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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

24. August 1994

33

USA-KUBA

CLINTON KUNDIGT ÄNDERUNG DER FLUCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay

MANFRED WORNER

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN
VERSTORBENEN NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten

BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des
Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen
mit dem Vatikan

UMWELT

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRAGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble

MILITÄR

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal

- * •

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-KUBA
24. August 1994

CLINTON KÜNDIGT ÄNDERUNG DER
FLÜCHTLINGSPOLITIK GEGENÜBER KUBA AN
Unterbringung auf Guantanamo Bay
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton warf dem
kubanischen Staatschef Fidel Castro vor, die durch
das Scheitern des Kommunismus verursachten
"politischen und wirtschaftlichen Krisen" in die
Vereinigten Staaten zu exportieren und schloß am
19. August 1994 die amerikanischen Häfen für
Bootsflüchtlinge aus Kuba.
Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus gab der
Präsident bekannt, die auf See aufgegriffenen
Flüchtlinge aus Kuba würden künftig zum amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba
gebracht und diejenigen, die die Vereinigten Staaten
erreichten, in Untersuchungshaft genommen.

Er

betonte, das Einwanderungsbüro der Vereinigten
Staaten auf Kuba werde weiterhin betrieben und die
Anträge von bona fide-Auswanderern bearbeiten.
Durch diese Maßnahmen will der Präsident eine
Wiederholung der Ereignisse von Mariel im Jahr
1980 in kleinerem Umfang verhindern, als Castro die
kubanischen Gefängnisse und psychiatrischen
Anstalten für diejenigen öffnete, die in die Vereinigten Staaten auswandern wollten. Zwischen April und
September jenes Jahres verließen mehr als 125.000
Kubaner die Insel. Zwischen dem 11. und 18.
August dieses Jahres flohen über 2.000 Kubaner
aus ihrer Heimat.
Clinton erklärte, er habe die amerikanische Küstenwache angewiesen, jedes Boot anzuhalten, das
Kubaner illegal in die Vereinigten Staaten bringen
will und die Passagiere nach Guantanamo Bay zu
transportieren. Die Regierung werde Amerikaner
"festnehmen, gegen sie ermitteln und sie gegebenenfalls strafrechtlich verfolgen", wenn sie auf See
kubanische Flüchtlinge aufnehmen, wie es viele
Amerikaner 1980 taten.
Während die Kubaner auf dem Militärstützpunkt
Guantanamo festgehalten werden, so der Präsident,
würden die Vereinigten Staaten "andere Aufnahme-

AMERIKA DIENST 33

möglichkeiten in der Region prüfen". Der Präsident
verneinte die Frage, ob Flüchtlinge aus Kuba Asyl
erhalten würden. "Diejenigen, die Kuba verlassen,
dürfen nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Sie
werden in Auffanglager geschickt. Die Ankömmlinge
werden festgenommen und wie andere auch behandelt. Ihr Fall wird geprüft. Wer den Anforderungen
entspricht, darf bleiben, den anderen wird das nicht
gestattet. Die Kubaner werden jetzt wie andere
behandelt, die hierherkommen."
Der Präsident werde das Cuban Adjustment Act
durchsetzen, das 30 Jahre lang die Grundlage für
eine Vorzugsbehandlung kubanischer Flüchtlinge war,
und innerhalb dieses Rahmens "werden wir unser
Bestes tun... Wir werden die Kubaner jetzt hier
festnehmen, sie dürfen sich nicht unter die Bevölkerung mischen, und wir werden vor dem Hintergrund
der anzuwendenden Gesetze jeden Fall prüfen."
Clinton schloß jegliche Änderung des amerikanischen
Embargos gegen Kuba sowie der diplomatischen
Beziehungen aus. "Ich befürworte das Embargo und
das Cuban Democracy Act", so der Präsident, "und
bin nicht der Ansicht, daß wir unsere diesbezügliche
Politik ändern sollten."
Das grundlegende Problem sei Castros weiteres
Festhalten am Kommunismus, obwohl die Demokratiebewegung die Region erfasse. Der Präsident
stellte fest, Haiti und Kuba seien die einzigen Nationen in der westlichen Hemisphäre ohne eine demokratische Regierung und äußerte, "das wirkliche
Problem ist die halsstarrige Weigerung des CastroRegimes, eine offene Demokratie und offene Wirtschaft einzuführen, und meines Erachtens wird die
von uns verfolgte Politik dies beschleunigen".
Clinton fügte hinzu, die derzeitige Politik sei am
stärksten auf die Förderung von Demokratie und
letztlich Wohlstand für das kubanische Volk ausgerichtet.

Seite 1

�Der Präsident wies aus den Reihen der Republikaner geäußerte Kritik zurück, die neue Politik sei
unmoralisch. Die mit den Ereignissen von Mariel
einhergehende Unruhe und das Chaos bezeichnete
er als nicht akzeptabel und erklärte, die Amerikaner einschließlich der Amerikaner kubanischer Herkunftwünschten keine Wiederholung dieser Ereignisse.
"Sie wollen nicht, daß Kuba uns unsere Einwanderungspolitik vorschreibt. Sie wollen nicht, daß Castro
seine politischen und wirtschaftlichen Probleme in
die Vereinigten Staaten exportieren kann. Und

genau darauf läuft es ja einfach gesagt hinaus. Wir
haben das schon einmal durchgemacht... Wir haben
es einmal auf diese Weise versucht. Es war falsch
und ist heute falsch, und ich werde nicht zulassen,
daß das noch einmal passiert."
Auf die Frage, ob Castro bei einer demokratisch
gewählten Regierung in Havanna an der Macht
bleiben würde, stellte der Präsident fest, in einer
Demokratie würden die Menschen selbst entscheiden, wen sie wählen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 33

�MANFRED

W O R N ER
24. August 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT DEN VERSTORBENEN
NATO-GENERALSEKRETÄR
Ansprache bei Trauerfeierlichkeiten
BRÜSSEL - (AD) - Am 19. August 1994 würdigte US-Außenminister Warren Christopher die Verdienste des
verstorbenen NATO-Generalsekretärs Manfred Wörner. "Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen", erklärte der Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die aus Anlaß der Trauerfeierlichkeiten für Manfred Wörner von Außenminister
Christopher gehaltene Ansprache.

Wir sind hierhergekommen, um Manfred Wörner zu
ehren - seinen Beitrag zu unserem Bündnis zu
würdigen und uns von seinem mutigen Beispiel
inspirieren zu lassen.

Ära anpaßte und ihnen gerecht wurde. Diese Aufgabe erforderte eine starke und kreative Führung, die
Manfred in jeder Hinsicht in vollem Umfang bot.

Ich möchte Elfie Wörner aufrichtige Anteilnahme
aussprechen und im Namen des Präsidenten, der
Manfred zu den treuesten Freunden der Vereinigten
Staaten zählte, einige Worte über den Verstorbenen
sagen.

Manfred erkannte, daß unser Bündnis eine lebende
Institution mit dem Willen und der Fähigkeit zur
Wiederbelebung aus eigener Kraft ist. Er wußte, daß
die NATO mehr war und ist als eine vorübergehende
Reaktion auf eine vorübergehende Bedrohung. Sie
ist der Garant europäischer Demokratie und Stabilität.
Ihre Mission ist nicht beendet.

Vor sechs Jahren übernahm Manfred Wörner das
höchste Amt des erfolgreichsten Bündnisses in der
Geschichte. Vier Jahrzehnte lang verteidigte die
NATO die freien Nationen Europas und Nordamerika
gegen die sowjetische Bedrohung. Sie stellte einen
Schutz für unsere demokratischen Institutionen dar.
Sie gestattete unseren Menschen, gemeinsam nie
dagewesenen Wohlstand zu schaffen - für jeden von
uns und für unsere Kinder.

Wir werden Manfred als einen Mann mit Visionen und
Prinzipien in Erinnerung behalten. Er war fest davon
überzeugt, daß das Schicksal Europas von einer
starken transatlantischen Beziehung abhängt. Er war
ein leidenschaftlicher Europäer und ein leidenschaftlicher Atlantiker. Er verstand, daß diese starken
Überzeugungen sich gegenseitig ergänzen.

Als die Berliner Mauer fiel, erkannte Manfred schnell,
daß sich das Bündnis an eine neue Welt anpassen
mußte. Er wußte, daß Stillstand nicht möglich war.
Im vergangenen September äußerte er: "Die NATO
wird nicht nur durch nostalgische Erinnerungen
vergangener geschichtlicher Ereignisse am Leben
bleiben, und auch nicht durch bloße philosophische
Überlegungen zu gemeinsamen Werten und Bestimmungen. Entweder entspricht die NATO den konkreten Erfordernissen ihrer Mitglieder oder sie wird
allmählich zerfallen." Manfred Wörner arbeitete bis
zum Schluß selbstlos daran sicherzustellen, daß die
NATO sich an die Herausforderungen dieser neuen

AMERIKA DIENST 33

Manfred war sich im klaren, daß das Ende des Kalten
Krieges uns die Chance zum Aufbau eines demokratischen und ungeteilten Europas gab. Er war der
Ansicht, daß das Bündnis die neuen osteuropäischen
Demokratien einbeziehen mußte, wenn es von
Bedeutung bleiben wollte.
Als Präsident Clinton im Januar hier den Vorschlag
einer Partnerschaft für den Frieden unterbreitete, fand
er im Generalsekretär einen starken Fürsprecher. In
den letzten Monaten seines Lebens half Manfred
Wörner, die Partnerschaft von einer Idee zu einer
funktionierenden Realität zu führen - einer Reihe
neuer, konkreter Beziehungen zu 22 Nationen. Sein

Seite 1

�Vermächtnis ist bereits sichtbar. Ich wünschte, er
könnte in den kommenden Monaten und Jahren bei
uns sein um zu sehen, wie Truppen, die einst für
den Kampf gegeneinander ausgebildet wurden, jetzt
gemeinsame Übungen beginnen - und um uns beim
Aufbau einer Sicherheitspartnerschaft beizustehen,
die alle Nationen dieses Kontinents umfaßt.
Keiner von uns wird so schnell den von ihm gezeigten Mut und sein Engagement vergessen, als sich
die NATO mit der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzte. Ich sehe ihn noch vor
mir, wie er im vergangenen August an der Dringlichkeitssitzung zu Bosnien teilnahm. Er war bereits
schwer krank; ich fürchtete sogar, er wäre zu krank,
um der schwierigen Aufgabe gewachsen zu sein.
Aber ich täuschte mich. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, aber seine Stimme und seine
Präsenz erfüllten den ganzen Raum.
Im Februar sammelte er alle Kräfte, verließ das
Krankenhaus und leitete das NATO-Treffen, auf dem
die Entscheidung über die Belagerung Sarajevos
gefällt wurde. Dasselbe tat er im April, um einen
Beitrag zur Beendigung des Mordens in Gorazde zu
leisten. Er war entschlossen, daß die NATO alles in

*

Seite 2

ihrer Macht Stehende unternehmen sollte, um eine
Lösung dieses schrecklichen Konflikts zu finden,
indem sie ihre militärische Macht in den Dienst der
Diplomatie stellte.
Manfred blieb bei allem, was er für die NATO tat,
immer zielstrebig. Wenn dringend Entscheidungen
getroffen werden mußten, führte Manfred uns dorthin.
Wenn Kompromisse erforderlich waren, erzielte
Manfred sie. Wenn wir eine klare Vision dessen
suchten, wofür das Bündnis stand, half er uns, sie zu
finden. Er arbeitete daran sicherzustellen, daß das
Bündnis, wie Präsident Clinton es formulierte, "im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine glaubwürdige
Kraft für den Frieden" bleiben kann.
Manfred war ein Mann von großer Wärme, Energie
und Begeisterungsfähigkeit. Er war bestrebt, alles,
was er unternahm, gut zu machen - als Jurist, Pilot
von Kampfflugzeugen, Gesetzgeber und Staatsmann.
Ich lernte ihn als einen Mann mit außerordentlichem
moralischem Empfinden kennen, mit politischem und besonders gegen Ende - physischem Mut.
Wir werden ihn sehr vermissen und ihn dadurch
ehren, daß wir sein Werk fortsetzen.

* * * *

AMERIKA DIENST 33

�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

AMERIKA DIENST 33

In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

Seite 2

sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

AMERIKA DIENST 33

�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

AMERIKA DIENST 33

Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

Seite 4

So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschlie ßlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

AMERIKA DIENST 33

69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

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�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung derEntwick-

*

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lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

* * * *

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�BEVÖLKERUNG
24. August 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretem
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

AMERIKA DIENST 33

die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

Seite 1

�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

* * * *

Seite 2

*

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�UMWELT
24. August 1994

STRATEGIEN FÜR UMWELTVERTRÄGLICHE
ENTWICKLUNG
von Barbara J. Bramble
Die Verfasserin beschreibt einige der beim Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro gelernten Lektionen und wie
umweltverträgliche Entwicklung auf lokaler Ebene angewandt werden kann. Sie betont die Bedeutung des
Engagements der Gemeinde.
Barbara J. Bramble ist Direktorin des internationalen Programms der National Wildlife Federation.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day.

Ich möchte Ihnen einen historischen Kontext für
unsere Aufgabe in dieser Woche geben und die
abstrakten Ideen des Erdgipfels für unsere Arbeit in
unseren jeweiligen Bundesstaaten umsetzen. Ich
möchte über das sprechen, was ich als die Evolution
des Erdgipfels bezeichne - ein wirklich erstaunliches
Phänomen, bei dem jeder, der in irgendeiner Weise
mit den Vorbereitungen befaßt war und unabhängig
davon, ob er an einer der Vorkonferenzen des
Gipfels in Rio de Janeiro teilnahm oder nicht, durch
diese Erfahrung in gewisser Weise verändert wurde.

Das gleiche geschah in Brasilien, Mexiko, Europa,
Japan, auf den Philippinen und andernorts. In
Brasilien traten dem NGO-Forum für die UNCED mit
der Zeit 1.300 große und kleine Gruppen bei.

Als im Jahr 1989 zum ersten Mal der Vorschlag
eines Erdgipfels unterbreitet wurde, fingen alle an zu
gähnen. Dann erkannten einige kluge Leute, daß er
zum größten und vielleicht wichtigsten Treffen
überhaupt werden könnte (und am Ende nahm die
höchste Zahl von Staatsoberhäuptern teil, die je
einer solchen Veranstaltung beigewohnt hatte).
Viele von uns in der Regierung und bei nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) begannen sich zu
fragen, "Was können wir machen um sicherzustellen,
daß bei dem Gipfeltreffen das Richtige getan wird?"

Wir brachten Mittel auf, damit die Vertreter der Basis
aus diesem und vielen anderen Ländern zu den vier
vorbereitenden Ausschußsitzungen kommen konnten,
die im Verlauf von zwei Jahren abgehalten wurden.
Diese sogenannten "PREP-COMMS" setzten die
Tagesordnung fest und handelten die Zustimmung
zum offiziellen Erdgipfel im Juni 1992 in Rio de
Janeiro aus.

In den nichtstaatlichen Gruppen lautete die Antwort:
Organisieren.
Hunderte Gruppen und Einzelpersonen aus den
gesamten Vereinigten Staaten bildeten das amerikanische Bürgernetz für die Konferenz der Vereinten
Nationen über Umwelt und Entwicklung (United
Nations Conference on Environment and Development - UNCED). Dieses Bürgernetz besteht ebenso
wie das Bürgernetz für umweltverträgliche Entwicklung noch immer.

AMERIKA DIENST 33

Einige von uns begannen, sich mit dem UN-System
vertraut zu machen um herauszufinden, wie die
Konferenz zusammengesetzt sein wird, wer über die
Tagesordnung entscheiden sollte und wie wir die
Regierungen dazu bringen könnten, den Bürgern
zuzuhören.

Wir bildeten Lobbying-Koalitionen jeglicher Art unter
den NGOs, darunter nicht nur (erwartungsgemäß) an
der Umwelt interessierte, sondern auch an der Basis
arbeitende Gruppen wie Bauerngenossenschaften,
Verbraucherschutzgruppen, Frauengruppen, die
Suppenküchen in ärmlichen Gegenden in Peru
betreiben, oder Verantwortliche für Baumschulen und
Aufforstungsprogramme in Kenia, Befürworter von
Landreform, Rassengleichheit und für die Straßenkinder in Brasilien Zuständige, Wohltätigkeits- und
Hilfsorganisationen mit Sitz in Kanada, England und
den Niederlanden, Berater aus Pakistan zur Energieeinsparung und Gruppen, die repressive Regime der
extremen Linken in Ungarn, Polen und Rußland

Seite 1

�sowie der extremen Rechten in Chile, Argentinien
und Brasilien gestürzt hatten.

keiten und Einkommen berücksichtigten nicht das
Humankapital, Rohstoffe oder die Umweltzerstörung).

Wie Sie sich vorstellen können, kamen die NGOs zu
diesem zweijährigen Prozeß mit diametral entgegengesetzten Ansichten über die Bedeutung von Umwelt
und Entwicklung. Wir diskutierten die Rolle des
Welthandels und der Weltbank, wessen Fehler die
enorme Verschuldung der Dritten Welt ist, wer für
die Übernahme der Kosten für den Erhalt der
tropischen Regenwälder verantwortlich ist, wieviel
Schuld für die derzeitige Zerstörung vieler Ökosysteme dem Bevölkerungswachstum und wieviel dem
industriellen Wachstum sowie dem verschwenderischen Verbraucherverhalten zugeschrieben werden
sollte.

Forstwirtschaftler mußten lernen, daß die Hauptursachen für die Brandrodung in den Tropen überhaupt nicht in Zusammenhang mit ihrem Beruf
stehen, sondern auf Armut, Landkonzentration in den
Händen einiger weniger Reicher, gedankenlose
Agrarentwicklung für vornehmlich exportiertes Getreide, unkluge Subventionen für Viehzucht, illegales
Abholzen und Korruption zurückzuführen sind.

Nach einer langen und manchmal emotionalen
Debatte - ähnlich dem, was die Regierungen durchmachen mußten - erzielten wir Einigung zu praktisch
allen diesen Themen. Wir bildeten das "Internationale NGO-Forum", um ein besonderes NGO-Treffen
unter den Hunderten anderer in Rio organisierter
Veranstaltungen anzuberaumen. Ich war in dem
Ausschuß, der die Hauptveranstaltung der NGOs
organisierte und vertrat das Bürgernetz der Vereinigten Staaten. Wir stellten eine 10tägige Konferenz für 3.200 Teilnehmer auf die Beine.
Unser Ausschuß hatte die Idee, seine eigenen
Verhandlungen in Rio zu führen und seine eigenen
NGO-Vereinbarungen vorzubereiten, die wir als die
alternativen NGO-"Verträge" bezeichneten - natürlich
sind es keine richtigen Verträge, sie haben keine
rechtliche Wirkung. Aber sie waren ein wunderbares
Instrument für die NGOs, um Konsens zu unserem
Vorgehen zu erzielen, unabhängig von den Entscheidungen der Regierungen. Sie setzten gemeinsame Ziele fest und legten die Grundlage für Maßnahmen der NGO-Koalition auf Jahre hinaus.
Mehrere dieser "Verträge" haben ein aktives NGONetz, das an ihrer Umsetzung arbeitet.
Ebenso erstaunlich wie die NGO-Verhandlungen war
der Prozeß des Lernens und Verhandeins der
Regierungen für diese Konferenz. Ich war beeindruckt, wie hart die meisten Delegierten der UNCED
arbeiteten, insbesondere die aus den Entwicklungsländern, wo nur einige wenige Delegierte alle Themen abdecken mußten. Sowohl Diplomaten als
auch Spezialisten mußten einen sehr harten CrashKurs zu mehr als 40 schwierigen Fragen über sich
ergehen lassen - und das alles gleichzeitig.
Wirtschaftswissenschaftler mußten lernen, daß sie
nur die Hälfte der Spielkarten zur Verfügung hatten
(ihre Maßeinheiten für Vermögenswerte, Verbindlich-

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Wasserwirtschaftler mußten sich anhören, daß ein
Bewässerungssystem - so gut es auch gebaut sein
mag - nicht funktionieren kann, solange es keinen
Verband der Wassernutzer gibt, der die gerechte
Verteilung des Wassers an die flußabwärts Wohnenden und kontinuierliche Wartung gewährleistet. Der
Aufbau eines solchen Verbandes erfordert Jahre
geduldiger Organisationsarbeit unter der lokalen
Bevölkerung - er kann nicht aufoktroyiert werden.
Agrarexperten mußten lernen, daß die grüne Revolution die Kluft zwischen Reichen und Armen in vielen
Ländern verbreitert und das Proteinvorkommen für
zahlreiche Menschen verringert hat (als die in den
Reisfeldern schwimmenden Katzenfische durch
Pestizide vergiftet wurden).
Die Klimaveränderung hat Auswirkungen auf den
Wasservorrat, die Landwirtschaft hat Auswirkungen
auf die Wasserqualität, die Verringerung der Wasservorräte kann Kriege verursachen.
Wir alle mußten lernen, daß es nicht möglich ist,
auch nur passable Wirtschaft oder Technik zu haben,
ohne die Ökologie, Soziologie und Anthropologie zu
verstehen.
Meines Erachtens wurden alle UNCED-Teilnehmer offizielle Delegierte und NGOs- durch diese Erfahrung
tiefgreifend verändert und unser beruflicher Horizont
hat sich enorm erweitert.
Der in Agenda 21 (einer Reihe von 1992 in Rio
unterzeichneten Empfehlungen zur Bewältigung der
Umweltprobleme weltweit) festgelegte Arbeitsplan ist
auf Jahre hinaus Herausforderung genug. Die etwas
mehr als 40 Kapitel der Agenda 21 legen die meisten
gravierenden Probleme dar, die gelöst werden
müssen, um zu einer umweltfreundlichen Gesellschaft
zu gelangen, und sie skizzieren die den Hauptakteuren zukommenden Rollen, von nationalen Regierungen bis zu kommunalen Behörden und Bürgergruppen. Obwohl kein visionäres Dokument für das 21.
Jahrhundert, ist es ein ernsthafter Arbeitsplan für
zumindest das nächste Jahrhundert.

AMERIKA DIENST 33

�Wichtiger als das durch die Vorbereitungen auf den
Erdgipfel verursachte berufliche Umdenken war
vielleicht die Erkenntnis, daß dem inzwischen
populären und überstrapazierten Begriff "umweltverträgliche Entwicklung" etwas Tiefgreifendes zugrundeliegt - nicht nur Wirtschaftswissenschaften oder
Kontrolle der Umweltverschmutzung, sondern
Gleichheit und Gerechtigkeit.
Diejenigen unter uns, die dachten, Rio sei die Folge
der Stockholmer Konferenz über die humane Umwelt
von 1972, sahen sich mit der Tatsache konfrontiert,
daß es eine Konferenz über Umwelt und Entwicklung war. Die scharfen Debatten lehrten uns, daß
die Umwelt einfach nicht gerettet werden kann,
solange nicht alle Menschen auf der Welt eine
Chance zur Verbesserung ihres Lebens haben.
Meiner Ansicht nach kann man guten Gewissens
sagen, daß jeder, der die langwierigen Verhandlungen des UNCED-Prozesses durchgemacht hat seien es die offiziellen Delegierten oder die NGOs
mit ihren eigenen Vereinbarungen - dies jetzt gründlich versteht.
Es gibt beispielsweise keine Lösung für die Brandrodung in den Tropen, solange nicht die Masse der
armen Menschen, die keinen Zugang zu ordentlichem Ackerland haben, weil einige wenige Grundbesitzer es für die Viehzucht oder automatisierten
Getreideanbau für den Export nutzen, eine Chance
bekommen - entweder durch Landreform oder
alternative Beschäftigung in städtischen Zentren,
oder durch einen kleinen Kredit zur Gründung ihres
eigenen Unternehmens. Millionen von Menschen
ohne jegliche Alternative versuchen überall in den
Entwicklungsländern kleine Landstriche zu bewirtschaften, verursachen einen Verlust an Wäldern und
eine Bodenerosion, verstopfen Flüsse und Wasserwege, verunreinigen Anlagen für die Fischzucht und
so weiter.
Entsprechend wird sich das Bevölkerungswachstum
nicht verlangsamen, bis Frauen ein Mitspracherecht
an ihrem eigenen Leben haben - das heißt nicht nur
die Bereitstellung von Kondomen oder Antibabypillen, sondern auch Bildung, ordentliche Gesundheitsfürsorge und wirtschaftliche Chancen, so daß sie das
Recht zur Verwendung dieser Kondome und der
Pille erwerben können.
Und hier bei uns ist die Lage nicht viel anders.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet eine
Chance für ein ordentliches Leben für alle Amerikaner in Städten und ländlichen Gebieten, nicht nur
den Vororten.
Meines Erachtens ist "umweltverträgliche Entwicklung" der falsche Begriff. Erstens ist dies ein Kürzel

AMERIKA DIENST 33

für seine wirkliche Bedeutung - "Wirtschaftlich tragfähige, ökologisch verträgliche und sozial gerechte"
Entwicklung. Aber diese Erklärung ist zu lang und
mühselig. Wir benötigen ein neues Schlagwort, das
alle drei Elemente beinhaltet - Wirtschaft, Ökologie
und Gerechtigkeit - dies ist ein untrennbares Dreieck.
Jeder, der den UNCED-Prozeß durchlaufen hat, hörte
Beunruhigendes von den Vertretern anderer Länder Menschen, die die Ideale und Versprechungen der
Vereinigten Staaten verehren, aber nicht verstehen
können, was wir hier eigentlich tun.
Einige sagten: "Wenn Ihr uns sagt, wir müssen
unsere Regenwälder erhalten, wie kommt es
dann, daß Ihr Eure eigenen Regenwälder im
Nordwesten nicht erhaltet?"
Andere ereiferten sich über eines der schwierigsten Probleme - das Bevölkerungswachstum:
"Bevölkerungswachstum im 'Süden' könnte einige
lokale Umweltprobleme zur Folge haben. Nicht
die Armen haben das Ozonloch, die Klimaveränderung, eine Ölpest in den Ozeanen, Toxine im
arktischen Schnee oder sauren Regen verursacht,
sondern der Abfall und der exzessive Konsum in
Euren reichen Industrieländern setzt den gesamten Planeten einem Risiko aus. Ein in den Vereinigten Staaten geborener Mensch wird 30- bis
50mal soviel Energie verbrauchen wie ein in
Indien geborener - also schiebt nicht die Schuld
für die Umweltzerstörung den Armen in die Schuhe."
Und am provokativsten: "Wir im Süden tragen die
Verantwortung für viele unserer Probleme, weil
unsere reichen Eliten in ihrem eigenen Interesse
operieren, während die Armen leiden - es gibt
einen 'Norden' in unserem 'Süden'. Aber es gibt
auch einen 'Süden' in Eurem 'Norden' - was tut
Ihr mit Euren Armen, mit Euren Städten?"
All das hörte man nicht gerne. Und zuerst führte es
zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung. Aber
allmählich gelangten wir zu einer Einigung, und die
Antwort wurde deutlich: Beide Seiten hatten recht,
aber beiden Seiten tragen auch einen Teil der
Verantwortung für den Zustand des Planeten. Die
Zukunft hängt von Vereinbarungen über gemeinsames Vorgehen zur Verringerung des kollektiven
Drucks auf unsere Rohstoffe ab und damit der
Verbesserung der Lebensqualität für alle.
Die unmittelbaren praktischen Ergebnisse dieser
grundlegenden Einigung auf die geteilte Verantwortung sind bisher mager - nur die verwässerten
Verträge über Klimaveränderungen und Artenvielfalt

Seite 3

�sind in der Tat bindend. Und Agenda 21, das von
den Regierungen vereinbarte Arbeitsprogramm über
Toxine, Wasser- und Luftverschmutzung, Verringerung des Abfalls und all die anderen Themen, wird
nur auf freiwilliger Basis befolgt.
Aber dies ist erst der Anfang. Ich bin jetzt zuversichtlich, daß die internationale Zusammenarbeit
verstärkt wird, wenn die globalen Probleme sich
verschärfen, was wahrscheinlich ist. Die sich mit
dem Abbau der Ozonschicht befassende Wiener
Konvention war in ihrer ersten Fassung enttäuschend unzulänglich. Sie wurde j^ooch in Form des
Montrealer Protokolls dreimal verbessert, als die
Ozongefahr deutlicher wurde.
Ich möchte Ihnen sagen, was sie für mich bewirkt
hat. Erstens arbeite ich an internationalen Themen.
Aber ich gelange jetzt zu der Erkenntnis, daß das
Beste, was wir für den Aufbau der internationalen
Zusammenarbeit zur Verringerung der Zerstörung
des Ökosystems tun können, darin liegt, zu zeigen,
daß diese Prinzipien hier bei uns im Inland funktionieren. Die übrige Welt blickt immer noch auf die
Vereinigten Staaten bei der Festsetzung der beispielgebenden Normen. Da unser Land und Kanada
den höchsten Energieverbrauch pro Kopf haben,
wird niemand die Energieeinsparung ernst nehmen,
wenn wir es nicht tun. Und dasselbe gilt für die
Erhaltung der Wälder und Feuchtgebiete.
Zweitens führt mich das zu der Schlußfolgerung, daß
wir nicht länger außenpolitische Angelegenheiten
von innenpolitischen trennen können. Ich arbeite
also an der Überbrückung der Kluft zwischen den
inländischen und internationalen Abteilungen der
National Wildlife Federation.
Mehrere unserer
Zweigstellen erarbeiten bereits Pläne für umweltverträgliche Entwicklung in ihren jeweiligen Bundesstaaten, und der Dachverband arbeitet auf die Verabschiedung von "umweltverträglicher Entwicklung"
als einheitlichem Ziel all unserer Programme hin.
Drittens habe ich gelernt, daß die zu umweltverträglicher Entwicklung führenden Prinzipien in den
Vereinigten Staaten die gleichen sind, die im Ausland verwendet werden sollten (beispielsweise bei
Auslandshilfeprogrammen): Beteiligung der öffentlichkeit, Zugang zu Informationen, Gewährleistung,
daß die Menschen das Recht zu friedlichen Beschwerden haben, Chancen für die Menschen, wie
die Vergabe von Kleinkrediten und eine ordentliche
Ausbildung. Dies sind grundlegende amerikanische
Prinzipien der Fairness, Gerechtigkeit und Respektierung der Menschenrechte.
Das Kernstück umweltverträglicher Entwicklung ist
vielleicht nicht eine Technologie per se, sondern das

Seite 4

Mitspracherecht der Gemeinde bei dieser Entwicklung. Obwohl die Menschen es in der Tat nicht
immer in Anspruch nehmen, wollen sie das Recht, zu
erörtern, was zu tun ist, von wem, wann und so
weiter - und nicht nur von den Plänen hören, wenn
die Entscheidungen getroffen sind. Die Bedürfnisse
der Bürger auf der ganzen Welt decken sich in
erstaunlichem Maße - Zugang zu Informationen,
Beteiligung der Öffentlichkeit an Plänen, Entwürfen,
Umsetzung und Auswertung sowie das Recht zur
Beschwerde.
Und schließlich gelangte ich aufgrund der angesprochenen Evolution der UNCED von der Konzentration
auf reine Umweltprobleme zu der Erkenntnis, daß
das Ziel ein viel umfassenderes ist - der Aufbau einer
umweltfreundlichen Gesellschaft. Wie ich bereits
ausgeführt habe, beinhaltet dies nicht nur die Umwelt
und Wirtschaft, sondern auch Gerechtigkeit, so daß
wir alle eine Chance für ein ordentliches Leben
haben können.
Dies führt uns zu der derzeitigen Konferenz der
National Wildlife Federation. Was können wir hier
bewirken?
Ich denke, wir sind auf der Suche. Niemand ist sich
ganz sicher, was genau unter "umweltverträglicher
Entwicklung" zu verstehen ist. Zweifelsohne sieht
sie in Alaska anders aus als in Kalifornien, Ohio oder
Kentucky.
Bei dieser Suche werden wir einige leichte Lösungen
finden wie die Tatsache, daß zunehmend verbesserte
Energiewirtschaft nicht nur die Treibhausgasemissionen reduziert, sondern auch durch kurze Rückzahlungsfristen Geld spart. Gemäßigte Landwirtschaft
schont nicht nur den Boden und trägt zur Säuberung
der Flüsse bei, sondern verringert auch Kosten, ganz
abgesehen von den Vorteilen für die Gesundheit.
Einiges ist jedoch schwieriger. Wiederaufbereitungsprogramme sind beispielsweise ein wunderbares
Instrument, um das Engagement der Menschen zu
gewinnen und sie über Energieerhaltung zu informieren. Aber nachdem sie sich mit der Tragweite
des Problems befaßt haben, gelangen viele Gemeinden zu der Schlußfolgerung, daC eis den Abfall an
der Quelle verringern müssen, sowohl bei den
Produktionsmethoden als auch in einigen Fällen mit
der Abschaffung bestimmter Produkte.
Die neue Methode des "grünen Punkts" sowie die
Einbeziehung der gesamten Berechnungs-, Produktions-, Nutzungs- und Entsorgungskoc*en in den Preis
des Verbrauchsgutes ist ein Indikator, welche Produkte für die Gemeinde sehr teuer im Hinblick auf die
realen Kosten sind, die jetzt als "Externa" angesehen

AMERIKA DIENST 33

�werden. Dies bietet dem Verbraucher Anreize zu
einem veränderten Konsumverhalten.
Aber dies impliziert Veränderung.
Bestimmte
Produkte werden nicht mehr hergestellt und andere
werden entwickelt. Veränderungen machen angst.
Und es gibt sehr viel ernsthaftere Probleme, wie
veraltete Industrieanlagen, die gefährlich sind, deren
Modernisierung aber teuer ist und deren Schließung
einen enormen Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten
würde.
Aus diesem Grund ist die Entwicklung eines Gemeinsinns so eindeutig Teil umweltverträglicher
Entwicklung. Wandel ist unvermeidbar, er kann nicht
für immer zurückgehalten werden. Aber diejenigen,
die aufgrund der Notwendigkeit einer Gesellschaft
zur Veränderung ihrer Produktionsmethoden und
Beseitigung des Abfalls in der Luft hängen, sollten
nicht leiden müssen. Wir müssen lernen, als Gemeinde an einem Strang zu ziehen und denen zu

helfen, die von den Veränderungen betroffen sind. In
Deutschland und Japan werden die Arbeitnehmer
geschützt, behalten, umgeschult und als echte
Ressource des Landes angesehen und nicht ihrem
Schicksal überlassen.
Wir sollten den Wandel
begrüßen, weil dies der einzige Weg zur Rettung des
Planeten ist.
Meine vorletzte Botschaft soll Ihnen ins Gedächtnis
rufen, daß es kein Patentrezept für umweltverträgliche Entwicklung gibt, das uns jemand an die Hand
gibt. Wir müssen es erfinden, Schritt für Schritt, in
jeder einzelnen Gemeinde.
Mein letzter Punkt ist, daß es bei dieser Suche kein
Ende gibt. Es gibt keinen perfekten Zustand "umweltverträglicher Entwicklung". Wir sollten uns in der
Erkenntnis auf den Weg machen, daß jeder Schritt
nur ein Teil der Reise ist und jeder kleine Erfolg
allmählich in die richtige Richtung führt. Wir werden
uns unserem Ziel nur annähern, aber jedes Jahr
kommen wir ihm ein Stückchen näher.

*

AMERIKA DIENST 33

*

Seite 5

�MILITÄR
24. August 1994

NATIONALE SICHERHEIT UND DEMOKRATIE
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von David R. Segal
Die Geschichte nationaler Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten besteht aus dem pragmatischen
Versuch, grundlegende demokratische Werte und Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren,
die bisweilen die Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit des einzelnen beeinträchtigten. Der nachfolgende Artikel
befaßt sich mit der Gegenüberstellung dieser beiden Prinzipien, die das Kernstück der Nation darstellen.
David R. Segal ist Professor für Soziologie und Politologie an der University of Maryland, deren Zentrum für
internationale und Sicherheitsstudien (Center for International and Security Studies at Maryland - CISSM) er
angehört und leitet das akademische Programm für militärische Soziologie.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einem Artikel, der ursprünglich als Vortrag vor der Konferenz über
nationale Sicherheit und Demokratie konzipiert war, die vom Israel Diaspora Institute, Tel Aviv University, vom
11.-14. März 1990 abgehalten wurde. Der Verfasser dankt für die freundliche Unterstützung der Mitarbeiter
von Armed Forces and Society.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Transaction Publishers in Armed Forces
&amp; Society. Copyright (c) 1994 Transaction Publishers.

Einer der kulturellen Widersprüche des modernen
demokratischen Staates ist die Tatsache, daß seine
Verteidigung fast unweigerlich entweder eine Gefährdung der Werte mit sich bringt, die er verkörpert
(beispielsweise Pressefreiheit) oder seine Mittel zur
Verteidigung dieser Werte einschränkt, die somit
weniger effektiv wird. Eine Demokratie muß sich
entweder mit einer auf den Rücken gebundenen
Hand auf einen Krieg vorbereiten und diesen führen,
oder im Interesse einer wirksamen Verteidigung
dessen, was Demokratie nach einer Kompromißlösung bedeutet, etwas weniger demokratisch
werden.
Obwohl es nicht gerechtfertigt wäre, von einem
dialektischen historischen Prozeß auszugehen, in
dem demokratische Staaten die Saat ihrer eigenen
Zerstörung legen, kann die Geschichte nationaler
Sicherheitsbelange in den Vereinigten Staaten als
fortgesetzter pragmatischer Versuch betrachtet
werden, grundlegende demokratische Werte und
Ideale gegen Elemente ihrer Verteidigung auszubalancieren, die bisweilen in die Rechtsstaatlichkeit,
Freiheit des einzelnen und die Beteiligung der

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Öffentlichkeit an politischen Debatten und Entscheidungsprozessen informierter Bürger eingegriffen
haben.
Einige Facetten der Rechtsstaatlichkeit und der
Freiheiten des einzelnen sind mit der Zeit, durch die
Dynamik einer andauernden bürgerlichen Revolution
stabiler geworden, die durch eine Ausweitung der
Bürgerrechte selbst in Zeiten internationaler Konflikte
charakterisiert war. Gleichzeitig wurden die Informationsverbreitung sowie eine informierte Teilnahme an
der Politik von dem Bedürfnis nach Geheimhaltung
eingeschränkt, das mit der Entwicklung, der Aufstellung und dem möglichen Einsatz von Hochtechnologie, todbringenden Waffensystemen und ihren
Trägersystemen unter den Doktrinen der Kriegsmanöver einhergeht.
Nationale Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit
Die Vereinigten Staaten sind eine konstitutionelle
Demokratie, und die rechtlichen Grundlagen des
Systems der nationalen Sicherheit wurden im grundlegenden Rechtsdokument der Nation gelegt, der

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�Verfassung, welche die Rechte des einzelnen sowie
die Pflichten der Bundesstaaten und Bundesregierung so genau definiert, wie die Gründerväter der
Nation sie vorausahnen konnten. Die ersten beiden
Verfassungsartikel sehen eine zivile Kontrolle des
Militärs durch ein System gegenseitiger Kontrolle
und gemeinsamer Verantwortung vor, das den
höchsten gewählten Zivilbeamten der Nation - den
Präsidenten - zum Oberbefehlshaber des Heeres,
der Marine und der Truppen der Bundesstaaten
macht, wenn sie in den Dienst der Bundesregierung
gerufen werden. (Die Wahl von Bill Clinton im Jahr
1992, dem während des Wahlkampfes vorgeworfen
wurde, er habe sich im Vietnamkrieg dem Wehrdienst entzogen, stellte die Loyalität der Streitkräfte
gegenüber ihrem Oberbefehlshaber stärker in Frage
als jedes andere Ereignis in der jüngsten amerikanischen Geschichte). Die gewählten Volksvertreter im
Kongreß erhielten die Befugnis, ein Heer aufzustellen und zu unterstützen und eine Marine zu unterhalten. Und nur der Kongreß kann einen Krieg erklären.
Es existieren gesetzliche und juristische Systeme,
weil kein Konsens über allgemein akzeptierte soziale
Normen oder deren Einhaltung besteht. Die Rechtsdoktrin wird am ehesten auf vorhersehbare und sich
wiederholende Ereignisse angewandt.
Da die
Militärtechnolgie immer tödlicher wird und sich
infolgedessen die mit dem Krieg einhergehende
soziale Organisation ändert, wurden die Vereinigten
Staaten mit Situationen konfrontiert, die die Verfassungsväter nicht vorhersehen konnten und die
häufig die tatsächliche militärische Notwendigkeit
den verfassungsmäßigen Definitionen der Rechte
des einzelnen oder der Befugnis der Regierung
gegenüberstellen.
In Kriegszeiten hat das die
Präsidenten dazu veranlaßt, ihre verfassungsmäßigen Rechte zu überschreiten oder zumindest den
Versuch dazu zu unternehmen. Ferner beschränkte
sich die Rolle der Legislative und der Judikative in
Fragen nationaler Sicherheit großenteils auf eine
Reaktion.
Es gibt keine doktrinäre Aussöhnung zwischen der
Rechtsstaatlichkeit und den von der Exekutive
geforderten Vollmachten auf Grund eines Notstandsgesetzes. Das Ergebnis ist pragmatisch und äußerst
politisch. Der Präsident, der sich auf diese Vollmacht im Falle eines Notstands beruft, muß damit
rechnen, daß seine Aktionen überprüft und eventuell
von der Legislative oder Judikative in Frage gestellt
werden. Die Vollmacht des Präsidenten zum Erlaß
von Notstandsgesetzen wurde mit der Zeit zunehmend einer Überprüfung durch die Legislative und
Judikative unterstellt. Das Ergebnis dieses Prozesses war gewöhnlich (aber nicht immer), daß die vom
Präsidenten ergriffenen Maßnahmen vom Kongreß

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unterstützt wurden und der Oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten solche Aktionen rechtfertigte,
insbesondere wenn Übereinstimmung zwischen
Präsident und Kongreß bestand. Der militärischen
Notwendigkeit wird generell eine höhere Priorität
zugebilligt als den Rechten der Bundesstaaten oder
des einzelnen, was sich auch in den 1993 geführten
Debatten über Homosexuelle im Militär zeigte.
Dennoch scheint im Laufe unserer Geschichte die
Wahrscheinlichkeit abzunehmen, daß im Falle eines
nationalen Notstands die Forderung nach Handlungsfreiheit für die Exekutive unterstützt wird. Die vom
Präsidenten in Kriegszeiten ergriffenen Maßnahmen
wurden nach der Wiederherstellung des Friedens
rückgängig gemacht. Nach dem Kalten Krieg könnte
eine noch stärkere Abkehr von der Rechtfertigung der
Einschränkung individueller Rechte und Freiheiten auf
der Grundlage nationaler Sicherheitserfordernisse
erfolgen.
Während des amerikanischen Bürgerkrieges (18611865) verband Präsident Lincoln zum Zweck des
Erhalts der Union seine zivilen Befugnisse mit seiner
Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, um eine
Position zu schaffen, die "einer konstitutionellen
Diktatur nahekam". Ohne gesetzliche Bevollmächtigung rekrutierte er 40.000 Freiwillige, gab ohne
entsprechende Befugnis über 2 Millionen Dollar aus
der Staatskasse aus und setzte den Habeaskorpusbefehl - den verfassungsmäßigen Schutz vor willkürlicher Verhaftung und Festnahme - für unloyaler
Handlungen verdächtigte Zivilisten aus. Die Verfassung gestattet die Aussetzung des Habeas corpus
aufgrund einer Invasion oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, legt jedoch nicht fest, wer zu der
Aussetzung berechtigt ist. Als der Bundesgerichtshof
in Baltimore (Maryland) entschied, Lincolns Aussetzung des Habeas corpus sei verfassungswidrig,
focht Lincoln dieses Urteil in einer Botschaft an den
Kongreß an. Der Oberste Gerichtshof hat immer
noch nicht entschieden, wer das Habeas corpus
aussetzen darf.
Ferner ordnete Lincoln an, daß zivile Unloyalität von
Kriegsgerichten oder Militärkommissionen behandelt
werden sollte anstatt durch Zivilgerichte, in deren
Zuständigkeitsbereich sie der Verfassung nach fällt.
Der Oberste Gerichtshof hob diese Verfügung erst
nach dem Krieg im Fall ex parte Milligan auf. Lambdin P. Milligan wurde 1864 wegen Verschwörung
verhaftet, vor ein Militärtribunal gestellt und verurteilt.
Nach Kriegsende beantragte Milligan ein Habeas
corpus vom Landgericht. Dieses erließ keine entsprechende Verfügung, verwies diese juristische
Frage jedoch an den Obersten Gerichtshof, der
entschied, Milligan solle freigelassen werden, da der
Präsident nicht über die verfassungsmäßige Macht
verfüge, Zivilisten vor ein Militärgericht zu stellen,

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�wenn Zivilgerichte funktionierten, wie im Fall Milligan.
Milligan wurde in nachfolgenden juristischen Erörterungen häufig als Präzedenzfall für Maßnahmen im
Zusammenhang mit Notstandsverordnungen der
Exekutive angeführt.
Im Ersten Weltkrieg übernahm Präsident Wilson, wie
Lincoln, außerordentliche Befugnisse. Im Gegensatz
zu Lincoln verließ sich Wilson jedoch nicht ausschließlich auf seine Amtsgewalt als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sondern ihm wurde ein Großteil seines gesetzgeberischen Prärogativs vom
Kongreß übertragen. In diesem Krieg wurde das
Rechtssystem mit der Notwendigkeit konfrontiert, die
Rechte des einzelnen gegen militärische Erfordernisse abzuwägen, wie unter dem Gesetz über Spionage von 1917 und dem Gesetz über Volksverhetzung von 1918 entschieden. Diese Gesetzesbestimmungen aus Kriegszeiten schränkten die Rede- und
die Pressefreiheit ein und stuften bestimmte Behauptungen und Handlungen als aufwieglerisch und
rechtswidrig ein. In einer Reihe von Fällen, die der
Oberste Gerichtshof bei Kriegsende behandelte,
entschied er durchweg, daß militärische Erfordernisse den Verlust der Freiheit des einzelnen rechtfertigten.
In ähnlicher Weise wies der Oberste Gerichtshof
Proteste gegen den Wehrdienst im Ersten Weltkrieg
ab, die auf der Annahme basierten, der Kongreß
habe die Macht der Bundesstaaten über deren

Truppen geschmälert oder die Wehrpflichtigen einer
"unfreiwilligen Zwangsarbeit" unterworfen, was eine
Verletzung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung
darstellt. Der Bundesgerichtshof sah die Einberufung im verfassungsmäßigen Mandat des Kongresses unterstützt, eine Armee aufzustellen und
Krieg zu erklären.
Im Zweiten Weltkrieg drohte Präsident Roosevelt,
seine verfassungsmäßigen Befugnisse zu erweitern,
als er verkündete, er würde auf eigene Faust vorgehen, wenn der Kongreß nicht so handele, wie er es
für die nationale Sicherheit als erforderlich erachte.
Bei den Gesetzen zur Preiskontrolle befolgte der
Kongreß seine Anweisungen, wodurch das Verfahren innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen
blieb und Maßnahmen des Präsidenten überflüssig
wurden. Dramatischer war jedoch, daß Roosevelt in
seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Streitkräfte am 2. Februar 1942 den Präsidialerlaß 9066
verfügte, der den Kriegsminister und von ihm dazu
ernannte Personen bevollmächtigte, militärische
Sperrzonen zu errichten, aus denen "jede Person"
ausgeschlossen werden durfte, um Sabotage oder
Spionage zu vermeiden. Unter dieser Vollmacht
wurden alle Personen japanischer Herkunft - 70.000
davon amerikanische Staatsbürger - aus den Bun-

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desstaaten an der Pazifikküste und Teilen von
Arizona evakuiert und in "Umsiedlungszentren"
festgehalten.
Der Oberste Gerichtshof vermied, über die Verfassungsmäßigkeit des Festnahmeprogramms als
Ganzes zu entscheiden. 1947 kam die Bürgerrechtskommission zu dem Schluß, die Evakuierung und
Festnahme sei die "bemerkenswerteste massive
Beeinträchtigung des Rechts auf physische Freiheit
seit der Sklaverei" und empfahl, die Evakuierten für
den Verlust von Haus und Besitz zu entschädigen.
Erst im Oktober 1989 stimmte das Repräsentantenhaus der Entschädigung von 62.000 ehemals internierten Amerikanern japanischer Abstammung in
Höhe von 1,25 Milliarden Dollar zu.
Nationale Sicherheit und die Medien
Die Geheimhaltung - ein universeller Bestandteil der
nationalen Sicherheit - steht offensichtlich im Widerspruch zu dem demokratischen Prinzip informierter
Bürger und der verfassungsmäßigen Garantie einer
freien Presse in Amerika. Im Verlauf der letzten
Jahrzehnte wurden wiederholt Anpassungen vorgenommen, als die Presse und das Militär versuchten, miteinander und mit sich wandelnden Technologien in beiden Domänen umzugehen.
Bei der Entscheidung zwischen der Pflicht zur Informierung der Öffentlichkeit und der Pflicht zum Schutz
lebenswichtiger Informationen, einschließlich der
Hinnahme eines gewissen Maßes an Zensur, scheinen sich die Medien - vor allem die Presse - während
des Koreakrieges mehr der letzteren Position zugewandt zu haben, als das heute der Fall ist. Der
Wendepunkt könnte die vom CIA unterstützte Invasion Kubas in der Schweinebucht 1961 gewesen
sein, als die amerikanische Presse über die bevorstehende Invasion unterrichtet war, die Geschichte
aber großenteils zurückhielt. Ein Großteil der nachträglichen Diskussion über diese Katastrophe in den
internationalen Beziehungen konzentrierte sich auf
die Frage, ob die Administration diese Operation
abgesagt oder zumindest überprüft hätte, wenn die
Presse die ihr bekannten Informationen veröffentlicht
hätte, anstatt dem CIA (der den Präsidenten irreführte) zu helfen und ihn zu ermutigen. Eine Enthüllung
hätte - vielleicht oder auch nicht - informierte Bürger
hervorbringen können, die ihrer Meinung Ausdruck
verleihen.
Vielleicht als Reaktion auf die Ereignisse im Zusammenhang mit der Invasion in der Schweinebucht
waren die Medien - die sich zunehmend visuell und
elektronisch orientierten - im Vietnamkrieg weniger
kooperativ, und die Spannungen zwischen Militär und
Medien verschärften sich. Die Kennedy-Administra-

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�tion schränkte den Zugang der Presse zu Informationen zunehmend ein, und das Militärhilfekommando
Vietnam nahm eine strenge Zensur von Fotos und
Nachrichten vor, nachdem Associated Press das
Foto eines buddhistischen Mönchs bei der Selbstverbrennung auf einer Straße in Saigon veröffentlicht
hatte.

große Geheimhaltung erforderte, waren die großen
Medienanstalten mit ihrem Zugang zum Krieg unzufrieden. Interessanterweise befürwortete die Öffentlichkeit während des Krieges die Einschränkungen
des Verteidigungsministeriums hinsichtlich des
Zugangs der Medien - hier standen sich zwei Bestandteile der Demokratie gegenüber.

Dennoch gelangten Neuigkeiten und Bilder an die
Öffentlichkeit und boten eine Sicht der Ereignisse,
die sich stark von den offiziellen Regierungsberichten unterschied. Die Regierung wurde zunehmend
wegen ihrer Kriegsberichterstattung kritisiert, beispielsweise in Senator J. William Fulbrights Buch
The Pentagon Propaganda Machine und der
Dokumentationssendung des Fernsehsenders CBS
im Februar 1971 "The Selling of the Pentagon".
Vietnam war der erste Krieg, der im Fernsehen
übertragen wurde, und die Tatsache, daß die Amerikaner in den Abendnachrichten die Operationen des
Tages sehen konnten, führte ihnen die Schrecken
des Krieges eindrucksvoll vor Augen.

Die Träger nationaler Sicherheit

Die Medien widersetzten sich der Zensur und
Unterdrückung, und die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere, die letztlich vom Obersten Gerichtshof
befürwortet wurde, wies auf eine neue, gegnerische
Rolle der Medien im Bereich der nationalen Sicherheit hin. Den Medien wurde wiederholt das
Verdienst für den Fall von Diem zugeschrieben oder sie wurden deswegen kritisiert - sowie für die
Entscheidung Johnsons gegen eine erneute Kandidatur und letztlich für die Niederlage im Krieg. Diese
Behauptungen waren umstritten, nicht bewiesen.
Die Spannungen zwischen Militär und Medien
führten zum Ausschluß der Presse von der Operation Urgent Fury, der Invasion Grenadas im Jahr
1983. Der durch diese Politik verursachte Ärger
wiederum bewirkte, daß das Verteidigungsministerium eine Gruppe von Journalisten zusammenstellte, die zu zukünftigen Militäroperationen entsandt
würden. Die Erfahrung der Operation Just Cause der Invasion in Panama im Dezember 1989 - legt
den Schluß nahe, es sei einfacher, die Journalisten
aus den Vereinigten Staaten hinaus als in ein
Kampfgebiet hinein zu bringen.
Das Prinzip, eine Gruppe von Journalisten zusammenzustellen, wurde auch während des Golfkriegs
befolgt. Die Kommunikationstechnologie hatte sich
so weit entwickelt, daß Kriege nicht nur im Fernsehen, sondern live übertragen werden konnten. Da
sich der Krieg hauptsächlich in der Luft abspielte,
man auf kein Schlachtfeld und an keine Front gehen
konnte, keine Einheiten zu begleiten waren und der
100stündige Bodenkrieg eine Manöverkampagne
war, die im Hinblick auf Standort und Bewegungen

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Analytische Ansätze gegenüber dem Gleichgewicht
der Werte nationale Sicherheit und Demokratie
spiegeln sich in den soziologischen Debatten über
das Wesen militärischer Professionalität und in den
Beziehungen zwischen Zivilisten und Militärs in den
Vereinigten Staaten wider. Ausgehend von der
Annahme, für die Lösung militärischer und politischer
Probleme seien unterschiedliche Modelle erforderlich
und das Militär müsse politisch neutral und ziviler
Kontrolle durch offizielle Regulierungsmechanismen
unterworfen sein, stellte Samuel Huntington fest, "die
Spannungen zwischen der Forderung nach militärischer Sicherheit und den Werten des amerikanischen
Liberalismus können langfristig nur durch die Minderung der Sicherheitsbedrohung oder des Liberalismus
behoben werden". In den letzten Zeilen von The
Soldier and the State schlug er vor, die Rettung
ziviler Institutionen könnte durch die Anerkennung
konservativer militärischer Normen erreicht werden.
Lange vor der Auflösung des Warschauer Pakts, die
für die Vereinigten Staaten die Bedrohung ihrer
Sicherheit verringerte, schlug Morris Janowitz ein
alternatives Modell vor, das die Verbindung des
Militärs zu anderen sozialen Institutionen anerkannte
sowie die fließende Grenze zwischen Militär und
Politik in der modernen Welt. Nach diesem Modell
müssen der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und
das Militär auf Bedrohungen der nationalen Sicherheit
anhand der militärischen Erfordernisse reagieren.
Über den Moment des Einsatzes hinaus kommen
jedoch zunehmend die Verfahren der Demokratie ins
Spiel. Der Präsident muß unter dem Kriegsvollmachtengesetz den Kongreß über seine Maßnahmen
informieren und sie rechtfertigen. In einem Amerika,
in dem immer mehr Rechtsstreitigkeiten stattfinden,
werden die nationale Sicherheit betreffende politische
Entscheidungen weiterhin von den Gerichten überprüft. Und obwohl die Gerichte im allgemeinen
militärischen Erfordernissen eine höhere Priorität
eingeräumt haben als den Rechten des einzelnen,
wurden vor kurzem Schritte zu einer umfassenderen
juristischen Überprüfung unternommen, einschließlich
der Verweisung der Entscheidungen des militärischen
Berufungsgerichts an den Obersten Gerichtshof der
Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 33

�Die Medien werden versuchen, die Bürger ungehindert von der Zensur zu informieren und erheben ihre
Stimme, wenn ihnen das nicht gestattet wird - wie in
den letzten Jahren des Vietnamkriegs, in Grenada,
Panama und kürzlich im Golfkrieg demonstriert. Die
öffentliche Meinung könnte zur Aufgabe selbst der
Kampagnen zwingen, die in militärischer Hinsicht

erfolgreich waren, wie sich in Vietnam zeigte, könnte
jedoch auch der Pressefreiheit Beschränkungen
auferlegen, wie im Golfkrieg. Die Schaffung eines
Gleichgewichts zwischen nationaler Sicherheit und
Demokratie ist ein fortdauernder Prozeß, die Waagschale scheint sich zur Zeit jedoch eher dem demokratischen Prozeß zuzuneigen.

* * * * *

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Seite 5

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. August 1994

32

USA-EUROPA

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat

NORDKOREA

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR DIPLOMATISCHE
VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung

NORDKOREA
UNTERNIMMT
"ERSTEN
SCHRITT" ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen

RÜSTUNGSKONTROLLE

EIN NEUES MILITÄRISCHES
GLEICHGEWICHT? DIE VERHINDERUNG
REGIONALER KONFLIKTE IN DEN
ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin

WIRTSCHAFT

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN
ZENTRALBANK SKIZZIERT PROBLEME
VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mclntosh

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mcintosh
WASHINGTON - (AD) - Zwischen 1980 und 1991 wurden etwa 7.000 Unternehmen, die meisten in der
ehemals kommunistischen Welt, privatisiert. Dem Verfasser des nachfolgenden Artikels zufolge kamen viele
der früher zentral gelenkten Volkswirtschaften auf den Markt, bevor sie dazu bereit waren.
Christopher Mcintosh ist beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development
Program - UNDP) für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Veröffentlichung und Übersetzung aus der Januar/Februar 1994-Ausgabe von The Futurist mit freundlicher
Genehmigung von The World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

In den achtziger Jahren, in denen Politiker wie
Margaret Thatcher und Ronald Reagan an der
Macht waren, wurde "Privatisierung" als der Weg in
eine glorreiche Zukunft angesehen. Ökonomen und
Politiker stellten sich vor, wie privates Unternehmertum sich auf der ganzen Welt ausbreitete und die
Volkswirtschaften im Norden und Süden gleichermaßen wieder ankurbelte. Am Horizont zeichnete sich
eine neue Ära ab, in der das Unternehmen der
König ist.
Die 1989 in Osteuropa stattfindenden Ereignisse
schienen dieses hoffnungsvolle Marktszenarium zu
konkretisieren. Überall nahm die staatliche Kontrolle
über die Industrie ab und es schien, daß die Zukunft
dem Privatsektor gehörte. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) war eine der
internationalen Organisationen, die diese Vision
uneingeschränkt unterstützten, und schuf eine
Sonderabteilung für den Privatsektor sowie das
Internationale Privatisierungsnetz, das den Ländern
beim Austausch von Informationen und Erfahrung
auf diesem Gebiet helfen soll.
Zwischen 1980 und 1991 wurden dem jüngsten
Entwicklungsbericht Human Development Report
des UNDP zufolge nahezu 7.000 staatliche Unternehmen privatisiert, ungefähr 4.500 in Teilen der
ehemals kommunistischen Welt und ein Großteil in
der ehemaligen DDR. Nur etwa 1.350 privatisierte
Unternehmen befanden sich in Entwicklungsländern,
obwohl das Tempo der Privatisierung sich dort in
den letzten Jahren beschleunigte. Die Motivation zur

AMERIKA DIENST 32

Privatisierung ist neben der Eindämmung den Haushalt schädigender Verluste ineffizienter öffentlicher
Unternehmen die Überzeugung, daß in der Fertigungsindustrie und anderen produktiven Sektoren
privates Unternehmertum zu besseren Ergebnissen
führen kann als der öffentliche Sektor.
Die Privatisierungsbewegung ist heutzutage immer
noch im Gange, die hohen Erwartungen der achtziger
Jahre werden jedoch durch einen neuen Realitätssinn
gemildert. "Die anfängliche Euphorie ist verflogen",
so Philip Reynolds, hochrangiger Programmbeauftragter des UNDP. "Jetzt sind kreative Antworten
erforderlich, um mögliche Engpässe und negative
Auswirkungen zu begrenzen und den Privatisierungsprogrammen zum Erfolg zu verhelfen."
Ironischerweise haben die Entwicklungen in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bei diesem
Stimmungsumschwung eine große Rolle gespielt.
Nachdem die Privatisierungsbestrebungen lauten
Beifall geerntet hatten, entdeckten die Staaten des
ehemaligen Ostblocks rasch, daß das Schiff Gefahr
lief, auf Grund zu laufen. John Howell, Ökonom im
internationalen
Wirtschaftsberatungsunternehmen
Ernst and Young mit Sitz in den Vereinigten Staaten
kritisiert westliche Experten, sie hätten den osteuropäischen Politikern den naiv optimistischen Rat
gegeben, aus politischen Erwägungen die Privatisierung überstürzt durchzuführen.
"In der Euphorie dieser ersten politischen Veränderungen", so Howell, "machten sich weder die west-

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�liehen Berater und Investoren noch die Regierungen
und Wirtschaftsvertreter Mittel- und Osteuropas
einen Begriff vom Umfang der zu überwindenden
Probleme".

Finanzexperten und politischen Würdenträgern
unterzeichnet. Eines der ersten gerade privatisierten
Unternehmen, die am Börsenhandel teilnahmen, war
der ungarische Reiseveranstalter Ibusz.

Hindernisse für Privatunternehmer

Heute liegen die Ibusz-Aktien jedoch unter ihrem
ursprünglichen Preis, und der Börsenbetrieb findet
nur in kleinem Umfang - mit lediglich 22 Unternehmen - statt.

Der Privatisierung stehen zahlreiche Hindernisse im
Wege. Dazu zählen das Fehlen einer Kultur freier
Marktwirtschaft, Verwirrung darüber, wem die Unternehmen gehören und wieviel sie wert sind, eine
schlechte Infrastruktur, die ausländische Investoren
abschreckt, das Fehlen eines gesetzlichen Rahmens
für wirtschaftliche Tätigkeit sowie Mangel an Investitionskapital.
In vielen Fällen, in denen tatsächlich eine Privatisierung stattfindet, können deren Ergebnisse oft zu
Problemen führen.
Wenn beispielsweise eine
Regierung ein tragfähiges Unternehmen verkauft,
gehen die Gewinne an die Investoren, die normalerweise wohlhabender sind als der durchschnittliche
Steuerzahler. Folglich vergrößert sich das Einkommensgefälle. Weitere mögliche Konsequenzen sind
höhere Preise für elementare Güter und Dienstleistungen, Entlassungen großen Ausmaßes, der
Verlust nationaler Vermögenswerte an ausländische
Käufer sowie die Schließung lebenswichtiger Industrien. In mehreren Ländern haben diese Auswirkungen zu sozialen Unruhen geführt.
Zur gründlichen Untersuchung dieser Probleme hat
die Abteilung des UNDP für globale und interregionale Probleme eine hochrangige Gruppe von Ökonomen, Politikern und Entwicklungsexperten zusammengestellt, die im August 1992 im Genfer Palast
der Nationen ein Seminar unter dem Titel "Privatisierung: Zwänge und Auswirkungen" abhielten. Die
Seminarteilnehmer kamen aus 14 Ländern, darunter
drei im Übergang befindlichen Staaten: Ungarn,
Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei.
Die Seminarteilnehmer beschrieben ihre in den
jeweiligen Ländern gemachten Erfahrungen, tauschten Ideen aus, erörterten Möglichkeiten zur Überwindung von Schwierigkeiten und zur Minimierung
der negativeren Auswirkungen eines Privatisierungsprogramms.
Ungarn drängt auf den Markt
Ungarn gehörte zu den Staaten, die mit großer
Begeisterung in diese neue Ära eintraten. Die
Wiedereröffnung der Budapester Börse im Jahr 1990
war ein spannendes Ereignis. Nachdem die Redner
das System der freien Marktwirtschaft gelobt hatten,
wurde die Charta der neuen Börse einen langen
Tisch entlang weitergereicht und von Bankiers,

Seite 2

"Ibusz ist zu früh an die Börse gegangen", erklärt
Gusztav Bager, Ministerialdirektor für Wirtschaftspolitik im ungarischen Finanzministerium. "Zu dem
Zeitpunkt war das Unternehmen noch nicht richtig in
Form, und es hätte noch mehr Umstrukturierungsarbeit geleistet werden müssen. Zudem geht es der
Tourismusindustrie wegen der Rezession im Moment
nicht gerade gut."
Ein weiteres jüngstes Beispiel für die Privatisierung in
Ungarn ist die Tabakindustrie, aber auch hier waren
die Ergebnisse enttäuschend. Ausländische Tabakunternehmen kamen auf den ungarischen Markt,
wollten jedoch nicht in örtliche Unternehmen investieren.
Was die Börse betrifft, mangelt es Bager zufolge an
Investitionskapital vor Ort. Obwohl Ungarn bei der
Entwicklung einer Marktwirtschaft Fortschritte gemacht hat, war das Tempo der Privatisierung langsamer als beabsichtigt.
Desillusionierung in Polen
Auch in Polen ist das Tempo des Wandels langsamer
als erwartet, nachdem im Juli 1990 ein Gesetz zur
Einleitung des Privatisierungsprogramms verabschiedet wurde. Zu den vielversprechendsten Kandidaten
für Privatbesitz gehörte die Traktorenfabrik Ursus, die
ein gutes Produkt herstellte und günstige Aussichten
auf dem Weltmarkt hatte. Heute befindet sich Ursus wie viele andere polnische Unternehmen - immer
noch in einem Umstrukturierungsprozeß und wird als
noch nicht reif für eine Privatisierung erachtet.
In Polen war eine wesentliche Einschränkung das
weitverbreitete Mißverständnis über die Natur einer
freien Marktwirtschaft. "Für viele Arbeitnehmer in
Polen lautet die Definition von Kapitalismus Sozialismus plus mehr Geld. Die Menschen wollen die
Vorteile beider Systeme genießen", so Jerzy Cieslik
von Ernst and Young. Und mit zunehmender Arbeitslosigkeit, die vorher in Polen völlig unbekannt war,
nimmt die Desillusionierung über die Privatisierung
zu.
Cieslik nennt ein für Polen und die anderen Staaten
des ehemaligen Ostblocks heikles Problem: Wieder-

AMERIKA DIENST 32

�gutmachung. Was geschieht, wenn der Käufer eines
staatlichen Unternehmens herausfindet, daß derjenige, der das Unternehmen vor der Verstaatlichung
besaß, jetzt einen Anspruch darauf geltend macht?
In vielen Staaten existieren hierzu keine oder nur
sehr unklare Gesetze. Zur Zeit wird im polnischen
Parlament eine hitzige Debatte über die Wiedergutmachung geführt.
"Die Politiker untersuchen Fragen wie das Recht auf
wieder privatisiertes Eigentum, die Anwendung von
Kriterien bei der Entscheidung über Ansprüche und
den Besitzerwechsel von Eigentum", erklärt Cieslik.
Der tschechische und slowakische Erfolg
Im Gegensatz zu Ungarn und Polen ist die Privatisierungsbewegung in der Tschechischen und der
Slowakischen Republik weiterhin voller Schwung.
Dies ist etwas paradox angesichts der Tatsache, daß
vor 1989 massive 97 Prozent der tschechoslowakischen Wirtschaft vom Staat kontrolliert wurden,
während in Ungarn und Polen bereits ein beachtlicher Privatsektor existierte.
"Das Privatisierungsprogramm ist Umfang und
Methoden nach sehr radikal", so Olivier Bouin,
französischer Ökonom, der die tschechische Regierung berät, die von den beiden Republiken seit ihrer
offiziellen Trennung im Dezember 1992 das Programm aggressiver fördert.
In der Tschechischen und der Slowakischen Republik sind insgesamt 4.200 Unternehmen für die
Privatisierung vorgesehen. Um den Mangel an
Kapital vor Ort zu überwinden und möglichst vielen
Menschen die Gelegenheit zu Investitionen zu
geben, begann die Tschechoslowakei (vor der
Trennung) ein gewagtes und findiges Gutscheinprogramm. In der ersten Phase, von Oktober 1991
bis Februar 1992, hatte jeder erwachsene Bürger
das Recht, ein Heft mit 14 Gutscheinen im Wert von
etwa einem Wochenlohn zu kaufen. Jeder Gutschein war zwischen 100 und 1.000 Punkten wert.
Diese Punkte konnten dann für den Erwerb von
Aktien an zu privatisierenden Unternehmen verwendet werden. Als Alternative konnte man sich
damit in einen der entstehenden Privatisierungsfonds
einkaufen.
Das Programm war ein Erfolg. Bis zum Januar 1992
hatten etwa 8,6 Millionen Menschen (drei Viertel der
Berechtigten) daran teilgenommen. Es ist noch
offen, wie sich die unter dem Gutscheinsystem
privatisierten Unternehmen entwickeln, es wurde
jedoch ein guter Anfang gemacht.

AMERIKA DIENST 32

"Ein weiteres, unkonventionelles Merkmal des Systems", erklärt Bouin, "ist die Tatsache, daß jedes
staatliche Unternehmen seine eigene Privatisierungsstrategie entwickeln sollte, die Einzelheiten über
Output, Gewinn, Exporttätigkeit und Vermögenswerte
enthält." Diese Pläne sind jedoch bisweilen unzuverlässig aufgrund mangelnder Informationen über
mögliche Wiedererstattungsansprüche und der
Verwirrung über den derzeitigen rechtlichen Status
einzelner Unternehmen. Antiquierte Buchhaltungsmethoden sind in der Tschechischen Republik
ebenfalls ein Problem, ebenso wie in vielen der
ehemals zentral gelenkten Planwirtschaften.
In
einigen Fällen weist die Buchhaltung derartige
Mängel auf, daß es unmöglich ist, interessierten
Käufern eine Bilanz vorzulegen.
Privatisierungsprobleme im Süden
Auch die Entwicklungsländer des Südens werden mit
vielen der Probleme konfrontiert, denen sich die ostund mitteleuropäischen Staaten gegenübersehen.
Ein Beispiel ist Argentinien, wo 1983 die Privatisierung in kleinem Umfang begann. 1990 beschleunigte
die argentinische Regierung angesichts eines starken
Defizits und massiver Verluste des Privatsektors
diesen Prozeß und verkaufte einige ihrer größten
staatlichen Unternehmen, darunter die nationale
Telefongesellschaft, die nationale Fluggesellschaft
und das staatliche Eisenbahnunternehmen.
Alejandro Rausch, Ökonom und Berater der argentinischen Regierung, der Weltbank und des UNDP,
steht dem Programm bisher äußerst kritisch gegenüber.
"Die argentinische Erfahrung zeigt, daß ein Privatisierungsprogramm ohne starke staatliche Regelung
ein sehr gewagtes Unternehmen ist", so Rausch.
"Ein angemessener juristischer und gesetzlicher
Rahmen muß vor Aufnahme des Programms gegeben sein. Andernfalls könnten Privatmonopole mit
sich verschlechternden Normen und steigenden
Preisen der Fall sein."
Die Regierung als Wachhund
Die Regierungen müssen bereit sein, während des
Privatisierungsprozesses und danach eine bedeutende Rolle zu spielen. Das wird durch die in der
ehemaligen DDR gemachten Erfahrungen bestätigt,
einem der wenigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, in denen Privatisierung im großen Stil termingerecht durchgeführt wird. Seit der Vereinigung
Deutschlands im Oktober 1990 wurden von der
Treuhand mehr als 3.000 Unternehmen privatisiert.

Seite 3

�"Kein anderes Land hat in einem solch kurzen
Zeitraum jemals so viele Industriebetriebe privatisiert", behauptet Dieter Bos, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bonn. Bos
weist darauf hin, daß die Treuhand nicht einfach ein
Unternehmen an den Höchstbietenden vergibt und
sich dann nicht mehr darum kümmert. Kaufinteressenten werden um Vorlage eines detaillierten
Wirtschaftsplans gebeten, einschließlich Verpflichtungen zu Investitionen und dem Erhalt möglichst vieler
Arbeitsplätze. Die Einhaltung dieser Pläne wird
anschließend von der Treuhand kontrolliert und
Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldbuße
belegt.
Die Käufer werden sorgfältig ausgewählt, wobei den
umfassenderen Interessen der Region Rechnung
getragen wird. Die Treuhand verkaufte Unternehmen für den symbolischen Wert von einer Mark,
damit sie nicht in die Hände westdeutscher Unternehmer fallen, die potentielle Konkurrenten aufkaufen wollen, um deren Produktion einzustellen.
"In der Welt nach Abschluß des Privatisierungsprozesses gibt es immer noch genug zu tun für die
Bürokraten in der Regierung", so George Yarrow von
der Oxford University. Yarrow führte eine besondere
Studie über das Privatisierungsprogramm in Großbritannien durch, das 1979 begann und generell als
Erfolg gewertet wird. "Seit Beginn der Privatisierung
hat sich das Ausmaß staatlicher Regulierung in
Großbritannien eher erhöht als vermindert."
Zu der Rolle der Regierung gehört es sicherzustellen, daß das allgemeine Umfeld einer gesunden
Entwicklung privater Unternehmen zuträglich ist. Zu
oft wird die Saat des Privatsektors in nicht darauf
vorbereiteten Boden gepflanzt.
Die rechtliche
Infrastruktur ist beispielsweise ein Schlüsselfaktor.
Eine Marktwirtschaft erfordert Gesetze zu Verträgen,
Finanzinstitutionen, Devisen, Besteuerung und
Monopolpraktiken.
Die Frage geistigen Eigentums ist ebenfalls von
Bedeutung. Zahir Jamal von der Weltorganisation
für geistiges Eigentum schlägt vor, daß zu jedem
Team, das eine Regierung in Privatisierungsfragen

berät, ein guter Patentanwalt gehören sollte. Der
Schutz von Patenten sei für die Ermutigung der
Forschung und Entwicklung vor Ort von essentieller
Bedeutung.
Ebenso wichtig ist die Infrastruktur einer Nation:
Nahverkehr, Telekommunikation, Elektrizität und
Wasserversorgung. Ist sie unzulänglich, wird die
Investition von ausländischem Kapital in die gerade
privatisierten Unternehmen schwierig. "Ausländische
Kapitalgeber haben die Wahl, und sie entscheiden
sich bevorzugt für Gebiete mit einer gutentwickelten
Infrastruktur", äußert der Ökonom Vemuri V. Ramanadham, Koordinator des internationalen Privatisierungsnetzes des UNDP.
Privatisierung in ärmeren Ländern
Die gesetzliche und physische Infrastruktur ist in den
entwickelten Marktwirtschaften der Privatisierung eher
förderlich als in den Entwicklungsländern oder den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften. Dennoch
hatten einige sehr arme Länder Erfolg bei ihren
Privatisierungsprogrammen.
Trotz einer hohen Inflationsrate und im weltweiten
Vergleich sehr großen Schuldenlast hat Guyana sein
Privatisierungsprogramm relativ reibungslos abgewikkelt, und 56 Prozent der Unternehmen gingen an
guyanische Käufer. Ferner gehört Guyana zu den
wenigen Ländern, in denen die Privatisierung nicht zu
einem starken Verlust an Arbeitsplätzen führte. Der
wichtigste Faktor zu Guyanas Gunsten ist seine
reichhaltige Versorgung mit vorher nicht ausreichend
genutzten Ressourcen.
Jedes Land, das sich auf den vielversprechenden
aber unsicheren Weg der Privatisierung begibt, muß
vieles einkalkulieren und Entscheidungen treffen. Die
Privatisierung ist kein Selbstzweck, und Enteignung
nicht die einzige Option. Es gibt eine breite Palette
von Möglichkeiten - von vollständiger Privatisierung
bis zur Umstrukturierung eines staatlichen Unternehmens. In Zukunft müssen die Länder, die sich für
eine Privatisierung entscheiden, ihre Ziele klar
definieren und aus den empirischen Methoden lernen,
die andere Staaten anwandten.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 32

�Die Kategorien sind heute völlig durcheinandergeraten. Die massive militärische Präsenz der Vereinigten Staaten ist nicht länger für die Garantie der
Sicherheit auf dem Kontinent erforderlich, aber
unsere politische und moralische Führungsrolle war
nie unerläßlicher. Unsere westeuropäischen Verbündeten sind rasch von Abhängigen zu gleichwertigen Partnern geworden. Aber die Kriterien, die
diese Partnerschaft leiten sollten, werden noch nicht
ganz verstanden. Das Ordnen dieser Kriterien ist
weiterhin eine wichtige Aufgabe.

Herr Vorsitzender, wie Sie meiner kurzen Erörterung
der uns aus meiner Sicht in Europa konfrontierenden
Herausforderungen entnehmen können, lautet meine
Überzeugung: Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei
unserem Ansatz gegenüber dem Kontinent. Die
Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber.

Wir möchten zunehmend mit den großen westeuropäischen Demokratien zusammenarbeiten, um
die Erfordernisse der weniger Begünstigten in
Europa und andernorts zu erfüllen. Und die großen
globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
können nur mit der uneingeschränkten Unterstützung
von Europa und Japan gemeistert werden.

Unsere Verbindungen zu Europa sind bereits so weit
entwickelt, daß sie schneller mit neuen Inhalten
gefüllt werden können als unsere Beziehungen zu
anderen Teilen der Welt. Um die Bedeutung der
Erweiterung unserer Bande zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu unterstreichen,
beabsichtige ich, im Falle meiner Bestätigung eine
weitere Veränderung im Büro für europäische Angelegenheiten vorzunehmen.

Im Osten kämpfen die Nationen Mittel- und Osteuropas mit dem Vermächtnis des Totalitarismus.
Während der Eisberg des Kalten Krieges schmilzt,
treten durch den Kalten Krieg oder das Scheitern
von Versailles überdeckte Risse zutage. Die amerikanischen Ideale und die amerikanische Führungsrolle werden in der Region geschätzt und müssen
aktiv gefördert werden. Der Wille und die Energie
der Vereinigten Staaten können einen dauerhaften
Effekt haben. Ich beabsichtige, der Hilfestellung für
die Länder Mittel- und Osteuropas höchste Priorität
einzuräumen, damit sie die Früchte der Demokratie
genießen können, die ihnen so lange verwehrt
wurden. Im Falle meiner Bestätigung werde ich
unverzüglich organisatorische Veränderungen im
Büro für europäische Angelegenheiten zur Unterstützung dieses neuen Ansatzes vornehmen.
Abschließend möchte ich einige Worte zu den
Europäern im Osten sagen - den Russen und
denjenigen, die in den neuen unabhängigen Staaten
leben. Es gibt ein vertrautes historisches Muster,
das - in guten wie in schlechten Tagen - die Europäer aus dem Westen, dem Osten und darüber hinaus
zusammengeschmiedet hat. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe, ist es nicht unsere Aufgabe,
Trennlinien in Europa zu ziehen - vielmehr müssen
wir Brücken bauen. Dies wird sowohl im Außenministerium der Fall sein als auch im Büro für die
neuen unabhängigen Staaten, wo wir die denkbar
engste Zusammenarbeit mit Jim Collins und seinen
Kollegen haben werden und natürlich mit dem
Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott.

•

Seite 2

Die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu Europa
findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit.

Ich werde unser Büro für Öffentlichkeitsarbeit erweitern. Dieses Büro wird auf Außenminister Christophers Ruf nach einer "Amerikaabteilung" im Außenministerium reagieren, indem es systematisch auf das
Herstellen von Kontakten zu den vielen Personen und
Organisationen im Privatsektor hinarbeitet, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
bilden. Die Beamten in unserer geographischen
Abteilung werden ermutigt, die Fähigkeiten der
Experten bei nichtstaatlichen Organisationen besser
zu nutzen. Ich werde persönlich die Vertiefung der
Kontakte zu Experten im Hinblick auf die zahlreichen
uns konfrontierenden neuen Herausforderungen
überwachen.
Es erübrigt sich hinzuzufügen, daß ich im Falle
meiner Bestätigung die enge Zusammenarbeit mit
den Mitgliedern dieses Ausschusses und dem Kongreß im allgemeinen besonders begrüßen werde.
Dies steht im Einklang mit meinem persönlichen
Engagement bei einer Laufbahn im öffentlichen
Dienst, die vor 32 Jahren begann und während derer
ich 18 Jahre für die US-Regierung tätig war, uneingeschränkt mit dem Kongreß der Vereinigten Staaten
zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen. Die Definition unserer neuen Rolle in Europa
ist eine Aufgabe, die das umfassende Engagement
aller Bereiche der Regierung erfordert. Sie spielen
die Schlüsselrolle bei Bewilligungen, Ermittlungen und
dem Stellen schwieriger Fragen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�USA-EUROPA
17. August 1994

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat
WASHINGTON - (AD) - In seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte der von
Präsident Clinton zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten nominierte Botschafter
Richarde. Holbrookeam 10. August 1994: "Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei unserem Ansatz gegenüber
dem Kontinent. Die Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber."
Holbrooke stellte bei der Anhörung zu seiner Nominierung fest, "die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu
Europa findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den
Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit."
Holbrooke ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Rede von Botschafter Holbrooke.
Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier vor
Ihnen zu sprechen. Vor weniger als einem Jahr trat
ich als Präsident Clintons Kandidat für den Botschafte rposten in der Bundesrepublik Deutschland
vor diesen Ausschuß. In Deutschland, im Zentrum
Europas zu leben, hat mich direkt mit der Tragweite
der Veränderungen konfrontiert, die sich seit 1989
vollzogen haben. Ich verlasse Bonn mit der Hoffnung, daß wir zu den Anfängen einer neuen Phase
des amerikanischen Engagements in Europa beigetragen haben und mit tiefempfundenem Dank für
die Freundschaft, die die Deutschen den Vereinigten
Staaten entgegenbringen.
Während ich diese tiefgreifenden Veränderungen zu
verstehen versuchte, gelangte ich zunehmend zu der
Überzeugung, daß die Art und Weise, in der wir uns
mit den Nationen und Problemen Europas befassen,
wichtige Auswirkungen auf die Gestaltung der
amerikanischen Diplomatie auf Jahrzehnte hinaus
haben wird. Europa ist zweifelsohne nicht der einzig
wichtige Teil der Welt. Aber es birgt sowohl Konflikte als auch Chancen, die für die vitalsten nationalen Interessen der Vereinigten Staaten von zentraler
Bedeutung sind.
Präsident Clintons Vision einer demokratischen
Erneuerung in Amerika deckt sich in bemerkenswerter Weise mit den in ganz Europa stattfindenden
Anpassungen. Seine Vision eines über frühere
Teilungen hinweg vereinten Europas steht für die

AMERIKA DIENST 32

Effektivität demokratischer Lösungen für weltweite
Herausforderungen. Unser Erfolg oder unser Scheitern, europäische Partner in wirklich kooperative
Ansätze zu lokalen und globalen Problemen einzubeziehen, wird auf viele Jahre hinaus entscheidend
für die Rolle Amerikas als Weltmacht sein.
Als Präsident Clinton mich bat, Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten zu
werden, habe ich das Angebot mit Enthusiasmus
angenommen. Ich erachte die Neudefinition der
amerikanischen Ziele in Europa als unabdingbar für
die Erneuerung unserer Diplomatie im kommenden
Jahrhundert. Wenn wir durch die Nutzung der
Instrumente der Zusammenarbeit und Partnerschaft
gewährleisten können, daß die Träume von 1989
Realität werden, wird die Botschaft der demokratischen Erneuerung als weltweite Norm Fuß fassen.
Herr Vorsitzender, das Gesicht Europas hat sich in
historischen Proportionen gewandelt. Die Kraft dieser
dramatischen Veränderungen hat zahlreiche Widersprüche aufgedeckt. Während ein Teil des Kontinents energisch auf die Einigung hinarbeitet, gibt es
mehr kleine Länder in Europa als zu jeder anderen
Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Einige europäische
Länder zählen zu den reichsten der Erde. Andere
sind unter den ärmsten auf unserem Planeten. Und
tragischerweise sind Kriege und Gewalt in Europa in
einem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ungekannten Ausmaß ausgebrochen.

Seite 1

�stimmen überein, daß Diskussionen auf Expertenebene erforderlich sind, um den Ersatz der Graphitreaktoren Nordkoreas durch Leichtwasserreaktortechnologie, die sichere Lagerung und Entsorgung
der gebrauchten Brennstäbe, die Bereitstellung
alternativer Energien und die Einrichtung von Verbindungsbüros voranzubringen.
Entsprechend
werden Gespräche auf Expertenebene in den
Vereinigten Staaten, der Demokratischen Volksrepublik Korea oder an einem anderen vereinbarten
Ort abgehalten. Die Demokratische Volksrepublik
Korea und die Vereinigten Staaten von Amerika
vereinbarten die Unterbrechung ihrer Gespräche und
deren Wiederaufnahme in Genf am 23. September
1994.

In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
die erforderlichen Arrangements bezüglich der
Zusicherungen für das Leichtwasserreaktorprojekt für
die Demokratische Volksrepublik Korea als Teil der
endgültigen Beilegung des Atomstreits treffen; die
Demokratische Volksrepublik Korea wird das Einfrieren der Nuklearaktivitäten einhalten und die in
dem Austausch von Noten zwischen dem Abteilungsleiter im Außenministerium, Robert L. Gallucci,
und dem Ersten Stellvertretenden Minister für auswärtige Angelegenheiten, Kang Sok Ju, vereinbarte
Kontinuität der Sicherheitsvorschriften bewahren.

* *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR
DIPLOMATISCHE VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Demokratische Volksrepublik Korea haben
vereinbart, daß die endgültige Beilegung des Atomstreits zwischen den beiden Staaten den Ersatz von
Nuklearreaktoren in Nordkorea und Vorbereitungen auf die "Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt
zur vollständigen Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen" enthalten sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir den am 12. August 1994 in Genf freigegebenen Wortlaut der "Gemeinsamen
Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea".

Die Delegationen der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea kamen vom 5. bis 12. August 1994 zur
Wiederaufnahme der dritten Gesprächsrunde in Genf
zusammen.
Beide Seiten bekräftigen die Prinzipien der Gemeinsamen Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea vom 11. Juni 1993 und einigten sich, daß die
folgenden Elemente Bestandteil der endgültigen
Beilegung des Atomstreits sein sollten:
1. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
ihre Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen durch Leichtwasserreaktoren zu ersetzen, und die Vereinigten
Staaten sind bereit, Arrangements für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren mit rund
2.000 Megawatt für Nordkorea zum frühestmöglichen Zeitpunkt sowie Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien anstelle der Graphitreaktoren Nordkoreas zu treffen. Nach Erhalt
der amerikanischen Zusicherungen für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren und Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien wird die Demokratische Volksrepublik Korea
den Bau der 50- und 200 Megawattreaktoren
einstellen, auf die Wiederaufbereitung verzichten
und unter Überwachung der Internationalen

AMERIKA DIENST 32

Atomenergie-Organisation (IAEO) ihr radiochemisches Labor schließen.
2. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die
Demokratische Volksrepublik Korea sind zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie
zum Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt zur vollständigen Normalisierung
der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
bereit.
3. Um zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf
einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel
beizutragen, sind die Vereinigten Staaten bereit,
der Demokratischen Volksrepublik Korea Zusicherungen gegen die Androhung oder den Einsatz
von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten
zu geben, und die Demokratische Volksrepublik
Korea ist weiterhin zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Erklärung über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel bereit.
4. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
Partei des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Nuklearwaffen zu bleiben und die Umsetzung
seiner Vereinbarungen über Sicherheitsvorschriften zu gestatten.
Während der Gespräche angeschnittene wichtige
Fragen müssen noch geklärt werden. Beide Seiten

Seite 1

�Obwohl das Abkommen einen Rahmen für die
Verhinderung der zukünftigen Produktion von waffenfähigem Material bietet, löst es nicht das von den
Unterhändlern als "die Vergangenheit" bezeichnete
Problem - die Frage, wieviel Plutonium Nordkorea
bereits wiederaufbereitet hat. Einem namentlich
nicht genannten amerikanischen Regierungsvertreter
zufolge sind die Vereinigten Staaten überzeugt, daß
Nordkorea bereits genug Plutonium produziert hat,
um vier Atomwaffen zu bauen.
Die Sonderinspektionen der IAEO sind wichtig, weil
sie der internationalen Staatengemeinschaft gestatten festzustellen, wieviele verbrauchte Brennstäbe
für die Wiederaufbereitung von zwei Deponien für
radioaktive Abfälle entfernt wurden und ob Nordkoreas bisherige Erklärungen zutreffend sind.
Das "zweite Stadium" des Atomstreits, erläuterte der
Regierungsvertreter, sind die vor kurzem von dem
Graphitreaktor in Yongbyon entfernten Brennstäbe,
mit denen man sich aus Sicherheitsgründen bald
befassen muß. Wenn diese Brennstäbe wiederaufbereitet würden, könnten sie Nordkorea potentiell
genug Plutonium für vier zusätzliche Bomben liefern.

Optionen für die Brennstäbe sind die feuchte oder
trockene Lagerung in Fässern oder anderen Containern, so Gallucci. Die Vereinigten Staaten wollen,
daß die Brennstäbe von Nordkorea zur Lagerung
oder Wiederaufbereitung in ein anderes Land verschifft werden, während Nordkorea die Lagerung im
Land bevorzugt.
Gallucci erklärte, die Vereinigten Staaten würden
"detaillierte Konsultationen" mit Freunden und Verbündeten führen um festzustellen, welche Zusicherungen bei der Finanzierung und dem Bau des
Leichtwasserreaktorprojekts vor den nächsten Gesprächen gegeben werden können. Die Vereinigten
Staaten härten bereits substantielle Konsultationen
mit Seoul, Tokio, Moskau und Beijing aufgenommen,
stellte er fest.
Auf die Frage, wieviele Reaktoren erforderlich seien,
antwortete Gallucci, es sei "höchstwahrscheinlich",
daß Nordkorea zwei 1.000 Megawattreaktoren zur
Verfügung gestellt würden. Ihm zufolge muß mehr
Arbeit geleistet werden, um die genauen Kosten des
Projekts herauszufinden, in Beantwortung einer Frage
räumte er jedoch ein, der Betrag liege in der Nähe
von 4 Milliarden Dollar.

Gallucci stellte fest, Nordkorea habe zugestimmt, die
Möglichkeit der Wiederaufbereitung der Brennstäbe
durch das Land selbst auszuschließen, fügte jedoch
hinzu, die beiden Seiten hätten keine Einigung
erzielt, wie das Problem letztlich gelöst werden wird.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

NORDKOREA UNTERNIMMT "ERSTEN SCHRITT"
ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen
GENF - (AD) - In einem "ersten Schritt" zur Lösung
des Atomstreits mit den Vereinigten Staaten hat
Nordkorea zugestimmt, sein Plutonium erzeugendes
Nuklearprogramm für Hilfe bei der Beschaffung
eines moderneren und weniger gefährlichen Kernkraftsystems einzufrieren.
Das am 12. August 1994 erzielte vorläufige Abkommen stellt fest, die Vereinigten Staaten und Nordkorea seien als Teil der endgültigen Lösung "zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes bereit".
Robert Gallucci, Abteilungsleiter im US-Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten, erklärte am 13. August, die Vereinigten Staaten
seien "zufrieden mit dem Ergebnis" der dritten
Gesprächsrunde, die mit dem Abkommen abgeschlossen wurde, warnte jedoch, der "Löwenanteil"
der Arbeit stehe noch bevor.
Die beiden Seiten vereinbarten die Wiederaufnahme
offizieller Gespräche am 23. September 1994 in
Genf. Gallucci zufolge werden ihnen wahrscheinlich
Besuche nordkoreanischer Experten in den Vereinigten Staaten und amerikanischer Experten in
Nordkorea vorausgehen.
"Wir hoffen, daß diesem ersten Schritt alle weiteren
folgen", um das Problem zu lösen, äußerte er
gegenüber Journalisten.
Gallucci stellte fest, die Vereinigten Staaten würden
weiterhin darauf bestehen, daß eine umfassende
Lösung nur erreicht werden kann, wenn Nordkorea
einschneidende Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) einschließlich besonderer Inspektionen von zwei
Deponien für radioaktive Abfälle akzeptiert.
Obwohl Gallucci einräumte, die Vereinbarung
enthalte die "prinzipielle Zustimmung" Nordkoreas
zum Konzept von Sonderinspektionen der IAEO,

AMERIKA DIENST 32

erklärte er, das Land "schweige" zu der Frage, wann
diese Inspektionen vorgenommen werden könnten.
"Ich möchte keinen Zweifel an der Tatsache lassen,
daß es keine generelle Lösung und keine Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren geben wird, bis
die Meinungsverschiedenheiten über spezielle
Inspektionen beigelegt sind", erklärte Gallucci.
Andere anhängige Fragen betreffen die Lagerung der
verbrauchten Brennstäbe Nordkoreas, die Bereitstellung alternativer Energie für Nordkorea, während
die neuen Leichtwasserreaktoren gebaut werden,
sowie den Zeitpunkt für die Einrichtung von Verbindungsbüros.
Im Rahmen des Abkommens verspricht Nordkorea
das Einfrieren seines Nuklearprogramms mit Graphitreaktoren, sobald das Land Zusicherungen der
Vereinigten Staaten über die Bereitstellung der
Leichtwasserreaktortechnologie und Arrangements für
alternative Energiequellen erhält. Nordkorea wird
darüber hinaus auf die Wiederaufbereitung der
gesamten verbrauchten Brennstäbe verzichten, sein
Wiederaufbereitungslabor schließen und der IAEO die
Überwachung gestatten sowie die Bautätigkeit an
zwei neuen Graphitreaktoren einstellen.
Die Leichtwasserreaktoren werden als weniger
verbreitungsgefährdet angesehen als Nordkoreas
altes System, weil die verbrauchten Brennstäbe
weniger zur Produktion von Waffen geeignet sind und
Nordkorea von anderen Ländern für die Lieferung des
für den Betrieb erforderlichen hochangereicherten
Urans abhängen würde.
Amerikanische Regierungsvertreter sind der Auffassung, ein von der Außenwelt für angereichertes
Uran abhängiges Nordkorea würde die internationalen Normen und Sicherheitsvorschriften eher einhalten.

Seite 1

�Entwicklungsländer im Nahen Osten, Lateinamerika
und Afrika - alles Regionen mit wirtschaftlichen
Schwierigkeiten - kürzten zwischen 1985-88 und
1989-92 ihre Waffenkäufe drastisch. Aber in Asien,
der einzigen Region, die in den vergangenen Jahren
starkes Wachstum zu verzeichnen hatte, nahmen die
Waffenimporte tatsächlich rasch zu. Wenn sich die
Welt von dem Konjunkturrückgang erholt, könnten
die Waffenverkäufe wieder steigen.
Mit anderen Worten, obwohl die Abnahme der
Waffenlieferungen in den vergangenen Jahren einer
der sich abzeichnenden Weltordnung nach dem
Kalten Krieg erwartungsvoll entgegenblickenden Welt
ein gewisses Maß an Beruhigung vermitteln könnte,
besteht kein Grund zu der Erwartung, Waffenexporte
in die Entwicklungsländer seien nicht länger Anlaß
zu ernsthafter Besorgnis und entsprechendem
Handeln.
In den vergangenen Jahren scheinen die sicherheitspolitischen Entscheidungsträger im Westen zu der
Schlußfolgerung gelangt zu sein, daß der beste Weg
zur Begrenzung der Anhäufung von Waffen in
Entwicklungsländern sowie zur Minimierung der
regionalen Aufrüstung darin besteht, den Entwicklungsländern nur dann Wirtschaftshilfe zu leisten,
wenn sie ihre Verteidigungsausgaben auf einem
vernünftigen Niveau halten. Dieser offiziell als
"military conditionality" bekannte Ansatz bricht mit
der herkömmlichen Entwicklungspolitik, die von der

Prämisse ausging, Entwicklungshilfe strikt von
innenpolitischen Verteidigungsfragen zu trennen.
Mehrere europäische Länder, vor allem Deutschland
und Italien, haben im Jahr 1991 offiziell diesem
Ansatz zugestimmt und knüpfen Entwicklungshilfe
jetzt an die militärische Ausgabenpolitik des Empfängerlandes.
Dieser Ansatz gewann im Juni 1992 an Dynamik, als
Japan die offizielle japanische Charta für Entwicklungshilfe veröffentlichte, in der ausdrücklich festgestellt wird, daß Japan "zur Aufrechterhaltung und
Stärkung des internationalen Friedens und der
Stabilität" nur Entwicklungshilfe unter Berücksichtigung der "Trends bei den Verteidigungsausgaben
der Empfängerländer, deren Entwicklung und Produktion von Massenvernichtungswaffen, Waffen und
Raketen sowie deren Export und Import von Warfen"
leisten wird.
Zunehmendes Interesse an diesem Ansatz hat auch
die Bestrebungen geleitet, ihn auf multilaterale
Hilfsinstitutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) auszuweiten.
Unter Verweis auf die enormen sozialen Kosten der
Beibehaltung umfangreicher Streitkräfte für die
Entwicklungsländer empfiehlt Robert McNamara

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beispielsweise, daß diese internationalen Institutionen
die Verteidigungsausgaben als wichtiges Kriterium bei
Kreditvergabeentscheidungen nutzen.
In der Tat birgt dieser Ansatz jedoch eine Reihe von
Problemen. Die unmittelbare praktische Frage lautet,
wie ein solches System verwirklicht werden sollte.
Die erste Schwierigkeit besteht darin, eine zufriedenstellende Meßlatte für das Ausmaß der Militarisierung
eines Entwicklungslandes zu erarbeiten. Wann ist
ein Verteidigungsapparat "exzessiv"? Wie berücksichtigt man zum Beispiel die Frage einer spürbaren
Bedrohung, die sich natürlich von Land zu Land
erheblich unterscheidet?
Die Wirtschaftswissenschaftler haben begonnen, Daten über Entwicklungshilfe und Verteidigungsausgaben zu sammeln und
auszuwerten in dem Versuch, einen "Militarisierungsindex" zu konstruieren, derfürdie Analyse exzessiver
Verteidigungsausgaben genutzt werden könnte. Aber
die technischen und politischen Hürden sind immens.
Und selbst wenn sie überwunden werden könnten,
würde die Umsetzung und Verwaltung dieses Ansatzes der Weltbank, dem IWF und anderen derartigen Behörden enorme Kosten aufbürden und sie
zwangsläufig von ihrer Hauptaufgabe der Bereitstellung von Entwicklungshilfe ablenken.
Aber selbst abgesehen davon bleibt das Grundproblem bestehen, daß dieser Ansatz sich mit den
Symptomen der militärischen Aufrüstung befaßt, nicht
der Ursache. Das letztliche Ziel ist, den Entwicklungsländern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln,
damit sie eine Erweiterung ihrer militärischen Fähigkeiten nicht für notwendig erachten.
Die Länder werden aus mehreren Gründen einen
großen Verteidigungshaushalt aufstellen und beibehalten. Manchmal verfolgen sie das Ziel, einer
spürbaren Bedrohung zu begegnen, sei es von
internen oder externen Kräften; manchmal geht es
um einen vermeintlichen Vorteil aus der Aggression
gegen ein anderes Land. Bisweilen dient dieses
Bestreben einfach der Konzentration von Ressourcen
auf politisch starke, militärische Interessengruppen.
Im letzteren Fall ist das Problem ein Mangel an
Rechenschaftspflicht gegenüber dem Steuerzahler,
der den Verteidigungsapparat finanziert. Im ersten
Fall ist das Problem ein Mangel an Sicherheit. In
einem Teufelskreis bringt unzureichende regionale
Sicherheit einzelne Länder dazu, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, was zu einer weiteren Verschlechterung der Sicherheit führt. Eine Kontrolle
des weltweiten Waffenhandels hängt von einem
zweigleisigen Ansatz ab, der beide Probleme berücksichtigt.
Dieser Ansatz befaßt sich wie dargelegt nicht mit der
grundlegenden Notwendigkeit eines glaubwürdigen

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�RÜSTUNGSKONTROLLE
17. August 1994

EIN NEUES MILITÄRISCHES GLEICHGEWICHT?
DIE VERHINDERUNG REGIONALER KONFLIKTE
IN DEN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin
WASHINGTON - (AD) - Während die Welt auf die sich abzeichnende Weltordnung in derzeit nach dem Kalten
Krieg blickt, ist der Rückgang von Waffenlieferungen in die meisten Regionen der Welt ermutigend. Aber,
argumentiert der Verfasser, der Kampf der Supermächte führt zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte,
und die Waffenexporte in Entwicklungsländer geben immer noch "Anlaß zu ernsthafter Besorgnis".
Warwick J. McKibbin ist Fellow des Brookings Ecomomic Studies program und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Australian National University. Zusammen mit Lawrence Klein und Fu-chen Lo arbeitet er an
Arms Reduction and Economic Development in the Post-Cold War Era (United Nations University,
erscheint in Kürze).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Brookings Review, Herbst 1993.
Copyright (c) 1993, The Brookings Institution, Washington, D.C.

Trotz anfänglicher Hoffnungen auf eine "neue
Weltordnung" nach dem Kalten Krieg ist das sich
Abzeichnende noch wenig greifbar. Eine - aufgrund
der irakischen Invasion in Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg im Jahr 1991 - angedeutete
Möglichkeit wäre, daß der Kampf der Supermächte
zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte
führt. Und einige dieser Konflikte könnten sich
paradoxerweise direkt aus der Verringerung der
Verteidigungsausgaben nach dem Kalten Krieg
herleiten, während die modernen Waffenarsenale
der Industrienationen in den Entwicklungsländern
wiederverwertet werden. In der Tat erlegt der im
November 1990 von den 34 Mitgliedstaaten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) unterzeichnete Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa dem Export neuer
oder gebrauchter Waffen in Nichtunterzeichnerstaaten des Abkommens keinerlei Beschränkungen auf.
Im Augenblick nehmen die Rüstungsverkäufe ab.
Der Gesamtverkauf fiel von der Rekordhöhe von 42
Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf 12 Milliarden
Dollar 1992. Aber die Implikationen für die Zukunft
sind in keiner Weise beruhigend. Die bei weitem
größte Abnahme erfolgte bei den Lieferungen
russischer Waffen, und die russischen Exporteure
halten begierig nach neuen Geschäften Ausschau.
Seit 1989 haben die Lieferungen amerikanischer

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Waffen in Entwicklungsländer effektiv zugenommen.
Noch beunruhigender ist, daß sich der Wert von
Abkommen über Rüstungsverkäufe lange nicht so
weit verringert hat wie die tatsächlichen Lieferungen.
1992 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die
führenden europäischen Länder Abkommen über
Waffenexporte, die verglichen mit den 1987 von
ihnen unterzeichneten Vereinbarungen eine Zunahme
bedeuten.
Obwohl beträchtlich weniger Waffen jetzt den Besitzer
zwischen den einzelnen Ländern wechseln, machen
darüber hinaus Veränderungen bei der globalen
Sicherheit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Rüstungssituation schwerer erfaßbar.
Während des Kalten Krieges behielten die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion die
Kontrolle über die Waffen ansammelnden Nationen.
Da die Vereinigten Staaten jetzt die einzige Supermacht und ein widerwilliger Wertpolizist sind, können
die Entwicklungsländer frei von herkömmlichen
Einschränkungen einen Vorrat an Waffen anlegen.
Und schließlich - obwohl die Abnahme der Rüstungsverkäufe großenteils durch das Ende des Kalten
Krieges herbeigeführt wurde, haben auch die globale
wirtschaftliche Flaute und haushaltspolitische Engpässe in zahlreichen Entwicklungsländern eine Rolle bei
der Verringerung von Waffenimporten gespielt.

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�Kosten der globalen Unsicherheit. Allein der Golfkrieg kostete die Teilnehmerstaaten über 100 Milliarden Dollar. Die Staaten können entweder in die
Sicherheit investieren oder beim Entstehen regionaler Probleme zahlen. Regionale Konflikte werden
eindeutig in den kommenden Jahrzehnten Bestandteil der neuen Weltordnung sein. Und die Weiterverbreitung von Atomwaffen macht dies besonders
alarmierend.
Während die internationale Staatengemeinschaft sich
um eine Anpassung an die Ordnung der Zeit nach
dem Kalten Krieg bemüht, findet sie sich in einem
militärischen Gleichgewicht gefangen, das von hohen

*

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Verteidigungsausgaben und geringer Sicherheit
gekennzeichnet ist. Derzeit haben selbst die vielversprechendsten politischen Optionen zur Lösung der
Probleme des weltweiten Waffenhandels und der
regionalen Aufrüstung keine Auswirkungen auf dieses
Gleichgewicht. Die Herausforderung besteht darin,
ein neues Gleichgewicht zwischen niedrigen Verteidigungsausgaben und großer Sicherheit zu finden.
Das von mir vorgeschlagene System zielt genau
darauf ab - auf den Erhalt globaler und regionaler
Sicherheit durch direkte finanzielle Anreize, regionale
Überwachungseinrichtungen und einen glaubwürdigen Schutzschild.

* * *

*

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�Sicherheitsarrangements.
Es gibt jedoch eine
Möglichkeit hierzu - im Rahmen einer internationalen
Institution, der Vereinten Nationen, deren Mission
einer solchen Aufgabe entspricht.
Die Vereinten Nationen können insbesondere direkte
wirtschaftliche Anreize zur Einschränkung des Transfers von Waffen und der Verteidigungsausgaben
anbieten, indem sie jedem Mitgliedstaat eine seinen
Verteidigungsausgaben entsprechende Abgabe
auferlegen. Der Erlös kann zum Aufbau eines
glaubwürdigen Sicherheitsarrangements verwendet
werden, das die Notwendigkeit einer Aufrüstung
verringert.
Die Vereinten Nationen könnten den Nutzen erhöhter Verteidigungsausgaben beträchtlich minimieren
und die Kosten maximieren, indem sie eine Steuer
von 2 Prozent auf jeden Dollar der Verteidigungsausgaben eines Landes sowie von 50 Prozent auf
jeden Dollar aus Waffenexporten dieses Landes
erheben. Diese Steuer würde den Ländern direkt
abverlangt, so daß die Verwaltungskosten minimal
wären. In den Ländern, in denen Waffenexporte von
Privatunternehmen durchführt werden, wäre es die
Aufgabe der Regierung, die Steuer zu bezahlen und
dann von den Unternehmen zu kassieren.
Allein durch diese Erhöhung der Kosten von Verteidigungsausgaben könnten die Vereinten Nationen
das Problem der regionalen Sicherheit in Angriff
nehmen und regionale Konflikte günstig beeinflussen. Sie könnten diese Fragen mit Hilfe der so
erzielten Einnahmen umfassender angehen. Ein Teil
dieser Einnahmen könnte für die Verbesserung der
Fähigkeit regionaler Sicherheitszusammenschlüsse
verwendet werden, beispielsweise des Verbands
Südostasiatischer Nationen (Association of SouthEast Asian Nations - ASEAN), den Verteidigungsapparat zu überwachen und letztlich völlig offenzulegen. Das internationale Friedensforschungsinstitut
in Stockholm (Stockholm International Peace Research Institute - SIPRI), der IWF und die Weltbank
könnten ebenfalls eine nützliche Rolle dabei spielen,
das Ausmaß der Verteidigungsausgaben von Entwicklungsländern als Teil ihrer regulären haushaltspolitischen Maßnahmen zur Ausgabenüberprüfung
hervorzuheben. Beide Bestrebungen würden den
fest etablierten Militärinteressen entgegenwirken,
indem den Regierungen größere Rechenschaftspflicht für ihre Haushaltsentscheidungen übertragen
wird.
Die restlichen Einnahmen könnten an einen vom
UN-Sicherheitsrat kontrollierten Fonds gehen und für
Militärinterventionen der internationalen Staatengemeinschaft als Reaktion auf Akte der Aggression
gegen Länder verwendet werden, die zu dem Fonds

AMERIKA DIENST 32

einen Beitrag geleistet haben. Bei einem Steuersatz
von 50 Prozent auf Waffenexporte und 2 Prozent auf
Verteidigungsausgaben würden die gesamten Waffenexporte von ungefähr 12 Milliarden Dollar und die
Verteidigungsausgaben von rund 1 Billion Dollar zu
jährlichen Einnahmen von etwa 26 Milliarden Dollar
führen. Eine solche Finanzspritze würde die Glaubwürdigkeit internationaler Aktionen stark erhöhen,
einzelne Länder vor externen Bedrohungen zu
schützen.
Insgesamt würde mein Vorschlag sowohl die globale
als auch die regionale Sicherheit erhöhen. Stärkere
Länder hätten weniger Anreiz, militärisch gegen
andere Staaten vorzugehen, da sie wegen ihrer
Aggression mit Strafmaßnahmen rechnen müßten.
Und aus demselben Grund würden schwächere
Länder keine so starke externe Bedrohung verspüren.
Die Aussicht auf größere Sicherheit würde den Anreiz
zur Aufrechterhaltung eines großen Verteidigungshaushalts verringern. Die traditionelle Strategie, die
Gefahr von Militäraktionen durch die Aufrechterhaltung eines Gegengewichts zu reduzieren, wäre
überholt. Statt dessen könnten insbesondere die
Entwicklungsländer ihre Ressourcen für entscheidende innenpolitische Erfordernisse einsetzen und somit
die Gefahr politischer Instabilität im eigenen Land
verringern.
Indem den Vereinten Nationen die Verantwortung für
das neue System übertragen würde, könnten die
internationalen Hilfsorganisationen sich auf ihre
Hauptrolle konzentrieren, den Entwicklungsprozeß zu
lenken. Mein Vorschlag enthält einige Schwierigkeiten, von denen jedoch keine so groß ist wie bei dem
Junktim zwischen Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer und deren Verteidigungsausgaben. Die erste
Schwierigkeit ist die Einschätzung des Werts von
Waffenexporten, insbesondere im Fall eines Tauschhandels anstelle einer einfacher zu messenden
Finanztransaktion. Organisationen wie das SIPRI
haben jedoch seit Jahren den Versuch zur Sammlung
von Daten über den Waffenhandel unternommen, und
obwohl die Qualität der Daten nicht perfekt ist, wurde
ein Anfang gemacht. Das neue Register der Vereinten Nationen über den Waffenhandel könnte als
weitere Datenquelle genutzt werden.
Eine wichtigere Frage lautet, wie ein solcher Vorschlag durchgesetzt werden könnte. Warum sollten
die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gewillt
sein, Beiträge zu einem Fonds zu leisten, wenn viele
mit ihren regelmäßigen Beitragszahlungen an die
UNO bereits in Verzug geraten sind? Halten Sie sich
die Alternativen vor Augen. Kleine Länder, die sich
nicht beteiligen, können von der internationalen
Staatengemeinschaft nicht erwarten, daß sie für
deren Schutz zahlt. Große Staaten tragen bereits die

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�delnde Wirtschaftsstrukturen reagieren. Für die
Währungspolitik scheint keine andere Möglichkeit zu
bestehen als die Bildung eines konzeptionellen
Rahmens zur Identifikation der verschiedenen wichtigen Kräfte, die den zukünftigen Wirtschaftskurs
beeinflussen und daher für die Prognosen eingesetzt
werden können. In diesem Verfahren spielen Geldund Kreditmengen eine wichtige Rolle und haben
sich über die Jahre als nützlich für den Aufbau eines
relevanten konzeptionellen Verständnisses des
Funktionierens der amerikanischen Wirtschaft
erwiesen.
Bei ihren Bestrebungen zum Verständnis der Wirtschaft haben Analysten versucht, sich neuer Technologien, einschließlich der vielfachen Verstärkung der
Berechnungsmöglichkeiten, zu bedienen. Ökonometriker haben komplizierte mathematische Modelle
zur Beschreibung der Beziehungen innerhalb der
amerikanischen Wirtschaft entwickelt. Obwohl diese
Modelle einer Reihe nützlicher Ziele dienen, sind sie
- ungeachtet dessen, wie hochentwickelt sie sein
mögen - generell zu einfach, um die sich abzeichnende Vielschichtigkeit unserer Volkswirtschaft zu
erfassen. Die Geschichte lehrt uns, daß die der
Wirtschaft zugrundeliegende Struktur sich in ständiger Bewegung befindet. Derzeitige Schätzungen der
wichtigsten Parameter zur Beschreibung der grundlegenden wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf
der Erfahrung und müssen bei der Entwicklung
zukünftiger politischer Maßnahmen skeptisch betrachtet werden. Folglich sind alternative Ansätze
erforderlich, um Schlüsse auf die sich wandelnde
Wirtschaftsstruktur ziehen zu können.
Ob unsere Währungspolitik angemessen ist, hängt
davon ab, wie erfolgreich wir die derzeit die Wirtschaft antreibenden komplexen Kräfte verstehen.
Um zu einem solchen Verständnis zu gelangen,
verlassen wir uns nicht auf eine einzige, punktuelle
Konjunkturprognose. Vielmehr sind wir uns der
Unzuverlässigkeit jeder Prognose bewußt und
bestrebt, eine Bandbreite von Prognosen zu studieren und eine Einschätzung ihrer relativen Wahrscheinlichkeit vorzunehmen. Auf der Grundlage
dieser Einschätzung setzen wir politische Maßnahmen zur Erreichung nationaler wirtschaftlicher Ziele
um. Wir wissen aber auch, daß Fehler bei Prognosen unvermeidlich sind. Die Politik erfordert eine
Einschätzung der Konsequenzen verschiedener
politischer Alternativen für den Fall ihres Scheiterns.
Wir müssen uns folgende Frage stellen: Wir schwierig wäre eine Revision politischer Fehler und wie
hoch wäre der Preis?
Messung und Politik

Seite 2

Wenn wir eine Einschätzung der Wirtschaftsstruktur
vornehmen, müssen wir uns bewußt sein, daß das
ökonomische Ergebnis menschlicher Entscheidungen
- Konsum, Produktion, Kapitalanlage und Preisfestsetzung - unvollständig gemessen wird und wir
Störfaktoren und in einigen Fällen eine systematische
parteiische Einflußnahme auf die Statistiken in
Betracht ziehen müssen. Vom Standpunkt eines
Analysten wie ich, der einen Großteil seiner Karriere
mit der genauen Beobachtung der Konjunktur verbracht hat, ist die Liste der Mängel von Wirtschaftsdaten der Vereinigten Staaten deprimierend lang. Zu
beobachten sind Voreingenommenheit bei der
Angabe des Gesamtpreisindexes, Unvollständigkeit
bei der Berichterstattung über internationale Transaktionen, ein beträchtlicher Anteil bloßer Interpolation
bei der Berechnung der Dienstleistungen in unserem
Volkseinkommen, eine ungleiche Erfassung der
Finanzbuchführung von Haushalten und Unternehmen sowie nicht angegebene Wirtschaftsaktivitäten.
Ein Durchbruch im Bereich der Computer-Hardware
und -Software sowie die Kommunikationstechnologie
könnten eine präzisere Datenerfassung gestatten,
aber diese und andere Innovationen gestalten eine
Messung wirtschaftlicher Daten noch schwieriger.
Das ist großenteils darauf zurückzuführen, daß der
Output an Waren und Dienstleistungen mit der Zeit
immer konzeptioneller statt gegenständlicher wird.
Der Teil des realen Output, der Ideen anstelle von
Waren widerspiegelt, hat sich in diesem Jahrhundert
immens erhöht. Als Folge davon wird es immer
schwieriger, Einheiten des Output zu identifizieren.
Eine Tonne zu 99,7 Prozent reinen Aluminiums kann
im Hinblick auf Quantität und Qualität gut definiert
werden. Bei einem Computerprogramm ist das nicht
der Fall. Wenn also der Output nicht eindeutig
definiert werden kann, ist das Konzept des Preises
ziemlich vage. Zudem ist die begriffliche Erfassung
des Output einer der Faktoren, die mit einer substantiellen Verbesserung der Qualität von Gütern und
Dienstleistungen assoziiert wurden. Eine Messung
des Ausmaßes dieser Verbesserung ist offensichtlich
ziemlich problematisch und hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf den Gesamtpreisindex.
Jede Ungenauigkeit bei diesen Preiskalkulationen
bringt direkt Unsicherheit in den Realwert von Output
und Produktivität.
Es gibt viele hoffnungsvolle Anzeichen dafür, daß
technologische Verbesserungen und Fortschritte bei
den Messungspraktiken sich in verbesserten Wirtschaftsstatistiken niederschlagen. Beispielsweise hat
die Entwicklung des Indexes für Beschäftigungskosten durch das Büro für Arbeitsstatistik einen
bedeutenden Beitrag zu unserem Verständnis von
Tendenzen bei den Beschäftigungskosten geleistet.
Das Büro für Arbeitsstatistik konnte die Reaktions-

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�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN ZENTRALBANK
SKIZZIERT PROBLEME VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Die wachsende Komplexität der Wirtschaft macht die Entwicklung verläßlicher
konjunktureller Maßnahmen als Grundlage der Zentralbankpolitik zu einer beständigen Herausforderung,
erklärte der Direktorder amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board - FED), Alan Greenspan, am 10.
August 1994 in einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für staatliche Operationen.
Der Zentralbankchef äußerte die Beobachtung, daß Computer- und Kommunikationstechnologien eine immer
präzisere Datenerfassung gestatten, gleichzeitig aber diese Technologien die Wirtschaft schwieriger erfaßbar
gestalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Alan Greenspan.

Ich danke diesem Ausschuß für die Gelegenheit,
über einige allgemeinere Aspekte der Währungspolitik zu sprechen. Man hat mich gebeten, die
Rolle von Wirtschaftsprognosen sowie die Verwendung von Wirtschaftsstatistiken bei der Währungspolitik zu untersuchen.
Zu keinem Zeitpunkt waren das Verständnis wirtschaftlicher Abläufe vollständig, konjunkturelle
Messungen von eindeutiger Präzision und Wirtschaftsprognosen fehlerlos. Die derzeitige Generation von Politikern wird mit der folgenden entscheidenden Frage konfrontiert, die auch das Motiv für
diese Anhörung zu sein scheint: Hat die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts, der eine
beträchtliche Integration der Weltwirtschaft bewirkt
und viele neue Produkte auf den Markt gebracht hat,
unser Verständnis maßgeblich beeinflußt, wie die
Wirtschaft funktioniert, in welchem Verhältnis verfügbare Daten zur tatsächlichen Wirtschaftslage stehen
und wie Politik gemacht werden sollte?
Wirtschaftsprognosen und Politik
Die Ökonomen haben sich schon immer um das
Verständnis der Auswirkungen von Innovationen auf
menschliches Verhalten, Instrumente und Institutionen bemüht. Viele Analysten waren in dem verzweifelten Bemühen um ein brauchbares Verständnis bestrebt, die Geldpolitik durch eine "Regel" zu
ersetzen, um die Notwendigkeit einer Analyse oder

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Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen abzuschaffen. Es ist jedoch zunehmend deutlich geworden,
daß es keine einfache Regel gibt, die uns eine
automatische Steuerung der Währungspolitik gestattet. Im Prinzip könnte man sich stärker auf eine
solche Regel verlassen, wenn es nur ein einziges
übergeordnetes politisches Ziel gäbe, wie beispielsweise der vorgeschriebenen Preisstabilität. In diesem
Land setzt jedoch das Bundesgesetz zur Begründung
des Zentralbanksystems mehrere Ziele der Währungspolitik fest. Einige Analysten sind trotz dieser
Vielzahl von Zielen dafür eingetreten, daß der Einsatz
einer einzigen Variablen als mittelfristiges Ziel die
Notwendigkeit von Wirtschaftsprognosen abschaffen
und es den Politikern gestatten würde, zum Zweck
der wirtschaftlichen Stabilisierung automatisch nur
eine politische Richtschnur zu befolgen. Ein solches
politisches Ziel impliziert jedoch, daß die frühere
Verbindung der Variablen zur Volkswirtschaft fortbesteht und selbst eine Prognose darstellt.
Die Prognosen zu einigen der vorgeschlagenen
Variablen - einschließlich der Geldmengen M1, M2
und der inländischen, in Sachwerten gemessenen
Schulden - deuten stark darauf hin, daß die Befolgung einer Regel zur Erlangung nur eines Ziels bei
der Steuerung der amerikanischen Wirtschaft nicht
ausreichen würde. Selbst viel komplexere Regeln,
die eine Vielzahl politischer Richtlinien oder ein
automatisches Feedback wirtschaftlicher Ergebnisse
umfassen, würden nicht ausreichend auf sich wan-

Seite 1

�Was die indizierten Schulden betrifft, könnte das
Finanzministerium Obligationen ausgeben, deren
Zinssätze und Anfangszahlungen im Zusammenhang
mit den Verbraucherpreisen stehen.
Schlußfolgerung
Vor dem Hintergrund meiner Überlegungen zu
Wirtschaftsprognosen und -Statistiken in der Währungspolitik traue ich nur einer Prognose: Der

zukünftige Chef der Fed wird Ihren Nachfolgern in
diesem Gremium mitteilen, daß Wirtschaftsprognosen
immer noch unsicher sind und die Konsequenzen der
Währungspolitik sich mit der Zeit verändern. Die
amerikanische Wirtschaft ist komplex und in ständiger
Entwicklung begriffen. Mit diesem Wandel Schritt zu
halten, erfordert andauernde Bestrebungen unsererseits, um das Funktionieren der Wirtschaft zu verstehen und unsere Verfahren zur Datenerfassung
entsprechend anzupassen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 32

�quote auf die erste Einschätzung der monatlichen
Beschäftigungsrate in seiner Haushaltsstudie beträchtlich erhöhen, wodurch die Qualität dieses
Frühindikators wirtschaftlicher Aktivität deutlich
verbessert wurde. In ähnlicher Weise hat sich die
Entwicklung willkürlicher Schätzungen von Preisänderungen bei Computerausrüstungen durch das
Büro für Arbeitsstatistik aufgrund eines besseren
Verständnisses von Trends bei Realinvestitionen und
Inflation bezahlt gemacht. Trotzdem bleibt noch viel
zu tun, wie ich später erläutern werde.
Politische Maßnahmen
Die Einsicht, daß das Verständnis der Wirtschaft
nicht perfekt ist und Messungen unpräzise sind, ist
kein Grund, über die Währungspolitik zu verzweifeln.
Ungenauigkeit bei den veröffentlichen makroökonomischen Daten stellt keine übermäßige Härte dar.
Wenn die Statistiken ein systematisches Gefälle
aufweisen, können wir auch das in Betracht ziehen.
Beispielsweise zeigen die meisten Preisindizes die
Neigung, die Inflation übertrieben darzustellen.
Generell erkennen sie die Tendenz zu kostengünstigeren Einzelhändlern erst mit Verspätung. Ferner
benötigen sie viel Zeit, bis sie neue Waren aufnehmen, und somit tragen sie nicht den typischen
Preissenkungen Rechnung, die sich in der Frühphase des Produktzyklus manifestieren.
Wir wissen, daß Informationen über die Wirtschaftslage aus einer Vielzahl von Quellen stammen und
unterschiedlich akkurat sind. Einige Daten sind
umfassend und ziemlich genau, beispielsweise bei
Bauteilen und Verkäufen von Fahrzeugen. Andere
Daten, wie die im Ausland vorgenommenen Einschätzungen der US-Währung, weisen eine beträchtliche Fehlerquote auf. Bevor Statistiken über systematische Erhebungen zu Verkäufen, Beschäftigung
und Preisen zur Verfügung stehen, können sich
ungenauere, stichprobenartige Informationen als
vorläufiger Indikator sich abzeichnender Trends als
nützlich erweisen. Eine bedeutende Quelle solcher
Informationen sind die Berichte, die unsere Landeszentralbanken durch umfassende Kontakte in
ihrem Gebiet erhalten. Ferner wenden wir uns
häufig an Handelsvereinigungen und Beratungsgremien, um frühzeitig Informationen über Entwicklungen vor Ort zu erhalten. Derartige detaillierte
Berichte über ein bestimmtes Verhalten sind beispielsweise wichtig als Hinweis darauf, wann der
inflationäre Druck anzusteigen beginnt.
Die Geschichte belegt, daß eine Erhöhung der
Inflationsrate sich erst im Verlauf des wirtschaftlichen
Zyklus manifestiert. Folglich haben sich zu dem
Zeitpunkt, an dem der Gesamtpreisindex auf einen
Anstieg der Inflationsrate hinweist, bereits viele,

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schwer zu bereinigende
Unausgewogenheiten
entwickelt. Daher könnten Informationen über ein
bestimmtes Verhalten sowie Signale von den Finanzund Warenmärkten eine Warnung sein oder Engpässe eher beseitigen als lange Berichte über Arbeitslosigkeit, Volkseinkommen, Preise oder traditionelle
Geldmengenangaben.
Insgesamt gesehen erschwert die Messung der
wirtschaftlichen Schlüsseldaten die Arbeit der Politiker. Es ist immer schwieriger, Schlüsse im Hinblick
auf die Zukunft zu ziehen, wenn Wirtschaftsdaten von
Meßfehlern verzerrt sind. Aufgrund unserer Fähigkeit, eine Vielzahl von Informationsquellen anzuzapfen, halten wir die negativen Auswirkungen solcher
Fehlmessungen jedoch möglichst gering. Ich bin mir
nicht bewußt, daß Prognosen über die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten zur Zeit schwieriger oder einfacher aufzustellen sind als vor ein paar Jahrzehnten.
Handlungsweise
Bei der Prüfung von Schritten zur Verbesserung von
Bewertung und Interpretation wirtschaftlicher Statistiken müssen wir uns der haushaltspolitischen Zwänge
bewußt sein. Die Mitarbeiter verschiedener, für
Sammlung und Auslegung wirtschaftlicher Statistiken
verantwortlicher Behörden arbeiten hart und machen
im Rahmen dieser Beschränkungen Fortschritte. Ich
kann mir kein geeigneteres Gebiet für zusätzliche
Forschung vorstellen als die Aufstellung von Preisindizes - teilweise aufgrund des hohen Ausmaßes von
Indexierung in den Berechnungen der Bundesregierung. Angesichts des umfassenden Forschungsmaterials, das Hinweise auf ein möglicherweise
systematisches Gefälle bei der Bewertung von Preisveränderungen im Verbraucherpreisindex gibt, wird
es für die Mitarbeiter des Büros für Arbeitsstatistik
eine wichtige Aufgabe darstellen, sich in den kommenden Jahren mit diesem Problem zu befassen.
Ein weiterer Schritt zur beschleunigten Interpretation
der Daten ist die intensive Verarbeitung von Informationen über Termingeschäfte, den Devisenterminmarkt und Optionsgeschäfte. Die Sekundärmärkte
bieten den Zentralbanken potentiell neue Chancen
zur Einschätzung der Stimmung am Markt in bezug
auf zukünftige Bewegungen von Zinssätzen, Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen sowie
zur Messung der Stärke dieses Marktverhaltens.
Zudem beinhaltet finanzielle Innovation die Aussicht
auf neue Möglichkeiten wirtschaftlichen Verhaltens,
insbesondere falls sich die Märkte bei preisindizierten
Schulden oder Termingeschäften, einzelnen Inlandspreisen, dem Bruttoinlandsprodukt und den Bestandteilen der Ausgaben entwickeln sollten. Im Hinblick
auf die Termingeschäfte müssen wir auf die Erfindungsgabe von Privatleuten im Finanzsektor warten.

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Holbrooke fordert Umdenken in der amerikanischen Europapolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Nordkorea&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Nordkorea vereinbaren Vorbereitungen für diplomatische Vertretungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nordkorea unternimmt "ersten Schritt" zur Lösung des Atomstreits&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA bestehen auf IAEO-Inspektionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein neues militärisches Gleichgewicht? Die Verhinderung regionaler Konflikte in den Entwicklungsländern &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Warwick J. McKibbin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktor der amerikanischen Zentralbank skizziert Probleme von Wirtschaftsprognosen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Ansturm auf die Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Christopher McIntosh&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>cimGrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. August 1994

31

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN
VORAUS
Radiointerview des Außenministers

MENSCHENRECHTE

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten

NICHTVERBREITUNG

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG
DES VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT VON
ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST
BEITRITT ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis

OSTEUROPA

KONZENTRATION AUF OFFENE
GESELLSCHAFTEN IN OSTEUROPA
ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros

LANDESKUNDE

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
10. August 1994

CHRISTOPHER SIEHT "ÄUSSERST ERNSTE
VERHANDLUNGEN" IM NAHEN OSTEN VORAUS
Radiointerview des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher zufolge ist es sein Eindruck, daß zwischen Israel und Syrien
"äußerst ernste Verhandlungen" für Frieden im Nahen Osten geführt und "Fortschritte erzielt werden können":
In einem Radiointerview am 4. August 1994 vor seiner erneuten Nahostreise stellte der Außenminister fest:
"Ich würde nicht fahren, wenn ich nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre... Wir erleichtern den
Verhandlungsprozeß jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen den Parteien übermitteln."
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview des Außenministers.

Christopher:
Ich wollte am Vorabend meiner
nächsten Nahostreise kurz mit Ihnen sprechen. Ich
werde morgen abreisen. Bei dem ersten Aufenthalt
in Kairo werde ich mit Präsident Mubarak zusammentreffen. Er hat seit meinem letzten Aufenthalt in
der Region sowohl mit Ministerpräsident Rabin als
auch mit Präsident Assad Gespräche geführt.
Ägypten hat im Zusammenhang mit dem Friedensprozeß eine herausragende und äußerst wichtige
Rolle gespielt, insofern werde ich mich mit ihm
austauschen um herauszufinden, ob er neue Einblicke gewonnen hat, wie auf der syrischen Gesprächsschiene Fortschritte erzielt werden können.
Meines Erachtens ist ein Hauptzweck der Reise, die
Washingtoner Erklärung zwischen Jordanien und
Israel voranzubringen. Wie Sie sich erinnern werden, forderte die Erklärung Grenzübergänge, Telefon- und Telegraphendienste sowie andere Gemeinschaftsunternehmen, und ich hoffe, wir werden
einige davon während meines Aufenthaltes einweihen.

gehend interpretieren, daß Sie keine ernsten Verhandlungen oder Konzessionen zwischen Israel und
Syrien - oder zumindest in dieser Phase - erwarten?
Antwort: Es wird äußerst ernste Verhandlungen
geben. Die Parteien befassen sich mit einigen sehr
schwierigen Fragen, und ich mache einen Unterschied zwischen ernsten Verhandlungen und öffentlichen Erklärungen. Sie ringen mit den hartnäckigsten
Problemen. Mein Eindruck ist, daß Fortschritte erzielt
werden können. Ich würde nicht fahren, wenn ich
nicht vom Zweck der Reise überzeugt wäre.
Im Hinblick auf die israelisch-syrische Gesprächsschiene ist dies eine äußerst wichtige Zeit. Ich
möchte andeuten, daß wir wahrscheinlich keinen
substantiellen Durchbruch erzielen werden, der
bekanntgegeben werden kann, aber wir machen auch
hier Zug um Zug Fortschritte.

Es wird eine relativ kurze Reise sein. Ich hoffe, in
fünf oder sechs Tagen wieder in den Vereinigten
Staaten zu sein.

In den vergangenen Tagen wurde in der Öffentlichkeit
ausführlich über den Nahen Osten berichtet, und ich
möchte drei Aspekte in bezug auf Syrien hervorheben. Erstens die Tatsache, daß das syrische Fernsehen die Feierstunde aus Anlaß der Washingtoner
Erklärung übertragen hat. Das war ziemlich ungewöhnlich und setzte eine Zeichen für die syrische
Öffentlichkeit und nicht zuletzt die anderen Länder in
der Region, daß Syrien die Washingtoner Erklärung
nicht ablehnt und sie in keiner Weise verhindern
wollte.

Frage: Herr Außenminister, Ihr Sprecher scheint
diese Reise etwas herunterzuspielen. Er erklärte, er
erwarte keinen Durchbruch. Können wir das dahin-

Zweitens zeigten die Zeitungen in Syrien auf der
Titelseite Bilder von Ministerpräsident Rabin und
König Hussein, wie sie Seite an Seite standen und

Dann werde ich in Jerusalem Gespräche über Syrien
führen und vielleicht ein-, zweimal zwischen Jerusalem und Damaskus hin- und herreisen.

AMERIKA DIENST 31

Seite 1

�zusammen arbeiteten, und meines Erachtens ist dies
eine ziemlich bedeutende Tatsache.
Und schließlich hielt Präsident Assad eine Rede am
Tag des Heeres, in der er mit Würde über den
Frieden sprach, und ich glaube, er war in höchst
optimistischer Stimmung über die Aussicht von
Verhandlungen im Nahen Osten.
Diese Ereignisse belegen, wie weit wir gehen
müssen. Gleichzeitig deuten sie an, daß sich
wirklich etwas bewegt, denn all dies hätte zu einem
früheren Zeitpunkt nicht in Syrien geschehen können, und für mich ist es ein Zeichen von Assad, daß
er die Aussicht auf Frieden ernsthaft verfolgt.
Frage: Herr Außenminister, können Sie uns eine
Idee vermitteln, was die Vereinigten Staaten im
einzelnen tun können, um diese Verhandlungen
voranzutreiben?
Was können die Vereinigten
Staaten anbieten?
Antwort: Wir erleichtern den Verhandlungsprozeß
jetzt vornehmlich, indem wir Nachrichten zwischen
den Parteien übermitteln und ihnen dabei behilflich
sind, das Terrain für ein Abkommen zu sondieren.
Die Probleme sind schwierig und miteinander
verknüpft. Es geht um die Frage, was eine Normalisierung und was Frieden konstituiert, wie der Abzug
erfolgen soll und welche Sicherheitsmaßnahmen
erforderlich sind. Meiner Ansicht nach können die
Vereinigten Staaten eine Rolle spielen, indem sie
den Parteien beim Eruieren der Möglichkeiten und
Kombinationen für die einzelnen Elemente des
Friedens helfen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Parteien nicht
zu direkten Gesprächen auf der Ebene der Staatsund Regierungschefs bereit und haben mich gebeten, diese Rolle zu übernehmen. Es ist eine unterstützende Rolle, aber die Vereinigten Staaten
bringen dabei auch die Erfahrungen mit früheren
Friedensverhandlungen ein, Pattsituationen zwischen
den Parteien zu durchbrechen, einen Stillstand zu
beenden und den Prozeß voranzubringen.
Frage: Herr Minister, als Sie vor einigen Tagen hier
auf dem Capitol Hill waren, brachten Sie große
Besorgnis über internationalen Terrorismus, die
jüngsten Bombenanschläge und so weiter zum
Ausdruck. Wirft die Präsenz der Hisbollah einen
Schatten auf Ihren Besuch in Damaskus? Ich weiß,
daß Sie diese Fragen trennen wollen. Wird das
Thema in irgendeiner Weise angesprochen? Wird
es die Gespräche präjudizieren?
Antwort: Ich glaube nicht, daß es die Gespräche
präjudizieren wird, aber ich werde dieselbe Besorg-

Seite 2

nis äußern wie auf dem Capitol Hill über das Verhalten der Hisbollah und die Notwendigkeit, die Hisbollah von Terroranschlägen abzuhalten, nicht nur in der
Region, sondern auf der ganzen Welt. Und ich
werde versuchen, die Zusammenarbeit der Syrer zu
gewinnen um sicherzustellen, daß dieses Phänomen
sich nicht wiederholt.
Zweifelsohne gibt es eine Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit und ihren Einfluß zu gewinnen, obwohl ich
in keiner Weise die Taten der Hisbollah den Syrern
direkt zuschreiben möchte.
Frage: Die New York Times legte heute morgen den
Schluß nahe, innerhalb der Administration gebe es
Differenzen bezüglich Haiti und einer eventuellen
Frist für eine Invasion, wie es den Berichten der
Times zufolge Strobe Talbott wünscht oder wozu
Verteidigungsminister Perry nicht geneigt ist. Können
Sie die Berichte der Times bestätigen...
Antwort: Diese Geschichte ist ziemlich weit hergeholt. Ich werde nicht auf Einzelheiten des Berichts
eingehen, weil damit niemandem gedient wäre - vor
allem nicht uns - und ihnen telegraphieren oder faxen
oder andeuten, wie unser Zeitrahmen aussieht.
Ich möchte feststellen, daß es ein hohes Maß an
Übereinstimmung zwischen den Mitgliedern der
Administration zu den grundlegenden Fakten gibt.
Erstens, die unrechtmäßige Regierung - die Militärregierung - sollte gehen und zweitens sollten wir uns
die Option zum Einsatz militärischer Gewalt erhalten,
sie auszuschließen oder zum Verlassen des Landes
zu zwingen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfolgen wir die
Strategie, durch Sanktionen und auf andere Weise
zusätzlichen Druck auf sie auszuüben, damit sie das
Land verlassen. Ich möchte jedoch das hohe Maß
an Übereinstimmung bei Themen betonen, die der
Präsident gestern abend bei seiner Pressekonferenz
angesprochen hat.
Frage: Ist es überhaupt eine Option für die Vereinigten Staaten, ihren Abzug vielleicht durch die
Einrichtung sicherer Korridore, die Garantie von
Schutzzonen und vielleicht sogar materielle Anreize
zu erleichtern?
Antwort: Wie ich bereits erwähnt habe, möchte ich
nicht im einzelnen darauf eingehen, was getan
werden könnte.
Unseres Erachtens sollten sie
unverzüglich das Land verlassen, und sie sollten dies
tun, weil es das Richtige für sie ist. Sie haben dem
in dem auf Governors Island erzielten Abkommen
zugestimmt, insofern haben sie im Augenblick ihr
Versprechen gebrochen, und wir ermutigen sie zur

AMERIKA DIENST 31

�Einhaltung der im Abkommen von Governors Island
gemachten Zusagen. Sie wissen, was sie tun
müssen, und wir denken, sie müßten dies tun.
Zur Lage auf Haiti möchte ich die Bedeutung der
Insel vom Standpunkt der Hemisphäre aus hervorheben. Hierbei handelt es sich um ein hemisphärisches Problem, nicht nur ein Problem der Vereinigten Staaten. Die Länder in der Region sind von dem
Vorgehen der illegalen Regierung betroffen, und es
schafft einen äußerst schlechten Präzedenzfall in der
Hemisphäre, wenn eine Militärmaschinerie eine
gewachsene Demokratie stürzen kann.
Wir haben das Glück, zur Zeit nur zwei diktatorische
Regime in der Hemisphäre zu haben: das eine auf
Haiti und das andere auf Kuba. Aber gleichzeitig
gibt es eine Reihe ziemlich instabiler Demokratien in
der Hemisphäre, und wenn wir nichts gegen den
Präzedenzfall unternehmen, daß das Militär eine
Demokratie stürzen kann, so ist dies aus meiner
Sicht ein äußerst destabilisierender Faktor.
Ich möchte hier also die hemisphärische Bedeutung
des Problems unterstreichen. Ich bin sicher, andere
Nationen in der Region sind sich dessen bewußt,
denn sie haben mit uns bei der Bewältigung der
Migration zusammengearbeitet und Zusammenarbeit
bei der Zusammenstellung der UN-Truppen angeboten, die zur Sicherstellung von Recht und Ordnung
nach dem Abzug der unrechtmäßigen Regierung
nach Haiti entsandt werden sollen.
Frage: Herr Außenminister, Verteidigungsminister
Perry war heute auf dem Capitol Hill und sagte unter
anderem, die von uns kürzlich verhängten wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen hätten sehr
geringe Auswirkungen auf das Militärregime und die
Elite, wobei wir gehofft hatten, der gewünschte Effekt
würde gerade diese Gruppe treffen.
Wie lange wollen die Vereinigten Staaten warten,
bevor sie weitere Maßnahmen ergreifen?
Antwort: Ich denke, wir setzen keinen bestimmten
Zeitrahmen fest. Wir werden weiterhin diesen Druck
ausüben, solange er unseres Erachtens effektiv ist.
Ich möchte betonen, daß die Sanktionen zunehmende Auswirkungen haben. Wir unternehmen Schritte,
um die Schließung der Grenze zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti sicherzustellen. Wie
Sie wissen, wurde die Grenze aus der Luft mit
Hubschraubern überwacht und Grenzbeobachter
werden in das Gebiet entsandt.
Aus meiner Sicht beginnen die Sanktionen Auswirkungen auf die Oberschicht zu zeigen, die das
Militärregime unterstützt.

AMERIKA DIENST 31

Wir alle haben das Gefühl, die Sanktionen waren
nicht so effektiv wie wir gehofft hatten, aber sie sind
es trotzdem wert, weil sie erst vor kurzem eingeführt
wurden und weiterhin Druck ausüben.
Der letzte Linienflug ging vor wenigen Tagen, und die
Elite auf Haiti beginnt erst jetzt zu spüren, was es
heißt, das Land nicht verlassen zu können.
Frage: Herr Außenminister, zwei Fragen zu Haiti.
Sie beschreiben es als hemisphärisches Problem,
aber dennoch haben viele andere Länder in der
Hemisphäre eindeutig ihre Ablehnung des Einsatzes
von Gewalt signalisiert.
Steht die Administration in Verbindung zu Ländern
wie Mexiko, um sie zu einem Sinneswandel zu
bewegen, oder akzeptieren Sie diese Position und
versuchen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten?
Antwort: Wir arbeiten mit allen Ländern in der
Hemisphäre zusammen.
Meiner Ansicht nach
besteht das einhellige Gefühl, daß die Militärregierung abziehen muß. Über die technischen Aspekte
zur Verwirklichung dieses Ziels mag man sich nicht
vollständig einig sein, Tatsache ist jedoch, daß der
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit überwältigender Mehrheit, keiner Neinstimme und nur zwei
Enthaltungen der Resolution zugestimmt hat, die
besagte, zum Sturz des Militärregimes sollten alle
erforderlichen Mittel eingesetzt werden. Dies ist der
beste Indikator für internationale Unterstützung.
Darüber hinaus haben wir von anderen Nationen in
der Hemisphäre Unterstützung bei der Einrichtung
von Schutzzonen für die Migranten erhalten - dieses
Ergebnis ist ein weiteres Anzeichen für Solidarität in
der Hemisphäre bei dieser Frage.
Wir werden die anderen Länder in der Hemisphäre
weiterhin unterrichten. Ich werde nach wie vor
versuchen, sie vom Einsatz der besten Techniken zu
unterrichten, und ich möchte nochmals betonen, daß
der beste Indikator für internationales Zusammenstehen hier die überwältigende Mehrheit bei der
Abstimmung im Sicherheitsrat über eine Resolution
für alle erforderlichen Mittel zum Sturz des Militärregimes ist.
Frage: Herr Außenminister, wie lauten die Pläne der
Administration bezüglich des Waffenembargos in
Bosnien, und wie stehen die Chancen, daß Sie Ihren
Besuch ausdehnen und sich mit Bosnien befassen,
während Sie sozusagen in diesem Teil der Welt sind?
Antwort: Ich war vor weniger als einer Woche in
Europa, um mit den Ministern der Kontaktgruppe

Seite 3

�zusammenzutreffen, und wir haben damals eine
Reihe von Schritten unternommen, die - so hoffen
wir - die bosnischen Serben von der Annahme des
Plans der Kontaktgruppe überzeugen werden. Wir
vereinbarten die Einführung einer Resolution über
schärfere Sanktionen im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen, und dies wird binnen einer Woche nach
dem Treffen der Fall sein.
Wir stimmten überein, daß Maßnahmen ergriffen
würden, mit denen wir eine striktere Durchsetzung
der Schutzzone vornehmen könnten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt versuchen wir, zusätzlichen Druck
auf die bosnischen Serben auszuüben.
Die serbische Regierung selbst scheint sich diesem
Druck anzuschließen. Wir müssen auf ihre Taten
achten, nicht ihre Worte, aber Milosevic hat seinen
Wunsch angedeutet, Druck auf die bosnischen
Serben auszuüben, und wenn dieser Druck effektiv
wirksam wird, könnte dies meines Erachtens ein
wichtiger Aspekt sein.
Wenn die bosnischen Serben nach Verstreichen
eines angemessenen Zeitraums den Friedensplan
nicht akzeptieren und wir das Gefühl bekommen,
diese Möglichkeit ausgeschöpft zu haben, scheint es
meines Erachtens ganz natürlich, andere Mittel zu
ergreifen. Wie Sie von dem Genfer Abkommen der
Minister der Kontaktgruppe wissen, wird eine multilaterale Aufhebung des Waffenembargos durch den
Sicherheitsrat die nächste, in Betracht zu ziehende
Option darstellen. Meiner Ansicht sind einige der
Vorbereitungen zur strengeren Durchsetzung der
Schutzzonen gleichzeitig Vorbereitungen für eine
multilaterale Aufhebung des Waffenembargos.

Diese Verhandlungen können so lange fortgeführt
werden, wie das Nuklearprogramm Nordkoreas
eingefroren bleibt. Daher besteht meiner Meinung
nach die Aussicht auf eine Lösung der Frage auf
diesem Weg.
Während der ersten Verhandlungstage, vor dem Tod
Kim Il-Sungs und der daraus resultierenden Aussetzung der Verhandlungen, gab es eindeutige
Hinweise von Seiten der Nordkoreaner darauf, daß ihr
größtes Interesse einem Leichtwasserreaktor als
Ersatz für den Graphitreaktor gilt. Vom Nichtverbreitungsstandpunkt aus gesehen ist es von Bedeutung, daß ein Leichtwasserreaktor viel weniger
gefährlich und die Produktion von Plutonium viel
unwahrscheinlicher ist.
Wir möchten bei diesem Vorhaben also gerne weiter
zusammenarbeiten. Botschafter Gallucci hat diese
Interimszeit - während der Bestattungsfeierlichkeiten
- dazu genutzt, unsere Hauptverbündeten und
wichtigsten Freunde - Südkorea, Japan, China und
Rußland - über dieses Thema zu informieren und mit
ihnen die Bereitstellung eines Leichtwasserreaktors
zu erörtern. Somit sind wir im Hinblick auf die uns zu
diesem Thema zur Verfügung stehenden Informationen wesentlich besser vorbereitet. Wir können
dieses Vorhaben meiner Meinung nach verfolgen,
wenn wir alle Ziele mit Nordkorea erreichen wollen,
und die Nordkoreaner haben dies in Aussicht gestellt.
Frage: Ein verwandtes Thema: Hatten die Vereinigten Staaten Erfolg bei ihrer Suche nach einer
Nation, die Abnehmer der dort lagernden Brennstäbe
sein könnte?

Dies liegt also definitiv im Bereich der Möglichkeiten,
wir wollen jedoch sehen, ob wir nicht eine Annahme
des Plans der Kontaktgrupe durch die bosnischen
Serben erzielen können, bevor wir uns den anderen
Optionen zuwenden.

Antwort: Meiner Ansicht nach ist das nicht das
Problem. Wir werden einen solchen Staat finden.
Das Wichtigste ist, die Zustimmung der Nordkoreaner
dazu zu erhalten, die Brennstäbe in ein anderes Land
zu verlagern. Das ist ein essentieller Bestandteil der
Verhandlungen.

Frage:
Herr Außenminister, die Nordkoreaner
verleihen derzeit ihrem Wunsch nach einem Leichtwasserreaktor Ausdruck.
Sind die Vereinigten
Staaten jetzt eher bereit, diese Abkehr von einem
Graphitreaktor zu unterstützen?

Ich halte die Lagerstätte nicht für die Hauptfrage.
Das Schwierigste ist, die Nordkoreaner davon zu
überzeugen, daß es in ihrem Interesse liegt, ihre
Nichtverbreitungsverpflichtungen zu befolgen, diese
Brennstäbe in ein anderes Land zu bringen.

Antwort: Um dies in den richtigen Zusammenhang
zu rücken: Wie Sie wissen, werden morgen in Genf
die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea über die Nukleartrage wiederaufgenommmen. Ich halte es für eine gute Nachricht, daß der neue nordkoreanische Staatschef, Kim
Jong-Il, seinen Wunsch nach Fortsetzung dieser
Verhandlungen zu Erkennen gegeben hat.

Frage: Haben Sie jetzt ein besseres Gefühl für das,
was in Nordkorea geschieht? Nach dem Tod des
Präsidenten war es ja eine Art "Terra incognita". Ist
das jetzt weniger der Fall? Oder werden wir das in
Genf herausfinden?

Seite 4

Antwort: Die dortigen Anzeichen für Stabilität sind
zur Zeit relativ gut. Die Tatsache, daß sie die Genfer
Gespräche fortsetzen wollen und sich hierbei genau

AMERIKA DIENST 31

�an den vorgegebenen Zeitplan halten, ist ein gutes
Zeichen. Daher sehe ich zur Zeit in Nordkorea
relative Stabilität, was uns eine Fortsetzung dieser
Verhandlungen gestattet.
Nicht so ermutigend ist die Einstellung Nordkoreas
gegenüber einem Gipfeltreffen mit Südkorea. Ich
hoffe, daß sich im Lauf der Zeit und im Zuge der
weiteren Stabilisierung in Nordkorea das Interesse
dieses Landes an solchen hochrangigen Verhandlungen wiedereinstellt, da dies ein wichtiger Teil des
allgemeinen Pakets ist.
Frage: Herr Außenminister, um noch einmal auf
Ihre Reise in den Nahen Osten zurückzukommen:
Die Israelis haben heute vermeintliche Guerilla-Ziele
im Südlibanon bombardiert. Wird das Ihre Mission
erschweren? Handelte es sich hier um eine Botschaft oder nur um einen Zufall am Vorabend Ihres
Besuchs?
Frage: Wie Sie wissen, wird im südlichen Teil des
Libanon ein langanhaltender Kampf zwischen der
israelischen Verteidigungstruppe und der Hisbollah
geführt. Es ist seit langem ein Gebiet beständiger
Spannungen.
Mir ist klar, daß bei den Aktionen der israelischen
Verteidigungstruppe etwas schief lief, da in einem
der Dörfer mehrere Zivilisten getötet wurden. Bevor
ich hier eintraf, wurde mir mitgeteilt, daß die israelische Verteidigungstruppe sich für den dabei verursachten Tod von Zivilisten entschuldigt hat.
Obwohl im Nahen Osten große Fortschritte erzielt
wurden, finden immer noch Zwischenfälle statt. Es
gibt immer noch viele Feinde des Friedens, und die
Situation ist noch sehr gefährlich. Ich bin nicht der
Ansicht, daß gerade dieser Vorfall meine Reise
anders gestaltet. Es scheint immer Vorfälle zu
geben - positive und negative. Ich hoffe, daß wir auf
diesem Rad zwischen Israel und dem Libanon
Fortschritte erzielen können, damit es in Zukunft
keine derartigen Vorfälle mehr gibt.
Frage: Was China betrifft, wird von Menschenrechtsgruppen geäußert, daß sich die Menschenrechtsverletzungen in China seit der Verlängerung
der Meistbegünstigungsklausel faktisch erhöht
haben. Teilen Sie diese Einschätzung? Und was
unternehmen Sie jetzt, wo Sie nicht länger die
Meistbegünstigungsklausel als Druckmittel haben?
Antwort: Wie Sie wissen, haben wir die Menschenrechtssituation in China nie für sehr gut gehalten.
Wir können nicht die Art von Fortschritten beobachten, die in der vom Präsidenten vor einem Jahr
gemachten Erklärung gefordert wurden. Es ist für

AMERIKA DIENST 31

uns nicht überraschend, daß sich die Menschenrechtsverletzungen fortsetzen. Wir benutzen verschiedene andere Techniken, um die Aufmerksamkeit
auf diese Verletzungen zu lenken, und werden das
auch in Zukunft tun.
Diese Argumente haben wir schon vorher angebracht: China wird erst wieder in der internationalen
Staatengemeinschaft wirklich willkommen geheißen,
wenn es die internationalen Menschenrechtsnormen
befolgt. Wir werden diese Argumente weiterhin
anbringen und verschiedene bilaterale Werkzeuge
einsetzen, um bei den Chinesen darauf zu dringen.
Frage: Herr Außenminister, das Büro von Senator
Kennedy gab bekannt, Kanada habe die Kapitäne
von zwei Fischerbooten freigelassen, die Boote
würden jedoch noch von den Kanadiern einbehalten.
Wie sieht die Lage dort aus?
Antwort: Ich habe gelernt, keinen Kommentar zu
Angelegenheiten abzugeben, über die ich nicht voll
informiert bin. Und in dieser Frage bin ich nicht auf
dem neuesten Stand.
Frage: Zurück zum Nahen Osten. Jassir Arafat hat
sich seit Ihrem letzten Besuch über Verschiedenes
beklagt, beispielsweise über die Notwendigkeit,
bestimmte Dinge wie Fragen der Rechnungsprüfung
zu regeln - Buch zu führen, Quittungen auszugeben
und Ähnliches.
Was haben Sie seit Ihrem Besuch über von der PLO
auf diesem Gebiet unternommene Schritte gehört?
Der andere Kritikpunkt bezieht sich offensichtlich auf
die Erklärung, auf die in bezug auf die Heiligen
Stätten in Jerusalem für König Hussein vorgesehene
Sonderrolle. Ging man das Risiko ein, Arafat und
Hussein in der Mitte dieses laufenden Prozesses
gegeneinander auszuspielen?
Antwort: Zur ersten Frage: Wir haben bei der PLO
darauf gedrängt, das für den Erhalt verfügbarer
internationaler Mittel Erforderliche zu tun. Sie benötigt gewisse Dokumente und Quittungen, um Zugang
zu den bereitliegenden Geldern zu bekommen.
Ich hoffe, die PLO und die Palästinenser haben
erkannt, daß dies notwendig ist. Das ist einer der
Punkte, die ich dort angeführt habe - das internationale System erfordert einfach Ordnung und Dokumentation. Ich habe den PLO-Vorsitzenden Arafat
dazu aufgefordert, das System nicht zu bekämpfen,
sondern ihm zu entsprechen.
Mir scheint, daß dafür jetzt größeres Verständnis da
ist und das im Laufe eines Prozesses geschehen

Seite 5

�kann. Wir arbeiten weiter auf diesem Gebiet. Das
Kapitel ist noch keineswegs abgeschlossen. Den
Palästinensern im Gaza-Streifen wurden noch
zusätzliche Fonds zur Verfügung gestellt, es ist
jedoch ein Problem, zu dessen Lösung die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen werden.
Die Ironie all dessen liegt jedoch darin, daß der PLO
beträchtliche Gelder der Weltbank und anderer
internationaler Institutionen sowie einzelner Länder
zur Verfügung gestellt werden können, wenn diese
nur einen entsprechenden Antrag stellt und die für
den Erhalt der Mittel notwendigen Dokumente
vorlegt.
Vor meiner Abreise werde ich den anderen Staaten,
die bilaterale Fonds bereitgestellt haben, eine Nachricht senden und sie dazu ermutigen, weiterhin Mittel
und Wege zu suchen um sicherzustellen, daß wir die
erforderlichen Papiere und Quittungen erhalten und
sie tatsächlich den Palästinensern bei der Suche
nach den erforderlichen Techniken behilflich sind,
damit sie uns die Dokumente geben können.
Wir haben ungefähr zwei Drittel der Fonds, die wir
zur Verfügung stellen wollten, ausgezahlt, weil wir
Wege gefunden haben, um der Bürokratie zu entgehen.
Frage: Herr Außenminister, Sie haben angesprochen, daß sie einige der Grenzübergänge zwischen
Jordanien und Israel eröffnen wollen. Könnten Sie
dazu vielleicht noch mehr Einzelheiten geben?
Schließt das auch Akaba und Eilat ein?
Antwort: Ich werde das bekanntgeben, wenn ich in
der Region bin und die anderen Parteien Erklärungen abgeben. Das war eines der Dinge, die in der
Erklärung gefordert wurden. Ich hoffe, daß wir
während meines Besuchs in der Region etwas
unternehmen können, um die Erklärung mit mehr
Inhalt zu füllen, aber das kann erst geschehen, wenn
ich dort bin.
Frage: Herr Außenminister, ich würde gerne eine
Frage bezüglich unserer Beziehungen zu Rußland
stellen. Es gab Hinweise darauf, es sei eine Art
Quidproquo zwischen der Zustimmung Rußlands zur
UNO-Resolution, die zu einer potentiellen Invasion
Haitis unter Führung der Vereinigten Staaten ermächtigt, und der Resolution, die den Russen eine
Hauptrolle bei der Friedenssicherung in Georgien
einräumt.
Könnten Sie a) bitte hierzu etwas sagen und b) uns
mitteilen, ob es irgendeine Veränderung der ameri-

Seite 6

kanischen Politik gegenüber dem gibt, was die
Russen ihr "nahes Ausland" nennen?
Antwort: Erstens möchte ich darauf hinweisen, daß
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Rußland auf Arbeitsebene gut sind. Wir setzen
Elemente unserer Partnerschaft auf sehr effektive
Weise um.
Beispielsweise hat das Gespräch zwischen den
Präsidenten Clinton und Jelzin dazu beigetragen, daß
wir den rechtzeitigen Rückzug der Russen aus
Estland vor dem Auslaufen der Frist am 31. August
sicherstellen konnten.
Die Beziehungen zwischen Außenminister Kosyrew
und mir waren sehr nützlich bei dem Gefühl der
Übereinstimmung im Zusammenhang mit der bosnischen Frage, das wir in Genf hatten.
Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen
der Unterstützung Rußlands für die Resolution zu
Haiti und unserer Unterstützung der früheren Resolution im Hinblick auf Georgien. Die Resolution zu
Georgien wurde zwei bis drei Wochen vor der Resolution zu Haiti angenommen und war ganz anderer
Art. Sie forderte eine Erhöhung der Zahl der UNOBeobachter in Georgien, während die Resolution zu
Haiti sich auf die mindestens einjährige Erfahrung
stützte, die der UN-Sicherheitsrat mit dem Problem
Haiti gesammelt hat, angefangen mit dem Abkommen
von Governors Island vom vergangenen Jahr.
Obwohl beide Angelegenheiten den Vereinten Nationen vorliegen und beide in jüngster Zeit erörtert
wurden, gibt es zwischen ihnen keine direkte Beziehung.
Wir stehen mit den Russen wegen einer Vielzahl von
Themen in ständiger Verbindung. Die Tatsache, daß
wir in bestimmten Punkten Einigkeit erzielen, sollte
nicht als eine Form des Tauschhandels betrachtet
werden, sondern als Spiegelbild einer neuen Ära, in
der wir leben, sowie der Partnerschaft, die wir unterhalten. Wir stimmen nicht in jeder Frage überein.
Wir werden bei einigen Fragen natürliche Meinungsverschiedenheiten haben. Die neuen Beziehungen
zu Rußland reflektieren die Tatsache, daß wir die
Reform und die Reformer in Rußland unterstützt
haben und - ebenso wie sie - die Bedeutung einer
stabilen und positiven Beziehung zwischen zwei
Mächten anerkennen, die über ein großes Arsenal
von Atomwaffen verfügen.
Frage: An welchem Punkt befinden sich unsere
Handelsgespräche mit Japan und unsere Beziehungen zu der neuen Regierung?

AMERIKA DIENST 31

�Antwort: Wir befinden uns meines Erachtens in
einem wichtigen Übergangsstadium.
Wie Sie
wissen, hat unser Handelsbeauftragter Mickey
Kantor die Japaner darüber informiert, daß wir Ende
September Sanktionen verhängen werden, wenn sie
nicht auf bestimmten Gebieten unseres Handels mit
ihnen Maßnahmen ergreifen.

net, wir müssen jedoch noch unsere Wirtschaftsbeziehungen verbessern. Es wird ein Test für die
neue Koalitionsregierung unter Ministerpräsident
Murayama sein, ob sie auf wirtschaftlichem Gebiet
Fortschritte machen kann, damit sie den äußerst
stabilen Beziehungen auf anderen Gebieten entsprechen.

Ich spreche hier von einem Übergangsstadium, weil
wir es mit einer Regierung zu tun haben, für die
dieses Problem neu ist - die Koalition zwischen
Sozialisten und der ehemals stärksten Partei. Wir
werden uns erstmals mit dieser Frage befassen.

Keiner von uns befürwortet eine Verhängung von
Sanktionen. Wir würden viel lieber Fortschritte in
diesem Bereich beobachten. Dennoch sahen wir uns
aufgrund unserer Gesetze und angesichts unserer
Beziehungen zu Japan gezwungen, eine entsprechende Mitteilung zu machen. Während dieser
60tägigen Frist werden wir mit den Japanern zusammenarbeiten um zu prüfen, ob wir nicht genug
Fortschritte machen können, damit die Verhängung
von Sanktionen überflüssig wird.

Wir streben positive Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu Japan an. Das Land ist für uns ein
wichtiger Verbündeter. Unsere politischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen sind ausgezeich-

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�MENSCHENRECHTE
10. August 1994

HELSINKI-MENSCHENRECHTSTAG 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Indem er den 1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag erklärte, stellte
Präsident Clinton fest, die Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 "ist eine grundlegende Erklärung der
Freiheit - ein Symbol und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der Demokratie abwenden würden".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation.

Seit über 20 Jahren war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
wichtiges Forum beim andauernden Kampf der
Menschheit um die Definition und Verteidigung der
Menschenrechte. Die Schlußakte von Helsinki aus
dem Jahr 1975 verpflichtete die Vereinigten Staaten,
Kanada und 33 europäische Staaten zur Respektierung "der Meinungs-, Religions- und Überzeugungsfreiheit für alle, ohne Unterscheidung nach Rasse,
Geschlecht, Sprache oder Religion". Sie ist eine
grundlegende Erklärung der Freiheit - ein Symbol
und eine Warnung an alle, die sich vom Licht der

Demokratie abwenden würden.
Als der Westen die Staaten des Ostblocks aufforderte, ihre KSZE-Menschenrechtsverpflichtungen
während des Kalten Krieges einzuhalten, spielte die
Unterstützung der KSZE-Mitgliedstaaten für diese
Ideale eine zentrale Rolle. In jüngster Zeit haben
das Ende des Kalten Krieges sowie die sich in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion vollziehenden dramatischen politischen Veränderungen
der KSZE die Erweiterung und Stärkung ihres
Mandats gestattet. Die Charta von Paris aus dem
Jahr 1990 ergänzte die bestehenden KSZE-Prinzipien und bezog neue Verpflichtungen zu politischem
Pluralismus, wirtschaftlicher Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ein. Das Helsinki-Gipfeltreffen von 1992
unterstrich, daß "der Schutz und die Förderung von
Menschenrechten und Grundfreiheiten sowie die
Stärkung demokratischer Institutionen weiterhin die
unabdingbare Grundlage" für umfassende Sicherheit
bilden. Heute ist die gemeinsame Entschlossenheit
der KSZE-Mitgliedstaaten zur Aufrechterhaltung
dieser essentiellen Werte weiterhin das Schlüsselelement der europäischen Sicherheit.
Während die KSZE-Mitgliedstaaten die Verwirklichung der Helsinki-Prinzipien anstreben, erinnern

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gewalttätige Konflikte auf der ganzen Welt uns daran,
daß viele aus der totalitären Herrschaft hervorgehende Gesellschaften noch einen weiten Weg zu internationalen Normen der humanitären Demokratie
zurücklegen müssen.
Ethnische Spannungen,
Bürgerkriege und Menschenrechtsverletzungen sind
in einigen der vor kurzem aufgenommenen KSZENationen immer noch an der Tagesordnung. Die
Vereinigten Staaten stehen unerschütterlich zu ihrer
Verpflichtung zur vollständigen Umsetzung der in den
Vereinbarungen von Helsinki verankerten Menschenrechte und humanitären Regelungen, und ich fordere
alle Signatarstaaten auf, zu ihrem Versprechen zu
stehen, die Menschenrechte zu schützen, friedliche
Lösungen für Konflikte zu suchen und ihre im Rahmen der Schlußakte von Helsinki eingegangenen
Verpflichtungen uneingeschränkt einzuhalten.
Die internationale Sicherheit hängt wie nie zuvor von
der Achtung der Rechte des einzelnen und der
demokratischen Prinzipien der Regierung ab. Während wir uns der Größenordnung der Helsinki-Vereinbarungen in der Geschichte der Nationen bewußt
sind, bekräftigen wir unser Engagement zur Förderung ihrer zeitlosen Weisheit. Der wachsame Schutz
dieser Grundfreiheiten ist die beste Hoffnung der Welt
für ein Europa der wachsenden Zusammenarbeit und
des dauerhaften Friedens.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der von mir durch die Verfassung und Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, hiermit den
1. August 1994 zum Helsinki-Menschenrechtstag und
bekräftige die amerikanische Verpflichtung zur
Bewahrung der menschlichen Würde und Freiheit Prinzipien, die in der Schlußakte von Helsinki verankert sind. Während wir Amerikaner diesen Tag mit
angemessenen Programmen, Feiern und Aktivitäten

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�begehen, wollen wir unserer mutigen Mitbürger
gedenken, die Opfer zur Sicherung der Freiheiten
gebracht haben, deren wir uns erfreuen. Lassen Sie
uns zusammenarbeiten, um die Respektierung der
Menschenrechte und demokratischen Werte auf der
ganzen Welt zu ermutigen.

Unterzeichnet am 1. Tag des August, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

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AMERIKA DIENST 31

�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

USA STREBEN UNIVERSELLE BEFOLGUNG DES
VERTRAGS ÜBER DAS VERBOT
VON ATOMVERSUCHEN AN
Ansprache von ACDA-Direktor Holum
GENF - (AD) - Dem Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, zufolge streben die Vereinigten Staaten einen Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Atomtests an, "der zur Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt. Keine
Schwellen, keine Ausnahmen ... Und wir streben die universelle Befolgung des Vertrags an."
Bei der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Holum am 4. August 1994, die Entscheidung Präsident Clintons
zur Verlängerung des Atomtestmoratoriums "wägt den potentiellen Wert zusätzlicher Tests ab gegen 1. von
anderen geübte Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei
den hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot".
In praktischer Hinsicht bedeute dies, daß im Falle der Vereinigten Staaten die von ihnen angestrebte zentrale
und tiefgreifende politische Entscheidung bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier und andernorts
so entwickeln wie erhofft, wird das von den Vereinigten Staaten 1992 angenomene Atomtestmoratorium ewig
andauern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Direktor Holums im Wortlaut.

Die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on
Disarmament - CD) hat in den letzten Jahren - und
besonders seit Beginn der Sitzungsperiode im
Januar - viel erreicht.
In gewissem Sinne gehen unsere bei der Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte weit über das
hinaus, was wir erwarten durften und sind Zeugnis
der Leistungsfähigkeit dieser Einrichtung.
Andererseits reichen unsere jüngsten Bestrebungen
nicht aus. Die Vereinigten Staaten sind mehr denn
je dem möglichst schnellen Abschluß eines Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) verpflichtet. Niemand
von uns darf untätig bleiben - niemand darf mit den
bis heute erzielten, bemerkenswerten Fortschritten
zufrieden sein - bis die Staaten der Welt sich ein für
allemal auf die Einstellung sämtlicher Atomtests
geeinigt haben.

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Ich möchte heute die CD weder kritisieren noch über
Gebühr loben, sondern vielmehr eine Ermahnung
aussprechen.
Im Januar genoß ich das Privileg, Ihnen über das
Engagement Präsident Clintons zur Erzielung eines
"möglichst baldigen" umfassenden Atomtestverbots
zu berichten. Ein halbes Jahr später bat er mich,
erneut hierherzukommen und Ihnen mitzuteilen, daß
diese Anweisungen weiterhin umfassend wirksam
sind - und daß "möglichst bald" genau das bedeutet,
was es besagt. Es ist ganz sicher nicht eine diplomatische Floskel für "gemächliches Tempo". Es
bedeutet ganz gewiß nicht, sich die ganze Zeit zu
nehmen, die einem die amerikanischen Gesetze
zugestehen. Es heißt, sich nur die erforderliche Zeit
zu nehmen, eifrig und in gutem Glauben zu verhandeln und einen soliden Vertrag auszuarbeiten.
Das Engagement Präsident Clintons für ein Atomtestverbot erhält durch eine andere Entscheidung Glaubwürdigkeit - die Verlängerung unseres Moratoriums

Seite 1

�für Atomtests. Trotz der von China durchgeführten
Tests hat Präsident Clinton unser Moratorium bis
September 1995 um ein drittes Jahr verlängert.

großer Hilfe sein können. Wir werden daher weiterhin eng mit den anderen Atommächten zusammenarbeiten, damit diese Bestrebungen Früchte tragen.

Ich möchte Sie bitten, genau zu erwägen, was das
bedeutet.

Ich möchte besonders hervorheben, wie Botschafter
Marin Bosch, der Vorsitzende des Ad-hoc-Ausschusses für ein Verbot von Atomtests, die Arbeit des
Ausschusses beschleunigt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen seine Bestrebungen zur Ausarbeitung
eines vollständigen Textes aus Beiträgen, die in den
Arbeitsgruppen für Verifizierung sowie rechtliche und
institutionelle Fragen unter seiner Leitung, beziehungsweise der der Botschafter Hoffmann und
Dembinski ausgearbeitet wurden. Dennoch ist viel
Zeit vergangen und es bleibt noch viel zu tun.
Erforderlich ist ein Dokument, das unserer Arbeit
mehr Zielbewußtsein und Energie verleiht. Und wir
erwarten vom Vorsitzenden des Ausschusses, daß er
das durch seine Führungsrolle herbeiführt.

Die Entscheidung des Präsidenten zur Verlängerung
des Atomtestmoratoriums wägt den potentiellen Wert
zusätzlicher Tests ab gegen 1. von anderen geübte
Zurückhaltung, 2. die Auswirkungen auf unsere
Nichtverbreitungsziele und 3. Fortschritte bei den
hiesigen Verhandlungen über ein Testverbot.
In praktischer Hinsicht bedeutet dies, daß im Falle
der Vereinigten Staaten die von vielen angestrebte
zentrale und tiefgreifende politische Entscheidung
bereits getroffen wurde. Wenn die Dinge sich hier
und andernorts so entwickeln wie erhofft, ist das von
den Vereinigten Staaten 1992 angenommene
Moratorium für Atomtests von Dauer.
Diese praktische Realität wird von der vom Präsidenten im vergangenen September vor der UN-Generalversammlung abgegebenen definitiven Erklärung
unterstrichen.
Der Präsident erklärte damals:
"Angesichts der beunruhigenden Anzeichen erneuere ich heute meinen Appell an die Atomwaffenstaaten zur Einhaltung dieses Moratoriums, während wir
ein endgültiges Verbot von Atomtests aushandeln."
Mit anderen Worten, wir sind auf die Schlußfolgerung vorbereitet, daß die Vereinigten Staaten schon
ihren letzten Atomtest durchgeführt haben - und nie
wieder Tests veranstalten.
Während wir über diese Realität nachdenken, sollten
diese Verhandlungen - sowie andere Entwicklungen,
einschließlich der Vorbereitungen für die nächstes
Jahr anberaumte Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag (NW) - mit verstärkter Energie und
Zielstrebigkeit verfolgt werden.
Die Vereinigten Staaten streben einen Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests an, der zur

Einstellung sämtlicher Nuklearexplosionen führt.
Keine Schwellen, keine Ausnahmen. Und damit
meine ich nicht nur alle Explosionen, sondern alle
Staaten. Der Erfolg verlangt insbesondere die volle
Unterstützung und Beteiligung aller fünf Atomwaffenstaaten. Und wir streben die universelle Befolgung
des Vertrags an.
Natürlich tragen die Vereinigten Staaten und die
anderen im Besitz von Atomwaffen befindlichen
Staaten bei diesen Verhandlungen eine besondere
Verantwortung, und natürlich verfügen wir auch über
spezielle Erfahrungen und Wissen, die uns von

Seite 2

Als ich zum letztenmal zu Ihnen sprach, habe ich
erklärt, die Vereinigten Staaten würden diese Verhandlungen vorantreiben, anstatt sie zu verschleppen. Wir planen, auf unseren Bestrebungen zur
Umsetzung der Anweisungen des Präsidenten zu
beharren und sie sogar noch zu intensivieren.
Aus diesem Grund fordere ich die Konferenz auf, die
zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen - selbst
außerhalb der normalen Sitzungszeit der CD - um
diese Verhandlungen voranzutreiben. Die amerikanische Delegation ist bereit zur kontinuierlichen
Arbeit im Ausschuß für ein Verbot von Atomtests und
seinen Arbeitsgruppen auch nach Ende der Sitzungsperiode am 7. September bis zur Eröffnung der
Sitzungszeit 1995, um in diesem Jahr noch vor
Beginn der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags im April 1995 möglichst
große Fortschritte zu erzielen.
Bei manchen besteht eine gedankliche Verbindung
zwischen der Konferenz über die Ausweitung des
Nichtverbreitungsvertrags und Fortschritten auf
anderen Gebieten. Alle Teile der internationalen
Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung
stehen natürlich in Beziehung zueinander. Man
würde jedoch den großen Regimen oder Initiativen
einen schlechten Dienst erweisen, wenn man zwischen ihnen irgendeine Art von strengem "Quidproquo" aufstellen würde.
Der N W sollte wegen seiner enormen Verdienste für
den Weltfrieden verlängert werden. Die Zeit für den
Vertrag über ein umfassendes Verbot von Atomtests
ist gekommen. Wir sollten diese Chance ergreifen,
nicht weil sie Hand in Hand mit der Verlängerung des
N W geht, sondern weil sie die Sache wert ist.

AMERIKA DIENST 31

�Eine weitere hier in die Wege geleitete wichtige
Initiative verdient die unmittelbare Aufmerksamkeit
der Genfer Abrüstungskonferenz: Die Einstellung
der Produktion von spaltbarem Material. Eine solche
globale Konvention würde die Herstellung von spaltbarem Material für nukleare Sprengstoffe oder unter
Umgehung internationaler Sicherheitsvorschriften
verbieten. Sie könnte erstmalig die nicht von den
Sicherheitsvorschriften abgedeckten Nuklearprogramme von Nichtmitgliedsstaaten des N W einer
gewissen Zurückhaltung unterwerfen. Und sie würde
gleichermaßen die Produktion von Plutonium und
hochangereichertem Uran für Waffen in den fünf
erklärten Atomwaffenstaaten einstellen.
Präsident Clinton hat die Vereinigten Staaten in
seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen September zu
Verhandlungen über eine solche Einstellung der
Produktion verpflichtet. Die Generalversammlung
verabschiedete daraufhin im Konsens eine Resolution mit der Empfehlung, ein solches Verbot "im
geeignetsten internationalen Forum" auszuhandeln.
Im Januar dieses Jahres reagierte die Genfer Abrüstungskonferenz, indem sie den kanadischen Botschafter Gerald Shannon als Sonderkoordinator für
Konsultationen mit den Mitgliedstaaten der Genfer
Abrüstungskonferenz über Mittel und Wege zur
Aushandlung einer Konventionen über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material ernannte. Er hat diese Aufgabe geschickt gemeistert und
festgestellt, daß bei der Genfer Abrüstungskonferenz
Übereinstimmung zur Aushandlung des Vertrags in
diesem Forum herrscht.
Ich fordere die CD zur Verabschiedung eines einfachen Verhandlungsmandats auf der Grundlage der
in der Resolution der Generalversammlung festgeschriebenen Konsens-Vereinbarung auf. Ein solches
Mandat würde einen Ad-hoc-Ausschuß einrichten
und ihn zur Aushandlung eines nichtdiskriminierenden, multilateralen und verifizierbaren Vertrags über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material anweisen.
Die CD muß in dieser entscheidenden Angelegenheit Fortschritte erzielen - nicht nur zur Verringerung
der durch die andauernde Produktion von spaltbarem Material entstehenden Bedrohung, sondern
auch, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen,
denen zufolge sie angeblich nicht zwei größere
Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann.
Ich weiß, daß all dies Ressourcen, Aufmerksamkeit
und Engagement erfordert. Wir werden Botschafter
Ledogar weiterhin alles Erforderliche zur Verfügung

AMERIKA DIENST 31

stellen, um diese hier von mir angesprochenen
ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen.
Sicherheitszusagen sind ein weiterer ziemlich vielversprechender Bereich. Seit vielen Jahren hat die CD
wertvolle Arbeit bei negativen Zusicherungen geleistet. Die Vereinigten Staaten unterstützen einen
zweigleisigen Ansatz zu negativen Sicherheitszusicherungen: Gespräche im Ad-hoc-Ausschuß und
Gespräche unter den Atomwaffenstaaten.
Wir
werden weiterhin energisch in beiden Foren arbeiten,
und ich beglückwünsche Botschafter Guillaume zu
seiner in diesem Jahr im Ausschuß übernommenen
Führungsrolle.
Während wir hart mit den anderen Atomwaffenstaaten arbeiten, hat die Verpflichtung des amerikanischen Präsidenten Bestand. Unsere unilaterale
Verpflichtung unterstreicht Zusicherungen an atomwaffenfreie Staaten, die Mitglieder des N W oder
einer vergleichbaren international bindenden Verpflichtung wie des Tlatelolco-Vertrags sind, keine
nuklearen Sprengstoffe zu beschaffen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten werden von diesem atomwaffenfreien Staat im Bündnis mit einem Nuklearstaat
angegriffen.
Ich möchte nicht vor der Genfer Abrüstungskonferenz
sprechen, ohne ein uns alle beschäftigendes Thema
anzuschneiden - die Erweiterung der CD-Mitgliedschaft. Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor für
eine starke Erweiterung der Konferenz. Wir bedauern, daß eine solche Erweiterung aufgrund der von
uns ausgemachten Hindernisse nicht möglich ist - die
nicht angemessene Einbeziehung eines Staates, der
umfassenden Sanktionen des UN-Sicherheitsrats
unterliegt, entsprechend Kapitel VII der UN-Charta.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, alle
vernünftigen Initiativen zur Lösung dieser Situation in
Betracht zu ziehen, und wir sind der Auffassung, daß
die CD das geeignete Forum für eine angemessene
Lösung ist.
Präsident Kennedy hat gerne gesagt, denen viel
gegeben werde, von denen werde viel erwartet.
Die beachtlichen Fortschritte der Genfer Abrüstungskonferenz bei der Chemiewaffenkonvention und ihre
nennenswerten Fortschritte beim Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot beweisen, daß dieses
Gremium große Leistungsfähigkeiten besitzt. Und
daher erwartet die Welt viel von ihm - von Ihnen.
Ein ermutigender Trend dieser Zeit ist die Fähigkeit
der internationalen Staatengemeinschaft, einen
Großteil der trennenden ideologischen und politischen
Untertöne auszuräumen, die während des Höhepunktes der Ost-West- und Nord-Süd-Konfrontation so viel

Seite 3

�Zeit beanspruchten und so geringe Wirkung zeitigten. Natürlich sind diese Gewohnheiten nicht völlig
verschwunden. Mein Appell an Sie lautet, daß
soweit solche Neigungen noch vorherrschen, dies
der letzte Ort ist, an dem ihnen nachgegangen
werden sollte. Denn die Genfer Abrüstungskonferenz ist nicht der Ort, um politische Punkte zu
erzielen, sondern um ernsthafte Arbeit zu leisten und greifbare Ergebnisse hervorzubringen.
In einer Welt, in der sogar bilaterale Rüstungskontrolle multilateral geworden ist, sind diese Institution,
die hier arbeitenden fähigen Staatsmänner und
Experten sowie die von Ihnen hier angewandten
außergewöhnlichen und ausgeklügelten Methoden
der Diplomatie zum Trend der Zukunft geworden und die Verkörperung unserer Hoffnungen auf eine
sicherere Welt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges könnte der Druck
der nuklearen Weiterverbreitung wichtiger werden
als je zuvor. Wie Sie wissen, kann ein solcher
Druck vertikal und horizontal spürbar sein. Daher ist
dies gleichzeitig die beste und wichtigste Zeit,
internationale Sicherheit zu stützen. Insbesondere
jetzt, da ein Großteil der Mächte im Besitz von
Nuklearwaffen endlich den Nuklearwaffen in ihrer
Verteidigungsplanung weniger Bedeutung beimessen
kann, ist es nicht an der Zeit, in alte Gewohnheiten
zurückzufallen.
Seit fünf Jahrzehnten machen wir Atomtests - und
vernehmen seit fünf Jahrzehnten Rufe, sie zu beenden. Das Streben der Welt nach einem Vertrag über
ein umfassendes Verbot von Atomtests war im
wahrsten Sinne des Wortes ein Langstreckenlauf.
*

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*

Solche Rennen werden jedoch nicht gewonnen,
indem man über die Ziellinie hinkt oder sich mit
bescheidenen Fortschritten begnügt. Sie werden mit
Energie und Engagement gewonnen.
Wir befinden uns im Endstadium unseres Rennens.
Die Ziellinie ist in Sichtweite. Wir müssen das Tempo
beschleunigen. Wir müssen der Beendigung von
Atomtests ohne Ausnahmen, ohne künstliche Junktims, ohne Verzögerung zustimmen - um einen CTBT
abzuschließen, bevor die Chance unseres Lebens
verstrichen ist.
Es ist ein interessanter historischer Zufall, daß der
50. Jahrestag der ersten Atomexplosion und der 25.
Jahrestag des Inkrafttretens des Nichtverbreitungsvertrags auf dasselbe Jahr fallen - 1995. Ich hoffe,
wir können diesen Zufall zu einem wichtigen Wegweiser für den Fortschritt machen.
Von der ersten Atombombenexplosion in Alamogordo
an hat die Menschheit darum gekämpft, sich von dem
dort freigelassenen wilden Tier zu befreien. Seit
damals haben Tausende Frauen und Männer mit
gutem Willen und geistigen Fähigkeiten - leidenschaftlich und sorgfältig - das zwingende Gebot
unseres Zeitalters zu verwirklichen versucht. In
Zusammenarbeit wollen wir uns erneut dieser Aufgabe widmen: Dieses wilde Tier wieder in seinen
Käfig zu sperren, das in einer gleißenden Detonation
in der Wüste New Mexicos Freigesetzte zu dem ihm
gebührenden Ende in der kühlen Atmosphäre der
Vernuft in Genf zu bringen - um sicherzustellen, daß
unser erstes halbes Jahrhundert der Atomexplosionen unser letztes ist.

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�NICHTVERBREITUNG
10. August 1994

NÄCHSTER SCHRITT FÜR UKRAINE IST BEITRITT
ZUM NICHTVERBREITUNGSVERTRAG
Erklärung von Staatssekretärin Davis
WASHINGTON - (AD) - Dem Versprechen der Ukraine, den Verpflichtungen zum Transfer ihrer gesamten
Atomwaffen nach Rußland nachzukommen, sollte jetzt ihr Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NW) folgen,
erklärte die Staatssekretärin im US-Außenministerium, Lynn Davis, am 3. August 1994 vor Journalisten. Sie
teilte mit, die Vereinigten Staaten arbeiteten mit der Ukraine zusammen, um deren Unterstützung für die
umfassende amerikanische Nichtverbreitungstagesordnung zu erhalten. "Der nächste wichtige Schritt besteht
im Beitritt der Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag."
"Anschließend könnten wir den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen", stellte Davis
fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Staatssekretärin.
Zunächst möchte ich Sie über den neuesten Stand
der Dinge bei unserer Nichtverbreitungspolitik
gegenüber der Ukraine informieren und unsere
Pläne beschreiben.
Präsident Kuchma hat gerade gemeinsam mit einer
neuen Rada das Amt übernommen. Die freien und
unangefochtenen Wahlen stellen einen wichtigen
Schritt bei der Errichtung einer Demokratie in der
Ukraine dar. Vizepräsident Gore war gestern in
Kiew und traf mit der neuen Führung zusammen. Er
wollte damit das fortgesetzte Engagement der
Vereinigten Staaten demonstrieren, die Ukraine beim
Übergang zur Marktwirtschaft und der Entwicklung
zu einem vollwertigen Partner des Westens zu
unterstützen. Präsident Kuchma nahm die Einladung des Vizepräsidenten an, Washington Ende
November dieses Jahres einen Besuch abzustatten.
Präsident Kuchma erklärte, die Ukraine werde ihren
internationalen Verpflichtungen nachkommen,
einschließlich der trilateralen Erklärung, in der die
Ukraine dem Transfer aller auf ihrem Territorium
befindlichen nuklearen Gefechtsköpfe in russisches
Gebiet zur ihrer Zerlegung zustimmt. Bis heute
wurden bereits ungefähr 300 Gefechtsköpfe von der
Ukraine nach Rußland zur Zerlegung transferiert.
Wir haben bereits das in der trilateralen Erklärung
für November angestrebte Ziel von 200 Gefechtsköpfen erreicht, und mehr als die Hälfte der SS-24-

AMERIKA DIENST 31

Interkontinentalraketen auf ukrainischem Territorium
wurden entschärft.
In der trilateralen Erklärung stimmte Rußland zu, der
Ukraine als Ersatz für das hochangereicherte Uran
Kernbrennstoff zur Verfügung zu stellen. Es trafen
bereits zwei Sendungen ein.
Die Vereinigten Staaten stellten 60 Millionen Dollar
als Vorauszahlung für den amerikanisch-russischen
Vertrag über hochangereichertes Uran bereit, um die
ersten Lieferungen von Kernbrennstoffen an die
Ukraine mitzufinanzieren. Diese Vorauszahlung wird
unter dem Vertrag über hochangereichertes Uran
durch Sendungen niedrig angereicherten Urans an
die Vereinigten Staaten zurückgezahlt.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 350 Millionen
Dollar an Nunn-Lugar-Hilfe für den Abbau strategischer Streitkräfte und anderer, im Zusammenhang
mit der Nichtverbreitung stehender Projekte zur
Verfügung. Wir verfolgen auch ein internationales
Projekt mit 13 anderen Staaten. Diese haben allesamt ihre Absicht bekanntgegeben, der Ukraine Hilfe
für den Abbau von Waffen und ähnliche Unterstützung zu gewähren.
Wir hatten Schwierigkeiten, die Nunn-Lugar-Hilfe in
Gang zu bringen. Wir unternehmen entsprechende
Schritte, und in der kommenden Woche will ein Team

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�f

nach Kiew reisen und dort mit der ukrainischen
Regierung Maßnahmen ausarbeiten, die beide
Seiten zur beschleunigten Umsetzung des NunnLugar-Programms ergreifen können.
Ein weiterer wichtiger Teil unserer Bestrebungen in
der Ukraine sind Hilfsleistungen zur Erleichterung
der Schließung des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. Die G-7 haben der Ukraine 200 Millionen Dollar
zur Verfügung gestellt, um ein Programm für nukleare Sicherheit und Energieversorgung in Gang zu
setzen. Anfang September wird ein Team aus der
G-7 den Ukrainern unseren Plan unterbreiten.
Wir arbeiten mit der Ukraine zusammen, um ihre
Unterstützung für eine umfassende Nichtverbreitungstagesordnung zu gewinnen. Der nächste
wichtige Schritt besteht im Beitritt der Ukraine zum
Nichtverbreitungsvertrag. Anschließend könnten wir
den START-I-Vertrag in Kraft setzen. Ferner wird
der Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag der Ukraine
auch den Weg zur Teilnahme an anderen Nichtverbreitungsregimen ebnen. Im Mai unterzeichneten
der stellvertretende Ministerpräsident Schmarow und
Vizepräsident Gore ein Abkommen, in dem sich die
Ukraine zur Respektierung der Richtlinien des Rake-

tentechnologie-Kontrollregimes (MTCR) verpflichtet.
Es stellt die Weichen für Zusammenarbeit im Weltraum mit der Ukraine, die über eine moderne Weltraumindustrie verfügt. Durch die Demonstration ihres
Engagements für die Nichtverbreitung sowie effektive
Exportkontrollen kann die Ukraine für die Aufnahme
in das MTCR als vollwertiger Partner in Betracht
gezogen werden. Ferner erwarten wir, daß die
Ukraine nach ihrem Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag und der Einführung ihres Exportkontrollsystems
ein Partner im Nachfolgeregime der COCOM-Liste
wird.
Seit Januar dieses Jahres, als sich Rußland, die
Ukraine und die Vereinigten Staaten auf Schritte zum
Abzug von Atomwaffen aus der Ukraine und entsprechende Kompensationsmaßnahmen einigten,
begannen wir einen Prozeß, um bedeutende Fortschritte bei der Nichtverbreitung zu erzielen. Seit
Januar haben wir viel erreicht. Wir begrüßen die
Erklärungen Präsident Kuchmas, seine Regierung
werde weiterhin das trilaterale Abkommen umsetzen,
und zählen darauf, daß seine Regierung den nächsten wichtigen Schritt unternehmen wird: den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.

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�OSTEUROPA
10. August 1994

KONZENTRATION AUF OFFENE GESELLSCHAFTEN
IN OSTEUROPA ERFORDERLICH
Anhörung von George Soros
WASHINGTON - (AD) - Dem Finanzmogul und Philanthropen George Soros zufolge muß der Westen seine
außenpolitischen Zielsetzungen im postkommunistischen Osteuropa, wo Nationalismus und ethnischer
Chauvinismus die Fortschritte zur Demokratie bedrohen, konkretisieren und verfeinern.
"Die Schaffung und Erhaltung offener Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein, und im Falle der
ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel erklären", stellte Soros bei einer
Anhörung vordem Auswärtigen Unterausschuß für internationale Sicherheit, internationale Organisationen und
Menschenrechte des Repräsentantenhauses am 1. August 1994 fest.
Das Konzept einer offenen Gesellschaft, so Soros, "impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte Regierung,
sondern auch eine Gesellschaft, die nicht vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke bürgerliche
Gesellschaft und Rechtstaatlichkeit. Und es reicht nicht aus, daß die Regierung von einer Mehrheit gewählt
ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von George Soros Anhörung.

In habe in den vergangenen fünf Jahren einen
Großteil meiner Zeit, Energie und meines Geldes auf
Mittel- und Osteuropa sowie die ehemalige Sowjetunion verwandt, weil ich der Auffassung bin, daß der
Zusammenbruch des sowjetischen Systems ein
historisches, revolutionäres Ereignis war, dessen
Ergebnis den Lauf der Geschichte gestalten wird.
Ich habe ein breitgefächertes Netz von Stiftungen
geschaffen, mit denen Hilfe und Unterstützung beim
Übergang von einer geschlossenen zu einer offenen
Gesellschaft geleistet werden soll. Ich habe die
Stiftung 1979 gegründet und im Jahr 1984 in meinem Heimatland Ungarn die erste Organisation vor
Ort ins Leben gerufen, aber mein Engagement nahm
mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems
zu. Inzwischen gibt es in 23 Ländern Stiftungen,
und meine jährlichen Beiträge sind von 3 Millionen
Dollar im Jahr 1979 auf 300 Millionen Dollar 1993
gestiegen - aber die aufgewendete Geldmenge ist
nicht der beste Indikator für die Effizienz der Organisation, weil einige der besten Projekte am wenigsten
Geld erfordern.
Als ich mich zu engagieren begann, hatte das
kommunistische Dogma zu einer geschlossenen
Gesellschaft geführt, in der der Staat von einer
Partei und die Gesellschaft vom Staat beherrscht

AMERIKA DIENST 31

war. Der einzelne war der Gnade des staatlichen
Parteiapparats ausgeliefert.
Das kommunistische Dogma war falsch, eben weil es
ein Dogma war, das vorgab, die letzte Wahrheit zu
beinhalten. Es konnte nur durch eine grobe Verzerrung der Realität umgesetzt und selbst dann nicht
auf unbegrenzte Zeit aufrechterhalten werden. Die
Kluft zwischen Dogma und Realität wurde immer
deutlicher - die Überzeugungskraft des Dogmas für
das Denken der Menschen immer dürftiger - bis
schließlich das Regime rasch auf eine Weise zerfiel,
die zu einer Revolution führte.
1989 gab es einen Augenblick der Euphorie, als die
Menschen sich von einem repressiven System befreit
fühlten, und dieser Augenblick hätte genutzt werden
können, um den Übergang zu einer offenen Gesellschaft in die Wege zu leiten. Ich sah diese Chance,
die mich dazu verleitete, meine gesamte Energie in
den Prozeß einzubringen. Ich muß heute jedoch
zugeben, daß der Augenblick verstrichen und die
Chance verpaßt ist.
Der Zusammenbruch einer geschlossenen Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft, weil eine offene Gesellschaft eine
modernere, weiterentwickelte Form der Organisation

Seite 1

�ist als eine geschlossene. Freiheit ist nicht nur das
Fehlen von Repression. Eine Gesellschaft, in der
Menschen frei sind, erfordert die Freiheit schützende
Institutionen und vor allem Menschen, die an diese
Institutionen glauben.
Die Institutionen selbst
müssen sehr viel moderner werden, weil sie den
Ausdruck unterschiedlicher Ansichten und Interessen
gestatten müssen, wohingegen eine geschlossene
Gesellschaft nur eine Sichtweise anerkennt - die
herrschende. Mit anderen Worten, der Übergang
von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft ist ein Schritt nach vorne und kann ohne eine
helfende Hand nicht in einem Sprung vollzogen
werden. Das war meine Motivation, mich so sehr zu
engagieren. Aber die offenen Gesellschaften der
freien Welt waren nicht so motiviert. Zu der Zeit gab
es viel guten Willen gegenüber Osteuropa, aber
irgendwie wurde er nicht in effektives Handeln
umgesetzt. Die Regierungspolitik in Europa und den
Vereinigten Staaten war durch einen einzigartigen
Mangel an Verständnis und Vision gekennzeichnet.
Vergleichen Sie die Reaktion auf den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit dem Zusammenbruch des Nazireichs. Damals hatten die
Vereinigten Staaten noch die Vision und die Großzügigkeit, den Marshallplan ins Leben zu rufen, und
der Marshallplan bewirkte Wunder. Er leistete nicht
nur Hilfe, sondern bildete auch den Rahmen zur
Zusammenarbeit für die europäischen Länder. Im
Rahmen des Marshallplans wurden nicht nur technische Experten zur Vermittlung ihres Wissens entsandt, er brachte auch eine große Zahl von Europäern in die Vereinigten Staaten und gestattete ihnen,
ihre eigene Tagesordnung zu formulieren. Wir
scheinen all diese positiven Erfahrungen vergessen
zu haben. Als das sowjetische Imperium zerfiel, gab
es keine politische Unterstützung für irgendeine
Form der Hilfe großen Umfangs, und der Marshallplan war zu einem Schimpfwort geworden.
In Ermangelung der westlichen Führungsrolle führte
der Zusammenbruch des sowjetischen Systems nicht
zum Entstehen offener Gesellschaften. Ferner gibt
es keine Gewißheit, daß dies statt in der Hitze des
Gefechts des revolutionären Augenblicks nicht durch
einen langsameren, mühsameren Prozeß erreicht
werden könnte. Im Gegenteil, insofern sich ein
Muster ergibt, zeigt es in die entgegengesetzte
Richtung.
Der Zerfall einer geschlossenen Gesellschaft auf der
Grundlage des universellen Dogmas des Kommunismus hat zu der weitverbreiteten Ablehnung aller
universellen Ideen geführt, und die Länder, aus
denen das sowjetische Imperium zusammengesetzt
war, versuchen, ein Organisationsprinzip in ihrer
eigenen besonderen Geschichte zu finden. Natürlich

Seite2

gibt es Ausnahmen von der Regel, aber das sich
abzeichnende vorherrschende Thema ist nationale
oder ethnische Identität statt eines universellen
Konzepts wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder eine offene Gesellschaft.
Dies schafft eine äußerst gefährliche Situation, weil
nationale Beschwerden ausgebeutet werden können,
um mehr oder weniger geschlossene Gesellschaften
zu gründen, und dies ist das Rezept für Konflikt. Um
die Gesellschaft hinter dem Staat zu mobilisieren,
benötigt man einen Feind, und wenn man keinen hat,
muß man einen erfinden. Das tat Hitler, als er die
Juden als die Feinde des deutschen Volkes brandmarkte, und er hat viele Nachahmer in der postkommunistischen Welt.
Bedauerlicherweise gibt es
keinen Mangel an Beschwerden, weil kommunistische
Regime für gewöhnlich alle nationalen oder ethnischen Bestrebungen unterdrückten, die ihren Zielen
nicht paßten.
Obwohl einige der nationalistischen Anführer ehemalige Dissidenten sind, gelingt den ehemaligen Kommunisten die Ausbeutung nationaler Gefühle für
gewöhnlich besser, weil sie eher wissen, wie man auf
allen Ebenen der Macht operiert. Sie können einen
größeren nationalen Konsens herbeiführen als
demokratische Anführer, die eine offene Gesellschaft
anstreben. Betrachten Sie sich Milosevic in Jugoslawien, Tudjman in Kroatien, Meciar in der Slowakei
und Krawtschuk in der Ukraine und vergleichen sie
die von ihnen auf dem Höhepunkt ihrer Popularität
erzielten Mehrheiten mit der schmalen politischen
Basis, mit der sich prowestliche demokratische
Regierungen in Ländern wie Rußland, Polen, Bulgarien oder Makedonien begnügen mußten.
In diesem Zusammenhang finde ich die jüngsten
Wahlsiege der ehemals kommunistischen Parteien in
Ländern wie Ungarn, Polen oder Litauen überhaupt
nicht beunruhigend. Hier handelt es sich um Reformkommunisten, die sich so weit wie möglich vom
Kommunismus entfernen möchten. Ihr Wiederauftreten ist eine begrüßenswerte Erweiterung des
demokratischen Spektrums. Ich freue mich besonders über das Ergebnis der jüngsten Wahlen in
Ungarn. Die nationalistische Linie wurde von der
Wählerschaft abgelehnt, und die Tatsache, daß die
Sozialistische Partei eine Koalition mit den Freien
Demokraten auf der Grundlage eines gut durchdachten und gut formulierten Reformprogramms
eingegangen ist, prophezeit eine gute Zukunft. Im
Falle Polens ist der Wechsel weniger glücklich, weil
die 1990 begonnenen radikalen und schmerzhaften
Reformen erste Früchte tragen und die Regierung
gerade zu funktionieren begonnen hatte, als sie eine
Niederlage erlitt. Aber der Reformkurs ist unumkehrbar und Polen heute wahrscheinlich das dynamisch-

AMERIKA DIENST 31

�ste Land in Europa, sowohl im Hinblick auf seine
Wirtschaft als auch auf seine Denkweise. Das
schlimmste, was passieren kann, ist, daß es an
Auftrieb verliert.
Insgesamt gesehen kann ich kaum eine Chance für
eine Rückkehr zum Kommunismus ausmachen.
Kommunismus als Dogma ist wirklich tot. Die reale
Gefahr ist das Auftauchen nationalistischer Möchtegern-Diktatoren. Sie spielen auf einer Ebene, die
sich definitiv zu ihren Gunsten neigt. Es ist sehr viel
leichter, die Gesellschaft wegen einer echten oder
eingebildeten nationalen Verletzung als wegen einer
abstrakten Idee wie Demokratie oder offene Gesellschaften zu mobilisieren. Der Aufbau offener Gesellschaften ist im wesentlichen ein konstruktiver Prozeß, und es ist nur zu leicht, ethnische Konflikte zur
Unterminierung der Grundlagen einer offenen
Gesellschaft zu nutzen.
Nehmen Sie den Fall Jugoslawien. Jugoslawien war
ein relativ wohlhabendes Land, das seit 20 Jahren
für den Westen geöffnet war und das die für eine
offene Gesellschaft erforderlichen intellektuellen
Ressourcen entwickelt hatte. Ich erinnere mich an
1990, als in Jugoslawien und Polen gleichzeitig die
Währungsreform eingeführt wurde. Jugoslawien war
zu ihrer Durchführung viel besser vorbereitet. Das
Land verfügte über eine Gruppe von Leuten, die
vom IWF und der Weltbank ausgebildet worden
waren, und die Reform war in der Tat sehr viel
erfolgreicher als in Polen. Das war im Mai 1990.
Dann plünderte Milosevic im Verlauf seines Wahlkampfes die Staatskasse und zerstörte die Währungsstabilität. Das war das Ende des Versuchs,
Jugoslawien in eine offene Gesellschaft umzuwandeln.
Und jetzt haben wir ein noch beeindruckenderes
Beispiel: Griechenland. Dieses Land ist Mitglied der
Europäischen Union, der NATO und vollständig in
die internationale Staatengemeinschaft integriert.
Dennoch war es möglich, über den Namen "Makedonien" nationale Gefühle zur Raserei aufzupeitschen.
Ein kleiner und schwacher Nachbar im Norden wird
zu einer Bedrohung der territorialen Integrität Griechenlands hochstilisiert. Zugegebenermaßen gibt es
eine Minderheit in Makedonien, die irredentistische
Träume auf der Grundlage der in der Vergangenheit
erlittenen ethnischen Verletzungen nährt. Aber die
Regierung Makedoniens ist der Schaffung eines
multiethnischen, demokratischen Staats aufrichtig
verpflichtet. Sie ist zu jeder Konzession bereit,
abgesehen von der Aufgabe ihrer eigenen Identität.
Aber die öffentliche Meinung in Griechenland sympathisiert mit den makedonischen Extremisten, nicht
der makedonischen Regierung, und das Thema

AMERIKA DIENST 31

wurde in Griechenland für innenpolitische Zwecke
ausgeschlachtet.
In der Zwischenzeit bricht die makedonische Wirtschaft, die bereits von den gegen Serbien verhängten
Sanktionen schwer geschädigt ist, unter der Last des
griechischen Embargos zusammen.
Die Eisenbahnverbindung verläuft im Norden und Süden, und
Makedonien ist auf beiden Seiten abgeschnitten. Als
Folge davon ist die vom Bahntransport abhängende
Schwerindustrie zum Stillstand gekommen.
Die
Wirtschaftskrise gefährdet die politische Stabilität.
Die multiethnische, demokratische Koalition wird
gleichermaßen von Extremisten auf der slawischmakedonischen und der albanischen Seite bedroht.
Sie könnte bei den nächsten Wahlen schnell aufgelöst werden, und im Falle eines Auseinanderbrechens
von Makedonien gäbe es einen dritten Balkankrieg.
Wie Sie sehen, besteht in Osteuropa genug Anlaß
zur Sorge. Als ich mein Projekt begann, plante ich
eine kurzfristige Kampagne, um die augenblickliche
Revolutionsbewegung zu nutzen und ein Beispiel zu
geben, dem die langsameren, schwerfälligen Institutionen unserer offenen Gesellschaften folgen
könnten. Bedauerlicherweise hatte ich mich geirrt.
Jetzt muß ich in biblischen Dimensionen denken - 40
Jahre in der Wüste. Der Kampf um eine offene
Gesellschaft ist nicht verloren, wie Polen und Ungarn
demonstrieren, er wird jedoch viel Zeit und viel Hilfe
von außerhalb erfordern, und darüber mache ich mir
Sorgen.
Ich war mir immer der fatalen Schwäche des Konzepts einer offenen Gesellschaft bewußt. Die Schwäche liegt darin, daß die in einer offenen Gesellschaft
lebenden Menschen sich nicht einmal bewußt sind,
daß sie in einer offenen Gesellschaft leben, und eine
offene Gesellschaft auch nicht für ein erstrebenswertes Ziel halten, für das sich Mühen und Opfer
lohnen. In einer Hinsicht ist Freiheit wie Luft: Die
Menschen kämpfen nur darum, wenn sie ihrer
beraubt werden. Wenn sie vorhanden ist, wird sie
ignoriert. In anderer Hinsicht unterscheidet sich die
Freiheit jedoch stark: Wenn man sie nicht pflegt und
schützt, hat sie die Tendenz, zu verschwinden.
Wenn wir aus den revolutionären Ereignissen in
Osteuropa, deren Zeuge wir seit 1989 waren, eine
Lehre ziehen können, dann ist es die Tatsache, daß
Freiheit nicht lediglich das Fehlen von Unterdrückung
ist und der Zusammenbruch einer geschlossenen
Gesellschaft nicht automatisch zu einer offenen
Gesellschaft führt.
Das Problem besteht darin, daß man diese Lektion
nicht gelernt hat. Nach dem Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums zögerten wir nicht, ihn als

Seite 3

�Sieg der freien Welt zu bezeichnen. Wir waren
jedoch andererseits nicht geneigt, für die Schaffung
einer freien und offenen Gesellschaft in diesem Teil
der Welt irgendwelche Opfer zu bringen. Die Folgen
werden jetzt auf schmerzliche Weise offensichtlich,
wir haben jedoch nicht einmal angefangen, sie zu
erkennen.
Was ist falsch gelaufen? Meines Erachtens hat sich
unsere Vorstellung von Freiheit geändert.
Im
Zweiten Weltkrieg wurde sie zu einer Idee emporgehoben, für die wir bereit waren zu kämpfen und
Opfer zu bringen. Die damalige Auffassung der Idee
umfaßte nicht nur die Freiheit in unserem eigenen
Land, sondern auch in den Ländern, die Opfer eines
totalitären Regimes waren. Diese Vorstellung wurde
in der Nachkriegszeit übernommen. Sie war verantwortlich für den Zerfall von Kolonialregimen und
die Bildung eines antikommunistischen Bündnisses.
Diese Idee trat jedoch allmählich in den Hintergrund
und wurde von einer anderen Idee ersetzt, die das
Streben nach Freiheit als gültiges außenpolitisches
Ziel ausdrücklich ablehnte. Diese Idee - "Geopolitik"
- besagte, daß die Staaten ihre eigenen Interessen
so entschlossen verfolgen sollten, wie es ihre
geopolitische Situation gebietet, und moralische oder
ethische Erwägungen nur eine zweitrangige Rolle
spielen. Sie können für Propagandazwecke nützlich
sein - die Mobilisierung der öffentlichen Meinung im
In- oder Ausland - aber man gerät in große Schwierigkeiten, wenn man seiner eigenen Propaganda
Glauben schenkt.
Eine Begleiterscheinung der Geopolitik in den internationalen Beziehungen war das Konzept des wirtschaftlichen Laisser-faire, das in den achtziger
Jahren auf wundersame Weise wiederauflebte. Wie
Sie wissen, besagt es, daß die ungehinderte Verfolgung des Eigeninteresses zur optimalen Ressourcenverteilung führt. Diese beiden Konzepte haben
uns bei unserer Reaktion auf den Zusammenbruch
des sowjetischen Systems geleitet und tun das auch
heute noch. Meines Erachtens sind sie in der
derzeitigen Situation äußerst unzureichend.
Solange wir mit dem Reich des Bösen in tödliche
Kämpfe verstrickt waren, lebten wir in einer stabilen
Weltordnung und hatten ein klares Bild von unserem
Platz in der Welt. Die Weltordnung war stabil, weil
beide Seiten die Fähigkeit zur gegenseitigen Zerstörung besaßen und deshalb keine Seite einen
totalen Krieg riskieren konnte. Und wir konnten uns
durch unser Feindbild definieren: Wir waren die
Führungsmacht der freien Welt. Die Stabilität der
Weltordnung wurde jedoch durch die interne Auflösung des Sowjetreiches zerstört, und wir verloren
unseren Identitätssinn. Wir wollen immer noch eine

Seite 4

Supermacht und Führungsmacht sein, wissen jedoch
nicht, was diese Begriffe bedeuten. Wir wissen nicht,
wofür die freie Welt steht und - noch schlimmer - wir
wissen nicht, ob wir für die freie Welt eintreten sollen,
weil wir zu der Überzeugung gelangt sind, daß unser
Lebensstil auf der Verfolgung unserer eigenen
Interessen gründet, wie in den Doktrinen der Geopolitik und des Laisser-faire zum Ausdruck gebracht.
In gewisser Weise ist die derzeitige Situation einmalig. In der Vergangenheit wurden Frieden und
Stabilität entweder durch die Macht eines Imperiums,
ein Kräftegleichgewicht oder eine Kombination von
beidem aufrechterhalten. Derzeit haben wir keine
dieser Optionen. Die Vereinigten Staaten haben
weder die Fähigkeit noch das Interesse, die Welt auf
die Art und Weise zu beherrschen, wie die Briten es
im 19. Jahrhundert taten. Großbritannien zog genügend Vorteile aus dem freien Handel, um die Existenz einer Flotte zu rechtfertigen. Die Vereinigten
Staaten hingegen sind nicht länger die Hauptnutznießer von freiem Handel und können sich die Rolle
eines Weltpolizisten nicht leisten. Wir müssen von
kollektiven Aktionen abhängen, haben jedoch keine
klare Idee davon, was das kollektive Interesse ist.
Das schafft ein gefährliches Machtvakuum. Es
bestand die Hoffnung, daß es von den Vereinten
Nationen gefüllt würde, diese sind jedoch nicht
besser als ihre Mitgliedstaaten. Vielmehr sind sie
noch schlechter, denn die einzelnen Staaten verfolgen generell ihre nationalen Eigeninteressen auf
Kosten des kollektiven Interesses, und sie werden
von einer Bürokratie verwaltet, die mehr an ihrem
eigenen Überleben als am Überleben unserer Zivilisation interessiert ist. Es gab keinen Zeitpunkt in der
Geschichte, an dem der Friede von einer internationalen Institution aufrechterhalten wurde, und es gibt
keinen Grund zu glauben, daß in der jetzigen Situation etwas anderes der Fall sein wird.
Was sollte getan werden? Ich habe nicht alle Antworten, jedoch einen Vorschlag, der vielleicht hilfreich
sein könnte. Die Schaffung und Erhaltung offener
Gesellschaften sollte ein Ziel der Außenpolitik sein,
und im Falle der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre sollten wir dies zu unserem Hauptziel
erklären. Ich mache diesen Unterschied zwischen
der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre und der
übrigen Welt, da das sowjetische System unwiderruflich zusammengebrochen ist. Das nachfolgende
System wird enormen Einfluß auf den Lauf der
Geschichte und damit auf unsere eigene Zukunft
nehmen. In der übrigen Welt stellt die Förderung
offener Gesellschaften eines mehrerer, miteinander
konkurrierender Ziele dar. In der ehemaligen sowjetischen Einflußsphäre ist es von vorrangiger Bedeutung. Meines Erachtens sollte ihm selbst die Kernwaffenfrage untergeordnet sein.

AMERIKA DIENST 31

�Wenn ich von einer offenen Gesellschaft spreche,
meine ich eine Organisationsform, die lose als
Demokratie bezeichnet werden kann. Das Konzept
einer offenen Gesellschaft ist jedoch umfassender.
Es impliziert nicht nur eine demokratisch gewählte
Regierung, sondern auch eine Gesellschaft, die nicht
vom Staat beherrscht ist. Es bedeutet eine starke
bürgerliche Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit.
Und es reicht nicht aus, daß eine Regierung von
einer Mehrheit gewählt ist - sie muß auch Minderheiten und deren Ansichten respektieren. Mit anderen
Worten: Ich mache den Vorschlag, das alte Konzept
des Kommunismus kontra freie Welt durch das
Konzept offener und geschlossener Gesellschaften
zu ersetzen. Das alte Konzept war selbst als es
relevant war äußerst suspekt, da eine antikommunistische Haltung zur Rechtfertigung von Aktionen
benutzt werden konnte, die mit dem Verhalten einer
offenen Gesellschaft unvereinbar waren. Das neue
Konzept gestattet es, uns über das zu definieren,
wofür wir stehen, anstatt über unser Feindbild. Es
bietet eine Perspektive, die zur Zeit leider fehlt.
Zumindest zeigt es uns, daß nationalistische Diktaturen heute eine ebensolche Gefahr sind wie damals
der Kommunismus.

Eines ist jedoch sicher: Die NATO kann das durch
den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums
geschaffene Machtvakuum nicht füllen. Erforderlich
ist ein Bündnis zwischen der NATO einerseits und
Rußland sowie den anderen Nachfolgestaaten der
Sowjetunion andererseits. Die NATO kann um die
mitteleuropäischen Staaten erweitert werden, die
Anwärter auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen
Union sind, wenn sie jedoch auch Rußland umfassen
würde, würde sie bis zur Bedeutungslosigkeit geschwächt. An diesem Punkt wäre eine neue Perspektive von Nutzen.

Wie kann diese Perspektive in politische Empfehlungen umgesetzt werden? Erstens benötigen wir eine
starke Europäische Union, die außenpolitische
Entscheidungen treffen kann. Das fehlt heute, wie
auch die vertrackte Lage in Bosnien auf traurige
Weise demonstriert. Zweitens muß die Europäische
Union offener werden, insbesondere gegenüber dem
Osten, und darf nicht zu einer Festung werden, die
sich vor dem Tumult außerhalb ihrer Mauern schützt.
Die Länder Mittel- und Osteuropas benötigen die
klare Aussicht, der Europäischen Union beitreten zu
können, um den Übergang zu offenen Gesellschaften abzuschließen. Sie benötigen Privatinvestitionen
stärker als staatliche Hilfe, und die Aussicht auf eine
EU-Mitgliedschaft ist das beste Rezept für die Anziehung von Privatinvestitionen. Meines Erachtens
würden die Vereinigten Staaten und Deutschland,
wenn nicht alle übrigen Mitglieder der Europäischen
Union, mir in diesem Punkt zustimmen.

Die Idee ist nicht so absurd, wie wir uns selbst
glauben machen. Sie könnte vom IWF durch Sonderziehungsrechte finanziert und - im Erfolgsfall vollkommen zurückgezahlt werden. Dadurch würde
die brennendste Frage der Region gelöst: Die
Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums
ohne die vollkommene politische Dominierung durch
Rußland. In diesem Zusammenhang bieten die
jüngsten Präsidentenwahlen in der Ukraine, aus
denen ein an Wirtschaftsreformen ehrlich interessierter Präsident hervorging, eine Chance, die wir hoffentlich nicht verstreichen lassen. Eine echte Partnerschaft für den Frieden würde gekoppelt mit einer
Partnerschaft für den Wohlstand eine stabile Grundlage für eine neue Weltordnung bieten. Gibt es sie
nicht, werden wir eine weltweite Unordnung haben.

Drittens sollte die NATO - im wesentlichen ein
Bündnis zwischen Nordamerika und Europa - als
Hauptstütze der neuen Weltordnung dienen. Es ist
eine offene Frage, ob eine direkte Verbindung
zwischen der NATO und unseren asiatischen Verbündeten wie Japan und Korea erforderlich ist.

*

AMERIKA DIENST 31

Ich habe argumentiert, daß Rußland und die anderen
Nachfolgestaaten Hilfe von außen benötigen, um
Fortschritte bei ihrer Umgestaltung machen zu
können. Sie halten Fragen der externen Sicherheit
nicht für eine Bedrohung, sondern vielmehr für eine
Chance, die Aufmerksamkeit von ihrem wirtschaftlichen Scheitern ablenken und politische Unterstützung
mobilisieren zu können. Unter diesen Umständen
muß die Partnerschaft für den Frieden von einer
"Partnerschaft für den Wohlstand" begleitet werden,
einem Marshallplan der Gegenwart, um Substanz zu
erhalten.

Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich
Makedonien ansprechen. Hier handelt es sich um
einen klaren Fall, bei dem uns ein Quentchen Vorbeugung viele Sorgen ersparen kann. Es sollte zu
einer Priorität werden, diesem winzigen Land mit
einer demokratischen, multiethnischen Regierung zu
Hilfe zu kommen, das sich aus Gründen außerhalb
seiner Kontrolle kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch befindet.

* * *

*

Seite 5

�LANDESKUNDE
10. August 1994

IM TAL DER SONNE
von Maggie Wilson
HOUSTON - (AD) - Millionen von Besuchern kommen wegen des Klimas, der spektakulären Landschaft und
des entspannten Lebensstils ins Tal der Sonne von Arizona. Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels
beschreibt die Anziehungspunkte der Region, insbesondere Phoenix und Scottsdale.
Maggie Wilson ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Phoenix.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vista/USA, der Zeitschrift des EXXON
Travel Club. Copyright (c) 1992 EXXON Travel Club, Inc., Houston (Texas). Alle Rechte vorbehalten.

Der Jetliner glitt über das ausgetrocknete Flußbett
des Salt River, bevor er auf dem Sky Harbor International Airport landete.
Sämtliche Passagiere
schnappten erstaunt nach Luft, als die Lichter von
Phoenix (Arizona) und der 20 Städte in der Umgebung zu sehen waren, soweit das Auge reichte.
"Oh Mann!", japste der neben mir sitzende Cowboy.
"Das ist aber nicht gerade ein kleines Kuhdorf.
Ganz schön große Stadt in ihrer Hochblüte. Schaut
Euch bloß mal diese Lichter an!"
In der lauen Wüstennacht glitzerten die Lichter
tatsächlich wie eine Vielzahl von Diamanten und
Rubinen auf dem schwarzen Samt eines Juwelierladens. Als in Arizona Gebürtige hatte ich diese
Ansicht schon oft genossen, aber sie erweckte bei
mir immer noch dieselbe Reaktion wie bei den
Besuchern, die zum ersten Mal kommen.
Vielleicht liegt es daran, daß ich die Geschichte
kenne. Phoenix entstand auf leerem, unbewohntem
Land und wurde Dreh- und Angelpunkt des blühenden Tals der Sonne, Hauptstadt des Bundesstaates
Arizona, neuntgrößte Stadt der Vereinigten Staaten
und Wüstenmetropole von Weltklasse - und das
alles in 120 Jahren.
Dem Historiker John Myers zufolge hat sich "zu
keinem Zeitpunkt in der Geschichte in einem vergleichbaren Zeitraum eine Ansiedlung aus dem
Nichts zu einer derartigen Stadt entwickelt".
Was hat das Wachstum stimuliert? Zweifellos das
Wetter (im Durchschnitt 306 Tage im Jahr Sonnenschein, Temperaturen im Winter zwischen 16 und

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27° Celsius), die aufsehenerregende Natur in der
Umgebung (überraschend üppig für eine Wüstenstadt) und der entspannte, aber aktive Lebensstil.
Diese Aktivposten ziehen - insbesondere in den
Wintermonaten - Millionen von Besuchern in das
treffend so bezeichnete Tal der Sonne, wo stark
entwickelte Gebiete wie Phoenix und Scottsdale in
einem von Bergen umgebenen Wüstengebiet gelegen
sind - einschließlich des 820 Meter hohen Camelback
Mountain.
Phoenix ist immer noch eine der am schnellsten
wachsenden Metropolen der Nation. Dennoch ist die
Neuzeit schon das zweite Leben der Stadt. Vor
nahezu 2000 Jahren bändigten prähistorische Hohokam-lndianer den Saft River und lenkten sein Wasser
durch ein verzweigtes Kanalsystem zu Bohnen-,
Mais-, Kürbis und Baumwollfeldern. Um ungefähr
1100 v.Chr. war die Zahl der Hohokam-Indianer auf
20.000 angewachsen (zur Zeit leben im Vergleich
dazu im Tal der Sonne über zwei Millionen Menschen), aber um 1450 verschwanden die Indianer auf
mysteriöse Weise.
Das Tal des Salt River war bis in die sechziger Jahre
des 19. Jahrhunderts nur von Schweigen und Sonnenschein erfüllt, bis ein Soldat und Goldsucher der
Konföderierten 400 Dollar und acht Maulesel investierte, 16 arbeitslose Bergleute einstellte und die
Hohokam-Kanäle freischaufeln ließ. Diese wurden
dann zur Bewässerung von Weiden und Gerstenfeldern genutzt, auf denen wiederum Futter für die Tiere
in den Lagern der US-Armee hergestellt wurde.
Kavallerietrupps, Gold- und Silberminen breiteten sich
im gesamten Gebiet von Arizona aus.

Seite 1

�Obwohl der Salt River jetzt flußaufwärts eingedämmt
ist und eine Reihe von Seen bildet, die in Trockenzeiten die Wasserversorgung regeln, werden die
Kanäle der Hohokam-Indianer immer noch als
Verteilungssysteme genutzt. Die Stadt hat Schritte
unternommen, um das Erbe ihrer Ureinwohner zu
bewahren.
Das Pueblo Grande Museum und der Kulturpark
bieten einen Einblick in die Kultur der HohokamIndianer, die kilometerlange Kanäle gruben, wobei
sie Stöcke als Schaufeln benutzten und die Erde mit
Körben auf ihrem Rücken davontrugen. (Vor der
Ankunft der Spanier waren Lasttiere unbekannt.) In
den Ausstellungen ist zu sehen, daß die HohokamIndianer nicht nur hochentwickelte Hydrologen,
sondern auch Kunsthandwerker mit erlesenem
Geschmack waren. Aus diesem Grund trägt der
Direktor des Pueblo Grande den Titel "Stadtarchäologe". Phoenix war die erste Stadtverwaltung mit
einem Mitarbeiter, der einen solchen Titel trägt.

Der Anziehungspunkt ist das Arizona Center, ein acht
Häuserblöcke, (bisher) 212 Millionen Dollar teurer
Gebäudekomplex mit Fachgeschäften, Restaurants,
fahrbaren Eis- und Würstchenständen, Western
Saloons und zwei Bürotürmen - alles umgeben von
luftigen Gehwegen, Sitznischen, schattenspendenden
Bäumen und Rasenflächen, Springbrunnen und
Blumengärten.
1994 eröffnete die Stadt das Orpheum Theater
wieder für Gastspiele, Shows und Musikais. Die
neue Stadthalle ist um das alte Art-deco-Theater mit
seinen 1.400 Sitzplätzen gebaut, um die Parkeinrichtungen sowie die Kosten für Heizung und Klimaanlage besser zu nutzen.
In der Nähe von Phoenix ist Scottsdale ein Anziehungspunkt für Freizeitgäste. In der Stadt befinden
sich ein Viertel aller Hotelbetten des Tals, 60 Prozent
der Gästezimmer sowie eine Vielzahl von Geschäften
und Kunstgalerien.

Im Desert Botanical Garden mit seinen über 10.000
Wüstenpflanzen und wilden Blumen aus fünf Kontinenten wird besonderer Wert auf Nutzung der
südwestlichen Pflanzen für Nahrungsmittel, Kleidung,
Unterbringung, Arzneien und Kunsthandwerk durch
die ursprünglichen Bewohner der Region gelegt.

Herb Drinkwater, seit vielen Jahren Bürgermeister
von Scottsdal, kam während der vierziger Jahre als
Teenager in das Tal, so asthmatisch, sagt er, daß
seine Lippen und Fingernägel sich blau verfärbten bei
der Anstrengung, einen Raum zu durchqueren.
Heute ist er geheilt und robust.

Das Heard Museum, das in einem Haus im klassischen spanischen Kolonialstil untergebracht ist, zeigt
eine Ausstellung der Kulturen und Kunst der Indianer
aus dem Südwesten. Eine besondere Attraktion ist
die Kachina-Puppengallehe mit Stücken aus den
Kollektionen der ehemaligen Senatoren Barry
Goldwater und Fred Harvey, dem Gründer der
Harvey Houses (einer Restaurantkette) entlang der
Eisenbahnlinie nach Santa Fe. Ebenso beeindrukkend sind die Kollektionen des Museums, die sich
mit den Schönen Künsten der ursprünglichen Bewohner dieser Region befassen, einschließlich
historischer und zeitgenössischer Bilder und Skulpturen.

"Die Menschen kommen in das Tal", so Drinkwater,
"weil sie das Wetter mögen, auf einem der 116
herrlichen Golfplätze Golf spielen, reiten, bergsteigen,
wichtige Baseballspiele bei den Trainingsspielen im
Frühjahr sehen - all die herrlichen Dinge in freier
Natur tun wollen... Darüber hinaus ist das Tal so
zentral gelegen, daß man jetzt morgens (im Norden)
Ski und nachmittags hier unten (auf dem nahegelegenen Saguaro-See) Wasserski laufen kann - alles am
gleichen Tag."

Diese drei Attraktionen waren immer ein Hit. Jetzt
gibt es jedoch noch mehr zu sehen. Die derzeitige
große Neuigkeit aus Phoenix ist die Wiederbelebung
der Innenstadt.
"Vor vier Jahren", so Margaret Müllen, geschäftsführende Direktorin der Downtown Phoenix Partnership, "konnte man nach Einbruch der Dunkelheit auf
der Hauptstraße Schießübungen machen, ohne
irgend etwas zu treffen, außer vielleicht einer Palme.
Nach Büroschluß wurden die Bürgersteige hochgeklappt. Heute ist unsere Innenstadt - Tag und
Nacht, an Wochenenden und Feiertagen - voller
Menschen."

Seite 2

Für Drinkwater erfüllt sich mit der bevorstehenden
Kanalufer-Erschließung entlang der Straßen von
Scottsdale und Camelback ein lange gehegter Traum.
Der Arizonakanal wird in eine Landschaft mit Wegen,
Brücken, Restaurants, Geschäften und Ladenstraßen
eingebettet. Die Erschließung verspricht eine erfreuliche Ergänzung zu Scottsdales Indian Bend
Wash zu werden, einer langgestreckten, parkähnlichen Aue mit Golfkursen, Joggingpfaden und
Radfahrwegen, Angelstellen, Seen und Picknickplätzen.
Danny Medina, Herausgeberin von zwei Magazinen
über Mode und bildende Künste, erklärt, die Leute
kämen auch wegen Fünf-Sterne-Restaurants wie
Christopher's in Phoenix oder dem Chaparral Room
im Camelback Inn in das Tal.

AMERIKA DIENST 31

�Zu den schickeren Hotels gehören das Phoenician,
The Boulders in Carefree, The Scottsdale Princess,
The Pointe an den Tapito Cliffs und die alteingesessenen - das Camelback Inn, Arizona Biltmore Hotel
und The Wigwam in Litchfield Park. Aber wenn man
Rindfleisch mit Bohnen nach Cowboy-Art oder
Square dance mag, kann man das hier ebenfalls
finden. Zum Beispiel im Pinnacle Peak Patio. Hier
ist es de rigueur für die Kellnerinnen, einfach die
Schlipse der Männer abzuschneiden, um sie an den
Dachbalken aufzuhängen - wo sich bereits Hunderte
befinden.
"Dieses Lokal ist eine Legende, ein Muß", stellt der
im Pinnacle Peak angestellte Cowboy Dan fest.
"Jeder kommt hierhin - Reiche, Arme, ehemalige,
Möchtegern- und echte Berühmtheiten - und aus
jedem Teil der Erde. Sie essen auf Holzkohle des
Mesquitbaums gegrillte Steaks, sehen die Lichter
des Tals unter den Sternen und tanzen zur Musik
einer Countryband."
Mit staubigem Cowboyhut und Schnauzbart sieht
Cowboy Dan (sein Nachname ist KnodI, wird aber
nie benutzt) eher wie ein Goldsucher aus den
achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus, der
seinen Esel verloren hat, als ein zweisprachiger
Empfangschef eines Steak-Hauses der neunziger
Jahre. Und wie die große Mehrheit der Einwohner
von Arizona kam er aus einer anderen Region in
den Bundesstaat.
"Ich bin in der Türkei geboren", erklärt Dan, "und bin
wegen der Religionsfreiheit nach Amerika gekommen. Ich danke Gott, daß ich Amerikaner bin, der
im warmen Arizona lebt. Jetzt bin ich ein freigeistiger Cowboy."
Die Einwohner und Besucher werden in der Stille
der Wüste Sonoran gleichermaßen zu "freigeistigen
Cowboys". Der inzwischen verstorbene Architekt
Frank Lloyd Wright formulierte es folgendermaßen,
als er in den vierziger Jahren sein Winterdomizil
Taliesin West in Scottsdale aufschlug: "Das Leben
in der Wüste ist eine geistige Katharsis, die viele
Menschen benötigen. Ich bin einer von ihnen."

AMERIKA DIENST 31

Wenn Besucher sich in die das Tal umgebenden
Wüstengebiete wagen, sind die meisten erstaunt über
das Grün der Bäume, Büsche und Wiesen sowie die
exotischen Kakteen. Im März und April ist die Wüste
ein Meer von Kakteenblüten und wilden Blumen. Die
Paloverde-Bäume sind in herrliche gelbe Blüten
gehüllt. Und die hochaufragenden Saguaro-Kakteen
wachsen nur in der Wüste im südlichen Arizona und
in Nordmexiko.
"Besucher stellen sich die Wüste als unechte Umgebung wie in den Karikaturen und Western vor",
erläutert Richard Tumolo von den Desert Mountain
Jeep Tours. "Plötzlich werden sie von echten Cowboys durch den Saguaro-Wald geführt, die ihnen
anhand von 500 Jahre alten Mühlsteinen, 200 Jahre
alten Saguaros und 100 Jahre alten sechschüssigen
Revolvern Geschichten erzählen. Sie entspannen
sich total hier draußen, in einer neuen Atmosphäre
des Friedens und der Freiheit, die sich so von allen
anderen Orten unterscheidet."
Tumolo ließ in den siebziger Jahren die Hektik der
New Yorker Textilindustrie hinter sich, um ins Tal der
Sonne zu kommen und nahm ihn besuchende
Freunde zu Picknicks in der Wüste mit. Sie erklärten
ihm immer wieder: "Das ist das Schönste, was wir je
unternommen haben. Warum machst Du nicht ein
Geschäft daraus?" So begann er mit einem Fahrzeug und einem Gitarre spielenden Verwandten.
Heute hat er 12 Fahrzeuge und engagiert mehrere
Bands, die Westernmusik spielen.
"Diese wunderschöne Wüste hat etwas nahezu
Mystisches", stellt Tumolo fest.
Das ist im Tal der Sonne nicht überraschend, wo
Phoenix, wie sein mythischer Namensvetter, praktisch
aus dem Nichts entstanden ist, um zum Mittelpunkt
eines Wüsten-Freizeitgebiets ersten Ranges zu
werden.

Seite 3

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                <text>Amerikadienst 10.08.1994</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher sieht "äußerst ernste Verhandlungen" im Nahen Osten voraus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radiointerview des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Helsinki-Menschenrechtstag 1994 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA streben universelle Befolgung des Vertrags über das Verbot von Atomversuchen an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von ACDA-Direktor Hollum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nächster Schritt für Ukraine ist Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Staatssekretärin Davis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konzentration auf offene Gesellschaften in Osteuropa erforderlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von George Soros&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Landeskunde&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Im Tal der Sonne &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Maggie Wilson&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

3. August 1994

30

WIRTSCHAFT

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER
USA FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der
ASEAN-Konferenz

HAITI

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG
MULTINATIONALER TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright

KRIEGSVERBRECHEN

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER
ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf

ARBEITSMARKT

ARBEITSPLATZE IN DER NEUEN
VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�WIRTSCHAFT
3. August 1994

TALBOTT FORMULIERT ENGAGEMENT DER USA
FÜR APEC, ASEAN UND GATT NEU
Eröffnungsansprache bei der ASEAN-Konferenz
BANGKOK - (AD) - "Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche
Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN) als das Kernstück des APEC", erklärte der Staatssekretär
im Außenministerium Strobe Talbott am 26. Juli 1994 bei der ASEAN-Ministerkonferenz.
In seiner Eröffnungsansprache stellte Talbott ferner fest: "Ob es uns gefällt oder nicht, die Strömungen von
Wirtschaft, Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu wirtschaftlicher Integration."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Staatssekretär Talbott.

Es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
bei der ASEAN-Ministerkonferenz vertreten zu
dürfen. Außenminister Christopher bedauert außerordentlich, daß er nicht anwesend sein kann, aber er
sieht einem Zusammentreffen mit vielen von Ihnen
bei der UN-Generalversammlung im September und
bei seiner Reise mit Präsident Clinton nach Jakarta
im November erwartungsvoll entgegen.
Im Namen der gesamten amerikanischen Delegation,
insbesondere Joan Spero, unserem Staatssekretär
im Außenministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten, und Botschafter Winston Lord, unserem
Abteilungsleiter im Außenministerium für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten, möchte ich
Seiner Majestät König Bhumibol, Ministerpräsident
Chuan, Außenminister Prasong und den Thailändern
für diese Veranstaltung danken. Wir könnten keine
besseren Gastgeber haben.
Anfang dieses Monats forderte Präsident Clinton
eine Erneuerung der großartigen Institutionen der
globalen Zusammenarbeit, die nach dem Zweiten
Weltkrieg entstanden sind. Er bat die Leiter dieser
Institutionen, sich darauf zu konzentrieren, "wie wir
in 20 Jahren aussehen wollen, und was wir unternehmen müssen, um das zu verwirklichen."
Heute möchte ich den Vorschlag des Präsidenten
zur Erweiterung und Stärkung der Architektur der
internationalen Zusammenarbeit näher erläutern und
das Engagement der Vereinigten Staaten für die in
Asien bereits begonnene Arbeit unterstreichen, eine

AMERIKA DIENST 30

neue Grundlage für Frieden, Wohlstand und Demokratie in der Region zu erarbeiten.
Wir betrachten den ASEAN als das Kernstück dieser
vielversprechenden Bestrebungen.
Seit seiner
Gründung im Jahr 1967 hat der ASEAN die Fähigkeit
zur Entwicklung und Erweiterung bewiesen, um sich
wandelnden Erfordernissen und Umständen gerecht
zu werden. Das vom ASEAN abgedeckte ThemenSpektrum umfaßt inzwischen praktisch alle Bereiche
der Politik, von der internationalen Flüchtlingsproblematik über Drogenhandel, Handelsliberalisierung und
Transportwesen bis zu regionaler und internationaler
Sicherheit. Entsprechend hat auch die Zahl der
Teilnehmer an ASEAN-Foren zugenommen. Das
gestrige Treffen des regionalen ASEAN-Forums war
ein historisches Ereignis.
Mit einer erweiterten
Mitgliedschaft, zu der jetzt auch China, Laos, PapuaNeuguinea, Rußland und Vietnam zählen, war das
gestrige Treffen der erste umfassende Sicherheitsdialog der Region.
Meine Kollegen und ich waren von der Tiefe und dem
Umfang der Diskussion außerordentlich beeindruckt beeindruckt, aber nicht überrascht, denn ich hatte
eine ähnliche Reaktion auf den Dialog zwischen dem
ASEAN und den Vereinigten Staaten, der im Mai in
Washington stattfand. Bei diesem Treffen befaßte
man sich mit einer großen Bandbreite von wirtschaftlichen und politischen Themen, einschließlich Gebieten
wie dem Nahen Osten und Bosnien.

Seite 1

�Zum ersten Mal hat sich der Koordinierungsausschuß für Handel und Investitionen in diesem Jahr in
Washington an dem Dialog beteiligt. Infolgedessen
konnten zahlreiche hochrangige Vertreter aus dem
Privatsektor teilnehmen - sowohl vom ASEAN als
auch aus den Vereinigten Staaten.
Die Rolle des ASEAN bei der Förderung von Diskussion und Zusammenarbeit im öffentlichen und privaten Sektor wird angesichts der zunehmenden Interdependenz von Gemeinschaften in Asien - und auf
der ganzen Welt - mehr und mehr erforderlich.
Während wir uns dem 21. Jahrhundert nähern, sind
wir mit einem breiten Spektrum von Problemen
konfrontiert, die nationale Grenzen überschreiten.
Dazu zählen Bevölkerungsfragen, das Potential für
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
illegale Herstellung von Drogen und Drogenhandel,
die Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten
sowie die Zerstörung der Umwelt. Diesen transnationalen Problemen liegt die Notwendigkeit zugrunde, die globale Revolution im Technologiebereich, Kommunikations- und Transportwesen in einer
Weise zu bewältigen, die Wirtschaftswachstum
unterstützt. Obwohl diese neuen Technologien uns
dabei behilflich sein werden, die von mir gerade
erwähnten Probleme zu meistern, werden sie auch
große Veränderungen in unseren Gesellschaften und
unseren Verhaltensmustern bewirken. Ob es uns
gefällt oder nicht, die Strömungen von Wirtschaft,
Technologie und Kultur tragen uns unaufhaltsam zu
wirtschaftlicher Integration. Wenn wir unsere kooperativen Bestrebungen in Asien und darüber hinaus
fortsetzen und verbessern, können wir die Vorteile
von Wohlstand und sozialer Entwicklung für alle
unsere Völker verwirklichen.
Im Juli letzten Jahres versprach Präsident Clinton,
daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten
und Freunden zusammenarbeiten würden, um eine
"neue pazifische Gemeinschaft" auf der Grundlage
von drei gemeinsamen Verpflichtungen zu schaffen:
Der Verpflichtung zu Sicherheit, Wirtschaftswachstum und demokratischen Werten. Vor dem Hintergrund des jüngsten Appells meines Präsidenten für
eine Erneuerung unserer bilateralen und multilateralen Partnerschaften möchte ich mit Ihnen die in den
vergangenen zwölf Monaten in jedem dieser Bereiche erzielten Fortschritte bewerten und dann erörtern, wie wir weiter vorgehen könnten.
Sicherheit
Das Ende des Kalten Krieges hat historische Chancen für den Abbau von Spannungen geschaffen.
Rußland, das bis vor kurzem als Hauptbedrohung
der regionalen Sicherheit in Asien angesehen wurde,

Seite 2

ist jetzt auf einem reformistischen Kurs auch im
Hinblick auf seine Beziehungen zu anderen Staaten.
In diesem Frühjahr hat meine Regierung ein historisches Abkommen mit Vietnam geschlossen, um
Verbindungsbüros in Hanoi und Washington einzurichten, möglichst genaue Angaben über die
amerikanischen Vermißten sicherzustellen und den
Prozeß der Erweiterung der Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern zu beginnen.
Wie Präsident Clinton im Juli vergangenen Jahres in
Seoul betonte, "müssen wir uns stets vor Augen
führen, daß Sicherheit an erster Stelle steht". Die
Vereinigten Staaten werden zu ihrer Sicherheitsverpflichtung im Pazifik stehen - in Friedenszeiten
ebenso wie in den drei Kriegen in Asien, in denen
Amerikaner in diesem Jahrhundert gekämpft und ihr
Leben gelassen haben. Heute bilden unsere fünf
Bündnispartner - Japan, Korea, Australien, Thailand
und die Philippinen - das Kernstück dieser Verpflichtung. Unsere vorne stationierte militärische Präsenz
bietet einen starken Rahmen, um die vordringlichsten
Sicherheitsbelange der Region anzusprechen.
Keiner dieser Sicherheitsbelange ist dringender als
das nordkoreanische Nuklearprogramm. Nordkoreas
Weigerung, Begrenzungen seines Nuklearprogramms
zu akzeptieren, gefährden Südkorea, Japan und
andere Nationen in Nordostasien und beschwören
das Gespenst eines destabilisierenden atomaren
Rüstungswettlaufs in der Region herauf. Und es
droht, Nuklearmaterial an geächtete Regime wie im
Iran und Irak weiterzugeben. Nordkoreas Austritt aus
dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) würde die zur
Bekämpfung der Weiterverbreitung am dringendsten
erforderliche globale Struktur schwächen.
Zusammen mit unseren Vertragspartnern und der
internationalen Staatengemeinschaft haben wir auf
die Einhaltung der Nichtverbreitungsverpflichtungen
Nordkoreas hingearbeitet. Wir haben in Genf eine
dritte Diskussionsrunde mit Nordkorea in die Wege
geleitet, um das Land vom Verbleib im Nichtverbreitungsvertrag zu überzeugen, umfassende Sicherheitsvorschriften zu akzeptieren und die NordSüd-Entnuklearisierungserklärung umzusetzen. Wir
haben mit Nordkorea die Wiederaufnahme der dritten
Runde am 5. August vereinbart.
Wir werden diese geduldigen diplomatischen Bestrebungen fortsetzen. Aber wenn Nordkorea den Dialog
als Umweg benutzen will, sind wir bereit, das Thema
dem Sicherheitsrat vorzulegen, Sanktionen zu verhängen und alle zur Lösung des Problems geeigneten Schritte zu unternehmen.

AMERIKA DIENST 30

�Nordkoreas Nuklearprogramm unterstreicht die durch
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
verursachte umfassendere Bedrohung. Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle bei den
Bestrebungen zum Abschluß der Chemiewaffenkonvention, der Verhängung eines Moratoriums für
Atomtests, der Aushandlung des Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot, der Verwirklichung der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des N W und den Verhandlungen über die Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für
Waffen übernommen.
Aber die Bekämpfung der Weiterverbreitung ist nicht
länger die ausschließliche Verantwortung einiger
weniger Mächte. Zahlreiche Länder in Asien und
andernorts können die Chemikalien, Elektronik und
anderen Materialien produzieren, die MöchtegernAtomwaffenstaaten beschaffen wollen. Wir fordern
die asiatischen Nationen auf, die ihnen zukommende
Rolle beim Beitritt zu Nichtverbreitungsregimen und
deren Umsetzung zu spielen.
Konventionelle Waffen können ebenfalls einen
äußerst destabilisierenden Effekt haben.
Aus
diesem Grund sehen die Vereinigten Staaten der
engen Zusammenarbeit mit Ihren Ländern erwartungsvoll entgegen, um starke Exportkontrollregime
und -maßnahmen zu verabschieden, damit der
gefährliche Transfer in zur Besorgnis Anlaß gebende
Länder und Regionen verhindert werden kann.
Eine weitere uns konfrontierende Sicherheitsherausforderung ist die Notwendigkeit stärkerer Instrumente
für präventive Diplomatie und Friedensschaffung.
Die an diesem Tisch versammelten Nationen,
insbesondere die Mitgliedstaaten des ASEAN, haben
ihr Engagement unter Beweis gestellt, dem kambodschanischen Volk zu helfen, Jahrzehnte der Gewalt
zu beenden und die Zukunft selbst in die Hand zu
nehmen. Trotz andauernder Probleme hat Kambodscha im vergangenen Jahr große Fortschritte erzielt.
Die letztes Jahr abgehaltenen freien Wahlen und die
Gründung einer Koalitionsregierung geben uns
Hoffnung, daß ein dauerhafter Frieden möglich ist.
Die Kambodschaner werden jedoch die Tragödien
ihrer Vergangenheit nicht ohne kontinuierliche Hilfe
überwinden können. Alle unsere Nationen müssen
sich weiterhin in Kambodscha engagieren, im
Rahmen der internationalen Konferenz über den
Wiederaufbau Kambodschas, durch Unterstützung
der demokratisch gewählten Regierung und die
Unterbrechung aller Verbindungen zu den Roten
Khmer.
Eine Sicherheitsbedrohung in dieser Region bildet
möglicherweise das Südchinesische Meer. Die
Vereinigten Staaten beziehen keine Stellung zu

AMERIKA DIENST 30

territorialen Ansprüchen, aber wir lehnen den Einsatz
von Gewalt zu ihrer Durchsetzung vehement ab. Wir
unterstützen die von Indonesien ausgehenden
Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung und der
Erschließung von Ressourcen.
Im Hinblick auf die potentiellen Sicherheitsprobleme
der Zukunft ist die Schaffung des regionalen ASEANForums eine vielversprechende Entwicklung. Das
regionale Forum kann unseres Erachtens in den
kommenden Jahren eine historische Rolle dabei
spielen, Absichten zu vermitteln, Mißtrauen auszuräumen, Vertrauen aufzubauen und letztlich Konflikte
abzuwenden.
Wirtschaftlicher Fortschritt
Die Staats- und Regierungschefs der asiatischpazifischen Gemeinschaft - die nahezu die Hälfte des
Bruttoinlandsprodukts der Welt ausmacht - haben im
November vergangenen Jahres in Seattle Geschichte
gemacht, als sie sich einer gemeinsamen Herausforderung stellten: Wie kann die Dynamik erhalten
und gefördert werden, die das Wachstum ihrer
Volkswirtschaften und den Wohlstand ihrer Völker
ermöglicht hat?
Die Vereinigten Staaten verpflichten sich zum Forum
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit als Katalysator für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der asiatisch-pazifischen Region, und wir
betrachten den Verband Südostasiatischer Nationen
als das Kernstück des APEC.
Die Treffen der Finanz-, Wirtschafts- und Umweltminister des APEC in diesem Jahr sind ermutigende
Beispiele der umfangreichen Konsultationen, die sich
zwischen den APEC-Nationen entwickeln.
Wir
begrüßen die unter der Führung von Indonesien
erzielten Fortschritte und sehen dem diesjährigen
Zusammentreffen der Minister und Staatsoberhäupter
in Indonesien erwartungsvoll entgegen.
Unter Präsident Suhartos Führung werden wir das
Mandat des APEC zur Liberalisierung von Handel
und Investitionen stärken, neue Verbindungen zu
entscheidenden Sektoren wie Telekommunikation
knüpfen und Aktivitäten des Privatsektors in der
gesamten Region ankurbeln.
Das APEC ist ein Modell für die in unserer Weltwirtschaft erforderliche Art von regionalen Organisationen. Obwohl APEC und NAFTA sich in ihrer Zusammensetzung und Struktur stark unterscheiden,
dienen sie beide zur Öffnung der Volkswirtschaften
einer riesigen Region für die übrige Welt. Für uns ist
dies der Schlüssel: Regionale Gruppierungen sind
eine positive Entwicklung, wenn sie sich nach außen

Seite 3

�•#

wenden und Türen öffnen, statt sich nach innen zu
wenden und Mauern zu errichten.
Natürlich steht das GATT bei der Öffnung von
Märkten an erster Stelle, weil es wirklich global ist.
Das APEC-Treffen in Seattle gab den letzten Anstoß
zum Abschluß der Uruguay-Runde, ein Schritt, der
in unser aller Interesse lag. Wir teilen ein Interesse
an der Öffnung von Märkten, der Ankurbelung von
Wachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen.
Jetzt müssen wir unserer Verantwortung als große
Handelsnation gerecht werden, und das Abkommen
in diesem Jahr genehmigen.
Ich möchte offen sagen, daß es nicht leicht sein
wird, die für das GATT erforderlichen Gesetze durch
den Kongreß zu bringen. Aber die Clinton-Administration ist dazu in diesem Jahr entschlossen.
Unseres Wissen haben einige von Ihnen ähnliche
Schwierigkeiten. Es ist wichtig, daß jeder von uns
seinen Wahlkreis von der Bedeutung der Gründung
der Welthandelsorganisation überzeugen kann. Am
Beginn der Nachkriegszeit scheiterten unsere Vorgänger an der Ratifizierung eines Abkommens zur
Schaffung einer internationalen Handelsorganisation.
Wir sollten denselben Fehler nicht noch einmal
machen. Die Vorteile der Uruguay-Runde für die
asiatisch-pazifische Region, die Vereinigten Staaten
und die Weltwirtschaft müssen jetzt zum Tragen
kommen und dürfen nicht bestritten werden.
Die neue Welthandelsorganisation sollte mit anderen
internationalen Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zusammenarbeiten, um
offene Märkte und freien Handel anzustreben. Sie
müssen sowohl traditionelle Handelshemmnisse als
auch neue Handelsfragen wie Handel und Umwelt,
Arbeitsnormen, Wettbewerbspolitik und Investitionen
ansprechen. In Zusammenarbeit müssen wir gemeinsame kooperative und mulitlaterale Ansätze zu
diesen Themen entwickeln. Vor allem müssen wir
sicherstellen, daß unsere gemeinsamen Bestrebungen offenen Handel, Wachstum und soziale Entwicklung, nicht Protektionismus, fördern.
Demoktratie
Wenn offene Märkte und offene Seewege Wohlstand
und Sicherheit im Pazifik fördern, gilt dies ebenso für
offene Gesellschaften. Der Mikrochip und das
Modem, die FAX-Maschine und der Fotokopierer,
internationale Telefon- und Computernetze sind der
Lebensnerv des modernen Unternehmens. Volkswirtschaften werden gelähmt, wenn die Bürger
gegen den Staat kämpfen müssen, um diese Ma*

Seite 4

*

schinen zu besitzen und zu benutzen. Gesellschaften und politische Systeme müssen offen sein, wenn
sie prosperieren sollen. Unternehmer aus Singapur
und San Francisco mögen unterschiedliche Sprachen
sprechen, sind sich jedoch einig, daß Unternehmen
florieren und Wohlstand gedeiht, wenn Ideen und
Informationen frei ausgetauscht werden. Sie wissen,
daß die Rechtsstaatlichkeit Investitionen schützt,
ebenso wie eine freie Presse dazu beiträgt, Korruption zu kontrollieren.
Demokratie ist bei unserem gemeinsamen Streben
nach Stabilität eine entscheidende Ressource. Die
historische Bilanz ist klar: Demokratien setzen nicht
so leicht das Leben ihrer Bürger in Aggressionskriegen aufs Spiel, sie praktizieren nicht so leicht
Terrorismus, sie handeln nicht so leicht mit Drogen
oder führen Flüchtlingsströme herbei.
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Meinungsverschiedenheiten zwischen Ost und West
bei Menschenrechtsfragen geschrieben. Obwohl ich
nicht bestreiten möchte, daß Differenzen bestehen,
müssen wir uns meines Erachtens vor Augen führen,
wo wir übereinstimmen. Wir alle wollen von unseren
Regierungen mit Würde behandelt werden. Es gibt
keine kulturelle Rechtfertigung für Folter oder Tyrannei.
Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Wahrheit
bekräftigte das thailändische Volk vor zwei Jahren
seinen Wunsch nach einer demokratischen Regierung, und im vergangenen Jahr überquerten kambodschanische Bauern, Mönche und ehemalige
Soldaten Minenfelder und trotzten der Todesdrohung
am Wahltag - aus einem einfachen Grund: um zu
wählen. Das burmesische Volk hofft, daß seine
Regierung die Demokratie wiederherstellt und Aung
San Suu Kyi freiläßt. Wir teilen und unterstützen
diese Hoffnung.
Die Vereinigten Staaten werden politische Offenheit
ohne Arroganz oder Rechtfertigung fördern. Wir
werden dies unter Respektierung der Souveränität
und Einzigartigkeit jeder Nation bei gleichzeitiger
Verpflichtung zu universellen Werten und Bestrebungen tun.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und begrüße die Gelegenheit, Ihre Ansichten zu den vorliegenden Themen zu hören. Die Institutionen, die uns ins
nächste Jahrhundert geleiten werden, müssen von
Konsultation und Konsens bei Treffen wie diesem
getragen sein.

*

*

AMERIKA DIENST 30

�HAITI
3. August 1994

USA BEREIT ZUR FÜHRUNG MULTINATIONALER
TRUPPE IN HAITI
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten seien dazu bereit, eine multinationale Streitmacht
aufzustellen und zu führen, um auf Haiti die rechtmäßige Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide
wiederherzustellen, erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Madeleine
Albright, am 31. Juli 1994 vordem UN-Sicherheitsrat.
Albright zufolge erstreben und erwarten die Vereinigten Staaten eine Beteiligung anderer Nationen an der vom
UN-Sicherheitsrat autorisierten Truppe. Der Rat hatte mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, den
Mitgliedstaaten im Einklang mit Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen den Einsatz aller erforderlichen
Mittel zur Absetzung der Militärregierung und beschleunigten Rückkehr Präsident Aristides zu gestatten. Ferner
stellte der Sicherheitsrat ein Team aus 60 Militärbeobachtern zur Überwachung der Operationen der
multinationalen Truppe auf.
"Wir werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten", so die Botschafterin. "Wir werden
ein stabiles und sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische Regierungsvertreter und Institutionen tätig
sein können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der
multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen."
Albright, die den Entwurf des Resolutionstextes und die Bestrebungen um Zustimmung der Ratsmitglieder
hierzu leitete, erklärte, die internationale Staatengemeinschaft habe "Verurteilung, Überzeugungskraft,
Isolierung und Verhandlungen ... eingesetzt. Wir haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut verhängt
und verstärkt.
Wir haben den tatsächlichen Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen."
"Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft", äußerte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die der Abstimmung im Sicherheitsrat über den Resolutionsentwurf
vorausgegangene Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Präsident, diese historische Resolution ermächtigt die Mitgliedstaaten, unter Einsatz aller erforderlichen Mittel die legitime, verfassungsmäßige Regierung Haitis wiedereinzusetzen.
Dies stellt den Höhepunkt der Bestrebungen dieses
Rates dar, die Demokratie wiederherstellen, der das
haitianische Volk vor 34 Monaten beraubt wurde.
Die Resolution baut auf frühere Aktionen auf, die auf
eine Milderung des Leidens in Haiti und die Förderung der Rechtsstaatlichkeit abzielen.
Dieser Rat hat geduldig ein friedliches und gerechtes
Ende der haitianischen Krise angestebt. Die Organi-

AMERIKA DIENST 30

sation Amerikanischer Staaten (OAS) hat gleichgerichtete Bestrebungen verfolgt. Die UN-Mitgliedstaaten, einschließlich des von mir vertretenen, haben
unabhängig voneinander Schritte unternommen, um
die unrechtmäßigen Machthaber zur Aufgabe der
Macht zu ermutigen. Gemeinsam haben wir - die
internationale Staatengemeinschaft - die Mittel
Verurteilung, Überzeugungskraft, Isolierung und
Verhandlungen eingesetzt. Auf Governors Island
haben wir uns als Vermittler eines Abkommens
betätigt, das von den Militärmachthabern zwar
unterzeichnet, jedoch nicht umgesetzt wurde. Wir
haben Sanktionen verhängt, sie ausgesetzt, erneut
verhängt und verstärkt. Wir haben den tatsächlichen

Seite 1

�Machthabern Haitis jede Gelegenheit gegeben, ihren
Verpflichtungen nachzukommen.
Irgendwann ist jedoch jede Geduld erschöpft. Die
demokratisch gewählte Regierung Haitis wurde vor
nahezu drei Jahren gestürzt. Die große Mehrheit
des haitianischen Volkes hat grausam unter dem
illegalen Regime gelitten.
Die derzeitigen unrechtmäßigen Machthaber haben
politische Gegner schamlos umgebracht, unter den
Armen Angst und Schrecken verbreitet, ihr Wort
nicht gehalten, eine Marionettenregierung aufgestellt,
die von den Vereinten Nationen und der OAS
entsandten Menschenrechtsbeobachter des Landes
verwiesen und den Weg der Versöhnung auf der
Grundlage der Gesetze gemieden.
Der Status quo in Haiti ist weder haltbar noch
akzeptabel. Es muß eine Wahl getroffen werden.
Und obwohl die Situation in Haiti kompliziert ist, ist
diese Wahl so einfach wie die Auswahl zwischen
richtig und falsch. Heute hat der Rat die richtige
Wahl getroffen - für Demokratie, Gesetz, Würde und
Befreiung von langem und unverdientem Leiden.
Die Botschaft des Sicherheitsrates an die Generäle
Cedras und Biamby sowie Oberst Frangois ist
simpel: Auch Sie haben die Wahl. Sie können
freiwillig und bald gehen, oder Sie werden unfreiwillig und bald gehen. Die Sonne über Ihrem skrupellosen Ehrgeiz geht allmählich unter. Und am Horizont
kann eine neue Morgendämmerung für Haiti bereits
ausgemacht werden.
Von manchen wird das Argument angeführt, in Haiti
sei keine Demokratie möglich und die Mehrheit der
dort lebenden Menschen sollte Unterdrückung und
bittere Armut als ihr Schicksal akzeptieren. Diese
düsteren Ratgeber drängen bei uns darauf, nicht zu
handeln, denn sie wissen, daß wir durch die Befolgung ihrer Ratschläge auch ihre Prophezeiungen
erfüllen.
Wenn wir jedoch untätig zuschauen,
können wir sichergehen, daß in Haiti Angst und
Schrecken, Verzweiflung, Flucht, Instabilität, Kriminalität und Ungerechtigkeit kein Ende nehmen.
Meine Regierung hat eine positivere Einstellung.
Wir unterschätzen nicht die wirtschaftlichen und
sozialen Schwierigkeiten Haitis, werden jedoch nicht
eine ganze Gesellschaft abschreiben, insbesondere
nicht so dicht vor unserer Küste. Unsere Generation
war Zeuge, wie die Freiheit von Osteuropa über
Südostasien bis Mittelamerika und Südafrika die
Beschränkungen gesprengt hat. Wir wissen, daß
freie Wahlen in Haiti möglich sind, weil der derzeitige
Präsident aus solchen hervorgegangen ist. Wir
wissen, daß die haitianische Freiheit Helden und

Seite 2

Märtyrer von Toussaint über Malary bis zu den
Hunderten von Menschen hat, die dieses Jahr
verschwanden, gefoltert oder vergewaltigt wurden,
nur weil sie ihre grundlegenden Rechte wahrnahmen.
Wir wissen, daß Haiti eine reiche Kultur hat, großen
Stolz und Menschen voller Energie und Mut. Wenn
die Militärmachthaber gegangen sind und die Last der
Sanktionen aufgehoben wurde, wird ein neuer Anfang
gemacht werden. Das Klima für politische Versöhnung wird sich verbessern. Das Militär wird lernen,
den Menschen zu dienen, anstatt sie zu mißbrauchen. Wir und andere werden umfassende wirtschaftliche und technische Hilfe bereitstellen. Alte
Schulden werden getilgt.
Neue öffentliche und
private Investitionen werden Arbeitsplätze schaffen.
Und mit der Zeit werden die Haitianer wieder in die
Lage versetzt, ihre Kinder und Familien zu ernähren.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Es ist nicht
unsere Absicht, in die Souveränität Haitis einzugreifen, sondern die Souveränität derjenigen wiederherzustellen, die sie von Rechts wegen ausüben sollten.
Es ist unser Ziel, Haiti in die Lage zu versetzen, "den
sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern", wie es in
der Charta der Vereinten Nationen formuliert ist. Wir
wollen Haiti den Aufbau einer Zukunft gestatten, die
freier, sicherer und wohlhabender ist als die Vergangenheit.
Die heutige Resolution ermächtigt uns zu einem aus
zwei Phasen bestehenden Ansatz. In der ersten
Phase wird eine multinationale Truppe im Einklang
mit Kapitel VII der Charta zur Wiederherstellung der
rechtmäßigen Regierung in Haiti autorisiert. Die
Vereinigten Staaten sind zur Aufstellung und Führung
einer solchen Streitmacht bereit. Wir erstreben und
erwarten die Beteiligung anderer Nationen. Wir
werden damit beginnen, Polizei und Militär professionell zu gestalten. Wir werden ein stabiles und
sicheres Umfeld schaffen, in dem demokratische
Regierungsvertreter und Institutionen tätig sein
können. Wir hoffen, daß die derzeitigen Militärmachthaber Haitis freiwillig abziehen und der multinationalen Truppe keinen Widerstand entgegensetzen.
Diese Resolution ermächtigt uns jedoch zum Handeln
ungeachtet dessen, ob unsere Hoffnung sich erfüllt
oder nicht.
In der zweiten Phase wird die UNO-Mission in Haiti
ihre Funktionen umfassend wahrnehmen. Sie wird
weiterhin die Streitkräfte Haitis professioneller gestalten und beim Aufbau eines zivilen Polizeiwesens
mitwirken. Sie wird die Pflicht übernehmen, der
Regierung bei der Wiederherstellung der grundlegenden öffentlichen Ordnung beizustehen. Sie wird zur
Schaffung eines Umfelds beitragen, das freien und

AMERIKA DIENST 30

�fairen Wahlen förderlich ist. Und sie wird eine
Erfüllung ihrer Aufgaben spätestens bis Februar
1996 anstreben.
Der Zeitpunkt des Übergangs von der ersten zur
zweiten Phase wird vom Sicherheitsrat nach entsprechenden Konsultationen bestimmt, nachdem ein
stabiles und sicheres Umfeld geschaffen wurde und
die Mittel für die Erfüllung der UNO-Mission verfügbar sind. Die Vereinigten Staaten sind zur Beteiligung an der UNO-Mission bereit und werden durch
die Bereitschaft anderer Staaten ermutigt, ebenfalls
teilzunehmen.
Die vorliegende Resolution verbindet sich gut mit
unserer Politik - und der des Rates - die vorgeschlagenen neuen Friedensoperationen einer strengen
Überprüfung zu unterziehen. Phase Eins baut auf
den Präzedenzfällen Kuwait und Ruanda auf. Phase
Zwei schafft eine UNO-Mission moderater Größe mit
einem klaren und erreichbaren Mandat, die in relativ
sicherem Umfeld, mit Zustimmung der Regierung
und über einen festgesetzten Zeitraum operiert.

* *

AMERIKA DIENST 30

Herr Präsident, die Ausarbeitung dieser Resolution
refklektiert das Interesse und die Sorge angesichts
der Ereignisse in Haiti, die in der gesamten Hemisphäre und darüber hinaus zu spüren sind. Die
Freunde Haitis - Kanada, Frankreich, Venezuela,
Argentinien und die Vereinigten Staaten - haben eng
mit dem Generalsekretär und seinem Sondergesandten zusammengearbeitet. Alle Mitglieder des Sicherheitsrats haben einen Beitrag geleistet und
können in diesem Sinne alle als "Freunde Haitis"
bezeichnet werden. Gemeinsam haben wir eine
Resolution entworfen, die dieser großartigen Institution Ehre erweist und in völliger Übereinstimmung
mit der Haltung der OAS steht. Meine Regierung ruft
alle Regierungen dazu auf, einen angemessenen
Beitrag zur zügigen und erfolgreichen Umsetzung
dieser Resolution zu leisten.
Wir wollen jetzt mit einer Stimme und gemeinsamer
Entschlossenheit vorgehen. Die Notwendigkeit ist
groß, die Sache gerecht, die Chance, etwas zu
bewirken ist real, der Moment der Entscheidung ist
hart.

*

*

Seite 3

�KRIEGSVERBRECHEN
3. August 1994

ERSTE ANKLAGEN BIS DEZEMBER ERWARTET
Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Befürworter des
Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien hoffen, daß die Arbeit jetzt beschleunigt
wird, nachdem der südafrikanische Richter Richard
Goldstone zum Oberstaatsanwalt ernannt worden ist.
In einer vor kurzem bei den Vereinten Nationen
veranstalteten Pressekonferenz erklärte Goldstone,
er erwarte, daß die ersten Anklageschriften gegen
mutmaßliche Kriegsverbrecher im ehemaligen
Jugoslawien "in wenigen Monaten, auf jeden Fall bis
Ende des Jahres" dem Gericht übergeben würden.
Goldstone fügte hinzu, er habe als spätesten Termin
den Dezember 1994 angesetzt. "Ich bin mir der
Dringlichkeit der Entscheidungen über die zukünftige
Aufgabe des Tribunals angesichts der bisherigen
Verzögerungen ... insbesondere bei der Ernennung
eines Staatsanwalts in hohem Maße bewußt."

Goldstone zufolge besteht seine erste Aufgabe
darin, sich mit dem bereits von der UN-Kommission
für Kriegsverbrechen gesammelten Material vertraut
zu machen. "Mir wurde gesagt, daß ein beeindruckender Berg von Material auf meinem Schreibtisch auf mich wartet."
In ihrem umfangreichen Abschlußbericht gelangte
die UN-Kommission für Kriegsverbrechen zu der
Schlußfolgerung, daß in großem Umfang "besonders
brutale und grausame" Kriegsverbrechen, einschließlich "ethnischer Säuberungen", Genozid, Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch in den ehemals
jugoslawischen Republiken von den Serben so
systematisch ausgeführt wurden, daß es eine
politische Maßnahme zu sein scheint.
Anhand der von Regierungen, Privatorganisationen
und eigenen Ermittlungen zusammengetragenen
Informationen stellte die Kommission fest, daß
Massenmord, Folterung, Vergewaltigung, schwere
Körperverletzung an Zivilisten, Mißhandlung ziviler
und Kriegsgefangener, die Verwendung von Menschen als menschliche Schutzschilde, Zerstörung
von Eigentum sowie Angriffe auf Krankenhäuser und

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andere medizinische Einrichtungen mit "außerordentlicher Brutalität und Grausamkeit" ausgeführt wurden.
Goldstone traf auch mit UN-Generalsekretär BoutrosGhali zur Erörterung seines Mandats zusammen,
bevor er nach Den Haag, dem ständigen Sitz des
Gerichtshofs, zu Gesprächen mit den Anklagevertretern reiste.
"Wir fangen nicht am Punkt Null an. Es sind bereits
Angestellte dort, und es wird Vorbereitungsarbeit
geleistet." Goldstone wird am 15. August 1994 seine
Tätigkeit in Den Haag aufnehmen.
Der Oberstaatsanwalt erklärte, er könne noch nicht
sagen, wie er den Berg der gesammelten Informationen angehe, deutete aber an, daß seines Erachtens
"der Gruppe der schlimmsten Verbrecher eindeutig
Priorität beigemessen werden müßte", unabhängig
davon, ob sie Vertreter des Militärs oder der Regierung sind.
"Am Ende muß man sich jedoch von den verfügbaren
Beweisen leiten lassen", so Goldstone. Wenn er von
unzureichenden Beweisen ausgehe, käme das einem
Mißbrauch des ihm verliehenen Mandats gleich.
"Meiner Ansicht nach sind die von der internationalen
Staatengemeinschaft bei der Einrichtung dieses
Tribunals unternommenen Schritte ein äußerst
wichtiger Fortschritt bei der Institutionalisierung der
Menschenrechte, die nach dem Ersten Weltkrieg
begann.
Der Erfolg oder das Scheitern dieses
Tribunals wird von den Ereignissen in diesem Bereich
im nächsten Jahrzehnt abhängen. Ich war stets ein
Verfechter der Überzeugung, daß gravierende
Menschenrechtsverletzungen der internationalen
Staatengemeinschaft Anlaß zur Sorge bereiten
müssen und nicht nur die betroffenen Länder angehen."
Kritiker des Tribunals erklären, der Angeklagte könne
nicht in Abwesenheit verurteilt und die Länder nicht
zur Auslieferung der Verdächtigen zum Prozeß nach
Den Haag gezwungen werden. Die Schwierigkeit
bestehe darin, die Verdächtigen in Gewahrsam

Seite 1

�nehmen und ausreichende Beweise sammeln zu
können, um die Angeklagten zu dem Verfahren aus
Ländern zu holen, die nicht zur Zusammenarbeit
bereit sind, wie beispielsweise Serbien.

Goldstone, der politische Gewalttaten in Südafrika
während der heiklen Gespräche zur Beendigung der
Apartheid ermittelte, stellte fest, die südafrikanische
Erfahrung lehre, daß man es bewältigen kann.

Golstone äußerte, er sei nicht so pessimistisch wie
manche, daß das Tribunal von einigen Regierungen
wenig Unterstützung erhalten werde. "Wenn die
Staaten nicht mit dem Tribunal zusammenarbeiten,
ist dies eine Angelegenheit, die dem Sicherheitsrat
zur Entscheidung vorgelegt wird."

"Unsere Nachforschungen, bei denen dem einem und
dem anderen Schuld zugewiesen wurde, liefen in der
Tat in vielen Fällen dem Friedensprozeß zuwider,
aber meines Erachtens wurde das Vorgehen generell
akzeptiert."

Er fügte hinzu, persönlich zöge er es vor, niemanden
in Abwesenheit zu verurteilen. "Das wäre einseitig.
Es gibt nur die Option, auch die andere Seite zu
hören, unabhängig davon, wie schwerwiegend die
Beweise sein mögen."
Andere sind besorgt, daß die Androhung der Strafverfolgung von Kriegsverbrechen den sensiblen
Friedensprozeß unterbrechen oder zerstören könnte.

*

Seite 2

*

Die amerikanische Botschafterin Madeleine Albright
erklärte, Goldstones Herausforderung bestehe darin,
"die Schuld des einzelnen unabhängig von der
ethnischen Identität festzustellen und damit zur
Verringerung der Beschuldigungen beizutragen, die
die öffentliche Meinung gegenüber bestimmten
ethnischen Gruppen so leichtfertig vorbringt. Wirkliche Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien wird
nicht möglich sein, bis der Gedanke der kollektiven
Schuld für die Greueltaten ausgemerzt ist und die
Schuld dem einzelnen zugewiesen wird."

*

*

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�ARBEITSMARKT
3. August 1994

ARBEITSPLÄTZE IN DER NEUEN VOLKSWIRTSCHAFT
von Peter F. Drucker
Eine Regierung kann kurzfristig nichts gegen den Mangel an guten Arbeitsplätzen tun, argumentiert der
Verfasser, der auf die Tatsache verweist, daß das Problem in den Vereinigten Staaten weniger gravierend ist
als in jedem anderen westlichen Industrieland. Drucker zufolge hängt die Schaffung solcher Arbeitsplätze
großenteils von der "Beteiligung eines Landes an der wachsenden und expandierenden Weltwirtschaft" ab.
Peter Drucker ist Lehrer und Berater, der sich auf Strategien und Maßnahmen für Unternehmen und
gemeinnützige Gruppen sowie die Arbeit und Organisation des oberen Managements spezialisiert. Er hat über
25 Bücher zu unterschiedlichen Themen verfaßt, darunter Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Management.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Aspen Institute Quarterly.
Copyright (c) 1994 The Aspen Institute Inc.

Die umfassende Sammlung an Büchern, Reden,
Artikeln und Diskussionspapieren für diese Zusammenkunft, die eine enorme Vielfalt an Sorgen,
Gesichtspunkten, politischen Positionen und Empfehlungen repräsentieren, führt zu einer Schlußfolgerung:
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was die
Regierung eines entwickelten Landes, wie es die
Vereinigten Staaten sind, tun kann, um kurzfristig
Arbeitsplätze zu schaffen - das heißt, binnen fünf
Jahren oder innerhalb der Amtszeit einer Administration.

t

Der plausibelste Schluß aus diesen Unterlagen ist in
der Tat, daß die derzeitige Administration sehr wohl
die letzte sein kann, die wegen ihres Versprechens,
Arbeitsplätze zu schaffen, an die Macht kam, und die
letzte sein wird, die vornehmlich anhand ihres
Erfolges oder Scheiterns bei der Verwirklichung
dieses Versprechens beurteilt wird (eine Schlußfolgerung, zu der Ross Perot und seine Anhänger
bereits eindeutig gelangt sind).
Der Hauptgrund sind nicht die Finanzen, obwohl alle
Regierungen von Industrieländern (einschließlich der
Japaner) sich am Ende ihrer Ausgabenkapazität
befinden oder sie bereits überschritten haben. Der
Grund ist, daß die Schaffung von Arbeitsplätzen in
allen entwickelten Ländern keine quantitative,
sondern eine qualitative Herausforderung ist. Es ist
nicht das Problem der Rezession oder Depression,

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sondern langfristiger grundlegender struktureller
Verlagerungen. Es ist ein universelles Problem und
nicht ein amerikanisches, deutsches oder japanisches.
In den Vereinigten Staaten ist es in der Tat - bei
weitem - weniger schwerwiegend. Aus der Perspektive des Auslands - ich habe das Arbeitsplatzproblem im Mai und Juni 1993 mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland, Frankreich und
Belgien erörtert - sieht es aus, als hätten die Vereinigten Staaten überhaupt kein Arbeitsplatzproblem
für Nichtschwarze.
Erstens haben die Vereinigten Staaten bei weitem
den größten Anteil von beschäftigten und erwerbstätigen Erwachsenen und bei weitem den größten
Anteil von an gutbezahlten Arbeitsplätzen Beschäftigten. Und entsprechend haben sie den bei weitem
geringsten Anteil von arbeitslosen Erwachsenen (mit
Ausnahme der Schwarzen). Dies gilt sogar im
Vergleich zu Japan. Die offizielle japanische Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent ist geschönt - vor allem,
weil Frauen in der Regel nicht als ständig Beschäftigte angesehen werden und aus diesem Grund in den
Arbeitslosenzahlen überhaupt nicht berücksichtigt
werden, und teilweise, weil der Westen diejenigen, für
die es keine Arbeitsplätze gibt, dafür bezahlt, daß sie
nicht zur Arbeit gehen - wir zahlen Arbeitslosenhilfe wohingegen die Japaner sie bezahlen, damit sie zur
Arbeit gehen und unbeschäftigt herumsitzen. In
jedem Fall trägt der Steuerzahler die Kosten. Wie

Seite 1

�hoch die echte japanische Arbeitslosenquote ist,
wissen wir nicht. Die genaueste Schätzung - der
Wirtschaftswissenschaftler bei Keidanren, dem
mächtigen japanischen Arbeitgeberverband - liegt
bei ungefähr 7 Prozent für erwachsene Männer und
nahe an 15 Prozent für erwachsene Frauen.
Die Vereinigten Staaten haben auch die niedrigste
Arbeitslosenquote des Westens für junge Nichtschwarze und den höchsten Prozentsatz, mit dem
sie in der Erwerbsbevölkerung vertreten sind. Die
reale japanische Zahl für Jugendliche ist vielleicht
niedriger als die amerikanische Zahl, aber wahrscheinlich geringfügig. Bis jetzt haben die Japaner
Berufsanfänger eingestellt und ihnen Ausbildung
geboten (obwohl sie keine Arbeitsplätze für sie
hatten). Dies scheint sich jedoch zu ändern - Nissan
hat beispielsweise die Einstellung von Berufsanfängern drastisch gesenkt. Und einige Prognosen in
Japan sehen einen dramatischen Anstieg der
Arbeitslosigkeit bei jungen Absolventen der weiterführenden High-Schools voraus, das heißt, Jugendlichen ohne College-Ausbildung.
Heute wird viel über das deutsche System für
Auszubildende gesprochen. Ich war in einem 1949
erschienenen Buch einer seiner ersten Befürworter.
Trotz des Programms für Auszubildende hat
Deutschland heute mit die höchste Arbeitslosenquote
unter Jugendlichen in der entwickelten Welt - weit
höher als die der Vereinigten Staaten für Nichtschwarze. Nur sehr große deutsche Firmen übernehmen die Mehrzahl ihrer Auszubildenden. Die
anderen bilden sie aus, solange die Regierung für
sie zahlt, aber dann haben sie keine Arbeitsplätze
für sie - zumindest die verfügbaren Arbeitsplätze
sind nicht diejenigen, auf die das Programm für
Auszubildende die jungen Menschen vorbereitet.
In allen Industrienationen sehen wir uns mit einer
Verlagerung der Bedeutung eines "guten Arbeitsplatzes" konfrontiert. Offensichtlich hat sich die
Anzahl, der Prozentsatz oder die Bezahlung des
traditionellen "schlechten Arbeitsplatzes" wenig
verändert - die letzte Verlagerung dieser Art scheint
nach dem Ersten Weltkrieg stattgefunden zu haben,
als Hausangestellte in den entwickelten Ländern
rapide abnahmen und mit dem Zweiten Weltkrieg
völlig verschwanden. Von 1900 an - und ganz
eindeutig seit dem Ersten Weltkrieg - stand der
größte Teil "guter Arbeitsplätze" ungelernten (aber
vornehmlich gewerkschaftlich organisierten), Robotern vergleichbaren Arbeitern in der Massenproduktionsindustrie zur Verfügung - Arbeitsplätze, die ein
wissenschaftliches Management und das Fließband
schufen. Diese Arbeitsplätze werden weder exportiert noch durch Automatisierung ersetzt. Sie werden
abgeschafft, während die Arbeit durch Wissen

Seite 2

umstrukturiert wird. Weniger als 15 Prozent des in
den Vereinigten Staaten verbrauchten Stahls wird
importiert - ein kleinerer Prozentsatz als in jedem
anderen Industrieland mit Ausnahme Japans.
Dennoch produziert USX - früher US Steel, der
größte Stahlfabrikant des Landes - jetzt ungefähr die
gleiche Tonnage mit 20.000 Stahlarbeitern wie vor 15
Jahren mit 120.000 und mit einem Minimum an
neuen Kapitalinvestitionen. Und die "Miniwalzwerke",
die auf Informationen aufbauen und bereits ein Drittel
des amerikanischen Stahls produzieren, benötigen
nur ein Drittel soviele Arbeiter für die gleiche Tonnage.
Das ist keine neue Entwicklung. Es ist der Höhepunkt eines nahezu ein Jahrhundert alten Trends.
Seit ungefähr 1900 nahm die für eine zusätzliche
Produktionseinheit in der Fertigungsindustrie erforderliche Zahl an Arbeitskräften um ein Prozent pro
Jahr ab. Der Trend wurde in Kriegszeiten unterbrochen, aber nicht umgekehrt. (Und wie sowohl
Lester Thurow als auch ich unterstrichen haben, ist
auch die für eine zusätzliche Produktionseinheit in
der Fertigungsindustrie benötigte zusätzliche Einheit
an Rohmaterial seit 1900 und zweifelsohne seit 1918
mit ungefähr der gleichen Jahresrate gesunken).
Gleichzeitig - wiederum seit Anfang dieses Jahrhunderts - ist der für jede Einheit des Bruttosozialprodukts erforderliche zusätzliche Anteil an gelernten
Arbeitskräften und Information um ein Prozent pro
Jahr gestiegen. Diese beiden grundlegenden Trends
kreuzten sich ungefähr um 1960 oder 1965. Sie
waren bereits so klar und deutlich, daß ich in meinem
1949 erschienenen Buch The New Society das
Entstehen einer "Volkswirtschaft des Wissens"
vorhersagte.
Diese Trends sind unumkehrbar.
Infolgedessen haben wir die merkwürdige und
ziemlich einzigartige Entwicklung der vergangenen 15
Jahre. Die Armen sind nicht ärmer geworden - sie
blieben, wo sie die ganz Zeit waren. Die Reichen der
fünfziger Jahre - das heißt, gewerkschaftlich organisierte, in der Massenproduktion tätige Arbeiter mit
einem Minimum an Ausbildung und Qualifikation verschwanden schnell. Und die Reichen der achtziger Jahre - Arbeitnehmer aller Art mit Wissen wurden reicher. Die Einkommensverteilung ist also
nicht ungleich, sondern vielmehr unregelmäßig
geworden.
Im Gegensatz zu der weithin verbreiteten Auffassung
ist dies nicht ein den Vereinigten Staaten eigenes
Phänomen und hat nichts mit Jimmy Carter, Ronald
Reagan oder George Bush zu tun. Die gleiche
Entwicklung fand in Großbritannien unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher statt,
in Frankreich unter dem sozialistischen Präsidenten
Frangois Mitterrand, in Deutschland unter der "sozia-

AMERIKA DIENST 30

�len Marktwirtschaft", in Schweden, in Holland - und
kommt jetzt schnell nach Japan.
Ich habe nicht von "Weißen" und "Nichtweißen",
sondern von "Nichtschwarzen" und "Schwarzen"
gesprochen. Denn auch im Hinblick auf die nichtschwarzen "Minderheiten" stehen die Vereinigten
Staaten entschieden besser da als jedes andere
entwickelte Land. Den Hispaniern geht es beispielsweise deutlich besser - bei Beschäftigung und
Arbeitslosigkeit, der Ausbildung und den Chancen als den Kariben und Pakistani in Großbritannien, den
Türken in Deutschland und den Algeriern in Frankreich. Und natürlich wird die Mehrzahl dieser neuen
Einwanderer nicht so in den Arbeitslosenstatistiken
der europäischen Länder erfaßt, wie wir Hispanier
und andere Minderheiten erfassen.

Es kann nicht durch das in Angriff genommen
werden, was die Regierung zur "Schaffung von
Arbeitsplätzen" oder zum "Schutz von Arbeitsplätzen" tun kann.

Die Probleme dieser Minderheiten - und natürlich
gibt es ernsthafte Probleme - unterscheiden sich
nicht so sehr von denen, die Neuankömmlinge aus
Ländern mit niedrigeren Ausbildungs- und Qualifikationsnormen stets hatten. Wenn solche Gruppen
entweder über die Ausbildung oder den Willen
verfügen, sie zu erwerben, sind sie wahrscheinlich in
einer besseren Position - im Hinblick auf Chancen
und Arbeitsplätze - als ähnliche Gruppen in der
amerikanischen Geschichte (Sizilianer Anfang dieses
Jahrhunderts oder Iren vor 150 Jahren) und in
Europa (die Tschechen in Wien vor dem Ersten

Die Schaffung von Arbeitsplätzen in der neuen
Volkswirtschaft bedeutet - wie von Professor Thurow
dargelegt - vor allem die erhöhte Beteiligung eines
Landes an der wachsenden und expandierenden
Weltwirtschaft. Einige meiner jüngsten Studien über
die aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu
ziehenden ökonomischen Lehren weisen eindeutig
auf eine nahezu übereinstimmende Entsprechung
zwischen bezahlten Arbeitsplätzen in einem Land/
Industriezweig/Unternehmen und der Beteiligung
dieser Einheit am Welthandel und der Weltwirtschaft
hin. Ferner hängt dies direkt von den Investitionen
dieses Landes/Industriezweigs/Unternehmens auf
ausländischen Märkten ab. Der Großteil der Exporte
von Fertigwaren und Dienstleistungen - die im
Gegensatz zu den sinkenden Exporten von Nahrungsmitteln und Rohmaterialien ansteigen - gehen in
zunehmendem Maße an Zweiggesellschaften, Partner
und Tochtergesellschaften inländischer Produzenten.
Über die Hälfte der Exporte amerikanischer Fertigungsunternehmen - die in den vergangenen 10
Jahren fast so schnell gewachsen sind wie die
japanischen Exporte in dem Jahrzehnt davor - gehen
an Zweig- und Tochtergesellschaften derselben
amerikanischen Produzenten, also an Unternehmen,

Weltkrieg oder die russischen Juden in England um

an die Amerika Arbeitsplätze exportierte, wie es

die Jahrhundertwende).

allgemein formuliert wird.

Arbeitsplätze - gute, gutbezahlte Arbeitsplätze stehen den Menschen mit Ausbildung offen, die für
auf Wissen basierende Arbeit vorbereitet sind. In
den Vereinigten Staaten gibt es eine beispiellose
Erfolgsgeschichte der von Indern ausgebildeten
Computerfachleute, und den schnellen sozialen
Aufstieg der Asiaten (zum Beispiel Koreaner oder
Chinesen), die den kulturellen Hintergrund haben
oder belesen sind. Sie haben wahrscheinlich die
niedrigste Arbeitslosenquote aller Gruppen der
amerikanischen Bevölkerung.

Umgekehrt sind die besten amerikanischen Abnehmer japanischer Exporte im Besitz von Japanern
befindliche Unternehmen. Toyota in Tennessee hat
in Japan mindestens vier- oder fünfmal so viele
Arbeitsplätze im Fertigungsbereich geschaffen wie in
Tennessee. (Ich kann es nicht beweisen, aber es ist
möglich, daß die Subventionierung ausländischer
Hersteller bei der Errichtung von Unternehmen in
diesem Land - wie in vielen unserer Bundesstaaten
geschah und immer noch der Fall ist - in den Vereinigten Staaten faktisch mehr Arbeitsplätze zerstört
als schafft.)

Für die 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung
und Erwerbsbevölkerung, die Nichtschwarze sind,
stimmen die verfügbaren Daten überein:
Das Problem ist nicht ein rein amerikanisches
Problem, sondern allen entwickelten Ländern
gemeinsam.
In den Vereinigten Staaten ist es weit weniger
gravierend als in jedem anderen entwickelten
Land und zweifelsohne unendlich weniger
schwerwiegend als in jedem anderen entwickelten westlichen Land.

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Die zweite Schlußfolgerung im Hinblick auf Arbeitsplätze und die Schaffung von Arbeitsplätzen für die
90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und
Erwerbsbevölkerung, die nicht schwarzer Hautfarbe
sind, ist die Notwendigkeit, daß wir Arbeitnehmer
heranbilden, die zur Nutzung der neuen Chancen in
der Lage sind. Dies bedeutet - wie jedem bewußt ist
- neues Denken sowie eine radikale Umstrukturierung
unseres Ausbildungswesens auf allen Ebenen. Es
würde den Rahmen meines Vortrags sprengen, auf
das Was und Wie eines solchen Vorgehens einzugehen - und natürlich hat bisher niemand eine

Seite 3

�Antwort parat. Einiges wird jedoch klar. Als allererstes benötigen wir fortgesetztes - lebenslanges Lernen. Zweitens lehren uns die Japaner eine
Lektion: Wie man zu lernen hat, nämlich die Disziplin des Lernens und der Prozeß des Lernens, sind
vielleicht wichtiger als die Themen und der Lehrplan.
Die Konzentration der amerikanischen Wirtschaft und
Unternehmen auf die Weltwirtschaft und der neue
Kurs für die Schule und das Lernen werden sicherlich ein völlig neues Denken auf seiten der Öffentlichkeit, Politiker und staatlichen Behörden erfordern.
Aber dies sind sicherlich nicht vorwiegend die Dinge,
die eine Regierung tun kann, oder bei denen sie
eine Führungsrolle übernehmen kann. Und sie
schaffen zweifelsohne keine Arbeitsplätze - oder
zumindest nicht so schnell.
Übrig bleibt die eigentümlich amerikanische Herausforderung, die schwarze Herausforderung. Sie ist
nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten zu
finden - Brasilien entwickelt eindeutig etwas dem
amerikanischen Problem schwarzer Arbeitnehmer
sehr Ähnliches, trotz aller Behauptungen des Landes, es habe kein Rassenproblem. Das Problem
schwarzer Arbeitnehmer ist jedoch in den Vereinigten Staaten seit 200 Jahren eine Tatsache. Es
handelt sich in quantitativer Hinsicht um ein "kleines"
Problem - insgesamt 10 oder 12 Prozent - das
wahrscheinlich abnimmt und großenteils irrelevant
ist. Gewissensprobleme verwenden jedoch einen
anderen Maßstab.
In gewissem Ausmaß kann das Problem der
Schwarzen als ein Arbeitsplatzproblem betrachtet
werden. Die in den Vereinigten Staaten lebenden
Schwarzen waren zweifelsohne der größte Nutznießer des Entstehens jener nie dagewesenen Klasse
der "Reichen der fünfziger Jahre" nach dem Zweiten
Weltkrieg - der überwiegend nicht ausgebildeten
Bezieher großer Einkommen in der gewerkschaftlich
organisierten Massenproduktion.
Das schnelle
Schwinden dieser Chancen hat den amerikanischen
Schwarzen mehr als jede andere Gruppe getroffen.
Es gibt jedoch eine Vielzahl von Beweisen dafür,
daß dieselbe Politik, die Einfluß auf das Arbeitsplatzproblem von Nichtschwarzen hat, auch auf Schwarze
zutrifft. Eine der Erfolgsgeschichten mit Signalwirkung der letzten Jahre unter den Schwarzen in den
Vereinigten Staaten ist die Schaffung guter Arbeitsplätze für Schwarze in den Innenstädten durch die
Chicago State University unter der Leitung von Dr.
Dolores Cross. Insbesondere in zwei ihrer Berufsschulen - den Schulen für Krankenpflege und
Unternehmensführung - hatte die Chicago State
University phänomenalen Erfolg unter schwarzen
Jugendlichen, von denen viele aus den schlimmsten

Seite 4

Gegenden der Innenstädte kommen. Sie wurden
umgeschult, zu guten Schülern gemacht und erhielten
Arbeitsplätze, durch die sie in den Mittelstand aufrückten.
Im Gegensatz zu dem, was viele von uns in den
Jahren unter Kennedy und Johnson glaubten, ist das
Problem der Schwarzen in den Vereinigten Staaten
nicht vorwiegend wirtschaftlicher Natur.
Es ist
zweifelsohne ein Problem der Diskriminierung sicherlich weniger als vor 50 Jahren, aber dennoch
von Bedeutung. Insofern ist es ein Problem der
Nichtschwarzen. Es ist zweifellos eng mit einem
sozialen Problem verknüpft - oder wird zumindest
beträchtlich dadurch verschärft - das weder schwarzer oder weißer, und eher globaler als amerikanischer Natur ist: Dem Verfall der stolzesten Schöpfung des 19. Jahrhunderts, der Stadt. Da es zunehmend einfacher wird, Informationen und Ideen zu
bewegen als Menschen, verliert die Stadt zunehmend
ihre Funktion. Dieses Problem steht auch in engem
Zusammenhang mit einem anderen soziopolitischen
Problem, das weder schwarz, noch weiß, noch
speziell amerikanisch ist - dem Scheitern des Sozialversorgungssystems, das vor über 100 Jahren im
Deutschland unter Bismarck ins Leben gerufen und
nach dem Zweiten Weltkrieg perfektioniert wurde.
Dieses System befindet sich allerorts in der Krise.
Und diese Krise steht überall ebenso mit nichtökonomischen Faktoren in Zusammenhang (Werten,
Bestrebungen, Demographie, Lebensstil) wie mit Geld
und der wachsenden Unfähigkeit (und dem Unwillen)
der erwerbstätigen Bevölkerung, nichtbeschäftigte
"Parasiten" zu unterstützen, so sehr sie diese Hilfe
auch verdienen oder benötigen mögen. In den
Vereinigten Staaten wird jedoch die Krise des Sozialversorgungssystems - ob zu Recht oder nicht - eher
als schwarzes denn als ein soziales Problem betrachtet.
Das Problem der Schwarzen und der Arbeitsplätze
für Schwarze ist auch ein Problem der schwarzen
Amerikaner - ihrer Werte, ihres Strebens, ihrer
Erwartungen und ihres Selbstverständnisses. Die
Regierung kann hiergegen nichts unternehmen. Dies
erfordert ein Handeln der Gemeinschaft, was weder
in den öffentlichen Sektor (Regierung) fällt, noch in
den Privatsektor (Unternehmen), sondern in einen
autonomen, sozialen Sektor von Führungspersönlichkeiten vor Ort, Organisationen vor Ort, Freiwilligen
vor Ort, Vorbildern vor Ort. Mir scheint, das hoffnungsvollste Anzeichen in der amerikanischen
Gesellschaft als Ganzes ist heute das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors und das Entstehen
eines solchen sozialen Sektors unter den Schwarzen.

AMERIKA DIENST 30

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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Talbott formuliert Engagement der USA für APEC, ASEAN und GATT neu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache bei der ASEAN-Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Haiti&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bereit zur Führung multinationaler Truppe in Haiti &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erste Anklagen bis Dezember erwartet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Oberstaatsanwalt nimmt Arbeit auf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Arbeitsmarkt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Arbeitsplätze in der neuen Volkswirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peter F. Drucker&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

29

27. Juli 1994

NAHER OSTEN

ISRAEL UND JORDANIEN GELOBEN
"DAUERHAFTEN" FRIEDEN
Die Washingtoner Erklärung

SICHERHEIT

DIE NATIONALE SICHERHEITSSTRATEGIE
DER USA
Eine Übersicht des Weißen Hauses

RUANDA

CLINTON ORDNET MASSIVE AUFSTOCKUNG
DER HILFE FÜR RUANDISCHE FLÜCHTLINGE
AN
Reaktion der Vereinigten Staaten

NICHTVERBREITUNG

EXPERTEN AUS DER EHEMALIGEN UDSSR
VERURTEILEN PLUTONIUMSCHMUGGEL
Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung

PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN

DIE PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN UND
-MUSEEN IN DEN USA
von Lester und Irene David

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1994

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NAHER

OSTEN
27. Juli 1994

ISRAEL UND JORDANIEN GELOBEN
"DAUERHAFTEN" FRIEDEN
Die Washingtoner Erklärung
WASHINGTON - (AD) - Israel und Jordanien haben sich am 25. Juli 1994 verpflichtet, die Verhandlungen
entschieden voranzutreiben, um einen auf die Resoultionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats und auf
"Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit" gegründeten Friedenszustand zu erlangen.
Bei einem historischen Treffen im Weißen Haus bekräftigten der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin
und der jordanische König Hussein das Engagement ihrer Nationen, einen gerechten, dauerhaften und
umfassenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten herbeizuführen.
Auf Bitte der beiden Politiker unterzeichnete auch Präsident Clinton die Erklärung als Zeuge und Gastgeber
ihres Treffens.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Washingtoner Erklärung.

A. Nach Generationen der Feindschaft, des Blutvergießens und der Tränen und nach Jahren der
Schmerzen und Kriege, sind Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin entschlossen, dem Blutvergießen und der Trauer ein
Ende zu bereiten. In diesem Geiste trafen sich
Seine Majestät König Hussein des haschemitischen
Königreichs Jordanien und der israelische Ministerpräsident und Verteidigungsminister Yitzhak Rabin
heute in Washington auf Einladung des Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerika, William J.
Clinton. Diese Initiative von Präsident William J.
Clinton ist ein historischer Meilenstein bei den
unermüdlichen Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur Förderung von Frieden und Stabilität im
Nahen Osten. Das persönliche Engagement des
Präsidenten hat die Einigung auf den Wortlaut dieser
historischen Erklärung ermöglicht. Die Unterzeichnung dieser Erklärung ist Zeugnis der Vision und
Verpflichtung des Präsidenten zur Sache des Friedens.
B. Bei ihrem Treffen haben Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin gemeinsam ihre Verpflichtung zu den fünf grundlegenden Prinzipien ihrer Vereinbarung über eine gemeinsame Tagesordnung erneuert, mit der ein gerechter,
dauerhafter und umfassender Frieden zwischen den
arabischen Staaten, den Palästinensern und Israel
herbeigeführt werden soll.

AMERIKA DIENST 29

1. Israel und Jordanien streben die Erlangung eines
gerechten, dauerhaften und umfassenden Friedens zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten
und den Abschluß eines Friedensvertrags zwischen den beiden Ländern an.
2. Die beiden Länder werden ihre Verhandlungen
entschieden vorantreiben, um einen auf die
Resoultionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
und auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
gegründeten Friedenszustand zu erlangen.
3. Israel respektiert die derzeitige Sonderrolle des
haschemitischen Königreichs Jordanien in den
moslemischen heiligen Stätten Jerusalems. Wenn
die Verhandlungen über den ständigen Status
stattfinden, wird Israel der historischen Rolle
Jordaniens in diesen Stätten hohe Priorität einräumen. Darüber hinaus haben sich die beiden
Seiten auf gemeinsames Handeln zur Förderung
der Beziehungen zwischen den drei monotheistischen Religionen geeinigt.
4. Die beiden Länder erkennen ihr Recht und ihre
Verpflichtung an, in sicheren und anerkannten
Grenzen in Frieden miteinander und mit allen
Staaten zu leben. Die beiden Staaten bekräftigen
die Respektierung und Anerkennung der Souveränität, territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit jedes Staates in der Region.

Seite 1

�5. Die beiden Länder möchten gutnachbarliche
Beziehungen der Zusammenarbeit zwischen
ihnen entwickeln, um dauerhafte Sicherheit zu
gewährleisten sowie die Androhung und den
Einsatz von Gewalt zwischen ihnen zu verhindern.
C. Der lange Konflikt zwischen den beiden Staaten
geht jetzt zu Ende. In diesem Geiste ist der Kriegszustand zwischen Israel und Jordanien beendet
worden.
D. Gemäß dieser Erklärung und im Einklang mit der
gemeinsamen Tagesordnung werden beide Länder
von Aktionen oder Aktivitäten Abstand nehmen, die
der Sicherheit des anderen zuwiderlaufen oder das
endgültige Ergebnis der Verhandlungen präjudizieren. Keine Seite wird die andere mit dem Einsatz
von Gewalt, Waffen oder irgendeinem anderen Mittel
bedrohen, und beide Seiten werden aus allen
Formen des Terrorismus entstehende Bedrohungen
der Sicherheit abwehren.
E. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin haben die bei den bilateralen Verhandlungen auf der israelisch-jordanischen
Gesprächsschiene in der vergangenen Woche
erzielten Fortschritte zur Kenntnis genommen, bei
denen die Schritte zur Umsetzung der einzelnen
Tagesordnungspunkte wie Grenzen, territoriale
Angelegenheiten, Sicherheit, Wasser, Energie,
Umwelt und Nutzung des Jordantals beschlossen
wurden.
In diesem Zusammenhang stellten sie in Anbetracht
der Punkte auf der gemeinsamen Tagesordnung
(Grenzen und territoriale Angelegenheiten) fest, daß
die Kommission für den Tagesordnungspunkt
Grenzen im Juli 1994 Einigung in Erfüllung eines
Teils der ihr in diesem Tagesordnungspunkt übertragenen Rolle erzielt hat. Sie stellten ferner fest,
daß die Kommission für den Tagesordnungspunkt
Wasser, Umwelt und Energie vereinbarte, als Ziel
ihrer Verhandlungen die rechtmäßige Zuweisung
beider Seiten im Jordan- und Yannouktal gegenseitig
anzuerkennen und die ausgehandelte rechtmäßige
Zuweisung im Einklang mit vereinbarten annehmbaren Prinzipien von gegenseitig annehmbarer
Qualität vollständig zu respektieren und einzuhalten.
Entsprechend brachten Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin ihre tiefe
Zufriedenheit und ihren Stolz über die Arbeit der
trilateralen Kommission bei dem am Mittwoch, dem
20. Juli 1994 in Jordanien abgehaltenen Treffen zum
Ausdruck, bei dem der jordanische Ministerpräsident,
Dr. Abdessalam al-Majali, Gastgeber war und an
dem Außenminister Warren Christopher und sein
israelischer Amtskollege Schimon Peres teilnahmen.

Seite 2

Sie artikulierten ihre Freude über den Beistand und
das Engagement der Vereinigten Staaten in dieser
Angelegenheit.
F. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin vertreten die Auffassung, daß
Schritte zur Überwindung der psychologischen
Barrieren und zum Bruch mit dem Erbe des Krieges
unternommen werden müssen. Während sie mit
Optimismus auf die Friedensdividende für alle Menschen in der Region hinarbeiten, sind Israel und
Jordanien entschlossen, ihre Verantwortung bezüglich
der menschlichen Dimension der Friedensschaffung
zu übernehmen. Sie sind sich bewußt, daß Ungleichgewichte und Unterschiede die Ursache von
Extremismus sind, der auf dem Nährboden von
Armut, Arbeitslosigkeit und der Zerstörung der
menschlichen Würde gedeiht. In diesem Geiste
haben Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin heute einer Reihe von Schritten zustimmten, die das jetzt in greifbare Nähe
gerückte neue Zeitalter symbolisieren:
1. Zwischen Israel und Jordanien werden direkte
Telefonverbindungen geschaffen.
2. Im Rahmen eines regionalen Konzepts werden die
Elektrizitätsnetze Israels und Jordaniens aneinander angeschlossen.
3. Zwischen Israel und Jordanien werden zwei neue
Grenzübergänge geöffnet - einer an der Südspitze
von Akaba-Eilat und der andere an einem von
beiden Seiten vereinbarten Punkt im Norden.
4. Zwischen Israel und Jordanien reisenden Touristen aus Drittländern wird grundsätzlich freier
Zugang gewährt.
5. Die Verhandlungen über die Öffnung eines internationalen Luftkorridors zwischen den beiden
Ländern werden beschleunigt.
6. Die Polizeikräfte Israels und Jordaniens werden
bei der Verbrechensbekämpfung zusammenarbeiten, wobei der Schwerpunkt auf den
Schmuggel und insbesondere den Drogenhandel
gelegt wird. Die Vereinigten Staaten werden zur
Beteiligung an diesem Gemeinschaftsunternehmen eingeladen.
7. Die Verhandlungen über Wirtschaftsfragen werden
als Vorbereitung auf die künftige bilaterale Zusammenarbeit fortgesetzt, einschließlich der
Abschaffung aller wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen.

AMERIKA DIENST 29

�Diese Schritte werden im Rahmen von regionalen
infrastrukturellen Entwicklungsplänen und im Einklang mit den israelisch-jordanischen bilateralen
Gesprächen über Grenzen, Sicherheit, Wasser und
damit in Zusammenhang stehenden Fragen umgesetzt und ohne das endgültige Ergebnis der Verhandlungen über in die gemeinsame Tagesordnung
zwischen Israel und Jordanien aufgenommene
Fragen zu präjudizieren.
G. Seine Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin haben vereinbart, sich
regelmäßig, oder wann immer sie es für nötig
erachten, zu treffen, um die Fortschritte der Verhandlungen zu überprüfen und den Prozeß in seiner
Gesamtheit zu lenken.

H. Abschließend möchten Seine Majestät König
Hussein und Ministerpräsident Yitzhak Rabin nochmals ihren tiefempfundenen Dank an Präsident
William J. Clinton und seine Administration sowie ihre
Wertschätzung für deren unermüdlichen Bestrebungen zur Förderung der Sache des Friedens, der
Gerechtigkeit und des Wohlstands für alle Völker der
Region zum Ausdruck bringen. Sie möchten dem
Präsidenten persönlich für die herzliche Begrüßung
und Gastfreundschaft danken. Als Ausdruck ihrer
Wertschätzung für den Präsidenten haben Seine
Majestät König Hussein und Ministerpräsident Yitzhak
Rabin Präsident William J. Clinton gebeten, dieses
Dokument als Zeuge und Gastgeber ihres Treffen zu
unterzeichnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 29

Seite 3

�SICHERHEIT
27. Juli 1994

DIE NATIONALE SICHERHEITSSTRATEGIE DER USA
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Das Weiße Haus hat die nachfolgende Übersicht im Zusammenhang mit der Übermittlung des Berichts über
die nationale Sicherheitsstrategie an den Kongreß am 21. Juli 1994 herausgegeben. In einem Begleitschreiben
verpflichtete sich Präsident Clinton zum weiteren aktiven Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland mit
der Feststellung, die Vereinigten Staaten sähen sich jetzt mit "vielschichtigeren" Gefahren konfrontiert als vor
50 Jahren, als die Bedrohung durch den Kommunismus die zentrale Sicherheitsherausforderung darstellte.
Während der ersten 17 Monate hat die Strategie des Engagements und der Erweiterung dieser Administration
im Hinblick auf unsere Sicherheitserfordernisse bereits greifbare Ergebnisse gezeitigt:

Sicherheit
Auf Anweisung des Präsidenten beendete das
Pentagon die grundlegende Überprüfung, welche
Streitkräfte und Systeme unsere Nation in diesem
neuen Sicherheitszeitalter benötigt. Der Präsident
hat ferner einen auf fünf Jahre befristeten Verteidigungshaushalt vorgelegt, der die von der Überprüfungskommission empfohlene Streitkräftestruktur
finanziert, und wiederholt unterstrichen, daß er
gegen weitere Kürzungen ist, die diese Streitkräftestruktur unterminieren oder die militärische Bereitschaft der Vereinigten Staaten aushöhlen würden.
Im Januar 1994 berief der Präsident ein NATOGipfeltreffen ein. Bei dem Gipfel wurden die Partnerschaft für den Frieden und andere wichtige neue
Initiativen verabschiedet um sicherzustellen, daß die
NATO zur Bewältigung der europäischen und
transatlantischen
Sicherheitsherausforderungen
dieses Zeitalters vorbereitet ist und die Sicherheitsbeziehungen bietet, die die ehemals kommunistischen Staaten in das übrige Europa einbinden.
Inzwischen sind 21 Länder, darunter Rußland, der
Partnerschaft für den Frieden beigetreten.
Der Präsident hat weitreichende Maßnahmen zur
Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägerraketen in die Wege
geleitet. Die Vereinigten Staaten haben offizielle
Verhandlungen zum Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot aufgenommen und bahnbrechende
Verpflichtungen zur Beseitigung aller Nuklearwaffen
in der Ukraine, Belarus und Kasachstan erzielt.

AMERIKA DIENST 29

Am 3. Mai 1994 unterzeichnete Präsident Clinton
einen Präsidialerlaß über die "Amerikanischen
Maßnahmen zur Reform multilateraler Friedensoperationen". Diese Maßnahmen stellen einen ersten
umfassenden Rahmen für die Entscheidungsfindung
der Vereinigten Staaten zu Themen wie Friedensschaffung und Friedenssicherung dar, der an die
Realitäten der Zeit nach dem Kalten Krieg angepaßt
ist.
Wirtschaft
Der Präsident hat mit dem Kongreß an effektiven
Maßnahmen zum Abbau des Haushaltsdefizits und
zur Wiederherstellung des Wirtschaftswachstums
zusammengearbeitet. Diese Maßnahmen tragen zur
Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit bei und
stärken unsere Position bei Verhandlungen mit
anderen Nationen.
Der Präsident sicherte die Verabschiedung des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North
American Free Trade Agreement - NAFTA), mit dem
die größte Freihandelszone der Welt und Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen werden. Die
Entscheidung für das NAFTA ist eine eindeutige
Bekräftigung des internationalen Engagements der
Vereinigten Staaten. Im Rahmen der Zusatzabkommen über die Umwelt und Arbeitsfragen arbeiten wir
aktiv am Schutz der Rechte von Arbeitnehmern sowie
der Verringerung der grenzüberschreitenden Luft- und
Wasserverschmutzung.
Die Administration hat eine Führungsrolle bei den
multilateralen Bestrebungen zur Erlangung der
umfassendsten Abkommen zur Marktöffnung bei den

Seite 1

�Verhandlungen der Uruguay-Runde des GATT über
den Welthandel übernommen. Der Präsident wird
mit dem Kongreß auf die Gewährleistung des
amerikanischen Beitritts diesem bahnbrechenden
Abkommen in diesem Jahr und der Gründung der
Welthandelsorganisation hinarbeiten.
Der Präsident hat das erste Treffen von Staats- und
Regierungschefs des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asian Pacific
Economic Cooperation - APEC) einberufen und
Schritte zur Erweiterung unserer Verbindungen zu
den Volkswirtschaften der asiatisch-pazifischen
Region - dem am schnellsten wachsenden Gebiet
der Welt - unternommen.
Wir haben die Vereinigten Staaten zur Verringerung
ihrer Treibhausgasemissionen auf das Niveau von
1990 bis zum Jahr 2000 verpflichtet und zur Erlangung dieses Ziels einen nationalen Klimaplan
erarbeitet. Die Vereinigten Staaten haben darüber
hinaus auf internationaler Ebene eine führende Rolle
bei der schrittweisen Einstellung der Produktion der
die Ozonschicht am stärksten abbauenden Substanzen gespielt.
Im Rahmen des Montrealer
Protokolls über den Schutz der Ozonschicht tragen
die Vereinigten Staaten zu den Bestrebungen der
Entwicklungsländer bei, ihre Emissionen von die
Ozonschicht zerstörenden Chemikalien zu reduzieren. Im Juni 1993 unterzeichneten die Vereinigten
Staaten den Vertrag über die Artenvielfalt.
Die Administration hat international die Führungsrolle
bei Bevölkerungsfragen übernommen und konzentriert sich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
auf einen Plan zur Förderung der Familienplanung,
grundlegende Gesundheitsfürsorge und damit
einhergehende Entwicklungsstrategien, die den
Familien die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder
und den zeitlichen Abstand zwischen ihnen ermöglichen.

men in Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion beträchtlich
erweitert.
Die Vereinigten Staaten haben eine Reihe von
Initiativen zur Förderung der neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas in die Wege geleitet. Wir
haben unsere Besorgnis um ihre Sicherheit in der
Erkenntnis unterstrichen, daß solche Zusicherungen
eine Schlüsselrolle bei der Förderung demokratischer
Entwicklungen spielen.
Die Vereinigten Staaten haben die Hilfe für die neue
Regierung von Präsident Nelson Mandela in Südafrika verdoppelt, um den historischen Übergang zu
einer nichtrassischen Demokratie zu konsolidieren,
einschließlich eines auf drei Jahre befristeten Handels-, Hilfs- und Investitionsprogramms in Höhe von
600 Millionen Dollar.
In Zusammenarbeit mit der Organisation Amerikanischer Staaten haben die Vereinigten Staaten zur
Vereitelung des antidemokratischen Putsches in
Guatemala beigetragen.
Die Administration hat Bestrebungen zur Verstärkung
der UN-Sanktionen gegen die militärischen Herrscher
in Haiti angeführt mit dem Ziel, die Demokratie
wiederherzustellen und den demokratisch gewählten
Präsidenten Haitis wiedereinzusetzen.
Der Präsident hat die demokratischen Nationen der
Hemisphäre zu einem Gipfeltreffen eingeladen, das
in der Geschichte seinesgleichen sucht, um Zusammenarbeit bei der Unterstützung der Demokratie
auf der Hemisphäre sowie gegenseitigen Wohlstand
und umweltverträgliche Entwicklung zu erörtern.
Die Administration hat Maßnahmen zur Krisenverhinderung, einschließlich einer neuen Friedensschaffungspolitik in die Wege geleitet und eine Überarbeitung des Gesetzes über Auslandshilfe vorgeschlagen.

Demokratie
Die Administration hat die Unterstützung der Vereinigten Staaten für demokratische und Marktrefor-

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 29

�RUANDA
27. Juli 1994

CLINTON ORDNET MASSIVE AUFSTOCKUNG DER HILFE
FÜR RUANDISCHE FLÜCHTLINGE AN
Reaktion der Vereinigten Staaten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat am 22.
Juli 1994 als Reaktion auf die humanitäre Katastrophe "eine unverzügliche und massive Aufstockung"
der Hilfe für ruandische Flüchtlinge angeordnet,
einschließlich einer ununterbrochenen Luftbrücke mit
dringend benötigten Hilfsgütern.
"Der Strom von Flüchtlingen über die Grenzen
Ruandas hinweg könnte inzwischen als die schlimmste humanitäre Krise einer Generation bezeichnet
werden", erklärte Präsident Clinton in einer aus dem
Weißen Haus übertragenen Fernsehansprache.
"Während die Amerikaner Zeuge dieser erschütternden Tragödie werden, müssen alle Amerikaner im
ganzen Land einen persönlichen Beitrag an Hilfsorganisationen zur Linderung dieses Leidens leisten."
Die neue Initiative der US-Regierung umfaßt weitere
100 Millionen Dollar, teils in Beständen an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Zelten des Verteidigungsministeriums, teils in Transportkosten.
Clinton hatte zuvor rund 150 Millionen Dollar an
staatlicher Hilfe angekündigt.
Dem Präsidenten zufolge sehen sich die Vereinigten
Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
in Ruanda und den Nachbarländern - Zaire, Tansania, Burundi und Uganda - wohin über 2 Millionen
Ruander geflüchtet sind, mit einer zweifachen
Aufgabe konfrontiert.
Die erste Aufgabe, so der Präsident, "besteht in der
unverzüglichen Milderung des Leidens", einschließlich der Kontrolle der sich rapide ausbreitenden
Choleraepidemie im Lager Goma in Zaire, wo
Berichten zufolge 1.300 Krankheitsfälle aufgetreten
und mindestens 1.000 Menschen bereits gestorben
sind. Der Präsident hat die Einrichtung einer neuen
Wasserversorgung in Goma angeordnet und stellte
fest, über 20 Millionen orale Rehydrationspackungen
befänden sich auf dem Weg dorthin.
Clinton verwies auf die Meldungen von Experten,
laut denen es pro Minute einen Toten in dem Lager

AMERIKA DIENST 29

gibt. Angesichts der dort dahinvegetierenden 1,2
Millionen Flüchtlinge gibt es im Lager keine Möglichkeiten zur Bewältigung der Katastrophe. Die oralen
Rehydrationspackungen ersetzen die aufgrund von
Diarrhöe und anderen Darmkrankheiten wie Cholera
ausgeschiedenen Salze und Zucker. Normalerweise
tritt der Tod bei Cholera binnen 24 Stunden ein, aber
die Patienten können sich in nur drei Stunden nach
Einnahme des Rehydrationsmedikaments erholen.
Die zweite Aufgabe, so der Präsident, bestehe in der
Bewältigung der Krise - die letztlich die Lösung des
Flüchtlingsproblems beinhalte, "Konditionen zu
schaffen, die eine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre
Heimat ermöglichen".
Präsident Clinton stellte fest, die Vereinigten Staaten
"machten der neuen Führung in Ruanda gegenüber
klar", daß die diplomatische Anerkennung und die
internationale Zustimmung "von der Einführung einer
auf eine breite Basis gegründeten Regierung, Rechtsstaatlichkeit und Bestrebungen zur nationalen Aussöhnung" abhängen.
Clintons Berater in nationalen Sicherheitsfragen,
Anthony Lake, erklärte vor Reportern, der Präsident
sei durch die Tatsache "ermutigt", daß die Ruandische Patriotische Front (RPF) Angehörigen der Hutu
hohe Ämter in der neuen Regierung übertragen habe,
durch die Durchsetzung des Waffenstillstands und
ihre Versuche, die Flüchtlinge zur Rückkehr zu
bewegen. Die Kämpfe zwischen den die Mehrheit
bildenden Hutus, die Ruanda bis April regierten, und
der Gruppe der Tutsi kosteten 500.000 Menschenleben. "Es ist eine aus brutaler Gewalt entstandene
Katastrophe", stellte Clinton fest, "die jetzt jede
Minute ein Menschenleben fordert."
Der Präsident hat das Außenministerium und die
Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten bei den
Vereinten Nationen angewiesen, "sofortige Maßnahmen zur Schaffung von Bedingungen für die sichere
Rückkehr der Flüchtlinge zu ergreifen, darunter die
Unterstützung der Vereinigten Staaten für die unverzügliche Entsendung eines Kontingents von UN-

Seite 1

�Friedenstruppen nach Ruanda". Lake fügte später
hinzu, an den Friedenssicherungsoperationen seien
keine amerikanischen Truppen beteiligt, sondern
vornehmlich afrikanische.
Präsident Clinton ordnete ferner Schritte zur Unterbindung des von Hutu-Extremisten betriebenen
Piratensenders an, der die Ruander zur Flucht aus
ihrem Land aufgefordert hat.

Auf Kritik, Washington habe zu langsam auf die sich
abzeichnende humanitäre Katastrophe reagiert,
antwortete Clinton, die Vereinigten Staaten hätten
die internationalen Hilfsbestrebungen seit Beginn der
Krise im Mai angeführt. Er erinnerte daran, daß die
Vereinigten Staaten Hilfsmittel im Wert von 15
Millionen Dollar bereitgestellt hätten, als die ersten
Ruander nach Tansania flohen - Mittel, "die zur
Vermeidung der Art von Problemen in Tansania
beigetragen haben, wie wir sie jetzt in Zaire beobachten". Amerikanischen Regierungsvertretern
zufolge befinden sich 460.000 Flüchtlinge in Tansania, 200.000 in Burundi und 10.000 in Uganda. In
Zaire halten sich 1,2 Millionen in Goma auf, 150.000
in Bukavu und 400.000 in Kamanyola.
Seit Mai haben die Vereinigten Staaten weitere 135
Millionen Dollar genehmigt, abgesehen von den vom
Präsidenten am 22. Juli angekündigten 100 Millionen
Dollar. Der Präsident stellte fest, amerikanische
Flugzeuge hätten seit Mai 100 Hilfseinsätze geflogen
und das Verteidigungsministerium habe 50 Schützenpanzer und anderes Gerät für ghanaische
Truppen der UN-Friedensmission bereitgestellt.
Dem Präsidenten zufolge werden mit der Regierung
von Uganda diplomatische Gespräche geführt, die
die Einrichtung eines Hauptquartiers in Entebbe für
Hilfsmissionen in der gesamten Region gestatten
sollen. Präsident Clinton hat das Verteidigungsministerium angewiesen, in Zusammenarbeit mit den
französischen und zairischen Behörden Hilfestellung
für weitere Flüge nach Goma und Bukavu zu leisten
und "Personal und Gerät zur Verfügung zu stellen,
damit diese Flugplätze 24 Stunden lang betrieben
werden können. Unser Ziel ist die schnellstmögliche
Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und
anderen Gütern an die Notleidenden."

sarin der Vereinten Nationen (UNHCR) als notwendiger Bestandteil für eine Lösung angeführten Schutzzonen übernehmen, einschließlich des Betriebs des
Flughafens, der Wasseraufbereitung und sanitärer
Anlagen.
Lake erklärte vor Journalisten, die Vereinigten Staaten hätten vor dem 7. April, als das Flugzeug des
ruandischen Präsidenten abgeschossen und damit
der Bürgerkrieg in Ruanda ausgelöst wurde, 20
Millionen Dollar an Auslandshilfe für Ruanda gezahlt.
Als der Flüchtlingsstrom im Mai und bis zum letzten
Wochenende zunahm, seien weitere 78 Millionen
Dollar für Flüchtlingshilfe bereitgestellt worden. Am
17. und 18. Juli wurden aus dem Nothilfefonds des
Präsidenten und vom Amt für internationale Entwicklung (Agency for International Development - AID)
zusätzlich 35 Millionen Dollar zugewiesen. Und am
22. Juli gab AID einen weiteren Beitrag von 41,5
Millionen Dollar bekannt. "Insgesamt beläuft sich die
Nothilfe auf 150 Millionen Dollar", stellte Lake fest.
"Dies macht uns bei weitem zum größten Geldgeber
in dieser Krise. Diese Zahlen sind dehnbar, weil die
Menschen jeden Tag einen Beitrag leisten, aber
unseren Berechnungen zufolge machen sie rund 40
Prozent der internationalen Beiträge aus."
Der Stellvertretende Verteidigungsminister John
Deutch fügte hinzu, das Militär werde Transportkosten sowie Bestände an Nahrungsmitteln und Medikamenten im Wert von über 100 Millionen Dollar zur
Verfügung stellen.
Deutchs Aussagen zufolge versteht man unter dem
Betrieb des Flughafens auch die Stationierung von
Flugsicherungsgerät für die Luftbrücke, um den
24stündigen Betrieb der Flugplätze von Goma und
Bukavu zu gewährleisten, sowie die Sicherheit der
Landebahnen. "Wir werden eine logistische Basis in
Entebbe aufbauen, um diese Flugplätze zu bedienen.
Dazu zählt das Entladen von Gerät wie Gabelstapler,
Transportgerät wie Lastwagen und Kommunikationssystemen für alle eintreffenden Lieferungen."

Lake fügte hinzu, die amerikanischen Bestrebungen
"können nicht garantieren, daß jedes Leben gerettet
und jeder Bedarf gedeckt wird". Er stellte jedoch
klar, daß die Vereinigten Staaten "ihr Bestes tun
werden".

Laut Deutch wird der Luftwaffenstützpunkt in Entebbe
"alle Flüge, Güter, Einrichtungen für die Besatzungen,
Lagerhäuser, Feldoperationen sowie den Treibstoff
für alle Flüge kontrollieren" - eine breitgefächerte
Unterstützung, die den Fluß von Lieferungen und
Personal in die Region "entscheidend verbessern
wird". Zu dem in das Gebiet verlagerten Gerät gehört
die Beleuchtung für die Landebahnen, Radar, Speisesäle, Rohre und Pumpen für die Wasserversorgung
sowie Wasseraufbereitungsanlagen von dem amerikanischen Stützpunkt Diego Garcia.

Lake äußerte, die Vereinigten Staaten würden die
Hälfte der acht von der Hohen Flüchtlingskommis-

Deutch erklärte, das Hauptproblem "ist Wasser, um
den weiteren Verlust an Menschenleben zu verhin-

Seite 2

AMERIKA DIENST 29

�dem. Das bedeutet nicht nur die Aufbereitung von
Wasser, sondern die Gewährleistung, daß man es
den Kindern einflößen kann. Wir reden hier über die
Einrichtung einer Wasserversorgung für mindestens
1,2 Millionen Menschen" in Goma. Dies werde Zeit
erfordern, daher unternehme man unverzüglich
Schritte zur Bereitstellung von Gerät zum chlorieren
und Verteilung der 20 Millionen oralen Rehydrationspackungen.
Am 22. Juli 1994 erklärte der Abteilungsleiter für
afrikanische Angelegenheiten im Außenministerium,
George Moose, gegenüber Reportern, die US-Regierung habe "in den vergangenen Tagen und Wochen
regelmäßig mit der Führung in Ruanda - der RPF in Verbindung gestanden".
Er fügte hinzu, das Außenministerium werde David
Rawson, den ehemaligen amerikanischen Botschafter in Ruanda und derzeit Sondergesandten für
Ruanda, nach Kigali entsenden, um "unsere Kontakte zu erleichtern ... vor allem zu den ruandischen

*

AMERIKA DIENST 29

*

Behörden in Kigali, der Ruandischen Patriotischen
Front, zu den Vertretern der UN-Hilfsmission in
Ruanda (U.N. Assistance Mission in Rwanda UNAMIR) und den UN-Angehörigen, um die erforderlichen Bedingungen zur schnellstmöglichen
Rückkehr der Flüchtlinge zu schaffen".
Er forderte die neue Regierung in Ruanda auf,
"andere politische Elemente in Ruanda einzubeziehen, in Kigali eine Regierung auf breiter Basis sowie
kommunale Verwaltungen zu gründen, die den
anderen Ruandern ein Gefühl des Vertrauens vermitteln können". Er drängte ferner auf "die möglichst
baldige Entsendung von UNAMIR, insbesondere in
die Gebiete ... die infolge des Flüchtlingsstroms
entvölkert wurden".
Moose betonte, Rawson habe nicht "die Absicht, die
amerikanische Botschaft in Kigali wiederzueröffnen.
Seine Intention ist, direkte Gespräche und einen
Dialog mit den Behörden vor Ort zu führen. Seine
Empfehlungen und Berichte werden entscheiden, wie
schnell wir unsere Mission wiedereröffnen können."

*

*

Seite 3

�NICHTVERBREITUNG
27. Juli 1994

EXPERTEN AUS DER EHEMALIGEN UDSSR
VERURTEILEN PLUTONIUMSCHMUGGEL
Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung
WASHINGTON - (AD) - Der Diebstahl und Schmuggel selbst kleinster Mengen von hochangereichertem
Uran und Plutonium ist einem Regierungsvertreter
Kasachstans zufolge nicht nur "unklug, sondern
schlicht und einfach dumm".
Dies war die Antwort von Dastan Eleukenow am 19.
Juli 1994 auf Presseberichte, deutsche Behörden
hätten im Mai eine kleine Probe waffenfähigen
Plutoniums beschlagnahmt, das aus einem russischen Atomwaffenbetrieb geschmuggelt wurde. Der
stellvertretende Direktor des kasachischen Instituts
für Strategische Studien sprach auf einer Informationsveranstaltung für die Medien vor der amerikanischen Vereinigung für die Förderung der Wissenschaft (American Association forthe Advancement of
Science - AAAS), die in Zusammenarbeit mit dem
National Security News Service gefördert wurde.
Eleukenow und 11 weitere staatliche und zivile
Sicherheitsexperten der mittleren Ebene aus Belarus, Kasachstan, der Ukraine und Rußland nehmen
an einem von der AAAS geförderten zweiwöchigen
Kurs teil.
Jury Simatchew vom interministeriellen analytischen
Zentrum in Rußland hält Schmuggel für "eine äußerst gravierende Angelegenheit". Rußland erhöhte
ihm zufolge vor kurzem seine Sicherheitsbestimmungen in dem Bestreben, "den möglicherweise unerlaubten Export spaltbaren Materials" zu kontrollieren. Zollbeamte hätten ferner die Kontrollen an den
Grenzübergängen verschärft, stellte er fest.
Der Vertreter des ukrainischen Außenministeriums,
Eugene Scharow, stellte fest, sein Land wolle ein
verläßliches Exportkontrollsystem einführen, um den
erneuten Export oder Transport spaltbarer oder
radioaktiver Materialien aus einem Nachbarstaat
über ukrainisches Territorium zu verhindern.

AMERIKA DIENST 29

Ural Latypow, Forschungsdirektor im Zentrum für
Nichtverbreitung und Exportkontrollen im belarussischen Minsk äußerte, atomarer Terrorismus könne
nur eingedämmt werden, wenn die Zoll- und Strafverfolgungsbeamten der ehemaligen Sowjetunion
"perfekt" zusammenarbeiteten.
Er sprach einen
Vorfall an, bei dem Kriminelle, die Nuklearmaterial "in
einer Handtasche" nach Polen einschmuggeln
wollten, festgenommen wurden. Obwohl das Nuklearmaterial nicht mit Erfolg für die Produktion von
Atomwaffen hätte eingesetzt werden können, so der
Regierungsvertreter, würden seine hochradioaktiven
Elemente eine Gefahr für in seiner Nähe befindliche
Personen darstellen.
Bei der Organisation des Seminars wollte die AAAS
ein Programm anbieten, das sich auf die Formulierung der Sicherheitspolitik in einer Demokratie
konzentriert und sich die Expertise von Vertretern der
Legislative und der Exekutive zunutze macht. Die
AAAS, eine private Organisation, arbeitete mit der
amerikanischen Regierung zusammen, um den
Seminarteilnehmern die Gelegenheit zu geben, etwas
über die verschiedenen wesentlichen Aspekte der
Nichtverbreitungspolitik zu erfahren.
W. Thomas Wander, Direktor des AAAS-Programms
für Wissenschaft und internationale Sicherheit,
zufolge brachte das Projekt die "Klügsten und Besten" aus den Ministerien, Instituten und Medien der
ehemaligen Sowjetunion zusammen.
Von den
Teilnehmern werde nicht erwartet, daß sie das
amerikanische Modell der Rüstungskontrolle und
Nichtverbreitung übernähmen und in ihrem Land
ohne Änderungen "umgehend umsetzten", denn in
vielen Fällen befänden sich ihre Regierungen "in
einer Übergangszeit".
Wander zufolge könnten die Teilnehmer jedoch
Lektionen mit nach Hause nehmen, die die Vereinigten Staaten im Bereich der Nichtverbreitung
bereits gelernt hätten, und sie würden zweifelsohne

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�von den während ihres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten geknüpften nationalen und regionalen
Kontakten profitieren. Die Teilnehmer an dem
Programm würden gebeten, in absehbarer Zeit
"analytische und technische Unterstützung" bereitzustellen, während ihre Länder mehrere internationale
Rüstungskontrollverträge umsetzen. Es liege in
jedermans Interesse, so Wander, "das verfügbare
Fachwissen zu erweitern und zu vertiefen", um sich
mit den unterschiedlichen Rüstungskontrollregimen
zu befassen, einschließlich der Chemiewaffenkonvention, dem Raketentechnologiekontrollregime und
dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) von 1968.
In Zusammenhang mit dem Seminar organisierte
das US-Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(U.S. Arms Control and Disarmament Agency ACDA) spezifische Präsentationen zu Themen wie
der Initiative der Clinton-Administration über die
Beendigung der Produktion von spaltbarem Material,
der NW-Verlängerungskonferenz von 1995 und
Bestrebungen zur Nichtverbreitung. Zu den hochrangigen Rednern zählten Vertreter des ACDA, des
Außen-, Enegie-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministeriums sowie des Nationalen Sicherheitsrats
und des Amts für vor-Ort-lnspektionen.
Latypow bezeichnete das Seminar als "äußerst
informativ" und erklärte, die AAAS-Initiative werde
"praktische Bedeutung" haben, weil sie zur Vorbereitung von Empfehlungen für den neuen belarussischen Präsidenten über Nichtverbreitung und
Exportkontrollen beitragen werde. Sein erworbenes
Fachwissen werde "direkt in die Erarbeitung" eines
Exportverwaltungsgesetzes für Belarus einfließen.
Yewtchen Scharow, II. Sekretär des Rüstungskontroll- und Abrüstungsdirektorats im ukrainischen
Außenministerium, stellte fest, er habe neue Kontakte, Wissen und "Aussichten auf Zusammenarbeit"
im Bereich der Nichtverbreitung vermittelt bekommen. Das Gelernte sei relevant für seine Aufgabe,
die ukrainische Politik zur Nichtverbreitung sowie
Export- und Raketenkontrollmaßnahmen zu lenken.
Latypow zufolge besteht die "wesentliche" Herausforderung für Belarus im Bereich der Nichtverbreitung im Ausmachen der für die Schaffung eines
effektiven Exportkontrollsystems
erforderlichen
"beträchtlichen Ressourcen", dem Abbau der Waffen

•

Seite 2

*

"auf das optimale Niveau" und der Durchführung der
Rüstungskonversion. Die Verwirklichung dieser Ziele,
erläuterte er, fordere mehr als "guten Willen".
Angesichts der Wirtschaftskrise in Belarus sei es dem
Durchschnittsbürger schwer verständlich zu machen,
warum Geld für die Verschrottung von Panzern
ausgegeben werden sollte, statt den Kindern in
Belarus zu helfen, die bei der Reaktorkatastrophe von
Tschernobyl kontaminiert wurden.
Scharow erklärt, der Beitritt der Urkaine zum N W sei
"für die Ukraine, die Vereinigten Staaten und die
übrige Welt von Bedeutung". Der N W sei dem
Parlament wiederholt zur Ratifizierung vorgelegt
worden, die Abstimmung sei jedoch wegen der
Sicherheitsgarantien verschoben worden.
Der
Regierungsvertreter bezeichnete die Ukraine aber als
"de facto" NW-Mitglied und äußerte, sein Land tue
"alles Erdenkliche", um die Nichtverbreitung und
"Frieden auf der Welt" zu stärken.
Vor dem Ende des Programms trafen die Teilnehmer
am 20. Juli mit Senator Richard Lugar zusammen.
Ellen Cooper, hochrangige AAAS-Kommunikationsbeamtin, erklärte, die Gruppe sei "sehr begeistert"
über das Treffen. Die Teilnehmer wurden über alle
Aspekte des Nunn-Lugar-Gesetzes informiert, das
den ehemaligen Sowjetrepubliken Finanzhilfe gewährt, um eine sichere Zerlegung der Nuklearwaffen
zu gewährleisten.
Vor ihrem Treffen mit Lugar sprachen mehrere
Teilnehmer ausführlich über die Notwendigkeit
zusätzlicher Finanzhilfe, und Latypow stellte fest,
Belarus müsse die Mittel zur Zerlegung von Panzern
finden, Exportkontrollsysteme schaffen und die
Rüstungskonversion durchführen.
Scharow zufolge begrüßt die Ukraine die amerikanische Hilfe durch das Nunn-Lugar-Gesetz, und er
erwartet, daß ähnliche kooperative Bestrebungen für
beide Nationen "von Nutzen" sein werden. Als
Reaktion auf diejenigen im Westen, die denken, die
Abrüstung nuklearer und konventioneller Waffen in
der Ukraine ginge zu langsam voran, erläuterte er,
der Prozesß erfordere beträchtliche Mittel seitens der
Vereinigten Staaten und anderer Länder, und in
Zusammenhang mit der Finanzierung stehende
Faktoren verlangsamten die Durchführung.

*

*

AMERIKA DIENST 29

�PRASIDENTENBIBLIOTHEKEN
27. Juli 1994

DIE PRÄSIDENTENBIBLIOTHEKEN UND -MUSEEN
IN DEN USA
von Lester und Irene David
WASHINGTON - (AD) - Im nachfolgenden Artikel stellen die Verfasser Präsidentenbibliotheken der Vereinigten
Staaten vor - ein einzigartiges System von Museen und Bibliotheken, in denen riesige Sammlungen von
Dokumenten, anderen historischen Materialien und Erinnerungsstücken verwahrt werden, die im
Zusammenhang mit den amerikanischen Präsidenten von Hoover bis Reagan stehen.
Lester David ist freiberuflicher Schriftsteller mit Sitz in New York.

Die Präsidentenbibliotheken der Vereinigten Staaten,
ein einzigartiges System von Museen und Bibliothekskomplexen, ziehen jedes Jahr Millionen Besucher aus dem gesamten Land.an. Mit Hilfe von
Ausstellungen, Tonbandaufnahmen, Erinnerungsstücken und offiziellen Papieren des Weißen Hauses
gewinnt der Besucher einen persönlichen Eindruck
von einigen führenden Politikern und bedeutungsvollsten Ereignissen der jüngsten amerikanischen
Geschichte.
Die Bibliotheken stellen ferner Bildungs- und Forschungszentren dar, in denen Gelehrte aus aller
Welt die umfangreichen Sammlungen von Dokumenten und anderem historischen Material studieren, die
in Zusammenhang mit der Karriere und Administration des Präsidenten stehen.
Am faszinierendsten für den Durchschnittsbesucher
sind die mehr als 200.000 Objekte, die einen Blick
auf das offizielle und Privatleben der Präsidenten der
Nation gewähren. Präsident Kennedys Schaukelstuhl steht in seiner Präsidentenbibliothek. Präsident
Roosevelts geliebte Modelle von Schiffen der USMarine sowie sein besonders ausgerüstetes Auto,
mit dem er über seinen Besitz Hyde Park fuhr,
können ebenso besichtigt werden wie Präsident
Eisenhowers Bilder und Elternhaus.
Zur Zeit gibt es in den Vereinigten Staaten neun
derartige Zentren, von denen sich jedes auf die
Administration eines Präsidenten konzentriert - von
Herbert Hoover (1929-33) bis Ronald Reagan (198188). Eine zehnte Präsidentenbibliothek mit ange-

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schlossenem Museum zu Ehren von George Bush
befindet sich noch in der Planungsphase.
Die Bibliotheken fallen in den Zuständigkeitsbereich
der Nationale Archives and Records Administration in
der Bundeshauptstadt Washington. Jede hat einen
eigenen Direktor und einen Stab von Archivaren,
Bibliothekaren sowie audiovisuellen und Museumsspezialisten. Die Gelder für die Anlagen und den
Bau der Museen werden von privaten Stiftungen und
Anhängern des Präsidenten aufgebracht, die das
Projekt später an die Regierung der Vereinigten
Staaten übergeben. Die Bibliotheken befinden sich
in dem Landesteil, der für den jeweiligen Präsidenten
eine besondere Rolle spielte.
Historisch gesehen zählen die Akten aus dem Weißen Haus zu den wichtigsten Materialien, denn sie
geben Aufschlüsse über die innen- und außenpolitischen Aktivitäten des Präsidenten.
Unter dem vom Kongreß im Jahr 1978 angenommenen Gesetz über die Unterlagen des Präsidenten
gehören alle nach dem 20. Januar 1981 erstellten
Aufzeichnungen der Regierung der Vereinigten
Staaten. Der Archivar ist angewiesen, direkt nach
Beendigung der Amtszeit des Präsidenten die Akten
in Besitz zu nehmen und in einer Bibliothek oder
ähnlichen Einrichtung zu verwahren. Die Papiere
Ronald Reagans waren die ersten, die unter dieses
Gesetz fielen.
Die Einrichtung des Bibliothekssystems ging auf
Franklin D. Roosevelt (1933-45) zurück, nach dessen
Überzeugung im Zusammenhang mit der Präsident-

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�schaff stehende Materialien wissenschaftlicher
Forschung zugänglich sein sollten. Ende der dreißiger Jahre machte er den Vorschlag gemeinsamer
Bestrebungen staatlicher und privater Träger zur
Errichtung einer Roosevelt-Bibliothek, dem der
Kongreß zustimmte.
Seine Freunde riefen eine gemeinnützige Gesellschaft ins Leben, die Gelder für den Bau der 1940
vollendeten Bibliothek beschaffte. Anschließend
stiftete Roosevelt seine Papiere, Bücher und Sammlungen der Regierung zur Verwahrung in dieser
Bibliothek.
Nachfolgend wurden acht weitere Präsidentenbibliotheken eröffnet: 1957 für Harry S. Truman, 1962 für
Herbert Hoover, 1962 für Dwight D. Eisenhower,
1971 für Lyndon Baines Johnson, 1979 für John F.
Kennedy, 1980 für Gerald R. Ford, 1986 für Jimmy
Carter und 1991 für Ronald Reagan. Die 1990
eröffnete Richard M. Nixon-Bibliothek wurde wie die
anderen Einrichtungen durch private Spenden
finanziert, wird jedoch nicht von staatlicher, sondern
von privater Seite erhalten.
Da Präsident Roosevelt diese Institutionen ins Leben
rief, ist es angebracht, daß wir unsere Präsentation
von Präsidentenbibliotheken mit der ihm gewidmeten
Einrichtung beginnen, der Franklin D. Roosevelt
Library and Museum.
Die Gedenkstätte für den 32. Präsidenten liegt auf
dem Hyde Park-Gelände mit Blick auf den Hudson
River, wo Roosevelt geboren wurde und aufwuchs weniger als 145 Kilometer von New York entfernt.
Die mit aus der Gegend stammenden Steinen
verkleidete Bibliothek erinnert an die alten Bauernhöfe des Hudson Valley. In etwa 180 Meter Entfernung befindet sich das alte dreistöckige Haus der
Familie Roosevelt. Die Besucher haben Zugang zu
vielen der 30 Räume, darunter auch Franklins
Schlafzimmer, in dem sein bekanntes langes dunkles
Marinecape hängt.
Zwischen Wohnhaus und Bibliothek liegt der Rosengarten, wo die Gräber von Franklin und seiner
Ehefrau Eleanor mit zwei Grabsteinen gekennzeichnet sind.
Am Museumseingang stößt der Besucher auf den
von Roosevelt im Oval Office benutzten Mahagonischreibtisch. Dahinter ist auf einer Holztafel der
Amtseid zu lesen, den er viermal als Präsident
ablegte.
Weitere Ausstellungsstücke sind das
Modell eines aus dem 19. Jahrhundert stammenden
holländischen Soldaten (ein Geschenk der niederländischen Regierung) sowie Briefe von Familienmit-

Seite 2

gliedern, Fotos, Redetexte, Regierungsdokumente
und offizielle Korrespondenz.
Die Besucher können das Original von Franklin D.
Roosevelts Erklärung zu Bedeutung und Ziel des
historischen Sozialversicherungsgesetzes lesen einem Schlüsselelement seines "New Deal". Es sah
für Arbeitnehmer und ihre Angehörigen eine Rente
vor und stellte einen Schutz für Familien im Falle von
Tod oder Berufsunfähigkeit ihres Ernährers dar. Das
im August 1935 erlassene Gesetz wurde mit den
Jahren beträchtlich erweitert.
Zu sehen ist auch die Botschaft Roosevelts an den
Kongreß vom 8. Dezember 1941, in der er nach dem
Angriff auf Pearl Harbor die Kriegserklärung gegen
Japan forderte, sowie ein an ihn gerichteter Brief
Albert Einsteins, in dem dieser ihn dringlich zur
Überprüfung der Nutzung atomarer Energie beim Bau
von Kriegswaffen auffordert.
1972 wurden zwei Eleanor Roosevelt gewidmete
Flügel angebaut. Eine Galerie zeigt eine Vielzahl von
Fotos der Präsidentengattin während und nach ihrer
Zeit im Weißen Haus sowie eine Auswahl von ihr
getragener Kleider. Den Forschern stehen über
40.000 Bücher, eine große Sammlung von Fotos,
audiovisuelles Material sowie die Privatsammlung des
Präsidenten von Gegenständen der Marine zur
Verfügung.
Die 1962 in West Branch (Iowa) eröffnete Herbert
Hoover Presidential Library and Museum umfaßt
das Landhaus, in dem der 31. Präsident der Vereinigten Staaten geboren wurde, die Schmiede
seines Vaters, die von ihm als Junge besuchte
Schule sowie seine Grabstätte. Zu den Museumsstücken aus seiner Amtszeit (1929-33) gehören
Dokumente seiner bemerkenswerten Fähigkeiten als
Verwalter von Nahrungsmitteln vor und nach dem
Ersten Weltkrieg, durch die er Tausende von Belgiern
vor dem Hungertod bewahrte, seiner Abrüstungsbestrebungen nach dem Krieg sowie seiner Arbeit an
der Verbesserung der Beziehungen seines Landes zu
Lateinamerika.
In der Stadt Independence, nahe der Westgrenze von
Missouri, steht die Harry S. Truman Library and
Museum in nur kurzer Entfernung vom Wohnhaus
des 33. Präsidenten der Vereinigten Staaten (194553). Während der letzten zehn Jahre seines Lebens
ging Truman fast täglich zu Fuß in sein Büro in dem
Gebäudekomplex - und versetzte oft die Besucher in
Erstaunen, indem er ihnen eine persönliche Führung
bot.
Er zeigte ihnen eine Nachbildung seines Büros im
Weißen Haus, wo seine auf Tonband aufgezeichnete

AMERIKA DIENST 29

�Stimme ihnen den Raum beschrieb, führte sie zu
dem Tisch, an dem am 26. Juni 1945 die Charta der
Vereinten Nationen unterzeichnet wurde und präsentierte die unter seiner Präsidentschaft zusammengetragene große Porzellan- und Gemäldesammlung
des Weißen Hauses.
Höhepunkte der Ausstellung von Briefen, Dokumenten und Fotografien sind zwei Ereignisse der Weltgeschichte von großer Tragweite: Das von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China am 26.
Juli 1945 unterzeichnete Potsdamer Abkommen, das
die Japan im Zweiten Weltkrieg angebotenen Kapitulationsbedingungen darlegt, der Abwurf der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945 und drei
Tage später auf Nagasaki - der erste Einsatz dieser
Waffe im Krieg - sowie die während des Koreakrieges geschlagenen Schlachten.
Der Besucher erhält einen Blick auf das Klavier, das
Präsident Truman im Weißen Haus spielte, auf
Staatsgeschenke, das silberne Service vom
Schlachtschiff U.S.S. Missouri sowie Filme und Dias,
die im Laufe des Tages mehrmals vorgestellt werden.
Inmitten der Weizenfelder von Kansas, im Mittelwesten Amerikas, liegt die geschichtsträchtige Kleinstadt Abilene. In den Anfangsjahren der Nation war
sie die Hauptstadt des Viehhandels. Etwa anderthalb Kilometer vom Geschäftsviertel der Stadt
entfernt liegt das Eisenhower Center, eine Erinnerung an den 34. Präsidenten (1953-62), Dwight
David Eisenhower.
"Ike", der im Zweiten Weltkrieg den Oberbefehl über
die Streitkräfte der Alliierten in Europa führte, wuchs
hier in einem kleinen, bescheiden eingerichteten
Haus mit seinen Eltern und fünf Brüdern auf. Da er
dem Land verbunden ist, wählte er Abilene als
Standort der Bibliothek und des Museums aus, die
seiner Leistungen im Dienste der Vereinigten Staaten sowie als Alliierter Oberkommandierender
gedenken.
Der sich über fast neun Hektar erstreckende Komplex besteht aus fünf Gebäuden: der Bibliothek,
dem Museum, dem Heim der Familie Eisenhower,
einer Kapelle und einem Besucherzentrum.
Die Bibliothek mit ihren prächtigen Wänden aus
italienischem und französischem Marmor enthält
Millionen von Papieren, Büchern und anderen
historischen Materialien, ein Fotolabor sowie ein
Auditorium für spezielle Seminare und Vorlesungen.
Jenseits der weiträumigen Rasenfläche liegt das
Museum, ein imposantes Gebäude aus Kalkstein

AMERIKA DIENST 29

aus Kansas. Beim Betreten der Haupthalle sieht sich
der Besucher einer Reihe großer Bilder gegenüber,
die das Leben und die Karriere des Generals darstellen. In den fünf Galerien, die vom Mittelpunkt des
Museums ausgehen, befinden sich die Ausstellungsstücke, durch die sich der Besucher selbst einen Weg
durch Ikes Karriere von der Kindheit zum Präsidentenamt bahnen kann.
Nachfolgend einige Beispiele für das in den Galerien
Ausgestellte: Ikes Schulbank; die von ihm bei den
Football-Spielen in West Point getragene Uniform der Militärakademie, die er mit dem Rang eines
Leutnants verließ; die "Eisenhower-Jacke", die er
selbst entwarf, und die von ihm und den amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg getragen
wurde; ein Modell des von den amerikanischen
Streitkräften bei der Invasion in der Normandie am 6.
Juni 1944 verwendeten Landungsbootes der Infanterie; sein Befehlsfahrzeug; Eisenhowers handschriftlicher Bericht über das Ende des Krieges in Europa,
der besagt: "Die Mission der alliierten Streitkräfte
wurde am 7. Mai 1945 um 3.00 Uhr Ortszeit erfüllt."
Unterzeichnet "Eisenhower".
Nahe des Westteils des Zentrums liegt eine kleine,
konfessionsübergreifende Kapelle, die den Namen
"Meditationsort" trägt. In ihr wurden Eisenhower und
seine Ehefrau Mamie begraben. Ihre letzte Ruhestätte ist mit Bronzeplaketten gekennzeichnet. Einige
hundert Meter entfernt liegt das Haus der Familie,
eine einfache Fachwerkkonstruktion, in der die
Eisenhowers von 1898 bis 1946 wohnten. Die Möbel
und andere Einrichtungsgegenstände sind genauso
angeordnet wie zum Zeitpunkt des Todes von Eisenhowers Mutter im Alter von 84 Jahren. Im Besucherzentrum gibt ein Film einen Überblick über Eisenhowers Leben und Werk sowie über den gesamten
Bibliotheks- und Museumskomplex.
Die John Fitzgerald Kennedy Library liegt im
Süden von Boston (Massachusetts). Das strenge
weiße Gebäude mit seinem 23 Meter hohen Glaspavillon hat seit seiner Eröffnung im Jahr 1979 mehr als
3,5 Millionen Besucher angezogen. Das Denkmal für
den ermordeten 35. Präsidenten der Vereinigten
Staaten (1961-63) befindet sich in einer parkähnlichen Landschaft mit Dünengras, Kiefern und wilden
Rosen, die einen Blick auf das ruhige Wasser von
Boston Harbor gestattet.
Vor dem Gebäude steht das Segelboot, das Kennedy
so gerne durch die Gewässer nahe des Familienbesitzes von Hyannis Port in Cape Cod, südöstlich
von Boston steuerte. Im Haus können die Besucher
einen 30minütigen biographischen Film, "John F.
Kennedy 1917-1963" sehen, der von der Familie
Kennedy extra für diese Bibliothek produziert wurde.

Seite 3

�Häufig werden Auszüge aus den 64 von Kennedy
abgehaltenen Pressekonferenzen gezeigt, viele
davon Muster an Witz und Geist.
Die Mutter des Präsidenten, Rose, zeichnete ihre
Erinnerungen an Kennedys frühe Jahre auf, und
während des ganzen Tages läuft ein kurzer Dokumentarfilm über das Leben des verstorbenen Robert
Kennedy, der in der Administration seines Bruders
als Justizminister tätig war.
Mittelpunkt des Museums ist ein nachgebauter Teil
des Oval Office, wie es unter Kennedy aussah. Er
umfaßt eine Reproduktion seines Schreibtisches, der
auch von den Präsidenten Ford, Carter und Nixon
benutzt wurde. Der Schreibtisch sieht genauso aus
wie Kennedy ihn am 21. November 1963 zum
letzten Mal verlassen hatte. Sein von seinen Mitarbeitern vorbereiteter Terminkalender besagt, daß
er um 10.45 Uhr jenes Tages per Hubschrauber von
der Südseite des in 12minütiger Entfernung liegenden Luftwaffenstützpunktes Andrew nach Texas
fliegen sollte. Am folgenden Tag wurde Präsident
Kennedy auf seiner Fahrt durch die Straßen von
Dallas ermordet.
Neben den in der Bibliothek enthaltenen Dokumenten des Präsidenten können Forscherund Studenten
die Transkripte von über 1.000 mündlichen Berichten
lesen - Interviews mit den Männern und Frauen,
deren Lebensweg sich zu einem Zeitpunkt mit dem
John F. Kennedys kreuzte.
Auf dem Campus der University of Texas in Austin,
der Hauptstadt des Bundesstaates, liegen die Lyndon Baines Johnson Library and Museum.
Lyndon B. Johnson hatte von 1963 bis 1969 das
Präsidentenamt inne. In der fünf Stockwerke des
achtstöckigen Gebäudes umfassenden Bibliothek
lagern 35 Millionen historische Dokumente. In den
anderen drei Stockwerken befindet sich das Museum.
Zu den Ausstellungsstücken zählen Anstecknadeln,
Poster und andere Erinnerungen an Johnsons
Wahlkämpfe um einen Sitz im Repräsentantenhaus
und später im Senat. Emotionen werden bei den
Stücken wach, die die Übernahme der Verantwortung durch den neuen Präsidenten zeigen, während
eine erschütterte Nation den Tod John F. Kennedys
betrauert.
Johnsons Programm für sozialen Wandel wird
illustriert, das Engagement für Bürgerrechte und
Gesetze zur Bekämpfung der Armut umfaßt. Auf der
anderen Seite der Welt entflammte ein kleiner,
schwelender Krieg im südostasiatischen Vietnam,
der die Nation spaltete. Durch die Verschärfung des

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Konflikts schwand Johnsons Popularität, und als sich
die Unzufriedenheit rapide vergrößerte, gab der
Präsident seinen Verzicht auf eine zweite Kandidatur
im Jahr 1968 bekannt. Die gesamte Geschichte
jener dramatischen Jahre wird gezeigt.
In der Nähe des Eingangs befindet sich eine Pylone
aus Granit, auf deren vier Seiten Zitate aus Johnsons
Reden eingraviert sind. Eines davon war sein Credo:
"Ich bin der persönlichen Philosophie gefolgt, daß ich
ein freier Mann, ein Amerikaner, Staatsdiener und
Mitglied meiner Partei bin - immer und ausschließlich
in dieser Reihenfolge."
Die Richard Nixon Library and Birthplace an
seinem Geburtsort Yorba Linda im südlichen Kalifornien wurde 1990 eröffnet. Der 48 Kilometer östlich
von Los Angeles gelegene 3,6 Hektar große Komplex
umfaßt drei im spanischen Stil erbaute, ein Bassin
umgebende rosafarbene Sandsteingebäude sowie ein
in der Nähe gelegenes einfaches, weißes, mit Schindeln gedecktes Bauernhaus, in dem Nixon geboren
wurde.
Zu der Ausstellung über seine Jahre im Weißen Haus
(1969-74) gehören Dokumente über die Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China, die
Watergate-Affaire sowie der nachfolgende Rücktritt
des Präsidenten. Durch audiovisuelle Mittel erhält
der Besucher einen genauen Einblick in die während
der Nixon-Administration stattfindenden historischen
Ereignisse.
Eine außergewöhnliche Ausstellung gestattet dem
Besucher sich vorzustellen, er nehme während der
Amtszeit Nixons im Weißen Haus an einem Empfang
für 10 Staats- und Regierungschefs teil. Lebensgroße Statuen von Chou En-lai und Mao Tse-tung,
Leonid Breschnew und Nikita Chruschtschow, Anwar
Sadat, Winston Churchill, Charles de Gaulle, Golda
Meir, Konrad Adenauer und Yoshida Shigeru laden
den Besucher ein, einen Knopf zu betätigen und sich
die auf Band aufgenommenen Ansichten dieser
Persönlichkeiten über Nixon anzuhören.
In einem anderen Teil des Museums enthalten
Glasvitrinen Erinnerungsstücke aus dem Besitz der
ehemaligen First Lady Pat Nixon, einschließlich einer
hellblauen, perlenbesetzten Robe, die sie 1973 bei
dem Ball aus Anlaß der Amtseinführung ihres Mannes trug.
Nahe der Bibliothek liegt Nixons Geburtshaus, das
sein Vater selbst gebaut hatte. Darin befindet sich
das Bett, in dem Nixon geboren wurde, sein Kleiderschrank, Kinderstuhl und Klavier. Nixon, der mit
seinen drei Brüdern ein Schlafzimmer im Oberge-

AMERIKA DIENST 29

�schoß teilte, zeichnete seine Erinnerungen an jene
Jugendtage auf Band auf, das von den Besuchern
abgehört werden kann.
Die Gerald R. Ford Library and Museum ist die
einzige Präsidentenbibliothek, deren Forschungsabteilung, Archive und Ausstellungsflächen auf zwei
Städte verteilt sind. Die beiden in Michigan, seinem
Heimatstaat befindlichen Gebäude, liegen etwa 280
Kilometer voneinander entfernt.
Die Bibliothek, ein zweistöckiges modernes Bauwerk
aus Bronze und Glas, liegt auf dem nördlichen
Campus der University of Michigan in Ann Arbor, wo
der 38. Präsident der Vereinigten Staaten (1974-77)
Star des Football-Teams war. Zu ihren Beständen
zählen 15 Millionen Seiten Dokumentation, 213.000
Meter Film und 275 Fotos, einschließlich einer 1975
in Peking bei einer Truppenbesichtigung gemachten
Aufnahme mit dem Stellvertretenden Parteivorsitzenden Deng Xiaoping sowie eines Fotos der First Lady
Betty Ford, die barfuß mit einer Kinderballettgruppe
tanzt. Präsident Ford war ein Sammler. In der
Bibliothek befinden sich 69 Bände mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Auszeichnungen und Briefen von
Prominenten, die Zeugnis seiner politischen Karriere
und seines Lebens mit Frau und Kindern geben.
Das Museum liegt am Westufer des Grand in Grand
Rapids. Das zweistöckige Gebäude aus Sandstrahlbeton ist in Form eines Dreiecks gebaut, und seine
91 Meter hohe Glaswand spiegelt den Fluß und die
Stadt wider. Die Museumstour beginnt mit einem
Film "Gerald R. Ford - eine wiederhergestellte Präsidentschaft". Unter den Ausstellungsstücken befindet
sich eine Nachbildung seines Oval Office, eine Wand
mit Karikaturen über den Gesetzgebungsprozeß in
den Vereinigten Staaten sowie eine Erörterung
seiner Amnestie für Richard Nixon.
Im Carter Presidential Center in Atlanta (Georgia)
können die Museumsbesucher an einer nachgestellten Stadtversammlung teilnehmen, bei der der
Präsident selbst die Fragen beantwortet. Durch
Knopfdruck wird ein Diskussionsthema ausgewählt,
beispielsweise Außenpolitik, Wirtschaft, Umwelt oder
das Leben im Weißen Haus. Durch weiteren Knopfdruck erscheint eine Auswahl von Fragen zu dem
Thema. Der Besucher wählt die Fragen aus, deren
Beantwortung er wünscht. Ein auf einem Fernsehschirm erscheinender Schauspieler richtet die Frage
an Carter, der auf einem großen Bildschirm seine
vorher aufgenommene Antwort gibt. Die von den
Mitarbeitern des Museums ausgearbeiteten mehr als
200 Fragen beziehen sich auf alle Bereiche von
Carters Präsidentschaft.

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Das Carter Center liegt etwa 160 Kilometer nördlich
der Kleinstadt Plains, in der Carter vor seiner Amtszeit im Weißen Haus lebte und derzeit immer noch
wohnt. In dem langgestreckten, niedrigen, modernen
Gebäude befindet sich auch das Carter Center der
Emory University in Atlanta, einer der führenden
höheren Bildungsstätten des Südens. Das Center
stellt eine Art 'Denkfabrik' dar, in der Akademiker und
führende Politiker Fragen erörtern, die für den ehemaligen Präsidenten Carter von Interesse sind.
Ansässig ist dort auch Global 2000 Inc., eine mit der
Erforschung von Krankheiten und landwirtschaftlichen
Problemen in der Dritten Welt befaßte Organisation.
Vor dem Eingang zu der Bibliothek befindet sich ein
großes Bassin; auf jeder Seite der in das Gebäude
führenden Eingangshalle hängen gerahmte Fotos von
Carter. Ein 30minütiger Film erläutert die Rolle des
amerikanischen Präsidenten. Eine Ausstellung zu
den großen Themen der Präsidenten des 20. Jahrhunderts - von Theodore Roosevelt bis Carter macht darauf aufmerksam, daß jeder Amtsinhaber mit
den gleichen Problemen von Krieg und Frieden,
Wirtschaft und Umwelt konfrontiert war.
Am Ende der Halle ist eine Nachbildung des Oval
Office unter Carters Amtszeit (1977-81) in Originalgröße zu sehen. Auf seinem Schreibtisch liegen
unter anderem seine Bibel, ein Esel aus Glas (Symbol der Demokratischen Partei) sowie eine Plakette
von Vizeadmiral Hyman G. Rickover, der für die

Entwicklung der amerikanischen
verantwortlich war.

Atom-U-Boote

In einer Rotunde sind Dokumente und Videokassetten mit den Hauptereignissen von Carters Präsidentschaft zu besichtigen - die Abkommen von Camp
David, der Panamakanal-Vertrag sowie die Normalisierung der Beziehungen zu China.
An der Westküste, 65 Kilometer nordwestlich des
Stadtkerns von Los Angeles (Kalifornien), liegt das 40
Hektar große Gelände der Ronald Reagan Library.
Der ehemalige Präsident (1981-89), einstiger Gouverneur von Kalifornien und Hollywood-Star, lebt jetzt mit
seiner Frau Nancy in einem Vorort von Los Angeles.
Die auf einem Hügel im West Simi Valley gelegene
Bibliothek bietet einen weiten Blick über die Landschaft und die Channel Islands. Das dem Stil der
spanischen Missionen im alten Kalifornien ähnelnde
Gebäude ist in Hufeisenform um einen Innenhof
gebaut. Es hat vier Stockwerke - zwei über der Erde
für die Bibliothek, das Museum sowie Büroräume und
zwei unter der Erde für die Lagerung von Dokumenten und Exponaten. Es stehen eine Präsidentensuite
mit Büros sowie Konferenzräume zur Verfügung.

Seite 5

�Die Bibliothek und das Museum enthalten die
Papiere der beiden Amtszeiten Reagans sowie
zahlreiche Ausstellungsstücke, einschließlich Staatsgeschenken und Videoaufzeichnungen von Reagans
Pressekonferenzen.
Derzeit wird die George Bush Presidential Library
geplant, die auf dem Campus der Texas A &amp; M
University, College Station, in Texas gebaut und
wahrscheinlich 1996 eröffnet werden soll.
* *

Durch umfassende Dokumentation, Bücher, Filme
und zahlreiche historische und kulturelle Ausstellungen ermöglichen diese in herrlicher Umgebung
gelegenen außergewöhnlichen Bibliotheken ein
besseres Verständnis dessen, was als das die größte
Herausforderung darstellende Amt der Erde bezeichnet wird - die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten.

* *

*

V

Seite 6

AMERIKA DIENST 29

�THEMENINDEX
27. Juli 1994

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1994

Abrüstung

14

AIDS

17, 24

Arbeitswelt

8,9, 10, 11, 23

Außenpolitik

Sonderdienst (1 O.Jan), 2, 3, 4, 9, 12, 13, 18, 21, 22, 28

Auslandshilfe

9

Bevölkerung

9, 26

Bosnien

6, 7 , 8 , 9 , 10, 11, 12, 14, 15, 16, 22

Business Information Center

4

Chemiewaffen

13

Clinton-Bilanz

1

Clinton-Jahresbilanz

5

D-Day

22

Drogen

8

Eindämmung

11

Einwanderung

27

Exportkontrollen

14

Film

2,8, 13, 17

Friedensoperationen

19

Fulbright

5, 18

Fußball

17, 18, 19, 20

G-7

27

GATT

8, 15

Handel

7, 10, 20

Haushalt

7

4. Juli

25

Jacqueline Kennedy Onassis

20

Kongress

4

Kriegsverbrechen

15

AMERIKA DIENST 29

Seite 1

�KSZE

9

Lage der Nation

4

Landminen

20

Literatur

1

Martin Luther King

2

Menschenrechte

14, 16

Menschenversuche

2

NAFTA

26

Naher Osten

9,12,18,20,29

NATO

2, 21

Neue Traditionen

7

Nichtverbreitung

29

Richard Nixon

16

Nordkorea

13,22

Partnerschaft für Frieden

1, 23, 25

Porträt

1,4,19,25,26

Präsidentenbesuch

27

Präsidentenbibliotheken

29

Rassendiskriminierung

19

Raumfahrt

28

Ruanda

29

Rußlandhilfe

3, 5

Rüstungskontrolle

21

Sicherheit

29

Sport

21, 22

Südafrika

17, 18

Terrorismus

19

Umfrage

5

Umwelt

17, 19

UNO

13

USA-China

22

USA-Deutschland

6, 11

USA-Europa

23

USA-Ostasien

24

USA-Rußland

25

USIA

20,24

US-Militär

1

Seite 2

AMERIKA DIENST 29

�Verbrechensbekämpfung

19,26

Vereinte Nationen

1

Verteidigung

6, 12

Warfen

20

Wirtschaft

5, 23, 24, 28

* * * *

AMERIKA DIENST 29

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Israel und Jordanien geloben "dauerhaften" Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Washingtoner Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sicherheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die nationale Sicherheitsstrategie der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Ruanda&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton ordnet massive Aufstockung der Hilfe für ruandische Flüchtlinge an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Reaktion der Vereinigten Staaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Experten aus der ehemaligen UDSSR verurteilen Plutoniumschmuggel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanisches Seminar über Nichtverbreitung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Präsidentenbibliotheken&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Präsidentenbibliotheken und -museen in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lester und Irene David&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;1. Halbjahr 1994&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28

AUSSENPOLITIK

20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE
BIETEN ANREIZ ZU WEITEREN
FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

WIRTSCHAFT

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT
ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan

RAUMFAHRT

MONDLANDUNG GROSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

ISRAELISCH-JORDANISCHE GESPRÄCHE BIETEN
ANREIZ ZU WEITEREN FORTSCHRITTEN
Interview mit Außenminister Christopher
JERUSALEM - (AD) - Nach Ansicht von Außenminister Christopher werden die Gespräche zwischen Israel
und Jordanien "einen Anreiz zu Fortschritten auf allen Gebieten" geben, um im Nahen Osten Frieden zu
schaffen, insbesondere zwischen Israel und Syrien.
Im Nachrichtenprogramm "Today" des amerikanischen Fernsehsenders NBC erklärte Christopher am 18. Juli
1994 ferner, die Situation in Ruanda sei "tragischer" als alles seit langer Zeit Erlebte. Die wichtigste Aufgabe
einer Koalitionsregierung besteht ihm zufolge derzeit darin, "endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation"
einzubringen.
Der Außenminister beantwortete auch Fragen zu Haiti und Nordkorea.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Außenminister Christopher im Wortlaut.

Frage: Wie ist die Lage in Ruanda?
Antwort: Die Situation dort ist tragischer als alles
seit langer Zeit Erlebte. Der Präsident hat den
Direktor unseres Amts für internationale Entwicklung,
Brian Atwood, in das Land entsandt. Wir arbeiten
sehr hart mit der Patriotischen Front an der Umsetzung des Waffenstillstands. Darauf werden wir
energisch drängen. Der Präsident hat zusätzliche
humanitäre Hilfe zugesagt. Unser großes Transportflugzeug ist zum Abflug bereit, sobald der Flughafen
dort geöffnet ist. Meines Erachtens ist jetzt das
Wichtigste, daß die Patriotische Front den ausgehandelten und anschließend gebrochenen Waffenstillstand durchsetzt und eine Koalitionsregierung
einsetzt, die endlich etwas Ruhe in diese schreckliche Situation bringt.
Der einzige Grund zu Optimismus ist die Tatsache,
daß die Patriotische Front in dieser Situation Erfolg
zu haben scheint, und sie stellt eine Koalitionsregierung auf, zu der auch einige Mitglieder des
Hutu-Stammes gehören. Das ist der einzige Anlaß
zu Optimismus. Es ist eine verwirrende Situation, in
der eine Koalitionsregierung gebildet und gleichzeitig
eine riesige humanitäre Anstrengung unternommen
werden muß.

AMERIKA DIENST 28

Frage: Was können die Vereinigten Staaten den
Haitianern sagen?
Antwort: Meines Erachtens sollte ihnen gesagt
werden, daß wir unseren Druck auf die illegale
Regierung mit verschärften Sanktionen auf ein
Maximum erhöhen. Ferner bemühen wir uns zum
jetzigen Zeitpunkt um die Bereitstellung humanitärer
Hilfe. Ich möchte den Haitianern mitteilen, daß die
Zeit gekommen ist, daß ihre illegale Regierung
abdankt. Unsere gesamten Bestrebungen sollten in
diese Richtung gehen. Die Vereinigten Staaten
hoffen, daß dieser Druck Wirkung zeitigt. Gleichzeitig
hat der Präsident die Option von Gewaltanwendung
offengehalten.
Wir müssen abwarten, ob die Sanktionen wirksam
sind. Die neuen, verschärften Sanktionen sind erst
seit einiger Zeit in Kraft. Natürlich ist niemand der
Ansicht, daß Gewaltanwendung die attraktivste
Option darstellt, es könnte jedoch dazu kommen.
Präsident Clinton hat diese Entscheidung noch nicht
getroffen und so viel Druck wie möglich auf die
illegale Regierung ausgeübt.
Frage: Sollten sich die Vereinigten Staaten zur
Invasion Haitis entschließen, wie wichtig wäre die

Seite 1

�Zustimmung des vertriebenen Präsidenten JeanBertrand Aristide?
Antwort: Natürlich würden wir uns über seine Hilfe
und Zusammenarbeit sehr freuen. Die Wiederherstellung der Demokratie ist in diesem Land der
Schlüsselfaktor. Wir arbeiten eng mit Präsident
Aristide zusammen. Wie Sie wissen, gab es gute
Zusammenarbeit bei den Radiosendungen, die er
nach Haiti ausstrahlte, und meines Erachtens hat
sich aufgrund der beträchtlichen und geschickten
Hilfe des Kongreßabgeordneten Bill Gray unsere
Zusammenarbeit mit Präsident Aristide stark verbessert.
Frage: Können Sie dem syrischen Präsidenten
Hafiz al-Asad irgendwelche Friedensinitiativen
anbieten?
Antwort: Ich werde mit beiden Parteien zusammenarbeiten. Das Wichtigste bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, daß der langanhaltende arabischisraelische Konflikt sich seinem Ende zu nähern
scheint. Alles deutet darauf hin. Auf dieser Reise
werde ich in Jordanien mit dem israelischen Außenminister und dem jordanischen Ministerpräsidenten
zusammenkommen - das erste Ereignis dieser Art und ich sehe dem historischen Treffen zwischen
Ministerpräsident Rabin, König Hussein und Präsident Clinton in Washington am kommenden Montag
erwartungsvoll entgegen. Hier bricht wirklich das
Eis, und meines Erachtens müssen wir auf einen
umfassenden Frieden hinarbeiten. Meine Pendeldiplomatie zwischen Jerusalem und Damaskus kann
einen Schritt in diese Richtung darstellen. Beide
Parteien haben einen Anreiz zu Fortschritten.

Frage:
Was sagen die israelisch-jordanischen
Gespräche über die israelisch-syrische Beziehung
aus?
Antwort: Meiner Meinung nach werden sie dazu
motivieren, auf allen Gebieten Fortschritte zu erzielen. Wie gesagt: Es muß ein umfassender Frieden
geschaffen werden. Es stimmt, daß sie eine gewisse
Übereinstimmung zeigen. Andererseits haben sie ein
unterschiedliches Tempo angeschlagen. Jetzt hoffen
wir, daß dieses Tempo bei den israelisch-syrischen
Gesprächen übernommen werden kann. Sowohl
Präsident Asad als auch Ministerpräsident Rabin
meinen es ernst, und sie sind jetzt hoffentlich geneigt,
auch auf diesem Weg Fortschritte zu machen. Aus
diesem Grund bin ich hier.
Frage: Bereitet Kim Jong-Il die Konsolidierung seiner
Macht in Nordkorea Schwierigkeiten?
Antwort: Nein, derzeit scheint das nicht der Fall zu
sein. Ich sage das vor allem deshalb, weil wir
weiterhin hoffnungvoll und sogar zuversichtlich sind,
daß unsere dritte Gesprächsrunde in Genf stattfinden
wird. Wir wollen direkt nach dem Begräbnis mit
Nordkorea Kontakt aufnehmen, um die dritte Gesprächsrunde einzuleiten. Auf dieser Grundlage
scheint sich der Übergang ordnungsgemäß zu
vollziehen. Natürlich sind wir in dieser Situation nicht
vollständig informiert. Im Hinblick auf die dritte
Gesprächsrunde wissen wir jedoch aufgrund unserer
Kontakte, daß die Amtsnachfolge Fortschritte macht
und wir der dritten Runde innerhalb einiger Wochen
erwartungsvoll entgegensehen können.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
20. Juli 1994

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen
Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.

AMERIKA DIENST 28

Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken. Ökologische Systeme bilden die Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und wirtschaftlicher Planung.
Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse

Seite 1

�Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahrungsmittel.
Ackerland liefert Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die Produktion von
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das ist der Großteil
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für die
gesamte Wirtschaftstätigkeit und alle Arbeitsplätze.
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die Wirtschaft eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt.
Alle Wirtschaftsaktivitäten hängen von der Umwelt
und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.

Seite 2

Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte über die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
Landes und rasches Bevölkerungswachstum
haben die armen Bauern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
Hochlands durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch zerstört werden und die zunehmende
Bevölkerung noch weiter in Armut stürzen. Ein
ähnlicher Teufelskreis konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
Salvador beobachtet werden.
In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit

AMERIKA DIENST 28

�jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems
drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?

Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen. Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurde dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion
von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.

Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der

AMERIKA DIENST 28

Seite 3

�Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in der vergangenen
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent des Wachstums,
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Arbeitsplätze, das Doppelte der Investitionen, eine
zweifache Steigerung der Exporte sowie der
höchste Produktivitätszuwachs.
Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und werden im
kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7Staaten verzeichnen.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik
befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres

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langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akademie der Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen demographischen Veränderungen ins
Leben ruft. Dieser Plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanung und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Basisgruppen und nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs).
Elementarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der Frau - außerordentlich wichtige
Ressourcen für Wachstum und Mittler des Wandels.
Das Ergebnis dieser Initiativen - im Hinblick auf
Stabilität, Qualität der Umwelt und Produktivität wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im kommenden Jahr, auf der Kairoer Konferenz, dem
Sozialgipfel in Kopenhagen und der Frauenkonferenz
in Beijing wird dies ein vorherrschendes Thema der
amerikanischen Außenpolitik darstellen und unseres
Erachtens ein Ziel, das Anfang des 21. Jahrhunderts
erreicht werden kann.
In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ

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�niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir
uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzu-

AMERIKA DIENST 28

setzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister
Ron Brown haben wir die ernste und schwierige
Aufgabe in Angriff genommen, "die Preise richtig
festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu
entwickeln, das uns eine angemessene, objektive
Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 21. Jahrhundert bezeichnen
möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Ländern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind:

Wir in

Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht
einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn für

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�eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn auch
komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen. Das
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich
gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und
ein gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln.
Meines Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich wertweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die Herausforderung
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD zählte 1990 in ihren 24
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nichtstaatliche
Organisationen, im Vergleich zu 1.600 vor einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verglichen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens, Tamil Nadu,
existierten mehr als 25.000 Basisorganisationen.
Die Helden des Erdgipfels von Rio waren nicht die
Staatschefs, sondern die Agenda 21 definierenden
und vorantreibenden NGOs. Frauengruppen aus der
ganzen Welt spielten eine führende Rolle bei der
Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen

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Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umwertzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Wertbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Umweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Wert verstehen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik, veralteten Annahmen, starren Überzeugungen, die gestern noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
gehören in den letzten Jahres dieses und im kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen. Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
Bereich der nationalen Sicherheit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
umweltpolitische Zukunft ein und dasselbe sind.
Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.

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�Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.
Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei übernehmen, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
*

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nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

* * *

*

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�WIRTSCHAFT
20. Juli 1994

DEFIZITPROBLEM MUSS JETZT ANGEGANGEN WERDEN
Erklärung von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Dem Gouverneur der amerikanischen Bundesnotenbank (Federal Reserve Bank FED), Alan Greenspan, zufolge stellt das Defizit im Bundeshaushalt weiterhin eine langfristige Gefahr für die
Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft dar.
Die Zeit zur Ergreifung der erforderlichen Maßnahmen sei jetzt gekommen, da die außergewöhnlich starke
Wirtschaft Gelegenheiten eröffne, erklärte Greenspan den Mitgliedern einer überparteilichen Kommission, die
zur Lösung des Problems ins Leben gerufen wurde.
Greenspan machte diese Aussage bei der dritten öffentlichen Sitzung der aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Kommission für gesetzlich festgelegte Ausgaben und Steuerreform am 15. Juli 1994.
Die aus 32 Mitgliedern zusammengesetzte Kommission unter dem Vorsitz von Senator Robert Kerrey umfaßt,
gleichmäßig nach Parteien aufgeteilt, 12 Senatoren und 10 Abgeordnete des Repräsentantenhauses sowie 10
vom Präsidenten ausgewählte Angehörige des öffentlichen und privaten Sektors. In einem vorläufigen Bericht
soll im August eine Liste von Optionen für eine Reform des Systems der gestzlich festgelegten Ausgaben
vorgelegt werden, denen im Dezember dann spezifische Empfehlungen folgen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache Gouverneur Greenspans vor der Kommission im
Wortlaut.

Die amerikanische Wirtschaft erlebte kürzlich die
ideale Kombination steigender Aktivität, sinkender
Arbeitslosigkeit und sich verlangsamender Inflation.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese günstigen Daten uns zur Vernachlässigung der unserer
Wirtschaft zugrundeliegenden Probleme veranlassen,
wodurch sie langfristig nicht ihr volles Potential
erreichen kann. Eines der wichtigsten Probleme ist
die Aussicht auf einen erneuten Anstieg des Haushaltsdefizits vor Beginn des nächsten Jahrhunderts.
Die Konsequenzen dieses Defizits mögen nicht für
jeden Beobachter auf der Hand liegen, sie sind
jedoch vorhanden, sie sind gravierend und verschlechtern sich, je mehr Zeit wir verstreichen
lassen, bevor wir sie angehen.
Da wir uns Anfang der sechziger Jahre von der
angeblich vereinfachenden Vorstellung abwandten,
eine ausgeglichene Haushaltsbilanz sollte Merkmal
einer stabilen Finanzpolitik sein, hatten wir mit in
Friedenszeiten beispiellosen Haushaltsdefiziten zu
kämpfen. Die im Verlauf der letzten Jahrzehnte
entstandenen großen strukturellen Haushaltsdefizite

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scheinen trotz beträchtlicher Anstrengungen zu ihrem
Abbau fortzubestehen.
Einige dieser jüngsten Bestrebungen der Exekutive
und Legislative, insbesondere die Festsetzung von
Ausgabenobergrenzen, waren tatsächlich hilfreich
und haben den Zuwachs des Defizits reduziert. Es
bleibt jedoch noch viel zu tun. Die einschneidende
Kürzung der Verteidigungsausgaben gilt nur bis Ende
dieses Jahrzehnts. Zu diesem Zeitpunkt werden die
nicht für Verteidigungszwecke vorgesehenen Ausgaben, vornehmlich die gesetzlich festgelegten, sich
als vorherrschende Kraft im Etat erweisen. Den
derzeitigen Gesetzen und der politischen Linie
zufolge soll die Zuwachsrate der gesetzlich festgelegten Ausgaben höher sein als die Wachstumsquote
der Steuerbemessungsgrundlage, was die Gefahr
einer destabilisierenden Eskalation des Defizits als
Teil des nominalen Bruttoinlandsprodukts darstellt.
Durch eine Erhöhung der Steuerbemessungsgrundlage oder des Steuersatzes kann dieses Problem nicht
gelöst werden, denn zur Finanzierung der steigenden
Ausgaben wäre ein enormer Zuwachs vonnöten, und

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�selbst dieser würde nur das Unvermeidbare hinausschieben, denn ein Wachstum der Steuereinnahmen
kann nicht auf Dauer den Einkommenszuwachs
übersteigen. Zusätzlich würden die leistungshemmenden Auswirkungen steigender Steuersätze
letztlich das Wirtschaftswachstum stoppen und die
Steuerbemessungsgrundlage verringern.
Aus
diesem Grund gibt es keine Alternative ;zu einer
Senkung der staatlichen Ausgaben, wenn wir kurz
vor Beginn des kommenden Jahrhunderts ein
Anwachsen des Haushaltsdefizits verhindern wollen.
Diese Defizite würden zu einerfinanziellen Belastung
und Instabilität führen, was wiederum große Härten
hervorrufen würde.
Defizite sind von Nachteil, da sie für Privatinvestitionen verwendbare Ressourcen abziehen und die
Wachstumsrate des nationalen Kapitalbestandes
senken. Dies wiederum bedeutet weniger Kapital
pro Arbeitnehmer als ansonsten der Fall wäre und
führt langfristig zu einem langsameren Wachstum
der Arbeitsproduktivität und somit zu einem langsameren Anstieg unseres Lebensstandards.
In gewissem Grade wurden die Auswirkungen des
staatlichen Haushaltsdefizits während des vergangenen Jahrzehnts durch zwei Umstände abgemildert,
die in Zukunft wahrscheinlich nicht fortbestehen
werden. Erstens importierten wir in dem Maß, in
dem diese Haushaltsdefizite nicht von unseren
geringen Spareinlagen finanziert werden konnten,
Gelder aus dem Ausland. Es wird jedoch immer
deutlicher, daß es längerfristig nicht wünschenswert oder möglich - ist, sich auf ausländische Finanzquellen zu verlassen. Wenn diese Quellen reduziert
werden, müssen andere Quellen gefunden oder die
Nachfrage nach einheimischen Sparquellen beschränkt werden.
Zweitens könnten wir eine in unserer Generation
einmalige Verbesserung bei der Nutzung unserer
knappen inländischen Spareinlagen erfahren. Wie
ich bereits bei anderer Gelegenheit dargelegt habe,
scheinen die außerordentlichen Fortschritte in den
Bereichen Computer-Software und -Hardware uns in
die Lage zu versetzen, unsere Ressourcen - Kapital
und Arbeitskräfte gleichermaßen - effizienter einzusetzen. Diese Entwicklung scheint dem Zuwachs
der Arbeitsproduktivität einen entscheidenden
Aufschwung zu vermitteln, wodurch zumindest eine
Zeitlang die Konsequenzen mangelnder Kapitalinvestitionen in den Anstieg unseres Lebensstandards abgeschwächt werden.
Natürlich sollte die Regierung Chancen ergreifen,
den Privatsektor bei der Unterstützung dieser
schnelleren Produktivitätsverbesserung zu ermutigen. Dadurch können Hindernisse bei der Über-

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nähme wohlerwogener Risiken beseitigt, unangemessene, Investitionsanreize unterminierende Regelungen revidiert, internationale Handelshemmnisse
zur Förderung von Wachstum des globalen Einkommens gesenkt sowie das Funktionieren unserer
Arbeitsmärkte verbessert werden. Diese Initiativen
werden auf jeder Ebene des strukturellen Haushaltsdefizits zu einem höheren Lebensstandard führen.
Diese Maßnahmen werden jedoch einen direkten
Ansatz zur Lösung des zugrundeliegenden Defizitproblems nicht ersetzen. Dieses Problem ist zu
gravierend geworden, als daß wir es leicht überwinden könnten. Während unsere Bevölkerung in
den kommenden Jahrzehnten zunehmend älter wird,
werden gesetzlich festgelegte Ausgaben einen
wachsenden Anteil unseres Etats und unseres
Sozialprodukts ausmachen. Einzeln erfreuen sich
diese Programme großer Unterstützung seitens der
Amerikaner. Zusammengenommen sind sie jedoch
sehr viel kostenintensiver als man gemeinhin anerkennt. Wenn wir weiterhin Anleihen für ihre Finanzierung aufnehmen, werden die daraus resultierenden
hohen Zinssätze die Verbesserung des Lebensstandards einschränken.
Der Prozeß, mit dem staatliche Defizite Ressourcen
aus Privatinvestitionen umleiten, ist nur einer der
vielen Wege, die die Aktivitäten der Bundesregierung
unweigerlich unterlaufen oder die Nutzung von
Ressourcen des Privatsektors umdirigieren. Abgesehen von der Defizitfinanzierung - in den regulären
oder Nebenhaushalten - sind das wichtigste Mittel,
mit dem die Regierung Ressourcen neu zuweisen
kann, durch Steuern finanzierte Ausgaben, die private
Aktivitäten regelnde Vorschriften wie Schadstoffkontrollen oder die Installation sicherer Geräte, die von
der Industrie über die Ausgabe von Schuldtiteln
finanziert werden, sowie staatliche Bürgschaften für
private Anleihen.
Wenn die Regierung ihre Tätigkeit über Steuern
finanziert, wird die Ausgabekapazität des einzelnen
und der Unternehmen direkt verringert, wodurch
Ressourcen aus Privatkäufen umgeleitet werden. Die
anderen Finanzierungsmethoden lenken Ressourcen
in einer indirekteren Weise um und operieren vorwiegend über die Auswirkungen auf die Zinssätze.
Wenn die Bundesregierung ihr Haushaltsdefizit
finanziert, erhöht sie beispielsweise die Nachfrage
nach knappen Spareinlagen, wodurch die Zinssätze
in die Höhe schnellen. Entsprechend nimmt die
Nachfrage nach einer Erhöhung der Kredite und
Zinssätze zu, wenn ein Unternehmen zur Finanzierung der von der Regierung zwingend vorgeschriebenen Aktivitäten Anleihen aufnehmen muß, oder wenn
die Regierung die Kosten der Kreditaufnahme für
bestimmte Investoren durch die Bürgschaft für ihre

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�Anleihen senkt. Staatliche und von der Regierung
vorgeschriebene Ausgaben bleiben von diesen
höheren Zinssätzen unberührt.
Andererseits reagieren rein private Aktivitäten mehr
oder weniger auf die Zinssätze. Die Nachfrage nach
Immobilienbesitz sinkt zum Beispiel, wenn die Hypothekenzinsen steigen. Die Nachfrage nach Warenbeständen ist eine Folge der Zinssätze für Dreimonatsgeld, und die Höhe der Zinssätze, die sich in
den Kapitalkosten niederschlagen, ist ein Schlüsselelement bei der Entscheidung für eine Erweiterung
oder Modernisierung der Produktionskapazität. In
dem Maße, in dem daher die Nachfrage nach mehr
Ressourcen in einer Volkswirtschaft höher ist als die
entsprechende Finanzierungskapazität, werden die
Zinssätze steigen, bis die überschüssige Nachfrage
schließlich verdrängt ist. Die verdrängte Nachfrage
ist natürlich direkt oder indirekt nicht die der Bundesregierung, weil die staatliche Nachfrage nicht auf
steigende Zinssätze reagiert. Die realen Zinssätze
werden vielmehr soweit steigen, daß rein private
Anleihen ausreichend reduziert werden, um die
gesamten Erfordernisse der regulären und Nebenhaushaltsdefizite sowie alle Gesamtbürgschaften und
vorgeschriebenen Aktivitäten zu erfüllen.
Wie weit die Zinssätze steigen müssen, um die
Nachfrage nach Spareinlagen und deren Angebot
ins Gleichgewicht zu bringen, hängt davon ab, wie
die Nachfrage von privaten Kreditnehmern auf diese
Zinssätze reagiert. Abhängig von der Reaktion der
privaten Nachfrage müssen die Zinssätze weit genug
steigen, um eine ausreichende Menge von Investitionen des Privatsektors zu verdrängen. Es gibt keine
Alternative zu einer Umlenkung realer Ressourcen
vom privaten zum öffentlichen Sektor. Kurzfristig
können Zinssätze niedrig gehalten werden, wenn die
Notenbank die überschüssige Nachfrage nach
Mitteln durch eine expansionärere Geldpolitik auffängt. Dies wird jedoch nur höhere Inflation und
wirtschaftliche Instabilität fördern. Letztlich wird es
keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Zuweisung realer Ressourcen für den privaten und öffentlichen Sektor haben.

Abschließend möchte ich betonen, daß die Zeit nicht
länger für uns arbeitet. Die Annahme, das Defizit sei
gutartig, ist eindeutig falsch. Dies gilt insbesondere
im Hinblick auf die äußerst niedrige private Sparrate.
Dem derzeitigen Gesetz folgend wird das Defizit bis
zum Ende des Jahrzehnts wieder steigen. Darüber
hinaus implizieren demographische Tendenzen mit
Beginn des nächsten Jahrhunderts einen unerbittlichen Aufwärtstrend staatlicher Ausgaben. Dies
zuzulassen, würde eine gravierende Unterminierung
unserer wirtschaftlichen Lebensfähigkeit bedeuten.
Je länger wir warten, desto drakonischer werden die
Maßnahmen aussehen müssen. Wir müssen insbesondere vermeiden, unsere Programme in die
Nebenhaushalte zu verlagern. Das ist reine Buchhalterei. Es gibt keine Alternative zu der Notwendigkeit, sich mit der Zuweisung realer Ressourcen zu
befassen, und wir müssen dies als erstes in Angriff
nehmen.
Ich bin mir bewußt, daß die Bewältigung eines
Problems schwierig ist, dessen Symptome schwer
auszumachen sind und dessen vollständige Auswirkungen Jahre oder Jahrzehnte entfernt scheinen.
Aber die Finanzmärkte haben es an sich, zukünftige
Probleme in die Gegenwart zu verlagern. Die langfristigen Zinssätze sind jetzt höher, weil die Märkte im
nächsten Jahrhundert steigende Defizite antizipieren.
Diese höheren langfristigen Zinssätze spiegeln
sowohl eine höhere Inflationsprämie als auch die
Erwartung höherer realer kurzfristiger Zinssätze in der
Zukunft wider, während die staatlichen Ausgaben
zunehmend die privaten Ausgaben verdrängen. Wie
ich bereits feststellte, verhindern höhere Zinssätze die
Kapitalbildung und machen nachfolgende Generationen ärmer.
Wir bezahlen bereits für unser Versagen, unser
langfristiges Haushaltsproblem vollständig in den Griff
zu bekommen. Eine weitere Verzögerung wird nur
den Gesamtumfang der Rechnung erhöhen, die eines
Tages fällig wird.

* *

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*

Seite 3

�RAUMFAHRT
20. Juli 1994

MONDLANDUNG GRÖSSTE LEISTUNG DES
JAHRHUNDERTS
25. Jahrestag des historischen Ereignisses
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren landete eine
kleine Mondfähre namens Eagle auf der öden
Oberfläche des Mondes, und die Astronauten Neil
Amstrong und Edwin Aldrin waren die ersten Bewohner der Erde, die den Fuß auf eine andere Welt
setzten - ein Ereignis, das von vielen als die bemerkenswerteste Errungenschaft des Jahrhunderts
angesehen wurde.
Die Landung der Apollo-11 -Astronauten auf dem
Meer der Stille am 20. Juli 1969 - der historische
Augenblick wurde in Schwarzweißbildern festgehalten, die weltweit auf den Fernsehschirmen übertragen wurden - verwirklichte das oberste Ziel des
größten nichtmilitärischen technischen Vorhabens,
das je von den Vereinigten Staaten unternommen
wurde.
Der Flug von Apollo 11 wurde auf der ganzen Welt
enthusiastisch verfolgt. Konfettiparaden, Vorträge,
Pressekonferenzen und eine Weltreise der Astronauten schufen sowohl in den Vereinigten Staaten als
auch im Ausland ein Klima des guten Willens.
Nach der epochemachenden Apollo-11-Landung
flogen amerikanische Astronauten noch fünfmal zum
Mond, wobei Apollo 17 im Dezember 1972 die letzte
Mondlandung vollzog. Jeder folgende Aufenthalt auf
dem Mond dauerte länger als der vorangegangene,
und bei den letzten drei Mondlandungen benutzten
die Astronauten ein Mondfahrzeug um in der Umgebung des Landeplatzes herumzufahren - aber
keine Landung kam der Begeisterung bei Apollo 11
gleich.
Roger Launius, Chefhistoriker bei der NASA, zufolge
war die Landung der ersten Menschen auf dem
Mond und ihre sichere Rückkehr eine "außerordentlich bedeutende" Leistung, die als Wendepunkt in
der Geschichte des Landes angesehen werden
sollte.
"Es war ein Vorhaben, das gleichermaßen das
technologische und wirtschaftliche Können der
Vereinigten Staaten unter Beweis stellte und eine

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Vorherrschaft über rivalisierende Nationen schuf - das
Hauptziel des Programms, wie von der KennedyAdministration geplant", schreibt er in einer NASAVeröffentlichung aus Anlaß des bevorstehenden
Jahrestages.
Die Motivation für die Annahme der Herausforderung
war der Wettlauf mit der Sowjetunion, die als erstes
Land einen Satelliten abgeschossen und einen
Menschen in die Umlaufbahn gebracht hatte. Präsident John F. Kennedy brachte die Vereinigten
Staaten am 25. Mai 1961 auf die Reise zum Mond,
als er seine Herausforderung folgendermaßen
formulierte: "Ich glaube, diese Nation sollte sich zur
Erlangung des Ziels verpflichten, vor dem Ende des
Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu
lassen und ihn sicher wieder zur Erde zurückzubringen."
Es war ein kühner Vorschlag in Anbetracht der
Tatsache, daß die Vereinigten Staaten bis dahin nur
den Astronauten Alan Shephard auf einen 15minütigen Flug ins All entsandt hatten.
Das Vorhaben dauerte acht Jahre, benötigte 420.000
Arbeitskräfte, kostete 25 Milliarden Dollar und erforderte 21 bemannte Raumflüge, bis diese ersten
Schritte auf dem Mond getan wurden - sechs Mercury-Programme, 10 Gemini-Flüge und fünf ApolloMissionen vor der Landung. Es forderte auch das
Leben von sieben Astronauten. Drei starben bei
einem Feuer auf der Abschußrampe und vier bei
einem Flugzeugabsturz.
Nur der Bau des Panamakanals konkurrierte in seiner
Größenordnung mit dem Apollo-Programm als
nichtmilitärischem Vorhaben, und nur das ManhattanProjekt zum Bau einer Atombombe im Zweiten
Weltkrieg war in einem Kriegsszenarium vergleichbar.
Die erste Mondlandungsmission begann am 16. Juli
mit dem Feuerstoß einer Saturn-V-Rakete, die die
drei Astronauten ins All beförderte. Nach einer
dreitägigen Reise zum Mond über 380.000 Kilometer
im All landeten die Astronauten Armstrong und Aldrin

Seite 1

�am 20. Juli um 21.18 Uhr MEZ auf der Mondoberfläche, während der Astronaut Michael Collins sie in
einer kegelförmigen Kommandoeinheit namens
Columbia im Mondorbit umkreiste.

Der ehemalige Astronaut William Anders gehörte der
Besatzung von Apollo 8 an, die erstmals zum Mond
flog, dort jedoch nicht landete, und zum ersten Mal
die ganze Erde aus dem Weltall sah.

Ungefähr sechseinhalb Stunden nach der Landung
setzte Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf
den fremden Boden und sagte zu Millionen von
Zuhörern auf der Erde: "Dies ist ein kleiner Schritt
für einen Menschen, aber ein Riesenschritt für die
Menschheit."

"Meines Erachtens entbehrt es nicht einer gewissen
Ironie, daß wir zum Mond flogen, es jedoch wahrscheinlich die Erde und ihre Ansicht war, die abgehärtete Testpiloten wie uns - und wahrscheinlich die
ganze Welt - am meisten beeindruckte", erklärte
Anders. "Die ersten Bilder der im Weltraum schwebenden Erde waren meines Erachtens ein wichtiger
Beitrag dazu, den Menschen ein besseres Gefühl für
den Platz der Erde in unserem Leben und im Universum zu vermitteln."

In den nächsten zweieinhalb Stunden beobachtete
die Welt auf den Fernsehschirmen, wie die Astronauten in Weltraumanzügen das amerikanische
Sternenbanner aus Nylon aufstellten, Fotos machten,
Boden- und Felsproben nahmen und wissenschaftliche Experimente machten. Am nächsten Tag hob
die Mondfähre ab, dockte an die über ihr kreisende
Columbia an und begann den Rückflug zur Erde mit
21,8 Kilogramm sicher in der Columbia verstautem
wertvollen Mondgestein. Die Astronauten wasserten
am 24. Juli auf dem Pazifischen Ozean.
Obwohl gerne über die technischen Begleiterscheinungen des Apollo-Programms gesprochen wird,
vertreten viele die Ansicht, der dauerhafteste Aspekt
von Apollo 11 sei die Tatsache gewesen, daß
erstmals Menschen die Erde verließen und einen
anderen Himmelskörper aufsuchten.
"In der gesamten Geschichte der Menschheit war
Apollo das Programm, das den Menschen vom
Planeten Erde zu einem anderen Körper im Sonnensystem brachte", so der ehemalige Astronaut Stuart
Roosa, Mitglied der Besatzung von Apollo 14, dem
dritten Flug zum Mond. "Das ist eine enorme
Leistung. Und am 25. Jahrestag von Apollo 11
sollte sich das jeder vor Augen halten."
Dem Historiker Launius zufolge besteht ein weiteres
großes Vermächtnis des Apollo-Programms darin,
daß die auf der Erde lebenden Menschen zu einer
neuen Sichtweise ihres Planeten gezwungen wurden.
Als die Besatzungen der Apollo ihre Fernsehkameras während der Reisen zum Mond auf die Erde
richteten, sah die Menschheit die Mutter Erde
erstmals aus weiter Entfernung, als "winzige, wunderschöne und zerbrechliche 'blaue Murmel' in der
Schwärze des Weltalls", so Launius. "Die moderne
Umweltbewegung war von dieser neuen Wahrnehmung des Planeten sowie der Notwendigkeit, ihn
und das Leben auf ihm zu schützen, teilweise zu
neuem Leben erweckt."

Seite 2

Wissenschaftlern zufolge kehrten Armstrong, Aldrin
und die 10 nachfolgenden Astronauten mit Proben
von Mondgestein zurück, die einen Einblick in den
gewaltigen und überraschenden Ursprung des
Mondes, seine Zusammensetzung und sein Alter
gaben. Die Mondgesteinsproben untermauern die
Theorie, daß sich der Mond infolge einer riesigen
Kollision der ursprünglichen Erde und eines Objekts
in Planetengröße bildete, durch die Trümmer in die
Umlaufbahn flogen, die sich schlie ßlich zum Himmelskörper Mond verbanden.
Durch die Reise zum Mond, der während der vergangenen 2 Milliarden Jahre nicht geologisch aktiv
war, erfuhren die Wissenschaftler auch mehr über die
Evolutionsgeschichte der Erde. Die Spuren der alten
Geschichte der Erde wurden durch fortgesetzten
Vulkanismus, das Entstehen von Gebirgen, Verwitterung und Vergletscherung beseitigt oder verändert.
Trotz der enormen Errungenschaften des ApolloProgramms wird vielerorts die Ansicht vertreten, es
habe der NASA und der Raumfahrt insgesamt ein
unsicheres Erbe hinterlassen.
Der ehemalige Astronaut Eugene Cernan, der im
Dezember 1972 an Bord der Apollo 17 an der letzten
Fahrt zum Mond teilnahm, hätte nie gedacht, daß 22
Jahre später noch niemand zum Mond zurückgekehrt
oder zum Mars geflogen sei. "Ich war fest davon
überzeugt, daß wir uns zur Jahrhundertwende - und
zu diesem Zeitpunkt erachtete ich dies als konservative Schätzung - bestimmt auf dem Weg zum Mars
befänden", erklärte er. "Es wird noch eine Generation dauern, bis wir wieder zum Mond oder Mars
fliegen."
Launius zufolge schuf das "goldene Zeitalter" des
Apollo bei der NASA die Erwartung, daß der Kurs
jedes größeren Weltraumzieles des Präsidenten

AMERIKA DIENST 28

�breite Unterstützung und die erforderlichen Ressourcen erhalten würde.
"Die meisten Mitarbeiter der NASA verstanden zum
Zeitpunkt der Landung auf dem Mond im Jahr 1969
jedoch nicht, daß Apollo nicht unter normalen politischen Umständen durchgeführt wurde und diese
Umstände sich nicht wiederholen würden", äußerte
er.

Launius fügte jedoch hinzu, die Erforschung des
Sonnensystems und des Universums bleibe wie eh
und je ein ebenso verlockendes wie bedeutendes Ziel
der Menschheit.

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Israelisch-jordanische Gespräche bieten Anreiz zu weiteren Fortschritten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltverträgliche Entwicklung unabdingbar für neue amerikanische Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Defizitproblem muss jetzt angegangen werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärungen von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Raumfahrt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mondlandung größte Leistung des Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Jahrestag des historischen Ereignisses&lt;/em&gt;</text>
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cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

*

13. Juli 1994

27

t

PRÄSIDENTENBESUCH

"BERLIN IST FREI"
Rede Präsident Clintons vordem Brandenburger
Tor
CLINTON BETRACHTET HANDEL ALS DIE
NATIONEN EINENDE KRAFT
Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und
Osteuropas

G-7

SCHAFFUNG
VON
ARBEITSPLATZEN
PRIORITÄT BEIM WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
Rede von Präsident Clinton

EINWANDERUNG

GEBT UNS EURE BESTEN
von Stephen Moore

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�PRASIDENTENBESUCH
13. Juli 1994
ii

BERLIN IST FREI"

Rede Präsident Clintons vor dem Brandenburger Tor
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 12. Juli 1994 von Präsident Clinton im Rahmen seines Staatsbesuchs
in der Bundesrepublik Deutschland vor dem Brandenburger Tor gehaltene Rede im Wortlaut.
Bürger des freien Berlin,
Bürger des vereinten Deutschland,
Herr Bundeskanzler,
Herr Regierender Bürgermeister,
Berliner in der ganzen Welt!
Ich danke Ihnen für die Begrüßung in Ihrer faszinierenden Stadt.
Wir stehen gemeinsam dort, wo das Herz Europas
gespalten wurde - und wir feiern die Einheit.
Wir stehen dort, wo rohe Betonmauern Mutter und
Kind trennten - und wir kommen als eine Familie
zusammen.
Wir stehen dort, wo diejenigen, die ein neues Leben
anstrebten, den Tod fanden - und wir sind von tiefer
Freude über die Erneuerung erfüllt.
Bürger Berlins! Sie haben Ihren langen Kampf
gewonnen. Sie haben bewiesen, daß keine Mauer
auf ewig die gewaltige Kraft der Freiheit einsperren
kann.
Und innerhalb weniger Jahre wird ein amerikanischer Präsident ein Berlin besuchen, das erneut Sitz
Ihrer Regierung ist. Ich verspreche Ihnen heute:
Eine neue amerikanische Botschaft wird in Berlin
stehen.
Vor einem halben Jahrhundert wurde Berlin geteilt,
vor 33 Jahren die Mauer errichtet. In dieser Zeit
lebte die eine Hälfte dieser Stadt eingeschlossen, die
andere Hälfte versklavt. Eine Kraft jedoch hatte
Bestand: Ihr Mut.
Ihr Mut hat sich auf vielerlei Weise gezeigt. Als der
kühne Mut des 17. Juni 1953, als die im Osten
Gefangenen Steine gegen die Panzer der Tyrannei
warfen. Als der stille Mut, mit dem Kinder über die
Mauer gehoben wurden, damit ihre Großeltern auf

AMERIKA DIENST 27

der anderen Seite die zu sehen vermochten, die sie
liebten, aber nicht berühren konnten. Als der innere
Mut, nach den Gedanken zu greifen, die frei machen.
Und als die Zivilcourage vor 5 Jahren, die in den
unerschrockenen Herzen und von Kerzen erleuchteten Straßen Leipzigs begann. Mit ihr verwandelten
Sie Ihren Traum von einem besseren Leben in den
Meißel der Freiheit.
Jetzt müssen Sie, die den Mut hatten, durchzuhalten,
Widerstand zu leisten, die Mauer niederzureißen,
eine neue Zivilcourage finden - den Mut zum Aufbau.
Die Berliner Mauer ist gefallen. Unsere Generation
muß nun entscheiden: Was werden wir an ihrer
Stelle aufbauen?
Heute, da wir hier stehen, können wir die Antwort
sehen. Ein Europa, in dem alle Nationen unabhängig
und demokratisch sind. In dem freie Märkte und
Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere
Sicherheit auf dem Aufbau von Brücken, nicht von
Mauern beruht. In dem all unsere Bürger so weit zu
gehen vermögen, wie es ihnen ihre gottgegebenen
Fähigkeiten erlauben, und ihre Kinder in Frieden und
Hoffnung aufwachsen lassen können.
Die Arbeit an der Freiheit ist nicht leicht. Sie erfordert Disziplin, Verantwortung und einen Glauben, der
stark genug ist, um Fehlschläge und Kritik zu überwinden. Und sie erfordert Wachsamkeit. Hier in
Deutschland, in den Vereinigten Staaten und auf der
ganzen Welt müssen wir denjenigen entgegentreten,
die uns mit flammenden Reden über Rasse, Volk
oder Religion spalten wollen.
Ich rufe besonders die Jugend dieser Nation auf:
Glauben Sie daran, daß Sie in Frieden mit denen
leben können, die anders sind als Sie! Glauben Sie
an Ihre Zukunft! Glauben Sie daran, daß Ihr Handeln
von Bedeutung ist! Fassen Sie den Mut zum Aufbau
- dann werden Sie erfolgreich sein!

Seite 1

�Sie haben Grund, daran zu glauben. Die Zukunft
nimmt bereits Gestalt an in der zunehmenden Zahl
derer, die gemeinsam die Sprache der Demokratie
sprechen, in der wachsenden Wirtschaft Westeuropas, der Vereinigten Staaten und unserer Partner.
Im Fortschritt der Wirtschaftsreform, der Demokratie
und der Freiheit in Ländern, die nicht frei waren. In
der NATO-Partnerschaft für den Frieden, in der 21
Nationen militärisch zusammenarbeiten und sich zur
gegenseitigen Achtung ihrer Grenzen verpflichtet
haben.
Ihnen allen, die Sie nach dieser Zukunft streben,
sage ich: Im Namen der Piloten, die durch ihre
Luftbrücke Berlin retteten, im Namen der Wachen
am Checkpoint Charlie, die den feindlichen Panzern
gegenüberstanden, im Namen der amerikanischen
Truppen, die weiterhin in Europa die Zukunft der

Freiheit sichern werden und im Namen der amerikanischen Präsidenten, die hierher nach Berlin gekommen sind: "Amerika steht an Ihrer Seite - jetzt und
für immer!"
Mein Freund, der Bundeskanzler, und ich taten vor
wenigen Augenblicken, was meinen Vorgängern
verwehrt war - wir schritten durch das Brandenburger
Tor. Seit 200 Jahren ist dieses Tor ein Symbol
seiner Zeit. Es gab Zeiten, da es ein Monument der
Eroberung und ein Turm der Tyrannei war. Doch Sie
- die mutigen Bürger Berlins - haben heute aus dem
Brandenburger Tor wieder das gemacht, was seine
Erbauer im Sinn hatten: ein Tor. Nun können wir
gemeinsam durch dieses Tor gehen, unserem
Schicksal entgegen, einem Europa, das geeint ist.
Geeint im Frieden, geeint in der Freiheit, geeint im
Fortschritt - zum ersten Mal in der Geschichte.
Nichts darf uns aufhalten. Alles ist möglich. Berlin ist
frei.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 27

�PRASIDENTENBESUCH
13. Juli 1994

CLINTON BETRACHTET HANDEL ALS
DIE NATIONEN EINENDE KRAFT
Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und Osteuropas
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten und
Deutschland sind sich bewußt, daß im Hinblick auf
das bevorstehende Jahrhundert "Handel ebenso wie
Streitkräfte in zunehmendem Maße die Bande
zwischen Nationen definieren", erklärte Präsident
Clinton am 11. Juli 1994 bei seinem Besuch in der
Bundesrepublik Deutschland.
Im Sommer des Jahres, in dem die russischen und
westlichen Truppen Berlin verlassen werden, wo sie
seit 1945 stationiert sind, äußerte der Präsident auf
einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Helmut
Kohl, die gemeinsamen Herausforderungen hätten in
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Nationen
erfolgreich geeint. Jetzt bestehe die Aufgabe in der
Integration der Nationen Mittel- und Osteuropas Teilen der ehemaligen Sowjetunion und des früheren
Warschauer Pakts - in ein Europa, das durch soziale, politische und wirtschaftliche Institutionen geeint
ist.
Präsident Clinton zufolge weiß der Westen aufgrund
seiner Erfahrung bei der Integration "halb Europas"
durch die NATO und "andere Institutionen, die nach
dem Zweiten Weltkrieg für Stabilität sorgten", wie er
vorzugehen hat. Im Mittelpunkt seiner Gespräche
mit Bundeskanzler Kohl stand dem Präsidenten
zufolge die Integration der anderen Hälfte Europas.
Da "amerikanische und russische Streitkräfte in
Kürze Stützpunkte in Deutschland verlassen würden,
auf denen sie seit 1945 stationiert sind", hätte er mit
dem Bundeskanzler erörtert, "wie wichtig die Ausweitung gemeinsamer Militärübungen mit unseren
Verbündeten im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden ist. Ferner sind wir uns bewußt, daß kurz
vor dem Beginn des 21. Jahrhunderts Handel
ebenso wie Streitkräfte in zunehmendem Maße die
Bande zwischen Nationen definieren."
In der Zeit nach dem Kalten Krieg sei es erforderlich,
so der Präsident, daß die neuen, Ost und West
verbindenden Institutionen, beispielsweise die Part-

AMERIKA DIENST 27

nerschaft für den Frieden, die neue Welthandelsorganisation und die Europäische Union, auf breiterer
Basis aufgebaut werden, um "noch mehr Stabilität" zu
gewährleisten.
Deutschland und die Vereinigten Staaten werden
Präsident Clinton zufolge "der anderen Hälfte Europas" im Bereich der Sicherheit, bei Wirtschaftsreformen und Investitionsanreizen beistehen und "deren
Anspruch auf einen Platz am Tisch freier, befreundeter und gleichgesinnter Nationen geltend machen".
Clinton und Kohl vermieden beide direkte Kommentare zu der anstehenden Entscheidung des Bundesgerichtshofs darüber, ob eine Teilnahme deutscher
Streitkräfte an friedenssichernden Operationen der
Vereinten Nationen dem Grundgesetz entspricht. Der
amerikanische Präsident erklärte jedoch, er habe
"großes Vertrauen in die umfassenden Ziele und den
Kurs" der deutschen Regierung und die "Unterstützung Deutschlands für ein geeintes Europa, in dem
Deutschland ein gleichberechtigter Partner ist". Er
fügte hinzu: "Alles, was getan werden kann, um
Deutschland in seiner verantwortungsvollen Rolle als
führende Nation zu unterstützen, ist als positiv zu
erachten."
Der Präsident teilte einem Fragesteller mit, die
Beileidsbekundung aus Anlaß des Todes von Kim II
Sung sei "kurz, sachlich und angemessen" gewesen
und wies von Bob Dole, dem Fraktionsvorsitzenden
der Republikanischen Partei im Senat, geäußerte
Kritik zurück. Die bei Aufnahme der hochrangigen
Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und
Nordkorea in Genf abgegebene Erklärung sei "eindeutig im Interesse der Vereinigten Staaten gewesen.
Es ist eine Tatsache, daß wir nach jahrelanger
Isolation und starken Spannungen aufgrund nuklearer
Fragen an dem Tag, an dem Kim II Sung starb,
erneut Gespräche mit den Nordkoreanern aufnahmen."

Seite 1

�Clinton äußerte, die Verschiebung der Genfer Gespräche sei kein Rückschlag, denn es bestehe die
Möglichkeit, die Einfrierung von Pjöngjangs Nuklearprogramm zu überwachen. "Wir wissen, ob sie ihr
Wort halten oder nicht ... Da sie eigenen Angaben
zufolge die Gespräche fortsetzen wollen, bin ich
zuversichtlich." Clinton verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, ein Gipfel zwischen Nord- und Südkorea
werde "so bald wie angemessen" abgehalten; die
Auswahl des Zeitpunkts überließ er jedoch Pjöngjang und Seoul.
Im Hinblick auf Bosnien drängten beide Regierungschefs auf die Annahme der Landkarte für die Aufteilung Bosniens, die von der aus fünf Nationen
bestehenden Kontaktgruppe entworfen wurde. Dem
Präsidenten zufolge muß dem Frieden eine Chance
gegeben werden. "Wir sollten gemeinsam mit
unseren Verbündeten in Europa an der Lösung
dieses Problems arbeiten, und wir stehen kurz
davor."
Ein hochrangiger Regierungsvertreter teilte vor
Journalisten mit, der Präsident habe sich bei seinen
Geprächen mit Kohl und Bundespräsident Herzog
auf die europäische Integration und Osteuropafragen
konzentriert. Insbesondere Herzog befragte den
Präsidenten zu seiner Reise nach Lettland und
Polen, was zeigt, welche Bedeutung Bonn trotz der
historischen Schwierigkeiten der Aufrechterhaltung
guter Beziehungen zu Warschau beimißt.
Bei einem Treffen mit Bundeskanzler Kohl - das nur
eines von mehreren im Verlauf von zwei Tagen war,
einschließlich eines Abendessens im Privathaus des
Bundeskanzlers - sprachen die beiden Politiker 45
Minuten lang unter vier Augen, bevor sie ihre Berater hinzuzogen. In ihren Gesprächen ging es einem
Regierungsvertreter zufolge um die wirtschaftliche
Situation in Europa. Kohl und Clinton stimmten
überein, "daß sich die Lage in Europa verbessert hat
und sich Trends umkehren". Sie erörterten die
Auswirkungen der deutschen Vereinigung, und der
Bundeskanzler wies auf die mit dieser Erfahrung
einhergehenden Schwierigkeiten hin. Auch in diesem
Bereich gehe es wieder bergauf.
Ferner wurden der Abzug der russischen Streitkräfte
aus den baltischen Staaten angesprochen und die in
Neapel erzielten Fortschritte anerkannt, wo Clinton
neue Ideen des estnischen Präsidenten Lennart Meri
an den russischen Präsidenten Jelzin übermittelte.

Einige Fragen seien noch nicht gelöst, und somit
steht in Zweifel, ob die Russen ihrer Verpflichtung
nachkommen werden, ihre Truppen bis zum 31.
August abzuziehen. Clinton erhielt in Neapel von
Jelzin das persönliche Versprechen, mit Meri über die
Rechte pensionierter russischer Offiziere sowie die
Beseitigung nuklearer Altlasten auf einem sowjetischen Ausbildungsstützpunkt zu sprechen.
Bundeskanzler Kohl betonte Präsident Clinton gegenüberdie Entschlossenheit der Bonner Regierung, "die
(neuen) Demokratien in die Europäische Union zu
bringen". Clinton äußerte, er sei sich der Deutschland konfrontierenden Schwierigkeiten durchaus
bewußt.
Die Staatsmänner sprachen die Partnerschaft für den
Frieden und die zukünftige Erweiterung der NATO an
und einigten sich auf "zunehmend enge Kontakte,
während sich die Partnerschaft entwickelt und wir der
endgültigen Erweiterung der NATO entgegensehen".
Anschließend traf der Präsident einzeln mit SPDKanzlerkandidat Rudolf Scharping sowie dem FDPVorsitzenden und Außenminister Klaus Kinkel zusammen.
Auf dem Weg nach Bonn sprach der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Mark Gearan, an
Bord des Flugzeugs des Präsidenten, Air Force One,
die Reaktion des Präsidenten auf Kritik an seiner
Beileidsbekundung für das nordkoreanische Volk aus
Anlaß des Todes von Kim II Sung an. Gearan wies
auf die von beiden Nationen geleistete Arbeit hin, die
zu einem Einfrieren der wichtigsten Elemente von
Pjöngjangs Nuklearprogramm geführt hatte, sowie auf
die Einigung auf hochrangige Gespräche in Genf und
die Anberaumung eines Gipfels zwischen nord- und
südkoreanischen Politikern für Ende dieses Monats.
Ein hochrangiger Regierungsvertreter teilte einer
Gruppe von Reportern an Bord der Air Force One
mit, der amerikanischen Delegation in Genf sei
offiziell mitgeteilt worden, Nordkorea wolle die Gespräche nach der Beerdigung Kims wiederaufnehmen.
Der Regierungsvertreter zog daraus die
Schlußfolgerung, Pjöngjang habe die politische
Entscheidung getroffen, seine vorherige Politik
fortzusetzen. Ihm zufolge hat der Präsident noch
nicht entschieden, ob er an der im Dezember in
Budapest anberaumten KSZE-Gipfelkonferenz der
Regierungschefs teilnehmen wird.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 27

�G-7
13. Juli 1994

SCHAFFUNG VON ARBEITSPLÄTZEN PRIORITÄT
BEIM WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht Präsident Clintons ist die Schaffung von Arbeitsplätzen bei dem
bevorstehenden Gipfel der sieben führenden Industrienationen (G-7) die wichtigste Frage.
Vor der Abreise zu dem vom 8. bis 10. Juli 1994 anberaumten Weltwirtschaftsgipfel in Neapel nannte Präsident
Clinton weitere anzusprechende Themen:
Die Notwendigkeit einer neuen globalen Hochtechnologie-Informationsinfrastruktur,
die explosiven Themen Weltbevölkerung .und Umweltkrise,
fortgesetzte Bestrebungen zur Unterstützung Rußlands und der anderen neuen Demokratien beim
Übergang von Kommando- zu freien Marktwirtschaften.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Mein Dank gilt Minister Brown, Botschafter Kantor,
Minister Reich, dem Stellvertretenden Außenminister
Talbott, dem nationalen Sicherheitsberater Lake,
dem nationalen Wirtschaftsberater Bob Rubin,
meinem Sonderberater für öffentliche Angelegenheiten Alexis Herman und vielen anderen, die harte
Arbeit geleistet haben, um diese bevorstehende
Reise zu einem Erfolg werden zu lassen.
Ferner möchte ich die heute anwesenden Mitglieder
des diplomatischen Corps würdigen, sowie die
Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der
Regierung und akademischen Welt - viele Gesichter,
die im nationalen Interesse die Förderung unserer
internationalen Wirtschaftspolitik anstreben.
Es ist angemessen, daß wir uns kurz vor meiner
Abreise zum G-7-Gipfel sowie meinen Besuchen in
Lettland, Polen und Deutschland hier versammeln,
denn vor einem Jahr unterzeichnete ich an diesem
Ort das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA). Angesichts der Umstände, unter denen es
debattiert wurde, war das NAFTA mehr als eine
Handelsvereinbarung - es war ein entscheidender
Moment in der modernen Geschichte. Seine Ratifi-

AMERIKA DIENST 27

zierung erfolgte erst nach einer Grundsatzdebatte von
großer Tragweite über die Frage, wie die Vereinigten
Staaten das Zeitalter nach dem Kalten Krieg beginnen sollten.
Sollten wir uns zurückziehen, abwenden und schließlich ein - meiner Ansicht nach - langsames und
stetiges Absinken unseres Lebensstandards hinnehmen oder würden wir statt dessen einen anderen
Weg einschlagen? Würden wir dort, wo die alten
Mauern gefallen waren, neue Mauern bauen oder
begeistert die Herausforderungen einer neuen, im
schnellen Wandel begriffenen Wirtschaft begrüßen?
Unsere Abstimmung über das NAFTA war eine
Antwort auf diese Frage. Wir beschlossen, uns der
Welt zu öffnen. Jetzt ist es an uns, die Welt zu
gestalten, in der wir leben möchten.
Dieser Zeitpunkt in der Geschichte erfordert, daß wir
die rasende, sogar verwirrende Geschwindigkeit des
wirtschaftlichen Wandels meistern und sicherstellen,
daß unser Volk über das Selbstvertrauen und die
Fähigkeiten verfügt, die Früchte einer wachsenden
Weltwirtschaft zu ernten. Das ist das Ziel meiner

Seite 1

�Präsidentschaft.
Und meine heute beginnende
Mission in Europa ist einfach: Arbeitsplätze und eine
Welt des Wohlstands zu schaffen.
Wir befinden uns inmitten einer seltenen Zeit der
Chancen. Wenn unser Volk das Vertrauen, die
Vision und die Klugheit an den Tag legt, diese
Chancen zu ergreifen, können wir eine Zeit der
Erneuerung für Amerika und die übrige Welt gestalten.
Beim G-7-Treffen in Neapel und meinen Besuchen
in Lettland, Polen und Deutschland werden wir nach
Möglichkeiten suchen, Arbeitsplätze zu schaffen und
unsere Arbeitnehmer besser auf sie vorzubereiten,
die Infrastruktur für eine neue Weltwirtschaft zu
schaffen, alle Nationen der Welt einer umweltverträglichen Entwicklung zu verpflichten sowie die
wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische
Integration der neuen Demokratien in die Familie
freier Nationen fortsetzen.
Selbst während wir uns hier treffen und Ansprachen
halten, sind mächtige Kräfte am Werk, die die Welt
erschüttern und umgestalten. Das ist die zentrale
Tatsache unserer Zeit. Es ist an uns, diese Kräfte
zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren,
so daß jeder Mann und jede Frau innerhalb unserer
Reichweite, jeder Junge und jedes Mädchen seine
gottgegebenen Fähigkeiten voll entfalten kann.
Eine globale Wirtschaft, ständige Erneuerung,
sofortige Kommunikation durchziehen unsere Welt
wie ein neuer Fluß und stellen für alle an seinem
Ufer Lebenden gleichzeitig eine Quelle der Kraft und
der Störung dar. Der Kalte Krieg hat eindeutig in
Mittel- und Osteuropa zu einer neuen Geburt der
Freiheit geführt.
Und diese beinhaltet enorme
Chancen.
Die Bürgerkämpfen gegen wechselnde Strömungen,
werden aus ihrer Verankerung losgerissen - und
sehen sich stagnierenden Einkommen, verschlechterten Aussichten auf einen Arbeitsplatz und sozialen
Problemen schwindelerregenden Ausmaßes gegenüber. Andauernde Arbeitslosigkeit ist besonders in
Europa weit verbreitet. Und hier in den Vereinigten
Staaten stagnieren unsere Einkommen noch weitgehend, obwohl wir ein Wirtschaftswachstum zu
verzeichnen haben.
In den Vereinigten Staaten bereiten wir uns auf
diese neue Welt vor, indem wir unseren Haushalt in
Ordnung bringen, unser Defizit drastisch reduzieren
und uns energisch um verbesserten Zugang zu
ausländischen Märkten bemühen.
Wir helfen
unserer arbeitenden Bevölkerung, sich an die
Weltwirtschaft anzupassen und zu prosperieren,

Seite 2

indem wir ein Erziehungssystem von Weltklasse
schaffen, ein besseres System für den Übergang von
der Schule ins Arbeitsleben für die jungen Leute, die
nicht aufs College gehen wollen, größereChancen für
die Collegebesucher und schließlich ein System
lebenslangen Lernens und der Wiederbeschäftigung
für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.
Und wir müssen auch auf die Bereitstellung einer
Gesundheitsfürsorge für sie hinarbeiten.
Vom ersten Vorschultag bis zum letzten Tag vor der
Pensionierung wird jeder Amerikaner lernen müssen.
Und diese Lektion muß jedem Amerikaner gelehrt
werden - vom ersten Vorschultag über den ersten
Arbeitstag bis zum letzten Tag vor der Pensionierung.
Lebenslanges Lernen ist keine Option. Somit sind
wir verantwortlich dafür, jeden Amerikaner so vorzubereiten, daß er ungeachtet der jeweiligen Wirtschaftslage das Beste aus allem machen kann.
Selbst während wir die Saat der Erneuerung säen,
müssen wir erkennen, daß die Ereignisse auf der
Welt einen Einfluß auf uns zu Hause haben.
Wir benötigen weltweites Wirtschaftswachstum, denn
wenn die Weltmärkte wachsen, schnellen unsere
Exporte in die Höhe, was höherbezahlte Arbeitsplätze
in Amerika bedeutet. Wenn die Arbeitnehmer in
anderen Staaten den Protektionismus befürworten,
bedeutet das einen Wettlauf, bei dem wir alle verlieren werden. Wenn die Nationen Mittel- und
Osteuropas in Chaos oder Autoritarismus zurückfallen, werden legitime Sicherheitserfordernisse einen
noch größeren Teil unseres künftigen Etats beanspruchen.
Unsere Herausforderung ist die Herausforderung aller
entwickelten Nationen. Wir können nur wirksam
handeln, wenn wir gemeinsam vorgehen. Wir begannen damit vor einem Jahr in Tokio beim ersten
G-7-Gipfel meiner Präsidentschaft. Jahrelang unternahm die Gruppe der Sieben weniger, als in ihrer
Macht stand, im vergangenen Jahr jedoch lösten wir
ein Jahrzehnt des Dahintreibens durch eine wirkliche
Verpflichtung zum Handeln ab. Wir brachten die seit
Jahren festgefahrenen Welthandelsgespräche zu
einem Abschluß. Und mit unserer Hilfe kommt die
einst lahmgelegte russische Wirtschaft wieder auf die
Füße. Wir haben alle gezeigt, daß durch die Stück
für Stück und Jahr um Jahr bei diesen G-7-Gipfeln
getroffenen Entscheidungen wirklich etwas bewirkt
werden kann.
Ein Jahrzehnt lang hat unser außer Kontrolle geratenes Haushaltsdefizit uns der Fähigkeit beraubt,
unsere Partner zum Handeln zu drängen. Vielmehr
haben uns jedes Jahr bei diesen Zusammenkünften
unsere Freunde und Verbündeten zum Abbau des
Defizits gedrängt und behauptet, sie könnten unseren

AMERIKA DIENST 27

�Vorschlägen zur Förderung des weltweiten Wirtschaftswachstums kein Gehör schenken. Jetzt
haben wir nicht länger das größte Defizit innerhalb
der G-7, sondern eines der geringsten.
Durch den umfassendsten Abbau des Haushaltsdefizits in unserer Geschichte, einschließlich einer
Ausgabenkürzung in Höhe von 255 Milliarden Dollar,
verfügen wir jetzt über das Ansehen und die Glaubwürdigkeit, zu sprechen und gehört zu werden. Wir
stehen kurz vor der Verabschiedung eines neuen
Haushalts, der - das darf ich vielleicht hinzufügen neue Ausgabenkürzungen enthält, einschließlich
einer ersten Reduzierung der gesamten inländischen
Ausgaben zur freien Verfügung in 25 Jahren, durch
die wir erstmals seit der Amtszeit Harry Trumans als
Präsident der Vereinigten Staaten einen dreijährigen
Defizitabbau in Folge haben.
Jetzt müssen wir diese neugewonnene Stärke dazu
einsetzen, den Bürgern unserer Nation und aller
anderen Nationen das erforderliche Selbstvertrauen
zu geben, um in unsicheren Zeiten prosperieren zu
können. Wir müssen vom Krisenmanagement zur
Wohlstandsplanung übergehen. Mit anderen Worten
müssen wir die Grundlage für die Wirtschaft des 21.
Jahrhunderts legen, in der Wandel an der Tagesordnung ist und die entscheidende Frage lauten wird,
ob der Wandel unser Freund oder unser Feind ist.
Unsere erste Aufgabe ist die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die Entwicklung einer hochqualifizierten Arbeitnehmerschaft zu ihrer Besetzung. Das
scheint auf der Hand zu liegen, aber sehr viele
entwickelte Volkswirtschaften der Welt hatten seit
mehreren Jahren keinen Erfolg bei der Schaffung
von Arbeitsplätzen. In Tokio einigten wir uns auf
eine gemeinsame Strategie zur Konjunkturförderung,
und das Wachstum in den G-7-Staaten beträgt im
Vergleich zum Vorjahr heute das Zweieinhalbfache.
Die Vereinigten Staaten haben diese Konjunkturförderung angetrieben. Da 40 Prozent der Jahreseinnahmen der G-7 auf Amerika entfallen, haben wir
drei Viertel des Wachstums und nahezu 100 Prozent
der neuen Arbeitsplätze geschaffen. Unsere Exporte
nehmen schneller zu als die jeder anderen G-7-Nation. Wir werden alles in unserer Macht Stehende
tun, um diese Bilanz durch die Erweiterung des
Handels weiter zu verbessern.
Als wir im letzten Jahr die siebenjährige Pattsituation
beendeten und den Weg zur Unterzeichnung des
größten je in der Uruguay-Runde des GATT abgeschlossenen Handelspakts ebneten, wußten wir, daß
wir auf dem richtigen Weg waren. Jetzt müssen wir
eine Führungsrolle bei seiner Unterzeichnung übernehmen.

AMERIKA DIENST 27

Diese Handelsabkommen sind gut für unser Land. Ich
möchte nur einen Punkt erwähnen, der während der
Debatte von besonderem Belang war. In diesem
Jahr exportieren wir fünfmal mehr Autos nach Mexiko
als vor einem Jahr.
Wenn Sie die Leistungen des NAFTA mit dem
Potential des GATT vergleichen, erhalten Sie ein
Gefühl für die Bedeutung der Ratifizierung hier in den
Vereinigten Staaten und den anderen Ländern.
GATT bedeutet eine Steuersenkung in den nächsten
Jahrzehnten in Höhe von 744 Milliarden Dollar für die
Industrienationen und eine halbe Million neuer
amerikanischer Arbeitsplätze. Der Kongreß muß das
Abkommen in diesem Jahr verabschieden. Und alle
G-7-Nationen müssen guten Glaubens auf seine
Umsetzung hinarbeiten.
Wir wissen jedoch auch, daß wir noch mehr tun
müssen. Bei der Arbeitsplatzkonferenz im März in
Detroit nahmen zum ersten Mal in der Geschichte die
Finanz- und Arbeitsminister dieser Länder ernsthafte
Gespräche über das wirtschaftliche Wohlergehen der
Arbeitnehmer auf. In allen Industrienationen fordert
der neue Konkurrenzdruck durch sich rasch entwikkelnde Nationen höhere Qualifikationen der Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitigem Druck auf die Löhne
dieser Arbeitnehmer.
Wir müssen voneinander lernen. Wir können viel von
dem deutschen System für Auszubildende und dem
Gesundheitswesen lernen, von dem französischen
System der Kinderbetreuung, von der Art und Weise,
in der die Norditaliener bei Forschung und Entwicklung sowie der Vermarktung für mittelständischen
Unternehmen zusammenarbeiten. Von jeder Nation
in der G-7 müssen wir etwas lernen. Jede Nation
spricht diese Qualifikationen an.
Ich habe mit den Japanern darüber gesprochen. Ich
habe mit den Briten darüber gesprochen. Ich habe
mit den Kanadiern darüber gesprochen. Ich war
beeindruckt als ich sah, daß der britische Premierminister eine kleine Plastikkarte bei sich trug, auf der
die Ziele für das britische Bildungswesen bis zum
Jahr 2000 standen. Es klang ziemlich ähnlich wie die
Gesetzesvorlage, die ich vor nur wenigen Wochen
unterzeichnet habe.
Wir wissen, daß wir voneinander lernen können. Wir
wissen, daß die Vereinigten Staaten wegen ihrer
anpassungsfähigen Arbeitnehmer mehr Arbeitsplätze
schaffen konnten. Aber wir wissen auch, daß jede
Nation härter arbeiten muß, um noch mehr Arbeitsplätze hervorzubringen und die Einkommen zu
erhöhen.

Seite 3

�In Neapel werden wir mit dieser gemeinsamen
Tagesordnung auf Fortschritte drängen. Und ich
möchte sagen, daß meines Wissens keine Gruppe
moderner Nationen im gesamten Verlauf der
menschlichen Geschichte je versucht hat, gemeinsam an diesen Problemen zu arbeiten - den Problemen des Durchschnittsbürgers, die hinter den
komplexen Statistiken liegen, die wir jeden Tag in
den Zeitungen lesen.
Unser zweites Ziel in Neapel wird der Aufbau einer
neuen Infrastruktur für diese neue Volkswirtschaft
sein. Im 21. Jahrhundert muß es ein Netzwerk
geben, um die Ideen, Informationen und Investitionen der neuen Volkswirtschaft weiterzuleiten. Dies
erfordert neue Technologien und zweifelsohne den
Aufbau des Superinformationsnetzes, von dem
Vizepräsident Gore stets gesprochen hat.
Wir müssen diese Infrastruktur schaffen und sie zur
Verbesserung der Produktivität nutzen, damit wir
generelles Wachstum im Rahmen der Ressourcen
unseres Planeten erweitern können. Wir werden
diese Pläne in Neapel unterbreiten.
Drittens werden wir die explosiven Themen Weltbevölkerung und Umweltkrise erörtern. In den kommenden Jahren werden Wohlstand und Sicherheit
mehr als je zuvor von Fortschritten beim Umweltschutz und umweltverträglicher Entwicklung abhängen. Wir müssen das Bevölkerungswachstum
stabilisieren, weil Armut sowohl die Ursache als auch
die Wirkung der Bevölkerungsexplosion ist. Ansonsten sehen wir uns mit einer immer größeren Verknappung von Nahrungsmitteln zur Ernährung
künftiger Generationen konfrontiert, einer Verschmutzung der Umwelt, die sie benötigen, um in Frieden
zu leben, statt ihr Lager abzubrechen und nationale
Grenzen zu überschreiten, und einer Einschränkung
der Fähigkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen für
die Menschen des 21. Jahrhunderts.
Viertens werden wir weiterhin mit Rußland und den
anderen neuen Demokratien bei dem schwierigen
Übergang von Kommando- zu freien Marktwirtschaften, von repressiven Regimen zu offenen Gesellschaften zusammenarbeiten. Bei Gipfel von Tokio
befand Rußland sich in einer ernsthaften wirtschaftlichen Notlage. Wir haben die internationale Staatengemeinschaft zur Bereitstellung von Nothilfe für
die Reformen aufgerufen. 26 Milliarden Dollar der
zugesagten 43 Milliarden wurden bereits zugewiesen. Die russische Regierung verdient enormes Lob
dafür, daß sie den Weg der Reformen weiterverfolgt
hat, insbesondere in den vergangenen Monaten.
Und langsam aber sicher funktionieren die Reformen.

Seite 4

Heute macht das russische Haushaltsdefizit einen
kleineren Prozentsatz der Einnahmen aus als das
Defizit einiger anderer europäischer Länder. Die
monatliche Inflationsrate Rußlands ist auf einstellige
Zahlen gesunken. Und die Hälfte der russischen
Arbeitnehmer ist jetzt im Privatsektor beschäftigt.
Das Leben in Rußland ist immer noch schwierig, aber
die Menschen haben jetzt eine greifbare Hoffnung.
In Neapel wird Präsident Jelzin zum ersten Mal als
gleichwertiger Partner gemeinsam mit uns an der
Erörterung politischer Themen teilnehmen.
Die G-7 wird darauf hinarbeiten, die Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas mit Handel und langfristigen
Reformen vollständig in die Weltwirtschaft zu integrieren. Wir wollen, daß diese Nationen auf dem Kurs
von Wirtschaftsreformen und Demokratie bleiben,
denn dies ist der einzig richtige Weg zu Wohlstand
und Frieden. Die Aussicht auf Erneuerung wird
jedoch nur bestehen bleiben, wenn Europa ungeteilt
ist und die jungen Demokratien vollständig in die
Sicherheit und Gesellschaft dieses Kontinents integriert sind. Aus diesem Grund haben wir so hart an
der Schaffung der Partnerschaft für den Frieden im
Rahmen der NATO gearbeitet, um friedliche, der
Respektierung der Grenzen des anderen verpflichtete
Nationen von Vancouver bis Wladiwostok zu verbinden. Sie müssen überzeugt sein, daß diese
schwierige Reise es wert ist.
Aus diesem Grund habe ich die große Ehre, bei
meinem Besuch in Riga als erster amerikanischer
Präsident unabhängigen baltischen Boden zu betreten. Ich werde Warschau besuchen, wo ein freies
Volk wieder zu seinem Recht kommt, wo die polnische Wirtschaft jetzt schnellerwächst als jede andere
Volkswirtschaft in Europa, ein Land, das bestrebt ist,
ein gleichwertiger Partner bei unseren Erwägungen
für die Zukunft zu sein.
Ich werde die Reise in Berlin beenden, der Stadt, in
die unsere Präsidenten seit 50 Jahren Wallfahrten
unternehmen, um unser Engagement für die Freiheit
zu verkündigen. Es wird ein Privileg sein, Sie alle als
erster Präsident zu repräsentieren, der diese Stadt
seit jenem glorreichen Tag besucht, an dem sich die
Deutschen vereinigten, um die Berliner Mauer zu
stürzen. Dort werde ich Zeuge eines stolzen Kapitels
unserer eigenen Geschichte, während die letzte
amerikanische Brigade von Berlin nach Hause
abgezogen wird.
Während die letzten Soldaten aus dem Kampf für die
Freiheit zurückkehren, müssen wir uns erneut die
schwerwiegenden Konsequenzen der Tatsache vor
Augen halten, daß Amerika sich nach dem Ersten
Weltkrieg aus der Welt zurückgezogen hat. Diese
Truppen werden Deutschland und Europa verlassen,

AMERIKA DIENST 27

�weil ihre Mission beendet ist, aber ungefähr 100.000
Soldaten werden stationiert bleiben und im Rahmen
der NATO an der Förderung des Friedens und für
den Schutz des Kontinents arbeiten. Und wir
werden durch unser Engagement für Handel und
politische Integration hier vertreten sein.
Vor einem Monat, als ich unsere Nation in Europa
repräsentierte, war es nur eine Reise in die Vergangenheit zu Ehren der Generation, die im Zweiten
Weltkrieg die Freiheit der Welt rettete. Heute abend
kehre ich in einer anderen Mission nach Europa
zurück - um gemeinsam mit anderen an der Erneuerung der Welt zu arbeiten, die uns die Generation
des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hat.
Wir sollten uns vor Augen halten, daß große Unsicherheit die Zukunft verdunkelte, als der Zweite
Weltkrieg gewonnen wurde. Europa und Japan
lagen in Schutt und Asche. Die Völker waren
erschöpft. Die Menschen wußten nicht, was sie
erwarten sollten oder was geschehen würde. Aber
aufgrund der Vision der Menschen, die hier in den
Vereinigten Staaten und bei den anderen Verbündeten unsere Vorfahren waren, wurden neue Institutionen gegründet, der nach dem Ersten Weltkrieg
eingeschlagene Weg wurde aufgegeben und statt
dessen sich der Welt mit Optimismus, Hoffnung und
der Entschlossenheit geöffnet, ihr Funktionieren zu

*

AMERIKA DIENST 27

gewährleisten - nicht nur für die Amerikaner, sondern
auch für unsere Freunde und Verbündeten und in der
Tat auch für unsere ehemaligen Gegner. Es ist
dieser Geist, diese Idee, die uns heute beflügeln
muß.
Seit dem letzten Treffen der G-7 hatten wir in den
Vereinigten Staaten ein gutes Jahr, aber wir sind
noch weit von unserem Ziel entfernt. Wir bewegen
uns einfach auf dem Weg, der uns leiten wird. Und
ich möchte, daß Sie alle wissen, solange ich Präsident bin, werde ich mich weiterhin für diese Dinge
einsetzen - eine integrierte und starke Sicherheitspartnerschaft in Europa, die richtige Art von politischer Partnerschaft und die kontinuierliche Erweiterung unserer Wirtschaftsgrenzen. Ich hoffe, Sie
werden diese Richtung auch in Zukunft unterstützen.
Denken Sie an die Welt, in der die Kinder dieses
Landes in 20, 30, 40 Jahren leben sollen. Es liegt in
unserer Macht, sie zu schaffen, aber wir müssen
heute die richtigen Entscheidungen treffen. Diese
Reise ist ein wichtiger Teil dieser Entscheidungsfindung. Ich hoffe, daß Sie mir alles Gute wünschen
und - noch wichtiger - diese Bestrebungen hier zu
Hause und - wenn Sie können - auf der ganzen Welt
unterstützen.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie.

* * *

*

Seite 5

�EINWANDERUNG
13. Juli 1994

GEBT UNS EURE BESTEN
von Stephen Moore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Auswirkungen der Einwanderung
in die Vereinigten Staaten auf das amerikanische Arbeitsleben. Der Verfasser umreißt die Vorteile der
Einwanderung für die Arbeitswelt und die amerikanische Wirtschaft und vertritt die Ansicht, die Wettbewerbsvorteile der Vereinigten Staaten seien eng mit der fortgesetzten Anziehungskraft des Landes auf hochbegabte
Arbeitnehmer aus anderen Staaten verbunden.
Stephen Moore schreibt Artikel für Insight.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Insight, Stephen Moore, 22. November
1993.

Bei vielen Amerikanern beschwört das Wort "Einwanderung" sofort das Bild armer Mexikaner herauf,
die bei San Diego (Kalifornien) illegal über die
Grenze kommen, um Arbeit zu Niedriglöhnen zu
finden und vielleicht staatliche Sozialleistungen zu
erhalten. Jüngste Meinungsumfragen bestätigen,
daß die Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit
gegenüber der Einwanderung äußerst negativ ist.
Die aus Mittelamerika stammenden Einwanderer
stehen in dem Ruf, Sozialleistungen des Staates zu
mißbrauchen und sich hartnäckig zu weigern,
Englisch zu lernen. Haitianer werden für AIDSÜberträger gehalten, russische Juden für Mafiosi und
Asiaten für internationale Terroristen. Die Medien
bekräftigen diese Klischees, indem sie die Öffentlichkeit mit negativen Beschreibungen von Einwanderern bombardieren.
Die Vorstellung von Einwanderern als müden,
armen, zusammengedrängten Massen ist ebenso
dauerhaft in den Köpfen der Öffentlichkeit verhaftet
wie die unwiderruflich in den Sockel der amerikanischen Freiheitsstatue eingravierten Worte. Das
Gedicht von Emma Lazarus beschreibt jedoch nicht
die Hunderttausenden von Menschen, die sich im
Amerika der neunziger Jahre ein neues Leben
aufbauen. Es wäre angemessener, wenn die Worte
auf dem Sockel der Statue lauteten: "Gebt uns Eure
Besten, Eure Intelligentesten, Energischsten und
Talentiertesten!" Warum? Weil das im wesentlichen
die Menschen beschreibt, die jedes Jahr in die
Vereinigten Staaten einwandern.

AMERIKA DIENST 27

Es könnte der Mühe wert sein herauszufinden, wer
diese Neuankömmlinge sind und welche Auswirkungen sie auf das Leben der alteingesessenen Amerikaner haben.
Wer der Ansicht ist, die Einwanderer seien eine
Belastung für die amerikanische Wirtschaft, war noch
nie im Silicon Valley in Kalifornien. Dort und in
anderen Hochtechnologie-Korridoren stellen die
Einwanderer den Lebensnerv der prosperierendsten
Industrien der Nation dar. Auf praktisch jedem
Gebiet, in dem die Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren ihre globale Führungsrolle behaupteten beispielsweise bei Computerdesign und -Software,
der pharmazeutischen Industrie, Biotechnologie,
Elektronik, Supraleitern, Robotern und der Luftfahrtindustrie - arbeiten Einwanderer. In vielerlei Hinsicht
sind diese in starkem Wachstum begriffenen Industrien die moderne Version des amerikanischen
Schmelztiegels in Aktion.
Denken Sie an Intel. Mit Gewinnen von 1,1 Milliarden Dollar im Jahr 1992 ist es eines der am schnellsten wachsenden und produktivsten Unternehmen
der Vereinigten Staaten, in dem Zehntausende
amerikanischer Arbeitnehmer beschäftigt sind. Es
entwickelt ständig bahnbrechende Spitzentechnologien, die die Computerindustrie des 21. Jahrhunderts
definieren werden.
Und all das geschieht großenteils mit dem Talent der
neuesten Einwanderer. Drei Mitglieder des oberen
Management von Intel, darunter der aus Ungarn
stammende geschäftsführende Direktor Andrew S.

Seite 1

�Grove, sind Einwanderer. Einige seiner erfolgreichsten und revolutionärsten Computertechnologien
wurden von Einwanderern entworfen, beispielsweise
der von einem Japaner erfundene Mikroprozessor
8080 (ein mit mehr Kapazität ausgestatteter Computerchip) und der von einem Italiener erfundene fast
leistungslos gesteuerte Transistor auf PolySilikonbasis (FET - die grundlegende Speichereinheit eines
modernen Computerchips). Dick Ward, Manager
des Arbeitnehmer-Informationssystems bei Intel,
erklärt: "Unser gesamtes Unternehmen basiert auf
der Erfindung der nächsten Generation von Computertechnologie. Und hier bei Intel stammt ein Großteil dieser Intellienz von den Einwanderern."
Oder betrachten Sie sich DuPont-Merck Pharmaceutical Co., ein Pharmaunternehmen mit Sitz in Wilmington (Delaware) und einem Umsatz von 800
Millionen Dollar, in dem eigenen Berichten zufolge
viele der vielversprechendsten Produktinnovationen
auf Einwanderer zurückgehen.
Beispielsweise
Losartan, ein blutdrucksenkendes Medikament,
wurde von einem Wissenschaftlerteam entwickelt,
dem zwei Chinesen und ein Litauer angehörten.
Joseph Mollica, der geschäftsführende Direktor von
DuPont-Merck stellt fest, die Kombination so unterschiedlicher Talente führe dazu, "daß man die
Probleme und Chancen aus einem etwas anderen
Blickwinkel sieht".
Intel und DuPont-Merck sind nicht die einzigen
Unternehmen, die auf Einwanderer zurückgreifen.
Robert Kelley Jr., Präsident von SO/CAL/TEN, einer
Vereinigung von nahezu 200 Hochtechnologieunternehmen in Kalifornien, vertritt die Ansicht: "Ohne
den Zustrom der Asiaten in den achtziger Jahren
hätte nicht die unternehmerische Explosion stattgefunden, die wir in Kalifornien beobachten konnten." David N.K. Wang, Abteilungsleiter für weltweite
Geschäftsoperationen bei Applied Materials Inc.,
einem Computertechnologieunternehmen in Kalifornien, fügt hinzu, aufgrund der Einwanderung "ist
Silicon Valley eines der internationalsten Geschäftszentren der Welt".
Wenn man die Einwanderer abzieht, beraubt man
diese Zentren der Talente, auf deren Grundlage sie
operieren. Amerikas internationale Wettbewerbsfähigkeit könnte leiden, wenn keine Einwanderer
mehr ins Land kämen.
Neue Forschungsstudien haben den Beitrag der
Einwanderer zur amerikanischen Industrie quantitativ
erfaßt. Der angesehene nationale Forschungsrat
berichtete 1988, "ein großer Teil des technologischen Outputs der Vereinigten Staaten hängt von
ausländischem Talent ab, und diese Abhängigkeit
wächst". Der Bericht stellt fest, daß mehr als die

Seite 2

Hälfte aller an amerikanischen Universitäten promovierenden Forscher und jeder dritte in den Vereinigten Staaten arbeitende Ingenieur zugewandert ist und
betont: "Es ist offensichtlich,... daß diese außerhalb
der Vereinigten Staaten geborenen Ingenieure unsere
Kultur bereichern und substantielle Beiträge zum
wirtschaftlichen Wohlergehen und der Konkurrenzfähigkeit der Vereinigten Staaten leisten."
Der Wettbewerbsvorteil der Vereinigten Staaten ist
eng mit der fortgesetzten Fähigkeit des Landes
verbunden, hochbegabte Arbeitnehmer aus anderen
Ländern anzuziehen und zu behalten. Eine Studie
der nationalen Stiftung für Wissenschaft aus dem
Jahr 1990 besagt: "Äußerst signifikante, positive
Aspekte werden durch die Präsenz von im Ausland
geborenen Ingenieuren in unserer Gesellschaft
vermittelt."
Beispielsweise wurde die Supraleitfähigkeit, eine
Technologie, die im kommenden Jahrhundert zu
Hunderten neuer, entscheidender kommerzieller
Anwendungen führen wird, von Paul C.W. Chu,
einem Physiker an der University of Houston (Texas)
entdeckt. Er ist gebürtiger Chinese und wanderte
1972 in die Vereinigten Staaten ein. Sein brillianter
Verstand und seine Erfindungsgabe machen ihn zu
einem der aussichtsreichsten Kandidaten für den
Nobelpreis. Sollte ihm dieser verliehen werden, wird
Chu der langen Liste von Nobelpreisträgern angehören, die in die Vereinigten Staaten einwanderten. Im
20. Jahrhundert waren zwischen 20 und 50 Prozent
der Nobelpreisträger - abhängig vom jeweiligen
Wissenschaftszweig - Einwanderer. Heute leben
mehr russische Nobelpreisträger in den Vereinigten
Staaten als in Rußland.
Meinungsumfragen belegen beständig die Befürchtung, Einwanderer würden den amerikanischen
Arbeitnehmern ihren Arbeitsplatz wegnehmen. Diese
Angst ist verständlich, aber unbegründet. Die Einwanderer besetzen nicht nur Arbeitsplätze, sondern
schaffen diese auch. Ein Weg dazu sind Unternehmensgründungen. Heute sind viele Einwanderer,
selbst die mit relativ niedrigen Qualifikationen, als
Unternehmer tätig.
Nehmen Sie beispielsweise die Koreaner.
Den
Soziologen Alendro Portes und Rüben Rumbaut
zufolge gibt es "in Los Angeles dreimal soviel beruflich selbständige Koreaner wie unter der Gesamtbevölkerung. Lebensmittelgeschäfte, Restaurants,
Tankstellen, Spirituosenläden und Immobilienbüros
sind typisch koreanische Unternehmen."
Auch die Kubaner sind erfinderisch bei der Eröffnung
neuer Geschäfte. Die Anzahl kubanischer Unternehmen in Miami (Florida) hat sich von 919 im Jahr

AMERIKA DIENST 27

�1967 auf 8.000 im Jahr 1976 und 28.000 im Jahr
1990 erhöht.
Auf dem Jefferson Boulevard in Dallas (Texas) sind
über 800 Geschäfte angesiedelt, von denen drei
Viertel hispanischen Einwanderern der ersten oder
zweiten Generation gehören. Noch vor zehn Jahren,
vor dem Zustrom der Mexikaner und anderen Einwanderer aus Mittelamerika war die Nachbarschaft
im Verfall begriffen, und viele leere Läden hatten
Schilder "zu verkaufen" im Schaufenster. Heute ist
es eine blühende ethnische Nachbarschaft.

Überraschenderweise sind selbst die illegalen Einwanderer nicht die ärmsten und am wenigsten
qualifizierten aus ihrem Heimatland. Statistiken über
illegale Einwanderer aus Mexiko zeigen, daß nur rund
fünf Prozent in Mexiko arbeitslos waren, wohingegen
die durchschnittliche Arbeitslosenquote in diesem
Land ungefähr dreimal höher war, und ein relativ
hoher Prozentsatz dieser Einwanderer in Mexiko als
Angestellte tätig gewesen waren. Darüber hinaus
ergab sich in diesen Studien, daß etwa zehn Prozent
der illegalen Einwanderer aus Mexiko Analphabeten
sind, in Mexiko selbst jedoch 22 Prozent.

Es überrascht nicht allzusehr, daß Einwanderer sehr
viel eher als der Durchschnittsamerikaner das
unternehmerische Risiko eingehen.
Schließlich
erfordern die Entwurzelung, der Aufbruch in eine

Der vielleicht größte Aktivposten der Einwanderer
sind ihre Kinder, die in den Vereinigten Staaten im
allgemeinen bemerkenswert erfolgreich sind. Vor
kurzem berichtete Boston, daß unglaublicherweise 13
von insgesamt 17 Absolventen der weiterführenden
Schulen der Stadt im Ausland geboren waren - in
China, Vietnam, Portugal, El Salvador, Frankreich,
Italien, Jamaica und der ehemaligen Tschechoslowakei. Viele sprachen bei ihrer Ankunft kein Wort
Englisch. Öffentliche High Schools in Washington,
Chicago und Los Angeles verweisen ebenfalls auf die
bemerkenswert überproportionale Zahl von Eingewanderten unter den Spitzenschülern. Entsprechend
berichtet Westinghouse, daß in den vergangenen 12
Jahren ungefähr ein Drittel der Gewinner der renommierten nationalen wissenschaftlichen Talentsuche
Asiaten waren. Aus dieser Gruppe könnte der

fremde Kultur und der Erfolg mehr als das normale

nächste Albert Einstein Amerikas hervorgehen, der

Maß an Mut, Ehrgeiz, Eigeninitiative und selbst
Tapferkeit. In der Tat ist es zum Teil der Selbstauswahlprozeß, der Einwanderer so besonders bevorzugt macht. Einwanderer sind nicht nur Menschen sie sind eine besondere Gruppe von Menschen.
Durch ihre Einreise vermitteln sie dem Rest von uns
produktive Energien.

selbst ein Einwanderer war.

Natürlich werden nur wenige Geschäfte von Einwanderern zu Unternehmen wie Intel. In der Tat
scheitern die meisten völlig. Wie die Mehrzahl der
neuen Unternehmen in Amerika sind die der Einwanderer vorwiegend klein und nicht unbedingt
profitabel. In dem Unternehmen eines Einwanderers
sind durchschnittlich zwei bis vier Angestellte beschäftigt und der Jahresumsatz beträgt ungefähr
200.000 Dollar. Solche mittelständischen Unternehmen sind jedoch eine maßgebliche Quelle für
Arbeitsplätze, wie Präsident Clinton immer wieder zu
Recht betont.

Das ist nicht nur Romantizismus, sondern tatsächlich
gut fundiert. Zahllose Studien haben belegt, daß
Einwanderer in die Vereinigten Staaten für gewöhnlich höher qualifiziert, besser ausgebildet und wohlhabender sind als der Durchschnittsbürger ihres
Heimatlandes.
Thomas Sowell, Wirtschaftswissenschaftler und
Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford
(Kalifornien) berichtet in seiner Seminarstudie über
Einwanderung, Ethnic America, daß schwarze
Einwanderer aus den West Indies über sehr viel
höhere Qualifikationen verfügen als ihre Landsleute
zu Hause. Er gelangt ferner zu der Schlußfolgerung,
daß die Einkommen dieser Einwanderer höher sind
als die von angestammten Bewohnern der West
Indies, schwarzen Amerikanern und gebürtigen
Amerikanern weißer Hautfarbe.

AMERIKA DIENST 27

Ein verdeckter Preis für die Einschränkung der
Einwanderung ist der Verlust der talentierten und
motivierten Kinder von Einwanderern.
Im letzten Jahrhundert haben die Vereinigten Staaten
rund 50 Millionen Einwanderer aufgenommen. Dies
war eine der größten Migrationen in der Weltgeschichte. Trotz dieses Zustroms von Menschen nein, wegen dieses Zustroms - wurden die Vereinigten Staaten Mitte des 20. Jahrhunderts die
wohlhabendste Nation der Welt. Die Reallöhne in
Amerika haben sich in diesem Zeitraum mehr als
verachtfacht. Die amerikanische Wirtschaft beschäftigte im Jahr 1900 weniger als 40 Millionen Menschen, heute sind es nahezu 120 Millionen. Der
amerikanische Arbeitsmarkt hatte in den achtziger
Jahren nicht das geringste Problem zu expandieren
und die acht Millionen legalen Einwanderer aufzunehmen.
18 Millionen Arbeitsplätze wurden
geschaffen.
Aber was ist mit diesen erschreckenden Schlagzeilen? "Einwanderung führt zum Bankrott der Nation."
"Einwanderer verdrängen amerikanische Arbeitneh-

Seite 3

�mer." "Amerikanisches Sozialwesen verlockt Ausländer."
Hier sind die Fakten. Eine 1990 durchgeführte
Umfrage ergab, daß rund sechs Prozent der gebürtigen Amerikaner im Vergleich zu sieben Prozent der
im Ausland geborenen auf öffentliche Unterstützung
angewiesen sind und weniger als fünf Prozent der
illegalen Einwanderer Sozialhilfe erhalten. Da die
Einwanderer für gewöhnlich in die Vereinigten Staaten kommen, wenn sie jung sind und arbeiten,
zahlen sie dem Wirtschaftswissenschaftler Julian
Simon von der University of Maryland zufolge im
Laufe ihres Lebens durchschnittlich rund 20.000
Dollar mehr an Steuern als sie an Dienstleistungen
in Anspruch nehmen. Angesichts von einer Million
Einwanderern pro Jahr erhält der Staat ungefähr 20
Milliarden Dollar. Statt einer finanziellen Last sind
Einwanderer vielmehr ein riesiger Profit.
Einwanderer schädigen auch nicht den amerikanischen Arbeitsmarkt. Eine vom Arbeitsministerium
1989 durchgeführte umfassende Studie gelangte zu

folgendem Schluß: "Weder amerikanische Arbeitnehmer noch die meisten einer Minorität angehörigen
Arbeitnehmer scheinen durch Einwanderung negativ
betroffen zu sein - insbesondere während der Perioden wirtschaftlicher Expansion." In den achtziger
Jahren verzeichneten die führenden, Einwanderer
aufnehmenden Bundesstaaten - darunter Kalifornien,
Florida, Massachusetts und Texas - der Alexis de
Tocqueville Institution in Arlington (Virginia) zufolge
Arbeitslosenzahlen, die zwei Prozentpunkte unter
dem amerikanischen Durchschnitt lagen.
Kurz vor seinem Tod schrieb Winston Churchill: "Die
Imperien der Zukunft sind die Imperien des Geistes."
Amerika ist mit einer der größten Chancen in der
Weltgeschichte konfrontiert, diese Imperien aufzubauen, indem hochqualifizierte, gut ausgebildete
und von Unternehmergeist beseelte Menschen aus
der ganzen Welt angezogen werden. Mit der Verfolgung einer liberalen und strategischen Einwanderungspolitik können die Vereinigten Staaten sicherstellen, daß das 21. Jahrhundert ebenso wie das 20.
das Amerikanische Jahrhundert wird.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

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                <text>&lt;strong&gt;1. Präsidentenbesuch&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Berlin ist frei" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Clintons vor dem Brandenburger Tor&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton betrachtet Handel als die Nationen einende Kraft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zukünftige Aufgabe ist Einbindung Mittel- und Osteuropas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. G-7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schaffung von Arbeitsplätzen Priorität beim Weltwirtschaftsgipfel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Einwanderung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gebt uns eure Besten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen Moore&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26

6. Juli 1994

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
Rede von FBI-Direktor Freeh

NAFTA

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR
EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat

PORTRAT

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN
HAUSES ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty

GERGEN HAT"AUSGEPRÄGTES GESPÜR"
FÜR VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen
Sonderberaters

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT SICH FÜR ABBAU DES
HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-334102

�BEVÖLKERUNG
6. Juli 1994

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE, GLEICHZEITIGE
INANGRIFFNAHME GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.

der Zusammenarbeit und daß unsere Nation das
Glück hat, den Weg zu weisen.

40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den
vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl

Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

AMERIKA DIENST 26

Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopem
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

Seite 2

werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

AMERIKA DIENST 26

�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten
Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz
leiten. Die von uns unterstützte Politik muß auf
dauerhaften Werten basieren - Förderung stärkerer
Familien, vermehrte Verantwortung für den einzelnen
Bürger, Achtung der Menschenrechte, Vertiefung
des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in
unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei unseren Familien. Wenn sie intakt sind und
funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als
Modell. Sie vermitteln Werte und gestatten den
Menschen, in Frieden zusammenzuleben und sich
zusammen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus
diesem Grund ist dies das Wichtigste, was wir
unternehmen können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

AMERIKA DIENST 26

zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird.

Niemand ist für diese Aufgabe

besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

Seite 3

�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

*

Seite 4

Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

AMERIKA DIENST 26

�VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
6. Juli 1994

WELTWEITE POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT IST
SCHLÜSSEL FÜR ERFOLGREICHE
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

Rede von FBI-Direktor Freeh
BERLIN - (AD) - Der Direktor des FBI (Federal Bureau of Investigation), Louis J. Freeh, betonte die
Notwendigkeit weltweiter polizeilicher Zusammenarbeit zwischen den Strafverfolgungsbehörden, um auf allen
Ebenen erfolgreiche Verbrechensbekämpfung durchführen zu können.
Freeh traf mit einer Delegation amerikanischer Strafverfolgungsbeamter am 28. Juni 1994 mit deutschen
Regierungsvertretern zusammen, um über schwierige Fragen zu beraten, die für beide Länder von Interesse
sind.
Der FBI-Direktor wies darauf hin, daß die Vereinigten Staaten im Bereich der Verbrechensbekämpfung mit
enormen Problemen konfrontiert sind und äußerte: "Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese Reise
nicht angetreten habe, um europäische Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme haben, oder um
vorzugeben, die Vereinigten Staaten hätten keine."
Nachfolgend veröffentlichen wir die im Berliner Roten Rathaus gehaltene Rede von FBI-Direktor Freeh.

Lassen Sie mich zu Beginn den Dank der amerikanischen Regierung dafür zum Ausdruck bringen, daß
die Möglichkeit zu einem Treffen mit deutschen Vertretern geschaffen wurde, um Kriminalitätsprobleme
von beiderseitigem Belang zu diskutieren.
Wir wissen die Bemühungen von Herrn Staatssekretär Lintner außerordentlich zu schätzen, der die
vor kurzem beendeten Gespräche am Runden Tisch
arrangiert hat.

die bei gemeinsamen Bemühungen mit einigen
Ländern bereits erarbeitet worden sind, und neue
Programme mit Ländern auszuarbeiten, mit denen wir
bisher im Bereich der Strafverfolgung nur relativ
wenig zusammengearbeitet haben. Darüber hinaus
unterstützen Präsident Clinton, Justizministerin Reno,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry diese Reise uneingeschränkt, und ich werde
dem Präsidenten Bericht erstatten, der - wie Sie
wissen - dieser Stadt am 12. Juli einen historischen
Besuch abstatten wird.

Ferner möchten wir uns sehr herzlich bei dem
Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard
Diepgen, und dem Berliner Senat für deren Unterstützung bedanken, besonders dafür, daß das Rote
Rathaus als Konferenzort für die Gespräche zur
Verfügung gestellt wurde.

Die Zusammensetzung der amerikanischen Delegation verdeutlicht, wie ernst mein Land diese neuen
Bestrebungen nimmt, Zusammenarbeit gegen ein
breites Spektrum bestehender und möglicher zukünftiger Verbrechen aufzubauen.

Die heutigen Gespräche sind der Beginn einer Reihe
von Erörterungen mit Strafverfolgungsbeamten aus
elf europäischen Ländern. Unsere Delegation hofft,
wesentlich auf den Grundlagen aufbauen zu können,

Ein Mitglied der Delegation ist Ronald K. Noble,
Abteilungsleiter für Strafverfolgung im Finanzministerium, der so wichtige Bundesbehörden leitet wie
das Büro für Alkohol, Tabak und Schußwaffen, das

AMERIKA DIENST 26

Seite 1

�amerikanische Bundeszollamt sowie den Secret
Service. Wir können uns glücklich schätzen, daß er
auch in Zukunft diesen Verantwortungsbereichen
weiter als Staatssekretär im Finanzministerium
vorsteht, zu dem er befördert wird.
Ein weiteres Mitglied ist Botschafter Robert S.
Gelbard, Abteilungsleiter für den Bereich internationale Betäubungsmittel. Er führt die Bestrebungen
des Außenministeriums an, mit diplomatischen
Mitteln internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Drogen und anderen schweren Verbrechensproblemen aufzubauen.
Ein drittes wichtiges Mitglied unserer Gruppe ist
Thomas A. Constantine, der Leiter der Drogenbekämpfungsbehörde, die das wichtigste Amt zur
Bekämpfung des Drogenhandels in den Vereinigten
Staaten ist.
Und ich bin der Direktor des amerikanischen Bundeskriminalamtes, das für die Bekämpfung des
organisierten Verbrechens, der Gewaltverbrechen
und einer großen Anzahl weiterer Verbrechen
verantwortlich ist.
Unser heutiger Besuch wäre nicht möglich gewesen
ohne die Unterstützung und Förderung eines amerikanischen Regierungsvertreters, der in engem
Kontakt zu Vertretern der deutschen Seite steht Botschafter Richard C. Holbrooke. Sein Beitrag zu
unserem Kampf gegen das unsere beiden Länder
betreffende Problem Kriminalität wird noch bedeutsamer werden, da er gerade von Präsident Clinton
zum Abteilungsleiter für europäische Angelegenheiten im Außenministerium nominiert wurde.
Es ist durchaus angebracht, unsere Reihe von
Gesprächen mit europäischen Ländern in Deutschland zu beginnen. Im vorigen Jahr, kurz nachdem
ich Direktor des FBI geworden war, lud mich der
Präsident des Bundeskriminalamtes, Hans Zachert,
nach Deutschland ein. Wir führten sehr konstruktive
Gespräche, und ich traf ebenfalls mit Innenminiser
Kanther und Staatssekretär Lintner zusammen. Die
Diskussionen und Informationsgespräche beim
Bundeskriminalamt haben mir wertvollen Einblick in
die Erfahrungen deutscher Strafverfolgungsbehörden
mit kriminellen Banden aus Italien und Osteuropa
vermittelt.
Ich möchte zu Beginn verdeutlichen, daß ich diese
Reise nicht angetreten habe, um europäische
Länder zu kritisieren, weil sie Kriminalitätsprobleme
haben, oder um vorzugeben, die Vereinigten Staaten

Seite 2

hätten keine. Ganz im Gegenteil, die Vereinigten
Staaten sind mit enormen Kriminalitätsproblemen
konfrontiert. Seit den zwanziger Jahren ist das
organisierte Verbrechen eine nationale Geißel. Der
Konsum von illegalen Drogen hat ein Ausmaß
erreicht, das einen internationalen Skandal darstellt.
Die Zahl der Gewaltverbrechen ist eine Schande für
die zivilisierte Welt.
Wir sind aus gutem Grund hierher gekommen. Wir
möchten von den europäischen Ländern lernen. Und
wir möchten uns mit den Europäern austauschen
über die bitteren Lektionen, die wir in den Vereinigten
Staaten lernen mußten.
Wir möchten den Ländern Europas jede nur mögliche
Unterstützung anbieten, um gemeinsame Programme
gegen Kriminalitätsprobleme zu entwickeln, die uns
alle betreffen und in der Zukunft unermeßliches Leid
hervorrufen können. Unsere Besorgnis konzentriert
sich auf drei große Problembereiche:
Erstens die Möglichkeit, daß Atomwaffen oder
Nuklearmaterial in Regionen der ehemaligen
Sowjetunion gestohlen und in die Hände von
Terroristen oder verbrecherischen Nationen
gelangen könnten.
Zweitens die Zunahme und Verbreitung des
organisierten Verbrechens in Rußland und anderen Teilen Osteuropas - organisiertes Verbrechen,
das großes Leid hervorrufen und sogar die Stabilität von Regierungen untergraben kann.
Drittens das Wiederauftreten von Haßverbrechen,
die eine Bedrohung für alle anständigen Menschen der Welt darstellen.
Die Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten, in
Europa und anderen Teilen der Welt sind mit neuen
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert - und
die Probleme werden in den kommenden Jahren
bestimmt noch größer werden. Traditionell hat sich
jedes Land allein um seine Probleme gekümmert,
ohne nennenswerte Kooperationsprogramme, die
grenzüberschreitend arbeiteten. Was man als transnationale polizeiliche Überwachung beschreiben
könnte, hat bis vor etwa zehn Jahren nicht existiert.
Dies begann erst lange nach den Erfolgen im Bereich
internationales Verbrechen. In weiten Teilen der Welt
ist die Strafverfolgung immer noch sehr rückständig.
Unter anderem müssen wir klar die Gefahr erkennen,
die das internationale Verbrechen für alle Nationen
darstellt, und Maßnahmen ergreifen, um es zu

AMERIKA DIENST 26

�bekämpfen und letztlich zu besiegen. Dieser Kampf
wird nicht leicht sein.
Vor dreißig Jahren war es ein nennenswerter Vorgang, wenn einige Kilogramm Heroin in ein Land
geschmuggelt wurden. Heute können Verbrechersyndikate ein vollkommen neues Drogenverteilungsnetz in verschiedenen Teilen der Welt aufbauen
bevor die Verbrechensbekämpfungsbehörden dies
überhaupt aufspüren können. Die Polizeikräfte der
zivilisierten Nationen - der Nationen, die nach den
Gesetzen eines Rechtsstaates leben - müssen eine
neue Zielsetzung erarbeiten. Es muß neue Ebenen
der zwischenstaatlichen Kooperation geben, und
Strafverfolgung muß in ihren Dimensionen internationaler werden, wenn wir es mit beispiellosen
Verbrechen in nie dagewesenem Ausmaß aufnehmen wollen.
Wechsel. Das ist das Schlüsselwort, auf das sich
die Polizeikräfte aller Länder konzentrieren müssen.
Polizeiliche Überwachung unterscheidet sich heute
sehr stark von derjenigen der siebziger Jahre. Und
sie wird sich wiederum von der polizeilichen Überwachung des bald beginnenden 21. Jahrhunderts
stark unterscheiden.
Die Polizei in den Vereinigten Staaten unterhält
bereits seit einiger Zeit enge Beziehungen zu England, Italien, Deutschland und Kanada. Es muß
jedoch zu einer Erweiterung der internationalen
polizeilichen Zusammenarbeit kommen - nicht nur
einige Staaten, sondern die ganze Weltgemeinschaft
gesetzestreuer Staaten muß sich zusammenschließen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind
Kriminalität. Länder mögen sich in ihrer Ideologie
oder Politik unterscheiden. Aber es ist inzwischen
sehr klar geworden, daß Kriminelle Grenzen nicht
anerkennen, außer um sie für ihre Zwecke zu
handhaben. Kriminelle beachten keine Gesetzessysteme oder Ideologien, außer um sie auszunutzen.

In den Vereinigten Staaten benutzen wir den Begriff
"cop", wenn wir von einem Polizeibeamten reden.
Was wir brauchen sind weltweite "cop-to-cop"Beziehungen, die Grenzen überschreiten und
Ermittlungen präzisieren, "cop-to-cop"-Beziehungen,
die darauf abzielen, die gesetzestreuen Bürger aller
Nationen zu schützen. Ebenso wichtig sind die
zwischenstaatlichen Beziehungen von Staatsanwälten und anderen Justizbeamten. All dies muß in
Teamarbeit geschehen.

AMERIKA DIENST 26

Hierbei muß das Hauptaugenmerk auf der Aufdekkung, der Untersuchung und der Festnahme liegen kurz, auf solider Ermittlungsarbeit, basierend auf der
Kooperation zwischen Nationen. Die Prioritäten einer
solchen Kooperation müssen Bemühungen zur
Bekämpfung von Drogenhandel, organisierter Kriminalität, Mord, Erpressung und weiterer Gewaltverbrechen sowie die Bekämpfung des Diebstahls von
Massenvernichtungswaffen einschließen, seien dies
gestohlene Atomwaffen, biologische oder chemische
Waffen oder deren hochgefährliche Komponenten.
Unabhängig davon, welche Unterschiede Nationen in
bezug auf Ideologie und Politik aufweisen, gibt es
einen fundamentalen Bedarf zum Aufbau dieser "copto-cop"-Programme. Kriminelle werden alles tun, um
ihre Ziele zu erreichen, und sie werden sich nicht um
die Politik derjenigen kümmern, die sie vernichten.
Professionelle Strafverfolgungsbeamte jeder rechtsstaatlichen Nation benötigen dringend die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Mittel, um ihr
Konzept der internationalen Strafverfolgung von
einem Schlagwort in die Praxis umzusetzen. Niemand muß seine nationale Autonomie aufgeben. Ich
rede hier von Kooperation. Um ein Beispiel zu
geben: Was passiert, wenn ein Polizeibeamter oder
Staatsanwalt im Land A einen Plan zur Entführung
oder zum Mord an einem Kind, das Bürger des
Landes B ist, aufdeckt? Der Beamte des Landes A
wird seinen Kollegen im Land B anrufen, und das
Leben des potentiellen Mordopfers retten. Dies hat
nichts mit Ideologie oder Politik zu tun. Es hat etwas
damit zu tun, was jeder professionelle Polizeibeamte
und Justizbeamte in jedem Land als seine vorrangige
Verantwortung ansieht: Rechtsstaatlichkeit und der
Schutz der Unschuldigen und Gesetzestreuen.
Lassen Sie mich erklären, was ich unter den Begriffen "professioneller Polizeibeamter" und "Justizbeamter" verstehe. Er ist unbestechlich. Er ist fair.
Widmet sich der Beweissuche und der Überführung
von Tätern mehr als irgend etwas anderem. Diese
Polizei- und Justizbeamten widmen sich vollständig
der Verbrechensbekämpfung. Unabhängig davon,
welche anderweitigen Unterschiede existieren mögen,
haben die Polizei- und Justizbeamten aller Länder
einen gemeinsamen Feind - und dieser gemeinsame
Feind ist das Verbrechen. Strafverfolgungsbeamte
haben dies vor langer Zeit erkannt. Es ist Zeit, daß
alle dies erkennen.
Kriminelle Organisationen nehmen zu und breiten
sich aus. Kriminelle Gruppen verzweigen und verbünden sich mit anderen kriminellen Gruppen in
einem noch nicht dagewesenen Ausmaß. Kriminelle
Gruppierungen entwickeln Arbeitsbeziehungen,

Seite 3

�Geschäftsbeziehungen, Kartelle, Joint-ventures,
Zusammenschlüsse - alles, was ihnen hilft, Profit zu
machen, ihre Gegner zu töten, die Polizei zu neutralisieren und de facto Regierungen zu zerstören.
Organisierte kriminelle Banden arbeiten daran,
Regierungen zu verdrängen - und jede Regierung,
die dies ignoriert, tut das auf eigene Gefahr.
Das organisierte Verbrechen ist nicht an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen
interessiert. Gruppen des organisierten Verbrechens
scheren sich nicht darum, ob ihre Aktivitäten den
Lebensstandard senken, eine große Anzahl Menschen zu Drogenabhängigen machen, die Menge
der ganzen Bevölkerungen zur Verfügung stehenden
Lebensmittel reduzieren, die Schulerziehung verhindern, oder die Gesundheit der Menschen durch eine
großflächige Vergiftung der Umwelt bedrohen. Um
all diese Bedrohungen bekämpfen zu können,
müssen Strafverfolgungsbeamte in allen Ländern
neue Ebenen der Zusammenarbeit entwickeln.
Ich sehe einen Strafverfolgungsbeamten als jemanden, der effektiv, ehrlich, über jeden Zweifel erhaben, offen und dem Wohlergehen der Bevölkerung
verpflichtet ist. Am anderen Ende dieser Skala ist
der Geheimpolizist, der sich nicht um das Gesetz
kümmert, nicht um die Unantastbarkeit menschlichen
Lebens und die Rechte der Menschen. Strafverfolgungsbeamte können nicht wirkungsvoll arbeiten,
solange sie nicht von den Menschen respektiert
werden, die zu schützen sie geschworen haben. Die
Geschichte lehrt uns, daß ein Polizeiapparat nie
über einen längeren Zeitraum erfolgreich war, wenn
er nicht die Unterstützung der Menschen genoß. In
einem totalitären Staat mag die Geheimpolizei
denken, sie sei erfolgreich, weil die Menschen sie
fürchten, und auf kurze Sicht mag eine solche
Geheimpolizei auch in einigen Dingen erfolgreich
sein. Auf lange Sicht jedoch bringt sich eine solche
Geheimpolizei selbst zu Fall, denn sie wird nicht
respektiert, nicht unterstützt, und sie wird sich selbst
in einer Lage wiederfinden, in der sie größtenteils
nicht fähig ist, die Wahrheit, verläßliche Zeugen oder
stichhaltige Beweise zu ermitteln. Tatsächlich verfälscht eine Geheimpolizei, ähnlich einer Diktatur, die
Realität binnen kurzer Zeit so sehr, daß sie die
Wahrheit noch nicht einmal mehr erkennen würde,
wenn sie über sie stolperte.
Eine Inschrift im Innenhof des FBI-Gebäudes in
Washington beschreibt die jetzt erforderliche Philosophie. Sie lautet: "Die effektivste Waffe gegen das
Verbrechen ist die Zusammenarbeit... die gemeinsamen Bestrebungen aller Strafverfolgungsbehörden

Seite 4

mit Unterstützung und Verständnis des amerikanischen Volkes." In der Vergangenheit hat das FBI
nicht immer gemäß dieser wichtigen Regel gehandelt.
Aber wir sind jetzt dazu entschlossen, mit anderen
Strafverfolgungsbehörden und anderen Nationen
zusammenzuarbeiten und permanent für die Erhöhung der Sicherheit und das verbesserte Wohlergehen der Menschen zu arbeiten.
Nationen, die Freiheit als ein wichtiges Gut erachten,
sind mit einer sehr schwierigen Verbrechensproblematik konfrontiert. Einige Beobachter gehen sogar
davon aus, daß die Mächte des Guten nicht gewinnen werden. Aber ich glaube an das Gegenteil - daß
sich die Rechtsstaatlichkeit durchsetzen wird. Die
Geschichte zeigt, daß die Freiheit jetzt die Oberhand
gewinnt.
Vor fünfzig Jahren lag Westeuropa nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges in Trümmern. Die Menschen jedoch waren fest entschlossen: Durch eigene
harte Arbeit und Unterstützung von anderen leisteten
die Länder Europas ihren Wiederaufbau. Und als
integralen Bestandteil dieses Wiederaufbaus behielten sie demokratische Systeme bei. Durch die
Demonstration dessen, was freie Menschen auch
unter schwierigsten Umständen zu leisten in der Lage
sind, wurde uns allen ein Beispiel gegeben. Und dies
war ein kleiner, jedoch wichtiger Faktor im letztlichen
Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa.
Wo einst Kommunismus herrschte, sind wir jetzt
Zeuge der Gründung demokratischer Nationen und
weitreichender Freiheitsregungen. Demokratie kann
jedoch nicht ohne harte Arbeit existieren. Demokratie
muß genährt und geschützt werden. Im komplexen
Prozeß der Demokratie muß Strafvollzug eine zentrale Rolle spielen. Ich glaube fest daran, daß wir
heute einen neuen Ansatz brauchen, eine neue
Dimension der Zusammenarbeit von Nationen gegen
die schlimmsten Arten von Gesetzlosigkeit.
Ich habe eine internationale Allianz gegen das
Verbrechen vor Augen. Es wäre ein noch nicht
dagewesenes Programm: Die Nationen Europas und
die Vereinigten Staaten würden 24 Stunden am Tag
alles in ihrer Macht Stehende gegen die schlimmsten
Verbrechen unternehmen. Wo jetzt umfangreiche
Kriminalitätsprobleme existieren, würden wir all
unsere Erfahrung, unsere Informationen und Kooperationsmöglichkeiten zusammenfassen, um diese
Probleme gemeinsam zu lösen. Wo neue Kriminalitätsprobleme auftreten, würden wir umgehend gemeinsam dagegen angehen, bevor sie große Ausmaße erreichen.

AMERIKA DIENST 26

�Ein wichtiger Punkt, auf den wir uns bei unseren
Bemühungen um eine internationale Allianz gegen
das Verbrechen konzentrieren müssen, sind die
Länder, die durch den Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion entstanden sind, sowie die vormals
hinter dem Eisernen Vorhang existierenden Staaten.
Diese neue internationale Allianz muß engere Beziehungen zwischen den Strafverfolgungsbehörden aller
Staaten Westeuropas entwickeln - Staaten, die mit
wachsenden Kriminalitätsproblemen konfrontiert sind,
vor allem mit Drogenmißbrauch.
Vor einigen Jahrzehnten sagten Kritiker in den
Vereinigten Staaten, wir würden die Strafverfolgung
mühelos bewältigen. Der entsetzliche Preis, den wir
in der Folge in Form von Gewaltverbrechen und
Drogenmißbrauch zahlen mußten, verdeutlicht den
Fehler, den wir begingen, indem wir viel zu spät viel
zu wenig taten.
Wir unternehmen heute umfangreiche Anstrengungen, um das Verbrechen zu bekämpfen, aber die
Probleme sind sehr ernst. Zum Beispiel wurden in
den Vereinigten Staaten im Jahr 1992, dem letzten
Jahr, für das uns Daten zur Verfügung stehen, der
Polizei insgesamt fast zwei Millionen Gewaltverbrechen gemeldet. In dieser Zahl sind 23.700
Morde, 109.000 Vergewaltigungen, 672.000 Raubüberfälle und 1,1 Millionen Fälle schwerer Körperverletzung enthalten.
Sie werden jetzt sicherlich genau verstehen, warum
ich betone, daß ich die Staaten Europas nicht wegen
ihrer Kriminalitätsprobleme kritisiere. Die Vereinigten
Staaten haben Kriminalitätsprobleme, die manchmal
jenseits des Begreifbaren liegen. Letzten Endes
muß jedes Land seine Heilmittel und seine Methode
zu seiner Rettung selbst entwickeln. Aber alle
freiheitsliebenden Nationen können einiges tun, um
sich gegenseitig zu helfen. Die Vereinigten Staaten
müssen dabei helfen, durch harte Strafverfolgung ein
Beispiel zu setzen: Der hohe Drogenkonsum in den
Vereinigten Staaten erhöht beispielsweise die Macht
des organisierten Verbrechens in großen Teilen der
Welt. Das darf nicht so weitergehen. Wir müssen
den Drogenhandel und -konsum einschneidend und
permanent verringern. Ein möglicher Schritt wäre
die Weitergabe des den Vereinigten Staaten verfügbaren Wissens an andere Nationen, um deren
Fähigkeiten zur Verbrechensbekämpfung und
-reduzierung zu verbessern. Dies ist der Weg, um
einer neuen internationalen Allianz gegen das
Verbrechen sofort Wirkung zu verschaffen. Wir
werden anderen Nationen unsere fortschrittlichste
Technik zur Verfügung stellen und umgekehrt.

AMERIKA DIENST 26

Dadurch können wir unschätzbar zum Aufbau demokratischer Institutionen beitragen, die auch in den
stärksten Stürmen bestehen können. Trotz ihrer
gravierenden eigenen Kriminalitätsprobleme haben
die Vereinigten Staaten Polizeitechniken entwickelt,
die für viele Nationen von großem Nutzen sein
könnten. Nachfolgend einige Beispiele:
Neue Ermittlungstechniken zur Bekämpfung von
Gewaltverbrechen,
neue Techniken zur Bekämpfung komplizierter
Geldwäsche- und Finanzverbrechen,
Entwicklung nachrichtendienstlicher Mittel zur
erfolgreichen Bekämpfung des organisierten
Verbrechens,
Mittel zur Verhinderung und Aufdeckung von
Korruption in Polizei- und Regierungsapparaten,
neue Techniken im Bereich der Gerichtsmedizin,
die großartigen Möglichkeiten der Verbrechensaufklärung durch DNA-Tests,
das Wissen zur Installierung eines umfassenden,
automatisierten Fingerabdrucksystems.
Zukünftig können die Vereinigten Staaten einen noch
größeren Beitrag zu bereits bestehenden Programmen leisten, Polizeibeamte und weiteres Justizpersonal anderer Länder an den Ausbildungsakademien
unserer Strafverfolgungsbehörden auszubilden.
Dadurch können wir bei dem Kampf gegen einen
gemeinsamen Feind helfen - das organisierte Verbrechen, das sich in einigen Teilen Osteuropas
ausbreitet und sich nach Westeuropa und in die
Vereinigten Staaten ausweitet.
Warum messen wir der Zusammenarbeit bei der
Verbrechensbekämpfung eine so große Bedeutung
bei?
Die Gefahren sind groß. Wir wollen nicht, daß das
organsierte Verbrechen aus Rußland und Eurasien
eine Machtposition in den Vereinigten Staaten
erlangt. Ebenso wollen wir nicht, daß das organisierte Verbrechen die Länder Europas ruiniert. Wir
haben tragische Erfahrungen mit dem organisierten
Verbrechen in unserem Land gemacht - wir sahen,
wie es ein beinahe unauslöschlicher Teil unserer
Gesellschaft wurde. Wir brauchen keine weiteren

Seite 5

�derartigen Probleme - und die Staaten Europas
ebenfalls nicht.
Die Länder Osteuropas müssen sich jedoch auch
selbst helfen. Sie müssen einen festen Entschluß
zum Kampf gegen das Verbrechen fassen, der durch
nichts umgeworfen werden kann. Darüber hinaus
müssen sie entsprechende Ressourcen für ihre
Polizeibehörden zur Verfügung stellen. Wir müssen
soviel wie möglich unternehmen um sicherzustellen,
daß die Staaten über entsprechendes Training,
Ausrüstung, Gesetze und demokratische Systeme
verfügen, in denen Polizeibehörden aus den Ruinen
ehemaliger Regierungen entstanden sind, deren
Herrschaft auf Terror basierte.
Es gibt klare Unterschiede zwischen diesen beiden
Systemen. Die alten Systeme basierten auf Unterdrückung, auf der Verletzung der Menschenrechte.
Die neuen Systeme basieren auf Freiheit, der
Achtung der Rechte aller und dem Schutz der Allgemeinheit. Die alten Geheimpolizeisysteme schienen
einem Kafka-Roman entnommen, und wir hoffen,
daß sie für immer der Vergangenheit angehören.
Der Wunsch allein genügt nicht. Aber die harte
Arbeit aller freiheitsliebenden Menschen wird Demokratie und Recht gedeihen lassen.
Trotz der Beendigung des Kalten Krieges wissen wir,
daß die Notwendigkeit weiterbesteht, unsere nationale Sicherheit auch künftig aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig wird es für alle ehemaligen Gegner aus
der Zeit des Kalten Krieges möglich sein, einen Teil
ihres Budgets, das vormals für den Kalten Krieg
eingesetzt wurde, auf Projekte zur Strafverfolgung
und Verbrechensreduzierung umzuverteilen. So
weiß ich, daß für die Vereinigten Staaten eine
nationale Notwendigkeit besteht, die ebenso bedeutsam ist wie die der nationalen Sicherheit: Die
dringende und wachsende Notwendigkeit, unsere
innere Sicherheit effektiver zu gewährleisten und
unsere Bürger vor den verheerenden Auswirkungen
von Verbrechen zu schützen. Ein Teil der Haushaltsmittel aus der Zeit des Kalten Krieges wäre
auch von anderen Ländern gut angelegt, wenn er
zum Schutz der Bevölkerung vor Verbrechen und
zur erfolgreichen Entwicklung neuer demokratischer
Institutionen verwendet würde. Es wäre ebenso
möglich, daß für Verbrechensbekämpfungsprogramme Personal und einige der Technologien zur
Verfügung gestellt würden, die zuvor für den Kalten
Krieg eingesetzt wurden. Es gibt sehr gute Gründe
dafür, daß wir uns alle bei diesen Bemühungen
zusammenschließen. Der gemeinsame Feind Verbrechen hat erschreckende Dimensionen angenom-

Seite 6

men. Gelingt es nicht, ihn unter Kontrolle zu bekommen, wird er eines Tages unter Umständen als Rivale
der Grausamkeiten alter Ideologien auftreten, die nun
verworfen worden sind.
Falls wir ein Beispiel dafür benötigen, welche Ausmaße ein Verbrechen erreichen kann, so müssen wir
nur den Fall annehmen, daß eine Atomwaffe in die
Hände eines Terroristen oder eines terroristischen
Staates gelangt. Sollte dies geschehen, dann könnte
nahezu jeder Staat auf diesem Planeten Ziel dieser
Waffe werden, oder ein Ziel der nächsten Waffe, die
gestohlen wird. Auch könnte eine terroristische
Nation zu dem Schluß gelangen, sie ihrerseits könne
Ziel einer anderen terroristischen Gruppe werden.
Wir müssen uns fragen, wer diese Atom-Terroristen
sein könnten. Es mag ein terroristischer Staat sein.
Oder es könnten Revolutionäre sein. Es könnten
Menschen sein, die von rassistischem, religiösem
oder politischem Haß getrieben werden. Wir müssen
uns fragen, was die potentiellen Ziele dieser Terroristen sein könnten. Es existieren eine Menge möglicher Ziele. Jede Regierung hat Feinde. Wo könnte
die erste terroristische Atomwaffe explodieren? Wir
brauchen uns nur die Weltkarte anzusehen. Die
befürchtete nukleare Explosion kann sich überall
ereignen: In Ihrer Heimatstadt ebenso wie in meiner.
Der Schlüsselfaktor bei der Bekämpfung von Verbrechen und Terrorismus ist die Zusammenarbeit
aller Nationen dieser Welt. Wir wissen, daß Anständigkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich auch
nach den größten Katastrophen durchsetzen können.
Und um ein Beispiel zu nennen, brauchen wir unseren Blick nur auf diese großartige Stadt zu richten, in
der wir heute zusammengekommmen sind.
Berlin und Deutschland sind nach dem Zweiten
Weltkrieg aus den Trümmern der Nazi-Herrschaft
entstanden. Ostdeutschland und Ost-Berlin überlebten das lange Zwielicht des Kommunismus. Heute
ist Deutschland vereint, frei und demokratisch. Es ist
mir eine große Ehre, in dieser historischen Stadt
begrüßt zu werden, die wieder Ihre Hauptstadt
geworden ist.
Während der Zeit des Kalten Krieges wurden in
Berlin enorme Ressourcen verbraucht. Tausende
von Polizeibeamten bewachten die Mauer - auf
beiden Seiten. Polizist stand gegen Polizist. Lassen
sich mich eine Möglichkeit nennen für die Art von
Aktionen, die wir alle anstreben sollten.

AMERIKA DIENST 26

�Alle Länder Europas könnten einige dieser Ressourcen aus Zeiten des Kalten Krieges zur Verbrechensbekämpfung nutzen. Sie könnnten sich zusammenschließen zum Kampf gegen katastrophale
Verbrechen - Drogen, Gewalt, Korruption, Terrorismus. Und die Vereinigten Staaten werden sich
ihnen bei diesen Bestrebungen anschließen.
Sollten wir uns nicht in dieser internationalen Allianz
zusammenfinden, um diese Probleme direkt anzugehen, dann werden internationale Verbrecherbanden Fuß fassen. Haben sie sich erst einmal
etabliert, sind diese Gruppen sehr schwer zu besiegen.
Auf dieser historischen Reise von Strafverfolgungsbeamten in elf Länder, denen wir unsere Freundschaft und Hilfe anbieten, wollen wir unseren neuen
Partnern praktische Hilfe und Unterstützung "cop-tocop" anbieten. Einzige Voraussetzung hierfür ist
unser fortgesetztes Engagement für Rechtsstaatlichkeit sowie die Ablehnung von Geheimpolizei und
repressiven polizeilichen Praktiken.

Gruppen begingen schwere Verbrechen und bedrohten gesetzestreue Bürger, oft ohne von der
Polizei daran gehindert zu werden. Dies alles hat
sich natürlich geändert, als der Kongreß damit
begann, Bürgerrechtsgesetze zu erlassen, und das
FBI schließlich zu einer harten strafrechtlichen
Verfolgung derjenigen überging, die Schwarze,
Juden, Katholiken und andere im Süden terrorisierten. Doch selbst heute noch sind Haßverbrechen ein
ernstes Problem in den Vereinigten Staaten. Das FBI
hat ein Programm zur statistischen Auswertung
solcher Verbrechen gestartet. Die neuesten Zahlen,
die soeben veröffentlicht wurden, zeigen, daß im Jahr
1993 in den Vereinigten Staaten mehr als 7.600
Haßverbrechen begangen wurden. Wir alle müssen
aus der Vergangenheit lernen, um das bestmögliche
Strafverfolgungssystem zu entwickeln.

Ich möchte nicht unterstellen, die Nationen Europas
seien die einzigen, die sich in der Vergangenheit
oder der Zukunft Kriminalitätsproblemen gegenübersehen, oder daß einige europäische Nationen die
einzigen seien, die Menschenrechte verleugnen.
Beispielsweise hat es im Nuklearbereich seit Jahren

Die Polizei muß sich dem Schutz der Bürger widmen.
Sie muß ehrlich sein. Sie muß frei sein von Korruption und jeglicher Vorbelastung. Sie muß an die
Rechtsstaatlichkeit glauben. Und sie muß sich dem
gleißenden Licht der öffentlichen Überprüfung stellen.
Menschen, die erst seit kurzem in Freiheit leben,
empfinden genau wie solche, die eine lange Zeit in
Freiheit lebten: Sie möchten Freiheit und Demokratie
nicht aufgeben. Sie möchten nicht zurück in die
schlechte Vergangenheit.
Freie Menschen sind
jedoch auch fordernd. Sie möchten in Sicherheit
leben, um die Vorzüge der Demokratie genießen zu

Berichte gegeben, daß in den Vereinigten Staaten

können. Sie sind nicht bereit, die Versklavung durch

Nuklearmaterial gestohlen wurde. Die Vereinigten
Staaten werden schlicht und einfach in größerem
Maße gewährleisten müssen, daß sich solche
Diebstähle in Zukunft nicht mehr ereignen. Ein
anderer besorgniserregender Bereich ist eine Reihe
von "-ismen", die Europa erlebt hat, und die zu
fürchterlichen Ungerechtigkeiten führten.
Heute
bieten Neo-Nazis, Skinheads und andere Gruppen
Anlaß zu ernster Besorgnis.

die Politik einzutauschen gegen eine Versklavung
durch Drogen oder eine Diktatur der Angst, die ihnen
von organisierten Kriminellen aufgezwungen wird.
Wo es keine Rechtsstaatlichkeit gibt, regiert nur das
Chaos. Und aus Chaos kann nur eine Diktatur
entstehen. Eine Diktatur führt nur zu Terror, Angst,
Leiden und Tod.

Dieses Problem besteht jedoch nicht nur in Deutschland. In den Vereinigten Staaten gibt es ebenfalls
große Ungerechtigkeiten. So hat es unsere Polizei
im Süden der Vereinigten Staaten jahrzehntelang
nicht geschafft, Schwarze und andere Bevölkerungsgruppen zu schützen. Der Ku-Klux-Klan und andere

*

AMERIKA DIENST 26

*

Die Entscheidung ist eindeutig. Wir können den
dunklen Kräften durch Nachlässigkeit zum Sieg
verhelfen. Oder wir können eine Polizei und ein
Strafverfolgungssystem aufbauen, das die Menschen
schützt, Verbrecherbanden besiegt und die Vorzüge
der Freiheit sichert. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Der Feind hat die Tore bereits eingerissen.
Wir sind mit Problemen konfrontiert, die über Leben
und Tod entscheiden.

*

*

Seite 7

�NAFTA
6. Juli 1994

NAFTA - DIE HERAUSFORDERUNG FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Eizenstat
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter Stuart E. Eizenstat, dem Vertreter der
Vereinigten Staaten bei der Europäischen Union, am 23. Juni 1994 in Frankfurt bei einer Konferenz des
International Bankers Forum gehaltene Rede.

Ich gratuliere den Organisatoren zu dem bei der
Vorbereitung dieser Konferenz gezeigten Engagement. Meines Erachtens wird die Bedeutung des
Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) auf
dieser Seite des Atlantiks unterschätzt, und diese
Konferenz sollte entscheidend zu einer Beseitigung
der Mißverständnisse und Mythen beitragen.
Ich ziehe es vor, das NAFTA nicht als "Herausforderung" für Europa, sondern als Chance für die
europäische Wirtschaft und potentielle Inspiration für
die Handelspolitik Europas anzusehen. Zudem
können die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam auf der Grundlage des NAFTA und Europas
eigenen Freihandelsvereinbarungen mit Mittel- und
Osteuropa stabilere transatlantische Wirtschaftsbeziehungen aufbauen.
Aus meiner eigenen Perspektive stellt die erfolgreiche Annahme des NAFTA durch den Kongreß nach
dem langen und erbitterten, von Präsident Clinton
mutig angeführten Kampf einen bedeutenden Impuls
für den Abschluß der Uruguay-Runde des GATT dar.
Sie überzeugte die EU von unserer Bereitschaft, für
den freien Handel politische Opfer zu bringen.
Das NAFTA - eine bahnbrechende Handelsvereinbarung
Das 1.100 Seiten umfassende Nordamerikanische
Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten, Kanada und Mexiko trat am 1. Januar 1994
in Kraft. Das NAFTA setzt neue Maßstäbe für
Handelsvereinbarungen und ist das erste Abkommen
seiner Art, das auf dem Text des ehemaligen GATTGeneraldirektors Dunkel aufbaut, obwohl die Runde
noch nicht abgeschlossen war, als die NAFTAUnterhändler ihre Arbeit beendeten.

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Das NAFTA erreicht das allen Freihandelsabkommen
gemeinsame Ziel: Die Abschaffung von Zöllen und
Quoten unter seinen Unterzeichnerstaaten. Das
NAFTA tut jedoch noch viel mehr und eröffnet damit
bedeutende neue Chancen für europäische Investoren, Exporteure von Waren und Dienstleistungen
sowie Finanzinstitutionen.
Meines Erachtens sind für die Europäer die folgenden
Merkmale des NAFTA von größter Bedeutung:
Das NAFTA schafft ausnahmslos alle Zölle und
Quoten ab, wobei den wenigen besonders sensitiven Produkten längere Auslaufphasen gewährt
werden. Ein beträchtlicher Teil des Handels
wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1994 zollfrei:
50 Prozent der amerikanischen Exporte nach
Mexiko und 70 Prozent der mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten. Für den größten
Teil des verbleibenden Handels werden die Zölle
über einen Zeitraum von 10 Jahren abgebaut, bei
wenigen Produkte über einen Zeitraum von 15
Jahren. Das entscheidende Konzept ist jedoch
eine Politik, die keine Ausnahmen zuläßt.
Vereinfachte Herkunftsregeln und Unterlagenführung sollen es den Unternehmen erleichtern, den
nordamerikanischen Inlandsanteil der Produkte
nachzuweisen. Das NAFTA ist in dieser Hinsicht
das erste Handelsabkommen, das mit Blick auf
das konkrete Rechnungswesen von Firmen
entwickelt wurde und das insbesondere die Last
der Befolgung von Vorschriften für kleine und
mittelständische Betriebe beschränken soll.
Das Abkommen baut in einer Übergangszeit die
weitreichenden Erfordernisse der mexikanischen
Autoindustrie an ausgeglichene Handelsbilanzen
und Inlandsanteile ab. Ferner soll nicht länger
gefordert werden, daß der Export von Autos und
Autoteilen doppelt so hoch sein muß wie die

Seite 1

�entsprechenden Importe. Auch die Beschränkungen im Hinblick auf Inlandsanteil und Eigentumsrechte werden abgeschafft, die Kosten erhöhten
und die Flexibilität ausländischer Autohersteller in
Mexiko beschränkten.
Das NAFTA ist das erste Freihandelsabkommen,
das die Vertragsparteien verpflichtet, die meisten
Dienstleistungssektoren für in anderen NAFTAMitgliedstaaten errichtete Unternehmen zu öffnen.
Von besonderem Interesse für Sie sind die bahnbrechenden Vorschriften des NAFTA im Bereich
der Finanzdienstleistungen. Bei den Finanzdienstleistungen
a) werden erstmals seit über 50 Jahren Finanzunternehmen mit Sitz in den Vereinigten Staaten
und Kanada - einschließlich der in europäischem
Besitz befindlichen - in der Lage sein, unter
denselben Anlagebedingungen wie mexikanische
Firmen vollkommen in ihrem Besitz befindliche
Unternehmen in Mexiko zu errichten,
b) werden Finanzunternehmen mit Sitz in einem
der NAFTA-Länder in der Lage sein, in ganz
Mexiko tätig zu werden und dieselbe Dienstleistungspalette anzubieten wie in mexikanischem
Besitz befindliche Firmen,
c) werden verbleibende Beschränkungen hinsichtlich Größe und Marktanteil von Finanzinstitutionen in den NAFTA-Staaten nach einer kurzen
Übergangszeit aufgehoben.
Das Kapitel im NAFTA über Investitionen umfaßt
Firmen, die ihren Sitz in einem NAFTA-Land
haben und ungeachtet der Eigentumsverhältnisse
in einem anderen investieren. Amerikanische
Tochtergesellschaften europäischer Unternehmen
haben folglich Vorteile aus dem im Kapitel über
Investitionen vorgesehenen freien Transfer und
den nationalen Behandlungsgarantien, und die
Investoren haben im Falle von Streitigkeiten über
die Anwendung dieser Bestimmungen direkten
Zugang zu Schlichtungsverfahren.
Das Abkommen zeigt Normen und Vorschriften
auf, die in den drei nordamerikanischen Ländern
umgesetzt werden. Regelungen über Kündigungsfristen und weitere Verfahrensvorschriften
werden sicherstellen, daß alle Unternehmen,
einschließlich der europäischen, ein wirkliches
Mitspracherecht bei der Formulierung von Normen und technischen Vorschriften erhalten.
Jedes Land behält seine eigenen Gesetze und
Vorschriften über unfairen Handel - Antidumpingund Ausgleichszölle - bei, aber die betroffenen

Seite 2

Parteien in anderen NAFTA-Mitgliedstaaten
(einschließlich europäischer Firmen) erhalten
Zugang zu unparteiischen binationalen Überprüfungsgremien, um eine faire, gerechte und
rechtzeitige Beilegung von Streitigkeiten sicherzustellen.
Weltweiter Wohlstand und Wachstum basieren in
zunehmendem Maße auf Wissen. Das NAFTAKapitel über geistiges Eigentum beinhaltet internationale Normen für den Schutz von Patenten
(20 Jahre), Warenzeichen, Urheberrechten,
Tonaufzeichnungen, Satellitensignalen, Industriedesign, Design von integrierten Schalteinrichtungen für Halbleiter und Geschäftsgeheimnissen.
Die Inhaber geistigen Eigentums in Europa ziehen
ebenso wie die in Amerika, Kanada und Mexiko
Vorteile aus der Umsetzung dieser Normen.
Die NAFTA-Zusatzabkommen über Arbeit und
Umwelt
Von besonderer Bedeutung sind auch die von den
Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada erzielten
Fortschritte bei der Verknüpfung der Handelsliberalisierung mit parallelen Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt und der Beibehaltung von Arbeitsnormen.
Präsident Clinton machte bei seiner Amtsübernahme
deutlich, seiner Ansicht nach sollten die Handelsvereinbarungen mit Abkommen über den Schutz der
Umwelt und Arbeitsnormen untermauert werden.
Die 1993 ausgehandelten Zusatzabkommen legten
Ziele und Verfahren zur Zusammenarbeit beim
Umweltschutz und der Durchsetzung von Arbeitsnormen fest. Die drei Vertragsparteien einigten sich
auf die Einrichtung von Kommissionen für Arbeit und
Umwelt, die mit der Vertiefung der Zusammenarbeit
zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen
auf diesen Gebieten betraut werden und zur Prüfung
von Beschwerden über Sonderfälle ermächtigt
werden, in denen die Arbeits- und Umweltgesetze
eines Landes nicht angemessen umgesetzt werden.
Ein wichtiger Aspekt dieser Zusatzabkommen ist, daß
die Kommissionen Geldstrafen verhängen können,
wenn ein NAFTA-Staat sich auf Dauer der Durchführung der Gesetze widersetzt und, falls diese nicht
umgehend gezahlt werden, die Zurücknahme der
entsprechenden Handelskonzessionen veranlassen
können.
Die Vereinigten Staaten halten aufgrund der relativ
guten Zusammenarbeit und substantiellen Verbesserungen bei der Umsetzung von Gesetzen ein
Zurückgreifen auf diese extremen Maßnahmen für
unwahrscheinlich. Dennoch war ihre Wiederaufnahme in die Abkommen ein Beweis für die Weige-

AMERIKA DIENST 26

�rung der NAFTA-Unterzeichnerstaaten zu tolerieren,
daß Umwelt- und Arbeitsnormen zum Zwecke der
Erzielung eines komparativen Vorteils nicht durchgeführt werden.
Ferner ist es wichtig festzustellen, was in diesen
Abkommen nicht vorgesehen ist: Sie setzen keinen
einheitlichen Mindestlohn für Nordamerika fest. Der
amerikanische Handelsbeauftragte Kantor stellte im
Zusammenhang mit dem GATT fest, wir hätten im
Hinblick auf Arbeitsnormen keine protektionistischen
Motive und strebten keinen Widerstand gegen
komparative Vorteile an. Unserer Ansicht nach kann
umfassende Unterstützung für Maßnahmen zur
Ausweitung des Handels dadurch sichergestellt
werden, daß alle die Vorteile des Handels genießen
und Arbeitnehmer durch international anerkannte
Arbeitnehmerrechte umfassend geschützt werden.
Da Mexiko und Kanada über ausgereifte nationale
Gesetzes- und Durchführungsbestimmungen zum
Schutz von Umwelt und Arbeitsnormen verfügen,
war unsere Aufgabe innerhalb des NAFTA-Gebietes
eindeutig einfacher, als sie in der Weltgemeinschaft
sein wird. Dennoch stellen die NAFTA-Zusatzabkommen einen wichtigen Schritt beim Umgang mit
dieser Wechselbeziehung dar.
Die umfassendere Bedeutung des NAFTA
Über diese spezifischen Merkmale des Abkommens
und seiner Zusatzabkommen

hinaus sollte

das

NAFTA jedoch auch in einem größeren Kontext
gesehen werden. Das NAFTA ist bedeutend als
Modell, als Vorläufer einer umfassenden Bewegung
zu wirtschaftlicher Integration in der ganzen westlichen Hemisphäre sowie als Beispiel dafür, wie
regionale Abkommen in Zukunft die Liberalisierung
auf globaler Ebene stärken können. Nachdem sich
Mexiko mutig von jahrhundertelanger Importsubstitution und staatlich gelenkten Entwicklungsstrategien befreit hatte, dem GATT beigetreten war und
seine Handelsschranken abgebaut hatte, wuchs es
und entwickelte sich in wenigen Jahren mit einer
Geschwindigkeit, die in den achtziger Jahren für
unwahrscheinlich gehalten wurde. Höhepunkt dieser
Entwicklung war die Aufnahme des Landes in die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD).
Das NAFTA ist integraler Bestandteil dieser historischen Umgestaltung Mexikos und trägt dazu bei
sicherzustellen, daß Mexiko in der westlichen
Hemisphäre weiterhin eine führende Rolle spielt.
Europa und die Vereinigten Staaten haben ein
großes Interesse an einer Fortsetzung dieser Dynamik. Dieses Jahr beispielsweise haben wir Mexiko
als Mitglied der OECD willkommen geheißen.
Ferner ist das Land dem Forum für asiatisch-pazifi-

AMERIKA DIENST 26

sche wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) beigetreten und nahm damit seinen Platz in der pazifischen Gemeinschaft ein.
Im Laufe dieses Verfahrens wurde Mexiko ein wichtiger - und schnell wachsender - Markt für Waren und
Dienstleistungen der Europäischen Union.
Die
Exporte der EU nach Mexiko sind seit 1966 jährlich
um 18 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr
nahm Mexiko der EU Waren und Dienstleistungen im
Wert von 7 Milliarden Dollar ab, die europäischen
Importe aus Mexiko beliefen sich auf 3 Milliarden
Dollar, was zu einem beträchtlichen Überschuß in der
bilateralen Handelsbilanz zugunsten Europas führte.
Umsetzung des Freihandelsabkommens
Die Umsetzung des NAFTA hat einen guten Anfang
gemacht, insbesondere angesichts der erforderlichen
Änderungen und der zur Verfügung stehenden kurzen
Zeit. Mexiko stand wahrscheinlich vor der größten
Herausforderung, da die Vereinigten Staaten und
Kanada bereits über Erfahrungen mit dem amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommen verfügen.
Auf einigen Gebieten gab es Probleme, beispielsweise bei sanitären und phytosanitären Normen und
dem Zollwesen; die drei Länder bemühten sich
jedoch entschlossen um ihre schnelle Beilegung.
Obwohl es noch viel zu früh ist, die gesamten Auswirkungen des NAFTA einzuschätzen, ist es ermutigend zu sehen, daß die Handelsstatistiken von
Januar bis März einen Anstieg des Handels auf dem
gesamten Kontinent ausweisen. Die amerikanischen
Warenexporte nach Kanada stiegen im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 9 Prozent an, die Importe
kanadischer Güter um 8,5 Prozent. Unser Handel mit
Mexiko war trotz des langsamen Wachstums der
mexikanischen Wirtschaft sogar noch ausgeprägter.
Die amerikanischen Exporte nach Mexiko stiegen um
15,7 Prozent auf die Rekordzahl von 11,85 Milliarden
Dollar an, die mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten um 22,5 Prozent auf 11,29 Milliarden
Dollar.
Auch Europa profitiert davon. Der Wirtschaftsteil der
Zeitungen berichtet über die im Zusammenhang mit
dem NAFTA stehenden Handels- und Investitionsaktivitäten europäischer Unternehmen: Angesichts
des fortschreitenden Abbaus der strengen Vorschriften für die mexikanische Automobilindustrie kann
General Motors den Export des Opel Corsa aus
Spanien nach Mexiko planen, bis sein neues OpelWerk den Betrieb aufnimmt.
Die europäischen
Autoteilehersteller Kiekert GmbH und Sommer Allibert
investieren in Mexiko, um den nordamerikanischen
Markt beliefern zu können. Ein Joint-venture von
Continental-Pirelli mit vier Fabriken und 1.000 Ver-

Seite 3

�kaufssteilen ist der größte Autoreifenhändler in
Mexiko. Spanische und niederländische Banken
sowie schwedische Versicherungsunternehmen
haben vor kurzen beträchtliche Investitionen im
mexikanischen Finanzsektor angekündigt.
Die
europäischen Großhändler Carrefour und Promodes
bauen riesige Supermärkte. Im Energiesektor gehört
das spanische Ingenieurbüro Mecapena einem
Konsortium an, das an der Ausschreibung für den
Bau eines neuen Elektrizitätswerkes im Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Versorgungsunternehmen Southern Electric (ein durch das NAFTA für
ausländische Investitionen geöffneter Sektor) teilnimmt, und Thyssen modernisiert für einen mexikanischen Stahlhersteller mexikanische Koksgruben.
Die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada haben
sogar eine vorgezogene Verhandlungsrunde zur
weiteren Beschleunigung der Zollsenkungen für
einige NAFTA-Produkte eingeleitet. Dies sollte den
Exporteuren der drei Länder echte Vorteile verschaffen. In drei Runden ähnlicher Verhandlungen im
Rahmen des amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommens vereinbarten die Vereinigten Staaten
und Kanada die vorzeitige Abschaffung von Zöllen
für den bilateralen Handel von Waren im Wert von
rund 9 Milliarden Dollar mit uneingeschränkter
Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern
auf beiden Seiten der Grenze.
Darüber hinaus sind die durch das Zusatzabkommen
zum NAFTA ins Leben gerufenen Kommissionen für
Arbeit und Umwelt ebenfalls ein guter Anfang.
Die nationalen Verwaltungsbüros (National Administrative Offices - NAOs) der drei Regierungen sind
seit dem 3. Januar 1994 in den Arbeitsministerien
geöffnet. Arbeitsminister Reich kam am 21. März
mit seinen Amtskollegen in Washington zusammen
und kündigte an, daß das Arbeitssekretariat seinen
Sitz in Dallas haben wird. Die Arbeitsminister haben
auch bei der Definition der Organisationsstruktur
dieses Sekretariats beträchtliche Erfolge erzielt.
Die Leiterin des amerikanischen Umweltschutzamts

Carol Browner traf mit den kanadischen und mexikanischen Umweltministern bei der Eröffnungssitzung
am 23. März in Vancouver zusammen, wo gute
Fortschritte bei institutionellen Fragen gemacht
wurden. Montreal wird der Sitz des Umweltsekretariats. Die erste Ratssitzung der Umweltkommission
wird Ende Juli in Washington abgehalten.
Am 15. April gab das amerikanische Arbeitsministerium die Prüfung von zwei im Februar eingegangenen
Anträgen bezüglich der angeblichen Verletzungen
des mexikanischen Arbeitsrechts bekannt.
Ein
Antrag wurde von der Gewerkschaft der Lastwagen-

Seite 4

fahrer, der andere von der Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter gestellt. Beide betreffen mexikanische
Tochtergesellschaften amerikanischer Firmen. Dem
Arbeitsministerium stehen bis zu 180 Tage für die
Durchführung der Ermittlungen zur Verfügung.
Viele Freihandelsbeziehungen
Es ist unbestreitbar, daß angeregt durch das NAFTA
und die Abkommen der Europäischen Union mit
Mittel- und Osteuropa regionale und bilaterale Handelsvereinbarungen in der internationalen Staatengemeinschaft große Mode sind. In der vergangenen
Woche unterzeichneten Mexiko, Venezuela und
Kolumbien ein Freihandelsabkommen, das die
früheren mexikanischen Abkommen zum Abbau von
Handelsschranken mit Chile und Costa Rica ergänzt.
Einige Kommentatoren haben angedeutet, daß dieses
vielleicht durch das NAFTA verkörperte neue Interesse am Abbau der Handelsschranken eine Bedrohung des multilateralen Handelssystems darstellen
könnte. Meines Erachtens ist diese Befürchtung aus
mehreren Gründen unangebracht:
Erstens wurde das NAFTA in vollständigem Einklang
mit den Bedingungen von Artikel XXIV des GATT
über Zollunionen und Freihandelsabkommen formuliert. Insbesondere deckt es den gesamten Handel
ab, nicht nur "praktisch den gesamten", wie es das
GATT fordert.
Zweitens errichten das NAFTA und andere in unserer
Hemisphäre erwogene Freihandelsabkommen keine
Hemmnisse gegen den Handel anderer Nationen.
Die Außenzölle der Vereinigten Staaten, Kanadas
und Mexikos bleiben vom NAFTA unberührt: In der
Tat sollten sie infolge der Umsetzung des Abkommens der Uruguay-Runde bald maßgeblich sinken.
(Im übrigen möchte ich darauf verweisen, daß die
Runde die durchschnittlichen Zölle zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU um die Hälfte senken
wird).
Drittens enthält das NAFTA selbst eine Komponente,
die einen Druck nach unten auf die Außenzölle der
Parteien ausüben sollte, vor allem im Hinblick auf
Einzelteile, Komponenten und im Fertigungsbereich
verwendete Kapitalausrüstung.
Das Abkommen
fordert die Aufhebung von Zollrückvergütungssystemen durch die Parteien, die als Anreiz für Investitionen von zur Endfertigung benötigten Komponententeilen benutzt wurden. Nicht länger in der Lage,
höhere Außenzölle auf Komponenten und Kapitalausrüstung zu vergüten, die für die Produktion von in
andere NAFTA-Mitgliedstaaten exportierte Waren
verwendet werden, würden die Länder mit diesen
höheren Zöllen mit der Zeit ein weniger wünschens-

AMERIKA DIENST 26

�werter Standort für Investitionen, nicht zuletzt aus
Europa. Angesichts dieser Perspektive werden die
Länder versuchen, ihre Außenzölle auf das niedrigste in der NAFTA-Region vorherrschende Niveau zu
senken (für gewöhnlich das amerikanische Niveau).

prüfen, wie die Landwirtschaft dieser Länder für die
eventuelle Integration in die gemeinsame Agrarpolitik
vorbereitet werden könnte.
Wir begrüßen das
Engagement der Bundesregierung, in diesem Prozeß
eine Führungsrolle zu übernehmen.

Aus diesem Grund ist das NAFTA insgesamt nicht
nur kompatibel mit dem multilateralen System, es
kann auch als Verstärkung der Wachstumstendenz
der moderneren Entwicklungsländer angesehen
werden, den Weg der Zoll-Liberalisierung in Gruppen
von zwei, drei oder sogar mehr Ländern zu Ende zu
gehen. Das "ohne-Ausnahme"-Prinzip des NAFTA
hat darüber hinaus unter Beweis gestellt, daß es
möglich ist, die sensitivsten Industriezweige im
Kontext eines allgemeinen liberalisierenden und
Wachstum fördernden Abkommens in Angriff zu
nehmen. Lange Auslaufphasen, Anpassungshilfen
und Umschulungsprogramme können bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit helfen.

Neben Mittel- und Osteuropa sowie traditionellen
Ländern des Assoziierungsabkommens im Mittelmeer
wurde Europa jetzt von Mexiko und den Ländern der
südamerikanischen Zollunion Mercosur angesprochen. Sowohl Mercosur als auch Mexiko scheinen
interessiert an der Sondierung unterschiedlicher
Wege zur Lockerung des Handels zwischen ihnen
und den Ländern der Europäischen Union. Dies wird
im nächsten Jahr ein wichtiges handelspolitisches
Thema für die Union werden.

Europa hat bisher ein anderes Modell beim Entwurf
seiner freieren Handelsabkommen mit den Ländern
Mittel- und Osteuropas gewählt. Im allgemeinen
hatte die EU eine Tendenz, die Handelsabkommen
mit ihren Nachbarn im Osten als evolutionär, nicht
definitiv, anzusehen. Es wurden Fortschritte erzielt.
In den bisher abgeschlossenen "Europa-Abkommen"
werden beispielsweise alle Zölle und andere Restriktionen auf Industriegüter bis zum 1. Januar 1995
aufgehoben, außer bei Textilien, Stahl und Landwirtschaft. Um jedoch eine große Kraftprobe zu vermeiden, wurde der am stärksten geschützte Sektor die Landwirtschaft - während der ersten Phase im
großen und ganzen ausgenommen, und es wurden
in der Übergangsperiode sehr viel mehr quantitative
Restriktionen verwendet, selbst in industriellen
Sektoren. In einer am 19. Juni in der Schweiz
gehaltenen Rede beschuldigte der tschechische
Ministerpräsident Vaclav Havel die EU des zunehmenden Protektionismus mit der Aussage: "Jeden
Tag gibt es konkrete Fälle, in denen die Europäische
Union unsere Exporte von Textilien, landwirtschaftlichen Maschinen und Zement blockiert." (Wall Street
Journal, S.g, 20. Juni 1994).
Der evolutionäre Ansatz ist zwar bequem für die
Verhandlungsprobleme und die Zustimmung zu
einem Handelsabkommen, hat jedoch den gravierenden Nachteil, daß nur die sensitiven Sektoren zu
einem späteren Zeitpunkt getrennt behandelt werden, ohne die politische Unterstützung eines umfassenderen "Pakets". Die "ohne-Ausnahme"-Politik
des NAFTA würde eine Alternative und für mich ein
bevorzugtes Modell darstellen. Wir waren aber
dennoch beeindruckt von den Bestrebungen der
Union, jetzt Wege zur Verbesserung des Handelszugangs für Mittel- und Osteuropa zu suchen und zu

AMERIKA DIENST 26

Schlußbemerkung: Europa und das NAFTA
Vor vierzig Jahren begannen die europäischen
Nationen mit der Gründung der Montanunion einen
Prozeß des progressiven Abbaus von Handelsschranken. Sie erkannten, daß die Schaffung größerer
Märkte Ihren Firmen Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerungen bringen und zum Anreiz
von Investitionen in die Modernisierung zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen
Markt beitragen könnte. Aus dem Experiment wurde
die Europäische Gemeinschaft, die erfolgreichste
Zollunion der Welt und die Grundlage für die Schaffung der Europäischen Union.
Von Anfang an haben die Vereinigten Staaten die
Gründung der Europäischen Gemeinschaft und jetzt
der Europäischen Union uneingeschränkt unterstützt.
Wir wurden Zeuge der Beseitigung von Handelshemmnissen und später der Schaffung eines europäischen Binnenmarktes, mehr Wirtschaftswachstums
für Europa und eines gesünderen Marktes für unsere
Exporte. Dabei waren mehr als nur kommerzielle
Erwägungen im Spiel. Wir erkannten, daß die
Senkung von Handelsschranken ein sichereres,
kooperativeres Europa untermauern würde, das unser
Partner in internationalen Angelegenheiten sein
könnte. Unsere heutige transatlantische Partnerschaft basiert auf dieser Grundlage.
Im Einklang mit unseren eigenen Traditionen und
institutionellen Erfordernissen haben wir in Nordamerika zwei große Schritte zur Schaffung eines
größeren nordamerikanischen Markts unternommen:
Das amerikanisch-kanadische Freihandelsabkommen
und jetzt das Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Angesichts unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Bestrebungen ist das NAFTA nicht der
Vorläufer einer solideren Union, wie die Montanunion
es wurde. Aber ebenso wie die Europäische Gemeinschaft für amerikanische Firmen und Exporteure

Seite 5

�offen war, ist das NAFTA für europäische Firmen
offen. Europa ist bereits der größte nichtnordamerikanische Investor in den Vereinigten Staaten,
Kanada und Mexiko, so wie es die Vereinigten
Staaten seit Jahrzehnten in Europa waren. Unser
schnelleres Wachstum wird mehr Exportchancen für
Europa bedeuten, insbesondere beim Prozeß der
Globalisierung der Produktion. Ebenso wie während
der industriellen Revolution weisen unsere Automobilunternehmen erneut den Weg.
Unsere Unterstützung der europäischen Integration
hat die transatlantischen Beziehungen gestärkt. Die
europäische Unterstützung und Begeisterung für das
NAFTA wird die amerikanisch-europäischen Beziehungen entsprechend fördern. Mit dem NAFTA
tätigen die europäischen Unternehmen neue Investitionen in ganz Nordamerika. Aufgrund der vom
NAFTA ausgehenden Impulse widmen europäische
Firmen und Regierungen den Chancen in der
gesamten westlichen Hemisphäre neue Aufmerksamkeit. Sie erkennen das Wachstumspotential von
freiem Handel und die damit einhergehenden sicherheitspolitischen Konsequenzen kompromißloser
Handelsbeziehungen.
Darüber hinaus bietet Europa mit der Anwendung
der Prinzipien eines umfassenden Freihandels den
Ländern Mittel- und Osteuropas, Rußland und den
neuen unabhängigen Staaten das Ziel eines freieren
Marktzugangs und die Herausforderung für die
Integration in den Weltmarkt.
Ebenso wie Europa das NAFTA unterstützt und
begrüßt, unterstützen und begrüßen wir die Erweiterung der Union, in jüngster Zeit um Österreich,
Finnland, Schweden und Norwegen, und in Zukunft
um die Länder Mittel- und Osteuropas. Daß wir
jeder die Abkommen aus der Perspektive unserer
GATT-Rechte prüfen, schmälert in keiner Weise
unsere Bewunderung und Unterstützung für die
Initiativen. Denn Europa und Amerika sind sich
gleichermaßen bewußt, daß solche Abkommen kein
Ersatz für die Fortsetzung der lebenswichtigen
Bestrebungen zur Stärkung des multilateralen
Handelssystems sind, so wichtig freier Handel in
unseren Verhandlungen mit unseren Nachbarn und
Partnern auch sein mag.

*

Seite 6

Obwohl wir historische Schritte zu freiem Handel mit
unseren Nachbarn unternommen haben - wir mit dem
NAFTA und Sie mit der Erweiterung der Union um
Österreich, Finnland, Schweden und Norwegen haben wir eng dabei zusammengearbeitet, die Welt
auf das noch wichtigere Ziel der Uruguay-Runde
hinzuführen. Und so sollte es sein: Regionale
Integration macht uns stärker, zu selbstbewußteren
Konkurrenten und enthusiastischer über den Abbau
von Handelshemmnissen auf globaler Ebene. Und
entsprechend verstärken unsere Erfahrungen bei der
Inangriffnahme des Schutzes von Arbeitsrechten und
der Umwelt im Zusammenhang mit freierem Handel
unsere Überzeugung, daß die multilaterale Handelsgemeinschaft dieses Vorgehen als Priorität in der
Welthandelsorganisation betrachten sollte.
Durch Zusammenarbeit und gegenseitige Ermutigung
werden die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union weiterhin Chancen zum Abbau von Handelsschranken ergreifen. Europa vornehmlich mit Mittelund Osteuropa, die Vereinigten Staaten mit den
anderen Ländern der westlichen Hemisphäre. Diese
Abkommen müssen auch in Zukunft umfassend im
Einklang mit den GATT-Regeln stehen und im
Hinblick auf die Investitionsvorteile nichtdiskriminierend sein. Während wir dies tun, werden die Vereinigten Staaten darüber hinaus Wege zum Senkung
ihrer Handelsschranken mit Mittel- und Osteuropa
sondieren und Investitionen in diesen Ländern
ermutigen. Ich gehe davon aus, daß Europa ebenfalls nach Wegen zum Abbau der Handelshemmnisse
in der westlichen Hemisphäre suchen und Investitionen dort ermutigen wird. Wir werden ferner weiterhin
eng bei der unerläßlichen Aufgabe zusammenarbeiten, die Welthandelsorganisation ins Leben zu rufen
und die Herausforderungen des multilateralen Handelssystems zu meistern.
Das NAFTA kann und wird daher eine Quelle der
Stärke für die transatlantischen Beziehungen und
eine Chance für europäische Unternehmen sein.
Ich danke Ihnen.

*

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�PORTRAT
6. Juli 1994

PANETTA ZUM STABSCHEF DES WEISSEN HAUSES
ERNANNT
Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty
WASHINGTON - (AD) - Mit der Ernennung von
Leon Panetta zum Nachfolger von Thomas McLarty
als Stabschef des Weißen Hauses hat Präsident
Clinton von einem Jugendfreund aus Arkansas zu
einem Washingtoner Profi gewechselt.
Der Kontrast ist beeindruckend: McLarty und Clinton
haben zusammen im Sandkasten gespielt, Panetta
ist in der Bundeshauptstadt seit den ersten Tagen
von Richard Nixons Präsidentschaft bekannt.
Inzwischen 56, war Panetta 16 Jahre lang in Kongreß tätig, bis Präsident Clinton ihn nach seiner
Wahl im Jahr 1992 für die schwierige Aufgabe des
Direktors der Haushaltsbehörde unter der neuen
Administration gewann.
Fortschritte bei der Bewältigung des Haushaltsdefizits werden weithin als der bisher größte Erfolg
der Clinton-Administration angesehen, und Panetta
wird ein Großteil des Verdienstes zugeschrieben, die
Pläne des Präsidenten in die Praxis umgesetzt zu
haben.
Als Leiter der Haushaltsbehörde brachte Panetta die
geplanten Ausgaben der jeweiligen Behörden in der
Haushaltsvorlage in Einklang und leistete dann
ebenso entscheidende Überzeugungsarbeit bei
seinen Kollegen im Kongreß zur Unterstützung der
Maßnahme - die mit äußerst knapper Mehrheit im
Repräsentantenhaus und Kongreß verabschiedet
wurde.
Panetta gebührt auch das Verdienst für den realistischen Ansatz, innerhalb der Administration selbst auf
Zurückhaltung bei den Ausgaben unter den Kabinettsmitgliedern zu bestehen.
In jüngster Zeit wurde Panetta zum öffentlichen
Fürsprecher der umstrittenen Gesundheitsreform des
Präsidenten - ein Thema, dem er in seinem neuen
Amt voraussichtlich beträchtliche Aufmerksamkeit
widmen wird.

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Panetta war Vorsitzender des Haushaltsausschusses
des Repräsentantenhauses, als Clinton seine überraschende Entscheidung für ihn als Direktor der
Haushaltsbehörde traf. Während seiner Amtszeit im
Repräsentantenhaus hatte er sich bereits den Ruf
erworben, der Experte des Landes für Haushaltsfragen zu sein.
Panetta war einer der Unterhändler des Kongresses
bei den langen und häufig kontroversen Haushaltsverhandlungen mit der Bush-Administration im Herbst
1990, die ein bahnbrechendes Fünfjahres-Abkommen
zur Folge hatten. Die Vereinbarung sollte Präsident
Bush in ernsthafte politische Schwierigkeiten bringen
und eine Abkehr von seinem im Wahlkampf 1988
gegebenen Versprechen signalisieren, während
seiner Amtszeit gebe es "keine neuen Steuern".
Davor war Panetta einer der entscheidenden Verhandlungspartner des Repräsentantenhauses mit
dem Senat und dem damaligen Präsidenten Reagan
bei dem dann als Gramm-Rudman bekanntgewordenen Haushaltsausgleichsgesetz.
Panetta gelingt es, seine realistische Inangriffnahme
von Themen mit dem Talent auszugleichen, sich über
sich selbst und die Probleme der Regierungsführung
lustig zu machen. Eine pointierte Bemerkung, gefolgt
von einem kurzen Lachen, war der Standardauftakt
bei seinen häufigen Pressegesprächen in seiner Zeit
als Kongreßabgeordneter, und selbst die von ihm als
Haushaltsdirektor verordneten
einschneidenden
Kürzungen konnten seinen Sinn für Humor nicht
trüben.
Panetta unterhält gute Beziehungen zu vielen seiner
ehemaligen Kollegen auf dem Capitol Hill - ein Plus,
das der Administration weiterhin einen guten Dienst
erweisen sollte.
George Miller, Mitglied des Repräsentantenhauses,
der einmal gemeinsam mit Panetta ein Appartement
in Washington bewohnte, äußerte der Washington

Seite 1

�Post gegenüber: "Meines Erachtens wird er die
Fähigkeit des Weißen Hauses maßgeblich verbessern, die Spieler und das auf dem Capitol Hill gespielte Stück richtig zu verstehen, was erreicht
werden kann und was nicht, wann man fest bleiben
und wann man verhandeln muß."
Inzwischen als gemäßigter bis liberaler Demokrat
eingeschätzt, begann Panetta seine politische Karriere als Republikaner.
Panetta war Rechtsberater von Thomas Küchel,
einem republikanischen Senator aus Kalifornien, und
später unter Präsident Nixon als Leiter des amerikanischen Büros für Bürgerrechte tätig. Von dieser
Aufgabe wurde er 1970 entbunden, nachdem er sich
über die zu langsamen Bestrebungen der Administration zur Aufhebung der Rassentrennung be-

schwert hatte.
Partei.

Im Jahr darauf wechselte er die

Panetta wurde als Sohn italienischer Einwanderer in
Monterey (Kalifornien) geboren, dem Wahlkreis, den
er später vertrat. Er machte 1960 seinen Abschluß
an der University of Santa Clara und legte dort 1963
sein juristisches Examen ab. Von 1964 bis 1966
diente er in der US-Armee.
Nachdem er von der Nixon-Administration entlassen
worden war, wurde er persönlicher Referent des New
Yorker Bürgermeisters John Lindsay und praktizierte
dann bis zu seiner Kandidatur für den Kongreß im
Jahr 1976 in einer Rechtsanwaltskanzlei.
Panetta ist verheiratet und hat drei Söhne.

* * * * *

Seite 2

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�PORTRAT
6. Juli 1994

GERGEN HAT "AUSGEPRÄGTES GESPÜR" FÜR
VERMITTLUNG VON ZIELSETZUNGEN
Porträt des neuen außenpolitischen Sonderberaters

WASHINGTON - (AD) - David Gergen hat "ein
ausgeprägtes Gespür, wie diese Administration ihre
außenpolitischen Zielsetzungen besser vermitteln
kann", erklärte Außenminister Christopher.
Der Außenminister stellte fest, in der neugeschaffenen Position eines Sonderberaters des Präsidenten
und Außenministers werde Gergen auch "ein Sagen
bei der Formulierung der Politik haben, von der die
amerikanische Führungsrolle in der Welt geleitet
wird".
Präsident Clinton, der Gergen im vergangenen Jahr
als Berater zur Imageverbesserung seiner Administration ins Weiße Haus holte, äußerte, der republikanische Journalist und Kommentator, der Gerüchten zufolge in die Privatwirtschaft zurückkehren
wollte, werde jetzt bis zum Ende des Jahres bleiben
und "seine gesamte Energie auf die außenpolitische
Bühne konzentrieren".
In den vergangenen Monaten, so Clinton, habe er
Gergen "bei der Konzeption, Formulierung und
Vermittlung nationaler Sicherheitsbelange immer
mehr schätzen gelernt" und er wolle, daß der altgediente Washingtoner Insider "eine größere Rolle
spielt und meinem Team als Hauptberater in diesem
Bereich beitritt".
In seiner neuen Position wird Gergen vom Außenministerium aus arbeiten und Außenminister Christopher direkt Bericht erstatten, jedoch weiterhin ein
Büro im Weißen Haus behalten. Er wird an Gesprächen des Außenministeriums auf hochrangiger
Ebene sowie denen des Hauptausschusses - dem
höchsten außenpolitischen Beratergremium im
Weißen Haus - teilnehmen.
Gergen wird Präsident Clintons wichtigste Reisen ins
Ausland sowie Veranstaltungen vorbereiten und
könnte auch zu Talkshows im Fernsehen eingeladen
werden.

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Während des Jahres als Berater des Präsidenten
nutzte Gergen seine gemäßigten Ansichten, bisherige
Erfahrung im Weißen Haus und überparteilichen
Kontakte, um eine günstigere Presseberichterstattung
über die Administration zu bewirken. Viele der
älteren Journalisten in Washington erachten ihn als
glaubwürdig, und die Reporter hatten während seiner
Amtszeit das Gefühl, das Weiße Haus gehe besser
auf ihre Fragen ein.
Während der Anfangsmonate wurde die Administration von den Medien relativ kritisch beurteilt, und dies
hatte einen niedrigeren Beliebtheitsgrad bei öffentlichen Meinungsumfragen zur Folge. Nachdem die
Berichterstattung positiver wurde, nahm auch der
Beliebtheitsgrad zu, und Gergen erwarb den Ruf, zur
steigenden Popularität von Präsident Clinton beigetragen zu haben.
Einige Demokraten mißtrauten Gergen jedoch mit
dem Argument, ihm fehle das Engagement für die
liberalere Tagesordnung der Administration. Gergen
bezeichnet sich selbst als "politischen Pragmatiker"
und verweist darauf, daß er seine politische Karriere
als Demokrat begonnen habe, der in der Bürgerrechtsbewegung in seinem Heimatstaat North Carolina aktiv war.
Eigenen Aussagen zufolge hat Gergen vor dem
Beitritt zur Clinton-Administration versucht, "eine
unabhängige Meinung, eine ausgewogene Sichtweise
von Politik und öffentlichen Angelegenheiten zur
entwickeln. Ich stellte jedoch fest, daß viele unserer
nationalen Probleme keine demokratische oder
republikanische Lösung erfordern, sondern einfach
neues Denken."
Gergen hatte Freunden und Kollegen gegenüber
geäußert, er werde das Weiße Haus lieber verlassen
als in die Parteipolitik der Wahlen im November
hineingezogen zu werden.

Seite 1

�Zu Beginn seiner Karriere war Gergen als Redenschreiber für Präsident Nixon und Kommunikationsdirektor für die Präsidenten Ford und Reagan tätig.
Ferner war er Chefredakteur und Kolumnist der
Zeitschrift U.S. News and World Report, Kommentator der Fernsehsendung The MacNeil/Lehrer
Newshour und Dozent sowohl am American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik, als
auch der liberalen John F. Kennedy School of Government an der Harvard University.

Seit dem Rüstungskontrollexperten Paul Nitze in den
achtziger Jahren ist Gergen der erste, der den
Doppeltitel eines Sonderberaters des Präsidenten
und des Außenministers innehat.
Gergen ist verheiratet und hat zwei erwachsene
Kinder.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 26

�PORTRAT
6. Juli 1994

NEUE DIREKTORIN DER HAUSHALTSBEHÖRDE SETZT
SICH FÜR ABBAU DES HAUSHALTSDEFIZITS EIN
Porträt von Alice Rivlin
WASHINGTON - (AD) - Als Alice Rivlin von ihrer
Nominierung durch Präsident Clinton am 27. Juni
1994 als Nachfolgerin von Leon Panetta erfuhr, war
sie einem Mitarbeiter zufolge "begeistert". "Das ist
genau die Aufgabe, die sie anstrebte", erklärte er.
Stanley Collender, Direktor für staatliche Haushaltspolitikdes großen Wirtschaftsprüfungsunternehmens
Price Waterhouse, der Rivlin schon lange beobachtet
hatte, bezeichnete sie als "eine Frau, die sich ihr
ganzes Leben mit Haushaltsfragen beschäftigt und
auf dieses Amt vorbereitet hat".
Im Falle ihrer Bestätigung durch den Kongreß wird
Rivlin eines der mächtigsten Mitglieder der ClintonAdministration.
Dem offiziellen Regierungshandbuch zufolge besteht
die Aufgabe der Haushaltsbehörde in der "Auswertung, Formulierung und Koordinierung von
Managementverfahren und Programmzielen innerhalb aller Bundesministerien und -behörden
sowie untereinander. Ferner kontrolliert sie die
Verwaltung des Bundeshaushalts und gibt dem
Präsidenten regelmäßig Empfehlungen im Hinblick
auf Haushaltsvorschläge und entsprechende gesetzliche Verfügungen."
Während ihrer anderthalbjährigen Amtszeit als
stellvertretende Direktorin der Haushaltsbehörde
unter Panetta erwarb sich Rivlin den Ruf, zu den
unerbittlichsten "Falken" der Administration zu
gehören, die sich für einen Abbau des Haushaltsdefizits einsetzen.
Sie führte vehement Argumente für größere Ausgabenkürzungen im Vergleich zu den im Fünfjahresplan vorgesehenen 500 Milliarden Dollar an, die
1993 nur mit knapper Mehrheit vom Kongreß gebilligt wurden.

AMERIKA DIENST 26

Es wird behauptet, sie habe Präsident Clinton bisweilen persönlich gefragt, ob die von ihm für Investitionsprogramme vorgesehenen Milliarden Dollar nicht
besser für die Senkung des Haushaltsdefizits verwendet werden sollten. Ferner setzte sie sich für die
Kürzung landwirtschaftlicher Subventionen ein,
bekämpfte Haushaltstricks und bestand darauf, daß
eine Reform des staatlichen Gesundheitswesens
nicht zu einer Erhöhung des Haushaltsdefizits führen
dürfe.
Rivlin führt schon seit langem einen aggressiven und
vehementen Kreuzzug gegen das Haushaltsdefizit.
Unter anderem sprach sie sich für die Kürzung so
populärer Leistungen wie die Gesundheitsfürsorge für
ältere Menschen (Medicare) aus.
In ihrem Buch "Reviving the American Dream" (Die
Wiederbelebung des Amerikanischen Traums), das
sie vor ihrem Beitritt zur Clinton-Administration
veröffentlichte, unterbreitete Rivlin den Vorschlag,
den Bundesstaaten die Verantwortung für die Verwaltung und Finanzierung von Programmen wie
Berufsausbildung und Personenverkehr zu übertragen, die teilweise über eine nationale Verbrauchssteuer finanziert werden, welche zwischen den
Bundesstaaten und der Bundesregierung aufgesplittet
werden sollte.
Während ihrer Tätigkeit von 1975 bis 1983 als erste
Direktorin des überparteilichen Haushaltsbüros des
Kongresses erwarb Rivlin Anerkennung als eine der
führenden Haushaltsexperten. Unter ihrer Leitung
erhielt das Büro den Ruf, Haushaltsfragen streng
unter Kontrolle zu halten, sie klar und wirksam zu
formulieren und objektiv zu sein - die Grundlage für
die Achtung des Haushaltsbüros innerhalb und
außerhalb des Kongresses.
Nach ihrer Amtszeit im Haushaltsbüro kehrte Rivlin
an die Brookings Institution zurück, eine Forschungsinstitution mit Sitz in Washington, der sie seit 1957

Seite 1

�mehrmals angehört hatte. Kurz vor ihrem Beitritt zur
Clinton-Administration war sie als Gastprofessorin für
Politologie an der George Mason University im
Norden Virginias tätig. Die Abgängerin des Bryn
Mawr College promovierte in Wirtschaftswissen-

schaften an der Harvard University. Von 1966 bis
1969 war sie unter der Johnson-Administration als
Abteilungsleiterin im Ministerium für Gesundheit,
Erziehung und Soziales tätig.

* * * * *

Seite 2

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                <text>Amerikadienst 06.07.1994</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton drängt auf umfassende, gleichzeitige Inangriffnahme globaler Probleme&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Verbrechensbekämpfung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweite polizeiliche Zusammenarbeit Schlüssel für erfolgreiche Verbrechensbekämpfung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von FBI-Direktor Freeh&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NAFTA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NAFTA - die Herausforderung für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Panetta zum Stabschef des weißen Hauses ernannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Clinton entscheidet Nachfolge von McLarty&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gergen hat "ausgeprägtes Gespür" für Vermittlung von Zielsetzungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen außenpolitischen Sonderberaters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Direktorin der Haushaltsbehörde setzt sich für Abbau des Haushaltsdefizits ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Alice Rivlin&lt;/em&gt;</text>
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/ syr%

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Juni 1994

25

4. JULI

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum
Unabhängigkeitstag

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins

WASHINGTON PLANT
MONUMENTALE
FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der
Bundeshauptstadt

PORTRAT

CLINTON BENENNT HOLBROOKE
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI

ZUM

Rede von Außenminister Christopher beim
NATO-Rat

USA-RUSSLAND

AMERIKANISCH-RUSSISCHE
NUKLEARSTRATEGIE UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�G-7

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER" BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel

KULTUR

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
Von Ricardo Sandoval

�4. J U L I
29. Juni 1994

CLINTON: AMERIKANISCHE IDEALE SIND
GLOBALE NORMEN FÜR STAATSBÜRGERSCHAFT
Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag
WASHINGTON - (AD) - Die "mächtigen Ideale", für die die Gründerväter Amerikas kämpften, sind Präsident
Clinton zufolge "weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft geworden".
In seiner Erklärung zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli stellte der Präsident fest, "wir verteidigen heute
vehement den einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne Rechte besitzt, zu deren Respektierung und
Garantie unsere Regierung verpflichtet ist".
Nachfolgend drucken wir den vom Weißen Haus veröffentlichten Text der Erklärung des Präsidenten.

Während wir den 4. Juli feiern - einen denkwürdigen
und großartigen Tag in der Geschichte unseres
Landes - danken wir für die Freiheiten, für deren
Gewährleistung unsere mutigen Gründerväter
kämpften. Indem sie die amerikanischen Kolonien
als unabhängig und frei erklärten, riskierten diese
tapferen Patrioten all ihr Hab und Gut, um für ihre
Kinder und Kindeskinder eine bessere Zukunft
sicherzustellen. Wir verteidigen heute vehement den
einstmals radikalen Gedanken, daß jeder einzelne
Rechte besitzt, zu deren Respektierung und Garantie
unsere Regierung verpflichtet ist. Die mächtigen
Ideale, für die die Gründerväter Amerikas kämpften,
sind weltweit zu Normen der Staatsbürgerschaft
geworden.

ihres Vermächtnisses dürfen wir nicht weniger tun.
Wenn wir uns ihrer wirklich würdig erweisen wollen,
müssen wir uns der Nutzung unserer wertvollen
Freiheiten mit erneuter Verantwortung widmen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um unsere Nachbarschaft wiederaufzubauen sowie unsere zerrütteten
Familien und Gemeinden wieder zusammenzuführen.
Wir müssen auf die Beendigung der Gewalt hinarbeiten, die unsere Gesellschaft heimsucht und
unseren Kindern die Chance geben, in einer sicheren
und sie fördernden Umgebung aufzuwachsen. Am
Geburtstag unserer Nation wollen wir uns erneut
verpflichten, dieselben Entscheidungen zu treffen wie
Thomas Jefferson und seine Landsleute vor so vielen
Jahren - mit hoffnungsvollem Blick auf die Zukunft.

Die Gründer unseres Landes haben sich der Schaffung einer besseren Zukunft verschrieben. Als Erbe

Mit den besten Wünschen für einen wunderschönen
Feiertag.

* * * * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�4. J U L I
29. Juni 1994

DER GLORREICHE VIERTE:
DIE FEIERN ZU AMERIKAS GEBURTSTAG
von Peggy Robbins
Seit der ersten spontanen Feier im Jahr 1777, dem 1. Jahrestag der nationalen Unabhängigkeit, haben die
Amerikaner den "glorreichen Vierten" gefeiert. Der nachfolgende Artikel erzählt die Geschichte und
Entwicklung der Feierlichkeiten.
Die Autorin schreibt seit mehr als 30 Jahren über das kulturelle und militärische Erbe der Vereinigten Staaten.
Sie lebt in Gulfport (Mississippi). Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Juli 1992. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1992.

"Der 2. Juli 1776 wird der denkwürdigste Tag in der
Geschichte Amerikas sein. Ich glaube, daß er von
nachfolgenden Generationen als der größte Jahrestag gefeiert wird. Er sollte als der Tag der Befreiung
mit feierlichen Akten der Verehrung des Allmächtigen Gottes begangen werden. Er sollte mit Pomp
und Paraden, mit Shows, Spielen und Sportveranstaltungen, Kanonenschüssen, Freudenfeuern und
Illumination von einem Ende des Kontinents bis zum
anderen, von jetzt an auf immerdar gefeiert werden."
Dies schrieb John Adams an seine Frau - am
nächsten Tag, dem 3. Juli. Natürlich hatte er
unrecht.
Die amerikanischen Schüler wurden immer gelehrt,
der 4. Juli 1776 - als der Zweite Kontinentalkongreß
bei seiner Zusammenkunft in Philadelphia (Pennsylvania) die Erklärung der Unabhängigkeit von
England verabschiedete - sei Amerikas Geburtstag.
Das scheint die Angelegenheit zu stark zu vereinfachen, denn nur eine Unterschrift wurde an jenem
Tag unter das Dokument gesetzt - die von John
Hancock, dem Präsidenten des Kongresses. Die
Unabhängigkeitserklärung als vollständiges Dokument war nicht das Werk eines Tages.
Die Tätigkeit des Kongresses bezüglich der Unterzeichnung eines Dokuments über die Unabhängigkeit erstreckte sich vom 7. Juni bis zum 2. August.
Am 7. Juni legte Richard Henry Lee, der Vorsitzende
der Delegation aus Virginia im Kongreß, drei Resolutionen vor. Die erste und wichtigste stellte fest, daß
"diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige
Staaten sind und rechtmäßig sein sollten, von
jeglicher Abhängigkeit von der britischen Krone

AMERIKA DIENST 25

entbunden sind, und alle politischen Verbindungen
zwischen ihnen und dem Staat Großbritannien
vollständig aufgelöst sind und sein sollten". John
Adams aus Massachusetts unterstützte Lees Antrag
unverzüglich. Es folgte eine äußerst lebhafte Debatte, denn viele Delegierte hofften immer noch auf eine
friedliche Versöhnung mit dem Mutterland.
Drei Tage später ernannte der Kongreß ein fünfköpfiges Komitee - Thomas Jefferson, John Adams,
Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert
Livingstone - für den Entwurf einer offiziellen Unabhängigkeitserklärung. Jefferson schrieb ein Dokument, und in den folgenden drei Wochen wurde es
zunächst von den Ausschußmitgliedern und dann
vom Kongreß mit geringfügigen Änderungen überarbeitet. Bevor die Mitglieder bis zur Verabschiedung
der Erklärung gelangten, wurde Lees erste Resolution
am 2. Juli kurz erörtert und angenommen. Das war
der Auslöser für Adams aufgeregten Brief an seine
Frau. Lees Resolution wurde nur als Geleitwort für
die Verabschiedung der Erklärung - am Donnerstag,
dem 4. Juli, genommen - als John Hancock sie "auf
Anweisung und im Namen des Kongresses" unterzeichnete. Die ersten Worte des Dokuments lauteten: "Im Kongreß, 4. Juli 1776".
Die Erklärung war noch nicht ausreichend vorbereitet
- "von einem herausragenden Schreiber auf Pergament gebracht" - um unterzeichnet und ein dauerhaftes Dokument zu werden. Erst am 2. August wurde
eine offizielle Kopie von allen anwesenden Mitgliedern des Kongresses unterschrieben. Die Unterschriften der an diesem Tag Abwesenden wurden
später hinzugefügt, die letzte im Jahr 1781. Im

Seite 1

�Januar 1777 wurden allen Bundesstaaten offizielle
Kopien zugestellt. Ein Unterzeichner - Richard
Stockton aus Princeton (New Jersey) verweigerte
seine Unterschrift, weil die Briten gedroht hatten,
sein schönes Haus niederzubrennen.
Philadelphia wartete nur bis zu dem Montag nach
der Unterschrift von John Hancock vom 4. Juli, um
die Verabschiedung der Erklärung zu feiern. Auf
dem State House Yard (der später Unabhängigkeitsplatz genannt wurde) gab es eine Massenzusammenkunft, und die Erklärung wurde von einer sieben
Jahre zuvor von der amerikanischen philosophischen
Gesellschaft errichteten alten Plattform verlesen.
John Adams, der anwesend war, berichtete: "Ein
dreifaches Hoch stieg zum Himmel. Bataillone
paradierten auf dem Platz und schössen ein feu de
joie ab, trotz des knappen Pulvers. Die Glocken
läuteten den ganzen Tag und fast die ganze Nacht.
Selbst die Glocken der Christ Church bimmelten."
(Der Pfarrer der Christ Church war ein überzeugter
Royalist).
Andere zeitgenössische Berichte der Ereignisse an
diesem 8. Juli in Philadelphia unterscheiden sich
leicht von Adams: "Ich war auf dem alten State
House Yard, als die Unabhängigkeitserklärung
verlesen wurde", schreibt ein Bürger, "und stellte
fest, daß sehr wenige respektable Personen anwesend waren." Und eine Dame, die in einem an dem
Platz gelegenen Haus wohnte, schrieb, "das erste
Publikum der Erklärung war weder sehr zahlreich
noch aus der geachtetsten Schicht zusammengesetzt."
Am nächsten Tag, am 9. Juli, wurde die Erklärung
auf Anweisung von George Washington seinen
Kontinentaltruppen im City Hall Park in New York
vorgelesen. Als sich die Nachricht in den anderen
Städten und in den entfernten Gegenden der Kolonien verbreitete, feierten die loyalen Patrioten.
Der Unabhängigkeitstag nimmt Gestalt an
John Adams mag unrecht gehabt haben, als er
erklärte, der 2. Juli würde für immer als Unabhängigkeitstag gefeiert, aber er hatte sicherlich recht mit
der Vorhersage, daß des Geburtstags der Vereinigten Staaten jedes Jahr "mit Pomp und Paraden"
und einer großen Vielfalt von Feierlichkeiten gedacht
würde.
Am ersten Jahrestag 1777 feierten die Städte und
Orte spontan. Überall gab es Paraden - ziemlich
beeindruckende in Philadelphia, Charleston, South
Carolina und Boston (Massachusetts). Die Straßen
wurden geschmückt, Kanonen abgefeuert, Glocken
geläutet, Freudenfeuer abgebrannt und (aus England

Seite 2

importierte) Feuerwerke erhellten den Nachthimmel.
Die Soldaten der Kolonien in Morristown erhielten an
jenem Tag eine Extraration Rum, und den Berichten
zufolge war eine bevorzugte Aktivität in mehreren
Städten, 13 Toasts auf die 13 Staaten auszubringen oder es zumindest zu versuchen. Die gesetzgebende
Versammlung von Massachusetts forderte die Bürger
auf, "alle Vorbereitungen zu treffen, um auf den
Erfolg der Dreizehn Vereinigten Staaten zu trinken".
In Philadelphia mußte eine in Trenton (New Jersey)
gefangengenommene hessische Band in den Straßen
und bei einem von den Honoratioren besuchten
Essen am frühen Nachmittag spielen. John Adams,
der in jener Nacht durch Philadelphia gewandert war
und in den meisten Fenstern erleuchtete Kerzen
gesehen hatte, schrieb an seine junge Tochter: "Es
war die herrlichste Beleuchtung, die ich je gesehen
hatte ... Ich war erstaunt über die generelle Freude
und Heiterkeit angesichts der Dauer, die der Entwurf
benötigt hatte, und seiner dann so plötzlichen Ausführung, über die Pracht und die Herrlichkeit aller
einzelnen Darbietungen des Tages." Adams erzählte
seiner Tochter nicht, daß einige Patrioten Steine in
die nicht erleuchteten Fenster mehrerer Häuser
geworfen hatten, aber einige seiner Zeitgenossen
hielten die Tatsache fest.
Ein Redakteur aus Philadelphia faßte die Feier
zusammen: "So möge der vierte Juli, dieser glorreiche und für immer denkwürdige Tag, in ganz Amerika
von den Söhnen der Freiheit jeglichen Alters bis ans
Ende aller Zeiten gefeiert werden." Das war der
Ursprung dieses noch immer gültigen Begriffs "der
glorreiche Vierte".
Nach der Revolution und der Verabschiedung der
Verfassung weiteten sich die Feiern zum 4. Juli aus.
Viele entlassene Soldaten gingen nach Westen und
erwarben Land in der Nähe kleiner Ansiedlungen,
und sie kamen am Unabhängigkeitstag zusammen,
um ihren Beitrag zum Kampf um die Freiheit Wiederaufleben zu lassen. Im Jahr 1788 inszenierte Philadelphia, damals die Hauptstadt der neuen Nation, die
längste Parade am Unabhängigkeitstag in der Geschichte Amerikas, über die noch jahrzehntelang
gesprochen wurde. Genannt "die große Bundesprozession" war sie nur ein Teil der Feiern, die
sowohl der Unterzeichnung der Deklaration als auch
der Verabschiedung der Verfassung gedachten.
Im Verlauf der Jahre weiteten sich die Feiern zum
glorreichen Vierten auf jeden Bundesstaat und alle
Territorien aus. Bis zum Jahr 1810 wurden in allen
größeren Städten beeindruckende Feierlichkeiten
organisiert. Der vormittags im Old South Meeting
House abgehaltenen offiziellen Feier in Boston in
jenem Jahr ging eine riesige Militärparade vom

AMERIKA DIENST 25

�Parlamentsgebäude durch die Hauptstraßen der
Stadt voraus. Die Ansprache wurde von Bostons
berühmtem Reverend William Ellery Channing
gehalten. Am Nachmittag wurde eine zweite Parade
von der Bunker Hill Association und den Jungen
Republikanern, gefolgt von einem Abendessen für
600 Personen in Faneuil Hall, veranstaltet. Auf dem
Platz wohnten an diesem Abend über 10.000 Menschen einem herrlichen Feuerwerk bei.
Die Feiern zum glorreichen Vierten gestalteten sich
im ganzen Land in etwa gleich - Paraden, Salutschüsse, Bands, Reden, patriotische Lieder, Ballspiele, Essen und Picknicks sowie Feuerwerke aber von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort erfreute
man sich an ungewöhnlichen Darbietungen. In
ländlichen Gebieten waren Wassermelonen- und
Kuchenwettessen, Sackhüpfen und die Jagd auf
eingefettete Schweine populär. In einigen Städten
fuhren Kinder auf geschmückten Fahrrädern und die
Erwachsenen veranstalteten Fahrradwettrennen. In
manchen Gegenden des Westens waren Rodeos die
große Attraktion. In allen Gemeinden wurde es als
große Ehre angesehen, als Hauptredner des Tages
ausgesucht zu werden. In jedem Jahr ließ Daniel
Webster die Arbeit, mit der er gerade in der Bundeshauptstadt Washington beschäftigt war, Arbeit
sein, und machte sich auf den Weg in seine Heimatstadt Salisbury in New Hampshire, um eine zweistündige Rede zu halten.
Die Stadt Lititz im östlichen Pennsylvania entwickelte
eine besonders schöne Art von Feiern anläßlich des
vierten Juli. Jeden Winter gössen die Einwohner
Tausende von Talgkerzen in Blechformen und hoben
sie bis zum kommenden Juli zur Beleuchtung des
Lititz Spring Park am Abend des Vierten im Anschluß an die Babyparade am Nachmittag auf. Bei
dieser Parade fuhren viele, in patriotische Kostüme
gekleidete Kinder in kleinen geschmückten Festwagen um den Park. Als es dunkel wurde, zündeten
die Jungen die Kerzen an, von denen viele den
Kindern auf den Festwagen gegeben wurden, und
bis tief in die Nacht wurden Lieder gesungen, Reden
gehalten und im Park im Kerzenlicht gespielt.
Am 4. Juli 1826, genau 50 Jahre nach der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung, starben
sowohl Thomas Jefferson, der geistige Vater des
Dokuments, als auch John Adams, der Mann, der so
zuversichtlich war, daß es auf immer gefeiert würde.
(Jefferson starb in seiner Heimatstadt Monticello in
Virginia wenige Stunden vor dem Tod von Adams in
Quincy, Massachusetts).
Adams rief kurz vor
seinem Tode angeblich aus: "Thomas Jefferson
überlebt noch!"). Der Tod dieser überlebenden
Unterzeichner, so ein Einwohner von Boston, machte
die patriotischen Feiern gleichzeitig "zu einer Zeit

AMERIKA DIENST 25

des Trauerns und des Feierns. Es war eine merkwürdige, verwirrende Mischung, die uns den ganzen
Sommer beschäftigte."
Die große Hundertjahrfeier
Während der Ausstellung zur Hundertjahrfeier 1876
in Philadelphia wurde für den glorreichen Vierten eine
riesige Geburtstagsparty veranstaltet. Die Ausstellung selbst, die am 20. Mai eröffnet wurde und sechs
Monate lang gezeigt wurde, hat die Rekordbesucherzahl von nahezu 10 Millionen erzielt. Mit ihren
zahlreichen, auf 188 ha im Fairmont Park verteilten
kulturellen und lehrreichen Exponaten erweiterte sie
den Blickwinkel der Amerikaner in vieler Hinsicht.
Landesweit gab es andere große Feiern am 100.
Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, aber die
meisten waren mehr auf Vergnügen als Bildung
ausgerichtet, und manche hatten einzigartige Aspekte. Eine in einer Gegend von Southern California, wo
alle Häuser und Geschäfte mit Grün dekoriert waren,
veranstaltete Parade war angeblich die längste je
abgehaltene.
Im Umzug liefen Veteranen des
Mexikanischen Kriegs, Angehörige vieler Nationalitäten und Mitglieder jeder Organisation in der
Umgebung mit. Auf geschmückten Festwagen saßen
Mädchen, die Freiheit, Frieden, die Columbia und
Reichtum verkörperten.
In Windsor (Connecticut) nahm die Stadt bei einem
großen öffentlichen Treffen einige Tage vor dem 4.
Juli 1876 dankend das Angebot der Einwohner des
"Rainbow and Poquonock Viertels von Windsor" an,
"auf dem Parkgelände an der Broad Street ein
großes Picknick anläßlich der Hundertjahrfeier zu
veranstalten". Eine öffentliche Einladung wurde an
"alle Einwohner von Windsor ausgesprochen, unabhängig von Hautfarbe, Alter, politischer oder
religiöser Überzeugung". Die gastgebenden Bürger
mieteten Zelte und Tische und arrangierten die
Musik, Glockengeläut, Kanonenschüsse und Feuerwerke. Frauen aus vielen Teilen von Windsor halfen
bei der Vorbereitung der Speisen.
Am 3. Juli berichtete eine Zeitung, jeder in Windsor
werde in dieser Nacht für gutes Wetter beten. Am
nächsten Morgen, der mit Salutschüssen auf der
Plymouth Meadow und einstündigem Glockengeläut
begann, ging "die Sonne in einem wolkenlosen
Himmel auf". Das Parkgelände an der Broad Street
und alle umliegenden Gebäude wurden mit Fahnen,
Bannern, Blumen und rot-weiß-blauen Bändern
geschmückt. Die einzelnen "Hauptereignisse" des
Tages variierten von "einer großen Kavalkade von
Phantasiegestalten, die alle Charaktere verkörperten,
erschreckende oder andere, die je existierten oder
existiert haben sollen" bis zu einem Zug riesiger

Seite 3

�dekorierter Wagen - einer groß genug für 66 Passagiere - in denen die Bürger, darunter 50 junge
Frauen, als Vertreter des Bundesstaats und der
Kriegsveteranen saßen. Jeder Veranstaltung ging
eine großenteils gesungene Musikeinlage voraus, in
die das Publikum einstimmte.
Nach dem offiziellen Programm wurde in einem
tausend Personen fassenden Zelt ein riesiges Picknick abgehalten, die übrigen Gäste saßen draußen
im Schatten. Nach dem Essen wurden weitere
Reden gehalten und Musik gespielt. Der Tag endete
natürlich mit einem Feuerwerk, das bis spät in die
Nacht dauerte.
Nach 1776 war das Feuerwerk über ein Jahrhundert
lang das wichtigste Ereignis der Feiern zum glorreichen Vierten. Erst allmählich wurde man sich bewußt, wie viele im Umgang mit Feuerwerkskörpern
unerfahrene Menschen getötet oder verletzt und wie
viele Brände ausgelöst wurden. Der Ruf nach
"einem sicheren und vernünftigen Vierten" erhielt
jedoch nicht viel Beachtung, bis die Chicago Tribüne Statistiken erstellte und eine sicherere Art des
Feierns forderte. Es dauerte einige Jahre, bis die

Seite 4

Kampagne Wirkung zeitigte, aber sie hatte Erfolg.
Die Todesfälle aufgrund von Feuerwerkskörpern
nahmen von 466 im Jahr 1903 auf 215 im Jahr 1909
ab. In gleichen Zeitraum wurden jedoch fast 5.000
Personen durch Feuerwerkskörper verletzt - die
Mehrzahl durch riesige Kracher. Springfield in
Massachusetts verbot 1903 den Verkauf von Feuerwerkskörpern völlig, mit der Folge, daß es am Vierten
keinerlei Todesfälle, Verletzte und Feuer gab. Viele
Bundesstaaten und die meisten Gemeinden verboten
im Laufe der Zeit den freien Verkauf von Feuerwerkskörpem und ersetzten ihn durch ein von Organisationen vor Ort und erfahrenen Personen gehandhabtes
geplantes Angebot.
Einige altmodische Bürger beschwerten sich und
sagten, sie sehnten sich nach dem "alten, ungehemmten, 24stündigen Lärm und Feuerwerk" zurück,
aber niemand schenkte ihnen Beachtung. Dank der
Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung hatten
die Amerikaner das Recht zur Beschwerde, und ihre
Mitbürger das Recht, diese Beschwerden zu ignorieren, wenn sie dies als richtig erachteten. Herzlichen
Glückwunsch zum Geburtstag, Amerika!

AMERIKA DIENST 25

�4. J U L I
29. Juni 1994

WASHINGTON PLANT MONUMENTALE FEIERLICHKEITEN ZUM UNABHÄNGIGKEITSTAG
Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der Bundeshauptstadt
WASHINGTON - (AD) - Am 4. Juli jedes Jahres
feiern die Amerikaner auf verschiedene Art und
Weise die Erklärung der Unabhängigkeit Amerikas
von Großbritannien vor über 200 Jahren.
Am 4. Juli 1776 unterzeichnete John Hancock, einer
der Gründerväter der Nation, im Namen des Kongresses der Vereinigten Staaten in Philadelphia die
Unabhängigkeitserklärung.
Zu den landesweiten Feierlichkeiten aus Anlaß des
4. Juli gehören im allgemeinen Paraden, Salutschüsse, Konzerte, Ansprachen, patriotische Lieder,
Ballspiele, Abendessen, Picknicks und Feuerwerk.
In Washington wird der Unabhängigkeitstag jedoch wie es der Hauptstadt gebührt - auf monumentale
Weise gefeiert.
Zunächst findet die Constitution Avenue entlang die
traditionelle Parade statt. In diesem Jahr wird zum
zweiten Mal hintereinander ein "American Roots 4th
of July"-Konzert am Fuß des Washington Monument
stattfinden, das am frühen Nachmittag beginnt und
bis Anbruch der Dunkelheit andauert.
Auf dem Konzert tritt die Bluessängerin Etta James
mit ihrer achtköpfigen Band auf. Ferner nehmen
Gruppen teil, die New Orleans Jazz, schnellen
Bluegrass, alte Country-music, beliebten irischen
Step-Tanz, pulsierende Cajun-Twosteps und Walzer,
patriotische Rhythmen, heiße puertoricanische
Gitarren- und kolumbianische Akkordeonmusik,
weichen Country-Blues, mitreißendes amerikanisches Schlagzeug und Songs spielen.

kulisse diverser musikalischer Klassiker der Vereinigten Staaten begleitet. Sie reichen von Aaron
Coplands "Fanfare for the Common Man", das vom
St. Louis Symphony aufgeführt wird, bis zu Ray
Charles' ergreifender Version von "America the
Beautiful". Ferner spielen Los Lobos, Chick Berry,
New Orleans Jazz "und ein paar Überraschungsbands", so Spitzer.
Auf der National Mall - der langen Parkfläche zwischen dem Washington Monument und dem Kapitol findet an diesem Tag zur gleichen Zeit das Festival of
American Folklife statt. Seit 1967 wurde es fast an
jedem 4. Juli abgehalten, und seitdem haben Tausende von Musikern, Tänzern, Kunsthandwerkern,
Geschichtenerzählern, Köchen und anderen Vertretern traditioneller Kultur daran teilgenommen.
"Sie sangen und woben, kochten und tanzten,
spannen und stickten einen Teppich kultureller Vielfalt
und demonstrierten gekonnt ihren unschätzbaren
Wert", äußerte Richard Kurin, Direktor des Zentrums
für Folkloristik und Kulturstudien der Smithsonian
Institution.
Ziel dieses Festivals ist es, den Reichtum und die
Vielfalt folkloristischer Kultur in den Vereinigten
Staaten und auf der ganzen Welt zu erhalten und zu
feiern", erklärt er. "Die Aufführungen und Demonstrationen haben Millionen Menschen eine größere
Welt vor Augen geführt. Und der Erfolg der Veranstaltungen hat die Aktionen, Maßnahmen und
Gesetze ermutigt, die das Recht der Menschen auf
Kultur fördern."

"Meiner Ansicht nach ist es am Unabhängigkeitstag
am patriotischsten, wenn man die Vielfalt unseres
Volkes demonstriert", so Folklorist Nick Spitzer, der
künstlerische Direktor des Konzerts.

Dieses Jahr sind auf dem Festival wieder die ehemaligen Teilnehmer aus den gesamten Vereinigten
Staaten vertreten, denen von der National Endowment for the Arts der National Heritage Fellowship Award verliehen wurde.

Nach Anbruch der Dunkelheit findet ein Feuerwerk
statt. Diese großartige Show wird der Nation im
Fernsehen live übertragen. In diesem Jahr wird das
Feuerwerk von der von Spitzer ausgewählten Klang-

Diese geschickten Kunsthandwerker repräsentieren
eine Vielfalt von Traditionen, einschließlich indianischer Musik für Zupfinstrumente, Piedmont-Blues,
Mariachi und Conjunto-Musik, hawaiischem Hula,

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�Stücken für Fidel aus Cape Breton, irisch-amerikanischer Flötenmusik, Tänzen und Musik aus Süditalien
sowie Cajun-Musik, Töpferarbeiten der Pueblo
Indianer und der Südstaaten, Leder- und Textilarbeiten, Blumenbinderei, Masken- und Korbherstellung.
In diesem Jahr werden die Bahamas, ein der Küste
Floridas vorgelagerter aus 700 Inseln bestehender
Staat, auf dem Folkfestival vorgestellt.
Diese einzigartige Kultur - die im Laufe der vergangenen 500 Jahre aus den Erfahrungen von
Afrikanern, loyalen Briten, Seminolen, Kreolen und
anderen geschaffen wurde, wird durch vielfältige
Präsentationen vorgestellt, einschließlich Bootsbau,
Korbherstellung, Buschmedizin, Geschichtererzählung, Holzschnitzerei, traditionellem Gerichten der
Landbewohner der Südstaaten, Kinderspielen,
Junkanoo-Musik und -Kunsthandwerk, religiöser
Musik, Goombay-Musik und traditionellen Tänzen.
1994 wird auf dem Festival auch gezeigt, wie die
Kultur der Einheimischen zu den wirtschaftlichen und

* *

Seite 2

sozialen Entwicklungsprogrammen in Lateinamerika
und der Karibik beitragen kann. Das Programm wird
von der Interamerikanischen Stiftung aus Anlaß des
25. Jahrestages ihrer Entwicklungsarbeit an der Basis
gefördert.
Teilnehmer aus neun Ländern - Chile, Ecuador,
Bolivien, Peru, Brasilien, Haiti, Panama, Guatemala
und Mexiko - demonstrieren, wie sie die kulturellen
Ressourcen ihrer Einwohner zum Nutzen ihrer
Gemeinden einsetzen.
Ferner wird auf den diesjährigen Feiern die Vielfalt
und Lebensfähigkeit der thailändischen Kultur unter
Beweis gestellt. Es sollen Weber, Instrumentenbauer, Schmuckhersteller, Töpfer und Kalligraphen
teilnehmen. Maler von Wandgemälden werden eine
Messe im Tempel darstellen, und es wird eine
Vielzahl von Künstlern vertreten sein, einschließlich
Puppenspielern und Sängern. Auch die Traditionen
und Künste des Hofes werden wiedergegeben, unter
anderem von maskierten Hoftänzern und -musikern,
Blumenkünstlern, Stickern und Parfumherstellern.

*

*

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�PORTRAT
29. Juni 1994

CLINTON ERNENNT HOLBROOKE ZUM
ABTEILUNGSLEITER FÜR EUROPA
Ankündigung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat Richard Holbrooke, zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium ernannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 24. Juni 1994 vom Pressebüro freigegebene Ankündigung des Weißen
Hauses.

Der Präsident gab heute seine Absicht bekannt, den
New Yorker Richard Holbrooke zum Abteilungsleiter
für europäische und kanadische Angelegenheiten im
US-Außenministerium zu nominieren. Holbrooke ist
zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Holbrooke wurde 1941 in New York geboren. Er
besuchte die Brown University in Providence (Rhode
Island), an der er 1962 sein Examen ablegte. In
demselben Jahr trat er in den Auswärtigen Dienst
ein und wurde zunächst nach Vietnam entsandt.
Danach hatte er Positionen in Frankreich, im Außenministerium und in Marokko inne.
Holbrooke war 1966 und 1967 im Stab des persönlichen Referenten des Präsidenten für Vietnam tätig
und von 1968 bis 1969 Mitglied der Delegation bei

den Pariser Vietnam-Gesprächen. Von 1970 bis
1972 war er Direktor des Peace Corps in Marokko.
Von 1970-1972 arbeitete Holbrooke als geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift Foreign Policy
und war von 1973-1976 Publikationsdirektor der
Carnegie Endowment for International Peace. 1977
trat er als Abteilungsleiter für ostasiatische und
pazifische Angelegenheiten im Außenministerium
wieder in den Regierungsdienst ein. Von 1981 bis
1985 war Holbrooke Direktor der in Washington
ansässigen Beratungsfirma
Public Strategies.
Anschließend war er bis zu seiner Ernennung als
Botschafter für Deutschland im Jahr 1993 Geschäftsführer von Lehman Brothers in New York.
Holbrooke hat zwei Söhne, David und Anthony.

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Seite 1

�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
29. Juni 1994

RUSSLAND TRITT DEM NATO-PROGRAMM
PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN BEI
Rede von Außenminister Christopher beim NATO-Rat
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher begrüßte den Beitritt Rußlands zum NATO-Programm
Partnerschaft für den Frieden am 22. Juni 1994 als "einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassenderen Europas sichern".
Die Maßnahme sei Ausdruck der bemerkenswerten Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg,
erklärte der Außenminister und fügte hinzu: "Wir können das von uns angestrebte Europa nicht aufbauen ohne
ein starkes NATO-Bündnis. Wir können es nicht ohne ein demokratisches Rußland aufbauen."
Christopher und sein russischer Amtskollege Andreij Kosyrew nahmen an der Beitrittszeremonie im NATOHauptquartier in Brüssel teil. Mit Rußland sind inzwischen 21 Länder der von Präsident Clinton vorgeschlagenen und beim Gipfeltreffen der NATO-Staats- und Regierungschefs im Januar verabschiedeten
Partnerschaft für den Frieden beigetreten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom State Department in Washington freigegebenen Redetext des
Außenministers.

Herr Stellvertretender Generalsekretär, es ist mir
eine große Freude, gemeinsam mit unseren Kollegen bei der NATO und Außenminister Kosyrew an
diesem historischen Ereignis teilnehmen und Rußland als neuestes Mitglied der Partnerschaft für den
Frieden begrüßen zu können.
Unsere heutige Zusammenkunft ist Ausdruck der
bemerkenswerten Umgestaltung Europas in derzeit
nach dem Kalten Krieg. Wer hätte sich noch vor
wenigen Jahren vorstellen können, daß nach 40
Jahren bitterer Konfrontation über den Eisernen
Vorhang hinweg ein neues demokratisches Rußland
und dieses Bündnis gemeinsam eine Partnerschaft
der Zusammenarbeit eingehen würden. Die historische Chance zum Aufbau eines ungeteilten, friedlichen und demokratischen Europas ist in greifbare
Nähe gerückt. Dies ist der Traum, der dieses
Bündnis und mein Land seit über vier Jahrzehnten
beflügelt hat. Das ist die Vision, die Präsident
Clinton mit dem Vorschlag der Partnerschaft für den
Frieden umriß. Und das ist das Ziel, zu dessen
Erlangung die Vereinigten Staaten sich uneingeschränkt verpflichten.
Heute unternehmen wir mit dem Beitritt Rußlands
einen wichtigen Schritt zur Vertiefung der Bande der
Zusammenarbeit, die den Frieden eines umfassen-

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deren Europas sichern. Als ein Bündnis beziehen wir
die russische Regierung und ihr Militär beim Aufbau
eines neuen, konstruktiveren Verhältnisses ein.
Ebenso wichtig ist jedoch, daß wir dem russischen
Volk die Hand der Freundschaft reichen, wie das
Bündnis es mit anderen europäischen Nachbarn
getan hat.
Rußland ist und bleibt ein Land von enormer Bedeutung für das übrige Europa und die Welt. Die Bestrebungen dieses Landes zum Aufbau demokratischer
Institutionen und einer Marktwirtschaft haben tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Umfassende und konstruktive Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland werden den
Interessen des Bündnisses dienen. Sie werden
Rußlands Interessen dienen. Und sie werden den
Interessen aller Nationen Europas dienen - insbesondere denen, die erst vor kurzem ihre Freiheit von der
kommunistischen Herrschaft erlangten.
Die Partnerschaft für den Frieden ist von zentraler
Bedeutung für die Beziehungen der NATO zu Rußland. Wir sehen ferner einem konstruktiven Dialog
und der Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegen,
um die Partnerschaft in Bereichen zu ergänzen, in
denen Rußland einen einzigartigen und wichtigen
Beitrag zu leisten hat. Gleichzeitig wird Präsident

Seite 1

�Clinton weiterhin eng mit Präsident Jelzin beim
Aufbau starker und kooperativer russisch-amerikanischer Beziehungen im Interesse unserer beiden
Völker und der Welt zusammenarbeiten.
Andere europäische Staaten haben vielleicht auch
Interessen oder Fähigkeiten, die "16 plus 1 "-Konsultationen außerhalb der Partnerschaft wert sind.
Wir sollten diese Möglichkeiten in Betracht ziehen.
Die Förderung von Sicherheit und Stabilität in Mittelund Osteuropa durch die NATO wird ebenfalls für
alle europäischen Nationen - einschließlich Rußland
- von Nutzen sein.
Rußlands Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden
spiegelt die Politik der Erweiterung der Institutionen
nach Osten wider, die dem Westen die Erlangung
von beispielloser Sicherheit und Wohlstand gestattet
haben. Vor zwei Wochen hat Rußland in Paris ein
Kooperationsabkommen mit der OECD unterzeichnet. In zwei Tagen wird Präsident Jelzin in Korfu ein
Abkommen mit der EU unterzeichnen, das die
europäischen Märkte für viele russische Produkte
öffnet. Und die G-7 wird im nächsten Monat in
Neapel Präsident Jelzin zu umfassenden politischen
Konsultationen willkommen heißen.
Mit der Erweiterung der Sicherheit nach dem Kalten
Krieg und der Wirtschaftsinstitutionen können wir zu'
der Gewährleistung beitragen, daß Krieg, Armut und
Unterdrückung nie wieder diesen Kontinent heimsuchen. Wir verpflichten uns, auf ein integriertes
Europa hinzuarbeiten, in dem souveräne und un-

abhängige Staaten ihre Nachbarn nicht fürchten
müssen.
Heute unternehmen wir einen weiteren entscheidenden Schritt zur Aufhebung der historischen Teilungen
Europas. Wir bauen eine Sicherheitspartnerschaft
auf, die das Potential zur Einbeziehung aller Nationen
des Kontinents besitzt. Mit Rußland sind inzwischen
21 Staaten der Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Einige haben bereits enge Konsultationen
mit der NATO über die Erarbeitung individueller
Partnerschaftsprogramme geführt, die auf ihre
einzigartigen Fähigkeiten und Interessen zugeschnitten sind. Bis zum Herbst werden gemeinsame
Manöver beginnen, und Polen wird das erste Manöver auf dem Boden eines Partnerlandes abhalten.
Auf diese Art und Weise wird die Partnerschaft die
gewohnheitsmäßige Kooperation aufbauen, die der
Lebensnerv des Bündnisses ist. Sie kann so den
Weg für die mögliche Erweiterung der NATO ebnen.
Wir können das von uns angestrebte Europa nicht
aufbauen ohne ein starkes NATO-Bündnis. Wir
können es nicht ohne ein demokratisches Rußland
aufbauen. Wir können es nicht ohne die Nationen
Mittel- und Osteuropas aufbauen. Die "bestmögliche
Zukunft für Europa", die Präsident Clinton beim
Gipfeltreffen im Januar beschworen hat, hängt von
der Zusammenarbeit all unserer Nationen bei der
Verfolgung gemeinsamer Sicherheitsinteressen und
demokratischer Ideale ab. Dies ist der Zweck der
Partnerschaft, und der Geist, in dem wir Rußland
heute als Partner willkommen heißen.

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�USA-RUSSLAND
29. Juni 1994

AMERIKANISCH-RUSSISCHE NUKLEARSTRATEGIE
UND SICHERHEITSINITIATIVEN
Pressemitteilung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressemitteilung des Büros des Vizepräsidenten
im Weißen Haus vom 23. Juni 1994 zur gemeinsamen amerikanisch-russischen Kommission über
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit, genannt "amerikanisch-russische Nuklearstrategie und
Sicherheitsinitiativen".

Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung mehrerer Initiativen
zu Nuklearfragen und Sicherheit. Mit Hilfe dieser
Initiativen wollen die Vereinigten Staaten und Rußland das Risiko einer Weiterverbreitung von Atomwaffen reduzieren, das derzeitige Abrüstungsverfahren fördern und das Vertrauen in beide Entwicklungen erhöhen. Diese Initiativen stehen unter der
Schirmherrschaft der gemeinsamen Kommission für
wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit,
deren Vorsitz Vizepräsident AI Gore und Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin innehaben. Die
Kommission verfolgt vier umfassende Ziele:
1. Sicherung von Nuklearmaterial vor Diebstahl
oder Umleitung
Lagerstätten für spaltbares Material. Durch das
Programm für den Verkauf und sicheren Abbau
atomarer und anderer Massenvernichtungswaffen
(SSD oder Nunn-Lugar-Programm) wurden 90
Millionen Dollar an Hilfe für Rußland zum Aufbau
einer sicheren Lagerungseinrichtung für aus Atomwaffen entnommenes überschüssiges Plutonium und
hochangereichertes Uran bereitgestellt. Russische
Regierungsvertreter haben das Fehlen einer solchen
Einrichtung als Hindernis bei der beschleunigten
Zerlegung von Atomwaffen identifiziert. Rußland
wird diesen Sommer mit den Ausschachtungsarbeiten für eine Lagerstätte nahe Tschelyabinsk beginnen. Die erste Tranche amerikanischer Ausrüstungsgegenstände wird im August geliefert. Während des Besuchs von Ministerpräsident Tschernomyrdin in Washington vom 21. bis 23. Juni einigten
er und Vizepräsident AI Gore sich auf die Bereitstellung zusätzlicher amerikanischer Mittel für den
Aufbau dieses Projekts.

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Abkommen über den Kauf von hochangereichertem Uran. Bei dem Gipfel der Präsidenten Clinton
und Jelzin im Januar dieses Jahres unterzeichneten
die amerikanische Aufbereitungsgesellschaft (U.S.
Enrichment Corporation - USEC) und das russische
Atomenergieministerium einen Vertrag, unter dem
USEC niedrig angereicherte Reaktorbrennstoffe kauft,
die aus von zerlegten Waffen gewonnenem hochangereichertem Uran stammen. Im Rahmen dieses
Abkommens werden nukleare Materialien einer
sicheren Verwendung zugeführt, indem sie in nichtwaffenfähige Form gebracht werden. Dieses Programm spielte eine Schlüsselrolle bei der Ermutigung
der Ukraine, ihre Nuklearwaffen zur Zerlegung nach
Rußland zu verlagern. Unter dem im Januar unterzeichneten trilateralen Abkommen transportiert die
Ukraine ihre Gefechtsköpfe zur Zerlegung nach
Rußland und erhält im Gegenzug niedrig angereichertes Uran als Brennstoff für seine Reaktoren. Seit
dem 23. Juni wurden im Rahmen des trilateralen
Abkommens 240 Gefechtsköpfe vorzeitig aus der
Ukraine nach Rußland verlagert.
Materialkontrolle, Überwachung und physischer
Schutz. Die Vereinigten Staaten haben die Bereitstellung von 30 Millionen Dollar an SSD-Mitteln für
Verbesserungen bei der Sicherheit und Überwachung
von Nuklearmaterialien in Rußland angeboten. Das
vorgeschlagene Programm umfaßt 10 Millionen Dollar
für beschleunigte umfassende Anstrengungen,
Rußland bei der Suche nach den dringendsten
Schwachpunkten und ihrer Beseitigung in den Bereichen Sicherheit und Überwachung seiner Nuklearreaktoren beizustehen. Ferner ermutigen die Vereinigten Staaten durch die Bereitstellung von 2
Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1994 sowie weiteren Geldern für das Finanzjahr 1995 ihre nationalen

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�Labors zur Zusammenarbeit mit anderen Labors in
diesem Gebiet.
Geringere Anreicherung für Forschungszwecke
und Testreaktoren. Das Argonne National Laboratory und das russische Institut ENTEK arbeiten
gemeinsam an der Entwicklung eines nichtwaffenfähigen Brennstoffs aus niedrig angereichertem Uran,
um das hochangereicherte Uran als Kernbrennstoff
in den sowjetischen Forschungsreaktoren zu ersetzen. Die amerikanisch-russischen Gespräche über
die Möglichkeiten zur Erweiterung und Beschleunigung dieses Konversionsprogramms wurden im Mai
aufgenommen. Im Herbst wird ein Expertentreffen
abgehalten.
2. Aufbau von Vertrauen durch Offenheit
Abkommen über Transparenz beim Erwerb von
hochangereichertem Uran. Die Vereinigten Staaten und Rußland einigten sich Anfang 1994 auf ein
Protokoll über Transparenz zum Abkommen über
den Kauf von hochangereichertem Uran, das sicherstellen soll, daß von den Vereinigten Staaten gekauftes niedrig angereichertes Uran aus hochangereichertem Uran gewonnen wird, das wiederum aus
zerlegten Waffen stammt, und dieses niedrig angereicherte Uran nur für friedliche Zwecke benutzt wird.
Gegenseitige Inspektionen von aus Waffen
entnommenem Plutonium und hochangereichertem Uran. Im März erzielten die Vereinigten Staaten und Rußland ein Abkommen über gegenseitige
Besuche von Lagerstätten für Plutonium-Waffenkomponenten aus zerlegten Nuklearwaffen. Diese bis
Ende des Jahres vorzunehmenden Inspektionen
sollen Vertrauen aufbauen, daß die Zerlegung im
Einklang mit den öffentlichen Erklärungen stattfindet
und überschüssiges spaltbares Material nicht in
Nuklearwaffen wiederaufbereitet wird.
Transparenz der Lagerstätten. Die Vereinigten
Staaten haben ein Transparenzregime für die in
Rußland zu errichtende Lagerstätte für spaltbares
Material vorgeschlagen um sicherzustellen, daß das
Material - wie vom Nunn-Lugar-Gesetz gefordert aus Waffen entnommen wurde und nicht in Waffen
wiederverwendet wird. Dieses Regime wird derzeit
mit der russischen Seite erörtert.
lAEO-Sicherheitsvorschriften für überschüssiges
Material und alle zivilen Einrichtungen. Die
russisch-amerikanischen Gespräche über die Verhängung von Schutzbestimmungen für überschüssiges spaltbares Material und alle zivilen Einrichtungen wurden im Mai aufgenommen. Beim amerikanisch-russischen Präsidententreffen im Januar
verpflichteten sich beide Seiten, die Unterstellung

Seite 2

von spaltbarem Material unter lAEO-Sicherheitsvorschriften in Erwägung zu ziehen. Die Vereinigten
Staaten haben seit langem angeordnet, daß alle nicht
direkt mit Aktivitäten von nationaler militärischer
Bedeutung in Zusammenhang stehenden amerikanischen Einrichtungen für Sicherheitsbestimmungen der
IAEO in Frage kommen. Die beim Gipfeltreffen im
Januar abgegebene Erklärung verpflichtet Rußland,
dasselbe Vorgehen in Betracht zu ziehen.
Vorschlag zur Deklaration von spaltbarem Material. Amerikanisch-russische Gespräche über ihre
gleichlautenden Vorschläge zum Austausch umfangreicher Informationen über die Größenordnung
und den Standort ihrer Bestände an hochangereichertem Uran und Plutonium für militärische und
zivile Zwecke wurden Ende Mai in die Wege geleitet.
Die Vereinigten Staaten gaben einseitig im Dezember
1993 eine öffentliche Erklärung der bisherigen
Produktion von waffenfähigem Plutonium ab.
3. Beendigung einer weiteren Anhäufung von
überschüssigen Beständen
Schließung von Plutonium produzierenden Reaktoren und Beendigung der bilateralen Produktion
von waffenfähigem Plutonium. Im Dezember 1993
vereinbarten Vizepräsident AI Gore und der russische
Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin, daß Rußland die Herstellung von Plutonium für Waffen
beenden und die letzten drei Plutonium für militärische Zwecke produzierenden Reaktoren des Landes
schließen würde, sobald alternative Quellen für die
von ihnen erzeugte Wärme und Elektrizität zur
Verfügung stehen. Der russische Präsident Jelzin
sagte die Schließung der Reaktoren bis zum Jahr
2000 zu. Das die Zusage offiziell verankernde
zwischenstaatliche Abkommen wurde am 23. Juni
unterschrieben. Das in der Zwischenzeit von diesen
Reaktoren hergestellte Plutonium wird einem Überwachungsregime unterstellt, das in den nächsten
sechs Monaten ausgearbeitet werden soll.
Globale Beendigung der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper. Präsident Clinton hat den unverzüglichen Abschluß eines
globalen, verifizierbaren und nichtdiskriminierenden
Abkommens zur Beendigung der Produktion von
spaltbarem Material für Nuklearsprengkörper gefordert. Dieses Ziel wurde vom russischen Präsidenten
Jelzin und der UN-Generalversammlung unterstützt.
Die Verhandlungen sollen in diesem Sommer aufgenommen werden.
4. Festsetzung der langfristigen Verwendung von
Plutonium

AMERIKA DIENST 25

�Amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die
Verwendung und Sammlung von spaltbarem
Material. Eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für die Verwendung und Sammlung von
spaltbarem Material wurde Ende Mai mit der Zustimmung zu einem Mandat ins Leben gefjfen, die
Verwendung von Plutonium und Bestrebungen zur

Sicherstellung in Erwägung zu ziehen, daß das
Plutonium nicht eine Bedrohung für die Umwelt oder
die Weiterverbreitung darstellt. Beide Seiten vereinbarten, daß das Thema der weiteren Anhäufung
überschüssiger Bestände von hochangreichertem
Uran und für zivile Zwecke verwendetem Plutonium
weiterer Erörterung bedarf.

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AMERIKA DIENST 25

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�G-7
29. Juni 1994

JELZIN "GLEICHBERECHTIGTER TEILNEHMER"
BEI EINIGEN G-7-GESPRÄCHEN
Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel
WASHINGTON - (AD) - Der russische Präsident
Jelzin wird bei einigen Gesprächen des Weltwirtschaftsgipfels in Neapel ein "selbständiger und
gleichberechtigter Teilnehmer" sein, äußerte ein
hochrangiger Regierungsvertreter am 20. Juni 1994.
Darüber hinaus wird beim diesjährigen Wirtschaftsgipfel zum ersten Mal eine gemeinsame Erklärung
der vereinbarten Position Rußlands und der G-7
veröffentlicht, fügte der Beamte hinzu. "Dies ist eine
bemerkenswerte symbolische und inhaltliche Veränderung. Das bedeutet, daß Rußland politisch
mehr in die Arbeit der G-7 integriert ist, wie es der
Fall sein sollte."
Das neue Arrangement "ist keine Vollmitgliedschaft".

Meines Erachtens sind beide Seiten mit dem Arrangement zufrieden", erklärte der Regierungsvertreter.
Präsident Clinton wird vom 8. bis 10. Juli 1994 im
Rahmen einer Europareise am Gipfel teilnehmen,
die ihn nach Riga, Warschau, Bonn und Berlin führt.
In Neapel wird Clinton am 10. Juli mit Jelzin bilaterale Gespräche führen. Es wird erwartet, daß die
beiden Präsidenten den Termin für ihr Washingtoner
Gipfeltreffen bekanntgeben - eine dreitägige Zusammenkunft, die voraussichtlich in diesem Herbst
stattfinden wird.

chen der G-7 über politische und wirtschaftliche
Themen sein wird", erläuterte der Beamte.
Der Regierungsvertreter erinnerte die Journalisten an
frühere Gipfeltreffen, bei denen Jelzin und sein
Vorgänger, Michail Gorbatschow, "in vieler Hinsicht
der Grund des einberufenen Gipfels waren, befragt
wurden, Präsentationen über die Wirtschaftsreformen
gemacht wurden und wir Erklärungen über unsere
Sichtweise der Wirtschaftsreformen abgaben. In
diesem Jahr wird zum ersten Mal eine gemeinsame
Erklärung vom den Vorsitz des Gipfels innehabenden
italienischen Ministerpräsidenten veröffentlicht, in der
Rußland und die G-7 im wesentlichen zu einer Reihe
internationaler wirtschaftlicher und politischer Themen
eine Sprache sprechen."
Auf eine Frage antwortete der Beamte, die Vollmitgliedschaft Rußlands in der G-7 - die Schaffung einer
G-8, wie von einigen britischen Regierungsvertretern
vorgeschlagen - "steht nicht unmittelbar bevor. Wir
sind zufrieden mit dem derzeitigen Arrangement - und
ich glaube, aufgrund der in dieser Woche geführten
Gespräche sind auch die Russen zufrieden."

Obwohl russische Politiker in der Vergangenheit mit
Vertretern der sieben demokratischen Industrienationen beim jährlichen Wirtschaftsgipfel zusammengekommen sind, ist das Treffen in Neapel das erste,
bei dem der russische Präsident direkt in die Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs von
Kanada, Japan, den Vereinigten Staaten, Italien,
Großbritannien, Frankreich und Deutschland einbezogen wird.

Dem Regierungsbeamten zufolge sind die Beziehungen zwischen Washington und Moskau "sehr solide",
und er bezeichnete dies als "eine hoffnungsvolle Zeit"
in den bilateralen Beziehungen. Er erinnerte an die
entschieden düsterere Situation vom vergangenen
Januar, deren erneutes Auftreten die Regierungsvertreter und Wissenschaftler gleichermaßen für die
Fortsetzung der politischen und wirtschaftlichen
Reformen in Rußland fürchten. Sechs Monate später
stehe die russische Volkswirtschaft sehr viel besser
da, mit einer Sparpolitik der Regierung und einer
allmählich kontrollierten Inflation. Der Erfolg Moskaus, fügte er hinzu, "hat viele erstaunt".

"Neu in diesem Jahr ist, daß Präsident Jelzin beginnend mit dem Abendessen am Samstag (9. Juli) und
im gesamten Verlauf des Sonntags ein selbständiger
und gleichberechtigter Teilnehmer an den Gesprä-

Bei ihrem bilateralen Treffen werden Jelzin und
Clinton voraussichtlich "eine Bilanz der bilateralen
Beziehungen" zwischen Washington und Moskau
ziehen, wobei Clinton "unsere äußerst starke Unter-

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�Stützung" für Kredite der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds an Rußland bekräftigen
wird. "Darüber hinaus möchte er von Jelzin eine
Idee über den künftigen Kurs der russischen Reformen, deren Tempo und die von Jelzin in diesem
Zusammenhang gesetzten Prioritäten sowie die im
Wege liegenden Hindernisse erhalten".
Die beiden Präsidenten werden dem Beamten
zufolge Sicherheitsfragen erörtern, einschließlich der
Wege, um die Partnerschaft für den Frieden "Präsident Clintons Wunsch entsprechend zu einem
Instrument der europäischen Einheit im 21. Jahrhundert zu machen, das zur Verhinderung der Spaltung
in zwei Blöcke beiträgt".
Clinton wird die Bedeutung unterstreichen, die er
dem trilateralen Abkommen mit der Ukraine und
Rußland bei der Wiederaufbereitung und dem
Verkauf von aus den Nuklearwaffen der ehemaligen
Sowjetunion entnommenem hochangereichertem
Uran in den Vereinigten Staaten beimißt.
"Meines Erachtens werden sie über außenpolitische
Zusammenarbeit sprechen", stellte er fest, "einschließlich Nordkorea und Bosnien, die Beziehungen
zwischen Rußland und der Ukraine sowie unsere
andauernde große Hoffnung, daß bis zum Ende
dieses Sommers alle russischen Truppen aus
Estland und Lettland abgezogen sein werden."
Dem Plan zufolge sollen bis zum 31. August zum
ersten Mal seit 1945 alle russischen Truppen aus
Mittel- und Osteuropa abgezogen sein, "was eine
ziemlich bemerkenswerte historische Entwicklung
ist".
Der Regierungsvertreter sah keine politischen
Probleme für Jelzin in Clintons Entscheidung, am 6.
Juli in Riga mit den Präsidenten der baltischen
Staaten zusammenzukommen.
Er erinnerte daran, daß seit 1940 alle demokratischen und republikanischen Administrationen gleichermaßen "sich dafür entschieden haben, die
sowjetische Herrschaft im Baltikum nicht anzuerkennen. Es gab immer eine Fußnote - wir erklärten, wir
erkennen die Grenzen der Sowjetunion an, aber wir
haben nie die sowjetische Herrschaft (in Lettland,
Litauen und Estland) anerkannt. Nun da diese
Länder unabhängig sind, sollte ein amerikanischer
Präsident sie besuchen. Schon dieser Grund allein
ist wichtig."
Dem Beamten zufolge werde Clintons Treffen nicht
zu einem Problem für Jelzin unter den über die
Freigabe der baltischen Staaten unzufriedenen

Seite 2

russischen Nationalisten, "vor allem, weil Präsident
Clinton stets versucht hat, beiden Seiten bei der
Ausarbeitung des Abzugsprozesses behilflich zu sein.
Wir haben eindeutig klargestellt, daß die russischen
Truppen nicht dort sein sollten, wenn sie nicht
erwünscht sind. Andererseits haben wir ein Interesse
an den Menschen- und Bürgerrechten der russischen
Minderheiten in diesen Ländern, und der Präsident
hat seinen Einfluß geltend gemacht, um eine Verbesserung der Situation herbeizuführen", bis hin zum
Einsatz von Beobachtern der Helsinki Watch in
Estland und Lettland. "Ich glaube, die Russen wissen
das zu schätzen."
Nach den Aussagen des Beamten würden die
Russen Clinton "als einen äußerst effektiven Vermittler hinter den Kulissen" akzeptieren. Ich denke nicht,
daß das ein Problem für Jelzin verursachen wird."
Während sich die beiden Seiten auf einen geschäftigen Monat der Diplomatie vorbereiten, angefangen
von Außenminister Christophers Treffen mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew in dieser
Woche in Brüssel, werden die bilateralen Geschäfte
in Washington auf einem anderen Gleis fortgesetzt,
wo Vizepräsident Gore Gastgeber des russischen
Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin und einer
dreitägigen Zusammenkunft der gemeinsamen
Technologiekommission ist. Tschernomyrdin wird
Clinton am 23. Juni treffen.
Die beiden Politiker leiten einen Prozeß, der amerikanische Regierungsvertreter und ihre russischen
Amtskollegen bei der Umsetzung von Abkommen
zusammenbringt, die das gesamte Spektrum von
Umweltproblemen bis zu Reisen ins Weltall umfassen. Einem hochrangigen Regierungsvertreter
zufolge wird die Gore-Tschernomyrdin-Kommission
zur Ankurbelung der Geschäftstätigkeit Methoden zur
Verbesserung des Zugangs zu russischen und
amerikanischen Märkten sowie Wege zur Stabilisierung der Geschäftsbeziehungen erörtern. Führende
Investoren benötigen Richtlinien bevor sie Mittel in
eine Gesellschaft investieren, in der das Vertragsrecht nicht so klar definiert ist, erläuterte der Beamte.
Das Komitee für Energiepolitik arbeitet an der Sicherheit der alten Nuklearreaktoren in Rußland sowie
der Beschleunigung der Wiederaufbereitung von
waffenfähigem Uran aus Nuklearanlagen der ehemaligen Sowjetunion. Andere Ausschüsse befassen sich
mit der Arbeit an einer gemeinsamen Weltraumstation, der Konversion der russischen Rüstungsindustrie für zivile Zwecke und Methoden zur Messung der Effektivität von Umweltprojekten zur Verbesserung der Luft- und Wasserqualität.

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�KULTUR
29.Juni 1994

EIN HERRLICHER LEBENSSTIL
von Ricardo Sandoval
Die ethnische Vielfalt des Lebens in den Vereinigten Staaten verleiht der amerikanischen Kultur Farbe und
Substanz, so der Verfasser des nachfolgenden Artikels, der darauf hinweist, daß diese Vielfalt in keinem
Bereich deutlicher wird als bei den amerikanischen Speisen.
Ricardo Sandoval ist Mitarbeiter des San Francisco Examiner.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Modern Maturity. Copyright (c) 1992
American Association of Retired Persons.

Es ist nahezu unmöglich, einen Aspekt der amerikanischen Kultur zu finden, der nicht von der alles
durchdringenden ethnischen Vielfalt unserer Nation
zeugt. Was ist mit Bluejeans? Dieser unersetzliche
Bestandteil der amerikanischen Garderobe wurde
von dem deutschen Einwanderer Levi Strauß erfunden. Gibt es etwas Amerikanischeres als Jazz?
Seine vielfältigen Wurzeln vermischen afrikanische,
europäische und amerikanische Einflüsse.

Dann ist da noch die amerikanische Sprache. Ein
typischeres Beispiel findet man wohl nicht. Vielleicht
stellt sie das dynamischste Element der Vereinigten
Staaten dar. Es ist praktisch unmöglich, ständig auf
dem laufenden mit ihren regionalen Nuancen und
ethnischen Einflüssen zu sein. Rechnet man die
Hunderte von Modewörtern hinzu, die jeden Tag
erfunden werden und wieder in Vergessenheit
geraten, erhält man eine Ahnung ihrer Vielschichtigkeit.
Amerikas zahlreiche und vielfältige ethnische Wurzeln verleihen der Mode, Sprache, Musik und
zahllosen anderen Aspekten der nationalen Kultur
Substanz und Farbe - und insbesondere der amerikanischen Küche. Die Identität der in die Vereinigten Staaten Eingewanderten war eng verknüpft mit
Tischen, die mit den Lieblingsgerichten der ehemaligen Heimat überladen waren: Deutscher Sauerkrauteintopf, italienische Gnocchi di patate (Kartoffelklöße), jüdische Nockerl (Eierknödel), polnische
Kielbasa w Sosie Pomidorowym (Wurst mit Tomatensauce), griechische Dolmadakia Yialandji (gefüllte
Weinblätter).

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Die Hauptzutaten dieser Gerichte sowie Tausender
anderer beliebter internationaler Speisen sind jetzt
zum dauerhaften Bestandteil des Sortiments amerikanischer Supermärkte geworden. Benötigen Sie
noch mehr Beispiele? Man braucht nur das amerikanische Fast Food mit seiner verrückten Kombination mexikanischer Pizza, Teriyaki-Hamburgern, nach
Cajun-Art gewürzten Pommes Frites und chinesischem Hühnersalat anzuschauen.
"Man kann nicht von nur einer amerikanischen
kulinarischen Tradition sprechen", so Nancy Harmon
Jenkins aus Maine, die die ethnische Herkunft von
Gerichten erforscht und für die The New York Times
sowie die Zeitschrift Food and Wine schreibt.
"Unsere Eßgewohnheiten stammen aus allen Teilen
der Welt. Mit der Zeit wurden sie miteinander vermischt."
Viele dieser Traditionen hatten schon eine abwechslungsreiche Geschichte, bevor sie nach Amerika
kamen. Der einfache mexikanische Taco beispielsweise - ursprünglich eine Maistortilla - wurde durch
spanische und amerikanische Einflüsse verändert.
Seine amerikanische Version umfaßt fritierte Tortilla,
gefüllt mit Rindfleisch sowie mehreren kleinen Beilagen in Form von Käse, Creme fraiche, nicht zu
scharfer Soße, Salat und Tomate.
Einige der am stärksten verwurzelten traditionellen
amerikanischen Gerichte wie pumpkin pie (Kürbiskuchen) und Popcorn sind frühe Produkte des Einfallsreichtums der Europäer und der amerikanischen
Ureinwohner. Pie wurde von den ersten englischen
Siedlern eingeführt und mit Hilfe der amerikanischen
Ureinwohner abgewandelt, welche die Siedler mit

Seite 1

�dem Kürbis und Kürbisgemüse bekanntmachten; die
Siedler verliehen der gekochten breiigen Masse mit
Süßstoffen und asiatischen Gewürzen wie Zimt und
Muskat mehr Geschmack. Die Hausfrauen in den
Kolonien servierten Popcorn mit Zucker und Sahne
zum Frühstück, nachdem die Indianer sie mit der
vielseitigen Verwendbarkeit des vorherrschenden
Getreides der Neuen Welt bekannt gemacht hatten.
Nahrungsmittelhistoriker spüren die Ursprünge der
anscheinend amerikanischsten Gerichte in anderen
Ländern auf. Erdnüsse kommen aus Südamerika.
Die ersten Apfelsinen wurden in Asien gepflückt, von
arabischen Händlern nach Afrika und in den Nahen
Osten und von Reisenden aus den Mittelmeerländern dann in die Neue Welt gebracht. Kartoffeln aus
den Andenstaaten wurden von heimatliebenden
Forschungsreisenden mit nach Europa genommen,
fanden überall Anklang und wurden dann von
Einwanderern aus Irland und Mitteleuropa als eines
der Hauptnahrungsmittel in die Neue Welt gebracht.
Von allen Bestandteilen des amerikanischen Speiseplans nimmt Mais hinter Weizen den zweiten Platz
auf der Liste der überall angebauten und konsumierten Lebensmittel ein. Er kann über Jahrtausende
nach Mexiko zurückverfolgt werden. Als die europä*

Seite 2

*

ischen Forschungsreisenden ihn mit nach Hause
nahmen, wurde diese Getreidesorte in der gesamten
westlichen Hemisphäre eines der wichtigen Produkte.
Die Liste der beliebten amerikanischen Gerichte, die
aus anderen Kulturen stammen, wird immer länger.
"Die derzeitige Gesundheitswelle hat bei mehr
Amerikanern das Interesse an asiatischen Speisen
geweckt", so Jenkins. "Die Menschen wenden sich
wieder den Grundnahrungsmitteln zu, unverarbeiteten
Produkten und einfachen Gerichten, die früher von
Bauern gegessen und als "Armenkost" bezeichnet
wurden. "Brauner Reis beispielsweise ist die gesündere und zunehmend beliebte Alternative zu der
gebleichten Variante. Magereres Fleisch (Truthahn,
Hühnchen und Fisch) treten an die Stelle des gut
durchwachsenen Rindfleisches.
"Über zahllose Generationen haben Angehörige
verschiedener Länder mit einer begrenzten Zahl
einheimischer Zutaten wunderbare Gerichte gekocht",
so Michael Batterberry, Mitbegründer und Redakteur
der Zeitschrift Food Arts. "Jetzt kann man beim
Kochen zwischen unendlich vielen verschiedenen
Zutaten wählen. Die Idee der internationalen Küche
wird endlich zur Regel."

*

*

AMERIKA DIENST 25

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                <text>&lt;strong&gt;1. 4.Juli&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: amerikanische Ideale sind globale Normen für Staatsbürgerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der glorreiche Vierte: die Feiern zu Amerikas Geburtstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Peggy Robbins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Washington plant monumentale Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Paraden, Musik, Feuerwerk und Volksfest in der Bundeshauptstadt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton benennt Holbrooke zum Abteilungsleiter für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ankündigung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Partnerschaft für Frieden&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Russland tritt dem NATO-Programm Partnerschaft für den Frieden bei&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher beim NATO-Rat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-russische Nuklearstrategie und Sicherheitsinitiativen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressemitteilung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. G-7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jelzin "gleichberechtigter Teilnehmer" bei einigen G-7-Gesprächen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hintergrundinformation zum Weltwirtschaftsgipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Kultur&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein herrlicher Lebensstil &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Ricardo Sandoval&lt;/em&gt;</text>
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cimcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

24

WIRTSCHAFT

22. Juni 1994

FLUCHT VOR DER GLOBALEN AUSBEUTUNG
von Robert B. Reich

G-7 ÜBERPRÜFEN HILFSPAKET FÜR
RUSSLAND
Hintergrundinformation für Wirtschaftsgipfel in
Neapel

USA-OSTASIEN

NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE USA
IM PAZIFISCHEN RAUM
Rede von Abteilungsleiter Charles Freeman

USIA

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT
UND
ZEITALTER DER DEMOKRATIE
von Penn Kemble

AIDS

FRAUEN UND AIDS
von Jennifer Sutton

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

DAS

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�WlRTSCHAFT
22. Juni 1994

Flucht vor der globalen Ausbeutung
von Robert B. Reich
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist der amerikanische Arbeitsminister. Der nachfolgende Artikel wurde
in leicht gekürzter Version am 22. Juni 1994 im Handelsblatt veröffentlicht.

In welchem Maße sollten die Arbeitsnormen eines
Landes von einem anderen Land überprüft und
beurteilt werden? Diese Frage hat plötzlich erheblich an Dringlichkeit gewonnen. Bei dem jüngsten
Treffen in Marrakesch einigten sich 124 Nationen auf
weitere Schritte zur Öffnung des Handels und die
Gründung einer neuen Welthandelsorganisation.
Eine von den Vereinigten Staaten und Frankreich
angeführte Koalition formulierte ein Abkommen zur
Prüfung der Rolle, die Arbeitsnormen bei der Aufgabenstellung der Welthandelsorganisation spielen
sollten.
Wir haben ehrgeizige Bestrebungen zur Definition
unserer Position zu internationalen Arbeitsnormen in
die Wege geleitet und wollen feststellen, wie sie am
besten gefördert werden können. Die Debatte leidet
jedoch allzuhäufig unter intellektueller Engstirnigkeit.
Ein Extrem ist das Argument, wir sollten uns nicht
darum kümmern, wie ausländische Waren und
Dienstleistungen produziert werden, solange das
Land den globalen Kodex für Dumping, Subventionen und andere Handelsregeln einhält. Das andere
Extrem ist der Vorschlag, wir sollten nur mit uns
ähnlichen Ländern mit den gleichen Arbeitsgesetzen,
Löhnen und Gehältern, Sozialleistungen und politischen Institutionen Handel treiben.
In der Woche vor dem Abkommen von Marrakesch
kam der Londoner Economist - in einer Ausgabe, auf
deren Titelseite ein kleines asiatisches Kind beim
Steineschleppen abgebildet war - dem ersten Extrem
sehr nahe. Die Redakteure des Economist räumten
zwar ein, "Sklaverei... ist schlecht", argumentierten
jedoch, internationale Aktionen zur Eindämmung von
Mißbrauch seien unpraktisch und "die Kosten ...
übersteigen den möglichen Nutzen". Dem Economist zufolge könnte eine Handelsregel über Kinderarbeit einige diese Regel verletzende Nationen aus
der Welthandelsorganisation ausschließen, und
dieser Regel zustimmende Mitglieder, die sie dann
nicht durchsetzen können, wären ein leichtes "Opfer"

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für Sanktionen "jeder Art von Protektionisten reicher
Länder". Mit anderen Worten, gegen dieses Kind mit
den Steinen kann nichts tun.
Ungeachtet eines solchen Laisser-faire-Dogmatismus
müssen wir uns vor unehrlichen Versuchen zur
Einführung engstirniger Tagesordnungen in die
Debatte unter dem Deckmantel hehrer Argumente
hüten. Protektionisten haben eine bemerkenswerte
Bereitschaft an den Tag gelegt, unter jedem vielversprechenden Banner zu marschieren, von nationaler
Verteidigung bis zur Bürde ausländischer Arbeitnehmer - je nach der Richtung der vorherrschenden
politischen Strömung.
Welche Grundlagen gibt es neben Dogmatismus und
Unehrlichkeit für die Definition unserer legitimen
nationalen Interessen?
Mindestens drei wurden
genannt, von denen meines Erachtens einige überzeugender als andere sind:
Nationale Sicherheit. Die Grundprämisse lautet,
daß einige ihre Bürger ausbeutende Staaten früher
oder später den globalen Frieden gefährden werden.
Internationale Arbeitskodizes würden diese weltweit
Geächteten isolieren und ihnen den Handel verweigern, der ihre Volkswirtschaften stärken und die
Position ihrer Herrscher festigen würde.
Unterdrückung im Inland ist jedoch kein genauer
Index für externe Aggressivität, und Wirtschaftssanktionen hatten einen durchaus gemischten Effekt,
Veränderungen bei aufsässigen Regimen zu erzwingen.
Wirtschaftliche Vorteile. Diesem Argument zufolge
müssen Länder mit hohen Arbeitsnormen die Löhne
senken, um mit Produzenten in Nationen mit niedrigen Normen konkurrieren zu können. Aus diesem
Grund wäre es der beste Weg für unter Druck
stehende schlechtbezahlte Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten, die fixen Kosten des Produk-

Seite 1

�stehende schlechtbezahlte Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten, die fixen Kosten des Produktionsfaktors Arbeit durch die Einführung internationaler Arbeitsnormen dem Konkurrenzdruck zu entziehen.
Diese Argumentationsweise verleitet jedoch leicht zu
dem Ruf, die Volkswirtschaften der fortschrittlichen
Länder gegen die billigen Arbeitskräfte im Ausland
abzuschotten. Darüber hinaus ist technologischer
Wandel ein sehr viel größerer Faktor beim Verlust
hochbezahlter Arbeitsplätze für ungelernte amerikanische Arbeitnehmer als der Wettbewerb mit Ländern der Dritten Welt.
Humanitäre Belange. Die moralische Sorge
ausgebeutete Arbeiter in Entwicklungsländern
zweifelsohne gerechtfertigt.
Aber wie groß
unsere Verantwortung? Wie können wir ihr
besten gerecht werden?

um
ist
ist
am

Einige Arbeitspraktiken schließen einfach bestimmte
Länder aus der Gemeinschaft zivilisierter Nationen
aus. Eine vereinbarte Liste von "grundlegenden"
Arbeitsnormen wird sicherlich von Gefangenen,
Sklavenarbeitern oder sehr jungen Kindern hergestellte Waren verbieten. Armut ist darüber hinaus
keine triftige Entschuldigung für die repressive
Einschränkung der Versammlungs- und Koalitionsfreiheit.
Über die kurze Liste mit grundlegenden Arbeitsnormen hinaus müssen die Urteile nuancierter
werden. Wie sollen wir - wenn überhaupt - auf
Entwicklungsländer reagieren, die 14jährige ohne
Einschränkung oder besonderen Schutz arbeiten
lassen, oder in denen der Lohn einen Bruchteil des
Durchschnittslohns in den Industrieländern beträgt
oder wo es um Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz schlechter bestellt ist als amerikanische oder
europäische Gesetze jemals zulassen würden?
Die Entwicklungsländer argumentieren zu Recht, daß
sie reicher werden müssen, um sich amerikanische
oder europäische Arbeitsnormen leisten zu können und zu diesem Zweck Handel treiben müssen.
Diese Beobachtung ist jedoch eine implizite Anerkennung der Tatsache, daß Normen nicht statisch
sein sollten, die Fähigkeit eines Landes zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen sich mit zunehmendem Entwicklungsgrad erhöht und internationale
Erwartungen ebenfalls steigen könnten.
Obwohl es weder fair noch realistisch ist darauf zu
bestehen, daß Entwicklungsländer dieselben Arbeitsnormen wie wohlhabendere Länder haben, kann
man davon ausgehen, daß sich die Arbeitsnormen
im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung verbessern.

Seite 2

Diese Erwartung spiegelt sowohl moralische Bedenken als auch die Tatsache wider, daß wir ein wirtschaftliches Interesse an umfassendem Wohlstand im
Ausland haben. Das Entstehen von Volkswirtschaften mit einer breiten Mittelschicht in den Entwicklungsländern bekräftigt nicht nur unsere Werte,
sondern ist auch gut für die Wirtschaft dieser und
unserer Staaten. Solche Volkswirtschaften bieten
einen Absatzmarkt für die Produkte hochentwickelter
Wirtschaften sowie eine interne, stabile Nachfragequelle für ihre eigenen Produkte. Despotie und
Oligarchie sind unzuverlässige Kunden.
Freier Handel ist ein Mittel, kein Zweck. Das Ziel ist
ein höherer Lebensstandard weltweit. Der Grund zur
Öffnung des Handels ist sein offensichtlicher Beitrag
zur Verbesserung des Lebens der Menschen. Wenn
jedoch ein Land eine Politik verfolgt, die auf die
Einfrierung des Lebensstandards auf niedrigem
Niveau abzielt, wird das Versprechen offenen Handels verkehrt und seiner logischen Grundlage beraubt.
Wenn die Industriestaaten zu Recht erwarten können,
daß Wachstum in der Dritten Welt mit verbesserten
Arbeitsbedingungen einhergeht - wie können diese
Erwartungen dann in Worte gefaßt werden? Ich
möchte einen aus zwei Teilen bestehenden Test
vorschlagen. Der erste Teil betrifft demokratische
Institutionen, der zweite Trends.
Arbeitsbedingungen werden von wirtschaftlichen,
kulturellen und politischen Faktoren bestimmt, deren
Auswirkungen schwer auseinanderzuhalten sind. Die
Existenz demokratischer Institutionen erhöht jedoch
die Wahrscheinlichkeit, daß niedrige Löhne und
schlechte Arbeitsbedingungen durch unglückselige,
jedoch legitime wirtschaftliche Einschränkungen
verursacht werden. Je weniger demokratisch ein
Land ist, desto mehr Anlaß besteht zu Mißtrauen,
daß Arbeitsnormen unterdrückt werden, um engstirnigen kommerziellen Interessen oder einem
fehlgeleiteten merkantilistischen Impuls von seifen der
Eliten zu dienen.
Was geschieht jedoch mit Entwicklungsländern, deren
demokratische Institutionen schwach oder nicht
existent sind? Diesen Ländern bieten Trends bei den
Arbeitsnormen und wirtschaftliche Ungleichheit eine
zweite Art von Meßlatte. Das Leben schlecht bezahlter Arbeitnehmer sollte sich verbessern, nicht verschlechtern, wenn Handel und Investitionen das
Volkseinkommen erhöhen. Wenn ein Land keine
demokratischen Institutionen vorweisen kann und
seine Bürger nicht in den Genuß der Vorteile des
Wachstums bringt, könnten andere Staaten mit Recht
zu der Schlußfolgerung gelangen, daß niedrige
Arbeitsnormen nicht auf Armut an sich zurückzufüh-

AMERIKA DIENST 24

�Mit anderen Worten: Internationale Maßnahmen
sind dort berechtigt, wo eine zivilisierte Wirtschaft
definierende grundlegende Arbeitsnormen verletzt
werden, trotz Wirtschaftswachstums niedrige Arbeitsnormen fortbestehen oder die Schwäche demokratischer Institutionen Grund zu der Annahme gibt, daß
der Lebensstandard durch die Politik, nicht durch die
Armut unterdrückt wird. Dieser vorläufige Rahmen
befaßt sich nur mit der Diagnose, nicht mit der
Behandlung. Welche Antwort sollte die internationale Staatengemeinschaft auf Maßnahmen geben, die
eine Verletzung der von ihr formulierten Normen
darstellen?
Es ist eindeutig vorzuziehen, wenn Maßnahmen
multilateral genehmigt und durchgeführt werden, um
die Expertise globaler Organisationen auszunutzen.
Das würde auch in jedem Land zur Trennung der
Arbeitsnormen betreffenden Fragen von engstirnigen
Motiven beitragen und die Chancen auf den Erfolg
einer Intervention erhöhen. Erforderlich ist auch
eine Vielzahl von Antworten auf Mißbrauch. Hierzu
können allgemeine Handelssanktionen, spezielle
Einschränkungen für bestimmte Sektoren, der
Verlust des Präferenzstatus, die Verweigerung des
Anspruchs auf internationale Kredit- und Darlehensprogramme, Vorschriften zum Aufdecken von Miß-

*

AMERIKA DIENST 24

brauch sowie technische Hilfe zur Förderung von
Verbesserungen gehören.
Das letzte Prinzip, das den beiden anderen Auftrieb
verleiht, ist Pragmatismus. Internationale Maßnahmen, die keine Auswirkungen auf die Normen verletzenden Nationen haben, sind bestenfalls Zeitverschwendung. Eingehende Untersuchung und Analyse muß den Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft zur Verbesserung von Arbeitsnormen vorausgehen. Und wir müssen daran denken, daß Handel selbst - durch die Öffnung einer
Volkswirtschaft für externe Einflüsse sowie die
Förderung eines umfassenderen Interessenspektrums
- bisweilen den Katalysator für progressiven Wandel
darstellen kann.
Wir alle sind zunehmend durch ein weltweites Netz
von Wirtschaft und Kultur verbunden. Durch dieses
Weltdorf läuft das kleine, mit Steinen beladene Kind.
Mit jedem Jahr wird es schwieriger, es zu ignorieren.
Die Definition unserer Verpflichtungen gegenüber
ausländischen Arbeitnehmern ist eine komplexe
Angelegenheit, die uns bis zum Ende des Jahrhunderts und vielleicht sogar darüber hinaus beschäftigen wird. Das ist noch ein Grund mehr, daran zu
arbeiten.

* * *

*

Seite 3

�Wl R T S C H A F T
22. Juni 1994

G-7 ÜBERPRÜFEN HILFSPAKET FÜR RUSSLAND
Hintergrundinformation für Wirtschaftsgipfel in Neapel
WASHINGTON - (AD) - Wenn die Staats- und
Regierungschefs der führenden Industrienationen im
nächsten Monat in Neapel zum jährlichen Weltwirtschaftsgipfel zusammenkommen, steht an oberer
Stelle ihrer Tagesordnung eine Überprüfung der
Volkswirtschaften der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und des Beitrags der wohlhabenden Länder zur Stützung der stagnierenden Wirtschaftsleistung Rußlands.
Die Staats- und Regierungschefs der Gruppe der
Sieben (G-7) - Vereinigte Staaten, Frankreich,
Deutschland, Japan, Großbritannien, Italien und
Kanada - werden voraussichtlich eine Reihe von
Optionen erörtern, die von zusätzlicher bilateraler
Hilfe bis zu erweiterten Darlehen des Internationalen
Währungsfonds (IWF) zum weiteren Schuldenabbau
reichen.
Der Pariser Club der Gläubigernationen, der von Fall
zu Fall zusammentritt, um einen gemeinsamen
Ansatz zur Umschuldung der offiziellen Anleihen zu
erarbeiten, vereinbarte Anfang Juni eine Umschuldung der russischen Kredite in Höhe von über 7
Milliarden Dollar.
Die Kreditprobleme Rußlands werden jedoch erwartungsgemäß in diesem Jahr nicht abgebaut, und
Verhandlungen über eine mehrjährige Umschuldung
werden amerikanischen Quellen zufolge wahrscheinlich gegen Ende dieses Jahres aufgenommen. Das
gesamte Umschuldungspaket wird voraussichtlich an
ein Wirtschaftsprogramm gebunden, das Rußland in
den kommenden Monaten mit dem IWF ausarbeiten
wird.
Im Rahmen des IWF-Programms könnten Rußland
auch neue IWF-Kredite gewährt werden.
Die Verschuldung Rußlands beläuft sich zur Zeit auf
über 83 Milliarden Dollar, von denen 42 Milliarden
offiziellen bilateralen Gläubigern geschuldet werden,
davon 37,5 Milliarden Dollar den Mitgliedstaaten des
Pariser Clubs. Multilateralen Gläubigern wie dem
IWF und der Weltbank werden über 3 Milliarden
Dollar geschuldet.

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Am 4. Juni 1994 schuldete der Pariser Club 7,2
Milliarden Dollar der offiziellen russischen Kredite um.
Rund 1 Milliarde Dollar werden den Vereinigten
Staaten geschuldet. Der Umschuldungsplan umfaßt:
100 Prozent der 2,49 Milliarden Dollar betragenden geschuldeten Hauptsumme und Zinsen, die
vor dem 1. Januar 1991 vertraglich vereinbart
wurden und in diesem Jahr fällig werden. Dieser
Kredit kann über einen Zeitraum von 15 Jahren
(bis März 2010) zurückgezahlt werden, und vor
September 1997 sind keine Zahlungen erforderlich. Von dieser Gesamtsumme werden ungefähr
75 Millionen Dollar den Vereinigten Staaten
geschuldet.
100 Prozent der 4,13 Milliarden Dollar betragenden geschuldeten Hauptsumme und Zinsen, die im Jahr 1991 vertraglich vereinbart
wurden und in diesem Jahr fällig werden.
Dieser Kredit kann über einen Zeitraum von 10
Jahren (bis März 2005) zurückgezahlt werden,
und vor September 1997 sind keine Zahlungen
erforderlich. Von dieser Gesamtsumme werden den Vereinigten Staaten ungefähr 874
Millionen Dollar geschuldet.
60 Prozent der 700 Millionen in den Jahren 1993
und 1994 für die 1993 erfolgte Umschuldung
anfallenden Zinsen. Die 420 Millionen Dollar an
umgeschuldeten Zinsen werden in 10 gleich
hohen, halbjährlichen, Anfang September 1997
beginnenden Beträgen zurückgezahlt. Von dieser
Gesamtsumme werden den Vereinigten Staaten
ungefähr 20 Millionen Dollar geschuldet.
40 Prozent der im Laufe des Jahres 1994 anfallenden Zinsen in Höhe von 200 Millionen Dollar
für die 1994 durchgeführte Umschuldung. Die 80
Millionen Dollar an umgeschuldeten Zinsen werden in 10 gleich hohen, halbjährlichen, Anfang
September 1997 beginnenden Beträgen zurückgezahlt. Von dieser Gesamtsumme werden den
Vereinigten Staaten ungefähr 15 Millionen Dollar
geschuldet.

Seite 1

�100 Prozent der 80 Millionen Dollar betragenden
Hauptsumme und Zinsen, die an vor dem 4.
Januar 1992 vereinbarten Krediten mit kurzer
Laufzeit geschuldet werden. Dieser Betrag, der
keine Schulden bei den Vereinigten Staaten
beinhaltet, wird in gleich hohen, halbjährlichen,
Anfang September 1997 beginnenden Beträgen
zurückgezahlt.
Im Rahmen des Plans muß Rußland dem Pariser
Club 3,04 Milliarden Dollar zurückzahlen, einschließlich 100 Prozent der 2,64 Milliarden Dollar betragenden Hauptsumme und Zinsen aus nach dem 1.
Januar 1992 eingegangenen Verträgen, 40 Prozent
(280 Millionen Dollar) der Zinsen für die Umschuldung von 1993 und 60 Prozent (120 Millionen) der
Zinsen für die Umschuldung von 1994.
Bei der Bekanntgabe dieser Umschuldung erklärten
die offiziellen Gläubiger, der Schuldenabbau werde
voraussichtlich durch Finanzierungsgesellschaften zu
vergleichbaren Bedingungen wie den im Pariser
Club vereinbarten vorgenommen.
Finanzierungsgesellschaften werden ungefähr 38
Milliarden Dollar geschuldet, von denen rund 28
Milliarden Dollar Kredite mit mittel- und kurzfristiger
Laufzeit sind, 6 Milliarden Dollar Kredite mit kurzfristiger Laufzeit wie Handelskredite, und nahezu 4
Milliarden Dollar sind Außenstände bei Lieferanten
sowie verspätete Zinszahlungen.
Der sogenannte "Londoner Club" von Finanzierungsgesellschaften ist damit befaßt, eine Umschuldung
der Zahlungen an den Privatsektor auszuhandeln.
Abgesehen von der Verschuldung werden die
Staats- und Regierungschefs der G-7 das vor dem
letzten Weltwirtschaftsgipfel in Tokio vereinbarte
multilaterale Unterstützungsprogramm für Rußland
überprüfen. Dieses Programm konzentrierte sich auf
die Förderung von Strukturreformen und soll dem
Land den Weg zu soliden makroökonomischen
Maßnahmen ebnen.
Von den 43,4 Milliarden Dollar Unterstützungszahlungen an Rußland im Rahmen dieses Programms wurden ungefähr 30 Milliarden Dollar
bereitgestellt. Der volle Betrag wurde nicht gewährt,
weil Rußland noch nicht entsprechende Fortschritte
bei der Durchführung des Wirtschaftsprogramms
erzielt hat.
Das Programm beinhaltet:
14,2 Milliarden Dollar, von denen 10,6 Milliarden
Dollar genehmigt wurden, um Rußland bei der
Privatisierung der Industrie, dem Aufbau von

Seite 2

Marktinstitutionen und der Infrastruktur sowie der
Entwicklung des Energie- und Landwirtschaftssektors behilflich zu sein. Die Weltbank hat der
Bereitstellung von Krediten in Höhe von bis zu 3,4
Milliarden Dollar zugestimmt, von denen 2,3
Milliarden Dollar voraussichtlich bis zum Gipfeltreffen in Neapel genehmigt werden. Die G-7Länder haben ferner die Zuweisung von 10
Milliarden Dollar für Exportkredite vereinbart.
Über 5 Milliarden Dollar dieser Hilfsleistungen
wurden 1993 gewährt, und für 1994 wird eine
ähnliche Summe erwartet.
4,1 Milliarden Dollar als Anschubfinanzierung für
den Stabilisierungsfonds. Dieser Betrag beinhaltet
3 Milliarden Dollar, die Rußland vom IWF im
Rahmen der Systemumgestaltungsfazilität (Systemic Transformation Facility - STF) im Juni 1993
und April 1994 erhalten hat sowie 1,1 Milliarden
Dollar von der Weltbank. Von dieser Summe
wurde die Hälfte bereits ausgezahlt, und ein
zweiter Kredit in Höhe von 600 Millionen Dollar
wird voraussichtlich im Juli genehmigt.
10,1 Milliarden Dollar als Stabilisierungsfonds.
Diese Mittel wurden bisher nicht verlängert. Sie
umfassen einen Sonderkredit des IWF in Höhe
von 4,1 Milliarden Dollar, der Anfang Herbst
ausgezahlt werden soll - wenn Rußland das im
Rahmen des STF-Programms vereinbarte Wirtschaftsprogramm erfolgreich umsetzt. Die G-7
einigten sich darüber hinaus auf die Einrichtung
eines 6 Milliarden Dollar betragenden WährungsStabilisierungsfonds zur Unterstützung des Rubel
sobald Rußland ein rigoroses Sonderprogramm
verwirklicht und mehrere Monate durchgeführt hat.
15 Milliarden Dollar der im April 1993 vereinbarten
Umschuldung.
Darüber hinaus haben sich die Länder der G-7, die
Weltbank, die Internationale Finanzgesellschaft und
die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung auf die Gründung eines Speziellen Privatisierungs- und Umstrukturierungsprogramms (Special
Privatization and Restructuring Programm - SPRP)
geeinigt, um bei der Umstrukturierung von Großunternehmen behilflich zu sein. Das SPRP wird ungefähr
3 Milliarden Dollar an Grundkapital, Anleihen und
Unterstützung der Exportkreditbehörde für die Unternehmensumstrukturierung zur Verfügung stellen. Im
Rahmen dieses Programms wird ein Netz von bis zu
zehn regionalen Gemeinschaftsfonds gegründet, um
Investitionen in russische Firmen zu tätigen. Die
Vereinigten Staaten haben unter dem SPRP 100
Millionen Dollar an Darlehen und 250 Millionen Dollar
als Unterstützung der Exportkreditbehörde beigesteuert.

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�U S A - O S T A S I EN
22. Juni 1994

NEUE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE USA
IM PAZIFISCHEN RAUM
Rede von Abteilungsleiter Charles Freeman
WASHINGTON - (AD) - Nachdem die Sowjetunion im asiatisch-pazifischen Raum nicht länger eine Gefahr für
die Vereinigten Staaten darstellt, sehen diese sich in Nordkorea einer äußerst schwierigen militärischen
Bedrohung sowie komplexen wiederauftretenden und neuen Herausforderungen gegenüber, erklärte der
Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium Charles Freeman.
Vor dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses äußerte Freeman am 15. Juni
1994: "Viele dieser Herausforderungen sind auf den bevorstehenden Übergang in den wichtigsten
ostasiatischen Staaten zurückzuführen - dessen Ergebnis großenteils die Natur des zukünftigen ostasiatischen
Sicherheitsumfelds bestimmen wird."
"Wir sehen uns auch mit der Herausforderung einer Modernisierung der amerikanisch-japanischen
Beziehungen konfrontiert - dem Eckpfeiler unserer Sicherheitsposition in Ostasien und im Pazifik. Die
Interessen sind so gelagert, daß wir eine Strategie der Stärkung bilateraler Beziehungen und der Ermutigung
multilateraler Abkommen verfolgen müssen, während wir in die erforderlichen Ressourcen zur Aufrechterhaltung unserer vitalen Interessen investieren und unsere unerschütterliche Entschlossenheit zum Ausdruck
bringen."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Abteilungsleiter Freeman.

Wie bereits von anderen erwähnt, sind Ostasien und
der pazifische Raum von enormer wirtschaftlicher
Bedeutung für die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten. Ostasien ist auch von immenser
strategischer Bedeutung.
In dieser Region ist
weiterhin eine riesige Militärmacht konzentriert,
darunter viele der größten Armeen der Welt. Fünf
unserer Bündnispartner sind in diesem Gebiet
angesiedelt.
100.000 amerikanische Soldaten
fördern dort unsere lebenswichtigen nationalen
Interessen und vertraglichen Verpflichtungen.
Die Bündnisse mit ostasiatischen Ländern sind für
den Erfolg der amerikanischen Strategie in der Zeit
nach dem Kalten Krieg von entscheidender Bedeutung. Der wachsende Einfluß und die Stärke unserer Freunde und Verbündeten werden ihnen die
Übernahme größerer Verantwortung zum Zwecke
gemeinsamer Sicherheitsziele ermöglichen und die
regionale Sicherheit fördern. Wir haben ein Interesse an der Beibehaltung der Bündnisstruktur als
Grundlage regionaler Stabilität und Kanal für amerikanischen Einfluß. Der Aufbau reiferer Sicherheits-

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beziehungen mit unseren asiatischen Verbündeten
und Freunden fördert langfristige Interessen. Wir
sehen neuen Gelegenheiten zur Erörterung politischer, wirtschaftlicher, umweltpolitischer, sozialer und
sicherheitspolitischer Angelegenheiten im Rahmen
neuer regionaler Sicherheitsarrangements erwartungsvoll entgegen.
Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen halten, daß
die Vereinigten Staaten in der Region eine einzigartige Rolle zu spielen haben. Seit dem Zweiten
Weltkrieg hat unser Land als Förderer des regionalen
Gleichgewichts gedient. Unbelastet von historischen
Rivalitäten oder traditionellen Feindschaften können
die Vereinigten Staaten gleichzeitig mit Japan,
Rußland, China, Korea und allen Staaten Südostasiens ausgezeichnete Beziehungen pflegen. Keine
andere Macht kann diese Rolle übernehmen, und wir
können sie nicht vernachlässigen. Während sich
nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das
Kräftegleichgewicht wieder einstellt, wird die Haltung
der Vereinigten Staaten gegenüber Fragen ostasiatischer Sicherheit großenteils darüber entscheiden, ob

Seite 1

�den Herausforderungen an die regionale Sicherheit
erfolgreich begegnet wird.
Der Bitte des Ausschusses entsprechend möchte ich
auf die heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen in Asien zu sprechen kommen.
Vereitelung des nordkoreanischen Strebens nach
Atomwaffen:
Die potentielle Entwicklung von
Atomwaffen durch Nordkorea ist die unmittelbarste
Sicherheitsbedrohung in Asien. Kim Il-Sungs hartnäckiger Widerstand gegen umfassende Inspektionen und die von ihm angekündigte Politik, Maßnahmen der UNO zur Durchsetzung von Inspektionen
als Kriegshandlung anzusehen, verleiht dieser Frage
überragende Bedeutung für unsere Sicherheitsinteressen in Asien und weltweit. Wie dieser Ausschuß
weiß, arbeiten wir unter anderem eng mit Südkorea,
Japan, China und Rußland zusammen, um dieses
Problem auf dem Wege der Diplomatie zu lösen.
Wir erörtern mit Südkorea, Japan und den vier
anderen Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats eine Sanktionsresolution und erwarten, daß sie
schnell angenommen wird. Wir haben keine andere
Wahl, als Sanktionen zu verhängen, da Nordkorea
sich nicht an die Vorschriften der IAEO hält.
Verhinderung von Weiterverbreitung: Wir sind
äußerst besorgt über die Möglichkeit wirtschaftlich
und technologisch fortgeschrittener Länder, sich am
Transfer von Waffen und Technologie an Regimes
im Nahen Osten und Südasien zu beteiligen. Wir
streben eine Begrenzung der Gefahren an, die eine
derartige Weiterverbreitung für den Frieden in dieser
wichtigen Region darstellen würde. Neben der
unmittelbaren Sicherheitsbedrohung schafft das
Potential Nordkoreas zur Entwicklung von Atomwaffen die Möglichkeit einer noch größeren und weiterreichenden Bedrohung - daß andere regionale
Mächte zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen getrieben werden, was die Gefahr einer
Auflösung des gesamten weltweiten Nichtverbreitungsrahmens darstellt.
Die Begegnung der konventionellen Bedrohung
durch Nordkorea: Die konventionelle Bedrohung
Südkoreas durch Nordkorea - mit einer zunehmend
gutgerüsteten, äußerst mobilen, eine Million starken
Armee, von der zwei Drittel nahe der entmilitarisierten Zone stationiert sind - bleibt eine weitere Quelle
regionaler Instabilität. Angesichts der Unsicherheiten
aufgrund des derzeitigen politischen Übergangs in
Pjöngjang müssen die Vereinigten Staaten und
Südkorea auf alles, vom internen Zusammenbruch
bis zu verzweifelter Aggression, vorbereitet sein Spannungen, die nicht nur die Zukunft der koreanischen Halbinsel, sondern die Sicherheit der gesamten Region beeinflussen würden. Unsere Fähigkeit

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zur Einflußnahme auf die Entwicklungen in Nordkorea
ist begrenzt. Wir können jedoch durch die Verhinderung aggressiver Optionen für die nordkoreanische
Führung durch unsere militärische Unterstützung
Südkoreas sowie die Zusammenarbeit mit anderen
wichtigen regionalen Partnern in kritischen Punkten
Einfluß auf Korea ausüben.
Eine substantielle
Militärpräsenz auf der nordkoreanischen Halbinsel
bleibt essentielle Vorbedingung für die Übernahme
dieser Rollen.
Stärkung der amerikanisch-japanischen Sicherheitsbeziehungen:
Keine unserer bilateralen
Sicherheitsbeziehungen ist wichtiger als die zu
Japan. Unser Bündnis mit Japan ist sowohl für
unsere pazifische Sicherheitspolitik als auch unsere
globalen strategischen Ziele von grundlegender
Bedeutung. Von unseren dortigen Stützpunkten aus
können wir Konflikte abschrecken, den amerikanischen Einfluß bewahren und vornestationierte Streitkräfte zur schnellen Reaktion auf Krisen postieren.
Die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Japan
haben eine angemessene Aufgabenteilung ermöglicht, wobei Japan zur Aufrechterhaltung regionaler
Stabilität auf die Vereinigten Staaten blickt, während
sich das Land auf die Verteidigung seines eigenen
Territoriums konzentriert und ausgezeichnete Stützpunkteinrichtungen sowie als Gastland großzügige
Unterstützung bei der Förderung gemeinsamer
Sicherheitsinteressen gewährt. Die Präsenz amerikanischer Truppen gestattet Tokio die Aufrechterhaltung
der drei Prinzipien: Keine Atomwaffen, keine Streitkräfte zur Machterhaltung, keine Waffenexporte.
Japans starke Unterstützung der Nichtverbreitungspolitik reflektiert seine entschiedene Verpflichtung, auf
Waffenexporte und Atomwaffen zu verzichten.
In den vergangenen Jahren waren die Beziehungen
insgesamt aufgrund der Handelsungleichgewichte
und einer Anzahl bilateraler Wirtschaftsfragen beträchtlichen Belastungen unterworfen. Fortschritte im
wirtschaftlichen und technologischen Bereich sind für
die langfristige Gesundheit der bilateralen Beziehungen von entscheidender Bedeutung. Alle drei Säulen
des Bündnisses - Sicherheit, Politik und Wirtschaft müssen stark und ausgewogen sein. Die Beilegung
unserer derzeitigen ökonomischen Differenzen ist für
unsere Wirtschaftsbeziehungen und die Weltwirtschaft
von Bedeutung. Gesunde wirtschaftliche Bande
stärken die anderen Säulen des Bündnisses.
Die Integration Chinas als verantwortliche Weltmacht: China ist zur vorherrschenden regionalen
Militärmacht geworden und wird auf wirtschaftlichem
Gebiet bald einen ähnlichen Status erreichen. Die
militärische Aufrüstung des Landes, insbesondere die
Bereitstellung zusätzlicher Gelder für Marine und
Luftwaffe, hat in Nordost- und Südostasien Anlaß zu
der Sorge gegeben, China entwickele neue Fähigkei-

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�ten, die eine potentielle Bedrohung seiner Nachbarn
darstellten. Andererseits hat sich die derzeitige
chinesische Führung um den Aufbau guter Beziehungen zu seinen Nachbarn und zum Westen
bemüht. Die Modernisierung der Wirtschaft ist in
naher Zukunft das Hauptziel Chinas, der Übergang
zu einer Führung nach Deng läßt den zukünftigen
strategischen Kurs des Landes jedoch im unklaren.
Für die Vereinigten Staaten und eine Anzahl interessierter Länder besteht die große Herausforderung
in der Förderung einer verantwortlichen Integration
Chinas in die asiatisch-pazifische Gemeinschaft.
Diese Bestrebungen werden ein entscheidender
Faktor dafür sein, wie China letztlich - und unausweichlich - seine Rolle als Weltmacht definiert.
Unsere größte Chance, beim Entstehen dieser
Weltmacht einen positiven Einfluß auszuüben, liegt
in der Ermutigung von sich in China bereits abzeichnenden Trends, beispielsweise der Bewegung
zu einer Marktwirtschaft sowie größerer Beteiligung
am internationalen Wirtschaftssystem. Kontakte zu
China an allen Fronten, einschließlich des Militärs,
bieten die beste Chance zur Erreichung dieses Ziels.
Ein China mit Interesse am Weltwirtschaftssystem
wird sich wahrscheinlich weniger aggressiv und
unberechenbar verhalten als ein China, das sich von
der Weltgemeinschaft isoliert fühlt.
Vertiefung unserer Beziehungen zum ASEAN:
Die Entwicklung des Verbands Südostasiatischer
Nationen (ASEAN) zu einem zunehmend einflußreichen regionalen Akteur ist eine wichtige positive
Entwicklung. Die 320 Millionen zählende Bevölkerung des ASEAN ist nahezu doppelt so groß wie die
von Japan und Korea zusammengenommen.
Südostasien ist eine Region mit wachsender wirtschaftlicher Stärke, und bis Ende des Jahrhunderts
werden die ASEAN-Volkswirtschaften gemeinsam
voraussichtlich einen Umsatz von 800 Milliarden
Dollar erzielen - 100 Milliarden mehr als China. Die
Vereinigten Staaten teilen das Interesse der ASEANLänder zu verhindern, daß Südostasien ein Gebiet
für strategischen Wettbewerb zwischen den Regionalmächten wird.
Wir versuchen, unser Netz von Zugangsarrangements anstelle von ständigen Stützpunkten in ganz
Südostasien zu erweitern. Derartige Abkommen
werden bilaterale Ausbildung, Manöver und die
Interoperabilität verbessern und damit unsere
Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Verbündeten und
Freunden erweitern.
Verbesserung der Stabilität in Kambodscha: Mit
internationaler Unterstützung und starker Beteiligung
von König Sihanouk am Friedensprozeß ermöglichten die Vereinten Nationen die Wahl einer Regierung

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in Kambodscha. Seit der Gründung der Regierung
hat Kambodscha beachtliche Fortschritte bei der
Einrichtung von Regierungsinstitutionen, Förderung
der Respektierung von Menschenrechten und Einführung einer marktorientierten Volkswirtschaft erzielt.
Trotz dieser Erfolge sieht sich Kambodscha immer
noch mit ernsthaften Herausforderungen beim Wiederaufbau, der Entwicklung und im Sicherheitsbereich
konfrontiert, nicht zuletzt mit den aufrührerischen
Roten Khmer. Die andauernde Unterstützung der
internationalen Staatengemeinschaft einschließlich
der Vereinigten Staaten ist unabdingbar für das
Überleben dieser aufstrebenden Demokratie. Die
Vereinigten Staaten verpflichten sich weiterhin zur
Bereitstellung von Wiederaufbau- und Rehabilitationshilfe sowie humanitärer Hilfslieferungen für das
kambodschanische Militär, darunter IMET, das die
Entstehung eines Berufsheeres fördert, das die
Entwicklung grundlegender demokratischer Institutionen unterstützen, die nationale Verteidigung bereitstellen sowie den nationalen Wiederaufbau und die
Entwicklung fördern wird.
Behandlung der Ansprüche auf die Spratly-Inseln:
In vielen Teilen der Region gibt es strittige Gebietsansprüche, aber der Streit um die unterirdischen
Ölreserven in der Umgebung der Spratly-Inseln ist
kurz- bis mittelfristig eine potentielle Quelle regionaler
Konflikte, die viele Nationen der Region einbeziehen
und das Befahren entscheidender Schiffahrtswege im
Südchinesischen Meer gefährden könnten. Regionale Bestrebungen zum Abbau der Spannungen auf
den Spratlys wie die von Indonesien veranstalteten
"Workshops", die die Kontrahenten zur Konzentration
auf Gebiete der Kooperation zusammenbringen,
verweisen auf den Wert multilateraler Ansätze zu
regionalen Sicherheitsfragen, die nützliche Ergänzungen des traditionellen Netzes bilateraler Bündnisse
sind.
Bekräftigung der kontinuierlichen Bedeutung der
Vornestationierung amerikanischer Streitkräfte:
Die Präsenz vornestationierter amerikanischer
Streitkräfte in der Region ist eine deutliche Demonstration des amerikanischen Engagements, bietet
Abschreckung und psychologische Unterstützung und
dient als Grundlage für regionale Stabilität und
Sicherheit.
Die asiatischen Staats- und Regierungschefs wurden
durch die Reden des Präsidenten in Tokio und Seoul
sowie die Ankündigung der Ergebnisse der grundlegenden Umstrukturierung durch den damaligen
Verteidigungsminister Aspin bestärkt. Aus asiatischer
Sicht waren besonders bemerkenswerte Aspekte der
Umstrukturierung die Konzentration auf rasche
Dislozierung; Modernisierungsinitiativen, die Verbesserungen unserer Luft- und Seetransportfähigkeit

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�beinhalten sowie voreingelagertes Gerät, das die
raschere Dislozierung unserer Streitkräfte bei einer
Krise sicherstellt; nachdrückliche Verbesserungen
unserer Fähigkeit zur Lokalisierung und Zerstörung
gegnerischer militärischer Einrichtungen verleihen
diesen Streitkräften größere Effektivität, und fähigere
Überwachungsplattformen des Gefechtsfelds sowie
moderne Munition machen insbesondere unsere am
ersten eintreffenden Streitkräfte schlagkräftiger.
Militärisches Engagement in der Region hängt auch
von anderen Formen der Zusammenarbeit bei der
Verteidigung ab: Personalaustausch, Austausch von
nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, Besuchen auf
hochrangiger Ebene, Konferenzen, bilateralem
politischem Dialog, IMET, Voreinlagerung von Gerät,
gemeinsamen Manövern und Kontakten unter den
Militärs. Diese Mechanismen gestatten uns die
Demonstration unseres Interesses an der Region,
und in dem Maße, in dem wir sie zur Erweiterung
und Stärkung unserer bilateralen Verteidigungsbeziehungen nutzen können, werden wir die Grundlage des regionalen Sicherheitssystems festigen. In
diesem Zusammenhang möchte ich auf die Ablehnung der Sprachregelung in der Version der Gesetzesvorlage zu ausländischen Operationen des
Repräsentantenhauses durch die Administration
verweisen, die versucht, Indonesien die Ausbildungsbeschaffung zu verbieten.
Anerkennung der Vorteile von Bündnissen: Das
Bündnis zwischen Australien, Neuseeland und den
Vereinigten Staaten (ANZUS) ist weiterhin eine
wichtige Komponente unserer Sicherheitsarchitektur
im Pazifik, obwohl Sicherheitsgarantien für Neuseeland zur Zeit aufgrund der Nichteinhaltung der
Bündnisverpflichtungen durch Neuseeland aufgehoben sind. Australien, mit dem wir eine breitgefächerte nachrichtendienstliche und strategische Partnerschaft unterhalten, ist ein wichtiger Bestandteil
unserer Vornepräsenz in der Region. Unser Ziel ist
die Stärkung dieser Partnerschaft und der Abbau
von Hindernissen gegen die erneute Integration
Neuseelands als vollwertiger Partner in das ANZUS.
Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in ganz
Ostasien gibt es große Übereinstimmung, daß
unsere Bündnisse und andere bilaterale Verteidigungsbeziehungen das Kernstück der bestehenden
Sicherheitsstruktur sind und bleiben müssen. Es gibt
jedoch auch zunehmende Anerkennung des Werts
von multilateralen Sicherheitsinitiativen als ergänzende zweite Stufe eines sich abzeichnenden regionalen Sicherheitsumfelds.
Nutzung der Chancen multilateraler Sicherheitsdebatten: Unsere aktive Beteiligung an multilateralen Sicherheitsdialogen - sowohl offiziell, wie die

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ASEAN-Ministerkonferenz, als auch inoffiziell wie bei
verschiedenen, aus Wissenschaftlern und Regierungsvertretern zusammengesetzten Konferenzen können zur Bekräftigung unserer regionalen Rolle
beitragen sowie bestehende und sich abzeichnende
Sicherheitsprobleme ansprechen, die auf bilateraler
Ebene nicht so leicht behandelt werden können.
In Nordostasien müssen wir uns bewußt machen,
daß zwar unsere bilateralen Sicherheitsbündnisse mit
Japan und Korea weiterhin den Grundpfeiler unserer
Sicherheit bilden, es jedoch auch Chancen für einen
multilateralen Sicherheitsdialog auf staatlicher und
nichtoffizieller Ebene gibt. Unter den sechs führenden nordostasiatischen Mitspielern (Republik Korea,
Demokratische Volksrepublik Korea, Vereinigte
Staaten, Japan, China und Rußland) macht sich
zunehmend die Erkenntnis breit, daß ihre gegenseitige Sicherheit durch einen regionalen Dialog
sowie größere Transparenz bei Waffenverkäufen und
der Verteidigungsplanung verbessert werden kann.
Gleichzeitig sollte man sich vor Augen führen, daß
die Region nicht für weitere tiefgreifende Maßnahmen
wie die Gründung eines regionalen Sicherheitsbündnisses oder die Verabschiedung regionaler Rüstungskontrollabkommen bereit ist.
Das Ausmaß der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel, der sich
abzeichnende politische Übergang in Japan, die
Belastungen der amerikanisch-chinesischen Beziehungen wegen der M-11-Sanktionen, CTB, Menschenrechten und Yin He sowie das Fehlen politischer Stabilität in Rußland verringern alle die Aussichten auf einen kurzfristigen größeren Durchbruch
bei der nordostasiatischen regionalen Sicherheit.
Schlußbemerkung
Obwohl wir nicht mehr mit der hegemonischen
sowjetischen Bedrohung in Asien und im Pazifik
konfrontiert sind, sehen wir uns noch immer mit einer
der forderndsten militärischen Bedrohungen in Korea
und einem komplexen Gefüge erneut auftretender
und neuer Herausforderungen gegenüber. Viele
dieser Herausforderungen leiten sich aus der bevorstehenden Umgestaltung entscheidender ostasiatischer Länder ab - deren Resultat in hohem Maße die
Natur des künftigen ostasiatischen Sicherheitsumfelds
bestimmen wird. Wir sehen uns auch mit der Herausforderung einer Modernisierung der amerikanischjapanischen Beziehungen konfrontiert - dem Eckpfeiler unserer Sicherheitsposition in Ostasien und im
Pazifik. Die Interessen sind so gelagert, daß wir eine
Strategie der Stärkung bilateraler Beziehungen und
der Ermutigung multilateraler Abkommen verfolgen
müssen, während wir in die erforderlichen Ressourcen zur Aufrechterhaltung unserer vitalen Interessen
investieren und unsere unerschütterliche Entschlossenheit zum Ausdruck bringen.

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�USIA
22. Juni 1994

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT UND DAS ZEITALTER
DER DEMOKRATIE
von Penn Kemble
Der Verfasser des nachfolgenden Artikels, Penn Kemble, ist Stellvertretender Direktor des US-Informationsamts
(United States Information Agency - USIA). Der Artikel basiert auf einer Rede, die Kemble am 8. Juni 1994
bei der vom Center for Strategie and International Studies geförderten Konferenz über Öffentlichkeitsarbeit in
der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Jede Diskussion über die Rolle der Öffentlichkeitsarbeit in unserer Außenpolitik muß von einigen
strategischen Prämissen ausgehen: Was geschieht
in der Welt nach dem Kalten Krieg und was sollten
die Vereinigten Staaten zur Förderung ihrer Werte
und Interessen unternehmen?
Heute beklagen sich viele darüber, die Probleme in
der Welt nach dem Kalten Krieg seien so neu und
kompliziert, daß die größte uns

konfrontierende

Gefahr der Impuls zu ihrer Vereinfachung darstelle.
Diese Warnung wurde vielleicht am beredtsten vor
einigen Monaten von dem renommierten George
Kennan formuliert, der den Council on Foreign
Relations vor dem Streben nach einem alles umfassenden Weltbild warnte, das die nach dem
Zusammenbruch der großen Strukturen des OstWest-Konflikts hinterlassene Leere füllen könnte.
Die Warnung Botschafter Kennans fand weithin ein
Echo: Anscheinend ist im heutigen, postmodernen
intellektuellen Umfeld nichts so sehr aus der Mode
gekommen wie Einfachheit und Klarheit. Daher ist
es mir gewissermaßen peinlich zuzugeben, daß die
von mir zugunsten der Öffentlichkeitsarbeit angeführten Argumente, die mir überzeugend scheinen, auf
Prämissen über Amerikas Stellung in der Welt
beruhen, die einfach und direkt sind.
Manche halten den Zusammenbruch des Kommunismus für etwas, das völlig unerwartet geschah - wie
die wundersame Zerschlagung der heidnischen
Armee in einer Bibelgeschichte. Über einen solchen
Eindruck sollte man nicht zu schnell spotten. Es
scheinen jedoch auch unbestreitbar irdischere Kräfte
am Werk gewesen zu sein. Diese könnten folgendermaßen zusammengefaßt werden: Die Ereignisse

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von 1989 und danach wurden durch eine internationale soziale und kulturelle Bewegung zu Demokratie
und Selbstbestimmung ausgelöst, die sowohl die
traditionellen autoritären Gesellschaften der entwikkelten Welt, als auch viele unter kommunistischer
Herrschaft befindliche Gesellschaften erfaßte.
Professor Samuel Huntington bezeichnete dies als
die "dritte Welle" einer weltweiten demokratischen
Revolution, die vor zwei Jahrhunderten begann.
Die Welt nach dem Kalten Krieg wird immer noch von
den Wogen dieser großen demokratischen Welle
geformt, die auf neue Hindernisse stößt, Reaktionen
hervorruft und in neue Domänen einbricht. Die
Vereinigten Staaten sind - mit Absicht und durch ihr
unbewußtes Beispiel - in vielerlei Hinsicht der kulturelle und politische Erzeuger dieser Demokratiewelle.
Wir haben ein starkes Eigeninteresse an ihrer Konsolidierung auf möglichst hoher Ebene.
Einige meiner Kollegen - das weiß ich aus im USInformationsamt geführten Diskussionen - halten die
oben beschriebene Weltsicht für Sehnsucht nach den
geopolitischen Gegebenheiten des Kalten Krieges:
Die bunten Landkarten freier und unfreier Länder, die
strategischen Höhen und Schwachstellen, die
Schlachten um Herz und Verstand. Die Kritiker
bringen einige Argumente an. Ihre Neigung zur
Komplexität und Verweigerung klarer Auswahl kann
auch eine Entschuldigung für Schüchternheit und
Passivität sein. Die Idee kann besänftigend und
beruhigend sein, unsere Probleme seien so neu und
verschiedenartig, daß wir sie nicht wirklich verstehen
können oder alles bis nach weiteren Untersuchungen
hinausschieben.

Seite 1

�Wenn wir jedoch zulassen, daß die internationale
Angelegenheiten definierende Herausforderung die
Aussicht auf diese weltweite Demokratiebewegung
ist, haben wir eine gute Grundlage für die Einschätzung der Wirksamkeit und zukünftigen Strategie
unserer Öffentlichkeitsarbeit.
Nachfolgend kurz
einige bei der Diskussion anzustellende Überlegungen:
1. In einer zunehmend demokratischen Welt, in der
die Kommunikationskultur der Demokratie sich auch
auf viele nichtdemokratische Gesellschaften ausgeweitet hat, muß praktisch jede wirksame Diplomatie
eine "öffentliche" Dimension haben. Die Zeiten sind
vorbei, in denen die angeblichen Nachfolger Talleyrands und Metternichs in Wagenkolonnen herumfahren, in gobelingeschmückten Sälen Demarchen
austauschen und Presse und Öffentlichkeit ausschließen konnten, bis die Zeit zur Ankündigung
einer Übereinkunft in der Öffentlichkeit gekommen
war oder ihre Hilfe bei der Beseitigung von Fehlern
nötig war. Die Diplomatie von heute muß zunächst
ein öffentliches Fundament legen und auf allen
Stufen die Unterstützung der Öffentlichkeit genießen.
Dennoch wird von einigen die öffentliche Komponente der Diplomatie als eine Art Hilfsfunktion oder
nachträgliche Überlegung angesehen. Schon vor
langer Zeit lernte ich die Maxime: "Wenn wir bei der
Bruchlandung dabei sein sollen, müssen wir auch
beim Abheben dabei sein." Erst kürzlich fand ich zum passenden Zeitpunkt - heraus, daß diese
Bemerkung erstmals vom ehemaligen USIA-Direktor
Edward R. Murrow gemacht wurde.
Zu Beginn dieser Konferenz gab Botschafter Gerald
Solomon ein gutes Beispiel dafür, warum strategische Öffentlichkeitsarbeit ein fester Bestandteil jeder
diplomatischen Initiative sein sollte. Unsere Schwierigkeiten mit Nordkorea wegen der Weiterverbreitung
mögen manchen in Asien und sogar hier zusammenhanglos, ominös und daher suspekt erscheinen. Wir
müssen hier und im Ausland größere Gruppen von
Meinungsbildnern mit dieser Angelegenheit betrauen, wenn wir wirksam handeln wollen.
2. Ein weiteres Gebiet, auf dem die Anerkennung
der Bedeutung weltweiter Demokratiebewegungen
von Nutzen sein könnte, ist unsere Neueinschätzung
der Rolle von Auslandshilfe. Die ältere, Entwicklung
in den Mittelpunkt rückende Denkweise ging allzuoft
von der Annahme aus, wir in den Vereinigten
Staaten hätten die Lösungen für die Probleme,
könnten unsere Angebote in Kisten verpacken und
in die unterentwickelte Welt verschicken. Diese
Mentalität führte zu einer "Geber"- und einer entsprechenden "Nehmer"-Kultur.

Seite 2

Es gibt Umstände, unter denen Katastrophen oder
menschliches Leiden die herkömmliche Art von
Auslandshilfe erforderlich machen. Seit langem ist
jedoch offenkundig, daß Fortschritte am effektivsten
erzielt werden, wenn die Menschen die Mittel zur
Lenkung ihrer eigenen Entwicklung beschaffen. Die
Bewegung zu Demokratie und zu freiem Unternehmertum hat den Weg zu rascherer und menschlicherer Entwicklung geebnet, als die meisten Anhänger der Auslandshilfe je für möglich hielten. Die von
uns für diese Bewegung bereitgestellte Unterstützung
ist jedoch nicht eine von Gebern an Nehmer, sondern
vielmehr Solidarität mit mehr Kollegialität und Gleichberechtigung. Statt Dämme zu bauen und Brunnen
für Menschen zu bohren, helfen wir ihnen beim
Aufbau der Institutionen und Kulturen, mit denen sie
diese Dinge selbst leisten können.
3. Eine weitere Stärke leitet sich daraus ab, daß wir
uns selbst als Teilnehmer an einer internationalen
demokratischen Entwicklung sehen, und dies besitzt
sicherlich größere Anziehungskraft für unsere Bürger
als sich selbst als Weltpolizisten oder Sozialarbeiter
zu betrachten. Die Amerikaner sind nicht in der
klassischen isolationistischen Stimmung wie in den
zwanziger Jahren - sie wollen in der Welt engagiert
sein. Die Idee, zur Verankerung der Demokratie in
anderen Ländern beizutragen, hat moralische Anziehungskraft, und - falls dies als zu hochherzig angesehen wird - muß man auch einem äußerst wichtigen
amerikanischen Wirtschaftsinteresse gerecht werden,
indem man auf neueröffnete Märkte geht. Zum
Aufgabengebiet von USIA gehört es nicht, Öffentlichkeitsarbeit unter der amerikanischen Bevölkerung zu
leisten, aber wir können und sollten das amerikanische Volk in die Vermittlung der amerikanischen
Interessen und Werte an andere einbeziehen.
Öffentlichkeitsarbeit in diesem demokratischen
Zeitalter ist das Bestreben zur Förderung der Interessen der Vereinigten Staaten durch Einflußnahme
auf die öffentliche Meinung im Ausland. Es gibt drei
Wege, mit denen wir bei USIA dies tun können:
Bildungsaustausch, Rundfunk- und Fernsehsendungen sowie die Arbeit unserer Vertreter für öffentliche
Angelegenheiten, Information und Kultur auf ihren
Posten im Ausland.
Der am wenigsten verstandene, aber wertvollste
dieser drei Aspekte ist die Arbeit der USIA-Vertreter
vor Ort im Ausland. Sie sind die Kämpfer für unsere
Außenpolitik. Sie beobachten genau, wie die ausländische Öffentlichkeit auf Themenkomplexe reagiert. Sie engagieren die Presse, Dozenten und
Meinungsbildner. Sie sind uns bei der Gestaltung
unserer Austauschprogramme, Sendungen und
unserer Meinungsforschung behilflich. Heute sind sie
einer Wache vergleichbar, die die interessanteren

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�Aspekte der Welt von heute verfolgt: Die Rebellion
gegen Globalismus. Wie der französische Schriftsteller Regis Debray kürzlich in The New Crlterion
erläuterte: "... der freiere Informationsfluß erzeugt
kulturelles Selbstbewußtsein. Unser Weltdorf ist
gleichermaßen globaler und chauvinistischer. Das
eine bedingt das andere. Aus diesem Grund erleben wir ein Zeitalter des Nationalismus, Separatismus, Irredentismus und des Stammeswesens...
Auferzwungener Globalismus löst vorsätzlichen
Partikularismus aus...".
Unsere Austauschprogramme sind weitverbreitet,
obwohl wir besorgt sind, daß falsche Volkswirtschaften und der Druck auf kurzfristige Ergebnisse bei
allen außenpolitischen Aktivitäten sie schwächen
könnten. Die durch Austauschprogramme gesammelten Erfahrungen haben sich als unser kosteneffektivstes Mittel erwiesen, um potentielle Führungskräfte von einer unvoreingenommenen und sogar
positiven Sichtweise der Vereinigten Staaten zu
überzeugen. Bedenken Sie, daß sowohl F.W. de
Klerk als auch Thabo Mbecki, ehemaliger Präsident
und Stellvertretender ANC-Präsident von Südafrika,
bei Austauschprogrammen in den Vereinigten
Staaten formale Ausbildung erhielten. Oder die
bemerkenswerte Anzahl hochrangiger Vertreter in
der Regierung Salinas in Mexiko, die ihre Modernisierungsideen für die Volkswirtschaft während ihres
Studienaufenthalts in den Vereinigten Staaten
entwickelten.

Wir haben in jüngster Zeit auch gelernt, wie wichtig
Rundfunk- und Fernsehsendungen im Ausland für die
Menschen sind, die um die Bekräftigung der Demokratie in ihren Ländern kämpfen. In Krisen - wie bei
dem Putschversuch in Rußland - waren unsere
Sendungen eine entscheidende Informationsquelle für
die im russischen Weißen Haus belagerten Demokraten. Unsere Sender sind noch immer ein Bezugspunkt für die neuen unabhängigen Medien in Osteuropa oder Südafrika. Wir erhalten endlich Anerkennung für die beeindruckende Zuhörerschaft von
Radio Marti in Kuba und den Wert von Sendungen in
China. Wir leisten bemerkenswerte Ausbildungsarbeit für Rundfunk- und Fernsehleute aus den
Entwicklungsländern und der postkommunistischen
Welt.
Ein demokratisches Zeitalter produziert großen
Hunger nach Informationen, und neue Technologien
sind auf dem Vormarsch, dank deren die Sendungen
zu noch geringeren Kosten umfassender werden.
Interaktive, digitale, direkte Bild- und Tonsendungen
und die Entwicklung des multimedialen Internet sind
äußerst vielversprechend für unsere Sendungen und
Kabelfernsehübertragungen bei USIA.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Öffentlichkeitsarbeit ein Aspekt unserer Bestrebungen bei
auswärtigen Angelegenheiten zu sein scheint, der mit
einem klaren Auftrag und einer im wesentlichen
soliden Struktur das Zeitalter nach dem Kalten Krieg
beginnt. Unsere Aufgabe ist zu ermöglichen, daß
man an das 21. Jahrhundert als Demokratisches
Jahrhundert denken kann, so wie einige das 20.
Jahrhundert einmal als Amerikanisches Jahrhundert
bezeichnet haben.

*

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*

Seite 3

�AIDS
22. Juni 1994

FRAUEN UND AIDS
von Jennifer Sutton
WASHINGTON - (AD) - Zu einer Zeit, in der jeder achte AIDS-Patient weiblichen Geschlechts ist - eine
beträchtliche Erhöhung im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert - konzentrieren sich mehrere Gruppen von
Forschern in den Vereinigten Staaten insbesondere auf die Auswirkungen der Pandemie auf Frauen und die
nur ihnen zugänglichen Präventionsmöglichkeiten.
Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels ist Redaktionsassistentin von Brown Alumni Monthly.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Brown Alumni Monthly.

1986 wurde Donna Keegan clean. Sie überwand
ihre Alkoholabhängigkeit, die in ihrer Teenagerzeit
begonnen hatte sowie einen zwölf Jahre währenden
Drogenkonsum, der ihre Welt ins Wanken brachte,
als sie zwischen 20 und 30 war. Die Zeit nach
ihrem 30. Lebensjahr würde - so hoffte sie - glücklicher verlaufen.
Die jetzt 38jährige Keegan hat zu Frieden und
Selbstvertrauen gefunden.
Sie hat eine enge
Beziehung zu ihrer 15jährigen Tochter, und vor zwei
Jahren verliebte sie sich und heiratete erstmals. Die
große kräftige Frau mit den rosigen Wangen, der
modischen blonden Frisur und dem entschiedenen,
selbstbewußten Auftreten sieht aus wie das blühende Leben. Sie spricht schnell und ihre blauen
Augen sprühen, als sie ihre Lebensgeschichte
erzählt.
Eines der jüngsten Kapitel handelt von Keegans
Kampf um angemessene Gesundheitsfürsorge
angesichts einer entsetzlichen Krankheit. Nachdem
sie sich einer Entgiftungskur unterzogen, ihr Leben
wieder in die Hand genommen, erneut die Schule
besucht und einen neuen Arbeitsplatz gefunden
hatte, bekam Keegan eine hartnäckige Pilzinfektion.
Medikamente zur Pilzbekämpfung halfen eine
Zeitlang, aber sobald Keegan eine der vielen verschriebenen Behandlungen beendet hatte, bekam
sie die Infektion erneut. Im Verlauf der nächsten
Jahre litt sie unter weiteren chronischen Krankheiten,
einschließlich einer Nebenhöhleninfektion, Soor (eine
orale Pilzinfektion bei Neugeborenen), Hautausschlägen, Neuropathie (ein Nervenleiden an Händen
und Füßen) sowie Gelenkentzündungen. Ende 1988
wies ein Abstrich auf eine Cervixdysplasie hin, die

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sich innerhalb von fünf Monaten zu Krebs entwickelte
und eine operative Entfernung der Gebärmutter
erforderlich machte.
Obwohl bekannt war, daß Keegan früher drogenabhängig war und ungeschützten Geschlechtsverkehr
hatte, testeten die Ärzte ihres Gesundheitsamtes sie
nicht auf das Immunschwächevirus HIV (Human
Immunodeficiency Virus), das AIDS verursacht. Sie
untersuchten Keegan mehrmals - mit negativem
Ergebnis - wegen Verdacht auf Lupus und behandelten wiederholt ihre Pilzerkrankungen, ohne nach der
Ursache zu forschen. Als Keegan die naheliegende
Frage stellte, warum sie ständig krank sei, versicherten sie ihr, daß es nichts Gravierendes sei.
"Ich war ständig in Arztpraxen, aber die Ärzte hatten
keine Ahnung davon, daß mein Leiden Warnzeichen
einer HIV-Infektion war", erklärte Keegan. "Sie
behandelten mich wie Abschaum. Immer wenn ich
eine Frage stellte, die sie nicht beantworten konnten,
wurden sie sehr distanziert. Schließlich entwickelte
ich eine Abscheu gegen Arztbesuche, denn nach
jedem Besuch fühlte ich mich schlechter als vorher,
wie ein schlechter Patient."
Schließlich vermutete Keegan selbst die richtige
Diagnose. Im Herbst 1990 ging sie in Boston zu
einer Einrichtung für anonyme AIDS-Tests, und das
Ergebnis war in großer roter Schrift auf ein Blatt
Papier gestempelt: positiv.
Da Keegan während ihrer Alkohol- und Drogenabhängigkeit so viele Risiken eingegangen war,
wußte sie nicht, wann und wie das Virus in ihren
Körper gelangt war. Es können unsaubere Spritzen

Seite 1

�oder ungeschützter Geschlechtsverkehr gewesen
sein oder Bluttransfusionen während ihrer zahlreichen Operationen, bevor die medizinischen Einrichtungen Mitte der achtziger Jahre die Kontrolle
der Blutkonserven begannen.
Ungeachtet dessen, wie Keegan sich HlV-infizierte,
ist sie der Ansicht, daß es mindestens vier Jahre
unentdeckt in ihrem Körper schlummerte. Unglücklicherweise ist ihre Erfahrung typisch für HIV-Trägerinnen. Das Virus hat auf Frauen andere Auswirkungen als auf Männer und manifestiert sich oft in
gynäkologischen Erkrankungen. Obwohl Keegan ein
Schulbeispiel war - chronische Pilzinfektionen, Soor,
Gebärmutterhalskrebs - wird das Lehrbuch erst jetzt
geschrieben. Es wird noch relativ wenig Forschung
über die Auswirkungen von AIDS auf Frauen betrieben, wenn man diese mit der Forschung an Homosexuellen und intravenös Drogen spritzenden Männern vergleicht, und nur wenige Ärzte sind in der
Lage, bei Frauen die ersten Symptome zu erkennen.
Erst im Januar 1993 setzten die Zentren für Seuchenkontrolle und -Verhütung (Centers for Disease
Control and Prevention - CDC) invasiven Gebärmutterhalskrebs auf die offizielle Liste der US-Regierung
von AIDS-typischen Krankheiten.
Nach erfolgter Diagnose hätte Keegan vielleicht
erwarten können, daß sich ihre Behandlung verbessern würde. Als sie jedoch auf ihrem Gesundheitsamt eine Überweisung zur psychologischen Behandlung anforderte, fragte ihr Arzt sie, warum sie meine,
eine Beratung zu benötigen. Als sie sich entschloß,
den Arzt zu wechseln, warnte ihr neuer Arzt sie, er
"wolle nicht als der AIDS-Doktor bekannt werden".
Aus Sorge über die mangelnde Sensibilität der
Gesundheitsbehörde brachten ein Priester und der
ihre AIDS-Beratungsgruppe leitende Sozialarbeiter
sie in Kontakt mit Dr. Charles Carpenter, einem
Professor für Medizin an der Brown University in
Providence (Rhode Island). "Ich hatte schreckliche
Angst", erinnert sich Keegan. "Dies war mein dritter
Arzt, und sollte es dieses Mal nicht klappen, würde
ich mich wirklich wie ein schlechter Patient fühlen."
Im Dezember 1990 ging Keegan zu Carpenter. "Ich
versuchte ihm zu erklären, wie ich mich fühlte und
was geschehen war. Und er hörte mir geduldig zu."
"In den meisten Landesteilen entdecken die Frauen
erst in einem späteren Stadium der Krankheit, daß
sie HIV-positiv sind", erklärt Carpenter in seinem
Büro im Miriam Hospital von Providence, wo er
Chefarzt ist. "Dann kann ihnen meistens schon nicht
mehr viel geholfen werden."

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Carpenter ist ein über 1,80 Meter großer, eckiger
Mann im weißen Arztkittel. Seine Stimme macht ihn
weicher: leise und tief mit der Spur eines Südstaatenakzents. Carpenter, der vor der Entdeckung des
HI-Virus Anfang der achtziger Jahre ein renommierter
Fachmann für Cholera-Erkrankungen war, kam 1986
von der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) nach Brown. Davor war er an der Johns
Hopkins University in Baltimore (Maryland) tätig.
Jetzt teilt er seine Zeit auf zwischen seinen Patienten
in der AIDS-Klinik des Miriam Hospital, Vortragsreisen
im ganzen Land, oft in die Bundeshauptstadt Washington, wo er Vorsitzender des Beratungskomitees für
das AIDS-Programm des Nationalen Gesundheitsdienstes (National Institutes of Health - NIS) der
Vereinigten Staaten ist, und der Überwachung von
HIV-Forschungsprojekten im Rahmen des AIDSProgramms der Brown University (Brown University
AIDS Program - BRUNAP), zu dessen Direktorium er
gehört.
BRUNAP wurde von Dr. Kenneth Mayer, einem
außerordentlichen Professor für Medizin, ins Leben
gerufen. Der für ansteckende Krankheiten im Memorial Hospital im nahegelegenen Pawtucket verantwortliche Arzt, der auch Vorstandsmitglied der amerikanischen Stiftung für AIDS-Forschung ist, begann seine
medizinische Karriere in Boston gerade zu dem
Zeitpunkt, als das HI-Virus homosexuelle Männer
befiel. Mayer kam 1983 an die Brown University und
gründete 1988 das AIDS-Programm, um die medizinische Fakultät, die sich auf dem Campus mit HIV und
AIDS befaßte, mit den acht der Brown University
angehörenden Krankenhäusern zu verbinden. Dieser
interdisziplinäre Ansatz ermöglichte dem Programm
eine Kombination des Fachwissens von Forschern,
Psychiatern, Gynäkologen, Kinderärzten, Internisten
und anderen. "AIDS ist ein perfektes Beispiel dafür,
wie Brown am besten arbeitet", erklärt Mayer. "Alle
werden einbezogen. Das Ganze ist stärker als die
Summe der Einzelteile."
BRUNAP ist eine von landesweit etwa einer Handvoll
Forschungsgruppen, die sich mit HlV-infizierten und
an AIDS erkrankten Frauen befassen. Von den unter
der Schirmherrschaft von BRUNAP durchgeführten
gemeinsamen Programmen ist das derzeit größte die
epidemiologische Forschungsstudie zu HIV (HIV
Epidemiology Research Study - HERS), eine Untersuchung des natürlichen Verlaufs von HIV-Infektionen
und AIDS bei mehreren hundert Frauen in Rhode
Island und dem Südosten von Massachusetts. Die
von den Zentren für Seuchenbekämpfung und -Verhütung sowie dem Nationalen Gesundheitsdienst
finanzierte Forschung an der Brown University und
drei anderen Forschungszentren führte zur ersten
Studie ihrer Art, die sich ausschließlich mit Frauen
befaßt.

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�Für Donna Keegan ist solche Forschung längst
überfällig. Während der ersten Jahre, in denen sich
die Epidemie in den Vereinigten Staaten ausbreitete,
war das Verhältnis zwischen an AIDS erkrankten
Männern und Frauen 20 zu 1. Inzwischen beträgt
es 7 zu 1, und in den armen Stadtteilen, im ländlichen Süden und unter Teenagern beträgt es fast 1
zu 1. Dokumenten des amerikanischen Gesundheitsministeriums zufolge kam vor 1987 eine an
AIDS erkrankte Frau auf neun Männer, 1992 war
das Verhältnis 1 zu 3.
Viele dieser Frauen stecken sich durch den Drogenkonsum mit dem HI-Virus an, aber immer mehr
werden von ihren männlichen Sexualpartnern Ehemännern, Freunden, Freiern angesteckt, die sich
Drogen injizierten oder es noch tun. Die Statistiken
sind erschreckend. Vor 1988 waren 22 Prozent der
AIDS-Infektionen unter von den Ärzten der Brown
University überwachten Frauen in Rhode Island und
dem südöstlichen Massachusetts auf heterosexuelle
Übertragung zurückzuführen; seit 1991 sind es 75
Prozent. Mayer prognostiziert, daß die Mehrheit
aller neuen örtlichen Fälle von HIV-Infektionen im
kommenden Jahr auf sexuelle Aktivitäten zwischen
Männern und Frauen zurückzuführen sein wird. Man
kann nicht genau sagen, wieviele Frauen in der
Region mit dem HI-Virus infiziert sind, Carpenter
schätzt jedoch, daß die Ärzte der Brown University
neunzig Prozent behandeln. Die meisten von ihnen
sind arm.

Da die Bevölkerung von Rhode Island überwiegend
aus Weißen besteht, behandeln die Ärzte der Brown
University einen kleineren Anteil von Minderheiten
angehörenden Frauen als die meisten städtischen
Kliniken und Krankenhäuser, wo drei Viertel der
Patienten Minderheiten, vorwiegend aus Afrika und
Lateinamerika, angehören. Die Angehörigen von
Minderheiten im Südosten von Neuengland infizieren
sich zu einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz mit dem Virus: Sie machen ein Zehntel der
Bevölkerung aus, jedoch ein Drittel der HlV-Infizierten.
HlV-infizierte Frauen haben nicht unbedingt häufig
wechselnden Geschlechtsverkehr. Die Patienten
Carpenters, die sich das Virus durch heterosexuellen
Geschlechtsverkehrzuzogen, "rangieren von Universitätsprofessorinnen und Geschäftsfrauen bis zu
sozialhilfeabhängigen Frauen", erklärt er.
"Sie
hatten einfach zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit eine Beziehung zu einem HlV-infizierten Mann."
Die an der HERS-Studie teilnehmenden Frauen, die
sich das Virus durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr zuzogen, hatten in den vergangenen zehn
Jahren im Durchschnitt zwei Sexualpartner.

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Angesichts eines solch gemäßigten Sexuallebens
wissen mit dem HI-Virus infizierte Frauen oftmals
nicht, daß sie gefährdet waren und sehen daher
keinen Grund, einen Test zu machen. Einige mögen
sich der gefährlichen Gewohnheiten ihres Partners
bewußt gewesen sein, aber die Angst vor HIV und
seiner Auswirkungen auf die Familie hielten sie davon
ab, sich einem Test zu unterziehen. Oder sie verließen sich, wie Donna Keegan, auf Ärzte, die so
wenig über die Auswirkungen des Virus auf Frauen
wissen, daß sie keine frühzeitige Diagnose stellen
können.
Beckenentzündungen und wiederkehrende Scheideninfektionen sind mögliche Symptome von HIV, und
die BRUNAP-Gynäkologin Susan Cu-Uvin vom
Miriam Hospital fand heraus, daß bei HlV-infizierten
Frauen die Wahrscheinlichkeit abnormer Abstriche die ein Hinweis auf Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium sein können - dreimal so groß ist wie bei
ihren Geschlechtsgenossinnen, die nicht Virusträgerin
sind. Als AIDS und HIV erstmals von den Zentren für
Seuchenbekämpfung definiert wurden, war die
Krankheit erst bei wenigen Frauen ausgebrochen,
und die offizielle Angabe von Symptomen basierte
auf dem männlichen Immunsystem.
Bevor die
Zentren für Seuchenbekämpfung im Januar 1993 ihre
Definition auf den neuesten Stand brachten, wurde
ein unter dem Kaposi-Sarkom leidender homosexueller Mann als AIDS-Infizierter verzeichnet, eine Frau
wie Donna Keegan, die unter Gebärmutterhalskrebs
und jahrelangen Unterleibserkrankungen litt jedoch
nicht.
Die Epidemiologin Sally Zierler, außerordentliche
Professorin an der medizinischen Fakultät der Brown
University, stellt fest:
"Alle Fragen über die von
Frauen gemachten Erfahrungen mit dem HI-Virus
werden vor dem Hintergrund der männlichen Erfahrung gestellt. Dies setzt voraus, daß es nichts
außerhalb der Erfahrungswelt des Mannes gibt, was
einfach nicht stimmt." Zierler, die auch dem Direktorium des AIDS-Programms der Brown University
angehört, meint nicht nur die medizinischen Symptome. Es gibt eine Welt sozialen Drucks, der
Frauen für das Virus und seine Nachwirkungen
besonders anfälllig macht, von denen Männer - falls
überhaupt - nur selten betroffen sind.
Die meisten Kulturen gestehen Männern mehr
sexuelle Freiheiten zu als Frauen. Wenn ein Junge
als Teenager mit mehreren Partnern Geschlechtsverkehr hat, wird er für einen Macho gehalten, während
ein Mädchen wahrscheinlich als Nutte gebrandmarkt
würde. Von Frauen wird erwartet, daß sie sich "gut"
benehmen, ihre Sexualität verstecken. Aber selbst
eine monogame Frau ist nicht sicher vor dem HIVirus. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit, sich

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�durch heterosexuellen Kontakt mit dem Virus zu
infizieren, dreimal so hoch wie bei Männern, aber
Frauen müssen sich zur Verhütung einer Anstekkung auf Kondome verlassen - und auf die Bereitschaft des Partners zu ihrer Benutzung. Wenn der
Mann eine heterosexuelle Beziehung dominiert,
fürchtet die Frau vielleicht, daß er Gewalt anwendet
oder sie verläßt, wenn sie auch nur den Vorschlag
zum Schutz vor dem HI-Virus macht. Das gilt
insbesondere für Frauen, die mißbraucht wurden.
"Einer Frau zu sagen, sie solle auf der Verwendung
eines Präservativs bestehen, ist im besten Fall
sinnlos, bisweilen jedoch auch gefährlich", so Zierler.
"Man versteht nicht, was für eine harte Probe das für
sie ist. Es dreht sich alles um die Machtfrage.
Wenn sie sagt, sie wünsche die Verwendung eines
Kondoms, läßt das die Schlußfolgerung zu, sie
ergreife die Kontrolle, was sie eigentlich nicht tun
sollte. Sie legt damit dem Mann eine Beschränkung
auf und äußert sich zu seinem Verhalten. Wenn
man das so interpretiert, daß sie die Entscheidungen
trifft, verletzt sie die Spielregeln."
Die Forscher an der Brown University und im ganzen Land sind der einhelligen Ansicht, daß Frauen
neben Kondomen andere Optionen benötigen. Bei
der internationalen AIDS-Konferenz, die im Sommer
1993 in Berlin stattfand, gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekannt, die Suche nach einer
von Frauen kontrollierten Methode zur Eindämmung
des HI-Virus stehe an oberster Stelle ihrer Prioritätenliste.
Leider sind einige Frauen der Ansicht, ihr Leben sei
es nicht wert, gerettet zu werden. Viele HlV-infizierte Frauen mußten mit verbaler, körperlicher und
sexueller Mißhandlung leben, mit instabilen Beziehungen, Drogen, Alkohol und bisweilen Prostitution.
"Ihr Selbstwertgefühl ist gleich Null", stellt Dr. Robert
Boland fest, der Lehrbeauftragter für Psychiatrie ist
und im Miriam Hospital HlV-Infizierte und AIDSPatienten berät. "Sie hatten sehr viel Pech in ihrem
Leben, und HIV ist nur ein weiteres Übel, mit dem
sie fertigwerden müssen."

In einer 1991 veröffentlichten Studie kam Zierler zu
dem Schluß, Frauen, die in ihrer Kindheit mißbraucht
wurden, neigten eher dazu, sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und Drogenkonsum der
Gefahr einer HIV-Infektion auszusetzen als Frauen,
die nie mißbraucht wurden. Sie "entfernen" sich von
ihren Körpern, um mit dem Mißbrauch umgehen zu
können, so Zierler, und es ist für sie schmerzlich zu
lernen, daß ihr Körper Pflege und Aufmerksamkeit
benötigt. Unter Mißbrauch leidende Frauen werden
auch von der Gesellschaft dazu gebracht zu denken,
alles sei ihre eigene Schuld - einschließlich des

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Virus. Boland erklärt: "Homosexuelle Männer haben
generell die Einstellung: 'Warum gerade ich? Womit
habe ich das verdient?' Sie ärgern sich. Frauen
wiederum haben allzuoft das Gefühl, sie hätten das
verdient. Ihnen wurde beigebracht, sie seien schlecht
und hätten den Tod verdient."
Frauen haben jedoch Kinder, für die gesorgt werden
muß. Mehr als 90 Prozent der Patientinnen, um die
sich die Ärzte der Brown University kümmern, haben
Kinder, von denen die meisten nicht mit dem Virus
infiziert sind. Diese Mutterpflichten schaffen einen
enormen Unterschied zwischen Männern und Frauen
beim Umgang mit HIV: "Das Leben der Frauen kreist
um ihre Kinder, bei Männern ist das nicht der Fall",
so Theresa Fiore, Krankenschwester im Miriam
Hospital, die in der AIDS-Klinik arbeitet. "Wenn eine
Mutter niemanden findet, der auf ihre Kinder aufpaßt,
oder sie sich keinen Babysitter leisten kann, wird sie
nicht in eine Klinik oder Beratungsgruppe gehen."
Carpenter stimmt zu, daß dies das größte Hindernis
bei der Versorgung HlV-infizierter Frauen in den
Vereinigten Staaten sei. "Die Sorge um die Kinder
hat Vorrang vor der Sorge um die eigene Person."
Da BRUNAP HIV-positive Frauen als Familieneinheit,
nicht als Einzelpatient behandelt, bemühen sich Ärzte
und Krankenschwestern, Informationen über Kinderbetreuung, Kinderärzte, kostenlose Beförderung und
Sozialdienste zu erhalten. Dr. Peter Smith, medizinischer Lehrbeauftragter und Direktor des Zentrums für
Hämatologie sowie des AIDS-Programms für Kinder
im Rhode Island Hospital, behandelt HlV-infizierte
Mütter und Kinder. Mitte der achtziger Jahre war er
Mitbegründer des FACTS House (Familiy AIDS
Center for Treatment and Support), das kurzfristige
Unterbringung, Kinderbetreuung und medizinische
Versorgung anbietet. Dr. Kevin Vigilante, Lehrbeauftragter an der medizinischen Fakultät und Arzt am
Miriam Hospital, erhielt kürzlich Gelder für die Inbetriebnahme einer ambulanten Klinik in Providence, die
sich um HIV-negative, gerade aus dem Gefängnis
entlassene Frauen kümmern soll. Die kostenlose
medizinische Versorgung der Frauen und ihrer Kinder
sowie soziale Leistungen werden sie von Drogen und
Prostitution und damit letztlich von HIV fernhalten,
hofft er.
Wenn sich eine Frau jedoch mit dem Virus infiziert,
was geschieht dann mit ihren Kindern? Als Donna
Keegan entdeckte, daß sie Virusträgerin ist, galt ihr
erster Gedanke ihrem Kind, nicht der eigenen Person. "Mir schoß sofort durch den Kopf, 'Oh Gott, ich
werde nicht erleben, wie meine Tochter ihr Abitur
macht'", erinnert sie sich. "Erst danach dachte ich,
'Oh Gott, ich werde sterben'".

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�"Meines Erachtens gehen Frauen damit um wie mit
Brustkrebs", meint Carpenter. "Wenn eine Frau, die
Kinder hat, Brustkrebs bekommt, macht sie alle
möglichen Therapien mit, um ihre Kinder durchs
College zu bringen."
Manche Frauen leben jedoch nicht mehr so lange.
In einem 1992 verfaßten Artikel für Scientific
American bezeichneten Carpenter und Mayer AIDS
als "Großmutter-Krankheit", weil in Afrika die an
AIDS sterbenden Frauen oft darauf angewiesen
sind, daß ihre Mütter die Waisen aufziehen. In den
Vereinigten Staaten sind die Großmütter oft nicht
verfügbar, da weniger Großfamilien eng zusammen
wohnen und viele Familien ein HlV-infiziertes oder
an AIDS erkranktes Mitglied ausgrenzen. Marianne
(Name geändert), eine Patientin von Dr. Carpeter,
die sich vor acht Jahren mit dem HI-Virus infizierte,
erzählt, ihre Mutter hätte sie die Treppe hinuntergestoßen und enterbt, als sie ihr von ihrer HIV-Infektion
erzählte. Mariannes Tochter ist 20 Jahre alt, hat ein
Baby und ist unabhängig, ihr 15jähriger Sohn geht
jedoch noch zur Schule und hat keine anderen
Verwandten, die sich um ihn kümmern könnten.
Marianne weiß nicht, was aus ihm werden soll, wenn
sie stirbt. "In diesem Alter ist es für ein Kind so
wichtig, eine Mutter zu haben", äußert sie. "Ich wäre
gerne sicher, daß sich jemand um ihn kümmert, aber
das kann nicht ich sein."

Frauen könnten sich ihrer Krankheit verweigern. Eine
Schwangerschaft könnte ihren Optimismus widerspiegeln. HIV oder nicht HIV - Kinder spielen bisweilen eine Rolle dabei, eine Beziehung realer zu
gestalten, und HlV-Infizierte haben das gleiche
Bedürfnis wie jeder andere Mensch, sich auf der Welt
nicht alleine zu fühlen. Zweifelsohne wollen wir den
von uns behandelten Menschen nicht ihre Menschlichkeit nehmen, wir wollen lediglich, daß sie sich der
Implikationen bewußt sind."
Bis vor kurzem nahm eine Schwangerschaft einer
Frau die Berechtigung auf viele Behandlungen mit
AIDS-Medikamenten und anderen Arzneimitteln,
vorwiegend weil die Pharmahersteller sich vor einen
Prozeß fürchteten, falls ihr Produkt Geburtsfehler
verursachen sollte. Obwohl die Ärzte der Brown
University diese Ansicht verstehen, stellen sie sicher,
daß ihre medikamentöse Behandlung allen offensteht.
"Frauen sollten nicht wegen ihrer Schwangerschaft
bestraft werden", insistiert Cu-Uvin.

Trotz der Tatsache, daß viele HlV-infizierte Frauen

"Unsere oberste Pflicht als Mediziner besteht darin,
das Leben der Frau zu schützen, und sie hat das
Recht auf die Entscheidung, ob sie Medikamente
gegen das HI-Virus nehmen will. Unsere Verantwortung besteht darin, ihr möglichst viel Information zur
Verfügung zu stellen, damit sie auf dieser Grundlage
eine bewußte Entscheidung treffen kann. Darum
geht es uns. Den Pharmaunternehmen geht es nur
um den Schutz ihrer eigenen Interessen", so Mayer.

ihre Kinder nicht mehr aufwachsen sehen, möchten
einige gerne schwanger werden. Ein Viertel der von
den BRUNAP-Ärzten behandelten Patientinnen
gaben an, sie würden eine Schwangerschaft auf sich
nehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß ihr Baby
HIV-positiv auf die Welt kommen würde. "Das
überrascht mich nicht, denn wir alle wissen, daß der
Wunsch nach Kindern, nach Familie groß ist", so
Mayer. "Es unterstreicht jedoch, warum es für uns
so schwierig sein wird, diese Epidemie unter Kontrolle zu bringen." Die Statistiken variieren, es
kommen jedoch zwischen einem Sechstel und einem
Drittel aller Babys HIV-positiver Mütter infiziert auf
die Welt. Dr. Gail Skowron, medizinischer Lehrbeauftragter und Experte für ansteckende Krankheiten am Roger Williams Medical Center in Providence
erforscht, warum das Virus von einigen Müttern an
ihre Babys weitergegeben wird und von anderen
nicht, und zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft oder Geburt die Weitergabe erfolgt. "Wir
haben es noch nicht herausgefunden, und ich weiß
nicht, ob wir die Antwort bald haben werden", warnt
sie.

Diese Art von engstirnigem Denken will Donna
Keegan verändern. Sie hat ihre tödliche Krankheit
zum Anlaß genommen, einen Kreuzzug gegen
Ignoranz und Diskriminierung zu führen und wandelte
ihr Elend in Aktivität um. Ihr Terminkalender strotzt
von Zusammenkünften und Verpflichtungen. Sie
besucht High Schools und hält Vorträge über das HIVirus, manchmal alleine, bisweilen in Begleitung von
am BRUNAP teilnehmenden Medizinstudenten.
Ferner vertritt sie die Stadt Massachusetts bei einem
AIDS-Beratungsausschuß des Gesundheitsministeriums und ist im Vorstand der gemeinnützigen AIDSAntidiskriminierungs-Initiative von Massachusetts. Im
Sommer reiste sie nach Washington, wo sie mit
Carpenter an einer Konferenz des nationalen Gesundheitsdienstes teilnahm und gegenüber den
Pharmaforschern die Einstellung des Konsumenten
vertrat. "In Wirklichkeit ist es selbstsüchtig", äußert
sie. "Die Menschen behaupten, es sei so toll, daß
wir das alles unternehmen. Meines Erachtens ist es
eine Art Selbstschutz. Ich weigere mich, mich wegen
etwas zu schämen, um das ich nicht gebeten habe."

Einigen Frauen scheint jedoch die Sache das Risiko
wert zu sein. "Ein Kind zu bekommen, kann etwas
sehr Lebensbejahendes sein", so Mayer. "Die

Keegan ist sich bewußt, daß sie zu denen gehört, die
Glück haben. Ihre Gesundheit ist noch stabil. Sie
nimmt Medikamente gegen das Virus, obwohl sie

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�nicht weiß welche, da sie Teil eines Forschungsprojekts sind. Sie kann mit den gelegentlichen
Kopfschmerzen, Hautausschlägen und Darmproblemen umgehen und bezeichnet sie als "nichts Gravierendes". Und sie spricht mit ihrer Tochter über die
Zukunft. "Während der ersten sechs Monate wollte

sie nicht über meine HIV-Infektion sprechen und mir
nicht einmal zuhören, wenn ich darüber redete", so
Keegan. "Wir sprechen jetzt über bizarre Dinge, etwa
wo ich beerdigt werde und was ich dabei tragen soll.
Es ist unheimlich und schmerzlich, aber es ist gesund. Es ist die Realität."

* * * * *

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