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Dokumentation

I

United States Information Service

11/1977

BOTSCHAFT CARTERS AN DEN KONGRESS ZUR NONPROLIFERATIONS-VORLAGE
Washington - (AD, - Präsident Jimmy Carter hat am 27. April 1977 dem
amerikanischen Kongreß eine Vorlage für ein neues Gesetz zur Verhinderung
der weiteren Ausbreitung von Kernwaffen - Non-Proliferation Act 1977 zugeleitet. In einer besonderen Botschaft hat Carter den Kongreß auf die
Dringlichkeit dieses Gesetzes hingewiesen. Die Botschaft des Präsidenten
hat folgenden Wortlaut:
Die Notwendigkeit, der nuklearen Proliferation Einhalt zu gebieten, ist
eine der dringendsten Aufgaben der Menschheit. Mitglieder meiner Administration sind derzeit damit befaßt, internationale Gespräche zu führen, um
Mittel und Wege zur Kontrolle der Ausbreitung der Fähigkeit zur Herstellung
von ni'klearen Sprengstoffen zu finden, ohne ein Land der Möglichkeiten
zur Deckung seines Energiebedarfs zu berauben. Die Nuklearpolitik für unser
eigenes Land, die ich bereits dargelegt habe, wird unser Land in eine
führende Rolle bringen und ein positives Beispiel für andere NuklearLieferländer geben sowie die Nachhaltigkeit zeigen, mit der wir uns im
eigenen Land um die Gefahren einer Plutonium-Wirtschaft Sorgen machen.
Heute unterbreite ich dem Kongreß eine Vorlage, die für die Vereinigten
Staaten eine nachhaltige und wirksame Nonproliferationspolitik aufstellen
würde.
Diese

13

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Diese Vorlage beruht weitgehend auf Arbeiten, die der Kongreß bereits
geleistet hat, und ich möchte dem Kongreß meine Anerkennung für diese
wertvollen Initiativen aussprechen.

Ich erwarte, zusammen mit dem Kongreß

einen starken, verantwortungsbewußten gesetzgeberischen Rahmen schaffen
zu können, der uns die Möglichkeit bietet, weitere verstärkte Anstrengungen
zu unternehmen, um der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen Einhalt zu gebieten.
Zu unseren gemeinsamen Zielen gehören: eine Erhöhung der Wirksamkeit
internationaler Sicherungen und Kontrollen friedlicher nuklearer Tätigkeiten, um eine weitere Ausbreitung der nuklearen Sprengkörper zu verhindern; die Schaffung gemeinsamer internationaler Sanktionen zur Verhütung
einer solchen Proliferation; eine Bemühung, um jene Nationen, die den
Nonproliferationsvertrag nicht ratifiziert haben, zu ermutigen, dies so
bald wie möglich zu tun; sowie die Verabschiedung eines Programms, um
die Zuverlässigkeit der Vereinigten Staaten als Lieferant von nuklearem
Brennstoff zu erhöhen.
Diese Vorlage unterscheidet sich jedoch von anhängigen Vorschlägen
in mehrerer Hinsicht:
1. Sie definiert die unmittelbaren Exportbedingungen, um deren Einhaltung wir andere Länder vernünftigerweise ersuchen können, während wir
über striktere Abmachungen verhandeln. Die dem Kongreß derzeit vorliegenden Vorschläge würden Kriterien verlangen, die uns zu einem sofortigen
Moratorium für unsere Nuklearexporte zwingen könnten und sich negativ auf
bestimmte Verbündete auswirken würden, deren Mitarbeit wir brauchen, wenn
wir unser letztliches Ziel der Nonproliferation erreichen wollen.
2.

Sie definiert zusätzliche Nuklearexportbedingungen, die in neuen

Abkommen über die zivile nukleare Zusammenarbeit erforderlich sein werden.
Insbesondere werden wir als durchgängige Bedingung für eine amerikanische

- 2 -

�amerikanische Belieferung verlangen, daß die Empfänger ihre sämtlichen
nuklearen Tätigkeiten den Sicherheitsbestimmungen der IAEA unterstellen
Ich betrachte das als eine Interimsmaßnahme und werde allen potentiellen
Empfängern und anderen Nuklearlieferanten klarmachen, daß die weltweite
Einhaltung des Nonproliferationsvertrages für uns an erster Stelle steht
undidurchgängiges.Ziel ist.
3. Für die nahe Zukunft versucht die Vorlage die Bedingungen für die
nukleare Mitarbeit der Vereinigten Staaten durch Neuverhandlung bestehender
Abkommen zu verschärfen, um die gleichen Normen zu erreichen, wie sie
in neuen Abkommen gefordert werden.

Ich bin der Überzeugung, daß dieser

Weg unseren Zielen der Nonproliferation besser entspricht

als die

einseitige Auferlegung neuer Bedingungen für die Exportlizensierung
4. Sie erhöht die Flexibilität, die wir brauchen, um mit einem
außerordentlich komplizierten Sachverhalt fertig zu werden, Statt beispielsweise von Ländern, die unsere Nuklearexporte haben wollen, zu
verlangen, daß sie auf alle Zeiten auf die Brennstoffanreicherung und
Wiederaufbereitung verzichten, ermöglicht sie uns, neue Abkommen mit
Anreizen auszuarbeiten, die Länder dazu ermutigen, keine solchen Anlagen
zu kaufen. Sie erlaubt mir ferner, Ausnahmen zu gewähren, wenn dies
grundsätzlich der Förderung unseres Grundzieles der Nonproliferation
dienen würde. Alle neuen Kooperationsabkommen würden selbstverständlich
der Überprüfung durch den Kongreß unterliegen.
Diese Vorlage soll dazu dienen, anderen Nationen die Gewähr zu geben,
daß die Vereinigten Staaten all jenen ein zuverlässiger Lieferant von
Kernbrennstoff und Gerät sein werden, die sich echt unserem Wunsch nach
Nonproliferation anschließen.

Sie wird sicherstellen, daß Exportlizenzen

erteilt werden, wenn alle festgelegten Normen erfüllt sind - oder, wenn
das Urteil der Exekutive und der unabhängigen Nuklearaufsichtsbehörde
(Nuclear Regulatory Commission) auseinandergehen sollte, daß ein arbeitsfähiger Mechanismus für die Beilegung des Streitfalls existiert.

-3-

2i

�Da ich beabsichtige, alle Maßnahmen der Exekutive bezüglich der
Nonproliferation persönlich zu überwachen, glaube ich nicht, daß eine
wesentliche Reorganisation hinsichtlich der Verantwortung für den nuklearen
Export innerhalb der Exekutive notwendig sein wird.

Diese Ansicht wird von

der Nuklearaufsichtsbehörde geteilt.
Es ist unbedingt notwendig, sofort zu handeln.

Solange nicht das

entsprechende Gesetz in den Vereinigten Staaten verabschiedet ist, werden
andere Länder zögern, ihre Abkommen mit uns auszuhandeln, da sie befürchten müßten, daß eine neue Gesetzgebung plötzlich die Bedingungen
für eine Zusammenarbeit ändern könnte.

Wenn die Anreize, die wir ihnen

für Neuverhandlungen bieten, nicht attraktiv genug sind, könnten die
Vereinigten Staaten wichtige bestehende Sicherungen und Kontrollen
verlieren.

Und wenn unsere Politik zu schwach ist, könnten wir uns

machtlos finden, einer tödlichen weltweiten Ausbreitung der Fähigkeit
zur Herstellung von nuklearem Sprengstoff Einhalt zu gebieten.

Nach

meiner Überzeugung bietet die jetzt unterbreitete Vorlage die notwendige
Ausgewogenheit.

n
+ + +

�Dokumentation
United States Information Service

11/1977

CYRUS VANCE: MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede des US-Außenministers vor der Universität von Georgia

Washington - (AD) - Der amerikanische Außenminister Cyrus Vance hat am
30. April 1977 anläßlich des Tages des Rechts vor der Universität von
Georgia (in Athens, Georoia) eine vielbeachtete Grundsatzrede zu dem Thema
"Menschenrechte und Außenpolitik" gehalten.

Er bekräftigte die E n t s c h i e d

heit der amerikanischen Regierung, die Menschenrechte zu einem zentralen
Thema der Außenpolitik der Vereinigten Staaten zu machen.

Nach einer

kurzen Begrüßung hielt der Außenminister folgende Rede:
Ich möchte heute abend über die Entschlossenheit dieser Administration
sprechen, die Förderung der Menschenrechte zu einem zentralen Bestandteil
unserer Außenpolitik zu machen.
Viele der heute hier Versammelten sind seit langem Verfechter der Menschen
rechte in unserer eigenen Gesellschaft gewesen.

Und dieser Kampf um die

Bürgerrechte dauert in unserem ganzen Lande weiter an.
In den

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�In den erstr&gt;n Jahren unserer Bürgerrechtsbewegung betrachteten viele
Amerikaner diese Frage als ein Problem "des Südens". Sie hatten unrecht.
Das war und ist ein Problem, das uns alle angeht.

Heute dürfen wir als

ganze Nation keinen vergleichbaren Fehler machen.

Der Schutz der Menschen-

rechte ist eine Herausforderung für alle Länder, nicht nur für einige wenige.
Unsere Menschenrechtspolitik muß begriffen werden, wenn sie wirksam sein
solle

Daher möchte ich heute hier das Wesentliche dieser Politik und die

Resultate, die wir zu erzielen hoffen, darlegen.
Unser Eintreten für die Menschenrechte ist auf altehrwürdigen Werten
fundiert. Es schaut voller Hoffnung auf eine Welt, in der die Freiheit
nicht lediglich ein hohes Anliegen, sondern die gemeinsame Grundbedingung ist.
In der Vergangenheit mag es ausreichend erschienen sein, wenn wir unseren
Namen unter internationale Dokumente setzten, die in hohen Worten von der
Freiheit sprachen.
Das ist nicht genug. Zusammen mit anderen Völkern und
Regierungen werden wir darauf hinarbeiten, die Würde des Einzelnen zu
schützen und zu stärken.
Lassen Sie mich definieren, was wir mit "Menschenrechten" meinen:
Das ist erstens das Recht der Freiheit vor gewaltsamen Verstößen der
Regierung gegen die Unantastbarkeit der Person. Zu solchen Verstößen gehören:
Folter; grausame, unmenschliche oder entwürdigende Behandlung oder Bestrafung und willkürliche Festnahme oder Inhaftierung. Dazu gehören ferner
die Verweigerung eines fairen, öffentlichen Gerichtsverfahrens und das
Eindringen in Wohnungen.
Da ist zweitens das Recht auf Erfüllung solch lebenswichtiger Bedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft, Gesundheitsfürsorge und Erziehung.

Wir sind uns

darüber im klaren, daß es zu einem Teil von der wirtschaftlichen Entwicklungsstufe eines Landes abhängen wird, ob diesem Recht Genüge geschehen kann.
Wir wissen aber auch, daß dieses Recht durch Tätigkeit oder Untätigkeit einer
Regierung verletzt werden kann - beispielsweise durch korrupte Verfahren

�Verfahren der öffentlichen Hand, die die verfügbaren Hilfsmittel für eine
Elite auf Kosten der Bedürftigen abzweigt, oder durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Armen.
Da ist drittens das Recht auf den Genuß bürgerlicher und politischer Freiheiten - Gedankenfreiheit, Freiheit der Religion, Versammlungs- und Redefreiheit;

Freizügigkeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des eigenen Landes

und die Freiheit, sich an der Regierung zu beteiligen.
Die Förderung all dieser Rechte ist Ziel unserer Politik. Sie finden
ihre Anerkennung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, einem
grundlegenden Dokument, an dessen Gestaltung die Vereinigten Staaten mitgewirkt und das die Vereinten Nationen im Jahre 1948 gebilligt haben. Es
mag über die Prioritäten, welche diesen Rechten zukommen, Meinungsverschiedenheiten geben. Aber ich bin der Auffassung, daß bei entsprechender Anstrengung erreicht werden kann, daß sich all diese Gesetze ergänzen und
gegenseitig verstärken.
Der Gedanke unserer Menschenrechtspolitik ist revolutionär im geistigen
Sinne - sie spiegelt den Ursprung und die fortschrittlichen Werte unserer
Nation wider.
So wie Archibald Macleish anläßlich unserer Zweihundertjahrfeier vor einem Jahr es formulierte: "Die Sache der menschlichen Freiheit ist
numehr das eine große revolutionäre Anliegen..."
Präsident Carter drückte es in seiner Rede vor den Vereinten Nationen
in folgender Weise aus:
"...Alle Unterzeichner der Charta der Vereinten Nationen haben sich
feierlich verpflichtet, die grundlegenden Kenschenrechte einzuhalten und zu
achten.

So kann denn auch kein Mitglied der Vereinten Nationen behaupten,

daß eine Mißhandlung seiner Bürger einzig und allein seine eigene Angelegenheit sei.

Genausowenig kann sich ein Mitglied seiner Verantwortung ent-

ziehen, zu prüfen und seine Stimme zu erheben, W2nn es in irgendeinem Teil
der Welt zu Folterungen oder ungerechtfertigten Freiheitsberaubungen kommt..."
o

Seit

�Seit 1945 hat die internationale Praxis bestätigt, daß die Verpflichtung
einer Nation zur Beachtung der Menschenrechte ein völkerrechtliches Anliegen
ist.
Unsere Verpflichtung gemäß der Charta der Vereinten Nationen ist in
unserer eigenen Gesetzgebung festgelegt.

So heißt es beispielsweise in

unserem Auslandshilfegesetz heute: "Es ist ein Hauptziel der Außenpolitik
der Vereinigten Staaten, die verstärkte Beachtung der international anerkannten Menschenrechte durch alle Länder zu fördern."
In diesem Sinne steht unsere Politik im Einklang mit unserer Tradition,
unseren internationalen Verpflichtungen und unseren Gesetzen.
Wenn wir eine solche Politik der Menschenrechte verfolgen, müssen wir
immer der unserer Macht und unserer Weisheit gesetzten Grenzen eingedenk
bleiben. Jeder starre, arrogante Versuch, anderen unsere Werte aufzuzwingen, wäre eine sichere Formel für ein Scheitern in unserer Zielsetzung.
Ein doktrinärer Aktionsplan wäre hier genau so schädigend wie Gleichgültigkeit.
Wir müssen realistisch sein.

Urser Land kann seine Ziele nur erreichen,

wenn wir unser Tun und Handeln dem jeweiligen Fall anpassen.

In jedem

einzelnen Fall werden wir bei der Entscheidung, ob und wie zu handeln sei,
die folgenden Fragen in Erwägung ziehen:
1. Wir werden uns die Frage stellen, welcher Art ist der Fall, der
uns vorliegt? Zum Beispiel:
- Welcher Art sind die vorliegenden Verstöße oder Rechtsentziehungen?
Welches Ausmaß haben sie?
- Haben die Verstöße Methode? Wenn ja, besteht eine Tendenz in Richtung
auf die Achtung der Menschenrechte oder im gegenteiligen Sinne?
- Wie weit geht die Kontrolle und Verantwortlichkeit der betreffenden
Regierung?
- Und

- 4 -

\ic

�- Und schließlich, ist die Regierung gewillt, eine unabhängige, vor.
außen kommende Untersuchung zuzulassen?
2.

Ein zweites Paket von Fragen betrifft die Erfolgsaussichten für

eine wirksame Aktion:
- Wird unsere Aktion der Förderung der Sache der Menschenrechte insgesamt dienlich sein?
- Werden durch sie die vorliegenden spezifischen Bedingungen tatsächlich
verbessert werden? Oder ist es wahrscheinlich, daß die Dinge dadurch nur
noch schlechter werden?
- Ist das betroffene Land für unsere Interesse und unsere Bemühungen
aufgeschlossen?
- Werden andere mit uns zusammenarbeiten, einschließlich der offizielle»!
und privaten internationalen Organisationen, die sich für die Förderung der
Menschenrechte einsetzen?
- Und schließlich, erfordert unser Gefühl für Werte und Anstand, daß
wir das Wort ergreifen oder handeln, selbst wenn nur eine entfernte Chance
besteht, unseren Einfluß geltend zu machen?
3.

Wir werden uns ein drittes Paket von Fragen vorlegen, um die Dinge

in der richtigen Perspektive zu sehen:
- Halten wir uns wirklich fern von aller Selbstgerechtigkeit und Scharfe,
eingedenk der Tatsache, daß unsere eigene Vergangenheit nicht makellos ist?
- Haben wir die echten Sicherheitsinteressen genau genug berücksichtigt,
in der Erkenntnis, daß der Ausbruch eines bewaffenten Konflikts oder des
Terrorismus selbst eine schwere Bedrohung der Menschenrechte sein könnten?
- Haben wir alle Rechte, um die es geht, berücksichtigt? Wenn wir beispielsweise unsere Hilfe für eine Regierung, die die politischen Rechte
ihrer Bürger verletzt, verringern, laufen wir dann nicht Gefahr, die Hungrigen
und Armen zu bestrafen, die für die Obergriffe ihrer Regierung keine Verantwortung tragen?
Wenn
- 5 -

?9

�Wenn wir entschlossen sind zu handeln, dann reüchen die uns zur Verfügung stehenden Mittel von der diskreten Diplomatie in ihrer vielfältigen
Form über öffentliche Erklärungen bis zur Zurückhaltung von Unterstützung.
Wann immer möglich, werden wir positive Schritte der Ermutigung und der
Überzeugung ergreifen*

Mit allem Nachdruck werden wir Länder unterstützen,

die bemüht sind, die menschlichen Verhältnisse und Bedingungen zu verbessern.

Wir werden immer versuchen, in Übereinstimmung mit anderen

Ländern mittels internationaler Körperschaften zu handeln.
Letztlich ist die Entscheidung, ob und wie in der Sache der Menschenrechte gehandelt werden roll, eine Frage des informierten und sorgfältigen
Urteils. Eine mechanische Formel führt keinesfalls automatisch zu einer
Antwort.
Es ist nicht unser Ziel s uns in die inneren Angelegenheiten anderer
Länder einzumischen, aber - wie der Präsident betont hat - kein Mitglied
der Vereinten Nationen kar.n für s^ch beanspruchen, daß die Verletzung
international geschützter Menschenrechte ausschließlich seine innere
Angelegenheit s e ü Es ist unser Ziel, unsere Politik in Übereinstimmung mit
unseren Überzeugungen zu gestalten und sie ohne Schärfe oder Entschuldigung
zum Ausdruck zu bringen, wenn wir dies für wünschenswert halten.
Unsere Politik muß sowohl innerhalb unserer eigenen Gesellschaft als
auch im Ausland angewandt werden. Wir begrüßen konstruktive Kritik, genauso
wie wir aucn eine solche Kritik üben.
Niemand sollte davon ausgehen, daß wir in einem Vakuum arbeiteten. Wir
legen großes Gewicht auf die Zusammenarbeit mit anderen für die Sache der
Menschenrechte.
Das System der Vereinten Nationen ist der Mittelpunkt für diese kooperative
Vorhaben.

Deshalb hat der Präsident das Streben nach den Menschenrechten in

seiner Rede vor den Vereinten Nationen im vorigen Monat so unterstrichen. Des-

"6-

1$,

�Deshalb fordert er die Ratifizierung von vier Menschenrechtsverträgen und
-konventionen durch die Vereinigten Staaten und deshalb bemühen wir uns
um die Stärkung des Apparates für die Menschenrechte innerhalb der Vereinten Nationen.
Und das ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir uns den Sanktionen
der Vereinten Nationen gegen Rhodesien angeschlossen haben .'Als eine
ihrer
ersten Maßnahmen hat diese Regierung eine Ablehnung des ByrdAbänderungsantrages angestrebt und auch erreicht, der zu einer Verletzung
dieser Sanktionen und somit auch zu einer Verletzung des Völkerrechtes geführt hätte. Wir unterstützen andere diplomatische Bemühungen innerhalb
der Vereinten Nationen zur Förderung der zivilen Grundrechte und der
politischen Menschenrechte in Namibia und überall im südlichen Afrika.
Regionale Organisationen spielen ebenfalls eine zentrale Rolle bei der
Förderung der Menschenrechte. Der Präsident hat angekündigt, daß die
Vereinigten Staaten die Amerikanische Konvention über Menschenrechte unterzeichnen werden und er sich um die Zustimmung des Senats bemühen wird.
Wir werden weiterhin daran arbeiten, den Mechanismus der Interamerikanischen
Kommission für die Menschenrechte zu stärken. Dies wird Bemühungen um
regelmäßige Besuche bei allen Mitgliedern der Organisation Amerikanischer
Staaten (OAS), jährliche Debatten über die Menschenrechtsbedingungen sowie
die Erweiterung des Interamerikanischen Erziehungsprogrammes für Menschenrechte einschließen.
Die Vereinigten Staaten sind um verstärkte

Konsultationeifc'»H anderen

Ländern über gemeinsame Programme der Wirtschaftshilfe und über generelle
Anstrengungen zur Förderung der Menschenrechte bemüht.

Wir wollen sicher-

stellen, daß unsere Bemühungen alle erreichen, wobei besonderer Nachdruck
auf die Probleme der Frauen gelegt wird.
Wir

- 7 -

�Wir werden im Verlauf dieses Jahres in Belgrad zusammenkommen, um die
Verwirklichung der Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - der sogenannten Helsinki-Konferenz - zu überprüfen.
Wir werden diese Gelegenheit benutzen, um dort auf Fortschritte bei den
wichtigen menschlichen Fragen hinzuwirken: Familienzusammenführung,
Heiraten zwischen Personen verschiedener Staatsangehörigkeit, Reisen aus
persönlichen und beruflichen Gründen und freier Zugang zu Informationen.
Die Vereinigten Staaten sehen den Einsatz der Wirtschaftshilfe - ob
nun bilateral oder durch internationale Finanzinstitutionen - als ein
Mittel zur Förderung der grundlegenden Menschenrechte.
- Wir haben eine 20-prozentige Erhöhung der Wirtschaftshilfe der
Vereinigten Staaten im Ausland für das Haushaltsjahr 1978 vorgeschlagen.
- Wir erweitern das Programm des Amtes für Internationale Entwicklung
(AID) mit dem Titel "Neue Initiativen auf dem Gebiet der Menschenrechte"
als eine Ergänzung der gegenwärtigen Bemühungen, den Nutzen unserer Hilfe
jenen im Ausland zukommen zu lassen, die diese Hilfe am meisten benötigen.
- Die Programme des US-Informationsamtes (USIA) sowie des Referates für
Erziehungs- und Kulturangelegenheiten im amerikanischen Außenministerium
betonen unsere Unterstützung für das Recht in der Gesellschaft, eine freie
Presse, die Freiheit der Kommunikation, ein offenes Erziehungssystem und
die Respektierung der ethnischen Vielfalt.
Die Menschenrechtspolitik unserer Regierung ist in Zusammenarbeit und
in Konsultation mit dem Kongreß sowie Privatorganisationen gestaltet worden.
Wir haben Maßnahmen ergriffen, um Kontakte aus erster Hand, Konsultationen
und Beobachtungen sicherzustellen, wenn Mitglieder des Kongresses ins
Ausland reisen, um sich einen Überblick über die Menschenrechtsbedingungen
zu verschaffen.
Wir verwirklichen gegenwärtig Gesetze, die Menschenrechtsüberlegungen
direkt in unsere Entscheidungen bei verschiedenen internationalen Finanz- 8 -

19

�Finanzinstitutionen einbeziehen.

Gleichzeitig arbeiten wir mit dem Konareß

daran, die wirksamste Methode zu finden, um unsere parallel laufende Verpflichtung für di&gt; internationale Zusammenarbeit bei der Wirtschaft
Entwicklung zu erfüllen.
Im Einklang mit den Menschenrechtsbestimmungen unserer Gesetze für
Sicherheitshilfep^ograrne haben wir dieser Tage Kürzungen der Militärhilfe
für verschiedene Länder angekündigt.
Auch außerhalb der Regierung kann viel getan werden.

Wir begrüßen die

Bemühungen einzelner amerikanischer Bürger und privater Organisationen, wie
religiöser, humanitärer und akademischer Gruppen, sich mit Zeit, Geld unc
Leidenschaftlichkeit für die Menschenrechte einzusetzen.
Alle diese Initiativen zur Förderung der Menschenrechte im Ausland
wären jedoch nur Schall und Rauch, wären wir nicht selbst bereit, unsere
Leistungen im eigenen Lande zu verbessern.

Deshalb haben wir alle Reise-

beschränkungen für unsere Bürger im Ausland aufgehoben und sind dabei,
Pläne für eine Liberalisierung unserer Visa-Richtlinien auszuarbeiten.
Wir unterstützen Gesetze und administrative Maßnahmen zur Erweiterung
unserer Flüchtlings- und Asylpolitik und für die Einreise von immer menr
Opfern repressiver Regime in die USA. Im vorigen Jahr haben die Vereinigten
Staaten rund 475 Millionen Dollar für die Flüchtlingshilfe in aller Welt
aufgewendet, und wir haben 31 000 Flüchtlinge für eine ständige Ansiedlung
in unserem Lande aufgenommen.
Welche Ergebnisse können wir aufgrund all dieser Anstrengungen erwarten?
Wir dürfen wohl zu Recht mit einem raschen Ende solcher schwerer Verletzungen rechnen, wie sie in unserem Recht und Gesetz zitiert werden:
"Folterung oder grausame, unmenschliche oder entwürdigende Behandlung oder
Bestrafung oder überdehnte Untersuchungshaft ohne Anklageerhebung..." Noch
- 9 -

11

�Noch vorige Woche hat unser Botschafter bei den Vereinten Nationen, Andrew
Young, eine Reihe neuer Mittel und Wege vorgeschlagen, um der Praxis der
Folterung in aller Welt entgegenzutreten.
Die Förderung anderer Menschenrechte ist eine weitergesteckte Aufgabe.
Die Resultate stellen sich vielleicht langsamer ein, sollten aber nichtsdestoweniger angestrebt werden, und wir haben die Absicht, andere Länder
unseren Standpunkt wissen zu lassen.
Wir sind uns darüber im klaren, daß viele Länder der Welt auf autoritären, statt auf demokratischen Prinzipien aufgebaut sind - einige davon
sind groß und mächtig, andere kämpfen darum, den Lebensstandard ihrer
Völker über das bare Existenzminimum zu heben.

Wir können uns nicht der

Illusion hingeben, daß der Appell zur Wahrung der Menschenrechte eine
plötzliche Umstellung in autoritären Gesellschaften zur Folge haben wird.
Wir befinden uns auf einem langen Weg. Aber unser Glaube an die Würde
des Einzelnen ermutigt uns zu der Annahme, daß die Menschen in jeder Gesellschaft, aufgrund ihrer eigenen Tradition, zur rechten Zeit diesem
fundamentalen Streben Ausdruck verleihen werden.
Unsere Überzeugung wird gestärkt durch die Resonanz, die die Prinzipien
von Helsinki sowie die Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen in
den Herzen der Völker zahlreicher Länder gefunden haben. Unsere Aufgabe ist
es, diesen Glauben und dieses Vertrauen zu erhalten - und zwar durch unser
Beispiel und durch unsere Ermutigung.
In der Ansprache anläßlich seiner Amtseinführung erklärte Präsident
Carter vor drei Monaten, "weil wir frei sind, können wir niemals indifferent
gegenüber dem Schicksal der Freiheit anderswo sein..." Und auf einer
Konferenz der amerikanischen Staaten vor zwei Wochen sagte der Präsident,
"Sie werden dieses Land immer bereit finden, neben jenen Nationen zu stehen,
die die Menschenrechte respektieren und die demokratischen Ideale fördern."

�Wir streben nach diesen Zielen, weil sie richtig sind und weil auch wir
daraus Nutzen ziehen werden.

Unser eigenes Wohlergehen und sogar unsere

Sicherheit werden gefördert in einer Welt, die gemeinsame Freiheiten hat
und in der Prosperität und wirtschaftliche Gerechtigkeit die Bedingungen
für den Frieden schaffen.

Und wollen wir uns doch immer vor Augen halten,

daß wir einen schweren Preis zahlen, wenn wir mit Unterdrückung
identifiziert werden.
Länder wie auch jeder Einezlne begrenzen ihre Möglichkeiten, wenn sie
ihre Ziele begrenzen. Das amerikanische Volk weiß dies. Ich bin davon
überzeugt, daß es eine Außenpolitik unterstützen wird, die unsere
traditionellen Werte widerspiegelt. Weniger anzubieten, hieße Amerika
in einer Art und Weise einzuschränken, die wir nicht akzeptieren sollten.
Die Amerikaner kämpften im Jahre 1776 und in zwei Weltkriegen für die
Freiheit. Wir haben den Unterdrückten Zuflucht gewährt. Millionen von
Menschen sind in Zeiten der Krise in unser Land gekommen. In Zeiten
der Verwüstungen im Ausland, haben wir unsere Mittel zur Verfügung gestellt.
Die Ermutigung und die Inspiration, die wir anderen Ländern und anderen
Völkern gegeben haben, waren niemals auf unsere militärische Macht oder auf
den Oberfluß unserer Wirtschaft begrenzt. Diese Völker schöpften Kraft
aus der Botschaft unserer Revolution, aus der Botschaft der individuellen
menschlichen Freiheit. Diese Botschaft war unser großer nationaler
Aktivposten in der Vergangenheit. So sollte es auch in Zukunft sein.

- 11 -

�11/1977

DAS NUKLEARE NONPROLIFERATIONSGESETZ DER USA: DIE WICHTIGSTEN PUNKTE

Washington - (AD) - Das Weiße Haus hat folgende zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Punkte des nuklearen Nonproliferationsgesetzes von
1977 - Nuclear Non-Proliferation Act of 1977 - veröffentlicht, das die
amerikanische Regierung dem Kongreß am 27. April unterbreitet hat:
Das nukleare Nonproliferationsgesetz von 1977, die einheimische
Nuklearpolitik, die der Präsident am 7. April verkündet hat, sowie die
in dieser Darstellung enthaltenen zusätzlichen politischen Entscheidungen
sind wesentliche Komponenten der nuklearen Nonproliferationspolitik dieser
Regierung. Die politischen Entscheidungen des Präsidenten beinhalten:
- neue Bedingungen, die wir für die Gewährung nuklearer Exportlizenzen verlangen werden;
- zusätzliche neue Bedingungen,die wir für neue Kooperationsabkommen
verlangen werden.

Diese Abkommen sind die formellen, bilateralen Vor-

haben, die die Grundlage für zivile Programme auf nuklearem Gebiet mit
anderen Ländern bilden;
- die Politik, die die Regierung bei ihren Empfehlungen für die Nuklearaufsichtsbehörde (Nuclear Regulatory Commission) hinsichtlich des Exports
sensitiver Stoffe wie Plutonium und hochangereichertem Uran (der für

«2

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D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�für Waffenzwecke verwendbaren Form von Uran, als HEU bekannt) verfolgen
wi rd;
- die Politik, die die Regierung bei der Entscheidung verfolgen wird,
ob das Ersuchen eines anderen Landes auf Weitergabe von aus den USA gelieferten Brennstoffen an ein drittes Land zum Zwecke der Wiederaufbereitung genehmigt wird;
- die Politik zur Verbesserung der amerikanischen Verläßlichkeit als
Lieferant von Kernbrennstoffen, indem größere Klarheit und Einsicht in
den Prozess der Exportlizensierung geschaffen wird.
Alle diese Politiken zusammengenommen werden die Vereinigten Staaten
in eine Führungsposition innerhalb der nuklearen Lieferländer bringen und
die Schaffung einer starken und effektiven Nichtweiterverbreitungspolitik
bewirken. Diese Politiken sind als ein komplettes Paket entwickelt
worden und müssen als solches bewertet werden. Sie sind gedacht als eine
sorgsam ausgewogene Mischung von:
Verweigerung - bei all solchen Anlagen und Geräten, wie Wiederaufbereitungsanlagen, durch die nach unserer Auffassung ein derart großes
Risiko entsteht, daß ihr Export vermieden werden sollte, wenn immer dies
möglich ist;
Kontrollen - über all solche Geräte und Technologien, wie sie für
laufende Programme erforderlich sind, wo durch verbesserte Sicherheitsbestimmungen und -bedingungen für die physische Sicherheit das Risiko
wesentlich vermindert wird;
Anreize - die Vereinigten Staaten sind sich völlig darüber im klaren,
daß es so etwas wie eine wirksame einseitige Politik der Nonproliferation
nicht gibt. Wir müssen die Unterstützung anderer Nationen - sowohl der
Liefer- wie der Empfänger1 ander - gewinnen, wenn wir unser gemeinsames
Ziel, die Weiterverbreitung der Atomwaffen zu begrenzen, erreichen wollen.
Daher sind in dem Programm der Administration wesentliche Anreizfaktoren
- 2 -

11

�Anreizfaktoren vorgesehen, vor allem auf den folgenden Gebieten:
Feststellung der Uranvorkommen; garantierter Zugang zu nicht-sensitivem
Uran von geringem Anreicherungsgrad (LEU=low enriched uranium) für
Brennzwecke und Deponien für verbrauchte Kernbrennstoffe.
Im folgenden die wesentlichen Grundzüge des neuen Nonproliferationsgesetzes und der damit verbundenen Politik der Administration:
1. Die Gesetzesvorlage stellt zum erstenmal die gesetzliche Forderung
auf, die es der unabhängigen Nuklearaufsichtsbehörde (NRC) untersagt, eine
Lizenz für den Export nuklearer Materialien oder Anlagen zu erteilen,
ehe sie von der Exekutive davon in Kenntnis gesetzt ist, daß nach deren
Beurteilung die Ausgabe einer Lizenz "der gemeinsamen Verteidigung und
Sicherheit nicht zum Schaden gereichen wird." Diese Entscheidung wird
gefällt durch das Außenministerium, das Verteidigungsministerium, das
Handelsministerium, das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung und die
Behörde für Energieforschung und -entwicklung.
Bis zu diesen Beurteilungen, wird die Exekutive sich an folgende in
dem Gesetz nicht im einzelnen dargelegte Politik halten:
- Beibehaltung des Embargos für den Export von Anreicherungs- und
Wiederaufbereitungsanlagen;
- keine neuen bindenden Zusagen für den Export nennenswerter Mengen
abgetrennten Plutoniums, mit Ausnahme von Gramm-Mengen für die Forschung
und an!aytische Untersuchungen;
- keine neuen Zusagen für den Export nennenswerter Mengen von hochangereichertem Uran (highly enriched uranium=HEU), es sei denn, daß es
sich um ein außergewöhnlich wertvolles Projekt handelt und eindeutig
erwiesen ist, daß die Verwendung von Uran mit geringerem Anreicherungsgrad
oder anderem für Waffenzwecke weniger brauchbarem Material technisch
nicht durchführbar ist;
- die
- 3 -

7t

�- Die direkte Billigung des Präsidenten für jede Lieferung von
hochangereichertem Uran, deren Menge größer ist als 15 Kilogramm (die
Menge, die ungefähr für eine Bombe gebraucht wird);
die Bemühungen, um solche Projekte und Anlagen im Ausland herauszufinden, die auf den Gebrauch von schwach angereichertem Uran umgestellt
werden könnten.
2.

Die Gesetzesvorlage umreißt die unmittelbaren Bedingungen für

den nuklearen Export, von denen wir vernünftigerweise annehmen dürfen,
daß die anderen Nationen sie erfüllen werden, während wir über striktere
Kooperationsabkommen verhandeln.

Zu diesen Bedingungen zählen:

- die Forderung, daß für alle exportierten Teile und für alles andere
Plutonium oder angereicherte Uran, das in der exportierten Anlage verwendet werden oder durch ihre Inbetriebnahme produziert werden könnte,
die Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEA) gelten.
- die Forderung, daß kein Export aus den USA für die Entwicklung
oder Produktion irgendeines nuklearen Sprengsatzes verwendet wird.
- die Forderung, daß eine Weitergabe amerikanischer Exporte durch
das Empfängerland an irgendein anderes Land nicht ohne vorherige
Billigung durch die Vereinigten Staaten erfolgen darf.
- die Forderung, daß kein von den Vereinigten Staaten exportierter
Kernbrennstoff ohne vorherige amerikanische Billigung wiederaufbereitet
werden darf.
Diese Kriterien unterscheiden sich von den derzeit dem amerikanischen
Kongreß vorliegenden Vorschlägen, die Kriterien enthalten, welche ein unmittelbares Moratorium für nukleare Exporte aus den Vereinigten Staaten
erzwingen würden. Ein solches Moratorium würde die amerikanischen Beziehungen zu bestimmten Verbündeten ernsthaft schädigen, deren Zusammenarbeit von wesentlicher Bedeutung ist, wenn wir unsere Ziele der Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen erreichen wollen.
3. Die

-4-

1^

�3.

Die Gesetzesvorlage umreißt weitere Bedingungen für den Export

nuklearen Materials, die in neuen Abkommen für eine Zusammenarbeit gestellt werden sollen.

Dazu gehören:

- die Forderung, daß im Falle von Staaten, die über keine Kernwaffen
verfügen, die Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sich auf sämtliches Kernmaterial und alle Ausrüstungen
erstreckt, unbeschadet, ob diese von den Vereinigten Staaten geliefert
wurden.

Die Erfüllung dieser Forderung wird eine Bedingung für fort-

laufende nukleare Lieferungen aus den Vereinigten Staaten sein.
Der Präsident hat ferner angeordnet, daß diese Forderung nur als eine
Interim^maßnahme gesehen werden sollte und daß die erste Präferenz der
Vereinigten Staaten - und ihr ständiges Ziel - die weltweite Beachtung
des Atomwaffensperrvertrages ist.
- Die Klausel,daß die Zusammenarbeit der Vereinigten Staaten im Rahmen
des Abkommens eingestellt werden soll, wenn das Empfängerland einen
nuklearen Sprengsatz zur Explosion bringt oder die Sicherheitsbestimmungen
der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) oder irgendeine Garantie,
die es im Rahmen des Abkommens gegeben hat, ernsthaft verletzt.
- Die Forderung nach IAEA-Sicherheitsbestimmungen hinsichtlich allen
von den USA gelieferten Materialien und aller Ausrüstungen für eine
unbegrenzte Dauer, gleichgültig, ob das Kooperationsabkommen in Kraft
bleibt oder nicht.
- Das Recht der USA auf Genehmigung der Weitergabe, das sich auf alles
spezielle Kernmaterial erstreckt, das durch die Verwendung amerikanischer
Ausrüstungen produziert wird.
- Das

�- Das Recht der USA auf Genehmigung der Wiederaufbereitung, das sich
auf alles spezielle Kernmaterial erstreckt, das durch die Verwendung
amerikanischer Ausrüstungen produziert wird.
4.

Für die nahe Zukunft schlägt die Gesetzesvorlage vor, die

Bedingungen für eine nukleare Zusammenarbeit der USA zu verschärfen, indem
die bestehenden Abkommen neu verhandelt werden, damit den Richtlinien
entsprochen wird, die wir für neue Abkommen (wie unter 3 dargelegt)
fordern.

Diese Methode wird den amerikanischen Zielen der Nichtweiterver-

breitung besser gerecht werden als der Versuch, einseitig neue Bedingungen
für die Exportlizensierung aufzuerlegen.
5. Die Gesetzesvorlage bietet die notwendige Flexibilität, um sich mit
den verschiedenen Situationen und den betroffenen Ländern auseinanderzusetzen. So gewährt sie beispielsweise die notwendigen Ausnahmen für
Lizenzen im Rahmen der bestehenden multilateralen Abkommen. Sie schafft
ferner einen wirksamen Mechanismus für den Präsidenten und für den Kongreß, Fälle zu überprüfen, in denen die Regierung und die unabhängige Nuklearaufsichtsbehörde hinsichtlich der Gewährung einer vorgeschlagenen Exportlizenz unterschiedlicher Meinung sind. Und sie gestatten es dem Präsidenten,
Ausnahmen bezüglich der strengen neuen Bedingungen, die für Kooperationsabkommen erforderlich sind, zu gewähren, wenn er zu dem Schluß gelangt, daß
sie im Gesamtinteresse der Nichtweiterverbreitung liegen.
6. Die Gesetzesvorlage sieht Sanktionen gegen die Verletzung nuklearer
Abkommen vor, indem sie festlegt, daß kein Nuklearexport an irgendeinen Staat,
der nicht über Kernwaffen verfügt, stattfinden darf, der nach Verabschiedung
dieses Gesetzes:
- einen Kernsprengsatz zur Explosion bringt;
- Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergiebhö'rde (IAEA)
außer Kraft setzt oder aufkündigt;
- nach

" 6-

%t

�- nach Ansicht des Präsidenten ein IAEA-Abkommen oder irgendeine
andere Garantie, die er im Rahmen eines Kooperationsabkommens mit den
Vereinigten Staaten gegeben hat, ernsthaft verletzt hat - es sei
denn, ein solcher Stopp würde die Verwirklichung der amerikanischen
Nichtweiterverbreitungsziele beeinträchtigen oder die gemeinsame
Verteidigung und Sicherheit gefährden.
7. Die Gesetzgebung schlägt die Schaffung eines internationalen Auswertungsprogrammes für Kernbrennstoffzyklen vor, das auf die Förderung
der Entwicklung alternativer Kernbrennstoffzyklen abzielt, die keinen
Zugang zu für Waffenzwecke verwendbarem Material gewähren, wie dies vom
Präsidenten in seiner Erklärung vom 7. April angekündigt wurde.
8. Als ein wichtiges Element des internationalen Auswertungsprogrammes
schlägt die Gesetzesvorlage eine Reihe von Politiken vor, die sicherstellen
sollen, daß allen Ländern als Anreiz für eine Nonproliferation genügend
Kernbrennstofflieferungen zur Verfügung stehen sollen. Dies schließt
folgendes ein:
- eine Politik, die sicherstellt, daß Nuklearexporte auf einer rechtzeitigen Basis erfolgen, nachdem die gesetzlichen Erfordernisse erfüllt
worden sind;
- eine Politik, die eine angemessene amerikanische Uran-Anreicherungskapazität sicherstellt;
- Amerikanische Initiativen zur Förderung internationaler Konsultationen,
um multilaterale Mittel und Wege zur Deckung des weltweiten Bedarfs an
Kernbrennstoff zu finden.
Die Gesetzesvorlage sieht ferner vor, daß der Präsident dem Kongreß
über den Fortschritt dieser Erörterungen bericr/'.et und solche Gesetze vorschlägt, die er zur Förderung dieser Ziele als notwendig erachten mag.
9. Die

-7-

"?&lt;.

�9. Die Gesetzesvorlage verpflichtet die USA, mit anderen Ländern
zusammenzuarbeiten, um die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zu
stärken und zwar durch den Beitrag technischer Ressourcen, durch Unterstützung und durch Geldmittel, durch die Verbesserung des Systems der
IAEA-Sicherheitsbestimmungen sowie durch die Gewähr, daß die IAEA die
Daten erhält, die für die Durchführung eines effektiven und umfassenden
internationalen Sicherheitsprogrammes erforderlich sind.

+ + +

- 8 -

�11/1977

ENERGIETRÄGER KOHLE
Ein Hauptfaktor in Präsident Carters neuem Energieprogram

- (AD) - Kohle macht 90 Prozent der amerikanischen Energierohstoffe
aus, wird aber nur zu 18 Prozent zur Deckung des gesamten Energiebedarfs
genutzt. Von den riesigen Kohlevorkommen - schätzungsweise vier Billiarden
Tonnen - dürfte eine Billiarde Tonne unter Anwendung der heute verfügbaren
Technologie abbaufähig sein. Das bedeutet: Es gibt genug Kohle für die
nächsten 200 - 300 Jahre.
Bei der Stromproduktion, wo Kohle z. Zt. etwa die Hälfte des Bedarfs
an Energierohstoffen deckt, soll künftig weitaus mehr als bisher von Heizöl
und Erdgas auf Kohle umgestellt werden.

In Präsident Carters neuem Energie-

programm, das am 20. April 1977 dem US-Kongreß zugeleitet wurde, rangiert
die Kohleverwertung unmittelbar hinter dem wichtigsten Projekt - der
Einsparung von Energie in jeder Form und unter allen nur erdenklichen
Aspekten.
James R.

W

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�James R. Schlesinger, der Energieberater Präsident Carters, schätzt,
daß bis 1985 die Vereinigten Staaten durch die Umstellung der Heizkraftwerke auf Kohle täglich etwa 4 Millionen Faß (ca. 510 000 Tonnen) öl einsparen könnten.

Angesichts der unterschiedlichen Ausrüstungen der Kraftwerke

und der strengen Umweltschutzbestimmungen halten jedoch manche Experten
dieses Programm für zu aufwendig.

Es könne, so erklären sie, Kosten

zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar verursachen.
Bis zu einem gewissen Grade ist die Umstellung auf Grund regierungsamtlicher Verfügungen aus den letzten Jahren bereits in Gang gesetzt.
Wie hierzu John P. 0'Leary, der Leiter der Bundesenergiebehörde FEA, erklärte, seien diese aber nicht wirksam genug, um die Elektrizitätswirtschaft zu einem sehr viel weiter gehenden Verzicht auf den Einsatz von
Erdöl und Erdgas zu bewegen.
Im Rahmen des 1972 verkündeten "Projekts Unabhängigkeit" sollte die
Kohleförderung bis 1985 auf 1200 Millionen Tonnen gesteigert, d.h. verdoppelt werden.

Tatsächlich aber war bisher nur eine jährliche Steigerung

um 6 bis 7 Prozent zu verzeichnen.

Der Grund: Schwerwiegende Probleme von

Umweltbelastung sowie technische und finanzielle Probleme stehen im Weg?*.
Nach Ansicht der privaten Kohlewirtschaft sind weder der Bergbau noch der
Arbeits- und Kapitalmarkt und das Transportwesen auf eine Ausweitung der
Kohleförderung größten Stils eingerichtet.

Auch seien bisher die büro-

kratischen Hindernisse und nicht zuletzt Umweltschutzaktionen zu massiv,
um beispielsweise große Kohlevorkommen durch den Bau von Vergasungswerken
im Förderrevier zu erschließen und für die Energieproduktion zu nutzen.
Es wird also umfassender und gemeinsamer Anstrengungen bedürfen, um
solchen Schwierigkeiten wirksam zu begegnen. Nach dem neuen Energieprogramm
ist bis 1985 eine Mehrförderung von 400 Millionen Tonnen jährlich bzw. eine
Steigerung um ca. 65 % vorgesehen.

U.a. sollen steuerliche Maßnahmen die

weitergehende Verwendung von Kohle beschleunigen.
Auch

- 2 -

�Auch die Kohleforschung wird intensiviert.

Der Betrag, den die

Energieforschungs- und Entwicklungsbehörde ERDA im kommenden Haushaltsjahr
dafür vorsah (525 Millionen Dollar), wird um weitere 42 Millionen Dollar
aufgestockt.

In erster Linie sollen die Vergasung und Verflüssigung von

Kohle sowie die Entwicklung moderner Abbau- und Transportmethoden gefördert werden.
Seit Dezember 1976 ist in Kentucky ein großes Werk als Prototyp einer
Verflüssigungsanlage in Bau, das nach der Fertigstellung unter der Regie
der ERDA pro Tag 600 Tonnen Kohle verarbeiten und daraus ca. 1800 Faß
(ca. 245 Tonnen) synthetisches Mineralöl liefern soll. Nach gegenwärtigen
Schätzungen würde der Preis pro Faß (ca. 159 Liter) allerdings bei
25 Dollar liegen, also weit über dem gegenwärtigen Weltmarktpreis für öl.
Auf dem Gebiet der Kohlevergasung sind z.Zt. fünf Pilotanlagen in
Betrieb, von denen jede nach einem anderen Verfahren arbeitet. Die ERDA
bereitet ein weiteres Verfahren der katalytischen Kohlevergasung vor, das
den Prozess erheblich verbilligen soll. Aber auch an verschiedenen Projekten der unterirdischen Kohlevergasung in 150 - 900 m Tiefe wird weitergearbeitet.
Die Wirbelbett-Verbrennung von fein gemahlener Kohle, bei der das
Pulver mit gemahlenem Kalkstein gemischt und unter Luftzufuhr verbrannt
wird, ergibt in Heizkraftwerken eine höhere Wärmeausbeute und weniger
Rückstände. Gleichzeitig erleichtert sie die Entfernung von Schwefel,
der bei normaler Verbrennung die stärkste Umweltbelastung darstellt. Die
ERDA ließ kürzlich in einem Kraftwerk in West Virginia den Prototyp
einer Wirbelbett-Verbrennungsanlage installieren. Die Experten hoffen,
mit solchen Ausrüstungen in der unmittelbaren Zukunft das Problem des
Schwefeldioxidauswurfs bei Kohlekraftwerken besser lösen zu können. An der
Verbesserung der sog. Scrubbers, die die Abluft der Kraftwerke von Schwefel Verbindungen und anderen unerwünschten Beimengungen reinigen, wird jetzt
mit Hochdruck weitergearbeitet.

- 3 -

�</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation

3f

2a

rji

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. April 1979

15

INHALT

DOKUMENTATION
Carter: keine Alternative zu SALT II
- Rede des Präsidenten vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband

Um Übcf/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 00 Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432
D5300 Bonn 2

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

15

27. April 1979

CARTER:

KEINE ALTERNATIVE ZU SALT II

- Rede des Präsidenten vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband -

NEW YORK

- (AD) - Die Alternative zu SALT II sei ein vertrags-

loser Zustand und damit eine noch unvollkommenere und gefährlichere
Welt.

Dies stellte Präsident Jimmy Carter in einer Rede vor dem amerika-

nischen Zeitungsverlegerverband am 25. April 1979 in New York fest.
Carter setzte sich mit allem Nachdruck für den vor seinem Abschluß stehenden
SALT II-Vertrag mit der Sowjetunion ein und beschwor die Massenmedien
und die Öffentlichkeit, ihn bei seinen Bemühungen zu überstützen, den
Kongreß von der Notwendigkeit des Vertrages zu überzeugen.
Die Rede Präsident Carters hat folgenden Wortlaut:
Zunächst einmal möchte ich etwas zu dem Thema dieser Versammlung
sagen und es nachdrücklich unterstützen: Die Verteidigung des Ersten
Verfassungszusatzes und der Pressefreiheit.
Die Meinungsfreiheit ist unser wichtigstes Bürgerrecht, und die

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�r

die Pressefreiheit ist deren wichtigstes Bollwerk.

Wir können es uns

niemals erlauben, hinsichtlich des Ersten Verfassungszusatzes selbstgefällig zu werden.

Im Gegenteil, wir müssen immer aktiv für seinen

Schutz eintreten.
Die amerikanische Presse ist seit den ersten Tagen unserer Nation
gewaltig gewachsen - nicht nur in Länge und Breite, sondern auch in dem
Selbstverständnis ihrer eigenen Pflichten und Verantwortlichkeiten.

Die

höchste jener Pflichten ist die Unterrichtung der Öffentlichkeit über die
wichtigen Dinge des Tages.

Und keine Sache wäre wichtiger als jene, über

die ich heute mit Ihnen sprechen möchte - die Kontrolle der Kernwaffen.
Jede Generation von Amerikanern steht vor einer Wahl, die ihren
Charakter kennzeichnet - eine Wahl, die auch hinsichtlich dessen wichtig
ist, was sie über die Weltauffassung unseres Landes aussagt.
In den kommenden Monaten werden wir mit großer Sicherheit vor einer
solchen Wahl stehen: ob wir einen neuen Vertrag über die Begrenzung
strategischer Waffen akzeptieren oder ablehnen. Die Entscheidung, die
wir treffen, wird unser Leben auf Jahre hinaus zutiefst berühren - und
das Leben von Menschen auf der ganzen Welt.
Wir können diese Wahl aus einer Position der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Stärke treffen - als stärkstes Land der
Erde.
Unsere Bündnisse sind fest und zuverlässig.
sind stark und einsatzbereit.
nicht ihresgleichen.

Unsere Streitkräfte

Unsere wirtschaftliche Stärke findet

Zusammen mit den anderen demokratischen Industrie-

staaten sind wir in der technologischen Innovation führend.

Unsere

Volkswirtschaften sind zusammen mehr als dreimal so produktiv wie die
Volkswirtschaften der Sowjetunion und ihrer Verbündeten.

- 2 -

Unsere politischen

V

�t

»

politischen Institutionen gründen sich auf der Freiheit des Menschen.
Unsere offenen Systeme ermutigen die schöpferische Fähigkeit des
einzelnen - und das wiederum stärkt unsere ganze Gesellschaft.

Unsere

Werte und unsere demokratische Lebensform haben für Menschen auf der
ganzen Welt eine magnetische Anziehungskraft, der es eine materialistische
und totalitäre Lehre niemals auch nur gleichtun kann.
Aus all diesen Gründen besitzen wir eine Fähigkeit zur Führung
in der Welt, die jene aller anderen Nationen übertrifft.
Diese Führung bringt eine große Verantwortung für uns mit sich,
aber unsere oberste Pflicht besteht darin, unsere Stärke im Dienste
unseres höchsten Interesses einzusetzen: dem Aufbau einer sicheren,
stabilen und friedlichen Welt. Wir erfüllen diese Pflicht in dem von
John F. Kennedy im Jahre 1963 verkündeten Geist: "Voll Vertrauen und
ohne Furcht", so erklärte er, "bemühen wir uns weiter - nicht um eine
Strategie der Vernichtung, sondern um eine Strategie des Friedens."
In unseren Beziehungen zur Sowjetunion macht die Möglichkeit der
gegenseitigen Vernichtung eine Strategie des Friedens zur einzigen
vernünftigen Option für beide Seiten.
Weil unsere Werte so verschieden sind, liegt es auf der Hand,
daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion für die absehbare Zukunft im Wettstreit liegen werden.
Und doch haben wir ein gemeinsames Interesse am überleben, und wir
haben gemeinsam erkannt, daß unser überleben im wahrsten Sinne von
einander abhängt. Gerade unsere Konkurrenz macht es zwingend notwendig,
daß wir ihren gefährlichsten Aspekt unter Kontrolle bringen - das nukleare
Wettrüsten. Darum sind die Verhandlungen über eine Begrenzung der
strategischen Waffen so wichtig. Diese Bemühung zweier großer Länder,

- 3 -

�Länder, die vitalen Sicherheitskräfte zu begrenzen, ist einzigartig
in der Geschichte der Menschheit.
Wenn der Kongreß und das amerikanische Volk über den SALT-Vertrag
debattieren, der kurz vor seinem Abschluß steht, dann wird sich die
Debatte um vier grundlegende Fragen drehen:
-

Warum brauchen wir SALT II?

-

In welchem Zusammenhang steht der Vertrag zu unserer Gesamtverteidigungsstrategie?

-

Kann die sowjetische Vertragseinhaltung verifiziert werden?

-

In welchem Zusammenhang steht der Vertrag zu den sowjetischen
Tätigkeiten, die unsere Interessen bedrohen?

Lassen Sie mich diese Fragen einzeln beantworten.
Erstens, warum brauchen wir einen Vertrag über die Begrenzung der
strategischen Rüstungen?
Wir brauchen ihn, weil er zu einer friedlicheren Welt beitragen
wird - und zu unserer eigenen nationalen Sicherheit.
Heute verfügen wir beide, wir und die Sowjetunion mit stark unterschiedlichen Weltauffassungen und Interessen,über die unheildrohende
zerstörerische Macht, uns buchstäblich als funktionierende Gesellschaft
zu zerstören und zig Millionen Menschen in diesem Prozess zu töten.
Und der gesunde Menschenverstand sagt uns - wie er es auch der Sowjetunion
sagt - daß wir daran arbeiten müssen, unseren Wettbewerb weniger gefährlich,
weniger mühsam zu gestalten und dafür zu sorgen, daß der letztliche

�t

r

letztliche Schrecken eines Nuklearkrieges weniger wahrscheinlich wird.

Ja,die ganze Welt hat ein vitales Interesse an einer Kontrolle
des strategischen Wettrüstens.

Wir haben uns eng mit unseren Verbündeten konsultiert, die auf
uns zählen, nicht nur was die Aufrechterhaltung starker Streitkräfte
zum Ausgleich gegen die militärische Macht der Sowjets anbetrifft,
sondern auch bezüglich einer erfolgreichen Beherrschung eines stabilen
Ost-West-Verhältnisses.

SALT steht im Mittelpunkt dieser beiden ent-

scheidend wichtigen Bemühungen.

Darum haben die führenden Männer

Frankreichs, Großbritanniens, der Bundesrepublik Deutschland und Kanadas
und anderer Länder ihre Unterstützung für den entstehenden Vertrag zum
Ausdruck gebracht.

Einige Länder, die sich bisher der Herstellung von Nuklearwaffen
enthalten haben, werden nachhaltig davon beeinflußt werden, ob die
beiden nuklearen Supermächte ihre eigenen Waffen im Zaume halten werden.
Eine Ablehnung des neuen Vertrages über strategische Waffen würde die
Anstrengungen,die Ausbreitung (Proliferation) dieser tödlichen Waffen
zu kontrollieren, ernsthaft untergraben.

Und nichts würde unsere anderen

entscheidend wichtigen Bemühungen um eine Rüstungskontrolle - von einem
Verbot aller Kernversuche bis zu einer Verhütung eines gefährlichen
Satelliten-Krieges im Weltraum, von einer Angleichung der Streitkräfte
der NATO und des Warschauer Paktes bis zur Einschränkung der Ausbreitung
hochentwickelter konventioneller Waffen - mehr Schaden zufügen.

Jeder Präsident seit dem Anbruch des Nuklearzeitalters hat sich
bemüht, die Kernwaffen unter Kontrolle zu bringen.

Dieser Prozeß

darf

und wird nicht aufhören.

-

Präsident Kennedy hat auf den Bemühungen der Präsidenten Truman

- 5-

�Truman und Eisenhower aufbauend im Jahre 1963 den ersten Vertrag
mit der Sowjetunion über das Verbot vergiftender Versuche mit
Kernsprengköpfen in der Atmosphäre unterzeichnet.
-

Im Jahre 1968 haben sich unter Präsident Johnson die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion mit anderen Ländern zusammengetan
und den Nichtweiterverbreitungsvertrag

(Kernwaffensperrvertrag)

unterzeichnet - ein wichtiger Schritt zur Verhütung der weiteren
Ausbreitung von Kernsprengköpfen.
-

Im Jahre 1972 hat unter Präsident Nixon das SALT I-Abkommen die
ersten vereinbarten Grenzen für die Zahl der Offensivwaffen gesetzt.

-

Der Vertrag über die Raketenabwehr-Raketen (ABM) hat einen
dauerhaften Beitrag zu unserer eigenen Sicherheit geleistet.

Präsident Ford hat diesen Prozeß in Helsinki und Wladiwostok fortgesetzt. Jede der Verhandlungen baut auf den Ergebnissen der vorigen
auf. Jedes Abkommen schafft die Grundlagen für einen weiteren Fortschritt
auf dem Wege zu einem stabileren nuklearen Verhältnis.
Drei Präsidenten haben mehr als sechs Jahre darauf verwandt, den
nächsten Schritt in diesem Prozeß zu erreichen - das SALT II-Abkommen.
Wir haben alle sorgfältig und überlegt verhandelt.

Wir haben jeden

Schritt auf dem Wege mit unseren führenden Militärs und Experten ausgearbeitet, und wir haben den Rat der Mitglieder des Kongresses gesucht.
Eine überwältigende Mehrheit des amerikanischen Volkes erkennt
die Notwendigkeit von SALT II. Unser Volk erwartet einen kontinuierlich schrittweisen Fortschritt, um die Kernwaffen unter Kontrolle zu
bringen. Die Amerikaner werden eine vernünftige Erhöhung unserer

�unserer Verteidigungsanstrengung unterstützen, aber wir wollen keine
völlig unnötige Rückkehr zum kalten Krieg und zu einem allgemeinen Wettrüsten - mit den damit verbundenen größeren Risiken und Kosten.

Durch

Stärke wollen wir den Weltfrieden.
Lassen Sie mich nun zur zweiten Frage kommen - in welchem Zusammenhang SALT II zu unserer Gesamtverteidigungsstrategie steht.
Die strategischen Streitkräfte

der Vereinigten Staaten und der

Sowjetunion sind heute im wesentlichen gleichwertig.
Die Sowjets besitzen größere und zahlenmäßig mehr landgestützte
Raketen.

Wir besitzen eine größere Zahl von Gefechtsköpfen und haben

bedeutende technologische und geographische Vorteile.
Jede Seite verfügt über den Willen und die Mittel, die andere
Seite daran zu hindern, eine Überlegenheit zu erreichen. Keine Seite
ist in der Lage, ihre Kernwaffen für politische Zwecke auszunutzen, noch
strategische Waffen einzusetzen, ohne den fast sicheren Selbstmord zu
riskieren.
Was uns Sorgen macht, ist nicht das gegenwärtige Kräfteverhältnis,
sondern das Tempo der strategischen Aufrüstung der Sowjets. Während
des letzten Jahrzehnts haben die Sowjets ihre realen Verteidigungsausgaben ständig erhöht, während unsere netto zurückgegangen sind. Auf
Gebieten, die durch SALT I nicht beschränkt werden, haben sie ehrgeizige
Programme in Angriff genommen, um ihre strategischen Streitkräfte zu
verstärken. An irgendeinem Punkt in der Zukunft könnten sie einen
strategischen Vorteil erreichen - wenn wir diese Trends nicht umkehren.
Und das ist genau das, was ich tun möchte - mit der Unterstützung
durch das amerikanische Volk und die überparteiliche Unterstützung des

- 7 -

�des Kongresses.
Wir müssen an zwei Fronten gleichzeitig vorgehen:
-

Erstens, innerhalb beiderseitig akzeptierter Grenzen müssen
wir unsere eigenen strategischen Streitkräfte modernisieren.
Dies ist zusammen mit einer Stärkung der NATO ein zentrales
Anliegen des erhöhten Verteidigungshaushaltes, den ich dem
Kongreß vorgelegt habe - Verbesserungen, die selbst in Zeiten
einer restriktiven Haushaltspolitik notwendig sind.

-

Zweitens, wir müssen dem Wettrüsten engere Grenzen ziehen, als
dies gegenwärtig durch SALT I geschieht. Das ist das Ziel
des SALT II-Vertrages.

Das von mir vorgelegte Verteidigungsbudget wird sicherstellen, daß
unsere Nuklearstreitmacht weiterhin im wesentlichen gleichwertig mit
der der Sowjetunion sein wird.
In diesem Jahr haben wir begonnen, unsere Unterseeboote mit neuen,
mächtigeren und weiter reichenden Trident I-Raketen auszurüsten.

Im

kommenden Jahr werden unsere neuen, noch sichereren Trident-Unterseeboote in See stechen, und wir arbeiten an einer mächtigeren und treffsichereren Trident II-Rakete für diese Unterseeboote.
Unser Programm für Marschflugkörper (Cruise Missiles) wird die
Wirksamkeit unserer Fernbomber-Streitmacht wesentlich erhöhen. Diese
Flugkörper werden in der Lage sein, jede Luftabwehr zu durchdringen,
die die Sowjetunion in absehbarer Zukunft aufbauen könnte.
Unsere landgestützten Minuteman-Raketen werden, was Treffsicherheit
und Stärke anbetrifft, von uns wesentlich verbessert. Aber im kommenden

�kommenden Jahrzehnt werden Raketen dieses in stationären Silos untergebrachten Typs in steigendem Maße gegen Überraschungsangriffe anfällig
werden.

Bei den Sowjets entfallen drei Viertel ihrer Gefechtsköpfe auf

solche ortsfest gebundenen Raketen, bei uns dagegen nur ein Viertel.
Dennoch ist dies ein sehr ernsthaftes Problem - und wir müssen uns mit ihm
auf sinnvolle und wirksame Weise befassen.
Das Verteidigungsministerium befaßt sich zur Zeit mit einer Reihe
von Optionen, wie man mit diesem Problem fertig werden kann, darunter
die Möglichkeit,einige unserer Interkontinentalraketen beweglich zu
machen. Ich darf hinzufügen, daß die Optionen, die wir überdenken, weitaus kostspieliger wären - und wir auch weitaus weniger Vertrauen in ihre
Wirksamkeit haben würden - wenn die durch SALT II gesetzten Grenzen wegfielen. Denn ohne eine solche Begrenzung der Zahl der sowjetischen
Gefechtsköpfe, könnte die Sowjetunion unsere Bemühungen ganz einfach
dadurch kontern, daß sie die Zahl der Gefechtsköpfe auf ihren Raketen
um ein Vielfaches erhöht.
Lassen Sie mich mit Nachdruck hervorheben, daß durch das SALT IIAbkommen eine angemessene Flexibilität für die Vereinigten Staaten auf
diesem wichtigen Gebiet erhalten bleibt.
Unsere strategischen Streitkräfte müssen imstande sein, einen
jeden Angriff zu überleben und auf militärische und zivile Ziele des
Aggressors einen Gegenschlag zu führen. Wir haben diese Kapazität die das Wesen jeder Abschreckung ausmacht - in der Vergangenheit besessen»
und wir besitzen sie auch heute; und SALT II zusammen mit den von mir
beschriebenen Verteidigungsprogrammen werden sie auch für die Zukunft
garantieren.
Das SALT II-Abkommen wird das Anwachsen der sowjetischen Rüstung
verlangsamen und den strategischen Wettstreit begrenzen.

- 9 -

Und indem e£

�es dazu beiträgt, die künftigen Gefahren, denen wir uns gegenübersehen
könnten, ZJ definieren, wird es unsere Verteidigungsplanung wirksamer
machen.
Den Bestimmungen des Abkommens zufolge werden beide Seiten zum
erstenmal auf die gleiche Zahl von strategischen Abschußrampem begrenzt,
und damit wird der zahlenmäßige Vorteil für die Sowjets beendet, der
ihnen aufgrund des derzeit gültigen SALT I-Abkommens zustand.
Um auf diese neuen und niedrigeren Zahlen zu kommen, werden die
Sowjets die Gesamtzahl ihrer strategischen Trägersysteme um zehn Prozent
reduzieren müssen - also um mehr als 250 sowjetische Raketenabschußrampen oder Bomber.

Natürlich werden die Sowjets sich dabei für die

Ausmusterung ihrer älteren Systeme entscheiden, aber auch diese Systeme
sind immer noch verheerend.

Die abzubauenden Raketen sind.was Alter

und Wurflast anbetrifft mit unseren derzeit dislozierten Minuteman II
und Polaris-Raketen vergleichbar.

Nach dem Abkommen wird es den Sowjets

nicht gestattet sein, diese Systeme durch modernere zu ersetzen.

Unsere

eigenen operativen Streitkräfte sind etwas unter den erlaubten Höchstgrenzen gehalten worden.

Somit könnten wir aufgrund des Abkommens den

Stand unserer Streitmacht, wenn es notwendig ist, erhöhen.
SALT II wird auch für den Wettlauf beim Aufbau neuer Systeme und
bei der Verbesserung der bereits vorhandenen - dem sogenannten "qualitativen" Wettrüsten - erste begrenzte aber wichtige Einschränkungen bringen.
Kurzum:

SALT II setzt wichtige Grenzen für das, was die Sowjets

ohne dieses Abkommen tun könnten.

Beispielsweise könnte die Sowjetunion

ohne SALT II ihre strategischen Waffen bis zum Jahre 1985 auf etwa 3000
erhöhen.

Durch SALT II werden wir beide uns auf 2250 derartige Waffen

beschränken müssen.
Dieses

- 10 -

�Dieses neue Rüstungskontrollabkommen wird ganz offensichtlich
umserem nationalen Interesse dienen.

Es wird die gefährlichen Ober-

grenzen der strategischen Waffen reduzieren und der Entwicklung künftiger
Waffen einen Zaum anlegen.

Es wird dazu beitragen, unsere relative Stärke

im Vergleich zu der sowjetischen beizubehalten und uns vor dem kostspieligen,
riskanten und sinnlosen Ausbau von Raketenabschußrampen und Bombern bewahren - an dessen Ende beide Seiten schließlich nur noch weniger sicher
wären.
Ich möchte mich jetzt der dritten der vier Fragen zuwenden, die
ich zu Beginn gestellt habe: Wie können wir wissen, daß die Sowjets
ihre im Rahmen dieses SALT-Abkommens eingegangenen Verpflichtungen auch
einhalten?
Kein Ziel erforderte im Verlaufe unserer Verhandlungen mehr Energie
und mehr Aufmerksamkeit.

Wir haben darauf bestanden, daß das SALT II-

Abkommen verifizierbar gemacht wird.

Wir sind davon überzeugt, daß

keine bedeutsame Verletzung des Vertrages stattfinden könnte, ohne daß
die Vereinigten Staaten sie entdecken würden.
Unsere Überzeugung hinsichtlich der Verifizierbarkeit des Abkommens
rührt aus dem Umfang und der Natur der Aktivitäten her, die wir überwachen müssen, sowie aus den zahlreichen effektiven und hochmodernen
Systemen zur Beschaffung von Nachrichten, über die wir verfügen.
So dauert es zum Beispiel mehrere Jahre, bis nukleare Unterseeboote entwickelt und gebaut sind.

Raketensilos und die dazugehörige

Ausrüstung sind groß und weithin sichtbar.

Interkontinental-Bomber

werden in nur wenigen Fabriken hergestellt und benötigen große Flugplätze.

Unsere Photoaufklärungssatelliten erfassen die gesamte Sowjet-

union auf regelmäßiger Basis und geben uns ein großes Zutrauen, daß
wir in der Lage sein werden, die Zahl all dieser Systeme genau festzu-

- 11 -

�festzustellen.
Aber unsere unabhängig voneinander einsetzbaren Verifizierungskapazitä'ten beschränken sich nicht nur auf die Beobachtung dieser großräumigen Aktivitäten.

Wir können nicht nur feststellen, wieviele Systeme

es gibt, sondern auch, was mit ihnen erreicht werden kann.

Unsere Photo-

satelliten sowie andere Systeme setzen uns in den Stand, die technologischen
Entwicklungen innerhalb der sowjetischen strategischen Streitkräfte mit
großer Genauigkeit zu verfolgen.

Es kann kein Zweifel daran bestehen,

daß jeder Betruo, der unsere nationale Sicherheit berühren könnte,
frühzeitig genug von uns entdeckt würde, um voll und ganz darauf reagieren
zu können.
über viele Jahre hinweg haben wir die sowjetischen strategischen
Streitkräfte sowie die Einhaltung des SALT I-Abkommens seitens der
Sowjets mit einem hohen Grad an Gewißheit überprüft.
zität bleibt weiterhin bestehen.

Diese Gesamtkapa-

Sie ging gewiß nicht mit unseren Be-

obachtungsstationen im Iran verloren, die nur eine der zahlreichen
Nachrichtenquellen warenjdie wir benutzen, um die sowjetischen strategischen
Aktivitäten zu verfolgen.
Natürlich machen wir uns Sorgen wegen dieses Verlustes, aber wir
müssen die Sache doch in der richtigen Perspektive sehen.
Diese Überwachungskapazität betrifft in erster Linie den Teil des
Abkommens, der sich mit Modernisierungsbeschränkungen für ballistische
Interkontinentalraketen (ICBM) befaßt, und nur einen Teil dieser Modernisierung.
Die sensitiven Nachrichtenbeschaffungstechniken können selbstverständlich nicht in aller Öffentlichkeit erörtert werden, aber der
entscheidende Punkt ist, daß - falls es hinsichtlich des SALT-Abkommens einen

- 12 -

�einen Betrugsversuch gibt, einschließlich der Begrenzungen für die
Modernisierung der Interkontinentalraketen, wir dies entdecken werden und zwar frühzeitig genug, um unsere Sicherheit voll und ganz zu schützen.
Wir müssen uns auch immer vor Augen halten, daß unsere Sicherheit,
ganz abgesehen von den SALT-Beschränkungen.von dem Ausmaß unserer Informationen
über die strategischen Streitkräfte der Sowjets berührt wird.

Mit dem

SALT II-Vertrag werden solche lebenswichtigen Informationen uns weitaus
besser zugänglich sein.
Das Abkommen untersagt insbesondere zum erstenmal jede Beeinträchtigung
der Systeme, die zur Überwachung seiner Einhaltung eingesetzt werden.

Es

verbietet jede bewußte Verschleierung, die eine solche Verifizierung
behindern würde.

Jede derartige Verschleierungsaktivität wäre selbst

schon entdeckbar, und eine Verletzung dieses Teils des Abkommens wäre
so ernst, daß es und Grund geben würde, den Vertrag selbst zu annulieren.
Wie ich schon häufig gesagt habe: Es geht um zu viel, als daß wir
uns auf bloßes Vertäuen verlassen könnten - oder selbst auf die von der
Vernunft bestimmte Neigung der Sowjets, in ihrem eigenen Selbstinteresse
zu handeln. Der Vertrag muß - und wird - verifizierbar sein, und zwar
vom ersten Tag seiner Unterzeichnung an.
Und schließlich:

Wie paßt SALT II in den Zusammenhang unserer

Gesamtbeziehungen mit der Sowjetunion?
Weil SALT II die Welt und unser eigenes Land sicherer machen wird,
liegt es in unserem eigenen nationalen Interesse, die Nuklearwaffen zu
kontrollieren, selbst wenn wir mit den Sowjets anderswo in der Welt im
Wettstreit liegen.
Ein SALT-Abkommen begrenzt in keiner Weise unsere Fähigkeit, unsere

- 13 -

�unsere Interessen zu fördern und auf die sowjetischen Bedrohungen dieser
Interessen zu reagieren.
Wir werden auch weiterhin die Unabhängigkeit der Länder der Dritten
Welt, die um ihre Freiheit kämpfen, unterstützen.
Wir werden auch weiterhin die friedliche Lösung der örtlichen und
regionalen Dispute fördern und uns gegen alle Bemühungen anderer wenden,
diese Streitfragen mit Hilfe von außen anzuheizen.
Und wir werden auch weiterhin für die Menschenrechte eintreten.
Es ist eine Täuschung anzunehmen, daß eine Ablehnung von SALT die
Sowjetunion irgendwie veranlassen würde, sich in Krisengebieten jetzt
zurückzuhalten.

Die praktische Auswirkung könnte genau umgekehrt sein.

Die unnachgiebigsten und feindseligsten Elemente der sowjetischen Machtstruktur würden durch eine Ablehnung von SALT nur ermutigt und gestärkt
werden.

Die Sowjets könnten durchaus zu der Ansicht gelangen, daß sie

durch die Schaffung neuer internationaler Spannungen nur wenig zu verlieren hätten.
Eine Ablehnung von SALT II würde eine Bedeutung haben, die über
das Schicksal eines einzelnen Vertrages hinausgeht. Sie würde eine
radikale Abkehr von der langfristigen Politik Amerikas bedeuten, sich
um den Weltfrieden zu bemühen, um die Kontrolle der nuklearen Waffen
sowie um die Entspannung zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen
Volk im Rahmen eines Systems des Völkerrechtes, das auf gegenseitigen
Interessen basiert.
Eine Ablehnung von SALT II würde zu einer gefährlicheren Welt
führen.

Wie ich bereits in meiner Rede vor der Technischen Hochschule

von Atlanta in Georgia am 20. Februar ausgeführt habe: "Jede Krise, jede

- 14 -

�jede Konfrontation, jeder Konflikt - so ernsthaft er an sich schon sein
mag - würde ein zusätzliches Maß an Bedeutung und eine weitere Dimension
der Gefährlichkeit erhalten.

Denn er würde sich dann in einem Klima

ungezügelten strategischen Wettrüstens und nachlassender strategischer
Stabilität ereignen.

Gerade weil wir fundamentale Differenzen mit der

Sowjetunion haben, sind wir entschlossen, diese äußerst gefährliche
Dimension unseres militärischen Wettstreits unter Kontrolle zu bekommen."
Aus diesen Gründen wollen wir nicht versuchen, ein bindendes Junktim
zwischen dem Verhalten der Sowjets und SALT herzustellen - und wir werden
auch keinerlei sowjetische Versuche akzeptieren, einen Zusammenhang
zwischen SALT und Aspekten unserer eigenen Außenpolitik herzustellen,
die sie vielleicht ablehnen.
Und um es noch einmal zu sagen:
Sowjetunion keinen Gefallen.

Mit SALT II erweisen wir der

Es ist ein Abkommen, das im nationalen

Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten sorgsam ausgearbeitet worden
ist.
Ich lege Ihnen heute diese Dinge dar, weil sie der Erörterung
und Debatte bedürfen und weil die Stimme des amerikanischen Volkes gehört
werden muß.
In den vor uns liegenden Monaten werden wir alles in unseren Kräften
stehende tun, um dem amerikanischen Volk diesen Vertrag klar und umfassend
zu erläutern. Ich weiß, daß sich Mitglieder des Kongresses aus beiden
Parteien diesem Bemühen anschließen werden, um eine informierte öffentliche
Debatte zu gewährleisten.
Es ist von großer Bedeutung, daß wir während dieser Debatte Sorgfalt walten lassen. Wir werden mit dem Kongreß einige unserer sensitivsten
verteidigungspolitischen und nachrichtendienstlichen Geheimnisse teilen.

- 15 -

�'S-

teilen.

Und die führenden Politiker im Kongreß müssen garantieren, daß

diese Geheimnisse sorgfältig bewahrt werden, damit diese Debatte unsere
Sicherheit nicht unterminiert.

über

Wenn jetzt die nationale Debatte stattfindet, lassen Sie uns darim klaren sein, worum es geht und worum nicht.
-

Die Amerikaner sind der Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung verpflichtet. Darum geht es nicht.

-

Wir werden auch weiterhin den Wettstreit fortsetzen - und in
wirksamer Weise mit der Sowjetunion konkurrieren.

Auchdarum

geht es nicht.
Die Frage, um die es geht, ist, ob wir mit der Kontrolle der
strategischen Rüstungen fortfahren oder wieder ein rücksichtsloses nukleares
Wettrüsten aufnehmen werden.

Das ist die Wahl, vor der wir stehen -

zwischen einer unvollkommenen Welt mit SALT II und einer unvollkommenen
und gefährlicheren Welt one SALT II.
Mit SALT II werden wir erreichen:
-

Bedeutsame Reduzierungen der strategischen Streitkräfte der
Sowjets;

-

eine weitaus größere Sicherheit hinsichtlich unserer Verteidigungsplanung und der Erkenntnis der Gefahren, denen wir uns gegenübersehen;

-

die notwendige Flexibilität, um unsere Verteidigungserfordernisse zu erfüllen;
die
- 16 -

V

�1

-

die Grundlage für weitere Kontrollen hinsichtlich der nuklearen
und konventionellen Rüstungen; und

-

die eigene Selbstachtung sowie die verdiente Achtung der Welt
vor den Vereinigten Staaten, die den Werken des Friedens verpflichtet sind.

Ohne SALT gäbe es keine Einschränkungen für die Sowjets,und sie
wären in der Lage zu einer weiteren enormen Aufrüstung und würden sich
wahrscheinlich sogar dazu verpflichtet fühlen.
Ohne SALT müßte es eine weitaus drastischere Anhebung unserer eigenen
Verteidigungsaufgaben auf Kosten anderer für unser Volk notwendiger
Programme

geben.

Ohne SALT hätten wir schließlich Tausende weiterer strategischer
Nuklear-Gefechtsköpfe auf beiden Seiten mit weitaus größeren Kosten und
weniger Sicherheit für unsere Bürger.
Ohne SALT hätten wir anstelle verbesserter Beziehungen mit der
Sowjetunion größere Spannungen.
Ohne SALT würde dem langwierigen, langsamen Prozeß der Rüstungskontrolle, die für den Aufbau einer sichereren Welt so entscheidend ist,
ein schwerer und vielleicht tödlicher Schlag zugefügt werden.
Ohne SALT wäre die Welt zu dem Schluß veranlaßt, daß Amerika sich
für die Konfrontation statt für die Kooperation und den Frieden entschieden
hat.
Das ist die unausweichliche Entscheidung, vor der wir stehen, denn
es ist eine Tatsache, daß die Alternative zu diesem Vertrag nicht ein

- 17 -

�ein perfektes Abkommen ist, das die Vereinigten Staaten einseitig entworfen haben und in dessen Rahmen wir alles und die Sowjetunion nichts
gewinnen. Die Alternative, jetzt und in der vorhersehbaren Zukunft,
ist vielmehr überhaupt kein Abkommen.
Ich bin davon überzeugt, daß die Vereinigten Staaten über den
moralischen und politischen Willen verfügen, die skrupellose Technologie
zu kontrollieren, die ständig zu neuen Waffen der Massenvernichtung
führen könnte. Wir brauchen nicht in den dunklen Alptraum eines unbeschränkten Wettrüstens zu versinken. Wir Amerikaner sind so klug, zu
wissen, daß unsere Sicherheit von mehr abhängt als von der Aufrechterhaltung
unserer unübertroffenen Verteidigungsstärke. Unsere Sicherheit und die
unserer Verbündeten hängt ebenso von der Stärke der Ideen und Ideale
ab sowie von Rüstungskontrollmaßnahmen, die ein gefährliches und verschwenderisches Wettrüsten, das keine Seite gewinnen kann, stabilisieren
und schließlich in das Gegenteil umkehren können. Das ist der Weg der
Klugheit - und des Friedens.

+ + + + +

�</text>
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Information

HM

BTTT3T

•i iL

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

27. April 1983

18

INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung des US-Präsidenten zur MX-Entscheidung
- Reagan möchte 100 "Friedenswahrer"-Raketen Shultz:

USA wollen Demokratie, Reform und Menschenrechte

in Mittelamerika

HINTERGRUNDMATERIAL
Die sowjetische Strategie in Europa
- Von Fritz W. Ermarth -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Simulatorprogramme für TDRS-Bahnkorrektur
- Rettungsaktion schwieriger als zunächst angenommen Neuartiges Antriebsaggregat für Raumtransporter-Nutzlasten

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�18

27. April 1983

ERKLÄRUNG DES US-PRÄSIDENTEN ZUR MX-ENTSCHEIDUNG
- Reagan möchte 100 "Friedenswahrer"-Raketen -

WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung vom 19. April 1983 stellte sich
Präsident Ronald Reagan hinter die Empfehlungen der überparteilichen
Kommission, die sich mit der Problematik der strategischen Streitkräfte auseinandergesetzt und ihm ihren Bericht vergangene Woche vorgelegt hatte.
Reagan erklärte, die Vorschläge der Kommission würden eine "stabile Abschreckung" bewahren und für die amerikanischen Verhandlungen über Rüstungsverminderungen mit den Sowjets "solide Anreize und Glaubwürdigkeit" bedeuten.
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich werde noch heute dem Kongreß einen Bericht zusenden, der die
Empfehlungen der überparteilichen Kommission für die strategischen Streitkräfte unterstützt und der auf rasche Reaktion des Kongresses und auf Unterstützung durch ihn drängt.
Die Empfehlungen dieser hervorragenden Gruppe sind aus zweierlei Gründen
wichtig.

Die von ihr vorgeschlagenen Maßnahmen werden eine stabile Abschreckung

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�stabile Abschreckung bewahren und dadurch den Frieden sichern.

Und sie

werden unseren Anstrengungen zur Aushandlung von Rüstungsverminderungen, die
den Weg zu einer sichereren und friedlicheren Zukunft ebnen sollen, weitere
solide Anreize und Glaubwürdigkeit bringen.
Am 23. März habe ich zum amerikanischen Volk über unser Programm zur
Stärkung der Sicherheit dieses Landes und der unserer Verbündeten gesprochen
und eine langfristige Forschungsanstrengung angekündigt, damit eines Tages
die Bedrohung verringert wird, die die Atomraketen darstellen.
Eine Woche später habe ich in Los Angeles unsere Anstrengungen zur
Begrenzung und Verringerung dieser Gefahr mittels verläßlicher, verifizierbarer
und stabilisierender Rüstungskontroi labkommen dargelegt.
Beide Wege führen auf ein gemeinsames Ziel zu: Die Verhinderung eines
Konfliktes, Verringerung des Kriegsrisikos und Bewahrung des Friedens.
Alle amerikanischen Präsidenten haben die Erreichung dieses entscheidenden
Zieles als ihre oberste Pflicht akzeptiert. Aber die Bewahrung des Friedens
erfordert mehr als Wunschdenken und vage gute Absichten. Es bedarf der
konkreten,positiven Schritte, um die Welt von dem Gespenst eines Atomkrieges
zu befreien. Und eben darum werden wir auch weiterhin unermüdlich daran
arbeiten, eine nukleare Stabilität auf dem niedrigst möglichen Niveau zu
erreichen. Unsere Worte, unsere Politik und unser Handeln zeigen der Welt
deutlich die tiefempfundene Überzeugung unseres Landes, daß ein Atomkrieg
jedweden Umfangs eine Tragödie von noch nie dagewesenem Ausmaß wäre.
Immer wieder hat Amerika einseitig Zurückhaltung, guten Willen und eine
ernsthafte Verpflichtung zu wirksamer Rüstungskontrolle an den Tag gelegt.
Leider haben uns diese Maßnahmen allein noch nicht wirklich sicherer gemacht,
und sie haben auch die Gefahr eines Atomkrieges nicht verringert. So haben
zum Beispiel die Sowjets im vorigen Jahr mehr als 1200 Gefechtsköpfe für

- 2 -

�1200 Gefechtsköpfe für Interkontinentalraketen disloziert - mehr als das
gesamte "Friedenswahrer"-Programm vorsieht.
Die Geschichte der amerikanischen Beteiligung an der Rüstungskontrolle
zeigt uns, was möglich ist und was nicht. Tatsache ist, daß in der Vergangenheit unsere einseitige Zurückhaltung und unser einseitiger guter Wi le es
nicht vermochten, ähnliche Zurückhaltung und ähnlichen guten Willen bei der
Sowjetunion zu fördern. Und beide erbrachten auch keine sinnvolle Rüstungskontrolle. Aber die Geschichte lehrt uns zugleich, daß es zu einer stabilisierenden Rüstungskontrolle kommt, wenn die Vereinigten Staaten Entschlossenheit zeigen und stark bleiben.
Ende der sechziger Jahre unternahmen wir eine große Anstrengung, mit der
Sowjetunion einen Raketenabwehr-Raketenvertrag (ABM-Vertrag) auszuhandeln.
Nachdem die sowjetische Führung deutlich ihr mangelndes Interesse demonstriert
hatte, stimmte der Kongreß der Finanzierung eines Programms zum Bau von
Raketenabwehr-Raketen zu. Das Ergebnis war vorauszusehen. Als die Sowjets
erst einmal erkannten, daß wir damit beginnen würden, kamen sie an den Verhandlungstisch,und wir handelten eigenen "ertrag aus. Er wurde ratifiziert und
ist noch heute in Kraft.
Offensichtlich ist der beste Weg zu nuklearer Stabilität und zu einem
dauerhaften Frieden der Verhandlungsweg. Und dies ist auch der Kurs, den wir
abgesteckt haben. Und wenn wir unsere Entschlossenheit zeigen, kann er zum
Erfolg führen.
Vor diesem Hintergrund setzte ich im vergangenen Jahr eine überparteiliche
Kommission für die strategischen Streitkräfte ein und wies sie an, das
strategische Programm für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit besonderer Betonung auf die Interkontinentalraketen und ihre Stationierung zu
überprüfen.
Eine hervorragende

- 3 -

�Eine hervorragende, Überpartei liehe Gruppe von Amerikanern, die entweder
in der Kommission selbst arbeiteten oder ihr als Berater dienten, hat dem
Land einen großen Dienst erwiesen,und wir alle schulden ihr große Dankbarkeit.
Brent Scowcroft, der Vorsitzende der Kommission, weitere Mitglieder der
Kommission sowie Harold Brown und die Berater sind heute hier.

Ich möchte

ihnen allen meine Anerkennung für eine schwere Aufgabe zum Ausdruck bringen,
die außerordentlich gut bewältigt wurde.
Im besten Geist der Überparteilichkeit ist die Kommission einstimmig zu
klaren und wichtigen Empfehlungen hinsichtlich einiger der schwierigsten
Fragen unserer Zeit gelangt. Während der vergangenen drei Monate kam die
Kommission zu Dutzenden von Sitzungen und in zahlreichen kleinen Konferenzen
zusammen.

Mit über 200 technischen Experten wurden Gespräche geführt,

der

Kongreß wurde eng konsultiert.
Die Mitglieder der Kommission hatten ein gemeinsames Ziel - nämlich ein
höheres Maß an nationaler Obereinstimmung hinsichtlich unserer Haltung gegenüber der Modernisierung der strategischen Streitkräfte und der Rüstungskontrolle, wobei der Bericht der Kommission dies so umschreibt: "Wenn es uns
gelingt, uns selbst bei der Behandlung dieser Fragen nicht als politische
Parteigänger oder als Kreuzzügler für eine bestimmte Lösung eines Teils dieses
zu
komplexen Problemkreises/sehen, sondern vielmehr als Bürger einer großen
Nation mit einer zur Bescheidenheit gemahnenden Verpflichtung, in der langwierigen Aufgabe fortzufahren, Frieden und Freiheit für die Welt zu sichern,
so dürfte schließlich eine gemeinsame Perspektive gefunden werden."
Diese Worte waren für die Arbeit der Kommission richtungsweisend. Es
ist meine glühende Hoffnung, daß sie uns alle leiten werden, wenn wir auf
eine Lösung einer schwierigen und langwierigen Frage hinarbeiten.
Die Kommission hat ihre Arbeit beendet und mir vorige Woche ihren Bericht

�ihren Bericht vorgelegt.

Er wurde, wie Sie wissen, sofort der Öffentlichkeit

zugänglich gemacht. Nach Durchsicht des Berichtes traf ich mit dem Nationalen
Sicherheitsrat zusammen.

Er unterstützte die Empfehlungen der Kommission

genau so wie alle Mitglieder des Gemeinsamen Stabes. Auch ich tue dies.
Als erstes drängt uns die Kommission, mit dem strategischen Modernisierungsprogramm fortzufahren, das ich Oktober 1981 angekündigt hatte.

Dies

bekräftigt, daß die Notwendigkeit für Verbesserungen bei Kommando, Kontrolle
und Kommunikation unserer strategischen Streitkräfte sowie für eine Fortführung unserer Bomber-,Unterseeboot- und Marschflugkörperprogramme fortbesteht.
Als zweites dringt die Kommission auf eine Modernisierung unserer Interkontinentalraketen-Streitmacht. Wir sollten sofort mit der Entwicklung und
der Produktion der "Friedenswahrer"-Rakete fortfahren und 100 davon in bestehenden MINUTEMAN-Silos in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Warren in
Wyoming dislozieren.
Gleichzeitig empfiehlt uns die Kommission, mit der Entwicklung einer
kleinen Rakete mit einem Gefechtskopf zu beginnen.

Wenn es die strategischen

und technischen Überlegungen ermöglichen, könnte diese Rakete Anfang der
neunziger Jahre einsatzbereit sein.
Nebenbei gesagt wird dieses Modernisierungsprogramm 1984 zu Einsparungen
von ungefähr 1,5 Milliarden Dollar führen - und noch mehr in den beider darauffolgenden Jahren.
Drittens empfiehlt die Kommission umfassende Forschungsanstrengungen bei
der strategischen Verteidigung und ein sorgfältiges Forschungsprogramm bei der
Silohärtung, wodurch unsere landgestützten Raketensysteme sicherer werden
sollen.
Diese Modernisierungsanstrengung ist die letzte Komponente unseres umfassenden strategischen Programms.

Es wird ein geschützteres und sichereres

- 5 -

�und sichereres Amerika bedeuten.

Und es wird für die Sowjetunion ein klarer

Beweis dafür sein, daß es in ihrem eigenen besten Interesse ist, in gutem
Glauben und mit ernsthafter Zielsetzung mit uns zu verhandeln.
All dies summiert sich zu einem wichtigen Anstoß bei Rüstungskontrolle
und Abschreckung, bei Frieden und Sicherheit jetzt und bis weit hinein in die
Zukunft.
Schließlich unterstreicht die Kommission die Notwendigkeit ehrgeiziger
Rüstungskontroll Verhandlungen - Verhandlungen, die zu Abkommen führen würden,
die ausgewogen sind, die Stabilität in Krisenzeiten fördern und sinnvolle,
verifizierbare Verringerungen zur Folge haben.
Genau dies aber sind die Ziele unserer Rüstungskontrollvorschläge, die
derzeit in Genf auf dem Tisch liegen.

Ich möchte hier noch einmal betonen,

daß wir in Genf ausgewogene, verläßliche Abkommen anstreben, die echte Verringerungen bringen.
Daher besteht die vor uns liegende Aufgabe darin, unsere Entschlossenheit,
unseren nationalen Willen und unseren guten Glauben zu demonstrieren. Dies
ist sowohl für die Aufrechterhaltung einer wirksamen Abschreckung als auch
für die Erzielung erfolgreicher Rüstungsverringerungen von entscheidender
Bedeutung. Daß wir uns hier nicht täuschen: Solange wir nicht unsere landgestützten RaketenSysteme modernisieren, hat die Sowjetunion keinen echten
Grund, sinnvolle Verringerungen auszuhandeln. Wenn wir jetzt nicht handeln,
können wir vernünftigerweise nicht erwarten, daß es bei unseren Rüstungskontroll Verhandlungen zu einem annehmbaren Resultat kommt, und wir werden
außerdem die Abschreckungssituation schwächen, die den Frieden über eine
Generation lang bewahrt hat.
Daher appelliere ich an den Kongreß, sich mir jetzt bei der Unterstützung
dieses überparteilichen Programms zur Verfolgung von Rüstungskontrollabkommen
anzuschließen, die die Stabilität fördern, um heute den Erfordernissen unserer
Interkontinentalraketen(ICBM)-Streitmacht gerecht zu werden und in Zukunft
- 6 -

�in Zukunft auf eine stabilere ICBM-Struktur hinzuarbeiten.

Um den Empfehlungen

der Kommission nachzugehen, habe ich Brent Scowcroft in seiner Eigenschaft als
Vorsitzenden gebeten, mich genauestens auf dem laufenden zu halten, während
diese Frage ihrer Lösung zugeführt wird - insbesondere in Beziehung auf die
Rüstungskontrolle.
Über ein Jahrzehnt lang haben vier Administrationen Vorschläge zur Rüstungskontrolle und -modernisierung unterbreitet. Unglücklicherweise wurde jede in
die politische Kontroverse hineingezogen. Die Kommissionsmitglieder, der Verteidigungsminister, die Chefs des Gemeinsamen Stabes und ich - alle mußten
unsere früheren Positionen aus neuer Sicht betrachten. Aber trotz der unterschiedlichen Betrachtungsweisen, die diese Gruppen in der Vergangenheit hatten,
haben wir jetzt ein Programm, das unsere einhellige Unterstützung findet.
Unterstützung durch den Kongreß und das amerikanische Volk für diese übereinstimmende Meinung wird uns in unserer gemeinsamen Suche nach Wegen einen,
unsere nationale Sicherheit zu stärken, das Kriegsrisiko zu verringern und
schließlich den Umgang der Kernwaffen zu verringern. Wir können uns keine
weiteren Verzögerungen mehr leisten. Jetzt ist die Zeit zum Handeln gekommen.
Ich danke Ihnen alle für Ihre Anwesenheit und danke der Kommission noch
einmal für ihre gute Arbeit.

+ + + + +

- 7 -

�18

27. April 1983

SHULTZ: USA WOLLEN DEMOKRATIE, REFORM UND MENSCHENRECHTE
IN MITTELAMERIKA

DALLAS, TEXAS - (AD) - Der amerikanische Außenminister George Shultz
bezeichnete es als das Hauptziel der Vereinigten Staaten, in Mittelamerika
Demokratie, Reform und den Schutz der Menschenrechte zu unterstützen. In
einer Rede vor dem privaten Rat für weltpolitische Angelegenheiten und der
Handelskammer in Dallas, Texas, am 15. April gab Außenminister Shultz einen
umfassenden überblick über die Mittelamerikapolitik der Vereinigten Staaten.
Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Wenn man über Mittelamerika spricht, dann muß man sich drei Fragen zuwenden:
Warum kümmern wir uns eigentlich um Mittelamerika?
Was geht dort vor?
Was sollten wir dazu tun?
Diese Fragen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Diese Fragen sind wichtig, und ich werde versuchen, sie klar und deutlich zu beantworten.
Ich meine zunächst einmal, daß niemand die Bedeutung Mittelamerikas für
die Vereinigten Staaten bestreiten kann.
Mittelamerika liegt so nahe, daß seine Schwierigkeiten automatisch auf
uns übergreifen; so nahe, daß die strategische Position seiner Länder die unsrige berührt; so eng, daß die Leiden der dortigen Völker auch uns Schmerzen
bereiten.
Ich brauche Texaner

nicht daran zu erinnern, daß nur die Stabilität

unserer Nachbarn einen beispiellosen Strom von Flüchtlingen nordwärts in

unser

Land verhindern kann. Vor allem heute, da eine in Schwierigkeiten befindliche
Weltwirtschaft die Unruhe förmlich herausfordert, müssen wir in unserer unmittelbaren Nachbarschaft Demokratie und Stabilität gewährleisten,
Ich habe das Wort "strategisch" nicht leichtfertig benutzt. Trotz der
Raketenkrise in Kuba von 1962 und trotz des Krieges zwischen Argentinien und
Großbritannien im vorigen Jahr glauben die meisten Amerikaner, daß Lateinamerika im strategischen Gleichgewicht der Welt keine Rolle spiele. Die Leute
wissen natürlich, daß Kuba in Afrika militärisch interveniert hat, aber sie
wissen wahrscheinlich nicht, daß die kubanischen Armee heute dreimal so groß
ist wie 1962 oder daß heute 40 000 kubanische Soldaten in Afrika stationiert
sind oder daß sich 2000 kubanische Militär- und Sicherheitsberater in Nicaragua
aufhalten.
Manche von Ihnen mögen auch gehört haben, daß der Verteidigungsminister
Nicaraguas am 9. April erklärte, Nicaragua würde die Annahme sowjetischer Raketen in Erwägung ziehen, wenn es darum ersucht würde.
In der großen Debatte, wie unsere Interessen am Panamakanal am besten
geschützt werden könnten, war der einzige Punkt, auf den sich alle Seiten einigen konnten, der, daß der Kanal von entscheidender Bedeutung ist und offen- 2 -

�ist und offengehalten und verteidigt werden muß. Die Sicherheit des Panamakanals wird jedoch durch die Stabilität und Sicherheit Mittelamerikas unmittelbar berührt.
Der Kanal selbst ist nur eine Strecke von 50 Meilen von Tausenden von
Meilen Seewege durch die Karibik.

In Friedenszeiten passieren 44 Prozent der

gesamten Außenhandelstonnage und 45 Prozent des Rohöls nach den Vereinigten
Staaten die Karibik.

Im Falle eines Krieges in Europa würden 65 Prozent un-

seres Mobilisierungsnachschubs von Häfen am Golf von Mexiko in See stechen
und durch die Straße von Florida nach Europa gehen.
Während des Zweiten Weltkrieges

- nur um Sie daran zu erinnern - war

unsere Verteidigung so schwach und unsere Lebensadern so entblößt, daß in den
ersten Monaten 1942 eine Handvoll feindlicher Unterseeboote in der Karibik
und im Golf von Mexiko Hunderte, von Schiffen versenkte - und das leichter und
schneller als Hitlers ganze Flotte im Nordatlantik.

Die Karibik war ein bes-

seres Ziel für sie. Vor fast genau 41 Jahren wurde ein mexikanischer Tanker
- mit vollen Lichtern, wie das damals bei Neutralen üblich war - vor Miami
versenkt.

Im Juni jenes Jahres hat ein einziges Unterseeboot, die U-159, in

vier Tagen acht amerikanische Schiffe versenkt, zwei davon direkt vor der Einfahrt in den Panamakanal.
Und wir dürfen nicht vergessen, Hitlerdeutschland besaß keine Stützpunkte in der Karibik, ja hatte nicht einmal Zugang zu Häfen zum Tanken und
zur Versorgung.
Die meisten Amerikaner sind davon ausgegangen, wir hätten, weil die
Sowjetunion weiß, daß wir die Stationierung von strategischen Waffen auf Kuba
nicht akzeptieren werden, nichts mehr zu befürchten.
Kuba keine Kernwaffen sind.

Es ist richtig, daß auf

Und es ist richtig, daß sich die Utopie der ku-

banischen Kommunisten als eine solche wirtschaftliche Katastrophe erwiesen hat,
daß Kuba völlig von massiver sowjetischer Hilfe abhängig ist - in einer Größenordnung von vier Milliarden Dollar jährlich.

- 3 -

Aber das hat Kuba nicht abge-

�nicht abgehalten, sich als Vorkämpfer einer besseren Zukunft darzustellen und
einen Feldzug zu führen, um in Mittelamerika neue kommunistische Diktaturen zu
errichten.
Ich weiß, es gibt Leute, die glauben, daß wir in der Regierung die Gefahr übertrieben darstellen.

Ich möchte Ihnen jedoch ein Zitat verlesen:

"Der revolutionäre Prozeß in Mittelamerika ist ein einziger
Die Triumphe des einen sind die Triumphe des anderen...
wird kommen;
erleben.

die Stunde von Honduras.

Prozeß.

Die Stunde Guatemalas

Auch Costa Rica wird seine große Stunde

Der erste Ton war in Nicaragua zu vernehmen."

Falls Sie sich fragen sollten, derjenige, der das sagte, war kein Sprecher unserer Regierung.

Die vertrauensvolle Voraussage stammt von Cajetano

Carpio, dem wichtigsten Führer der Guerilla in El Salvador.

Nachzulesen in

der Ausgabe vom 25. August 1980 der mexikanischen Zeitschrift "Proceso".
Unsere Analysen, unsere Strategie und unsere Erwartungen bezüglich der
Zukunft

Mittelamerikas gehen von zwei Vorstellungen aus. Die eine ist, daß

die Demokratie nicht gedeihen kann, wenn es extreme Ungleichheiten beim Landerwerb, bei den Lebenschancen und bei der Rechtsprechung gibt.

Die zweite

Vorstellung ist die, daß Herr Carpio und seine Verbündeten solche Ungerechtigkeiten für antidemokratische Ziele ausnützen.
Ich

habe einen Terroristenführer

zitiert, weil es gerade solche Ober-

zeugungen - gestützt auf bewaffnete Gewalt - sind, die unseren Freunden in
Mittelamerika solche Sorgen machen:

In Costa Rica, wo Demokratie und Achtung

der Menschenrechte eine alte Tradition haben; in Honduras, wo demokratische
Institutionen Fuß fassen; in El Salvador, wo die Demokratie zu funktionieren
beginnt; ja selbst in Nicaragua, wo die Enttäuschung
Fragen Sie die Menschen, die dort leben.

an der Tagesordnung

Sie werden Ihnen sagen, so

wie sie es uns gesagt haben, - durch ihre Regierungen, in den öffentlichen

- 4 -

ist.

�den öffentlichen Meinungsumfragen und in den Leitartikeln ihrer Zeitungen
und Rundfunksender - daß die Revolution, derer sich Carpio rühmt, ein erschreckendes Phänomen ist:
Wohlergehens.
machen sollten.

eine direkte Bedrohung ihrer Demokratie und ihres

Sie werden Ihnen sagen, daß auch wir Nordamerikaner uns Sorgen
Nicht, weil etwa Herr Carpio morgen ein Bataillon über den

Rio Grande (die Grenze der Vereinigten Staaten, Anm. der Redaktion) führen
wird, sondern weil die Sache der Demokratie und der Menschenrechte auch unsere
Sache ist.
Ich bin ganz dieser Meinung.

Wir können nicht guten Gewissens weg-

sehen, wenn Demokratie und Menschenrechte in Ländern in Frage gestellt werden,
die nahe bei uns liegen - in Ländern, die von uns Hilfe erwarten.
Reagan hat es im vorigen Monat treffend ausgedrückt:

Präsident

"Menschenrechte heißt,

an Problemen arbeiten, nicht vor ihnen davonlaufen."
Die entscheidende Frage ist also, was sollen wir tun?
Ein Hauptelement unserer Strategie muß die Unterstützung von Demokratie,
Reform und der Schutz der Menschenrechte sein. Man kann davon ausgehen, daß
Demokratien ihre Nachbarn weniger wahrscheinlich bedrohen - oder ihre eigenen
Bürger mißbrauchen - als Diktaturen.
Der Kräfte der Demokratie gibt es viele und vielfältige.

Manche sind

tief verwurzelt, wie in Costa Rica, das seit 35 Jahren nichts anderes als Demokratie kennt. Andere sind zerbrechlicher, aber sind ständig gewachsen in
dem Maße, in dem die wirtschaftliche Entwicklung die Mittelklasse gestärkt hat
und in dem Gewerkschaften und Bauernorganisationen den Pluralismus verwirklicht
haben.

Die katholische Kirche hat ebenfalls wichtige Beiträge zur Demokratie

und zum sozialen Fortschritt geleistet.

Und das gleiche gilt für die Vereinig-

ten Staaten beispielsweise durch Kultur und in jüngerer Zeit auch durch Diplomatie.
Die Kräfte

�Die Kräfte der Diktatur bestehen aus zwei Arten.
andere ist neu.

Die eine ist alt, die

Die alte Spielart ist die der wirtschaftlichen Oligarchie,

des politischen Despotismus und der militärischen Unterdrückung.

Außer in

Costa Rica war das die traditionelle Methode des gesellschaftlichen Aufbaus
während des größten Teils der Geschichte Mittelamerikas.

Die neue Form der

Diktatur besteht in einer gelenkten Wirtschaft, einer selbsternannten elitären FUhrungsgruppe und einem Guerilla-Krieg.

Die Basis ist Nicaragua; das

Ziel ist ganz Mittelamerika.
Ehe die Sandinisten 1979 in Nicaragua an die Macht kamen, versprachen
sie freie Wahlen, politischen Pluralismus und Blockfreiheit.
alle diese Versprechen gebrochen.

Heute haben sie

Erst machten sich die Sandinisten daran,

die Demokratien aus der Regierungsjunta zu verdrängen; dann, jede politische
Opposition, alle Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Kirche einzuschränken; dann, Streitkräfte aufzubauen, die heute die größten in der Geschichte
Mittelamerikas sind; schließlich, sich mit der Sowjetunion und mit Kuba zur
Unterwanderung ihrer Nachbarn zu verbünden.
Das erste Ziel wurde El Salvador. Im Jahr 1980 wurden auf Anweisung
Kubas mehrere extremistische Gruppen El Salvadors in Managua zusammengeschlossen, wo sich heute noch ihr Einsatzhauptquartier befindet. Kuba und seine
Verbündeten aus dem Sowjetblock sorgten dann für Ausbildung und Nachschub,
der heimlich durch Nicaragua nach El Salvador floß, um den bewaffneten Aufstand zu schüren. Die kommunistische Intervention brachte die Guerilla zwar
nicht an die Macht, kostete aber Tausenden von Menschen das Leben und weitete
einen bereits bitteren Konflikt aus. Heute hängt El Salvador in der Schwebe,
wobei die reformwilligen Demokraten mit den Kräften der alten und neuen Diktatur kämpfen müssen.
Der Kampf um die Demokratie wird noch weiter erschwert durch das schwere
Erbe von Jahrzehnten der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit.

Und

in El Salvador hat - wie auch andernorts in der Welt - die Weltrezession mit
verheerender Wirkung zugeschlagen.
Wir müssen

�Wir müssen daher auch die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen.
Unterentwicklung, Rezession - und der andauernde "Verlängerte Krieg" der
Guerilla gegen die Wirtschaft El Salvadors - verursachen menschliches Elend
und Leiden, die von den Feinden der Demokratie in zynischer Weise ausgebeutet
werden.

Drei Viertel der Mittel, die wir für die Unterstützung unserer Mittel-

amerikapolitik ausgeben, werden für Wirtschaftshilfe aufgewandt.
Wirtschaftsprogramm geht über die traditionelle Hilfe hinaus:

Und unser

Die Initiative

des Präsidenten für das Karibische Becken soll dazu dienen, Handel und Investitionen mächtige Anreize zu geben, um diesen Ländern zu helfen, ein sich selbst
erhaltendes wirtschaftliches Wachstum zu erreichen.
Aber wie alle Reformen für sich allein keinen Frieden bringen können,
solange die Guerilla der Überzeugung ist, sie könne einen militärischen Sieg
davontragen, so wird keine Wirtschaftshilfe ausreichen, solange Guerillaeinheiten Straßen, Brücken, Kraftwerke und Ernten immer wieder ungestraft zerstören können.
Wir müssen also auch die Sicherheit El Salvadors und der anderen bedrohten Ländern der Region unterstützen.
Und schließlich müssen wir, mit einer schweren, sich über die ganze
Region erstreckenden Krise konfrontiert, regionale Friedenslösungen anstreben.

Wir versuchen, die Sandinisten davon zu überzeugen, an den Verhandlungs-

tisch zu kommen - in der Bereitschaft, mit ihren Nachbarn und mit ihrer eigenen zunehmend beunruhigten Gesellschaft zu einem Einvernehmen zu kommen.
Werfen wir nun einen Blick darauf, wie diese Strategie in der Praxis
funktioniert. Zunächst El Salvador:
Grundtatsache hinsichtlich El Salvadors ist heute, daß sein Volk Frieden wünscht.

Und weil es dies will, hat es die wesentlichen Grundlagen für

nationale Versöhnung und Erneuerung geschaffen.
Erlauben Sie

�Erlauben Sie mir einige Details:
Erstens:
Menschenrechten.

Sogar inmitten des Guerillakrieges wächst die Achtung vor den
Zwar ist die Gewalt gegenüber Zivilisten noch immer hoch,

aber sie ist merklich zurückgegangen, seit wir vor drei Jahren mit unserer
Hilfe begonnen haben.

Das System der Strafverfolgung bleibt ein Hauptanlie-

gen und ich werde darauf gleich zurückkommen.
Zweitens:

Innerhalb von drei kurzen Jahren und trotz der entschiedenen

Ablehnung durch die Guerilla hat die Regierung von El Salvador über 20 Prozent des Ackerlandes neu verteilt.

Rund 450 000 Menschen - etwa jeder zehnte

El Salvadorianer - haben unmittelbar davon profitiert und haben einen persönlichen Anteil an einer sicheren Zukunft.
Drittens: Die allgemeine Wirtschaftslage ist schlecht. Allein um
dieses Jahr in etwa das Niveau zu halten, braucht El Salvador beträchtliche
Wirtschaftshilfe zur Einfuhr von Saatgut, Düngemittel und Schädlingsbekämpfungsmittel für die Landwirtschaft und Rohstoffe für die Fabriken.
Die Wirtschaftskrise rührt zum Teil von der internationalen Rezession
her, die einen Preisdruck auf die landwirtschaftlichen Exporte - Kaffee,
Baumwolle, Zucker • ausübt, von denen El Salvador hinsichtlich seiner Devisen abhängt. Aber das weit ernsthaftere Problem ist der Guerillakrieg gegen
die Wirtschaft. Teile des fruchtbaren Bodens können wegen der Guerillaangriffe
nicht bestellt werden. Durch sie wurden 55 der 260 Brücken des Landes zerstört und viele weitere wurden beschädigt. Die Wasserwerke müssen 112 Wasserversorgungsanlagen reparieren, die durch Guerillaangriffe beschädigt wurden.
249 Angriffe auf das Telefonsystem haben Schäden mit sich gebracht, die in
die Millionen Dollar gehen. In den 22 Monaten bis Ende November vorigen Jahres gab es durch die Guerilla über 5000 Unterbrechungen der Stromversorgung durchschnittlich acht pro Tag. Die gesamten Ostgebiete des Landes hatten sowohl 1981 als 1982 jährlich über ein Drittel Stromausfall. Allein 1982 zerstörte die Guerilla über 200 Busse. Weniger als die Hälfte der Eisenbahn- 8 -

�der Eisenbahnwaggons ist einsatzfähig.

Kurz:

Da sie nicht in der Lage ist,

die Loyalität des Volkes von El Salvador auf freiwilliger Basis zu erringen,
entzieht die Guerilla ihm absichtlich und systematisch Nahrungsmittel, Wasser,
Transport, Elektrizität, sanitäre Anlagen und Arbeit.
Das sind die Leute, die behaupten, ihr Ziel sei Hilfe für das gemeine
Volk.
Das bringt mich auf einen vierten Punkt.
Die drei

Bataillone Regierungstruppen, die wir ausgebildet haben, ver-

halten sich auf dem Schlachtfeld wie auch im Umgang mit Zivilisten soldatisch
einwandfrei.

Aber nur jeder zehnte salvadorianische Soldat hat unsere Ausbil-

dung erfahren - weniger als die vielen "Guerilleros", die von Nicaragua und
Kuba ausgebildet werden.
Worum es letztlich in El Salvador geht, ist die Sache der Demokratie.
Ich kann diesen Punkt nicht genug betonen.
trächtlich.

Und hier ist der Fortschritt be-

Die Verfassungsgebende Versammlung, vor einem Jahr gewählt, hat

eine neue Verfassung ausgearbeitet, hat eine gemäßigte Regierung der nationalen Einheit unterstützt und die Bodenreform fortgeführt.
Ich erinnere Sie an die Wahlen vor gerade einem Jahr mit ihren 80 Prozent Wahlbeteiligung - keine schlechte Beteiligung angesichts der gewaltsamen
Anstrengungen, mit Waffengewalt die Menschen davon abzuhalten, zu den Wahlurnen zu gehen.
Am wichtigsten ist vielleicht die Tatsache, daß die Politiker und die
Parteien, die an den Wahlen vom März 1982 teilnahmen und die nunmehr in der
Versammlung repräsentiert sind, damit begonnen haben, bei der Suche nach einer
politischen Lösung für die Probleme ihres Landes gemeinsame Ziele abzustecken.
Den konkretesten Hinweis auf das Selbstvertrauen und die wachsende
Stärke der neuen demokratischen Führer El Salvadors gab es im vergangenen
- 9 -

�im vergangenen Monit unter der Anwesenheit seiner Heiligkeit Papst Johannes
Paul II. Am 6. März kündigte der Präsident von El Salvador, Alvaro Magana,
an, daß es in diesem Jahr nationale Wahlen geben wird und daß sie allen politischen Parteien und Gruppierungen offenstünden.
Es bedarf aber einigen Vertrauens in den demokratischen Prozeß, um
solche Wahlen abzuhalten und zu sagen:

Gut, lassen wir den Wahlprozeß dar-

über entscheiden, wer Präsident sein soll.
Am 17. März schlug die Friedenskommission von El Salvador, bestehend
aus einem katholischen Geistlichen und zwei Laien, Gesetze für eine allgemeine Amnestie vor, die nunmehr der Verfassungsgebenden Versammlung
gen.

vorlie-

Und der Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung hat die wich-

tigste politische Gruppierung der Guerilla - die Frente Democratico Revolucionario (FDR) - aufgefordert, sich an den Wahlen zu beteiligen.
Wie Präsident Reagan klargestellt hat, unterstützen wir Verhandlungen,
die darauf abzielen, die Beteiligung in den demokratischen Institutionen auszuweiten - alle Parteien dazu zu bringen, an freien und gewaltfreien Wahlen
teilzunehmen. Wir werden keine Verhandlungen unterstützen, die eben diesen
demokratischen Prozeß zerstören, der sich herauszubilden versucht; wir werden
keine Machtanhäufung hinter dem Rücken des Volkes zulassen, wie dies in
Nicaragua geschehen ist. Ich bin durch die Vorschläge schockiert, die ich
manchmal höre, wenn ich vor dem Kongreß aussage, wonach wir nämlich - nachdem wir gesehen haben, wie diese Leute mit Gewalt versuchen, die Abhaltung
von Wahlen zu verhindern - zulassen sollten, daß diese Leute mit Gewalt und
mit unserer Zustimmung mit Hilfe der Gewehre an die Regierung kommen. Das
kommt nicht in Frage! Wir werden solche Aktivitäten nicht unterstützen.
Wir werden El Salvador dabei helfen, die persönliche Sicherheit der
Kandidaten und ihrer Anhänger zu gewährleisten, Zwang und Einschüchterung
zu verhindern und dazu beitragen, den Zugang zu den Medien und eine ehrliche
Auszählung sowie - schließlich - die Achtung vor der Entscheidung des Volkes
sichern zu helfen.
Lassen Sie
- 10 -

�Lassen Sie mich einen Augenblick auf das zutiefst beunruhigende Problem
des ineffizienten Systems der
Hier muß vieles besser werden.

Strafverfolgung von El Salvador zurückkommen.
Die Gerichte müssen ihre Fälle innerhalb einer

vernünftigen Frist zu einem unparteiischen Abschluß bringen.
dies ihnen gegenüber eindeutig klarstellen.

Und wir müssen

Ich darf mitteilen, daß Justiz-

minister Bill Smith heute in El Salvador ist, und eine Gruppe von Juristen
dort war, und daß wir alles versuchen, um in dieser Hinsicht behilflich zu
sein.
Lassen Sie mich nun auf Nicaragua zu sprechen kommen.
Immer mehr Nicaraguaner kommen zu dem Schluß, daß sie in ihrem Kampf
um die Demokratie betrogen worden sind.

Der große Held der Revolution gegen

Somoza, Eden Pastora, der als "Commandante Zero" die Machtübernahme in der Nationalversammlung Somozas 1978 anführte, befindet sich heute im Exil.

Des-

gleichen Alfonso Robelo, eines der wichtigsten Mitglieder der regierenden
Junta, die Somozas Platz einnahm.

Außerdem Brooklyn Rivera, der Führer der

Miskito-Indianer; und schließlich Adolfo Calero, Geschäftsmann und SomozaGegner, der drei Jahre lang versuchte, in Nicaragua die Rolle der "loyalen
Opposition" zu spielen.

Sie und Tausende anderer innerhalb und außerhalb

Nicaraguas sind Zeuge dafür, daß das, was als eine außergewöhnliche nationale
Koalition gegen Somoza begann, unter der Manipulation einer Handvoll von Ideologen, unterstützt durch Militärberater aus Kuba und aus dem Sowjetblock, zusammengebrochen und verkümmert ist.
Aber es gibt eine Antwort auf die Probleme Nicaraguas.
El Salvador ist es eine politische Antwort.

Und wie bei

Im vergangenen Oktober forderten

acht demokratische Staaten der Region in San Jose, Costa Rica, Nicaragua auf,
den friedlichen demokratischen Gruppierungen ebenfalls

Handlungsfreiheit

zu gewähren und dadurch zu einem Ende der Guerillagewalt über die Grenzen
hinweg sowie zu einem Einfrieren des Anwachsens der militärischen Arsenale
zu gelangen.

Wie Präsident Reagan gesagt hat, unterstützen wir solche Ver-

bindungen, um die Demokratie zu stärken, der Subversion Einhalt zu gebieten,

- 11 -

�zu gebieten, den Waffenstrom zu stoppen, die Grenzen zu respektieren und
alle ausländischen Militärberater - die sowjetischen, die kubanischen,

die

ostdeutschen, die der PLO genau wie unsere eigenen - aus dieser Region entfernt zu sehen.

Die Annahme der Vorschläge von San Jose brächte eine Verrin-

gerung der Ost-West-Spannungen in Mittelamerika und würde zu einer regionalen
politischen Lösung führen.
Leider hat sich Nicaragua bislang geweigert, auch nur über diese Grundsätze zu sprechen -

genau wie es vorher unsere eigenen Anstrengungen unter-

graben hat, eine bilaterale Vereinbarung zu erreichen, durch die die beiderseitigen Besorgnisse hätten angesprochen werden können.
Unsere Verpflichtung zu Frieden und Demokratie in Mittelamerika ist
natürlich nicht nur auf El Salvador und Nicaragua begrenzt- Genau wie wir
haben auch Costa Rica und Honduras noch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß
Nicaragua zu den Grundsätzen von Demokratie und Frieden zurückfindet, für die
sein Volk 1979 gekämpft hat. Aber als Nicaraguas unmittelbare Nachbarn erfahren sie ganz unmittelbar die Auswirkungen der Militarisierung und der zunehmenden inneren Unruhe in Nicaragua. Derzeit leben 6000 Nicaraguaner im Exil
in Costa Rica. In Honduras nimmt der Zustrom von Flüchtlingen aus Nicaragua
weiter zu. Allein im vorigen Jahr flohen etwa 15 000 Miskito-Indianer nach
Honduras, um der erzwungenen Umsiedlung durch die nicaraguanische Regierung
zu entgehen.
Bis eine friedliche Lösung gefunden ist, müssen wir Honduras und Costa
Rica auch weiterhin unterstützen. Beides sind demokratische Staaten. Beide
werden wirtschaftlich schwer durch die regionalen Unruhen und durch die weltweite Rezession getroffen. Und beide sind dem von Nicaragua aus gelenkten
Terrorismus ausgesetzt. Wir wollen diese Demokratien stärken und ihnen dabei
helfen, ihren Völkern auch inmitten der Krise dieser Region Stabilität und
Hoffnung zu bieten.
Es kann in Mittelamerika nicht über Nacht zu demokratischen Verhältnissen
kommen.

Und es kann nicht ohne anhaltende amerikanische Unterstützung zu
- 12 -

�Unterstützung zu einer Demokratie kommen. Zur Unterstützung unserer Zielsetzungen in Mittelamerika - Demokratie, Entwicklung, Gerechtigkeit und Sicherheit, um sie möglich zu machen - hat der Kongreß eine beträchtliche Wirtschaftshilfe genehmigt. Allerdings hält

die Kontroverse über militärische Hilfe für

El Salvador an - für das Land, dem im wahrsten Sinn des Wortes die Pistole auf
die Brust gesetzt wird.
Die Sicherheitshilfe, um die wir ersuchen, soll eine disziplinierte,
gutausgebildete Streitmacht erstellen helfen, die als Schild für Demokratisierung und Entwicklung dient. Wir planen keine Amerikanisierung der Kämpfe
und wir beabsichtigen nicht, moderne schwere Waffen - wie etwa Nicaraguas
sowjetische Panzer - nach El Salvador zu schicken. Wir werden den Streitkräften El Salvadors dabei helfen, ihre Mobilität zu erhöhen und im notwendigen Umfang Munition, Ersatzteile, technische Ausrüstungen und Material der
medizinischen Versorgung zu beschaffen. Aber unsere Hauptbetonung liegt auf
einer umfassenderen Ausbildung für die salvadorianischen Soldaten. Wie ich
bereits erwähnt habe, hat nur jeder zehnte Soldat unsere Ausbildung erhalten.
Diejenigen, die eine solche erhielten, erbringen eine bessere Leistung; wenn
wir also das Ausbildungsniveau verbessern, können wir auch erwarten, daß die
Leistung steigt.
Zeit ist ein wichtiger Faktor.

Um mit Senator Henry Jackson zu sprechen:

"Wenn die Wahlurnen frei und offen zugänglich sein sollen, dann muß es einen
Schutzschild geben, hinter dem das Volk an den Wahlen teilnehmen kann."
Ob wir in der Lage sein werden, diesen Schutz rechtzeitig zu stellen,
hängt vom Kongreß ab. Inmitten eines Krieges hat der Kongreß die Sicherheitshilfe auf einen Umfang beschnitten, der um zwei Drittel unter dem des vorausgegangenen Haushaltsjahres liegt. So sieht es also aus: Da steht die Armee,
sie kämpft, und plötzlich geht der Zufluß dessen, was sie zum Kämpfen braucht,
um zwei Drittel zurück. Und dann wird gesagt: "Warum ist diese Armee nicht
besser?" So etwas ist ein furchtbarer Schlag.
Die Administration
- 13 -

�Die Administration versucht, diese Mittel wieder zur Vergügung zu stellen.

Das Volk von El Salvador braucht das Vertrauen, daß wir bis zum Ende

des Kampfes zu ihm stehen, weil sonst die Hoffnung auf Demokratie nicht überleben könnte.
Lassen Sie mich zusammenfassend wiederholen, daß es für uns viele Gründe
gibt, uns darum zu sorgen, was in Mittelamerika geschieht.
Einer ist strategischer Natur.

Und wir sollten uns hieran erinnern.

Was in Mittelamerika geschieht, könnte unsere eigene Sicherheit und die unserer Freunde überall im Karibischen Becken gefährden - von Mexiko bis zum
Panamakanal.
Ein gleichwichtiger Grund ist moralischer Natur. Wie können wir im
Namen der Menschenrechte unsere Nachbarn der brutalen militärischen Machtübernahme durch eine totalitäre Minderheit überlassen? Wenn unser Anliegen die
Freiheit ist: Wird ein kommunistischer Sieg sie bringen? Wenn unser Anliegen
eine faire Rechtsprechung ist: Wird ein kommunistisches Regime eine solche
bringen? Wenn wir uns um die Armut sorgen: Wird ein kommunistisches Wirtschaftssystem Wohlstand bringen?
Das amerikanische Volk und seine gewählten Vertreter stehen vor einer
schwierigen Wahl. Es ist leicht, den Demagogen zu spielen und es ist verlockend, harte Entscheidungen zu vermeiden. Aber wenn wir uns an dieser Herausforderung vorbeidrücken, werden wir nicht nur all jene in Mittelamerika
im Stich gelassen haben, die sich nach Demokratie sehnen, sondern wir werden
uns selbst verraten haben. Wir können nicht nur im abstrakten Sinn für Freiheit und Menschenrechte sein. Wenn unsere Ideale einen Sinn haben sollen,
dann müssen wir sie verteidigen, wenn sie bedroht sind.
Stellen wir uns unserer Verantwortung.
+ + + + +

- 14 -

�18

27. April 1983

DIE SOWJETISCHE STRATEGIE IN EUROPA
- Von Fritz W. Ermarth •

Fritz Ermarth ist Experte für Verteidigungsfragen und ehemaliger Mitarbeiter
des Nationalen Sicherheitsrates der USA.

(AD) - Warum hat die Sowjetunion die gewaltige Militärmacht aufgebaut,
die sich in Europa von der Elbe bis weit hinter Moskau und von der Arktis bis
zur Türkei und dem Kaukasus erstreckt?

Was beabsichtigt sie mit dieser Darstel

lung ihrer militärischen Macht, die so viele Male größer ist als die Armee
Hitlers, die im Jahr 1941 in Rußland einfiel?

Was auch immer die Absicht ist,

für die Männer, die in Moskau die Entscheidungen treffen, muß sie überaus wichtig sein.

Denn die Sowjetunion ist ein armes Land und könnte gut und gern die

enormen Mittel, die sie in ihrer Militärmaschinerie in Europa steckt, für andere Ziele und Zwecke verwenden.
tärische Probleme:

Darüber hinaus hat Moskau noch weitere mili-

Die Sowjetunion sieht sich einem feindlich eingestellten

China sowie ihrem hauptsächlichen strategischen Nukleargegner, den Vereinigten
Staaten, jenseits des Nordpols und der Ozeane gegenüber.

Und doch ist der An-

teil ihrer militärischen Anstrengung, der gegen den alten Kontinent Europa ge-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Europa gerichtet ist - nukleare und konventionelle Streitkräfte, Armeen, Luftstreitkräfte und Marine - bei weitem der größte.
Werden all diese Streitkräfte in erster Linie benötigt, um die Sowjetunion gegen eine Invasion aus dem Westen zu verteidigen?

Eine solche Kapazität

haben sie natürlich. Aber diese Verteidigungskapazität ist ohne Frage nebensächlich und zweitrangig gegenüber dem wahren Ziel dieser militärischen Macht.
Die sowjetischen Politiker sind pragmatische Leute.

Sie wissen, daß die NATO

militärisch zu schwach ist, um realistische Offensivoperationen gegen den
Warschauer Pakt zu führen.

Im übrigen wäre es den sowjetischen Marschällen -

hätten sie einen entsprechenden Befehl erhalten - nicht schwergefallen, eine
hauptsächlich defensive militärische Position in Europa aufzubauen, die für
den Westen weit weniger beängstigend wäre, die die sowjetische Wirtschaft weit
billiger unterhalten könnte und die gegen einen westlichen Angriff absolut wirksam wäre.
Dient die sowjetische Militärmacht in Europa in erster Linie der Kontrolle
der unruhigen Bevölkerung Osteuropas und dazu, deren unpopuläre Herrscher an
der Macht zu halten? Auch dieses Ziel ist nur zweitrangig, ist Nebenwirkung
der sowjetischen Militärmacht, nicht aber Hauptziel. Was haben SS-20-Raketen
mit Mehrfachgefechtsköpfen, gewaltige Luftflotten taktischer Jagdbomber und
große offensive Panzerdivisionen damit zu tun, Leute wie Lech Walesa in ihre
Schranken zu weisen? Nein, wäre die politische Kontrolle Osteuropas das Hauptziel, dann hätten die sowjetischen Marschälle eine ganz andere, ganz anders
dislozierte und viel billigere militärische Position in Europa aufgebaut.
Und zur weiteren Erleichterung ihrer Aufgabe hätten sie die Armeen ihrer osteuropäischen Satelliten nur mit Polizeiwaffen ausgerüstet statt mit Panzern,
Artillerie und Flugzeugen, den Hilfsmitteln einer generell offensiv ausgelegten Position.
Vielleicht wollen die Sowjets nur, daß ihre militärische Position ein
sichtbares Gegengewicht zur amerikanischen Militärmacht in Europa bildet, um
damit der Welt den Eindruck zu vermitteln, daß die UdSSR eine den Vereinigten
Staaten gleichwertige Supermacht ist. Wenn dem so wäre, warum haben die
- 2 -

�haben die Sowjets darauf bestanden, so viel mehr von jeder Art militari scher
Kapazität zu dislozieren,als die Vereinigten Staaten und die NATO zusammen in
Europa besitzen - mehr Soldaten unter Waffen, mehr Divisionen, mehr Panzer,
mehr Geschütze, mehr taktische und strategische Flugzeuge, mehr Raketen, mehr
Kernwaffen - alle von durchaus vergleichbarer technischer Qualität und ohne
Frage nicht als Aushängeschild gedacht.

In einigen Fällen, wie etwa bei Pan-

zern, die für offensive Operationen heute so wichtig sind, sind die Sowjets
und ihre Verbündeten der NATO zahlrenmäßig um ein Vielfaches überlegen.
Haben die Sowjets diese gewaltige Militärmaschinerie aufgebaut, um in
Westeuropa einzumarschieren und es zu erobern?

Vom rein militärischen Stand-

punkt aus gesehen ist die Antwort "Ja". Die Invasion und die Eroberung Westeuropas ist genau das, wofür die sowjetischen Streitkräfte aufgebaut, ausgebildet und disloziert worden sind.

Wenn man alle Fakten sorgsam militärisch

analysiert, kann man zu keinem anderen Schluß kommen.
Die Position der sowjetischen Streitkräfte in Europa ist darauf angelegt und ausgerüstet, rasche und weitreichende offensive Operationen durchzuführen. Die taktischen Luftstreitkräfte der Sowjets sind darauf ausgerichtet,
die Luftverteidigung der NATO auszuschalten und die Dislozierungen der NATO in
den ersten Stunden eines Angriffs unmöglich zu machen. Gemischt bewaffnete
Armeen von Panzerdivisionen und gepanzerten Infanteriedivisionen, unterstützt
von massiver Artillerie, um die Panzerabwehr der NATO auszuschalten, sind
darauf ausgerichtet, die Front der NATO zu durchbrechen und große Vormarschwege zu öffnen. Schnelle, bewegliche operative Eingreifgruppen in Divisionsstärke sind dafür ausgebildet, durch Lücken in der Vorneverteidigung zu brechen und tief in den rückwärtigen Raum der NATO einzudringen, um die Logistik der NATO und ihre Versuche zu stören, eine Verteidigung aus der Tiefe
aufzubauen.
Die Fähigkeit der sowjetischen Streitkräfte, allein schon mit konventionellen Waffen offensive Operationen durchzuführen, ist gewaltig.

Dazu

kommt jedoch die tiefgestaffelte Nuklearkapazität der Sowjets vom Gefechts-

- 3 -

�vom Gefechtsfeld bis in das Zentrum Rußlands, um, wenn möglich, vor einem
Versuch der NATO abzuschrecken, eine konventionelle Offensive durch den Einsatz von Kernwaffen zu stoppen und, wenn notwendig, einen solchen Versuch
der NATO durch einen massiven sowjetischen Präventivschlag mit Kernwaffen
gegen ein breites Spektrum von Zielen in Westeuropa niederzuschlagen.
Die militärische Doktrin und die Manöver der Sowjets in Europa legen
eindeutig den Nachdruck auf rasche Offensivoperationen, die auf entscheidende
Siege östlich, aber auch westlich des Rheins bis zum Atlantik abzielen.
Sowjetische Übungen sehen nach ersten Durchbrüchen einen Vormarsch der Streitkräfte in einem Tempo von bis zu 100 km pro Tag, ständigen Tag- und Nachteinsatz, zahlreiche Flußüberquerungen von Ost nach West und insgesamt ein Angriffstempo vor, das so schnell wäre, daß die Fähigkeit der NATO, eine Verteidigung

aufzubauen, zusammenbrechen würde. Nach der sowjetischen Doktrin

würde der Einsatz von chemischen Waffen und Kernwaffen auf dem Gefechtsfeld
zwar sehr zerstörerisch sein, aber doch am ehesten der offensiven Seite der
Sowjets nützen, die für einen Kampf unter solchen Bedingungen besser ausgerüstet ist.
Aber wie steht es denn mit der Verpflichtung der

Vereinigten Staaten,

als NATO-Mitglied und führende Nation des Bündnisses, ihre interkontinentalen
und Mittelstrecken-Kernwaffen so früh wie notwendig einzusetzen, um die UdSSR
zu zerstören, die eine Aggression gegen Europa entfesselt hat?
Diese Gefahr und ihre abschreckende Wirkung kann durch keine noch so
große Zahl von Panzern und kluge Planung der sowjetischen Seite ausgeschaltet
werden. Aber die Aufrüstung der UdSSR an eigenen interkontinentalen Nuklearstreitkräften mit Interkontinentalraketen und unterseebootgesützten Raketen
dient der Absicht der Sowjets, diese Gefahr auf immer in Schach zu halten,
oder zumindest so lange, bis die sowjetischen Armeen so weit vorgerückt sind,
daß weder eine der europäischen Regierungen, einschließlich jener mit eigenen
Nuklearstreitkräften, noch der amerikanischen Präsident einen Sinn darin sähen,
eine nukleare Katastrophe wegen eines Europa herbeizuführen, das bereits den
sowjetischen Waffen erlegen ist.
Dies zur
- 4 -

�Dies zur militärischen Seite der sowjetischen Strategie. Aber wie sieht
es mit der politischen Seite aus?

Sollen wir davon ausgehen, daß die Sowjets

planen, eines Tages einen Angriffskrieg gegen die NATO

zu entfesseln, wenn

die Computer ihres Generalstabs berechnen, die Situation sei reif?
nicht ihre Absicht ist, was wir

Wenn dies

sicherlich hoffen, warum dann diese so teure

und so destabilisierende militärische Offensivkapazitöt, deren Existenz es den
NATO-Ländern sehr schwer macht, an die Möglichkeit eines Verhältnisses echter
Entspannung und Kooperation mit dem Osten zu glauben?

Um diese Frage zu beant-

worten, bedarf es einer subtileren politischen Analyse.
Eine solche Analyse wurde uns schon oft von ernstzunehmenden Kennern
der Sowjetunion gegeben. Zu den beredtsten und überzeugendsten gehört die
eines Russen und echten Europäers, eines früheren Mitglieds des sowjetischen
Establishments, der es vorgezogen

hat, heute im Westen zu leben:

Michael S.

Voslenski, der Autor des Buches "Nomenklatura" (Die herrschende Klasse in der
Sowjetunion).

Er erinnert uns daran, daß die UdSSR von einer geschlossenen

Elitegruppe beherrscht wird, die eine herrschende Klasse in jedem Sinne des
Wortes ist, wie es Marx benutzt hat.

Diese Klasse, die Nomenklatura-Klasse,

besitzt die Produktionsmittel, beutet die Arbeiterklasse aus und kontrolliert
jeden relevanten Aspekt des sowjetischen Lebens - nicht um des wirtschaftlichen
Profits im üblichen Sinne willen, sondern um die eigene Macht und die eigenen
Privilegien auszuweiten.

In der UdSSR und im Sowjetblock strebt diese herr-

schende Klasse nach totaler Macht und betrachtet jede alternative Machtquelle
als eine tödliche Bedrohung des eigenen Fortbestandes.

Die herrschende Klasse

der politischen Bürokraten in der Sowjetunion betrachtet die Außenwelt in
gleicher Weise. Und daher strebt sie geduldig und stetig danach, ihre Macht
über die Außenwelt auszudehnen, wo immer sie das zu einem annehmbaren Risiko
tun kann.
Westeuropa stellt eine besonders schwere Herausforderung und Gefahr für
die herrschende Klasse in der Sowjetunion dar.

Kulturell, historisch und

ethnisch steht Westeuropa vielen der von Moskau beherrschten Völkern nahe.
Allein

schon durch seine Existenz demonstriert das freie Europa erfolgreich,

- 5 -

�Europa erfolgreich, daß Demokratie und Freiheit wirtschaftlichen Wohlstand
und Sicherheit hervorbringen können, und stellt damit eine Bedrohung der
Existenz der herrschenden Klasse in der Sowjetunion dar.

Wenn diese Klasse

überleben will, dann muß sie früher oder später Europa unterjochen - eine
Oberzeugung, die in Moskau seit Lenins Tagen bis heute vertreten wird.
Moskau besitzt jedoch keine wirtschaftliche,
ja nicht einmal diplomatische

ideologische,

Werkzeuge, um dieses Ziel zu erreichen, obwohl

diese Werkzeuge als Hilfsmittel angewandt werden.
zeug

kulturelle,

Das einzige wirkliche Werk-

für die Unterjochung Westeuropas zu vertretbaren Kosten ist die poli-

tische Einschüchterung, gestützt auf militärische Bedrohung.

Durch ihre ge-

waltige Aufrüstung - unterstützt durch Propaganda und Diplomatie - versuchen
die Sowjets, Verhältnisse zu schaffen, unter denen sich die Westeuropäer verpflichtet fühlen, erstens

alle Schritte zu vermeiden, die die westliche Sicher-

heit erhöhen und damit Moskau vor den Kopf stoßen würden, wie etwa die Verbesserung der nuklearen und konventionellen Streitkräfte der NATO; zweitens,
ihre Außenpolitik nach sowjetischen Wünschen auszurichten und drittens, ihre
Innenpolitik nach den Erfordernissen der herrschenden Klasse in der Sowjetunion zu gestalten.

Jenseits aller Nuancen und scharfsinnigen Analysen gibt

dies im wesentlichen die sowjetische Strategie
beschreiben, ist der Begriff "Finnlandisierung"

in Europa wieder. Um sie zu
benutzt worden.

Der Begriff

ist unzureichend, denn Finnland, das gezwungen ist, die Wünsche Moskaus bis
zu einem gewissen Grad zu erfüllen, kann noch immer seine Freiheit schützen,
weil weiterhin ein freies und mächtiges Europa, verbündet mit Amerika, existiert.
Wenn Europa in den Bann der Sowjetunion geraten sollte, dann würde sich der
Begriff Finnlandisierung wie ein anachronistischer Witz anhören.
Muß sich Westeuropa dem
Schicksal unterwerfen?

ihm

von der sowjetischen Strategie vorgesehenen

Das braucht es keineswegs.

Die Sowjets wissen, daß

neben ihrer großen militärischen Macht ihr größter Pluspunkt die öffentliche
Meinung im Westen ist, die entweder nicht genug weiß, um die Notwendigkeit des
Widerstandes gegen die sowjetische Macht zu erkennen, oder zu viel Angst hat,
die günstigen Aussichten eines solchen Widerstands zu begreifen.

Wie Voslenski,

Solschenizyn und viele andere, die die herrschende Klasse der Sowjetunion aus
- 6

�Sowjetunion aus eigener Erfahrung kennen, immer wieder sagen, wollen die
sowjetischen Machthaber den Sieg ohne Krieg.

Sie benehmen sich vorsichtig,

manchmal sogar feige, gegenüber jenen, die ihrem Druck mit ruhigem Mut und
ausreichender Stärke widerstehen.
Es ist keine Frage, daß es sich die NATO politisch und wirtschaftlich
leisten kann, militärische Verhältnisse zu schaffen, die sie gegen die
sowjetische Taktik des Crucks schützen können.

Die NATO kann ohne weiteres

modernisieren und kann damit praktisch die Nuklearstreitkräfte verringern,
die sie braucht, um der nuklearen Erpressung durch die Sowjets zu widerstehen.
Gleichzeitig kann die NATO durch den Einsatz neuer Technologien und einfallsreiche militärische Taktiken ihre konventionellen Streitkräfte stärken, um
sich gegen sowjetische Panzerarmeen und Luftflotten zu verteidigen.
für

seine militärische Sicherheit sorgt und auch eine politische

Indem er
und mora-

lische Standhaftigkeit zeigt, die die übelsten Manifestationen der sowjetischen
Macht in Osteuropa verurteilt, kann der Westen gleichzeitig die politische Entschlossenheit an den

Tag legen, die so wichtig ist, um dem sowjetischen Druck

zu widerstehen und den Weg für eine echte Entspannung bereiten.
Der Westen möchte eine Situation herbeiführen, in der das folgende Gespräch im Kreml stattfinden könnte:
Generalsekretär Andropow wendet sich seinem Verteidigungsminister Ustinow
zu und fragt:
"Können wir darauf vertrauen, die NATO in einem raschen, begrenzten
Konflikt zu besiegen?"
Ustinow antwortet:

"Leider nein".

Dann wendet sich Andropow seinem Außenminister Gromyko zu und fragt:
"Können wir

�"Können wir denn die Westeuropäer und die Amerikaner so verängstigen
oder verwirren, daß sie ihr Bündnis
Und Gromyko antwortet:

vielleicht stufenweise aufgeben?"

"Leider ist genau das

Darauf sagt Andropow abschließend:

Gegenteil der Fall."

"Wenn dem so ist, dann sollten wir

vielleicht eine Politik versuchen, die echte Entspannung und Rüstungskontrolle
anstrebt."
Die Bedingungen für ein solches Gespräch im Kreml sind derzeit nicht
ideal.

Aber wir haben noch Zeit und Gelegenheit, sie zu schaffen.

Freiheit und der Frieden selbst hängen davon ab, daß wir

- 8 -

Unsere

es rasch tun.

�27. April 1983

SIMULATORPROGRAMME FÜR TDRS-BAHNKORREKTUR
- Rettungsaktion schwieriger als zunächst angenommen -

- (AD) - Alle Antennen und nachrichtentechnische

Systeme des von der

Raumfähre CHALLENGER abgesetzten TDRS-Satelliten funktionieren gut.

Aber

die Möglichkeiten zum Einsteuern des Geräts auf seinen vorgesehenen Standort in 36 000 km Höhe über der Nordostspitze Brasiliens beurteilt jetzt das
US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) mit "vorsichtigem Optimismus".

Denn

bei dem gestörten Ablauf von Zünden und Absprengen der fast 15 Tonnen schweren
Haupttriebwerke des Nachrichtensatelliten scheinen,

so vermuten Ingenieure

und Techniker der NASA, einige Steuerungsdüsen an der Unterseite beschädigt
worden zu sein.
Mit Hilfe dieser Steuerungsdüsen, die normalerweise nur für Bahnkorrekturen und Standortveränderungen im Orbit während der mehrjährigen Betriebsdauer dienen, sollte TDRS, mit 2,2 Tonnen Masse der bisher schwerste und größte Nachrichtensatellit für die Parkbahn 36 000 km über der Erde, den restlichen
Teil des Aufstiegs überwinden.

Noch immer befindet er sich infolge der Fehl-

funktionen des eigenen Antriebssystems in der elliptischen Übergangsbahn zum
sogenannten geostationären Orbit, in dem die Umlaufgeschwindigkeit eines
Satelliten auf einer kreisförmigen Bahn der Rotationsgeschwindigkeit der Erde

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�der Erde entspricht.

Deshalb scheint er, von der Erdoberfläche aus gesehen,

am Himmel stillzustehen.

In einer solchen Position "übersieht" er etwa ein

Drittel der gesamten Erdoberfläche und ist umgekehrt auch aus einer so großen
Region ansprechbar.
Für das bemannte wie unbemannte Raumfahrtprogramm der
Staaten haben die auf bestimmten

Vereinigten

Positionen über dem Äquator stehenden be-

sonders leistungsfähigen"Relaisstationen" aus der neuen TDRS-Serie den Vorteil,
mit dem Raumtransporter und seiner Besatzung und mit bis zu 40 unbemannten
Satelliten (davon 26 gleichzeitig) ständig Verbindung halten zu können. Die
Funkverbindung war bisher nur im "Sichtbereich" der rund um die Erde verteilten
Bodenstationen möglich.

Für die Raumtransporter-Besatzung bedeutete dies nur

einen Anteil von 15 Prozent der für eine Erdumkreisung benötigten Zeit.
Von besonderer Bedeutung ist das TDRS-System beim Einsatz der Raumfähre in Verbindung mit dem Europäischen Weltraumlabor SPACELAB ab September
1983. Die dabei anfallende Datenflut wäre nach dem "alten" System gar nicht
zu bewältigen. Deshalb soll im August TDRS-2 mit CHALLENGER (STS-8), ein paar
Monate später noch ein drittes Gerät zur Reserve gestartet werden.
Die US-Luftstreitkräfte, auf deren Initiative das Antriebssystem für den
TDRS-Satelliten entwickelt wurde, haben jetzt gemeinsam mit der NASA eine
Kommission zur Untersuchung der Panne und Ermittlung der Schäden an TDRS
gebildet. Seinen Bericht über die möglichen Funktionsstörungen bei der
"Inertial Upper Stage" (IUS) wird der sechsköpfige Expertenausschuß in etwa
einem Monat vorlegen können. Gleichzeitig arbeiten Ingenieure und Wissenschaftler bei TRW Systems, der Herstellerfirma des TDRS-Satelliten, Computerprogramme für Simulatorversuche aus, um die gegenwärtig beobachteten Bewegungen des 100 Millionen Dollar teuren TDRS-Geräts im Weltraum besser zu
verstehen und um schließlich seine Bahn doch noch korrigieren zu können.
Darüber können noch gut drei Wochen vergehen.
TDRS ist

�TDRS ist mit 24 Steuerungsdlisen versehen, als Treibstoff dient Hydrazin.
Mit acht an den Seiten des Satellitenkörpers angebrachten Düsen wird er in der
Nord-Siidrichtung gesteuert.

Die übrigen 16 Düsen regeln die Seiten-» die Höhen-

und die Richtungsstabilität. Zwei der für

die Steuerung der Seitenstabilität

wichtigen Düsen, die an der Unterseite angebracht sind, scheinen während des
Absprengens des IUS-Systems beschädigt worden zu sein. Jetzt geht es darum,
Bewegungsimpulse durch Zünden der noch funktionsfähigen Düsen genau zu ermitteln und ihre Gesamtwirkungen zu berechnen.

+ + + + +

- 3

�Wi//en/ch&lt;ift
und Technik

»

United States Information Service
Embassy of the United States of America

18

27. April 1983

NEUARTIGES

ANTRIEBSAGGREGAT FÜR RAUMTRANSPORTER-NUTZLASTEN

- (AD) - Das amerikanische Privatunternehmer) "Orbital Systems Corporation"
entwickelt ein Antriebssystem für Nutzlasten, die von der Raumfähre im Weltraum
abgesetzt werden und höhere Umlaufbahnen erreichen sollen. Die neue "Transfer
Orbit Stage" (TOS - Transferstufe für die Beförderung einer Nutzlast in die für
sie vorgesehene Umlaufbahn) soll ab 1986 einsatzfähig sein. Dies sieht das
jetzt vom US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) mit der Firma unterzeichnete
Abkommen vor. Wie dazu Generalmajor James A. Abrahamson, der Leiter des Raumtransporterprogramms der NASA, erklärte, werde damit das von der NASA aus Bundesmitteln finanzierte TOS-Programm beendet. Die Aktion sei ein Beispiel für
die Bestrebungen der US-Regierung, die Privatwirtschaft zu ermutigen, sich bei
lohnenden Raumfahrtprojekten stärker als bisher zu engagieren.
TOS bedeutet eine Erweiterung der Angebotsbreite für den Einsatz von
Nutzlasten privater Firmen oder von Regierungen im Zusammenhang mit den Raumtransporterflügen.

Gegenwärtig

lasten zur Verfügung.

stehen der NASA zwei Antriebssysteme für Nutz-

Das eine sind "Payload Assist Modules" (PAM), wie sie

für die Weiterbeförderung des kanadischen Nachrichtensatelliten ANIK
amerikanischen privaten Nachrichtensatelliten SBS in einen
Orbit im November 1982 verwendet

und des

geostationären

wurden, nachdem die Raumfähre COLUMBIA

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�Raumfähre COLUMBIA die Satelliten auf ihrer Umlaufbahn abgesetzt hatte.
Das andere ist das zweistufige IUS-System, mit dem die TDRS-Satelliten ausgestattet sind.
Mit dem PAM-System läßt sich aus der Umlaufbahn der Raumfähre eine Masse
bis zu 990 kg auf eine geostationäre Bahn bringen, Kostenpunkt:

18 000 Dollar

pro Kilogramm, d.h. 17,82 Millionen Dollar für die Antriebs- und Einsteuerungsausrüstung.

Im Vergleich dazu vermag die Europa-Rekate ARIANE bis zu 945 kg

schwere Nutzlasten

bei einem Kostenaufwand von ca. 15,1 Millionen Dollar,

d.h. 16 000 Dollar pro Kilogramm Masse, zu transportieren. TOS wird in der
Lage sein, Massen bis zu 3060 kg aus dem Shuttle-Orbit auf eine geostationäre
Bahn zu bringen (Kostenpunkt: 12 000 Dollar pro Kilogramm Masse, Gesamtkosten
36,7 Millionen Dollar).

TOS ist außerdem in Verbindung mit der

neuen Version

der TITAN 34D-Trägerrakete einsetzbar, die jedoch, ebenso wie ARIANE, im Gegensatz zum Raumtransporter nicht wiederverwendbar ist, also zu den sog. Verlustgeräten zählt.

+ + + + +

- 2 -

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                    <text>AMERIKA DIENST

27. A p r i l 1938

17

INHALT

DOKUMENTATION
Reagan;

Amerikanische Politik verändert Beziehungen zur Sowjetunion

- Ansprache des Präsidenten vor dem Rat für Auswärtige Politik von
West-Massachusetts -

HINTERGRUNDMATERIAL
Warum INF gut für die NATO Ist
- Von Generalleutnant Colin L. Powell -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

17

27. April 1988
REAGAN: AMERIKANISCHE POLITIK VERÄNDERT BEZIEHUNGEN ZUR SOWJETUNION
- Ansprache des Präsidenten vor dem Rat für Auswärtige Politik von
West-Massachusetts -

SPRINGFIELD, MASSACHUSETTS - (AD) - Einen "dramatischen Wandel" erfuhren
Präsident Reagan zufolge die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, weil
Washington darauf drängte, die "gesamte Bandbreite der wahren Gründe gegenseitigen Mißtrauens" zwischen Ost und West anzusprechen. In einer Ansprache vor
dem Rat für Auswärtige Politik von West-Massachusetts erklärte der Präsident
am 21. April 1988, seine vierte Zusammenkunft mit Generalsekretär Gorbatschow
stünde zu einem Zeitpunkt bevor, da die Verhandlungen über eine "beispiellose
Anzahl von Themen" Fortschritte machten, zu denen Abrüstung, Menschenrechte,
regionale Konflikte sowie Austauschprogramme im wissenschafliehen und kulturellen Bereich gehörten.
Nachstehend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Ich freue mich sehr, heute bei
Ihnen und insbesondere in dem Staat
zu sein, in dem Amerikas Kampf für
die Freiheit seinen Anfang nahm.
"Ich bin mir der Mühsal, des Blutes
und der Schätze sehr wohl bewußt, die
uns die... Unterstützung und Verteidigung dieses Staates kosten wird,"
schrieb John Quincy Adams im Jahr
1776, "und dennoch kann ich trotz all
der Schattenseiten den Strahl der Erleuchtung und des Ruhmes erblicken."
Historiker haben sich seit eh und
je gefragt, was es war, das Männer
wie Adams und jene zahlenmäßig unterlegene Gruppe von Kolonialisten glauben machte, sie könnten die Macht des
gewaltigsten Reiches auf Erden umstürzen. Wie angemessen schien es
da, wenn die britische Musikkapelle

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fünf Jahre später in Yorktown spielte: "Die Welt steht auf dem Kopf."
Die Vorhersagen der klugen Köpfe
Europas haben
sich wahrlich als
falsch erwiesen. Der Mut, die Vision, ja, die Gabe einiger Farmer,
Kaufleute und Rechtsanwälte an diesen
Gestaden zu träumen, läuteten eine
Revolution ein, die heute bis in den
letzten Winkel dieser Welt reicht,
eine Revolution, die immer noch die
Herzen der Menschen erleuchtet und
mit dem Ruhm der menschlichen Freiheit erfüllt.
Sie alle können heute als Mitglieder des Rates für Auswärtige Politik und aktive Beobachter der Weltpolitik bestätigen, wie aussichtslos
zu Beginn dieses Jahrzehnts die Chan-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�r

cen für die Freiheit waren. Bitte
erinnern Sie sich:
die Demokratie
war in zahlreichen Ländern auf dem
Rückzug; es fand eine beispiellose
Aufrüstung statt; es gab die Geiseln
im Iran und die sowjetische Invasion
in Afghanistan; man sagte wirtschaftliche Engpässe und ein globales Chaos
voraus - von einer Verknappung an Lebensmitteln und Brennstoffen bis hin
zu einer Umweltkatastrophe. All dies
waren die kaum versiegenden Themen,
über die wir in den Medien so viel
erfahren konnten.
Durch die wirtschaftliche Erholung der Vereinigten Staaten und der
westlichen Demokratien hat dieses Gerede jedoch stark nachgelassen. Und
diese wirtschaftliche Erholung, die
in Massachusetts 1981 und 1982 durch
eine Verringerung der staatlichen und
lokalen
Steuersätze
vorweggenommen
wurde, basierte auf der Einsicht, die
den Kern der hier vor zwei Jahrhunderten begonnenen Revolution ausmachte: vertraue den Menschen, halte die
Regierung aus den Dingen heraus, und
lasse die Kraft und Dynamik freier
Menschen sich frei entfalten.
Aber ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen vorzutragen, daß
diese Idee des Vertrauens in die
Kraft menschlicher Freiheit und Übernahme wesentlicher Aufgaben durch den
Einzelnen nicht nur eine gute Basis
für unsere Wirtschaftspolitik war,
sondern sich auch als solide Grundlage unserer Außenpolitik erwiesen hat.
Genau dies gaben wir den Menschen;
deshalb betonten wir erneut, was die
Menschen instinktiv wußten, Experten
jedoch scheuten, öffentlich zuzugeben.
Unsere Erklärungen waren kurz und
bündig. Wir lehnten ab, was Jeane
Kirkpatrick "moralische Äquivalenz"
nannte; wir machten deutlich, daß
Freiheit besser als Totalitarismus,
Kommunismus schlecht und eine Zukunft
nuklearen Terrors unakzeptabel ist.
Wir erörteten, wir stünden zum Frieden ebenso wie zur Freiheit. Wir betonten, wir hielten am Traum unserer
Gründungsväter fest - dem Traum, daß

eines Tages jeder Mann, jede Frau und
jedes Kind in Würde und Freiheit leben können. Daher war unseres Erachtens die Politik des Containment
nicht länger ausreichend, und wir erklärten die Ausweitung menschlicher
Freiheit zu unserem Ziel. Wir sprachen uns für die Demokratie aus. Wir
erklärten, wir arbeiteten auf den Tag
hin, an dem die Menschen aller Nationen in den Genuß der Segnungen der
Freiheit gelangen.
Den Experten schien diese Art der
Offenheit zunächst als gefährlich und
sie hätte ihres Erachtens zu einer
Verschlechterung der sowjetisch-amerikanischen
Beziehungen
geführt.
Aber ganz im Gegenteil: jene Offenheit hat den Sowjets die Ausdauer und
Stärke des Westens vor Augen geführt;
sie hat ihnen zu verstehen gegeben,
daß wir im Hinblick auf sie und ihr
System keine Illusionen haben.

*

Durch die erneute Betonung von
Werten und die wiederholte Darlegung
dessen, wofür wir als Menschen und
als Nation stehen, haben wir natürlich einen moralischen und geistigen
Aspekt hervorgehoben. Dadurch haben
wir eine Hoffnung auf Zukunft und Demokratie zum Ausdruck gebracht, und
wir verdeutlichten, daß wir immer
noch die Gabe der Träume besitzen,
die diesen Kontinent und unser Land
bei seiner Entstehung geprägt hat.
Aber bei alledem haben wir auch
etwas Konkretes unternommen.
Lange
zuvor hatten wir erfahren, daß sich
die Sowjets nur dann zu ernsthaften
Verhandlungen bereit erklären, wenn
ihr Gegenüber zu einer festen Haltung
entschlossen ist. Wir wußten, das
geringste Anzeichen von Schwäche auf
unserer Seite die Sowjets würde dazu
veranlassen, ernsthafte Verhandlungen
zu beenden, Fortschritte auf diplomatischem Gebiet aufzuhalten und zu
versuchen,
jene
offensichtliche
Schwäche auszunutzen.
Wir waren also aufrichtig. Wir
erkannten unsere weitreichenden Meinungsverschiedenheiten
und
ihre

- 2 -

&lt;
*

�grundsätzliche moralische Tragweite
an. Auf diese Weise gaben wir zu,
daß die uns und die Sowjets entzweienden Unterschiede tiefgreifender und
einschneidender waren, als durch das
Zählen von Raketen oder Gefechtsköpfen zu ermessen ist. Wie ich zuvor
bereits erklärt habe, mißtrauen wir
einander nicht, weil wir bewaffnet
sind, sondern wir sind bewaffnet,
weil wir einander mißtrauen. Diese
Äußerungen habe ich bei unserem ersten Treffen in Genf gegenüber Generalsekretär Gorbatschow gemacht.
Daher haben wir uns dazu entschlossen, die gesamte Bandbreite der
wahren Gründe für dieses Mißtrauen
sowie die entscheidenden moralischen
und politischen Themen direkt mit den
Sowjets anzusprechen. In der Vergangenheit schienen die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sich allzu
oft auf ein Thema zu konzentrieren:
Abrüstung. Dies ist eine Stütze, die
nicht stark genug ist, um die gesamte
Plattform
sowjetisch-amerikanischer
Beziehungen zu tragen.
Also haben
wir nicht einfach eine einteilige,
sondern eine breit angelegte vierteilige Tagesordnung für die Rüstungskontrolle aufgestellt. Wir sprachen
über regionale Konflikte, insbesondere in Gebieten wie Afghanistan, Angola und Mittelamerika, wo die sowjetische Expansion zu eklatanten Konfrontationen geführt hat. Wir bestanden darauf, die Menschenrechtsfrage und die sowjetische Nichteinhaltung der Schlußakte von Helsinki
auf die Tagesordnung unserer bilateralen Gespräche zu setzen. Wir legten besonderen Wert auf menschliche
Kontakte und riefen die Sowjets dazu
auf, die künstlichen Schranken niederzureißen, die ihr Volk vom Rest
der Welt isolieren.
Auch das letzte Thema auf der Tagesordnung - die Rüstungskontrolle haben wir einer Überprüfung unterzogen. Wir erklärten, über die bloße
Festlegung neuer Obergrenzen hinausgehen zu wollen, die sogar eine noch
umfangreichere Aufrüstung bei den nuklearen Waffen ermöglicht hätte. Wir

bestanden auf einschneidenden Reduzierungen, nicht einfach Kontrolle
der Zahl von Waffen - Abrüstung und
nicht einfach Rüstungskontrolle.
Dieser Ansatz gegenüber den Sowjets hat nun Früchte getragen: öffentliche Aufrichtigkeit über ihr System und das unsrige und eine umfassende Tagesordnung, mit der die wirklichen Unterschiede zwischen uns offengelegt werden.
Wenn wir die wichtigsten Indikatoren für die wirtschaftliche Situation betrachten, erkennen wir, daß
der weltweite Vorstoß der Freiheit
der beste Indikator für die Position
der Vereinigten Staaten in der Welt
ist. Wenn wir die frei gewählte Regierang in der Republik Korea betrachten, die Siege der angolanischen
Freiheitskämpfer auf dem Schlachtfeld, die Öffnung Chinas und die Liberalisierung seiner Wirtschaft, die
fortschreitende Demokratisierung in
Lateinamerika, auf den Phlippinen und
auf jedem Kontinent - wo diese und
andere Indikatoren stark vertreten
sind, stärkt dies auch Amerika und
unsere Hoffnungen für die Zukunft.
Und dennoch haben die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen trotz
der Freiheit, die sich nun auf dem
Vormarsch
befindet,
einen
dramatischen Wandel erfahren - in ein
Zeitalter echten Engagements. In einem Monat werde ich in Moskau mit
Herrn Gorbatschow zum vierten Gipfel
seit 1985 zusammentreffen. Zwischen
unseren beiden Regierungen finden
Verhandlungen über eine beispiellose
Anzahl von Problemkreisen statt. Der
INF-Vertrag ist Wirklichkeit, und der
Senat sollte nun die Zustimmung zu
seiner
Ratifizierung
geben.
Der
START-Vertrag wird gerade ausgehandelt. Und ich weiß, daß jeder heute
an diese einmalige, überraschende
Tatsache denkt - die Sowjets haben
versprochen, im nächsten Monat mit
dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan zu beginnen.

- 3 -

Wenn

jemand

vor

einigen

Jahren

�vorhergesagt hätte, noch vor Ende
dieses Jahrzehnts wäre ein Vertrag
über die Beseitigung einer ganzen Kategorie von Nuklearwaffen unterzeichnet, Gespräche über einen 50prozentigen Abbau aller strategischen Nuklearwaffen seien im Gange und die Sowjets hätten einen festen Termin für
den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan bestimmt, dann wäre dieser Jemand auf nicht geringe Skepsis gestoßen. Aber dies ist - unmittelbar
vor dem vierten Gipfel - genau der
Punkt, an dem wir stehen.
Ich möchte jetzt einige der Problemkreise ansprechen, die im Vorfeld
dieses Gipfels noch näher definiert
werden müssen und zunächst auf Afghanistan eingehen.
Die Geschichte verzeichnet wenige
Kämpfe, die so heroisch sind wie die
des afghanischen Volkes gegen die sowjetische Invasion. In acht Jahren
sind mehr als eine Millionen Afghanen
getötet worden. Mehr als fünf Millionen wurden ins Exil geschickt.
Und dennoch hat das afghanische Volk
trotz all seiner Leiden weitergekämpft - ein entschlossener patriotischer Widerstand gegen eine der
mächtigsten und modernsten Armeen.
Ihr Land ist zwar besetzt, aber nicht
erobert worden.
Jetzt haben die Sowjets erklärt,
sie hätten genug.
Der Wille zur
Freiheit hat den Willen zur Macht besiegt, wie er es immer getan hat und
meiner Ansicht nach auch in Zukunft
tun wird.
Aber ich möchte an dieser Stelle
darauf hinweisen, daß die nächsten
Monate keine Zeit der Selbstzufriedenheit sein werden, keine Zeit, um
die Hände in den Schoß zu legen und
sich zu beglückwünschen. Die Sowjets
haben kaum jemals ein Land verlassen
- und schon gar nicht in den vergangenen mehr als dreißig Jahren - das
sie einmal besetzt hatten. Sie haben
oft ihren Abzug versprochen, haben
dies aber im Laufe ihrer Geschichte
kaum jemals wirklich getan - und

wenn, dann nur unter dem Druck des
Westens.
Afghanistan war strategisch gesehen ein wichtiger Gewinn für die Sowjets. Die Errichtung von Luftstützpunkten an den afghanischen Grenzen
zu Iran und Pakistan hätten die Möglichkeiten der Sowjets verbessert,
ihre Macht in die Straße von Hormus
auszuweiten und unsere Fähigkeit bedroht, diesen wichtigen Schiffahrtsweg offenzuhalten.
Wir sind davon
überzeugt, daß sie immer noch hoffen,
ihr zweifelhaftes und zum Scheitern
verurteiltes Marionettenregime halten
zu können, und sie suchen immer noch
das benachbarte Pakistan zu bedrohen,
zu dessen Verteidigung wir uns seit
langem verpflichtet haben.
Uns stellt sich also die Frage:
Haben die Sowjets diese Ziele wirklich
aufgegeben?
Wir wissen es
nicht, und wir können es nicht wissen, bis sich der Vorhang senkt. Wir
müssen klar zu erkennen geben, daß
jede Ausbreitung von Gewalt seitens
der Sowjets oder ihrer Vasallen all
das Gute zunichte machen könnte, das
die Genfer Abkommen für die Ost-WestBeziehungen hoffen ließen.
Die Sowjets sind nunmehr aufgefordert, ihre Streitkräfte spätestens
bis 15. Februar nächsten Jahres vollständig abzuziehen. In der Zwischenzeit wissen sie, daß wir den Mudjahedin auf jede erdenkliche Art und Weise weitere Unterstützung zukommen
lassen, solange sie ihre Freunde In
Kabul unterstützen.
Ich möchte es wiederholen - wir
werden die Mudjahedin so lange unterstützen, wie die Sowjets dem Regime
in Kabul helfen. Die Sowjets kennen
unsere Haltung und wissen, daß diese
Tatsache Vorbedingung der Übereinkunft war.
Aber es handelt sich
hierbei um mehr als nur eine Haltung.
Meinerseits handelt es sich um eine
feste Verpflichtung - die von einer
einstimmigen Resolution des amerikanischen Senats gestützt wird.

- 4 -

�Von Anfang an zielte unsere Afghanistan-Politik darauf ab, diesem
Land wieder zu einem unabhängigen
blockfreien Status zu verhelfen, der
dem afghanischen Volk die Entscheidung über seine eigene Zukunft und
die sichere und ehrenhafte Rückkehr
der Flüchtlinge in ihr Land ermöglichen würde - dieselben Ziele, wie
sie im Laufe der Jahre immer wieder
in zahlreichen Resolutionen der Vollversammlung der Vereinten Nationen
formuliert wurden.

i

*

Aber dies sind nicht die einzigen
Ziele unserer Politik in dieser Region. Im weiteren Sinne beabsichtigt
unsere Politik die Förderung dessen,
was man als "normalere" Beziehungen
zwischen Ost und West bezeichnen
könnte.
Ebensowenig wie diese Sowjetunion, die ihr eigenes Volk unterdrückt, die von ihr mitunterzeichnete Schlußakte von Helsinki über die
Menschenrechte verletzt, die weiterhin das Recht auf Meinungsfreiheit,
freie Religionsausübung und Freizügigkeit unterdrückt - jemals ganz
normale Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und der übrigen freien
Welt haben kann, ebensowenig kann eine Sowjetunion, die ständig versucht,
sich in die Angelegenheiten anderer
Länder einzumischen, jemals ein normales Verhältnis mit uns eingehen.
Und genau das ist in Ländern wie Angola, Nicaragua und Äthiopien geschehen. Die Sowjetunion hat gegen den
Willen der Bevölkerung Satellitenregimes zur Regierungsgewalt verholfen
oder diese unterstützt.

mit aufgeblähten Bäuchen sehen oder
Geschichten von Familien hören zu
müssen, die auf ihrem kilometerlangen
Marsch zur Nahrungsmittelvergabe der
Reihe nach starben. Aber jetzt ist
die Hungersnot in ein Land der Hunger
zurückgekehrt.
Äthiopien leidet unter einer Dürrekatastrophe, und es leidet noch
stärker unter einer unzureichenden
Landwirtschaftspolitik. Aber nun ist
zu der Dürre und gescheiterten Politik ein drittes tödliches Element
hinzugekommen - der Krieg.
Die äthiopische Armee hat in
jüngster Zeit in ihrem andauernden
Krieg
gegen die Separatisten in
Eritrea erhebliche Niderlagen erlitten. Das Zusammenspiel von Dürre und
den Zerrüttungen des Krieges ist die
unmittelbare Ursache der Hungersnot
in diesem Teil des Landes. Aber das
äthiopische Regime hat vor kurzem
verfügt, daß alle ausländischen Helfer bei der Bekämpfung der Hungersnot
das Notstandsgebiet im Norden des
Landes verlassen müssen. Das führt
uns zu der erschreckenden Schlußfolgerung, daß Hunger und eine Politik
der verbrannten Erde als Waffe erwogen werden, um die Aufstände niederzuschlagen.

Keines dieser Regime hat den Menschen zu Frieden oder einem besseren
Leben verholfen. Jedes hat Unglück
und Härten mit sich gebracht. Jedes
lastet auf dem Gewissen der Menschheit und ganz besonders das Schicksal
Äthiopiens.

Das Thema Äthiopien steht seit
langem auf der amerikanisch-sowjetischen Tagesordnung, gewinnt jedoch
aufgrund der ungeheuren Katastrophe
für die Menschen zunehmend an Dringlichkeit. Wird die Welt Zeuge eines
weiteren Holocaust?
Wird sie eine
weitere Hungersnot aus politischen
Gründe erleben? Die Sowjets sind der
Hauptlieferant von Waffen und leisten
dem Regime in Addis Abeba die größte
Unterstützung. Ferner liefern sie in
diesem Jahr 250 000 Tonnen Nahrungsmittel.

Vor zwei Jahren glaubte die Welt,
die Hoffnungen aller mitfühlenden
Menschen seien verwirklicht worden
und die Hungersnot in Afrika habe ein
Ende gefunden. Die Menschheit hoffte, niemals wieder Bilder von Kindern

Sie können dieses Desaster im
Keim ersticken.
Ich appelliere an
sie, das äthiopische Regime von der
Abkehr von dieser Entscheidung zu
überzeugen - denn nur sie können dies
- und weitere Bemühungen zur Beendi-

- 5 -

�gung der Hungersnot zu gestatten.
Und ich möchte ferner meiner Hoffnung
Ausdruck verleihen, daß die Sowjetunion gemeinsam mit uns und anderen
besorgten Regierungen auf eine friedliche, ausgehandelte Beilegung dieses
Bürgerkrieges hinarbeitet.
In Äthiopien und praktisch in jedem anderen Land, dem die Sowjets ihr
Regime aufgezwungen haben, müssen die
Themen Menschenrechte und regionale
Konflikte im Kontext eines viel umfassenderen Themenkomplexes betrachtet werden - der sowjetischen Intentionen, Vorhaben und ihres Verhaltens
im eigenen Land wie auch weltweit.
Vor einigen Jahren berichtete der
französische Politologe und Publizist
Jean-Francois Revel über ein Gespräch, das ein Mitglied des französischen Kabinetts mit einem hochrangigen sowjetischen Regierungsbeamten
geführt hat. Revel zufolge erklärte
dieser sowjetische Regierungsbeamte
in einem Rückblick auf die Geschichte
der siebziger Jahre: "Wir nahmen Angola ein - und Sie haben nicht protestiert... Wir haben es zur Kenntnis genommen und in unseren Analysen
vermerkt."
Der sowjetische Regierungsbeamte fuhr fort: "Dann nahmen
wir Mocambique ein - lassen wir das
Thema, Sie wissen ja noch nicht einmal, wo das liegt. Dann nahmen wir
Äthiopien ein, ein entscheidender
Zug... Keine Reaktion... " Und er
fügte hinzu: "Dann nahmen wir Aden
ein und installierten dort einen
wichtigen sowjetischen Stützpunkt...
Aden. Auf der arabischen Halbinsel.
Im Herzen Ihres Nachschubzentrums.
Keine Reaktion." Und der sowjetische
Regierungsbeamte bemerkte abschliessend:
"So stellten wir fest: Wir
können Aden einnehmen."
Die Jahre der Passivität des Westens angesichts sowjetischer Aggression waren natürlich vor sieben Jahren zu Ende. Aber das heutige Problem ist, daß die Mentalität, die
eine solche "Analyse" hervorgebracht
hat, wie der sowjetische Regierungsbeamte sie bezeichnete, immer noch
vorherrscht. Solange dies der Fall

ist, wird die Welt
Frieden erleben.

keinen

wahren

Diese Lektion sollten wir auf dem
eigenen Kontinent, in Nicaragua, besser in die Tat umsetzten. Einige Monate bevor die Sowjets ihre Invasion
in Afghanistan begannen, halfen sie
auch den sandinistischen Kommunisten
in Nicaragua bei der Vereitelung einer demokratischen Revolution.
Die
Kommunisten
versprachen
Demokratie
und Menschenrechte, aber stattdessen
zwangen sie dem Land eine grausame,
schwerbewaffnete Diktatur auf und begannen einen geheimen Krieg der Subversion gegen die friedlichen Nachbarländer Nicaraguas.
Das Volk von Nicaragua griff zu
den Waffen gegen die Kommunisten und
hat einen heldenhaften Kampf geführt.
Aber anstatt dem nicaraguanischen Widerstand dieselbe kontinuierliche Unterstützung wie dem afghanischen Volk
zu gewähren hat unser Kongreß die
Hilfsleistungen
wiederholt
gestrichen. Selbst jetzt, da der Ostblock
Waffen im Wert von einer halben Milliarde Dollar pro Jahr nach Nicaragua
schleust, hat der Kongreß den Freiheitskämpfern die Unterstützung versagt, die sie benötigen, um die Sandinisten zur Erfüllung ihrer demokratischen Versprechen zu bewegen. Ich
denke, es ist an der Zeit, daß der
Kongreß die in Afghanistan gelernte
Lektion beherzigt.
Mit der Unterstützung der Freiheitskämpfer in ihrem Kampf gegen die
brutale Diktatur trägt Amerika zur
Verwirklichung seiner am höchsten
bewahrten Güter bei: Frieden, Freiheit, Menschenrechte und Demokratie.
Gleichzeitig sichern wir unsere eigene Freiheit, indem wir die Kosten der
sowjetischen Aggression in die Höhe
treiben und den Kampf für Freiheit
bis auf die entferntesten Grenzen
ausdehnen.
Manch einer argumentiert, die Sowjetunion nehme in diesen Tagen eine
Neubewertung ihrer Außenpolitik vor,
um sich auf die Reformen im Inneren

- 6 -

t

�zu konzentrieren. Zweifelsohne können wir Zeichen des Wandels ausmachen. Wenn sich jedoch ein solcher
Wandel vollzieht, so deshalb, weil
sie sich die Kosten der Aggression
und der tatsächlichen moralischen Unterschiede zwischen unseren Systemen
klargemacht haben. Wenn wir auf einen grundlegenderen Wandel hoffen
wollen, müssen wir weiterhin fest und
entschlossen bleiben. Wenn wir unsere Verantwortung bei der Festsetzung
dieser Ziele erfüllen und gleichzeitig unsere konstruktive Zusammenarbeit anbieten, dann könnte dies in
der Tat zu einem Wendepunkt in der
Geschichte der Ost-West-Beziehungen
werden.
Mit ihrer jetzt unter Beweis gestellten Bereitwilligkeit zur tatsächlichen Wahrung der Menschenrechte
und der Abkehr von militärischen Lösungen bei der Bewältigung dieser regionalen Konflikte würde die Sowjetunion auch auf Vertrauensbildung und
die Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern hinarbeiten. Regionale Konflikte und Menschenrechte sind eng miteinander verflochten. Dies sind Themen von moralischer Dimension. Dies sind Belange
der internationalen Sicherheit. Denn
wenn eine Regierung die Rechte seines
eigenen Volkes mißbraucht, so ist
dies ein bitteres Anzeichen ihrer Bereitschaft, Gewalt gegen andere anzuwenden.
Zwei der Grundrechte, deren Einhaltung wir von den Sowjets im Rahmen
der Schlußakte von Helsinki gefordert
haben, sind das Recht zur Ausreise
und das Recht der Freizügigkeit. Wir
können nicht umhin, die Ernsthaftigkeit einer Regierung zu bezweifeln,
die ihrem eigenen Volk mißtraut und
es gegen seinen Willen festhält.
Welchen geeigneteren Weg könnte es
zum besseren Verständnis zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geben, als freie und unmittelbare Kontakte zwischen unseren beiden
Völkern zu gestatten? Warum händigt
die sowjetische Regierung im neuen
Geist der Offenheit ihren Bürgern

keine Pässe aus? Ich bin davon überzeugt, daß ein solcher Schritt die
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
entscheidend verbessern würde.
Natürlich ist der hiesige Rat für
Auswärtige Politik einer der wichtigsten Sponsoren des vom Informationsamt der US-Regierung (USIA) durchgeführten internationalen Besucherprogramms. Über die Bedeutung menschlicher Kontakte brauche ich Ihnen also nichts zu erzählen. Und ich möchte allen, die ausländischen Besuchern
Unterstützung
und
Gastfreundschaft
gewährt haben, meinen persönlichen
Dank aussprechen.
Ich habe in der Öffentlichkeit
häufig darüber nachgedacht, wie alle
Nationen und alle Völker sich rasch
in Einigkeit und Brüderlichkeit versammeln würden, wenn unser Planet je
von Mächten einer anderen Welt bedroht würde.
Sie hier beim Rat für Auswärtige
Politik sind sich der Erkenntnis,
wieviel
wir
als
Angehörige
der
menschlichen Rasse gemeinsam haben,
besser bewußt als jeder andere. Es
sind schließlich die Regierungen und
nicht die Völker, die Barrieren errichten und Mißverständnisse verursachen.
Als ich vor einigen Jahren eine
Ansprache vor den Vereinten Nationen
hielt, zitierte ich einige Sätze von
Gandhi, die er kurz nach seinem Besuch in Großbritannien zur Erlangung
der Unabhängigkeit Indiens sagte.
"Während dieser in Großbritannien
und Europa verbrachten drei Monate
habe ich keinerlei Erfahrung gemacht,
die mir das Gefühl vermittelt hätte,
daß letztlich Osten doch Osten und
Westen doch Westen ist. Im Gegenteil, ich konnte mich mehr denn je
davon überzeugen, daß die menschliche
Natur unabhängig von den jeweiligen
Gegebenheiten im Grunde gleich ist,
und man tausendfach mit Zuneigung belohnt wird, wenn man mit Vertrauen
und Zuneigung auf den anderen zugeht."

- 7 -

�1

Sie beim Rat für Auswärtige Angelegenheiten haben auf diesem Gebiet
viel Lobenswertes vollbracht.
Und
ich bin voller Zuversicht, daß die
beständig auf Stärke und Offenheit
gegründete amerikanische Außenpolitik
einen neuen Weg in Richtung auf eine
Welt aufzeigt, in der Vertrauen und
Zuneigung unter den Völkern eine alltägliche Realität sein werden. Meine
Vorbereitungen zur Reise nach Moskau
sind von dieser Hoffnung geleitet.
Ich danke für Ihre von Herzen kommende Unterstützung.

* * * * *

- 8

�AMERIKA DIENST
1?

"*"

Hintergrundmaterial

c&amp;

27. April 1988

17

WARUM INF GUT FÜR DIE NATO IST
- Von Generalleutnant Colin L. Powell -

Copyright (c): The American Legion Magazine 1988
WASHINGTON - (AD) - Der Generalleutnant des Heeres Colin L. Powell wurde
im vergangenen November zum Nationalen Sicherheitsberater ernannt. Sein nachstehender Aufsatz wurde in der April-Ausgabe des American Legion Magazine 1988
veröffentlicht:
Der Senat erörtert derzeit den
Vertrag über die nuklearen Mittelstreckenwaffen, den Präsident Reagan
und Generalsekretär Gorbatschow während des Gipfels im vergangenen Dezember unterzeichnet haben. Wir sind
der Auffassung, daß der Vertrag die
derzeit stattfindende Prüfung sicher
bestehen wird. Es ist ein reeller
Vertrag.
Der INF-Vertrag stärkt die Sicherheit der Vereinigten Staaten und
die seiner Verbündeten und stellt bei
unseren Bemühungen um die Sicherung
des Friedens einen Schritt nach vorn
dar. Er beweist die Solidität unseres in den vergangenen sieben Jahren
verfolgten Ansatzes bei der Wiederherstellung der militärischen Stärke
des Westens, bei gleichzeitiger Ver-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

folgung eines realistischen
mit der Sowjetunion.

Dialogs

Die Maßnahmen, welche zum INFVertrag führten, nahmen mit der Stationierung von SS-20 Raketen in den
späten siebziger Jahren ihren Auftakt, womit die Bedrohung Europas und
Asiens eine neue Dimension erreichte.
Die Sowjets wollten diese Bedrohung
wahrscheinlich gegen das Territorium
unserer Verbündeten - und nicht das
unsrige - richten, um so einen Keil
zwischen die Demokratien zu treiben.
Dies aber ließen wir nicht zu.
Mit ihrem Doppelbeschluß von 1979
entschied die NATO, als Gegenmaßnahme
eine begrenzte Anzahl amerikanischer
Pershing-II
und
landgestützter
Marschflugkörper in Europa zu statio-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nieren, und rief zu amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über die
Vereinbarung von Obergrenzen für amerikanische und sowjetische INF-Systeme auf der niedrigstmöglichem Niveau
auf.
Die Sowjets führten eine umfassende
Propaganda- und
Einschüchterungskampagne in dem Versuch durch,
die Stationierungen der NATO aufzuhalten. Aber erst nachdem die NATO
mit der Stationierung ihrer eigenen
INF-Raketen begonnen hatte, waren die
Sowjets zu ersthaften Verhandlungen
bereit. Es ist den Verantwortlichen
im Bündnis zu verdanken, daß die NATO
zunächst solide Verhandlungsprinzipien erarbeitete und sich in all den
Jahren sowjetischen Lavierens fest
daran hielt.
Der Westen erreichte
seine Ziele auf folgende Weise:
- Wir bestanden darauf, daß jede
Vereinbarung zu einem Gleichgewicht zwischen den USA und der
Sowjetunion führen muß. Die Sowjets beharrten zunächst auf dem
Recht, mit den nuklearen Arsenalen der Vereinigten Staaten und
ihrer sämtlichen NATO-Verbündeten
in ihrer Gesamtheit einen Gleichstand zu erlangen.
Dann boten
sie einen Abbau in gleichem Umfang an, was zu einer Unterlegenheit der Vereinigten Staaten geführt hätte.
Doch der Westen
stand fest zu seinen Positionen,
und
die
Sowjets
akzeptierten
schließlich - auf der Basis des
Vorschlags der amerikanischen Regierung von 1981 - ein Gleichgewicht bei Null. Dies entsprach
dem Ziel der NATO und stellte eine wichtige Voraussetzung für andere Verhandlungen dar: Asymmetrische sowjetische Reduzierungen
zur Erzielung eines Gleichgewichts mit den Vereinigten Staaten.
- Sämtliche Vereinbarungen sollten
weltweite Gültigkeit haben, da
die sowjetischen INF-Raketen unsere Freunde und Verbündeten auf
zwei Kontinenten bedrohten. Jah- 2 -

relang boten die Sowjets einen
Abbau lediglich in Europa an.
Danach versuchten sie, im Gegenzug für Reduzierungen in Asien
einen Abbau amerikanischer mit
Nuklearwaffen
ausgerüsteter
Schiffe und Flugzeuge in jenem
Teil der Welt auszuhandeln. Wir
blieben fest und bekamen, was wir
wollten.
Obergrenzen für Raketen anderer
Länder kamen für uns nicht in
Frage. Jahrelang haben die Sowjets versucht, eine Reduzierung
der britischen oder französischen
Raketen oder Obergrenzen für deren weitere Aufstockung zu erreichen.
Beide Forderungen mußten
sie fallenlassen.

,
&gt;

- Um die Sowjets an einer Umgehung
der Reduzierung von SS-20-Raketen
durch den Ausbau ihrer INF-Systeme kürzerer Reichweite zu hindern, mußte es gleiche Einschränkungen auf diesem Gebiet geben.
Dem widersetzten sich die Sowjets
für einen längeren Zeitraum und
boten dann einen Abbau ihrer INFRaketen
nur
in
Europa
an.
Schließlich stimmten sie einer
weltweiten Vernichtung dieser Systeme zu.
- Ein INF-Abkommen konnte die konventionellen Fähigkeiten der NATO
nicht begrenzen.
Die Sowjets
forderten beträchtliche Kürzungen
bei den amerikanischen land- und
seegestützten Flugzeugen, die als
Träger nuklearer oder konventioneller Waffen in Frage kommen;
diese Flugzeuge spielen im NATOEinsatzkonzept für die konventionellen Streitkräfte eine wesentliche Rolle.
Wiederum lehnten
wir dies ab, und die Forderung
wurde schließlich fallen gelassen.
- Jedes Abkommen muß eine wirkungsvolle Verifizierung beinhalten.
Jahrelang
lehnten die Sowjets
dies ab und erklärten dann, die
Einzelheiten des Verifizierungsverfahrens könnten nach der Ver-

f

�tragsunterzeichnung
ausgehandelt
werden.
Wir bestanden darauf,
daß die Verifizierung ein integraler Bestandteil jedes Abkommens sein muß. Im Ergebnis hat
dieser Vertrag die schärfsten Verifizierungsbestimmungen in der
Geschichte der Rüstungskontrolle,
einschließlich
mehrerer
Formen
kurzfristig anberaumter Vor-OrtInspektionen. Dies ist ebenfalls
ein wichtiger Präzedenzfall für
andere Verhandlungen.
«
\

Aus dem Umgang des Westens mit
der INF-Frage lassen sich einige
nützliche Lehren für die Zukunft ziehen.
Die NATO war aufgrund ihrer
Stärke und Einheit über viele Jahre
erfolgreich;
wir wußten, was wir
wollten, und wir blieben fest, bis
wir es bekamen. Wenn sich die Befürworter eines Einfrierens der Atomwaffenpotentiale oder einseitiger Abrüstung durchgesetzt hätten, wären wir
jetzt stattdessen mit einem dauerhaften sowjetischen Monopol bei den INFRaketen konfrontiert.

über der konventionellen
kungsfähigkeit der NATO.

Der Vertrag beweist, wie die Sicherheit des Westens gestärkt wird,
wenn wir zur Bewältigung einer gemeinsamen Bedrohung zusammenarbeiten.
INF war das am häufigsten diskutierte
Thema in der Geschichte des Bündnisses. Bei verschiedenen Anlässen baten uns die Verbündeten um eine Abänderung unserer Verhandlungspositionen, und wir kamen diesen Wünschen
nach. Wie der Präsident es formulierte: "Unsere Verbündeten standen
die ganze Zeit auf unserer Seite, und
dies war umgekehrt genauso."

Eine andere Lehre lautet: Dieser
Vertrag verdeutlicht, daß der Westen
an vernünftigen Zielen festhält, und
nicht, daß sich die sowjetischen Ziele gewandelt hätten.
Wenn wir im
Hinblick auf die Sowjetunion realistisch bleiben, werden wir auch
weiterhin sicherstellen, daß die NATO
die modernen und glaubwürdigen nuklearen und konventionellen Streitkräfte aufrechterhält, die sie zur
Erwiderung einer Aggression auf jedem
Niveau benötigt.
i

I

Verstär-

Der INF-Vertrag stärkt die Fähigkeit der NATO, dies zu tun, in zweifacher Hinsicht.
Er beseitigt die
durch sowjetische INF-Raketen - und
insbesondere die SS-20 - geschaffene
Bedrohung unserer nuklearen Abschrekkungsstreitkräfte.
Und durch die
Vernichtung der sowjetischen Kurzstreckenraketen vom Typ SS-12 und
SS-23, die chemische und konventionelle sowie auch nukleare Gefechtsköpfe tragen können, beseitigt er
auch eine erhebliche Bedrohung gegen- 3 -

* * * * *

�</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

27. April 1994

16

RICHARD NIXON

STAATSTRAUERTAG FÜR NIXON
Proklamation des Präsidenten
RICHARD NIXON - EIN UMSTRITTENER ABER
TATKRÄFTIGER POLITIKER
Zum Tode des ehemaligen Präsidenten

BOSNIEN

CHRISTOPHER: ANGRIFF DER BOSNISCHEN
SERBEN ERFORDERT ENTSCHLOSSENE
REAKTION
Eröffnungsansprache bei Anhörung vor dem
Kongreß

BOSNISCHES VERHALTEN ERFORDERT
ENTSCHLOSSENE, SACHLICHE REAKTION
Rede von Thomas Weston

MENSCHENRECHTE

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE SIND
SCHLÜSSELELEMENTE DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Anhörung Shattucks vor dem Kongreß

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�RICHARD

NIXON
27. April 1994

STAATSTRAUERTAG FÜR NIXON
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Mit den Worten, Richard M. Nixon sei "ein vehementer Verfechter von Freiheit und
Demokratie weltweit" gewesen, ordnete Präsident Clinton einen Staatstrauertag für den 37. Präsidenten der
Vereinigten Staaten an, der am 22. April 1994 verstarb.
Nixon, der sich als einziger Präsident zum Rücktritt gezwungen sah, verbrachte die letzten Jahre seines
Lebens mit dem Verfassen von Schriften über außenpolitische Themen und erstellte, so Clinton, "ein
überzeugendes Bild der sich abzeichnenden Weltpolitik, das auf Jahre hinaus politischen Entscheidungsträgern
als Leitfaden dienen wird".
Nixon wird am 27. April 1994 neben seiner Frau Patricia in seinem Geburtsort Yorba Linda (Kalifornien)
beerdigt, wo sich auch das Nixon-Museum und seine Präsidentenbibliothek befinden.
An das Volk der Vereinigten Staaten:
Mit großer Trauer gebe ich offiziell den Tod von
Richard Milhous Nixon, dem 37. Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika, am 22. April 1994
bekannt.

,
•»

Als für herausragende Dienste im Zweiten Weltkrieg
ausgezeichneter Marineoffizier war Richard Nixon
seit langem ein Fixpunkt in unserem nationalen
Leben. In einer sich über ein Vierteljahrhundert
erstreckenden Laufbahn im öffentlichen Dienst trug
er zur Gestaltung der amerikanischen Geschichte
bei. Vor seiner Amtsübernahme als Präsident im
Jahr 1969 leistete er hervorragende Arbeit im
amerikanischen Repräsentantenhaus, im Senat und
als Vizepräsident in der Eisenhower-Administration.
Seit seinen frühen Tagen im Kongreß, während
seiner Amtszeit im Weißen Haus und im gesamten
Verlauf der zwei Jahrzehnte, die seit seinem Ausscheiden aus dem Amt verstrichen sind, war er ein
vehementer Verfechter von Freiheit und Demokratie
weltweit.
Staatsmänner und Studenten internationaler Angelegenheiten werden noch lange auf Präsident Nixons
enorme Leistungen als Richtschnur blicken. Sein
Kampf um die Überbrückung der Kluft zwischen den
Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion - angefangen von der berühmten "Küchendebatte" mit Nikita Chruschtschow, der in der Entspannungspolitik Anfang der siebziger Jahre seinen
Höhepunkt fand - trug zur Aufrechterhaltung des

AMERIKA DIENST 16

Friedens in einem unsicheren Zeitalter bei. Unsere
inzwischen verbesserten Beziehungen zu den Chinesen sind auf Nixons mutigen Besuch in China vor
über 20 Jahren zurückzuführen. In zahlreichen
später von ihm verfaßten Büchern erstelfte er ein
überzeugendes Bild der sich abzeichnenden Weltpolitik, das auf Jahre hinaus politischen Entscheidungsträgern als Leitfaden dienen wird.
Präsident Nixon hat für unsere Nation auch eine
Vielzahl positiver innenpolitischer Initiativen ergriffen.
Seine Bemühungen um Umweltschutz, Änderung des
Sozialleistungssystems unserer Nation, Verbesserung
des Gesetzesvollzugs und Reform des Gesundheitswesens dienen uns heute als Anregung, während wir
den Amerikanischen Traum in greifbare Nähe all
unserer Bürger rücken.
In seinem Buch In the Arena: A Memolr of Victory,
Defeat and Renewal schrieb Präsident Nixon:
"Meiner Ansicht nach... ist die Fülle des Lebens nicht
an seiner Länge, sondern an seiner Breite, Höhe und
Tiefe zu messen." Das ist in der Tat ein äußerst
passendes Epitaph auf sein bemerkenswertes Leben.
Er erlitt Niederlagen, welche die meisten politischen
Karrieren beendet hätten, errang aber auch phantastische Siege, die vielen der beliebtesten Politiker der
Welt nicht beschieden waren. An diesem denkwürdigen Tag erkennen wir den bedeutenden Wert des
von ihm zu unserer Nation geleisteten Beitrags an
und beten, daß er uns genug von seiner Klugheit
hinterlassen haben möge, um uns sicher ins kommende Jahrhundert zu geleiten.

Seite 1

�Aufgrund dessen verfüge ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir von der Verfassung und den Gesetzen der
Vereinigten Staaten übertragenen Vollmachten, daß
im Gedenken an Präsident Nixon und als Ausdruck
der öffentlichen Trauer die Flagge der Vereinigten
Staaten am Weißen Haus und auf allen Gebäuden,
Grundstücken und Kriegsschiffen der Vereinigten
Staaten über einen Zeitraum von 30 Tagen nach
seinem Todestag auf halbmast stehen soll. Femer
ordne ich an, daß während dieser Zeit die Vertreter
der Vereinigten Staaten im Ausland ähnliche Anweisungen für Trauerbeflaggung an ihren Botschaften,
Missionen und anderen öffentlichen Gebäuden im
Ausland geben, einschließlich aller militärischen
Einrichtungen und Stützpunkte.

*

Seite 2

Hiermit verfüge ich, daß am Tag der Beisetzung
Einheiten der Streitkräfte auf Befehl des Verteidigungsministers dem Verstorbenen angemessene
Ehrenbezeugung erweisen.
Weiterhin erkläre ich den Tag der Beisetzung zum
Staatstrauertag im gesamten Land. Ich rufe das
amerikanische Volk dazu auf, sich an diesem Tag in
die Gotteshäuser zu begeben, Präsident Nixons zu
gedenken und Gott um seinen Segen für unser Land
zu bitten. Ich rufe die Menschen auf der ganzen
Welt, die mit uns in Trauer vereint sind, dazu auf,
sich unserem feierlichen Gedenken anzuschließen.
Unterzeichnet am 22. Tag des April, im Jahre des
Herrn 1994 und im 218. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�RICHARD

NIXON

27. April 1994

Richard Nixon - ein umstrittener aber tatkräftiger Politiker
Zum Tode des ehemaligen Präsidenten
Richard Milhous Nixon, der als einziger Präsident
der Vereinigten Staaten sein Amt niederlegte, war
einer der umstrittensten und bedeutendsten amerikanischen Regierungschefs der vergangenen 40 Jahre.
Nur über wenige Politiker in der amerikanischen
Geschichte wurde kontroverser diskutiert als über
Nixon. Der konservative Politiker war bei vielen
Liberalen, Akademikern und Journalisten unbeliebt.
Er scheute sich aber auch nicht, ihnen mit derselben
Abneigung zu begegnen. Nixon mußte unglaubliche
politische Niederlagen erleiden - Schläge, die andere
vielleicht nicht ertragen hätten. Auf irgendeine
Weise gelang es ihm jedoch immer wieder, sich
davon zu erholen.
Der größte Erfolg von Nixons Präsidentschaft war
seine Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion sowie die politische Öffnung für das kommunistische China Anfang der siebziger Jahre.
Letztere festigte seinen Ruf eines herausragenden
außenpolitischen Strategen.
Sein größter Mißerfolg war sein unehrenhafter
Rücktritt vom Amt des Präsidenten im Jahr 1974, um
einer drohenden Amtsenthebung durch Impeachment als Folge der Watergate-Affäre zuvorzukommen.
Nixon hatte aber auch Bewunderer - viele erinnern
sich an sein Eintreten für die Demokratie in der
berühmten, in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow geführten "Küchendebatte" und an seinen Mut, als seine Frau Pat und er
1958 in Venezuela von einem Mob antiamerikanischer Demonstranten angegriffen wurden.
Praktisch in der gesamten Nachkriegszeit war Nixon
für jeden Erwachsenen und jedes Kind in Amerika
ein Begriff - nicht nur als Politiker, sondern auch als
Produkt seiner Zeit, möglicherweise, weil er einer
der ersten Politiker war, die im gesamten Verlauf

AMERIKA DIENST 16

ihrer Karriere immer wieder im Fernsehen erschienen.
Nach seinem Rücktritt nahm die Abneigung gegen
Nixon ab, und in späteren Jahren wurde er in den
Augen der Öffentlichkeit ein "eider statesman" - eine
Rolle, an der er offensichtlich Gefallen fand.
Der 1913 auf der Farm seines Vaters in Yorba Linda
(Kalifornien) geborene Nixon wuchs mit vier Brüdern von denen zwei als Kind starben - unter der strengen Erziehung seines Vaters auf. Seine Mutter war
Quäkerin, und zu ihr hatte Nixon eigenen Angaben
zufolge ein engeres Verhältnis. Während seiner
Kindheit zog die Familie in das 20 Kilometer von Los
Angeles entfernte Whittier. Nixon besuchte das
Whittier College, wo er Geschichte studierte und sich
in Debatten besonders hervortat. 1937 legte er an
der Duke University sein juristisches Staatsexamen
ab.
Nachdem Nixon im Zweiten Weltkrieg in der USMarine gedient hatte, gab er 1946 seine Kandidatur
für einen Sitz als Abgeordneter des Bundesstaates
Kalifornien im Kongreß gegen den demokratischen
Amtsinhaber Jerry Voorhis bekannt.
Aufgrund
angeblicher Kontakte Voorhis zu den Linken gewann
Nixon seinen ersten größeren politischen Sieg.
Während seiner frühen Jahre im Kongreß erwies sich
Nixon bei innenpolitischen Fragen als pragmatischer
Konservativer, bei auswärtigen Angelegenheiten als
Weltpolitiker, der sich für den Marshallplan einsetzte.
Als Mitglied des Ausschusses des Repräsentantenhauses für unamerikanische Umtriebe schlug er aus
der starken antikommunistischen Einstellung seiner
Zeit Kapital und formulierte sie als nationale Politik.
Als der Ausschuß 1948/49 den Fall von Alger Hiss,
einem Beamten des US-Außenministeriums, untersuchte, veranlaßte Nixon eine Gegenüberstellung
zwischen Hiss und seinem Ankläger, Whittaker

Seite 1

�Chambers, was schließlich zur Verurteilung von Hiss
wegen Meineid führte. Nixon schreib später zutreffend in seinen autobiographischen Memoiren "Six
Crises", der Fall Hiss "hinterließ Haß und Feindseligkeit mir gegenüber - nicht nur unter Kommunisten,
sondern auch wichtigen Vertretern der Presse und
Intellektuellen - eine Feindseligkeit, die selbst heute
noch spürbar ist".
Verstärkt wurde diese Feinseligkeit durch Nixons
Kampagne gegen Helen Gahagan Douglas 1950 im
Rennen um einem Sitz im Senat. Wie üblich bediente sich Nixon harter Worte, und seine Gegner
bezichtigten ihn des Kommunistenhasses und des
Antisemitismus. Während seiner gesamten nachfolgenden politischen Karriere blieb Nixon Zielscheibe
der Ablehnung durch die Liberalen.
1952 wurde Nixon auf dem Parteitag der Republikaner zum Vizepräsidentschaftskandidaten von Dwight
D. Eisenhower gewählt. Während des Wahlkampfes
kritisierte Nixon die Demokraten wegen ihrer Schwäche gegenüber dem Kommunismus und Korruption
innerhalb der Regierung. Dies erwies sich als
Bumerang, weil er selbst unangemessener Verwendung von Wahlkampfspenden beschuldigt wurde
und es bei der ersten schweren Krise seiner Karriere
den Anschein hatte, Eisenhower, der eine persönliche Abneigung gegen ihn hegte, werde Nixon von
seiner Wahlliste streichen.
Am 23. September 1952 hielt Nixon im Fernsehen
seine berühmte "Checkers"-Rede. Er stellte seine
Frau Pat und seinen Cockerspaniel "Checkers" der
Öffentlichkeit vor, bestritt den Mißbrauch von Wahlkampfgeldern für persönliche Zwecke (nach amerikanischem Gesetz ein Vergehen) und verwies auf den
"respektablen republikanischen Tuchmantel" seiner
Frau als Zeichen ihrer persönlichen Genügsamkeit.
Die Intellektuellen haßten seine Rede, bei der
amerikanischen Öffentlichkeit kam sie jedoch gut an
und rettete seine Karriere.
Als Eisenhowers Vizepräsident während zwei
Amtsperioden übernahm Nixon eine aktive Rolle in
der Administration, als sich Eisenhowers Gesundheitszustand verschlechterte. Bei Besuchen und im
diplomatischen Auftrag bereiste er 54 Länder. Bei
ihrem Aufenthalt in Caracas wurden die Nixons von
antiamerikanischen Demonstranten angepöbelt, aber
Nixon gelang es, sich von ihnen zu befreien, während die Kameras den Angriff festhielten.
1959 hatte Nixon einen großen Glückstreffer:
Während eines Besuchs in der Sowjetunion besichtigte er mit dem damaligen sowjetischen Staatschef
Chruschtschow in Moskau eine Ausstellung amerikanischer Küchengeräte. Eine angeregte Unterhaltung

Seite 2

zwischen beiden Männern wurde von den Fernsehkameras aufgezeichnet. Sie wurde bekannt als die
"Küchendebatte", und die Öffentlichkeit zollte Nixon
Lob, weil er sich gegen den sowjetischen Staatschef
auf dessen Territorium "gut geschlagen" hatte.
Nixon gewann die Nominierung der Republikaner als
Präsidentschaftskandidat im Jahr 1960. Dieses Mal
zeichnete das Femsehen jedoch seine Demontage
auf als ein müde aussehender Nixon - der sich von
einer Krankheit erholte - bei dem Fernsehduell mit
einem ausgeruhten, jugendlichen John F. Kennedy
um die Präsidentschaft kämpfte. Nixon verlor die
Wahl mit weniger als einem Prozent der Stimmen,
entschloß sich jedoch, keinen Einspruch gegen das
Wahlergebnis einzulegen, wie Kollegen ihm geraten
hatten.
Viele Politiker hätte sich nach so einem frustrierenden
Wahlkampf zurückgezogen. Aber zur allseitigen
Überraschung trat Nixon wieder auf, um 1962 die
Nominierung als Gouverneur von Kalifornien anzustreben. Wiederum mußte er sich durch den Amtsinhaber, Edmund G. Brown, knapp geschlagen
geben.
1963 zog Nixon nach New York und praktizierte
neben seiner Tätigkeit für die republikanische Partei
als Rechtsanwalt. In demselben Jahr wurde Kennedy
erschossen und sein Nachfolger, Lyndon B. Johnson,
wurde bald in den Vietnamkrieg verstrickt. 1968 gab
Johnson, dessen Ruf durch diesen Krieg zerstört
worden war, bekannt, er werde sich nicht zur Wiederwahl stellen. In dem Wissen um die geschwächte
Position der Demokraten strebte Nixon erneut die
Präsidentschaftsnominierung an und besiegte den
Kandidaten der Demokraten, Vizepräsident Hubert
Humphrey. Nixons Kampagne kam die Desillusionierung der Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg zu Hilfe
sowie die Kandidatur eines dritten Kandidaten, des
Gouverneurs von Alabama, George C. Wallace, die
den Demokraten Stimmen entzog.
Als 37. Präsident regierte Nixon die Nation als
gemäßigter Konservativer. Nixon und sein Außenminister, Henry Kissinger, ordneten die weitere
massive Bombardierung Indochinas an - weiteten die
Luftangriffe auf Laos und Kambodscha aus und
provozierten riesige Demonstrationen auf den amerikanischen College-Campuses - begannen jedoch
auch den Prozeß des amerikanischen Rückzugs aus
der Region. Im Rückblick erscheint wichtiger, daß sie
die gefeierte diplomatische Öffnung Chinas ausarbeiteten und durchführten. Nixon erzielte femer
Fortschritte bei den Verhandlungen mit der Sowjetunion über strategische Rüstungen und setzte sich
für Gesetze über das Sozialwesen und ökologische
Fragen ein.

AMERIKA DIENST 16

�1972 gewann Nixon erneut die Präsidentschaft dieses Mal in einem erdrutschartigen Sieg über
seinen demokratischen Herausforderer George S.
McGovern. Diese Wahl erwies sich jedoch als seine
Demontage. Von seinen Assistenten bezahlte
Männer waren in das Hauptquartier des nationalen
Ausschusses der Demokraten im Watergate-Apartmentgebäude in Washington in dem offensichtlichen
Versuch eingebrochen, den Demokraten abträgliche
Informationen zu erhalten.
Was immer Nixon über den Einbruch gewußt haben
mag, sein schwerwiegendster Fehler war der Versuch, die Ermittlungen zu vereiteln und Beweismaterial zu vernichten - eine Fehleinschätzung, die zu
einem riesigen Skandal und einem Ermittlungsverfahren des Kongresses führte. Schließlich sah er
sich 1974 angesichts der drohenden Anklage zum
Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger, Gerald R.
Ford, amnestierte ihn wegen aller im Amt begangenen Vergehen - und Nixon zog sich in Kalifornien in
den Ruhestand zurück.

*

AMERIKA DIENST 16

Während seiner Präsidentschaft im Oval Office
gemachte und späterfreigegebene Tonbandaufzeichnungen zeigten Nixon als häufig ungehobelten und
rachsüchtigen Mann. Wie in vergangenen Jahrzehnten überwand Nixon jedoch die Bitterkeit und Schande von Watergate und kehrte allmählich ins öffentliche Leben zurück. Über die Jahre trat er als kluger
Berater und Kommentator außenpolitischer Themen
auf und wurde von der jüngeren Generation von
Amerikanern als angeschlagener, aber dennoch
geachteter "eider statesman" akzeptiert.
Gegen Ende seines Lebens bewerteten die Historiker
seine geschichtliche Rolle in einem günstigeren Licht.
Seine letzte Auslandsreise im Jahr 1994 führte ihn
nach Rußland, wo er die Kommunikation zwischen
den politischen Parteien zu verbessern und ihr
Potential einzuschätzen versuchte.

*

Seite 3

�BOSNIEN
27. April 1994

CHRISTOPHER: ANGRIFF DER BOSNISCHEN SERBEN
ERFORDERT ENTSCHLOSSENE REAKTION
Eröffnungsansprache bei Anhörung vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Der Angriff der bosnischen Serben auf die von der UNO erklärte Schutzzone Gorazde
hat erneut die Mißachtung der Serben für die "internationale Staatengemeinschaft und einen Mangel an
Kooperationsbereitschaft bei der Erlangung des Friedens demonstriert", stellte Au ßenminister Christopher fest.
Bei einer Anhörung vor dem Bewilligungsunterausschuß für Wirtschaft des Senats am 21. April 1994 erklärte
Christopher, das jüngste Verhalten der bosnischen Serben "erfordert eine entschlossene Reaktion", wenn die
Parteien in Bosnien einbezogen werden sollen, um ein Abkommen am Verhandlungstisch zu erzielen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Außenminister Christopher im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, es
ist mir ein Vergnügen, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen. Der Präsident und ich profitieren in höchstem Maße von Ihrer Klugheit und Ihrem Fachwissen. Ich sehe einer produktiven Diskussion erwartungsvoll entgegen.
Ich werde heute den Haushaltsantrag 1995 für
internationale Angelegenheiten erläutern sowie seine
Prioritäten und Ziele darlegen. Zuerst werde ich
Ihnen jedoch über unsere Reaktion auf die Situation
in Bosnien berichten.
Die Serben haben wieder einmal ihre Mißachtung für
die internationale Staatengemeinschaft und einen
Mangel an Kooperationsbereitschaft bei der Erlangung des Friedens demonstriert. Seit Tagen beschießen sie eine von Zivilisten bewohnte Stadt,
selbst nachdem deren Verteidigung zerschlagen
worden ist.
Dies ist ein Rückschlag für die in den vergangenen
Wochen mit dem Ultimatum bezüglich Sarajevo und
dem Friedensabkommen zwischen den Bosniern und
Kroaten erzielten Fortschritte. Wir müssen uns
jedoch über unsere Ziele im klaren sein. Wir müssen die Parteien in Bosnien zur Beilegung ihrer
Differenzen am Verhandlungstisch veranlassen. Und
wie Präsident Clinton gestern eindeutig klargestellt
hat, müssen wir die Serben zu Verhandlungen
ermutigen, indem wir sicherstellen, daß sie einen
hohen Preis für die andauernde Aggression bezahlen.

AMERIKA DIENST 16

Das jüngste Verhalten der bosnischen Serben
erfordert eine entschlossene Reaktion. Der Präsident
hat drei unverzüglich zu ergreifende Initiativen
vorgelegt.
Erstens schlagen wir unseren Verbündeten vor, den
von uns erfolgreich angewandten Ansatz zu Sarajevo
auf andere von der UNO zu Schutzzonen erklärte
Gebiete in Bosnien einschließlich Gorazde auszuweiten. Wir wissen, daß Luftangriffe allein die serbische
Aggression nicht aufhalten können. Sie können
jedoch ebenso wie in Sarajevo als Abschreckung für
den mutwilligen Beschuß der von Zivilisten bewohnten Regionen dienen und den Verletzern hohe
Strafen auferlegen.
Zweitens werden wir unsere Bestrebungen verdoppeln um zu gewährleisten, daß harte Sanktionen
gegen Serbien so streng wie möglich durchgesetzt
werden.
Drittens werden wir unsere Unterstützung für humanitäre Hilfslieferungen in Bosnien erweitern.
Die
Vereinigten Staaten werden mit den Vereinten
Nationen zusammenarbeiten, um den Menschen in
Gorazde zu helfen.
Wir unternehmen diese Schritte, weil die Vereinigten
Staaten in Bosnien wichtige strategische und humanitäre Interessen haben. Wir haben ein strategisches
Interesse an der Verhinderung eines größeren
europäischen Konflikts. Wir haben ein Interesse an
der Aufrechterhaltung der NATO als glaubwürdige
Streitmacht für Frieden in Europa nach dem Kalten

Seite 1

�Krieg. Wir haben ein Interesse an der Eindämmung
des Flüchtlingsstroms und der Beendigung dieser
schrecklichen Tragödie.
Letztlich ist eine Verhandlungslösung unter den
Parteien der einzige Weg zur Beendigung des
Konflikts. Das Abkommen zwischen den bosnischen
Muslims und Kroaten, zu dessen Zustandekommen
wir beigetragen haben, hat bereits eine Kampf linie in
Bosnien ausradiert. Es weist darüber hinaus den
Weg zu der von uns angestrebten umfassenderen
Lösung.
Ich möchte hinzufügen, Herr Vorsitzender, daß wir
die Entsendung weiterer UN-Friedenstruppen zur
Sicherstellung der humanitären Hilfslieferungen und
zur Konsolidierung des bosnisch-kroatischen Friedens unterstützen werden. Wie der Präsident
gestern erklärte, "lautet das Gebot jetzt, sich nicht
nur mit dem jüngsten serbischen Vergehen auseinanderzusetzen, sondern die Kraft für Frieden zu
erneuern".
Wir werden unsere Initiativen morgen in Brüssel mit
unseren NATO-Verbündeten und den Russen
erörtern. Wir hoffen, daß wir einen gemeinsamen
Ansatz zur Beendigung des Konflikts und zur Erlangung von Frieden im ehemaligen Jugoslawien
erarbeiten können.
Ich möchte mich jetzt dem Antrag des Präsidenten
für das Haushaltsjahr 1995 zuwenden - dem ersten
wirklichen Etat für internationale Angelegenheiten in
der Zeit nach dem Kalten Krieg.
Dieses Budget entspricht den Herausforderungen
der Ära nach dem Kalten Krieg, indem es die von
mir als zentral für die Außenpolitik dieser Administration ausgemachten sechs strategischen Prioritäten
unterstützt. Erstens gestattet es uns die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Sicherheit. Zweitens
stellt es Unterstützung für die Reformen in Rußland
und den anderen neuen unabhängigen Staaten
bereit. Drittens können wir dank dieser Haushaltsvorlage die transatlantische Sicherheit und den
Wohlstand aufrechterhalten. Viertens fördert sie
unser Interesse am asiatisch-pazifischen Raum.
Fünftens bringt sie den Frieden im Nahen Osten
voran. Sechstens trägt sie dazu bei, globale Themen wie Nichtverbreitung, Menschenrechte, Bevölkerungswachstum und die Umwelt zum wesentlichen
Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik zu
machen.
Diplomatie ist ein starkes Instrument, diese Prioritäten zu fördern sowie starke und sichere Vereinigte
Staaten zu gewährleisten. Ich bin der festen Überzeugung, daß präventive Diplomatie und Friedens-

Seite 2

Sicherung kosteneffektiv sind. Sie sparen Geld.
Noch wichtiger ist, sie retten Leben.
Herr Vorsitzender, wie Sie wissen, wird ein Großteil
dieses Haushalts von anderen Bewilligungsunterausschüssen finanziert. Heute konzentriere ich mich auf
die von diesem Unterausschuß finanzierten Budgetkategorien, obwohl ich auch kurz auf die anderen
eingehen werde.
Die erste Haushaltskategorie ist die Förderung von
Wohlstand in den Vereinigten Staaten. Ich habe
unsere Missionen im Ausland angewiesen, der
Unterstützung der Interessen amerikanischer Exporteure, Investoren und Arbeitnehmer höchste Priorität
einzuräumen. Diese Bestrebungen bewirken jeden
Tag etwas für amerikanische Unternehmen. Ohne
die kontinuierliche Unterstützung dieses Unterausschusses wären sie nicht möglich.
In diesem Zusammenhang, Herr Vorsitzender,
möchte ich die von der Handelsabteilung des amerikanischen Wirtschaftsministeriums gespielte unerläßliche Rolle hervorheben. Ich darf Ihnen versichern, daß unsere Beamten im Ausland enger als
je zuvor mit der Handelsabteilung bei der Förderung
unserer gemeinsamen Ziele zusammenarbeiten.
Eine zweite Kategorie - die Förderung von Demokratie - spiegelt unsere Ideale wider und verstärkt unsere
Interessen. Der freie Austausch von Ideen ist eine
notwendige Voraussetzung für die Entwicklung
demokratischer Institutionen auf der ganzen Welt.
Unser Finanzierungsantrag für das US-Informationsamt (USIA) wird die umfassende Modernisierung und
Konsolidierung des internationalen Hörfunks gestatten. Auch die Finanzierung der nationalen Stiftung
für Demokratie ist unerläßlich. Ihre Aktivitäten zielen
auf die Stärkung von Institutionen ab, die Pluralismus,
demokratische Regierungsformen, Staatsbürgerkunde, Menschenrechte und Respektierung der Rechtsstaatlichkeit ermutigen.
In diesem Kontext möchte ich betonen, wie hoffnungsvoll wir über die Aussichten eines demokratischen Übergangs in Südafrika sind, wo die nationale
Stiftung für Demokratie die Aufklärung von Wählern,
Konfliktlösung und die Ausbildung politisch Verantwortlicher unterstützt hat. Wir sind erfreut über die
Vereinbarung vom Dienstag, mit der die Beteiligung
der Inkatha an den Wahlen sichergestellt ist. Wir
müssen jetzt zusammenarbeiten, um Südafrika beim
Aufbau neuer demokratischer Institutionen behilflich
zu sein.
Der größte Teil des Haushaltsantrags entfällt auf die
Förderung des Friedens. Über 80 Prozent der Gelder
sind für die Aufrechterhaltung und die Schaffung von

AMERIKA DIENST 16

�Frieden im Nahen Osten vorgesehen. Obwohl
Extremisten den Friedensprozeß sabotieren wollen,
macht dieser Prozeß Fortschritte. Wenn die bilateralen Gespräche hier Anfang Mai wiederaufgenommen
werden, hoffe ich, daß die Parteien zu den harten
Entscheidungen bereit sind, die für Fortschritte im
Friedensprozeß erforderlich sind.
Der beste Weg zum Schutz des Friedensprozesses
und zur Isolierung der Extremisten besteht in der
Veränderung der Gegebenheiten am Boden, so daß
die Menschen in der Region greifbare Verbesserungen für ihr Leben sehen. Die Aktionen von Extremisten - sei es in Hebron oder Afula - sind darauf
ausgerichtet, nicht nur Einzelpersonen zu töten,
sondern den Frieden selbst zu vereiteln. Wir sind
entschlossen, ihnen den Erfolg zu verwehren.
Darüber hinaus haben wir Mittel für die UN-Friedenssicherung beantragt. Wir werden sorgfältig abwägen, wann wir die Friedenssicherungsoperationen
unterstützen und wann wir uns daran beteiligen.
Wenn wir eine solche Entscheidung treffen, stellen
wir harte Fragen über Umfang, Auftrag, Dauer,
Verfügbarkeit von Ressourcen und Höhe des Risikos
einer solchen Mission. Wir erarbeiten rigorose
Kriterien um festzustellen, ob bereits bestehende
Friedenssicherungsoperationen eine neue Bewilligung verdienen.
Wir sehen UN-Friedenssicherung als Instrument,
Krisen zu entschärfen und zu verhindern, daß
Verletzungen des Friedens unsere Interessen
bedrohen und unsere Ressourcen weiter aufzehren.
Wir werden uns stets das Recht vorbehalten, im
Alleingang oder über ein Bündnis wie die NATO zu
handeln.
Wenn eine UNO-Operation unseren
Interessen jedoch am besten dient, wollen wir
sicherstellen, daß sie funktioniert.
UN-Friedenssicherungsmissionen erfüllen wichtige
Ziele zu weit geringeren Kosten als wenn wir alleine
eingegriffen hätten. Weniger als 1.000 der 70.000
weltweit stationierten UN-Friedenstruppen sind
Amerikaner. Die Vereinigten Staaten tragen 30
Prozent der Gesamtkosten, und wir werden alles in
unserer Macht Stehende tun, um diese Zahl bis
1996 auf 25 Prozent zu verringern.
Herr Vorsitzender, die Kosten der UN-Friedenssicherung sind eine Angelegenheit, die dem Kongreß
und der Administration ständig Anlaß zur Sorge
bereitet. Wir arbeiten an der Verbesserung der
Effizienz und Senkung der Kosten. Meines Erachtens müssen wir jedoch unseren Verpflichtungen
im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
nachkommen und unsere Beiträge entrichten.

AMERIKA DIENST 16

Wir erwarten, daß die Auslagen für Friedenssicherung im Haushaltsjahr 1994 1 Milliarde Dollar übersteigen. Wie Sie wissen, beraten Repräsentantenhaus und Senat am 19. April über das Bewilligungsgesetz des Außenministeriums, mit dem der Haushaltsantrag der Administration für 1994 in Höhe von
670 Millionen Dollar für Friedenssicherung unter
bestimmten Bedingungen bewilligt werden soll. Wir
benötigen Ihre Hilfe bei der Lösung dieses Finanzierung sproblems.
Wir sind entschlossen, Friedenssicherung effektiver
und finanziell transparenter zu machen.
Unser
Argument für Reformen ist stärker, wenn unsere
Rechnungen bezahlt sind - und wird unterminiert,
wenn sie es nicht sind. Wir wollen mit Ihnen und
Ihrem Unterausschuß zusammenarbeiten.
Wir
erbitten Ihren Rat und Ihre Unterstützung bei der
Finanzierung von Friedenssicherung und sonstigen
Maßnahmen.
In dieser Kategorie beantragen wir auch Mittel für
Nichtverbreitung und Abrüstung, einschließlich des
Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung. Dieses
Thema hat größere Relevanz als je zuvor angesichts
der Tatsache, daß Nordkorea seine Verpflichtungen
im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags nicht
einhält.
Schließlich, Herr Vorsitzender, erbitten wir Mittel zur
Unterstützung der Operationen des Außenministeriums sowie für unsere voraussichtlichen Beiträge zu
internationalen Organisationen. Mit diesen Mitteln
werden vor allem unsere Bürger und unsere lebenswichtigen Missionen im Ausland finanziert.
Unsere im auswärtigen Dienst tätigen hochqualifizierten Mitarbeiter üben die harte Arbeit der Diplomatie
an schwierigen und gefährlichen Orten auf dem
ganzen Globus aus. Amerikanische Diplomaten
unterhalten nicht nur Beziehungen zu ausländischen
Regierungen.
Sie schlichten Konflikte, fördern
Exporte, verteidigen Menschenrechte und koordinieren humanitäre Hilfslieferungen.
Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, begann die vorige
Woche mit den heroischen Dienst unserer Menschen
im Kugelhagel von Ruanda. Einige Tages später
kam Barbara Schell, eine mutige und ausgezeichnete
Beamtin im auswärtigen Dienst, bei einem Hubschrauberunglück im Nordirak ums Leben.
Wir können die Arbeit amerikanischer Diplomaten
nicht mit Geld aufwiegen. Aber wir können sagen,
daß ihr Engagement, ihre Urteilskraft und ihr Mut in
hohem Maße zur Stärke Amerikas beitragen.

Seite 3

�Das Außenministerium hat eine dramatische Zunahme seiner globalen Verantwortungsbereiche erlebt
mit über 20 neuen Vertretungen in den neuen
unabhängigen Staaten und andernorts. Wir bewältigen die zunehmende Arbeitsbelastung der Konsulate
und verstärken die Sicherheit an unseren Grenzen.
Das Ministerium muß darüber hinaus den jahrzehntelangen Verschleiß seiner Einrichtungen in Angriff
nehmen und mit der Modernisierung seiner Informations- und Finanzverwaltungssysteme sowie des
Telekommunikationsnetzes beginnen. Wir müssen
unsere veraltete und zunehmend funktionsuntüchtige
Computer-Hardware und Software erneuem. Aus
diesem Grund hat der Präsident eine Aufstockung
unseres Betriebskontos um 30 Millionen Dollar
beantragt. Wenn wir unsere Modernisierungsbestrebungen wieder vertagen, würden wir unsere Fähigkeit zur Verwirklichung der von mir heute erörterten
politischen Ziele aufs Spiel setzen.
Diese Haushaltskategorie enthält auch unseren
Anteil der geschätzten Beiträge an die Vereinten
Nationen und andere internationale Organisationen.
Der Antrag steht im Einklang mit satzungsmäßigen
Einschränkungen und führt unsere Verpflichtung zur
Zahlung der Rückstände fort. Die Vereinten Nationen und andere multilaterale Gremien befassen sich
mit den schwierigsten Problemen unserer Zeit, von
Hungersnöten über Flüchtlinge und ethnische Konflikte bis zum Überleben der Demokratie in Entwicklungsländern.

*

Seite 4

*

Unseres Erachtens müssen die Vereinten Nationen
rigoroser Prioritäten setzen und neue Wege zur
Kosteneinsparung finden. Angesichts der zunehmenden Komplexität der UNO-Operationen sind weitreichende Verbesserungen der Rechenschaftspflicht
erforderlich. Die Vereinten Nationen haben beachtliche Fortschritte erzielt, aber weitere Reformen sind
vonnöten. Eine unserer höchsten Prioritäten bei den
Vereinten Nationen ist die Einrichtung eines völlig
unabhängigen Büros mit den Aufgaben eines Generalinspekteurs.
Herr Vorsitzender, die Haushaltsvoriage für 1995
steht im Einklang mit dem Plan zum Defizitabbau des
Präsidenten. Es ist ein Sparantrag, der in realen
Zahlen gegenüber dem bereits knappen Budget für
1994 nochmals reduziert wurde. Mit diesem Antrag
werden die Bestrebungen zur Kostensenkung der
vergangenen Jahre fortgesetzt. Es ist darüber hinaus
ein Haushalt mit einem einzigen übergeordneten
Auftrag: Investitionen in die Sicherheit und den
Wohlstand der Vereinigten Staaten.
Die kontinuierliche Unterstützung Ihres Unterausschusses ist entscheidend für den Erfolg unserer
Bestrebungen. Sie haben mein Versprechen, daß wir
mit Ihnen allen bei den von mir dargelegten gemeinsam festgesetzten Prioritäten und Zielsetzungen
zusammenarbeiten werden.

*

*

AMERIKA DIENST 16

�BOSNIEN
27. April 1994

BOSNISCHES VERHALTEN ERFORDERT
ENTSCHLOSSENE, SACHLICHE REAKTION
Rede von Thomas Weston
WASHINGTON - (AD) - Der Referatsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten, Thomas G.
Weston, hielt am 21. April 1994 folgende Rede vor dem European Council of American Chambers of
Commerce.
Meine Damen und Herren, es ist mir eine Ehre und
ein Vergnügen, diese bedeutende Konferenz des
European Council of American Chambers of Commerce eröffnen zu dürfen. Außenminister Christopher und Abteilungsleiter Oxman haben mich gebeten, Ihnen ihr Bedauern zu übermitteln, daß sie
heute morgen nicht anwesend sein können. Im
Augenblick bereitet sich der Außenminister auf die
Anhörung zur Krise in Bosnien vor dem Kongreß
vor. Ich glaube, wir können den Worten des Ministers Glauben schenken, daß er sehr viel lieber hier
bei Ihnen gewesen wäre.
Bei der Vorbereitung meiner Rede für dieses Publikum erinnerte ich mich an eine Feststellung von
Dorothy Neviil, der bekannten Schriftstellerin des 19.
Jahrhunderts. "Die Geschäftswelt", so Neviil, "hat
verbaler Brillanz und Witz stets mißtraut, weil sie
solche Qualitäten - vielleicht zu Recht - als frivol und
unrentabel erachtet." Ich habe mein Bestes getan,
diesen Rat zu befolgen.
Ich möchte für Sie zwei Erfolgsgeschichten in
unseren Beziehungen zu Europa seit der Amtsübernahme dieser Administration analysieren. Die eine
betrifft die Wirtschaft: Der erfolgreiche Abschluß der
Uruguay-Runde des GATT zusammen mit unseren
Bestrebungen zur Integration der Länder Mittel- und
Osteuropas in den Westen. Die andere ist strategischer Art: Die Wiederbelebung unserer Sicherheitsinstitutionen, insbesondere der NATO.
Diese Leistungen werden verständlicherweise
gelegentlich von der andauernden Tragödie im
ehemaligen Jugoslawien überschattet. Ich möchte
Sie auch zu diesem schwierigen Problem auf den
neuesten Stand bringen.
Erstens muß ich jedoch ein Gerücht entkräften, das
von Zeit zu Zeit in den Leitartikeln auftaucht:

AMERIKA DIENST 16

Europa sei für den Wohlstand und die Sicherheit der
Vereinigten Staaten nicht länger von Bedeutung.
Nichts ist weniger zutreffend.
Ja, diese Administration ist sich bewußt, daß mit dem
Ende des Kalten Krieges neue außenpolitische
Ansätze erforderlich sind. Wir sind uns jedoch auch
darüber im klaren, daß Europa weiterhin sehr wohl
integraler Bestandteil unseres außenpolitischen
Bildes ist.
In einer Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des
Senats legte Außenminister Christopher im vergangenen Jahr die sechs strategischen Prioritäten
der Vereinigten Staaten dar. Die ersten drei Prioritäten - Förderung weltweiten Wachstums, Erweiterung
von Demokratie und Reformen in der ehemaligen
Sowjetunion sowie die Stärkung unserer sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Verbindungen zu
Europa - konzentrieren sich direkt auf Europa. Zwei
der verbleibenden drei - Frieden im Nahen Osten und
die Inangriffnahme globaler Probleme wie Umwelt,
Überbevölkerung und nukleare Weiterverbreitung können nur durch eine aktive amerikanisch-europäische Partnerschaft erfüllt werden.
Während die Amerikaner das Banner der Wirtschaft
in Europa hochhalten, wissen Sie besser als die
meisten, wie wichtig Europa für unser wirtschaftliches
Wohlergehen ist. Tatsache ist, daß Europa nach wie
vor unser bedeutendster Handelspartner ist, wenn wir
uns das Exportvolumen, Investitionen, Gewinne und
die Handelsbilanz insgesamt ansehen. Diese Administration tut alles in ihrer Macht Stehende, um diese
Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen und zu erweitern.
Aus diesem Grund hat Außenminister Christopher die
Einrichtung einer "Amerika-Abteilung" im Außenministerium zu einem seiner ersten Tagesordnungspunkte gemacht. Handel und die Erfordernisse der

Seite 1

�Geschäftswelt im Ausland sind für diese Administration oberste Prioritäten. Dem Beispiel des Außenministers folgend haben die amerikanischen Botschaften begonnen, bei der Förderung unserer
Wirtschaftsinteressen weltweit eine aggressivere
Rolle zu spielen. Unsere Diplomaten werden ausgebildet, nicht nur unsere Werte, sondern auch unsere
Produkte zu fördern und nicht nur zum Schutz
unserer Sicherheit, sondern auch unseres geistigen
Eigentums beizutragen. Angesichts des Umfangs
unserer bestehenden Beziehungen ist eine AmerikaAbteilung nirgends wichtiger als in Europa.
Dem Beispiel des Außenministers folgend haben wir
jeden Botschafter in der Europa- und KanadaAbteilung angewiesen, die Unterstützung amerikanischer Unternehmen zur obersten Priorität zu erklären. Ich freue mich berichten zu können, daß
unsere Bestrebungen Früchte zu tragen beginnen.
Ich bin heute hier, um mir alle Vorschläge anzuhören, die Sie zu unterbreiten haben. Ich weiß, daß es
in der US-Regierung viel Papierkrieg gibt und
Europa mit seinen eigenen bürokratischen Problemen zu kämpfen hat. Ich will nicht versprechen, daß
wir alle unsere Probleme lösen können. Aber ich
kann die gesamte Abteilung dazu verpflichten, Ihnen
behilflich zu sein. Mit anderen Worten, wir sind Ihre
Vertreter in den Hauptstädten Europas.
Dies gilt auch für die Handelsabteilung im Wirtschaftsministerium unter Ron Brown und für das USInformationsamt (USIA), die wir auffordern, eine
beispiellose Rolle zu übernehmen - etwas, das sie
während des Kalten Krieges nie getan haben - um
den Unternehmen zur Seite zu stehen. Projekte
zum Abbau der bürokratischen Schranken zwischen
dem Außenministerium, dem Wirtschaftsministerium
und USIA wurden in unseren Vertretungen in
Deutschland und Frankreich in die Wege geleitet,
und dies wird in Kürze in der Schweiz, Österreich
und andernorts der Fall sein. Einige unserer Botschafter, darunter die in Ungarn, Belgien, Deutschland, Polen, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark und anderen Missionen kommen aus der
Wirtschaft. Ich weiß, daß sie Ihren Sorgen gegenüber besonders aufgeschlossen sind.

Mit anderen Worten, ich möchte Ihnen versichern,
daß Sie - auf ausdrückliche Anweisung des Präsidenten und des Außenministers - auf lange Sicht
unsere oberste Priorität sind. Wir wissen, daß unsere
nationale Sicherheit sich auf unsere wirtschaftliche
Stärke gründet. Ihr Erfolg ist unser Erfolg.
Partnerschaften für Wohlstand
Während wir unsere Geschäftsbeziehungen vertiefen,
müssen wir uns natürlich offen dem Wettbewerbscharakter dieser Beziehungen stellen, insbesondere
im Bereich des Handels. Unsere lang andauernden
Verhandlungen mit der Europäischen Union im
Rahmen der Uruguay-Runde des GATT zeigen, wie
leicht die besten Freunde sich in Handelsbeziehungen schwierigen Zeiten ausgesetzt sehen. Ich weiß,
daß viele der hier Anwesenden diese Achterbahnfahrt
ebenso wie ich durchgemacht haben.
Letztlich wurden die Vereinigten Staaten und die EU
jedoch ihrer Verantwortung gerecht. Das GATTAbkommen wird die Globalisierung der Weltwirtschaft
beschleunigen sowie mehr Länder und Regionen in
ein offenes Handelssystem einbeziehen. Dies wird
zu größerem Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätzen auf beiden Seiten des Atlantiks führen. Die
zur Erlangung eines Abkommens erforderliche
Aufhebung von Handelsschranken wurde von den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
vorgenommen. Dies war ein anschaulicher Beweis
für unseren gemeinsamen Glauben an die Vorteile
freieren Handels.
Wir müssen jetzt einige Bereiche ansprechen, in
denen die Vereinigten Staaten und Europa Meinungsverschiedenheiten haben könnten, wie etwa den
audiovisuellen Sektor, Stahl und Subventionen für
den Flugzeugbau. Und wir müssen die sogenannten
Probleme der nächsten Generation in Angriff nehmen, wie beispielsweise Handel und die Umwelt
sowie Handel und Arbeitsnormen. Wir müssen
weiterhin auf das GATT aufbauen, um ein offenes
Handelssystem zu gewährleisten und unseren
eigenen Wohlstand zu mehren.
Integration Mittel- und Osteuropas

Darüber hinaus haben wir begonnen, unsere Konsularbeamten in ausgewählten Botschaften wie
beispielsweise Frankreich, Deutschland und der
Schweiz, denen weitere folgen werden, in Wirtschaftsangelegenheiten auszubilden. Ich hoffe, daß
wir bis Ende dieses Jahres wirklich in der Lage sein
werden zu sagen, alle unsere Konsularbeamten sind
auch Wirtschaftsfachleute - die Visa beschleunigt
bearbeiten, Geschäftsanfragen an die zuständigen
Stellen in der US-Regierung weiterleiten und Unternehmenschancen ausmachen können.

Seite 2

Die Clinton-Administration ist sich ferner der einzigartigen historischen Chance bewußt, die sich aus
dem Fall der Berliner Mauer ergeben hat. In Mittelund Osteuropa gibt es 135 Millionen Verbraucher und
weitere 285 Millionen in der ehemaligen Sowjetunion.
Die aktive Förderung ihrer Volkswirtschaften wird
letztlich auch ihnen helfen und unseren eigenen
Wohlstand durch die Öffnung riesiger Märkte für
unsere Waren und Dienstleistungen sicherstellen.

AMERIKA DIENST 16

�Wie meine Freunde und Kollegen aus der Region
eloquent - und zu Recht - argumentieren, besteht
eine grundlegende Aufgabe für den Westen im
weiter verbesserten Zugang zu unseren Märkten.
Schließlich können wir kaum mit der einen Hand
diese Nationen zum Beitritt zur demokratischen
Staatengemeinschaft auffordern, während wir sie
gleichzeitig mit der anderen von einigen unserer
Märkte ausschließen. Abgesehen von Fairness ist
dies ein praktisches Gebot. Um Außenminister
Christopher zu zitieren: "Die mittel- und osteuropäischen Nationen, die den schwierigen Übergang zu
freier Marktwirtschaft und Demokratie vollziehen,
müssen ihren Völkern greifbare Vorteile bieten
können. Ihre Bürger müssen wissen, daß Opfer
durch die Handelspolitik der führenden Industrienationen belohnt werden. Unser Engagement für die
neuen Demokratien des Ostens wird an dem Marktzugang gemessen, den wir im Westen gewähren."
Gleichzeitig kann nur der uneingeschränkte Übergang zu prosperierenden freien Marktwirtschaften für
Ost- und Mitteleuropa eine vielversprechende
Zukunft als Handelspartner sicherstellen. Dies wird
Hunderte Milliarden von Dollar erfordern. Ich verrate
kaum ein Staatsgeheimnis, wenn ich Ihnen sage,
daß der Großteil dieser Gelder angesichts der
Haushaltsengpässe für offizielle Gläubiger und
Geber im Westen aus dem Privatsektor kommen
muß. Es ist, wie es sein sollte: Schließlich besteht
das Ziel in der Konsolidierung wirtschaftlich unabhängiger freier Marktwirtschaften, nicht Abhängigkeiten. Letztlich muß Handel Hilfe ersetzen. Dies ist
der erfolgreiche Weg, um nicht nur amerikanische
Unternehmen in Europa zu stärken, sondern auch
um Demokratie in den ehemals kommunistischen
Staaten zu verankern.
Mit diesem Argument möchte ich jedoch nicht die
Bedeutung unserer offiziellen Hilfe herunterspielen.
Seit 1989 haben wir den Ländern Mittel- und Osteuropas mehr als 8 Milliarden Dollar an finanzieller
und technischer Hilfe sowie Schuldenerlaß gewährt.
Diese Gelder sind gut angelegt: Eine heute getätigte, relativ geringe Investition wird für die Vereinigten
Staaten und Europa große Dividenden in Form von
Sicherheit und Wohlstand bringen.
Letztlich muß jedoch das Wirtschaftswachstum im
Osten mit Privatkapital angekurbelt werden. Seit
dem Zusammenbruch des Kommunismus wurden
nicht unwesentliche Privatinvestitionen - in Höhe von
ungefähr 11 Milliarden Dollar - getätigt, die jedoch
längst nicht der gesamten Leistungsfähigkeit entsprechen und nur einen Bruchteil der benötigten
Menge darstellen. Wie viele von Ihnen aus eigener
Erfahrung wissen, sind Privatinvestitionen mit einem
Bach, nicht mit einer Flut zu vergleichen - teilweise

AMERIKA DIENST 16

aufgrund von Investitionshemmnissen. Während wir
uns um die Bereitstellung eines größeren Zugangs
zum westlichen Markt bemühen, müssen wir folglich
auch die Verbesserung des Investitionsklimas im
Osten anstreben.
Aus diesem Grund hat der Präsident Anfang dieses
Jahres in Prag mehrere substantielle Maßnahmen
angekündigt, um unsere fortgesetzte Unterstützung
marktwirtschaftlicher Reformen zu demonstrieren.
Am wichtigsten ist wohl, daß wir für diesen Herbst in
Washington eine größere Konferenz über Handel und
Investitionen in Mittel- und Osteuropa anberaumt
haben. Diese Konferenz sowie eine Reihe daraus
resultierender Aktivitäten werden darauf abzielen, die
in Mittel- und Osteuropa lebenden Menschen an
konstruktiven Bestrebungen zum Abbau der Hindernisse für Privatinvestitionen zu beteiligen.
Diejenigen von Ihnen, die in Mittel- und Osteuropa
Geschäfte tätigen, stehen an erster Stelle bei den
Bemühungen um eine Integration der mittel- und
osteuropäischen Staaten in den Westen. Dies ist
eine bedeutende Arbeit. Sie ist wichtig, weil die
Vereinigten Staaten aus Wohlstand in Mittel- und
Osteuropa wirtschaftliche Vorteile ziehen. Sie ist von
Bedeutung, weil die Konsolidierung der Demokratie
im Osten unsere Sicherheit erhöht. Schließlich
haben die Ereignisse des 20. Jahrhunderts gezeigt,
daß Buschfeuer in Europa, insbesondere in Osteuropa, sich in verheerende Feuersbrünste verwandeln können, die uns in materieller und menschlicher Hinsicht verbrennen. Und schließlich ist diese
Arbeit wichtig, weil die Förderung der Entwicklung
Osteuropas der richtige Weg ist. Die Vereinigten
Staaten haben diese Länder aufgefordert, sich der
Fesseln des Kommunismus zu entledigen. Nachdem
das geschehen ist, haben wir jetzt die Verpflichtung,
gemeinsam mit ihnen sicherzustellen, daß sie den
Lohn der Freiheit genießen können.
Eine Partnerschaft für Sicherheit
Handel und Investitionen stellen die eine Säule
unserer besonderen Beziehungen zu Europa dar,
Sicherheit die andere. Den Vereinigten Staaten ist in
Europa durch eine aktive Präventionspolitik eher
gedient als durch eine reaktive Politik der Unaufmerksamkeit. Mit anderen Worten - es ist letztlich
einfacher und kostengünstiger, Frieden zu sichern als
wiederherzustellen.
Unser Erfolg im Kalten Krieg ist auf diese Präventionspolitik zurückzuführen. Nachdem sich jetzt der
durch den Fall der Berliner Mauer aufgewirbelte
Staub gelegt hat, befinden wir uns nicht - wie mache
hofften - am Ende der Geschichte, sondern vielmehr
am Beginn eines neuen Zeitalters, das von uns ein

Seite 3

�erneutes Überdenken unserer Sicherheitsbeziehungen erfordert, angefangen mit der NATO.
Heute steht eine Vielzahl von Problemen, die während des Kalten Krieges schwelten, kurz vor dem
Siedepunkt - Probleme, für deren Lösung die NATO
nicht geschaffen ist. Ethnische und regionale Konflikte, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, die Unterbrechung des Flusses lebenswichtiger Ressourcen, die Zerstörung der Umwelt,
Terrorismus - dies sind die größten Bedrohungen
unserer Sicherheit.
Trotz dieser neuen Herausforderungen sollte die
NATO die Grundlage unserer Partnerschaft sowie
der Sicherheit und Stabilität in Europa bleiben. Die
vor uns liegende elementare Aufgabe besteht darin,
die NATO an die veränderten Zeiten anzupassen,
sie stärker auf Krisenmanagement und Friedenssicherung zu konzentrieren und gleichzeitig ihre
Hauptfuhktion - die Verteidigung des NATO-Territoriums gegen Angriffe - beizubehalten.
Beim NATO-Gipfel im Januar trug die Führung
Präsident Clintons dazu bei, der NATO die für eine
Neudefinition ihrer Aufgaben erforderlichen Instrumente an die Hand zu geben. Wir trafen auch zwei
historische Entscheidungen zur Förderung der
Umgestaltung der NATO. Erstens hat die NATO
deutlich gemacht, daß sie die Erweiterung des
Bündnisses als Teil eines evolutionären Prozesses
begrüßt und erwartet. Zweitens ermutigte sie ihre
ehemaligen Warschauer Pakt-Gegner und andere
Staaten, unverzüglich einer Partnerschaft für den
Frieden beizutreten, um somit den praktischen
Prozeß der Erweiterung von Sicherheit in Europa zu
beginnen.
Die Partnerschaft wird den Unterzeichnerstaaten die
Möglichkeit zur Beteiligung an realer, praktischer
militärischer und verteidigungspolitischer Zusammenarbeit mit der NATO und untereinander geben sowie
die Fähigkeit zur Übernahme der aus einer NATOMitgliedschaft resultierenden Verantwortung. Sie
wird auch zur Schaffung eines wirklich integrierten
Europa beitragen, ohne neue, einige Länder ausschließende Grenzen zu ziehen und ohne die
Fähigkeiten der NATO zu schwächen oder ihre
derzeitige Aufgabe zu beeinträchtigen.
Obwohl die Teilnahme an der Partnerschaft keine
Garantie für eine NATO-Mitgliedschaft darstellt, ist
sie der beste Weg dorthin. Sie trägt dazu bei sicherzustellen, daß im Fall einer Erweiterung der NATO
ihre neuen Mitglieder den die Grundlage der NATO
bildenden politischen Grundsätzen verpflichtet und
zur Übernahme der aus der Mitgliedschaft resultierenden Pflichten bereit sind.

Seite 4

Bosnien
Von allen vor uns liegenden Herausforderungen ist
die Verhinderung oder Entschärfung ethnischer und
regionaler Konflikte vielleicht die greifbarste und
erschreckendste. Dies ist nirgends deutlicher als im
ehenaligen Jugoslawien.
Um die dortige Krise in die richtige Perspektive zu
rücken, müssen wir uns meines Erachtens zwei
Dinge vor Augen halten, die ich nicht als Entschuldigungen, sondern als einfache Tatsachen anführe.
Erstens wurde vor einigen Jahren von manchen die
Ansicht vertreten, daß sich Jugoslawien auf friedliche
Weise auflösen und eine gutes Modell für den Zerfall
der ehemaligen Sowjetunion bieten würde. Hinterher
ist man meistens klüger als vorher. Zweitens hätte
die Krise zu keinem ungüstigeren Zeitpunkt entstehen
können, denn sie ereignete sich zu bald nach dem
Ende des Kalten Krieges, um dem Westen eine
Anpassung seiner Sicherheitsinstitutionen an die
neuen Gegebenheiten zu gestatten.
Allgemein bleibt jedoch die traurige Wahrheit bestehen, daß es angesichts des fehlenden Friedenswillens unter den Kombattanten sehr schwierig, wenn
nicht unmöglich ist, einen derartigen Krieg zu beenden. Selbst die massive Entsendung von Truppen
und Ressourcen würde wohl nicht ausreichen. Im
Fall des ehemaligen Jugoslawien gab es keinen
Konsens über eine Intervention dieser Größenordnung, sei es unter den Verbündeten oder innerhalb
der Vereinigten Staaten.
Ungeachtet dieser Faktoren haben die Vereinigten
Staaten im ehemaligen Jugoslawien etwas bewirkt:
Wir haben durch den Abwurf humanitärer
Güter - der längsten Luftbrücke in der Geschichte - und die Bereitstellung von Lebensmitteln, Brennstoff, Medikamenten und anderen
Versorgungsgütem das Leiden des bosnischen
Volkes gemildert.
Im Rahmen der Vereinten Nationen haben wir
ein strenges und erfolgreiches Sanktionsregime gegen Serbien verhängt.
Wir haben uns durch die Einrichtung eines UNKriegsverbrechertribunals bemüht, diejenigen
vor Gericht zu bringen, die für das Abschlachten Unschuldiger verantwortlich sind.
Wir haben die Ausweitung des Konflikts verhindert, indem wir im Kosovo eine Grenze markierten und Bodentruppen nach Makedonien
entsandten.

AMERIKA DIENST 16

�In Abstimmung mit unseren Verbündeten werden wir
auf einem Waffenstillstand sowie dem Rückzug der
serbischen Streitkräfte aus der Schutzzone bestehen.
Um den Druck auf eine Beendigung ihrer militärischen Aggression und die Rückkehr an den Verhandlungstisch zu verstärken, werden wir die Serben auch
zum Abzug ihrer schweren Waffen aus anderen
Schutzzonen auffordern oder andernfalls mit NATOLuftangriffen drohen.

Im Rahmen der NATO setzten wir eine Flugverbotszone über Bosnien sowie Luftunterstützung für die UN-Friedenstruppen durch.
Durch das NATO-Ultimatum vom 9. Februar
werden die Granatenangriffe auf Sarajevo auch in Zukunft - verhindert.
Wir verstärkten das diplomatische Engagement der Vereinigten Staaten, was zum
Abkommen zwischen Bosnien und Kroatien
über eine Föderation führte, das am 18. März
1994 im Weißen Haus unterzeichnet wurde.
Die neuen Beziehungen zwischen Sarajevo
und Zagreb, an deren Gestaltung wir beteiligt
waren, verändern das strategische Gleichgewicht in der Region auf eine Weise, die eine
Lösung erleichtern und zu größerer Stabilität
führen kann.

Die Vereinigten Staaten haben in Bosnien bedeutende strategische und humanitäre Interessen. Diese
Interessen rechtfertigen eine aktive amerikanische
Führungsrolle bei der Erarbeitung einer politischen
Lösung des Konflikts und einer Erleichterung des
menschlichen Leidens unter der bosnischen Bevölkerung.

Wir alle sind empört über den unmenschlichen
Angriff der bosnischen Serben auf die UN-Schutzzone Gorazde. Die Serben haben erneut ihre völlige
Mißachtung der internationalen Staatengemeinschaft
und ihre mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit an einer Friedenslösung unter Beweis gestellt.
Dieses jüngste Verhalten der Serben erfordert eine
entschlossene, aber sachliche Antwort.
Diese
Reaktion muß die Integrität der von der UNO errichteten Schutzzonen bewahren und sicherstellen, daß
sich die Ereignisse von Gorazde nicht wiederholen.

*

AMERIKA DIENST 16

*

Abschließend möchte ich Ihnen allen für die von
Ihnen geleistete Arbeit bei der Gestaltung einer
harmonischeren Welt danken. Ich weiß, daß Wirtschaft die Menschen einander näher bringt, anstatt
sie auseinanderzureißen. Durch die Förderung der
Wirtschaftsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa weben Sie ein starkes Netz der
Interdependenz zwischen den Völkern. In einer
zunehmend auseinanderbrechenden Welt ist diese
Arbeit unabdingbar.
Ich danke Ihnen.

*

*

Sefteö

�MENSCHENRECHTE
27. April 1994

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE SIND
SCHLÜSSELELEMENTE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Anhörung Shattucks vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration strebt die "Einbeziehung von Menschenrechten und
Demokratie in den außenpolitischen EntScheidungsprozeß" an, stellte der Abteilungsleiter für Menschenrechte
und humanitäre Angelegenheiten im Außenministerium, John Shattuck, fest.
Bei einer Anhörung vor dem Bewilligungsunterausschu ß des Senats erläuterte Shattuck am 19. April 1994 neun
Wege, um dies durchzuführen, darunter die Verbindung von Handel und Wirtschaftsbeziehungen mit
Menschenrechten, die Integration der Rechte von Frauen in alle Aspekte der Menschenrechtspolitik, der Aufbau
neuer juristischer und neuer multilateraler Institutionen, die Verbesserung der Menschenrechtsmaschinerie der
Vereinten Nationen sowie die Vertiefung der Beziehungen zu nichtstaatlichen Organisationen, die in zahlreichen
Ländern auf die Förderung von Demokratie und Menschenrechten hinarbeiten.
Shattuck zufolge kann die Administration amerikanische Hilfsleistungen aussetzen und sieht sich gelegentlich
rechtlich dazu gezwungen, "um unsere Mißbilligung der Menschenrechtsverletzungen oder der Störung von
Demokratie zum Ausdruck zu bringen".
Shattuck fügte hinzu, die Vereinigten Staaten versuchten, Menschenrechte selbst in den Ländern zu fördern,
zu denen sie keine diplomatischen Beziehungen unterhalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der Ausführungen Shattucks.

Wie lauten unsere strategischen Ziele für Demokratie
und die Menschenrechtspolitik der Vereinigten
Staaten? Was haben wir geleistet, und was versuchen wir zu tun?
Wir streben die Einbeziehung von Menschenrechten
und Demokratie in den außenpolitischen Entscheidungsprozeß an.
Erstens arbeiten wir mit anderen Ländern beim
Aufbau neuer juristischer Institutionen zusammen,
die Menschenrechtsverletzer zur Verantwortung
ziehen. Wir haben beispielsweise die Bestrebungen
zur Gründung eines Kriegsverbrechertribunals der
Vereinten Nationen für das ehemalige Jugoslawien
angeführt, wir waren an der Einrichtung und Verwirklichung einer Wahrheitsfindungskommission in El
Salvador beteiligt, und wir arbeiten mit anderen bei
der möglichen Gründung einer ähnlichen Institution
in Guatemala zusammen. In zahlreichen Ländern
finanzieren wir Justizverwaltungsprogramme.

AMERIKA DIENST 16

Zweitens verbinden wir Handel und Wirtschaftsbeziehungen mit Menschenrechten, einschließlich der
Bindung von Hilfe und Handel an Menschenrechtsverbesserungen - sozusagen wie Zuckerbrot und
Peitsche. Das Junktim zwischen Menschenrechten
und Handel ist nicht zufällig. Der Schutz von Menschenrechten ist unabdingbar für die Stabilität unserer Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Investitionen. Offene Gesellschaften sind bessere und
stabilere Handelspartner, weil sie im allgemeinen
Abkommen eher einhalten und zuverlässige Rechtssysteme haben. Im Gegensatz dazu fördern repressive Regime langfristig Instabilität und setzen
Investitionen einem hohen Risiko der Enteignung
oder des Verlusts aus.
Drittens gründet sich die Außenpolitik dieser Administration auf die Erkenntnis, daß wirtschaftliche
Entwicklung, politische Entwicklung, der Schutz von
Menschenrechten und der Schutz der Demokratie als
integriertes Ganzes gesehen werden und gesehen
werden müssen. Menschenrechte und Demokratie

Seite 1

�bilden eine der drei außenpolitischen Säulen der
Clinton-Administration, zusammen mit der Aufrechterhaltung unserer nationalen Sicherheit und der
Förderung von wirtschaftlichem Wohlstand. Unsere
Position der Verbindung von Menschenrechten,
Demokratie und Entwicklung behauptete sich bei der
Weltkonferenz über Menschenrechte in Wien im Juni
vergangenen Jahres gegen Einwände derjenigen,
die politische Entwicklung und Menschenrechte der
wirtschaftlichen Entwicklung unterordnen wollten.
Eine neue interministerielle Arbeitsgruppe für Demokratie und Menschenrechtspolitik, deren Vorsitz ich
übernehmen werde, wird unsere Arbeit ebenso wie
die Reorganisation und Erweiterung des Büros als
neues Büro für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen auf das Wesentliche konzentrieren und
sie besser koordinieren. Durch den interministeriellen Prozeß nehmen wir jetzt eine Bestandsaufnahme
der Demokratieprogramme der US-Regierung vor
und erarbeiten Demokratie- und Menschenrechtsstrategien, um den aufstrebenden oder im Übergang
befindlichen Demokratien behilflich zu sein.
Viertens arbeiten wir am Aufbau neuer multilateraler
Institutionen, um rassische, ethnische und religiöse
Konflikte anzusprechen - Institutionen, die zur
Entschärfung von Konflikten beitragen, bevor sie zu
gravierenden Menschenrechtsverletzungen führen.
Angesichts der zahlreichen Konflikte, von denen die
Welt heute heimgesucht wird, liegt noch ein weiter
Weg vor uns. Neben den Vereinten Nationen bieten
Organisationen wie die Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa ein vielversprechendes Modell für Konfliktlösungen, insbesondere in
Anbetracht der jüngsten, im Stillen erzielten Erfolge
der KSZE im Baltikum.
Fünftens integrieren wir zum ersten Mal die Rechte
von Frauen in alle Aspekte unserer Menschenrechtspolitik. In den vergangenen Monaten haben wir
Kinderhandel und -Prostitution in Thailand in den
Brennpunkt gerückt. Wir haben veranlaßt, daß
systematische Vergewaltigung als Instrument der
sogenannten ethnischen Säuberung im Rahmen der
Genozid-Konvention als Völkermord definiert werden
kann. Wir haben die Ratifizierung der Konvention
über die Abschaffung aller Formen der Diskriminierung von Frauen unterstützt. Wir haben zur Einrichtung eines Sonderberichterstatters der Vereinten
Nationen für Gewalt gegen Frauen beigetragen und
Frauenfragen umfassend in unsere Menschenrechtsberichte der jeweiligen Länder einbezogen.
Sechstens arbeiten wir auf die Einhaltung der
internationalen Verpflichtungen zu Menschenrechten
der Vereinigten Staaten hin, indem wir auf die
Verabschiedung eines Durchführungsgesetzes für
die Konvention über Folter drängen. Wir haben

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ferner auf die Ratifizierung von zwei weiteren wichtigen Verträgen gedrängt - die Konvention über
rassische Diskriminierung und die Konvention über
Frauen. Darüber hinaus haben wir eine beschleunigte Überarbeitung der Rechte der Konvention über
Kinder und der amerikanischen Konvention über
Menschenrechte in die Wege geleitet. Wir werden
unsere Aufmerksamkeit in Kürze auf die internationale Konvention über wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Rechte lenken. Konkret am wichtigsten ist
vielleicht, daß wir eine führende Rolle bei den Bestrebungen zur Erarbeitung eines internationalen Moratoriums für den Export von Landminen im Einklang mit
einer kürzlich verabschiedeten Resolution der UNGeneralversammlung und zur Einrichtung ständiger
internationaler Kontrollmechanismen übernommen
haben, um dieses verheerende globale Problem in
Angriff zu nehmen.
Siebtens arbeiten wir auf die Verbesserung der
Menschenrechtsmaschinerie der Vereinten Nationen
hin. Wir leiteten die Bestrebungen in der UN-Generalversammlung zur Einrichtung eines Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen
und des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige
Jugoslawien. Wir wollen mehr Ressourcen für
Aktivitäten des Menschenrechtszentrums der Vereinten Nationen einschließlich Beraterdiensten, des
Systems eines Sonderberichterstatters und des
Fonds für die Opfer von Folter freisetzen und arbeiten
mit anderen Ländern an der Modernisierung und
Verbesserung der Funktionsweise der UN-Menschenrechtskommission zusammen.
Achtens vertiefen wir unsere Beziehungen zu nichtstaatlichen Organisationen, die in zahlreichen Ländern auf die Förderung von Demokratie und Menschenrechten hinarbeiten.
Das Entstehen von
nichtstaatlichen Organisationen auf der ganzen Welt
ist eine der eindrucksvollsten und aufregendsten
Entwicklungen der Zeit nach dem Kalten Krieg. Wir
werden es uns gemeinsam mit den nichtstaatlichen
Organisationen zum Anliegen machen, Mißbrauch
aufzudecken, ihnen bei ihrer Arbeit behilflich sein und
- wo wir können - zusammen mit Basisgruppen,
Gewerkschaften, religiösen Organisationen und den
anderen sich abzeichnenden Elementen neuer
pluralistischer bürgerlicher Gesellschaften mit ihnen
zu arbeiten.
Schließlich verbessern wir die Konzentration und
Koordination unserer Programme zur Förderung von
Demokratie und Menschenrechten im Ausland. Die
interministerielle Arbeitsgruppe wird als wichtiger Ort
für den Austausch von Informationen über Programmpläne, die Beantragung amerikanischer staatlicher
Ressourcen für höchste Effizienz und die besten

AMERIKA DIENST 16

�Auswirkungen sowie zur Verhinderung von Überschneidungen dienen.
Dank der spezifischen Instrumente, mit denen wir
unsere Mißbilligung von Menschenrechtsverletzungen oder der Störung von Demokratie signalisieren
können, werden wir in extremen Fällen amerikanische Hilfsleistungen aussetzen - und sehen uns
gelegentlich rechtlich dazu gezwungen - um unsere
Mißbilligung der Menschenrechtsverletzungen oder
der Störung von Demokratie zum Ausdruck zu
bringen.
Die amerikanische Hilfe für Guatemala wurde beispielsweise unverzüglich unterbrochen, als die
demokratische Verfassung des Landes im vergangenen Jahr vom damaligen Präsidenten Serrano
aufgehoben wurde. Die Hilfe für Nigeria wurde im
Sommer letzten Jahres ausgesetzt, als die Militärregierung die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl für
ungültig erklärte.
Gelegentlich erachten wir es als effektiver, Hilfe an
spezifische Schritte zur Verbesserung der Situation
zu binden.
So ist die Hilfe für Peru an Verbesserungen des
Rechtssystems bei der Lösung gravierender Fälle
von Menschenrechtsverletzungen und die Rückkehr
zu einer konstitutionellen Regierung gebunden.
In Nicaragua wurde die amerikanische Hilfe teilweise
an wesentliche und greifbare Fortschritte im Menschenrechtsbereich durch die Umsetzung einer
Empfehlung der von der OAS geförderten trilateralen
Kommission gebunden.
Hilfe für El Salvador ist abhängig von Fortschritten
bei der Befolgung der von den Ad-hoc- und Wahrheitsfindungsausschüssen abgegebenen Empfehlungen, der Einhaltung von Bestimmungen der Friedensvereinbarungen, einem ungestörten Wahlprozeß
sowie anderen Reformen und wurde zur Finanzierung spezifischer, im Zusammenhang mit den
Menschenrechten stehender Schritte eingesetzt, zum
Beispiel der gemeinsamen Untersuchungsgruppe zur
Ermittlung politischer Morde.
In einem ganz anderen Teil der Welt - Tadschikistan
- ist unsere Unterstützung an den Fortschritt demokratischer Reformen und eine stärkere Achtung der
Menschenrechte gebunden.
Wir machen es uns nicht leicht, Hilfe an Bedingungen zu knüpfen. Menschenrechtsverletzungen geschehen nicht in einem Vakuum, und andere treibende Kräfte unserer bilateralen Beziehungen müssen
sorgfältig erwogen werden, bevor wir Strafmaßnah-

AMERIKA DIENST 16

men wie die Aussetzung unserer Hilfe ergreifen.
Bisweilen ist Hilfe dringend erforderlich und wir
müssen nach anderen Mitteln suchen, mit denen wir
unser Engagement für Demokratie und Menschenrechte ausdrücken und fördern können.
Das Menschenrechtsbüro prüft beispielsweise Lizenzanträge für Munitionskäufe und erteilt Ratschläge. In
Indonesien entwickelten wir vor kurzem aufgrund
unserer Besorgnis wegen den Aktionen der Regierung in Osttimor und ihrer Untätigkeit bei der Lösung
der aus dem Dili-Massaker von 1991 herrührenden
Fragen Maßnahmen, um den Verkauf von Handfeuerwaffen an Sicherheitskräfte zu verbieten.
Das Büro prüft und berät auch bei Ersuchen um
Exportlizenzen für Instumente und Gerät zur Verbrechenskontrolle und -ermittlung. Als Reaktion auf den
Militärputsch und die Verschlechterung der Menschenrechtslage in Nigeria haben wir uns gegen
einen Export von Gaspistolen und Tränengas in
dieses Land ausgesprochen. Ferner empfehlen wir
keinen Export von Schrotflinten und anderen Gegenständen zur Verbrechenskontrolle nach Südafrika.
Im Hinblick auf Tunesien warnten wir vor dem Verkauf von Maschinengewehrmunition an Mitglieder der
Sicherheitsdienste, die für einen Angriff auf zivile
Demonstranten verantwortlich sind.
Allgemein wurden Ausbildung und Zusammenarbeit
im militärischen Bereich mehrmals ausgesetzt, verringert und/oder eng an den Umgang mit Menschenrechtsproblemen gebunden. Beispielsweise wurden
militärische Ausbildungprogramme für Peru als Folge
von Präsident Fujimoris Staatsstreich ausgesetzt und
für Guatemala als Konsequenz fortgesetzter Übergriffe des guatemaltekischen Militärs.
Die Vereinigten Staaten sprechen sich derzeit gegen
Darlehen internationaler Finanzinstitutionen an den
Iran, Burma, China, Mauritanien, Äquatorialguinea,
den Sudan und andere Staaten aus oder enthalten
sich der Stimme, mit Ausnahme von Darlehen, die
ausschließlich der Deckung menschlicher Grundbedürfnisse dienen.
Im Zusammenhang mit Handelsprivilegien stehende
Sanktionen können ebenfalls Wirkung zeitigen. Beispielsweise trug die unmittelbare Gefahr eines
Verlusts von Privilegien im Rahmen des Allgemeinen
Präferenzsystems in Guatemala zur Zeit des SerranoPutsches dazu bei, daß die führenden Wirtschaftsvertreter des Landes ihre Unterstützung für die
Aktionen Serranos einstellten.
Der Präsident hat in bezug auf China die Erneuerung
des Meistbegünstigungsstatus an Fortschritte bei

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�bestimmten Menschenrechtsfragen gebunden.
Obwohl in verschiedenen Bereichen Fortschritte zu
beobachten waren, muß eindeutig noch mehr getan
werden.
Um eine Politik zu vermeiden, die unschuldige Opfer
fordern würde und um die tatsächlich für Menschenrechtsverletzungen Verantwortlichen zu erreichen,
hat der Präsident die Verweigerung von Visa für
Regierungsmitglieder und andere Vertreter bestimmter Länder angeordnet, die als persönlich verantwortlich für gravierende Menschenrechtsverletzungen
oder die Behinderung einer demokratischen Entwicklung erachtet werden. Beispielsweise haben wir
Visa von Regierungsvertretern Haitis, Nigerias oder
Zaires für ungültig erklärt oder verweigert.
Unsere Mittel gehen jedoch über Kürzungen oder
Erhöhungen amerikanischer Hilfe, handelspolitische
Maßnahmen oder die Abstimmung in internationalen
Finanzinstitutionen hinaus. Aus diesem Grund
binden wir die Menschenrechte in die derzeitige
Struktur unserer Beziehungen zu anderen Ländern
auf der ganzen Welt ein. Wir können jederzeit auf
traditionelle diplomatische Mittel wie Zusammenkünfte, Demarchen, bilateralen Austausch sowie
öffentliche Reden, Artikel und Presseerklärungen
zurückgreifen. Dies sind bedeutende Wege, um den
mit uns in Kontakt stehenden Regierungen die Ziele
amerikanischer Menschenrechtspolitik mitzuteilen.
Im vergangenen Jahr leiteten wir offizielle bilaterale
Menschenrechtskonsultationen auf Abteilungsleiterebene mit Rußland ein, was zu einer gemeinsamen
Erklärung der Präsidenten Clinton und Jelzin mit der
ersten öffentlichen Verurteilung von Antisemitismus
durch eine russische oder sowjetische Regierung
führte.

Wir weisen in öffentlichen Erklärungen auf Problemgebiete hin. Als ich im vergangenen Monat Thailand
einen Besuch abstattete, war ich der erste Vertreter
der amerikanischen Regierung, der bei der thailändischen Regierung die Frage von Kinderhandel
und -prostitution anschnitt und in nach meiner Reise
abgegebenen Erklärungen unserer Besorgnis Ausdruck gab.
Im Dezember vergangenen Jahres verlieh ich dem
ermordeten Justizminister der Regierung Präsident
Aristides, Guy Malary, postum eine Auszeichnung. In
der Öffentlichkeit und bei Pressekonferenzen in Portau-Prince verurteilte ich mehrmals die vom Militär und
der Polizei Haitis begangenen Morde und anderen
schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen.
Bei einer vergangenen Dezember in Kairo abgehaltenen Pressekonferenz brachte ich unsere Sorge über
den Einsatz von Folter durch die ägyptische Regierung öffentlich zum Ausdruck. Ich ermutigte die
ägyptische Regierung, auf Anfragen der ägyptischen
Menschenrechtsorganisation zu reagieren und sich
mit Vertretern dieser Gruppe zu treffen.
Um nachdrücklich die Notwendigkeit eines Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien zu
veranschaulichen, besichtigte ich Massengräber in
der Nähe des kroatischen Vukovar, in denen wahrscheinlich die Leichen mehrerer Hundert kroatischer
Krankenhauspatienten verscharrt sind, die im Rahmen der von den Serben durchgeführten "ethnischen
Säuberungen" umgebracht wurden.
Ich nehme regelmäßig an Fernsehsendungen und
-interviews des US-Informationsamts teil, die sich mit
Ländern der ganzen Welt befassen, in jüngster Zeit
mit Serbien und Montenegro.

Menschenrechte sind ein entscheidender Bestandteil
unseres neuen Ansatzes gegenüber Vietnam. Mein
Hauptstellvertreter leitete kürzlich Menschenrechtsgespräche mit der vietnamesischen Regierung durch
ihren Ständigen Vertreter in New York in die Wege.

Zusätzlich zu unseren Bestrebungen im Bereich der
Öffentlichkeitsarbeit bemühen wir uns in vielen
Staaten um die Entwicklung spezifischer Menschenrechtsmechanismen, beispielsweise Menschenrechtskommissionen.

Bisweilen rufen wir Botschafter oder Angehörige
unserer Botschaften zurück, um unsere Mißbilligung
oder Sorge zu demonstrieren. Wir haben Präsident
Mobutu von Zaire gegenüber deutlich gemacht, daß
die Vereinigten Staaten für sein Land keinen Botschafter ernennen, solange seine Regierung demokratische Reformen verhindert.

In Indien, das zwar die größte Demokratie der Welt
ist, aber mit gravierenden Menschenrechtsproblemen
zu kämpfen hat, haben wir im vergangenen Jahr auf
die Einrichtung einer nationalen Menschenrechtskommission gedrungen. Seit ihrer Gründung Anfang
dieses Jahres hat diese Kommission zur Entwicklung
einer Regierungsstruktur beigetragen, die sich mit
Menschenrechtsverletzungen in Indien befaßt.
Ferner haben wir uns erfolgreich um ungehinderten
Zugang internationaler Menschenrechts- und humanitärer Organisationen zu Kaschmir bemüht - den
Schauplatz des Konflikts, der Ursache für die akuten
Menschenrechtsprobleme Indiens ist.

In Burma dringen wir weiterhin bei der Regierung auf
zusätzliche Maßnahmen, durch die ein Wandel zum
Besseren herbeigeführt werden kann und halten die
offiziellen diplomatischen Beziehungen auf Distanz
und niedriger Ebene.

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AMERIKA DIENST 16

�In einer Vielzahl von Ländern versuchen wir, im
Dienste von Menschenrechten und Demokratie
stehenden nichtstaatlichen Organisationen finanzielle, politische und logistische Unterstützung zu
gewähren. Neben engen Konsultationen mit amerikanischen und ausländischen nichtstaatlichen
Organisationen in Washington und andernorts
unterstützen wir öffentlich nichtstaatliche Organisationen vor Ort bei ihrer mutigen und oftmals gefährlichen Arbeit.

Selbst in Ländern, zu denen wir keine diplomatischen
Beziehungen unterhalten, bemühen wir uns um die
Förderung von Menschenrechten. Beispielsweise
erfuhren wir im Januar, daß ein Bürger des Iran in
seinem Land zum Tode verurteilt wurde, weil er zum
christlichen Glauben konvertierte, gaben daraufhin
eine aussagekräftige öffentliche Erklärung ab und
drängten über verschiedene multilaterale Kanäle auf
seine Freilassung. Nachdem diese erfolgt war,
erklärten christliche Gruppen, die Intervention westlicher Regierungen, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sei eine große Hilfe gewesen.

* * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA tragen Löwenanteil an den NATO-Verteidigungslasten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Korrespondenten James Fuller -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die sowjetische Expansion in der Dritten Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Bericht der Forschungsabteilung der Library of Congress -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^r,DN ^

27.

20

Mai 1 9 8 7

I N H A L T

DOKUMENTATION

Adelman:

Fortschritte bei Rüstungskontrolle nicht durch Besorgnisse

aufhalten
- Rede vor der Gesellschaft für Verteidigungsbereitschaft -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Der Kampf gegen Drogen
- UN-Konferenz soll Weg zu weltweiter Koordinierung ebnen

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
27. Mai 1987

20

ADELMAN:

FORTSCHRITTE BEI RÜSTUNGSKONTROLLE NICHT
DURCH BESORGNISSE AUFHALTEN

Rede vor der Gesellschaft für Verteidiqungsbereitschaft

WASHINGTON - (AD) - Der Leiter der amerikanischen Rüstunqskontrollbehörde,
Kenneth Adelman, hat bei einem Treffen der amerikanischer. Gesellschaft für
Verteidiqungsbereitschaft (American Defense Preparedness Association) am 21.
Mai 1987 erklärt, die Verhandlungen über die Verrinqerung der Mittelstreckenraketen (INF) in Europa sollten trotz der Besorgnis über die Erqebnisse eines
diesbezüglichen Abkommens vorankommen. Man stehe "nahe vor dem Abschluß des
ersten Abkommens im Nuklearzeitalter, das zu echten Reduzierungen bei den offensiven Atomwaffen führen wird".
Die Rede Adelmans hat folgenden Wortlaut:

Die Reagan-Administration befindet sich heute in einer sehr merkwürdigen Situation.
In den vergangenen
sechs Jahren stand diese Administration wegen ihres angeblichen Versagens, schnell genug Ergebnisse in den
Rüstungskontrollverhandlungen zu erzielen, unter ständigem Beschuß. In
den vergangenen sechs Jahren haben
die Kritiker im Kongreß Änderung auf
Änderung vorgeschlagen und Resolution
auf Resolution eingebracht, um dem
Präsidenten die Hände zu binden und
ihn dazu zu drängen, irgendein neues
Rüstungsabkommen mit dem Kreml abzu-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schließen, in den vergangenen sechs
Jahren hat sich der Ruf des Kongresses, der Medien und der Rüstungskontrollgemeinde kaum abgeschwächt, der
da lautet:
"Verschafft und ein Abkommen.
Verschafft uns ein Abkommen." Bisweilen schienen unsere Kritiker zu sagen:
"Verschafft uns ein
Abkommen fast jeder Art, nur, damit
wir eines haben."
Trotz aller Kritik hat Präsident
Reagan
unbeirrt seine Tagesordnung
verfolgt.
Trotz aller Ablenkungsmanöver und Versuchungen und des Lärms

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�im Hinterqrund sind die Administration und das Bündnis ihren Grundsätzen treu geblieben, die standhafte
Verhandlungen ü'ber einschneidende Reduzierungen bei den offensiven Atomwaffen mit der Sowjetunion vorsehen.
Heute jedoch, wo ein Abkommen
ü'ber Mittelstreckenwaffen
(INF) in
Sicht ist, singen viele unserer Kritiker plötzlich ein neues Lied. Nun,
da wir nahe vor einem lang ersehnten
Abkommen stehen - und nicht vor irgendeinem Abkommen, sondern in vieler
Hinsicht vor einem besseren Rüstungskontrollabkommen als wir in der Vergangenheit je erreicht haben - werden
viele
unserer
Kritiker
plötzlich
nachdenklich und bekommen kalte Füße.
In den letzten Wochen scheinen einige
der energischsten Befürworter von Rüstungskontrolle plötzlich zu wiedergeborenen Kritikern der Rüstungskontrolle geworden zu sein. Und einige
derselben Leute, die sechs Jahre lang
Druck auf uns ausgeübt haben, damit
wir uns kopfüber in ein Abkommen mit
den Sowjets stürzen, warnen jetzt davor, daß die
Reagan-Administration
nicht Hals über Kopf ein kosmetisches
Abrüstungsabkommen eingehen dürfe.
Was geschieht hier eigentlich?
Ich sehe unter unseren
eine Menge Verwirrung.

Kritikern

Heute möchte ich auf diese Verwirrung eingehen und zu klären versuchen, wo wir in bezug auf das INFAbkommen stehen und was wir allgemein
bei der Rüstungskontrolle
erreicht
haben.
Dabei habe ich drei Feststellungen zu treffen:
1. Heute haben wir es mit einem
INF-Abkommen zu tun, das nach herkömmlichen Maßstäben in der Rüstungs-

kontrolle in vieler Hinsicht ein besseres Abkommen darstellt als wir es
in der Vergangenheit bei offensiven
Atomwaffen erzielt haben.
2. Ich bestreite die Ansichten
der Kritiker dieses Abkommens in allen Punkten. Ich glaube, daß sie unrecht haben.
3. Ich setze mich aber auch mit
einigen Verfechtern dieses Abkommens
auseinander.
ich
denke, daß
sie
ebenfalls unrecht haben - ironischerweise aus denselben Gründen, wegen
denen die Kritiker unrecht haben.
In der Tat bin ich der Meinung,
daß beide Extreme in dieser Debatte
zum Teil die gleichen Fehler machen.
Es ist wichtig, diese Fehler zu klären, wenn die Rüstungskontrolle unserer nationalen Sicherheit dienen soll.
Zunächst - was ist meiner Meinung
nach bei diesem Abkommen besser?
Drei Punkte.
Erstens wird es zu einschneidenden Reduzierungen der Atomwaffen führen, ich weiß nicht, ob die Menschen
sich
klarmachen, wie bemerkenswert
diese Tatsache ist. Wir haben mehr
als 25 Jahre hart an der Rüstungskontrolle gearbeitet - eigentlich seit
dem Anbruch des Atomzeitalters. Bis
jetzt ist es uns noch in keinem früher abgeschlossenen Vertrag mit den
Sowjets gelungen, sie zur Annahme bedeutender Reduzierungen der offensiven Atomwaffen zu bewegen.
Die SALT-Abkommen der siebziger
Jahre, die viele einst als Juwel in
der Krone der Rüstungskontrolle verehrten, hat praktisch ein enormes
Wachstum der nuklearen Arsenale zugelassen.
Heute besitzt die Sowjetunion ein strategisches Atomwaffenpo-

- 2 -

�tential, das viermal so groß ist wie
das, welches sie zahlenmäßig besaß,
als wir gemeinsam den SALT I-Vertrag
im Jahr 1972 unterzeichneten.
Und
seit Unterzeichnung von SALT II hat
sie die Zahl ihrer strategischen Wieder ein trittst lugkör per
verdoppelt.
Wenn den Senatoren, die die Ratifizierung von SALT I beschlossen haben,
im Jahr 1972 erklärt worden wäre, daß
SALT schließlich zur Erhöhung des sowjetischen Arsenals auf etwa 10 000
strategische
Waffen
führen
würde,
dann wäre dieses Abkommen, da bin ich
sicher, nicht annähernd so populär
qewesen.
Wenn wir also beim Abschluß eines
INF-Abkommens Erfolg haben, dann wird
dies das erste Mal im Atomzeitalter
sein, daß wir echte Reduzierungen der
offensiven Atomwaffen durch Rüstungskontrolle erreichen.
Und nicht nur
echte, sondern auch
einschneidende
Reduzierungen in den betroffenen Waffenkategorien. Wir werden nicht nur
zu dem Niveau der sowjetischen INFGefechtsköpfe zurückkehren, das bestand, als die Sowjets im Jahr 1977
mit
ihrer
nichtprovozierten Aufrüstung mit SS-20 Raketen begannen die Stationierungen, durch die dieser
gesamte Prozeß ins Rollen kam. Wir
werden unter dieses Niveau zurückkehren, da die sowjetischen Mittelstrekkenraketen der Typen SS-4 und SS-5,
die zu jener Zeit stationiert waren,
ebenfalls nicht mehr existieren. Es
wird das seit den frühen sechziger
Jahren niedrigste Niveau an INF längerer Reichweite sein - Null in Europa .
Dies ist wirklich der Hartnäckigkeit Präsident Reagans zu verdanken,
denn, als der Präsident im Jahr 1981
die "Null-Lösung" für Mittelstreckenraketen vorschlug, bestand unter den
Zeitungskolumnisten und Abrüstungsexperten
die vorherrschende Meinung,

dies sei unmöglich, weil es nicht
"verhandlungsfähig" sei - die Sowjets
würden dies in keiner Weise annehmen.
Zweitens
wird das
INF-Abkommen
besser sein, weil es zu ungleichen
Reduzierungen auf gleiche Obergrenzen
führen wird.
Mit anderen Worten:
die Sowjets werden wesentlich mehr
dieser Systeme abbauen müssen als wir
- etwa sechsmal mehr, wenn man die
INF-Gefechtsköpfe auf Raketen längerer Reichweite berücksichtigt.
Die
Sowjets
haben
heute
über
1 400
INF-Gefechtsköpfe
länqerer
Reichweite auf ihren SS-20 und SS-4
stationiert.
Wir besitzen 316 Gefechtsköpfe auf Pershing LI und landgestützten Marschflugkörpern.
Beide
Seiten werden auf 100 zurückgehen:
100 in den Vereinigten Staaten und
100 im asiatischen Teil der Sowjetunion.
Rein zahlenmäßig ausgedrückt
ist der Handel zu unseren Gunsten ungleich .
Schließlich
wird
das
Abkommen
einschneidendere
Verifizierungsmaßnahmen beinhalten als in der Vergangenheit. Es wird echte und ständige
lnspektionen vor Ort auf sowjetischem
Territorium
vorsehen.
ich
möchte
nicht den Eindruck erwecken, Inspektionen vor Ort seien ein Allheilmittel für die Verifizierung der Rüstungskontrolle.
Sie sind es nicht.
Aber sie sind unerläßlich für dieses
Abkommen.
Und, wie Reduzierungen,
sind sie etwas, was wir von den Sowjets seit langem bekommen wollten tatsächlich
während
des
gesamten
Atomzeitalters -, jedoch ohne jeden
Erfolg.
Wir befinden uns also in dieser
eigentümlichen
Situation
und qehen
davon aus, daß die Sowjets bereit
sind, unsere Bedingungen im Hinblick
auf Verifizierung und Kurzstreckensy-

- 3 -

�steme zu erfüllen. Wir befinden uns
also hier dicht vor dem ersten Abkommen im Atomzeitalter, das echte Reduzierungen bei nuklearen Offensivwaffen hervorbringen will.
Wir stehen
kurz vor einem Abkommen, das die Sowjets veranlassen würde, mehr Waffen
abzubauen als es uns dazu veranlassen
würde.
Wir stehen dicht vor einem
Abkommen, das die erste lnspektion
vor Ort zur Rüstungskontrolle auf sowjetischem Territorium mit sich bringen würde - was wir seit vier Jahrzehnten zu erreichen versuchten.
Und statt allgemeiner Zustimmung
herrscht Furcht. Statt Erleichterung
Besorgnis.
Statt Sicherheit Ambivalenz - und das häufig unter denselben
Leuten, die seit Jahren behaupten,
ein Rüstungskontrollabkommen bedeute
die Lösung all unserer Probleme.
Was sagen nun diese Kritiker und
warum glaube ich, daß sie sich irren?
Ich möchte im einzelnen auf vier
häufige Kritikpunkte eingehen.
Erstens weisen zahlreiche Kritiker darauf hin, daß das Abkommen
durch den Abzug amerikanischer Mittelstreckenwaffen
die
Vereinigten
Staaten
von Westeuropa
"abkoppeln"
will. Dies ist auch das Thema vieler
Strategie-"Gurus",
wie
etwa
Brent
Scowcroft
und
Jim
Woolsey, Henry
Kissinger und in jüngster Zeit sogar
Richard Nixon. ich glaube, diese Gurus haben unrecht.
Scowcroft, der Nationale Sicherheitsberater
unter
Präsident Ford,
schreibt, daß
der
Abzug
amerikanischer Mittelstreckenraketen mittels
eines
Abkommens
"einen
psychologischen Effekt der Abkopplung haben
muß, der dem ursprünglichen Zweck der
Aufstellung
widerspricht
unsere
Verbündeten zu abzusichern".
Nixon
- 4

und
Kissinger
gehen
noch
weiter.
Ihnen zufolge könnte das zukünftige
Abkommen "die tiefgreifendste Krise
des NATO-Bündnisses in seiner 40jährigen Geschichte hervorrufen".
Das ist eine sehr dramatische Behauptung.
Warum nehme ich Abstand
davon?
Im Grunde überschätzt es die
Leistung eines INF-Abkommens erheblich, sie sollten daran denken, daß
auf westlicher Seite nur eine Waffenkategorie betroffen ist, etwa 160 Abschußvorrichtungen oder 316 Gefechtsköpfe. Die strittigen westlichen Systeme gab es vor 1983 in Europa überhaupt noch nicht.
Es ist etwas lächerlich, sich im
Jahre 1987 dahingehend zu äußern,
als ob die amerikanische Garantie der
Sicherheit Westeuropas ausschließlich
von erst im Dezember 1983 begonnenen
Stationierungen
abhängt,
besonders
angesichts der Tatsache, daß die sowjetischen Systeme - SS-20 - die zu
solchen Stationierungen geführt haben, dann
fast völlig abgeschafft
würden.
Wir sollten zwei Dinge bedenken.
Erstens lag der wichtigste Grund für
die
ursprüngliche Entscheidung
der
NATO, zu verhandeln, und dann in Ermangelung
eines Abkommens für den
Stand Null, amerikanische Pershing II
und
bodengestützte
Marschflugkörper
zu stationieren, in der nicht provozierten
sowjetischen
Stationierung
neuer, mit drei Gefechtsköpfen ausgestatteter SS-20 im Jahre 1977. Nixon
und Kissinger sagen jetzt, es sei
"bedauerlich", daß die westliche Stationierung von INF auf dieser Grundlage gerechtfertigt war.
Aber die
Tatsache bleibt bestehen, daß es in
den späten siebziger und frühen achtziger Jahren die SS-20 waren, die in
Europa Angst auslösten. Es waren die
SS-20, die jedermann beunruhigten.

�Jetzt, da die Ausicht einer
fast
vollständigen Beseitigung dieser Raketen besteht, sind Kritiker plötzlich angesichts dieser Gefahr fast
gleichgültig geworden. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mit der
Abschaffung
des
Löwenanteils
der
SS-20 der wichtigste Grund beseitigt
wird, aus dem wir die Stationierung
amer ikanischer
Mi ttelstreckenraketen
zunächst einmal benötigten.
Zweitens
sollten wir bedenken,
daß die größte Anzahl nuklearer Systeme der NATO von einem INF-Abkommen
nicht betroffen wäre. Die Sicherheit
der NATO ist weiterhin an die der
Vereinigten Staten "gekoppelt", wie
dies seit 35 Jahren der Fall ist und
nicht nur auf amerikanische luft-,
see- und bodengestützte Nuklearwaffen
- insgesamt mehr als 4 000 Nuklearwaffen in Europa - zutrifft, sondern
auch auf die 300 000 in Europa stationierten Soldaten.
Dieser Schutz
hat nicht erst vor vier Jahren mit
der
Stationierung
unserer
Mittelstreckenraketen im Dezember 1983 begonnen. Er wird nicht beendet sein,
wenn diese INF-Rakten abgezogen werden.
Im Grunde ist dieses Argument der
"Kopplung" ein theologischer streit,
und wie eine Reihe theologischer Dispute in der Rüstungskontrolle zeitigt
er
geringen
praktischen
Nutzen.
Manchmal denke ich, daß die "Theologie" in diesem Geschäft dem guten,
vernünftigen Denken über Politik und
Strategie im Wege steht.
Ich finde es zum Beispiel interessant, daß die lautstärksten Gegner
des
INF-Abkommens
Scowcroft,
Woolsey, Les Aspin, Lawrence Eagleburger, um nur einige zu nennen
gleichzeitig
große
Freunde
der
Midgetman-Raketc sind.
Diese beiden
Ideen passen zusammen; sie sind beide

das Produkt
Denkweise.

einer

sehr

abstrakten

ich möchte in dieser Diskussion
die "Sicherheitstheologen" den "Sicherheitspraktikern" gegenüberstellen.
Die Puristen oder "Theologen" wie Scowcroft und seine Anhänger
befürworten
die
kleine,
mobile
Midgetman-Rakete mit nur einem Gefechtskopf, weil sie den technischen
Ideen der Stabilität perfekt zu entsprechen
scheint.
Ihre
Mobilität
macht sie weniger
verwundbar; ihr
einzelner Gefechtskopf macht sie angeblich
weniger
"provokativ".
So
lautet zumindest die Theorie.
Die "Praktiker" betonen andererseits die politische Schwierigkeit,
in einem Land wie den Vereinigten
Staaten mobile Interkontinentalraketen (iCBMs) zu unterhalten, und sie
weisen auf die Kosten hin: 500 Gefechtsköpfe auf Midgetman werden 50
Milliarden Dollar kosten, während 500
Gefechtsköpfe auf 50 MX-Raketen 2
Milliarden Dollar kosten würden. Die
Praktiker würden es vorziehen, die
Ersparnis von 48 Milliarden Dollar
für bessere Verteidigungsausgaben zu
verwenden. 48 Milliarden Dollar sind
ein hoher Preis, um den abstrakten
Erfordnissen einer Theorie gerecht zu
werden, wenn es dringenden Bedarf an
anderer stelle und andere Methoden
zur Lösung des Problems gibt.
In bezug auf INF gefällt den
"Theologen" ebenso die bloße Idee der
"Ankoppelung", bei der Abschreckung
auf jeder stufe einer imginären "Leiter" der Eskalation verwirklicht wird
(trotzdem
seltsamerweise
ihrer Ansicht nach eine wichtige Sprosse auf
westlicher Seite bis vor vier Jahren
fehlte, als wir mit der Stationierung
von LRINF begonnen haben) . Auf der
anderer. Seite betrachten die "Prakti-

- 5 -

�ker" die politische Realtität - das
heißt, die Stationierunq von SRINF
wäre schwierig für Westeuropa, und
selbst, wenn sie politisch und finanziell machbar wäre, wäre sie nicht
den politischen Preis wert. Darüber
hinaus hat das Bündnis in den vergangenen 35 Jahren gut funktioniert, ohne daß es jede Sprosse der Eskalationsleiter gegeben hätte. insgesamt
- und praktisch - gesehen, neigen die
"Praktiker" dazu, das
INF-Abkommen
als gutes Geschäft zu betrachten.
Zusätzlich zu dem Streit über die
"Ankoppelung" gibt es weitere Kritikpunkte.
Manche Kritiker argumentieren, daß das INF-Abkommen wiederum
ein "Aufgeben" Europas mit sich bringen würde. Ich glaube auch, daß dies
eine Fehleinschätzung ist.
Bei
dieser
Meinung
ist
Henry
Kissinger führend. Kissinger zufolge
setzt das bevorstehende INF-Abkommen
"einen Prozeß fort, bei dem aufeinanderfolgende amerikanische Administrationen seit drei Jahrzehnten europäische Politiker verlassen haben, die
ihre politischen Haltungen von amerikanischen Vorschlägen für die atomare
Verteidigung Europas abhängig machten. Aus Italien und der Türkei wurden innerhalb von drei Jahren nach
deren
Stationierung
durch
die
Kennedy-Administration nach der KubaKrise Thor- und Jupiter-Raketen abgezogen.
Die Neutronenbombe wurde von
der Carter-Administration zwei Jahre
nach deren Annahme durch die NATO
aufgegeben. Jetzt mögen hier die INF
hinzukommen. Hier haben wir also ein
weiteres hartes urteil.
Was ist daran falsch?
Nun, es
wird hier keine Unterscheidung getroffen
zwischen
bilateralen
Rüstungskontrollabkommen und einseitiger Abrüstung.
Die Thor- und Jupiter-Raketen wurden einseitig von der

Kennedy-Administration
abgezogen.
Die Carter-Administration hat als Reaktion auf den Druck der Anti-Atombewegung des Westens einseitig Pläne
zur Stationierung der Neutronenbombe
aufgegeben.
Im Gegensatz dazu hat
die
Reagan-Administration
zusammen
mit den amerikanischen
Verbündeten
einem enormen
Druck gegen unseren
INF-Stationierungen widerstanden und
trotz dieses Drucks im Jahr 1983 mit
der Stationierung begonnen.
Deshalb sind wir heute in der Lage, einen Abbau und Abzug unserer
INF-Systeme gegen eine sechsmal größere Reduzierung sowjetischer INF-Gefechtsköpfe
einzuhandeln.
Mir
scheint, daß es einen eindeutigen Unterschied
zwischen der
einseitigen
Einstellung
eines Systems auf der
einen Seite und dem Kampf um dessen
Erhaltung und Benutzung als Unterpfand bei Verhandlungen auf der anderen Seite gibt. Die von Kennedy und
Carter
ergriffenen
Maßnahmen waren
einseitige Gesten.
Dies wird ein
beiderseitiges Abkommen werden, das
durch
westliche Entschlußkraft zustande
kommt.
Erst
recht
Henry
Kissinger sollte diesen Unterschied
verstehen.
Drittens
weisen
Kritiker
wie
Nixon und Kissinger darauf hin, daß
ein
INF-Abkommen
nicht
ausreicht.
Erstens, so sagen sie, sollten wir
auf einem echten stand von Null auf
beiden Seiten bestehen, das heißt,
die Sowjets sollten die 33 SS-20 Raketen aus Asien abziehen.
zweitens
sollten wir nicht dem vollständigen
Abzug unserer INF-Raketen zustimmen,
bis sich die Sowjets zu einem Gleichstand bei den konventionellen Streitkräften bereiterklären.
Zum ersten Punkt:
Wir stimmen
zu, daß die vollständige Beseitigung
der INF längerer Reichweite auf bei-

�den Seiton der Beibehaltung von 33
SS-20 Raketen in Asien durch die Sowjets
vorzuziehen
wäre.
Außenminister shultz hat sich für diese Lösung in Moskau eingesetzt.
Die Sowjets sagten "nein".
unsere Unterhändler in Genf setzen sich weiter
dafür ein. in jedem Fall ist das Abkommen meiner Meinung nach der Mühewert. Vom Standpunkt unserer Verbündeten und Freunde in Asien betrachtet, bedeutet es immer noch eine erhebliche Verbesserung, da die Zahl
der auf sie gerichteten SS-20 Raketen
von ca. 170 auf 33 reduziert würde,
zumal dieses Abkommen erreicht wird,
ohne den Preis einer Stationierung
amerikanischer INF-Raketen in Asien
zu zahlen.
Der
zweite,
von
Nixon
und
Kissinger angeführte Punkt ist jedoch
völlig unpraktikabel. Es ergibt einfach keinen Sinn, jetzt ein Junktim
zwischen einem INF-Abkommen und neuen
Verhandlungen über ein koventionelles
Gleichgewicht in Europa aufzustellen.
Erstens haben wir uns konsequent sowjetischen
Bemühungen
widersetzt,
eine Rüstungskontrollverhandlung mit
einer anderen zu verbinden, indem wir
darauf bestanden, daß Fortschritte in
unabhängigen Verhandlungen zu START,
INF sowie Verteidigungs- und Weltraumwaffen möglich sind. Würden wir
dem Rat von Nixon und Kissinger folgen, dann würden wir uns genau dieser
Praxis des Junktims bedienen.
Zweitens wäre die Nixon-Kissinger-Lösung
ein tödlicher Zusatz. Als diejenigen, die vor 13 Jahren die Gespräche
über
Beiderseitige
und Ausgewogene
Truppenverminderungen
in Europa in
die Wege leiteten, sollten sie sich
der Tatsache bewußt sein, daß in diesen 13 Jahren in der konventionellen
Rüstungskontrolle
nichts
erreicht
wurde und daß dabei auch wenig Aussicht auf Änderung besteht. Drittens
ist es unvernünftig, zu fordern, daß

dieser INF-Vertrag Abhilfe für alle
Probleme der westeuropäischen Sicherheit schafft. Es reicht, daß es uns
gelungen ist, das Problem der SS-20
zu lösen. Es reicht, so scheint mir,
daß wir zahlenmäßig bei den Verringerungen der Gefechtsköpfe auf Raketen
längerer Reichweite einen Vorteil von
sechs-zu-eins bekommen.
Damit komme ich zum vierten Argument der Kritiker.
Viele Kritiker
behaupten
heute,
das
INF-Abkommen
führe uns unweigerlich auf den Pfad
der Denuklearisierung Europas - eine
Denuklcarisierung, die aufqrund der
klaren Überlegenheit des Warschauer
Pakts über die NATO bei konventionellen und chemischen Waffen extrem gefährlich, ja katastrophal, sein wird.
Ich glaube, dies ist eine legitime
Sorge, aber ich bin überzeugt, daß
dieses Problem nicht aus solch einem
Abkommen resultieren würde.
Der scheidende Befehlshaber der
NATO, General Bernard Rogers, hat der
Zeitschrift 'Newsweek' gegenüber unlängst zu Recht erklärt:
"Wenn wir
letztlich alle Atomwaffen loswerden
und kein Gleichgewicht zwischen ihren
konventionellen Streitkräften und unseren erreicht haben, dann werden wir
eines Tages aufwachen und nach der
Pfeife der Sowjets tanzen."
Ich hege großen Respekt für General Rogers, und ich glaube, daß die
Gefahr, von der er spricht, real ist,
wenn seine Befürchtungen jemals wahr
würden.
Aber wir sind noch weit,
weit von einem denuklearisierten Europa entfernt. Wir werden auch nach
einem INF-Abkommen noch 4 000 Atomwaffen in Europa besitzen.
Und in
Abwesenheit konkreter Entwicklungen,
die das konventionelle und chemische
Ungleichgewicht beheben, besteht für
den Westen kein Grund, diesen Weg
einzuschlagen.

- 7 -

�Wo liegt das Problem bei dieser
Kritik? Es wird angenommen, daß wir
nach Unterzeichnung eines Abkommens
machtlos sein werden, um den Zug anzuhalten und auszusteigen.
Es wird
angenommen, daß wir dann gezwungen
sein werden, weitere Abkommen zu unterzeichnen.
Das INF-Abkommen könnte einen gefährlichen Weg zu einem gefährlich
denuklearisierten Europa darstellen,
wenn wir das zulassen. Aber es muß
kein gefährlicher Weg sein, wenn wir
bei der Rüstungskontrolle vernünftig
vorgehen.
Das bedeutet jedoch, daß wir als
Nation und als Bündnis beginnen müssen, bereitwilliger zwischen irgendeinem alten Rüstungsabkommen und einem guten Rüstungsabkommen zu differenzieren.
Wir müssen in der Lage
sein, Vereinbarungen, die in unserem
Interesse liegen, von Vereinbarungen
zu unterscheiden, die nicht in unserem Interesse liegen.
Es bedeutet,
daß wir in der Rüstungskontrolle lernen müssen "nein" zu sagen, wenn es
sich um ein schlechtes Geschäft handelt.
Dem Kongreß
fällt jedoch eine
Schlüsselrolle zu.
Der Kongreß der
Vereinigten Staaten muß lernen, im
Bereich
der
Rüstungskontrolle
ein
"nein" als Antwort zu akzeptieren,
wenn es in unserem nationalen Interesse liegt, dies auszusprechen.
Aus diesem Grund habe ich wenig
Geduld bei einem Teil der Kritiken,
die wir zum INF-Abkommen gehört haben
- zum Beispiel von Personen wie dem
Vorsitzenden
des
Streitkräfte-Ausschusses im Repräsentantenhaus, dem
Abgeordneten Les Aspin. Wenn man ihn
nach seinen jüngsten Äußerungen beurteilt, dann scheint der Abgeordnete

Aspin ebenso wie Ralph Waldo Emerson
zu
glauben,
daß
Konsequenz
das
Schreckgespenst der Popanz ist - weil
er selber alles andere als konsequent
gewesen ist.
in den vergangenen Monaten hat
der Abgeordnete Aspin seinen Photokopierer etwas zu sehr in Anspruch
genommen, um Woche für Woche Presseerklärungen herauszugeben, in denen
er
die
Reagan-Administration
angreift, da sie es, seinen Worten
nach, versäumt hat, bei der Rüstungskontrolle "den Speck nach Hause zu
bringen".
Nun, was meinen sie, geschah vor
zwei Wochen, als wir vor der Tür
standen und den Speck praktisch in
der Hand hielten, in Form eines möglichen Abkommens zu INF?
Der Kongreßabgeordnete Aspin wollte ihn zurückschicken.
Es stellte sich heraus, daß er doch nicht ein solch großer Liebhaber von "Speck" ist.
Nachdem er mit der Mehrheit des
Repräsentantenhauses
dafür
gestimmt
hatte, die Null-Lösung des Präsidenten für Mittelstreckenraketen im Jahr
1981 energisch zu unterstützen, beschloß Les Aspin urplötzlich, daß es
vielleicht doch nicht so eine gute
Idee ist. Nun, da der Speck für uns
in Reichweite liegt, mag er ihn nicht
mehr.
Les Aspin hatte sechs Jahre Zeit,
um zu entscheiden, ob er den Speck
mochte oder nicht. Heute ist es etwas spät, um sich für die koschere
Küche zu entscheiden.
Wenn eine Bedrohung besteht, daß
Europa auf westlicher Seite "denuklearisiert" wird, während die sowjetischen Vorteile bei konventionellen
und chemischen Waffen unverändert bestehen
bleiben,
dann
liegt
dies
8 -

�hauptsächlich an dem Druck für ein
Abkommen um eines Abkommens willen die Mentalität des "bringt den Speck
nach Hause" in der Rüstungskontrolle,
die vom Repräsentantenhaus, vom Büro
des Les Aspin und von anderswo in den
vergangenen sechs Jahren ausging.
Und das bemerkenswerte ist, daß
sogar - während diese Administration
von einigen im Kongreß dafür gescholten wird, daß sie bei INF zuviele
Fortschritte macht, während wir glauben, ein gutes Geschäft erzielt zu
haben und während die Sowjets auf unsere Vorschläge eingegangen sind einige Vertreter im Repräsentantenhaus genau in diesem Moment auf Zusätze drängen, die dazu angetan sind,
die Administration
für zu geringe
Fortschritte in anderen Bereichen zu
strafen.
Wenn wir sagen "aufwärts",
wollen scheinbar
viele im Kongreß
"abwärts" sagen. Wenn wir "abwärts"
sagen", scheinen viele "aufwärts" sagen zu wollen.
Vom Standpunkt des Erlangens einer guten Rüstungskontrolle sind diese sogenannten
"Rüstungskontrollzusätze" des Kongresses schlechter als
wertlos:
sie schädigen unsere Verhandlungsposition ernsthaft , indem
sie unseren Unterhändlern den Boden
unter den Füßen wegziehen. sie stellen heute die größte Bedrohung am Horizont
der
Rüstungskontrolle
dar.
Sie
institutionalisieren
einseitige
Rüstungskontrolle.
Um es einfacher
auszudrücken:
sie verfügen einseitige Abrüstung.
Sie erklären sowjetische
Rüstungskontrollvor seh läge
praktisch zum Gesetz für die Vereinigten Staaten.
Ein solcher Zusatz würde zum Beispiel die Erprobung eines amerikanischen
Anti-Satellitensystems
im
Weltraum verbieten, obwohl die Sowjets
bereits ein
funktionsfähiges

Anti-Satellitensystem
haben.
Damit
bekräftigt er ein sowjetisches Monopol in diesem Bereich.
Ein anderer
Zusatz würde die Herstellung binärer
chemischer Waffen beschränken, obwohl
die Vereinigten Staaten seit 17 Jahren keine chemischen Waffen mehr produziert haben, während die Sowjets
deren Produktion niemals eingestellt
haben.
Durch einen weiteren Zusatz
würden die Vereinigten Staaten gezwungen, Teile von SALT II einzuhalten, sogar obwohl es den Sowjets
freisteht, wichtige Bestimmungen dieses Vertrages zu verletzen, wie sie
es jetzt auf eine ernsthafte Art und
Weise tun. Wiederum ein anderer beschränkt unseren wichtigen Bedarf für
SDI-Mittel, obwohl die Sowjets weiterhin sehr viel für ihre strategische Verteidigung ausgeben und uns
im Bereich der strategischen Verteidigung in den vergangenen zehn Jahren
bei den Ausgaben um das fünfzehnfache
übertroffen haben. Ein weiterer Zusatz würde ein amerikanisches Moratorium über Atomtests von mehr als einer Kilotonne erzwingen. Das ist die
Formel des Kongresses: Wenn kein Abkommen zu erzielen ist, das die Waffen auf beiden Seiten beschränkt,
bauen wir nur die Waffen auf unserer
Seite ab, ungeachtet der Gefahr.
Und wissen Sie, worin die Ironie
liegt?
Der eine Bereich der Rüstungskontrolle, in dem wir eindeutige Fortschritte erzielt haben - der
eine Bereich, in dem wir bereit sind
"den Speck nach Hause zu bringen" ist genau das Feld der Rüstungskontrolle, in dem uns der Kongreß allein
läßt.
Im großen und ganzen hat der
Kongreß bei INF unsere Verhandlungsposition und die amerikanischen Stationierungen
unterstützt.
Und wir
erzielen Ergebnisse.
Ich habe gesagt, warum die Kritiker dieses Abkommens meines Erachtens

- 9 -

�unrecht haben. Jetzt möchte ich ausführen, warum manche Befürworter unrecht haben.
In der David Brinkley Show der
vergangenen Woche hat der Sprecher
des Repräsentantenhauses Jim Wright
erklärt, daß in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
dies
"die
beste Möglichkeit ist, die wir seit
Ende des Zweiten Weltkrieges hatten".
An anderer Stelle wurde er mit dem
Ausspruch zitiert, es sei die beste
Gelegenheit seit der Oktoberrevolution von 1917.

revolution gehabt haben.
In vieler Hinsicht machen die besorgten Kritiker und die wilden Verfechter
dieses Abkommens
dieselben
Fehler;
- Erstens erwarten sie mehr von
diesem
Rüstungskontrollabkommen
(oder vielleicht von jedem durch
Verhandlungen
zustandegekommenen
Abkommen) - ob positiv oder negativ - als ein solches leisten
könnte.
- Zweitens unterscheiden sie nicht
zwischen
Rüstungskontrolle
auf
der einen und einseitiger Abrüstung auf der anderen Seite.

Dies sind kühne Erklärungen. sie
gehen viel weiter als alle Mitglieder
der Administration, die über dieses
Abkommen verhandeln, jemals gegangen
sind.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses scheint ebenfalls dem Eindruck
zu unterliegen, daß dieses Abkommen
über INF-Raketen uns eine Menge Geld
sparen wird. Er sprach darüber, Mittel
anzuweisen,
um
"Kinder
aufs
College zu schicken" und die Gesundheitsfürsorge auszubauen.
Ich wäre glücklich, wenn mehr
Kinder aufs College gehen könnten,
und ich wäre ebenfalls froh, wenn
mehr Menschen eine bessere Gesundheitsfürsorge
erhielten.
Das wäre
wohl jeder Amerikaner.
Aber ich glaube nicht, daß ein
Abkommen mit der Sowjetunion über
Mittelstreckenwaffen
diese
Zauberei
hervorbringen
kann.
ich
glaube
nicht, daß dieses Abkommen uns Geld
sparen wird. Es könnte uns Geld kosten, besonders insofern, als daß wir
unsere
konventionelle
Verteidigung
verstärken müßten. Ich glaube nicht,
daß dies unbedingt die beste Möglichkeit ist, die wir seit dem Ende des
Zweiten Weltkrieges oder der Oktober-

- schließlich gehen sie davon aus,
daß
kein
Rüstungsabkommen
in
Sicht ist, dem wir angemessenerweise und selbstbewußt ein schallenden
"nein"
entgegenstellen
können.
Es sind genau diese Fehlannahmen,
die wir hinter uns lassen müssen, um
sicherzustellen, daß Rüstungskontrolle wirklich dem nationalen Interesse
dient und wahrhaft unsere Sicherheit
stärkt.
Das sind genau die Fehlannahmen, denen wir abschwören müssen,
wenn die westliche Sicherheit sich
nicht unter der Flut der Abrüstungspropaganda - sowohl alten als auch
neuen Stils - verschlechtern soll,
die gegenwärtig aus der Sowjetunion
zu vernehmen ist.
Anders als der Kongreßabgeordnete
Wright sehe ich nicht das Paradies
auf Erden in den nächsten Jahren vor
Augen, wenn wir auf der gepunkteten
Linie gemeinsam mit den Sowjets ein
Abkommen über INF unterzeichnen. ich
sehe nicht den Frieden ausbrechen.

- 10 -

Und dennoch befürworte ich dieses

�Abkommen.
ich befürworte dieses Abkommen nicht, weil es das Paradies
einläutet oder große Geldsummen einspart oder das Problem der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen löst.
Ich bin dafür, weil es das besondere
Problem lösen würde, das sich die
NATO zu lösen vornahm, als die im
Jahr 1979 ihren berühmten Doppelbeschluß faßte: das Problem der sowjetischen SS-20.
Im Jahr 1979 entschied die NATO, daß sie entweder die
SS-20 mit westlichen Stationierungen
übertreffen oder ein Abkommen erlangen mußte, um die SS-20 loszuwerden.
Dieses Abkommen ist der Abschaffung
der SS-20 sehr nahe. Wir üben weiterhin Druck auf die Sowjets aus, um
die völlige Abschaffung von Mittelstreckenraketen
längerer
Reichweite
herbeizuführen. In jedem Falle würde
das Abkommen, über das wir sprechen,
im Grunde das wichtige Problem lösen,
zu dessen Lösung es erarbeitet wurde.
Nicht mehr und nicht weniger.
Deshalb denke ich, solch ein Abkommen
wäre ein sieg für das westliche Bündnis, ein Sieg der festen Haltung, ein
Sieg der Entschlußkraft des Westens.
Es ist ein Sieg, aber wir müssen ihn
in der richtigen Perspektive sehen.
Das zugrundliegende Problem der sowjetischen Aggression, die zugrundeliegende Aufgabe der Stärkung der Abschreckung und Aufrechterhaltung der
Sicherheit des Westens bleiben besteh er..

* * * * * *

�^°J^&lt;

V,DN

AMERIKA DIENST

^

Wissenschaft und Technik
27. Mai 1987

20

DER KAMPF GEGEN DROGEN
UN-Konferenz soll Weg zu weltweiter Koordinierung ebnen

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Die bevorstehende internationale Konferenz der Vereinten Nationen über Drogenmißbrauch und illegalen Drogenhandel,
die für die Zeit vom 17. - 26. Juni 1987 nach Wien einberufen ist und zum ersten Mal auf Ministerebene stattfinden, wird von den Vereinigten Staaten als
"ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen Rauschgifte" betrachtet. Aber schon
im UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC), dessen 54 Mitgliedstaaten seit dem
4. Mai (bis Ende des Monats) in New York tagen, werden wichtige Punkte dazu
erörtert.
Allerdings machte die amerikanische Botschafterin Patricia Byrne
bei der ECOSOC-Tagung darauf aufmerksam, daß die Welt-Drogenkonferenz nur erfolgreich sein könne, "wenn aus ihr eine starke Verpflichtung der Nationen
hervorgeht, für die Eliminierung von Suchtstoffen als einer Bedrohung der
Weltbevölkerung unermüdlich zu arbeiten".

Patricia Byrne hält Konsens unter
den Partnerstaaten für dringend erforderlich, um den Kampf gegen illegale Drogen ausgewogen und an allen
Fronten gleich energisch zu führen.
Hauptziele seien die Verminderung von
Angebot und Nachfrage, die Ausschaltung des Drogenhandels sowie Fortschritte
in bezug auf Aufklärung,
Vorbeugung, Therapie und Rehabilitation.
Gelinge es jedoch den beteiligten Regierungen nicht, sich auf
einheitliche, ausgewogene und umfassende Maßnahmen zu einigen, oder ließen sich Delegierte einzelner Länder

United States Information Service
Embassy of the United States of America

in Verfolgung
eigensüchtiger
Ziele
von den Kernproblemen ablenken, könnten nur die Händler und jene, die unter ihren Einfluß geraten sind, den
Sieg davontragen.
Um das zu verhindern, müßten alle
Kon fer en z te iIn ehmer
en tschloss en
sein, "unsere Kinder und künftige Generationen vor den zerstörenden oder
gar tödlichen Auswirkungen des Drogenhandels zu retten", sagte die Botschafterin.
Eine solche Entschlossenheit berührt viele wesentliche Bereiche - Produktion, Handel, Konsum,

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�aber
auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Faktoren.
Darauf verwies der mexikanische Botschafter Mario Moya Palencia. Er erklärte, lateinamerikanische und karibische Länder hätten ebenso wie andere Entwicklungsländer gefordert, in
dem auszuarbeitenden Deklarationsentwurf
die Notwendigkeit
praktischer
Maßnahmen hervorzuheben, um "das Problem an seinen Wurzeln und nicht nur
an seinen Symptomen anzugehen".

frage, Drogenangebot, illegalen Handel und Therapie betreffen.
Darauf
verwies auf der ECOSOC-Tagung Tamar
Oppenheimer,
die
Generalsekretär in
der Weltdrogenkonferenz.

Drogenmißbrauch - Pest unserer Zeit

Zur Bekämpfung des Drogenhandels
ist die Ausarbeitung einer Konvention
vorgesehen.
Die
Fortschritte
zur
Realisierung dieses Planes soll eine
noch einzusetzende Expertenkommission
überprüfen.
Diese hätte sich außerdem um Resolutionen zu kümmern, die
die
Regierungen
verpflichten, mehr
für Erziehungs- und Informationsprogramme zu tun, die die negativen und
schädlichen Konsequenzen des Drogenmißbrauchs deutlich machen.
Weitere
Resolutionen
hätten
der
besseren
Überwachung des Exports von psychotropen Substanzen, von Optiatprodukten
für
medizinische
und
wissenschaftliche Zwecke sowie einer Neuordnung der für die UN-Programme zur
Suchtstoffkontrolle verfügbaren Geldmittel
und
der
Unterstützung
des
Fonds für Pläne zur Suchtstoffkontrolle im Rahmen von Länder Programmen
zu gelten.

Die für das Programm zuständigen
UN-Beamten ließen keinen Zweifel daran, daß sich Drogenmißbrauch in allen
sozialen Schichten und in allen Teilen der Welt ausbreitet - "die Pest
unserer Zeit", wie Tamar Oppenheimer
sagte. Es sei nach wie vor schwierig, das Drogenproblem zu quantifizieren. Jedoch seien auf dem illegalen Markt weiterhin die gleichen Mengen verfügbar wie in den vorangegangenen
Jahren.
Entwicklungsländer
seien nicht gegen das Händlerproblem
gefeit. Außerdem mache sich in Osteuropa, das bisher so stolz war, gegen illegalen Drogenkonsum immun zu
sein, das
Problem
des Drogenmißbrauchs
ebenfalls bemerkbar.
Auch
Afrika, wo bis in die jüngste Zeit
der Drogengenuß durch Traditionen unter gewisser Kontrolle gehalten wurde, falle immer mehr dem Drogenmißbrauch zum Opfer.
Da Entwicklungsländer nicht über angemessene Ressourcen zur Bekämpfung des Problems
verfügten, seien sie besonders anfällig.

Hauptdokument der Konferenz wird
ein
"umfassender
multidisziplinärer
Maßnahmenkatalog"
sein
(nach einer
englischen Bezeichnung "Comprehensive
Multidisciplinary Outline" CMO abgekürzt).
Der im Februar in Wien von
der
UN-Suchtstoffkommission
(CND)
fertiggestellte und den Regierungen
zugeleitete Textentwurf, umfaßt ein
ganzes Spektrum praktischer Maßnahmen, die auf nationaler, fachlicher,
akademischer
und lokaler Ebene ergriffen werden können und Drogennach-

Der Beginn der ECOSOC-Tagung in
New York fiel zeitlich mit einer vom
amerikanischen Außenministerium einberufenen
Drogenkonferenz
zusammen,
die die zuständigen Attaches bzw. Referenten aus 47 amerikanischen Botschaften mit hochrangigen Mitarbeitern der amerikanischen Bundesbehörde
für Drogenbekämpfung (DEA) zusammenführte.
Die
"Narcotics
Attaches"
sind auf ihren Auslandsposten für die
Koordination der Bemühungen um Suchtstoffkontrolle
und
entsprechender

- 2 -

*

�Maßnahmen verantwortlich.
in seiner
Ansprache
bezeichnete der amerikanische Außenminister
George
shultz
den Drogenhandel
als eine moderne
Form der Piraterie. Diese nehme noch
schlimmere Formen an, wenn "gewissenlose Drogenhändler versuchen, ganze
Länder als Geiseln zu nehmen.
sie
machen mit Terroristen und Guerilleros gemeinsame Sache, um die Bevölkerung
auszuplündern,
überkommene
Werte und Institutionen anständiger
Menschen zu zerstören...
Aber die
angegriffenen Länder schlagen zurück.
Das internationale Recht wird umgeschrieben, um die Händler festzusetzen und ihnen ihre Beute abzunehmen",
sagte Shultz. "Wir machen uns keine
Illusionen.
Der wirkliche Kampf gegen
Drogen,
ein
internationaler
Kampf, fängt gerade erst an... Das
Recht und ebenso realistische Anstrengungen sind jedoch auf unserer
Seite."

Regionale Zusammenarbeit
Zwar seien viele in Regierungsdiensten
stehende Personen
korrumpiert. Aber Millionen ehrlicher Menschen überall in der Welt lehnten
sich gegen sie auf. Zur Zeit führten
20 Länder Vernichtungsaktionen
von
Drogenanpflanzungen durch.
Die USA
unterstützten über eine Abteilung des
amerikanischen
Außenministeriums
14
dieser Länder mit Geld, Ausrüstungen
und Personal.
Regionale Zusammenarbeit, etwa der Andenländer oder in
Asien (Burma und Thailand, Indien und
Pakistan), auch der Vereinigten Staaten mit Mexiko, beginne Früchte zu
tragen.
Die Vereinten Nationen, die
Organisation
Amerikanischer
Staaten
(OAS), der ASEAN-Bund, SAARC und die
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft sie alle haben die Drogenbekämpfung
als eine ernste internationale Aufgabe er kannt.

in den USA selbst werden die Aktivitäten von ca. 20 Bundesbehörden
sowie ihren einzelstaatlichen und lokalen Pendants, unterstützt vom Militär mit Helikoptern, Flugzeugen und
Radarballons, eng koordiniert.
Die
verstärkten
Anstrengungen
brachten
beachtliche Erfolge, wie DEA-Administrator John Lawn berichtete.
Zum
Beispiel
beschlagnahmten
DEA-Organe
allein im Jahr 1986 mehr als 27 000
kg Kokain, 800 000 kg Marihuana und
46 Millionen Dosen legaler, aber illegal verkaufter Suchtstoffe oder illegal
hergestellter
synthetischer
Rauschgifte.
Der letztgenannte Posten bedeutet im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um mehr als 75
Prozent - "ein Problem, das uns große
Sorge bereitet", sagte Lawn.
Denn
die Quellen seien im eigenen Land zu
suchen.
Dem jüngsten DEA-Bericht ist zu
entnehmen, daß 1986 in den USA 4,7
Millionen Marihuana-Pflanzen auf illegalen Anbauflächen vernichtet wurden.
Bei 1,8 Millionen handelte es
sich um die Sinesmilla-pf lanze, die
einen
besonders
hohen
Gehalt
von
Tetrahydrocannabinol
besitzt.
Dazu
kamen 125 Millionen geringerwertige
Cannabis-Pflanzen.
in Verbindung mit
diesen Aktionen wurden 5537 Personen
verhaftet, 1646 Waffen eingezogen und
Vermögenswerte in Höhe von 13,5 Millionen Dollar beschlagnahmt.
Manche
Bundesstaaten benutzen für die Pflanzenvernichtung Herbizide.
Dies ist
der DEA bis zur Fertigstellung von
zwei, im Jahr 1983 gerichtlich verfügten Umweltgutachten verwehrt; allerdings konnten aufgrund bestimmter
Ergebnisse des ersten Gutachtens 1985
auf bundeseigenem Land Sprühaktionen
mit Glyphosat
(nicht aber mit Paraquat und 2,4-D) wiederaufgenommen
werden.

- 3 -

�Aufklärung in Schulen zeigt Wirkung
Daß
Information
und Aufklärung
junger Menschen, wie sie vor allem
durch Nancy Reagan initiiert und in
den letzten Jahren auf breiter Front
gefördert wurde, ihre Wirkung nicht
verfehlen, zeigen Umfragen in amerikanischen Schulen. Kinder sind sich
der Gefahren, die aus Drogen, aber
auch aus Zigaretten und Alkohol erwachsen, heute weitaus stärker bewußt
als noch vor zwei oder drei Jahren.
Auch widerstehen sie sehr viel mehr
dem Druck von Altersgenossen, z.B.
Marihuana einmal zu probieren.
Das
von
Nancy
Reagan
geprägte
Motto:
"Einfach Nein sagen" zu Drogen, trägt
offensichtlich Früchte.
Schwerpunkt
zahlreicher
Aufklärungsaktionen sind in zunehmendem Maße Warnungen vor Zigaretten und Alkohol, die als Einstiegsdrogen betrach^
tet werden. "Wir müssen allen Drogen
den Glorienschein nehmen", erklärte
Dr. Donald ian MacDonald, der Direktor der Abteilung im Weißen Haus für
Bekämpfung
des
Drogenmißbrauchs.
"Kindern
klarzumachen, daß Alkohol
und
Zigaretten
süchtig machen und
deshalb 'Drogen' genannt werden sollten, ist der erste Schritt." im Gegensatz zu den Umfrageergebnissen von
1983 stehen heutzutage Schulen an erster
Stelle als
Informationsquelle
über die Gefahren der Drogen, während
das Fernsehen noch immer die Führungsrolle darin hat, Rauschmittel
und Trinken als besonderen Spaß anzupreisen .
Drogen bedeuten für jeden Sektor
der Gesellschaft eine Bedrohung
letztlich
auch,
wie
Außenminister
Shultz erklärte, für die Demokratie
und die nationale Sicherheit.
Die
Vereinigten Staaten hätten sich ehrgeizige Ziele gesetzt:
Schule, Ar-

beitsplatz, Verkehrsmittel, Wohnungen, das ganze Land soll drogenfrei
werden. Dr. MacDonald zufolge sei es
ungemein wichtig, den "Markt" auszutrocknen - die Nachfrage nach Drogen
und die zahl der Menschen, die Drogen
nehmen, immer
mehr zu reduzieren.
Einer der Schwerpunkte der Drogenbekämpfung sei heute auch der Arbeitsplatz. Die kleine Anzahl berufstätiger Personen, die Drogen nehmen, gefährden in bezug auf Sicherheit und
Leistung die große Mehrheit der arbeitenden Mitmenschen, die drogenfrei
sind.
Eine erst kürzlich gemachte
Erhebung zeigt, daß im vergangenen
Monat 23 Millionen Amerikaner aller
Altersgruppen über 12 Jahre, und die
meisten davon am Arbeitsplatz, Drogen
nahmen. Für das vergangene Jahr wurden 38 Millionen Personen ermittelt und wieder in der Hauptsache am Arbeitsplatz. "Wenn wir dem nicht beikommen", meinte MacDonald, "gibt es
wenig Hoffnung, Drogenkonsum in den
Vereinigten Staaten zu verringern."

Therapie
Der Direktor des Nationalen Instituts zur Bekämpfung des Drogenmißbrauches, Dr. Charles Schuster, berichtete von einem Rückgang des Konsums von Marihuana, PCP und einiger
anderer Drogen seit dem Jahr 1979.
Dagegen sei bei Kokain ein weiterer
Anstieg zu verzeichnen, der Verbrauch
von Heroin sei unverändert.
In der
Therapie
Süchtiger
zeichneten
sich
Fortschritte ab.
Nach sechsjähriger
Behandlung
seien
etwa
60
Prozent
vollkommen
drogenfrei.
Dies gelte
jedoch nicht für Heroin- und Kokainabhängigkeit.
Bei
Heroinsüchtigen
habe man ständig mit Rückfällen zu
rechnen, so daß eine Behandlung bis
zum Lebensende notwendig sei.
Die
Sucht könne nicht geheilt, aber doch
wirksam unter Kontrolle gebracht wer-

�den. So gut seien Behandlungsverfahren
für Kokainsüchtige noch nicht
entwickelt, jedoch mache man bemerkenswerte
Fortschritte,
sagte
Dr.
Schuster. Die Behandlung konzentriere sich derzeit nach der Entgiftung
auf die Zufuhr chemischer Stoffe, die
durch Kokainmißbrauch dem Gehirn entzogen wurden.
Geschehe dies rechtzeitig, sei die Gefahr gebannt, das
der Betreffende erneut beginne, Kokain zu nehmen. Allerdings sei noch
keine
endgültige
Bewertung
dieser
Therapiemethode möglich.

Zusätzliches Risiko
Fixer, d.h.
Rauschgiftsüchtige,
die sich Drogen intravenös spritzen,
riskieren
zudem
sehr
leicht
eine
AIDS-Infektion, weil häufig Spritzen
gemeinsam benutzt werden. Diese Beobachtung wird in zahlreichen Ländern
gemacht.
Dr.
C.
Everett
Koop,
"Surgeon
General"
der
Vereinigten
Staaten, warnte Anfang Mai in einer
Rede vor der Weltgesundheitsbehörde
(WHO) vor der Gefahr, daß in einem
Land der Beginn des Drogenmißbrauchs
in Form von Fixen gleichzeitig bedeute, daß dieses Land nun auch mit der
Ausbreitung von AIDS zu rechnen habe.

* * * * * *
- 5 -

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

27. Mai 1992

21

5300 * * *

2

GUS-HILFE

BAKER KÜNDIGT PLAN ZUR VERHINDERUNG
EINES ZWEITEN TSCHERNOBYL AN
Rede in Lissabon

USA-DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN: DAS FUNDAMENT DER NÄCHSTEN
VIERZIG JAHRE
Rede von Botschafter Kimmitt bei der
Atlantik-Brücke

KSZE

KONSOLIDIERUNG DER DEMOKRATIE
PRIORITÄT DES NEUEN EUROPAS
Rede von Paula Dobriansky bei KSZE

RASSENBEZIEHUNGEN

RASSENBEZIEHUNGEN IN DEN USA AUS DER
SICHT EINES SCHWARZEN UNIVERSITÄTSPROFESSORS
Stellungnahme von Professor Randall Kennedy

SOZIALPOLITIK

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SCHÜTZT
ARBEITNEHMER VOR FOLGEN DER ARBEITSLOSIGKEIT
Dritter einer Reihe von Artikeln zur
US-Sozialpolitik

WAHLEN '92

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN «92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse
der Vorwahlen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�GUS-HILFE
27. Mal 1992

BAKER KÜNDIGT PLAN ZUR VERHINDERUNG
EINES ZWEITEN TSCHERNOBYL AN
Rede in Lissabon
LISSABON - (AD) - US-Außenminister Baker hat drei neue multilaterale Hilfsprogramme für die Staaten der
ehemaligen Sowjetunion vorgeschlagen, darunter 25 Millionen Dollar zur Gründung regionaler Zentren in
Rußland und der Ukraine, um Mitarbeiter von Kernkraftwerken auszubilden und die Sicherheitsverfahren zu
optimieren.
Bei der Lissaboner Konferenz über Hilfe für die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion
forderte Baker am 23. Mai 1992 eine "Multilaterale Initiative für Reaktorsicherheit", die die "echte Gefahr"
eines "neuen Tschernobyl" verringern würde.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede Bakers im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.
Heute vor vier Monaten schlössen wir die Washingtoner Koordinierungskonferenz ab, die zur Arbeitsteilung entschlossen war, um einen dringenden weltweiten Notstand zu beheben und das Versprechen der
Freiheit in den neuen unabhängigen Staaten über den
harten Winter hinweg zu bewahren.
Gemeinsam haben wir diesen Notstand überwunden.
Gemeinsam haben wir Hilfe bereitgestellt, und wir
haben Hoffnung vermittelt. Und gemeinsam schlössen wir uns den Völkern der neuen unabhängigen
Staaten an, um die Freiheit lebendig zu erhalten, als
sie am meisten gefährdet war.
Heute begrüßen wir die neuen unabhängigen Staaten
als vollwertige Partner bei dem Koordinierungsproze ß,
der in Washington begann. Für jeden dieser neuen
Staaten, für ihre Völker und politischen Entscheidungsträger war und ist der Weg der Reformen nicht
leicht. Sie erkennen, daß der Erfolg der Freiheit in
ihren Händen, nicht in unseren, liegt, und sie haben
nicht um Almosen gebeten. Statt dessen haben sie um
unsere Partnerschaft und unsere Hilfe ersucht.
Hier in Lissabon müssen wir diese Partnerschaft stärken. Wir müssen die von uns in Washington begonnene Arbeit beschleunigen und unser kollektives Engagement zur Unterstützung wirtschaftlicher und politischer Freiheit verstärken. Meines Erachtens gibt es
drei Aufgaben, die unsere Arbeit hier und in den
kommenden Monaten beherrschen sollten: Erstens
die Einleitung von Sofortmaßnahmen, um künftige
humanitäre Notsituationen zu lindern und zu verhindern; zweitens die Konzentration der technischen Hilfe

AMERIKA DIENST 21

zur Unterstützung mikroökonomischer und struktureller Reformen; drittens die Aufnahme von Konsultationen über die Zukunft des Koordinierungsprozeses. Ich
möchte auf jeden dieser Bereiche eingehen.
Die erste Aufgabe - die sofortige Einleitung präventiver Maßnahmen - dient der Minimierung der Risiken
künftiger humanitärer Notlagen. Obwohl unser kollektives Handeln zur Meisterung der Notsituation des
letzten Winters beitrug, sind die Bedingungen in den
neuen unabhängigen Staaten nach wie vor schwierig
und werden zweifellos mit Eintreten der kalten Witterung im nächsten Winter erneut verschärft werden.
Die von den stellvertetenden Vorsitzenden musterhaft
geleiteten Arbeitsgruppen haben hervorragende Arbeit geleistet, um die Bemühungen des vergangenen
Winters zu koordinieren. Insbesondere möchte ich
die stellvertretenden Vorsitzenden aus den Niederlanden und Venezuela zu ihrer hervorragenden Arbeit bei
der Leitung der Energiegruppe beglückwünschen. Ihre
Bemühungen unterstreichen den Wert der Ausdehnung internationaler Koordinierungsanstrengungen auf
ein breites Spektrum von Ländern, von denen jedes
einzigartiges und wertvolles Fachwissen einbringt.
Heute sollten die Arbeitsgruppen jedoch ihren Schwerpunkt im Hinblick auf Maßnahmen verfeinern, die
künftigem Mangel an Waren, Medikamenten, Energie
und Unterkünften vorbeugen können. So müssen wir
etwa im Nahrungsmittelbereich beginnen, diesen Staaten
bei der Bewältigung von Problemen bei Produktion und
Einsatz landwirtschaftlicher Chemikalien zu helfen,
darunter Düngemittel, Pestizide und Herbizide, damit

Seite 1

�sie ihr eigenes landwirtschaftliches Potential voll ausschöpfen können. Im Energiebereich bedeutet dies
die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung
mit Brennstoffen und Strom für Landwirtschaft und
Nahrungsmittelverarbeitung - insbesondere während
der Erntesaison - in allen neuen unabhängigen Staaten und besonders in Armenien und Kirgistan. In der
Medizin bedeutet dies die Beschleunigung unserer
Bemühungen, um zur Schaffung von Märkten zu
ermutigen und wieder eine einheimische Pharmaindustrie aufzubauen.
Es bedeutet darüber hinaus die volle Integration jedes
der neuen unabhängigen Staaten in die Arbeitsgruppen. Diese Einbindung bringt jedoch auch Pflichten mit
sich, und ich muß offen erklären, daß der politische
Wille zur Beteiligung an diesen kollektiven Anstrengungen eingesetzt werden muß, um bürokratische
Hindernisse und die Überreste des Kommandosystems der stalinistischen Ära aus dem Weg zu räumen. So wurde mir zum Beispiel berichtet, daß der
Arbeitsgruppe Energie bei der Durchführung einer
Untersuchung zur Energieausnutzung aus Gründen
der nationalen Sicherheit der Zugang zu einer Raffinerie verweigert wurde. Die internationale Staatengemeinschaft kann denen nicht helfen, die sich selbst
nicht helfen, und das bedeutet, daß wir alle uneingeschränkt miteinander zusammenarbeiten müssen.
Die neuen unabhängigen Staaten haben darüber hinaus die Verantwortung, mikro- und makroökonomische Reformen zu beschleunigen. Die Unterstützung
künftiger Reformen durch konzentrierte und koordinierte technische Hilfe sollte unsere zweite Aufgabe
sein. In Washington sind wir übereingekommen, daß
technische Hilfe eine entscheidende "Brücke" zwischen humanitärer Hilfe und langfristigen makro- und
mikroökonomischen Reformen ist. Jetzt ist es an der
Zeit, diese Brücke zu stärken.
Wir haben die Mitgliedschaft der neuen unabhängigen
Staaten in den internationalen Finanzinstitutionen stets
unterstützt, und wir unterstützen die Bemühungen des
Internationalen Währungsfonds (IWF) voll und ganz,
mit den neuen unabhängigen Staaten bei der Zusammenstellung makroökonomischer Programme zusammenzuarbeiten. Aber die makroökonomische Stabilisierung allein kann die wirtschaftliche Gesundung nicht
garantieren. Sie muß durch mikroökonomische und
strukturelle Veränderungen ergänzt werden. Die neuen
Staaten - unterstützt durch das Know-how der internationalen Staatengemeinschaft - müssen eine energische Politik betreiben, um Wettbewerb, echte Eigentums- und Vertragsrechte, Privatisierung und Entflechtung von Monopolen sowie sektorale Reformen zu
fördern. Diese Maßnahmen werden nicht nur die
Entwicklung freier Märkte fördern und die vvirtschaffliehe Erholung beschleunigen, sondern auch zur Linderung künftiger humanitärer Notsituationen beitragen.
In Energiewesen und Landwirtschaft zum Beispiel
können Marktwirtschaften die Exporterlöse steigern,
Seite 2

die Kosten für Nahrungsmittelimporte senken und
gleichzeitig dringenden Bedarf stillen. Das liegt im
Interesse aller.
Deshalb möchte ich alle Teilnehmer an dieser Konferenz auffordern, ihre technischen Hilfeprogramme zu
verstärken, insbesondere diejenigen - wie unser Peace Corps, Programme von Landwirt zu Landwirt, die
Eurasia-Stiftung und Amerika Häuser-, die Menschen
dort einsetzen können, um den Transfer von Knowhow zu optimieren.
Vorzugsweise sollten wir multilateral arbeiten, wie wir
dies zum Beispiel durch unser Programm für Berater
vor Ort der Arbeitsgruppe tun, die sich mit der Wohnungssituation beschäftigt. Dabei nutzen wir die jeweiligen Stärken der einzelnen Länder sowie deren technisches und regionales Know-how. Ein weiteres Beispiel ist die Entwicklung einer engen Partnerschaft
zwischen uns und der Türkei, um freie Märkte und
Demokratie im Kaukasus und Mittelasien zu fördern,
und mit Israel sondieren wir zur Zeit Ideen zur Förderung der Landwirtschaft in Mittelasien.
Mit dem Ziel der Förderung multilateraler technischer
Hilfe möchte ich drei Initiativen ankündigen, die als
Katalysator für kollektive Maßnahmen auf breiter Basis
dienen sollen.
Erstens schlagen wir eine Multilaterale Initiative für
Reaktorsicherheit vor. Die Gefahren eines neuen
Tschernobyl sind real, und diese Initiative dient dazu,
das Risiko von Unfällen bei Kernreaktoren russischen
Typs zu reduzieren, indem die Sicherheitsmängel der
Reaktoren sobald wie möglich behoben werden. Als
ersten Schritt schlagen wir vor, die bereits existierenden Bemühungen unseres Energieministeriums und
der kerntechnischen Genehmigungsbehörde (Nuclear
Regulatory Commission) auszubauen und zwei Regionale Ausbildungszentren zu gründen - eines in Rußland und eines in der Ukraine. Diese Zentren werden
eine Grundausbildung in Sicherheitsverfahren sowie
Ausrüstung bereitstellen. Das Zentrum in der Ukraine
wird femer computergestützte Simulatoren bieten. Diese
werden allen Staaten der GUS und den baltischen
Staaten offenstehen. Darüber hinaus werden wir ein
Paket zur Verbesserung der Betriebssicherheit und
von Maßnahmen zur Reduzierung von Risiken vorantreiben. Wir hoffen, andere werden sich an diesen
Bemühungen beteiligen, um ein Problem zu bewältigen, das eindeutig globale Dimensionen aufweist, und
wir möchten in den kommenden Wochen mit unseren
Freunden und Verbündeten bei Maßnahmen zusammenarbeiten, die wir gemeinsam unternehmen könnten.
Zweitens schlagen wir ein Multilaterales Programm
zur Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung
vor. Dieses Programm, das auf einer von mir erstmals
mit Bürgermeister Sobtschak aus St. Petersburg erörterten Idee fußt, ist darauf ausgerichtet, durch den

AMERIKA DIENST 21

�Verkauf von den neuen unabhängigen Staaten gespendeten Agrargütern zu Marktpreisen private Märkte zu entwickeln. Wir planen, den erfolgreichen
Bemühungen der Europäischen Gemeinschaft zu folgen und die Erlöse aus dem Verkauf dieser Waren
einzusetzen, um zur Entwicklung von Nahrungsmittelverteilungssystemen beizutragen, Kredite für landwirtschaftliche Betriebe und Privatlandwirte zu vergeben
und das soziale Sicherungsnetz zu stärken. Wir
werden unsere Beteiligung durch die Lieferung von
Nahrungsmitteln in Höhe von 35 Millionen Dollar einleiten. Wir sind bereit, weitere Mittel für ein multilaterales
Vorhaben dieser Art einzusetzen.
Drittens schlagen wir eine Initiative Partner bei der
Konversion der Rüstungsindustrie vor. Diese würde
auf unserer Praxis aufbauen, in wichtigen Städten in
allen GUS-Staaten langfristig Berater bei der Rüstungskonversion vor Ort einzusetzen.
Das Ziel wäre die Beschleunigung der Rüstungskonversion und die Ermutigung zu Investitionen durch
Bereitstellung praktischer Beratung durch Experten
für Regionen, Städte und Unternehmen, die auf zivile
Produktion umgestellt werden. Die Konversion der
Rüstungsindustrie wird für die Freisetzung von Ressourcen für wirtschaftliche Gesundung, Wachstum
und Wohlstand entscheidend sein.
Obwohl wir all diese Initiativen einseitig vorantreiben
werden, ist unser Ziel die Einbeziehung so vieler
internationaler Partner wie möglich. Ich hoffe, andere
werden sich unseren Initiativen anschließen und jede
zu einem wahrhaft multilateralen Vorhaben machen.
Die dritte vor uns liegende Aufgabe ist die Umgestaltung dieses Ad-hoc-Koordinierungsprozesses, der zur
Bewältigung einer kurzfristigen Notlage entwickelt wurde,
zu einem Prozeß, der unserem kollektiven Engagement langfristig dienen kann. Wir müssen Mechanismen entwickeln, um unsere Bemühungen zu koordinieren, besonders im Hinblick auf die weiteren Reformen in den neuen unabhängigen Staaten. Ich möchte
vorschlagen, daß wir zu einem geeigneten Zeitpunkt
die Idee in Erwägung ziehen, Konsultativgruppen oder
-mechanismen ins Leben zu rufen, um Reformen in
den einzelnen Staaten zu unterstützen.
Viele von Ihnen wissen, daß Konsultativgruppen oder
-mechanismen traditionell das Empfängerland oder
die Empfängerländer, wichtige bilaterale Geber und
multilaterale Institutionen wie Weltbank, IWF, regionale Entwicklungsbanken und das Entwicklungsprogramm
der Vereinten Nationen einbeziehen. Sie wurden in
der Vergangenheit von verschiedenen Organisationen, einzelnen Ländern oder einer Kombination von
beiden geleitet und traten für gewöhnlich einmal im
Jahr zusammen. Bisweilen gehört dazu auch eine
Kerngruppe, die häufiger zusammentritt.

AMERIKA DIENST 21

Sicherlich stehen zahlreiche Modelle zur Wahl, und wir
müssen uns nicht starr auf ein bestimmtes Muster
festlegen, um die mannigfaltigen Bedürfnisse der neuen
unabhängigen Staaten in den Griff zu bekommen.
Angesichts der historischen Herausforderung, vor der
wir stehen - die Unterstützung von Reformen in zwölf
Staaten gleichzeitig - sollten wir bereit sein, neue und
innovative Koordinierungsmechanismen zu erwägen.
Wir werden Form und Struktur solcher Gruppen oder
Mechanismen untersuchen müssen, den Grad der
Zusammenarbeit, den sie leisten sollten, die für die
Befriedigung der Bedürfnisse der neuen unabhängigen Staaten wünschenswerte Zahl sowie die Frage,
wer an welchen Gruppen oder Mechanismen beteiligt
sein, ihren Vorsitz führen und wann sie zweckmäßigerweise mit der Unterstützung des Reformprozesses
beginnen sollten.
Meines Erachtens sollten wir Konsultativgruppen oder
-mechanismen einsetzen, um die Hilfe effektiv zu
koordinieren, solide makroökonomische und strukturelle Maßnahmen zu unterstützen und die politische
und wirtschaftliche Koordinierung in diesen Prozeß
einzubeziehen. Zweifellos müssen sich die neuen
unabhängigen Staaten uneingeschränkt an der Entwicklung dieses Prozesses beteiligen, und diese
Mechanismen sollten - zum gegebenen Zeitpunkt - so
eingerichtet werden, daß die einzigartige Situation in
den unabhängigen Staaten berücksichtigt wird. Wir
sollten darüber hinaus ein breites Spektrum bilateraler
und multilateraler Geber zur Beteiligung ermutigen.
Sicherlich sind dies Fragen, die wir hier nicht entscheiden können. Ich gehe jedoch davon aus, daß es
nützlich wäre, wenn diese Konferenz diese Idee gutheißen würde, so daß wir an die Lösung dieser Probleme gehen und die Gruppen oder Mechanismen zu
gegebener Zeit zur Unterstützung des Reformprozesses aktiv werden können.
Bevor ich schließe, möchte ich der Europäischen
Gemeinschaft - insbesondere Portugal - für die Ausrichtung dieser Konferenz danken und unseren japanischen Partnern sagen, daß wir dem nächsten Treffen
in Tokio im Herbst gerne entgegensehen. Ich möchte
darüber hinaus eine weitere Frage erörtern, die anzusprechen ich von Ereignissen gezwungen werde, die
außerhalb der Kontrolle dieser Konferenz liegen.
Wie ich in jüngster Zeit mehrmals erklärt habe, bietet
sich uns - mit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus - die Chance, in Eurasien einen dauerhaften Frieden zu schaffen, einen auf gemeinsame Werte
gegründeten demokratischen Frieden. Dies ist wirklich eine Chance, wie sie in hundert Jahren nur einmal
auftritt. Aber uns bleibt noch viel Arbeit zu tun, wenn
wir diese Chance zur Realität machen möchten.
Während wir uns zusammenschließen, um unsere
Bemühungen für die Staaten Mittel- und Osteuropas

Seite 3

�zur Überwindung der von Jahren stalinistischer Planung verursachten wirtschaftlichen Verwüstung zu
teilen, liegen noch weitere Hindernisse auf dem Weg.

internationale Staatengemeinschaft sollte diese Barbarei, diesen Affront für unser kollektives Gewissen
nicht länger tolerieren.

In Jugoslawien, in Nagorny-Karabach, in Trans-Dnjester und an anderen Orten Eurasiens schüren jahrhundertealte Animositäten einen tragischen Kreislauf der
Gewalt und führen zur gefährlichen Eskalation von
Konflikten, die auch benachbarte Gebiete erfassen
können. Diese Konflikte verursachen großes menschliches Leid und verschärfen die politischen Spannungen. Sie bedrohen besonders den Reformprozeß und
die Hoffnung auf Demokratie. Während wir uns bemühen, die Wirtschaftshilfe für die neuen unabhängigen
Staaten zu koordinieren, sollten wir die uns hier zur
Verfügung stehende Zeit im Vorgriff auf unsere Bemühungen nutzen, politische Lösungen für diese Konflikte
zu finden.

Ich fordere deshalb jeden Staat und jede Organisation
bei dieser Konferenz auf, allen ihnen zur Verfügung
stehenden Einfluß aufzubieten, um bewußt zu machen, daß Aggression ihren Preis hat und daß die Welt
sicheres Geleit für humanitäre Konvois sowie die
unverzügliche Öffnung des Flughafens von Sarajevo
fordert. Ich fordere jeden Staat und jede Organisation
bei dieser Konferenz auf, sich in einer kollektiven
Anstrengung zusammenzuschließen, um unseren
politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Einfluß zu mobilisieren und klarzustellen, daß die Blockade des Friedens und die Terrorisierung unschuldiger
Menschen ihren Preis hat. Verehrte Ministerkollegen,
mein Grundtenor lautet folgendermaßen: Wir sollten
einen humanitären Alptraum im Herzen Europas nicht
In Jugoslawien ist jeder Versuch zum Frieden blockiert akzeptieren.
worden, und wir werden heute Zeugen menschlichen
Leids in schrecklichem und massivem Umfang. Die

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�USA

-

DEUTSCHLAND
27. Mai 1992

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN:
DAS FUNDAMENT DER NÄCHSTEN VIERZIG JAHRE
Rede von Botschafter Kimmitt bei der Atlantik-Brücke
HAMBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede, die der amerikanische Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 25. Mai 1992 bei einer Konferenz anläßlich des 40jährigen
Bestehens der Atlantik-Brücke in Hamburg gehalten hat. Es gilt das gesprochene Wort.
Herr Staatsminister Schäfer,
Herr Leisler Kiep,
Frau Dr. Linde mann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
Es ist mir eine große Ehre, an den Feierlichkeiten zum
vierzigsten Jahrestag der Atlantik-Brücke und später
an der Ehrung von Henry Kissinger hier in Hamburg
teilnehmen zu können. In Anerkennung des wesentlichen Beitrags Ihrer Organisation zum transatlantischen Verständnis habe ich im vergangenen September das Bonner Büro der Atlantik-Brücke als Ort für
meine erste Rede als Botschafter gewählt. Heute
möchte ich Sie nicht nur zu Ihrer bisher geleisteten
ausgezeichneten Arbeit beglückwünschen, sondern
auch einige Gedanken zu unseren gemeinsamen
Aufgaben in den kommenden Jahren darlegen.
Das neue Zeitalter erfordert neue konzeptionelle Ansätze,
neue Koalitionen, neue Partnerschaften.
Bevor ich mich dem ersten Thema zuwende, möchte
ich kurz Rückschau auf die Welt in der Zeit halten, als
die Atlantik-Brücke im Mai 1952 ins Leben gerufen
wurde.
Rückblick-Mai 1952
Diese Zeiten waren die dunklen Anfangstage des
kalten Kriegs, eine Periode, in der sich die Teilung
Europas und Deutschlands verfestigte. Im Mai 1952
veröffentlichte die Zeitschrift Life einen von John Foster
Dulles verfaßten, höchst umstrittenen Artikel, in dem
Dulles den kalten Krieg nicht als einen rein wirtschaftlichen oder politischen, sondern als vornehmlich moralischen Kampf definierte. Die Frontlinien waren gezogen.
AMERIKA DIENST 21

Im Zentrum des Konflikts lag Deutschland - sein Territorium ein potentielles Schlachtfeld, sein Schicksal
beherrscht von der Konfrontation der Supermächte.
Da die Sicherheit der freien Welt auf dem Spiel stand,
wurden die Vereinigten Staaten zur Schutzmacht für
Deutschland. Der ideologische Kampf des kalten
Kriegs war real, in der Tat tödlich, aber gleichzeitig
unnormal und künstlich wie die innerdeutsche Grenze
und die Berliner Mauer. Im Lauf der Geschichte
erwiesen sich dieser Kampf und seine künstlichen
Gebilde als vergänglich. Die Geschichte hielt große
Überraschungen bereit - insbesondere das annus mirabilis 1989. Um einen amerikanischen Historiker zu
zitieren: "Als die Nationen Westeuropas 1989 die
Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution
begingen, wurde sie von den Nationen Osteuropas
wiederholt."
Als im November 1989 die Mauer und mit ihr der
Eiserne Vorhang fiel, reagierten die Vereinigten Staaten und die Amerikaner mit großer Freude. Wir jubelten über den Fall der barbarischen Schranken und
später über die Vereinigung Deutschlands. Obwohl
wir uns jedoch der Tatsache bewußt sind, daß Europa
heute in sicherheitspolitischer Hinsicht sicherer ist als
je zuvor in der Nachkriegszeit, gaben wir uns keinen
Illusionen hin. Wir wußten, daß das Ende des kalten
Kriegs kein Zeitalter ewigen Friedens eingeläutet hatte. In der anbrechenden neuen Ära konnten wir jedoch
ebenfalls auf einen moralischen Kompaß und ein
institutionelles Fundament zurückgreifen. Etablierte
Institutionen erhielten neue Bedeutung wie die NATO
und die EG im öffentlichen und die Atlantik-Brücke im
privaten Bereich.

Seite 1

�Während des kalten Kriegs bildeten sicherheitspolitische Probleme den Schwerpunkt der transatlantischen
Partnerschaft. Die Konzentration auf diese Fragen
war verständlich, erfolgte jedoch gelegentlich auf Kosten
des menschlichen Aspekts. Glücklicherweise machten sich weitblickende Protagonisten wie Senator William
Fulbright an die Arbeit, unsere Gesellschaften auf der
menschlichen Ebene zu verknüpfen. Er setzte seine
Hoffnungen für die Zukunft in Menschen statt in die
Politik. Er war überzeugt, daß persönliche Bindungen
der Schlüssel zu vertieftem Verständnis und Bereicherung der internationalen Beziehungen sind. Im Frühjahr vor 40 Jahren rief er das nach ihm benannte
Austauschprogramm ins Leben. Dank des FulbrightProgramms konnten rund 25.000 Deutsche und
Amerikaner im jeweils anderen Land studieren und
unsere verbindenden gemeinsamen Werte aus erster
Hand kennenlernen.
Senator Fulbright war nicht allein. 1952 trug auch Eric
Warburg, der vor dem Naziregime in die Vereinigten
Staaten geflohen war, zur Gründung der AtlantikBrücke als Mittel zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Bindungen und Verbesserung des bilateralen
Verständnisses bei. Bundespräsident von Weizsäkker erklärte später, Warburg "verkörperte in seiner
Person die Brücke über den Atlantik". Diese Vision hat
noch heute Bestand - in amerikanischen Staatsmännern wie Henry Kissinger und in solchen Programmen
der Atlantik-Brücke wie "Junge Führungskräfte".
Die Beispiele von Fulbright und Warburg führen uns
vor Augen, daß die Nachkriegsgeneration von Führungskräften außergewöhnlich war. John J. McCIoy,
ein Mitglied dieses Elitekorps, sprach sogar von einem
"perikleischen Zeitalter". Auf beiden Seiten des Atlantiks übernahmen die Führungskräfte die enorme Verantwortung für den Wiederaufbau Europas und den
Schutz der Freihheit. Der Marshallplan und die NATO,
"zwei Hälften derselben Walnuß", wie Präsident Truman es formulierte, verkörperten in konkreter Form
das amerikanische Engagement für Europa. Mit der
Zeit florierten die westlichen Volkswirtschaften und die
Freiheit gedieh. Die besiegten ehemaligen Gegner
traten wieder der internationalen Staatengemeinschaft
bei. Im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bindungen veränderte sich das Fundament der Beziehungen von Fürsorge zu Partnerschaft - from patronage to
partnership - und brachte dadurch einen der größten
Erfolge der Nachkriegszeit hervor.
Partner in der Führung
Die deutsch-amerikanische bilaterale Partnerschaft ist
an Bedeutung unübertroffen, und mein Ziel besteht
darin, sie jeden Tag stärker zu machen. Wir sind uns
jedoch der Bedeutung Europas klar bewu ßt, sowohl für
Deutschland als auch für die Vereinigten S'.aaten. Aus
diesem Grund stärken wir unsere Bindungen zu ueutschland und lehnen eine "Nullsummenanalyse" entschlos-

Seite 2

sen ab, die vorgibt, wir könnten dies nur auf Kosten der
Beziehungen zu anderen Ländern - insbesondere in
Europa - bewirken. Wir versuchen ebenso wie Sie,
auch diese Beziehungen zu verbessern.
Am 3. Oktober letzten Jahres besuchte ich Hamburg,
um an den Feiern zum ersten Jahrestag der deutschen
Einheit teilzunehmen. Ich kann mich lebhaft an die im
Stadtzentrum wehenden Fahnen erinnern. Die Flaggen, immer als Trio - die der Stadt Hamburg, der
vereinigten deutschen Nation und der Europäischen
Gemeinschaft - symbolisierten die Perspektiven der
Deutschen für heute und morgen.
Selbst wenn wir daher unsere bilateralen Bindungen
zu Deutschland betonen, tun wir dies im umfassenderen europäischen Kontext. Bei der Begrüßung von
Bundespräsident von Weizsäcker im Weißen Haus
stellte Präsident Bush im vergangenen Monat fest:
"Sie sind unser Partner beim Aufbau eines geeinteren
und kooperativeren Europas, und in diesem Geiste
begrü ßen wir das deutsche Engagement für internationale Angelegenheiten uneingeschränkt". Starke bilaterale Beziehungen stehen voll und ganz im Einklang
mit Fortschritten zu einem geeinteren Europa, einem
Ziel, das die Vereinigten Staaten über Jahre hinweg
konsequent unterstützt haben.
Präsident Bush ging auch auf die Entwicklung unserer
bilateralen Beziehungen ein und sprach von Deutschland als "einst unser Gegner, jetzt unser enger Freund
und Partner in der Führung". Präsident Bush hat auf
Deutschland als Amerikas Partner in der Führung
erstmals in einer prophetischen Rede vor drei Jahren
in Mainz verwiesen. Damals wurde diese Geste von
der deutschen Öffentlichkeit herzlich aufgenommen.
Sie wurde von vielen jedoch mehr als Bestätigung für
die erreichte Gleichberechtigung in den bilateralen
Beziehungen gesehen als ein Ruf nach konzertierter
Aktion.
In der Tat war die Mainzer Rede beides. Sie war ein
Wegweiser für die darauffolgenden tumultartigen Zeiten. Nachdem wir jedoch in diesem Frühjahr ein
wirkliches Erdbeben in Bonn überlebt haben, kann ich
mit gewisser Berechtigung sagen, daß die Vereinigung
Deutschlands ein politisches Erdbeben war. Sie war
ein Ziel, das wir über Jahre hinweg uneingeschränkt
und konsequent unterstützt hatten, aber ihr Tempo
war überraschend für uns, für Sie und Ihre Nachbarländer. Die amerikanische Reaktion war jedoch unmißverständlich und vielleicht einzigartig: Wir unterstützten die Vereinigung Deutschlands von Anfang an
uneingeschränkt und ohne zu zögern.
Das Konzept der deutsch-amerikanischen Partnerschaft ist ein natürliches, weil es auf einem breiten
Fundament gemeinsamer Werte ruht: Demokratie,
Prinzipien der freien Marktwirtschaft, Achtung der Rechte
des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit sowie Bereit-

AMERIKA DIENST 21

�schaft, den Bedürftigen die Hand zu reichen. Darüber
hinaus haben mehr als ein Viertel aller Amerikaner
deutsche Vorfahren. Die Partnerschaft hat daher tiefe
Wurzeln.
Eine Partnerschaft bringt Menschen mit der gleichen
Sichtweise und Orientierung zusammen, die die
Wahrscheinlichkeit ihres Erfolgs durch die Bündelung
ihrer Ressourcen verbessern wollen. Es wird Meinungsverschiedenheiten geben, die sich jedoch auf
die Mittel und Taktiken beschränken. Es wäre in der
Tat nützlich, wenn solche Differenzen in einer Partnerschaft nie an die Oberfläche kämen - sei es in einer
Rechtsanwaltskanzlei, einer Ehe oder einer bilateralen
Beziehung. Sie stellen nicht die zugrundeliegenden
Ziele in Frage, sondern verweisen schlicht und einfach
auf die Notwendigkeit besserer Kommunikation.
Das Ideal ist nicht so sehr 10Oprozentige Übereinstimmung wie 100prozentige Konsultation. Diese häufig
verschwommene Unterscheidung ist ausschlaggebend.
Wo es Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gab,

erstreckten sie sich auf die Mittel, und nicht auf die
Ziele.
Aussichten für die Führungsrolle
Deutschland muß - und sollte - nicht zögern, eine
Führungsrolle zu übernehmen. Zweifelsohne gibt
diese Aussicht in den Köpfen mancher Leute Anlaß zur
Sorge. Einige dieser Sorgen beziehen sich auf den
Begriff "Führung", der infolge derdeutschen Geschichte einen Beiklang hat, der dem Wort "leadership" für
uns nicht anhaftet. Führung bedeutet nicht "Herrschaft" oder Hegemonie. Sie bedeutet das Ergreifen
der Initiative bei gemeinsamen Interessen und anderen ein Beispiel zu geben, dem sie folgen können.
Hitlers Streben nach Übermacht hat zu Recht Deutschlands aggressiven Alleingang diskreditiert. Es sollte
jedoch nicht auf immer die deutsche Entschlossenheit
ersticken, in einem kollektiven Rahmen gemeinsamer
Werte und vereinbarter Ziele die Führungsrolle zu
übernehmen. Wieder einmal, und nicht zum ersten
Mal, ist Deutschland vereinigt und mächtig. Neu in der
Weltgeschichte ist, daß Deutschland auf einem soliden demokratischen Fundament vereinigt ist - eine
vielversprechende Tatsache für Deutschlands Rolle in
der Weltpolitik.
Partnerschaft in der Führung bedeutet keine Partnerschaft, in der wir uns aneinanderklammern. Wenn
dem Konzept Erfolg beschieden sein soll, muß man
sich vor Augen führen, daß Partner ihre individuellen
Bedürfnisse und Prioritäten ebenso wie ihre Grenzen
haben. Deutschland wird weiterhin seine eigene,
einzigartige geopolitische Lage haben, sein eigenes
innereuropäisches Programm und besondere bilaterale Beziehungen beispielsweise zu Frankreich und Polen
unterhalten.

AMERIKA DIENST 21

Führung erfordert ein Engagement für kollektives
Handeln. Einige politische Entscheidungsträger müssen
von anderen unterstützt werden, um gemeinsame
Ziele zu verwirklichen. Wenn wir Deutschland ermutigen , mit uns Partner in der Führung zu sein, tun wir dies
in der Überzeugung, daß Deutschland diese Rolle
primär als stolzes und verantwortungsbewußtes Mitglied multilateraler Organisationen wie der NATO, der
Europäischen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen ausfüllen wird. Kollektives Handeln zur Erlangung
gemeinsamer Ziele - das ist Partnerschaft, das ist
Führung in der neuen Welt von heute.
Bei einer unserer größten Herausforderungen - der
Hilfe für die aus dem ehemaligen Sowjetblock entstandenen Staaten - blicken wir auf Deutschland als wichtigen Partner bei dem Vorhaben, das Außenminister
Baker als Politik des "kollektiven Engagements" bezeichnet hat. Wir planen, mit Deutschland eng zusammenzuarbeiten, indem wir Pflichten koordinieren und
teilen. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich feststellen, wie sehr wir die bisherigen deutschen Bemühungen anerkennen. Deutschlands Beiträge sind groß,
wichtig und werden sehr geschätzt.
Wir teilen auch Deutschlands Gefühl der Dringlichkeit
in bezug auf die Bedürfnisse der neuen Nationen.
Gleichzeitig bin ich enttäuscht über den fälschlich
entstandenen Eindruck, die Vereinigten Staaten setzten ihr Gewicht nicht genügend ein. Die Tatsachen
sprechen eine andere Sprache.
Trotz Haushaltsengpässen haben die Vereinigten Staaten seit 1990 den neuen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion über 7 Milliarden Dollar an Hilfe gewährt oder zugesagt. In Zusammenarbeit mit Deutschland haben wir die Grundlage für ein internationales Wissenschaftszentrum in Rußland und in der Ukraine geschaffen,
um das Problem der Abwanderung von Wissenschaftlern in den Griff zu bekommen. Bei der
Washingtoner Koordinierungskonferenz haben
wir uns gemeinsam mit unseren Verbündeten
darum bemüht, unsere Hilfe durch Koordinierung effektiver zu gestalten. Später unternahmen wir massive Bemühungen im Rahmen der
Aktion Hoffnung, um dringende humanitäre
Bedürfnisse zu erfüllen.
Bei der Lissaboner Konferenz des vergangenen
Wochenendes kamen 63 Länder zusammen,
um weitere Hilfsmaßnahmen für die ehemalige
Sowjetunion zu erörtern. Außenminister Baker
kündigte eine Initiative zur Verbesserung der
Betriebssicherheit sowjetischer Kernkraftwerke
in Eurasien an. Als Teil dieses Pakets sagte er
25 Millionen Dollar zu.
Präsident Bush gab vergangenen Monat unsere
Unterstützung für das multilaterale makroökonomische Hilfspaket der G-7 bekannt, deren

Seite 3

�Vorsitz dieses Jahr die Bundesrepublik Deutschland innehat. Dieses 24-Milliarden-Dollar-Paket, zu dem die Vereinigten Staaten 25 Prozent
beitragen werden, hilft den eurasischen Republiken, ihre Volkswirtschaften zu stabilisieren,
die Inflation unter Kontrolle zu bringen und den
Weg für Wachstum und Entwicklung zu bereiten. Präsident Bush hat darüber hinaus kürzlich
das "Freedom Support Act" vorgeschlagen, einen
umfassenden Rahmen zur Bewältigung der
militärischen, politischen und wirtschaftlichen
Probleme Rußlands und Eurasiens.
Darüber hinaus sollten wir nationale Bestrebungen
nicht zu eng fassen. Wir sollten auch den amerikanischen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung in Betracht ziehen - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Um ihre NATO-Verpflichtungen zu erfüllen, haben die
Vereinigten Staaten Hunderte Milliarden von Dollar
aufgewendet, und sie werden in der Zukunft weitere
Milliarden dafür aufbringen.
Die vor uns Hegenden Aufgaben und Chancen
Wenn wir uns den bevorstehenden Aufgaben stellen,
müssen wir uns des Sprichworts erinnern: "Es ist in
Ordnung, Fehler zu machen, solange es nicht die
falschen sind." Fürdie Vereinigten Staaten wäre es ein
fataler Fehler, der Welt den Rücken zuzukehren, sich
von internationalen Verpflichtungen hinter nationale
Schranken zurückzuziehen. Weltweite Interdependenz ist mehr als ein Klischee; sie ist eine Tatsache
des internationalen Lebens in unserer Zeit.
Professor Goldman wird später über die andere Seite
der transatlantische Brücke sprechen, über die politische Szene in Amerika. Er wird zweifellos unsere
innenpolitische Situation ansprechen. Wenn ich dazu
einige Beobachtungen beitragen darf, so würde ich
einen Aspekt der amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen dieses Frühjahrs betonen - nämlich, daß
das amerikanische Volk sowohl dem Isolationismus
als auch dem Protektionismus entsagt hat. Ebenso
wie Deutschland aus seinen furchtbaren Erfahrungen
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gelernt hat,
gilt dasselbe auch für die Vereinigten Staaten.

In den kommenden Jahren müssen wir die Lehren der
Geschichte anwenden. Wir müssen weiterhin den
Sackgassen von Isolationismus und Protektionismus
widerstehen. Natürlich müssen wir im Inland stark und
einig sein, wenn wir im Ausland aktiv und zur Führung
in der Lage sein möchten. Aber auch der Umkehrschluß trifft zu. In einer von militärischer und wirtschaftlicher Kriegführung zerrissenen feindseligen Weit
werden wir unfähig sein, die von uns angestrebte
Gesellschaft im Inland zu errichten.
Heute morgen hatte ich die Gelegenheit, in Bonn mit
Teilnehmern des Austauschprogramms Kongreß/
Bundestag zusammenzutreffen. Es richtet sich an

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Studenten und junge Berufstätige und stellt Stipendien
und Gastfamilien im jeweiligen Partnerland zur Verfügung. Über 5.000 Deutsche und Amerikaner haben
seit seiner Gründung vor nahezu zehn Jahren davon
profitiert. Wir beginnen jetzt, die Auswirkungen dieses
Programms zu sehen, da sich zahlreiche ehemalige
Teilnehmer heute um Fulbright- und andere Stipendien bewerben, um ihr Verständnis des anderen Landes zu vertiefen und sich auf Führungspositionen in
beiden Ländern vorzubereiten.
Zweifellos sind das Austauschprogramm Kongreß/
Bundestag, das Fulbright-Programm, der Deutsche
Akademische Austauschdienst, das deutsch-amerikanische Partnerschaftsprogramm, und andere staatlich geförderte Bestrebungen für die Kommunikation
zwischen unseren beiden Ländern von entscheidender Bedeutung. Die Schaffung direkter persönlicher
Beziehungen ist der "Wachstumsmarkt" unserer Arbeit, denn nichts kann überzeugender sein als solche
authentischen Erfahrungen.
Trotzdem haben diese offiziellen Programme nur einen kleinen Anteil an den gesamten persönlichen
Kontakten. Weit mehr ist als Ergebnis von Privatinitiativen und individueller Kreativität geschehen. Gerade
im kulturellen, zwischenmenschlichen Bereich hat die
Atlantik-Brücke einige ihrer bemerkenswertesten Beiträge geleistet, und dort müssen wir in Zukunft einen
Teil unserer Energien bündeln.
"Was zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa erforderlich ist", so schrieb Dr. Kissinger unlängst, "ist nicht mehr Struktur, sondern etwas nicht
greifbares, wie die besonderen Beziehungen, die immer
zwischen Amerika und Großbritannien bestanden
haben." Im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen
Beziehungen ist die institutionelle Struktur in der Tat
bereits vorhanden. Durch die Erleichterung persönlicher Kontakte tragen Austauschprogramme dazu bei,
die menschliche Dimension einzubringen, die den
Kern jeder besonderen Beziehung bildet. Und wir
anerkennen die Bedeutung der Einrichtung und des
Ausbaus solcher Programme in den neuen Bundesländern, denen wir deshalb Priorität eingeräumt haben.
Schlußbemerkungen
Zusammenfassend gestatten Sie mir bitte, eine Geschichte über einen berühmten geistreichen Berliner
zu zitieren, der ein Doppelabteil in einem überfüllten
Schlafwagen bezahlt hatte. Einer der übrigen Passagiere, der keine Reservierung hatte, wandte sich an ihn
und erklärte, er werde jeden Betrag zahlen, um das
Abteil zu teilen. Der Berliner erwiderte postwendend:
"Vielleicht. Aber lassen Sie mich das erst einmal
überschlafen." Bei dem Versuch, den Frieden nach
dem kalten Krieg zu sichern, können wir uns nicht den
Luxus leisten, die Sache zu überschlafen, die schwie-

AMERIKA DIENST 21

�rigen Fragen der Zukunft mit Muße zu überdenken.
Wenn wir nicht die Zukunft gestalten, wird sie uns
gestalten.

Freiheit retteten. Dieser Ausbruch an Kreativität ist
einer der strahlendsten Momente der amerikanischen
Geschichte."

Die atlantische Brücke war von großartigen Erfolgen
gekennzeichnet. Wir sind heute hier versammelt, um
diesen Erfolg zu feiern. Gleichzeitig wird die Brücke in
den kommenden Jahren mehr Verkehr tragen und
deshalb, wie der Bundeskanzler gerne sagt, braucht
sie neue Fahrspuren. Wir sollten den stärkeren Verkehr begrüßen, denn er wird nicht nur den Interessen
der Vereinigten Staaten und Deutschlands dienen,
sondern der ganzen freien Welt.

Wieder einmal ist die Welt an einem Wendepunkt
angelangt, einem Punkt, der neue Kreativität und
Führungskraft in Deutschland und Europa ebenso wie
in den Vereinigten Staaten erfordert. Die "Chancen
der Freiheit" stehen auf dem Spiel. Für Amerikaner
und Europäer ist das Ziel klar: zusammenzuarbeiten
und die Segnungen, derer wir uns erfreuen, in ganz
Europa und darüber hinaus zu verbreiten. Wenn wir
danach trachten, anderen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben,
stärken wir damit unsere Länder und Völker sowie die
Bande, die uns so eng miteinander verbinden.

Heute sind wir mit einer Situation konfrontiert, die der
Deutschlands vor fünfundvierzig Jahren ähnelt. Der
Krieg ist vorbei; jetzt ist die Zeit des Wiederaufbaus
gekommen. In seinen Memoiren würdigt Dr. Kissinger
die Nachkriegsgeneration amerikanischer Politiker, die
durch ihr Engagement für Europa "die Chancen der

Wie der ehemalige Außenminister Genscher - von
Verteidigungsminister Rühe in seiner Abschiedsansprache für Genscher vergangene Woche zitiert - zu
sagen pflegte: "Es kann uns nicht gut gehen, wenn es
anderen schlecht geht."
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

AMERIKA DIENST 21

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Seite 5

�KSZE
27. Mai 1992

KONSOLIDIERUNG DER DEMOKRATIE
PRIORITÄT DES NEUEN EUROPAS
Rede von Paula Dobriansky bei KSZE
HELSINKI - (AD) - Der Konsolidierung von Demokratie und marktorientierten Volkswirtschaften in Mittel- und
Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion muß derzeit absolute Priorität eingeräumt werden. Dies erklärte
die Leiterin der Abteilung für Politik und Programme des US-Informationsamts, Paula Dobriansky, am 20. Mai
1992 in einer Rede vor der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki.
Dabei verwies Dobriansky darauf, daß sich die Hilfe für diese Länder auf fünf Eckpfeiler gründen mu ß, und zwar
"die Struktur der Regierung selbst... eine faire und unabhängige Justiz ... Bildung ... freie und unabhängige
Medien ... (sowie) Wirtschaftswachstum und Wohlstand".
Die amerikanische Politik unterstreiche "die Ernsthaftigkeit unserer Entschlossenheit und unseres Engagements
zur Förderung einer Gemeinschaft freier und demokratischer Nationen, die sich der Rechtsstaatlichkeit und dem
Schutz der Menschenrechte im In- und Ausland verschrieben haben," erklärte Dobriansky.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Paula Dobriansky im Wortlaut.

Ich bin geehrt, vor dieser Konferenz über eine Frage zu
sprechen, der von der amerikanischen Regierung
absolute Priorität eingeräumt wird: die Konsolidierung
von Demokratie und marktorientierten Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa sowie der ehemaligen
Sowjetunion.
Angesichts der einzigartigen und außergewöhnlichen
Rolle, die die KSZE seit 1975 bei Überwachung und
Ausbau der Menschenrechte sowie der Förderung
demokratischer Ziele im Ausland gespielt hat, ist es
angebracht, daß ich heute hier Strategien zur Unterstützung der demokratischen Revolution erörtere.
Epochale Dokumente wie die - in dieser Stadt unterzeichnete - KSZE-Schlußakte und Schlußdokumente
der Wiener Folgekonferenz, der Bonner Wirtschaftskonferenz und des Kopenhagener Treffens über die
menschliche Dimension haben Maßstäbe gesetzt, an
denen die Bilanz der KSZE-Mitgliedstaaten im Bereich
der Menschenrechte gemessen wird. Zusammengenommen definieren diese durch den Konsens aller
KSZE-Mitgliedstaaten zustandegekommenen Dokumente die grundlegenden Elemente eines demokratischen Fundaments.
Angesichts der geostrategischen Umgestaltung der
europäischen politischen Landschaft hat sich die Rolle
der KSZE erstaunlicherweise noch erweitert. Dokumente der KSZE liefern weiterhin wichtige Parameter
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über das Verhalten der Länder im Bereich der Menschenrechte, aber zusätzlich wurden KSZE-Institutionen gegründet, die als multilaterale Clearingstellen
dienen und zur Entwicklung demokratischer Institutionen und Prozesse beitragen sollen. Wie Sie wissen,
hat die KSZE neue Herausforderungen angenommen,
die sich aus den neuen Realitäten wie freie Wahlen,
Konfliktbewältigung und parlamentarische Verfahren
ergeben.
Der kalte Krieg ist vorbei. Unsere Aufgabe besteht
heute darin, vordem existierende regionale politische,
wirtschaftliche und soziale Unterschiede auszugleichen, zur Schaffung demokratischer Gesellschaften
beizutragen und in diesen Rechtsstaatlichkeit zu fördern, die Gerechtigkeit und Zivilcourage hervorbringt
sowie Menschenrechte und Freiheiten schützt. Wir
betrachten unsere Zukunft als unauflöslich mit der
Zukunft der Demokratie im neuen Europa verbunden.
Meine Institution, das Informationsamt der Vereinigten
Staaten von Amerika (USIA), engagiert sich voll und
ganz für den Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaften in Übersee. Das USIA hat bereits über 40
Jahre lang demokratische Werte erläutert und unterstützt. Das USIA setzt diese Tradition durch die aktive
Förderung des Austauschs von Informationen und
Menschen im Hinblick auf Fragen wie Selbstregierung,
Rechtsstaatlichkeit, freie Medien und freie Märkte fort.
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�Der Auftrag des USIA umfaßt drei Aspekte: a) einem
internationalen Publikum überzeugend die Außenpolitik der amerikanischen Regierung zu erläutern, b) ein
Bild des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und
gesellschaftlichen Lebens in Amerika zu vermitteln
und c) Programme zur Unterstützung von Demokratie
und Marktwirtschaft zu erarbeiten. Wir bemühen uns,
diese Ziele durch die verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten des USIA zu erlangen, darunter Vortragsreisen, Publikationen, Rundfunksendungen der
Voice of America (VOA), Fernsehsendungen des
Worldnet, akademischer und kultureller Austausch
und Stipendien, Informationsveranstaltungen für ausländische Journalisten, Ausstellungen, internationale
Besucherprogramme sowie die Veröffentlichung eines
täglichen Bulletins mit Artikeln, Dokumenten und
Redetexten.
Aber was haben wir konzeptionell und praktisch diesen
Ländern zu bieten, die sich im Übergang zur Demokratie befinden? Was wir ihnen bieten können - mit
unseren Plänen, Ideen und unserer Erfahrung sowie
unserer konkreten Hilfe - ist, zur Konsolidierung der
institutionellen Grundlagen der modernen Demokratie
beizutragen. Unseres Erachtens ruht dieses Fundament auf fünf Eckpfeilern, die den Schwerpunkt unserer technischen Hilfe bilden.
Der erste Eckpfeiler ist die Struktur der Regierung
selbst. Es ist einfacher, die Ideale der Demokratie zu
loben als eine funktionsfähige, dauerhafte demokratische Regierung aufzubauen. Demokratie bedeutet in
der Tat mehr als den einmaligen Sturz eines tyrannischen Regimes oder auch eine oder zwei demokratische Wahlen. Wir unterstützen Formen begrenzter
Regierung, die individuelle Freiheiten garantieren. Wir
betrachten diese Freiheiten nicht als Geschenk der
Regierung, sondern als Grundrechte, die von verfassungsmäßigen Kontrollmechanismen geschützt sind,
die Machtmißbrauch verhindern. Um zur Entwicklung
gut funktionierender begrenzter Regierung beizutragen, haben wir Programme, die sich mit parlamentarischen Verfahrensweisen, Wahlen, Gemeindeverwaltung und politischen Organisationen beschäftigen.
Der zweite institutionelle Eckpfeiler der Demokratie ist
eine faire und unabhängige Justiz. Dem einzelnen
muß in einer demokratischen Gesellschaft wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit zuteil werden. Es ist
in der Tat die Justiz, die die Grundlage dieser Gesellschaften von totalitären Edikten zur Rechtsstaatlichkeit verschiebt. Im Rahmen eines besonderen Programms (professionals-in-residence) entsenden wir
Richter, Rechtsanwälte und Juraprofessoren nach
Übersee, um beim Entwurf von Verfassungen und
Justizreformen tätig zu werden, rechtsstaatliche Verfahren, Verwaltungs-, Straf- und Verfassungsrecht zu
erörtern.

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Der dritte Eckpfeiler jeder Demokratie ist Bildung.
Durch Forschungsstipendien, das USIA-Lehrbuchprogramm und Austauschprogramme von Dozenten und
Studenten versuchen wir, eine umfassende Ausbildung in Geisteswissenschaften zu fördern, die unabhängiges, kreatives Denken und Selbstvertrauen anstelle
eines formellen, starren Ausbildungsssystems der
Indoktrinierung und Abhängigkeit ermutigt.
Viertens sind freie und unabhängige Medien der Nerv
einer demokratischen Gesellschaft. Demokratische
Gesellschaften sprechen praktisch per definitionem
mit vielen Stimmen. Zusammen mit westlichen privaten Medien strebt USIA die Schaffung unabhängiger
Medieninstitutionen für Nachrichten, Information und
Meinungsbildung in aufstrebenden Demokratien an.
Wir haben ausländische Journalisten in die Vereinigten Staaten zur Beobachtung unserer Medienpraktiken eingeladen und Experten in Journalismus und
Kommunikationswesen ins Ausland zur Durchführung
von Workshops entsandt. Darüber hinaus werden wir
in Kürze an einem Freien Medienseminar der KSZE
teilnehmen, zu dem unsere Delegation weitere Einzelheiten vorlegt. Dieses Seminar wird vom Büro für
demokratische Institutionen und Menschenrechte
organisiert.
Der fünfte Eckpfeiler der Demokratie ist Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Wir sehen eine untrennbare Verbindung zwischen Demokratie, Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Unseres Erachtens bietet ein
demokratisches politisches System mit seinem demokratischen Unterbau des freien Unternehmertums die
besten Aussichten für wirtschaftliche Entwicklung. Über
das VOA-Radioprogramm "Democracy in Action:
Economics" und USIA-Publikationen erörtern wir das

Konzept freier Marktwirtschaften und geben konkrete
Beispiele für deren erfolgreiche Anwendung.
Unsere Hilfsbestrebungen konzentrieren sich konkret
auf die Förderung dieser fünf Eckpfeiler. Wir können
jedoch keine Patentrezepte für Demokratie vorschreiben und tun dies auch nicht. Der Hauptgrund hierfür ist
nicht nur Bescheidenheit. Wie bereits schon zahlreiche Politologen erkannt haben, muß ein Einklang
zwischen dem politischen System eines Landes und
seiner Kultur, Geographie und Geschichte bestehen.
Demokratie kann nicht unmittelbar von einem Land auf
ein anderes übertragen werden.
Bei der Förderung dieser Grundsätze muß man sich
darüber hinaus vor Augen führen, daß diese Aufgabe
nicht allein die Domäne der Regierungen ist - wir haben
kein Monopol auf demokratische Werte. Der Privatsektor muß ebenfalls eine Schlüsselrolle spielen. Jeden
Tag höre ich von neuen Programmen, die von privaten
Gruppen, Stiftungen, Organisationen und selbst Einzelpersonen durchgeführt werden, die ohne staatliche
Unterstützung Fortschritte erzielen. Symbolisch und

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�praktisch gesehen sind Programme des Privatsektors
ein äußerst wichtiges, sogar entscheidendes Element
der Bestrebungen zur Förderung und Konsolidierung
von Demokratie. Denn es ist die bürgerliche Gesellschaft, die demonstriert, daß Demokratie nicht von
Regierungen gewährt, sondern durch die Bestrebungen ihrer Bürger unterstützt und bewahrt wird.
Welche Art von praxisorientierten Programmen wurden angesichts der veränderten politischen Landschaft
in Europa vom US-Informationsamt entwickelt? Im
folgenden einige Beispiele:
Im Rahmen ihres Rundfunkprogramms "Making
Democracy Work" veranstaltet VOA Sendungen mit Regierungsvertretern, Journalisten,
Bürgermeistern, Unternehmern und anderen
wichtigen Gesprächspartnern.
Die Veröffentlichung von zwei in 34 Sprachen
übersetzten Broschüren mit dem Titel "What is
Democracy?" und "What is a Free Market Economy?".
Ein Buchübersetzungsprogramm, mit dem Bücher
über amerikanische Geschichte, Wirtschaft,
Leben und Institutionen, Wirtschafts- und Unternehmenstechniken in mehreren Sprachen
herausgegeben werden, unter anderem so
bekannte Werke wie "Democracy in America"
von de Tocqueville, "The Federalist Papers" und
"American Political Tradition" von Hofstaedter.
Forschungsstipendien für weiterführende Studien und praktische Ausbildung in den Vereinigten Staaten in den Bereichen Unternehmensverwaltung, Wirtschaftswissenschaften, Jura und
öffentlicher Verwaltung.
Austausch von Studenten, Professoren, Berufsanfängem und jungen Führungskräften, Parlamentariern, Journalisten und Bürgermeistern,
die durch unsere Verbindungen zu Universitäten, Stipendien, Austausch- und internationalen Besuchsprogramme Tausenden von Menschen zugute kommen.
Programme für amerikanische Redner und in
den Vereinigten Staaten wohnhafte Fachleute,
die im Land Seminare und Workshops in Unternehmensverwaltung, öffentlicher Verwaltung,
Staatsrecht und Journalismus durchführen.
Darüber hinaus wollen unsere Programme auch einige
der bestehenden Herausforderungen und Hemmnisse

einer friedlichen Demokratisierung durch Bereitstellung relevanter Informationen, Austausch konkreter
Erfahrungen, Erleichterung des Dialogs und Erläuterung der Bedeutung demokratischer Prozesse ansprechen.
In Hinblick auf menschliches Leid spielen Nationalitätenkonflikte eine praktisch unvorstellbare Rolle in einigen Teilen Europas und der Welt. Zahlreiche Konflikte
sind natürliche Auswüchse des Zerfalls des Kommunismus, wohingegen andere jahrhundertealt sind und
nichts mit politischer Ideologie zu tun haben. Demokratie ist die beste Grundlage, um solch hartnäckige
Konflikte zu lösen. Es ist die Demokratie, die den
erforderlichen Rahmen für die friedliche Beilegung von
Konflikten zwischen diametral entgegengesetzten
Parteien bietet - einen Rahmen, der den Gedanken
von Kompromiß, loyaler Opposition, Schutz des einzelnen vor Tyrannei durch eine Mehrheit und der
Beteiligung von Minderheiten an einer repräsentativen
Regierung enthält.
Eine weitere Herausforderung beim Aufbau der Demokratie sind religiöse Intoleranz, Bigotterie und Fremdenfeindlichkeit. Weltweit konnten wir beobachten,
wie zahlreiche Religions- und Bürgerkriege durch solchen Haß geschürt wurden. Der Geist religiöser
Toleranz und die Respektierung der Interessen anderer Menschen sind unabdingbare Bestandteile einer
Politik stabiler und demokratischer Institutionen.
Das amerikanische Engagement für den Aufbau von
Demokratie ist mehr als nur anregende Rhetorik und
die Dirigierung von Wirtschaftshilfe zu demokratischen
Regierungen. In der Tat umfaßt es alle Aspekte
unserer Außenpolitik. Es wird durch alle Behörden
einschließlich USIA sowie durch Privatorganisationen
und Einzelpersonen in die Praxis umgesetzt. Wir
versuchen, die Achtung des Völkerrechts zu fördern,
dem Einsatz von Aggression als staatlichem Mittel die
rechtliche Grundlage zu entziehen und höhere Wertschätzung der durch regionale Institutionen gebotenen Möglichkeiten hervorzubringen. Die demokratische Umgestaltung ist noch im Gange, und die aufstrebenden Demokratien sind nach wie vor instabil. Wir
sind bereit, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel zu
nutzen, um international Geächtete in die Schranken
zu weisen. Unsere Politik unterstreicht die Ernsthaftigkeit unserer Entschlossenheit und unseres Engagements zur Förderung einer Gemeinschaft freier und
demokratischer Nationen, die sich der Rechtsstaatlichkeit und dem Schutz der Menschenrechte im Inund Ausland verschrieben haben.

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Seite 3

�RASSENBEZIEHUNGEN
27. Mai 1992

RASSENBEZIEHUNGEN IN DEN USA AUS DER SICHT
EINES SCHWARZEN UNIVERSITÄTSPROFESSORS
Stellungnahme von Professor Randall Kennedy
WASHINGTON - (AD) - Randall Kennedy, Juraprofessor der Harvard University, ist diametral entgegengesetzter Meinung zu den Verfechtern der These, es
habe sich bei den Beziehungen zwischen den Rassen
in den Vereinigten Staaten "nichts geändert".
"Das ist absolut falsch", so der schwarze Wissenschaftler und Autor Kennedy. "Das Leben, das ich
führe und was mir geboten wird, unterscheidet sich
deutlich von den Möglichkeiten meines Vaters."
In den sechziger Jahren in Washington aufgewachsen, wo die Rassentrennung bereits aufgehoben war,
besuchte Kennedy die Princeton University und die
Yale Law School und studierte ein Jahr mit einem
Stipendium in Oxford. Ihm zufolge war es vor 1960
schwieriger für Schwarze, solche Bildungschancen
wahrzunehmen, weil die Rassentrennung damals in
zahlreichen amerikanischen Bundesstaaten die Regel
war.
Kennedy ist Herausgeber der Zeitschrift "Reconstruction", in der Artikel über künstlerische, soziale, politische und wirtschaftliche Themen veröffentlicht werden, die für die afrikanisch-amerikanische Gemeinde
von Bedeutung sind. Vor kurzem kehrte er aus Dänemark zurück, wo er über die Chancen für in den
Vereinigten Staaten lebende Schwarze referiert hatte.
Die Schwarzen haben in den Vereinigten Staaten
beachtliche politische und wirtschaftliche Fortschritte
erzielt, aber es gab auch "enorme Frustration", stellte
Kennedy in einem am 18. Mai 1992 in Harvard geführten Telephoninterview fest.
Größtenteils dank der in den vergangenen 30 Jahren
"zur Rassenintegration ergriffenen Gleichstellungsmaßnahmen" haben schwarze Amerikaner "heute bessere
Chancen als noch vor 25 oder 35 Jahren denkbar
gewesen wäre", so Kennedy.
Obwohl die Beziehungen zwischen den jeweiligen
Rassen in den Vereinigten Staaten noch lange nicht
perfekt sind, "ist es unangebracht, uns selbst und den

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Menschen im Ausland zu sagen, die Herzen und
Einstellungen der Menschen haben sich nicht geändert", erklärte er.
Indem er auf die "komplexe Mischung" der ethnischen
Beziehungen in den Vereinigten Staaten verwies, stellte
Kennedy fest, er wolle die Menschen daran erinnern,
daß die Vereinigten Staaten "ein riesiges, unglaublich
kompliziertes Land" sind. Und die schwarze Gemeinde habe "regionale, religiöse und Klassenunterschiede", fuhr er fort.
Als Beispiel der von den Schwarzen an der politischen
Front erzielten Fortschritte zitierte Kennedy: "Ein
schwarzer Amerikaner ist Gouverneur von Virginia
(Douglas Wilder)... und das ist etwas, was 1960 als
abwegiger Gedanke angesehen wurde." Er fügte
hinzu: "Belegt dies einen beachtlichen Wandel des
Sozialverhaltens und der Sitten? Die Antwort lautet
meines Erachtens eindeutig Ja."
Als ein Beispiel der verbesserten Rassenbeziehungen
in den Vereinigten Staaten nannte Kennedy die Berufung von General Colin Powell durch Präsident Bush
zum Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs im Jahr
1989 - womit Powell, ein Schwarzer, der ranghöchste
Soldat der Streitkräfte wurde.
In einem 1990 zu dieser Ernennung in "Reconstruction" erschienenen Kommentar bezeichnet der schwarze Wissenschaftler diese als Anzeichen der "massiven
Veränderungen im Verhalten der Rassen, die weite obwohl sicherlich nicht alle - Teile der amerikanischen
Machtelite erfaßt haben. Was Bush 1989 tat, wäre
1962 für John F. Kennedy oder 1966 für Lyndon B.
Johnson unvorstellbar gewesen."
Professor Kennedy erklärt seinem europäischem
Publikum, die Tatsache, daß Schwarze so hohe
Machtpositionen in der amerikanischen Regierung
errungen haben, beweise die "wichtigen und guten
Veränderungen im amerikanischen Leben".

Seite 1

�Gleichzeitig, fügte er hinzu, gibt es eine "harte Realität"
in den Vereinigten Staaten, nämlich, daß "die Rassenfrage jeden Aspekt des amerikanischen Lebens betrifft", sei es Politik, Sport, Musik oder Wirtschaft.
Aufgrund der vom Kongreß 1964 und 1965 verabschiedeten Bürgerrechte schützen die Gesetze jetzt
die Rechte von Minderheiten jedoch "eindeutig" besser
als vorher.
Kennedy, der nach seinem Examen an der Yale University Assistent von Richter Thurgood Marshall am
Obersten Bundesgericht war, stellte fest, "vor 1960
gab es kein Bundesgesetz, das den Menschen verbot,
Schwarze offen und ausdrücklich zu diskriminieren".
Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 hat dies verändert,
erklärte Kennedy und verwies darauf, es habe Diskriminierung aufgrund von Rassenzugehörigkeit untersagt und "ist seither mehrere Male ergänzt worden, um
dieses Verbot zu erweitern".
Darüber hinaus habe das Wahlrechtsgesetz von 1965
"große Auswirkungen auf die Politik gehabt", indem es
Gesetze der Bundesstaaten beseitigte, mit denen
Schwarzen das Wahlrecht verwehrt wurde, und sie
damit vollständig in das politische Leben der Nation
einbezogen habe.
Im Jahr 1960 "gab es in den Vereinigten Staaten
zahlreiche Regionen, in denen Schwarze zu viel Angst
hatten, wählen zu gehen. Dies ist heute nirgendwo in
den Vereinigten Staaten der Fall."
Dies bedeutet Kennedy zufolge jedoch nicht, daß das
Land seine Rassenprobleme gelöst hat. "Offensichtlich stehen wir vor großen Problemen, das lehren uns
die Unruhen von Los Angeles." Es sei jedoch wichtig,
die Grundvoraussetzungen zum Vergleich heranzuziehen, und die Lage der Schwarzen sei im Jahr 1960
politisch schlechter gewesen als im Jahr 1992.
Als Beispiel für den Einfluß der Schwarzen bei Wahlen
führte Kennedy die Opposition im US-Senat gegen
Präsident Reagans Nominierung von Robert Bork für
das Oberste Bundesgericht in den achtziger Jahren
an, eine Nominierung, gegen die sich erstaunlicherweise zahlreiche weiße Senatoren aus den Südstaaten wandten, eine Gruppe, die viele von Borks konservativen Ansichten teilte.
"Warum, meinen Sie, machten diese weißen, zumeist
konservativen Männer gegen Bork Front?" fragte
Kennedy. Sie hätten dies getan und damit Borks
Nominierung zum Scheitern gebracht, "weil ihre schwarzen Wähler ziemlich lautstark ihre Ablehnung Borks
bekundeten", und "darin kam das Wahlrechtsgesetz
von 1965 zum Ausdruck".

Seite 2

Außerdem "wurde im Jahr 1982 auf dem Höhepunkt
der Reagan-Administration, die viele als den Bürgerrechten gegenüber gleichgültig oder feindselig betrachten, das Wahlrechtsgesetz ergänzt und gestärkt",
stellte Kennedy fest.
Auf die Frage nach unzulässigem Verhalten von Polizisten als potentieller Ursache weiterer Unzufriedenheit und Unruhen in den Städten erklärte Kennedy,
daß "die Aussonderung junger schwarzer Männer für
harten Zugriff" durch die Polizei ein großes Problem in
Amerika sei.
"Schwarze Amerikaner, besonders schwarze Männer,
sind von Diskriminierung bei der Strafverfolgung betroffen." Wenn er zum Beispiel in seinen Lehrveranstaltungen in Harvard die Studenten frage, wie viele
von ihnen von der Polizei angehalten und durchsucht
worden seien, "ist es immer erstaunlich, daß eine
überwältigende Zahl der Studenten, die ihre Hand
heben, schwarze Männer sind".
Ein weiteres "enormes Problem für die schwarze
Bevölkerung" besteht Kennedy zufolge darin, daß
Schwarzen im allgemeinen nicht derselbe Schutz der
Polizei vor Verbrechen zuteil wird, die ihre Stadtviertel
heimsuchen. Dies ist jedoch dringend erforderlich,
"weil es für Schwarze fünfmal wahrscheinlicher ist,
Opfer eines Mordes und noch viel wahrscheinlicher,
ausgeraubt zu werden. Schutz durch die Polizei ist
unerläßlich, und davon erhalten sie nicht genug."
"Die schwarze Bevölkerungsgruppe ist also doppelt
betroffen", so Kennedy. Die "tragische" Gleichung
lautet, daß schwarze Opfer eines Strafverfolgungssystems sind, "das sie nicht ausreichend schützt", und
dasselbe System "sie allzuoft mißhandelt".
Leider sei es so, daß "diese Mi ßhandlungen eine lange
Geschichte haben" und, was vielleicht noch schlimmer
sei, "diese Mißhandlungen ebensolange toleriert worden sind".
Die Schwarzen seien, wie Kennedy betonte, jedoch
nicht die einzigen, die sich über Rassendiskriminierung empörten. Vor dem Ausbruch der Unruhen in Los
Angeles seien "viele Weiße von der offenkundigen
Tolerierung der Bigotterie angewidert gewesen", die
bei den Geschworenen zum Ausdruck gekommen sei,
die der Mißhandlung eines wehrlosen Schwarzen in
Los Angeles angeklagte Polizisten freisprachen.
Kennedy erklärte, er sei mit seinem europäischen
Publikum der Meinung, eine Lösung der komplizierten
Rassenprobleme in Amerika sei unmöglich, solange
Bürger und Personen in offizieller Funktion nicht "eine
absolute Intoleranz gegenüber jeder Art von rassistischem Verhalten" zeigten.

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�SOZIALPOLITIK
27. Mai 1992

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SCHÜTZT
ARBEITNEHMER VOR FOLGEN
DER ARBEITSLOSIGKEIT
Dritter einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik
WASHINGTON - (AD) - Die Arbeitslosenversicherung
wurde im Jahr 1935 als Teil des Sozialversicherungsgesetzes eingeführt, um für Arbeitnehmer und deren
Familien die wirtschaftlichen Härten infolge vorübergehender Arbeitslosigkeit zu mildern.
Ursprünglich erhielten Arbeitslose in den meisten Staaten
Leistungen für maximal 13 bis 16 Wochen. Heute kann
ein Großteil der Amerikaner, die ohne eigenes Verschulden arbeitslos geworden sind, eine Grundversorgung durch die Arbeitslosenversicherung beantragen,
die für gewöhnlich bis zu 26 Wochen lang ein Drittel bis
die Hälfte ihres letzten Einkommmens beträgt.
In Zeiten außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit können
diese Leistungen für weitere 13 Wochen verlängert
werden, abhängig vom Grad der Arbeitslosigkeit in
Heimatstaat oder Gemeinde des Arbeitslosen.
Eine Verlängerung der Leistungen ist den heutigen
Gesetzen zufolge zulässig, wenn in einem Bundesstaat die Arbeitslosenquote unter den Versicherten
während der letzten 13 Wochen mindestens 6 Prozent
betrug oder wenn sie 5 Prozent überschreitet und
mindestens 20 Prozent über der der vergangenen
beiden Jahre liegt.
In Zeiten landesweiter Rezession, wenn viele Bundesstaaten unter hoher und anhaltender Arbeitslosigkeit
leiden, können Präsident und Kongreß darüber hinaus
Bundesmittel bewilligen.
Solche Mittel wurden im November 1991 und erneut im
Februar dieses Jahres gewährt, um in der gegenwärtigen Konjunkturflaute die Folgen überdurchschnittlich
hoher Arbeitslosigkeit zu mildern.
Am 12. Mai 1992 bat Präsident Bush den Kongreß,
diese Mittelvergabe über ihren planmäßigen Ablauf im
Juli hinaus bis zum April 1993 zu verlängern. Diesem
Vorschlag zufolge, der schätzungsweise weitere 2,5
Milliarden Dollar kostet, würden die Leistungen in
Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit zusätzlich zu den

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regulären 26 Wochen um bis zu 30 Wochen verlängert,
in allen anderen Staaten um bis zu 20 Wochen. Der
Präsident forderte darüber hinaus bis nächsten Februar eine Untersuchung an, die Empfehlungen für
eine dauerhafte Reform der gegenwärtigen Arbeitslosenversicherung unterbreiten soll.
Die Notwendigkeit verlängerter Leistungszahlungen
hat in den vergangenen beiden Jahren zugenommen,
da sich die Arbeitslosenquote im Gleichschritt mit der
Rezession erhöhte.
Neun US-Bundesstaaten und Territorien - Alaska,
Maine, Massachusetts, Michigan, Oregon, Puerto Rico,
Rhode Island, Vermont und West Virginia - haben im
Jahr 1991 die Leistungszahlung verlängert. Im Jahr
1992 war dies jedoch nur in Puerto Rico der Fall.
In den meisten Staaten können Arbeitslose eine Woche
nach Eintritt der Arbeitslosigkeit die Grundversorgung
beantragen, selbst wenn sie bald ihren alten Arbeitsplatz zurückbekommen oder rasch einen neuen finden.
Statistiken des US-Arbeitsministeriums belegen, daß
nur wenige der Bezieher von wöchentlichem Arbeitslosengeld dies für den gesamten Zeitraum von 26 Wochen
tun. Im letzten von der Arbeitslosenstatistik vollständig
erfaßten Jahr 1991 betrug die Durchschnittsdauer der
Arbeitslosigkeit saisonbereinigt 15,4 Wochen.
Die Zahlen für das erste Quartal des Jahres 1992
weisen einen Anstieg der Durchschnittsdauer auf 16,4
Wochen im Januar, 17 Wochen im Februar und 17,1
Wochen im März auf - ein Anzeichen dafür, daß mehr
Arbeitnehmer für einen längeren Zeitraum arbeitslos
waren und größere Schwierigkeiten hatten, einen neuen
Arbeitsplatz zu finden.
Mit Ausnahme weniger Staaten, in denen die Arbeitnehmer direkt geringe Beiträge entrichten, wird die
Arbeitslosenversicherung durch getrennte Steuern der
Bundesstaaten sowie eine von den Unternehmen

Seite 1

�aufgebrachte Lohnsummensteuer des Bundes finanziert. Das System wird von Dienststellen der Bundesstaaten nach Richtlinien des US-Arbeitsministeriums
verwaltet.

Neben dem Arbeitslosengeld bestehen zahlreiche
andere gesetzlich festgeschriebene Programme, die
Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten zugute kommen.

Als Faustregel gilt, daß Mittel der Bundesstaaten benutzt
werden, um in den ersten 26 Wochen direkte Leistungen an die Arbeitslosen zu zahlen. Die Lohnsummensteuer des Bundes wird verwendet, um Verwaltungskosten zu decken und bis zu 50 Prozent der Kosten bei
verlängerter Leistungszahlung zu finanzieren.

So müssen etwa Unternehmen, die mindestens 100
Vollzeitarbeitskräfte beschäftigen, geplante Betriebsschließungen oder Massenentlassungen mindestens
60 Tage im voraus ankündigen. Dies hilft den Arbeitnehmern, sich auf den bevorstehenden Arbeitsplatzverlust einzustellen und gibt ihnen Zeit, einen anderen
Arbeitsplatz zu suchen. Darüber hinaus werden die
Regierung des Bundesstaats und die Gemeindeverwaltungen gewarnt und können so rechtzeitige und
geeignete Hilfen anbieten.

In den meisten Bundesstaaten muß ein Antragsteller
im letzten Kalenderjahr mindestens zwei Quartale lang
beschäftigt gewesen sein, um Arbeitslosengeld in
Anspruch nehmen zu können. Alle Bundesstaaten
schreiben vor, daß ein Antragsteller arbeitsfähig sein
und zur Verfügung stehen muß, wenn ein geeigneter
Arbeitsplatz gefunden wird.
Wie die Rentenversicherung ist die Arbeitslosenversicherung ein vermögensunabhängiges Programm, bei
dem die Höhe der Leistungen nicht von anderen Einkommensarten oder Vermögenswerten des Empfängers abhängt. Im Gegensatz zur Rentenversicherung
ist der Umfang der Leistungen jedoch nicht standardisiert und fällt von Ort zu Ort sehr unterschiedlich aus.
Im nationalen Durchschnitt lag das wöchentliche Arbeitslosengeld im Jahr 1991 bei 170 Dollar pro Empfänger, wobei die Bandbreite von 82 Dollar in Puerto
Rico bis zu 227 Dollar in Massachusetts reichte. Darüber
hinaus wurden in 14 Bundesstaaten Zuschläge für
Familienangehörige gezahlt. Dazu gehörte auch
Massachusetts, wo die wöchentlichen Leistungen
insgesamt bei maximal 423 Dollar lagen.
Dem Arbeitsministerium zufolge erhielten 10,4 Millionen Amerikaner im Jahr 1991 Arbeitslosengeld in
Gesamthöhe von 25,3 Milliarden Dollar. Davon wurden 880 Millionen Dollar - einschließlich von 122
Millionen Dollar an Anpassungshilfen für Arbeitnehmer, die infolge ausländischer Importe ihren Arbeitsplatz verloren hatten - aus Bundesmitteln bereitgestellt, während der Rest von den einzelnen Staaten
getragen wurde.

* *

Seite 2

Beschäftigte wie auch arbeitslose Arbeitnehmer, deren Jahresverdienst unter die nationale Armutsgrenze
fällt -10.857 Dollar für eine dreiköpfige Familie im Jahr
1991 - können weitere Sozialhilfeprogramme in Anspruch nehmen, etwa Wohngeld, Lebensmittelmarken, subventionierte medizinische Versorgung, überschüssige landwirtschaftliche Produkte, Hilfe für Familien
mit unterhaltspflichtigen Kindern sowie allgemeine
Sozialhilfeleistungen, die durch ungebundene Zuschüsse des Bundes an die Staaten finanziert werden.
Viele Arbeitslose können sich darüber hinaus im Rahmen
zahlreicher Aus- und Fortbildungsprogramme des
Bundes und der Staaten umschulen lassen, während
Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und
Minderheiten, die zum ersten Mal eine Beschäftigung
suchen, das äußerst erfolgreiche, von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten
und Privatfirmen betriebene Programm Job Corps in
Anspruch nehmen können.
Die meisten Einzelpersonen, die an einer solchen
Ausbildung teilnehmen, erhalten Arbeitsplätze, bei denen
mehr als der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn
von 4,25 Dollar gezahlt wird.
Jeder Bundesstaat hat sein eigenes Unfallversicherungsprogramm, das amerikanischen Arbeitnehmern
und deren Familien im Falle beruflich bedingter Verletzung, Invalidität oder Tod zusätzliche Leistungen bietet. Einige dieser Programme reichen bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts zurück.
* *

*

AMERIKA DIENST 21

�WAHLEN

'92
27. Mai 1992

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen
WASHINGTON - (AD) - Die nachstehend veröffentlichte inoffizielle Übersicht zeigt die Anzahl der Delegierten,
über die jeder Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt (20. Mai) des US-Wahlprozesses verfügt sowie die
Ergebnisse der Vorwahlen in Washington und Oregon.
Bush und Clinton gewinnen die Vorwahlen in
Washington und Oregon
Präsident Bush und der Gouverneur von Arkansas, Bill
Clinton, haben die Vorwahlen ihrer jeweiligen Parteien
am 19. Mai in den Bundesstaaten Washington und
Oregon mühelos gewonnen, aber die unerwarteterweise handschriftlich eingefügten Stimmen für den
nichtgebundenen Präsidentschaftskandidaten Ross
Perot könnten sich als Vorboten künftiger Probleme für
sie erweisen.
Bush siegte bei den Rennen der Republikaner über

seinen konservativen Herausforderer Pat Buchanan
mit einem Vorsprung von fast 4 zu 1 in Oregon und
schnitt im Staat Washington mit einem Vorsprung von
6 zu 1 noch besser ab.
Beim Wahlkampf der Demokraten errang Clinton rund
50 Prozent der Stimmen in beiden Bundesstaaten.
Sein verbliebener Rivale, der ehemalige Gouverneur
von Kalifornien Jerry Brown, gewann einen Anteil der
Delegierten für den nationalen Parteitag aus Oregon,
aber für Clinton ist die für die Nominierung erforderliche Mehrheit jetzt in greifbare Nähe gerückt.
Als echte Überraschung - da er in keinem der beiden
Bundesstaaten kandidiert hatte - erhielt Perot sowohl
in Washington als auch Oregon eine beachtliche Anzahl
von handschriftlich eingefügten Stimmen. In dem
spärlich besiedelten Distrikt von San Juan (Washington) konnte Perot aufgrund der für ihn abgegebenen
Stimmen bei den Vorwahlen beider Parteien die Führung übernehmen.
In Oregon wird die Auszählung der handschriftlich
abgegebenen Stimmen einige Tage erfordern. Anhand der bei Wählern beim Verlassen der Wahllokale
von CNN durchgeführten Umfragen gaben jedoch
jeweils rund 11 Prozent der Republikaner und Demokraten an, für Perot gestimmt zu haben.

AMERIKA DIENST 21

Die CNN-Meinungsumfrage an den Wahllokalen ergab auch beträchtliche Unterstützung für Perot durch
die Wähler beider führender Parteien in Oregon bei
den allgemeinen Wahlen. Die demokratischen Wähler
unterstützen Perot vor Clinton mit 45 zu 41 Prozent, die
republikanischen Wählergaben Bush bei den Vorwahlen mit 49 zu 40 Prozent den Vorzug vor Perot.
Perots Koordinator für den Wahlkampf in Oregon, Ted
Thomas, erklärte, er habe den Anhängern von Perot
gesagt, sie sollten sich darauf konzentrieren, Perots
Namen auf den Stimmzettel für die alleg meine Wahl zu
bekommen - und sich nicht mit Proteststimmen bei den
Vorwahlen abgegeben. "Ich vermute, sie haben uns
nicht zugehört", stellte er fest.
Angesichts der noch bevorstehenden acht Vorwahlen,
einschließlich der großen in Kalifornien am 2. Juni,
könnte sich der Gedanke handschriftlich eingefügter
Stimmen Analysten zufolge zu einer neuen Form der
Protestwahl gegen Bush und Clinton ausweiten.
Die neuesten Zahlen
Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.145)
Clinton

1.855,50

Nichtgebunden

574,25

Tsongas

551,00

Brown

394,25

Sonstige

32,00

Republikaner (zui• Nominierung erforderlich: 1.105)
Bush
Buchanan

1.350
74

Nichtgebunden

2

Sonstige

1
Seite 1

�Ergebnisse der Vorwahlen vom 19. Mai

Bundesstaat Washington

Die nachfolgende Übersicht zeigt den Prozentsatz der Demokraten
Stimmen, die jeder Kandidat bei den Vorwahlen am 19.
Clinton
Mai erhalten hat.
Oregon
Demokraten

Prozentsatz der Stimmen

Prozentsatz der Stimmen
51

Brown

29

Tsongas

16
4

Clinton

50

Sonstige

Brown

35

Republikaner

Tsongas

11

Bush

83

Buchanan

13

Sonstige

4

•

Sonstige
Republikaner

4
Prozentsatz der Stimmen

Bush

76

Buchanan

22

Sonstige

2
* * * *

Seite 2

Prozentsatz der Stimmen

*

AMERIKA DIENST 21

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