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                    <text>Information
und
Dokumentation
United States Information Service

26

28. September 1977
INHALT

DOKUMENTATION
Präsident Carter erläutert seine Menschenrechtspolitik
\

Brown bekräftigt BUndnistreue der Vereinigten Staaten
- Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977
Young: Vereinte Nationen müssen Nord-Süd-Dialog fortsetzen
- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -

WIRTSCHAFT
Ansprache Carters vor dem IWF und der Weltbank
- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Die Vereinten Nationen als Forum für den Nord-Süd-Dialog
- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes
Erdgas aus Alaska
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"ENTERPRISE" zum zweiten Mal im freien Flug
Meeresalgen als Methanquelle

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Dokumentation

I a

United States Information Service

28. September 1977

26

PRÄSIDENT CARTER ERLÄUTERT SEINE MENSCHENRECHTSPOLITIK

Präsident Jimmy Carter hat in einem mit
seinem Namen gezeichneten Artikel in der
amerikanischen Zeitung BALTIMORE SUN seine
Vorstellung von den Menschenrechten definiert. Der Artikel, der am 19. September
1977 auf der Kommentarseite des Blattes
erschien, wurde auf Ersuchen der Zeitung
geschrieben.

Bei genauem Hinsehen gibt es gar keinen "typischen Amerikaner".
Nach Herkommen, Religion, Hautfarbe, Dialekt, kulturellem Hintergrund
- ja selbst nach Geburtsland - sind wir so vielfältig wie die Menschheit selbst.
Aber wenn es etwas gibt, das uns alle vereint, dann ist es ein gemeinsamer
Glaube an bestimmte Grundrechte des Menschen.
In den acht Monaten,seit ich im Amt bin, habe ich versucht, die diesen
Rechten gebührende Achtung in das Gewebe unserer Außenpolitik hineinzuflechten.
Als Nebenerscheinung dieses notwendigerweise noch im Versuchsstadium steckenden Bemühens entspann sich eine Debatte über das Wesen der Menschenrechte und
wie sie am besten zu fördern seien, die unsere ganze Nation - ja die ganze Welt
ergriff.
Die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die Menschenrechte zu definieren, ist ein riskantes Unterfangen.

Es be-

steht die Gefahr, daß etwas wesentliches ausgelassen wird; aber ebenso besteht auch die Gefahr, daß Dinge mit einbezogen werden, die - so erwünscht
sie auch sein mögen - keinesfalls Rechte sind.

Die beste Definition, die

ich kenne - und gewiß die bündigste - ist der von Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung benutzte Ausdruck:

Leben, Freiheit und das Streben nach

Glück.
Das fundamentalste dieser Rechte ist das Leben - das Recht auf Unverletzlichkeit der Person.

Das ist das Recht eines jeden Einzelnen, in Frie-

den und frei von jeder willkürlichen Hinrichtung, Folter oder Gefangennahme
zu leben.
Unter Menschen guten Willens, welcher politischen Ideologie sie auch
anhängen mögen, kann es keinen Streit über dieses Recht geben.
unverrückbare Grundlage des Sozial Vertrages, und ein

Es ist die

Regime, das dieses

Recht systematisch und wiederholt verletzt, büßt am Ende seine eigene Legitimität ein.
Jeffersons zweites "unabdingbares Recht" - das Recht auf Freiheit - umfaßt die bürgerlichen Freiheiten, wie sie in vielen großen und berühmten Dokumenten niedergelegt sind - angefangen von unserer eigenen "Bill of Rights"
(Bürgerrechte) bis zu dem ersten Teil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Die wichtigste dieser Freiheiten ist die Gewissensfreiheit mit den dazugehörigen Freiheiten der Rede und der Presse.
Das dritte Recht ist das Streben nach Glück, und es ist ein Zeichen für
die Besonderheit des Genius von Jefferson, daß er es gerade in dieser Weise
ausdrückte und nicht die doch recht kalte Formulierung der damaligen Zeit
von dem "Streben nach Besitz" gebrauchte.
In unserer modernen Zeit würden die meisten von uns das Streben nach
Glück so verstehen, daß dazu das Recht auf einen Grundstandard der materiellen

�materiellen Existenz gehört - auf Nahrung, Wohnung, Gesundheitsfürsorge
und Bildung.

Im internationalen Recht findet dieses dritte Menschenrecht

- das weniger eine Freiheit als vielmehr eine Angelegenheit der sozialen
und wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist - seinen Ausdruck in der zweiten
Hälfte der Allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Wenn es schwierig ist, die Menschenrechte zu definieren, so ist es
noch schwieriger, Mittel und Wege zu finden, um sie zu fördern. Menschenrechte können nicht das einzige Ziel unserer Außenpolitik sein - nicht in
einer Welt, in der der Friede buchstäblich eine Sache des Überlebens ist.
Uns sind Grenzen gezogen durch die Tatsache, daß eine Entscheidung, die
uns auf das eine unserer Ziele hinführt, uns von einem anderen weiter hinwegbringen kann,und durch die Grenzen unserer Macht. In dieser unvollkommenen Welt werden die Ergebnisse unseres Handelns keineswegs immer eindeutig sein, selbst wenn das Motiv unseres Handelns es ist.
Durch öffentliche Diskussion und Einwirkung im Stillen ist einiger Fortschritt erzielt worden.

Aber wir können im Kampf für die Menschenrechte

keine raschen oder leichten Ergebnisse erwarten - in einem Kampf, der schon
seit vielen Jahrhunderten andauert.
Letztlich ist der beste Weg, wie wir die Sache der Menschenrechte in
anderen Ländern fördern können, alles zu tun, um sie im eigenen Lande zu fördern. Man kann die Menschenrechtssituation in totalitären Ländern mit der
in unserem eigenen Land nicht vergleichen. Eine systematische Zerstörung der
Freiheitsrechte durch einen allmächtigen Staat hat es in der amerikanischen
Geschichte niemals gegeben.
Dennoch ist es gut, sich daran zu erinnern, daß noch vor 15 Jahren amerikanischen Bürgern das Stimmrecht aufgrund ihrer Hautfarbe vorenthalten
wurde.

Und selbst heute noch ist die dritte der Freiheiten Jeffersons nur

unvollkommen verwirklicht, soweit es viele Amerikaner betrifft.
Der
- 3 -

�•

Der Kampf geht weiter hier in unserem eigenen Land. Und wenn dies
auch weiterhin für die Vereinigten Staaten gilt, deren demokratische Freiheiten eine Geschichte haben, die sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, so
gilt es umso mehr für die ganze Welt, von der viele Teile diese Freiheiten
niemals gekannt haben.
•

Auf lange Sicht bin ich optimistisch. Veränderungen werden nicht rasch
kommen, aber sie werden mit Sicherheit kommen. Der Gang der Geschichte ist
langsam und oft verwirrend, aber solange wir uns selbst treu bleiben, ist
die Geschichte - was die Menschenrechte anbetrifft - auf unserer Seite.

•

+ + + + +

.

�1

1
I

Dokumentation
United States Information Service

28. September 1977

26

BROWN BEKRÄFTIGT BONDNISTREUE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Harold Brown
bekräftigte in einer Rede am 15. September 1977 vor dem Verband der Rüstungsindustrie in den USA die Bündnistreue der Vereinigten Staaten und versicherte,
daß der Verteidigungshaushalt jährlich um drei Prozent erhöht werde.

Brown

nahm auch klar und eindeutig zu der in Europa umstrittenen Sicherheitsstudie
PRM-10 Stellung und hob den Unterschied zwischen Studie und politischer Entscheidung hervor.
Die Rede des Verteidigungsministers hat folgenden Wortlaut:
Ich nehme an, daß viele von Ihnen kürzlich eine Menge über eine Sache
gelesen haben, die PRM-10 genannt wurde.

Falls Sie nicht ganz sicher sind,

worauf ich mich beziehe: PRM-10 ist weder ein Kinderwagen (pram) noch ein Getränk.

PRM-10 ist die Abkürzung für Presidential Review Memorandum Nummer 10.

Es ist eine zwischenbehördliche Studie, die vom Präsidenten in Auftrag gegeben
wurde.

Ihr

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Ihr offizieller Titel lautet:
Truppenstä'rkenanalyse."

"Umfassende vergleichende Lage - und

Ihr Thema sind die Ziele der nationalen Sicherheit,

Strategien und die Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Weil ich den Eindruck habe, daß mancherorts fälschlicherweise eine Studie
und eine politische Entscheidung für ein und dieselbe Sache gehalten werden,
möchte ich diese Gelegenheit benutzen, um darzulegen, warum es Studien wie
PRM-10 gibt, warum PRM-10 wohl so viele Kommentare ausgelöst hat und welches
Ziel diese Regierung auf dem Gebiete der nationalen Sicherheit tatsächlich
verfolgt.
.

Die Notwendigkeit für PRM-10
Ich kann verschiedene Gründe dafür anführen, warum PRM-10 in Auftrag
gegeben wurde.

Denken ist eine harte Arbeit.

Es ist eine besonders harte

Arbeit, wenn man die Umwelt analysieren, operative Ziele herausheben sowie
wirksame und erfolgreiche Programme zur Erreichung dieser Ziele ausarbeiten
muß.
Wenn diese Arbeit erst einmal getan ist, dann entsteht - vor allem in
großen Organisationen - die Tendenz.alles in einen konkreten Rahmen zu bringen.
Einzelne Stäbe verhalten sich defensiv zu den Programmen. Man widersetzt
sich einem Wandel.
Die Programme werden zum Selbstzweck. Deshalb sollten unsere Stäbe von
Zeit zu Zeit Abstand gewinnen von ihren Mikro-Analysen und ihren Mini-Schiachten, damit sie sich den größeren Fragen und den ihren Programmen zugrundeliegenden Voraussetzungen zuwenden können. Wir möchten, daß sie sich überlegen, was sich denn - wenn überhaupt - in der Umwelt geändert hat. Sie müssen sich fragen, ob unsere operativen Ziele auf die heutige Realität bezogen
sind. Sie müssen sehen, ob ihre Programme noch einen Sinn haben.
Wir

�Wir könnten nach einer solchen Überprüfung dann sehr wohl entscheiden,
daß keine Änderungen, keine Änderungen nach oben angebracht sind - oder gar
drastische Änderungen.

Aber solch eine gelegentliche Überprüfung ist meiner

Ansicht nach genau so wichtig wie von Zeit zu Zeit eine ärztliche Untersuchung,
obwohl ich nicht empfehlen würde, das jedes Jahr zu veranstalten.

Das Aus-

maß an Arbeit, die wachgerufenen Besorgnisse und das Unbehagen insgesamt sind
beträchtlich.

Darüber hinaus ist überhaupt nicht gesagt, daß die internatio-

nale Gemeinschaft und ihre verschiedenen Gebrechen sich so rasch verändern,
daß eine jährliche Überprüfung dieses Umfangs erforderlich wäre.

Aber für

eine neue Administration führt kein Weg an einer solchen Analyse vorbei, und
es gibt keinen Ersatz dafür.
Eine dieser wichtigen von Zeit zu Zeit stattfindenden Überprüfungen
war die PRM-10-Studie. Ein Teil dieser Studie - eine umfassende allgemeine
Lagebewertung - untersuchte die Weltlage im allgemeinen und die sich zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion entwickelnde Beziehung im besonderen. Der zweite Teil gab eine Einschätzung der Kapazitäten der derzeitigen
amerikanischen Verteidigungsposition unter verschiedenen Grundannahmen und
konstruierte eine Reihe von Verteidigungssituationen für die Vereinigten
Staaten zusammen mit einer ungefähren Einschätzung ihrer Kosten und des durch
sie Erreichbaren. Ein Vergleich dieser Optionen mit der programmierten Position gab uns eine Möglichkeit - aber nicht die einzige - ,um entscheidende
Grundvoraussetzungen ins Licht zu rücken und Fragen aufzuwerfen, wie weit sie
richtig und wertvoll seien.

Die Konsequenzen der PRM-10-Studie
Die Beachtung, die PRM-10 in der Öffentlichkeit gefunden hat, mag zu
einem guten Teil einfach daher rühren, daß man die Studien der PRM-10 Arbeitsstäbe mit der nationalen Sicherheitspolitik durcheinanderbrachte.

Wenn

Grundvoraussetzungen durch alternative militärische Ziele und Positionen
analysierend in Frage gestellt werden, so können diese Infragestellungen und
- 3 -

�und Alternativen allzu leicht irrtümlich für mehr gehalten werden,als sie
sind - nämlich Illustrationen dessen, was mit dem Aufbau der Streitkräfte geschehen könnte, wenn die Ziele und Grundvoraussetzungen der einen oder anderen Art verändert werden.
Ich bin überzeugt, daß die PRM-10-Studie ihren Aufwand an Zeit, Energie
und Mühe wert gewesen ist.

Alle an ihr Beteiligten haben eine Menge gelernt

- sowohl in bezug auf die Bürokratie als auch über die Substanz.

Eine neue

Administration gewann so ein besseres Verständnis für die Entscheidungen ihrer
Vorgänger.

Die wesentliche Kontinuität der amerikanischen nationalen Sicher-

heitspolitik wurde bekräftigt, wenngleich zweifellos Verbesserungen in dieser
Politik erfolgen werden in dem Maße,wie die Verhältnisse sich ändern und wir
uns weiterhin mit den yor uns liegenden komplexen Problemen auseinandersetzen
werden.
•

Nationale Sicherheitspolitik
Hier ist vielleicht der Punkt, an dem ich einhalten sollte. Aber, um
die Redensart einmal in einem modernen Sinne zu benutzen, ich muß noch weitersingen, um mir mein Abendessen zu verdienen. Bevor ich Ihnen also einen zusammenfassenden Überblick darüber gebe, wie diese Administration die Welt sieht,
was wir für unsere wichtigsten Probleme der nationalen Sicherheit halten und
wie wir sie anpacken wollen, möchte ich das eine unterstreichen: Verteidigungsprogramme sind - anders als PRM-10 - keine Studien.
Verteidigungsprogramme müssen spezifisch sein und müssen zwischen Alternativen wählen.

Sie sind notwendigerweise abhängig von der Zeit und beschränkt

durch die verfügbaren Mittel.
stellen.

Sie müssen eine ungewisse Zukunft in Rechnung

Infolgedessen werden Veränderungen in der Gesamtposition nahezu

immer schrittweise und Stück für Stück erfolgen.

Wo so gewaltige Dinge auf dem

Spiel stehen, muß Evolution - nicht Revolution - die Parole des Tages sein.
Auch wenn uns Hoffnungen beflügeln mögen, müssen uns doch am Ende die Realitäten und unsere langfristigen Ziele leiten.
Tendenzen

�Tendenzen und Ziele
Ich will zusammenfassend über einige dieser Realitäten sprechen, die
uns in unserer heutigen Welt leiten müssen:
- Erstens, die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion bleiben weiterhin gekennzeichnet durch Wettstreit und Zusammenarbeit, mit dem innewohnenden Risiko des Konflikts wie aber auch der Chance
zur Stabilisierung dieser Beziehungen.
- Zweitens, in vielen der nicht-militärischen Aspekte des Wettstreits
haben die Vereinigten Staaten gewaltige Vorteile gegenüber der Sowjetunion:
1n ihren industriellen, landwirtschaftlichen und technologischen Kapazitäten
und in ihrem diplomatischen Einfluß, in bezug auf die Energie und die Unternehmungskraft ihrer Bürger, in dem Anklang, den unser System - in seinem Verständnis und seiner Hilfsbereitschaft und seinem schlichten Anstand - findet,
und in der Unterstützung der Verbündeten und anderer Freunde, die wahrhaft
ähnliche Hoffnungen und Ziele wie wir verfolgen.
- Drittens, die Sowjetunion leidet unter größeren inneren Schwächen und
Mängeln wirtschaftlicher, politischer und sozialer Art. Ihr fehlt es an Verbündeten, die aufrichtig zu ihr halten, und sie hat Rückschläge in ihren Beziehungen zur Volksrepublik China, zu Indien und Teilen Afrikas erleben müssen.
Andererseits ist die UdSSR aufgrund eines geschlossenen Prozesses der politischen Entscheidungen imstande, ihre Anstrengungen auf einen engen Bereich
zu konzentrieren.

In einigen Fällen ist das für sie ein realer Vorteil.

- Viertens, viele internationale Tendenzen und Probleme entwickeln sich
weiterhin unabhängig von dem Wettstreit zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten; es wäre demnach ein Fehler, all unsere Aufmerksamkeit und
unsere Ressourcen ausschließlich auf diese Rivalität oder auf seine militärischen Komponenten zu konzentrieren.
- Fünftens

�- Fünftens, die Sowjetunion bleibt trotz der Wichtigkeit dieser anderen
Bewegungen und Tendenzen unser Hauptproblem für die nationale Sicherheit
- zwar nicht das einzige ,aber doch das größte.
Vor allem sollten wir uns über die eine Tatsache nicht täuschen:

Die

Sowjetunion ist dabei, eine militärische Macht zu gewinnen, die der der Vereinigten Staaten vergleichbar ist.
Wir müssen weiterhin mit den Sowjets um Abkommen über eine in angemessener Weise verifizierbaren Rüstungskontrolle und Abrüstung verhandeln, durch
die die internationale Stabilität verstärkt und das Wettrüsten begrenzt werden - sowohl auf nuklearem wie auf nicht-nuklearem Gebiet.

Wir sollten ver-

suchen, die Sowjetunion in einer Reihe globaler Aktivitäten mit einzubeziehen
- auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, einschließlich des Handels mit
nichtstrategischen Gütern.

Wir sollten sie zur Zusammenarbeit bei der Lösung

regionaler Konflikte und bei der Reduzierung von Spannungsgebieten ermutigen,
die zu einer Konfrontation führen könnten.
Aber keine dieser Bemühungen darf uns dazu bewegen, das Eintreten Amerikas
für die Menschenrechte und die Freiheit herunterzuspielen.
Und sie sollten uns ganz gewiß nicht davon abhalten, der militärischen
Macht der Sowjets mit der gleichen Stärke entgegenzutreten und einem gegen
uns gerichteten sowjetischen Einfluß in so entscheidend wichtigen Gebieten
wie Westeuropa, Ostasien und dem Nahen Osten wirksam zu begegnen.
Hierzu wird im Verein mit unseren Verbündeten unser Hauptverteidigungsziel die Aufrechterhaltung eines ausgewogenen militärischen Gesamtstärkeverhältnisses mit der Sowjetunion sein, das zumindest so günstig für uns ist
wie das derzeit bestehende.
ist es, was wir wollen.

Abschreckung - nicht aber überwältigende Macht -

Dazu aber brauchen wir eine glaubwürdige Kampfkapazi-

tat.
- 6 -

Um
—

�Um diese Abschreckung zu sichern, wollen wir die Höhe der amerikanischen
Verteidigungsausgaben um jährlich real etwa drei Prozent erhöhen.

Unsere

NATO-Verbündeten haben sich ebenfalls verpflichtet, zu versuchen, dieses Ziel
zu erreichen.

Strategisehe Nuklearstreitkräfte
Obwohl ein strategischer Nuklearangriff die am wenigsten wahrscheinliche
Möglichkeit ist, der wir uns gegenübersehen, so ist doch die Aufrechterhaltung
eines ausgewogenen strategischen nuklearen Kräfteverhältnisses eine der lebenswichtigsten Verteidigungsaufgaben, vor der wir stehen.
Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion besteht zur Zeit ein
strategisch-nukleares Gleichgewicht.
Situation nennen.

Manche Leute mögen es auch eine Patt-

Die strategische Abschreckung wirkt auf jeden Fall.

Diese Administration ist entschlossen, die strategische Abschreckung der
USA aufrechtzuerhalten. Wir würden vorziehen, es durch gerechte und verifizierbare Abkommen über eine Begrenzung und Reduzierung der Kernwaffen aufrechtzuerhalten. Wir werden es aber aufrechterhalten, welche Mittel und
Ressourcen auch immer dazu notwendig sein mögen. Niemand sollte auch nur die
geringsten Zweifel in dieser Hinsicht haben.
Ich unterstreiche diese Entschlossenheit aus zwei wesentlichen Gründen:
Der erste besteht ganz einfach darin, daß das strategische Kräfteverhältnis
nicht statisch ist; aufgrund der wesentlichen und anhaltenden Anstrengungen
der Sowjetunion ist es in höchstem Maße dynamisch. Der zweite Grund ist die
Tatsache, daß es eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe ist, mit dieser
dynamischen Entwicklung fertig zu werden; es gibt hier keine leichten, auf
einen Schlag zu erreichende Lösungen.

Die
- 7 -

�Die Vereinigten Staaten haben in diesem Wettbewerb nicht geschlafen.
Wir haben nicht auf unseren Händen gesessen.

Aber wir müssen alle erkennen,

daß die Sowjets eine ganze Anzahl großer, eindrucksvoller und kostspieliger
strategischer Programme in Arbeit haben, um ihre Offensivkapazität, ihre aktive Verteidigung und ihr passives Verteidigungssystem zu stärken.

Sie be-

gnügen sich nicht damit, ein Problem zu prüfen, sie arbeiten daran.
Um Ihnen nur einen Hinweis darauf zu geben, welche Anstrengungen - und
welcher Schwung - dahinter stehen:

Die Sowjets dislozieren gegenwärtig eine

vierte Generation von Interkontinentalraketen (ICBM) in einem Tempo von 100
bis 150 pro Jahr.

Diese Raketen sind, was ihre Treffsicherheit und ihre Trag-

kraft anbetrifft, fast übereinstimmend erstklassig.
Gleichzeitig entwickeln die Sowjets vier neue Interkontinentalraketen,
sie setzen die Arbeit an der SS-16, ihrer mobilen Interkontinentalrakete,fort,
ynd sie modernisieren vier weitere Raketen.

Warum die Sowjets die Verbesserung

ihrer strategischen Nuklearkapazität so nachdrücklich vorantreiben, kann niemand genau sagen.
Fest steht jedoch, daß wir ihre Anstrengungen nicht einfach außer acht
lassen oder davon ausgehen können, daß die Sowjets von Verteidigungsüberlegungen oder gar von Menschenfreundlichkeit motiviert seien.
Nach meiner eigenen Auffassung stehen wir seit vielen Jahren an einem
Punkt, wo ein voller thermonuklearer Schlagaustausch zwischen der Sowjetunion
und den Vereinigten Staaten für beide Seiten eine Katastrophe unvorstellbaren
Ausmaßes wäre.

Ich habe in den letzten acht Monaten nichts in Erfahrung bringen

können, was diesen Schluß geändert hätte.
Würden die beiden Supermächte Kernwaffen gegeneinander zur Anwendung
bringen - seien es taktische oder strategische - so würde das nach meiner Ansicht das äußerste Risiko heraufbeschwören, daß sich der Konflikt rasch zu
einem vollen thermonuklearen Krieg ausweitet, obwohl ich mit dieser Voraus-

�Voraussage nicht ganz so sicher sein kann wie mit meiner vorigen These.
Wenn aber die Abschreckung vor einem nuklearen Krieg das unser Verteidigung zutiefst zugrundeliegende Ziel ist - und das ist es sicherlich - dann
kommt es darauf an, was die politischen und militärischen Führer der Sowjets
glauben. Hier stehen wir vor einer weiteren Ungewißheit. Was uns als ausreichend erscheint, mag ihnen als etwas anderes erscheinen. Was uns abschrekken würde, mag sie nicht abschrecken. Was manche als Abschreckung für glaubwürdig halten, mögen sie als einen Bluff abtun. Große Vorsicht und sorgfältige Absicherung sind angesichts dieser Ungewißheiten entscheidend wichtig.
Grundsätzlich erfordern sie von uns, daß wir auf einer im wesentlichen Gleichwertigkeit der strategischen nuklearen Streitkräfte mit der Sowjetunion beharren. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, können wir uns nicht mit
weniger zufrieden geben.
Unter einer im wesentlichen Gleichwertigkeit verstehen wir die Erreichung
der folgenden vier allgemeinen Bedingungen:
Erstens, daß die Sowjets ihre strategischen Nuklearstreitkräfte nicht
als nutzbare Instrumente für politische Machtausübung, diplomatischen Druck
oder militärische Überlegenheit ansehen.
Zweitens, daß die nukleare Stabilität, vor allem während einer Krise,
aufrechterhalten wird.
Drittens, daß alle Vorteile in bezug auf bestimmte Charakteristika der
Streitkräfte, die die Sowjets für sich verbuchen können, durch andere Vorteile für die Vereinigten Staaten ausgeglichen werden.
Viertens, daß die amerikanische Position in ihrer Kapazität den Streitkräften der Sowjetunion nicht faktisch unterlegen ist und auch nicht als
unterlegen angesehen wird.
Ich
- 9 -

�Ich darf hinzufügen, daß die Vereinigten Staaten weder den Wunsch noch
den Plan haben, eine die Bewaffnung des Gegners ausschaltende ErstschlagkapaZität gegen die Sowjetunion zu entwickeln.

Wir werden uns daher um eine sol-

che Kapazität auch nicht bemühen, vorausgesetzt, daß die Sowjets eine ähnliche
Zurückhaltung gegenüber den Vereinigten Staaten zeigen.
Die spezifischen Bedingungen für Gleichwertigkeit werden sich zweifellos mit der zeitlichen Entwicklung und dem Erfolg der SALT-Verhandlungen verändern.

Zu allen Zeiten aber sollten sie die Fähigkeit zur Durchführung fol-

gender Aufgaben einschließen:
Im Falle eines nuklearen Angriffs eine rechtzeitige Warnung und Einschätzung ermöglichen.
Einen mit voller Stärke geführten, genau koordinierten Überraschungsangriff durch die Sowjets aufzufangen und doch alle wesentlichen Aufgaben voll
auszuführen.
Zu diesen Aufgaben sollte die Fähigkeit gehören:
- Der UdSSR nach einem umfassenden sowjetischen Erstschlag einen nicht
ertragbaren Schaden zuzufügen;
- eine Reihe selektiver Optionen zu realisieren, um eine Eskalation unter Kontrolle zu bringen, den Schaden soweit wie möglich zu begrenzen und den
Kampf zu den günstigsten Bedingungen zu beenden;
- das Kommando und die Kontrolle beizubehalten, die zur Ausführung dieser Optionen aber auch zu vollen, umfassenden Gegenschlägen notwendig sind;
- eine gesicherte Streitmacht in Reserve zu halten für den möglichen Einsatz nach einem größeren nuklearen Schlagabtausch;
- eine
10 -

�- eine ausreichende Überwachung und Kontrolle des amerikanischen Luftraums zu ermöglichen; und
- die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für aktive strategische Verteidigung (einschließlich ABM) sicherzustellen, die ausreichend ist, um die
sowjetischen Verteidigungsprogramme richtig einzuschätzen und ihnen zweckmäßig zu begegnen.
Solange wir die Fähigkeit zur Durchführung dieser Aufgaben beibehalten,
dürfte das strategische nukleare Kräfteverhältnis stabil bleiben.

Ich werde

darauf achten, daß wir diese Kapazitäten behalten.

Allgemeine Streitkräfte
Es kann keinen Zweifel geben, daß wir in einer Zeit der strategischen
nuklearen Parität

mehr denn je um eine Reihe taktischer Ausgewogenheiten

besorgt sein müssen sowie um die Angemessenheit der konventionellen Kapazitäten der USA und der Verbündeten.

Durch strategische Parität ist keines-

wegs jegliche Gewaltanwendung gebannt; vielmehr wird durch sie eine mögliche
Anwendung der traditionelleren Formen von Gewalt für unsere Gegner eher verlockender.
Ob nun aus diesem oder irgendeinem anderen Grunde, jedenfalls hält der
Sowjetblock seine Kapazität für einen Großangriff auf Westeuropa bei und ist
weiterhin bestrebt, sie zu verbessern.

Ein solcher Angriff könnte mit nuklearen

oder nicht-nuklearen Mitteln geführt werden.

Er könnte nach einer längeren

Periode der Mobilisierung und Dislozierung durch den Warschauer Pakt erfolgen.
Aber wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, daß die mächtigen Streitkräfte des Paktes, die in Osteuropa bereits aufgestellt sind, ohne Verstärkung
und nahezu ohne taktische Warnung mitten in einer Ost-West-Krise angreifen.

Die

�Die gegenwärtigen NATO-Richtlinien tragen der Bedeutung dieser Möglichkeiten Rechnung.

Der Nachdruck auf die flexible Antwort und die Notwendig-

keit für konventionelle wie taktische und strategische Nuklearstreitkräfte
ist weiterhin voll und ganz angebracht.

Alle Verbündeten sind sich jedoch

darin einig, daß Verbesserungen auf vier Gebieten unbedingt erforderlich sind:
- der konventionellen Kapazität der NATO
- der Vorneverteidigung des Bündnisses
- der Ausgangskampfkapazitat der Streitkräfte der NATO-Vorneverteidigung
und
- der raschen Verstärkungskapazität der Verbündeten.
Die Vereinigten Staaten haben seit langem die Verpflichtung, ihren Beitrag dazu zu leisten, daß die NATO über die Kapazität - die nukleare wie die
nicht-nukleare - verfügt, die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Westeuropas zu wahren.

Spezifischer ausgedrückt, wir sind verpflichtet mitzu-

helfen, daß jeder Angriff mit einem Mindestmaß an Verlust alliierten Territoriums gestoppt wird und daß die Grenzen.wie sie vor einem solchen Krieg bestanden, wiederhergestellt werden.

Ich beabsichtige, dafür zu sorgen, daß

diese Verpflichtungen eingehalten werden.
Neben Europa gibt es eine Anzahl anderer Gebiete in der Welt, wo heikle
oder sogar potentiell explosive Situationen bestehen. Der Nahe Osten, der
Persische Golf und Korea sind drei Beispiele für Gebiete, in denen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten lebenswichtige Interessen haben. Ein
Konflikt in einem dieser Gebiete könnte nicht nur die Entsenduna angemessener
amerikanischer Streitkräfte zur Unterstützung von Freunden und Verbündeten an
Ort und Stelle erforderlich machen; ein solcher Fall könnte sehr wohl einer
Krise oder einem Zusammenprall in Europa vorausgehen und diesen sogar auslösen.
Der erste Angriff könnte von feindlichen einheimischen Kräften geführt
werden. Sie könnten aber auch von leichten sowjetischen Expeditionsstreitkräften unterstützt werden, die aus der Luft oder über See von der UdSSR aus eingesetzt werden. In jedem Falle aber müssen wir weiterhin eine Verteidigungs- 12 -

�Verteidigungsposition beibehalten, die es uns erlaubt, bei einer relativ
kleinen wie auch bei einer größeren militärischen Auseinandersetzung wirksame und rechtzeitige Gegenmaßnahmen zu treffen.
Für eine solche Verteidigungsposition ist - über die für Europa programmierten Streitkräfte hinaus, folgendes erforderlich:
- Eine begrenzte Zahl relativ leichter Verbände für den Erdkampf (wie
beispielsweise die drei Divisionen des Marinekorps und einige leichte ArmeeDivisionen);
- Seestreitkräfte und taktische Luftstreitkräfte in mittlerer Stärke;
und
- mobile strategische Streitkräfte mit einem Radius und mit Gerät, durch
die unsere Abhängigkeit von überseeischen Aufmarsch- und Nachschubbasen so
klein wie möglich gehalten wird.
Damit ist die Liste unserer Verteidigungserfordernisse keineswegs abgeschlossen. Die Vereinigten Staaten sind eine seefahrende Nation. Anders als
die Sowjetunion sind wir auf den Zugang zu großen Luft- und Seegebieten angewiesen, um entscheidend wichtige Rohstoffe zu erhalten,und um anderer friedlicher Ziele willen, aber auch um unsere lebenswichtigen Interessen, unsere
Streitkräfte und die Verbündeten in Übersee in Kriegszeiten zu schützen.
Die Sowjets haben Luftstreitkräfte mit weitem Aktionsradius und eine
Flotte aufgebaut, die imstande sind, unsere Interessen zur See zu bedrohen.
Wir müssen die entsprechenden Luft- und Seestreitkräfte unterhalten, die erforderlich sind, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein,und die amerikanische Macht an den Küsten ausbauen, wo und wie immer dies erforderlich ist.
In einer Welt voller Gefahren, in der schnelle und heftige Angriffe in
wachsendem Maße möglich sind, sind feierliche Verpflichtungen (so bindend :si_e
- 13 -

�sie auch sein mögen) und der Mechanismus der kollektiven Sicherheit zur Abschreckung und Verteidigung nicht ausreichend.

Wir und unsere Verbündeten

müssen auch Streitkräfte unterhalten, die modern, einsatzfähig und in kritischen Gebieten disloziert sind.

Ich wies bereits darauf hin, daß ein solches

Gebiet der Westliche Pazifik ist.
Der vorgesehene Abzug der 2. Division aus Korea ändert nichts an unserem
lebenswichtigen Interesse an der Stabilität Ostasiens und im Westlichen Pazifik.
Wir planen, die Kampfkraft der südkoreanischen Landstreitkräfte zu erhöhen.
Wir werden uns auch weiterhin jeder Aggression in Korea entgegenstellen.

Wir

werden die Interessen der Vereinigten Staaten schützen und alle VertragsVerpflichtungen in diesem Gebiet erfüllen.
Der Präsident hat feierlich versichert, daß die Vereinigten Staaten eine
Position der Stärke im Westlichen Pazifik einnehmen werden, wozu auch eine
weitere Bereitstellung der 2. Division für eine rasche Dislozierung in Asien
im Falle einer dort auftretenden Krise gehört.

Ich will dafür Sorge tragen,

daß auch dieser Verpflichtung nachgekommen wird.

Zusammenfassung
Wenn ich unsere Verteidigungsposition überblicke, so komme ich zu dem
Schluß, daß kein Gegner glauben sollte, er könnte uns einschüchtern oder
durch Androhung oder selektive Anwendung von Gewalt gegen die Vereinigten
Staaten oder gegen ihre Verbündeten zu etwas zwingen.

Niemand sollte so un-

besonnen sein, zu glauben, die Vereinigten Staaten könnten mit der Wahl zwischen Kapitulation oder Vernichtung konfrontiert werden.
Wir haben unsere Optionen,und wir werden sie behalten.

Wir werden un-

sere Streitkräfte ausbauen und verbessern,so wie es nötig ist.
nicht an Waffen unterlegen sein.

Wir werden

Man wird uns nicht einschüchtern können. Man
-14 -

�Man wird uns auch nicht zu etwas zwingen können.
Das ist in kürze der Standpunkt,den diese Administration einnimmt.
Das ist die Politik der Vereinigten Staaten, die der Präsident und ich
- mit Unterstützung des Volkes und des Kongresses - einzuhalten beabsichtigen.

Ich glaube, daß sie für diese schwierigen Zeiten die richtige ist.

Ich danke Ihnen!

- 15 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

28. September 1977

26

YOUNG: VEREINTE NATIONEN MÜSSEN NORD-SÜD-DIALOG FORTSETZEN
- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Chefdelegierte bei
den Vereinten Nationen, Botschafter Andrew Young, hat bei der Eröffnung der
viertägigen Abschlußsitzung der 31. Vollversammlung am 13.September 1977 in
New York gefordert, daß die Vereinten Nationen weitere Schritte zur Förderung
einer neuen und gerechten internationalen Ordnung unternehmen.

Die 31. Voll-

versammlung war nochmals einberufen worden, um die Ergebnisse der Konferenz
für Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) zu erörtern.
Die Erklärung von Botschafter Young hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Generalsekretär,
einer unserer Vorfahren, noch Sklave, hat einmal gesagt, daß derjenige,
der Freiheit und Gerechtigkeit ohne Kampf will, einem Manne gleicht, der ernten
will, ohne zu pflügen.
te.

Das wäre, als ob man Regen ohne Blitz und Donner woll-

Als ob man die Schönheit der Meere wollte ohne ihre donnernde Brandung.

Eine neue internationale Wirtschaftsordnung wird nicht ohne Kampf zu erreichen

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�erreichen sein.

Sie wird keine einfache Sache sein.

Aber dank der Klugheit

des Präsidenten der 31. Vollversammlung und der Ko-Vorsitzenden der Konferenz
über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist es uns möglich, diesen
Kampf auf dem diplomatischen Parkett auszutragen.
Wir sind heute hier zusammengekommen, um weiter am Zustandekommen einer
neuen internationalen Wirtschaftsordnung zu arbeiten - einer Ordnung, die den
Ansprüchen und Anliegen aller Bürger dieser Welt dient und die die Beteiligung
aller an ihrer Entwicklung und Verbesserung fördert.

Die amerikanische Regie-

rung ist bereit, alles in ihrer Macht stehende zum Aufbau einer neuen Ordnung
beizutragen.
Ich glaube, daß hier in diesem Gremium ein Konsens besteht, daß diese
Sitzung den Anfang einer neuen Phase in einem anhaltenden internationalen Wirtschaftsdialog signalisieren soll - einen Dialog, in dem wir zur Sache kommen
und in die Arbeit zum Aufbau gerechterer und produktiverer wirtschaftlicher Beziehungen unter den Staaten eintreten.
•

Meine Regierung ist der Auffassung, daß die Konferenz über Internationale
Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) in bedeutsamer Weise zu dem produktiven
Dialog über die Zusammenarbeit aller Länder in der Entwicklung beigetragen hat,
zu der wir uns auf der Siebten Sondersitzung der Vollversammlung der Vereinten
Nationen verpflichtet hatten. Die Konferenz hat nicht alles erreicht, was wir
uns erhofften. Aber sie stellte einen wichtigen Schritt nach vorn dar bei der
Schaffung eines internationalen Wirtschaftssystems, das auf Wachstum, Fairness
und Gerechtigkeit aufgebaut ist. Diese Tagung der Vollversammlung sollte einer
allgemeinen Beurteilung der Arbeit in Paris dienen und eine Anregung für erneute
Anstrengungen in den vielen Gremien bieten, in denen die Verhandlungen über ungelöste Fragen fortgesetzt werden können.
Die Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit hat den
Dialog auf verschiedene bedeutsame Weise vorangetrieben. Wir haben uns in zahlreichen Fragen geeinigt, wie aus dem Kommunique der Konferenz hervorgeht. Wir

�Wir haben ein besseres Verständnis für die internationale Energiesituation
gewonnen und waren uns über die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit in der Energieversorgung und -entwicklung einig.
geeinigt, über einen gemeinsamen Fonds zu verhandeln.

Wir haben uns darauf
Wir kamen überein, daß

der Fluß von Mitteln in die Entwicklungsländer wesentlich verstärkt werden
soll, was uns zur Unterstützung einer allgemeinen Kapitalerhöhung in der Weltbank und eines Sonderaktionsprogramms zur Unterstützung der ärmsten Länder
verpflichtet.

Wir erzielten Übereinstimmung über Ernährung und Landwirtschaft,

über die Wichtigkeit der Entwicklung der Infrastruktur, vor allem in Afrika,
und über viele Aspekte der Investition.
Sicherlich gab es auch Gebiete, auf denen die unterschiedlichen Auffassungen der zahlreichen Beteiligten nicht überbrückt werden konnten. So bedauern wir es beispielsweise, daß die Schuldenfrage nicht gelöst werden konnte
und keine Einigung über Maßnahmen zur Zusammenarbeit auf dem Energiesektor
zustande kam.
Wir sind überzeugt, daß bei gutem Willen auf allen Seiten
die schwierigsten Probleme

selbst für

praktische Lösungen gefunden werden können.

Auf

jeden Fall müssen wir in unserer Suche nach Lösungen flexibel und ausdauernd
sein.
Die Hauptbedeutung der Konferenz über Internationale Wirtschaftliche
Zusammenarbeit liegt in ihrer Rolle als fortlaufender Prozeß zum Aufbau einer
neuen und gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung auf der Grundlage
eines weltweiten wirtschaftlichen und sozialen Wachstums und weltweiter Stabilität, größerer Gerechtigkeit bei der Verteilung des Einkommens, größerer
Sorge um die Menschenrechte und die Grundansprüche des Menschen und einer
stärkeren Beteiligung der Entwicklungsländer. Wie Außenminister Vance es
vor der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
ausgedrückt hat:
"Die

�"Die Ära, in der wir uns gefragt haben, ob wir überhaupt zusammenarbeiten sollen, liegt hinter uns.

Wir sind in eine Zeit eingetreten, in der

wir die Mittel und Institutionen der Zusammenarbeit entwickeln müssen.
ist der Wendepunkt, den wir in der CIEC umrundet haben."

&gt;,rü9 is

Das
*s%

nsb^ew }&gt;Wß32i9v rio'ff.
In diesem Sinne stellte die Pariser Konferenz nach unserer Auffassung
einen sehr wesentlichen Fortschritt dar bei der Lösung einiger der grundlegenden Konflikte in der Haltung, die für den wirtschaftlichen Dialog in der
Vergangenheit oft so typisch waren.

Wir sind zu einem neuen Verständnis der

gemeinsamen Natur der Weltwirtschaftsprobleme gelangt,

und ich möchte hier

Außenminister Vance nochmals zitieren:
-ZI

MiB

2S

"Lösungen unserer Probleme hängen von der Erkenntnis ab, daß unsere Probleme mit denen der Dritten Welt verknüpft sind - und daß die Hoffnungen und
Wünsche unserer Bürger die gleichen sind wie die der Bürger der Dritten Welt."
Alle Nationen sollten ihre Verpflichtung erneuern, daß diese anhaltende
und lebenswichtige Anstrengung zur Förderung eines internationalen Systems,
das für alle Länder und Völker stärkeres Wachstum und größere Gerechtigkeit
bietet, zügig weitergeht.

Als Regierungen müssen wir in unserer Einstellung

flexibel sein und immer daran denken, daß eine neue internationale Wirtschaftsordnung nur durch einen wachsenden Konsens, durch einen Entwicklungsprozeß
erreicht werden kann, zu dem auch die ständige Bereitschaft gehört, neue Vorschläge aufzugreifen und, wenn notwendig, alte Vorschläge abzuändern oder aufzugeben.

Dabei müssen wir immer bestimmte Grundprinzipien im Auge behalten.

Bei der Aufzählung dieser Grundprinzipien möchte meine Delegation eindeutig klarstellen, daß unsere Zustimmung zu dem Konzept einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung keine sprachliche Pflichtübung, sondern eine
Verpflichtung zum Wandel bedeutet. Ich kann mich bei der Aufzählung einiger
der Grundelemente kurz fassen:
9'rO"

- Gerechte

�- Gerechte Beteiligung der Entwicklungsländer am weltweiten Entscheidungsprozeß in der Wirtschaft;
- Gewährleistung einer größeren Stabilität in Preisen und Rohstoffversorgung durch individuelle Rohstoffabkommen, wo dies angebracht ist;
- Verpflichtung zur Beseitigung von Hunger durch eine verstärkte Lebensmittelproduktion in den Entwicklungsländern;
- Aufbau einer einheimischen wissenschaftlichen und technologischen Kapazität in den Entwicklungsländern durch kooperative und beiderseits nützliche
Anstrengungen;
- Erleichterung transnationaler Investitionen und Ausbreitung der Technologie unter anderem durch einen Konsens über Verhaltensnormen;
- verbesserter Zugang zu Märkten, vor allem in Entwicklungsländern, für
Fertigwaren aus Entwicklungsländern und für kapital suchende Entwicklungsländer innerhalb eines realistischen politischen und wirtschaftlichen Rahmens
in den Entwicklungsländern; und
Gewährleistung, daß die internationale wirtschaftliche Gerechtigkeit
auch in die Erfüllung grundlegender menschlicher Ansprüche übersetzt wird,
wobei im Auge behalten werden muß, daß das Wohlergehen im letzten der Maßstab
für den Erfolg eines wahrhaft gerechten Wirtschaftssystems ist.
Meine Regierung möchte keinen Zweifel daran lassen, daß sie bereit ist,
über all diese Fragen zu sprechen und über die Mittel und Wege zu ihrer Lösung - und zwar in Gremien, die Erfolg versprechen. Auf der anderen Seite
wollen wir auch keinen Zweifel daran lassen, daß unsere Zustimmung zu dem
Konzept einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung nicht bedeutet, daß
wir daran glaubten, es bestehe in all ihren Elementen heute schon Übereinstimmung oder es gäbe einen fix und fertigen Plan für die Verwirklichung all je- 5 -

�jener Elemente, über die wir uns einig sind. Es müssen noch große Fragen
gelöst werden.
Aber wir spüren, daß es eine Erneuerung des politischen Willens gibt,
allseits akzeptable und nutzbringende Lösungen zu erreichen, und eine Bekräftigung des Realismus, der notwendig ist, wenn diese Lösungen sich in
der Tätigkeit der Weltwirtschaft niederschlagen sollen und nicht nur in Resolutionen und Dokumenten dieses Gremiums hier. Jedes Land mag seine Idealvorstellung von einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung haben. Der
Prozeß ihrer Verwirklichung wird einen Kompromiß zwischen Elementen all dieser Idealvorstellungen erfordern. Aber wenn wir niemals die grundlegenden
Ziele unserer Anstrengungen aus dem Auge verlieren, dann kann die Arbeit
dieser wieder aufgenommenen Sitzung der Vollversammlung zu einem internationalen Konsens beitragen.

�Wift/choft
United States Information Service

26

28. September 1977

ANSPRACHE CARTERS VOR DEM IWF UND DER WELTBANK
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat den Vertretern von 131 Nationen versichert, daß die Vereinigten Staaten der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) weiterhin erhöhte Mittel zur Verfügung stellen
wollen, um zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme der Welt beizutragen.
Präsident Carter begrüßte am 26. September die Delegierten, die zur fünftägigen Jahrestagung des IWF und der Weltbank in Washington zusammengekommen
waren. Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich, Sie hier in Washington zu Beginn Ihrer Jahrestagung
begrüßen zu dürfen.
Nachdem ich jetzt einige Monate Präsident bin, mit dem Kongreß zu tun hatte,
nachdem ich vor vielen schwierigen Fragen stand, ist es für mich ein Vergnügen,
mit einer Gruppe zusammenzutreffen, bei der es keine Uneinigkeit gibt, bei der
vollkommene Harmonie heirscht, und wo man die Antworten auf alle schwierigen
Fragen gefunden hat.
Diese Konferenz ist für uns alle wichtig, denn die Partnerschaft, die

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�die zwischen Nationen und Menschen besteht, wird hier in diesem Saal deutlich.
Diese Zusammenkünfte bieten eine Gelegenheit für die führenden Vertreter der
Finanzinstitute der Welt, öffentlich und in geschlossenem Kreis die Wirtschaftsprobleme und auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Länder zu erörtern.
Und durch die Weltbank und den IWF sind wir in der Lage, die Aufgaben für ein
gemeinsames Wohlergehen zu meistern.
Die beiden größten Aufgaben, vor denen wir stehen, sind die Wiederherstellung
und Aufrechterhaltung eines stetigen nicht-inflationären Wachstums der Weltwirtschaft und die Beschleunigung des Wachstums in den Entwicklungsländern der Welt
mit einer weiten und gerechten Verteilung der Gewinne aus diesem Wachstum unter
uns allen.
Die Gesundheit des internationalen Wirtschaftssystems hängt von der Gesundheit unserer einzelnen Volkswirtschaften ab.

So wie keiner von uns ohne ein

stabiles System weiterkommen kann, so wird das System nicht gesund sein, wenn
wir nicht im eigenen Lande verantwortungsbewußt handeln.
Ich freue mich, daß die amerikanische Wirtschaft gesund ist und wächst.
Unsere Inflationsrate ist zwar mit etwa sechs Prozent nach unserem Geschmack
noch immer zu hoch, aber sie schwächt sich ab und liegt unter der Rate der
meisten anderen Länder.
Wir werden in diesem Jahr das Wachstumsziel für unsere Wirtschaft mit etwa
sechs Prozent real erreichen, und wir werden auch im nächsten Jahr ein starkes
und nicht-inflationäres Wachstum zu verzeichnen haben.
Ich bin verpflichtet, als Präsident alle Maßnahmen zu treffen, die notwendig
sind, um zu gewährleisten, daß sich diese optimistischen Voraussagen verwirklichen
werden.

Wir werden hauptsächlich so handeln, weil es gut ist für unser eigenes

Land, aber auch weil es zur wirtschaftlichen Gesundheit der übrigen Welt beiträgt.
Unsere Arbeitslosenrate geht stetig zurück.

Wir haben hier wenig Zweifel,

�Zweifel, da das Gefühl der Verpflichtung für unser Land und die Stärke unseres
Wirtschaftssystems auch in der Zukunft vorhanden sein werden.

Ein starkes wirt-

schaftliches Wachstum in den Vereinigten Staaten und eine Verlangsamung des
Wachstums in anderen Ländern zusammen mit exzessiven amerikanischen öl einfuhren
haben in diesem Jahr zu einem Anstieg des amerikanischen Handelsdefizit geführt,
das selbst noch im letzten Monat angehalten hat.
Was die öleinfuhren anbetrifft, so habe ich dem Kongreß vorgeschlagen, nun
wirklich zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes ein umfassendes Energieprogramm zu verabschieden, das in den kommenden Jahren unsere Ulimporte wesentlich unter den heutigen Stand senken soll, und für die nächsten acht Jahre auf
weniger als die Hälfte der ursprünglichen Vorausberechnungen.
Wir wissen, daß es von entscheidender Bedeutung ist, daß der Kongreß starke
und wirksame Energiemaßnahmen beschließt.

Die Vereinigten Staaten brauchen ein

glaubhaftes Programm, um den Zuwachs des Ölverbrauchs zu begrenzen und damit
die öleinfuhren zu senken.
Ich rufe alle Nationen und vor allem die großen Industrieländer auf,
zusammen mit uns die Energieverschwendung zu verringern und mit uns eine Politik
des wirtschaftlichen Wachstums und der Stabilisierung zu verfolgen, die zu einer
expandierenden, nicht-inflationären Weltwirtschaft, einem zunehmenden internationalen Handel und einem verbesserten System von Handelsbilanzen in der Welt
führt.
Der Internationale Währungsfonds hat bereits eine entscheidend wichtige
Rolle gespielt, um das internationale Währungssystem flexible und funktionsfähig zu halten.

Ich bin besonders dankbar, für die einsichtige fiskalische

Disziplin, die IWF und Weltbank überall in der Welt mit ihren Anleihen fördern.
Das gegenwärtige System funktioniert gut.
Die

- 3 -

�Die Vereinigten Staaten haben die Änderungsbestimmungen der Satzung des
IWF ratifiziert, und hoffen, daß andere Nationen, andere Mitglieder, das gleiche
tun werden, um die Mittel des Fonds zu erhöhen und seine Fähigkeit zur Überwachung der Wechsel kurspolitik und zur Aufsicht über Finanzabkommen zu stärken.
Die neuen zusätzlichen Fazilitäten des IWF fügen der Kapazität des Fonds
ein wichtiges Element hinzu.

Dies wird von meinem Lande voll und ganz unter-

stützt.
•

Die Vereinigten Staaten werden sich ferner mit anderen zusammenschließen,
um eine ausreichende Erhöhung der Quoten des IWF während der 7. Sonderüberprüfung dieser Quoten zu erreichen.
Die Vereinigten Staaten bleiben fest einer Politik verpflichtet, die ohne
die negativen Folgen eines Protektionismus einen freieren und umfangreicheren
Handel fördern wird. Mein Land strebt zusammen mit anderen nach einem wesentlichen Fortschritt der laufenden multinationalen Handelsverhandlungen bis Ende
dieses Jahres.
Die Wiederherstellung der Gesundheit der Weltwirtschaft wird es uns ermöglichen, das zu erreichen, was nach unser aller Erkenntnis eine lebenswichtige
menschliche Verpflichtung ist, nämlich den armen Ländern in der Aufgabe der
menschlichen Entwicklung zu helfen. Wenn die rund eine Milliarde Menschen,
die heute in extremer Armut leben, ihre Chance haben sollen, dann muß jedes
Land wirksame Maßnahmen ergreifen, und die Vereinigten Staaten sind bereit,
sich einer solchen internationalen Kampagne anzuschließen.
Die jetzt von der Weltbank und dem IWF durchgeführte Studie über Weltentwicklungsprobleme dürfte einen Rahmen bieten, innerhalb dessen alle Nationen
ihre Anstrengungen für ein gemeinsames Entwicklungsprogramm verstärken können.
Natürlich

�Natürlich sind die Entwicklungsländer letztlich selbst für ihr eigenes
Wachstum verantwortlich.

Nur sie können die Fähigkeiten und die Ressourcen

mobilisieren, die für die Entwicklung notwendig sind.

Nur sie können gewähr-

leisten, daß die Vorteile des Wachstums, wenn es zustande kommt, im ganzen
Land spürbar werden und jenen zugute kommen, die es am meisten brauchen.
Aber die Industrieländer wie die Vereinigten Staaten müssen mehr Kapital
von außen stellen. Ich freue mich, Ihnen berichten zu können, daß der
amerikanische Kongreß in diesem Jahr mehr als doppelt so viel Geld für die
Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken bewilligt hat, als im vorigen
Jahr.
Ich hoffe, daß die Verhandlungen über eine große allgemeine Kapital auf Stockung es der Weltbank ermöglichen werden, ihr reales Kreditvolumen zu erhöhen.
All das braucht seine Zeit. Wir werden unsere Ziele nicht über Nacht
erreichen, und der Schlüssel ?.\i unserem Erfolg wird die Beharrlichkeit sein.
Wir werden viele Schwierigkeiten zu überwinden, viele komplizierte Fragen zu
beantworten, viele nationale Interessen, die zwischen Ländern stehen könnten,
zu überwinden und eine gemeinsame Verpflichtung zur gemeinsamen Verantwortung
zu übernehmen haben.
Die Vereinigten Staaten werden mi' Ihnen allen zusammenarbeiten. Wir
sind bereit, den Kurs zu wagen, und Sie werden sich auf uns verlassen können.

+ + + + +

- 5 -

�28. September 1977

26

DIE VEREINTEN NATIONEN ALS FORUM FÜR DEN NORD-SÜD-DIALOG
- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes •

Charles William Maynes, Unterstaatssekretä'r
für internationale Organisationen im amerikanischen Außenministerium sieht eine immer
stärkere Rolle der Vereinten Nationen im
Nord-Süd-Dialog. In einem Interview mit
dem Korrespondenten des US-Informatonsdienstes
John Harter legt Maynes die Auffassungen der
amerikanischen Regierung dar.

FRAGE: Mr. Maynes, die Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) ist kürzlich zu Ende gegangen, nachdem sie sich anderthalb
Jahre einem umfassenden Dialog über wirtschaftliche Fragen zwischen Nord und
Süd gewidmet hat. Rechnen Sie damit, daß dieser Dialog in den Vereinten Nationen fortgesetzt wird?
ANTWORT:

Ich rechne ganz sicher damit, daß dies auf die eine oder andere

Art geschehen wird.

Das nochmalige Zusammentreten der 31. Vollversammlung

- die Sitzung vom 13. bis 16. September im Hauptquartier der Vereinten Nationen
in New York - ist nur für den Zweck angesetzt worden, die Ergebnisse der CIEC
zu erörtern.
Natürlich

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�Natürlich wird dieser Themenkreis, der Nord-Süd-Dialog, auf die anschliessende 32. Vollversammlung übergehen.

Man hat begriffen, daß ein vernünftiger

Dialog besser ist als ewige Wortgefechte.

Die Einzelfragen werden sicherlich

an die zuständigen Sonderorganisationen überwiesen werden, die sich bereits mit
solchen Problemen befassen.
So wird sich beispielsweise die Konferenz der Vereinten Nationen für
Handel und Entwicklung (UNCTAD) weiterhin mit Rohstoffragen befassen, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) mit der Exportförderung für Entwicklungsländer und die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit
Krediten für die Entwicklungsländer.

FRAGE: Wird es ein Gebiet geben, mit dem sich die Vereinten Nationen
selbst zentral befassen werden?
ANTWORT: Ich bin der Auffassung, daß es weiterhin einer Art Gesamtforums
für den Nord-Süd-Dialog bedarf, um den konstruktiven Meinungsaustausch über all
diese Probleme und ihren Zusammenhang miteinander fortsetzen zu können, wie
er auf der CIEC stattfand. Hier gibt es viele Standpunkte. Manche Leute meinen,
der Wirtschafts- und Sozial rat der Vereinten Nationen (ECOSOC) sollte gestärkt
und zum Mittelpunkt solcher Diskussionen gemacht werden. Andere meinen, man
sollte für diesen Zweck einen Sonderausschuß der Vollversammlung einsetzen.
Und wieder andere treten für gelegentliche Sondersitzungen der Vollversammlung
selbst ein. Es ist noch eine ganze Reihe weiterer Vorschläge gemacht worden.
Im Augenblick gibt es noch keine festen Standpunkte, aber man ist weithin der Meinung, daß die Vereinten Nationen ein logisches Gremium seien, um
diesen Dialog in der einen oder anderen Form fortzusetzen. Die Vereinigten
Staaten würden sich sicherlich an einem solchen andauernden Dialog beteiligen,
und wir würden hoffen, daß ein solcher Dialog verantwortlicheund qualifizierte
Regierungsvertreter aus den Hauptstädten der Welt anziehen würde.
FRAGE:
- 2 -

�FRAGE:

Sind Sie der Meinung, daß die Vereinten Nationen insgesamt ihre

Aufmerksamkeit in Zukunft stärker als in der Vergangenheit internationalen
Wirtschaftsproblemen zuwenden werden?
ANTWORT:

Ja, ich bin dessen sicher.

Während der letzten Jahre sind

Probleme der Wirtschaft mehr und mehr an die Spitze der internationalen Tagesordnung gerückt, und dies hat auch in der Arbeit der Vollversamlung und anderer
UN-Gremien seinen Ausdruck gefunden.

Ich bin überzeugt, daß das so weiter-

gehen wird und daß man sich in verstärktem Maße der Vereinten Nationen als Instrument bedienen wird, um zu einem internationalen Konsensus hinsichtlich der
allgemeinen Ziele des Nord-Süd-Dialogs zu gelangen.
Man muß ferner daran denken, daß das System der Vereinten Nationen auf
einer anderen Ebene eine Anzahl von Sonderorganisationen umfaßt - die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und die Weltgesundheitsorganisation, um Beispiele
zu nennen. Wir können erwarten, daß all diese Institutionen ihre eigenen speziellen Beiträge zur Entwicklung des Prozesses weiter intensivieren werden,
der für alle Nord-Süd-Probleme von so zentraler Bedeutung ist.
Diese beiden wirtschaftlichen Aufgaben für die Vereinten Nationen - der
schwierige und vertrackte aber wesentliche Prozeß, einen Gesamtrahmen und
Konsens für die Nord-Süd-Beziehungen zu schaffen,und die technische Arbeit
auf spezifischen, funktionalen Gebieten faktisch zu leisten - sind miteinander
verbunden.

Was auf jeweils dem einen Gebiet geschieht, wird sich darauf aus-

wirken, was auf dem anderen geschehen kann.

FRAGE: Ist es heute schwieriger in den Vereinten Nationen zu konkreten
Resultaten zu gelangen,als es dies früher war?
ANTWORT:

Nun, ja, es ist schwieriger - aber ich glaube, man sollte sehr

genau darauf achten, warum dies so ist.
- 3 -

Der Hauptgrund ist, daß die interna-

�internationale Szene in den vergangenen dreißig Jahren außergewöhnlichen Veränderungen unterworfen war.

Im Jahre 1950 betrug der Anteil der Vereinigten

Staaten an der Industrieproduktion der Welt 60 Prozent, heute etwa 30 Prozent.
Im gleichen Jahr entfielen von den gesamten militärischen Ausgaben in der Welt
50 Prozent auf die Vereinigten Staaten, heute ist diese Zahl auf 25 Prozent
heruntergegangen.

Im Jahre 1950 verfügten wir über mehr als 50 Prozent der

Weltwährungsreserven, heute sind es noch etwa 7 Prozent.

Das heißt nicht,

daß die Macht Amerikas abgenommen hat - im Gegenteil.
Vielmehr hat sich die Macht vieler anderer Länder im gleichen Zeitraum
vermehrt und in vielen Fällen sehr eindrucksvoll.

Das gilt nicht nur für un-

sere europäischen Verbündeten und Japan, sondern auch für eine ganze Reihe von
Entwicklungsländern, deren beachtliche Fortschritte sie in die Lage versetzten,
eine immer bedeutendere Rolle im Weltgeschehen zu übernehmen.
All dies hat bemerkenswerte Auswirkungen für die Vereinten Nationen und
andere internationale Organisationen, vor allem was die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft anbelangt, wirksame Aktionen in bestimmten Gebieten
zu unternehmen. Wenn - vor 25 Jahren - die Vereinigten Staaten eine Entscheidung trafen oder zu verstehen gaben, daß sie einen bestimmten Aktionskurs in
den Vereinten Nationen oder in einer der anderen bedeutenderen internationalen
Organisationen befürworteten, dann brachte dies allein schon die erforderliche
kritische Masse zusammen, die einen Fortschritt in einer solchen Richtung ermöglicht. Heute dagegen, bei dieser Art von Machtverteilung im internationalen
System, wie wir sie in den letzten drei bis fünf Jahren erlebt haben, braucht
man eine ganze Koalition von Ländern, um diese Art von kritischer Masse zu erlangen.

FRAGE: Was bedeutet dies in bezug auf die Vorteile und Nachteile der
Behandlung außenpolitischer Probleme im Rahmen der Vereinten Nationen?
ANTWORT:

Nun, einer der offenkundigen Vorteile besteht darin, daß die

�die Vereinten Nationen eine wertvolle Möglichkeit bieten, Koalititonen zur
Unterstützung bestimmter internationaler Schritte und Maßnahmen zu bilden,
die einen wirklichen Fortschritt möglich machen.

Welches sind die Nachteile?

Es ist ein sehr mühseliger, vertrackter Prozeß. Unterschiedliche Länder haben nicht die gleichen außenpolitischen Ziele - obwohl es eine größere Harmonie der Zielsetzungen gäbe, wenn wir alle unseren längerfristigen Interessen größere Bedeutung beimäßen.

Es ist nun aber mal eine Tatsache unseres

Lebens, daß die Außenpolitik der meisten Länder stark dem Einfluß kurzfristiger
Erwägungen unterliegt,und das macht den Prozeß einer Übereinkunft - der
Schaffung jener kritischen Masse, die die notwendige

Vorbedingung für kon-

struktive internationale Zusammenarbeit ist - sehr,sehr schwierig.

FRAGE:

Warum können angesichts solcher Schwierigkeiten die Regierungen

dann nicht die Vereinten Nationen einfach vergessen und sich mehr auf bilaterale Anstrengungen zur Lösung dieser internationalen Probleme konzentrieren?
ANTWORT: Trotz aller Schwierigkeiten ist die multilaterale Diplomatie
das beste - und manchmal auch das einzig wirksame - Mittel, sich mit einigen
der Fragen auseinanderzusetzen, die gegenwärtig an der Spitze der Tagesordnung
der Vereinten Nationen stehen. Diese Fragen, die Vorschläge zur Schaffung
einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung, das südliche Afrika, der Nahe
Osten, haben zwei Charakteristika gemeinsam. Sie alle rufen mächtige politische Leidenschaften sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern hervor, und zweitens sie können einfach nicht auf zufriedenstellende
Weise durch bilaterale Abkommen zwischen irgendwelchen zwei Ländern geregelt
werden, weil die realen wirtschaftlichen und politischen Interessen einer großen
Anzahl von Ländern auf dem Spiele stehen.

FRAGE:

Viele Leute scheinen der Ansicht zu sein, daß die Formel: ein

Land - eine Stimme in der UN-Vollversammlung - insbesondere jetzt, da so viele
kleine und neue Staaten Mitglied der Vereinten Nationen sind - ernsthaft die
- 5 -

�die Wirksamkeit der Weltorganisation beeinträchtigt.

Sind Sie auch dieser

Ansicht?
ANTWORT:
übertreiben.

Ich glaube, daß manche Leute die Bedeutung dieses Problems
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es Mißbräuche der Ab-

stimmungssysteme gegeben hat, nicht nur hinsichtlich der Formel: ein Land eine Stimme in der Vollversammlung, sondern auch hinsichtlich des Vetos im
Sicherheitsrat.

Das ist nun einmal eine Tatsache, mit der wir leben müssen,

wenn wir in den Vereinten Nationen arbeiten.
Aber das ist nicht wirklich "neu".

Schon in den späten vierziger Jahren und

Anfang der fünfziger Jahre - bevor die neuen Nationen in die Weltorganisation
aufgenommen wurden - entfielen etwa 40 Prozent der Stimmen in der Vollversammlung auf Lateinamerika - mit weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung und
einem sogar noch kleineren Anteil des wirtschaftlichen Reichtums.
Aber wenn Sie sich nun einmal die Abstimmungsmuster ansehen, die Art und
Weise, wie die einzelnen Länder ihre Haltung zu besonderen Fragen bei tatsächlichen Abstimmungen zum Ausdruck bringen, dann werden Sie finden, daß die
Haltung einzelner Länder bei den Vereinten Nationen weniger sprunghaft ist,
als manche Leute annehmen. Es ist praktisch möglich, daß eine Mehrheit von
Ländern in den Vereinten Nationen - Länder, die weniger als fünf Prozent ihres
Budgets beitragen oder auf die weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung
entfallen, die Arbeit der Vollversammlung beherrschen könnte.
Aber in der
Praxis ist das doch nicht so. Die Koalitionen, auf die der Hauptanteil der
Stimmen entfällt, stellen über 70 Prozent der Weltbevölkerung, einen Anteil des
wirtschaftlichen Reichtums, der zumindest ins Gewicht fällt, sowie einen beträchtlichen Teil der militärischen Macht der Welt dar.
Die eigentlichen Probleme der Vereinten Nationen sind also nicht kosmetischer Natur, sie reflektieren einfach große Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich wesentlicher Positionen zwischen den Ländern der Welt zu kritischen
politischen und wirtschaftlichen Fragen.

Ich möchte auch darauf hinweisen, daß

�daß es in der Vollversammlung eine immer stärkere Trendenz gibt, auf ein
Konsens-Verfahren zurückzugreifen, um die Arbeit der Vollversammlung zu erleichtern. Nur sehr wenige Fragen rufen jene Schärfe hervor, über die dann
in der Presse berichtet wird.

FRAGE: Sie stimmen also nicht mit denjenigen überein, die behaupten,
daß die Überlegungen, über die wir jetzt sprechen, die Vereinten Nationen
der Möglichkeit berauben, konstruktive Arbeit auf wirtschaftlichem Gebiet
zu leisten?
ANTWORT: Nein, das tue ich nicht. Es gibt Zeiten, in denen lange, polemische Reden eine nachteilige Wirkung auf den politischen Prozeß in den
Vereinten Nationen haben und das Zustandekommen eines Konsens erschweren.
Und man muß allerdings auch einräumen, daß das Verfahren: ein Staat - eine
Stimme in der Vollversammlung gelegentlich das Zustandekommen einer wirksamen Entscheidung in diesem Rahmen erschwert, vor allem was die wirtschaftlichen Probleme anbetrifft.
Schließlich müssen zu der "kritischen Masse" der Länder, die über wirtschaftliche Fragen entscheiden, auch eine angemessene Zahl der wichtigsten
Wirtschaftsmächte der Welt gehören, doch haben Diskussionen solcher Fragen
in der UN - und die Abstimmungen darüber in der Vollversammlung - diese fundamentale Realität oft nicht zum Ausdruck gebracht.
Andererseits bin ich über den beträchtlichen Fortschritt ermutigt, den
wir seit 1974 gemacht haben, als es so wenig sichtbare Ansatzpunkte für gemeinsame Ziele im Nord-Süd-Verhältnis gab, daß die Konfrontation komplett erschien.
Ich glaube beide Seiten haben wesentliche Fortschritte insofern gemacht, daß
sie anerkennen, wie wichtig es ist, diese Dinge in kooperativer Form zu
meistern.
FRAGE:
- 7 -

�FRAGE:

Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben Ver-

fahren entwickelt, um Entscheidungen zu treffen, die den relativen Beitrag
der Industrieländer zur Weltwirtschaft widerspiegeln.

Glauben Sie, daß ein

System dieser Art in Zukunft wahrscheinlich auch in anderen Institutionen
entwickelt werden wird?
ANTWORT:

Nun, ich glaube, die internationalen Finanzierungsinstitute

sind etwas sehr Spezielles.

Das heißt, wenige Banken werden nach demokratischen

Prinzipien geführt, selbst in Demokratien.

So ist es nicht überraschend, daß

die Weltbank und der IWF besondere Abstimmungsverfahren entwickelt haben und
auch besondere Formen, wie sie ihre Geschäfte wahrnehmen.

Denken Sie daran,

daß nach der Einrichtung des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche
Entwicklung (IFAD)

die öl exportierenden Länder auf einer besonderen Form der

Abstimmung - dem "weighted voting", d.h. gewichtete Abstimmung - für das Präsidium des Fonds bestanden.

Infolgedessen entfallen ein Drittel der Stimmen

auf die westlichen Industrieländer, ein Drittel auf die öl exportierenden Länder und ein Drittel auf die Entwicklungsländer.
Mit anderen Worten, sobald es ans Bezahlen geht, sind es nicht nur die
Industrieländer,die auf einer anderen Methode der Abstimmung bestehen als
"ein Staat - eine Stimme". Sobald ihre Beiträge finanziell ins Gewicht fielen, haben die öl exportierenden Länder den gleichen Weg eingeschlagen. Aber
ich meine, wir sollten einen klaren Unterschied machen zwischen Finanzierungsinstituten und anderen internationalen Institutionen, weil diejenigen, die die
Wirtschaftsentwicklung finanzieren, sich sehr von denen unterscheiden, die
über internationale politische oder wirtschaftliche Probleme diskutieren.
•

Wirtschaftliche Rolle der UN stärken
FRAGE: Herr Unterstaatssekretär,glauben Sie, daß die Aktivitäten der verschiedenen Gremien innerhalb der Organisation der Vereinten Nationen auf wirtschaftlichem Gebiet ausreichend koordiniert sind?
ANTWORT:

�ANTWORT:

Nein.

Das ist zweifellos ein Gebiet, auf dem Verbesserungen

im System der Vereinten Nationen notwendig sind,

übrigens herrscht hier in

bezug auf die Bedeutung des Begriffs "Koordination" eine ziemliche Konfusion.
Er sollte nicht mit dem der "Duplikation" gleichgesetzt werden.

Ich meine,

es gibt nur wenige Beispiele dafür, daß zwei Organisationen versuchen, den
selben Brunnen anzubohren.

Aber dennoch muß die Koordination im Gesamtpro-

gramm des Entwicklungsprozesses verbessert werden.
In der Tat gibt es zur Zeit so viel Arbeit, die getan werden muß, um
aen Fortschritt der Entwicklungsländer zu beschleunigen, daß jede Institution
dazu tendiert, ihr eigenes Programm - aggressiv und unabhängig - zu entwickeln,
ohne dabei zu bedenken, ob die von ihr verausgabten Mittel nicht wirksamer mit einem höheren Ertrag - in anderen Programmen oder Aktivitäten verwendet
werden könnten. Und es ist sehr schwierig, die verschiedenen Programme und
Aktivitäten dieser Behörde zu koordinieren, wenn die zu leistenden Aufgaben
derart groß sind. Ich glaube wir dürfen - auf der Ebene der beitragleistenden
Regierungen - nicht allzu betroffen sein, wenn jene Art von Koordination, wie
wir sie gern auf der nationalen Ebene hätten, auf der internationalen Ebene
nicht besteht.
Trotzdem sind wir ständig darum bemüht, sicherzustellen, daß die Ressourcen insgesamt, die den Vereinten Nationen zur Verfügung stehen, die richtige
Mischung finden zwischen Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Wasserentwicklung,
Industriebeziehungen oder wie immer sonst das Problem gelagert sein mag, das
die wirtschaftliche Entwicklung in einem bestimmten Lande hemmt.

FRAGE;

Die anspruchsvollste Analyse und die damit verbundenen Vorschläge

für eine Verbesserung der Gesamtstruktur und der Funktion des UN-Systems auf
wirtschaftlichem Gebiet war wohl die 1975 von einer Expertengruppe erstellte
Studie, die von Richard N. Gardner, dem derzeitigen amerikanischen Botschafter
in Italien, vertreten wurde.

Erwarten Sie, daß diese Empfehlungen zu irgend-

welchen Resultaten führen werden?
ANTWORT:
- 9 -

�ANTWORT:
fehlungen

Wir sind tatsächlich der Meinung, daß der Bericht und die Emp-

einen sehr wertvollen Beitrag zum internationalen Verständnis des-

sen darstellten, was das System der Vereinten Nationen zur Unterstützung der
Entwicklungsländer zu tun vermag und was nicht.

In der Tat gibt es da den

Ad-hoc-Ausschuß der Vereinten Nationen unter dem Vorsitz von Botschafter
Dodzie aus Ghana, der mehrere Vorschläge entwickelt hat, die die wichtigsten
Vorschläge dieses früher erstellten Berichtes vervollkommnen sollen.

Einige

Punkte in dem Bericht stießen bei mehreren Ländern auf Widerstand,und einige
seiner Ziele werden derzeit auf eine andere Weise verfolgt, die für die Mitgliedstaaten genau so nützlich ist.
•
•

FRAGE:

Könnten Sie angeben, welche von den Vorschlägen Ihrer Ansicht

nach am nützlichsten sind und am meisten Aussicht haben.akzeptiert zu werden?
ANTWORT: Um die Positionen der Regierungen wird noch verhandelt, so
daß hier ein gewisses Maß an Flexibilität besteht, aber zu den in Betracht
gezogenen Ideen gehören die Vorschläge zur Eliminierung von einigen der Hilfsorganisationen des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen (ECOSOC),
zur Konsolidierung der Fonds, die den verschiedenen Organisationen des Systems
zur Verfügung stehen sowie zur Gliederung des ECOSOC in spezifischere Verantwortungs- und Tätigkeitsbereiche, damit die richtigen Leute in den Hauptstädten
gewonnen werden können, im Bemühen um die Sicherung sinnvoll miteinander in
Verbindung stehender Erörterungen und Entscheidungen. Verbesserungen in dieser Richtung könnten den ECOSOC auch instand setzen, als ein zentrales Forum
für den Nord-Süd-Dialog zu dienen in der von der Konferenz für Internationale
Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) eingeschlagenen Richtung.

FRAGE: War es nicht eine der Hauptempfehlungen dieses früheren Berichtes,
den ECOSOC zu stärken?
•

•

ANTWORT:

�ANTWORT:

Das ist richtig.

Und eine der Möglichkeiten, wie man den

ECOSOC stärken könnte, bestünde darin, die Zahl der Hilfsorganisationen, die
dem ECOSOC Bericht erstatten, zu begrenzen.

Auch eine Reorganisation der

Tagesordnung und der Verfahren des ECOSOC zur Verbesserung ihrer Wirksamkeit
als Forum für die Diskussion und Verhandlung wäre sehr nützlich.

Das dabei

ins Auge gefaßte Ziel wäre es, die Fähigkeit des ECOSOC zur Koordinierung der
verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Programme der UN-Organisation zu
verbessern.
Ein anderer wichtiger Vorschlag des früheren Berichtes sah vor, einen
Generaldirektor für die Wirtschafts- und Sozialprogramme der Vereinten Nationen zu ernennen, dessen Aufgaben in der Gesamtkoordinierung der verschiedenen funktionalen Programme der Vereinten Nationen und ihrer Sonderorganisationen bestehen sollte. Eine Alternative zu diesem Vorschlag wäre die Schaffung des Postens eines Stellvertretenden Generalsekretärs, der Generalsekretär
Waldheim in der Gesamtgeschäftsführung unterstützen könnte, die zur Sicherung
einer wirksamen Durchführung dieser Programme notwendig ist und der als amtierender Generaldirektor im Hauptquartier fungieren könnte, wenn der Generalsekretär dort nicht anwesend ist, was wegen seiner diplomatischen Aufgaben
häufig der Fall ist.

FRAGE:

Wie paßt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP)

in dieses Schema?
ANTWORT: Dieses Entwicklungsprogramm ist die eigentliche und zentrale
Quelle für die Finanzierung der technischen Hilfe durch die Organisation der
Vereinten Nationen, und als solche ist es der größte Agent für die Vermittlung
technischer Hilfe in der heutigen Welt. Es verausgabt ungefähr 400 Millionen
Dollar im Jahr und vermag damit eine zentrale koordinierende Rolle im System
der Vereinten Nationen zu spielen. Der Vertreter der UNDP im jeweiligen Gastland hat bei der Durchführung der Programme entscheidenden Einfluß auf die
Einberufung der verschiedenen Experten der Organisation der Vereinten Nationen
- 11 -

�Nationen - beispielsweise auf dem Gebiet der Landwirtschaft, der Erziehung
und des Gesundheitswesens und auf die Zusammenstellung des für die Durchführung
der Pläne der Regierungen der Gastländer erforderlichen Teams. Der Bericht
empfahl eine Höhereinstufung der Position dieses Vertreters in den Gastländern.

FRAGE:

Glauben Sie, daß die Vereinten Nationen in den kommenden Monaten

Fortschritte in der Verbesserung ihrer Fähigkeit machen werden, wirtschaftliche
und soziale Probleme in den Griff zu bekommen?
ANTWORT:

Ich meine, daß dies eine wesentliche Voraussetzung ist, wenn

die Vereinten Nationen in Zukunft eine konstruktive Rolle im Nord-Süd-Dialog
spielen sollen.

Ich meine auch, daß es für die Vereinten Nationen ein stän-

diges und zentrales Anliegen sein muß, in der Suche der Welt nach neuen Formen
kooperativer wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Entwicklungsländern und
Industrieländern mitzuhelfen.
Eine der neuen Realitäten im internationalen Leben sind die wachsende
Rolle und der wachsende Einfluß der Entwicklungsländer, und die Vereinten Nationen als das Gremium, in dem sie alle vertreten sind, müssen ihren legitimen
Interessen und Anliegen hinsichtlich einer gerechteren und wirksameren internationalen Ordnung, die ihrem wirtschaftlichen Wachstum dienlich ist, Ausdruck verleihen. Ich meine, es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten und
anderer Industriestaaten, alles in unseren Kräften stehende zu tun, um innerhalb und außerhalb der Vereinten Nationen mit den Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten.

+ + + + +

- 12 -

�motcrio
United States Information Service

28. September 1977

26

ERDGAS AUS ALASKA

- (AD) - über den Bau einer Erdgasleitung von Alaska über Kanada in die
USA haben sich jetzt Kanada und die Vereinigten Staaten in einer Grundsatzerklärung geeinigt. Dies gaben Präsident Carter und Premierminister Trudeau
am 8. September 1977 bekannt. Mit dem Projekt sollen die Erdgasvorkommen
an der Prudhoe-Bucht in Alaska und im Gebiet des Mackenzie-Deltas in Kanada
erschlossen werden. Wie der amerikanische Energieminister Dr. James Schlesinger
vor Pressevertretern erklärte, werden beide Länder von dem Unternehmen profitieren. Es beeinträchtige in keiner Weise die Unabhängigkeit beider Nationen.
Denn diese Unabhängigkeit sei "das Fundament, auf dem unsere Energie-Beziehungen zu den Kanadiern aufgebaut sind".
Die Pipeline würde die USA in die Lage versetzen, Erdgas aus den riesigen Feldern in Alaska zur Nordroute der amerikanischen Mittelweststaaten unmittelbar südlich der kanadischen Grenze zu bringen. Eine später zu bauende
Abzweigung würde es Kanada erlauben, seine Erdgasvorkommen im Gebiet des
Mackenzie-Deltas für den eigenen Bedarf zu nutzen und Exportverpflichtungen
aus gegenwärtig bestehenden Verträgen nachzukommen.
Die Hauptleitung von Alaska bis zu den südlicheren amerikanischen Bundesstaaten hätte eine Länge von 5750 km.

Eine Querverbindung, die Erdgas aus

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�aus dem Mackenzie-Delta nach Dawson im kanadischen Yukon-Territorium bringen
und außerdem die Verbindung zu Whitehorse im Yukon-Territorium herstellen
soll, würde ca. 1100 km lang.

Die Kosten des Projekts werden auf 9,6 Mil-

liarden Dollar geschätzt, einschließlich der Kosten für eine 1916 km lange
Abzweigung innerhalb der USA, die Erdgas nach Kalifornien transportieren soll

+ + + + +

•

- 2 -

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I

E' im

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

-

)

28. September 1977

26

"ENTERPRISE" ZUM ZWEITEN MAL IM FREIEN FLUG

EDWARDS AIR FORCE BASE, KAL. - (AD) - Mit dem Raumtransporter-Testgerät
ENTERPRISE wurde am 13. September 1977 der zweite freie Flug mit Landung ohne
eigene Motorkraft durchgeführt. Nach der Trennung vom Trägerflugzeug, einer
Boeing 747, in 7200 m Höhe führte die zweiköpfige Besatzung des Fluggeräts
in 5 Minuten 20 Sekunden zur vorgesehenen Landung auf einem ausgetrockneten
See im Bereich des Luftstützpunktes Edwards Air Force Base in Kalifornien zurück. Vor dem Ausklinken war die Fluggeschwindigkeit auf 500 km/Stunde gebracht worden. Die beiden Piloten im Cockpit der ENTERPRISE - Joe Engle, der
bereits die X-15 geflogen hatte, und Astronaut Richard Truly - führten nach
der Trennung zunächst eine scharfe Rechtswendung um 55 Grad aus, richteten
dann durch eine flachere Kurve die ENTERPRISE auf die Landebahn aus und setzten
das Gerät sicher auf.
"Während des gesamten Countdown und des Fluges klappte alles wie am
Schnürchen", meinte später der Flugleiter Donald K. Slayton, selbst ehemaliger
Astronaut. Das Programm kann zügig weitergehen. Drei weitere Flüge im gegenwärtigen Testabschnitt sind für den 27. September, 27. Oktober und 15. November
vorgesehen.
+ + + ++

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�1

1
I

Wi//en/chaft
mul Technik
United States Information Service

28. September 1977

26

MEERESALGEN ALS METHANQUELLE

- (AD) - Wissenschaftler der Fa. General Electric in Philadelphia
(Pennsylvanien) haben eine Seetang-Farm entwickelt, die im Frühjahr 1978
vor der Küste von Kalifornien im Meer verankert werden soll. Man erwartet,
daß sie pro Jahr etwa 100 Tonnen Braunalgen (Kelp) produziert, die in einer
Anlage auf dem Festland durch bakterielle Zersetzung Methan liefern. Methan
ist der Hauptbestandteil von Erdgas. Bei den gegenwärtigen Erdgaspreisen
könnte nach Ansicht der Fachleute die Testfarm, die eine Ausdehnung von 0,1
Hektar hat, pro Jahr eine Gasausbeute im Wert von 600 000 Dollar erbringen.
Den größten Anteil an den 3 Millionen Dollar Investitionskosten stellte die
"American Gas Association" bereit. Dort ist man der Überzeugung, daß mit
der Umwandlung von "Biomasse" in Energie ein beachtlicher Beitrag zur Lösung der Weltenergiekrise geleistet werden könnte. Die praktische Durchführung des Projekts überläßt General Electric dem kalifornischen Unternehmen
"Global Marine Development".
Die Tangfarm sieht aus wie ein riesiger umgestülpter Regenschirm, aus
dessen Rippen die Riesenalgen (Macrocystis Pyrifera) wachsen. Sie zählen
zu den größten und am schnellsten wachsenden Pflanzen, die es auf der Erde
gibt. Sie werden bis zu 60 m lang und setzen pro Tag 50 - 60 cm an. In

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�&lt;-

In der Tangfarm sollen sie mehrmals pro Jahr geerntet, zerkleinert und zur
Küste gebracht werden, wo man dann Bakterien die Gasbildung überläßt. Riesenbraunalgen wurzeln in Wassertiefen von 18 m und mehr. In Kalifornien werden
die natürlichen Vorkommen schon seit geraumer Zeit industriell verwertet,
vor allem zur Gewinnung von Algin.
Wenn die Versuchsfarm in ihren Betriebs- und Ernteergebnissen den Erwartungen entspricht, sollen Anfang der achtziger Jahre Unterwasserfarmen
angelegt werden, die eine Ausdehnung von 200 - 400 Hektar haben. Sie könnten
eine billige Quelle zur Erzeugung von Methan im Wert von vielen Millionen
Dollar pro Jahr darstellen - eine Energiequelle, die außerdem die Umwelt
nicht belastet.

+ + + + +
•

&lt;•-»•.

•

•

.
•

�</text>
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                <text>Amerikadienst 28.09.1977</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Carter erläutert seine Menschenrechtspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brown bekräftigt Bündnistreue der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Verteidigungsministers vom 15. September 1977 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Young: Vereinte Nationen müssen Nord-Süd-Dialog fortsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des amerikanischen UN-Botschafters -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Carters vor dem IWF und der Weltbank&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinten Nationen als Forum für Nord-Süd-Dialog&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit US-Unterstaatssekretär Charles W. Maynes -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erdgas aus Alaska&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"ENTERPRISE" zum zweiten Mal im freien Flug&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meeresalgen als Methanquelle</text>
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Information
und
Dokumentation

1
I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

INHALT

DOKUMENTATION
Rede Präsident Carters vor den Vereinten Nationen am 4. Oktober 1977
- Wortlaut -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Menschenrechte:
Earl N. Mittleman

Politisches Erbe Amerikas

Management und wirtschaftliche Entwicklung
- Ein Beitrag zum Nord-Süd-Dialog Von Edward Y. George

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Atommüll - in Meeresschluchten vergraben
- Ein Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler
Neue Mittel gegen Viruskrankheiten

Um Übcr/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

REDE PRÄSIDENT CARTER'S VOR DEN VEREINTEN NATIONEN
AM 4. OKTOBER 1977
- Wortlaut -

Vereinte Nationen, New York - AD - Präsident Carter hat am 4. Oktober
in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen Aufgaben
und Ziele der amerikanischen Außenpolitik umrissen. Die Ansprache des
amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte und Gäste:
Ich möchte zunächst Ihnen, Herr Präsident meine Glückwünsche zu
Ihrer Wahl zum Präsidenten der 32. Vollversammlung aussprechen. Es ist
meiner Regierung eine besondere Befriedigung, unter der Führung eines
Vertreters Jugoslawiens zu arbeiten, einer Nation, mit der sich die
Vereinigten Staaten enger und hochgeschätzter Beziehungen erfreuen.
Wir sagen unsere Mitarbeit zu, und wir werden in den jetzt
beginnenden Beratungen stark von Ihrer Erfahrung und Ihrer Fähigkeit

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�V

Fähigkeit abhängig sein.
Herr Präsident, ich möchte ferner erneut die große Hochschätzung
zum Ausdruck bringen, die wir für Generalsekretär Waldheim empfirden.
Wir profitieren weiterhin in großem Maße von den engen Konsultationen
mit ihm und setzen großes Vertrauen in seine Leitung dieser Organisation.
Vor 32 Jahren, im kalten Morgengrauen des Atomzeitalters, wurde
diese Organisation geschaffen. Ihr oberstes und vordringlichstes Ziel
war es, den Frieden für eine erschöpfte und verwüstete Welt zu sichern.
Die heutigen Verhältnisse scheinen in mancher Hinsicht recht
hoffnungsvoll zu sein.
Doch die Sicherung des Friedens will uns immer noch nicht gelingen.
Noch vor Ende dieses Jahrhunderts könnte eine Vielzahl von Nationen
Nuklearwaffen besitzen. Sollte dies geschehen, würde die Welt, die wir
unseren Kindern hinterlassen, unseren Hoffnungen auf Frieden Hohn sprechen.
- Das Ausmaß der nuklearen Rüstungen könnte sich um ein Zehntausendfaches erhöhen, und bei den hochentwickelten konventionellen Waffen könnte
durchaus die gleiche Situation eintreten. Die Versuchung, diese Waffen
einzusetzen, oder die Furcht, daß irgend ein anderer dies zuerst tun
werde, wird fast unwiderstehlich sein.
- Der sich ständig ausweitende Handel mit konventionellen Waffen
unterwandert den Welthandel und macht aus einer Kraft für den Frieden
einen Lieferanten für den Krieg.
- Gewalttätigkeit, Terrorismus, Mord, Kriege ohne Kriegserklärung dies alles droht, Zurückhaltung und Mäßigung, die zum beherrschenden
Kennzeichen unseres Zeitalters werden müssen, zu zerstören.
Wenn
- 2 -

.

�Wenn wir keinen internationalen Verhaltenskodex schaffen, unter
dem der Rückgriff auf Gewalt zur Verfolgung nationaler Interessen immer
unsinniger wird, werden wir die Träume der Welt von der Entwicklung der
Menschheit und der vollen Entfaltung der menschlichen Freiheiten vernichten.
Wir sind bereits zu einer globalen Völkergemeinschaft geworden aber nur in dem Sinne, daß wir vor gemeinsamen Problemen stehen und, im
Guten oder Bösen, eine gemeinsame Zukunft miteinander teilen. In dieser
Völkergemeinschaft liegt die Macht zur Lösung der Probleme der Welt - vor
allem die wirtschaftliche und die politische Macht - nicht länger mehr nur
in den Händen weniger Nationen. Die Macht ist heute weit gestreut unter
zahlreiche Länder mit unterschiedlicher Kultur, Geschichte und Bestrebung.
Die Frage lautet, ob wir es zulassen wollen, daß unsere Meinungsverschiedenheiten uns zerstören, oder ob wir zusammenarbeiten wollen, um
unsere gemeinsamen Hoffnungen auf Frieden zu realisieren.
Heute möchte ich über die großen Dimensionen des Friedens und die
Rolle sprechen, die die Vereinigten Staaten bei der Begrenzung und dem
Abbau aller Rüstungen, bei der Kontrolle der nuklearen Technologie, bei
der Beschränkung des Wettrüstens und bei der Beilegung von Konflikten
mit friedlichen Mitteln spielen wollen.
Die Kontrolle der nuklearen Rüstungen
Als erstmals Atomwaffen eingesetzt wurden, bezeichnete Churchill die
Macht des Atoms als "eine Erkenntnis, die bis jetzt der Menschheit
gnädigerweise vorenthalten worden ist". Seitdem haben wir gelernt, um mit
Dürrenmatts bedrückenden Worten zu sprechen, daß das "was einst gedacht
worden ist, niemals ungedacht bleiben kann".
Wenn wir die Sicherheit haben wollen, daß unsere Kinder ihr Leben
in einer Welt leben werden, die unsere Hoffnungen zufriedenstellt - oder
daß sie überhaupt eine Chance zu leben haben werden - dann müssen wir

- 3 -

�V

wir endlich diese gewaltige Kernkraft in den Griff bekommen und sie
ausschließlich nutzbringenden Zwecken zuführen.
Der Friede wird nicht gesichert sein, bevor die Waffen des Krieges
nicht endgültig niedergelegt sind. Während wir auf dieses Ziel hinarbeiten,
werden die Völker ausreichende Rüstungen zur Gewährleistung ihrer
Sicherheit haben wollen. Ziel der Vereinigten Staaten ist es, den Frieden
zu gewährleisten. Aus diesem Grunde werden unsere Rüstungen und unsere
Bündnisse weiterhin so stark bleiben, wie dies notwendig ist, um vor
einem Angriff abzuschrecken.
Die Sicherheit der weltweiten Völkergemeinschaft kann jedoch nicht
für immer auf einem Gleichgewicht des Schreckens beruhen. In der
Vergangenheit wurde der Krieg als letzter Schlichter von Streitigkeiten
zwischen Völkern akzeptiert.
Im Nuklearzeitalter können wir den Krieg nicht länger als die
Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln betrachten. Ein Atomkrieg
kann nicht an den veralteten Normen "Sieg" oder "Niederlage" gemessen
werden. Diese unbeugsame Realität legt den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion eine furchbare und ganz spezielle Verantwortung auf.
Die Vereinigten Staaten stehen in einem weiten Bereich mit anderen
Ländern in Verhandlungen. Bei den Gesprächen über eine Begrenzung der
strategischen Rüstungen stehen wir und die Sowjetunion einer bedeutsamen
Vereinbarung zur Begrenzung der Gesamtzahl von Waffen und zur Beschränkung bestimmter Waffenkategorien, an denen jeder von uns ein
besonderes Interesse hat, greifbar nahe. Wir können ferner mit dem
entscheidend wichtigen Prozeß beginnen um dem unentwegten Vormarsch
technologischer Entwicklungen Einhalt zu gebieten, der eine Kontrolle
der Nuklearwaffen immer mehr erschwert.
Wir

«

�Wir müssen über die Gegenwart hinausblicken und darauf hinarbeiten,
die großen Gefahren und Instabilitäten der Zukunft abzuwenden. Wenn die
Prinzipien der Selbstbeschränkung, der Gegenseitigkeit und der beiderseitigen Anpassung der Interessen beachtet werden, dann wird es den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht nur gelingen, die Waffen
zu begrenzen, sondern sie werden auch eine Grundlage für bessere
Beziehungen auf anderen Gebieten schaffen.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, im Einklang mit unseren
Sicherheitsinteressen bei der Begrenzung und Reduzierung unserer
Nuklearwaffen so weit wie möglich zu gehen. Wir sind, auf der Basis der
Gegenseitigkeit, jetzt willens, sie um lo Prozent, um 2o Prozent, ja selbst
um 5o Prozent zu verringern. Dann werden wir auf weitere Reduzierungen
hinarbeiten, für eine Welt, die wahrhaft frei von Nuklearwaffen ist.
Die Vereinigten Staaten sind sich auch der Gefahr einer weiteren
Erprobung von Sprengsätzen bewußt.
Gegenwärtig werden zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien
und der Sowjetunion Verhand'ungen über ein umfassendes Verbot nuklearer
Explosionen geführt. Wie auf anderen Gebieten, wo lebenswichtige nationale
Sicherheitsinteressen auf dem Spiele stehen, müssen die Vereinbarungen
verifizierbar und fair sein. Sie müssen von allen Parteien so gesehen
werden, daß sie einem langfristigen Interesse dienen, das Zurückhaltung im
Augenblick rechtfertigt.
Das langfristige Interesse in diesem Fall besteht darin, einen weiteren
Weg zum nuklearen Wettrüsten zu versperren und damit der gesamten Welt zu
zeigen, daß die großen Nuklearmächte ihre Pflicht ernst nehmen, die Gefahr
einer nuklearen Katastrophe zu verringern.
Mein Land glaubt, daß es an der Zeit ist, allen Explosionen von
nuklearen Sprengsätzen ein Ende zu machen, gleichgültig wie sie angeblich
gerechtfertigt werden - den friedlichen und den militärischen Explosionen.
Wir begrüßen die Anstrengungen aller Länder, dieses gleiche Ziel zu
erreichen.

_

In

�In den letzten neun Monaten habe ich die besondere Bedeutung unterstrichen, die wir der Kontrolle der nuklearen Proliferation beimessen.
Ich fürchte jedoch, daß viele nicht verstehen, warum die Vereinigten
Staaten so fühlen, wie dies der Fall ist.
Warum ist es so wichtig, die Möglichkeit zu vermeiden, daß ein oder
zwei oder zehn weitere Länder sich ein oder zwei oder zehn eigene
Nuklearwaffen beschaffen können? Lassen Sie mich versuchen, dies zu
erklären, denn ich glaube zutiefst, daß dies eine der größten Aufgaben
ist, vor der wir im nächsten Vierteljahrhundert stehen werden.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß Nuklearwaffen eine gewaltige
Abschreckung bilden. Sie sind eine Abschreckung, weil sie drohen. Sie
könnten für Terrorismus oder Erpressung wie auch für einen Krieg verwendet
werden. Aber sie drohen nicht nur dem angenommenen Feind, sie drohen
jedem Land, dem Kämpfenden und dem nicht Kämpfenden in gleicher Weise.
Das ist der Grund, warum uns dies alle angehen muß.
Lassen Sie mich offen sein. Das Vorhandensein von Nuklearwaffen in
den USA und der UdSSR und in Großbritannien, Frankreich und China ist
etwas, das wir nicht ungeschehen machen können, es sei denn durch den
mühsamen Prozeß von Verhandlungen. Aber das Vorhandensein dieser Waffen
besagt nun nicht, daß andere Nationen ihre eigenen Waffen entwickeln
müssen, genauso wenig, wie es einen Grund für diejenigen unter uns gibt,
die über solche Waffen verfügen, diese mit anderen zu teilen.
Vielmehr legt PS den Ländern, die über die Kapazitäten für den
Export von nukleanm Brennstoff und nuklearen Technologien verfügen, zwei
feierliche Verpflichtungen auf - die Verpflichtung, den legitimen
Energiebedarf zu decken und zweitens dabei sicherzustellen, daß nichts
von dem, was wir exportieren - direkt oder indirekt - zur Herstellung
nuklearer Sprengstoffe beiträgt. Aus diesem Grunde bemühen sich die

�die Lieferländer um eine gemeinsame Politik und aus diesem Grunde sind
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion , selbst während wir noch
darum ringen, in den SALT-Gesprächen gemeinsamen Boden zu finden, bereits
einer Vereinbarung wie auch einer Zusammenarbeit bei unseren Bemühungen
um eine Begrenzung der nuklearen Proliferation näher gekommen.
Ich meine, daß die Londoner Gruppe der Lieferländer, wie sie sich
jetzt konstituiert hat, ihre Arbeit abschließen muß, sodaß die Sicherheit
der Welt vor dem Druck des kommerziellen Wettbewerbs gewährleistet wird.
Wir haben gelernt, daß es nicht genügt, lediglich einige Anlagen zu
schützen oder einige Materialien. Es sind ganz umfassende Sicherheitsmaßnahmen notwendig.
Heute in zwei Wochen werden in unserem Land über 3o Liefer- und
Verbraucherländer zu einer internationalen Bewertung des Brennstoffzyklus
zusammenkommen, die wir im vergangenen Frühjahr vorgeschlagen hatten.
In den nächsten Jahren werden Experten in Bezug auf alle Aspekte des
nuklearen Brennstoffzyklus zusammenarbeiten.
Die Wissenschaftler und die verantwortlichen Politiker dieser Länder
stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir wissen, daß Kernkraftreaktoren
im Jahre 2ooo genug Plutonium herstellen können, um in jedem Jahr
zehntausende von Bomben zu bauen. Ich glaube, aufgrund meiner persönlichen
Kenntnisse in dieser Frage, daß es Wege zur Lösunr des Problems gibt,
vor dem wir stehen. Ich glaube, es gibt alternative Brennstoffzyklen, die
sicher auf weltweiter Basis gehandhabt werden können.
Ich hoffe deshalb, daß der internationale Zyklus der Brennstoffaufbereitung die Unterstützung und die Ermutigung jedes Landes finden wird.
Ich habe sagen hören, daß die Bemühungen um die Kontrolle der nuklearen
Proliferation nutzlos seien; daß der Geist bereits aus der Flasche heraus

- 7 -

�heraus sei. Ich glaube nicht, daß dies richtig ist. Wir dürfen nicht
vergessen, daß sich die Mitgliedschaft des Kernwaffenclubs in 25 Jahren
nicht erweitert hat. Durch echte Zusammenarbeit können wir sicherstellen,
daß dieser schreckliche Club nicht weiter wachsen wird.
Konventionelle Waffen
Ich habe in einiger Ausführlichkeit über die besonderen Probleme
der Kontrolle der Kernwaffen und der nuklearen Proliferation gesprochen.
Ich möchte mich jetzt dem Problem der Kontrolle der konventionellen
Waffen zuwenden, die potentiell oder unmittelbar alle Nationen berührt,
die hier in diesem Saale vertreten sind. Das ist keine Sache der Zukunft nicht einmal der nahen Zukunft -, sondern der unmittelbaren Gegenwart.
Die weltweiten Militärausgaben liegen heute in der Gegend von 3oo Milliarden
Dollar pro Jahr. Im vorigen Jahr haben die Nationen der Welt mehr als
60 mal soviel ausgegeben, um einen Soldaten auszurüsten als um ein Kind
auszubilden. Das meiste Geld haben die Industrieländer ausgegeben, aber die
Wachstumsrate der Militärausgaben in der Entwicklungswelt ist rascher.
Und während nur eine handvoll Staaten hochentwickelte Waffen herstellen,
steigt die Zahl der Länder, die sie kaufen wollen immer schneller.
Das konventionelle Wettrüsten verursacht und nährt die Bedrohung durch
größere und tödlichere Kriege. Es legt einer bereits in Schwierigkeiten
befindlichen Weltwirtschaft eine gewaltige Bürde auf.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben jetzt damit begonnen, ihre
Waffenexporte zu verringern. Es ist unser Ziel, sowohl die Quantität als
auch die Tödlichkeit der Waffen zu verringern, aber wir können den Weg
nicht sehr lange allein gehen. Länder, deren Nachbarn in großen Mengen
Waffen kaufen, fühlen sich veranlaßt das gleiche zu tun. Lieferländer,
die Zurückhaltung in Waffenverkäufen praktizieren, finden gelegentlich
heraus, daß sie einfach wertvolle Handelsmärkte an andere Lieferanten
verlieren.
Wir

�Wir hoffen mit anderen Lieferanten zusammenarbeiten zu können, um
den Waffenfluß zurückzudä'mmen und das Tempo zu reduzieren, mit dem die
modernsten und hochentwickeltsten Waffentechnologien sich um die ganze
Welt ausbreiten. Wir erwarten nicht, daß diese Aufgabe leicht sein wird
oder sofortige Ergebnisse produzieren wird. Aber wir haben uns verpflichtet,
der Spirale zunehmender Waffenverkä'ufe Einhalt zu gebieten.
Wir hoffen, was ebenso wichtig ist, daß die Käuferländer einzeln und
über regionale Organisationen ihre Waffenimporte begrenzen werden. Wir sind
bereit, einigen Ländern die notwendigen Mittel für eine legitime Selbstverteidigung zur Verfügung zu stellen, aber wir sind ebenso daran
interessiert, mit jedem Land oder jeder Region zusammenzuarbeiten, um die
Notwendigkeit für zahlreichere, tödlichere und immer teuerere Waffen zu
verringern.
Der Regionale Konflikt
Vor 14 Jahren sprach einer meiner Vorgänger in diesem Räume unter
Bedingungen, die in bestimmter Weise den heutigen gleichen. Es war eine
Zeit, so sagte er, der verhältnismäßigen Ruhe und es herrschte eine
Atmosphäre steigender Hoffnung hinsichtlich der Aussichten für die Kontrolle
der Nuklearenergie. Der erste spezifische Schritt zur Begrenzung des
nuklearen Wettrüstens war getan worden - fast loo Nationen hatten einen
Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen unterzeichnet.
Aber die folgenden Jahre entsprachen nicht den optimistischen Aussichten,
die John F. Kennedy vor dieser Versammlung aufgeteigt hatte, denn es ist uns
als eine Gemeinschaft von Nationen nicht gelungen, die tiefsten Ursachen
des potentiellen Konflikts unter uns anzupacken.
Wenn wir die Prinzipien der Entspannung unter den großen Nuklearmächten
zu etablieren versuchen, dann sind wir der Überzeugung, daß diese Prinzipien
auch auf regionale Konflikte Anwendung finden müssen. Die Vereinigten
- 9 -

�Vereinigten Staaten sind der friedlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten verpflichtet. Wir sind der Stärkung der friedensstiftenden
Fähigkeiten der Vereinten Nationen und regionaler Organisationen, wie der
Organisation für afrikanische Einheit und der Organisation Amerikanischer
Staaten, verpflichtet.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die Anstrengungen Großbritanniens,
einen friedlichen und raschen Übergang zur Mehrheitsherrschaft und zur
Unabhängigkeit in Simbabwe herbeizuführen. Wir haben uns anderen Mitgliedern
des Sicherheitsrates in der vorigen Woche und dem Generalsekretär der
Vereinten Nationen in den Bemühungen angeschlossen, die Unabhängigkeit
und eine demokratische Herrschaft in Namibia zustande zu bringen. Wir
sind erfreut über den Stand der Zusammerarbeit, den wir mit den Führern
der Nationen in diesem Gebiet wie auch mit jenen Völkern erreicht haben,
die um die Unabhängigkeit ringen. Wir appellieren an Südafrika und andere
Nationen, die vorgeschlagen?

Lösung für die Probleme in Simbabwe zu

unterstützen und noch enger zusammenzuarbeiten, um für einen reibungslosen
und prompten Übergang in Namibia zu sorgen.
Es ist jedoch notwendig, daß alle anderen Nationen in ihren Aktionen
in Simbabwe und in Namibia Zurückhaltung üben, damit wir eine Herrschaft
der Mehrheit verwirklichen und eine Ausweitung des Krieges vermeiden
können, der über die südliche Hälfte des afrikanischen Kontinents
hereinbrechen könnte.
Von allen regionalen Konflikten auf der Welt birgt keiner größere
Gefahren in sich als der Nahe Osten. Der Krieg dort hat die Welt ar

den

Rand der nuklearen Konfrontation gebracht. Er hat die ganze Weltwirtschaft
zerrüttet und den Menschen in den Industriestaaten wie auch in den
Entwicklungsländern in gleicher Weise große Härten auferlegt. Daher ist ein
echter Friede - ein Friede, der in bindenden Verträgen niedergelegt ist unbedingt notwendig. Er wird im Interesse der Israelis und der Araber
liegen. Er liegt im Interesse des amerikanischen Volkes. Er liegt im

�im Interesse der gesamten Welt.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat mit den Resolutionen
242 und 338 die Grundlage für einen Frieden geschaffen, doch sind Verhandlungen in gutem Glauben zwischen allen Parteien notwendig, um diesem
Frieden Gehalt zu geben.
Solche Verhandlungen in gutem Glauben müssen durch die Erkenntnis
belebt werden, daß alle Nationen in diesem Gebiet - Israel und die
arabischen Länder - ein Recht auf eine Existenz in Frieden
Aufnahme

mit baldiger

eines wirtschaftlichen und ^lturellen Austausches sowie

normalen diplomatischen Beziehungen haben. Der Friede muß einen Prozeß
einschließen, durch den die bittere Feindschaft über Generationen hinweg Haß und Argwohn - überkommen werden können. Die Verhandlungen können
keinen Erfolg haben, wenn eine der Parteien die trügerische Ansicht hegt,
daß der Friede lediglich eine Pause bedeutet, in der man sich auf den
Krieg vorbereitet.
Verhandlungen in gutem Glaubem bedingen ferner, daß alle Seiten
die fundamentalen Rechte und Interessen jedes einzelnen akzeptieren.
Für Israel muß dies Grenzen bedeuten, die anerkannt und sicher sind.
Sicherheitsvereinbarungen sind entscheidend wichtig für ein Land, das in
jedem der letzten vier Jahrzehnte um sein überleben gekämpft hat. Die
Verpflichtung der Vereinigten Staaten für die Sicherheit Israels steht
außer Zweifel.
Was die Araber anbetrifft, so müssen die legitimen Rechte des
palästinensischen Volkes anerkannt werden. Das eine, was das amerikanische
Volk mit Israel verbindet, ist unsere gemeinsame Achtung vor den Menschenrechten und der Mut, mit dem Israel diese Rechte verteidigt hat. Es liegt
auf der Hand, daß ein echter und dauerhafter Friede auch die Rechte aller
Völker dieses Gebiets respektieren muß. Wie diese Rechte definiert und
- 11 -

�und verwirklicht werden, darüber zu entscheiden ist selbstverständlich
Aufgabe der direkt Beteiligten, nicht aber unsere Aufgabe, es zu diktieren.
Wir beabsichtigen nicht, den Nationen des Nahen Ostens eine Lösung
von außen aufzuzwingen.
Die Vereinigten Staaten sind mit den Außenministern Israels und der
arabischen Staaten, die um den Frieden bemüht sind, zusammengekommen.
Wir stehen in engem Kontakt mit der Sowjetunion, mit der wir die Verantwortung für die Wiederaufnahme der Genfer Konferenz teilen. Als Folge
dieser Konsultationen sind die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
übereingekommen, die Wiederaufnahme der Genfer Konferenz vor Ende dieses
Jahres zu fordern. Wenn auch weiterhin eine Anzahl von Verfahrensfragen
bestehen bleibt, so glaube ich doch, daß man darauf eine Antwort finden
kann, wenn die Parteien weiterhin in gutem Willen handeln.
Die Großmächte haben eine besondere Verantwortung in den Gebieten
auf der Welt, wo sie konkurrierende Interessen haben, mit Zurückhaltung
vorzugehen, weil eine Verknüpfung dieser Interessen mit örtlichen
Rivalitäten und Konflikten zur ernsten Konfrontation führen kann. Im Gebiet
des Indischen Ozeans haben weder wir noch die Sowjetunion eine große
militärische Präsenz, auch besteht dort keine rasch anwachsende
Konkurrenz zwischen uns. Eine Zurückhaltung in diesem Gebiet könnte
durchaus mit einer von beiden Seiten unternommenen Anstrengung beginnen,
unsere Präsenz zu stabilisieren und eine Eskalation im militärischen
Wettstreit zu vermeiden. Dann könnten beide Seiten erwägen, wie unsere
militärischen Aktivitäten im Gebiet des Indischen Ozeans noch weiter
eingeschränkt werden könnten.
Die friedliche Beilegung der Differenzen ist natürlich wesentlich. :Die
Vereinigten Staaten sind gewillt, an diesem Prinzip festzuhalten, wie im
Falle der vor kurzem unterzeichneten Panama-Verträge. Diese Verträge

- 12 -

�Verträge können, sobald sie ratifiziert sind, die Beziehung zwischen den
Vereinigten Staaten und Panama in ein Verhältnis verwandeln, das die
Interessen beider Länder auf Dauer schützt und ihre Souveränität respektiert.
Wir haben seit Gründung der Vereinten Nationen große Herausforderungen überlebt und überwunden, aber wir können den Fortschritt selbst
in einer Welt immer größer werdender Mannigfaltigkeit beschleunigen. Die
Verpflichtung zur Stärkung der internationalen Institutionen ist von
lebenswichtiger Bedeutung, aber auch aus unserer nationalen Politik erwächst
Fortschritt. Wir können zusammenarbeiten und eine Gemeinschaft des Friedens
bilden, wenn wir jene von mir heute vorgeschlagenen Verpflichtungen
akzeptieren:
- Erstens, die Verpflichtung, die Drohung der Nuklearwaffen zu beseitigen, die Tendenz zu immer größeren Rüstungen zu wenden und bilaterale
sowie multilaterale Abkommen über eine Rüstungskontrolle abzuschließen, die
uns allen Sicherheit bringen können.
Um das Vertrauen der Nationen auf Nuklearwaffenarsenale abzubauen,
erkläre ich hiermit im Namen der Vereinigten Staaten, daß wir keine
Nuklearwaffen anwenden werden, außer zur Selbstverteidigung: das heißt,
nur im Falle eines tatsächlichen nuklearen oder konventionellen Angriffs
auf die Vereinigten Staaten, auf unsere Territorien oder unsere
Streitkräfte oder im Falle eines solchen Angriffs auf unsere Verbündeten.
Darüber hinaus hoffen wir, daß die Initiativen seitens der westlichen
Nationen zur Sicherung einer beiderseitigen und ausgewogenen Truppenreduzierung in Europa eine entsprechende Reaktion seitens der Staaten des
Warschauer Pakts finden werden.
- Zweitens, die Verpflichtung, in Spannungsgebieten Zurückhaltung
zu üben, über Streitfälle zu verhandeln und sie friedlich beizulegen und
die Fähigkeit der Vereinten Nationen und der regionalen Organisationen
zur Friedenserhaltung zu stärken.
- Und schließlich die Anstrengung aller Nationen, der des Ostens wie
der des Westens, des Nordens wie des Südens, die Hoffnungen.und

�und Erwartungen der Menschheit auf menschliche Entwicklung und
menschliche Freiheit zu erfüllen. Um diesen Grundforderungen zu entsprechen, bilden wir Regierungen und streben nach dem Frieden.
Um unseres Überlebens und unserer Prosperität willen müssen wir
gemeinsam diese Verpflichtungen erfüllen.
Eine solche Welt des Friedens ist für uns vorstellbar. Wir können
auf eine Welt ohne Armut und Not hinarbeiten. Wir können eine globale
Gemeinschaft aufbauen, die sich für diese Zielsetzungen und für die
Menschenwürde einsetzt.
Das Bild, das ich heute vor Ihnen entworfen habe, ist das, wie es sich
einem führenden Mann einer Nation darstellt. So reich und mächtig die
Vereinigten Staaten auch sein mögen - so sehr sie zu einer führenden Rolle
befähigt sein mögen - diese Macht ist in zunehmendem Maße relativ, und die
Führung bedarf in zunehmendem Maße der Beteiligung anderer.
•

Keine Nation hat ein Monopol auf Zukunftsvisionen, auf Kreativität
oder auf Ideen. Dies aus vielen Nationen zusammenzubringen, das ist unsere
gemeinsame Verantwortung und hohe Aufgabe. Denn nur auf diese Weise kann
die Idee einer friedlichen globalen Gemeinschaft sich entwickeln und
gedeihen.

+ + +

•

�12. Oktober 1977

27

DIE MENSCHENRECHTE: POLITISCHES ERBE AMERIKAS
Earl N. Mittleman

Wer mit der Entwicklung des politischen Gedankenguts Amerikas vertraut ist, der wird über das "absolute" Eintreten Präsident Carters
für die Menschenrechte nicht überrascht sein. Carter bestätigt nur einen
Grundgedanken, der das politische System der Vereinigten Staaten
motiviert. Die Verpflichtung Amerikas für die Menschenrechte, so erklärte
er, "ist ein Ausdruck der Werte, die das amerikanische Volk am
tiefsten bewegen."
Diese Werte fanden mit den ersten englischen Siedlungen in der
Neuen Welt Anfang des 17. Jahrhunderts ihre Heimat. Als jene ersten
kühnen Siedler am 14. Mai 16o7 in dem heutigen Jamestown landeten, brachten
sie ihre vererbten Freiheiten mit.
Die erste Charta (Stiftungsurkunde) von Virginia, die König James 1
als Grundlage für die Regierung der Siedlung gewährte, stellte ausdrücklich
fest, daß alle Bewohner "alle Freiheiten, Gerechtsame und Privilegien
in allen Unseren Dominions für alle Absichten und Zwecke haben und
genießen sollen, als ob sie in Unserem Reich England oder in irgendeinem

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�irgendeinem Unserer besagten Dominions geboren waren oder dort lebten."
Einige Jahre später faßte mit der Gründung der Massachusetts Bay
Colony die Herrschaft des Rechts festen Fuß in der Neuen Welt. Der General
Court, die regierende Körperschaft der Kolonie, verabschiedete im Jahre
1641 einen Kodex der bürgerlichen Freiheiten, der zum erstenmal auf dem
amerikanischen Kontinent die Herrschaft des Rechts über die Völker der
Regierenden einsetzte.
Die englischen Kolonisten in Amerika brachten jedoch die religiöse
Unduldsamkeit mit, die sie in Europa praktiziert hatten. Erst Mitte des
17. Jahrhunderts begann sich die religiöse Toleranz zu entfalten. Der
"Toleration Act", die Toleranzakte, die die römisch-katholische Kolonie
Maryland verabschiedete, war das erste Gesetz über die Religionsfreiheit,
das von einer legal eingesetzten gesetzgebenden Versammlung in Amerika
verabschiedet wurde. Die Akte sollte die Kolonie Maryland von dem Vorwurf
der Intoleranz gegenüber dem Protestantismus befreien.
Völlige religiöse Toleranz kam jedoch erst im Jahre 1663 mit der
Stiftungsurkunde der Kolonie Rhode Island, in der die volle Freiheit der
Religion niedergelegt wurde.
Während die Frage der Religionsfreiheit in Nordamerika ihre Lösung
fand, machte ein neues Problem den Kolonisten und schließlich sogar den
Vereinigten Staaten von Amerika zu schaffen: das Problem der Sklaverei.
Obwohl die Zahl der schwarzen Sklaven im 17. Jahrhundert relativ
klein war, gab es bereits Proteste gegen diese Einrichtung, vor allem
seitens der Quäker und der Mennoniten. Am 18. Februar 1688 veröffentlichte
eine Gruppe von Mennoniten in Germantown in Pennsylvania den ältesten
bekannten Protest gegen die Sklaverei in den amerikanischen Kolonien:
"Hier", so schrieben sie, "herrscht Freiheit des Gewissens, was recht

- 2 -

�recht und billig ist; hier sollte aber in gleicher Weise Freiheit des
Körpers herrschen... Aber Menschen hierher zu verbringen oder sie gegen
ihren Willen zu rauben und zu verkaufen, dagegen sind wir."
In der Zwischenzeit dehnten sich die amerikanischen Kolonien mit der
Ankunft von Siedlern aus Deutschland, Holland, Frankreich und den
skandinavischen Ländern immer weiter aus, und es entwickelte sich ein
neues amerikanisches Nationalgefühl. Die Kolonisten begannen sich als
Amerikaner zu fühlen, die sich selbst regieren. Als die britische Krone
versuchte, in

einigen Kolonien bestimmte verhaßte Steuern einzuführen,

die Handelstätigkeit zu beschränken, die landwirtschaftliche Expansion nach
Westen zu begrenzen und die Selbstverwaltung abzuschaffen, erhoben sich die
Kolonien dagegen. Am 4. Juli 1776 proklamierten die Vertreter der 13
Kolonien die

Unabhängigkeitserklärung, die die politischen Grundüber-

zeugungen der Amerikaner formulierte:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle
Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten
unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und
das Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen
unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der
Zustimmung der Regierten herleiten."
Mit dem siegreichen Ende des Befreiungskrieges, des Revolutionary War,
übernahmen die Vereinigten Staaten von Amerika ein riesiges Gebiet, das sich
von den ersten Kolonien an der Ostküste bis zum Mississippi erstreckte.
Noch kaum bevölkert bot dieses Gebiet gewaltige Siedlungsmöglichkeiten.
Die Vereinigten Staaten hatten jetzt zwei Möglichkeiten: sie konnten
dieses Gebiet als koloniales Lehen der Bundesregierung behandeln, oder sie
konnten den derzeitigen und künftigen Bewohnern die gleichen Rechte einräumen, wie den Bürgern der bestehenden 13 Staaten der Union. Die neue
Regierung wählte den letzteren Weg und erließ im Jahre 1787 die sogenannte
- 3 -

�sogenannte "Northwest Ordinance", einen Erlaß also, der den Siedlern der
Territorien

nicht nur die vollen Rechte als amerikanische Bürger ein-

räumte, sondern ihnen auch die Aufnahme in die Union nach Gründung eines
Staates (EinzelStaates) zusicherte. Allerdings wurde in dem genannten
Gebiet die Sklaverei als ungesetzlich erklärt.
Nach drei Jahren unvollkommener Regierung unter den Konföderationsartikeln erarbeiteten Vertreter der 13 Staaten die Verfassung der
Vereinigten Staaten, um eine festere Basis für die Bundesregierung und das
Verhältnis der Einzelstaaten zur Zentralregierung zu

schaffen.

Eine der größten Befürchtungen war jedoch, daß die Zentralregierung
zuviel Macht erhalten könnte. So wurden bald nach der Ratifizierung der
Verfassung die ersten zehn Zusatzartikel, die sogenannte "Bill of Rights",
verabschiedet und 1791 in Kraft gesetzt. Diese Zusatzartikel garantierten,
daß die Bundesregierung die Grundrechte des amerikanischen Bürgers nicht
schmälern kann.
Aber noch immer hing eine dunkle Wolke über der amerikanischen
Gesellschaft: die Sklaverei. Erst der Bürgerkrieg von 186o bis 1865, in
dem fast 800 000 Tote und Verwundete zu beklagen waren, brachte die endgültige Lösung dieses Problems. Nach dem Kriege sorgten die Zusatzartikel
13, 14 und 15 für die völlige Abschaffung der Sklaverei.
Das nächste Problem war das Wahlrecht für Frauen. Der Kampf darum
dauerte lang, aber schließlich regelte der 192o verabschiedete 19. Zusatzartikel der Verfassung auch diese Frage.
Die Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann und Millionen von Amerikanern
Arbeitslosigkeit brachte, führte zu der Erkenntnis, daß es auch einen
wirtschaftlichen Aspekt der Menschenrechte gab. Im Rahmen des unter der
Bezeichnung "New Deal" bekannt gewordenen Wirtschafts- und Sozialprogramms

- 4 -

�Sozialprogramms von Präsident Franklin D. Roosevelt wurden in den dreißiger
Jahren die Gewerkschaften zu einem immer wichtigeren Faktor. Mit ihrer
Hilfe wurden Sozialversicherung, Arbeitslosenversicherung, der Achtstundentag und die 4o-Stundenwoche für die meisten Amerikaner Wirklichkeit. Und
nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte die Regierung mit der Verabschiedung
des Vollbeschäftigungsgesetzes im Jahre 1946 ihre Verantwortung an, für
"nützliche Beschäftigungsrröglichkeiten ... für jene zu sorgen, die fähig
und willens sind, zu arbeiten und nach Arbeit zu suchen, und maximale
Beschäftigungs- und Produktionsverhältnisse und maximale Kaufkraft zu
schaffen."
Und schließlich kam in den fünfziger und sechziger Jahren die große
Bürgerrechtsbewegung, deren von ihr erfochtetenen Bürgerrechtsgesetze
die Menschenrechte für alle Amerikaner durchsetzten.
Die Erfahrung der totalitären Aggression in den dreißiger und vierziger
Jahren, vor allem im Zweiten Weltkrieg, brachten dem amerikanischen Volk die
Erkenntnis, daß die Menschenrechte eine internationale Angelegenheit
sind. Aus dieser Einsicht heraus waren die Vereinigten Staaten maßgeblich
an dem Entwurf der Charta der Vereinten Nationen 1945, der Universalen
Menschenrechtserklärung 1948 und schließlich des Korbes 3 der Schlußakte
von Helsinki 1975 beteiligt. Gerade im letzteren Dokument haben sich die
Länder Europas zur Stärkung der Menschenrechte für ihre Völker verpflichtet.

+ + +

- 5 -

�11 Li

I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

MANAGEMENT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
- Ein Beitrag zum Nord-Süd-Dialog Von Edward Y. George

"Die Rolle des Management in unserer Gesellschaft ist von entscheidender Bedeutung für den Fortschritt der Menschheit.

Sie trägt dazu bei, eine

zwingende Notwendigkeit unserer Zeit zu umreißen, nämlich die Notwendigkeit,
den Lebensstandard aller Völker durch wirksame Nutzung der menschlichen und
materiellen Ressourcen zu heben".

Diese Worte Präsident Kennedys, vor über

einem Jahrzehnt gesprochen, gelten auch heute noch.

Peter F. Drucker, einer

der führenden Betriebswirtschaftler Amerikas, unterstreicht ihre Bedeutung
erneut, wenn er jetzt darauf hinweist, daß das Management die Grundlage für
den Reichtum der heutigen Industriestaaten geschaffen hat.

Das Management

hat mit dazu beigetragen, daß sie sich aus einer Gesellschaft kleiner Familienbetriebe und Arbeitseinheiten zu einer Gesellschaft komplexer Institutionen von ungeahnter Produktivität entwickeln konnten.

Drucker geht aber

noch weiter und erklärt, das überleben unserer modernen Welt hängt in hohem
Maße von dem Erfolg der Manager ab.
Es ist immer wieder darüber diskutiert worden, ob das Management bereits
eine führende Kraft in der Gesellschaft war, noch bevor die wirtschaftlich Ent-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Entwicklung Gestalt annahm,oder ob das Management als eine natürliche Folge
der wirtschaftlichen Entwicklung zu werten sei. Tatsache ist, daß das Management die Haupttriebskraft bildet und die wirtschaftliche Entwicklung als Folgewirkung zu betrachten ist.

Es ist richtig, daß wirtschaftliches Wachstum

von der Verfügbarkeit von Kapital, Rohstoffen und Arbeitskräften abhängig
ist.

Aber diese Faktoren kann man nicht in ein Vakuum stellen.

Nur in Or-

ganisationen, die von einem hervorragenden Management geleitet werden, können
sie sich produktiv entfalten.
In der gegenwärtigen Diskussion über die Ursachen der Unterentwicklung
wird immer wieder erklärt, daß es lediglich eines wachsenden Kapitalflusses
bedürfe, um eine rasche wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.

Diese

naive Ansicht ignoriert einfach die grundlegende Tatsache, daß wirtschaftliche
Entwicklung auf menschlicher Energie und nicht auf wirtschaftlichem Reichtum
beruht und daß es eine der Hauptaufgaben des Management ist, die menschlichen
Energien zu wecken und zu lenken.
Wirtschaftliche Entwicklung ist davon abhängig, daß in der Gesellschaft
qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl vorhanden sind. Aufgabe eines
vorausschauend planenden Management ist es daher, geeignete Arbeitskräfte anzuwerben, auszubilden und weiter zu fördern. Durch richtige Anleitung und
Motivierung sowie Einräumung geeigneter Möglichkeiten zur Selbstbestätigung
für diese Arbeitskräfte kann das Management sicherstellen, daß die Zahl der
qualifizierten Fachkräfte wächst.
Warum nun ist das Management, besonders für die Entwicklungsländer, von
so ausschlaggebender Wichtigkeit?

Und warum sind die Managementkonzeptionen

und Techniken, wie sie in den Vereinigten Staaten entwickelt und weiter verfeinert worden sind, in gleicher Weise auch auf die Entwicklungsländer anwendbar?
Einmal können die großen Unternehmen in den Vereinigten Staaten es sich
leisten, auf fast allen Gebieten hochspezialisierte Fachkräfte einzustellen,
- 2 -

�einzustellen, während die Unternehmen in den Entwicklungsländern diese Möglichkeit nicht haben, da solche einheimischen Fachkräfte rar sind.

Daher ist

es von entscheidender Bedeutung, daß das Management in den Entwicklungsländern selbst aus dem begrenzten einheimischen Reservoir geeigneter Arbeitskräfte sich seinen Stamm an Fachkräften heranzieht.

Zum anderen ist Management allgegenwärtig und universell.

Kein Unter-

nehmen, ob es sich nun um staatliche oder private Unternehmen handelt, kann
ohne wirksames Management überleben und über lange Zeiträume produktiv arbeiten.

Darüber hinaus sind Aufgaben und Funktionen der Manager überall auf

der Welt nahezu die gleichen.

Welcher Art sind nun Aufgaben und Funktionen des Management, daß es
für die Entwicklungsländer so begehrenswert ist?

Ein Manager, der Erfolg

haben will, darf nicht alles selbst machen wollen; er muß lediglich dafür
sorgen, daß das Richtige zum richtigen Zeitpunkt geschieht.

Ein Experte oder

Spezialist auf einem bestimmten Gebiet ist nicht unbedingt auch ein erfolgreicher Manager.

Um Erfolg zu haben, muß ein Manager andere Menschen moti-

vieren und so führen können, daß sie produktiv sind.

Er muß aufgrund seiner

Erfahrung und Persönlichkeit die unterschiedlichen persönlichen Kenntnisse
und Fähigkeiten der Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, zu einem Ganzen
zusammenschweißen können, das mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Nach V.H. Vroom von der Carnegie Mellon-Universität ist es Aufgabe des
Managers, ständig Führung, Leistung, Produktivität und Gewinn im Auge zu
haben.

Die Effektivität des Managers wird an zwei Faktoren gemessen:

Fähigkeit der Arbeitsgruppe multipliziert mit ihrer Motivierung.

Die

Die vor

kurzem von Vroom und E.E. Lawler entwickelte Erwartungstheorie besagt unter
anderem, daß Befähigung und Funktionsvorstellung potentiell entscheidend für
die Leistung sind.

Vom Manager wird daher erwartet, daß er das Leistungs-

niveau seines Mitarbeiterstabes heben und diesen zu hohen Leistungen anspornen soll.
Was
- 3 -

�Was die Funktionen des Managers anbetrifft, so wird in der Betriebswirtschaftslehre allgemein anerkannt, daß hierunter Planung, Organisation,
Personalentscheidungen, Direktiven und Kontrolle fallen.

Diese Funktionen

werden in den meisten Handbüchern über Managementprinzipien eingehend erläutert.

Wichtiger ist, an dieser Stelle aufzuzeigen, wie ein Manager sol-

che Funktionen mit Erfolg ausüben kann.

In den letzten zehn Jahren bestand

in den Vereinigten Staaten eine starke Tendenz, das Management zu ermuntern,
das gerade entwickelte System des Management nach Zielsetzungen einzuführen.
Richtig angewandt kann ein Management nach Zielsetzungen aufgrund der vollen
Zusammenarbeit aller Managementebenen durch Definition klarer und quantitativ
meßbarer Ziele die Chancen für den Erfolg des Managers verbessern.

Ein

Management nach Zielsetzungen integriert und systematisiert nicht nur die
Managementfunktionen, sondern trägt auch dazu bei, daß die untergeordneten
Stellen infolge ihrer Einbeziehung genau wissen, was von ihnen erwartet wird
und was auf sie zukommt.
Obwohl viele heute zu der Auffassung neigen, daß Management eine Kunst
und Führerschaft, eine angeborene Fähigkeit sei, haben Untersuchungen über
das Management in den Vereinigten Staaten ergeben, daß Management und die damit zwangsläufig verbundene Führungsrolle Fähigkeiten sind, die erworben und
über gut durchdachte wissenschaftliche Ausbildungsprozesse erlernt werden
können.
Professor David C. McClelland von der Harvard-Universität tritt der allgemeinen Auffassung, daß kulturelle Werte zwangsläufig die Motivierung im
Kindesalter beeinflussen, entgegen und hat für die Vereinigten Staaten und
einige Entwicklungsländer ein Ausbildungsforschungsprogramm ausgearbeitet, das
bei Erwachsenen das Leistungsmotiv auf wirtschaftlichen Gebieten zu wecken
sucht. Seine vielversprechende Arbeit über die Theorie der Motivation basiert auf verschiedenen Thesen. Wenn jemand überzeugt sei, so sagt er unter
anderem, daß er ein Motiv entwickeln könne oder sollte, dann hätten Ausbildungsbemühungen mit dem Ziel einer Weiterentwicklung dieses Motives auch Erfolg. Wenn jemand eine neue Motivation mit Ereignissen in seinem täglichen

�täglichen Leben in Verbindung bringen könne, dann werde das Motiv in den
Tagesablauf Eingang finden.

Und wenn jemand glaube, daß das Motiv eine

Verbesserung bestehender kultureller Werte bedeute, dann werde es seine
Handlungen künftig stärker beeinflussen.
In den Entwicklungsländern bilden die staatlichen Organe wichtige
Reservoire für erfolgreiche Manager, einmal aus historischen und kulturellen
Gründen und zum anderen wegen der Anreize und Motivationen im Regierungsdienst. Zur Beschleunigung des Tempos ihrer wirtschaftlichen Entwicklung
haben die meisten Entwicklungsländer auf höchster Regierungsebene Kommissionen für die langfristige Planung eingesetzt. Als Prozeß der Willensbildung ist die langfristige Planung, soll sie erfolgreich sein, abhängig davon, daß qualifizierte Manager verfügbar sind und daß die wissenschaftlichen
Managementtechniken an die für die Durchführung der wirtschaftlichen Entwicklungspläne Verantwortlichen weitervermittelt werden.
Ein erfolgreiches Management ist ausschlaggebend für den Erfolg des
Entwicklungsprozesses. Amerikanische Konzeptionen, Praktiken und Ausbildungsverfahren haben dazu beigetragen, das Management zu einer Wissenschaft
zu machen, die weitervermittelt werden kann. Die Entwicklungsländer beginnen jetzt nach Jahren historischer Bindungen an andere Staaten auf die amerikanischen Managementtechniken und Ausbildungsverfahren zu blicken und sie
zu schätzen. In enger beiderseitiger Zusammenarbeit suchen sie diese Techniken angesichts des in ihnen schlummernden riesigen Potentials für den Erfolg der wirtschaftlichen Entwicklungsanstrengungen einzusetzen.

+ + + + +

- 5 -

�e
»

UUi//cn/choft
und Technik
United States Information Service

12. Oktober 1977

27

ATOMMÜLL - IN MEERESSCHLUCHTEN VERGRABEN
Ein Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler -

- (AD) - Naturvorgänge auf der Erde selbst könnten helfen, Atommüll
unschädlich zu machen. Dr. Karl Turekian von der Yale-Universität und
Dr. Peter Rona, Geophysiker bei der US-Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung (NOAA) »schlagen nach eingehenden Untersuchungen von Strömungen
und Sedimentation im Bereich des Mittelatlantikrückens vor, radioaktiv Abfälle in den Quertälern zur Zentralspalte des riesigen Unterwassergebirges
zu versenken.
Bei diesen Quertälern handelt es sich um Hunderte von Kilometern
lange tiefe Risse im Meeresboden, deren größter an der Basis 10 km breit
ist und mehr als 3000 m hohe Wände aufweist. Sedimente sammeln sich am Boden dieser Gräben sehr rasch an und kommen manchmal in regelrechten meterdecken Lawinen. Schon eine acht Zentimeter dicke Schicht würde nach Meinung der beiden Wissenschaftler genügen, radioaktives Material gegen die
Mehrzahl möglicher natürlicher Störungen wie z.B. Strömungen abzuschirmen.
In Kanistern versiegelter Atommüll, Plutonium eingeschlossen, könnte dort
über Tausende und Hunderttausende von Jahren ruhen und während dieser Zeit

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Zeit zu unschädlichen Substanzen zerfallen.

Sollten die unter Sedimenten

begrabenen Kanister eines Tages leck werden, wären die darin befindlichen
Materialien durch chemische Prozesse in den Tiefsee-Sedimenten und im
Grundwasser wirksam abgeschirmt.

Organismen im Meer kämen, so Turekian

und Rona, nicht mit den radioaktiven Stoffen in Berührung.

Das östliche

Atlantikbecken ist nach ihrer Ansicht als gut geeigneter und sicherer Deponienplatz für Atommüll anzusehen.

+ + + + +

- 2 -

�i

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

27

12. Oktober 1977

NEUE MITTEL GEGEN VIRUSKRANKHEITEN

- (AD) - Eine gewisse Parallele zur Bedeutung der ersten Antibiotika
für die Bekämpfung bakterieller Infektionen sieht Prof. Thomas C. Merigan,
Leiter der Abteilung Infektionskrankheiten am Klinikum der Stanford-Universität (Kalifornien), in der Entwicklung neuer Substanzen, mit denen
Viruserkrankungen systematisch angegangen werden können, die sich bisher
einer erfolgreichen Therapie entzogen. Eine dieser Substanzen ist AdeninArabinosid - kurz Ara-A genannt - zur Behandlung der Herpes-Enzephalitis,
einer überaus heimtückischen und gefährlichen Form der Hirnhautentzündung.
Glücklicherweise tritt sie nur selten auf - unter 100 Millionen Einwohnern
kommen schätzungsweise 500 - 5000 Fälle vor. Genaue Zahlen gibt es darüber
wohl noch nirgends, weil eine gesicherte Diagnose die Entnahme einer Gewebeprobe vom Gehirn erfordert, um den Erreger - Herpesviren Typ I - zu identifizieren.
Die Klinik der Stanford-Universität war zusammen mit 14 weiteren großen
amerikanischen Klinikzentren an einem Versuch zur Erprobung und Beurteilung
von Ara-A beteiligt, den das Nationale Institut für Allergie und Infektionskrankheiten der Medizinischen Bundesforschungsanstalten (NIH) der USA ausgearbeitet und überwacht hatte.

Aus einem kürzlich veröffentlichten ersten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�ersten Bericht geht hervor, daß unter Anwendung des neuen Präparats die
Sterblichkeitsrate bei Herpes-Enzephalitis von 70 auf 28 Prozent verringert und die Folgeschäden in der Form schwerster neurologischer Ausfälle
bei überwundener Erkrankung wesentlich eingeschränkt wurden.
Angesichts dieser Ergebnisse wird an der Stanford-Universität Ara-A
jetzt ebenso wie Interferon versuchsweise auch zur Bekämpfung anderer
Virusinfektionen angewandt.

Schon vor einem Jahr konnten Merigan und seine

Mitarbeiter über sehr bemerkenswerte Ergebnisse der Behandlung chronischer
Hepatitis, Typ B, mit Interferon berichten.

Bei etwa 10 Prozent der Patien-

ten, die sich mit akuter Hepatitis B in stationäre Behandlung begeben,
kommt es zu einer chronischen Infektion.

Das bedeutet, daß sie die Erre-

ger ständig im Blut haben und damit potentielle Krankheitsüberträger sind.
Prof. Merigan hofft, daß Substanzen wie Ara-A und Interferon als "erste
Generation" von neuen Substanzen zur Entwicklung von Medikamenten führt,
die den Ärzten wirksame neue Waffen zur Bekämpfung von Viruskrankheiten an
die Hand geben.
Zwar ist es der Wissenschaft bereits gelungen, einige Impfstoffe zur
Vorbeugung gegen ehemals weitverbreitete Infektionskrankheiten wie Polio,
Gelbfieber und Pocken, außerdem gegen die im Hinblick auf ihre Komplikationen lange Zeit unterschätzten Masern und Röteln zu entwickeln. Aber zahlreichen anderen Viruserkrankungen ist noch immer kaum bei zukommen. In
solchen Fällen können die Ärzte nicht viel mehr tun als - mehr oder weniger
erfolgreich - zu versuchen, die natürlichen Abwehrreaktionen des Körpers zu
unterstützen.
Eine wirksame Bekämpfung ist deshalb so schwierig, weil sich Viren
innerhalb der Zellen vermehren.

Wirkstoffe gegen die Erreger müssen in

die Zelle verfrachtet werden, um die Virusvermehrung zu unterbinden, ohne
jedoch die normalen Zellfunktionen zu stören.

Ara-A scheint ein solcher

Wirkstoff zu sein, der bei Enzephalitis allerdings nur im Fall einer speziellen Infektionsform der Herpes-Enzephalitis
- 2 -

erfolgreich ist.

Die Er-

�Erreger, Herpesviren Typ I, sind weit verbreitet; sie verursachen normalerweise nur leichte fiebrige Erkrankungen, die schnell überwunden werden.

Nur in Ausnahmefällen kommt es zu einer Enzephalitis - weshalb dies

so ist, weiß man noch nicht.

Es gibt keine gesicherten Unterlagen darüber,

ob es sich dann um den Ausbruch einer Krankheit handelt, die schon lange
im Körper schlummert, oder um eine primäre Infektion.

Die Symptome sind

anfangs von einer Enzephalitis, die durch andere Erreger verursacht ist,
kaum zu unterscheiden.

Bei Herpes-Enzephalitis werden jedoch die Gehirn-

zellen relativ rasch in großen Partien zerstört.

Lethargie, allgemeine

Desorientierung und Koma zeigen die Stadien an.
Ara-A ist, wie die Studie zeigte, am wirksamsten, wenn die Behandlung
nach gesicherter Diagnose so früh wie nur möglich einsetzt. Das Präparat
wird zehn Tage lang intravenös gegeben. Es handelt sich um eine synthetische
Verbindung, die auf Extrakte aus einem Schwamm zurückgeht, der in der Nähe
von Florida und der Bahama-Inseln im Atlantik wächst. Die natürliche Substanz wurde vor 20 Jahren von Wissenschaftlern entdeckt, die auf der Suche
nach Mitteln zur Krebsbekämpfung waren und zu diesem Zweck Bodenorganismen,
Pilze, Pflanzen aller Art und Meeresgewächse untersuchten. Bei Labortests
mit Krebszellen hatte Ara-A eine unerwartete Wirkung - es tötete Viren ab,
die sich zufällig im Krebspräparat befanden. Daraufhin bemühte sich eine
Wissenschaftlergruppe um die Herstellung einer synthetischen Form von Ara-A,
um den Mechanismus herauszufinden, nach dem die Substanz Viren angreift.
Der bisherige Höhepunkt dieser Arbeiten war der Großversuch der NIH in
Bethesda (Maryland), bei dem Ara-A nach ganz bestimmten Kriterien und unter
exakt eingehaltenen Bedingungen an 15 amerikanischen Kliniken, die über das
ganze Land verteilt waren, zur Behandlung von Enzephalitis an insgesamt 50
Patienten eingesetzt wurde. Durch Biopsien war die Diagnose von HerpesEnzephalitis bei 28 von ihnen gesichert. Ein Drittel der Angehörigen dieser Gruppe war jünger als 19 Jahre, fünf davon waren Kleinkinder. Aus noch
unbekannten Gründen erkranken Frauen und Mädchen häufiger an HerpesEnzephalitis als Männer oder Jungen.

Dr. George
- 3 -

�Dr. George Galasso von den Medizinischen Bundesforschungsanstalten
betont, daß es trotz der guten Resultate verfrüht sei, von einer Möglichkeit zur Heilung der Herpes-Enzephalitis zu sprechen.

Ungemein wichtig

für den Ausgang der Behandlung sei der Zeitpunkt ihres Beginns.

Dennoch

könne der Versuch als ein Durchbruch für die Therapie von Viruskrankheiten
angesehen werden, der der Medizin neue Wege eröffnet habe.

+ + + + +

- 4-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede Präsident Carters vor den Vereinten Nationen am 4. Oktober 1977&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Menschenrechte: Politisches Erbe Amerikas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Earl N. Mittleman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Management und wirtschaftliche Entwicklung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Beitrag zum Nord-Süd-Dialog -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Edward Y. George&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Atommüll &amp;nbsp;in Meeresschluchten vergraben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Mittel gegen Viruskrankheiten</text>
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und
Dokumentation

1
I

United States Information Service

28

26. Oktober 1977

I N H A L T

DOKUMENTATION
USA wollen echte Abrüstung
- Rede von US-Botschafter Fisher vor dem Politischen Ausschuß der
Vereinten Nationen -

WIRTSCHAFT
Blumenthal:

Wirtschaft braucht Vertrauen in die Zukunft

- Rede des US-Finanzministers vor der Amerikanischen Bankiersvereinigung

HINTERGRUNDMATERIAL
USA fordern internationale Konvention über toxische Substanzen

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Verbundwerkstoffe in atomarer Schichtung
- Synthetische Materialien mit neuartigen Eigenschaften
Manganspiegel und Epilepsie
- Berichtigung -

Um Übersendung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

26. Oktober 1977

28

USA WOLLEN ECHTE ABRÜSTUNG
Rede von US-Botschafter Fisher vor dem Politischen Ausschuß der
Vereinten Nationen -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten , bei den gegenwärtigen SALT Il-Verhandlungen und in anderen Verhandlungsgremien zu einer "echten Abrüstung" zu gelangen, unterstrich Botschafter Adrian S. Fisher am 18. Oktober 1977 vor dem Politischen Ausschuß
der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

Fisher ist der Leiter der ameri-

kanischen Delegation und zusammen mit dem Vertreter der Sowjetunion der KoVorsitzende der Genfer Abrüstungskonferenz.

An dieser Konferenz sind 30 Na-

tionen beteiligt, die dem Abrüstungsausschuß der Vereinten Nationen (CCD)
angehören.
Botschafter Fisher machte (mit unwesentlichen Kürzungen) folgende Ausführungen:

Die

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�*

Die gegenwärtige Situation
Die Umstände, unter denen wir in diesem Jahr mit der Behandlung von
Abrüstungsfragen begonnen haben, stehen in einem krassen Gegensatz zu den
Umständen, die in den letzten Jahren größtenteils geherrscht haben.

Es ist

ein Gefühl der Erwartung entstanden, daß nach vielen Jahren des Redens und
des Ausweichens eine echte Rüstungskontrolle und ein echter Rüstungsabbau
bevorsteht.

Mit dieser Feststellung soll die Bedeutung so relativ neuer Ab-

kommen, wie des Vertrages über das Verbot von Massenvernichtungswaffen auf
dem Meeresboden oder des Vertrages über das Verbot von Umweltveränderungen für
kriegerische Zwecke,nicht geschmälert werden.

Aber hier handelt es sich so-

zusagen um Medikamente, die einen Virus töten sollen, ehe er sich ausbreitet.
Jetzt wachsen die Aussichten auf einen Fortschritt in unseren multilateralen
Bemühungen um eine Rüstungskontrolle in den harten Fragen der Zügelung wichtiger existierender Waffen - sie überhaupt zu begrenzen oder zu verbieten.
Ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, daß das, was Präsident
Carter in seiner Rede zum Amtsantritt über das Rüstungskontroll ziel der Vereinigten Staaten gesagt hat und was er im März vor den Vereinten Nationen
und erneut vor zwei Wochen hier gesagt hat, nicht bloße Worte sind. In dem
ganzen Bereich der Abrüstungsfragen sind die Dinge in Gang gekommen. Direkt
von den laufenden Verhandlungen über zwei Rüstungskontrollfragen - chemische
Waffen und Strahlenwaffen - kommend, stehen mir der Nachdruck und die Dringlichkeit, mit der diese Initiativen verfolgt werden, deutlich vor Augen.
Selbstverständlich sind noch andere Verhandlungen über andere Themen im Gange,
die von großem Interesse für dieses Gremium hier sind. Auf diese Verhandlungen
möchte ich später zurückkommen.
Als Amerikaner bin ich begreiflicherweise stolz auf das, was meine Regierung im vergangenen Jahr getan hat, um die Sache der Abrüstung voranzutreiben.

Aber ebenso bin ich als Bürger dieses kleinen Planeten genau so er-

freut darüber, daß mehr Länder als jemals zuvor positive Beiträge zu unseren
gemeinsamen Zielen leisten.

Viele Länder aus allen möglichen Gebieten der
- 2 -

l

�der Welt haben sich an solchen Aktionen wie der Herbeiführung und Organisation der Sondersitzung über Abrüstung, der Lösung der besonderen Schwierigkeiten bei der Verhinderung der nuklearen Proliferation und der Förderung regionaler Rüstungskontroll initiativen beteiligt, die Spannungen abbauen und
die Stabilität festigen können.
Kurz gesagt, wir befinden uns in einer Periode eines sehr vielversprechenden Umbruchs. Es handelt sich nämlich nicht um einen Umbruch aus überhitzten Wortgefechten oder unrealistischen Vorschlägen heraus. Er gründet
sich vielmehr auf einen neuen Impuls zur Verwirklichung lange gehegter Hoffnungen. Er gründet sich auf die Überzeugung, daß wir die Erfahrung und den
Einfallsreichtum einspannen und nutzen können, wenn wir mit den derzeitigen
Problemen ringen, und in Zukunft noch größeren Fortschritt erzielen können
- einen Fortschritt zum letztlichen Ziel einer echten Abrüstung und eines
dauerhaften Friedens.

Die gegenwärtige Tagesordnung
Die Liste der Punkte, die auf der Tagesordnung der Rüstungskontrolle
stehen, ist lang und außerordentlich weitreichend in ihrem Umfang. Lassen
Sie mich einiges zu den Punkten sagen, die im Vordergrund unseres Interesses
stehen.
Zuerst die nuklearen Fragen:

Strategische Rüstungsbegrenzungen
Das strategische Wettrüsten zurückzudrehen ist die unmittelbare und
überragende Aufgabe der Rüstungskontrolle - und auch eine Aufgabe von atem- 3 -

�»

4

•

•

atemberaubender Schwierigkeit:
- Sie ist wegen des hohen Standes der Kernwaffen und der Trä'gersysteme
der beiden Nuklearmächte und wegen der Notwendigkeit, die Risiken und Kosten
des strategischen Rüstungswettlaufs

zu senken, nicht nur für die Vereinigten

Staaten und die Sowjetunion, sondern für alle Länder wichtig.
- Sie ist schwierig, weil es bei der Begrenzung strategischer Waffen
um Waffensysteme geht, denen beide Staaten die fundamentalste Bedeutung für
die Sicherheit beimessen - Systeme jedoch, die sich wegen unterschiedlicher
Vorstellungen und Fähigkeiten in ganz verschiedene Richtungen entwickelt haben.

Der daraus resultierende Komplex technischer Fragen bei der Ausarbeitung

gerechter und wirksamer Einschränkungen ist sicherlich ohne Beispiel in allen
bisherigen Verhandlungen zwischen souveränen Staaten.
Aus dieser Perspektive betrachtet darf man sagen, daß der bisher erzielte Fortschritt bemerkenswert war. Obwohl die Gespräche über eine Begrenzung strategischer Waffen nur langsam in Gang kamen, wurden bis 1972 zwei
bedeutsame Abkommen erreicht.
- Der ABM-Vertrag, der die Aufstellung von Raketenabwehrsystemen überall
im Lande verbietet, ist ein Meilenstein auf dem Wege zur Zügelung des nuklearen
Wettlaufs. Er beseitigte die ganz reale Aussicht auf ein kostspieliges und
destabilisierendes Wettrennen um die Dislozierung von Raketenabwehrsystemen
(ABM). Das war schon für sich allein ein wichtiger Erfolg und gleichzeitig
eine Voraussetzung für eine ernsthafte Begrenzung von Offensivwaffen. Erst
kürzlich haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion im Zusammenhang
mit der Überprüfung dieses Vertrages nach fünf Jahren ihre nachhaltige Unterstützung dieses Übereinkommens bekräftigt.
- Das im Jahr 1972 unterzeichnete Interimsabkommen oder SALT I-Abkommen
diente dem wesentlichen Zweck der Begrenzung des strategischen Wettstreits,
während beide Seiten ein bedeutsameres und dauerhafteres Abkommen über die Be-

�Begrenzung offensiver Nuklearstreitkräfte anstrebten.

Beide Seiten haben

zu erkennen gegeben, daß sie bis zum Zustandekommen eines neuen Abkommens
ihr Verhalten nach den im vorigen Abkommen enthaltenen Begrenzungen ausrichten wollen.
Die neue amerikanische Administration übernahm ihr Amt mit der Entschlossenheit, das Interimsabkommen SALT I durch einen neuen SALT II-Vertrag
zu ersetzen. Wir wollten sehen, ob wir zusammen mit der Sowjetunion einen
Vertrag aushandeln könnten, der über das Übereinkommen von Wladiwostok im
Jahre 1974 hinausgehen und Verringerungen der derzeitigen strategischen
Systeme und eine Einschränkung in der Entwicklung neuer Systeme vorschreiben
würde. Wir verfolgten unsere Initiative auf hoher Ebene,als Außenminister
Vance im März dieses Jahres Moskau besuchte und im Mai in Genf Außenministergespräche stattfanden.
Als Ergebnis der jüngsten Treffen in Washington zwischen dem sowjetischen
Außenminister Gromyko und Präsident Carter und Außenminister Vance können wir
jetzt erkennen, daß ein SALT II-Abkommen Gestalt annimmt. Wenn ein solches
Abkommen, wie wir hoffen, abgeschlossen sein wird, dann würde es den Stand
der strategischen Waffen auf beiden Seiten senken, bestimmte qualitative Einschränkungen für die Entwicklung potentiell destabilisierender Waffen auferlegen und den Weg für noch weitergehende Begrenzungen in einem SALT III-Abkommen ebnen.

Ein neues SALT II-Abkommen würde den Sicherheitsinteressen der

Vereinigten Staaten und der Sowjetunion dienen, es würde zur Sicherheit der
Welt beitragen und es würde einen Ansporn für einen raschen Fortschritt auf
anderen Gebieten der Rüstungskontrolle geben.
Lassen Sie mich unterstreichen, daß wir keine Abkommen anstreben, die
den Wettstreit lediglich in bequeme Bahnen lenken würden.
legentlich behauptet worden.

Derartiges ist ge-

Aber nichts läge der Wahrheit ferner. Wir stre-

ben eine echte Abrüstung an. Wie Präsident Carter erklärt hat, sind wir hinsichtlich der Kernwaffen bereit, sie "auf gegenseitiger Basis jetzt um 10
Prozent, um 20 Prozent, ja sogar um 50 Prozent zu verringern".
Um
- 5 -

�Um Verringerungen dieser Größenordnungen zu erzielen, wird es viel
Zeit und hingebungsvoller Anstrengungen bedürfen.
Aber man sollte nicht vergessen, daß mit SALT bereits Schritte zu einer
echten Abrüstung getan worden sind.

Der ABM-Vertrag erforderte die Demontage

tatsächlich existierender Waffensysteme, die damals disloziert waren.

Und es

besteht kaum ein Zweifel, daß ein neues SALT II-Abkommen Verringerungen in
gegenwärtigen wie auch geplanten Waffenprogrammen einschließen wird.

Umfassendes Versuchsverbot
Es sind jetzt 23 Jahre vergangen, seit Ministerpräsident Nehru seiner
Besorgnis über die Entwicklung von Kernwaffen Ausdruck verliehen und an die
Nuklearmächte der Welt appeliert hat, ihre Kernversuche einzustellen.

Auf

die katastrophalen Folgen der neuen Waffen mit einer beispiellosen Zerstörungskraft hinweisend, erklärte er 1954 vor dem indischen Parlament:

"Ich habe

öffentlich als unsere Auffassung kundgetan, daß diese Versuche, die die Natur
des Schreckens enthüllen, aufhören müssen."

Und er fuhr fort:

"Ich wieder-

hole, daß dies unser wohlerwogener Standpunkt ist, und wir hegen die Hoffnung,
daß diese Auffassung und die darin zum Ausdruck kommende große Besorgnis, die
weltweit ist, entsprechende und rechtzeitige Reaktionen auslösen wird."
Die ganze Welt fühlte sich erleichtert, als 1963 das Verbot über Nuklearversuche in der Atmosphäre, unter Wasser und im Weltraum zustandekam.

Und vor

einigen Jahren gelang es den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, einen
Vertrag über eine Schwelle für unterirdische Versuche auszuhandeln, der große
Versuche verbietet.

Aber es ist uns nicht gelungen, das Ziel eines

umfassenden Versuchsverbots zu erreichen.
Heute sind wir vielleicht näher daran, zu einer völligen Einstellung
dieser Versuche zu gelangen als jemals zuvor seit Ministerpräsident Nehru

�Nehru mit so beredten Worten dafür plädierte.

Drei der Kernwaffenstaaten

der Welt - Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten - führen gegenwärtig ernsthafte Verhandlungen, die auf ein umfassendes Versuchsverbot gerichtet sind.
Auch bei diesen Verhandlungen geht es um komplexe und schwierige Fragen.
Diese haben wiederholt dazu geführt, daß frühere Bemühungen um ein vereinbartes Versuchsverbot fehlgeschlagen sind.

Wir hegen jedoch jetzt einen vorsich-

tigen Optimismus, daß diese Fragen gelöst werden können.

Die an diesen Ver-

handlungen Beteiligten gehen mit einem höheren Gefühl der Dringlichkeit und
des Zielbewußtseins vor.

Wir hoffen, daß die Genfer Abrüstungskonferenz in

naher Zukunft mit der Behandlung der Ergebnisse dieser dreiseitigen Verhandlung beginnen kann.
Das Ziel eines umfassendes Versuchsverbots besteht darin, alle Versuche
zu verbieten, die der Förderung der Entwicklung von Kernwaffen irgendwo in
der Welt dienlich wären.

Wie Präsident Carter kürzlich vor den Vereinten Na-

tionen erklärt hat, ist es "jetzt an der Zeit, alle Explosionen von nuklearen
Sprengkörpern einzustellen, gleichgültig wie sie gerechtfertigt werden mögen
- friedlich oder militärisch."
Ein umfassendes Versuchsverbot würde Kernwaffenstaaten wie auch Staaten
ohne Kernwaffen in gleicher Weise Begrenzungen auferlegen:
- Es würde ganz wesentlich dazu beitragen, die Anreize für Staaten ohne
Kernwaffen zu verringern, die Entwicklung von Technologien zu verfolgen, die
zur Fähigkeit der Explosion nuklearer Sprengkörper führen.
- Es würde unausweichlich dazu führen, daß die Kernwaffenstaaten weniger
von den Kernwaffen abhängen.
Aufgrund all dieser Auswirkungen wird ein umfassendes Versuchsverbot
ein wichtiger Schritt in Richtung auf die schließliche völlige Abschaffung
- 7 -

�Abschaffung von Kernwaffen sein.
Aber selbst kurzfristig gesehen, dürfte das Zustandekommen eines
umfassenden Versuchsverbotes in unermeßlicher Weise zur Stabilität und
zum Wohlergehen der Welt beitragen und andere wichtige Rüstungskontroi 1anstrengungen fördern und verstärken. Wir sind zuversichtlich und
hoffnungsvoll, daß wir endlich davor stehen, das Ziel ganz zu erreichen,
das uns Ministerpräsident Nehru als erster gesetzt hat und das von Menschen
in aller Welt unterstützt wird - nämlich diese Versuche einzustellen.

Nichtweiterverbreitung (Nonproliferation)
Das vergangene Jahr hat auch eine große Aktivität und eine erneute
Debatte - wie auch einen Fortschritt - in dem Problem der Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (Nonproliferation) gebracht.
•

- Langgehegte Vorstellungen über die nächste Generation der Technologie sind in Frage gestellt worden. Es sind neue Fragen hinsichtlich
der Folgen für

die Proliferation gestellt worden, wenn wir zu einer

Plutonium-Wirtschaft übergehen.
- Die Besorgnis über den Zugang subnationaler Gruppen zu Material,
das für Waffenzwecke gebraucht werden kann, hat sich erhöht.
- Es wurden heftige Debatten darüber geführt, ob die nukleare Brennstoffversorgung zureichend sei, über die wirtschaftlichen Vorteile und
Nachteile der Wiederaufbereitung von Plutonium und über die Bedeutung
der Wiederaufbereitung für die nukleare Entsorgung.
Während mein Land zu jenen gehört, die diese Fragen aufgegriffen
haben, haben wir auch prompt gehandelt, um uns den durch diese Fragen

- 8 -

�Fragen aufgeworfenen Herausforderungen zu stellen. Ich kann mit Befriedigung mitteilen, daß morgen in Washington die vorbereitende Konferenz
für eine internationale Bewertung und Beurteilung des Brennstoffzyklus
stattfindet - eine Konferenz, die all diese Fragen eingehend prüfen und
Mittel und Wege finden soll, den Bedarf der Welt an Kernkraft sicher
und wirtschaftlich zu decken und gleichzeitig

die Proliferationsrisiken

zu verringern. Dies ist ein Unterfangen, zu dem interessierte Länder
sowohl aus der entwickelten als auch aus der Entwicklungswelt beitragen
werden, und die Ergebnisse werden allen offen zur Verfügung stehen.
Die Verhütung der weiteren Ausbreitung der Fähigkeit zur Herstellung
nuklearer Sprengkörper ist ein Ziel, das allen Nationen dienen würde. Die
unkontrollierte Proliferation würde der Sicherheit eines Landes keineswegs dienen, sondern würde nur die Sicherheit aller Nationen gefährden,
indem das Risiko eines nuklearen Konflikts vergrößert wird. Und sie würde
die Aufgabe der nuklearen Abrüstung ungeheuer erschweren.
Es gibt bestehende Institutionen und neue Initiativen, die in Zusammenarbeit dazu beitragen können, eine faire und wirksame Struktur der Nonproliferation zu schaffen.
Der Nonproliferationsvertrag aus dem Jahre 1968 bleibt der Eckpfeiler
der weltweiten Bemühungen auf diesem Gebiet. Die gesamte internationale
Gemeinschaft muß sich dafür einsetzen, daß er in noch weitergehendem
Umfang eingehalten wird.
- Unter den internationalen Institutionen ist die Internationale
Atomenergiebehörde (IAEA) von entscheidender Bedeutung für die Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft bei der gemeinsamen Nutzung der friedlichen
Nukleartechnologie, während sie gleichzeitig vor den Gefahren der
nuklearen Proliferation schützt. Die IAEA nimmt immer wichtigere Aufgaben
auf sich,und es obliegt all ihren Mitgliedern, die Tätigkeiten der Behörde
weitgehend- wie möglich zu unterstützen, vor allem, wo es um Sicherheits-

- 9 -

so

�Sicherheitsbestimmungen geht.
- Wertvolle Arbeit ist bei der Ausarbeitung von Normen und Verfahren
für die

Aufrechterhaltung der Sicherheit der ständig wachsenden Mengen

an sensitivem nuklearen Material, einschließlich der Arbeit an einer
internationalen Konvention über physische Sicherheit, geleistet worden.
Diese Anstrengungen verdienen ebenfalls weitere internationale Unterstützung.
- In seiner jüngsten Rede vor dieser Versammlung hat Präsident
Carter die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit der Schaffung umfassender
Sicherheitsbestimmungen gerichtet. Die Erreichung dieses Ziels wäre ohne
Frage der wichtigste Beitrag, der zu einer wirksamen Sicherstellung der
Nonproliferation geleistet werden könnte.
Unsere Anstrengungen auf diesem Gebiet - die Erfolg haben müssen,
wenn das Atom weiterhin zur Ausweitung des friedlichen wissenschaftlichen
Bedarfs und des Energiebedarfs der Welt dienen soll - zeigen, daß Rüstungskontrolle unlöslich mit Anstrengungen für den wirtschaftlichen Fortschritt
verbunden ist. Ein Erfolg in der Nonproliferation kann für eine stärkere
friedliche Zusammenarbeit zum Nutzen vieler Länder nur förderlich sein.

Chemische Waffen
Nach jahrelangem Reden und nach jahrelanger Prüfung - aber nur wenig
konkreten Maßnahmen - hat es in den letzten Monaten wichtige Schritte
in Richtung auf eine Konvention gegeben, die die chemischen Waffen verbietet.
Ich habe bereits die bilateralen Gespräche über chemische Waffen zwischen
den Delegationen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in Genf erwähnt, von denen ich gerade komme und zu denen ich heute abend noch zurückkehren werde. Diese Verhandlungen gehen in sehr ernsthafter und detaillierter
Weise voran, und wir machen bemerkenswerte Fortschritte auf dem Wege zu der

- 10 -

�zu der Formulierung einer gemeinsamen Initiative, die der Abrüstungskonferenz

vorgetragen werden soll. Die Ausarbeitung einer internationalen

Konvention über das Verbot chemischer Waffen wäre ein Erfolg von historischen
Ausmaßen.

Konventionelle Rüstung
Die überaus große Bedeutung von Maßnahmen, die in Zusammenhang stehen
mit der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und der nuklearen Abrüstung,
wird von aller Welt anerkannt. Es gibt jedoch auch gute Gründe dafür, daß
die Bemühungen zur Entwicklung von Rüstungskontrollmethoden, die sich auf
die konventionellen Waffen beziehen, in dem gleichen Tempo erfolgen sollten
wie die Arbeit auf anderen Gebieten. In seiner kürzlichen Ansprache vor
den Vereinten Nationen hat Präsident Carter besonderen Nachdruck und
Dringlichkeit darauf gelegt, dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Alle Nationen, gleichgültig

was ihre Sicherheitserfordernisse sind,

über welche Resourcen sie verfügen und wie groß sie sind, sehen sich mit
denselben grundlegenden Realitäten konfrontiert, die dafür sprechen, daß
ihre Verteidigungsausgaben auf einem Minimum gehalten werden und daß
nach Mitteln und Wegen gesucht wird, um ihre Verteidigungsausgaben durch
Rüstungskontrolle weiter zu senken.
Durch große Ausgaben für die Verteidigung erlangt man nicht immer
auch größere Sicherheit. Neue Waffensysteme können Spannungen erwecken,
neue Runden des Wettrüstens auslösen und die Gefahr von Feinseligkeiten
erhöhen.
Ironischerweise erbringen die Systeme, die diese Auswirkungen haben,
vielleicht nicht einmal eine wirksame oder effektive Verteidigung. Es erweist
sich vielleicht als unmöglich, sie aufrechtzuerhalten, oder sogar als

- 11 -

�•sogar a)s unpraktisch, sie einzusetzen, wenn Feinseligkeiten entstehen.
i

Es gibt keine Gesellschaft, die so reich wäre, daß sie es sich leisten
könnte, Waffen zu kaufen, ohne dadurch Ressourcen zu opfern, die besser
für ih^e wirtschaftliche oder soziale Entwicklung genutzt werden könnten.
Ein Aspekt dieses größeren Problems der konventionellen Rüstungskontrolle
Ist der des Waffentransfers

Als einer der Hauptlieferanten haben die

Veremsgten Staaten an diesem Problem ein starkes Interesse. Wir haben zu
Anfang dieses Jahres eine Politik verkündet, nach der sich unsere eigenen Maßnahmen

^ausrichten werden. Es ist eine Politik, die den Strom unnötiger,

kostspieliger, destabilisierender Waffen eindämmen soll, während gleichzevr-g die legitimen Verteidigungserfordernisse anderer berücksichtigt
werden
Wir versuchen nicht, diese Auffassungen anderen Liefer-oder Empfängerländern aufzuzwingen. Und wir haben auch keine Patentlösung für dieses
weltweite

Problem, Wir akzeptieren in vollem Umfange die Tatsache, daß

dieses Problem nicht durch einen einzelnen

Staat oder durch eine einzige

Staatengruppe gelöst werden kann. Unsere Ansicht ist,daß der Prozeß, hier
eine Lösung zu finden, durch zwei umfassende Prinzipien geleitet werden

muß:

- Alle Staaten haben legitime Sicherheitsansprüche, die erfüllt werden
müssen
- E m Fortschritt bei dieser wichtigen Frage sollte das Anliegen
sowohl der Hersteller -als auch der Empfängerländer sein, und eine erfolgreiche Lösung muß die Gedanken und Interessen beider Gruppen widerspiegeln.
Lassen Sie mich einen Punkt unterstreichen, der all diesem zugrunde
1 legt:
Wir werden dieselben zentralen Maßstäbe auf dieses Gebiet der Rüstungskontroi se anwenden, wie wir und andere Länder dies bei jedem ernsthaften

- 12 -

�ernsthaften Thema im Hinblick auf die internationale Zusammenarbeit tun.
Damit meine ich, daß wir uns in Gesprächen mit anderen bemühen werden,
herauszufinden, wie die gemeinsamen Interessen gefördert werden können wie gemeinsame Fortschritte erreicht werden können.
Wir wissen wie jeder andere auch, daß es einfach keine Grundlage
für die Zusammenarbeit gibt, wenn souveräne Nationen keine Möglichkeit
sehen, wünschenswerte Ziele durch Kooperation zu erreichen.

Fortschritte in Richtung auf eine regionale Rüstungskontrolle
Mit den Fragen , die ich hier

angeführt habe, ist die gegenwärtige

Tagesordnung der Rüstungskontrolle keineswegs erschöpft. Es gibt noch
andere Entwicklungen, die eindrucksvoll und ermutigend sind. Insbesondere
möchte ich auf jene Bemühungen hinweisen, die im Bereich der regionalen
Rüstungskontrolle unternommen worden sind oder unternommen werden.
- Das durch die staatsmännische Haltung Mexikos eingeleitete bahnbrechende Projekt, eine atomwaffenfreie Zone in Lateinamerika zu schaffen,
ist während des vergangenen Jahres der Verwirklichung einen weiteren
Schritt nähergekommen. Die Unterzeichnung des Protokolls von Tlatelolco
durch die Vereinigten Staaten ist ein Schritt, der, wie wir hoffen, andere
Länder inspirieren wird, jene noch verbleibenden Maßnahmen zu treffen, die
notwendig sind, um den Vertrag vo 1 ! in Kraft zu setzen.
- Es gibt ferner eine positive Entwicklung hinsichtlich der Frage der
Spannungen im Indischen Ozean durch den Beginn bilateraler Gespräche zwischen
der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten mit dem Ziel, den Grad der
militärischen Aktivität im Bereich des Indischen Ozeans zu stabilisieren.
Wir bemühen uns in diesen Gesprächen

um praktische Resultate; die die

StSrkuhg des Friedens in Bereich des Indischen Ozeans fördern und zum Abbau

- 13 -

�Abbau der internationalen Spannung beitragen würden. Darüberhinaus betrachten
beide Seiten mit Verständnis und Respekt

den Wunsch der Anliegerstaaten

des Indischen Ozeans, die Stärkung der Sicherheit und die Entwicklung einer
Zusammenarbeit in diesem Gebiet herbeizuführen. Wir werden auch weiterhin
diesen Wunsch in unseren bilateralen Gesprächen in Rechnung stellen. Wir
informieren ferner den UN-Sonderausschuß für den Indischen Ozean über seinen
Vorsitzenden vom Fortschritt dieser Gespräche.
- Die Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa rühren an den Kern der Sicherheit vieler Länder.
Es ist nur

verständlich, daß es nicht leicht ist, Hindernisse auszuräumen,

die aus einer Konfrontation auf einem Kontinent herrühren, die seit so
vielen Jahren bestanden hat. Aber weil so vieles auf dem Spiel steht, und
weil Fortschritte in diesen Verhandlungen weitreichende, positive Auswirkungen sowohl für den Weltfrieden als auch für

die Sicherheit der

Teilnehmerstaaten auf beiden Seiten haben würden, sind wir entschlossen,
auf eine Lösung der Probleme zu drängen, die den Fortschritt bei den
MBFR-Gesprächen bisher behindert haben.
Trotz dieser Beweise von Aktivität steht die regionale Bewältigung der
Rüstungskontrolle noch in ihren ersten Anfängen. Und dennoch könnte ein
regionales Bemühen um eine Beschränkung des Anwachsens der konventionellen
Rüstungskapazität beträchtliche Bedeutung haben. Unter geeigneten Bedingungen
könnte es nämlich möglich sein, auch in anderen Gebieten atomwaffenfreie
Zonen zu schaffen. Der Möglichkeiten gibt es viele, und eine regionale
Abrüstung kann ein fruchtbares Feld für neue Bemühungen sein.

Die zukünftige Tagesordnung der Rüstungskontrolle
Aber es ist nicht nur die gegenwärtige Tätigkeit, die die Grundlage
für Impulse und Anstöße auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle bildet. D^e

�Die Zukunft stellt uns vor noch größere Aufgaben und bietet große Möglichkeiten. In Sicht ist die Sondersitzung über Abrüstung. Wir sollten diesen
Anlaß als eine Möglichkeit ergreifen, um unseren Horizont zu erweitern, uns
von der alleinigen Beschäftigung mit den dringensten Fragen des Augenblicks
zu befreien und zu versuchen, für die Zukunft zu bauen. Wir sind der
Ansicht, daß ein Erfolg der Sondersitzung hinsichtlich der Förderung, der
Erweiterung und der Beschleunigung der Abrüstungsverhandlungen in erster
Linie von den Gedanken und von der Haltung abhängen wird, die die einzelnen
Lander für diese Sitzung entwickeln und in sie einbringen.
In dieser Hinsicht stelle ich mit Genugtuung fest, daß einige Länder
in der Tat in ähnlichen Vorstellungen denken. Wenn ich dies anmerke, so
will ich natürlich damit nicht sagen, daß die Vereinigten Staaten notwendigerweise bereit wären, alle Vorschläge gutzuheißen, die bisher unterbreitet worden sind. Aber es bedeutet doch, daß wir die Absicht haben, mit
anderen Ländern jeden ernsthaften Vorschlag sorgfältig zu prüfen und zu
erörtern, der auf dieser Sondersitzung zur Diskussion gestellt werden wird.
Kurz gesagt, wir sind bereit, die Grenzen

des Möglichen

:i zu prüfen.

Hier einige jüngste Beispiele für das, was ich meine:
- Auf der Abrüstungskonferenz in diesem Sommer gaben verschiedene
Länder wohldurchdachte Beispiele dafür, wie man schwierige Problem anpacken
kann. Ich denke insbesondere an den Vorschlag meines japanisschen Kollegen,
der im Zuge einer wichtigen Prüfung die Frage, wie die Nonproliferation
gestärkt werden könnte, unterbreitet wurde: Daß wir nämlich den seit langem
nicht mehr verfolgten Gedanken wiederbeleben könnten, die Produktion spaltbaren Materials für Waffenzwecke einzustellen und an einen Transfer für
friedliche Zwecke zu denken.
- Wir alle begrüßen die Information, daß die Regierung Frankreichs
dem Abrüstungsproblem auf einer breiten und umfassenden Basis neue Erwägung
zuteil werden läßt. Ich bin sicher, alle von uns sehen mit Erwartung dem

- 15 -

�Erwartung dem Augenblick entgegen, wo wir in den Genuß der französischen
Überlegungen gelangen.
- Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden haben eine sorgfältige
Überprüfung der zahlreichen fundamentalen Aspekte der Beziehung . zwischen
Abrüstung und Entwicklung gefordert - der sogenannte "Nordische Vorschlag".

Abrüstung und Entwicklung
Dies, Herr Vorsitzender, führt mich zu einem Thema, das in immer
stärkerem Maße bedeutsam wird

und das ohne Frage in der Zukunft lebens-

wichtig sein wird. Ich meine die Beziehung zwischen Rüstungskontrolle und
Abrüstung und der Entwicklung.
Natürlich weiß jeder, daß in den letzten Jahren die großen Aufgaben
der Entwicklung

sowie der Nord-Süd-Beziehungen von entscheidender Bedeutung 1n

der Welt der Vereinten; Natiorten- waren.

Und ich weiß auch, daß die Welt-

gemeinschaft einige wichtige Fortschritte bei der Absteckung neuer kooperativer
Wege im Hinblick auf die dringendsten Probleme des internationalen Wirtschaftslebens gemacht hat.
Gleichzeitig wurde den Rüstungskontroll- und Abrüstungsdimensionen
der Nord-Süd-Fragen nur eine begrenzte gemeinsame und produktive Aufmerksamkeit geschenkt. Damit will ich nicht sagen, daß dieses Problem nicht für
viele Länder ein Anliegen sei. Ja, viele Entwicklungsländer haben davon
gesprochen, daß es eine Verbindung geben müsse zwischen den Abrüstungseinsparungen seitens der Großmächte und der Entwicklung. Diese Verklammerung
war jedoch sehr schwer zu konkretisieren. Einmal war es sehr schwierig,
konkrete wesentliche Einsparungen bei der Abrüstung zu identifizieren. Auf
lange Sicht gesehen hoffen wir natürlich alle, daß umfangreiche Rüstungsreduzierungen seitens der Großmächte möglich sein werden und daß sich aus

- 16 -

�sich aus den daraus folgenden Einsparungen an Ressourcen ein weitgehender
Nutzen ergeben wird. Andererseits wirft der Gedanke einer direkten Verbindung zwischen Abrüstungseinsparungen und Entwicklungsbeiträ'gen für eine
ganze Reihe von Ländern - wozu auch mein eigenes Land gehört - verfassungsmäßige Fragen hinsichtlich der Möglichkeit eines automatischen Transfers
von Mitieln auf- wobei ich an die Auflage unserer Verfassung denke, daß
der Kongreß einen Beitrag amerikanischer Gelder für die Entwicklung
gesetzlich verabschieden muß.
Herr Vorsitzender, ich werfe diese Fragen nicht auf, um in unsere
Diskussion negative Elemente einzuführen. Im Gegenteil, ich glaube,daß für
uns alle - für die gesamte internationale Gemeinschaft - die Zeit gekommen
ist, um mit einer neuen kreativen intellektuellen Anstrengung konzentriert
an diese Frage heranzutreten. Ja, in letzter Zeit sind fundamentale neue
Faktoren sichtbar geworden, die wir vielleicht noch nicht voll und ganz
verstehen, die aber ohne Frage eine neue Überprüfung dringlich machen.
- Die Interdependenz von Nationen sowie die Interdependenz menschlicher
Initiativen - Lebensmittel, Energie, Entwicklung, Technologie, Sicherheit wirken sich wie niemals zuvor auf uns aus. Und diese Interdependenz, die von
Jahr zu Jahr wirksamer wird, wird ohne Zweifel noch dringendere Fragen
hinsichtlich der Interdependenz des wirtschaftlichen Wohlergehens und der
Entwicklung auf der einen Seite

sowie der Sicherheit und der Rüstungs-

ausgaben andererseits aufwerfeh.
- Die Ressourcen werden immer knapper. Nicht einmal die reichsten
Länder können für neue Waffen jede Menge Geld ausgeben. Für viele Entwicklungsländer ist der wirtschaftliche Druck besonders ernst. Es mangelt in
großem Maße an Schulen, Unterkünften und der Gesundheitsfürsorge.
- Und schließlich wird man sich in zunehmendem Maße überall in der Welt
neuer Werte und neuer Ziele zur Förderung des Wohlergehens des einzelnen
bewußt. Verschiedene Körperschaften der Vereinten Nationen haben ihre Arbeit

- 17 -

�Arbeit an Strategien intensiviert, um die grundlegenden menschlichen Ansprüche zu befriedigen - ein Ziel, das meine Regierung aus ganzem Herzen
unterstützt. In Zukunft - wenn Entscheidungen über größere Mittel für neue
Waffensysteme getroffen werden -wird eine immer größere Anzahl von
Regierungen zweifellos in verstärktem Maße nicht nur die eigenen Sicherheitserfordernisse in traditionellem Sinne erwägen, sondern sich auch fragen, ob
sie ihre Ressourcen insgesamt gesehen in der besten Weise nutzen, um die
grundlegenden menschlichen Ansprüche ihrer Völker zu erfüllen.
Das sind einige der Gründe, die nach unserer Ansicht eine neue Betrachtung
rechtfertigen. Dieses Thema ist enorm kompliziert. Niemand kann ernsthaft
Patentrezepte anbieten. Aber dennoch ist es notwendig, daß wir dieses Problem
in den Griff bekommen. Nach unserer Ansicht bietet die bevorstehende Sondersitzung einen willkommenen Anreiz für neue Studien wie den wichtigen
Nordischen Vorschlag, von dem ich bereits gesprochen habe, sowie für internationale Gespräche über die Natur des Problems, über mögliche Ziele und
mögliche Schritte zu ihrer Verwirklichung. Wir möchten viel tiefer in dieses
Problem eindringen. Und ich kann Ihnen allen versichern, daß wir dies

nicht

nur mit großer Aufgeschlossenheit tun werden, sondern auch mit dem Willen,
die fundamentalen Ziele zu fördern, die die internationale Gemeinschaft
zusammen verfolgt: Abrüstung, Sicherheit und Entwicklung.

+ + +

18

�28

26. Oktober 1977

BLUMENTHAL: WIRTSCHAFT BRAUCHT VERTRAUEN IN DIE ZUKUNFT
- Rede des US-Finanzministers vor der Amerikanischen Bankiersvereinigung

HOUSTON, TEXAS - (AD) - Der amerikanische Finanzminister W. Michael
Blumenthal hat in einer Rede vor der Jahrestagung der American Bankers
Association (Amerikanischen Bankiersvereinigung - ABA) am 19. Oktober in
Houston, Texas, die Wirtschaft aufgerufen, Vertrauen in die Zukunft zu
haben, und den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs der Carter-Administration aufgezeigt. Blumenthal unterstrich die primäre Bedeutung der
Privatwirtschaft für den weiteren Aufschwung und forderte die Geschäftswelt
auf, an der Gestaltung der Wirtschaftspolitik mitzuwirken, um den von
allen erstrebten langfristigen Fortschritt zu erreichen.
Die Rede des amerikanischen Finanzministers hat folgenden Wortlaut:
In den siebziger Jahren haben Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftspolitiker und führende Geschäftsleute feststellen müssen, daß viele der alten
Rezepte nicht mehr wirken.
Der Wandel der Binnen - wie der Weltwirtschaft stellt unser Verständnis

�Verständnis und unsere Fähigkeit, ein nicht-inflatorisches Wirtschaftswachstum und eine restlose Ausschöpfung unserer menschlichen und materiellen
Ressourcen zu erzielen, auf eine harte Probe.
Wir sehen uns heute beispielsweise mit einer das Maß des Tragbaren
übersteigenden Inflation und Arbeitslosigkeit konfrontiert, die gleichzeitig nebeneinander bestehen und sich offensichtlich

mit den erprobten

und bewährten Heilmethoden der Vergangenheit nicht beseitigen lassen.
Vielleicht ist es die wachsende Unfähigkeit, mit immer neuen Wirtschaftsproblemen fertig zu werden, die das in der Geschäftswelt vorherrschende
Gefühl der Unsicherheit verursacht. Was immer der Grund sein mag, niemand
wird bestreiten wollen, daß gegenwärtig ein Mangel an Vertrauen in die
Zukunft und ein alles durchdringendes Gefühl der Unsicherheit bestehen.
Wir sehen uns in der Tat vor ein beunruhigendes Paradoxon gestellt:
Einen gesunden wirtschaftslichen Wiederaufschwung im Verlauf des Jahres
1977 bei einigermaßen guten Aussichten für 1978 einerseits, und einen
Schwund an Vertrauen in Wirtschaftskreisen wie nie zuvor andererseits.
Gestatten Sie mir, die Situation etwas eingehender zu beleuchten:
Wirtschaftliche Lagebeurteilungen orientieren sich häufig im Übermaß
am Tenor der neuesten Statistiken. Das beste Beispiel der jüngsten Zeit
liefert die heutige Statistik des Bruttosozialprodukts im dritten Quartal,
die auf eine deutliche Verlangsamung der wirtschaftlichen Wachstumsrate
gegenüber der ersten Jahreshälfte hinzuweisen scheint. Sie sollte jedoch
die generell hervorragende Entwicklung unserer Wirtschaft seit der Zeit
des Konjunkturtiefs von März 1975 ebenso wenig wie ihre grundlegende Stärke
und Gesundheit vergessen machen.
Seit dem Tiefstpunkt der Rezession im März 1975 hat das Bruttosozialprodukt um fast 15 Prozent zugenommen und liegt nunmehr 8 Prozent über dem
bisherigen

absoluten Höchststand. Wenngleich die Arbeitslosenrate von

�Arbeitslosenrate von 6,9 Prozent noch immer untragbar hoch ist, stehen
gegenwärtig doch 7 Millionen Arbeitskräfte mehr in einem Beschäftigungsverhältnis als zur Zeit des Konjunkturtiefs von 1975. Allein im bisherigen
Verlauf dieses Jahres hat die Gesamtbeschäftigung um 2,7 Millionen zugenomrren.
Die wirtschaftliche Expansion ist zudem noch von der Verlangsamung
der Inflationierungsrate der Verbraucherpreise begleitet - einem Absinken
von dem
Spitzensatz
von über 14,3 Prozent im Jahre 1974 auf eine
DurchschnittsJahresrate von 5.2 Prozent in dem Dreimonatszeitraum, der im
August 1977 endete.
Gewiß, das Wirtschaftswachstum ist in jüngster Zeit von der sehr hohen
und wahrscheinlich langfristig unhaltbaren Wachstumsrate von 7 Prozent in
der ersten Jahreshälfte auf einen geringeren, aber eher aufrechtzuerhaltenden
Satz zurückgefallen, wie dies in den meisten Vorhersagen prognostiziert
worden war.
Das Nachlassen der Verbraucherkäufe traf manche Wirtschaftszweige zu einem
Zeitpunkt, an dem sie über etwas überhöhte Lagerbestände verfüqten. Es
ergab sich daher in einer Reihe von Industriezweigen ein Machlassen des
Auftragseingangs und der Produktion. Die resultierende Periode der Anpassung dürfte aber nicht lange anhalten. Sobald sie überwunden ist, rechnen
wir

mit einem Einpendeln der Rate des realen Wachstums auf etwas 5 Prozent.
Es gibt noch einen weiteren Faktor, der für ein anhaltendes, gleich-

mäßiges Wachstum spricht. Es ist dies die Tatsache, daß die Erholung in
bemerkenswerter Weise frei von jeglicher überhitzung geblieben ist, die in
früheren Wachstumsphasen der Nachkriegszeit dazu beigetragen hat, eine
weitergehende Expansion zu unterbinden.
- Die Wirtschaft hat die Vorratshaltung raschestens dem Absatz angepaßt.
Die jüngsten Statistiken deuten auf ein vernünftigeres Verhältnis zwischen

- 3 -

�zwischen Lagerbestä'nden und Absatz hin - günstiger jedenfalls als das im
ersten Quartal 1975. Selbst angesichts des relativ flachen Verlaufs der
Kurve der Einzelhandelsumsätze in den letzten Monaten, liegt diese Verhä'ltnisziffer noch immer nur knapp oberhalb des jüngsten zyklischen Tiefs
von März dieses Jahres.
- Trotz der starken Verbrauchernachfrage nach Automobilen kam es
zu keinem Boom der Verbraucherausgaben für Dauergüter, der so geartet wäre,
daß er zu einem späteren Zusammenbruch der Nachfrage führen könnte. Die
privaten Haushaltsausgaben wurden nicht im Obermaß ausgeweitet. Die Verhältnisziffern zwischen den Rückzahlungen der privaten Haushalte auf
Ratenkredite und dem verfügbaren Einkommen liegt mit 14,£ Prozent noch immer
unter dem Satz von nahezu 16 Prozent, der vom Jahre 1969 bis Anfang der
siebziger Jahre bestanden hat.
- Und obwohl die Zinssätze für kurzfristige Kredite gestiegen sind,
haben sich die Zinssätze für langfristige Kredite recht stabil gehalten;
beide Indizes liegen weit unter den vorausgegangenen Höchstsätzen.
Alle diese Faktoren zusammen resultieren in einer anhaltenden Wachstumsrate, die ausreicht, die Arbeitslosigkeit weiter zu vermindern, ohne Pressionen
zur Beschleunigung der inflationistischen Entwicklung auszulösen.
Trotz günstiger Grundvoraussetzungen mangelt es hinsichtlich der
wirtschaftlichen Entwicklung ganz eindeutig an Zuversicht. Der Aktienmarkt
hat den tiefsten Stand seit Herbst 1975 erreicht. Die Investitionen bleiben
beträchtlich hinter denen zurück, die angesichts einer rasch expandierenden
Wirtschaft und hoher Liquidität auf Seiten der Unternehmen zu erwarten
wären, auch wenn sie das Vorjahresniveau um 7 bis 8 Prozent übersteigen.
Was ist der Grund für dieses scheinbare Paradoxon? Mißinterpretiert
die Industrie die wirtschaftliche Entwicklung oder steht ein Knick derselben
bevor? Ist der Staat daran schuld, daß die Industrie den Mut verliert?
- 4 -

�verliert? Oder greift ein irrationaler Pessimismus in der Wirtschaft um
sich?

Es gibt meines Erachtens eine ganze Reihe von Gründen für den Mangel
an Vertrauen in der Wirtschaft.
Der erste Grund besteht darin, daß wir in jüngster Zeit eine Periode
beträchtlicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten erlebt haben. Als ein Mann,
der selbst an der Spitze eines großen Unternehmens gestanden hat, habe ich
- wie wohl jeder unter Ihnen - erfahren müssen, wie sich zweistellige
Inflationsraten und eine ernste Rezession auf die Unternehmensplanung
auswirken.
Die unmittelbaren Ausgangpunkte dieser Probleme waren ihrem Wesen nach
einmalig und werden sich, so hoffe ich, niemals wiederholen: der Vietnamkrieg, die fehlerhaften Reaktionen auf ihn in Steuer- und währungspolitischer
Hinsicht und die plötzliche Verfünffachung der Erdölpreise.
Die Nachwehen jener Zeiten halten immer noch an.
Wir in der Wirtschaft wurden von den sprunghaften Manövern der Wirtschftspolitik und deren wiederholten Umformulierung Anfang der siebziger Jahre
hart betroffen. Das Vertrauen in die Konstanz und Vernunft der Regierung
läßt sich nicht so rasch wiederherstellen.
Ein Erbe jener Zeiten ist auch das nach bisherigen Vorstellungen unmögliche Nebeneinander von hohen Inflations-und hohen Arbeitslosenraten.
Die Wirtschaftswelt weiß, daß seitens der Regierung ein ungewöhnliches Maß
an Vorsicht, Glück und Weitblick nötig sein wird, um die Wirtschaft aus
diesem Dilemma herauszuführen - während die meisten Geschäftsleute doch
dem Staat selbst in

noch so guten Zeiten diese Qualitäten kaum zutrauen.

Ein weiterer Faktor ist darin zu sehen, daß echte Investitionen der

- 5 -

�der Wirtschaft auf echte Gewinne gerichtet sind, während die Gewinnentwicklung sehr ungewiß verläuft.
Obwohl die Unternehmensgewinne nach Abzug der Steuern im zweiten
Quartal 1977 die Rekordhöhe von 104,3 Milliarden Dollar erreichten, ergibt
sich ein erheblich anderes Bild, wenn man dieses Gewinnniveau im Verhältnis
zu den Auswirkungen der Inflation auf die Kapitalerneuerung und zum Absatz
betrachtet.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren beliefen sich die Unternehmensgewinne auf nur 6 Prozent des Umsatzes. Dieser Satz liegt unter dem der
Zeit vor 1973 und dem vor dem Höhepunkt der Rezession, als er bei 8 Prozent und damit beträchtlich unter den Raten von mehr als 12 Prozent Mitte
der sechziger Jahre lag, als ein gesunder Anteil am Bruttosozialprodukt
auf die Investitionen entfiel.
Der letzte Faktor ist politischer Natur. Die Geschäftswelt begegnet
einer demokratischen Administration traditionsgemäß mit einem gewissen
Mißtrauen.
Es gibt somit mehrere Erklärungen für das Paradoxon des geringen
Vertrauens der Wirtschaft in einer Phase eines einigermaßen kräftigen
Aufschwungs. Noch wichtiger aber ist die Frage, was wir in dieser Hinsicht
tun können. Ein wichtiger erster Schritt besteht nach meinem Dafürhalten
darin, daß die Regierung ihre wirtschaftlichen Pläne für die nächsten Jahre
Ihnen gegenüber in allen Einzelheiten offenlegt. Sie haben ein Recht, zu
erfahren, welchen Kurs wir einzuschlagen gedenken, und auch warum.
Wir sind gegenwärtig dabei, diese Pläne in methodischer Weise und auf
mehrere Jahre im voraus zu erstellen. Sie werden im Verlauf der nächsten
Monate erkennbar werden, wenn das Steuerreformprogramm vorliegt und der
Prozeß zur Aufstellung des Haushalts für das Finanzjahr 1979 seinem Höhepunkt
erreicht.
Ich hoffe,

�Ich hoffe, daß Sie an diesem Planungsprozeß mitwirken werden - mit
Rat und mit offener Kritik. Gestatten Sie mir, daß ich diesen Dialog
heute morgen eröffne. Ich tue dies dergestalt, daß ich Ihnen die Grundprinzipien aufzeige, die -wie ich hoffe und aufrichtig erwarte - die
Regierung bei der Formulierung der langfristigen Wirtschaftsstrategie
leiten werden.
Das erste Prinzip beruht auf der Erkenntnis, daß der Privatsektor der
Schlüsselsektor für die Gesundheit der ganzen amerikanischen Wirtschaft
ist. Wir müssen staatliche Eingriffe in den Wirtschaftsprozeß hinsichtlich
Zielsetzung und Ausmaß in Grenzen halten. Lassen Sie mich einige spezifische
Bereiche herausgreifen:
- Wir dürfen es nicht zulassen, daß der Prozentsatz des Bruttosozialproduktes, der für die öffentliche Hand aufgewandt wird, langfristig über
21 Prozent hinausgeht. Dieser Satz entspricht dem Durchschnitt während des
letzten Jahrzehnts.
- Wir dürfen es nicht zulassen, daß die Bundes-Einkommensteuer einen
ständig wachsenden Anteil am Einkommen des einzelnen Steuerzahlers in
Anspruch nimmt. Der durchschnittliche Anteil, der bislang zwischen 10 und
12 Prozent schwankte, beläuft sich gegenwärtig auf 13 Prozent und ist im
Steigen begriffen. Wir müssen die Steuern senken, da die Inflation den
Steueranteil automatisch vergrößert. Was die Grenzsteuersätze angeht, so
sollte nach meinem Urteil kein Steuerzahler gezwungen werden, über die
Hälfte eines durch eigene Anstrengungen oder Investitionen erwirtschafteten
zusätzlichen Dollars an den Staat abführen.
- Sobald das Wachstum und die Beschäftigung an die Grenze ihres
Potentials gelangen, muß die Bundesregierung den Staatshaushalt ins Gleichgewicht bringen. Wir dürfen es nicht zulassen, daß Haushaltsdefizite zu einem
ständigen Element der wirtschaftlichen Landschaft werden.
- Wir müssen
- 7 -

�- Wir müssen kühne Maßnahmen ergreifen, um gerade auf dem privaten
Sektor neue Arbeitsplätze - Arbeitsplätze mit Zukunft - für Tausende von
Minderheitsangehörigen und jugendlichen Arbeitskräften zu schaffen, die
gegenwärtig in unseren Großstädten arbeitslos sind. Arbeitsplätze

im

öffentlichen Dienst und staatliche Ausbildungsprogramme sind notwendigekurzfristige Abhilfen, und wir bedienen uns dieser Werkzeuge bewußt.
Die einzige langfristige und wirksame Lösung besteht jedoch darin, die
derzeitigen Arbeitslosen vollständig in den privaten Sektor der Wirtschaft
einzugliedern.
Wir im Finanzministerium sind eifrig darum bemüht, unsere im Entstehen
begriffenen Programme auf den Gebieten der Beschäftigung und der städtischen
Entwicklung auf einfallsreiche Lösungen durch die private Wirtschaft auszurichten. Wir bitten Sie deshalb

bei der Lösung dieser lebenswichtigen

Aufgeben um Ihren Rat und Ihre Hilfe.
Unser zweites Prinzip besagt, daß sich der Staat bemühen muß, die
private Kapitalbildung zu fördern. Das wiederum bedeutet die Verminderung
der steuerlichen Belastung der Gewinne und die Beschränkung der regulatorischen Eingriffe auf ein Mindestmaß.
Um eine Vollbeschäftigungswirtschaft zu erreichen und in Gang zu
halten, müssen wir einen beträchtlichen Anteil unserer realen Produktion
- der Größenordnung nach rund 12 Prozent - auf Investitionen in neue
Kapital guter für eine wachsende Zahl von Arbeitskräften
verwenden;
gegenwärtig beläuft sich dieser Satz auf weniger als 10 Prozent.
Die Folge ist, daß wir gegenwärtig einen beunruhigend geringen
Produktivitätszuwachs zu verzeichnen haben. Der Produktivitätsanstieg wurde
in den sechziger Jahren mit über 3 Prozent im Jahr ausgewiesen. Im Zeitraum von 1973 bis 1976 belief er sich auf noch nicht einmal 1 Prozent. Wenn
wir es zulassen, daß sich dieser Trend

fortsetzt, werden wir die Aus-

sicht unserer Kinder auf Prosperität, Vollbeschäftigung und Preisstabilität
verspielen.
Unser drittes

�Unser drittes Prinzip erfordert, daß die staatliche Politik ein
stabiles und absehbares Umfeld für die Planung der Wirtschaft gewährleistet. Eine der Hauptursachen für die Verlangsamung der Investitionstätigkeit ist die Unsicherheit. Das einzige Mittel gegen die Unsicherheit auf dem privaten Sektor ist Stetigkeit und Besonnenheit auf dem
öffentlichen Sektor.
Ich glaube nicht, daß wir genug wissen, um eine Feinabstimmung
vornehmen zu können. Selbst wenn wir genug wüßten, scheint mir klar,
daß die wesentlicheren unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten langfristiger und chronischer Natur sind. Mit raschen Lösungen wird ihnen
nicht beizukommen sein.
Wir sollten unsere makroökonomische Politik auf die langfristigen
wichtigen Trends und Ausschläge der wirtschaftlichen Entwicklung abstimmen.
Wir müssen lernen, über das Auf und Ab monatlicher Indizes hinwegzusehen,
wei 1 sie weder zu unserem Verständnis der Wirtschaftsentwicklung beitragen noch uns zur Beeinflussung wirtschaftlicher Vorgänge befähigen.
Unser viertes Prinzip läuft darauf hinaus,daß der Staat lernen muß, mit
der Wirtschaft zusammenzuarbeiten statt gegen sie zu arbeiten, wenn es
darum geht, das Land aus Inflation und Arbeitslosigkeit herauszuführen. Das
sind Zieles die uns allen gemeinsam sind.
Nach den Ereignissen des letzten Jahrzehnts ist der Staat nicht in
der Position, dem privaten Sektor in der Frage der wirtschaftlichen Gesundheit irgendwelche Lehren zu erteilen. Wir alle sind Gefangene in der Falle
cer Stagflation, dem Stagnieren der Wirtschaft bei gleichzeitiger Inflation.
Wir können uns aus ihr nur befreien, wenn wir zu einem gemeinsamen Verständnis unseres Dilemmasfinden und eng zusammenarbeiten, um die bestmöglichen

Lösungen zu erarbeiten.

Als ehemaliger Geschäftsmann weiß ich, daß die freie Kommunikation

�Kommunikation zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor eine
Voraussetzung für Vertrauen innerhalb der Geschäftswelt ist. Wir können
Ihnen nicht versprechen, immer mit Ihnen einer Meinung zu sein oder
stets die richtige Politik zu betreiben» Aber wir können Ihnen versprechen,
und wir tun dies auch, daß wir Sie bei deren Formulierung eingehend
zu Rate ziehen werden.
Unser fünftes Prinzip geht dahin, daß die Regierung die Binnenwirtschaftspolitik in Einklang mit den Notwendigkeiten und Erfordernissen
unserer einzigartigen Rolle in der

Weltwirtschaft bringen muß. Wenngleich

unsere Wirtschaft - in bezug auf ein ausgeglichenes Wachstum, die Beschäftigung und die Inflation - in jüngster Zeit alles andere als ideal
funktionierte, wird sie doch von vielen verbündeten Industriestaaten und
auch in Kreisen der internationalen Kapitalgeber vielfach als beispielgebend
angesehen. Die Bedeutung des Dollars für die Weltwirtschaft zwingt uns,
auf dessen guten Ruf bedacht zu sein.
Ein starker und stabiler Dollar ist sowohl für die Vereinigten Staaten
als auch für die gesamte Welt von entscheidender Bedeutung.
Wie Sie wissen, haben wir gegenwärtig ein beträchtliches Außenhandelsdefizit aufzuweisen. Eine Abwertung des Dollars mit Rücksicht auf
dieses Defizit ist jedoch nicht erforderlich; sie würde zudem dieses
Defizit nicht beseitigen.
Die Lösung besteht in der Inkraftsetzung eines wirksamen Energieprogrammes und der Aufrechterhaltung einer

gesunden, expandierenden und

nicht-inflatorischer U.S.-Wirtschaft - sowie in Maßnahmen anderer, hierzu
befähigter Länder, um ihre eigene Volkswirtschaft anzukurbeln und Beschränkungen im Außenhandel abzubauen, wo solche bestehen.
Nach unserer Auffassung besteht die beste Währungspolitik für uns
- gleichzeitig auch die Währungspolitik, die langfristig die größten

- 10 -

�größten Vorteile für alle Länder mit sich bringen wird - darin, den
Wechselkursen zu erlauben, die grundlegenden wirtschaftlichen und finanziellen Umstände des jeweiligen Landes widerzuspiegeln und sich den
Veränderungen in diesen grundlegenden Bedingungen anzupassen.
Die Wechselkurse in Relation zu manchen Ländern mögen fallen und
die zu anderen steigen, weil die grundlegenden Bedingungen von Land zu
Land unterschiedlich sind und unterschiedliche Strukturen vorherrschen.
Sollten die Devisenmärkte durcheinander geraten, werden wir unsere
Politik der Marktintervention zur Behebung von Mißständen fortführen.
Obwohl unsere Handelsbilanz defizitär ist, hat sich unsere internationale
Zahlungsbilanz generell als gesund erwiesen. Wir erwirtschaften auch
weiterhin große Überschüsse auf dem Dienstleistungssektor und haben,
keineswegs überraschend, erhebliche Kapitalzuflüsse zu verzeichnen. Das
sind Quellen der Stärke für den amerikanischen Dollar, die auch weiterhin
fließen dürften.
Unser sechstes und letztes Prinzip gebietet uns, bei unseren Versuchen
zur Lösung der größeren strukturellen Probleme, die die langfristigen
Prosperitätsaussichten bedrohen, die Balance zwischen Kühnheit und Geduld
zu halten.
Wir durchlebten ein Jahr vieler kühner, neuer Initiativen. Gerade das
Tempo der Innovation hat, wie ich sehr wohl weiß, die Unsicherheit im Bereich
der Wirtschaft verstärkt, und man bezichtigt uns deshalb der Ungeduld.
Sie sollten wissen, daß sich das Tempo nunmehr zu verlangsamen beginnt.
Die geplanten politischen Maßnahmen liegen nunmehr größtenteils dem Kongreß
vor und

sind auch der Bevölkerung;bekannt.: Die Zeit ist gekommen, fortan

eher auf Konsolidierung denn auf Neuerungen bedacht zu sein.
Unsere Kühnheit wird aber nach meiner Auffassung durch die Größe der
Probleme

gerechtfertigt, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Wir handeln

- 11 -

�handeln

nicht um des Handelns willen, sondern in Rücksicht auf die

gewaltigen Risiken, die Unterlassungen bergen würden. Unsere Kühnheit
wird durch Vorsicht gemäßigt.
Die Energieversorgung bietet das beste Beispiel. Wir werden dieses
Jahr öl im Werte von 45 Milliarden Dollar einführen, wovon die Hälfte in
den Verbrauch gehen wird. Unsere Abhängigkeit von ausländischen Lieferquellen nimmt dann immer rascher zu. Wenn wir nicht umgehend handeln,
geben wir in praxi die Herrschaft über unser wirtschaftliches Geschick
auf.
Die Auswirkungen unserer diesbezüglichen Abhängigkeit auf die
Wachstums-, Inflations- und Arbeitslosenraten sind bereits heute erheblich.
Sie könnten sehr leicht unberechenbar werden.
Am 20. April schlug Präsident Carter ein umfassendes, faires und
ausgewogenes Programm zur Bewahrung unserer Volkswirtschaft vor diesem
Schicksal vor. Das Programm zielt darauf ab, unsere öl einfuhren bis 1985
um 4,5 Millionen Barrel am Tag zu vermindern, was einer Verminderung unseres
Handelsdefizits in heutigen Preisen ausgedrückt um etwa 23 Milliarden
Dollar im Jahr entspräche.
Die Entscheidung über dieses Programm ist gegenwärtig in der Schwebe.
Die Welt blickt mit Verwunderung auf uns, während wir mit der Möglichkeit
kokettieren, nichts zu unternehmen und die Konsequenzen zu tragen. Ich kann
mir keinen gefährlicheren Kurs für unsere Wirtschaft vorstellen als diesen.
Ohne ein umfassendes Energieprogramm können wir einfach keinen
plausiblen Kurs für unser Wachstum, für unsere Investitionstätigkeit und
für den Kampf gegen die Inflation abstecken. Das weiß die ganze Welt. Das
amerikanische Volk hat nicht mehr lange Zeit, um dies zu begreifen.
Drei wichtige Komponenten des Energieprogrammes des Präsidenten

- 12 -

�Präsidenten werden gegenwärtig in Frage gestellt: die Ausgleichssteuer
auf Rohöl, die öl-und Erdgasverbrauchssteuer und die Besteuerung von
Automobilen mit übermäßigem

Benzinverbrauch. Der größte Teil der

angestrebten Verminderung der öleinfuhren sollte über diese Steuern
realisiert werden.
Die Rohölausgleichssteuer würde den Preis von Rohöl, das in den
Vereinigten Staaten gefördert wird, auf Weltpreisniveau anheben. Damit
würde die unkluge Bezuschussung von Importen, die die amerikanischen
Preiskontrollen bewirken, fortfallen.
Die vorgeschlagene Besteuerung des industriellen Verbrauchs von
öl und Erdgas zielt auf eine weitere Senkung der öl-und Erdgasimporte ab,
während Betriebe, die auf Kohle umstellen, einen Steuernachlaß erhalten
sollen.
Die Steuer auf Automobile mit übermäßigem Benzinverbrauch soll stufenweise gestaffelt sein und im Laufe der Zeit steigen. Sie würde alle neuen
Modelle erfassen, die gewissen Wirtschaftlichkeitserfordernissen hinsichtlich des Brennstoffverbrauchs nicht Genüge leisten.
Allein diese drei Steuern würden bis 1985 eine Verminderung der
amerikanischen Eröleinfuhren um 3 Millionen Barrel pro Tag bewirken, was
einer Minderbelastung unserer Außenhandelsbilanz um 15,3 Milliarden Dollar
im Jahr gleichkäme.
Neue Steuern sind nie populär. Diese Steuern aber sind fair, vernünftig
und notwendig. Die Einkünfte aus ihnen würden weitgehend und gerecht verteilt
wieder an das amerikanische Volk zurückgegeben werden. Alternativen zu
diesen Steuern sind praktisch kaum gegeben und wären jedenfalls noch schwerer
zu verkraften.
Der Präsident hat einen verantwortungsbewußten und vorsichtigen Kurs
für die Energieversorgung der Nation aufgezeigt. Ich ersuche Sie dringend,
- 13 -

�dringend, dieses Programm in Ihrem eigenen wie im Interesse der wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes zu unterstützen.
Wir verfolgen einen ähnlich vorsichtigen Kurs hinsichtlich aller
größeren politischen Aufgaben, vor die wir uns gestellt sehen:
- In dem Bemühen, zur Stabilisierung des internationalen Währungssysteins beizutragen, haben wir bei der Schaffung der Witteveen-Fazilität
mitgewirkt die den Ausgleich der Zahlungsbilanzen der Mitgliedstaaten
des Internationalen Währungsfonds (IWF) erleichtern soll.
- In dem Bemühen, der Herausforderung durch den Wettbewerb ausländischer

Importe im Bereich der Stahl - und anderer Industrien gerecht

zu werden, sind wir dabei, eine verantwortungsbewußte Politik zu erarbeiten, die amerikanische Hersteller vor unfairer Konkurrenz schützen
und den Druck auf die Preise auf dem Binnenmarkt so niedrig wie möglich
halten soll - ohne Vergeltungsmaßnahmen herauszufordern, die zu einem
neuen Handelskrieg führen könnten.
- In dem Bemühen, eine Lösung für das schwierige Problem der
Finanzierung der sozialen Sicherheit zu finden, arbeiten wir mit dem
Kongreß zusammen, um etwaige negative Auswirkungen auf die Erholung unserer
Wirtschaft auf ein Mindestmaß zu beschränken.
- Und hinsichtlich der Sozialreform erstreben wir die Inkraftsetzung
eines Gesetzes zur Reorganisation unserer Hilfsprogramme, um Verschwendung
zu vermeiden , Unterstützungsempfänger, die dazu fähig sind, zur Annahme
eines Arbeitsplatzes zu ermutigen und allen denjenigen angemessene Hilfe
zu gewähren, die wirklich Not leiden.
Darüberhinaus arbeiten wir gegenwärtig an zwei grundlegenden wirtschaftlichen Werken: dem Bundeshaushalt 1979 und einer Reform der Einkommensteuergesetzgebung. In beiden Dokumenten werden Sie aus klaren Zahlen den festen

- 14 -

�den festen Kurs ablesen können, den wir mit unserer Politik verfolgen.
Der im Januar vorzulegende Haushaltsentwurf wird der erste sein, den
diese Regierung allein erstellt hat - der erste, der unsere Grundhaltung
zum Ausdruck bringt und nicht lediglich nur eine Überarbeitung des Entwurfs
der vorausgegangenen Administration darstellt. Eingebettet in diesen
Haushaltsvoranschlag werden jene harten Entscheidungen sein, die für eine
wirksame Festsetzung von Prioritäten erforderlich sind: die Ergebnisse
der erstmaligen durchgehenden Anwendung des Konzepts der Haushaltsplanung
auf Nullbasis (zero-based budgeting), die Vorausplanung der Ausgaben auf
fünf Jahre und ein Gesamthaushaltgebaren, das unsere vordringlichsten
makroökonomische

Erfordernisse widerspiegelt.

Die Maßnahmen zur Steuerreform werden die andere Hälfte unserer
fiskalischen Einstellung zu den wirtschaftlichen Aufgaben von heute sein.
Wenn die endgültigen Entscheidungen gefallen sind, werden Sie, dessen bin
ich zuversichtlich, feststellen können, daß sie eine erhebliche und anhaltende Verminderung der Steuerlast der Unternehmen und der privaten
Steuerzahler mit sich bringen werden - Erleichterungen, die mithelfen können,
die Wirtschaft zu verstärkten Investitionen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Steigerung der Produktivität anzuregen.
Mit diesen beiden Dokumenten in Händen wird für diese Administration
die formative Phase ihrer Anstrengungen

abgeschlossen sein. Dann wird ihre

Politik in ihrer Grundgestalt erkennbar werden und die kühnen Initiativen
stärker in den Mittelpunkt treten. Dann werden wir auch mit Ihrer Hilfe
die langfristigen Fortschritte realisieren können, die wir alle erstreben.

+ + + + +

- 15 -

�26. Oktober 1977

28

USA FORDERN INTERNATIONALE KONVENTION OBER
TOXISCHE SUBSTANZEN

- (AD) - Toxische Substanzen sind ein Problem, das nach einer Erklärung von Douglas M. Costle, Leiter der US-Umweltschutzbehörde EPA und Vertreter der Vereinigten Staaten im Umweltausschuß der NATO (CCMS), zu ernster
Besorgnis Anlaß gibt. Deshalb seien Maßnahmen zu seiner Lösung vordringlich. Die Schaffung einer "Internationalen Konvention über toxische Substanzen" könne dazu Wege ebnen und außerordentlich hilfreich sein.
Die USA unterbreiteten den Vorschlag auf der Plenarsitzung des CCMS
(Ausschuß für Aufgaben der Modernen Gesellschaft) im Oktober 1977 in
Brüssel.

Costle zufolge basiert diese amerikanische Initiative zum großen

Teil auf den Ergebnissen von Studien, die das "Nationale Krebsforschungsinstitut" (Teil der medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA - NIH in Bethesda, Maryland) durchführte

bzw. durchführen ließ.

Demnach tre-

ten Krebserkrankungen generell in industriellen Ballungsgebieten "bei verstärkter Aktivität auf dem Chemiesektor" deutlich häufiger auf als anderswo.
In den letzten zwei Jahren sei dort die anteilmäßige Zahl der Todesfälle
durch Krebs viel rascher gestiegen als in den Jahrzehnten zuvor.

Nach

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�Nach Schätzungen der Amerikanischen Krebsgesellschaft dürfte in den USA
jeder Vierte an Krebs in irgendeiner Form erkranken.
Das Ausmaß des internationalen Problems durch toxische Substanzen sei,
wie Costle erklärte, schon anhand der Tatsache abzuschätzen, daß allein in
den USA 30 000 verschiedene chemische Verbindungen hergestellt würden und
jedes Jahr ca. 1000 neue auf den Markt kämen.

"Obgleich wir alle von der

Anwendung von chemischen Stoffen enorm profitieren, sie einen lebenswichtigen Bestandteil unserer Industriegesellschaften bilden und einzeln keineswegs toxisch zu sein brauchen, ist "schon durch ihre bloße Zahl", so Costle,
"durch ihre wachsende Vielfalt, den wachsenden Verbrauch und die inzwischen
erkannten Belastungen für Umwelt und Gesundheit durch einige von ihnen das
ernste Risiko nicht wieder gutzumachender Schäden für die Zukunft gegeben."
Eine Reihe von Ländern hat bereits gesetzliche Regelungen für den
Umgang mit toxischen Substanzen getroffen, die sich an einem Gesetz orientieren, das der US-Kongreß im Jahre 1976 verabschiedete; andere Länder bereiten entsprechende Maßnahmen vor. Costle verwies jedoch auf die "globale
Natur der Konsequenzen aus der Produktion und dem Gebrauch gewisser chemischer
Stoffe wie Quecksilber, Blei, Kadmium, Asbest, Chloroform, Kepone, Vinylchlorid und Fluorchlorkohlenstoffen". Sie seien Anlaß genug, daß die 15
Mitgliedstaaten der CCMS-Gruppe der NATO die Ausarbeitung einer internationalen Konvention auf ihr Arbeitsprogramm setzen und sich auf jene Gebiete
einigen, auf denen eine solche Konvention besonders nützlich sein könnte.
Diese müßte, um wirksam zu sein, in spätestens 5 Jahren in Kraft treten.

+ + + + +

- 2 -

�1
I
28

Wi//cn/chaft
und Technik
United States Information Service

26. Oktober 1977

VERBUNDWERKSTOFFE IN ATOMARER SCHICHTUNG
Synthetische Materialien mit neuartigen Eigenschaften

(AD). - Mit Hilfe der "Planar-Magnetron-Aufdampftechnik" können
Elemente, die in der Natur niemals zusammen vorkommen, zu synthetischen
Schichtwerkstoffen mit einzigartigen magnetischen, elektronischen und
optischen Eigenschaften kombiniert werden. Das Verfahren wurde von
Dr. Troy W. Barbee Jr., Direktor des Instituts für Materialforschung
der Stanford-Universität (Kalifornien), und Forschungsingenieur Douglas
L. Keith entwickelt. Das Institut ist Teil des Stanford-Zentrums für
Materialforschung, das von der Nationalen Wissenschaftsstiftung der USA
(National Science Foundation) finanziell gefördert wird.
Wie Experimente gezeigt haben, lassen sich mindestens 65 der 92
Elemente des Periodischen Systems in hauchdünnen Schichten auf einer
neutralen Unterlage - z.B. Glas oder Plastikfolie - deponieren. Die
Schichtdicke kann zwischen 5 und 5 000 Angström liegen (1 Angström =
1/10 000 000 mm, durchschnittlicher Durchmesser eines Atoms ca. 2,5
Angström).
Die abwechselnde

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�Die abwechselnde Beschichtung mit zwei verschiedenen Elementen
in nur wenigen "Atomlagen" hat in vielen Fällen eine Veränderung der
ursprünglichen

physikalischen Merkmale der Ausgangelemente zur Folge.

Ein Beispiel: abwechselnd wird Wolfram mit Kohlenstoff in 20 Angström
dicken Schichten aufgetragen, so ergibt sich bei dem synthetischen
Produkt eine Erhöhung der sogenannten Sprungtemperatur - d.h. jenes
Temperaturpunktes, an dem der elektrische Widerstand plötzlich auf einen
nicht mehr meßbaren

Wert absinkt und das Material superleitfähig wird.

Bei dem erwähnten Schichtmaterial steigt die Sprungtemperatur von
0,01 auf 3 Grad Kelvin, liegt also bei 3 Grad über dem absoluten Nullpunkt (Null Grad Kelvin = -273,15 Grad Celcius). Angesichts der
Schwierigkeiten, die das Abkühlen in diesem extrem tiefen Temperaturbereich
mit flüssigen Helium schon um jedes weitere Zehntel Grad mit sich bringt,
ist eine Möglichkeit zur Anhebung der Sprungtemperatur bestimmter Werkstoffe um fast 3 Grad Kelvin von größtem Interesse für die Technik. Denn
überall auf der Welt sind Wissenschaftler auf der Suche nach geeigneten
supraleitfähigen Materialien mit höheren Sprungtemperaturen als jenen
im Bereich des absoluten Nullpunkts - Materialien, die für Stromleitungen,
Elektromagnete und andere Anlagen verwendet werden sollen, um Größe und
Gewicht elektrischer Anlagen stark zu reduzieren, gleichzeitig ihren
Leistungsbereich zu vergrößern und ihren Eigenverbrauch an Energie zu
senken.
Manche der neuen Schichtkombinationen von Barbee und Keith wiesen eine
außergewöhnlich hohe mechanische Festigkeit bei auffallend guter Verformbarkeit auf. Die Festigkeitswerte lagen oft nahe bei den theoretischen
Grenzen, die man für Metalle errechnet hat. Kürzlich präsentierte Dr. Barbee
ein Material scheibchen von 1,35 Mikron Dicke (1 Mikron • 1/1000 mm), das aus
1800 Schichten von Kupfer und Niobium zusammengesetzt war. Jedes der
abwechselnd aufgebrachten Schichten war 10 bzw. 5 Angström dick. Das bedeutet, daß sie aus jeweils nur 4 bzw. 2 Atomlagen bestanden.
Bei dieser

�Bei dieser Schichtung - d.h. bei Dicken unter 40 Angström - treten
eigenartige Effekte auf: Es kommt beispielsweise zu deutlichen Austauschund Verbindungsreaktionen. In einigen Fällen nehmen Elemente neue Kristallstrukturen an, die denjenigen des Elements der

Nachbarschicht entsprechen.

Andere Elenente verlieren ihre Kristall struktur und werden zu einer Art
amorpher Masse. In beiden Fällen bleibt die Schichtung bestehen, aber die
Kristall strukturen des synthetischen Materials sind anders als jene, die in
der Natur beobachtet werden. Die damit einhergehenden Veränderungen der
optischen, magnetischen und elektronischen Eigenschaften sind noch nicht
alle bekannt, geschweige denn geklärt.
Aktionsmedium für die Beschichtung ist ionisiertes Argongas. Ein
Magnetron beschleunigt die Argon-Ionen auf hohe Geschwindigkeiten und richtet
den Strahl auf die Zielsubstanz (z.B. Niobium, Kupfer, usw.). Aus dieser
Substanz werden Atome freigesetzt, die strahl förmig auf das fortlaufend
weiterbewegte Trägermaterial auftreffen. Durch präzise Steuerung

der

elektrischen Spannung ist es, so Barbee und Keith, möglich, die Schichten
glatt und bemerkenswert einheitlich in der Dicke zu halten. Dazu trägt auch
die Tatsache bei, daß nur das Auflagematerial, nicht aber die Quelle des
Atomstrahls bewegt wird. Deshalb würde sich das Verfahren - mit gewissen
Anpassungsmaßnahmen - auch für technische Prozesse in der Industrie eignen,
beispielsweise für die Herstellung von Solarzellen, zum Beschichten
diffiziler Teile von Maschinen, für korrosionsbeständige Materialien, oder
auch für völlig neuartige Verwendungszwecke.

+ + + + +

- 3 -

�I

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

26. Oktober 1977

28

MANGANSPIEGEL UND EPILEPSIE

- (AD) - Ein ungewöhnlich niedriger Manganspiegel im Blut kann in gewissen Fällen die Ursache epileptischer Anfälle sein. Dies berichtete ein
kanadisches Forscherteam Anfang September 1977 auf der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft für Chemie in Chicago. Vor allem Kinder, bei denen die
üblichen Labortests zu keinen entsprechenden Ergebnissen führen und irgendwelche neurologischen Erkrankungen in der Familie oder andere mögliche Schädigungen fehlen, die einen Hinweis auf die Ursachen der Anfälle geben könnten,
sollten auf die Konzentration von Spurenelementen im Blut, insbesondere von
Mangan, untersucht werden.
Die Ärztegruppe vom Saint Mary's Hospital in Montreal kam durch den
Fall eines 12jährigen Jungen zufällig diesem Mangel und seinen schwerwiegenden Folgen auf die Spur. Die Anfälle hatten begonnen, als er vier Jahre alt
war, und verschlimmerten sich in den folgenden acht Jahren immer mehr. Die
Routinetests ergaben nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Ursache, bis
schließlich Dr. Jukio Tanaka mit zwei seiner Kollegen die Konzentration der
Spurenmetalle im Blut zu prüfen begannen. Dabei zeigte sich, daß der Manganspiegel bei dem Jungen nicht einmal die Hälfte des Normalwertes erreichte;
Auch bei seiner Mutter war er stark erniedrigt.

Nachforschungen in ähnlich cjej

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�gelagerten Fällen erbrachten weitere einschlägige Hinweise, so daß nun die
Untersuchungen auf einen großen Patientenkreis ausgedehnt wurden.

Sie erga-

ben, daß bei epilepsiekranken Kindern der Manganspiegel erniedrigt ist. Ähnliche Anomalien seien manchmal, aber keineswegs immer auch bei erwachsenen
Patienten zu beobachten.

Die Forschergruppe experimentiert gegenwärtig mit

speziellen Nahrungszusätzen, die den Manganmangel ausgleichen sollen.

Sie

hoffen, damit wirksame therapeutische Effekte erzielen und möglicherweise
auch eine vorbeugende Behandlung erreichen zu können.

Die bisherigen vor-

läufigen Ergebnisse seien "sehr ermutigend".
Dr. Tanaka verwies darauf, daß er nicht behaupte, die Ursache oder eine
Möglichkeit zur Heilung der Epilepsie gefunden zu haben. Aber er ist überzeugt, mit seinen Mitarbeitern ein ganz neues Feld für die Erforschung von
Anfallskrankheiten eröffnet zu haben.

Daraus ergebe sich die Chance, zumin-

dest einer Reihe von Patienten wirksam zu helfen.

Schon im Jahr 1963 hatten

übrigens Tierexperimente ergeben, daß sich Manganmangel bei trächtigen Ratten
mit krampfartigen Störungen an ihrer Nachkommenschaft auswirkt.

+ + + + +

Berichtigung
zu unserem Artikel "Neue Mittel gegen Viruskrankheiten"
In unserer Ausgabe Nr. 27 vom 12. Oktober 1977 ist in dem Artikel
"Neue Mittel gegen Viruskrankheiten" (Wissenschaft und Technik) im ersten
Absatz, achte Zeile aus einem technischen Versehen Hirnhautentzündung statt
richtig Gehirnentzündung geschrieben worden. Wir bitten, diesen Fehler zu
entschuldigen und zu korrigieren.

- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wollen echte Abrüstung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von US-Botschafter Fisher vor dem Politischen Ausschuss der Vereinten Nationen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Blumenthal: Wirtschaft braucht Vertrauen in die Zukunft&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Finanzministers vor der Amerikanischen Bankiersvereinigung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern internationale Konvention über toxische Substanzen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verbundwerkstoffe in atomarer Schichtung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Synthetische Materialien mit neuartigen Eigenschaften -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Manganspiegel und Epilepsie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Berichtigung -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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und
fT]
United States Information Service

29

9. November 1977

INHALT

DOKUMENTATION
Die Grundzüge der amerikanischen Politik und der weltweite Wandel
- Von Zbigniew Brzezinski (Rede vor der Trilateral Commission) USA treten aus der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus
- Wortlaut der amtlichen Erklärungen und des Kündigungsschreibens
WIRTSCHAFT
Blumenthal unterstreicht grundlegende Stärke der US-Wirtschaft
- Rede des US-Finanzministers am 2. November 1977 in Bonn HINTERGRUNDMATERIAL
Kernenergie verlangt neue Lernprozesse
- INFCE-Konferenz als Auftakt für internationale Studienprogramme
Nord-Süd-Verhandlungen und Ausgleichsfinanzierung
- Von Guy F. Erb WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neues Verfahren zur Aluminiumproduktion

Um Übcr/enduno, von
ßclcgeifemplciren wird
gebeten

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�Dokumentation

I

United States Information Service

29

9. November 1977

DIE GRUNDZÜGE DER AMERIKANISCHEN POLITIK UND DER WELTWEITE WANDEL
Von Zbigniew Brzezinski

Der Berater Präsident Carters für Fragen
der nationalen Sicherheit, Zbigniew
Brzezinski, hat am 25. Oktober 1977 auf
einer Sitzung der Tri lateral Commission
in Bonn die Grundzüge der amerikanischen
Politik und die großen weltpolitischen
Veränderungen aufgezeigt. Brzezinski
verwies auf die grundlegende Kontinuität
der Politik seines Landes, die heute allerdings einen viel weitergefächerten Aufgabenbereich habe als nach dem Zweiten
Weltkrieg. Die Partner der USA müßten daher
einen größeren Anteil an der Verantwortung
für das Geschehen in der Welt übernehmen.
Die Trilateral Commission (Trilaterale
Kommission) wurde im Jahre 1973 von
politisch interessierten Bürgern in Nordamerika, Westeuropa und Japan als privates
Forum für die Aussprache über weltpolitische
Probleme gegründet.
Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um über die amerikanische Politik
und den weltweiten Wandel zu sprechen. Dabei möchte ich zunächst vor allem
die grundlegende Kontinuität dieser Politik unterstreichen. Seit 1945 sind

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�4

sind die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren Verbündeten darum bemüht,
einen kongenialeren internationalen Rahmen für unsere Werte, für unsere
Interessen und für unsere Zukunft zu schaffen. Wir taten dies jedoch in einer
Zeit, in der das internationale politische System den Druck zweier gleichzeitig verlaufender Entwicklungen verspürte: einmal eines intensiven ideologischen Konflikts und Machtkonflikts und zum anderen eine bemerkenswerte
Ausweitung des Kreises der an diesem Konflikt Beteiligten, hervorgerufen
durch den Niedergang von Imperien und die daraus resultierende Verdreifachung der Zahl der Nationalstaaten. Dieses Zusammentreffen - eines in
Ideologie, Macht und nationalen Ambitionen verwurzelten Konflikts mit der
plötzlichen Vervielfachung der Zahl der Beteiligten - hat zu einer außerordentlichen Unruhe in der Weltpolitik geführt.
Trotzdem sind unsere grundlegenden Verpflichtungen von Administration
zu Administration die gleichen geblieben. Das gilt besonders für unsere
kollektive Sicherheit - und unsere Verpflichtung zur gemeinsamen Verteidigung
bleibt ein zentrales und konstantes Element unserer Politik. Was sich
verändert hat, ist der internationale Kontext, in dem wir diese Verpflichtungen
aufrechtzuerhalten versuchen. Die Art dieses Wandels hat uns oft vor ungeheuer komplexe Probleme der Analyse, ja der Werte selbst, gestellt. Wenn wir
auf den weltweiten Markt reagieren, welche Faktoren sollten wir unterstreichen,
und warum? Ist es in einer Zeit so raschen Wandels - vor allem, wenn dieser
Wandel Werte betrifft, die eindeutig im Gegensatz zu unseren eigenen Traditionen stehen - wichtiger, den Status quo zu erhalten, oder sollten wir
versuchen, diesen Wandel in Richtungen zu lenken, die unsere Interessen
bewahren und unsere Werte fördern? Oder ist es möglich, von beiden etwas zu
tun?
.

Jede Administration hat diese Fragen etwas anders beantwortet und sich
damit etwas andere Prioritäten gesetzt. Ich möchte Sie heute, während ich
die grundlegende Kontinuität der amerikanischen Außenpolitik unterstreiche, mit
einigen Gedanken vertraut machen, wie die neue Carter-Administration ihre
Zielsetzungen definiert und wie sie auf jedes neue Dilemma globalen Ausmaßes

- 2 -

�Ausmaßes reagiert.
Ganz generell ausgedrückt hat sich die Carter-Administration vier
Grundprioritäten gesetzt:
1. Die geistige Krise zu überwinden;
2. Bei der Gestaltung eines umfassenderen und kooperativeren Weltsystems
mitzuhelfen;
3. Konflikte zu lösen, die, wenn sie ungelöst bleiben, sich wahrscheinlich nicht eindämmen lassen;
4. Regierungen und Völker dazu zu bringen, daß sie sich mit neuen und
zentralen globalen Problemen befassen.

1. Die Überwindung der geistigen Krise
In gewisser Hinsicht war die geistige Krise der jüngsten Jahre eine
spezifisch amerikanische Angelegenheit, in einem weiteren Sinn aber gehörte
sie zu einem allgemeinen Gefühl des Unbehagens im Westen. In mancher Hinsicht
läuft sie mit dem politischen Erwachen der Menschheit zusammen, durch das die
bis dato scheinbar universellen Werte des Westens in eine Perspektive gerückt wurden, die den begrenzten Bereich ihrer Geltung augenscheinlich machten.
Hermann Hesse hat das Wesen dieser Krise des Vertrauens in die Geschichte und
der internationalen Bedeutung für eine Welt, die anscheinend die Werte des
Westens ablehnt, sehr gut zum Ausdruck gebracht, wenn er im "Steppenwolf"
schreibt:
"Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo
zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen sich überschneiden

Es gibt nun

Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei
Lebensstile hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte,jede
Geborgenheit und Unschuld verlorengeht..."
In ihrer spezifisch

�In ihrer spezifisch amerikanischen Dimension wurde die geistige Krise
durch den Vietnamkrieg ausgelöst und durch die konstitutionelle und
moralische Krise von Watergate verstärkt. In Westeuropa und Japan mag das
rasche Tempo, mit dem man versuchte, die traumatischen Erinnerungen an den
Zweiten Weltkrieg zu bewältigen, auch eine Rolle gespielt haben. Auch
Raymond Aron

hat erst kürzlich auf die allgemeineren Implikationen dieser

Krise hingewiesen, wenn er schrieb:
"Eine hedonistische Zivilisation, so kurzsichtig, daß sie sich selbst
nur den materialistischen Befriedigungen der täglichen Bedürfnisse hingibt,
spricht sich selbst das Todesurteil, wenn sie nicht länger an der Zukunft
interessiert ist und damit das sie tragende Geschichtsgef'ühl verliert."
Das ist der Grund, warum der neue amerikanische Präsident schon in
seiner Rede zum Amtsantritt so viel Nachdruck auf den "neuen Geist" legte.
Einer Welt gegenüber, die ihren Glauben an Amerika zu verlieren begann durch das sich weltweit ausbreitende Phänomen des Anti-Amerikanismus stellte die neue Administration ganz obenan auf die Liste ihrer Prioritäten
die Notwendigkeit, sowohl das Vertrauen in Amerika, wie auch die geistige
Bedeutung des Westens für die hervortretenden globalen Probleme neu zu
beleben. Wir

spürten, daß man über eine gar zu lange Zeit hinweg - und

oft zu reche - in den Vereinigten Staaten ein Land gesehen hatte, das sich dem
Wandel entgegenstellte, das in erster Linie auf Stabilität um der Stabilität
willen bedacht

und vor allem damit beschäftigt war, das Gleichgewicht der

Macht um der Bewahrung von Privilegien willen zu erhalten. Wir gingen bewußt
daran, die Vereinigten Staaten mit der Idee zu identifizieren, daß Wandel ein
positives Phänomen ist, daß wir überzeugt sind, daß solcher Wandel in
konstruktive Bahnen gelenkt werden kann und daß auf internationaler Ebene
der Wandel durchaus mit unseren eigenen grundlegenden geistigen Werten in
Einklang gebracht werden kann.
Der Nachdruck, den wir auf die Menschenrechte gelegt haben, erklärt sich
aus dieser Perspektive. Wir glauben, daß die Menschenrechte eine Idee sind,

�sind, deren historische Stunde gekommen ist. Auf der ganzen Welt fordern
die Menschen aufgrund verbesserter Informationen und Kommunikationen und
einem stärkeren Gefühl der Interdependenz ihre Grundrechte und treten für
ihre Verwirklichung ein. Dieses Phänomen manifestiert sich - wenn auch
in unterschiedlicher Weise und mit jeweils anderen Prioritäten - im Fernen
Osten und im südlichen Afrika, in Lateinamerika und in Osteuropa sowie in
der UdSSR. Es hat sich in den letzten Jahren in unserer eigenen Gesellschaft
an der Front der Rassenauseinandersetzungen zur Geltung gebracht und macht
sich auch in anderen fortschrittlichen Industrieländern vernehmbar. Wir
machen die Übernahme unserer Auffassung von den Menschenrechten nicht zur
Vorbedingung für spezifische bilaterale Beziehungen, auch wollen wir anderen
Nationen nicht unsere spezifischen Normen vorschreiben. Doch sind wir überzeugt, daß sich in diesem einem Wort "Menschenrechte" die Hoffnung der
Menschheit auf sozialen Fortschritt konzentriert, daß es die wahrhaft
historische Forderung unserer Zeit verkörpert und daß weder die Vereinigten
Staaten noch der Westen sich unseres unbedingten Eintretens für die Menschenrechte zu schämen brauchen.
Hinzu kommt, daß das Wiederaufleben des Interesses der amerikanischen
Öffentlichkeit an Ereignissen, die jenseits unserer Küsten liegen, zu einem
Teil auf den besonderen Nachdruck zurückzuführen ist, den die Administration
auf den Zusammenhang unserer außenpolitischen Ziele mit den tiefverwurzelten
amerikanischen Werten gelegt hat. Somit reflektiert das wiedererwachte
amerikanische Interesse an den Menschenrechten nicht nur die tiefen Oberzeugungen des Präsidenten und der meisten Amerikaner, sondern es hat auch eine
bedeutsame Rolle bei der Oberwindung einer weitverbreiteten allgemeinen
Desillusionierung und eines Zynismus gegenüber der Außenpolitik gespielt und
es den Vereinigten Staaten ermöglicht, in Bezug auf eine ganze Reihe internationaler Fragen wieder eine konstruktivere Rolle zu übernehmen.
Ich glaube, man darf wohl sagen, daß die geistige Krise in den Vereinigten
Staaten ihrem Ende zugeht. Die Veränderung in der Haltung der Vereinigten Staaten
gegenüber der Welt von heute hat verschiedene Dimensionen:
- Wiedererwachen des amerikanischen Optimismus
- 5 -

�- Wiedererwachen des amerikanischen Optimismus:
Hier handelt es sich nicht nur um bloßes Vertrauen ins eigene Glück,
wie es Bismarck mit seiner Bemerkung zum Ausdruck brachte, daß "eine
Vorsehung besonderer Art über Betrunkenen, Narren und Amerikanern zu walten
scheint", sondern in ihm kommt vielmehr das Vertrauen in die grundlegende
Stärke unserer Stellung in der Welt und in den moralischen Charakter dieser
Stellung zum Ausdruck.
- Wiedererwachen des amerikanischen Idealismus:
Präsident Carter zögert nicht, diese unsere grundlegenden Werte in
unserem eigenen Lande wie im Ausland zu bekräftigen. Er findet hierbei die
Unterstützung der Amerikaner. Es geht uns nicht darum, anderen unsere
Prinzipien aufzudrängen, aber wir beabsichtigen auch keinesfalls, uns
schweigend zu verhalten, wenn es um Dinge geht, an die wir mit tiefer Überzeugung glauben. Mehr noch, indem wir unsere unbedingte Bindung an die
fundamentalen Ideen bekräftigen, wonach der Mensch Anspruch auf gewisse
grundlegende Menschenrechte hat und das demokratische System des Westens
den Menschen die größte Chance zur Selbstverwirklichung bietet, tragen wir
zum geistigen Wiedererwachen des Westens bei. Ein Westen, der nur an
materiellen Konsum glaubt, bringt eine Botschaft, die für den Rest der Welt
ohne Belang ist. Ein Westen aber, der für wahre Freiheit und Selbstverwirklichung des Einzelnen eintritt, hat eine Botschaft und auch den notwendigen Ausgangspunkt für einen Dialog mit der übrigen Welt über die
grundsätzlichen menschlichen Ansprüche - die materiellen, die sozialen, die
politischen und die technologischen.
- Neubelebung des amerikanischen Reformenwillens:
Die derzeitige internationale Lage erfordert eine kreative Anstrengung,
um neue Verhaltensweisen und neue Institutionen zur Bewältigung regionaler u
globaler Probleme zu konzipieren. Wir akzeptieren diese Herausforderung

�Herausforderung und zwar mit Enthusiasmus und nicht mit Resignation, wobei
wir uns darüber im klaren sind, daß wir nicht einseitig Lösungen aufzeigen
oder die Interessen und Anstrengungen der anderen dafür gewinnen können,
ohne geduldige und gründliche Konsultationen zu pflegen.
Nach meiner Ansicht haben wir in den letzten zehn Monaten bereits einen
wesentlichen Rückgang der antiamerikanischen Gefühle erlebt. Ich meine, die
neue und vertrauensvolle Einstellung Amerikas zur Weltpolitik, die in
unseren Werten wurzelt, beginnt bereits wieder eine Basis für eine Rolle
Amerikas zu schaffen, die im echten Sinne moralisch gerechtfertigt und politisch
effektiv ist.

Auf dem Wege zu einem weitergefaSten und kooperativeren Weltsystem
Für uns ist der Ausgangspunkt des amerikanischen Engagements in der
Welt unser Verhältnis zu Westeuropa und zu Japan. Die interessen-und gefühlsmäßigen Bande, die unser Schicksal verknüpfen, sind ganz besonderer Art.
Uns ist eine Verpflichtung zu demokratischen Verfahren, Bürgerrechten, dem
Marktsystem und einer offenen Gesellschaft gemeinsam. Wir stehen vor den
gleichen Problemen der nachindus4riellen Gesellschaft. Wir sind nicht nur
gelegentliche Verbündete, sondern wir sind ständige Freunde. Wenn wir entschlossen sind, die amerikanische Führung in der Weltpolitik zu bekräftigen,
dann stellen wir uns darunter eine gemeinsame Führung vor. Kein Land kann
heute ein Monopol, ja nicht einmal ein Obergewicht an Klugheit, Initiative
oder Verantwortung besitzen.
Aus dieser Erkenntnis und aus dieser Überzeugung heraus haben wir im
Januar dieses Jahres sofort damit begonnen, unsere Beziehungen zu Europa
und Japan in den Vordergrund der amerikanischen Außenpolitik zu rücken.
Das war der symbolische - und substantielle - Wert der Reise von Vizepräsident
Mondale gerade 96 Stunden nach der Amtseinführung. Und das war auch der Grund,

�Grund, warum der Präsident seine erste Auslandsreise nach Westeuropa machte für dessen Einheit wir nachdrücklich eintreten-um auf drei Gipfeltreffen
mit unseren Hauptverbündeten zusammenzukommen. Wir haben in den vielen
lebenswichtigen Fragen, die uns angehen, zuerst und vor allem die Konsultation mit unseren industriellen Partnern gesucht.
Unser Ziel dabei besteht nicht darin, zu einer völlig identischen Politik
zu gelangen. Aber wir müssen zusammen unsere jeweiligen nationalen Sicherheitspolitiken und Wirtschaftspolitiken in Bezug zu gemeinsamen Anstrengungen
setzen, um die Versöhnung unter den Völkern zu fördern und eine wirksamere
internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit zu erreichen. Darüber hinaus
müssen wir im Umgang miteinander von einem höheren Maß an gegenseitiger
Achtung und Fürsorge ausgehen, als dies normalerweise in den Beziehungen
zwischen souveränen Staaten üblich ist. Wir müssen eine größere Verpflichtung
zur Konsultation und zur Anpassung unserer nationalen Politiken im Lichte
ihrer Auswirkung auf unsere wichtigen Partner akzeptieren.
Der Wirtschaftsgipfel im Mai dieses Jahres war ein nützliches Forum
für die Konsultation hinsichtlich unserer Wirtschaftspolitik. Der NATOGipfel brachte gemeinsame Schritte zur Steigerung unserer kollektiven
Sicherheit hervor. Darüber hinaus hat der Präsident in seiner Direktive Nr. 18
erst kürzlich die Vereinigten Staaten erneut zu einer Politik der Vorneverteidigung in Europa und der Sicherheit unserer Verbündeten im Fernen Osten
verpflichtet. Aber diese Verpflichtung muß im Lichte sich verändernder Umstände immer wieder neu definiert werden,und ihre strategischen und taktischen
Auswirkungen werden in den kommenden Jahren eine noch größere Zusammenarbeit
und eine gemeinsame Neubewertung erfordern.
In ähnlicher Weise müssen wir gemeinsam der Gefahr ins Auge sehen, daß
die moderne Welt bald vor einer zunehmenden Energiekrise stehen wird, und
wir alle - und vor allem die Vereinigten Staaten - müssen immer dringlicher
Mittel und Wege zur Einsparung und Innovation entwickeln.
Eine sichere
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�Eine sichere und zusammenarbeitende Gemeinschaft der modernen demokratischen Industriestaaten ist die notwendige Quelle der Stabilität für ein
breites System der internationalen Zusammenarbeit. Wir sind uns bewußt,
wie falsch es wäre, eine geometrische Welt zu konstruieren - ob zweiseitig,
dreiseitig oder fünfseitig - die die Mehrheit, die in den Entwicklungsländern lebt, ausschließt. Ein Weltgebäude, das diese Realität ignorieren
würde, wäre inhuman, denn es würde eine Gleichgültigkeit gegenüber den
Leiden anderer zum Ausdruck bringen. Es wäre unrealistisch, denn wir können
nicht einfach Dutzende von Nationen ignorieren, mit denen wir in einem
zunehmenden Maße in Interdependenz geraten. Und es wäre auf lange Sicht
gefährlich, denn die Probleme, die wir heute vernachlässigen, werden morgen
in noch virulenterer Form auf uns zukommen. Wir streben daher nach der
Schaffung einer neuen politischen und internationalen Ordnung, die im wahren
Sinne eine stärkere Beteiligung bietet und in einem echteren Sinne auf den
weltweiten Wunsch nach größerer sozialer Gerechtigkeit, Gleichberechtigung
und größeren Chancen für die Selbstverwirklichung des einzelnen eingeht. Wir
sind der Überzeugung, daß es nicht nur in unserem eigenen Interesse liegt
und für ein wirksames Funktionieren der Weltwirtschaft unerläßlich ist,
wenn wir dieser Dimension der Außenpolitik eine größere Beachtung schenken,
sondern daß es auch eine Rückkehr zu einigen der tiefsten Werte und historischen
Wurzeln unseres eigenen Landes bedeutet - und gleichzeitig die Wiederherstellung
der Bedeutung des Westens für die universalen Verhältnisse der Menschheit.

Aus diesem Geiste heraus hat die neue Administration versucht, unsere
Beziehungen zu Lateinamerika und Afrika auf eine neue Ebene zu heben. Wir
haben auf die traditionaelle Methode verzichtet, die amerikanischen Beziehungen
zu Lateinamerika in ein neues Schlagwort ZL, fassen. Stattdessen haben wir
unterstrichen, daß wir die Vielfältigkeit der lateinamerikanischen Völker
respektieren, daß wir in den meisten Fällen in eine bilaterale Beziehung
zu ihnen treten wollen; auch wenn es nützlich ist auf einer regionalen Basis;
und auf einer globalen Basis, wo es sich mehr um weltweite Probleme handelt.
Ich glaube, die meisten lateinamerikanischen Länder respektieren und begrüßen
diese Einstellung. Sie sehen in ihr das Aufgeben der gewohnten amerikanischen
Bevormundung und den Anfang reiferer und normalerer Beziehungen, ähnlich denen,

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�denen, die die Vereinigten Staaten zu anderen Staaten der Welt pflegen.
Was Afrika anbetrifft, so haben wir - und wie ich meine mit Erfolg versucht, uns mit den gerechten Wünschen und Bestrebungen der Schwarzafrikaner zu identifizieren. Wir haben die Position der Indifferenz und der
Distanziertheit aufgegeben, die in der Vergangenheit zeitweilig für die
Haltung Amerikas gegenüber diesen Bestrebungen charakteristisch gewesen war.
Damit, so glaube ich, machen wir es auch für die Vereinigten Staaten wie
ganz allgemein für den Westen leichter, eine kreative Rolle bei der Bewältigung einiger internationaler Probleme zu spielen, denen sich die afrikanische
Gemeinschaft heute gegenübersieht.
In Asien, wo die Vereinigten Staaten auch weiterhin eine wesentliche
Rolle spielen werden, sind wir durch den Fortschritt ermutigt, der in einigen
Teilen dieses riesigen Gebietes erzielt wurde. Die Entstehung von ASEAN
(Association of South East Asian Nations - Vereinigung Südostasiatischer
Nationen - Mitglieder: Indonesien, Philippinen, Malaysia, Singapur, Thailand),
die wachsende Prosperität des Pazifischen Beckens sowie der konstruktive
Charakter jüngster japanischer Initiativen sind begrüßenswerte Entwicklungen,
die zusammenwirkend zu einer gesünderen internationalen Ordnung beitragen
werden.
Kurz gesagt: unser Verhältnis zu den Entwicklungsländern ist gekennzeichnet von unserer Bereitwilligkeit, aktiv nach Lösungen für noch verbleibende "antikolonial istische" Streitfragen zu suchen; von unserem Engagement bei der Suche nach Antworten auf die mehr strukturellen Probleme der
Nord-Süd-Beziehungen; von unserem Wunsch, eng mit den immer einflußreicher
werdenden jungen Staaten zusammenzuarbeiten,und von unserem Bestreben, die
Auslandshilfe stärker auf die Ansprüche der ärmsten Völker auszurichten.
Zur gleichen Zeit aber muß ein umfassenderes und kooperativeres

Weltsystem

auch jenen Teil der Welt miteinbeziehen, der von kommunistischen Regierungen

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�Regierungen beherrscht wird. Ein Drittel der Menschheit lebt heute unter
kommunistischen Systemen, und diese Staaten müssen - so weit sie dazu bereit
sind - in das größere Netz globaler Kooperation miteingegliedert werden. Das
Ziel besteht also darin, die Ost-West-Beziehungen in einen erweiterten Rahmen
der Kooperation mit einzubeziehen, anstatt sich auf die Ost-West-Peziehungen
als auf das entscheidende und beherrschende Anliegen unserer Zeit zu konzentrieren. In den sechziger Ji.hren wurde das weltpolitische Geschehen
beherrscht durch die immer stärker hervortretenden Unterschiede in der
kommunistischen Welt und durch das Konkurrenzverhältnis zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion. Und Anfang der siebziger Jahre zeigten sich
viele Beobachter der außenpolitischen Szene besorgt, daß die nächste Ära
durch Anstrengungen gekennzeichnet sein würde, ein amerikanisch-sowjetisches
Kondominium zu errichten. Ein roter Faden zieht sich durch alle diese Verallgemeinerungen: Das Wesen der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen - seien
sie nun gekennzeichnet durch Konfrontation, Kokurrenzkampf oder die befürchtete
Aussicht auf ein Kondominium - tendierte dazu, die amerikanische Außenpolitik,
ja, die Weltpolitik zu beherrschen.
Das sollte und braucht auch nicht länger der Fall zu sein. Zu den OstWest-Beziehungen

und besonders zu den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen

gehören Elemente sowohl des Wettstreits als auch der Kooperation,und das
wird auch weiterhin so bleiben. Wir sind hinsichtlich unserer Fähigkeit und
unserer Entschlossenheit zum Wettbewerb auf wirtschaftlichem, politischem und
militärischem Gebiet durchaus zuversichtlich. Aber wir dürfen nicht zulassen,
daß

die Gestaltung eines Verhältnisses, das sowohl durch Wettstreit als auch

durch Kooperation bestimmt sein wird, alle unsere Perspektiven dominiert.
Es gibt für uns heute gar keine realistische Entscheidung mehr zwischen einem
Weg, der allein auf die Sowjetunion ausgerichtet ist oder auf die Zusammenarbeit mit unseren tri lateralen Freunden oder auf das Eintreten für die
Nord-Süd-Beziehungen. Eine Welt, in der die Elemente der Zusammenarbeit überwiegen gegenüber Konkurrenz und Wettstreit, bringt die Notwendigkeit mit sich,
einen umfassenderen und kooperativeren globalen Rahmen zu schaffen. Es war
nicht unser Wunsch, daß die Welt so komplex ist, aber wir müssen mit ihr in all

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�in all ihrer Konnexität fertig werden, auch wenn das eine Außenpolitik
bedeutet, die sich nicht auf eine einzige und einfache Devise reduzieren
läßt.
Deshalb sind wir bemüht, die Sowjetunion in einem weitergefaßten Rahmen
zur Zusammenarbeit zu bewegen. Wie Präsident Carter bereits in seiner
Notre-Dame-Rede ausgeführt hat, wünschen wir eine Entspannung, die sowohl
umfassend als auch reziprok ist. Wir streben eine Zusammenarbeit im
Indischen Ozean an, im Nahen Osten und in Europa wie auch in größeren
globalen Fragen. Wir möchten auch das Wettrüsten eindämmen. Dieses Wettrüsten ist kostspielig und gefährlich. Wir wollen das Ausmaß der strategischen
Rüstungen auf beiden Seiten reduzieren - und weiter reduzieren -, die Verfeinerung der Waffentechnik auf beiden Seiten einfrieren und ein Abkommen
erreichen, in dessen Rahmen jede Seite auf die mehr spezifischen strategischen
Besorgnisse des anderen eingeht. Ich glaube, daß das nächste SALT-Abkommen
in gewissem Maße diese drei Ziele reflektieren wird. Es wird uns damit eine
nützliche Grundlage für das Streben nach noch ehrgeizigeren Begrenzungen im
SALT III-Abkommen bieten und vielleicht auch den Weg ebnen zu umfassenderen
Sicherheitsverhandlungen im europäischen Zusammenhang, über die MBFR-Verhandlungen hinaus.

Kein Gerüst für eine stabilere und gerechtere Weltordnung wäre vollständig, ohne die richtige Rolle der Volksrepublik China in Rechnung zu stellen.
Wir sind uns nicht nur darüber im klaren, daß der Friede in Ost- und Südostasien von einem konstruktiven sino-amerikanischen Verhältnis abhängig ist,
sondern wissen auch, daß China enorm

dazu beitragen kann, ein globales Gleich-

gewicht aufrechtzuerhalten. Beiderseitiges Interesse - und nicht etwa Gefühle hat unsere beiden Länder näher zusammengeführt. Wir müssen auch weiterhin daran
arbeiten, dieses Verhältnis noch enger zu gestalten. Eine Normalisierung dieser
Beziehungen ist notwendig, aber selbst solange diese

noch nicht abgeschlossen

ist, dürften beide Seiten es nützlich finden, eine engere konsultative Beziehung zu entwickeln, so daß jede Seite in angemessener Weise die legitimen
globalen Anliegen des anderen versteht und in Rechnung stellt. Ja, eine

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�Ja, eine tiefergehende konsultative Beziehung kann zu einer Haltung in
weltpolitischen Fragen führen, die beide Seiten stärkt und die Zusammenarbeit fördert.

Die Lösung von Konflikten
Das dritte Hauptziel, das wir uns im Januar dieses Jahres gesetzt haben,
bestand darin, unsere Aufmerksamkeit auf drei Hauptfragen zu konzentrieren,
die nach unserer Auffassung die größte Gefahr einer zerstörerischen Eskalation
in sich bergen.
Die erste betrifft die Zukunft des Panamakanals. Die meisten Panamaer
und viele Lateinamerikaner sehen diese Frage als ein Überbleibsel des
amerikanischen Kolonialismus an - eine Ansicht, die auch in der Dritten Welt
weitgehend geteilt wird. Ich muß offen und ehrlich sagen, daß die Bemühungen
um einen neuen Vertrag, der die Präsenz der USA in der Kanalzone phasenweise
abbaut und es Panama erlaubt, seine Beteiligung an dem Betrieb und der Verteidigung des Kanals zu vergrößern, während gleichzeitig die Vereinigten
Staaten die letztliche Sicherheitsverantwortung beibehalten, in den USA keine
populäre Angelegenheit ist. Und doch ist sich die neue Administration darüber
im klaren, daß alle Bemühungen um die Aufrechterhaltung des Status quo unsere
Beziehungen zu Lateinamerika vergiften und letztlich sogar unsere Fähigkeit
untergraben würden, den Kanal offen zu halten. Wir sind daher entschlossen
zu beweisen, daß die mächtigste Nation der Welt bereit ist, mit einer der
kleinsten Nationen der Welt zusammenzuarbeiten, um ein Verhältnis herzustellen,
das sich auf Partnerschaft und gegenseitiger Achtung gründet. Wir hoffen auch,
damit zu beweisen, daß unantastbare Zonen der Vorherrschaft von Großmächten
ein historischer Anachronismus sind - ein Punkt, der auch für andere Teile der
Welt eine gewisse Bedeutung haben mag.
Die zweite Hauptfrage,

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�Die zweite Hauptfrage, der wir uns im Januar gegenübersahen, war das
südliche Afrika. Dort sind wir mit der Gefahr konfrontiert, daß der Rassenkonflikt über kurz oder lang zu einem ideologischen Krieg mit Beteiligung
von außen wird. In Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten bemühen wir
uns, im südlichen Afrika eine Lösung zu fördern, die auf Gerechtigkeit
basiert. Mehrheitsregierung und das Prinzip "ein Mann -eine Stimme" entspricht unserer grundsätzlichen Auffassung, daß der Mensch ein geistiges
Wesen ist und in transzendentalem Sinne alle Menschen gleich sind. Und wir
sind bereit, eine dauerhafte Rolle bei der Lösung der Probleme des südlichen
Afrika zu spielen - zu Bedingungen, die für die dort lebenden Menschen
akzeptabel sind. In Simbabwe bedeutet dies die Unterstützung eines raschen
Übergangs zur Mehrheitsregierung; in Namibia bedeutet es die Übernahme der
Macht durch eine afrikanische Regierung, die auf dem Willen der Mehrheit
beruht. Wir sind uns auch darüber im klaren, daß die Situation in der Republik
Südafrika komplexer ist und daß viel mehr Zeit nötig ist, um sie zu lösen.
Wir wissen, daß die Südafrikafrage einen fundamentalen Konflikt der geistigen
Haltung sowie des Geschichtsbewußtseins und Selbstverständnisses beinhaltet.
Wir sind bestrebt, an der Schaffung von Bedingungen mitzuwirken, die die
Anpassung zu einer neuen Realität werden läßt - erneut im Geist der Zeit eine Realität, die für die am stärksten Betroffenen so friedlich und so
annehmbar wie möglich ist.

Wir sind ferner entschlossen, unseren Beitrag zu leisten, um sicherzustellen, daß Afrika im allgemeinen nicht zu einem Terrain für ideologische
Konflikte wird. Deshalb bestehen wir darauf, daß die Großmächte von Einmischung und dem Schüren von Konflikten Abstand nehmen, sei es im südlichen
Afrika oder am Hörn Afrikas. Die Probleme dieses Kontinents sind schmerzhaft
genug, auch ohne daß sie von ideologischen Fragen infiziert werden, die aus
einem anderen Zeitalter und von anderen Kontinenten stammen.
Das dritte kritische Problem, auf das zu konzentrieren wir entschlossen
waren, war der Nahe Osten. Ein Anhalten des Konflikts in diesem Gebiet stellt
eine direkte Bedrohung des Weltfriedens dar und radikalisiert gleichzeitig

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�gleichzeitig die Nachbarn Israels. Ein solcher Konflikt stellt für Europa
und Japan genau so eine Gefahr dar wie für die Vereinigten Staaten, ganz
zu schweigen von Israel selbst. Wir erkannten auch, daß eine Gelegenheit
bestand, raschere Fortschritte zu einem echten Frieden zu erzielen. Die
Israelis, die so mutig um ihr überleben gekämpft haben und zu deren Fortbestand sich jeder moralisch empfindende Mensch verpflichtet fühlen muß,
haben oft erklärt, daß die im Jahre 1967 besetzten Gebiete solange gehalten
würden, bis ihre arabischen Nachbarn bereit seien, umfassende Friedensverpflichtungen auf sich zu nehmen. Unsere Regierung hat daher - aufbauend
auf den von der vorigen amerikanischen Administration erreichten schrittweisen
Vorkehrungen - versucht, auf eine wachsende Mäßigung der Araber hinzuwirken
und eine solche herauszukristallisieren, um dadurch direkte Verhandlungen
zwischen den Beteiligten zu ermöglichen. Wir hoffen, daß in nicht allzu
ferner Zeit eine unpassende Konferenz zustande kommt und daß in der Zwischenzeit alle Parteien eine Haltung der Mäßigung einnehmen werden, wobei man
sich vor Augen halten sollte, daß manchmal eine übermäßige Genauigkeit in
Detailfragen ein Feind der Anpassung sein kann.
Der Weg wird jedoch außerordentlich schwierig sein, und wir sind uns
dieser Tatsache bewußt. Ich glaube, daß Europa und Japan, ja, der größte Teil
der Menschheit unsere Verpflichtung teilen, zu einer Lösung beizutragen und
auf die eine oder andere Weise auch einen konstruktiven Einfluß ausüben
können, indem sie auf den notwendigen Geist der Mäßigung hinwirken, der nun
einmal erforderlich ist, um einen so sehr mit politischen und moralischen
Verwicklungen beladenen Konflikt beizulegen.

Aufgeschlossenheit gegenüber neuen globalen Dilemmas
Und schließlich war es unser Hauptziel, gemeinsam mit anderen die Schwelle
des Bewußtseins für die Bedeutung zweier entscheidend wichtiger Probleme
weltweit zu heben, denen man nach unserer Beurteilung in der Vergangenheit

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�Vergangenheit nur ungenügend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Es sind dies
die Probleme de. Nonproliferation (Nichtweiterverbreitung von Kernwaffenmaterial) und der Transfer von konventionellen Waffen.
Unsere Nonproliferationspolitik ist sich dabei der beiden Notwendigkeiten bewußt: anderen Nationen bei der Sicherung ihres Energiebedarfs zu
helfen und der Ausbreitung der Kernwaffen Einhalt zu gebieten. Unsere
Politik zielt also nicht darauf ab, der unumgänglichen Ausbreitung einer
wichtigen Technologie künstliche Hindernisse in den Weg zu stellen. Vielmehr
müssen wir die Nationen dazu bringen, die Probleme des Plutonium-Brennstoffzyklus unter einem neuen Aspekt zu sehen und den technischen Alternativen,
die es nach unserer Überzeugung gibt, größere Aufmerkasamkeit zu widmen.
Diese Politik ruht auf einer festen wirtschaftlichen und technischen Grundlage, die zwei zentral

wichtige Elemente enthält. Erstens, die Energie-

planung vieler Staaten - vor allem der technisch entwickelten - geht von einer
nach unserer Ansicht starken Überschätzung des künftigen Energiebedarfs aus.
Zweitens, wir sind der Meinung, daß die weltweiten Reserven an Uran und
Thorium weitaus größer sind als ursprünglich geschätzt wurde.
Unsere Analyse dieser Überlegungen führt uns zu dem Schluß, daß eine
Wiederaufbereitung und erneute Verwendung von Plutonium in den USA und
anderswo voreilig wäre. Daher hat der Präsident im Frühjahr dieses Jahres
die Wiederaufbereitung in den Vereinigten Staaten bis auf unbestimmte Zukunft
verschoben und eine internationale Analyse vorgeschlagen, bei der die technisch
entwickelten und die Entwicklungsländer gemeinsam diese und verwandte Fragen
prüfen und versuchen könnten, zu gemeinsam vereinbarten Antworten zu gelangen.
Ich bin erfreut, berichten zu können, daß in der vorigen Woche über 35 Nationen
in Washington zur ersten Konferenz über diese historische Aufgabe zusammentrafen.
Wir wollen auch die Gefahren stärker ins Bewußtsein rücken, die mit dem
zunehmenden Transfer von konventionellen Waffen verbunden sind. Diese Waffenlieferungen haben sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts mehr als verdoppelt.
Nicht nur zeigte sich ein bestiirzender Anstieg irr Umfang der Waffenlieferungen,

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�Waffenlieferungen, sondern die heute verkauften Waffen sind auch technisch
immer höher entwickelt und komplizierter. Während einerseits nur eine Handvoll
Staaten solche Waffen produzieren, wächst anderseits die Zahl der Nationen,
die sie zu kaufen wünschen in rapidem Tempo. Diese Tendenz hält an, trotz
der gewaltigen Lasten, die damit einer ins Schwanken geratenen Weltwirtschaft
aufgebürdet werden. Die tragische Ironie liegt darin, daß die Ressourcen,
die von wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsaufgaben für den Waffenkauf
abgezweigt werden, vielleicht gerade die Sicherheit unterminieren, die man
sich mit den Waffen kaufen möchte.
Die Vereinigten Staaten haben sich angeschickt dieser Gefahr für das
Wohlergehen der Menschheit entgegenzutreten. Wir haben begonnen, unsere
Waffenexporte einzuschränken, wobei wir uns aber gleichzeitig darüber klar
sind, daß wir mit diesem globalen Problem nicht allein fertig werden können.
Wir sind daher bestrebt, mit anderen Waffenlieferanten zusammenzuarbeiten,
um den Strom der Waffenlieferungen und die Ausbreitung der neuzeitlichsten
Waffentechnologie einzudämmen. Was aber genauso wichtig ist, wir hoffen,
mit den Waffenimporteuren zusammenarbeiten zu können, um die Nachfrage nach
immer mehr und kostspieligeren Waffen zu reduzieren. Während wir weiterhin
bereit sind, unsere Freunde mit den notwendigen Mitteln für die Selbstverteidigung zu versorgen, sind wir entschlossen, alles zu tun, um die wachsende
Spirale der Waffenexporte zurückzudrehen.
Seitdem diese Administration ihr Amt übernommen hat, waren wir uns völlig
darüber im klaren, daß diese beiden Probleme äußerst schwierig sind, daß sie
eine geschickte Strategie erfordern würden, an der man viele Jahre wird arbeiten
müssen, und daß sie auch die Beziehungen zu unseren Freunden und Verbündeten,
wie sie hier dargestellt wurden;, komplizieren könnten. Aber niemand von uns
kann die Auswirkungen ignorieren, die sich ergeben würden, wenn es uns nicht
gelingt, das Problem der Nonproliferation und der Waffenlieferungen in den
Griff zu bekommen. Denn genau so wie die wirtschaftliche Interdependenz heute
ein neues Problem in der Existenz der Vereinigten Staaten ist, so geht auch
die politische Interdependenz uns alle an.
Ich habe versucht,
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�Ich habe versucht, auf diesen vier Gebieten die hauptsächlichen Probleme
und Ideen aufzuzeigen, die unsere Haltung in der Außenpolitik in diesem Jahr
beeinflußt haben. Ich behaupte nicht, daß es uns bereits gelungen sei,
unsere Ziele zu erreichen. Einige werden vielleicht nicht einmal während
der Amtszeit dieser Administration zu verwirklichen sein. Ich bin aber
davon überzeugt, daß bereits ein echter Fortschritt erzielt worden ist.
1. Der Anti-Amerikanismus ist schwächer geworden; das historische
Vertrauen in den Vereinigten Staaten und gegenüber den Vereinigten Staaten
ist neu erwacht; unser Eintreten für die Menschenrechte hilft mit, dem Begriff
der Demokratie seine wahre Bedeutung wiederzugeben und damit auch die Bedeutung der Demokratie für die ganze Welt zu stärken.
2. Wir haben einigen Fortschritt bei der Verwirklichung der Beschlüsse
der Gipfelkonferenz vom Mai dieses Jahres erzielt, aber wir müssen hier noch
mehr tun, vor allem, was das Wirtschaftswachstum und die Verhinderung von
Protektionismus anbetrifft.
Wir haben auch die Atmosphäre der Nord-Süd-Beziehungen etwas verbessert
und für unsere Beziehungen zu Lateinamerika und Afrika eine kooperativere
und ausgewogenere Basis gefunden.
Wir haben auch Fortschritte in unseren unablässigen Bemühungen zu
verzeichnen, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen auf eine stabile
und ausgewogene Grundlage zu stellen, ohne in die Extreme einer allgemeinen
Euphorie oder einer Feindseligkeit zu verfallen. Ja, wir verhandeln heute
über ein breiteres Spektrum bilateraler Fragen als je zuvor in den amerikanischsowjetischen Beziehungen.
3. Wir haben soeben einen Vertrag mit Panama unterzeichnet, um dessen
Ratifizierung wir unr bemühen; wir haben das Prestige und den Einfluß der USA
mobilisiert in dem Versuch, faire Lösungen für 'ie Probleme im südlichen
Afrika zu erreichen; wir haben einen Fortschritt erzielt, Israel und die Araber

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�Araber zu der Bereitschaft zu bringen, über drei der -entralen Fragen im
Nahostkonflikt zu verhandeln: nämlich über das Wesen des Friedens, das
Verhältnis zwischen den territorialen und den Sicherheitsvereinbarungen
und die Palästinenserfrage. Ich glaube, daß alle Parteien heute einsehen,
daß es die Vereinigten Staaten ehrlich mit ihrem Wunsch meinen, zu einer
umfassenden Friedensregelung beizutragen.
4. Wir haben uns in Bezug auf unsere Waffenexporte selbst Beschränkungen
auferlegt, indem wir uns verpflichteten, das Gesamtvolumen dieser Exporte
von Jahr zu Jahr zu verringern; wir sind dabei, in Verhandlungen mit anderen
Ländern auch diese zu einer solchen Selbstbeschränkung zu veranlassen. Es ist
uns auch gelungen, ein echtes Interesse für die Nonproliferation zu erwecken,
trotz - oder vielleicht auch gerade wegen - der Differenzen, die dieses Thema
anfänglich hervorrief.
Wenn es ein gemeinsames Thema für all unsere Bemühungen gibt, so ist
es dies: Nach dem Zweiten Weltkrieg war unsere Außenpolitik - aus Notwendigkeit - vor allem auf Fragen konzentriert, die im Zusammenhang mit dem kalten
Krieg standen. Damit verengte sich der Brennpunkt und verschärfte sich auf
das Bild und erleichterte es in manchen Fällen, die öffentliche Meinung zu
mobilisieren. Eine auf e_iji Anliegen konzentrierte Außenpolitik konnte von
der Stimme der Öffentlichkeit getragen werden.
Heute stehen wir vor einer weitaus schwierigeren Aufgabe, die eine von
Vernunft getragene Unterstützung braucht. Wir müssen uns mit einem weitergespannten Bereich von Problemen befassen - von denen einige immer noch mit
dem kalten Krieg zu tun haben - mit Problemen, die sich aus einem komplizierten Prozeß globaler Veränderungen ergeben haben. Eine konzentrierte
Außenpolitik muß einer komplexen Außenpolitik Platz machen, in deren Brennpunkt nicht länger eine einzige, dramatische Aufgabe steht - wie beispielsweise die Verteidigung des Westens. Stattdessen müssen wir uns mit dem fernen
und schwierigen Ziel befassen, eine Welt zu gestalten, die plötzlich politisch
wach und sozial unruhig geworden ist.
Das Ringen
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�Das Ringen um die Gestaltung der Zukunft weist damit starke Parallelen
zu den Erfahrungen auf, die die westlichen Demokratien in den vergangenen
anderthalb Jahrhunderten gemacht haben. Und es sind diese Erfahrungen, die
ein gewisses Maß an Hoffnung auf eine vernünftigere und gerechtere Anpassung bei einer weitaus komplexeren und dem Umfang nach umfassenderen
Aufgabe g&lt; b^n. Diese Gestaltung, die mit der Zeit den Charakter einer
wahrhaft globalen Gemeinschaft annehmen kann, läßt sich nicht ir voraus
entwerfen, sie wird nur durch allmähliche Veränderungen sowohl des Ausblicks
als auch der objektiven Bedingungen für die Menschheit zustande kommen.
Wir sind davon überzeugt, daß Freiheit und Gleichheit in der Tat in kreativer
Weise miteinander bestehen können. Was die Zukunft anbetrifft, so sind wir
überzeugt, daß die Demokratie - in ihren vielfältigen Manifestationen und
mit ihren mannigfaltigen Entwicklungsstadien - der Erfüllung der von der
Menschheit wahrhaft gehegten Ansprüche am nächsten kommt. Wir sind zuversichtlich, daß unser Mitwirken die Chancen vergrößern kann, daß dem Menschen
bestimmt ist, in Zukunft in einer Welt zu leben, die in kreativer Weise
pluralistisch ist.

+ + + + +

- 20

�Dokumentation
United States Information Service

9. November 1977

29

USA TRETEN AUS DER INTERNATIONALEN ARBEITSORGANISATION (ILO) AUS
- Wortlaut der amtlichen Erklärungen und des Kündigungsschreibens -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten treten aus der Internationalen
Arbeitsorganisation - International Labor Organization (ILO) - aus, da diese
zu den Sonderorganisationen der Vereinten Nationen zählende Einrichtung nicht
mehr ihren eigentlichen Aufgaben und Zielsetzungen dient. Der amerikanische
Arbeitsminister Ray Marshall gab diesen Beschluß von Präsident Carter auf
einer Pressekonferenz am 1. November 1977 bekannt.
Die Vereinigten Staaten hatten bereits am 5. November 1975 einen solchen
Schritt angekündigt, wenn die ILO ihr Verhalten nicht korrigiere. Der damalige
amerikanische Außenminister Henry A. Kissinger hatte in seinem Schreiben gemäß
Artikel 1 Absatz 5 der Satzung der Internationalen Arbeitsorganisation die
Absicht der Vereinigten Staaten erklärt, aus der Organisation auszutreten.
Kissinger hatte damals betont, daß die USA hofften, diese Absicht nicht verwirklichen zu müssen. Als Gründe für den Schritt der amerikanischen Regierung
wurden damals die Aushöhlung der dreiseitigen Vertretung - Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staat - und das Übergewicht des Staates, die unterschiedliche
Anwendung der ILO-Konvention über Menschenrechte in Ost und West und die Mißachtung der angemessenen Verfahrensweisen genannt.
Präsident Jimmy Carter

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Präsident Jimmy Carter sowie Arbeitsminister Marshall und der Vertreter
der USA im Genfer Büro der Vereinten Nationen, Botschafter William J. vanden
Heuvel, unterstrichen die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, in die 48
Jahre alte Organisation zurückzukehren, wenn in den genannten Punkten entsprechend Abhilfe geschaffen werde.
Der jetzige Schritt Washingtons wurde von dem Präsidenten des amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO, George Meany, und von der Handelskammer der
Vereinigten Staaten gebilligt und begrüßt. Von Gewerkschafts- wie Arbeitgeberseite
wurde betont, daß der Präsident angesichts der Verhältnisse in der ILO die
richtige Entscheidung getroffen habe. Ferner wurde die Bereitschaft unterstrichen,
in der Internationalen Arbeitsorganisation wieder mitzuarbeiten, wenn die
Mißstände dort beseitigt wären.

Erklärung des Präsidenten
Die Erklärung von Präsident Carter, die Arbeitsminister Marshall auf seiner
Pressekonferenz am 1. November verlas, hat folgenden Wortlaut:
Vor zwei Jahren haben die Vereinigten Staaten offiziell ihre Absicht
dargelegt, daß sie aus der Internationalen Arbeitsorganisation austreten würden,
wenn keine korrigierenden Maßnahmen getroffen würden, um die Verpflichtung
dieser Organisation zu ihren ursprünglichen Zielen wiederherzustellen. Da keine
solchen Maßnahmen ergriffen wurden, ordne ich an, daß die Mitgliedschaft der
Vereinigten Staaten in der ILO beendet wird.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, in die ILO zurückzukehren,
wenn diese Organisation wieder ihren wahren Grundsätzen und Zielen treu ist.

Erklärung von Arbeitsminister Marshall

�Erklärung vor Arbeitsminister Marshall
Die Erklärung, die der amerikanische Arbeitsminister Ray Marshall am
1. November zu dem Austritt der USA aus der ILO abgab, hat folgenden Wortlaut:
Wie aus der Erklärung des Präsidenten hervorgeht, haben wir beschlossen,
daß unser Schreiben über den Austritt aus der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) in Kraft treten soll.
Das war eine sehr schwere Entscheidung. Wir glauben weiterhin an das
Potential der ILO, sich der Probleme der arbeitenden Menschen in der ganzen
Welt anzunehmen. Wir bedauern es, daß die ILO diesem Potential nicht gerecht
wi rd.
Die Carter-Administration ist sehr besorgt um die Menschenrechte. Ein
Minimum an Arbeitsbedingungen ist ein grundlegendes Menschenrecht. Schon allein
humanitäre Überlegungen schaffen eine zwingende Notwendigkeit,daß Arbeiter
anständige Löhne und Arbeitsbedingungen sowie die Koalitionsfreiheit erhalten.
Aber darüber hinaus leben wir in einer Welt, in der die Arbeitsbedingungen in
einem Land Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern haben.
Eine liberale Handelspolitik ist nur möglich, wenn ein Minimum an Arbeitsbedingungen gewährleistet ist unc Länder in eine faire Konkurrenz treten.
Das sind Fragen, deren Behandlung Aufgabe der ILO sein sollte. Leider hat
die ILO in den letzten Jahren in zunehmendem Maße ihre Grundprinzipien und
Verfahren außer acht gelassen. Es gibt vier besonders alarmierende Entwicklungen.
Das sind die selektive Anwendung der Menschenrechte, die Verweigerung angebrachter Verfahren, die Einführung politischer Gesichtspunkte über das eigentliche Mandat der ILO hinaus und die Aushöhlung des Grundsatzes der dreiseitigen
Vertretung. Als Ergebnis dieser Entwicklungen sahen sich die Vereinigten Staaten
am 5. November 1975 gezwungen, die ILO mit zweijähriger Frist, wie in der
Satzung der Organisation vorgeschrieben, von ihrer Austrittsabsicht in Kenntnis
zu setzen.
In dem Schreiben

- 3 -

�In dem Schreiben von 1975 wurde klargemacht, daß die Vereinigten Staaten
nicht aus der ILO austreten und daran arbeiten wollten, diese beunruhigenden
Entwicklungen zu ändern.
Während der letzten zwei Jahre wurden außerordentliche Anstrengungen
unternommen, um anderen Nationen die Besorgnis der Vereinigten Staaten zu
erläutern und gemeinsam mit ihnen die notwendigen Veränderungen in der ILO
herbeizuführen. Eine Zeit lang schien es, als ob diese Anstrengungen einen
Fortschritt brächten.
.

•

.

-

Als diese Administration ihr Amt antrat, führten wir eine gründliche
Überprüfung der Umstände durch, die zu dem Schreiben von 1975 und den seitherigen Geschehnissen geführt haben. Wir hegten die Hoffnung, daß die ILOKonferenz von Juni 1977, an der ich teilnahm, Maßnahmen zur Herbeiführung
der notwendigen Änderungen treffen würde. Zu unserem Bedauern waren die
Ergebnisse der Konferenz enttäuschend. Eine Mehrzahl der Delegierten weigerte
sich, der Bewegung der Organisation weg von den anerkannten Grundsätzen und
Verfahret Einhalt zu gebieten. Wir beschlossen daher, unsere Ankündigung des
Austritts aus der ILO wirksam werden zu lassen.
Ich möchte nicht, daß unser Austritt aus der ILO mißverstanden wird. Diese
Maßnahme bedeutet keine Verringerung unserer weiteren Verpflictung gegenüber
internationalen Organisationen oder der Bedeutung, die wir dem wirksamen
Funktionieren dieser Organisationen beimessen. Im Gegenteil, unser tiefer Glaube
an die wichtige Rolle internationaler Organisationen hat uns veranlaßt, klar
zum Ausdruck zu bringen, daß es Grenzen gibt, bis an die eine Organisation wie
die ILO gehen kann.
Ich bin optimistisch, daß die ILO die notwendigen Änderungen vornehmen
wird, die uns eine Rückkehr in die Organisation erlauben werden. Ich hoffe,
daß wir in kurzer Zeit in der Lage sein werden, mit gutem Gewissen wieder an
der Arbeit der ILO teilzunehmen. Unsere Verpflichtung für die Ziele der ILO
in der Vergangenheit und das Potential der Organisation ist unvermindert. Jn.

- 4 -

�In gleicher Weise ist unsere Verpflichtung unvermindert, in wichtigen Arbeitsfragen mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
Diese Administration wird weiterhin die Ergebnisse in Genf genau verfolgen.
Ein Hinweis auf unser anhaltendes Interesse an der ILO ist die Entscheidung,
den ILO-Ausschuß auf Kabinettsebene, dessen Vorsitzender ich bin, beizubehalten.
Ich beabsichtige, eine weitere Sitzung des Kabinettsausschusses in naher Zukunft
einzuberufen. Wir werden weiter auf den Tag hinarbeiten, an dem wir dieser
potentiell wertvollen internationalen Organisation wieder beitreten können.

Erklärung des US-Vertreters in Genf
Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten im Genfer Büro der Vereinten
Nationen, Botschafter William J. vanden Heuvel, gab am 1. November in Genf
folgende Erklärung ab:
Präsident Carter hat heute bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten
künftig kein Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation mehr sein werden.
Diese schwere Entscheidung ist der Ausdruc1' der Besorgnis der Vereinigten Staaten
hinsichtlich der Erfüllung des Grundsätze

und der Programme, für die die ILO

geschaffen wurde. Es ist in einem gewissen Sinne eine größer: Herausforderung
für uns alle, die Länder vertreten, welche entschlossen sind, den Rahmen der
internationalen Verständigung zu stärken. Die ILO kann auf eine lange und stolze
Geschichte zurückblicken. Die gegenwärtigen Meinungsverschiedenheiten sind nicht
unüberwindlic. . Die Vereinigten Staaten werden bestrebt sein, unsere Anliegen
weiterzugeben und Vorschläge für Lösungen anzuhören, damit wir alle wieder mit
einer stärkeren, zielbewußteren und hingebungsvollen ILO rechnen können, der die
Vereinigten Staaten wieder zurecht als Mitglied angehören werden.

Kündigungsschreiben Kissingers

- 5 -

�Kündigungsschreiben Kissingers
Das von dem damaligen amerikanischen Außenminister Henry A. Kissinger
unterzeichnete Kündigungsschreiben vom 5. November 1975 hat folgenden Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Generaldirektor,
dieser Brief stellt eine Erklärung der Absicht der Vereinigten Staaten
dar, aus der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labor
Organization - ILO) auszutreten. Sie wird gemäß Artikel 1, Absatz 5 der
Satzung dieser Organisation abgegeben, der den Austritt eines Mitgliedes unter
der Voraussetzung gestattet, daß zwei Jahre im voraus gegenüber dem Generaldirektor eine Absichtserklärung bezüglich des Austritts abgegeben wurde, und
unter der Bedingung, daß das betreffende Mitglied zu diesem Zeitpunkt alle ihm
aus der Mitgliedschaft erwachsenen finanziellen Verpflichtungen erfüllt hat.
Statt dem Bedauern über diesen Schritt Ausdruck zu geben möchte ich lieber
meiner Zuversicht hinsichtlich seines Endergebnisses Ausdruck verleihen. Die
Vereinigten Staaten wünschen nicht, die Internationale Arbeitsorganisation
zu verlassen. Die Vereinigten Staaten rechnen nicht damit, dies tun zu müssen.
Wir beabsichtigen vielmehr, jede nur mögliche Anstrengung zu unternehmen, Verhältnisse herbeizuführen, die unsere fortgesetzte Mitarueit möglich machen.
Wenn sich dies als unmöglich erweisen sollte, sind wir allerdings willens,
auszuscheiden.
Die amerikanischen Beziehungen zur ILO sind älter und wahrscheinlich
tiefer als die zu jeder anderen internationalen Organisation. Es handelt sich
hierbei um ganz besondere Beziehungen, die so geartet sind, daß uns nur außerordentliche Entwicklungen zu diesem Punkt zu bringen vermochten. Die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung war bereits im 19. Jahrhundert mit der internationalen
Bewegung verbunden, eine Weltorganisation zu errichten, die geeignet wäre,
die Interessen der Arbeiterschaft vermittels Tarifverhandlungen und über die
Sozialgesetzgebung tu fördern. Samuel Gompers, der Präsident des amerikanischen

- 6 -

�amerikanischen Gewerkschaftsverbandes American Federation of Labor, war Vorsitzender der Kommission, die die ILO-Verfassung auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 ausgearbeitet hat. Die erste Tagung der Internationalen
Arbeitskonferenz fand im gleichen Jahr in Washington statt. Im Jahre 1934
traten die Vereinigten Staaten der ILO bei, der ersten und einzigen Organisation des Völkerbunds, der sie sich je angeschlossen haben. Die Erklärung
von Philadelphia aus dem Jahre 1944 bekräftigte die Grundprinzipien der
Organisation und formulierte deren Absichten und Zielsetzungen neu, um ihre
Rolle für die Nachkriegszeit festzulegen. Zwei Amerikaner haben sich als
Generaldirektoren verdient gemacht. Viele Amerikaner haben in dieser Organisation mitgearbeitet. Und die ILO bildete insbesondere den Gegenstand der
anhaltenden Aufmerksamkeit und Förderung durch drei Generationen amerikanischer
Arbeitnehmer- und Arbeitsgebervertreter. In den letzten Jahren wich die
Förderung der zunehmenden Besorgnis. Ich möchte betonen, daß diese Besorgnis
gerade von jenen Gruppen am stärksten empfunden wird, die in den Vereinigten
Staaten allgemein als die fortschrittlichsten und weitblickendsten in Fragen
der Sozialpolitik angesehen werden. Es sind eben diese Gruppen, die am entschiedensten darauf dringen, daß die Vereinigten Staaten und andere Länder im
sozialen Bereich voranschreiten, die sich auch die größten Sorgen machen, daß
die ILO - so unglaublich dies scheinen mag - in ihren Leistungen nachläßt. Ohne
den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, möchte ich Ihnen vier
Angelegenheiten von grundlegender Besorgnis darlegen:

1. Die Aushöhlung der dreiseitigen Vertretung
Die ILO fungiert als eine Organisation, in der Vertreter der Arbeitnehmer,
der Arbeitgeber und des Staates zusammenkommen können, um ihre gemeinsamen
Interessen zu fördern. Die Verfassung der ILO geht vom Bestehen relativ
unabhängiger und weitgehend selbst-definierter und selbst-geleiteter Arbeitnehmer- und Arbeitgebergruppen innerhalb der Mitgliedstaaten aus. Die Vereinigten
Staaten sind sich dessen voll und ganz bewußt, daß sich diese Annahmen, die in
bezug auf die westlichen Demokratien zutreffen, die die ILO-Verfassung im Jahre
1919 ausgearbeitet haben, nicht überall auf der Welt als zutreffend erwiesen

- 7 -

�erwiesen haben; in Wahrheit herrschen heute nur in einer Minderheit der
Länder der Erde Verhältnisse, die wenigstens in etwa deneni.in den demokratischen
Industriestaaten vergleichbar sind, ebenso wie nur eine Minderheit den Anspruch
erheben kann, die politische Demokratie verwirklicht zu haben. Die Vereinigten
Staaten sind sich darüber im klaren, daß eine Revision der Praktiken und Verfahrensweisen der ILO die Welt von 1919 oder 1944 nicht wiederherstellen
wird.,. Es scheint uns untragbar, dies verlangen zu wollen. Andererseits ist
es ebenso untragbar, wenn andere Staaten beharrlich verlangen, daß wir als
Vorbedingung für unsere Mitarbeit innerhalb der ILO unsere bürgerlichen
Freiheiten aufgeben sollen, nur weil sie ein anderes politisches System besitzen.
Das werden wir nicht tun. Es muß sich eine Regelung finden, und es läßt sich
sicherlich eine finden. Sollte jedoch wirklich keine Zustandekommen, werden
sich die Vereinigten Staaten nicht passiv dem unterwerfen, was manche Leute
fälschlicherweise

für den Gang der Geschichte halten. Wir können es insbesondere

nicht hinnehmen, daß die Arbeitnehmer- und Arbeitgebergruppen in der ILO unter
die Herrschaft des Staates geraten.
2. Die selektive Sorge um die Menschenrechte
Die ILO-Konferenz zeigt sich schon seit einigen Jahren hinsichtlich der
Besorgnisse im Zusammenhang mit der Anwendung der grundlegenden ILO-Konvention
über die Koalitionsfreiheit und die Zwangsarbeit erschreckend selektiv. In
einigen Mitgliedstaaten geht sie Verletzungen der Menschenrechte nach. Im
Falle anderer Staaten gewährt sie Immunität bei diesbezüglichen Untersuchungen.
Dieses Verhalten untergräbt die Glaubwürdigkeit des Eintretens der ILO für die
Koalitionsfreiheit, die den Wesenskern ihrer dreigliedrigen Struktur ausmacht,
und es stärkt die Auffassung, daß die Menschenrechte nicht universell anwendbar
seien, sondern unterschiedlichen Interpretationen in Staaten mit unterschiedliche
politischen Systemen unterliegen.
3. Die Mißachtung angemessener Verfahrensweisen
Die ILO stand einst in dem beneidenswerten Ruf der Objektivität und der

�und der strengen Beachtung angemessener Verfahrensweisen bei ihren Untersuchungen angeblicher Verletzungen grundlegender Menschenrechte durch Mitgliedstaaten. Die Verfassung der ILO schreibt Verfahrensweisen für die Behandlung
von Anträgen und Klagen vor, daß sich ein Mitgliedstaat nicht an eine von ihm
ratifizierte Konvention halte. Es war zudem die ILO, die als erste Untersuchungs- und Schlichtungsmechsnismen errichtete, um angeblichen Verletzungen
von Gewerkschaftsrechten nachgehen zu können. In den letzten Jahren aber
wurden auf Tagungen der ILO-Konferenz immer häufiger Entschließungen angenommen,
die in äußerster Mißachtung etablierter Verfahrensweisen und Mechanismen bestimmte
Mitgliedstaaten verurteilten, die gerade die politische Zielscheibe des Augenblicks waren. Diese Tendenz beschleunigt sich gegenwärtig und beeinträchtigt
die ILO und deren Fähigkeit, ihre Ziele auf dem Gebiet der Menschenrechte zu
verfolgen, sehr ernsthaft.
4. Die zunehmende Politisierung der Organisation
In den letzten Jahren wurde die ILO zunehmend und im Übermaß in politische
Streitfragen verwickelt, die gänzlich außerhalb der Kompetenz und des Mandats
dieser Organisation liegen. Die ILO hat tatsächlich ein legitimes und notwendiges
Interesse an gewissen strittigen Fragen mit politischen Implikationen. Sie
trägt beispielsweise große Verantwortung für internationale Maßnahmen, um die
grundlegenden Menschenrechte weiter zu entwickeln und zu schützen, insbesondere
was die Koalitionsfreiheit, die Gewerkschaftsrechte und die Abschaffung der
Zwangsarbeit angeht. Die internationale Politik ist aber nicht Hauptbetätigungsfeld der ILO. Fragen, die die Beziehungen zwischen den Staaten angehen, und auch
die Verkündung wirtschaftlichen Grundsätze, sollten den Vereinten Nationen und
anderen internationalen Gremien überlassen bleiben, wo deren Erörterung von
größerer Relevanz für die Verantwortlichen jener Organisationen ist. Irrelevante
politische Streifragen lenken die Aufmerksamkeit der ILO von der Verbesserung
der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft ab - d.h. von Fragen, in deren Behandlung die ILO aufgrund ihrer dreifachen Struktur einen einmaligen Vorteil
gegenüber anderen, auf rein staatlicher Repräsentanz beruhenden Organisationen
der UN-Familie besitzt.
Alles in allem
- 9 -

�Alles in allem wendet sich die ILO, die von unserem Land stets nachdrücklich unterstützt wurde, von ihren grundlegenden Zielsetzungen und Zweckbestimmungen ab und läßt sich mehr und mehr für Zwecke benutzen, die weder
den Interessen der Arbeiterschaft, um deretwillen diese Organisation errichtet
wurde, noch den Interessen der Völker dienen, die sich freien Gewerkschaften
und offenen politischen Verfahrensweisen verpflichtet fühlen.
Das Internationale Arbeitsamt und die Mitgliedstaaten der Organisation
sind sich seit Jahren dessen bewußt, daß diese Tendenzen der Förderung der ILO
in den Vereinigten Staaten Abbruch tun. Es ist jedoch möglich, daß Grundlagen
und Tiefe dieser in den Vereinigten Staaten bestehenden Besorgnisse nicht
hinreichend verstanden und gewürdigt werden.
x
Ich hoffe, daß dieses Schreiben zu einer besseren Würdigung der derzeitigen
Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber der ILO beitragen wird. Zugegebener
Zeit werden die Vereinigten Staaten erwägen müssen, ob sie die in dies^Schreiben
dargelegte Absicht ausführen und aus der ILO austreten wollen oder nicht. J.n
den nächsten zwei Jahren werden die Vereinigten Staaten ihrerseits konstruktiv
innerhalb der ILO darauf bedacht sein, mitzuhelfen, die Organisation wieder
\
auf ihre Grundprinzipien zurückzuführen und sie der Verwirklichung ihrer grundlegenden Zielsetzungen näherzubringen.
Zu diesem Zweck bildet der Präsident gegenwärtig einen Kabinettsausschuß,
der prüfen wird, wie sich dieses Ziel erreichen Läßt. Der Ausschuß wird natürlich
Konsultationen mit Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern aufnehmen, wie dies
seit rund vier Jahrzehnten schon Praxis bei der Formulierung unserer Politik
gegenüber der ILO ist. Der Ausschuß wird auch in engste Konsultationen mit dem
Kongreß eintreten, um eine einheitliche und zielstrebige amerikanische Haltung
zustandezubringen.
Hochachtungsvoll
gez. Henry A. Kissinger

+ + + + +

- 10 -

�Wirt/choft
United States Information Service

29

9. November 1977

BLUMENTHAL UNTERSTREICHT GRUNDLEGENDE STÄRKE DER US-WIRTSCHAFT
- Rede des US-Finanzministers am 2. November 1977 in Bonn -

BONN - (AD) - Der amerikanische Finanzminister W. Michael Blumenthal
hat am 2. November 1977 in einer Rede vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Bonn die grundlegende Stärke der Wirtschaft der Vereinigten Staaten hervorgehoben, die auch die Voraussetzung für die Stärke des Dollars sei. Blumenthal,
der am 3. November von Bonn aus die Rückreise nach Washington antrat, hatte
zuvor Berlin besucht, nachdem er vom 21. bis 31. Oktober eine Reise nach
Ägypten, Israel, Kuwait, Iran, Saudiarabien und Italien unternommen hatte.
Die Rede des FinanzHinisters hat folgenden Wortlaut:
Ich halte es für sehr angebracht, daß mein letzter Besuch auf dieser
Reise durch sieben Länder der Bundesrepublik Deutschland gilt.
Unsere beiden Länder haben in den letzten drei Jahrzehnten eine sehr
feste Partnerschaft der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit unterhalten, die uns sehr zustatten gekommen ist - und gleichzeitig der Weltgemeinschaft zugute kam.
Es ist dies

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Es ist dies eine Partnerschaft, die die zentrale Realität der Weltwirtschaft in Rechnung stellt: Freie Nationen können nicht für sich alleine
bestehen und müssen um ihrer gemeinsamen und individueller Prosperität willen
zusammenarbeiten.
Das war zu keinem Zeitpunkt klarer als heute.
Vier Jahre nach dem Öl-Embargo und der Vervierfachung der ölpreise die eine weltweite Rezession

zur Folge hatten - sehen wir uns mit einer

langen Reihe schwieriger wirtschaftlicher Probleme konfrontiert, und das
trotz der unleugbaren jüngsten Fortschritte in Bezug auf deren Lösung.
Jedes unserer Länder steht vor einer Reihe ziemlich ähnlicher Probleme,
die im Zusammenhang mit der neuen Lage auf dem Gebiet der Energieversorgung
der Welt stehen. Jedes unserer beiden Länder ist eifrig darum bemüht, den
Anpassungsprozeß abzuschließen, um die tiefe Rezession aus der Zeit Anfang der
siebziger Jahre völlig zu überwinden. Aus diesem Grund besteht keine Hoffnung auf einen Erfolg für unsere beiden Länder, es sei denn durch eine Koordinierung unserer nationalen Anstrengungen im größeren Rahmen weltweiter
Zusammenhänge.
Ich bin tief beeindruckt von der Ähnlichkeit der Herausforderungen
wirtschaftlicher Probleme, vor die sich die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik und die meisten Industriestaaten in Westeuropa gestellt sehen.
Erstens betrifft dies das gemeinsame Problem der Arbeitslosigkeit. Ganz
abgesehen von den Unterschieden hinsichtlich der Definition und der Art der
Bemessung in jedem unserer Länder, scheinen mir gegenwärtig alle unter einem
Grad der Arbeitslosigkeit zu leiden, der historische Normen übersteigt.
So ist eine Arbeitslosenrate von 6,9 Prozent nach Maßstäben der Vergangenheit bemessen für die Vereinigten Staaten zu hoch. In ähnlicher Weise
ist eine Arbeitslosenrate von 4,6 Prozent, wie sie hier besteht, weit höher

- 2 -

�höher als die, die man in der Vergangenheit in Deutschland für akzeptabel
gehalten hatte. Das gleiche gilt auch für Frankreich, Italien, Großbritannien
und andere Länder.
Besonders ernst ist, daß die hieraus resultierende Belastung in einem
unverhältnismäßig hohen Maße auf jüngere Arbeitskräfte entfällt - von denen
viele ihr Erwachsenendasein mit keinerlei Aussicht auf einen Arbeitsplatz
beginnen müssen. Arbeit für jene zu finden, die sich erstmals in die Reihe
der Berufstätigen einreihen, stellt uns alle vor eine wichtige Aufgabe.
Sollten unsere Bemühungen, dieser Aufgabe gerecht zu werden, scheitern, dann
würde dies möglicherweise ernste soziale und politische Kosten verursachen.
Zweitens sehen wir uns alle einem inflationistischen Druck ausgesetzt,
dessen Herkunft sich nicht genau ermitteln läßt. Während wir einerseits
ermutigende Anzeichen der Besserung beobachten, sind die Inflationsraten in
den meisten Ländern noch immer zu hoch, um eine längerfristige wirtschaftliche
Stabilität zu gewährleisten.
Sicherlich sind die Inflationsraten in den Vereinigten Staaten von
zweistelligen Ziffern inzwischen auf eine Rate von annähernd 6 Prozent zurückgegangen. Für die OECD-Länder insgesamt liegt die Inflationsrate gegenwärtig
bei rund 8 Prozent. Das is weit mehr als wir über einen längeren Zeitraum
hinweg zulassen können.
Großbritannien kann sich wohl kaum damit zufrieden geben, die Inflationsrate auf "nur" 15 Prozent herabgedrückt zu haben.
Ministerpräsident Andreotti, den ich eben erst besucht habe, ist mit der
derzeitigen Inflationsrate in Italien von 12 Prozent keineswegs zufrieden.
Frankreich macht sich mit einem Satz von 10 Prozent ernste Sorgen.
Drittens verspüren alle Länder einen Mangel an Vertrauen im Geschäftsleben und leiden unter Investitionsschwäche. Zweifellos steht dieses Phänomen
im Zusammenhang mit den Erfahrungen der Geschäftswelt Anfang der siebziger
- 3 -

�siebziger Jahre.
Die Unsicherheiten der letzten Jahre, der Schock des öl-Embargos
und der ölpreissteigerungen sowie der anhaltend hohen Inflationsraten all dies hat -ine tiefe Abneigung zur Übernahme langfristiger Investitionsrisiken hervorgerufen. Und in allen unseren Ländern führt dies zu Schwierigkeiten in der Beschleunigung und Aufrechterhaltung von Wachstumsraten, wie
wir sie zur Verringerung der Arbeitslosigkeit auf einem wünschenswerten Stand
benötigen.
•

Und schließlich sehen sich alle unsere Länder mit den Auswirkungen
großer Ungleichgewichte im Weltzahlungssystem konfrontiert. Verschiedene
OPEC-Länder haben fortgesetzt hohe Oberschüsse in der Bilanz laufender
Zahlungen aufzuweisen. Das gleiche gilt auch für mehrere Industriestaaten.
Auf der anderen Seite haben die Vereinigten Staaten und andere hochentwickelte Länder, die normalerweise zu den Netto-Kapitalexportländern
gehören, in ihrer Bilanz der laufenden Posten große Defizite aufzuweisen.
Viele Entwicklungsländer haben größte Schwierigkeiten, ihre Defizite gegenr
über der Entwicklungsfinanzierung abzugrenzen.
Dieses Ungleichgewicht bleibt eines der beunruhigendsten Überbleibsel
des raschen Anstiegs der ölpreise. Das schafft für uns alle Risiken, die die
Geschäftswelt zaudern lassen, Spekulanten ermutigen und die Aufrechterhaltung
eines Welthandels- und Investitionsvolumens behindern, wie es zur Gewährleistung
einer gesunden Weltwirtschaft notwendig ist.
Die Carter-Administration trat vor neun Monaten ihr Amt mit dem Versprechen
an, für die Wiederherstellung eines ausreichenden Wachstums unserer heimischen
Wirtschaft und für eine Verminderung der Inflations- und Arbeitslosenraten
zu sorgen, und sie verpflichtete sich gleichzeitig zur Zusammenarbeit mit
anderen Ländern.
Unsere neue Administration

�Unsere neue Administration ist entschlossen, eine nationale Energiepolitik zu betreiben. Wir wissen, daß wir den Ölverbrauch unbedingt verringern,
die Entwicklung alternativer Energiequellen fördern und damit unsere wachsende
Abhängigkeit von öl einfuhren verringern müssen.
Ich habe eben erst eine Reise durch fünf Länder des Nahen Ostens abgeschlossen, in denen ich eine ganze Reihe bilateraler Wirtschaftsfragen
zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern dieses Gebietes und auch
viele multilaterale Fragen erörtert habe.
Wir sprachen ferner über die derzeitige Weltlage auf dem Gebiet der
Ölversorgung, über Präsident Carters Energieprogramm und über die große
Bedeutung der Preisentscheidungen, die die OPEC-Länder auf ihrer DezemberTagung in Caracas treffen werden.
Es dürfte Sie interessieren, was ich den führenden Politikern jener
Länder gesagt habe in Bezug auf unsere Überlegungen, was die amerikanische
Wirtschaft, die Weltwirtschaftslage und die ölpreispolitik für 1978 angeht.
Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten hat nach allen objektiven Maßstäben im Jahr 1977 ganz gut funktioniert.
Im bisherigen Verlauf dieses Jahres lag das reale Wachstum unseres
Bruttosozialprodukts bei rund 6 Prozent, und liegt damit gegenwärtig fast um
15 Prozent höher als zum Tiefpunkt der Rezession.
Die Inflationsrate hat sich bei rund 6 bis 6,5 Prozent eingependelt,
und die Arbeitslosenrate konnte gesenkt werden. Seit Anfang dieses Jahres
wurden insgesamt nahezu drei Millionen neue Arbeitsplätze innerhalb unserer
Wirtschaft geschaffen.
Die Verbrauchernachfrage hat sich gut gehalten, die Ratenverschuldung
der Verbracuher hält sich in vernünftigen Grenzen und die Spartätigkeit

- 5 -

�Spartätigkeit liegt in einem gemäßigt hohen Rahmen - das alles deutet
darauf hin, daß auf dem Verbrauchersektor ein Boom vermieden wird, der sich
später totlaufen könnte.
•

Auch mit dem Verhältnis von Lagerhaltung und Verkäufen läßt sich
leben, wobei sich die Geschäftsleute der Gefahr bewußt sind, die Lagerbestände
zu hoch anwachsen zu lassen.
Das Jahr 1977 ist somit alles in allem ein recht gutes Jahr, und wir
haben es mit einer ausgewogenen Situation zu tun - mit nur wenigen Exzessen,
die zu einer späteren Flaute führen könnten.
Es besteht zudem kein Grund zu der Annahme, daß die Entwicklungen im Jahr
1978 nicht in 'hnlichen Bahnen verlaufen werden. Unser Ziel ist es, eine
Wacustumsrat'- des Bruttosozialprodukts von annähernd 5 Prozent aufrechtzuerhalten, und wir sind der Auffassung, daß dies ohne einen ungebührlichen
inflationistischen Druck erreichbar sein wird.
Wie sind willens, alle notwendigen Schritte zu tun, um dieses Ziel zu
erreichen. Präsident Carter hat bei mehreren Anlässen zum Ausdruck gebracht,
daß er nicht zögern werde, zusätzliche stimulierende Maßnahmen zu empfehlen,
falls sich dies im Verlauf der nächsten Monate als angebracht erweisen sollte.
Die grundlegende Stärke und Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft
stehen deshalb außer Frage, und ich habe keinen Zweifel daran, daß sich die
Geschäftswelt und die Investoren in aller Welt dessen bewußt sind.
Sicherlich haben auch wir unsere Probleme. Und wir wissen auch, wie
wichtig es ist, sie zu lösen.
Das wichtigste ist die rasche Verabschiedung einer Energiepolitik, die
unsere Abhängigkeit von ölimporten verringert. Da unsere heimischen Vorräte
abnehmen und unser Energieverbrauch steigt, führen wir in immer größerem

�größerem Umfang Erdöl sein. Die Einfuhren belaufen sich gegenwärtig auf die
Hälfte des Öls, das wir in den Vereinigten Staaten verbrauchen - und wir
bezahlen dafür einen Preis, der sich in fünf Jahren verfünffacht hat. Während
die Vereinigten Staaten vor fünf Jahren für die Erdöl einfuhren 4,7 Milliarden
Dollar aufwandten, werden wir dieses Jahr schätzungsweise 45 Milliarden Dollar
dafür bezahlen müssen. Das entspricht 30 Prozent der Gesamtaufwendungen für
Importe.
Darüberhinaus sind einige der Länder, von denen wir öl kaufen, gar nicht
in der Lage, ihre Exporterlöse für den Einkauf von Waren und Dienstleistungen
zu verwenden. Die OPEC-Länder werden höchstwahrschienlich einen Handelsüberschuß von rund 55 Milliarden Dollar aufweisen - davon 25 bis 30 Milliarden
Dollar allein im Handel mit den Vereinigten Staaten.
Deshalb ist Präsident Carter entschlossen, im Kongreß die Zustimmung zu
einem Energieprogramm durchzusetzen, das die Nachfrage so rasch wie möglich
vermindert - und damit auch unsere Aufwendungen für öl einfuhren -, ohne den
Aufschwung unserer Wirtschaft zu beeinträchtigen.
Wird dieses Programm in der vorgeschlagenen Form verwirklicht, hätte dies
eine Verringerung des voraussichtlichen Ölverbrauchs in den Vereinigten Staaten
um 4,5 Millionen Barrel pro Tag bis 1985 zur Folge und damit eine Verminderung
unseres Außenhandelsdefizits um etwa 23 Milliarden Dollar unter Zugrundelegung
der heutigen ölpreise.
Langfristig müssen wir natürlich eine weitergehende Nutzung der uns
verbliebenen ölreserven erreichen, unsere Kohleförderung steigern, Lösungen
für die Probleme der Nutzung der Kernenergie finden und alternative Energiequellen entwieklen. Ein Programm zur Energieeinsparung zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde ein solches langfristiges Programm ermöglichen.
Selbstverständlich ist unser Handelsdefizit nicht ausschließlich auf das
Energieproblem zurückzuführen. Wir werden voraussichtlich ein Handelsdefizit

�Handelsdefizit von 30 Milliarden Dollar und ein Bilanzdefizit der laufenden
Posten von nahezu 20 Milliarden Dollar aufzuweisen haben. Ein Teil dieses
laufenden Defizits ist auf das langsame Wachstum der Volkswirtschaften unserer
wichtigsten Handelspartner zurückzuführen, das dazu führt, daß unsere Ausfuhren nur langsam wachsen, während unsere Einfuhren als Ergebnis des rascheren
Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten in normalem Umfang weiter
zunehmen.
Diese Lage wird sich 1978 ändern, wenn die Wachstumsraten in Europa und
in den Entwicklungsländern einen normaleren Stand erreichen werden. Ihre
Regierung hier in der Bundesrepublik und die japanische Regierung sind dabei,
Maßnahmen zur Beschleunigung des Wachstums zu treffen. Andere Länder werden
ebenso verfahren, soweit dies ihre besondere Lage gestattet.
Wir können ferner in den nächsten Jahren damit rechnen, daß unsere
Agrarexporte wieder steigende Tendenzen aufweisen werden.
Die Faktoren, die ich eben hier angeführt habe - die Energiepolitik, ein
rascheres Wachstum unserer Exportmärkte und normalere Agrarausfuhren - werden
sich nicht sofort auswirken. Sie schaffen aber die Gewähr, daß dieses Problem
einer Lösung zugeführt wird. Es bestehen, sofern wir weiter energisch darauf
hinarbeiten, gute Aussichten, daß bis 1979 eine Verbesserung sowohl in unserer
Handelsbilanz als auch der Bilanz laufender Posten sichtbar werden wird.
Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten ist nach wie vor die größte in
der Welt - mit einem Bruttosozialprodukt von über 1,8 Billionen Dollar. Ihr
Wachstum ist in Prozent ausgedrückt hoch, und selbst absolut gesehen sehr
groß. Im jüngsten Zweijahreszeitraum - 1976 und 1977 - wird die amerikanische
Wirtschaft ein Wachstum verzeichnen, das der Gesamtwirtschaft Großbritanniens
gleichkommt.
Unser Außenhandel wird im nächsten Jahr wertmäßig über 300 Milliarden
Dollar ausmachen. Unsere Kapitalmärkte weisen einen Umfang und eine Flexibilität

- 8 -

�Flexibilität aus, wie sie kein anderer Markt zu bieten vermag. Wir haben eine
marktorientierte Wettbewerbswirtschaft, und wir sind entschlossen, eine
Politik zu betreiben, die ein anhaltendes, nichti&gt;flatorisches Wachstum
fördert.
Diese grundlegende Stärke ist zusammen mit dieser Analyse der der Wirtschaft zugrunde liegenden Realitäten der richtige Rahmen für eine Bewertung
der Postition des Dollars.
Wir sind uns über die Bedeutung des Dollars für das internationale Währungssystem im klaren, und wir wissen sie richtig einzuschätzen. Wir sind zur Aufrechterhai tung eines starken und stabilen Dollars verpflichtet. Und wir schlagen
die Wahrung eines starken Dollars auf die einzige Art und Weise vor, auf die
ein Land seine Währung stark erhalten kann: Durch Aufrechterhaltung einer
gesunden, expandierenden und nichtinflatorischen heimischen Wirtschaft.
Wir sind entschlossen, unser Handelsdefizit auf verantwortliche Weise
abzubauen. Wir werden nicht versuchen, das Defizit durch eine Abwertung des
Dollars auszugleichen. Unser Proolem besteht nicht in einem Mangel an Wettbewerbsfähigkeit mit unseren Handelspartnern. Es besteht vielmehr, wie ich
schon sagte, in unserer übermäßigen Abhängigkeit von öl einfuhren und in der
Tatsache, daß wir hinsichtlich der Errr'chung eines wirtschaftlichen Wachstums
im eigenen Lande mehr geleistet haben als die meisten anderen Länder. Deshalb
sind wir überzeugt, daß eine wirksame Energiepolitik wie auch gesunde binnenwirtschaftliche Maßnahmen zur Förderung eines nichtinflatorischen Wachstums
die grundlegenden Lösungen dieses Problems bieten.
Gemeinsam mit den Bemühungen anderer Länder, die dazu in der Lage sind,
ihre Volkswirtschaften anzukurbeln, wird diese Politik den Vereinigten Staaten
wie auch den Interessen anderer Länder am besten dienen.
Wir werden selbstverständlich unsere Politik der Intervention auf den
Devisenmärkten unverändert fortsetzen, wenn dies zur Beseitigung gestörter

- 9 -

�gestörter Marktverhältnisse erforderlich ist. Da jedoch die Wechselkurse
langfristig die grundlegenden Wirtschafts-und Finanzverhältnisse widerspiegeln
müssen und widerspiegeln werden, wird der Erfolg in unserem eigenen Lande
letztlich die Stärke des Dollars bestimmen.
Die Voraussstzungen für die Stärke des Dollars sind ganz beachtlich.
Gestutzt auf die größte Volkswirtschaft der Welt und dem bei weitem größten
und flexibelsten Kapitalmarkt wird unser Land auch in Zukunft große Kapitalströme anziehen.
Wir werden auch in Zukunft erhebliche Überschüsse aus Dienstleistungen
und aus den Einkünften aus Investitionen in Übersee beziehen. Wir haben somit
keine Schwierigkeiten mit der Finanzierung unserer Handelsdefizite, selbst wenn
sie sich auf ein bis eineinhalb Prozent des Bruttosozialprodukts beziffern.
Lassen Sie mich zum Schluß noch kurz einiges über meinen Besuch in Ländern
der Nahen Ostens sagen. Die beiden im Vordergrund stehenden Themen in jenem
Gebiet der Welt sind natürlich Probleme des Friedens und der Energieversorgung.
Was ersteres angeht, so habe ich den Eindruck, daß der Wunsch nach einer
friedlichen Beilegung der alten arabisch-israelischen Streitigkeiten heute
größer ist als je zuvor. Ich habe ferner den Eindruck, daß die Aussichten
gegenwärtig etwas besser sind, Fortschritte in Richtung auf dieses Ziel zu
erreichen.
Die Bemühungen Präsident Carters, die Voraussetzungen für eine Wiedereinberufung der Genfer Konferenz zu schaffen, werden als entscheidend wichtig
angesehen. Die Erkenntnis seitens aller Parteien, daß von einem Erfolg dieser
Bemühungen sehr viel abhängt, ist unbestreitbat gegeben.
Die Kräfte der Mäßigung gewinnen eindeutig immer mehr Zulauf. Dennoch wird
es anhaltender Anstrengungen und großer Flexibilität auf allen Seiten bedürfen,
um den Weg an den Verhandlungstisch zu bereiten.
Was die

- 10 -

�Was die Energiefrage angeht, so galt meine Sorge insbesondere der möglichen
Preisentwicklung im Jahre 1978.
Aufgrund meiner Gespräche im Iran, in Saudi Arabien und in Kuwait fühle
ich mich angesichts des Verständnisses aller Aspekte dieser Frage, dem ich in
jenen Ländern begegnet bin, ermutigt.
Ich unterstrich an jedem Ort die amerikanischen Besorgnisse hinsichtlich
der noch unvollständigen wirtschaftlichen Anpassung, die in den meisten
industrialisierten Staaten und Entwicklungsländern im Gange ist. Dementsprechend
betonte ich die Notwendigkeit einer Stabilität der Rohölpreise auf einen
längeren Zeitraum hinaus, um die Voraussetzungen für einen Anschluß dieses
Prozesses zu schaffen. Sicherlich würden eine Wiederbelebung des inflationistischen
Drucks i: unseren Ländern und eine Verschlechterung der Ungleichgewichte in den
Außenbilanzen der Länder in aller Welt in niemandes Interesse liegen.
Diese Frage ist für viele von uns in Europa, in den Vereinigten Staaten
und in den Entwicklungsländern ohne eigene Erdölvorkommen von lebenswichtiger
Bedeutung. Vieles von dem, was ich heute hier erörtert habe - Probleme des
Wachstums, der Inflation und der Arbeitslosigkeit - wird davon tiefgreifend
beeinflußt. Offensichtlich wird die letzte Entscheidung nächsten Monat in
Caracas von den OPEC-Ländern selbst getroffen werden.
Nach den Gesprächen im Nahen Osten habe ich aber großes Vertrauen, daß
staatsmännische Klugheit und Verantwortungsbewußtsein die Oberhand behalten
werden.
Das sind einige der Probleme der Welt von heute. Manche von ihnen sind
vorübergehender Natur; andere aber resultieren aus grundlegenderen strukturellen
Veränderungen in der Weltwirtschaft - Veränderungen, die unsere jeweiligen
Fähigkeiten zu ihrer Bewältigung voll in Anspruch nehmen und auf eine harte
Probe stellen, und deren Lösung vor allem Zeit, Einfallsreichtum und Zusammenarbeit
erfordern werden.
Es ist nicht
- 11 -

�Es ist nicht das erste Mal, daß wir vor neue Situationen und anspruchsvolle Probleme gestellt werden, deren Bewältigung harte Arbeit und einen kühlen
Kopf voraussetzen. Wir können in der Tat alle auf besondere Zeiten und Aufgaben seit Ende des Zweiten Weltkrieges zurückblicken, die weit größer und weit
schwerer zu lösen waren.
Nutzen wir unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit! Wenden wir das
Gelernte an! Weniger als jemals zuvor vermögen wir heute jeder für sich allein*
etwas zu bewerkstelligen: Weder Sie, noch Europa, noch wir in den Vereinigten
Staaten. Wir wollen aber vor allem die Kurzsichtigkeit und die Selbstsucht
früherer Zeiten vermeiden. Der Protektionismus bringt nichts. Mit dem Finger
auf andere zu zeigen, bringt nichts. Auch eine Politik der Bereicherung auf
Kosten anderer wird nichts bringen - weder auf dem Gebiet des Handels, noch in
der Währungspolitik, noch in irgend einem anderen Bereich unserer Wirtschaftsbeziehungen.
Die wichtigste Lektion der Vergangenheit lehrt, daß wir zusammenarbeiten
müssen. Die enge Zusammenarbeit - und nicht die Konfrontation - wird unseren
individuellen und gemeinsamen Erfordernissen am ehesten dienen. Wenn wir uns
diese Einstellung zu eigen machen, dann haben wir bereits bemerkenswerte Fortschritte in Richtung auf die Lösung der neuen Probleme der siebziger Jahre erziel
- und in eben diesem Geiste müssen wir auch den Herausforderungen der achtziger
Jahre begegnen.
Einen der größten Aktivposten, den wir für diese Aufgabe mitbringen - einen
Aktivposten, den wir gemeinsam geschaffen haben und besitzen -, ist die Freundschaft und die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern. Es ist äußerst
erfreulich, feststellen zu können, wie eng und wie vertrauensvoll unsere Partnerschaft inzwischen geworden ist. Auf dieser Basis können die Bundesrepublik
Deutschland und die Vereinigten Staaten die Lösung der vor uns liegenden Aufgaben zuversichtlich in Angriff nehmen.
Ihre Lösung aber
•

•

�Ihre Lösung aber ist von entscheidender Wichtigkeit. Sie eröffnet zahlreiche
Möglichkeiten, für das weitere Wachstum und die Stabilität unserer Länder und
aller unserer Freunde in der industrialisierten Welt und in der Entwicklungswelt.
Es ist unsere große Chance. Deshalb schließe ich mit einer Überlegung,
die ich für attraktiv halte und die Sie, wie ich hoffe, mit mir teilen werden.
Wenn wir unsere Arbeit gemeinsam fortsetzen, so wie wir dies in der Vergangenheit getan haben, dann wird ein altes Sprichwort recht behalten: "Wir haben
keine Probleme, wir haben nur Chancen."

+ + + + +

- 13 -

�I IL1

I

United States Information Service

29

9. November 1977

KERNENERGIE VERLANGT NEUE LERNPROZESSE
INFCE-Konferenz als Auftakt für internationale Studienprogramme

WASHINGTON - (AD) - Der Einladung der Vereinigten Staaten, auf einer
internationalen Konferenz in Washington das Thema "Kernbrennstoffe und
Brennstoffzyklen" vor allem unter dem Gesichtspunkt der Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (Nonproliferation) in der Welt zu erörtern, waren
40 Staaten gefolgt. Vom 19. - 21. Oktober 1977 berieten Delegationen aus
Nord-,Mittel- unc Südamerika, aus West-, Nord- und Osteuropa, aus der
Sowjetunion, aus Nahostländern und Afrika, aus Süd- und Südostasien über
Mittel und Wege, wie die gegenwärtige Produktion von waffenfähigem Material,
das beim Reaktorbetrieb in Atomkraftwerken anfällt, verringert werden könne.
Denn schon im Jahr 2 000 könnten durch Kernreaktoren, wie Präsident Carter
in seiner Rede vor den Vereinten Nationen am 4. Oktober erklärte, Plutoniummengen für jährlich Zehntausende von Atombomben erzeugt werden.
Zur Eröffnung der Konferenz wiederholte Präsident Carter seinen Vorschlag,
eine "internationale Bank" für Kernbrennstoffe einzurichten, um Engpässe in
der Versorgung zu beseitigen und für die Energieproduktion die Belieferung
von Staaten ohne eigene oder mit nur unzureichenden Uranvorkommen sicherzustellen,

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�sicherzustellen. Der Vorschlag des neugeschaffenen Energieministeriums der
Vereinigten Staaten, in die Zwischenlagerung verbrauchter Brennstoffelemente,
wie sie derzeit für Material aus amerikanischen Atomkraftwerken in den USA
gehandhabt wird, auch Abbrandmaterial aus dem Ausland einzubeziehen, sollte
helfen, internationale Verhandlungen über wirksame Maßnahmen zum Verbreitungsstopp von Kernwaffen zu erleichtern und eine verfrühte Festlegung auf den
Plutonium-Brennstoffzyklus zu verhindern.
Die Konferenz mit dem Arbeitstitel "International Nuclear Fuel Cycle
Evaluation" (INFCE - Internationale Analyse der nuklearen Brennstoffzyklen)
war der Auftakt zu einem mindestens zwei Jahre dauernden Prozeß, Alternativen
zu den gegenwärtigen Aufbereitungsverfahren für verbrauchte Kernbrennstoffe
aufzuzeigen, die Sondierung anderer Reaktortechnologien zu fördern und neue
technische Maßnahmen für eine bessere Absicherung der Nichtweiterverbreitung
von Atomwaffen zu entwickeln. Auf internationaler Ebene werden neue Anstrengungen
unternommen, um die Gefahr der Ausbreitung von Kernwaffen einzudämmen, gleichzeitig aber allen Ländern die Möglichkeit zu geben, ihren Bedarf an friedlicher
Kernenergie zu decken.
Botschafter Gerard Smith, der Leiter der amerikanischen Delegation, äußerte
sich befriedigt über den Ablauf der Konferenz, die Bemühungen um neue "Lernprozesse" erwarten läßt. Daß diese in einem weltweiten Rahmen wirksam werden
könnten, zeigte nicht zuletzt die Anwesenheit von Repräsentanten der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), der Europäischen Gemeinschaft, der
Internationalen Energieagentur (IEA) und von EURATOM, die ihre Bereitschaft
zur Mitarbeit erklärten - eine Mitarbeit, die allen interessierten Staaten
und einschlägig tätigen Körperschaften offensteht.
.

Es wurden acht Arbeitsgruppen eingesetzt, um in den nächsten zwei Jahren
die technischen Wege zur Kontrolle der nuklearen Proliferation zu studieren.
Ihre Hauptarbeitsgebiete sind:
- Verfügbarkeit von Kernbrennstoff und Schwerem Wasser

- 2 -

�• Verfügbarkeit von Kernbrennstoff und Schwerem Wasser
(Vorsitz: Kanada, Ägypten und Indien); Bedarfsschä'tzungen für Kernenergie
und damit zusammenhängender Bedarf an Uran und Schwerem Wasser an Hand der
verschiedenen Wege und Ziele, die mit dem Brennstoffzyklus verfolgt werden.
- Verfügbarkeit der Anreicherung mit spaltbarem Uran
(Vorsitz: Frankreich, Bundesrepublik Deutschland und Iran); Studien über
Anreicherungsbedarf und Verfügbarkeit von Material entsprechend den unterschiedlichen Brennstoffzyklen einschließlich gemeinsamer Planung für die
Schaffung künftiger Kapazitäten, Freiheit der Wahl für Abnehmer auf dem
offenen Markt. Auch die Frage multinationaler oder regionaler Brennstoffzentren

oder ähnlicher Übereinkünfte werden untersucht, ebenso Sicherheit^aspekte

speziell von Anreicherungsverfahren.
- Sicherste!!ung langfristiger Bereitstellung von nuklearer Technologie
und Kernbrennstoff
(Vorsitz: Australien, Philippinen); Studien über Anreize für langfristige
Handelsverträge zwischen Liefer- und Verbraucherländern, über Garantien für eine
sichere Versorgung im Rahmen nationaler Import-, Export- und Nonproliferationspolitik sowie von multinationalen oder internationalen Mechanismen, um die
fristgerechte Belieferung bei Verzögerung oder totaler Unterbindung von Lieferungen
zu garantieren. Auch ein möglicher Tausch oder eine Leihgabe von Plutonium gegen
andere Kernbrennstoffe stünde zur Diskussion.
- Wiederaufbereitung, Behandlung von Plutonium und seine Rückführung in
den Brennstoffkreislauf
(Vorsitz: Japan und Großbritannien; ; Studien über technologische, wirtschaftliche, umweltschützerische und energiewirtschaftliche Aspekte der Wiederaufbereitung im industriellen Maßstab, einschließlich der Sicherheitsvorkehrungen,

- 3 -

�Sicherheitsvorkehrungen, ferner über multinationale oder regionale Kernbrennstoff Zentren und alternative Aufbereitungsverfahren. Auch mögliche
Bedingungen für eine angemessene Lagerung von hochkonzentriertem Plutonium
und eine internationale Kontrolle von abgetrenntem Plutonium (einschließlich
Lagerung unter Kontrolle der IAEO) samt der Möglichkeit, nur Uran in den
Brennstoffkreislauf zurückzuführen, werden untersucht.
- Schnelle Brüter
(Vorsitz: Belgien, Italien und Sowjetunion); Studien über technologische,
wirtschaftliche, umweltbelastende und energietechnische Aspekte der Konzeptionen
für Plutonium erzeugende Kraftwerksreaktoren unter Berücksichtigung industrieller
Anwendung, notwendiger Sicherheitsmaßnahmen und alternativer Verfahren zur
Wiederaufbereitung.
- Behandlung verbrauchter Brennelemente
(Vorsitz: Argentinien und Spanien); Studien über Konzeptionen zur Lagerung,
über die Kosten kurz- und mittelfristiger Lagerung mit Beurteilung der gegenwärtigen Lagerkapaz"täten, wirksamerer Ausnutzung der vorhandenen Brennstoffkapazitäten und über Sicherheitsaspekte im Hinblick auf organisatorische Maßnahmen und den Umweltschutz.
- Behandlung und Lagerung von Abfällen
(Vorsitz: Finnland, Niederlande und Schweden); technische Studien über
die Handhabung und Lagerung von Abbrandelementen und abgetrennten Abfallprodukten
sowie über Standortfragen und die Risiken sowohl für die End- als auch die
Zwischenlagerung.
- Fortgeschrittene Konzeptionen für die Brennstoffzyklen und Reaktoren
(Vorsitz: USA, Südkorea un: Rumänien); Studien über die einmalige

- 4 -

�einmalige Verwendung von Kernbrennstoff in den gegenwärtigen thermischen
Reaktoren (ohne Wiederaufbereitung), über die Energiebilanz und Umweltaspekte
dieses Verfahrens, über andere Konzeptionen von Reaktortechnologie und
Brennstoffkreislauf einschließlich der Produktion, des Einsatzes und der
Sicherung von hochangereichertem Uran für Kernkraftwerksreaktoren und Forschungsreaktoren, ferner über den Thorium-233-Kreislauf, über Konzeptionen von Leichtwasser- und Thoriumbrütern sowie von Hochtemperaturreaktoren.
Im Zusammenhang mit allen hier genannten Punkten werden auch die besonderen
Erfordernisse der Entwicklungsländer untersucht. Wie Botschafter Smith erklärte,
sehen die Vereinigten Staaten den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, Plutonium
in vollem Umfang als Kernbrennstoff einzusetzen. Dies könnte vielleicht einmal
in 10 oder 15 Jahren spruchreif werden. Und bis dahin "wollen wir nicht Tausende
von Gramm Plutonium herumliegen haben, die möglicherweise Terroristen zugänglich
sind oder für militärische Zwecke abgezweigt werden können."

+ + + + +

- 5 -

�9. November 1977

29

NORD-SÜD-VERHANDLUNGEN UND AUSGLEICHSFINANZIERUNG
von Guy F. Erb
Mitglied des Rates für überseeische Entwicklung
(Overseas Development Council) in Washington, D.C.
Die Suche nach einer allseits akzeptablen internationalen Rohstoffpolitik ist ein wichtiger Punkt in den derzeitigen wirtschaftlichen
Erörterungen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern. Während
die Entwicklungsländer dazu neigen, sich auf Maßnahmen zu konzentrieren,
um die Rohstoffexportpreise - und damit auch die Erlöse aus solchen Exporten - zu stabilisieren oder anzuheben, betonen die Industriestaaten
die Vorteile eine; freien Marktes sowie die Notwendigkeit, ausreichende
private Investitionen für die Rohstoffgewinnung sicherzustellen.
Die von den Staatsmännern der Industriestaaten auf der sogenannten
"Downing-Streef'-Gipfelkonferenz gezeigte Haltung hat wesentlich zur
Verbesserung der Aussichten beigetragen, daß die Kluft zwischen Rohstofferzeugern und Verbrauchern überbrückt werden kann.Doch noch immer
befürworten das Sekretariat der Konferenz der Vereinten Nationen für
Handel und Entwicklung (UNCTAD) und die "Gruppe 77" der Entwicklungsländer Maßnahmen, die von den Industriestaaten nicht akzeptiert worden
sind. Beide Seiten haben sich noch nicht über die ersten Punkte des von

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�des vor der UNCTAD vorgeschlagenen RohstoffProgramms einigen können Rohstoffabkommen und ein gemeinsamer Fonds zur Finanzierung von Ausgleichsvorräten (buffer Stocks).
Aber beide, die Industriestaaten und die Entwicklungsländer, unterstützen den dritten, wichtigen Punkt der UNCTAD-Vorschläge; die Verbesserung des Mechanismus für eine Ausgleichsfinanzierung zur kurzfristigen
Stabilisieruno der Exporterlöse. Vor kurzem haben die Bundesrepublik
Deutschland und die Kommission der Europäischen Gemeinschaften die
Schaffung eines neuen, globalen Mechanismus für eine Ausgleichsfinanzierung
vorgeschlagen. Auf der Londoner Gipfelkonferenz haben die westlichen
Staatsmänner ferner angedeutet, daß sie weitere Verbesserungen der den
Rohstoffexporteuren zur Verfügung stehenden Ausgleichsfinanzierung erwägen
würden. Dies hat dazu geführt, daß die Ausgleichsfinanzierung zu einem
wichtigen Punkt der auf der Pariser Konferenz für Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit (CIEC) geführten Gespräche und zu einer Frage
geworden ist, über die die Industriestaaten eine gemeinsame Position zu
erreichen suchen.
Obwohl die Ausgleichsfinanzierung den Rohstoffexporteuren beträchtliche
Mittel zuführen kann, haben weder die bestehenden noch die vorgeschlagenen
Formen das Interesse der Entwicklungsländer an marktorientierten Maßnahmen
wie Rohstoffabkommen und Ausgleichsvorräten vermindern können. Die Entwicklungsländer betrachten die Ausgleichsfinanzierung ganz allgemein als
eine nützliche Ergänzung - aber keinen Ersatz - für Produzentenzusammenschlüsse
oder Abkommen zwischen Erzeugern und Verbrauchern, über die ihnen eine stärkere
Einflußnahme auf die Rohstoffmärkte möglich wäre. Da die Entwicklungsländer
Einfluß auf das Marktgeschehen nehmen wollen, sind sie nicht gewillt, zuzulassen,
daß durch die Ausgleichsfinanzierung die Aufmerksamkeit von anderen Aspekten
des integrierten RohstoffProgramms abgelenkt wird.
Allerdings besteht auf Seiten der Entwicklungsländer bei einzelnen
staatlichen und privaten Interessenten eine gewisse Neigung, die Kompensation

-2-

�Kompensation für einen Rückgang der Exporterlöse als das beste Mittel
zur Behandlung der Rohstoffprobleme zu betrachten, da ein solcher
finanzieller Transfer keine Änderung der Marktpreise und Versorgung
brächte. Diese abweichenden Auffassungen über Wert und Sinn der Pläne
für eine Ausgleichsfinanzierung deuten darauf hin, daß Fortschritte
zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten zwischen Nord und Süd über
die internationale Weltwirtschaft parallel laufende Verhandlungen not-'
wendig machen werden - über Fragen einer Ausgleichsfinanzierung, über
gesonderte Rohstoffabkommen für Produkte wie Zucker, Kautschuk und Tee
und über den vorgeschlagenen gemeinsamen Fonds.

Vergleich der Mechanismen für eine Ausgleichsfinanzierung
Es gibt gegenwärtig zwei Mechanismen zur Stabilisierung der Erlöse
der Rohstoffe exportierenden

_änder: 1) Das STABEX-System, das mit der

Lome-Konvention 1975 zwischen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
(EWG) und 46 afrikanischen, karibischen und pazifischen (AKP) Ländern
geschaffen worden ist, und 2) die Fazilität des Internationalen Währungsfonds (IWF) für eine Ausgleichsfinanzierung. Bei der Lome-Konvention
handelt es sich um ein umfassendes Abkommen zur Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den AKP- und den EWG-Ländern bis 1980. Obwohl
die Lome-Konvention verschiedentlich bereits als erster Schritt in
Richtung auf eine neue internationale Wirtschaftsordnung (NIEO) bezeichnet
worden ist, so berühren ihre Bestimmungen über Zusammenarbeit auf dem
Gebiet des Handels, über Exporterlöse bei Rohstoffen, über industrielle
Kooperation sowie über finanzielle und technische Zusammenarbeit nur
marginal die weiterreichenden Vorschläge, die von den Entwicklungsländern
in den NIEC-Verhandlungen vorgelegt worden sind. Der Hauptbeitrag der
Lome-Konvention zur Entwicklung der Nord-Süd-Beziehungen liegt nicht so
sehr in ihrer Substanz als vielmehr in der Art und Weise, wie die Vereinbarungen gemeinsam von den AKP-Ländern und der EWG ausgehandelt wurden.

- 3 -

�wurden. Die Lome-Unterhändler erarbeiteten die Konvention in einem
Verfahren, das sich von den anderen Verhandlungen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern erheblich unterscheidet, denn hier
bemühte sich eine Gruppe von Entwicklungsländern um gleiche politische
Behandlung und erhielt eine solche von einer Gruppe von Industriestaaten
zugesprochen. Das Verfahren, das bei den Verhandlungen über die Lome-Konvention angewandt wurde, unterscheidet sich zum Beispiel von dem
Verfahren, nach dem die Verhandlungen in der UNCTAD über ein allgemeines
Präferenzsystem (GSP) geführt wurden. Die Entwicklungsländer wenden das
GSP heute zusammen mit einer Vielzahl nationaler Systeme an, die zahlreiche
ganz unterschiedliche Formen von Beschränkungen für eine Präferenzbehandlung enthalten. Ferner sind - die 1976 geführten Verhandlungen über
die Schaffung des Internationalen Landwirtschaftlichen Entwicklungsfonds
ausgenommen - in der Vergangenheit die Verhandlungen über internationale
Finanzierungsmechanismen (zum Beispiel die Internationale Entwicklungsgesellschaft) hauptsächlich zwischen den Geberländern geführt worden;
die Entwicklungsländer spielten eine untergeordnete Rolle, während die
Frage der"Lastenaufteilung" innerhalb der Gruppe der Industriestaaten
ausgehandelt wurde.

Nach dem Willen der Lome-Konvention sollen den AKP-Ländern aus dem
Finanztransfer, den Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Handel mit Fertigwaren und Halbzeugen und der industriellen Kooperation Vorteile erwachsen.
Darüberhinaus hat die Lome-Konvention STABEX ins Leben gerufen - einen
Mechanismus zur Stabilisierung der Exporterlöse der AKP-Länder bei
bestimmten Produkten. Die Mehrzahl der Signatarstaaten unter den Entwicklungsländern - jetzt 52 - sind in einem so hohen Maße abhängig von
Rohstoffexporten, daß sie ein großes Interesse an dem STABEX-Verfahren
haben. Die Bedeutung der Lome-Konvention als Modell für andere internationale
Vereinbarungen wird meistens im Zusammenhang mit STABEX hervorgehoben.
Das andere bestehende Verfahren zur Stabilisierung der Rohstofferlöse
ist die Fazilität des IWF für eine Ausgleichsfinanzierung. Die IWF-Fazilität

�Die IWF-Fazilität

und STABEX haben gemeinsam das Ziel, die kurzfristigen

Fluktuationen bei den Exporterlösen der Rohstoffe exportierenden Länder
zu mildern, doch bestehen Unterschiede hinsichtlich der Methoden, nach
denen sie arbeiten, und der Höhe der verfügbaren Mittel. Diese Studie
vergleicht die Leistungen von STABEX und der IWF-Fazilität im Jahre 1976,
dem ersten Jahr nach der Erweiterung der IWF-Fazilität und dem ersten Jahr
des Bestehens von STABEX. Dieser detaillierte Vergleich zwischen den
beiden Mechanismen dient als Grundlage

für Empfehlungen über die Zuteilung

internationaler Mittel an das eine oder das andere System sowie über die Art
von Änderungen, die für eine Verbesserung jedes dieser Systeme erforderlich
wäre. Die Analyse konzentriert sich auf Vergleiche - wie Erlösrückgänge
festgestellt werden, welche Länder und Produkte von jedem dieser Systeme
erfaßt werden, welche Bedingungen an den Ressourcentransfer geknüpft werden,
unter welchen Bedingungen ein solcher Transfer genehmigt wird, wie hoch
die verfügbaren Mittel sind und welche Beträge 1976 transferiert wurden.

Feststellung des Rückgangs der Exporterlöse
Die Gewährung von Ausgleichsfinanzierung basiert auf einem Vergleich
zwischen dem tatsächlichen Erlös in einem bestimmten Jahr und dem vorher
veranschlagten Trend der Exporterlöse; die Differenz ist der Rückgang
(oder die Zunahme). Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften legt
ihrer Berechnung des Exportrückgangs ein "Referenzniveau" zugrunde. Für
jedes der von STABEX erfaßten Produkte wird das Referenzniveau nach dem
Durchschnitt der Erlöse aus dem Export dieses Produktes in die EWG während
der vorangegangen vier Jahre errechnet. Als die Konvention unterzeichnet
wurde, erhielten fünf Länder (Burundi, Äthiopien, Guinea Bissau, Ruanda
und Swasiland) eine STABEX-Zusage für den Export der betreffenden Produkte
in alle Länder, da sie bereits Exportmärkte außerhalb der EWG erschlossen
hatten. Im Jahre 1977 wurde eine ähnliche Ausnahme für einige der neuen
Signatarstaaten der Konvention - die Repubklik Comoren und die Seyschellen

- 5 -

�Seyschellen sowie Lesotho und Westsamoa gemacht. Auch für Kap Verde wird
eine solche Ausnahme gemacht werden, sobald der Beitritt dieses Landes
zu der Konvention voll wirksam sein wird.
Um Kompensationen von STABEX zu erhalten, müssen die Exporterlöse
eines AKP-Landes um wenigstens 7,5 Prozent unter dem Referenzniveau liegen,
das heißt, 7,5 Prozent unter dem Durchschnitt der Erlöse für das betreffende
Produkt in den vorangegangenen vier Jahren; im Falle der ärmsten Länder,
der Länder ohne Zugang zu den Weltmeeren und der Inselstaaten beträgt die
"Eingreifschwelle" 2,5 Prozent. Da alle Berechnungen auf dem Nennwert der
Exporte basieren, muß schon eine beträchtliche Verschlechterung der Handelsbedingungen eintreten, bevor ein AKP-Land Kompensationen von STABEX erhalten
kann. Der Antrag von Sierra Leone 1976 für Kompensationen wegen des Rückgangs seiner Erlöse bei Eisenerz zeigt, wie die "Eingreifschwelle" wirkt:
Der Rückgang erreichte nicht das festgesetzte

Kriterium von wenigstens

7,5 Prozent, und infolgedessen konnte Sierra Leone nicht auf die STABEX-Fazilität zurückgreifen.
Abgesehen von solchen Fällen, wo die Exporte eines Produktes überhaupt kein Wachstum aufweisen oder wo sie über einen längeren Zeitraum
hinweg langsam zurückgehen, wird der Trendwert der Exporte nach der STABEX-Berechnungsmethode zu niedrig bewertet. Wenn die Exporterlöse ständig fallen,
sind die STABEX-Leistungen am höchsten. Dies mag zwar wünschenswert erscheinen, könnte aber in Wirklichkeit zu einer Fehlleitung von Mitteln
führen, sofern mit STABEX-Geldern versucht wird, die Produktion auf einem
Sektor zu stützen, auf dem auf lange Sicht hinaus mit einer schlechten
Nachfrage zu rechnen ist.
Die IWF-Methode zur Berechnung des Trendwertes läßt sich nur schwer
mit dem STABEX-Verfahren vergleichen, da sie in der Form feinfühliger ist.
Der IWF errechnet Erlösrückgänge, indem er die Erlöse eines Zwölfmonatsabschnittes zum Zeitwert in Bezug zu einem FünfJahreszeitraum setzt. Für die
Errechnung des Durchschnittes werden das Jahr des Erlösrückganges, die beiden

�die beiden vorangegangenen Jahre sowie die geschätzten Erlöse in den
beiden folgenden Jahren herangezogen. Der Fünfjahresdurchschnitt ist ein
Richtwert oder Bezugspunkt, nicht jedoch der entscheidende Faktor zur
Festsetzung des Erlösrückgangs. Die von IWF angewandte mathematische
Formel setzt den Rückgang der Exporterlöse um etwa 20 Prozent zu niedrig
an, wobei dies möglicherweise durch die Beurteilung durch die IWF-Stellen
kompensiert wird, die letztlich für die Festlegung des Trendwertes verantwortlich zeichnen. Der IWF veranschlagt die Erlöse der beiden folgenden
Jahre nach einer Formel, die die Durchschnittserlöse der beiden dem
Erlösrückgang vorangegangenen Jahre mit der Verhältniszahl aus Summen
der jüngsten drei Jahre und der diesen vorangegangenen drei Jahre multipliziert. Einfacher ausgedrückt, die Exporterlöse der beiden Jahre nach
dem Erlösrückgang werden auf der Basis der Zunahme der Erlöse in den sechs
vorangegangenen Jahre geschätzt.
Die IWF-Stellen können diese ursprünglichen Schätzungen des Erlöstrends unter Berücksichtigung zyklischer Entwicklungen wie auch der
Aussichten ändern, die sich für die einzelnen von dem betreffenden Land
exporttierten Rohstoffe ergeben. Es gibt keine Ober- und keine Untergrenze
für die veranschlagte Höhe des Erlösrückgangs; allerdings gab es bis zu
der letzten Ärderung (der IWF-Fazilität) Obergrenzen. Außerdem ermöglicht
ein Verfahren zur Schätzung der Exporterlöse für die letzten 6 Monate eines
Defizit Jahres es einem Defizitland^ereits frühzeitig auf die Fazilität
zurückzugreifen.

Erfaßte Länder
STABEX wird zur Zeit auf 51 der 52 Signatarstaaten der Lome-Konvention
angewandt. Sobald Länder der Konvention beigetreten sind, haben sie einen
Anspruch auf STABEX-Zuwendungen. In dem ersten Vertragsjähr (das dieser
Studie zugrunde liegende Jahr) hatten 46 Signatarstaaten der Konvention

�Konvention Anspruch auf STABEX-Zuwendungen.
Die IWF-Fazilität steht dem Buchstaben nach allen IWF-Mitgliedstaaten
zur Verfügung, obwohl ihr Hauptzweck die Unterstützung der Rohstoffexporteure ist. Sowohl Rohstoffexporteure in den Industriestaaten als auch
in den Entwicklungsländern haben die IWF-Fazilität in Anspruch genommen,
was innerhalb des Währungsfonds großes Interesse an der Fazilität geweckt
hat. Auf die Industriestaaten, die die Einrichtung in Anspruch genommen
haben, entfällt ein relativ großer Teil der Geschäftstätigkeit der Fazilität. Die Frage eines Gleichgewichts zwischen den für Industriestaaten und
den für Entwicklungsländer

zur Verfügung stehenden Mitteln bleibt einer

Revision des IWF-Schemas vorbehalten.

Erfaßte Produkte
ii iii- im • u m

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ii | . in.

Nach der Lome-Konvention sollte STABEX die Erlöse bei zwölf von den
AKP-Ländern exportierten Produkten (Erdnüsse, Kakao, Kaffee, Baumwolle,
Kokosnüsse und Kokosnußprodukte, Palmen und Palmkernprodukte, Felle und
Häute, Holz, Bananen, Tee , Sisal und Eisenerz) sowie bestimmten Nebenprodukten erfassen. 1977 werden weitere 7 Produkte (Vanille, Gewürznelken,
Pyrethrum (Fieberkraut), Wolle, Mohair, Pflanzenharz, Hang (Ilang-Öl) ) dieser
Gruppe von zwölf Produkten hinzugefügt werden. Die Spannweite der
zulässigen Verarbeitung ist bei von STABEX erfaßten Produkten nicht groß.
Dies trägt dazu bei, die Verarbeitungskapazitäten in den EWG-Ländern zu
schützen, während die AKP-Länder ermutigt werden, den Export von Rohstoffen
in die Gemeinschaft fortzusetzen. Um STABEX-Zuwendungen in einem bestimmten
Kalenderjahr in Anspruch nehmen zu können, müssen auf das betreffende
Produkt im vorangegangenen Jahr wenigstens 7,5 Prozent der Gesamtexporte
eines Landes nach allen Ländern entfallen. Diese Zahl (die Abhängigkeitsschwelle) beträgt bei Sisal 5 Prozent und bei den Produkten der ärmsten
Länder, der Länder ohne Zugang zu den Weltmeeren und der Inselländer

�Inselländer unter den AKP-Staaten 2,5 Prozent. Im Jahre 1976 war bei den
meisten Anträgen auf STABEX-Hilfe die Abhängigkeitsschwelle erreicht
worden.

Sierra Leone jedoch erreichte diese Schwelle bei Palmnußexporten

nicht und erhielt daher keine STABEX-Zuwendungen für dieses Produkt.
Die IWF-Fazilität nimmt als Basis die Erlöse aus dem gesamten Warenexport, obwohl, wie bereits dargelegt, eine Analyse der Aussichten bei den
einzelnen

Produkten einen Anhalt für den geschätzten Erlöstrend geben kann.

Es ist erwogen worden, den von der Fazilität erfaßten Bereich zu erweitern
und auch Erlöse aus dem Fremdenverkehr sowie andere unsichtbare Exporterlöse einzubeziehen, aber diese Änderung ist von den Exekutivdirektoren
des IWF nicht gebilligt worden.
Die verschiedenartige Einbeziehung von Produkten bei der IWF-Fazilität
und bei STABEX ist der Hauptunterschied zwischen den beiden Mechanismen.
Die von IWF angewandte Heranziehung des gesamten Warenexports für die
Berechnung von Exporterlösrückgängen überdeckt Fluktuationen bei einzelnen
Rohstoffen, wenn die Exporterlöse bei einem Produkt steigen und bei einem
anderen zurückgehen. Die vom IWF angewandte Methode zur Berechnung des
Erlösrückganges gewährleistet daher keine ausreichende Unterstützung für
einen bestimmten Sektor eines Rohstoffe exportierenden Landes allein.
Dies könnte jedoch ausgeglichen werden, wenn Zahlungen für Erlösrückgänge
bei einzelnen Rohstoffen erwogen würden, auch wenn es keinen deutlichen
Rückgang der Gesamterträge gegeben hat.
Die Erfassung einzelner Produkte oder Produktgruppen bei STABEX läßt
Zuwendungen zu, die auf den Bedarf der einzelnen Produktgruppen abgestellt
sind. STABEX wird jedoch durch die begrenzte Zahl der erfaßten Produkte
stark eingeschränkt. Das Fehlen aller Minerale, Eisenerz ausgenommen, auf
der STABEX-Produktliste machte sich besonders stark 1976 bemerkbar. Guyana,
Jamaika, Mauretanien, Sierra Leone, Togo, Zaire und Sambia machten alle von
der IWF-Fazilität Gebrauch, da ihre Erlösrückgänge zu einem großen Teil
auf einen Rückgang der Erträge aus Mineralexporten zurückzuführen waren.

- 9 -

�waren.

Außerdem machte Papua-Neuguinea, das als kürzlicher Signatarstaat

der Lome-Konvention 1976 noch keinen Anspruch auf STABEX hatte, von der
IWF-Fazilität Gebrauch, weil die Erträge aus dem Kupferexport zurückgegangen waren.
Eine Erweiterung der Produktliste würde etwas zur Lösung dieses
Problems beitragen, doch gleichgültig wie stark die Liste erweitert würde,
einige Produkte würden immer noch unberücksichtigt bleiben. Ein Grund,
warum Sierra Leone die IWF-Fazilität 1976 in Anspruch nahm, war ein Rückgang der Erträge dieses Landes aus dem Export von Diamanten - ein Rohstoff, der wohl kaum auch für eine wesentlich

erweiterte Produktliste

in Frage kommen würde. Außerdem würde eine Liste von Rohstoffen, für die
im Falle eines Erlösrückganges eine Kompensation gewährt würde, jeden
Anreiz für eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes in dem betreffenden
Ursprungsland nehmen, da nach der Definition wesentlich weiterverarbeitete
Güter von der Erfassung ausgeschlossen bleiben.

Transferbedingungen
Neben der Abhängigkeits- und der Eingreifschwelle, die darüber entscheiden, ob ein Land für eine STABEX-Zuweisung in Frage kommt, berücksichtigt die Kommission der Europäischen Gemeinschaften noch, bevor sie
ihre Zustimmung für eine Zuweisung gibt: 1) die Höhe der verfügbaren
STABEX-Mittel, 2) ob sich die von dem betreffenden Land verfolgte Handelspolitik nachteilig auf seine Exporte in die Gemeinschaft auswirkt, und
3) alle wesentlichen Veränderungen der Gesamtexporte des Antrag stellenden
AKP-Landes. Sobald die Zuweisung von der Kommission gebillgt ist, werden
keinerlei Bedingungen hinsichtlich der Verwendung der Mittel gestellt.
Im Jahre 1976 reichte die Höhe der STABEX-Mittel aus, um den Anträgen
zu entsprechen, und die Kommission hat keinen Antrag aus handelspolitischen

- 10 -

�handelspolitischen Gründen abgelehnt. Was den dritten Punkt anbetrifft,
so hat die Kommission beispielsweise Anträge von Kamerun wegen eines
Rückgangs der Exporterlöse bei Kakakobutter und von Chad (Baumwolle)
abgelehnt,und sie setzte die beantragten Mittel für Kamerun und die
Elfenbeinküste (Holz), Fidji (Kokosnußöl) und Niger (Erdnüsse) herab.
Die EWG, die die Mittel für STABEX zur Verfügung stellt

und die daran

interessiert ist, zu Rohstoffexporten in ihre Mitgliedstaaten zu ermutigen,
unternimmt keinerlei Anstrengungen, um AKP-Ländern, deren Exporte in die
Gemeinschaft aufgrund von Exportverlagerungen in andere Gebiete zurückgehen, einen Ausgleich zu gewähren.
Erstzuweisungen aus der IWF-Fazilität unterliegen folgenden
Bedingungen:
1. Der Rückgang der Exporterlöse mrß vorübergehender Natur sein
und sich weitgehend der Kontrolle durch das betreffende Land
entziehen, und
2. das betreffende Land muß in Zahlungsbilanzschwierigkeiten sein
und mit drm IWF bei der Suche nach "geeigneten Lösungen" für
seine Zahlungsbilanzschwierigkeiten

zusammenarbeiten.

Damit die Inanspruchnahme der Ausgleichsfinanzierung 50 Prozent der
Quote des betreffenden Landes übersteigen kann

(eine Möglichkeit 12

Monate nach der ersten Ziehung auf die IWF-Fazilität), muß es mit dem IWF
bei den Bemühungen um eine Lösung seiner Zahlungsbilanzprobleme zusammengearbeitet haben. Praktisch

kommt also die IWF-Fazilität für Ausgleichs-

finanzierung im Zusammenharig mit dem Interesse des IWF an den politischen
Konsultationen des IWF über Zahlungsbilanzprobleme

seiner Mitglieder

und geeignete Maßnahmen ihrer Zahlungsbilanzschwierigkeiten zum Tragen.

- 11 -

�Tragen.
•

•

Die Bedingungen der Ausgleichsfinanzierung
•

STABEX-Gelder sind zinsfrei und werder den auf der untersten
Entwicklungsstufe stehenden AKP-Ländern in Form nicht-rückzahlbarer
Zuwendungen gewährt. Die anderen AKP-Länder zahlen die erhaltenen Mittel
zurück, wenn sich ihre Exporterlöse während der Geltungsdauer der Lome-Konvention erholen. Ist die Geltungsdauer der Konvention abgelaufen,
so entscheidet die EWG darüber, ob ausstehende Beträge ganz oder teilweise zurückgezahlt werden müssen oder ob auf eine Rückzahlung verzichtet
wird. Bei dieser Entscheidung wird die EWG Zahlungsbilanzsituation, Devisenreserven und Auslandsverschuldung des betreffenden AKP-Landes mit berücksichtigen. Die STABEX-Bedingungen für eine Rückzahlung können also dazu
führen, daß das AKP-Land während oder nach Ablauf der Lome-Konvention
einen beträchtlichen Betrag zurückzahlen muß.
r

Für die Inanspruchnahme der IWF-Fazilität werden Gebühren erhoben.
Es wird eine Dienstleistungsgebühr von 0,5 Prozent für jede Transaktion
erhoben. Die jährlich anfallenden Gebühren betragen gegenwärtig für das
erste Jahr 4 Prozent

und erhöhen sich in jedem weiteren Jahr um jeweils

0,5 Prozent, bis im fünften Jahr ein Satz von 6 Prozent erreicht ist. Eine
Rückzahlung des Gesamtbetrages an den IWF wird verlangt; sie erfolgt
gewöhnlich nach einer dreijährigen Schonfrist im vierten und fünften Jahr.
Gebühren wie auch Rückzahlungszeitpunkt können für die Länder Probleme
aufwerfen, die di

Fazilität in Anspruch nehmen - vor allem für die ärmsten

Entwicklungsländer.

Verfügbare Mittel

- 12 -

�Verfügbare Mittel
Nach den Bestimmungen der Lome-Konvention werden 375 Millionen
Europäische Verrechnungseinheiten (ELIA) - 413 Millione

US-Dollar -

in fünf jährliche Zuweisungen von jeweils 75 Millionen EUA aufgeteilt etwa 83 Millionen Dollar. Nicht verbrauchte Gelder können auf das nächste
Jahr übertragen werden. Es können aber auch bis zu 20 Prozent der Zuweisung des nächsten Jahres bereits vorweg in Anspruch genommen werden.
Aufgrund dieser Möglichkeit, aber auch von Rückzahlungen und Überhanggeldern
können sich die über STABEX verfügbaren Beträge innerhalb eines Jahres
auf ein Mehrfaches der Jahresrate von 75 Millionen EUA belaufen.
Zuweisungen aus der IWF-Fazilität richten sich nach den Quoten der
Mitglieder beim IWF - wobei die Höchstgrenze für außergewöhnliche Ausgleichszahlungen auf 75 Prozent der einer Länderquote festgesetzt ist.
Innerhalb eines Zwölfmonatszeitraumes kann ein IWF-Mitglied Zuwendungen
bis zu 50 Prozent seiner Quote in Anspruch nehmen; in einem Katastrophenfall kann sogar der Höchstsatz von 75 Prozent der Länderquote schon in
diesem Zeitraum beansprucht werden. Im Jahre 1976 haben 32 der 45 Länder,
die die Fazilität in Anspruch nahmen, 50 Prozent ihrer Quote abgezogen,
während vier weitere Länder die Höchstgrenze von 75 Prozent erreichten.
Die Höhe dieser Inanspruchnahme zeigt, daß die über die IWF-Fazilität
gewährten Gesamtbeträge noch größer sein könnten, gäbe es nicht die Quotengrenze - die bereits eine Liberalisierung gegenüber früheren Praktiken
darstellt. Die Gesamtquoten der Entwicklungsländer beim IWF sind höher, als
dies ihr Anteil am Welthandel erfordern würde. Trotz regelmäßiger Erhöhungen
haben die IWF-Quoten aller Mitgliedsstaaten nicht Schritt mit der Zunahme
des Welthandels oder mit der Inflation gehalten. Der Rückgang der Quoten
gemessen am Welthandel - und der wahrscheinlichen Höhe von Exporterlösrückgängen legt den Ressourcen Beschränkungen auf, die die IWF-Fazilität
zur Verfügung stellen kann.

Zuwendungen im Jahre 1976
- 13 -

�Zuwendungen im Jahre 1976
Zum Ausgleich von Exporterlösrückgängen, die im Kalenderjahr 1975
eingetreten waren, hat STABEX 1976 insgesamt 72,1 Millionen EUA )79,5
Millionen US-Dollar) für 17 AKP-Länder zur Verfügung gestellt. Damit
sind die normalen Begrenzungen für die jährlichen Ausschüttungen nicht
überschritten worden. Zwölf der ärmsten AKP-Länder erhielten 40,4
Millionen EUA (44,5 Millionen US-Dollar) oder 56 Prozent der STABEX-Gesamtzuwendungen. In einigen Fällen erreichten die Zuwendungen einen
erheblichen Prozentsatz am Gesamtexport der jeweiligen Produkte (nach
allen Ländern) im Jahre 1974.
Die Zuwendungen machten aber einen wesentlich niedrigeren Anteil
an den Gesamtexporten dieser Länder

(nach allen Gebieten) aus.

Die IWF-Fazilität hat 1976 insgesamt rund 2,3 Milliarden Sonderziehungsrechte (SDR) (2,7 Milliarden US-Dollar) an 45 Länder ausgegeben,
wovon 1,4 Milliarden Sonderziehungsrechte (1,6 Milliarden US-Dollar) auf
35 Entwicklungsländer in Afrika, Asien und Lateinamerika entfielen. In
den meisten Fällen erfolgten die IWF-Zuwendungen im Zusammenhang mit
Erlösrückgängen im Jahre 1975 (das STABEX-Stichjahr für Erlösrückgänge)
oder in einem Zwölfmonatszeitraum, der einen großen Teil des Jahres 1975
einschloß. Insgesamt 16 AKP-Länder erhielten 286 Millionen Sonderziehungsrecht. (329 Millionen US-Dollar) über die IWF-Fazilität - mehr als viermal
soviel wie die AKP-Länder über STABEX zugewiesen bekamen. Von den
Gesamtzuwendungen der IWF-Fazilität an AKP-Länder entfielen 94 Millionen
Sonderziehungsrechte (108 Millionen US-Dollar) oder 33 Prozent auf Länder
der niedrigsten Entwicklungsstufe. Der Anteil dieser Länder (sowohl nach
Berechnungen der Vereinten Nationen als auch der Lome-Konvention) an den
Gesamtzuwendungen des IWF betrug lediglich 5 Prozent.
Während STABEX-Zuwendungen möglich sind, sobald bei einem bestimmten
Produkt ein Erlösrückgang eingetreten ist, hängt eine Inanspruchnahme der

- 14 -

�Inanspruchnahme der IWF-Fazilität von der Höhe des Rückgangs bei den
gesamten Exporterlösen und von der IWF-Quote des betreffenden Landes ab.
Da die Quoten weitgehend nach dem Ergebnis der Volkswirtschaft eines
Landes und dem Handelsvolumen bestimmt werden, können die größeren und
reicheren Länder die IWF-Fazilit'St auch in stärkerem Maße in Anspruch
nehmen. Das erklärt den relativ niedrigen Anteil der ärmsten Entwicklungsländer an den Gesamtbeziehungen auf die IWF-Fazilität im Jahre 1976 wie
auch die Tatsache, daß 10 Industriestaaten oder höher entwickelte Länder
(Australien, Zypern, Griechenland, Island, Israel, Neuseeland, Portugal,
Rumänien, Sudafrika und die Türkei) 932 Millionen Sonderziehungsrechte
erhielten (1,1 Millionen US-Dollar) oder 40 Prozent der Gesamtziehungen.
Alle AKP-Länder, die STABEX oder die IWF-Fazilität in Anspruch nahmen,
erhielten erheblich mehr Finanzierungsmittel über die IWF-Fazilität als
über STABEX. Neun AKP-Länder erhielten lediglich Zuwendungen von STABEX,
und acht AKP-Länder erhielten nur Zuwendungen über die IWF-Fazilität
(Sierra Leone und Tschad eingeschlossen, deren STABEX-Anträge abgelehnt
worden waren). In den Fällen, in denen die Länder sich nur an STABEX
wandten, waren offensichtlich die bei der IWF-Fazilität bestehende Tendenz,
gewisse Fluktuationen zu verschleiern, sowie die Konzentration bei STABEX
auf den Export in die EWG dafür maßgebend. Im Falle von Sierra Leone war
entscheidend, daß bei der IWF-Fazilität

alle Warenprodukte erfaßt wurden

und daß der Erlösrückgang in Bezug auf verschiedene Zwölfmonatszeiträume
gesetzt wurde. Der Tschad wandte sich deshalb an den IWF, weil von STABEX
nur eine begrenzte Zahl von Produkten erfaßt wurde und die Richtung des
Handelsflusses bei der IWF-Fazilität keine Rolle spielte. Die Kürzung der
STABEX-Zuwendungen an Kamerun und die Elfenbeinküste, weil die Exporte
dieser Länder in die EWG stärker zurückgegangen waren als ihre Exporte
in andere Gebiete, trug ebenfalls zu den hohen Unterschieden bei den STABEXund den IWF-Zuwendungen an diese Länder bei.
Politik zur Verbesserung der Ausgleichsfinanzierung

- 15 -

�Politik zur Verbesserung der Ausgleichsfinanzierung
Ziel der Ausgleichsfinanzierung ist es, den Exporteur eines Produktes
in die Lage zu versetzen, eine stabile Exportpolitik zu planen. Um dieses
Ziel zu

erreichen, ohne den Empfängerländern unnötig harte Bedingungen

und Konditionen aufzuerlegen, sollte ein Mechanismus für eine Ausgleichsfinanzierung folgendes bewirken:
1. Einer möglichst breiten Gruppe von Rohstoffexporteuren gerechten
und leichten Zugang gewähren,
2. Genau die Höhe des Erlösrückgangs (real) festsetzen, wobei die
Wachstumsaussichten für die Exporte eines Landes mit berücksichtigt werden sollten,
3. Einen möglichst weitgehenden Ausgleich für den Erlösrückgang
gewähren, und
4. Sicherstellen, daß die Bedingungen der Ausgleichsfinanzierung,
besonders für die Ärmsten unter den Entwicklungsländern, diesen
Ländern nicht Verpflichtungen auferlegen, die die Entwicklung
ihrer Volkswirtschaft behindern.
Die Analyse der IWF-Fazilität und von STABEX in den vorangegangen
Abschnitten zeigt, daß keines dieser beiden Verfahren alle diese Punkte
wirksam gelöst hat. In diesem Kapitel werden Wege erörtert, wie die
IWF-Fazilität und STABEX die oben genannten Ziele besser verwirklichen
können. Der letzte Abschnitt untersucht dann die Vorschläge für ein
globales STABEX und kommt zu dem Schluß, daß eine weitgehend überarbeitete
IWF-Fazilität einem neuen Schema auf der Basis des STABEX-Modells vorzuziehen ist. Eine Reform des IWF ist durchaus möglich, wie der IWF bereits
bewiesen hat, als er auf die internationalen Erörterungen über Maßnahmen

- 16

�Maßnahmen zur Verbesserung der Ausgleichsfinanzierung reagierte.
Die IWF-Fazilität für eine Ausgleichsfinanzierung war 1963 nach
vielen Jahren der Untersuchungen und Erörterungen ins Leben gerufen
worden. Forderungen nach einer Überprüfung und Erweiterung waren bereits
kurze Zeit, nachdem die Fazilität ihre Arbeit aufgenommen hatte, laut
geworden. Die erste Erweiterung der Fazilität 1966 war zum Teil auf
Vorschläge

zurückzuführen, die auf der ersten Un-Konferenz über Handel

und Entwicklung (UNCTAD) im Jahre 1964 vorgelegt worden waren, sowie auf
einen Vorschlag über "zusätzliche Finanzierung", der im Anschluß an die
Konferenz innerhalb der UNCTAD erörtert worden war und der die Schaffung
eines Mechanismus vorsah, der gegebenenfalls im Wettbewerb zu der IWF-Fazilität stehen sollte.
In den Jahren 1974 und 1975 lebte das Interesse an Fragen der Ausgleichsfinanzierung erneut auf, als bei den Beratungen in den Vereinten
Nationen über eine neue Weltwirtschaftsordnung (NIEO) zahlreiche Vorschläge
vorgelegt wurden, die die Nord-Süd-Beziehungen berührten. Als in der
NIEO-Debatte an die Stelle der Konfrontation des Jahres 1974 im folgenden
Jahr eine von beiden Seiten bekundete Absicht trat, über eine internationale
Wirtschaftspolitik zu verhandeln, wurden auch zahlreiche Anregungen zur
Verbesserung der IWF-Fazilität gemacht. Viele der vorgeschlagenen Änderungen
bezüglich der IWF-Fazilität kamen von Entwicklungsländern, aber auch die
Vereinigten Staaten und Schweden legten Vorschläge vor. Der IWF und seine
Exekutivdirektoren erörterten bei der Vorbereitung der Verbesserungen, die
Ende 1975 eingeführt wurden, zahlreiche Mäglichkeiten. Die schließlich
angenommenen Änderungen schlössen Teile des amerikanischen Vorschlages ein
(Liberalisierung der Quotenbeschränkungen zum Beispiel) und trugen auch
einigen Anliegen der Entwicklungsländer Rechnung (zum Beispiel Wegfall der
Beschränkungen bezüglich der Voraussagen über die Entwicklung der Exporterlöse).
Zugang zur Ausgleichsfinanzierung

- 17 -

�Zugang zur Ausgleichsfinanzierunc
Das beim IWF bestenemae Erfordernis, daß das geldaufnehmende Land
in Zahlungsbilanzschwierigkeiten sein muß, bevor es Ausgleichsfinanzierung
erhalten kann, ist eine wesentliche Bedingung für die Inanspruchnahme der
IWF-Fazi'-'tat. Es ist unwahrscheinlich, daß eine grundlegende Änderung
des Zahlungsbilanzkriteriums - das entscheidend für ein Tätigwerden des
IWF ist - angenommen werden würde. Verbesserungen jedoch, zum Beispiel
Änderungen bei den Methoden für die Errechnung eines Erlösrückgangs

und

bei der ersten Inanspruchnahme, wie sie 1975 eingeführt worden sind, haben
bereits die Kritik auf Seiten der Entwicklungsländer bezüglich ihres
Zugangs zu der IWF-Fazilitat etwas entkräftet; weitere Änderungen dieser
Art sind möglich.
Das Schwellen-System, de

für die Inanspruchnahme von STABEX maßgebend

ist, stellt ein schwerwiegendes Hindernis dar für die anspruchsberechtigten
Länder. In seinen wirtschaftlichen Auswirkungen ist ein Erlösrückgang von
7 Prozent mit einem solchen von 7,5 Prozent fast gleichzusetzen. In dem
ersteren Fall kann jedoch wegem der Eingreifschwelle von 7,5 Prozent keine
STABEX-Hilfe

gewährt werden. In ähnlicher Weise verwehrt die Abhängigkeits-

schwelle, die fordert, daß ein Land zu 7,5 Prozent vom Export des betreffenden Produkts abhängig sein muß, einem Land die Inanspruchnahme der Fazilitat,
das sonst aufgrund des Rückgangs seiner Exporterlöse Anspruch auf finanzielle
Unterstützung hätte. Eine Anwendung weniger willkürlicher Kriterien würde
das STABEX-System verbessern.
Die Zahl der von STABEX erfaßten Länder müßte erweitert werden und
zumindest die übrigen Entwicklungsländer einschließen. Die Tatsache, daß
die IWF-Fazilität auch Rohstoffexporteure unter den Industriestaaten einschließt, hat in keiner Weise Mittel von den Entwicklungsländern abgezweigt. Die diesen weiter fortgeschrittenen Ländern gewährte Ausgleichsfinanzierung, obwohl recht groß, läßt sich rechtfertigen, weil Maßnahmen
zur Stützung der Volkswirtschaften solcher Länder einen wichtigen Beitrag
zur Gesamtnachfrage auf der Welt darstellen. Statt diesen Ländern den Zugang
- 18 -

�Zugang zu der Fazilität zu verwehren, sollte in einer überarbeiteten
IWF-Fazi1itat eine gewisse Differenzierung vorgenommen werden, die es den
Entwicklungsländern gestatten würde, Ziehungen auf einen größeren Teil
ihrer Quoten vorzunehmen, als dies den Rohstoffexporteuren aus den weiter
fortgeschrittenen

Ländern erlaubt wäre.

Insgesamt gesehen gewährt die IWF-Fazilitat einer größeren Gruppe
von Ländern einen leichteren Zugang zu einer Ausgleichsfinanzierung, als
dies beim STABEX-System im Augenblick der Fall ist. Dagegen gibt es bei
STABEX keine Bedingungen bezüglich der Verwendung der Mittel, sobald sie
zugewiesen worden sind, im Gegensatz zu dem IWF Erfordernis, daß die Länder
bei der Lösung ihrer Zahlungsbilanzprobleme zusammenarbeiten müssen.
Das Fehlen jeglicher Bedingungen bezüglich der STABEX-Zuweisungen mag auf
deren vergleichsweise kleineren Umfang zurückzuführen sein. Es ist aber
nur schwer vorstellbar, daß Geldgeber zu einem wesentlich erweiterten System
der bedingungslosen Verwendung ihrer Beiträge zustimmen würden.

Die Berechnung von Erlösrückgängen
Ein Vergleich der vom IWF und von der Kommission der Europäischen
Gemeinscgaften angewandten Formeln zur Berechnung des Erlösrückgangs hat
gezeigt

daß das IWF-System den Trend der Eyporterlöse genauer einschätzt,

auch wenn Fluktuationen bei den Erlösen einzelner Produkte verschleiert
werden. Die an bestimmte Produkte gebundene STABEX-Methode läßt nicht zu,
daß Erlösrückgänge bei einem Rohstoff durch die Erträge bei anderen
Rohstoffen ausgeglichen werden. Bei diesem, die Produkte jeweils für
erfassenden Schema

sich

ist die Gesamtzahl aller erfaßten Produkte entscheidend,

ob dem Bedarf der meisten Rohstoffexporteure entsprochen werden kann.
(Ein Erfassen der einzelnen Produkte für sich, wobei als Basis dann jedoch
die Gesamterträge eines Landes bei allen Produkten genommen werden, würde
natürlich ebenfalls die Gefahr in sich bergen, Fluktuationen zu verschleiern.)

- 19 -

�zu verschleiern.) Solange einzelne Rohstoffe noch nicht erfaßt sind,
müßten sich die Länder stets mit der Möglichkeit abfinden, daß das System
ihrem Bedarf

nicht gerecht entsprechen kann.

Die eben erwähnten Faktoren und die mögliche Auswirkung, die
auf der Basis

einzelner Produkte arbeitendes Schema

ein

auf die Verteilung

der Mittel unter die Rohstoffe exportierenden Länder haben würde, sowie
die Tatsache, daß ein solches System jeden Anreiz zur Weiterverarbeitung
der Rohstoffe nehmen kann, machen das IWF-System, bei dem alle Warenexporte erfaßt werden, zu einer vernünftigeren Basis für die Errechnung
der Erlösrückgänge. Neben dem gesamten Warenexport sollten bei der Berechnung aber auch eine Analyse besonderer Güter, und, wo angebracht, andere
wichtige Faktoren für die Exporterträge, wie Fremdenverkehr und sonstige
unsichtbare Exporte, berücksichtigt werden. Dieser besondere Aspekt der
von der IWF-Fazilität angewandten Methode zur Errechnung von Erlösrückgängen könnte dann ein Korrektiv für die Verschleierung von Fluktuationen
und von unsichtbaren Exporten sein, die für einige Länder so wichtig sind.
Da beide, die IWF-Fazilität und STABEX,ihrer Berechnung den

gegen-

wärtigen Geldwert zugrunde legen, trägt keiner von ihnen den Auswirkungen
der Inflation auf die Erträge der Rohstoffexporteure in genügender Form
Rechnung. Eine Errechnung des realen Erlösrückgangs könnte dadurch erreicht werden, daß die Exporterlöse mit einem Index, der die von den
Rohstoffe exportierenden Ländern importierten Güter erfaßt, deflationiert
werden. Die Verwendung eines Import-Deflators bei der IWF-Berechnung des
Fünfjahresdurchschnitts sowie seinen geschätzten Voraussagen würde den
Wert der IWF-Fazilität für die Mitgliedsstaaten wesentlich erhöhen. Die
Einführung eines solchen Deflators im Falle des STABEX-Durchschnitts der
Erlöse in den vorangegangenen vier Jahren würde das EWG-Verfahren zwar
verbessern, aber nicht die anderen Unzulänglichkeiten dieser Methode zur
Errechnung des Erlösrückgangs ausgleichen..

Ausgleich für Erlosruckgange

- 20 -

�Ausgleich für Erlösrückgänge
Beide, die IWF-Fazilität und STABEX , verfügen nur über begrenzte
Mittel, die sie bei einem Rückgang der Exporterlöse für eine Ausgleichsfinanzierung einsetzen können. Der IWF-Fazilität sind durch die Höhe der
Quoten der Mitgliedsländer und dem Teil der Quoten, auf den Ziehungen
erfolgen können, Grenzen gesetzt. Und STABEX sind im Augenblick Grenzen
durch die Gesamtzuweisungen seitens der EWG gesetzt. Die derzeitige
Schwäche der IWF-Fazilität könnte durch eine Erhöhung der Quoten korrigiert werden - ein Schritt, der gegenwärtig innerhalb der IWF erörtert
wird - und durch Heraufsetzung der Grenzen bezüglich des Prozentsatzes
der Quoten, der für eine Ausgleichsfinanzierung zur Verfügung steht.
Eine Möglichkeit wäre, den Entwicklungsländern zu gestatten, in einem
Zwölfmonatszeitraum 75 Prozent ihrer Quoten und nach Konsultationen mit
dem IWF dann nochmals 25 Prozent in Anspruch zu nehmen. Damit könnten
sie Ziehungen bis zu 100 Prozent ihrer Quoten für eine Ausgleichsfinanzierung vornehmen.
Die einzige Möglichkeit für eine Aufstockung der Mittel bei einem
System wie STABEX wäre, wenn die Geberländer - vor allem die Industrieund die ölexportlander - ihre Beiträge erhöhten.
Die Entwicklungsländer haben argumentiert, daß die Mechanismen für
eine Ausgleichsfinanzierung eine volle Kompensation für jeden Erlösrückgang gewährleisten sollten. Aber selbst überarbeitete Systeme würden
wahrscheinlich gewisse Begrenzungen für eine Kompensation setzen. Ohne
Begrenzungen durch Quoten oder Bestimmungen für die Zuteilung eines festen
Betrages könnte eine Politik nach dem Motto, wer zuerst kommt, mahlt zuerst,
in einer Zeit starker und weitverbreiteter Rückgänge der Exporterlöse zu
einer Erschöpfung der verfügbaren Mittel führen. Vereinbarte Grenzen
bezüglich der Höhe der Ausgleichsfinanzierung würden mit dazu beitragen,
eine gerechte Zuteilung der Mittel, ohne Überbeanspruchung der Mittel einer
Faziiität, zu gewährleisten und die Exportländer zu veranlassen, die Zukunfts-

- 21 -

�die Zukunftsaussichten auf den von Exportrückgängen betroffenen Sektoren
zu überprüfen.
'•
•

•

Bedingungen der Ausgleichsfinanzierung
Zwar hat das STABEX-Verfahren - mit seinen zinsfreien Ziehungen und
seinen nicht rückzahlbaren Zuweisungen an die ärmsten unter den Entwicklungsländern - von den beiden Fazilitäten die konzilianteren Bedingungen,
doch wirft es auch potentielle Probleme auf. Die STABEX-Rückzahlungsbedingungen bei Ländern, die für nicht-rückzahlbare Zuwendungen nicht
in Frage kommen, könnten zu plötzlichen Zahlungsverpflichtungen
im Falle einer raschen Erholung der Exporterlöse führen.
Die IWF-Bestimmungen über Gebühren und Rückzahlung könnten möglicherweise negative Auswirkungen auf die Schuldendienstverpflichtungen eines
Rohstoffexporteurs haben, besonders dann, wenn sich seine Erlöse nicht
in dem drei-bis-fünf Jahreszeitraum erholen, in dem normalerweise die
Rückzahlung an den IWF erfolgen muß. Zwei Änderungen hier würden es dem
IWF wesentlich erleichtern, den betreffenden Ländern zu helfen, sich von
ein^m Erlösrückgang zu erholen: Niedrigere Gebühren (in einigen Fällen
überhaupt keine Gebühren) bei Ziehungen der ärmsten Entwicklungsländer sowie
anderer Länder, bei denen dies für angebracht erachtet wird, und die
Möglichkeit, daß diese Länder ausstehende Ziehungen nach fünf Jahren in
nicht-rückzahlbare Zuwendungen oder langfristige Vorzugsanleihen umwandeln
können, sollten Zahlungsbilanzerfordernisse dies notwendig machen.
Beide Änderungen könnten über den IWF-Treuhandfonds erreicht werden, der
1976 ins Leben gerufen wurde, um den Entwicklungsländern besondere Zahlungsbilanzhilfe zukommen zu lassen. Der Treuhandfonds erhält seine Mittel über
die Goldverkäufe des IWF sowie aus ihm gewährten Krediten und nicht-rückzahlbaren Zuwendungen. Das Subventionskonto, das früher für die Senkung der

- 22 -

�Senkung der Zinssätze bei der IWF-Erdölfazilitat benutzt worden war, könnte
als Präzedenzfall für eine Subventionierung der Gebühren

bei der Aus-

gleichsfinanzierung dienen und die Zielsetzungen des Treuhan^onds selbst
würden eine Konvertierung von Zierhungen für Zwecke der Ausgleichsfinanzierung in normale Anleihen rechtfertigen. Die derzeitige Liste von 61
Ländern, die für Hilfe aus dem Treuhandfonds in Frage kommen, geht zwar
nicht völlig konform mit ändert/i Listen der ärmsten Entwicklungsländer
oder der am störksten durch die hohen ölpreise betroffenen Länder, sie ist
jedoch ein guter Ausgangspunkt, um festzulegen, welche Länder für eine
bevorzugte Ausgleichsfinanzierung in Frage kommen. Die Liste des Treuhandfonds könnte modifiziert werden, um den Erfordernissen der in jüngster
Zeit unabhängig gewordener Länder oder der Länder zu entsprechen, deren
Zahlungsbilanzaussichten sich ernsthaft verschlechtert haben.
Die IWF-Fazilität könnte ihren grundlegenden Rückzahlungsplan von drei
zu fünf Jahren beibehalten. Einer Umwandlung, wo angebracht, in nicht-rückzahlbare Zuwendungen oder langfristige Anleihen nach fünf Jahren wäre
jedoch gegenüber einer Bindung der Rückzahlung an die Erholung der Exporterlöse der Vorzug zu geben. Wie die Erfahrungen mit STABEX zeigen, können
die Richtlinien für eine derartige Rückzahlung zu unbeabsichtigten Härten
für die Rohstoffexporteure führen. Die für eine Umwandlung der Ziehungen
angewandten Bedingungen sollten sich nach den Exportaussichten eines Landes
richten - das heißt, diese Bedingungen sollten mit denen vergleichbar sein,
die für die Umwandlung der ursprünglichen Bedingungen bei der Inanspruchnahme von Ausgleichsfinanzierung galten, und nicht mr' denen, die angebracht wären, wenn die Zahlungsbilanzschwierigkeiten derart sind, daß das
betreffende Land, das die Ziehung vorgenommen hat, sie unter Kontrolle bringen
kann.

IWF-Fazilität oder ein System nach der Art von STABEX
Der Vorschlag für eine Erweiterung von STABEX läßt die Frage aufkommen,
- 23 -

�aufkommen, ob die internationale Finanzwelt ihre Aufmerksamkeit auf eine
Reform der IWF-Fazi1itat oder eine weltweite Erweiterung von STABEX richten
soll. Der europäische Vorschlag fordert die Schaffung eines 5 MilliardenDollar-Fonds
Fonds

für alle Entwicklungsländer oder eines 2,5 Milliarden-Dollar-

für die ärmsten Rohstoffexporteure. Der Zugang zu dem Fonds würde

über ein Schwellenverfahren geregelt werden, ähnlich dem bei STABEX angewandten, und die Zahl der erfaßter Produkte würde auf 25 beschränkt werden auf die rund 75 Prozent der Exporte der Entwicklungsländer entfallen. Die
zur Finanzierung dieses Fonds benötigten Mittel würden von den Geberländern
aufgebracht werden.
Wenn die Aussichten gut wären für die Schaffung eines gut ausgestatteten
Fonds auf der Basis des STABEX-Modells, der 1. von den Industriestaaten
und den ülexporteuren unterstützt würde, 2. ein Abstimmungsverfahren hätte,
das den Entwicklungsländern eine wesentliche Rolle beim Entscheidungsprozeß einräumen würde, 3. verbesserte Verfahren zur Errechnung eines Erlösrückgangs einschließen '"ürdf und 4. den ärmsten Ländern handelsübliche
Bedingungen einräumen würde, dann könnte man durchaus sagen, daß die Einführung eines solchen Verfahrens die IWF-Fazilität ergänzen könnte. Das
zur Zeit vorgeschlagene Verfahren enthält zwar die positiven Elemente des
STABEX-Modells, würde aber ebenso unter seinen Schwächen leiden - nämlich
der begrenzten Zahl erfaßte. Produkte und der Verwendung willkürlicher
Schwellen zur Regelung des Zugangs zu dem Verfahren. Ferner würden internationale Verhandlungen über eine 5 Millionen-Dollar-Fazilität zur Ausgleichsfinanzierung - oder auch nur eine halb so große Fazilität - recht
langwierig sein und zusammen mit der bilater-len Hilfe sowie einer Reihe
anstehender Verhandlungen - zum Beispiel über einen gemeinsamen Fonds zur
Finanzierung von Ausgleichsvorräten, über einen allgemeinen Aktionsfonds
von 1 Million Dollar für Hilfe an die ärmsten Länder und über die weitere
Auffüllung der Mittel der internationalen Finanzierungsinstitutionen um die Aufmerksamkeit der Regierungen

buhlen und Billigung durch die

Parlamente erfordern.

Eine Reform

- 24 -

�Eine Reform des IWF-Systems auf der anderen Seite wäre ganz eindeutig
weit eher eine Ergänzung zu dem vorgeschlagenen gemeinsamen Fonds. Im
Gegensatz zu den langwierigen und komplexen Verhandlungen, die eine
Erweiterung von STABEX notwendig machen würde - Verhandlungen zwischen
der EWG, anderen Industriestaaten und ölexporteuren sowie zwischen der EWG
und der AKP-Gruppe, die bestrebt wäre, sich die Vorteile der Lome-Konvention
zu erhalten -könnte eine Kombination von administrativen und politischen
Änderungen, die von den Exekutivdirektoren des IWF ausgehandelt werden
könnten, zu einer wesentlich verbesserten IWF-Fazilität für Ausgleichsfinanzierungen führen. Quotenerhchungen und Beiträge von Geberländern
an den Treuhandfonds wären notwendig, um eine wirksame Reform der IWF-Fazilität zu ergänzen. Aber es wäre nicht unmöglich, dies zu erreichen, vor allem,
wenn die Entwicklungsländer weiterhin die von dem Fonds angewandten Bedingungen akzeptieren und sich ihnen fligen (wenn auch, widerwillig).
Die Hauptelemente, die für eine erfolgreiche Reform der IWF-Fazilität
erforderlich sind, wären:
1. Änderungen der Berechnungsmethode bei Erlösrückgängen, damit a) die
Preise, die bezugberechtigte Länder für ihre Exporte zahlen müssen,
b) die Aussichten bestimmter spezifischer Produkte und c) die
unsichtbaren Erträge wie Einnahmen aus dem Touristenverkehr Berücksichtigung finden,
2. Erweiterung der möglichen "iehungen von Entwicklungsländern auf
75 Prozent der Quoten in den ersten 12 Monaten und 100 Prozent
der Quoten nach Konsultationen mit dem IWF,
3. Einsatz des Treuhandfonds, um die IWF-Gebühren Jer Ausgleichsfinanzierung
für die ärmsten Länder und weitere Staaten, die sich nach Ansicht
des IWF in einer besonderen Situation befinden, zu senken und die von
diesen Ländern für Ausgleichsfinanzierungen vorgenommenen Ziehungen
nach fünf Jahren in nicht-rückzahlbare Zuwendungen oder langfristige

- 25 -

�langfristige Vorzuganleihen umzuwandeln.
•

Die Frage bleibt jedoch, was mit dem gegenwärtigen STABEX-System
geschehen soll, wenn eine solche Reform des IWF-Systems erfolgt ist.
Wenn diese Reformen bis 1980 in die IWF-Fazi1itat einbezogen sind, dem
Jahr, in dem die Lome-Konvention abläuft, könnte auch das STABEX-System
auslaufen. An Stelle von STABEX könnte die EWG - zusammen mit anderen
Geberländern - Beiträge zu dem IWF-Treuhandfonds leisten. Dadurch könnte
die Gemeinschaft den Bedarf an Ausgleichsfinanzierung der AKP-Länder, vor
allem der Ärmsten unter ihnen, entsprechen. Darüber hinaus könnte die
Gemeinschaft Sonderzuwendungen an langfristiger Entwicklungsfinanzierung
für die AKP-Länder erwägen. Solche Mittel könnten auf einige strukturelle
Probleme angesetzt werden, die sich aus der Erschließung - und der
Weiterverarbeitung - von Rohstoffen ergeben, sowie für eine Verbreiterung
der wirtschaftlichen Grundlagen verwandt werden. Selbst eine reformierte
IWF-Fazilitat würde ihrerseits eine ständige Bewertung von außerhalb erfordern. Bewertungen ihrer Wirksamkeit bei der Bewältigung von Fluktuationen
bei den Exporterlösen wären gerade für die AKP-Staaten besonders wichtig,
die STABEX im Tausch für die Einbeziehung in eine
IWF-Fazilitat aufgegeben hätten.

+ + + + +

erweiterte und verbesserte

�1
I

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

29

9. November 1977

NEUES VERFAHREN ZUR ALUMINIUMPRODUKTION

(AD). - Ein neues Verfahren, das den Stromverbrauch bei der
Aluminium-Gewinnung drastisch verringern könnte, wird von der
"Aluminium Corporation of America" (ALCOA) gemeinsam mit der US-Behörde für Energieforschung - und Entwicklung (ERDA) erprobt. In einer
Versuchsanlage, die ca. 5 Millionen Dollar kostet, will man nach dem
erfolgreichen Abschluß der Laborversuche nunmehr die betriebstechnischen
Details für die Herstellung von Aluminium-Silizium-Legierungen durch
"direkte Reduktion" aus Tonerden und anderen Rohstoffen untersuchen.
Dieses Verhüttungsverfahren unterscheidet sich grundsätzlich von der
heute bei der Aluminium-Gewinnung üblichen Elektrolyse. Es ähnelt
vielmehr der Produktion von Eisen und Stahl im Hochofen.
Den Berechnungen der Wissenschaftler zufolge wären nicht nur die
Investition für die Errichtung der nach dem neuen Reduktionsverfahren
arbeitenden Aluminiumhütten wesentlich niedriger, sondern die Industrie
könnte auch geringwertigere Tonerden und andere aluminiumhaltige Rohstoffe
in größeren Mengen als bisher verhütten. Diese sind in den Vereinigten

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Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�Vereinigten Staaten reichlich vorhanden - im Gegensatz zu Bauxit, dem
gegenwärtig wichtigsten Mineral für die Aluminiumproduktion, von dem
jedoch das meiste importiert werden muß. Für eine erfolgreiche Anwendung
der neuen Technologie in der Industrie sind jedoch zunächst einmal
Erfahrungen notwendig,die man in den Demonstrationsanlagen sammeln wird,
welche die ALCOA auf dem Gelände ihrer Forschungsanstalten in der Nähe
von Pittsburgh zur Zeit errichtet. Die Wissenschaftler rechnen mit
5 - 7 Jahren bis zur Industriereife des neue: Verfahrens.
Die aluminiumhaltigen Minerale werden mit einem aus Kohle gewonnenen
Brennstoff gemischt und unter Luftabschluß in einem Reaktorgefäß erhitzt.
Dabei werden Ferrosilizium (das in der Stahlindustrie verwendet wird) und
Legierungen aus Aluminium und Silizium gewonnen; Kohlenmonoxid (CO) fällt
als Nebenprodukt an.
Der Bedarf an Al-Si-Legierungen ist vor allem in der Autoindustrie
ständig im Steigen begriffen, weil mit diesem Material das Gesamtgewicht
und somit auch der Kraftstoffverbrauch - von Personen- und Lastkraftwagen
merklich reduziert werden kann. Außerdem dienen die Legierungen als Ausgangsmaterial für die Gewinnung von technischem Reinaluminium nach einem
Verfahren, das die ALCOA ebenfalls im Rahmen ihres Abkommens mit der
ERDA entwickelt.
Das Nebenprodukt CO stellt einen wichtigen

energiewirtschaftlichen

Faktor dar, da es als Brennstoff innerhalb des Betriebes verwendet
an die chemische Industrie als Rohstoff weiterverkauft werden kann.

+ + + + +

oder

�</text>
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I

Information
und
Dokumentation

1

United States Information Service

30

15. November 1977

INHALT

DOKUMENTATION
Carter appelliert in der Energiefrage an das amerikanische Volk
- Wortlaut der Ansprache vom 8. November 1977 -

US-Verteidigungsminister erläutert Positionen der Carter-Administration
- Interview mit der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC -

Um Über/endung von
Belegexemplaren uiifd
gebeten

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Dokumentation

I

United States Information Service

15. November 1977

30

CARTER APPELLIERT IN DER ENERGIEFRAGE AN DAS AMERIKANISCHE VOLK
- Wortlaut der Ansprache vom 8. Nov. 1977 -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 8. November 1977 in
einer Rundfunk- und Fernsehansprache an das amerikanische Volk für sein
Energieprogramm geworben, das er dem Kongreß unterbreitet hat.

Carter warn-

te erneut nachdrücklich vor einer weiteren Steigerung der amerikanischen
Erdöl einfuhren, da diese nicht nur die Abhängigkeit der USA auf dem Energiesektor verstärkten, sondern auch Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten
gefährdeten.

Der Präsident erwähnte die Verschiebung seiner großen Auslands-

reise wegen der Debatte im Kongreß über sein Energieprogramm und wies darauf
hin, daß andere Länder diese Entwicklung mit großem Interesse verfolgten.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Vor über sechs Monaten - im April - habe ich zu Ihnen über die Notwendigkeit einer nationalen Politik zur Bewältigung unserer gegenwärtigen und
künftigen Energieprobleme gesprochen, und am nächsten Tag habe ich meine Vorschläge dem Kongreß unterbreitet.
Der

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�i

Der Kongreß hat die Dringlichkeit dieses Problems erkannt und hat einige
der komplexesten und schwierigsten Entscheidungen angepackt, die zu treffen
eine gesetzgebende Körperschaft je aufgerufen war.
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß haben wir jetzt ein neues Energieministerium geschaffen, an dessen Spitze Minister Schlesinger steht.

Wir

sind damit jetzt in der Lage, die neue Energiegesetzgebung administrativ zu
verwirklichen, und die Behandlung des nationalen Energieplans im Kongreß hat
jetzt das Endstadium erreicht.
In der vorigen Woche hat der Senat seine Fassung des Gesetzeswerkes
an den Vermittlungsausschuß überwiesen, wo Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats jetzt die Unterschiede in den jeweils verabschiedeten
Fassungen bereinigen werden.

Hier wird sich in den nächsten Wochen die

Stärke und der Mut unseres politischen Systems beweisen müssen.
Die Entscheidungen, vor denen die Mitglieder des Kongresses stehen,
sind nicht leicht. Wenn sie einen wirksamen und fairen Plan verabschieden
wollen, dann werden sie unsere Unterstützung und unser Verständnis brauchen
- Ihre Unterstützung, um den Forderungen einiger weniger nach Begünstigung
auf Kosten unser aller zu widerstehen, und Ihr Verständnis, daß es keinen
wirksamen Plan geben kann, ohne daß wir alle gewisse Opfer bringen.
Heute abend, an diesem entscheidenden Zeitpunkt, möchte ich erneut betonen, warum es so wichtig ist, daß wir über einen Energieplan verfügen, und
was wir als Nation aufs Spiel setzen, wenn wir uns scheuen und zögern, diese
Aufgabe zu bewältigen. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß Sie sich
darüber im klaren sind, wie ernst diese Herausforderung ist.
Mit jedem Monat, der verstrichen ist, wurden unsere Energieprobleme
immer schlimmer.

In diesem Sommer haben wir mehr öl und Benzin verbraucht

als jemals zuvor in unserer Geschichte.
aus anderen Ländern.

Und immer mehr unseres Öls kommt

Allein seit April haben uns unsere ölimporte 23 Mil- 2 -

*

�Milliarden Dollar gekostet - d.h. ausländisches öl im Werte von 350 Dollar
für die typische amerikanische Familie.
Vor einigen Wochen hat mir in Detroit ein arbeitsloser Stahlarbeiter
etwas gesagt, was das zum Ausdruck bringen dürfte, was viele von Ihnen fühlen.

"Herr Präsident", so sagte er, "mir liegt nicht viel daran, über Ener-

gie und Außenpolitik zu sprechen.

Ich mache mir Sorgen, von was ich leben

soll ... Ich kann mir nicht viel Sorgen um andere Dinge machen, wenn ich
eine zehnjährige Tochter großziehen muß und keinen Arbeitsplatz habe.

Und

ich bin 56 Jahre alt."
Ich kann ihm gut nachfühlen, aber ich muß Ihnen die Wahrheit sagen, und
die Wahrheit ist, daß Sie nicht über Ihre wirtschaftlichen Probleme heute
oder in Zukunft reden können, wenn Sie nicht von Energie sprechen.
Lassen Sie mich versuchen, das Problem in seinem ganzen Umfang und seiner
ganzen Auswirkung darzustellen:

Unsere Farmer sind die größten Exporteure

landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die die Welt je gekannt hat, aber wir brauchen gegenwärtig alle Nahrungsmittel und Fasern, die wir in zwei Jahren exportieren, um gerade die Erdöleinfuhren für ein Jahr bezahlen zu können - mit
rund 45 Milliarden Dollar.
Diese übermäßige Einfuhr von ausländischem öl ist ein gewaltiger und
rasch zunehmender Aderlaß für unsere Volkswirtschaft.

Sie schadet jeder

amerikanischen Familie.
Sie verursacht Arbeitslosigkeit.

Jede Zunahme der ölimportkosten um

5 Milliarden Dollar kostet uns etwa 200 000 amerikanische Arbeitsplätze.
kostet uns Investitionen in die Wirtschaft.

Gewaltige Beträge amerikanischer

Vermögen bleiben nicht mehr in den Vereinigten Staaten, um unsere Fabriken
zu bauen und uns ein besseres Leben zu ermöglichen.
Sie
- 3 -

Sie

�»

Sie macht es schwerer für uns, unseren Bundeshaushalt auszugleichen
und die für unsere Bevölkerung notwendigen Programme zu finanzieren.
bringt unseren Handel mit anderen Ländern ins Ungleichgewicht.

Sie

In diesem

Jahr werden sich, hauptsächlich wegen des Öls, unsere Einfuhren auf mindestens
25 Milliarden Dollar mehr belaufen als der Wert aller amerikanischen Güter,
die wir in Übersee verkaufen.
Sie treibt die internationalen Energiepreise in die Höhe, weil die übermäßige Einfuhr von öl durch die Vereinigten Staaten es den ausländischen Produzenten erleichtert, ihre Preise zu erhöhen.

Sie nährt einen starken in-

flationistischen Druck in unserer Wirtschaft.
•

Wenn dieser Trend anhält, dann könnte die übermäßige Abhängigkeit von
ausländischem öl selbst die Sicherheit unseres Landes in zunehmendem Maße
von unsicheren Energiequellen abhängig machen.
mehr ab, als nur von unseren Streitkräften.

Unsere Sicherheit hängt von

Sie hängt auch von der Stärke

unserer Wirtschaft, von unserem nationalen Willen und von der Fähigkeit der
Vereinigten Staaten ab, unsere Außenpolitik als freie und unabhängige Nation
zu betreiben.

Amerika ist draußen in der Welt nur so stark, wie es im eigenen

Lande ist.
-

Der Außenminister hat kürzlich erklärt, "Der gegenwärtige Mangel an
garantierten Energiequellen ist die sicherlich größte Bedrohung ... unserer
Sicherheit und der unserer Verbündeten."
Ich habe gestern nach sorgfältiger Überlegung die Verschiebung einer
großen Auslandsreise bis nach Weihnachten bekanntgegeben wegen der überragenden Bedeutung der Entwicklung eines wirksamen Energieplanes in diesem
Jahr.

Ich habe keinen Zweifel, daß ich die richtige Entscheidung getroffen

habe, denn die anderen Nationen der Welt - Verbündete und Gegner gleichermaßen - warten mit großem Interesse und großer Besorgnis auf unsere Energieentscheidung.
Warum
- 4 -

t

�Warum haben wir als der Welt größter Produzent von Kohle, öl und Erdgas dieses Problem mit der Energie, und warum ist es so schwer zu lösen?
Ein Problem besteht darin, daß der Preis aller Energie in die Höhe geht,
einmal weil sie immer knapper wird, und zum andern weil der ölpreis nicht
auf einem freien, vom Wettbewerb bestimmten Markt festgelegt wird.

Der Welt-

preis wird von einem ausländischen Kartell - den Regierungen der sogenannten
OPEC-Staaten - festgelegt.

Dieser Preis liegt heute fast fünfmal so hoch wie

im Jahre 1973.
Unser größtes Problem ist jedoch, daß wir einfach zu viel Energie verbrauchen - und verschwenden. Unsere Einfuhren haben sich während der letzten
zehn Jahre mehr als verdreifacht. Obwohl alle Länder mehr tun könnten, sind
wir doch die größten Sünder. Seit dem großen Preisanstieg im Jahre 1973 haben die Japaner ihre Ulimporte beschnitten; die Deutschen, die Franzosen, die
Briten und die Italiener - sie alle haben ihre öiimporte verringert. Wir indessen haben - obwohl wir über große eigene ölvorräte verfügen - unsere öleinfuhren um mehr als 40 Prozent gesteigert.
Dieses Problem kam ganz plötzlich auf uns zu.

Vor zehn Jahren, als das

ausländische öl noch sehr billig war, importierten wir nur 2,5 Millionen
Barrel öl am Tag - etwa 20 Prozent unseres Verbrauchs.
portierten wir etwa 30 Prozent.

Im Jahre 1972 im-

In diesem Jahr, wo das ausländische öl sehr

teuer ist, führen wir nahezu 9 Millionen Barrel öl pro Tag ein - fast die
Hälfte des gesamten Öls, das wir verbrauchen.

Wenn wir nicht rasch handeln,

werden die Importe weiter steigen, und alle soeben von mir beschriebenen Probleme werden sich noch vergrößern.
Wir müssen drei Dinge tun, wenn wir diese Gefahr vermeiden wollen:
Erstens, wir müssen den Verbrauch drosseln; zweitens, wir müssen von öl und
Gas zu anderen Energiequellen gelangen und drittens, wir müssen die Energieerzeugung in den Vereinigten Staaten fördern. Das sind die Ziele der neuen
Energiegesetzgebung.
Um
- 5 -

�Um Energie einzusparen, ergreift der Kongreß gegenwärtig Schritte, um
unsere Automobile, unsere Heime und Geräte leistungsfähiger zu machen und um
unsere Industrie zu ermutigen, sowohl Wärme als auch Elektrizität zu sparen.
Der Vermittlungsausschuß des Kongresses erörtert gegenwärtig Änderungen
mit dem Ziel, die Stromtarife so anzusetzen, daß Verschwendungen vermieden
und diejenigen belohnt werden, die weniger Energie verbrauchen, und daß zu
einem Energieverbrauch in jenen Tagesstunden übergegangen wird, in denen die
Nachfrage gering ist.
Eine weitere wichtige Frage, vor die sich der Kongreß gestellt sieht,
ist, wie der steigende Marktpreis für einheimisches öl die Kosten für seinen
Ersatz reflektieren soll, während gleichzeitig der amerikanische Verbraucher
sowie unsere Wirtschaft geschützt werden.
Wir müssen einer unangenehmen Tatsache hinsichtlich der Energiepreise
ins Auge sehen.

Sie steigen, ob wir ein Energieprogramm verabschieden oder

nicht, weil der Brennstoff knapper und teurer produziert wird.

Die Frage ist,

wer von den steigenden Preisen für jenes öl profitiert, das bereits erschlossen ist.

Unser Energieplan erfaßt und lenkt diese Profite an die Öffentlich-

keit zurück, wo sie die Wirtschaft fördern, mehr Energie sparen helfen und
neue Arbeitsplätze schaffen können.
Wir werden Forschungs- und Entwicklungsprojekte nutzen sowie steuerliche
Anreize, Strafen und die entsprechenden Ausführungsbestimmungen anwenden, um
die Verlagerung vom öl und vom Erdgas auf Kohle, Wind- und Sonnen- und geothermische Energie, auf Methan sowie auf andere Energiequellen zu beschleunigen.
Wir haben ferner Anreize für die Förderung der öl- und Erdgasproduktion
hier in unserem eigenen Lande vorgeschlagen, und der Kongreß prüft sie gegenwärtig.

Hier entsteht eine weitere größere Kontroverse.

�Es ist wichtig, daß wir neue öl- und Erdgasvorkommen sowie eine gesteigerte Produktion bei angemessenen Preisen für die Erzeuger fördern.
Wir haben vorgeschlagen, daß der Preis für neues Erdgas jedes Jahr dem
Durchschnittspreis für einheimisches öl angepaßt wird, das die gleiche Menge
an Energie produzieren würde.

Aufgrund dieser neuen Politik würde das Brutto-

einkommen der Erdgasproduzenten um durchschnittlich rund 2000 Dollar pro Jahr
höher liegen als bei dem gegenwärtigen Preisstand.
Die neuen ölpreise würden ferner in drei Jahren auf das derzeit in der
Welt gehaltene Niveau steigen und dann inflationsausgleichend erhöht werden.
Dieser Anreiz für eine neue öl Produktion würde der höchste in der ganzen Welt
sein.
Diese Vorschläge würden auch einen angemessenen Anreiz für die Erschliessung einheimischer Öl- und Erdgaslager und ihre Produktion bieten, aber einige
öl gesell Schäften wollen viel mehr, - zig Milliarden Dollar mehr.

Sie wollen

stark erhöhte Preise für "altes" öl und Erdgas - da; heißt für Energiequellen,
die bereits entdeckt und genutzt wurden.

Sie wollet eine sofortige und stän-

dige Aufhebung der Preisregulierung für Erdgas, was die Verbraucher von jetzt
bis zum Jahre 1985 siebzig Milliarden Dollar oder meh&gt; kosten würde.

Sie wol-

len für "neues" öl und Erdgas sogar noch höhere Preire als die von uns vorgeschlagenen; sie wollen die höheren Preise noch rascher, und sie fordern
niedrigere Steuern für ihre Gewinne.
Es sind dies sehr kontroverse Fragen, und die Debatten im Kongreß sind
heftig. Der politische Druck ist groß, weil viel auf «m Spiele steht. Wir
sollten die einzelnen und die Gesellschaften, die neueirdgas- und Ölvorkommen
entdecken und sie erschließen, belohnen, aber wir dürfei ihnen nicht riesige
Spekulationsgewinne (windfall profits) bei ihren schon Erschlossenen Quellen
auf Kosten des amerikanischen Volkes verschaffen.

Der

�Der Energieplan, den ich dem Kongreß im April dieses Jahres vorgelegt
habe, enthält drei Grundelemente, die gewährleisten, daß er wohl ausgewogen
ist.

Erstens, er ist fair sowohl den amerikanischen Verbrauchern wie den

Energieproduzenten gegenüber und bringt unserer Volkswirtschaft keinen Schaden.

Zweitens, er ist darauf abgestellt, unseren wichtigen Zielen für die

Energieeinsparung gerecht zu werden, eine Verlagerung auf reichlicher vorhandene und beständige Energiequellen zu fördern und die Energieerzeugung in den
Vereinigten Staaten zu steigern, und drittens er bewahrt unseren Bundeshaushalt vor unsinnigen finanziellen Belastungen.
Dies sind die drei Normen, nach denen das Gesetz in seiner abschließenden
Fassung zu beurteilen sein wird.

Ich werde die Energiegesetze nur unterzeich-

nen, wenn sie diesen Erfordernissen entsprechen.

Der Kongreß wird in den kom-

menden Wochen sein Urteil über diese entscheidend wichtigen Fragen fällen.
Ich werde mit ihm eng zusammenarbeiten.

Aber diese Entscheidungen betreffen

in einem hohen Maße auch Sie.
Es geht hier nicht um einen Kampf, wer der Stärkere ist, zwischen Präsident und Kongreß oder zwischen Repräsentantenhaus und Senat.

Worum es geht,

das ist die Stärke und der Wille unserer Nation - ob wir eine Gefahr erkennen
und einer bedrohlichen Herausforderung zusammen gewachsen sein können.
Ich bin überzeugt, daß wir über genug Energie verfügen können, um ein
anhaltendes Wachstum unserer Wirtschaft, eine Ausweitung der Produktion und ei
Vermehrung der Arbeitsplätze zu ermöglichen und die Sicherheit der Vereinigten
Staaten zu gewährleisten - wenn wir klug und umsichtig handeln.
Ich bin überzeugt, daß unser Land sich jeder Herausforderung gewachsen
zeigen kann, aber hier handelt es sich um eine außerordentlich schwierige,
weil die Gefahr nicht leicht zu erkennen - und die Lösung weder einfach noch
im politischen Sinne populär ist.
Ich

�Ich sagte vor sechs Monaten, daß niemand mit diesem Energieplan völlig
zufrieden sein werde.

Diese Voraussage hat sich als richtig erwiesen.

In

dieser komplexen Gesetzgebung gibt es den einen oder anderen Teil, gegen den
die eine oder andere Region oder Interessengruppe Einwände erheben kann.
Aber ein gemeinsames nationales Opfer zur Lösung dieses schwerwiegenden Problems sollte von jedem einzelnen mitgetragen werden - ein Beweis dafür, daß
der Plan fair ist. Viele Gruppen haben sich der Herausforderung gewachsen
gezeigt, aber unglücklicherweise gibt es immer noch einige, die ihren persönlichen Vorteil über das nationale Interesse stellen.
Es ist auch immer besonders schwierig, mit Aufgaben fertig zu werden,
die weit in die Zukunft reichen. Ein Präsident wird für vier Jahre gewählt,
ein Senator für sechs und unsere Vertreter im Kongreß für nur zwei Jahre. Es
ist immer leichter gewesen, bis zum nächsten Jahr oder bis zur nächsten Amtsperiode zu warten - um ein politisches Risiko zu vermeiden.
Aber Sie wählen ihre offiziellen Vertreter nicht nur,damit sie ein Amt
bekleiden. Der Kongreß steht vor sehr schwierigen Entscheidungen, und wir
haben eine gute Partnerschaft aufgebaut. Wir alle in der Regierung brauchen
Ihre Hilfe.
Dies ist eine Aufgabe, die Weitblick und Zusammenarbeit seitens aller
Amerikaner braucht. Ich hoffe, daß alle von Ihnen Maßnahmen treffen werden,
um unsere so kostbare Energie einzusparen, und daß Sie sich mit den von Ihnen
gewählten offiziellen Vertretern auf allen Regierungsebenen zusammentun werden, um diese Bewährungsprobe für das Urteilsvermögen und den Willen unserer
Nation zu bestehen.
Das sind sehr ernste Probleme,und das sind sehr ernste Worte. Aber
unser Energieplan spiegelt auch den Optimismus wider, den ich in bezug auf
unsere Fähigkeit hege, mit diesen Problemen fertig zu werden.

Die Geschichte

der Menschheit war stets die Geschichte einer Anpassung an sich ändernde Verhältnisse.

Die Geschichte unserer Nation ist die Geschichte, sich schweren

�schweren Aufgaben zu stellen und sie zu bewältigen.

Diese wichtige Gesetz-

gebung ist ein notwendiger erster Schritt auf einem langen Weg.
Dieser Energieplan ist eine gute Versicherung für die Zukunft, für die
wir heute relativ kleine Prämien zahlen und uns damit für die kommenden Jahre
schützen.

Wenn wir es versäumen, heute kühn zu handeln, dann werden wir uns

mit Gewißheit morgen Krisen größeren Ausmaßes gegenübersehen:

Energiever-

knappung, Umweltschäden, einer Regierungsbürokratie und Verordnungen, die
immer massiver werden,und überstürzten Sofortprogrammen.
Ich hoffe, daß in vielleicht hundert Jahren ein Übergang auf unerschöpfliche Energiequellen erfolgt sein wird und die Sorge unserer Nation um die
Energie vorüber sein wird.

Aber wir können diesen Übergang nur dann reibungs-

los vollziehen - für unser Land und für unsere Kinder und Enkel - wenn wir
jetzt sorgfältige Maßnahmen ergreifen, um uns selbst für die Zukunft vorzubereiten.
Während der kommenden Wochen wird sich die ganze Aufmerksamkeit auf den
Kongreß richten, aber wir werden unseren Mut und unseren Einsatzwillen weiterhin in den verschiedensten Formen und an unterschiedlichen Orten für die kommenden Monate und Jahre und Generationen unter Beweis stellen müssen.
Es fügt sich gut,
in New York, Anmerkung
erinnert, daß Sie, die
Regierung so mutig und
dern.

daß ich zu Ihnen an einem Wahltag (Bürgermeisterwahl
der Redaktion) spreche - an einem Tag, der uns daran
Bürger, die Herrscher dieser Nation sind - daß Ihre
tatkräftig und fair sein wird, wie Sie es von ihr for-

Es wird nicht das letzte Mal sein, daß ich mit schwierigen und umstrittenen Entscheidungen vor Sie trete und Sie um Ihre Hilfe bitte.

Denn es ist

meine Überzeugung, daß die Pflichten dieses Amtes von mir nichts geringeres
fordern.
Ich
- 10 -

�Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir die Weisheit und den Mut finden
werden, um die rechten Entscheidungen zu treffen - selbst wenn sie unangenehm
sein mögen -»damit wir zusammen die Größe unserer Nation bewahren.

- 11 -

�Dokumentation
United States Information Service

30

15. November 1977

US-VERTEIDIGUNGSMINISTER ERLÄUTERT POSITIONEN DER CARTER-ADMINISTRATION
- Interview mit der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC -

WASHINGTON - (AD) - Der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten,
Harold Brown, hat in einem Interview mit der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC die Positionen der Carter-Administration zu den SALT-Verhandlungen,
zur Nonproliferation und zu dem Truppenabzug aus Südkorea dargelegt. Im
Rahmen der Serie "Issues and Answers" (Fragen und Antworten) führti Brown
am 6. November unter anderem aus:
Frage: Wir möchten heute mit Ihnen über die Aussichten auf ein neues
RUstungsbegrenzungsabkommen mit den Russen sprechen; allem voran aber hätte
ich gerne von Ihnen eine Antwort auf die Frage, die viele Mitglieder des
Kongresses beunruhigt: Ist die Sowjetunion dabei, die Vereinigten Staaten
in der militärischen Gesamtstärke zu überflügeln?
Antwort: Ich möchte sagen: Nein. Meines Erachtens befinden wir uns in
einer Situation, in der zwischen uns und den Sowjets in strategischer Hinsicht d.h. hinsichtlich der strategischen thermonuklearen Kapazitäten - im wesentlichen die Parität gegeben ist. Wir sind demnach in etwa gleich stark. Bezüglich

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tal- n9991-ftQ39df&gt; T P I P Y - 0 8 - 8 5 4 3 9

�Bezüglich der nichtnuklearen Kapazitäten, was also die konventionellen Waffen
angeht, bestehen einige Umstände, Gegebenheiten und Kapazitäten, in denen
sie uns voraus sind,und andere, in denen wir ihnen voraus sind. Es besteht
eine Kombination aus geographischen und rüstungsmäßigen Umständen, die uns
in verschiedenen Bereichen - in einigen mehr als in anderen - begünstigen.
Alles in allem würde ich meinen, daß wir im wesentlichen in allen diesen
Dingen miteinander vergleichbar sind; in militärischer Hinsicht aber möchte
ich sagen, daß die Vereinigten Staaten erheblich voraus sind.
Frage: Sie sagen, wir haben in den strategischen Rüstungen in etwa ein
Verhältnis der Parität. Dies ist nach meinem Dafürhalten ein Punkt, auf den
sich sicherlich die Gegner eines neuen SALT-Vertrages konzentrieren werden,
dip argumentieren, wir würden den Russen so viel zugestehen, daß sie uns
innerhalb weniger Jahre beispielsweise hinsichtlich der InterkontinentalraketenStärke weit voraus sein werden; ein solcher Vorteil könnte es ihnen relativ
leicht machen, die Minuteman-Bunker auszuschalten. Ist das eine faire Beurteilung der uns drohenden Gefahr?
Antwort: Das ist, wie ich sagen darf, keine korrekte Einschätzung der
gegenwärtigen und künftigen Verhältnisse.
Erlauben Sie mir, diese Dinge in die rechte Perspektive zu rücken: Nach
meiner Auffassung werden mir die meisten Leute - vielleicht nicht alle, aber
doch die meisten - , die Einwendungen gegen den bisherigen Verlauf der Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Waffen, SALT, erheben, beipflichten, daß wir uns nunmehr, im gegenwärtigen Zeitpunkt, hinsichtlich der
strategischen Kapazitäten mit der Sowjetunion in einem Verhältnis der Parität
befinden. Viele von ihnen machen sich ernste Sorgen wegen der künftigen Lage,
und manche von ihnen meinen, eine neue SALT-Vereinbarung würde die zahlenmäßige Überlegenheit der Sowjets festschreiben - eine militärische Überlegenheit einer politisch verwertbaren Form. Ich selber glaube nicht, daß dies der
Fall wäre. Ich meine vielmehr, wir sollten jetzt noch keine endgültigen Schlüsse
aus einem SALT-II-Abkommen ziehen, weil vorher noch viele Einzelheiten, wichtige

- 2 -

�wichtige Einzelheiten, geregelt werden müssen. Solange dies nicht der Fall
ist, möchte ich keine militärische Gesamtbeurteilung abgeben. Meiner Meinung
nach besteht, nach dem Fortgang der Verhandlungen zu urteilen, eine verhältnismäßig gute Chance, ein SALT-Abkomme*

zustandezubringen, das einer Reihe

von Kriterier Genüge leisten dürfte.
Ein solches Abkommen würde allem voran die Zahl der Waffen, der strategischen
Kernwaffenträger, gegenüber früher vermindern. Es brächte stärkere Verringerungen
seitens der Sowjetunion als seitens der Vereinigten Staaten. Es würde die Sowjetunion auf vielfache Weise zu Beschränkungen zwingen - nicht auf jede Weise,
wie wir es gern hätten, aber immerhin auf manchem wichtigen Gebiet. Es würde
auch uns in mancher Hinsicht einschränken, uns aber nicht abhalten, unseren
strategischen Erfordernissr- nachzukommen. Das besagt, es würde uns die Ausführung von Programmen gestatten, die unsere Erachtens notwendig sind, das
Verhältnis der Parität im großen und ganzen aufrechtzuerhalten. Dabei ist keineswegs sicher, ob wir diese Programme verwirklichen. Das hängt davon ab, was die
Regierung zu tun beabsichtigt und was der Kongreß billigt; die Möglichkeit
jedenfalls bleibt offen.
Ich halte es nicht für die richtige Methode der Beurteilung eines solchen
Abkommens , irgendeine

r

orm strategischer Nuklear-Kapazitäten herauszugreifen... ,

die Zahl der Gefechtsköpfe für Interkontinentalraketen beispielsweise, um zu
sagen, die Sowjets hätten einen beträchtlichen Vorsprung auf diesem Gebiet, den
sie übrigens mit oder ohne Abkommen hätten. Es muß vielmehr eine Gesamtbewertung
vorgenommen werden, um die Dinge, in denen wir ihnen voraus wären, und diejenigen,
in denen sie uns voraur wären, gegeneinander aufzuwiegen.
Frage: Herr Minister, ist es aber nicht dennoch wahr, daß die Sowjets mit
oder ohne Abkommen, um Ihre Worte zu gebrauchen, bis Mitte der achtziger Jahre
die Fähigkeit haben werden, unseren Vergeltungswaffen vom Typ Minuteman erheblichen Schaden zuzufügen? Ist man sich darin nicht generell einig?
Antwort: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß die Sowjets zu irgendeinem Zeitpunkt um das Jahr 1985 herum die Fähigkeit besitzen werden, die

- 3 -

�die Minuteman-Bunker auf eine Art und Weise anzugreifen, daß wir um deren
Bestand fürchte.) müssen. Mit anderen Worten, das überdauern

der Minuteman-

stellungen wäre zweifelhaft; ihr überdauern im Falle eines Überraschungsangriffs aber wäre nicht mit dem überleben der Vereinigten Staater gleichzusetzen.
Unsere Abschreckung besteht aus einer Reihe unterschiedlicher Systeme, von
denen bodengest'ützte Raketen lediglich eines sind. Ein Überraschungsangriff,
der zwar die Minuteman-Raketen ausschalten würde, unsere Bomber aber und unsere
unterseebotgestützten Raketen unversehrt ließe - und das wäre der Fall und ihnen die Möglichkeit zu einem vernichtenden Vergeltungsschlag gegen die
Sowjetunion gäbe, wäre kein Krieg, den die Sowjetunion gewinnt; es wäre ein
Krieg, den beide Seiten verlieren.
Frage: Es war in jüngerer Zeit von neuen Stolpersteinen in den SALT-Verhandlungen die Rede, die die Aussichten auf den alsbaldigen Abschluß eines
Abkommens beeinträchtigen könnten. Gibt es Ihrer Ansicht nach etwas, was ernst
genug sein könnte, einen neuen SALT-Vertrag zu blockieren?
Antwort: Ich würde nicht sagen, daß es neue Stolpersteine gibt. Ich meine
vielmehr, es handelt sich um alte Stolpersteine, über die wir noch nicht hinweggekommen sind. Es wird meines Erachtens einige Zeit dauern, in den betreffenden
Fragen zu einer Einigung zu gelangen; ich glaube aber auch, daß man eine Beurteilung des Gesamtabkommens erst nach deren Regelung vornehmen sollte. Ich sehe
keine unüberwindlichen Hindernisse; es gehören aber immer zwei Seiten dazu, eine
Vereinbarung zu schließen.
Frage: Besteht die Gefahr, daß Sie in eine Ecke des Boxrings gedrängt
werden, in der Sie der Sowjetunion nur noch neue Konzessionen machen könnten, um
einen SALT-Vertrag zu bekommen, der dann seitens des Senats aber für so weich
angesehen werden würde, daß er seine Ratifizierung ablehnen würde?
Antwort: Hypothetisch ist diese Möglichkeit gegeben. Meiner Überzeugung nach
hat diese Administration nicht die Absicht, ein SALT-Abkommen zu schließen, das
die für uns notwendigen strategischen Kapazitäten nicht gewährleistet, und deshalb

�deshalb wird dies, davon bin ich überzeugt, nicht geschehen.
Frage: Herr Minister, die Sowjets überraschten die Vereinigten Staaten
diese Woche mit dem Vorschlag, ein vollkommenes Verbot von militärischen wie
friedlichen Nukleartests zu vereinbaren. Sehen Sie andererseits irgendwelche
Einwände gegen ein solches Verbot? Könnte es unser Nuklearprogramm

in irgend-

einer Weise behindern? In der Weise etwa, daß es eine weitere Erprobung der
Neutronenwaffe (Waffe mit hochwirksamer Strahlung) unmöglich machen könnte.
Antwort: Ich würde nicht sagen, wir wären überrascht gewesen. Wir haben
die Sowjets seit langem schon gedrängt, diese Position einzunehmen, und das
haben sie nunmehr getan.
Jedes Abkommen, das Nuklearexplosionen, also solche Tests mit Explosivstoffen, verbiete;., würde schon deshalb nicht-militärische ebenso wie militärische
Versuche einbeziehen, weil auch nicht-militärische Versuche militärische
Informationen und Vorteile abwerfen.
Ein solches Verbot würde in der Tat die Entwicklung neuer Kernwaffen auf
beiden Seiten behindern. Und das ist Teil seines Zwecks. Ein weiterer Teil wäre
es, die Weiterverbreitung auf andere Länder zu verhindern. Wir würden nukleare
Gefechtsköpfe für alle jenen Systeme behalten, die für die Wahrung unserer
Sicherheit absolut notwendig sind. Und es ist immer möglich,einen vorhandenen
Gefechtskopf, der für ein Waffensystem entwickelt wurde, einem anderen Waffensystem anzupassen, ohne unbedingt irgendwelche Nukleartests vornehmen zu müssen.
Im spezifischen Fall der Waffe mit hochwirksamer Strahlung haben wir bereits
eine Reihe von Tests durchgeführt, weshalb uns ein Verbot weiterer Nukleartests
nicht von der Produktion dieser Waffe abzuhalten brauchte.
Frage: Somit hätten Sie keine Einwendungen, wenn wir ein solches Verbot
mit der Sowjetunion ohne weitere Debatte vereinbaren würden - ist das richtig so?
Antwort: Auch das hängt wiederum von den Einzelheiten ab. Meiner Meinung

- 5 -

�Meiner Meinung nach gibt es hier eine wichtige Differenz, die bisher übergangen
wurde. Es bleiben einige Fragen offen: Wie lan^e soll eine solche Vereinbarung
gelten; auf wie lange soll ein Moratorium friedlicher Tests befristet sein;
sollen beide gleich lang in Kraft bleiben; sollen andere Länder in ein solches
Abkommen eingebunden werden, damit es nicht von innen her ausgehöhlt werden
kann?
Die ganze Frage der Inspektion, die ganze Frage der

automatisch arbeitenden

seismographischen Stationen usw. - auch hier gibt es also eine Menge Details.
Dennoch handelt es sich um einen großen Schritt in Richtung auf ein Abkommen.
Frage: Der Präsident legte gestern,um ein weiteres Ergebnis der Woche
aufzugreifen,mit dem Hinweis auf seine Besorgnisse hinsichtlich der nuklearen
Proliferation

sein Veto gegen ein Gesetz ein, das den Bau eines Brutreaktors

am Clinch River in Tennessee vorsieht. Das ist auch für Sie als Nuklearphysiker,
der selbst maßgeblich an der Entwicklung von Kernwaffen mitgearbeitet hat, Anlaß zu besonderer Sorge. Ich möchte Sie fragen, könnten die Vereinigten Staaten
mehr tun, die tatsächliche Weiterverbreitung von Kernwaffen zu begrenzen - und
ich denke dabei

an Südafrika, das offenkundig fähig ist, Kernwaffen zu entwickeln,

oder auch an Israel, das bereits ein kleines Arsenal von Kernwaffen besitzt?
Antwort: Wir geben uns in der Frage der Nonproliferation sehr viel Mühe,
genug Mühe jedenfalls, um uns bei einigen unserer Freunde gelegentlich recht
unpopulär zu machen. Wir halten es für sehr wichtig, andere Länder kernwaffenfrei zu halten - andere Länder zu entmutigen, selbst Kernwaffen zu erwerben -,
einfach deshalb, weil dies die Gefahren für die Welt noch vergrößern würde.
Da die Welt gleichzeitig mit einer kritischen Energieknappheit konfrontiert
ist - einer Knappheit, die, sofern wir nichts unternehmen, unsere Sicherheit
nicht minder unterminieren würde

ne eine Unterlegenheit auf dem Gebiet der

strategischen Waffen -, verstehen wir, warum einige Länder meinen, sie müßten
die Kernenergie weiter erproben. Ich selbst bin der Frage nach der Notwendigkeit

�Notwendigkeit von Plutoniumbrütern ziemlich sorgfältig nachgegangen - im
vergangenen Jahr, als ich der Studiengruppe zur Untersuchung dieser Frage
angehörte. Die Administration ist überzeugt, daß wir auch weiterhin Kernreaktoren bauen und weiterforschen können, ohne die Entwicklung von Anlagen zur
Wiederaufbereitung von Plutonium voranzutreiben. Es ist die Fähigkeit zur
Wiederaufbereitung von Plutonium, die im Bereich der Kernenergie die Gefahr
einer zunehmenden Proliferation

von Kernwaffen heraufbeschwört.

Frage: Haben wir, soweit Sie das beurteilen können, alles getan, um die
Israelis zu überreden, die Entwicklung von Kernwaffen einzustellen?
Antwort: Nun, ihr Nuklearprogramm ist Gegenstand von Spekulationen, und
ich werde diesen im gegenwärtigen Augenblick nicht noch neue hinzufügen.
Frage: Diese wurden jedoch vom CIA bestätigt.
Antwort: Das alles ist Gegenstand vieler Spekulationen, denen ich keine
weiteren hinzufügen möchte. Sicherlich sind wir nachhaltig und energisch bei den
Israelis vorstellig geworden, in dem Sinne, daß der Erwerb von Nuklearwaffen
durch sie kein Faktor zur Mehrung der Stabilität im Nahen Osten wäre;die Israelis
haben, wie Sie wissen, ihrerseits erklärt, daß sie nicht die ersten sein würden,
die Kernwaffen im Nahen Osten einbringen.
Frage: Zum gleichen Thema: Wenn nun aber andere Länder die vermutete Kapazität besitzen, was wäre dann die Antwort der Vereinigten Staaten, wenn sich
herausstellt, daß taktische Nuklearwaffen sowjetischer Bauart in den Nahen Osten
oder in Gebiete im Süden Afrikas

verbracht würden?

Antwort: Das wäre ein sehr destabilisierender Faktor, doch die Sowjets
waren meines Erachtens bisher,von einer einzigen bemerkenswerten Ausnahme abgesehen, hinsichtlich der Verbringung von Kernwaffen in einen neuen Teil der
Welt sehr zurückhaltend. Meiner Meinung nach wäre dies eine sehr ernste Angelegenheit, und wir sollten alles tun, was wir nur tun können, um Situationen zu

- 7 -

�Situationen zu vermeiden, in denen dies geschehen könnte.
Frage: Herr Minister, der Präsident beschuldigte Südkorea gestern der
Behinderung der Justi7 der Vereinigten Staaten dergestalt, daß es Tongsun Park
davon abhält, vor dem Kongreß über seine Rolle im Korea-Skandal auszusagen.
Werden sich die Enthüllungen über südkoreanische Bemühunger

Einfiuß

im Kongreß zu erkaufen, störend auf den Plan der Administration auswirken,
die meisten arerikanisehen Truppen aus Südkorea abzuziehen?
Antwort: Wie Sie wissen, haben wir gleichzeitig vor - haben wir einen Plan,
die amerikanischen Landstreitkräfte im Verlauf der nächsten vier oder fünf
Jahre aus Korea abzuziehen. Das ist unsere Entscheidung, und wir kommen mit
diesen Plänen weiter voran.
Gleichzeitig haben wir gemeinsam Mit den Koreanern eine Reihe von Maßnahmen
getroffen, die den Transfer militärischer Ausrüstungen, gewisse Ausbildungsmöglichkeiten usw. betreffen, die es ihnen nach unserem Dafürhalten gestatten
würden, ihre Kampfbereitschaft und ihre militärischen Kapazitäten innerhalb dieses
Zeitraums soweit auszubauen, daß sie auch weiterhin eine ausreichende Abschreckungskapazität bei Angriffen aus Nordkorea besitzen. Wir halten es für wichtig, diese
beiden Dinge zu tun, und es wäre sicherlich sehr bedauerlich, wenn der Tongsun
Park-Fall den Transfer der notwendigen militärischen Ausrüstungen nach Korea
behindern würde.
Sicherlich hat dieser Fall negative Auswirkungen im Kongreß.
Ich glaube, wir sollten mit den Transfer-Plänen vorankommen, führen wir ja
doch auch unsere Pläne bezüglich des Truppenabzugs weiter. Ich bin der festen
Meinung, daß sich die anderen Fragen zu gegebener Zeit regeln lassen werden.
Frage: Ich habe abschließend noch eine kurze Frage, Herr Minister. Sie
betrifft ein ganz anderes Thema. Haben wir aus der Sowjetunion irgendeine Antwort

�Antwort auf unseren Vorschlag über Verhandlungen zum Abschluß eines Vertrags
über Waffen im Weltraum erhalten? Ich spreche vom Problem der Killer-Satelliten.
Antwort: Es wurde ein spezifischer Vorschlag gemacht, demzufolge sich eine
Arbeitsgruppe mit der Frage von Waffen für den Angriff auf Satelliten und den
Möglichkeiten zu einem Verbot solcher Anti-Satelliten-Waffen befassen soll. Die
Sowjets haben ihr Interesse daran zum Ausdruck gebracht; eine spezifische Antwort
aber haben wir nicht. Es fand bisher auch keine Zusammenkunft zwecks einer bis
in Einzelheiten gehenden Diskussion dieser Frage statt.
Frage: Haben Sie eine ungefähre Vorstellung von der sowjetischen Einstellung
hierzu?
Antwort: Meine Vermutung geht dahin, daß die Sowjets zur Erörterung dieser
Frage bereit sind; dennoch ist es viel zu früh, etwas darüber aussagen zu wollen,
welchen Verlauf solche Verhandlungen nehmen würden.

- 9 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter appelliet in der Energiefrage an das amerikanische Volk&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Ansprache vom 8. November 1977 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Verteidigungsminister erläutert Positionen der Carter-Administration&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Information
und
pi-1 l'iiii'Mrr
United States Information Service

31

30. November 1977
INHALT

DOKUMENTATION
Warnke: Rüstungskontrolle liegt im Interesse beider Seiten
- Rede des US-Abrüstungsdirektors in Washington WIRTSCHAFT
Inflationsbekämpfung Grundvoraussetzung für den Wirtschaftsaufschwung
- Interview mit einem führenden Wirtschaftsberater

Präsident Carters

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Bruchfestes Glas zum Einkapseln von Atommüll
Eine neue Spur für die Entwicklung irdischer Lebensformen
- Methanbakterien als möglicherweise älteste Organismen identifiziert
INFORMATION
"Rehabilitation USA"
- Eine Ausstellung von therapeutischen und orthopädischen Hilfen für
Behinderte in Paris -

Unserer heutigen Ausgabe liegt ein Exemplar der von uns herausgegebenen
Broschüre: DIE USA, Fakten, Daten, Zahlen bei. Wir hoffen,
daß diese Broschüre Ihr Interesse finden wird.

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 3 0 0 ,
D 5 3 0 0 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Dokumentation
United States Information Service

31

30. November 1977

WARNKE: RÜSTUNGSKONTROLLE LIEGT IM INTERESSE BEIDER SEITEN
- Rede des US-Abr'üstungsdirektors in Washington -

WASHINGTON - (AD) - Der Direktor des amerikanischen Amtes für Abrüstung
und Rüstungskontrolle (ACDA), Paul Warnke, hat am 10. November 1977 vor der
Frauenvereinigung der Demokratischen Partei in Washington über den Stand der
Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen (SALT) und
über die Aussichten für weitere Abrüstungsmaßnahmen gesprochen.
Die Rede Warnkes hat folgenden Wortlaut:
Mir ist heute ein Thema gestellt worden, das, wie ich meine, beredt von
dem Nachdruck zeugt, den die Carter-Administration auf die Frage der Rüstungskontrolle legt.
Wie Sie wissen, hat diese Administration seit Januar dieses Jahres auf
diesem Gebiet rund zehn verschiedene Initiativen ergriffen. Dazu gehören an
vielleicht prominentester Stelle die Verhandlungen mit der Sowjetunion über
eine Begrenzung der strategischen Rüstungen (SALT).
Dazu kommen die Verhandlungen

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�*

Dazu kommen die Verhandlungen über ein vollständiges Verbot von Nuklearversuchen, die neben den SALT-Verhandlungen in Genf stattfinden. Und auf der
Konferenz des Abrüstungsausschusses (der Vereinten Nationen) in Genf haben wir
auch über die Frage der chemischen Waffen und der Strahlungswaffen gesprochen.
Außerdem finden Gespräche über eine Begrenzung der Rüstungen im Gebiet des
Indischen Ozeans statt, die wir mit der Sowjetunion führen. Als weitere künftige
Themen zeichnen sich ab: Erörterungen über Einschränkungen des Verkaufs konventioneller Waffen; Ausschaltung der Anti-Satellitenwaffen, die ernsthaft die
nationalen

technischen Mittel zu der für die Rüstungskontrolle so wesentlichen

Verifizierung gefährden könnten,und die von den Vereinigten Staaten getroffenen
Vorbereitungen für die Sondersitzung der Vereinten Nationen über Fragen der
Abrüstung, die im kommenden Frühjahr stattfinden wird. Wir sind außerdem noch
mit der überaus bedeutsamen Frage befaßt, wie sich eine Weiterverbreitung
(Proliferation) der Kernwaffen vermeiden läßt.
Am vergangenen Wochenende kehrte ich nach einem fünfwöchigen Aufenthalt in
Genf zurück, wo ich an den Erörterungen mit der Sowjetunion über eine Begrenzung
der strategischen Waffen und den Verhandlungen über ein umfassendes Nuklearversuchsverbot teilgenommen hatte. Ich glaube, daß die meisten Amerikaner und
die meisten Länder der internationalen Gemeinschaft sich bewußt sind, daß dies
der wirksamste Weg ist, um die Möglichkeiten zu einer Konfrontation zwischen
der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten zu verringern, die zu einem Krieg
führen könnte,

der die menschliche Gesellschaft in eine Katastrophe stürzen

wurde.
Ich muß jedoch dazu bemerken, daß diese Verhandlungen nicht frei von Kritik
geblieben sind. Von Zeit zu Zeit habe ich selbst in Genf ein schwaches Echo
davon vernommen, daß es manche Leute gibt, die mit unseren Bemühungen durchaus
nicht voll zufrieden sind. (Gelächter)
Es gibt da zwei grundsätzliche Einwände, die, wie es scheint, in krassem
Gegensatz zueinander stehen. Der eine besagt: "Warum geben wir den Russen

- 2 -

�Russen gegenüber immer nach, und können wir ihnen überhaupt trauen?" - und
der andere lautet: "Warum braucht Ihr so viel Zeit, und was werdet Ihr erreicht
haben, wenn Ihr fertig seid?"
Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn Sie hören, daß ich keine
der Kritiken für im wesentlichen richtig halte. Ich möchte jedoch au" sie
eingehen oder wenigstens versuchen, mich mit ihnen zu befassen.
Zuerst mit der Frage: "Warum geben wir den Russen gegenüber nach? Warum
machen wir allzuviel Konzessionen? Wie kann man ihnen trauen?"
Ich glaube, was die eine Richtung dieser Kritik anbetrifft, so leidet sie
darunter, daß sie das Wesen der Verhandlungen über Rüstungskontrollen nicht
richtig verstanden hat. Diese Verhandlungen sind ihrer ganzen Natur nach von
Verhandlungen jeder anderen Art, selbst von solchen internationalen Charakters,
durchaus verschieden. Es ist keine Variation eines Spieles um alles oder
nichts, als die es manchmal hingestellt wird. Auch all die Attribute kommerzieller
Verhandlungen passen nicht hinein.
Worum es dabei im wesentlichen geht, das ist die grundsätzliche Abschreckung
für die Nationen, die an den Gesprächen beteiligt sind. Und diese grundsätzliche
Abschreckung muß geschützt werden. Das aber heißt, daß keine Seite auf lange
Sicht den kürzeren ziehen darf.
Offensichtlich möchte jede Seite zu einem Abkommen gelangen, bei dem sie
selbst alle Vorteile hat und bei dem die andere Seite Einschränkungen hinnimmt,
die sie vorher nicht hatte. Aber das geht natürlich nicht. Denn wenn die eine
Seite übervorteilt werden sollte, dann würde man zu keinem lebensfähigen und
dauerhaften Abkommen über eine Rüstungskontrolle gelangen. Es gibt keine Möglichkeit für die eine oder andere Seite, spezifische Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen zu erlangen. Es gibt keinen Gerichtshof, vor dem man seinen Kontrakt
bringen und erklären könnte: "Ich habe diesen speziellen Pakt gewonnen und habe
nun das Recht, seine Früchte zu genießen." Stattdessen würde mar; feststellen,

- 3 -

�feststellen, daß die Seite, die übervorteilt wurde, das Abkommen in Ausübung
ihrer souveränen Rechte prompt verwerfen würde.
So steht also am Beginn das Faktum, daß man am Ende zu einem Abkommen über
die Rüstungskontrolle gelangen muß, das fair ist, das gültig ist und das auf
beiden Seiten die Gewähr für gleiche Sicherheit bietet. Das nun bedeutet notwendigerweise einen harten Verhandlungsprozeß, zugleich aber auch einen Prozeß
der Analyse, bei der abgewogen werden muß, welches die grundlegenden Interessen
der anderen Seite sind. Das aber führt zu einem langwierigen und komplexen
Verfahrensprozeß.
In Bezug auf die Gesamtfrage der Rüstungskontrolle ist es unumgänglich, sich
mit der Sowjetunion einzulassen. Es gibt nur zwei militärische Supermächte.
Wir müssen von der Grundlage ausgehen, uaß wir in letzter Analyse ein irgendwie
zusätzliches Abkommen mit der Sowjetunion

ausarbeiten können, mit dem sich ein

Weg finden läßt, um den Konkurrenzkampf, der weiterhin zwischen uns bestehen
wird, zu stabilisieren.
Ich glaube nicht, daß wir von der Grundlage ausgehen können, daß die
Rüstungskontroll Verhandlungen diesen Geist des Wettkampfes und das Bestehen von
Reibungsflächen zwischen den beide

Ländern ausschalten werden. Wir müssen nicht

Freunde sein, um zu Abkommen zu gelangen, die im Interesse beider Seiten liegen.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß die Rüstungskontrolle im Interesse
beider Seiten liegt. Ich glaube, daß dies so ist, weil, selbst wenn wir von
einem anhaltenden Wettstreit um Einfluß in der Welt ausgehen, dieser Wettstreit
selbst militärisch nur in der einen oder anderen Weise zum Ausdruck kommen kann:
Entweder der militärische Wettstreit geht ohne Einschränkung weiter, oder wir
finden irgendeinen Weg, auf dem ein gewisses Maß größerer gesunder Vernunft und
größerer Sicherheit in unsere Beziehungen gelangt. Das aber liegt wie ich sage,
im gemeinsamen Interesse beider Seiten.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt

�Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht

trotz einiger Kommentare, die Sie

in der Presse lesen, ein militärisches Gleichgewicht zwischen den beiden Seiten.
Es gibt keine militärische Überlegenheit auf Seiten der Sowjetunion. Ich kenne
keinen vernüftigen Menschen innerhalb oder außerhalb der Regierung, der darüber
anders denkt. In den meisten Fällen halten wir sogar einen qualitativen Vorsprung.
Aber es handelt sich nicht um einen solchen qualitativen Vorsprung, der uns
jene Art politischer Macht gäbe, die wir vielleicht gern

haben möchten, die

aber grundsätzlich unerreichbar ist, wenn man die Ressourcen bedenkt, die auf
Seiten der Sowjetunion vorhanden sind.
Wir haben damit die Wahl: Wir können entweder den militärischen Wettstreit
uneingeschränkt weiterführen oder wir können irgendeinen Weg finden, wie man
diesen Wettstreit durch wirksame Rüstungskontrollmaßnahmen zu zügeln vermag.
Ich glaube, daß niemand von uns bereit wäre, zuzusehen, wie die Sowjetunion
eine militärische Überlegenheit in einem Ausmaß erreicht, das vielleicht nicht
unbedingt zu einem Krieg führen muß, das aber sicherlich zu einer Art von Welt
führt, in der unsere Interessen keine Unterstützung finden würden.
Im wesentlichen sehe ich in den Verhandlungen über Rüstungskontrolle eine
Maßnahme, durch die wir die Sicherheit der Vereinigten Staaten am besten verteidigen können. Und ich glaube, daß wir mit den Sowjets zu Rande kommen können,
weil sie von derselben Anschauung ausgehen müssen. Man muß den Motiven der
Sowjetunion nicht unbedingt trauen, um überzeugt zu sein, daß sie in der Frage
der Rüstungskontrolle in gutem Glauben verhandelt. Man kann jedermann vertrauen,
daß er seine eigenen Interessen schützen wird. Und man kann jeder Nation vertrauen, daß sie die Schritte unternehmen wird, die ihre nationale Sicherheit
schützen werden.
Wir befinden uns gegenwärtig in einer Situation, in der wir - wie es Verteidigungsminister Harold Brown am vorigen Sonntag in dem Fernsehinterview
"Fragen und Antworten" bezeichnete - ein stabiles strategisches Gleichgewicht
haben. Wir meinen damit, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt - wie immer die
Umstände internationaler Reibungen, wie immer die Spannungen und wie immer auch

- 5 -

�auch die Provokationen sein mögen - keine Seite irgendeinen Anreiz dazu haben
könnte, einen "Erstschlag" zu führen. Keine Seite könnte sich für die Option
entscheiden, in einen Nuklearkrieg einzutreten.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfügen wir über mehr als 9 000 einzelne
nukleare Gefechtsköpfe mit Zielrichtung Sowjetunion. Die Sowjets verfügen
auch nicht annähernd über diese Anzahl; sie besitzen nur etwa 4 500 Gefechtsköpfe. Aber auf jeden Fall ist das mehr als die verfügbaren Ziele. Und in jedem
Fall bedeutet dies, daß die angegriffene Seite in der Lage wäre, mit einem
vernichtenden Vergeltungsschlag zu antworten und das andere Land als Industriegesellschaft auszulöschen.
Das ist ein

düsteres Bild, aber es ist noch das beste, das wir erhoffen

können, wenn wir an Stabilität im Zeitalter der Kernwaffen denken. Und die
Anomalie besteht darin, daß unsere beiden Länder weiterhin ohne Zurückhaltung
mehr und mehr an Kernwaffen ansammeln und Tausende von Milliarden Dollar dafür
ausgeben. Das Beste, worauf wir hoffen können, ist, daß sich die Situation nicht
noch verschlimmert und daß nicht eines Tages eine Waffe entwickelt wird, die
das strategische Gleichgewicht destabilisiert.
Das ist natürlich ein mächtiger Anreiz für die Vereinigten Staaten, Verhandlungen zu führen. Und das ist auch ein mächtiger Anreiz für die Sowjetunion.
Und es gibt - soweit es mich betrifft - noch weitere Gründe, die auf Verhandlungen
in gutem Glauben auf dem Felde der Rüstungskontrolle hindeuten.
Für die Sowjetunion gibt es auch noch politische Gründe. Offensichtlich
ist es für sie wichtig, sich in verantwortungsbewußter Weise mit den Vereinigten
Staaten über Maßnahmen auseinandersetzen zu können, die die Sicherheit der Welt
betreffen. Und schließlich gibt es meiner Meinung nach reale militärische Gründe,
warum die Sowjetunion bereit ist, in gutem Glauben über die Rüstungskontrolle
zu verhandeln. Moskau ist sich darüber im klaren, daß wir auf keinen Fall willens
wären, den Sowjets militärische Überlegenheit zuzugestehen. Die Alternative

�Die Alternative ist also, daß sie sich mit Maßnahmen seitens der USA als
Antwort auf ihren militärischen Aufbau konfrontiert sehen würden. Darüber
hinaus müssen sich die Sowjets

dessen bewußt sein, daß wir auf technologischem

Gebiet tatsächlich führend sind.
Und dann gibt es noch, vom militärischen Standpunkt aus gesehen, den
gesamten Komplex der Nichtweiterverbreitung (Nonproliferation). Die Sowjetunion wie auch wir müssen mit der Gefahr rechnen, daß Kernwaffen in die Hand
von immer mehr Ländern oder gar sub-nationalen terroristischen Gruppen fallen.
Ich habe keinen Zweifel daran, daß - sollten Kernwaffen tatsächlich eine so
weite Verbreitung finden - dies das Risiko immei größer machen würde, daß eine
Atomwaffe wirklich einmal aus Zorn oder Verärgerung eingesetzt würde.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben unsere Beziehungen zur Sowjetunion und
der beiderseitige Besitz von Kernwaffen einen Sättigungsgrad erreicht, wo nur
Wahnsinn ihre Anwendung veranlassen könnte. Aber wir können uns nicht darauf
verlassen, daß weniger stabile Regierungen mit weniger Erfahrung auf diesem
Gebiet oder gar terroristische Gruppen ein vergleichbares Maß gesunder Zurückhaltung an den Tag legen.
In dieser Hinsicht glaube ich, daß die Verhandlungen über ein umfassendes
Versuchsverbot, die während der letzten fünf Wochen in Genf geführt wurden,
überaus wichtige Konsequenzen für das Proliferationsproblem haben werden. Sie
wissen sicher, daß diese Verhandlungen auf trilateraler Basis geführt werden.
Großbritannien ist zusammen mit der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
darum bemüht, den Nuklearversuchen ein Ende zu machen.
Es hat einige ernsthafte Hindernisse gegeben, was erklärt, daß wir zwar
seit 20 Jahren nach einem vollständigen Versuchsverbot streben, daß wir dies
bisher jedoch nicht erreicht haben, und daß es schon 15 Jahre her ist, seit wir
einen begrenzten Versuchsstopp erlangten, der die Versuche in der Atmosphäre
beendete.
Eines der Hauptprobleme bildete
- 7 -

�Eines der Hauptprobleme bildete die Kontroverse zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion über die F r a ^ , wie weit sich ein solcher Vertrag
über ein Verbot nuklearer Versuche erstrecken sollte. Wir argumentierten, daß
ein solcher Vertrag, sollte er wahrhaft umfassend und wirksam sein und eine
maximale Wirkung in Bezug auf die Eindämmung jeder weiteren Proliferation
haben, alle nuklearen Versuche verbieten müsse, und nicht nur die sogenannten
Waffentests.
Die Sowjetunion schien jedoch besonders großen Wert auf die weitere Durchführung sogenannter friedlicher Kernexplosionen zu legen, also auf die Anwendung
nuklearer Sprengsätze für eine ganze Reihe von Zwecken, wie beispielsweise
zur besseren Erschließung von Erdgas - und Ölquellen,für die Bergbautechnik und
die Flußregulierung.
Wir hatten unsererseits in den letzten beiden Jahren den Standpunkt vertreten,
daß der mögliche wirtschaftliche Nutzen, wie groß er auch sein möge, weit hinter
den für beide Länder und für die Menschheit aus einer völligen Einstellung der
nuklearen Explosionen sich ergebenden Vorteile zurückstehen würde.
Nun, wir können der Sowjetunion wirklich keinen Vorwurf aus der von ihr
eingenommenen Position machen. Es ist noch gar nicht so lange her, daß wir in
den Vereinigten Staaten wahrhaft recht ehrgeizige Ziele durch den Einsatz von
nuklearen Sprengsätzen für friedliche Aufgaben ins Auge faßten. Beispielsweise
überlegten wir damals, daß damit vielleicht die Möglichkeit gegeben wäre, einen
neuen Panamakanal auszuschachten. Diese Zukunftsaussichten begannen sich dann
jedoch mehr und mehr zu verflüchtigen. Was den Panamakanal anbetrifft, so wurde
von manchen Leuten vorausgesagt, daß die sich damit ergebenden gewaltigen Erdbewegungen höchstwahrscheinlich nicht nur den neuen Kanal zuschütten, sondern
auch den alten außer Betrieb setzen könnten. Jedenfalls haben wir diese Pläne
fallengelasssen.
Die Sowjets haben weiter dar-n festgehalten, daß jedes umfassendes Versuchsverbot die friedlichen nuklearen Detonationen ausschließen müsse. Wir dagegen

�dagegen vertraten die Position, daß damit nicht nur die Möglichkeit gegeben
wäre, weitere militärische Vorteile zu erlangen, sondern auch der gewünschte
Effekt verloren gehe, andere Länder daran zu hindern, ihre eigene Kapazität
auf dem Gebiet nuklearer Sprengmittel zu entwickeln.
Sie erinnern sich, daß vor wenigen Jahren die indische Regierung einen
nuklearen Sprengsatz zur Detonation brachte, was sie dann prompt als eine
friedliche nukleare Explosion bezeichnete. Die Resultate sind selbstverständlich
von denen einer nuklearen Bombe kaum zu unterscheiden, weil es sich ja auch in
der Tat um eine nukleare Bombe handelt.
Wir sind überzeugt, daß es vom Standpunkt der Proliferation aus gesehen
für jedes Land sehr, sehr schwierig wäre, die Konsequenzen in Form einer internationalen Ächtung zu tragen, wenn es ein neues Mitglied des Nuklear-Clubs
werden sollte - sofern Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten alle zusammen gänzlich auf alle weiteren nuklearen Detonationen verzichteten.
Ich bin erfreut^berichten zu können, daß die Rede, die Präsident Breschnew
in der vorigen Woche gehalten hat, in der Tat einen sehr bedeutsamen Schritt
seitens der Sowjetunion darstellt. Die sowjetische Verhandlungsdelegation in
Genf hat auch unverzüglich bekräftigt, daß Breschnew meinte, was er sagte, und
daß die Sowjetunion zu einem Moratorium für alle Kernexplosionen zu friedlichen
Zwecken bereit sei»

das mit dem Verbot nuklearer Waffentests zusammengehen

würde.
Es verbleiben noch eine Reihe sehr
werden müssen, aber ich bin hier weit,
zehn Tagen war. Ich glaube, daß es ein
Sowjets war. Ich glaube, daß damit das

schwerwiegender Probleme, die gelöst
weit optimistischer,als ich es noch vor
sehr konstruktiver Schritt seitens der
Problem schließlich gelöst werden wird.

Wie bereits angedeutet, gibt es noch Probleme, vor allem die Frage, ob
Frankreich und China überredet werden können, sich einem vollständigen Versuchs-

- 9 -

�Versuchsverbot anzuschließen. Natürlich würden wir das gern

sehen. Wir sind

der Meinung, daß der wichtigste Aspekt der Beendigung von Kernwaffenversuchen
und Nuklearexplosionen überhaupt darin besteht, daß die beiden Länder, die die
Hauptnuklearmächte sind, die den größten Teil der Versuche durchführen, einem
Abkommen beitreten, das ein Ende all dieser Versuche bringt.
Und selbstverständlich ist die Beteiligung von Großbritannien in dieser
Hinsicht von immenser Bedeutung, was die internationale

Unterstützung angeht,

und auch als Beweis, daß es sich hier nicht etwa um einen Kuhhandel zwischen
den Supermächten handelt.
Was also dieses Problem der Nonproliferation anbetrifft, so ist das eine
Sache, in der wir und die Führung der Sowjetunion gemeinsamen Boden finden können.
Hier liegt eine Übereinstimmung der Interessen vor, die einen ausdrücklichen
Anreiz für unsere Rüstungskontrollinitiativen schafft.
Hinsichtlich der SALT-Verhandlungen selbst wird häufig der Vorwurf laut,
daß wir den Russen nachgäben, daß wir Zugeständnisse machten, daß alles einseitig
sei, daß wir übervorteilt würden.
Ich habe mich immer bemüht, diesen Vorwürfen entgegenzutreten, indem wir
uns damit verteidigen, daß wir nicht übervorteilt werden. Wir müssen einsehen,
daß jedes Abkommen einander entsprechende Beschränkungen auf beiden Seiten enthalten wird. Die Dinge sind in Bewegung geraten, das steht außer Frage, aber
die Bewegung war nicht einseitig.
Ich möchte Sie auf die ersten Tage der Carter-Administration und an unsere
ersten Bemühungen auf dem Gebiet der strategischen Rüstungskontrolle verweisen.
Sie werden sich erinnern, daß Außenminister Vance im März dieses Jahres nach
Moskau ging. Wir hatten Alternativvorschläge mitgebracht. Einer davon war ein
sogenanntes umfassendes Paket, das einen ganz dramatischen Schritt vorwärts
zu einer wirksamen Kontrolle der strategischen Nuklearwaffen darstellte.
Es bestand aus einer
10 -

�Es bestand aus einer ganzen Reihe von Bestimmungen, die bedeutet hätten,
daß auch das qualitative Wettrüsten verlangsamt worden wäre, statt nur lediglich
neue numerische Begrenzungen für die Zahl der strategischen Nuklearwaffen auf
beiden Seiten festzulegen. Das Abkommen hätte auch bedeutsame Verringerungen
in der Gesamtzahl sogenannter Trägerwaffen für strategische Nuklearwaffen mit
sich gebracht. Es hätte eine Verringerung der Zahl der Träger bedeutet, die mit
Mehrfachgefechtsköpfen (MIRV - eine Abkürzung von Multiple Independently
Targetable Re-entry Vehicles, d.h., mehrere unabhängig voneinander zielgeplante
Gefechtsköpfe auf einem Träger) ausgerüstet werden können, die genau gezielt
auf eine Reihe von Zielen gerichtet werden können. Es hätte cerner eine
Verringerung in der Einführung neuer Typen von Nuklearraketen bedeutet.
Die Sowjetunion war, wie wir herausfanden, der Meinung, daß dies zu weit und
zu schnell gehe. Die Sowjets waren ferner der Meinung, daß das über das von
Präsident Ford und Generalsekretär Breschnew im Jahre 1974 in Wladiwostock
Vereinbarte hinausgehe.
Da wir mit dieser Möglichkeit rechneten, hatten wir im März in Moskau einen
Alternativvorschlag bereit, und das war das sogenannte Aufschub-Paket. Es hätte
bedeutet, daß wir in einem Vertrag die Höchstgrenzen von Wladiwostock akzeptiert
hätten, die bei der Gesamtzahl der strategischen nuklearen Trägerwaffen 2 400
betrug, von denen 1 320 mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüstet werden dürften.
Alle anderen Fragen sollten auf anschließende SALT-Verhandlungen verschoben
werden.
Auch das lehnte die Sowjetunion als nicht weit genug gehend ab.
Wo stehen wir heute, unc' wie sind wir dahin gelangt? In den Monaten seit
März hat sich ein SALT II-Vertrag abzuzeichnen begonnen, der, wie ich sagen
möchte,

zwischen den beiden Vorschlägen liegt, die wir im März unterbreiteten.

Er geht in einem Schritt nicht so weit wie unser umfassender Vorschlag vom
März. Er bedeutet jedoch vom Standpunkt der Rüstungskontrolle aus, vom Schutz

- 11 -

�Schutz der Unverwundbarkeit unserer Abschreckung aus, vom Standpunkt unserer
nationalen Sicherheit aus einen bedeutsamen Schritt vorwärts und ist viel besser
als unser "Aufschub-Paket" vom März.
Man kann also nicht sagen, daß es seit Moskau einen ständigen Rückzug gegeben hat, sondern ich würde sagen, einen strategischen Vormarsch. Jetzt sehen
wir ein SALT II-Abkommen im Entstehen begriffen, das uns praktisch in der wirksamen Rüstungskontrolle voranbringen wird. Es wird eine bedeutsame Verringerung
sowohl der Gesamtzahl der nuklearen Trägerwaffen als auch der Zahl jener Träger
bringen, die mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgestattet sind.
Von diesem Standpunkt aus vermindert das Abkommen die Bedrohung unserer
eigenen landgestützten Interkontinentalraketen. Es vermindert das GegenkraftPotential. Es wird eine Verringerung der Zahl der Interkontinentalraketen mit
Mehrfachgefechtsköpfen

bedeuten, über die die Sowjetunion verfügt. Und es wird

bedeuten, daß wir hoffen dürfen, zumindest als Anfang den qualitativen Verbesserungen der Kernwaffen, die sich potentiell destabilisierend auswirken,
Einhalt zu gebieten.
Ich glaube, es besteht kein Zweifel, daß das Abkommen eine wesentliche Verbesserung gegenüber unserem Aufschub-Paket vom März dieses Jahres darstellt.
Nach meiner Meinung weist es auch den Weg zu einem noch wirksameren Rüstungskontroi labkommen.
Im wesentlichen arbeiten wir an einem Rahmen aus drei Stücken. Das erste
Stück wäre ein Grundvertrag mit Geltungsdauer bis 1985, der die zahlenmäßigen
Grenzen festlegen würde, die einige der Waffenprogramme einschränken, die destabilisierend zu werden drohen.
Ferner gäbe es ein Drotokoll auf drei Jahre, in dem einige der Waffensysteme,
die sich im Stadium der Entwicklung befinden und bei denen unsere Überlegungen
noch nicht bis zu einem Punkt fortgeschritten sind, an dem wir wüßten, wo unsere

-12-

�unsere besten Interessen für eine langfristige Lösung liegen würden, auf einer
mehr temporären Basis behandelt werden.
Es würde uns ferner in die Lage versetzen, mit all den Entwicklungen fortzufahren, die nach unserer Auffassung unerläßlich sind, um unsere Sicherheit
zu gewährleisten, falls die Rüstungskontrolle sich als Fehlschlag erweisen
sollte.
Eines der Probleme, das zum heutigen Zeitpunkt besteht, ist die Tatsache,
daß wir uns bemühen, einen Vertrag gegen Kritik zu verteidigen, der unvollständig bleibt. Und wir versuchen, ihn gegen ein Ideal zu verteidigen, das
nicht existiert.
Worum es derzeit geht, ist die Frage, ob dieser Vertrag so gut wie irgendein anderer hypothetischer, theoretischer Vertrag ist. Und die Antwort darauf
lautet natürlich: "Nein!". Ich könnte mir einen Vertrag erträumen, der besser
wäre. Ich glaube jedoch nicht, daß ich einen solchen Vertrag aushandeln noch
daß irgendjemand sonst dies zu diesem Zeitpunkt tun könnte.
Worauf es ankommt, ist, ob dieser entstehende Vertrag die Sicherheit der
Vereinigten Staaten fördert oder verringert. Und ich kann Ihnen ohne den leisesten
Zweifel sagen, daß der Vertrag, der ausgehandelt wird, eine sehr bedeutsame
Verbesserung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedeuten wird.
Das ist der Punkt, an dem wir heute im wesentlichen stehen. Das führt selbstverständlich zu einer grundlegenden Erörterung des zweiten grundsätzlichen
kritischen Einwurfs, von dem ich zu Beginn meiner Ausführungen sprach, der Frage:
"Warum brauchen wir so lange?"
Ich glai'be, die Antwort ist wirklich ziemlich leicht. Wir brauchen so lange
Zeit, weil es sehr kompliziert ist, weil man es hier mit dem Wesentlichen der
Sicherheit der Länder zu tun hat, die an den Abrüstungsverhandlungen teilnehmen.
Es geht dabei auch
- 13 -

�Es geht dabei auch um eine Situation, in der eine beachtliche Asymmetrie
zwischen den Ausgangslagen der beiden wichtigsten Militärmächte besteht. Es
bestehen Unterschiede in der Art, wie sich ihre Streitkräfte entwickelt haben,
dem Nachdruck, den sie auf bestimmte Waffensysteme gegenüber anderen legen,
und vor allem auch Unterschiede, was ihre Beziehungen zu anderen Ländern
anbetrifft, sowie ganz offensichtliche geographische Unterschiede.
Um kurz auf einige dieser Asymmetrien einzugehen:
Wir haben einen Hauptnachdruck auf die Aufrechterhaltung einer sogenannten
strategischen nuklearen Triade gelegt. Wir haben unsere strategischen nuklearen
Streitkräfte in drei Teile gegliedert: Wir haben die interkontinentalen
ballistischen Raketen; wir haben die unterseebotgestützten ballistischen Raketen
und wir haben unsere strategischen Bomber. Es besteht eine relativ gleichmäßige
Aufteilung zwischen diesen drei Komponenten.
Die Sowjetunion andererseits hat den Hauptnachdruck auf die landgestützten
Interkontinentalraketen gelegt. Daher betreffen Einschränkungen, die in erster
Linie diese Interkontinentalraketen angehen, die Sowjetunion stärker als uns.
Andere bestehende Asymmetrien sind glücklicherweise für uns günstiger. Für
uns gibt es nur eine militärische Bedrohung von Bedeutung, und das ist die durch
die Sowjetunion. Die Sowjetunion hat dagegen eine lange und unsichere Ostgrenze
mit der chinesichen Volksrepublik. Sie hat dann ferner im Westen die osteuropäischen Staaten, die sich oft als widerspenstig, wenn nicht rebellisch
erweisen. Glücklicherweise haben wir keine derart schwierige Grenzsituation.
Andererseits ist die Sowjetunion Westeuropa räumlich näher als wir, und
daher ist ihr die Dislozierung ihrer Truppen

dort leichter möglich als uns.

Was die Zukunft anbetrifft, so bin ich durchaus der Hoffnung, daß wir innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne imstande sein werden, einen SALT H-Vertrag

- 14 -

�SALT II-Vertrag zum Abschluß zu bringe!,. Er wird, wie ich glaube, etwa auf
der allgemeinen Linie liegen, die ich hier aufwies. Er wird, wie ich schon
sagte, ein bedeutsamer Schritt nach vorn sein.
Ich hoffe auch, daß wir angesichts der neuen Position, die die Sowjetunion
in der Frage der friedlichen nuklearen Explosionen eingenommen hat, in der
Lage sein werden, zu einem umfassenden Vertrag über das Verbot von Nuklearversuchen zu gelangen.
Die beiden ergänzen sich aufs beste. Wenn es uns gelingt, in einem SALTAbkommen zu einem Verbot neuer Typen von Kernwaffen zu gelangen, dann gibt das
Bestehen eines umfassenden Kernversuchsverbotes ein weiteres Maß an Gewähr
dafür, daß diese Bestimmung eingehalten wird, weil es die Entwicklung neuer
Waffenarten unendlich erschweren würde.
Was nun die anderen Fragen
betrifft, die Verhandlungen über chemische
Waffen, über Strahlungswaffen, über den Transfer konventioneller Waffen oder
die Ausschaltung der Gefahr von Anti-Satelliten-Systemen, so denke ich, daß
sie sich nach einem erfolgreichen Abschluß der beiden Hauptverhandlungen ebenfalls erfolgreich lösen lassen werden.
Wieviel Zeit dazu notwendig sein wird, das vermag ich nicht zu sagen. Doch
dürften sich diese Verhandlungen sicherlich nicht allzulange hinziehen, nachdem
es uns nunmehr gelungen ist, die Haupthindernisse zu überwinden. Wir können nur
hoffen, daß die Sowjetunion weiterhin - so wie wir - davon überzeugt bleibt,
daß der Abschluß dieser Abkommen von grundlegender Bedeutung für die Sicherheit
beider Länder und von wesentlicher Bedeutung für den Weltfrieden ist und ein
Klima schaffen wird, in dem wir, wie zu hoffen ist, viele der anderen Differenzen,
die zwischen uns bestehen und die die Nöte der Welt vermehren, beseitigen können.
+ + + + +

- 15 -

�Wirt/choft

I

United States Information Service

31

30. November 1977

INFLATIONSBEKÄMPFUNG GRUNDVORAUSSETZUNG FÜR DEN WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG
• Interview mit einem führenden Wirtschaftsberater Präsident Carters -

Dr. Lyle Gramley, Mitglied des dreiköpfigen
Wirtschaftsbeirats des amerikanischen Präsidenten, hat in einem Exklusivinterview
mit dem Korrespondenten des Amerikanischen
Informationsdienstes (United States Information Service - USIS), Tom Eichler, die
Bekämpfung der Inflation als die wichtigste
Aufgabe bezeichnet, wenn ein wirtschaftlicher
Wiederaufschwung eintreten soll. Die Lösung
dieses Problems sei zwar schwer, aber der
Regierung bleibe nichts anderes übrig, als
sich mit aller Macht an diese Aufgabe zu
machen.
Das Interview hat folgenden Wortlaut:
FRAGE: Dr. Gramley, die Presse und auch viele Wirtschaftswissenschaftler
sind dieser Tage ziemlich pessimistisch, was die Entwicklung der Inflation
anbetrifft. Halten Sie dieser Pessimismus für berechtigt?
ANTWORT:

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�ANTWORT: Das Problem der Inflation ist sicher sehr schwierig zu lösen.
Dieses Problem plagt unser Land schon seit über einem Jahrzehnt. Obwohl in
den letzten Jahren auch eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, hielt sich die
Inflationsrate bei 6 bis 6,5 Prozent. Ein übertriebener Optimismus, daß wir
dieses Inflationsproblem rasch in den Griff bekommen könnten, wäre nicht
gerechtfertigt. Ich glaube, daß, allgemein gesprochen, diese Auffassung heute
bei den Wirtschaftswissenschaftlern vorherrscht. Sie geben die Hoffnung nicht
auf, daß Mittel und Wege zur Lösung des Inflationsproblems gefunden werden
mögen, aber sie sind in der Beurteilung des Problems selbst recht realistisch.
FRAGE: Glauben Sie, daß es daran liegt, daß die Wirtschaftler noch nicht
recht wissen, wie sie das Problem anpacken sollen - daß die Wirtschaftswissenschaft noch nicht weit genug entwickelt ist, um Lösungsmöglichkeiten
für das Inflationsproblem anzubieten?
ANTWORT: Ich glaube, daß jeder Wirtschaftswissenschaftler für sich sagen
würde, daß er eine Lösung für das Inflationsproblem habe - die richtige
natürlich - aber leider neigen wir dazu, unterschiedliche Auffassungen zu
haben. Nach meiner Ansicht haben wir es hier mit einem außerordentlich komplexen Problem zu tun, für das es keine einfachen Lösungen gibt. Wenn ein
inflationärer Prozeß erst einmal in Gang gekommen ist und eine Zeit angehalten
hat, dann wird er sozusagen in die Struktur der Lohn- und Preiserhöhungen
eingebaut. Es handelt sich heute nicht mehr um die einfache Art von Inflation,
wie sie in den Lehrbüchern noch vor einer Generation behandelt wurde, als zuviel Geld im Umlauf war und es zu wenig Waren gab. Ein Teil des Problems ist
auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Gewerkschaften, wenn sie auf die
Preisentwicklung zurückblicken, erklären: "Wir brauchen Lohnerhöhungen um 8
bis 8,5 Prozent, wenn wir einen Zuwachs des Realeinkommens erreichen wollen."
Da aber solche Lohnerhöhungen weit über die Zunahme der Produktivitätsrate
hinausgehen, bedeutet das Kostenerhöhungen von 6 bis 6,5 Prozent pro Jahr.
Die Unternehmen, die eine solche Kostensteigerung erleben, erklären ihrerseits: "Wir müssen sie weitergeben, wir können sie nicht auffangen, unsere
Gewinne gehen bereits zurück." Und sie geben die Kostensteigerungen weiter.

?

�weiter. Wir haben noch keinen Weg gefunden, um diesen Kreis zu durchbrechen.
Das Problem ist in den letzten Jahren noch durch von außen kommende Faktoren,
wie die Lebensmittel Verknappung oder die Ölpreiserhöhungen, vergrößert worden. Damit wurde im Jahre 1974 ein zweistelliger Preisauftrieb verursacht.
Wir konnten das

1975

überwinden, aber wir haben immer noch eine Grund-

inflationsrate von b bis 6,5 Prozent. Es geht also meiner Ansicht nach
nicht darum, daß die Wirtschaftswissenschaftler das Problem nicht verstünden,
sondern daß das Problem so schwierig ist, daß weder wir als Nation noch andere
Länder bisher einen praktischen Weg gefunden haben, um der Inflation Einhalt
zu gebieten.
FRAGE: Das Einkommen aus Arbeit macht etwa 75 Prozent des Nationaleinkommens in den Vereinigten Staaten aus. Manche Analytiker behaupten, das
zentrale Ziel der Anti-Inflationspolitik müsse sein, die Lohnerhöhungen
niedrig zu halten. Kann man das Problem so in den Griff bekommen?
ANTWORT: Man kann das Problem nicht nur von einer Seite anpacken. Man
kann den Gewerkschaften nicht allein alle Schuld an der Entwicklung geben.
Die Gewerkschaften sind Gefangene eines Problems, das vor zehn Jahren entstanden ist. Und man kann den Gewerkschaften nicht einfach sagen, ihr seid
die Ursache des

Problems, weil die Lohnraten zu rasch steigen. Sie werden

den Spieß umdrehen und zurecht argumentieren, daß einer der wichtigsten Gründe,
warum die Löhne so rasch steigen, darin besteht, daß die Preise steigen. Die
Politik der Regierung muß einen Weg finden, um die Lohnsteigerungen zu verringern, aber sie kann das nich' tun,

ohne

gleichzeitig sicherzustellen,

daß sich auch die Preiserhöhungen in einem gemäßigten Rahmen halten.
FRAGE: Viele Länder werden in den kommenden Jahren mit schweren Arbeitslosenproblemen zu kämpfen haben. Das dürfte darauf hindeuten, daß wahrscheinlich auf die Regierungen ein starker Druck ausgeübt wird, eine expansionistische Politik zu verfolgen. Wird das die Inflationsprobleme verschärfen?
ANTWORT:
- 3 -

�ANTWORT: Ich glaube nicht, daß sich daraus Probleme ergeben müssen,
denn man kann durchaus eine expansionistische Politik verfolgen, wenn man
dies auf eine kluge Weise tut, die den inflationistischen Druck nicht erhöht. Das Ziel der Carter-Administration für 1977 war eine Beschleunigung der
Wachstumsrate auf etwa 5,75 bis 6 Prozent für 1977 und eine Aufrechterhaltung
des Wachstums 1978 in einer Größenordnung von 5 Prozent. So wie wir einer
vollen Ausnutzung unserer Ressourcen näherkommen, wird unsere Wachstumsrate
weiter zurückgeschraubt werden müssen, aber gegenwärtig sind wir nicht in
Gefahr, durch die Aufrechterhaltung der Wachstumsrate unserer Wirtschaft für
1977 eine überschüssige Nachfrage zu schaffen.
FRAGE: Es wird immer wieder von der Notwendigkeit gesprochen, Maßnahmen
zum Abbau der strukturellen Unzulänglichkeiten der Arbeitsmärkte zu ergreifen,
damit die Arbeitslosigkeit durch andere Mittel gesenkt werden kanr

als nur

durch di( Stimulierung der Wirtschaft. Sehen Sie große Möglichkeiten für
einen Fortschritt in dieser Richtung?
ANTWORT: Ich glaube, wir sind uns alle einig, daß wir auf diesem Gebiet
mehr tun müssen als bisher. Leider waren frühere Bemühungen, das Funktionieren
der Arbeitsmärkte zu verbessern, nicht besonders erfolgreich. Wir haben in
unserem Land eine Menge Geld für Ausbildungsförderungsprogramme ausgegeben,
und wir hatten keinen merklichen Erfolg damit. Wir müssen bessere Mittel
und Wege finden, um dieses Problem zu lösen, und die Administration prüft
diese Angelegenheit derzeit sorgfältig.
FRAGE: Glauben Sie, daß die Vereinigten Staaten mit Hilfe von Indexierung
oder anderer Mittel mit einer stetigen Inflationsrate leben können?
ANTWORT:

Es wäre ein riskantes Spiel, wenn man zu der Entscheidung

käme, daß man mit 6 oder 7 oder 8 Prozent Inflation leben könnte - und dann in
institutionellen Vereinbarungen all die Dinge zu verankern, die es einem
nicht nur erlauben, sondern einen sogar zwingen könnten, mit der Inflation
zu leben. Damit würde man die inflationären Erwartungen nur noch schüren,

- 4 -

�schüren, denn man würde der Öffentlichkeit den Eindruck vermitteln, daß die
Regierung die Hoffnung aufgegeben habe. Das würde das Inflationsproblem nur
verschärfen. Man könnte natürlich rein akademisch sagen, daß Indexierung helfe
könnte, mit der Inflation zu leben. Aber in der realen Welt wäre es höchst
unklug, wenn die Regierung in diese Richtung ginge.
FRAGE: Was wäre eine tragbare Inflationsrate? Welches wäre ein vernünftiges langfristiges Ziel für die Regierung?
ANTWORT: Die Regierung muß natürlich eine möglichst niedrige Zahl anstreben. Man darf der Öffentlichkeit natürlich nicht sagen, daß man mit
6 Prozent oder mit 5 Prozent oder mit 4 Prozent zufrieden wäre. Wenn man sich
erst mit einer bestimmten Inflationsrate zufrieden gibt, dann weckt man
Erwartungen, und dann wird es fast unmöglich sein, unter diese Inflationsrate zu kommen. Und dann wird man in Zeiten, in denen politische Fehler
gemacht werden, oder eine neue Lebensmittelknappheit eintritt oder eine neue
öl Preiserhöhung kommt, dazu neigen, die Inflationsrate über die Minimalrate
hinaus zu beschleunigen, und dann wird man kaum je wieder herunterkommen.
Ich halte es für die einzig praktikable Lösung, daß sich die Regierung ein
Ziel von fast Null setzt und hart arbeitet, um diesem Ziel so nahe wie
möglich zu kommen.
FRAGE: Können Sie sich vorstellen, daß die Angebotsseite eine wichtige
Rolle bei der Bekämpfung der Inflation spielen könnte?
ANTWORT: Unbedingt! Das im April bekanntgegebene Anti-Inflationsprogramm
des Präsidenten enthielt Maßnahmen auf der Angebotsseite. Zu diesen Maßnahmen
zur Verstärkung des Angebots sollten Maßnahmen zur Erhöhung der Herstellungskapazität, vor allem in den Schlüsselindustrien, gehören, damit keinerlei
Engpässe und kein Preisdruck auftreten, wie das 1973 und 1974 geschah. Und
dazu gehören auch Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität.
FRAGE: Nehmen wir einmal an, die Organisation öl exportierender Länder

�Länder (OPEC) erhöht die ölpreise in den nächsten Jahren erneut. Wie könnten
wir damit fertig werden?
ANTWORT: Wir können damit fertig werden, wenn wir unsere Abhängigkeit
von ausländischem öl verringern, und ich glaube, das wird uns gelingen. In
den nächsten fünf bis sieben Jahren wird die Fähigkeit der OPEC, die ölpreise im Verhältnis

zu den anderen Preisen anzuheben, stark eingeschränkt

sein. Die Energieeinsparungsmaßnahmen, die seit 1974 in den Vereinigten
Staaten und in anderen Ländern eingeführt worden sind, haben das Verhältnis
von Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt bereits beträchtlich verändert.
Ich glaube, es würde der OPEC im Augenblick schwerfallen, den ölpreis sehr
viel höher zu treiben.
.

•

•

.

FRAGE: Wenn man von Inflation spricht, dann kommt die Rede immer auf
Kontrollen - entweder formale Kontrollen oder mehr lockere Empfehlungen oder
zwanglose Ermahnungen. Was halten Sie von dieser Methode?
ANTWORT: Gesetzliche Kontrollen, wie sie in unserem Land von 1971 bis
Anfang 1974 praktiziert wurden, funktionieren nicht - das wissen wir. Womit
wir damals Schluß machten, war, den Preisdruck zu unterdrücken, der sich
dann über alles ergoß, als die Preiskontrollen aufgehoben wurden. Wir
machten auch Schluß mit der schweren Verzerrungen in der Verteilung der
Ressourcen. Wir hegen noch immer die Hoffnung, daß es möglich sein wird,
freiwillige Obereinkünfte zu erreichen, die zur Linderung des inflationistischen Drucks beitragen.Die Administration hat auf ganz formeller Basis
einen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschuß ins Leben gerufen, der von Zeit zu
Zeit zusammenkommt, um Verfahren auszuarbeiten, die einer Mäßigung auf der
Preisseite und auf der Lohnseite dienen. Ob das auf die Dauer erfolgreich
sein wird, wissen wir nicht. Wir halten es jedoch für wichtig, es zu versuchen.
Die Gewerkschaftsführer sind sich darüber im klaren, daß ein zu rascher
Anstieg der Lohnraten ein Problem aufwirft. Die Unternehmer sind sich
darüber im klaren, daß ein zu rascher Preisanstieg ein Problem aufwirft. Wenn
- 6 -

�Wenn man erst die Probleme des jeweils anderen erkannt hat, dann bietet
sich auch eine Basis für vernünftige Verhandlungen.
FRAGE: Welche Auswirkungen werden Einfuhrquoten und "Marktregelungsabkommen" auf die Inflation in den Vereinigten Staaten haben?
ANTWORT: Die bisherige Entwicklung war etwas beunruhigend, da man
fürchten muß, Präzedenzfalle zu schaffen. Aber was sich in der Praxis in der
Schuhindustrie oder bei Fernsehempfängern abgespielt hat, wird für sich allein
keine wesentlichen Auswirkungen auf die Preise haben. Wenn wir jedoch in
Richtung auf einen Protektionismus viel weiter gehen, dann können wir mit
Vergeltungsmaßnahmen im Ausland rechnen. Ein wesentlicher Ruck zum Protektionismus wäre nicht nur im Hinblick auf die Auswirkungen auf die Inflation
höchst unglücklich, sondern auch hinsichtlich einer effektiven Nutzung der
Ressourcen weltweit gesehen. Er wäre hinsichtlich der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit eine kostspielige Sache.
FRAGE: Ist das der Standpunkt der Carter-Administration?
ANTWORT: Ganz sicherlich. Diese Administration hat eine ganz klare
Meinung, daß wir einen freieren internationalen Handel wollen. Aber einem
freieren internationalen Handel näherzukommen, ist außerordentlich schwer,
wenn - wie dies gegenwärtig der Fall ist - die Weltwirtschaft weitgehend
unter einer Flaute leidet. Hier in den Vereinigten Staaten und in anderen
Ländern werden Forderungen nach Protektionismus laut. Wir müssen diesen
Forderungen mit aller Kraft widerstehen.
FRAGE: Trägt das gegenwärtige Wechselkurssystem zur Inflation bei?
ANTWORT: Ich glaube das eigentlich nicht. Man hat argumentiert, daß ein
flexibles Wechselkurssystem die Disziplin eines festen Wechselkurses für
die Währungs- und Fiskalpolitik aufhebe. Aber wenn ich an die früheren Jahre
der festen Wechselkurse zurückdenke, dann erinnere ich mich, daß eine ganze

- 7 -

�ganze Reihe von Ländern eine hohe Inflationsrate aufzuweisen hatte und
daß sie taten, was sie tun mußten, nämlich ihre Währungen abzuwerten. Ich
betrachte die hohen Steigerungsraten des Geldumlaufs und die aggressive
Fiskalpolitik Anfang der siebziger Jahre keineswegs einfach als eine Folge
des flexiblen Wechselkurssystems. Ich glaube, man hat manche Dinge falsch
beurteilt, und diese Fehlurteile werden jetzt berichtigt. Wie ich sehe, wird
heute auf der ganzen Welt eine sehr viel vorsichtigere und klügere Politik verfolgt.
FRAGE: Aus dem, was Sie gesagt haben, glaube ich, Ihre Auffassung zu
erkennen, daß ein Großteil des Kampfes gegen Inflation eine psychologische
Angelegenheit ist - Senkung der inflationären Erwartungen - und daß, solange
diese Erwartungen nicht gesenkt werden, die Inflationsrate nicht gesenkt
werden kann.
ANTWORT: Das ist wohl richtig, aber inflationäre Erwartungen werden
gesenkt, indem man eine angemessene Politik verfolgt. Es gibt zwei Dinge,
die wesentlich sind; beide würden zu einer Mäßigung der inflationären Erwartungen beitragen. Das eine ist die Aufrechterhaltung der richtigen Umwelt
der Währungs- und Fiskalpolitik. Das zweite ist der Ausbruch aus dem endlosen Kreis der Lohnerhöhungen, die zu Preiserhöhungen führen, die wiederum
die Löhne hochtreiben. Wir haben noch keine Methode dafür gefunden. Vielleicht
wird der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschuß einen gangbaren Weg finden. Ich
hoffe das sehr, denn die Bewältigung des Inflationsproblems ist eine ganz
entscheidende Aufgabe, wenn diese Administration bis 1981 ihr Ziel der Vollbeschäftigung erreichen will. Wenn die Inflation wieder anfängt zu kochen,
dann haben wir das ganze Spiel verloren. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren uns, daß man wirklich in Schwierigkeiten ist, wenn die Inflation
erst wieder in Fahrt kommt. Dann legt man die Saat für eine neue Rezession.

+ + + + +

- 8 -

�Uli//en/chaft
miü Technik
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31

30. November 1977

BRUCHFESTES GLAS ZUM EINKAPSELN VON ATOMMÜLL

(AD). - Neuartige Glasmassen für die sichere Verpackung von stark
radioaktiven Abfällen haben die Physikprofessoren Dr. Theodore Litovitz,
Dr. Peoro Macedo und Dr. Joseph Simmons von der Katholischen Universität
der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington entwickelt. Die als Einschlußmaterial verwendeten Gläser in Stabform halten hohe Radioaktivität
für einen sehr langen Zeitraum zurück - man schätzt, für mindestens eine
Million Jahre. Die bisher zum Einkapseln radioaktiver Abfälle versuchsweise
verwendeten Gläser garantieren dies nur für ca. 1 000 Jahre.
Die Festigkeit der neuen Glasmassen entspricht etwa der des Stahls. Sie
sind poröser als gewöhnliches Glas, so daß sie die radioaktiven Stoffe gut
absorbieren können. Ist die Einschlußmasse mit nuklearen Abfällen gesättigt,
wird sie erhitzt. Dabei konzentrieren sich die radioaktiven Stoffe in der
Mitte des Glasstabs, der an der Außenseite eine Auflage aus reinem, nichtporösem Glas erhält.
Wie die drei

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�Wie die drei Wissenschaftler erklären, können diese Glasstäbe sicher
in Salzbergwerken gelagert werden, wohingegen die bisher angewandten Methoden
zur Zwischen- oder Endlagerung nuklearer Abfälle in ehemaligen Salzbergwerken keine zufriedenstellende Lösung bedeuten. Außerdem sei es möglich, die
Glasstäbe, die noch eine schwache Strahlung abgeben, für praktische Zwecke
wie Abwasserbehandlung oder Konservierung von Nahrungsmitteln zu verwenden.
Dadurch würden teure und keineswegs immer sichere Präparate zur chemischen
Behandlung überflüssig.

+ + + + +

�1
I

Wi//en/chaft
und Technik
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31

30. November 1977

EINE NEUE SPUR FÜR DIE ENTWICKLUNG IRDISCHER LEBENSFORMEN
Amerikanische Wissenschaftler identifizieren Methanbakterien als
möglicherweise älteste Organismen

(AD). - Eine bestimmte Art von Mikroorganismen, die hauptsächlich von
Kohlendioxid und Wasserstoff leben und Methan als Stoffwechselprodukt abgeben, könnten möglicherweise die älteste Form von Leben auf der Erde
darstellen. Man hatte sie bisher den gewöhnlichen Bakterien zugerechnet,
was jedoch falsch ist. Zu dieser Ansicht kamen Dr. Carl R. Woese, Professor
der Genetik und Entwicklungsbiologie, und Dr. Ralph S. Wolfe, Professor
der Mikrobiologie, an der Universität von Illinois in Urbana nach mehrjährigen Forschungen, bei denen in den unwirtlichsten Gebieten der Erde,
in Eis-, Stein- und Sandwüsten, nach Anzeichen für Leben und Möglichkeiten
für das überleben von primitiven Organismen gesucht wurde. Die Arbeiten
wurden von der Nationalen Wissenschaftsstiftung (NSF) und der Weltraumbehörde NASA finanziert, die sich vor allem im Hinblick auf mögliche Lebensformen außerhalb der Erde, etwa auf anderen Planeten unseres Sonnensystems,
an dem Projekt beteiligte.
Die methanproduzierenden Mikroorganismen, die als "Methanobacteria
thermoantotrophica" bezeichnet werden, fand man nur an Orten, wo es kr:nen

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�keinen Sauerstoff gibt

beispielsweise in sehr großer Tiefe in den heißen

Quellen des Yellowstone-Parks, Manche scheinen bei Temperaturen zwischen
65 und 70 Grad Celsius am besten zu gedeihen. Es hat den Anschein, daß es
sich um Überbleibsel aus einer mehr als vier Milliarden Jahre zurückliegenden
Zeit in der Erdgeschichte handelt. Die Organismen geben brennbares Methangas als wichtigstes Stoffwechselprodukt ab und beziehen Energie und Nahrung
aus einfachen Substanzen wie Kohlendioxid und Wasserstoff - Gasen also, die
in der primitiven Atmosphäre der jungen Erde vor vier bis drei Milliarden
Jahren vorherrschend waren. Sauerstoff, den es in der Uratmosphäre nicht
gab, brauchen sie nicht, ebensowenig kompliziertere Verbindungen wie Zucker
und Aminosäuren, die die meisten anderen Organismen als Nahrung benötigen.
Nach Dr. Woese dürfte sich dieser Typ von Mikroorganismen schon während
der ersten Jahrmilliardr in der Frühgeschichte der Erde entwickelt haben.
Fossile Spuren gibt es von ihnen nicht, weil damals die Erdkruste noch nicht
erstarrt war, Nach Meinung der Wissenschaftler könnte die Entdeckung jedoch
Hinweise auf eine der bisher unbekannten Phasen der Evolution geben - eine
Phase, die der Entwicklung von Leben, wie wir es kennen, unmittelbar vorausging. Die Erkenntnisse darüber sind noch sehr lückenhaft.
Wie Dr. Woese erklärte, repräsentieren die jetzt analysierten Mikroorganismen eine Linie der Evolution, die von den zwei bisher bekannten Linien den "höheren Formen" tierischer und pflanzlicher Lebewesen und den "niederen
Formen" der Bakterien - völlig getrennt ist. Die traditionelle Zweiteilung
gründet sich letztlich auf die Hypothese, daß alles Leben auf der Erde auf
einen gemeinsamen Stamm, vermutlich eine einfache Zelle, zurückzuführen sei,
von der sich vor fast vier Milliarden Jahren die beiden Entwicklungslinien
abzweigten. Noch älter als diese"Stammzellen" dürften jedoch die Methanbakterien
sein.
Trotz des Fehlens fossiler Spuren für primitive Formen von Leben vermag
heute die Wissenschaft Evolutionslinien aufzuspüren, weil die lebende Zelle

- 2 -

�Zelle in ihren Genen gewisse f'erkmale 6er biologischen Vergangenheit enthält.
In der. letzten drei Jahrzehnten wurden verfahren entwickelt, mit denen solche
genetischen "Urtexte" teilweise entziffert werden können. Besonders aufschlufreich war bei den Methanbakterien die Zusammensetzung der Ribosomen-RNS
(RNS - inbonukleinsa'ure, Bestandteil aller selbständig existierenden und
re;roduktionsfähigen Systeme). Sie bildet die Hauptbausteine der Riboscmen,
jener', kugelförmigen Partikeln innerhalb der Zelle, welche die "Botschaften"
6er Gene aufnehmen und dementsprechend Proteine aufbauen. Ribosomen-RNS
gelten als sehr alte Komponenten, die noch Teile 6er primitiven Replikationssysteme enthalten. Deshalb eionen sie sich besonders gut für Vergleichsstudien.
Professor 'v'oese und seine Kitarbeiter stellten Im Ver'aui" ihrer Analysen
/ergleiche mit den Zeller. aller nur erdenklichen Mikroorganismen und "höherer"
Lebewesen an. Unter anderem wurde Ribosomen-RNS von Mrthanbakterien mit
Enzymen in kleine Einheiten aufgespalten und deren molekulare Sequenzen bestimmt.
Beim Vergleich mit den Sequenzen der KontrollOrganismen trat der große Unterschied zu deren Ribosomen-RNS besonders deutlich in Erscheinurg.
Wie Professor Woese erklärte, gibt diese Entdeckung Anlaß zu neuer Hoffnung,
6v.^ die Wissenschaft eines Tages die Entstehung von Leben auf der Erde in allen
Phasen verde erklären können. Auch sei man jetzt besser als zuvor in der Lage,
Lebensformen zu verstehen und aufzufinden, die sich außerhalb der Er - in
unserem Sonnensystem oder in noch weiter entfernten Bereichen entwi kelt haben
könnten.

+ + + + +

- 3 -

�m .lau
TPm

Information
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31

30. November 1977

"REHABILITATION USA"
Eine Ausstellung von therapeutischen und orthopädischen Hilfen
für Behinderte in Paris

Es gibt nach jüngsten Schätzungen auf der Welt rund 475 Millionen
Behinderte. Sie mit orthopädischen und anderen Hilfsmitteln zu versorgen,
die ihnen das Dasein erleichtern i'nc' zu einem möglichst "normaler" '.eben
verhelfen, wird heute in vielen Ländern und vor allem auch in den Vereinigten
Staaten als ein dringendes Problem angesehen.
In den Vereinigten Staaten befassen sich immer mehr gewerbliche und
industrielle Unternehmen mit der Entwicklung immer neuer und besserer Hilfsmittel für Behinderte. Einen Überblick über deren Leistungsfähigkeit zu geben,
ist. Zweck der Ausstellung "Rehabilitation USA", die vom 25- bis 2£ April 1978
im "U.S. Trade Center" in Paris gezeigt werden wird. Die Ausstellung, an der
sich nahezu 40 amerikanische Herstellerfirmen beteiligen, ist mit einem
Seminar verbunden, in dem sich Ärzte, der Fachhandel unc Interessenten über
die wichtigsten Neuerungen auf diesem Gebiet der Rehabilitation und Wiedereingliederung Behinderter in den Arbeitsprozeß informieren können.
Im Rahmen der Ausstellung werden u.a. Lehr- und Trainingshilfen für die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�für die Sprechausbildung von Tauben, beschäftigungstherapeutische Geräte,
Prothesen und andere orthopädische Hilfen, Apparate für den Transport und
das Heben von bewegunsunfähigen Patienten sowie Neuheiten auf dem Gebiet der
physikalischen und krankengymnastischen Therapie gezeigt werden. Aus der
Fülle der neuen Produkte seien hier lediglich einige als besonders interessant
anzusehende Hilfsmittel herausgegriffen.
Eine echte Lebenshilfe für Blinde dürfte ein neues elektronisches Lesegerät von der Größe eines kleineren Kassettenrekorders werden, das mit Hilfe
eines Streichholzschachtel großen Sensors gedruckte Texte abtastet und in
Schwingungen umsetzt, die Blinde nach einiger Übung mühelos mit einem Finger
"erfühlen" und damit "lesen" können. Das Gerät vermag selbst handschriftliche
Texte zu erfassen, sofern sich der Schreiber einigermaßen an eine vorprogrammierte
Norm hält. Ein weites Betätigungsfeld eröffnet blinden Büroangestellten ein
neuer Sprech-Taschenrechner, der eingegebene Zahlen, Rechenbefehle und deren
Ergebnisse mit Sprechstimme ansagt. Das Gerät, das bequem in einer Hand Platz
findet, verfügt über ein Vokabularium von 24 Wörtern,die in jeder beliebigen
Sprache "einprogrammiert" werden können.
Für schwer Sehgeschädigte wurde ein Video-Lesegerät entwickelt, das Textzeilen bis zu 15mal vergrößert auf einem Bildschirm wiedergibt.
Für Taube wird man in Parir eine Art Fernschreib-Telefon zeigen, das an das
Telefonnetz angeschlossen wird und eingetippte Botschaften an das angewählte
Gegengerät weiterleitet, so daß ein schriftlicher Dialog möglich wird.
Breiten Raum wird in der Ausstellung die Abteilung Transportgeräte und hilfen einnehmen. Neben normalen Hand- und Motorroll stuhlen wird ein Krankenfahrstuhl mit zusätzlichen Gummi-Gleisketten angeboten, die durch einfachen
Hebelgriff "eingeschaltet" werden können und das Fahrzeug treppengängig machen.
Ein anderes Motorfahrzeug für Gehbehinderte ist ein Dreirad mit Rol1 stuhl Plattform, dessen Rückfront als Auffahrtsrampe heruntergeklappt werden kann;
der Versehrte gelangt über die Rampe in das Gefährt, stellt den Rollstuhl fest
und kann nunmehr "vollmotorisiert" weiterfahren, da alle Bedienungsorgane
- 2 -

�Bedienungsorgane des Dreirades in unmittelbarer Reichweite seiner Hände
angeordnet sind. Ein schwenkbarer
Kleinbusse oder Kastenwagen

elektrischer Roll stuhlheber zum Einbau in

hebt den Versehrten im Rollstuhl auf die Pritschen-

ebene und schwenk ihn direkt auf den Beifahrerplatz, von dem er gegebenenfalls selbst auf den Fahrersitz rutschen kann. Ein elektrisch betriebener
Gurt-Heber, von einer Eisenschiene über dem Bett herabhängend und mit einem
Steuergerät ausgestattet, ermöglicht es Gelähmten, sich ohne fremde Hilfe vom
Rollstuhl aus ins Bett heben zu lassen.
Weitere Auskünfte über die Ausstellung und das Seminar erteilt auf Anfrage
das U.S. Trade Center, 123 Avenue Charles de Gaulle, F 92200 Neuilly.

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warnke: Rüstungskontrolle liegt im Interesse beider Seiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Abrüstungsdirektors in Washington -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Inflationsbekämpfung Grundvoraussetzung für den Wirtschaftsaufschwung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit einem führenden Wirtschaftsberater Präsident Carters -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bruchfestes Glas zum Einkapseln von Atommüll&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Spur für die Entwicklung irdischer Lebensformen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Methanbakterien als möglicherweise älteste Organismen identifiziert -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Rehabilitation USA"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Eine Ausstellung von therapeutischen und orthopädischen Hilfen für Behinderte in Paris -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>und
Dokumentation

1* J

United States Information Service

32

14. Dezember 1977
I N H A L T

DOKUMENTATION
USA halten an Konsultation mit europäischen NATO-Verbündeten fest
- Außenminister Vance und Verteidigungsminister Brown in Brüssel Präsident Carter legt dritten Halbjahresbericht zur KSZE vor
- Wortlaut des Einführungskapitels WIRTSCHAFT
Wie stark ist der US-Dollar wirklich?
von George E„ Cruikshank
Inflation durch Einkommenspolitik bekämpfen
- Interview mit Professor Walter Heller HINTERGRUNDMATERIAL
Der Schutz der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten
von Charles F, Abernathy
Amerikas Frauen beschlossen einheitlichen Aktionsplan
- Die Frauenrechtskonferenz von Houston WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Raumfahrtprojekte auf internationaler Basis
- USA arbeiten mit anderen Ländern zusammen
Leben unter ewigem Eis
- Forschungssaison 1977/78 in der Antarktis

Um Über/endung von
Belegexemplaren wircl
gebeten

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�Dokumentation
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

USA HALTEN AN KONSULTATION MIT EUROPÄISCHEN NATO-VERBONDETEN FEST
• Außenminister Vance und Verteidigungsminister Brown in Brüssel -

BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Außenminister Cyrus R. Vance
und Verteidigungsminister Harold Brown haben im Rahmen der Wintertagung
des Atlantischen Bündnisses im NATO-Hauptquartier

in Brüssel versichert,

daß die Vereinigten Staaten bei ihren Verhandlungen mit der Sowjetunion
über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen (SALT) die Interessen
ihrer europäischen Verbündeten nicht außer acht lassen werden.
Auf der Ministertagung des Nordatlantikrates am 8c Dezember, die hinter
verschlossenen Türen stattfand, hat Außenminister Vance nach Mitteilung
amerikanischer Regierungsvertreter darauf hingewiesen, daß ein SALT II
Abkommen mit der Sowjetunion zwar keine Garantie für die Stabilität biete,
daß es aber ohne ein solches Abkommen erst recht keine Stabilität geben
könne. Die strategisch nukleare, taktisch nukleare und konventionelle Abschreckung des Bündnisses seien jedoch weiterhin unerläßlich. Vance bekräftigte ferner, daß eine neues amerikanisch-sowjetisches Abkommen
nicht die Entwicklung und Erprobung von Marschflugkörpern (Cruise Missile
oder Flugkörper mit Luftstrahltriebwerk) verhindern werde, sondern nur die

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�nur die Dislozierung solcher Flugkörper drei Jahre lang begrenzen werde.
Die USA hätten auch alle Versuche der Sowjetunion abgelehnt, die vorgeschobenen Stützpunkte der Vereinigten Staaten 1n Westeuropa in ein
SALT-Abkommen einzubeziehen.
Vance hat, wie aus amtlichen Kreisen verlautet, betont, daß die
Vereinigten Staaten auf ihre europäischen Verbündeten hörten, sich ihrer
Besorgnisse bewußt seien und weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten würden»
Auf einer Pressekonferenz am 9„ Dezember vor seiner Abreise nach dem
Nahen Osten bestätigte Außerminister Vance seine vor dem Nordatlantikrat
gemachten Ausführungen. In einer einleitenden Erklärung sowie in Beantwortung von Fragen nahm er zum Verlauf der NATO-Wintertagung wie folgt
Stellung:
(Andere Fragen bezogen sich auf die Situation im Nahen Osten)
.... Ich verlasse die Ministertagung, die wir gerade beendet haben,
mit erneutem Vertrauen in das Bündnis als dem Eckpfeiler unserer Beziehungen
zu Europa und der amerikanischen Außenpolitik, Wenn diese Tagung auch keine
dramatischen Ereignisse brachte, so war sie meiner Meinung nach doch produktiv und sehr nützlich. Wir überprüften sehr eingehend den Stand der
Ost-West-Beziehungen und die laufenden SALT-Verhandlungen mit der Sowjetunion sowie die Gespräche über eine beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung (MBFR) in Wien. Darüber hinaus haben wir die noch nicht beendeten Gespräche erörtert, die gegenwärtig in Belgrad stattfinden. Wir
überprüften ferner die Fortschritte, die bis heute bei der Verwirklichung
des Arbeitsprogrammes erzielt wurden, das wir auf der letzten Gipfelkonferenz im Mai abgesteckt hatten, und ich glaube, wir alle gelangten zu
dem Schluß, daß die hinsichtlich der verschiedenen Studien gemachten Fortschritte ermutigend sind. Wenn auch die Fragen, denen wir uns gegenübersehen, komplex und nicht leicht lösbar sind, so waren die Gespräche zwischen
den fünfzehn souveränen Nationen doch durch Harmonie gekennzeichnet.
Es ist klar,

�Es ist klar, daß die Entschlossenheit der Verbündeten, alles zu
tun, was für die Aufrechterhaltung der Wirksamkeit der NATO notwendig
ist, von allen geteilt wird. Und ich verlasse Brüssel in der Überzeugung,
daß das Bündnis den Willen, die Entschlossenheit jnd die Mittel hat, jeder
Bedrohung seiner Zielsetzung, seiner Stärke oder seines Zusammenhalts
zu begegnen.
Ich werde jetzt sehr gerne Ihre Fragen beantworten.
Frage: Herr Außenminister, haben Sie irgendeinen Eindruck darüber
gewonnen, ob das Bündnis wünscht, daß die Vereinigten Staaten mit der
Entwicklung und der Dislozierung der Neutronenwaffe fortfahren?
Antwort: Auf unserer Ministertagung wurde die Waffe mit der verminderten
Sprengwirkung, die sogenannte Neutronenbombe, nur zweimal - und das auch
nur sehr kurz - erwähnt. Verteidigungsminister Harold Brown hat sich mit
dieser Frage auf seiner Pressekonferenz ausführlich befaßt, und ich unterstütze, was er Ihnen hierzu vor zwei Tagen gesagt hat. Ich möchte hier
lediglich anmerken, daß der Präsident der Vereinigten Staaten hinsichtlich
der Produktion oder der Dislozierung (dieser Waffe) noch keine Entscheidung
getroffen hat. Der Präsident hat klargemacht, daß wir die Ansichten aller
unserer Verbündeten hinsichtlich sowohl der Frage der Produktion als auch
der Frage der Dislozierung kennenlernen möchten; wir haben bisher noch nicht
die Ansichten aller unserer Verbündeten erfahren, und wir warten darauf, daß
sie uns ihre Vorstellung
und Vorschläge bezüglich dieser Angelegenehit
mitteilen.
Frage: Wir haben sehr viel darüber gehört, daß die Verbündeten eine
größere

Beteiligung in bezug auf SALT III wünschen, und wir haben gehört,

daß die Richtlinien für SALT III Teil von SALT II sein sollen.Ich möchte
gerne wissen, ob Sie zu diesem Wunsch Stellung nehmen können und was nach
Ihrer Meinung die amerikanische Regierung in diesem Zusammenhang tun kann?
Antwort:

�Antwort: Dieses Thema habe ich gestern eingehend in meinen Ausführungen auf der Ministertagung behandelt. Ich gab unseren Kollegen
Zusicherungen hinsichtlich zweier oder dreier Fragen, über die Besorgnisse zum Ausdruck gebracht worden waren. Ich glaube, alle von ihnen
akzeptieren die Versicherungen, die ich ihnen gegeben habe. Wir sind der
festen Überzeugung, daß es hinsichtlich von SALT II volle und umfassende
Konsultationen mit unseren NATO-Verbündeten geben sollte, und auch hinsichtlich von SALT III, wenn wir das in Angriff nehmen.
Das ist von großer Bedeutung, und wir haben uns mit unseren NATOVerbündeten im Zuge von SALT II konsultiert. Wenn Sie mit den Ministern
der verschiedenen Länder sprechen, so glaube ich, daß sie Ihnen erklären
werden, daß ihrer Ansicht nach diese Konsultationen vollständig und
nützlich gewesen sind.
Wenn wir uns in Zukunft auf SALT III zubewegen, so glaube ich, daß
es wichtig ist, diese Konsultationen noch zu intensivieren, weil wir dann
in zunehmendem Maße auf immer komplexere Dinge stoßen werden. Daher ist
es wichtig, daß wir dann eine noch stärkere Konsultation als in früherer
Zeit führen werden, als wir uns noch mit nicht so vielen komplexen Fragen
befassen mußten.
FragerHerr Außenminister, mehrere Länder haben uns erklärt, daß jetzt
Aussichten auf eine gewisse Vorwärtsbewegung bei den Verhandlungen über eine
beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung in Wien bestehen. Ist
das auch der amerikanische Eindruck? Und wenn ja, welche Form würde dieser
Fortschritt haben?
Antwort: Wii haben ziemlich ausführlich die MBFR-Gespräche sowie verschiedene mögliche Schritte erörtert, uie ergriffen werden müßten, wenn es
Fortschritte bei diesen Gesprächen geben soll. Ich glaube, es war die einstimmige Meinung aller Minister, daß es im Interesse beider Seiten läge, wenn
Fortschritte erzielt werden können. Die erste Frage, die geklärt werden

- 4 -

�werden müßte, ist die Frage des Datenaustauschs, die von grundlegender
Bedeutung für alle anderen Nationen ist; und dies ist ein Gebiet, auf dem
- wie ich hoffe und erwarte - wir vielleicht die ersten wirklichen Fortschritte sehen werden.
Ähnlich hatte sich der amerikanische Verteidigungsminister Harold Brown
auf einer Pressekonferenz am 7. Dezember nach Abschluß der Tagung des
Verteidigungsplanungsausschusses (DPG) der NATO ausgesprochen.
Die Pressekonferenz von Verteidigungsminister Brown vom 7. Dezember
1977 in Brüssel geben wir nachstehend im Wortlaut wieder.
Brown gab zunächst folgende einleitende Erklärung ab:
"Ich habe nicht gezählt, aber ich glaube, das ist meine fünfte NATOMinistertagung in diesem Jahr - drei Tagungen des Verteidigungsplanungsauschusses (DPG) und zwei Tagungen der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) und ich halte die letzte Sitzung für die ermutigendste und fruchtbarste.
Ich fühle mich besonders ermutigt durch den Fortschritt bei den kurzfristigen
Initiativen, über die man sich im Mai geeinigt hatte, und mehr noch durch
die Reaktion der Verbündeten auf den drei für diese kurzfristigen Initiativen
ausgewählten kritischen Gebieten: Panzerabwehr, Reserven und erhöhte Einsatzbereitschaft. Ich kann Ihnen beispielsweise Zahlen über die PanzerabwehrLenkflugkörper geben, über die das Bündnis verfügt. Auf der Grundlage der
bereits erteilten oder eingeplanten Aufträge wird sich die Zahl der im
Bündnis verfügbaren Panzerabwehr-Lenkflugkörper in der Zeit von Ende 1976
bis Ende 1978 - die jetzt etwa zur Hälfte abgelaufen ist - um etwa 47 000
auf insgesamt rund 193 000 erhöhen. Ich freue mich über den Fortschritt, den
wir bisher hinsichtlich der Weiterentwicklung der zehn langfristigen Verteidigungsprogramme gemacht haben. Die Hälfte der Zeit zwischen der letzten
Gipfelkonferenz und dem NATO-Gipfel und dem nächsten Gipfeltreffen, das in
Washington stattfinden wird, ist verstrichen. Wir sind somit noch nicht in
vorherzusagen,
der Lage, wieweit aiese Programme vorangetrieben werden können. Wir haben

�•&gt;

Wir haben aber echte Fortschritte erzielt. Wie Ihnen meines Wissens
Unterstaatssekretär General Mumford berichtete, haben die Arbeitsgruppen
bereits spezifische Punkte auf jedem der zehn Bereiche der langfristigen
Programme herausgegriffen, auf die wir uns konzentrieren werden, und die
Minister haben dieses Vorgehen gebilligt. Ich möchte damit nicht implizieren, wir werden im Mai kommenden Jahres, wenn das Gipfeltreffen stattfinden wird, bereits feststellen können: "Die langfristigen Programme sind
ein Erfolg." Es sieht aber so aus, als ob mindestens die meisten von ihnen
bis dahin so weit gediehen sein werden, daß man sie als etabliert bezeichnen
kann und daß die Pläne zur Verwirklichung der NATO-Programme in jedem
Bereich zum Vorteil des ganzen Bündnisses in Angriff genommen wurden. Ich
bin gerne bereit, nunmehr Fragen zu beantworten.
Frage: Herr Minister, unter den europäischen NATO-Partnern scheinen
gewisse Sorgen zu bestehen, die Vereinigten Staaten könnten bei den kommenden
SALT-Gesprächen der Sowjetunion Zugeständnisse machen, die geeignet wären,
die Abschreckungskapazität der europäischen Partner zu vermindern. Deshalb
frage ich: Trifft es zu, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, den Europäern Zugang zur Technologie der Marschflugkörper zu gewähren und daß sie
beabsichtigen, eine Beschränkung der Reichweite derselben auf 2500 km für luftgestützte und von 600 km für land- oder seegestützte Marschflugkörper vorzuschlagen?
Antwort: Die Verhandlungen mit der Sowjetunion, soweit sie see- und
landgestützte Marschflugkörper betreffen, finden ihren vollständigen Niederschlag in einem Protokoll, das voraussichtlich auf drei Jahre befristet sein
wird - eine Zeit, während der die Vereinigten Staaten und meines Erachtens
auch ihre europäischen Verbündeten tatsächlich nicht in der Lage wären, derartige Flugkörper zu dislozieren, weil ihre Entwicklung noch nicht an dem
Punkt angelangt ist, eine wesentlich frühere Dislozierung zu gestatten. Es
besteht mithin keine Einschränkung bezüglich dessen, was die USA oder ihre
europäischen Verbündeten tatsächlich bewerkstelligen könnten. Die Begrenzung
der Reichweite für see- oder landgestützte Marschflugkörper wird, was Ent-

- 6 -

�was Entwicklung und Erprobung angeht, nicht auf 600 km festgesetzt werden
- der vorläufigen Gestalt des Abkommens nach, das natürlich noch keineswegs
fixiert ist. Die Begrenzung wird einen erheblich größeren Bereich zulassen.
Die luftgestützten Marschflugkörper werden natürlich auf die amerikanischen
schweren Bomber beschränkt sein. Wir beabsichtigen sowohl für die Zeit der
Gültigkeit des Protokolls als auch für den Zeitraum danach, der der Vertragsdauer entsprechen wird, eine hinreichende Reichweite beizubehalten,
die genügen würde, jene Ziele in der Sowjetunion zu erreichen, gegen die
wir zu einem Vergeltungsschlag fähig bleiben müssen, wollen wir unsere
Abschreckungskapazität sicherstellen. Die Vereinigten Staaten haben keine
Verpflichtung übernommen, technologische Kenntnisse nicht an ihre europäischen Verbündeten zu transferieren. Dies alles ist selbstverständlich
im Zusammenhang mit der Notwendigkeit eines Abschlusses eines Abkommens zur
Begrenzung der strategischen Rüstungen zu sehen, die meines Wissens alle
NATO-Verbündeten stark befürworten. Ich habe noch von keinem europäischen
Verbündeten gehört, der ein Abkommen über die strategischen Rüstungen nicht
für wünschenswert erachtet. Die Vereinigten Staaten haben es jedenfalls nach
meinem Dafürhalten möglich gemacht - und das Abkommen ist natürlich noch
nicht fertiggestellt, und dennoch war meiner Überzeugung nach möglich und
wird es auch künftig möglich sein -, die Optionen des Bündnisses bezüglich
der see- und landgestützten Marschflugkörper in praxi offenzuhalten. Während
der Laufzeit des Protokolls werden sie und ihre Verbündeten meine ich, die
Frage der möglichen militärischen Vorteile und Grenzen der Marschflugkörper
sehr sorgfältig prüfen - ebenso wie die einer potentiellen Bedrohung durch
sowjetische Marschflugkörper. Und auf dieser Basis wie auch auf der des
Eigeninteresses des Bündnisses wird das Bündnis sicherlich nach Ablauf der
dreijährigen Laufzeit des Protokolls in der Position sein - eine Position,
die natürlich von den Vereinigten Staaten geteilt werden wird -, unsere
militärischen Kapazitäten aufrechtzuerhalten insoweit wir Marschflugkörper
hierzu für notwendig halten.

Frage:
- 7 -

�Frage: Sie scheinen zu sagen wollen, die Vereinigten Staaten schlagen vor,
eine auf drei Jahre veranschlagte Begrenzung der Reichweite von Marschflugkörpern vorzunehmen, während derer die USA ohnehin nichts zu deren Dislozierung tun könnten. Was ist Sinn und Zweck einer solchen Vereinbarung,
und warum sollten Ihnen die Russen hierfür irgendwelche Gegenleistungen
bieten?
Antwort: Ganz eindeutig wird beim Ablauf des Protokolls ein politischer
Druck entstehen, der auf die Beibehaltung der Begrenzungen hinwirken wird»
Ich kann die (sowjetischen) Motive nicht wirklich beurteilen; ich würde aber
sagen, daß ein Motiv möglicherweise darin besteht, einen Aufschub der Dislozierung von Marschflugkörpern zu erreichen, die meines Erachtens etwa gegro
Ende dieses Drei-Jahres-Zeiträums möglich sein wird. Ich habe nicht gesagt
in diesen drei Jahren könnten praktisch überhaupt keine solchen Flugkörper
disloziert werden. Ich wollte damit nur implizieren, daß bis dahin eine erhebliche diesbezügliche militärische Kapazität ohnehin nicht zu verwirklichen
wäre. Meines

Erachtens ist den Sowjets die Gewähr einiges wert, daß keine

Dislozierungen in der Zeit vorgenommen werden, während derer wir Beschränkungen
für dieses Waffensystem und möglicherweise auch andere

Systeme für die Folge-

zeit ausarbeiten.
Frage: Diese Ministertagung hat der Sorge über die starke Ausweitung der
militärischen Kapazitäten des Warschauer Paktes Ausdruck gegeben. Können Sie
angeben, welche Aspekte dieses Fragenkomplexe? Anlaß zu solchen Befürchtungen
geben?
Antwort: Das Interessante an der Erhöhung der Kapazität des Warschauer
Paktes besteht darin, daß dieselbe ihrem Wesen nach durchgehend war und in
der Tat fünfzehn Jahre lang in stetigem Tempo fortgeführt worden ist. Ich
möchte es jedem einzelnen überlassen, wie er die Frage beantworten möchte,
was Anlaß zu größerer Besorgnis gibt: ein plötzlicher Spurt oder ein offenkundiger Aufbau über weit mehr als ein Jahrzehnt hinweg, bei dem keinerlei
Anzeichen einer Verlangsamung zu erkennen sind. Letzteres scheint mir besonders

�besonders beunruhigend.
Der Aufbau der Warschauer-Pakt-Mä'chte schließt nicht nur die strategischen Kapazitäten der Sowjetunion ein, die während des Zeitraumes von der
Mitte der sechziger Jahre bis heute an fast allen Maßstäben gemessen von
einer Position der eindeutigen Unterlegenheit in eine Position der ungefähren Parität im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten aufgerückt ist.
Dazu rechnet auch die Zunahme des Umfangs der Streitkräfte, die in Osteuropa
stationiert sind, die mit der Dislozierung von fünf Divisionen in der
Tschechoslowakei im Jahre 1968 zu anderen Zwecken begonnen hat, die aber
seither dort verblieben sind. Die Verstärkung setzte sich fort mit den
Auffüllungen mit Kräften unter Divisionsstärke - Artillerie, Luftabwehreinheiten und so weiter -, wodurch die numerische Gesamtstärke des WarschauerPaktes wahrscheinlich in einer Größenordnung vor rund 150 000 Mann zugenonmen hat. Eine genaue Zahl ist mir nicht bekannt. Das geschah größtenteils
in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren.
Während der weiteren siebziger Jahre haben die Sowjets eine vollkommen
neue Generation von Ausrüstunger in einer ganzen Reihe von Sparten eingeführt.
Sie haben neue Flugzeugtypen eingeführt, die - im taktischen Sinne - über
lange Entfernungen hinweg große Kampfstärke gegen Bodenziele und eine beträchtliche Tragkraft aufweisen. Sie haber neue Geschütze größeren Kalibers
auf Selbstfahrlafette eingeführt. Sie haben eine neue Generation von Panzern
eingeführt, Panzer des Typs T-72S Ihre Ausrüstung wurde also durchweg verbessert. Sie haben ein neues gepanzertes Mannschaftsfahrzeug eingeführt. Ihre
Marine, die Mitte der sechziger Jahre größtenteils, wenn auch nicht gänzlich,
aus Küstenfahrzeugen bestand, besteht in einem sehr beträchtlichen Ausmaß aus
Hochseeschiffen.
Nichts hiervon sollte uns meiner Meinung nach in Panik stürzen. Das
westliche Bündnis wurde in dieser Zeit ebenfalls gestärkt. Ich halte es für
wichtig, die Sowjets nicht mit den Amerikanern, sondern den Warschauer-Pakt

- 9 -

�Warschauer-Pakt mit der Kapazität der NATO zu vergleichen. Wenn man diese
in Rechnung stellt, würde ich nicht sagen, die Sowjets hätten in irgendeinem
wichtigen Gebiet die Führung erlangt. Der verstärkte Umfang ihrer Streitkräfte in

Westeuropa und ihre neue Generation von Ausrüstungen, mit denen

die Sowjets die qualitative und technologische Überlegenheit des Westens
in erheblichen Maße - wenngleich nicht vollständig - ausgeglichen haben,
zeigen mir, daß das Bündnis wahrlich die Ärmel aufkrempeln muß. Ich meine,
wir sind eben dabei, dies zu tun. Ich halte es für sehr wichtig, das zu
tun, um zu verhindern, daß die Sowjetunion dank
dank des Eindrucks, den diese Streitkräfte in

ihrer

Streitkräfte

und

Europa hervorrufen, in eine

Lage versetzt wird, aus der heraus sie politische Zwänge ausüben könnte.
Frage: Herr Minister, wie werden Ihrer Auffassung nach die hiesigen
Erörterungen Präsident Carters Entscheidung über die Produktion und Dislozierung der sogenannten Neutronenwaffe beeinflussen?
Antwort: Dieses Thema wurde im Verlauf der Ministertagung kurz angeschnitten; es kam jedoch nur zu einer weit weniger eingehenden Diskussion
desselben während der Ministertagung als in der Vorbereitungsphase. Das
erklärt sich daraus, daß wir dieses Thema in der Vergangenheit schon mehrmals bei Ministertagungen behandelt haben und auch an der Tatsache, daß wir,
wie Sie wissen, bei früheren Tagungen den militärischen Wert solcher hochtechnischer Gefechtsköpfe mit verminderter Sprengwirkung, oftmals Neutronenwaffe genannt und besonders anwendbar bei der Panzerbekämpfung, zur Kenntnis
genommen haben. Wir haben auch die politische Besorgnis zur Kenntnis genommen,
die offensichtlich noch immer wegen möglicher Rückwirkungen auf die Frage
der Rüstungsbeschränkung bestehen.
Als erstes ergab sich dabei die Tatsache, daß die vorhandenen Nuklearwaffen eine erhebliche tödliche Wirkung gtjen sowjetische Panzer hätten und
wahrscheinlich die sowjetische Panzertaktik insofern beeinflußt haben, als sie
diese weniger effektiv macht,als sie anderweitig sein würden. Die vorhandenen
Kernwaffen hätten jedoch erheblich größere Nebenwirkungen in Gestalt der

- 10 -

�Gestalt der Vernichtung von befreundeten Truppen, Zivilisten und Wohngebieten in angrenzenden Gebieten als die Neutronenwaffe

unter vergleich-

baren Unständen. Die tödliche Wirkung bei Panzern - Panzerkolonnen - ist
etwa die gleiche, die schädlichen Nebenwirkungen - die Schädigung von
Menschen, seien es Zivilisten oder Angehörige befreundeter Streitkräfte würden aber weitaus geringer sein. Die militärische Seite ist somit ziemlich
klar.
Die Entscheidung über Entwicklung und Produktion bleibt jedoch dem
amerikanischen Präsidenten vorbehalten. Wir pflegen Konsultationen mit
unseren Verbündeten über die Dislozierung solcher Waffen, und wir möchten
gerne ihre Meinung hierzu hören. Wir wollen es nicht dazu kommen lassen, daß
wir sie herstellen und unsere Verbündeten dann beschließen, sie nicht dislozieren zu lassen. Wir haben auf dieser und auf anderen Tagungen einige
Informationen hierzu erhalten, die sämtlich

in die Entscheidung des Prä-

sidenten, wie es auf diesem Gebiet weitergeben wird, eingehen werden.
Frage: Darf ich hierzu noch bemerken: Der Präsident hat, wie wir die
Dinge ursprünglich verstanden, erklärt, er wünsche seine Verbündeten zu
konsultieren,

ehe er seine Entscheidung üder die Produktion treffe, weil

er wissen möchte, welche Möglichkeiten zur Dislozierung bestünden. Soviel ich
weiß, hat Verteidigungsminister Leber gesagt, er werde keinerlei Entscheidung
über eine Dislozierung treffen,ehe der Präsident sich entschieden habe, ob
er die Fertigung anordnen werde. Wo stehen wir mithin heute?
Antwort: Die Bekanntgabe von Entscheidungen fällt nicht immer zeitlich
mit deren Diskussion zusammen. Natürlich müßte eine Ankündigung der Dislozierung
der Ankündigung der Produktion folgen. Die Frage, wie solche Diskussionen
wahrscheinlich ausfallen werden, kann man vorab diskutieren. Das ist wirklich
eine Angelegenheit, die nicht die Verteidigungsminister,sondern die Staatsund Regierungschefs zu entscheiden haben. Ich habe diesen ganzen Fragenkomplex
mehrfach mit Minister Leber erörtert. Ich glaube, wir sehen die Dinge nicht

- 11 -

�nicht

sehr viel anders. Wir müssen uns aber neben den militärischen auch mit

den politischen Problemen auseinandersetzen, und das kann nur auf der Ebene
der Staats- und Regierungschefs geschehen.
Frage: Herr Minister, ich möchte auf SALT und die Marschflugkörper zurückkommen - den Dreijahres -Zeitraum, über den Sie gegenwärtig verhandeln.
Diese Beschränkungen haben, sofern sie in größerem Rannen der sowjetischamerikanischen

Beziehungen ausgehandelt werden, die Tendenz, zu einer

Dauereinrichtung zu werden. Meine Frage geht dahin, wird es ganäß den Beschränkungen, über die Sie gegenwärtig verhandeln, noch möglich sein, Marschflugkörper in Europa zu dislozieren, und wird den Europäern noch die Möglichkeit
verbleiben, mit Hilfe der Vereinigten Staaten Marschflugkörper zu

entwickeln?

Antwort: Es gibt keinen solchen Ausschluß. Das bleibt offen. Es gibt
in der Tat psychologische und politische Pressionen, die von mancher Persönlichkeiten des politischen Lebens und manchen Medienkreisen noch verstärkt
werden dürften, die die Forderung erheben, daß jede zeitlich begrenzte Übereinkunft in eine dauerhafte Vereinbarung umgewandelt werde. Das ist sicherlich
eine Überlegung von alles andere überragender Bedeutung. Um ein Beispiel zu
geben: Das 1972 unterzeichnete Interimsabkommen über die strategischen
Offensivstreitkräfte sah eine ungleiche Anzahl von land- und unterseebootgestützten Raketen sowie Unterseebooten für den Abschuß seegestützter Raketen
für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vor. Die Übereinkunft von
Wladiwostock und das heute zur Verhandlung stehende SALT-II-Abkommen sind
frei von solchen Ungleichheiten. Es ist somit möglich - sofern eine der
Vertragsparteien entschlossen ist, dies zu tun - Vereinbarungen zu ändern. Ein
weiteres Beispiel ist der Vertrag über die Raketen zur Abwehr ballistischer
Raketen (ABM), der in der ursprünglich vereinbarten Form maximal zwei Abschußgebiete für Abwehrraketen vorsah. Diese Zahl wurde später auf je ein solches
Gebiet verringert; Änderungen sind mithin möglich.

In diesem besonderen Fall möchte ich anmerken, daß die Vereinbarung der
Form nach so geartet sein wird, daß das langfristige Abkommen bei Auslaufen des

- 12 -

�Auslaufen des Protokolls in Kraft bleiben wird und daß es keine derartigen
Beschränkungen für Marschflugkörper beinhalten wird.
Frage: Das, was Sie uns hier sagen, scheint zumindest zu implizieren,
daß dieses Abkommen eine jegliche Dislozierung in Europa oder auch eine
jegliche Entwicklung in Europa für die Zeitdauer des Dreijahres-Protokolls
ausschließt.
Antwort: Nein, das habe ich nicht ausdrücklich gesagt. Ich erklärte,daß
es während des Dreijahres-Zeitraums die Entwicklung von Marschflugkörpern
bis zu einer Reichweite von 2500 km erlaubt und daß es die Dislozierung von
Marschflugkörpern mit einer Reichweite von mehr als 600 km verbietet. Ich
habe ferner darauf hingewiesen, daß der Terminkalender der Entwicklung, der
uns zur Verfügung steht, ebenfalls effektiv dasselbst bewirkt hinsichtlich
der Begrenzung der Dislozierung, so daß dies keinerlei praktischen Effekt in
dieser Hinsicht hat.
Frage: Ich habe zwei Fragen. Die erste betrifft Spanien. Wird die CarterAdministration den schließlichen Beitritt Spaniens zur NATO unterstützen?
Die zweite Frage ist: Welche Meinung hat die Carter-Adninistration zu der
Möglichkeit der Schaffung einer Parallel-NATO für den Südatlantik - d.h.
eines Bündnisses, das aus mehreren südamerikanischen Ländern sowie wahrscheinlich Südafrika besteht?
Antwort: Lassen Sie mich die zweite Frage zuerst beantworten. Soweit
ich weiß, haben wir keinerlei Absicht, ein südatlantisches Bündnis zu schaffen.
Die Regierung hat sich die Ansicht zu eigen gemacht, daß dir lateinamerikanischen
Länder nicht in angemessener Weise als eine homogene Gruppe behandelt werden
können, sondern daß ein jedes Land seine eigene bestimmte Kultur, seine
eigenen bestimmten politischen Vorkehrungen hat und daß die Carter-Administration
sich mit ihnen entsprechend befassen wird; ein jeder ist ein wertvoller
Gesprächspartner in der Gemeinschaft der Nationen.
Hinsichtlich des
- 13 -

�Hinsichtlich des spanischen Beitritts zur NATO muß ich sagen, daß dies eine
Angelegenheit ist, über die die spanische Regierung entscheiden muß. Es ist
ganz klar, daß die Tatsache, daß Spanien sich in Richtung auf eine demokratische Regierungsform bewegt und demokratische Wahlen abgehalten hat, die
Haltung der NATO in bezug auf eine Mitgliedschaft Spaniens

beeinflußt oder

zumindest meiner Meinung nach beeinflussen sollte. Ja, es ist bemerkenswert,
daß es in Europa

keine nicht-leninistische

Diktaturen oder autoritäre

Staaten mehr gibt. Es ist jedoch Sache des spanischen Volkes und

der

spanischen Regierung, darüber zu entscheiden, ob sie sich der NATO anschließen
möchten. Die Reaktion der USA zu jenem Zeitpunkt wird zweifellos wohlwollend
sein, was unsere Überzeugung anbetrifft, daß Spanien sich in Richtung auf
eine demokratische Regierung bewegt hat und sowohl die politischen als auch
die militärischen Interessen mit dem übrigen Europa teilt. Aber, es ist Sache
des spanischen Volkes, zu entscheiden, was es tum möchte; und dann ist es
Sache aller NATO-Länder zu entscheiden, was sie tun möchten. Und dann wiederum
ist es Sache

aller NATO-Länder zu entscheiden

- falls ein solcher Schritt

erfolgt - darauf zu antworten.
Noch eine Frage.
Frage: Die Sowjets könnten diesen schließlichen Beitritt als eine Provokation interpretieren. Würde dies nicht der Kriedensdoktrin Präsident Carters
entgegenstehen?
Antwort: Beziehen Sie sich nun auf die gleiche Frage? Das heißt, wäre
ein spanischer Beitritt zur NATO eine Provokation für die Sowjetunion?
Nun, die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, und für einen eventuellen
Angreifer ist die gemeinsame Verteidigung in der Tat eine Provokation.
+ + + + +

- 14 -

�Dokumentation
United States Information Service

32

14. Dezember 1977

PRÄSIDENT CARTER LEGT DRITTEN HALBJAHRESBERICHT ZUR KSZE VOR
- Wortlaut des Einführungskapitels -

WASHINGTON - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 5. Dezember der
amerikanischen Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa durch
Außenminister Vance seinen dritten Halbjahresbericht unterbreitet, in dem
es heißt, daß im Hinblick auf die Verwirklichung der Menschenrechtsbestimmungen der Schlußakte von Helsinki zwar einige

Fortschritte erzielt

worden seien, daß jedoch in dieser Beziehung noch große Arbeit geleistet
werder Tnüsse.
Das Einführungskapitel des 76-seitigen Berichtes hat folgenden Wortlaut:
Während des Berichtszeitraumes war die wichtigste Entwicklung hinsichtlich der Verwirklichung der auf der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eingegangenen Verpflichtungen der Beginn der
ersten KSZE-Folgekonferenz

am 4. Oktober in Belgrad.

Die Ernennung des hervorragenden amerikanischen Juristen und Diplomaten
Arthur J. Goldberg zum Vorsitzenden der US-Delegation und zum KSZE-Sonderbotschafter durch Präsident Carter unterstreicht die Bedeutung, die der

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�die der Präsident dem ganzen KSZE-Prozeß und der Belgrader Konferenz im
besonderen beimißt. Diese Konferenz bietet die erste Gelegenheit, einen
Überblick über die in der KSZE-Schlußakte enthaltenen Absprachen vorzunehmen,
die im August 1975 von 35 Staats- und Regierungschefs in Helsinki unterzeichnet wurde, Sie bietet ferner ein Forum, vor dem der persönliche Einsatz
des Präsidenten für einen Dialog über humanitäre Fragen als einen der
fundamentalen Aspekte der Entspannung unmißverständlich dargelegt werden
kann.
Botschafter Goldberg leitet eine Delegation, der alle Kongreßmitglieder
der KSZE-Kommission wie auch Mitglieder des Arbeitsstabes der Kommission,
eine Reihe hervorragender Repräsentanten der Wirtschaft, des akademischen
Lebens, der Gewerkschaften und anderer Sektoren des öffentlichen Lebens
sowie Vertreter verschiedener Ministerien und Regierungsbehörden, darunter
des Außen-, Handels- und des Verteidigungsministeriums, angehören. Bei der
Vorbereitung der Belgrader Konferenz ersuchte die Delegation der Vereinigten
Staaten um die Unterstützung noch anderer Ministerien und verschaffte sich
mit Hilfe der KSZE-Kommission ein Bild über die Absichten zahlreicher privater
Organisationen, deren Interesse von den Bestimmungen der Schlußakte von
Helsinki berührt werden.
Als Folge davon ging Botschafter Goldberg mit der breiten Unterstützung
des amerikanischen Volkes für seine wichtige Aufgabe nach Belgrad. Im Rahmen
der vom Präsidenten persönlich gebilligten Anweisungen sind alle Delegationsmitglieder bestrebt, sicherzustellen, daß die Belgrader Gespräche zu einer
ehrlichen und freimütigen Überprüfung von Gebieten führen, auf denen bereits
Fortschritte erzielt worden sind, und von Gebieten, auf denen noch größere
Anstrengungen unternommen werden müssen, insbesondere auf dem entscheidend
wichtigen Feld der Menschenrechte.
Die Regierung teilt die Ansicht, die in dem anläßlich des zweiten Jahrestages der Gipfelkonferenz von Helsinki von der KSZE-Kommission veröffentlichten
Bericht zum Ausdruck gebracht worden ist» daß die Schlußakte bedeutsame Möglichkeiten für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Ost und West bietet.
Wir sind ebenfalls der Meinung, daß ein großer Teil dieser Möglichkeiten
- 2 -

�Möglichkeiten noch verwirklicht werden muß. Die Belgrader Konferenz hat die
einzigartige Möglichkeit geboten, dem mit der Unterzeichnung der Schlußakte
von Helsinki eingeleiteten langfristigen Prozeß neue Imni'lse zu geben und
sicherzustellen, daß das durch diesen Prozeß gebotene große Potential nicht
zerstört wird»
Die Belgrader Konferenz stellt ein neues Vorhaben in der Geschichte
der Ost-West-Beziehungen dar. Es handelt sich um keine Verhandlung als solche,
und sie strebt auch kein neues Abkommen oder Veränderungen in der Schlußakte
von Helsinki an. Ihre Aufgabe besteht darin, einen Meinungsaustausch über
Erfahrungen zu führen, die während der letzten zwei Jahre gewonnen wurden,
sowie Mittel und Wege für eine Vertiefung der Zusammenarbeit in der Zukunft
zu finden. Die im Laufe dieses Meinungsaustausches gewonnenen Erfahrungen
werden eines der wichtigsten Ergebnisse der Konferenz sein. Gestützt auf
diese Erfahrungen sollten die Teilnehmer besser in der Lage sein, eine Verwirklichung der Bestimmungen anzustreben, sowohl in ihren eigenen Ländern
als auch in ihren bilateralen Beziehungen in den könnenden Jahren,
Die Belgrader Konferenz tagte am 1. Dezember noch, und sie wird in
vollem Umfang im nächsten Halbjahresbericht erörtert werden. Während der
ersten beiden Monate der Gespräche haben Botschafter Goldberg und die
amerikanische Delegation jedoch bei der Förderung einer vollen und offenen
Diskussion der anstehenden Fragen eine führende Rolle eingenommen.
In seiner ersten Ansprache auf der Konferenz in Belgrad unterstrich
Botschafter Goldberg das nachdrückliche Eintreten der USA für eine umfassende
und detaillierte Überprüfung der Verwirklichung der Bestimmungen und betonte,
daß eine Verbesserung der politischen Erziehungen zwischen den KSZE-Teilnehmerstaaten nicht von dem Fortschritt hinsichtlich humanitärer Fragen und hinsichtlich der Mense+ienrechte getrennt werden könne, Wenn Botschafter Goldberg
auch deutlich machte, daß alle KSZE-Staaten ihr Verhalten im Hinblick auf die
Verwirklichung der Bestimmungen verbessern könnten, so hat er doch klargestellt,
daß die Staaten des Ostens noch den weitesten Weg in Richtung auf die Erfüllung

- 3 -

�Erfüllung der in Helsinki vereinbarten Verpflichtungen gehen müßten. Er
erklärte, daß die amerikanische Delegation in konstruktiver Weise ihre
Anstrengungen auf eine Förderung dessen konzentrieren würde, was das nobelste
gemeinsame Ziel der Belgrader Konferenz ist, nämlich dem Prozeß der Entspannung einen humanen Aspekt und humanitäre Konturen zu geben.
Die Vereinigten Staaten haben sich seither gemeinsam mit den westlichen
Verbündeten und mit zahlreichen neutralen und blockfreien Staaten ständig
darum bemüht, die von der Schlußakte geforderte gründliche und objektive
Diskussion zu führen. Wir haben spezifische Beispiele angeführt, um jene
Gebiete zu illustrieren, auf denen unserer Meinung nach eine verbesserte
Verwirklichung der Bestimmungen erforderlich ist, und wir haben Behauptungen
zurückgewiesen, daß eine Erörterung der KSZE-Verwirklichungsbestimmungen
eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten darstelle.
Die bisher von der amerikanischen Delegation aufgeworfenen Fragen umfassen
alle drei Körbe der Schlußakte und schließen beispielsweise ein:
- Die repressiven Maßnahmen, die in einigen Ländern gegen Menschenrechtsaktivisten unternommen wurden und insbesondere gegen solche Einzelpersonen
und Gruppen, deren Tätigkeit sich ausschließlich auf die Förderung der Ziele
und Verheißungen der Schlußakte beziehen;
- die andauernden Fälle geteilter Familien und der Behinderung der Bewegungsfreiheit von Menschen zwischen östlichen und westlichen Ländern;
- die Schwierigkeiten, auf die in einigen östlichen Ländern westliche
Journalisten und Wissenschaftler treffen, die ihrer beruflichen Tätigkeit
nachgehen wollen;
- die Schwierigkeiten, denen sich nationale Minderheiten und ethnische
Gruppen bei der Verwirklichung der Rechte gegenübersehen, die in den
Prinzipien sieben und acht der Schlußakte anerkannt werden, sowie die anhaltende Verweigerung der religiösen Freiheiten in einigen Ländern - Freiheiten,

- 4 -

�Freiheiten, die von der KSZE bekräftigt werden;
- der langsame Fortschritt in einigen Ländern hinsichtlich der Erleichterung des Zugangs zu Informationen, die zur Erweiterung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ost und West erforderlich sind, sowie die
anhaltende Behinderung von informellen Kontakten und der Zusammenarbeit
zwischen östlichen und westlichen Wissenschaftlern;
- die anhaltende Störung von internationalen Rundfunksendungen seitens
einiger östlicher Länder trotz der Bestimmungen der Schlußakte, die einen
freieren Austausch von Informationen aller Art vorsehen, und
- die Weigerung einiger KSZE-Länder, sich an die Absprachen hinsichtlich
der Zustellung gewöhnlicher und eingeschriebener Postsendungen zu halten und das trotz des Prinzips zehn der Schlußakte, die die Erfüllung der Verpflichtungen im Rahmen des Völkerrechts vorsieht.
Wenn wir auch der Meinung sind, daß die Belgrader Konferenz sich eingehend mit all diesen Problemen befassen muß, so sind wir uns doch genauso
darüber im klaren, daß der Prozeß einer Durchführungs-Überprüfung schwierig
und kompliziert ist. Die Schlußakte von Helsinki enthält breitangelegte
Verpflichtungen, deren Erfüllung in erster Linie in den Verantwortungsbereich
der einzelnen Staaten fällt; sie enthält keine Bestimmungen für die Durchsetzbarkeit der Verpflichtungen oder für eine Vereinbarung, wie sie ausgeführt werden sollten. Wenn auch alle Signatarstaaten die Verpflichtungen
der Schlußakte akzeptiert haben, so gibt es doch reale Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen hinsichtlich der Frage, wie diese Verpflichtungen
interpretiert oder ir die Praxis umgesetzt werden sollten. Die Vereinigten
Staaten sind sich darüber im klaren, daß die KSZE ein langfristiger Prozeß
ist und daß die Praktiken vieler Jahrzehnte nicht alle in zwei Jahren verändert werden können. Wir sind daher mehr denn je entschlossen, geduldig und
unbeirrt - solange dies notwendig sein mag - daran zu arbeiten, daß die in
Helsinki erklärten Ziele erreicht werden. Wie Außenminister Vance am 6. Juni 1977

- 5 -

�am 6. Juni 1977 in seiner Aussage vor der KSZE-Kommission erklärt hat:
"Die KSZE-Schlußakte ist von 35 Staats- und Regierungschefs nach dreijährigen
intensiven Verhandlungen gebilligt worden. Unternehmungen dieses Gewichts
können daher nicht einfach abgeschwächt oder übersehen werden."
Die Verwirklichungs-

und Durchführungsbilanz, die gegenwärtig in Belgrad

untersucht wird, ist gemischt - es gibt Hinweise für Optimismus und für
Besorgnisse. Die umfassenden Prinzipien von Korb eins bezüglich der Beziehungen
zwischen den Staaten werden weiterhin besser respektiert als die Prinzipien,
die die Beziehungen zwischen Staaten und ihren Völkern betreffen, obwohl eine
echte Sicherheit in Europa die Beseitigung willkürlicher Inhaftierungen
oder Verfolgungen nicht weniger erfordert als die Beseitigung der Gefahr eines
Krieges. Die Vereinigten Staaten haben immer alle wirksamen Initiativen
für eine Kontrolle des Wettrüstens begrüßt und werden sie auch weiterhin
ernsthaft prüfen; dies ist bereits das T hema ainer Anzahl von Verhandlungen,
die gegenwärtig außerhalb des KSZE-Kontextes stattfinden. Der Appell
Präsident Carters vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Oktober,
die amerikanischen und sowjetischen Nukleararsenale um fünfzig Prozent zu
reduzieren, beweist, wie sehr wir nicht nur für Rüstungsbegrenzungen, sondern
auch für tatsächliche Reduzierungen der Streitkräfte und der Rüstugen eintreten. Wenn wir auch mit unseren Verbündeten die Ansicht teilen, daß die
KSZE nicht das geeignete Forum für die Behandlung spezifischer Rüstungskontroi lmaßnahmen ist, sind wir doch davon überzeugt, H aß unsere ernsthafte
und konstruktive Haltung gegenüber Sicherheitsfragen in Belgrad das Klima
des Vertrauens in Europa fördern und dadurch zur Schaffung der Grundlage beitragen wird, die zur Durchführung von Rüstungsreduzierungen notwendig ist.
Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten jedoch mit Nachdruck auf
jene Bestimmungen von Korb eins dringen, die sich auf die Sicherheit von
Einzelpersonen beziehen. Durch die Einbeziehung der Menschenrechte in die
Grundsatzerklärung der Schlußakte haben alle Signatarstaaten bekräftigt, daß
die Achtung der Menschenrechte ein legitimes

Gesprächsthema zwischen ihnen

ist. Wir haben legale und moralische Verpflichtungen, für eine volle Verwirk-

�Verwirklichung des Prinzips der Menschenrechte zu arbeiten und ihre
bisherige

Verwirklichung in Belgrad zu überprüfen.

Was den Bereich des Korbes zwei angeht, so erkennen wir einige Fortschritte bei der

wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit,

was eine positive Fortsetzung des Prozesses bedeutet, der bereits vor Helsinki eingesetzt hatte. Bestimmte Probleme bestehen jedoch fort, wie
beispielsweise die beklagenswerte Haltung einiger Länder hinsichtlich der
Gewährung wichtiger Informationen für Geschäftsleute oder die Schwierigkeit
einer privaten Zusammenarbeit

zwischen Wissenschaftlern aus Ost und West.

Auch dieo sind Fragen, die von der Belgrader Konferenz in der Hoffnung
geprüft werden, daß sich Verbesserungen und eine größere Zusammenarbeit
ergeben.
Die Situation hinsichtlich der Verwirklichung der humanitären Bestimmungen
der Schlußakte ist von besonderem Interesse für die Millionen von Menschen,
deren Familien und deren Leben das Ost-West-Verhältnis berührt. Wenn auch
einige Fortschritte seit der Gipfelkonferenz von Helsinki erzielt worden
sind, so bleibt doch noch viel zu tun übrig. Wir werden auch weiterhin in Belgrad wie anderswo - humanitäre Einzelfälle mit den östlichen Regierungen
erörtern. Gerade weil die Schlußakte ein ausgewogenes Dokument ist, das als
ein integriertes Ganzes betrachtet werden muß, müssen wir unsere Stimme
erheben, wenn ernsthafte Mängel bei der Verwirklichung irgendeines Abschnittes
(der Schlußakte) festgestellt werden.
Wir sind auch weiterhin bereit, in Belgrad über Kritik an unseren eigenen
Praktiken zu sprechen, wie wir ja auch von anderen erwartet haben, daß sie in
konstruktiver Weise die Ansichten erörtern, die wir über ihre Praktiken

zum

Ausdruck bringen. Auf dem Gebiet der Menschenrechte sind wir der Ansicht, daß
die Macht des Rechts und die Politik der Regierung in den USA auf eine größere
Respektierung des Rechts des Einzelnen und auf die Milderung von Mißbräuchen
gerichtet ist, sollten solche Rechte nicht voll und ganz beachtet werden. Wir
sind stolz auf unsere Leistungen; wir sind jedoch auch bereit, die Dinge zu

- 7 -

�Dinge zu verbessern und auf allen Gebieten noch mehr zu tun.
So hat Präsident Carter beispielsweise während des Berichtszeitraumes
die Konventionen der Vereinten Nationen über die Menschenrechte unterzeichnet,
die speziell in der Grundsatzdeklaration der Schlußakte hervorgehoben wurden.
Wir haben ferner Maßnahmen ergriffen - sie werden in dem nachfolgenden Bericht
erörtert -, die bestimmten Gruppen von Leuten die Reise nach den USA gestatten, nachdem sie dies in der Vergangenheit manchmal aufgrund ihrer
politischen Zugehörigkeit nicht tun konnten. In gleicher Weise hat Präsident
Carter im wesentlichen aufgrund der KSZE und auf Empfehlung der KSZE-Kommission
ein Gremium ernannt, das Mittel und Wege zur Verbesserung des Studiums fremder
Länder und der Fremdsprachen in den Vereinigten Staaten vorschlagen soll.
Die USA erörtern in Belgrad zusammen mit anderen Ländern auch eine Reihe
neuer Initiativen, um die Verwirklichung der Schlußakte durch alle Teilnehmerstaaten zu fördern. Wenn diese Vorhaben auch in keiner Weise eine Verbesserung
der Schlußakte darstellen sollen, so sollten sie doch die Schwungkraft und
Impulse des KSZE-Prozesses erhalten und zur Erfüllung der bestehenden Bestimmungen ermutigen. Wir fördern und unterstützen in Belgrad eine Reihe von
Vorschlägen, die diesen Zielen in bester Weise zugute kommen.
Die folgenden Kapitel bieten eine Übersicht über die Verwirklichung der
KSZE-Bestimmungen während der letzten sechs Monate. Das Fazit zeigt einige
Gebiete des Fortschritts zusammen mit einigen Gebieten der Untätigkeit oder
gar der Verschlechterung. Wie Botschafter Goldberg jedoch auf der Eröffnungssitzung der Belgrader Konferenz erklärt hat: "Diese Konferenz in Belgrad
ist ein Stadium eines dynamischen Prozesses und eines kontinuierlichen Dialogs
... Wir sind dem Anfang näher als dem Ende.
+ + + + +

- 8 -

�Ulirl/choft
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

WIE STARK IST DER US-DOLLAR WIRKLICH?
von George E. Cruikshank
Vizepräsident der Morgan Guaranty Trust Company

NEW YORK -- AD -- Der amerikanische Dollar ist in den letzten Wochen
von der Presse mit ganz ungewöhnlicher Aufmerksamkeit bedacht worden.
Zeitungen, die Währungs- und Finanzfragen normalerweise in ihrem Wirtschaftsteil bringen, erschienen häufig auf der ersten Seite mit langen Berichten
über die amerikanische Währung. Und in den Schlagzeilen hieß es, "Kurssturz"
des Dollar oder "amerikanische Währung erreichte neuen Tiefststand".
Viele, die solche Berichte lesen, fragen sich mit Recht, worauf das
starke Abgleiten des Dollar-Kurses wohl zurückzuführen ist. Bedeutet ein
"schwacher"Dollar, daß die Vereinigten Staaten ihren Wettbewerbsvorsprung
auf den Weltmärkten verloren ,aben? Müssen sich hieraus zwangsläufig
schwerwiegende wirtschaftliche Folgen ergeben?
Eine Antwort auf solche Fragen bedingt, daß man die Situation des
Dollars von verschiedenen Gesichtspunkten her beleuchtet, und dies wiederum
erfordert eine eingehende Untersuchung zahlreicher Gebiete. Der hohe Preis
des arabischen Erdöls, das Vordringen der japanischen Exporte auf den Welt-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Weltmärkten, die niedrige Weizenernte in Rußland, das langsame Wirtschaftswachstum in Europa, die Preisentwicklung in Amerika - alle diese, und noch
viele andere Fragen wirken sich auf den Kurs des US-Dollars und den anderer
wichtiger Währungen an den Devisenmärkten aus.
Der Dollar-Kurs ist an den Devisenmärkten in der Tat in den letzten
Wochen zurückgegangen und zwar erheblich.. Aber dieser Rückgang beschränkte
sich auf einige wenige Währungen - vor allem auf den Japanischen Yen, den
Schweizer Franken und die Deutsche Mark. Dagegen konnte sich der DollarKurs gegenüber verschiedenen anderen Währungen - so unter anderem gegenüber
dem Kanadischen Dollar, der Spanischen Peseta oder der Schwedischen Krone festigen. Und die Abschwächung des Dollar-Kurses gegenüber den Währungen von
15 wichtigen Handelsnationen, als Gruppe betrachtet, war nur relativ gering.
Im Gegensatz zu dem starken Rückgang des Dollar-Kurses gegenüber einigen
wenigen Währungen fiel der Dollar - auf so breiter Basis gemessen - in den
letzten zwei Monaten lediglich um circa 1,5 Prozent zurück.
Die Wirtschaftswissenschaftler sind sich seit langem der Notwendigkeit
bewußt, die Veränderungen des Kurses einer bestimmten Währung gegenüber den
anderen Hauptwährungen - wobei einige gegenüber dieser Währung vielleicht
einen Kursanstieg, andere einen Kursrückgang zu verzeichnen

haben - auf eine

wirtschaftlich aussageträchtige Weise zu messen. Die Idee ist, einen Maßstab für effektive Wechselkursveränderungen zu entwickeln, der die Auswirkungen

unterschiedlicher Wechselkursbewegungen

auf die Wettbewerbs-

position eines Landes gegenüber seinen wichtigsten Handelspartnern zusammenfaßt.
Es ist jetzt sechs Jahre her, daß der Morgan Guaranty Trust (MGT) einen
Maßstab für die nach dem Handelsdurchschnitt gewogenen Wechselkursveränderungen
des Dollar - gegenüber den Hauptwährungen - auf der Basis der Wechselkursparitäten eingeführt hat, wie sie vor dem Juni 1970 bestanden haben. Dieses
Ausgangsdatum war gewählt worden, weil es als Beginn des Floatens der
Wechselkurse betrachtet werden muß. Die MGT-Berechnung gibt einen quantitativen

- 2 -

�quantitativen Anhalt für die Auswirkungen von Wechselkursveränderungen auf
die Wettbewerbsposition der Volkswirtschaft eines jeden Landes auf den
Weltmärkten - einschließlich seines eigenen Binnenmarktes. Dabei wird
davon ausgegangen, daß Änderungen des Wechselkurses einer Währung eine
unterschiedliche Wirkung haben können, je nachdem, welche Währungen gegenüber dem US-Dollar auf- oder abgewertet haben« Die Gewichtung in der MGTAufstellung erfolgt proportional zu dem jeweiligen bilateralen Handel der
Vereinigten Staaten mit diesen 15 Ländern. So würde eine Aufwertung des
kanadischen Dollar gegenüber der amerikanischen Währung um ein Prozent acht
mal so viel wiegen wie eine Aufwertung des holländischen Guldens um ein
Prozent, denn der Anteil Kanadas am US-Handel mit den 15 Ländern beträgt
das Achtfache des Anteils der Niederlande. Ebenso wiegen Wechselkursveränderungen der japanischen Währung nur halb so schwer wie solche der kanadischen Währung - entsprechend dem geringeren Anteil Japans am US-Handel mit
diesen 15 Ländern.
Tabelle 1 im Anhang gibt die effektiven Wechselkursänderungen des
US-Dollar gegenüber den 15 Hauptwährungen - gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Handel der Jahre 1974/75 - wider. Sie zeigt, daß
der Wert des US-Dollar in der am 18. November zu Ende gegangenen Woche trotz
allem nur rund 11,6 Prozent unter der Parität lag, wie sie vor dem Juni 1970
galt. Dieser Wert war auch nur geringfügig niedriger als der für Anfang
1977 errechnete Wert von 11,4 Prozent, Der Japanische Yen, die Deutsche Mark
und der Schweizer Franken sind gegenüber dem US-Dollar im Wert stark gestiegen,
wobei die Zunahme 40, 39 und 65 Prozent betrug. Da jedoch der Handel mit
diesen drei Ländern zusammen nicht so stark gewichtet wird wie der mit Kanada
allein, hat der eingetretene Rückgang des Wertes des Kanadischen Dollar gegenüber dem US-Dollar dazu beigetragen, den Rückgang des Wertes der amerikanischen
Währung insgesamt - nach dem durchschnittlichen Handel gewogen - etwas abzumildern.
Warum ist nun der Kurs des US-Dollar gesunken? Der jüngste Druck auf
den Dollar ist zu einem großen Teil auf die Verschlechterung der amerikanischen

- 3 -

�amerikanischen Handelsbilanz zurückzuführen» Die Vereinigten Staaten werden
in diesem Jahr für rund 30 Milliarden Dollar mehr importieren als exportieren, also ein Handelsdefizit aufweisen, das über dreimal so groß
ist wie 1976 (siehe Tabelle 2 ) . Der kürzlich bekanntgegebene Rückgang der
Getreideernte in Rußland wird vielleicht zu größeren Getreidelieferungen
aus den Vereinigten Staaten führen und so das Handelsdefizit etwas verringern.
Ganz allgemein stehen jedoch die Aussichten für die amerikanische Handelsbilanz schlecht, und es ist für 1978 mit einem Handelsdefizit zu rechnen,
das noch höher ausfallen dürfte als in diesem Jahr. Zu dem Rückgang des
Dollar-Kurses hat aber auch beigetragen, daß das Ausland immer weniger
bereit ist, die als Folge des amerikanischen Zahlungsbilanzdefizits erworbenen Dollar zu halten. Da der US-Dollar gegenüber den anderen Währungen
floatet, haben die Verkäufe der unerwünschten amerikanischen Währung ebenfalls zu einem Rückgang des Dollar-Kurses geführt.
Die Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz in diesem Jahr
ist zum größten Teil auf die stark gestiegenen Erdölimporte zurückzuführen,
die sich bis zum Jahresende auf rund 45 Milliarden Dollar stellen dürften
gegenüber Erdöl einfuhren von 35 Milliarden Dollar 1976 und von 27 Milliarden
Dollar 1975. Die Agrarexporte sind in diesem Jahr zurückgegangen, und das
Gleiche gilt auch für die Erlöse aus den Fertigwarenexporten. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit Amerikas - was die Preise anbetrifft - hat
in den letzten Jahren ebenfalls gelitten - ganz besonders gegenüber den
Produzenten in der Bundesrepublik Deutschland und in Japan. Die Entwicklung
der Inflationsraten in den USA und in den übrigen Ländern zeigt Tabelle 3.
Und schließlich ist der Druck auf den US-Dollar auch auf die Ungewißheit
zurückzuführen, ob es in den Vereinigten Staaten zu einem wirksamen Energieprogramm kommen wird.
Für die Deutsche Mark und den Japanischen Yen, deren Kurse nach oben
tendieren, ergibt sich genau die umgekehrte Situation wie in den USA: ein
expandierender Handel mit hohen Überschüssen. Japan zum Beispiel kann dieses
Jahr mit einem Handelsüberschuß von 17 Milliarden Dollar rechnen gegenüber

�gegenüber einem Handelsliberschuß von 10 Milliarden Dollar 1976. Obwohl der
Yen gegenüber dem Dollar aufgewertet ist - wodurch die japanischen Exportguter in den USA und auf den Weltmärkten teuerer geworden sind - bleiben die
japanischen Erzeugnisse weiterhin wettbewerbsfähig, Ähnlich hat sich auch
der Kurs der Deutschen Mark aufgrund einer starken Handelsbilanz und der
niedrigsten Inflationsrate aller Industriestaaten , mit Ausnahme der Schweiz,
immer weiter gefestigt. Der verhältnismäßig niedrige Anstieg der Einkommen
aus Lohn und Gehalt in der Bundesrepublik Deutschland im ersten Halbjahr 1977
erleichterte ebenfalls die Eindämmung der Inflation. Und die pünktliche
Einhaltung der Lieferfristen sowie ein guter Service haben bewirkt, daß
deutsche Erzeugnisse für ausländische Käufer weiter attraktiv bleiben.
Der Kanadische Dollar, dessen Kurs gegenüber dem US-Dollar dieses Jahr
erheblich abgefallen ist, hatte unter einer lauen Wirtschaftstätigkeit, einer
wachsenden Inflation und den politischen Entwicklungen in der Provinz Quebec
zu leiden. Die niedrigeren Zinsen hatten geringere ausländische Investitionen
in kanadischen Schuldverschreibungen zur Folge. Der Druck in Richtung auf
höhere Preise und Löhne dürfte Anfang 1978 noch zunehmen, wenn die seit zwei
Jahren bestehenden Lohn- und Preiskontrollen aufgehoben werden.
So viel über die Entwicklung des Dollar-Kurses während der letzten
Monate gegenüber den übrigen Hauptwährungen. Aber was kommt jetzt? Wird der
Kurs des US-Dollar weiter zurückgehen? Voraussagen über künftige Wechselkursveränderungen sind eine gefährliche Sache - voll gefährlicher Klippen. Die
Wirtschaftswissenschaftler sind über die künftige Entwicklung häufig unterr
schiedlicher Meinung. Auf die Bitte, etwas über die künftige Kursentwicklung
des US-Dollar zu sagen, gab eine Gruppe amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler kürzlich folgende Antworten: Ein Drittel rechnete mit einem Steigen des
Dollar-Kurses; ein Drittel erwartete einen Rückgang des Dollar-Kurses; und
ein Drittel meinte, daß sich nichts ändern werde. Das war also die Ansicht
der Experten.
Ohne irgendwelche

�Ohne irgendwelche

Geheiminformationen preiszugeben, läßt sich wohl

sagen, daß sich an der Schwäche des Dollar-Kurses gegenüber dem Yen, der
DM und dem Schweizer Franken vorerst nichts ändern dürfte, Die grundlegenden Fakten - die die Wirtschafts- und Währungssituation maßgebend
beeinflussen - lassen keine derartige Änderung erwarten. Auf jeden Fall
wird der Dollar, gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Handel,
in der nächsten Zeit, etwa den nächsten sechs Monaten, voraussichtlich
keine wesentlichen Änderungen erfahren»
Die jüngste Schwäche des US-Dollar wie auch das hohe Handelsdefizit
der USA bereiten vor allem deshalb Sorge, weil sie zu einem Wiederaufflammen
des Protektionismus überall auf der Welt führen könnten. Eir Rückgang des
Dollar-Kurses bedeutet, daß die amerikanischen Erzeugnisse auf den Weltmärkten billiger werden. Die anderen Länder könnten nun Maßnahmen ergreifen,
um durch Errichtung von Handel schranken den amerikanischen Importen Einhalt
zu gebieten. In den Vereinigten Staaten selbst wird bereits von Seiten verschiedener Industriezweige Druck ausgeübt, den Vormarsch ausländischer Erzeugnisse auf dem amerikanischen Markt zu unterbinden.
Die folgenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen wären dringend erforderlich, wenn die Welt nicht in die alten Beschränkungen und Restriktionen für
Waren, Dienstleistungen und Kapital zurückfallen soll - Restriktionen, die
nur der Weltwirtschaft schaden würden:
-- Die starken Volkswirtschaften, vor allem die Bundesrepublik Deutschland
und Japan, müssen mehr zur Belebung der Wirtschaftstätigkeit tun und ihre
Einfuhren steigern. Das wäre das sogenannte Lokomotiv-Verfahren, bei dem die
Länder mit einer starken Zahlungsbilanzposition und einem guten Preisklima
die Weltwirtschaft aus ihrem gegenwärtig stagnierenden Wachstum herausziehen.
-- Die Vereinigten Staaten brauchen ein starkes und wirksames Energieprogramm, das sowohl Versorgung wie auch Verbrauch lenkt. Bei einem Rückgang
der Erdölimporte - und einem Anstieg der Fertigwarenexporte in andere Länder

�Länder, vor allem nach Japan - würde der amerikanische Außenhandel wieder
ein vernünftiges Gleichgewicht erreichen können. Leider trägt das Energiegesetz, das zur Zeit dem Vermittlungsausschuß in Washington vorliegt, nach
meiner Meinung dieser Situation noch nicht in ausreichendem Maße Rechnung.
Es steht zu hoffen, daß 1978 auf dem Energiesektor weitere Maßnahmen ergriffen werden.
Das - bereits erschütterte - Vertrauen in den US-Dollar kann wohl kaum
wiederhergestellt werden, so lange nicht den zwingenden Erfordernissen auf
dem Energiesektor entsprochen worden ist.

Tabelle 1
Die effektiven Wechselkursveränderungen des US-Dollar zu einer Gruppe
von Hauptwährungen - gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Hände
der Jahre 1974/75 - in Prozenten gegenüber den vor dem Juni 1970 geltenden
Paritäten:

USA
-10,91

Kanadi
Kanada

-10,84

-4,14
-2,48

Oktober
Oktober
Oktober
November
November

-10,82
-10,84

-3,76
-4,83

-10,98
-11,59
-11,34

-5,15
-5,22
-5,47

18. November

-11,64

-5,56

1. Oktober
7. Oktober
14.
21.
28.
4.
11.

Japan
35,62
33,21
35,20
36,15
37,28
38,76
39,31
40,55

Großbritannien
-38,79

Bundesrepublik
Deutschland
38,79

-39,11

38,30

-38,93
-38,82
-38,76
-37,29
-37,61
-37,43

38,43
39,06
39,18
39,45
39,69
39,89

Tabelle 2

�Tabelle 2
Handelsüberschuß/Defi zi t in Mill iarden Dollar
1975

1976

1977+

1978+

USA

11,01

-9,20

-30,00

-35,00

Bundesrepublik
Deutschland

1Q n Q
iy uy

18,31

21,00

23,00

5,03

9,89

17,00

15,00

Großbritannien

-7,00

-6,41

-4,00

-2,50

Kanada

-0,52

1,21

2,50

3,00

Frankreich

1,52

-4,19

-2,75

-2,00

Italien

0,07

-2,26

0,50

1,00

Holland

2,54

2,93

1,30

1,70

Schweiz

0,05

0,53

-0,50

-0,50

14,68

-4,04

Japan

Alle Industriestaaten

'

Schätzungen des Morgan Guaranty Trust

Tabelle 3
Inflationsraten (von Dezember zu Dezember auf der Basis des Indexes
Verbraucherprei se)
1974

1975

1976

1977'

12,2

7,1

4,7

6,8

5,9

5,4

4,0

4,0

Japan

21,9

8,2

10,6

7,0

Großbritannien

19,1

24,9

15,1

14,0

Kanada

12,4

Frankreich

15,2

9,5
9,6

5,8
9,9

8,0
9,0

Italien

24,5

11,2

22,0

16,0

Holland

10,7

Schweiz

7,6

9,1
3,4
9,0

8,3
1.3
8.1

7,0
1,5
8,0

USA
Bundesrepublik
Deutschland

Alle Industriestaaten
+

16,0

Schätzungen des Morgan Guaranty Trust
+ + + + +

�Wift/chciH
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

INFLATION DURCH EINKOMMENSPOLITIK BEKÄMPFEN
- Interview mit Professor Walter Heller -

Der ehemalige Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats der amerikanischen Regierung unter Präsident Kennedy, Professor Walter
Heller, lehrt heute an der Staatsumversität von Minnesota
Professor Heller genießt nicht nur in den USA, sondern auch
in der übrigen Welt als Wirtschaftswissenschaftler hohes Ansehen und immer wieder
holen Kongreß und Regierung in Washington
seinen Rat ein. In dem folgenden, auszugsweise wiedergegebenen Interview mit dem
Korrespondenten des US-Informationsamtes,
John J. Harter, nimmt Professor Heller zu
den wichtigen gegenwärtigen Wirtschaftsfragen Stellung
FRAGE:
höhlen.

Die Inflation scheint die Wirtschaft fast aller Länder auszu-

Warum ist das so?

ANTWORT: Lassen Sie mich mit einem ermutigenden Hinweis beginnen: Die
Inflation läßt in einigen wichtigen Ländern, unter anderem in den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland, in Japan und der Schweiz, Zeichen eines Abebbens erkennen. Trotzdem ist die Inflation immer noch ein weit-

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�weitverbreitetes und ernstes Problem, und es wird sehr schwer fallen, sie
völlig unter Kontrolle zu bringen.
FRAGE:

Was können die Regierungen tun, um die Inflation unter Kontrolle

zu bringen?
ANTWORT:

zunächst einmal müssen sich die Regierungen darüber klar

sein, daß das übernommene Erbe der Inflation sehr komplex ist, daß es kein
einfaches Heilmittel gibt und daß erfolgreiche Bemühungen um eine Eindämmung der Inflation ein beträchtliches Maß an politischem Wollen über geraume
Zeit hinweg erfordern.

Unter anderem setzt dies meines Erachtens eine gute

Einkommenspolitik voraus - eine Politik, die die Mitarbeit der mächtigen Gewerkschaften , der großen Wirtschaftsverbände und anderer Gremien gewinnt,
wie wir dies Anfang der sechziger Jahre bei den Lohn- und Preisleitlinien
hatten.
FRAGE:

Können Sie sich dazu äußern, welche Form von Einkommenspolitik

Ihres Erachtens eingeschlagen werden sollte?
ANTWORT: Das wird von Land zu Land verschieden sein, aber jede Volkswirtschaft braucht heute auf dem privaten Sektor irgendein freiwilliges oder
halb freiwilliges Programm, das mit zur Eindämmung der Lohn- und Preiserhöhungen beiträgt. Auf einem weiten Sektor der modernen Volkswirtschaften
genügt der Wettbewerb als Regulativ einfach nicht mehr, um dem inflationistischen Druck Einhalt zu gebieten. Das führt nur zu leicht dazu, daß
Unternehmer und Gewerkschaften praktisch gemeinsam Löhne und Preise erhöhen
und die höheren Kosten dann an die Verbraucher weitergeben.
Die Einkommenspolitik sollte dieses Problem anpacken, allgemeine Leitlinien, Normen und Markierungen für ein nicht-inflationäres Lohn- und Preisverhalten geben oder durch solche Hilfen dazu anspornen. Das bedeutet nun
nicht, daß ein riesiger bürokratischer Apparat in Gang gesetzt werden soll.
- 2 -

�soll.

Vielmehr sollte der Präsident oder jeweilige Regierungschef die öffent-

liche Meinung gegen die Inflationsmentalität mobilisieren.

Unser Beirat für

Lohn- und Preisstabilität könnte einen solchen von der öffentlichen Meinung
ausgehenden konzentrierten Druck nutzen, um Lohn- und Preisanhebungen in
Schlüsselbereichen der Wirtschaft hinauszuschieben.

Ich möchte aber noch weiter gehen.

Ich möchte, daß die Großindustrie

und die einflußreichen Gewerkschaften die Regierung über ihre Pläne für Lohnund Preiserhöhungen vorher unterrichten.

Auch wenn die Regierung solche

Lohn- und Preiserhöhungen nicht unterbinden kann, so würde ich es doch gerne
sehen, daß die Regierung dann diese Pläne der Öffentlichkeit unterbreitet
und sich dazu äußert, ob diese Pläne inflationär wirken oder nicht.

Ein

sorgfältiges Studium der unter den Regierungen Kennedy und Johnson in den
sechziger Jahren gemachten Erfahrungen hat gezeigt, daß wir auf diese Weise
Lohn- und Preiserhöhungen eindämmen konnten.

FRAGE:

Besteht nicht eines der Hauptprobleme bei der Eindämmung der

Inflation darin, wie ein Anreiz zu höheren Investitionen auf dem privaten
Sektor gegeben werden kann?

ANTWORT:

Wir müssen zwischen kurzfristig und langfristig unterscheiden.

Ein plötzlicher Investitionsboom kann zu einer Quelle der Inflation werden,
wenn die Wirtschaft bereits mit voller Kapazitätsauslastung arbeitet.

Doch

langfristig, wenn da die Privatindustrie Investitionen zur Modernisierung,
Mechanisierung, Rationalisierung oder Steigerung der Produktivität vornimmt,
so könnte das ein starker, dauerhafter Damm gegen die Inflation sein.

FRAGE:

Ist es heute nicht schwieriger, die Privatwirtschaft zu ange-

messenen Investitionen zu bewegen, als es dies eigentlich der Fall sein
sollte?

ANTWORT:

Ja, und dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Einmal

besteht heute ein beträchtliches Maß an Unsicherheit über den Kurs der
- 3 -

�der amerikanischen Wirtschaft - zum Beispiel Unsicherheit über das Energieprogramm, das im nächsten Jahr in Kraft treten soll, über die Steuerreform
und die Steuersenkungsvorschläge des Präsidenten und über die Höhe der Inflationsrate im kommenden Jahr.

Aber selbst wenn diese Unsicherheit nicht

wäre, würden die privaten Investoren nicht zu einer Ausweitung der Produktionskapazitäten schreiten, bevor sie wissen,:daß es auch einen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse gibt.

Und was die Investitionen überall auf der

Welt tatsächlich hemmt, ist die weit verbreitete Auffassung, daß bereits auf
vielen Wirtschaftssektoren überschüssige Kapazitäten vorhanden sind.
In den Vereinigten Staaten sind die Produktionskapazitäten nur zu 83
Prozent ausgenutzt, und die Bundesrepublik Deutschland, Japan und andere
Länder haben ebenfalls ungenutzte Produktionskapazitäten.

Der Grund hier-

für ist, daß die Verbraucherkaufkraft nicht ausreicht, um alles das zu absorbieren, was produziert werden könnte.
FRAGE: Sind Sie der Ansicht, daß Probleme wie Inflation und Rezession
über nationale Grenzen hinweg ansteckend wirken?
ANTWORT:

Ja, zu einem großen Teil.

Und die Abhängigkeit von der üb-

rigen Welt stellt bei Ländern, die 40 Prozent ihrer Güterzeugung exportieren, wie dies bei vielen europäischen Ländern der Fall ist, ein noch weit
größeres Problem dar.

Die Vereinigten Staaten selbst exportieren lediglich

10 Prozent ihrer Gütererzeugung, so daß die amerikanische Wirtschaft viel
immuner ist.
Doch wir tragen heute auf unseren Schultern einen größeren Teil der
Last, die sich für die Welt aus der Anpassung an die hohen Erdölpreise ergibt, sowie der Lasten, die sich aus den hohen Defiziten der Entwicklungsländer ergeben, als alle übrigen Länder zusammengenommen. Wir importieren
nicht nur Erdöl - viel zu viel, so möchte ich hinzufügen - wir importieren
auch zahlreiche andere Güter. Damit helfen wir den Volkswirtschaften der
anderen Länder - und ich meine, die Bundesrepublik Deutschland und Japan, dj_e

�die anderen großen Lokomotiven der Weltwirtschaft, ob sie dies nun gerne
hören oder nicht, sollten hier mehr tun, um zu helfen.

Die auf dem Londoner Wirtschaftsgipfel im Mai dieses Jahres anwesenden
Staatschefs hatten sich zu einer höheren Expansionsrate als im vorangegangenen Jahr verpflichtet - das waren zum Beispiel für die Bundesrepublik
Deutschland damals 5 Prozent und für Japan 6,5 Prozent.

In Wirklichkeit

haben sie jetzt noch nicht einmal dieses Ergebnis erreicht.
Das Ausmaß der internationalen Zusammenarbeit hat noch nicht den Punkt
erreicht, an dem die Regierungen zu einem gleichzeitigen und integrierten
Angriff auf diese zentralen Wirtschaftsprobleme bereit sind.
erlich.

Das ist bedau-

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis eine allmähliche Stabilisie-

rung der Wirtschaft erreicht ist,

und das bedingt in der Zwischenzeit ein

hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit.

FRAGE:

So betrachten Sie die Handelspolitik als einen wichtigen Faktor

in dem inflationistischen Bild der Weltwirtschaft?

ANTWORT:

Ja, natürlich, aus zwei Gründen

Wenn ein großes Land wie

die Vereinigten Staaten die Zölle heraufsetzt, Importquoten verhängt oder
andere protektionistische Maßnahmen ergreift, dann erhöht es damit auch
seine eigene Inflationsrate.

Darüber hinaus führt dies für die gesamte Welt

zu einem Druck auf die Preise nach oben, da dann die Nachfrage eingeengt
wird, die Gütererzeugung bei den mit niedrigen Kosten arbeitenden Produzenten
abfällt, während sie bei den mit hohen Kosten arbeitenden Betrieben steigt.
Es ist also klar, daß konkurrierender Protektionismus, Handelskriege und
eine Bettelmannspolitik die Weltwirtschaft immer weniger leistungsfähig und
immer inflationsanfälliger machen würden.

Ich bin jedoch überzeugt, daß Präsident Carter einer liberalen Handelspolitik den Vorzug gibt und daß er nachdrücklich auf einen erfolgreichen
Abschluß der gegenwärtigen Handelsverhandlungen drängen wird, von denen er

- 5 -

�er sich einen Abbau der Handelsschranken verspricht.

Und so wie höhere

Importbeschränkungen den inflationistischen Druck verstärken, so führt ein
Abbau dieser Beschränkungen zu größerer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sinkenden Preisen.
Ich will damit jedoch nicht sagen, daß eine stärkere Liberalisierung
des Welthandels bereits die Inflationsprobleme der Welt lösen würde.

Dies

kann nur durch binnenwirtschaftliche Maßnahmen geschehen, um die Lohn-PreisSpirale zu bremsen.
FRAGE:

Verschiedene Wirtschaftswissenschaftler halten das derzeitige

Wechselkurssystem - nicht exakt festgelegte Kurse wie es das Bretton-WoodsSystem forderte, aber auch kein wirklich freies Floaten - für inflationär.
Sind Sie auch dieser Ansicht?
ANTWORT:

Ich bin der Meinung, daß das relativ freie Floaten, wie wir

es gegenwärtig haben, in Wirklichkeit zur Eindämmung der Inflation beigetragen hat, weil die einzelnen Regierungen leichter nachhaltige Maßnahmen
ergreifen können, um die Inflation im eigenen Lande unter Kontrolle zu bekommen.
FRAGE:

Glauben Sie, daß die Wirtschaftler in den letzten Jahren etwas

dazu gelernt haben, was jetzt den Regierungen bei der Aufrechterhaltung
eines angemessenen Wirtschaftswachstums, ohne daß die Inflationsrate wieder
gefährliche Formen annimmt, nützen könnte?
ANTWORT:

Es ist vielleicht interessant, sich daran zurückzuerinnern,

daß die Wirtschaftler vor 30 Jahren erstmals von dem sogenannten "instabilen Dreieck" sprachen - davon, daß Vollbeschäftigung, Preisstabilität und
wirtschaftliche Freiheit angesichts starker organisierter Erzeugergruppen
nicht nebeneinander existieren können.

Der springende Punkt war, daß ein

Land, das sich zu einem hohen Beschäftigungsstand bekehnt und in dem es starke
- 6 -

�starke Unternehmerverbä'nde, organisierte Gewerkschaften und Landwirtschaftsorganisationen gibt, mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit die Preisstabilität aufgeben oder aber zu gewissen Beschränkungen bei Löhnen und Preisen
greifen mußte.

Kein Land hat bisher das Problem, in einer Demokratie eine

angemessene Vollbeschäftigung mit einer angemessenen Preisstabilität in
Einklang zu bringen, wirklich gelöst.

Meines Erachtens werden wir in den kommenden Jahren weitere Experimente
bei der Suche nach neuen Wegen erleben, um die Lohn-Preis- und die PreisLohn-Spirale zu entschärfen.

Die Regierungen werden sich um Sozial abkommen

und eine neue humane Politik der Selbstbeschränkung bei Löhnen und Preisen
bemühen müssen - was auch eine Steuerpolitik mit Zuckerbrot und Peitsche
einschließen könnte, um die angestrebte Mäßigung bei Löhnen und Preisen zu
erreichen.
Dies wird ferner ein Bekenntnis zu langfristigen Produktivitätssteigerungen erfordern, und das ist nicht einfach, wenn sich Regierungen miteinander konkurrierenden Prioritäten gegenübersehen.

Und die Regierungen wer-

den dann ganz generelle Entscheidungen zu treffen haben, wie die Früchte
des Wachstums eingesetzt werden sollen:

Wieviel zum Beispiel zur Verbesse-

rung der Lebensqualität verwandt werden sollte, wieviel für den Umweltschutz und wieviel für die Steigerung des Angebots von Gütern und Dienstleistungen.

Das dürfte harte Nüsse für die Wirtschaftler sein, die es da

zu knacken gibt.

FRAGE:

Bedeutet dies, daß Sie hinsichtlich der Zukunft pessimistisch

sind?

ANTWORT:

Nein, ich bin nicht pessimistisch.

Ich habe nur gesagt, daß

wir keine perfekten Lösungen für diese sehr diffizilen Probleme haben.

Und

wir können sie bestimmt nicht mit einer Wirtschaftspolitik lösen, die nur in
eine Richtung weist - die sich zum Beispiel nur auf die Inflation oder nur

- 7 -

�nur auf die Arbeitsplätze konzentriert.

Aber wir können einer angemessenen

Vollbeschäftigung bei angemessener Preisstabilität ein ganzes Stück näher
kommen.
Ich glaube, wir sind findig genug, um zwischen Regierung, Unternehmern
und Gewerkschaften so viel Verständnis schaffen zu können, daß die ganze
Lohn-Preis- und Preis-Lohn-Spirale gebremst werden kann.
Der Bundesrepublik Deutschland ist das ganz ohne Zwang, aber doch auf
sehr wirkungsvolle Weise gelungen, und Großbritannien hat einige interessante
Versuche auf diesem Gebiet unternommen. Aber es bedarf noch mehr Einfallsreichtums und neuer Mittel, damit die Länder gemeinsam einen Weg zum Abbau
der Inflation und zu einer stetigen Wirtschaftsexpansion beschreiten können.
Das eine haben wir gelernt, daß ein einzelnes Land in der heutigen Welt
nicht einfach dadurch Vollbeschäftigung erreichen kann, daß es die Wirtschaft mit Kaufkraft überschwemmt. Bevor noch genug zusätzliche Kaufkraft
geschaffen ist, um zu gewährleisten, daß sie in der Wirtschaft bis zum
harten Kern der Arbeitslosen gelangt, würde sie bereits das Feuer der Inflation wieder angeheizt haben.
Die Wirtschaftspolitiker in den Vereinigten Staaten wie auch anderswo
müssen sich darüber klar sein, daß die Ausweitung der Beschäftigtenzahl zu
einem Teil durch Schaffung von solchen direkten Arbeitsplätzen geschehen
muß, die keine überschüssige Kaufkraft schaffen. Ich glaube, die Regierungen und auch die Wirtschaftler haben das jetzt begriffen.
So lernen wir im Laufe der Jahre Wege zur Verwirklichung der Vollbeschäftigung kennen, die weit weniger inflationär sind.

+ + + + +

- 8 -

�14. Dezember 1977

DER SCHUTZ DER MENSCHENRECHTE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Von Charles F. Abernathy

Die Frage der Menschenrechte ist durch
Erklärungen von Präsident Carter und Mitgliedern seiner Regierung sowie im Hinblick
auf die Belgrader Nachfolgekonferenz der
Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) stärker denn je zuvor in
den Mittelpunkt des Interesses gerückt. In
der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahre
1975 haben sich die 35 Signatarstaaten,
darunter auch die USA, zur Einhaltung der
Menschenrechte verpflichtet.
Niemand wäre kompetenter, über den Schutz
der Menschenrechte in den Vereinigten
Staaten zu sprechen, als Charles F. Abernathy,
der sich über die Grenzen seines Landes
hinaus einen Namen als Experte für Bürgerrechte und Verfassungsrecht gemacht hat.

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�gemacht hat. Nach dem Tode von Dr. Martin
Luther King trat Abernathy praktisch an
die Spitze der Bürgerrechtsbewegung in den
USA. Als Schwarzer ist er stets für die
Belange von Minderheiten eingetreten und
hat vor amerikanischen Gerichten wichtige
Prozesse geführt, die Rechtsnormen gesetzt
haben. Gegenwärtig lehrt Abernathy als
Professor an der Juristischen Fakultät der
Georgetown-Universität in Washington, D.C.
Die Menschenrechte, dieses "lästige Insekt" auf dem Gebiet des internationalen Rechts, haben in letzter Zeit an Gewicht und Bedeutung gewonnen.
Nachdem man in internationalen Dokumenten jahrelang nur ein Lippenbekenntnis
ablegte, sind die Menschenrechte in der 1975 in Helsinki unterzeichneten
Schlußakte zum Abschluß der Konferenz für Sicherheit und Zusanmenarbeit in
Europa (KSZE) auf einen zentralen Platz gerückt.
Und es ist fast ohne Beispiel, daß sich die Teilnehmer an dieser Konferenz
darauf einigten, im Jahre 1977 in Belgrad eine Nachfolgekonferenz abzuhalten,
um die Verwirklichung der in der Schlußakte niedergelegten Prinzipien zu
überprüfen.
Die westlichen Nationen, einschließlich der Vereinigten Staaten, haben
in Belgrad eine aktive, vorwärtsdrängende Haltung eingenommen, und die
Vereinigten Staaten haben durch Präsident Carter die Menschenrechte zu einem
zentralen Thema ihrer Außenpolitik gemacht. Angesichts dieser amerikanischen
Aktivität und unter Berücksichtigung des traditionellen Pessimismus hinsichtlich der Einhaltung solcher 'taenschenrechtlicher" Verpflichtungen muß man sich
fragen: Praktiziert Amerika auch das, was es predigt? Schützen die Vereinigten
Staaten die Menschenrechte im eigenen Lande?
Die Antwort

- 2 -

�Die Antwort muß zweigeteilt sein: einmal in den Schutz der Bürgerrechte
und der politischen Rechte und zum zweiten in den Schutz der wirtschaftlichen und sozialen Rechte.

Die Bürgerrechte und die politischen Rechte
Da die Aufnahme der bürgerlichen und politischen Rechte in das internationale Recht hauptsächlich auf Betreiben der Vereinigten Staaten und der
westeuropäischen Länder erfolgte - auf der Grundlage unserer eigenen politischen
Systeme und unserer Sozialethik bezüglich des Wertes und der Würde des Einzelnen - ist es nicht verwunderlich, daß die Vereinigten Staaten über ein
sehr gut ausgebautes System zum Schutz der Bürgerrechte und der politischen
Rechte verfügen. Unter diesen Schutz fallen wesentliche Freiheiten, die durch
die Verfassung wie auch durch ein fast unfehlbares zweigleisiges juristisches
System zur Verteidigung und zum Schutz der garantierten wesentlichen Rechte
gewährleistet werden.
Der erste Zusatzartikel der Verfassung schützt die Rede- und Pressefreiheit und die freie Religionsausübung, und dies schließt auch die Gedanken-und Gewissensfreiheit und das Recht der friedlichen Versammlung ein.
Erst in jüngerer Zeit hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten
in einigen Fällen diese Freiheiten eindeutig bestätigt.
Der wichtigste dieser Fälle ist die Zivilklage (1971) der Regierung
der Vereinigten Staaten gegen die "New York Times". Die Exekutive wollte
die beiden Zeitungen "New York Times" und "Washington Post" daran hindern,
ein geheimes Dokument des Verteidigungsministeriums abzudrucken, das gestohlen oder sonstwie auf unrechtmäßige Weise aus den Akten der Regierung
entfernt worden war. Der Oberste Gerichtshof stellte mit sechs gegen drei
Stimmen fest, daß die Veröffentlichung nach Zusatzartikel I der Verfassung Rede- und Pressefrei hei4" - geschützt sei, da zwar der Exekutive Schaden

- 3 -

�Schaden zugefügt werde,daß aber die Regierungsdokumente eine wichtige
Rolle bei der Information der Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg spielen
könnten. Und in dem Fall Gregory gegen die Stadt Chicago (1969) bestätigte
das Oberste Bundesgericht das Recht des für die Gleichberechtigung

und

gegen den Krieg kämpfenden Aktivisten Dick Gregory, eine Demonstration
gegen eine nach seiner Meinung auf eine Rassentrennung hinauslaufende
Wohnungspolitik der amtlichen Stellen anzuführen.
Die Redefreiheit in den Vereinigten Staaten ist nicht nur eine politische
Konzeption mit dem Ziel, die Öffentlichkeit über Angelegenheiten der Regierung
zu informieren, sondern amerikanische Gerichte haben die Auffassung vertreten,
daß Zusatzartikel I der Verfassung dem weitergefaßten Ziel der persönlichen
Entfaltung und Selbstverwirklichung dient.Die Entscheidungen des Obersten
Bundesgerichtshofes schützen daher nicht nur die politische Rede, sondern
auch Bücher, Filme und andere Unterhaltungsmedien, die Ideen verbreiten,
die die Regierung möglicherweise einschränken oder zensieren möchte. Es
wird ein "Marktplatz der Ideen" gefördert, damit Veränderungen in der Regierung und in der Gesellschaft mit den Mitteln der Überzeugung und nicht
des Zwangs stattfinden können.
Andere fundamentale Rechte in den Vereinigten Staaten werden durch
Zusatzartikel V der Verfassung geschützt, der besagt, daß niemand ohne Antrag oder Anklage durch ein Großes Geschworenengericht wegen eines Kapitalverbrechens oder eines sonstigen schimpflichen Verbrechens angeklagt werden
darf. Mit diesem Verfassungszusatz wird auch das Privateigentum des Bürgers
gegen Obergriffe des Staates geschützt.
Der Schutz der Person beginnt bereits vor der formellen Anklageerhebung.
Schutz von Eigentum und Wohnung vor Durchsuchung ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl, Recht auf einen Anwalt - auch einen Pflichtverteidiger usw.
sind Dinge, die für einen Rechtsstaat selbstverständlich sind. Weiter gehören
dazu das Recht auf einen unverzüglichen Prozeß, auf einen Dolmetscher wenn
notwendig, das Recht, einen Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, von der Anklage-

�Anklagebehörde alle Informationen zu erhalten, die den Angeklagten entlasten könnten. Und vor allem,der Angeklagte hat das Recht auf einen Prozeß
mit 12 Mitbürgern als Geschworenen vor einem unparteiischen Richter.
Diese Verfahrensgrundsä'tze schützen auch andere fundamentale Rechte
außerhalb des Strafrechts. So sind eingeschlossen beispielsweise das Recht
auf unbehinderte Reisen, das Recht auf Eheschließung und Schwangerschaft
sowie der Schutz der Privatsphäre.
Der Oberste Gerichtshof nimmt den Schutz dieser Rechte sogar

so

genau,

daß er in der Regel in der Presse von jenen kritisiert wird, die glauben,
er sei im Schutz der Bürgerrechte zu weit gegangen.
Zusatzartikel XIV der Verfassung schließlich besagt, daß kein Staat der
Union "irgend jemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz
durch das Gesetz versagen" darf. Diese Bestimmung hat sich als außerordentlich
wichtig für den Schutz gegen willkürliche Regierungsmaßnahmen, vor allem
mit rassischem Hintergrund, erwiesen. Die Vereinigten Staaten waren zwar
eine Nation mit schwarzen Sklaven, aber die Sklaverei wurde bereits vor
100 Jahren abgeschafft, und es hat sich wohl kaum ein anderes Land in den
letzten 15 Jahren so viel Mühe gegeben, seine Rassenprobleme zu lösen.
Der Schutz rassischer Minderheiten ist praktisch perfekt. Offene Diskriminierungen

haben in den Vereinigten Staaten ein absolutes Minimum er-

reicht, und in den meisten Fällen handelt es sich heute um "de facto" Diskriminierungen. Bei diesen Fällen kann keine Absicht der Diskriminierung
nachgewiesen werden, der Kläger behauptet vielmehr, eine bestimmte Politik
habe diskriminierende Auswirkungen. Der hohe Entwicklungsstand im Kampf
gegen den Rassismus in den Vereinigten Staaten hat jetzt sogar zu Fällen
der "umgekehrten Diskriminierung" geführt. Dabei geht es um ausgleichende
Programme, die frühere Diskriminierungen beheben sollen, indem ein bestimmter
Prozentsatz von Arbeitsplätzen, Parlamentssitzen, Studienplätzen usw. für
Minderheiten garantiert wird. Die Weißen, die aufgrund dieser für die Minder-

- 5 -

�Minderheiten positiven Regelungen keinen Platz erhalten, argumentieren jetzt
- und das ist fast ein Witz der Weltgeschichte - daß Weißen allein aus
rassischen Gründen die Gleichberechtigung verweigert werde. Ein solcher
Musterprozeß ist derzeit beim Obersten Bundesgericht anhängig.
Der Oberste Bundesgerichtshof hat diese Klausel des gleichen Schutzes
für alle auch dahingehend interpretiert, daß sie für alle sozialen Gruppen
in der Gesellschaft gilt, wie. z.B. für religiöse und völkische Minderheiten, Ausländer, Frauen

usw.
•

•

Man darf mit Fug und Recht sagen, daß der gleiche Schutz durch das
Gesetz laut Zusatzartikel XIV der Verfassung mehr ist als nur ein Schutz
auf dem Papier. Nicht zuletzt dank der Bemühungen der Nationalen Vereinigung
zur Förderung Farbiger (NAACP) ha f das Oberste Bundesgericht im Jahre 1954
einstimmig alle Bestimmungen der Einzelstaaten als verfassungswidrig erklärt, die eine Rassentrennung an öffentlichen Schulen vorsahen. Damit wurde
eine ganz entscheidende Anstrengung in die Wege geleitet, nicht nur die
Schulen, sondern auch die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten zu integrieren.
Schwierigkeiten mit der Schulintegration gibt es eigentlich nur noch
in den Ballungszentren, wo entweder überwiegend Schwarze oder überwieqend
Weiße wohnen, was sich natürlich auf den Prozentsatz der jeweiligen Minderheit an den Schulen auswirkt. Demographische und soziologische Untersuchungen
der letzten Jahre haben gezeigt, daß die Fälle, in denen noch keine Integration in Großstädten wie Chicago, Detroit, Philadelphia oder Los Angeles
durchgeführt wurde, einfach auf sachliche Faktoren wie die freie Wahl der
Schule zurückzuführen sind und keineswegs auf amtliche Maßnahmen, die auf
eine Rassentrennung in Schule und Wohnung abzielen würden. Diese Studien
lassen ferner erkennen, daß das Ausmaß der selbst gewollten Rassentrennung
nicht größer ist als bei den ethnischen Minderheiten unter den Einwanderern,
die sich früher in den Städten zusammengeballt hatten. Mit der Zeit werden
diese Reste der Rassentrennung durch die Entwicklung beseitigt werden.
So ergibt sich

�So ergibt sich also folgendes Bild: Ein Amerika , das praktisch und
effektiv integriert ist - mit Ausnahme einiger Enklaven im Schulsystem von
Großstädten in Vierteln mit überwiegend schwarzer Bevölkerung - was nicht
auf den bösen Willen der Behörden, sondern auf die Bevölkerungsstruktur
zurückzuführen ist. Im übrigen werden viele dieser großstädtischen Schulsysteme, wie beispielsweise in Washington, D.C„ urd Atlanta, Georgia, von
schwarzen Bürgermeistern kontrolliert» Wenn man diese Schulsysteme aus den
Angeln heben wollte, dann würde man vernünftige

Schul Programme zerstören,

die von Schwarzen selbst ausgearbeitet wurden und den schwarzen und weißen
Bevölkerungsgruppen in diesen Städten zugute kommen.
Der Prozeß der Schulintegratior verlief im großen und ganzen reibungslos
- weit reibungsloser, als man während der turbulenten sechziger Jahre
gedacht hatte. Eine kürz liehe Umfrage in 29 repräsentativen Gemeinden ergab,
daß 27 keinerlei Störungen an der öffentlichen Ordnung oder des Schulbetriebes zu berichten hatten. Interessant in diesem Zusammenhang ist die
Tatsache, daß der Anstoß zur Aufhebung der Rassentrennung an Schulen nur in
34 Prozent der Fälle durch Gerichtsurteile bewirkt wurde, durch behördliche
Maßnahmen in 25 Prozent der Fälle und in 41 Prozent, d.h. der Mehrzahl, von
Initiativen der Schulgemeinden selbst ausging.
I • b - i.

Kein System der Welt kann einen totalen Schutz der Menschenrechte gewährleisten. Letztlich wird es immer auf die Regierung ankommen, daß sie
alle Auswüchse unter Kontrolle hält. Das führt uns zu dem zweiten wichtigen
Charakteristikum des amerikanischen Systems zum Schutz der bürgerlichen und
politischen Rechte - die USA haben ein funktionierendes System vielfältiger
Sicherungen entwickelt, das den Schutz der verfassungsmäßigen Rechte gewährleistet.
Der wichtigste Punkt dieses Systems sind die unabhängigen Bundesrichter,
die über ungewöhnliche Vollmachten verfügen, wenn es gilt, Akte

der Legis-

lative und der Exekutive zu kontrollieren. Diese Richter sind auf Lebenszeit
ernannt und damit gegen politischen Druck immun. Die Unabhängigkeit der Richter
1

!

�Richter hat gelegentlich selbst die Präsidenten überrascht, die sie ernannt haben: So beispielsweise in dem Fall Vereinigte Staaten gegen Nixon
im Jahre 1974, als nicht einer der von Nixon ernannten Obersten Bundesrichter
hinsichtlich der Watergate-Tonbänder den Standpunkt des Präsidenten unterstützte.
Diese unabhängigen Bundesrichter haben auch das Recht, von Gerichten
der Einzelstaaten behandelte Fälle zu revidieren. Damit wird sichergestellt,
daß die Richter der einzelstaatlichen Gerichte die bürgerlichen und politischen
Rechte achten, die durch die über alles stehende Bundesverfassung garantiert
werden.
Den Einzel Staaten wird die Macht jedoch nicht völlig aus der Hand
genommen. Die Staaten selbst haben die Möglichkeit, noch striktere Bestimmungen
zum Schutz der Menschenrechte zu erlassen, die über die Mindestnorm des
Bundes hinausgehen, die von allen Einzel Staaten eingehalten werden muß.
Wenn auch kein Land der Erde für sich in Anspruch nehmen kann, im Schutz
der Menschenrechte perfekt zu sein, so sind die Vereinigten Staaten in ihren
verfassungsmäßigen Bestimnungen hinsichtlich der bürgerlichen und politischen
Rechte und in ihren Verfahren zum Schutz dieser Rechte doch vorbildlich.
Auch wenn sich hier und dort einmal ein Regierungsbediensteter irren mag das wird nie auszuschließen sein - so spielt die amerikanische Regierung
doch eine positive Rolle beim Schutz dieser Rechte - im Gegensatz zu den
Regierungen mancher anderer Länder.
Daß Dissidenten und aktive Bürgerrechtler in Amerika etwas zu bestellen
haben, läßt sich an zwei Beispielen erkennen: Andrew Young, Aktivist in der
Bürgerrechtsszene in den sechziger Jahren, ist heute amerikanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, und Thurgood Marshall, der Führer der
NAACP-Attacke gegen die Rassentrennung an den Schulen, ist heute Oberster
Bundesrichter.
Wirtschaftliche und soziale Rechte
- 8 -

�Wirtschaftliche und soziale Rechte
Im Gegensatz zu den bürgerlichen und politischen Rechten fielen die
wirtschaftlichen und sozialen Rechte - das Recht auf Arbeit, das Recht auf
Gesundheitsfürsorge, das Recht auf Erziehung und Ausbildung und das allgemeine Recht auf ein menschenwürdiges Leben - nach der Tradition nicht
unter die Zuständigkeit und den Schutz des Bundes. Die amerikanische Verfassung sah vielmehr vor, daß solche Dinge des täglichen Lebens in die
Zuständigkeit der einzelstaatlichen Behörden gehörten. Hinsichtlich der
Bildung haben alle Staaten große Anstrengungen unternommen, und in den
meisten herrscht Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahr. Hinsichtlich des
Schutzes der anderen Rechte ergab sich ein unterschiedliches Bild.
Die Bundesregierung wurde zum ersten Mal während der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren ernsthaft mit den wirtschaftlichen und
sozialen Rechten befaßt. Damals wurden begrenzte Programme in Angriff genommen, um die Arbeitslosigkeit in Landwirtschaft und Industrie zu mildern und
Rentnern ein Minimaleinkommen zu sichern. Die größten Anstrengungen und
beinahe revolutionäre neue Verpflichtungen zur Förderung der wirtschrftlichen
und sozialen Rechte unternahm die amerikanische Regierung in den letzten
zehn Jahren, als der Kongreß eine ganze Fülle von Programmen verabschiedete,
die dafür sorgen, daß jeder Amerikaner ausreichend gekleidet ist, wohnt,
ernährt und gesundheitlich versorgt ist.
Das Recht auf Arbeit wird durch den National Labor Relations Act (Gesetz
über die Arbeitsverhältnisse) aus dem Jahre 1935 gewährleistet. Dieses Gesetz
garantiert die Tarifautonomie der Sozialpartner. Aber das ist sozusagen nur
die Spitze des Eisbergs. Ein Bundesgesetz legt einen Mindeslohn fest und
sichert den Arbeiter vor Ausbeutung durch unzureichende Entlohnung. Eine
Vielfalt weiterer Bestimmungen regelt und schützt die Arbeitsbedingungen in
amerikanischen Betrieben.
Eine Reihe

�Eine Reihe weiterer, im Jahre 1964 im Rahmen des Bürgerrechtsgesetzes
verabschiedeter Bestimmungen schützt das gleiche Recht auf Arbeit; d.h. diese
Verordnungen

gewährleisten, daß das Recht auf Arbeit nicht aufgrund von

Rasse, Geschlecht, Religion, Alter oder nationaler Herkunft beeinträchtigt
werden darf. Dieser Schutz gilt für den öffentlichen Dienst genauso wie
für die Privatwirtschaft.
Die Bundesregierung hat sich auch in zunehmendem Maße darum gekümmert,
daß jeder Amerikaner sich eines Mindeslebensstandards erfreuen kann. Die
Arbeitslosenunterstützung erfaßt rund 70 Millionen amerikanische Arbeitnehmer und soll sicherstellen, daß jeder Arbeiter während der Zeit der
Beschäftigungslosigkeit seinen Lebensstandard aufrechterhalten kann. In den
letzten Jahren wurden für diese Programme über 10 Milliarden Dollar aufgewandt.
Ein weiteres Programm dient der Unterstützung von Personen mit chronischen
finanziellen Schwierigkeiten, vor allen Familien oder Mütter mit Kindern,
was unter dem Sammelbegriff "Wohlfahrt" fällt. Bei der Bedürftigkeit von
Kindern ist die Arbeitslosigkeit mit 4,1 Prozent übrigens die geringste
Ursache, 17,5 Prozent der Fälle gehen auf Scheidung, 28,9 Prozent auf Trennung
und 31,5 Prozent auf uneheliche Geburt zurück.
Die Bundesregierung hat drei weitere Sozialprogramme für Bedürftige
eingeführt: Medicaid, d.h. unentgeltliche Gesundheitsfürsorge (1976 rund
14 Milliarden Dollar); Medicare, ein Gesundheitsfürsorgeprogramm für ältere
Menschen; und Lebensmittelmarken, die ärmeren Menschen den Bezug von Lebensmitteln ermöglichen.
Und schließlich hat das amerikanische Wohnungsbauministerium ein Wohngeldprogramm entwickelt, das Bedürftigen eine billige oder sogar freie
Wohnung beschafft.
Obwohl Erziehung und Bildung in die Zuständigkeit der Einzelstaaten
fällt, hat die Bundesregierung auch hier fördernd eingegriffen.
Die Bundesregierung
- 10 -

�Die Bundesregierung hat große Beträge für die Unterstützung von
Bildungsstätten in Gemeinden bereitgestellt - im Haushaltsjahr 1975/76
allein 6 Milliarden Dollar, wodurch die Gesamtaufwendungen in den USA für
Bildung auf 67 Milliarden Dollar stiegen, d.h. auf fast 8 Prozent des
Bruttosozialprodukts. Das bedeutet fast eine Verdoppelung in 25 Jahren.
Zweitens hat die Bundesregierung die Grundlagen geschaffen, daß Erziehung und öildung ohne Diskriminierung erfolgen. Niemand darf aufgrund von
Rasse, Geschlecht, Herkunft, Religion, körperlicher Gebrechen usw. benachteiligt werden. Neben der geistigen Entfaltung sorgt sich die Bundesregierung auch um materielle Dinge, wie Schulspeisung usw.
Niemand wird behaupten, in den Vereinigten Staaten seien alle wirtschaftlichen und sozialen Probleme gelöst. Obwohl in jedem Jahr eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze geschaffen wird, so ist dieser Zuwachs doch nicht
ausreichend, um all den neu auf den Arbeitsmarkt drängenden Menschen
Beschäftigung zu geben. Wegen der starken Geburtsjahrgänge nach dem Krieg
ist die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen besonders hoch, vor allem
unter den Schwarzen ohne Schulabschluß.
Zwei Phänomene ragen jedoch aus dem amerikanischen Leben heraus. Einmal
besitzen private gesellschaftliche Organisationen die dynamische Fähigkeit,
das Bewußtsein der Öffentlichkeit ständig aufzurütteln und für einen stärkeren
Schutz der Menschenrechte zu kämpfen. Die NAACP ist bisher nur eii Beispiel
auf dem Gebiet der Bürgerrechte. Zum zweiten steht die Regierung auf der Seite
des sozialen Wandels und Fortschritts, und sie tritt für die sozialen und
wirtschaftlichen Rechte ein. Die legislative Revolution auf diesem Gebiet
in den sechziger Jahren hält weiter an.
Die Vereinigten Staaten haben sowohl auf dem Gebiet der bürgerlichen
und politischen Rechte als auch der wirtschaftlichen und sozialen Rechte
etwas geleistet. Unsere Verfassung legt den Nachdruck auf die politischen
und bürgerlichen Rechte, in der Hoffnung, daß in einem System mit Rede- und

- 11 -

�Rede- und Pressefreiheit, mit freien Wahlen und gleichberechtigter Beteiligung aller am politischen Geschehen das Volk seine wirtschaftlichen und
sozialen Rechte durch eine kluge Gesetzgebung sichern kann. Das hat sich auf
lange Sicht als richtig erwiesen.
Ich glaube nicht, daß amerikanische Bürger ihr System als die einzige
Methode des Schutzes der Menschenrechte ansehen. Aber sie sind der Überzeugung, daß ihr System, mit all seinen Fehlern und Mängeln, den Anforderungen
des internationalen Rechts entspricht, daß die Menschenrechte systematisch
geschützt werden müssen. Dabei geben wir uns keineswegs zufrieden. Wir sind
zwar der Auffassung, daß wir die internationalen Normen der Menschenrechte
ohne Frage erfüllen, aber wir drängen im eigenen Lande unsere Regierung
ständig, weitere Anstrengungen zur Förderung der bürgerlichen und politischen
Rechte wie auch der wirtschaftlichen und sozialen Rechte zu unternehmen.
Wir werden in der einen wie in der anderen Richtung nicht nachlassen.

+ + + + +

- 12 -

�14. Dezember 1977

32

AMERIKAS FRAUEN BESCHLOSSEN EINHEITLICHEN AKTIONSPLAN
- Die Frauenrechtskonferenz von Houston Von Charlotte Astor

HOUSTON, TEXAS - (AD) - Amerikas erste "Nationale Frauenkonferenz",
die vom 18. bis 21. November im Albert Thomas Convention and Exhibits
Center im texanischen Houston stattgefunden hat, endete mit der Verabschiedung von 25 der ursprünglich vorgeschlagenen 26 Punkte eines
"Nationalen Aktionsplans" der amerikanischen Frauenrechtsbewegung. Diese
Veranstaltung geht auf eine Anregung der amerikanischen Regierung zurück
und wurde von ihr - ein absolutes Novum - mit 5 Millionen Dollar bezuschußt.
Den Auftakt zur Konferenz bildete das Eintreffen der Schlußläuferin
eines Stafettenlaufs von Seneca Falls im Staat New York, dem Tagungsort
der ersten Frauenrechtlerinnenkonferenz auf amerikanischem Boden im Jahre
1848, nach Houston. Rund 2000 Läuferinnen hatten die brennende Fackel, die
am 29. September in Seneca Falls entzündet worden war, durch das Gebiet von
14 Unionsstaaten nach dem über rund 4200 km entfernten Houston gebracht, wo
sie von Bella Abzuq, der Vorsitzenden der "Nationalen Frauenkonferenz",und den
bekannten Sportlerinnen Billie Jean King und Wilma Rudolph entgegengenommen

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�entgegengenommen wurde.
Die auf der "Nationalen Frauenkonferenz" gefaßten Beschlüsse sollen
der US-Regierung, dem amerikanischen Volk und der Welt vor Augen führen,
daß sich die Frauenbewegung in den USA zu einer mächtigen Kraft des
öffentlichen Lebens entwickelt hat. Die Frauen wollen und werden nicht
mehr länger schweigend zusehen, was in bezug auf ihre rechtliche Stellung
läuft. Sie wollen künftig auch in Fragen der Innen- und der Außenpolitik
gehört werden und im Sinne ihres Aktionsplans selbst an deren Gestaltung
und Führung mitwirken.
Die Frauenkonferenz von Houston war in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.
Sie knüpfte bewußt an

die Tradition der Soufragetten und Frauenrecht-

lerinnen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts an. So rief Dr. Susan B.
Anthony, eine Großnichte der gleichnamigen Führerin der Frauenbewegung von
damals,

den Teilnehmerinnen der Nationalen Frauenkonferenz zu: "Wir wollen

das Rennen beenden, das die Gründermütter unserer Bewegung 1848 in Seneca
Falls begonnen haben."
Zu den Ehrengästen des Nationalen Frauenkongresses gehörten auch die
Gattin Präsident Jimmy Carters, Rosalynn Carter, und die Ex-First Ladies
Betty Ford und Lady Bird Johnson, die sich auch selbst zu Wort meldeten und
der Konferenz mit ihrer aktiven Mitwirkung nur umso größeres Prestige und
Gewicht verliehen.
An den Diskussionen beteiligten sich zahlreiche der insgesamt 2000
Delegierte

aus allen 50 Einzel Staaten und den sechs amerikanischen Terri-

torien. Als Beobachter nahmen an der Konferenz auch 60 Vertreterinnen von
Frauenorganisationen aus 22 Ländern teil. Wichtigster Tagungsgegenstand
war der 38 Seiten umfassende "Nationale Aktionsplan" aus 26 Programmpunkten
und über 100 Empfehlungen, das Ergebnis von 56 Vorkonferenzen des vergangenen Jahres. Die Vorschläge befassen sich mit der Rolle der Frau in
Haushalt, Beruf, Wirtschaft und Politik sowie in Kunst und Wissenschaft,

- 2 -

�Wissenschaft, in den Medien und in der Erziehung und Gesundheitsfürsorge.
Wichtige Punkte betrafen auch den Kinderschutz, die Hilfe für körperbehinderte Frauen, die versicherungsrechtliche Stellung der Frau, die Rechte
weiblicher Minderheitsangehöriger, die Rolle der Frau auf dem Land, die
sexuelle Freiheit der Frau und die Verbesserung der Frauenstatistiken.
Besonders umstritten waren die Forderung nach Errichtung eines Bundesministeriums für Frauenfragen.die schließlich von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt wurde, uno die Ratifizierung des 1972 vom Kongreß beschlossenen Verfassungszusatzes zur Gewährleistung der Rechtsgleichheit der Frau,
für die sich die Delegierten ganz entschieden einsetzen wollen. Dieser
Programmpunkt, vorab heftig umstritten, wurde schon am ersten Tag der Veranstaltung fast einstimmig gebilligt. Nach dem Verfassungsrecht muß dieser
Zusatzartikel bis spätestens 22. März 1979 von 38 Staaten ratifiziert werden,
um Rechtskraft zu erlangen; gegenwärtig fehlt hierfür noch die Ratifikation
durch drei Staaten, die bisher aber als nicht sehr wahrscheinlich galt. Gegen
diesen Verfassungszusatz wurden zunächst eherechtliche Bedenken geltend
gemacht, da er alle einzelstaatlichen Gesetze außer Kraft setzen würde, die
den Ehemann gesetzlich für den Unterhalt von Frau und Kindern verantwortlich
machen.
Die Konferenzteilnehmerinnen kamen aus allen Bevölkerungsschichten und
schlössen, wie die Vorsitzende Bella Abzug - eine ehemalige Abgeordnete des
Staates New York im US-Repräsentantenhaus und im Frühjahr 1977 erfolglose
Bewerberin um die Ncminierung für die New Yorker Bürgermeisterwahlen betonte, Frauen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse aus allen wirtschaftlichen Schichten ein. Eine nicht geringere Vielfalt herrschte hinsichtlich
der aufgestellten Forderungen: Die Verfechter "der sexuellen Präferenz"
verlangten die Beseitigung der Diskriminierung der lesbischen Liebe; die
Kämpferinnen für "reproduktive Freiheit" setzten sich für das ^echt auf
Abtreibung ein und wandten sich vor allem gegen die
Weigerung de c Bundes
und vieler Einzelstaaten und Gemeinden, die Abtreibung als Gesundheitsmaßnahme
zu bezuschussen.
Die Konferenz hat,

�Die Konferenz hat, das kann man als Fazit festhalten, die amerikanischen
Frauen zu einem neuen Selbstverstä'ndnis geführt. Die Frauenbewegung hat aufgehört, eine ideologisch zerstrittene Gruppierung zu sein; sie hat sich
zu einer straffen Organisation formiert, einem Instrument, das den Bedürfnissen und Forderungen Geltung verschaffen wird. Die Frauenbewegung ist
inzwischen zu wichtig und mächtig geworden, als daß sich Politiker einfach
über sie hinwegsetzen könnten.
Was die Konferenz an rechtlicher und noch mehr in politischen Folgen
zeitigen wird, bleibt erst noch abzuwarten. Die Konferenzleitung wird dem
Präsidenten und dem Kongreß innerhalb von vier Monaten einen Bericht sowie
den "Nationalen Aktionsplan" zuleiten. Die Frauen sind sicher, dal3 viele der
darin enthaltenen Vorschläge als Anregung zu gesetzgeberischen Maßnahmen zur
Festigung der Rechte der Frau dienen werden.
Schon in den ersten Wochen nach der Konferenz zeigte sich ein eindeutiger Erfolg: Die Debatte um das Verfassungsgesetz zur rechtlichen Gleich
Stellung der Frau ist in einer Reihe von Staaten erneut aufgeflammt.

+ + + + +

- 4

�Wi//en/choft
und Technik
United States Information Service

14. November 1977

32

RAUMFAHRTPROJEKTE AUF INTERNATIONALER BASIS
- USA arbeiten mit anderen Ländern zusammen •

- (AD) - Projekte internationaler Zusammenarbeit auf acht wichtigen Gebieten der Raumfahrt verfolgen gegenwärtig die Vereinigten Staaten bis weit
in die achtziger Jahre hinein. Eine Obersicht gibt ein Bericht, den Marjorie
Craig Benton, Mitglied der amerikanischen UN-Delegation, Ende November 1977
dem UN-Ausschuß für die friedliche Nutzung des Weltraums übergab. Das Spektrum reicht von Vorhaben der bemannten Raumfahrt über die Nutzanwendung unbemannter Satelliten für wirtschaftliche Aufgaben im weitesten Sinn bis zu
rein wissenschaftlichen Untersuchungen.
Technologisch wie finanziell gesehen ist der von der US-Weltraumbehörde NASA entwickelte Orbiter im System des wiederverwendbaren Raumtransporters (Space Shuttle) im Verein mit der parallel laufenden europäischen Entwicklung des Weltraumlabors (Spacelab) das aufwendigste Projekt.

Im Hin-

blick auf vier wichtige Kategorien - Technologie, Biologie und Medizin; Erderkundung; extraterrestrische Forschung und Astronomie - kommt ihm allerdings größte Bedeutung zu.

Schafft es doch u.a. die wissenschaftlichen und

technischen Voraussetzungen, um in der Schwerelosigkeit völlig neuartige,
hochwertige Produkte samt ihrer optimalen Herstellungsverfahren zu entwickeln.

Mit diesem Unternehmen wird auch der Industrie solcher Nationen, die

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�die nicht zu den führenden Raumfahrtländern zählen, der Einstieg in modernste, zukunftsträchtige Technologien ermöglicht.
Gegenwärtiger Stand:

Die erste Testflugserie der NASA mit Anflug-

und Landemanövern des bemannten Orbiter-Geräts (freier Flug nach HuckepackTransport mit einer Boeing-747 in mehr als 7000 m Höhe) wurde im Oktober
1977 erfolgreich abgeschlossen.

Mitte 1979 erwartet man in den USA ein be-

triebsbereites Modell des bei ERNO in Bremen im Auftrag der Europäischen
Weltraumbehörde ESA gebauten Spacelab, das aus zwei Laboreinheiten und
einer Instrumenten-Doppelpalette bestehen wird.

Ab Ende September 1979

steht das flugfähige Weltraumlabor in Cape Canaveral zur Verfügung, von
wo aus der Start zum ersten Raumflugtest an Bord des Orbiter erfolgt.

In-

zwischen wurden von NASA und ESA Experimente von Wissenschaftlern aus 16
Ländern als Beitrag zum ersten operationellen Flug von Space Shuttle und
Spacelab Ende Dezember 1980 ausgewählt.
LANDSAT-Programm: Von den Fernerkundungssatelliten der NASA profitieren z.Zt. nationale und internationale Forschungsprojekte in 50 Ländern.
Außerdem gibt das LANDSAT-Datenzentrum in Sioux Falls (Süddakota) gegen
Gebühr Sateliiten-Meßdaten und Fotos an Benutzer in ca. 100 Ländern weiter.
Bodenstationen in Kanada, Brasilien und Italien empfangen LANDSAT-Daten
direkt von den Satelliten. Im Iran befindet sich eine Bodenstation in
Bau, die Errichtung weiterer Stationen in Argentinien, Chile und Schweden
ist geplant. Auch Japan, Australien und Indien haben bereits ihr Interesse an eigenen Empfangsstationen bekundet. Das Fernerkundungsprogramm
für Landgebiete wird in Kürze durch das Projekt SEASAT für die Beobachtung der Meere ergänzt werden. Den Start des ersten SEASAT-Satelliten bereitet die NASA für Mai 1978 vor.
Nachrichtentechnik:

Der weiteren technischen Verbesserung von Nach-

richtensatelliten dient ein Projekt, das die NASA gegenwärtig gemeinsam
mit Kanada durchführt.

Besonders interessiert die Übertragung von Fern-

�Fernsehprogrammen über Satelliten sowie der Einsatz kleiner Empfangsstationen und fahrbarer Funkstellen, mit denen via Weltraum Verbindung zu
Schiffen, Flugzeugen und Landfahrzeugen gehalten werden kann.

SAR-Satellitensystem für Such- und Rettungsaktionen:

Mit Sateliten-

unterstützung soll die Ortung und Rettung verunglückter Flugzeuge und
Schiffe erleichtert und beschleunigt werden.

Das Projekt wurde ursprüng-

lich von den USA gemeinsam mit Kanada geplant.

Inzwischen haben auch die

UdSSR und Frankreich die Absicht bekundet, sich daran zu beteiligen.

Orbitersonde für den Planeten Jupiter:

Die NASA führt dieses Projekt,

das für Anfang 1982 geplant ist, gemeinsam mit der Bundesrepublik Deutschland durch.

Die Mission hat die detailliertesten wissenschaftlichen Unter-

suchungen zum Ziel, die vom Planeten, seiner Atmosphäre, seinen Monden und
seiner Umwelt je gemacht wurden.

Astronomie-Satellit für Beobachtungen im Infrarotbereich:

Die NASA

hat mit den Niederlanden und England vereinbart, 1981 einen Forschungssatelliten zu starten, der zum ersten Mal eine komplette Himmelsdurchmusterung im Spektralbereich der infraroten Wellenlängen vornimmt.

Diese sind

von stationären Erdobservatorien aus infolge des Abschirmeffekts der Atmosphäre nicht zu erfassen.

Weltraumteleskop:

Die europäische Weltraumbehörde ESA ist mit der

NASA übereingekommen, wesentliche Beiträge zum "Programm Weltraumteleskop"
zu leisten.

Das Teleskop mit einem 2,4 m großen Spiegel, das im Jahr 1983

an Bord eines Space Shuttle in den Weltraum transportiert wird, ermöglicht
Himmelsbeobachtungen mit einem unvergleichlich größeren Auflösungsvermögen,
als es mit noch so starken Fernrohren von Observatorien an der Erdoberfläche
je zu erreichen wäre.

Bei der Untersuchung von Planeten, Sternen, fernen

Sternsystemen oder auch Kometen lassen sich aus einer Position jenseits der
störenden Erdatmosphäre mit diesem Spiegel Einzelheiten 20 - 30mal besser

- 3 -

�besser auflösen als beispielsweise mit dem 5 m-Spiegel des Observatoriums
auf dem Mount Palomar.

Da außerdem das Luftleuchten als Störfaktor ent-

fällt, könnten selbst sehr schwach leuchtende Objekte in weitaus größeren
Tiefen des Universums, als mit den heutigen Instrumenten überhaupt erreichbar sind, abgebildet und gemessen werden.
Sonnenforschung:

Ein neuer Abschnitt zur Untersuchung des Einflusses

der Sonne auf den erdnahen Raum und damit letztlich auf atmosphärische
Prozesse, die Klima, Wetter und andere Bedingungen an der Erdoberfläche bestimmen, leitete der Zwillingsstart von ISEE I (NASA-Gerät) und ISEE II
(ESA-Gerät) mit einer amerikanischen Trägerrakete am 22. Oktober 1977 ein.
ISEE ist die Abkürzung für "International Sun-Earth Explorers", ein Gemeinschaftsprojekt der NASA und der europäischen Weltraumbehörde ESA.
Die ISEE-Satelliten, von ihren Erbauern liebevoll "Mutter" (ISEE I)
und "Tochter" (ISEE II) genannt, sind mit Instrumenten von 117 Wissenschaftlern ausgerüstet, die an 35 Universitäten in zehn Ländern arbeiten.

Zusam-

men mit einem dritten ISEE-Satelliten, der im Juli 1978 folgt, registrieren
und messen die Geräte mindestens drei Jahre lang physikalisch-chemische Prozesse unter der Einwirkung der Sonnenaktivität - beispielsweise das Auftreten von Partikel strömen im Magnetfeldbereich der Erde, Energieproduktion
und Umsetzungen in bestimmten Bereichen, Vorgänge an den Grenzzonen zum
interplanetaren Raum, Ozonabbau in der Erdatmosphäre.
Der Meßbereich erstreckt sich vorläufig auf ein Gebiet zwischen
240 km - 140 000 km Abstand von der Erde; durch ISEE II wird er bis auf
1,5 Millionen Kilometer ausgedehnt. Denn ISEE III soll am sogenannten Librationspunkt stationiert werden, wo - bei 1/100 des Abstandes der Erde zur
Sonne - die Massenanziehung beider Himmelskörper gleich groß ist. Der
Satellit beobachtet in seiner Position nahezu ununterbrochen solare Phänomene, etwa heftige Ausbrüche glühenden Gases oder den aus ionisiertem
Wasserstoff und Helium bestehenden Sonnenwind, der mit Überschallgeschwindigkeit, aber in unterschiedlicher Intensität ständig in den interplaneta- 4 -

�interplanetaren Raum abströmt.

Die Schwaden ionisierten Gases werden bei

ISEE III etwa eine Stunde früher ankommen als bei ISEE I und II-

Dieser

Umstand macht es den Wissenschaftlern auf der Erde möglich, "Mutter" und
"Tochter", die in "Sichtweite" voneinander die Erde in einer Ellipse zwischen
240 km und 140 000 km Höhe umkreisen (wobei sich ISEE II vom Muttersatelliten
mittels kleiner Düsenmotoren bis zu ein paar Tausend Kilometer entfernen und
sich ihm dann wieder auf geringen Abstand nähern kann), Funkbefehle für ganz
spezielle Beobachtungen zu geben.

Außerdem läßt die Vorwarnung genügend

Zeit, um zusätzlich Forschungsraketen von verschiedenen Punkten der Erdoberfläche aus zu starten und bestimmte Vorgänge im Zusammenhang mit dem Sonnenwind genauer zu untersuchen.
Die Forscher hoffen u.a. exakte Meßdaten darüber zu erhalten, wie sich
solare Materieteilchen, insbesondere aber der Sonnenwind, im Grenzbereich
zum irdischen Magnetfeld verhalten, ob sie direkt oder indirekt Partikelströme und andere Phänomene innerhalb der Magnetosphäre der Erde steuern.
Das ISEE-Programm ist Teil des weltweiten, über drei Jahre laufenden internationalen Studienprojekts "Magnetosphäre".

Jupiter als Steuerungskraft
Nach dem so erfolgreich durchgeführten deutsch-amerikanischen Sonnenforschungsprojekt HELIOS kündigten kürzlich Mitarbeiter des Jet Propulsion
Laboratory (JPL-Institut für Strahlantriebe) in Pasadena e m e sehr viel umfassendere und neuartige Studie an:

NASA und ESA werden zwei identische Sa-

telliten bauen, die Anfang der achtziger Jahre von einem Raumtransporter aus
gestartet werden.

Sie sollen jedoch die Sonne nicht aus der flachen Umlauf-

ebene der Planeten beobachten, sondern aus Positionen nördlich und südlich
der Ekliptik.

Und damit dies überhaupt zu bewerkstelligen ist, müßten sie

von Bord des Space Shuttle in der Erdumlaufbahn in Richtung auf den Planeten

�Planeten Jupiter abgeschossen werden.

Die Massenanziehung dieses größten

Planeten im Sonnensystem würde dann genutzt, um die Satelliten auf Flugbahnen zu zwingen, von denen aus sie die nördliche und südliche Sonnenhemisphäre in allen Breitengraden beobachten können.

Sie würden die von der

Sonne nach allen Richtungen abgegebenen Strahlungen sowie das solare Magnetfeld messen, die äußere Sonnenatmosphäre sowie Oberflächenphänomene überwachen und sogar die Pole der Sonne überfliegen.
des Experiments:

Vier Jahre.

+ + + + +

6 -

Voraussichtliche Dauer

�mim 5fi
»

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

32

14. Dezember 1977

LEBEN UNTER EWIGEM EIS
Forschungssaison 1977/78 in der Antarktis -

- (AD) - Unbekannte kleine Meerestiere, die wie Miniaturbäume aussehen,
fischten amerikanische Wissenschaftler in der Nähe der US-Station McMurdo
aus Schlamm und Bodenwasser unter dickem Eis, das die Oberfläche des RossSchelfmeeres bedeckt.

Die Eisdecke nimmt eine Fläche ein, die etwa der

Größe Frankreichs entspricht.

Eine Forschergruppe der Universität Kalifornien tauchte bis zu 30 m
tief, um die kleinen Lebewesen aus ihrer kalten Umwelt zu holen - d.h. aus
Meerwasser, dessen Temperatur noch unter dem Gefrierpunkt salzfreien Wassers
liegt.

Die Tiere, von denen die größten etwa 5 cm messen, wurden in Kühl-

behälter gepackt, um sie zu einem Laboratorium in den Vereinigten Staaten
transportieren und dort eingehend untersuchen zu können.

Wie Prof. Jere Lipps von der Universität Kalifornien berichtet, wurden
zwei verschiedene Typen dieser seltsamen Lebewesen geborgen.

Die einen

sehen aus wie kleine Bäume, die mit ihrem Astwerk nach Nahrung suchen. Sie
leben in verhältnismäßig großer Zahl im Schlamm unter der Eisdecke. Die
anderen ähneln einem Rumpf mit herabhängenden Armen.

Dieser Typ scheint

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�scheint weniger häufig zu sein.
weder "Augen" noch "Mund".

Sie sind von graubrauner Farbe und haben

Die Wissenschaftler können nocht nicht mit

Sicherheit sagen, wie sie Nahrung aufnehmen.

Dr. Lipps vermutet, daß sie

über ein wurzelähnliches System von "Armen" Nährstoffe absorbieren.

Erste Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, daß es sich um einzellige Organismen handelt, die durch Sandkörner fest miteinander verbunden sind und so gleichzeitig geschützt werden.

Zur Verwertung als Nahrung

für Menschen sind sie nicht geeignet, da sie nichts Verwertbares enthalten.
Dr. Lipps und seine Mitarbeiter wählten für ihre "Fangexpedition" unter dem
Eis einen Platz nahe der McMurdo-Station, von dem sie wußten, daß sich infolge der Undurchlässigkeit des Eises für Licht und somit des Fehlens von
Photosyntheseprozessen dort Nahrung auf pflanzlicher Basis so gut wie gar
nicht würde entwickeln können.

Sollten dennoch tierische Lebewesen existie-

ren, müßten sie dem sehr geringen Nahrungsangebot besonders angepaßt sein.
In weiteren Tauchexpeditionen wollen die Forscher nun herausfinden, wie
diese Organismen in Dunkelheit und Kälte leben und sich vermehren.

Die diesjährige Forschungssaison in der Antarktis begann im Oktober
1977 und dauert bis Februar 1978.

Etwa 600 km von der Gruppe aus Kalifornien

entfernt, 664 km südöstlich der Station McMurdo, haben amerikanische Wissenschaftler und Ingenieure zusammen mit Forschern aus Australien, Dänemark,
Neuseeland, Norwegen und der Sowjetunion die Bohrungen im Ross-Eisschelf
wieder aufgenommen.

Man will die hier 420 m mächtige Eisdecke, die sich

bis 800 km weit vom Kontinent aufs Meer hinaus vorgeschoben hat, durchstoßen.

Während die Bohrkerne gesammelt und auf Zusammensetzung physika-

lischer Merkmale und Alter des Eises untersucht werden, versucht man eine
genügend große Öffnung zu schaffen, um Fernsehkameras, die verschiedensten
Meßinstrumente und Probennehmer ins Wasser unter der Eisdecke zu befördern.
Vor allem wird nach Lebewesen gesucht, die, seit Millionen von Jahren von
der übrigen Welt isoliert, womöglich dort in extremer Kälte und ewiger
Nacht existieren.
Mit

�Mit den von der amerikanischen National Science Foundation (NSF Nationale Wissenschaftsstiftung) für die diesjährige Saison bereitgestellten Mitteln werden 90 zum Teil neue, zum Teil schon seit Jahren laufende
Forschungsprojekte finanziert, an denen 335 amerikanische und ausländische
Wissenschaftler mitarbeiten.

Im November flog z.B. eine internationale

Gruppe zu einer abgelegenen Bergregion, um dort nach Meteoriten zu forschen.
Sie setzt unter der Leitung der amerikanischen und japanischen Wissenschaftler, die im vergangenen Jahr 190 km nordwestlich von McMurdo in nur fünf
Wochen an 11 Stellen Meteoriten im Gesamtgewicht von 460 kg zusammentrugen
(davon ein in 33 Trümmer geborstener, 407 kg schwerer Steinmeteorit und
ein 1,4 kg schwerer Eisenmeteorit), die Suche nach Meteoritenfällen fort.
Der erwähnte Steinmeteorit - dieser Typ ist zehnmal häufiger als der des
Metallmeteoriten - ist der bisher größte aus der Antarktis und auch eines
der größten Exemplare unter den Funden in allen übrigen Gebieten der Erde.

"Momentaufnahmen" von kosmischer Strahlung der Vergangenheit

Der Beharrlichkeit japanischer Gletscherforscher nach einer Zufallsentdeckung im Jahr 1969 ist es zu verdanken, daß sie inzwischen in einem
mehrere Hundert Quadratkilometer großen Gebiet nahe dem Indischen Ozean,
ca. 3000 km von der US-Station McMurdo entfernt, fast 1000 Meteoritenfragmente bergen konnten.

Diese stammen vermutlich aus 330 Meteoritenfällen.

Welche Bedeutung sie für die Forschung haben, erhellt aus der Tatsache, daß
außerhalb der Antarktis auf der ganzen Erde zusammen kaum mehr als 2000
Meteoritenfälle und Funde von Überresten auszumachen sind.

Auch in diesem Jahr werden die Meteoritenjäger hauptsächlich in sogenannten Blaueisgebieten suchen - auf Flächen, wo das Kontinentaleis seine
Schneedecke verloren hat und unter dem Einfluß heftiger Stürme langsam abgetragen wird.

Das sehr alte Eis, das zum Vorschein kommt, ist von bläu-

licher Farbe.
Mit

- 3 -

�Mit radioaktiven Datierungsmethoden wurde das "Erdalter" eines der
im Vorjahr gefundenen Trümmer auf ca. 1,7 Millionen Jahre bestimmt.
heißt, daß sich der Meteorit schon so lange auf der Erde befindet.

Das
Für

die Wissenschaft ist es ein besonderer Glücksfall, solche Boten aus dem
Kosmos in einem Gebiet wie der Antarktis aufzufinden.

Denn sie stürzten

in dicken Schnee und zerbrachen vielleicht, machten aber im übrigen kaum
Veränderungen durch.

Dann blieben sie wahrscheinlich lange Zeit unter

Schnee bei extrem trockener Atmosphäre konserviert.

Vor Lufteinwirkung

waren sie nahezu völlig geschützt, und infolge der starken Kälte konnten
auch Oxidationsvorgänge nur sehr langsam ablaufen.

Intensiver Sonnenein-

strahlung waren sie ebenso wenig ausgesetzt wie "Verseuchung" durch organische

Materie.

Solche Meteoriten zeigen, wie einer der amerikanischen

Forscher erklärt, gewissermaßen in "Momentaufnahme" die Aktivität kosmischer Strahlung, wie sie zu jener Zeit bestand, in der sie zur Erde fielen.
Die Bestimmung des "Erdalters" der im Eis gefundenen Meteoriten gibt
außerdem Anhaltspunkte für sein Mindestalter und, sofern man sie an verschiedenen Punkten findet, für die Geschwindigkeit, mit der die Eismassen
über den Kontinent wandern. Von allergrößtem wissenschaftlichem Wert wäre
es, wenn sich auch ein kohlenstoffhaltiger Meteorit unter der Ausbeute
befände. Denn ein solches Exemplar erlaubte der Forschung einen Einblick
in die "kosmische organische Chemie", wie er bisher nicht möglich war.
Neueren Hypothesen zufolge könnten sich organische Verbindungen, deren
extraterrestrische Herkunft mit Sicherheit nachzuweisen ist, durch katalytische Reaktionen von Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Ammoniak im Sonnennebel gebildet haben.

Erkältungskrankheiten

- 4 -

�Erkältungskrankheiten werden nicht "ausgetrocknet"

Weitere Projekte der gegenwärtigen Saison umfassen Studien aus dem
Gebiet der Meteorologie, Ozeanographie, Paläobiologie, Geologie, Glaziologie, Biologie und Medizin.

U a. wird eine medizinische Studie über die

Auswirkungen langer Isolierung von Menschen m

nahezu steriler Umgebung,

wie die Antarktis sie darstellt, auf Abwehrmechanismen des menschlichen
Organismus und die Häufigkeit von Erkrankungen der Atemwege weitergeführt.
Aufgrund der Forschungsergebnisse aus der Saison 1975/76 und 1976/77 glaubt
Prof. Elliot C

Dick von der Universität Wisconsin in Madison sagen zu

können, daß die weitverbreitete Meinung, Erkältungskrankheiten würden in
solcher Umgebung gewissermaßen ausgetrocknet, aber auch die physiologischen
Immunreaktionen würden bei langer Isolation abgeschwächt, wohl nicht länger
zu vertreten sei.

Dies zeigten die Beobachtungen über jeweils sieben Monate an insgesamt 77 Personen, die in der amerikanischen Station McMurdo (66 Personen)
und der nahegelegenen neuseeländischen Station Scott Base (11 Personen)
überwinterten.

Weder verschwanden die Erkältungskrankheiten aus dem Tages-

geschehen, noch schienen die Abwehrmechanismen beeinträchtigt zu werden
In beiden Jahren traten während der totalen Isolierung von der Außenwelt
bei einem Viertel der Leute Erkrankungen der Atemwege auf.

Regelmäßig vor-

genommene Blutuntersuchungen ergaben, daß die Zahl der weißen Blutkörperchen als Indikator für die Wirksamkeit des Immunsystems nicht zurückging
und der Spiegel der Immunglobuline im Serum nicht niedriger wurde

Prof

Dick hofft, mit der Untersuchungsserie des nächsten Winters (Februar bis
Ende August 1978) diese Ergebnisse bestätigen zu können.
auch für die bemannte Raumfahrt von Bedeutung.

+ + + + +

- 5 -

Sie sind u a

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA halten an Konsultation mit europäischen NATO-Verbündeten fest&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Außenminister Vance und Verteidigungsminister Brown in Brüssel -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Carter legt dritten Halbjahresbericht zur KSZE vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut des Einführungskapitels -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wie stark ist der US-Dollar wirklich?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von George E. Cruikshank&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Inflation durch Einkommenspolitik bekämpfen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit Professor Walter Heller -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Schutz der Menschenrecht in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Charles F. Abernathy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikas Frauen beschlossen einheitlichen Aktionsplan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Die Frauenrechtskonferenz von Houston -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Raumfahrtprojekte auf internationaler Basis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USA arbeiten mit anderen Ländern zusammen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Leben unter ewigem Eis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Forschungssaison 1977/78 in der Antarktis -&lt;/em&gt;</text>
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3
I

Information
und
Dokumentation

1

United States Information Service

4. Januar 1978

INHALT

INFORMATION

Carter nominiert G. William Miller zum Präsidenten des amerikanischen
Zentralbankrates

WIRTSCHAFT
US-Bundesbankmitglied zum Donarkurs
US-Wirtschaft geht mit verhaltenem Optimismus in das neue Jahr
Von unserem Korrespondenten Jon Schaffer

HINTERGRUNDMATERIAL
Neuer US-Verteidigungshaushalt mit realem Wachstum
- Amerika will NATO-Beitrag verstärken Von unserem Korrespondenten Hugh 0. Muir

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Information

I

United States Information Service

4. Januar 1978

CARTER NOMINIERT G. WILLIAM MILLER
ZUM PRÄSIDENTEN DES AMERIKANISCHEN ZENTRALBANKRATES

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat den amerikanischen Geschäftsmann G. William Miller zum neuen Präsidenten des amerikanischen Zentralbankrates (Bundesbankpräsidenten) nominiert.
Wenn der amerikanische Senat seine Nominierung bestätigt, wird der 52jährige Miller den bisherigen langjährigen Bundesbankpräsidenten Dr. Arthur
Burns, von seinem Posten ablösen.
Der 72jährige bisherige Chef der amerikanischen Notenbank, Dr. Burns,
der sowohl in der amerikanischen Geschäftswelt als auch in internationalen
Wirtschafts- und Finanzkreisen hohes Ansehen als Garant für eine verantwortungsbewußte Fiskalpolitik genießt, bezeichnete die von Carter getroffene
Wahl als "weise und gut" und würdigte die "moralische Integrität und Charakterfestigkeit" seines vorgesehenen Nachfolgers als wichtige Voraussetzungen
für die mit diesem verantwortungsvollen Amt gestellten Aufgaben.
Miller

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�I

Miller erklärte vor der Presse, er werde bemüht sein, die von Burns
eingeschlagene Politik fortzuführen und sie den sich wandelnden wirtschaftr
liehen Verhältnissen anzupassen.

Er glaube, daß es möglich sein werde, die,

Probleme der Inflation und der Arbeitslosigkeit gleichzeitig anzugehen.
Damit steht Miller der Position des amerikanischen Präsidenten etwas näher
als Burns.
G. William Miller ist Präsident der "Textron Inc.",eines Mischkonzerns,
der seinen Hauptsitz in Providence (Rhode Island) hat und 280 Betriebe und
Fabrikanlagen in den Vereinigten Staaten und im Ausland umfaßt.

"Textron"

beschäftigt 65 000 Personen und hatte im Jahre 1976 einen Umsatz von 2,6
Milliarden Dollar.
Gleichzeitig bekleidet Miller den Posten des Direktors der Landeszentral •"
bank von Boston und ist Vorsitzender der Nationalen Unternehmervereinigung.
Miller stammt aus Oklahoma.

Er wurde am 9, März 1925 in Sapulpa gebo-

ren, studierte an der Akademie der amerikanischen Küstenwache und diente als
Offizier im Pazifik und Fernost.
Im Jahre 1952 schloß er sein juristisches Studium an der Universität von
Kalifornien ab und arbeitete anschließend als Anwalt in New York.
Im Juni 1960 wurde Miller zum Präsidenten des "Textron"-Konzerns gewählt
und übernahm 1968 in diesem Konzern den Posten des Generaldirektors; im Jahre
1974 wählte man ihn zum Aufsichtsratsvorsitzenden.
Miller ist außerdem Ko-Vorsitzender im amerikanisch-sowjetischen Handelsund Wirtschaftsrat und im polnisch-amerikanischen Wirtschaftsrat und führte
seit 1977 den Vorsitz im Industrie-Beratungskomitee des Präsidialausschusses
für Chancengleichheit am Arbeitsplatz.
+ + + + +

- 2 -

�I

Wirt/choM

I

United States Information Service

4. Januar 1978

US-BUNDESBANKMITGLIED ZUM DOLLARKURS

Henry C. Wallich, Mitglied des Zentralrates der amerikanischen Bundesbank
(U.S. Federal Reserve System) und bekannter Wirtschaftler, hat in einer Rede
vor dem Amerikanischen Wirtschaftsverband
und dem Amerikanischen Finanzverband am
28. Dezember 1977 in New York zu der Kursentwicklung des US-Dollars Stellung genommen. Seine Ausführungen haben folgenden
Wortlaut:

Wenn wir an der Schwelle des neuen Jahres auf 1977 zurückblicken und
überlegen, wie es 1978 voraussichtlich weitergehen wird, erfüllt uns die Tatsache mit einiger Genugtuung, daß wir Fortschritte gemacht haben und daß die
Aussichten gut sind.

Im internationalen Vergleich schnitten die Vereinigten

Staaten 1977 gut ab, und sie dürften ihre Position 1978 halten.
hen wir uns vor ernste Aufgaben gestellt.

Dennoch se-

Im eigenen Land liegen die In-

flations- und Arbeitslosenraten trotz eines an sich ausreichenden Wirtschaftswachstums nach wie vor außerordentlich hoch.

Wichtige Anpassungen stehen

noch aus - so beispielsweise auf dem Energiesektor.

Was die Außenwirtschaft

angeht, sind wir mit einem sehr großen Defizit in der Bilanz der laufenden
Posten bei einem gleichzeitig erheblichen Verfall des Dollarkurses konfron-

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�konfrontiert. Das alles sind Probleme, derer wir eingedenk bleiben müssen,
wenn wir uns den Aktiva in der Jahresbilanz zuwenden.
Die amerikanische Wirtschaft operiert im Rahmen eines Wechselkurssystems, das auf dem internationalen Einverständnis basiert, daß das Niveau
und die Veränderungen der Wechselkurse von den beherrschenden wirtschaftlichen und finanziellen Faktoren bestimmt werden.

Nach meinem Dafürhalten

ist dies langfristig nicht lediglich eine Richtschnur für die Devisenmarktpolitik, sondern ein einfaches wirtschaftliches Gebot.

Unrealistische Wech-

selkurse lassen sich in einer Welt, in der die Ströme von Waren, Dienstleistungen und insbesondere Kapital glücklicherweise relativ frei sind und
ständig expandieren, langfristig nicht aufrechterhalten.
Sicherlich kann man Wechselkurse kurzfristig durch Faktoren anderer Art
als der der grundlegenden wirtschaftlichen Gegebenheiten beeinflussen. Unsicherheit, irrige Annahmen und destabilisierende Spekulationen sind dazu
angetan, von Zeit zu Zeit größere Ausschläge der Indices zu verursachen.

In

den letzten Monaten scheinen die Devisenmärkte eine solche Periode durchgemacht zu haben. Meiner Meinung nach haben bei den jüngsten Schwankungen auf
den Devisenmärkten vor allem irrige Annahmen eine Rolle gespielt.
Eine solche irrige Annahme scheint mir vor allem der offensichtlich
weit verbreitete Glaube zu sein, die Vereinigten Staaten würden hinsichtlich
der Bewertung des Dollars eine Politik der "stillschweigenden Duldung" praktizieren. Diese Folgerung scheinen viele Teilnehmer am Devisenmarkt aus der
Tatsache gezogen zu haben, daß Amerika auf den Devisenmärkten in der jüngsten
Zeit zwar zunehmend aber doch nur in geringem Umfang interveniert hat. Meiner
Ansicht nach sind alle Überlegungen falsch, die darauf hinauslaufen, die Vereinigten Staaten würden sich keinerlei Sorgen wegen der Bewertung ihrer eigenen
Währung machen oder es sogar gerne sehen, wenn der Dollar im Werte weiter ab"
sinkt, um daraus irgendwelche Vorteile im internationalen Handel ziehen zu
können. Die Vereinigten Staaten haben allen Grund, darauf zu achten, daß
ihre Währung so hoch bewertet wird, wie dies die grundlegenden wirtschaft- 2 -

�wirtschaftlichen Gegebenheiten rechtfertigen.

Erstens haben wir begriffen, daß jedes Absinken des Wechselkurses zur
Steigerung der Inflationsrate beiträgt - wie uns die 1971 erfolgte Abwertung
und die Wechselkursschwankungen der Folgezeit gelehrt haben.

Zuvor hatte

man geglaubt, der Dollarkurs hätte angesichts des verhältnismäßig geringen
Volumens unserer Außenwirtschaft kaum Einfluß auf das Preisgefüge auf dem
Binnenmarkt.

Inzwischen wissen wir aber aus Erfahrung, daß eine Abwertung

die Preise weit über die Aus- und Einfuhren hinausgehend beeinflussen kann.
Die Preise auf dem Binnenmarkt unterliegen ferner dem Einfluß des Wettbewerbsmechanismus.

Eine Abwertung des Dollars schwächt für eine ganze Reihe von

Produkten den Wettbewerb auf dem Binnenmarkt.

Hinzu kommt, daß der Anteil

der Außenwirtschaft am Bruttosozialprodukt seit 1971 von sechs auf zehn Prozent zugenommen hat.

Die amerikanische Wirtschaft ist heute eine offenere

Wirtschaft als damals.

Gerade deshalb wirken sich die Wechselkurse heute sehr

viel stärker auf die Preise auf dem Binnenmarkt aus.

Zweitens:

Der ölpreis ist ein weiterer wichtiger Faktor, der vom Wech-

selkurs des Dollars beeinflußt wird.

Einige OPEC-Sprecher haben erklärt,

ihre Preisentscheidungen würden von der weiteren Entwicklung des Dollarkurses
abhängen.

Das ist, wie ich weiß, kein stichhaltiges Argument, und die OPEC

würde durch eine Erhöhung des ölpreises ihre eigenen Interessen schädigen;
dennoch muß man sich darüber im klaren sein, daß der ölpreis von größter Wichtigkeit bleibt.

Drittens hängt die Brauchbarkeit des Dollars als Reserve-, Handels- und
Investitionswährung für die Vereinigten Staaten und die Welt davon ab, daß
der Dollar auch künftig als eine attraktive Anlagewährung angesehen wird. Gewiß ziehen die Vereinigten Staaten aus der internationalen Rolle des Dollars
gewisse Vorteile.

Sie erleichtert beispielsweise die Finanzierung großer De-

fizite in der Bilanz der laufenden Posten.

Darüber dürfen wir die Tatsache

nicht vergessen, daß eine Währung, auf die die Vermögenswerte anderer Länder
und privater Eigentümer lauten, mit den jeweils stärksten Währungen verglichen

- 3 -

�verglichen wird.

Die Investoren werden die Erträge von Dollarvermögen mit

den Erträgen vergleichen, die ihnen eine Anlage in anderen Währungen bieten
würde und dabei sicher die Unterschiede und Schwankungen in den Zinssätzen
und Wechselkursen mit ins Kalkül ziehen.

Sollte unter den Investoren das

Gefühl um sich greifen, die Anlage in Dollarwerten sei unattraktiv, wird
dies zwangsläufig eine Flucht aus dem Dollar in andere Währungen auslösen
und damit eine erhebliche Instabilität hervorrufen.
Schließlich beeinflußt der Wert des Dollars auch das Wirtschaftsklima
im Ausland.

Wenn der Wert einer so weit verbreiteten Währung wie des Dollars

unsicher erscheint, beeinträchtigt dies die Planung der Unternehmer wie der
privaten Haushalte und kann eine Verminderung der Investitionen und selbst
Veränderungen des Verbrauchergebarens im Ausland zur Folge haben.

Fällt der

Dollarkurs, schrumpfen die Erlöse der Exportindustrien und der mit amerikanischen Einfuhren im Wettbewerb liegenden Industrien im Ausland.
gilt für die Investitionen.

Das gleiche

Die Erholung der Weltwirtschaft, die nur schmerz-

lich langsam vorankommt, könnte durch ein weiteres Fallen des Dollarkurses
weiter verlangsamt werden - sofern das Ausland ein weiteres Absinken des
Dollarkurses nicht zu einer zusätzlichen Stimulierung der heimischen Wirtschaft zu nutzen vermag.
Amerikas Interesse an einem starken Dollar ist unleugbar. Dieses Interesse nach dem Ausmaß der amerikanischen Interventionen auf den Devisenmärkten
bemessen zu wollen, wäre falsch. Die Maßnahmen zur Stützung des Dollars waren
dem Grad der Beunruhigung der Devisenmärkte angepaßt. In dem Maße, in dem die
Kurse in den letzten Monaten schwankten, wurde unsere Stützung verstärkt oder
vermindert. Die Interventionen auf den Devisenmärkten dienen nicht dem Zweck,
die grundlegenden Markttendenzen zu beeinflussen - sie können dies gar nicht,
da die Markttendenzen auf den grundlegenden Wirtschaftsgegebenheiten beruhen.
Beweise dafür, daß Interventionen die Trends auf den Devisenmärkten
nicht verändern können, finden sich allenthalben.

Im Verlaufe des Jahres

1977 bezifferten sich die Dollaraufkäufe internationaler Notenbanken als In-

�Interventionsmaßnahme auf über 30 Milliarden Dollar.

Diese Interventionen

blieben zwar nicht ohne Auswirkung auf den Wert des Dollars, konnten aber
eine fünfprozentige Abwertung gegenüber anderen Hauptwährungen im Verlauf
des Jahres 1977 nicht verhindern.

Der Grund hierfür könnte darin liegen,

daß die grundlegenden wirtschaftlichen Fakten eine höhere Bewertung des
Dollars nicht zulassen.

Interventionen zeigen bleibende Wirkungen nur dann,

wenn die grundlegenden Wirtschaftsindikatoren angemessene Werte ausweisen
und der Markt dennoch keinen dementsprechenden Verlauf nimmt.

Der Grund

könnte jedoch auch in der psychologischen Verfassung des Marktes liegen,
die schon vielfach übertriebene Kursschwankungen auf den Devisenmärkten ausgelöst hat.

Die grundlegenden wirtschaftlichen Gegebenheiten manifestieren

sich auf den Devisenmärkten nicht zwangsläufig sofort und exakt.

Es ist deshalb notwendig, die grundlegenden Gegebenheiten des Dollars
zu überprüfen.

Das umfangreiche derzeitige Defizit der Vereinigten Staaten

in der Bilanz der laufenden Posten ist gegenwärtig der Hauptfaktor in der
Bewertung des Dollars auf dem Markt.

Da niemand ein Defizit in dieser Höhe

hatte, führte es zu einer veränderten Bewertung der Aussichten des Dollars
auf den Märkten.

Man sollte über dieses Defizit hinausblickend die Umstände berücksichtigen, die es hervorgebracht haben und die in Zukunft voraussichtlich neue
Defizite verursachen werden.

Eine wichtige Komponente des Defizits ist das

Volumen unserer öleinfuhren, die sich gegenwärtig auf rund 9,5 Millionen Barrel
pro Tag und wertmäßig auf etwa 45 Milliarden Dollar im Jahr beziffern.
ser Betrag für sich ist selbstverständlich
amerikanische "öldefizit".

Die-

kein korrekter Maßstab für das

Ein solcher läßt sich noch nicht einmal aus dem

Überschuß der öleinfuhren der Vereinigten Staaten über deren Ausfuhren nach
den OPEC-Ländern herauslesen, da wir große unsichtbare Nettoeinkünfte aus
den OPEC-Ländern beziehen, die sich nicht so einfach mit Zahlen belegen lassen.

Hinzu kommt, daß sich ein Defizit im bilateralen Handel mit einem

Lande bis zu einem gewissen Grad durch Überschüsse im bilateralen Handel mit
anderen Ländern ausgleichen läßt.

So ist z.B. der bescheidene Überschuß
- 5 -

�Überschuß der Vereinigten Staaten im Handel mit gewissen europäischen Ländern, die ihrerseits Waren nach den OPEC-Ländern ausführen, indirekt für
uns ein Mittel zur Abdeckung eines dementsprechenden Teils des öldefizits.
Dennoch sieht man zu Recht in einem ungehemmten Ölverbrauch und einer
hieraus resultierenden weiteren Zunahme der öleinfuhren eine schwere Belastung
unserer Handelsbilanz.

Die gegenwärtig im Kongreß anhängige Energiegesetz-

gebung und die vom Präsidenten vorgeschlagenen Maßnahmen sollen eine Verlangsamung der Aufwärtstendenz unserer öleinfuhren bringen.

Die Einsparung von

Energie und die Entwicklung zusätzlicher und als Ersatz geeigneter Energiequellen werden über Zahlungsbilanzerwägungen hinausgreifend in weiten Kreisen
als notwendige Voraussetzung zur Gewährleistung unserer nationalen Sicherheit
erachtet.
Eine weitere wichtige Komponente des derzeitigen Defizits der laufenden
Posten ist zyklischen Charakters. Die Vereinigten Staaten sind der übrigen
Welt hinsichtlich der Erholung von der Rezession der Jahre 1974/75 weit voraus.
Unsere Wirtschaft hat wieder Tritt gefaßt. Wir können damit rechnen, daß die
übrige Welt nachziehen wird. Niemand möchte, dessen bin ich sicher, daß die
Vereinigten Staaten ihr derzeitiges Defizit durch eine Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit im eigenen Lande abbauen. Dem eigentlichen Wesen dieses
Defizits ist deshalb nur durch konjunkturelle Anpassungen Rechnung zu tragen.
Es erhebt sich mit anderen Worten die Frage, wie groß wäre das Defizit, wenn
die Welt als Ganzes ein vernünftiges Maß der Vollbeschäftigung erreicht hätte.
Konjunkturelle Anpassungen müssen von der Überlegung ausgehen, wie die
Wirtschafts- und Preisentwicklung auf den Binnen- und Auslandsmärkten im Falle
der Vollbeschäftigung verlaufen wäre. Hierauf basierend lassen sich dann die
potentiellen Handelsvolumina abschätzen. Ein ökonometrisches Modell, das die
amerikanische Außenhandelsentwicklung in Beziehung zu derartigen Einkommensund Preisberechnungen setzt, läßt erkennen, daß das amerikanische Handelsdefizit von 30 Milliarden Dollar um 10 bis 20 Milliarden Dollar geringer ausgefallen wäre, bestünde in den wichtigsten Industriestaaten Vollbeschäftigung. Da_
- 6 -

�Da eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung unseren Überschuß von 12 Milliarden
Dollar in der Dienstleistungsbilanz kaum verändern würde, wäre das Defizit
der laufenden Posten unter solchen Umständen um etwa 18 Millionen Dollar
niedriger.

Berechnungen wie diesen kommt jedoch insofern kein allzu großes Gewicht zu, weil wir nicht wissen, w ^ lange es dauern wird, ehe die Welt wieder zu höheren Beschäftigungsraten zurückkehrt.

Wer derartige tentative

Überlegungen anstrengt, sollte nicht übersehen, daß ein gewisses Defizit
für die Vereinigten Staaten so lange tragbar ist, wie die OPEC-Länder beträchtliche Überschüsse aufweisen

.Die Defizite, die jenen Überschüssen

entsprechen, müssen sich naturgemäß auf alle Länder der Erde verteilen. Da
die Vereinigten Staaten normalerweise ein Kapitalexportland sind, scheint
eine Beteiligung Amerikas am Gesamtdefizit aller nicht der OPEC angehörenden
Länder angebracht, solange andere Länder Schwierigkeiten mit der Finanzierung
größerer Defizite haben.

Berechnungen über ein konjunkturell angepaßtes amerikanischen Handelsdefizit bieten jedoch keine Antwort auf die Frage, ob die Vereinigten Staaten
nicht an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben.

Eine Analyse der grundlegen-

den Wirtschaftsfakten muß deshalb auch die Wettbewerbsfähigkeit in Betracht
ziehen.

Was die Beantwortung dieser Frage angeht, können wir ausreichende Hinweise heranziehen.

Einige ergeben sich aus der Untersuchung der internatio-

nalen Exportmarktanteile

Der Anteil der Vereinigten Staaten an den Ausfuh-

ren der Länder der Gruppe der zehn wichtigsten Industriestaaten - ein Maßstab, der die Auswirkungen der jüngsten ungewöhnlichen Entwicklungen auf den
Rohöl- und anderen Rohstoffmärkten weitgehend ausklammert - schrumpfte im
Jahre 1976 und nahm auch &gt;n der ersten Jahreshälfte 1977 weiter, wenn auch
in geringerem Maße ab

Dieser Schrumpfungsprozeß folgte auf drei Jahre der

Steigerung des amerikanischen Anteils an den Exportmärkten und im Anschluß
an zwei Jahre, während derer sich die Wechselkurse auf neue Werte eingependelt
hatten.

Somit ist der amerikanische Anteil, der sich in der ersten Jahres-

�Jahreshälfte 1977 auf 20 Prozent belief, im wesentlichen unverändert gegenüber dem Stand von 1971, als er 20,1 Prozent betrug.

Hierbei ist ferner zu

berücksichtigen, daß die Volkswirtschaften vieler unserer traditionellen Abnehmerstaaten in diesem Zeitraum keineswegs unverhältnismäßig rasch expandiert haben.
Eine weitere Quelle der Sorge um unsere Wettbewerbsfähigkeit hat sich
offensichtlich erledigt.

Wirtschaftswissenschaftliche Forschungsarbeiten aus

den fünfziger Jahren und der ersten Hälfte der sechziger Jahre schienen darauf hinzudeuten, daß die Elastizität der Nachfrage nach amerikanischen Exportgütern als einer Funktion der Einkommensentwicklung im Ausland erheblich geringer sei als die Elastizität der Ausfuhr anderer Staaten als Funktion der
Einkommensentwicklung in den USA.

Jüngere Forschungsarbeiten von Mitarbei-

tern des amerikanischen Zentralbankensystems lassen jedoch erkennen, daß kein
statistisch erheblicher Unterschied zwischen der Elastizität in dem einen
und im anderen Falle besteht. Solange demnach die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten und die Volkswirtschaften überall auf der Welt etwa im gleichen Ausmaß expandieren, sollten diesen Untersuchungen zufolge die amerikanischen Ausund Einfuhren etwa dieselben Wachstumsraten wie die der übrigen Welt aufweisen.
Schließlich ergeben sich Hinweise auf die Wettbewerbsfähigkeit auch aus
der Berechnung der "realen" Wechselkurse: der Wechselkurse unter Berücksichtigung internationaler Unterschiede in den Inflationsraten. Der reale Wechsel
kurs des Dollars wird solange gegenüber dem jeder anderen Währung oder Gruppe
von Währungen unverändert bleiben, wie die Schwankungen der nominellen Wechselkurse den unterschiedlichen Preisbewegungen entsprechen.
Wie bei allen Vergleichsrechnungen erhebt sich auch bei den realen Wechselkursen die Frage nach den verwandten Indices und nach dem gewählten Ausgangspunkt.

Im Falle mancher Länder, beispielsweise Japans, führen unter-

schiedliche Indices zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Im Falle der Ver-

einigten Staaten allerdings zeitigen die vier normalerweise angewandten In- 8 -

�Indices - Verbraucherpreis-, Großhandelspreis-, Exportwert- und Arbeitsstückkostenindices - alle in etwa das gleiche Ergebnis.

Ein Vergleich zwi-

schen dem Dollarwert seit Beginn des Floatens der Wechselkurse im März 1973
oder der Durchschnittskurse in der Zeit von März 1973 bis heute zeigt, daß
der reale Wechselkurs des Dollars außenhandelsgewichtet abgewertet wurde,
während die Wettbewerbsfähigkeit zugenommen hat.

Der reale Wechselkurs der

DM zeigt bei Anwendung der gleichen Berechnungsmethode während des gleichen
Zeitraums nur geringfügige Veränderungen.

Für den Yen lassen sich, wie schon

betont, sinnvolle Ergebnisse nur sehr viel schwerer herausdestillieren.

Hierbei sollte man nicht vergessen, daß geringe Veränderungen in den
realen Wechselkursen nicht zwangsläufig als Beweis für ein bestehendes Gleichgewicht zu werten sind.

Wenn echte statt rein monetäre Schocks Veränderungen

in den Zahlungsbilanzen hervorrufen, ist es angebracht, wenn die realen Wechselkurse reagieren und sich verändern; wenn aber Untersuchungen struktureller
Faktoren der Weltwirtschaft erkennen lassen, daß keine größeren Anpassungen
erforderlich sind, deuten Bewegungen der realen Kurse auf Veränderungen in
der Wettbewerbsfähigkeit hin - insbesondere dann, wenn die verschiedenen Indices in etwa die gleichen Ergebnisse aufweisen.

Ich möchte noch ein weiteres Element der Wettbewerbsfähigkeit des Dollars
anführen, das die Kapitalbilanz und nicht die Bilanz der laufenden Posten
betrifft.

Der Dollar ist als Kapitalanlage auch weiterhin wettbewerbsfähig.

Das hängt von den Zinssätzen und den zu erwartenden Wechselkursbewegungen ab.
Sie bestimmen zusammen die Ertragserwartungen des Dollars im Vergleich zu
denen anderer Währungen.

Der Dollar hat seine Position als führende Reserve-

und Anlagewährung in der Nachkriegszeit gefestigt, als die Zinssätze in den
Vereinigten Staaten niedrig und fast überall anderswo auf der Welt hoch lagen.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse, was die starken Währungen angeht, in
das Gegenteil verkehrt:

Die Dollarzinsen sind heute beträchtlich höher als

die Zinssätze in der Schweiz, in Deutschland und sogar in Japan.

In
- 9 -

�In Zeiten turbulenter Märkte, in denen sich die Wechselkurse und die damit zusammenhängenden Kapitalanlagewerte rasch und beträchtlich verändern,
treten Zinsüberlegungen normalerweise in den Hintergrund.
Märkte aber beruhigen, gewinnen die Zinssätze an Bedeutung.

Sobald sich die
Heute spiegeln

die Unterschiede in den Zinssätzen dreier wichtiger Anlagewährungen - des
Dollars, der DM und des Schweizer Franken - die unterschiedlichen Inflationsraten in den drei genannten Länder eindeutig wider.

Die realen Zinssätze sind,

mit anderen Worten, in diesen drei Ländern in etwa gleich.
In diesem grundlegenden Sinne scheint der Dollar als Anlage seine Wettbewerbsfähigkeit nicht verloren zu haben.

Von dieser Annahme ausgehend kommt

man zu dem Schluß, daß die Finanzierung des Defizits der Bilanz der laufenden
Posten, die im Jahre 1977 fast ausschließlich über staatliche Kapitalbewegungen
in der Form von Interventionen auf dem Markt erfolgt ist, bei unveränderten
Wechselkursen auch vom privaten Kapital bewältigt werden könnte.
Ich möchte die Elemente der Stärke des Dollars, die meines Erachtens gegeben sind, wie folgt zusammenfassen:
Erstens gibt es eine ausgeprägte konjunkturelle Komponente des Defizits.
Wir wissen nicht, wie lange andere Länder brauchen werden, bis sie zur Vollbeschäftigung zurückkehren; das Licht am Ende des Tunnels ist aber in jedem
Falle bereits zu erkennen.
Zweitens verzeichnen wir eine bescheidene Verbesserung der amerikanischen
Wettbewerbsfähigkeit seit 1973, die sich am "realen" Wechselkurs des Dollars
ablesen läßt.

Sie spiegelt die einigermaßen gute, wenngleich keinesfalls

hervorragende Eindämmung der inflationistischen Entwicklung in den Vereinigten
Staaten wider.

Der Hauptbeitrag zur Stärke des Dollars in der Zukunft muß

aus einer Fortsetzung und Verbesserung unserer Leistungen auf diesem Gebiet
kommen.
Drittens
- 10 -

�Drittens deuten mehrere andere Indices auf hohe Wettbewerbsfähigkeit
amerikanischer Waren hin - insbesondere die Marktanteile und die Nachfrageelstizität.

Diese Wettbewerbsfähigkeit dürfte umso klarer hervortreten,

je mehr sich der Welthandel erholt.

Viertens bestehen bei den konkurrierenden Währungen erhebliche Unterschiede in den Zinssätzen.

Wenn sich die Devisenmärkte beruhigen, werden

diese deutlicher hervortreten als bisher.
Noch fehlt es an konkreten Beweisen für die Annahme, daß die üleinfuhren nicht weiter steigen werden.

Selbst strenge Gesetze, wie sie meiner

Auffassung nach schließlich doch verabschiedet werden dürften, können die
amerikanischen üleinfuhren in naher Zukunft nicht vermindern.

Sobald solche

Gesetze aber bestehen, werden sie dem Markt doch die Gewähr bieten, daß die
Stärke des Dollars nicht durch übermäßige üleinfuhren unterminiert wird und
daß die Aussichten auf eine verminderte Abhängigkeit der Vereinigten Staaten
von üleinfuhren in Zukunft steigen werden.

+ + + + +

- 11 -

�i

Wift/choft
United States Information Service

4. Januar 1978

US-WIRTSCHAFT GEHT MIT VERHALTENEM OPTIMISMUS IN DAS NEUE JAHR
Von unserem Korrespondenten Jon Schaffer

WASHINGTON - (AD) - Wie stets am Ende eines jeden Jahres so haben auch
dieses Mal führende Wirtschaftswissenschaftler, Banken-und Wirtschaftsorganisationen in den letzten Dezemberwochen ihre Prognosen für das neue Jahr
gestellt, wobei die übereinstimmende Meinung darauf hinausläuft, daß ein
umfassender Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft wohl kaum vor Ende 1978,
vielleicht sogar erst zum Ende dieses Jahrzehnts zu erwarten steht.

Allgemein wird mit einem anhaltenden Wirtschaftswachstum zumindest bis
Ende 1979 gerechnet, wobei allerdings die Wachstumsraten etwas niedriger als
im letzten Jahr liegen dürften.
wärtigen Stand stehen bleiben.

Die Inflationsrate wird etwa auf dem gegenDagegen kann auf dem Beschäftigungssektor mit

einem gewissen Rückgang der Arbeitslosigkeit gerechnet werden.

Wenn auch die endgültigen Statistiken für 1977 erst in einigen Monaten
vorliegen werden, so teilt man in der Wirtschaft die Auffassung der Regierung,
daß das Tempo des Wirtschaftswachstums

nach dem scharfen Anstieg in der

ersten Jahreshälfte im zweiten Halbjahr 1977 erheblich nachgelassen hat. Nach
allgemeinen Schätzungen dürfte das Bruttosozialprodukt der USA 1977 - nach

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�nach Ausschaltung inflationsbedingter Faktoren - um etwa 4,8 Prozent gestiegen sein, während die Verbraucherpreise zwischen 5,5 und 6,5 Prozent
angezogen haben.

Die Arbeitslosenquote liegt zur Zeit bei 7 Prozent.

Für 1978 wird ein Ansteigen des Bruttosozialprodukts zwischen 5 Prozent - die etwas optimistische Prognose des Vizepräsidenten der U.S. Steel
Company

Joseph Greer - und 3,6 Prozent - nach den etwas pessimistischeren

Berechnungen der Staatsuniversität von Michigan - erwartet.

Die Inflations-

rate dürfte zwischen 5,7 Prozent - Morgan Guaranty Trust - und 6,7 Prozent nach einer Umfrage des "Industry Week Magazine" bei maßgebenden Persönlichkeiten der Wirtschaft - liegen.

Dagegen weichen die Schätzungen über die

Entwicklung der Arbeitslosenquote im neuen Jahr mit 6,4 bis 6,8 Prozent nur
geringfügig voneinander ab.
Die abweichenden Prognosen sind zum Teil darauf zurückzuführen, daß
die einzelnen Wirtschaftsforschungsinstitute unterschiedliche Verfahren anwenden oder von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen. So setzt Otto
Eckstein von der Data Resources Inc. bei seinen Voraussetzungen voraus, daß
ein Steuersenkungsprogramm in Höhe von 20 Milliarden Dollar verabschiedet wird,
ein den Vorschlägen Präsident Carters im allgemeinen entsprechendes Energieprogramm den Kongreß passiert und die Sozialversicherungsreform sowie weitere innenpolitische Maßnahmen in Kraft treten. Die Professoren Saul Hymans
und Harold Shapiro von der Staatsuniversität von Michigan rechnen zwar mit
einem Energieprogramm, erwarten aber keinerlei Änderungen bei den Regierungsausgaben und lediglich eine begrenzte Geldmengenzunahme. Und die auf der
Novemberkonferenz des Brookings Institute versammelten Wirtschaftler gingen
bei ihren Vorausschätzungen von der augenblicklichen Situation aus.
Eckstein vertritt die Ansicht, daß wenig geschehen ist, was in den
nächsten Jahren zu einem Abbau des harten Grundstocks der Inflationsrate
von gegenwärtig 5,5 bis 6 Prozent führen könnte. Zwar seien Produktivitätssteigerungen erzielt und die Arbeitskosten gesenkt worden. Aber die Lohnsteigerungsrate dürfte kaum unter 8 Prozent zurückfallen,und dazu komme noch
- 2 -

�noch die sich aus der Anhebung der Energiepreise um 15 Prozent ergebende
Erhöhung der Inflationsrate um circa ein Prozent.

Alles in allem seien also

die Aussichten für eine Senkung der Inflationsrate schlecht; allerdings sei
auch eine dramatische Beschleunigung der Inflation höchst unwahrscheinlich.
Sollte es der Regierung jedoch gelingen, so meinte Eckstein, die richtige
Mischung von Maßnahmen für einen Ausgleich des Haushalts durchzusetzen und
die Endverbrauchernachfrage real zu steigern, so könnte der Anstieg des Gesamtpreisniveaus zwischen heute und 1980 auf 5,5 Prozent begrenzt werden.
Der frühere Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats des Präsidenten, Professor Walter Heller, pflichtet in seiner Prognose für die National City
Bank of Minneapolis dieser Auffassung Ecksteins bei, bemerkt jedoch einschränkend, daß die Regierung bisher über einen behutsam geführten - aber
unwirksamen - Dialog mit den Gewerkschaften und den Unternehmern über das
"Kostenauftriebskarussell" nicht hinausgekommen ist. Daher bleibe die Aussicht auf ein Absinken der Inflationsrate unter sechs Prozent recht gering,
sofern nicht die Regierung zu "mutigeren" Maßnahmen greife, seien es Leitlinien oder Steuersenkungen, um so auf eine Mäßigung bei den Löhnen hinzuwirken.
Anlage- und Ausrüstungsinvestitionen werden von den Wirtschaftsanalytikern schon immer als wichtiger Frühindikator für eine künftige Zunahme der
Wirtschaftstätigkeit betrachtet.

Im Jahre 1977 dürften die Investitionen der

Wirtschaft um acht bis neun Prozent zugenommen haben.

Die Unsicherheit be-

züglich der Gewinnspannen wird jedoch 1978 nach Ansicht des Vizepräsidenten
der Chase Manhattan Bank, Robert Slighton, zur Zurückhaltung bei den Investitionen mahnen.

Aber auch bezüglich der künftigen Energiepreise, der Verfüg-

barkeit von Energie, der Steuerpolitik, der Umweltnormen sowie zahlreicher
anderer Fragen besteht in der Wirtschaft eine gewisse Unsicherheit.

So hat

eine Umfrage des "Industry Week Magazine" ergeben, daß die Planungen der
Wirtschaft für 1978 lediglich eine Zunahme der Investitionen um 3,9 Prozent
vorsehen.

Das Problem ist nicht, wie Heller hierzu erklärt, daß die Unter-

nehmen nicht über die erforderlichen Mittel verfügen.
- 3 -

Vielmehr zögere die

�die Wirtschaft, neue Kapazitäten zu schaffen, solange die vorhandenen Anlagen nicht voll ausgelastet sind.

Die durchschnittliche Kapazitätsaus-

lastung in der amerikanischen Industrie liegt gegenwärtig bei etwa 83 Prozent.
Die Staatsuniversität von Michigan ist dagegen anderer Ansicht.

Sie

sagt einen Anstieg der Anlageinvestitionen der Wirtschaft von sechs Prozent
für 1978 und von 6,5 resp. 7,1 Prozent in den Jahren 1979 und 1980 voraus,
sofern Steuersenkungen für die Wirtschaft und Steuerkredite für Investitionen
gewährt werden.

Nach ihrer Auffassung haben sich die Investitionsaufwendun-

gen der Wirtschaft in der gegenwärtigen Wiedererholungsperiode weniger stimulierend ausgewirkt als bei ähnlichen Aufschwungsphasen nach dem letzten Weltkrieg.

Ohne irgend welche Steuervergünstigungen würden die Anlageinvesti-

tionen der Wirtschaft 1978 nur um 4,8 Prozent zunehmen.

Da Steuersenkungen

zu einem Anstieg der Verbraucherausgaben und vor allem einer starken Zunahme
der Autokäufe führen würden, werde sich dies auch belebend auf die Investitionstätigkeit auswirken.
In den Prognosen wird ferner darauf hingewiesen, daß die Vereinigten
Staaten auch bei Steuersenkungen nicht mit einem so schnellen Wirtschaftswachstum rechnen können, daß die Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren
entscheidend abgebaut werden kann. Eckstein meint, wenn das von dem Präsidenten angestrebte Ziel einer Verringerung der Arbeitslosigkeit auf fünf
Prozent bis 1980 erreicht werden soll, dann müßten, um die hierfür erforderliche Nachfrage zu schaffen, das Bruttosozialprodukt um jährlich fünf Prozent und die realen Investitionen um jährlich fast zehn Prozent steigen.
Dies sei möglich, wenn der Anstieg von Preisen und Löhnen zwischen heute
und 1980 auf 5,5 resp. 6,6 Prozent herabgedrückt, die Geldpolitik gelokkert und die Zinsen gesenkt würden. Wahrscheinlicher ist jedoch nach Ansicht von Eckstein, daß an der Inflationsfront nur wenig Erfolge und bei
der Schließung der Kluft zwischen realem Wachstum und potentiellem Wachstum
nur begrenzter Erfolg erzielt wird. Die Steuersenkung, mit deren Verabschiedung 1978 zu rechnen sei, werde zu einer Steigerung des Wirtschaftswachstums
- 4 -

�Wirtschaftswachstums im Jahre 1979 um lediglich vier Prozent führen und
erst 1980 werde das Wirtschaftswachstum in die Nähe des gesteckten Zieles
von fünf Prozent kommen und die Arbeitslosigkeit unter sechs Prozent
absinken.

Hymans und Shapiro rechnen trotz einer Steuersenkung für 1979 nur mit
einem Wirtschaftswachstum von 3,25 Prozent - und sollten die Steuern nicht
gesenkt werden, mit einem Wachstum von 2,4 Prozent.

Sie glauben auch nicht,

daß es gelingt, die Arbeitslosigkeit schon 1979 unter sechs Prozent herabzudrücken.

Slighton weist darauf hin, daß die Rekordwirtschaftstätigkeit in den
zwei Jahrzehnten vor dem Ansteigen der Energiepreise kein guter Vergleichsmaßstab für die Leistungen der Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren ist.
Die Grenzen für ein mögliches Wachstum seien heute enger geworden.

Das Wirt-

schaftswachstum werde 1978 und in dem darauffolgenden Jahrzehnt voraussichtlich langsamer als in den Jahren von 1951 bis 1971 sein.

Die Vereinigten

Staaten würden sich jetzt immer stärker der wichtigen Impulse bewußt, die der
Außenhandel der US-Wirtschaft geben kann.

Die Aufrechterhaltung eines hohen

Wirtschaftswachstums in den USA sei auch wichtig für die Wiedergesundung der
übrigen Volkswirtschaften.

Die Wirtschaftsanalytiker sagen lediglich ein mäßiges Mengenwachstum
der US-Exporte voraus, wobei die Entwicklung der Ausfuhr den erwarteten
langsamen wirtschaftlichen Aufschwung bei den meisten amerikanischen Handelspartnern entsprechen werde.

Eckstein fügt hinzu, daß die steigenden Zins-

sätze in den USA die Möglichkeiten einiger der amerikanischen Handelspartner
für Zinssenkungen einengen werden,so daß die meisten Länder bei einer konservativen Wirtschaftspolitik bleiben würden.

Die Möglichkeit guter Ernten in den anderen Ländern im neuen Jahr und
die wachsende Neigung zu einer protektionistischen Politik könnten nach Ansicht verschiedener Wirtschaftsexperten zu einer Einschränkung des künftigen
- 5 -

�künftigen Wachstums für den Welthandel führen.

Wenn gleichzeitig das Alaska-

Öl jetzt zu fließen beginnt, werde auch der Anstieg der amerikanischen Erdöleinfuhren sich verlangsamen.
Unter Berücksichtigung aller dieser Voraussagen scheint nach Auffassung
der Wirtschaftsexperten festzustehen, daß der wirtschaftliche Aufschwung ohne
zusätzliche Anregungen, wie sie zum Beispiel von der von Präsident Carter
vorgeschlagenen wesentlichen Steuersenkung ausgehen könnten, sich 1978 nur
recht zögernd fortsetzen werde.
Zusammenfassend stellt der ehemalige Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats
des Präsidenten, Arthur Okun, fest, daß der Wirtschaftsaufschwung noch "über
beträchtliche Stärke und Lebensdauer" verfüge, wobei er jedoch von der Erwartung ausgeht, daß eine die Wirtschaft stimulierende Steuersenkung erfolgt.
Hymans und Shapiro sind vorsichtiger:

Wenn die amerikanischen Währungsbehör-

den nicht Mitte 1978 das Ruder herumwerfen und zu einer Politik des leichten
Geldes übergehen und wenn Kongreß und Carter-Administration nicht in der
zweiten Hälfte 1978 größere fiskalische Anreize gewähren, dann werde die
Wirtschaft, völlig unnötig, bis dicht an eine Rezession abrutschen.
Was besagen nun alle diese Prognosen letztlich? Nicht sehr viel, meint
John Kenneth Galbraith, denn keine enthalte Faktoren über die Wirtschaftsaussichten, die nicht auf frühere Erfahrungen zurückgehen. Die Entwicklung,
die die Wirtschaft nimmt, sei dagegen ein Prozeß einer ständigen Anpassung
an Dinge, die noch nie zuvor eingetreten sind.

+ + + + +

�1

4. Januar 1978

NEUER US-VERTEIDIGUNGSHAUSHALT MIT REALEM WACHSTUM
Amerika will NATO-Beitrag verstärken
Von unserem Korrespondenten Hugh 0. Muir

WASHINGTON - (AD) - Die Regierung Carter ist gegenwärtig dabei,
ihren ersten eigenen Verteidigungshaushalt auszuarbeiten, der dem Kongreß
am 23. Januar 1978 vorgelegt werden soll. Wie hierzu aus dem Verteidigunrsministerium verlautet, ist mit einem zwar geringen, aber doch
realem Wachstum der Militärausgaben im Haushaltjahr 1979 - 1. Oktober
1978 bis 30. September 1979 - zu rechnen.
Vertreter des Verteidigungsministeriums wiesen jüngst im Rückblick
auf das erste Jahr der Carter-Administration

auf die Tatsache hin, daß

die Verteidigungsausgaben in Prozent des Bruttosozialprodukts ausgedrückt
im Verlauf der letzten Jahre von rund zehn auf derzeit nur noch fünf bis
sechs Prozent zurückgegangen sind. Die Sowjetunion dagegen hielt die letzten
15 Jahre Verteidigungsaufwendungen in ihrem realen Dollarwert konstant
auf gleicher Höhe.
Der Militärhaushalt der USA für das laufende Finanzjahr wurde be*kanntlich noch von Präsident Ford eingebracht und von Präsident Carter

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Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�Präsident Carter lediglich revidiert. Die wichtigste Entscheidung der
Carter-Administration bezüglich des Haushaltvoranschlags Fords war nach
Auffassung hoher Beamter im Pentagon die Einstellung der Konstruktions~
Planung für weitere überschaubomber des Typs B-l. Im Kongreß stand zum
Jahresende 1977 noch immer ein Gesetz an, das den Bau einer fünften und
sechsten Maschine dieses Typs vorsah. Während der Senat zu verstehen
gegeben hatte, er wolle sich gegen den Bau dieser beiden Flugzeuge wenden,
schien das Repräsentantenhaus eher einer Zustimmung zum Bau zuzuneigen.
Das Verteidigungsministerium dagegen vertrat die Auffassung, die vier
sich gegenwärtig in der Flugerprobung befindlichen B-1-Flugzeuge würden
ausreichen, die erforderliche Weiterentwicklung auf dem Gebiet des überschal lflugs zu gewährleisten; die für die Verwirklichung des genannten
Gesetzes erforderlichen 450 Millionen Dollar für zwei weitere Flugzeuge
des Typs B-l lassen sich mithin ohne negative Folgen einsparen.
Amerikanische Regierungsvertreter sprachen von einer deutlichen
Schwerpunktverlagerung hinsichtlich der Zielsetzungen im Bereich der Verteidigungsanstrengungen im ersten Jahr der Carter-Administration: der
beträchtlichen Aufwertung der militärischen Rolle der NATO. Die ersten
Ergebnisse der auf Initiative der USA eingeleiteten neuen NATO-Planung
dürften schon 1978 sichtbar werden - vor allem auf den Gebieten der
Verstärkung der Panzerabwehr, der Anlage von Materialvorräten und der
Verbesserung des Ersatzwesens. Ob die steigenden amerikanischen Ausgaben
innerhalb der NATO der geplanten dreiprozentigen Anhebung entsprechen
werden, wird einmal vom Fortgang der Inflation und zum anderen von der
Haltung des Kongresses zu dem vorzulegenden Haushaltanschlag abhängen.
Schwierigkeiten bereitete es Präsident Carter und seiner Mannschaft bisher,
die Europäer davon zu überzeugen, daß sie ihrerseits ihre Industrie stärker
auf die militärischen Erfordernisse des Bündnisses ausrichten müssen.
Die NATO-Mitgliedstaaten werden sich aber künftig, so rechnet man in
Washington fest, auch auf dem industriellen Sektor gegenseitig mehr als
bisher unterstützen, statt sich, wie in der Vergangenheit so oft geschehen,
allein auf ihre eigenen nationalen Anstrengungen zu verlassen.
Unter den
- 2 -

�Unter den anstehenden Entscheidungen kommt der über die künftige
Zusammensetzung der Strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten
und der dami\ einhergehenden Zieldoktrin wohl das größte Gewicht zu insbesondere im Lichte des 1977 gefaßten Beschlusses, im Rahmen des
"Triade"-Verteidigungskonzepts eine Kombination aus B-52 und Marschflugkörpern zu entwickeln» Offen ist auch die Frage nach dem Fortgang der
Entwicklung des MX-Raketensystems - ob auf mobile Raketen oder festinstallierte Raketen wie die landgestützten interkontinentalen ballistischen
Raketen hin geplant werden soll» Die Entscheidung über die Basierung ist
für den Fortgang des Entwicklungs- und Dislozierungsprogramms der MX von
grundsätzlicher Bedeutung.
Wichtigste Überlegung aber ist und bleibt, daß die Sowjetunion ihre
Rüstung auch weiterhin stetig und über Jahre hinweg verstärken und über
Waffen und Ausrüstungen in steigenden Mengen verfügen wird - so zum
Beispiel über immer mehr Panzer» Bei der Gestaltung des amerikanischen
Militärhaushalts müssen sich deshalb, so argumentiert man in Washington,
alle Beteiligten ihrer Verantwortung bewußt sein, einen Haushalt zustandezubringen, der dieser quantitativen Herausforderung ebenso wie der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des amerikanischen Vorsprungs in qualitativer Hinsicht gebührend Rechnung trägt»

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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter nominiert G. William Miller zum Präsidenten des amerikanischen Zentralbankrates&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Bundesbankmitglied zum Dollarkurs&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Wirtschaft geht mit verhaltenem Optimismus in das neue Jahr&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Korrespondenten Jon Schaffer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neuer US-Verteidigungshaushalt mit realem Wachstum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Amerika will NATO-Beitrag verstärken -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Korrespondenten Hugh O. Muir&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>I

I
I

Information
und
Dokumentation
United States Information Service

Die weitreise Präsident Jimmy Carters
vom 29. Dezember 1977 bis 9. Januar 1979

Um Übcr/endung von
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11. Januar 1978
INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung Präsident Carters vor seinem Abflug zur Weltreise
(29. Dezember 1977)
Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Polen
(29. Dezember 1977)
Wortlaut des gemeinsamen amerikanisch-polnischen Kommuniques
(30. Dezember 1977)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Teheran (31. Dezember 1977)
Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Indien (1. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters vor dem indischen Parlament (2. Januar 1978)
Deklaration von Delhi (3. Januar 1978)
Erklärung Carters anläßlich der Unterzeichnung der Deklaration von Delhi
(3. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Saudi-Arabien (3. Januar 1978)
Erklärung Carters nach dem Treffen mit Präsident Sadat (4. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters auf dem Pariser Flughafen
(4. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters in Paris (4. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters in der Normandie (5. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters in Bayeux (5. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters vor dem Abflug aus Paris (6. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Brüssel (6. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters anläßlich des Besuches bei der EG
(6. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters vor dem Nordatlantikrat (6. Januar 1978)
Ausführungen Carters vor der Presse im NATO-Hauptquartier (6. Januar 1978)
Interview Präsident Carters zum Abschluß seiner Weltreise (6. Januar 1978)
Erklärung Carters nach seiner Rückkehr in die USA (6. Januar 1978)

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Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS VOR SEINEM ABFLUG ZUR WELTREISE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat vor dem Abflug zu seiner
Weltreise am 29. Dezember 1977 vor dem Weißen Haus folgende Erklärung abgegeben:
Ich begebe mich heute auf eine Reise, die sowohl die Vielfalt der Welt
als auch die Fähigkeit und den Wunsch unserer Nation erkennen läßt, sich kreativ

und konstruktiv auf diese Vielfalt einzustellen.

Es ist eine sich rasch verändernde Welt, eine Welt in der die alten
ideologischen Etiketten weniger Bedeutung haben als je zuvor, in der der weltweite Wunsch nach Freiheit und nach einem besseren Leben stärker und auf vielfältigere Weise zum Ausdruck gebracht wird als je zuvor, eine Welt, in der politisches Erwachen, wirtschaftliche Unabhängigkeit und technologischer Fortschritt neue Anforderungen an die Außenpolitik unseres Volkes gestellt haben.
Die Vielzahl der Orte, die wir in den nächsten neun Tagen besuchen werden, ist symbolisch für die Breite und Mannigfaltigkeit des amerikanischen
Interesses an dieser neuen Welt.
In

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�In Frankreich und in Westeuropa werden wir die historischen Bindungen
und unsere gemeinsamen Werte unterstreichen, und wir werden Mittel und Wege
sondieren, um mit den gemeinsamen Problemen der demokratischen Industriestaaten fertig zu werden.
In Polen, dem Herkunftsland von Millionen von Amerikanern, werden wir
die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den
Völkern Osteuropas nähren.
Im Iran und in Saudiarabien werden wir über Schlüsselfragen der wirtschaftlichen Beziehungen sprechen und auf eine Fortsetzung des dramatischen
Fortschritts drängen, der bei der Herbeiführung des Friedens im Nahen Osten
erzielt wird.
In Indien, das die größte Demokratie der Erde ist, werden wir neue Wege
cjer Zusammenarbeit und der Kommunikation zwischen den Entwicklungsländern
der Welt und dem industrialisierten Norden suchen.
An all diesen Orten werden wir unsere Hingabe an den Frieden und unsere
Unterstützung der Gerechtigkeit und der Menschenrechte bekräftigen.
Es ist eine sich verändernde Welt, eine andere Welt, und ich glaube,
es ist auch ein anderes Amerika, dessen Botschaft wir bringen werden; ein
Amerika, das im Frieden mit anderen Nationen und auch im Frieden mit sich
selbst mehr Vertrauen hat und geeinter ist; ein Amerika, das bereit und in
der Lage ist, wo immer möglich zusammenzuarbeiten und wenn notwendig zu
konkurrieren.
Nach einer langen Periode des Zweifels und Umbruchs hier in unserem Lande
finden wir unseren Weg zurück zu den Werten, die uns zu einer großen Nation
gemacht haben, und in diesem neuen Geiste sind wir auch bestrebt, mit allen
Ländern und mit allen Völkern beim Aufbau jener Art von Welt und jener Art
von Weltgemeinschaft zusammenzuarbeiten, die den individuellen und gemein- 2 -

�gemeinsamen Anforderungen aller dienen.
Wir unternehmen diese Reise, um

nsere eigenen Auffassungen klar und

stolz zum Ausdruck zu bringen, aber a ch, um die Meinungen und Wünsche anderer kennen und begreifen zu lernen,

Wir werden versuchen, unser Land und

unser Volk gut zu repräsentieren, und ich bringe den guten Willen Amerikas
Liberall hin, wohin wir gehen werden.
Ich danke Ihnen.

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS BEI SEINER ANKUNFT IN POLEN

WARSCHAU - (AD) - Bei seiner Ankunft in Polen gab Präsident Carter am
29. Dezember 1977 abends auf dem Flughafen von Warschau folgende Erklärung
ab:
"Parteisekretär Gierek, hochverehrte Vertreter Polens und anderer Nationen, polnisches Volk!
Wir sind beglückt,in Ihrem großen Land zu sein. Als ich heute morgen
die Vereinigten Staaten verließ, sagte ich der Bevölkerung meines Landes,
daß sich in dieser Reise die Vielfalt einer sich rasch wandelnden Welt widerspiegele. Es ist eine Welt, in der alte ideologische Etiketten ihren Sinn
verloren haben und in der die Grundziele der Freundschaft, des Weltfriedens,
der Gerechtigkeit, der Menschenrechte und der individuellen Freiheit größere
Bedeutung gewonnen haben als je zuvor.
Ich bin stolz, diese Reise in Polen zu beginnen - einem Freund der Vereinigten Staaten seit den Tagen ihrer Gründung.

Polen ist das Herkunftsland

von über sechs Millionen Amerikanern, ein Partner in der gemeinsamen Anstrengung gegen Krieg und Entrechtung.
Die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die Beziehungen zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West wechseln.
Aber die Bindungen zwischen Polen und den Vereinigten Staaten bestehen von
alters her und sind stark.
Nicht weit entfernt von meinem Heim im Staate Georgia wurde ein großer
Patriot unser beider Nationen, Casimir Pulaski, als Führer einer Kavallerieschwadron im amerikanischen Unabhängigkeitskampf tödlich verwundet.

Die Frau

meines Sohnes stammt aus dem Bezirk Pulaski in Georgia, der seinen Namen nach
diesem Helden aus Polen trägt.
Gleichfalls wegen seiner militärischen Fähigkeiten und seiner Tapferkeit erwarb sich Thaddeus Kosciusko die Achtung unseres ersten Präsidenten,
George Washington, während der Kriegszeit.

Und für sein Eintreten für Frei-

heit und Gerechtigkeit gewann er in Friedenszeiten die Bewunderung unseres
dritten Präsidenten, Thomas Jefferson.
Diese tapferen Männer kämpften Seite an Seite mit den Amerikanern in
jener Epoche, aus der drei der größten Dokumente im Kampfe für die Menschenrechte hervorgingen. Das eine war die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.
Das zweite die Erklärung der Menschenrechte in Frankreich. Und das dritte
die polnische Verfassung vom 3. Mai 1791.
Die uns gemeinsame Erfahrung im Kampf hat uns aber auch die überragende
Bedeutung der Verhinderung des Krieges gelehrt, der Polen zweimal in diesem
Jahrhundert verheert hat. Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam Herbert
Hoover, ein großer Amerikaner, nach Polen, um das Kriegsleid lindern zu helfen und an der Wiedererstehung eines unabhängigen Polen als Beobachter teilzunehmen.
Die Verhältnisse waren damals anders.und der Kampf war lang.

Aber Hoover

sagte damals - und ich zitiere: 'Wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann
ist es, daß aus der ununterdrückbaren Vitalität des polnischen Volkes Polen
erneut aus dieser Asche erstehen wird.' Seine Voraussagen haben sich bewahrheitet.

Ich
2 -

�Ich bin hierhergekommen, nicht nur um unsere eigenen Ansichten dem
polnischen Volk gegenüber zum Ausdruck zu bringen, sondern auch um Ihre
Meinung kennenzulernen und die von Ihnen für die Zukunft gehegten Wünsche
verstehen zu lernen.

Aufbauend auf den zwischen uns bestehenden historischen

Bindungen und in Anerkennung der neuen und sich verändernden Realitäten des
Lebens sehe ich mit Erwartung der Stärkung der amerikanisch-polnischen Freundschaft während meines Besuches hier in Warschau entgegen.
Wir danken Ihnen für das herzliche Willkommen, das uns heute nacht von
Parteisekretär Gierek und dem polnischen Volk bereitet wurde".

- 3 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

WORTLAUT DES GEMEINSAMEN AMERIKANISCH-POLNISCHEN KOMMUNIQUES

WARSCHAU - AD - Nach den amerikanisch-polnischen Gesprächen wurde am
Abend des 30. Dezember 1977 in Warschau ein gemeinsames Kommunique veröffentlicht, das folgenden Wortlaut hat:
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Mrs. Carter
statteten auf Einladung der höchsten Stellen der Volksrepublik Polen vom
29. - 31. Dezember einen offiziellen Besuch ab. Der Präsident wurde von
Außenminister Cyrus R. Vance sowie dem Berater für Fragen der nationalen
Sicherheit, Zbigniew Brzezinski, begleitet.
Der Präsident legte am Grabmal des unbekannten Soldaten einen Kranz
sowie am Nike-Denkmal für die Helden Warschaus und am Denkmal für die Helden
des Gettos Blumen nieder. Er besichtigte ferner einige Stadtteile Warschaus
und machte sich mit deren Wiederaufbau und Entwicklung vertraut.
Während seines Besuches führte der Präsident Gespräche mit dem Ersten
Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei,
Edward Gierek.
An den

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�An den Plenarsitzungen, die vom Präsidenten und dem Ersten Sekretär
geleitet wurden, nahmen teil:
auf amerikanischer Seite: Außenminister Cyrus R. Vance, der Berater
des Präsidenten, Zbigniew Brzezinski, sowie weitere amerikanische Regierungsvertreter;
auf polnischer Seite: Der Vorsitzende des Staatsrates, Henryk Jablonski,
der Vorsitzende des Ministerrates, Piotr Jaroszewicz, sowie andere polnische
Regierungsvertreter.
Ferner führte Außenminister Cyrus R. Vance Gespräche mit Außenminister
Emil Wojtaszek.
Der Präsident und der Erste Sekretär brachten ihre Befriedigung über
die von ihnen geführten Gespräche sowie ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß
weitere Besuche auf höchster Ebene sowie Besuche

anderer führender Per-

sönlichkeiten der beiden Länder den Interessen beider Länder sowie dem
Fortschritt der Entspannung und der internationalen Zusammenarbeit dienen.
Präsident Carter drückte dem Ersten Sekretär und Frau Gierek gegenüber
seine Dankbarkeit für die große Gastfreundschaft aus, die ihm, Mrs. Carter
sowie der gesamten Delegation in Polen zuteil wurde.
Präsident Carter lud den Ersten Sekretär zu einem Besuch der Vereinigten
Staaten ein. Die Einladung wurde gerne angenommen. Das Datum für diesen
Besuch wird auf diplomatischem Wege vereinbart werden.
+ + + + +

- 2 -

i

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN TEHERAN

TEHERAN - AD - Präsident Jimmy Carter hat bei seiner Ankunft in
Teheran am 31. Dezember 1977 folgende Erklärung abgegeben:
Kaiserliche Majestäten, hohe Würdenträger und Bürger des Iran:
Mein eigenes Land erlebte in diesem Jahr die hohe Ehre eines offiziellen
Besuches seiner Kaiserlichen Majestät, des Schahs, und der Schahanu, Kaiserin
Farah. Dies war eine schöne Geste der Freundschaft, und wir zogen auch großen
Nutzen aus den umfassenden Gesprächen zwischen dem Schah und mir über wichtige
Fragen für den Iran und die Vereinigten Staaten.
Ich bin stolz und erfreut, zum Ende dieses Jahres, meines ersten Jahres
im Amt, und, wie ich glaube, Ihres 37. Jahres als Führer dieses großen Landes,
in den Iran kommen und das neue Jahr mit unseren engen Freunden und Verbündeten beginnen zu dürfen.
In dieser Zeit des Endes und des Anfangs sehe ich den Konsultationen
mit dem Schah über zwei der Fragen, die unsere Gedanken in dem gerade abge-

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�abgelaufenen Jahr am meisten beherrscht haben

und die in dem kommenden

Jahr unser bestes Handeln erfordern werden, mit Interesse entgegen. Zunächst
einmal gilt es,Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme der reichen und
der armen Länder der Welt zu finden. Keines dieser Probleme ist wichtiger
als das der Energie. Weder Erzeuger- noch Verbrauchernationen können überleben und gedeihen, wenn wir die begrenzten Vorräte der Welt an öl rücksichtslos erschöpfen. Und weder die eine noch die andere Gruppe von Nationen
kann das Problem ohne die Mitarbeit der jeweils anderen Gruppe lösen.
Gerade weil mein Land dieses Problem ernst nimmt, sind wir auch entschlossen, über einen umfassenden Energieplan zu verfügen, der darauf angelegt ist, Vergeudung zu beseitigen und alternative Energiequellen zu entwickeln. Wir arbeiten eng mit dem Iran zusammen.
Und gerade, weil ich die führende Rolle des Schahs auf diesem Gebiet
respektiere, bin ich zu ihm gekommen, um mich mit ihm zu konsultieren und
ihn um Rat zu fragen. Das zweite große Problem besteht darin, den von Unruhe
heimgesuchten Gebieten der Welt Frieden zu bringen und die steigende Flut
der Rüstungen und der Zwietracht zurückzudrängen. Der Schah und ich teilen
die Hoffnung, daß im Nahen Osten bald der Frieden einkehren wird

und daß,

so wie unser militärisches Bündnis unerschütterlich bleibt, wir in der Lage
sein mögen, den Stand der Spannungen und der Rüstungen in der ganzen Welt
abzubauen. Die Interessen unserer Länder sind auf den Interessen des einzelnen
aufgebaut. Und in all unseren - öffentlichen und privaten - Gesprächen unterstreichen wir die Garantie der vollsten wirtschaftlichen und politischen
Menschenrechte für unsere Bürger. Ich hege herzliche persönliche Gefühle für
die führenden Persönlichkeiten des Iran, und ich bringe dem Volke dieses
großen Landes die besten Neujahrsgrüße der Vereinigten Staaten. Ich danke
Ihren Majestäten für diesen herzlichen und gastfreundlichen Empfang.
+ + + + +

- 2 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS BEI SEINER ANKUNFT IN INDIEN

NEU DELHI - AD - Präsident Jimmy Carter gab bei seiner Ankunft auf dem
Flughafen von Neu Delhi am 1. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Herr und Frau Präsident Reddy, Herr Ministerpräsident Desai, verehrte
Mitglieder der führenden Gruppe in Indien, meine Herren Diplomaten und
Volk dieses großen Landes.
Es ist mir sicherlich eine große Freunde, mein eigenes Neujahr mit meiner
Ankunft hier in Indien zu beginnen, um neue Freunde zu gewinnen. Meine Mutter,
die dieses Land und sein Volk sehr tief liebt, hat mir von der Herzlichkeit
und Freundschaft des indischen Volkes erzählt.
Sie erfuhr sie in den Jahren, in denen sie hier Dienste leistete,und
erneut vor einigen Monaten in einer Zeit der Trauer, als sie mich e.ls Präsidenten und das Volk der Vereinigten Staaten bei der Bestattung Ihres
früheren Präsidenten vertrat.
Ich weiß, daß ich mich hier zu Hause fühlen werde aufgrund all der Dinge,
die die Vereinigten Staaten und Indien gemeinsam haben - der Bedeutung, die

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�die wir in unserer Geschichte und am heutigen Tage den grundlegenden
moralischen Werten beimessen - unserem gemeinsamen Glauben an die Demokratie
und ihre tägliche Praxis, unserer beiderseitigen Verpflichtung gegenüber
dem Weltfrieden und seinen wesentlichen Grundlagen, einer gerechteren
politischen und wirtschaftlichen Ordnung unter den großen und kleinen,
reichen und armen Nationen, unserem Anliegen der Hilfe für jene, die am
meisten in Not sind, ob sie unsere unmittelbaren Nachbarn sind

oder ob

sie weit weg von unserem eigenen Lande wohnen, der geographiscnen Größe
und der potentiellen und wirtschaftlichen Stärke unserer beiden Nationen,
und unserer Bereitschaft, gelegentlich, Herr Präsident, andere zu kritisieren aber noch mehr uns selbst zu kritisieren, aus der Erkenntnis heraus, daß
wir immer selbst die hervorragenden Leistungen, die unsere Völker erbracht
haben, noch verbessern können.
Ich freue mich sehr, von Ihnen, einem so hervorragenden Führer, begrüßt
zu werden. Und aufgrund unseres Briefwechsels im vergangenen Jahr betrachte
ich auch bereits Ministerpräsident Desai als einen persönlichen Freund. Ich
bin glücklich, Sie und ihn jetzt persönlich begrüßen zu können. Ich weiß,
daß er ein Mann großen Mutes, der Aufrichtigkeit und der Hingabe ist.
Wir werden mit den führenden Vertretern der indischen Regierung viel zu
besprechen haben. Unsere beiden Nationen wissen, daß eine interdepente Welt
jeden Tag und jedes Jahr unserer Amtszeit eine enge Zusammenarbeit und Konsultation unter den führenden Persönlichkeiten erfordert. Ich bin für diese
Gelegenheit, Ihr großes Land zu besuchen, und persönlich die größte Demokratie
der Erde kennenzulernen sicherlich sehr dankbar.
Lassen Sie mich, Herr Präsident, im Namen des amerikanischen Volkes sagen,
daß wir sehr glücklich sind, unsere Freundschaften zu erneuern, neue Freundschaften zu schließen, und Ihren herzlichen Willkommensgruß und auch Ihren
Wunsch zu erwidern, daß wir beide zusammen und die gesamte Welt ein gutes
neues Jahr und eine Welt in Frieden erleben mögen.
+ + + + +
- 2 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM INDISCHEN PARLAMENT

NEW DELHI - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 2. Januar 1978 vor dem
indischen Parlament eine vielbeachtete Ansprache gehalten, die folgenden Wortlaut hat:
Ich stehe hier vor Ihnen in diesem Haus, dem Sitz der großen gesetzgebenden Körperschaften der Erde, mit Gefühlen tiefer Freundschaft und Achtung.
Ich entbiete dem Volk der größten Demokratie, der Republik Indien, die
herzlichen Grüße und besten Wünsche des Volkes der zweitgrößten Demokratie
der Erde, der Vereinigten Staaten.
Vor nicht sehr langer Zeit mußten die Regierungen unserer beiden Völker
Perioden ernster Krisen durchstehen.

Auf verschiedene Weise waren die Werte,

für die so viele Menschen gelebt haben und gestorben sind, in Gefahr geraten;
auf verschiedene Weise haben, auf gegenüberliegenden Seiten des Erdballs,
diese Werte schließlich triumphiert.
Es wird manchmal argumentiert, der moderne Industriestaat - mit seinem
Materialismus, seiner zentralisierten Bürokratie und den technischen Kontroll•

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�Kontrollmechanismen, die ihren Machthabern zu Gebote stehen - müsse zwangsläufig die demokratischen Ideale aus dem Auge verlieren.
Die jüngsten Erfahrungen meines Landes haben dieses Argument auf die
Probe gestellt.

Das Ergebnis war eine Bestätigung der Freiheit und des Kon-

zepts der Selbstregierung.
Das gegenseitige Argument wird eher noch häufiger vorgebracht.

Es gibt

Leute, die sagen, die Demokratie sei eine Art Spielzeug für Reiche - die Armen wären nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, ihr überleben sicherzustellen,
um sich um den Luxus der Freiheit und des Rechts auf die Wahl einer eigenen
Regierung zu kümmern.
Dieses Argument wird überall auf der Welt immer wieder vorgebracht meistens, wie ich festgestellt habe, von Personen mit vollen Bäuchen, die von
Positionen der Bevorrechtigung und Macht innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften
aus sprechen.
Dieses Argument erinnert mich an eine Erklärung, die einer der großen
Präsidenten der Vereinigten Staaten abgegeben hat.
einmal:

Abraham Lincoln sagte

"Wenn immer ich jemand die Sklaverei befürworten höre, wünsche ich,

man möge sie an ihm selbst erproben."
Die Erfahrungen in Indien und Amerika sprechen eine klare Sprache.

Sie

besagen, daß es mehr als nur eine Form des Hungers gibt und daß sich weder
Reiche noch Arme satt fühlen, wenn sie nicht an Körper und Geist gleichermaßen ernährt werden.
Ist die Demokratie wichtig? Wird die menschliche Freiheit von allen
Völkern geschätzt? Indien hat seine positive Antwort auf diese Fragen mit
Donnerstimme erteilt - mit einer Stimme, die überall auf der Erde gehört wurde. Im März vergangenen Jahres geschah hier in diesem Lande insofern etwas
Bemerkenswertes, als nicht irgendeine besondere Partei in den Wahlen gewon- 2 -

�gewonnen oder verloren hat, sondern weil sich meines Erachtens die größte
Wählerschaft der Erde ihre eigene Führerschaft frei und klug an den Wahlurnen selbst erwählt hat.

In diesem Sinne war die Demokratie der eigent-

liche Sieger.

Gemeinsam sind wir uns darin einig, daß die politische Freiheit die
Lokomotive des Fortschritts ist.

Indien und Amerika teilen sich in ihre prak-

tischen Erfahrungen mit der Demokratie.

Wir in den Vereinigten Staaten sind

stolz darauf, daß wir die politische Einheit eines Volkes verwirklicht haben,
dessen Urväter aus allen Gebieten der Erde gekommen sind.

Unser System ist

bestrebt, die Rechte einer großen Zahl von Minoritäten zu beachten - darunter
übrigens auch eine zunehmende und leistungsstarke Gruppe von Familien aus
Indien.

Die Gefahr für die politische Einheit ist jedoch hier eher noch größer.
Was die Unterschiede in Sprache und Religion, in den politischen Ansichten
und unter rassischen und kulturellen Gruppen angeht, ist Indien dem europäischen
Kontinent vergleichbar, dessen Bevölkerung etwa gleich stark ist wie die Indiens.

Indien hat ein ganzes Mosaik von Volksgruppen zu einem einheitlichen
Staat zusammengeschmiedet, der vielen Gefährdungen seines Bestandes als Nation
und Demokratie standgehalten hat.

Das ist sicherlich eine der größten po-

litischen Leistungen dieses Jahrhunderts und aller Zeiten.

Indien und die Vereinigten Staaten sind sich in der Achtung vor dem
Recht der freien Rede einig, die Mahatma Gandhi den "Grundstein der 'Swaraj'"
- der Selbstregierung - genannt hat.

Das gleiche gilt für die akademische

Freiheit, die Organisationsfreiheit der Gewerkschaften und die Presse- und
Religionsfreiheit.

Alle diese Rechte werden durch internationale Vereinbarungen sanktioniert.

Es gibt wenige Staaten, die nicht wenigstens ein Lippenbekenntnis zu
- 3 -

�zu ihnen ablegen.

Und dennoch, um Gandhi einmal mehr zu zitieren, hat "kein

Prinzip nur im Abstrakten und ohne konkrete Anwendung echte Bedeutung."
In Indien wie in den Vereinigten Staaten finden diese Rechte konkrete Anwendung - und haben auch echte Bedeutung.

In Wahrung dieser Rechte haben

sich unsere beiden Länder für ähnliche politische Wege zur Erschließung ihrer Ressourcen und Verbesserung der Lebensverhältnisse ihrer Völker entschieden.
Der Unterschied zwischen unseren Ländern beschränkt sich in dieser Hinsicht auf das Ausmaß, in dem das Wirtschaftswachstum einerseits durch staatliche Unternehmen und andererseits durch die Privatwirtschaft vorangetrieben
wird.

Wichtiger aber als dieser Unterschied ist unser gemeinsamer Glaube,

daß die politischen Strukturen, innerhalb derer die Entwicklung stattfindet,
demokratischer Natur sein und die Menschenrechte jedes einzelnen Bürgers respektieren müssen.
Unsere beiden Länder stimmen auch darin überein, daß die menschlichen
Bedürfnisse von den Menschenrechten untrennbar sind - daß die bürgerlichen
und politischen Freiheiten an sich gut sind, aber doch jenen Menschen, für
die das physische überleben nicht Gegenstand täglicher Sorge bildet, sehr
viel mehr nützen und bedeuten.
Genug Nahrungsmittel zu haben, um leben und arbeiten zu können, ein
angemessenes Dach über dem Kopf zu haben und ausreichend gekleidet zu sein,
in einer gesunden Umwelt zu wohnen und im Krankheitsfälle versorgt zu werden,
zu lernen und unterrichtet zu werden - auch um diese Rechte müssen sich unsere
Regierungen kümmern. Dieser Forderung nachzukommen, setzt ein ordnungsgemäßes
wirtschaftliches Wachstum voraus. Wenn die Früchte des Wachstums aber jenen
zugute kommen sollen, die ihrer am dringendsten bedürfen, gewinnt die soziale
Gerechtigkeit entscheidende Bedeutung.
Indien ist dabei, diese historische Aufgabe erfolgreich zu lösen.
seine Wirtschaft vor großen Problemen steht, ist kein Geheimnis, und der
- 4 -

Daß

�der Westen weiß auch, wie ernst diese sind.

Weit weniger weiß man, wie erfolgreich die indische Sozial- und Wirtschaftspolitik ist.

In der Generationsspanne, die seit Erlangung seiner

Unabhängigkeit verstrichen ist, hat Indien hierin außerordentliche Erfolge
erzielt.

Indien ist heute eine große Industriemacht.
hört zu den zehn größten der Welt.

Seine Volkswirtschaft ge-

Das Land ist auf dem Verbrauchsgüter-

sektor und hinsichtlich einer großen Zahl von Eisen- und Stahlprodukten praktisch autonom.

Es hat in fast allen wichtigen Industriezweigen bemerkenswerte

Produktionssteigerungen zu verzeichnen - Produktionssteigerungen, die einer
hochtechnisierten Wirtschaft gemäß sind.

Diese Art von Wachstum macht den

Versuch doppelt wichtig, bestehende Handelsschranken abzubauen, den bilateralen Handel auszuweiten und einen größeren Anteil an der gemeinsamen Verantwortlichkeit für das Welthandelssystem zu übernehmen.

Am wichtigsten aber sind die Verbesserungen der allgemeinen Lebensverhältnisse, die auch dem kleinen Mann zugute kommen.

Seit Erlangung der Unab-

hängigkeit ist die Lebenserwartung in Indien um 20 Jahre gestiegen.
fährdung durch größere Epidemien hat sich verringert.

Die Ge-

Der Anteil derer an der

Gesamtbevölkerung, die lesen und schreiben können, hat sich verdoppelt.

Wäh-

rend in den ersten Jahren nach Erlangung der Unabhängigkeit nur jedes dritte
indische Kind zur Schule ging, werden heute 90 Prozent aller Kinder im Grundschulalter unterrichtet; die Zahl der Universitätsstudenten hat sich verneunfacht.

Ich erwähne diese Fortschritte deshalb, weil wir dazu neigen, sie über
der Beschäftigung mit aktuellen Problemen zu übersehen, die zu Recht einen
Großteil unserer Aufmerksamkeit beanspruchen.

Indiens Schwierigkeiten, die wir vielfach aus eigener Erfahrung kennen
und die typisch für die Probleme aller Entwicklungsländer sind, erinnern uns
- 5 -

�uns an die Aufgaben, die noch vor uns liegen.
Indiens Erfolge aber sind nicht weniger wichtig - schon weil sie die
Theorie entschieden widerlegen, daß sich Entwicklungsländer eine autoritäre
oder totalitäre Staatsform zulegen und die geistigen Schäden hinnehmen müssen,
die diese Art von Herrschaft mit sich bringt, wenn sie wirtschaftliche und soziale Fortschritte erzielen wollen.
Die Aufgaben, vor die sich Ihr Land gestellt sieht, sind gewaltig - wie
die Inder selbst als erste zu bestätigen bereit sind.

Wir alle wissen, daß

das Wohl und Wehe eines Landes von seinen eigenen Anstrengungen abhängt.
Wir wollen uns gemeinsam mit Ihnen für die Aufrechterhaltung und Verbesserung unserer wertvollen und reifen Partnerschaft der politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit einsetzen.
Es ist eine ernüchternde Tatsache, daß auf diesem Subkontinent mit einer
Bevölkerung von Hunderten von Millionen nur einige wenige amerikanische Geschäftsleute am täglichen Wirtschaftsleben teilnehmen. Wir müssen weitere
Bereiche ausfindig machen, auf denen wir zum gegenseitigen Vorteil und zum
Vorteil der ganzen Welt zusammenarbeiten können.
•

Auf dem Gebiet der Entwicklung hat mich der schöpferische Kurs, den Ihre
Regierung in der Erklärung zur Neuen Wirtschaftspolitik aufzeigte, sehr
beeindruckt. Sie haben Ihr Volk eindeutig auf die Aufgabe der Verbesserung
der Landwirtschaft und die Schaffung neuer Arbeitsplätze auf dem Agrarsektor
verpflichtet. Diese Politik durchläuft gegenwärtig die Phase ihrer praktischen
Verwirklichung und insbesondere den Test, ihre Früchte an die ärmsten Teile
der Bevölkerung auf dem Lande weiterzureichen. Die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit der Verpflichtung auf diese Aufgabe gibt Anlaß zu Optimismus.
Der neue Kurs Ihrer Regierung entspricht genau unserer eigenen Auffassung,
die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse müsse bei der Ent- 6 -

�Entwicklung Vorrang genießen. Wir möchten von Ihnen lernen und sind bereit,
überall dort mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wo dies möglich ist.
Im Bereich der Landwirtschaft gibt es Bereiche vielversprechender Technologien, auf denen wir zusammenarbeiten können. Nach einem Jahrzehnt der
Getreideeinfuhren weist Indien heute einen Überschuß von nahezu 20 Millionen
Tonnen auf - dank der steigenden Produktivität Ihrer Landwirtschaft und einer
kompetenten Verwaltung.
Wir heißen das Getreidebevorratungsprogramm gut, das Ihr Land in Angriff
genommen hat, und wir sind gerne bereit, uns mit Ihnen in unsere Ressourcen
und Erfahrungen im Umgang mit den aus überschlissen resultierenden Lagerproblemen zu teilen. Unsere Länder müssen sich in die vorderste Front der Bemühungen einreihen, eine internationale Nahrungsmittelreserve aufzubauen,
die die Angst vor Hunger in der übrigen Welt besänftigen könnte.
Dabei sollten wir nicht übersehen, daß die Überschüsse von heute voraussichtlich ein zeitlich begrenztes Phänomen sind. Nach zuverlässigen
Schätzungen wird die Welt angesichts der raschen Bevölkerungszunahme schon
Mitte der achtziger Jahre von einer großen Nahrungsmittelknappheit bedroht
sein, wenn es uns nicht gelingt, die Produktionskapazität der Landwirtschaft
erheblich zu erweitern.
Die besten Aussichten zur Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft bestehen in Indien und anderen Entwicklungsländern. Es gilt, diese
Möglichkeiten zu nutzen - nicht nur, damit die Inder mehr zu essen haben,
sondern zu dem Zweck, daß Indien hierin auch in Zukunft autark bleiben und
vielleicht sogar Nahrungsmittel nach Ländern mit geringerem landwirtschaftlichen Potential exportieren kann.
Amerika und Indien haben auf dem Agrarsektor in enger Zusammenarbeit
denkwürdige Leistungen erzielt. Dennoch gibt es noch immer ein großes brachliegendes Potential, das in erweiterter Zusammenarbeit erschlossen werden
könnte.
T ,

�Ich hätte es gerne, wenn ein intensiveres Agrarforschungsprogramm zustande käme, das auf Produktivitätssteigerungen in Indien und Verbesserungen
der Entwicklungsmethoden abzielt, die auch in anderen Ländern angewandt werden können.

Dieses Programm könnte von den landwirtschaftlichen Hochschulen

unserer beiden Länder ausgehen, sollte sich aber auf den gesamten Bereich der
Agrarforschung erstrecken.

Ich meine ferner, wir sollten über die Forschung

hinausgreifend gemeinsame Entwicklungsprojekte aufstellen, in deren Rahmen
die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten erprobt und praktisch genutzt werden
könnten.

Ministerpräsident Desai und ich könnten unsere Regierungen anweisen,

ihr Augenmerk verstärkt auf diese Fragen zu lenken und in den nächsten Monaten spezifische Vorschläge zu unterbreiten.
Eines der Gebiete, in dem die internationale Zusammenarbeit am ehesten
Erfolg versprechend erscheint, sind Ostindien und Bangladesh, wo die Nahrungsmittelproduktion durch den Wechsel von Perioden der Trockenheit und Überschwemmung schwere Einbußen erleidet.
Millionen Menschen:

In diesem Gebiet leben mehrere Hundert

Bürger Indiens, Bangladeshs und Nepals und darüber hin-

aus auch Bürger der Weltgemeinschaft.

Dieser wiederum liegt sehr viel daran,

daß deren Bedürfnisse befriedigt werden.
Große Fortschritte wurden bereits auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft
erzielt.

Wir sind zur Hilfe bereit, sollten die Staaten dieser Region eine

Untersuchung wünschen, um festzustellen, wie die Völkergemeinschaft in Zusammenarbeit mit den Ländern Südasiens den Menschen dieses Raumes helfen, damit
sie lernen, Wasser aus Flüssen und Bergen dazu zu verwenden, jenen Produktivitätsgrad zu erreichen, den dieser Landstrich und seine Bewohner den naturgegebenen Voraussetzungen nach an sich erzielen könnte.
Ein fortgesetztes wirtschaftliches Wachstum setzt sowohl eine ausreichende
Energiebasis als auch eine ertragsreiche Landwirtschaft voraus.

Die Energie-

versorgung ist in unseren beiden Ländern ein ernstes Problem, da wir beide Ol
in einem Ausmaß importieren, das die Gesundheit unserer Wirtschaft bedroht
und uns den Gefahren einer Unterbrechung der Zulieferungen aussetzt. Ameri-

�Amerikanische Firmen arbeiten gemeinsam mit indischen Unternehmen an der Erschließung der Ölvorkommen vor der Küste unweit von Bombay.
Wir arbeiten ferner seit längerem gemeinsam an der Entwicklung der Kernenergie - einem weiteren wichtigen Element der indischen Energieplanung.

Ich

hoffe, daß unsere Zusammenarbeit auf diesem Gebiete weitergehen wird.

Darüber hinaus sind wir bereit, mit Ihnen in der Entwicklung erneuerungsfähiger Energiequellen - insbesondere in der Frage der Nutzung der Sonnenenergie - zusammenzuarbeiten.
unsere

Die Kooperation auf diesem Gebiet könnte für

beiden Länder eine ganz beträchtliche Hilfe sein.

Indien hat keinen

Mangel an Sonnenschein; das Fehlen einer umfassenden, auf der Verwendung fossiler Brennstoffe basierenden Infrastruktur wird die Nutzung der Sonnenenergie
und damit verbundenen anderweitiger Energieformen erheblich leichter machen
als in meinem Land.

Das naturgegebene dezentralisierte Vorkommen von Sonnen-

energie läßt diese zum idealen Gegenstand der Bestrebungen Ihrer Regierung
werden, Dörfer und Gemeinden energieautark zu machen.

Eine ausreichende

Energieversorgung und die Anwendung geeigneter technischer Methoden bei der
Nutzung der vorhandenen Bodenschätze werden die Aussichten auf Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft erheblich verbessern.

Die stumme Leere des Weltraums mag als weit abliegend von diesen Aufgaben
angesehen werden - dennoch können sich die komplizierten elektronischen Systeme
eines Raumsatelliten für Farmer überall auf der Erde als ebenso nützlich erweisen wie ein neuer Pflug.

Die indische und die amerikanische Regierung werden morgen in einem
diplomatischen Notenaustausch festlegen, daß die Vereinigten Staaten ihren
Landsat-Satelliten - einen Satelliten zur Aufspürung von Rohstoffvorkommen dahingehend programmieren werden, daß er Meßdaten direkt an eine Empfangsstation weitergeben wird.
Dieser

�Dieser Satellitendienst wird Indien mit umfassenden topographischen,
die Mineral vorkommen betreffenden Informationen und mit aktuellen Angaben
über die sich rasch verändernden Bedingungen hinsichtlich der Landwirtschaft,
des Wasserhaushalts und anderen natürlichen Hilfsquellen versorgen.

Aufgrund

der Bestimmungen der diesbezüglichen Vereinbarungen wird Indien seinen
Nachbarstaaten alle Informationen zugänglich machen, die diese betreffen.
Indien hat sich zudem Raum an Bord der amerikanischen Raumfähre reservieren lassen, um im Jahre 1981 unter Verwendung eines auf spezifisch indische Bedürfnisse programmierten Satelliten ein heimisches Kommunikationssatellitensystem aufzubauen.

Wir freuen uns, daß unsere Raumfahrttechnik

im Verein mit der weit fortgeschrittenen indischen Raumkommunikationstechnik
Gelegenheit erhält, der Sache des praktischen Fortschritts in Indien zu dienen.
Die zunehmende Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem Gebiet sollte in
einem erweiterten Wissen beider Völker und Kulturen voneinander verwurzelt
sein. Der Wissenschaftsaustausch zwischen unseren beiden Ländern bereicherte
das Leben der Amerikaner, die an ihm teilgenommen haben; dasselbe gilt, wie
ich hoffe, für die beteiligten Inder. Ich wünsche, daß der Personen- und
Informationsaustausch zwischen unseren beiden Ländern in Zukunft intensiviert
und weiter ausgedehnt werden wird.
Wir Amerikaner wissen, wieviel wir in Kultur und Kunst dazuzulernen haben. Außer Indien haben uns auch das übrige Asien, Afrika und der Nahe Osten
in dieser Hinsicht vieles zu bieten. Ich hoffe, die Aussichten der Bürger
der Vereinigten Staaten, die unterschiedlichen Kulturen der Nationen in diesem Teil der Welt kennenzulernen, erheblich verbessern zu können.
Was die Weltpolitik angeht, so hat die Geschichte unseren beiden Ländern
verschiedene Rollen zugewiesen. Die Vereinigten Staaten sind eine der beiden
sogenannten Supermächte; Indien ist das größte der blockfreien Länder. Wir
respektieren beide die Auffassung des anderen von seinen jeweiligen interna- 10 -

�internationalen Verantwortung.

Die Werte, in die wir uns teilen, bilden

die Grundlage unserer Zusammenarbeit in dem Bestreben, die großen weltweiten
Probleme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, der Menschenrechte und der Verhinderung von Kriegen zu lösen.

Die Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Welt und der Aufbau einer
neuen weltwirtschaftlichen Ordnung müssen auf eine Art und Weise erfolgen,
die konstruktive Entwicklungen statt fruchtloser Konfrontationen möglich
machen.

Jedes Land wird Schaden nehmen, wenn wir es zulassen, daß der Nord-

Süd-Dialog ergebnislos abgebrochen wird.

Weil Indien Entwicklungsland und Industriemacht zugleich ist, sind Sie
in der einzigartigen Position, eine konstruktive internationale Diskussion
über Fragen des Handels, der Energieversorgung, der Investitionen, der Zahlungsbilanzen und der Technologie sowie über andere Punkte in Gang zu setzen.
Ich begrüße es, wenn Sie diese Rolle spielen.

Ich weiß, daß wir gelegentlich in spezifischen Fragen und selbst bezüglich der generellen Einstellung zu größeren Problemen unterschiedlicher Auffassung sind.

Dennoch werden uns, wie ich hoffe und glaube, unsere gemein-

samen Interessen und die gemeinsame Verpflichtung auf demokratische Werte
helfen, in wichtigen weltweiten und auch bilateralen Fragen einer Einigung
näher zu kommen.

Keine unserer beiden Länder aber ist darauf aus, auf den Kurs des anderen einzuschwenken, es sei denn in der Verfolgung der Ziele des Friedens
und der Gerechtigkeit.

Wir können uns jedoch gegenseitig helfen,

Differen-

zen im Verhältnis zu anderen Ländern auszuräumen.

Unsere beiden Länder sind Teil einer demokratischen Welt, die Völker
auf allen Entwicklungsstufen einschließt:
Lanka und Costa Rica.

von Schweden und Japan bis Sri

Wir haben viele Probleme gemeinsam.

Wir teilen uns

in die Verpflichtung, die Menschenrechte durchzusetzen - nicht in der Weise,
- 11 -

�Weise, daß wir uns in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen, und
auch nicht, indem wir anderen Ländern das Recht streitig machen, ihr eigenes politisches und wirtschaftliches System selbst zu bestimmen, sondern
indem wir die Wahrheit verfechten, wie wir sie sehen, und indem wir ein nachahmenswertes Beispiel dessen geben, was Demokratie bedeuten und bewerkstelligen kann.
Die Gefahr eines Krieges bedroht jedermann.

Die Vereinigten Staaten

sind bestrebt, an der Verminderung dieser Gefahr mitzuwirken:

in den SALT-

Verhandlungen mit der Sowjetunion, in den Gesprächen um das Zustandekommen
eines Vertrags über einen umfassenden Atomversuchsstopp und in unserer Politik der Zurückhaltung bezüglich der Liferungen konventioneller Waffen.
Wir sind ernsthaft bemüht, die Weiterverbreitung von Kernbrennstoffen
streng zu begrenzen.

Wir sind darauf bedacht, den Frieden in Afrika und im

Nahen Osten zu fördern.

Und wir haben Schritte unternommen, eine Rivalität

der Großmächte im Indischen Ozean zu verhindern.
Indien hat sich zur friedlichen Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn verpflichtet, und Indien leistet einen wichtigen Beitrag zu fast allen Friedensstreitkräften der Vereinten Nationen.

Es ist gegenwärtig, wie schon mehr-

mals, Mitglied des UN-Sicherheitsrates, und es steht seit langem schon in
der vordersten Front des Kampfes gegen Kolonialismus und Apartheid.
Immer häufiger stellen wir fest, daß wir gemeinsam auf gemeinsame Ziele
hinarbeiten: Demokratie, Verbesserung des Loses der Menschen, soziale Gerechtigkeit und Frieden.
Das Motto meines Landes lautet "In God we Trust" - Wir vertrauen auf
Gott.

Indiens Motto heißt "Satymev Jayte" - Die Wahrheit allein obsiegt.

Meines Erachtens manifestiert sich die Gemeinsamkeit unserer grundlegenden
Wertvorstellungen darin, daß Ihr Motto das Unsere und unser Motto wohl auch
das Ihre sein könnte.

Unsere Völker teilen die gemeinsamen Zielsetzun- 12 -

�Zielsetzungen des Friedens in der Welt und der Besserung des Loses der
Menschen in unseren eigenen Gesellschaften.

Wir teilen uns darüber hinaus

in die Überzeugung, daß die Mittel zur Erreichung dieser Ziele mit den Prinzipien der Freiheit, der Menschenwürde und der sozialen Gerechtigkeit ebenso in Einklang stehen müssen wie diese Ziele selbst.

Diese Affinität der Auffassungen ist ein so starkes Bindeglied zwischen
zwei Nationen, wie es nur möglich ist.

Die Wertvorstellungen, die Indern und

Amerikanern gemeinsam sind, haben mein eigenes Leben tief berührt.

Ich kom-

me zu Ihnen als Führer meines Landes in der Hoffnung, daß mein Besuch eine
neue bedeutsame Phase in den sich ständig bessernden Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern einleiten wird.

In einem mehr persönlichen Sinne

aber - in einem Sinne, der mir sehr am Herzen liegt - komme ich als Pilger.

Heute morgen hatte ich die Ehre, einen Kranz am Denkmal Mahatma Gandhis
niederzulegen.

An diesem heiligen Ort, der so einfach und heiter ist, er-

innerte ich mich daran, wie Gandhis Lehren das Leben von Millionen Menschen
in meinem eigenen Land angerührt haben.

In meiner Jugend, die ich auf einer Farm in Georgia im Herzen des Südens
der Vereinigten Staaten verbracht habe, stand wie eine unsichtbare Mauer die
Rassentrennung zwischen mir und meinen schwarzen Spielgefährten, sobald wir
das Schulalter erreicht hatten.

Man konnte glauben, daß diese Mauer auf

ewig fortbestehen würde.

Es hatte aber nur den Anschein.

Sie zerbröckelte und stürzte zusammen.

Wenngleich ihre Trümmer noch nicht vollständig abgetragen sind, trennen ihre
Überbleibsel heute nicht mehr den einen vom anderen, und sie üben auch keinen
verderblichen Einfluß mehr auf das Leben von Menschen auf beiden Seiten aus.

Unter den vielen, die wegen des Übels rassischer Vorurteile auf die
Straße gingen, unter ihm litten und Zeugnis wider es ablegten war Dr. Martin
Luther King, Jr., ein Sohn Georgias und ein geistiger Schüler Mahatma Gandhis,
der Größte.

Der

- 13 -

�Der wichtigste Einfluß im Leben und Werk Kings war, abgesehen von seinem
religiösen Glauben, das Leben und Werk Gandhis.

Martin Luther King übernahm

Gandhis Konzept des Ahimsa und Satygraha - das Konzept der Gewaitlosigkeit und
der Kraft der Wahrheit - und brachte es im Süden Amerikas zur praktischen Anwendung.
Wie Gandhi hielt auch King die Wahrheit und die Liebe für die stärksten
Kräfte des Universums.

Wie Gandhi wußte auch er, daß einfache Menschen - nur

mit ihrem Mut und ihrem Glauben bewaffnet - fähig sind, Ungerechtigkeiten dadurch zu überwinden, daß sie an den göttlichen Funken im Herzen selbst von
Übeltätern appellierten.
Wie Gandhi haben wir alle erfahren, daß ein System der Unterdrückung
jenen, die an seiner Spitze stehen, ebenso zum Schaden gereicht wie jenen,
die sich unten an seiner Basis finden.

Für Martin Luther King wie für Mahatma

Gandhi war die Gewaitlosigkeit nicht lediglich eine Methode der Politik, sondern eine Lebensform und ein geistiger Weg zur Vereinigung mit dem Höchsten.
Diese Männer stellten eine Norm des Mutes und des Idealismus auf, die
wenige unter uns zu erfüllen vermögen, die uns allen aber Quelle der Inspiration und Anstoß zu Beharrlichkeit sein kann.

Die Bewegung der Gewaitlo-

sigkeit im Kampf für Rassengerechtigkeit in den Vereinigten Staaten - eine
Bewegung, die in hohem Maße von den Lehren und vom Beispiel Gandhis und anderer führender indischer Persönlichkeiten inspiriert wurde - hat mein eigenes Leben und das Leben von Millionen meiner Landsleute verändert und bereichert.
Sie werden mir sicherlich verzeihen, wenn ich hierüber in solcher Breite
spreche. Ich tue dies, weil ich Ihnen verständlich machen möchte, daß es mir
eine Herzens- und nicht lediglich eine Verstandesangelegenheit ist, wenn ich
von der Freundschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Indien spreche.
Ich spreche hiervon aber im tiefen und unmittelbaren Bewußtsein dessen, was
die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in der Vergangenheit bedeutet

�bedeutet haben und was sie in Zukunft bedeuten können.
Für den Rest dieses Jahrhunderts bis in das nächste Jahrhundert hinein
werden sich die demokratischen Staaten der Erde einander in verstärktem Maße
zuwenden, wenn es darum geht, eine Antwort auf die dringendste gemeinsame
Frage zu finden: Wie können wir unsere politischen und geistigen Werte als
Grundlage für den Abbau der sozialen und wirtschaftlichen Belastungen benutzen,
denen wir zweifellos ausgesetzt sein werden.
Die Erfahrung der Demokratie ist wie die Erfahrung des Lebens selbst:
sich ständig verändernd, unendlich in ihrer Vielfalt, gelegentlich turbulent
und umso wertvoller deshalb, weil sie aus widrigen Umständen erwuchs.

Wir

teilen uns mit Ihnen in diese Erfahrung, und wir leiten Stärke aus ihr.
Welche Unterschiede auch immer zwischen meinem Lande und dem Ihren bestehen mögen, wir bewegen uns beide auf dem Weg der Demokratie auf das gemeinsame Ziel der Verbesserung des Loses der Menschen hin.
Ich weiß, daß ich im Namen aller Amerikaner spreche, wenn ich hier erkläre, wie dankbar ich dafür bin, daß wir diesen Weg gemeinsam gehen.

- 15 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

DEKLARATION VON DELHI

NEU DELHI - AD - Die von Presseamt des Weißen Hauses am 3. Januar 1978
veröffentlichte Deklaration von Delhi hat folgenden Wortlaut:
Indien und die Vereinigten Staaten von Anerika sind sich trotz Unterschieden in Geschichte und Kultur eins in der Anerkennung, daß die letztliche Sanktion der Macht und der öffentlichen Politik in der Achtung vor
der Würde und den Wohlergehen des Einzelnen beruht. Unbeschadet seiner Rasse,
seines Geschlechts, seiner Religion oder seines sozialen Status hat jedes
menschliche Wesen ein Recht auf Leben und bürgerliche Freiheit, auf Freiheit
von Not und - ohne Bedrohung und Zwang - auf Freiheit der Meinung und des
religiösen Kultus.
Wir teilen den unerschütterlichen Glauben an die demokratische Regierungsform, die allen Bürgern die fundamentale

Freiheit unter dem Gesetz garantiert,

sowie das Recht, ihre Vertreter zu wählen und über die eigene Zukunft selbst
zu bestimmen.
Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, daß eine kooperative und stabile

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�stabile Weltordnung von den Recht eines jeden Volkes abhängig ist, seine
eigene Regierungsform zu wählen, sowie von den Recht jeder Nation auf ihren
eigenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Weg.
•

Wir sind erfreut, daß der Prozeß der Entkolonialisierung das internationale Staatensystem demokratisiert und damit den meisten Nationen zum
erstemal die Chance gegeben hat, an den EntScheidungsprozessen in bazug
auf internationalen Frieden

und Zusammenarbeit teilzunehmen.

Die Ungleichheiten, die bezüglich der wirtschaftlichen Stärke

zwischen

den Nationen bestehen, müssen überbrückt und es muß eine gerechtere internationale Wirtschaftsordnung geschaffen werden, wenn wir den Weltfrieden
sichern wollen.
Wir sind uns bewußt, daß eine breitangelegte wirtschaftliche Entwicklung für einen modernen Staat wesentlich ist, sind uns aber auch bewußt,
daß ein solcher Fortschritt hohl ist, wenn jeine Früchte nicht die gesamte
Bevölkerung erreichen.
Die heutige Welt verfügt über das wissenschaftliche und technische
Vermögen, um die Lebensqualität zu bereichern und größere soziale Gerechtigkeit innerhalb der Nationen und unter ihnen zu schaffen. Wir appellieren
an die interdependente Gemeinschaft der Völker, zusammenzuarbeiten, um das
gemeinsame Erbe an Ressourcen und heiler Umwelt auf unserem Planeten zu
schützen und zu pflegen.
Wir erklären, daß Krieg kein akzeptables Mittel zur Lösung politischer
Streitfragen ist. Unsere Länder werden ihr Äußerstes tun, um Streitigkeiten
mit anderen in gütlicher Form zu regeln und im Rahmen der Vereinten Nationen
bei der Lösung von Streitfällen anderer mitzuhelfen.
Das Gespenst des Kriegs hat zu lange über der Welt gelastet. Bestehende
Kernwaffenarsenale müssen reduziert und schließlich gänzlich beseitigt werden,

- 2 -

�werden

und der Gefahr einer Proliferation der Kernwaffen muß Einhalt geboten

werden. Außerdem muß jede Anstrengung unternommen werden, um in immer
weiterem Maße die konventionellen Waffen zu reduzieren und die auf diese
Weise freigesetzten produktiven Kräfte für eine Verbesserung der Lage der
Menschheit umzuleiten. Wir verpflichten uns unsererseits, auf diese Ziele
hinzuarbeiten.
über die Bereiche der Politik und Wirtschaft hinaus bietet die Welt heute
Gelegenheiten für einen freieren und umfassenderen Austausch auf geistigem
und wissenschaftlichem Gebiet. Freiheit der Ideen und die Förderung von
kulturellem und künstlerischem Zusammenwirken in einer Welt, in der der Geist
ohne Furcht ist, kann eine Atmosphäre schaffen, in der Toleranz und Verständnis gedeihen können.
über die traditionellen Ideen des Staatswesens hinaus sind sich Inder
und Amerikaner der Verpflichtung gegenüber sich selbst und anderen bewußt,
daß der

Zweck niemals die Anwendung schlechter Mittel rechtfertigen kann.

Nationen sind wie Einzelmenschen für ihre Handlungen moralisch verantwortlich.

+ + + + +

- 3 -

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS ANLÄSSLICH DER UNTERZEICHNUNG DER DEKLARATION VON DELHI

NEU DELHI - AD - Die von Präsident Carter anläßlich der Unterzeichnung
der Deklaration von Delhi am 3. Januar 1978 abgegebene Erklärung hat folgenden
Wortlaut:
Herzstück der Freundschaft zwischen Indien und den Vereinigten Staaten
ist unsere Entschlossenheit, daß die moralischen Werte unserer Völker das
Handeln unserer Staaten bestimmen mUssen.
Unsere beiden Nationen sind als bewußte Gestaltungen von Männern und
Frauen entstanden, die fest daran glaubten, daß geistige Grundsätze einen
politischen Ausdruck finden könnten. Gandhi und Nehru, Washington und Jefferson,
die Tausende, die mit ihnen zusammenarbeiteten,und die Millionen, die von
ihnen geführt wurden -sie alle waren entschlossen, der Welt ein leuchtendes
neues Beispiel zu geoen. Die Vereinigten Staaten gaben der Welt ein Beispiel
für eine neue Regierungsform mit einer neuen Beziehung zwischen Bürger und
Staat - einer Beziehung, in der der Staat dazu da ist, den Bürgern zu dienen,
und nicht die Bürger dazu da sind, dem Staat zu dienen.
Indien unternahm

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�•

Indien unternahm den Versuch, aus einer überwältigenden menschlichen
Vielfalt eine politische Einheit zu schaffen und es damit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Religionen zu ermöglichen, in Unabhängigkeit und Freiheit zusammenzuarbeiten. Was Sie unternahmen,war ein
Versuch, dessen Erfolg die Welt heute aufs neue feiert.
Die von uns soeben unterzeichnete Deklaration bringt zu Papier, was seit
langem in unsere Herzen geschrieben war. Sie proklamiert unsere Überzeugung,
daß jeder Einzelne unabdingbare Rechte hat, sowie unser Eintreten für Gerechtigkeit zwischen den Nationenen und innerhalb der Gesellschaftsformen und unsere
entschlossene Überzeugung, daß Streitigkeiten ohne Gewalt gelöst werden müssen,
vor allem in diesem Zeitalter, in dem Kernwaffen mit totaler Zerstörung
drohen. Vor allem aber bekräftigen wir, daß Staaten wie Einzelmenschen eine
moralische Verantwortung für ihre Handlungen tragen.
Gestern sagte ich vor Ihrem Parlament, daß wir unbeschadet der Differenzen
zwischen unseren Nationen den Weg auf ein gemeinsames Ziel hin beschreiten,
das Ziel der menschlichen Entwicklung und der Menschenrechte. Wenn ich Indien
jetzt verlasse, so bin ich dankbar, zu wissen, daß wir mit dieser Deklaration
einen weiteren Schritt auf diesem Weg getan haben.

+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLRRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN SAUDI-ARABIEN

RIAD - AD - Nach seiner Ankunft in der Hauptstadt Saudi-Arabiens,
Riad, gab Präsident Jimmy Carter am 3. Januar 1978 eine Erklärung ab,
die folgenden Wortlaut hat:
Friede sei mit Ihnen (in arabischer Sprache). Der Hauptzweck meiner
Reise und meines Besuches ist der Friede.
Das erste Treffen zwischen den Führern Saudi-Arabiens und der Vereinigten Staaten fand statt, als Präsident Franklin Roosevelt zu seiner Zusammenkunft mit König Abdul-Aziz (ibn-Saud) an den Golf von Suez reiste.
Diese Freundschaft ist inzwischen gewachsen und umfaßt nunmehr die
Millionen von Menschen in unseren beiden Ländern. Wir arbeiten jetzt zusammen, und wir planen gemeinsam für die Zukunft. Die Bindungen, die uns
zusammenhalten, sind stark und unzerstörbar.
Unser Aufenthalt hier ist zwar nur kurz, aber ich habe bereits viel
von Kronprinz Fahd, Prinz Saud und anderen Führern Saudi-Arabiens erfahren,
die mich kürzlich in meinem eigenen Lande besucht haben. Ich bin jetzt sehr

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�sehr froh, mit Eurer Majestät zu engen Konsultationen über Fragen von
großem beiderseitigen Interesse für unsere Völker zusammenzutreffen.
Wie Eure Majestät bereits gesagt haben, ist das wichtigste Thema,
das wir erörtern werden, das baldige Zustandekommen eines gerechten und
dauerhaften Friedens im Nahen Osten.
Ich erinnere mich des arabischen Willkommensgrußes "Ahlan wa Sahlan".
Er ist so schön und einfach und bedeutet nach meiner Erinnerung "Ihr
befindet Euch unter Euren eigenen Leuten, und Eure Schritte werden unbehindert sein".
Angesichts der Warmherzigkeit dieser Begrüßung fühle ich mich unter
meinen eigenen Leuten, und ich weiß, daß meine Schritte nicht behindert
sein werden, weil ich denselben Weg gehe wie Eure Majestät, König Khaled,
nämlich den Weg zu dem gemeinsamen Ziel einer noch größeren Freundschaft
zwischen unseren Völkern, zwischen unseren beiden Ländern, und zu einem
Frieden für alle Menschen dieser Welt. Eure Majestät, wir freuen uns, in
diesem großen Land zu sein. Ich danke Ihnen.

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS NACH DEM TREFFEN MIT PRÄSIDENT SADAT

ASSUAN - AD - Nach dem Zusammentreffen mit dem ägyptischen Präsidenten
Anwar el Sadat in Assuan gab Präsident Jimmy Carter am 4. Januar 1978
folgende Erklärung ab:
Präsident Sadat, Volk von Ägypten:
Es ist uns eine Ehre und eine Freunde, in diesem großen Lande sein zu
dürfen, das von einem so starken und mutigen Manne geführt wird.
Herr Präsident, Ihre kühne Initiative bei der Suche nach Frieden hat
die Bewunderung der ganzen Welt gefunden. Zu dem Wertvollsten, was ich besitze,
gehört die herzliche und persönliche Beziehung, die mich mit Präsident Sadat
verbindet, an der die Freundschaft und die gemeinsamen Zielsetzungen des
ägyptischen und des amerikanischen Volkes deutlich werden.
Die ägyptisch-israelische Firedensinitiative muß Erfolg haben, wobei
die heiligen und historischen Prinzipien derjenigen Nationen bewahrt bleiben
müssen, die in diesem Gebiet so sehr gelitten haben. Es gibt keinen vernünftigen

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�vernünftigen Grund, warum eine Anpassung nicht erreicht werden könnte.
Ich bin in meinen persönlichen Gesprächen sowohl mit den arabischen
wie mit den israelischen Führern tief beeindruckt worden von dem einmütigen
Wunsch nach Frieden. Meine heutige Anwesenheit hier ist ein direktes Ergebnis
der mutigen Initiative, die Präsident Sadat mit seiner kürzlichen Reise nach
Jerusalem ergriffen hat.
Wir sind der Ansicht, daß es bestimmte Prinzipien grundsätzlicher Art
gibt, die beachtet werden müssen, bevor ein gerechter und umfassender Friede
erreicht werden kann. Erstens: Ein wahrer Friede muß auf normalen Beziehungen
der Friedensparteien basieren. Ein Friede bedeutet mehr als nur die Einstellung
der Kampfhandlungen. Zweitens muß ein Rückzur Israels aus den im Jahre 1967
besetzten Gebieten stattfinden sowie ein Abkommen über sichere und anerkannte
Grenzen für alle Parteien im Zusammenhang normaler und friedlicher Beziehungen
und in Übereinstimmung mit den Resolutionen 242 und 338 der Vereinten Nationen
Zustandekommen. Und drittens: Es muß eine Lösung des Palästinenser-Problems
und all seiner Aspekte geben.
Das Problem muß das legitime Recht des palästinensischen Volkes in Rechnung
stellen und die Palästinenser in die Lage versetzen, an der Gestaltung ihrer
eigenen Zukunft teilzuhaben. Eine gewisse Flexibilität wird immer nötig sein,
um erfolgreiche Verhandlungen und eine Beilegung der sich widersprechenden
Ansichten zu garantieren.
.

Wir wissen, daß das Zeichen für Größe unter den führenden Staatsmännern
darin besteht, sorgfältig die Ansichten anderer sowie den größeren Nutzen in
Erwägung zu ziehen, der sich zwischen den Völkern aller Länder ergeben und aus
dem Streben nach Frieden resultieren kann.
•

Herr
meinsames
Jahr 1978
Ich danke

Präsident, unsere Gespräche am heutigen Vormittag haben unser geEintreten für die Grundsätze bekräftigt, die mit Gottes Hilfe das
zu einem Jahr des ständigen Friedens im Nahen Osten machen werden.
Ihnen.
+ + + + +

- 2 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS AUF DEM PARISER FLUGHAFEN

PARIS - (AD) - Bei seiner Ankunft auf dem Pariser Flughafen Orly am 4.
Januar 1978 gab Präsident Carter folgende Erklärung ab:
"Herr Präsident, hochgeschätzte Mitglieder der französischen Regierung,
Franzosen!
Ich bin glücklich hier in Paris, der Königin der Städte zu sein, und zum
zweitenmal zu Besuch nach Frankreich zu kommen.

Das geistige und intellek-

tuelle Erbe der Vereinigten Staaten ist nur von der Nation noch übertroffen
worden, deren Sprache ich jetzt spreche.
Ich hatte die Ehre mit Präsident Giscard schon einmal in Frankreich zusammenzutreffen und Ministerpräsident Barre im vorigen Jahr im Weißen Haus
willkommen heißen zu können. Ihr Rat und ihr Wissen - vor allem in internationalen, politischen und wirtschaftlichen Fragen, die unsere beiden Nationen
betreffen, ist sehr nützlich gewesen.
Wie Ihr Präsident sagte, ist das Verhältnis zwischen unseren Völkern
von besonderer und seltener Art, weil es weitgehend eine Allianz der Ideale

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�Ideale gewesen ist.

Vor zweihundert Jahren halfen sich führende Männer

in unseren beiden Nationen gegenseitig bei der Festlegung eines revolutionären Prinzips - daß die Bürger gewisse natürliche Rechte besitzen, die
höher stehen als die Machtansprüche eines jeden Staates.
In jenen Zeiten stellten die Erklärung der Menschenrechte und die Unabhängigkeitserklärung die Welt auf den Kopf, beide sind immer noch der
Grundstein unserer eigenen demokratischen Regierungssysteme und der Ursprung
für die Forderung nach Menschenrechten, wie sie heute in immer stärkerem
Maße in der ganzen Welt vernommen wird.
Aber in unserer Allianz steckt mehr als nur Ideale. Die Amerikaner
werden niemals die entscheidende Unterstützung vergessen, die uns durch
Lafayette und die französische Nation in jenen schmerzlichen und gefährlichen
Tagen der Geburt unserer Nation zuteil wurde.

Es war der gleiche Geist ge-

meinsamer Zielsetzung in dem die Amerikaner die Küsten der Normandie betraten und an die Marne zogen, um gemeinsam mit Frankreich Ihre und damit unsere eigene Freiheit zu schützen und zu bewahren.
Nun sind wir wiederum verbündet in der Suche nach Antworten auf schwierige Fragen, die uns beide betreffen.

Präsident Giscard d'Estaing und ich

werden darüber sprechen, wie man die Stabilität und das Wachstum der internationalen Wirtschaft sichert und für wirtschaftliche Gerechtigkeit innerhalb unserer eigenen Gesellschaftsformen und unter den Nationen der Welt eintritt, wie man die Verteidigung unserer westlichen Nationen aufrechterhält
und gleichzeitig ständig um den Frieden in Unruhegebieten, wie dem Nahen
Osten, bemüht ist, wie man die Beziehungen zur Sowjetunion und Osteuropa
ständig verbessert und den Stand aller Arten von Rüstung senkt.

Wir werden

uns auch mit anderen Fragen befassen, die kein Staat übergehen kann, vor
allem mit dem Weltenergieproblem und dem anhaltenden Kampf um die menschlichen Grundrechte, die unsere beiden Nationen vor zweihundert Jahren verkündet haben.
Die

�Die Statue im Hafen von New York, die unsere eigene Freiheit symbolisiert, kam, wie viele Ideen, die zuerst unsere eigenen Forderungen nach
Freiheit inspirierten, als ein Geschenk vom französischen Volk.
Die Art und Weise, wie wir an spezifische Fragen herangehen, mag nicht
immer die gleiche sein, aber unsere tiefe Achtung vor der Unabhängigkeit und
führenden Aufgabe Frankreichs und unsere Liebe zu ihrem Volk, sind seit über
zweihundert Jahren stark geblieben.

Ich hoffe und glaube, daß die Bande zwi

sehen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika in Zukunft noch
stärker werden.
Herr Präsident, wir sind glücklich hier in Ihrem großen Land bei Ihrem
großen Volk zu sein".

- 3 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS IN PARIS

PARIS - AD - Präsident Jimmy Carter hat in einer Ansprache am
4. Januar 1978 im Palais de Congres in Paris eine "neue Tagesordnung
flir die Demokratie" aufgestellt. Die Rede des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
Herr Ministerpräsident, Herr Präsident Giscard, verehrte Vertreter
der Organisationen, die täglich an der Festigung der Freundschaft zwischen
unseren beiden Ländern arbeiten, meine Damen und Herren aus Frankreich und
meine amerikanischen Mitbürger, die heute abend hierher gekommen sind:
Heute nachmittag habe ich einen Kranz am Grabmal des Unbekannten
Soldaten niedergelegt, der an die Tapferkeit des französichen Volkes erinnert. Zu meiner Linken stand eine Gruppe von Männern aus dem gleichen
Regiment, das vor 200 Jahren mit George Washington in Yorktown focht.
Als unsere Demokratie geboren wurde, war Frankreich dabei.
Seit über 200 Jahren haben unsere beiden Nationen die gleichen Ideale

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�Ideale

und die gleiche Kultur gehabt.

Eine Überzeugung vor allen anderen war es, die uns zu dem gemacht
hat, was wir sind: Der Glaube, daß die Rechte des Einzelnen von Geburt her
höher stehen als die Ansprüche des Staates. Das ist die Botschaft, die das
amerikanische und das französische Volk vor zwei Jahrhunderten jeweils der
Welt gebracht haben. Das sind die Werte, auf deren Bestätigung durch uns
sich die Welt noch heute verläßt.
Demokratie war damals eine neue und unerprobte Konzeption. Heute
ist sie der Maßstab für unsere westliche Zivilisation. Die so sehr von der
französichen Philosophie inspirierte amerikanische Unabhängigkeitserklärung
spricht von den "unveräußerlichen Rechten" des Menschen auf"Leben, Freiheit
und das Streben nach Glück". Diese Rechte waren damals umstritten. Heute
sind sie der Maßstab, an dem die Glaubwürdigkeit von Regierungen gemessen
wird. Die Demokratie ist in der Tat eine so zwingende Idee, daß selbst ihre
Feinde heute versuchen, die Unterdrückung mit falschen demokratischen
Etiketten zu bemänteln.
Aber unsere demokratische Ordnung wird in Frage gestellt. Es gibt
heute Menschen, die bezweifeln, ob die demokratischen Werte den zeitgenössischen Umständen noch entsprechen. In den Entwicklungsländern werden
Stimmen laut, die fragen, ob die Vorstellungen von Redefreiheit, persönlicher Freiheit und freigewählter Regierung in dem Kampf um die Überwindung der Armut nicht beiseite geschoben werden sollten. In den Industrieländern werden Stimmen laut, die fragen, ob die Demokratie uns die Werkzeuge
für die Bewältigung des wahnsinnigen Tempos des Wandels in unserem modernen
Leben gibt. Wir haben Warnungen gehört, daß eine demokratische Gesellschaft
sich selbst nicht die Zurückhaltung und Selbstdisziplin auferlegen könne,
die für die Überwindung der bestehenden wirtschaftlichen Probleme notwendig
sind. Wir haben gehört, daß die ungleichartigen Elemente unserer Gesellschaft
in einem demokratischen System keinen Zusammenhalt finden könnten, überall
scheint der Eindruck zu entstehen, daß Regierungen etwas fernab Liegendes,

- 2 -

�liegendes, Unpersönliches, Inikompetentes seien. Viele Menschen bezweifeln,
daß ihre von ferne kommende, einsame Stimme bei einer Regierung Gehör finden
könne.
Das sind reale Probleme. Wir müssen ihre Existenz eingestehen. Aber
wir müssen auch die Last tragen, die eine demokratische Gesellschaft jenen
aufbürdet, die Teil von ihr sind. Wir müssen unseren unerschütterlichen
Glauben an die Werte unserer demokratischen Völker proklamieren - und
unsere Überzeugung, daß diese Werte noch immer gültig sind - für arm und
reich, in Nord und Süd, in Ost und West - heute noch genau so wie damals,
als unsere Vorväter die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten und die
Ihrigen die Menschenrechtserklärung proklamierten.
Wir verteidigen diese Werte, weil sie richtig sind und weil es keine
höhere Zielsetzung für den Staat gibt, als diese Rechte für seine Bürger zu
bewahren. Aber wir verteidigen sie auch aus dem Glauben heraus, daß zwischen
der Erhaltung unserer demokratischen Werte und der Bewältigung der Aufgaben
einer modernen Gesellschaft kein Widerspruch besteht.
Gerade wenn die Demokratie vor schwierigen Aufgaben steht, müssen ihre
Führer Festigkeit im Widerstand gegen die Versuchung zeigen, Lösungen mit
undemokratischen Mitteln zu finden.
Ich habe diese Woche in Indien von unserer Überzeugung gesprochen,
daß die Entwicklungsländer ihr volles wirtschaftliches und politisches
Potential nur erreichen können, wenn sie die bürgerlichen Freiheiten des
einzelnen Bürgers achten. Daran glauben wir. Die größte Demokratie der Welt
beweist, daß dieser Glaube richtig ist.
Wir kommen hier als Industriestaaten zusammen, um zu bekräftigen, daß
unser Vertrauen in eine demokratische Zukunft für die industrialisierten
Gesellschaftsformen genau so stark ist.
Demokratie bedeutet
- 3 -

�Demokratie bedeutet nicht nur Recht und Gerechtigkeit. Sie ist auch
das mit der menschlichen Natur am meisten in Einklang stehende System. Sie
ist die wirksamste Weise, eine Gesellschaft mit dem Ziel des Wohles aller
zu gestalten.
Wo der Staat alles beherrscht, besteht nur für die beschränkten
Talente des Bürokraten die Möglichkeit zu gedeihen.
Aber das pluralistische Wesen einer Demokratie bietet einem breiten
Bereich von Talenten die Chance zum Erfolg - in der Regierung, in den Geisteswissenschaften, in der Arbeiterschaft, auf dem Gebiet der Technologie, in
den Naturwissenschaften und auf dem freien Markt. Die Demokratie setzt die
schlummernde schöpferische Energie in jedem von uns frei.
Wir brauchen nur auf die letzten drei Jahrzehnte zurückzublicken, um
den einzigartigen Erfolg zu sehen.Diese Jahre waren eine außergewöhnliche
Zeit für Frankreich, für Westeuropa, für die Vereinigten Staaten und andere
demokratische Nationen.
Frankreich und seine Partner in Westeuropa erhoben sich aus den Trümmern
und dem Chaos des Zweiten Weltkrieges und bauten Wirtschafts- und Gesellschaftsformen auf, die blühender und produktiver als je zuvor sind, und sie
gewannen sehr rasch Führungspositionen in der Welt.
Noch nie wurden so viele neue Arbeitsplätze und so viel neuer Wohlstand geschaffen und eine so große Umwandlung im Leben der Menschen so wirksam
gestaltet - und das in solcher Freiheit.
Das alles ist kein Zufall. Nationen mit anderen politischen Systemen
ist dies

trotz ihrer großen Ressourcen an Menschen und Naturschätzen nicht

so gut gelungen.
Auch schützt uns die Demokratie gegen die Exzesse der Modernisierung.
Sie hilft uns ständig, die immer größer werdende Komplexität des menschlichen

�menschlichen Lebens auf ein menschliches Maß zurückzuführen. In einer
Zeit, in der der Computer eine totale staatliche Kontrolle möglicher werden
läßt als je zuvor - indem man Menschen wie Zahlen behandelt - ist die
Demokratie auf der Hut und schützt die Unverwechselbarkeit des einzelnen
Menschen.
Das ist auch ein Grund, warum der große Trend der Emigration in der
Welt von den Staaten, die ihren Völkern die Grundrechte verweigern, hin
zu den freien Nationen des Westens verläuft. Das ist der Grund, warum Indien
erneut bekräftigt hat, daß es sich zur Herrschaft des Volkes bekennt, und
warum Portugal, Spanien und Griechenland sich wieder dem Kreis der- demokratischen Nationen Europas angeschlossen haben.
Wir fürchten die Herausforderungen nicht, die unsere gewählte Regierungsform auf die Bewährung stellen.
Aber was wir heute brauchen, ist eine neue Tagesordnung für die Demokratie.
Erster Punkt dieser Tagesordnung ist es, die Wege zu weisen, auf denen
Regierung und gesellschaftliche Einrichtungen besser und rascher den höheren
Normen der Führung und den von unserem Volk geforderten Dienstleistungen entsprechen können.
Wir leben in einer Zeit der Bewährung. Die verschiedenartigen Vfrsuche
sind entsprechend den besonderen Traditionen und Erfordernissen eines jeden
Landes bereits im Gange.
In Westeuropa hat die erfolgreiche Verteilung der Früchte des wirtschaftlichen Wachstums auf alle Schichten der Gesellschaft einen Weg gezeigt,
um die wachsenden sozialen Probleme zu überwinden.
In Frankreich erfüllen Sie eine junge Verfassung mit Leben, indem Sie die

�Sie die Machtbefugnisse von Exekutive und Legislative in der Waage halten.
In einigen Ländern, wie der Bundesrepublik Deutschland und Skandinavien,
werden

ständig Versuche mit neuen Formen der Beziehungen zwischen Arbeit-

nehmern und Unternehmern unternommen.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft planen die Abhaltung
direkter Wahlen für ein Europäisches Parlament.
In meinem eigenen Land versuchen wir, die Einflußnahme der Regierung
aus Gebieten herauszuhalten, die besser dem privaten Unternehmertum oder dem
Einzelnen vorbehalten bleiben. In einigen Ländern liegt der Nachdruck auf einer
Verstärkung der Rolle

kommender Verwaltungen auf einer Dezentralisierung

der Macht und auf dem Einsatz freiwilliger

Organisationen zur Lösung be-

stimmter spezieller Probleme und Nöte.
Auf diese und andere Weise können wir erreichen, daß eine Regierung
rascher reagieren kann, verantwortungsbewußter wird, näher an das Volk herankommt und in der staatlichen und kommunalen Gemeinschaft ein neues Gefühl
des Vertrauens schafft. Wie Präsident Giscard d'Estaing in seinem Buch
"Französische Demokratie" schrieb: "Der Pluralismus der Macht garantiert die
Freiheit ... demokratischer Fortschritt führt nicht zu Unordnung sondern zu
einer besseren Ausgewogenheit der Ordnung in Freiheit und Verantwortlichkeit."
Als zweiter Punkt auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie steht
die wirtschaftliche Herausforderung.
Wir müssen nicht nur wieder Wachstum erreichen, die Inflation unter
Kontrolle bringen und die Arbeitslosigkeit verringern.
Wir müssen auch den Beweis erbringen, daß unser demokratisches Wirtschaftssystem sich den an es gestellten Forderungen anpassen kann. Das heißt,
erneut unter Beweis stellen, daß wir die Disziplin besitzen, in die Zukunft
zu planen,ohne dabei unsere gegenwärtigen Interessen zu vernachlässigen, damit
- 6 -

�damit aus den konkurrierenden Gruppen im eigenen Lande nicht Chaos und
Zwietracht entsteht, sondern eine neue Harmonie im Bemühen um das gemeinsame
Wohl.
Das bedeutet Verstärkung unserer Anstrengungen, um sicherzustellen,
daß die Früchte des Wirtschaftswachstums allen Teilen der Gesellschaft
zugute kommen, damit jeder einzelne an den Segnungen des wirtschaftlichen
Fortschritts teilhaben kann.
Das bedeutet aber auch, unsere Ressourcen der menschlichen Entwicklung
zu nutzen - nicht nur für ein Wachstum um des Wachstums willen.
Unsere demokratischen Volkswirtschaften haben heute diese einzigartige
Stärke, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein.
Wir verfügen über geschulte Arbeitskräfte. Wir verfügen über produktive
Anlagen und Ausrüstungen, ein effektives Management und über den Willen und
die Mittel, um eng miteinander zusammenzuarbeiten - innerhalb unserer Länder
und mit anderen Ländern.
Und mit dem freien Markt verfügen wir über ein Instrument, um die
Produktion dem menschlichen Bedarf anzupassen, das rascher und subtiler
reagiert und arbeitet als jeder Computer und besser auf die Erfordernisse
der Gesellschaft eingeht, als jedes staatliches Komitee.
Mein Land ist in der Lage und bereit, zusammen mit seinen Partnern auf
dieser Stärke weiter aufzubauen, um die Weltwirtschaft auf den Weg zum
Wachstum und zur steigenden Prosperität zu bringen.
Die Anstrengungen Amerikas werden darauf ausgerichtet sein, die Stärke
des Dollar aufrechtzuerhalten, Fortschritte im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und Inflation zu erzielen und Privatinvestitionen

anzuregen. .
In diesem Jahr

�In diesem Jahr werden wir die Steuern für Unternehmer und Verbraucher
wesentlich senken, und wir werden diese Schritte in erster Linie unternehmen, weil sie in unserem eigenen Interesse liegen, aber auch weil
wir uns über die Bedeutung eines anhaltenden, nicht-inflationären Aufschwungs
in den Vereinigten Staaten für die Volkswirtschaften der übrigen Welt im
klaren sind.
Wir arbeiten mit unseren Wirtschaftspartnern bei den Genfer Handelsverhandlungen zusammen, um rasch zu einem Abkommen zu gelanaen, das das
offene Handelssystem verbessern, den Handel ausweiten und neue Arbeitsplätze schaffen wird. Und dem französischen Beispiel folgend arbeiten wir
hart an einem umfassenden Energieprogramm, das unsere Einfuhren an ausländischem
öl verringern, die ungerechtfertigte Abhängigkeit abbauen und das Defizit in
unserer Handelsbilanz senken wird.
Frankreich und Amerika und die anderen demokratischen Industriestaaten
konmen aus der wirtschaftlichen Rezession der letzten Jahre heraus. Einige
von uns, wie die Vereinigten Staaten, können ihre Aufmerksamkeit sofort
dem nicht-inflationären Wachstum zuwenden. Andere müssen zunächst schmerzliche
Maßnahmen zur Senkung der Inflation ergreifen. In dem Maße, in dem mehr
Länder ein höheres Wachstum

anstreben können, werden unsere Volkswirtschaften

mehr Arbeitsplätze schaffen. Die Arbeitslosigkeit wird zurückgehen.
Das Vertrauen in ein stetiges

Wachstum wird die Forderungen nach Handels-

restriktionen verringern, die Anpassung an die Veränderungen innerhalb unserer
Gesellschaften erleichtern, uns bei einer rationelleren Nutzung der Energie
helfen und es den Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen erleichtern, ihre
Märkte für Industrieländer und Entwicklungsländer zu öffnen.
Es bestehen heute noch viele weitere wirtschaftliche Erfordernisse. Die
wirtschaftlichen Institutionen, die uns in der Vergangenheit so gute Dienste
geleistet haben, müssen gestärkt werden.
Wir müssen

�Wir mUssen eine bessere Einsicht in die grundlegenden wirtschaftlichen
Kräfte gewinnen, damit wir das Problem der gleichzeitigen Inflation und
Arbeitslosigkeit lösen können»
Wir müssen sehr viel größere Anstrengungen auf den weiteren Fortschritt
in der Hochtechnologie richten, um all unseren Ländern zu helfen, daß sie auch
auf den Märkten von morgen konkurrenzfähig sind.
Wir müssen neue und produktive Industriezweige und Dienstleistungen aufbauen, damit wir die durch den verstärkten globalen Wettbewerb um Arbeitsplätze und Märkte hervorgerufenen Auswirkungen auf unsere Völker dämpfen
können.
Wir müssen das Problem der Jugendarbeitslosigkeit lösen. Denn wenn wir
das nicht tun, dann wird ein Teil einer ganzen Generation unserer demokratischen
Gesellschaft entfremdet werden.
Wir müssen Schritte ergreifen, um den Export unserer wirtschaftlichen
Schwierigkeiten in andere Länder, seien sie arm oder reich, zu verhindern.
Wir müssen die Werkzeuge der gemeinsamen Freiheit dazu benutzen, um die
Chancen und Möglichkeiten unseres Wirtschaftssystems zu stärken.
Wir können unsere Erfahrungen in der gesellschaftlichen Entwicklung
miteinander teilen - im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, in den sozialen
Leistungen, in der Organisation und im Management von Landwirtschaft und
Industrie.
Im Mittelpunkt all dieser Anstrengungen steht die dauerhafte Zusammenarbeit
mit unseren Wirtschaftspartnern auf Wegen, wie sie Frankreich mit dem Wirtschaftsgipfel als erstes vorgeschlagen hat. Diese Zusammenarbeit muß die Individualität jedes einzelnen Landes berücksichtigen und gleichzeitig erkennen,
daß unser wirtschaftliches Wohlergehen zusammen steigen oder fallen wird.
Die dritte
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�Die dritte Aufgabe auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie ist
die Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit.
Ich komme heute nach Frankreich in der Erkenntnis, daß unsere beiden
Nationen eine grundlegende Verpflichtung zur Erhaltung unserer so schwer
gewonnenen Freiheit teilen. Wir sind in der Lage, zusammen mit unseren
Verbündeten, unsere Freiheit zu bewahren, weil wir militärisch stark sind.
Unser zentrales Sicherheitsproblem besteht heute darin, unseren Willen
zu bewahren, um die militärische Stärke beizubehalten, die wir brauchen,
während wir gleichzeitig jede Möglichkeit zum Aufbau eines besseren Friedens
suchen. Militärische Macht ohne Entspannung könnte zum Konflikt führen. Aber
Entspannung wäre ohne das NATO-Bündnis und die Unterstützung einer starken
Verteidigung durch das Volk unmöglich.
Frankreich und Amerika beweisen, daß die Völker eines demokratischen
Landes diese gemeinsamen Ziele der Stärke und des Friedens unterstützen
können und wollen.
Die Verpflichtung der amerikanischen Regierung und des amerikanischen
Volkes für die Sicherheit Europas ist absolut. Es kann keinen Zweifel daran
geben, daß wir in Europa die Streitkräfte aufrechterhalten werden, die notwendig sind, um diese Verpflichtung zu erfüllen. Wir sind auch dankbar, daß
Frankreich Streitkräfte aufrechterhält und verbessert, die für die Verteidigung von wesentlicher Bedeutung sind.
Aber wir sehen auch die Notwendigkeit,über die Konfrontation hinauszukommen, um die Differenzen zwischen Ost und West beizulegen und Fortschritte
in der Rüstungskontrolle und Abrüstung zu erreichen.
Wir sind entschlossen, eine ausgewogene und beiderseitige Begrenzung
der qualitativen und quantitativen Dislozierung von Kernwaffen und dann
wesentliche Verringerungen anzustreben, die letztlich zur Beseitigung der

- 10 -

�der Kernwaffen als einer potentiell destruktiven Kraft unter den Nationen
der Welt führen werden.
Wir sind entschlossen, ein baldiges Abkommen über ein umfassendes
Verbot der Erprobung nuklearer Sprengkörper - sowohl für militärische als
auch für sogenannte friedliche Zwecke - anzustreben.
Wir sind entschlossen, eine wesentliche Verringerung des internationalen
Handels an konventionellen Waffen anzustreben.
Wir werden mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um die Vorteile zu
verwirklichen, die solche Abkommen bringen können.
Wenn auch die Einstellung Frankreichs und der Vereinigten Staaten zu
diesen Fragen manchmal unterschiedlich sein mag, so ist doch unser lAjnsch,
einen stabileren Frieden aufzubauen, ein und derselbe. Und in all diesen
Anstrengungen werden wir Sie und die anderen Verbündeten eng konsultieren
ur\r' eng iiit ihnen zusanmenarbeiter -unter Berücksichtigung der Unabhängigkeit
jeder Nation, aber auch in der Erkenntnis unserer gemeinsamen Interessen
und Verpflichtungen.
Der vierte Punkt auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie ist
die Bemühung der Europäer, ihre eigene Zukunft zu gestalten. Das Ziel, das
sie sich selbst mit ihren Partnern in der Europäischen Gemeinschaft gesetzt haben, ist nicht mehr und nicht weniger als die Transformation und Verbesserung der Beziehungen unter Staaten mit alten Traditionen, einzigartiger
Geschichte und berechtigtem Stolz auf nationale Leistung.
Die Vereinigten Staaten werden dem, was Sie und Ihre Partner im Rahmen
der Neun für die Stärkung der europäischen Zusammenarbeit tun, uneingeschränkte
Unterstützung leisten - denn wir betrachten die europäische Stärke als etwas
Gutes und nicht als eine Bedrohung für uns. Die wahre Bedrohung all unserer
Interessen wäre wirtschaftliche Schwäche und Uneinigkeit.
Der fünfte und

�Der fünfte und letzte Punkt auf der neuen Tagesordnung für die
Demokratie ist die Zusammenarbeit unter uns allen bei der Anpassung an den
globalen Wandel.
Einige der Faktoren, die im Laufe der letzten zwei Generationen zu
unseren wirtschaftlichen Erfolgen geführt haben - Wissenschaft und Technologie, Bildung und Gesundheitswesen, der Willen und das Wissen des einzelnen
Mannes und der einzelnen Frau - haben auch das Verhältnis zwischen den
demokratischen Industriestaaten auf der einen Seite und der Entwicklungswelt auf der anderen Seite verändert.
Die europäischen Nationen müssen einzeln oder zusammen eine wachsende
Rolle über den Kontinent hinaus spielen, vor allem bei der Neuordnung der
Beziehungen zwischen Nord und Süd.
Es ist noch keine hundert Jahre her, daß die europäischen Mächte zusammenkamen, um den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Und heute hat
der Kolonialismus praktisch ein Ende gefunden.
Vor dem Zweiten Weltkrieg standen 80 Prozent der Welt und 75 Prozent der
Weltbevölkerung unter westlicher Macht. Und heute existieren über 100 neue
Staaten, von denen jeder Ansprüche und Forderungen geltend macht.
Noch vor wenigen Jahren fällte der Westen praktisch alle Entscheidungen
über die Weltwirtschaft.
Heute stehen wichtige Ressourcen auch unter der Kontrolle von Entwicklungsländern - wie die Energiekrise gezeigt hat. Die Räte, in denen
wirtschaftliche Entscheidungen fallen, können nicht länger auf einige wenige
Mitglieder betrenzt bleiben.
Auf dieser Reise habe ich

gesehen, wie sich die Entwicklungsländer

eine neue Rolle im weltwirtschaftlichen System, bei der Neuverteilung der

�der Macht auf der Welt, bei der

Lösung

neuer weltweiter Probleme und

bei der Übernahme neuer Rechte und Verantwortlichkeit schaffen.
Wir wissen seit langem, daß größere Gleichheit der einzelnen zu größerer
Prosperität 1n unseren Gesellschaften führen kann. Heute sehen wir, wie
größere Gleichheit unter den Nationen

die Gesundheit der Weltwirtschaft,

einschließlich unserer eigenen, fördern kann. Keine Nation, selbst keine
kleii.e Gruppe von Nationen kann heute ihr Schicksal mehr allein gestalten.
Bei seinem Vorschlag für die Nord-Süd-Konferenz sprach Präsident Giscard
d'Estaing von der Schaffung neuer Fernen für die Zusammenarbeit. Was er
damals gesagt hat,

ist heute zur Losung all unserer gemeinsamen Anstrengungen

geworden:
"Hier geht es nicht um den Sieg einiger Länder über andere, der dadurch
erreicht wird, daß man Vorteile aus temporären Machtverhältnissen zieht. Hier
geht es vielmehr um einen Sieg der Menschheit über sich selbst..."
Wenn wir in diesem Geiste handeln und unsere Anstrengungen gemeinsam
darauf ausrichten, die Probleme zu lösen, vor denen die Nationen der Welt
stehen, dann werden wir sicherlich jenen Sieg davontragen, von dem er sprach.
Wir werden unseren tiefen und unerschütterlichen Glauben an die Stärke der
Demokratie, mit den Zeiten zu wachsen und zu gedeihen, behaupten.
Vor sechs Tagen verließ ich die Vereinigten Staaten zu einer Reise, deren
ständiges Thema die universale Lebensfähigkeit der Demokratie war. In Polen,
im Iran, in Indien, in Saudi-Arabien, in Ägypten und jetzt in Frankreich
habe ich unterstrichen, daß es bei unserem modernen Kampf nicht nur darum geht,
den Frieden zu schaffen, sondern auch den einzelnen vor der Macht des Staates
zu schützen.
Morgen werde ich zusammen mit Präsident Giscard d'Estaing Paris verlassen,
um die Strände in der Normandie zu besuchen. Wenn die Namen Omaha, Utah, Juno
- 13 -

�Juno und Gold in der Erinnerung unserer beiden Völker immer fortleben
werden, dann darum, weil sie uns daran erinnern, unter welchen Kosten wir
unsere Freiheit erkauft, haben und welch kostbares Erbe uns zur Verteidigung hinterlassen wurde.
Diese Namen erinnern uns daran, daß Freiheit nicht mit einmaliger
Verteidigung gesichert ist, sondern immer wieder verteidigt werden muß.
Unsere Vorväter verteidigten sich gegen Fürsten und mit Revolution. Die
Generation meiner Eltern und meine eigene Generation griffen im Namen der
Freiheit zu den Waffen - und viele von ihnen blieben am Strand der Normandie
und auf den tausenden anderer Gedenkstätten der Freiheit in der ganzen Welt.
So wie wir immer bereit sein werden, so beten wir darum, daß ihr Opfer
im Kampf niemals wiederholt werden muß, und wir wissen, daß es nicht wieder
zu einem Kriege zu kommen braucht, solange wir unsere Hingabe an die Werte
freier Menschen - gestärkt und erneuert - an jede folgende Generation weiter
geben, die nach uns kommt. Ich danke Ihnen.

+ + + + +

14 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS IN DER NORMANDIE

NORMANDIE - AD - Präsident Jimmy Carter hat anläßlich eines Besuches
der Brückenköpfe der Alliierten Streitkräfte aus der Zeit der Invasion
in der Normandie im Zweiten Weltkrieg am 5. Januar 1978 folgende Ansprache
gehalten:
Herr Präsident Giscard,
Freunde aus Frankreich und den Vereinigten Staaten, die in der Geschichte
zusammengestanden haben, in der Gegenwart zusammenstehen und in der Zukunft
zusammenstehen werden:
Ich flog heute morgen in einem modernen Hubschrauber der hier in Europa
stationierten

amerikanischen Streitkräfte von Paris an diesen berühmt ge-

wordenen Strand; auf dem Weg hierher habe ich über die Vergangenheit nachgedacht, die uns heute eint.
Im Juni 1940

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Im Juni 1940 erklärte General de Gaulle, der Führer der französischen
Widerstandskräfte: "Die Flamme des französischen Widerstandes darf und wird
nicht erlöschen." Vier Jahre später, am 6. Juni 1944, landeten die Alliierten
Streitkräfte an den Stränden, die uns unter den Bezeichnungen Omaha, Utah,
Juno, Gold und Schwert bekannt sind, um den heldenhaften Kampf zur Befreiung Europas aufzunehmen.
An jenem Tage landete an den Küsten der Normandie eine Armada ohnegleichen: 176 000 tapfere Soldaten kamen aus England hierher, um einen
gewaltigen Angriff zu beginnen. Innerhalb von zwei Wochen wurde eine Streitmacht in Stärke von mehr als eineinhalb Millionen Mann in Frankreich und den
nördlich davon gelegenen Küstenstaaten an Land gebracht.
Hinter den Flaggen meines Landes und Frankreichs erblicke ich über
9 000 weiße Marmorkreuze, die zum Gedächtnis von Soldaten aufgerichtet
wurden, die damals hier und in der näheren Umgebung gefallen sind. Sie haben
unter großen Befehlshabern gedient: General Eisenhower, General Bradley und
General Theodore Roosevelt, Jr., der für seine Heldenhaftigkeit mit der
Medal of Honor ausgezeichnet wurde und später gemeinsam mit der zweiten
französischen Panzerdivision unter General Leclerc operierte.
Es war unweit von hier im Küstenabschnitt Omaha, wo die 1. und die
29. amerikanische Division landeten. Es war auch hier, wo der heftigste
Widerstand verzeichnet wurde: Von rund 2500 Soldaten, die an Land gegangen
waren, sind rund 2000 gefallen. An einem Punkt der Küste mußten amerikanische
Soldaten eine senkrecht aufsteigende Klippe im Granatenhagel der oben verschanzten Deutschen erklimmen.
Der Strand des Abschnitts Cmaha war von Hunderten toten alliierten
Soldaten übersät, und der Anblick war so beeindruckend, daß die deutsche
Führung eine Zeitlang annahm - solange, bis es zu spät für sie war -,
Deutschland habe gesiegt.
Von den Strandabschnitten
- 2 -

�Von den Strandabschnitten Juno, Gold und Schwert aber waren alliierte
Truppen siegreich herangerückt, die in der Folgezeit tief nach Europa
vorstießen, um hier die Freiheit wiederherzustellen.
Nahezu zwei Jahrhunderte davor waren Franzosen unter der Führung
von Lafayette, Graf d'Estaing und anderen mutigen Männern an Amerikas
Küsten gelandet, um den Amerikanern in dem Ringen um ihre Freiheit beizustehen. Rund 30 Jahre vor der Invasion in der Normandie hatten amerikanische
Soldaten im Ersten Weltkrieg beim Betreten europäischen Bodens ausgerufen:
"Lafayette, wir sind da."
Heute ruhen etwa 30 000 gefallene amerikanische Soldaten und Matrosen
aus dem Ersten Weltkrieg und rund 60 000 aus dem Zweiten Weltkrieg in
europäischer Erde. Die sterblichen Überreste weiterer 150 000 gefallener
Amerikaner, die ihr Leben für die Verteidigung der Freiheit in Europa
gegeben haben, wurden in ihre Heimat übergeführt, um dort begraben zu werden.
Wir stehen an der Seite unserer tapferen Verbündeten hier in Europa,
um dafür Sorge zu tragen, daß dessen Freiheit niemals wieder in eine solche
Gefahr gerät. Wir unterhalten gegenwärtig in Europa amerikanische Truppen,
Kampftruppen, in Stärke von etwa 200 000 Mann, um sicherzustellen, daß wir
nie wieder mit dieser Bedrohung konfrontiert werden.
General Donaldson erklärte mir, dies sei das erste Mal, daß sich zwei
Präsidenten gemeinsam an einer Gedächtnisstätte für jene einfinden, die ihr
Leben hingegeben haben. Ich sehe darin ein Symbol für die unzertrennbaren
Bande, die das amerikanische Volk und das heldenhafte Volk Frankreichs wie die Geschichte bezeugt - miteinander verknüpfen.
Wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam vollbracht haben. Wir sind
gewiß, daß unsere Freundschaft ewig Bestand habe», .n'rd. Es ist für mich als
dem Präsidenten der Vereinigten

Staaten eine hohe Ehre, hierher zu kommen,

um meine Ehrerbietung den tapferen Männern und Frauen der Vergangenheit zu
bekunden, die uns die heute als so kostbar erachtete Freiheit erhalten haben.
+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN BAYEUX

BAYEUX - AD - Präsident Jimmy Carter gab anläßlich eines Empfanges
im Rathaus von Bayeux am 5. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Herr Präsident,
geehrter Herr Bürgermeister,
verehrte und überaus freundliche Bürger von Bayeux,
es ist für mich als Präsident der Vereinigten Staaten eine hohe Ehre
und ein großes Vorrecht, hierher zu kommen, um Sie der Freundschaft meines
Volkes zu versichern, das Frankreich wie das eigene Land liebt.
Von den Automobilen, die mir Präsident Giscard zur Benutzung während
meines Aufenthalts in Frankreich zur Verfügung gestellt hat, hat eines eine
Nummer 1776 - eine Zahl, die auf das Jahr der Unabhängigkeitserklärung unseres
Landes hinweist; ein anderes Fahrzeug trägt das Nummernschild 1789 - und
verweist mithin auf das Jahr der französischen Erklärung der Menschenrechte.
Unsere Zeit

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Unsere Zeit der Freiheit nahm ihren Anfang, als wir die Allianz der
Freiheit eingingen, die nunmehr über 200 Jahre besteht. Das Volk meines
Landes

erachtet es als ein kostbares Gut, den Männern und Frauen Ihres

großen Landes, Frankreich, brüderlich und schwesterlich verbunden zu sein.
Ich erinnere mich aus meinen jungen Jahren, als ich bei der amerikanischen Marine diente, an den 6. Juni 1944, als 5000 Schiffe von der englischen Küste aus nach der Normandie in See stachen. Rund 3000 dieser Schiffe
setzten im Zeitraum von zwei Wochen über eineinhalb Millionen Soldaten an
Land, die Ihnen und uns letztlich die Freiheit gebracht haben.
Ich bin heute morgen im Hubschrauber an Ihrer Stadt vorbei zur Küste
geflogen und hatte dabei Gelegenheit, das Gebiet kennenzulernen, in dem sich
in jenen entmutigenden Zeiten der Heldenmut der Alliierten bewährt hat. Ich
sah den Strandabschnitt Omaha, in dem am ersten Tag der Landung 2000 Amerkaner
ihr Leben verloren haben - eine Stätte der Tragödie und des Heldentums, aber
auch des Sieges.
Der Cmaha-Strand hat seine eigene, Bayeux eine andere, aber damit
zusammenhängende Bedeutung. In den dunklen Tagen der Besatzung haben Sie
nie von Ihrer Verpflichtung auf die bürgerlichen Freiheiten und die
Freiheit alr solche abgelassen, und ich bin sehr stolz, einen Ort besuchen
zu können, dessen Name den Amerikanern von heute deshalb so vertraut ist,
weil Br.yeux die erste von alliierten Truppen befreite Stadt war.
Auf den amerikanischen Friedhöfen in Europa liegen fast hunderttausend
Gefallene als Symbol unserer gemeinsamen Hingabebereitschaft an Prinzipien,
die uns seit mehr als zwei Jahrhunderten miteinander verbinden.
Gegenwärtig stehen in Euroap 200 000 amerikanische Soldaten, die den
Prinzipien der Unabhängigkeit und Freiheit mit nicht geringerer Hingabebereitschaft anhängen. Wir tragen in unseren Herzen ein ebenso tiefes politisches und gefühlsmäßiges Bewußtsein der Bindungen, die die Völker Frank-

- 2 -

�Frankreichs und der Vereinigten Staaten in der Vergangenheit miteinander
verbunden haben, die uns heute miteinander verbinden und die uns für immer
miteinander verbinden werden. Das ist für unsere beiden Länder ein kostbarer Besitz - ein Besitz, verwurzelt in den tiefsten Gefühlen und Verpflichtungen des amerikanischen Volkes.
Ich weiß für den Heroismus und die Hingabebereitschaft des Volkes von
Frankreich, die uns seit der Geburt unserer eigenen Nation viele Jahre hindurch Quelle der Inspiration waren, zu danken. Ich bin der festen Überzeugung,
daß die Welt um unsere militärische Stärke weiß, die von großer Wichtigkeit ist, daß sie aber auch um unser gemeinsames Einstehen für unwandelbare
Grundsätze weiß, die ebenso bindender Charakters und von ebenso großer
Bedeutung sind wie die militärische Stärke ... .
Ich danke Ihnen für den herzlichen Empfang, den Sie mir bereitet haben
und der mich mit großer Freude erfüllt.
Ich glaube, daß sich die Menschen in meinem eigenen Lande, die am
Fernsehschirm Zeuge dieser Feierstunde und der Teilnahme einer so großen
Zahl von Menschen werden oder den Nachrichten im Radio lauschen,ebenso wie
Sie hier in dem Bewußtsein der engen Bande

bestärkt fühlen werden, die die

Vereinigten Staaten und die große französische Republik miteinander verbinden. Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM ABFLUG AUS PARIS

PARIS - AD - Bei seinem Abflug aus Paris gab Präsident Jimmy Carter
am 6. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Bei meiner Abreise aus diesem großen Lande Frankreich fällt es mir
schwer auszudrücken, wie tief meine Gefühle und die Gefühle beim amerikanischen Volk über die Gastfreundschaft waren, die Sie uns während dieses
leider nur allzu kurzen Besuches gewährt haben.
Die vielen Erinnerungen der historischen Allianz und die Gemeinsamkeit
des Erbes unseres Landes und Frankreichs, die gemeinsamen Demonstrationen
der Tapferkeit unserer Soldaten, die die Freiheit verteidigt haben, fanden
in der Tiefe der Gefühle ihren Ausdruck, die in uns allen wach geworden sind.
Dem persönlichen Empfang, den uns Präsident Giscard d'Estaing und seine
Gattin und die Minister der französischen Regierung bereitet haben, kamen,
obwohl das kaum möglich war, die spontanen und echten Freundschaftsbezeugungen
der Bevölkerung in der Normandie, in Bayeux, in den Straßen von Paris und
gestern abend in Versailles gleich.
Das offene Bekenntnis

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�Das offene Bekenntnis zu der beiderseitigen Verpflichtung auf die
Ideale und Grundsätze unserer beiden Nationen war für uns, und wie ich
meine für die ganze Welt, eine Beruhigung.
Ich möchte noch einmal Ihrem großen Präsidenten und dem wunderbaren
französischen Volk meinen persönlichen Dank aussprechen.

+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN BRÜSSEL

BRÜSSEL - AD - Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen in Brüssel
gab Präsident Jimmy Carter am 6. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Eure Majestäten, Volk der großen belgischen Nation,
Ich bin sehr glücklich, wieder in Ihrem großen Lande zu sein, um die
Freundschaft mit Ministerpräsident Tindemans

-u erneuern und um mit Eurer

Königlichen Majestät sowie mit Königin Fabiola zusammentreffen zu können.
Brüssel war die erste Stadt, die Vizepräsident Mondale auf seiner
Reise nach den Ländern unserer traditionellen Verbündeten besuchte. Und nun
ist Brüssel die letzte Station, bevor ich nach den Vereinigten Staaten
zurückkehre.
Ob nun die erste oder die letzte Station: Zweck und Ziel sind dieselben,
nämlich in Zeiten rascher Veränderungen unseren unerschütterlichen Glauben
an Verbündete wie Ihr großes Land und Volk zu bekräftigen.
Es war eine Reise

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�Es war eine Reise voller Vielfalt, aber ich habe immer über einfache und
bleibende Themen gesprochen. Eines dieser Themen war die Forderung nach
politischen Freiheiten, nach den grundlegenden Menschenrechten. In dieser
Frage waren Belgien und die Vereinigten Staaten niemals unterschiedlicher
Meinung. Für diese Werte haben wir gemeinsam im Kriege gekämpft und im
Frieden immer zusammengearbeitet.
Das andere universelle Thema ist die Notwendigkeit, Konflikte ohne
Gewaltanwendung beizulegen, Frieden zu schließen, statt Kriege zu führen.
Während dieses Jahrhunderts hat Belgier einen hohen Preis dafür zahlen müssen,
daß es anderen Ländern nicht gelang, den Frieden zu bewahren. Nun ist Brüssel
die Heimstatt für Institutionen wie die Europäische Gemeinschaft geworden,
und die NATO repräsentiert unsere gemeinsame Hoffnung auf eine gesicherte,
friedliche und gedeihliche Zukunft.
Brüssel ist eine herrliche Stadt, wie meine Frau und ich sehr wohl wissen,
und es ist einer der enttäuschenden Aspekte dieses Besuches, daß er allzu
kurz ist. Die Herzlichkeit, die uns hier persönlich zuteil wurde, ist uns
jedoch ein Trost, und ich freue mich darauf, mehr von Ihrem Land und Ihrem
Volk zu sehen, wenn Rosalynn und ich hierher zurückkommen können.
Eure Majestät, ich danke Ihnen für das herzliche Willkommen. Wir wären
wirklich dankbar, hierher zu Ihnen und dem Volk Ihres Landes zurückkommen
zu dürfen.

+ + + + +

�Dokumentation
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11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS ANLÄSSLICH DES BESUCHES BEI DER EG

BRÜSSEL - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 6. Januar 1978 anläßlich
seines Besuches im Hauptquartier der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel
folgende Erklärung abgegeben:
Ich freue mich, heute hier mit Ihnen zusammentreffen und die Gespräche
fortführen zu können, die zu einer Zeit begonnen haben, als meine Administration
erst einige Stunden alt war.
Noch ehe meine erste Woche im Amt zu Ende gegangen war, trat Vizepräsident
Mondale eine Reise zu unseren traditionellen Verbündeten an. Sein erster
Stopp war Brüssel, Sitz von internationalen Institutionen, die unsere gemeinsame Hoffnung auf eine sichere und gedeihliche Zukunft repräsentieren.
Als der erste amerikanische Präsident, der dem Sitz der Europäischen
Gemeinschaft einen Besuch abstattet, werte ich dieses Zusammentreffen als
Symbol für Amerikas bleibende Verpflichtung auf ein starkes und geeintes
Europa und die Europäische Gemeinschaft.
Es war mir ein

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�Es war mir ein Vergnügen, führenden Persönlichkeiten der Gemeinschaft
mehrfach begegnet zu sein. Außer Präsident Jenkins, mit dem ich auf der
wirtschaftlichen Gipfelkonferenz in London und später in Washington zusammentraf, hatte ich auch Gelegenheit zu Gesprächen mit Premierminister Callaghan
und Ministerpräsident Tindemans

zu der Zeit, als sie die ihrem Land turnus-

gemäß zufallende Präsidentschaft im Rat wahrnahmen.
Auf meiner Reise hatte ich in den letzten neun Tagen, in denen ich
mehrere Kontinente und Kulturkreise durchmessen, Gespräche über verschiedene
politische und wirtschaftliche Systeme geführt urd Menschen denkbar großer
Vielfalt kennengelernt habe, einige konstante Themen Mal für Mal wiederholt.
Ich habe die Bedeutung demokratischer politischer Wertbegriffe und die
zu ihrer Verteidigung erforderlichen Maßnahmen herausgestellt, sowie auch
die wirtschaftlichen Aufgaben, die uns in unseren Beziehungen zu den Entwicklungsländern insgesamt konfrontieren, und die Notwendigkeit, mit unseren
eigenen Problemen fertig zu werden. Wir müssen unsere Herzen auch der Aufgabe
öffnen, die Friedensaussichten zu verbessern und gleichzeitig den rechten
Arm

unserer Verteidigung stark zu halten.
Ich habe diese Themen wiederholt vorgebracht, weil sie der Wiederholung

bedürfen und weil sie der Welt Werte vor Augen führen, die mein Volk hoch
achtet.
Ich bin stolz, diesen Themen heute ein weiteres hinzufügen zu können:
daß die Vereinigten Staaten ein starkes, geeintes Europa als eine gemeinsame
Kraft bei der Vertretung jener Werte ansehen, in die sich unsere Völker teilen.
Die USA werden ihr Teil tun, um mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Weil wir auf die grundlegende Stärke unserer Wirtschaft vertrauen, vertrauen wir auch auf die grundlegende Stärke des Dollar - in der Gegenwart und
in der Zukunft. Wir sind uns aber auch des Grades bewußt, bis zu dem unsere
Prosperität heute mehr denn je zuvor von der internationalen Zusammenarbeit

- 2 -

�Zusammenarbeit abhängt.
Wir sind bereit, mit der Europäischen Gemeinschaft auf einer großen
Zahl von Gebieten zusammenzuarbeiten, um
- das wirtschaftliche Wachstum der Länder in der Weise zu fördern, daß
wir die Inflation in Grenzen halten, die Arbeitslosigkeit verringern und die
Geldwertstabilität anstreben;
- einen raschen und erfolgreichen Abschluß der multilateralen Handelsverhandlungen zu erreichen und auf diese Weise den internationalen Handel
auszuweiten, in
zu

allen Ländern mehr Arbeitsplätze zu schaffen und uns allen

helfen;
- schöpferisch auf gegenseitig vorteilhafte Beziehungen zu den Entwick-

lungsländern hinzuarbeiten;
- gemeinsam der Nukleartechnologie einen Platz bei der Deckung unseres
Energiebedarfs zuzuweisen, ohne durch die drohende nukleare Proliferation
die Zukunft unserer Kinder zu gefährden; und
- geneinsam Lösungen für die iozialen und wirtschaftlichen Probleme
zu finden, vor die sich jede unserer Gesellschaften gestellt sieht.
Wie ich vor zwei Tagen in Paris erklärte, müssen wir das Instrumentarium
unserer gemeinsamen Freiheit dazu benutzen, die Wahl- und Aufstiegsmöglichkeiten
innerhalb unserer Wirtschaftssysteme zu vergrößern.
Wir können unsere Erfahrungen auf den Gebieten der gesellschaftlichen
Entwicklung, der Erziehung, der Gesundheitsfürsorge, der sozialen Dienste
und der Organisation und des Managements von Fabriken und landwirtschaftlichen
Betrieben miteinander teilen.
Als größte
- 3 -

�Als größte Handelsgruppierung der Welt hat die Gemeinschaft wie wir
ein deutliches Interesse an einem erfolgreichen Abschluß der multilateralen
Handelsverhandlungen. Diese schreiten so gut voran, wenngleich noch viel
zu tun bleibt.
Ich begrüße

die bisherigen Erfolge der Teilnehmerländer in den Be-

mühungen, das in» Mai vorigen Jahres in London gesteckte Ziel zu erreichen:
wesentliche Fortschritte bis Ende des Jahres 1977. Das bisher Erreichte
sollte die

Verhandlungsdelegationen in die Lage versetzen, die Gespräche

bis Ende dieses Jahres zum Abschluß zu bringen. Eile tut not, wenn diese
Verhandlungen den Zweck erfüllen sollen, das Welthandelssystem zu verbessern
und die protektionistischen Pressionen abzubauen.
Wir benötigen ein umfassendes Paket von Vereinbarungen, einschließlich
solcher über erhebliche Zollsenkungen und Verringerungen nichttarifärer
Handelsschranken sowie Bestimmungen über den Agrarhandel.
Wir wissen, daß sich jedes Land im Zusammenhang mit dem Übergang auf ein
freieres Handelssystem vor Probleme gestellt sehen wird. Sie sind jedoch
ein niedriger Preis für die Segnungen eines offeneren Handels und klein auch
im Vergleich zu den Gefahren des Protektionismus, die dann bestünden, wenn es
uns nicht gelingen sollte, solch umfassende Vereinbarungen zustande zu bringen.
•

Unsere Völker teilen sich auch die Sorge um die Entwicklung umfassender
Energieprogramme. Vor zwei Monaten habe ich meinen Besuch hier in Brüssel
verschoben, um alles mir Mögliche zu tun, damit ein Energieprogramm in den
Vereinigten Staaten Gesetzeskraft erlangt. Man Land darf nicht weiter so
viel Energie verschwenden; es muß stattdessen alternative Energiequellen entwickeln. Sobald ich wieder zu Hause bin, werde ich die Arbeit am Zustandekommen eines so entscheidenden Gesetzgebungswerkes erneut aufnehmen. Ich
bin zuversichtlich, daß die Vereinigten Staaten hinsichtlich einer verantwortungsbewußten Energiepolitik bald ein Beispiel geben werden.
Die Europäische Gemeinschaft

�Die Europäische Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten teilen sich
ferner in das große Interesse am Ausbau der Beziehungen zu den Entwicklungsländern. Unsere diesbezügliche Zusammenarbeit hat

bereits konstruktive Er-

gebnisse gezeitigt. Wir müssen diese Zusammenarbeit fortsetzen, um jene
Länder noch stärker in die Weltwirtschaft zu integrieren.
Sie müssen in die Lage kommen, einen gerechteren Anteil am Nutzen und
an der Verantwortung für den weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt zu nehmen
und eine angemessene Rolle in den weltweiten wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen zu spielen.
Wir in den Vereinigten Staaten begrüßen die Tatsache, daß die Europäische
Gemeinschaft auch außerhalb Westeuropas eine zunehmende politische und wirtschaftliche Rolle spielt. Diese Rolle der Gemeinschaft trägt erheblich zur
Erreichung der Ziele bei, in die wir uns teilen.
In jüngster Zeit habe ich mich besonders über die enge Zusammenarbeit
zwischen uns und über die Fähigkeit zu entschlossener Führung gefreut, die
Mitglieder der Gemeinschaft an den Tag legten: auf der Belgrader Konferenz
über Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Schließlich freue ich mich, wenn ich unsere Verpflichtung auf die europäische Einheit betone, auf die Fortsetzung der engen und produktivpn Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft in
den kommenden Jahren.
Und ich kann dem, was Sie leisten, keinen angemesseneren Tribut zollen,
als zu zitieren, was der Vater der europäischen Einigung, Jean Monnet, einst
geäußert hat: "Sie bilden keine Koalition aus Staaten, Sie führen Völker zur
Einheit."

+ + + + +

- 5 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM NORDATLANTIKRAT

BRÜSSEL - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 6. Januar 1978 in Brüssel
vor dem Nordatlantikrat eine Ansprache gehalten, die folgenden Wortlaut hat:
Herr Generalsekretär, General Haig, Mitglieder des Rates,
Ich bin glücklich, nach unseren erfolgreichen Gesprächen in London
im Mai vorigen Jahres erneut mit dem Nordatlantikrat zusammenzutreffen.
Ich komme mit Ihnen zum Abschluß einer Reise zusammen, die mich in
sieben Länder geführt hat und die mich vcm Anfang bis zum Ende an die Gründe
und Ursachen erinnert hat, deretwegen das Bündnis ins Leben gerufen wurde.
Auf jeder Station meiner Reise - in Ost und West - in Ländern, die sich
bemühten, ihre Armut zu überwinden, und in Ländern, die sich den Konsequenzen
des materiellen Wachstums anpassen, habe ich die Lebenskraft der Demokratie,
der Freiheit des Einzelnen und der Menschenrechte unterstrichen.
Wir in

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�Wir in diesem Forum verstehen sehr wohl die Werte, um die es geht.
Ohne diese Werte hätte der Westen nichts zu bieten.
Und wir wissen ebenfalls - nur zu oft aus persönlicher Erfahrung - um den
Preis, den die Verteidigung dieser Freiheiten fordern kann.
Gestern habe ich mit Präsident Giscard d'Estaing die Strände der
Normandie besucht - genau so hätte ich Anzio, Verdun oder hier die Schlachtfelder in Flandern besuchen können.
Wenn diese Namen uns gleichzeitig mit Trauer und mit Stolz erfüllen,
dann deshalb, weil sie uns den Preis vor Augen führen, den wir für unsere
Freiheit bereits bezahlen mußten - einen Preis, von dem wir hoffen, daß wir
Ihn niemals mehr bezahlen müssen.
Niemand, der sich an diese Opfer erinnert, kann wünschen, daß sie noch
einmal erbracht werden müssen. Der historische Boden Europas trägt die
ständig sichtbaren Beweise für das Blutbad, das ein Krieg unausweichlich mit
sich bringt.
In Warschau habe ich tapfere Menschen erlebt, die einen großen Teil
der wunderbaren Stadt wiederaufgebaut haben, die der Krieg zerstört hat.
Aber was jetzt neu ist, unterstreicht nur, wieviel an Altem verlorenging.
Hier in Belgien, das nur zu oft das Schlachtfeld Europas war, weiß jede
Familie um Freunde, Heimstätten und Träume, die der Krieg vernichtet hat.

Das ist die Herausforderung, vor die sich unser Bündnis gestellt sieht:
unsere Werte ohne Furcht zu verteidigen, während wir gleichzeitig darauf
hinarbeiten, einen Krieg zu verhindern.
Wir wissen, daß
9

�Wir wissen, daß der Weg zu einem dauerhaften Frieden auf Verständigung,
ausgehandelten Abkommen und Schritten des guten Willens beruht. Die mutigen
Initiativen im Nahen Osten werfen einen Hoffnungsschimmer auf alle internationalen Anstrengungen.
Wir sind uns jedoch einig in der Oberzeugung, daß unsere Verteidigung
immer stark genug sein muß, um vor jedem Gedanken der Aggression abzuschrecken daß wir für den Kampf stets so bereit sein müssen, wie wir hoffen, ihn vermeiden zu können.
Als ich mit den führenden Staatsmännern des Bündnisses im Mai vorigen
Jahres zusammentraf, war ich beeindruckt von der Zielstrebigkeit der Verbündeten und von der gemeinsamen Entschlossenheit, die NATO auf die großen
Aufgaben des nächsten Jahrzehnts vorzubereiten.
Auf dieser Tagung kamen wir überein, vier wesentliche Anstrengungen einzuleiten:
- kurzfristige Maßnahmen, um die unmittelbaren militärischen Probleme
zu bewältigen;
- ein langfristiges Programm, das einen Überblick bietet über die Erfordernisse der NATO auf zehn spezifischen Gebieten;
- eine Ost-West-Studie, um ein besseres Verständnis für die Tendenzen in
Osteuropa und der Sowjetunion, eine Gesamtbeurteilung der Kräfte des Warschauer Paktes und der Auswirkungen auf das NATO-Bündnis zu gewinnen, und
- intensivierte Bemühungen, um die Zusammenarbeit bei der Verteidigungsbeschaffung zu verbessern.
Auf allen vier Gebieten haben wir bereits wesentliche Maßnahmen ergriffen.
Ich war von den Berichten über die kürzliche Tagung des Verteidigungsplanungs-

- 3 -

�Verteidigungsplanungsausschusses und des Nordatlantikrates angetan, und
ich sehe erwartungsvoll dem transatlantischen Dialog über den Rüstungshandel entgegen, den die Unabhängige Europäische Planungsgruppe vorgeschlagen hat.
Zusammen bringen wir das NATO-Bündnis auf einen Kurs, der unsere
gemeinsame Verpflichtung für den Frieden, für ein starkes und lebensfähiges

Bündnis und für die Bewältigung einer jeden Herausforderung unserer

Stärke und unseres Zusammenhaltes in den kommenden Jahren bekräftigen wird.
Die führenden Staatsmänner des Bündnisses werden die Gelegenheit haben,
in diesem Frühjahr die Ergebnisse unserer Anstrengungen auf einem Gipfeltreffen zu überprüfen.
Ich freue mich, meine Einladung an das Bündnis erneuern zu können,
dieses Treffen am 30. und 31. Mai in Washington abzuhalten.
Das Verteidigungsbudget, das ich dem Kongreß noch in diesem Monat unterbreiten werde, wird dem realen Zuwachs unserer Verteidigungsausgaben Rechnung
tragen und die Auswirkungen der Inflation mehr als ausgleichen.
Und was noch wichtiger ist, ein großer Teil dieser Anstrengungen wird
direkt unseren Zielen im Rahmen des langfristigen Verteidigungsprogrammes
entsprechen und die amerikanische Verpflichtung gegenüber dem Bündnis stärken.
Die Anzahl der amerikanischen Soldaten in Europa wird in den nächsten
eineinhalb Jahren um mehr als 8 000 Mann erhöht werden, und wir werden auch
unsere Verstärkungskapazität wesentlich erhöhen.
Wir haben diese Anstrengungen im Namen des Bündnisses gemacht. Wir hoffen,
daß das Bündnis insgesamt mit einem weitreichenden, realistischen und langfristigen Verteidigungsprogramm den Verbesserungen, die wir selbst jetzt in
Angriff nehmen, entsprechen oder sie gar noch übertreffen wird.
Wir werden uns auch

�Wir werden uns auch weiterhin der Doktrin, der Strategie und der Politik
des Bündnisses, einschließlich der Vorneverteidigung und der flexiblen
Antwort verschreiben.
Wir werden mit Ihnen zusammenarbeiten, um die Abschreckung über das
ganze Spektrum der Streitkräfte hinweg - die strategischen, die Gefechts-,
die nuklearen und konventionellen Verbände - aufrechtzuerhalten, sodaß
die Staaten des Warschauer Paktes wissen werden, daß wir alle

geeint

sind in der unbedingten Entschlossenheit zur Verteidigung aller Territorien
der NATO-Mitgliedsstaaten.
Der Wille und die Fähigkeit Amerikas, allen unseren NATO-Verpflichtungen
nachzukommen, die die feste Unterstützung des amerikanischen Volkes finden,
werden nicht erlahmen.
Es gibt aber auch noch andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten, vor
die das Bündnis gestellt ist.
Wir haben bisher ein hervorragendes Beispiel für Konsultationen miteinander in Bezug auf einen weiten Bereich von Problemen gegeben. Dies kann und
sollte so fortgesetzt werden, und die Vereinigten Staaten werden ihre NATOVerbündeten in immer stärkerem Maße zu ihren Beratungen hinzuziehen.
In dem Maße, wie die SALT-II-Verhandlungen Fortschritte in Richtung auf
ein Abkommen machen, das - wie wir hoffen - bald Zustandekommen wird, werden
wir unsere Konsultationen mit Ihnen allen intensivieren - in der Erkenntnis,
daß die Beratung den Brennpunkt aller Überlegungen bildet.
Wenn wir über SALT-II hinausgehen, dann werden wir hier breitangelegte
Erörterungen über alle Sicherheitsfragen des Bündnisses führen.
Wir müssen gemeinsam an diese Fragen als Bündnis herangehen und jedes
Problem im Zusammenhang mit unseren Sicherheitserfordernissen insgesamt für

- 5 -

�für die Zeit des nächsten Jahrzehnts beurteilen.
Wir müssen sicherstellen, daß unsere Strategien hinsichtlich der Streitkrä'fteplanung und der Rüstungskontrolle dem gleichen Zweck dienen.
In dem Bemühen um eine Verminderung der Spannungen und um den Aufbau
eines stabileren Friedens sollte das Bündnis auch weiterhin den Gesprächen
über eine beiderseitige und ausgewogene Verminderung der Streitkräfte in
Wien (MBFR) hohe Priorität geben.
Wir glauben, daß unsere Verhandlungsvorschläge zu einer stabileren
militärischen Situation in Mitteleuropa mit verringerten Stärken der Streitkräfte auf beiden Seiten führen werden.
Wir im NATO-BUndnis

sind zur Flexibilität bereit in dem Bemühen um einen

Fortschritt in Richtung auf ein ausgewogenes Ergebnis, das unsere Interessen
schützt.
Aber ein ernsthaftes Interesse, die Verhandlungen zu einem Fortschritt zu
bringen, kann keine einseitige Angelegenheit sein. Wir erwarten von den Staaten
des Warschauer Paktes ein gleiches entschiedenes Eintreten und einen gleichen
Beitrag zu diesem Fortschritt.
Schließlich müssen wir als Verbündete auch weiterhin unsere Stärke auf
anderen Gebieten - den wirtschaftlichen, sozialen und moralischen - ausbauen.
Gerade dann, wenn die Herausforderungen an die Demokratie am größten sind,
müssen unsere Führer am nachdrücklichsten allen nichtdemokratischen Lösungen
widerstehen.
Ich bin in jeder Hinsicht davon überzeugt, daß die Staaten des Bündnisses
und die NATO selbst diesen Aufgaben mehr als gewachsen sein werden.
Ich kehre nach

�Ich kehre nach den Vereinigten Staaten zurück im Vertrauen auf die guten
Aussichten für

eine friedliche Welt, die die Menschenrechte respektiert.

Ich weiß, daß die Sicherheit unseres Bündnisses der Fels ist, auf dem diese
Hoffnung ruht.

+ + + + +

- 7 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

AUSFÜHRUNGEN CARTERS VOR DER PRESSE IM NATO-HAUPTQUARTIER

BRÜSSEL - AD - Die Ausführungen Präsident Carters vor der Presse im
NATO-Hauptquartier am 6. Januar 1978 haben folgenden Wortlaut:
Einführung Carters durch NATO-Generalsekretär Luns: "Meine Damen und
Herren, der Präsident!"
"Herr Generalsekretär Luns, das war eine der kürzesten Reden, die Sie
jemals gehalten haben, und ich möchte in fast genau so kurzer Form sagen,
daß das NATO-Bündnis für das amerikanische Volk etwas Kostbares ist. Unser
Engagement für dieses Bündnis findet nahezu einmütige Unterstützung in
unserem Lande.
Ich war zutiefst erfreut

über das wieder wach gewordene Eintreten und

die sichtbare Unterstützung der militärischen Stärke der NATO bei allen Mitgliedern des Bündnisses.
Ich habe einen detaillierten Bericht über den Fortschritt gegeben, den wir
in unseren Verhandlungen mit der Sowjetunion in einem weiten Bereich von Themen

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�Themen machen.
Wir möchten das Ost-West-Verhältnis begreifen und alle möglichen
Spannungen glätten. Unsere Verpflichtung gilt nicht dem Krieg, sie gilt
dem Frieden. Wir glauben, daß die beste Weise, den Frieden und jene Ideale
und bindenden Verpflichtungen

zu erhalten...,von der militärischen

Kapazität abhängig ist, über die wir verfügen. Ich verwies auf das Leid,
das durch unsere Truppen und jene unserer anderen Alliierten in früheren
Kriegen über Europa gekommen ist, und darauf, daß wir dies nie wieder
geschehen lassen dürfen und daß eine enge Unterstützung und ein ständiger
Einsatz für die gemeinsame Verteidigung der beste Weg ist, um weitere
Kriege zu vermeiden.
Ich gab den Botschaftern, dem Generalsekretär und den militärischen
Vertretern einen genauen Bericht über meinen bisherigen Besuch, einen Bericht
über den Fortschritt, der im Nahen Osten bereits erzielt wurde und weiter
erfolgen könnte. Wir sprachen über die wirtschaftliche Stärke unseres
eigenen Landes, die engen Bande, die uns miteinander verbinden - nicht nur
militärisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich.
Wir hatten eine Sitzung mit Fragen und Antworten, bei der verschiedene
Botschafter mich auf besondere Punkte des Interesses für die Vereinigten
Staaten hinwiesen und ich auf ihre Äußerungen antwortete. Es war ein sehr
fruchtbarer Gedankenaustau seh,und in knapp zwei Stunden behandelten wir
diese Interessenbereiche, die für uns alle von Bedeutung waren.
Am Ende erklärte ich unseren Verbündeten, die dort vertreten waren, daß
wir nichts vor ihnen zu verbergen hätten. Sie sind Partner in jedem Sinn
des Wortes. Und wir haben unseren Verteidigungsminister, unseren Außerminister
und den Vizepräsidenten - nur wenige Stunden, nachdem ich Präsident geworden war - hierher gesandt,und jetzt bin ich selbst ins NATO-Hauptquartier
gekommen, um unsere Verbündeten wissen zu lassen, daß das Bündnis in der Tat
eng und vertraut und unbelastet ist, und daß sie sich, wenn in Zukunft je eine

- 2 -

�eine Frage über SALT-Verhandlungen, taktische Waffen, Haushaltspläne,
Stärke des Dollar auftauchen sollten - wenn notwendig - nur mit mir direkt
in Verbindung zu setzen brauchten,und sie werden eine sofortige Antwort
erhalten.
Ich denke, daß viele Besorgnisse ausgeräumt werden konnten, und ich
reise von hier ab mit einem starken Gefühl des Vertrauens und einem tiefen
Gefühl der Wertschätzung nicht nur der Stärke, die das Bündnis in der
Vergangenheit zeigte, und der Bindungen, die uns geistig, politisch und
moralisch zusammengehalten haben, sondern auch mit einem Gefühl der Gewißheit
in Bezug auf die Zukunft.

+ + + + +

- 3 -

�1

Dokumentation

I
11. Januar 1978

INTERVIEW PRÄSIDENT CARTERS ZUM ABSCHLUSS SEINER WELTREISE

AN BORD DER AIR FORCE ONE - (AD) - Präsident Jimmy Carter gab zum Abschluß seiner Weltreise am 6. Januar 1978 auf dem Heimflug nach Washington
an Bord seiner Maschine ein längeres Interview, in dem er eine erste umfassende Würdigung seiner Reise versuchte. Der Präsident stellte sich einem
ausgewählten Kreis amerikanischer Medienvertreter: Don Campbell, (Gennett),
Ted Knap, (Scripps-Howard), Phil Smith, (Newhouse), Helen Thomas, (UPI),
James Gerstenzang, (AP), und Bob Schieffer, (CBS).
Das Interview hat im wesentlichen folgenden Wortlaut:

FRAGE: Können Sie uns, Herr Präsident, zu Beginn sagen, wie Sie die
Reise beurteilen und was Sie glauben, erreicht zu haben?
ANTWORT:

Ich wollte das Bild einer Nation zeigen, die für das einsteht,

was recht und anständig und gut ist, die Konzeption der Demokratie in den Entwicklungsländern und in den Industriestaaten stärken und versuchen, einen
Fortschritt bei der Lösung des Streites im Nahen Osten zu erzielen.

Und eine

Sache, die überall zu Tage trat, war ein Ausdruck des Interesses oder der Be-

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�Besorgnis seitens der ausländischen Staatsmänner, wie wir die Energiesituation meistern werden.
Darüber hinaus wollte ich natürlich wenn möglich, die Freunschaft stärken, die in unterschiedlichem Maße bereits zwischen unserem eigenen U n d und
den von uns besuchten Ländern bestand.
Ich bin nie in Indien oder in den von uns besuchten Ländern des Nahen
Ostens gewesen.

Wie gesagt, das waren die vier oder fünf Dinge, an die ich

gedacht habe, und ich glaube, es ist uns ganz gut gelungen.

FRAGE:

Ich weiß, daß das die Dinge waren, die Sie tun wollten, aber

glauben Sie, daß Sie auch das erreicht haben, was Sie wollten?

Was glauben

Sie, haben Sie im einzelnen erreicht?
ANTWORT: Es besteht kein Zweifel, daß die Freundschaft zwischen uns
und Polen, zwischen uns und dem Iran, zwischen uns und Saudi-Arabien, zwischen
uns und Ägypten, zwischen uns und Frankreich und zwischen uns und Belgien gestärkt worden ist. Das haben wir erreicht.
Ich glaube, wir haben auch einigen Fortschritt im Nahen Osten erzielt.
Soweit ich sehen kann, trennen uns beispielsweise keine Meinungsverschiedenheiten von Sadat. Wir haben die gleichen Grundprinzipien bekräftigt, die wir
vor sechs oder acht Monaten den arabischen und israelischen Führern unterbreitet haben. In dieser Hinsicht war die Reise erfolgreich.
Ich habe auch zwei oder drei größere Reden gehalten, eine über die Demokratie und ihre Bedeutung für die Entwicklungsländer in der Welt und eine
über die Bedeutung der Demokratie für die Industrieländer der Welt unter sich
wandelnden Bedingungen. Es ist schwer zu sagen, ob die Reden einen Eindruck
hinterlassen haben oder nicht.
Wir
- 2 -

�Wir haben auch das Bild einer Nation dargestellt, die stark und sicher
und voll Selbstvertrauen ist, die jedoch ihre Stärke nicht unter Beweis zu
stellen braucht, indem sie andere Nationen übervorteilt, die nicht so stark
oder so sicher sind wie wir.
Die persönlichen Beziehungen, die sich zwischen mir und den ausländischen
Staatsmännern entwickelten, waren sehr befriedigend.
Ich möchte sagen, der gefühlsbetonteste Tag war gestern, der Besuch in
der Normandie und der Empfang durch die Bevölkerung in Bayeux und die Reaktion der französischen Bevölkerung an den Straßen von Paris, sowie die gewaltige Menschenmenge gestern abend vor dem Schloß von Versailles.

Ich war da-

von sehr tief bewegt.

FRAGE:

Einige male haben Sie, wie wir meinen, recht müde ausgesehen,

aber viele von uns waren völlig erschöpft.

Was ich gerne wissen möchte ist,

wie Sie das alles physisch durchgehalten haben und wie Sie die Zeitverschiebungen vertragen haben, ob Sie nicht rückblickend doch meinen, daß der Reiseablauf ein wenig zu hektisch war und ob Sie bei künftigen Auslandsreisen
nicht vielleicht doch Ihrem Stab sagen werden, bei der Planung einer Reise
die Dinge etwas langsamer anzugehen?
ANTWORT:
ich müde bin.

Ich möchte ganz offen sagen, heute ist der erste Tag an dem
Auf der übrigen Reise habe ich mich völlig ausgeruht und ent-

spannt und keineswegs gedrängt gefühlt.

Ich habe sogar mehr Schlaf pro

Nacht gehabt als ich normalerweise in Washington habe.
ich um 5, 5,30 oder 6 Uhr morgens auf.

Im allgemeinen stehe

Ich habe länger geschlafen als sonst.

Gestern abend ist es allerdings etwas spät geworden, vielleicht eine Stunde
später als vorgesehen.
war.

Heute war der erste Tag, an dem ich wirklich müde

Das war bei dem NATO-Treffen.
Ich
- 3 -

�Ich glaube eine

der Hauptü'berlegungen - und das können Sie ruhig

schreiben,wenn Sie wollen - ist, wie die übrige Begleitung und die Presse
von der Reise mitgenommen wurden.

Für mich wird immer gesorgt.

Wenn ich

irgendwo hinkomme, dann kann ich schon 20 Minuten nach einer großen Rede
zu Bett gehen und bis zum nächsten morgen schlafen.

Sie müssen Ihre Berichte

absetzen und am nächsten morgen wieder bereitstehen.

Ich glaube daß wir die-

sen Faktor in Zukunft berücksichtigen müssen.

FRAGE:

Glauben Sie, daß es ein paar Pannen gab - ich glaube das ist

das richtige Wort?
ANTWORT:

FRAGE:

Ja, die gab es.

Die Übersetzung in Polen, das eingeschaltete Mikrofon in Neu

Delhi - hat das für Sie irgendwelche Probleme im Umgang mit den führenden
Persönlichkeiten gebracht, oder wird das irgendein bleibendes Problem in
den Beziehungen mit diesen Ländern schaffen?
ANTWORT:

Beides war natürlich unbeabsichtigt.

meine, nachher eine sehr hübsche Erklärung abgegeben:

Gierek hat, wie ich
"In Polen", so sagte

er, "kritisieren wir Frauen oder Übersetzer nicht".
Das war das erste Mal, daß ich mit Gierek zusammengetroffen bin, und
wir hatten nachher eine sehr gute persönliche Beziehung. Er hat sich niemals
dazu geäußert, außer daß er lächelte und sagte "Nun, es war ein etwas veraltetes Polnisch und es hatte einen russischen Einschlag." Aber ich glaube
nicht, daß das irgendwelche bleibende Auswirkungen hatte.
Ich habe die Presseberichte über die Erklärungen der indischen Führer
gelesen nachdem wir abgereist waren, und ich glaube, vielleicht sagen zu
dürfen, ohne übertrieben optimistisch zu sein, daß es mir und Desai wohl geholfen hat. Ich war sehr unverblühmt hinsichtlich unseres Nonproliferations-

�Nonproliferationsprogramms, wie ich meine, und habe sehr offen und deutlich zum Ausdruck gebracht, daß der Kongreß mit meiner Billigung wahrscheinlich verschärfte Bestimmungen für Brennstofflieferungen in der Zukunft verabschieden werde.

Und ich wollte ihn mindestens schon 18 Monate vorher wis-

sen lassen, daß dies auch Indien betreffen würde.

Er und ich haben hinterher ohne Zorn und Eifer unsere Witze darüber gemacht.

Und nach unserer Abreise wurde in der Presse berichtet, daß es ein

sehr konstruktiver Besuch gewesen sei.

Ich glaube, es zeigte sich, daß Desai, wie ich bereits erwähnt habe,
hart auf dem indischen Standpunkt beharrte.

Wir versuchten eine Lösung

dieses potentiellen Konflikts zwischen den internationalen Sicherungen der
Produktion von Kernkraft und einer ausreichenden Brennstoffversorgung zu finden.

Eine Möglichkeit, die man prüfen kann, ist die, daß wir und die Sowjets

und die Briten einen Vertrag über ein umfassendes Versuchsverbot abschließen
und daß dies für Desai ein ausreichender neuer Faktor ist, um umfassende
Sicherungen zu akzeptieren, ohne daß er die Grundsätze der Autonomie und der
Unabhängigkeit zu verletzen braucht.

Ich bedaure jedoch, daß die Sache mit dem eingeschalteten Mikrofon
passiert ist.

Darüber will ich Sie nicht hinwegtäuschen.

Zwischen mir und

Desai war es immer eine Sache des Humors und der freundlichen Aufnahme.

Ich

glaube jeder, der ihn und mich aus der Nähe beobachtet hat, konnte erkennen,
daß ein echtes Gefühl der gegenseitigen Achtung bestand.

FRAGE:

ANTWORT:

Darf ich eine Frage anknüpfen?

Es war auf jeden Fall ein Fehler.

FRAGE:

�FRAGE:

Ja, es war wahrscheinlich ein Fehler, aber war es ein Fehler

wegen der Art und Weise wie die Presse reagiert hat oder war es ein Fehler
Ihrerseits?
ANTWORT:

Es war ein Fehler meinerseits.

Ich hätte sagen sollen, "ein

sehr offenes und sachliches Schreiben", und nicht "ein grobes und kaltes
Schreiben".

Aber über was ich mit Cy Vance gesprochen habe - es lag auf der

Hand, daß ich keine Abneigung gegen Desai hegte - war ein kaltes technisches
Thema, und es sollte den Indern unmissverständlich klar gemacht werden, damit
sie wissen, was sie nach 18 Monaten, nach der Verabschiedung des Gesetzes
zu erwarten haben.

FRAGE:

Herr Präsident, ich möchte nicht auf der Nah-Ost-Episode herum-

hacken,aber sie hat sicher die Reise in vielfacher Weise überschattet, denn
die Entwicklungen gingen weiter - aber es hat meine Neugier erregt, daß Sadat
erklärte, daß sie übereinstimmende Auffassungen hätten, und Sie selbst erklärten, sie schienen keine unterschiedlichen Meinungen zu haben - und Sadat
hat Meinungsverschiedenheiten mit Begin - wie stehen Sie damit zu Begin?
ANTWORT: Ich habe die Presseberichte nach meiner Erklärung in Assuan
gelesen, und Begin hat das gebilligt, was ich gesagt hatte. Es besteht ein
ziemlich gutes übereinkommen zwischen Begin und Sadat über Fragen hinsichtlich der Definition des Friedens.
Sadat hat mir, als er im April in Washington mit mir zusammentraf, das
gesagt und mir die drei Grundprinzipien dargelegt. Das eine war völliger
Friede zwischen Ägypten und Israel, offene Grenzen, diplomatische Anerkennung,
Austausch von Botschaftern, freier Handel, Austausch von Touristen und Studenten und kultureller Austausch. Und er erklärte mir, daß dies zu seinen Lebzeiten nie eintreten werde, was ich bezweifelte. Das hat er mir im April
gesagt.
Er

�Er erklärte mir an jenem Tag in Assuan, daß er völlig unrecht gehabt
habe, daß er in Israel nicht nur gut aufgenommen worden sei, sondern daß er
bei seiner Rückkehr nach Ägypten auch als Held gefeiert worden sei; daß die
israelischen Verhandlungsführer, als sie nach Kairo kamen, umarmt worden
seien und die Ägypter geweint hätten.

Und er sagte mir:

"Mein Volk war

mir weit voraus, und was Sie mir im April vorgeschlagen hatten und ich damals
nie für möglich hielt, hat sich bereits als möglich erwiesen."

Das ist ein

Aspekt.
Der Abzug der israelischen Streitkräfte vom Westufer des Jordan (West
Bank) mit geringfügigen Ausnahmen an der westlichen Grenze ist ein Prinzip»
das er bereits im Februar oder März offensichtlich verkündet hat. Ich halte
das noch immer für einen akzeptablen Vorschlag für die Araber, obwohl ich
nicht damit rechne, daß sie ihm öffentlich beipflichten, da er praktisch den
Erklärungen in Rabat zuwiderläuft. Sie sind offensichtlich in der Lage und
gewillt, für sich selbst zu sprechen. Aber darüber haben wir uns keine
Illusionen gemacht.
Die andere Frage, die Lösung des Palästinenser-Problems, kann, so meine
ich, durch eine Interimslösung im Sinne einer gemeinsamen Verwaltung beigelegt werden.

Ich möchte hier nichts Definitives sagen, aber es gibt Möglich-

keiten, die Israel, Jordanien, das Westufer, den Gaza-Streifen, die Palästinenser und vielleicht die Vereinten Nationen für

gewisse Zeitspannen ein-

schließen, speziell der Zeit vorausgreifende Formen, und dann das Recht der
Palästinenser, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, ob sie diese Art der
Administration fortsetzen oder sich Jordanien anschließen wollen - das alles
sind Grundsätze, die wir schon vor acht Monaten begonnen haben, sehr klar,
auch schriftlich, darzulegen.
Das Problem wird also im Detail liegen.

Aber was die Grundsatzerklärung

angeht, so sind mir keine Meinungsverschiedenheiten zwischen Begin und Sadat
bekannt.
FRAGE:
- 7 -

�FRAGE:
ANTWORT:

Bezeichnen Sie das als Selbstbestimmung?
Ich habe niemals geglaubt und glaube es auch heute nicht, daß

es für uns, für die Länder des Nahen Ostens oder für die Welt ratsam wäre, eine
unabhängige palästinensische Nation zu haben, die zwischen Israel und Jordanien
liegt.

Ich glaube, das wäre ein Ziel für die Subversion.

Ich glaube, dort

würde ein konzentrierter Einfluß durch einige der radikaleren Führer der Welt
geltend gemacht.

Und ich meine, daß ein palästinensisches Gebiet oder Heimat-

land zumindest in eine sehr starke Förderation oder Konföderation

mit Jorda-

nien eingebunden sein müßte.
Aber ich möchte hier sagen, daß das die Lösung wäre, die wir vorziehen.
Wenn Israel und Jordanien und die Palästinenser und Ägypter etwas anderes
ausarbeiten sollten, hätten wir nichts dagegen.

Aber das ist unser Standpunkt.

Wir haben es von Anfang meiner Administration an den Israelis und den Arabern
ganz klargemacht, daß das die Lösung ist, die wir vorziehen.

FRAGE: Ich frage mich, ob es während der letzten neun Tage irgendwelche
unerwarteten Verluste oder Gewinne gab?
ANTWORT:

Das ist schwer zu sagen.

tiver Analytiker.

Ich bin in diesem Fall kein objek-

Aber ich hatte den Eindruck, daß der Fortschritt, den wir

mit Indien machten, außerordentlich war.

FRAGE:
ANTWORT:

Auf welchem spezifischen Gebiet?
Es besteht kein Zweifel, daß unter Mrs. Gandhi die Ausrich-

tung Indiens - das geschichtlich unser Freund gewesen ist - von uns weg, wohl
auf die Sowjets zu lief.
Ich

�Ich hatte das Gefühl, daß Desai und seine Regierung auf eine völlig
neutrale oder blockfreie Position zurückgekehrt sind.

Es herrschte ein ech-

tes Gefühl der Vereinbarkeit und Freundschaft auf der Grundlage tiefer religiöser Überzeugungen, eine Verpflichtung zur Demokratie und zum Grundsatz
der Menschenrechte.

Das war für mich sehr ermutigend.

Es war mehr als ich erwartet hatte.

Ich möchte mich nicht selbst ana-

lysieren, aber die französischen Nachrichtenmedien haben erklärt, daß wir in
den letzten hundert Jahren niemals ein besseres Verhältnis zu Frankreich gehabt haben, als wir es heute haben.
sehr verbunden.

Ich fühle mich mit Giscard d'Estaing

Ich glaube, die überströmenden Gefühls- und Freunschaftsbe-

zeugungen der Franzosen uns gegenüber und die gewaltigen Massen, die sich in
den Straßen von Paris versammelt hatten, das war,wie Giscard d'Estaing sagte,
eine ganz seltene Angelegenheit.

Die Franzosen sind ausländischen Besuchern gegenüber fast genauso blase,
wie die Leute in Washington, da es sich um einen solchen Sammelpunkt von
diplomatischen Besuchern handelt.

Aber ich glaube, es handelte sich um einen

sehr guten Ausdruck der Freundschaft.

Wie ich schon früher gesagt habe, war der Ausdruck der Gemeinsamkeit
der geschichtlichen Erinnerungen am Strand in der Normandie (Omaha) gestern
etwas, was man sich nicht im voraus vorstellen kann und was man sich nicht
ausdenken kann.

Ich glaube das war ganz und gar echt.

Das sind einige der

Dinge, die mich beeindruckt haben.

Der Besuch meiner Frau Rosalynn und Dr. Brzezinskis bei Kardinal Wyszynski
zeigte, daß es in der polnischen Gesellschaft einen Pluralismus gibt, wie er
in einem osteuropäischen Land nicht häufig anerkannt wird.

Es liegt auf der Hand, daß was ihren Einfluß auf den Geist und die Herzen und die Zukunft des polnischen Volkes angeht, es eine Gemeinsamkeit zwischen einem großen religiösen Führer und dem politischen Führer gibt.
Privat
- 9 -

�Privat haben sie ihre Bewunderung füreinander zum Ausdruck gebracht.
Ich glaube, das ist eine gute und eine eigentlich erfreuliche Überraschung
bei den Nationen hinter dem Eisernen Vorhang.
Ich glaube der Vorhang wird gelüftet.
Schritt vorwärts.

Ich glaube, es ist ein guter

Wir haben heute eine weitere richtige Handlung vorgenom-

men, in dem wir Ungarn die Krone zurückgegeben haben.

Wir versuchen nicht,

einen Keil zwischen diese Nationen des Warschauer Pakts und die Sowjetunion
zu treiben.

Aber wir versuchen sie dazu zu bringen, uns als Freunde zu be-

trachten, die Frieden wollen, die das schreckliche Leiden anerkennen, das
sie erdulden mußten, und die eine Basis für die Freundschaft und den Handel
mit dem gegenseitigen Austausch aufbauen.
Wir unterzeichneten ein Nuklearabkommen mit den Persern, das Milliarden
von Dollar an Handel für die amerikanische Industrie bringen wird, viele
Arbeitsplätze für Amerikaner bringen wird und unsere Nonproliferationspolitik
in keiner Weise verletzen wird.
Es gab also einige Dinge, die wir wirklich nicht vorher auf die Tagesordnung gesetzt hatten, und die dann eintrafen.

Aber es fällt mir schwer,

das alles objektiv zu beurteilen.

FRAGE:

Wie sieht es mit irgendwelchen negativen Aspekten aus?

Wurden

Sie von irgend etwas überrascht, was nicht so gut lief, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
ANTWORT:

Nein, ich kann mich an nichts derartiges erinnern, aber viel-

leicht Sie? ...

FRAGE:
Fragen:

Im Zusammenhang mit Ihren Äußerungen über Polen habe ich zwei

Die eine ist, warum haben Sie selbst Kardinal Wyszynski nicht auf- 10 -

�aufgesucht, und haben Sie sich in irgendeiner Weise bemüht, Herrn Gierek
vorzuschlagen, daß er Dissidenten-Journalisten zu ihrer Pressekonferenz
zulassen sollte?

ANTWORT:
sein solle.
troffen.
äußern.

Ja, wir haben vorher ersucht, daß die Pressekonferenz offen
Es war nun einmal sein Land,und er hat diese Entscheidung ge-

Ich habe die Entscheidung getroffen, mich dazu öffentlich zu
Wir haben, davon gehe ich aus, die Entscheidung getroffen, daß

meine Stellungnahme in den polnischen Zeitungen und an diesem Abend auch
im Fernsehen frei publiziert werden solle.

Wir haben Kardinal Wyszynski eingeladen,zu mir zu kommen und sich mit
mir zu treffen.

Aber er erklärte, daß es für einen Kardinal nicht angebracht

sei, zu mir zu kommen und mir seine Reverenz zu erweisen.

Wir hielten es

also, im letzten Moment möchte ich sagen, für eine gute Lösung für Rosalynn
und Dr. Brzezinski hinzugehen, die Kardinal Wyszynski ohnehin sehen wollten.

Ich schrieb ihm eine private Botschaft,und er schrieb mir eine kleine
Notiz und es war eine für beide Seiten nutzbringende Angelegenheit.

Aber

ich glaube, der Kontakt zu ihm durch Dr. Brzezinski und Rosalynn war ausreichend.

FRAGE:

Herr Präsident, können Sie vielleicht etwas genauer sagen -

aber vielleicht möchten Sie es nicht - was Sie meinen, wenn Sie davon sprechen,
daß die Palästinenser das Recht haben sollen, an ihrer eigenen Selbstbestimmung mitzuwirken?

ANTWORT:

Ich möchte hier wirklich nicht mehr ins Detail gehen, wie das

Verfahren im einzelnen aussehen soll.
in Jerusalem zusammentreffen,

Dajan und Kaamel werden am 15. Januar

Außenminister Vance wird auch dort sein.

wird seine guten Dienste anbieten.

Er

Ich selbst würde es vorziehen, daß die

- 11 -

�die Israelis und die Ägypter dieses Interimsverfahren mit einer abschließenden Volksabstimmung selbst aushandeln.
promiß zwischen ihnen zu finden.

Wir werden versuchen, einen Kom-

Ich meine, wenn es uns gelingt, eine Reihe

akzeptabler Grundsätze zu entwickeln, dann wäre es für König Hussein und vielleicht später auch für die Syrer sehr viel leichter, sich an den Gesprächen
zu beteiligen.

Ich habe nicht versucht, König Hussein zu überreden, sich

jetzt zu beteiligen.
Ich bin der Meinung,und er ist auch der Meinung, daß Sadat den arabischen
Standpunkt in ausreichendem Maße repräsentiert. Ich meine, daß Sadat in fast
einzigartiger Weise nicht nur das Vertrauen seines eigenen Volkes und der übrigen Welt hat, sondern in beträchtlichem Maße auch das Vertrauen der israelischen Bürger.
So sind wir derzeit alle der Auffassung, daß Hussein sich aus den direkten Verhandlungen heraushalten sollte, bis Sadat ausdrücklich um seine Beteiligung ersucht. Der Schah wird die Dinge unterstützen; die Saudis waren sehr
optimistisch hinsichtlich der Zukunft, und Hussein und wir sind völlig einer
Meinung.
Ich meine also, daß die gegenwärtige Situation ganz gut ist. Wie jedoch
die Abstimmung genau ablaufen soll

oder wann oder welche Optionen den Pa-

lästinensern angeboten werden könnten, möchte ich nicht sagen.

Ich weiß es

nicht.

FRAGE: Darf ich Sie auch fragen, ob Sie glauben, daß Sadats Position
gegenüber den harten Kritikern aus der arabischen Welt durch Ihren Besuch
verbessert wurde?
ANTWORT: Ich glaube nicht, daß ich gegen die Vertraulichkeit verstoße,
wenn ich sage, daß alle arabischen Führer, mit denen ich zusammenkam,erklärten, daß sie Sadat einstimmig unterstützen. Was Syrien denkt, kann ich nicht

�nicht genau sagen.

Ich habe nicht mit Assad gesprochen, aber die Einstellung

des Irak und Libyens und der radikalerer Araber liegt auf der Hand.
len nicht, daß Frieden herrscht.
kommt.

Sie wol-

Sie wollen nicht, daß es zu einer Lösung

Sie wollen nicht, daß die Genfer Konferenz zu einem Abschluß kommt.

Und viele von ihnen haben noch immer als einzige Zielsetzung die Zerstörung
Israels.
Ich glaube nicht, daß Assad oder König Hussein oder Sadat oder die Saudis
- also die,mit denen ich gesprochen habe - in irgendeiner Form so denken.
Ich glaube,sie alle sind absolut bereit, Israel jetzt als bleibendes Gebiet
im Nahen Osten zu akzeptieren und mit ihm in Frieden zu leben.

FRAGE:

Herr Präsident, bevor wir die Reise antraten haben Sie erklärt,

Sie würden über die Menschenrechte sprechen,und Sie haben, so glaube ich,
überall davon gesprochen.
ANTWORT:

FRAGE:

Ja.

Aber seit wir in Polen waren, wo Sie über Giereks Verpflichtung

Ihnen gegenüber hinsichtlich der Auswanderungsrechte gesprochen haben, erhielten wir, so glaube ich, von Ihnen keine näheren Informationen mehr, daß irgendeiner der Führer Ihnen irgendein
geben hätte.
Iran.

Antwort auf Ihren eigenen Standpunkt ge-

Gibt es da etwas Spezifisches?

Ich denke da vor allem an den

Hat es irgendwelche Konzessionen gegeben, von denen wir noch nichts

gehört haben?
Antwort:

Nein, offensichtlich streben wir ja keine Konzessionen in

den Menschenrechten in Belgien, Ägypten oder Frankreich an. Im Iran haben der
Schah und ich allumfassende Gespräche über die Menschenrechte geführt.
bin nicht geneigt, über das vertrauliche Gespräch zu reden.
- 13 -

Ich

Aber die Grund-

�Grundfrage im Iran ist das bestehende Gesetz, das die kommunistischen Parteien
verbietet und den Kommunismus verbietet - ein Gesetz, das den Gesetzen sehr
ähnlich ist, die wir in der Vergangenheit selbst sehr regoros durchgesetzt haben.

Hier liegt die Grundlage des Problems.
Aber dem Schah sind die Menschenrechte ein sehr tiefes Anliegen, und

ich habe die Menschenrechte auch in meiner Erklärung im Iran erwähnt.

Aber

wir haben im Iran auf vielfältige Weise - durch die Gewährung der Rechte für
Frauen, die Aufnahme ungleichartiger religiöser und rassischer Gruppen im Iran
- sehr schöne Fortschritte gemacht, so möchte ich sagen, die in etwa dem entsprechen, was wir in den letzten 20 Jahren in den USA geleistet haben ...

FRAGE:

War die Reise zum Teil symbolisch? ...

ANTWORT: ... Die Reise war symbolisch. Es ist ein sehr sicheres und beruhigendes Gefühl, etwas zu repräsentieren, das ich für die größte Nation der
Erde halte. Wir haben keine Schwäche, die es nach meiner Meinung nach von
mir verlangen würde, künstlich unsere Stärke unter Beweis zu stellen. Wir
haben nach meiner Auffassung keinen Bedarf, der es von mir verlangen würde,
jemand anderen zu übervorteilen, um unseren Bedarf zu decken. Wir hegen
kein Gefühl der Überlegenheit oder der Beherrschung über die anderen Nationen,
die wir besucht haben. Wir behandeln sie echt als Partner, als Volk mit dem
wir in der Zukunft noch enger befreundet sein möchten.
Es war also eine Reise, die symbolisch war für die Macht und den Einfluß
und den guten Willen der Vereinigten Staaten.

Ich habe überall, wo ich hin-

kam, versucht, die Konzeption der Moral und des Anstandes und der Güte und der
Freundschaft und der Menschenrechte zu unterstreichen.

Ich fühle mich also

unter keinerlei unbequemem Zwang, etwas beweisen zu müssen, was unsere Nation
nach meiner Meinung wirklich nicht repräsentiert.
Reise symbolisch.

In diesem Sinne war die

Sie symbolisierte,was Amerika ist und was Amerika sein

möchte ...
+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS NACH SEINER RÜCKKEHR IN DIE USA

WASHINGTON - AD - Nach seiner Rückkehr in die USA gab Präsident Jimmy
Carter am 6. Januar 1978 abends (Ortszeit) auf dem Rasen vor dem Weißen
Haus folgende Erklärung ab:
Als ich vor eineinhalb Wochen hier an dieser Stelle stand, da sprach
ich im Hinblick auf meine Reise von einigen Dingen, die mir bedeutsam erschienen: von raschen Veränderungen, der Vielfalt unter den Völkern der
Welt, der Führungsrolle Amerikas, von Freiheit, Freundschaft und den Menschenrechten. Nachdem ich nun diese Länder besucht habe, ist mir der Sinn dessen,
was diese Worte wirklich bedeuten, viel klarer geworden.
Ich möchte hier jetzt nicht in Einzelheiten gehen, weil die Zeit dafür
zu kurz ist, aber mir stehen doch einige Dinge deutlich vor Augen, die meine
Gefühle deutlich machen, wo ich jetzt in mein von mir so geliebtes Land zurückkehre.
Da ist der Besuch in Warschau - die Länder des Warschauer Paktes liegen
auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges, der jetzt - und ich hoffe für

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�für immer - gelüftet wird.
Ich habe denen meine Reverenz erwiesen, die dort getötet wurden; es
gab vier Millionen Juden in Polen vor dem Krieg. Jetzt sind es weniger als
hunderttausend. Warschau hatte 1,2 Millionen Einwohner; 800 000 von ihnen
wurden getötet. Sechs Millionen Polen verloren ihr Leben. Rund 20 Millionen
Russen starben im Zweiten Weltkrieg.
Und ich habe jetzt auch ein viel klareres Gefühl, daß die kommunistischen
Länder, die wir manchmal als Gegner ansehen, den Krieg vermeiden und den
Frieden haben wollen, sn wie wir dies wollen. Und daß wir alle Anstrengungen
machen müssen, um nach gemeinsamen Dingen zu suchen, um einander zu verstehen
und gut miteinander auszukommen.
Indien mit seinen etwa 700 Millionen Menschen, die größte Demokratie
der Erde, hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.
Ich besuchte das Grabmal Gandhis, wo sein Leichnam verbrannt wurde, und
dachte daran, wie dieser Mann ohne Armee, ohne Fernsehen, ohne politische
Organisation, ohne Haus

dieses Land umformen konnte, indem er von Dorf zu

Dorf ging, weil er ein unveränderliches Ideal vor Augen hatte und weil er
wollte, daß das indische Volk das Recht habe, seine Religion auszuüben unj
seine eigenen Führer zu wählen.
Und wir besuchten ein kleines Dorf, das dem glich, in dem meine Mutter
zwei Jahre lang gelebt hat, ein Dorf der Armut. Die Menschen, die dort leben,
verdienen in einen Jahr nicht so viel, wie der durchschnittliche amerikanische
Arbeiter in einer Woche verdient. Aber wir wurden dort mit offenen Armen aufgenommen, und es war selbst dort ein natürlicher Ausdruck der Freundschaft zu
spüren und ein Ausdruck des Dankes für das, wofür unser Land eintritt.
Ferner besuchte ich König Hussein und König Khaled und den Schah von
Persien und machte Zwischenstation in Assuan, wo ich mit einen echten Gefühl

- 2 -

�Gefühl

der Wertschätzung einen der tapfersten Männer auf dieser Erde,

Anwar Sadat, in die Arme schloß.
Dann reiste ich nach Frankreich, wo ich gestern wohl einen der schönsten
Tage meines Lebens erlebte: der Ausdruck der Freundschaft, die uns und
unserem Lande auf den Straßen von Paris entgegenschlug, die Menschen in dem
kleinen Ort Bayeux, der ersten Stadt, die befreit wurde, als die Kräfte der
Freiheit nach Europa zurückkehrten; und dann stand ich am Strande der Normandie,
wo in wenigen Stunden im Raum von Onaha Beach 2 000 Menschen ihr Leben gaben,
und ich sah eine große amerikanische Flagge und eine große Trikolore über
den Gräbern von mehr als 9 300 Amerikaner, die für die Freiheit Frankreichs
und Europas und für unsere eigenen Freiheit starben - dies alles war ein
großes Erlebnis für mich.
Ich habe viel gelernt. Wir wurden mit offenen Armen und mit Freundschaft
empfangen - selbst von den Nationen, die in der Vergangenheit uns gegenüber
etwas kühl waren - und ich konnte klar erkennen, was die Vereinigten Staaten
von Amerika für diese Völker bedeuten.
Wenn wir aufrichtig und bescheiden auftreten, erfüllt es sie mit Freude.
Wenn wir ehrlich sind, fühlen sie sich erleichtert. Wenn wir stark sind, werden
sie geschützt, und wenn wir die Hand der Freundschaft ausstrecken, dann wird
sie mit Freuden ergriffen.
Ich war stolz auf die Freundschaft, die uns zuteil wurde und auf die
Freundschaft, die wir gaben; aber zu jeder Zeit war ich noch stolzer auf das
Volk, das ich vertrete.

+ + + + +

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;&lt;span style="text-decoration: underline;"&gt;Die Weltreise Präsident Jimmy Carters vom 29. Dezember 1977 bis 6. Januar 1978&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Jimmy Carters vor seinem Abflug zur Weltreise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(29. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(29. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut des gemeinsamen amerikanisch-polnischen Kommuniques&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(30. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Teheran &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(31. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Indien&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(1. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters vor dem indischen Parlament &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(2. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deklaration von Delhi&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters anlässlich der Unterzeichnung der Deklaration von Delhi&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Saudi-Arabien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters nach dem Treffen mit Präsident Sadat&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters auf dem Pariser Flughafen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters in Paris&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters in der Normandie&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(5. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters in Bayeux&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(5. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters vor dem Abflug aus Paris&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Brüssel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters anlässlich des Besuches bei der EG&lt;br /&gt;(6. Januar 1978)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters vor dem Nordatlantikrat&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ausführungen Carters vor der Presse im NATO-Hauptquartier&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Interview Präsident Carters zum Abschluss seiner Weltreise&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters nach seiner Rückkehr in die USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;</text>
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United States Information Service

25. Januar 1978

PRÄSIDENT JIMMY CARTER: BOTSCHAFT ÜBER DIE LAGE DER NATION
- 19. Januar 1978 -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 19. Januar 1978 vor
beiden Häusern des amerikanischen Kongresses seine verfassungsmäßig vorgeschriebene Botschaft über die Lage der Nation - State of the Union Message unterbreitet.

Zusätzlich zu dem mündlich vorgetragenen Bericht, der über

alle Rundfunk- und Fernsehsender der Vereinigten Staaten übertragen wurde,
hat der Präsident dem Kongreß noch einen schriftlichen Bericht zugesandt.

Die Ansprache des Präsidenten vor dem Kongreß hat folgenden Wortlaut:

Herr Präsident, Mr. Speaker, Mitglieder des 95. Kongresses, meine
Damen und Herren,

Morgen wird es ein Jahr, daß ich von hier zum Weißen Haus ging, um
die Pflichten als Präsident der Vereinigten Staaten zu übernehmen:

Heute

abend kehre ich hierher zurück, um eine dieser Pflichten zu erfüllen: den
Kongreß - und die Nation - über die Lage der Nation zu unterrichten.

Militärisch, politisch, wirtschaftlich und geistig ist die Lage unserer
Nation gut.

Wir

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Wir sind ein großes Land, ein starkes Land, ein vitales und dynamisches
Land - und das werden wir auch bleiben.
Wir sind ein Volk mit Vertrauen, ein schwer arbeitendes Volk, ein anständiges und mitfühlendes Volk - und das werden wir bleiben.
Ich möchte heute abend mit Ihnen darüber sprechen, wo wir stehen und
wohin wir gehen müssen - was wir getan haben und was wir tun müssen - und
ich möchte Sie meiner besten Anstrengungen versichern und Sie darum bitten,
auch Ihre besten Anstrengungen zuzusagen.
Jede Generation von Amerikanern steht vor Verhältnissen, die sie sich
nicht selbst ausgesucht hat, an denen ihr Charakter gemessen und ihr Geist auf
die Probe gestellt wird.
Es gibt Notzeiten, in denen eine Nation und ihre Führer ihre ganze
Energie auf eine einzige dringende Aufgabe konzentrieren müssen.
Das war die Aufgabe, vor der Abraham Lincoln stand, als unser Land vom
Konflikt gespalten war.

Das war die Pflicht, vor der Franklin Roosevelt zwei-

mal stand, als er Amerika aus einer wirtschaftlichen Depression herausführte
und wiederum als er Amerika zum Sieg im Kriege führte.
Es gibt andere Zeiten, in denen es keine einzelne, alles überschattende
Krise gibt - in denen es jedoch um profunde nationale Interessen geht.
In solchen Zeiten kann das Risiko der Inaktivität ebenso groß sein.
Es wird dann zur Aufgabe der Führer, die gewaltigen und unermüdlichen Energien unseres Volkes aufzurufen, um für die Zukunft zu bauen.
Das war das, was Harry Truman in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
tat, als er Europa und Japan half, sich wieder aufzubauen, und eine internationale Ordnung gewährleistete, die die Freiheit vor der Aggression geschützt hat.

Auc ^

- 2 -

�Auch heute leben wir in solchen Zeiten - und stehen vor solchen Pflichten.

Wir haben eine lange Periode der Unruhe und des Zweifels durchgemacht,
aber wir haben unseren moralischen Kurs wiedergefunden, und wir gehen mit
einem neuen Geist daran, der übrigen Welt gegenüber unsere besten Instinkte
und Anlagen zum Ausdruck zu bringen.

überall in unserem Lande existiert ein wachsendes Gefühl des Friedens
und der gemeinsamen Zielsetzung.

Dieses Gefühl der Einigkeit kann nicht in

Programmen, Gesetzen oder Dollar ausgedrückt werden.
die jedem einzelnen Amerikaner gehört.

Das ist eine Leistung,

Diese Einigkeit überragt alle un-

sere Anstrengungen hier in Washington und dient uns, die wir zum Dienste gewählt wurden, als richtungweisendes Licht.
Diese neue Atmosphäre verlangt

einen neuen Geist - eine Partnerschaft

zwischen jenen, die führen, und jenen, die wählen.

Die Grundlage dieser

Partnerschaft ist die Wahrheit, der Mut zu harten Entscheidungen, die Sorge
umeinander und der Gemeinnutz, der über Sonderinteressen geht, sowie ein
grundlegender Glaube und ein grundlegendes Vertrauen in die Klugheit und
Stärke des amerikanischen Volkes.

Zum ersten Mal seit einer Generation werden wir nicht mehr von einer
großen internationalen Krise oder von innenpolitischer Unruhe gejagt, und
wir haben jetzt eine seltene und kostbare Gelegenheit, uns den anhaltenden
Problemen zuzuwenden, die uns als Nation belasten und die im Laufe der Jahre
still und stetig immer schlimmer geworden sind.

Als Präsident mußte ich Sie - die Mitglieder des Kongresses und das
amerikanische Volk - ersuchen, mit einigen der schwierigsten Fragen unserer
Gesellschaft fertig zu werden.
Wir
- 3 -

�Wir müssen eine größtmögliche Anstrengung unternehmen - denn wenn wir
nicht auf das Beste abzielen, dann werden wir wahrscheinlich nur sehr wenig
erreichen.
Ich sehe keinen Nutzen für unser Land, wenn wir die Dinge vor uns herschieben, denn die Probleme werden nur noch schlimmer werden.
Wir brauchen Geduld und guten Willen, und wir brauchen die Erkenntnis,
daß es für die Rolle und die Funktion der Regierung eine Grenze gibt.

Die

Regierung kann nicht all unsere Probleme lösen, all unsere Ziele setzen oder
unsere Zukunftsvision definieren.

Die Regierung kann nicht die Armut besei-

tigen, für eine florierende Wirtschaft sorgen, die Inflation abbauen, unsere
Städte retten, das Analphabetentum beseitigen, für Energie sorgen oder Güte
verordnen.
Nur eine echte Partnerschaft zwischen Regierung und Volk kann, so hoffen
wir, diese Ziele erreichen.
Jene, die regieren, können gelegentlich eine Inspiration geben, und wir
können die Erfordernisse aufzeigen und Mittel beschaffen, aber wir können
nicht die Manager von allem und jedem sein.
Wir müssen von der Krisenbewältigung wegkommen und klare Ziele für die
Zukunft aufstellen, die es uns ermöglichen, zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander. Wir dürfen nie wieder eine wachsende Krise wie die Energieknappheit auf die leichte Schulter nehmen - eine Krise, in der weiterer Verzug nur zu härteren und schmerzlicheren Lösungen führen wird.
Wir geben jeden Tag über 120 Millionen Dollar für ausländisches öl
aus. Das verlangsamt unser wirtschaftliches Wachstum, senkt den Wert des
Dollar im Ausland und verschärft die Arbeitslosigkeit und Inflation in unserem Lande.
Wir
- 4 -

�Wir wissen, das wir etwas tun müssen.

Wir wissen, was wir tun müssen:

die Energieproduktion steigern, der Verschwendung Einhalt gebieten und mehr
jener Brennstoffe verwenden, die wir reichlich und auf lange Zeit zur Verfügung haben.

Wir müssen den anderen Menschen gegenüber fair sein und dürfen

die Wirtschaft und den Haushalt unseres Landes nicht in Unordnung bringen.

Das klingt einfach, aber ich bin mir über die Schwierigkeiten im klaren, die damit verbunden sind.
fällt, zu handeln.

Ich weiß, daß es dem Kongreß nicht leicht

Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß wir hinsichtlich

der Energiegesetzgebung gegenüber dem amerikanischen Volk versagt haben.
Fünf Jahre, nachdem das ölembargo dieses Problem so dramatisierte, haben wir
noch immer kein nationales Energieprogramm.
stand nicht länger dulden.

Wir können diesen Schwebezu-

Er untergräbt unsere nationalen Interessen im

eigenen Lande wie im Ausland.

Wir müssen zu einem Erfolg kommen, und ich

bin überzeugt, daß wir zu einem Erfolg kommen werden.

Unsere Hauptaufgabe im eigenen Lande ist in diesem Jahr die Wirtschaft
der Nation, mit der Energie als einem zentralen Element.

Wir müssen den

Wiederaufschwung fortsetzen und Arbeitslosigkeit und Inflation weiter abbauen.
Das vorige Jahr war ein gutes Jahr für die Vereinigten Staaten.
haben unsere wirtschaftlichen Hauptziele für 1977 erreicht.
Millionen neue

Wir

Wir haben vier

Arbeitsplätze geschaffen - ein absoluter Rekord -, und die

Zahl der Arbeitslosen ging um über eine Million zurück.

Die Arbeitslosig-

keit ist auf ihrem niedrigsten Stand seit 1974, und seit dem Zweiten Weltkrieg ist noch nie ein so hoher Prozentsatz unseres Volkes in Arbeit gestanden.
Die Inflationsrate ist zurückgegangen.

In Unternehmensgewinnen und

Investitionen war ein gutes Wachstum zu verzeichnen - die Ursache für mehr
Arbeitsplätze für unsere Arbeiter -, und unser ganzes Volk erfreut sich
eines höheren Lebensstandards.

Das Einkommen der Arbeitnehmer hat nach Ab- 5 -

�Abzug von Steuern und Inflation einen gesunden Zuwachs gehabt.
In diesem Jahr wird unser Land die erste Zwei-Billionen-Dollar-Wirtschaft (zwei Millionen Millionen) in der Weltgeschichte haben.
Wir sind stolz auf den Fortschritt im ersten Jahr, aber wir müssen
noch mehr leisten.
Wir haben noch immer ernste Probleme, zu deren Lösung wir alle zusammenarbeiten müssen. Unser Handelsdefizit ist zu groß, die Inflationsrate ist
immer noch zu hoch, und es sind immer noch zu viele Amerikaner ohne Arbeit.
Ich habe keine einfachen Antworten auf diese Probleme. Aber wir haben
eine Wirtschaftspolitik entwickelt, die funktioniert, denn sie ist sensibel,
ausgewogen und fair. Sie beruht auf vier Prinzipien:
- Erstens, die Wirtschaft muß weiter expandieren, um die neuen Arbeitsplätze und das neue Einkommen zu schaffen, die unsere Bevölkerung brauchen.
Die Früchte des Wachstums müssen breit verteilt werden. Es müssen mehr Arbeitsplätze für jene bereitgestellt werden, an denen wir bisher vorbeigegangen sind, und das Steuersystem muß fairer und einfacher gestaltet werden.
- Zweitens, die Privatwirtschaft, nicht die Regierung muß die Expansion anführen.
- Drittens, wir müssen die Inflationsrate senken und sie niedrig halten.

Die Inflation verlangsamt das wirtschaftliche Wachstum, und sie trifft

die Armen und die älteren Menschen und andere, die von festen Einkommen leben,
am härtesten.
- Viertens, wir müssen unseren Beitrag zur Stärke der Weltwirtschaft
leisten.
Ich
- 6 -

�Ich werde noch diese Woche Vorschläge für eine Verbesserung unseres
Steuersystems bekanntgeben.
ten.

Wir können unsere Steuergesetze fairer gestal-

Wir können sie einfacher und leichter verständlich machen.

Und gleich-

zeitig können - und werden - wir die Steuerlast der amerikanischen Bürger
um 25 Milliarden Dollar senken.
Die Steuerreform und die Steuersenkung gehen Hand in Hand.

Nur mit

den längst überfälligen Reformen ist die volle Steuersenkung vertretbar.
Fast 17 Milliarden Dollar aus Einkommenssteuersenkungen werden den
einzelnen

zukommen.

Rund 96 Prozent der amerikanischen Steuerzahler werden sehen, daß ihre
Steuern sinken. Für eine typische vierköpfige Familie wird dies eine jährliche Einsparung von über 250 Dollar bedeuten - eine Steuersenkung um rund
20 Prozent. Eine weitere Senkung der Verbrauchssteuern um zwei Milliarden
Dollar wird eine weitere Entlastung bedeuten und die Inflationsrate direkt
senken.
Wir werden ferner der wirtschaftlichen Investitionstätigkeit

durch

wesentliche Kürzungen der Körperschaftssteuern und Verbesserungen in den Investitionssteuerabschreibungen starke zusätzliche Anreize geben.
Unsere Steuervorschläge werden die Chancen überall in unserem Lande
verbessern, aber vor allem zusätzliche Arbeitsplätze für die Benachteiligten
verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Wir haben bereits Gesetze verabschiedet, um den gleichberechtigten Zugang zu den Wahlurnen, zu den Schulen, zu den Wohnungen und zu den Arbeitsplätzen zu gewährleisten.

Aber die Chance, einen Arbeitsplatz zu finden -

die Chance, ein anständiges Einkommen zu verdienen - ist ebenso ein grundlegendes Menschenrecht, das wir nicht außer acht lassen können und werden.
Von
- 7 -

�Von hoher Priorität für unsere Nation ist die endgültige Abschaffung
der Schranken, die die Chancen für Frauen, für Schwarze, für Menschen spanischer Abkunft und andere Minderheiten einschränken.

Wir haben schon viel

für die Erreichung dieses Zieles getan, aber es bleibt noch immer viel zu
tun.

Was wir von der Vergangenheit geerbt haben, darf uns nicht in Zukunft

Fesseln anlegen.
Ich ersuche um eine beträchtliche Erhöhung der Mittel für öffentliche
Arbeitsplätze

für junge Menschen, und ich empfehle auch, daß der Kongreß

die Programme für die Beschäftigung im öffentlichen Dienst in mehr als doppeltem Umfang wie vor einem Jahr fortsetzt. Wenn die Wohlfahrtsreform abgeschlossen ist, werden wir über eine Million zusätzlicher Arbeitsplätze
zur Verfügung haben, so daß jene von der Wohlfahrt Lebenden, die arbeitsfähig sind, auch arbeiten können.
Wir wissen jedoch, daß in unserer freien Wirtschaft die Privatwirtschaft noch immer die beste Quelle neuer Arbeitsplätze ist.

Ich schlage

deshalb ein neues Programm vor, um die Unternehmen zu ermutigen, junge und
vom Glück weniger begünstigte Amerikaner einzustellen.

Diese jungen Men-

schen brauchen nur eine Ausbildung - und eine Chance -, um ihren Platz in
unserem Wirtschaftssystem einzunehmen. Wollen wir ihnen die Chance geben,
die sie brauchen.

Ein wichtiger Schritt vorwärts wird die baldige Verab-

schiedung des weitgehend verbesserten Humphrey-Hawkins-Gesetzes sein.
Mein Haushalt für 1979 ist auf unsere nationalen Erfordernisse abgestimmt, aber er ist schlank und knapp.

Ich habe, wo immer möglich, Fett

herausgeschnitten.
Ich schlage eine Erhöhung von weniger als zwei Prozent nach Anpassung
an die Inflation vor - die geringste Steigerung des Bundeshaushaltes in vier
Jahren.

iü
-8-

�In letzter Zeit haben die Ausgaben des Bundes einen stetig wachsenden
Teil dessen verbraucht, was Amerikaner produzieren.

Unser neuer Haushalt

kehrt diese Tendenz um, und ich hoffe, später den Anteil der Regierung noch
weiter senken zu können.

In Zeiten hoher Beschäftigung und einer starken Wirtschaft sollte unser
Haushalt nicht durch eine defizitäre Ausgabenpolitik gekennzeichnet sein.
In dem Maße, in dem die Wirtschaft weiter an Stärke gewinnt und unsere Arbeitslosenrate weiter zurückgeht, werden die Einnahmen steigen.

Mit sorg-

fältiger Planung, leistungsfähigem Management und angemessener Zurückhaltung
in den Ausgaben, können wir rasch zu einem ausgewogenen Haushalt gelangen
- und wir werden dahin gelangen.

Im nächsten Jahr wird das Haushaltsdefizit nur wenig unter dem des laufenden Haushaltsjahres liegen - aber ein Drittel des Defizits ist auf die
notwendigen Steuersenkungen zurückzuführen, die ich vorgeschlagen habe.

In diesem Jahr ist die richtige Entscheidung, die Lasten des Steuerzahlers zu verringern und mehr Arbeitsplätze für unser Volk zu schaffen.

Das dritte Element unseres Programms ist ein erneuter Angriff auf die
Inflation.

Wir haben es am eigenen Leibe erfahren müssen, daß hohe Arbeits-

losigkeit die Inflation nicht verhindern oder heilen kann.

Die Regierung kann helfen, indem sie die Privatinvestitionen anregt
und eine verantwortungsbewußte Wirtschaftspolitik aufrechterhält.

Durch

einen neuen Prozeß der Überprüfung auf höchster Ebene werden wir beim Abbau
der Reglementierung durch die Regierung, die Kosten und Preise in die Höhe
treibt, Besseres leisten.

Aber um es noch einmal zu sagen:
tionsrate nicht senken.

Die Regierung allein kann die Infla-

Wenn man mit einer weiteren hohen Inflationsrate

rechnet, dann erhöhen Unternehmen ihre Preise, um ihre Gewinnspannen vor zu
- 9 -

�zu erwartenden Erhöhungen der Löhne und anderen Kosten zu schützen, während die Arbeiter höhere Löhne fordern, um sich gegen die zu erwartenden
Preiserhöhungen zu schützen.

Das ist wie die Eskalation im Wettrüsten,

und begreiflicherweise möchte niemand einseitig für sich allein abrüsten.
Kein Unternehmen und keine Arbeitnehmergruppe für sich allein vermag
diesen Prozeß aufzuhalten.

Hier handelt es sich um eine Aufgabe, an deren

Lösung wir alle mitarbeiten müssen.

Ich fordere deshalb die Regierung, die

Wirtschaft, die Gewerkschaften und andere Gruppen auf, sich an einem gemeinsamen freiwilligen Programm zur Eindämmung der Inflation zu beteiligen - und
zwar in der Weise, daß sie sich bei Lohn- und Preissteigerungen auf jedem
Sektor unserer Wirtschaft im Jahre 1978 mit Sätzen begnügen, die unter dem
Durchschnitt der beiden letzten Jahre liegen.
Ich halte nichts von Lohn- und Preiskontrollen.

Eine aufrichtige

Verpflichtung auf freiwillige Mäßigung stellt den Weg - vielleicht den einzigen Weg - zur Bekämpfung der Inflation ohne staatliche Eingriffe dar.
Der wirtschaftliche Erfolg im Inneren ist auch der Schlüssel zum Erfolg unserer Außenwirtschaftspolitik.

Ein wirksames Energieprogramm, eine

lebhafte Investitionstätigkeit und eine hohe Produktivität bei mäßigen Inflationsraten wird unsere Handelsbilanz verbessern und mithelfen, die Integrität des Dollar im Ausland zu gewährleisten.
In enger Zusammenarbeit mit unseren ausländischen Freunden können wir
die wirtschaftliche Gesundheit der Welt durch faire und ausgewogene Vereinbarungen bezüglich des Abbaus von Handelshindernissen fördern.
Trotz der unvermeidlichen Pressionen, die sich ergeben, wenn die Weltwirtschaft unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, müssen wir uns dem Ruf nach
einem selbstzerstörerischen Protektionismus energisch widersetzen.

Ich bin

entschlossen, die amerikanische Industrie und ihre Arbeiter vor unfairen
oder gesetzwidrigen Handelspraktiken des Auslands zu schützen.
In

�In einer getrennten schriftlichen Botschaft an den Kongreß habe ich
weitere innenpolitische Initiativen umrissen, wie beispielsweise die Reform
des Sozial- und Wohlfahrtswesens, Verbraucherschutz, Bildungsnormen, Städtebau, Reform der Arbeitsgesetzgebung und des staatlichen Gesundheitswesens.
Ich möchte diese Dinge heute abend nicht wiederholen; es gibt jedoch mehrere
Punkte, die ich Ihnen doch hier direkt vortragen möchte.
In den letzten Jahren haben wir Amerikaner erleben müssen, wie sich
unsere Regierung immer weiter von uns entfernt.
Für manche Bürger wurde unser Land fast zum Ausland - so fremd und
so entlegen, daß wir mit ihm oft über geschulte Botschafter verkehren müssen, die verschiedentlich allzu mächtig und einflußreich geworden sind:
Rechtsanwälte, Buchhalter und Lobbyisten.

Das darf nicht so weitergehen.

Wir brauchen das, was Abraham Lincoln vorschwebte:

eine Regierung

für das Volk.
Wir haben Fortschritte in Richtung auf diese Art von Regierung gemacht. Sie haben mir die gewünschte Vollmacht erteilt, die Bundesbürokratie
zu reorganisieren; ich mache von ihr Gebrauch.
Wir haben bereits eine Reihe von Reorganisierungsplänen in Angriff
genommen, die in einem Zeitraum von drei Jahren verwirklicht werden.
Wir haben u.a. die Abschaffung von nahezu 500 Beraterausschüssen und
-gremien von Bundesbehörden vorgeschlagen.
Ich weiß, daß unser Volk des auf Bundesebene ausgetragenen Papierkrieges überdrüssig und müde ist. Wir sind dabei, das Dickicht unnötiger staatlicher Vorschriften, mit denen der Staat allzu oft in unser persönliches
Leben und Treiben eingreift, Zug um Zug zu durchforsten. Wir haben in knapp
einem Jahr den Publikumsverkehr der Bundesbehörden um 12 Prozent vermindert.
- 11 -

�vermindert.

Und wir sind mit der Durchforstung noch nicht am Ende.

Wir haben einen erfolgreichen Anfang in unserem Bemühen erzielt,
das Kauderwelsch von Bundesvorschriften in ein einfaches Englisch zu übertragen, das das Volk tatsächlich verstehen kann; dennoch bleibt auch hier
noch viel zu tun.
Wir haben Teile von elf Regierungsbehörden zusammengefaßt und daraus
das neue Energieministerium geschaffen.

Jetzt ist es an der Zeit, einen

weiteren wichtigen Schritt dergestalt zu tun, daß wir ein eigenes Erziehungsministerium errichten.
Aber selbst eine noch so gut organisierte Regierung wird nur so viel
leisten können wie die Menschen, die ihre Politik in der Praxis verwirklichen.
Aus diesem Grund halte ich eine Reform des Staatsdienstes für absolut
lebensnotwendig. Ein Reorganisationsplan, gemeinsam mit Angehörigen des
Regierungsdienstes erstellt, wird das Leistungsprinzip innerhalb eines
Apparates wieder herstellen, der sich in ein bürokratisches Labyrinth verwandelt hat. Er wird für größere Flexibilität in der Verwaltungsarbeit
und bessere Kompensation besserer Leistungen Sorge tragen, ohne die Sicherheit des Arbeitsplatzes zu gefährden.
Dann - und nur dann - können wir einen Staat haben, der leistungsfähig,
offen und des Verständnisses und der Achtung unseres Volkes wahrhaftig würdig ist.

Ich habe versprochen, daß wir einen solchen Staat haben werden.

Ich bin fest entschlossen, dieses Versprechen zu halten.
Für unsere Außenpolitik hat sich die Trennung unseres Volkes vom Staat
als eine Quelle der Schwäche und Irrtümer erwiesen. In einem demokratischen
System wie dem unseren müssen außenpolitische Entscheidungen so geartet
sein, daß sie dem Test öffentlicher Überprüfung und Debatten standzuhalten

�standzuhalten vermögen.

Wenn diese Administration einen Fehler begeht,

wird er auf der Seite von Freimütigkeit und Offenheit gegenüber dem amerikanischen Volk zu finden sein.

In unseren modernen Welt, in der der Tod von Millionen das Ergebnis
von wenigen entsetzlichen Sekunden der Zerstörung sein kann, ist der Weg
zu nationaler Stärke und Sicherheit identisch mit dem Weg zum Frieden.

Ich schätze mich glücklich, Ihnen heute abend berichten zu können,
daß wir eben deshalb, weil unsere Nation stark ist, mit der Welt in Frieden
leben.

Wir sind ein von Zuversicht erfülltes Volk.
Basis unserer Außenpolitik wiederhergestellt.

Wir haben die moralische

Das eigentliche Kernstück

unserer Identität als Nation ist unsere feste Verpflichtung auf die Menschenrechte.

Wir treten für die Menschenrechte ein, weil wir der Auffassung sind,
daß es Aufgabe des Staates ist, für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen.
Das gilt für unsere Innenpolitik ebenso wie für unsere Außenpolitik.

Die

Welt muß wissen, daß die Vereinigten Staaten in ihrem Eintreten für die
Menschenrechte eine feste Haltung einnehmen.

Wir erwarten keine raschen oder leichten Ergebnisse;

schon ist aber

eine erhebliche Bewegung in Richtung auf größere Freiheit und Menschlichkeit in verschiedenen Teilen der Welt zu verzeichnen.

Tausende von politischen Gefangenen wurden freigelassen.

Die führen-

den Politiker der Welt - selbst unsere ideologischen Gegner - haben inzwischen eingesehen, daß ihre Einstellung zu den grundlegenden Menschenrechten
ihr Ansehen in der Völkergemeinschaft und ihre Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten berührt.
Um
- 13 -

�Um den Interessen eines jeden einzelnen Amerikaners zu dienen, verfolgt unsere Außenpolitik drei Hauptziele:
Erstes

und wichtigstes Anliegen ist und bleibt die Sicherheit unse-

res Landes.
Die Sicherheit basiert auf unserem nationalen Willen und der Stärke
unserer Streitkräfte.

Wir haben den Willen, und wir sind militärisch sehr

stark.
Sicherheit erwächst auch aus der Stärke unserer Bündnisse.

Wir haben

unsere Verpflichtung zur Verteidigung Europas bekräftigt, und wir werden
diese Verpflichtung in diesem Jahr durch eine weitere Modernisierung und
Stärkung unserer dortigen militärischen Kapazitäten demonstrieren.
Die Sicherheit kann auch durch Vereinbarungen mit potentiellen Gegnern
gefördert werden, die die Bedrohung durch eine nukleare Katastrophe verringern und gleichzeitig unsere eigenen relativen strategischen Kapazitäten
unangetastet lassen.
Auf den Gebieten eines friedlichen Wettbewerbs mit der Sowjetunion
werden wir auch weiterhin mehr als nur unseren Mann stehen.
Gleichzeitig verhandeln wir mit stiller Zuversicht, ohne Haß und in
zeilstrebiger Entschlossenheit, um die Spannungen zwischen uns abzubauen
und ein höheres Maß an Stabilität und Sicherheit zu erreichen.
Die Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen, SALT,
sind schwierig und ziehen sich lange hin.

Wir streben eine beiderseitige

Limitierung sowohl hinsichtlich der Qualität als auch der Quantität der
riesigen Arsenale beider Nationen an - und dann einen tatsächlichen Abbau
der strategischen Rüstungen als wichtigen Schritt auf das Ziel hin, eine
endgültige Abschaffung aller nuklearen Waffen überall auf der Welt zu er-

�Wenn diese Gespräche dieses Jahr zu einem Erfolg führen - und ich
bin zuversichtlich, daß dies der Fall sein wird - gelobe ich Ihnen, daß
das betreffende Abkommen die Stabilität des strategischen Gleichgewichts
der Welt und die Sicherheit der Vereinigten Staaten aufrechterhalten wird.

Seit 30 Jahren sind konzertierte aber erfolglose Anstrengungen unternommen worden, um die Erprobung atomarer Sprengkörper - für Waffenzwecke und für friedliche Nukleareinrichtungen - zu verbieten.
Wir arbeiten, zusammen mit Großbritannien und der Sowjetunion, hart
an einem Abkommen, das den Versuchen Einhalt gebieten und unsere nationale
Sicherheit gewährleisten sowie eine ausreichende Verifizierung der Einhaltung vorsehen wird.

Wir machen jetzt in der Erreichung dieses umfassenden Verbotes nuklearer Explosionen Fortschritte.
Wir arbeiten ferner mit allem Nachdruck daran, der Ausbreitung (Proliferation) von Kernwaffen in den Ländern der Erde Einhalt zu gebieten
und den tödlichen weltweiten Handel mit konventionellen Waffen zu verringern.

Unser Eintreten für den Frieden wird fragwürdig, wenn wir gleich-

zeitig der Hauptwaffenlieferant der Welt sind.

Wir haben uns daher ent-

schlossen, unsere Waffenlieferungen ins Ausland von Jahr zu Jahr zu verringern und mit anderen wichtigen Waffenexporteuren zusammenzuarbeiten, um
sie zu einer ähnlichen Zurückhaltung zu bewegen.

Jeder Amerikaner hat ein echtes Interesse an unserem zweiten wichtigen Ziel - einer Welt in Frieden.

Im Nuklearzeitalter ist jeder von uns

bedroht, wenn der Frieden nicht gesichert ist.

Wir versuchen, die Harmonie in jenen Teilen der Welt zu fördern, in
denen große Meinungsverschiedenheiten unter anderen Nationen den internationalen Frieden bedrohen.
- 15 -

Im
~~

�Im Nahen Osten bieten wir unsere guten Dienste an, um den Schwung
der gegenwärtigen Verhandlungen aufrechtzuerhalten und die Kommunikationslinien unter den führenden Persönlichkeiten im Nahen Osten offenzuhalten.
Die ganze Welt hat ein großes Interesse am Erfolg dieser Bemühungen.

Das

ist eine hervorragende Möglichkeit für die historische Beilegung eines alten Konflikts - eine Chance, wie sie zu unseren Lebzeiten nicht wiederkommen mag.
Unsere Rolle ist schwierig und manchmal undankbar und umstritten gewesen, aber sie war konstruktiv und notwendig - und wir werden sie weiterspielen.
Unser drittes außenpolitisches Hauptziel berührt das Leben jedes amerikanischen Bürgers jeden Tag:

Wachstum und Stabilität der Weltwirtschaft.

Das erfordert eine starke Wirtschaftstätigkeit der demokratischen Industrieländer und einen Fortschritt in der Beilegung der Weltenergiekrise.
Im Herbst vorigen Jahres ist es uns mit Hilfe anderer durch unsere rigorosen Anstrengungen gelungen, die Stabilität des ölpreises aufrechtzuerhalten.
Aber wie viele ausländische Staatsmänner unterstrichen haben, ist der größte
künftige Beitrag, den Amerika zur Weltwirtschaft leisten kann, ein wirksames
Energiesparprogramm hier im eigenen Lande.

Wir werden nicht zögern, die

nötigen Maßnahmen zu treffen, um die Integrität des Dollar zu schützen.
Wir versuchen, ein gerechteres internationales System zu entwickeln.
In diesem Geiste unterstützen wir den Kampf um die menschliche Entwicklung
in Asien, Afrika und Lateinamerika.
Und schließlich blickt die Welt auf uns, um zu sehen, wie wir in einem
der wichtigsten Punkte unserer Geschäftsordnung handeln werden:
der Panamakanal-Verträge.

Billigung

Die jetzt dem Senat vorliegenden Verträge sind

das Ergebnis der Arbeit von vier Administrationen - zwei demokratischen und
zwei republikanischen.

Sie garantieren, daß der Kanal immer für die unein- 16 -

�uneingeschränkte Benutzung durch die Schiffe der Welt offenstehen wird.
Unsere Schiffe haben das Recht, sich in Zeiten der Not oder eines Ernstfalles an die Spitze der wartenden Schiffe zu begeben und Priorität der
Durchfahrt zu verlangen.

Wir behalten das Recht, den Kanal, wenn notwendig,

mit unseren eigenen Streitkräften zu verteidigen, um seine Benutzbarkeit und
Neutralität zu garantieren.
Die Verträge bringen klare Vorteile für uns selbst, die Panamaer und
die anderen Benutzer des Kanals. Die Ratifizierung der Panamakanal-Verträge
wird der Welt unseren guten Glauben demonstrieren, der Ausbreitung feindlicher Ideologien in der westlichen Hemisphäre entgegenwirken und direkt
zum wirtschaftlichen Wohlergehen und der Sicherheit der Vereinigten Staaten
beitragen.
Es gab auf meiner klirzlichen Reise zwei Augenblicke, die mir bestätigten, welches letztlich die Ziele unserer Außenpolitik immer sein müssen.
Der eine Augenblick war in einem Dorf in Indien, wo ich mit Menschen zusammentraf, die so leidenschaftlich an ihren Rechten und Freiheiten hängen wie
wir - aber deren Kinder eine weit geringere Aussicht auf gute Gesundheit,
Bildung und menschliche Verwirklichung haben als ein in unserem Lande geborenes Kind.
Der andere Augenblick war in Warschau, der Hauptstadt einer Nation,
die zweimal in diesem Jahrhundert vom Kriege verwüstet wurde. Hier haben
Menschen eine Stadt wieder aufgebaut, die ihnen die Zerstörung des Krieges
weggenommen hatte. Aber das Neue hat nur unterstrichen, wie viel verlorengegangen ist.
Was ich an diesen beiden Orten gesehen habe, hat die Zielsetzung der
Politik unseres eigenen Landes herauskristallisiert:

Wirtschaftliche Ge-

rechtigkeit gewährleisten, die Menschenrechte fördern, Konflikte ohne Gewalt lösen, unseren unerschütterlichen Glauben an die Freiheit und Würde
des Menschen überall verkünden.
Wir
- 17 -

�Wir Amerikaner haben viel Arbeit gemeinsam zu leisten.
Wie gut wir letztlich diese Arbeit verrichten werden, wird von dem
Geist abhängen, in dem wir an sie herangehen.
Wir müssen nach neuen Antworten suchen, frei von den abgestandenen
Rezepten der Vergangenheit.
Man hat gesagt, daß unsere besten Jahre hinter uns lägen, aber ich
erkläre erneut, daß die besten Jahre Amerikas noch vor uns liegen.

Wir

sind aus bitteren Erfahrungen geläutert und stolz hervorgegangen, wieder
voller Vertrauen, bereit, uns erneut jeder Herausforderung zu stellen, und
erneut geeint.
Wenn wir heute abend hier zusammenkommen, dann sind unsere Gedanken
ernst.

Vorige Woche hat der Senat einen guten und aufrechten Mann, Lee

Metcalf aus Montana, verloren.
Heute weht die Flagge der Vereinigten Staaten auf diesem Kapitol
und auf allen amerikanischen Einrichtungen und Schiffen in der ganzen Welt
in Trauer um Senator Hubert Humphrey auf Halbmast.
Gerade weil er ein so gutes Beispiel der Lebensfreude und des Lebensdranges war, erinnert uns sein Tod nicht so sehr an unsere eigene Sterblichkeit, sondern an die Chancen und Möglichkeiten, die uns das Leben bietet.
Er hat immer mit einer besonderen amerikanischen Art des Vertrauens, der
Hoffnung, des Enthusiasmus in die Zukunft geblickt. Wir können ihn am
besten ehren, wenn wir seinem Beispiel folgen.
Unsere Aufgabe besteht nach den Worten von Senator Humphrey in "Versöhnung, Wiederaufbau und Wiedergeburt".
•

Versöhnung

�Versöhnung heißt, die private Ansprüche und Interessen in Einklang
mit einer höheren Zielsetzung zu bringen.
Wiederaufbau heißt Neugestaltung der alten Träume von Gerechtigkeit
und Freiheit, von Land und Gemeinschaft.
Wiedergeburt heißt Wiedergeburt unseres Glaubens an das gemeinsame
Gute.
Jeder von uns hier heute abend - und alle, die mir in ihren Wohnungen
zuhören - müssen sich erneut dem Dienste am gemeinsamen Guten verpflichten.
Wir sind eine Gemeinschaft, alle von uns, eine geliebte Gemeinschaft. Unsere Schicksale sind miteinander verbunden, unsere Zukunft greift ineinander, und wenn wir aus diesem Wissen und diesem Geist heraus zusammen handeln, können wir Berge versetzen.

- 19 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

25. Januar 1978

DIE AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK: RÜCKBLICK UND AUSBLICK
Von Cyrus Vance

Der amerikanische Außenminister Cyrus
Vance hat in einer Rede vor dem Weltpolitischen Rat (World Affairs Council)
in Los Angeles (Kalifornien) am 13. Januar 1978 grundsätzliche Ausführungen
zur Außenpolitik seines Landes gemacht.
Er gab dabei einen überblick über den
Stand der Außenpolitik der Carter-Administration nach einem Jahr. Die Ansprache hat folgenden Wortlaut:

Ich begrüße diese Gelegenheit, mit den Mitgliedern des Weltpolitischen
Rates zusammenzutreffen. Nach einem Jahr im Amt möchte ich Sie mit einigen
Gedanken über den Kurs unserer Außenpolitik vertraut machen und damit, wie
diese unser aller Leben berühren kann.
Unser Land hat sich zu Lebzeiten einiger unserer älteren Mitbürger von
einer weitgehend landwirtschaftlich ausgerichteten Gesellschaft zur größten
Industriemacht der Welt verwandelt - zu einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche, politische und soziale Mobilität zur akzeptierten Tagesordnung geworden
sind.
Die

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die phantastischen Geschichten eines Horatio Alger und H.G. Wells sind
Wirklichkeit geworden.
Natürlich gibt es noch Armut in Amerika.
Mitbürger ausreichende Chancen.

Noch immer haben nicht alle

Noch immer gibt es Diskriminierung.

Aber Tag für Tag - und trotz einiger bedauerlicher Umwege - haben wir
uns bemerkenswert gut an den Weg gehalten, den unsere Gründerväter eingeschlagen haben - den Weg zu einer neuen Nation in einer neuen Welt, in der
jeder Bürger frei und gleich neben seinem Nachbarn steht und in der Lage ist,
das beste aus seinen oder ihren menschlichen Fähigkeiten zu machen.
Wenn ich nach dem amerikanischen Volk gefragt werde - wie dies von den
führenden Vertretern anderer Länder oft geschieht - dann sage ich, daß wir als
Volk heute wieder einen erneuten Glauben an unsere alten Träume haben, und Präsident Carter und ich glauben zutiefst daran.
Gerade aufgrund dessen, wer und was wir sind, müssen die grundlegenden
Interessen und die Ideale unseres Volkes in unserer Außenpolitik
gegenwärtig sein, oder sie wird keinen langen Bestand haben.
Wir müssen eine Verteidigung aufrechterhalten, die modern und stark genug ist, um uns und unsere Verbündeten zu schützen.
Wir müssen die amerikanischen Investitionen in Übersee und den ununterbrochenen Zugang zu lebenswichtigen Rohstoffen schützen.
Wir brauchen eine starke Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, damit
amerikanische Familien sich weiterhin ihres Lebensstandards erfreuen können.
Wir müssen unsere engen Beziehungen zu unseren Verbündeten aufrechterhalten, während wir gleichzeitig verbesserte Kontakte mit unserem Hauptkonkurrenten, der Sowjetunion, und mit den blockfreien Nationen anstreben.
All
- 2 -

�All dies und mehr kann erreicht werden - so wie wir unser nationales
Interesse verfolgen - während wir gleichzeitig die tieferen Ideale und Hoffnungen zum Ausdruck bringen, die uns zu unserem bemerkenswerten wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt hier im eigenen Lande geführt haben.
Unsere Stärke liegt nicht nur in unseren Idealen, sondern auch in den
praktischen Mitteln und Wegen, mit denen wir Probleme identifizieren und
systematisch an ihrer Lösung arbeiten.
Wir fahren am besten, wenn wir uns selbst treu bleiben.
Darum tat Amerika sein Bestes mit dem Marshall-Plan, darum dachten wir
an Lebensmittel für den Frieden und an das Friedenskorps.

Darum finde ich

eine so allgemeine öffentliche Unterstützung für den Nachdruck Präsident
Carters auf die Menschenrechte - einschließlich nicht nur der Rechte auf die
Unverletzlichkeit der Person und die politischen Rechte, sondern auch die
Rechte auf Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Wohnung, Gesundheit und Bildung.
Darum haben wir, mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten, einen
Kurs der Diplomatie im Nahen Osten eingeschlagen, der dazu beitragen mag, den
Menschen dieser Region Frieden zu bringen.
Darum versuchen wir zur Herbeiführung von Lösungen beizutragen - nicht
unseren Lösungen, sondern Lösungen durch freie Wahlen - in Rhodesien und in
Namibia, damit die Menschen dort ihre Chance auf menschliche Befreiung und
Entwicklung haben sollen.
Darum streben wir Rüstungskontrollvereinbarungen durch Verhandlungen
an und haben eine verantwortungsbewußte Politik der Zurückhaltung in der Lieferung von konventionellen Waffen eingeschlagen.
Darum haben wir im Jahr 1977 erste greifbare Schritte zur Erreichung
auch anderer Ziele eingeleitet:

der weiteren nuklearen Proliferation Einhalt
- 3 -

�Einhalt zu gebieten, Abkommen über die Kontrolle strategischer Waffen zu
erreichen - Abkommen, die die Sicherheit unserer Nation und der ganzen Welt
stärken werden - Abkommen mit unseren westlichen Industriepartnern über Politiken zu erzielen, die zu wirtschaftlichem Wiederaufschwung und Wachstum
führen, unsere Verpflichtung zur Normalisierung der Beziehungen mit der Volksrepublik China zu bekräftigen, den militärischen Wettstreit im Indischen
Ozean zu verringern, unsere Unterstützung der rassischen Gleichheit und der
vollen politischen Beteiligung aller Menschen in Südafrika zu bekräftigen.
Die Carter-Administration hat im Jahre 1977 eine verantwortliche und
bewußte Anstrengung unternommen, eine Außenpolitik aufzubauen, die auf amerikanischen Interessen und auf amerikanischen Werten und Idealen basiert.
Im Jahre 1978 wird es Maßnahmen, Entscheidungen und Optionen geben,
die wir hier in Amerika verwirklichen müssen - einige davon schwierig - und
die uns dabei helfen werden, festzulegen, wie eine solche Politik getragen
und weiter entwickelt werden kann.
Dazu gehört die Entscheidung des amerikanischen Senats über die Panamakanal-Verträge - Verträge, die den Gipfelpunkt einer 14jährigen Arbeit vier
amerikanischer Präsidenten beider großen politischen Parteien und ihrer Außenminister darstellen.
Das ist eine Entscheidung, auf die nicht nur die Augen aller Länder Lateinamerikas - die alle für die Verträge sind -, sondern auch anderer Länder
in der ganzen Welt gerichtet sind.
Durch diese Verträge können wir definitiv und endgültig unser Recht auf
die Benutzung des Kanals und seinen Schutz sichern.
Hier ist ein Ort, wo wir endgültig die abgenutzte Beschuldigung, daß wir
Amerikaner nur daran interessiert seien, die südliche Hemisphäre für unsere ei-

�eigenen wirtschaftliche Interessen zu sichern, Lügen strafen können.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, daß ein anderes Land einen 32 km
breiten Streifen Land kontrollieren und verwalten würde, der entlang dem
Mississippi verläuft.

Wie lange glauben Sie, würden die Menschen dieses Lan-

des eine solche Situation bereitwillig akzeptieren?

Es ist eine Frage, die Verständnis und Weitblick erfordert.

Wenn wir die Verträge ratifizieren, können wir der Welt klarmachen, daß
Streitigkeiten auf friedlichem Wege - durch die Herrschaft des Rechts und durch
Verhandlungen - beigelegt werden können und sollten.

Und, was am wichtigsten ist, wir können den langfristigen Nutzen und die
Lebensfähigkeit des Kanals selbst für alle Benutzer, einschließlich unserer
selbst, gewährleisten und sichern.

Eine weitere Entscheidung, die wir treffen müssen, betrifft unsere wirtschaftlichen Beziehungen zur übrigen Welt.

Im Jahre 1978 werden wir uns auf den Abschluß der Tokio-Runde der Handel sverhandlungen mit anderen

importierenden und exportierenden Ländern zu-

bewegen.

Als Präsident Kennedy sich im Jahr 1961 für die Verabschiedung des
historischen Gesetzes über die Ausweitung des Handels einsetzte, das zu zehn
Jahren weltweiter wirtschaftlicher Expansion führte, wies er ganz richtig
darauf hin, daß "eine steigende Flut alle Boote flott macht".

Heute braucht die Welt dringend einen wirtschaftlichen Wiederaufschwung.
Andere große Länder leiden unter Inflationsraten und einer Arbeitslosigkeit,
die den unsrigen gleichen oder sogar noch höher liegen.

- 5 -

Die Tokio-Runde wird

�wird nicht aus sich selbst heraus sofort die weltweite wirtschaftliche Prosperität wieder herstellen.

Sie wird jedoch zu neuen Investitionen und ge-

winnbringendem Austausch anregen.

Wenn sie fehlschlägt und Opfer einer neuen

Woge des internationalen Protektionismus wird, dann können wir sicher sein,
daß viele der "Boote" auf Grund laufen und einige vielleicht sogar sinken.
Ich weiß, daß es sich hier für den amerikanischen Arbeiter oder Geschäftsmann oder Farmer, dessen Familienexistenz von der Produktion von Stahl,
Rundfunkgeräten, Farbfernseher, Mikrowellen-Geräten, Textilien, Schuhen, Automobilen, Computern, Zucker und vielen anderen Erzeugnissen abhängt, nicht um
eine abstrakte, theoretische Angelegenheit handelt.
Die sich verändernde Weltwirtschaft hat andere Länder in der Herstellung
dieser Produkte wettbewerbsfähig gemacht, und wir spüren das Ergebnis dieser
Entwicklung.

Die Carter-Administration weiß das und tut ihr bestes, um den

betroffenen amerikanischen Industriezweigen und Menschen zu helfen.
hört das im Dezember verkündete neue Stahlprogramm.

Dazu ge-

Dazu gehören unsere der-

zeitigen Gespräche mit Japan über den Abbau seiner Einfuhrschranken und die
Erhöhung seiner Wachstumsrate.
Aber wir und andere müssen uns auf eine Weise helfen, die die Welt nicht
in jene katastrophale Spirale des Protektionismus zurückwirft, die wir alle
während der Weltwirtschaftskrise erfahren haben.
In den dreißiger Jahren schloß unter dem wirtschaftlichen Druck ein Land
nach dem anderen seine Grenzen für ausländische Güter.
den Preis jeder Ware für jedermann überall.

Hohe Zölle

erhöhten

Und mit dem Fall in die weltweite

Krise schlössen wir unsere Banken und unsere Unternehmen und unsere Farmen.
Die großen Häfen unseres Landes waren, wie Sie noch gut wissen, öde und leer.
Eine neue Welle des Protektionismus würde die amerikanischen Geschäftsgewinne und zehn Millionen Arbeitsplätze, die von diesen Exporten abhängen,
in Gefahr bringen.

Am härtesten betroffen wäre dabei aber der amerikanische
- 6 -

�amerikanische Farmer, der es gerade jetzt schwer hat, ohne Verluste zu
wirtschaften.
Kalifornien ist ein Landwirtschaftsstaat.
Ich habe gerade erst erfahren, daß die in den Vereinigten Staaten bebaute Bodenfläche zur Produktion von Nahrungsmitteln, die wir an Japan
verkaufen, größer ist als die Gesamtanbaufläche in Japan. Würde Japan
beispielsweise im Rahmen eines Handelskrieges seine Grenzen für unsere
Nahrungsmittel und Fasererzeugnisse schließen, so würden die Farmen und
landwirtschaftlichen Gemeinden in diesem Staat und auch sonst in Amerika
schwer betroffen.
Wir müssen daher die notwendige Entscheidung treffen, um unserer Verpflichtung gegenüber beiden - der einheimischen Wirtschaft und der Weltwirtschaft - nachzukommen, die dem Wettbewerb offenstehen und die Produktivität belohnen. Dazu wird gehören, daß die unsere Produkte behindernden
Schranken in anderen Teilen der Welt aufgehoben werden. Dazu wird aber auch
gehören, daß wir die Tatsache akzeptieren, daß andere Länder, wenn sie von
uns kaufen sollen, auch an uns verkaufen können müssen.
Wir haben ferner Entscheidungen zu treffen - hinausgehend über die mit
den Panama-Verträgen und der Tokio-Runde zusammenhängenden - in Bezug auf
einen ganzen Bereich von Beziehungen zu der sogenannten Dritten Welt. Diese
Länder, von denen die meisten ihre Unabhängigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg
gewannen, sind in wachsendem Maße in unser tägliches Leben miteinbezogen.
Sie wissen, wie die Menge und die Kosten des Öls aus diesen Ländern unser
Land betreffen.
Wir beziehen außerdem über 50 Prozent des von uns benötigten Zinns,
Aluminiums und Mangans und beträchtliche Mengen an Blei, Wolfram und Kupfer
aus wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern.
Hinzukommt, daß

�Hinzukommt, daß die Entwicklungsländer einen bedeutenden Teil unserer
Exporte abnehmen. Zahlen aus jüngster Zeit zeigen, daß wir beispielsweise
Güter im Wert von 29 Milliarden Dollar an die nicht-ölproduzierenden Entwicklungsländer exportiert haben. Das ist das Dreifache der Zahlen von 1970
und das Dreifache unserer Exporte nach Japan und drei Milliarden Dollar
mehr als der Betrag unserer Gesamtexporte an die Industriestaaten Europas.
Diese Exporte aber bedeuten Arbeitsplätze für Amerikaner.
Gleichzeitig aber sind gerade in dieser Welt der Entwicklungsländer
viele der sogenannten "globalen Probleme" am offenkundigsten und bedrohlichsten.
Ineffizienz und Verschwendung in der Nutzung der Ressourcen unserer
Erde, Verschmutzung der Ozeane und der Atmosphäre; nukleare Proliferation,
ungezügeltes Wettrüsten - dies alles sind Probleme, die nicht nur diese
Länder, sondern auch die Sicherheit der Menschheit betreffen.
Die Mehrzahl der Länder der Dritten Welt haben nicht genügend Nahrungsmittel; vielen fehlen die Möglichkeiten, um genug für den Eigenbedarf zu
produzieren. Bei fast allen findet sich ein rapider Bevölkerungszuwachs.
Selbst die optimistischsten Zukunftsprojektionen verzeichnen einen Bevölkerungszuwachs um 75 Prozent bis zum Jahr 2000 in dieser Dritten Welt.
Was fast noch beängstigender ist, dieser Zuwachs scheint sich auf die bereits
stark überbevölkerten städtischen Ballungszentren zu konzentrieren. Versuchen
Sie sich einmal die in diesen Projektionen genannten Zahlen vorzustellen:
Mexico City mi"" einer 3evölkerung von 32 Millionen Menschen, Sao Paolo mit
26 Millionen; Calcutta, Bombay, Rio de Janeiro, Seoul, Peking und Schanghai
- eine jede mit 19 Millionen Einwohnern in 22 Jahren!
In den Jahren unmittelbar vor uns werden viele dieser führenden Nationen
der Dritten Welt in einem noch größeren Ausmaß Teil unseres täglichen Dialogs
sein, als sie das bereits heute sind.
Wir müssen

�Wir müssen entscheiden, wie sich unser Verhältnis zu ihnen gestalten
soll. Diese Länder sind überzeugt, daß sie nicht länger mehr "die Holzhauer
und Wasserträger" für die reichen westlichen Staaten sein sollten, und wir
verstehen das. Im vergangenen Jahr haben wir ihr Mißtrauen gegenüber den
Vereinigten Staaten abschwächen können und damit die Wahrscheinlichkeit
verringert, mit Versuchen neuer sich auf Rohstoffe und andere Handelsgüter
außer öl erstreckende Kartellbildungen und endlosen wirtschaftlichen und
politischen Feindseligkeiten konfrontiert zu werden.
Die Länder der Dritten Welt merken jetzt, daß wir sie als wichtig und
souveräne Nationen ansehen und daß wir uns mit ihren Hoffnungen und Bestrebungen identifizieren. Die Entwicklungsländer der Welt können konstruktive Partner der Vereinigten Staaten werden.
Machen Sie dabei aber keinen Fehler! Diese Länder sind keine Miniaturen
der Vereinigten Staaten in ihrer Frühzeit. Viele von ihnen werden Wege der
politischen und wirtschaftlichen Entwicklung einschlagen, die nicht unsere
Billigung finden. Aber eine Mehrzahl zumindest wird von uns Verständnis und
Unterstützung bei ihrem Bemühen um den Aufbau moderner Gesellschaftsformen
erwarten.
Werden wir gewillt sein, diese Länder an unserer Technologie teilhaben
zu lassen? Werden wir bereit sein, die Grundpreise für Rohstoffe stabilisieren zu helfen, auf denen viele ihrer Wirtschaften beruhen? Werden wir ihre
Produkte auf dem internationalen Markt fair behandeln? Werden wir gewillt
sein, ihre nationalen Pläne zur Wirtschaftsentwicklung zu unterstützen, auch
wenn sie nicht inmer unserem eigenen Geschmack entsprechen? Dies alles sind
komplizierte Fragen, und einige werfen schwierige Probleme auf. Aber diese
Administration ist sich voll darüber im klaren, daß wir unseren eigenen
Werten

nicht treu blieben, wenn wir uns dieser Probleme nicht voller Ver-

ständnis annähmen.
Ein unmittelbarer

�Ein unmittelbarer und greifbarer Prüfstein für unsere Absichten gegenüber der Dritten Welt liegt im südlichen Afrikas.Ich spreche von den drei
Hauptproblemen, Rhodesien, Namibia und der Situation in Südafrika selbst.
Wir können im südlichen Afrika keine Lösungen aufzwingen. Wir können keinem
der Beteiligten Bedingungen diktieren. Unsere Ansatzmöglichkeiten sind begrenzt.
Aber wir gehören zu den wenigen Regierungen in der Welt, die sowohl
mit weißen wie mit schwarzen Afrikanern offen und doch mit einem großen Maß
an Vertrauen sprechen können. Es ist daher entscheidend wichtig, daß unsere
Politik der Ermutigung, der Gerechtigkeit für die Menschen aller Rassen
im südlichen Afrika allen klar verständlich ist.
Nach sorgfältigen Überlegungen verfolgt diese Administration aktiv
Lösungen aller drei Probleme im südlichen Afrika. Diese Probleme müssen
zusammen angepackt werden, denn sie sind miteinander verknüpft.
Manche Leute haben argumentiert, daß die Apartheit in Südafrika vorläufig ignoriert werden sollte, um sich auf Fortschritte in Rhodesien und
Namibia konzentrieren zu können. Eine solche Politik wäre falsch und würde
nicht funktionieren. Sie wäre blind gegenüber der Realität, daß der Fortschritt
in Südafrika selbst bald beginnen muß, wenn es eine Möglichkeit der friedlichen Lösungen auf längere Sicht geben solle.
Wir würden die Südafrikaner nur hinsichtlich unserer wirklichen Besorgnisse täuschen. Es würde unsere Beziehungen zu unseren afrikat,; .chen
Freunden präjudizieren. Es wäre ein Bärendienst an unseren eigenen Überzeugungen.
Und es würde die Menschen aller Rassen entmutigen, die für einen friedlichen
Fortschritt in Südafrika arbeiten.
Wir glauben, daß wir Südafrika hinsichtlich Rhodesiens und Namibias
wirksam beeinflussen können, während wir gleichzeitig unsere Besorgnisse
hinsichtlich der Apartheitgeltend machen.
Wir glauben, daß
- 10 -

�Wir glauben, daß Weiße ebenso wie Schwarze eine Zukunft in Namibia,
Simbabwe und Südafrika haDen müssen. Und wir sind ebenso überzeugt, daß
ihre Sicherheit im Fortschritt liegt. Unzugänglichkeit wird nur zu größerer
Unsicherheit führen.
Wir begrüßen und anerkennen positive Maßnahnen Südafrikas bezüglich
jeder dieser drei Probleme. Aber wir brauchen unbedingt einen echten Fortschritt bei allen drei Problemen - und wir werden weiterhin die Unterstützung de? amerikanischen Volkes für eine Politik benötigen, die auf diesen
Fortschritt drängt und ihn ermutigt.
Eine weitere Entscheidung, vor der wir als Volk stehen, ist eine Entscheidung, die jetzt in unseren Gesprächen über die Begrenzung strategischer
Rüstungen - SALT - mit der Sowjetunion zum Ausdruck kcmmt.
Hier geht es um die Sicherheit. Wir sorgen für unsere Sicherheit auf
zwei Wegen:
- Durch die Aufrechterhaltung einer militärischen Einrichtung, die für
unsere Sicherheit und die unserer Verbündeten sorgt; und
- durch Rüstungskontrolle.
Was wir nicht durch beiderseitige, gleiche Begrenzungen erreichen können,
gewährleisten wir durch unsere eigene Stärke.
Wir müssen daher SALT als einen Prozeß betrachten. Es ist ein Prozeß,
bei dem wir herausfinden, ob es uns möglich sein wird, uns über einige unserer
Sicherheitsprobleme mit der Sowjetunion zu einigen. Es ist auch ein Prozeß
in dem Sinne, daß wir versuchen, in jedem Stadium die strategischen Probleme
zu lösen, die wir lösen können, um dann zum nächsten Stadium und zur nächsten
Ebene der Probleme überzugehen.
Wir streben nicht
- 11 -

�Wir streben nicht nach einer Verringerung der Waffen um ihrer selbst
willen, sondern nur dann, wenn die Verringerungen der Sicherheit dienen. Aber
aus dem Rüstungsabbau kann sich neben der Stärkung unserer Sicherheit noch ein
weiteres

wichtiges Resultat ergeben: das Potential für uns und andere,

einschließlich der Länder der Entwicklungswelt, unsere Rüstungsausgaben
zu senken und neue Prioritäten aufzustellen.
Wenn wir den Mut und die Geduld haben, dies durchzuhalten, dann, so
bin ich überzeugt, können wir durch SALT und andere Verhandlungen die Schwelle
der internationalen Gefahr senken und neue Mittel für die Arbeit des Friedens
freimachen.
Aber wir müssen wirklich den Willen dazu aufbringen.
Denn schließlich sind es gerade unsere Beziehungen zur Sowjetunion,
bei denen es am stärksten um Fragen und Entscheidungen von Krieg und Frieden
geht.
Unsere Politik gegenüber der Sowjetunion beruht auf der realistischen
Beurteilung, daß es sich hier um ein ernsthaftes Kokurrenzverhältnis handelt
und daß die Ziele der Sowjets in der Welt von den unsrigen ganz verschieden
sind. Es ist ferner wichtig zu erkennen, daß es jedoch spezifische Fragen
gibt, bei denen unsere Interessen nicht gegensätzlich sind - nicht zuletzt
bei der Vermeidung eines Nuklearkrieges.
In der Sache des Friedens und unseres eigenen Interesses haben wir
die Sowjetunion in einer weitem Bereich konkreter Fragen angesprochen, zunächst einmal in der Absicht, den militärischen Wettbewerb zu stabilisieren
und den politischen Wettbewerb zu regeln. Das sind unsere ersten Ziele, denn
sie machen den Kern des Problems von Krieg und Frieden aus.
über diese Ziele hinaus streben wir nach einer Ausweitung der Gebiete
des gemeinsamen Interesses und gemeinsamen Handelns in einem Bereich inter-

- 12 -

�internationaler Fragen, einschließlich der Menschenrechte, der Zusammenarbeit in den Lebensfragen der Menschen überall wie etwa in der Bekämpfung
von Krankheit, der Ernährung, der Umweltverschmutzung und der Anwendung
von Wissenschaft und Technologie.
Der Fortschritt auf diesen Gebieten ist ungleichmäßig und mag lange
Zeit erfordern, aber aus unserer Erkenntnis, wie weit wir seit dem intensiven
und gefährlichen Geist des Kalten Krieges, der noch vor wenigen Jahrzehnten
herrschte, gekommen sind, gewinnen wir Geduld und eine langfristige Perspektive.
Die Alternative in diesem aktiven Dialog mit den Sowjets würde eine
Rückkehr zu den Spannungen und der gegenseitigen Isolation des Kalten Krieges
bedeuten. Viele von Ihnen und die führenden Vertreter dieser Administration
erinnern sich noch daran, wie es damals aussah. Wir können guten Gewissens
nicht empfehlen, daß wir das Land wieder in die Unruhe und die Ängste jener
Zeitspanne zurückführen.
Morgen reise ich nach Jerusalem, um an einem Ereignis mitzuwirken, das
wir alle noch vor wenigen Monaten für unmöglich gehalten hätten. Die
Außenminister Ägyptens und Israels werden sich an einen Konferenztisch setzen,
um detaillierte Friedensverhandlungen zwischen Israel und den arabischen
Staaten zu beginnen.
Nach drei Jahrzehnten der Entfremdung und der Feindseligkeit hat der
Prozeß der Versöhnung begonnen.
Ich bin sicher, daß Sie wie alle Amerikaner und alle Menschen in der
Welt ebenso wie ich von den dramatischen Ereignissen der zurückliegenden
Wochen bewegt worden sind.
Der plötzliche und spektakuläre Besuch Präsident Sadats in Jerusalem
hat unsere Phantasie begeistert. Es war ein visionärer und staatsmännischer

- 13 -

�staatsmännischer Akt.

Die Herzlichkeit seines Empfangs durch Ministerpräsident

Begin und das israelische Volk, die die bitteren Erinnerungen an vier Kriege
überwanden, welche jeder Familie Leid gebracht haben, war ein klarer Beweis
für den Wunsch nach Frieden.
Die Initiative Präsident Sadats und die Antwort von Ministerpräsident
Begin haben einen Verhandlungsprozeß in Gang gesetzt, der mit der Vorbereitungskonferenz in Kairo im Dezember begann und der auf Ministerebene in einem Militärausschuß in Kairo und einem politischen Ausschuß in Jerusalem fortgesetzt
werden wird.

Sowohl Ägypten als auch Israel haben unterstrichen, daß sie die

jetzt im Gang befindlichen Gespräche als die Grundlage für Verhandlungen unter
allen Beteiligten des arabisch-israelischen Konflikts betrachten, die nach
einem umfassenden Frieden im Nahen Osten streben.
Präsident Carter hat nach seinem Gespräch mit Präsident Sadat in der vorigen Woche die Aufgabe dargestellt, vor der der politische Nahost-Ausschuß
steht, der in Jerusalem zusammenkommt.
- Erstens, ein echter Frieden muß auf normalen Beziehungen unter den Beteiligten der Friedensregelungen ruhen. Frieden bedeutet mehr als nur die Einstellung von Feindseligkeiten.
- Zweitens, es muß zu einem Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten
und zu einem Abkommen über sichere und anerkannte Grenzen für alle Parteien
im Zusammenhang mit normalen und friedlichen Beziehungen und in Übereinstimmung
mit den Resolutionen 242 und 338 der Vereinten Nationen kommen.
- Drittens, das Palästinenserproblem muß in allen seinen Aspekten gelöst
werden. Die Lösung muß die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes anerkennen und die Palästinenser in die Lage versetzen, an der Bestimmung ihrer
eigenen Zukunft mitzuwirken.
Ich
- 14 -

�Ich bin überzeugt, daß diese Grundsätze, wie sie der Präsident zum Ausdruck gebracht hat, für die Regierungen und Völker auf beiden Seiten des arabisch-israelischen Konflikts annehmbar sein dürften.
Um vom grundsätzlichen zu konkreten Ergebnissen zu gelangen, wird es
der Flexibilität und des Mutes und staatsmännischer Qualitäten bedürfen, die
die Führer Ägyptens und Israels bereits in so großem Maße an den Tag gelegt
haben.
Wir unsererseits halten uns bereit, den Arabern und Israelis bei der Erreichung ihres Friedens zu helfen.

Es ist in unserem eigenen nationalen Inter-

esse wichtig, daß wir das tun; unsere Werte und unser Volkscharakter verlangen,
daß wir die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen, um zur Beilegung dieses
tragischen Konflikts beizutragen.
Wir werden uns an der Arbeit der Jerusalemer Konferenz aktiv beteiligen,
da uns die Parteien darum gebeten haben. Wenn es bei den Verhandlungen Schwierigkeiten geben sollte, so sind wir vielleicht in der Lage, nützliche Vorschläge zu machen, um die Kluft zwischen den Parteien zu überbrücken. Wir
werden jedoch keinen fertigen Plan für die Lösung von Fragen mitbringen, die
letztlich nur die Völker dieses Gebiets selbst beilegen können.
Von Jerusalem kann es kein Zurück mehr geben. Araber und Israelis würden einen diplomatischen Fehlschlag bitter bedauern, nachdem diese so lange
verfeindeten Nationen den Willen und die Fähigkeit gefunden haben, einander
mit gegenseitiger Achtung zu begegnen.
Aus dem, was ich heute gesagt habe, können Sie, so meine ich, schließen,
daß ich hinsichtlich unserer Außenpolitik und der Chancen für künftige Fortschritte in der Sache des Friedens grundsätzlich optimistisch bin.
Trotz unserer Probleme sind wir ein starkes und freies Land und ein Land,
das von Hoffnungen und Lebenskraft erfüllt ist.
Das
- 15 -

�Das Nuklearzeitalter dauert nun schon 33 Jahre, und die Welt hat sich
noch nicht in die Luft gesprengt, und es ist uns in diesen Jahren durch Diplomatie und internationale Führung gelungen, die Chancen zu verringern, daß dies
je geschehen wird.
Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt, daß über 100 neue Länder
ihre Eigenstaatlichkeit erreicht haben.

Sie werden zu produktiven und sich

selbst tragenden Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft.
Die vor uns liegende Aufgabe wird, wie ich es sehe, darin bestehen, an
dem Kurs festzuhalten, den wir abgesteckt haben.

Wir leben in einer Zeit, in

der sich politische und wirtschaftliche Veränderungen so rasch vollziehen
- Peter Drucker hat es so geschickt als "Zeitalter der Diskontinuität" bezeichnet - daß man sich versucht fühlen könnte, sich auf unsere alte, nach innen
gerichtete Mentalität der Festung Amerika zurückzuziehen.
Wir sind uns jedoch heute selbst treu und halten an dem fest, was ein
200 Jahre altes Dokument als "anständigen Respekt vor den Meinungen der Menschheit" bezeichnet hat.

Im vorigen Jahr hat uns Präsident Carter dahin geführt,

die harten Entscheidungen zu treffen, die erneut gezeigt haben, daß unser Land
seinen Glauben an die Vervollkommnung des Menschen nicht verloren hat.
Wir verfügen über große Stärke.
Wenn sie richtig gelenkt wird, kann unsere Stärke eine katalytische und
lebendige Kraft sein, um Frieden, Chancen und materielles Wohlergehen für Millionen von Menschen in Amerika und in der Welt herbeizuführen.

Eurokommunismus
- 16 -

�Eurokommunismus
Bei einer anschließenden Diskussion wurde Außenminister Vance gefragt,
wie er die politische Rolle des Kommunismus in Westeuropa betrachte.

Er ent-

gegnete darauf:
"Eurokommunismus ist vielleicht ein Wort, das etwas irreführend ist.
Ich glaube, daß es in verschiedenen Ländern einige Unterschiede geben kann,
was die kommunistischen Parteien anbetrifft. Wir haben jedoch unsere Überzeugung klargemacht, daß es im Umgang mit unseren europäischen Verbündeten wichtig ist, daß wir eine Situation haben, in der wir es mit Menschen zu tun haben, die den gleichen Werten anhängen wie wir. Das soll nicht heißen, daß
die Wahl, wer ihre Länder repräsentieren soll, von irgend jemand anderem als
den Menschen dieser Länder getroffen werden sollte. Wir haben jedoch erklärt,
und wir sind der Überzeugung, daß es ein Anlaß der Besorgnis für uns als Nation wäre, wenn Kommunisten eine wichtige oder einflußreiche Rolle in den Tätigkeiten unserer westlichen Verbündeten spielen sollten.

+ + + + +

- 17 -

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

25. Januar 1978

USA ÜBER EINFLUSS DES EUROKOMMUNISMUS BESORGT
Erklärung des State Department vom 12. Januar 1978 -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat am
12. Januar 1978 eine offizielle Erklärung veröffentlicht, in der auf
die erhöhte Besorgnis der USA über die Aussichten auf eine Beteiligung
der Kommunisten an der italienischen Regierung hingewiesen wird.
Die Erklärung wurde von John Trattner, einem der Sprecher des State
Department .herausgegeben, nachdem der amerikanische Botschafter in Rom,
Richard Gardner, zu Konsultationen mit Präsident Jimmy Carter, Außenminister Cyrus Vance, Verteidigungsminister Harold Brown sowie Vertretern des US-Kongresses nach Washington gerufen worden war.
Trattner unterstrich auf Fragen, daß die USA nicht die Absicht hätten,
sich in den innenpolitischen Prozeß anderer Völker einzumischen. Der Zeitpunkt der Erklärung sei vielmehr durch das Interesse seitens der Presse
bestimmt worden, die um eine amerikanische Reaktion auf die Vorgänge in
Rom ersucht habe. Die Erklärung sei aus dem Bemühen heraus erfolgt, "klar
und unmißverständlich" zu sein. Sie ziele, so fügte er auf Befragen hinzu,

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�hinzu, auf Westeuropa und die kommunistischen Parteien in Westeuropa ab,
und er wolle sie nicht auf die gesamte Welt ausdehnen.
Die Erklärung des State Department hat folgenden Wortlaut:
Der Besuch von Botschafter Gardner in Washington bot die Gelegenheit
für eine allgemeine politische Oberprüfung mit hohen Regierungsvertretern.
Es hat keine Änderung in der Haltung der Regierung zu den kommunistischen
Parteien Westeuropas, einschließlich der italienischen, gegeben, obwohl die
jüngsten Entwicklungen in Italien den Grad unserer Besorgnis erhöht haben.
Wie der Präsident und andere Mitglieder der Regierung bei einer Reihe von
Gelegenheiten öffentlich erklärt haben, sind unsere westeuropäischen Verbündeten souveräne Länder, und die Entscheidung, wie sie regiert werden,
liegt zurecht und korrekterweise allein bei ihren Bürgern. Gleichzeitig
sind wir der Meinung, daß wir gegenüber unseren Freunden und Verbündeten
die Verpflichtung haben, unsere Ansichten klar zum Ausdruck zu bringen.
Unsere führenden Regierungsvertreter haben wiederholt die amerikanische
Ansicht zur Frage der kommunistischen Beteiligung an westeuropäischen Regierungen geäußert. Unser Standpunkt ist klar: Wir befürworten eine derartige Beteiligung nicht und würden einen kommunistischen Einfluß in jedem
westeuropäischen Land gerne verringert sehen. Wie wir bereits in der Vergangenheit erklärt haben.glauben wir, daß der beste Weg zur Erreichung
dieser Ziele in den Bemühungen der demokratischen Parteien liegt, das Streben
und die Sehnsucht ihrer Völker nach einer tatkräftigen, gerechten und mitfühlenden Regierung zu erfüllen.
Die Vereinigten Staaten und Italien haben profunde demokratische Werte
und Interessen gemeinsam, und wir glauben nicht, daß die Kommunisten diese
Werte und Interessen teilen.
Wie der Präsident in der vergangenen Woche in Paris erklärt hat:
"Immer dann, wenn

�den Bau solcher zu finanzieren, die dann an die betreffende Firma verpachtet werden. Zweitens bieten die Staaten anlagebereiten Unternehmern
Kreditbürgschaften an, die ihnen die Beschaffung von Krediten für den
Erwerb von Grundstücken und die Errichtung von Fabrikanlagen erleichtern.
Drittens stellen manche Staaten für diese Zwecke auch selbst Kredite aus
Haushaltmitteln zur Verfügung. Und viertens haben mehrere Staaten eigene
Entwicklungskreditanstalten gegründet, die Geld bei Geschäftsbanken aufnehmen und in Form von Anlagekrediten an investitionswillige Unternehmen
vergeben.
über diese Finanzhilfen hinausgehend, gewähren die Einzelstaaten und
Gemeinden bei der Neuansiedelung von Industrien auch anderweitige Hilfe.Sie
- erteilen Rat bei der Standortwahl;
- helfen bei der Planung und Gestaltung neuer Werkanlagen;
- gewähren Steuernachlässe und Steuerstundungen;
- beteiligen sich an Erschließungskosten und gewähren neuangesiedelten
Unternehmern vergünstigte Tarife für Strom, Wasser, Abwasserbeseitigung und ähnliche Leistungen;
- unterstützen die Firmen bei der Beschaffung von Arbeitskräften und
deren Ausbildung und
- gewähren den Firmen Zugang zu den örtlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Ausländische Firmen oder Kapitalgeber, die sich für Investitionsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten interessieren und sich genauer über
die am jeweiligen Ort gebotenen Investitionshilfen informieren wollen, wenden
sich am besten an die Abteilung Wirtschaftsförderung (Economic Development
Division) des betreffenden Einzel Staates, an das Handelsministerium J_n

- 3 -

�in Washington oder an die amerikanische Botschaft in ihrem Land bzw. das
nächstliegende Konsulat.
Angesichts der starken Zunahme der ausländischen Direktinvestitionen
in den Vereinigten Staaten zeigen sich manche Amerikaner besorgt. Im
Kongreß wurden schon mehrfach Stimmen laut, die eine Registrierung, Überprüfung und Eindämmung ausländischer Investitionen forderten. Die Regierung hat sich allen solchen Wünschen entschieden widersetzt, und keine
der diesbezüglichen Gesetzesvorlagen hat bisher je Gesetzeskraft erlangt.
Der Kongreß verfügte lediglich, daß das Handels- und das Finanzministerium
Bericht über den Stand ausländischer Investitionen in den Vereinigten
Staaten zu erstatten und künftig Daten über Auslandsinvestitionen - und
zwar sowohl über ausländische Investitionen in den USA als auch über
amerikanische Investitionen im Ausland verfügbar zu halten.
Präsident Carter hat die positive Einstellung der amerikanischen
Regierung zu Kapitalanlagen von Ausländern in Amerika am 3. Juni 1977 in
einer Botschaft an die Teilnehmer eines Investitionsseminars im kanadischen
Toronto eindeutig unterstrichen. Dort heißt es:"Die Anwesenheit von Vertretern zahlreicher einzelstaatlicher Entwicklungsbehörden bezeugt nicht nur
unsere Bereitschaft, die Schaffung neuer Produktionsstätten in unserem Lande
zu erleichtern, sondern ist auch ein Ausdruck der Tatsache, daß Investitionen
ausländischer Kapitalgeber in den Vereinigten Staaten auch weiterhin sehr
erwünscht sind."

+ + + + +

�•1

I

3

Uli//cn/chofl
und'
United States Information Service

25. Januar 1978

STROM AUS GRUBENGAS
Versuchsprojekt in Pennsylvanien

- (AD) - Die Idee ist nicht neu, das methanhaltige, im Zechenbetrieb
jedoch so gefährliche Grubengas nicht einfach abzupumpen, sondern es zu
sammeln und wirtschaftlich zu nutzen. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen
galt dies in den USA bisher aber als zu kostspielig und technisch zu aufwendig. Ein Versuchsprojekt, das von der Westinghouse Electric Corporation
entwickelt wurde und mit finanzieller Unterstützung des US-Energieministeriums
auf der Zeche Ebensburg (US-Bundesstaat Pennsylvanien) der Bethlehem Mines
Corporation durchgeführt wird, soll nun dazu beitragen, brauchbare Lösungen
zu finden: Kohlegase werden gesammelt, verdichtet und für den Betrieb einer
750-kW-Gasturbine im Rahmen der innerbetrieblichen Stromerzeugung genutzt.
Eine Reihe amerikanischer Firmen stellt Spezialausrüstungen zur Verfügung;
staatliche und private Forschungsstellen beteiligen sich an den erforderlichen wissenschaftlich-technischen Analysen sowie an Rentabilitätsberechnungen.
Zum Schutz gegen Vergiftungen unter Tage und gegen Grubenexplosionen
müssen die Kohleschächte so mit Frischluft versorgt werden, daß die Methankonzentration unter 1% gehalten wird. Mit zunehmender Tiefe der Kohleschichten

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Kohleschichten sind dafür immer kompliziertere Ventilationssysteme erforderlich,

denn in großer Tiefe können die in der Kohle und im umgebenden

Gestein gesicherten Gase sogar 85 - 100% Methan enthalten,
Jahre vor Beginn des eigentlichen Abbaus werden deshalb tiefliegende
Flöze von der Oberfläche her angebohrt, um schon im voraus einen Abzug für
Kohlegase zu schaffen und so den späteren Aufwand für die Ventilation zu
verringern. An einem solchen Abzugsschacht der Zeche Ebensburg sollen die
austretenden Methangase zur Weiterverwertung gesammelt werden
Auf eine Tonne Kohle kommen unter Tage durchschnittlich 5,6 cbm Methan,
ein Nebenprodukt des Kohlebildungsprozesses, Ingenieure des US-Energieministeriums schätzen, daß von den in den amerikanischen Kohlevorkommen
gespeicherten Methanmengen etwa 8,5 Billionen cbm nutzbar zu machen wären,
wenn man geeignete Verfahren zur Gewinnung des Gases verfügbar hatte. Gegenwärtig gehen durch Grubenbelüftung, Vorausbelüftung noch nicht in den Abbau
einbezogener Flöze und das Aussickern von Gasen aus stillgelegten Strecken
täglich mehr als 7 Millionen cbm Methan verloren - eine Menge, mit der
800 000 Wohnhäuser beheizt werden könnten. Das methanhaltige Kohlegas ließe
sich ähnlich wie Erdgas verwenden und könnte dazu beitragen, die amerikanischen Erdgasreserven um etwa ein Jahrzehnt zu strecken.
Aufgrund bisheriger Erfahrungen in Westvirginia - die Equitable Gas
Company (Pittsburgh) fördert seit 1949 von vertikalen Bohrschächten geringe
Methanmengen aus kohleführenden Schichten, das US-Bergbauamt experimentiert
seit 1975 mit horizontalen Abzugkanälen, die von einem Ventilationsschacht
aus in noch unberührte Kohleschichten vorgetrieben wurden - erscheinen Flöze
außerhalb der jeweiligen Abbaustrecken sowie Regionen im Bereich aufgegebener
und mit Geröll aufgefüllter Einbruchstollen als die günstigsten Quellen für
Kohlemethan. Allerdings schwankt die Qualität des Gases enorm; die Konzentrationen reichen von fast 100% bis zu stark verdünntem Gas,
Das Projekt

�Das Projekt von Ebensburg (Gesamtkosten 482 000 Dollar, wovon das
US-Energieministerium 413 000 Dollar übernimmt) soll eine Art Katalysator
für Bemühungen der Privatwirtschaft und staatlicher Stellen sein, sich mit
den Problemen und den Möglichkeiten der Kohlemethan-Nutzung eingehender
zu befassen. Je nach Qualität und Menge ließe sich das geförderte Gas in
Leitungen einspeisen, noch am Förderort verflüssigen, als Energiequelle
für Heizung, die Erzeugung von Betriebsstrom oder das Trocknen von Kohle
(im Zechenbereich) und vielleicht auch für chemische Umwandlungsprozesse wie
etwa

die

Ammoniakproduktion verwenden. Langfristig strebt das US-Energie-

ministerium Demonstrationsprojekte für fortgeschrittene Technologien der
Förderung und Anwendung von Grubengas an, die z.B. von speziellen Schrägbohrverfahren bei der Gewinnung über neue Methoden der Reinigung und Anreicherung des Gases bis zu seiner Nutzung in Verbindung mit Brennstoffzellen, Stirling-Motoren und Gasturbinen reichen.
Obgleich zwei Drittel der amerikanischen Kohlevorkommen im Westen der
USA liegen, konzentrieren sich die Aktivitäten für die mögliche Nutzbarmachung von Kohlemethan zunächst auf die Appalachen-Region in den Oststaaten,
um den direkt angrenzenden Industriegebieten eine störungsfreie Erdgasversorgung zu sichern.

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I

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

25. Januar 1978

RÖNTGENAUFNAHME AM UNFALLORT
LIXISCOPE - neuartiges Kleingerä't für Medizin und Technik

- (AD) - Nicht größer als ein Fahrradscheinwerfer ist ein neuartiges
Kompakt-Röntgengerät, das mit einer kleinen radioaktiven Strahlenquelle
arbeitet und zu jedem beliebigen Einsatzort mitgenommen werden kann. Dieses
LIXISCOPE (Abkürzung für "Low Intensity X-Ray Imaging Scope" - Röntgenbildgerät mit niedriger Strahlungsintensität) wurde kürzlich auf einer Tagung
der Amerikanischen Gesellschaft für Nukleare Technik (American Nuclear
Society) in San Francisco vorgestellt. Mit ihm lassen sich viele Aufgaben
ebenso gut erledigen, für die bisher große, schwere Röntgenapparate benutzt
wurden, üfid'dles" mit einem Bruchteil der üblichen Strahlendosis.
Das Herzstück des LIXISCOFE ist ein Bildverstärker, wie er zuerst
in Nachtsichtgeräten verwendet wurde. Die Apparatur besteht aus zwei, über
einen U-förmigen Bügel miteinander verbundenen Teilen. An der einen Seite
befindet sich die Kapsel mit der Strahlenquelle, einem Radionuklid, auf der
anderen der Bildverstärker und ein kleiner Bildschirm. Mit dem Bügel wird das
Gerät an der Verdachtsstelle des zu untersuchenden Objekts - z.B. Arm oder
Bein mit Verdacht auf einen Knochenbruch - angelegt. Dann wird der Auslöser

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D5300 Bonn-Bad Godesbergl

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Auslöser zur Durchleuchtung betätigt. Die Röntgenstrahlen, die das Objekt
durchdringen, werden von einem phosphoreszierenden Schirm auf der gegenüberliegenden Seite absorbiert und in sichtbares Licht umgewandelt. Das
Bild wird nun verstärkt und auf einen Betrachtungsschirm projiziert. Will
man die Aufnahme für die Auswertung oder spätere Vergleiche dokumentieren,
braucht nur eine Spezialkamera

an den Betrachtungsschirm angeschlossen

zu werden, mit der ein Sofortbild gemacht wird.
Röntgenärzte weisen darauf hin, daß vor allem bei der Untersuchung
von Knochenbrüchen die Dosisbelastung für den Patienten mit dem LIXISCOPE
weitaus geringer sei als bei den herkömmlichen Röntgenapparaten. Das
Gerät dürfte auch zur Anwendung in der zahnärztlichen Praxis sowie für
SpezialPrüfungen in der Industrie vielversprechend sein.
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Wi//cn/chaft
und Technik
United States Information Service

25. Januar 1978

RADIOKRYPTON ZUR DIAGNOSE VON ATEMWEGSERKRANKUNGEN

- (AD) -Störungen der Lungenfunktion und atmungsbehindernde Veränderungen im Lungengewebe infolge Emphysem oder Ablagerung von Fremdpartikeln
lassen sich mit Hilfe eines Inhalationstests genauer und schonender diagnostizieren als durch Röntgenaufnahmen.Gemeinsam mit Wissenschaftlern des
amerikanischen Nuklearforschungszentrums "Argonne National Laboratory"
haben Ärzte einer Klinik in Hines (Illinois), die dem US-Versorgungsamt
für ehemaliges Militärpersonal angeschlossen ist, ein Verfahren entwickelt,
das in 10 - 20 Minuten eine exakte Darstellung der Lungen von vier Seiten
ermöglicht und im Vergleich zur Röntgenuntersuchung die Strahlenbelastung
für den Patienten auf die Hälfte oder ein Drittel der Strahlendosis verringert. Die aktive Substanz ist eine winzige Menge von radioaktivem
Kryptongas, das der Patient mit der normalen Luft einatmet.
Krypton ist chemisch völlig neutral. Das hier verwendete Radioisotop
hat eine Halbwertszeit von nur 13 Sekunden, verliert also seine Radioaktivität sehr schnell; in der Lunge bleibt nichts davon zurück. Die radioaktiven Kryptonatome, die während des Inhalationstests zerfallen, senden
Gammastrahlen aus. Diese "Lichtblitze" werden auf einem Beobachtungsschirm

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Beobachtungsschirm sichtbar, auf dem sich ein Abbild der Lunge ergibt, das die
für die Atmung durchgängigen und die blockierten Bereiche bis in die kleinsten Einzelheiten anzeigt. Während der Untersuchung sitzt oder liegt der
Patient bequem und atmet normal ein und aus.
Vor allem Berufskrankheiten wie Silikose oder Staublunge infolge des
Einatmens von Fremdpartikeln in Kohlen- und Erzgruben oder in Betrieben der
Stein- und Tabakindustrie sollen mit Hilfe des Tests so früh wie nur möglich
erfaßt werden, um rechtzeitig wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.
Untersuchungen von Emphysem-Patienten mit dem Krypton-Inhalationstest werden
z.Zt. im Raum Chicago in größerem Umfang durchgeführt.

+ + + + +

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