

BUSH VERKÜNDET INITIATIVEN ZUR BEWÄLTIGUNG
GLOBALER HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor der UNO-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer Rede vor der UNO-Generalversammlung kündigte Präsident Bush am
21. September 1992 neue Initiativen zur Bewältigung von drei großen Herausforderungen an: Friedenssicherung, Beendigung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Förderung von Wohlstand für alle.
"Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert von uns verstärktes kollektives Engagement", erklärte
Bush den Delegierten der 47. Sitzung der UNO-Generalversammlung. "Wir werden unsere kollektiven Institutionen umgestalten müssen. Und vor allem muß jeder von uns die eigene Regierung beim Umgang mit
internationalen Angelegenheiten einer ernsthaften Prüfung unterziehen."
Bush begrüßte Generalsekretär Boutros-Ghalis Ruf nach einer neuen Tagesordnung zur Stärkung der
Fähigkeiten der Vereinten Nationen bei der Verhinderung, Eindämmung und Lösung von Konflikten auf der
ganzen Welt. Indem er alle Mitglieder aufforderte, gemeinsam "kühne Schritte zu unternehmen, um diese
Tagesordnung voranzubringen", stellte der Präsident fest, er werde "mit- meinen Kollegen den Nutzen einer
Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats zur Erörterung der Vorschläge des Generalsekretärs und Erarbeitung
konkreter Antworten" in Schlüsselbereichen sondieren.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Gäste, leben, stellten Millionen fest - wie Arthur Koestler so
ich danke Ihnen. Vor 47 Jahren war ich ein junger eindringlich schrieb - daß Mittags Dunkelheit herrschMann von 21 Jahren und wie Tau sende andere meiner te. Und statt die Nationen zu einen, wurde dieses
Generation war ich in den Krieg gezogen, um die Gremium zu einem Forum des Mißtrauens und der
Freiheit zu zu verteidigen. In diesem Monat vor 47 Spaltung von Nationen. Und in grausamer Ironie
Jahren war der Krieg endlich beendet und ich blickte wurden die Vereinten Nationen, geschaffen, um die
hoffnungsvoll auf den Frieden und die Chance, mein Welt von Konflikten zu befreien, selbst Opfer von
Leben nun ernsthaft zu beginnen. 1945 stand als Konflikten.
Symbol der Hoffnung nicht nur für mich, sondern fürdie
gesamte Menschheit. Ein großer Kampf gegen Dikta- Auch ich habe diese Konflikte erlebt. Ich habe - mit
Stolz erfüllt - dort gesessen, wo Sie sitzen und in dieser
tur war gekämpft und gewonnen worden.
Versammlung gedient. Zu meiner Zeit habe ich die
Auf der ganzen Erdkugel blicken wir einer von Kriegen Konsequenzen der scharfen Worte des Kalten Krieges
freien Zukunft entgegen, einer Welt, in der wir unsere für die höheren Aufgaben der Vereinten Nationen
Kinder in Frieden und Freiheit aufziehen können. Und gesehen. Und heute, 47 Jahre später, stehen wir am
diese Institution - die Vereinten Nationen -, geboren Ende eines anderen Krieges, des Kalten Krieges. Und
inmitten der Asche des Krieges, verkörperte diese unsere Hoffnungen und Träume sind wieder aufgeHoffnungen und Träume wie keine andere.
keimt.
Die Hoffnungen und Träume von 1945 blieben jedoch
unerfüllt. Der kommunistische Imperialismus teilte die
Welt, unsere Hoffnung auf Frieden und unsere Träume
von Freiheit wurden im Würgegriff des Kalten Krieges
eingefroren. Und anstatt eine gemeinsame Basis zu
finden, standen wir vor einer nuklearen Konfrontation.
Und anstatt auf Churchills weiten, sonnigen Höhen zu
AMERIKA DIENST 39

Getrieben von seinen immanenten Widersprüchen
und von dem unsterblichen Freiheitsdurst der Menschen verbannt, fand der imperialistische Kommunismus an seinem Geburtsort den Tod. Und heute ist
Ru Bland erwacht - demokratisch, unabhängig und frei.
Auch die baltischen Staaten sind frei, ebenso wie die
Ukraine, Armenien und Belarus, Kasachstan und die
Seite 1

�anderen unabhängigen Staaten, die den Nationen
Mittel- und Osteuropas in Freiheit beitreten.

Notwendigkeit für erweiterte Kapazitäten zur Friedensbewahrung nie größer, waren die Konflikte, mit
denen wir uns befassen, schwerer in den Griff zu
bekommen, die Kosten der Konflikte höher.

Die Furcht vor einem nuklearen Armageddon zwischen den Supermächten ist verschwunden. Wir sind
stolz, unseren Teil dazu beigetragen zu haben, daß Und zweitens sehen wir uns der strategischen Herausunsere Schulkinder nicht mehr üben müssen, sich forderung der Verbreitung von Massenvernichtungsunter ihren Pulten zu verstecken aus Angst vor einem waffen gegenüber - zweifelsohne der am schnellsten
wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderung
nuklearen Angriff wie die Generationen vor ihnen.
für internationalen Frieden und Ordnung.
Voller Stolz beglückwünsche ich die Staats- und
Regierungschefs, die im Besitz von Atomwaffen sind - An dritter Stelle steht die gemeinsame wirtschaftliche
die Präsidenten Jelzin, Krawtschuk, Nasarbajew, Herausforderung der Förderung von Wohlstand für
Schuschkjewitsch - die mit mir gemeinsam die Kon- alle, der Stärkung einer offenen, wachstumsorientierfrontation zwischen den Supermächten beendet ha- ten, marktwirtschaftlichen internationalen Wirtschaftsben, die einen nuklearen Alptraum riskierte. Dies ist ordnung bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt.
die erste Generalversammlung, bei der Sie als wirklich
unabhängige und freie Nationen einen Sitz haben. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert
Und Ihnen und den Staats- und Regierungschefs der von uns verstärktes kollektives Engagement. Wir
anderen unabhängigen Staaten sage ich: Willkom- werden unsere kollektiven Institutionen umgestalten
men zu Hause, wir sind jetzt wirklich Vereinte Natio- müssen. Und vor allem muß jeder von uns die eigene
Regierung bei der Handhabung internationaler Angenen.
legenheiten einer ernsthaften Prüfung unterziehen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges haben wir meines Auch wir müssen unsere Institutionen und Praktiken
Erachtens eine echte Chance, über die künstlichen ändern, wenn wir eine neue Welt mit den Versprechu nTeilungen einer ersten, zweiten und dritten Welt hin- gen von heute schaffen und ein 21. Jahrhundert des
auszugehen und statt dessen eine wirklich globale Friedens sichern wollen.
Staatengemeinschaft freier und souveräner Nationen
zu schmieden. Eine auf Achtung der Prinzipien, fried- Ich möchte heute mit Ihnen diese drei Herausforderunlicher Beilegung von Konflikten, grundlegenden Men- gen erörtern - Friedenssicherung, Weiterverbreitung
schenrechten und den Säulen Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Und ich möchte diese Gelegenheit
ergreifen, um darzulegen, wie die internationale Staaund freie Märkte gegründete Gemeinschaft.
tengemeinschaft bei der Bewältigung dieser HerausDie Vereinten Nationen und insbesondere der Sicher- forderungen aus meiner Sicht zusammenarbeiten kann
heitsrat haben bereits sehr viel zur Erfüllung ihrer und wie die Vereinigten Staaten ihre Institutionen und
ursprünglichen Mission getan und diese globale Staa- Maßnahmen ändern, um diese Bestrebungen zu Förtengemeinschaft aufgebaut. Die Führungsrolle der dern.
Vereinten Nationen war entscheidend bei der Lösung
von Konflikten und Vermittlung von Frieden auf der Lassen Sie mich mit der Friedenssicherung beginnen.
gesamten Welt. Die Sicherung von Demokratie und Die Vereinten Nationen blicken auf eine lange und
Frieden in dem vor uns liegenden Jahrhundert wird herausragende Tradition der Friedenssicherung und
jedoch keine leichte Aufgabe sein. Der imperialisti- humanitären Hilfe zurück. Von Zypern und dem Libasche Kommunismus mag besiegt sein - die Herausfor- non bis zu Kambodscha und Kroatien sind die Blauhelderungen unseres Zeitalters sind damit jedoch nicht me zu einem Symbol der Hoffnung inmitten all dieser
beendet. Herausforderungen, die überwunden wer- Feindschaft geworden. Die Vereinten Nationen haben
den müssen, wenn wir endlich die Teilungen zwischen seit langem eine zentrale Rolle dabei gespielt, die
Ost und West, Nord und Süd beenden wollen, die Eskalation von Konflikten zu Kriegen zu verhindern,
Auseinandersetzungen, Belastungen, Konflikte und und verstärkte Kapazitäten zur Friedenssicherung
können diese diplomatischen Bestrebungen unterKrieg schüren.
mauern.
Während wir das historische Wachstum von Demokratieweltweit unterstützen, sehen sich die internationale So viel die Vereinten Nationen auch getan haben - sie
Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen beim können noch mehr tun. Die Friedensbewahrer werden
Eintritt ins 21. Jahrhundert mit drei entscheidenden, aufs Äußerste gefordert während der Bedarf an ihren
miteinander verflochtenen Herausforderungen kon- Diensten täglich steigt. Die Notwendigkeit von Überwachung und präventiver Friedenssicherung sowie
frontiert:
der Entsendung von Kräften vor dem Ausbruch von
Erstens stehen wir vor der politischen Herausforde- Kämpfen könnten sich in unsicheren Regionen als
rung, den Frieden von heute zu bewahren und die besonders kritisch erweisen. Dies gilt insbesondere
Kriege von morgen zu verhindern. Wie wir täglich in aufgrund der raschen und turbulenten VeränderunBosnien, Somalia und Kambodscha sehen, fordern gen, die Osteuropa und Eurasien weiterhin erschütüberall Konflikte unschuldige Menschenleben, war die tern.
Seite 2

AMERIKA DIENST 39

�In den Ländern, die einstmals hinter dem Eisernen
Vorhang gefangengehalten wurden, besinnen sich die
Menschen auf ihre historischen Identitäten, die in den
Katakomben des Kommunismus eingefroren waren.
Wodies in demokratischer Art und Weise mit Toleranz,
zivilisiert und Achtung der grundlegenden Menschrechte und Freiheiten stattfindet, ist dieser neue demokratische Nationalismus nur zum Guten.

Drittens: Darüber hinaus müssen wir angemessene
logistische Unterstützung für friedenssichemde und
humanitäre Operationen bereitstellen. Die Mitgliedstaaten sollten Bestände der zur Erfüllung der humanitären Nothilfe erforderlichen Ressourcen anlegen,
wie etwa für Hungersnöte, Überschwemmungen, bürgerkriegsähnliche Unruhen. Dies wird in Krisenzeiten
wertvolle Zeit sparen.

Bedauerlicherweise müssen wir jedoch nur auf die
blutigen Schlachten blicken, die an Orten wie dem
ehemaligen Jugoslawien wüten, um die Gefahren
ethnischer Gewalt zu sehen. Dies ist die größte
Bedrohung des demokratischen Friedens, den wir mit
Osteuropa, Rußland und Eurasien aufbauen wollen noch mehr als wirtschaftliche Entbehrungen.

Viertens: Wir werden Planungs-, Krisenmanagement
und nachrichtendienstliche Fähigkeiten zur Friedenserhaltung und für humanitäre Operationen entwickeln
müssen.

Wir unterstützen die Bestrebungen von NATO, KSZE
und WEU, der GUS und anderen kompetenten regionalen Organisationen bei der Entwicklung von Kapazitäten zur Friedenssicherung uneingeschränkt. Wir
sind jedoch davon überzeugt, daß erweiterte Fähigkeiten der UNO eine notwendige Ergänzung dieser regionalen Bemühungen darstellen, nicht nur in Europa und
Eurasien, sondern auf der ganzen Welt.
Ich begrü ße Generalsekretär Boutros-Ghalis Ruf nach
einer neuen Tagesordnung zur Stärkung der Fähigkeiten der Vereinten Nationen bei der Verhinderung,
Eindämmung und Lösung von Konflikten auf der ganzen Welt. Ich fordere alle Mitglieder auf, gemeinsam
kühne Schritte zu unternehmen, um diese Tagesordnung voranzubringen. Ich werde daher mit meinen
Kollegen den Nutzen einer Sondersitzung des UNSicherheitsrats zur Erörterung der Vorschläge des
Generalsekretärs und Erarbeitung konkreter Antworten in fünf Schlüsselbereichen sondieren.
Erstens: Durchgreifende Friedenssicherung erfordert
Personal und Gerät, das nur die Mitgliedstaaten bereitstellen können. Die Nationen sollten militärische Einheiten für mögliche Friedenssicherungsoperationen
und humanitäre Hilfe aufstellen und ausbilden. Diese
Kräfte müssen kurzfristig auf Antrag des Sicherheitsrats und natürlich mit Genehmigung der sie entsendenden Regierungen verfügbar sein.
Zweitens: Wenn multinationale Einheiten zusammenarbeiten sollen, müssen sie zusammen üben. Zahlreiche Nationen - beispielsweise Fiji, Norwegen, Kanada
und Finnland - blicken auf eine lange Tradition der
Friedenssicherung zurück. Wir alle können von diesen
Erfahrungen profitieren, während wir für erweiterte
Operationen ausbilden. Effektive multinationale Aktionen erfordern ferner koordinierte Führung und Interoperabilität von Gerät und Kommunikation. Multinationale Planung, Ausbildung und Manöver werden erforderlich sein. Diese Bestrebungen sollten mit den
regionalen Organisatoren abgestimmt werden.

AMERIKA DIENST 39

Und fünftens: Wir müssen die angemessene, gerecht
verteilte Finanzierung von Friedensmissionen der UNO
gewährleisten.
Wie ich bereits sagte, müssen wir unsere nationalen
Institutionen verändern, wenn wir unsere internationalen Beziehungen verändern wollen. Ich möchte Ihnen
deshalb versichern: Die Vereinigten Staaten sind
bereit, ihren Teil dazu beizutragen, den Weltfrieden
durch die Stärkung der internationalen Fähigkeiten zur
Friedensbewahrung zu stärken.
Jahrzehntelang haben die amerikanischen Streitkräfte
als stabilisierende Präsenz auf der ganzen Welt gedient. Und ich möchte mir unsere große Erfahrung
beim Gewinnen von Kriegen und bei der Friedensbewahrung zunutze machen, um die friedenssichernden
Bemühungen der Vereinten Nationen zu unterstützen.
Ich habe den amerikanischen Verteidigungsminister
angewiesen, der Friedenserhaltung einen neuen
Schwerpunkt zu verleihen. Aufgrund der wachsenden
Bedeutung der Friedenssicherung als Mission für die
amerikanischen Streitkräfte werden wirdie Ausbildung
von Kampf-, Pionier- und Logistikeinheiten für das
gesamte Spektrum von friedenserhaltenden und
humanitären Aktivitäten forcieren.
Darüber hinaus werden wir mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten, um unsere beachtlichen Kapazitäten in den Bereichen Transport, Kommunikation und
Aufklärung zur Unterstützung von friedenserhaltenden Operationen einzusetzen. Ferner werden wir
unsere Kapazitäten für gemeinsame Simulationen und
Übungen anbieten, um unsere Fähigkeit zu stärken,
gemeinsame friedenssichernde Operationen durchzuführen. Dabei gibt es Raum für alle Länder, klein
oder groß, und ich hoffe, alle werden sich daran
beteiligen.
Den Mitgliedstaaten muß natürlich wie immerdie letzte
Entscheidung über den Einsatz ihrer Truppen vorbehalten bleiben. Wir müssen jedoch unsere Fähigkeit
entwickeln, friedensbewahrende Bemühungen zu
koordinieren, damit wir eine rasche Mobilisierung durchführen können, wenn eine Bedrohung für den Frieden
entsteht oder wenn Menschen in Not die Welt um Hilfe
bitten.
Seite 3

�Ich habe überdies die dauernde Einrichtung eines
Lehrgangs für Friedenserhaltung an den amerikanischen Militärakademien angeordnet. Der Ausbildung
kommt offenkundig eine Schlüsselfunktion zu. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, ihre Stützpunkte und
Einrichtungen für multinationale Ausbildung und Manöver zur Verfügung zu stellen. Einer dieser Stützpunkte, der hier in der Nähe liegt und solche Einrichtu ngen hat, ist Fort Dix. Amerika hat diese Stützpu nkte
benutzt, um den Kalten Krieg zu gewinnen. Heute
können sie nach der Beendigung des Kalten Krieges
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens beitragen.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihr militärisches
Wissen den Vereinten Nationen zur Verfügung zu
stellen, um den Vereinten Nationen bei der Stärkung
ihrer Planung und friedenserhaltenden Operationen zu
helfen. Darüber hinaus werden wir die amerikanische
Unterstützung für die Überwachung, Verifizierung,
Aufklärung und andere Erfordernisse von Friedensmissionen oder humanitären Hilfsoperationen der UNO
ausbauen.

Ferner fordere ich die unbegrenzte Verlängerung des
Vertrages über die Nichtverbreitung von Kernwaffen
bei dessen Überprüfungskonferenz im Jahr 1995. Wir
müssen Wege sondieren, mit denen wir die Verbindungen zwischen diesen Lieferantenklubs, der Gruppe
nuklearer Lieferländer, der Australiengruppe und dem
Regime zur Kontrolle von Raketentechnologie sowie
Sonderbehörden der Vereinten Nationen stärken
können. Hier möchte ich die produktiven Bemühungen
von UNSCOM bei der Demontage der irakischen
Massenvernichtungswaffen sowie die anhaltend gute
Arbeit der Internationalen Atomenergieorganisation
hervorheben.
Aber während sich die UN-Organisationen anpassen,
um der Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten, muß
auch jedes Mitgliedsland seine Strukturen verändern,
um unsere Ziele der Nichtverbreitung zu fördern.

In diesem Geist möchte ich heute meine Absicht
bekanntgeben, in Zusammenarbeit mit dem Kongreß
den Schwerpunkt des US-Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung, das einigen von Ihnen unter dem
Schließlich werden die Vereinigten Staaten auch prü- Kürzel ACDA bekannt ist, darauf zu verlagern, technifen, wie wir die Friedensbewahrung finanzieren kön- sche Unterstützung für die Nichtverbreitung, Überwanen und neue Wege sondieren, um die angemessene chung und Zerstörung von Waffen sowie die weltweite
finanzielle Unterstützung von Friedensmissionen und Konversion der Rüstungsindustrie zur Verfügung zu
humanitären Aktivitäten der UNO durch die Vereinig- stellen.
ten Staaten zu gewährleisten. Ich bin der Überzeugung, daß wir überdenken müssen, wie wir unsere Unter Leitung des Außenministers sollte das ACDA
Sicherheit in dieser neuen Ära gewährleisten und dafür nicht nur für die Vollendung des traditionellen Rüstungskontrollprogramms eingesetzt werden, sondern
bezahlen.
auch - was ebenso wichtig ist - für die Bereitstellung
Das Ende des Kalten Krieges mag zwar dem nuklea- technischer Hilfe im Rahmen unseres neuen Sicherren Wettrüsten zwischen den Supermächten ein Ende heitsprogramms.
bereitet haben, aber der regionale Wettlauf und Massenvernichtungswaffen bleiben bestehen. Über 20 Aber auch wenn wir uns um die Verhinderung der
Länder besitzen oder entwickeln nukleare, chemische Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bemüoder biologische Waffen und deren Trägersysteme. hen, müssen wir realistisch sein und uns gegen die
Zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten und ihre Weiterverbreitung schützen, die bereits stattgefunden
ehemaligen Gegner ihre nuklearen Arsenale in histori- hat. Deshalb arbeiten wir auf ein kooperatives Verteischem Ausmaß reduzieren, werden unsere Kinder digungssystem gegen begrenzte ballistische Angriffe
und Kindeskinder uns niemals verzeihen, wenn wir die hin. Wir beabsichtigen ohne Wenn und Aber, andere
Entwicklung neuer und instabiler nuklearer Konfronta- Nationen an diesem weltweiten Verteidigungssystem
teilhaben zu lassen.
tionen auf der ganzen Welt zulassen.
Wir gehen davon aus, daß der Sicherheitsrat ein
Hauptforum fürdie Durchsetzung der Nichtverbreitung
werden sollte. Der Sicherheitsrat sollte seine Absicht
verdeutlichen, der Verbreitung Einhalt zu gebieten und
gegen Weiterverbreiter Sanktionen zu verhängen. Zur
Bekräftigung von Zusicherungen, die bei der Aushandlung des Vertrages über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NPT) gemacht wurden, habe ich vorgeschlagen, der Sicherheitsrat solle den Nichtkernwaffenstaaten versichern, daß er unverzügliche Maßnahmen anstrebt, um im Einklang mit der Charta allen
Nichtkernwaffenstaaten, die Vertragspartei beim NPT
und Opfer eines Aktes der Aggression sind oder von
einer Aggression mit Kernwaffen bedroht werden,
Beistand zu gewähren.
Seite 4

Obwohl erweiterte Friedenserhaltungsfähigkeiten und
verbesserte Bemühungen zur Nichtverbreitung fürden
Aufbau eines dauerhaften Friedens entscheidend sein
werden, ist gemeinsames Wirtschaftswachstum die
langfristige Grundlage für eine bessere Zukunft bis
weit ins nächste Jahrhundert. Aus diesem Grund habe
ich gestern in einem Moment internationaler Ungewißheit erklärt, daß sich die Vereinigten Staaten mit ihren
weltweiten Partnern am Aufbau einer globalen Wirtschafts-, Finanz- und Handelsstruktur für dieses neue
Zeitalter beteiligen werden. Gleichzeitig fordere ich
dazu auf, daß uns unsere weltweiten Pflichten dazu
veranlassen, Wege zu prüfen, um den Koordinierungsprozeß der G-7 zu stärken. Ich habe ferner die
Unterstützung der Vereinigten Staaten fürdie europäi-

AMERIKA DIENST 39

�sehe Integration bekräftigt, die Märkte öffnet und die ten zu verlagern, die selbst einen Beitrag zu einer
Fähigkeit Europas verbessert, unser Partner bei den gesunden, wachsenden Weltwirtschaft leisten köngroßen Herausforderungen dieses neuen Zeitalters zu nen.
sein.
Das bedeutet, daß unser neuer Schwerpunkt der
Obwohl die exakte Form dieser Integration natürlich Aufbau einer wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen
Sache der Europäer ist, werden wir ihnen zur Seite unseren Privatsektoren sein sollte, die Wohlstand im
stehen. Wirtschaftswachstum ist kein Nullsummen- In- und Ausland hervorbringen wird. In Zusammenarprozeß. Wir alle werden von der Ausdehnung von beit mit dem Kongreß werde ich eine vollständige
Handel und Investitionen profitieren, die mit einer Umstrukturierung unserer Institutionen vorschlagen,
die Auslandshilfe planen und durchführen. Damit wird
florierenden wachsenden Weltwirtschaft einhergeht.
die Bürokratie drastisch abgebaut, die im Umfeld staatUm ferner sicherzustellen, daß die Vorteile dieses licher Programme entstanden ist, unsere Systeme zur
Wachstums von Dauer sind und von allen geteilt Bereitstellung der Hilfe werden gestrafft und die Unterwerden, sollte fairerund offener Wettbewerbder Treib- stützung für Entwicklung des Privatsektors und Wirtstoff der weltweiten Wirtschaftslokomotive sein. Aus schaftsreformen verstärkt.
diesem Grund möchten die Vereinigten Staaten die
Uruguay-Runde im Rahmen des GATT so rasch wie Das Amt für Internationale Entwicklung (AID), eine
möglich abschließen und ein Netz von Freihandelsab- weitere während des Kalten Krieges entstandene
kommen schaffen, das mit dem Nordamerikanischen Institution, bedarf einer grundsätzlichen und radikalen
Freihandelsabkommen beginnt. Gleichzeitig müssen Umstrukturierung. Förderung der wirtschaftlichen
wir erkennen, daß wir gemeinsam Verantwortung dafür Sicherheit, wirtschaftlicher Chancen und der Wettbetragen, die marktwirtschaftlichen Reformen zu fördern werbsfähigkeit wird eine vorrangige Aufgabe des
und unterstützen, die für den Aufbau wachsender Außenministeriums werden.
Volkswirtschaften und lebendiger Demokratien in den
Entwicklungsländern und in den neuen Demokratien Unsere Hilfsbemühungen sollten keine Almosen sein.
erforderlich sind. Dies sollte durch Förderung des Im Gegenteil, sie sollten allseitigen Wohlstand fördern.
Privatsektors beim Aufbau dieser neuen Volkswirt- Deshalb werde ich vorschlagen, unter Einsatz besteschaften erfolgen, nicht durch Unterstützung der hender Mittel des Außenministeriums einen mit 1 MilAbhängigkeiten der traditionellen Hilfe von Regierung liarde Dollar ausgestatteten Wachstumsfonds einzurichten. Der Fonds wird Beihilfen und Kredite gewähzu Regierung.
ren, um amerikanische Unternehmen bei der BereitSeit dem Zweiten Weltkrieg hat Auslandshilfe oft als stellung von Fachwissen, Waren und Dienstleistungen
Waffe im Kalten Krieg gedient. Zweifellos werden wir zu unterstützen, die dringend in den Ländern benötigt
weiterhin entscheidende Mittel der Auslandshilfe be- werden, die eine wirtschaftliche Umstrukturierung
nutzen, um legitime Sicherheitsbedürfnisse zu erfül- durchführen.
len. Und wie unsere humanitären Operationen in
Somalia und im Nordirak, Bosnien und der ehemaligen Darüber hinaus werde ich eine erhebliche Steigerung
Sowjetunion belegen, werden wir weiterhin unsere der Programme der Export-Import-Bank unterstützen,
nachhaltigen Bemühungen für humanitäre Hilfe fort- um zu gewährleisten, daß amerikanische Produkte
setzen, um denjenigen beizustehen, die unter vom und Technik Investitionen für weltweites WirtschaftsMenschen verursachten und Naturkatastrophen lei- wachstum fördern. Die Vereinigten Staaten werden
mit ihren Partnern weltweit, insbesondere den G-7den.
Staaten, dafür eintreten, das Wachstum der WeltwirtAber die Auslandshilfe wie wir sie kennen bedarf der schaft an diesem Wendepunkt der Weltgeschichte zu
Umgestaltung. Die Vorstellung von der milden Gabe verstärken, da ein Zeitalter zu Ende geht und wir am
an weniger entwickelte Länder muß der Zusammenar- Beginn eines neuen stehen. Keiner von uns kann sich
beit in allseits produktiven Wirtschaftsbeziehungen eine isolierte Politik leisten. Jeder von uns muß durch
weichen. Wir wiesen, daß das Wirtschaftswachstum besser koordinierte Maßnahmen dazu beitragen, eine
eines Landes umso höher ist, je stärker es auf die stärkere Weltwirtschaft aufzubauen.
Privatwirtschaft vertraut. Je offener es für Handel ist,
desto höher ist seine Wachstumsrate. Und je besser Meine Damen und Herren, ich bin mir der Tatsache
das Investitionsklima in einem Land, desto höher sein bewußt, daß ich heute eine ehrgeizige Tagesordnung
skizziert habe. Aber wir leben in bemerkenswerten
Wachstum.
Zeiten - Zeiten, in denen Imperien zusammenbrechen,
Um von der Hilfe, die ich als "Abhängigkeit von Hilfe" Ideologien sich auflösen und Mauern zerbröckeln,
bezeichnen würde, zu einer wirtschaftlichen Partner- Zeiten, in denen Veränderungen so rasch erfolgen
schaft überzugehen, schlage ich vor, den Schwer- können, daß wir bisweilen vergessen, wie weit und wie
punkt der amerikanischen Hilfsprogramme grundsätz- schnell wir bei der Verwirklichung unserer Hoffnungen
lich zum Aufbau starker, unabhängiger Volkswirtschaf- auf eine Weltgemeinschaft demokratischer Nationen
fortgeschritten sind.
AMERIKA DIENST 39

Seite 5

�Und angesichts der heutigen Veränderungen mit dem
Verlust so vieler vertrauter und berechenbarer Parameter besteht für Menschen überall eine große Versuchung, Nabelschau zu betreiben und Mauern um sich
herum aufzubauen. Mauern gegen den Handel, Mauern
gegen Menschen, Mauern gegen Ideen und Investitionen, Mauern gegen alles, was neu und anders zu sein
scheint.
Wie die Berliner Mauer fiel, müssen auch diese Mauern fallen. Sie müssen fallen, weil wir unser Schicksal
nicht von dem der anderen trennen können. Unser
Frieden ist so miteinander verbunden, unsere Sicherheit so stark verflochten, unser Wohlstand so vonein-

ander abhängig, daß eine Wendung nach innen und
eine Abkehr von der Welt eine Katastrophe und eine
Niederlage heraufbeschwören würden. An der Schwelle eines neuen Jahrhunderts können wir wahrhaft
feststellen, daß uns eine friedlichere, sicherere, wohlhabendere Zukunft winkt. Und um unserer Kinder und
Enkel willen und um derjenigen willen, die im Kalten
Krieg ihr Leben ließen und um all der Männer, Frauen
und Kinder willen, die die Flamme der Freiheit selbst in
den dunkelsten Stunden am Leben erhielten, sollten
wir uns alle verpflichten, diese Zukunft Wirklichkeit
werdenzu lassen. Und wir sollten uns verpflichten,das
Versprechen auf wahrhaft Vereinte Nationen zu erfüllen.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 39

�USA - D E U T S C H L A N D
30. September 1992

NEUES OPEL-WERK IN EISENACH ERÖFFNET
Botschafter Kimmitt überbringt Botschaft von Präsident Bush
EISEN ACH - (AD) - In einer kurzen Ansprache anläßlich der Eröffnung des neuen Automobilwerks der Opel AG.
in Eisenach übermittelte der amerikanische Botschafter Robert M. Kimmitt am 23. September 1992 der
Bevölkerung des Bundeslandes Thüringen eine Botschaft von Präsident Bush, in der die kontinuierliche
Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Vereinigung Deutschlands und das Engagement amerikanischer
Unternehmen wie der Opel-Muttergesellschaft General Motors für den Wiederaufbau Ostdeutschlands unterstrichen wird. Nachfolgend veröffentlichen wir die kurze Ansprache von Botschafter Kimmitt mit der Botschaft
des Präsidenten im Wortlaut.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine Herren Smith, Hughes und Herman,
meine sehr verehrten Gäste,

Gewiß sind Amerikaner und Deutsche schon gemeinsam an diesem Werk beteiligt, und dies gilt nicht nur
hier in Eisenach, sondern überall in den fünf neuen
Bundesländern. Über 150 amerikanische Firmen sind
bereits in den neuen Ländern tätig. Ihre Investitionen
übersteigen drei Milliarden D-Mark, und sie beschäftigen über 30.000 Menschen.

es ist mir eine große Freude, heute bei Ihnen sein zu Keine amerikanische Investition ist jedoch eindruckskönnen. Präsident Bush hat mich gebeten, die folgen- voller als diese hier. Auf dem von immer schärferem
Wettbewerb gekennzeichneten Weltmarkt müssen
de Botschaft zu verlesen:
erfolgreiche Unternehmen sowohl im Inland als auch
"An die Bürger des Bundeslandes Thüringen:
im Ausland stark sein. Ich habe keinen Zweifel daran,
daß die zukunftsorientierte Strategie von General Motors
In den historischen Jahren 1989 und 1990 haben in Deutschland einen großen Beitrag zur Stärke und
die Amerikaner mit besonderem Stolz den Pro- zum Erfolg des Unternehmens in den Vereinigten
zeß, der zur Vereinigung Deutschlands führte, Staaten und weltweit leisten wird.
unterstützt. Dieser Prozeß dauert heute noch
an, und Amerika möchte weiterhin seinen Teil Die Investition von General Motors an diesem Ort ist
dazu beitragen. Im vergangenen Jahr hat Jim darüber hinaus ein Vorzeichen für das weitere EngaBaker in Berlin unser Engagement bekräftigt, gement der amerikanischen Wirtschaft in den fünf
indem erfeststellte: 'Ich zweifle nicht daran, daß neuen Bundesländern. Allein in den letzten beiden
dieser Teil Deutschlands in nicht allzu ferner Wochen haben wir die Vorstandsvorsitzenden von
Zukunft eines der wirtschaftlichen Zugpferde Kodak, Pitney-Bowes und der Eaton Corporation in
Europas sein wird. An dem Tag, so glaube ich, diesem Teil Deutschlands begrü ßt. Sie alle sind in den
werden Amerikaner und Deutsche gemeinsam neuen Bundesländern geschäftlich tätig, und sie alle
an diesem Werk beteiligt sein.' Heute ist diese möchten ihre Aktivitäten hier weiter verstärken. PitErklärung Wirklichkeit geworden. Mit Stolz und ney-Bowes hat sogar seine jährliche Vorstandssitzung
Vertrauen in unsere gemeinsame Zukunft sen- gerade deshalb im Ostteil Berlins veranstaltet, weil
de ich Ihnen deshalb heute die besten Wünsche man sich persönlich aus erster Hand über die hier
des amerikanischen Volkes zu diesem beson- bestehenden Chancen informieren wollte.
deren Anlaß.
Bei Chancengleichheit im Wettbewerb um InvestitioUnterzeichnet: George Bush, Präsident der nen in den neuen Ländern bin ich zuversichtlich, daß
Vereinigten Staaten von Amerika."
zahlreiche weitere amerikanische Unternehmen einen
Beitrag zur Renaissance in diesem Teil Deutschlands

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�leisten werden. Wir sind besonders an Investitionen in
den Sektoren Energie und Telekommunikation interessiert, in denen amerikanische Firmen bereits Vorschläge für Gesamtinvestitionen von über 1 Milliarde
D-Mark unterbreitet haben.

intensivieren. Darüber hinaus müssen wir erkennen,
daß Sicherheit und politische Fragen zwar wichtig
bleiben werden, jedoch die wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen zwischen unseren beiden Ländern die hier am heutigen Tage so wunderbar zum Ausdruck kommen - mit jedem verstreichenden Jahr an
Meine Damen und Herren, dieser dramatische Anstieg Bedeutung gewinnen.
der amerikanischen Investitionstätigkeit in den neuen
Bundesländern ist ebenfalls ein Zeichen für unsere Ich beglückwünsche erneut die Opel-Werke von General
Zukunft. Die Umgestaltung der deutsch-amerikani- Motors und die Menschen von Eisenach und Thürinschen Beziehungen zu der heutigen engen Partner- gen. Ihre neue Partnerschaft hier, dessen bin ich
schaft ist eine der größten Erfolgsgeschichten unseres sicher, wird gut für die Wirtschaft sein. Aber ich bin
Zeitalters. Wir können zwar aus unserem vergange- noch zuversichtlicher, daß sie auch die Bindungen
nen Erfolg Stärke schöpfen, müssen aber die Notwen- zwischen unseren beiden Ländern und Völkern verdigkeit erkennen, unsere Bemühungen in Zukunft zu stärken wird. Ich danke Ihnen.
* * * *

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Seite 2

AMERIKA DIENST 39

�WAHLEN

'92
30. September 1992

BUSH SCHLÄGT ÜBERRASCHEND
VIER DEBATTEN VOR
Neuer Schachzug des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat am 29. dent forderte Clinton auf, seine Wahlkampfhelfer zu
September 1992 seinen demokratischen Gegenkandi- veranlassen, die Kommission zu umgehen und "unverdaten für das Präsidentenamt, den Gouverneur von züglich mit meinen Wahlkampfmitarbeitern zusamArkansas Bill Clinton, zu vier Fernsehdebatten über menzutreffen, um die Einzelheiten unmittelbar zwidie Zukunft der Vereinigten Staaten herausgefordert. schen den Parteien auszuarbeiten. Laßt uns zur
Sache kommen", erklärte Bush.
Nach wochenlangen Diskussionen über die Form der
Debatten benutzte der Präsident eine abendliche Präsidentschaftsdebatten wurden seit den KonfrontaWahlversammlung in Clarksville (Tennessee) zur tionen zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon
im Jahr 1960 im Fernsehen übertragen. Bei diesen
Verkündung dieses überraschenden Schachzugs.
Begegnungen traten die Gefahren und Vorzüge sol"Worüber werden wir in diesen Debatten sprechen?", cher Debatten klar zutage. Keiner der beiden Kandidafragte Bush. "Eine simple Frage - was für ein Amerika ten wurde als Gewinner bei den Sachfragen betrachwir möchten."
tet. Aber die zuversichtliche und ruhige Art des damaligen Senators Kennedy sowie das sichtbare SchwitEr forderte Clinton auf, seine "Herausforderung für zen und die fahle Hautfarbe (die durch zu dickes
eine Debatte an jedem Sonntag vom 11. Oktober bis Makeup verursacht wurde) von Vizepräsident Richard
zum 1. November" anzunehmen. "Dies würde bedeu- Nixon veranlaßten viele Zuschauer zu der Ansicht, der
ten, daß es vier im Fernsehen übertragene Debatten demokratische Herausforderer habe besser abgeschnitder Präsidentschaftskandidaten geben würde, mehr ten. Kennedy gewan schließlich das Kopf-an-Kopfals je zuvor in einem Präsidentschaftswahlkampf."
Rennen.
Die überparteiliche Kommission zu den PräsidentBush erklärte, er werde die Teilnahme Ross Perots bei
schaftsdebatten hatte drei Debatten vor der Wahl am
den Sonntagsdebatten begrüßen, falls sich der Milliar3. November vorgeschlagen, war jedoch gezwungen,
där aus Texas wie erwartet zu einem Sinneswandel
zwei davon abzusagen, weil der Präsident die von der
entschließen und sich am Wettstreit um das Weiße
Kommission vorgesehene Form ablehnte. Infolge der
Haus beteiligen sollte.
wertverbreiteten Kritik an der Form früherer Debatten
hatte die Kommission direkte Diskussionen zwischen Femer sollte es Bush zufolge zwei Debatten - eine in
den Kandidaten mit nur einem Moderator vorgeschla- jedem Format - zwischen Vizepräsident Quayle und
gen, der die Debatten leiten sollte. In früheren Jahren seinem demokratischen Gegner, dem Senator aus
hatten die Kandidaten abwechselnd Fragen von einer Tennessee AI Gore geben.
Gruppe von vier Journalisten beantwortet. Clinton
hatte den Vorschlag der Kommission angenommen Bush erklärte, seiner Auffassung nach sei es für die
und weigerte sich, mit Bushs Wahlkampfteam über amerikanischen Wähler lebenswichtig, "eine Möglichalternative Formen zu verhandeln.
keit zu haben, die Kandidaten selbst in öffentlichen
Fernsehdebatten zu sehen und zu hören. Darüber
Bush schlug vor, zwei der vorgeschlagenen vier De- hinaus glaube ich, daß die Kandidaten keine Angst
batten mit nur einem Moderator zu veranstalten und haben sollten, während der Präsidentschaftsdebatten
zwei in der von ihm so bezeichneten "traditionellen" Fragen zu akzeptieren und beantworten."
Form mit Fragen von mehreren Reportern. Der Präsi* * * * *

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�JUGOSLAWIEN
30. September 1992

USA: AUSSCHLUSS BELGRADS DURCH
UN-GENERALVERSAMMLUNG "ANGEMESSEN"
Erklärung von Botschafter Perkins
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der amerikanische Botschafter Edward Perkins erklärte am 22. September
1992, daß der Ausschluß Belgrads durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen "nur die Realitäten
der Lage im ehemaligen Jugoslawien widerspiegelt" und keineswegs überraschend kam.
Mit 127 zu 6 Stimmen bei 26 Enthaltungen schloß die Generalversammlung Serbien und Montenegro, bekannt
als Föderative Republik Jugoslawien, aus der Generalversammlung aus und verfügte, daß Belgrad einen Antrag
auf UN-Mitgliedschaft stellen muß.
Mit der Auflösung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien "bildet keine der ehemaligen Republiken so eindeutig einen überwiegenden Teil des ursprünglichen Staates, um als Nachfolger dieses Staates
behandelt zu werden. Aus diesem Grund hat meine Regierung stets eindeutig klargestellt, daß wir den Anspruch
von Serbien-Montenegro auf den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht anerkennen können", erklärte Perkins
bei einer Pressekonferenz.
"Unseres Erachtens ist dieses Vorgehen des Sicherheitsrats und der Generalversammlung die angemessene
Reaktion auf diese außergewöhnliche Situation", stellte der Botschafter fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut von Perkins Erklärung.
Heute abend hat die Generalversammlung die außer- Nationen bei der Entscheidung von Fragen der Mitgewöhnlichen Konsequenzen einerdergroßen Tragö- gliedschaft im Zusammenhang mit der Auflösung von
dien unserer Zeit angesprochen. Der Konflikt auf dem Staaten. Diesen Prinzipien zufolge wird die juristische
Territorium des ehemaligen Jugoslawiens gefährdet Person des ehemaligen Staates als erloschen angeseunser aller Sicherheit, weil er die von uns angestrebte hen, und kein Staat hat das Recht auf Fortsetzung der
demokratische und friedliche Ordnung gefährdet. Wir Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen, wenn keine
können kein wichtigeres Ziel verfolgen, als die Erlan- der ehemaligen Republiken so eindeutig einen übergung von Frieden. Wir unterstützen alle praktischen wiegenden Teil des ursprünglichen Staates bildet, um
Bemühungen, um Frieden auf dem Territorium des fairerweise als Nachfolger dieses Staates angesehen
ehemaligen Jugoslawiens herbeizuführen. In diesem zu werden.
Zusammenhang begrüßen wir die Bestrebungen von
Premierminister Panic um eine friedliche Lösung der Vor ihrer Auflösung war die Sozialistische Föderative
Krise. Wir unterstützen diese Maßnahmen und wer- Republik Jugoslawien eine der dezentralisiertesten
den die Situation genau überwachen. Wir werden Nationen der Welt. Seitdem wurde unter den ehemajeden konstruktiven Versuch zu einer friedlichen poli- ligen jugoslawischen Republiken keine Einigung über
den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens in den Vereintischen Lösung im ehemaligen Jugoslawien fördern.
ten Nationen erzielt. Entsprechend bildet keine der
Im Hinblick auf die Vermittlung von Frieden möchten ehemaligen Republiken so eindeutig einen überwiewir betonen, daß die heute von der Generalversamm- genden Teil des ursprünglichen Staates, um als Nachlung ergriffene Maßnahme nur die Realitäten der Lage folger dieses Staates behandelt zu werden. Aus
im ehemaligen Jugoslawien widerspiegelt. Obwohl diesem Grund hat meine Regierung stets eindeutig
dieses Vorgehen einmalig ist, kam es keineswegs klargestellt, daß wir den Anspruch von Serbien-Montevöllig überraschend. Vor 45 Jahren formulierte der negro auf den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht
Sechste Ausschuß (Rechtsausschuß) der Vereinten anerkennen können. Unseres Erachtens ist dieses
Nationen Prinzipien als Richtlinien für die Vereinten Vorgehen des Sicherheitsrats und der GeneralverAMERIKA DIENST 39

Seite 1

�Sammlung die angemessene Reaktion auf diese außergewöhnliche Situation.

seine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen daher
ausgelaufen ist.

Die Charta der Vereinten Nationen sieht kein bestimmtes Verfahren für die Ablehnung des Anspruchs des
Restes eines ehemaligen Staates vor, die Mitgliedschaft dieses Staates zu erben. Das heutige Vorgehen
bestätigt jedoch, daß diese Frage - wie andere Fragen
der Mitgliedschaft - von der Generalversammlung auf
Empfehlung des Sicherheitsrats entschieden werden
sollte. Andere Gremien im UN-System sollten jetzt der
Entscheidung der Generalversammlung folgen und
unverzüglich handeln, um sicherzustellen, daß Serbien-Montenegro den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht länger behält.

Da der Rat und die Generalversammlung bestätigt
haben, daß Serbien-Montenegro nicht die Fortsetzung
der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien
ist, folgt automatisch, daß Serbien-Montenegro einen
Antrag auf Mitgliedschaft stellen muß, ebenso wie es
die anderen ehemaligen jugoslawischen Republiken
getan haben, wenn es Mitglied der Vereinten Nationen
sein will.

Wenn Serbien-Montenegro einen Antrag stellt, wird es
anhand derselben Kriterien beurteilt wie alle neuen
Staaten. Wie alle Bewerber wird Serbien-Montenegro
beweisen müssen, daß es bereit und willens ist, die
Die vom Sicherheitsrat am Wochenende verabschie- Verpflichtungen der UN-Charta zu erfüllen, einschließdete Resolution 777 (1992) erkennt an, daß das ehe- lich der Verpflichtung zur Einhaltung von bindenden
malige Jugoslawien aufgehört hat zu existieren. Auf Resolutionen des Sicherheitsrats. Wir hoffen, daß der
Empfehlung des Rats lehnt die heutige Resolution der Wunsch Serbien-Montenegros nach Mitgliedschaft in
Generalversammlung den Anspruch von Serbien- den Vereinten Nationen als starker Anreiz für dieses
Montenegro ab, die Mitgliedschaft des ehemaligen Land dient, diese Verpflichtungen zu wahren. Bis zum
Jugoslawiens fortzusetzen. Hierbei handelt es sich Zeitpunkt des Antrags und bis Serbien-Montenegro
nicht um die Aussetzung der Mitgliedschaft, wie einige offiziell aufgenommen wird, kann dieses Land wie
behaupten könnten. Im Anschluß an die Maßnahmen jedes andere Land, das nicht Mitglied der Vereinten
des Sicherheitsrats hat die Generalversammlung viel- Nationen ist, sich nicht an der Arbeit der Generalvermehr schlicht und einfach entschieden, daß das ehe- sammlung oder ihrer Ausschüsse beteiligen, es sei
malige Jugoslawien aufgehört hat zu existieren und denn, es wird ausdrücklich dazu eingeladen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 39

�KSZE
30. September 1992

USA: SICHERHEITSFORUM WIRD
AGGRESSIONSRISIKO VERRINGERN
Amerikanische Erklärung bei Eröffnung des Sicherheitsforums
WIEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung im Wortlaut, die vom amerikanischen Vertreter
beim KSZE-Forum für Sicherheitszusammenarbeit, Botschafter Lynn M. Hanson, beider Eröffnungssitzung des
Forums am 22. September 1992 in Wien abgegeben wurde.
Heute nehmen die Teilnehmerstaaten der KSZE ein
ehrgeiziges und ehrenwertes Vorhaben auf, durch
das sie versuchen, ihr Streben nach Verwirklichung
der im Namen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zum Ausdruck kommenden
Ziele zu untermauern: Zusammenarbeit bei Angelegenheiten, die ihre gemeinsame Sicherheit betreffen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind erfreut
darüber, an diesem historischen Anlaß teilzunehmen.
Das Forum für Sicherheitszusammenarbeit, das wir
soeben eröffnet haben, führt sein Mandat direkt auf
die Schlußakte von 1975 zurück. Dort haben die
teilnehmenden Staaten einer sehr jungen KSZE
anerkannt, daß ihre Sicherheit unteilbar ist und sind
eine feierliche Verpflichtung eingegangen, zur Förderung des Friedens und der Stabilität in ganz Europa
zusammenzuarbeiten. In den letzten Jahrzehnten
des Kalten Krieges haben wir, die Mitglieder der
KSZE, uns in Helsinki und in Genf, in Belgrad und in
Madrid, in Stockholm und hier in Wien darum bemüht,
dieses Versprechen einzulösen.
Unsere Bemühungen wurden von unvorstellbarem
Erfolg gekrönt. Der Kalte Krieg ist nun ein Kapitel im
Buch der Geschichte. Mit seinem Ende hat die
Aussicht auf Freiheit Millionen mit neuer Hoffnung für
die Zukunft erfüllt. Die nukleare Bedrohung hat abgenommen, und die Konfrontation zwischen den Blökken wurde vom Fundament einer neuen Sicherheitsarchitektur für Europa abgelöst. Es ist nun unsere
Aufgabe als Teilnehmer an diesem Forum für Sicherheitszusammenarbeit, auf diesem Fundament eine
solide und dauerhafte Struktur zu bauen.
Es ist jedoch eine schreckliche Ironie, die niemandem
in diesem Saal entgangen sein wird, daß dieses der
europäischen Sicherheit gewidmete Forum seine Arbeit
vor dem Hintergrund des tödlichsten und zerstöreAMERIKA DIENST 39

rischsten Konflikts aufnimmt, den Europa im letzten
halben Jahrhundert erlebt hat. Dies sind die negativeren Aspekte des neuen Europas: Freiheit ohne
Demokratie, Stärke ohne Zurückhaltung. Das Potential für lokale Konflikte, die aus ethnische Haß und
intolerantem Nationalismus entstehen, stellt heute die
größte realistische Bedrohung der kollektiven Sicherheit Europas dar.
Die Charta von Paris sowie das Dokument von Helsinki von 1992 haben anerkannt, daß die KSZE sowohl
die Mittel schaffen mu ß, um die Wurzel von Konflikten
bloßzulegen als auch ihre Mechanismen für die Beilegung von Konflikten stärken muß. Das Forum für
Sicherheitszusammenarbeit muß auch hier eine wichtige Rolle spielen. Diese Institution der KSZE hat ein
Mandat, um Konfliktrisiken durch Überwachung und
Regulierung der Mittel zu reduzieren, mit denen die
Staaten Aggressionen begehen könnten: insbesondere militärische Aktivitäten sowie die Streitkräfte und
Rüstungen selbst. Bei der Verfolgung dieses Ziels
berücksichtigen wir, daß der KSE-Vertrag ein Eckpfeiler des Fundaments der europäischen Sicherheit
ist. Die peinlich genaue Einhaltung seiner Bestimmungen und Ziele ist nach Ansicht der Vereinigten
Staaten eine Voraussetzung für den Erfolg unserer
Arbeit hier.
Die Maßnahmen, die wir durch Verhandlungen in
diesem Forum erreichen möchten, zielen letztlich auf
die Reduzierung des Konfliktpotentials ab. Die Transparenz und verstärkten Kontakte, die wir hier fördern, werden - so hoffen wir - die Berechenbarkeit
erhöhen und dazu beitragen, das Mißtrauen und die
Fehleinschätzungen zu überwinden, die Konflikte hervorbringen und schüren können. Unter den heutigen
Umständen sind diese Ziele schwerlich abstrakte
Konzepte. Ihre Verwirklichung kann unmittelbare
positive Auswirkungen auf Menschenleben haben.
Seite 1

�Die Delegation der Vereinigten Staaten ist bereit, eine
aktive und konstruktive Rolle bei der Bewältigung der
vor uns liegenden Herausforderungen zu spielen. Wir
sehen der Zusammenarbeit mit allen Delegationen bei
der Verwirklichung der im Mandat des Forums enthaltenen gemeinsamen Ziele erwartungsvoll entgegen.

Insbesondere reichen wir jenen neuen unabhängigen
Staaten die Hand, die zum ersten Mal an einem
multilateralen Sicherheitsforum teilnehmen. Meine
Delegation steht bereit, um unsere Erfahrungen und
Ressourcen in der Hoffnung zu teilen, daß wir Ihre
Akklimatisierung bei diesem großen Vorhaben erleichtem können.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 39

�KSZE
30. September 1992

DIE KSZE 1992:
DIE HERAUSFORDERUNGEN DES WANDELS
Vortrag von John Kornblum
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Vortrag von Botschafter John C. Kornblum, dem
Vertreter der Vereinigten Staaten bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)
anläßlich der 8. Jahreskonferenz der Direktoren der Institute für Strategische Studien am 24. September 1992
im Wortlaut.
Es bedurfte nicht der Ergebnisse des französischen
Referendums um zu verdeutlichen, daß die in Europa
stattfindenden Veränderungen grundlegender sind als
viele zunächst geglaubt hatten. Wir befinden uns
inmitten eines historischen Umbruchs, der nicht weniger bedeutend ist als im Jahr 1914 und 1815. Die
westlichen Gesellschaften werden ebenso anfällig für
Unsicherheit wie die neuen Demokratien im Osten.

Eine Welt, die sich an die vorsichtige Handhabung der
Weltpolitik durch Supermächte und ihre jeweiligen
Bündnisse gewöhnt hat, neigt eher dazu, von anhaltenden Konflikten tiefgreifend erschüttert zu werden.
Ein Europa, daß durch die Annahme selbstgefällig
wurde, es habe den Kreislauf von Konflikten und
Auseinandersetzungen durchbrochen, wird genötigt
sein, die Gründe der neuen Ausbrüche von Gewalt
zwischen seinen Völkern zu begreifen.

Es ist wahrscheinlich, daß in den kommenden fünf bis
zehn Jahren eine Kombination von innen- und außenpolitischen Faktoren Beziehungen durcheinanderbringen, Ziele vernebeln und das politische Kalkül praktisch jedes wichtigen Entscheidungsträgers durchkreuzen werden.

Unter solchen Bedingungen ist es nur natürlich, daß
die Staaten Hilfe zunächst von den internationalen
Institutionen erwarten werden, die seit dem Ende des
Ersten Weltkrieges entstanden sind. Wilsons Vision
von einer auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien
vereinigten Welt ist nach wie vor mächtig, insbesondeSo schwierig eine Definition auch sein mag, die Aus- re in Europa. Die politischen Entscheidungsträger
wirkungen dieser historischen Umgestaltung werden können aus der von anderen Regierungen als Teil
in vielen unserer Länder wahrscheinlich weitreichende einer geteilten Last gewährten Unterstützung Trost
Veränderungen in den innen- und außenpolitischen schöpfen. Das quälende Gespenst des aggressiven
Debatten auslösen. Das weitverbreitete Gefühl der Nationalismus bleibt ein mächtiger Anreiz zu internaMisere, wie es in vielen westlichen Staaten empfunden tionaler Zusammenarbeit, und viele der Aufgaben von
wird, ist zumindest teilweise auf eine wachsende Kluft heute können wirklich nur im Konzert mit anderen
zwischen Vision und Ziel zurückzuführen. Die Besei- gleichgesinnten Staaten erfüllt werden.
tigung des zentralen Organisationsprinzips des OstWest-Konflikts hat uns alle in eine Lage versetzt, in der Die andauernde Suche nach europäischer
wir nach etwas Neuem suchen, auf das wir unsere Sicherheit
Energien verwenden können.
Unter den nach dem Kalten Krieg auf der Tagesordnung
stehenden internationalen Aufgaben scheint keine
Alle Nationen werden innenpolitisch mit diesen Probleso
zwingend
erforderlich zu sein wie die europäische
men zu kämpfen haben. Diese sogenannte Vision wird
Sicherheitszusammenarbeit.
Seit dem Zusammenauf der Tagesordnung der meisten Entscheidungsträbruch
des
europäischen
Gleichgewichts
der Kräfte im
ger weiterhin einen hohen Rang einnehmen. Dasselbe
Jahr
1914
hat
die
Suche
nach
einer
neuen
und dauergilt für die Bewältigung der neuen Probleme, die aus
haften
Friedensordnung
in
Europa
den
Löwenanteil
der Asche der alten Ordnung aufgetaucht sind. Ethnische Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Schwä- der internationalen Aufmerksamkeit verschlungen. Dies
che und innenpolitische Unruhen werden voraussicht- war schließlich der Hauptgrund für den Kalten Krieg.
Selbst in der angeblich multipolaren Welt von heute
lich auf einige Zeit hinaus andauern.
AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�scheint ein allgemeiner Konsens zu bestehen, daß ein
dauerhafter Weltfrieden nicht erlangt werden kann,
wenn man nicht irgendwie ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen den Konfliktparteien auf diesem Kontinent findet.

Seit 1945 sind zu diesem Zweck mehrere internationale Foren entstanden. Diese Gremien betonen das
Gemeinsame gegenüber dem Teilaspekt. Sie ermöglichen konkrete Schritte zu echter Zusammenarbeit.
Am wichtigsten ist vielleicht, daß die seit dem Zweiten
Weltkrieg entstandene Architektur eine feste Rolle für
die einzige Macht definiert, die einen Anschein von
Ordnung in Europa garantieren kann - die Vereinigten
Staaten.

Ebenfalls scheint allgemein Übereinstimmung darüber
zu herrschen, daß sich europäische Sicherheit nur
durch internationale Zusammenarbeit verwirklichen
läßt. Auf nationalem Vorteil basierende einseitige
Sicherheit bleibt das am nachhaltigsten abgelehnte Sicherheit und Identität gleich SicherheitsidentiKonzept. Das Schlagwort lautet heute "europäische tät?
Sicherheitsarchitektur". Unter der Annahme, daß die
alte Sicherheitsarchitektur das Gleichgewicht des Kalten Diese amerikanische Rolle bleibt für den Prozeß so
Krieges war, hat sich eine bisweilen schier verzweifelt zentral, daß sie selbst für die Erbauer des neuen
erscheinende Suche nach einem neuen Rahmen ent- Sicherheitsgebäudes eines der wichtigsten Konstruktionsprobleme ist. Indem wir so tief in Europa engawickelt, der dessen Stelle einnehmen soll.
giert sind, liefern wir die Grundlage für den historischen
Der Vertrag von Maastricht war sicherlich als Teil Prozeß des Aufbaus einer neuen europäischen Idendieser Architektur konzipiert. Die mehrfachen Verän- tität. Gerade diese unsere Rolle macht jedoch ebenso
derungen der NATO nach 1989 verfolgten dasselbe klar, wie lang dieser Prozeß wahrscheinlich dauern
Ziel. Die KSZE hat zweimal versucht, einen radikal wird. Manchmal dienen wir allzu leicht als Krücke, auf
veränderten Rahmen von Arrangements zu entwick- die man sich stützt, während man schwere Entscheieln, um Schritt zu halten. Und natürlich hat die UNO dungen vermeidet.
eine wesentlich aktivere Rolle bei der Bewältigung von
In Helsinki hat der damalige Stellvertretende AußenKrisen in Europa übernommen.
minister Eagleburger erklärt, der tiefere Zweck der
Jede dieser Bestrebungen hat dazu beigetragen, wich- KSZE-Folgekonferenz bestehe in der Entwicklung einer
tige Institutionen an die veränderte Welt anzupassen. neuen Definition von Sicherheit in der Welt nach dem
Im Hinblick auf die Annahme, daß das Finden der Kalten Krieg. Aus amerikanischer Sicht hat das entrichtigen Struktur an sich zu einer Lösung des Pro- scheidende Element der europäischen Sicherheit nieblems führen wird, ist große Skepsis angebracht. mals nur in der Abschreckung von Aggression oder
Wahrscheinlich wird es anders herum geschehen. Unterdrückung von Instabilität bestanden. Wir haben
Lösungen werden langsam entstehen, und die Struk- energisch die Ansicht vertreten, Europa könne sein
tur wird ihnen folgen. Einige wenige Leitprinzipien inneres Gleichgewicht nicht wiederfinden, bevor es
werden unabdingbar sein, aber es ist gefährlich anzu- nicht erfolgreich die Frage seines Wertgefühls und
nehmen, man müsse nur den richtigen Vertrag oder seiner Identität gelöst habe. Wie sich dieser Prozeß
den perfekten Rahmen von Mechanismen konzipie- des Findens eines stärkeren Selbstwertgefühls geren, und das schreckliche Dilemma der Welt nach dem genüber den Vereinigten Staaten abspielt, wird in
erheblichem Ausmaß die künftige Richtung der euroKalten Krieg würde sich in Wohlgefallen auflösen.
päischen Sicherheitszusammenarbeit bestimmen.
Nichts derartiges wird voraussichtlich geschehen. Wie
die Verfasser von Maastricht zu ihrem Schmerz erfah- Wir haben die Idee der europäischen Identität proparen mußten, können langfristige politische Prozesse giert lange bevor sie zum Schlagwort der Brüsseler
und besonders die Stimme des Volkes nicht außer Bürokratie wurde. Wir glaubten, die amerikanische
acht gelassen werden. Verwirrung anstatt Klarheit Erfahrung habe Europa eine wichtige Leitlinie gegewird wahrscheinlich das Leitprinzip sein, während sich ben. Es sei wichtig, daß es keine blinde Nachahmung
diese natürliche Evolution zu einer heute historischen in Gestalt föderaler "Vereinigter Staaten von Europa"
Ära langsam vollzieht.
werde. Wir gingen davon aus, daß sich die europäischen Nationen mit ihrer gegenseitigen Existenz nieEbenso kann die Energie, die aus der Furcht um das mals wohlfühlen würden, wenn sie nicht das Gefühl
eigene Überleben entsteht, massiv - und gefährlich - hätten, einen gemeinsamen Raum zu teilen.
sein. Eine der größten Errungenschaften dieses
Jahrhunderts ist die Tatsache, daß die in Europa Wir haben die europäische Sicherheit auf der Basis
beteiligten Staaten überwiegend gelernt haben, diese angestrebt, daß die Ziele und Werte der GesellschafEnergien in die Arbeit von Institutionen oder zumindest ten langsam miteinander ins Gleichgewicht kommen
in Debatten über die Arbeit dieser Gremien zu kanali- müssen. Und wie wir nicht müde werden zu betonen,
sieren. Debatten innerhalb der EG oder der ewige darf dieses Gleichgewicht nicht nur vom Atlantik bis
amerikanisch-französische Wettstreit sind alternati- zum Ural angestrebt werden. Die Erfahrung sollte uns
ven Konfliktformen sicherlich vorzuziehen.
endlich gelehrt haben, daß die einzige legitime Defini-

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AMERIKA DIENST 39

�tion dieses neuen europäischen Sicherheitsraumes in
der Tat Vancouver bis Wladiwostok ist.
Das Problem besteht darin, daß die Erlangung eines
gemeinsamen euro-atlantischen Raumes mehrere
historische Schritte erfordert, die noch nicht stattgefunden haben. So müssen die Vereinigten Staaten
zum Beispiel ihre Pflichten in einem neuen Zeitalter
ohne Feinde definiert haben.

Jeder, der wie ich sechs konzentrierte Monate in
Helsinki verbracht hat, mußte die wachsende Distanz
zwischen dieser Debatte und den Anliegen des Rests
Europas, geschweige denn Kanadas und der Vereinigten Staaten erkennen. Jeder, der bei meinen Gesprächen zugehört hat, wäre vielleicht überrascht davon
gewesen, wie gespannt die Europäer aus Nicht-EGStaaten auf die Vereinigten Staaten blickten, um ihre
Bestrebungen gegenüber der geschlossenen Gesellschaft zu unterstützen, deren Entwicklung sie im Westen
ihres Kontinents feststellten.

Das erfordert westeuropäische Partner, die mit den
Beziehungen untereinander sowie individuell und kollektiv mit ihrem transatlantischen Vetter im reinen sind. Die Vereinigten Staaten zogen aus den beiden schreckAm problematischsten ist die Notwendigkeit, daß die lichen Kriegen dieses Jahrhunderts eine wichtige Lehre.
Nationen Mittel- und Osteuropas, ganz zu schweigen Weder Europa noch die Vereinigten Staaten - dasselvon Rußland, zumindest die Anfänge stabiler demo- be gilt übrigens für Japan und Ostasien - können
kratischer politischer und wirtschaftlicher Entwicklung diesen gemeinsamen Raum noch länger getrennt
erlangt haben, die es ihnen gestatten wird, an deroben voneinander finden. Für uns sind miteinander verzahnte Institutionen in Wirklichkeit diejenigen, die
erläuterten Gemeinschaft teilzuhaben.
gemeinsame Ziele auf dem Weg zur Findung dieses
gemeinsamen Raumes unterstützen. Eine wichtige
Verzahnte Institutionen
Komponente dieses Raumes muß eine Gemeinschaft
Außenminister Baker hat diese Lage in seiner Rede europäischer Nationen sein. Diese Gemeinschaft
beim KSZE-Ministerrat in Berlin im Juni letzten Jahres mu ß jedoch mit den Zielen ihrer Partner und Nachbarn
jl
harmonisieren und nicht danach trachten, sich von
eloquent beschrieben. Er weigerte sich, die Form
ihnen zu trennen.
einer künftigen Architektur vorherzusagen, aber er
argumentierte, daß sie am besten auf der Grundlage Was unsere eigene Sicherheit angeht, so steht außer
einer Struktur miteinander verzahnter Institutionen Frage unter allen wichtigen Gruppierungen, daß Frieerrichtet werden könnte, die auf den Aufbau einer den nur bewahrt werden kann, wenn wir Teil Europas
demokratischen Gemeinschaft zwischen den KSZE- sind und nicht nur mit ihm befreundet. Isolationismus
Teilnehmerstaaten ausgerichtet ist.
bedeutet vor allem einen Rückzug aus Europa - und
Diese Verflechtung wird noch auf einige Zeit hinaus dies wird nicht geschehen. Ich wünschte, ich wäre
und für die Gründung dieser neuen Gemeinschaft ebenso überzeugt davon, daß dasselbe Gefühl in allen
unabdingbar sein. Eine erfolgreiche Interims-Sicher- Hauptstädten Westeuropas ebenso fest verankert ist.
heitsstruktur erfordert die uneingeschränkte Zusammenarbeit zwischen den drei Elementen: NATO, Die KSZE und verzahnte Institutionen
KSZE und EG. Um Erfolg zu haben, muß sie wahrhaft
Die obige Argumentation steht in engem Zusammenmiteinander verzahnt sein.
hang mit dem amerikanischen Ansatz gegenüber der
Dies ist der Punkt, an dem viele Amerikaner häufig KSZE. Für uns bietet die KSZE einen zunehmend
Verwirrung über die Ziele der sogenannten europäi- nützlichen Rahmen, in dem wir den Aufbau eines euroschen Reife-/Identitätsdebatte äußern, die von Zeit zu atlantischen Raumes verfolgen können.
Zeit entsteht. Wir stimmen vorbehaltlos zu, daß eine
Sie erleichtert die Teilnahme, und ihr Anwenneue europäische Identität aus dem alten Zeitalter
dungsbereich kann daher nahezu universell sein.
hervorgehen muß. Aber wir fragen uns auch, warum
einige Europäer zuerst diese Identität getrennt von
Sie gründet sich auf Werte, das heißt, ihre
ihren umfassenderen Interessen sowohl in Europa als
operativen Bestimmungen sind direkter mit geauch über den Atlantik hinweg anstreben.
meinsamen politischen und philosophischen
Werten
verbunden, als es bei jedem anderen
Für mich zumindest besteht kein Zweifel über einen
umfassenden
politischen Unternehmen der Fall
wichtigen Punkt. Die tiefgreifenden Debatten innerist.
Sie
kann
die
Aufmerksamkeit auf das lenhalb der Europäischen Gemeinschaft über eine sogeken,
was
zur
Verwirklichung
dieses gemeinsanannte "europäische Sicherheitsidentität" sind in Wirkmen
Raumes
erforderlich
ist.
lichkeit die internen Debatten einer Gruppe europäischer Länder, die vorgeben, für die gesamte euroatlantische Gemeinschaft zu entscheiden, wie sich
unsere Beziehungen in dem neuen Zeitalter entwikkeln sollten.

AMERIKA DIENST 39

Ihr Standard ist hoch. Über fünfzehnjährige
Diskussionen haben einen Katalog demokratischer Normen hervorgebracht, die bei jeder
anderen Institution ihresgleichen suchen.

Seite 3

�Ihre Methoden sind flexibel. Trotz des hohen
Standards bedeutet das Fehlen rechtlicher Verpflichtungen und bürokratischer Strukturen, daß
die Teilnehmerstaaten ihre Debatten auf Ereignisse und Verhaltensweisen konzentrieren
können statt auf die detaillierten Verfügungen
eines Vertrags. Unsere Diskussion vom Frühjahr über den Charakter des jugoslawischen
Regimes ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Die Beschlüsse von Helsinki und darüber hinaus

Die Beschlüsse von Helsinki bringen die KSZE bei
ihrer Anpassung an ein neues Zeitalter einen Schritt
weiter. Sie sind aus zwei Gründen von Bedeutung.
Erstens bekräftigen sie die grundlegenden Werte, die
das Fundament der KSZE bilden und machen sie
praktikabler, und zweitens stellen sie die organisatorischen Instrumente zur Verfügung, damit die KSZE mit
der NATO und dem NAKR, der EG und anderen
Schließlich und von besonderer Bedeutung in Institutionen bei der Bewältigung des vor uns liegender neuen Phase, in die wir eintreten, ist, daßdie den Wandels zusammenarbeiten kann.
KSZE unverzüglich und flexibel reagieren kann.
Aufgrund des Fehlens detaillierter Strukturen Alle Operationen einschließlich friedenserhaltender
wie bei NATO und EG kann die KSZE buchstäb- Operationen, die von der KSZE in Zukunft durchgelich Projekte aus dem Nichts erfinden. Inder Tat führt werden, gründen sich auf die folgende Schlußfolhaben wir dies bereits mehrfach im Hinblick auf gerung aus Absatz 8 der Erklärung von Helsinki:
Jugoslawien getan.
"Wir betonen, daß die im Bereich der menschlichen
Diese Vorteile statten die KSZE mit einer wesentlichen Dimension der KSZE eingegangenen Verpflichtungen
Rolle in diesem von mir bereits erwähnten Prozeß der ein unmittelbares und berechtigtes Anliegen aller TeilNeudefinierung der europäischen Sicherheit aus. Wenn nehmerstaaten und eine nicht ausschließlich innere
die KSZE-Länder sich darauf einigen können, ihren Angelegenheit des betroffenen Staates darstellen. Der
kollektiven politischen Willen auf eine bestimmte Fra- Schutz und die Förderung der Menschenrechte und
ge zu konzentrieren, können sie beträchtliche Energie Grundfreiheiten sowie die Stärkung demokratischer
freisetzen. Selbst wenn sie keine Einigung erzielen, Institutionen sind weiterhin eine unerläßliche Grundlakönnen die Länder durch Erörterung der Frage zu ihrer ge für unsere umfassende Sicherheit."
Definition beitragen und den Weg für einen späteren
Dies ist eine Verpflichtung zu gemeinsamem VorgeKonsens ebnen.
hen, die das Recht der Intervention hervorhebt, das
Das Geniale an der Methode der KSZE ist, daß sie als einen Großteil der Debatten über Menschenrechte in
Operationsgrundlage von Meinungsverschiedenhei- den vergangenen zwanzig Jahren charakterisiert hat.
ten ausgeht. Organisationen wie NATO und EG Sie trägt der Tatsache Rechnung, daß in der Zeit nach
setzen ein beträchtliches Maß gemeinsamer Aktionen dem Kalten Krieg die verbale Unterstützung der Menunter ihren Mitgliedern voraus. Indem sie diese ge- schenrechtsprinzipien nicht genug sein wird. Das
meinsamen Ziele nutzen, bringen sie ein höheres Menschenrechtsprinzip zu "operationalisieren" bedeuSicherheitsniveau für alle hervor.
tet, gemeinsame Aktionen auf die in der Schlußakte
Die KSZE gründet sich auf Vielfalt. Sie geht nicht von verankerten Werte zu gründen.
Übereinstimmung aus und ist in der Tat auf Meinungs- Die Beschlüsse von Helsinki bieten mehrere Instruverschiedenheiten vorbereitet. Durch langwierige und mente zur Verwirklichung dieses Ziels. Ein detailliergelegentlich schmerzhafte Diskussionen erweitern die tes Kapitel über Konfliktverhütung und KrisenmanageMitgliedstaaten die Bereiche der Übereinstimmung ment umreißt einen vierstufigen Prozeß für die politiuntereinander. Auf diese Weise tragen sie zur Schaf- sche Bewältigung des Wandels. Das Ziel besteht
fung eines neuen Gefühls der Sicherheit bei.
darin, Krisen vor ihrem Ausbruch zu vereiteln. Sobald
Aus diesem Blickwinkel wäre es unbedacht zu versu- Instabilität entsteht, werden zusätzliche Methoden
chen, die Prinzipien und Verfahren der KSZE zu kodi- einschließlich friedenserhaltender Operationen zu deren
fizieren. Damit würde das Gremium auf eine Interpre- Bewältigung genehmigt.
tation oder deren Aufhebung beschränkt, während
sich die europäische Situation um es herum rasch
verändert. Was wäre das Schicksal der KSZE heute,
wenn wir ihre Verfahren 1979 oder selbst 1985 rechtlich verankert hätten? Sie hätte schnell der Vergangenheit angehört. Es ist gerade das Fehlen einer
Struktur, die es der KSZE gestattet, bei dieser Suche
nach einem gemeinsamen euro-atlantischen Raum
ein bedeutsames Element zu sein.

Seite 4

Gleichzeitig bekräftigen die Beschlüsse von Helsinki
die Funktion der KSZE als ein basis-und an den
Menschen orientiertes Unternehmen. Ein Hauptziel
der KSZE besteht nach wie vor in der Entwicklung
demokratischer Institutionen auf unterster Ebene. Die
Rolle des einzelnen und nichtstaatlicher Organisationen wird unterstrichen.

AMERIKA DIENST 39

�In den knapp zwei Monaten nach Helsinki haben wir
festgestellt, daß die Ereignisse sich schneller entwikkert haben als Worte auf dem Papier. Aus dem Nichts
wurden neue Methoden der Konfliktverhütung entwickelt. Der Begriff "präventive Diplomatie" spielt in
unseren Beratungen eine sehr viel größere Rolle als er
es in Helsinki getan hat. Andererseits gelangten wir zu
der Schlußfolgerung, daß unsere friedenserhaltenden
Bestimmungen zu stark an bestimmte Arten von
Operationen gebunden waren, für die die Bedingungen noch nicht entstanden sind. Wir wurden von den
Umständen gezwungen, flexiblere Mittel zu erarbeiten, um KSZE-Vertreter in Krisenherde zu entsenden.

femer als effektives Mittel unter Beweis gestellt,
die Bestrebungen wichtiger Länder bezüglich
eines Problems zu konzentrieren.

Zum Beispiel:

Sicherheitseliten der neuen Demokratien in die
größere KSZE-Gemeinschaft.

Im ehemaligen Jugoslawien hat die von Sir John
Thomson geführte humanitäre Mission bei der
Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen einen wichtigen Dienst erwiesen, die berichtet, aber nicht vollständig bewiesen worden
waren. Als politisches Unternehmen könnte die
KSZE solche Aufgaben leicher wahrnehmen als
Hilfsorganisationen wie beispielsweise das IKRK.

In einem Kommentar zu diesem Bericht hat der KSZEAusschuß
Hoher Beamten die "Entschlossenheit der
Infolgedessen wurden noch keine klassischen frieTeilnehmerstaaten
zur Nutzung der besonderen Erdenserhaltenden Operationen in die Wege geleitet.
fahrung
der
KSZE
im Bereich Menschenrechte zur
Wir haben jedoch die Notwendigkeit erkannt, OperaErarbeitung
dauerhafter
Lösungen als Grundlage für
tionen zur Krisenbewältigung in Gebieten wie dem
die
Bewertung
des
Verhaltens
von Konfliktparteien,
Kosovo, Wojwodina und Sandschak sowie in Mazedozur
Definition
der
erforderlichen
Lösungen
und für die
nien zu starten. Die Fähigkeit der KSZE, einer Mission
persönliche
Haftbarmachung
der
für
die
Verletzungen
mit den Behörden in Skopje trotz der anhaltenden
Probleme mit der offiziellen Anerkennung dieser Verantwortlichen" festgestellt.
Regierung zuzustimmen, belegen die Flexibilität der
Eine weitere wichtige von der KSZE erfüllte
Struktur.
Funktion war ihr Beitrag zur Organisation von
die
Sanktionen überwachenden Teams in den
Solche Operationen werfen ein Schlaglicht auf die
an
Serbien
angrenzenden Ländern. Kein andeBereiche, in denen die KSZE in Zukunft wahrscheinlich
rer
Rahmen
hat den Umfang und die Flexibilität
am aktivsten wird. Wenn eine Krise den Punkt eines
zur
Durchführung
dieser Aufgabe geboten.
bewaffneten Konflikts erreicht, hat die KSZE im wesentlichen ihre Aufgabe verfehlt. Andere Gremien
Das am 22. September 1992 in Wien eröffnete
müssen die Hauptrolle übernehmen. Aber in der
Forum für Sicherheitszusammenarbeit bildet den
Phase wachsender Spannungen oder politischer
einzigen kontinuierlichen Rahmen für VerhandAuseinandersetzungen kann die KSZE als wichtiges
lungen und Konsultationen über konventionelle
Forum für die Erörterung von Fragen dienen und wird
Rüstungen in Europa. Das Forum verfügt ferner
weiterhin Instrumente zur Konfliktverhütung entwikdie Vertiefung des Dialogs über Sicherheitsfrakeln, die beträchtlichen Wert haben können.
gen sowie die Integration der militärischen und
Im Frühjahr und Sommer 1992 war der KSZEAusschuß Hoher Beamten ein zentrales Forum,
um den Charakter des serbischen Regimes zu
erörtern. Serbiens Ausschlu ß aus der KSZE am
8. Juli 1992 war ein historisches Ereignis.
Am 12. Oktober 1992 werden die KSZE-Mitgliedstaaten die Verhandlungen über eine umfassende Struktur von Mechanismen zur friedlichen Beilegung von Streitfällen aufnehmen. Dies
ist ein lange vernachlässigter Bereich der Konfliktverhütung, der unseres Erachtens besonders vielversprechend ist, wenn er mit den politischen Impulsen der KSZE-Verpflichtungen
verknüpft wird.
Die Konferenz von Minsk über Nagorny-Karabach sah sich seit ihrer Gründung am 24. März
mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert.
Gleichzeitig hat sie sich als bester Rahmen für
die Diskussion schwieriger Themen bezüglich
des Konflikts erwiesen. Die KSZE hat sich

AMERIKA DIENST 39

Zu einem gemeinsamen Raum
Wenn meine Analyse der neuen Situation richtig ist,
wird ein Großteil der Aufgabe des Aufbaus eines
gemeinsamen euro-atlantischen Raums viel Energie
bei der Arbeit an einer neuen Sicherheitsarchitektur für
Europa erfordern. Die drei wichtigsten "verzahnten"
Institutionen - NATO, EG und KSZE - bieten einen
ausgezeichneten Rahmen für die vor uns liegenden
Aufgaben. Jede trägt dazu bei, die Teile dieses euroatlantischen Raums miteinander zu verbinden, während sie gleichzeitig die wesentlichen Funktionen für
das Gemeinwohl durchführen.
Während die KSZE ihre operativen Fähigkeiten entwickelt und ihre grundlegenden Normen weiter perfektioniert, werden ihr meinen Erwartungen zufolge weitere Aufgaben zufallen. Wie solche Entwicklungen die
Strukturen und Organisationen beeinflussen, kann ich
nicht sagen. Es gibt bereits Anzeichen, daß die in Paris
und Helsinki entworfenen Strukturen nicht den vor

Seite 5

�ihnen liegenden Aufgaben gerecht werden. Neue
Definitionen der Panzer-Grundtypen und vielleicht neue
operative Strukturen werden erforderlich sein.
Ich kann bestätigen, daß die Debatte über die Methoden und Ziele für diesen gemeinsamen Raum fortgeführt wird. Es wird Meinungsverschiedenheiten und
Rückschläge auf dem Weg dorthin geben. Die KSZE
hat Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, ganz

zu schweigen von der Lösung von Problemen. Aber
sie ist der eine Ort, an dem jeder auf der Grundlage
gemeinsamer Verpflichtungen und gemeinsamer Interessen vertreten ist. Sie ist auch flexibel und
unbegrenzt veränderbar. Diese Eigenschaften mac n e n ^ z u e i n e m wichtigen Element der verzahnten
struktur, die sich hoffentlich in den kommenden Jahr e n entwickelt,

* * * *

Seite 6

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AMERIKA DIENST 39

�NATO
30. September 1992

EUROPA UND NORDAMERIKA WERDEN
GEMEINSAM FORTSCHRITTE ERZIELEN
Rede von Botschafter Bartholomew
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Ständigen Vertreters der Vereinigten
Staaten beim Nordatlantikrat, Botschafter Reginald Bartholomew, bei der Eröffnung der 8. Jahreskonferenz der
Direktoren der Institute für Strategische Studien am 23. September 1992 im Wortlaut.
Heute abend möchte ich direkt das Thema dieser
Konferenz ansprechen - die Atlantische Gemeinschaft
nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Ich
möchte eine kurze Bestandsaufnahmeunsererderzeitigen Sicherheitslage vornehmen - das heißt, der
Entwicklungen seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und der Rolle der NATO dabei. Vor
diesem Hintergrund möchte ich Ihnen meine Sicht der
künftigen Tagesordnung des Atlantischen Bündnisses
darlegen.
Die Zukunft des Prozesses der europäischen Integration ist integraler Bestandteil jeder Diskussion überdas
Bündnis. Angesichts der Ereignisse der vergangenen
Tage und Wochen ist der vor uns liegende Weg
vielleicht etwas weniger klar als er noch vor einigen
Monaten schien. Ich möchte jedoch gleich zu Beginn
meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, daß Europa
an zahlreichen Fronten - in Zusammenarbeit mit Nordamerika - Fortschritte erzielen kann und wird.
Ich bin vor anderthalb Monaten zum NATO-Hauptquartier gekommen. Dies ist meine erste Entsendung
zu dieser renommierten Institution, obwohl ich mich
seit über 20 Jahren intensiv mit NATO-Angelegenheiten befasse. In dieser Zeit hat sich die NATO beträchtlich gewandelt, insbesondere jedoch in den letzten
zwei bis drei Jahren. Nach dem Gipfeltreffen in Rom
im vergangenen November war ich tatsächlich davon
ausgegangen, daß die NATO genügend Veränderungen durchgemacht hat, um den Übergang ins nächste
Jahrhundert zu bewältigen!
Zweifelsohne haben die Staats- und Regierungschefs
des Bündnisses in Rom Entscheidungen von großer
Tragweite getroffen. Sie haben die erste neue Militärstrategie seit Ende der sechziger Jahre verabschiedet
und den Nordatlantischen Kooperationsrat geschaffen. Mit der Anpassung der NATO an das Europa nach
AMERIKA DIENST 39

dem Kalten Krieg haben unsere Politiker sie von einem
Instrument zur Abwehr der Kommunisten zu einem
Instrument umgestaltet, das als eines seiner Hauptziele die Einbeziehung unserer ehemaligen Gegner in
unser System der Sicherheit und Stabilität erachtet.
Angesichts der in vielen Teilen Europas nach dem
Kalten.Krieg wütenden Konflikte ist es allerdings nicht
überraschend, daß vielfach die Frage aufgeworfen
wird, ob die NATO noch immer eine bedeutende Rolle
zu spielen hat.
Um zu verstehen, warum das Atlantische Bündnis
nach wie vor so große Bedeutung hat, müssen wir
Abstand von den aktuellen Schlagzeilen über Maastricht, Wechselkursmechanismen und Bosnien-Herzegowina nehmen. Wir müssen über die wesentlichen
Herausforderungen fürdie Sicherheit nachdenken, mit
denen sich die "euroatlantische Gemeinschaft" konfrontiert sieht, die wir so elegant als solche bezeichnen.
Die europäische Sicherheit heute
Obwohl der Kalte Krieg beendet ist, befinden wir uns
noch inmitten eines Umbruchs in Europa. Dieser
Übergang scheint sich offensichtlich hinzuziehen, und
keiner von uns kann voraussehen, wohin er uns führen
wird. Grundlegende Annahmen, die bisher unsere
sicherheitspolitischen Prognosen bestimmten, sind
verschwunden. Die Menschen in Europa - sowohl im
Osten als auch im Westen - sehen sich Schlüsselfragen gegenüber. Dazu zählen die Debatte über die
nationale und europäische Identität, Rechte ethnischer Gruppen und Minderheiten, Handelspolitik,
Wirtschafts- und Währungsbeziehungen und - letztlich - die politische Union. Und es stellt sich die
grundlegende Frage nach der Ausgestaltung und
Bedeutung der europäischen Sicherheit heute.

Seite 1

�Wie wir jetzt sehen, ist der Übergang zu Demokratie
und freien Märkten in Osteuropa und den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion schmerzlich und mit vagen
Aussichten für unmittelbaren Erfolg verbunden. Nationale und ethnische Konflikte, die Jahrzehnte kommunistischer Unterdrückung erstickt hatten, sind an die
Oberfläche gekommen - mit erschreckenden Folgen.

unserer gemeinsamen Institutionen gefangen zu sein.
Das Ergebnis ist die Konzentration auf eng definierte
Fragen und häufig akademische Meinungsverschiedenheiten - auf "Buchstaben und Architektur".

Diese Debatten haben gelegentlich einen deutlichen
Hauch von Realitätsferne, insbesondere angesichts
der uns verbindenden festen Beziehungen - und der
Das andauernde Gemetzel in Jugoslawien ist bisher harten Realitäten, die uns täglich in den Abendnachder schlimmste und uns am nächsten liegende Fall. richten geboten werden. Wir riskieren, unsere übergeAber mehr und mehr werden sich die Regierungen ordnete Aufgabe aus dem Blick zu verlieren: Stärkung
auch mit Konflikten an so unbekannten Orten wie und Anpassung der Beziehungen zwischen uns im
Nagomy-Karabach, Abchasien, Transnistria und Tad- Westen und Integration unserer ehemaligen Gegner in
das umfassende Gefüge demokratischer Werte, marktschikistan befassen müssen.
orientierter Prinzipien und SicherheitszusammenarWenn die Ausbreitung dieser Konflikte eine Gefahr beit.
darstellt, dann auch die Versuchung für den Westen,
die Infektion regionaler Konflikte unter Quarantäne zu Wir müssen uns eindeutig auf das Wesentliche konstellen, um eine neue Ost-West- oder Nord-Süd-Spal- zentrieren: endlich den Versuch zu unternehmen, die
tung zu schaffen. Es könnte verlockend sein, einen richtigen Fragen zu stellen und unsere höchsten Si"Cordon Sanitaire" einzurichten, um - nicht den Kom- cherheitsziele nicht aus den Augen zu verlieren.
munismus - aber Armut, ethnische Konflikte und Einwanderung einzudämmen. Dies würde jedoch nicht Die Anpassung der NATO
nur zu Aufruhr und Unterdrückung an der Türschwelle
Rußlands führen - was die neue russische Revolution Diese Herausforderung erstreckt sich auf viele Instituim Keim ersticken könnte. Letztlich wäre es auch tionen und erfordert fortschrittliche Maßnahmen der
schwierig zu verhindern, daß der Virus auf uns über- westlichen Länder, die individuell handeln. Im Bereich
der Sicherheit gestatten die Kernfunktionen der NATO
springt.
dem Bündnis, einen besonders wichtigen Beitrag zu
In der Tat sollte man sich vor Augen führen, daß die leisten. Wie in den Kommuniques verankert, bietet die
Geschichte nicht westlich der Oder geendet hat, obwohl NATO die "unerläßliche Grundlage" für Stabilität in
die Winde der Zersplitterung und Auflösung in der ganz Europa und auch für die Verteidigung seiner
Region am stärksten sein mögen, die einstmals die sechzehn Mitgliedstaaten. In einer Periode, in der
kommunistische Welt war. Die Ereignisse der vergan- offene Konflikte im ehemaligen Jugoslawien und der
genen Wochen erinnern uns daran. Daher können wir ehemaligen Sowjetunion wüten, war die NATO eine
nicht unbekümmert davon ausgehen, daß die Proble- Konstante in einem sich rasch verändernden Umfeld.
me Osteuropas oder auf dem Balkan nur durch die Unsere ehemaligen Gegner wissen besonders unterbrochene Entwicklung verursacht wurden. Wir manchmal besser als die NATO-Bündnispartner selbst
im Westen waren niemals immun gegenüber sozialen - zu schätzen, wie das Bündnis seine Mitglieder in die
und wirtschaftlichen Entwicklungen andernorts in Europa Lage versetzt hat, das strategische Gleichgewicht in
Europa bei gleichzeitiger Vermeidung der Renationaund werden dies niemals sein.
lisierung ihrer Verteidigungspolitik aufrechtzuerhalten.
Ich sollte auch erwähnen, daß nicht alle die Bedrohungen und Risiken, denen sich die europäische Sicher- Die NATO ist gleichzeitig das Bindeglied, das die
heit heute gegenübersieht, hausgemacht sind. Die Sicherheit Europas mit der Nordamerikas verbindet.
mögliche Verbreitung ballistischer Raketentechnolo- Die Veränderungen und Unsicherheiten in der Weh
gie sowie nuklearer und chemischer Waffen könnte nach dem Kalten Krieg haben das Potential für DoppelEuropa und uns alle direkter bedrohen als je zuvor. deutigkeit, Mißverständnisse und sogar Wettbewerb
Dies kann nicht nur als mögliches Problem der südli- zwischen Europa und den Vereinigten Staaten erweichen Region allein betrachtet werden. Wirtschaftliche tert. In diesen turbulenten Zeiten ist die eindeutige
und politische Unruhen im Maghreb und am Hörn von Botschaft des kontinuierlichen amerikanischen EngaAfrika stellen weitere Risiken dar. Die "Sicherheit gements durch die NATO jedoch eine Erinnerung an
Europas" ist mehr denn je eine Frage, die weit über das unsere Partnerschaft mit Europa.
Territorium der sechzehn NATO-Mitgliedstaaten hinWährend die zahlreichen Köche auf beiden Seiten des
ausgeht.
Atlantiks die Buchstabensuppe aufkochen - NATO,
Angesichts der erschreckenden Natur dieser Proble- EG, KSZE, G-7, G-24 usw. - müssen wir uns die
me - mit denen wir uns alle konfrontiert sehen - könnten gemeinsamen Sicherheitsinteressen vor Augen fühwir versucht sein, uns abzuwenden und zunehmend ren, die uns verbinden. Trotz der Dynamik der EreigNabelschau zu betreiben. Wir scheinen von unseren nisse seit dem vergangenen November ist der Wert
eigenen nationalen Bedingungen und den Strukturen dessen, was die Staats- und Regierungschefs der
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�NATO in Rom geleistet haben, nicht weniger relevant
geworden. Mit der Bekräftigung der Rolle der NATO
als "unabdingbares Forum" für die Sicherheit ihrer
Mitglieder betreffende Entscheidungen, mit derVerabschiedung des neuen strategischen Konzepts mit
Betonung auf kleineren, flexibleren multinationalen
Streitkräften und mit der Gründung des Nordamerikanischen Kooperationsrats zur Institutionalisierung der
Partnerschaft mit dem Osten haben die Staats- und
Regierungschefs der NATO eine Blaupause erarbeitet, die im Lichte der Ereignisse in Jugoslawien größeren Weitblick zu besitzen scheint als alles zuvor. Die
Aufgabe besteht jetzt darin, diese Blaupause in die
Realität umzusetzen.

Nie zuvor ist versucht worden, europaweite Zusammenarbeit in einem Rahmen der Demokratie und
marktwirtschaftlicher Prinzipien herzustellen. Diese
ehrgeizige Bestrebung wird völlig neue Ansätze erfordern. Diese neuen Demokratien sind in nahezu allen
Bereichen des Übergangs mit Problemen konfrontiert:
wirtschaftlichen, finanziellen, industriellen, sozialen,
ethnischen und politischen.

Der Weg der NATO in die Zukunft: Die Schaffung
eines aktiven Ost-Programms

Deshalb müssen wir den Anreiz liefern um sicherzustellen, daß keiner unserer ehemaligen Gegner, darunter die aus dem sowjetischen Imperium hervorgegangenen neuen Staaten, den Kampf aufgibt. Wenn
das uns zur Verfügung stehende Mittel das Zuckerbrot
engerer Zusammenarbeit durch eine wirtschaftliche
Assoziierung mit der Gemeinschaft oder durch intensivere Beziehungen mit der NATO ist, dann können
und sollten wir dies nicht verweigern.

Sicherlich gibt es für die Sicherheit im neuen Europa wie im alten - keine grundlegendere Aufgabe als den
Umgang mit Rußland. Man kann sich schwerlich eine
wichtigere Frage denken als den Erfolg der neuen
russischen Revolution. Unser Beistand kann entscheidend dazu beitragen, eine Rückkehr zu einer
weniger am Westen orientierten und weniger demokratischen Haltung in Moskau zu verhindern.
Ein Zusammenbruch der demokratischen Revolution
in Rußland würde das Wiederaufleben einer großen
militärischen Bedrohung oder eine Rückkehr zu den
Spannungen des Kalten Krieges nicht notwendigerweise unvermeidlich machen oder gar unmittelbar
heraufbeschwören. Aber selbst weitreichende Abweichungen vom Weg der russischen Reformen könnten
negative Folgen für uns haben und viele Aussichten
unserer derzeitigen Politik verändern. Darüberhinaus
sollten wir nicht vergessen, daß Rußland - sei es nun
demokratisch oder nicht - eine Großmacht mit einem
bedeutenden Arsenal an Kernwaffen bleiben wird.

In großem Maße wird der Erfolg der Reformen in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion von der
Fähigkeit dieser neuen Demokratien abhängen zu
demonstrieren, daß ein besseres ebenso wie ein freieres Leben erreicht werden kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Erklärung
von Minister Eagleburgerin Oslo im vergangenen Juni
in Erinnerung rufen. Er stellte fest: "Wir sollten die
Stabilität des Bündnisses nicht mit Inflexibilität verwechseln - und unsere Bilanz zeigt, daß wir dies auch
nicht tun. Sogar die Zusammensetzung des Bündnisses könnte unter voller Berücksichtigung unserer strengen demokratischen Normen und der Notwendigkeit
zur Bewahrung des festen Geflechts der gemeinsamen Verteidigung zum geeigneten Zeitpunkt vielleicht
erweitert werden."

An diesem Punkt möchte ich einige Bemerkungen
speziell zum Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR)
machen. Wir können nicht zulassen, daß die ZusamDeshalb müssen wir unsere Kräfte an allen Fronten - menarbeit im NAKR ein überwiegend symbolisches
politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch - ein- Unterfangen wird anstatt ein integraler, substantieller
setzen, um Rußland in einen gemeinsamen Sicher- Bestandteil der NATO an sich. Dies wäre ein schwerheitsrahmen einzubinden. Wir müssen Rußland dabei wiegender Fehler. Das volle Potential des NAKR (und
helfen, für sich einen beständigen und stabilen Platz in das volle Potential der mit ihm verbundenen Gruppe
der internationalen Staatengemeinschaft zu finden - für Verteidigungsfragen) muß noch verwirklicht wereinen Platz, der seinem Rang entspricht, aber keine den. Der NAKR muß sich noch von einem Forum
regelmäßiger Konsultationen zu einem Instrument
Unsicherheit bei anderen auslöst.
entwickeln, das den Ländern greifbare Hilfe liefert,
Eine zweite dringliche Frage muß ebenfalls behandelt deren alte Sicherheitspolitik sich als bankrott erwiesen
werden: Wie werden diejenigen, die in der Vergangen- hat. Er mu ß sich noch von einer distanzierten Freundheit zwischen Rußland und dem Westen eingekeilt schaft zu einem M ittel gemeinsamer Aktionen entwickwaren - die Mittel- und Osteuropäer - ihren Platz eln, die dem Begriff "Partnerschaft" gerecht werden.
finden? Wir müssen unser Engagement auch in dieser
Region vertiefen, um einen Spielraum zu definieren, Wenn sich der NAKR nicht in dieser Weise entwickelt,
innerhalb dessen diese Länder dauerhafte Sicherheit, wird unsere kollektive und individuelle Unterstützung
Demokratie und wirtschaftliche Freiheit erlangen kön- der Reformen im Osten wirklich in Frage gestellt. Es
nen. Wir müssen gewährleisten, daß die mittel- und ist bezeichnend, daß die glühendsten Befürworter des
osteuropäischen Staaten wissen, daß sie integraler NAKR die Partner selbst sind. Wir können es uns nicht
Bestandteil einer umfassenderen Gemeinschaft sind leisten, sie an diesem kritischen Wendepunkt abzuund nicht lediglich Puffer oder Brücken.
weisen oder zu enttäuschen.
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�Desgleichen mu ß die von der NATO in Oslo eingegangene Verpflichtung zur Durchführung und Unterstützung der Friedenssicherung in Europa durch Taten
untermauert werden. Präsident Bush hat dies in seiner
Rede vor der Generalversammlung eindringlich unterstrichen. Im Hinblick auf Jugoslawien ist der Entscheidungsfindungsprozeß über den Beitrag der NATO zu
den humanitären Hilfsbemühungen der UNO in vollem
Gange. Dies ist für das Bündnis wie für andere auch
ein kompliziertes, neues Terrain. Fortschritte sind
gemacht worden, und weitere können erzielt werden.
Indem ich dies sage, möchte ich eindeutig feststellen:
UnserZiel ist nicht, die NATO in ihrer jetzigen Form zu
sichern oder "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen" zu
ersinnen, damit das Bündnis seine Daseinsberechtigung beweisen kann. Mit Arbeitsbeschaffung wird die
transatlantische Partnerschaft nicht aufrechterhalten
oder ein gemeinsamer Sicherheitsrahmen geschaffen, der die Länder Mittel- und Osteuropas einbezieht.
Diese Ziele können nur dadurch erreicht werden, daß
das Bündnis in Bereichen tätig wird, in denen es einen
besonderen Beitrag leisten kann - zur Friedenssicherung, im Krisenmanagement und bei der Umgestaltung der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu
stabilen, bürgerlichen Gesellschaften.

aber ebenso in den Sektoren Wirtschaft und Handel.
In diesem Zusammenhang muß ich Ihnen nicht erklären, wie lebenswichtig es für diese Beziehungen ist,
daß wir die Uruguay-Runde des GATT ein für allemal
abschließen. Und im Bereich Sicherheit und Verteidigung sind die Amerikaner sicherlich dazu bereit, daß
Europa mehr Verantwortung übernimmt und eine sinnvolle europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität entwickelt. Die Dauerhaftigkeit der transatlantischen Beziehungen wird tatsächlich durch die Entwicklung von Wegen gestärkt, mit denen Europa diese
Ziele verwirklichen kann.

Die neue Strategie der NATO räumt in der Tat einen
Spielraum für die Entwicklung einer europäischen
Sicherheitsidentität sowie für konkrete europäische
Aktionen im Krisenmamagement und bei der Friedenssicherung ein, falls gewünscht. Sie tut dies ohne
die kostspieligen Bemühungen, die bei einer Verdoppelung der integrierten militärischen Struktur der NATO
entstehen würden. Die NATO hat die Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Frankreich oder andere Länder
niemals daran gehindert, ihre eigene Sicherheitsidentität aufrechtzuerhalten oder der NATO unterstellte
Truppen einzusetzen, wenn diese um nationaler Ziele
willen benötigt wurden. In diesem Sinne hat die NATO
auch die Flexibilität, einer kollektiven europäischen
Die NATO hat besondere Mittel und Fachkenntnisse Sicherheitsidentität gerecht zu werden. Der Schlüssel
zur Verfügung, die mehr als die Summe ihrer Teile liegt jedoch darin sicherzustellen, daß jedes Arrangedarstellen. Wenn die NATO einen besonderen Beitrag ment oder jegliche eventuell veranlaßten Maßnahmen
leisten kann - zur Unterstützung der Friedenssiche- das Ergebnis vollständiger Konsultationen und Entrung durch die UNO oder die KSZE, um den osteuro- scheidungen mit Beteiligung aller Bündnispartner sind.
päischen Ländern bei der Konversion der Rüstungsin- Genau darum ging es in Rom - und Maastricht.
dustrie zu helfen oder ihre militärischen Kader umzuschulen - dann sollten wir ihn leisten ohne in institutio- Die Notwendigkeit der Klarheit
nelle Rivalität zu verfallen.
Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir VerbündeKorrekte Beziehungen innerhalb des Bündnisses te uns darüber im klaren sein - jeder für sich und
untereinander -, wohin wir gehen und wohin wir nicht
Damit komme ich zum zweiten Aspekt beim Weg der gehen möchten: als Einzelstaaten, als NATO und als
NATO in die Zukunft: die Beziehungen innerhalb der Europäer. Wir müssen uns über den Wesensgehalt
Allianz sowie die besondere Frage einer europäischen der NATO im klaren sein. Der Begriff "Bündnis" ist in
Sicherheits- und Verteidigungsidentität. Wir müssen vieler Hinsicht eine ungenaue Beschreibung der NATO,
diese Beziehungen auf jeden Fall zurechtrücken, alles denn Bündnisse sind stets ad hoc als mehr oder
von mir bisher Gesagte hängt davon ab.
weniger vorübergehende Arrangements geschaffen
worden, um unmittelbare Bedrohungen zu bewältigen.
Beim Gipfel von Rom haben wir einen Bezugsrahmen
Nur selten hatten Bündnisse in Friedenszeiten tatnicht nur für die Anpassung der militärischen Strategie
sächlich Einflu ß, und selbst dieser war äu ßerst dürftig.
der NATO zur Bewältigung neuer Bedrohungen und
Risiken geschaffen, sondern auch zur Verknüpfung In der NATO haben wir eine Gemeinschaft im eigentder NATO mit einer wachsenden Rolle Europas in lichen Sinn des Wortes aufgebaut. Wir teilen eine
Sicherheitsfragen. Eine solche Verknüpfung steht im gemeinsame Perspektive und sind in unserer SicherEinklang mit dem wachsenden politischen Gewicht heit voneinander abhängig. Wir planen und errichten
Europas auf der Weltbühne und dem Wunsch nach unsere Verteidigung nicht getrennt, sondern gemein"Lastenteilung" auf beiden Seiten des Atlantiks (nicht sam. Das außergewöhnliche Potential der NATO für
zuletzt im US-Kongreß).
kollektives Handeln, ihre einzigartigen Fähigkeiten bei
der Bereitstellung von Dingen wie strategischem LuftWir Amerikaner wünschen die Vereinigung Europas.
transport, Logistik und Aufklärung verleihen ihr eine
Angesichts der Kräfte der Zersplitterung und Auflöwirklich besondere Rolle in der künftigen Sicherheitssung erkennen wir in der Geschlossenheit der europäordnung Europas.
ischen Integration einen erneuerten Wert und eine
Notwendigkeit. Dies ist wichtig im politischen Bereich,
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�Die Vereinigten Staaten gehen ihrerseits davon aus,
daß die NATO belangvoll und effektiv bleiben muß.
Gegebenenfalls muß sie sich bei den schwierigsten
Sicherheitsproblemen einschalten und einen Beitrag
leisten, mit denen dieser Kontinent fertigwerden muß.
Niemand von uns wird großes Interesse an einer
NATO haben, die sich in einer Flagge erschöpft, einer
Feuerwehr, die in ihrer Feuerwache bleibt, um die Art
von massivem Flächenbrand zu bewältigen, der uns
Gott sei dank nicht länger zu drohen scheint.
* *

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Wie ich bereits betont habe, wird die NATO nur dann
Bestand haben, wenn sie belangvoll und effektiv bleibt,
indem sie praktische, nicht theoretische oder symbolische Beiträge zur Sicherheit und Stabilität auf diesem
Kontinent leistet. Genau dies tut die NATO zur Zeit,
aber wir müssen es noch besser machen. Gemeinsam, als Verbündete, werden wir dies sicherlich schaffen.

*

*

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