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                    <text>AMERIKA DIENST
'"V

•"*"

Ä&lt;

26. Oktober 1988

39

INHALT
HINTERGRUNDMATERIAL
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Bush;

Sowjetische Reformen sind vielversprechend

Trotzdem ist Vorsicht angebracht
- Rede in Fulton (Missouri) -

Bush würde Weltumweltkonferenz einberufen
- Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf Die Kandidaten scheuen das Thema Steuererhöhungen
- Die wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis Mittelwesten ist Feuerprobe für Dukakis-Wahlkampagne
- Von C. David Kotok Die Wahlbeteiligung in Amerika: Warum sie so niedrig aussieht
- Von Raymond E. Wolfinger -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Schrott im Weltraum

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VON

H intergrundmaterial

4

26. Oktober 1988

39
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
BUSH:

SOWJETISCHE REFORMEN SIND VIELVERSPRECHEND
TROTZDEM IST VORSICHT ANGEBRACHT
- Auszüge aus einer Rede in Fulton (Missouri) -

WASHINGTON (AD) - (Nachstehend bringen wir einen vom US-Informationsamt
(USIA) herausgegebenen Beitrag im Rahmen einer Reihe von Veröffentlichungen,
in denen die amerikanischen Präsidentschaftokandidaten des Jahres 1988 ihre
Positionen zur Außenpolitik und anderen Themen von internationalem Interesse
in ihren eigenen Worten darlegen. Die heutige Ausgabe enthält wesentliche
Auszüge aus einer am 18. Oktober 1988 von Vizepräsident George Bush am Westminster College in Fulton (Missouri) gehaltenen Rede, jenem Ort, an dem Winston Churchill seine berühmte "Eiserner-Vorhang-Rede" hielt. Bush erklärte
den Studenten von Westminster, daß der Eiserne Vorhang heute "Rost ansetzt"
und dahinter "neue Hoffnung auf einen Wandel" bestehe. Er mahnte jedoch auch
zur Vorsicht. Seinen Worten zufolge "bleibt abzuwarten, ob die Versprechen
der Sowjets im Hinblick auf Veränderungen wirklich umgesetzt werden". Trotz
guter Aussichten, so Bush, "sollten wir unser Engagement für Frieden durch
Stärke keinesfalls verringern".)
Ich bin hierher gekommen, um über
Frieden und Außenpolitik zu sprechen.
Vor zwei Jahren hatte ich
Privileg, zu Ihnen aus Anlaß des
Jahrestags von Winston Curchills
rühmter
Eiserner-Vorhang-Rede
sprechen. Heute fühle ich mich
tiefst geehrt, erneut an diesem
storischen Ort zu sein.

das
40.
bezu
zuhi-

Als Winston ChurchiLl im Jahr
1946 hierherkam, war es ein kalter
Märztag. Der Winter lag noch über
dem Land. Und Churchill hatte eine
kalte Botschaft zu übermitteln, so
kalt, wie die Wahrheit selbst.
Hier stand Winston Churchill, der
Mana, der durch seine Ablehnung des
Ausverkaufs von München seine politi-

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sche Karriere aufs Spiel gesetzt hatte und der aus der politischen Vergessenheit wiederaufgestiegen war, um
sein Land in der Stunde tödlicher Gefahr zu fuhren.
Nun, nach einem
siegreichen Krieg, sah Churchill sich
gezwungen, erneut eine Wahrheit zu
verkünden. Die Freiheit war wieder
in Gefahr. Der Friede war wieder in
Gefahr. Das mit dem Sieg über Hitler
auf die Welt herabstrahlende Sonnenlicht wurde von der dunklen Wolke
sowjetischer Ambitionen überschattet.
Churchill hat dies in einer seiner
berühmtesten Äußerungen
so formuliert:
"Von Stettin an der Ostsee
bis nach Triest an der Adria hat sich
ein eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt." Es war ein eiserner
Vorhang, der das Licht der Freiheit
und des Fortschritts aus den alten

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�Hauptstädten Ost- und Mitteleuropas Warschau, Berlin, Prag, Budapest,
Belgrad, Bukarest, Sofia - verbannt
hatte. Diese seit Jahrtausenden in
der westlichen Zivilisation verwurzelten und Hitler entrissenen Städte
standen jetzt unter der Herrschaft
Stalins. Und Churchill erkannte an
anderen Stellen Europas und auf anderen Kontinenten Anzeichen für sowjetische Aggression und Expansion.
"Die Sicherheit der Welt erfordert in Europa eine neue Einigkeit.
Zweimal mußten die Vereinigten Staaten MiLlionen ihrer Männer über den
Atlantik in den Krieg schicken."
Churchill zufolge konnte nur durch
die Kraft demokratischer Einheit ein
neuer Krieg verhindert und Hoffnungen
auf einen dauerhaften Frieden wiederbelebt werden. Als Grund dafür nannte er: "Aufgrund meiner Erfahrungen
mit unseren russischen Freunden und
Verbündeten während des Krieges bin
ich davon überzeugt, daß sie Stärke
über alles schätzen, und sie haben
vor Schwäche - insbesondere militärischer Schwäche - den geringsten Respekt."
Und ich möchte hinzufügen, daß
dies bis heute so geblieben ist.
Obwohl dies eine hoffnungsvolle
Botschaft
für
die
Zukunft
war,
schenkten
viele
Menschen
Winston
Churchill kein Gehör. Wir waren gerade dabei, zu demobilisieren. Wir
wollten lediglich wieder ein normales
Leben führen - ebenso wie Sie. Einen
neuen Kurs einschlagen.
Um dieses
Sonnenlicht zu genießen, für das wir
so hart gekämpft und viel geopfert
hatten. Churchill wurde in den Vereinigten Staaten und im Ausland kritisiert und seine Äußerungen in Zweifel gezogen.
Aber Churchill hatte
Recht.
Jetzt hat er nach vier Jahrzehnten Bestätigung
erfahren.
Unsere
Verbündeten und wir haben nicht verhindert, daß der Eiserne Vorhang das
Licht aus dem Osten verbannt hat.
Aber wir haben dem Westen Frieden und
- 2

Freiheit bewahrt. Und wir haben ihre
Basis erweitert und sie über Europa
hinaus nach Asien und in andere Region getragen. Das war nicht leicht.
Es v/urden Fehler gemacht und Rückschläge verzeichnet.
Aber da wir
Churchills Rat des Friedens durch
Stärke - die Stärke der demokratischen Einigkeit - befolgt haben, hatten wir Erfolg.
Meine Generation hat im Schatten
des Krieges gelebt - des Weltkrieges
und des Kalten Krieges. Wir haben
unser Leben teilweise auf der Sonnenseite, immer aber im Schatten von
Streitigkeiten und Rivalität mit der
Sowjetunion gelebt. Diese Streitigkeiten und diese Rivalität sind noch
nicht beigelegt. Aber ich weise Sie
darauf hin, daß Ihre Generation die
Möglichkeit hat, aus diesem Schatten
herauszutreten
und
schließlich
furchtlos auf der Sonnenseite zu stehen. Der Eiserne Vorhang erstreckt
sich immer noch von Stettin bis
Triest.
Aber er setzt Rost an.
Lichtstrahlen durchbrechen von unserer westlichen - der freien und wohlhabenden - Seite die Finsternis des
Versagens und der Verzweiflung der
anderen Seite. Der Kreml, der einstmals in die unheilvollen Fußstapfen
Stalins trat, wendet sich nunmehr vom
Stalinismus ab.
Es besteht neue
Hoffnung auf einen Wandel. Die Wahrheit ist begehrt wie nie zuvor. Die
Völker Osteuropas und selbst die Völker der Sowjetunion fordern mehr
Freiheit und ihren Platz an der Sonne.
Einige Beobachter dieser Situation ziehen den Schluß, Moskau sei zu
schwach, um Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Ich habe mit Herrn Gorbatschow gesprochen, und ich kenne
einige seiner Berater.
Sie sehen
sich einer sehr ernsten Lage gegenüber. Das von ihnen regierte Volk
möchte wissen, warum es ihm an Brot
mangelt und warum es nicht in Freiheit lebt, warum die Lebenserwartung
zurückgeht, warum öffentliche Dienstleistungen und Verbrauchsguter so
schlecht
und
außerdem
Mangelware
sind. Siebzig Jahre nach der Okto-

�berrevolution ist die Glanzzeit des
Marxismus vorbei.

Verständigung mit Moskau
Punkten" einzusetzen.

Es wäre jedoch zu einfach und sogar gefährlich, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, wirtschaftliche
Schwäche allein sei die Triebfeder
sowjetischer Außenpolitik.
Rußland
war vor der Revolution eine Großmacht, und die Sowjetunion ist heute
eine militärische Supermacht. In Europa und in anderen Teilen der Welt
bleibt abzuwarten, wie die hoffnungsvollen sowjetischen Versprechungen in
echte Veränderungen umgesetzt werden.
Wo wir Flexibilität beobachten, ist
sie herbeigeführt worden, weil der
Preis der Aggression zu hoch war weil wir die Mujahedin in Afghanistan
unterstützt haben.

Genau darauf konzentriert sich
unsere Tagesordnung. Wir - und unsere Verbündeten - setzen unsere Stärke
ein, um Fortschritte auf allen Ebenen
zu erzielen. Wir setzen den INF-Vertrag bereits in die Praxis um. Vor
wenigen Wochen konnte ich in Marshall
(Texas) einem historischen Augenblick
beiwohnen, als zwei dieser INF-Waffen
vernichtet wurden. Ich war stolz stolz auf die Einigkeit und Entschlußkraft der NATO - stolz auf unsere Stärke und unseren Mut bei der
Verwirklichung eines solchen Abkommens. Jetzt streben wir die weitere
Reduzierung strategischer Waffen an.
In Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten wollen wir ein Gleichgewicht
bei den konventionellen Waffen in Europa herstellen. Ein Gleichgewicht,
das sich auf asymmetrische Reduzierungen der Sowjetunion bei Panzern
und Artillerie gründet - Waffengattungen, die einen Angriff denkbar erscheinen lassen. Konventionelle Rüstungskontrolle nimmt bei mir einen
hohen Stellenwert ein und ist zur Erhaltung des Friedens unabdingbar. Es
ist an der Zeit, unsere Anstrengungen
gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen zu verdoppeln und das
endgültige Verbot chemischer und biologischer Waffen anzustreben.
Auch
die Menschenrechte - den höchsten Garant einer friedlichen Welt - wollen
wir verbessern.

Sie ist entstanden, weil die Einschüchterung gescheitert ist - weil
wir die Pershing-Raketen und Marschflugkörper in Europa stationiert haben. Heute zieht die sowjetische Armee aus Afghanistan ab. Wir haben
den INF-Vertrag ausgehandelt, der zum
ersten Mal in der Geschichte eine gesarate Kategorie nuklearfähiger Raketen beseitigt.
Die Beweise liegen auf der Hand.
Die Tatsachen sprechen für sich.
Auch heute müssen wir uns die Motivation der Sowjetunion stets vor Augen
führen. Ja - die Sowjets sind durch
ihre Probleme in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber sie werden auch durch unsere Stärke, unsere
Fähigkeit
zur
Abschreckung
von
Aggressionen und die Einheit der Demokratien in die Schranken verwiesen.
Diese Werte aufzugeben, von diesem
Kurs abzuweichen, hieße den Problemen
Tür und Tor öffnen.
Ein Verzicht auf die Politik des
Friedens durch Stärke in der Hoffnung
auf
selbstauferlegte
Zurückhaltung
seitens der Sowjets bedeutet gleichzeitig, eine entscheidende Chance zu
verpassen. Es ist die Chance, von
der Churchill sprach, als er einen
geeinten Westen aufforderte, seine
Stärke zur Erlangung "einer guten

in

allen

Die Hoffnung auf Fortschritte ist
also vorhanden. Die Achtung vor den
Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten steigt. Und mit Generalsekretär Gorbatschow und Außenminister
Schewardnadse - so unerbittlich sie
auch sein mögen - ist eine neue und
aufgeklärtere Generation sowjetischer
Politiker in den Kreml eingezogen,
die sehr viel besser in der Lage ist,
mit dem Westen zu kommunizieren und
sich größerer Offenheit und innenpolitischen Reformen verschrieben hat.
Dies berechtigt zu Hoffnungen,
sollte jedoch in keiner Weise unsere

- 3 -

�Verpflichtung zu Frieden durch Stärke
mindern.
An dieser Politik müssen
wir festhalten.
Dieses Ziel einer stabileren und
weniger spannungsgeladenen Beziehung
mit der Sowjetunion ist Teil der weiterreichenden Vision einer Welt in
Frieden und Freiheit - eine Vision,
die für Ihre Generation auf eine Art
und Weise in greifbare Nähe gerückt
ist, während sie für den weitblickenden Churchill nur ein Schimmer am Horizont sein konnte. Es ist die Herausforderung an uns Amerikaner, dies
zu verwirklichen.
Eine wachsende
Zahl von Nationen blickt auf unsere
Führungsrolle bei der Verwirklichung
dieses Ziels. Und ich bin fest davon
überzeugt - Amerika kann es schaffen'.

* * * * *

-4

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Hintergrundmaterial

' V o N **

26. Oktober 1988

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DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

BUSH WÜRDE WELTUMWELTKONFERENZ EINBERUFEN
Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf

WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Bush erklärte, bei seiner Wahl zu Präsidenten würde er eine internationale Konferenz führender Politiker einberufen,
um einen Aktionsplan zur Behandlung der Umweltprobleme auf der ganzen Welt zu
konzipieren.
Einer Stellungnahme seines Wahlkampfbüros zufolge würde sich eine
solche Konferenz vordringlich mit den
klimatischen Veränderungen auf der
Erde, der Zerstörung der Ozonschicht
und dem sauren Regen auseinandersetzen.

verhindert werden soll, indem man die
Emission von Chemikalien beschränkt.

Der Erklärung zufolge würde Bush
zu der vorgeschlagenen Konferenz führende Politiker aus der Sowjetunion,
China, Westeuropa und den Ländern der
westlichen Hemisphäre einladen.

Dieser von 31 Ländern getragene
und in Montreal unterzeichnete Vertrag soll am 1. Januar 1989 in Kraft
treten, wenn ihn genügend Signatarstaaten unterzeichet haben. Er fordert weltweit eine 50prozentige Verringerung bei der Herstellung und
beim Einsatz von Chemikalien wie
Fluorchlorkohlenwasserstoff und Halon
in den nächsten zehn Jahren.

Aus der Verlautbarung geht hervor, daß diese Konferenz ein internationales
Umweltschutzabkommen
nach
dem Vorbild der 1987 unterzeichneten
Vereinbarung
hervorbringen
könnte,
mit der eine Zerstörung der die Erde
in großer Höhe umgebenden Ozonschicht

Die im Rahmen des Wahlkampfes
herausgegebene Erklärung bezeichnet
die allgemeine Erwärmung der Erde
aufgrund des sogenannten Treibhauseffektes als "internationales Problem,
das auf internationaler Ebene gelöst
werden muß". Der Treibhauseffekt ist

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�darauf zurückzuführen, daß durch die
vermehrte Verbrennung von fossilen
Brennstoffen zunehmend Kohlenwasserstoff - der mehr Hitze freiwerden
läßt als andere Gase - in der Atmosphäre gespeichert wird.
Zum Problem des sauren Regens
wird erklärt, Bush unterstütze Bestrebungen zum Emissionsschutz bei
Schwefeldioxyd
und
Stickstoffoxyd,
die für Schäden mitverantwortlich
sind.
Die Verlautbarung weist darauf
hin, daß Bush "internationale Verhandlungen unter seiner Leitung führen will, um die Emission der Verbindungen einzuschränken, die zur Luftverschmutzung auf der Erde beitragen".

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"VON'^

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26. Oktober 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE KANDIDATEN SCHEUEN DAS THEMA STEUERERHÖHUNGEN
D e wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis

WASHING ON - CAD) - Steuererhöhungen? Absolut ausgeschlossen, erklärt der
re; 'lblikanisehe Präsidentschaftskandidat George Bush.
Nur als letztes Mittel, falls alle anderen Bemühungen zur Senkung des
en.-mei: DefLzits im Bundeshaushalt fehlscilagen, meint sein demokratischer Gege. spicler Micha 31 Dukakis.

Im Verlauf dieser gesamten Kampa le, die von Linken und rechten Beobachtern gleichermaßen als substanzlos verschrien wird, haben sowohl Vizepräsident Bush wie auch Gouverneur
Dukakis im allgemeinen detaillierte
Er Läuterungen dazu vermieden, wie sie
ihr.i Ziele zur Ausgleichung des HaushaLlsdef izit:
verwirklichen
wollen,
während
sii gleichzeitig für neue
Ausj'abenpro^ramme eintreten.
Ihre Haltung zum heiklen Thema
St -uererhöhungen wird weithin auf das
zur Vorsicht mahnende Beispiel Walter
Momlales zurückgeführt, der im Wahlkampf 1984 den amerikanischen Wählern
erklärt hatte,
ihre Steuern müßten,
unabhängig davon, wer in jenem Jahr
zum Präsidenten gewählt würde, erhöht
werden.
Mondale mußte danach eine

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vernichtende
Niederlage
einstecken
und verlor in 49 von 50 Staaten gegen
Reagan - ein Ergebnis, das von den
meisten Beobachtern unmittelbar auf
eine unverdauliche Uberdosis Offenheit zurückgeführt wurde.
Bush hat seine entschiedene Ablehnung von Steuererhöhungen am deutlichsten bekundet.
Einer von seiner
Wahlkampfleitung
herausgegebenen
Grundsatzerklärung
zufolge
ist er
strikt gegen jegliche Steuererhöhung.
"Als Präsident werde ich Ihre Steuern
nicht erhöhen, Punkt", wird er zitiert.
Überdies hat sich Bush die seit
langem von Präsident Reagan vertretene angebotsorientierte wirtschaftspolitische Philosophie zu eigen gemacht

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�und fordert im Einklang mit dieser
Position weitere Steuererleichterungen, darunter eine Senkung der Kapitalertragssteuer von 28 auf 15 Prozent.
Der höhere Steuersatz "schreckt
neue Investitionen ab und lähmt das
Wirtschaftswachstum",
argumentiert
Bush. Seiner Ansicht nach wird eine
Absenkung "unsere Wirtschaft erheblich stärken, da neue Investoren in
der Lage sein werden, unbesteuerte
Gewinne in die Wirtschaft zu investieren.
Langfristig bedeutet dies
mehr Investitionen und größere Steuereinnahmen aus anderen Steuerquellen. "
Abgesehen von dem Ankurbelungseffekt, den er sich von einer Senkung
der Kapitalertragssteuer verspricht,
erwartet Bush ein sinkendes Haushaltsdefizit durch Anwendung eines
von ihm so benannten "flexiblen Einfrierens" der Ausgaben.
Aus Bushs Sicht würde sich der
Ausgabenzuwachs in etwa mit der Inflationsrate aller Aufwendungen mit
Ausnahme der Sozialversicherungsleistungen und Zinszahlungen der Inlandsverschuldung decken. In einigen
Ausgabenbereichen könnten die Ausgabenzuwächse unterhalb der Inflationsrate gehalten werden, um den rascheren Anstieg von Ausgaben in anderen
Bereichen einschließlich der Krankenversicherungsleistungen im Rahmen der
Medicare- und Medicaid-Programroe aufzufangen.
Während Bush davon Abstand genommen hat, öffentlich Programmbereiche
zu benennen, in denen verstärkt Einsparungen vorgenommen werden, haben
die Wahlkampfberater die Ausgaben für
Autobahnen,
Militärstützpunkte
und
die Unterstützung der Städte als mögliche Bereiche angeführt.
Im Verlauf der Kampagne hat Bush
wiederholt eine Formulierung verwendet, die an Präsident Reagan erinnert: "Die amerikanischen Arbeitnehmer zahlen nicht zu wenig Steuern -

die Bundesregierung gibt nach wie vor
zu viel aus."
Dukakis wiederum erklärt, alles
in seinen Kräften Stehende tun zu
wollen, um eine Steuererhöhung zu
vermeiden. Er hat jedoch die Position wiederholt bekräftigt, die er
vor knapp einem Jahr in einer Rede an
der Harvard Law School bezogen hat,
die immer noch von seinem Wahlkampfbüro verteilt wird: "Kein verantwortungsbewußter Bewerber um die Präsidentschaft
kann
Steuererhöhungen
vollständig ausschließen, sofern sie
erforderlich sind."
Dukakis erklärt, er selbst habe
keine weiteren Steuererhöhungen versprochen, als er im Jahr 1974 zum
Gouverneur von Massachussets gewählt
wurde und "sein Lehrgeld dafür bezahlen müssen", daß dies keine sonderlich kluge Entscheidung gewesen sei.
Mit dem Vermächtnis eines enormen Defizits konfrontiert, stellt er fest,
"Ich mußte Programme kürzen, die ich
in meiner Zeit als Anwalt befürwortet
hatte. Ich mußte die Steuern erhöhen.
Ich habe politisch Blessuren
davongetragen, nicht nur, weil ich
schwierige Entscheidungen getroffen
habe, sondern auch weil ich im Wahlkampf den leichteren Weg gegangen
bin."
In der zweiten der beiden Fernsehdebatten mit Bush erklärte Dukakis
jedoch am 13. Oktober, ein kontinuierlicher, schrittweiser Abbau des
jährlichen
Haushaltsdefizits
könne
durch eine Kombination von "eindeutigen Entscheidungen bezüglich der Ausgaben" erzielt werden, indem das
Wirtschaftswachstum ermutigt und Maßnahmen in die Wege geleitet würden,
um bereits fällige Steuern einzuziehen.
"Meiner Ansicht nach ist es gewissenlos, daß wir davon sprechen
oder daran denken, dem Durchschnittsamerikaner neue Steuern aufzubürden,
wenn Milliarden verfügbar sind - über
100 Milliarden Dollar an ausstehenden
Steuern - die noch nicht entrichtet

- 2 -

�rargesetz von 1985 als "hervorragende
Gesetzesgrundlage".

sind", stellte er fest.
Was die schwerwiegenden Entscheidungen bezüglich der Ausgaben angeht,
schlägt Dukakis vor, viele davon müßten im Bereich der Verteidigung getroffen werden. Im Verlauf des Wahlkampfes hat er sich insbesondere auf
eine Kürzung der massiven Ausgabenpläne für die Strategische Verteidigungsinitiative (das von der ReaganAdministration energisch betriebene
und auch von Bush befürwortete weltraumgestützte System), die MidgetmanRakete sowie die mobile Version der
MX-Rakete eingeschossen.

Obwohl die Kandidaten versuchten,
sich gegenseitig als Bedrohung für
das Wohlergehen der Nation darzustellen - wobei Dukakis behauptete, Bush
würde Haushaltseinsparungen auf Kosten des Sozialversicherungssystems
erzielen wollen, während Bush Dukakis
als eingefleischten Gegner von Verteidigungsausgaben
bezichtigte
scheinen die Meinungsverschiedenheiten eher rhetorischen als realen Charakter zu haben.

So wichtig Verteidigung auch sein
ma;$, argumentierte er in der Debatte
vom 13. Oktober, "man kann unsere militärische Sicherheit nicht losgelöst
von unserer wirtschaftlichen Sicherheit betrachten".

So hat Dukakis versprochen, sich
für starke konventionelle und nukleare Defensivstreitkräfte einzusetzen,
während Bush im Rededuell am 13. Oktober versprach, "ein gesundes Sozialversicherungssystem"
aufrechtzuerhalten und weiterhin "Engagement für
die älteren Mitbürger zu zeigen.

"Wie können wir ein militärisch
starkes Amerika aufbauen, das auf
einem Berg von Schulden balanciert?",
fr igte er.
Dukakis erklärte in den beiden
Debatten, die er mit Bush im Wahlkampf führte, ein weiterer Bereich
möglicher
erheblicher
Einsparungen
sei die Landwirtschaft. "Wir sollten
für dieses Land eine Agrarpolitik
entwerfen können, die unseren Farmern
und ihren Familien faire Preise und
eine aussichtsreiche Zukunft gewährt,
ohne dafür jährlich 20 bis 25 Milliarden Dollar aufzuwenden, wie wir es
unter dieser Regierung getan haben,"
erklärte er am 25. September.
Dukakis favorisiert seinen Äußerungen zufolge eine Agrarpolitik, die
"eine Kontrolle des Angebots und vernünftige Stützung der Preise" vereinigt, wobei die Gewinne den "landwi rtschaftlichen
Familienbetrieben
zufließen sollen, die sie am dringlichsten benötigen".
Bush reagierte darauf im zweiten
Fernsehduell und erklärte, er sei gegen
Produktionskontrollen
und betrachte das gegenwärtig gültige Ag-

Beide Kandidaten haben innenpolitische Vorschläge unterbreitet, die
der Regierung zusätzliche Kosten verursachen würden.
In Dukakis Programm haben die
Ausweitung
der
Krankenversicherung
auf alle Arbeitnehmer und die Entwicklung eines neuen Förderprogramms
für
Collegestudenten
Vorrang, die
beide größtenteils mit privaten Mitteln finanziert werden sollen. Bush
hat erklärt, er wolle als "Präsident
des Bildungswesens" bekannt werden
und sich als engagierter Umweltschützer erweisen, wobei er in diesen Bereichen Mehrausgaben vorschlug.
Bei einem Wahlkampf, in dem "der
Wert der Familie" im Mittelpunkt
steht, wenden beide Kandidaten ihre
Aufmerksamkeit der Betreuung von Kindern berufstätiger Eltern zu. Dabei
steht Bushs Vorschlag im Einklang mit
seiner Theorie der Steuersenkung: er
würde
einkommensschwachen
Familien
Steuerfreibeträge gewähren, mit denen
die Einnahmen zunächst jährlich um
etwa 1,5 Milliarden Dollar verringert
würden.

- 3 -

�Obwohl
die
allgemeine
Wirtschaftslage ihr Schlaglicht auf den
gesamten Wahlkampf geworfen hat, bekundeten beide Kandidaten bestenfalls
vage Vorstellungen über einzelne Maßnahmen, die sie ergreifen würden, um
ein Haushaltsdefizit abzubauen, das
sich immer noch auf jährlich nahezu
150 Milliarden Dollar belauft.
Dukakis, dem zufolge das Defizit
das "vorrangigste Problem" der Regierung darstellt, hat über die zahlreichen im Rahmen seines Wahlkampfes erarbeiteten Informationsblätter hinaus
niemals eine definitive Stellungnahme
abgegeben.
Während Dukakis weite Bereiche
potentieller Einsparungen klar definierte, hat Bush es abgelehnt, dies
zu tun. Auf wiederholte Fragen bei
einer Pressekonferenz am 16. Oktober,
genaue Pläne zum Abbau des Defizits
vorzulegen, erklärt er: "Ich konzentriere mich auf den 8. November (den
Wahltag), und ich möchte nicht zu
voreiligen Schlüssen verleitet werden, weil sich die Dinge jetzt gut
entwickeln."

* * * * * *

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Hintergrundmaterial

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26. Oktober 1988

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DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

MITTELWESTEN IST FEUERPROBE FÜR DUKAKIS-WAHLKAMPAGNE
- Von C. David KGLok -

(Der nachfolgende Artikel ist der vierte in einer Reihe von Beobachtungen zum
Präsidentschaftwahlkampf von Autoren aus unterschiedlichen Regionen der Vereinigten Staaten. Mr. Kotok ist Chefredakteur des politischen Ressorts beim
Omaha World-Herald.)
OMAHA - (AD) - Die riesige, als
Mittelwesten bekannte Region der Vereinigten Staaten wird zur Feuerprobe
für Michael Duakakis bei seinen Bestrebungen, dem republikanischen Vizepräsidenten George Bush bei den
Wahlen am 8. November 1988 eine Niederlage beizubringen.
Sämtliche Prognosen über einen
Sieg von Dukakis beginnen damit, daß
er in seinem Geburtsstaat im Nordosten und in den an der Pazifikküste
gelegenen Staaten Kalifornien, Oregon
und Washington eindeutig vorne liegt.
Da sowohl die demokratischen als auch
die republikanischen Wahlkampfbeobachter nahezu den gesamten oder doch
den größten Teil des Südens Bush zugestehen, ist der Mittlere Westen zum
entscheidenen Schlachtfeld für beide

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Kandidaten geworden.
Dukakis konnte gleich zu Beginn
einen Vorteil in den 12 Staaten des
Mittelwestens verzeichnen, die sich
entlang der großen Seen zu den unendlichen Weizenfeldern und Farmen an
der westlichen
Grenze der Rocky
Mountain-Staaten erstrecken. Im Anschluß an seine Nominierung in New
Orleans hat Bush jedoch in vielen
dieser Staaten aufgeholt oder die
Führung übernommen.
Der Mittelwesten ist eine charakteristische Region, deren Wirtschaft
auf Landwirtschaft und die verarbeitende Industrie ausgerichtet ist.
Während Bush landesweit mit dem derzeitigen Wirtschaftsaufschwung wirbt,
war die Konjunktur im Mittelwesten

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�sehr viel schwächer als In zahlreichen anderen Landesteilen. Die beiden Wirtschaftszweige, von denen der
Mittelwesten abhängig ist - verarbeitende Industrie und Landwirtschaft haben in den achtziger Jahren im
großen und ganzen mäßig abgeschnitten.
Der Mittlere Westen hat ein Symbol - den Maiskolben. Von den Industriestaaten Ohio, Indiana, Michigan
und Illinois bis zu den Präriestaaten
Kansas, Nebraska, North und South
Dakota ist das eine konstante Element
der Maisanbauer.
In unterschiedlichem Umfang ist die Landwirtschaft
ein Schlüsselelement der Wirtschaft
in jedem dieser Staaten.
Da fünf bis zehn Prozent der Bauern ihr Land Mitte der achtziger Jahre verloren hatten und die Dürre des
Jahres 1988 der sich erholenden Landwirtschaft schwere Schäden zufügte,
sah man dies als eine günstige Region
für die Demokraten an. Der amerikanische Senator Charles Grassley, ein
Republikaner aus Iowa, und Senator
J.J. Exon, ein Demokrat aus Nebraska,
stimmen darin überein, daß es Dukakis
und den Demokraten nicht gelungen
ist, aus den Schwächen der Landwirtschaft Kapital zu schlagen. Dies ist
teilweise auf eine Bemerkung von
Dukakis zurückzuführen, die er vor
über einem Jahr bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa gemacht hat,
als er den Mais und Sojabohnen anbauenden Farmern erklärte, sie sollten
sich nach alternativen Getreidesorten
umsehen,
einschließlich
belgischer
Endivien, einer teuren Salatsorte.
Diese Bemerkung schien das mangelnde
Wissen des Gouverneurs von Massachusets über Landwirtschaft zu unterstreichen.
Wann immer Bush und sein Vizepräsidentschaftskandidat Dan Quayle In
den ländlichen Gebieten des Mittelwestens
Wahlkampfveranstaltungen
durchführen, erinnern sie die Wähler
an die Bemerkung über die belgischen
Endivien.
Quayle schreckte sogar
nicht davor zurück, eine belgische
Endivie
mitzubringen,
um
damit

Dukakis noch lächerlicher zu machen.
Ein weiteres Thema von Bush bei
den Bauern des Mittelwestens ist das
von Präsident Jimmy Carter als Reaktion auf die Invasion Afghanistans
beschlossene und im Jahr 1980 verhängte Embargo auf Getreideverkäufe
an die Sowjetunion. Bush erklärte,
das Embargo bilde den Kern der landwirtschaftlichen Probleme der achtziger Jahre.
Bei einem Angriff der
Konservativen gegen die Demokraten
stellte Bush fest, Dukakis strebe
staatliche Kontrollen über die jeweiligen Entscheidungen der Farmer an.
In der letzten Debatte versuchte
Dukakis diesen Angriffen mit der Erklärung zu begegnen, er wolle keine
staatlichen Interventionen
in der
Landwirtschaft, die über die im heutigen Landwirtschaftsgesetz vorgesehenen Produktionskontrollen hinausgehen. "Ich bin gegen Embargos", sagte
Dukakis in der letzten Debatte. "Ich
bin ferner gegen das Pipeline-Embargo, das Sie (die Republikaner) verhängen wollten; das war ein weiterer
Fehler, der Tausenden von amerikanischen Arbeitern im Mittelwesten ihren Arbeitsplatz gekostet hat."
Im Mittelwesten ist der Handel
das
beherrschende
außenpolitische
Thema.
Bei über der Hälfte ihrer
Mais-,
Soja- und
Weizenproduktion
hängen die amerikanischen Bauern vom
Export ab.
Die Landbevölkerung im
Mittelwesten neigt zur Verteidigung
des freien Handels, weil sie auf die
ausländischen Märkte angewiesen ist.
Hingegen machen sich die Arbeitnehmer
In städtischen Gebieten eher Sorgen
über ausländische Konkurrenz bei Industrieprodukten und tendieren deshalb
zu einer eher protektionistischen Haltung.
In einer Region
ohne Küstenstreifen ist Handel das
außenpolitische Thema.
Inmitten der Mais- und Sojabohnenfelder im Zentrum dieses flachen
Landes
erheben
sich
unvermittelt
große Städte wie Chicago, die heimliche Hauptstadt dieser Region. Vie-

�le Industriezweige, auf denen vormals
das Schwergewicht dieser Industriestädte lag, darunter die Stahlhütten
um Chicago, die Automobilfabriken in
Detroit und in ganz Ohio, die verarbeitende Industrie in Milwaukee und
St. Louis, wurden stillgelegt oder
mußten starke Einbußen hinnehmen, als
sie durch den überbewerteten Dollar
Mitte der achtziger Jahre an Konkurrenzfähigkeit verloren.
Als Dukakis in diesen Städten als
Wahlkämpfer auftrat, der von einer
"Wirtschaft wie ein Schweizer Käse"
sprach, die Teilen des Landes den
Wohlstand in den Bereichen Hochtechnologie und Dienstleistungen vorenthalte, wie er an der Ost- und Westküste offen zutage tritt, so brachte
dies den Demokraten zu Anfang Pluspunkte in der öffentlichen Meinung
ein.
Allerdings zeigten sich in den
Jahren 1987 und 1988 sowohl in der
Landwirtschaft als auch in den verarbeitenden Industrien der Region erste
Ansätze von Verbesserungen, wodurch
Bushs Kampagne unter dem Schlagwort
"Frieden und Wohlstand" an Glaubwürdigkeit gewann.
Da viele ehemalige Beschäftigte
in der Automobil- und Stahlindustrie
sowie in anderen Industriezweigen die
ausländische Konkurrenz für ihr Dilemma verantwortlich machen, haben
Dukakis und sein Kandidat für die Vizepräsidentschaft,
Lloyd
Bentsen,
versucht, härtere Maßnahmen beim Handel - oder "ökonomischen Nationalismus" - zu benutzen, um Unterstützung
in den Städten zu gewinnen. Während
einer Rede in einer Fabrik in St.
Louis erklärte der demokratische Kandidat: "Vielleicht möchten die republikanischen Kandidaten, daß unsere
Kinder für ausländische Besitzer arbeiten, ausländischen Besitzern Miete
zahlen und ihre Zukunft ausländischen
Besitzern verdanken."
Das Thema kam im Mittelwesten
durchaus an, aber Dukakis benutzte es
an der falschen Stelle und über-

raschte seine Zuhörerschaft von Fabrikarbeitern
damit.
Dukakis war
sich nicht bewußt, daß die Firma, bei
der er seine Rede hielt, seit längerem erfolgreich geführt wird und der
italienischen Familie gehört, die
Hauptanteilseigner bei Fiat ist. Die
Attacke gegen ausländischen Besitz
war ein weiterer auf einer ganzen
Liste von Dukakis-Fehlern; ein lokaler Vertreter der Republikaner erklärte, "jedesmal, wenn Dukakis in
unseren Staat kommt, gewinnen wir
Stimmen".
Jede Seite verläßt sich auf den
zweiten Mann auf der Wahlliste, um
die Botschaft der Partei in den Mittelwesten zu tragen. Quayle, ein Senator aus Indiana, führt seinen Wahlkampf als Sohn einer Kleinstadt des
Mittelwestens.
Obwohl Bentsen als
nüchterner Patrizier erscheinen kann,
findet der Senator aus Texas als
Ranch-Besitzer
und Verfechter der
Handelsgesetzgebung Anklang bei der
Bevölkerung dieser Region.
Es war deshalb offenkundig, daß
sich die beiden Kandidaten zu ihrer
einzigen Debatte in Omaha trafen.
Einem ehernen Gesetz der amerikanischen Politik zufolge fällt die
Auswahl des Kandidaten für das Amt
des Vizepräsidenten kaum ins Gewicht.
In dieser Wahl wurde den amerikanischen Wählern wiederholt ins Gedächtnis gerufen, daß der Vizepräsidentschaftskandidat sich sehr wohl
als wichtig erweisen kann. Drei Präsidenten der jüngeren Vergangenheit Harry Truman, Lyndon Johnson und
Gerald Ford, sahen sich unversehens
von der normalerweise unbedeutenden
Position des Vizepräsidenten in das
höchste Amt katapultiert.
Aufgrund dieser Erfahrung wurde
der Bentsen-Quayle-Debatte besondere
Bedeutung beigemessen, insbesondere
in Anbetracht der weiteren Fragen
über
Quayles
Qualifikationen.
Bentsen sprach mehrere wichtige gegen
die Republikaner gerichtete Themen
an, die er in seiner Kampagne in der
gesamten Region vertreten würde: daß

- 3 -

�sich die Illusion des Wohlstandes auf
öffentliche Verschuldung gründe, daß
Ausländer Unternehmen und Immobilien
aufkauften, daß er im Gegensatz zu
Quayle befähigt sei, das Amt des Präsidenten auszufüllen.
Der Republikaner Quayle sprach
die meiste Zeit über Bush und griff
Dukakis an - er ignorierte Bentsen
nahezu völlig. Ständig porträtierte
er Dukakis als jemanden, der die
Steuern erhöhen, die militärische
Einsatzbereitschaft
reduzieren
und
eine Reihe liberaler Maßnahmen durchführen würde.
Der
kritische
Augenblick
der
Fernsehdebatte kam, als Quayle zum
dritten Mal im Verlauf der 90 Minuten
währenden Debatte die Frage gestellt
wurde, wie er vorgehen würde, wenn er
plötzlich das Präsidentenamt übernehmen müßte. Quayle erwiderte, seine
Erfahrung in Senat und Repräsentantenhaus ließen sich mit denen Präsident John F. Kennedys bei seinem
Amtsantritt 1960 vergleichen. Damit
wurde einer der dramatischsten Wortwechsel
des
gesamten
Präsidentschaftswahlkampfes entfacht.
Bentsen: "Senator, ich habe mit
Jack Kennedy zusmamengearbeitet. Ich
habe Jack Kennedy gekannt.
Jack
Kennedy war mein Freund. Sie sind
kein Jack Kennedy, Senator."
Quayle:

"Das war unangebracht."

Bentsen:
"Sie sind derjenige,
der Vergleiche anstellt, und ich bin
derjenige, der ihn gut gekannt hat.
Und offen gesagt sind meiner Ansicht
nach ihre für ihr Land gewählten
Zielsetzungen so abwegig, daß ich den
Vergleich für nicht ganz angebracht
halte."
Die Republikaner reagierten auf
die sich vor allem auf Wirtschaftsfragen und Bushs Entscheidung für
Quayle konzentrierenden Angriffe der
Demokraten, indem sich sich auf Wertvorstellungen beriefen. Die Bewohner
des Mittelwestens betrachten die Wah-

rung traditioneller Werte als ihre
Pflicht. In dieser Region ist die
klassische amerikanische Kleinstadtfamilie im Holzhaus mit Lattenzaun
anzutreffen. Dies ist immer noch das
vorherrschende und wahrheitsgetreue
Bild im Herzen des Landes.
"Recht und Unrecht bilden immer
noch das Kernstück des Lebens im Mittelwesten, wo ich aufwuchs und wo Sie
leben", erklärte Quayle seinem Publikum in einer Kleinstadt in Ohio.
"Ich habe die Werte dieses Landesteils nicht vergessen."
Der demokratische
Senator von
Nebraska, Exon, gibt offen zu, daß
die Republikaner mit ihrer sich auf
WertVorstellungen
konzentrierenden
Kampagne
sehr
erfolgreich
waren.
Bush konnte bei den zu Beginn gegen
Bushs privilegierte Herkunft und Erziehung
voreingenommenen
Bewohnern
des Mittelwestens mit dem Problem des
Fahneneides Erfolge verzeichnen. Obwohl nationale Verteidigung - ebenso
wie Außenpolitik - im Mittelwesten
eine geringere Rolle spielt als im
Süden, wird die Fahne verehrt. Bushs
Kritik an Dukakis, weil dieser ein
Gesetz des Bundesstaates nicht unterzeichnete, das Lehrer auffordert, mit
ihren Schülern den Fahneneid zu sprechen, beeinflußte die Wähler im Mittelwesten, zumal diese wenig über den
Gouverneur von Massachusetts wußten.
Außer beim Problem des Fahneneides errang Bush positive Reaktionen
mit seiner Kritik an Dukakis, daß
dieser Verbrecher mit Samthandschuhen
anfasse, gegen die Todesstrafe sei
und die Kontrolle des Waffenbesitzes
befürworte.
"In diesen Staaten, in
denen die Familie eine hohe Priorität
einnimmt, kommt Werten große Bedeutung zu", erklärte Exon. "Recht oder
Unrecht - Dukakis hat im Hinblick auf
alle Werte Unrecht."
Beide Seiten sind ins Kreuzfeuer
der Kritik geraten, weil sie nebensächliche Fragen behandelt haben anstatt die speziellen Probleme der Bewohner des Mittelwestens anzuspre-

- 4 -

�chen.
Die Agrarpolitik des Landes
wird im nachten Jahr neu erarbeitet,
und kein Präsidentschaftskandidat hat
dazu in einer längeren Rede Stellung
genommen. In dieser vom Export betroffenen Region hat keine Seite dargelegt, wie sie mit Wechselkursschwankungen umgehen will.
Da keiner der Kandidaten aus dem
Mittelwesten stammt und beide offen
zugeben, nicht viel von Agrarpolitik
zu verstehen, muß der Präsidentschaftswahlkampf 1988 im Mittelwesten
noch Interesse wecken.
Bush wird
nicht auf dieselbe Art und Weise verehrt wie der aus Illinois stammende
Ronald Reagan in den Jahren 1980 und
1984. Dukakis gilt als reservierter
Intellektueller von der Ostküste und
hat es bisher versäumt, die Unzufriedenheit mit Bushs Kandidatur in einen
Vorteil für sich umzumünzen.
Dukakis konzentriert sich auf die
Industriestaaten, wenn es um die für
seine Wahl entscheidenden Stimmen
geht. Ein Sieg von Bush in den drei
Industriestaaten des Mittelwestens Ohio, Michigan und Illinois - würde
seine Wahl gewährleisten.
Quayles
Heimatstaat Indiana wird sicher zusammen mit den Hochburgen der Republikaner - Nebraska und Kansas - Bush
beistehen.
Das ländliche Iowa ist Dukakis
stärkster Staat, gefolgt von den liberalsten Staaten der Region, Minnesota und Wisconsin. Missouri, North
und South Dakota tendieren zu Bush.
Die Bewohner des Mittelwestens
haben in ihrem Wahlverhalten Unabhängigkeit bewiesen, und erwartungsgemäß wird Bush seiner Partei nicht
dabei helfen, in dieser Region Sitze
im Senat und Repräsentantenhaus zu
erlangen. In zahlreichen Staaten, in
denen Bush wahrscheinlich den Sieg
davontragen wird, liegen die demokratischen Kandidaten für den Senat erheblich vor ihren republikanischen Gegnern.

* * * * * *

- 5

�AMERIKA DIEN
Hintergrundmaterial

26. Oktober 1988

39

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE WAHLBETEILIGUNG IN AMERIKA:

WARUM SIE SO NIEDRIG SCHEINT

- Von Raymond E. Wolfinger WASHINGTON - (AD) - Der Autor, dessen Beitrag wir nachstehend "eröffentlichen, ist Professor für politische Wissenschaften und Direktor des State
Data Program an der University of California, Berkeley. Der Verfasser zahlreicher Bücher und Artikel über Wahlen und Wähler ist ehemaliger Vorsitzender
des Sachverständigenrats der National Election Studies.
Jeder weiß, daß Wahlen in Amerika
von einer geringen Wahlbeteiligung
geprägt sind.
1980 und 1984 haben
nur 53 Prozent der Personen im Wahlalter ihre Stimme für einen Präsidentschaf tskandidaten
abgegeben.
Dies steht im krassen Gegensatz zu
den zwischen 70 und 90 Prozent liegenden Wahlbeteiligungen in europäischen Demokratien.
Nur bei den
Schweizern liegt der Prozentsatz noch
unter dem in Amerika. Dies ist keine
nenere Entwicklung, sondern war während des gesamten 20. Jahrhunderts
ein amerikanisches Phänomen.
Die geringe Wahlbeteiligung ist
in den Vereinigten Staaten immer
schon ein bedeutendes Thema gewesen
und
von ausländischen Beobachtern
wird sie ganz allgemein registriert -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

und beklagt. Bedauerlicherweise wird
dieses Thema von den hiermit befaßten
Personen häufig fälschlicherweise mit
der Motivation einzelner Bürger verbunden. Im Vergleich zu Bürgern anderer Demokratien werden Amerikaner
als vermeintliche Gelegenheitswähler
betrachtet, die - von der Politik gelangweilt und von der Gesellschaft
entfremdet - Politikern mißtrauisch
und der Regierung argwöhnisch gegenüberstehen und das Ergebnis eines
möglichen eigenen politischen Engagements
pessimistisch
beurteilen.
Bei Europäern ist das angeblich nicht
der Fall, daher auch die 94prozentige
Wahlbeteiligung in Italien, eine 89prozentige in Österreich und Belgien,
und so weiter.
Die Tatsachen aber sehen anders

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�aus. Vor einigen Jahrzehnten führten
zwei politische Wissenschaftler von
der Princeton University erstmalig
eine vergleichende Untersuchung der
öffentlichen Meinung in verschiedenen
Ländern durch.
Sie wollten beispielsweise wissen, auf welche Merkmale ihrer Heimatländer die Befragten
besonders stolz sind. 85 Prozent der
Amerikaner gaben an, sie seien auf
ihr politisches System, auf die Verfassung
und
vergleichbare
Werte
stolz. In Italien, wo die Wahlbeteiligung bei 94 Prozent liegt, waren
nur drei Prozent der Bevölkerung auf
politische Einrichtungen und Abläufe
stolz.
In
aktuelleren
Untersuchungen
wurden die Ansichten gegenüber politischen Institutionen in den Vereinigten Staaten und einigen europäischen
Ländern
erforscht.
Die
Schweizer drückten die größte Zufriedenheit mit ihrer Regierung als Ganzes aus, Amerikaner waren nur geringfügig weniger zufrieden. Ganz am Ende der Skala rangierten die Italiener
als die unzufriedensten.
Die Vereinigten Staaten stehen im Hinblick
auf politisches Interesse unter fast
einem Dutzend Nationen beharrlich an
der Spitze. Die Frage, wie negativ
sie die Möglichkeit eigener Einflußnahme in der Politik beurteilen würden, wenn sie sich selbst politisch
engagierten, beantworteten Amerikaner
und
Bürger
der
Bundesrepublik
Deutschland am wenigsten pessimistisch, die Österreicher am meisten.
Auf die Frage nach der Beurteilung
ihres persönlichen Einflusses auf die
Politik äußerten Amerikaner und Griechen die stärkste Zuversicht, Belgier
die geringste. Die Ergebnisse solcher
vergleichender
Untersuchungen
sind stets die gleichen: wenn die
mögliche Höhe der Wahlbeteiligung in
jedem Land nur aufgrund der Motivation beurteilt würde, stünden die
Vereinigten Staaten an der Spitze
statt an vorletzter Stelle.
Würde bei der Ermittlung der
Wahlbeteiligung nicht danach gefragt,
wieviel Prozent der Personen im Wahl-

alter auch tatsächlich ihre Stimme
abgegeben haben, (die in den USA angewandte
Methode),
sondern
würde
vielmehr der Prozentsatz derjenigen
Wähler zugrundegelegt, die in den
Wählerlisten eingetragen
sind und
tatsächlich an der Wahl teilnehmen
(die in Europa übliche Methode), dann
stünden die Vereinigten Staaten gar
nicht so schlecht da. Nach dieser
Methode liegen die Vereinigten Staaten im internationalen Vergleich an
elfter Stelle - lediglich acht Prozentpunkte hinter dem Ranglistenersten und volle 38 Punkte vor dem
Schlußlicht.
Die Schlußfolgerung daraus lautet
natürlich folgendermaßen:
die wesentliche Erklärung für die niedrige
Wahlbeteiligung in den Vereinigten
Staaten besteht darin, daß hier die
Registrierung vergleichsweise schwierig ist.
Das bedeutet keineswegs,
die amerikanische Wahlbeteiligung sei
in
Wirklichkeit
höher
als
sie
scheint, aber es richtet die Aufmerksamkeit auf die wesentliche Ursache
des Problems.
In einigen wenigen demokratischen
Gesellschaften
besteht
angeblich
Wahlpflicht, wobei NichtWähler mit
einem Bußgeld belegt werden könnten.
Diese Strafe ist aber nicht sehr hoch
und der Katalog berechtigter Entschuldigungen lang. Das Ergebnis der
gesetzlichen
Verpflichtung
scheint
eher moralischer denn finanzieller
Natur zu sein.
Das mit Abstand verbreiteste System zur Durchführung einer Wahl ist
die mehr oder weniger automatische
Registrierung. In den meisten europäischen Ländern ist es dem gesetzestreuen Bürger eine Pflicht, seinen
Wohnsitz den örtlichen Behörden zu
melden. Und bei einem Umzug von einem Ort zum anderen muß man laut Gesetz seine Adressenänderung mitteilen. Das im Zuge dieser Praxis geführte
Personenstandsregister
ist
gleichzeitig ein Wahlregister.
Mit
anderen Worten: wenn man dem Gesetz
folgt, ist man automatisch für die

- 2 -

�sich vor der Stimmabgabe registrieren
zu lassen.

Wahl registriert.
In Italien gibt es zwar keine gesetzlich vorgeschriebene Wahlpflicht,
aber in der Verfassung heißt es, jeder Bürger der Republik habe die
Pflicht zu wählen. Es kann sein, daß
NichtWählern ein entsprechender Vermerk über ihr Fernbleiben von der
Wahl in ihren Personalausweis gestempelt wird.
Darüber hinaus gewährt
die italienische Regierung Personen,
die zur Wahl in ihre Heimatdörfer zurückkehren wollen, eine freie Zugfahrt. Es überrascht niemanden, daß
Wahlen eine Gelegenheit zum Besuch
der Familie in der Heimat bieten.
In Großbritannien gibt es zwar
keine automatische Registrierung, die
Regierung führt aber eine jährliche
Erhebung durch, in deren Verlauf jeder Haushalt zwecks Aktualisierung
des Wahlregisters aufgesucht wird.
Die Briten sagen, es sei ein "Verstoß", sich nicht an dieser Erhebung
zu beteiligen. In Kanada unterstützen alle regionalen Regierungen die
beiden wichtigsten politischen Parteien vor jeder Wahl bei der Durchführung einer Erhebung in allen Haushalten, um die Bürger zur Wahl zu registrieren. Ein Verzeichnis der so
erfaßten Personen wird auffällig für
jedermann sichtbar ausgehängt, so daß
Kanadier stets genau wissen, ob sie
wählen dürfen und, wenn nicht, ob sie
deshalb etwas unternehmen können.
Andererseits trägt jeder Bürger
in den Vereinigten Staaten die Verantwortung, sich als Wähler registrieren zu lassen. In einigen Bundesstaaten ist diese Registrierung
relativ unkompliziert, in anderen etwas schwieriger. Es ist gang und gäbe, daß politisch interessierte Neuankömmlinge in einer Stadt sich nicht
rechtzeitig mit dem Registrierungsverfahren vertraut machen konnten, um
bei einer bestimmten Wahl ihre Stimme
abzugeben. Man muß sich nicht für
jede Wahl neu registrieren lassen, es
sei denn, man hat über einen Zeitraum
von mehreren Jahren hinweg nicht gewählt.
Es ist jedoch unerläßlich,

Die Zahl der abgegebenen Stimmen
ist nicht nur bei den eingetragenen
Wählern allgemein sehr hoch, sondern
auch bei Gruppen eingetragener Wähler, die zumeist als Gelegenheitswähler eingeschätzt werden. Von denjenigen Amerikanern, die noch nie eine
High School von innen gesehen haben,
geben 51 Prozent ihre Stimme ab, verglichen mit 84 Prozent derjenigen,
die mindestens ein Jahr lang weiterführende Studien betrieben haben; die
Kluft zwischen diesen beiden Gruppen
beträgt 33 Prozentpunkte.
Andererseits beläuft sich die Wahlbeteiligung der als Wähler registrierten
Amerikaner ohne Hochschulausbildung
auf 79 Prozent verglichen mit 96 Prozent derjenigen, die weiterstudiert
haben.
Der Unterschied macht hier
nur 17 Prozentpunkte aus. (Aus technischen Gründen ist die in Statistiken genannte Zahl der abgegebenen
Stimmen - auf die sich meine Daten
für bestimmte Teile der Bevölkerung
stützen - stets beträchtlich höher
als die "offizielle", für die Gesamtbevölkerung maßgebliche Zahl. Diese
Disparität hat jedoch keinen Einfluß
auf Vergleiche zwischen den statistisch Erfaßten).
Es ist allseits bekannt, daß insbesondere junge Amerikaner nur gelegentlich wählen und die Wahlbeteiligung mit zunehmendem Alter steigt.
Unter den eingetragenen Wählern bestehen jedoch keine Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen und
dem Wahlverhalten. Personen unter 25
werden - wenn sie registriert sind ebenso häufig zur Wahl gehen wie diejenigen im Alter von 55 Jahren. Aus
dem gleichen Grund werden 74 Prozent
der angeblich nicht an Politik interessierten Personen - wenn sie eingetragen sind - dennoch wählen.
Bei einer Analyse dieser Erkenntnisse könnte man sich fragen, welche
Lebensumstände gegen eine Registrierung sprechen.
Ein Wohnsitzwechsel
zählt hier zu den wichtigsten Fakto-

- 3 -

�ren. Die jüngsten Studien des amerikanischen
Statistischen
Bundesamts
über geographische Mobilität belegen,
daß ganze 20 Prozent aller Amerikaner
nicht einmal ein Jahr lang unter derselben Adresse wohnhaft waren.
Im
Jahr 1980 hatten ein Drittel aller
erwachsenen Einwohner zwei Jahre lang
nicht an ihrem damaligen Wohnsitz gelebt. Von hier an werde ich mich auf
die Wahlen des Jahres 1980 beziehen,
da eine der besten Datenquellen zur
Wahlbeteiligung - die Wählerbeilage
der aktuellen Bevölkerungsumfrage des
amerikanischen Statistischen Bundesamts - nach 1980 bedauerlicherweise
keine Erhebungen mehr zur geographischen Mobiltät anstellte. In jenem
Jahr gingen 48 Prozent derjenigen,
die zwei Jahre lang nicht den gleichen Wohnsitz hatten, zur Wahl, verglichen mit 65 Prozent derjenigen,
die über einen längeren Zeitraum hinweg keinen Wohnsitzwechsel vorgenommen hatten. Mehrfache Analysen dieser Daten belegen, daß es hierfür offenkundige Ursachen gibt; jemand, der
gerade umgezogen ist, wird wahrscheinlich aus genau diesem Grund
nicht wählen:
er lebt noch nicht
sehr lange an seinem heutigen Wohnsitz.

Wenn jemand an einen anderen Wohnsitz
zieht, scheinen zahlreiche Dinge entschieden wichtiger als sich in die
Wahlliste eintragen zu lassen. Die
Hälfte der Umzüge findet im Sommer
statt. Wenn jemand im Sommer eines
Wahljahres umzieht, bleibt ihm im
allgemeinen ungefähr nur ein Monat
zur Registrierung vor Ablauf der Eintragungsfrist, die in den meisten
Fällen 30 Tage bis zum Wahltermin beträgt. Wenn er in einem Jahr umzieht, in dem keine Wahlen stattfinden, besteht kein großer Anreiz, sich
registrieren zu lassen.

Dies bringt uns zum zweiten Grund
mangelnder Motivation als Erklärung
für eine niedrige Wahlbeteiligung:
die "Wohnsitzwechsler", also diejenigen, die an ihrem heutigen Wohnsitz
weniger als zwei Jahre lang lebten,
waren ganz und gar nicht weniger interessiert,
informiert,
aufmerksam
oder im politischen Geschehen engagiert als die anderen zwei Drittel
der Bevölkerung, aber es war dennoch
entschieden unwahrscheinlicher, daß
sie zur Wahl gingen. Sie waren Gelegenheitswähler, da sie noch nicht dazu gekommen waren, sich als Wähler
registrieren zu lassen. Zwei Jahre
sind im Zusammenhang zwischen Mobilität und Registrierung kein maßgeblicher Faktor; je länger jemand an seinem heutigen Wohnsitz lebt, umso eher
geht er zur Wahl, wobei mindestens
sechs Jahre eine Obergrenze bilden.
Der Grund dafür liegt auf der Hand.

Da einige Amerikaner - vor allem
die jungen und ungebildeten - wahrscheinlich nicht zur Wahl gehen, sind
die tatsächlichen Wähler kein repräsentativer Querschnitt der Gesamtbevölkerung.
Sie sind eher älter,
wohlhabender und gebildeter.
Diese
soziologischen Erwägungen sind jedoch
politisch nicht von solcher Bedeutung
wie ideologische Richtungen, parteipolitische Präferenzen und Meinungen
zu bestimmten Themen. Wie repräsentativ sind die Wähler in diesen eindeutig
politischen
Denkkategorien?
Die Antwort darauf erhält man durch
den einfachen Vergleich zwischen den
tatsächlichen Wählern und der Gesamtbevölkerung
unter
Berücksichtigung
aller dieser politischen Faktoren.
Die Antwort ist überraschend.
Die
Demokraten sind in den beiden Gruppen
zu gleichen Teilen vertreten, die Republikaner liegen 3,7 Prozent höher

Wenn man an zunehmender Wahlbeteiligung interessiert ist, liegen
die Auswirkungen einiger der hier
vorliegenden
Erkenntnisse
auf der
Hand.
Einerseits wäre es sinnlos,
Zeit mit Patentrezepten zu vergeuden,
wie beispielsweise den Wahltag zum
Feiertag zu machen, Wahlen an einem
Sonntag abzuhalten oder die Wahllokale 24 Stunden geöffnet zu halten.
Mit anderen Worten - die Aktivisten,
die davon überzeugt sind, daß ein
Mittel zu höherer Wahlbeteiligung in
der Registrierung einer größeren Zahl
von Einwohnern liegt, sind auf dem
richtigen Weg.

- 4 -

�und diejenigen ohne Parteizugehörigkeit - die Unabhängigen - schlagen
unter den Wählern kaum zu Buche. Insofern als die Stimmen der Unabhängigen für den Wahlsieger im allgemeinen
unerheblich sind, liegt die Schlußfolgerung nahe, daß selbst eine 100prozentige Wahlbeteiligung höchtwahrscheinlich keine anderen Wahlergebnisse hervorbringen würde.
Alle anderen politischen Unterschiede zwischen den Wählern und der
Gesamtbevölkerung
sind
entschieden
unerheblicher als diese Kluft von weniger als vier Prozentpunkten. Darüber hinaus bilden diese anderen Unterschiede kein gleichmäßiges Muster.
Bei einigen Themen tendieren die Wähler eine Idee mehr nach links, zu anderen sind sie eher konservativ eingestellt; und am wenigsten repräsentiert sind gelegentlich diejenigen,
die zu einem bestimmten Thema überhaupt keine Position bezogen haben.
Diese Unterschiede sind so geringfügig, daß sie bei allen Statistiken
innerhalb der Fehlergrenze liegen.
Mit anderen Worten, es ist wissenschaftlich belegt, daß eine geringe Wahlbeteiligung in den Vereinigten
Staaten weder Hoffnungslosigkeit und
Verdrossenheit des Bürgers widerspiegelt noch ein Wahlverhalten produziert, das absolut nicht repräsentativ für die politischen Präferenzen
der gesamten amerikanischen Bevölkerung ist.

* * * * * *

- 5 -

�; eo

s&gt;

VoN^

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

26. Oktober 1983

39

SCHROTT IM WELTRAUM

WASHINGTON - (AD) - Mehr als 7 000 Objekte von 10 cm Größe aufwärts werden
routinemäßig von Radargeräten des "Kommandos Weltraum" der amerikanischen
Luftstreitkräfte überwacht. Diese Objekte, die in niedrigen Bahnen u= die Erde kreisen, sind zum allergrößten Teil Schrott von Raumflugunternehmen - ausgebrannte Raketen, Raketentrümmer, nicht mehr funktionsfähige Satelliten, Abfälle aller Art und Tausende Bruchstücke von im Laufe der Zeit aufgebrochenen
Satelliten.

Wie die Zeitschrift
"Aviation
Week &amp; Space Technology" kürzlich berichtete, handelt es sich bei nur
fünf Prozent der beobachtbaren Objekte
um
betriebsfähige
Satelliten.
Zwölf Prozent sind "Verpackungsabfall", zum Beispiel Instrumentenverkleidungen, Linsenkappen, etc., 14
Prozent Raketenschrott, 20 Prozent
inaktive Nutzlasten und die restlichen 49 Prozent Fragmente aller
Art. Da sie sich mit 8 - 1 0 km/sec
bzw. 28 800 - 36 000 km/st bewegen,
kommen sie infolge ihrer hohen Geschwindigkeit
geballten
Ladungen
gleich.
Wesentlich größer aber seien die
Gefahren, wie Joseph Mahon, Stellvertretender Direktor für Flugsysteme
der US-Behörde für Luft- und Raum-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fahrt (NASA) vor einem Kongreßausschuß erklärte, die von den vielen
Zehntausenden sehr kleiner Partikel
erwachsen könnten. Mit den heutigen
Mitteln der Technik seien sie von der
Erde aus nicht aufzuspüren, geschweige denn kontinuierlich zu beobachten.
Berechnungen des Europäischen Raumfahrtzentrums (ESOC) in Darmstadt zufolge dürften manche von ihnen Geschwindigkeiten von ca. 15 OOOm/sec
haben. Selbst ein Farbpartikel kann,
wie vermutlich bei einem Raumtransporter im Jahr 1983 geschehen, unter
solchen Umständen beachtliche Wirkungen erzielen: Nach der Landung wurde
ein regelrechter Krater im CockpitFenster festgestellt, der durch den
"Treffer" erzeugt worden war. Mahon
schätzt anhand der gegenwärtig vermuteten Partikeldichte in Flughöhe der

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Telex: 8-85432

�amerikanischen Raumtransporter (ca.
300 km), daß für diese Flugsysteme
die durchschnittliche Treffergefahr
mit Schadensauswirkung auf 1:30 pro
Flug anzusetzen sei. An Teilen des
Forschungssatelliten SOLAR MAX, die
im Jahr 1984 von Astronauten nach der
Reparatur des Satelliten im Weltraum
zur Erde zurückgebracht wurden, zählte man 3 000 winzige Einschlagkrater.
Die meisten waren durch Partikel oder
Fragmente verursacht, die infolge der
Raumfahrtaktivitäten in den Weltraum
gelangt waren.

größere Sicherheit gegen ein späteres
Aufbrechen in immer mehr Fragmente zu
schaffen.
Man ändere außerdem die
Konstruktion von Raketen, um Explosionen im Weltraum zu verhindern.
Ferner werde die Möglichkeit untersucht, Raumfahrtgeräte, die lange
Zeit einsatzfähig bleiben sollen oder
die künftige Raumstation aus Gefahrenbereichen zu manövrieren.
Spezielle Neuentwicklungen bei der Radartechnik könnten helfen, auch die
kleineren Schrottfragmente zu erfassen und zu beobachten.

Im Laufe der 31 Jahre seit Beginn
des "Zeitalters der Raumfahrt" hat
sich in dem Bereich bis ca. 2 000 km
Höhe, wo auch die meisten Wetter- und
Navigationssatelliten, Satelliten für
Forschungszwecke aller Art und für
Fernerkundung um die Erde kreisen,
eine regelrechte Wolke von Schrottpartikeln angesammelt.
NASA-Wissenschaftler vermuten, daß sich mindestens 35 000 Teile in der Größe von
Murmeln darunter befinden. Ein weiterer "Schrottgürtel" existiert und
wächst in 36 000 km Abstand von der
Erde. Dort sind die Nachrichtensatelliten stationiert. Allerdings ist
in dieser Zone das Abfallproblem noch
nicht so schwerwiegend. Alles in allem müsse aber künftig eher mit Treffern durch Objekte, die von Raumfahrtaktivitäten herrühren, als durch
Objekte natürlicher Herkunft - zum
Beispiel Mikrometeoriten - gerechnet
werden.
Dennoch dürfte gegenwärtig
das Risiko noch gering sein, denn
"unseres Wissens wurde noch kein
Raumfahrtgerät
durch
Objekttreffer
funktionsunfähig gemacht oder zerstört", sagte Mahon.

Angesichts der Tatsache, daß immer mehr Nationen eigene Raumfahrtprogramme aufbauen, entwickle sich
"Abfall im Weltraum" zu einem wachsenden internationalen Problem. Nach
Angaben von Philip Kunsberg vom amerikanisches
Verteidigungsministerium
nahm der Anteil der Sowjetunion als
Verursacher von Schrott im Weltraum
seit 1981 "drastisch zu". Europa und
China starten ebenfalls routinemäßig
Raumfahrtgeräte - Japan, Indien und
andere Nationen sowie private Organisationen werden bald folgen. Somit
wird auch die juristische Frage der
Haftung immer komplexer.

Allerdings sei es an der Zeit,
daß sich technische Experten wie auch
Politiker mit der Frage befassen, wie
dem Problem "Schrott im Weltraum"
beizukommen sei. Denn dieses könne
unter anderem die kommerzielle Nutzung der Raumfahrt erheblich beeinträchtigen. In den USA bemühe man
sich, so Mahon, derzeit darum, Raumfahrtgeräte besser gegen mögliche
Treffer abzuschirmen und so auch

In den Vereinigten Staaten wurde
eine interministerielle Arbeitsgruppe
eingerichtet, die sich nun mit den
einschlägigen technischen und politischen Fragen solcher Aktivitäten
befaßt.
Sie wird auch Vorschläge
ausarbeiten, wann und unter welchen
speziellen Aspekten sich die USA mit
den Regierungen anderer Länder in
Verbindung setzen sollten, wie mit
Hilfe der Technik wenigstens für die
Zukunft MUllmengen im Weltraum verringert und wie rechtliche Fragen geklärt und gelöst werden könnten.

- 2 -

* * * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen in Amerika 1988&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush: sowjetische Reformen sind vielversprechend trotzdem ist Vorsicht angebracht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede in Fulton (Missouri)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush würde Weltumweltkonferenz einberufen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Artikel über einen Vorschlag im Wahlkampf&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Kandidaten scheuen das Thema Steuererhöhungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die wirtschaftspolitischen Positionen von Bush und Dukakis&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mittelwesten ist Feuerprobe für Dukakis-Wahlkampagne&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von C. David Kotok&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlbeteiligung in Amerika: Warum sie so niedrig aussieht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Raymond E. Wolfinger&amp;nbsp;&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schrott im Weltraum</text>
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dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

42

26. Oktober 1994

USA-NORDKOREA

MASSNAHMEN ZUR LOSUNG DER
NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen

AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER
FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN
KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

UMWELT

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker

DEMOKRATIE

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-NORDKOREA
26. Oktober 1994

MASSNAHMEN ZUR LÖSUNG DER NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen
GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das am 21. Oktober 1994 in Genf von Vertretern der beiden
Staaten unterzeichnete "Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Demokratischen Volksrepublik Korea" im Wortlaut.

Delegationen der Regierung der Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea führten vom 23. September bis 21. Oktober
1994 in Genf Gespräche zur Aushandlung einer
umfassenden Lösung der Nuklearfrage auf der
koreanischen Halbinsel.
Beide Seiten unterstrichen die Bedeutung der in der
amerikanisch-nordkoreanischen Erklärung vom 12.
August 1994 aufgestellten Ziele sowie der Grundsätze der Gemeinsamen Erklärung vom 11. Juni 1993

zeichnung dieses Dokuments einen Vertrag über
die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren
abzuschließen.
Gegebenenfalls werden die Vereinigten Staaten
und Nordkorea ein bilaterales Abkommen über
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen
Nutzung von Kernenergie abschließen.
2. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober

zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf einer

1994 werden die Vereinigten Staaten als Vertreter

atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel.
Die
Vereinigten Staaten und Nordkorea einigten sich auf
folgende Maßnahmen zur Lösung der Nuklearfrage:

des Konsortiums Vorkehrungen treffen, um den
Energieverlust infolge des Einfrierens der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit in Verbindung stehender Einrichtungen bis zur Fertigstellung des ersten Leichtwasserreaktors auszugleichen.

I. Beide Seiten bemühen sich durch Zusammenarbeit um den Austausch der nordkoreanischen
Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen durch Kernkraftwerke mit Leichtwasserreaktoren.
1. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober
1994 treffen die Vereinigten Staaten Vorkehrungen, um Nordkorea bis zum Jahr 2003 Leichtwasserreaktoren mit einer Kapazität von insgesamt 2.000 MW zu liefern.
Die Vereinigten Staaten organisieren und leiten
ein internationales Konsortium zur Finanzierung
und Lieferung des Nordkorea angebotenen
Leichtwasserreaktorprojekts.
Die Vereinigten
Staaten werden als Vertreter des internationalen
Konsortiums bei dem Leichtwasserreaktorprojekt
der wichtigste Ansprechpartner Nordkoreas sein.
Die Vereinigten Staaten werden als Vertreter des
Konsortiums große Anstrengungen unternehmen,
um innerhalb von sechs Monaten nach Unter-

AMERIKA DIENST 42

Alternative Energie wird in Form von Schweröl für
Heizzwecke und die Elektrizitätsversorgung
bereitgestellt.
Die Lieferung von Schweröl wird drei Monate nach
der Unterzeichnung dieses Dokuments aufgenommen und sich gemäß einem vereinbarten Lieferplan auf 500.000 Tonnen jährlich belaufen.
3. Nach Erhalt der amerikanischen Zusicherungen
über die Lieferung von Leichtwasserreaktoren
sowie über die vorübergehende Bereitstellung von
alternativen Energiequellen wird Nordkorea seine
Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang
stehende Einrichtungen einfrieren und schließlich
abbauen.
Das Einfrieren der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen wird
binnen eines Monats nach Unterzeichnung dieses
Dokuments abgeschlossen.
Während dieses

Seite 1

�einmonatigen Zeitraums und während des Einfrierens wird die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) die Einhaltung dieses Einfrierens überwachen, und Nordkorea wird mit der
IAEO zu diesem Zweck umfassend zusammenarbeiten.
Die Zerlegung der Graphitreaktoren und damit
verbundener Einrichtungen Nordkoreas wird mit
Abschluß des Leichtwasserreaktorprojekts beendet.
Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
beim Sondieren von Methoden zur sicheren
Lagerung der verbrauchten Brennstäbe aus dem
5-MW-Experimentierreaktor während des Baus
des Leichtwasserreaktors zusammenarbeiten und
die verbrauchten Brennstäbe in sicherer Weise
entsorgen, so daß sie nicht in Nordkorea wiederaufbereitet werden müssen.
4. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
so bald wie möglich nach Unterzeichnung dieses
Dokuments zwei Gesprächsrunden mit Experten
abhalten.
Bei der einen Gesprächsrunde werden die Experten Themen im Zusammenhang mit alternativen
Energiequellen sowie den Austausch des Graphitreaktors durch den Leichtwasserreaktor
erörtern.

chen auf Expertenebene ein Verbindungsbüro in
der Hauptstadt des anderen Landes eröffnen.
3. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
ihre bilateralen Beziehungen auf Botschafterebene
unterhalten, während Fortschritte bei die jeweils
andere Seite betreffenden Problemen erzielt
werden.
III. Beide Seiten werden auf Frieden und Sicherheit
sowie eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel
hinarbeiten.
1. Die Vereinigten Staaten werden Nordkorea offizielle Zusicherungen gegen die Androhung oder
den Einsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten geben.
2. Nordkorea wird kontinuierliche Schritte zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Deklaration
über die Entnuklearisierung der koreanischen
Halbinsel unternehmen.
3. Nordkorea wird sich im Nord-Süd-Dialog engagieren, während dieses vereinbarte Rahmenabkommen zur Schaffung eines diesen Dialog fördernden Klimas beiträgt.
IV. Beide Seiten werden bei der Stärkung des internationalen nuklearen Nichtverbreitungsregimes
zusammenarbeiten.

Bei der anderen Gesprächsrunde werden die
Experten spezifische Arrangements für die
Lagerung verbrauchter Brennstäbe und ihre
endgültige Entsorgung diskutieren.

1. Nordkorea wird Partei des Nichtverbreitungsvertrags (NW) bleiben und die Umsetzung des
Sicherheitsabkommens im Rahmen des Vertrags
gestatten.

II. Beide Seiten streben die vollständige Normalisierung ihrer politischen und wirtschaftlichen Beziehungen an.

2. Nach Abschluß des Liefervertrags für die Bereitstellung der Leichtwasserreaktoren werden gemäß
dem nordkoreanischen Abkommen mit der IAEO
im Hinblick auf die nicht einzufrierenden Einrichtungen Ad-hoc- und Routineinspektionen
wiederaufgenommen. Bis zum Abschluß des
Liefervertrags werden die von der IAEO für die
Aufrechterhaltung der Sicherheitsvorschriften
geforderten Inspektionen bei den nicht einzufrierenden Einrichtungen fortgesetzt.

1. Beide Seiten werden binnen drei Monaten nach
Unterzeichnung dieses Dokuments Handels- und
Investitionshemmnisse abbauen, einschließlich
der Restriktionen bei Telekommunikationsdienstleistungen und Finanztransaktionen.
2. Jede Seite wird nach der Lösung konsularischer
und anderer technischer Fragen bei den Gesprä-

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 42

�AUSSENPOLITIK
26. Oktober 1994

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich
liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.
Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.
Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden
Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen
Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.
Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.
Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmükken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.
Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weitpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen. Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

AMERIKA DIENST 42

�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

AMERIKA DIENST 42

Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können, in den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen. Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann. Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

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Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�UMWELT
26. Oktober 1994

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker
PARIS - (AD) - Zusammen mit 80 weiteren Ländern unterzeichneten die Vereinigten Staaten einen Vertrag
über die Koordinierung der weltweiten Bestrebungen, eine fortschreitende Ausbreitung der Wüste, insbesondere
in Afrika, zu verhindern.
Die Konvention soll während der derzeitigen Sitzung der Generalversammlung in New York noch von weiteren
Ländern unterzeichnet werden können.
D. James Baker, Staatssekretär für Ozeane und Atmosphäre im US-Wirtschaftsministerium, leitete eine
amerikanische Delegation, die der Unterzeichnungszeremonie am 14. und 15. Oktober beiwohnte. Aus diesem
Anlaß hielt der Staatssekretär eine Ansprache über die Bedeutung der Wüstenkonvention, deren vorbereiteten
Text wir nachfolgend veröffentlichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
von Amerika bei dieser historischen Begebenheit
vertreten zu dürfen. Mein Land hat die Konvention
unterstützt, seit sie erstmals 1992 auf dem Erdgipfel
in Rio vorgeschlagen wurde. Wir sehen sie als
bedeutendes neues Mitglied in der "Rio-Familie" der
Umweltschutzverträge. Ich sollte zu Beginn meiner
Ausführungen darauf hinweisen, daß es etwas
irreführend ist, von einer "fortschreitenden Ausbreitung der Wüste" zu sprechen, weil dadurch das
Bild von Sanddünen und unbewohntem, unwiderruflich verlorenem Ödland hervorgerufen wird.
Das wirkliche Ziel dieses Vertrags ist die vorteilhafte,
langfristige Nutzung bewohnter Trockengebiete. Die
Abtragung von Trockengebieten ist ein Problem, das
Millionen Menschen auf einem Viertel der Erdoberfläche, jedoch insbesondere Afrika betrifft. Der
Vertrag gründet auf dem Bewußtsein, daß umweit und entwicklungspolitische Ziele in den Trockengebieten der Welt gemeinsam angestrebt werden
müssen. Wir wissen, daß ein klügerer Umgang mit
dieser bisher problembeladenen Ressource zur
Verminderung und letztlich Beseitigung des Hungers
und der Unterernährung in Afrika führen wird.
Unseres Erachtens ist das wichtigste Merkmal dieser
Konvention - für das sich die Vereinigten Staaten
entschieden eingesetzt haben - die Konzentration
auf die Basis: Beteiligung der Bevölkerung, eine

AMERIKA DIENST 42

wichtige Rolle nichtstaatlicher Organisationen, praktische und organisatorische Planung sowie - in den
Staaten, die Auslandshilfe benötigen - bessere
Koordination und Teamarbeit zwischen Geberländern
und Gastregierung.
Die Konvention und ihr wichtiger regionaler Anhang
Afrika tragen der Tatsache Rechnung, daß dieser
Ansatz bei der Verwaltung von Trockengebieten, der
in neuen Partnerschaftsabkommen zwischen Regierungen und Geldgebern (einschließlich UN-Organisationen, multilateralen Entwicklungsbanken und
nichtstaatlichen Organisationen) seinen Ausdruck
findet, flexibel und örtlichen Gegebenheiten angepaßt
sein muß. Er sollte von den Kommunalbehörden an
ihrem jeweiligen Sitz initiiert, anstatt durch eine in
Genf oder New York entworfene Formel vorgeschrieben werden. Unsere Erwartung ist, daß in jedem Fall
die wichtigste Institution ein nationaler Ausschuß sein
sollte, der mit einem parallelen Koordinierungsmechanismus des Gebers verbunden ist.
Es bestehen starke Verbindungen zwischen dieser
Konvention und anderen wichtigen internationalen
Umweltinitiativen. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Die Bekämpfung der Geißel der Versteppung wird zu
einer verbesserten Verwaltung und langfristigen
Nutzung der Wälder und somit zur Erreichung der
Ziele der Konventionen über Klimawandel und
Artenvielfalt führen. Die Umsetzung dieser drei
Verträge unter voller Berücksichtigung nationaler
Gesetze und Prioritäten kann uns helfen, ein be-

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�trächtliches Maß der weltweiten Umweltprobleme zu
lösen.
Ich möchte vier weitere Beobachtungen anstellen:
Erstens wird diese Konvention der Entwicklung und
vor allem Verbreitung einer neuen Frühwarntechnologie für Klimawandel Auftrieb verleihen. Während
wir die Dynamik der Klimaveränderung besser
verstehen lernen, können und müssen wir unter
anderem unsere Landwirte - insbesondere in den
ärmeren Ländern - in die Lage versetzen, im voraus
zu wissen, wann eine Dürre droht, damit sie im
Hinblick auf Getreide und Vieh angemessene
Entscheidungen zur Verhinderung oder Milderung
einer Katastrophe treffen können.
Zweitens ist die Rolle der Bevölkerung - wie bei
jedem anderen Aspekt tragfähiger Entwicklung - von
entscheidender Bedeutung. Wir wissen, daß die
Abtragung von Trockengebieten mit ihrer unsicheren
Ressourcenbasis in enger Verbindung zu menschlichen Aktivitäten steht, einschließlich schnellem
Bevölkerungswachstum. Wenn die Bestrebungen
zur Bekämpfung der Versteppung erfolgreich sein
sollen, müssen sie Hand in Hand mit wirksamen
Programmen gehen, die ein möglichst umfassendes
Angebot zur Familienplanung und reproduktiven
Gesundheit sowie Gesundheitsfürsorge für Mutter
und Kind enthalten. Nur wenn dieser Vertrag im
Zusammenhang mit dem kürzlich in Kairo beschlossenen Aktionsprogramm steht, kann er sein Potential
zur Bekämpfung von Hunger und Förderung von
Entwicklung, insbesondere in Afrika, verwirklichen.
Drittens sind wir dankbar, daß die Vertragsunterhändler während der Dauer der Verhandlungen

einen fruchtbaren Dialog mit den nichtstaatlichen
Organisationen führten. Unseres Erachtens ist es
von Bedeutung, daß die Umsetzung in diesem Geist
erfolgt, und ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die
Tatsache lenken, daß die Bestimmungen von Artikel
21, in denen eine innovative Finanzierung gefordert
wird, und der Anhang zu Afrika sowie andere Bestimmungen zu Partnerschaftsabkommen teilweise
darauf abzielen, den nichtstaatlichen Organisationen
eine starke und flexible Rolle einzuräumen.
Letztlich wissen wir alle, daß der Verhandlungsausschuß eine der Generalversammlung zur Annahme
vorzulegende Resolution entwarf, die freiwillige
"dringliche Aktionen" in Afrika fordert, damit die
Konvention möglichst schon ein Jahr vor ihrem
offiziellen Inkrafttreten in die Realität umgesetzt wird.
Unser Amt für internationale Entwicklung (AID) hat
ungefähr 500 Millionen Dollar an laufenden oder
geplanten Projekten ausgemacht, mit deren Hilfe die
Konvention auf vielfältige Weise unterstützt wird. Wir
haben die Absicht, diese Ressourcen nach Absprache mit afrikanischen Regierungen und anderen
Gebern zu nutzen, um dringliche Aktionen für Afrika
zu unterstützen. Und wir rufen alle anderen dazu
auf, sich an diesen wichtigen Bestrebungen zu
beteiligen.
Abschließend möchte ich der französischen Regierung für ihre Bemühungen zur Unterstützung dieser
Konvention sowie ihre Gastfreundschaft aus Anlaß
dieses historischen Ereignisses danken und die
Arbeit von Botschafter Kjellen, Sekretär Diallo und
zahlreichen anderen würdigen, die durch lange und
harte Arbeit dieses erfolgreiche Ergebnis ermöglicht
haben.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 42

�DEMOKRATIE
26. Oktober 1994

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington
Die Ereignisse der vergangenen Jahre kann man sehr wohl als Wendepunkt in der Weltgeschichte ansehen,
während eine Nation nach der anderen sich Demokratie und Marktsystemen zuwendet.
In dem nachfolgenden Artikel erörtert der Experte für Außenpolitik Samuel P. Huntington die Verbindungen
zwischen politischer und wirtschaftlicher Liberalisierung. Beide gründen sich auf Freiheit: Das Recht auf
Meinungs- und Koalitionsfreiheit, zu wählen und zu arbeiten, zu investieren und Eigentum zu besitzen ohne
Eingriffe des Staates. Obwohl Wirtschaftsreformen in den Anfangsstadien schmerzliche Opfer mit sich bringen
können, werden die langfristigen Vorteile und zunehmender Wohlstand dem Autor zufolge die politische Freiheit
untermauern.
Huntington ist Direktor des Olin Institute for Strategie Studies an der Harvard University. Copyright (c) 1993
Harvard International Relations Council, Inc.

Während der vergangenen 20 Jahre haben zwei
große Wogen des Wandels die Welt erfaßt. Eine ist
die Verlagerung von autoritären politischen Systemen - Militärregierungen, Diktaturen und kommunistischen Regimen - zu demokratischen politischen
Systemen.
Diese Welle der Demokratisierung
begann 1974 in südeuropäischen Nationen wie
Portugal, Griechenland und Spanien. Sie erfaßte
dann Ende der siebziger und Anfang der achtziger
Jahre Lateinamerika, und der Umbruch zur Demokratie vollzog sich in Ecuador, Peru, Argentinien,
Brasilien, Uruguay, El Salvador, Guatemala, Chile,
und andere lateinamerikanische Länder wie Mexiko,
Panama und Paraguay begannen, eine demokratische Richtung einzuschlagen. Kuba ist das einzige
lateinamerikanische Land, das nicht davon berührt
wurde. In der Zwischenzeit ist die Demokratisierung
bis nach Asien vorgedrungen, und eine Abkehr von
der autoritären Herrschaft ist auf den Philippinen, in
Südkorea, Pakistan und Bangladesch zu beobachten. 1989 brachen die kommunistischen Regime in
Ostmitteleuropa zusammen und wurden durch
demokratische Systeme ersetzt, und jetzt vollzieht
sich ein Wandel in einigen, wenn auch nicht allen
ehemaligen Sowjetrepubliken. In Südafrika ist die
Apartheid zu Ende gegangen, in vier anderen
afrikanischen Ländern wurden zum ersten Mal seit
Jahren Wahlen abgehalten, und seit Jahren amtierende Diktatoren wurden abgewählt. Im Nahen
Osten hat die Türkei die jüngste Hinwendung zur
Demokratie Anfang der achtziger Jahre vorgenommen und auch in Jordanien und Algerien hat eine

AMERIKA DIENST 42

gewisse Bewegung in eine demokratische Richtung
stattgefunden. Insgesamt haben seit 1974 über 40
Länder den Übergang zur Demokratie vollzogen, und
viele andere haben sich einer offeneren Politik
verschrieben, selbst wenn sie noch keine wirklich
vom Volk gewählten Regierungen haben.
Die
Demokratisierung ist zweifelsohne ein globales
Phänomen.
Die parallele und gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung ist ebenfalls ein globales
Phänomen. Dieser Trend beinhaltet Bestrebungen
zur Einschränkung der Einflußnahme des Staates auf
die Wirtschaft, den Rückgriff auf die Märkte bei der
Verteilung von Waren, die Privatisierung von Staatsbetrieben, Abschaffung staatlicher Bestimmungen,
Lizenzvorschriften und Subventionen, Abbau von
Zöllen und anderen Handelshemmnissen, Kürzung
der staatlichen Ausgaben, Ausgleich der Haushalte
und Eindämmung der Inflation. Die wirtschaftliche
Liberalisierung vollzieht sich in unterschiedlichen
Formen und daher ist es schwierig, wenn nicht gar
unmöglich, eine Liste von Ländern zu erstellen, die
angeblich eine vollständige Liberalisierung durchgeführt haben.
Mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen ist
jedoch praktisch jedes Land der Welt von diesem
Trend erfaßt worden. In der industrialisierten Welt
wurde diese Tendenz durch die Ziele und Maßnahmen der Regierungen Thatcher und Reagan verkörpert - obwohl der Trend zur Deregulierung in den

Seite 1

�'
Vereinigten Staaten unter der Carter-Administration
eingeleitet wurde. Ermutigt durch die Weltbank und
den Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die
meisten weniger entwickelten Länder, darunter
Indien, Brasilien, Argentinien und Mexiko, Schritte
zur wirtschaftlichen Liberalisierung unternommen.
Unter den kommunistischen Ländern übernahm
China die Führungsrolle bei der Einführung einer
tiefgreifenden Wirtschaftsreform Ende der siebziger
Jahre.
Heute gehen alle ostmitteleuropäischen
Länder und die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken in diese Richtung. Selbst Vietnam hat einige
kleine Schritte zur Öffnung der Wirtschaft des
Landes unternommen. In der kommunistischen Welt
scheinen nur Kuba und Nordkorea relativ unbeteiligt
zu sein, wobei sich in Nordkorea Anzeichen eines
Wandels bemerkbar machen.
Die Frage, die ich ansprechen möchte, betrifft die
Beziehungen zwischen diesen Wellen politischer
Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung.
Sind sie auf dieselben Ursachen zurückzuführen?
Inwieweit ähneln oder unterscheiden sie sich?
Verstärken sie sich gegenseitig oder konkurrieren sie
miteinander?
Wie kann man das gleichzeitige Auftreten dieser
beiden Trends Anfang der siebziger Jahre erklären?
Es scheint mehrere generelle Ursachen der Verlagerung zur Demokratie gegeben zu haben. Zu
diesen gehörten erstens die inhärenten Probleme
der Legitimität, mit denen sich nichtdemokratische
Systeme in der Welt von heute konfrontiert sahen.
Im großen und ganzen müssen diese Systeme auf
eine Leistungsbilanz zurückgreifen: das heißt, ihre
Fähigkeit, die gewünschten Ergebnisse hervorzubringen, die sowohl Recht und Ordnung als auch
wirtschaftliche Entwicklung beinhalten. Die weltweite
Stagnation in den siebziger Jahren führte bei vielen
autoritären Regimen zum Verlust der Legitimität
aufgrund der schlechten Wirtschaftsleistung. Durch
die beiden Ölschocks verlieh die Organisation der
erdölausführenden Länder (OPEC) der Demokratie
unabsichtlich großen Auftrieb.
Zweitens, obwohl die Stagnation der siebziger Jahre
die autoritären Systeme schwächte, hatten die zwei
Jahrzehnte außergewöhnlicher Wirtschaftsentwicklung vor 1974 die wirtschaftliche und soziale Grundlage für die Einführung demokratischer Systeme
gebildet. Mit Ausnahme Afrikas hatten die Gesellschaften weltweit mehr Wohlstand und Bildung
geschaffen, das Analphabetentum bekämpft, die
Urbanisierung vorangetrieben und eine maßgebliche
Mittelschicht hervorgebracht. Die meisten Länder,
die in den siebziger und achtziger Jahren den
Übergang zur Demokratie vollzogen, befanden sich
auf der höheren Ebene der Wirtschaftsentwicklung.

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Ab 1974 konnte man in der Tat mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen, in welchen Ländern in den
kommenden Jahren die Demokratisierung stattfinden
würde, indem man die Länder ausmachte, die sich
auf diesem Niveau der Wirtschaftsentwicklung befanden oder kurz davor standen.
Drittens, in den ersten rund 20 Ländern auf dem Weg
zur Demokratie wurde dieser Prozeß durch die
veränderte Rolle der katholischen Kirche stark
unterstützt. Historisch gesehen stand die Kirche
häufig im Bündnis mit autoritären Regimen. Dies
änderte sich Anfang der sechziger Jahre mit dem
Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Einfluß des
neuen liberalen Klerus und Laienpriestern in vielen
Ländern. Anfang der siebziger Jahre war die Kirche
in einem Land nach dem anderen zum schärfsten
Gegner sowohl rechter als auch linker Diktaturen
geworden. Portugal und Spanien waren unter den
ersten Ländern auf dem Weg zur Demokratie. Der
einzige katholische Kontinent - Südamerika - wurde
von der Demokratisierungswelle erfaßt. Die Philippinen, Asiens einziges katholisches Land, vollzogen die
Demokratisierung als erstes Land in Ostasien. Polen
und Ungarn, die beiden katholischen Länder Ostmitteleuropas, ebneten den Weg in diesem Teil der
Welt.
Viertens trieben Akteure von außen den Prozeß
voran. Dazu zählte die Europäische Gemeinschaft im
Hinblick auf die Süd- und osteuropäischen Länder.
Die Vereinigten Staaten unterstützten unter der
Carter- und Reagan-Administration den Prozeß in
hohem Maße für die lateinamerikanischen und
ostasiatischen Länder. Und obwohl der damalige
sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow die Demokratisierung der ostmitteleuropäischen Länder wahrscheinlich nicht wollte, widersetzte
er sich ihr nicht.
Schließlich gibt es den sogenannten Demonstrationsoder Schneeballeffekt. Sobald ein Land die Demokratisierung vollzieht, denken die Menschen in
anderen Ländern: "Wenn sie es können, warum nicht
auch wir?" Man kann auch lernen, wie man die
Demokratisierung vornimmt. Nach dem Zusammenbruch der ostmitteleuropäischen Diktaturen im Jahr
1989 wurde die Demokratisierung eine weltweite
Modeerscheinung. Politiker der Regierung und der
Opposition auf der ganzen Welt hatten das Gefühl,
sie müßten in eine demokratische Richtung gehen,
oder zumindest diesen Anschein erwecken.
Waren diese fünf Faktoren auch verantwortlich für die
gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung? Im großen und ganzen muß die Antwort
"Nein" lauten. Wirtschaftliche Liberalisierung scheint
unabhängig davon auf verwandte, aber unterschiedli-

AMERIKA DIENST 42

�che Ursachen zurückzuführen zu sein. Von entscheidender Bedeutung bei der Bewegung zur
Liberalisierung war die veränderte Denkweise unter
den Ökonomen in den fünfziger und sechziger
Jahren. Bis dahin waren Planung, Sozialismus,
staatliche Regulierung, öffentliche Unternehmen, der
Wohlfahrtsstaat und Keynesianismus die beherrschenden Themen der Wirtschaftspolitik. Die Dominanz dieser Sichtweise fand ihren Niederschlag in
der pessimistischen Zukunft, die Joseph A. Schumpeterdem Kapitalismus in seinem 1942 veröffentlichten klassischen Werk Kapitalismus, Sozialismus
und Demokratie vorhersagte. Ab den sechziger
Jahren wurde jedoch Neoliberalismus zum neuen
Dogma unter Wirtschaftswissenschaftlern. Dieser
Trend wurde durch die für den Wohlfahrtsstaat sowie
die offenkundige Ineffizienz staatlicher Planung und
öffentlicher Unternehmen erforderlichen höheren
Steuern genährt. Die neue Doktrin erfaßte rasch
auch internationale Wirtschaftsinstitutionen.
Die
Weltbank, die in den fünfziger Jahren Planung und
den öffentlichen Sektor unterstützt hatte, war in den
siebziger Jahren zu einem großen Verfechter von
Wettbewerb, Privatisierung und Märkten geworden.
Zusammen mit dem IWF wurde sie zu einem mächtigen externen Akteur, der die Länder von der Liberalisierung ihrer Wirtschaft zu überzeugen versuchte.
In den achtziger Jahren war Liberalisierung zum
weithin anerkannten Allheilmittel für wirtschaftliche
Malaisen auf der ganzen Welt geworden.
Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede bestehen
zwischen politischer Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung? Zunächst ähneln sie
sich dahingehend, daß beide staatliche Autorität und
die Macht des Staates beschränken. Zumindest in
der Theorie nimmt die Demokratisierung eine Unterordnung des Staatsapparats vor und macht ihn der
bürgerlichen Gesellschaft gegenüber verantwortlich.
Politiker, die an die Macht kommen oder an der
Macht bleiben wollen, müssen auf den Willen des
Volkes achten. Liberalisierung ihrerseits verringert
die Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft.
Demokratisierung erfordert politische Freiheit vom
Staat - das Recht auf freie Meinungsäußerung,
Koalitionsfreiheit und das Recht auf Protest. Liberalisierung erfordert wirtschaftliche Freiheit vom Staat das Recht auf Besitz von Eigentum, zu arbeiten,
investieren, produzieren und zu konsumieren ohne
einschneidende staatliche Regulierung. Demokratisierung verstärkt die Kontrolle der Gesellschaft über
den Staat. Liberalisierung verringert die Kontrolle
des Staates über die Gesellschaft.
Als nächstes ergibt sich die Frage der Beziehungen
dieser Trends zu den globalen Prozessen der
wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Modernisierung, die seit Anfang der Industriellen Revolution

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im 18. Jahrhundert am Werk waren. Es wurde
gesagt, Demokratisierung sei der unvermeidliche
Trend in einer modernen Gesellschaft. In der Tat hat
die moderne Welt drei große Wellen der Demokratisierung erlebt: Die erste begann Anfang des 19.
Jahrhunderts in Amerika und erreichte ihren Höhepunkt am Ende des Ersten Weltkriegs. Die zweite
begann mit dem Sieg der Alliierten im Zweiten
Weltkrieg und endete Anfang der sechziger Jahre,
und die dritte begann in den siebziger Jahren.
Zwischen diesen Demokratisierungswellen vollzog
sich in den zwanziger und dreißiger und wiederum in
den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein
Rückfall zum Autoritarismus. Diese Rückfälle waren
jedoch schwächer als die Demokratisierungswellen,
und die generelle Tendenz in der modernen Welt
ging zur Erweiterung der demokratischen Regierung.
Kann dasselbe im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung gesagt werden? Das scheint nicht sicher zu
sein. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des
19. Jahrhunderts ging der generelle Trend zur
Befreiung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Schwächung
merkantilistischer staatlicher Kontrollen und dem
Abbau verbleibender Reste feudaler oder vergleichbarer Restriktionen - wie der Sklaverei - beim Fluß
und Einsatz von Arbeitskräften, Kapital, Waren und
Ressourcen. Ende des 19. Jahrhunderts stieg die
Nachfrage nach vermehrten staatlichen Aktivitäten
großenteils infolge der Demokratisierung jedoch an,
damit der Staat ein Minimum an Sozialleistungen in
industrialisierten Gesellschaften einführte, bestimmte
Bereiche der Bevölkerung gegen Ausbeutung schützte, Konjunkturflauten bewältigte und sicherstellte, daß
die Wirtschaft des Industriestaats den Sicherheitsbedürfnissen des Nationalstaats Rechnung trug.
Kriege und die Drohung eines Krieges verbesserten
die Wirtschaftsmacht des Staates. Darüber hinaus
traten in der gesamten industrialisierten Welt sozialistische und dann kommunistische Bewegungen auf,
die größere oder sogar vollständige Kontrolle des
Staates über die Wirtschaft förderten. Ab den
dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden mehr
Wirtschaftsplanung, Sozialprogramme, staatliche
Regulierung und die Nationalisierung der Industrie in
den meisten Gesellschaften als Welle der Zukunft
gesehen.
In den sechziger Jahren begann sich all dies zu
ändern. Zwangsläufig erhebt sich die Frage: Ist
diese jüngste Verlagerung von staatlicher Kontrolle zu
wirtschaftlicher Liberalisierung nur eine temporäre
Unterbrechung, ein wirtschaftlicher "Rückfall" innerhalb eines längerfristigen Trends zur Zunahme
staatlicher Macht? Oder ist es der Anfang einer
langfristigen säkularen Abnahme staatlicher Wirtschaftsaktivität? Bewirkt die globale Bewegung zur
Demokratisierung nicht Druck des Volkes auf den

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�Staat, sich sowohl bei Produktions- als auch bei
Verteilungsvorgängen aktiver zu engagieren? Es
scheint plausibel, Demokratisierung historisch als
"progressiv" anzusehen, aber würde man sagen, daß
die Beschränkung oder Erweiterung der staatlichen
Wirtschaftsaktivität historisch "progressiv" ist?
In unserem Wissen über diese beiden Prozesse
besteht ein bemerkenswerter Unterschied. Politikwissenschaftler haben die Demokratisierung ausgiebig studiert und eine riesige und höchst vielfältige
Menge an Literatur über das Thema produziert. Es
gab sehr viele Erfahrungen zu studieren, und in den
vergangenen 20 Jahren nahmen Demokratisierungsstudien explosionsartig zu. Infolgedessen hat die
Politikwissenschaft ein ziemlich umfassendes Verständnis der Bedingungen für Demokratisierung, die
Prozesse, mit denen sie stattfindet und ihre Konsequenzen entwickelt.
Im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung existiert
nichts Vergleichbares, vor allem, weil die Erfahrungen mit ihr seit Mitte des 19. Jahrhunderts so
begrenzt waren. Bis zu diesem Jahrzehnt war keine
Kommandowirtschaft zu einer Marktwirtschaft geworden, und in wenigen Planwirtschaften wurde - wenn
überhaupt - weniger geplant. Infolgedessen hatten
die Ökonomen wenig zu sagen, wenige Theorien
anzubieten und weniger Lektionen zu lehren, wie der
Übergang von einer vom Staat beherrschten zu
einer vom Markt beherrschten Volkswirtschaft
vollzogen werden kann. Dies gilt insbesondere im
Hinblick auf die Probleme bei der Umgestaltung
vollständig vom Staat kontrollierter Kommandowirtschaften wie denen in den kommunistischen Gesellschaften. Paul MacCracken formulierte es in seinem
Kommentar über das Problem der Umgestaltung
ostmitteleuropäischer Volkswirtschaften zu Marktwirtschaften folgendermaßen: "Vielleicht kann man von
hier nicht nach dort kommen." Im Gegensatz dazu
haben die Politikwissenschaftler Grund zu der
Annahme, sie wüßten, wie man von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System
gelangt.
Ein damit in Zusammenhang stehender Faktor
betrifft den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad,
diesen Übergang zu vollziehen. Auf institutioneller
Ebene ist Demokratisierung sehr viel leichter als
wirtschaftliche Liberalisierung. Die rudimentären
Elemente der Demokratisierung werden erzielt, wenn
einigermaßen faire, offene und alle einbeziehende
Wahlen abgehalten werden, bei denen Parteien und
Kandidaten relativ gleichberechtigt konkurrieren, die
Stimmen ehrlich gezählt werden und die Gewinner
eine Regierung bilden. Die Konsolidierung eines
neuen demokratischen Systems kann mehr langfristige Veränderungen bei Werten und Verhaltens-

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weisen sowie die Institutionalisierung demokratischer
Verhaltensmuster erfordern. Dennoch ist die Wahl
der Herrschenden das Kernstück der Demokratie, das
relativ schnell und leicht eingeführt werden kann.
Im Gegensatz dazu sind Wirtschaftsreformen insbesondere wenn sie den Abbau einer Kommandowirtschaft beinhalten - sehr viel schwieriger und
erfordern kontinuierliche Anstrengungen über einen
langen Zeitraum hinweg. Es ist sehr viel leichter,
Wahlen als Märkte zu organisieren. Während die
Verlagerung von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System schnell und sogar
relativ schmerzlos vollzogen werden kann, ist die
Umgestaltung einer stark vom Staat kontrollierten
Volkswirtschaft zu einer Marktwirtschaft sehr viel
schmerzlicher und zeitraubender.
Die Unterschiede bei den institutionellen Problemen
der Einführung von Wahlen und Marktwirtschaft
werden noch von den Unterschieden bei ihren
politischen Kosten und Nutzen verschärft. Demokratisierung könnte denjenigen Kosten verursachen, die
sich ihr widersetzten oder beträchtliche Vorteile von
einem autoritären Regime hatten. Ein maßgeblicher
Teil der dritten Demokratisierungswelle wurde jedoch
von Gruppierungen initiiert, die in autoritären Regimen Machtpositionen innehatten und daher sogar
selbst die Begrenzung der Kosten und Risiken der
Demokratisierung anstrebten. Die Demokratisierung
bringt im allgemeinen direkte und weitverbreitete
Vorteile für große Teile der Bevölkerung - daher auch
das häufig kommentierte Phänomen der "Euphorie",
das Begleiterscheinung nahezu aller Demokratisierungsbewegungen ist.
Andererseits könnte wirtschaftliche Liberalisierung
direkten Nutzen für einige wenige Gruppen mit sich
bringen, die Vorteile aus den neuen Gewinnmöglichkeiten ziehen. Es ist jedoch auch sehr wahrscheinlich, daß gegen viel größere Gruppen häufig strenge
wirtschaftliche Strafen verhängt werden. Subventionen werden eingestellt, Steuern erhöht, Etats ausgeglichen, Arbeitnehmer entlassen, Unternehmen
machen Konkurs, Preise steigen, Löhne fallen und
die Produktion nimmt ab. Es fallen enorme wirtschaftliche Kosten an, um das versprochene langfristige wirtschaftliche Nirvana zu erreichen, das in
eine unendlich weit entfernte Zukunft zu rücken
scheint.
Bei der Demokratisierung könnte die Abfolge der
dominierenden Einstellungen der Öffentlichkeit als
anfängliche Euphorie, nachfolgende Desillusionierung
und schließlich Resignation und Hinnahme bezeichnet werden. Im Fall der wirtschaftlichen Liberalisierung werden Angst und Furcht von Frustration und
Unmut abgelöst. Da die wichtigsten Liberalisierungs-

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�prozesse noch im Gange sind, ist der nächste Schritt
unsicher. Eine mögliche Endphase könnten Ärger,
Protest und Aufruhr sein, eine andere wären Passivität und Hinnahme.

Steuerung und Erleichterung wirtschaftlicher Entwicklung spielt. Wirtschaftsentwicklung findet jedoch eher
in einem Umfeld geringerer staatlicher Wirtschaftskontrolle statt.

Das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung steht
letztlich in anderem Zusammenhang mit Demokratisierung und Liberalisierung. Demokratisierung findet
am häufigsten und leichtesten in den Ländern statt,
die eine mittlere bis gehobene Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. In einem solchen
Fall sind die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für eine Ausweitung des politischen Wettbewerbs und die Beteiligung der Bevölkerung an der
Politik günstig. Wirtschaftliche Liberalisierung ist
einfacher in den Ländern durchzuführen, die sich
noch auf einer niedrigeren Stufe wirtschaftlicher
Entwicklung befinden. Überwiegend landwirtschaftlich orientierte Länder verfügen über weniger Industriezweige in staatlichem Besitz mit zahlreichen
angestellten Managern und Arbeitnehmern, maßgeblichen bürokratischen Interessen und großen
Gruppierungen, die Nutzen aus Subventionen, Zöllen
und Marktzugangsbeschränkungen ziehen oder
davon abhängig sind. Eine Gesellschaft in einem
wirtschaftlichen Umfeld, das eine Demokratisierung
erleichtert, verfügt wahrscheinlich gleichzeitig über
ein politisches Umfeld, das eine Liberalisierung
erschwert, und umgekehrt hat eine Gesellschaft, in
der die politischen Faktoren eine Liberalisierung
erleichtern, wahrscheinlich ein wirtschaftliches
Umfeld, das für eine Demokratisierung ungünstig ist.

Wirtschaftsreformen setzen eine starke, autoritative,
jedoch nicht unbedingt autoritäre Regierung voraus.
Wirtschaftliche Liberalisierung erlegt einigen gesellschaftlichen Gruppierungen besondere Härten, und
nahezu jedem Mitglied der Gesellschaft allgemeine
Härten wie etwa höhere Preise auf. Der politische
Widerstand gegen wirtschaftliche Liberalisierung ist
groß und wächst wahrscheinlich noch mit zunehmendem Entwicklungsstand eines Landes. Wirtschaftliche Liberalisierung erfordert entweder eine
autoritäre Regierung oder eine demokratische Regierung mit dem Willen und der Macht zur Durchsetzung
von Reformen.

Welche Auswirkungen hat die Demokratisierung auf
die Liberalisierung und umgekehrt? Eine Behauptung habe ich bereits aufgestellt: Wirtschaftliche
Entwicklung fördert Demokratisierung. Wohlhabende
Länder sind mit wenigen Ausnahmen, wie den an
Ölvorkommen reichen Staaten, auch demokratische
Länder. Arme Länder sind mit wenigen Ausnahmen,
zum Beispiel Indien, nichtdemokratische Länder.
Der Übergang zur Demokratie spielt sich überwiegend in den Ländern mit einem höheren Entwicklungsstand ab.
Wirtschaftliche Liberalisierung und Reformen fördern
im allgemeinen auch die Wirtschaftsentwicklung.
Das ist jedoch nicht immer der Fall: Die Sowjetunion
der dreißiger Jahre und die mittel- und osteuropäischen Länder der fünfziger Jahre erzielten in Kommandowirtschaften sehr hohe Wachstumsraten ihrer
Volkswirtschaften. In der heutigen Welt behindern in
staatlichem Besitz befindliche Unternehmen, Kontrollen und Vorschriften jedoch im allgemeinen die
wirtschaftliche Entwicklung. Man sollte jedoch auch
anmerken, daß in den Ländern mit der stärksten
Wirtschaftsentwicklung, insbesondere Japan und
Südkorea, der Staat eine bedeutende Rolle bei der

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Die Logik dieses Arguments suggeriert, daß autoritäre Regierungen besser als demokratische Regierungen in der Lage sind, wirtschaftliche Liberalisierung
zu fördern. Sie können eher dem Druck der Bevölkerung und den Interessen von einflußreichen Reformgegnern widerstehen. China führte unter einer
kommunistischen Diktatur und Chile unter einem
militärischen
Diktator
beträchtliche
Wirtschaftsreformen durch, und beide Länder wurden
dafür mit beneidenswerten Wachstumsraten belohnt.
Der Preis dafür war die Unterdrückung der Freiheit.
Wenn ein Land ein autoritäres Regime hat, kann es
sich glücklich schätzen, wenn seine Regierung ihre
Macht zur Förderung wirtschaftlicher Liberalisierung
einsetzt. Die Reihenfolge zuerst Liberalisierung,
dann Demokratisierung ist äußerst sinnvoll für diejenigen, die beide Ziele erreichen wollen.
Erfolgt jedoch zuerst eine Öffnung des politischen
Systems, kann das die Wirtschaftsreformen erschweren.
1989 teilten mir hochrangige sowjetische
Politiker mit, sie hätten einen großen Fehler begangen, als sie Glasnost und die politische Öffnung
vorantrieben, wodurch verschiedene politische Kräfte
freigesetzt wurden, die Fortschritte bei den Wirtschaftsreformen erschwerten. "Wir hätten zuerst die
Macht konzentrieren und die Wirtschaftsreformen
voranbringen und mit der politischen Öffnung warten
sollen", wurde argumentiert. "Wir gingen jedoch in
umgekehrter Reihenfolge vor und haben jetzt nicht
mehr die Autorität, das Erforderliche zu tun."
Eine interessante Debatte über dieses Thema wurde
von den führenden Politikern der kommunistischen
Partei Ungarns Ende der achtziger Jahre geführt. Zu
diesem Zeitpunkt stand Ungarn bereits an vorderster
Front der kommunistischen Länder, die Privatbesitz
und Marktwirtschaft einführten. Die Politiker des
Landes wollten weitere substantielle Fortschritte

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�machen, während sie gleichzeitig die Demokratisierung des Landes einleiteten. Sie räumten ein, daß
diese beiden Prozesse miteinander in Konflikt stehen
könnten. Ein Politiker, Imre Pozsgay, warnte vor
dem Problem der "Anarchie der Arbeiterklasse" und
schlug vor, wichtige demokratische Wahlen bis zum
Jahr 1995 zu verschieben, wenn die erforderlichen
Wirtschaftsreformen umgesetzt worden wären. Ein
anderer Politiker, Bela Kadar, stimmte dem zu: "Im
Idealfall hätten wir zuerst Wirtschaftsreformen und
dann die Demokratie." Er war sich jedoch bewußt,
daß die Wahlen nicht mit dem Argument verschoben
werden können, "der erste notwendige Schritt ist die
Entpolitisierung wirtschaftlicher Entscheidungen". In
einer Nation, die zweifellos mehr erstklassige Ökonomen pro Kopf der Bevölkerung hervorbrachte als
jedes andere Land der Welt empfahl er, die Demokratisierung voranzutreiben, jedoch alle wichtigen
wirtschaftspolitischen Entscheidungen einem Gremium nichtgewählter Technokraten zu überlassen.
Wenn die führenden Politiker eines autoritären
Regimes ihr Land liberalisieren und demokratisieren
wollen, sollten sie zunächst die erforderlichen Wirtschaftsreformen durchführen und dann die Demokratisierung des politischen Systems einleiten. Sollten
die Vertreter eines autoritären Regimes die Wirtschaft und ihre Entwicklung fördern, jedoch das
Land nicht demokratisieren wollen, können sie dies
nur auf Kosten einer Unterminierung ihrer autoritären
Systeme tun.
Im Idealfall würden autoritäre Regierungen somit die
Wirtschaftsreformen vor der Demokratisierung des
Landes durchführen. Im Realfall haben die Politiker
jedoch nicht diese Wahl, wie der Fall Ungarns,
anderer mitteleuropäischer Länder und der Republiken der ehemaligen Sowjetunion zeigte. Da Demokratisierung in institutioneller und politischer Hinsicht
einfacher zu bewerkstelligen ist als eine Liberalisierung, wird sie wahrscheinlich zeitlich nicht hinter
einer Liberalisierung zurückbleiben.
Autoritäre
politische Systeme werden gestürzt, eine demokratische Regierung kommt durch Wahlen an die Macht,
und diese Regierung wird dann mit der Frage
konfrontiert, wie man von einer Kommando- oder
Planwirtschaft zu einer vorwiegend auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen basierenden Volkswirtschaft übergehen kann. Das ist jetzt die Herausforderung für die Regierungen Osteuropas und vieler
anderer weniger entwickelter Staaten.
Wie sollten diese neuen demokratischen Regierungen bei der Einführung der erforderlichen Wirtschaftsreformen vorgehen? Sie benötigen unanfechtbare Legitimität durch den Wähler, müssen also
aus eindeutig fairen und freien Wahlen hervorgegangen sein. Vorzugsweise sollten sie in diesen Wah-

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len eine beträchtliche Pluralität oder Mehrheit der
Stimmen erzielt haben. Nach ihrer Amtsübernahme
müssen diese Regierungen umgehend diese Legitimität durch den Wähler nutzen und zügig Wirtschaftsreformen einleiten.
Die Legislative trifft normalerweise nur dann schwierige Entscheidungen, wenn die Exekutive eine starke
Führung übernimmt. Die neuen Demokratien benötigen somit eine starke Exekutive, die diese Führung
bereitstellt, aber nicht so stark ist, daß sie den
demokratischen Prozeß unterminiert. Angesichts der
wirtschaftlichen Härten und des von Reformen
hervorgerufenen Chaos wird sich der Wunsch nach
einem einstweiligen Diktator oder Wirtschaftszar
abzeichnen.
Es erhebt sich generell die Frage, ob Wirtschaftsreformen sofort - als Schockbehandlung - oder über
einen längeren Zeitraum nacheinander eingeführt
werden. Für jede Vorgehensweise gibt es Argumente. Der Hauptbefürworter der Schockbehandlung ist
mein Kollege aus Harvard, Jeffrey Sachs, der die
Regierungen Boliviens, Polens und Rußlands dazu
überredete, diesen Kurs einzuschlagen. Theoretisch
gibt es, wie Adam Przeworski gezeigt hat, Gründe zu
der Annahme, daß diese Strategie eher zu den
gewünschten Ergebnissen führt als der zweite
Ansatz. Er funktionierte in Polen ziemlich gut und
führt in Rußland trotz beträchtlicher Erschütterungen
und Opposition zu Fortschritten. Kurzfristig verursacht die Schocktherapie enorme Kosten, bringt
aber auch die angestrebten Ergebnisse.
Wirtschaftsreformer müssen bereit sein, ein gewisses
Maß an Rückschritt zu akzeptieren und gegenüber
denjenigen bescheidene Zugeständnisse zu machen,
die entweder unter großen wirtschaftlichen Härten
leiden oder über ausreichend politische Macht zur
Behinderung von Reformen verfügen. Ein Vorteil der
umfassenden Schocktherapie ist die Tatsache, daß
sie der Reformregierung eine größere Vielfalt spezifischer Maßnahmen zur Verfügung stellt, bei denen sie
kleine Zugeständnisse machen kann ohne den
wesentlichen Inhalt der Reformen zu beeinträchtigen.
Die führenden Reformer können Opposition verringern, indem sie die Oppositionsführer in den
Reformprozeß einbinden. Es ist vielleicht besser,
Opponenten im eigenen Lager als im gegenüberliegenden zu haben. Hilfe von außen ist für den
Reformprozeß unerläßlich. Externe Ressourcen in
Form von Darlehen, Zuschüssen und Bürgschaften
sind von entscheidender Bedeutung. Noch wichtiger
ist die Tatsache, daß diese Behörden von außerhalb
die erforderliche Disziplin verlangen, indem sie diese
externen Ressourcen an die Bedingung knüpfen, daß
die Regierungen die Wirtschaft stabilisieren, die

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�Ausgaben kürzen, die Preisbindung aufheben und
den Haushalt ausgleichen. Der IWF und die Weltbank sind auf der ganzen Welt genau deswegen
gefürchtet und verhaßt. Ohne die von ihnen verhängte Disziplin wäre jedoch fast keine wirtschaftliche Reformbestrebung von Erfolg gekrönt. Eine
Form der Hilfe von außen ist in manchen Fällen die
Einbindung der zu reformierenden Wirtschaft in eine
größere, marktorientierte Wirtschaft. Das geschieht
bereits in Ostdeutschland, wird sich bald in Mexiko
vollziehen und möglicherweise im kommenden
Jahrzehnt in der Tschechischen Republik, Polen und
Ungarn stattfinden. So schwierig es auch erscheinen mag: Demokratien, selbst neue Demokratien,
können Wirtschaftsreformen herbeiführen.
In den Vereinigten Staaten und andernorts hören wir
viel Kritik an den Politikern. In den Ländern, die
* *

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früher autoritäre Regierungen hatten, haben jedoch
in vielen Fällen die führenden Politiker dieser Regierungen den Demokratisierungsprozeß eingeleitet. In
anderen Fällen, wie Polen und Südafrika, beinhaltete
dieser Prozeß intensive Verhandlungen zwischen
leitenden Regierungs- und Oppositionspolitikern.
Andere politische Führer besaßen den politischen
Mut, ihrem Volk kurzfristig Kosten aufzubürden, um
langfristige Gewinne für ihre Gesellschaften zu
erzielen. Demokratisierung und Wirtschaftsreformen
können nur dann stattfinden, wenn die führenden
Politiker sich dafür entscheiden. Als Folge davon ist
eine Vielzahl von Gesellschaften weltweit von einer
Diktatur zu einer Demokratie übergegangen, von
staatlich kontrollierten zu offenen Volkswirtschaften.
Die Bilanz der letzten Jahrzehnte sollte uns Hoffnung
für die Zukunft geben.

*

*

Seite 7

�</text>
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r»i

jjfB

Information
und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America
26. November 1980

52

INHALT

DOKUMENTATION
Kampe!man: Entspannung ist unteilbar
- Rede des US-Delegierten auf der KSZE-Folgekonferenz

HINTERGRUNDMATERIAL
UN verurteilt sowjetische Invasion Afghanistans
- Resolution fordert Abzug der Truppen Die Folgen der anhaltenden Krise in Südwestasien
- Von Gregory F. Treverton Militarismus und Sowjetstaat
—

II •« III l M I » M I * « l * t M I &lt; W N M » » M ^ « w « ' ' »

• •

- Von Richard Pipes c 1980, The American Academy of Arts and Sciences

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�26. November 1980

52

KAMPELMAN: ENTSPANNUNG IST UNTEILBAR
- Rede des US-Delegierten auf der KSZE-Folgekonferenz -

MADRID - (AD) - Der Ko-Vorsitzende der amerikanischen Delegation auf
der Folgekonferenz der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(KSZE) in Madrid, Max Kampelman, hat am 17. November 1980 die Vorstellungen
der Vereinigten Staaten bezüglich des Begriffes Entspannung dargelegt.
Kampelman betonte, daß die Entspannung nach amerikanischer Auffassung unteilbar ist.
Die Rede des amerikanischen Delegierten hat folgenden Wortlaut:
Wir kommen heute hier in der elften Woche zusammen und in der zweiten
Woche unserer eigentlichen Konferenz. Wir - wir alle - haben unsere Meinungsverschiedenheiten hervorgehoben und gleichzeitig unseren gemeinsamen Wunsch
•r

bekräftigt, den Geist von Helsinki, der heute so schlecht dasteht, neu zu

»

beleben.

Das Wort "Entspannung" (Detente) scheint in der Schlußakte von

Helsinki ein Verhältnis wachsender Zusammenarbeit unter den 35 Staaten zu beschreiben, die an diesem Prozeß beteiligt sind.

Und doch möchte ich mich

mit dem Wort und dem Begriff "Entspannung" beschäftigen.
Es

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Es ist ein Merkmal unserer Zeit, daß die entwickelte (industrialisierte)
Welt in zwei große politische Systeme aufgeteilt ist, und daß diese beiden
Systeme eben durch die beiden mächtigsten Nationen der Erde repräsentiert
werden - die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion.

Seit dem Zweiten Welt-

krieg waren unsere beiden Systeme und unsere beiden Länder in eine militärische Konkurrenz und einen ideologischen Kampf verwickelt.

Die Geschichte

der Nachkriegszeit wird in der Tat in großem Maße durch diese Konkurrenz und
diesen Kampf bestimmt.
Ironischerweise haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vieles
gemeinsam.

Wir sind beide Kontinental Staaten, die sich über eine weite Land-

masse ausbreiten und von fernen Meeren umgeben sind.

Wir sind von Natur aus

Entdecker - Siedler, Abenteurer, Kosaken und Cowboys. Wir haben niemals
einen Krieg gegeneinander geführt, ja, wir waren Verbündete in dem größten
Krieg, in den wir je verwickelt waren.

Und wir sind schließlich revolutio-

näre Nationen mit einer politischen Tradition, die aus den jeweiligen Revolutionen lebt.
Trotzdem sind unsere politischen Systeme unvereinbar und in großem Maße
gegensätzlich. Das amerikanische System - aus französischer Philosophie und
englischer Erfahrung entstanden - wurzelt in der Bedeutung des einzelnen.
Wie Jefferson es ausdrückte: "Die Sorge um das menschliche Leben und Glück,
und nicht ihre Zerstörung ist das erste und einzig legitime Ziel einer guten
Regierung". Das sowjetische System, wenn ich einmal so kühn sein darf, es
zu beschreiben, wird von kollektiven Werten gekennzeichnet - das Proletariat,
die Partei, den Staat. In der Praxis haben diese kollektiven Werte Erfolge
gebracht in der Erziehung, in der Gesundheitsfürsorge und bedeutsame Erfolge
in der Technologie der Weltraumfahrt. Aber diese kollektiven Werte bringen
die Unterdrückung des einzelnen mit sich, der so seiner Freiheit beraubt wird,
die ihm nach seinem Naturrecht, selbst nach sowjetischem Recht, und sicherlich
nach der Schlußakte von Helsinki zusteht. Daher kommt die Unvereinbarkeit,
von der ich gesprochen habe.
Trotz

�Trotz unserer Unvereinbarkeit sind wir gezwungen, miteinander zu leben,
ja sogar zusammenzuarbeiten.

Die historisch typische Lebensbedingung des

Menschen ist der Krieg, nicht der Frieden gewesen. Aber die Aussicht auf einen
Krieg im Atomzeitalter muß zum Nachdenken zwingen.
Und hier möchte ich mich erneut der Schlußakte von Helsinki zuwenden.
Unsere Hoffnung war, daß aus der Zusammenarbeit und der Verständigung, die
in diesem übereinkommen gefordert werden, sich ein Vertrauen zwischen uns entwickeln würde, daß das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens unter allen 35
Staaten gestärkt würde.
Meine Regierung, Herr Vorsitzender, hat dieses übereinkommen ernstgenommen.

Wir haben es 1975 unterzeichnet, da es die wesentlichen Bestandteile

enthielt, die für die Entspannung notwendig sind.

In den Prinzipien und in

Korb drei hat es die historische Sehnsucht von Männern und Frauen seit Anbeginn der Zeiten bekräftigt und kodifiziert, nach größerer Freiheit zu streben
und Teil des Entwicklungsprozesses zu werden, in dem die Menschheit seit ihren
animalischen Anfängen bis zu einer, wie es viele von uns als Ebenbild Gottes
bezeichnen möchten, höheren Form des zivilisierten Verhaltens steht.
Die Tatsache, daß die Schlußakte von Helsinki diese Definition der Rolle
des Menschen Im Universum ausdrücklich anerkennt, war der eigentliche Grund
für die Entscheidung meiner Regierung, dieses Übereinkommen zu unterzeichnen.
Entspannung ist für uns unteilbar, und wir waren erfreut, daß die Schlußakte von Helsinki, die von allen 35 Staaten gebilligt wurde, in sich ein unteilbares Ganzes war.
Ich habe von den Prinzipien in Korb drei gesprochen.
Der Korb zwei dieses Grundsatzdokuments war Teil dieses Ganzen.

Er

zielte darauf ab, eine wachsende Zusammenarbeit unter uns allen in den Dingen
des täglichen Lebens herbeizuführen, die ein integraler Bestandteil unseres
Lebens, unser aller Leben darstellen, unter welchem System oder unter welcher

�welcher Regierung wir auch leben mögen.
Wir alle begreifen, daß mit den modernen Waffen des Schreckens, die von
einer Technologie geschaffen wurden, die die Talente und die Energie unserer
Gesellschaften aufgesogen hat, es einfach unerläßlich ist, daß wir uns zum
Frieden verpflichten, und daß wir auf einem festen und stetigen Kurs auf den
Krieg als Mittel zur Beilegung unserer Meinungsverschiedenheiten verzichten.
Wir nehmen diese Pflichten ernst. Aber das amerikanische Volk, Herr Vorsitzender, stellt sich in zunehmendem Maße die Frage, ob all die Nationen, die
die Schlußakte von Helsinki im Jahre 1975 unterzeichnet haben, diese Verpflichtung ernst nehmen.
geworden.

Zu unserem tiefen Bedauern sind wir mehr und mehr skeptisch

Entspannung ist nicht nur unteilbar, sie hat auch nur dann einen

Sinn, wenn sie weltweit begriffen, akzeptiert und praktiziert wird.

Wenn Ent-

spannung eine Konzeption ist, die von uns auf eine Weise und von der Sowjetunion auf eine andere Weise interpretiert wird, dann ist sie ein bedeutungsloses Wort, das nicht als Richtschnur für unsere Beziehungen gelten kann.
Sie wird mehr zu einer Propagandawaffe als zu einem Paket von Prinzipien für
das internationale Verhalten.

Das aber, so fürchte ich, ist zur Realität un-

seres Verhältnisses geworden und greift an die Wurzeln der ernsten Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, die auf diesen Konferenzen so erkennbar geworden sind.
Die Vertreter einiger weniger Staaten standen vorige

Woche und heute

erneut vor diesem Gremium und haben sich entrüstet gegen die Tatsache gewandt,
daß praktisch alle anderen Teilnehmerstaaten auf diesen Konferenzen von der
sowjetischen Invasion Afghanistans gesprochen haben. Wir haben uns voll Ernst
und mit einem tiefen Gefühl darauf bezogen, das aus einer uns gemeinsamen
Überzeugung entstand, daß ein grundlegender und unerläßlicher Bestandteil
der Entspannung in dem Verzicht auf einseitige militärische Maßnahmen gegen
irgendeinen anderen Staat besteht.

Die Invasion Afghanistans, wie sie auch

immer durch verbale Kunststücke bestritten werden mag, ist eine Bedrohung des
Friedens und eine direkte Verletzung der Prinzipien der Schlußakte von Helsinki.
Um das ganz klarzustellen, lassen Sie mich diese Schlußakte zitieren:
"Die
- 4 -

�"Die Teilnehmerstaaten erklären ihre Absicht, ihre Beziehungen zu anderen
Staaten in dem Geist der in der vorliegenden Erklärung enthaltenen Prinzipien
zu führen."
Wir haben Grund, die Ernsthaftigkeit der eingegangenen Verpflichtung in
Frage zu stellen, wenn wir erfahren, daß ein Führer der Sowjetunion in einer
Anfang 1973 in Prag gehaltenen Rede Entspannung als ein Mittel bezeichnet hat,
eine entscheidende Veränderung im internationalen Kräfteverhältnis herbeizuführen.

Das hat nichts mehr mit der Definition von Entspannung zu tun, die

meine Regierung veranlaßt hat, ihre Streitkräfte zu verringern und ihre militärische Macht abzubauen - in einer Anstrengung, um unsere Verpflichtung zum
Frieden zu demonstrieren.

Ich zitiere aus jener Rede in Prag:

"Es ist uns ge-

lungen, in kurzer Zeit mit der Entspannung mehr zu erreichen als in vielen
Jahren einer Politik der Konfrontation mit der NATO... Glaubt uns, Genossen,
daß wir bis 1985 als Folge dessen, was wir jetzt mit der Entspannung erreichen...
in der Lage sein werden, unseren Willen überall geltend zu machen, wo wir ihn
geltend machen müssen."
Als die Schlußakte von Helsinki im Jahre 1975 von den Vereinigten Staaten
unterzeichnet wurde, waren wir uns dieser Erklärung und voll und ganz der Erklärung Lenins vom Jahr 1921 bewußt, daß die kulturellen Schichten Westeuropas
und Amerikas wie die Kapitalisten der ganzen Welt Taubstumme seien, die ihre
Augen vor den Realitäten verschließen und damit blind wie auch taub geworden
seien, indem sie lins Kredite eröffnen und uns mit wesentlichen Materialien und
Technologien versorgen und damit unsere Militärindustrie wieder aufbauen, vor
allem für unsere künftigen siegreichen Angriffe auf unsere Versorger'.

Der

Westen, so erklärte er, würde damit seinen eigenen Selbstmord vorbereiten.
Wir kennen diese Lehren Lenins von 1921 - Lehren, die ein nützliches
revolutionäres Werkzeug sind -, aber unser Wunsch nach Frieden und Verständigung
und Zusammenarbeit und gegenseitiger Sicherheit war so groß, daß wir bereit
waren, die schriftlichen Verpflichtungen der Nachfolger Lenins in der Hoffnung
zu akzeptieren, daß die Erfahrung diese Lehren gemäßigt habe und mäßigen würde.
Meine Regierung stimmte einer Erhöhung des wirtschaftlichen und technologischen
- 5 -

�technologischen Austausches zu, um den Prozeß des Friedens zu fördern.

Statt

dessen haben wir erlebt, daß diese guten Absichten verzerrt wurden und noch
mehr militärische Aggression zur Unterstützung nationaler und ideologischer
Ziele gefördert haben.
Es wird Kritik an den jüngsten Maßnahmen meiner Regierung zur Beschränkung unserer Verpflichtungen im Rahmen von Korb zwei des Übereinkommens geben,
aber ich möchte, Herr Vorsitzender, daran erinnern, daß diese Maßnahmen notwendig waren und sind, ja durchgeführt werden müssen, wenn wir die Unteilbarkeit der Entspannung aufrechterhalten und das ganze Gefüge der Schlußakte von
Helsinki erhalten wollen.

Aggression und anhaltende Verletzung von Verpflich-

tungen muß durch wirksame Antworten verurteilt werden, wenn die Integrität des
Übereinkommens erhalten werden soll.
Es war auch sehr beunruhigend für uns, daß in den Zeiträumen, in denen
wir begeistert an einem wachsenden kulturellen und wirtschaftlichen Austausch
mit der Sowjetunion teilgenommen haben, während der sogenannten Hochzeit der
Entspannung die Verpflichtungen gemäß Prinzip sieben und Korb drei unterminiert
wurden, indem die innere Unterdrückung in der Sowjetunion mit einer Verschärfung der Zensur und verstärkten Gefängnisurteilen, Einlieferungen in psychiatrische Einrichtungen und Verbannung ins Exil intensiviert wurden, um abweichende Meinungen auszuschalten.
Herr Vorsitzender, sogar im Verlauf dieser Konferenz, am Donnerstag der
vorigen Woche, - der Delegierte aus Großbritannien hat uns heute an die offene
Mißachtung von Verpflichtungen erinnert -, wurde Dr. Victor Brailowsky, ein
Wissenschaftler und Publizist, eine Hauptfigur der jüdischen Auswanderungsbewegung, in Moskau verhaftet, zwei Tage, nachdem er einen dreitägigen Hungerstreik einer ganzen Zahl von Juden angekündigt hatte,denen die Ausreiseerlaubnis verweigert wurde - eine Demonstration im Zusammenhang mit der Eröffnung
dieser Madrider Konferenz.
visum verweigert.

Seit acht Jahren wird Dr. Brailowsky ein Ausreise-

Seit jenem Visumantrag ist der Sohn Brailowskys, Leonid,

der heute 19 Jahre alt ist, aus der Schule ausgeschlossen und es wird ihm
jegliches Universitätsstudium verweigert.

Victor Brailowsky selbst wurde ver-

�verboten, weiter seiner Lehrtätigkeit und seiner hervorragenden Karriere als
Wissenschaftler nachzugehen.

Seine Verhaftung macht ihn zum 12. Juden, der

derzeit in der Sowjetunion wegen des Versuchs auszuwandern, im Gefängnis sitzt.
Jeder dieser zwölf Fälle stellt eine direkte Verletzung der Schlußakte dar.
Und während des letzten Jahrzehnts, Herr Vorsitzender, hat die Sowjetunion
ihre Kriegsmaschinerie verstärkt, indem sie rund 150 Milliarden Dollar mehr
für militärisches Gerät ausgegeben hat als die Vereinigten Staaten.

Und die

sowjetischen Streitkräfte stellen eine Bedrohung des Friedens in Europa und
in der ganzen Welt dar.
Die Sowjetunion bringt heute einen erstaunlichen Anteil von 14 bis 15 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für ihre Militärmaschinerie auf, während die
Vereinigten Staaten nur fünf Prozent ihres Bruttosozialproduktes für die Verteidigung aufwenden.
Die Sowjetunion verfügt heute über einen neuen Katalog großer Waffensysteme, einschließlich von vier Interkontinentalraketen, drei unterseebootgestützten Raketen, vier neuen Unterseebootklassen und vier neuen Kampfbombern.
Ich führe diese Tatsachen heute an, nicht um eine Konfrontation hervorzurufen.

Ich stelle sie fest, weil es sich um Tatsachen handelt, Tatsachen,

denen wir uns stellen müssen, wenn wir von dem wachsenden Geist des Mißtrauens
und der Meinungsverschiedenheiten abkommen wollen, der die internationalen
Beziehungen heute kennzeichnet.

Nur durch Verständigung können wir die Reali-

täten meistern, und nur wenn wir uns der Realität stellen, können wir darauf
hoffen, jene Harmonie zu erreichen, die wir alle anstreben.

Wir nähern uns

immer rascher einer Konfrontation und es liegt in unser aller Interesse, daß
diese Bewegung aufhört und wieder auf den Geist der Entspannung ausgerichtet
wird, der heute bedauerlicherweise nicht mehr die Realität ist, die wir uns
1975 erhofften.
Möge sich niemand falsche Vorstellungen machen.

Die Vereinigten Staaten

von Amerika haben Maßnahmen ergriffen und werden in den kommenden Tagen ihre
- 7 -

�ihre Anstrengungen zur Verstärkung unserer militärischen Kapazität intensivieren.

Die Sowjetunion muß begreifen, daß die Vereinigten Staaten und ihre

Verbündeten der sowjetischen militärischen Anstrengung Entsprechendes entgegensetzen werden.

Es kann keine Frage sein, daß wir uns nicht mit einer mi-

litärischen Überlegenheit anderer abfinden werden.

Wir fahren in unseren An-

strengungen fort und wir werden, wenn auch mit großem Zögern, an diesen Anstrengungen festhalten...
Wir haben unser Programm erneuerter militärischer Stärke in Angriff genommen, weil wir angesichts der massiven Aufrüstung dazu gezwungen wurden, die
keine Parallele in der Weltgeschichte hat und die bedauerlicherweise, wie es
scheint, für ihren Einsatz vorbereitet wird.

Die Invasion

Afghanistans ist

ein Symbol dieser Vorbereitung und zeigt uns ihren Ernst, den wir nicht unterschätzen dürfen.

Wir werden unser Programm der militärischen Bereitschaft

mit Entschlossenheit verfolgen und wir werden die Ressourcen des amerikanischen
Volkes, des amerikanischen Wohlstandes, des amerikanischen Einfallsreichtums
und der amerikanischen Technologie mobilisieren, damit dieses Programm wirksam
ist und als notwendige Abschreckung vor einem Krieg dienen kann. Wir hatten
gehofft, daß dieser Geist von Helsinki als ausreichende Abschreckung dienen
würde, und daß die Anziehungskraft von Sicherheit, Zusammenarbeit und Frieden
alle überzeugen würde, sich uns hier in einer entschlossenen gemeinsamen Anstrengung anzuschließen, internationale Stabilität und Sicherheit zu erreichen.
Bedauerlicherweise hat es sich erwiesen, daß dies nicht der Fall ist und wir
müssen widerstrebend zu dem Schluß kommen, daß wir uns erneut auf unsere militärische Stärke verlassen müssen, um als notwendige Abschreckung zu dienen.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit jedoch erneut betonen, daß meine Regierung unter Präsident Carter und unter dem designierten Präsidenten Reagan
bereit ist, über bedeutsame verifizierbare und ausgewogene Rüstungskontroi 1abkommen zu verhandeln, wenn eine beiderseitige Entschlossenheit dazu zu Tage
tritt.

Wir sind bereit, jederzeit in Verhandlungen einzutreten, um das Vor-

handensein einer solchen beiderseitigen Bereitschaft zu sondieren.

Dieses

Forum ist eines derer, die uns zur Verfügung stehen - und es gibt noch andere
Gremien.

Die Realität des militärischen Wettstreits macht Rüstungskontrolle
- 8 -

�Rüstungskontrolle nicht unmöglich, sie macht Rüstungskontrolle zu einem
zwingenden Gebot.

Das erste große Rüstungskontrollabkommen der Nachkriegs-

periode - der Vertrag über das begrenzte Verbot von Nuklearversuchen - wurde
1963 auf der Höhe des Kalten Krieges unterzeichnet.

Die Vereinigten Staaten

sind derzeit an zwei großen Abrüstungsverhandlungen beteiligt - über beiderseitige und ausgewogene Truppenverminderungen und über TNF-Systeme.

Und der

designierte Präsident Reagan hat seine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht,
in erneute SALT-Verhandlungen einzutreten.

Wir sind bereit, den Stand unserer Rüstungen zu verringern und der Abrüstung näherzukommen, nach der sich all unsere Menschen sehnen, aber wir
werden das nur tun, wenn dies weltweit akzeptiert und entsprechend behandelt
wird.

Es wird keine einseitigen Maßnahmen der Vereinigten Staaten auf diesem

Gebiet geben.

Entweder es handelt sich um gemeinsame Maßnahmen und um bedeut-

same und verifizierbare Maßnahmen oder es wird keine solchen Maßnahmen geben.

Unsere ideologischen Differenzen sind tief.

Es wäre töricht, wenn wir

es als realistisch ansähen, daß wir uns gegenseitig von den Vorzügen unserer
jeweiligen Einstellung überzeugen könnten.
Wettstreit der Ideen nicht zurück.

Wir in Amerika schrecken vor dem

Amerikanern steht es ebenso frei, die

Schriften von Marx und Lenin zu lesen, wie es ihnen freisteht, die Werke von
Benjamin Franklin und Thomas Jefferson zu lesen.
Bibliotheken sind all diese Werke verfügbar.

In unseren Buchläden und

Es steht uns ebenso frei die

Kommunistische Partei zu wählen, wie die Republikanische Partei.

Und die

kleine Zahl von Stimmen, die der kommunistische Kandidat in unseren Präsidentschaftswahlen vor zwei Wochen erhielt, spiegelt, wie mir scheint, genau die
Unterstützung wider, die er in unserem Lande findet.
Radio Moskau zu hören, wie unsere eigenen Sender.
Bürger die gleiche Freiheit?

Es steht uns ebenso frei,

Hat ein sowjetischer

Diese Frage zu stellen, heißt sie gleichzeitig

zu beantworten.

Wir sind der Überzeugung, daß auf lange Sicht die Hoffnungen und Wünsche
der Menschheit auf größere Freiheit des einzelnen unausweichlich erfüllt werden
und nicht unterdrückt werden können, so stark die Unterdrückung auch sein
- 9-

�sein mag.

Beobachter der Einhaltung der Schlußakte von Helsinki mögen in

Moskau verhaftet werden, aber gerade dadurch schaffen sie eine Situation,
in der jene von uns in der ganzen Welt, die die menschliche Freiheit hochhalten, mit ihnen in unseren Chor einstimmen und mit ihnen Beobachter der
Schlußakte von Helsinki werden.
Wir sind überzeugt, daß die historische Unausweichlichkeit für den Menschen die Unausweichlichkeit der Menschenrechte, der Freiheit des Einzelnen
ist und nicht irgendeine

ideologisch definierte doktrinäre Konzeption der

Revolution.
Andere unterscheiden sich von uns und haben eine eigene moderne Überzeugung entwickelt.

Wir appellieren an jene, die sich von uns unterscheiden,

daß diese Unterschiede, so fundamental sie auch sind, in einem Wettstreit
der Ideen und in einem Wettstreit der Verwirklichung ausgetragen werden.
Wollen wir doch unsere Energie dafür aufwenden, innerhalb jeder unserer Gesellschaften die Überlegenheit unserer jeweiligen Modelle in der Erfüllung
der Forderungen unserer Völker zu demonstrieren.
kann uns allen helfen.

Diese Art von Wettstreit

Der Wettstreit der Rüstungen und die Anwendung von

Gewalt zur Aggression trägt das Potential der Zerstörung für uns alle in sich.
Ich schließe diese Darlegungen mit einem Appell im Namen meiner Regierung, daß wir zu den Grundlagen der Schlußakte von Helsinki als Basis für
unsere Beziehungen zurückkehren und zwar zu diesem übereinkommen insgesamt,
unteilbar in seiner Gesamtheit. Nur wenn wir eine Verpflichtung zu ihren
Bestimmungen demonstrieren, zu allen ihren Bestimmungen durch ihre Verwirklichung, können wir darauf hoffen, das Vertrauen zu schaffen, das uns zu
neuen Verpflichtungen voranbringen wird. Wir hegen die tiefe und echte Hoffnung, daß der Beginn dieser Neugeburt hier in Madrid stattfinden kann.

+ + + + +
- 10 -

�3

1

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

52

26. November 1980

UN VERURTEILT SOWJETISCHE INVASION AFGHANISTANS
- Resolution fordert Abzug der Truppen -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK

- (AD) - Die Vollversammlung der

Vereinten Nationen hat am 20. November 1980 mit überwältigender Mehrheit
eine zweite Resolution verabschiedet, in der der Abzug der sowjetischen
Truppen aus Afghanistan gefordert wird.

Die neue Resolution wurde mit

111 gegen 22 Stimmen bei 12 Stimmenthaltungen gebilligt.
Bereits im Januar dieses Jahres hatte die UN-Vollversammlung mit
ähnlicher Mehrheit - 104 gegen 18 bei 18 Stimmenthaltungen - den sowjetischen
Einmarsch verurteilt.
In der viertägigen Debatte in der Vollversammlung brachten die
Delegierten zahlreicher Staaten ihre Besorgnis über die Anwendung
militärischer Macht durch die Sowjetunion zum Ausdruck.

Der israelische

Botschafter Yehuda Z. Blum erklärte, die Sowjetunion habe erneut gezeigt,
daß sie "die Unabhängigkeit von Staaten, die Freiheit der Völker und die
Menschenrechte" unterdrücken wolle.

Vor allem auch die Vertreter von

Staaten der Dritten Welt, wie etwa Papua Neu Guinea, Indien oder Bangladesch,

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Bangladesch, wandten sich nachdrücklich gegen die Handlungsweise der
Sowjetunion.

Der Delegierte aus Haiti, Botschafter Jean Phito Georges,

betonte, daß sein Land immer wieder gegen die Einmischung einer Großmacht
in die Angelegenheiten Afghanistans protestiert habe.

Selbst der Vertreter

Albaniens, Abdi Baleta, bezeichnete die sowjetische Besetzung Afghanistans
als "eine Verletzung des Völkerrechts und der Prinzipien der Charta (der
Vereinten Nationen)."
Verteidigt wurde der sowjetische Einmarsch lediglich unter anderem
von den Seychellen, deren Vertreter Giovinella Gonthier das Ganze als
"eineAngelegenheit zwischen den Regierungen der Sowjetunion und Afghanistan"
bezeichnete, eine Auffassung, der sich auch der Botschafter Nikaraguas,
Victor H. Tinoco anschloß.

Der Vertreter Weißrußlands, Anatol Gurinowitsch,

sagte, Afghanistan wünsche die sowjetische Besetzung.
Das Ausmaß, mit dem die sowjetische Invasion eines Nachbarlandes
verurteilt wurde, kommt in dem Stimmenverhältnis bei der Schlußabstimmung
zum Ausdruck, wobei die Fürsprecher des Einmarsches gegenüber Januar 1980
zwar vier Stimmen hinzugewinnen konnten, die Front der ablehnenden Staaten
jedoch sieben Stimmen.
Die am 20. November verabschiedete Resolution wurde von folgenden
Staaten eingebracht:
Bahrein, Bangladesch, Kolumbien, Komoren, Costa Rica, Dschibuti,
Ägypten, Fidschi, Gambia, Guinea, Honduras, Jordanien, Kuwait, Malaysia,
Malediven, Mauretanien, Marokko, Nepal, Niger, Oman, Pakistan, Panama,
Papua Neuguinea, Philippinen, Qatar, Sankt Luzia, Samos, Saudi-Arabien,
Senegal, Singapur, Somalia, Sudan, Thailand, Türkei, Vereinigten Arabische
Emirate, Vereinigte Republik Kamerun, Obervolta, Uruguay, Liberia, Chile
und Dominikanische Republik.
Die

- 2 -

�Die Resolution hat folgenden Wortlaut:

Die Vollversammlung,
nach Erörterung des Tagesordnungspunktes "Die Situation in Afghanistan
und ihre Auswirkungen auf den internationalen Frieden und die internationale
Sicherheit",
in Erinnerung an ihre Resolution ES-6/7 vom 14. Januar 1980, verabschiedet auf der Sechsten Außerordentlichen Sondersitzung,
unter Bekräftigung der Zielsetzungen und Prinzipien der Charta der
Vereinten Nationen und der Verpflichtung aller Staaten, sich in ihren
internationalen Beziehungen der Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen
die Souveränität, territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit
eines jeden Staates zu enthalten,

ferner unter Bekräftigung des unantastbaren Rechtes aller Völker,
ihre eigene Regierungsform zu bestimmen und ihr eigenes wirtschaftliches,
politisches und gesellschaftliche S"stem frei von Einmischung, Subversion,
Zwang oder Einschränkung irgendeiner

Art von außen zu wählen,

zutiefst besorgt über die anhaltende ausländische bewaffnete Intervention in Afghanistan im Widerspruch zu den oben erwähnten Prinzipien
und die ernsten Auswirkungen auf den internationalen Frieden und die
internationale Sicherheit,

tief besorgt über den wachsenden Strom von Flüchtlingen aus
Afghanistan,

im tiefen Bewußtsein der dringenden Notwendigkeit einer politischen
Lösung der ernsten Situation bezüglich Afghanistans,

in
- 3 -

�in der Erkenntnis der Bedeutung der anhaltenden Bemühungen und
Initiativen der Organisation der Islamischen Konferenz im Sinne einer
politischen Lösung der Situation bezüglich Afghanistans,
1.

stellt erneut fest, daß die Erhaltung der Souveränität, terri-

torialen Intergrität, politischen Unabhängigkeit und des blockfreien
Charakters von Afghanistan von entscheidender Bedeutung für die Lösung
des Problems ist;
2.

bekräftigt erneut das Recht des afghanischen Volkes, über seine

eigene Regierungsform zu entscheiden und sein wirtschaftliches, politisches
und gesellschaftliches System frei von Einmischung,Subversion, Zwang oder
Einschränkung irgendeiner
3.

Art von außen zu wählen;

fordert den sofortigen Abzug der ausländischen Truppen aus

Afghanistan;
4. fordert ferner alle betroffenen Parteien auf, an der raschen
Erreichung einer politischen Lösung und der Schaffung der notwendigen
Verhältnisse zu arbeiten, die die afghanischen Flüchtlinge in die Lage
versetzen würden, in Sicherheit und ehrenhaft in ihre Heimat zurückzukehren;
5.

appelliert an alle Staaten und nationalen und internationalen

Organisationen, ihre humanitäre Hilfe in Koordination mit dem Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen auszuweiten, um das schwere Schicksal
der afghanischen Flüchtlinge zu erleichtern;
6. bringt ihre Anerkennung für die Bemühungen des (UN-) Generalsekretärs in der Suche nach einer Lösung des Problems zum Ausdruck und
hofft, daß er seine Unterstützung weiter ausdehnen wird, einschließlich
der Ernennung eines Sonderbeauftragten für die Förderung einer politischen
Lösung im Einklang mit den Bestimmungen der vorliegenden Resolutionen,

�Resolutionen, und die Sondierung der Gewährleistung angemessener Garantien
für die Nichtanwendung oder Nichtandrohung von Gewalt gegen die politische
Unabhängigkeit, Souveränität, territoriale Integrität und Sicherheit aller
Nachbarstaaten auf der Basis gegenseitiger Garantien und der strikten
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen sowie unter
voller Berücksichtigung der Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen;
7. ersucht den Generalsekretär, die Mitgliedstaaten und den Sicherheitsrat laufend über den Fortschritt in Richtung auf die Verwirklichung
der vorliegenden Resolution zu informieren und den Mitgliedstaaten bei
nächster Gelegenheit einen Bericht über die Situation vorzulegen;
8. beschließt, in die provisorische Tagesordnung für ihre 36.
Sitzungsperiode den Punkt aufzunehmen: "Die Situation in Afghanistan
und ihre Auswirkungen auf den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit."

+ + + + +

- 5 -

�ndInternational Communication Agency
Embassy of the United States of America

26. November 1980

52

DIE FOLGEN DER ANHALTENDEN KRISE IN SÜDWESTASIEN
- Von Gregory F. Treverton -

Gregory F. Treverton ist Stellvertretender
Direktor des Internationalen Instituts für
Strategische Studien (IISS) in London.

- (AD) - Afghanistan ist aus den Titelseiten der westlichen Zeitungen
verschwunden, aber die sowjetischen Truppen stehen noch immer dort. Nach
einem Jahr haben sich die schlimmsten militärischen Befürchtungen nicht bewahrheitet, aber der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak unterstreicht zweierlei:
Die anhaltende Instabilität der gesamten Region und das Ausmaß, in dem dieser
Unruheherd den Westen beeinflußt. Die Region wird - nur noch von Europa
selbst 'übertroffen - ein Punkt bleiben, auf den sich die strategischen Interessen konzentrieren.
Derzeit ist der Zustand des transatlantischen Verhältnisses nicht schlecht.
Die Europäer haben sich die Überlegung zu eigen gemacht, daß die militärische
Konzentration der Vereinigten Staaten auf Südwestasien und den Persischen Golf
unvermeidlicherweise zumindest einen geringeren Anstieg der amerikanischen Verpflichtungen gegenüber Europa bedeutet;

und sie haben sich zu dem Versuch ver-

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�verpflichtet, die entstandene Lücke zu schließen.

Und doch gibt es schon

jetzt für die Zukunft Zeichen der Gefahr im Überfluß.

Die europäischen Ver-

pflichtungen bekommen einen hohlen Klang, wenn deutlich wird, daß die meisten
europäischen NATO-Mitglieder, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland
und Großbritanniens, weit hinter ihrer Zusage einer real dreiprozentigen
Erhöhung der Verteidigungsausgaben zurückbleiben werden.

Der Druck von

Seiten des amerikanischen Kongresses, der jetzt an die Oberfläche durchbricht, auf die Bundesrepublik, mehr zu den Stationierungskosten der amerikanischen Soldaten in der Bundesrepublik beizutragen, erinnert an die späten
sechziger und frühen siebziger Jahre -das letzte Mal, als ein Gefühl, daß
die Europäer zu wenig tun würden, fast eine Verminderung der amerikanischen
Verpflichtung gegenüber Europa erzwang.
Die europäisch-amerikanischen Diskussionen über die längerfristigen
Sicherheitsprobleme außerhalb Europas haben sich zu einem stilisierten Meinungaustausch zwischen extremen Positionen entwickelt. Genug Schuld daran
tragen beide Seiten - wie dies oft in der Geschichte von Bü'ndnisbeziehungen
der Fall war, spiegelt das europäische Unbehagen die Unberechenbarkeit der
amerikanischen Politik wider. Ein Teil der Verwirrung rührt von einem Mangel
an Verständnis her, aber mehr noch geht auf eine Tendenz auf beiden Seiten
des Atlantik zurück, die regionalen und globalen Faktoren in Südwestasien,
bzw. die politischen und militärischen Lösungsversuche fälschlicherweise voneinander zu trennen.
Afghanistan wischte mit aller Macht ein Argument dieser stilisierten
Debatte vom Tisch:

daß nämlich die Sowjetunion ihre eigenen Streitkräfte

nicht außerhalb Osteuropas einsetzen werde.

Allerdings bewies es nicht,

daß Moskau zum Abenteurer geworden ist, zur Eroberung mit Waffengewalt entschlossen, wo immer dies möglich ist - besonders in den öl gebieten des Golfs.
Zweifellos wird die Führung im Kreml vorsichtig, ja sogar defensiv - zumindest gemäß ihrer eigenen Definition davon - bleiben,und ihre mißliche Lage
m Afghanistan ist ein weiterer Grund zur Vorsicht.

Aber Afghanistan macht

deutlich, daß die militärischen Kapazitäten der Sowjetunion sich bis zu dem

�dem Punkt verbessert haben, wo sie den sowjetischen Interessen bzw. den
sowjetischen Befürchtungen besser entsprechen,

In den fünfziger Jahren

wäre es für Moskau schwierig gewesen, 70 000 Mann in wenigen Tagen nach
Afghanistan zu schicken, oder aber es hätte Grund zur Befürchtung gegeben,
daß die Vereinigten Staaten - obgleich auf der anderen Seite des Globus die Sowjetunion dort in Afghanistan schlagen könnten,

Das ist nicht länger

mehr der Fall.
Der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak läßt Zweifel hinsichtlich
anderer beliebter Annahmen aufkommen, daß nämlich Waffenkäufe und militärischer Aufbau von Anrainerstaaten oder Aktivitäten fremder Mächte, insbesondere der Supermächte, das regionale Gleichgewicht stören.

Es ist

höchst unwahrscheinlich, daß der Irak angegriffen hätte, wenn der revolutionäre Iran seine Verteidigung nicht in ein solches Chaos gestürzt hätte;
Schwäche, nicht Stärke kann zum Krieg führen,

Sowohl die Sowjetunion als

auch die Vereinigten Staaten hatten ganz offen den Wunsch nach einem Ende
des Kampfes zwischen dem Iran und dem Irak - aber keiner von beiden hatte
irgendwelche Einflußmöglichkeiten

In der Tat

st. das beunruhigendste

Element in der Region nicht externen, sondern einheimischen Ursprungs:

Die

Revolution im Iran und der Ruf des Regimes in Teheran nach Sturz der Regime
entlang des Golfs im Namen des Islam - gleichgültig, ob diese Regime säkular-sozialistischen Charakter haben wie im Irak oder traditionell konservativ sind wie in

Saudi-Arabien.

Ein weiterer, besonders in Europa vorherrschender, Irrglaube besteht
in der Annahme, der Schlüssel zur Stabilität in der Region sei eine Lösung
des Palästinenserproblems.

Der Iran und der Irak, beide -irbitterte Gegner

des Camp David-Friedensprozesses, kämpfen aus Gründen, d~,e fast nichts mit
den Juden oder den Palästinensern zu tun haben.

Erneut:

Die Lektion, die

man hieraus lernen kann, ist nicht das Gegenteil jenes Mythos, etwa, daß
das Palästinenserproblem nur von zweitrangiger Bedeutung sei - wie dies die
Propaganda in Israel meint, und wie dies von einflußreichen Kreisen der
amerikanischen Rechten aus einigermaßen unterschiedlichen Gründen wiederholt
wird.

Die Palästinenserfrage ernsthaft anzugehen ist wesentlicher Teil einer

- 3 -

�einer umfassenderen Strategie zur Schaffung von Stabilität in der Region.
Dies ist notwendig, aber nicht ausreichend.

Sogar ihre "Lösung" - die der-

zeit weit über unsere Hoffnungen für die nahe Zukunft hinausreicht - würde
kein Ende des Konfliktes im Persischen Golf bedeuten.
Die erste Notwendigkeit in einer ernsthaften Diskussion über westliche
Sicherheit und Südwestasien besteht darin, die Debatte über künstliche Extreme zu beenden.

Es ist keine Frage des Entweder-Oder:

Die Bedrohung

kommt nicht nur von sowjetischem Druck - wie die Amerikaner meinen -, noch
nur von der internen Instabilität - worauf die Europäer abzielen.

Der Westen

muß nicht einfach nur zwischen militärischer Gewalt oder politischen und
wirtschaftlichen Methoden wählen.

Die Nähe und die offenkundige militärische

Kapazität der Sowjetunion wird über die Politik in der Region ihren Schatten
werfen - sogar wenn keine offene Gewalt angewendet wird.
Eine zweite Notwendigkeit besteht darin, zwischen verschiedenen Tailen
der Region zu unterscheiden.

Einfach

von "Südwestasien" oder dem "Persischen

Golf" oder dem "Krisenbogen" zu sprechen, trägt das Risiko der Verwirrung
in sich.

Sogar rein militärisch ausgedrückt wäre zum Beispiel ein umfassen-

der sowjetischer Angriff auf den Iran - schon in sich selbst nicht gerade
einfach - noch um vieles leichter als ein Angriff auf Saudi-Arabien, wo die
Sowjets sich auf Luftlandetruppen zu stützen hätten, die auf weite Entfernungen aus der Sowjetunion selbst herangeführt werden müßten.
Wie viel militärische Macht des Westens ist notwendig, um vor welchen
Bedrohungen abzuschrecken? über diese Fragen wird gestritten werden - insbesondere zwischen den Amerikanern und den Europäern. Eigentlich glaubt niemand, daß die Sowjetunion wirklich in den nördlichen Iran einmarschiert;
und doch hätte man so ziemlich die gleiche Erklärung vor einem Jahr hinsichtlich Afghanistans abgeben können. Die Europäer werden daher versucht seins
zu argumentieren, daß eine militärische Anstrengung der Vereinigten Staaten
in Südwestasien, auf die sowjetische Bedrohung abgestimmt, die Lektnonen
von Europa falsch auf Südwestasien anwendet, und daher zu wenig ist, um den

- 4 -

&lt;

�den Sowjets entgegenzuwirken, aber zu viel, um Schaden von den Reg?ona Politiken abzuwenden.
Was sie anbelangt, müssen die Europäer erkennen, daß jede ernsthafte
westliche Anstrengung zum Aufbau einer Militärmacht in der Region - sogar
"hinter dem Horizont" - es erforderlich macht, einige politische Risiken
zu übernehmen, um ein Netz von Anlagen zur Unterstützung der Stre tk^äfte
aufzubauen. Ganz im Gegensatz zu europäischen Bedenken unternehmen d*e
Vereinigten Staaten große Anstrengungen, um solche Risiken zu reduzieren
- indem sie zum Beispiel die Anzahl de^ Amerikaner so geling w : e mögl*ch
halten, die permanent in den Anlagen stationiert sind, d e die Vereinigten
Staaten in Oman, in Somalia, Kenia und in Ägypten errichtet haben
Was
die Vereinigten Staaten anbelangt, so müssen sie mehr tun, als nur mit dem
Kopf in Richtung jenes Vorschlags zu nicken, daß militärische Stärke nicht
genug sei. Und sie sollten härter am Ausbau einer "Abschreckung in kleinen
Schritten"bauen - anstatt an großen Dislozierungspianen, die zudem noch groß
angekündigt werden. Die Verlegung von vier amer'kanisehen FrühwaTt »ugzeugen (AWACS) nach Saudi-Arabien während des Kriegs zwischen dem Iran und
dem Irak ist hierfür ein Beispiel, Es war weder zu viel noch zu wen. .g
Es war vielmehr eine rasche Antwort auf eine Bedrohung der Sicherheit de"
Saudis, wie diese selbst sie sahen.

Sowohl die Europäer als auch die Amerikaner sollten sich vor jeder
vereinfachenden Formel wie der "Arbeitsteilung" hüten

Es Ist nur zu na-

türlich, daß die Europäer sich auf Europa konzentrieren, während die Vereinigten Staaten die Hauptlast der Anstrengung in Sudweitasien tragen; und
es war für die Vereinigten Staaten verlockend, d*ese vergleichsweisen Verteile in Politik umzusetzen.
nur wenig Sinn.

Aber sogar in militärischer Hinsicht macht das

Es stehen ganz offensichtlich in der Region auch Interessen

der Europäer auf dem Spiel, und es gibt auch einige Kapazitäten, die dem
entsprechen:

wie etwa die rund 4000 Mann starken französischen Truppen in

Dschibuti, die die umfangreichsten westlichen Landstreitkräfte in der Nähe
des Golfs darstellen.

Die koordinierten Anstrengungen westlicher Flotten

während des iranisch-irakischen Kriegstotene m Beispiel für die militärische

�militärische und politische Tugend der Zusammenarbeit.

Die amerikanischen

Streitkräfte allein hätten vielleicht nicht über genügend Minensuchboote
verfügt, um die Straße von Hormuz freizuhalten; wichtiger aber war, daß diese gemeinsamen Schritte den Einsatz für jeden Staat in der Region erhöhten,
der sich Maßnahmen gegen diese Straße überlegte.

Es steht außer Frage, daß

die militärische Zusammenarbeit außerhalb Europas schwierig ist, oft frustrierend für alle Seiten.

Die europäischen Wünsche, es in aller Stille zu tun,

stehen im Widerspruch zum Erfordernis amerikanischer Regierungen, Handlungsbereitschaft zu demonstrieren.

Gemeinsame Anstrengungen beinhalten einen

Verlust amerikanischer Handlungsfreiheit und einen Anteil der Europäer an
der Verantwortung für getroffene Entscheidungen - beides etwas, was gegen
vorherrschende Gewohnheiten verstößt.
In politischer Hinsicht besteht die Gefahr, daß "Arbeitsteilung" aus
amerikanischer Sicht bedeutet, daß die Europäer die leichten oder netten
Aufgaben erledigen - etwa der Türkei Wirtschaftshilfe geben -, während die
Vereinigten Staaten die weniger beliebten militärischen Aufgaben übernehmen.
Vielleicht werden die Arbeiten noch geteilt - die Risiken nicht.

Dies könn-

te genau die Art politischer Rückwirkung hervorrufen, die die "Arbeitsteilung"
zu verhüten suchte.

Die Amerikaner im Kongreß - und nicht nur dort - werden

zu fragen anfangen, warum die Vereinigten Staaten allein den westlichen Zugang zum Persischen Golf verteidigen, während doch Europa noch viel stärker
als Amerika von diesem öl abhängt.

+ + + + +

»

�26. November 1980

52

MILITARISMUS UND SOWJETSTAAT
- von Richard Pipes c 1980, The American Academy of Arts and Sciences

-

(AD) - Historisch betrachtet verdankt Rußland seinen inter-

nationalen Einfluß seinen Streitkräften.

Um diese Macht in einem Land

mit schwach entwickelter Volkswirtschaft zu behaupten, mußte Rußland
einen außergewöhnlich großen Anteil menschlicher und materieller Ressourcen
für militärische Zwecke abstellen.
Für einen Kenner der russischen Historie verfängt die Behauptung,
daß dieses Land im Verlauf seiner Geschichte eine ungemein große Zahl
ausländischer Invasionen durchgemacht und als Folge dessen eine kollektive
Paranoia entwickelt habe, keineswegs.

Natürlich ist es wahr, daß die

Russen während ihrer tausendjährigen Geschichte drei besonders verheerende
Invasionen erlitten:

durch die mongolischen Tataren im 13. Jahrhundert,

durch die Franzosen und Preußen im Jahr 1812 und durch die Nazis im Jahr
1941.

Aber sind sich die Leute, die diese Fakten ausstreuen, auch der

vielen Male bewußt, da die Russen bei ihren Nachbarn einfielen und ihnen
unvergleichliche Traumata zufügten?

Schließlich wird ein Land nicht allein

Postfach 20 03 00
Bonn 2

0 5 3 0 0

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�allein dadurch der räumlich größte Staat der Welt - wie dies Rußland seit
dem 17. Jahrhundert gewesen ist -, daß es ausländische Invasionen absorbiert
oder zurückschlägt. Wie viele - von den Spezialisten abgesehen - wissen
um die russischen Aggressionen - wie etwa die Offensive im Osten im
16. Jahrhundert, die die Unterdrückung der moslemischen Fürstentümer von
Kasan und Astrachan zur Folge hatte; oder im 17. Jahrhundert die Eroberung
Sibiriens, die anhaltenden Offensiven gegen das Ottomanische Reich und
die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert; die Eroberung Turkestans und
die Besetzung chinesischer Territorien im 19. Jahrhundert?

Gerade durch

diesen unnachgiebigen Drang nach außen expandierte Rußland so lange, bis
es schließlich ein Sechstel der Erdoberfläche besetzt hatte. Diese
Liste ins Gedächtnis zurückzurufen, bedeutet nicht, den Russen einzigartig
aggressive Neigungen zuzuschreiben; es geht lediglich darum, eine weitverbreitete, falsche Vorstellung von den Russen als einem lediglich mit
seiner Verteidigung beschäftigten Volk zu korrigieren.
Rußlands traditioneller Expansionismus sowie der durch ihn begünstigte Militarismus wurden hauptsächlich durch wirtschaftliche Faktoren
hervorgerufen. Die nördliche Waldzone - die Taiga -, die in der Zeit,
als der Staat sich herausbildete (vom 13. bis zum 16. Jahrhundert),
die Heimat der Russen bildete, ist ein von alters her armes Gebiet mit
Boden von geringer Qualität und einer extrem kurzen Vegetationsperiode.
Als Folge zunehmenden Bevölkerungsdruckes und der damit verbundenen
Tendenz, den verfügbaren Boden bis zum Punkt der Erschöpfung zu kultivieren,
übte das russische Volk konstanten Druck auf seine Nachbarn aus.
Zur Durchführung dieser Eroberungen verwandte Rußland einen Löwenanteil seines nationalen Reichtums auf militärische Vorhaben.

Im alten

Rußland diente praktisch die gesamte obere Schicht in den Streitkräften
der Monarchie, und ein großer Teil der Landbevölkerung mußte in Leibeigenschaft gehalten werden, damit jene unter Waffen stehen konnten»

Die

Volkswirtschaft war in erster Linie auf Kriegsführung ausgerichtet.

- 2 -

Unter

�Unter Peter dem Großen wurde die Last des Militärischen für die Bevölkerung
noch größer:

Es kam zur Einführung einer auf Konskription basierenden

stehenden Armee, der ersten dieser Art in Europa.

Für ein so armes Land

wie Rußland war diese Last gewaltig, und es war daher nicht verwunderlich,
daß in manchen Jahren praktisch die gesamten Staatseinnahmen für das
Militär verwendet wurden.
Es ist etwas Tragisches um den Teufelskreis, der die russische
Geschichte durchzieht: Armut fordert Eroberungen; Eroberungen verlangen
ein umfangreiches stehendes Heer; ein solches Heer verschlingt die Produktivkräfte des Landes und verewigt die Armut. In der gesamten russischen
Geschichte gab es nur eine einzige Periode - das späte 19. Jahrhundert -,
als die Regierung in einer Anstrengung zum Ausgleich des Haushaltes und
zum Aufbau der Industrien des Landes die Streitkräfte unterfinanzierte.
Wie jedoch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges lehren sollte, war das
Experiment ein Mißerfolg und wurde von den Nachfolgern der Zaren nicht
wiederholt.
Das stehende Heer erwies dem russischen Staat einen weiteren Dienst einen politischen.

Herkömmlicherweise oblag in Rußland den Streitkräften

die Verantwortung, die innere Ordnung zu gewährleisten.
So viel zum historischen Hintergrund. Der kommunistische Staat obgleich von andersartigen Ideen und Zielsetzungen durchdrungen - erbte
dasselbe Land mit denselben Traditionen und vielen derselben Probleme.
Der Marxismus ist ein vom Geist des gnadenlosen Konflikts durchdrungene Idee und daher von dem Gedanken an Gewalt und Zwang als Regulatoren
menschlichen Wirkens.

In dieser Hinsicht steht er in krassem Gegensatz zu

dem im 19. Jahrhundert vorherrschenden Liberalismus, nach dessen Ansicht
der Konflikt, insbesondere in der Form des Krieges, seiner inneren Natur
nach irrational war.

Lenin, dem Marxens Bewunderung für die historischen

- 3 -

�historischen Leistungen des Liberalismus völlig abging, verstärkte das
kämpfende Element der sozialistischen Dcktrin:

man darf wohl sagen,

daß er alle menschlichen Beziehungen als Konfrontationen und Kämpfe auf
Leben und Tod ansah.
Obgleich die sowjetische Regierung, weil es ihr passend erschien,
Mitte der fünfziger Jahre damit begann, Lenin die Idee friedlicher Koexistenz
zwischen unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen zuzuschreiben, hatte Lenin in der Tat eine solche Vorstellung niemals in
Erwägung gezogen.

Natürlich war er aus Rücksicht auf die "Korrelation der

Kräfte" bereit, einen temporären Waffenstillstand mit dem Klassenfeind
einzugehen, aber er hatte niemals die Vorstellung, daß die letztendliche
Niederlage des Kapitalismus erreicht werden könne ohne dessen Niederlage
auf dem Schlachtfeld.
Gleich neben der grundlegenden Verpflichtung zu Konflikt und Krieg
als Mittel zur Lösung der "Klassenunterschiede steht als wesentliches
Ingredienz der sowjetischen Konzeption der Kriegsführung die Bedeutung,
die sie dem wirtschaftlichen Faktor beimißt. Diese für den MarxismusLeninismus grundlegende Idee wurde aufgrund der Erfahrungen im Ersten
Weltkrieg erneut und verstärkt aufgegriffen. Die gewaltigen Leistungen
Deutschlands, das Versagen des imperialistischen Rußland sowie die im Westen
als Folge der im Krieg gelernten Lektionen erschienene Literatur überzeugten die sowjetische Führung davon, daß in einem künftigen Krieg über dessen Kommen sie sich keinem Zweifel hingab - der entscheidende
Faktor die industrielle Leistungsfähigkeit sein werde. Gerade weil die
Sowjetdoktrin die industrielle Produktivität als den wesentlichen Faktor
für den Sieg unterstreicht, neigt das Sowjetregime dazu, seine Industrie
den militärischen Forderungen unterzuordnen. Man könnte sagen, daß in
der Sowjetunion der Militarismus nicht ein Nebenprodukt des Industrialismus
ist - wie dies etwa im Wilhelminischen oder im Nazi-Deutschiand der
Fall war -, sondern daß - ganz im Gegenteil - der Industrialismus ein

�ein Nebenprodukt des Militarismus ist.
Die Erfahrungen an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg hatten zwei
bedeutsame Konsequenzen. Erstens hatten sie erneut die entscheidende
Bedeutung der "Heimatfront" in der modernen Kriegsführung unterstrichen.
Letztlich war die Sowjetunion in der Lage, Deutschland zu besiegen, weil
sie einem Zusammenbruch der Verwaltung zuvorgekommen war und die Verteidigungsindustrie unter den unvorstellbarsten Bedingungn am Laufen
hielt. Dies erklärt auch, warum die Regierung die Erinnerung an den
"Großen Vaterländischen Krieg" unter der Bevölkerung wachhält: Sogar
die Bürger, die absolut nichts für das kommunistische System übrig haben,
müssen - wenn auch widerwillig - zugestehen, daß das Regime Ruüland rettete,
egal, welche Fehler es sonst hat. Die Tatsache, daß die politische
Attraktivität des Regimes noch immer in so starkem Maß von der Kriegserfahrung abhängt, ermutigt zu noch weiterem sowjetischen Militarismus.
Die sowjetische Militärdoktrin ist eng mit nichtmilitärischen
Faktoren verwoben.

Das sowjetische Denken in Friedenszeiten über den Sieg

im Krieg berührt alle Aspekte des politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Lebens.

Als Folge davon ist seine Haltung intensiv militaristisch.

Für jemanden aus dem Westen ist der erstaunlichste Aspekt der
derzeitigen sowjetischen Militärdoktrin ihr Umfang, ihre Tendenz, weit
über die Grenzen dessen hinauszugehen, was im Westen als der angemessene
Bereich militärischer Theorie angesehen wird. Dies kommt daher, daß die
sowjetischen Theoretiker einen grundlegenden Unterschied machen zwischen
dem, was sie die "Kunst des Krieges" und die "Wissenschaft des Krieges"
nennen, wobei die erste als das zwar zentrale, aber untergeordnete Element
angesehen wird.
Als eine Folge dieser Einstellung, eingebettet in den MarxismusLeninismus und gestärkt durch das Andenken an den Zweiten Weltkrieg, stellt

�stellt die derzeitige sowjetische Militärdcktrin den wirtschaftlichen
und "moralischen" Zusammenhalt der Heimatfront praktisch mit der Kampfbereitschaft an der militärischen Front auf eine Stufe. Die Streitkräfte
müssen für den Kampf schon lang vor Ausbruch der Feindseligkeiten bereit sein
- und dies muß auch die Zivilbevölkerung.

Diese Denkart erfordert in ihrer

logischen Konsequenz, daß die gesamte Nation schon in Friedenszeiten in
einem Zustand der Kriegsbereitschaft steht und daß die Linie, die in
den nichtkommunistischen Gesellschaften den militärischen Sektor von den
zivilen Bereichen trennt, weniger unterscheidbar wird.
In diesem Zusammenhang kommt den Kernwaffen im sowjetischen Denken
eine besondere Bedeutung zu.

Im Westen führte der Schrecken vor den Folgen

eines Atomkrieges schon früh zur Entwicklung einer Denkschule, die davon
ausging, daß Kernwaffen keinen anderen militärischen Nutzen als den eines
Abschreckungsmittels haben könnten.

Demgemäß legt die westliche Dcktrin

über Kernwaffen starke Betonung auf Rüstungskontroi labkommen.
Diese Haltung herrscht zweifelsohne in der Sowjetunion nicht vor.
Nach einer Periode des Zögerns, die auf die Einführung der Wasserstoffbombe gegen Ende der fünfziger Jahre folgte, entschied die sowjetische
Führung, daß die Kernwaffen eine nackte Tatsache seien und nicht durch
Wunschdenken verschwinden würden. Aber während im Westen ihre noch nie
dagewesene Zerstörungskraft die Überzeugung förderte, daß es für sie
keine rationale Anwendung in offensiver Weise gibt, wurde - ganz im
Gegensatz hierzu - in der Sowjetunion gefolgert, daß eben diese Eigenschaft sie zu entscheidenden Waffen der modernen Kriegsführung mache.
Der Zweck dieser Beobachtungen besteht darin, aufzuzeigen, um
wieviel komplizierter solche Unternehmungen wie Rüstungskontrollvereinbarungen und Entspannung sind, als dies allgemein angenommen wird.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet eine Erhöhung und Verminderung der
militärischen Verpflichtungen im wesentlichen, die Verteidigungsausgaben zu_

- 6 -

�zu erhöhen oder zu senken.

Dies ist in der Sowjetunion nicht der Fall,

wo der Militärkomplex eingebettet ist in historische Überlieferungen, in
die Ideologie, ja, in die politische und wirtschaftliche Struktur des
Landes selbst.

Hier würden wesentliche Änderungen bei der militärischen

Verpflichtung Änderungen in allen Aspekten des nationalen Lebens beinhalten,
ja, sogar bei der "Verfassung" des Systems.

Es ist daher ziemlich

illusorisch, zu erwarten, daß eine einfache Verminderung der amerikanischen
Verteidigungsausgaben oder das Einfrieren bestimmter Waffendislozierungen
eine korrespondierende Antwort seitens der Sowjetunion hervorruft.
Militarismus ist Zwang auf allumfassendem Niveau; er ist eine Verweigerung des Kompromisses, auf dem alle friedlichen Beziehungen zwischen
Individuen genauso wie zwischen Gesellschaften ruhen müssen. Dem Zwang
gegenüber nachgeben - egal ob aus Schwäche oder aus mangelndem Willen bedeutet, die grundlegende Prämisse des Militarismus zu bestätigen und
ihn dadurch zu ermutigen, Vor dem Krieg, dem äußersten Testfall zwingender
Gewalt,besteht der einzig wirkungsvolle Weg, um solcher Gewalt die Vergeblichkeit
ihres Bemühens zu zeigen, darin, die eigene Bereitschaft zum Widerstand
gegen eine solche Bedrohung zu demonstrieren, das heißt, die militärische
Gegenseite davon zu überzeugen, daß die Anwendung von Gewalt sich nicht
auszahlt.
Im Falle der Sowjetunion muß der warnende Rat in einer Weise gegeben
werden, die ihren eigenen Begriffen von "Wissenschaft des Krieges" und
"Korrelation der Kräfte" entspricht. Er muß die sowjetische Vorstellung
von Kriegsführung im Zeitalter der strategischen Waffen ebenso frontal
angreifen wie er das Oberkommando der Sowjets mit unserer Fähigkeit beeindrucken muß, den Kriterien der "Politik, Wirtschaft (und) der Beziehung
zwischen moralisch-politischem, wissenschaftlich-technologischem und dem
militärischen Potential der kriegsführenden Parteien" gerecht zu werden.
Mit anderen Worten: Um den sowjetischen Angriffsgeist zu neutralisieren,
muß die westliche Abschreckung zu einer großen Strategie mit operativ
sinnvollen strategischen Kapazitäten als einer ihrer Komponenten ver-

- 7 -

�verschmelzen.

Interessenverflechtung, "Unannehmbarer Schaden" und andere

solcher Ideen westlicher Theoretiker werden in diesem Kontext nicht ausreichen.
Der auf diese Weise durchkreuzte sowjetische Militarismus könnte
dadurch sicherlich zu noch größeren Anstrengungn angespornt werden: Das
ist ein Risiko, das man nicht leugnen sollte.

Aber es ist wahrscheinlicher,

daß er unter zunehmende innere Kritik geraten kann - als ein wenig profitables
Mittel zur Förderung der nationalen Interessen.

Ausbleibender Erfolo im

militärischen Wettbewerb wird die sowjetische Regierung wahrscheinlich
zwingen,

sich nach innen zu wenden, sich ihrer öffentlichen Meinuny zu

stellen und damit anzufangen, ihre schwierigen inneren Probleme anzugehen.
Dieses Ziel kann jedoch nicht ohne eine größere und langwierige Anstrengung
erreicht werden.

Es gibt ganz einfach keine billigen und leichten Mittel

und Wege, die sowjetische Regierung von einer Änderung ihrer Richtung zu
überzeugen.

+ + + + +

�</text>
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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. November 1997

23

USA-DEUTSCHLAND

DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
AMERIKA HÄUSER
Rede von John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

USA FORDERN ABKOMMEN ZUR
BESTRAFUNG VON BESTECHUNG
von Wirtschaftsminister William Daley
BESTECHUNG MUSS GEACHTET WERDEN
von Stuart Eizenstat

DATENAUTOBAHN

USA WOLLEN MÖGLICHST WENIG
REGULIERUNG DES INTERNET
von Larry Irving

THANKSGIVING

DIE NATIONEN LERNEN DIE LEKTION
VON FREIHEIT UND DEMOKRATIE
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
26. November 1997

Die Herausforderung für Amerika Häuser
Rede von John C. Kornblum

HAMBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 20. November 1997 im Amerikazentrum in Hamburg
gehaltene Rede.

Dies ist wirklich ein bedeutender Anlaß für mich. Ich
habe meine diplomatische Laufbahn 1965 in Hamburg
direkt nach dem Collegeabschluß mit sehr wenig
Ahnung von dem Job begonnen, den ich tun sollte. Ich
habe schnell gelernt und damit genau in diesem
Gebäude hier angefangen. Es war nicht meine
offizielle Tätigkeit im Konsulat, die mich mit Hamburg,
Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammenbrachte, es war nicht meine Arbeit im Büro, die mir
einen ersten Eindruck von der Rolle der Vereinigten
Staaten in einem immer noch geteilten Deutschland
vermittelte. Es waren die Kontakte, Diskussionen und
Konferenzen, an denen ich unter der Schirmherrschaft
des Amerika Hauses Hamburg teilnahm. Und ich
sollte hinzufügen, daß die Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und Norddeutschland in beträchtlichem Maße durch die Arbeit dieser Institution und
ihrer engagierten deutschen und amerikanischen
Mitarbeiter geknüpft wurden.
Wenn ich mir diese schöne Stadt betrachte, sehe ich
sehr viel Vertrautes. Aber ich sehe noch viel mehr,
das sich verändert hat - sehr viel mehr, als ich vor 32
Jahren hätte ahnen können. Eine der wichtigsten
Veränderungen ist die Art, in der wir miteinander
reden. Die Art, in der wir diese atlantische Gemeinschaft aufbauen, die uns so viel bedeutet hat.
Während meiner Jahre in Hamburg waren die "Medien" - wie wir sie jetzt bezeichnen - auf die offiziellen
Programme des Norddeutschen Rundfunks, die
hervorragenden Zeitungen dieser Stadt und die
unregelmäßigen
Lieferungen
englischsprachiger
Publikationen beschränkt. Manchmal gelang es mir,
AFN-Bremerhaven oder den World Service der BBC
zu hören. Aber alle Teile der Welt - einschließlich der

AMERIKA DIENST 23

Vereinigten Staaten - hatten nur begrenzten Zugang zu
Eindrücken aus dem Ausland.
Auch Deutschland war 1965 ein anderer Ort. Die physischen und psychischen - Wundes des Krieges
waren noch sehr gut sichtbar. Die Berliner Mauer war
erst vier Jahre alt. Die Botschaft Amerikas war noch
immer eine der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ein amerikanischer Diplomat war überwältigt von den
Fragen und der Neugier bezüglich unseres Landes.
Das Amerika Haus spielte eine entscheidende Rolle
bei der Wiederherstellung des Selbstvertrauens dieser
Stadt. Es bot eine Verbindung zu der weiten Welt. Es
gab Beispiele für Fortschritt im modernen Zeitalter. Es
durchbrach die Isolation, in die Deutschland während
und nach der schrecklichen Zeit des Dritten Reichs
gefallen war.
In manchen Jahren spielte das Amerika Haus eine
andere Rolle. Es war das Zentrum von Diskussionen,
Debatten und manchmal der Wut junger Deutscher
über die Verwirrungen des Wandels. Als meine Zeit in
Hamburg zu Ende ging, trat an die Stelle der Sicherheit
der Nachkriegszeit die Unsicherheit einer postindustriellen Kultur - eine Kultur, die sich rasch entwickelte.
Neue Werte wurden erprobt, und die einstmals
bequeme schützende Rolle der Vereinigten Staaten
schien einer Generation im Weg zu stehen, die dem
Konservatismus der Nachkriegszeit entfliehen wollte.
Passenderweisewaren es die Vereinigten Staaten, die
ein Modell für die Veränderungen boten. Jugendkultur
und Studentenrevolten waren auch ein Import aus
Amerika. Wir führten lange und harte Diskussionen.
Traurigerweise eskalierten die Diskussionen manch-

Seite 1

/

�mal zu Gewalt. Auch diese Zeit erduldete das Amerika
Haus loyal.
Heute ist Amerika weder ein Hafen für ein gebrochenes Deutschland noch ein Ziel für die Frustrationen
eines neu entstehenden Deutschlands. Unsere beiden
Länder sind heute das Rückgrat einer wachsenden
transatlantischen
Gemeinschaft
demokratischer
Nationen. Gemeinsam haben wir den Kalten Krieg und
die Teilung Deutschlands überwunden. Gemeinsam
haben wir die Grundlagen für die erste Periode eines
demokratischen Friedens in der Geschichte Europas
geschaffen. Unsere Partnerschaft ist natürlich und
unentbehrlich. Und das Beste kommt noch!
An der Schwelle zu diesem hoffnungsvollen neuen
Zeitalter müssen wir auch sorgfältig darüber nachdenken, wie wir miteinander sprechen und voneinander
lernen. Wir brauchen nicht mehr drei Tage lang auf
englischsprachige Nachrichten zu warten. Amerikanische Bücher können unverzüglich im Internet bestellt
werden. Wir werden mit Eindrücken aus aller Welt
überschüttet. Es ist nicht schwer, aktuelle Nachrichten
aus jedem Teil der Welt zu erhalten. Internationale
Kultur - vor allem die amerikanische - ist allgegenwärtigDie Tage, in denen Amerika die Welt von draußen
nach Deutschland bringen mußte, sind lange vorüber.
Man muß einem besiegten Land nicht mehr Demokratie und amerikanische Kultur einflößen. Statt dessen
benötigen wir einen konzertierten Dialog zwischen
Partnern über die vielen Herausforderungen, mit
denen wir uns an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrhundert konfrontiert sehen. Wir müssen offen und
eingehend reden. Und wir müssen die vielen Personengruppen zusammenbringen, die jetzt unsere
Kontakte und Partnerschaften ausmachen.
Wir haben in der Tat Glück, daß die Geschichte der
Kontakte und Dialoge zwischen Amerika und Deutschland in Hamburg und Norddeutschland so omnipräsent
ist. Die Arbeit des Amerika Hauses und des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten kann auf über zwei
Jahrhunderte geschäftlicher, intellektueller und
familiärer Bande aufbauen, um eine neue Art von
Partnerschaft für das 21. Jahrhundert zu gründen.
Jetzt besteht unsere Arbeit darin, diesen Dialog
relevant und effizient zu machen. Die offiziellen
Programme der US-Regierung, die das Amerika Haus
so erfolgreich gemacht haben, sollten in zunehmendem Maße durch eine Mischung aus privaten, staatlichen und ehrenamtlichen Aktivitäten ersetzt werden,
die die breite Palette unserer Kontakte und unserer
Partnerschaft widerspiegeln.
Der Geist des neuen Amerikazentrums reflektiert
diesen Wandel. Die Vereinigten Staaten werden die
Arbeit des Amerikazentrums weiterhin entschieden
unterstützen. Ich habe Ihnen versprochen, mich

Seite 2

persönlich zu engagieren, damit die Qualität unseres
Dialogs verbessert wird und die Beteiligung zunimmt.
Wir sprechen nicht über eine neue Cyberwelt im
Internet, wie manche behauptet haben. Unsere
Aufgabe ist es, die Menschen zusammenzuführen, um
gemeinsame Belange zu erörtern, gemeinsame
Interessen auszumachen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Ich hoffe, daß wir uns den Wandel zunutze machen
können, um eine neue Grundlage für den
deutsch-amerikanischen Dialog in Hamburg zu
schaffen. Wir können die Führungsrolle aus den
Händen der Regierungen in die Hände derjenigen
legen, die am meisten profitieren - unsere jungen
Menschen, Wissenschaftler, Geschäftsleute und
Bürger aus allen Bevölkerungsschichten.
Mit dem Übergang vom Amerika Haus zum neuen
Amerikazentrum verringern wir nicht die kulturelle
Präsenz Amerikas in Norddeutschland und beschränken zweifelsohne auch nicht den Dialog zwischen
unseren Ländern. Unser Ziel besteht in der verstärkten Einbeziehung von Gruppen und Einzelpersonen auf beiden Seiten des Atlantiks in die Finanzierung
und Pflege unserer Kontakte.
Wir haben in München mit der Einrichtung des neuen
"Bayerisch-Amerikanischen Zentrums" einen ähnlichen
Schritt unternommen.
In dieser weit entfernten
süddeutschen Stadt hat eine Koalition aus Regierung,
Universitäten und privaten Vereinigungen die Herausforderung angenommen. Ich weiß, daß die Reaktion in
Hamburg ebenso stark sein wird.
Lassen Sie mich hervorheben, was wir meines
Erachtens unternehmen müssen. Es geht hier nicht
darum, sich einer alten Institution anzunehmen, die
sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht
länger leisten kann. Es bedeutet zweifelsohne nicht,
ein Informationsprogramm der amerikanischen
Regierung durch private Institutionen finanzieren zu
wollen. Vielmehr geht es hier um die Erkenntnis, daß
Deutschland und die Vereinigten Staaten in der Welt
von Morgen eine besondere Grundlage haben, auf der
sie aufbauen können. Wenn die Vereinigten Staaten
Deutschland geholfen haben, die Zerstörung des
Krieges zu überwinden, dann waren es die Stärke und
Vision der Deutschen, die den Vereinigten Staaten bei
der Definition und Umsetzung ihrer neuen Rolle in
Europa geholfen haben.
Im Vorfeld des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke
brauchen wir uns keine großen Gedanken über das
von uns Erreichte zu machen. Wenn wir über die
durch die Wiedervereinigung Deutschlands herbeigeführten Veränderungen nachdenken, brauchen wir
uns nicht vorzustellen, wie die Welt ohne das Engagement unserer beiden Länder für die Beendigung der
Teilung Europas ausgesehen hätte.

AMERIKA DIENST 23

�Mit anderen Worten: Wir sind besondere Partner. Und
diese besondere Partnerschaft kann hier in Europa
und in Deutschland am besten gelebt werden. Das
neue Amerikazentrum kann dieser besonderen
Verantwortung Form und Inhalt geben. Es kann
Geburtsstätte einer neuen Art des Dialogs und Austausche werden, die ebenso wichtig sind wie die ersten
zögernden Kontakte, die wir hier vor 45 Jahren
anknüpften.
Ich bin überzeugt, daß Hamburg seine Herausforderung auf dieselbe Art und Weise meistern wird wie
München. Wir können in Nord- und Süddeutschland
zusammenarbeiten, um eine neue Art des Dialogs und
der Partnerschaft zu schaffen, die über die Herausforderung der Kriegzeiten hinaus in eine neue Zukunft
für unsere Länder und die atlantische Welt weist.
Dieselbe Überzeugung veranlaßte den Rektor der
Universität Hamburg, Dr. Jürgen Lüthje, und eine
Reihe anderer engagierter Menschen zur Gründung
des Amerikazentrums Hamburg e.V.
Die US-Regierung unterstützt diesen privaten Verein
durch das US-Informationsamt (United States Informa-

*

AMERIKA DIENST 23

tion Service - USIS) mit einer Sachspende von mehr
als 500.000 DM. Das beinhaltet Möbel und Regale im
Wert von 150.000 DM, Computer und Drucker im Wert
von 10.000 DM, eine Büchersammlung von 200.000
DM sowie Zeitungen und Zeitschriften im Wert von
65.000 DM. Im kommenden Jahr wird USIS auch eine
Zeitschriftensammlung auf CD-ROM im Wert von
17.000 DM, neue Nachschlagewerke im Wert von
9.000 DM sowie eine Anschubfinanzierung von 51.000
DM in bar bereitstellen.
Ferner unterstützt USIS das Amerikazentrum durch die
Entsendung von Sprechern für öffentliche Kulturprogramme.
Vieles wird beim Alten bleiben. Aber eines wird sich
verändern. In München wird das Gebäude des
Amerika Hauses als Heimat der neuen Institution
überleben. In Hamburg ist das noch nicht sicher. Ich
freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Senat und
der Universität, um das Amerikazentrum zu einem
Erfolg zu machen. Ich hoffe, daß ein Teil des Erfolgs
der Fortbestand dieser bekannten Adresse - Tesdorpfstraße 1 - als Zentrum unseres Dialogs über diese
Stadt sein wird.

• * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

USA fordern Abkommen zur Bestrafung
von Bestechung
von Wirtschaftsminister William Daley

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von US-Wirtschaftsminister William Daley, in dem dieser ein
internationales Vorgehen gegen Bestechung bei Geschäftstransaktionen fordert.

In meiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister habe ich
beobachtet, wie das folgende deprimierende Szenarium sich mit entmutigender Regelmäßigkeit wiederholte: Ein Entwicklungsland vergibt ein großes Infrastrukturprojekt - das angeblich das Leben seiner Bürger
verbessert - an ein Unternehmen oder Konsortium, das
weder in Bezug auf Preis, noch auf Qualität oder
Erfahrung an der Spitze liegt. Später erfahren wir
dann, daß die Vergabe mit Hilfe von Bestechung
erfolgte.
Korruption hat viele Formen. Aber ungeachtet dessen,
welche Form sie hat, sind ehrliche Unternehmen und
unschuldige Bürger dabei die Verlierer.
Seit Mitte 1994 wissen wir, daß bei der Vergabe von
ungefähr 180 internationalen Handelsverträgen durch
ausländische Unternehmen Bestechungsgelder im
Wert von nahezu 80 Milliarden Dollar gezahlt wurden.
In 80 Prozent der Fälle, in denen ein Unternehmen
einem ausländischen Staatsbeamten ein Bestechungsgeld zahlt, wird der Vertrag an dieses Unternehmen
vergeben. Die Londoner Times zitierte kürzlich die
Behauptung des Vorstands eines großen multinationalen deutschen Unternehmens, es würde 10 Jahre
dauern, Personal, Kontakte und Verbindungen im
Ausland neu zu besetzen, die sich derzeit alle auf die
Grundlage "notwendiger" Bestechung stützen.
Als Wirtschaftsminister bin ich erbost, wenn ich sehe,
daß ehrliche Unternehmen Vertragsabschlüsse an
Unternehmen verlieren, die Schindluder treiben. Für
noch betrüblicher halte ich es jedoch, daß Korruption
der Wirtschaftsentwicklung der weniger entwickelten
Länder schadet.

AMERIKA DIENST 23

Vergangenen Mai traf ich mit den Wirtschafts-, Finanzund Außenministern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
zusammen, und die Vereinigten Staaten wandten sich
gemeinsam mit 28 anderen Mitgliedstaaten gegen die
Plage transnationaler Bestechung. Wir OECD-Minister
einigten uns auf den Abschluß einer Konvention bis
Ende dieses Jahres, die Ende nächsten Jahres in Kraft
treten und alle Mitgliedstaaten verpflichten soll, die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter bei Geschäftstransaktionen unter Strafe zu stellen. Die
OECD wird einen Kontrollmechanismus in Gang
setzen, um die effektive Umsetzung und Durchsetzung
dieser Konvention sicherzustellen. Das war eine
historische Entscheidung.
Nach der ersten Verhandlungsrunde im Juli schien der
Abschluß einer effektiven Konvention bis Ende 1997
ein erreichbares Ziel zu sein. Ich bin jedoch äußerst
betrübt, daß bei der Zusammenkunft im Oktober bei
einigen entscheidenden Fragen ernsthafte Rückschritte gemacht wurden.
Einfach ausgedrückt: Wir müssen sicherstellen, daß
diese Konvention im Zusammenhang mit Geschäftstransaktionen stehende Bestechung ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre sowie staatlicher Unternehmen wirksam verbietet.
Die OECD-Minister einigten sich im Mai darauf, die
Bestechung von Gesetzgebern in die Konvention
aufzunehmen. Die deutschen und österreichischen
Verhandlungspartner bestehen jetzt jedoch darauf,
daß nur eine kleine Kategorie von Bestechungsgeldern
an Gesetzgeber illegal sein sollte. Sie argumentieren,

Seite 1

�die Konvention müßte entweder ihre nationalen
Gesetze widerspiegeln, die generell nur die Bestechungsgelder verbieten, die im Gegenzug zu einem
bestimmten Abstimmungsverhalten an Gesetzgeber
gezahlt werden, oder ihre Unternehmen müßten von
den strengeren Bestimmungen der Konvention gegen
die Bestechung ausländischer Gesetzgeber ausgenommen werden.
Ebenso betrüblich ist, daß die meisten OECD-Mitgliedstaaten die Position beziehen, die Konvention sollte
keine Bestimmungen über die Bestechung politischer
Parteien und ihrer Funktionäre bei internationalen
Geschäftstransaktionen beinhalten. Stellen Sie sich
vor, wie effektiv eine Konvention wäre, die keine
Bestechung politischer Apparate wie dem Mobutus in
Zaire oder dem von Ferdinand Marcos auf den Philippinen verbietet. Die Vereinigten Staaten haben solche
Schmiergelder seit 1977 verboten.
Und wir müssen die gesamte Palette der Unternehmen
einbeziehen, die im Besitz von Regierungen sind oder
von ihnen kontrolliert werden, da es in den Entwicklungsländern viele solcher Firmen gibt. Tun wir das
nicht, könnte allein dieses Schlupfloch die Konvention
ernsthaft schwächen.
Diese Positionen sollten für die Minister, die sich im
Mai auf die Bestrafung von Bestechung einigten,
äußerst beunruhigend sein. Ist es nach den politischen Bestechungsskandalen, die in den letzten
Jahren in der OECD so viel Schaden anrichteten,
möglich, daß irgendein OECD-Mitgliedsland öffentlich
darauf besteht, daß diese Konvention nicht die Bestechung staatlicher Unternehmen, ausländischer
Gesetzgeber, politischer Parteien und ihrer Funktionäre unter Strafe stellt? Wenn diese Formen der Beste-

chung nicht abgedeckt werden, schaffen wir beträchtliche Schlupflöcher. Anstatt eine Konvention über die
Ächtung von Bestechung zu verabschieden, gehen wir
das Risiko ein, den Weg zu "legaler" Bestechung zu
weisen.
Eine andere entscheidende Frage ist, wann diese
Konvention in Kraft treten soll. Verschiedene OECDMitgliedsländer, darunter Frankreich, Deutschland und
Japan, bestehen darauf, daß sie nur in Kraft treten
darf, wenn eine kritische Masse großer Nationen sie
unterzeichnet - und führen als Grund die Sorge an, die
Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen würde
untergraben. Zweifelsohne wären diese Schlüsselländer unter den ersten, die diese Konvention ratifizieren
und würden zusammen mit den Vereinigten Staaten
eine wirklich kritische Masse bilden. Wer die Ratifizierung der Konvention verzögert, wird unter starken
Druck seiner Handelspartner geraten.
lch bleibe dem im Mai von den Ministern formulierten
Ziel entschlossen verpflichtet. Ich kenne eine Reihe
von OECD-Mitgliedsländern, die ihm ebenso verpflichtet sind. Ich bitte diejenigen, die sich nicht an die
im Mai eingegangenen Verpflichtungen halten und
auf unklugen Beschränkungen des Umfangs dieser
Konvention bestehen, das zu tun, wovon sie wissen,
daß es richtig ist.
Vor der von uns im Mai für Dezember festgesetzten
Frist findet nur noch eine Verhandlungsrunde statt.
Wir wollen unsere Entschlossenheit erneuern, diese
Frist einzuhalten. Wir wollen die ausstehenden Fragen
bei der Sitzung im November lösen und ein strenges
Abkommen ohne Schlupflöcher ausarbeiten, das die
Bestechung ausländischer Staatsbeamter auf allen
möglichen Kanälen wirksam unter Strafe stellt.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�WIRTSCHAFT
26. November 1997

Bestechung muß geächtet werden
von Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und
landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat.

Die meisten der größten industrialisierten Demokratien
der Welt stehen bereit, um einen historischen Schritt
im Kampf gegen Korruption zu unternehmen. In den
nächsten Wochen werden 34 Regierungen versuchen,
in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) den endgültigen Wortlaut
einer weitreichenden Konvention auszuarbeiten, in der
die Bestechung ausländischer Beamter bei internationalen Geschäftstransaktionen als illegal erklärt wird.
Die Kosten der Bestechung sind hoch. Schmiergelder
verzerren den Handel, führen zu schlechter Regierungsführung in den Entwicklungsländern und bestrafen die Bürger dieser Länder durch höhere Preise
für die bei der Bestechung involvierten Produkte und
Dienstleistungen.
Nach ihrer Fertigstellung wird die Konvention den
Strom von Schmier- und Bestechungsgeldern wieder
auf die wachsenden Märkte der Entwicklungsländer
zurückleiten. Sie wird die Wirtschaftsentwicklung
fördern, Rechenschaftspflicht und gute Regierungsführung unterstützen sowie freien und fairen Wettbewerb in internationalen Unternehmen stärken.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Verträge über
staatliche Beschaffung in Milliarden-Dollar-Höhe pro
Jahr beinhalten beispielsweise internationalen Wettbewerb mit entscheidenden Auswirkungen auf das
Wirtschaftswachstum und die Entwicklung in den
Gastländern. Die vorgeschlagene Konvention wird die
Chancen entschieden verbessern, daß solche wichtigen Entscheidungen eher auf wirtschaftlicher Effizienz
statt auf der persönlichen Habgier der korrupten
Beamten gründen.

AMERIKA DIENST 23

Mehrere Schlüsselfragen müssen jedoch in den
abschließenden Verhandlungen über diese Konvention
noch geklärt werden. Wir müssen sicherstellen, daß
das Bestechungsverbot nicht nur alle Beamten der
Exekutive, Legislative und Judikative erfaßt, sondern
auch Beamte öffentlicher Unternehmen, die sich im
Besitz der Regierung befinden oder von ihr kontrolliert
werden. Wir müssen Strafen für Firmen, die der
Bestechung bezichtigt werden, effektiv und abschreckend machen. Und wir müssen gewährleisten,
daß diese neue Konvention unverzüglich umgesetzt
wird, sobald Länder zu ihrer Inkraftsetzung bereit sind.
Dies sind entscheidende Punkte, aber es ist wichtig,
daß wir uns insbesondere auf eine andere, ungelöste
Schlüsselfrage konzentrieren: Ob es unter Strafe
gestellt wird, bei internationalen Geschäftstransaktionen Bestechungsgelder an politische Parteien im
Ausland und ihre Funktionäre zu zahlen.
Es geht hier nicht darum, legale Zahlungen an politische Parteien im Ausland zu verbieten, die nach den
dortigen Gesetzen gestattet sind. Vielmehr geht es
darum, die Zahlungen an Parteien und ihre Funktionäre abzuschaffen, die im Gegenzug für das Versprechen eines Parteifunktionärs geleistet werden, eine
gewünschte staatliche Maßnahme zu ergreifen.
Teilweise vor dem Hintergrund von Enthüllungen Mitte
der siebziger Jahre über von amerikanischen Unternehmen an politische Parteien gezahlte Bestechungsgelder verbietet das amerikanische Gesetz über
ausländische korrupte Praktiken solche Schmiergeldzahlungen explizit seit 1977. Ich war als wichtigster
innenpolitischer Berater Präsident Carters an der
Ausarbeitung dieses Gesetzes beteiligt. Es verbietet
die Zahlung von Bestechungsgeldern durch amerikanische Unternehmen an ausländische Staatsbeamte

Seite 1

�mit dem Ziel von Vertragsabschlüssen und stellt die
Zahlung von Bestechungsgeldern durch Unternehmen
unter Strafe.
In einem Großteil der Entwicklungsländer fließt der
Strom staatlicher Macht und der Entscheidungsprozesse ebenso leicht durch stark kontrollierte
politische Parteien wie durch die Ministerien. Die
Zahlung einer großen Summe kann ebenso effektiv zur
Beschaffung staatlicher Aufträge beitragen wie die
Bestechung eines korrupten Staatsbeamten. Das gilt
insbesondere für Länder, in denen das politische
System von einer einzigen Partei dominiert wird.
Stellen Sie sich vor, wie effektiv eine OECD-Konvention über die Bekämpfung von Bestechung wäre, die
kein Verbot der Zahlung von Bestechungsgeldern an
politische Parteien in Ländern wie Zaire unter Mobutu
oder den Philippinen unter Ferdinand Marcos enthielte.
Gibt es irgendeinen Grund zu der Annahme, daß
skrupellose Unternehmen ihre Zahlungen von Bestechungsgeldern nicht einfach nur auf von starken
Männern kontrollierte politische Organisationen
verlagern?
Sollte eine solche Vorgehensweise
weiterhin legal (und in manchen Ländern sogar
steuerlich absetzbar) sein?
Die Antwort sollte ein entschlossenes "Nein" sein.

*

Seite 2

Eine OECD-Konvention, die keine Bestimmungen zu
Bestechungsgeldern für ausländische politische
Parteien und ihre Funktionäre beinhaltet, würde die
Möglichkeit der Zahlung von Bestechungs- und
Schmiergeldern offenlassen und vielleicht sogar
wegweisend für weitere Korruptionsversuche unehrlicher Wirtschaftsvertreter werden.
Es bleiben nur noch wenige Wochen, um die von den
OECD-Ministern im Mai eingegangene Verpflichtung
zu erfüllen, bis Ende des Jahres eine Konvention über
die Bekämpfung von Korruption zu verabschieden.
Die OECD-Regierungen haben beträchtliche Fortschritte zur Erlangung dieses Ziels gemacht. Wir
müssen jedoch sicherstellen, daß die Konvention
umfassend und effektiv ist - und zu diesem Zweck bei
internationalen Geschäftstransaktionen die Zahlung
von Bestechungsgeldern an politische Parteien und
ihre Vertreter verbieten.
Allzu lange ist die Zahlung von Bestechungsgeldern
international als "Geschäftspraktik" entschuldigt
worden. Für die Korruption wurde in Form von
vergeudeten wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Instabilität ein zu hoher Preis gezahlt. Die
OECD-Regierungen sind kurz davor, solchen Praktiken Einhalt zu gebieten. Wir müssen sicherstellen,
daß wir diese Aufgabe erfüllen.

*

AMERIKA DIENST 23

�DATENAUTOBAHN
26. November 1997

USA wollen möglichst wenig Regulierung des Internet
von Larry Irving

(AD) - Der nachfolgende Artikel des Abteilungsleiters für Kommunikation und Information im US-Wirtschaftsministerium, Larry Irving, erschien erstmals in leicht abgewandelter Form im Handelsblatt vom 22723. November
1997.

Das Internet wird auf vielerlei Weise beschrieben. Ich
möchte eine Metapher für das digitale Zeitalter hinzufügen - Jazz.
Ein amerikanischer Jazzkritiker
argumentierte kürzlich, Jazzmusik - insbesondere der
improvisierte Jazz - verkörpere eine Ästhetik, die
wesentliche Lebens- und Aktionsmuster widerspiegelt.

Ferner hat das Internet neue Kommunikationswege für
diejenigen eröffnet, die in den traditionellen Medien auf
große Zugangsbeschränkungen gestoßen sind. Ein
Grund dafür ist, daß die Anbieter von Inhalten besseren Zugang zum Internet haben und damit von den
Verbrauchern gewünschter Inhalt angeboten wird.

Die Musiker in einem Jazzensemble werden durch die
grundlegenden Rhythmen und Sequenzen verbunden.
Auf dieser Basis sind sie kreativ, denken sich Variationen des Themas aus, strukturieren es um, reagieren
auf den Beitrag ihrer Mitspieler, spielen mit ihnen
zusammen und bereichern das Ganze.

Wir in den Vereinigten Staaten haben das beispielsweise im Hinblick auf Minderheiten beobachtet. Eine
jüngste Studie von Target Market News kam zu dem
Ergebnis, daß Afroamerikaner im vergangenen Jahr
mehr als zweieinhalbmal soviel für Online-Dienste
ausgaben als die Haushalte von Weißen, weil diese
Dienste für ihre Gemeinschaft wertvoller sind.

Die Analogie zwischen dem digitalen Zeitalter und dem
Jazz ist verblüffend.
Telekommunikations- und
Informationstechnologien schaffen Netzwerke und
versetzen den Einzelnen gleichzeitig in die Lage, das
zu tun, was er am besten kann. Individuelle Kreativität
und Innovation werden durch Kommunikation und
Interaktivität unterstützt und bereichert.
Heute verkörpert das Internet die Fähigkeit neuer
Technologien, dem Einzelnen mehr Möglichkeiten zu
bieten. Das Internet gibt den Menschen eine neue
Stimme und die Macht, sie zu gebrauchen. Die
Menschen kommunizieren direkt mit den Regierungsmitgliedern und den Gemeindevertretern.
Elektronischer Geschäftsverkehr ist das elementare
unternehmerische Medium, das von Menschen auf der
ganzen Welt genutzt wird - von Künstlern in New
Mexico über Teppichweber in Marokko bis zu Korbmachern in Botswana.

AMERIKA DIENST 23

Kein Kommunikationsmedium hat jemals ein so
schnelles Wachstum erlebt wie das Internet. Niemand
hatte dieses Wachstum richtig prognostiziert. Niemand
hat meines Wissens vor drei Jahren vorausgesagt,
daß Ende dieses Jahres 82 Millionen Personalcomputer Zugang zum Internet haben würden, wobei die
Geschäftswelt führend ist. Oder daß bis Ende 1997
2,7 Milliarden E-mails verschickt würden. Oder daß
Ende 1996 80 Prozent der von Fortune aufgelisteten
500 führenden Unternehmen eine Webseite hätten.
1996, als 85 Prozent der Werbung im Internet mit der
Computer- oder Hightechindustrie zusammenhingen,
hätte niemand prognostiziert, daß 1997 80 Prozent
dieser Anzeigen den Durchschnittsverbraucher zum
Ziel haben würden.
1995 sah meines Wissens
niemand vorher, daß die Investoren 1997 OnlineInvestitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden
Dollar tätigen würden.

Seite 1

�Vor drei Jahren hätte niemand vorhergesagt, daß "real
audio" 1995 im Internet akustisch und 1996 mit Bild
senden würde, oder daß "RealNetwork" 1997 erstmals
ein großes Publikum im Internet audiovisuell erreichen
würde.
Wer hätte vor drei Jahren, als Telefonieren im Internet
noch ein Hobby war, prognostiziert, daß es 1998 ein
ernstzunehmender Konkurrent zum traditionellen
Fernsprechverkehr würde, und daß im Zusammenhang mit Telefonieren im Internet stehende Aktien an
der Börse heiß gehandelt würden?
Der Wert des Internet als Medium für elektronischen
Geschäftsverkehr wird nicht länger in Zweifel gezogen.
Schätzungen von Forrester Research zufolge werden
in den nächsten fünf Jahren Waren und Dienstleistungen im Wert von 327 Milliarden Dollar im
Internet gehandelt. Einer Studie von International Data
Corp. zufolge plant fast die Hälfte (46,4 Prozent) der
amerikanischen Unternehmen, ihren Kunden die
Möglichkeit zum Kauf ihrer Produkte über das Internet
zu geben oder bietet diesen Service bereits an.
Internet-Nutzer haben bereits einen Markt für Software
und Dienstleistungen mit schätzungsweise 12,2
Milliarden Dollar Einnahmen im Jahr 1997 aufgebaut ein 60-prozentiger Anstieg im Vergleich zu den 7,5
Milliarden Dollar von 1996. INPUT, ein Informationsdienst für die Technologiebranche, prognostiziert, daß
der weltweite Verkauf von Waren und Dienstleistungen
durch CD-ROM-Kataloge, Online-Geschäfte und
Internet-Einkaufszentren von 700 Millionen Dollar 1995
bis zum Jahr 2000 auf 230 Milliarden Dollar ansteigen
wird - eine Wachstumsrate von insgesamt mehr als
200 Prozent.
Diese Prognosen orientieren sich am Markt und an der
Technologie.
Wo war die Regierung bei all diesen Entwicklungen?
In den Vereinigten Staaten trat die Regierung großenteils nicht in Erscheinung - und das sollte auch so sein.
Praktisch alle Entscheidungen über die Entwicklung
und den Einsatz neuer Technologien werden vom
Markt und auf dem Markt getroffen. Die treibende Kraft
dieser digitalen Revolution sind die Unternehmer, die
Erfinder und die Verbraucher. In den meisten Fällen
beinhalten diese Entwicklungen Entscheidungen, die
die Regierung nicht beeinflussen kann und sollte.
Die Clinton-Administration vertritt die Ansicht, daß das
Internet genau aus dem Grund ein sprunghaftes
Wachstum erlebte, weil es als laufendes Projekt
angesehen und nicht reguliert wurde. Wir fürchten,
daß Regulierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach
nur zu einer Beschränkung von Investitionen und
Innovationen des Privatsektors und damit zu einer

Seite 2

Behinderung des Wachstums des Internet führen würde.
Das Internet und der elektronische Geschäftsverkehr
wecken Interesse und Unternehmergeist, die neue
Produkte und neue Geschäftspraktiken hervorbringen.
Man spürt das, wenn man sich mit jemandem unterhält, der im Internet aktiv ist und über das Netz
kommuniziert.
Die Clinton-Administration hat ihre Vision und die zu
deren Realisierung erforderlichen Grundsätze und
Maßnahmen in einem am 1. Juli 1997 von Präsident
Clinton veröffentlichten Dokument "Ein Rahmen für
globalen elektronischen Geschäftsverkehr" dargelegt.
Dieser Rahmen basiert auf der grundlegenden Prämisse, daß die Regierungen zur Nutzung des gesamten Potentials des elektronischen Geschäftsverkehrs einen marktorientierten Ansatz zum elektronischen Geschäftsverkehr ohne staatliche Eingriffe
durch Regulierung wählen müssen, der das Entstehen
eines transparenten und vorhersehbaren rechtlichen
Umfelds für die Unterstützung von weltweitem Geschäftsverkehr und Handel erleichtert.
Die Regierungen müssen die einzigartige Natur von
Kommunikationsnetzen respektieren und sich bewußt
werden, daß weitverbreiteter Wettbewerb und zunehmende Auswahl der Verbraucher - und nicht strenge
Regulierung - die charakteristischen Merkmale eines
neuen digitalen Marktes sein sollten.
Vizepräsident Gore hat die Grundsätze dieses Rahmens als Hippokratischen Eid für das Internet bezeichnet, der die Regierung ermahnt, als erste Regel zu
beachten: "Du sollst niemandem Schaden zufügen."
Wenn ich die staatlichen Bestrebungen betrachte, das
Internet zu regulieren, sehe ich, daß der Wunsch nach
Regulierung teilweise auf Unwissenheit zurückzuführen ist - viele von uns in der Regierung verstehen
die neue Technologie nicht.
Manche Regulierungsbestrebungen sind aus Angst
geboren - einer Angst, daß wir von den neuen Technologien überrollt werden. Und offen gesagt, manche
wollen aus Neid regulieren - einige Regierungen sind
besorgt, die Vereinigten Staaten würden das Web und
seinen Inhalt jetzt und in Zukunft dominieren.
Diese letztgenannte Besorgnis kann sicherlich am
besten ausgeräumt werden, wenn andere Nationen
ihre Beiträge zum Internet verbessern und das Net
fördern, anstatt lästige und schlechte Gesetze oder
Vorschriften zuzulassen oder zu ermutigen.
Wir sollten uns immer vor der Last von Vorschriften
hüten. Ich wurde daran erinnert, als ich in einem
neueren Artikel in der National Review folgende
Statistik las: "Das Vaterunser hat 66 Worte, die

AMERIKA DIENST 23

�Gettysburg Address 286 Worte, die Unabhängigkeitserklärung 1.322 Worte, aber die Vorschriften der
Regierung zum Verkauf von Kohl haben insgesamt
26.911 Worte."
Wer versteht, welche Richtung wir mit dem elektronischen Geschäftsverkehr einschlagen wollen, weiß
zweifelsohne auch, daß die Regierungen durch
freiwillige Selbstkontrolle der Versuchung zu regulieren
widerstehen müssen.
Präsident Clinton und Vizepräsident Gore haben
absolut Recht - die Länder sollten nicht übereilt die
Aktivitäten im Internet regulieren.
Die Clinton-Administration ist besorgt über den
Versuch einiger Nationen, das Internet zu regulieren sei es in Form einer Zensur des Inhalts (Singapur,
China), des Verbots von Telefonieren im Internet
(Tschechische Republik) oder neuer Steuern. Natürlich haben auch wir in den Vereinigten Staaten Momente der Schwäche erlebt - und die Gerichte haben
uns geholfen, wenn wir versucht waren, zu regulieren.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß neue Gesetze
erlassen werden. Zweifelsohne erfordert es jedoch die
energische Durchsetzung bestehender Gesetze.
Drittens sollten die Regierungen einen vernünftigen
Steuerplan ausarbeiten.
Die Forderung des Präsidenten sicherzustellen, daß
das Internet eine steuerfreie Zone ist, zeigt den
richtigen Weg. Das Internet wird durch eine Reihe von
Steuern auf kommunaler und Bundesebene, die zu
einer übermäßigen Belastung werden, Nachteile
erleiden.
Viertens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten und diese ermutigen, technologische Möglichkeiten zu bieten, Kinder vor Zugang zu
Material im Internet zu schützen, das ihre Eltern oder
Erziehungsberechtigten für unangemessen halten.
Fünftens sollten die Regierungen staatliche Dienstleistungen im Internet anbieten.

Ebenso wichtig ist, daß auch internationale Organisationen das Internet nicht regulieren sollten. Bestehende internationale Organisationen - beispielsweise die
internationale Fernmeldegewerkschaft ITU (International Telecommunications Union) und die Weltorganisation für geistiges Eigentum (World Intellectual
Property Organization - WIPO) - sollten keine globalen
Regulierungsbehörden werden, und es sollten keine
neuen Institutionen zur Regulierung des Internet ins
Leben gerufen werden.

Diese Dienstleistungen können von der Beantragung
von Lizenzen bis zur Berücksichtigung von Zonenerlässen reichen. Die Clinton-Administration hat es zu
einer Priorität gemacht, daß die Bundesbehörden auf
diesem Gebiet mehr unternehmen, und infolgedessen
stellt die Bundesregierung einen sehr großen Teil ihrer
Informationen elektronisch zur Verfügung - von
Katastrophenhilfeformularen über Anträge für Stipendien bis zu Formularen für die staatliche Beschaffung.
Trotzdem kann auf diesem Gebiet noch viel mehr
getan werden.

Von Regulierung Abstand zu nehmen, bedeutet nicht,
daß es für die Regierung keine angemessene Rolle
gibt. Die Regierung kann und sollte verschiedene
äußerst wichtige Tätigkeiten übernehmen, um den
elektronischen Geschäftsverkehr und das Wachstum
des Internet zu fördern.

Sechstens müssen wir das Recht auf geistiges
Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst
angeboten werden, aber die Piraterie, die sie bereits
um Einnahmen von nahezu 11 Milliarden Dollar
beraubt hat, auf dem globalen elektronischen Markt
nicht explosionsartig ansteigt.

Erstens sollten Regierungen ein günstiges Investitionsklima schaffen.
Wir müssen Bestrebungen zur
Liberalisierung der Märkte fördern.

Die Verkäufer müssen wissen, daß ihr geistiges
Eigentum nicht gestohlen wird, und die Käufer müssen
wissen, daß sie authentische Produkte erhalten.

Wir müssen das Versprechen des Telekommunikationsgesetzes von 1996 realisieren. Und die Umsetzung der WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und Informationstechnologie ist von
entscheidender Bedeutung.
Liberalisierung und
verstärkte Privatinvestitionen werden zusammen zur
weiteren Verbreitung von Netzen führen, die wiederum
die Technologie und ihre Anwendung am Arbeitsplatz
und zu Hause fördern.

Siebtens sollten die Regierungen mit der Industrie
zusammenarbeiten, um im vernetzten Umfeld den
Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten, damit die
Menschen auf diesem elektronischen Markt unbesorgt
Geschäfte abschließen können.

Zweitens sollten die Regierungen etwas gegen Betrug
im Internet unternehmen. Die Verbraucher benötigen
in der virtuellen Welt ebensoviel Schutz wie in der
physischen.

AMERIKA DIENST 23

Wir müssen uns für den Schutz der Privatsphäre von
Kindern im Netz einsetzen. Und wir müssen die
Privatsphäre von Verbrauchern schützen, damit
privilegierte Informationen, die rechtmäßig für eine
Transaktion verwendet werden, nicht auf andere,
unerlaubte Art und Weise genutzt werden können.

Seite 3

�Der Privatsektor hat viel zu einem sinnvollen, verbraucherfreundlichen, selbstbeschränkenden Schutz
der Privatsphäre beigetragen, und unseres Erachtens
ist das der richtige Weg für den Umgang mit diesem
Thema.
Schließlich können Regierungen eine wertvolle Rolle
übernehmen sicherzustellen, daß alle Teile der
Gesellschaft von den neuen Telekommunikations- und
Informationstechnologien und ihrer Anwendung
profitieren.
Anekdoten liefern eine überzeugende Begründung für
die Ausweitung des Internet auf unterentwickelte
Länder.
1995 gründete beispielsweise der Internationale Fonds
für landwirtschaftliche Entwicklung der UNO (International Fund for Agricultural Development - FAD) das
Kommunikationsnetz FidAmerica in dem Bestreben,
wiederholte Fehler bei landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten zu vermeiden und in 17 Ländern
Lateinamerikas und der Karibik praktische Informationen zu verbreiten.
Dieses Netzwerk bot ein elektronisches Forum für
einen Dorfhäuptling aus dem Amazonasgebiet, den in
der Entwicklungshilfe Tätigen zu erklären, wie seine
Gemeinde einen Vertrag mit Body Shop über den
Verkauf ätherischer Öle aushandelte. Es gestattete
chilenischen Farmern, ihr Überangebot an Kartoffeln
anzubieten und zu verkaufen. Und es ermöglichte
einem Bauern aus der Dominikanischen Republik, die
Frage eines Guatemalteken zur Bewässerung zu
beantworten.

Rede von Jeff Kennett, dem Ministerpräsidenten von
Victoria, in der dieser eloquent über die Verantwortung
der Regierungen und führenden Politiker für die
Informationsgesellschaft sprach.
Er erklärte: "Wir ziehen eine Generation auf, die keine
direkte Erfahrung mit den wichtigsten Ereignissen in
der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemacht hat, für
die Elektronik aber zur zweiten Natur geworden ist.
Für sie muß es ein Gleichgewicht zwischen technologischem Fortschritt und bürgerlichen Werten geben,
damit die Vorteile dieser Fortschritte der gesamten
Gemeinschaft zukommen... Die Herausforderung
besteht darin, sich auf die wirklich erstaunlichen
technologischen Entwicklungen vorzubereiten, die
stattfinden werden, und Pläne auszuarbeiten, wie sie
weltweit zum Guten eingesetzt werden können."
Wir müssen sicherstellen, daß jeder Amerikaner, jedes
Mitglied der Weltgemeinschaft, von der Informationsgesellschaft profitiert.
Der Fernsehnachrichtensprecher Tom Brokaw erklärte
in einer Rede vor der Abschlußklasse der Fairfield
University in Connecticut: "Es ist leicht, schnell ein
paar Dollar zu verdienen, aber es ist schwer, im Leben
wirklich etwas zu bewirken." Unsere Herausforderung
besteht im Einsatz dieser Technologien für das Gute.
Ebenso wie beim Jazz stellt die Abstimmung der
Begabung des Einzelnen mit den Erfordernissen der
Gruppe eine große Herausforderung dar. Und ebenso
wie das beste Jazzensemble kann auch die Gesellschaft dieses Gleichgewicht herstellen. Wir werden mit
zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, aber auch
mit enormen Chancen - als Einzelne und als Nationen.

Als ich in Australien war, hörte ich eine großartige

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 23

�THANKSGIVING
26. November 1997

Die Nationen lernen die Lektion
von Freiheit und Demokratie
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving

WASHINGTON - (AD) - Wenn Amerika in diesem Jahr am 27. November Thanksgiving feiert, wachsen seine
Kinder, so Präsident Clinton, "frei von den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung des nuklearen
Holocaust auf".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Ein anderes Jahr unserer amerikanischen Reise ist ins
Land gegangen. Der Wechsel der Jahreszeiten
bildete einen weiteren Jahreszyklus, und in Amerika ist
Erntezeit.
Erneut werden Millionen Amerikaner
gemeinsam mit ihren Familien und Freunden Gott für
die zahlreichen Segnungen danken, die er uns zuteil
werden ließ.
An diesem Thanksgiving sind wir wie jeden Tag
dankbar für das Geschenk der Freiheit, für die Vision,
die die Gründerväter unserer Nation Realität werden
ließen und die durch den Mut, die Wachsamkeit und
Opferbereitschaft von Generationen von Amerikanern
bewahrt wurde. Wir sind dankbar für den Reichtum
und die Schönheit dieses großartigen Landes, das
über die Jahre hinweg so viele an seinen Küsten
willkommen geheißen hat. Wir danken für die Liebe
unserer Familien und Freunde. Wir freuen uns, durch
die Frucht ehrlicher Arbeit für die Zukunft unserer
Kinder sorgen zu können. Und ebenso wie die
Pilgerväter, die vor mehr als 300 Jahren Thanksgiving
feierten, danken wir Gott, daß er uns sicher an die
Schwelle zu einer neuen Welt geführt hat, die voller
belebender Herausforderungen und Versprechen
steckt.
In dieser neuen Welt wachsen unsere Kinder frei von
den Schatten des Kalten Krieges und der Bedrohung
des nuklearen Holocaust auf. Einst im Kommunismus
gefangene Nationen lernen die Lektion von Freiheit
und Demokratie. Die technologische Revolution hat
die Menschen einander näher gebracht und beinhaltet

AMERIKA DIENST 23

die Aussicht auf mehr Wissen und Wohlstand für die
ganze Welt.
Mehr als drei Jahrhunderte des Wandels und Wachstums trennen uns von den Pilgervätern und ihren
indianischen Freunden, die Thanksgiving gemeinsam
das Mahl einnahmen. Aber das Vorbild und die
Erfahrung dieser frühen Amerikaner haben für uns
heute immer noch große Bedeutung. Sie erinnern uns
daran, daß die Liebe Gottes uns stärkt und stützt - als
Einzelnen und als Nation. Sie erinnern uns daran, daß
jeder einen Beitrag leisten kann und wir alle bereichert
werden, wenn wir lernen zu teilen. Sie vermitteln uns
eine einfache, aber überzeugende Lektion, die jede
Generation von Amerikanern lernen und weitergeben
muß: Wir brauchen einander. Ebenso wie die Pilgerväter sollten wir, wenn wir in unserer neuen Welt
prosperieren wollen, nicht als isolierte Einzelne
vorgehen, sondern als Mitglieder einer Familie, eines
Amerikas, indem wir unsere Gaben teilen und niemanden zurücklassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag,
den 27. November 1997 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere alle Bürger der Vereinigten
Staaten auf, sich im Geiste des guten Willens und beim
Gebet zu Hause, in Gotteshäusern und Gemeindezentren zu versammeln, um Gott ihren tiefempfundenen
Dank für die zahlreichen Segnungen des Lebens zum

Seite 1

�Ausdruck zu bringen und unseren Brüdern und
Schwestern in diesem Land, die gemeinsam unsere
großartige amerikanische Familie bilden, die Hand der
Freundschaft zu reichen.

Unterzeichnet am 21. Tag des November, im Jahre
des Herrn 1997 und im 222. Jahr der Unabhängigkeit
der Vereinigten Staaten von Amerika.

William J. Clinton

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�</text>
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I

3

Dokumentation
United States Information Service

27. Januar 1978

PRÄSIDENT CARTER UNTERBREITET HAUSHALTSVORANSCHLAG 1978/79
- Auszüge aus der Botschaft an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat dem amerikanischen
Kongreß am 23. Januar 1978 seinen Haushaltsvoranschlag für 1979 vorgelegt,
der bei Einnahmen von 439,6 Milliarden Dollar und Ausgaben von 500
Milliarden Dollar mit einem Defizit von (aufgerundet) 61 Milliarden Dollar
abschließt.
Das amerikanische Haushaltsjahr läuft vom 1. Oktober eines Jahres bis
zum 30. September des folgenden Jahres; das Haushaltsjahr 1979 also vom
1. Oktober 1978 bis 30. September 1979.
In der Haushaltsbotschaft des Präsidenten heißt es unter anderem:
"An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Der erste von einer neuen Administration erstellte Haushalt ist ihr
wichtigster. Es ist die erste umfassende Erklärung der Administration über
ihre Prioritäten, Politiken und Vorschläge zur Erfüllung unserer nationalen

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�,,

nationalen Aufgaben. Im Februar vorigen Jahres habe ich - nach einem
Monat im Amt - dem Kongreß einen revidierten Haushaltsvoranschlag unterbreitet. Diese Revision hat die Richtung des von der vorigen Administration
aufgestellten Haushalts geändert, konnte aber - notwendigerweise - nur
das Ergebnis einer Überprüfung begrenzten Umfanges sein. Ich habe damals
versprochen, daß künftige Haushalte detaillierte, völlig neu angesetzte
(zero-based) Überprüfungen der Ausgabenprogramme des Bundes, eine Reform
des Steuersystems und eine Reorganisation der Regierung zum Ausruck bringen
würden. Dieser Haushalt ist mein erster großer Schritt, um dieses Versprechen zu erfüllen. Er bringt nach meiner Überzeugung die Entschlossenheit
zum Ausdruck, sich schwierigen Entscheidungen zu stellen und sie in einer
Weise zu treffen, die das Allgemeinwohl über Sonderinteressen stellt.
Dieser Haushalt stellt eine sorgfältige Abwägung mehrerer Überlegungen
dar:
- der Wichtigkeit einer Haushaltspolitik, die für einen anhaltenden
Wiederaufschwung der amerikanischen Wirtschaft von der Rezession 1974/75
sorgt;
- der Verpflichtung der Regierung, die entscheidend notwendigen Ansprüche des Landes und seines Volkes zu erfüllen;
- der Tatsache, daß die Mittel begrenzt sind und die Regierung ihre
Entscheidungen und den Umfang dieser Entscheidungen im Rahmen halten muß; und
- der Notwendigkeit, mit den Mitteln des Steuerzahlers sorgfältig und
klug umzugehen.

Gesamthaushalt
(in Milliarden Dollar)
- 2 -

�Gesamthaushalt
(in Milliarden Dollar)
1977

1978
(Voransc hlag)

1979
(Voranschlag)

Ausgaben

357
402

400
462

440
500

Defizit

-45

-62

-61

Einnahmen

(aufgerundet)

Mein Haushalt sieht Gesamtausgaben von rund 500 Milliarden Dollar,
d.h. eine Steigerung von rund 38 Milliarden Dollar oder 8 Prozent gegenüber
dem Haushalt 1978 vor und Einnahmen in Höhe von 440 Milliarden Dollar.
Das Gesamtvolumen des Haushalts ist zurückhaltend und
- entspricht den wesentlichen nationalen Erfordernissen;
- legt den Bundesausgaben strikte Prioritäten auf; und
- verringert den Anteil der Bundesregierung am Bruttosozialprodukt des
Landes von 22,6 auf 22 Prozent."
Die einzelnen Haushaltsposten werden aus einer zusammenfassenden
Tabelle ersichtlich, die in der Haushaltsbotschaft enthalten ist:
Haushaltsausgaben nach Sachbereichen
(in Milliarden Dollar)

- 3-

�Haushaltsausgaben nach Sachbereichen
(in Milliarden Dollar)
Voranschlag
1979

1980

117,8

128,6

7,7

8,5

5,1
9,6

5,3
10,4

12,2

13,1

Landwirtschaft

5,4

5,0

Handels- und Wohnbaukredite

3,0

4,5

17,4

18,5

Kommunal- und Regionalentwicklung

8,7

8,0

Bildung, Ausbildung, Arbeitsplatzförderung und Sozialleistungen

30,4

33,2

49,7

53,7

160,0

174,3

19,3

19,7

4,2
4,3

4,3

Verteidigung
Internationale Angelegenheiten
Wissenschaft, Raumfahrt und Technologie
Energie
Naturschätze und Umwelt

Verkehr

Gesundheit
Einkonmenssicherung
Renten und Dienstleistungen für
Kriegsteilnehmer
Justizverwaltung
Allgemeine Verwaltungskosten
Allgemeine Haushaltsbeihilfen
Zinsendienst
Sonstige Aufwendungen:
Lohn- und Gehaltserhöhungen für
Zivilbedienstete
Notfälle

9,6
49,0

1,1
1,7

4,6
9,4
53,7

2,3
3,5

NichtverteiUe Einnahmen auf derHabenseite

�1979

1980

Nichtverteilte Einnahmen auf der
Habenseite (Im Haushaltsansatz als
Minusposten ausgewiesen):
Arbeitnehmeranteil an
Pensionskassen

•5,2

-5,5

Zinsen aus Treuhandfonds

•9,1

-10,3

•1,8

-1,8

500,2

542,9

Pacht- und Lizenzgebühren für
Nutzung des Festlandssockels

Gesamtausgaben

Für die w i r t s c h a f t l i c h e Entwicklung von 1976 bis 1979 werden folgende
Zahlen angegeben:
K u r z f r i s t i g e w i r t s c h a f t l i c h e Voraussage
(Kalenderjahre, Dollarbeträge i n M i l l i a r d e n )

Voraussage
1976

Bruttosozialprodukt
Zunahme in Prozent
In konstanten Dollar (1972)

1706
11,6
1275

1977

1890
10,8
1337

1978

2099
11,0
1400

1979

2335
11,2
1467

6,0

4,9

4,7-

4,8

BSP-Deflator

5,3

5,6

6,2

Verbraucherpreis index

5,7

6,5

Arbeitslosenrate

7,7

7,0

6,1
5,9
6,3

Zuwachs in Prozent
Entwickkung in Prozent:

6,1
5,9

Lohn- und Gehaltserhöhungen beim Bund
- 5-

�1976

1977

1978

1979

Lohn- und Gehaltserhöhungen
beim Bund (Oktober)

4,8

7,0

6,0

6,0

5,0

5,2

6,1

6,1

Zinssätze für 91-tägige Bundesschatzwechsel

"Dieser Haushalt", so heißt es in der Botschaft des Präsidenten
weiter, "bringt uns auf einen Weg, der in Zukunft einen ausgeglichenen
Haushalt ermöglichen wird, wenn die private Wirtschaft in den kommenden
Jahren den Aufschwung weiter durchhält.
Gleichzeitig ist mein Haushalt Ausdruck einer Fiskalpolitik, die den
wirtschaftlichen Wiederaufschwung stärken wird. Ich schlage eine progressive
Steuersenkung von 25 Milliarden Dollar vor, die dazu beitragen wird, einen
anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung und einen Abbau der Arbeitslosigkeit
zu gewährleisten. Integraler Teil dieses Steuersenkungsvorschlags ist ein
Paket von Empfehlungen für eine Steuerreform, die das Steuersystem einfacher
und gerechter gestalten wird. Ohne die Steuersenkung wäre es mir möglich
gewesen, eine Senkung des Defizits von 1978 auf 1979 von 15 bis 20 Milliarden
Dollar bekanntzugeben. Selbst mit der Steuersenkung wird das Defizit wegen
der sorgfältigen Zurückhaltung bei den Ausgaben noch etwas zurückgehen. Nach
meiner Beurteilung lag jedoch die wichtigste Priorität in diesem Jahr bei
der Senkung der Lasten für den Steuerzahler. Nur auf diese Weise können wir
eine lebhafte Wirtschaftstätigkeit, eine sinkende Arbeitslosenrate, eine
starke Expansion der Privatinvestitionen und einen stabilen Haushaltsausgleich
für kommende Jahre gewährleisten.
Obwohl die in diesem Haushalt empfohlenen Ausgaben von Zurückhaltung
bestimmt sind, so sind sie doch darauf ausgerichtet, die entscheidend
wichtigen Probleme unseres Landes zu überwinden...Die Prioritäten der
Ausgaben in der Vergangenheit werden jetzt auf lange vernachlässigte Gebiete
verlagert. Diese neuen Prioritäten gründen sich auf folgenden Beurteilungen:

�Beurteilungen:
- Ein wirksamer nationaler Energieplan ist unentbehrlich, um unsere
zunehmend kritische Abhängigkeit von abnehmenden Vorräten an Erdöl und
Erdgas zu verringern, zum sparsamen Umgang mit knappen Energiequellen zu
ermutigen, die Umstellung auf reich1 -"'eher vorhandene Brennstoffe voranzutreiben und unser großes Handelsdefizit abzubauen.
Der von mir im Frühjahr vorigen Jahres unterbreitete nationale
Energieplan hat diese Ziele umrissen. Dieser Haushalt schließt die Programme und Initiativen zur Erreichung dieser Ziele ein. Dazu gehören
stärkerer Nachdruck auf Energieeinsparung und Forschung und Entwicklung
auf nichtnuklearem Gebiet, Zuwendungen und technische Unterstützung des
Bundes für Einzelstaaten und Gemeinden auf dem Energiesektor, beschleunigte
Beschaffung der strategischer Erdölreserve und größerer Nachdruck auf die
Nuklearentsorgung. Ich halte an der unerschütterlichen Überzeugung fest,
daß die Führer dieses Landes die Verpflichtung haben, für die Zukunft zu
planen, und daß der nationale Energieplan für die künftige Gesundheit und
Lebenskraft der amerikanischen Wirtschaft unerläßlich ist.
Die Vereinigten Staaten müssen auch die Führung übernehmen, wenn es
gilt, die Risiken der Ausbreitung (Proliferation) von Kernwaffen SP gering
wie möglich zu halten, wenn wir die Technologie der Kerenergie vorantreiben.
Daher enthält dieser Haushalt Erhöhungen der Mittel für dip Forschung und
Entwicklung auf dem Gebiet von Systemen, die geringere Risiken bergen als
di&gt; mit Plutonium betriebenen Schnellen Brüter mit Flüssigmetall.
- Den wesentlichen menschlichen Forderungen unserer Bürger muß hohe
Priorität eingeräumt werden.
Im Frühjahr 1977 habe ich eine längst überfällige Reform des Wohlfahrtssystem unseres Landes vorgeschlagen...Dieser Haushalt geht davon aus,
daß der Kongreß dieses Programm verabschieden wird...und leitet den Prozeß

- 7 -

�I

Prozeß der sorgfältigen Planung für die Verwirklichung eines leistungsfähigen und gerechten Systems ein...
- Die Streitkräfte unseres Landes müssen immer über die ausreichende
Stärke verfügen, um vor einer Aggression abzuschrecken unc1 unsere Sicherheit
zu gewährleisten.
Meine Haushaltsanforderung für die Verteidigung sieht die Mittel für
eine stetige Modernisierung unserer strategischen Streitkräfte und eine
beträchtliche Verbesserung der Einsatzbereitschaft unserer taktischen
Streitkräfte vor. Um mit Zusagen unserer europäischen Verbündeten gleichzuziehen, schlage ich beträchtliche Erhöhungen in unserer Gesamtverteidigungsanstrengung vor, wobei besonderer Nachdruck auf jene Streitkräfte und
Kapazitäten gelegt wird, die am direktesten mit unseren NATO-Verpflichtungen
in Zusammenahng stehen. Der von mir empfohlene Verteidigungshaushalt leyt
ferner großen Wert auf Modernisierung und Forschung und Entwicklung, um
künftigen Herausforderungen unserer Sicherheit begegnen zu können. Aber
gleichzeitig übe ich Zurückhaltung bei den Verteidigungsausgaben, indem
wichtige Steigerungen der Leistungsfähigkeit jingeführt unf sorgfältige
Prioritäten bei unseren Verteidigungserfordernissen gesetzt werden. Der
Verteidigungshaushalt 1979 ist vorsichtig und knapp,enthält jedoch ein
reales Wachstum der Ausgaben um drei Prozent gegenüber dem laufende; Haushaltsjahr. In Übereinstimmung mit Zusagen an das amerikanische Volk im
Wahl kämpf liegt mein Haushalt um acht Milliarden Dollar unter dem von der
vorigen Administration vorgetragenen Verteidigungshaushalt für 1979.

Die Bundesregierung hat die Verpflichtung, unsere Umwelt - die gemeinsamen Ressourcen, Geburtsrecht und Lebensbasis des amerikanischen Volkes zu pflegen und zu schützen...
- Die Bundesregierung muß führend sein in der Investition in die
technologische Zukunft des Landes...
Dieser Haushalt

�Dieser Haushalt ist auch Ausdruck der Verpflichtung dieser Administration, zwei wichtige Wege einzuschlagen, um die Regierungsarbeit leistungsfähiger und verantwortungsbewußter zu gestalten: Reorganisation und
jährlicher Neuansatz im Haushalt 'zero-based budgeting).
... Im Jahre 1978 werde ich weitere Reorganisationen auf solchen
Gebieten wie den Bürgerrechtsaktivitäten der Bundesregierung und dem
System der Zivilbediensteten des Bundes (Civil Service) vorschlagen, um
es besser auf seine Aufgaben einzustellen und effektiver zu machen...
Bei der Ausarbeitung dieses Haushalts bin ich mir erneut der überwältigenden Zahl von Forderungen an das Budget und den begrenzten Umfang unserer
Mittel akut bewußt geworden, öffentliche Forderungen sind entscheidend
wichtig; aber auch private Ansprüche haben ihre Gültigkeit. Die einzigen
Mittel, über die die Regierung verfügt, sind jene, die sie vom Steuerzahler kassiert. Der Wettstreit um diese Mittel und meine feste Überzeugung, daß dem, was die Regierung besteuert und was sie ausgibt, Grenzen
gesetzt sein müssen, haben zu den Prämissen geführt, auf denen dieser
Haushalt aufgebaut ist..."

Zusammenfassung
In der Zusammenfassung der Haushaltsbotschaft des Präsidenten heißt
es wörtlich:
"...Um die Initiativen des Präsidenten identifizieren zu helfen, enthält
dieser Haushalt einen Vergleich der Haushaltsempfehlungen des Präsidenten
auf der Basis laufender Ausgaben. Die Schätzungen auf der Basis laufender
Ausgaben...sind Projektionen der Kosten bestehender Programme und der Einnahmen
im Rahmen bestehender Gesetze...Sie stellen keine künftigen Änderungen der
Politik ir Rechnung, wie sie vom Präsidenten vorgeschlagen oder vom Kongreß

- 9 -

�Kongreß ins Auge gefaßt werden könnten...
Die Haushaltsempfehlungen des Präsidenten für 1979 liegen auf der
Ausgabenseite bei 500,2 Milliarden Dollar - was eine Erhöhung von 7,8
Milliarden Dollar über den Stand der laufenden Ausgaben bedeutet...
Die Einnahmen werden nach den Steuervorschlägen des Präsidenten für
da" Haushaltsjahr 1979 mit 439,6 Milliarden Dollar angesetzt, was einen
Rückgang um 24,3 Milliarden Dollar gegenüber den laufenden Einnahmen
bedeutet. Dies spiegelt die Vorschläge für eine Steuersenkung und Steuerreform im Haushalt wider. Ohne Änderungen der

Steuergesetzgebung über

jene in diesem Haushalt vorgeschlagenen hinaus, wird für 1983 mit Einnahmen von 726,1 Milliarden Dollar gerechnet, was 32,6 Milliarden Dollar
unter dem laufenden Stand von 758,7 Milliarden Dollar liegen würde. Da
jedoch die Steuereinnahmen meist rascher wachsen als die Wirtschaft insgesamt, wird der Präsident sorgfältige Überlegungen anstellen, um zwischen
dem jetzigen Zeitpunkt und 1983 weitere Steuersenkungen vorzuschlagen- und
zwar in Übereinstimmung mit einer erklärten Politik, den Bundeshaushalt auf
nicht mehr als 21 Prozent des Bruttosozialprodukts zu halten und unsere
Bürger in den Genuß einer zurückhaltenden Ausgabenpolitik in Form von
verringerten Steuerlasten kommen zu lassen...

Verteidigungshaushalt
Von besonderem Interesse sind die Verteidigungsausgaben, die Präsident
Carter vor allem im Zusammenhang mit der NATO-Verpflichtung der USA vorgeschlagen hat. In dem Kapitel Verteidigung heißt es unter anderem:
"Um die nationalen Verteidigungserfordernisse zu erfüllen, schlägt der
Haushalt für 1979 eine Haushaltsbewilligung in Höhe von 128,4 Milliarden
Dollar vor. Die Hauptkomponenten dieser Gesamtsumme sind:
Strategische Streitkräfte
- 10 -

�Strategische Streitkräfte

9,8 Milliarden Dollar

Gemischte nichtstrategische
Streitkräfte

55,3

Aufklärung und Ferrmeldewesen
Forschung und Entwicklung

8,3

"

"

11,0

"

"

41,2

"

"

Tätigkeiten des Verteidigungsministeriums
Verteidigungstätigkeiten auf dem Gebiet
der Atomenergie

2,8

Tätigkeiten außenstehender Behörden,
die in Zusammenhang mit der Verteidigung stehen

43,0 Millionen Dollar

Verteidigungsministerium
Die Erfordernisse der nationalen Verteidigung werden in erster Linie
durch die militärischen Programme des Verteidigungsministeriums erfüllt.
Die Gesamtsumme der bereitgestellten Mittel für diese militärischen Tätigkeiten sollen nach den Voranschlägen von 108,3 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1977 auf 116,8 Milliarden Dollar 1978 und 126,0 Milliarden Dollar
1979 steigen. Die Steigerung der Ausgaben zwischen 1978 und 1979 dürfte nach
Schätzungen 9,4 Prozent betragen. In der Steigerung der Verteidigungsausgaben
für 1979 sind Mittel für eine Erhöhung der Bezüge des zivilen und militärischen Personals von insgesamt 2,4 Milliarden Dollar enthalten.
Die Kampf- und Unterstützungskapazitäten unserer Streitkräfte im Vergleich
zu den Kapazitäten unserer potentiellen Ge^-.er bestimmen, ob ein militärisches Gleichgewicht besteht oder nicht und ob unsere Kampfkraft ausreicht,
um vor einem Angriff abzuschrecken. Die sowjetischen Verteidigungsausgaben
haben sich um etwa drei Prozent jährlich real erhöht. Diese Erhöhungen haben
die Sowjetunion in die Lage versetzt, eine nukleare Parität mit den Vereinigten

- 11 -

�Vereinigten Staaten zu erreichen, und sich eine konventionelle militärische
Macht zuzulegen, die mit der der Vereinigten Staaten vergleichbar ist. In
der gegenwärtigen internationalen Situation ist jedoch der wichtigste
Maßstab für die relative militärische Stärke das Kräfteverhältnis, das zwischen
den Vereinigten Staaten und ihren NATO-Verbündeten auf der einen Seite und
der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt auf der anderen Seite existiert.
Die Verteidigungsanstrengungen der Länder des Warschauer Paktes außer der
Sowjetunion haben im letzten Jahrzehnt nur wenig Wachstum gezeigt. Auf
der anderen Seite haben unsere NATO-Verbündeten ihre Verteidigungsanstrengungen mit einer Jahresrate von zwei bis drei Prozent real erhöht...
Der für 1979 vorgeschlagene

Stand der Verteidigungsausgaben sieht ein

vorsichtiges reales Wachstum unserer Verteidigungskapazitäten

or, ist jedoch

beträchtlich bescheidener als der im vorigen Jahr um diese Zeit von der
vorherigen Administration vorgeschlagene Stand: 8,4 Milliarden Dollar niedriger für 1979 und 7,6 Milliarden Dollar niedriger für 1980. Ein zusätzliches reales Wachstum wird durch Einsparungen bei den Kosten der
Ausbildung und in den Verwaltungs- und Versorgungskosten ermöglicht. Die
Vorschläge in diesem Haushalt würden die personelle Endstärke (d.h. bei der
Zählung zum Jahresende) von 2 069 000 1978 auf 2 049 000 senken und die
Endstä'rke des Zivilpersonals von 912 000 1978 auf 905 000 1979, was hauptsächlich durch Verkleinerung der Stäbe in Hauptquartieren und anderen Versorgungseinheiten erfolgt...

Strategische Streitkräfte
... Die wichtigen Vorschläge für die strategischen Streitkräfte in diesem
Haushalt, einschließlich von Teilen, die im Forschungs- und Entwicklungsprogramm finanziert werden, sind:
Fortsetzung der
- 12 -

�Fortsetzung der wettbewerblichen Entwicklung und Beschaffung von
luftgestützten Marschflugkörpern (Cruise Missiles) für die Dislozierung
an Bombern vom Typ B-52 und Untersuchung der Möglichkeit der Benutzung
anderer Flugzeuge als Marschflugkörper-Träger;
Fortsetzung der Entwicklung bei einer ballistischen Interkontinentalrakete vom Typ M-X, die eine verbesserte Treffgenauigkeit und

T,

agkraft

haben soll und auf eine Weise disloziert werden könnte, die sie gegen
einen Angriff weniger verwundbar macht;
Fortsetzung der Entwicklung und Erprobung des Bombers vom Typ B-l,
wenn auch keine Pläne für dessen Produktion, und Einleitung von Studien
über die Erfordernisse künftiger strategischer Bomber;
Beschaffung von acht Trident-Unterseeüooten und den dazugehörigen
ballistischen Flugkörpern, um die Verbesserung der seegestützten strategischen Streitkräfte fortzusetzen;
Fortsetzung der Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet von Verteidigungssystemen gegen ballistische Raketen (ABM-Systemen) als Vorsorge gegen
eine mögliche Aufhebung des ABM-Vertrages;
Verbesserung strategischer Befehls-, Leit-und Fernmeldesysteme; und
Forschung und Entwicklung zur Verbesserung der Aufklärung durch
Satelliten, der Verringerung der Verwundbarkeit von Satelliten und zur
Entwicklung einer Anti-Satelliten-Kapazität.

Gemischte nichtstrategische Streitkräfte
Die Aufgabe der gemischten nichtstrctegischen Streitkräfte in der Folge
- 13 -

�Folge

als allgemeine Streitkräfte

bezeichnet, besteht darin, vor einer

Aggression abzuschrecken oder einer Aggression zu begegnen, und zwar
auf Ebenen unterhalb eines strategischen Nuklearkonflikts. Die meisten
unserer allgemeinen Streitkräfte sinH auf die Verteidigung der NATO ausgerichtet. Dazu gehören die meisten unserer Landstreitkräfte des Heeres und
der taktischen Luftstreitkräfte der Luftwaffe. Einige unserer Seestreitkräfte und Kräfte des Marinekorps haben die Aufgabe, die Seewege offen
zu halten und die Sicherheit der Flanken des NATO-Gebietes zu gewährleisten. Dieser Haushalt bringt die amerikanische Verpflichtung zum Ausdruck, die im Zusammenhang mit unseren NATO-Verbündeten eingegangen wurde,
um die Kapazität der NATO zu verbessern. Die Haushaltsmittel, die für
Waffen und Geräte des Heeres angefordert werden, steigen 1979 gegenüber 1978
um real 18 Prozent. Auch die für die Beschaffung der Luftwaffe im Zusammenhang mit der NATO angeforderten Haushaltsmittel sind höher...
Für 1979 werden für die allgemeinen Streitkräfte Mittel in Höhe von
46,8 Milliarden Dollar angesetzt, verglichen mit 41,5 Milliarden Dollar
1978. Diese Erhöhung wird hauptsächlich zur Stärkung der Kapazität der
allgemeinen Streitkräfte verwandt, die für die Verteidigung der NATO vorgesehen sind.
In einer Zeit der strategischen nuklearen Gleichwertigkeit ist es lebens
wichtig, daß die konventionellen Streitkräfte der NATO ausreichend stark
sind, um als effektive Abschreckung vor einem Angriff durch konventionelle
Streitkräfte zu wirken. Wir und unsere Verbündeten haben uns zu einer
Erhöhung der konventionellen militärischen Kapazität in Europa verpf lic'tet.
Zu den für einen Konflikt in Euroap zur Verfügung stehenden amerikanischen
Streitkräften gehören 16 Heeresdivisionen, von denen das Äquivalent von
5 2/3 Divisionen in Europa disloziert ist, und 26 Staffeln taktischer
Flugzeuge der Luftwaffe, von denen 8 in Europa disloziert sind.
Im Haushalt 1979 iind 6,6 Milliarden Dollar für einen erhöhten Stand
moderner Heeresausrustung vorgesehen, um es in den USA stationierten
Divisionen zu ermöglichen, rascher zum Einsatz zu gelangen und eine längere

�längere Kampfperiode durchstehen

zu können. Hier beträgt der Zuwachs

gegenüber 1978 1,3 Milliarden Dollar. Unter die spezifischen Vorschläge
fallen:
Erstproduktion des neuen Panzers vom Typ XM-1, der an Beweglichkeit
und Panzerung jedem gegenwärtig in der Welt eingesetzen Panzer überlegen
ist;
Beschaffung besserer Feuerleitsysteme und erhöhter Mengen wirksamer
panzerbrechender Munition, um die Kapazität der Artillerie zu verbessern;
Erstproduktion des neuen Patriot-Luftverteidigungsysytems und
verstärkte Produktion der gemeinsam mit den Deutschen und den Franzosen
entwickelten und in der NATO-Luftverteidigung verwendbaren Roland-Rakete;
und
wesentliche Erhöhung der Beschaffung von Unterstützungsgerät, das für
die Aufrechterhaltung der Gesamteinsatzbereitschaft der Heereseinheiten
notwendig ist.
Darüber hinaus sieht der Haushalt vor, daß das Heer weiterhin die in
Europa bereitgestellten Bestände und das bereitgestellte Gerät vergrößert,
um es in den Vereinigten Staaten stationierten Divisionen zu ermöglichen,
im Falle einer Krise rasch ihre Positionen dort zu beziehen. Die gegenwärtigen Bestände reichen aus, um etwas mehr als zwei Drittel zusätzliche
Divisionen auszurüsten. Derzeitige Pläne sehen die Bereitstellung von
genügend Gerät in Europa für 5 amerikanische Divisionen bis 1983 vor. Der
Haushalt schlägt ferner eine Verbesserung der Einsatzbereitschaft von derzeit
in Europa

stationierten Heereseinheiten im Haushaltsjahr 1979 durch eine

Erhöhung ihrer Munitionsvorräte vor.
Die auf die NATO bezogenen Streitkräfte der Luftwaffe werden durch die
Beschaffung von drei neuen Kampfflugzeuge; weiter verstärkt:
Die F-15, die als
- 15 -

�Die F-15, die als das wirksamste Kampfflugzeug in der Luftüberlegenheit gilt;
die A-10, die für die Panzerbekämpfung und die enge Unterstützung
aus der Luft vorgesehen ist; und
die F-16, ein Mehrzweck-Hochleistungskampfflugzeug, das von einem
Konsortium unserer NATO-Verbündeten gemeinsam produziert wird.
Darüber hinaus schlägt der Haushalt die Weiterführung der Produktion
der Flugzeuge für das Frühwarn- und Leitsystem AWACS sowie Modifizierungen
und Verbesserungen zur Stärkung der Kapazität der gegenwärtig dislozierten
taktischen Flugzeuge vor. Der Haushalt sieht auch eine erhöhte Streuung
der im Dienst in Europa befindlichen Flugzeuge der Luftwaffe vor, um ihre
Verwundbarkeit durcn einen Überraschungsangriff zu verringern.
Die Seestreitkräfte haben drei Hauptaufgaben: Kontrolle der Meere,
Darstellung der Macht und Präsenz in Friedenszeiten. Zur Kontrolle der
Meere gehört die Errichtung und Aufrechterhaltung der Flottenüberlegenheit
in Seegebieten, um die Verbindung und Transportwege zur See zu schützen
und dem Gegner die Benutzung der Ozeane zu verwehren. Darstellung der Macht
besteht im Einsatz von Marineflugzeugen und Schiffsqeschützen zur Unterstützung von Landoperationen und dem Einsatz amphibischer 'treitkräfte bei
Angriffen auf Landgebiete. Die Aufgabe der Präsenz in Friedenszeiten wird
durch die überseeische Dislozierung von Seestreitkräften erfüllt, um vor
Feindseligkeiten abzuschrecken, den Ausgang von Krisen zu beeinflussen und
ein greifbares Symbol amerikanischer Verpflichtung darzustellen.
Um zur Ausführung dieser Aufgaben der Marine beizutragen, sind für den
Zeitraum 1979 bis 1983 42 Milliarden Dollar für den Schiffbau vorgesehen.
Das Verteidigungsministeriini prüft gegenwärtig die Frage, ob der Bau zusätzlicher Flugzeug träner notwendig ist, wenn dies der Fall ist, welchen
Typs, um die Erfordernisse der Marine zu erfüllen. Bis zum Abschluß dieser
- 16 -

�dieser Studie im Frühjahr dieses Jahres verschiebt der Fünfjahresplan
des Ministeriums für den Schiffbau die Entscheidung über mehrere große
Schiffbauprojekte auf das nächste Jahr.
Der Schiffbauplan für 1979 sieht 14 allgemeine Kriegsschiffe vor,
von denen 12 in erster Linie für die Kontrolle der Meere erforderlich sind.
Dazu gehören ein Jagd-Unterseeboot, 8 Fregatten für den Geleitschutz
und andere Geleitaufgaben und 3 Sonar-Schiffe mit Schleppvorrichtungen,
um die Kapazität für die Ortung von Unterseebooten auszuweiten. Der Plan
für 1979 schließt auch zwei Hilfsschiffe (Tender) für die Flotte ein.
Und schließlich sieht der Haushalt die Modernisierung von taktischen
Luftstreitkräften der Marine und des Marinekorps durch die Erstbeschaffung
des Jagd-Kampfflugzeuges vom Typ F-18 und die weitere Beschaffung des
leichten Kampfflugzeuges vom Typ A-4M vor.

Luft- und Seebrückenstreitkräfte
Die Aufgabe der strategischen mobilen Streitkräfte besteht darin,
amerikanische Truppen und amerikanisches Material rasch dorthin zu transportieren, wo sie benötigt werden könnten, um Bedrohungen der amerikanischen
Interessen zu begegnen. Die angeforderten Haushaltsmittel für 1979 in Höhe
von 1,8 Milliarden Dollar werden für die weitere Operation und Verbesserung
dieser Streitkräfte sorgen. Verschiedene Flugzeug Programme werden vorgeschlagen,
um die amerikanische Kapazität, Kampfeinheiten und Nachschub während der
kritischen Anfangsphasen eines überseeischen Konflikts zu transportieren,
zu verbessern.
Es werden Flugzeugmodifizierungen vorgeschlagen, um die Einsatzlebensdauer der Transportmaschinen C-5A zu verlängern. Flugzeuge der zivilen
Reserveluftflotte werden abgeändert, um ihren raschen Umbau von Passagier-

- 17 -

�Passagier- zu Lastflugzeugen zu ermöglichen. Die Erstbeschaffung des
modernen Tanker-Last-Flugzeuges wird vorgeschlagen, um die taktischen Luftstreitkräfte und die Transportstreitkrä'fte

mit einer einzigartigen Lang-

streckenauf tankkapazi tat zu versehen."

Internationale Angelegenheiten
"Um zur Erfüllung unserer nationalen Ansprüche in auswärtigen Angelegenheiten beizutragen", so heißt es in der Haushaltsbotschaft, "wird die
Bundesregierung voraussichtlich 7,7 Milliarden Dollar (netto..) im
Haushaltsjahr 1979 ausgeben...
Der Haushalt legt besonderen Nachdruck darauf, für folgende Punkte
zu sorgen:
- Eine beträchtliche Erhöhung der Haushaltsbewilligungen für die
Entwicklungshilfe mit besonderem Nachdruck auf die ärmsten Nationen der
Welt;
-eine starke amerikanische Unterstützung der multilateralen Hilfsprogramme, vor allem der internationalen Finanzeinrichtungen;
- die Schaffung des Amtes für Internationale Kommunikation (International
Ccmmunication Agency - ICA) (Zusammenlegung des US-Informationsamtes USIA - und der Kulturabteilung des US-Außenministeriums, Anmerkung der
Redaktion) im Rahmen des Reorganisationsplanes des Präsidenten, um die
Informations- und Austauschtätigkeit im Ausland zu verbessern;
- das Auslaufen der Steuerabschreibungsmöglichkeiten für Gewinne der
Internationalen Absatzförderungsorganisationen einheimischer Industriezweige
(DISCs) beginnend im Haushaltsjahr 1979; und
- die Bereitstellung
- 18 -

�- die Bereitstellung von Mitteln, um den Vereinigten Staaten die B J teiligung an einer neuen zusätzlichen Finanzierungsfazilität des Internationalen

Währungsfonds (IWC) zu erlauben.

Die wirtschaftliche und finanzielle Auslandshilfe - die Entwicklungshilfeprogramme zu Vorzugsbedingungen - wird sich auf die armen Menschen
in jenen Ländern konzentrieren, in denen das jährliche Prokopfeinkcmmen
unter 550 Dollar (Wert 1976) liegt. In selektiver Form wird auch Unterstützung an arme Menschen in Ländern gewährt werden, in denen das Prokopfeinkommen über dieser Zahl liegt.
Die wichtigen Aufgaben im Rahmen dieser Programme werden aus der folgenden
Tabelle ersichtlich:

Nationale Anforderungen für die Pflege internationaler Beziehungen
(in Millionen Dollar)
Aufwendungen
Voranschlag
Hauptaufgaben und -programme:

1978

1979

838
233

909
270

10

20

1 160

1 293

Wirtschaftliche und finanzielle Auslandshilfe:
Multilaterale Entwicklungshilfe:
Internationale Institutionen
Internationale Organisationen
Intern. Fonds für Landwirtschaftliche
Entwicklung
Ant für Internationale Entwicklung

Lebensmittel für den Frieden
- 19 -

�1978

1979

Lebensmittel für de r Frieden

1 068

1 069

Sicherheitshilfe

1 813

1 666

175

180

5 296

5 407

190

200

29

31

540

530

-302

-296

457

465

-562

-617

5 191

5 254

Verwaltungskosten

674

766

Internationale Organisationen und Konferenzen

408

409

32

35

1 115

1 211

Sonstige wirtschaftliche und
finanzielle Auslandshilfe

Zwischensumme der wirtschaftlichen und
finanziellen Auslandshilfe
Militärhilfe:
Nichtrückzahlbare Militärhilfe
Militärische Ausbildung ausländischer
Soldaten
Militärische Lieferungen ins Ausland auf Kredit
Einnahmen und sonstige ausgleichende Posten
Zwischensumme der Militärhilfe
Rückzahlungen aus der Auslandshilfe (Einnahmen)

Gesamtsumme der Auslandshilfe
Pflege auswärtiger Angelegenheiten:

Sonstiges
Zwischensumme für die Pflege auswärtiger
Angelegenheiten

Informations- und Austauschtätigkeit
- 20 -

�1978

1979

443

480

196

404

-200

300

Sonstige ausgleichende Einnahmen

-20

-20

Zwischensumme für internationale
Finanzierungsprogramme

-24

684

-540

-555

6 747

7 691

Informations- und Austauschtätigkeit
im Ausland
Internationale Finanzierungsprogramme:
Export-Import-Bank
Treuhandfonds für militärische Verkäufe

Abzüge für ausgleichende Einnahmen

Gesamtaufwendungen für Internationale
Angelegenheiten

+ + + + +

- 21 -

�wams i

Wirt/chaft

3

United States Information Service

27. Januar 1978

DER WIRTSCHAFTSBERICHT PRÄSIDENT CARTERS
- Auszüge -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat dem amerikanischen
Kongreß am 20. Januar 1978 seinen Wirtschaftsbericht übermittelt. Wir
geben nachfolgend wesentliche Auszüge aus diesem Bericht im Wortlaut
wieder:
... Ich schlage Steuersenkungen und -reformen vor, um unseren
wirtschaftlichen Wiederaufschwung weiter voranzutreiben, eine erhöhte
Investitionstätigkeit der amerikanischen Unternehmen zu fördern und ein
einfacheres und faireres Steuersystem zu schaffen. Ich strebe gesetzliche
Regelungen an, um die besonderen Probleme der Benachteiligten und der
Arbeitslosen anzupacken. Und ich unternehme neue Schritte zur Bekämpfung
der Inflation...
Im vorigen Jahr wurden in unserem Lande über vier Millionen neue
Arbeitsplätze geschaffen - ein einmaliger Rekord -,und die Arbeitslosigkeit ist um über eine Million zurückgegangen. Die Produktion stieg um
fast sechs Prozent, und die Gewinne dieser starken

Steigerung wurden

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�wurden breit verteilt. Das Einkommen der Verbraucher nach Abzug der
Steuern und Inflationsbereinigung stieg im Jahre 1977 beträchtlich
an. Die Löhne des typischen amerikanischen Arbeiters erhöhten sich
stärker als die Preise, und auch die Unternehmensgewinne stiegen.
Die amerikanische Wirtschaft steht am

Ablauf dreier Jahre des

Wiederaufschwungs nach der schweren Rezession

1975/76. Der Aufschwung

blieb in den meisten anderen Ländern hinter dem unsrigen zurück...
Unsere Inflationsrate ist ebenfalls niedriger als in den meisten anderen
Ländern der Welt... . Aber es müssen noch große Fortschritte erzielt
werden...
Die Rezession 1974/75 war die schlimmste seit 40 Jahren, und
selbst die beträchtliche Erhöhung der Produktion in den letzter drei
Jahren läßt die Wirtschaft noch immer unter ihrer Produktionskapazität
arbeiten. Wir können nicht zufrieden sein, wenn noch immer fast 6,5
Millionen Menschen, die sich aktiv um einen Arbeitsplatz bemühen, keine
Arbeit finden können; wenn 3,25 Millionen Arbeiter sich mit Teilzeitarbeit
zufrieden geben müssen, weil sie keine volle Beschäftigung finden können;
wenn eine Million Menschen aufgegeben hat, einen Arbeitsplatz zu suchen,
weil sie die Hoffnung verloren haben, einen zu finden. Wir können nicht
zufrieden sein, wenn ein wesentlicher Teil unserer Industriekapazität
ungenutzt bleibt, wie das heute der Fall ist.
Wir können nicht zufrieden sein mit einem wirtschaftlichen Aufschwung,
der an wesentlichen Segmenten des amerikanischen Volkes vorbeigeht. Die
Arbeitslosigkeit unter Minderheiten ist doppelt so hoch wie unter Weißen
- und die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen aus den Minderheiten hat
bedrückende Ausmaße erreicht. Frauen haben weniger befriedigende Chancen
auf einen Arbeitsplatz als Männer, und ältere Amerikaner finden oft ihren
Zugang zum Arbeitsmarkt blockiert. Das Farmeinkommen ist schlagartig gefallen. ..
Die Geschäftswelt
- 2 -

�Die Geschäftswelt hält sich in ihrer langfristigen Investitionsplanung noch immer zurück, und die Börse bleibt trotz des wesentlichen
Anstiegs der Unternehmensgewinne bei der Baisse-Tendenz.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, vor denen wir in den Vereinigten Staaten stehen, sind die gleicher

.vie in den meisten Ländern

der Welt...Der massive Anstieg der ölpreise seit 1973 legt der Weltwirtschaft weiterhin große Bürden auf. Die ölimporte laugen die Kaufkraft der öl importierenden Länder aus und bringen die internationale
Zahlungsbilanz ins Ungleichgewicht.
Im Ausland wie in unserem eigenen Lande haben Besorgnisse über die
Zukunft
Unternehmensinvestitionen in neue Anlagen und Ausrüstungen
abgeschreckt. Als Folge hat das wirtschaftliche Wachstum in vielen Ländern
stagniert...
Die Probleme, vor denen wir heute stehen, sind komplizierter und
schwieriger als in früheren Zeiten. Wir können uns nicht einfach nur
ausschließlich auf die Inflation oder die Arbeitslosigkeit oder die
Defizite im Bundeshaushalt oder in der internationalen Zahlungsbilanz
konzentrieren. Auch können wir nicht isoliert von anderen Ländern
handeln. Wir müssen mit allen diesen Problemen gleichzeitig und auf
globaler Basis fertig werden... Ich habe mich von vier Zielen für unsere
Wirtschaft leiten lassen, die nach meiner Ansicht unsere Nation verfolgen
sollte.
1. Wir müssen weiterhin stetig auf eine Wirtschaft mit hohem Beschäftigungsstand hinarbeiten, bei der die Früchte der Prosperität
weitesten Kreisen zugute kommen... ich glaube, daß wir in den nächsten
Jahren unser Realprodukt um viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr steigern
und die Arbeitslosigkeit um etwa
einhalb Prozent im Jahr verringern
können.
2. Wir sollten

�2. Wir sollten grundsätzlich dem privaten Sektor die Initiative
bei der wirtschaftlichen Expansion und der Schaffung neuer Arbeitsplätze
für eine wachsende Zahl von Arbeitskräften überlassen.
3. In dem Maße, wie wir uns der Vollbeschäftigung nähern, müssen
wir die Inflationsrate eindämmen und reduzieren...
4.

Unsere Maßnahmen müssen in einer Weise erfolgen, daß sie zur

Gesundheit der Weltwirtschaft beitragen. Als die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt haben die Vereinigten Staaten einzigartige Aufgaben und
Verantwortungen zur Verbesserung des internationalen Wirtschaftsklimas.
Das Wohlergehen der Vereinigten Staaten hängt von den Verhältnissen
anderer Länder auf der ganzen Erde ab. Das Geschick derer Wirtschaft
wird wiederum durch das Schicksal unserer Wirtschaft gestaltet...
Meine Wirtschaftsstrategie umfaßt die folgenden Hauptelemente:
- Unverzügliche Durchführung eines wirksamen nationalen Energieprogramms;
- vorsichtige und besonnene Aufteilung der Ausgaben im Bundeshaushalt...
- Sicherung eines stetigen Wachstums der Privatwirtschaft durch
Steuersenkungen und Reformen des Steuersystems...
- Maßnahmen zur Verringerung des Bundesdefizits und Ausgleich des
Haushalts so rasch, wie es die wachsende Stärke der Wirtschaft
gestattet;
- Verbesserung der vorhandenen Programme und Entwicklung neuer Programme
zur Bewältigung des Problems der strukturellen Arbeitslosigkeit unter
den Benachteiligten;
- Förderung größerer Wirtschaftskapitalbildungen;
- Aufstellung

�- Aufstellung wirksamerer Programme zur Verringerung der derzeitigen
Inflationsrate...; und
- Verfolgung eines wirtschaftspolitischen Kurses, der die wirtschaftliche Wiederbelebung in der ganzen Welt fördert, die Ausweitung des Welthandels unterstützt und ein starkes internationales
Wä'hrungsSystem aufrechterhält.

Unverzügliche Durchführung des nationalen Energieplanes:
...Der massive Anstieg des ölpreises in den Jahren 1973-74 war mitverantwortlich für die zweistellige Inflationsrate des Jahres 1974 und
die schwerste Rezession seit vierzig Jahren. Er ist auch heute ein Hauptfaktor für das gewaltige Defizit in unserer internationalen Zahlungsbilanz. Und dennoch haben die Vereinigten Staaten immer noch kein Gesetz
für eine umfassende und wirksame Energiepolitik.
Unsere Abhängigkeit vom Importöl unterminiert die Stärke der
amerikanischen Wirtschaft. Im vorigen Jahr erreichten unsere ölimporte
eine Gesamthöhe von rund 45 Milliarden Dollar, verglichen mit 8,5
Milliarden Dollar im Jahre 1973.
Die steigenden Ausgaben für diese Importe waren eine plötzliche und
massive Steuer, die dem ameriaknischen Volk auferlegt wurde. Nur ein Teil
dieser Steuer floß in die Vereinigten Staaten in Form höherer Exporte
amerikanischer Güter in die ölproduzierenden Länder zurück. Dies hatte zur
Folge, daß die "Steuer" zu einem Haupthindernis für wirtschaftliches
Wachstum geworden ist.
Das aus unseren ülimporten erwachsende gewaltige Defizit im Außenhandel
hat mit zu dem Wertverfall des amerikanischen Dollar im Ausland beigetragen.
- 5 -

�beigetragen. Das Absinken des Dollar hat die Kosten für die von uns
importierten Güter erhöht und zur Inflation beigetragen. Unser Defizit
hat auch die internationalen Währungsmärkte aus dem Gleichgewicht gebracht - mit allen abträglichen Konsequenzen für unsere internationalen
Handelspartner. Unser Verhalten gegenüber der Energiekrise ist daher ein
zentrales Element in unserer internationalen und Binnenwirtschaftspolitik.
Das Energieprogramm wird unsere Probleme nicht auf einen Schlag lösen,
aber es wird den Weg bahnen zu einer ausgewogenen Außenhandelsposition
und einem starken unc' gesunden Dollar...
Den Vereinigten Staaten bleibt keine andere Wahl, als sich der neuen
Ar?, teuerer Energie anzupassen.
Wenn wir schon heute handeln, dann bleibt uns Zeit für einen allmählichen Übergang zu einer wirksameren Energienutzung - durch Energieeinsparung, durch Steigerung der einheimischen Energieproduktion und die
Entwicklung alternativer Energiequellen...
Ich hoffe, Anfang dieses Jahres mit dem Kongreß eng zusammenarbeiten
zu können, um eine rasche Lösung dieses Problems zu gewährleisten. Ein
annehmbares Gesetz muß den folgenden Prinzipien genügen:
- Erstens, das Programm muß den Verbrauch begrenzter Energiequellen Erdöl und Erdgas - wirksam reduzieren und zugleich die Energieproduktion ermutigen und den Übergang zur Nutzung von reichlicher
vorhandenen Energiequellen erleichtern.
- Zweitens, das Programm muß fair sein. Kein Bevölkerungsteil darf
einen unverhältnismäßig großen Anteil an den Kosten oder Lasten
der Anpassung zu tragen haben, und keine Industrie darf unnötige
und unverdiente Spekulationsgewinne (windfall profits) aus der
besonderen Situation ziehen.
- Drittens, das Programm
- 6 -

�- Drittens, das Programm muß mit dem Gesamtkonzept unserer Wirtschaftsstrategie in Einklang stehen...

Besonnenes Abwägen bei den Ausgaben im Bundeshaushalt:
Meine Administration hat einer effektiveren Nutzung der begrenzten
Mittel des Bundes hohe Priorität zuerkannt.
Im Haushaltsjahr 1976 betrugen die Ausgaben des Bundes 22,5 Prozent
des amerikanischen Bruttosozialproduktes...
Bei der Aufstellung meiner Empfehlungen für den Haushalt 1979 habe ich
die Ausgabenseite einer sehr strikten Kontrolle unterworfen. Unter Anpassung an die Inflation wurde der Anstieg der Ausgaben bei unter zwei Prozent gehalten ,und der Anteil der Ausgaben des Bundes am Bruttosozialprodukt
wird auf 22 Prozent absinken...

Steuersenkungen zur Förderung einer stetigen Wirtschaftsexpansion
...Steuersenkungen werden das wichtigste Mittel sein, durch das die
Haushaltspolitik des Bundes das Wachstum fördern wird. Durch umsichtiges
Management der Bundesausgaben und wirtschaftliches Wachstum sollten
wesentliche Steuersenkungen in den kommenden Jahren ermöglicht werden...
Ich schlage ein 25-Milliarden-Dollar-Programm an Netto-Steuersenkungen
zusammen mit wesentlichen Steuerreformen vor.
Die Einkommenssteuern werden in erster Linie durch eine durchgängige
allgemeine Senkung der Steuersätze für den Einzelnen reduziert werden, wobei

�wobei vor allem die Steuerzahler der mittleren und niederen Einkommensgruppen berücksichtigt werden sollen...
Die Gewerbesteuern werden 1979 in meinem Steuerprogramm um mehr als
acht Milliarden Dollar gesenkt werden, was, zu einem Teil durch die über
2 Milliarden Dollar in den Gewerbesteuerreformen aufgewogen, auf eine
Netto-Steuersenkung von annähernd 6 Milliarden Dollat hinausläuft. Ich
habe weiter vorgeschlagen, daß der allgemeine Körperschafts-Steuersatz am
1. Oktober von derzeit 48 Prozent

auf 45 Prozent gesenkt wird und im Jahre

1980 weiter auf 44 Prozent reduziert wird. Ferner schlage ich vor, den
bestehenden zehnprozentigen Steuerfrei betrag für Investitionen ständig beizubehalten und diese Freibeträge auch auf Investitionen in Industrie- und
Versorgungsstrukturen zu erweitern...
Diese Vorschläge umfassen nicht etwaige Anpassungen, die sich aus
Maßnahmen des Kongresses hinsichtlich meiner Energievorschläge ergeben
würden.

Ich habe im April vorigen Jahres vorgeschlagen, daß der Kongreß

eine Bohrturm-Steuer verabschieden möge und die Einnahmen aus dieser Steuer
direkt an das amerikanische Volk zurückgeführt werden sollten...
Diese Steuersenkungen sind für einen gesunden neuen wirtschaftlichen
Aufschwung in den Jahren 1978 und 1979 von wesentlicher Bedeutung. Die
Aussichten für ein Anhalten dieses Aufschwungs in der nahen Zukunft s^nd
günstig. Die Verbraucher zeigen wachsende Kauflust,und viele andere Wirtschaftsindikatoren ließen in jüngster Zeit eine stark ansteigende Tendenz
erkennen...
Mit den von mir vorgeschlagenen Steuersenkungen...sollte die Wirtschaft sowohl 1978 wie 1979 ein Wachstum von 4,5 bis 5 Prozent erreichen.
Die Zahl der Arbeitslosen würde weiterhin zurückgehen und Ende 1979 auf etwa
5,5 bis 6 Prozent absinken. Die Kapazitätsauslastung und die Unternehmensgewinne nach Abzug der Steuern würden sich verbessern,und dami + dürfte
auch die Investitionsrate in neuen Anlagen und Ausrüstungen beträchtlich
- 8 -

�beträchtlich ansteigen...

Maßnahmen zur Reduzierung des Bundesdefizits und zum Ausgleich des
Haushalts, sobald die Stärke der Wirtschaft dies erlaubt:
Um zu gewährleisten, daß unser wirtschaftlicher Fortschritt auf einer
soliden Grundlage steht und nicht von der Inflation unterminiert wird, müssen
wir das Defizit im Bundeshaushalt abbauen und zu einem ausgeglichenen Haushalt gelangen, sobald die weitere Erstarkung der Wirtschaft dies erlaubt...
Die von mir in diesem Jahr vorgeschlagenen Haushaltsansätze sehen ein
Defizit von 62 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1978 und ein nur etwas
darunterliegendes für 1979 vor...
Bei den von mir bis jetzt getroffenen Haushaltsentscheidungen war ich
bemüht, Verpflichtungen zu vermeiden, die es uns unmöglich machen würden,
den Haushalt bis 1981 auszugleichen...

Stärkerer Nachdruck auf der Förderung von Geschäftskapitalbildung
...Während der ersten zwei Jahrzehnte der Nachkriegszeit stieg die
amerikanische Industrieproduktion jährlich im Durchschnitt um drei Prozent.
Im Verlauf der letzten zehn Jahre hat sich der Prosuktivitätszuwachs jedoch
merklich verlangsamt - auf etwa zwei Prozent im Jahr und weniger.
Die Gründe, warum sich die Tendenzen der Vergangenheit nicht fortgesetzt
haben, sind komplexer Natur, aber ein Faktor, dem hier besondere Bedeutung
zukommt, ist das relativ langsame Wachstum des Bestandes an Fabrikanlagen
und Ausrüstung...
Meine Steuerempfehlungen

�Meine Steuerempfehlungen sowie andere wirtschaftliche Vorschläge werden
auf verschiedene Weise zu einer höheren Rate an Geschäftsinvestitionen
ermutigen. Durch die Förderung eines gleichmäßigen wirtschaftlichen Wachstums
werden sie der Wirtschaft einen expandierenden Markt für die Erzeugnisse
neuer Fabriken und neuer Ausrüstungen sichern. Die von mir vorgeschlagenen
spezifischen Steuersenkungen werden die Gewinne nach Abzug der Steuern
erhöhen und damit direkt zusätzliche Anreize für Investitionen bieten...

Wirksamere Programme zur Verringerung der Inflationsrate
Wir können keine volle Prosperität erreichen, wenn wir uns nicht in
wirksamer Weise mit der Inflation auseinandersetzen.
Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um die hohe Inflationsrate zu verringern,
die wir aus der Vergangenheit übernommen haben, und uns vor einem erneuten
Anschwellen der Inflation zu schützen, wenn wir jetzt wieder zu einer Vollbeschäftigungswirtschaft zurückkehren.
Unsere Wirtschaft leidet gegenwärtig nicht unter einer Übernachfrage...
Die jüngsten Erfahrungen haben gezeigt, daß die Inflation, die wir aus
der Vergangenheit geerbt haben, nicht durch eine Politik überwunden werden
kann, die das Wachstum verlangsamt und die Arbeitslosigkeit auf einem
hohen Stand hält. Seit 1975 hat sich die Inflationsrate hartnäckig auf einem
Stand von 6 bis 6,5 Prozent gehalten - obwohl die Arbeitslosenrate bis auf
neun Prozent stieg und immer noch bei über sechs Prozent liegt und obwohl ein
wesentlicher Teil unserer Industriekapazität ungenutzt ist. Die menschliche
Tragödie sowie die Verschwendung von Ressourcen, die mit einer Politik des
langsamen Wachstums verbunden sind, dürfen nicht geduldet werden, und die
Auswirkungen einer solchen Politik auf die gegenwärtige Inflation wäre j w
- 10 -

�nur sehr gering. Darüber hinaus legt ein langsames Wachstum durch die
Entmutigung von Investitionen in neue Kapazitäten den Samen für künftige
inflationäre Probleme, wenn die Wirtschaft jetzt tatsächlich zur Vollbeschäftigung zurückkehrt. Wirtschaftliche Stagnation ist keine Antwort
auf die Inflation.
Unsere erste Aufgabe bei der Bekämpfung der Inflation besteht darin, uns
vor einer erneuten Preisexplosion in Zukunft zu schützen. Eine feste
Disziplin im Bundeshaushalt sowie eine kluge Währungspolitik sind die
wichtigsten Stritte, die wir ergreifen können. Programme zur Bekämpfung
gebietsmäßig strukturell bedingter Arbeitslosigkeit in unserem Lande werden
höhere Beschältigungsraten ermöglichen, ohne daß es zu einem Druck auf die
Preise kommt. Größere Investitionen werden außerdem ein wesentlicher Beitrag
für die Garantie sein, daß die Kapazität unserer Industrie ausreicht, um
den Anforderungen einer Vollbeschäftigungswirtschaft nachzukommen.
Die Verabschiedung eines Energieprogramms wird schließlich die Nachfrage nach ülimporte reduzieren jnd damit zu Marktverhältnissen beitragen,
die einer wesentlichen Erhöhung der ölpreise entgegenwirken, sowie die
Inflation bekämpfen, die aus einem Absinken des Dollarkurses resultiert.
Die von mir eingeleiteten Programme zum Aufbau einer Getreidereserve von
30 - 35 Millionen metrischen Tonnen werden dafür Sorge tragen, daß sich im
Falle schlechter Witterungsverhältnisse keine plötzlichen Aufwärtsentwicklungen bei den Lebensmittelpreisen ergeben.
Unsere zweite Aufgabe - die gegenwärtige Inflationsrate zu senken wird schwieriger sein. Und dennoch müssen wir das Problem anpacken. Wenn die
Inflationsratr nicht gesenkt wird, kann die Rate der Preiserhöhungen sehr wohl
steigen, wenn die Arbeitslosigkeit in späteren Jahren auf einen niedrigeren
Stand sinkt, mit Konsequenzen, die unsere Bemühungen, eine volle Wiederholung zustandezubringen, zunichte machen würden.
Die Regierung...
- 11 -

�Die Regierung...kann eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der
Inflation spielen, indem sie die Auswirkung der eigenen Maßnahmen auf die
Preise reduziert. Wenn wir Steueranreizen und anderen Politiken zur Verbesserung des Wachstums von Investitionen und Produktivität zustimmen, dann
tragen wir dazu bei, den Anstieg der Kosten und damit auch der Preise zu
verringern.
Die von mir vorgeschlagene Verbrauchssteuersenkung...wird ebenfalls
in beschränktem Rahmen dazu beitragen, Kosten und Preise zu senken.
Reglementierungen der Regeirung wirken sich ebenfalls auf Kosten und
Preise

aus... Wir sollten - und werden auch nicht - unsere Anstrengungen

um eine bessere Luft, um besseres Wasser und um einen sicheren Arbeitsplatz
aufgeben. Aber wo immer es möglich ist, sollte das Ausmaß der Reglementierung
so gering wie möglich gehalten werden. Die Regierung allein kann jedoch
die gegenwärtige Inflation nicht überwinden. Der derzeitige inflationäre
Prozeß ist weitgehend die Folge selbstsüchtiger Erwartungen. Geschäftsleute, die mit einem Anhalten der Inflation rechnen, stemmen sich weniger
gegen ein Anwachsen der Kosten, als dies sonst der Fall wäre, weil sie zu
der Ansicht gelangt sind, daß sie angesichts des Preisanstiegs ihre eigenen
erhöhten Kosten durch höhere Preise auf die Verbraucher abwälzen könnten.
Lohnerhöhungen basieren auf der Erwartung, daß die Preise weiterhin steigen
werden. Lohnerhöhungen auf dem einen Sektor führen zu ähnlichen Forderungen
auf anderen Sektoren...
Da die gegenwärtige Inflation eine starke Eigenbewegung entwickelt hat,
kann sie nicht plötzlich zum Halten gebracht werden. Aber wir können doch
eine allmähliche, aber anhaltende Abschwächung erreichen, bei der die Inflation in jedem folgenden Jahr weiter abnimmt. Die Vorteile eines langsameren Ansteigens der Löhne und Preise kämen der Allgemeinheit zugute.
Davon würde jeder profitieren. Jene, die für Lohn- und Preisentwicklungen
verantwortlich sind, sollten gewissenhaft bemüht sein, all die Maßnahmen zu
treffen, die notwendig sind, um eine allgemeine Abschwächung der Inflation

- 12 -

�Inflation zustande zu bringen.
Ich fordere daher Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Amerika auf, sich
an einem freiwilligen Programm zur Abschwächung der Preis- und Lohnsteigerungsrate zu beteiligen. Dieses Programm basiert auf der grundlegenden
Voraussetzung, daß Preise und Löhne in jedem Industriezweig im Jahre 1978
weniger steigen sollten, als dies im Durchschnitt während der letzten zwei
Jahre der Fall war.
Ich bin mir darüber im klaren, daß nicht alle Löhne und Preise im
gleichen Tempo gebremst werden können. Beispielsweise würde die Abschwächung
im Jahre 1978 in den Fällen, wo die Gewinnspanne besonders begrenzt war
oder wo die Löhne besonders stark hinterherhinkten, geringer sein als für andere
Firmen oder Berufsgruppen. In außergewöhnlichen Fällen wäre vielleicht
eine Abschwächung überhaupt nicht möglich. Andererseits könnten man von
Firmen oder Berufsgruppen, denen es in jüngster Vergangenheit außerordentlich
gut ergangen ist, erwarten, daß sie ihre Anstrengungen noch steigern.
Um die Aussichten auf einen Erfolg dieses Programms zu fördern, habe
ich die in Frage kommenden Firmen und Gewerkschaften gebeten, entsprechend
auf das Ersuchen der Vertreter meiner Regierung zu reagieren, mit ihnen auf
einer informellen Basis die Schritte zu erörtern, die während des kommenden
Jahres auf eine diesbezügliche Abschwächung ergriffen werden können. Hinsichtlich der Überprüfung der wirtschaftlichen Situation vor der Unterbreitung
meiner Empfehlungen an den Kongreß, was den Umfang der Lohnerhöhungen für
Bundesangestellte anbetrifft - diese sind im Oktober dieses Jahres fällig werde ich dieses Ziel der Abschwächung immer vor Augen haben.
Dieses Programm will keineswegs einen allgemeinen Rahmen zahlenmäßiger
Normen etablieren, an dem jede Preis- und Lohnmaßnahme gemessen werden muß.
Die Inflation der letzten Jahre hat zu viele Verzerrungen in das Wirtschaftsbild hineingebracht, um dies möglich oder wünschenswert zu machen. Aber
dadurch ergibt sich dennoch eine Verhaltensnorm für jeden Industriezweig

- 13 -

�Industriezweig im kommenden Jahr: Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um die Rate der Lohn- und Preiszuwächse im Jahre 1978 unter
die Durchschnittsrate der letzten zwei Jahre zu senken.
Ich habe diesen Weg gewählt, nachdem ich alle verfügbaren Optionen
in vollem Umfange überprüft habe. Es gibt keine Garantie dafür, daß eine
freiwillige Abschwächung das gegenwärtige Inflationsproblem lösen wird.
Ich bin jedoch der Ansicht, daß mit der Zusammenarbeit von Unternehmern und
Gewerkschaften dieser Vorschlag greifen wird. Abschwächung ist eine
annehmbare Verhaltensnorm, denn dabei bemüht man sich um Zurückhaltung
bei Lohn- ur.

Preisforderungen und erhält dafür eine allgemeine Senkung

der Inflation. Und es ist darüber hinaus eine faire Norm. Denn Arbeitgeber
und Arbeitnehmer mit ihrem so unterschiedlichen Hintergrund und der so
verschiedenartigen gegenwärtigen Situation werden nicht aufgefordert,
sich in den Rahmen einer einzigen

zahlenmäßigen Richtlinie pressen zu

lassen.
Das Inflationsproblem ist nicht leicht zu lösen. Es nimmt Zeit in
Anspruch und braucht Geduld. Aber die Bedeutung dieser Bemühunge

kann

einfach nicht hoch genug bewertet werden. Wenn wir keine bessere Kontrolle
über die Inflationsrate gewinnen, werden die Aussichten auf eine Vollbeschäftigungswirtschaft ernsthaft gefährdet werden. Meine Administration kann
und will in der Zukunft keine Politik betreiben, die eine neue und noch
virulentere Inflationsrunde in diesem Lande auszulösen drohte. Wenn wir das
tun würden, dann wäre das der sicherste Weg, um die Hoffnungen unserer
Bürger auf eine dauerhafte Prosperität zu zerstören.

Internationale Wirtschaftspolitik zur Förderung des wirtschaftlichen
Wiederaufschwungs in der ganzen Welt:
Außerhalb der Vereinigten Staaten verzeichnete die Weltwirtschaft einen
- 14 -

�einen

allmählichen Wiederaufschwung nach der tiefen Rezession von

1974-75. Das rapide Tempo des wirtschaftlichen Wachstums, das fast
während der ganzen Nachkriegszeit überall zu beobachten war, ist so gut wie
geschwunden. Die Arbeitslosenzahl ist hoch und steigt in den meisten
Industrieländern mit Ausnahme der Vereinigten Staaten weiter an. Die
Inflationsraten liegen hoch und nehmen nur sehr langsam ab.

Die Ungleichgewichte im internationalen Wirtschaftssystem wirken
auch weiterhin belastend auf die Weltwirtschaft. Wegen der Überschüsse bei
den öl exportierenden Länder1" haben viele Länder, darunter auch die Vereinigten
Staaten, beträchtliche Defizite. Aber auch einige Industriestaaten verzeichnen große und ständige Überschüsse - wodurch der Druck auf die Länder
mit Defiziten vermehrt wird. Diese Ungleichgewichte bildeten einen
wesentlichen Faktor bei den in den letzten Monaten auf den Devisenmärkten
auftretenden Störungen.

Der Zustand der Weltwirtschaft erfordert vor allem, daß die Nationen
zusammenarbeiten, um Lösungen für globale Probleme zu finden, die für alle
Seiten von Nutzen sind. Wenn es nicht zu dieser Zusammenarbeit kommt, dann
werden wir den Anstieg des Lebensstandards, der sich aus der Expansion des
Welthandels während der letzten drei Jahrzehnte ergab, nicht halten können.
Wenn die Weltwirtschaft zu einem bloßen Konglomerat von isolierten und
schwachen Nationen wird, dann werden wir alle verlieren.

Die höchste Priorität in unserer internationalen Wirtschaftspolitik
kommt daher einem anhaltenden wirtschaftlichen Wiederaufschwung in der gesamten
industrialisierten Welt zu. Das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft - der
größten und stärksten der Welt - ist von entscheidener Wichtigkeit.

Das von mir vorgeschlagene Wirtschaftsprogramm wird sicherstellen, daß
Amerika in der Weltwirtschaft weiterhin eine führende Rolle spielt und eine
Quelle der Stärke bleibt. Es ist wichtig, daß sich andere starke Nationen
uns anschließen, um direkte Maßnahmen zur Belebung der Nachfrage in ihren

- 15 -

�ihren

eigenen Volkswirtschaften zu ergreifen. Es kann zu keinem Wieder-

aufschwung der Weltwirtschaft kommen, wenn sich die Nationen vor allem auf
den Export als Hauptquelle der wirtschaftlichen Expansion verlassen.
Gleichzeitig müssen alle Länder den Kampf gegen die Inflation fortführen. Dazu wird eine besonnene fiskalische und monetäre Politik notwendig
sein. Ergänzt werden muß diese Politik durch Maßnahmen zur Verringerung der
strukturellen Arbeitslosigkeit sowie zur Vermeidung von Engpässen durch
Investitionsförderung und durch Zusammenarbeit bei der Anlegung von Rohstoffreserven, um die Welt vor unvorhergesehenen Erschütterungen zu bewahren.
Ein Abbau des allgemein verbreiteten Ungleichgewichts in den internationalen Zahlungsbilanzen wird verschiedene parallel laufende Maßnahmen
erfordern. Zuerst einmal muß jedes einzelne Land sicherstellen, daß seine
eigene Politik zu einer Verringerung der Belastungen beiträgt. Die Vereinigten
Staaten werden das ihrige dazu tun.
Im Jahre 1977 hatten wir ein Defizit der laufenden Konton von rund
18 Milliarden Dollar. Wenn das auch noch kein Alarmzeichen ist, so ist es
doch ein Grund zur Beunruhigung. Wir können einen sehr konstruktiven Schritt
tun, um dieses Defizit auszugleichen, wenn wir uns rasch entschließen, die
Gesetze für den Nationalen Energieplan zu verabschieden.
Auch die Länder mit Überschüssen sollten ihren Teil tun. ZahlungsbilanzÜberschüsse in einigen Ländern haben mit zur wirtschaftlichen Stagnation
bei ihren Hände1spartnern beigetragen. Sofern in ihren eigenen Wirtschaften
eine gewisse Flaute herrscht, wäre es richtig, wenn diese Überschußnationen
Anreize für die Belebung der Inlandsnachfrage setzen - und damit ihre Importe
steigern und die Aussichten für ein Wachstum in den Defizitländern verbessern. In einigen Ländern wäre eine Aufhebung d(r Importbeschränkungen
und ein Abbau der übertriebenen Anstrengungen der Regierung zur Förderung
der Exporte nützlich. Nach Konsultationen mit den Vereinigten Staaten haben
die Japaner ihre BereitwilMgkeit erkennen lassen, eine Reihe von Maßnahmen

- 16 -

�Maßnahmen zu ergreifen, um ihre großen Überschüsse abzubauen.
Das System flexibler Wechselkurse für die Währungen kann gleichfalls
zum Ausgleich unhaltbarer Ungleichgewichte in den Zahlungsbilanzen der
Länder herangezogen werden. Seit seiner Einführung im Jahre 1973 hat
dieses System selbst unter unvorhergesehenen außerordentlichen Belastungen
gut funktioniert.
Im Verlauf des Jahres 1977 hat der amerikanische Dollar im Verhältnis
zu verschiedenen wichtigen Währungen an Wert verloren. Zu einem Wertverfall
des Dollar kam es vor allem gegenüber den Währungen jener Länder, die große
Handels- und Zahlungsbilanzübersch'üsse aufwiesen - was angesichts unseres
großen Zahlungsbilanzdefizits und ihrer Überschüsse kaum überraschen kann.
Ende 1977 gerieten dann aber die Schwankungen in den Wechselkursen aus dem
Gleis und wurden inner hektischer. Die Vereinigten Staaten bekräftigten ihre
Absicht, einzugreifen, wenn die Verhältnisse auf den Devisenmärkten in
Unordnung geraten sollten, und hierbei in enger Zusammenarbeit mit unseren
Freunden im Ausland vorzugehen.
Im System flexibler Wechselkurse müssen die grundlegenden wirtschaftlichen
Kräfte auch weiterhin der fundamentale bestimmende Faktor für den Wert der
Währungen bleiben. Wir werden es jedoch nicht zulassen, daß spekulative
Vorgänge auf den Devisenmärkten unsere Wirtschaft oder die Wirtschaften
unserer Handelspartner schädigen. Wir sind uns unserer Verpflichtungen in dieser
Hinsicht voll bewußt und haben Schritte unternommen, um ihnen nachzukommen.
Obwohl ein bedeutender Fortschritt in Richtung auf eine ausgewogene
Weltwirtschaft gemacht-werden kann, so werden einige Unausgewogenheiten
doch noch für eine ganz erhebliche Zeitspanne bestehen bleiben. In der Zeit
der Anpassungen werden die finanziellen Anforderungen weiterhin sehr groß
bleiben. Der Hauptstrom der Mittel kann und wird auch weiterhin von den
Überschuß- zu den Defizitländern über die privaten Kapitalmärkte fließen.
Aber es ist wesentlich, daß auch angemessene amtliche Finanzierungsmittel
- 17 -

�Fianzierungsmittel verfügbar sind, um im Notfalle die Länder mit ernsten
Zahlungsbikanzproblemen zu ermutigen, ordnungsgemäße und verantwortungsbewußte Korrekturmaßnahmen zu ergreifen.
Um einer solchen kritischen Notlage gewachsen zu sein, haben die
Vereinigten Staaten nachdrücklich den Vorschlag zur Stärkung des Internationalen Währungsfonds (IWF) durch die Einrichtung einer neuen zusätzlichen Finanzierungsfazilität unterstützt.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin Hilfsmittel bereitstellen,
um das Wachstum der Wirtschaften in den Entwicklungsländern zu fördern. Die
internationalen Hilfsanstrengungen - durch bilaterale Hilfe und multilaterale Institutionen - müsser weiterhin ausgeweitet werden. Wir müssen
unsere Türen auch für die Importe aus den Entwicklungsländern offenhalten,
damit deren Volkswirtschaften durch Ausweitung des Handels wachsen und
gedeihen können.
Ein Grundzug unserer internationalen Wirtschaftspolitik ist es, mit
unseren Handelspartnern zum Schutz eines freien und offenen Handelssytems
zusammenzuarbeiten. Für die amerikanische Wirtschaft kann es von Vorteil sein,
wenn sie die Produkte, die wir mit höchster Leistungsfähigkeit herstellen,
exportiert und die Produkte, die wir am wenigsten gut erzeugen können, importiert. Ein offenes Handelssystem erhöht unser Realeinkommen, stärkt die
Konkurrenz auf unseren Märkten und trägt zur Bekämpfung der Inflation bei.
Die Vereinigten Staaten werden sich allen protektionistischen Forderungen
entschlossen widersetzen, die unausweichlich aufkommen, wenn die Weltwirtschaft unter hoher Arbeitslosigkeit leidet.
Die sich daraus ergebende Abschwächung des Welthandels würde unser
Problem der Inflation nur noch verschlimmern, unsere Wirtschaft schädigen
und zu weniger Arbeitsplätzen führen. Der internationale Wettbewerb muß jedoch
fair sein. Wir haben bereits Maßnahmen ergriffen - und werden dies, wenn

-18-

�wenn notwendig, auch in Zukunft tun -, um sicherzustellen, daß Arbeitgeber
und Arbeitnehmer nicht unter unfairen Handelspraktiken leiden.
Ich messe den multilateralen Handelsverhandlungen, die gegenwärtig in
Genf stattfinden, große Bedeutung bei. Ich bin der Ansicht, daß unsere
Unterhändler mit Abkommen nach den USA zurückkehren werden, die fair und
ausgewogen sind

und die unserer Wirtschaft in den kommenden Jahren erheb-

lichen Nutzen bringen werden. Die Bedeutung dieser Erörterungen kann kaum
überbewertet werden. Das Handelssystem, das aus diesen Verhandlungen hervorgeht, wird die Richtung für den Welthandel bis weit in die achtziger
Jahre hinein weisen. Unser Einsatz für einen erfolgreichen Abschluß dieser
Gespräche unterstreicht, welche langfristige Bedeutung wir der Aufrechterhaltung und der Erweiterung eines offenen und fairen Handels zwischen den
Nationen der Welt zuerkennen.

+ + + + +

- 19 -

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Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Januar 1982

INHALT

INFORMATION
Weltumspannende Fernsehsendung:

Demonstration globaler Solidarität

mit dem polnischen Volk

DOKUMENTATION
Präsident Reagan proklamiert Tag der Solidarität mit Polen
- Solidarität ein Symbol des Kampfes um Grundrechte -

HINTERGRUNDMATERIAL
Rostow besorgt über sowjetischen Expansionismus
Beweise für den Einsatz von Biotoxin-Waffen durch die Sowjetunion
- Richard Burt vor der Auslandspresse in Washington -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Stereotaktische Strahlentherapie
- Sehr kleine, schwer zugängliche Gehirntumore unter Beschuß -

Um Über/endung von
ßelegexemploren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 08-85432

�27. Januar 1982

WELTUMSPANNENDE FERNSEHSENDUNG:
DEMONSTRATION GLOBALER SOLIDARITÄT MIT DEM POLNISCHEN VOLK

WASHINGTON - (AD) - Eine vom US-Amt für internationale Kommunikation
(USICA) am 31. Januar 1982 per Satellit weltweit ausgestrahlte Fernsehsendung
wird nach den Worten von USICA-Direktor Charles Z. Wick die Unterstützung der
freien Welt für das polnische Volk zum Ausdruck bringen.
Wick erklärte am 20. Januar vor der Presse in Washington, daß sowohl
die britische Premierministerin Margaret Thatcher als auch Bundeskanzler Helmut
Schmidt, die Ministerpräsidenten von Belgien, Portugal und Norwegen sowie der
Außenminister Luxemburgs an der Sendung "Daß Polen Polen werde" teilnehmen und
man dies auch von einer großen Zahl von führenden Persönlichkeiten anderer
Staaten erwartet. Thema der Sendung wird die Proklamation von Präsident Reagan
sein, der den 30. Januar zurrTTag der Solidarität mit dem polnischen Volk" erklärt hat.
Direktor Wick brachte die Hoffnung zum Ausdruck, daß das weltweite Echo
auf dieses Programm zusätzliche Aufmerksamkeit für die Notlage des polnischen
Volkes und "hoffentlich etwas Bewegung in Richtung auf eine Verbesserung seiner
Situation" bringen wird.
Es wird

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Telex: 08-85432

�Es wird

erwartet, daß die Sendung von etwa 300 Millionen Menschen außer-

halb der Vereinigten Staaten gesehen wird und daß weitere 100 Millionen das
Programm durch die "Stimme Amerikas" (VOA) empfangen werden, die es in 40
Sprachen, darunter in Polnisch, ausstrahlt.
Das Leitmotiv der Sendung - menschliche Freiheit - wird durch Auszüge
aus der Weltliteratur, klassische und volkstümliche Musikstücke, Tänze, Objekte der bildenden Künste und dergleichen zum Ausdruck gebracht.

Zu den pro-

minentesten Teilnehmern aus dem Bereich der Künste gehören der Cellist Mstislav
Rostropovich, der Sänger Frank Sinatra sowie die Schauspieler Charlton Heston,
Kirk Douglas und Orson Welles.

Im Verlauf des Programms wird Präsident Reagan

im Weißen Haus eine Erklärung abgeben, die die Unterstützung für das polnische
Volk zum Ausdruck bringt. Auch Howard Baker, der Fraktionsführer der Mehrheit
im Senat,und Thomas "Tip" 0'Neill, der Sprecher des Repräsentantenhauses, werden eine Stellungnahme abgeben.
Das Thema dieses Tages der Solidarität mit dem polnischen Volk entstammt einem Lied des polnischen Dichters Jan Pieczak "Daß Polen Polen werde"
und das in seinem Verlangen nach Freiheit zu einer Hymne der Gewerkschaft
Solidarität und aller Polen geworden ist.
Zur Rolle von USICA bei dieser Fernsehsendung erklärte Wick, daß das
Amt "einfach ein Katalysator für die ganze übrige Welt gewesen ist, wie dies
durch die Teilnahme von führenden Persönlichkeiten des Auslands und Gewerkschaftsdemonstrationen in der ganzen Welt" zur Lage in Polen deutlich geworden sei. Wick fügte hinzu, daß es bei Fragen des Mitleids, der Entrüstung und
der Besorgnis über die Lage in Polen keinerlei Uneinigkeit zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Freunden und Verbündeten auf der ganzen Welt gibt.
Er erwähnte, daß Außenminister Haig die Pläne für diese Sendung mit den europäischen Verbündeten auf der NATO-Sondersitzung in Brüssel be- : ...
sprochen hat. Auf die Frage, welche Reaktion er von den Sowjets auf dieses
Programm erwarte, antwortete Wick, er hoffe,"daß es zu einer Erleichterung der
jetzigen Unterdrückung führt und den Status quo ante wiederherstellt".
+ + + + +

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Dokumentation
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27. Januar 1981

PRÄSIDENT REAGAN PROKLAMIERT TAG DER SOLIDARITÄT MIT POLEN
- Solidarität ein Symbol des Kampfes um Grundrechte

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat den 30. Januar 1982
zum Tag der Solidarität mit dem polnischen Volk proklamiert. In seiner am
20. Januar veröffentlichten Proklamation betont Reagan, daß die freie polnische Gewerkschaft Solidarität "den Kampf wirklicher Arbeiter in einem sogenannten Arbeiterstaat um die Erhaltung grundlegender menschlicher und wirtschaftlicher Rechte symbolisiert". Er verweist darauf, daß die Geschichte
zeige, wie die Stabilität in Europa durch ein unterdrücktes Polen gefährdet
sei.
Die Proklamation hat folgenden Wortlaut:

Proklamation
des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika
Solidarnosc, die Bewegung der freien polnischen Gewerkschaft Solidarität,
wurde nicht nur aus dem Versagen der polnischen Regierung heraus geboren, den
Ansprüchen ihres Volkes gerecht zu werden, sondern zugleich aus einer frei heit-

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�einer freiheitlichen Oberlieferung heraus, die von dem stolzen polnischen
Volk über zwei Jahrhunderte der ausländischen und inländischen Tyrannei hinweg gehegt und gepflegt wurde.
Die Solidarität symbolisiert den Kampf wirklicher Arbeiter in einem sogenannten Arbeiterstaat um die Erhaltung grundlegender menschlicher und wirtschaftlicher Rechte, die sie sich in Danzig im Jahr 1980 zu erkämpfen begonnen hatten - das Recht auf Arbeit und darauf, die Früchte dieser eigenen Arbeit zu ernten, das Recht auf Versammlungsfreiheit, auf Streik und auf Gedankenfreiheit.

Die Solidarität versuchte, die tiefverwurzelten wirtschaft-

lichen Übel Polens anzupacken und zu lösen; sie handelte in gutem Glauben und
verfolgte einen Weg des konstruktiven Dialogs mit der polnischen Regierung.
Trotz dieser friedlichen Anstrengungen seitens der Solidarität brandete
eine brutale Welle der Unterdrückung über Polen.

Die Verhängung des Kriegs-

rechtes beseitigte alle Reste der neugewonnenen Freiheit.

Die Behörden haben

zu willkürlicher Verhaftung und der Anwendung von Gewalt Zuflucht gesucht,
was zu gewalttätigen Akten und zum Verlust von Leben geführt hat; der freie
Fluß von Menschen,Gedanken und Informationen wurde unterdrückt; die Uhr der
Menschenrechte in Polen wurde um mehr als 30 Jahre zurückgedreht.

Das Ziel

dieser Unterdrückung ist die Bewegung der Solidarität, aber mit ihrem Angriff
auf die Solidarität greifen deren Feinde das gesamte Volk an.

Zehn Millionen

der 36 Millionen polnischer Bürger sind Mitglied der Solidarität.

Zusammen

mit ihren Familien stellen sie die überwältigende Mehrheit der polnischen Nation dar.

Indem sie die Solidarität verfolgt, führt die polnische Militär-

regierung einen Krieg gegen ihr eigenes Volk.
Die Geschichte zeigt uns, daß die Stabilität in Europa bedroht ist, wenn
Polen unterdrückt wird. Herz und Sinn aller freien Menschen üben in dieser
Stunde des Leidens Solidarität mit dem polnischen Volk.
Wir haben große Hochachtung vor der Führuqgsqualität und den Zielen von
Lech Walesa, dem Kopf der Solidarität, und wir bringen unsere ernste Sorge
um sein derzeitiges Wohlergehen zum Ausdruck.
- 2 -

Als Amerikaner haben wir eine

�wir eine besondere Beziehung zur Solidarität und zu den grundlegenden
Menschenrechten, die sie hochzuhalten sucht,und stehen dabei in der langen
Tradition polnisch-amerikanischer Freundschaft und Freiheit.

Das Eintreten

Präsident Wilsons für die Selbstbestimmung des polnischen Volkes half bei
der Wiedergeburt der polnischen Nation zu Beginn dieses Jahrhunderts.

Heute

steht Amerika bereit, einem Polen großzügige Unterstützung und Hilfe zu gewähren, das auf einen Weg echter innerer Versöhnung zurückkehrt.
In der Welt gibt es heute einen Geist der Solidarität, den keine physische Kraft brechen kann.

Er überquert nationale Grenzen und dringt in die

Herzen der Männer und Frauen allerorts ein.

In den Fabriken, Schulen und

Bauernhöfen, in Städten und Dörfern auf der ganzen Welt stehen die Menschen
der freien Welt geeint mit unseren polnischen Brüdern und Schwestern.

Ihre

Sache ist auch die unsrige.
Deshalb erkläre ich, Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika, den 30. Januar 1982 zum Tag der Solidarität. Ich fordere das
Volk der Vereinigten Staaten und alle freien Völker auf, diesen Tag durch
Versammlungen, Demonstrationen, Veranstaltungen, Gottesdiensten und andere
angemessene Ausdrucksformen der Unterstützung zu begehen. Wir werden unsere
Solidarität mit dem mutigen Volk Polens zeigen und ein Ende seiner Unterdrückung, die Freilassung all der willkürlich Verhafteten und die Wiederherstellung der international anerkannten Rechte des polnischen Volkes sowie
die Wiederaufnahme des inneren Dialogs und Versöhnung in Einklang mit den
grundlegenden Menschenrechten fordern.
Zur Beurkundung dessen unterzeichne ich am 20. Tag des Januar im Jahr
des Herrn 1982 und im 206. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten
von Amerika diese Erklärung.
Ronald Reagan
Weißes Haus
20. Januar 1982
+ + + + +
- 3 -

�Hintergrund
materiell
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27. Januar 1982

ROSTOW BESORGT OBER SOWJETISCHEN EXPANSIONISMUS

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor des US-Amtes für Rüstungskontrolle und
Abrüstung, Eugene Rostow,hat sich besorgt über den sowjetischen Expansionismus geäußert und erklärt, daß die Reagan-Administration Polen niemals als zu
Moskaus Einflußphäre gehörig bezeichnet hat.
In einer Rede vor dem"Komitee für die freie Welf'sagte Rostow am 22.
Januar 1982 in Washington, die Administration versuche, die Sowjetunion davon zu überzeugen, daß sie ihren Expansionismus eingrenzen müsse und daß ihr
Imperium zu stark expandiert habe. Der sowjetische Expansionismus, so Rostow,
"fängt an, auf sehr empfindliche Nerven zu treffen." Dabei sei die sowjetische
Antwort "sehr interessant: 'Ihr fordert uns auf, eine Außenpolitik aufzugeben,
die in unserer Natur als Gesellschaft und als Staat verwurzelt ist'." Dabei
könne "die einzige amerikanische Antwort nur sein: 'Nein, das verlangen wir
überhaupt nicht. Ihr könnt die Tugenden des Kommunismus predigen, solange ihr
wollt und wir ihr wollt. Aber was wir - und was das weltpolitische System nicht tolerieren können, ist eine Sondergenehmigung dafür, den Glauben mit
dem Schwert zu verbreiten."'
Rostow

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�Rostow unterstrich, daß "wir nicht gesagt haben, Polen liegt innerhalb
der sowjetischen Einflußphäre.und daß die Sowjetunion alles tun kann, was sie
will, solange die Welt außerhalb nicht betroffen ist."
Bei seiner Behandlung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen sprach
Rostow außerdem von der Haltung der Reagan-Administration bei der Rüstungskontrolle. Im vergangenen Jahrzehnt, so sagte Rostow, "nahmen wir an, daß die
sowjetische Einstellung hinsichtlich der Kernwaffen und unsere Einstellung dieselbe waren, daß sie, genau wie wir, das Problem der Kernwaffen mit Widerwillen behandelten... Niemand kann das heute mehr sagen."
"Ihr Ziel ist ein ganz anderes, und wir sollten nur ein solches Kernwaffenabkommen annehmen, das sich auf dem Grundsatz gleicher Abschreckung gründet. Für uns bedeutet Abschreckung zweierlei: Abschreckung vor einem Atomkrieg
und - im Hinblick auf unsere entscheidenden nationalen Interessen - die Erhaltung der Möglichkeit, falls notwendig, Kernwaffen einzusetzen, wenn unsere
höchsten Interessen durch einen konventionellen Angriff bedroht sind."
"Dies ist ein Faktum", unterstrich Rostow, "das viele Leute sowohl in
den Vereinigten Staaten als auch in Europa und in Japan manchmal vergessen.
Aber es ist ein Faktum."
"Wiederaufbau und Erneuerung Europas, Amerikas, Kanadas, Japans und vieler anderer Länder sind von der Tatsache abhängig, daß die Vereinigten Staaten
bereit sind, Kernwaffen einzusetzen, wenn die Notwendigkeit besteht, sich vor
Angriffen auf ihre Interessen zu verteidigen, die mit konventionellen Streitkräften durchgeführt würden - und daß die Sowjetunion hieran auch glaubt."
Rostow sagte, "die derzeitige Furcht vor den Kernwaffen rührt von der
Tatsache her, daß das nukleare Gleichgewicht... während der siebziger Jahre
ausgehöhlt und verändert wurde" - und zwar zugunsten der Sowjetunion. "Wir
werden einige der Folgen (dieser Tatsache) bei der Haltung berücksichtigen
müssen, die wir (bei den Rüstungskontrollgesprächen mit Moskau) einnehmen werden."
"Wahrscheinlich
•

- 2 -

•

•

•

"

�"Wahrscheinlich ist, daß wir nicht den Maßstab dislozierter /&gt;bschußbasen
benutzen werden, wie dies während der siebziger Jahre der Fall war, um die
Zerstörungskraft von Kernwaffen zu beschreiben und über ein Abkommen eine
Situation gleicher Abschreckung zu erreichen."
Die Gruppe, zu der Rostow sprach, war im Februar 1981 ins Leben gerufen
worden. Ihr gehören mehrere hundert bekannte amerikanische und europäische
Intellektuelle an, die sich zu einem Wochenendseminar über "die transatlantische Krise" trafen. Rostow meinte jedoch, er glaube nicht an das Vorhandensein einer solchen "Krise".
"Ja, es gibt Anspannung. Aber ich glaube nicht, daß wir innerhalb des
Bündnisses so etwas wie eine Krise haben, wie etwa die Krisen der Jahre 1954
und 1956, als die Vereinigten Staaten eine grundlegend andere Einstellung als
Großbritannien hinsichtlich des Fernen Ostens und des Mittleren Ostens hatten oder die Krise des Jahres 1966, als General de Gaulle die französischen Streitkräfte aus dem integrierten Kommando des Bündnisses abzog."

+ + + + +

,

- 3 -

�27. Januar 1982

BEWEISE FÜR DEN EINSATZ VON BIOTOXIN-WAFFEN DURCH DIE SOWJETUNION
- Richard Burt vor der Auslandspresse in Washington -

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor des Büros für politisch-militärische
Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Richard Burt, informierte
am 13. Januar 1982 die Auslandspresse in Washington über den gegenwärtigen
Stand der Ermittlungen über den Einsatz von Biotoxin-Waffen. Die Vereinigten
Staaten haben, wie Burt erklärte, "zwingende" Beweise dafür, daß die Sowjetunion in die Anwendung tödlicher biologischer Waffen in Südostasien verwikkelt ist. Dieser Einsatz von Biotoxinen unter Mißachtung internationaler Konventionen sei ein wichtiges Problem für die ganze Welt, insbesondere für die
Dritte Welt, "weil diese Waffen gegen Menschen der Dritten Welt eingesetzt
werden".
Im folgenden bringen wir Auszüge aus der Erklärung Burts und der sich
daran anschließenden Pressekonferenz:
Burt:

Wir glauben, daß die Beweise für eine Verwicklung der Sowjets in

die Anwendung dieser (biologischen) Toxinwaffen in Südostasien zwingend sind,

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�zwingend sind. Zunächst einmal wissen wir, daß sich sowjetische Berater für
chemische Waffen in Südostasien aufhalten. Ganz offensichtlich ist die sowjetische Präsenz in Afghanistan besonders stark, und uns ist bekannt, daß sie
dort chemische Waffen stationiert haben.
Uns liegen Berichte von Oberläufern sowohl aus Südostasien als auch aus
Afghanistan vor, denenzufolge die Sowjetunion direkt in chemische Kriegführung verwickelt ist. Bislang haben wir keine Produktionsanlagen in Südostasien
ausgemacht, in denen die von uns identifizierten Toxinwaffen hergestellt werden könnten. Wir wissen, daß solche Anlagen - bzw. die Möglichkeiten zur Produktion solcher Waffen - in der Sowjetunion bestehen.
Und schließlich sind uns keine Anlagen zur Erprobung chemischer Waffen
in Südostasien bekannt, wohl aber in der Sowjetunion.
Ich glaube, die Skepsis gegenüber unseren Ermittlungsergebnissen ist teilweise verständlich - hauptsächlich deshalb, weil es sich hier um eine sehr
ernste Entwicklung handelt. Es sind sehr ernste Vorwürfe, die wir erhoben haben. Sie zeigen den Grad unserer Besorgnis über die Tatsache, daß diese Waffen eingesetzt werden. Außerdem ist dies ein höchst komplexer Bereich. Und es
ist nur natürlich, daß Fachleute und Wissenschaftler alle Fakten kennen möchten,
bevor sie Schlußfolgerungen ziehen.
Meines Erachtens haben wir unser Bestes getan, alle diese Fakten nicht
nur privaten Wissenschaftlern und anderen an dieser Frage Interessierten zugänglich zu machen, sondern auch sämtliche von uns erlangten Informationen
für die Untersuchung durch die Vereinten Nationen, die jetzt im Gang ist, zur
Verfügung zu stellen.
Gleichzeitig existiert nach unserer Meinung als weiteres Problem beim
Erörtern und Debattieren dieser Streitfrage das dabei angelegte "zweierlei
Maß", wie Außenminister Haig dies bezeichnet hat. Wir glauben, daß vor allem
unsere europäischen Verbündeten wegen dieser Entwicklungen angesichts der

- 2 -

�angesichts der direkten Bedrohung besorgt sein sollten, die sich aus den Einsatzmöglichkeiten für chemische Waffen durch die Sowjetunion auch für die Bevölkerung Westeuropas ergibt.
Noch wichtiger ist unseres Erachtens, daß jedermann ganz einfach vom humanitären Standpunkt aus wegen der Tatsache besorgt sein müßte, daß Waffen, die
durch eine internationale Konvention aus dem Jahr 1972 verboten sind - sie
verbietet biologische und Toxin-Waffen - in weit abgelegenen Gebieten der
Erde verwendet werden. Und er müßte sich außerdem wegen der Tatsache Sorge
machen, daß man solche Waffen möglichst unauffällig gegen primitive und meist
wehrlose Menschen einsetzt. Nach unserer Meinung wird durch diese Umstände ein
solches Verhalten nur noch abscheulicher.
Wir glauben, daß die Menschen in Asien und im Mittleren Osten besonders
besorgt sein sollten, weil diese Waffen in ihren Regionen tatsächlich verwendet werden. Als Problem der Dritten Welt ist dies eine besonders heikle Angelegenheit, denn diese Waffen werden gegen Menschen der Dritten Welt eingesetzt - und tatsächlich sind chemische Toxin-Waffen bereits seit dem ersten
Weltkrieg gegen Menschen der Dritten Welt eingesetzt worden.
Schließlich sind es auch die Auswirkungen auf die Rüstungskontrolle, die
die ganze Welt angehen. Unseres Erachtens steht die Notwendigkeit eindeu- '
tig fest, sich aktiv dafür einzusetzen, daß die Konvention von 1972 mit dem
Verbot dieser Toxin-und biologischen Waffen auch eingehalten wird. Die gesamte
Menschheit hat ein echtes Interesse daran, sicherzustellen, daß die Konvention von 1972 eingehalten wird.
Die Beweise - auf der Basis allen Beweismaterials und aller Fakten,
nicht einfach auf Grund von Berichten von Flüchtlingen oder der Nachrichtendienste oder der Besuche oder der Artikel von Journalisten, die sich jetzt für
dieses Thema interessieren, sondern nunmehr auch auf Grund des uns vorliegenden naturwissenschaftlichen Beweismaterials und der Versuchsergebnisse, zu denen wir gelangt sind - machen unsere Schlußfolgerung zwingend, daß diese Waffen eingesetzt werden..."

ronnF-

�FRAGE: Können Sie eine genaue Zusammenfassung dessen geben, was die Vereinten Nationen in ihrer Untersuchung unternommen haben?
ANTWORT (Burt): Wir müssen, glaube ich, klar erkennen, daß die Vereinten
Nationen eine politische Institution sind - und ich brauche Ihnen die Art der
Beschränkungen für die Vereinigten Staaten oder eine andere Mitgliednation
der UNO nicht zu erklären, die sich bei der Verfolgung einer so heiklen und
potentiell kontroversen Frage wie dieser ergeben.
In Anbetracht solcher Beschränkungen war unser Auftakt bei den Vereinten
Nationen relativ gut. Wir haben, offen gesagt, als Wichtigstes die Weiterführung dieser Untersuchung erreicht - und dies zu einem Zeitpunkt, an dem eindeutig die Sowjetunion und ihre Verbündeten die Untersuchung beendet sehen
wollten.
Es ist klar, daß sie durch diese Untersuchung in Verlegenheit gebracht
werden, daß diese Berichte sie in Verlegenheit bringen. Schon allein die Tatsache kann ihnen nicht, gleichgültig sein, daß wir die Untersuchung mit einem
Abstimmungsergebnis weiterführen können, bei dem die Stimmenmehrheit größer
war als bei der Abstimmung über die Aufnahme der Untersuchung. Dies ist in
meinen Augen ein politischer Erfolg.
Ich glaube, es ist zu früh, um genaue Angaben dazu zu machen, wie objektiv diese Untersuchung sein wird. Alles in unserer Macht stehende wird getan,
um sicherzustellen, daß sie objektiv sein wird. Als allererstes bemühen wir
uns, alle unsere Fakten der Gruppe zu übermitteln. Wir tun alles, was wir
können, um Druck auf die Regierungen auszuüben - die der Sowjetunion, Vietnams
und anderer Länder -, dieser Gruppe den Besuch der Stätten zu erlauben, wo
solche Angriffe stattgefunden haben. Bisher hatten wir dabei keinen Erfolg.
Wir bringen die Mitglieder der Untersuchungskommission mit Augenzeugen
dieser Angriffe zusammen, wir geben ihnen Listen von Personen, die Berichte
über diese Angriffe und die Flüchtlinge besitzen, die davon erzählen können...
Wir machen
- 4 -

�Wir machen alles uns verfügbare wissenschaftliche Beweismaterial ebenso
zugänglich, wie wir unsere eigenen Analysenverfahren erklären möchten, damit
die Mitglieder der Untersuchungskommission alle jene Informationen erhalten,
die sie als mindestes

brauchen.

Nun könnte es sein, daß ihre Schlußfolgerungen in unserer Sicht alles
andere als zufriedenstellend sind - aber wir werden zum mindesten in der Lage
sein, nachzuweisen, daß wir die Informationen zur Verfügung gestellt haben...
Wir hoffen, daß man die Untersuchungen 'überwacht und daß andere Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen Druck - konstruktiven Druck - ausüben, um sicherzustellen, daß die Untersuchung nicht oberflächlich durchgeführt wird.
Ich möchte dem noch einen Punkt hinzufügen: Für die Finanzierung der
Untersuchung ist eine UN-Abteilung zuständig, an deren Spitze ein Sowjetrusse steht. Und dies ist etwas, was wir in Rechnung stellen müssen...
FRAGE: Wie ich einem Artikel der "New York Times" entnehmen konnte,
wären diese Mykotoxine direkt in Vietnam leicht herzustellen - ein Wissenschaftler bezeichnete sie als "Bauerngift". Wie stellen Sie hier eine Verbindung zur Sowjetunion her?...
ANTWORT (Oberstleutnant der US-Luftwaffe Fred Celec vom Büro für politisch-militärische Angelegenheiten): Erlauben Sie, daß ich auf zwei entscheidende Punkte zu sprechen komme. Zum ersten ist es absolut richtig, daß Sie,
wenn Sie eine für Laborzwecke erforderliche Menge dieses Materials herstellen
wollen, dies in jedem beliebigen Laboratorium einer Universität oder Forschungseinrichtung tun könnten.
Wenn Sie es in ausreichenden Mengen zum Einsatz mit Waffen produzieren wollen, müssen Sie schon von technischen Anlagen reden, oder aber davon,
kleine Mengen über einen langen Zeitraum hinweg herzustellen - und wenn Sie
nun die Menge, von der berichtet wurde, in Erwägung ziehen und einige einfache Berechnungen ausführen, werden Sie finden, daß zum Lagern dieses Ma-

- 5 -

�dieses Materials buchstäblich Tausende von Ein-Liter-Flaschen erforderlich
sind, um genug davon einsetzen zu können, wie sie es getan haben.
Die Mengen würden eine große Produktionsanlage erfordern, die uns aber
verborgen ist.
Zweiter Punkt: Es handelt sich zwar um eine einfache Waffe, deren Entwicklung aber sehr kompliziert ist. Um diese Waffe durchzukonstruieren, müßte
man sie auch getestet haben, damit man weiß, in welcher Weise sie versprüht,
welche Auswirkungen verschiedene meteorologische Faktoren wie Wind, Temperatur oder Regen haben, wie lange sich die Toxine in einem Gebiet halten, damit man auch weiß, wann die eigenen Truppen dort einmarschieren können, ferner
welches die optimale Höhe zum Versprühen ist, um entsprechend der Absicht, ein
bestimmtes Gebiet voll abzudecken, auch genau das Richtige zu tun.
Dies erfordert umfangreiche Anlagen und umfangreiche Testoperationen.
Noch einmal: Solche Anlagen existieren unseres Wissens nicht in Südostasien
in einem so nahegelegenen Raum, aber sie existieren in der Sowjetunion. In
der Sowjetunion gibt es chemische Testanlagen, die genau diese Art von Versuchen durchführen.
Und das ist es, was uns zu dem Schluß führt, daß sich die Anlagen nicht
in Südostasien befinden und auch nicht das Scharfmachen der Giftstoffwaffen
dort erfolgt.
ERGÄNZENDE

ANTWORT (Gary Crocker vom Büro für Nachrichtendienste und

Forschung im US-Außenministerium): Ich möchte hier nur hinzufügen, daß ich
die Idee, es handle sich um eine Produktion der Vietnamesen, als eine akademische Abschweifung vom Beweismaterial bezeichnen würde.
Es gibt einen ganzen Komplex von Beweismaterial, den wir sorgfältig geprüft haben, und wir haben uns dabei gefragt: "Könnte es vielleicht in Vietnam hergestellt worden sein?" Und es gibt keinen Beweis von dieser Seite, dort

- 6 -

�Seite, dort ist einfach nichts. Das gesamte Material weist in die andere
Richtung - daß nämlich dieses Toxin in der Sowjetunion hergestellt und den
Vietnamesen verfügbar gemacht wurde und daß die Waffen dort hergestellt worden sind.
Ich spreche hier nicht von heikler Geheimdiensttätigkeit. Sie können
die Geschichten von Leuten lesen, die Raketen beschrieben haben, welche sie
fanden, die die sowjetischen Berater dort beschrieben haben, die im Zusammenhang mit den Waffen halfen. Da ist der Pilot, der die Einsätze flog, der beschrieb, wie die Raketen vorbereitet, am Flugzeug aufgehängt wurden, und der
den sowjetischen Techniker beschrieb, der sich dort befand und ihnen sagte,
wie es zu machen sei...
FRAGE: Haben Sie die Angelegenheit direkt mit der Sowjetunion erörtert,
und wie war deren Reaktion?
ANTWORT (Burt): Wir haben diese Frage direkt mit der Sowjetunion erörtert,
aber es gab weiter nichts als eine negative Reaktion. Es wurde glatt abgeleugnet.. .
FRAGE: Sie sagen, das Beweismaterial dazu, daß die Sowjetunion diese Chemikalien bereitgestellt hätte, sei "zwingend", aber es hat doch den Anschein,
daß dies nicht hundertprozentig zu beweisen ist. Ich wüßte gerne, welche anderen Beweise Sie hatten...
ANTWORT (Burt): Bei der nachrichtendienstlichen Arbeit und in der Politik
gibt es graduelle Unterschiede für Beweise, und wir fühlten uns sicher genug
für die Schlußfolgerung, daß dem so war, um die Frage nun mit den Sowjets zu
erörtern und sie in die Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich unternehmen wir
alles, um mehr Beweise zu erhalten, gewiß auch mehr Proben, um den Fall weiterhin mit Proben belegen, die Anzahl der Berichte von Augenzeugen erhöhen zu
können, sich ergänzendes bzw. übereinstimmendes Beweismaterial von ganz unterschiedlichen Orten zu bekommen...
Es ist
- 7 -

�Es ist eine Art Puzzlespiel, wir setzen kleine Teile zusammen- und das
Bild zeichnet sich immer klarer ab, je weiter wir vorankommen.
FRAGE: Sie haben ein bißchen das Problem, nicht ganz glaubwürdig zu sein,
da doch jedermann weiß, daß die Vereinigten Staaten im Vietnamkrieg Entlaubungsmittel einsetzten. Könnte ins Protokoll aufgenommen werden, daß diese
Mittel sowie jegliche anderen chemischen Mittel, die die Vereinigten Staaten
in diesem Krieg eingesetzt haben könnten,... in keiner Weise jenen ähnlich waren, die hier verwendet werden (in Laos, Kampuchea, Afghanistan)?
ANTWORT: (Burt): Die Vereinigten Staaten setzten im Vietnam-Krieg keine
Toxin-Waffen oder biologischen Waffen ein. Die Vereinigten Staaten haben keinerlei Pläne, solche Waffen herzustellen. Ich darf wohl hinzufügen, daß zwischen Entlaubungsmitteln und diesen Waffen ein gewaltiger Unterschied besteht,
und ich meine, daß jemand, der eine Verbindung zwischen beiden herzustellen
versucht, einfach keine Ahnung von den Fakten hat.
Es ist nun einmal so, daß das Herbizid "Agent Orange" in der Vergangenheit benutzt worden ist, in gewaltigen Mengen benutzt worden ist - sowohl in
den Vereinigten Staaten als auch in Südostasien. Ich glaube, jemand formulierte es kürzlich so, daß die Idee, "Agent Orange" in etwa mit diesen (Toxin-)
Waffen zu vergleichen, so ähnlich ist, als könnte man jemandem - in der Annahme, daß es seiner Gesundheit schaden könnte - eine Zigarette anbieten, aber
ihm ebenso gut auch einen Trank mit Zyankali geben.
Wir reden von Waffen, von Toxinen, die in zehn Minuten Menschen töten und
einen sehr, sehr qualvollen Tod herbeiführen, wobei Menschen nach Kontakt mit
diesem Mittel Blut erbrechen...
FRAGE: Den Mechanismus der Konvention von 1972 kenne ich nicht genau aber wäre es möglich, eine der Signatarmächte dieser Konvention auf Grund des
bisher erhaltenen Beweismaterials öffentlich anzuprangern?
ANTWORT:

�ANTWORT (Burt): Wir wollen dieses Problem konstruktiv angehen. Schließlich will man ja nicht die einzige existierende RUstungskontrollVereinbarung,
die diese Aktivitäten verbietet, einfach aus dem Fenster werfen, wenn wir glauben, das Abkommen retten zu können. Es ist ein ungemein wichtiges Abkommen.
Wir sehen keinen Grund dafür, daß Nationen diese Waffen bauen, damit experimentieren oder in Arsenalen halten müssen. Deshalb wünschen wir jetzt auf
bilateraler und internationaler Ebene - durch offizielle internationale Organisationen und durch Ansprechen dieser Frage im internationalen Rahmen - Druck
auf die darin verwickelten Regierungen auszuüben, damit solche Aktivitäten beendet werden. Das ist unser Hauptziel - ein Ende machen.
Und im Verlauf dieses Prozesses würden wir auch gerne die Konvention von
1972 sta'rken, und wir suchen nach Mitteln und Wegen, dies zu tun. Ein möglicher
Weg dahin wäre die Einführung von Bestimmungen, die die Verifizierung im Rahmen
dieser Konvention stärken und Vorkehrungen für Überwachung und Einhaltung der
Abmachungen treffen, wie es ja auch in einer Reihe von internationalen RUstungskontroll Vereinbarungen der Fall ist, die wir jetzt haben.
FRAGE: Gibt es einen Mechanismus, um die Respektierung, die Einhaltung
dieser Konvention zu erzwingen? Können Sie beispielsweise eine Sonderkonferenz
fordern?
ANTWORT (Burt): Das ist eine Möglichkeit. Sie wird als StaatsparteienKonvention bezeichnet. Die Signatarstaaten dieser Vereinbarung können zusammentreten, um Änderungen und Verbesserungen für diese Konvention zu erörtern,
und dies ist etwas, was wir im weiteren Verlauf mit anderen interessierten
Nationen eruieren wollen.
FRAGE: Haben Sie dies überhaupt schon mit Ihren Verbündeten besprochen,
diese Stärkung der Abkommen von 1972?
ANTWORT:

�ANTWORT (Burt): Wir haben in dieser Richtung noch keine offiziellen Kontakte angeknüpft. Es ist eine Angelegenheit, die, wie ich glaube, informell
als eine sich für uns ergebende Möglichkeit erörtert worden ist.
Betonen möchte ich hier, daß wir dies nicht zu rein propagandistischen
Zwecken tun würden. Wir möchten damit zum Erfolg kommen. Und das bedeutet, daß
wir sicher sein wollen, daß eine solche Initiative auch weiterverfolgt wird,
daß sie von anderen Ländern unterstützt wird und diese willens wären, auf eine echte Stärkung der Konvention hinzuarbeiten.
Dafür sind nicht die Vereinigten Staaten verantwortlich. Dies ist ein
i iternationales Problem, und wir möchten, daß andere Regierungen dies erkennen
und entsprechende Schritte unternehmen, wenn sie der Ansicht sind, dies liege
im Interesse der internationalen Gemeinschaft...
Wir haben zunehmende Besorgnis unter den Ländern der Dritten Welt bei den
Vereinten Nationen und an anderer Stelle bemerkt - insbesondere bei den am ehesten betroffenen Ländern. Länder in Südostasien sind darüber besorgt und beunruhigt.
Wir möchten zwischen den Europäern und den Ländern der Dritten Welt einen
Unterschied machen. Wir meinen, sie können diese Frage auf unterschiedliche
Weise zur Sprache bringen, und uns ist sehr daran gelegen, daß beide Staatengruppen das Problem ernst nehmen.

+ + + + +

- 10 -

�MIIM

BTTlST

Wi//en/chcift
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Januar 1982

STEREOTAKTISCHE STRAHLENTHERAPIE
Sehr kleine, schwer zugängliche Gehirntumore unter Beschuß

(AD) - Ein neuartiges Strahlentherapiegerät wurde kürzlich im Klinikum
Los Angeles der Universität Kalifornien (UCLA) vorgestellt. Dieses "GammaMesser", wie es auch genannt wird, ist das zweite Gerät dieser Art in der
Welt. Es ist ein Geschenk des schwedischen Neurochirurgen Lars Leskell, der
es entwickelt hat, an UCLA. Das erste Gerät befindet sich im Karolinska-Institut in Stockholm.
Mit dem Instrument, technisch gesehen einem stereotaktischen Kobaltgerät,
können sehr kleine Gehirntumore oder andere Läsionen bis etwa 1 cm Durchmesser
exakt angepeilt und zerstört werden. Die Vorrichtung, die einem großen Helm
ähnelt, enthält 178 Strahlenquellen mit radioaktivem Kobalt. Die von ihnen
ausgehenden Gamma-Strahlen werden auf sehr kleine Zielpunkte im Gehirn gerichtet.
Bei chirurgischen Eingriffen im Gehirn und bei der Hirnforschung wird die
stereotaktische Technik bereits seit Jahren angewandt. Ein am Schädel befestig-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Schädel befestigtes stereotaktisches Gerät ermöglicht beispielsweise bei
neurochirurgischen Eingriffen die Berechnung von Richtung und Eindringtiefe
der durch ein Bohrloch in der Schädel decke in das Gehirn eingeführten Kanüle
samt Instrument. Es ist ein Verfahren zur dreidimensionalen Abgrenzung des
zu erfassenden Bereichs.
Auf die Strahlentherapie übertragen scheint diese Technik besonders gut
,
geeignet zu sein, um sehr kleine Tumore im Gehirn, die auf chirurgischem Wege
nur schwer zu erreichen sind, unter Kontrolle zu bringen. Bei diesem Verfahren *
bedarf es keines chirurgischen Eingriffs. Es ist relativ einfach durchzuführen
und verursacht kaum Schmerzen. Für die Behandlung ist nur eine einzige Sitzung
erforderlich. Die Strahleneinwirkung führt weder zu Haarausfall noch auffälligen Hautreaktionen. Der Therapie vorgeschaltet ist die genaue Lokalisierung
des Tumors durch röntgenographische oder computergestützte szintigraphische
Verfahren.

+ + + + +

«

�</text>
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VON

AMERIKA DIENST
4

27. Januar 1988

INHALT

DOKUMENTATION
Präsident Reagans Bericht zur Lage der Nation
- 2 5. Januar 1988 -

Reagan;

Contras sind "Versicherungspolice für Demokratie"

- President Reagans Rede vor Kommunalpolitiker im Weißen Haus

HINTERGRUNDMATERIAL
Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie veröffentlicht
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
"'V

Dokumentation

""*"" &lt;Ä&lt;

27. Januar 1988

PRÄSIDENT REAGANS BERICHT ZUR LAGE DER NATION
- 25. Januar 1988 -

WASHINGTON - (AD) - In seinem am 25. Januar 1988 vor dem Kongreß verlesenen Bericht zur Lage der Nation hat Präsident Reagan erklärt, daß das Weiße
Haus zusammen mit dem Kongreß im Bereich der internationalen Beziehungen "eine
durchgreifende Umkehr, eine Revolution" erreicht haben.
"Vor sieben Jahren
war Amerika schwach, und die Freiheit war überall bedroht; heute ist Amerika
stark und die Demokratie ist überall auf dem Vormarsch..."
Die Botschaft des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Herr
Vorsitzender, Herr Präsident, ehrenwerte Mitglieder von Haus
und Senat: Als wir hier vor sieben
Jahren zum ersten Mal zusammengekommen sind - viele von uns waren damals
zum ersten Mal hier anwesend - taten
wir dies in der Hoffnung auf einen
Neubeginn in Amerika.
Heute abend
treffen wir uns hier in dieser historischen Kammer, um mit dieser Arbeit
fortzufahren. Sollte jemand nur eine
stolze Aufzählung der Errungenschaften meiner Administration erwarten,
so sage ich: überlassen wir das doch
der Geschichte; wir haben unsere Ar-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

beit noch nicht beendet. Meine Botschaft an Sie heute abend ist: Ziehen Sie Ihre Arbeitsstiefel an - wir
befinden uns immer noch mitten in der
Arbeit.
Die
Geschichte
verzeichnet
die
Macht der Ideen, mit deren Hilfe wir
in diesen sieben Jahren soviel erreicht haben.
Ideen wie: Das Recht
des Einzelnen, sich so zu entfalten,
wie seine Talente dies erlauben; der
freie
Markt
als
Triebfeder
wirtschaftlichen Fortschritts; und, wie
der alte chinesische Philosoph Laotse

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�es ausdrückte:
Regiere eine große
Nation wie Du einen kleinen Fisch kochen würdest; tue nicht des Guten zuviel.
Diese Ideen waren Teil einer umfassenderen Vorstellung - einer Vision, wenn Sie so wollen, von Amerika
selbst.
Eines Amerikas, das nicht
nur reich an Chancen für den Einzelnen, sondern ebenso reich an starken
Familien und pulsierenden Stadtvierteln ist; eines Amerikas, dessen unterschiedliche aber in Harmonie zusammenlebenden Gemeinden das Spiegelbild einer tieferen Wertegemeinschaft
darstellen - der Werte Arbeit, Familie und Religion - und der Freiheitsliebe, die Gott jedem von uns eingegeben hat und deren Verteidigung Er
dieser Nation auf besondere Weise anvertraute.
All dies wurde durch eine Idee
ermöglicht, von der ich während Herrn
Gorbatschows Besuch gesprochen habe:
die Überzeugung, daß die aufregendste
Revolution in der Geschichte der
Menschheit mit drei einfachen Worten
begann: "Wir, das Volk" - die revolutionäre Vorstellung, daß das Volk
der Regierung Rechte gewährt und
nicht umgekehrt.
Und eine Lehre ist mir in ihrer
ganzen Tragweite klargeworden, die
ich Ihnen jetzt mitteilen möchte:
So, wie diejenigen, die diese Republik geschaffen haben, einander ihr
Leben, ihr Hab und Gut und ihre heilige Ehre verpfändeten, so müssen
auch heute die politisch Verantwortlichen in den Vereinigten Staaten
einander versprechen, daß an erster
Stelle in unseren Herzen und Gedanken
nicht das steht, was für uns selbst
oder für unsere Partei das Beste ist,
sondern das, was für Amerika das Beste ist. Lassen Sie uns im Geist von
Jefferson bekräftigen, daß es in die-

ser Kammer heute abenH keine Republikaner, keine Demokraten, sondern nur
Amerikaner gibt.
Ja, wir werden Meinungsverschiedenheiten haben. Lassen Sie uns jedoch immer daran denken:
Was uns
vereint wiegt bei weitem das uns
Trennende auf. Diejenigen, die uns
hierhin entsandt haben, um ihnen zu
dienen - die Millionen Amerikaner,
die uns heute abend hier zusehen und
zuhören - erwarten das von uns. Lassen Sie uns Ihnen und uns selbst beweisen, daß die Demokratie selbst in
einem Wahljahr funktioniert.
Wir haben dies früher geschafft.
Und weil wir zusammengearbeitet haben, um Ausgaben, Steuersätze und Inflation zu reduzieren, stieg die Beschäftigungsrate
auf
Rekordhöhen,
wurden in Amerika mehr, bessere und
besser bezahlte Arbeitsplätze geschaffen, wuchsen die Familieneinkommen vier Jahre hintereinander an und
die Armen Amerikas stiegen so schnell
wie nie zuvor in den vergangenen zehn
Jahren aus ihrer Armut empor. Unsere
Bilanz drückt sich nicht nur im längsten Aufschwung unserer Geschichte in
Friedenszeiten aus, sondern in einer
wirtschaftlichen und sozialen Revolution der Hoffnung, die auf Arbeit,
Anreizen, Wachstum und Chancen basiert; in einer Revolution des Mitleids, die zu Initiativen des Privatsektors und einem 77prozentigen Anstieg bei Spenden für wohltätige
Zwecke führte; in einer Revolution,
die - zu einem entscheidenden Zeitpunkt der Weltgeschichte - den amerikanischen Traum zurückgewann und wiederherstellte.
Auch im Bereich der internationalen Beziehungen gibt es nur eine Beschreibung für das, was wir zusammen
erreicht haben: Eine durchgreifende
Umkehr, eine Revolution. Vor sieben

- 2 -

�Jahren war Amerika schwach und die
Freiheit war überall bedroht; heute
ist Amerika stark und die Demokratie
ist überall auf dem Vormarsch.
Von
Mittelamerika
bis
Ostasien
fassen
Ideen wie freie Märkte, demokratische
Reformen und Menschenrechte Fuß. Wir
haben
"Amerika
ist
schuld"
durch
"Blick auf zu Amerika" ersetzt. Wir
haben unsere Verteidigung wiederaufgebaut; von all unseren Leistungen
ist das Bewußtsein am befriedigendsten, daß unsere jungen Leute wieder
stolz darauf sind, die Uniform unseres Landes zu tragen.
Und gleich werde ich über drei
Entwicklungen sprechen - Abrüstung,
die Strategische Verteidigungsinitiative und die weltweite demokratische
Revolution
-, die
zusammengenommen
eine Gelegenheit bieten, wie wir sie
uns noch vor sieben Jahren nicht vorzustellen gewagt hätten, eine Gelegenheit, die Welt von den zwei großen
Alpträumen der Nachkriegszeit zu befreien.
Ich meine die erstaunliche
Hoffnung, unseren Kindern eine Zukunft zu geben, die sowohl vom Totalitarismus als auch vom nuklearen
Terror frei ist.
Heute abend sind wir also stark.
Wir sind wohlhabend.
Wir leben in
Frieden.
Und wir sind frei.
Dies
ist die Lage der Nation.
Und wenn
wir dieses Jahr weiterhin zusammenarbeiten, bin ich überzeugt, daß wir
einem künftigen Präsidenten und einem
künftigen Kongreß die Chance eröffnen
können,
diesen
Wohlstand,
diesen
Frieden, diese Freiheit nicht nur zur
Lage unserer Nation, sondern zur Lage
unserer Welt zu machen.
Um dieses Ergebnis zu erreichen,
stellen sich uns hier heute abend
vier grundsätzliche Ziele.
Erstens
Schritte, die wir dieses Jahr unternehmen können, um Stärke und Wachstum

unserer Wirtschaft zu erhalten, um
unseren
Kindern
ein 1
Zukunft
mit
niedriger Inflation und Vollbeschäftigung zu gewähren.
Lassen Sie uns
zweitens die Fortschritte überprüfen,
die wir bei der Bekämpfung sozialer
Probleme erzielt haben, die aber weiterhin uneingeschränkter Aufmerksamkeit bedürfen. Ich meine damit funktionierende Schulen; wirtschaftliche
Unabhängigkeit
für die Armen; die
Wiederherstellung
des Respekts
für
Familienleben und die Werte der Familie. Unser drittes Ziel heute abend
ist ein weltweites:
Die Wetterführung der aufregenden wirtschaftlichen
und
demokratischen
Revolutionen
in
der ganzen Welt. Viertens und letztens:
Unsere Nation lebt seit fast
eineinhalb
Jahrzehnten
im Frieden,
und während wir nun auf unsere Ziele
weltweiten Wohlstands und einer Welt
der Freiheit hinarbeiten, müssen wir
diesen Frieden bewahren und den Krieg
abschrecken, indem wir sicherstellen,
daß der nächste Präsident das erbt,
das diesem Präsident zu vermachen Sie
und ich eine moralische Pflicht haben:
Eine nationale Sicherheit, die
unangreifbar ist, und eine nationale
Sicherheit, die sich umfassend neuer
Technologien bedient und mit allen
Finanzmitteln ausgestattet ist.
Dies ist eine umfangreiche Tagesordnung. Das muß auch so sein. Sehen Sie, meine Gedanken in bezug auf
das kommenden Jahr sind ganz einfach:
Lassen Sie uns dies zum besten der
ganzen acht machen.
Und das heißt:
Mit ganzer Kraft bis zur Ziellinie.
Ich glaube nicht an die Vorstellung,
daß dies das letzte Jahr von irgendetwas ist; wir reden heute abend ja
nicht über die Verzeichnung vorläufiger Erfolge, sondern über Wege, um
unseren Erfolgen Dauerhaftigkeit zu
verleihen. Deshalb gilt unser Hauptaugenmerk den Werten, Prinzipien und
Ideen, die Amerika groß gemacht ha-

- 3 -

�ben.
Lassen Sie uns diesen Punkt
deutlich machen: Wir sind für befristete Regierungen, weil wir erkannt
haben - wie dies die Gründerväter taten -, daß dies der beste Weg zur Sicherung persönlicher Freiheit und Befähigung des Einzelnen ist, damit jeder Amerikaner jeglicher Rasse und
Religion vollständig am Gedeihen amerikanischen Wohlstands und amerikanischer Freiheit teil hat.
Und da ist noch etwas. Wir Amerikaner lieben die Zukunft; wir lieben ihren Klang, ihre Idee und ihre
Hoffnung. Wo andere Furcht vor Handel und Wirtschaftswachstum haben sehen wir Möglichkeiten zur Schaffung
neuen Wohlstands und nie erträumte
Chancen für Millionen in unserem Land
und
darüber
hinaus.
Wo
andere
Schranken errichten wollen, streben
wir danach, sie niederzureißen; wo
andere sich ihren Ängsten hingeben,
folgen wir unseren Hoffnungen.
Ja,
wir Amerikaner lieben die Zukunft und
wir lieben es, das Maximum aus ihr zu
machen.
Lassen Sie uns dies jetzt
tun.
Und lassen Sie uns beginnen, indem wir darüber sprechen, wie das
Wirtschaftswachstum
durch
Kontrolle
und letztlich Beseitigung des Problems der Defizite im Bundeshaushalt
aufrechterhalten werden kann. In den
vergangenen 57 Jahren hatten wir nur
acht Mal einen ausgewogenen Haushalt.
Zum ersten Mal in 14 Jahren hat die
Bundesregierung im vergangenen Jahr
real weniger ausgegebenen als im Jahr
zuvor.
Wir haben im Vergleich zum
Vorjahr vergangenes Jahr das Defizit
um 73 Milliarden Dollar verringert.
Das Defizit selbst ging von 6,3 Prozent des Bruttosozialprodukts auf nur
3,4 Prozent zurück.
Und das vielleicht wichtigste Zeichen des Fortschritts war der Wandel in unserer
Einstellung zu Defiziten. Einige un- 4

ter uns können sich noch daran erinnern, wie vor nicht allzu vielen Jahren diejenigen, die die Defizite verursacht haben, erklärten, daß sie uns
zu Wohlstand verhelfen würden und wir
uns keine Sorgen über die Defizite
machen sollten - "wir schulden sie
uns ja selbst". Nun, endlich besteht
Übereinstimmung, daß wir uns nicht
durch Ausgaben bereichern können.
Unsere jüngste Hausbaltsvereinbarung zur Reduzierung des Defizits im
Bundeshaushalt um 76 Milliarden Dollar in den kommenden zwei Jahren
gründet
sich
auf
diesen
Konsens.
Diese Vereinbarung muß jedoch eingehalten werden ohne daß sich wieder
die Irrtümer der Vergangenheit einschleichen
- noch mehr gebrochene
Versprechen und mehr unkontrollierte
Ausgaben.
Wie ich in meinem ersten
Bericht zur Lage der Nation erklärt
habe, läßt sich das Grundübel leicht
definieren:
die Bundesregierung ist
zu groß, und sie gibt zu viel Geld
aus.
Ich kann Sie, die überparteiliche Führung des Kongresses, meiner
Hilfe bei der Abwehr jeden Versuchs
versichern,
unser
Haushaltsabkommen
zum Scheitern zu bringen.
Und dazu
gehört auch die rasche und sichere
Anwendung des Vetorechts.
Es ist auch an der Zeit, offen
über das unmittelbarste Hindernis für
die Kontrolle des Haushaltsdefizits
zu sprechen. Das einfache aber frustrierende Problem, die Ausgaben mit
den Steuereinnahmen in Einklang zu
bringen - etwas, was amerikanische
Familien tun und zu dem die Bundesregierung außerstande ist - hat in dieser Stadt Krise auf Krise verursacht.
Herr Vorsitzender, Herr Präsident,
ich wiederhole heute abend, was ich
schon früher erklärt habe - und was
ich auch weiterhin erklären werde:
Das
Haushaltsverfahren
hat
versagt
und muß grundlegend überholt werden.

�Jedes Jahr ist das vor den Augen der
amerikanischen Öffentlichkeit stattfindende Spektakel dasselbe wie vergangene Weihnachten:
Haushaltsstichtage werden verzögert oder gänzlich
überschritten,
monströse
Haushaltsfortschreibungen, bei denen Ausgaben
von Hunderten von Milliarden Dollar
in ein Gesetz gepackt werden - und
eine Regierung am Rande der Zahlungsunfähigkeit.
Ich weiß, daß ich hier nur wiederhole, was Sie hier im Kongreß erklärt haben, weil Sie so unmittelbar
davon betroffen waren - aber wir
sollten uns daran erinnern, daß in
sieben Jahren von 91 Bewilligungsgesetzen, die zu einem bestimmten Termin auf meinen Schreibtisch hätten
kommen sollen, nur zehn rechtzeitig
zur Vorlage kamen. Vergangenes Jahr
war dies bei keinem der 13 Bewilligungsgesetze, die am 1. Oktober fällig waren, der Fall. Stattdessen gab
es vier Haushaltsfortschreibungen für
jeweils 41 Tage, 36 Tage, zwei Tage
und schließlich drei Tage.
Und danach kamen diese zwei Monster - ein
Ausgleichsgesetz von 1 186 Seiten und
15 Pfund Gewicht, das sechs Monate zu
spät eingebracht wurde sowie die mit
zweimonatiger
Verspätung
vorgelegte
langfristige
HaushaltsfortSchreibung
mit 1 047 Seiten und einem Gewicht
von 14 Pfund.
Von dem 1 053 Seiten
starken und 14 Pfund schweren Konferenzbericht ganz zu schweigen.
Das
ergab insgesamt 43 Pfund Unterlagen.
Ihnen verblieben ganze drei Stunden
zur Durchsicht eines jeden Berichts,
und in meinem Haushaltsbüro waren 300
Mitarbeiter notwendig, nur um den Gesetzentwurf zu lesen, nur damit der
Regierungsbetrieb weitergeführt werden konnte.
Der Kongreß sollte keinen Gesetzentwurf
dieser Art mehr vorlegen.
Und wenn Sie es doch tun, werde ich

ihn nicht unterzeichnen.
Lassen Sie uns all dies ändern;
warum gibt es nicht statt eines später verworfenen Haushaltsentwurfs des
Präsidenten und einer nicht verwirklichten Haushaltsresolution des Kongresses eine einfache Partnerschaft,
eine gemeinsame Übereinkunft, die im
Rahmen der verfügbaren Einkünfte bei
den Ausgaben Prioritäten setzt.
Und
wir sollten uns vergegenwärtigen, daß
unser Termin der 1. Oktober ist und
nicht Weihnachten; lassen Sie uns die
Arbeit
rechtzeitig
abschließen, um
ein Wettrennen mit Santa Claus zu
vermeiden. Dieses Jahr soll - um eine Redewendung zu prägen - einen neuen Anfang markieren.
13 einzelne
Vorlagen, termingerecht und vom Kongreß vollständig überprüft.
Ich bin mir ebenfalls sicher, daß
Sie mir zustimmen, wenn ich sage:
helfen wir bei der Sicherung unserer
Zukunft in Wohlstand, indem wir dem
Präsidenten ein Werkzeug an die Hand
geben, von dem ich - obwohl ich es
nicht mehr werde benutzen können sicher bin, daß es zukünftige Präsidenten aller Parteien brauchen. Geben Sie dem Präsidenten dieselbe Autorität, die 43 Gouverneure in ihren
Bundesstaaten ausüben - einen angemessenen Einfluß auf Bewilligungsgesetze,
auf
Beschneidung
der
Verschwendung
und
Verwirklichung
von
Disziplin Im Haushalt. Bitte stimmen
Sie dem selektiven Veto zu.
Und lassen Sie uns einen kleinen
Schritt in diese Richtung unternehmen.
Die meisten von Ihnen hier in
dieser Versammlung wußten nichts vom
Inhalt dieser umfassenden Vorlage und
dieses Berichts.
In den vergangenen
Wochen haben wir alle erfahren, was
sich hinter einem unscheinbaren Komma
hier und da verbarg.
Zum Beispiel
werden Millionen für Posten wie etwa

- 5 -

�die
Untersuchung
von
Preisel- und
Blaubeeren und von Krebsen sowie die
kommerzielle
Verwendung
von
Wildpflanzen
aufgewendet.
Ganz
zu
schweigen von der halben Million Dollar, mit der Vertreter der Entwicklungsländer hierher geholt werden, um
den Kongreß arbeiten zu sehen. Daran
werde ich nicht einmal rühren. Heute
abend stelle ich Sie vor diese Herausforderung.
In 30 Tagen werde ich
Ihnen die Posten zurücksenden - gewissermaßen als Annullierungen -, die
ich herausfiltern würde, wenn mir
dies zustände.
Überprüfen Sie dieses viele Milliarden Dollar starke Paket; damit
wird
nicht
unsere
überparteiliche
HaushaltsVereinbarung
aufgehoben.
Wenn diese angenommen wird, wird damit unser Ziel eines Defizitabbaus
eher verwirklicht.
Und wir können
damit ein Exempel statuieren:
daß
wir es ernst meinen, wenn es darum
geht, unsere finanzielle Bilanz auszugleichen. Mit der Durchführung und
Bewilligung dieses Plans haben Sie
die Möglichkeit, einen außer Kontrolle geratenen Prozeß im Kongreß zu beenden.
Es gibt noch eine weitere unerläßliche Reform.
Das Gramm-RudmanHollings-Gesetz war im Grunde hilfreich, aber wir sollten seine Zielsetzung
eines ausgeglichenen
Haushalts wieder aufnehmen und es damit
Beständigkeit erlangen lassen.
Wir
sollten das tun, was viele andere
Länder auch tun, um ihre Ausgaben
einzuschränken und worum wir von den
gesetzgebenen Körperschaften von 32
Bundesstaaten gebeten worden sind;
wir sollten uns dem Wunsch einer
überwältigenden Mehrheit von Amerikanern unterwerfen und einen Verfassungszusatz verabschieden, der einen
ausgeglichenen
Haushalt
vorschreibt
und die Bundesregierung zwingt, im
- 6

Rahmen ihrer Mittel zu leben.
Eine Reform des Haushaltsprozesses wird es - mit dem selektiven Veto
und dem Verfassungszusatz für einen
ausgeglichenen Haushalt - sowie mit
einer echten Beschränkung der Regierungsausgaben
verhindern,
daß
der
Bundeshaushalt jemals wieder die Familieneinkommen beeinträchtigt.
Wir
sollten
sicherstellen, daß
die
Bundesregierung
niemals
wieder
etwas gegen die einzelnen Haushalte
entscheidet.
Im vergangenen September habe ich einen Präsidialerlaß zur
Familie unterzeichnet, der vorsieht,
daß jedes Ministerium und jede Behörde ihre Aktivitäten nach sieben Maßstäben überprüft, die darauf abzielen, die Familien zu fördern anstatt
ihnen zu schaden. Lassen Sie uns sicherstellen, daß die Familie immer im
Zentrum
des
politischen
Prozesses
steht, nicht nur bei dieser, sondern
auch bei allen zukünftigen Regierungen. Es wird Zeit, daß der Kongreß zu Beginn - eine Erklärung über die
Auswirkungen in Erwägung zieht, die
die Gesetzgebung auf die Keimzelle
der amerikanischen Gesellschaft, die
Familie, hat.
Und wenn wir von der Familie
sprechen, sollten wir uns einem Thema
zuwenden, das alle amerikanischen Eltern beschäftigt - Erziehung.
Wir
kennen alle die leidige Geschichte
der sechziger und siebziger Jahre immense
Ausgaben,
niedrigere
Prüfungsergebnisse - und dieser hoffnungsvolle Trend der achtziger Jahre,
als
die
Besessenheit
mit
Dollars
durch eine Verpflichtung für Qualität
abgelöst wurde und die Prüfungsergebnisse wieder besser wurden.
Es gibt
eine Lektion, die wir alle hundertmal
an die Tafel schreiben sollten - bei
der Erziehung eines Kindes kann Geld
niemals
den
Stellenwert
solcher

�Grundlagen wie etwa Disziplin, harter
Arbeit und - Hausaufgaben - einnehmen.
Als Nation geben wir natürlich
viel für Erziehung - mehr als für die
Verteidigung - aus, und dennoch unterrichten im ganzen Land Gouverneure
wie Tom Kean aus New Jersey in den
Schulklassen, daß die Art und Weise
unserer Ausgaben so wichtig ist wie
der Umfang. Der Lehrerberuf soll allen qualifizierten Bewerbern offenstehen; ebenso eine leistungsgerechte
Vergütung, so daß gute Lehrer auch
gute Noten erzielen können; und ein
festeres Curriculum, wie es Minister
Bennett
für weiterführende
Schulen
vorgeschlagen hat - diese phantasievollen Reformen lassen den gesunden
Menschenverstand in Amerikas Schulen
zum beliebtesten neuen Kriterium werden.
Wie können wir helfen? Wir können über diese Reformen reden und sie
vorantreiben.
Aber das wichtigste,
was wir tun können, ist die Bestätigung,
daß
eine
Kontrolle
unserer
Schulen den Bundesstaaten und Kommunen, und vor allem aber den Eltern
und Lehrern zufällt.

brauchen, um sich aus der Armut herauszumanövrieren - der Familie. Abhängigkeit ist zu ei em dauerhaften
Erbe geworden, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird
- an Generationen von zerrütteten Familien.
Es ist an der Zeit - und das ist
eine der radikalsten Äußerungen, die
ich in den sieben Jahren meiner Amtszeit gemacht habe - es ist an der
Zeit, daß Washington etwas Demut bezeugt.
Es gibt Tausende Funken der
Genialität in 50 Bundesstaaten und
Tausende von Gemeinschaften im ganzen
Land.
Es ist an der Zeit, sie zu
nähren und zu sehen, welche von ihnen
Feuer fangen und zu Leuchtfeuern werden.
Die Bundessstaaten haben begonnen, uns den Weg zu weisen. Sie haben demonstriert, wie
erfolgreiche
Sozialhilfeprogramme auf wirkungsvolleren Methoden zur Hilfe für Kinder
und auf innovativen Programmen aufbauen können, die eine Mitarbeit von
Sozialhilfeempfängern erfordern.

Meine Freunde, vor einigen Jahren
hat die Bundesregierung der Armut den
Krieg angesagt, und die Armut hat gewonnen.
Heute unterhält die Bundesregierung 59 wichtige soziale Programme und gibt dafür im Jahr mehr
als 100 Milliarden Dollar aus. Was
ist mit all diesem Geld geschehen?

Wir
sollten
den
Einzelstaaten
mehr Flexibilität einräumen und weitere
Reformen
unterstützen.
Wir
sollten damit beginnen, unser Sozialhilfesystem zur ersten Stufe auf Amerikas Leiter der Möglichkeiten zu machen - ein Schritt weg von der Abhängigkeit; nicht etwa ein Begräbnis-,
sondern eine Geburtsstätte der Hoffnung.

Nur allzuoft hat es nur bewirkt,
daß es jetzt schwieriger ist, der Armut
zu entkommen.
Sozialhilfeprogramme der Bundesregierung haben ein
massives soziales Problem geschaffen.
Mit den besten Absichten hat die Regierung eine Falle der Armut geschaffen, die über dem System der Hilfe
zuschnappt, das die Armen am meisten

Ich möchte mich jetzt einem der
drei anderen Themen zuwenden, die für
die Werte der Familie und die Qualität des Familienlebens existentielle
Bedeutung haben.
Das erste ist die
noch nicht erzählte Geschichte eines
amerikanischen Erfolgs.
Vor kurzem
haben wir unseren Jahresbericht darüber veröffentlicht, was Schüler kurz

- 7 -

�/or ihrem Schulabschluß über Drogen
zu sagen haben.
Der Konsum von Kokain ist rückläufig und der Marihuanakonsum verzeichnet seinen niedrigsten Stand seit Beginn der Untersuchung.
Wir können stolz darauf
sein, daß unsere Schüler zu Drogen
ganz einfach "Nein" sagen. Aber wir
sollten uns daran erinnern, daß eine
Beendigung dieses Wahnsinns das Engagement in jedem Teil Amerikas und von
jedem einzelnen Amerikaner erfordert
- den Einsatz für ein drogenfreies
Amerika. Der Kampf gegen Drogen ist
ein Kampf der einzelnen Schlachten,
ein Kreuzzug mit vielen Helden - dazu
zählen die jungen Leute in Amerika
und jemand, der mir sehr lieb ist.
Sie hat vielen jungen Menschen dabei
geholfen, "Nein" zu Drogen zu sagen.
Nancy, Dir gebührt große Anerkennung,
und ich möchte Dir den Stolz Deines
Mannes und den Dank Deines Landes zum
Ausruck bringen.
Jetzt kommen wir zu einem Problem
der Familie, mit dem wir uns mutig
konfrontieren müssen.
Heute fordere
ich Amerika - ein gutes Land und ein
moralisches Volk - auf, sich nachsichtig, aber dennoch realistisch den
schrecklichen
Preis der Abtreibung
auf Verlangen vor Augen zu führen.
Denen, die erklären, dies verletze
das Recht der Frau auf Kontrolle über
ihren eigenen Körper - können sie medizinische Beweise leugnen, denen zufolge das ungeborene Kind ein lebendiger Mensch ist und damit das Recht
auf Leben, Freiheit und das Recht auf
Glück hat?
Wir sollten uns als Nation zusammenschließen und das ungeborene Leben durch Gesetze schützen,
durch die jegliche Bundesfinanzierung
zur Abtreibung ausgesetzt wird - mit
einem Zusatz für Menschliches Leben,
der
natürlich
dort
eine
Ausnahme
macht, wo ein ungeborenes Kind das
Leben der Mutter bedroht.
Unsere
christlich-jüdische Tradition erkennt

dieses
Recht
an,
ein
Selbstschutz zu nehmen.

Leben

zum

Aber lassen Sie uns mit dieser
einen Ausnahme diejenigen in unserem
Land betrachten, die sich danach sehnen, ein Kind zu adoptieren. ich erkläre Ihnen heute abend, daß ich daran arbeiten werde, Hindernisse bei
der Adoption auszuräumen und den vollen Anteil am Familienleben auf Millionen von Amerikaner auszudehnen, so
daß Kinder, die ein Heim brauchen, in
den Familien will kommen geheißen werden können, die sie wollen und lieben.
Und ich möchte hier hinzufügen:
so viele unserer großen Staatsmänner
haben uns daran erinnert, daß geistige Werte allein für die Gesundheit
und Kraft unserer Nation von Bedeutung sind.
Dieser Kongreß eröffnet,
wie auch der Oberste Gerichtshof,
seine Sitzungen jeden Tag mit einer
Würdigung
des Allerhöchsten
- und
dennoch wird uns das Recht verweigert, jeden Tag in den Schulen denjenigen, die beten möchten, einen Moment zu gewähren.
Ich glaube, der
Kongreß sollte unseren Zusatz für das
Schulgebet bewilligen.
Um sicherzustellen, daß es einen
neun ordentliche Mitglieder umfassenden Obersten Gerichtshof gibt, der
die Gesetze auslegt und die Rechte
aller Amerikaner schützt, fordere ich
den Senat auf, schnell und entschlossen Richter Anthony Kennedy für das
oberste Gericht des Landes und ferner
27 Kandidaten zu bestätigen, die im
Augenblick darauf warten, freigewordene Stellen in der Bundesjustiz zu
besetzen.
Hier liegen also unsere innenpolitischen Prioritäten.
Wenn jedoch
Kongreß und Administration zusammenarbeiten,
eröffnen
sich
uns
noch
größere Möglichkeiten für die Expan-

�sion der wachsenden Weltwirtschaft,
die weitere Reduzierung der Bedrohung
durch Nuklearwaffen sowie die Erweiterung der Grenzen der Freiheit und
den Aufbau demokratischer Institutionen.
Einer der entscheidendsten Beiträge, den die Vereinigten Staaten
der Welt gegenüber leisten können,
ist die Förderung der Freiheit als
Schlüssel
zum
Wirtschaftswachstum.
Ein
kreatives,
wettbewerbsfähiges
Amerika ist die Antwort auf eine sich
wandelnde Welt und nicht Handelskriege, die Türen verschließen, weitere
Hemmnisse aufbauen und Millionen von
Arbeitsplätzen zunichte machen. Wir
sollten uns stets vor Augen halten:
Protektionismus ist destruktiv. Amerikas Arbeitsplätze, Amerikas Wachstum, Amerikas Zukunft hängen vom
Handel ab - freiem, offenem und fairem Handel.
In diesem Jahr liegt es in unserer
Macht,
einen
entscheidenden
Schritt in Richtung auf eine wachsende Weltwirtschaft und ein künftiges
Zeitalter des Wohlstands zu vollziehen, der alle freien Nationen dieser
Welt erfaßt. Ich spreche von dem historischen
Freien
Handelsabkommen,
das zwischen den Vereinigten Staaten
und Kanada geschlossen worden ist.
Seien Sie versichert, daß wir entschlossen sind, dieses Konzept sowohl
auf den Süden als auch auf den Norden
auszudehnen. Im nächsten Monat werde
ich nach Mexiko reisen, wo wir uns
speziell mit der Problematik des Handels befassen werden. Im Verlauf der
kommenden Monate werden der Kongreß
und das kanadische Parlament ferner
damit beginnen, diese nordamerikanische Übereinkunft in die Praxis umzusetzen.
Unser Ziel muß der Tag
sein, an dem der freie Fluß des Handels - von der Spitze der Tierra del
Fuego bis zum nördlichen Polarkreis -

die Völker der westlichen Hemisphäre
durch einen Austausch miteinander
verbindet, der von geg nseitigem Nutzen ist und an dem alle Grenzen zu
dem werden, was die amerikanisch-kanadische Grenze schon seit langem
ist - eher ein Treffpunkt denn eine
Trennungslinie.
Diese von uns vielerorts in Richtung auf wirtschaftliche Freiheit beobachtete Bewegung ist untrennbar von
der weltweiten Entwicklung zu politischer Freiheit - und gegen totalitäre Herrschaft. Diese weltweite demokratische Revolution hat das Gespenst einer zu permanentem Minderheitendasein in der Welt verdammten
Demokratie vertrieben, das uns noch
vor einem Jahrzehnt in Schrecken versetzte.
In Süd- und Mittelamerika
kam im Jahr 1976 nur ein Drittel der
Bevölkerung in den Genuß einer demokratischen Regierung.
Heute leben
mehr als 90 Prozent der Lateinamerikaner in Nationen, die sich demokratischen Grundsätzen verschrieben haben.
Und das Wiederaufleben der Demokratie ist jenen mutigen Menschen in
nahezu jedem Kontinent der Welt zu
verdanken, die darum gekämpft haben,
ihr Schicksal in die eigenen Hände
nehmen zu können. In Nicaragua kommt
diesem Kampf eine besondere Bedeutung
bei, da dieses Land so nahe unseren
eigenen Grenzen liegt. Die jüngsten
Enthüllungen eines ehemaligen hochrangigen
Sandinisten, Major Roger
Miranda, liefern den Beweis, daß die
kommunistische Regierung der Sandinisten in Nicaragua Pläne für eine
große, 600 000 Mann starke Armee aufgestellt hat und dies zu Zeiten, in
denen sie vom Frieden spricht. Bereits zum Zeitpunkt des Entwurfs dieser Pläne ist sich das sandinistische
Regime jedoch bewußt, daß sich das
Blatt wendet und die Sache der nica-

- 9 -

�raguanischen Freiheit ihren Höhepunkt
erreicht hat.
Wegen der Freiheitskämpfer, die eich der kommunistischen
Herrschaft
widersetzen, sahen sich
die
Sandinisten
gezwungen, gewisse
demokratische Rechte zu gewähren, mit
den Kirchen zu verhandeln und einige
wenige politische Gefangene freizulassen.
Im Brennpunkt stehen die Sandinisten, ihre Versprechungen und ihre
Aktionen.
Die vier
demokratischen
Präsidenten Mittelamerikas sind sich
einig, daß die Sandinisten ihren Plan
nicht eingehalten haben, Frieden und
Demokratie in ganz Mittelamerika zu
schaffen.
Die
Sandinisten
haben
vielmehr Reformen versprochen.
Ihre
Herausforderung liegt in unwiderruflichen Schritten hin zur Demokratie.
Am Mittwoch wird meine Vorlage
zur weiteren Unterstützung der Freiheitskämpfer unterbreitet werden, in
der unser gegenseitiger Wunsch nach
Frieden, Freiheit und Demokratie in
Nicaragua seinen Niederschlag gefunden hat.
Ich rufe den Kongreß auf,
diesen Vorschlag zu genehmigen. Laßt
uns für das Volk Nicaraguas sein, was
Lafayette, Pulaski und von Steuben
für unsere Vorfahren und die Sache
der amerikanischen Unabhängigkeit waren.
Daher sind auch in Afghanistan
die
Freiheitskämpfer
der Schlüssel
zum Frieden.
Wir unterstützen die
Mujahedin.
Es wird keine Beilegung
des Konflikts geben, solange nicht
alle sowjetischen Truppen abgezogen
sind und dem afghanischen Volk echte
Selbstbestimmung gewährt wird.
Ich
habe Herrn Gorbatschow meine Haltung
in dieser Angelegenheit wissen lassen. Aber es geht hier nicht nur um
Nicaragua und Afghanistan.
überall
können wir die anschwellende Woge der
Freiheit in der Welt beobachten -

Freiheitskämpfer, die sich in Kambodscha und Angola zusammenschließen und
für dieselben demokratischen Freiheiten kämpfen und ihr Leben lassen, die
uns heilig sind. Ihre Sache ist unsere Sache. Freiheit.
Doch selbst während wir an der
Weiterverbreitung der Freiheit arbeiten, müssen wir den Frieden sicherer
machen und die Gefahr eines Nuklearkrieges verringern.
Wir dürfen uns
jedoch keinen
Illusionen
hingeben.
Drei Jahre stetigen Verfalls unserer
jährlichen Verteidigungsinvestitionen
haben die Risiken für unsere grundlegendsten Sicherheitsinteressen erhöht
und frühere, hart erarbeitete Ziele
aufs Spiel gesetzt.
Wir müssen uns
den
Auswirkungen
dieser
negativen
Tendenz stellen und angemessene, stabile
Verteidigungsausgaben
sowohl
jetzt als auch in der Zukunft zu unserem vorrangigem Ziel machen.
Bei
den Förderprogrammen für Wirtschaft
und Sicherheit sollten wir uns von
denselben
Bedenken
leiten
lassen.
Aber die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten und ihrer NATO-Partner hat den Weg für nie dagewesene
Errungenschaften In der Rüstungskontrolle geebnet.
Unser kürzlich unterzeichneter INF-Vertrag ist ein historisches Dokument, da er die Nuklearwaffen
verringert
und
die
einschneidendsten Verfizierungsmaßnahmen
in der Geschichte der Rüstungskontrolle vorsieht bis hin zu Verschiedenen, kurzfristig
anberaumten
Inspektionen vor Ort.
Ich habe den
Vertrag heute vorgelegt und fordere
den Senat dringend auf, seine Empfehlungen und seine Zustimmung zur Ratifizierung dieses Abkommens zu geben,
das einen Meilenstein in der Geschichte darstellt.
Zusätzlich
zum INF-Vertrag
ist
ein noch bedeutenderes START'-Abkoffimen
In greifbare Nähe gerückt, mit dem

- 10 -

�amerikanische und sowjetische Langstreckenraketen oder die strategischen Arsenale um die Hä'lfte reduziert werden sollen. Lassen sie mich
jedoch eindeutig klarstellen:
Wir
wollen kein Abkommen um des Abkommens
willen, sondern geben uns nur mit einem Abkommen zufrieden, mit dem unsere nationale Sicherheit und die unserer Verbündeten wirklich verbessert
wird. Wir werden niemals unsere Sicherheit - oder die unserer Verbündeten - aufs Spiel setzen, nur, um ein
Abkommen mit den Sowjets zu erzielen,
überhaupt kein Abkommmen ist besser
als ein schlechtes Abkommen.
Wie ich bereits erwähnt habe, gehen unsere Bestrebungen dahin, zukünftigen Generationen das zu geben,
was sie nie zuvor hatten: Eine von
nuklearem Terror freie Zukunft. Reduzierung der strategischen Offensivwaffen ist ein Schritt. SDI ein weiterer. Unsere Forderung zur Finanzierung der Strategischen Verteidigungsinitiative beläuft sich auf weniger als zwei Prozent unseres gesamten Verteidigungshaushalts. Die Finanzierung von SDI ist sinnvoll angelegtes und gut ausgegebenes Geld.
SDI verfolgt denselben Zweck und unterstützt eben dieses Ziel der Rüstungskontrolle.
Die
Inititative
verringert das Risiko eines Krieges
und die Bedrohung durch Nuklearwaffen
für die gesamte Menschheit. Die niemanden bedrohende Strategische Verteidigung könnte der Welt eine sicherere, stabilere Grundlage für die Abschreckung bieten. Wir sollten nicht
vergessen, daß SDI auch unsere Versicherung gegen einen Nuklearunfall ist
- ein Tschernobyl im Weltraum - oder
den versehentlichen Abschuß durch irgendeinen
plötzlich
auftauchenden
Verrückten.

gen in der Welt beobachten: während
der Totalitarismus
lagegen kämpft,
durch die Kräfte des wirtschaftlichen
Fortschritts und das Streben nach
menschlicher Freiheit überwältigt zu
werden, sind die freien Nationen flexibel und leben wieder auf. Ebenso
wie die weltweite demokratische Revolution den Totalitarismus in die Defensive drängte, haben wir die Tage
des Rückzugs hinter uns gelassen Amerika ist erneut der energische Anführer einer freien Welt, ein Land,
das die Förderung ihrer Grundsätze
und vitalen Interessen entschieden
und entschlossen vorantreibt.
Kein
Vermächtnis könnte mich mit größerem
Stolz erfüllen als der Konsens beider
Häuser des Kongresses für die Sache
des Weltfriedens, ein Konsens, der
die Lähmung amerikanischer Macht für
immer verhindert.
Meine am heutigen abend vorgebrachten Gedanken gehen jedoch noch
über dies hinaus. Und ich hoffe, Sie
gestatten mir, diesen Abend mit einer
persönlichen Überlegung zu beschliessen. Wie Sie wissen, hat die Welt
eine entscheidende Veränderung erfahren, nachdem Jacob Shallus, ein vertrauenswürdiges
und
zuverlässiges
Mitglied der Generalversammlung von
Pennsylvania, seinen Stift ergriffen
und jene Worte über eine repräsentative Regierung In der Präambel unserer Verfassung festgeschrieben hat.
Und in unauffälliger, jedoch endgültiger Weise wandelte sich der Verlauf
der menschlichen Geschichte für immer, als Lincoln auf einem den
Emmitsburg Pike überragenden Bergkamm
in
einer
unbekannten
Stadt
in
Pennsylvania namens Gettysburg von
unserer Pflicht der Regierung des
Volkes und für das Volk sprach, die
niemals von der Erde verbannt werden
dürfe.

Im Verlauf der vergangenen sieben
Jahre konnten wir solche Veränderun- 11 -

Zu Beginn diese Jahrzehnts deute-

�te ich an, daß wir in einer ähnlich
bewegten Zeit leben - daß die Entscheidung nun an uns sei, ob unsere
Form der Regierung fortbestehen könne
und ob die Geschichte noch einen
Platz von Bedeutung für ein ruhiges,
wohltuend
grünendes Land, genannt
Amerika, zur Verfügung habe. Nicht
alles ist in diesen sieben Jahren zur
Vollkommenheit geraten - noch wird es
in siebenmal 70 Jahren vollkommen
werden - aber in diesem und in den
kommenden Jahren liegt die große Aussicht auf die Sache des Friedens und
der Freiheit in der Welt vor uns.
Dies bedeutet auch, daß die jungen Amerikaner, von denen ich vor
sieben Jahren sprach - ebenso wie
diejenigen, die am heutigen abend die
Küsten von Virginia oder Maryland
entlangwandern und zum ersten Mal die
Lichter dieser Hauptstadt sehen, die
Lichter, die ihren Glanz auf unsere
bedeutenden Regierungsgebäude und Monumente zum Gedenken unserer großen
Männer werfen - es bedeutet, daß diese jungen Amerikaner eine Stadt der
Hoffnung in einem Land finden werden,
das frei ist.
Wir können mit Stolz darüber erfüllt sein, daß heute nacht für sie
wie für uns diese Lichter entlang dem
Potomac noch immer leuchten - und damit, wie seit nahezu zwei Jahrhunderten - und, so Gott will, für immer das Zeichen setzen, daß eine weitere
Generation
von Amerikanern diesen
Amerika genannten Ort bewahrt und in
Liebe weitergegeben hat, diese leuchtende Stadt auf einem Hügel, diese
Regierung vom, durch und für das Volk.
Ich

danke

Ihnen.

Gott

schütze

Sie.

* * * * * *

- 12

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

27. Januar 1983

REAGAN:

CONTRAS SIND "VERSICHERUNGSPOLICE FÜR DEMOKRATIE"

- Präsident Reagans Rede vor Kommunalpolitikern im Weißen Haus -

WASHINGTON - (AD) - In seiner Ansprache vor Kommunalpolitikern im Weißen
Haus forderte Präsident Reagan am 20. Januar 1988 die Zustimmung des Kongresses zur Hilfe an den nicaraguanischen Widerstand und bezeichnete die Contras
als "unsere Versicherungspolice" für Demokratie in Mittelamerika. "Allein die
Freiheitskämpfer haben die Sandinisten an den Verhandlungstisch gebracht und
ihnen die beschränkten Reformen, die diese durchgeführt haben, abgerungen".
Reagan erklärte, ohne die Kämpfer der Widerstandsbewegung bestehe "keine Hoffnung auf Demokratie in Nicaragua".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:

Wie Sie wissen, wird der Kongreß
in Kürze über weitere Hilfe für die
demokratischen Widerstandskämpfer in
Nicaragua
abstimmen
für
die
Contras, wie sie genannt werden, oder
die Freiheitskämpfer, wie ich sie
nenne.
Wenn
diese
Hilfsleistungen
keine Zustimmung finden, das haben
die Gegner dieser Hilfe im Kongreß
sehr klar herausgestellt, dann wird
darüber nicht noch einmal abgestimmt
werden.
Wir befinden uns an einem
wichtigen Scheideweg - wenn sich der
Kongreß gegen die Hilfe entscheidet,
könnte diese Entscheidung unwiderruf-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lich sein.
Wenn das geschieht, befürchte ich, werden wir alle Hoffnung
auf Demokratie in Nicaragua und Frieden in Mittelamerika aufgeben.
Vergangenes Wochenende sind die
Staats- und Regierungschefs der fünf
Staaten Mittelamerikas zusammengekommen, um die Einhaltung des Abkommens
von Guatemala zu prüfen.
Über das
Ergebnis
ihrer
Beratungen
besteht
kein Zweifel: Die Sandinisten bilden
das größte Hindernis für die Erfüllung des Plans und für Frieden und
Demokratie in dieser Region. Während

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�die vier Demokratien Mittelamerikas
das Abkommen weitgehend
einhalten,
sind die Sandinisten davon weit entfernt.
Das mußten sogar die Sandinisten selbst zugeben, und sie veröffentlichten eine eigene Erklärung, in
der zusätzliche Maßnahmen dargelegt
wurden, zu deren Bekanntgabe sie sich
gezwungen sahen, um ihr Verhalten in
ein besseres Licht zu rücken.
Heute möchte ich zu Ihnen darüber
sprechen, warum wir weiterhin Druck
auf die Sandinisten ausüben müssen,
damit sie die Entwicklung nicht umkehren können und weiterhin den Weg
zur Demokratie verfolgen. Weil jeder
von ihnen unternommene Schritt, jede
widerstrebend
durchgeführte
Reform,
leicht
rückgängig
gemacht
werden
kann.
Daniel
Ortega hat erklärt,
seine Revolution sei unwiderruflich unser Ziel in Nicaragua muß darin bestehen, die Demokratie unumstößlich
einzurichten.
Wir begrüßen die neuen Versprechen der Sandinisten, den Friedensplan einzuhalten, und wir sollten sie
beim Wort nehmen. Wir müssen sicherstellen, daß wir jedesmal, wenn die
Sandinisten der Demokratie eine neue
Tür öffnen, diese Tür hinter ihnen
schließen - und sie geschlossen halten. Nur die Freiheitskämpfer können
das tun - sie allein können unsere
Versicherungspolice für die Demokratie in Mittelamerika sein.
Es heißt, die
Freiheitskämpfer
seien nicht notwendig, um den Druck
aufrechtzuerhalten - die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und die
von den Sandinisten beschworene Verpflichtung auf das Abkommen von Guatemala
reichten
aus.
Vielleicht
lohnt sich eine Betrachtung des historischen Hintergrunds, um zu erkennen, wieviel Glauben wir den Versprechungen der Sandinisten schenken kön-

nen.
Wie ich in meiner jüngst bei der
Organisation
Amerikanischer
Staaten
(OAS) gehaltenen Rede ausgeführt habe, besteht bereits eine auf dem Verhandlungswege
erzielte
Vereinbarung
mit den Sandinisten - die Übereinkunft von 1979, in der die Vereinigten Staaten gemeinsam mit den anderen
Mitgliedern der OAS in beispielloser
Weise einer amtierenden Regierung dem Somoza-Regime - die Anerkennung
entzogen
und
den
Sandinisten
zur
Macht verhalfen.
Als Teil dieser Vereinbarung versprachen die Sandinisten - und ich
zitiere hier von den Sandinisten unterzeichnete Dokumente - "freie Wahlen, eine demokratische Regierung mit
breiter Basis, volle Garantie der
Menschenrechte, Grundfreibeiten, Religionsfreiheit, Freiheit für Gewerkschaften, eine gemischte Wirtschaft
und eine unabhängige Außenpolitik der
Blockfreiheit
sowie
ein
minimales
stehendes Heer".
Man beschreibt nur etwas Offensichtliches, wenn man darauf hinweist, daß die Sandinisten nicht ein
einziges
Versprechen gegenüber den
anderen Staaten der OAS eingelöst haben. Nicht allgemein bekannt ist jedoch die Tatsache, daß uns eindeutige
Beweise dafür vorliegen, daß sie dazu
auch niemals die Absicht hatten. Nur
zwei Monate nach ihrer Machtübernahme
hielten die Führer der Sandinisten
ein geheimes Treffen ab, um einen Bericht zu entwerfen, der als "72-Stunden-Dokument" bekannt wurde und in
dem ihre Pläne zur Errichtung einer
kommunistischen Diktatur in Nicaragua
und Verbreitung der Subversion in
Mittelamerika dargelegt werden.
Die Sandinisten
thisanten erklären,

und ihre Sympaes sei die Ag-

�gressivität der Vereinigten Staaten
gewesen, die sie gezwungen habe, von
ihren Versprechen abzuweichen, ebenso
wie sie jetzt die Schuld für ihre
Verfehlungen
den
Freiheitskämpfern
zuweisen.
Dennoch wollen wir uns
wieder den historischen Begebenheiten
zuwenden.
Nur einen Tag nach Beendigung des
geheimen Treffens zur Erstellung des
72-Stunden-üokuraents
wurde
Daniel
Ortega von Präsident Carter ira Weißen
Haus empfangen, wo dieser der neuen
Regierung
unsere
Freundschaft
und
Hilfe anbot.
Aber während wir den
Sandinisten über eine Milliarde Dollar an Hilfsleistungen zukommen H e s sen, mehr als irgendeinem anderen
Land, und ihnen Milliarden Dollar an
Krediten verschafften, haben die Sandinisten ihre Pläne zur Abschaffung
der Menschenrechte und Errichtung eines totalitären marxistischen Regimes
in Nicaragua durchgeführt.
Sechs Monate nach der Zusammenkunft im Weißen Haus, während die
Hilfe der Vereinigten Staaten weiterhin floß, unternahmen einige Führer
der Sandinisten ihre erste - und die
erste in einer Reihe von vielen - offizielle Reise nach Moskau, und unterzeichneten ein Kommunique" mit der
Kommunistischen
Partei
der Sowjetunion, in dem sie ihre Unterstützung
für die außenpolitischen Ziele der
Sowjetunion
erklärten.
Aber
das
könnte man als reine Schreibarbeit
bezeichnen.
Es gab bereits sowjetische Militärberater in Nicaragua.
Bei meinem Amtsantritt im Jahr 1981
waren Über 30 Militärstützpunkte entweder bereits errichtet oder im Bau.
Die sandinistische Armee wurde zur
größten und am besten ausgerüsteten
in ganz Mittelamerika, und die Sandinisten
unterstützten
bereits die
kommunistischen Guerrillas in El Salvador - ail dies, während amerika-

nische Hilfe nach Nicaragua floß,
während unsere Hand in Freundschaft
ausgestreckt war.
Ich könnte im einzelnen auf die
systematische Ausmerzung aller Menschenrechte eingehen, die Folterung
von Andersdenkenden und die steigende
Zahl politischer Gefangener, die Tragödie von Hunderttausenden von nicaraguanischen Flüchtlingen, die nach
Costa Rica und Honduras strömten
nahezu jeder zehnte Nicar^guaner ist
jetzt ein Flüchtling.
Aber die Bilanz der sandinistischen Tyrannei ist
inzwischen wohlbekannt.
Die Zerstörung der Menschen durch den Kommunismus auf dem amerikanischen Festland
ist gut belegt und wird von allen
Seiten anerkannt.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle
eine einfache
Frage stellen:
Wie
können wir erwarten, daß ein Regime,
das eine solche Bilanz gebrochener
Versprechen und offensichtlicher Täuschungen angehäuft hat, sich an die
Bedingungen des Abkommens von Guatemala hält, wenn wir nicht weiterhin
Druck ausüben, indem wir den Freiheitskämpfern Hilfe gewähren?
Vor
kurzem
hielt
sich
Daniel
Ortega hier in Washington zu Gesprächen mit Mitgliedern des Kongresses
auf und versicherte Ihnen sein Engagement für das Abkommen von Guatemala. Aber wir wissen jetzt durch die
Aussage eines hochrangigen Überläufers der Sandinisten, Major Roger
Miranda, daß sogar zum Zeitpunkt dieser Versprechungen von Daniel Ortega,
die Sandinisten gemeinsam mit den Kubanern und den Sowjets die Aufstokkung ihrer Streitkräfte auf 600 000
planten - das ist jeder fünfte Bewohner des Landes.
Kurz nachdem Major
Miranda seine Enthüllungen der Öffentlichkeit bekanntgab, wurden diese
durch
den
Verteidigungsminister

- 3 -

�Humberto Ortega bestätigt, wie auch
die Pläne der Sandinisten, moderne
Kampfflugeuge des Typs MiG, Raketen
und Artillerie zu erwerben.
"Einige
tausend" Nicaraguaner nehmen ihm zufolge an Kursen in der Sowjetunion
und anderen sozialistischen Ländern
teil, um die Bedienung der neuen Waffensysteme zu erlernen.
Und
die Sandinisten
entwickeln
jetzt militärische Einrichtungen, die
als Basis des sowjetischen TU-95 Bomber (BEAR) dienen könnten - eines
Bombers, der sehr wohl in die kontinentalen Vereinigten Staaten vordringen könnte.
Und wie sich nun herausstellt,
geschah
all
das,
während
Daniel
Ortega In unserem Kongreß über den
Frieden sprach.
Ich erinnere mich an einen Spruch
aus meiner Kindheit, den Sie sicherlich kennen.
Er lautet: "Wenn Du
mich einmal hereinlegst, ist es Deine
Schuld. Wenn Du mich zweimal hereinlegst, ist es meine Schuld".
Aber
wie ist es mit dem dritten, vierten
und fünften Mal? Wie kann man solch
eine immer wiederkehrende Leichtgläubigkeit erklären?
Jetzt haben die Sandinisten neue
Versprechungen gemacht. Wir begrüßen
ihr Versprechen, den Ausnahmenzustand
aufzuheben, Treffen mit den Freiheitskämpfern
abzuhalten, Kommunalwahlen durchzuführen und einige politische Gefangene freizulassen - und
wir müssen sie im Hinblick auf diese
Versprechungen
beim
Wort
nehmen.
Aber diese beschränkten Maßnahmen durch die sie immer noch nicht die
Übereinkunft von Guatemala einhalten
- geschahen mit größter Zurückhaltung
und nur nachdem verschiedene amerikanische Kongreßabgeordnete den Sandinisten erklärt haben, daß ein dies-

bezügliches Versäumnis sich in weiterer Hilfe für die Freiheitskämpfer
niederschlagen würde.
Gab es etwa
ein besseres Argument für die Hilfsleistungen? Es sind allein die Freiheitskämpfer und der von Ihnen auf
die Sandinisten ausgeübte Druck, die
uns soweit gebracht haben.
Es sind
allein die Freiheitskämpfer, die die
Sandinisten soweit auf dem Weg zur
Demokratie vorantreiben können, daß
sie nicht mehr zurückweichen können.
Als Tatsache bleibt jedoch bestehen, daß die Sandinisten, auch wann
sie die von ihnen angekündigten Maßnahmen durchführen, von einer Einhaltung der Übereinkunft von Guatemala
immer noch weit entfernt find«
Nahezu sechs Monate nach der Unterzeichnung
und
fast drei Monate
nach der vereinbarten Frist für die
Einhaltung befinden sich Tausende politischer Gefangener in den Gefängnissen der Sandinisten und werden
selbst unter der soeben verkündeten
Amnestie auch dort bleiben. Oppositionsgruppen und Verfechter der Menschenrechte werden von Reglerungskommandos schikaniert und geschlagen vielleicht das beste Anzeichen für
die wahren Absichten der Sandinisten
war die vergangene Woche erfolgte
Verhaftung
und Einschüchterung
von
sieben Führern der demokratischen Opposition, die nur nach einem Sturm
internationalen Protests wieder freigelassen wurden.
In diesem Land wird vielfach die
Meinung
vertreten, die Sandinisten
würden Reformen durchführen, wenn wir
sie nur in Ruhe ließen. Aber das widerspricht dem, was die Sandinisten
selbst sagen.
Erst vor fünf Wochen
hat Daniel Ortega seine Absichten
klar bekundet. Selbst wenn in Nicaragua Wahlen stattfänden und die Sandinisten verlören, würden sie Ortega

- 4 -

�zufolge
geben.

doch

niemals

die Macht

auf-

Diejenigen, die Mittel für die
Freiheitskämpfer beschneiden wollen,
werden erklären müssen, warum Daniel
Ortega nicht das meint, was er sagt.
Sie werden erklären müssen, daß die
Sandinisten nicht meinen, was sie sagen, wenn sie davon sprechen, Mittelamerika in ein "Flammenmeer der Revolution" zu verwandeln und ihren Kampf
auf Lateinamerika und Mexiko auszudehnen.

dies der Moment der Wahrheit, der
Entscheidung für oder gegen die Freiheitskämpfer. Wenn wir sie jetzt im
Stich lassen und sich der Kongreß gegen die Hilfe entscheidet, werden wir
die einzig wahre Kraft für Frieden
und Freiheit in Nicaragua aufgeben.
Wir werden dem Friedensprozeß den
Platz einer unbedeutenden Fußnote in
der Geschichte einräumen und den Sowjets einen ihrer größten strategischen Siege seit dem Zweiten Weltkrieg verschaffen.

Im nächsten Monat werden auch der
amerikanische Kongreß und das amerikanische Volk ihre Wahl treffen müssen.

Im Laufe der Geschichte war es
unser größtes Glück und einer der
größten Vorteile unseres Landes, daß
wir auf allen Seiten von riesigen
Ozeanen
umgeben
sind.
Fast
zwei
Jahrhunderte lang haben wir nicht die
Tragödie einer ausländischen Aggression auf unserem Festland erlebt.
Und heute können wir uns dessen rühmen, daß die Tausende von Meilen der
Grenzen, die uns und unsere Nachbarn
trennen, unverteidigt und unbefestigt
sind.
Wir sind von der Geschichte
begünstigt
worden.
Aber
darüber
sollten wir nicht gleichgültig dafür
werden, daß sich eine reale - und
wenn wir sie nicht aufhalten - unwiderrufliche Gefahr in unserem Süden
entwickelt. Bedenken Sie die Auswirkungen auf die nationale Sicherheit
der Vereinigten Staaten, wenn die
sandinistische
Vision
eines kommunistischen Mittelamerika verwirklicht
und Mexiko bedroht wird. Stellen Sie
sich vor, wir müßten uns zum ersten
Mal in diesem Jahrhundert mit einer
Bedrohung unserer Sicherheit an der
südlichen
Grenze
auseinandersetzen.
Stellen Sie sich vor, unsere lebenswichtigen Schiffahrtswege durch den
Golf wären gefährdet. Einen Aufruhr,
wie er im Persischen Golf stattfindet, darf es im Golf von Mexiko nicht
geben.

Wie ich bereits gesagt habe, ist

Es ist vorsätzlich naiv, zu den-

Denn gerade jetzt sind die, die
zwischen den Sandinisten und ihren
erklärten Absichten stehen - die ein
Hindernis
für
einen
sowjetischen
Stützpunkt in Mittelamerika bilden die
nicaraguanischen
Freiheitskämpfer.
Es ist klar, daß es die Freiheitskämpfer sind - und nur sie -,
die die Sandinisten an den Verhandlungstisch gebracht und ihnen die beschränkten Reformen, die sie durchgeführt haben, abgerungen haben.
Ohne
die Freiheitskämpfer bestünde keine
Hoffnung mehr auf Demokratie in Nicaragua.
Die Konsolidierung totalitärer Macht wäre erreicht, und die Sowjets hätten mit Erfolg ein neues Kuba errichtet - dieses Mal auf dem
amerikanischen Festland.
Die Sowjets haben ihre Wahl getroffen. Sie haben gemeinsam mit ihren Verbündeten Milliarden Dollar an
Militärhilfe nach Nicaragua fließen
lassen - wenigstens 20 mal mehr als
der amerikanische Kongreß den Streitkräften
des
demokratischen
Widerstands hat zukommen lassen.

- 5

�ken, daß die Sowjetunion angesichts
einer Krise ihrer eigenen Wirtschaft
Milliarden Dollar in ein Land auf der
anderen Seite der Erde pumpen würden,
wenn sie dabei nicht auch günstige
Gelegenheiten für sich selbst sähen.
Es ist an der Zeit, einzusehen, daß
es sich bei den sandinistischen Kommunisten und ihren sowjetischen Mentoren
um
ernsthafte
Menschen
mit
ernsthaften
Absichten
handelt.
Es
ist an der Zeit, daß wir auch ernst
machen.
Diese Abstimmung wird dem amerikanischen Volk in Erinnerung bleiben
- entweder als die Zeit, in der wir
handelten, um die Freiheit zu unterstützen und unser Festland sicher zu
erhalten, oder als Beginn eines der
tragischsten Fehler Amerikas. Natürlich wären die Auswirkungen auf Lateinamerika noch schlimmer. Eine erstarkte kommunistische Linke würde
die Offensive in El Salvador, Costa
Rica, Guatemala und Honduras anfachen.
Die
demokratische
Strömung
würde umgekehrt, und die Region würde
in einen Kreislauf von linker Gewalt
und militärischer Repression abgleiten. Die im Kreuzfeuer gefangene Demokratie würde nicht lange überleben.
All dies ist unnötig.
Wenn wir
diejenigen
unterstützen,
die
für
Freiheit und Demokratie in Nicaragua
kämpfen, können wir den Friedensprozeß in seinen Bahnen halten und Druck
auf die Sandinisten ausüben, damit
sie dem Friedensplan Rechnung tragen.
Wir können den Aufstieg der Demokratie in Lateinamerika sichern und verhindern, daß die von mir beschriebene
Krise für die nationale Sicherheit
der Vereinigten Staaten stattfindet.
Wie Sie wissen, haben wir eine
Menge darüber gehört, daß die Freiheitskämpfer niemals eine wirkungsvoll kämpfende Truppe sein würden.
- 6

Nun, die vor kurzem
durchgeführte
Operation gegen Las Minas hat ein für
alle Mal das Gegenteil bewiesen, über
7 000
Freiheitskämpfer
beteiligten
sich an einem
Überraschungsangriff
auf wichtige militärische Ziele sowie
Gold- und Silberminen der Sandinisten
- eine Quelle harter Währungen für
die bankrotte Wirtschaft der Sandinisten.
Dabei zerstörten sie Unterkünfte des Feindes und überrannten
sein Hauptquartier.
Sie
sprengten
Munitionslager und Treibstofitanks in
die Luft, zerstörten Wasserkraftwerka
und machten
eine Radarstation auf
Dauer funktionsunfähig, die von den
Sandinisten
zur
Koordinierung
von
Luftangriffen
gegen die Freiheitskämpfer benutzt worden war. Sie können sich die Schlagzeilen ausmalen,
all die Leute, die uns auffordern
würden, unsere Verluste in Grenzen zu
halten, das Land zu verlassen und den
"Willen des Volkes" zu akzeptieren,
wenn die kommunistische Guerrilla in
El Salvador solch einen erfolgreichen
Angriff durchgeführt hätte.
Daß die
Freiheitskämpfer zu einer solch umfangreichen Operation - zur geheimen
Verlegung Tausender von Kämpfern über
das ganze Land - in der Lage sind,
beweist, daß sie vom nicaraguanischen
Volk unterstützt werden. Mit unserer
Hilfe kann die Sache der Freiheit und
Demokratie die Oberhand gewinnen.
Die
wahrscheinlich
wichtigste
Enthüllung von Major Miranda war das
Ausmaß der Korruption innerhalb des
Sandinistenregimes. Während Menschen
in Lumpen gehen und hungern, ihnen
selbst die Grundnahrungsmittel vorenthalten werden, melken die Sandinisten ihr Land gnadenlos um Riesensummen.
Humberto Ortega allein hat
1,5 Millionen Dollar auf die Seite
geschafft und sie auf ein geheimes
Konto
in
der
Schweiz
eingezahlt.
Nein, es sind die korrupten Diktatoren des Sandinistenregimes, die keine

�Unterstützung durch d.is Volk besitzen. Deshalb müssen Sie mit Milliarden Dollar an Ostblockhilfe unterhalten werden.
Die wahren Gefühle des nicaraguanischen Volkes kamen kürzlich wieder
zum Vorschein, als Zehntausende durch
die Straßen Managuas marschierten, um
gegen die Sandinisten zu demonstrieren. Und glauben Sie mir, es bedurfte echten Mutes seitens dieser aufrechten Menschen, um s !.ch offen gegen
ein solch brutales Regime zu stellen.
Die Joge der Freiheit, die Lateinamerika ecfaßt hat, brandet jetzt
gegen die Grenzen Nicaraguas.
Die
Entwicklung kann zu unterschiedlichen
Ergebnissen führen - und diese in
zwei Wochen stattfindende Abstimmung
wird entscheidend sein. Am Beispiel
des vor kurzem unterzeichneten Vertrages zur Beseitigung der Mittelstreckenraketen können wir sehen, was
wir erreichen können, wenn wir aus
einer Position der Stärke verhandeln.
Wir haben in Afghanistan gesehen, wie
der mutige Widerstand der Mujahedin
die Sowjetunion dazu zwingt, nach einer politischen Lösung zu suchen.

und seine Nachbarn sowie Frieden in
der gesamten Region oder eine Zukunft
des Aufruhrs, der Revolution, der Unruhe und des ständigen Vormarschs der
sowjetischen Militärmacht auf unsere
südliche Grenze.
Das ist die Wahl. Es gibt keinen
Mittelweg.
Lassen Sie uns sicherstellen, daß diejenigen, die nach uns
kommen werden, sagen können, daß wir
die richtige Wahl getroffen haben daß wir, als die Zeit der Entscheidung gekommen war, für Freiheit und
Frieden eintraten - wir handelten,
bevor es zu spät war, als der Preis
noch niedrig war, um zu tun, was zur
Unterstützung der Demokratie und zum
Schutz der nationalen Sicherheit der
Vereinigten Staaten notwendig war.

Wir müssen in Nicaragua den Druck
aufrecht erhalten - wir dürfen nicht
nachlassen, bis die Demokratie solch
feste Wurzeln geschlagen hat, daß
niemand sie jemals wieder ausreißen
kann.
Der Großteil der Hilfe, die ich
vom Kongreß erbitten werde, gilt der
nichtmilitärischen Unterstützung, um
die Sandinisten solange als lebensfähige Kraft zu erhalten, bis die Demokratie in Nicaragua unumkehrbar ist.
Wie ich schon sagte, haben die kommunistischen
Sandinisten ihre Wahl
getroffen. Nun müssen wir die unsrige treffen.
Eine Zukunft der Freiheit und der Demokratie für Nicaragua
- 7 -

Vielen Dank und Gott schütze Sie.

�AMERIKA DIENST
im-mim
'VON

Hintergrundmaterial

4

27. Januar 1988

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE VERÖFFENTLICHT
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

(Die folgende Übersicht zum Bericht des Präsidenten zur Nationalen Sicherheitsstrategie wurde am 20. Januar 1988 vom Weißen Haus herausgegeben.)
Der Präsident bat heute seinen zweiten Jahresbericht zur Nationalen Sicherheitsstrategie dem Kongreß übergeben, wie dies nach dem Zusatz von 1986
zum Gesetz über die Nationale Sicherheit aus dem Jahr 1947 erforderlich ist.
Der nichtgeheime Bericht umreißt auf 41 Seiten die gegenwärtige nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten. Dazu gehören:

- Die Kernpunkte wichtiger Entwicklungen im Bereich der nationalen
Sicherheit im vergangenen Jahr.
- Die historischen Dimensionen der
amerikanischen nationalen Sicherheitsstrategie seit dem Zweiten
Weltkrieg.
- D e r Rahmen für die Formulierung
der Strategie, einschließlich nationaler Werte, Interessen und
nationaler Sicherheitsziele.
- Die

gegenwärtigen

Bedrohungen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

amerikanischer
essen.

Sicherheitsinter-

Die Elemente der nationalen Macht
der Vereinigten Staaten - Diplomatie,
Informationswesen, Wirtschaft und Militär - und die gegenwärtig gültigen Maßnahmen zur
integrierten
Anwendung
dieser
Machtelemente für die Förderung
amerikanischer
Sicherheitsinteressen in der Welt.
Zusammenfassungen
wichtiger
unterstützender Maßnahmen - natio-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nale Weltraumpolitik und nachrichtendienstliche Maßnahmen der
Vereinigten Staaten.
- Besondere
Sicherheitsstrategien,
die heute von den Vereinigten
Staaten in den wichtigsten Regionen der Welt verfolgt werden:
für die westliche Hemisphäre; für
Westeuropa und die NATO; für die
Sowjetunion und Osteuropa; für
den Mittleren Osten und Südasien;
für Ostasien und den Pazifik sowie für Afrika. In den Strategieteilen des Berichts werden
folgende Bereiche angesprochen:
- Der unlängst geschlossene INFVertrag
sowie
Leitlinien
für
künftige Rüstungskontrollverhandlungen.
- Unsere andauernde, unerschütterliche. Unterstützung der NATOStrategie der flexiblen Reaktion.
- Die

Rolle

des

Widerstandes
in
nischen Strategie
rika.

nicaraguanischen

der amerikafür Lateiname-

- Ausbau des Handels und Schuldenabbau als Elemente koordinierter
Regionalstrategien.
- Die temporäre Ausweitung unserer
normalen Marinepräsenz im Persischen Golf als Element der amerikanischen Strategie im Mittleren Osten.
- Die potentiellen Gefahren der
Verbreitung von Atomwaffen in
Südasien.
-

Die wirtschaftlichen Dimensionen
der amerikanischen Sicherheitsstrategie in der ausgedehnten Past L fikregion.
- 2

- Die Notwendigkeit wirksamer Wirtschafts- und
Militärhilfe
als
Komponenten unserer Regionalstrategien, insbesondere in Afrika.
Das Schlußkapitel befaßt sich mit
der Notwendigkeit einer energischen
Unterstützung dieser besonnenen nationalen
Sicherheitsstrategie
und
kommt zu besorgniserregenden Schlüssen:
- Die für Wirtschafts- und Auslandshilfe bereitstehenden Mittel
liegen unter dem Minimum dessen,
was zur wirksamen Förderung unserer Sicherheitsinteressen in einigen Regionen der Welt benötigt
wird.
Vom Kongreß vorgenommene
Einschränkungen bei solchen Programmen verschärfen die Probleme
und behindern die zur wirksamen
Durchführung der Strategie erforderliche Flexibilität.
- Der seit drei Jahren anhaltende
reale Rückgang der Mittel zur
Verteidigung gefährdet die in den
frühen achtziger Jahren erzielte
Verbesserung
im
militärischen
Kräftegleichgewicht zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion und erhöht die Risiken.
Falls dieser Trend anhält, wird
das amerikanische Volk irgendwann
in der Zukunft wieder um die Unterstützung
einer
verstärkten
Verteidigungsfähigkeit
gebeten
werden, obwohl es annimmt, diese
Leistungen schon in der Vergangenheit bezahlt zu haben.
Die strategischen Folgerungen aus
diesen Schlüssen werden benannt, und
es werden Empfehlungen zur verbesserten Zusammenarbeit zwischen Regierung
und Kongreß bei der Formulierung und
Durchführung der Strategie angegeben.
Der Präsident schließt seinen Bericht
mit einem Appell an den Kongreß zur

�engen Zusammenarbeit bei der Schaffung eines überparteilichen Konsenses
zur
nationalen
Sicherheitsstrategie
und den fü'r ihre Durchführung benötigten Mitteln.

für lebenswichtige amerikanische
Interessen in vielen Teilen der
Welt.

- Ein historischer Überblick, in
dem die eindrucksvolle Kontinuität der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten
seit dem Zweiten Weltkrieg zum
Ausdruck gebracht und die Tatsache betont wird, daß die Strategie auf unveränderten geographischen Voraussetzungen beruht und
darauf angelegt ist, die kaum dem
zeitlichen Wandel unterliegenden
Grundwerte unserer Demokratie zu
bewahren.

Die Vereinigten Staaten begrüßen
jeden echten Wandel in der Sowjetunion, warten jedoch weiterhin auf einen Rückgang beim Wachstum
der sowjetischen Militärmacht oder auf die Preisgabe expansionistischer
Bestrebungen.
Während wir weiterhin an der Erschließung zusätzlicher Bereiche
der Kooperation dort arbeiten, wo
dies in unserem
beiderseitigen
Interesse liegt, werden die Vereinigten Staaten auch in Zukunft
die Sowjets an ihren Taten, statt
an Worten messen und unsere nationale Sicherheitsstrategie auf
eine
realistische
Einschätzung
sowjetischer Ziele und Fähigkeiten gründen.

- Eine Darstellung der grundsätzlichen amerikanischen Interessen
an:
dem Überleben der Vereinigten Staaten, ihrer Institutionen
und Bevölkerung; einer gesunden
und
wachsenden
amerikanischen
Wirtschaft; einer stabilen und
sicheren V/elt; stabilen Bündnisheziehungen sowie an der Weiterentwicklung der Freiheit des Menschen, demokratischer Institutionen und marktwirtschaftlichen Systemen in der ganzen Welt, die
durch ein faires und offenes Handelssystem verbunden sind.

Die
Vereinigten
Staaten
sehen
sich außerdem mit einer Vielzahl
anderer Herausforderungen für die
Sicherheit konfrontiert: mit regionalen
und
unterschwelligen
Konflikten, der potentiellen Weiterverbreitung
von
Atomwaffen,
internationalem Terrorismus, Drogenhandel,
radikalen
politischreligiösen Bewegungen sowie Problemen von Instabilität, Reglerungsnachfolge
und
wirtschaftlichen Entwicklungen in wichtigen
befreundeten
und
verbündeten
Staaten.

Die
weltweite
Herausforderung
durch die Sowjetunion bleibt die
Hauptbedrohung amerikanischer Sicherheitsinteressen.
Trotz
der
Reformen - deren Bedeutung und
Dauerhaftigkeit weiterhin unklar
sind -, bilden sowjetische Militärmacht, Interventionen in Übersee sowie eine aktive Diplomatie
weiterhin
eine
Herausforderung

Gegenwärtig
befindet
sich
die
Welt in bezug auf internationale
Sicherheitsangelegenheiten in einer Übergangsperiode.
Diese Periode, die in den späten siebziger Jahren begann, wird durch den
relativen
Rückgang
der
wirtschaftlichen Macht der Vereinigten Staaten, eine massive militärische Aufrüstung der Sowjet-

Weitere
sind:

Kernpunkte

des

Berichts

- 3 -

�union, eine Revolution in der Militärtechnik sowie eine Ausbreitung wirtschaftlicher Macht und
militärischer
Technologie
auf
viele Länder der Dritten Welt
charakterisiert.
Diese Tendenzen
komplizieren die Formulierung der
Strategie, bieten jedoch gleichzeitig Chancen, die Stärken der
Vereinigten Staaten zu unterstützen und die Schwächen unserer
Gegner auszunutzen.

* * * * *

- 4

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagans Bericht zur Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Januar 1988&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Contras sind "Versicherungspolice für Demokratie"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Reagans Rede vor Kommunalpolitiker im Weißen Haus&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie veröffentlicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
JÜibassy
of
the
United
States of America
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27. Januar 1993

i

AUSSENPOLITIK

WARNUNG CLINTONS AN SADDAM HUSSEIN:
AMERIKAS ENTSCHLOSSENHEIT BLEIBT
Äußerungen Clintons vor
Diplomatischem Korps

UNO

ALBRIGHT: UNO AM ENDE DES
KALTEN KRIEGES VOR ZWEIFACHER
HERAUSFORDERUNG
Anhörung der designierten
US-Vertreterin bei der UNO

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI DER
MENSCHENRECHTSSITUATION 1992,
VERLETZUNGEN DAUERN JEDOCH AN
Jahresübersicht des US-Außenminsteriums

THURGOOD MARSHALL

THURGOOD MARSHALL:
PIONIER FÜR DIE BÜRGERRECHTE
Zum Tod des ersten schwarzen
Richters am Obersten Bundesgericht

GESELLSCHAFT-

GEDANKEN ZU DEN RASSENBEZIEHUNGEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von Marc Leepson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�AUSSENPOLITIK
27. Januar 1993

WARNUNG CLINTONS AN SADDAM HUSSEIN:
AMERIKAS ENTSCHLOSSENHEIT BLEIBT
Äußerungen Clintons vor Diplomatischem Korps
WASHINGTON - (AD) - Der neue amerikanische Präsident Clinton richtete am 18. Januar eine eindeutige
Warnung an den irakischen Präsidenten Saddam Hussein und erklärte, dieser müsse "verstehen, daß Amerikas
Entschlossenheit" während der Übergangszeit zwischen zwei Präsidenten "nicht nachlassen werde".
In einer Ansprache vor dem Diplomatischen Korps in der Georgetown University in Washington hob der neue
Präsident seine Unterstützung für die "Aktionen der internationalen Staatengemeinschaft" hervor, die das Ziel
haben, den irakischen Machthaber "zur vollen Einhaltung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates zu
veranlassen".
Clinton versicherte die Diplomaten aus aller Welt der "grundsätzlichen Kontinuität" in der amerikanischen
Außenpolitik. "Unsere Beziehungen und Aktionen im Ausland wurzeln in bleibenden Interessen, Bündnissen,
Freundschaften und Prinzipien", erklärte er.
Nachfolgend veröffentlichen wir Clintons Ansprache im Wortlaut:
Hillary und ich, Senator Gore und seine Frau, wir
freuen uns außerordentlich über die Gelegenheit, heute
mit Ihnen zusammenzutreffen und danken Ihnen für
Ihre Anwesenheit.

North, eine Rede. Unsere damals kaum 20 Jahre
bestehende Republik hatte nicht viel Macht, aber viele
Hoffnungen. Der Marquis de Lafayette, dessen Freundschaft und Zusammenarbeit mit unserer Nation so
wichtig für ihr Entstehen war, wurde 1824 von einer
Ich kam damals zu einer Zeit an diese Universität, als Truppe leichter Kavallerie auf diesen Campus eskorein ermordeter Präsident meine Generation gebeten tiert. Und Präsidenten, Würdenträger und Gelehrte
hatte, ihrem Land etwas zurückzugeben. Ich suchte aus allen Generationen Amerikas haben diesen Ort
nach einem Ort, an dem ich dieser Aufforderung Folge gewählt, um über unsere gemeinsamen Hoffnungen
leisten konnte.
für die Zukunft unserer Nation und der Welt zu sprechen.
Georgetown und seine School of Foreign Service
waren nicht nurfür mein Leben, sondern fürden Dienst Im Dezember 1991, als ich meine Präsidentschaftsan der Allgemeinheit von großer Bedeutung. Viele der kampagne startete, kam ich hier nach Georgetown
Absolventen, einschließlich der meines Jahrgangs, zurück, um in drei Reden die Prinzipien und politischen
sind jetzt angesehene Mitglieder unseres auswärtigen Leitlinien darzulegen, die das Herzstück meiner KanDienstes, unserer Streitkräfte oder sind auf anderen didatur werden sollten. In der ersten dieser Reden
Gebieten im öffentlichen oder privaten Bereich tätig.
erinnerte ich an die Lektion, die mich einer meiner
Professoren in Georgetown, Carroll Quigley, gelehrt
Vor kurzem hat Georgetown mit der Person von Dr.
hat. Ich könnte vielleicht noch hinzufügen, daß mir
Madeleine Albright, die das Sprachrohr unserer Nation
Pater O'Donovan heute, bevor wir hierher kamen, in
bei den Vereinten Nationen sein wird, einen weiteren
einer kurzen privaten Zeremonie vier Kassetten von
Beitrag geleistet.
Professor Quigleys Vorlesungen aus den 60iger Jahren
übergab. Ich hoffe, ich werde in seiner Stimme
Ich habe mich auch aufgrund der historischen Tradikeinen
Tadel hören. Auch bekam ich einen restauriertion der Georgetown University entschlossen, heute
ten
Schreibtisch
aus meinem früheren Studentenhier meine Ansprache vor Ihnen zu halten. 1797, als
wohnheim,
über
den
ich mich besonders freue und an
das College noch nicht einmal 10 Jahre als war, hielt
dem
ich
sicher
gut
arbeiten
werde.
George Washington hier in diesem Gebäude, Old
AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�Carroll Quigley argumentierte, daß die Idee, die die wiens und der Sowjetunion, dem Leiden in Somalia,
westliche Zivilisation und insbesondere die der Verei- den Unruhen auf Haiti, der Verbreitung modemer
nigten Staaten definiert und von ihm als künftige Waffen, der Ausbreitung des Terrorismus und des
Präferenz bezeichnet wurde, die Idee sei, daß die Drogenhandels, der AIDS-Epidemie und der ZerstöZukunft besser sein kann als die Gegenwart, und daß rung unserer Umwelt auf der Erde. Jedes dieser
jeder von uns eine moralische Verantwortung hat, Probleme erfordert, wenn wir es lösen wollen, eine
dazu beizutragen.
starke Führungsrolle Amerikas.
Als wir uns diese Idee zu eigen machten, war sie
revolutionär. Jetzt hängen ihr Menschen auf der
ganzen Welt an. Jene Idee war das Herzstück meiner
Kampagne fürdie Präsidentschaft und ist eine Lektion,
die jetzt mit ebensolchem Nachdruck auf die internationale Staatengemeinschaft Anwendung findet.

Das amerikanische Volk wollte eine neue Administration, aber unsere Außenpolitik weist eine grundsätzliche Kontinuität auf. Unsere Beziehungen und Aktionen im Ausland wurzeln in bleibenden Interessen,
Bündnissen, Freundschaften und Prinzipien. Meine
Administration wird auf den Erfolgen meiner Vorgänger auf bestimmten Gebieten aufbauen, bei der Suche
Nach dem Ende des Kalten Krieges, während wir noch nach Frieden im Nahen Osten, bei den Bemühungen
nicht alle Konturen des neuen Zeitalters, in dem wir um eine sichere Reduzierung unserer Atomwaffenarleben, ausmachen können, sind wir uns alle ganz senale, bei der Verhinderung einer Weiterverbreitung
deutlich bewußt, daß es sowohl ein gefährliches als von Massenvernichtungswaffen, bei der mutigen Entauch ein vielversprechendes Zeitalter sein wird, wenn scheidung, das Leiden in Somalia zu lindern, bei der
die Zukunft von Abermillionen von Menschen auf der Unterstützung des Reformprozesses in der ehemaliganzen Welt besser sein kann als die Gegenwart, gen Sowjetunion und bei der Suche nach neuen,
wenn die Träume von Freiheit, Demokratie, Wohlstand expandierenden Märkten auf der ganzen Welt.
und Menschenrechten Wirklichkeit werden können.
Aber ob das wirklich so sein wird, hängt davon ab, was Die Welt hat sich jedoch grundlegend verändert, und
wir tun.
wir müssen uns mit ihr ändern. Wir müssen ganz klar
darlegen, wie wir in den Vereinigten Staaten unsere
Wir leben jetzt in einer Zeit voller Hoffnung. Von der außenpolitischen Ziele und Institutionen an dieses
Berliner Mauer sind nur noch die einzelnen Mauerstük- neue Zeitalter anpassen wollen. Eine solch klare
ke übriggeblieben, die die persönlichen Erinnerungen Erklärung ist notwendig, wenn wir hier zu Hause die
an den historischen Triumph der Freiheit über die Unterstützung des amerikanischen Volkes für eine
Tyrannei sind. Eine weltweite demokratische Revolu- Politik des aktiven internationalen Engagements
tion hat ihre Stärke und Beharrlichkeit gezeigt - von den gewinnen wollen, das für unseren eigenen Wohlstand
Werften in Danzig bis zu den Straßen in Moskau, von und unsere Sicherheit heute ebenso unerläßlich ist wie
den Universitäten in Peking bis zu den Dörfern von El zu jedem Zeitpunkt in diesem Jahrhundert.
Salvador und den Townships in Soweto.
Wir müssen klar unsere Ziele darlegen, damit alle
Die Ausbreitung freierer Märkte hat die Möglichkeit Nationen auf der Welt, seien sie unsere Freunde oder
besserer Lebensbedingungen mit sich gebracht - von nicht, unsere Absichten in den nächsten Monaten und
den Fabriken in den baltischen Staaten bis zu den Jahren verstehen. Wir müssen uns alle immer vor
fruchtbaren Feldern Afrikas und Lateinamerikas. Aber Augen halten, daß die letztendliche Bewährungsprobe
die Ereignisse der letzten Woche erinnern uns erneut einer Außenpolitik ihre Auswirkung auf das Leben
daran, daß dieses Zeitalter auch Gefahren enthält. Wir unserer Bürger ist.
alle sind uns der Spannungen im Irak bewußt und der
ständigen, gegen die internationale Staatengemein- Die Außenpolitik meiner Administration wird auf drei
schaft und sein eigenes Volk gerichteten Provokatio- Säulen gründen. Erstens werden wir die wirtschaftlinen Saddam Husseins. Er mu ß wissen, daß Amerikas che Sicherheit unseres eigenen Landes zum Hauptziel
Entschlossenheit auch in dieser Übergangszeit nicht unserer Au ßenpolitik machen. Wir in Amerika können
nachlassen wird.
uns nicht im Ausland aktiv engagieren, ohne eine
gesunde Wirtschaft zu Hause. Aber umgekehrt gibt es
Ich unterstütze die Aktionen der internationalen Staa- in unserem Land keinen Wohlstand ohne aktives
tengemeinschaft, die das Ziel haben, ihn zur vollen Engagement im Ausland.
Einhaltung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates zu veranlassen, und ich bitte jeden einzelnen hier Aus diesem Grund werden wir durch erhöhte Produkim Diplomatischen Korps, bei Ihrer eigenen Regierung tivität unsere wirtschaftliche Stärke zu mehren trachauf diesen Punkt hinzuweisen. Nach dem 20. Januar ten. Gleichzeitig werden wir sicherstellen, daß die
wird die Politik dieses Landes amerikanische Politik Weltwirtschaft auf den Prinzipien der Offenheit, Fairbleiben.
neß und Gegenseitigkeit gründet.
In diesem neuen Zeitalter sehen wir uns drängenden Zweitens wird unsere Au ßenpolitik auf einer Neustrukanderen Gefahren gegenüber: dem Anstieg ethni- turierung unserer Streitkräfte aufbauen, um neuen und
schen Hasses in den ehemaligen Republiken JugoslaSeite 2

AMERIKA DIENST 4

�andauernden Bedrohungen für unsere Sicherheitsinteressen und den Wettfrieden zu begegnen.
Wir werden weiterhin unsere Verteidigungsausgaben
auf vernünftige Weise reduzieren. Aber die potentiellen Aggressoren sollten keinen Zweifel an der Entschlossenheit Amerikas haben. Wir finden zwar keinen Gefallen an der Anwendung militärischer Gewalt,
aber falls notwendig schrecken wir nicht davor zurück,
wenn alle Mittel im Bereich der Diplomatie erschöpft
sind.

lebenswichtige Institutionen eng mit der internationalen Staatengemeinschaft zusammenarbeiten werde,
um Streitigkeiten zu lösen und den Herausforderungen
des nächsten Jahrhunderts zu begegnen.

Amerika kann und sollte nicht die Last der Welt alleine
tragen. Aber wenn wir zusammenarbeiten, können wir
viele Fortschritte dabei machen, eine bessere Weh für
alle unsere Bürger zu schaffen. Wir können die
weltweiten Probleme angehen - die Zerstörung unserer Umwelt, die Geißel AIDS, die Bedrohung unserer
Kinder und unserer Gesellschaften durch den DrogenDrittens wird die Außenpolitik meiner Administration in handel und das Elend der Millionen von Flüchtlingen
den demokratischen Prinzipien und Institutionen ver- auf der ganzen Welt.
wurzelt sein, die unser eigenes Land einen, und nach
denen so viele Völker auf der ganzen Welt zur Zeit Der Golfkrieg und die humanitäre Hilfsaktion in Somastreben.
lia zeigen, was die Vereinten Nationen zu leisten
vermögen und an was ihre Gründer vor mehr als 40
Die Verbreitung demokratischer Werte hat Millionen Jahren dachten: Aggression von abtrünnigen NatioMenschen weltweit, die Jahrzehnte der Unterdrük- nen zu begegnen und denjenigen, die internationale
kung erduldet haben, die Hoffnung auf Freiheit gege- Partner benötigen, wieder Hoffnung zu geben.
ben. Wann immer möglich werden wir die, die unsere
Werte teilen, unterstützen, denn das liegt im Interesse Wir wollen heute zusammen handeln, um diese löbliunseres eigenen Landes und der ganzen Welt.
chen Ziele zu erreichen. Ich begrüße die Teilnahme
des Diplomatischen Korps an unserer großen nationaDiese andauernden Wahrheiten sind im Laufe der len Feier, bei der jeder Amerikaner an demteilhat, was
Geschichte erhärtet worden.
wohl die größte Stärke unsere Demokratie ist: die
gewünschte und friedliche Übergabe politischer Macht
Demokratien führen nicht gegeneinander Krieg. Sie
von einem Präsidenten an seinen Nachfolger. Hierbei
sind bessere Partner in den Bereichen Handel und
handelt es sich um eine der Demokratie innewohnende
Diplomatie. Und trotz ihrer Probleme sind sie die beste
Tradition, die für freiheitsliebende Menschen eine Quelle
Garantie für den Schutz der Menschenrechte.
der Inspiration gewesen ist, seit George Washington
Zum Schluß möchte ich Ihnen allen - den Mitgliedern vor fast 200 Jahren oben auf Old North stand. Ich
des Diplomatischen Korps - versichern, daß ich als danke Ihnen.
Präsident durch die Vereinten Nationen und andere
*

AMERIKA DIENST 4

*

Seite 3

�UNO
27.Januar 1993

ALBRIGHT: UNO AM ENDE DES KALTEN KRIEGES
VOR ZWEIFACHER HERAUSFORDERUNG
Anhörung der designierten US-Vertreterin bei der UNO
WASHINGTON - (AD) - Die doppelte Herausforderung der Ära nach dem Kalten Krieg besteht der von Präsident Clinton zur Ständigen Vertreterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen nominierten
Madeleine Albright zufolge in der Sondierung von Wegen zur "Nutzung der sich abzeichnenden Erkenntnis, daß
die Nationen bei der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenarbeiten" und in diesem Geiste "die Exzesse
des lange unterdrückten Nationalismus eindämmen müssen".
In ihrer Eingangserklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte Albright am 21. Januar 1993
femer: "Obwohl wir Amerikaner in vieler Hinsicht Hüter des Prinzips der Selbstbestimmung sind, tragen wir auch
eine besondere Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit. Die Vereinten Nationen werden das
Forum sein, in dem wir entweder durch diese beiden Herausforderungen eine friedlichere Welt bewirken, oder
den Kampf verlieren und in einer von Chaos gekennzeichneten Welt dahintreiben."
Vorbehaltlich ihrer Bestätigung will Albright die drei außenpolitischen Säulen der Clinton-Administration
aufrechterhalten - "wirtschaftliche Sicherheit, militärische Stärke und die Förderung von Demokratie und freien
Märkten im Ausland".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Madeleine Albright im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, Senator Helms, verehrte Mitglieder
des Auswärtigen Ausschusses. Es ist mir eine große
Ehre, heute als die von Präsident Clinton für das Amt
der Ständigen Vertreterin der Vereinigten Staaten bei
den Vereinten Nationen Nominierte vor Ihnen sprechen zu dürfen. In diesen Zeiten der Unruhen und
Hoffnung stellt diese Position eine große Herausforderung dar.

Die Position der Vertreterin der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen wird in hohem Maße
gestärkt, wenn der Präsident seine uneingeschränkte
Unterstützung so klar zum Ausdruck bringt.

Die Rolle der amerikanischen Vertreterin bei den
Vereinten Nationen wird auch durch die Unterstützung
des Kongresses gestärkt. Viele von Ihnen wissen, daß
ich eine Reihe von Jahren auf dem Capitol Hill für einen
Als der Präsident im vergangenen Monat meine Er- herausragenden Vorsitzenden, Senator Edmund S.
nennung bekanntgab, erklärte er, in seiner Administra- Muskie, gearbeitet habe. Ferner war ich drei Jahre
tion nehme die US-Botschafterin bei den Vereinten lang Angehörige des Nationalen Sicherheitsrats, wo
Nationen eine entscheidende außenpolitische Posi- ich Gesetzesvorlagen koordiniert und mit vielen von
tion ein. Der Präsident fügte hinzu, nie zuvor in ihrer Ihnen und Ihren Mitarbeitern zusammengearbeitet habe.
Geschichte hätten sich die Vereinigten Staaten mit Ich respektiere die Rolle des Kongresses im Prozeß
größeren Herausforderungen oder Chancen konfron- der außenpolitischen Entscheidungsfindung. Tatsächlich bin ich unter meinen Freunden für meine "Kontiert gesehen.
greß-Perspektive" bekannt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges sind die Vereinigten
Staaten dazu prädestiniert, eine zentrale und positive Neue Anfänge und Chancen
Rolle für den Frieden zu spielen. Der Präsident stellte
femer fest, seine Vertreterin bei den Vereinten Natio- Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses,
nen müsse wissen, wie man diese Chancen ergreift Außenminister Warren Christopher hat in der verganund die Führungsrolle der Vereinigten Staaten ein- genen Woche zu Ihnen über die drei au ßenpolitischen
setzt, um unsere Ziele zu fördern und voranzubringen. Säulen der Clinton-Administration gesprochen - wirtAMERIKA DIENST 4

Seite 1

�schaftliche Sicherheit, militärische Stärke und die
Förderung von Demokratie und freien Märkten im
Ausland. Diese Themen hat der Präsident in seinem
Wahlkampf wiederholt angesprochen und erneut am
Montag vor der Georgetown University. Es wird die
Pflicht derjenigen von uns sein, die mit der Durchführung der Außenpolitik der Administration beauftragt
sind, die Verwirklichung der Ziele des Präsidenten
sicherzustellen. Ich bin der Oberzeugung, daß jedes
einzelne von ihnen bei den Vereinten Nationen verfolgt
werden kann und wird. In der Tat sind sie mit den sich
verändernden Prioritäten dieser Institution in den
Bereichen kollektive Sicherheit, humanitäre Hilfe,
umweltverträgliche Entwicklung und Förderung der
Demokratie kompatibel.
Die Geschichte wird belegen, daß das Ende des
Kalten Krieges einen Neubeginn für die Vereinten
Nationen markiert. Jeden Tag werden wir Zeuge, wie
die Vereinten Nationen die schwer zu beherrschenden
Probleme des neuen Zeitalters angehen. Die herausragenden Leistungen der Botschafter Pickering und
Perkins während der vergangenen vier Jahre und die
positiven Beiträge der Bush-Administration sollten uns
mit Stolz erfüllen. Die Vereinten Nationen befinden
sich an der Schwelle, zu der Institution zu werden, die
ihre Gründerväter im Jahr 1945 für sie vorhersahen.
Mit spürbarer Unterstützung der Vereinigten Staaten
sind die Vereinten Nationen nützlich, ein Zentrum der
Debatten und damit befaßt, Frieden und Sicherheit in
einer gespaltenen Welt zu schaffen.

vor der Geißel des Krieges zu bewahren,... unseren
Glauben an die Grundrechte des Menschen... erneut
zu bekräftigen ..., Bedingungen zu schaffen, unter
denen Gerechtigkeit und die Achtung ... des Völkerrechts gewahrt werden können, den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern."
Die Verfasser dieser Charta waren ihrer Zeh voraus.
Wir müssen nicht nur ihre Träume wahr werden lassen, sondern diese internationale Organisation auf die
Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts vorbereiten. Tun wir das nicht, werden wir vielleicht keine
zweite Chance dazu bekommen.
Bei meiner heutigen Anhörung sollte ich nicht nur auf
die große Bedeutung der Vereinten Nationen für unser
Land hinweisen. Sie sollten auch wissen, daß ich sehr
wohl die Mängel und Vielzahl von Problemen dieser
Institution sehe. Die Vereinten Nationen werden in
ihrer Arbeit durch schwerfälliges und ineffizient verwaltetes Personal, sich überschneidende Verantwortungsbereiche und eine Finanzkrise behindert. Generalsekretär Boutros-Ghali, der unermüdlich für den Frieden
tätige Diplomat, sieht diese Probleme. Wenn immer
mehr Nationen zu der Auffassung neigen "Das kann
die UNO tun" und gleichzeitig nicht auf umfassende
Reformen und die Errichtung einer soliden Finanzgrundlage drängen, dann sind die Vereinten Nationen
in Gefahr, unter dem Gewicht der ihnen neu aufgebürdeten Lasten zusammenzubrechen.

Die Vereinigten Staaten müssen großes Engagement
zeigen, um die Vereinten Nationen in das 21. Jahrhundert zu geleiten. Viele von Ihnen haben beim Kampf für
eine Reform der UNO in der ersten Reihe gestanden
und ich beabsichtige, zur Verwirklichung der von ihnen
geforderten Effizienz bei der Arbeit dieser Organisation weiterhin hart zu arbeiten. Ich muß jedoch darauf
hinweisen, daß es eine Gratwanderung zwischen der
Die Vereinten Nationen tragen auch zur Förderung von durch die Zurückhaltung von Geldern in Erwartung
Demokratie und der Verteidigung von Menschenrech- einer Reform ausgeübten Macht ist und dem Verlust
ten in Mittelamerika, Afrika und Asien bei. Die neue an Glaubwürdigkeit aufgrund großer Schulden. Jetzt
UN-Kommission für umweltverträgliche Entwicklung ist es an der Zeit, unseren ausstehenden Verpflichtunwird ein ehrgeiziges globales Umweltprogramm über- gen gegenüber den Vereinten Nationen nachzukommen und sie in die Lage zu versetzen, die Last dieses
wachen.
multilateralen Zeitalters zu tragen.
Die verstärkte Tätigkeit der UNO wird auf besonders
anschauliche Art und Weise durch die Tatsache ver- Die vor uns liegende Herausforderung
deutlicht, daß der Sicherheitsrat 1992 doppelt so oft
wie im Vorjahr zusammentraf und 74 Resolutionen - 32 Als Professorin für internationale Beziehungen und
mehr als im Jahr 1991 - annahm. Und es hat sich Präsidentin des Zentrums für Nationale Politik habe ich
gezeigt, daß keine Resolution leichtfertig verabschie- sehr viel Zeit mit der Beschreibung und Analyse der
Vergangenheit verbracht. Wir alle wissen, wieviel
det wurde.
schwieriger es ist, die Zukunft zu prognostizieren.
Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder, Unser 45 Jahre währender Kampf mit dem Kommunisich bin völlig davon überzeugt, da ß wir heute die größte mus ist beendet. Ironischerweise gab es während
Chance haben, die ursprüngliche Aufgabe der Verein- dieser Zeit bedeutend mehr Sicherheit als in der jetziten Nationen zu erfüllen. Die 1945 verfaßte Charta ruft gen. Es gibt sogar weniger Sicherheit bezüglich der
uns dazu auf, zusammen mit den in den Vereinten Zukunft. Vielleicht fällt es uns aus diesem Grund so
Nationen vertretenen Völkern "künftige Geschlechter schwer, einen Namen für dieses neue Zeitalter zu
Das zunehmende Ausmaß der UN-Bestrebungen ist
wirklich bemerkenswert. Heute nehmen über 50.000
Angehörige der UN-Friedenstruppen an 13 friedenserhaltenden und Beobachtermissionen von Somalia über
Kambodscha bis zum ehemaligen Jugoslawien teil.
Acht der 13 Missionen wurden seit 1989 in die Wege
geleitet.

Seite 2

AMERIKA DIENST 4

�finden, weshalb wir immer von der 'Zeit nach dem ordnung isoliert wird. Die Tätigkeit der Vereinten
Kalten Krieg' sprechen. Meiner Ansicht nach ist jetzt Nationen hat Auswirkungen auf das tägliche Leben der
der Zeitpunkt gekommen, an dem wir bei der Betrach- Amerikaner:
tung dieses Zeitalters den Blick mehr auf die Zukunft
Am offensichtlichsten wurde das, alsder Sicherals auf die Vergangenheit richten sollten. Wir sollten es
heitsrat die Genehmigung zum Einsatz "aller
als Privileg betrachten, zu denen zu gehören, die in
notwendigen Mittel" zur Abwehr irakischer
einem historischen Zeitalter die Rolle der Vereinigten
Aggression
und zum Schutz der humanitären
Staaten definieren. Das ist vergleichbar mit anderen
Hilfslieferungen
an die Somalier erteilte. AmeZeiten, in denen wir an einem Scheideweg standen
rikanische
Soldaten
aus Ihren Heimatstädten
und in denen internationale Systeme geschaffen wurverließen
ihre
Familien
und riskierten ihr Leben,
den, wie zum Beispiel 1815,1918 und 1945.
um den Willen der Vereinten Nationen durchzusetzen.
Im Hinblick auf unsere Aufgaben 1993 sehen wir uns
zwei dynamischen und scheinbar widersprüchlichen
Die Ausrichtung der UNO auf Umweltfragen
Kräften gegenüber: Einerseits den mächtigen Integranach
dem Erdgipfel in Rio de Janeiro wird dautionskräften - Anwachsen des Handels, explosionsarerhaften
Einfluß auf die Formulierung und Durchtige Entwicklungen im Informations-, Kommunikationsführung
unserer nationalen Umweltpolitik haund Technologiebereich, die alle die traditionellen
ben.
Barrieren niederreißen und neue Verbindungen zwischen den Menschen schaffen. Selbst einige unserer
Wir werden einfach nicht in der Lage sein, ohne
aktuellen Probleme im Zusammenhang mit unserer
die Hilfe des Hohen Flüchtlingskommissars der
globalen Umwelt, der Verbreitung von Atomwaffen,
Vereinten Nationen dem Flüchtlingsstrom an
Krankheiten, Drogenhandel und Wanderbewegungen
unseren Grenzen und denen unserer Freunde
großen Ausmaßes tragen zu diesem wachsenden
wirksam zu begegnen.
Bewußtsein der Interdependenz bei. Wir werden uns
in immer stärkerem Maße bewußt, daß Lösungen
Die Arbeit der Vereinten Nationen in den Bereigemeinsame Anstrengungen erfordern, die einzelne
chen wirtschaftliche Entwicklung und BevölkeNationen nicht unternehmen können.
rungswachstum in den ärmsten Ländern der
Welt hat letztlich auch Auswirkungen auf unsere
Diesen Integrationskräften stehen die Kräfte der Zereigene Wirtschaft, unsere Handelsmöglichkeisplitterung und Teilung gegenüber. Einige dieser
ten und unsere bilateralen AuslandshilfeproEntwicklungen rühren von dem innigen und ernsthafgramme.
ten Wunsch nach Ausdruck der eigenen Persönlichkeit in ethnischer, kultureller, religiöser und politischer
Die UNICEF stellt Nothilfe für Kinder im ehemaHinsicht her. Wir werden Zeuge, daß viele Völker nicht
ligen Jugoslawien, in Rußland, dem Sudan,
in ihrer Ansicht nach künstlichen Ländern leben wollen.
Rumänien und im Irak bereit.
Sie wollen nicht von wirklich autoritären Regierungen
oder von weniger korrupten, aber ebenso erstickenden
Die Impf Programme der UNICEF und der Weltund zentral gelenkten bürokratischen Regimen vorgegesundheitsorganisation sind unschätzbare
schrieben bekommen, wie sie zu leben haben.
weltweite und damit auch amerikanische Prioritäten im Gesundheitsbereich.
Die doppelte Herausforderung dieses neuen Zeitalters
Und falls Sie denken, ich hätte dies vergessen:
besteht in der Nutzung der sich abzeichnenden ErIch verstehe nur zu gut, daß meine Bitte an Sie,
kenntnis, daß die Nationen bei der Lösung gemeinsaunsere
Rechnungen bei den Vereinten Natiomer Probleme zusammenarbeiten und in diesem Geiste
nen
und
für die steigenden Kosten friedenserdie Exzesse des lange unterdrückten Nationalismus
haltender
Operationen zu bezahlen, mit unseeindämmen müssen. Obwohl wir Amerikaner in vieler
rem
bereits
enormen Haushaltsdefizit konkurHinsicht die Hüter des Prinzips der Selbstbestimmung
riert.
sind, tragen wir auch eine besondere Verantwortung
fürden internationalen Frieden und die Sicherheit. Die
Vereinten Nationen werden das Forum sein, in dem wir Jeder Gedanke, die Vereinten Nationen seien eine
entweder durch diese beiden Herausforderungen eine fremde, von unserem innenpolitischen Programm
friedlichere Welt bewirken, oder den Kampf verlieren getrennte Organisation, ist völlig falsch. Ich schließe
und in einer von Chaos gekennzeichneten Welt dahin- mich der Ihnen von Außenminister Christopher gegebenen Zusicherung an, daß wir uns bemühen werden,
treiben.
dem amerikanischen Volk zu erläutern, was in unserer
Die andere vor uns liegende Herausforderung besteht Außenpolitik auf dem Spiel steht, um Außenpolitik
darin sicherzustellen, daß die Arbeit der Vereinten weniger fremd erscheinen zu lassen.
Nationen nicht von unserer innenpolitischen Tages-

AMERIKA DIENST 4

Seite 3

�Eine persönliche Anmerkung

Der Aufbau einer Partnerschaft

Obwohl die Vereinten Nationen einen wichtigen Teil
unseres Lebens in diesem Land ausmachen, habe ich
zu den Vereinten Nationen eine wesentlich persönlichere Verbindung. Wie ich vor wenigen Wochen
bereits in Little Rock erklärt habe, wäre meine Familie
ohne die Vereinten Nationen nicht in den Vereinigten
Staaten. Mein Vater war als tschechoslowakischer
Diplomat Mitglied der ersten UN-Kommission für Indien und Pakistan. Kurz nach seiner Berufung auf
diesen Posten fand im Februar 1948 in der Tschechoslowakei ein kommunistischer Staatsstreich statt. Meine
Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich kamen
in die Vereinigten Staaten, während unser Vater Indien, Pakistan und Kaschmir bereiste. Nach Beendigung seiner Arbeit schloß er sich uns an. Kurz danach
beantragte er politisches Asyl. Dank der Großzügigkeit des amerikanischen Volkes wuchsen wir als freie
Amerikaner auf.

Es gibt noch eine weitere Art der Partnerschaft, auf die
ich heute eingehen möchte. Bei meinen Zusammentreffen mit vielen von Ihnen - ein Prozeß, den ich voll
und ganz genossen habe -, wurde ich durch Ihre
Äußerungen und Ihre Zustimmung bestätigt, daß dies
eine entscheidende Periode für die Vereinten Nationen und damit für uns alle ist.

Im Falle meiner Bestätigung gedenke ich, die Bindungen zwischen den Vereinten Nationen und dem Kongreß zu stärken, indem ich Ihnen meine Dienststellen
in Washington und New York öffne und so viele von
Ihnen wie möglich nach New York einlade - vielleicht
als Delegierte oder um die stattfindende Arbeit zu
beobachten. Ich habe die Absicht, kooperative Beziehungen zwischen unseren Mitarbeitern aufzubauen.
Ich werde die Einholung Ihres Rats und Ihrer Kritik als
integralen Bestandteil meiner Arbeit betrachten. Als
Mitglied von Präsident Clintons Kabinett werde ich bei
Die Tatsache bleibt bestehen, daß ich sprichwörtlich Erörterungen im Weißen Haus meine eigene Meinung
ein Kind des Kalten Krieges bin. Ich wurde in der einbringen. Dabei weiß ich jedoch, daß Ihre Ansichten
Tschechoslowakei geboren und kam in dieses Land, ein unerläßlicher Faktor bei meiner Meinungsbildung
weil meine Eltern erkannten, daß das Leben unter dem sowie bei den Ratschlägen sein werden, die ich dem
Kommunismus unerträglich war. Deshalb habe ich Präsidenten geben werde.
noch mehr als andere den Fall der Berliner Mauer und
besonders die sanfte Revolution Vaclav Havels gefei- Bei der Gründung der Vereinten Nationen war unsere
ert. Aber seit 1989 habe ich auch stets von der Gefahr Außenpolitik von Überparteilichkeit geprägt. Als ich
gesprochen, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Ihren Eingangserklärungen und Fragen bei der Anhörung von Außenminister Christopher zuhörte, wurde
Das Ende des Kalten Krieges hat zu historischen mir die historische Bedeutung jener Sitzung bewußt.
Rüstungskontrollabkommen geführt, besonders dem Obwohl einige Meinungsverschiedenheiten feststellSTART-Il-Vertrag. Die Bevölkerung der Vereinigten bar waren, herrschte bemerkenswerte ÜbereinstimStaaten führt sich wesentlich sicherer. Das Problem ist mung bei den wichtigsten tagespolitischen Themen.
jedoch, daß die Wert für viele Menschen in anderen Wir haben eine außergewöhnliche Chance, für die vor
Ländern gefährlicher ist. Ich bin der Überzeugung, uns liegenden Jahre eine starke und sehr notwendige
daß diese Generation die unausweichliche Pflicht hat, überparteiliche Außenpolitik herbeizuführen.
eine friedliche Welt aufzubauen und den abscheulichen Ungerechtigkeiten und Bedingungen ein Ende zu Ich hoffe und erwarte, häufig vor Ihnen zu sprechen.
bereiten, die die Zivilisation an der Schwelle zum 21. Ich bin sicher, daß ich Sie weiterhin bitten werde,
Jahrhundert immer noch heimsuchen: Aggression unsere Rechnungen zu bezahlen und Sie mich fragen
gegen Nationen, Völkermord, Hunger, "ethnische werden, wie das Geld des amerikanischen SteuerzahSäuberung", Massenfolter und -Vergewaltigung, gan- lers ausgegeben wird. Ich kann Ihnen versichern, daß
ze Völker betreffende Umwälzungen, Zerstörung der ich Ihnen nicht nur die Informationen geben, sondern
Umwelt, überall anzutreffende Diskriminierung und auch auf die notwendigen Reformen drängen werde.
Unterdrückung von Frauen und Kindern, die Verbrei- Aber vor allem möchte ich Ihnen versichern, daß ich
tung von Massenvernichtungswaffen sowie die Ver- bei den Abstimmungen im Sicherheitsrat, bei den
Diskussionen mit anderen Delegierten und bei meinen
weigerung echter Freiheit für so viele Menschen.
Reisen im Land, um dem amerikanischen Volk die
Und während Präsident Clinton uns daran erinnert hat, Politik der Vereinten Nationen zu erläutern, stets die
daß Amerika nicht allein die Lasten der Wert tragen amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Natiokann und sollte, ist er doch ebenso davon überzeugt, nen und nicht die Botschafterin der Vereinten Nationen
daß der Golfkonflikt und die humanitäre Hilfsoperation in den Vereinigten Staaten sein werde. Mit anderen
in Somalia das Beste dessen verkörpern, was die Worten: Ich werde nicht der Krankheit des KlienteldenBegründer der Vereinten Nationen vor 48 Jahren kens anheimfallen.
beabsichtigten: Gemeinsam mit unseren internationalen Partnern der Aggression durch gesetzlose Regie- Schlußbemerkung
rungen entgegenzutreten und die Hoffnung der BeHerr Vorsitzender und Mitglieder des Ausschusses, in
dürftigen zu erneuern.
den außerhalb der Regierung verbrachten Jahren

Seite 4

AMERIKA DIENST 4

�habe ich mich theoretisch mit der Rolle befaßt, die die
Vereinigten Staaten in dieser entscheidenden Periode
spielen können und sollten. Die Macht, die wir als
Nation gehabt haben, ergibt sich aus unserer Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und auf der Seite des
Wandelszu stehen. Wir müssen diese Macht heute für
unsere Arbeit bei den Vereinten Nationen einsetzen.
Ich bin mir der vor uns liegenden enormen Herausforderungen voll und ganz bewußt.

Präsident Clinton hat einen neuen Bund mit dem
amerikanischen Volk gefordert. Ich bin der Überzeugung, wir sollten uns darum bemühen, seine Vision zu
erweitern und einen neuen Bund unter den Nationen
zu fordern - einen Bund, der die Vielfalt der Welt, in der
wir leben, ebenso anerkennt wie unsere gemeinsamen
Bedürfnisse und Bestrebungen. Mit Ihrer Hilfe können
wir beim Aufbau dieses neuen Bundes Erfolg haben.

* *

AMERIKA DIENST 4

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
27. Januar 1993

FORTSCHRITTE BEI DER MENSCHENRECHTSSITUATION 1992, VERLETZUNGEN
DAUERN JEDOCH AN
Jahresübersicht des US-Außenministeriums

WASHINGTON - (AD) - Trotz weltweiter Fortschritte
bei der Menschenrechtssituation sind einer Vertreterin
des US-Außenministeriums zufolge immer noch zahlreiche "negative" Beispiele von Menschen rechtsverletzungen auf der Welt zu verzeichnen.
"Die Hoffnung auf eine weiterverbreitete Achtung der
Menschenrechte - in den vergangenen Jahren durch
den Zerfall der Sowjetunion und die demokratische
Umgestaltung andernorts manifestiert - wurde durch
die entsetzliche Verletzung der grundlegendsten
Menschenrechte im Jahr 1992 unterminiert", erklärt
die Abteilungsleiterin im US-Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten
Patricia Dennis in der Einleitung der am 19. Januar
1993 veröffentlichten weltweiten Übersicht des Außenministeriums über die Menschenrechtssituation.

den vergangenen Jahren enthält das vorliegende
Dokument auch Berichte über Länder, die weder Hilfsempfänger noch UN-Mitgliedstaaten sind.
Dennis stellt fest, daß im Verlauf des letzten Jahres
"falsche Propheten des Nationalismus und 'ethnischer
Säuberung' sowie religiöse Extremisten offen die in
der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte
verankerten Werte mißachtet haben."
"Obwohl als Ideologie diskreditiert, diente die Loyalität
gegenüber dem Leninismus weiterhin mehreren Regimen in Asien und Castros Kuba als Vorwand für den
Versuch, die andauernde Verweigerung der grundlegendsten politischen und Bürgerrechte für ihre Einwohner zu rechtfertigen", erläutert Dennis.

Sie fügt hinzu, in mehreren Ländern der ehemaligen
Die Berichte über 189 Länder "belegen, daß trotz Sowjetunion "ist der Prozeß der demokratischen
Fortschritten bei der Menschenrechtspolitik... im Jahr Umgestaltung in eine Pattsituation geraten, teils auf1992 zahlreiche negative Eintragungen bei der Bilanz grund des noch spürbaren Einflusses der alten Regievon Menschenrechtspraktiken zu verzeichnen waren", rungseliten."
so Dennis.
Auf der positiven Seite markiert Dennis zufolge die am
"In andauernden ethnischen und religiösen Konflikten
in Europa, Afrika und Asien litten und starben Hunderttausende, denen humanitäre Hilfe durch unmenschliche Regierungen und Kriegsherren verweigert wurde",
fügte sie hinzu.
Dennis verweist darauf, daß "in einem seit einem
halben Jahrhundert ungekannten Ausmaß barbarische Regierungschefs bewußt Greueltaten der abscheulichsten Art verübten bis hin zu Massenvergewaltigungen von Frauen in Bosnien, um die ethnischen
Bevölkerungsgruppen aus ihrer Heimat zu vertreiben."
Der gesetzlich vorgeschriebene 17. Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums an den Kongreß
befaßt sich mit Menschenrechtspraktiken in Ländern,
die von den Vereinigten Staaten Hilfe erhalten, sowie
den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Wie in
AMERIKA DIENST 4

8. Dezember 1992 in die Wege geleitete Militärmission
zur Sicherung der Nahrungsmittel- und anderer humanitärer Hilfslieferungen für die vom Hungertod bedrohten Opfer in Somalia "einen entscheidenden Moment
für die Rolle, die Menschenrechte und humanitäre
Belange in der internationalen Politik spielen können."
Diese unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen handelnden Streitkräfte durchbrachen die vollkommene Gewalt derfokalensomalischen Kriegsherren und Banditen über die Lieferungen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und andere humanitäre Hilfe,
stellt sie fest.
Als weitere Fortschritte bei den Menschenrechten
zitiert Dennis das "beachtliche Tempo", das der
Demokratisierungsprozeß'Vor allem in Afrika" gewonnen hat, die kontinuierliche Verwirklichung der Frie-

Seite 1

�densvereinbarungen in El Salvador sowie "bahnbre- Bosnien an bosnischen Muslimen verübten Ermordunchende" - wenngleich gelegentlich noch unzulängliche gen und anderen Menschenrechtsverletzungen."
- Wahlen in mehreren Ländern einschließlich Kenia,
Kambodscha
Kuwait und Kamerun.
Dieses Land "erlebte im Jahr 1992 außerordentliche
Veränderungen und erzielte bemerkenswerte Fortschritte im Menschenrechtsprozeß, obwohl ernsthafte
Probleme bestehen bleiben... Es war... unmöglich,
Menschenrechtsverletzungen in den von den Roten
"Obwohl demokratische Normen nicht die kontinuierli- Khmer gehaltenen Gebieten zu dokumentieren. Man
che Respektierung der Menschenrechte garantierten, konnte nur allgemein feststellen, daß die Roten Khmer
blieb der Trend zur Einhaltung der Menschenrechte weiterhin die Bevölkerung in ihren Gebieten durch
unter dem Strich positiv", betonte die Regierungsver- Gewalt und Einschüchterung fest im Griff halten..."
treterin.
"Politische Parteien, die in Phnom Penh Büros eröffNachfolgend einige Auszüge aus dem Bericht zur nen wollten, wurden von den Sicherheitsbehörden des
Situation in bestimmten Ländern:
Staates Kambodscha behelligt. Politische Morde wurden
in Kambodscha an unabhängigen Parteimitgliedern
Afghanistan
verübt und können in einigen Fällen eindeutig den
"Es ist unklar, ob die aufeinanderfolgenden Interimsre- Sicherheitskräften des Staates Kambodscha zugegierungen einen offiziellen internen Sicherheitsappa- schrieben werden..."

Dennis zufolge "wurde die Demokratie in Thailand
wiederhergestellt und im vom Krieg zerrütteten Mosambik bot der Aussöhnungsprozeß einen Hoffnungsschimmer".

rat geschaffen haben. Viele der Widerstandsgruppen,
einschließlich der Interimsregierungen, haben vor ihrem Sieg über das Nadschibullah-Regime mit größter
Wahrscheinlichkeit Ad-hoc-Sicherheitsvereinbarungen
getroffen. Blutige Rivalitäten brachen zwischen und
innerhalb dieser Gruppen aus. Durch den Einsatz von
Gewalt wurden die Differenzen häufig beigelegt und
die Opposition kontrolliert."
Angola
"Im ersten Jahr nach der Unterzeichnung der Friedensvereinbarungen (Mai 1991) zwischen der Regierung der Republik Angola und der Nationalen Union für
die Vollständige Unabhängigkeit Angolas (UNITA) hat
Angola die schwierige Aufgabe des nationalen Wiederaufbaus und der Aussöhnung fortgeführt, die zunächst durch Mehrparteienwahlen, dann jedoch durch
erneute Kämpfe unterstrichen wurde."

"Besonders ungeheuerlich war 1992 die rassistisch
motivierte Gewalt gegen die vietnamesische Minderheit in Kambodscha. Vietnamesen wurden ermordet
und politische Gespräche, insbesondere zwischen den
Roten Khmer und der Nationalen Befreiungsfront der
Khmer nahmen weiterhin einen prominenten Platz in
der antivietnamesischen Rhetorik ein."
China
"Über 10jähriges beeindruckendes Wirtschaftswachtum und die Erweiterung der Marktkräfte führten zu
einer Verringerung der staatlichen Kontrolle über die
Wirtschaft und zahlreiche Aspekte des täglichen Lebens
der Chinesen..."
"Die Menschenrechtspraktiken der Regierung sind nach
wie vor repressiv und bleiben weit hinter den international anerkannten Normen zurück..."

Bosnien-Herzegowina

"Hunderte, vielleicht Tausende, politische Gefangene
blieben weiterhin inhaftiert oder wurden festgehalten.
Aus Platzgründen ist es schwierig, in dem Bericht "das Die Unterdrückung von Gläubigen, die sich weigerten,
wahre Ausmaß des Schreckens und der von den sich von der Regierung geförderten religiösen Grupserbischen Streitkräften verübten Greueltaten im ein- pen anzuschließen, dauerte an. In Tibet und anderen
zelnen aufzuführen".
von ethnischen Minderheiten dicht bevölkerten Gebieten waren nach wie vor Menschenrechtsverletzungen
"Zweifelsohne waren Angehörige anderer ethnischer
zu verzeichnen. Auch Fälle von Folterungen und
Gruppen im ehemaligen Jugoslawien, einschließlich
Mißhandlungen der eines Verbrechens Beschuldigten
der Kroaten und - in wesentlich geringerem Umfang wurden dokumentiert."
bosnischen Muslime, verantwortlich für die in praktisch
allen Fällen gegen Angehörige anderer ethnischer "Auf der positiveren Seite wurden Schätzungen von
Gruppen, insbesondere Serben, gerichteten Menschen- Dissidenten in Beijing zufolge bis Mitte 1992 70 bis 80
rechtsverletzu ngen."
Prozent der in der Stadt aufgrund der Beteiligung an
den
demokratischen Demonstrationen von 1989 Fest"Die Greueltaten von Kroaten und bosnischen Musligehaltenen
freigelassen. Chinas begrenzter Dialog
men verblassen jedoch gegenüber dem bloßen Ausmit
ausländischen
Kritikern hat weiterhin einer größemaß und der kalkulierten Grausamkeit der von den
ren
Zahl
von
Chinesen
einen breiteren Blickwinkel von
serbischen und bosnisch-serbischen Streitkräften
Menschenrechtspraktiken
zugänglich gemacht, obangeblich in Verteidigung der serbischen Interessen in
Seite 2

AMERIKA DIENST 4

�wohl dieser Dialog generell von der strikten Verteidi- Iran
gung des bestehenden Systems durch die Volksrepublik China charakterisiert ist. Bescheidene Fortschrit- "Die Kontrolle der Macht durch die Regierung wird
te waren bei der Lösung einiger weniger Menschen- weiterhin durch Festnahmen, Schnellprozesse und hinrichtungen sowie andere Formen der Einschüchterechtsfälle zu verzeichnen."
rung untermauert, die von einem umfassenden inneren Sicherheitsapparat durchgeführt werden..."
Kuba
"Die Regierung beschneidet alle grundlegenden Menschenrechte in gravierenderWeise, einschließlich der
Meinungs-, Koalitions-, Versammlungsfreiheit und der
Freizügigkeit sowie dem Recht auf den Schutz der
Privatsphäre, dem Recht der Bürger, ihre Regierung
abzuwählen und Rechten der Arbeitnehmer..."
"Die Regierung verhängt ferner außergewöhnlich harte Gefängnisstrafen gegen Aktivisten, die als eine
Bedrohung ihrer Kontrolle erachtet werden. Americas
Watch berichtete, daß 'die Menschenrechtssituation in
Kuba, wo bürgerliche und politische Rechte systematisch durch das Gesetz und in der Praxis verletzt
werden, 1992 noch durch Repressalien gegen Dissidenten, insbesondere Menschenrechtsbeobachter und
friedliche prodemokratische Aktivisten, verschärft
wurde.'"

"Der Iran ist weiterhin ein Hauptverletzer von Menschenrechten, und es gab keine Hinweise auf bedeutende Veränderungen im Jahr 1992. Angesichts der
von der Regierung zur Verschleierung ihrer Menschenrechtsverletzungen ergriffenen Maßnahmen ist
es jedoch schwierig, Einzelheiten und Zahlen dieser
Übergriffe präzise anzugeben. Elemente im Inland,
die die Praktiken der Regierung beobachten und darüber berichten könnten, werden brutal unterdrückt."
Irak
"Die abscheuliche Bilanz des irakischen Regimes bei
den Menschenrechten setzte sich 1992 ohne Verbesserung fort. Systematische Verletzungen der Menschenrechte dauerten in praktisch allen Kategorien
an.

"Es gab Massenhinrichtungen politischer Gegner,
weitverbreitete Anwendung von Folter, extreme Unter"Das Ende des Bürgerkrieges brachte eine allgemeine drückung ethnischer Gruppen, Verschleppungen,
Verbesserung der Menschenrechtssituation mit sich. Verweigerung ordentlicher Verfahren und willkürliche
Es gab 1992 keine bestätigten von Todesschwadro- Inhaftierungen. Meinungs- und Koalitionsfreiheit exinen begangenen Mordfälle. Menschenrechtsverlet- stieren nicht, und die Bürgerhaben nicht das Recht auf
zungen finden jedoch nach wie vor statt. Sowohl die Änderung ihrer Regierung."
FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Marti)
als auch die ESAF (Salvadorianische Streitkräfte) "Zu den 1992 verübten besonders flagranten Übergriffen gehörten militärische Operationen gegen schiitibegingen 1992 Menschenrechtsverletzungen."
sche Nichtkombattanten im Südirak, bei denen HunHaiti
derte und wahrscheinlich sogar Tausende von Unschuldigen, darunter Kinder, getötet wurden. Sowohl
"Haitianer waren im gesamten Jahr 1992 häufig Opfer im Norden als auch in Teilen des Südens hat das
von Menschenrechtsverletzungen, darunter von Si- Regime vollständige Embargos verhängt, die den
cherheitskräften begangene Tötungen ohne Gerichts- Grundbedarf an Nahrungsmitteln, Medikamenten und
verfahren, Verschleppungen, Prügel sowie andere Treibstoff betreffen."
Mißhandlungen von Internierten und Gefangenen,
willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen sowie Israel und die besetzten Gebiete
Einmischung der Exekutive in Gerichtsverfahren.
Obwohl die schlimmsten dieser Übergriffe unter der "Trotz des Gesamtrückgangs der Gewalttaten in ZuRegierung Nerette-Honorat stattfanden, dauerten sie sammenhang mit der Intifada wurden 1992 von den
israelischen Streitkräften 62 Prozent mehr Palästinenunter der Regierung Bazin an."
ser getötet als 1991 (158 im Jahr 1992 gegenüber 98
"Die nach dem Putsch amtierende Regierung hat die im Jahr 1991). Die Vereinigten Staaten vertreten seit
Übergriffe von Elementen der Streitkräfte weder aus- langem die Haltung, daß mehrere israelische Praktidrücklich verurteilt oder ernsthaft den Versuch unter- ken wie etwa die Abschiebung von Gefangenen aus
nommen, diese einzudämmen, noch hat sie versucht, den besetzten Gebieten sowie die Zerstörung oder der
das Militär daran zu hindern, jegliche organisierte Verkauf von Häusern als Form der kollektiven BestraUnterstützung für Aristide nach dem Putsch von 1991 fung einschlägigen Bestimmungen der Vierten Genfer
Konvention zuwiderlaufen."
im Keim zu ersticken..."
El Salvador

"Am Jahresende hielten die weitverbreiteten Übergriffe an, und es gab keine Hinweise darauf, daß das
Militär zu einer Einstellung dieser Praktiken bereit oder
die zivile Regierung in der Lage war, das Militär unter
Kontrolle zu bringen."
AMERIKA DIENST 4

"Im Lauf des Jahres gab es weiterhin Fälle israelischer
Mißhandlungen von Palästinensern bei der Verhaftung und Befragung, Verbot von Reisen und Freizügigkeit, Beschränkungen der Familienzusammenführung,
administrative Internierungen, Zerstörung von Häu-

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�sern sowie diskriminierende Praktiken bei der Nutzung teln und strafrechtlich zu verfolgen sowie Gewalt gegen
von Land und Ressourcen sowie im Handel..."
Frauen (darunter Vergewaltigungen und das Verprügeln von Ehefrauen)."
"Von Palästinensern an anderen Palästinensern wegen angeblicher Kollaboration mit den israelischen Peru
Behörden und aus anderen Gründen verübte Morde
dauerten ebenfalls an. Im Westjordanland ging die "Hauptursache von Menschenrechtsverletzungen in
Zahl dieser Tötungen im Vergleich zu 1991 zurück, Peru waren weiterhin die terroristischen Aktivitäten
während sie insgesamt aufgrund des großen Ausma- des "Leuchtenden Pfads" sowie in geringerem Umfang
ßes der Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen im die Exzesse der Sicherheitskräfte."
Gazastreifen anstieg..."
Philippinen
"In der Menschenrechtsbilanz gab es in den besetzten "Von der Regierung wie auch nichtstaatlichen MenTerritorien 1992 einige Verbesserungen. Im August schenrechtsgruppen vorgelegte Informationen zeiggab die Regierung Pläne zur Freilassung von 800 ten einen wesentlichen Rückgang einzelner Verletzunpalästinensischen Gefangenen bekannt und hob die gen und Übergriffe im Jahr 1992, womit sich der
Versiegelung und Barrikaden an einigen Häusern und rückläufige Trend der vergangenen Jahre fortsetzte.
Straßen auf. Die Zerstörung von Häusern zur Bestra- Die Verbesserung beruht teilweise auf der sinkenden
fung von Vergehen gegen die Sicherheit sowie die Zahl militärischer Zusammenstöße."
administrative Internierung hielt an, wurde jedoch weniger
häufig angewandt als 1991. Die Regierung verhängte "Die Regierung und Menschenrechtsgruppen unterweniger Ausgangssperren."
nahmen gemeinsame Anstrengungen, um die Sicherheitskräfte im Hinblick auf grundlegende MenschenMosambik
rechte und Verhaltensregeln zu schulen..."
"Die Menschenrechtsverletzungen dauerten 1992 an, "Zu den größten Menschenrechtsverletzungen, die
wobei die schwerwiegendsten aus dem anhaltenden von Regierungstruppen gegen Einzelpersonen beganBürgerkrieg resultierten. Zahlreiche Berichte handel- gen wurden, zählten Tötungen ohne Gerichtsurteil,
ten von Morden an Zivilisten, Entführungen, Folterund Verschleppung, willkürliche Festnahmen, Folter sowie
Plünderungen. Obwohl die RENAMO (Nationale Belästigungen verdächtigter Rebellen und deren
Widerstandsbewegung Mosambiks) für viele dieser Anhänger."
Greueltaten verantwortlich war, machten sich auch
Regierungstruppen schwerwiegender Übergriffe schul- Rußland
dig. Sowohl die RENAMO als auch - in geringerem
Umfang - Elemente in der Regierung behinderten um "Die russischen Behörden setzten weiterhin die in den
politischer und militärischer Vorteile willen die interna- letzten Jahren errungenen Fortschritte bei den Mentionalen humanitären Hilfsbemühungen oder versuch- schenrechten um, auch wenn sich die Bedingungen im
politischen und wirtschaftlichen Bereich im Fluß befanten, diese zu manipulieren..."
den..."
"Bei einigen Aspekten hat sich die Menschenrechtsbilanz des Landes jedoch verbessert. Mit dem Start "Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Koalitionseines neuen, privaten Nachrichtenblattes wurde die und Religionsfreiheit wurden im allgemeinen gewahrt.
Pressefreiheit erweitert... Der neuen Arbeitsgesetz- Beschränkungen der Reisefreiheit blieben jedoch vor
gebung zufolge wurden mehrere Gewerkschaften dem vollen Inkrafttreten des 1991 verabschiedeten
Gesetzes über Aus- und Einreise am 1. Januar 1993
registriert und erklärten ihre Unabhängigkeit..."
bestehen."
"Obwohl ihnen finanzielle Mittel fehlten und sie auf
angebliche Behinderungen durch die Regierung ver- "In anderen Bereichen blieb der Schutz der Menschenwiesen, hielten neu entstehende politische Parteien rechte jedoch uneinheitlich. Der immer noch vom
Kongresse ab, gaben Presseverlautbarungen heraus kommunistischen Erbe bei Personal und Praktiken
geprägte Justizapparat ist trotz der Gesetze zur Förund warben Mitglieder."
derung seiner Unabhängigkeit immer noch nicht völlig
Nicaragua
unabhängig oder dazu ermächtigt, als Garant der
Menschenrechte zu handeln."
"Zu den wichtigsten fortdauernden Menschenrechtsproblemen gehörten 1992 Tötungen ohne Gerichts- "Zu den weiteren Menschenrechtsproblemen gehörverfahren, Mißhandlungen von Gefangenen und an- ten harte Bedingungen in den Gefängnissen, inoffizieldere Übergriffe der Sicherheitskräfte, Gewalttaten le Diskriminierung von Juden, die Ausübung von Druck
paramilitärischer Banden in ländlichen Gebieten... das auf unabhängige Gewerkschaften sowie die anhaltenanhaltende Versäumnis der Regierung, die Verant- de Anwendung des Systems der Aufenthaltserlaubnis,
wortlichen für Menschenrechtsverletzungen zu ermit- das die Freizügigkeit einschränkte."

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�Serbien

schüchterungsversuchen. Das von Milosevic dominierte serbische Parlament verabschiedete Gesetze
zur Einschränkung der Versammlungsfreiheit und der
Autonomie der Universitäten. Presse- und Meinungsfreiheit werden gesetzlich garantiert, aber in der Praxis
nicht respektiert."

"Unter der Kontrolle von Präsident Milosevic hat die
serbische Polizei die Menschenrechte in der serbischen Provinz Kosovo umfassend, brutal und systematisch verletzt und damit das Muster schwerer
Menschenrechtsverletzungen und systematischer
Repression der mehrheitlich albanischen Bevölkerung Südafrika
des Kosovo fortgesetzt. Die serbischen Behörden
bewahrten die völlige Kontrolle über alle Aspekte des "Obwohl die Regierung die wichtigsten gesetzlichen
politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Säulen der Apartheid aufgehoben hat, bleibt die Mehrheit
der Südafrikaner entrechtet. Nichtweiße Südafrikaner
Lebens..."
sind weiterhin de facto von Diskriminierung betroffen,
von
Beschränkungen des Rechts auf ordentliche
"Ermutigt vom Regime Milosevic benutzten serbische
Gerichtsverfahren
sowie Entbehrungen, die auf seit
Nationalisten und paramilitärische Gruppen DrohunGenerationen
bestehender
sozialer, wirtschaftlicher
gen und Gewalt, um Minderheiten einzuschüchtern und
anderer
gesetzlich
erzwungener
Ungleichheit
Muslime im Sandschak, Kroaten und Ungarn in der
beruhen."
Wojwodina sowie ethnische Albaner im Kosovo -, was
zum Verschwinden und Tod von Personen führte."
"Positive Entwicklungen im Bereich der Arbeitnehmer"Führenden serbischen und montenegrinischen de- rechte hielten 1992 an, aber es wurden wenig - wenn
mokratischen Oppositionellen wurde regelmäßig der überhaupt - Bemühungen unternommen, umdie rechtfaire Zugang zu den staatlich kontrollierten Massen- liche und gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen
medien verweigert, und sie waren Opfer von Ein- zu beheben."
* * * * *

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�THURGOOD

MARSHALL
27. Januar 1993

THURGOOD MARSHALL: PIONIER FÜR DIE
BÜRGERRECHTE
Zum Tod des ersten schwarzen Richters am Obersten Bundesgericht

WASHINGTON - (AD) - Amerikas erster Richter am
Obersten Bundesgericht schwarzer Hautfarbe, der am
24. Januar 1993 verstorbene Thurgood Marshall, war
von den vierziger bis zu den sechziger Jahren eine
überragende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Der 84jährige Marshall war im Juni 1991 beim Obersten Gerichtshof ausgeschieden. Der äußerst würdevolle Mann war auch wegen seines Sinns für Humor
bekannt - sowie besonders für seine Ungeduld angesichts des andauernden Kampfes der Schwarzen für
Gleichberechtigung in der amerikanischen Gesellschaft.

In seiner 20jährigen Tätigkeit als Rechtsanwalt der
Nationalen Vereinigung für die Förderung von Farbigen (National Association for the Advancement of
Colored People - NAACP) trug Marshall jedoch in
besonderem Maße zur Konzipierung einer Strategie
bei, die die Gerichte dazu benutzte, den schwarzen
Davor hatte er als Bürgerrechtsanwalt eine entschei- Amerikanern die vollen Bürgerrechte zu sichern dende Rolle bei der Änderung von Gesetzen gespielt, Rechte, die das politische System aus eigenem Andie die Trennung von Schwarzen und Weißen in Amerka trieb nicht zu gewähren in der Lage gewesen war. Die
verankerten. Von 32 Bürgerrechtsprozessen, die er Nation als Ganzes tendierte in jener Zeit zur Ausdehvor dem höchsten Gerichtshof des Landes führte, nung der Bürgerrechte auf die Schwarzen, und viele
verlor er nur drei.
führende Politiker, darunter Martin Luther King und
Präsident John F. Kennedy, halfen, den Weg hierfürzu
Präsident Clinton bezeichnete Marshall als "einen ebnen. Trotzdem leistete Marshall einen entscheidenGiganten beim Streben nach Menschenrechten und den Beitrag zur Beseitigung der Rassentrennung.
Chancengleichheit". Er fügte hinzu, "jeder Amerikaner
sollte für die Beiträge dankbar sein, die er als Rechts- Marshall errang seinen größten Triumph im Jahr 1954,
anwalt und Richter geleistet hat".
als das Oberste Bundesgericht in seinem historischen
Urteil im Fall Brown gegen die Schulbehörde entEs "gibt keinen lebenden Amerikaner, dessen Leben
schied, daß die Rassentrennung an den öffentlichen
nicht von dem sechzig Jahre währenden Kampf dieses
Schulen der Vereinigten Staaten verfassungswidrig
Mannes für ein Amerika berührt wurde, in dem sowohl
sei und damit dem System der "getrennten, aber
der kleine Mann als auch der Mächtige denselben
gleichen" Schulen ein Ende bereitete. Marshall hatte
Zugang zur Gerechtigkeit haben", schrieb der Kolumdie Strategie entwickelt, die den Fall vor das Gericht
nist und Marshall-Biograph Carl Rowan. Vielederrund
brachte, und sein Plädoyer führte zum Erfolg.
8.000 in ein Amt gewählten Schwarzen verdankten
ihre Chancen teilweise Marshalls Bemühungen, er- Als Jurastudent an der Howard University in der Bunklärte er. "Er war einfach eine überragende Figur."
deshauptstadt Washington begegnete Marshall in den
frühen dreißiger Jahren dem Vizedekan Charles Hamilton
Marshall war ursprünglich dafür vorgesehen, verganHouston, der sein Jurastudium in Harvard absolviert
gene Woche Vizepräsident Gore den Amtseid abzuhatte und die Studenten ermutigte, die Gerichte als
nehmen. Sein schlechter Gesundheitszustand hinderInstrument des sozialen Wandels zu betrachten. 'Charlie
te ihn jedoch daran, und vier Tage später starb er im
Houston drängte uns, soziale Ingenieure anstatt ledigMarinekrankenhaus (National Naval Medical Center)
lich Rechtsanwälte zu werden", erklärte Marshall später
von Bethesda an Herzversagen.
einmal.
In seinen 24 Dienstjahren beim Obersten Bundesgericht (1967-91) trug Marshall kontinuierlich dazu bei,
die Nation zur Gewährung weiterer Bürgerrechte für
Frauen sowie Schwarze und andere Minderheiten zu
drängen.

AMERIKA DIENST 4

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�;
Die Bundesstaaten und die Bundesregierung waren zu
dieser Zeit nicht bereit, den Schwarzen per Gesetz
mehr Rechte einzuräumen; sie fürchteten das Gewicht der Gewohnheiten und Traditionen der Mehrheit,
die strenge Trennung zwischen Schwarzen und Weißen in der Nachbarschaft, den Schulen und am Arbeitsplatz forderte. In den fünfziger Jahren verminderten jedoch der allgemeine Wohlstand und die verbesserte Bildung und Ausbildung die Ressentiments der
Weißen gegen den Fortschritt der Schwarzen. Marshall - und die anderem führenden Persönlichkeiten
schwarzer und weißer Hautfarbe seines Zeitalters nutzten diese politische Öffnung, um die Gerichte zu
veranlassen, Institutionen von Staat und Bildungswesen durch Anordnungen zur Aufhebung der Rassentrennung auf allen Gebieten des Lebens in Amerika zu
zwingen.

Rechtsvertreters dieser Organisation bei, Ende 1939
rief er deren Rechtsschutz- und Ausbildungsfonds ins
Leben, dem er bis 1961 vorstand. Dabei war er
unermüdlich für die Verbesserung der Rechte von
Minderheiten tätig. 1961 berief Präsident Kennedy ihn
in das Bundesberufungsgericht von Manhattan, 1965
wurde er von Präsident Lyndon Johnson zum Vertreter
der Bundesregierung beim Obersten Bundesgericht
und 1967 als Nachfolger des in den Ruhestand eingetretenen Richters Tom Clark in den Obersten Gerichtshof berufen.

Als er dem Gericht angehörte, bemerkte Marshall
ironischerweise, daß seine eigene Handlungsfreiheit
eingeschränkter war als während seiner Tätigkeit als
Anwalt. Seine eigenen Ansichten waren auf dem
linken Flügel dieser allgemein als liberal bis gemäßigt
geltenden Institution anzusiedeln. Marshall lenkte die
Houston und Marshall halfen auf der Grundlage der Aufmerksamkeit des Gerichts auf Bürgerrechtsfragen,
NAACP zunächst bei der Durchsetzung der Aufhe- indem er oftmals von der Meinung der Mehrheit abweibung der Rassentrennung in Universitäten und Berufs- chende Ansichten vertrat. Er war nicht nur in Bürgerrechtsfragen abweichender Meinung, sondern auch
schulen, danach in allen öffentlichen Schulen.
im Hinblick auf die Todesstrafe, die er unter allen
Jack Greenberg, ein auf Bürgerrechtsfragen speziali- Umständen für verfassungswidrig hielt. Ein solcher
sierter Jurist, erinnert sich daran, wie Marshall an der juristischer Ansatz verhalf ihm zu dem Namen "der
Umwandlung Amerikas "von einer Apartheidsgesell- große Dissident" unter Kommentatoren der Vorgänge
schaft zu einer Gesellschaft, in der Schwarze zwar beim Gericht.
noch unter Zwängen leiden, aber trotzdem eine gleiche Chance haben", teilhatte.
Zweifellos konnte Marshall mit Zufriedenheit auf die im
Laufe seines Lebens von Schwarzen und anderen
Marshall wurde 1908 in Baltimore (Maryland) geboren. Minderheiten in Amerika erzielten sozialen und wirtSeine Mutter war Lehrerin, sein Vater Kellner. Er schaftlichen Fortschritte zurückblicken. Er erlebte
wurde nach seinem Großvater benannt, der den Namen jedoch auch die durch die Aufhebung der Rassentren"Thorough Good" (vollkommen gut) wählte, als er nung in den Schulen hervorgerufenen sozialen Schwiewährend des amerikanischen Bürgerkrieges der Unions- rigkeiten, beispielsweise den umstrittenen zwangsarmee beitrat. Marshall verwendete diesen Namen in weisen Bustransfer von Schülern zwischen den Schulverkürzter Form. Später erzählte er, er und seine bezirken zur Sicherung eines rassischen GleichgeKlassenkameraden hätten in der Schule Teile der wichts in den örtlichen Schulen sowie eine Tendenz
amerikanischen Verfassung auswendig lernen müs- zur tatsächlichen erneuten Rassentrennung in den
sen, "wenn sie sich nicht gut benahmen". Mittels Schulen, da die Weißen und aufstrebende Schwarze
dieser 'Bestrafung" habe er "die Verfassung Absatz für aus den Innenstädten flohen und ihre ärmeren LandsAbsatz studiert" und so seine Berufung gefunden: Er leute sowie verfallene Stadtviertel zurückließen.
verteidigte die Menschen in Amerika, die ihre in der
Verfassung niedergelegten Rechte noch nicht wahr- Trotzdem schuf sein Werk und das anderer Männer
nehmen konnten.
seines Zeitalters eine Nation, die in den Bereichen
Ausbildung, Arbeit und öffentliches Leben vollkommen
Marshall legte als Jahrgangsbester 1933 an der juristi- gewandelt war, und Marshall blieb zeit seines Lebens
schen Fakultät der Howard University sein Examen ein unbeirrbar liberal denkender Mensch.
ab. 1936 trat erder NAACP als Berater des nationalen
* *

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* *

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�GESELLSCHAFT
27. Januar 1993

GEDANKEN ZU DEN RASSENBEZIEHUNGEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von Marc Leepson
In dem nachfolgenden Beitrag stellt der Autor ein breites Spektrum von Gedanken zu den Rassenbeziehungen
und Rassenfragen in den Vereinigten Staaten von heute vor.
Der Verfasser lebt als freiberuflicher Schriftsteller in der Bundeshauptstadt Washington. Als ehemaliger
langjähriger Mitarbeiter der Editorial Research Reports der Zeitschrift Congressional Quarterly und
Kolumnist des Magazins American Polit ics hat er umfassend über gesellschaftliche Themen in den Vereinigten
Staaten geschrieben, darunter eine Serie von jährlichen Artikeln über Sozialhilfe für Encyclopedia Americana
Yearbook.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind
eine der ethnisch und rassisch vielfältigsten Gesellschaften der Welt. Millionen von Einwanderern aus
aller Welt haben sich seit der Landung der ersten
englischen Kolonisten in Virginia im frühen 17. Jahrhundert in diesem Land niedergelassen. Die meisten
neuen Amerikaner kamen aus Europa und suchten
religiöse Freiheit und wirtschaftliche Chancen. Eine
erhebliche Zahl von Einwanderern aus Asien und
Mittelamerika ist ebenfalls in die Vereinigten Staaten
gekommen, viele davon in den vergangenen 25 Jahren
und hauptsächlich, um politischen oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu entgehen.

machten zu wählen, sowie aus anderen Gesetzen, die
Rassentrennung im Bildungswesen, bei der Arbeit
sowie der Benutzung öffentlicher Einrichtungen wie
etwa Toiletten, Bussen, Restaurants und Hotels verankerten. Afroamerikaner unterlagen jedoch auch in
den Bundesstaaten im Norden und Westen ungeschriebenen aber ebenso strengen Gesetzen der
Rassentrennung und Diskriminierung.

Erst Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zu landesweiten Fortschritten bei der Rassenintegration in der
amerikanischen Gesellschaft. Die ersten bedeutenden nationalen Bemühungen zur Förderung von Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt wurden im Juni
Die Vorfahren einer großen Gruppe von Amerikanern 1941 verwirklicht, als Präsident Franklin D. Roosevelt
kamen jedoch nicht aus eigenem freien Willen. Briti- eine Verfügung erließ, mit der eine landesweite Politik
sche Kolonisten begannen im Jahr 1619 afrikanische "nichtdiskriminierender Beschäftigung und Ausbildung"
Sklaven nach Nordamerika zu importieren. Die Skla- in allen Regierungsbehörden sowie in Privatunternehven - die meisten von ihnen in Westafrika gefangenge- men eingeführt wurde, die Aufträge der Bundesregienommen - wurden nahezu ausschließlich in den Süd- rung erhielten. Präsident Harry S. Truman hob im Jahr
staaten eingesetzt, um auf Plantagen Tabak, Zucker 1948 die Rassentrennung in den Streitkräften auf.
und Baumwolle anzupflanzen. 1865, am Ende des Hauptsächlich aufgrund dieser Maßnahmen stellen
Bürgerkriegs, gab es in den Vereinigten Staaten über die amerikanischen Streitkräfte und der öffentliche
Dienst des Bundes heute die im Hinblick auf Integravier Millionen Sklaven.
tion und Gleichberechtigung fortschrittlichsten BeschäfIn diesem Jahr sowie in den Jahren 1868 und 1870 tigungsbereiche für Afroamerikaner dar.
verabschiedeten die Vereinigten Staaten Zusätze zu
ihrer Verfassung, in denen die Sklaverei verboten und Die Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und
den Freigelassenen die vollen Bürgerrechte gewährt sechziger Jahre
wurden. Die Afroamerikaner waren jedoch weiterhin
schwerwiegenden Diskriminierungen ausgesetzt. Dies In seinem epochalen Urteil im Fall Brown gegen die
ergab sich weitgehend aus Gesetzen in den Südstaa- Schulbehörde von Topeka (Kansas) hat das Oberten, die es Afroamerikanern schwierig oder unmöglich ste Bundesgericht der Vereinigten Staaten 1954 die
AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�Rassentrennung in allen öffentlichen Bildungseinrichtungen formal für verfassungswidrig erklärt. Die Entscheidung des höchsten Gerichtshofes wurde nach
jahrelangem Drängen führender Vertreter der Nationalen Vereinigung für die Förderung von Farbigen
(National Association forthe Advancement of Colored
People - NAACP), der größten und ältesten (gegründet 1909) amerikanischen Bürgerrechtsorganisation
gefällt.

nern, als sie 'Niemals' und sonstige (die Rassen herabwürdigende) Worte riefen."

Die Bürgerrechtsbewegung war darüber hinaus entscheidend für die praktische Beendigung der von
Powledge so bezeichneten "Ära des Terrors, die das
weiße Amerika gegen das schwarze Amerika verhängt
hatte". Paul Delaney, ein leitender Redakteur bei der
New York Times, war in seiner Jugend in Montgomery
(Alabama) Zeuge jenes Terrors geworden. "Auch
Die weitreichende Entscheidung in diesem Fall ebnete heute noch erinnere ich mich lebhaft an die täglichen
der Bürgerrechtsbewegung den Weg, die in den spä- Belästigungen Schwarzer durch Weiße, die entschlosten fünfziger Jahren begann. Unter dem Einfluß der sen waren, uns 'an unserem Platz' zu halten", erklärte
von Pfarrer Martin Luther King Jr. angeführten massi- Delaney kürzlich. "Und ich erinnere mich an die
ven gewaltlosen Proteste begannen rechtliche Schran- zahllosen sinnlosen, von Polizisten begangenen Töken gegen Integration und Gleichberechtigung zu fal- tungen, die im Süden jener Zeit an der Tagesordnung
len. Der größte Erfolg der Bewegung war die Verab- waren. Ich erinnere mich an die Tötung von Jack
schiedung des historischen Bürgerrechtsgesetzes von Stringer, eines geistig behinderten 12jährigen Jungen,
1964 - eines weitreichenden nationalen Gesetzes- durch zwei weiße Polizisten in Montgomery. Ich habe
werks, das zuerst von Präsident John F. Kennedy mit eigenen Augen gesehen, wie der Onkel meines
vorgeschlagen und von seinem Nachfolger, Präsident besten Freundes von einem weißen MotorradpoliziLyndon B. Johnson, durch den Kongreß gebracht sten geschlagen wurde, nachdem dieser ihn wegen
einer angeblichen Verkehrsübertretung angehalten hatte.
wurde.
Dieser Vorfall blieb in meinem Gedächtnis haften, weil
Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 untersagte Diskri- ich diesen Onkel, einen höflichen Gentleman, zutiefst
minierung aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht respektierte, der Versicherungsvertreter und einer der
oder nationaler Herkunft am Arbeitsplatz, in öffentli- mit Ausnahme von Lehrern wenigen schwarzen Akachen Unterkünften sowie bei allen Programmen oder demiker in Montgomery war."
Maßnahmen, die mit Bundesmitteln finanziert werden.
Letztere Bestimmung versagte die Vergabe von Bun- Dem Professor für amerikanische Zivilisation und Politik
desmitteln an alle Bundesstaaten und Gemeinden, die an der Brandeis University in Massachusetts, Lawrenihre öffentlichen Schulen nicht integrierten. Im folgen- ce H. Fuchs, zufolge hat die Bürgerrechtsbewegung
den Jahr verabschiedete der Kongreß das Wahlrechts- darüber hinaus die amerikanische Gesellschaft im
gesetz von 1965, dem Präsident Johnson durch seine allgemeinen dazu veranlaßt, sich zum ersten Mal ihren
Unterschrift Gesetzeskraft verlieh. Damit wurde ein Rassenproblemen zu stellen. Die amerikanische
direkt von der Bundesregierung durchgeführtes Pro- Gesellschaft habe ein "unglaubliches Bewußtsein" für
gramm in die Wege geleitet, das schwarzen Amerika- Rassenhaß und Vorurteile "als nationales Problem"
nern die Registrierung und Teilnahme an Wahlen entwickelt, erklärte Fuchs, der Autor von The Ameriermöglichte.
can Kaleidoscope: Race, Ethnicity, and the Civic
Culture (1990) kürzlich. "Zum Beispiel gibt es in jeder
Die Bürgerrechtsbewegung und die landesweit gülti- mittelgroßen Stadt der Vereinigten Staaten einen
gen Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre haben Bürgerrechtsrat, dem Mittel zur Bewältigung von Vorin den Vereinigten Staaten grundlegende Veränderun- urteilen zur Verfügung stehen." Laut Fuchs ist dies ein
gen in den Rassenbeziehungen herbeigeführt. Zu den Beweis für die "Beschäftigung mit Gleichberechtigung
positivsten gehörte die nahezu vollständige Beseiti- aller Bürger" in der amerikanischen Gesellschaft.
gung von offenem Rassismus in den meisten Sektoren
der amerikanischen Gesellschaft. "Eines der nützlich- In den vergangenen 27 Jahren hat das Wahlrechtsgesten, wenn nicht unterhaltsamsten, Ergebnisse der setz Hunderttausenden von Afroamerikanern das
(Bürgerrechts-)Bewegung war es, die Veränderungen Wahlrecht gesichert. Es hat ferner zur Wahl von
zu beobachten, die sie bei gewährten Politikern auslö- Tausenden schwarzer Vertreter in Klein- und Großste", erklärte Fred Powledge, ein Autor, der viel über städten, Kreisen und Bundesstaaten sowie in den
Bürgerrechte geschrieben hat. "Praktisch (und in Kongreß der Vereinigten Staaten beigetragen. Dem in
einigen Fällen tatsächlich) über Nacht begannen in der Bundeshauptstadt Washington ansässigen Joint
zeitlichem Einklang mit der Verabschiedung des Center for Political and Economic Studies zufolge gibt
Wahlrechtsgesetzes Politiker, die ihre Ämter durch es heute etwa 8.000 Schwarze, die Wahlämter innehadas Predigen von Rassenhaß behalten hatten ... zu ben.
proklamieren, daß der Süden ein viel zu geschäftiger
Ort sei, um weiterhin den alten Methoden zu frönen. Zu diesen gehören ein Gouverneur, nämlich L. DouHeute haben diese Politiker ihre Meinung bis zu einem glas Wilder aus Virginia (dem Bundesstaat, in den als
Punkt gewandelt, daß sie sich kaum der Zeiten erin- ersten afrikanische Sklaven eingeführt wurden), 314

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�Bürgermeister, 448 Abgeordnete in Parlamenten der Zeit gab mir ein großes Maß an Optimismus, ziemlich
Bundesstaaten sowie 39 Mrtglieder des US-Repräsen- viel aggressive Energie, ein Gefühl, daß ich etwas
tantenhauses. Damit ist die Vorhersage von David erreichen konnte und den Wunsch, einen Beitrag zu
Bositis, einem Mitarbeiter des Joint Center, eingetre- leisten."
ten: "Aufgrund der (nach der Neueinteilung) 1992
entstandenen 12 neuen Wahlkreise mit schwarzer Ein weiteres unmittelbares Ergebnis der BürgerrechtsBevölkerungsmehrheit erwarten wir, daß es nach den bewegung war die umfassende Einführung und AusWahlen (im November) 35-40 schwarze Kongreßab- breitung afroamerikanischer Studien an amerikanischen Colleges. Vor 1970 existierten solche Seminare
geordnete geben wird."
praktisch nicht. Heute gibt es an amerikanischen
Zu den anderen weitreichenden Folgen des Bürger- Colleges und Universitäten über 200 afroamerikanirechtsgesetzes von 1964 - darin sind sich die meisten sche Studienprogramme, einschließlich eines neu
Beobachter einig - gehören die erheblichen Fortschrit- belebten an der Harvard University, das von Henry
te, die von zahlreichen Afroamerikanern beim Aufstieg Louis Gates Jr., dem prominenten schwarzen Literaauf der wirtschaftlichen Leiter gemacht wurden. Ent- turkritiker und Literaturprofessor geleitet wird.
gegen dem häufig von den Massenmedien gezeichneten Bild gehört eine solide Mehrheit der 30 Millionen "Aufgrund der nationalen Vorrangstellung von Harvard
Afroamerikaner zu den produktiven Mitgliedern der verleiht das, was dort geschieht, afroamerikanischen
großen amerikanischen Mittelschicht, und eine be- Studien auch andernorts intellektuelle Legitimität", meint
trächtliche Zahl schwarzer Amerikaner hat wirtschaft- Cornel West, der das afroamerikanische Studienprolichen Erfolg und den damit einhergehenden gesell- gramm der Princeton University leitet. "Was in Harschaftlichen Status erreicht. So zeigen Erhebungen vard geschieht, macht es schwieriger, afroamerikanides amerikanischen Statistischen Bundesamtes aus sche Studien abzuwerten."
dem Jahr 1989 zum Beispiel, daß doppelt so viele
Anhaltende wirtschaftliche Ungleichheit
schwarze Familien 50.000 Dollar oder mehr verdienten als zehn Jahre zuvor.
Trotz der vielen von der Bürgerrechtsbewegung in den
vergangenen dreißig Jahren erzielten Fortschritte
Im New Yorker Stadtbezirk Queens mit seinen etwa bestehen in den Vereinigten Staaten auch heute noch
zwei Millionen Einwohnern ergab der Zensus von viele ernste Rassenprobleme. Obwohl die schwarze
1990, daß das mittlere Jahreseinkommen - der statisti- Mittelschicht erheblich gewachsen ist, hat sich in den
sche Punkt, an dem eine Hälfte der Gruppe mehr und vergangenen Jahren die wirtschaftliche Kluft zwischen
die andere weniger verdient - schwarzer und weißer Schwarzen und Weißen vergrößert. In den achtziger
Familien nahezu gleich war. Bei Weißen lag diese Zahl Jahren und bis in die neunziger Jahre hinein lebten
bei 34.600 Dollar, bei Schwarzen erreichte sie 34.500 rund ein Drittel aller Afroamerikaner und etwa 45 bis 50
Dollar. Damit ist Queens der größte amerikanische Prozent der schwarzen Kinder unterhalb der ArmutsVerwaltungsbezirk, in dem die Einkommen von Schwar- grenze, die 1991 für eine vierköpfige Familie bei einem
zen und Weißen statistisch gleichauf liegen. Ein Gesamtjahreseinkommen von 13.000 Dollar lag. Im
Jahrzehnt zuvor lag das mittlere Jahreseinkommen Vergleich betrug die nationale Armutsquote für Hispaschwarzer Familien noch 9,5 Prozent unter dem der nier 28 Prozent und etwa 11 Prozent für Weiße. Ein
weißen Haushalte.
kürzlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlichter
"Die schwarze Bevölkerung von Queens - zumeist Bericht ergab, daß die Nettovermögenswerte der mittStaatsbedienstete oder Menschen, die in den Genuß leren schwarzen Familie - rund 4.170 Dollar - 10mal
von Gleichstellungsmaßnahmen kommen - hatte 1980 niedriger lagen als die Vermögenswerte des mittleren
und noch mehr 1990 Erfolg, und das ist der Weg, nach weißen Haushalts.
dem das System funktionieren soll", erklärt Frank
Vardy, ein Demograph in New York.
Eine weitere positive Konsequenz der Bürgerrechtsbewegung waren ihre persönlichen Auswirkungen auf
zahlreiche Amerikaner - schwarze und weiße. "Mit
meiner Generation geschah etwas einzigartiges, insbesondere mit denjenigen, die im Süden waren oder
den Integrationsprozeß mitmachten", erklärt Thulani
Davis, Dichterin, Journalistin, Opernlibrettistin und
Autorin des sehr positiv aufgenommenen Romans
1959, der sich mit den Folgen der Integration in einer
Kleinstadt Virginias beschäftigt.

Der jüngste Jahresbericht mit dem Titel "Der Zustand
des schwarzen Amerika", der im Januar 1992 von der
National Urban League, einer landesweit tätigen afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisation veröffentlicht wurde, enthielt Statistiken, die belegten, daß
Schwarze bei allen ökonomischen Wohlstandsindikatoren hinter den Weißen zurücklagen. Afroamerikaner
"befanden sich in der Rezession, bevor sich diese
Rezession überhaupt auswirkte", konstatierte der
Präsident der Urban League, John Jacob, bei der
Vorstellung des Berichts, "und heute stecken wir in
einer tiefen Wirtschaftsdepression."

Davis zufolge hat ihre Generation "eine ganz andere Zahlreiche Afroamerikaner, die in den größten Städten
Lebenseinstellung, weil wir sahen, daß eine soziale des Landes wie Atlanta, Chicago, Detroit, Los AngeBewegung funktionierte. Das Heranwachsen in dieser les, Miami, New York, Philadelphia, St. Louis und
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�Washington leben, sind immer härteren wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ausgesetzt. Hohe
Quoten bei Arbeitslosigkeit, Drogenmißbrauch, Gewaltverbrechen und Haushalten mit nur einem Elternteil sowie der Verfall der Infrastruktur haben die dicht
besiedelten Innenstädte heimgesucht.

den letzten 30 Jahren drastisch abgenommen", so
James Q. Wilson, Professor für Verwaltung und öffentliche Politik an der University of California in Los
Angeles. "Dies wird von jeder wissenschaftlichen
Meinungsumfrage und, was noch wichtiger ist, vom
Verhalten der Menschen bestätigt. Vor dreißig Jahren
war es nahezu unvorstellbar, daß es überall im Süden
Sich verschlechternde soziale und wirtschaftliche schwarze Abgeordnete, schwarze Richter, schwarze
Bedingungen unter Schwarzen in den Großstädten Polizisten, schwarze Polizeichefs gibt. Dies ist heute
des Landes sind "eines der wichtigsten gesellschaftli- im Süden ebenso normal wie in den ganzen Vereinigchen Probleme des ausgehenden 20. Jahrhunderts", ten Staaten. Es gibt in den Großstädten mehr nach
erklärt William Julius Williams, Soziologieprofessor an Rassen getrennte Wohngebiete wie vor 30 Jahren.
der University of Chicago und Verfasser des einf lu ßrei- Die Ursachen hierfür sind ein wichtiges Diskussionschen, 1987 veröffentlichten Buches The Truly Disad- thema, aber ich bin nicht der Meinung, daß schlichter
vantaged. Es wird "immer schwieriger", so Williams, Rassismus dazugehört. Am Arbeitsplatz, in politi"ein gesundes Umfeld in diesen großen, zentralen schen Unternehmen, in Wirtschaft und GewerkschafStädten zu haben, wenn eine erhebliche Bevölke- ten ist die Integration jedoch wesentlich weiter fortgerungsschicht gesellschaftlich isoliert ist".
schritten als vor den sechziger Jahren."
"Nie zuvor haben so viele arme Schwarze in solcher
Armut so eng zusammengelebt", äußert Alan Wolfe,
Professor für Soziologie und Politologie an der New
School for Social Research in New York. "Die Armut
der Schwarzen in den Städten hat soziale Bedingungen geschaffen, die in diametralem Gegensatz zu dem
Versprechen einer humanen und sicheren Sozialordnung stehen." Welche "Fortschritte die Schwarzen der
Mittelschicht auch gemacht haben mögen", fügt Wolfe
hinzu, "die Lage der in Armut lebenden städtischen
Schwarzen hat sich in den vergangenen 25 Jahren bis
zu einem Punkt verschlechtert, an dem sie alle anderen im gleichen Zeitraum erzielten Fortschritte in den
Rassenbeziehungen bedroht".
Der Anglistikprofessor Shelby Steele von der San Jose
State University, der viel über dieses Problem geschrieben hat, beschrieb die Innenstädte des Landes
als Orte, die von "enorm großem Mangel" überwältigt
werden. Familien werden Steele zufolge 'Verwüstet.
Eltern werden ihren Kindern entrissen, und wir ziehen
unsere Kinder in der Gewißheit auf, daß die Hälfte von
ihnen im Gefängnis sitzen oder tot sein werden, bevor
sie ihr 21. Lebensjahr vollenden."

Andere Beobachter erklären, Fragen von Rasse und
Rassismus bildeten gemeinsam mit Veränderungen in
der amerikanischen Wirtschaft die Ursache der Probleme, mit denen die amerikanischen Innenstädte
konfrontiert sind. "Was in den vergangenen 20 Jahren
hauptsächlich geschah, war die massenhafte Abwanderung weißer Amerikaner aus den amerikanischen
Großstädten, in denen eine großenteils aus Minderheiten und Einwanderern zusammengesetzte arme
und vom Steueraufkommen her schwache Bevölkerung zurückblieb, und in denen die Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeiter gleichzeitig ausgedünnt
wurden", so der Journalist und Verfasser des Buches
Parting the Waters: America in the King Years,
Taylor Branch.

Meinungsumfragen deuten stark darauf hin, daß
Schwarze und Weiße in den Vereinigten Staaten diametral entgegengesetzte Meinungen über das Ausmaß des Rassismus vertreten. Im allgemeinen ergeben diese Umfragen, daß vergleichweise wenig Wei ße
der Ansicht sind, weißer Rassismus gegen Schwarze
sei weit verbreitet oder stark, während große Mehrheiten bei den Schwarzen das Gegenteil für richtig halten.
Eine zu Beginn des Jahres 1992 von der Washington
Die jüngsten Gewalttaten in Los Angeles und anderen
Post veranstaltete Umfrage ergab zum Beispiel, daß
amerikanischen Städten, die nach dem Freispruch von
71 Prozent der Schwarzen meinten, Afroamerikaner
vier weißen Polizisten vom Vorwurf der Mißhandlung
würden nicht so rasch wie möglich gleichgestellt, weil
eines Schwarzen im Mai 1992 ausgebrochen waren,
die Weißen ihnen den Erfolg nicht gönnten. Nur 35
richteten die Aufmerksamkeit erneut auf die LebensProzent der Weißen hielten dies für richtig.
bedingungen der Afroamerikaner in den größten Städten des Landes. Einige sind der Ansicht, die Wurzel Weiße und Schwarze in den Vereinigten Staaten "haben
des Problems sei der anhaltende und rücksichtslose zwei verschiedene ethnische Sprachen entwickelt,
Rassismus der Weißen. "Von der Sklaverei bis heute und zentraler Bestandteil dieser Unterschiede in der
hat die Nation ihre Türen niemals weit genug geöffnet, Sprache sind die verschiedenen Definitionen des
um schwarzen Amerikanern eine Chance zu geben, Rassismus", erklärt der Soziologe Robert Blauner von
vollwertige Mitbürger zu werden", schrieb der Politolo- der University of California in Berkeley. "In diesen
ge Andrew Hacker vom Queens College in seinem beiden verschiedenen ethnischen Sprachen betrachunlängst veröffentlichten Buch Two Nations: Black tet die schwarze Rasse und Rassismus als absolut
and White, Separate, Hostile and Unequal.
zentralen Bestandteil der amerikanischen Kultur und
der Organisationsform der Gesellschaft, während Weiße
Andere teilen diese Ansicht nicht. "Nach allen Ma ßstä... Rasse und Rassismus nicht für zentral halten."
ben hat der Rassismus in den Vereinigten Staaten in
Seite 4

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�Andere stimmen dieser Beurteilung zu, erklären aber
auch, daß die meisten Amerikaner - Schwarze und
Weiße - Ansichten vertreten, die näher beieinander
liegen als sie sich bewußt sind. "Man hört viele
Schwarze schreien, daß der Rassismus an allen Ecken

und Enden zu spüren sei, und man hört viele Weiße
schreien 'Ich bin kein Rassist! Ich hege keine Animositäten gegen Schwarze'", meint Shelby Steele. "Nun,
die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte."

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warnung Clintons an Saddam Hussein: Amerikas Entschlossenheit bleibt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Äußerungen Clintons vor Diplomatischem Korps&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. UNO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: UNO am Ende des Kalten Krieges vor zweifacher Herausforderung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung der designierten US-Vertreterin bei der UNO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Fortschritte bei der Menschenrechtssituation 1992, Verletzungen dauern jedoch an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresübersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thurgood Marshall&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Thurgood Marshall: Pionier für die Bürgerrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum Tod des ersten schwarzen Richters am Obersten Bundesgericht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gedanken zu den Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Marc Leepson&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
4-7

&lt;*

Z12462C

27. Januar 1994
LAGE DER NATION

CLINTON: USA MUSSEN FUHRUNGSROLLE
IM AUSLAND ERNEUERN
Bericht zur Lage der Nation

AUSSENPOLITIK

CLINTON: EUROPAREISE HAT SICHERHEIT
UND DEMOKRATIE AUF DER WELT GEFÖRDERT
Rede des Präsidenten an der Howard University

KONGRESS

UMFASSENDE AUSSENPOLITISCHE TAGESORDNUNG FÜR NEU ZUSAMMENGETRETENEN
KONGRESS

4

Rede zur Lage der Nation leitet
neue Sitzungsperiode ein

BUSINESS INFORMATION
CENTER

FRANKFURTER BUSINESS INFORMATION
CENTER IST WICHTIGES SYMBOL
Eröffnungsansprache von Botschafter Holbrooke
ERÖFFNUNG DES BUSINESS INFORMATION
CENTER IN FRANKFURT
Ansprache von Staatssekretär Garten
DEUTSCH-AMERIKANISCHE HANDELSBEZIEHUNGEN BEISPIELHAFT
Ansprache von Botschafter Cleveland

PORTRÄT

WILLIAM PERRY- KENNER DES PENTAGON
UND ABRÜSTUNGSEXPERTE
Porträt des designierten Verteidigungsministers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�LAGE

DER

NATION
26. Januar 1994

CLINTON: USA MÜSSEN FÜHRUNGSROLLE
IM AUSLAND ERNEUERN
Bericht zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - Mit der Bekräftigung, nichts sei wichtiger für die Sicherheit der Vereinigten Staaten als
eine starke Verteidigung, erläuterte Präsident Clinton am 25. Januar 1994 vor dem Kongreß seine Haushaltsvorlage, die einen Strich unter weitere Kürzungen der Verteidigungsausgaben ziehe sowie die Einsatzbereitschaft und Qualität der amerikanischen Streitkräfte schütze.
In seinem Bericht zur Lage der Nation machte der Präsident den Gesetzgebern des Landes eindeutig klar, daß
letztlich die beste Strategie zur Gewährleistung der Sicherheit der Vereinigten Staaten und zum Aufbau eines
dauerhaften Friedens in der Unterstützung der demokratischen Reformkräfte in Rußland und den anderen
Nachfolgestaaten des ehemaligen Sowjetblocks bestehe.
Die Vereinigten Staaten streben Clinton zufolge die Zusammenarbeit mit Rußland bei der Lösung regionaler
Probleme an, während sie gleichzeitig darauf bestehen, daß russische Truppen unter strenger Einhaltung der
internationalen Normen und nur mit Zustimmung der Nachbarstaaten auf deren Territorium operieren dürfen.
Der Präsident fügte hinzu, seine Administration werde auf die Erneuerung der amerikanischen Führungsrolle im
Ausland hinarbeiten und die demokratische Erneuerung, Menschenrechte sowie umweltverträgliche Entwicklung weltweit unterstützen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation im Wortlaut.

Mr. Speaker, Herr Präsident, verehrte Mitglieder des
103. Kongresses, meine amerikanischen Mitbürger,
ich hoffe, wir können heute abend über die Lage der
Nation sprechen.
Zu Beginn möchte ich Sie bitten, sich an den herausragenden Mann zu erinnern, der den Vorsitz dieser
Kammer so kraftvoll und geschickt geführt hat. Tip
O'Neill bezeichnete sich gerne als "Mann des Repräsentantenhauses". Das war er zweifelsohne. Noch
mehr war er jedoch ein Mann des Volkes, der Sohn
eines Maurers, der zum Aufbau der großartigen amerikanischen Mittelschicht beitrug. Tip O'Neill vergaß
niemals, wer er war, wo er herkam, oder wer ihn hierhin
entsandt hatte. Heute abend blickt er zum ersten Mal
von dort oben auf uns herab. Ihm zu Ehren sollten
auch wir uns daran erinnern, wer wir sind, woher wir
kamen, und wer uns hierhin entsandt hat.
Wenn wir dies tun, werden wir immer wieder auf das
Prinzip stoßen, daß Durchschnittsmenschen Außerordentliches vollbringen werden, wenn wir ihnen nur
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gleiche Chancen, eine qualifizierte Ausbildung und
eine faire Möglichkeit zur Verwirklichung des Amerikanischen Traums bieten.
Wir sind heute abend in einer Welt versammelt, in der
sich so tiefgreifende und rasche Veränderungen vollziehen, daß alle Nationen auf die Probe gesteift werden. Unser amerikanisches Vermächtnis lautete stets,
einen solchen Wandel zu meistern, ihn zur Erweiterung der Chancen im Inland und unserer Führungsrolle im Ausland zu nutzen. Zu lange Zeit und in
vielfältiger Hinsicht wurde dieses Vermächtnis jedoch
au ßer acht gelassen, und u nser Land verlor die Orientierung.
Seit dreißig Jahren bricht das Familienleben in den
Vereinigten Staaten auseinander. Seit zwanzig Jahren stagnieren oder sinken die Löhne der Arbeitnehmer. Während der zwölfjährigen Wirtschaftsentwicklung mit Sickereffekt haben wir einen trügerischen
Wohlstand auf einer hohlen Grundlage aufgebaut und
unsere nationale Verschuldung vervierfacht. Von
1989 bis 1992 erlebten wir das langsamste Wachstum
Seite 1

�seit einem halben Jahrhundert. Zu vielen Familien
entglitt der Amerikanische Traum, selbst wenn beide
Elternteile berufstätig waren.

laub und Urlaub aus familiären Gründen für einen
Vater bedeutete, den ich an einem Sonntagmorgen im
Weißen Haustraf.

1992 forderte das amerikanische Volk eine Veränderung. Vor einem Jahr habe ich Sie alle gebeten, mit mir
gemeinsam die Verantwortung für die Zukunft unseres
Landes zu übernehmen. Das haben wir getan. Wir
haben Orientierungslosigkeit und die festgefahrene
Situation durch Erneuerung und Reform ersetzt. Ich
möchte allen hier Anwesenden danken, die den Ruf
des amerikanischen Volkes vernommen, die Pattsituation durchbrochen und die seit 30 Jahren erfolgreichste Teamarbeit zwischen einem Präsidenten und
dem Kongreß geleistet haben.

Es war ungewöhnlich, am frühen Sonntagmorgen eine
Familie dort auf einer Besichtigungstour zu sehen. Es
war eine Familie mit drei Kindern, eines davon im
Rollstuhl. Ich ging zu ihr, und nachdem ein Photo
gemacht worden war und wir einen Rundgang gemacht hatten, wollte ich weitergehen, aber der Mann
faßte mich am Arm und sagte: "Herr Präsident, ich
möchte Ihnen etwas sagen. Meine kleine Tochter hier
ist schwerkrank. Sie wird wahrscheinlich nicht mehr
lange zu leben haben. Aber aufgrund des Gesetzes
über Urlaub aus familiären Gründen konnte ich freinehmen, um Zeit mit ihr zu verbringen - die wichtigste
Dieser Kongreß hat einen Haushalt vorgelegt, der das Zeit meines Lebens - ohne meinen Arbeitsplatz zu
Defizit um eine halbe Billion Dollar kürzt, die Ausgaben verlieren und meiner Familie zu schaden. Es bedeutet
verringert und die Einkommensteuer nur für die wohl- mehr für mich, als ich in Worte fassen kann. Denken
habendsten Amerikaner erhöht hat. Dieser Kongreß Sie dort oben auf dem Hügel nie, daß Ihre Arbeit nichts
hat Millionen Arbeitnehmern mit niedrigem Einkom- bewirkt. Sie bewirkt etwas."
men Steuererleichterungen eingeräumt, um Arbeit statt
den Bezug von Sozialhilfe zu belohnen. Er hat das Obwohl wir etwas bewirken, hat unsere Arbeit erst
NAFTA hervorgebracht. Er hat die Brady-Gesetzes- begonnen. Viele Amerikaner spüren die Auswirkunvorlage erarbeitet, die jetzt Gesetz ist. Jim Brady, ich gen unserer Arbeit noch nicht. Die wirtschaftliche
danke Ihnen, daß Sie heute abend hier anwesend sind. Gesundung hat noch nicht alle Gemeinden erreicht
Möge Gott Sie schützen.
oder genügend Arbeitsplätze geschaffen. Die Einkommen stagnieren noch immer, es gibt immer noch
Dieser Kongreß hat Steuererleichterungen gewährt, zu viel Gewalt und an zu vielen Orten nicht genug
um die Steuern für 90 Prozent der Kleinunternehmen Hoffnung. Im Ausland sehen sich die von uns uneinzu senken, die das Geld jetzt zu verstärkten Investitio- geschränkt unterstützten jungen Demokratien noch
nen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen verwenden. immer schwierigen Zeiten gegenüber und erwarten
unsere Führungsrolle. Lassen Sie uns also heute
Der Kongreß hat mehr Forschungsmittel und Theraabend die Fortsetzung des Kurses der Erneuerung
piemöglichkeiten für AIDS, mehr Impfstoffe für Kinder,
beschließen, mehr und bessere Arbeitplätze zu schafForschung zur Gesundheit der Frau, zinsgünstige
fen, Krankenversicherung für alle zu garantieren, Arbeit
Kredite für Collegestudenten der Mittelschicht und ein
statt den Bezug von Sozialhilfe zu belohnen, Demokraneues Programm für einen nationalen Sozialdienst für
tie im Ausland zu fördern, unsere Straßen von Gewalt
diejenigen gefördert, die ihrem Land und ihren Geund Drogen zu befreien und unsere amerikanische
meinden etwas für die weiterführende Bildung zurückGemeinde zu erneuern.
geben wollen. Dieser Kongreß hat sich für eine
drastische Erhöhung von Investitionen im Hochtech- Im vergangenen Jahr haben wir durch die Inangriffnahnologiebereich ausgesprochen, um die Wirtschaft des me des in den Bankrott führenden Haushaltsdefizits
Landes von der Rüstungs- zur High-tech-lndustrie zu begonnen, unser Haus in Ordnung zu bringen. Wir
verlagern. Der Kongreß hat eine neue Gesetzesvorla- haben Ausgaben einschließlich der gesetzlich festgege unterbreitet, damit sich Millionen von Amerikanern legten bei über 340 Haushaltsposten in Höhe von 255
zur Wahl registrieren lassen können, und er hat Erzie- Milliarden Dollar gekürzt. Wir haben die Ausgaben im
hungsurlaub sowie Urlaub aus familiären Gründen Inland eingefroren und ehrliche Zahlen in unserem
eingeführt.
Haushalt aufgeführt.
Alle Vorlagen wurden verabschiedet. Alle wurden
ohne ein einziges Veto als Gesetze erlassen. Alle
diese Leistungen waren, als ich dieses Amt anstrebte,
lediglich Versprechungen. Und sie mußten alle von
Ihnen in diesem Kongreß verabschiedet werden. Ich
bin jedoch überzeugt, daß das wahre Lob den Menschen gebührt, die uns hierhin entsandt haben, die
unsere Gehälter bezahlen, die uns Dampf machen.

Unter der Schirmherrschaft des Vizepräsidenten haben wir eine Kampagne zur Umstrukturierung der
Regierung in die Wege geleitet. Wir haben den Mitarbeiterstab reduziert, Sondervergütungen gekürzt und
sogar die Dienstwagenflotte verringert. Nach Jahren
mit Politikern, deren Rhetorik die Bürokratie attackierte, deren Aktionen sie jedoch aufblähte, werden wir
den bürokratischen Apparat in den nächsten fünf Jahren
tatsächlich um 252.000 Mitarbeiter abbauen. Wenn
Aber wir fangen wirklich an, das Leben zu verändern.
wir das vollbracht haben, wird die Regierung die niedIch möchte Ihnen nur ein Beispiel nennen. Ich werde
rigste Mitarbeiterzahl seit 30 Jahren haben.
nie vergessen, was das Gesetz über ErziehungsurSeite2

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�Weil das Defizit so hoch war und die wohlhabendsten
Amerikaner in den achtziger Jahren von Steuersenkungen profitierten, haben wir sie gebeten, mehr zum
Abbau des Defizits beizutragen. Am 15. April werden
die Amerikaner die Wahrheit über das erfahren, was
wir im vergangenen Jahr bezüglich der Steuern unternommen haben. Nur die obersten 1,2 Prozent unserer
Bürger werden - wie ich immer wieder betont habe eine höhere Einkommensteuer bezahlen. Ich wiederhole - nur die wohlhabendsten 1,2 Prozent der Amerikaner werden sich mit höheren Einkommensteuern
konfrontiert sehen, sonst niemand. Und das ist die
Wahrheit.
Natürlich gab es - wie immer in der Politik - die
Neinsager, denen zufolge dieser Plan nicht funktionieren wird. Sie hatten jedoch unrecht. Als ich Präsident
wurde, prognostizierten die Experten für dieses Jahr
ein Defizit von 300 Milliarden Dollar. Aber weil wir
gehandelt haben, sagen dieselben Experten jetzt, das
Defizit werde unter 180 Milliarden Dollar betragen - 40
Prozent weniger als vorhergesagt.
Unser Wirtschaftsprogramm hat zur niedrigsten Inflationsrate und den niedrigsten Zinssätzen seit 20 Jahren beigetragen. Und weil die Zinssätze niedrig sind,
nehmen Investitionen in Unternehmen siebenmal schneller zu als in den vergangenen vier Jahren. Die Autoverkaufszahlen sind sehr hoch, der Immobilienmarkt boomt
mit Rekordzahlen. Millionen Amerikaner haben ihr
Eigenheim neu finanziert, und unsere Wirtschaft hat
1993 1,6 Millionen Arbeitsplätze im Privatsektor geschaffen - mehr als in den letzten vier Jahren zusammengenommen.
Diejenigen, die diesen Wirtschaftsplan unterstützt haben,
sollten auf seine frühzeitigen Ergebnisse stolz sein.
Jeder in dieser Kammer sollte jedoch wissen und
anerkennen, daß noch mehr zu tun ist. Im nächsten
Monat werde ich Ihnen den Entwurf für den sparsamsten Haushalt übersenden, der je dem Kongreß vorgelegt wurde. Er sieht Kürzungen der Ausgaben bei mehr
als 300 Programmen, die Abschaffung von 100 innenpolitischen Programmen und Reformen bei der staatlichen Beschaffung von Waren und Dienstleistungen
vor. In diesem Jahr müssen wir erneut schwierige
Entscheidungen treffen, um mit dem knappen Ausgabenrahmen zu leben, den wir festgesetzt haben. Das
müssen wir tun. Wir haben bewiesen, daß wir das
Defizit abbauen können, ohne die wirtschaftliche
Gesundung abzublocken, ohne die älteren Menschen
der Mittelschicht zu bestrafen und ohne unsere nationale Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Wenn Sie sich an
diesen Plan halten, werden wir zum ersten Mal, seit
Harry Truman im Weißen Haus lebte, drei aufeinanderfolgende Jahre des Defizitabbaus erleben. Und
nochmals - wir tragen die Verantwortung.
Unser Wirtschaftsplan fördert darüber hinaus unsere
Stärke und Glaubwürdigkeit im Ausland. Sobald wir

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das Defizit verringert und uns wieder für den Konkurrenzkampf gewappnet hatten, reagierte die Welt mit
einem Abbau der Handelsschranken. In einem Jahr
haben wir mit NAFTA, GATT, mit unseren Bestrebungen in Asien und der nationalen Exportstrategie mehr
zur Öffnung der Weltmärkte für amerikanische Produkte getan als je zuvor in den vergangenen zwei
Generationen.
Das bedeutet mehr Arbeitsplätze und einen höheren
Lebensstandard für die Amerikaner, ein niedriges Defizit,
eine niedrige Inflationsrate, niedrige Zinssätze, wenige Handelsschranken und hohe Investitionen. Dies
sind die Bausteine unserer Gesundung. Wenn wir
jedoch die in der Weltwirtschaft vor uns liegenden
Chancen voll ausschöpfen wollen, müssen wir mehr
tun, wie Sie alle wissen.
Wenn wir die Verteidigungsausgaben kürzen, bitte ich
den Kongreß, mehr in die Technologien von morgen zu
investieren. Die Rüstungskonversion wird unsere
militärische Stärke aufrechterhalten und hier im Inland
Arbeitsplätze für unsere Mitbürger schaffen.
Wenn wir die Umwelt schützen, müssen wir in die
Umwelttechnologien der Zukunft investieren, die Arbeitsplätze hervorbringen. In diesem Jahr werden wir
für ein überarbeitetes Gesetz über saubere Gewässer,
ein Trinkwasserschutzgesetz sowie ein reformiertes
Superfonds-Programm kämpfen. Der Vizepräsident
hat recht - wir müssen auch mit dem Privatsektor
zusammenarbeiten, um jedes Klassenzimmer, jede
Praxis, jede Bibliothek, jede Klinik in Amerika bis zum
Jahr 2000 an ein nationales Superinformationsnetz
anzuschließen.
Stellen Sie sich vor - unverzüglicher Zugang zu Informationen wird die Produktivität erhöhen und zur Ausbildung unserer Kinder beitragen, bessere medizinische Versorgung gewährleisten, Arbeitsplätze schaffen. Und ich fordere den Kongreß auf, in diesem Jahr
ein Gesetz zur Einrichtung dieses Superinformationsnetzes zu erlassen.
Wenn wir die Chancen verbessern und Arbeitsplätze
schaffen, müssen alle einbezogen werden. Wir müssen weiterhin die faire Kreditvergabe, gerechte Zuteilung von Wohnungen und die Umsetzung aller Bürgerrechtsgesetze gewährleisten, weil Amerika seine
Erneuerung nicht beendet haben wird, bevor nicht
jeder daran teilhaben kann.
Wir wissen, daß wir dies alles leisten können - unser
wirtschaftliches Haus in Ordnung bringen, den Werthandel erweitern, die Arbeitsplätze der Zukunft ausmachen, Chancengleichheit garantieren - wenn wir
jedoch ehrlich sind, werden wir zugeben, daß diese
Strategie nicht funktionieren kann, wenn wir unseren
Bürgern nicht auch die Aus- und Fortbildung sowie die
Fähigkeiten vermitteln, die sie benötigen, um diese
Chancen von morgen zu ergreifen.

Seite 3

�Wir müssen strenge akademische und berufliche
Standards von Weltklasse für unsere Kinder setzen
und unseren Lehrern und Studenten das Handwerkszeug geben, das sie zu ihrer Erfüllung benötigen. Dank
unseres Programms Goals 2000 können einzelne
Schulbezirke mit Ideen wie der Verwaltung ihrer Schule durch Privatunternehmen oder größeren Auswahlmöglichkeiten unter Schulen experimentieren - können tun, was sie wollen, solange jede Schule an einem
hohen Standard gemessen wird: Lernen unsere Kinder, was sie wissen müssen, um in der Weltwirtschaft
konkurrieren und gewinnen zu können?

Ersatzeltern zahlen müßten, die sich um ihre Kinder
kümmern. Wenn wir intakten Familien Wert beimessen, können wir nicht ein System beibehalten, das in
Wirklichkeit diejenigen bestraft, die zusammenbleiben.
Können Sie sich vorstellen, daß ein Teenager mit
einem Kind mehr staatliche Unterstützung erhält, wenn
er auszieht, als wenn er zu Hause bei den Eltern oder
Großeltern bleibt? Das ist nicht nur schlechte Politik es ist falsch. Und wir müssen es ändern.

Ich habe mich jahrelang zusammen mit anderen
Gouverneuren
und Kongreßabgeordneten beider
Goals 2000 verbindet Weltklassestandards mit basisParteien
sowie
der
einer anderen Partei angehörenorientierten Reformen. Und ich hoffe, der Kongreß
den
vorherigen
Administration
mit diesem Problem
wird das Programm ohne Verzögerung verabschiebefaßt,
bevor
ich
Präsident
wurde.
Ich habe mit vielen
den.
Sozialhilfeempfängern an diesem Problem gearbeitet.
Unsere Initiative Übergang ins Berufsleben wird Und ich möchte allen hier Anwesenden etwas sagen,
zum ersten Mal Schulen mit der Arbeitswelt in Verbin- denen dieses Problem wichtig erscheint. Diejenigen,
dung bringen, indem mindestens ein Lehrjahr nach die dieses System am meisten verändern wollen, sind
Abschluß der High School angeboten wird. Schließlich die davon Abhängigen. Sie wollen von der Sozialhilfe
hat die Mehrzahl der Menschen, auf die wir beim wegkommen. Sie wollen wieder arbeiten. Sie wollen
Aufbau unserer wirtschaftlichen Zukunft zählen, kei- etwas für ihre Kinder tun.
nen College-Abschluß. Wir dürfen sie nicht länger
ignorieren und müssen anfangen, ihnen Befugnisse zu Als ich Gouverneur war, habe ich einmal eine Anhörung anberaumt, an der Sozialhilfeempfänger aus
übertragen.
ganz Amerika teilnahmen, die wieder einen ArbeitsWir müssen unser veraltetes Arbeitslosensystem platz gefunden hatten. Einer Frau aus meinem Bunbuchstäblich in ein neues Wiederbeschäftigungssy- desstaat wurde die Frage gestellt: "Was ist das Beste
stem verwandeln. Das alte Arbeitslosensystem hielt daran, nicht länger Sozialhilfeempfänger zu sein und
einen quasi nur über Wasser, während man auf den wieder einen Arbeitsplatz zu haben?" Und ohne einen
alten Arbeitsplatz wartete. Wir benötigen ein neues Moment zu zögern, sah sie die 40 Gouverneure an und
System, damit die Menschen neue und bessere Ar- sagte: "Wenn mein Junge zur Schule geht und gefragt
beitsplätze erhalten können, weil die meisten der alten wird, womit seine Mutter ihren Lebensunterhalt verArbeitsplätze für immer verloren sind. Und wir wissen, dient, kann er eine Antwort geben." Diese Menschen
daß der einzige Weg zu echter Arbeitsplatzsicherheit wollen ein besseres System, und wir sollten es ihnen
in der Zukunft darin besteht, einen guten Arbeitsplatz bieten.
mit steigendem Einkommen zu finden, echte Talente
und die Fähigkeit zu haben, neue zu erlernen. Wir Wir haben im letzten Jahr damit begonnen. Wir haben
müssen also das Flickwerk der heutigen Ausbildungs- den Bundesstaaten mehr Befugnis zur Erneuerung
programme modernisieren und sie zur Quelle neuer gegeben, weil wir wissen, daß viele großartige Ideen
Fähigkeiten für diejenigen machen, die ihren Arbeits- nicht unbedingt in Washington geboren werden, und
viele Bundesstaaten greifen bereits darauf zurück.
platz verlieren.
Dann hat dieser Kongreß einen dramatischen Schritt
Wiederbeschäftigung - nicht Arbeitslosigkeit - mu ß das unternommen. Statt Menschen mit bescheidenem
Kernstück unserer wirtschaftlichen Gesundung wer- Einkommen durch Steuern in die Armut zu treiben,
den. Ich fordere Sie auf, diesen Vorschlag während haben wir ihnen geholfen, den Weg aus der Armut zu
der derzeitigen Sitzungsperiode des Kongresses zu finden, indem wie die Steuervergünstigungen für ihr
Einkommen drastisch erhöht haben. Damit können 15
verabschieden.
Millionen Arbeitnehmerfamilien der Armut entkomUnd ebenso wie unser Arbeitslosensystem müssen men, weil Arbeit statt Sozialhilfe belohnt wird, und die
wir unser Sozialwesen revolutionieren. Es funktioniert Menschen erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche
nicht. Es widerspricht unseren Werten als Nation. Eltern sein können. Das ist eine echte Reform des
Wenn wir der Arbeit Wert beimessen, können wir nicht Sozialwesens.
ein System rechtfertigen, das Sozialhilfe attraktiver als
Arbeit macht, weil man sich über den Verlust seiner Es bleibt jedoch noch mehr zu tun. In diesem Frühjahr
Krankenversicherung Sorgen machen muß. Wenn wir werde ich Ihnen einen umfassenden Gesetzentwurf
Verantwortung Wert beimessen, können wir die 34 Mil- zur Reform des Sozialwesens vorlegen, der sich auf
liarden Dollar nicht ignorieren, die sich der Verantwor- das Gesetz zur Unterstützung der Familie von 1988
tung entziehende Eltern als Unterhalt an die Millionen gründet und der grundlegenden Verantwortung wieder

Seite 4

AMERIKA DIENST 4

�Wert beimißt. Wir werden Teenagern sagen, wenn Ihr
ein uneheliches Kind habt, geben wir Euch nicht länger
einen Scheck, um einen eigenen Haushalt zu gründen.
Wir wollen, daß die Familien zusammenbleiben. Wir
sagen den Eltern, die sich der Verantwortung entziehen, nicht für den Unterhalt ihrer Kinder aufkommen
und sich nicht um sie kümmern, wir werden Euer
Gehalt pfänden, Euch die Lizenz entziehen, Euch über
Staatsgrenzen hinweg verfolgen und Euch gegebenenfalls dazu zwingen, einen Teil dessen abzuarbeiten, den Ihr schuldet.
Menschen, die Kinder in diese Wert setzen, können
und dürfen sie nicht im Stich lassen. Aber allen von
Sozialhilfe Abhängigen sollten wir letztlich einen einfachen Handel anbieten. Wir stellen die Unterstützung
bereit, die berufliche Ausbildung, die Kinderbetreuung,
die Ihr für ein bis zwei Jahre benötigt. Aber danach
muß jeder, der kann, arbeiten - im Privatsektor, wenn
möglich, im Gemeindedienst, wenn nötig. Dies ist der
einzige Weg, Sozialhilfe zu dem zu machen, was sie
sein sollte - eine zweite Chance, nicht eine Lebensform.
Ich weiß, es wird schwierig, die Reform des Sozialwesens 1994 in Angriff zu nehmen, wenn wir gleichzeitig
das Gesundheitswesen reformieren. Meines Erachtens ist dies jedoch unvermeidlich und zwingend nötig.
Heute sind schätzungsweise eine Million Menschen
von Sozialhilfe abhängig, weil dies der einzige Weg ist,
eine Krankenversicherung für ihre Kinder zu bekommen. Diejenigen, die sich gegen Sozialhilfe zugunsten
eines Arbeitsplatzes ohne Krankenversicherung entscheiden - und viele Jobs für Berufsanfänger sind nicht
mit einer Krankenversicherung verbunden - finden sich
in der unglaublichen Position, Steuern zu zahlen, die
zur Finanzierung der Krankenversicherung für diejenigen beitragen, die sich für den Bezug von Sozialhilfe
entschieden haben. Kein Wunder, daß die Menschen
ihren Arbeitsplatz aufgeben und wieder Sozialhilfe in
Anspruch nehmen, um eine Krankenversicherung zu
bekommen. Wir müssen das Problem des Gesundheitswesens lösen, um einem echte Reform des Sozialwesens vornehmen zu können.
Dieses Jahr werden wir also Geschichte machen,
indem wir das Gesundheitswesen reformieren. Und
ich möchte Ihnen allen - die Regierungsbeamten wie
ich sind - sagen, daß dies ein weiteres Thema ist, bei
dem das Volk den Politikern weit voraus ist. Das
mögen beide Parteien nicht gerne hören, aber es ist
zufällig die Wahrheit.
Wie Sie wissen, hat die First Lady inzwischen fast
einen Million Briefe von Menschen aus ganz Amerika
und aus allen Schichten erhalten. Ich möchte Ihnen
nur einen vorlesen. Richard Anderson aus Reno
(Nevada) verlor seinen Arbeitsplatz und damit seine
Krankenversicherung. Zwei Wochen später hatte
seine Frau Judy eine Gehirnblutung. Er raste mit ihr

AMERIKA DIENST 4

ins Krankenhaus, wo sie 21 Tage auf der Intensivstation lag.
Die Rechnung der Andersons blief sich auf über 120.000
Dollar. Obwohl Judy sich erholte und Richard wieder
Arbeit fand, zu 8 Dollar die Stunde, waren die Rechnungen zu hoch, und sie wurden buchstäblich in den
Bankrott getrieben.
"Frau Clinton", schrieb er an Hillary, "niemand in den
Vereinigten Staaten sollte alles verlieren müssen, für
das er sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, weil er
das Pech hatte, krank zu werden."
Um den Richard und Judy Andersons von Amerika zu
helfen, haben die First Lady und viele andere so hart
und lange an diesem Problem der Gesundheitsreform
gearbeitet. Wir schulden ihnen unseren Dank und
unsere Taten.
Ich weiß, es gibt hier einige, die sagen, es gebe keine
Krise im Gesundheitswesen. Sagen Sie das zu Richard und Judy Anderson. Sagen Sie das zu den 58
Millionen Amerikanern, die jedes Jahr eine Zeitlang
überhaupt keine Krankenversicherung haben. Sagen
Sie es zu den 81 Millionen Amerikanern mit einer
Krankheitsvorgeschichte - sie zahlen mehr oder bekommen überhaupt keinen Versicherungsschutz, oder
können nie ihren Arbeitsplatz wechseln, weil sie oder
ein anderes Familienmitglied eine Krankheitsvorgeschichte haben. Sagen Sie es den Kleinunternehmen,
die die Last explodierender Versicherungskosten zu

tragen haben. Die meisten Kleinunternehmen versichern ihre Beschäftigten und zahlen im Durchschnitt
35 Prozent mehr an Beiträgen als Großunternehmen
und die Regierung. Oder sagen Sie es den 76 Prozent
versicherter Amerikaner, deren Policen bei drei Vierteln von ihnen auf eine bestimmte Lebenszeit begrenzt
ist. Und das heißt, sie haben dann überhaupt keinen
Versicherungsschutz mehr, wenn sie ihn am meisten
benötigen.
Wenn also irgend jemand von Ihnen glaubt, es gebe
keine Krise, dann sagen Sie es diesen Menschen denn ich kann es nicht.
Es gibt einige, die die Auswirkungen dieses Problems
auf das Leben der Menschen schlicht und einfach nicht
verstehen. Alles was sie tun müssen, ist, ihnen
zuzuhören. Sprechen Sie einfach mit ihnen in irgendeinem Wahlbezirk. Sie sind Republikaner und Demokraten und Unabhängige - es hat mit der Partei überhaupt nichts zu tun. Sie glauben, wir bekommen keine
allgemeine Krankenversicherung, und es ist an der
Zeit, ihnen zu zeigen, daß wir sie bekommen.
Vom ersten Tag an zielte unsere Initiative zum Gesundheitswesen darauf ab, das Gute in unserem
Gesundheitswesen zu stärken - die besten Ärzte und
das beste Pflegepersonal der Welt, modernste Forschung, ausgezeichnete Forschungsinstitutionen,

Seite 5

�Medicare für ältere Amerikaner. Nichts davon sollte
aufs Spiel gesetzt werden. Aber wir zahlen immer
mehr Geld für immer weniger Versorgung. Jedes Jahr
können immer weniger Amerikaner ihren Arzt selbst
wählen. Jedes Jahr verbringen Ärzte und Krankenschwestern mehr Zeit mit Papierbergen und weniger
Zeit mit den Patienten wegen des absolut bürokratischen Alptraums, zum dem das derzeitige System
geworden ist.

len, sowie Krankenversicherungsprämien, die nicht
explosionsartig in die Höhe schnellen, wenn man krank
oder älter wird, die Macht - ungeachtet dessen, wie
klein Ihr Betrieb ist - sich für eine zuverlässige Versicherung zu denselben wettbewerbsfähigen Beiträgen
zu entscheiden, die der Regierung und großen Unternehmen eingeräumt werden, eine einfache Möglichkeit für Kranke, und vor allem freie Wahl eines Versicherungsplans und freie Arztwahl.

Dieses System ist gespickt mit Ineffizienz, Mißbrauch
und Betrug - und das ist allgemein bekannt. Im
heutigen Gesundheitswesen haben die Versicherungsgesellschaften das Sagen. Sie suchen sich aus, wen
sie versichern und wie sie das tun. Sie können ihre
Leistungen einstellen, wenn Sie den Versicherungsschutz am stärksten benötigen. Sie sitzen am Hebel.

Unser Ansatz schützt ältere Amerikaner. Jeder dem
Kongreß vorgelegte Plan enthält den Vorschlag zur
Einschränkung von Medicare. Der Unterschied liegt
darin, daß wir der Ansicht sind, diese Einsparungen
sollten zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge für
unsere älteren Mitbürger eingesetzt werden. Medicare muß geschützt werden, sollte rezeptpflichtige
Medikamente umfassen, und wir sollten erste Schritte
unternehmen, um eine Pflegeversicherung anzubieten.

Was bedeutet das? Das bedeutet, daß jede Nacht
Millionen gut versicherter Amerikaner zu Bett gehen,
nur eine Krankheit, einen Unfall oder eine Krankmeldung davon entfernt, keinen Versicherungsschutz zu
haben oder vor dem finanziellen Ruin zu stehen. Das
bedeutet, daß jeden Morgen Millionen von Amerikanern ohne jeglichen Versicherungsschutz zur Arbeit
gehen - was in keinem anderen fortschrittlichen Land
der Welt der Fall ist. Das bedeutet, da ß sich jedes Jahr
immer mehr hart arbeitende Menschen einen neuen
Arzt suchen müssen, weil ihr Chef einen neuen Versicherungsplan wählen mußte. Und zahllose andere
lehnen besser bezahlte Arbeitsplätze ab, weil sie wissen, daß sie sonst ihre Krankenversicherung verlieren.

Denjenigen, die Medicare kürzen wollen, ohne ältere
Menschen zu schützen, sage ich, daß die Lösung der
Engpässe bei der Gesundheitsfürsorge für die arbeitende Mittelschicht nicht darin besteht, Engpässe bei
der Gesundheitsfürsorge für die pensionierten Angehörigen der Mittelschicht zu schaffen. Wir können es
besser machen. Wenn alles erledigt und geregelt ist,
erscheint es mir ziemlich einfach. Versicherungsschutz sollte bedeuten, was er früher bedeutete. Man
zahlt einen fairen Preis für die Sicherheit, und wenn
man krank wird, ist eine Versicherung - welcher Art sie
auch sein mag - immer vorhanden.

Wenn wir im Gesundheitswesen weiterhin den Dingen
ihren Lauf lassen, wird es in unserem Land Menschen Im Zusammenhang mit dergarantierten Krankenversimit weniger Versorgung, weniger Wahlmöglichkeiten cherung müssen wir alle zugeben, daß wir selbst
und höheren Rechnungen geben.
dieses System verantwortlicher nutzen sollten. Die
Menschen müssen ihre Kinder impfen lassen. Wir alle
Unser Ansatz dient dazu, die Qualität der Versorgung sollten Vorsorgeuntersuchungen vornehmen lassen.
und die Wahlmöglichkeit der Menschen zu bewahren. Wir alle müssen zusammenarbeiten, um der Gewalt
Er baut auf dem heutigen Fu nktionieren des Privatsek- Einhalt zu gebieten, durch die unsere Notaufnahmen
tors auf, der Erhöhung der Deckung durch den Arbeit- in den Krankenhäusen überfüllt sind. Wir müssen
geber und der Gewährleistung einer Privatversiche- mehr auf unsere Gesundheit achten und dürfen das
rung für jeden Amerikaner. Und ich darf hinzufügen, System nicht mißbrauchen. Diejenigen, die bei unsedaß die Idee einer Privatversicherung durch den Ar- rem Ansatz keinen Versicherungsschutz genießen,
beitgeber für jeden Amerikaner dem Kongreß vor 20 werden diesen erhalten, müssen jedoch auch dafür
Jahren von Präsident Richard Nixon vorgelegt wurde. bezahlen. Die wenigen Unternehmen, die keinerlei
Das war damals eine gute Idee und ist heute sogar eine Versicherungsschutz anbieten und dadurch anderen
noch bessere Idee.
die Kosten für die Versorgung ihrer Angestellten aufbürden, sollten einen Beitrag leisten. Die Raucher
Warum streben wir eine garantierte Privatversichesollten mehr für ein Päckchen Zigaretten bezahlen.
rung an? Der Grund ist, daß heute 90 Prozent der
Jeder kann einen Beitrag zur Lösung der Krise in
Versicherten ihre Deckung durch den Arbeitgeber
unserem Gesundheitswesen leisten. In Zukunft darf
erhalten - und das sollte auch in Zukunft so sein. Und
es nichts mehr umsonst geben. Das wird nicht leicht
wenn Ihr Arbeitgeber Ihnen gute Leistungen zu einem
sein, aber es ist möglich.
vernünftigen Preis anbietet, sollte das weiterhin so
sein. Das sollte den Kongreß und den Präsidenten In den kommenden Monaten werde ich hoffentlich mit
zufriedener stimmen.
Demokraten und Republikanern gleichermaßen an der
Gesundheitsreform
zusammenarbeiten, um unter
Unser Ziel ist eine Krankenversicherung für jeden Einsatz
der
Kräfte
des
Marktes die Kosten zu senken
umfassende Leistungen, die Vorsorgeuntersuchunund
dauerhafte
Gesundheitsfürsorge
zu erreichen.
gen und rezeptpflichtige Medikamente umfassen solSeite6

AMERIKA DIENST 4

�Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, daß wir uns in
diesem Land seit 60 Jahren um eine Reform des
Gesundheitswesens bemüht haben. Präsident Roosevelt unternahm einen Versuch, ebenso wie die
Präsidenten Truman, Nixon und Carter. Jedesmal
waren bestimmte Interessengruppen stark genug, um
diese Versuche scheitern zu lassen, aber diesmal wird
das nicht der Fall sein.
Ich bin mir bewußt, daß die Konfrontation mit diesen
Interessen Mut erfordert. Sie wird entscheidende
Fragen über die Art und Weise der Finanzierung
unserer Wahlkampagnen aufwerfen und darüber, wie
die Lobbyisten ihren Einfluß geltend machen. Offen
gesagt wird es nicht leichter werden, Wandel herbeizuführen, wenn wir nicht den Einfluß finanzkräftiger
Interessengruppen begrenzen, die vom jetzigen Systemprofitieren. Daher fordere ich Sie alle jetzt auf, die
von beiden Häusern des Kongresses im vergangenen
Jahr begonnene Arbeit zu vollenden, indem Sie dieses
Jahr eine harte und sinnvolle Reform der Finanzierung
des Wahlkampfes und des Lobbyismus durchführen.
Meine amerikanischen Mitbürger, dies ist ein echter
Test füruns alle. Das amerikanische Volk versorgt uns
in der Regierung mit ausgezeichneter Gesundheitsfürsorge zu vernünftigen Preisen. Uns steht immer eine
Versicherung zur Verfügung. Meines Erachtens müssen
wir jedem hart arbeitenden Steuerzahler denselben
Krankenversicherungsschutz anbieten, der uns bereits gewährleistet wird.
Ich möchte ganz deutlich werden: Wie ich wiederholt
gesagt habe, bin ich guten Ideen von Mitgliedern
beider Parteien gegenüber aufgeschlossen. Ich stelle
keine spezifische Anforderung an einen Ansatz - selbst
bei unserer eigenen Gesetzesvorlage - außer der
folgenden: Wenn Sie mir ein Gesetz vorlegen, das
nicht jedem Amerikaner eine private Krankenversicherung garantiert, die nicht rückgängig gemacht werden
kann, zwingen Sie mich, mein Veto gegen dieses
Gesetz einzulegen, und damit wären wir wieder am
Anfang angelangt.
Meines Erachtens wird das jedoch nicht geschehen.
Ich denke, daß wir jetzt zum Handeln bereit sind. Ich
denke, daß Sie jetzt zum Handeln bereit sind. Und daß
Sie bereit sind, jedem Amerikaner dieselbe Gesundheitsfürsorge anzubieten, die Sie genießen und die
nicht wieder entzogen werden kann. Jetzt, nicht im
nächsten oder übernächsten Jahr, ist es an der Zeit,
uns hinter diejenigen zu stellen, die uns hierher entsandt haben. Jetzt.
Während wir gemeinsam diese Schritte zur Erneuerung unserer Stärke im Inland unternehmen, dürfen wir
nicht unsere Verpflichtung zur Erneuerung unserer
Führungsrolle im Ausland vergessen. Dies ist ein
vielversprechender Moment. Als Ergebnis der in diesem und im vergangenen Jahr erzielten Abkommen
werden die strategischen Nuklearwaffen Rußlands

AMERIKA DIENST 4

nicht längerauf die Vereinigten Staaten gerichtet sein.
Und wir werden unsere nicht mehr auf Rußland richten.
Anstatt Weltraumwaffen zu entwickeln, werden uns
russische Forscher beim Aufbau einer internationalen
Weltraumstation behilflich sein.
Natürlich ist die Welt immer noch voller Gefahren:
Sprunghafte Weiterverbreitung von Waffen, erbitterte
regionale Konflikte, ethnische und nationalistische
Spannungen in vielen jungen Demokratien, schwerwiegende Umweltzerstörung auf der ganzen Wert und
Fanatiker, die überall die Städte terrorisieren. Als
größte Macht der Welt müssen wir daher unsere
Verteidigung und unsere Verantwortung beibehalten.
Dieses Jahr gelang uns die Anklage von Terroristen
und die Verhängung von Sanktionen gegen diejenigen, die ihnen Schutz gewähren. Wir bemühten uns
um die Förderung umweltverträglichen Wirtschaftswachstums. Wir schlössen Abkommen mit der Ukraine, Belarus und Kasachstan über die vollständige
Beseitigung ihrer Atomwaffenarsenale. Wir setzen
uns für eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel
ein. Wir streben die frühzeitige Ratifizierung des
Vertrags über das weltweite Verbot von Chemiewaffen
an. Und heute haben wir gemeinsam mit über 30
anderen Nationen die Verhandlungen über ein umfassendes Verbot aller Atomtests aufgenommen.
Nichts ist jedoch für unsere Sicherheit bedeutender als
unsere Streitkräfte. Wir würdigen den von ihnen zu der
am längsten andauernden humanitären Luftbrücke
der Geschichte in Bosnien geleisteten Beitrag, den
Beitrag derjenigen, die ihre Mission in Somalia in
diesem Jahr beenden werden und ihrer mutigen
Kameraden, die dort ihr Leben ließen. Unsere Streitkräfte sind die besten, über die unsere Nation je
verfügte, und ich habe versprochen, daß sie - solange
ich Präsident bin - die am besten ausgerüstete, am
besten ausgebildete und am besten vorbereitete
Kampftruppe auf der Welt bleiben werden.
Vergangenes Jahr schlug ich einen Verteidigungsplan
vor, der unsere Sicherheit in der Zeit nach dem Kalten
Krieg zu geringeren Kosten gewährleistet. Dieses
Jahr wurde ich vielfach aufgefordert, unsere Verteidigungsausgaben weiter zu senken, um andere staatliche Programme finanzieren zu können. Ich habe Nein
gesagt. Der von mir dem Kongreß vorgelegte Haushalt zieht einen Strich unter weitere Kürzungen der
Verteidigungsausgaben. Er schützt die Einsatzbereitschaft und Qualität unserer Streitkräfte. Letztlich ist
das die beste Strategie. Wir dürfen unsere Verteidigungsausgaben nicht mehr senken. Ich hoffe, daß die
Kongreßabgeordneten ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit diese Position unterstützen.
Letztlich besteht die beste Strategie zur Gewährleistung unserer Sicherheit und zum Aufbau eines dauerhaften Friedens in der Förderung der Demokratie im

Seite 7

�Ausland. Demokratien greifen einander nicht an. Sie
sind bessere Partner in den Bereichen Handel und
Diplomatie. Aus diesem Grund haben wir - Sie und ich
- die demokratischen Reformkräfte in Ru Bland und den
anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion unterstützt. Ich begrüße die im letzten Jahr von
diesem Kongreß gezeigte parteiübergreifende Unterstützung unserer Initiativen, Rußland, der Ukraine und
den anderen Staaten während ihrer heroischen Umgestaltung Beistand zu leisten.
Bei unserer Förderung der Reformen müssen wir
Geduld angesichts der enormen Aufgabe mit dem
Schutz unserer grundlegenden Interessen und Werte
kombinieren. Wir werden weiterhin in Rußland und
den anderen Staaten auf eine Fortsetzung der eingeleiteten Wirtschaftsreformen drängen und Zusammenarbeit mit Rußland bei der Lösung regionaler Probleme
anstreben. Gleichzeitig werden wir darauf bestehen,
daß russische Truppen nur dann in Nachbarstaaten
operieren dürfen, wenn diese Staaten ihrer Präsenz
zustimmen und sie im strikten Einklang mit internationalen Normen steht.

die Ratifizierung des neuen GATT-Abkommens ersuchen und Südafrika bei seinem mutigen, hoffnungsvollen und schwierigen Übergang zur Demokratie weiterhin Beistand leisten. Wir werden einen Gipfel der
demokratischen Staats- und Regierungschefs der
westlichen Hemisphäre von Kanada bis zur untersten
Spitze Südamerikas veranstalten. Und wir werden
weiterhin auf die Wiederherstellung einer wirklichen
Demokratie auf Haiti drängen.
Beim Aufbau konstruktiver Beziehungen zu China
müssen wir nach wie vor auf einer eindeutigen Verbesserung der Menschenrechtssituation in diesem Land
bestehen.

Wir werden uns auch für Fortschritte beim Friedensprozeß im Nahen Osten einsetzen. Im letzten Jahr war
die Welt Zeuge des historischen Händedrucks der
Versöhnu ng zwischen Yitzhak Rabin u nd Yassir Arafat
vor dem Weißen Haus. Aber vor ihnen liegt noch ein
langer und steiniger Weg. Ich bin entschlossen,
gemeinsam mit meiner Administration alles in unserer
Macht Stehende zu tun, um einen umfassenden und
dauerhaften Frieden für die Völker der Region zu
Während diese Nationen ihre eigene Zukunft gestalten schaffen.
- und das müssen sie tun - müssen wiruns jedoch auch
vor Augen halten, in wieviel mehr Sicherheit und In unserem Land gibt es Stimmen, die fordern, nach
Wohlstand unser Volk leben wird, wenn im gesamten dem Ende des Kalten Krieges solle Amerika der Welt
ehemaligen Ostblock demokratische und marktwirt- den Rücken drehen. Auf der Welt bestand die weitverschaftliche Reformen erfolgreich durchgeführt wer- breitete Angst, daß wir eben das tun würden. Ich bin
den. Unsere Politik besteht in der Unterstützung jedoch bei meiner Amtsübernahme die Verpflichtung dieser Bewegung, und das ist auch die Politik des die keinen parteipolitischen Beigeschmack hat - eingegangen, die Sicherheit unserer Nation zu bewahren,
Kongresses. Wir sollten sie fortsetzen.
indem Amerika in der übrigen Welt engagiert bleibt.
Aus diesem Grund bin ich Anfang dieses Monats nach Und dieses Jahr haben wir durch unsere gemeinsame
Europa gereist, um mich in Zusammenarbeit mit unse- Arbeit - Abschluß des Nordamerikanischen Freihanren europäischen Partnern um eine Integration aller delsabkommens (NAFTA), Beibehaltung starker und
ehemals kommunistischen Länder in ein Europa zu einsatzbereiter Streitkräfte, Förderung der Demokrabemühen, das zum ersten Mal im Verlauf seiner tie im Ausland - die Führungsrolle und das EngageGeschichte die Chance zur Einigung hat - seiner ment Amerikas erneut bekräftigt, und als Folge davon
gesamten Geschichte, die auf dem einfachen Engage- lebt das amerikanische Volk in größerer Sicherheit als
ment aller europäischen Nationen für Demokratie, zuvor.
freie Marktwirtschaft und Respektierung der besteObwohl die Amerikaner vor Bedrohungen aus dem
henden Grenzen beruht.
Ausland sicherer sind, wissen wir alle, daß wir vor
Wir haben gemeinsam mit unseren Verbündeten eine Gefahren hier im eigenen Land weniger gefeit sind.
Der nationale Frieden wird jeden Tag durch die KrimiPartnerschaft für Frieden geschaffen, die den Staaten
des ehemaligen Sowjetblocks und anderen Nichtmit- nalität bedroht.
gliedstaaten der NATO militärische Zusammenarbeit
mit der NATO anbietet. Bei meinen Zusammenkünf- In Petaluma (Kalifornien) endet eine unschuldige Party
ten mit führenden Politikern Mitteleuropas- einschließ- junger Mädchen mit einer entsetzlichen Tragödie für
lich Lech Walesa und Vaclav Havel, Männern, die für die Familie von Polly Klaas. Eine normale Zugfahrt auf
die Freiheit ihr Leben riskierten - teilte ich ihnen mit, Long Island endet in einem Kugelhagel. Ein Tourist in
daß die Sicherheit ihrer Region für die Sicherheit Florida wird, nur weil er ein Schwarzer ist, von Verfechtern der Intoleranz und Selbstgerechtigkeit beinahe bei
unseres Landes wichtig ist.
lebendigem Leibe verbrannt.
Dieses Jahr müssen wir auch mehr zur Unterstützung
der demokratischen Erneuerung, der Menschenrech- Hier in der Hauptstadt unserer Nation wird ein mutiger
te und umweltverträglichen Entwicklung auf der gan- junger Mann namens Jason White, ein Polizist, Sohn
zen Welt unternehmen. Wir werden den Kongreß um und Enkel von Polizisten, skrupellos niedergeschossen.

Seite 8

AMERIKA DIENST 4

�Gewaltverbrechen und die daraus resultierende Angst
lähmen unsere Gesellschaft, schränken unsere persönliche Freiheit ein und belasten unsere Beziehungen.
Das dem Kongreß vorliegende Gesetz zur Verbrechensbekämpfung gibt Ihnen die Möglichkeit, dagegen hart und geschickt vorzugehen. Was heißt das?
Zunächst einmal möchte ich klarstellen, daß mir dieses Thema sehr wichtig ist. Vor vielen Jahren, als ich
meine politische Laufbahn begann, war ich Justizminister meines Heimatstaats.
Zwölf Jahre lang war ich als Gouverneur tätig. Ich
weiß, was es bedeutet, Gesetze zur Erhöhung des
Strafmaßes zu unterzeichnen, was es bedeutet, mehr
Gefängnisse zu bauen und die Todesstrafe zu verhängen. Ich kenne mich mit dieser Frage aus und weiß,
daß sie nicht einfach ist.
Erstens müssen wir uns bewußt machen, daß die
meisten Gewaltverbrechen von einem kleinen Prozentsatz Krimineller verübt werden, die sogar während
ihres Hafturlaubs die Gesetze brechen. Diejenigen,
die Verbrechen begehen, sollten bestraft werden, und
denjenigen, die wiederholt Gewaltverbrechen verüben, sollte gesagt werden, daß sie beim dritten Mal
ein für allemal eingesperrt werden - nach dem dritten
Mal ist Schluß.
Zweitens müssen wir ernsthaft Schritte zum Abbau
von Gewalt und zur Verhütung von Verbrechen unternehmen, angefangen mit einer größeren Zahl von
Polizisten und einem stärkeren Polizeiwesen in den
Gemeinden. Wir wissen, daß die Polizisten, die auf
Streife gehen, ihre Kandidaten kennen, von den Kindern der Gegend respektiert werden, sich auf Gebiete
mit hoher Kriminalität konzentrieren, und wir wissen,
daß sie wahrscheinlich eher Verbrechen verhüten und
Kriminelle fassen.
Halten Sie sich die in Houston gemachte Erfahrung vor
Augen. Die Verbrechensrate fiel in einem Jahr um 17
Prozent, als dieser Ansatz umgesetzt wurde. Heute
abend ist einer der Gemeindepolizisten anwesend, ein
mutiger junger Kriminalbeamter, Kevin Jett, dessen
Revier acht Häuserblocks in einer der gefährlichsten
Wohngegenden New Yorks umfaßt. Er stellt bei
denjenigen, für deren Schutz er verantwortlich ist,
täglich Sicherheit, Vernunft, ein Gefühl für Werte und
Zugehörigkeit her. Ich bitte ihn, sich zu erheben, damit
ihn alle heute abend sehen können.
Sie werden eine Chance erhalten, die Sie an die Kinder
dieses Landes weitergeben können, die gesetzestreuen, arbeitenden Menschen in diesem Land. Und
vergessen Sie nicht: In den schlimmsten Wohngebieten Amerikas, in den Gegenden mit der höchsten
Verbrechensrate steht die überwiegende Mehrheit der
Menschen jeden Tag auf und befolgt das Gesetz, zahlt
Steuern und gibt ihr Bestes bei der Erziehung ihrer

AMERIKA DIENST 4

Kinder. Diese Menschen verdienen jemanden wie
Kevin Jett. Wir haben die Möglichkeit, dem amerikanischen Volk weitere 100.000 dieser gut ausgebildeten
Polizisten zur Verfügung zu stellen, und ich fordere Sie
auf, diese Möglichkeit zu nutzen.
Ihnen liegt eine Gesetzesvorlage zur Verbrechensbekämpfung vor, die auch die Einrichtung einer Polizeitruppe vorsieht, die junge Menschen ermutigt, eine
Ausbildung zu durchlaufen und diese durch einen
Dienst als Polizist zu finanzieren, die Militärs im Ruhestand ermutigt, ins Polizeiwesen überzuwechseln enorme Ressourcen für unser Land, Bestimmungen,
um unsere Schulen sicherer zu machen, damit unsere
jungen Menschen die Möglichkeit haben, sicher in die
Schule zu gelangen und in der Schule in Sicherheit zu
sein, anstatt Gewehrkugeln ausweichen zu müssen.
Das alles sind wichtige Angelegenheiten.
Unsere dritte Aufgabe besteht darin, aufbauend auf
dem Brady-Gesetz weitere Schritte zu unternehmen,
um zu verhindern, daß Kriminelle in den Besitz von
Waffen gelangen.
Dieses Thema möchte ich gerne näher ausführen.
Jäger sollten weiterhin auf die Jagd gehen können,
gesetzestreue Erwachsene sollten weiterhin Waffen
besitzen und ihr Heim verteidigen dürfen. Ich respektiere diesen Teil unserer Kultur. Ich bin damit aufgewachsen. Aber ich bitte die Sportler und andere
rechtmäßige Waffenbesitzer, uns bei dieser Kampagne zur Verminderung bewaffneter Verbrechen zu
unterstützen. Ich weiß, daß Sie nicht für dieses
Problem verantwortlich sind, aber wir benötigen Ihre
Hilfe bei seiner Lösung. Es gibt keine Sportart auf der
Welt, die den amerikanischen Kongreß daran hindern
sollte, Angriffswaffen zu verbieten, die Polizisten
machtlos machen und Kinder umbringen.
Viertens müssen wir uns vor Augen halten, daß Drogen bei einer Vielzahl von Verbrechen ein wichtiger
Faktor sind. Neueste Untersuchungen deuten bedauerlicherweise an, daß der Drogenkonsum unter unseren jungen Menschen wieder ansteigt. Das Gesetz zur
Verbrechensbekämpfung sieht - wie alle derartigen
Gesetze - mehr Gelder für die Therapie von Drogenabhängigen, für drogenabhängige Kriminelle und Lager
für jugendliche Straftäter vor, darunter Anreize, drogenfrei zu werden und zu bleiben. Der Haushalt
unserer Administration enthält trotz aller Kürzungen
eine beträchtliche Aufstockung der für Beratung und
Therapie von Drogenabhängigen vorgesehenen Gelder. Wir müssen beidem zustimmen. Es ist dringend
erforderlich.
Meine amerikanischen Mitbürger, das Problem der
Gewalt ist ein unamerikanisches Problem. Es enthält
kein parteipolitisches oder philosophisches Element.
Aus diesem Grund fordere ich Sie dazu auf, möglichst
bald Mittel und Wege zu finden, um parteipolitische
Differenzen zu überwinden und ein wirksames, durch-

Seite 9

�dachtes, hartes Gesetz zur Verbrechensbekämpfung
zu verabschieden.
Femer bitte ich Sie, folgendes zu bedenken: Wenn wir
härtere Strafen für diejenigen fordern, die für die
Gewalt optieren, müssen wir auch daran denken, wie
es zu diesem traurigen Zustand gekommen ist. In
unseren schlimmsten Wohngegenden, schäbigsten
Straßen, ärmsten ländlichen Gebieten waren wir Zeuge
eines niederschmetternden und gleichzeitigen Zusammenbruchs von Gemeinden, Familien und Arbeitsplätzen, die Herz und Seele einerzivilisierten Gesellschaft
darstellen. Dadurch wurde ein riesiges Vakuum geschaffen, das mit Gewalt, Drogen und Banden gefüllt
wurde. Denken Sie also daran: Wenn wir Nein zur
Gewalt sagen, müssen wir den Menschen, insbesondere unseren jungen Menschen, etwas geben, zu dem
sie Ja sagen können.
Viele unserer Initiativen - von der beruflichen Ausbildung über die Reform des Sozialsystems, das Gesundheitswesen bis zum nationalen Sozialdienst werden uns dabei helfen, notleidende Gemeinden
wiederaufzubauen, Familien zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen - aber wir müssen noch mehr tun.
Und genau darum geht es bei unserem Programm zur
Ermächtigung der Gemeinden - die Unternehmen durch
sogenannte Ermächtigungszonen zu höheren Investitionen anzuregen, sicherzustellen, daß die Banken in
den Gemeinden, aus denen ihre Einlagen stammen,
Darlehen gewähren, Gesetze zu verabschieden, die
die Macht des Kapitals durch die Entwicklung von
Gemeindebanken freisetzen, um somit Arbeitsplätze,
Chancen und Hoffnung zu schaffen, wo sie am stärksten benötigt werden.
Meines Erachtens sind Sie alle sich bewußt, daß wir
eine wirkliche Lösung des Problems nur dann finden,
wenn wir es gemeinsam anpacken, unsere ideologischen Dogmen überwinden und neue Ideen entwikkeln, um noch mehr zu tun.
Um ehrlich zu sein: Wir alle wissen auch noch etwas
anderes. Unsere Probleme liegen eindeutig außerhalb der Reichweite der Regierung. Sie wurzeln im
Verlust von Werten und Arbeit, im Auseinanderbrechen unserer Familien und Gemeinden. Meine amerikanischen Mitbürger, wir können das Haushaltsdefizit abbauen, Arbeitsplätze scharfen, Demokratie auf
der ganzen Welt fördern, das Sozialsystem und das
Gesundheitswesen reformieren, das historisch gesehen härteste Gesetz zur Verbrechensbekämpfung
verabschieden und dennoch zu viele unserer Menschen zurücklassen.
Das amerikanische Volk muß diesen Wandel von
innen her wollen, damit es uns gelingt, Arbeitsplätze,
Familien und Gemeinden wiederherzustellen. Wir
können nicht unser Land erneuern, wenn innerhalb
eines Jahrzehnts mehr als die Hälfte unserer Kinder
unverheiratete Eltern haben. Wir können nicht unser

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Land erneuem, wenn 13jährige Jungen in den Besitz
halbautomatischer Waffen gelangen und Neunjährige
nur zum Spaß damit erschießen. Wir können nicht
unser Land erneuern, wenn Kinder Kinder bekommen
und die Väter sie im Stich lassen, als wenn sie wertlos
wären. Wir können nicht unser Land erneuem, wenn
unsere Unternehmen sich engagiert um neue Investitionen und neue Kunden im Ausland bemühen, die
Menschen direkt vor ihrer Haustür aber ignorieren, die
alles darum gäben, ihren Arbeitsplatz zu behalten und
gerne die Produkte kaufen würden, wenn sie nur das
nötige Geld dazu besäßen.
Wir können nicht unser Land erneuern, wenn nicht
mehr Menschen - wir alle - gewillt sind, mit den Kirchen
und den anderen gutwilligen Bürgern - mit Menschen
wie den schwarzen Geistlichen, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe oder den Priestern
und Nonnen, die ich in der Kirche Our Lady of Help im
Osten von Los Angeles traf oder meinem guten Freund
Tony Campollo aus Philadelphia - zusammenzuarbeiten, mit Menschen wie diesen, Menschen, die Kinder
retten, sich der Schulen annehmen, unsere Straßen
sicherer machen. Wir alle können das.
Wir können nicht unser Land erneuern, bevor wir
erkannt haben, daß nicht die Regierung, sondern die
Eltern die Kinder aufziehen. Eltern, die die Lehrer ihrer
Kinder kennen, das Fernsehen abschalten, ihnen bei
den Hausaufgaben helfen und sie lehren, Recht von
Unrecht zu unterscheiden - diese Eltern können so viel
bewirken. Ich weiß das. Ich hatte einen solchen
Elternteil. Und ich sage Ihnen: Wirdürfen nicht länger
mit dem Finger auf diese Kinder zeigen, die keine
Zukunft haben. Wir müssen ihnen die Hand reichen.
Unser Land braucht das. Wir brauchen das. Unddiese
Kinder verdienen es.
Und deshalb rufe ich heute abend dazu auf, unseren
Kindern eine Zukunft zu geben. Wir wollen ihnen ihre
Waffen wegnehmen und ihnen Bücher geben. Wir
wollen ihre Verzweiflung überwinden und sie durch
Hoffnung ersetzen. Wir wollen sie durch unser Beispiel lehren, das Gesetz zu befolgen, unsere Nachbarn zu respektieren und unsere Werte in Ehren zu
halten. Wir wollen aus diesen kräftigen Fäden eine
neue amerikanische Gemeinschaft weben, die wiederum den Kräften der Verzweiflung und des Bösen
widerstehen kann, weil jeder die Chance zu einer
besseren Zukunft hat.
Es wird Neinsager geben, die fürchten, daß wir den
Herausforderungen unserer Zeit nicht gewachsen sind.
Aber sie mißdeuten unsere Geschichte, unser Erbe,
sogar die heutigen Schlagzeilen. All diese Dinge
sagen uns, daß wir jede Herausforderung annehmen
und ihr gerecht werden können.
Als in Kalifornien die Erde bebte und Brände wüteten,
als der Mississippi bei der in 500 Jahren beispiellosen
Flutkatastrophe das Ackerland des Mittelwestens

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�überschwemmte, als die bittere Kälte von North Dakota bis Newport News das Land erfaßte, schien die Welt
aus den Fugen zu geraten. Aber das amerikanische
Volk hielt zusammen. Es stellte sich dem Problem,
Nachbarn halfen Nachbarn, Fremderiskiertenihr Leben,
um völlig Fremde zu retten - und so zeigten sich die
besseren Engel unserer Natur.

einandersetzungen überlassen. Vielmehr sollten wir
uns selbst treu bleiben, den Tatsachen ins Auge
blicken, zusammenhalten, Hoffnung wecken und Fortschritte machen.

Am heutigen Abend, meine amerikanischen Mitbürger, sind wir aufgerufen, eine Frage zu beantworten,
die so alt ist wie unsere Republik: Wie ist die Lage der
Wir wollen diese besseren Engel nicht nur Naturkata- Nation? Sie wird stärker, aber sie muß noch stärker
strophen vorbehalten und unsere größten und tiefgrei- werden. Mit Ihrer Hilfe und mit Gottes Hilfe wird das
fendsten Probleme nicht kleinlichen politischen Aus- geschehen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Amerika.

*

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* * *

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�AUSSENPOLITIK
26. Januar 1994

CLINTON: EUROPAREISE HAT SICHERHEIT UND
DEMOKRATIE AUF DER WELT GEFÖRDERT
Rede des Präsidenten an der Howard University
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge war der Zweck seiner soeben beendeten Europareise, das
Fundament für eine wirtschaftlich besser integrierte Welt mit mehr Sicherheit und Demokratie zu legen.
In seiner Ansprache an der Howard University am 17. Januar 1994 zum Gedenken an den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. stellte der Präsident fest, "wir haben einen guten Anfang gemacht", warnte jedoch,
daß Europa "noch immer durch die explosive Mischung alter ethnischer Spannungen und neuer wirtschaftlicher
Härten bedroht" ist.
Clinton verwies darauf, in Rußland seien die Reformer "kampfbereit" und die Nuklearwaffen der ehemaligen
Sowjetunion stellten nach wie vor "eine Quelle der Instabilität und ein Potential für Katastrophen oder eine
Einladung für terroristische Aktivitäten dar. Wir arbeiten so hart wir können an ihrer Zerlegung und erzielen
beachtliche Fortschritte. Aber sie sind immer noch da."
Der Präsident erklärte ferner, die Vereinigten Staaten müßten ihr eigenes Haus in Ordnung bringen und fügte
hinzu: "Wir müssen in diesem Land noch viele Mauern niederreißen, viele Spaltungen überwinden, und wir
müssen mit offenen Gesprächen beginnen, ehrlich aufeinander zugehen in der klaren Erkenntnis, daß sich keiner
von uns verstecken kann. Hier handelt es sich nicht um ein Problem der Rasse, es ist das Problem der
amerikanischen Familie. Und wir wären gut beraten, es als Familie zu lösen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

An diesem Tag vor einem Jahr habe ich zum letzten
Mal eine Rede an der Howard University gehalten. Ich
freue mich, am heutigen Tag wieder hierzu sein. Nur
drei amerikanische Staatsbürger - einer in jedem Jahrhundert unserer Geschichte - werden mit einem bundesweiten Feiertag geehrt. Zwei waren Präsidenten,
der andere hatte jedoch nie ein Amt inne - außer dem
wichtigsten in unserer Demokratie. Er war ein Staatsbürger. George Washington trug zur Schaffung unserer Union bei, Abraham Lincoln gab sein Leben, um sie
zu erhalten, und Martin Luther King erneuerte die
moralische Bestimmung der Vereinigten Staaten.
Jeder dieser drei herausragenden Amerikaner hat auf
seine Weise und jeder zu seiner Zeit definiert, was es
bedeutet, Amerikanerzusein, was Staatsbürgerschaft
erfordert, und was unsere Nation werden muß. Dr.
King, seine Familie und diejenigen, die sich seiner
Sache anschlössen, setzten Veränderungen in Gang,
die für immer in Amerika, über geographische Gren-

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zen, Klassen und Rassen hinweg ihren Niederschlag
finden. Die heute hier Anwesenden - die von mir
namentlich erwähnten und auch die anderen - stehen
alle für diese beeindruckende Tatsache.
Sie ertrugen Schläge, sie setzten ihr Leben aufs Spiel,
sie marschierten, auch wenn sie müde waren, sie
legten sich schlafen, ohne ein Bett zu haben. Sie
machten das Wort "amerikanisch" zu etwas Einzigartigem, weil sie alle versuchten, uns davon zu überzeugen, unser Leben gemäß unserer Werte zu leben.
All den sehr jungen heute hier Anwesenden, von
denen viele beim Tod von Martin Luther King noch
nicht einmal geboren waren, könnte dieser Kampf
äußerst lange zurückliegend erscheinen. Wenn Sie
jedoch um sich blicken, können Sie erkennen, daß die
Geschichte dieses Kampfes noch heute lebendig ist,
noch immer geschrieben und noch immer gemacht
wird, noch immer auf ihre vollständige Erfüllung wartet.

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�Ich freue mich, heute hier in Howard zu sein, und ich te Ihnen etwas darüber erzählen, weil es mit dem im
freue mich, daß Howard und andere historische Ein- Zusammenhang steht, was wir hier zu Hause tun
richtungen zur weiterführenden Bildung für Schwarze müssen. Meine oberste Pflicht als Ihr Präsident ist, die
hier über Satellit angeschlossen sind, und alle noch Sicherheit unserer Nation zu bewahren. Und der Kern
immer an dem arbeiten, was Martin Luther King zufol- unserer Sicherheit im Ausland besteht in unseren
ge als erstes getan werden muß - all unseren Bürgern Beziehungen zu Europa, in seinen Unruhen der Verunabhängig von ihrer Rasse Bildung zu vermitteln.
gangenheit und in seinen Versprechungen für die
Zukunft.
Zu den Absolventen von Howard zählen: Ein Richter
am Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten, Seit Jahrzehnten hing unsere Sicherheit vom Schutz
ein amerikanischer Senator, ein Nobelpreisträger, der eines geteilten Europa ab. Europa war das Zentrum
Bürgermeister unserer Bundeshauptstadt und meiner von zwei Weltkriegen, die mehr Leben in kürzerer Zeit
letzten Zählung zufolge mindestens 17 Personen, die forderten, als jedes andere Ereignis der Geschichte.
wichtige Ämter in meiner Administration innehaben, Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa geteilt, es
einschließlich des Landwirtschaftsministers, Mike Espy, gab jedoch keinen neuen Krieg - zum Teil, weil wir die
der heute hier anwesend ist. Ich danke Ihnen dafür. Menschen auf unserer Seite der Trennlinie schützten.
Aber dann fiel die Berliner Mauer, die Menschen
Es ist unserer Zeit angemessen, daß die Howard erhoben sich und forderten ihre Freiheit.
School of International Study erweitert wird, um eine
neue Generation von Studenten über eine sich rasch Jetzt haben wir den Fall der Berliner Mauer, das Ende
verändernde und immer integriertere Welt zu unter- des Kommunismus in Osteuropa, den Zusammenrichten. Dr. King wäre darüber sehr erfreut gewesen. bruch des sowjetischen Systems und die Veranstaltung von Wahlen auf dem gesamten Territorium der
Seine letzte, am Abend vor seiner Ermordung in Memphis ehemaligen Sowjetunion erlebt. Das ist erstaunlich.
am 3. April 1968 gehaltene Rede enthielt eine prophe- Diese neuen Demokratien sind jedoch weiterhin zertische Botschaft der Hoffnung für eine Welt, die er im brechlich. Sie bieten uns die Hoffnung auf eine friedEntstehen begriffen sah. Er erklärte, er sehe sich liche Zukunft und neue Handelspartner, neuen Wohlselbst am Anbeginn der Zeit mit einem umfassenden stand, neue Chancen zur Bereicherung unseres Lebens,
Überblick über die gesamte Geschichte der Mensch- indem wir von unterschiedlichen Kulturen und ethniheit, und Gottvater sage zu ihm: "Martin Luther King, schen Gruppen lernen. Aber sie sind noch immer
in welchem Zeitalter möchtest Du leben?" Er zog dann durch die explosive Mischung alter ethnischer Spanalle Augenblicke der Geschichte in Erwägung, die für nungen und neuer wirtschaftlicher Härten bedroht.
jemand seines enormen Intellekts und Wissens interessant erscheinen könnten, vom Beginn der Zivilisa- Rußland hat eine neue demokratische Verfassung
tion über die Renaissance bis zur Unabhängigkeitser- verabschiedet und zum ersten Mal ein freies Parlaklärung - sagte dann aber, er hätte Gott geantwortet: ment gewählt, das seinem ersten, vom Volk gewählten
"Wenn Du mir erlaubst, nur einige Jahre in der zweiten Präsidenten zur Seite stehen soll. Die Reformer sind
Hälfte des 20. Jahrhunderts zu leben, wäre ich glück- kampfbereit, während die Bürger zu verstehen versulich." Er fügte hinzu: "Das ist eine merkwürdige chen, wie sie in einer Wirtschaft überleben können, die
Aussage, weil die Welt sich im Chaos befindet, aber es noch immer sehr hart für sie ist, und während sie beim
geschieht etwas auf der Welt. Die Massen erheben Wahlkampf Menschen zuhören, die eine idyllische
sich, und wo immer sie sich heute versammeln, ist der Vergangenheit heraufbeschwören, die niemals exiRuf stets derselbe - 'Wir wollen frei sein'."
stierte, die sich auf Teilung statt Einheit gründete.
Ich bin davon überzeugt, daß Dr. King dankbar wäre,
wenn er den Marsch der Freiheit heute sehen würde,
erfreut wäre, wenn er sehen könnte, was am 13.
September geschah, als Ministerpräsident Rabin und
Yassir Arafat sich die Hand reichten und den Vertrag
zwischen Israel und der PLO unterzeichneten, überglücklich wäre, Nelson Mandela nach 27 Jahren aus
seiner Gefängniszelle heraustreten zu sehen, der mit
einem weißen südafrikanischen Präsidenten echte
Wahlen in die Wege leitet und dann guten Willens und
guten Mutes im Wahlkampf gegen ihn antritt, um
Staatsoberhaupt des Landes zu werden. Das ist eine
erstaunliche Entwicklung.

Die Nuklearwaffen der ehemaligen Sowjetunion, von
denen es immer noch zu viele gibt, stellen nach wie vor
eine Quelle der Instabilität und ein Potential für Katastrophen oder eine Einladung für terroristische Aktivitäten dar. Wir arbeiten so hart wir können an ihrer
Zerlegung und erzielen beachtliche Fortschritte. Aber
sie sind immer noch da.

Wir können diese Gefahren für die Demokratie nicht
ignorieren. Der beste Weg, Europa vor einem erneuten Auseinanderfallen und davor zu bewahren, junge
Menschen aus diesem Land auf jenen Kontinent zu
ziehen, um wiederzu kämpfen und zu sterben, besteht
darin, zum ersten Mal indergesamten Geschichte den
Freiheit bewegt die Welt. Wie Sie wissen, bin ich in der Versuch zum Aufbau eines integrierten Europa zu
vergangenen Woche durch Europa gereist, um zur unternehmen - integriert in seiner Treue zur DemokraWiedergeburt der Freiheit dort beizutragen. Ich möch- tie, freien Marktwirtschaften und dem Grundsatz, daß

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�all diese Länderdie Grenzen des anderen respektieren
sollten. Das war das Ziel meiner Reise. Wir haben
große Fortschritte gemacht. Wir im NATO-Bündnis,
das die Sicherheit der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg bewahrt hat, haben allen diesen Ländern die
Chance zu einer Partnerschaft für Frieden geboten,
die Europa nicht teilt, sondern es vereint.

Welt mit mehr wirtschaftlichem Wohlstand, zum Abbau der Bedrohung durch Nuklearwaffen. Bei meinem
gestrigen Treffen mit dem syrischen Präsidenten Assad
in der Schweiz haben wir versucht, die historisch
gesehen krisengeschütteltste Region der Welt - den
Nahen Osten - einem umfassenden Frieden näherzubringen.

Wir haben gesagt, wir machen Schwerter zu Pflugscharen, indem wir gemeinsam für unsere gemeinsame Sicherheit planen. Wir werden in Deutschland eine
militärische Übung mit einem amerikanischen General, mit Polen, Tschechen und Russen abhalten, die
Seite an Seite stehen und gemeinsam arbeiten. Wir
werden eine vollständig neue Zukunft für die Welt
schreiben, die sich von der Vergangenheit unterscheidet. Das ist unsere große Hoffnung, und wir haben
einen guten Anfang gemacht.

Aber während ich an diesem Gedenktag für Martin
Luther King von einer Reise zurückkehre, die dem
Kampf für Demokratie, wirtschaftlichen Fortschritt und
Sicherheit dienen sollte, muß ich mich fragen: Wie
werden wir diese Dinge hier zu Hause angehen?
Wenn Demokratie das Engagement all unserer Völker
ist, und wenn sie bedeutet, Stärke aus unserer Vielfalt
zu schöpfen, wenn wir den Menschen in den krisengeschüttelten Regionen Europas sagen wollen: Laßt
Euren ethnischen Haß hinter Euch, nehmt die Unterschiede - die religiösen Unterschiede, die rassischen
Unterschiede, die ethnischen Unterschiede - und verwandelt sie zu Stärke in der Weltwirtschaft, dann
müssen wir dasselbe hier tun.

Wir haben auch versucht, die neuen Demokratien von
Land zu Land zu stärken, den Menschen zu sagen,
seht, es wird immer Probleme und immer Konflikte in
einer Demokratie geben. Heute haben wir nur wenig
davon. Ich habe gesagt, wir haben dies seit 200
Jahren, und wir haben erst vor einer Generation allen
unseren Bürgern das Wahlrecht eingeräumt. Sie
müssen daran arbeiten und dürfen sich nicht entmutigen lassen, und Sie dürfen nicht aufgeben.
Und daher habe ich versprochen, den Menschen zu
helfen, die an Demokratie glauben. Und Demokratie
bedeutet mehr als nur eines. Sie bedeutet das Mehrheitsprinzip. Sie bedeutet auch die Respektierung der
Rechte von Minderheiten und der Menschenrechte
des einzelnen. Und wir haben hart am Aufbau besserer Wirtschaftsbeziehungen gearbeitet, weil Amerika
nicht prosperieren kann, wenn die Weltwirtschaft nicht
wächst.
Wir können unsere Verpflichtungen gegenüber den
jungen Menschen in diesem Publikum heute nicht
erfüllen, wenn wir ihnen nicht sagen: "Wenn Ihr hart
arbeitet, könnt Ihr Bildung erwerben, und wenn Ihr das
Richtige tut, werdet Ihr einen Arbeitsplatz, Chancen
und ein besseres Leben erhalten. Und um das zu
erreichen, müssen wir in einer Wert leben, in der wir alle
zusammenarbeiten, um volkswirtschaftliches Wachstum zu erzielen. Keinem reichen Land - und trotz all
unserer Armut sind wir immer noch ein sehr reiches
Land - ist es gelungen, Arbeitsplätze und Einkommen
für seine Bürger zu garantieren, wenn es nicht mehr
Menschen findet, die das kaufen, was Sie produzieren
- Ihre Waren und Dienstleistungen. Ich bin nach
Europa gereist, weil diese Reise meines Erachtens zur
Schaffung von Arbeitsplätzen für die jungen Menschen in diesem Publikum beitragen wird, und wenn
uns das nicht gelingt, sind unsere Bestrebungen zum
Scheitern verurteilt.

Im vergangenen Jahr haben wir hart daran gearbeitet.
Fünf meiner Kabinettsmitglieder sind Afroamerikaner.
61 Prozent der von mir ernannten Bundesrichter sind
entweder Frauen oder Angehörige rassischer Minderheiten, und ich darf hinzufügen, daß sie für die bestqualifizierte Gruppe von Bundesrichtem gehalten
werden, die je von einem Präsidenten der Vereinigten
Staaten nominiert worden ist.
Im letzten Jahr wurden im Privatsektor unserer Wirtschaft mehr Arbeitsplätze geschaffen als in den vorigen vier Jahren zusammengenommen. Die Arbeitslosenquote ist gesunken, ebenso die Zinssätze, und die
Investitionstätigkeit ist gestiegen. Millionen von Angehörigen der amerikanischen Mittelschicht haben ihre
Häuser refinanziert und neue Unternehmen gegründet. All dies ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Wir bemühen uns energisch um den Schutz der Rechte, die hart erkämpft wurden. Amerikanische Arbeitnehmer sollten keine Angst vor dem Verlust ihres
Arbeitsplatzes aufgrund von Diskriminierung haben.
Unter Arbeitsminister Bob Reich hat das Büro des
Arbeitsministeriumsfürdie Einhaltung von Bundesverträgen mehr als 34,5 Millionen Dollar an Gehaltsnachzahlungen oder anderen finanziellen Vergütungen für
die Opfer rassischer Diskriminierung aufgebracht. Das
ist im Vergleich zum Vorjahr ein großer Anstieg. Wir
hatten eine Rekordzahl von Diskriminierungen im Bereich
des Wohnungswesens zu verzeichnen - einen 35prozentigen Anstieg im Vergleich zum vorigen Jahr. Wir
bemühen uns um die Bekämpfung der Diskriminierung
bei der Darlehensvergabe, denn wenn die Menschen
kein Geld aufnehmen können, können sie auch kein
Geschäft eröffnen, Arbeitnehmer einstellen und Arbeitsplätze schaffen.

Es war eine bemerkenswerte Reise - zum Auf bau einer
sichereren Welt, einer demokratischeren Welt, einer

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�Erst letzte Woche haben wir in konzertierten Anstrengungen unter der Führung von Wohnungsbauminister
Henry Cisneros - der eigentlich heute kommen wollte,
sich aber jetzt auf dem Weg nach Los Angeles befindet, um sich mit den Folgen des Erdbebens zu befassen - in Vidor (Texas) ein häßliches Kapitel in der
Geschichte der Diskriminierung beendet. Unter dem
Schutz von Bundesvollzugsbeamten, FBI-Agenten und
der Polizei sowie mit Unterstützung der dort lebenden
anständigen Menschen machte eine Gruppe mutiger
und entschlossener Afroamerikaner endlich Sozialwohnungen für Farbige zugänglich.
Heute verspreche ich Ihnen eine fortgesetzte und
aggressive Umsetzung des Gesetzes überdiegerechte Vergabe von Wohnungen. Ich werde gleich einen
Präsidialerlaß unterzeichnen, mit dem zum ersten Mal
das ganze Gewicht der Bundesregierung zur Unterstützung der Bemühungen um gleiches Wohnrecht für
alle eingesetzt wird. Wir werden keine Verletzung des
Rechts aller Amerikaner auf diese Wohnmöglichkeit
tolerieren.
Aber, meine amerikanischen Mitbürger, das Nichtvorhandensein von Diskriminierung ist nicht dasselbe wie
das Vorhandensein von Chancen. Es ist nicht dasselbe, als wenn man die Sicherheit besitzt, die für das
eigene Leben, die Gründung einer Familie und einer
Gemeinde von Bedeutung ist. Folglich ist es unsere
Pflicht, diesen noch nicht beendeten Kampf gegen
Diskriminierung fortzusetzen. Das wollen und müssen
wir. Aber das ist nicht dasselbe wie das Vorhandensein von Chancen.
Das ist der Kampf, mit dem sich Rußland und die
anderen ehemals kommunistischen Volkswirtschaften
konfrontiert sehen. Sie haben das Wahlrecht. Und das
ist gut so. Aber wie lange wird es dauern, bis ihre Wahl
die von allen demokratischen Bürgern gewünschten
Ergebnisse erzielt, so daß die Menschen die Früchte
ihrer Arbeit ernten und ihre Familien die von Gott
gegebenen Fähigkeiten verwirklichen können? Das ist
unsere Aufgabe.
Aus diesem Grund ist das Programm für den Nationalen Sozialdienst so wichtig, und ich habe mich gefreut,
daß Herr DeBose mich heute hier einführte, denn der
nationale Dienst ist Teil unserer Bestrebungen zur
Schaffung von Chancen, indem Gemeinden von der
Basis aufgebaut werden und gleichzeitig den jungen
Menschen die Gelegenheit gegeben wird, einen Teil
ihrer Studiengebühren zu bezahlen. Und es ist Bestandteil der Arbeit des Bildungsministers, der heute
anwesend ist und versucht hat, die Art und Weise der
Finanzierung des Studiums zu revolutionieren.
Wir wissen, daß zur Zeit ausnahmlos alle Menschen
nicht nur einen Highschool-Abschluß benötigen, sondern danach zumindest eine zweijährige Ausbildung in
der Wirtschaft. Wir wissen das, aber wir sind nicht
darauf eingestellt. Unsere Administration arbeitet unter

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der Führung des Bildungs- und des Arbeitsministers
am Aufbau eines Systems, das es allen HighschoolAbgängern ermöglicht, noch eine zweijährige Weiterbildung am Arbeitsplatz, im Dienstleistungsbereich
oder in der Schule zu durchlaufen. Und wir tun wirklich
unser Bestes um sicherzustellen, daß die Studiengebühren die Lernwilligen nicht abschrecken, indem wir
das gesamte Programm zur Gewährung von Darlehen
an Studenten umorganisieren.
Im vergangenen Jahr nahm der Kongreß unseren Plan
an, der eine Reorganisation des Darlehensprogramms
für Studenten, eine Senkung der Zinssätze sowie eine
zeitliche Aufteilung der Rückzahlungen vorsieht und
letztere an das Einkommen anstelle der während des
Studiums ausgeliehenen Summe bindet. Niemand
sollte aus Kostengründen auf eine Collegeausbildung
verzichten müssen.
Um ein weiteres Beispiel für das Vorhandensein von
Chancen zu geben: Am heutigen Gedenktag für
Martin Luther King traf ich mit einer Gruppe von
Vertretern der Wirtschaft zusammen und forderte sie
dazu auf, mit den Gemeinden, die es am dringendsten
benötigen, eine aktive Partnerschaft einzugehen. Wir
haben seit Martin Luther King lebte und starb immer
wieder gelernt, daß es selbst in Zeiten starken Wirtschaftswachstums Gebiete in den Innenstädten und
im ländlichen Amerika gibt, die vom wirtschaftlichen
Fortschritt vollkommen ausgeschlossen sind.
Wenn es uns nicht gelingt, unsere Gemeinden wieder
von der Basis aufzubauen und die Gemeindeinstitutionen so wiederherzustellen, daß sie Arbeit, Familie und
Kinder unterstützen, werden Millionen von Amerikanern nicht in den Genuß des Amerikanischen Traums
kommen.
Aus diesem Grund haben wir heute die Einrichtung von
104 sogenannten Ermächtigungszonen und Unternehmensgemeinschaften bekanntgegeben, durch die
etwas bewirkt werden kann, durch die die Menschen
an der Basis die Möglichkeit erhalten, diejenigen auszubilden und einzustellen, die sonst für eine Generation verloren wären. Genau das hätte Martin Luther
King von uns verlangt - nicht nur die Diskriminierung
abzuschaffen, sondern Möglichkeiten anzubieten.
Und schließlich möchte ich noch darauf hinweisen,
daß wir das nie tun können, wenn wir nicht den
Menschen die Chance geben, ein friedliches und sinnvolles Leben zu führen. Die wichtigste Erfahrung, die
ich als Ihr Präsident während der vergangenen Monate
hier gemacht habe, war meines Erachtens die Gelegenheit, nach Memphis zu reisen und von der Kanzel,
von der Dr. King seine letzte Rede hielt, zu 5.000
Geistlichen der Church of God and Christ zu sprechen
- viele von ihnen meine langjährigen Freunde - und
ihnen mitzuteilen, daß Martin Luther King nicht lebte
und starb, damit junge Menschen das Recht haben,
sich auf der Straße gegenseitig zu erschießen.

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�Ich bin mit Stolz erfüllt, daß ich die Chance hatte, zu
einer Zeit Präsident zu sein, in der die Vereinigten
Staaten ein Abkommen mit Rußland, der Ukraine,
Belarus und Kasachstan über den Abbau von Massenvernichtungswaffen abschlössen. Aber dennoch gelingt es uns nicht, die Schulen in unserem Land frei von
Waffen zum machen.

meinden Verbrechen verhindern kann. Gesetze können eine Hilfe sein.

Martin Luther King hätte uns wohl gefragt, warum das
so ist. Herr DeBose stand auf und zitierte, jeder könne
Größe erlangen, da jeder dienen könne - wohl die
wunderbarsten Worte aus dem Munde Martin Luther
Kings. Ich sage Ihnen heute: "Wir müssen uns fragen,
welche persönliche Verantwortung wir tragen, in dieser Zeit zu dienen." Und wenn wir diese Widersprüche
nicht erklären können, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Wir wissen vielleicht nicht alle Antworten
- keiner von uns. Ich kann von Ihnen nicht erwarten,
daß Sie sie haben. Auch ich als Präsident weiß sie
nicht. Aber ich kenne die Probleme und Sie ebenso.
Und wir wissen, daß es Dinge gibt, durch die etwas
bewirkt werden kann. Wir haben in unserer Zeit die
Pflicht, etwas zu bewirken. Es gibt zu viele Fragen, die
wir heute nicht beantworten können.

Dr. King erklärte: "Menschlicher Fortschritt rollt nie auf
den Rädern der Unvermeidbarkeit heran. Er wird
durch die unermüdlichen Anstrengungen und die zähe
Arbeit der engagierten Menschen herbeigeführt, die
Mitarbeiter Gottes sein wollen. Und ohne diese harte
Arbeit wird die Zeit selbst ein Verbündeter der primitiven Kräfte der Stagnation. Somit müssen wir der Zeit
helfen, müssen wir erkennen, daß immer die rechte
Zeit ist, etwas Rechtes zu tun." Ferner erklärte er:
"Zeit ist neutral". "Zeit kann entweder konstruktiv oder
destruktiv sein. Alles, was er von jedem einzelnen von
uns verlangte, war, ein wenig Zeit aufzubringen."

Martin Luther King hat uns jedoch auch daran erinnert,
daß Gesetze über das Verhalten der Menschen, aber
nicht über ihr Herz gebieten können. Daher müssen
wir meines Erachtens das anstreben, was Abraham
Lincoln "die besseren Engel unserer Natur" genannt
Ich bin mit Stolz erfüllt, daß wir unter der Führung des hat. Und wir alle tragen in diesem Bereich VerantworVizepräsidenten eine aggressive Hochtechnologiepo- tung. Bei seiner Rede hier in Howard stellte Martin
litik verfolgen, die uns dabei helfen wird, diese Nation Luther King eine Behauptung auf, über die ich heute
in ein gigantisches Spitzentechnologieland zu verwan- nachdachte, als Herr DeBose mich einführte und seideln, so daß wir voneinander lernen und miteinander in nem Stolz über den von Dr. King hier geleisteten Dienst
Verbindung stehen können. Aber dennoch gelingt es Ausdruck verlieh sowie darüber, wie er die Köpfe und
uns nicht, die Straßen für unsere Kinder sicher zu Herzen der Menschen verändert hatte, mit denen und
für die er arbeitete.
machen.

Werden wir Martin Luther King freudig oder traurig
über die Art und Weise stimmen, wir wir unsere Zeit
nutzen? In Amerika finden heutzutage jede Minute
zwei schwere Überfälle, sechs Einbrüche und drei
Dr. King erklärte: "Die Menschen hassen einander, Gewaltverbrechen statt, und dreimal pro Stunde wird
weil sie einander fürchten. Sie fürchten einander, weil ein Mord verübt. Denken Sie darüber nach. Innerhalb
sie einander nicht kennen. Sie kennen einander nicht, desselben Zeitraums können zwei aus ganz verschieweil sie nicht miteinander kommunizieren können. Sie denen Welten stammende Männer wir Arafat und
können nicht miteinander kommunizieren, weil sie Rabin sich die Hand reichen und sich auf einen neuen
voneinander getrennt sind." Wir alle müssen darüber Weg zum Frieden machen. Ein führender Politiker
nachdenken. Wir müssen in diesem Land noch viele kann darin übereinstimmen, daß sein Land das drittMauern niederreißen, viele Spaltungen überwinden, größte Atomwaffenarsenal der Welt aufgeben muß.
und wir müssen mit offenen Gesprächen beginnen, Innerhalb von einer Minute können die Menschen eine
ehrlich aufeinander zugehen in der klaren Erkenntnis, bedeutende Wende zum Positiven bewirken. Sie
daß sich keiner von uns verstecken kann. Hier handelt entscheiden, im Autobus auf einem Platz sitzen zu
es sich nicht um ein Problem der Rasse, es ist das bleiben, anstatt sich zu den hinteren Sitzen zu begeProblem der amerikanischen Familie. Und wir wären ben. Sie entscheiden, in die Schule zu gehen, anstatt
gut beraten, es als Familie zu lösen.
sich abschrecken zu lassen. Sie beschließen, sich
zum Mittagessen an eine Theke zu setzen, auch wenn
Gesetze können dabei eine Hilfe sein. Aus diesem sie an diesem Tag nicht bedient werden. Sie beGrund wollte ich das Brady-Gesetz verabschieden. schließen, eine Ausbildung zu machen, selbst wenn
Aus diesem Grund möchte ich diese bedrohlichen sie nicht sicher sind, daß am Ende des Regenbogens
Waffen aus dem Verkehr ziehen. Aus diesem Grund ein Topf Gold wartet. Sie bemühen sich, eine sichere
möchte ich eine Vielzahl anderer Dinge tun, die uns Wohngegend zu schaffen, damit ihre Kinder wieder
dabei helfen, mit der wahnsinnigen Gewalt auf unse- einen winzigen Park haben, in dem sie ohne Angst
ren Straßen fertigzuwerden. Aus diesem Grund forde- spielen können. Sie halten ihre Familien zusammen,
re ich mehr Polizisten - nicht nur zur Verfolgung von obwohl sie so leicht auseinanderbrechen. Und sie
Verbrechen, sondern ebenso zu ihrer Verhütung. Wir bemühen sich, einem Kind das Gefühl zu geben, daß
wissen, daß eine gute Arbeit der Polizei in den Ge- es wichtig ist, geliebt wird und eine Zukunft hat.

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�Wenn ich darüber nachdenke, bin ich oft traurig, daß
Martin Luther King auf dieser Welt so wenige kostbare
Minuten beschert waren. Vor zwei Tagen hätte er
seinen 65. Geburtstag gefeiert. Je älter ich werde,

desto jünger erscheint mirdas Altervon 65 Jahren. Dr.
King hat in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit sehr
viel bewirkt, und meines Erachtens sollten wir dasselbe versuchen. Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 6

*

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�KONGRESS
26. Januar 1994

UMFASSENDE AUSSENPOLITISCHE TAGESORDNUNG
FÜR NEU ZUSAMMENGETRETENEN KONGRESS
Rede zur Lage der Nation leitet neue Sitzungsperiode ein
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton wird seine
jährliche Rede zur Lage der Nation am 25. Januar
1994, dem Tag der Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode des 103. Kongresses halten, in der sich die Parlamentarier einer Vielzahl außen- und verteidigungspolitischer Fragen widmen.

Der Haushalt stellt 1994 die Hauptverbindung zwischen Außen- und Innenpolitik dar. In einer Zeit
begrenzter Mittel muß der Kongreß schwierige Entscheidungen zwischen Ausgaben in den Vereinigten
Staaten und den im Zusammenhang mit Amerikas
Rolle in der Welt stehenden treffen.

Obwohl sowohl die Clinton-Administration als auch der
Kongreß sich bevorzugt innenpolitischen Themen
widmen möchten, werden die Politiker innerhalb und
außerhalb des Kongresses außenpolitische Fragen
angehen, die Vorbedingung für die Lösung innenpolitischer Themen sind.

Im Hinblick auf die Verteidigungsausgaben wird erwartet, daß einige Mitglieder im Streitkräfteausschuß des
Senats behaupten werden, die Vereinigten Staaten
senkten ihre Verteidigungsausgaben und den Umfang
ihrer Streitkräfte schneller als realistisch sei, wenn die
Einheit der verbleibenden Streitkräfte beibehalten werden
solle. Der Ausschuß wird unter Umständen vom
nächsten Verteidigungsminister erwarten, daß er dem
Präsidenten eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben empfielt, um die Verteidigungsfähigkeit Amerikas
zu gewährleisten.

Clinton wird sich unmittelbar nach dem NATO-Gipfel
und seiner ersten Reise nach Ru Bland während seiner
Amtszeit als Präsident an den Kongreß wenden. Der
Senat muß seine Aufmerksamkeit unverzüglich der
Nominierung von Kandidaten für zwei wichtige Ämter
widmen - für das Amt des Verteidigungsministers
(William Perry) sowie des Stellvertretenden Außenministers (Strobe Talbott). Kontroversen im Zusammenhang mit der Finanzierungsvorlage des Au ßenministeriums müssen vom Senat schnell beigelegt werden,
und das Repräsentantenhaus wird sich mit der Reform
der Auslandshilfe befassen. Die Debatte über die
Verteidigungsausgaben wird sich wahrscheinlich über
das ganze Jahr hinziehen.
Die herausragende Bedeutung dieser Angelegenheiten in der neuen Sitzungsperiode des Kongresses
demonstriert, daß die Schwierigkeiten der Welt nach
dem Ende des Kalten Krieges eng verbunden sind mit
den Bemühungen um eine Lösung der innenpolitischen Probleme Amerikas. Das Gesundheitswesen,
eine Reform des Wahlsystems und des Sozialwesens,
eine Regulierung des Bankwesens, der Umweltschutz,
das Bildungswesen und die Verbrechensbekämpfung
- Themen, mit denen sich der Kongreß befassen will können nur angegangen werden, wenn die gewählten
Volksvertreter der Komplexität der amerikanischen
Interessen im Ausland ausreichende Aufmerksamkeit
zollen.
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Der neue Kandidat für das Amt des Verteidigungsministers, William Perry, wird vom neuen Kongreß bei
seiner Anhörung auch über sein Konzept befragt werden,
wann amerikanische Soldaten in potentiellen Kampfgebieten eingesetzt werden sollen, wenn amerikanische Interessen nicht direkt auf dem Spiel stehen.
Einige Parlamentarier stehen Clintons Politik gegenüber Haiti und Somalia besonders kritisch gegenüber.
Die Frage der Verteidigungsausgaben wird während
der gesamten Sitzungsperiode des Kongresses debattiert. Die grundlegende Umstrukturierung des
Verteidigungsministeriums unter Verteidigungsminister Aspin im vergangenen Jahr führte zum Vorschlag
der Administration, für das Haushaltsjahr 1995 Verteidigungsausgaben in Höhe von 261 Milliarden Dollar
vorzusehen. Der US-Haushartsbehörde zufolge werden jedoch die Inflation und Gehaltserhöhungen fürdie
Streitkräfte ungefähr 31 Milliarden Dollar mehr erforderlich machen, wenn die Vereinigten Staaten ihre
Fähigkeit aufrechterhalten wollen, zwei gleichzeitig
stattfindende Kriege zu führen und zu gewinnen. Die
Administration ist nicht bereit, weitere Aufwendungen

Seite 1

�in dieser Höhe zu bewilligen, aber viele gemäßigte
Demokraten werden voraussichtlich gemeinsam mit
den Republikanern der Opposition für höhere Mittel
stimmen.
Talbott ist Außerordentlicher und Bevollmächtigter
Botschafter für die ehemalige Sowjetunion und war
1993 Urheber mehrerer erfolgreicher Maßnahmen für
die neuen unabhängigen Staaten. Unter den Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses des Senats ist er
äußerst beliebt. Die Anhörung zu seiner Bestätigung
vor diesem Forum könnte jedoch von Fragen über die
Logik weiterer Hilfsleistungen für Rußland angesichts
der jüngsten Wahlen dort beherrscht sein, bei denen
rechtsextreme Nationalisten und imperialistische
Kandidaten einen großen Stimmenanteil auf sich vereinigen konnten.
Obwohl der Stellvertretende Außenminister für gewöhnlich nicht für die Formulierung der amerikanischen Politik gegenüber einer bestimmten Region der
Werl verantwortlich ist, würde Talbott seine Sonderbefugnis für politische Entscheidungen im Hinblick auf
die ehemalige Sowjetunion behalten. Seiner Ansicht
nach bedeuten die jüngsten Ereignisse in Rußland,
daß die amerikanische Wirtschaftshilfe weiterhin unabdingbar für die Förderung von Demokratie in diesem
Land ist, und er wird diesen Standpunkt vordem Senat
voraussichtlich ausdrücklich bekräftigen.
Der erste Tagesordnungspunkt bei der neuen Sitzungsperiode des Senats behandelt von der Admini-

stration unterbreitete Gesetzesvorlagen zur Konsolidierung und Umstrukturierung des staatlich finanzierten internationalen Hörfunks der Vereinigten Staaten,
einschließlich Radio Free Europe, Radio Liberty und
Voice of America (VOA) sowie die Gründung eines
neuen Senders, Radio Free Asia.
Der Auswärtige Ausschuß des Repräsentantenhauses beabsichtigt eine Reihe von Anhörungen zum Plan
der Administration, die Festsetzung und Vergabe
amerikanischer Auslandshilfe zu überarbeiten. Das
Programm würde neue Ziele für Auslandshilfe definieren, wie die Förderung von Demokratie und die Unterstützung umweltverträglicher Entwicklung, während
veraltete Bestimmungen des 32 Jahre alten Gesetzes
abgeschafft würden.
Der Ausschußvorsitzende Lee Hamilton, einer der
geachtetsten und einflußreichsten außenpolitischen
Experten im Kongreß, prognostiziert starken Widerstand im Kongreß gegen das außenpolitische Reformpaket des Präsidenten. Die Mitglieder sind sich im
allgemeinen der Notwendigkeit von Reformen bewu ßt,
insbesondere der Beendigung von Transaktionen auf
Regierungsebene zugunsten der Förderung von
Maßnahmen zum Aufbau der Demokratie. Zahlreiche
Gesetzgeber sehen die Pläne jedoch auch als einen
Weg der Administration, den Kongreß aus dem Entscheidungsfindungsprozeß bei der Zuweisung von
Auslandshilfegeldern auszuschließen.

* * * * *

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INFORMATION

CENTER
26. Januar 1994

FRANKFURTER BUSINESS INFORMATION
CENTER IST WICHTIGES SYMBOL
Eröffnungsansprache von Botschafter Holbrooke
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Richard C. Holbrooke anläßlich der Eröffnung des gemeinsamen Informationszentrums der Handelsabteilung und des US-Informationsamts
(FCS-USIS Business Information Center) im Amerika Haus Frankfurt am 18. Januar 1994.

Herzlichen Dank, daß Sie so zahlreich erschienen
sind. Ich werde gleich drei Redner vorstellen, und
dann werden wir das Business Information Center im
Amerika Haus einweihen, dessen Funktion der Generalkonsul bereits beschrieben hat. Um Mißverständnissen vorzubeugen - wir eröffnen heute nicht das
Wasserkraftwerk in einem großen Fluß. Dies ist nicht
ein bahnbrechendes Ereignis in den Annalen der
Geschichte. Es steht als Symbol dessen, was wir
unter der Clinton-Administration in Deutschland zu
leisten beabsichtigen, und aus diesem Grund sind
heute drei wichtige amerikanische Ministerien durch
Besucher aus Washington hier vertreten.
Das US-Informationsamt (United States Information
Agency - USIA) besteht seit 1953, die Handelsabteilung des US-Wirtschaftsministeriums seit 1980/81.
Sie haben bisher getrennt operiert. In diesem historischen Gebäude, dem Amerika Haus, bitten wir sie um
Zusammenarbeit. Dassebe wollen wir in ganz Deutschland tun, denn in der modernen Welt mit knapperen
Ressourcen für zunehmende Anforderungen ist es
unabdingbar, daß wir der deutschen und amerikanischen Öffentlichkeit effizienter Rechnung tragen. Die
Einrichtungen der Handelsabteilung befanden sich im
Generalkonsulat hinter von Marineinfanteristen bewachten Türen und waren relativ unzugänglich. Das
Kulturzentrum des Amerika Hauses war seit über 40
Jahren eine lebenswichtige Komponente des deutschen Lebens und des deutsch-amerikanischen Dialogs. Wir sahen nichts Negatives und viel Positives
darin, sie zusammenzulegen. Was Sie heute sehen,
ist nur der Anfang einer neuen Politik, mit der wir das
traditionelle Engagement der Vereinigten Staaten für
Deutschland um zusätzliche Themen bereichern wollen.

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Zunächst möchte ich kurz dieses Engagement erläutern. Es ist ungebrochen. Wir ziehen unsere Truppen
aus Deutschland nicht zurück - ich höre immer wieder
den Ausdruck 'Abzug' - sondern bauen unsere Truppen im Einklang mit dieser Veränderung der globalen
Situation ab. In zwei Jahren wird es in Frankfurt keine
Truppen mehr geben, und in neun Monaten wird es in
Berlin keine Truppen mehr geben, es werden jedoch
65.000 amerikanische Soldaten in Deutschland stationiert sein und unsere Verpflichtung zur NATO besteht
unverändert. Präsident Clinton hat gerade eine historische Reise durch Europa beendet, bei der er unter
anderem seine Pläne für die Partnerschaft für Frieden
darlegte. Diese Pläne waren sorgfältig mit der Bundesregierung koordiniert. Aber in der Zeit nach dem
Kalten Krieg - ich bin heute allerdings nicht hier, um
strategische Fragen zu erörtern, so wichtig sie auch
sein mögen - müssen die Vereinigten Staaten und
Deutschland andere Komponenten ihrer Beziehungen
ausmachen, die mit der Verringerung der amerikanischen Militärpräsenz an Bedeutung gewinnen.
An oberster Stelle stehen dabei Kultur und Handel, die
aus der Sicht der US-Regierung unter die Zuständigkeit von USIA und des Wirtschaftsministeriums fallen.
Was Sie heute also in dem anderen Raum sehen,
wenn wir die kurzen Reden hier beendet haben, ist die
physische Manifestation, der Eckpfeiler einer Politik,
die bürokratische Barrieren ohne zusätzliche Kosten
für den amerikanischen Steuerzahler abbauen und für
Deutsche und Amerikaner gleichermaßen bessere
Ergebnisse hervorbringen wird.
Wir unternehmen noch mehr- wir bitten unsere Konsularbeamten, Vertreter der Wirtschaft zu werden. Irgendwo in diesem Raum ist mein Freund und Kollege,

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�Norm Singer. Wo bist Du, Norm? Da ist er. Norm ist
Generalkonsul für Nordrhein-Westfalen und verantwortlichfürdie Koordinierung, die Leitung und Überwachung konsularischer Angelegenheiten an allen USKonsulaten in der Bundesrepublik Deutschland. Norm
bildet seine Konsularbeamten zu Wirtschaftsbeamten
aus. Wir werden Visen für Geschäftsleute beschleunigt bearbeiten. Wir werden versuchen, jeden VisumAntragsteller mit den Wirtschaftsmöglichkeiten in den
Staaten vertraut zu machen. Konsularbeamte werden
eine wirtschaftliche Fachausbildung erhalten, die bereits begonnen hat. Wir werden unsere Anstrengungen bei den Handels- und Nahrungsmittelmessen intensivieren, die eine so wichtige Komponente des
deutschen Wirtschaftslebens sind, und wir werden wie bereits erwähnt - das Generalkonsulat in Düsseldorf mit Konzentration auf Wirtschaftsaktivitäten wiedereröffnen sowie einen Beamten nach Düsseldorf
entsenden, der nicht nur Deutsch, sondern auch Japanisch spricht. Diejenigen, die lachen, sind sich vielleicht nicht bewußt, daß in Düsseldorf 30.000 Japaner
leben, und Düsseldorf ein außerordentlich wichtiges
Handelszentrum ist. Wir haben unser Generalkonsulat dort vor fünf Jahren geschlossen. Die Umstände
haben sich jedoch gewandelt, und deshalb eröffnen wir
es wieder.
Wir werden ein besonderes Programm für Berlin entwerfen, das wir später bekanntgeben. Mit all diesen
Aktivitäten wollen wir - wie ich bereits erwähnte - die
bürokratischen Barrieren abbauen, und ich bin besonders erfreut, daß Penn Kemble heute zusammen mit
Jeff Garten als Vertreter von USIA anwesend ist- ein
klassisches Beispiel eines amerikanischen Amts, das
unter bestimmten Umständen - dem Höhepunkt des
Kalten Krieges - gegründet wurde und sich jetzt rasch
an andere Gegebenheiten anpaßt. Ich möchte Ihnen
nochmals danken, daß Sie gekommen sind und Sie
alle bitten, Ihren Freunden und Geschäftspartnern zu
erzählen, was wir hier aufzubauen versuchen. Wir
haben das Amerika Haus gewählt, weil es immer ein
Zentrum des deutsch-amerikanischen Austauschs war,
und wir haben uns aus offensichtlichen Gründen für
Frankfurt als Ausgangsbasis entschieden. Wir sind
erfreut, daß die beiden großartigen Behörden, USIA
und das Wirtschaftsministerium, zugestimmt haben

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und hoffen, dieses Experiment wird ein Erfolg. Ich bin
zuversichtlich, daß dies der Fall sein wird.
Ich werde Ihnen drei Redner vorstellen. Ich werde sie
alle jetzt vorstellen, und sie dann nacheinander sprechen lassen. Als ersten bitte ich Penn Kemble, den
renommierten Stellvertretenden Direktor des US-Informationsamts, einige Worte zu seiner Rolle und
Aufgabe zu sagen. Dann den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Jeff Garten, und schließlich Botschafter Paul Cleveland. Ein paar kurze Worte über
jeden, denn ich kenne sie alle seit zehn bis siebzehn
Jahren. Penn Kemble ist ein renommierter außenpolitischer Praktiker, der während der letzten zehn Jahre
in wichtigen Ämtern unter beiden Parteien tätig war. Er
ist das Sprachrohr der neuen Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Jeff Garten, ein Kollege von mir im USAu ßenministeriu m unter der Carter-Administration, als
er Stellvertretender Direktor für politische Planung
war, ein Kollege von mir, als wir beide in den achtziger
Jahren Partner bei Lehman Brothers an der Wall Street
waren, und jetzt wieder ein Kollege von mir im Wirtschaftsministerium, ist der dynamische Leiter einer
sehr großen Handelsabteilung mit der gesetzlich verankerten Verantwortung zu Exportförderung, Durchsetzung bestimmter, den Export betreffender Gesetze,
und Überwachung des riesigen weltweiten Netzes von
Aktivitäten, und darüber hinaus ist er der Vorsitzende
eine Komitees zur Förderung von Handelsexporten,
das die Politik der Vereinigten Staaten in diesem
Bereich überarbeitet. Schließlich Paul Cleveland, ein
Kollege aus meiner Zeit in Ostasien, der mit mir
zusammen im Büro für ostasiatische Angelegenheiten
gearbeitet hat, und jetzt von Warren Christopher zu
seinem persönlichen Referenten im Rang eines Botschafters ernannt wurde, der ihm bereits als Botschafter in Ostasien verliehen worden war, um im USAußenministerium das "Amerikanische" Büro zu leiten, wie wir es inoffiziell nennen. Er ist der Emissär des
State Department für amerikanische Unternehmen.
Das sind Ihre Redner. Ich werde Penn bitten, zuerst zu
sprechen, Jeff als zweiter und dann Paul, der hier den
Außenminister vertritt, und danach werde ich einige
abschließende Worte sagen.
Ich danke Ihnen.

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�BUSINESS

INFORMATION

CENTER
26. Januar 1994

ERÖFFNUNG DES BUSINESS INFORMATION
CENTER IN FRANKFURT
Ansprache von Staatssekretär Garten
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Staatssekretär für Welthandel im Wirtschaftsministerium, Jeffrey E. Garten, am 18. Januar 1994 aus Anlaß der Eröffnung des gemeinsamen Informationszentrums der Handelsabteilung und des US-Informationsamts (FCS-USIS Business Information Center) im Amerika
Haus Frankfurt gehaltene Rede.

Diese Veranstaltung ist für mich aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Wie ich heute bereits
erwähnte, bin ich in Deutschland aufgewachsen, zu
einer Zeit, in der militärische und sicherheitspolitische
Aspekte im Zentrum der deutsch-amerikanischen
Beziehungen standen. Später, in den achtziger Jahren, kam ich als Börsenmakler hierher, als Deutschland eines der beiden Länder mit hohem Kapitalüberschuß war. Und jetzt habe ich die Ehre und das
Vergnügen, als Regierungsvertreter hier zu sein während sich die Natur unserer Beziehungen erneut
wandelt - und das Vergnügen, an diesem meines
Erachtens symbolträchtigen und äußerst bedeutenden Ereignis teilzunehmen, das eine Verbindung zwischen Handel und Kultur herstellt.

zu versuchen, um unsere Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit ihm zu vertiefen und zu modernisieren.
Dieses Land ist Deutschland.

Als Vertreter des Wirtschaftsministeriums freue ich
mich besonders, Ihnen - aus der Perspektive Washingtons- mitteilen zu können, daß diese Einrichtung für
eine sehr wichtige Entwicklung steht.

Es ist, um mit den Worten von Botschafter Holbrooke
zu sprechen, eine Leistung, die Mittel verschiedener
Behörden und Ämter der amerikanischen Regierung
zu bündeln. Das war nicht immer einfach, aber zumindest in Deutschland - wie das Business Information
Center des Amerika Hauses symbolisiert - sind das
US-Wirtschaftsministerium, das US-Außenministerium
und das US-Informationsamt geeint in ihrer Entschlossenheit, größte Anstrengungen zu unternehmen, um
Handel und Kultur zum Mittelpunkt unseres Engagements zu machen. Ich freue mich, hier zu sein.

In Washington prüfen wir unsere Beziehungen zu allen
Ländern, und es ist kein Geheimnis, daß die Wirtschaftsinteressen Amerikas zunehmend auf Asien und
Lateinamerika gerichtet sind.
Wir haben jedoch die Entscheidung getroffen, daß es
einen Industriestaat gibt, bei dem wir es uns nicht
leisten können, nicht alles in unserer Macht Stehende

Heute morgen sprach ich über ein neues, von uns
entwickeltes Programm - nicht nur vom Wirtschaftsministerium, sondern von der Clinton-Administration das den Namen Showcase Germany (Aushängeschild Deutschland) trägt. Dieses Programm entwarfen wir gemeinsam mit Botschafter Holbrooke um
sicherzustellen, daß die Vereinigten Staaten im Bereich des Handels weiterhin in Deutschland aktiv bleiben. Meines Erachtens symbolisiert das heutige Ereignis
in ausgezeichneter Weise diese Entschlossenheit
unsererseits.

Vielen Dank.

* * * *

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�BUSINESS

INFORMATION

CENTER
26.Januar 1994

DEUTSCH-AMERIKANISCHE
HANDELSBEZIEHUNGEN BEISPIELHAFT
Ansprache von Botschafter Cleveiand
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter Paul Cleveiand, dem Koordinator für
Wirtschaftsfragen des US-Außenministeriums, aus Anlaß der Eröffnung des Business Information Center im
Amerika Haus Frankfurt am 18. Januar 1994 gehaltene Rede.

Es ist schön, wieder hier in Frankfurt zu sein. Erste
Verbindungen zu dieser Stadt hatte ich Mitte der
fünfziger Jahre als junger Pilot der US-Luftwaffe auf
dem Luftwaffenstützpunkt Rhein Main. Aus diesem
Grund freue ich mich besonders, wieder hier zu sein.

ein wichtiges neues Kapitel der deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen. Unsere Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind seit
Beginn der Nachkriegszeit zum großen Nutzen
unserer beiden Länder stetig gewachsen.

Es scheint mir besonders angemessen, daß wir heute
hier zur Eröffnung des Business Information Center
des Amerika Hauses Frankfurt zusammentreffen. Der
Umfang und die Offenheit der deutsch-amerikanischen
Handelsbeziehungen sowie die Qualität und enge
Zusammenarbeit unserer beiden Demokratien dienen
der übrigen Welt als Beispiel. Als zwei der in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht am stärksten entwickelten Nationen der Welt tragen Deutschland und
die Vereinigten Staaten eine besondere Verantwortung zum Einsatz ihrer Stärke und ihres gegenseitigen
Verständnisses fürdie Förderung einesoffenen, freien
und fairen Wirtschaftsaustausches sowie der Demokratie auf der ganzen Welt. Wenn wir dabei Erfolg
haben, wird dieses Informationszentrum, dieses Geschäftszentrum, das wir heute eröffnen, mehr als ein
praktisches Lehrzentrum werden, das ein weiteres
Bindeglied zwischen unseren Nationen ist. Es wird zu
einem Symbol der beispielhaften bilateralen Partnerschaft werden, von der die ganze Welt Nutzen ziehen
und lernen kann. Und mir scheint, daß das ein passendes Ende des heute Begonnenen wäre.

Durch Direktinvestitionen in Deutschland haben
amerikanische Unternehmen einen bedeutenden Beitrag zum zügigen Wiederaufbau der
Bundesrepublik geleistet. Amerikanische Firmen spielen eine führende Rolle unter den Investoren in den neuen Bundesländern. Der Vorteil
für Amerika besteht darin, daß deutsche Firmen
zunehmend in den Vereinigten Staaten investieren.

In Anerkennu ng dieser Tatsache sowie der Bedeutu ng
dieses Ereignisses ist es meine Pflicht, eine große
Ehre und ein Vergnügen, Ihnen am heutigen Nachmittag die folgende Botschaft von Au ßenminister Warren
Christopher übermitteln zu dürfen:

Die Eröffnung des Business Information Center
im Amerika Haus unterstreicht ferner unser Engagement für die Unterstützung amerikanischer
Geschäftsinteressen in Deutschland und auf
der ganzen Welt. Unsere Botschaft und unsere
Konsulate bieten auch Ressourcen für amerikanische und ausländische Geschäftsleute, die
Informationen und professionelle Hilfe benöti-

"Die heutige Eröffnung des Business Information Center im Amerika Haus Frankfurt markiert

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Präsident Clinton hat Wirtschaftsfragen in den
Mittelpunkt unserer Außenpolitik gestellt. Wie
der erfolgreiche Abschluß der Uruguay-Runde
des GATT und des NAFTA demonstrieren, hat
er seine Administration zum Abbau der Handels- und Investitionshemmnisse sowie zur
Öffnung von Märkten für amerikanische Unternehmen verpflichtet. Auslandsinvestitionen gehen
Hand in Hand mit dem Welthandel. Durch die
weitere Öffnung unserer Märkte für Produkte
und Investitionen des jeweils anderen Landes
stärken wir unsere eigene Konkurrenzfähigkeit.

Seite 1

�gen. Durch die Unterstützung deutscher Geschäftsleute bei der Vermittlung von Informationen und den Bemühungen um Zugang zu ihren
amerikanischen Kollegen gewährleistet diese
Einrichtung auch in Zukunft lebhafte Handelsbeziehungen.
Deutschland spielt auch eine bedeutende Rolle
bei unserem gemeinsamen Interesse an der
Stärkung der Demokratie in Osteuropa. Demokratie ist eng verbunden mit Wohlstand. Die
Ausweitung des Handels zwischen Deutsch-

land und den Vereinigten Staaten wird nicht nur
für unsere beiden Länder, sondern auch für die
Nachbarn Deutschlands von Vorteil sein.
Ich entbiete Ihnen meine Glückwünsche zur
Eröffnung des Zentrums und fordere die Vertreter der Wirtschaft dazu auf, diese Einrichtung
optimal zu nutzen, während sie die interessanten wirtschaftlichen Möglichkeiten in Europa
und Amerika erforschen."
Ich danke Ihnen.

* * Ä* tC
* "K*

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�PORTRAT
26.Januar 1994

WILLIAM PERRY - KENNER DES PENTAGON
UND ABRÜSTUNGSEXPERTE
Porträt des designierten Verteidigungsministers
WASHINGTON - (AD) - Am 24. Januar 1994 nominierte Präsident Clinton den Stellvertretenden Verteidigungsminister William Perry für das Amt des künftigen Verteidigungsministers. Der Vertreter von Les Aspin war unter
der Carter-Administration Staatssekretär im Pentagon und ist ein führender Förderer der Stealth-BomberTechnologie ('Tarnkappenbomber")- Die von ihm entworfenen Sonderfinanzierungsbestimmungen ermöglichten die geheime Entwicklung dieser Technologie.

Der designierte Verteidigungsminister ist ein Kenner
des Pentagon, erfolgreicher Unternehmensleiter in der
Verteidigungsindustrie, Mathematiker und Akademiker mit Erfahrung im Bereich der Rüstungskontrolle.
In seiner Eigenschaft als Stellvertretender Au ßenminister war Perry nahezu ein Jahr lang einer der Berater
des Präsidenten für Militärtechnologie und Verteidigungsminister Les Aspins rechte Hand. Als Clinton
Anfang 1993 Perry erneut nach Washington berief,
stellteder Präsident fest, erund Verteidigungsminister
Aspin würden sich "bei ihren Bestrebungen, die amerikanischen Streitkräfte in einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe weiterhin als weltweit stärkstes Militär
beizubehalten auf Perrys Wissen, Ideenreichtum und
Urteilsvermögen verlassen".

Outstanding Service Medal der US-Armee ausgezeichnet.
Der 67jährige designierte Verteidigungsminister studierte Mathematik und erwarb seine gesamten Universitätsabschlüsse - einschließlich des Doktortitels - auf
diesem Gebiet. Er studierte in Stanford und an der
Pennsylvania State University.
In Stanford erhielt Perry eine Professur an der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät sowie das Amt eines
Ko-Direktors im Center for International Security and
Arms Control. Er ist Mitglied der National Academy of
Engineering, Fellow an der American Academy of Arts
and Sciences und gehört dem Ausschu ß für internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle der National
Academy of Science an.

Bei der Bekanntgabe der Nominierung Perrys für das
Amt an der Spitze des Pentagon wies der Präsident
darauf hin, sein Kandidat habe bedeutende Verteidigungsfragen maßgeblich beeinflußt sowie die äußerst
schwierige Aufgabe gehabt, das Beschaffungswesen
des Ministeriums zu reformieren und den viele Millionen Dollar betragenden Verteidigungshaushalt zu rationalisieren.

Während seiner beruflichen Laufbahn in der Rüstungsindustrie war Perry als Direktor der United Technologies Corporation, der FMC Corporation und kleinerer
Unternehmen tätig. Er arbeitete für eine auf Hochtechnologieunternehmen spezialisierte Börsenmaklerfirma
in San Francisco und als Direktor von Sylvania/General Telephone's Electronic Defense Laboratories.

Das Amt des Verteidigungsministers wird Perrys dritter Posten im Pentagon sein. Von 1976 bis 1981 diente
er als Staatssekretär für Forschung und Entwicklung.
Unter der Carter-Administration war er verantwortlich
für den Erwerb aller Waffensysteme und die Überwachung von Forschung und Entwicklung im enormen
amerikanischen Militärapparat. Perry wurde mit der

In der Privatwirtschaft war Perry Vorsitzender der
Management-Konsultingfirma Technology Strategies
and Alliances. Er war im Beratungsausschuß der
Regierung für ausländische Nachrichtendienste, Mitglied des technischen Überprüfungsgremiums des
Sonderausschusses des Senats für Nachrichtendienste und Treuhänder der Carnegie-Stiftung für den
Weltfrieden.

AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�Perry wurde zweimal die Distinguished Public Service
Medal des US-Verteidigungsministeriums verliehen 1980 und 1981, dem Jahr, in dem ihn die Bundesrepublik Deutschland mit dem Komturkreuz ehrte. 1982
zeichnete ihn Frankreich als Grand Officer de L'Ordre
National du Merite aus.

teausschusses des Senats, Sonny Montgomery, stellte fest, Perry werde "ein ausgezeichneter Minister"
sein, und ein anderes Ausschußmitglied, Senator Joseph
Lieberman, lobte Clintons Wahl mit den Worten, Perry
sei "höchst qualifiziert und verfüge über umfassende
Erfahrung".

Perry zufolge hat das Pentagon "bei der Förderung von
Demokratie eine bedeutende Rolle zu spielen", weil
das amerikanische Militär "zur Vertiefung des Verständnisses der Prinzipien - und Vorteile - der zivilen
Kontrolle des Militärs beitragen kann" durch direkte
Programme auf militärischer Ebene, wie sie jetzt mit
Rußland in die Wege geleitet wurden.

Perry ist sowohl belesen als auch praktisch veranlagt.
Er zitiert häufig Victor Hugo, Winston Churchill und
Graham Greene. Darüber hinaus kennt er die KostenNutzen-Rechnung der Tarntechnologie für Flugzeuge
und war deren Verfechter im Pentagon.

Bei anderen Themen hat Perry seine kontinuierliche
Unterstützung für den ABM-Vertrag zum Ausdruck
gebracht,
jedoch auch erklärt, wenn die Vereinigten
Bei seinen Reisen nach Europa und Asien als StellverStaaten
ein
Stadium erreichen würden, an dem die
treter Aspins betonte Perry immer wieder, Demokratie
Aushandlung
von Änderungen des ABM-Vertrags
"ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist, und die sich als
eindeutig
eine
Verbesserung
der nationalen Sicherheit
kraftvoller als mächtige Armeen erwiesen hat". Perry
darstellen
würde,
dann
sollten
Verhandlungen mit
erklärt, die Vorteile der Demokratie "werden von jedem
Rußland
aufgenommen
werden.
erkannt, der an Frieden und Freiheit glaubt", die
Gewährleistung dieser Vorteile setze jedoch die Erkenntnis voraus, "daß der Zusammenbruch des So- Perry unterstützt ferner enthusiastisch Aspins fortgewjetkommunismus nicht ein Ende aller Bedrohungen setzte Bestrebungen zur Erweiterung der Rolle von
Frauen im Militär, insbesondere bei mit Kampfunterunserer Sicherheit bedeutet".
stützungsoperationen in Zusammenhang stehenden
Perry muß als neuer Chef des Pentagon vom Senat Positionen.
bestätigt werden. Eine erste Stellungnahme des Kapitals
war positiv. Das hochrangige Mitglied des Streitkräf- Perry ist verheiratet und hat drei Söhne und zwei
Töchter. Seine Frau ist beeidigte Wirtschaftsprüferin.

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Seite 2

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AMERIKA DIENST 4

�</text>
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