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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

19. Oktober 1994

41

USA-IRAK

WARNUNG DER USA AN DEN IRAK
Rede von Botschafterin Albright

KRIEGSVERBRECHEN

INTERNATIONALES TRIBUNAL FORDERT
AUSLIEFERUNG DES KRIEGSVERBRECHERS
Der Fall Dusan Tadic

LANDMINEN

VERBOT VON LANDMINEN GEFORDERT
Bericht der Vereinten Nationen

FULBRIGHT

AUSTAUSCHPROGRAMME ALS BESTANDTEIL
DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafterin Hunt

LITERATUR

ANNIE PROULX EIN AMERIKANISCHES ORIGINAL
von Alice Steinbach

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-IRAK
19. Oktober 1994

WARNUNG DER USA AN DEN IRAK
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, warnte den Irak am 15. Oktober 1994, ihr Land werde "alle angemessenen Maßnahmen
ergreifen", wenn der Irak seine Nachbarn bedroht oder sich weigert, seine Truppen von der irakischkuwaitischen Grenze abzuziehen.
Albright erklärte in ihrer Rede nach der einstimmigen Annahme einer Resolution durch den UN-Sicherheitsrat,
die den Abzug der irakischen Truppen fordert, sie wolle "diesem Rat versichern, daß meine Regierung im
Einklang mit den Resolutionen des Rates und mit Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen alle
angemessenen Maßnahmen ergreifen wird, falls sich der Irak nicht an die Bestimmungen dieser Resolution
hält."
(Artikel 51 betrifft das Recht auf Selbstverteidigung im Fall eines bewaffneten Angriffs.)
Der Sicherheitsrat führte aus, der Irak müsse alle Anfang dieses Monats in den Süden des Landes entsandten
militärischen Einheiten wieder zurück an ihre ursprünglichen Positionen bringen. Ferner darf der Irak diese
Einheiten nicht nochmals im Süden stationieren oder andere Schritte unternehmen, um in der Nähe von Kuwait
seine militärischen Fähigkeiten zu verbessern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Präsident, wir alle kennen die Warnung Santayanas, wer die Vergangenheit vergißt, ist dazu
verdammt, sie nochmals zu durchleben. Im vergangenen August vor vier Jahren war die Welt
Zeuge einer Reihe erschreckender Ereignisse: In
der irakischen Propaganda und öffentlichen Erklärungen wurde der Irak als Opfer einer internationalen Verschwörung dargestellt, Kuwait und insbesondere die führenden Politiker des Landes
wurden Opfer gehässiger Angriffe, Eliteeinheiten der
republikanischen Garde wurden in Sammelgebieten
an der Grenze zu Kuwait zusammengezogen,
logistische Komponenten dieser Einheiten wurden so
aktiviert, daß man keinen Drill vermutete. Am 2.
August 1990 überschritt die irakische Armee die
Grenze und fiel in Kuwait ein.
Anfang vergangener Woche veröffentlichte der
Revolutionäre Kommandorat des Irak eine kriegerische Erklärung, in der mit einem Ende der Zusammenarbeit mit der Sonderkommission der Vereinten
Nationen gedroht wird und Kuwait sowie die Mit-

AMERIKA DIENST 41

glieder des Sicherheitsrats beschuldigt werden, "so
viele Iraker wie möglich umbringen zu wollen".
Gleichzeitig bewegten sich die irakischen Republikanischen Garden, einschließlich vieler der bereits 1990
eingesetzten Einheiten, auf die kuwaitische Grenze
zu. In der vergangenen Woche wurden diese Einheiten an genau denselben Sammlungspunkten wie
1990 zusammengezogen. Ebenso wie 1990 waren
Munition, Kommunikationseinrichtungen und logistische Unterstützung integraler Bestandteil dieser
Mobilisierung.
Die Wachsamkeit des UN-Sicherheitsrats, effektive
Einsatzbereitschaft der Koalition und allzuoft erlebte
Unzuverlässigkeit des Irak stellten sicher, daß die von
Santayana ausgesprochene Warnung nicht auf diese
Kammer zutrifft: Wir sind entschlossen - und haben
auch dementsprechend gehandelt - sicherzustellen,
daß sich dieses Kapitel der Geschichte nicht wiederholt.

Seite 1

�Die Stationierung irakischer Truppen an der Grenze
zu Kuwait ist ein offenkundiger Versuch des Irak,
den UN-Sicherheitsrat so einzuschüchtern, daß er
über seine Bedingungen für eine Aufhebung des
Erdölembargos verhandelt. Der Sicherheitsrat läßt
sich durch diese Taktik nicht einschüchtern. Eine
solch provokative und dumme Handlung war nicht
notwendig. Wenn Saddam Hussein das unseres
Erachtens Erforderliche getan hätte - eine Befolgung
aller Resolutionen des Sicherheitsrats und Demonstration der "friedlichen Absichten" des Irak - wäre
diese Lockerung der Sanktionen mit der Zeit von
selbst erfolgt. Durch diese Aktion führte der Irak
jedoch selbst Rückschritte herbei. Kann irgend
jemand ernsthaft glauben machen, daß diese
Handlung typisch für eine Nation ist, die ihre friedlichen Absichten demonstrieren möchte? Würde
irgend jemand diese vom Irak gestellten Bedingungen gutheißen, wieder in die Gemeinschaft verantwortungsbewußter Nationen aufgenommen zu
werden?
Die größte Ironie an der Sache ist, daß diese Aktion
von manchen auf die Ungeduld des Irak angesichts
des Leidens seiner Bevölkerung zurückgeführt und
als Wunsch interpretiert wird, sich von dem Würgegriff der Sanktionen zu befreien. Die irakischen
Behörden verfügen jedoch über genug Geld, eine
der weltweit größten Armeen zu unterhalten und
über genug Geld, für miliärische Operationen zu
zahlen, sei es zur Unterdrückung der in den südlichen Sumpfgebieten lebenden Araber oder zur
Bedrohung Kuwaits. Es sollte jetzt allen klargeworden sein, daß die irakische Regierung die Verantwortung für das Leiden ihrer Bevölkerung trägt.
Die irakischen Truppen wurden erneut, wenn auch
auf doppeldeutige Weise, zusammengezogen - auf
eine Art, die stark dem doppelzüngigen Ansatz
ähnelt, den der Irak bei seinen diplomatischen
Antworten an die UNO in den vergangenen vier
Jahren wählte. Trotz der Behauptung, die irakischen
Truppen seien vollständig abgezogen worden, wurde
eine Division der Republikanischen Garde zum nur
eine Stunde von der kuwaitischen Grenze entfernten
Nasariyah verlegt. Wieder einmal scheint der Irak
nichts gelernt und alles vergessen zu haben. Und
Saddam Hussein scheint die Entschlossenheit dieser
Kammer im Zusammenhang mit der Bedrohung
Kuwaits testen zu wollen.
Aus diesem Grund ist die heute von uns angenommene Resolution so entscheidend. Die darin enthaltene Botschaft ist klar. Der Irak muß alle im Süden
des Landes stationierten Einheiten zu ihren ursprünglichen Standorten zurückverlegen. Er darf
keinerlei Aktionen zur Verbesserung seiner militärischen Fähigkeiten im südlichen Irak unternehmen.

Seite 2

Der Irak darf nie erneut sein Militär einsetzen, um
seine Nachbarn oder die UNO-Operationen im Irak zu
bedrohen. Ferner muß er mit der Sonderkommission
der Vereinten Nationen (UNSCOM) zusammenarbeiten. Da die irakische Regierung nicht glaubwürdig ist, muß sie an ihren Taten, nicht an ihren
Worten gemessen werden. Wir können nicht zulassen, daß die Androhung nicht provozierter Aggression
erneute Aggression hervorbringt.
Die Geschichte des Irak unter der Führung Saddam
Husseins ist eine lange Liste gebrochener Verpflichtungen. Hätten wir Saddam irgendwann beim Wort
genommen, er würde die ihm auferlegten Bedingungen einhalten, und in unserer Wachsamkeit nachgelassen, würden wir heute hier vielleicht eine andere
Art von Diskussionen führen, womöglich darüber, wie
eine zweite irakische Invasion in Kuwait verhindert
werden kann. Welches Motiv, Ziel und welchen
Anspruch Saddam auch gehabt haben mag - nur die
internationale politische und militärische Reaktion hat
diese feindliche Aktion im Keim erstickt.
Warum sollte es mehr als vier Jahre nach der irakischen Invasion in Kuwait so schwierig für den Irak
sein, Resolution 833 des Sicherheitsrats zu befolgen
und die kuwaitisch-irakische Grenze anzuerkennen?
Ich möchte Sie daran erinnern, daß der Irak 1991
zusagte, er akzeptiere Resolution 687 des Sicherheitsrats und erkenne die kuwaitischen Grenzen an.
Dennoch weigerte er sich in den vergangenen drei
Jahren konsequent, den Namen "Kuwait" auszusprechen, und bezeichnete das Land immer als "19.
Provinz" des Irak. Die Ereignisse der letzten Woche
lassen wohl keinen Zweifel daran, daß die irakischen
Versprechungen wertlos sind.
Aus diesem Grund überzeugt uns die jüngste Erklärung des Irak nicht, er sei bereit zur Anerkennung
der Souveränität und Grenzen Kuwaits. Wenn diese
Behauptung irgendeinen Wert haben soll, müssen ihr
eindeutige Taten folgen. Der Irak muß die Souveränität, territoriale Integrität und Grenzen Kuwaits auf
dieselbe Art und Weise anerkennen, auf die er der
Annexion Kuwaits Ausdruck verlieh: Mit einer vom
Revolutionären Kommandorat und dem irakischen
Parlament ratifizierten Erklärung, die im nationalen
Amtsblatt veröffentlicht und diesem Sicherheitsrat
offiziell übermittelt wird.
Wir möchten die Tatsachen klarstellen. Sprecher der
irakischen Regierung bemühen sich übereinstimmend, Wahrheit als Lüge und Lüge als Wahrheit zu
definieren. Sie werden keinen Erfolg haben. Wenn
der Irak eine Aufhebung der Sanktionen anstrebt,
kann er das durch die Befolgung der Resolutionen
des Sicherheitsrats erreichen. Wenn die führenden
irakischen Politiker sich Sorgen über das Elend des

AMERIKA DIENST 41

�irakischen Volkes machen, sollten sie sich der
existierenden humanitären Ausnahmeregelungen
bedienen und die Einschüchterungskampagne gegen
die Bevölkerung im Norden und Süden des Landes
einstellen. Sollte die Regierung in Bagdad der
Ansicht sein, unsere Wachsamkeit im Süden bedeute, wir würden militärische Bewegungen im Norden
des Landes nicht beachten, hat sie sich geirrt.
Diese einstimmige Abstimmung sollte eine deutliche
Botschaft sein.
Herr Präsident, der Irak sollte gewarnt sein und
wirklich verstehen, daß er die Unerschütteriichkeit,
Einigkeit und Entschlossenheit dieses Rates und der

internationalen Staatengemeinschaft nicht unterschätzen darf, weiteren Herausforderungen für
Frieden und Sicherheit in Kuwait, in der Region und
der Welt zu begegnen.
Abschließend möchte ich diesem Rat versichern, daß
meine Regierung alle angemessenen Maßnahmen
ergreifen wird, falls der Irak die Bestimmungen dieser
Resolution und die mit allen anderen relevanten
Resolutionen einhergehenden Verpflichtungen nicht
einhält.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * * * *

AMERIKA DIENST 41

Seite 3

�KRIEGSVERBRECHEN
19. Oktober 1994

INTERNATIONALES TRIBUNAL FORDERT
AUSLIEFERUNG DES KRIEGSVERBRECHERS
Der Fall Dusan Tadic
GENF - (AD) - Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien gab am 14.
Oktober bekannt, daß es bei der Bundesregierung
wahrscheinlich die Auslieferung eines derzeit in der
Bundesrepublik inhaftierten bosnischen Serben
beantragen wird, der Kriegsverbrechen begangen
haben soll.
Bei seiner ersten öffentlichen Anhörung am 4.
November 1994 wird das Tribunal entscheiden, ob
es die Bundesregierung um die Übertragung der
Zuständigkeit an das Tribunal im Falle von Dusan
Tadic ersucht.
Der diesbezügliche Antrag wird einer Pressemitteilung des Internationalen Kriegsverbrechertribunals
vom 14. Oktober 1994 zufolge vom Oberstaatsanwalt des Tribunals, Richter Richard Goldstone,
einer Kammer von drei Richtern vorgelegt.
Der Sprecher des Tribunals Christian Chartier
beschrieb Tadic als den möglicherweise "schlimmsten Fall" des Tribunals. Vorliegende Beweismittel
deuten darauf hin, daß Tadic "tief verstrickt" in die
brutale Kampagne der ethnischen Säuberung von
NichtSerben in der Region Prijedor nach der Besetzung des Gebiets durch die Serben ist, äußerte
Chartier in einem Telefoninterview aus Den Haag,
dem Sitz des Tribunals.
Tadic wurde jeden Tag in den berüchtigten, von den
Serben geführten Lagern in der Nähe von Prijedor
gesehen, und Augenzeugen berichten, sie hätten ihn
bei der Ermordung von mindestens 10 Gefangenen
beobachtet.
Manchmal in militärischer, manchmal in ziviler
Kleidung wurde Tadic dabei beobachtet, wie er
Nichtserben aus ihren Häusern in der Nähe von
Prijedor vertrieb, dem Gebiet, "in dem die ganze
Geschichte der ethnischen Säuberungen erstmals
der Welt vor Augen geführt wurde", so Chartier.
Nach seiner Festnahme im Februar 1994 in München befindet sich Tadic zur Zeit in Deutschland in

AMERIKA DIENST 41

Haft und ist Gegenstand andauernder Ermittlungen
durch die Bundesregierung und das Tribunal.
In seinem Antrag auf Übertragung der Zuständigkeit
an das Tribunal argumentiert der Staatsanwalt, die
Ermittlungen des Tribunals beinhalteten "zusätzliche,
angeblich von Tadic begangene Vergehen, die nicht
Bestandteil der Ermittlungen durch die Bundesregierung sind".
Der Staatsanwalt stellt ferner fest, daß seine eigenen
Ermittlungen "auch Aussagen zahlreicher zusätzlicher
Augenzeugen außerhalb Deutschlands" enthalten und
auf "potentielle Mittäter" verweisen könnten, die nicht
unter die deutsche Gerichtsbarkeit fallen.
Die von Dusan Tadic angeblich begangenen Taten
"wären eine klare Verdeutlichung des Plans für die
weitverbreitete und systematische Verfolgung der
Zivilbevölkerung in der Region (im allgemeinen als
'ethnische Säuberung' bezeichnet)", heißt es in dem
Antrag.
Der Staatsanwalt wird den Vorschlag unterbreiten,
jeder offizielle Antrag auf Übertragung der Zuständigkeit solle beinhalten, daß Deutschland Tadic weiterhin
in vorläufigem Gewahrsam hält", bis das Tribunal
einen Haftbefehl ausgestellt hat.
Wenn das Tribunal einen Haftbefehl für Tadic ausstellt, würde er in einen besonderen Zellentrakt des
Tribunals überstellt, der zur Zeit in einem holländischen Gefängnis eingerichtet wird. Chartier zufolge
können in dem Zellentrakt bis zu 25 Personen
gleichzeitig untergebracht werden.
Auf die Frage, wann der Prozeßtermin anberaumt sei,
erklärte Chartier, eine solche Vorhersage sei unmöglich. Er erläuterte, die andauernden Ermittlungen
gegen Tadic seien voraussichtlich langwierig und
gründlich, weil sie eine der brutalsten Episoden der
ethnischen Säuberungen zum Inhalt hätten und weil
andere Kriegsverbrecher von den Ergebnissen
betroffen sein könnten.

Seite 1

�Zusätzlich zu Deutschland sind in weiteren drei
Ländern - der Schweiz, Österreich und Dänemark vermeintliche Kriegsverbrecher in Haft, fügte Chartier
hinzu. Das Tribunal hat die Entscheidung getroffen,
einen derzeit vor einem dänischen Gericht verhandelten Fall nicht zu übernehmen, weil der Verdäch-

tigte nicht Gegenstand andauernder oder voraussichtlicher Ermittlungen des Tribunals ist.
Der Staatsanwalt hat noch keine Stellungnahme im
Hinblick auf die Fälle in Österreich und der Schweiz
vorgenommen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 41

�LANDMINEN
19. Oktober 1994

VERBOT VON LANDMINEN GEFORDERT
Bericht der Vereinten Nationen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der einzige Weg,
der zerstörerischen Kraft von über 110 Millionen, in
mehr als 64 Ländern verteilten, nicht explodierten
Landminen Einhalt zu gebieten, ist den Vereinten
Nationen zufolge ein Verbot dieser tödlichen Waffen.
In einem Anfang Oktober der UN-Generalversammlung vorgelegten Bericht wird festgestellt, "Landminen sind womöglich eine der am stärksten verbreiteten, tödlichsten, dauerhaftesten Arten von
Zerstörung, mit denen wir je konfrontiert wurden, und
wir kämpfen derzeit vergeblich um einen Schutz
unschuldiger Zivilisten vor ihren Auswirkungen".
"Selbst bei einer bedeutenden Verstärkung der
Bestrebungen zu ihrer Entschärfung und vorhersagbarer technologischer Fortschritte wird es unmöglich sein, das globale Problem der Landminen
zu lösen, wenn ihre Weiterverbreitung nicht gestoppt
wird", so der Bericht. "Die beste und effektivste
Methode hierzu ist das vollständige Verbot von
Herstellung, Einsatz und Verlegung aller Landminen.
Die Mitgliedstaaten werden gebeten, die Verhängung
eines solchen Verbots als dringliche Angelegenheit
zu erörtern."
Im vergangenen Jahr forderte die UN-Generalversammlung ein Moratorium für den Export von gegen
lebende Ziele gerichteten Landminen. Ferner bat sie
UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, einen
Bericht über diese Initiative vorzulegen und andere
Maßnahmen zu empfehlen, die zur Exportbeschränkung dieser Waffen ergriffen werden könnten.
Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den
Vereinten Nationen, Madeleine Albright, legte bei der
49. Generalversammlung die amerikanischen Prioritäten dar und erklärte: "Wir werden ein multilaterales Regime zur Kontrolle der Weiterverbreitung von
gegen lebende Ziele gerichteten Landminen fordern
sowie ein Moratorium über den Export dieser kostengünstigen aber tödlichen Waffen."

AMERIKA DIENST 41

Die Generalversammlung soll sich ab dem 25.
Oktober 1994 mit diesem Thema befassen.
Von allen Folgen eines Konflikts stellen Landminen
den Vereinten Nationen zufolge die am stärksten
verbreitete und bösartigste Gefahr dar. Zusätzlich zu
den schätzungsweise 110 Millionen bereits existierenden Minen werden jedes Jahr zwischen zwei und fünf
Millionen weiterer Landminen verlegt.
Die Minen haben noch lange Zeit nach Beendigung
des Konflikts tödliche Wirkung. Sie zielen darauf ab,
zu töten, zu verletzen, bewegungsunfähig zu machen,
in Kriegszeiten die Saat der Unsicherheit und des
Chaos zu säen und erfüllen ihre tödliche Mission so
lange, bis sie gefunden und entschärft werden. Sie

machen keinen Unterschied zwischen Soldaten und
Zivilisten, zwischen Panzern oder Traktoren, so der
Bericht der Vereinten Nationen.
Dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes
zufolge werden jeden Monat mehr als 800 Menschen
von Landminen getötet und Tausende weiterer
verstümmelt.
Landminen fordern nicht nur von den betroffenen
Staaten, sondern von der gesamten internationalen
Staatengemeinschaft einen enormen Tribut. Eine
Landmine, die ihrem Verkäufer drei Dollar einbringt,
verursacht der internationalen Staatengemeinschaft
Kosten zwischen 300 und 1.000 Dollar jährlich. Allein
die Entschärfung der derzeit 110 Millionen weltweit
vergrabenen Landminen würde ungefähr 33 Milliarden Dollar kosten.
1993 stellte die internationale Staatengemeinschaft
ungefähr 70 Millionen Dollar zur Entschärfung von
ungefähr 100.000 Landminen zur Verfügung. Während desselben Zeitraums wurden jedoch ungefähr
zwei Millionen neuer Minen verlegt, wodurch die
internationale Staatengemeinschaft jährlich ein
"Entschärfungsdefizit" sowie 1,4 Milliarden Dollar
weiterer Kosten hat.

Seite 1

�Schätzungen von Experten zufolge werden ungefähr
40 bis 50 Jahre benötigt, um die Minen zu beseitigen.
Dem Bericht der Vereinten Nationen zufolge enthalten diese Kosten nicht die Programme zur Behandlung von Minenopfern.
Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge verursacht jedes überlebende Opfer von Landminen
während seines Lebens Kosten von nahezu 3.000
Dollar für chirurgische Eingriffe und Prothesen unter
Einsatz von örtlich ausgebildetem Personal. Zur Zeit
beläuft sich die Zahl amputierter Minenopfer auf
ungefähr 250.000. Medizinische Versorgung und
weitere Unterstützung der Opfer könnten die internationale Staatengemeinschaft derzeit weitere 750
Millionen Dollar kosten, und es wird erwartet, daß
sich die Zahl der Opfer monatlich um ungefähr 800
erhöht.
"Dieses riesige humanitäre Problem", so der Bericht,
"kann nur durch die Einrichtung eines wirksamen
Kontrollregimes gelöst werden, das Produktion,
Einsatz und Verlegung aller Landminen strenge Beschränkungen auferlegt."
Der Bericht empfiehlt femer die Ausweitung des
Entschärfungsprogramms der Vereinten Nationen,
großzügige Finanzierung eines freiwilligen Treuhandfonds für Maßnahmen zur Beseitigung von Landminen und Hilfe für einzelne Länder bei der Entwicklung ihrer eigenen Minenräumprogramme.
1992 stellten die Vereinigten Staaten ein unilaterales
Moratorium für den Export von Minen auf. Die
Produktion in den Vereinigten Staaten ist jedoch
geringfügig. Trotz des internationalen Vertrags von
1980 über die Beschränkung des Einsatzes von
Landminen werden diese von 35 Ländern hergestellt

*

Seite 2

*

und exportiert. Führend sind dem Bericht zufolge
China, Rußland und Italien.
"Natürlich bin ich mir bewußt, daß ein einseitiges
Exportmoratorium einer Nation keine Lösung ist",
äußerte Senator Patrick Leahy 1993 vor der Generalversammlung. "Ziel des amerikanischen Moratoriums ist es, als Katalysator konzertierter internationaler Aktionen zur Beendigung dieses sinnlosen Gemetzels an Unschuldigen zu dienen."
Folgende Länder sind am stärksten von dem Problem
der Landminen betroffen: Afghanistan mit 9 bis 10
Millionen Minen, Angola mit 9 bis 15 Millionen, Irak
mit 5 bis 10 Millionen, Kuwait mit 5 Millionen, Kambodscha mit 8 bis 10 Millionen, westliche Sahara mit
1 bis 2 Millionen, Mosambik mit 1 bis 2 Millionen und
Somalia, Bosnien-Herzegowina und Kroatien mit je
einer Million.
Weitere betroffene Länder sind Armenien, Aserbaidschan, Kolumbien, El Salvador, Äthiopien, Georgien,
Guatemala, Honduras, Iran, Laos, Liberia, Myanmar,
Nicaragua, Peru, Ruanda, Sudan, Uganda, Vietnam
und Jemen. Australien und die Antarktis sind vielleicht die einzigen Länder ohne Minenfelder.
Die Konvention von 1980 über "Verbote oder Beschränkungen beim Einsatz bestimmter konventioneller Waffen mit außergewöhnlich verletzenden oder
wahllosen Auswirkungen" und ein damit in Verbindung stehendes Protokoll über den Einsatz von
Minen, versteckten Sprengladungen und anderer
Vorrichtungen traten im Dezember 1983 in Kraft. Sie
verbieten den Einsatz von Landminen gegen Zivilisten, den Abwurf von Minen durch Flugzeuge, falls
über die Abwurfstellen nicht Buch geführt wird und
fordern, daß über jegliche Verlegung von Minen
Protokoll geführt wird. Die Verträge wurden jedoch
nur von 36 Nationen ratifiziert.

*

*

AMERIKA DIENST 41

�FULBRIGHT
19. Oktober 1994

AUSTAUSCHPROGRAMME ALS BESTANDTEIL
DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafterin Hunt
WIEN - (AD) - In einer Rede vor der Fulbright Alumni Association erklärte die Botschafterin der Vereinigten
Staaten in Österreich, Swanee Hunt, Austauschprogramme auf den Gebieten Bildung und Kultur seien ein
ernsthaftes Anliegen und wichtiger Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik.
"Vieles hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges verändert. Die Ost und West trennende Mauer ist gefallen.
Anstelle von neuen Mauern zwischen den Nationen bauen wir Brücken, deren Seile und Stahlträger
Austauschprogramme wie das Fulbright-Programm sind."
Hunt zufolge können wir es uns "nicht länger leisten, Innen- und Außenpolitik voneinander zu trennen. Sie sind
die beiden Pfeiler, die diese Brücken tragen." Die Botschafterin ging anschließend auf viele Aspekte der Innenund Außenpolitik Präsident Clintons ein und beschrieb ihre Auswirkungen auf die amerikanisch-europäische
Partnerschaft.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Botschafterin Hunt.

Es ist mir eine Ehre, heute vor solch einer Gruppe
renommierter Intellektueller sprechen zu dürfen.
Das erinnert mich daran, was John F. Kennedy
einmal bei einem Abendessen im Weißen Haus zu
Ehren mehrerer Nobelpreisträger äußerte: "Meines
Erachtens handelt es sich heute um die außergewöhnlichste Vereinigung von Talent und menschlichem Wissen im Weißen Haus, vielleicht mit
Ausnahme der Zeit, als Thomas Jefferson hier allein
sein Abendessen einnahm."
Diese außergewöhnliche Ansammlung von Talent
und menschlichem Wissen heute abend ist durch ein
Band verknüpft - das Fulbright-Programm. Dieses
Austauschprogramm existiert seit nahezu 50 Jahren.
Es bestand während des gesamten Kalten Kriegs.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat sich viel
verändert.
Fulbright-Stipendiaten kommen aus
vielen neuen Ländern und gehen in viele neue
Länder. In zahlreichen Staaten ist jegliche Art von
Austausch viel freier geworden.
Immer mehr Fulbright-Stipendiaten kommen in die
Vereinigten Staaten, um dort zu lehren und zu
lernen. Ich hoffe, daß Sie das Beste mit zurück
nach Hause nehmen, das Amerika zu bieten hat.

AMERIKA DIENST 41

Einige Dinge sollten sie jedoch besser zurücklassen.
Erinnern Sie sich an Henry Kissingers Beschreibung
der Fakultätsstreitigkeiten auf dem Campus? Die
Kämpfe sind so intensiv - weil so wenig auf dem
Spiel steht.
Ich sollte es wissen. Ich bin seit 10 Monaten Botschafterin und war 20 Jahre lang an der Universität.
Ich muß darauf hinweisen, daß diejenigen, die aufs
College gehen und es nie verlassen, als Professoren
bezeichnet werden. Aber Sie sind mehr als Professoren. Sie sind Fulbright-Wissenschaftler. Und Sie
wissen, wie die Definition von Wissenschaft lautet:
Der Versuch, ein Thema erschöpfend zu behandeln,
indem zuerst der Leser zur Erschöpfung getrieben
wird.
Ich hoffe, Sie heute abend nicht zur Erschöpfung zu
treiben - zumindest nicht mit weiteren Anekdoten.
Austauschprogramme in den Bereichen Bildung und
Kultur - wie das Fulbright-Programm - sind ein
ernsthaftes Anliegen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik. Während neue
Technologien wie Satellitenfernsehen und weltweite
Computernetze die entferntesten Teile der Erde
erreichen, wird Kommunikation ein unerläßliches
Element der nationalen Sicherheit. Das US-Informa-

Seite 1

�tionsamt (United States Information Agency - USIA),
das für die Verwaltung des Fulbright-Programms
verantwortlich ist, bezeichnet das als "Öffentlichkeitsarbeit".
Beim Fulbright-Programm geht es um kulturübergreifende Kommunikation. Selbst die alten Römer
kannten ihren Wert. Der Schriftsteller Quintilian
erklärte: "Es ist wichtig, nicht nur verstanden zu
werden, sondern auch nicht mißverstanden zu
werden." Das war nie wichtiger als heute. Aber es
birgt auch Schwierigkeiten.
Beispielsweise verfügen die Vereinten Nationen
angeblich über Computer, die Übersetzungen von
einer Sprache in eine andere anfertigen können.
Wenn die übersetzten Passagen wieder in die
Originalsprache zurückübersetzt werden, kämen im
Idealfall die ursprünglichen Worte heraus. Sprache
ist jedoch nicht wie Mathematik. Man ließ einen
Computer einen gängigen englischen Satz ins
Russische und wieder zurück ins Englische übersetzen. Eingegeben wurde: "Aus den Augen, aus
dem Sinn." Die Rückübersetzung lautete: "Unsichtbarer Wahnsinn."
Man könnte den Kalten Krieg als unsichtbaren
Wahnsinn bezeichnen, aber wir verloren ihn zweifellos niemals aus den Augen, aus dem Sinn. Vieles
hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges verändert. Die Ost und West trennende Mauer ist
gefallen. Anstelle von neuen Mauern zwischen den
Nationen bauen wir Brücken, deren Seile und
Stahlträger Austauschprogramme wie das FulbrightProgramm sind.
Wir können es uns auch nicht länger leisten, Innenund Außenpolitik voneinander zu trennen. Sie sind
die beiden Pfeiler, die diese Brücken tragen. Am
heutigen Abend möchte ich Ihnen zuerst eine Idee
von den innenpolitischen Herausforderungen der
Clinton-Administration vermitteln und mich danach
der Außenpolitik widmen.
Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Nicht
weit von mir entfernt, in Denver, lebt ein kleiner
Junge namens Joey. Er ist sieben Jahre und ein
kluges Kind, mußte aber in der Schule bereits eine
Klasse wiederholen. Er ist hyperaktiv - ein Problem
der Disziplin - und kann sich anscheinend nicht
konzentrieren. Vielleicht liegt es an seinem Leben
zu Hause. Er hat eigentlich gar keins. Er hat zu
Hause keinen Vater und weiß überhaupt nicht, wer
sein Vater ist. Seine Mutter, die gerade erst 20
geworden ist, weiß ebenfalls nicht, wer sein Vater
ist. Sie war 13 Jahre als, als Joey geboren wurde.

Seite 2

Joey lebt mit seiner Mutter, seiner Großmutter,
seinem kleinen Bruder und ständig wechselnden
Besuchern. Sie sind von staatlicher Hilfe abhängig.
Sie haben kaum genug Geld zum Leben, und obwohl
Joey noch so jung ist, mußte er bereits feststellen,
daß die wohlhabendsten Menschen in seiner Nachbarschaft die Drogenhändler sind.
In Joeys Zuhause spielt Bildung keine Rolle. Es gibt
dort keine Bücher, vielleicht weil seine Mutter Analphabetin ist. Joey hätte an einem staatlichen
Programm teilnehmen können, das Kinder auf die
Schule vorbereitet, aber das Geld der Bundesregierung reichte einfach nicht aus, um ihn mit einzubeziehen. Das ist vielleicht die größte Tragödie. Wenn
in Joey nicht bald ein Interesse an Bildung geweckt
wird, wird er nie etwas lernen - und wahrscheinlich
den Rest seines Lebens in Armut verbringen.
Joeys Geschichte ist typisch für die Tragödien, die
einen Teil der amerikanischen Gesellschaft zerstören.
Derzeit leben 25 Prozent der amerikanischen Kinder
in Armut.
Die Clinton-Administration arbeitet Tag und Nacht,
um Menschen wie Joey aus dieser Hoffnungslosigkeit
und Hilflosigkeit herauszuhelfen. Wir tun das auf
unterschiedliche Weise, indem wir die Wirtschaft auf
eine solide Grundlage stellen: Steuererhöhungen für
den reichsten Prozentsatz der Bevölkerung, Umlenkung der staatlichen Ausgaben, Abbau des
Haushaltsdefizits. Dies war ein notwendiger erster
Schritt. Ohne eine gesunde, wachsende Wirtschaft,
die gute Arbeitsplätze bereitstellt, sind andere Reformen nicht möglich.
Die Administration bekämpft auch direkt die Art von
sozialen Problemen, für die der Fall Joey stellvertretend ist. Wir wissen, daß Bildung und Ausbildung
die Schlüssel zu unserer Zukunft sind. Eine der
ersten Handlungen der Administration bestand in der
Verlängerung der Finanzierung des schulischen
Vorbereitungsprogramms, das auch Joey hätte helfen
können. Wir müssen den Teufelskreis der Armut
durchbrechen, die Wurzeln des Übels bekämpfen, die
Gesundheitsfürsorge ausweiten und unsere Menschen auf die Arbeitsplätze der Zukunft vorbereiten.
Wir haben einen dramatischen und erfolgreichen
Anfang gemacht. Ein Dutzend verschiedener Initiativen sind vom Kongreß gebilligt worden und
haben Gesetzeskraft erlangt. Präsident Clinton
steuert die Vereinigten Staaten in die richtige Richtung, um auch für die Zukunft Wohlstand und die
weltweite Führungsrolle unseres Landes sicherzustellen.

AMERIKA DIENST 41

^
t

�Was haben innenpolitische Reformen mit weltweiter
Führungsrolle zu tun? Sehr viel. Die Vereinigten
Staaten können nicht im Ausland stark sein, wenn
sie nicht im Inland stark sind. Es stimmt, daß der
Präsident innenpolitischen Angelegenheiten enorme
Energie und Aufmerksamkeit widmet. Wahr ist aber
auch, daß er die Außenpolitik nicht vernachlässigt.

beträchtlich erhöht. Die Wirtschaftsreformen mit
Schwerpunkt auf der Privatisierung werden schnell
vorangetrieben. Wir unterhalten neue Beziehungen
zu einem demokratischen, nicht feindlich gesinnten
Rußland. Anstatt ärgerlich mit dem Schuh auf den
Tisch zu hauen, klopfen wir uns freundschaftlich auf
den Rücken.

Nun zum zweiten Pfeiler unserer Brücke, der Außenpolitik. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich
unsere Politik gegenüber Europa auf die amerikanisch-russischen Beziehungen, nukleare Sicherheit,
Toleranz zwischen den Rassen, freien Handel und
die Partnerschaft für den Frieden konzentriert. Ich
möchte heute abend kurz auf jeden dieser Punkte
eingehen.

Die Präsidenten Jelzin und Clinton haben auf ihrem
jüngsten Treffen viele Fragen erörtert. In diesem Teil
Europas haben wir ein besonderes Anliegen: Die
Kontrolle über die Atomwaffen der ehemaligen
Sowjetunion, ihre Bestandteile und Materialien. Die
Presseberichte über das Auftauchen kleiner Mengen
atomwaffenfähigen Materials auf dem europäischen
Schwarzmarkt waren äußerst alarmierend. Noch
schlimmer ist, daß einige taktische Nuklearwaffen so
klein sind, daß sie im Kofferraum eines Wagens
untergebracht werden können.

Die Unterstützung der Reformen in Rußland ist
Präsident Clintons oberstes außenpolitisches Ziel.
Er ist gerade zum fünften Mal innerhalb von zwei
Jahren mit Präsident Jelzin zusammengetroffen.
Diese Treffen haben bereits so oft stattgefunden,
daß sie Routine zu sein scheinen.
Was für ein Kontrast zu den amerikanisch-russischen Gipfeltreffen aus der Zeit des Kalten Krieges,
von denen viele hier in unserer Residenz in Hiezing
stattfanden. (Es waren hochdramatische Veranstaltungen). Die Welt hing bei jeder Äußerung an
unseren Lippen. Es schien um Leben und Tod zu
gehen, und das war in der Tat so. All das ist jetzt
anders. Die beiden Präsidenten sprechen jetzt nicht
über die Vermeidung von Krieg, sondern über den
Aufbau einer besseren Zukunft. Man muß sich an
diesen Wandel erst einmal gewöhnen. Schließlich
haben wir den Großteil unseres Lebens mit der
Angst gelebt, die gesamte Menschheit könnte durch
einen Knopfdruck ausgelöscht werden.

r

Während des Kalten Krieges war das Kernstück der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen die "Risikoverringerung". Wir glaubten den Worten Andrei
Sacharows, der äußerte: "Die Verringerung des
Risikos der Vernichtung der Menschheit durch einen
Atomkrieg hat absolute Priorität."
Die sicherheitspolitische Situation ist jetzt vollkommen verändert. Die Vereinigten Staaten reduzieren
beschleunigt ihr Nuklearwaffenarsenal. Halten Sie
sich das vor Augen. In den letzten Jahren haben wir
die Anzahl nuklearer Gefechtsköpfe um die Hälfte
reduziert, das gesamte Atomwaffenarsenal um
ungefähr 60 Prozent und die Zahl unserer nichtstrategischen Atomwaffen um nahezu 90 Prozent.
Rußland hat ebenfalls enorme Fortschritte gemacht.
Seit der Belagerung des russischen Weißen Hauses
vor einem Jahr hat sich die politische Stabilität

AMERIKA DIENST 41

Die Herausforderung ist enorm. Rußland besitzt ein
großes und vielfältiges Atomwaffenarsenal, das auf
über 100 Orte in der gesamten Sowjetunion verteilt
ist. Viele dieser Waffen haben veraltete Sicherheitsvorrichtungen. Sie müssen schnell zerlegt werden.
Der Rest muß sicher gelagert werden.
Unter der Führung Präsident Clintons haben wir
bereits mehrere Programme ins Leben gerufen, um
die Kontrolle über diese Materialien zu verbessern.
Unsere beiden Länder werden schon bald Informationen austauschen und die Atomwaffenlager des
jeweils anderen Landes besuchen. Vor wenigen
Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.
Dasselbe gilt auch für die Ereignisse vor einem
Monat in Totskoye, im entlegendsten Teil Rußlands.
Amerikanische Truppen hielten ein gemeinsames
Manöver mit russischen Streitkräften ab. Das Manöver fand auf demselben Übungsplatz statt, auf dem
die Sowjets in den fünfziger Jahren überirdische
Atomtests durchführten. Die Streitkräfte hatten sich
früher am Fulda Gap, der innerdeutschen Grenze
gegenübergestanden. Damals hielten sie Manöver
ab, um im Kriegsfall gegeneinander zu kämpfen.
Jetzt üben sie, um sich gemeinsam für den Frieden
einsetzen zu können.
Das alles ist sehr ermutigend. Wir dürfen jedoch
nicht vergessen, daß das Ende des Kalten Krieges
nicht alles verändert hat. Auf diesem Kontinent
finden noch Kämpfe statt, nicht länger zwischen
Totalitarismus und Demokratie, sondern zwischen
Integration, Toleranz und Einbeziehung einerseits und
Zersplitterung, Intoleranz und Ausgrenzung andererseits.
Europas langfristige sicherheitspolitische
Herausforderungen entstehen jetzt ebenso aus

Seite 3

�internem ethnischem Haß wie aus externer militärischer Aggression.
Ethnischer Haß trägt in vielen Ländern zu innenpolitischer Instabilität bei. Die Angst vor Ausländern ist
im Innersten der Menschen verwurzelt. Sie hat Einwanderung zu einem Wahlkampfthema werden
lassen.
Das ist verständlich. Wenn die Welt wie ein Schiff
ist, drohen Bewegungen von Menschenmassen, es
zum Kentern zu bringen. 125 Millionen Menschen jeder fünfte Mensch auf der Erde - haben ihr Heim
entweder als Flüchtling oder als Migrant verlassen.
Ein plötzlicher Anstieg der Flüchtlingszahlen kann
Nachbarländer überwältigen, wie es bei den nach
Zaire fliehenden Ruandern der Fall war. Ein stetiger
Flüchtlingsstrom kann Ressentiments hervorrufen,
wie gegenüber den Ausländern in Deutschland. Die
neue Weltordnung droht zu einer Weltunordnung zu
werden - einem chaotischen Fluß desorientierter
Migranten.
Nationalismus, ethnischer Haß und Intoleranz sind
mächtige, gefährliche Kräfte. Sie verursachen den
größten Ausbruch von Gewalt und Blutvergießen in
Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir
können es uns nicht leisten, dem untätig zuzuschauen. Wenn diese Gewalt nicht eingedämmt wird,
könnte sie sich verbreiten. Die Tragödie in Bosnien
könnte der Vorläufer einer neuen, schreckenerregenden Ära sein, die von Massenmigration, Fremdenfeindlichkeit und wirtschaftlicher Erschütterung
gekennzeichnet ist.
Wir sollten die von Nelson Mandela vor einigen
Tagen bei den Vereinten Nationen geäußerten
Worte im Gedächtnis behalten: "Bei allem, was wir
tun ... müssen wir sicherstellen, daß Hautfarbe,
Rasse und Geschlecht nur ein Geschenk Gottes an
jeden einzelnen darstellen und nicht ein unauslöschliches Zeichen oder Merkmal, das einem Menschen
einen besonderen Status verleiht. Wir müssen auf
den Tag hinarbeiten, an dem ... wir einander als
gleichberechtigte menschliche Wesen sehen und
behandeln und als Teil einer Nation, die durch ihre
Vielfalt geeint, statt zerrissen wird.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat uns
gelehrt, daß wir frühzeitig handeln müssen, um
Konflikte einzudämmen, die andernfalls außer
Kontrolle geraten könnten. Europa hat in diesem
Jahrhundert zweimal solche Konflikte erlebt - und die
Vereinigten Staaten waren zweimal darin verwickelt.
Wir haben daraus eine Lektion gelernt: Daß wir uns
nicht aus Europa zurückziehen können. Der Preis
war zu hoch. Wir beschlossen vielmehr, beteiligt zu
bleiben und am Wiederaufbau Europas teilzuneh-

Seite 4

men. Zwischen 1948 und 1953 erhielt allein Österreich durch den Marshallplan 962 Millionen Dollar gemessen am heutigen Geldwert nahezu 50 Milliarden Schilling. Das Geld war gut angelegt.
Zu Hause habe ich die Videoserie von Hugo Portisch
über die zweite österreichische Republik. Die Bilder
von Wien im Jahr 1945 haben mich stark bewegt:
Die Stadt lag in Schutt und Asche, die Menschen
zogen in Scharen zum Fluß, um Wasser zu holen
und drängten sich um die Lebensmittelausgaben.
Wieviel hat sich hier in kurzer Zeit verändert! Ein
Freund erzählte mir, wie er in einem Restaurant
seinen Ausweis vorlegen mußte, nur um ein Messer
und eine Gabel zu bekommen. Jetzt zückt man
einfach die Kreditkarte - und leidet nur, wenn man die
monatliche Abrechnung erhält.
Österreich steht für die Art von Wohlstand, Stabilität
und Demokratie, die wir im gesamten ehemaligen
Ostblock anstreben. Zur Erreichung dieses Ziels
müssen wir mehr anbieten als nur Ratschläge und
Hilfe. Wir müssen auch die Hindernisse für aus
diesen Ländern stammende Waren und Dienstleistungen abbauen.
Ich weiß, daß das erschreckend klingt. Farmer und
Landwirte in den Vereinigten Staaten hatten aus
demselben Grund große Vorbehalte gegen das
Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Es ist
jedoch sinnvoll. Nur Handel, nicht Hilfe kann die
Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft in
diesen Staaten sicherstellen.
Wir müssen jedoch nicht nur unsere Handelsbeziehungen neu überdenken, sondern auch die Bedeutung der europäischen Sicherheit neu definieren. Es
ist an der Zeit, "die neue europäische Sicherheitsarchitektur" auf einer festen Grundlage der Zusammenarbeit und Integration zu bauen. Zu diesem
Zweck gestalten wir die NATO, das erfolgreichste
politische und militärische Bündnis der Geschichte,
um. Unter der Führung Präsident Clintons hat die
NATO die Partnerschaft für den Frieden geschaffen.
Bob Hunter, der Botschafter der Vereinigten Staaten
bei der NATO, erzählt davon, wie die Partnerschaft
für den Frieden erfunden wurde - am Tisch seiner
Residenz in Brüssel während eines Wochenendseminars vorfast 13 Monaten. Viele Menschen mußten
harte Arbeit leisten, um die Partnerschaft für den
Frieden ins Leben zu rufen. Aber halten Sie sich vor
Augen, wie weit sie bereits gediehen ist. Nahezu ein
Jahr nach diesem Wochenendseminar trafen viele
dieser Menschen im polnischen Poznan zu einer
"Cooperative Bridge" genannten Übung zusammen.
900 Soldaten aus 13 Ländern nahmen daran teil. Sie

AMERIKA DIENST 41

�schienen der Routine des Soldatenlebens zu folgen,
aber sie machten in Wirklichkeit Geschichte.
Die Partnerschaft für den Frieden funktioniert.
Mehrere Länder, die bereits Mitglieder der Partnerschaft geworden sind, möchten jetzt vollwertige
Mitglieder der NATO werden. Und das wird auch
wahrscheinlich geschehen. Wie Präsident Clinton im
Sommer in Warschau äußerte, ist es eine Frage des
Wann und Wie, nicht ob die NATO neue Staaten
aufnimmt.

Die europäisch-amerikanische Partnerschaft besteht
jedoch aus mehr als nur der Partnerschaft für den
Frieden. Wir haben ein reiches gemeinsames Erbe
an Menschen, Ideen und Kultur. Wir haben in den
letzten 50 Jahren zusammen viel erreicht. Es bleibt
jedoch noch viel zu tun, und zahlreiche Herausforderungen liegen vor uns.
Die Welt ist zu klein, Europa und Amerika sind zu
eng verbunden, als daß wir uns jetzt voneinander
abwenden könnten. Unsere Länder sind durch
zahllose Brücken miteinander verbunden. Das
Zeitalter der Mauern gehört der Vergangenheit an.

* * *

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Seite 5

�LITERATUR
19. Oktober 1994

ANNIE PROULX - EIN AMERIKANISCHES ORIGINAL
von Alice Steinbach
BALTIMORE - (AD) - E. Annie Proulx, eine bescheidene Schriftstellerin mittleren Alters, Gewinnerin
verschiedener Literaturpreise, einschließlich des Pulitzerpreises und des PEN/Faulkner Awards, wird als
einzigartige literarische Stimme gewürdigt, die "die Wahrheit über die menschliche Seele" sagt.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Baltimore Sun. Copyright (c) 1994
The Baltimore Sun Company.
Alice Steinbach ist als Journalistin bei The Sun tätig

Die Schriftstellerin E. Annie Proulx, die im vergangenen Jahr fast jeden großen Literaturpreis gewann,
wurde gerade gefragt, wie man sich als literarisches
Gegenstück der Popsängerin Whitney Houston fühle.

Namen haßt sie) Proulx, die allein in der kleinen,
ländlichen Stadt Vermont in Vershire lebt.
"Es hat mein altes, ruhiges Leben völlig durcheinandergebracht", sagt sie über die mit ihrer neuen

"Du liebe Güte!", ruft sie und bricht angesichts der

Berühmtheit einhergehende Publicity.

bloßen Vorstellung einer solch seltsamen Verbindung in Gelächter aus. Aber trotz ihres Amüsements versteht Annie Proulx den Vergleich zwischen
ihrer Person und der Sängerin, die für ihren Song "I
Will Always Love You" zahlreiche Auszeichnungen
erhielt.

Stille gewöhnt, an ununterbrochene und stetige
Versunkenheit in die Arbeit und an sehr konzentriertes Arbeiten." Sie macht eine Pause und stößt
einen kleinen Seufzer aus. "Es ist schrecklich, aber
es hört nicht auf, und daher muß ich lernen, damit zu
leben."

Sie versteht ihn aus folgendem Grund. Während nur
eines Jahres gewann Proulx fünf große Preise,
einschließlich des Pulitzerpreises 1994 für Literatur,
für zwei Romane - im übrigen die einzigen Romane,
die sie geschrieben hat.

Aber die Frau, die auf die Nachricht, ihr werde der
Pulitzerpreis verliehen, mit der Aussage reagierte, sie
müsse ihre Teppiche saugen, es sei eine staubige
Jahreszeit, räumt ein, sie sei nicht allzu traurig über
die Ereignisse, die ihr Leben veränderten. Lächelnd
stellt sie fest: "Es gefällt einem natürlich nicht, daß
man bei der Arbeit unterbrochen wird, aber gleichzeitig ist man sehr froh. Und es macht auch großenteils
viel Spaß. Es macht einfach Spaß."

Das ist keine schlechte Leistung für eine Frau, deren
erster Roman, Postcards, 1991 erschien, als die
Autorin 56 Jahre alt wurde. Für Postcards wurde
ihr der PEN/Faulkner Award verliehen - als erster
Frau, die jemals diesen begehrten Preis erhielt. Ihr
zweiter, 1993 veröffentlichter Roman, The Shipping
News, brachte ihr den Pulitzerpreis für Literatur, den
National Book Award und den Heartland Prize der
Chicago Tribüne ein sowie den internationalen
Literaturpreis der Irish Times.
Was für ein gutes Jahr das war. Und was für ein
einschneidendes Jahr im Leben von Annie (vergessen Sie das E. - es steht für Edna, und diesen

AMERIKA DIENST 41

"Ich bin an

Unerwartete Äußerungen - so ist Annie Proulx. Es
macht also einfach Spaß. Das kommt unerwartet,
weil ihre Romane, besonders Postcards, etwas
Existentialistisches haben. In dem Buch zeigt beispielsweise die Hauptfigur, Loyal Blood, eine Einstellung zum Leben, die Proulx' eigene Ansichten
widerzuspiegeln scheint: "Das Leben verstümmelt
uns auf verschiedene Weise", erklärt Blood, "aber
meiner Ansicht nach holt es jeden ein. Es holt einen
immer wieder ein, und eines Tages gewinnt es."

Seite 1

�Während ihres jüngsten Besuchs in Washington
zeigte Proulx kaum ihre melancholische Seite. Sie
lacht - was sie häufig tut - auf die Frage, ob sie sich
wünsche, die Anerkennung sei früher erfolgt.
"Manchmal wünsche ich mir das schon, besonders
wenn Fotografen dabei sind. Ich denke mir dann:
Warum konnte all das denn nicht geschehen, als ich
jung und hübsch war?"

Bibliotheken, afrikanisches Kunsthandwerk, Cidre und
Salatsorten für Dutzende von Zeitschriften". Erst vor
sechs Jahren fing sie an, ganztags zu schreiben. Sie
hatte schon immer Prosa und Gedichte geschrieben,
aber die Notwendigkeit, "etwas auf den Tisch zu
bringen", hatte sie davon abgehalten, diese Tätigkeit
ausschließlich auszuüben; als sie es schließlich tat,
zweifelte sie wie die meisten Schriftsteller an ihrem
Talent.

Sie kann anfänglich allerdings einschüchternd
wirken. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen,
daß ihr der Ruf vorauseilt, sie sei brilliant und
bestimmten - persönlichen - Fragen von Journalisten
gegenüber intolerant. Und teilweise, weil jeder
Leser ihrer Bücher sofort erkennt, daß Annie Proulx
selbstbewußt ist. Das ist eine gefährliche Eigenschaft, die ihr die Freiheit gibt, die Wahrheit zu
sagen - wie Thoreau es tat - zumindest die Wahrheit, wie sie sie sieht.

"Sie war zuerst sehr schüchtern, nicht persönlich
schüchtern - sie hat eine gute, starke Persönlichkeit sondern in literarischer Hinsicht", erklärt der Schriftsteller Edward Hoagland, einer ihrer Freunde. "Sie
zögerte, sich um ein Stipendium zu bemühen, weil
sie Angst hatte, nicht gut genug zu sein. Aber ich
drängte sie dazu. Und sie bekam es." Er macht eine
Pause. "Meines Erachtens hat sie jetzt ein sehr
gesundes Selbstbewußtsein."

Es ist eine der Eigenschaften, die ihr den PEN/Faulkner Award einbrachten, so der Romanschriftsteller Frederick Busch, einer der drei Schiedsrichter
bei diesem Wettstreit. "Wir gaben ihr den Preis, weil
sie ein absolut amerikanisches Original ist", erklärt
er. "Sie hatte eine einzigartige Stimme, die von
niemandem geprägt wurde... Als Leser ist man
davon überzeugt, daß sie die Wahrheit über die
menschliche Seele sagt."

Diese Art von gesundem Selbstbewußtsein gestattet
ihr, Bücher mit detaillierten Beschreibungen wie der
Geschichte der Elektrizitätsversorgung ländlicher
Gebiete, Uranabbau, Schiffsbau, Reparaturarbeiten
am Haus und der Knüpftechnik zu veröffentlichen.
Es käme ihr eigenen Angaben zufolge nie in den
Sinn, sich zu fragen, ob die Elektrizitätsversorgung
ländlicher Gebiete vielleicht ein Thema ist, über das
ihre Leser in einem Roman nichts lesen wollen.

Und es ist klar, daß Proulx, trotz ihrer Abneigung
gegenüber Fragen über ihre Vergangenheit, ein
Leben gelebt hat, das die Konfrontation mit einer
Vielzahl menschlicher Gefühle erforderte. Sie wurde
in Connecticut als Älteste von fünf Töchtern geboren
und zog in ihrer Kindheit infolge der Beschäftigung
ihres Vaters in der Textilbranche von Bundesstaat zu
Bundesstaat. Anfang der fünfziger Jahre brach sie
ihre Ausbildung am Colby College ab, "um zwei
entsetzliche Ehen, New York, den Fernen Osten und
die Armut einer alleinerziehenden Mutter mit zwei
Kindern zu erleben".

Sie lacht. "Deswegen gefällt mir das Thema ... Ich
liebe Unbekanntes und Seltsames und vertiefe mich
gerne darin. Für mich ist es langweilig, über etwas
zu schreiben, das man schon kennt."

1963 ging sie an die University of Vermont, machte
ihren Abschluß mit Auszeichnung und promovierte
1975 an der Montrealer Sir George Williams University in Geschichte mit Schwerpunkt Wirtschaftsgeschichte der Renaissance, Nordkanada und das
traditionelle China. Zu dieser Zeit hatte sie bereits
eine dritte Ehe und eine dritte Scheidung hinter sich
gebracht (und einen dritten Sohn geboren, aber sie
äußert zu diesem Kapitel ihrer Vergangenheit keine
Einzelheiten).
Als alleinerziehende Mutter brachte Proulx ihre drei
Söhne als freiberufliche Schriftstellerin durch. Von
1975 bis 1988 "schrieb sie Artikel über das Wetter,
Äpfel, Kanufahrten, Berglöwen, Mäuse, Kochkunst,

Seite 2

Tatsächlich lautet ihrer Meinung nach der schlechteste Rat, den man einem Schriftsteller geben kann:
'"Schreib über das, was Du kennst.' Und meines
Erachtens sind schlechte Ratschläge verantwortlich
für die entsetzlichen, in sich versponnenen Romane,
mit denen der Markt derzeit überschwemmt wird. Mir
erscheint es langweilig, über das zu schreiben, was
man kennt. Und ich sehe absolut keine Notwendigkeit und habe absolut kein Interesse daran, über mich
selbst oder mein Leben zu schreiben. Das kenne ich
ja. Ich interessiere mich für eine Geschichte. Mir
gefällt das Unbekannte, und ich erschaffe gerne auf
dem Papier eine Figur und lebe eine Zeitlang sehr
intensiv deren Leben."
Ihr Freund Robert F. Jones sieht dennoch die Annie,
die er kennt, in einigen ihrer Charaktere. "Ihre
weiblichen Figuren haben die direkte Vision, innere
Stärke und vernünftige Einstellung, die Annie zu
eigen sind." Und in ihrem ruhelosen männlichen
Protagonisten, Loyal Blood, sieht Jones "Annies
Wunsch, so weit und so oft wie möglich in der Welt
herumzureisen, um zu sehen, wie sie funktioniert."

AMERIKA DIENST 41

&lt;

I

j

l

�Das wirft eine interessante Frage auf: Warum, wird
Proulx gefragt, hat sie bei beiden Romanen eine
männliche Hauptfigur gewählt? "Vielleicht hat es
damit zu tun, daß ich in einer Familie mit fünf Töchtern aufwuchs", mutmaßt sie. "Ich vermißte eigentlich die Männer. Und meines Erachtens sind Männer ein ausgezeichnetes Thema. Für mich ist es
interessanter, über Männer zu schreiben und etwas
über ihren Charakter herauszufinden - über ihre
Gedanken und ihr Inneres."
Und woher bezieht sie ihre Kenntnisse über die
Gefühle und Gedanken der Männer? Proulx' Augen
hinter ihrer schmucklosen Brille nehmen durch ihren
stetigen Blick gefangen. "Ich vermute", äußert sie
und macht nach jedem Wort eine Pause,"- und das
mag meinerseits voreilig erscheinen - daß Männer
menschlich sind." Dann lacht sie. "Ich habe wirklich
das Gefühl, daß Männer im Innersten in vielen,
wenn auch nicht in allen Fällen, wie Frauen funktionieren."
Offensichtlich gelang ihr die Darstellung des männlichen Blickwinkels bei Quoyle, der Hauptfigur in The
Shipping News. "Ich kann Ihnen gar nicht sagen,
wieviele Männer zu mir kamen und sagten: 'Dieser
Quoyle, das bin ich. Quoyle ist wie ich.' Und das
waren sehr erfolgreiche, bedeutende Männer, die
sich im Innersten wie Quoyle fühlen, dieser ungeschickte, stotternde, drittklassige Dummkopf."
Ihre Annahme, Männer und Frauen seien "menschlich" und hätten dasselbe "Gefühl der Unsicherheit"
zeugt von dem, was sie als ihren "Mangel an Geschlechtsbewußtsein" bezeichnet. Die Tatsache,
daß sie als erste Frau den PEN/Faulkner Award
(unter den früheren Kandidatinnen waren Cynthia
Ozick und Anne Tyler) erhielt, hat für sie keine
besondere Bedeutung. "Ich halte das einfach nicht
für wichtig. Ich neige dazu, keine scharfe Trennlinie
zwischen dem Verhalten von Männern und Frauen
zu sehen."
Sie interessiert sich jedoch für den Feminismus.
"Auf jeden Fall. Ich gestatte mir jedoch nicht den

*

AMERIKA DIENST 41

Luxus einer politischen Haltung. Das entspricht nicht
meiner Natur. Ich bin von Berufs wegen eine Beobachterin. Ich bin keine Feministin, und ich bin
keine Gegnerin des Feminismus."
Dennoch ist sie etwas beunruhigt über ein kürzlich
veröffentlichtes Buch, Failing at Falrness, das sich
mit dem Problem der unfairen Behandlung von
Mädchen in der Schule befaßt. "Als ich dieses Buch
letzte Woche las, bekam ich ein sehr ungutes Gefühl.
Immer wieder dachte ich: 'Was stimmt nicht mit
diesen Mädchen ohne Rückgrat, die sich so behandeln lassen?' Hier wird ein Mythos geschaffen. Was
mir daran nicht gefällt, ist wohl die Tatsache, daß
Mädchen als 'Mädchen' abgestempelt werden - daß
ein Mädchen ein Ding, anstatt einer ausgeprägten
Persönlichkeit ist."
Es ist jedoch nicht der Stil von Annie Proulx, darüber
zu urteilen. Sie fällt keine Urteile. "Ich bin ausgebildete Historikerin", erklärt sie. "Und ich habe wohl
eine objektivere Einstellung." Selbst in ihrer Kindheit
mit allen Umzügen zu neuen Schulen und an neue
Orte sei sie immer schon Zuschauerin gewesen, die
Neue, die kommt und beobachtet. Neben dieser Idee
einer beobachtenden Natur werden Proulx' Werke
vom Thema Wandel dominiert. Es dominiert auch
ihre Gedanken. "Wandel ist Teil meines Lebens.
Und natürlich hat mein siebenjähriges Geschichtsstudium das noch verstärkt. Darum geht es beim
Studium der Geschichte - um Übergang. Zumindest
für mich. Das bestärkte erneut die Anziehung, die
Veränderungen auf mich haben."
Mit ihrem plötzlichen Erscheinen als Stern im Literatenhimmel kann Annie Proulx einen anderen Übergang beobachten und absorbieren. Zur Zeit denkt sie
jedoch über einen neuen Roman nach, der Accordion Crimes heißen soll.
"Es geht darin über die zweite und dritte Generation
von Amerikanern und ihren Sinn für ethnische Identität, der in Akkordionmusik eingebettet ist", erzählt
Proulx und kann dabei ihre Begeisterung kaum
kontrollieren. "Es wird sehr viel Spaß machen."

* * *

*

Seite 3

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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^r,oN ^

Z12462 C

12. Oktober 1994

40

AUSSENPOLITIK

DIE EREIGNISSE IN IRAK UND HAITI
Fernsehansprache des Präsidenten

NATO

DIE BEDEUTUNG DER NATO
Ansprache von Verteidigungsminister Perry

USA-SUDAFRIKA

GROSSES INTERESSE DER AMERIKANER
AN SÜDAFRIKAS KAMPF
Besuch von Präsident Nelson Mandela
in den USA

ARBEITSWELT

EIN NEUER SOZIALPAKT - DIE ROLLE
DER UNTERNEHMEN
Rede von Arbeitsminister Reich

WIRTSCHAFT

UNSERE WIRTSCHAFT BRAUCHT
WELTWEITE AUFMERKSAMKEIT
von Botschafterin Pamela Harriman

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1994
Proklamation des Präsidenten

LITERATUR

EDITH WHARTON STEHT FÜR DEN REICHTUM
DER AMERIKANISCHEN LITERATUR
Die Autorin von "Zeit der Unschuld"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
12. Oktober 1994

DIE EREIGNISSE IN IRAK UND HAITI
Fernsehansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Am 10. Oktober 1994 hielt Präsident Bill Clinton angesichts der Ereignisse an der
irakisch-kuwaitischen Grenze und in Haiti eine Fernsehansprache, die wir nachfolgend im Wortlaut
veröffentlichen.

Heute abend möchte ich mit Ihnen erörtern, was wir
zur Erhaltung der Stabilität am Persischen Golf
angesichts der provokativen Aktionen Saddam
Husseins unternehmen. Zunächst möchte ich jedoch
ganz kurz berichten, was heute in Haiti geschah.
Vor drei Wochen trafen unsere Truppen in Haiti ein,
um die Verpflichtung Amerikas und der internationalen Staatengemeinschaft zur Wiedereinsetzung der
demokratisch gewählten Regierung bis zum 15.
Oktober 1994 zu erfüllen. Heute sind Generalleutnant Cedras und Brigadegeneral Biamby zurückgetreten. Sie haben zugesagt, Haiti in Kürze zu
verlassen. Ich freue mich bekanntgeben zu können,
daß Präsident Aristide am kommenden Samstag,
den 15. Oktober wieder sein rechtmäßiges Amt
übernehmen wird.
Ich möchte nochmals sagen, wie stolz ich auf das
bin, was unsere Männer und Frauen in Uniform in
Haiti geleistet haben und wie gut sie ihrer schwierigen Aufgabe gerecht geworden sind. In nur drei
Wochen ist die Gewaltanwendung reduziert worden,
das Parlament tagt wieder, die Flüchtlinge kehren
aus Guantanamo zurück, und jetzt verlassen die
Militärmachthaber das Land.
Ich möchte jedoch auch zur Vorsicht gemahnen: Die
in Haiti zu leistende Arbeit ist weiterhin schwierig
und gefährlich. Wir haben noch viel zu tun, aber
unsere Truppen erfüllen das Versprechen der
Vereinigten Staaten zur Wiederherstellung der
Demokratie. Sie leisten außerordentlich gute Arbeit,
zeigen Festigkeit und Fairneß, und alle Amerikaner
sind stolz auf sie.
Die Stärke der amerikanischen Außenpolitik beruht
auf der Standhaftigkeit bei der Erfüllung unserer

AMERIKA DIENST 40

Verpflichtungen. Die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft haben ihr Wort
gegeben, daß Irak die Grenzen seiner Nachbarn
respektieren muß. Und heute sind - ebenso wie in
Haiti - die amerikanischen Streitkräfte gemeinsam mit
ihren Verbündeten die Garanten dieses Versprechens, die Macht hinter der Diplomatie.
Vor dreieinhalb Jahren kämpften die Männer und
Frauen unserer Streitkräfte unter der starken Führung
von Präsident Bush, General Powell und General
Schwarzkopf, um den Irak aus Kuwait zu vertreiben
und unsere Interessen in dieser wichtigen Region zu
verteidigen. Heute bleiben wir der Verteidigung der
Unversehrtheit dieser Region sowie dem Schutz der
Stabilität am Golf verpflichtet.
Saddam Hussein hat der Welt bereits vorher mit
seinen aggressiven Aktionen und Massenvernichtungswaffen gezeigt, daß man ihm nicht trauen kann.
Die irakischen Truppenbewegungen und Androhungen der letzten Tage sind hierfür ein weiteres Beispiel. 1990 hat Saddam Hussein eine Streitmacht an
der Grenze zu Kuwait zusammengezogen und ist
dann in das Land eingefallen. Vergangene Woche
stellte er an dieser Grenze erneut eine Streitmacht
auf. In Anbetracht der Ereignisse von 1990 erfordert
diese Provokation eine starke Antwort von Seiten der
Vereinigten Staaten und der internationalen Staatengemeinschaft.
Am Wochenende ordnete ich die Entsendung des
Einsatzverbands mit dem Flugzeugträger George
Washington, mit Marschflugkörpern ausgerüsteter
Schiffe, einer Expeditionsbrigade des Marinekorps
und eines mechanisierten Heeresverbands an den
Golf an. Heute habe ich die zusätzliche Entsendung
von über 350 Flugzeugen der Luftwaffe in die Region

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�verfügt. Wir werden Saddam Hussein nicht erlauben, sich über den Willen der Vereinigten Staaten
und der internationalen Staatengemeinschaft hinwegzusetzen.
Der Irak kündigte heute einen Rückzug seiner Truppen von der kuwaitischen Grenze an. Wir sind
jedoch an Fakten interessiert, nicht an Verprechungen - an Taten, nicht an Worten. Und wir haben
noch kein Anzeichen für einen tatsächlichen Rückzug der irakischen Truppen gesehen. Wir werden
genau darauf achten, daß das geschieht.
Unsere Politik ist eindeutig: Wir werden Irak nicht
gestatten, seine Nachbarn zu bedrohen oder die
Vereinten Nationen einzuschüchtern, die sicherstellen, daß der Irak nie wieder in den Besitz von
Massenvernichtungswaffen gelangen kann. Zudem
werden die Sanktionen aufrechterhalten, bis der Irak
sich an alle relevanten UN-Resolutionen hält. Die
Antwort auf die Probleme des Irak mit den Sanktionen lautet: Umfassende Befolgung, nicht rücksichtslose Provokation.
Ich bin sehr stolz auf unsere Streitkräfte, die heute
das Rückgrat unseres Engagements für die Freiheit
Kuwaits und die Sicherheit am Golf darstellen. Ich
bin auch stolz auf die Planer und die Kommandeure,
denen es gelingt, sie so schnell und in solcher
Stärke dorthin zu schicken. Sie alle sind der Beweis
dafür, daß wir die Bereitschaft und Stärke der besten
Streitkräfte der Welt aufrechterhalten und das auch
in Zukunft tun müssen.

Das schulden wir den Männern und Frauen in Amerika, die heute ihr Leben aufs Spiel setzen, um die
Welt zu einem sichereren Ort zu machen; und das
schulden wir auch ihren stolzen Familien. Sie
gewährleisten unsere Sicherheit, während wir uns für
eine Welt der Demokratie und des Wohlstands nach
dem Kalten Krieg einsetzen.
Während der vergangenen beiden Wochen kamen
zwei Verfechter der Demokratie in der Zeit nach dem
Kalten Krieg in die Vereinigten Staaten. Der südafrikanische Präsident Nelson Mandela kam, um uns
für unsere Unterstützung bei der bemerkenswerten
demokratischen Revolution Südafrikas zu danken und
eine zukünftige Partnerschaft anzustreben. Der
russische Präsident Boris Jelzin wollte die Partnerschaft zwischen unseren beiden Nationen fördern, die
so gut durch die Tatsache belegt wird, daß jetzt
russische und amerikanische Raketen nicht länger
auf das jeweils andere Volk gerichtet sind und wir an
einerweiteren Verringerung der nuklearen Bedrohung
arbeiten.
Mit anderen Worten: Wir machen Fortschritte beim
Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit, Frieden und
Demokratie. Unsere Arbeit ist jedoch noch nicht
beendet. Vor uns liegen Schwierigkeiten und Gefahren, wie wir in Irak und Haiti sehen. Wir können
jedoch diese Herausforderungen meistern und unsere
Verpflichtungen einhalten. Unsere Ziele sind klar,
unsere Truppen stark, unsere Sache gerecht. Ich
danke Ihnen. Gott segne Amerika.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 40

�NATO
12. Oktober 1994

DIE BEDEUTUNG DER NATO
Ansprache von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Am 2. Oktober 1994 sprach US-Verteidigungsminister William Perry
im G.C. Marshall Center über die NATO und die Partnerschaft für den Frieden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Verteidigungsministers im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier im
Marshall Center zu sein. Sie alle sind sich der
äußerst dramatischen und wichtigen Rolle bewußt,
die General George Marshall in Europa nach dem
Zweiten Weltkrieg spielte. Der Marshallplan wurde
nach ihm benannt. Vielleicht wissen Sie nicht, daß
er auch der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten war. Sollten Sie einmal in mein
Büro kommen, werden Sie an exponierter Stelle ein
großes Porträt von George Marshall sehen, denn als
19. Verteidigungsminister betrachte ich ihn als ein
Modell, dem ich nacheifern sollte.
Im vergangenen Monat nahm ich an den Feierlichkeiten aus Anlaß des Abzugs der alliierten Streitkräfte aus Berlin teil. Nach meiner Ankunft in Berlin
besuchte ich als erstes die Clay-Kasernen, in denen
die amerikanische Brigade stationiert war, und erhielt
dort die letzte amerikanische Flagge, die über dieser
Kaserne in Berlin gehißt worden war. Sie hat für
mich großen gefühlsmäßigen Wert und Bedeutung.
Ich werde im Pentagon einen besonderen Schaukasten zu Ehren dieses Banners und dessen, wofür es
stand, aufstellen. Ich hielt eine Rede vor den
versammelten Amerikanern und Deutschen und
sprach anschließend einzeln mit ihnen. Es überraschte mich zu sehen, daß viele Deutsche unter
den Zuschauern tatsächlich Tränen in den Augen
hatten. Mir kam der Gedanke, daß dies wohl das
erste Mal in der Geschichte war, daß eine Besatzungsmacht ein Land verläßt und die Bevölkerung
dieses Landes deswegen Tränen vergießt. Und das
sagt meines Erachtens wohl genug über das Verhalten der Streitkräfte in Deutschland im allgemeinen
und in Berlin im besonderen aus. Und es sagt auch
alles über die Hingabe des deutschen Volkes an

AMERIKA DIENST 40

Fortschritte in der neuen demokratischen Welt, in der
wir leben.
Während dieser Feierlichkeiten in Berlin fand gleichzeitig Tausende von Kilometern entfernt im Osten ein
anderes Ereignis statt. Die dritte amerikanische
Infanteriedivision und die 27. motorisierte russische
Schützenbrigade hielten gemeinsame Friedenssicherungsmanöver im russischen Trotskya ab.
Diese beiden, gleichzeitig stattfindenden Ereignisse
zeigen uns, wie sehr sich das europäische Sicherheitsumfeld als Ergebnis der Beendigung des Kalten
Krieges verändert hat. Die Alliierten, die jahrzehntelang Wache für die Freiheit gestanden hatten, werden
in Berlin nicht länger benötigt. Vielmehr befanden
sich die amerikanischen Truppen in Rußland und
führten gemeinsam mit den ehemals gegnerischen
russischen Truppen Übungen zur Friedenssicherung
durch. Es gibt wohl kaum ein aussagekräftigeres
Symbol für den tiefgreifenden Wandel der Welt
während der letzten Jahre. Das andere - ebenso
mächtige - Symbol sehe ich heute vor mir. Hier im
Marshall Center kommen die Truppen aller Nationen
des ehemaligen Warschauer Pakts zusammen,
während früher Analytiker und Wissenschaftler
untersuchten, wie wir mit der Bedrohung durch ihre
Streitkräfte umgehen sollten.
Der bekannte englische Schriftsteller Samuel Johnson schrieb einst, Wandel sei unbequem, selbst wenn
er zum Besseren führe. Zweifellos sind diese Übungen beispielhaft für die derzeitigen Ereignisse in
Rußland. Was im Marshall Center geschieht und in
Berlin geschah ist Wandel zum Besseren. Aber wir
alle haben einige der Unbequemlichkeiten gespürt,
die mit diesem Wandel einhergehen. Er hat uns zur

Seite 1

�Modifizierung der Institutionen und Verfahren gezwungen, die während der vergangenen vier Jahrzehnte die sicherheitspolitische Verankerung des
Westens darstellten. Der wichtigste Anker ist die
transatlantische Beziehung zwischen Amerika und
unseren Verbündeten in Europa. Heute möchte ich
über dieses Verhältnis und darüber sprechen, was
wir alle unternehmen müssen, um es an die neuen
Erfordernisse der heutigen Welt anzupassen.
Wir sehen uns jetzt einem neuen Zeitalter mit neuen
Gefahren gegenüber. Die Gefahren unterscheiden
sich von denen des Kalten Krieges, sind aber immer
noch sehr real: Regionale Konflikte, ethnische und
religiöse Unruhen oder die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen, um nur einige zu nennen. Während wir mit diesen Gefahren umgehen,
haben wir gleichzeitig die Aufgabe, den Frieden
zwischen Ost und West zu konsolidieren. Unsere
größte Hoffnung gilt einem zukünftigen Europa, in
dem keine Nation ihre Nachbarn bedroht - in dem es
keinen gemeinsamen Feind gibt.
Wir streben ein transatlantisches Sicherheitssystem
an, das die Vereinigten Staaten, Kanada und ganz
Europa umfaßt. Es muß in gemeinsamen Verpflichtungen zu Demokratie und freier Wirtschaft
wurzeln, in allseitiger Respektierung der Menschenrechte. Und es muß in der Unabhängigkeit der
Nationen in diesem System und der Sicherheit von
Grenzen wurzeln. Die NATO spielt eine entscheidende Rolle bei der Erreichung dieser Vision.
Angefangen mit der Gründung des Nordatlantischen
Kooperationsrats (NAKR) hat das Bündnis konzertierte Bestrebungen unternommen, um seine ehemaligen Gegner im früheren Warschauer Pakt - einschließlich vieler Ihrer Nationen - einzubeziehen.
Das hilft nicht nur Ihren Ländern, sondern liegt
eindeutig auch in unserem Interesse. Ein durch das
Engagement für Demokratie und freie Wirtschaft
geeintes Europa wird nicht nur sicherer sein, sondern auch von der Notwendigkeit befreit, große,
kostenaufwendige stehende Heere und Streitkräfte
aufrechtzuerhalten. Die NATO ist eine der wichtigsten Institutionen für diesen Zusammenschluß Ostund Westeuropas. Das ist eine bemerkenswerte
Demonstration, wie sich die NATO an diese neue
Ära anpaßt. Die Ironie der Rolle der NATO bei
diesem Unterfangen ist sichtbar. Schließlich wurde
das Bündnis ursprünglich ins Leben gerufen, um die
Probleme eines geteilten Europa zu bewältigen.
Jetzt gehört es jedoch zu den aktivsten Institutionen,
die diese Spaltung zu überwinden trachten und den
Zusammenschluß West- und Osteuropas anstreben.
Das wichtigste NATO-Programm zur Erreichung
dieses Ziels ist die Partnerschaft für den Frieden,

Seite 2

über die Sie alle Bescheid wissen. Im Mai nahm ich
an einem Ministertreffen der NATO in Belgien teil. Zu
dieser Zusammenkunft luden wir die Verteidigungsminister der neuen Mitglieder der Partnerschaft für
den Frieden ein. Die Verteidigungsminister der
NATO-Staaten und der Länder Osteuropas besuchten
gemeinsam das Hauptquartier von SHAPE bei Mons
in Belgien. Dort fand eine Feierstunde statt und wir
schufen die sogenannte Partnerschaftskoordinierungszelle.
Es war eine der beeindruckendsten Feierstunden, an
denen ich jemals teilnahm. General Joulwan und ich
standen dort, und er hatte angeordnet, die Flaggen
aller Teilnehmerstaaten zu hissen. Sie waren alphabetisch angeordnet - 35 Fahnen - der 16 NATOStaaten und zum damaligen Zeitpunkt 19 Mitglieder
der Partnerschaft für den Frieden - von Albanien auf
der linken Seite über alle anderen Nationen bis zu
den Vereinigten Staaten von Amerika auf der rechten
Seite. Während wir dort standen und sahen, wie eine
Flagge nach der anderen gehißt wurde, wurde uns
bewußt, daß wir etwas wahrhaft Neues und ganz
anderes in Gang brachten, das das Potential für
tiefgreifenden Wandel hat.
Die Partnerschaft für den Frieden ist extra darauf
angelegt, neue Trennlinien in Europa zu vermeiden,
die alte Feindseligkeiten ersetzen könnten. Seit
damals sind drei weitere Nationen beigetreten, die
bedeutendste davon ist Rußland. Diese Partner
werden dann die Chance zur Entwicklung einer
gewohnheitsmäßigen Zusammenarbeit erhalten, die
das Herz eines wirkungsvollen Bündnisses bildet. Sie
werden an der Ausbildung der alliierten Streitkräfte
für militärische Aktivitäten wie Friedenssicherung,
Katastrophenhilfe, Such- und Rettungsoperationen
teilnehmen können. Die Partner haben die Gelegenheit, sich die standardisierte Vorgehensweise und
routinemäßigen Konsultationen der NATO zu eigen
zu machen. Mit der Zeit werden die Partner Streitkräfte entwickeln, die zur besseren Zusammenarbeit
mit denen der NATO in der Lage sind. Dadurch wird
ein umfassendes, stabiles und friedliches europäisches Sicherheitssystem geschaffen, das die alten
Spaltungen und Animositäten aus der Zeit des Kalten
Krieges ersetzt.
Wir wollen, daß ein freies, demokratisches Rußland
seinen Platz in diesem neuen Sicherheitssystem
einnimmt. Unseres Erachtens basiert dieses Sicherheitssystem am besten auf praktischer Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland, nicht
auf dem Ausschluß Rußlands. Unsere Beziehungen
zu Rußland tragen der Bedeutung Rußlands für die
Zukunft Europas Rechnung, ohne dem Land jedoch
irgendwelche Sonderrechte gegenüber seinen Nachbarn einzuräumen.

AMERIKA DIENST 40

�Die Vision eines durch das Engagement für Demokratie und Marktwirtschaft geeinten Europas kann
nicht durch den Ausschluß irgendeines Landes
erzielt werden, insbesondere nicht durch den Ausschluß Rußlands. Während die Partnerschaft für
den Frieden diese Vorteile schafft, stellt sie gleichzeitig ein Medium für eine endgültige NATO-Mitgliedschaft dar. Die NATO-Mitgliedstaaten haben deutlich gemacht, daß sie eine Erweiterung der NATO im
Rahmen eines evolutionären Prozesses begrüßen,
der den sicherheitspolitischen Entwicklungen in
Europa umfassend Rechnung trägt. Die Partnerschaft wird dazu beitragen, die Nationen auf einen
möglichen Beitritt zur NATO vorzubereiten, wenn sie
die Chancen wahrnehmen und den Weg von Demokratie, friedlichen Beziehungen zu ihren Nachbarn
und Wirtschaftsreformen gehen. Diese Partnerschaft
hat bereits wichtige Fortschritte gemacht. Vor zwei
Tagen kehrte ich vom Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Sevilla zurück. Diese Zusammenkunft war ein Nachfolgetreffen der vor einem Jahr
abgehaltenen Zusammenkunft in Travemünde, bei
der die Partnerschaft für den Frieden ins Leben
gerufen wurde. Innerhalb dieses einen Jahres
haben wir uns von dem Konzept über die Schaffung
einer Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons, die
Einrichtung einer 23 Mitglieder umfassenden Partnerschaft für den Frieden bis zum Beginn eines
robusten Ausbildungs- und Übungsprogramms
entwickelt.
Wenn die NATO der neuen Welt wirklich angepaßt
ist und die Partnerschaft ihr volles Potential erreichen soll, müssen wir mit lange unterdrückten ethnischen und religiösen Konflikten umgehen können.
Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen der
NATO, zu bestimmen, welche Rolle für diese Art von
Konflikt angemessen ist. Bei dem Ministertreffen der
NATO, von dem ich gerade zurückgekehrt bin, war
das der Hauptdiskussionspunkt: Welche Rolle sollte
die NATO spielen, um in Bosnien Frieden zu schaffen?
Viele Beobachter haben argumentiert, Bosnien
demonstriere das Scheitern der NATO, da es dieser
noch nicht gelungen sei, dort einen Friedensplan
umzusetzen. Ich bin der Ansicht, daß Bosnien ein
Symbol für das Problem und das Potential der
NATO gleichermaßen darstellt. Es zeigt, daß die
NATO bei angemessenem Einsatz auf ethnische
Gewalt reagieren kann. In Bosnien machen wir
große Anstrengungen, die Kombattanten zur Beendigung der Feindseligkeiten zur bringen und dann
einen tragfähigen Friedensvertrag zu erzielen.
Während dieser Prozeß noch im Gange ist, kommt
der NATO eine einzigartig wichtige Rolle zu: An
erster Stelle eine beträchtliche Reduzierung der
Gewalt und zweitens eine Milderung des Leidens,

AMERIKA DIENST 40

während der Krieg andauert.
Ich möchte kurz
darlegen, was die NATO in Bosnien unternimmt und
warum ich es für bedeutsam und alles in allem
genommen ziemlich positiv erachte.
Wir bedienen uns vor allem des militärischen Arms
der NATO, insbesondere der Luftmacht, um in
Bosnien eine Politik zur Verhinderung von Luftangriffen durchzusetzen. Viele von uns haben vergessen,
daß vor über einem Jahr serbische Flugzeuge Städte
in Bosnien bombardierten. Damals errichtete die
NATO eine Flugverbotszone und setzte sie auch
durch. Seitdem - seit mehr als über einem Jahr nun gab es nur einen Versuch zur Bombardierung einer
bosnischen Stadt. In diesem Fall stiegen sechs
Flugzeuge auf und begannen tatsächlich mit der
Bombardierung.
NATO-Flugzeuge fingen diese
sechs ab, schössen drei ab, und seitdem gab es
keine Wiederholung dieses Bombardierungsversuchs.
Wir haben das auch auf Artilleriebeschuß in Sarajevo
und Gorazde ausgeweitet und der massiven Bombardierung Sarajevos wirksam Einhalt geboten. Vor
diesem Zeitpunkt waren infolge der Bombardierung
dieser Stadt nahezu 10.000 Zivilisten getötet worden.
Seit letztem Februar wurde dem durch die Androhung
von Luftangriffen der NATO Einhalt geboten. Neben
diesem militärischen Einsatz der NATO zu Abschrekkungszwecken leisteten wir durch eine massive
Luftbrücke und den Abwurf humanitärer Hilfsgüter
den Menschen in Bosnien humanitäre Hilfe. Zusammengenommen demonstrieren all diese Programme meines Erachtens deutlich, daß durch die Intervention der NATO in den letzten ein oder zwei Jahren
in Bosnien Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Menschenleben gerettet wurden.
Durch die Partnerschaft für den Frieden, ihre Bestrebungen in Bosnien und andere Initiativen hat die
NATO gezeigt, daß sie für die heutige Welt von
Belang ist. Die Herausforderung für all unsere
Länder - Ihres und unseres gleichermaßen - besteht
darin, Weitblick, Führung und Flexibilität zu zeigen,
die für die Lösung der heutigen Probleme - regionale
und ethnische Konflikte, Friedenssicherung und
humanitäre Krisen - erforderlich sind. Sie hier in
diesem Raum sind die Generation derjenigen, die
ihren Verteidigungsapparat umwandeln. Sie unterstellen ihn ziviler Kontrolle. Das ist Ihre Aufgabe.
Mein Kollege Malcolm Rifkind, der Verteidigungsminister Großbritanniens, äußerte kürzlich bei einem
Treffen, die Obersten und Oberstleutnants der mittelund osteuropäischen Länder seien die Zukunft des
heutigen Europa. Was sie tun und wie sie das Militär
in ihren Ländern entwickeln, entscheidet großenteils,
wie sich ihre Demokratien entwickeln und wie die
zukünftige Sicherheitslage Europas aussieht. Ihre
Studien hier im Marshall Center sind Teil der um-

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�fassenden Bestrebungen zum Aufbau von Beziehungen zwischen Nationen, die uns das gestatten. Ihr
Verständnis des demokratischen Prozesses und der
Rolle des Militärs darin wird Europa neue Werte
geben.
Ich möchte meine Ansprache mit einem bevorzugten
Zitat des britischen Romanschriftstellers Graham
Greene beenden. Er schrieb: "Es kommt immer ein

Zeitpunkt, an dem sich die Tür öffnet und die Zukunft
hereinläßt." Das Ende des Kalten Krieges ist ein
solcher Zeitpunkt. Er öffnete eine Tür. Davor steht
die Zukunft und wartet auf Einlaß. Durch unser
Handeln können wir diese Zukunft kontrollieren.
Durch Ihre Aktivitäten hier im Marshall Center und Ihr
Handeln nach der Rückkehr in Ihr Land haben Sie
die Chance zur Gestaltung dieser Zukunft, damit
diese Welt für Ihre und meine Kinder sicherer wird.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 40

�USA-SUDAFRIKA
12. Oktober 1994

GROSSES INTERESSE DER AMERIKANER
AN SÜDAFRIKAS KAMPF
Besuch von Präsident Nelson Mandela in den USA
Die Mitglieder von Präsident Clintons Kabinett haben
einem hochrangigen amerikanischen Regierungsvertreter zufolge großes Interesse an dem Besuch des
südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela in
den Vereinigten Staaten, weil viele ihr Leben lang
ein Gefühl der Beteiligung am Kampf Südafrikas zur
Abschaffung der Apartheit hatten.
Der Regierungsvertreter wies am 5. Oktober 1994 im
Weißen Haus vor Journalisten darauf hin, viele
Amerikaner hätten dieses Gefühl aufgrund ihrer
eigenen jahrelangen Bestrebungen, den Südafrikanern bei der Schaffung einer nichtrassischen Demokratie zu helfen - eine Hoffnung, die sich mit der
Amtseinführung Präsident Mandelas im vergangenen
Mai erfüllte.
Vom Präsidenten angefangen waren amerikanische
Helfer an dem Kampf für Gerechtigkeit im eigenen
Land und in Südafrika beteiligt. Clinton weist oftmals
darauf hin, er sei zum Eintritt in die Politik bewegt
worden, weil er diese als eine Möglichkeit betrachte,
den Mißstand der Rassentrennung wiedergutzumachen, dessen Zeuge er bereits als kleiner Junge in
Arkansas war.
"Die Aufregung der letzten Tage", erklärte der
hochrangige Regierungsvertreter, "steht in Zusammenhang mit dem umfassenden Gefühl der persönlichen Betroffenheit, das wir angesichts der Ereignisse
in Südafrika verspüren".
Alle amerikanischen Studenten, die gegen Investitionen ihrer Universitäten in Südafrika protestierten,
Aktionäre, die sich gegen das Engagement ihrer
Aktiengesellschaften in Südafrika wandten, die
Verwalter von Rentenfonds, die sich gegen Investitionen in Südafrika entschieden, die Kongreßabgeordneten, die sich vor der Südafrikanischen Botschaft verhaften ließen, die Afroamerikaner, die ihre
Sonntagsmesse regelmäßig mit einem Gebet für die
Befreiung Nelson Mandels beendeten - all diese

AMERIKA DIENST 40

Menschen fühlen sich dem Regierungsvertreter
zufolge in dieser Angelegenheit als Beteiligte.
Dieses Gefühl wolle die Clinton-Administration
fördern, fügte er hinzu, "da das Gefühl der Betroffenheit Einbeziehung und Engagement sowie Ehrfurcht
angesichts des Wandels in Südafrika bedeutet".
Er teilte vor Journalisten mit, die Reise Präsident
Mandelas hätte ein neues "Medium" der Beziehungen
hervorgebracht:
Die amerikanisch-südafrikanisch
binationale Kommission unter dem Vorsitz von
Vizepräsident Gore und dem Stellvertretenden
Präsidenten Thabo Mbeki. "Sie wird für die beiden
Regierungen einen Mechanismus zur Definition der
effektivsten Nutzung der verfügbaren Ressourcen
bereitstellen."
Der Regierungsvertreter wies darauf hin, Präsident
Clinton habe in der Überzeugung, frühzeitig bereitgestelltes Geld vermehre sich schnell und werde zur
Erhöhung der Fonds beitragen, die Vereinigten
Staaten im vergangenen Frühjahr zur Bereitstellung
eines Hilfspakets in Höhe von 600 Millionen Dollar
verpflichtet, das über einen Zeitraum von drei Jahren
läuft. Clinton wies bereits bei seiner am 5. Oktober
abgehaltenen Pressekonferenz mit Mandela darauf
hin, Washington habe schon 220 Millionen Dollar
geschickt.
Ferner einigten sich Clinton und Mandela auf die
Bildung eines Unternehmensentwicklungsfonds für
das südliche Afrika, um kleinen und mittelständischen
Unternehmen in Südafrika und 10 weiteren Nationen
im südlichen Afrika eine Starthilfe zu geben.
Andrew Young, ehemaliger Bürgermeister von Atlanta
und früherer ständiger Vertreter der Vereinigten
Staaten bei den Vereinten Nationen, wird zusätzliches Kapital bereitstellen, das auf von dem Fonds
bereitgestellten staatlichen Darlehenssicherheiten und
Vorschüssen basiert.
Die Vereinigten Staaten

Seite 1

�werden über einen Zeitraum von fünf Jahren 100
Millionen Dollar zu dem Fonds beisteuern - zusätzlich zu den im letzten Frühjahr bereits zugesagten
600 Millionen Dollar.
Dem Regierungsvertreter zufolge legte Präsident
Clinton so großen Wert auf frühzeitiges Engagement,
um andere Geber zu inspirieren, was auch gelang.
"Es ist eine Sache, Versprechungen zu machen und
Verpflichtungen einzugehen und eine ganz andere,
sie auch einzuhalten. Wir haben das auf eine Art
und Weise getan, die Wohnungsbau, Elektrizitätsversorgung und Privatinvestitionen unterstützt - allesamt
eine beträchtliche zusätzliche Hilfe des Privatsektors
von Ländern aus der ganzen Welt sowie anderen,
durch das Engagement der Vereinigten Staaten
beeindruckten Regierungen.
"Wir alle sind uns bewußt, daß das Geld wichtig ist",
erklärte der Regierungsvertreter. "Und die frühe
Ankündigung der Finanzhilfe durch den Präsidenten

* *

Seite 2

motivierte zu vielen Beiträgen. Die Menschen in
Südafrika verstehen aber, daß einer unserer wichtigsten Beiträge im wirksamsten Einsatz dieses Geldes
besteht - zur Erreichung von Zielen bei Wiederaufbau
und Entwicklung, die sie sich gesetzt haben."
Als Beispiel führte der Regierungsvertreter das
Arbeitsfrühstück mit Energieministerin Hazel O'Leary
und der südafrikanischen Delegation an, bei dem es
um die Elektrizitätsversorgung ländlicher Gebiete
ging. Es sei wichtig zu lernen, hierzu nicht nur
öffentliche Gelder, sondern auch private Fonds
einzusetzen, wodurch der Umfang des Projekts
beträchtlich erhöht werden könne. Die Vereinigten
Staaten hätten bei Projekten zur Elektrizitätsversorgung ländlicher Gebiete sehr viel Erfahrung und
Know-how und könnten mit den nach Südafrika
entsandten 50 Millionen Dollar Startkapital strukturelle
Hilfe leisten, die Privatinvestoren anzieht und privaten
Unternehmern gestattet, ins Land zu kommen und
Geschäfte zu machen.

* *

*

AMERIKA DIENST 40

�ARB E I T S W E L T
12. Oktober 1994

EIN NEUER SOZIALPAKT - DIE ROLLE
DER UNTERNEHMEN
Rede von Arbeitsminister Reich
WASHINGTON - (AD) - Arbeitsminister Robert Reich hat die amerikanischen Unternehmen dazu aufgefordert,
freiwillig die Investitionen in verbesserte Weiterqualifizierung von Arbeitnehmern zu erhöhen, um der
"besorgten" Mittelschicht des Landes zu helfen, die in den letzten Jahren eine Verschlechterung ihres
Lebensstandards erlebte.
Reich äußerte diese Forderung am 27. September 1994 in einer in Dallas, Texas gehaltenen Rede vor der
National Alliance of Business.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Arbeitsministers in wesentlichen
Auszügen.

Vor nicht allzulanger Zeit machten wir uns alle
Sorgen über die Wiederherstellung der "Wettbewerbsfähigkeit" der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Industrie schien kurzsichtig, langsam und
träge und die amerikanische Volkswirtschaft in einem
unerbittlichen Niedergang begriffen. Europa und
Japan - deren frühere Ineffizienz durch den Zweiten
Weltkrieg beendet wurde - drohten uns zu überholen.
Heute möchte ich Ihnen etwas vorlesen, das vor
zweieinhalb Wochen in den Dallas Morning News
erschien: "Die Vereinigten Staaten stehen an der
Spitze der Liste der konkurrenzfähigsten Volkswirtschaften der Welt und verdrängen damit Japan."
Quelle ist das World Economic Forum, eine anerkannte schweizerische Vereinigung, die jedes Jahr
eine Übersicht über die Wirtschaftsleistung der
Industrienationen erstellt.
Wie kommt das? Waren die Experten damals
verrückt? Sind sie es jetzt? Hat sich in nur wenigen
Jahren alles vollkommen verändert?
Zunächst einmal genießen die Vereinigten Staaten
eine wirtschaftliche Erholung, während andere
moderne Volkswirtschaften sich im Kampf gegen die
Rezession befinden. Neben den vorübergehenden
konjunkturellen Bewegungen ist jedoch der grundlegende Erfolg der amerikanischen Wirtschaft bei ihrer

AMERIKA DIENST 40

eigenen Umstrukturierung und den Investitionen in
neue Ausrüstung zu sehen, mit dem Ergebnis, daß
das Produktivitätswachstum seit 1990 jährlich im
Durchschnitt gesunde zwei Prozent beträgt. Allein
die Produktivität in den Fabriken ist im vergangenen
Jahr auf über fünf Prozent emporgeschnellt.
Aber sind wir wirklich konkurrenzfähig? Was verstehen wir überhaupt unter "Wettbewerbsfähigkeit"?
Nur selten ist ein in der Öffentlichkeit verwendeter
Begriff so direkt von der Unklarheit zur Bedeutungslosigkeit übergegangen, ohne daß dazwischen ein
Zusammenhang bestand. Natürlich sollte der oberste
Maßstab für Wettbewerbsfähigkeit der Lebensstandard der Amerikaner sein. Und nicht nur des amerikanischen Durchschnittsbürgers: Durchschnittswerte
enthüllen nicht immer die aufschlußreichsten Realitäten.
Realität ist, daß die Einkommen der Amerikaner sich
kaum nach oben bewegt haben, und die meisten
Amerikaner befinden sich auf demselben Weg
abwärts wie in den letzten 15 Jahren. Und obwohl in
der amerikanischen Volkswirtschaft über 4 Millionen
neuer Arbeitsplätze geschaffen wurden, sind immer
noch 8 Millionen unserer Bürger arbeitslos und 4
Millionen, die lieber eine Ganzzeitstelle hätten,
arbeiten nur halbtags.

Seite 1

�Die amerikanische Mittelschicht wird durch umfassende Trends, die sich seit Mitte der siebziger
Jahre beschleunigt haben, in drei neue Gruppen
aufgeteilt: Eine vorwiegend in den Innenstädten
gefangene Unterschicht, die zunehmend von den
Wirtschaftszentren isoliert ist, eine Oberschicht
derjenigen, die den Wandel in ihren Dienst stellen
und dazwischen die größte Gruppe, eine Gruppe
besorgter Menschen, die großenteils einen Arbeitsplatz haben, sich aber zu Recht Sorgen um ihre
Stellung und um die Zukunft ihrer Kinder machen.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts waren
Amerikaner unterschiedlicher Herkunft und Lage
durch zwei mächtige Kräfte aneinander gebunden.
Eine war die Gefahr sowjetischer Aggression. Die
lauernde Präsenz einer rivalisierenden "Supermacht"
förderte unser Zusammengehörigkeitsgefühl. Die
andere Kraft war die wachsende Wirtschaft. Unser
Gefühl eines gemeinsamen Schicksals wurde durch
die wachsende Sicherheit genährt, daß die Welle
des Wirtschaftswachstums alle Amerikaner erfassen
würde.
Heute haben sich - fast im Gegensatz dazu - diese
einst engen Bande nahezu aufgelöst. Der Kalte
Krieg kam zu einem dramatischen Ende, wie wir auf
CNN sehen konnten. Und jetzt begrüßen wir die
daraus hervorgegangene neu befreite Welt. Die
amerikanische Mittelschicht ist stillschweigend
verschwunden. Wir waren jeden Tag Zeuge, haben
es aber nie wirklich gesehen. Jetzt werden wir mit
den Konsequenzen konfrontiert.
In den nächsten Monaten werde ich darüber sprechen, was die Regierung und der einzelne unternehmen können, um mehr Amerikaner in eine neue
Mittelschicht zu bringen. Heute morgen möchte ich
jedoch die besondere Rolle des Privatsektors
ansprechen. Der Grund ist einmal, daß der Privatsektor die herausragendste Kraft für die Wiederherstellung der amerikanischen Mittelschicht ist, und
daß eine klare Kalkulation unternehmerischer
Interessen eine solche Erneuerung als lebenswichtig
für langfristigen unternehmerischen Erfolg ansehen
muß.
Zunächst möchte ich den Grund für den Zerfall der
Mittelschicht ansprechen. Die Aufsplitterung in die
untere, die obere und die besorgte Gruppe ist auf
die Qualität ihrer Bildung und ihre Fähigkeit und
Möglichkeit zu lebenslangem Lernen zurückzuführen.
Natürlich waren Qualifikationen schon immer relevant für das Einkommen. Aber sie waren nie so
wichtig wie heute.
Einkommen und Leistungen sind jedoch nicht alles.
Allein einen Arbeitsplatz zu bekommen und zu

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behalten, hängt in zunehmendem Maße von Qualifikationen ab.
Es ist anscheinend ein Paradoxon der heutigen
Wirtschaftsnachrichten, daß auf den Finanzmärkten
die Arbeitslosigkeit als zu niedrig für die Eindämmung
der Inflation erachtet wird, obwohl es immer noch 8
Millionen Arbeitslose in Amerika gibt. Ein Teil der
Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch liegt
darin, daß die Märkte für hochqualifizierte Arbeitskräfte in vielen Wirtschaftsbereichen sehr eng werden
und damit Bedingungen schaffen, die Sorgen über
eine Inflation entstehen lassen. Millionen weniger gut
ausgebildeter Arbeitskräfte bleiben jedoch arbeitslos
oder unterbeschäftigt. Diese verschwendete Arbeitskraft wird durch Mauern der Fähigkeit von den
führenden Teilen der Wirtschaft abgegrenzt, wo
Leistungszwänge lauern. Der beste Weg zur Erweiterung wirtschaftlicher Fähigkeiten und Senkung der
Arbeitslosigkeit - eine Voraussetzung für die Kontrolle
der Inflation - ist das Niederreißen dieser Mauern
durch die Vorbereitung unterforderter Arbeitnehmer
auf produktivere Arbeit.
Graphiken und Trendprognosen haben auf dem
Diaprojektor im Konferenzsaal eines Hotels eine
gewisse Harmlosigkeit. Sie sind abstrakt und flüchtig.
Man drückt auf einen Knopf und die Zahlen verschwinden. Wenn sie jedoch in den Gemeinden und
an den Arbeitsplätzen Amerikas Gestalt annehmen,
sind diese Kräfte verhängnisvoll. Halten Sie sich die
physische Trennung vor Augen, die sie bereits
herbeigeführt haben. Die Oberschicht ist in die
Vorstädte der Eliten gezogen - bisweilen in ihre
eigenen abgeschotteten Gemeinden oder Wohngegenden, die von ihren eigenen Sicherheitskräften
überwacht werden. Die Unterschicht findet sich in
einer Umgebung isoliert, die unaussprechlich öde und
oftmals voller Gewalt ist. Und die Gruppe der Besorgten ist ebenfalls gefangen - nicht nur in Häusern
und Apartments, die oft zu klein für die wachsenden
Familien sind, sondern auch von den frenetischen
Bestrebungen, die zum Erhalt ihrer Position erforderlich sind, denn viele Familien benötigen ein doppeltes
oder dreifaches Gehalt zum Erhalt des Lebensstandards, der früher aus einer Lohntüte finanziert werden
konnte.
Mit anderen Worten: Selbst wenn die Welle des
Wirtschaftswachstums in Amerika weiter steigt, wird
sie uns nicht alle tragen. Nur ein kleiner Teil unserer
Bevölkerung hatte Vorteile vom Wirtschaftswachstum
der achtziger Jahre. Die während der achtziger
Jahre begonnenen Umstrukturierungen und Kapitalinvestitionen, die sich in den neunziger Jahren
fortsetzten, haben die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie verbessert nicht jedoch die Aussichten der meisten Amerikaner.

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�Die Zurückgelassenen setzten eine Welle von Ressentiments und Mißtrauen in Bewegung, die die
Regierung, die Unternehmen und andere Institutionen erfaßte, von der sich die Gruppe der besorgten
Menschen betrogen fühlte.
Betrachten Sie sich den erstaunlichen Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit. 1975 hatten einer
Umfrage von Gallup zufolge 40 Prozent der Amerikaner Vertrauen zum Kongreß. Heute liegt die Zahl
bei 18 Prozent. 1975 hatte über ein Drittel der
Amerikaner Vertrauen zu den großen Unternehmen,
heutzutage ist es nur noch ein Viertel. Nahezu jede
Institution in diesem Land - staatliche Schulen,
Zeitungen, Fernsehen, Gewerkschaften, selbst
Religionsgemeinschaften - haben in den Augen der
Öffentlichkeit an Ansehen verloren. Nahezu jede
führende Persönlichkeit in unserer Gesellschaft ist zu
einem Blitzableiter für die Frustration der Öffentlichkeit geworden.
Das schafft einen Nährboden für Demagogen und
konspirative Theoretiker, die oftmals in Zeiten der
Angst auftauchen. Menschen in Sorge, um ihre
Zukunft bangende Menschen, klammern sich natürlich an das, was sie haben, und leisten oftmals
Widerstand gegen alles, das eine Bedrohung dafür
darstellt. Menschen, die sich im Stich gelassen
fühlen - von einer Regierung, die ihren Abstieg
zuläßt oder einem Unternehmen, das sie entlassen
hat - reagieren auf Opportunisten, die mit vereinfachenden Erklärungen und obskuren Lösungen
hausieren gehen. Warum fällt es Euch schwer, mit
dem Geld auszukommen? Wir lassen zu viele
Einwanderer ins Land. Warum könnt Ihr kaum Eure
Rechnungen bezahlen? Berufliche Gleichstellung
bevorzugt oft Afro- und Hispanoamerikaner. Warum
ist Euer Arbeitsplatz gefährdet? Unsere Handelspolitik ist nicht protektionistisch genug.
Solche Gefühle sind unabhängig von ideologischen
Trennungen. Konspirative Theoretiker aus dem
linken Lager brüten Geschichten über eine Intrige
unternehmerischer Puppenspieler aus, die im
Welthandel die Fäden ziehen, während die aus dem
rechten Lager Märchen über einen Präsidenten
erzählen, der zum Mord anstiftet. Im Radio übertragene Gesprächsrunden - einst ein spritziger
Beitrag zur freien Meinungsäußerung - haben eine
neue, mißgünstige Schärfe bekommen - Erhöhung
der Zustimmung durch Anstiftung zur Wut. Es
wurden seltsame Allianzen gebildet, um die Vorstellung zurückzuweisen, daß freier Handel eine
wohlhabende Mittelschicht hervorbringen kann.
Denken Sie nur an die noch nicht lange zurückliegenden Debatten über das NAFTA, von denen ich
noch Narben habe.

AMERIKA DIENST 40

Wo also liegt die Lösung? Wir können das Rad der
Geschichte nicht zurückdrehen und zu der sicheren
alten Welt der routinemäßigen Massenproduktion
zurückkehren, die das Amerika nach dem Krieg
beherrschte. Derartige Bestrebungen, beispielsweise
indem ausländische Investitionen und Güter außerhalb unserer Grenzen gehalten werden oder
technologischer Fortschritt behindert wird, würden die
alte Mittelschicht nicht wiederbeleben. Sie würden
nur die Fähigkeit jedes Amerikaners einschränken,
inmitten des Wandels zu prosperieren.
Die wirkliche Lösung besteht darin, alle Amerikaner
am Wirtschaftswachstum zu beteiligen, um sicherzustellen, daß jeder Vorteile aus der neuen Wettbewerbsfähigkeit zieht. Dadurch können wir gemeinsam wachsen - und unsere Fähigkeit zur Schaffung
inflationsfreien Wachstums erhöhen. 12 Millionen
arbeitsloser oder unterbeschäftigter Amerikaner und
Millionen weiterer, deren Löhne stagnieren oder
sinken, können sich nur wundern über das Gerede
von einer überheizten Wirtschaft. Wir können es
besser machen. Diese Wirtschaft wird erst ihre volle
Kapazität erreichen, wenn wir das Potential all
unserer Bürger produktiver einsetzen.
Gemeinsam müssen wir eine neue Mittelschicht
aufbauen, die auf der Kraft der Arbeitnehmer basiert,
Mehrwert zu schaffen, da sie die Fähigkeiten dazu
haben.
Individuen und Familien sollten hier mehr Verantwortung übernehmen. Letztlich müssen sie den neuen
wirtschaftlichen Realitäten ins Auge blicken und
sicherstellen, daß diese Menschen und ihre Kinder
die grundlegenden intellektuellen Werkzeuge besitzen, um zu prosperieren. Auch die Regierung spielt
hier eine Rolle. Sie kann einige der Hindernisse
beseitigen - die Qualität der staatlichen Erziehung
verbessern, Qualifikationsmaßstäbe setzen und den
Übergang von der Schule zum Arbeitsleben und von
einer Stelle zur nächsten reibungsloser gestalten.
So einfallsreich der einzelne auch sein mag und so
effizient eine Regierung auch arbeitet - sie können
nicht im Alleingang eine neue Mittelschicht aufbauen.
Die Unternehmen müssen hierbei eine unerläßliche
Rolle spielen. Um es klar zu sagen: Wenn sich die
Unternehmen nicht am Wiederaufbau der amerikanischen Mittelschicht beteiligen - und den durchschnittlichen Arbeitnehmer besser ausbilden, ihm mehr
Rechte geben und ihn somit produktiver und innovativer arbeiten lassen - kann diese Aufgabe nicht
erfolgreich durchgeführt werden. Ich weiß, was damit
auf dem Spiel steht. Aber ich bin der Ansicht, daß
die Unternehmen letztlich den Antrieb finden, um ihre
zentrale Rolle zu spielen. Für sie gibt es zwei gute
ökonomische Gründe, sich zu beteiligen: Erstens

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�sind die Angehörigen der gefährdeten amerikanischen Mittelschicht das wichtigste produktive Kapital.
Zweitens stellen sie für die meisten Unternehmen die
Mehrheit der Kunden dar. Untersuchen wir diese
beiden Gründe nacheinander.
Es ist für Unternehmer nichts Neues, daß eine
ausgebildete Arbeitnehmerschaft eine strategische
Trumpfkarte sein kann. Andere Elemente eines
Unternehmens können von Konkurrenten kopiert
werden - Maschinen, Verfahren, Grundstoffe, Zugang zu billigeren Arbeitskräften auf der ganzen
Welt. Eine ausgebildete, flexible Arbeitnehmerschaft, die auf eine auf dem Markt wichtige Art und
Weise Wert schöpfen kann, kann einen dauerhaften
Wettbewerbsvorteil darstellen.
In ganz Amerika demonstrieren die Unternehmen,
daß Erfolg oftmals davon abhängt, Arbeitnehmer wie
Aktivposten zu behandeln, die entwickelt werden
sollten, anstatt wie Kosten, die reduziert werden
müssen. Sie praktizieren das an Arbeitnehmern an
vorderster Front, die nicht unbedingt vier Jahre aufs
College gegangen sind. Während meiner Reisen
durch die Vereinigten Staaten habe ich das immer
wieder festgestellt: Bei einem Stahlproduzenten in
Cleveland, einem Telefonhersteller in Atlanta, einem
Versicherungsunternehmen in Hartford, einer Revisionsfirma in Chicago, einem Werkzeugmaschinenhersteller in Rochester. Viele der heute hier vertretenen Unternehmen gehören zu den Pionieren der
Gewinnerzielung und Produktivitätserhöhung in der
neuen Wirtschaft. Durch diesen Prozeß haben Sie
dazu beigetragen, die Vorhut dieser neuen Mittelschicht zu schaffen: Techniker mit einer über die
High School hinausgehenden Ausbildung, die jedoch
nicht notwendigerweise einen College-Abschluß
umfaßt.
Lew Platt, der Manager von Hewlett-Packard, erzählte mir kürzlich von HPs Werk mit integrierten Schaltsystemen in San Jose\ Die Renditen waren zu
niedrig, der Ausschuß zu groß, selbst nachdem
Hewlett-Packard modernste Maschinen installiert
hatte. Was war das Problem? HP entdeckte, daß
in San Josö die Arbeitnehmer an vorderster Front,
von denen die Mehrheit keinen College-Abschluß
hatte, viel darüber wußten, was in der Fabrik nicht
funktionierte. Erforderlich waren zusätzliche Ausbildung sowie die Befugnis, ihre Lösungsvorschläge
an Ort und Stelle umzusetzen. HP beschloß, eine
Ausbildungskampagne für die Tausenden von im
Elektrobereich Tätigen bei HP durchzuführen - und
dadurch wurden diese Arbeitnehmer an vorderster
Front zu Technikern. Es funktionierte. Die Qualität
verbesserte sich dramatisch, die Renditen stiegen
sprungartig an und das Werk wurde enorm konkurrenzfähig. Dadurch stellte HP nicht nur seine

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Fabrikanlage um, sondern vergrößerte die neue
Mittelschicht um Tausende von Arbeitnehmern.
Mein erster Grund zu Optimismus, daß die Unternehmen ihre Rolle beim Aufbau einer neuen Mittelschicht auf der Grundlage von Qualifikationen spielen, ist die Tatsache, daß Investitionen in die erwerbstätige Bevölkerung aus unternehmerischer Sicht
oftmals sehr sinnvoll sind - und die Unternehmen
erkennen das in zunehmendem Maße.
Mein zweiter Grund betrifft ebenfalls die Arbeitnehmerschaft, wenn auch weniger direkt. Der wichtigste
Absatzmarkt der meisten amerikanischen Unternehmen sind weiterhin die amerikanischen Verbraucher. In den fünfziger und sechziger Jahren war
der amerikanische Binnenmarkt der lebhafteste der
Welt.
Der Verkauf auf einem prosperierenden,
hochentwickelten Inlandsmarkt gab den amerikanischen Unternehmen in einem Industriezweig nach
dem anderen einen weltweiten Wettbewerbsvorteil.
Die Unternehmensgewinne und das Einkommen der
Mittelschicht stiegen zusammen an. Die Massenproduktion brachte die Mittelschicht hervor, die
wiederum die Massenproduktion anheizte. Seit Mitte
der siebziger Jahre - als die Einkommen stagnierten,
die Kluft sich verbreiterte und der amerikanische
Massenproduktionsmarkt zersplitterte - wurde der
amerikanische Binnenmarkt als kommerzielles
Sprungbrett weniger dominant. Eine Neubelebung
der Mittelschicht bedeutet größere Inlandsnachfrage
und ein besseres Testgelände für weltweiten unternehmerischen Erfolg.
Es gibt gute Gründe für die Unternehmen, in Humankapital zu investieren, aber anscheinend noch
nicht genug Grund. Einer neuen Studie des Büros
für Arbeitsstatistik zufolge bieten nicht einmal die
Hälfte aller Unternehmen eine formelle Berufsausbildung an. Weitere neuere Daten zeigen, daß
Unternehmer eher geneigt sind, Ausbildungsinvestitionen in die Arbeitnehmer zu tätigen, die bereits über
eine Ausbildung verfügen. Ein Drittel der jungen
Arbeitnehmer mit College-Abschluß erhalten eine
berufsbezogene Ausbildung. Dasselbe gilt jedoch nur
für ein Sechstel aller Arbeitnehmer mit High SchoolAbschluß und nur ein Zehntel aller High SchoolAbbrecher.
Wenn die Nationen klug sind und Glück haben - wie
es während des Großteils der amerikanischen
Geschichte der Fall war - verknüpft ein stillschweigender Sozialpakt unternehmerischen Erfolg, steigenden Lebensstandard und unternehmensorientierte
Politik. Der Zerfall der Mittelschicht stellt jedoch eine
Gefahr für die Vereinbarung dar, die sich für so viele
amerikanische Bürger und Unternehmen ausgezahlt
hat. Unternehmerischer Erfolg führt nicht länger

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�automatisch zu steigendem Lebensstandard für alle.
Es besteht die Gefahr, daß die Auffassung vertreten
wird, die Interessen der auf internationaler Ebene
operierenden Unternehmen deckten sich nicht mit
denen der amerikanischen Bürger, und höhere
Produktivitätsraten bedeuteten nicht einen höheren
Lebensstandard für den Durchschnittsamerikaner.
Wenn die meisten Amerikaner für weniger Geld
härter arbeiten müssen, und der Amerikanische
Traum in immer weitere Ferne rückt, erscheint die
vielgerühmte Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft wie ein übler Scherz.
Es ist an der Zeit, den Pakt zwischen Unternehmen,
Regierung und Arbeitnehmerschaft in den Vereinigten Staaten zu erneuern. Es ist an der Zeit, die Verbindungen zwischen den beiden genau festgelegten
nationalen Traditionen freien Unternehmertums und
breit gestreuten Wohlstands der Mittelklasse neu zu
knüpfen.
Die Clinton-Administration engagiert sich dafür, den
Beitrag des Staates zu diesem neuen Pakt zu
leisten. Das Engagement dieser Administration für
den Aufbau einer neuen Mittelschicht hat bereits
Ergebnisse gezeitigt - aber viele entstanden vielleicht
eher aus einer Harmonie zwischen beiden Parteien
anstatt aus parteipolitischen Unstimmigkeiten, die
nicht bemerkt wurden. Politische Konflikte sind ein
viel aufregenderer Zuschauersport.

Qualifikationen der Unternehmer darstellt. Kategorische Forderungen wie diese können endlose juristische Pirouetten nach sich ziehen, die wiederum zu
noch stärkerer Einmischung führen. Ich hoffe, daß
wir gemeinsam eine bessere Möglichkeit finden freiwillige Verpflichtungen zu Investitionen in Arbeitnehmer und ihre Offenlegung; kooperative Abkommen unter Unternehmen einer Branche, die Kosten
der Grundausbildung zu teilen; entsprechende
Abkommen zwischen großen Unternehmen und ihren
kleineren Zulieferern und Kunden; Ausbildung der
Arbeitnehmer als Gegenstand von Tarifverhandlungen; Prämien oder Bescheinigungen für Unternehmen, die substantielle Investitionen in ihre Beschäftigten tätigen; Zusammenarbeit zwischen High Schools
und Unternehmen zur Einstellung von Schulabgängern; steuerliche Anreize zur Ausbildung der Arbeitnehmerschaft. Diese und andere Ansätze - allein
oder in Kombination - könnten sich als effektiver
erweisen als eine einheitliche Forderung. Wenn wir
jedoch keinen höherentwickelten Ansatz entwickeln
können, würden wir sicher besser diese Methode
wählen als das Ziel ganz aufzugeben. Wir sollten
uns mit den Optionen befassen.
Sie in der National Alliance of Business und als
Vertreter des Unternehmertums haben bereits sehr
viel erreicht und sollten darauf stolz sein. Die zentrifugalen Kräfte, die Amerika auseinanderreißen,
fordern jedoch noch mehr Entschlossenheit. Wir
können eine neue Mittelschicht schaffen und eine

Heute begibt sich der Arbeitsminister auf eine Mission. Sie führt mich zu den amerikanischen Unternehmen, und Dallas ist mein erster Halt. Ziel meiner
Mission ist es, die Dringlichkeit auf der anderen
Seite dieses Pakts zu unterstreichen. Im Interesse
von zukünftigem Wohlstand und Stabilität müssen
die amerikanischen Unternehmen sich durch Investitionen in die amerikanischen Arbeitnehmer
revanchieren.
Wie soll das geschehen? Welchen spezifischen
Inhalt sollte dieser Pakt haben? Ich kann nicht die
exakten Bestimmungen prognostizieren. Offensichtlich ist ein Mittel, die amerikanischen Unternehmen
zu Investitionen in die Arbeitnehmerschaft zu verpflichten, die einfache Erfordernis, daß die Firmen
einen kleinen Teil ihrer Gewinne zur Erhöhung der
Qualifikationen aller Angestellten verwenden.
Die Administration fördert eine solche Option nicht
als offiziellen politischen Vorschlag, da wir nicht
davon überzeugt sind, daß sie den besten Weg zur
Erreichung des Ziels erhöhter Investitionen in die

*

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neue Leiter für den Aufstieg der Unterschicht bauen.
Sie und ich wissen, daß das möglich ist. Wir haben
bereits einen Beginn gesehen. Aber ohne die
verdoppelte Energie der amerikanischen Unternehmer - ohne das grundlegende Verständnis, daß keine
Aufgabe für unsere Zukunft wichtiger ist - wird die
robuste Mittelschicht, einst ein wesentliches Qualitätsmerkmal unseres Landes, weiterhin zerfallen.
Während ich mich also auf meine Mission zu den
amerikanischen Unternehmen mache, bitte ich Sie,
sich für die Schaffung eines neuen Pakts einzusetzen
- für Rentabilität, Wohlstand für alle, Abbau wirtschaftlicher Ängste und daraus resultierender sozialer
Spannungen. Nehmen Sie an der Debatte über die
Bestimmungen dieses Pakts und die Rolle der
Unternehmen bei der Entwicklung beruflicher Fähigkeiten teil. Und engagieren Sie sich für die Erneuerung des Amerikanischen Traums, für den Aufbau
einer neuen Mittelschicht, die noch mehr Menschen
erfaßt als die alte und imstande ist, den Herausforderungen der neuen Wirtschaft zu begegnen.

* * *

*

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�WlRTSCHAFT
12. Oktober 1994

UNSERE WIRTSCHAFT BRAUCHT
WELTWEITE AUFMERKSAMKEIT
von Botschafterin Pamela Harriman
PARIS - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von der amerikanischen Botschafterin in Frankreich,
Pamela Harriman, verfaßten Artikel über die Rolle der Vereinigten Staaten im Welthandelssystem.

Im kommenden Monat votiert der Kongreß über eine
sehr wichtige Frage, die die Wirtschaft der Vereinigten Staaten und der Welt bis weit in die Zukunft
hinein gestalten wird. Dennoch wurde dieser Angelegenheit - der Annahme der als Uruguay-Runde
bekannten weltweiten Handelsvereinbarung - während dieser bewegten Monate in Washington wenig
Aufmerksamkeit gezollt.
Es bedurfte siebenjähriger Verhandlungen, um die
Runde zu einem Abschluß zu bringen. Während
langer, harter Verhandlungen und insbesondere in
den entscheidenden letzten Wochen vor dem
Abschluß legten wir stark und erfolgreich Nachdruck
auf unsere Interessen. Aus meinem Blickwinkel als
Vertreterin der Vereinigten Staaten in Frankreich einem wichtigen Mitspieler im Welthandelssystem demonstrieren die Schwierigkeiten der vergangenen
Verhandlungsmonate, wie genau diese Vereinbarung
ausgearbeitet werden mußte, damit sie sowohl
unseren Wirtschaftsinteressen als auch den unseren
Handelspartnern und uns gemeinsamen Interessen
dient. Letztlich kamen wir zu einer Übereinkunft,
weil sie sich mit uns auf drei grundlegende Punkte
einigten:
Wachstum des Welthandels ist von essentieller
Bedeutung für die nationale wirtschaftliche Gesundung,
das Handelssystem benötigt Regeln für Bereiche
wie Landwirtschaft, Dienstleistungen und geistiges Eigentum,
die Differenzen im handelspolitischen Bereich
werden - selbst in Freihandelszonen - nicht
verschwinden; vorzugsweise werden eine Reihe

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von Grundsätzen und ein Mechanismus zur
Beilegung von Streitigkeiten geschaffen.
Jedes unter den 128 Nationen ausgehandelte Abkommen beinhaltet Kompromisse. Jede der Parteien
kann in dem Paket Kritikpunkte finden. Die Vorteile
der Uruguay-Runde wiegen sämtliche Probleme
jedoch bei weitem auf. Die Zustimmung des Kongresses ist in zweierlei Hinsicht von entscheidender
Bedeutung: Unsere Volkswirtschaft benötigt sie für
zukünftiges Wachstum und wegen unserer Führungsrolle in der Welt.
Die Vereinbarung stellt ein stärkeres, verläßlicheres
Handelssystem bereit, das den amerikanischen
Stärken Rechnung trägt. Sie verringert die ausländischen Zölle auf Fertigwaren um mehr als ein
Drittel - die größte Zollsenkung der Geschichte. Sie
erhöht in beträchtlichem Ausmaß die Exportmöglichkeiten unserer Landwirte durch die Abschaffung aller
nichttarifären Handelshemmnisse, einschließlich
Quoten, sowie durch beträchtliche Zollsenkungen.
Unternehmen und Arbeitnehmer in den Bereichen
Pharmazie, Unterhaltung, Software und bei anderen
Produkten erhalten neuen Schutz für ihr wertvolles
geistiges Eigentum. Amerikanischen Dienstleistungsexporteuren, beispielsweise auf den Gebieten Rechnungsprüfung, Werbung, Computerdienstleistungen,
Tourismus, Ingenieur- und Bauwesen werden ebenfalls offenere ausländische Märkte garantiert.
Schließlich rationalisiert die Vereinbarung das Verfahren für den Umgang mit Handelsstreitigkeiten und
stellt sicher, daß in allen Ländern die gleichen
Vorschriften gelten - ein den amerikanischen Unterhändlern vom Kongreß vorgegebenes wichtiges
Ziel.

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�Die Vereinigten Staaten ließen erst vor kurzem eine
große Rezession hinter sich. Unsere Unternehmen
und ihre Beschäftigten durchliefen einen schmerzhaften Umstrukturierungsprozeß, sind aber jetzt die
effizientesten und wettbewerbsfähigsten der Welt.
Der jüngste Erfolg der amerikanischen Automobilhersteller zeigt, was wir auch in vielen anderen Bereichen unternehmen könnten. Vor Abschluß der
Uruguay-Runde hatten die Konsumenten im Ausland
aufgrund von Handelshemmnissen nicht immer den
gewünschten Zugang zu den qualitativ hochwertigen
und effizient hergestellten amerikanischen Waren
und Dienstleistungen. Jetzt können wir diesen
Zugang sicherstellen. Wir haben von einem offenen
Weltmarkt mit durchsetzbaren Regeln nichts zu
fürchten; ganz im Gegenteil - wir werden dadurch
blühen und gedeihen!
Wie vorherzusehen war, wurde viel über die Möglichkeit gesprochen, die Welthandelsorganisation
(World Trade Organisation - WTO) könnte in einer
Handelsstreitigkeit gegen uns entscheiden. Von
manchen wird behauptet, die Mitgliedschaft in der
WTO schränke unsere Souveränität ein. Das ist ein
lächerliches Argument, das allzuoft gegen internationale Vorstöße vorgebracht wird - vom Völkerbund über den IWF bis zur UNO. Die Entscheidungen der WTO werden Richtlinien für unsere Praktiken festsetzen, nicht jedoch spezifische Aktionen
unsererseits diktieren. Die WTO beeinflußt nicht die
Souveränität der Vereinigten Staaten, ihre eigenen
Gesetze zu erlassen, existierende Gesetze durchzusetzen oder ihre eigenen umweit- und gesundheitspolitischen Maßstäbe zu setzen; nur der Kongreß und der Präsident haben diese Befugnis. Die
Mitgliedschaft in der WTO gestattet uns sicherzustellen, daß unsere Handelspartner sich an vereinbarte
Regeln halten und beendet ihre Möglichkeit, im Falle
von Verletzungen der Regeln ihrerseits bestimmte
Aktionen zu blockieren, wie derzeit allzuoft geschieht.
Noch wichtiger ist die nervenaufreibende Frage, ob
eine Niederlage in diesem Jahr oder eine Verschiebung auf das kommende Jahr - während sich die
übrige Welt weiterentwickelt - den Märkten weltweit
einen Schlag versetzen würde. Negative Auswirkungen wären in der gesamten amerikanischen Volkswirtschaft und tatsächlich weltweit zu spüren.
Ein solches Scheitern oder Zögern würde auch als
Rückzug von unserer historischen Verpflichtung zu
freiem Handel interpretiert. Das derzeitige Welthandelssystem entstand aus den Verträgen über
eine Liberalisierung des Handels, deren Aushandlung die Vereinigten Staaten noch vor dem Zweiten
*

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Weltkrieg begannen, als wir uns von dem isolationistischen Disaster des Smoot-Hawley-Zolls erholten.
Seitdem standen wir im Mittelpunkt sämtlicher Handelsgespräche, denn es ist im Interesse unserer
Nation - und dem der Welt - daß wir die Führungsrolle übernehmen.
Das Handelssystem der Vergangenheit war den
Herausforderungen einer expandierenden Weltwirtschaft nicht gewachsen. Im Rahmen der UruguayRunde werden die Sektoren, die die größten Schwierigkeiten verursachten, erstmals realistisch behandelt,
einschließlich der Bereiche Landwirtschaft, Textilien,
Dienstleistungen und Investitionen. Wir sind dazu
verpflichtet, die verbleibenden Herausforderungen zu
bewältigen, darunter Luftfahrt, Finanzdienstleistungen,
Stahl und audiovisuelle Produkte.
Viele dieser Fragen verursachen in Frankreich
besondere Schwierigkeiten. In diesem Land befürchten einige, ihr Wirtschaftssystem verfüge nicht
über die erforderliche Flexibilität, um auf der Ebene
der Gleichberechtigung auf dem entstehenden
Weltmarkt konkurrieren zu können. Frankreich hat
jedoch das Abkommen der Uruguay-Runde akzeptiert. Es wäre bedeutend schwieriger, wenn nicht
sogar unmöglich, bei diesen und anderen wichtigen
Fragen mit den Franzosen - und unseren anderen
Handelspartnern - Fortschritte zu erzielen, wenn der
Kongreß die Vereinbarung ablehnen oder als parteipolitische Angelegenheit behandeln würde. Andere
große Errungenschaften - der Sieg im Zweiten
Weltkrieg, der Wiederaufbau Westeuropas, der
konsequente Kurs im Kalten Krieg, selbst das NAFTA
- wurden durch die Zusammenarbeit von Demokraten
und Republikanern erreicht. Die Geschichte wird ein
hartes Urteil über diejenigen sprechen, die den Platz
unserer Nation in der Weltwirtschaft zum Spielball der
Politik machen.
In Frankreich feierten wir in diesem Sommer den
fünfzigsten Jahrestag der Befreiung, die vor allem
durch den Schweiß und das Blut einer Generation
von Amerikanern gewonnen wurde, die der Überzeugung war, ihr Land müsse auf der internationalen
Bühne eine positive Rolle spielen und den Optimismus hegte, wahrhaft etwas bewirken zu können. Sie
hatten damals recht, und dieselben Grundsätze
gelten noch heute. Die Zukunft der Weltwirtschaft
wird von unseren heutigen Entscheidungen gestaltet.
Unsere Industrie und Landwirtschaft sind die effizientesten der Welt. Wir werden entweder in der Welt
prosperieren, oder zurückfallen. Wir können nicht
'aussteigen'. Jetzt ist die Zeit für eine Entscheidung
gekommen, nicht für Aufschub.

* * * *

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�DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG
12. Oktober 1994

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation Präsident Clintons zum DeutschAmerikanischen Tag am 6. Oktober 1994.

Vor drei Monaten begrüßten und bekräftigten die
Vereinigten Staaten und Deutschland bei einer
freudigen Feier am Brandenburger Tor mit Stolz das
neue Zeitalter transatlantischer Zusammenarbeit
zwischen unseren beiden Nationen. Gemeinsam
arbeiten unsere beiden Länder an der Förderung
von Demokratie und Marktreform, die den Europäern
sowie ihren amerikanischen Freunden und Verbündeten mehr Wohlstand und Sicherheit versprechen.
Für dieses bedeutende Bündnis gibt es in der
Geschichte einen wichtigen Präzedenzfall. In den
ersten Tagen nach der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776
übersetzte ein bekanntes Unternehmen in Philadelphia den Text der Erklärung ins Deutsche und
veröffentlichte ihn. Diese Entscheidung spiegelte die
bedeutende Anzahl deutscher Siedler in Amerika
wider, deren Beteiligung an unserem Kampf für die
Freiheit zum Aufbau unseres demokratischen
Systems beigetragen hat. Die Veröffentlichung der
Unabhängigkeitserklärung in deutscher Sprache
sollte die Kunde von der Unabhängigkeit unter den
mutigen deutschen Siedlern verbreiten, die mit ihren
englischsprachigen Landsleuten - wenn auch nicht
die Sprache - so doch eine beständige Freiheitsliebe
gemein hatten. Die Gründerväter der Unabhängigkeit erkannten die fundamentale Bedeutung der
deutschen Siedler an, und die Deutschen waren
stolz darauf, bei der Geburt der amerikanischen
Demokratie eine zentrale Rolle zu spielen.
Deutsche, die sich bereits in den Kolonien niedergelassen hatten sowie andere, die am Unabhängigkeitskrieg teilnehmen wollten, beispielsweise Baron
von Steuben, leisteten wichtige Hilfe zum amerikani-

schen Sieg. Die übersetzte Fassung der Unabhängigkeitserklärung ist ein dauerhaftes Symbol für echte
deutsch-amerikanische Freundschaft und den außerordentlichen geistigen und materiellen Beitrag der
Deutschen zur Geburt einer das Volk vertretenden
Regierung in den Vereinigten Staaten.
In den
nahezu 220 Jahren seit diesem großen Sieg waren
Generationen von Deutschamerikanern aktive und
wertvolle Teilnehmer am amerikanischen Experiment.
Heute haben mehr Bürger der Vereinigten Staaten
Vorfahren aus Deutschland als aus jeder anderen
Volksgruppe. Aufgrund der Inspiration von zwei
Jahrhunderten gemeinsamer Freiheit helfen Deutschamerikaner im ganzen Land, unsere Nation zu einer
Zukunft zu führen, die ebenso strahlend wie unsere
Vergangenheit ist - eine Zukunft wachsender Verständigung und sicheren Friedens.
Zu Ehren der heutigen Hüter des reichen deutschamerikanischen Erbes hat der Kongreß entsprechend
Gesetz 103-100 den 6. Oktober 1994 zum "DeutschAmerikanischen Tag" erklärt und den Präsidenten
ermächtigt und ersucht, aus Anlaß dieses Tages eine
Proklamation zu erlassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
hiermit den 6. Oktober 1994 zum Deutsch-Amerikanischen Tag - zur Würdigung der zahllosen Beiträge,
die Menschen deutschen Ursprungs zu Freiheit,
Demokratie und Wohlstand unserer Nation geleistet
haben.
Unterzeichnet am 4. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * *

AMERIKA DIENST 40

*

Seite 1

�LITERATUR
12. Oktober 1994

EDITH WHARTON STEHT FÜR DEN REICHTUM
DER AMERIKANISCHEN LITERATUR
Die Autorin von "Zeit der Unschuld"
WASHINGTON - (AD) - Zu Beginn des letzten
Viertels des vergangenen Jahrhunderts begann ein
zwölfjähriges Mädchen - im sicheren Schutz ihrer
Familie und deren hoher gesellschaftlicher Stellung als Folge ihres unersättlichen Lesehungers und zur
Erweiterung ihres ziemlich begrenzten Horizonts,
Verse und Geschichten zu schreiben.
Die Welt von Edith Newbold Jones drehte sich um
das anständige, ehrwürdige New York und die
Gesellschaft der Ostküste, die sich aus Kaufleuten,
Juristen und Bankiers zusammensetzte, deren
Wurzeln bis in die Zeit der Siedler zurückgingen.
Die meisten von ihnen hatten kein großes Interesse
an Kultur, insbesondere an Kunst oder Literatur.
Das Schreiben führte tatsächlich zu Spannungen.
Edith (die nach ihrer Heirat unter dem Namen
Wharton schrieb) untersuchte im Lauf ihrer schriftstellerischen Karriere und mit zunehmender Reife in
während vier Jahrzehnten geschriebenen Geschichten diese widerstreitenden Zwänge, sich ihrer
behüteten Welt anzupassen beziehungsweise
dagegen zu rebellieren - was für sie eine ständige
Herausforderung darstellte.
"Ihre tragischen Heldinnen und Helden", so der
Kritiker Edmund Wilson über ihr Oeuvre, "sind
leidenschaftliche oder phantasievolle Persönlichkeiten mit einem Hunger nach emotionalen oder
intellektuellen Erfahrungen, die in einem kleinen,
geschlossenen System gefangen sind und sich
entweder selbst zerstören, indem sie sich gegen ihre
Gefangenschaft auflehnen oder durch Resignation
lebendigen Leibes sterben."
Die Schriftstellerin stellte in ihrer Kollektion kritischer
Essays aus dem Jahr 1925, The Writing of Fiction,
selbst fest, "Drama und Situationen entstehen aus
dem Konflikt zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und dem Hunger des einzelnen, und die Kunst,
das Leben in Dichtung oder Prosa darzustellen,

AMERIKA DIENST 40

kann oder muß letztlich nichts anderes sein als die
Loslösung entscheidender Momente aus dem existentiellen Durcheinander."
Von entscheidender Bedeutung sei immer "eine
bestimmte moralische Norm, ein deutliches Bewußtsein für den immerwährenden Kampf zwischen den
konkurrierenden Impulsen des Menschen, wenn die
davon handelnde Literatur Aufmerksamkeit erregen
und im Gedächtnis bleiben soll".
Ediths Vater, George Frederic Jones, der von mehreren Generationen Kaufleuten und Reedern abstammte, die bis zur Ansiedlung der Holländer in NeuAmsterdam (dem späteren New York) zurückverfolgt
werden konnten, und ihre Mutter, deren Vorfahren
während des Unabhängigkeitskrieges an mehreren
großen Feldzügen teilnahmen, beobachteten die
Leidenschaft ihrer Tochter mit Mißtrauen.
Sie hielten ihre schriftstellerische Tätigkeit für exzentrisch und ignorierten sogar die späteren Erfolge ihrer
Tochter. "Das Thema wurde vermieden, als wäre es
eine Art familiärer Schande", erinnert sich Wharton
1934 in ihren Memoiren A Backward Glance. Ediths
erster Verlobter soll Presseberichten zufolge die
Beziehung beendet haben, weil sie eine "ehrgeizige
Autorin" war.
1937 - kurz vor ihrem Tod im Alter von 75 Jahren erinnerte sich Wharton an die Vorurteile und Leere
ihrer Kindheit und beklagte, "was für erbärmliche
Bestimmungen hinter den einheitlichen braunen
Steinfassaden dieser Häuser für die Vorstellungswelt
des Menschen erlassen wurden" und daß dort große
Bibliotheken mit Regalen voller - meist ungelesener Bücher existierten.
Gleichzeitig war die Welt der Literatur hauptsächlich
eine Welt des Mannes. Einige Frauen hatten sich
jedoch eine künstlerische Nische gesucht - die
meisten als Dichterinnen.

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�Romanschriftstellerinnen waren jedoch nicht die
Regel. Durch ihre neun Romane und Novellen
sowie mehr als sieben Dutzend Kurzgeschichten
veränderte Wharton ein wenig die Gewichtung. Und
sie wurde zur ersten Frau, der an der Yale University die Ehrendoktorwürde (in Literaturwissenschaften) verliehen wurde, sowie (für The Age of Innocence, obwohl ihrer Ansicht nach Sinclair Lewis für
Babbitt eher den Preis verdient hätte) der Pulitzerpreis für Literatur und die angesehene Goldmedaille
des National Institute of Arts and Letters.
Trotz dieser Triumphe war ihr Leben relativ niederdrückend und mit Angst erfüllt, die sich in ihren
Werken widerspiegelte. Nachdem Edith im Alter von
23 Jahren durch die Heirat mit Edward Robbins
(Teddy) Wharton, einem 10 Jahre älteren bekannten
Bostoner Bankier, der Enge ihres Elternhauses
entkommen war, entdeckte sie schon bald die
Nachteile der neuen Beziehung. Die beiden waren
gute Kameraden, aber Teddy - der gesundheitliche
Probleme hatte - paßte in intellektueller Hinsicht
nicht zu ihr. Sie hatten nur die Liebe zu Reisen ins
Ausland gemeinsam. In den Vereinigten Staaten
lebten sie in New York, Rhode Island und dem
westlichen Massachusetts.
Die Eintönigkeit ihres Lebens und die Last der
Verantwortung für Teddy lösten bei Edith Wharton
eine Reihe von Zusammenbrüchen - zunächst
psychischer, dann physischer Art - aus. Um dagegen anzugehen schrieb Edith zusammen mit
einem Freund ein Buch, The Decoration of Houses, das ihren Wunsch widerspiegelte, die Häuser
von der eher langweiligen Gestaltung zu befreien,
die zur Zeit der Jahrhundertwende die Norm war.
Edmund Wilson bezeichnete sie dem Romanschriftsteller und Kritiker Louis Auchincloss zufolge als
Dichterin der Inneneinrichtung.
Ferner verkaufte sie erstmals einige ihrer Werke an
Zeitschriften und veröffentlichte schließlich ihren
ersten Gesellschaftsroman, The House of Mirth.
Die Flucht in die Schriftstellerei reichte jedoch nicht
aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ließ sich das
Paar schließlich nach fast 30jähriger Ehe scheiden
und Edith zog nach Frankreich, wo ihre Popularität
noch viel größer war als in den Vereinigten Staaten.
Dort verkehrte sie mit Schriftstellern wie Andrö Gide
und Andrö Maurois, Rainer Maria Rilke und Jean
Cocteau sowie dem Bildhauer Auguste Rodin.
Während des Ersten Weltkriegs und danach kümmerte sie sich um arbeitlose Pariser und verwaiste
belgische Flüchtlingskinder und veranlaßte Vereinigungen in den Vereinigten Staaten, Geld für eine
Ambulanzstation, ein Sanatorium für Tuberkulosepa-

Seite 2

tienten sowie Wohnheime zu sammeln, wofür sie von
der französischen und belgischen Regierung geehrt
wurde. Mit Ausnahme ihres kurzen Besuchs in Yale
im Jahr 1923 aus Anlaß der Verleihung der Ehrendoktorwürde blieb sie in Europa und wurde auf einem
Friedhof in Versailles beigesetzt.
Edith Wharton ist großenteils ein Paradoxon. Ihr
Talent ist nicht unbedingt in ihrer literarischen oder
stilistischen Brillianz begründet, sondern in ihrer
Fähigkeit, innerhalb eines klaren Zeitrahmens mit
messerscharfem Verstand bis zum Kern eines
Charakters oder einer Persönlichkeit vorzudringen.
Ungeachtet des eintönigen Hintergrunds, vor dem sie
agieren, sind die Charaktere ihrer schriftstellerischen
Landschaft tragische Figuren. Dem Kritiker Calvin
Winter zufolge leiden sie "unter der Erkenntnis, daß
niemand seinem Umfeld entkommen kann, daß die
ganze Familie und Rasse eines Menschen über
Generationen hinweg unablässig ein Netz von
Gebräuchen und Traditionen geschaffen haben, von
dem sich der einzelne nicht befreien kann".
Whartons Leben weist noch andere interessante
Merkmale auf. Obwohl sie unweigerlich als Abbild
ihres Vorbilds und Mentors Henry James angesehen
wurde, unterschied sie sich stark von ihm. Nach
ihrem Tod wurde sie anfänglich als puritanische
Matrone kritisiert und unterschätzt, die von literarischer Größe träumte. Im Verlauf der letzten Jahre
wurde jedoch ihr Ruf als eines der faszinierendsten,
vielseitigsten und klarsten literarischen Talente dieses
Jahrhunderts wiederhergestellt - unter anderem auch
wegen ihrer Enthüllungen über das Leben der Frau
in der Gesellschaft.
Beweis für diese erneute Popularität ist die Tatsache,
daß in den letzten Monaten zwei auf ihren Werken
basierende Kinofilme - The Age of Innocence (Zeit
der Unschuld) und Ethan Frome - auf den Markt
kamen und weitere Filmadaptationen ihrer Werke im
Gespräch sind.
Besonders interessant ist ihre Verbindung zu Henry
James. Edith war dem älteren Schriftsteller erstmals
in ihrer Teenagerzeit begegnet, als sie mit ihren
Eltern Europa bereiste. Es entwickelte sich eine
Lehrer/Berater - Schüler Beziehung, und sie wurden
enge und ebenbürtige Freunde. Kritiker wie Fred
Lewis Pattee neigen dazu, die beiden der Schule von
Honore de Balzac, Gustave Flaubert und M.H.
Stendahl zuzuordnen. Beide müssen Pattee zufolge
"als Intellektuelle angesehen werden, die sich vorwiegend mit Benehmen, Sitten, Kunst befassen".
In The Writing of Fiction schrieb Wharton auch über
ihr Verhältnis zu James und konzentrierte sich darauf,
was sie von ihm übernommen hatte - vor allem ein

AMERIKA DIENST 40

�Interesse an den Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Regeln und der Freiheit des einzelnen,
insbesondere unter wohlhabenden Bürgern und im
Ausland lebenden Amerikanern. Abgesehen von
dieser Verbindung waren ihre Charaktere und ihre
Technik unverwechselbar. Auchincloss stellte fest:
"Im Unterschied zu James müssen ihre Sätze nie
erneut gelesen werden, um reichere und tiefgehendere Enthüllungen zu finden".
Wharton hielt sich während ihrer Laufbahn an den
Prüfstein für schriftstellerischen Erfolg: Sie schrieb
über das, was sie kannte und aus ihrer eigenen,
einzigartigen Perspektive. Es sollte jedoch nicht
vergessen werden, wie stark ihr Oeuvre nicht nur
durch ihre feine Herkunft, sondern auch durch die
Ereignisse ihrer Zeit beeinflußt wurde - der sich
verändernde Charakter der sie umgebenden Welt,
die revolutionären Umbrüche, die ihre gehobene,
kostbare gesellschaftliche Welt gefährdeten und
bedrohten.
In den achtziger und neunziger Jahren des 19.
Jahrhunderts, als Wharton erstmals ihre kreativen
Muskeln spielen ließ und als die Stadt mit nie dagewesenen Einwanderungswellen überspült wurde,
traten Vertreter eines früheren Einflusses, die sogenannten Neureichen des Amerika nach dem Unabhängigkeitskrieg, in Erscheinung und gefährdeten
die jahrhundertealte kulturelle Tradition. In den
Jahren nach der Massenimmigration, als Wharton
über Wohlstand, Privilegien und High Society als
gefährdete Art schrieb, durchlebten die Vereinigten
Staaten den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und den New Deal.
Durch die Neuentdeckung Edith Whartons während
der vergangenen Jahrzehnte wurde die Chronistin
der Sitten zur scharfsinnigen Analytikerin der
Menschheit - von Männern und Frauen gleichermaßen. Newland Archer, der rätselhafte Held in The
Age of Innocence und Ethan Frome in dem gleichnamigen Roman sind beide starke, einfühlsame
Charaktere. Whartons weibliche Figuren demonstrieren dem Kritiker John Lowe zufolge "auf außergewöhnlich zwingende und stark variierende Weise
die Schwierigkeit, als Frau in Amerika ein erfülltes
Leben zu führen". Whartons "geschärfter Sinn für
die eine Autorin konfrontierenden speziellen literarischen und persönlichen Schwierigkeiten ... verliehen
ihren Beschreibungen frustrierter Frauen eine
besondere Eindringlichkeit".
Gleichzeitig war Wharton eine Meisterin in der
Beschreibung von Einzelheiten. Sie malte schimmernde, exquisite Bilder aus Worten und brachte
dem Leser ihre elegante Umwelt nahe.

AMERIKA DIENST 40

Martin Scorseses Filmversion von The Age of
Innocence aus dem Jahr 1993, die jetzt weltweit in
den Kinos gezeigt wird, enthält dem Geist der Autorin
getreu außergewöhnlich viele Einzelheiten und
Farben.
Whartons schriftstellerische Karriere begann etwa in
den neuziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
und ging über ihren Tod hinaus (zwei ihrer Romane,
Ghosts und The Buccaneers, wurden posthum
veröffentlicht). Während dieser Zeit schrieb sie
abwechselnd größere und kleinere Werke. Nur vier
Romane, The House of Mirth, Ethan Frome, The
Custom of the Country und The Age of Innocence
werden als literarische Meilensteine betrachtet,
obwohl The Buccaneers in den letzten Jahren auf
erneutes Interesse stieß.
Von ihren Kurzgeschichten gehören Roman Fever,
das von zwei in einem ironischen Konflikt miteinander
befindlichen Frauen handelt und The Other Two,
eine Sittenkomödie über einen New Yorker Aristokraten, zu den populärsten und meistgelesenen.
The House of Mirth handelt vom Abstieg einer
jungen Frau in der aristokratischen Gesellschaft trotz
ihres Gefühls persönlicher Verantwortung und des
Einsatzes für die Menschheit. Ethan Frome - für
Wharton ein Neuanfang - ist eine Tragödie über
unerwiderte Liebe und körperliches Gebrechen vor
dem Hintergrund der rauhen Landschaft des ländlichen New England. The Custom of the Country
nimmt eine schlaue und ehrgeizige junge Frau sowie
die Gesellschaft unter die Lupe, der sie entstammt.
The Age of Innocence ist zweifellos das Werk, mit
dem die Autorin in unserem Jahrzehnt - im Vergleich
zu dem szenischen Hintergrund des Buches einhundert Jahre später - am meisten identifiziert wird.
Das in Frankreich geschriebene und 1920 veröffentlichte Buch ist ein sarkastischer Kommentar zu den
gesellschaftlichen Traditionen der Welt, die Wharton
aus ihrer Kindheit Ende des 19. Jahrhunderts kannte.
Das Buch, das sich mit in einer leidenschaftslosen
Welt unerfüllbarer Leidenschaft befaßt, enthüllt gegen
Ende, wie der Sittenkodex einer Generation von der
nachfolgenden abgelehnt wird.
Whartons Talente lagen Mitte dieses Jahrhunderts
mehrere Jahrzehnte lang im verborgenen, ungefähr
von ihrem Tod bis zu den sechziger Jahren. Das ist
jetzt nicht mehr der Fall. Infolge der Eröffnung der
Sammlung ihrer schriftlichen Aufzeichnungen an der
Yale University 1968 und der sieben Jahre später von
R.W.B. Lewis veröffentlichten endgültigen Biographie
kam eine neue Edith Wharton zum Vorschein - nicht
die spießige, prüde, unerreichbare Schriftstellerin, die

Seite 3

�sie zu sein schien, sondern eine bemerkenswerte
Frau mit einem Sinn für Menschlichkeit, Mitgefühl
und Sensibilität - jene Edith Wharton, die heute ein

eindrucksvolles Beispiel für den Reichtum und die
Vielfalt der amerikanischen Literatur darstellt,

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 40

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Ereignisse in Irak und Haiti&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Südafrika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Großes Interesse der Amerikaner an Südafrikas Kampf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch von Präsident Nelson Mandela in den USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Arbeitswelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein neuer Sozialpakt - Die Rolle der Unternehmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Arbeitsminister Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere Wirtschaft braucht weltweite Aufmerksamkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafterin Pamela Harriman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Deutsch-amerikanischer Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutsch-amerikanischer Tag 1994&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafterin Pamela Harriman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Literatur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Edith Wharton steht für den Reichtum der amerikanischen Literatur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Autorin von "Zeit der Unschuld"&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

5. Oktober 1994

39

USA-RUSSLAND

ZUSAMMENARBEIT ZUM NUTZEN DER
GANZEN WELT
Das amerikanisch-russische Gipfeltreffen
CLINTON UND JELZIN PLANEN WEITEREN
ABBAU VON ATOMWAFFEN
Gemeinsame Erklärung über nukleare Sicherheit
GEMEINSAME AMERIKANISCH-RUSSISCHE
ERKLÄRUNG ÜBER HANDEL UND
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Übersicht des Weißen Hauses

USA-HAITI

AMERIKANISCHE KONGRESSABGEORDNETE
BEURTEILEN SICHERHEITSLAGE IN HAITI
Haitianer begrüßen Hilfe bei
Wiederherstellung der Demokratie

BOSNIEN

UNPROFOR UNENTBEHRLICH FÜR
FRIEDENSPROZESS AUF DEM BALKAN
Ansprache von Botschafterin Albright

WIRTSCHAFT

WELTWIRTSCHAFTSLAGE BESSER ALS
SEIT LANGEM
Erklärung von Finanzminister Bentsen

AIDS

OFFENE GESPRÄCHE - DAS REZEPT
GEGEN AIDS
von Terry Y. Allen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-RUSSLAND
5. Oktober 1994

ZUSAMMENARBEIT ZUM NUTZEN DER GANZEN WELT
Das amerikanisch-russische Gipfeltreffen
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte
am 27. September 1994, bei seinem Gipfeltreffen mit
dem russischen Präsidenten Boris Jelzin gehe es
darum, die Stärken der Vereinigten Staaten und
Rußlands miteinander zu kombinieren, um anderen
Nationen helfen zu können.
Bei früheren amerikanisch-russischen Gesprächen
hätten fortbestehende Probleme aus dem Kalten
Krieg im Mittelpunkt gestanden, so der Präsident.
Bei diesem Gipfel gehe es um die Zukunft - "eine
Zukunft, in der wir versuchen werden, Rußland und
den Westen zu integrieren, ein neues Jahrhundert
des Friedens in Europa zu schaffen und ... unseren
kombinierten Einfluß und unser Ansehen zum
Nutzen der Welt jenseits unserer Grenzen einzusetzen".
Als wollten sie die wachsende Annäherung zwischen
ihnen betonen, warfen Clinton und Jelzin die für sie
vorbereitete Tagesordnung um - einschließlich der
Teilnahme an einem ausführlichen Gespräch mit
ihren Beratern - und führten ein dreistündiges
Gespräch unter vier Augen über außenpolitische
Fragen, einschließlich Bosnien und Berg-Karabach.
Nur die Protokollanten blieben bei ihnen, und die
beiden Präsidenten wiesen ihre Berater an, separate
Treffen über außenpolitische, sicherheitspolitische
und atomare Fragen abzuhalten.
Ein hochrangiger Regierungsvertreter erklärte
Journalisten gegenüber, er sei vom Präsidenten über
das unter vier Augen geführte Gespräch informiert
worden und äußerte, Präsident Clinton vertrete die
Ansicht, das Treffen habe "eine sehr positive und
nützliche Atmosphäre geschaffen", in der die beiden
Staatsoberhäupter - teilweise sehr offen - über
mögliche Fortschritte bei schwierigen Fragen wie
beispielsweise Berg-Karabach sprechen könnten.
"Meines Erachtens waren beide sehr zufrieden mit
dem Verlauf der Gespräche am Morgen", fuhr der
Regierungsvertreter fort.

AMERIKA DIENST 39

Ihm zufolge hatte sich Clinton vor Jelzins Ankunft
beklagt, der Zeitplan sei zu starr. Nach seinem
Gespräch mit Jelzin im Oval Office überprüfte er mit
dem russischen Staatsoberhaupt erneut den Plan,
und die beiden Politiker waren sich über die Notwendigkeit einig, ihn weniger offiziell zu gestalten.
Clinton stellte später fest, er habe mit Jelzin mehr
Zeit verbracht als mit jedem anderen ausländischen
Staatsoberhaupt - bei drei Gipfeltreffen und zwei im
Zusammenhang mit dem Gipfel der Industrienationen
stehenden Zusammenkünften.
"Sie haben eine äußerst enge, positive Beziehung
entwickelt", so der Regierungsvertreter, "und können
offen, direkt und kooperativ miteinander reden. Die
Gespräche waren sehr optimistisch, freundschaftlich,
informell und direkt."
Im Hinblick auf die Situation in Berg-Karabach, die
vorwiegend armenische Enklave in Azerbaidschan,
erklärte der Regierungsvertreter: "Dies ist wirklich ein
kritischer Punkt. Die gemeinsame Auffassung ist,
daß dieser Konflikt gelöst werden oder zumindest auf
den Weg einer Lösung gebracht werden kann." Er
stellte fest, während des Gesprächs im Kabinettzimmer des Weißen Hauses, an dem auch Vizepräsident Gore und der russische Außenminister
Kosirew teilnahmen, "diskutierten die Russen ihre
eigenen Vermittlungsbemühungen sowie ihre Arbeit
im Rahmen der KSZE, um die Kämpfe zu beenden".
Die amerikanische Seite "beschrieb einige Schritte
zur Konsolidierung des Waffenstillstands, die wir
hoffentlich gemeinsam prüfen können".
Dem Regierungsvertreter zufolge haben die Vereinigten Staaten kein Geheimnis daraus gemacht,
"daß wir mit den Russen im Hinblick auf unsere
Vorgehensweise nicht übereinstimmen. Wir hoffen,
daß aus diesen Gesprächen zwischen den beiden
Präsidenten irgendeine Beilegung unserer Differenzen im Hinblick auf eine Beteiligung der KSZE an
einer Lösung hervorgeht."

Seite 1

�"Wir stimmen darin überein, daß Rußland dieses
Problem nicht alleine lösen kann und die Vereinigten
Staaten ebenfalls nicht", so der Regierungsvertreter.
"In der Frage Berg-Karabach müssen Rußland und
die Vereinigten Staaten zusammenarbeiten."
Auf die Frage nach der Behauptung Jelzins, Moskau
sei der beste "Garant" des Friedens im "nahen
Ausland", teilte er mit: "Unseres Erachtens spielt
Rußland in Berg-Karabach ganz offensichtlich eine
Rolle, ebenso wie die Armenier und die Aserbaidschaner."
Als Clinton seine Berater über seine vertraulichen
Gespräche mit Jelzin informierte, habe er keine
Erörterung des "nahen Auslands" erwähnt. Er
betonte jedoch erneut, so der Regierungsvertreter,
die Amerikaner strebten "gute Beziehungen zu allen
anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion an. Unseres Erachtens ist es von Bedeutung,
daß jeder ihre Unabhängigkeit, territoriale Integrität
und Souveränität anerkennt. In den letzten anderthalb Jahren haben wir bei einigen Krisensituationen,
im Baltikum, der Ukraine und Moldawien sehr
wirksam mit Rußland zusammengearbeitet. Natürlich gab es bei einigen Fragen Meinungsverschiedenheiten - bisweilen auch taktischer Art - darüber,
wie andere behandelt werden sollten."
Dem Regierungsvertreter zufolge war der wichtigste
Punkt der Gipfelgespräche über Bosnien "die Bedeutung weiterer Zusammenarbeit für Rußland und die
Vereinigten Staaten sowie die Solidarität innerhalb
der Kontaktgruppe als Schlüsselelement der diplomatischen Bemühungen zur Lösung des Konflikts".
Jelzin habe kein Geheimnis aus seiner Ablehnung
einer Aufhebung des gegen die bosnischen Muslime
verhängten Waffenembargos gemacht, da dies zu
einer Ausweitung des Krieges führe.
Clinton begrüßte Jelzin auf dem Südrasen vor dem
Weißen Haus mit militärischen Ehren. Anschließend
begannen die beiden Staatsoberhäupter umgehend
die erste Runde der für den zweitägigen Besuch
geplanten Gesprächsreihe.
Clinton und Jelzin nahmen ferner an einer Zeremonie im Weißen Haus zu Ehren amerikanischer und
russischer Veteranen teil, die während des Zweiten
Weltkriegs gegen die Nazis gekämpft hatten.
Besonders hervorgehoben wurden bei diesem
Ereignis 20 amerikanische und russische Veteranen,
deren Aufzeichnungen aus Kriegszeiten die vielfältige Naturder amerikanisch-sowjetischen Kooperation
beim Kampf gegen den gemeinsamen Feind, Adolf
Hitler, illustrieren.

Seite 2

Bei kurzen Ansprachen im Rahmen der Begrüßungszeremonie erinnerte Clinton daran, daß Jelzin und er
sich vor anderthalb Jahren beim Vancouver-Gipfel
darauf geeinigt hätten, eine "historische Chance" für
die "Schaffung einer neuen Partnerschaft" zu nutzen,
die die Bitterkeit des Kalten Krieges ersetzen sollte.
"Wir haben dieses Versprechen gehalten", versicherte
der Präsident.
Die daraus resultierenden Vorteile für die Welt und
die beiden Nationen seien beträchtlich. "Unsere
Nationen nähern sich aneinander an und ersetzen
Mißtrauen und Furcht durch Vertrauen und Zusammenarbeit", so Clinton. Er wies darauf hin, daß die
beiden Staaten nicht länger mit nuklearen Sprengköpfen bestückte Raketen gegeneinander richten.
"Unsere Soldaten stehen sich nicht mehr als Todfeinde gegenüber", sondern arbeiten und trainieren
zusammen als "Partner für den Frieden". Vor kurzem
veranstalteten Soldaten beider Nationen in Rußland
gemeinsame Manöver.
Der Handel zwischen Rußland und den Vereinigten
Staaten wird nicht mehr durch sicherheitsbedingte
Einschränkungen und Verbote behindert, sondern
"wächst mit jedem Tag". "Wir haben uns auf die
Sicherstellung von Nuklearmaterial geeinigt und
arbeiten daran, Bosnien, dem Nahen Osten und
Berg-Karabach Frieden zu bringen".
Bei einem Fototermin vor der ersten Gesprächsrunde
wurde Jelzin gefragt, wie er auf eine Aufhebung des
Waffenembargos gegen die bosnischen Muslime
reagieren würde. "Meine Antwort wäre natürlich
negativ", entgegnete er.
Clinton, der dem Kongreß versichert hatte, er werde
ein Ende des Embargos des UN-Sicherheitsrats
anstreben, falls die bosnischen Serben nicht bis zum
15. Oktober den international geförderten Friedensplan akzeptieren, teilte einem Fragesteller mit: "Die
bosnische Regierung ließ uns gegenüber verlauten,
sie wäre eventuell an einer Aufschiebung entsprechender Aktionen für vier bis sechs Monate interessiert."
Der amerikanische Präsident wies darauf hin, Washington und Moskau hätten bisher in der BosnienFrage eng zusammengearbeitet. "Wir haben jeden
Schritt gemeinsam unternommen. Wir werden unser
Bestes tun, damit das auch in Zukunft so bleibt."
"Gemeinsam", so Clinton gegenüber Jelzin, "müssen
wir sicherstellen, daß alle Neuen Unabhängigen
Staaten ihren rechtmäßigen Platz als starke und
unabhängige Nationen in Europa erhalten und in der
Lage sind, ihre Zukunft selbst zu gestalten." Aus
diesem Grund hätten alle Amerikaner die Entschei-

AMERIKA DIENST 39

�düng Jelzins begrüßt und respektiert, die russischen
Truppen aus den baltischen Staaten abzuziehen.
Die letzten russischen Truppen verließen Estland
und Lettland am 31. August.

Nach Abschluß der dritten Gesprächsrunde unterzeichneten Clinton und Jelzin Abkommen über
nukleare Sicherheit, Handel und Investitionen und
gaben eine Beschleunigung des geplanten Abbaus
atomarer Gefechtsköpfe bekannt.

* * * * *

AMERIKA DIENST 39

Seite 3

�USA-RUSSLAND
5. Oktober 1994

CLINTON UND JELZIN PLANEN WEITEREN
ABBAU VON ATOMWAFFEN
Gemeinsame Erklärung über nukleare Sicherheit
WASHINGTON - (AD) - Die Präsidenten Bill Clinton und Boris Jelzin begrüßten am 28. September 1994 die
fortschreitende Entschärfung und den Abbau strategischer Nuklearsysteme unter dem START-I-Vertrag und
bekräftigten ihre Absicht, nach Inkrafttreten von START I eine frühzeitige Ratifizierung des START-Il-Vertrags
anzustreben.
In einer zum Abschluß ihrer Gespräche in Washington abgegebenen gemeinsamen Erklärung vereinbarten die
zwei Staatschefs auch, ihre beiden Länder würden nach der Ratifizierung des START-Il-Vertrags mit der
Entschärfung aller strategischen nuklearen Trägersysteme fortfahren, "indem ihre nuklearen Gefechtsköpfe
beseitigt oder andere Schritte unternommen werden, um sie kampfunfähig zu machen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der gemeinsamen Erklärung der Präsidenten der Vereinigten Staaten
und Rußlands über strategische Stabilität und nukleare Sicherheit im Wortlaut.

Die Präsidenten Clinton und Jelzin unterstrichen,
daß nach dem Ende des Kalten Krieges im Hinblick
auf die Stärkung globaler strategischer Stabilität und
nuklearer Sicherheit beträchtliche Fortschritte erzielt
wurden. Die Vereinigten Staaten und Rußland
reduzieren ihre Atomstreitkräfte in beträchtlichem
Maße. Es wurden bedeutende Schritte zur Änderung der Zielkoordinaten strategischer Raketen
unternommen. Es wurden multilaterale Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot aufgenommen. Die Präsidenten wiesen auf die Schlüsselrolle des Nichtverbreitungsvertrags bei der Gewährleistung weltweiter Stabilität hin.
Präsident Jelzin skizzierte die von Rußland in der
UN-Generalversammlung vorgelegte Initiative zum
Abschluß eines Vertrags unter den fünf ständigen
Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats über die Einstellung der Produktion spaltbaren waffenfähigen
Materials, ein Verbot der Wiederaufbereitung spaltbaren Materials zur Herstellung von Waffen, eine
weitere Beseitigung nuklearer Gefechtsköpfe sowie
einen Abbau strategischer Trägersysteme.
Präsident Clinton legte die von ihm vor der UNGeneralversammlung beschriebenen Ideen für die
Zusammenarbeit bei der Förderung der Nichtverbreitung von Nuklearwaffen dar, insbesondere zur

AMERIKA DIENST 39

Erhöhung der Sicherheit von Nuklearmaterial und der
Verhinderung seines Schmuggels.
Die Präsidenten erörterten diese Initiativen, über die
sie sich zuvor gegenseitig informiert hatten und die
daher die gemeinsamen Ziele und bestimmte gemeinsame Vorschläge enthielten, die einen Beitrag
zur nuklearen Nichtverbreitung leisten sollen. In
dieser Hinsicht stimmten die beiden Präsidenten darin
überein, daß die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats angesichts ihrer Verantwortung als
Atommächte eine besondere Rolle zu spielen haben.
Die Vereinigten Staaten und Rußland werden mit den
anderen ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats
und weiteren Staaten an einem erfolgreichen Ergebnis der für 1995 anberaumten Konferenz über den
Nichtverbreitungsvertrag arbeiten, die zu einer
dauerhaften und bedingungslosen Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags führen soll. Ferner streben
sie so bald wie möglich den Abschluß eines umfassenden Vertrags über das Verbot von Atomtests
sowie ein weltweites Verbot der Produktion spaltbaren Materials für Atomwaffen an. Die Präsidenten
waren sich ferner einig, daß es wünschenswert ist,
ihre jeweiligen Moratorien über ein Verbot von
Atomtests zu verlängern.

Seite 1

�Die Präsidenten begrüßten die derzeitige Entschärfung und den Abbau strategischer Nuklearsysteme
durch die Parteien des START-I-Vertrags sowie die
Umsetzung dertrilateralen Erklärung vom 14. Januar
1994. Sie äußerten sich zufrieden über die reale
Möglichkeit, den START-I-Vertrag und das Lissaboner Protokoll in naher Zukunft in Kraft zu setzen und
sagten zu diesem Zweck volle Kooperationsbereitschaft zu. Die Präsidenten beschlossen, daß ihre
Verteidigungsminister jedes Vierteljahr einen Informationsaustausch über entschärfte oder abgebaute
strategische Systeme durchführen sollten.
Die Präsidenten bekräftigten ihre Absicht, eine
frühzeitige Ratifizierung des START-Il-Vertrags
anzustreben, nachdem START I in Kraft getreten ist
und verliehen ihrem Wunsch Ausdruck, auf dem
nächsten amerikanisch-russischen Gipfel die Ratifizierungsurkunden für START II auszutauschen.
Im Rahmen einer bedeutenden neuen Entwicklung
einigten sich die Präsidenten, daß die Vereinigten
Staaten und Rußland nach der Ratifizierung des
START-Il-Vertrags im Einklang mit diesem Vertrag
die Entschärfung aller strategischen nuklearen
Trägersysteme fortsetzen werden, indem ihre
nuklearen Gefechtsköpfe beseitigt oder andere
Schritte unternommen werden, um sie kampfunfähig
zu machen.
Die Präsidenten wiesen ihre Experten an, den Dialog
über den Vergleich konzeptioneller Ansätze zu
intensivieren und konkrete Schritte zur Anpassung
atomarer Streitkräfte und Praktiken beider Seiten an
die veränderte internationale Sicherheitslage und
den derzeitigen Geist der amerikanisch-russischen
Partnerschaft zu unternehmen, einschließlich der
Möglichkeit, nach der Ratifizierung von START II
einen weiteren Abbau sowie Beschränkungen der
verbleibenden atomaren Streitkräfte vorzunehmen.
Die Staatschefs erörterten femer die Aussichten auf
vertrauensbildende und die Transparenz erhöhende
Maßnahmen in diesem Bereich. Ihrer Ansicht nach
werden sich im Rahmen der Entwicklung der politischen Partnerschaft neue Chancen zur Stärkung der
Stabilität durch Offenheit und Transparenz bieten.
Präsident Clinton beschrieb Präsident Jelzin gegenüber die von den Vereinigten Staaten als Ergebnis
der kürzlich abgeschlossenen Überprüfung ihrer
nuklearen Situation geplanten einseitigen Anpassungen ihrer strategischen und nichtstrategischen
Atomstreitkräfte, Sicherheitsvorkehrungen sowie
Kontrollpraktiken.
Präsident Jelzin bezeichnete
diese Veränderungen in den Vereinigten Staaten als
Ausdruck der neuen Beziehungen zwischen den
beiden Ländern und legte eine in Rußland vorzunehmende vergleichbare Überprüfung zum Abbau der

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Nuklearstreitkräfte Rußlands und zur Erhöhung ihrer
Sicherheit dar. Die Präsidenten stimmten darin
überein, daß jede Seite auf angemessene Weise
unabhängig weitere einseitige Schritte im Hinblick auf
ihre eigenen nuklearen Streitkräfte erwägen sollte.
Die Präsidenten stimmten über die fundamentale
Bedeutung überein, die Gültigkeit und Vollständigkeit
des ABM-Vertrags zu bewahren. Unter Hinweis auf
die bei der Frage der ABM/TMD-Abgrenzung und
dem multilateralen Beitritt zum ABM-Vertrag gemachten Fortschritte wiesen die Präsidenten ihre
jeweiligen Delegationen an, in Zusammenarbeit mit
anderen Teilnehmerstaaten an einer möglichst
schnellen Erzielung vollständiger Einigkeit über die
verbleibenden Fragen zu arbeiten.
Beide Seiten haben ein Interesse an der Entwicklung
und Aufstellung wirksamer taktischer Verteidigungssysteme auf der Grundlage der Zusammenarbeit.
Die Präsidenten waren sich einig, daß beide Seiten
ein gemeinsames Manöver mit taktischen Verteidigungssystemen und Frühwarnsystemen abhalten
werden. Diese Übung soll die Grundlage für gemeinsame Operationen der amerikanischen und russischen Streitkräfte, beispielsweise im Bereich der
Friedenssicherung, schaffen.
Ausgehend von den Grundsätzen der Partnerschaft
und Gegenseitigkeit einigten sich die Präsidenten auf
die Entwicklung umfassender bilateraler und multilateraler Kooperation zur Gewährleistung nuklearer
Sicherheit. Sie erzielten Einigung bei folgenden
Punkten:
Zusammenarbeit auf bilateraler und multilateraler
Basis, einschließlich eines Austauschs entsprechender Informationen, zur Verhinderung illegalen
Handels mit Nuklearmaterial sowie Maßnahmen
zur Verstärkung der Kontrollregime und für den
physischen Schutz solcher Materialien.
Austausch detaillierter Informationen auf dem
nächsten Treffen der Gore-TschernomyrdinKommission über die gesamten Arsenale nuklearer Gefechtsköpfe, Vorräte spaltbaren Materials
sowie deren Sicherheit. Die Seiten werden ein
Verfahren für den regelmäßigen Austausch derartiger Informationen entwickeln.
Anweisung der gemeinsamen Arbeitsgruppe für
nukleare Sicherheit, Transparenz und Unumkehrbarkeit, bis zum März 1995 weitere Maßnahmen
zur Vertrauensbildung und Erhöhung der Transparenz und Irreversibilität beim Abbau von Atomwaffen zu ergreifen.

AMERIKA DIENST 39

�Erleichterung umfassender Zusammenarbeit
unter entsprechenden Behörden beider Länder
zur Gewährleistung effektiver Kontrolle, des
Nachweises und physischen Schutzes von
Nuklearmaterial.
Förderung von Programmen zur Zusammenarbeit
amerikanischer und russischer Labors auf den
Gebieten Sicherheit, physischer Schutz, Kontrolle
und Nachweis von Nuklearmaterial.
Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen dem
amerikanischen und dem russischen Verteidigungsministerium auf dem Gebiet nuklearer
Sicherheit.
Umsetzung eines gemeinsamen Plans für den
beschleunigten Bau eines Endlagers für aus
abgebauten Nuklearwaffen stammendes spaltbares Material in Mayak.
Nach einer umfassenden Erörterung der stategi-

sehen Stabilität und angesichts der Notwendigkeit
einer Kontrolle aller Massenvernichtungswaffen
einigten sich die Präsidenten auf folgendes:
Die Bedeutung der fortgesetzten, umfassenden,
allseitigen Umsetzung der im September 1992
abgegebenen Erklärung der Vereinigten Staaten,
Rußlands und Großbritanniens über biologische
Waffen als Mittel zum Aufbau von Vertrauen, daß
offensive biologische Waffenprogramme eingestellt
wurden.
Die Notwendigkeit eines Beitritts aller Staaten zur
Chemiewaffenkonvention und der universellen
Anwendung aller ihrer Bestimmungen sowie die
Notwendigkeit einer unverzüglichen Einleitung von
Maßnahmen zur Inkraftsetzung der Chemiewaffenkonvention; ferner die Notwendigkeit einer unverzüglichen Lösung ausstehender Fragen im Zusammenhang mit dem bilateralen Abkommen über
deren Beseitigung und der Regierungsvereinbarung von Wyoming.

* *

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�USA-RUSSLAND
5. Oktober 1994

GEMEINSAME AMERIKANISCH-RUSSISCHE
ERKLÄRUNG ÜBER HANDEL UND
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 28. September 1994 vom Weißen Haus
herausgegebene Übersicht über die von den Vereinigten Staaten von Amerika und der Russischen Föderation
abgegebene gemeinsame Erklärung zu den Grundsätzen und Zielen von Handel, wirtschaftlicher
Zusammenarbeit und Investitionen zwischen beiden Ländern.

Am heutigen Tag unterzeichneten Präsident Clinton
und der russische Präsident Jelzin eine gemeinsame
Erklärung, die den Rahmen für eine Ausweitung des
bilateralen Handels, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der Investitionen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland schafft. Die gemeinsame
Erklärung unterstreicht die herausragende Rolle von
Handel und Investitionen angesichts der Verbesserung und des Ausbaus der bilateralen Beziehungen.
Die gemeinsame Erklärung basiert auf der Prämisse,
daß eine bilaterale Partnerschaft auf der Grundlage
des Privatsektors sowie staatlicher Zusammenarbeit
die Volkswirtschaften beider Länder stärken und zu
einer beträchtlichen Erhöhung von bilateralem
Handel und Investitionen führen wird. Amerikanische Investitionen in Rußland werden einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und
Reform dieses Landes leisten.
Amerikanische
Unternehmen können als Quelle von Kapital und
Expertenwissen einen beträchtlichen Aktivposten für
die russische Industrie darstellen und ein Bindeglied
zum Weltmarkt sein. Ferner wird die amerikanische
Wirtschaft Nutzen aus einer substantiellen Steigerung ihrer Exporte von Kapitalgütern ziehen. Die
Beteiligung ausländischer Unternehmen am amerikanischen Markt hat für die Wirtschaftsentwicklung und
Konkurrenzfähigkeit der Vereinigten Staaten eine
wichtige Rolle gespielt - und die gemeinsame
Erklärung umreißt das Ziel der Förderung einer
wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die Rußland
ebenfalls in den Genuß dieser Vorteile bringt.
Größere Investitionen amerikanischer Unternehmen

AMERIKA DIENST 39

auf Gebieten wie Energieproduktion und -einsparung,
pharmazeutische Produkte und Medikamente, Weiterverarbeitung von Lebensmitteln, Umwandlung militärischer Produktion für zivile Zwecke wird den Lebensstandard in Rußland erhöhen und Fortschritte Rußlands zu einer lebensfähigen Demokratie und Marktwirtschaft sowie eine vollwertige globale Partnerschaft
bei friedlichem Handel fördern.
Die gemeinsame Erklärung schafft die Vision einer
wesentlich bedeutsameren amerikanisch-russischen
Partnerschaft bei Handel und Investitionen und legt
Schritte zur Erreichung dieses Ziels dar. Im Rahmen
der gemeinsamen Erklärung verpflichtet sich Rußland
zu einer Fortsetzung marktorientierter Reformen, um
für ausländische Unternehmen ein günstiges Klima zu
schaffen. Die Vereinigten Staaten wiederum verpflichten sich zur Unterstützung der russischen
Reformen sowie zur Förderung der russischen
Industrie und der Exportmärkte.
In der gemeinsamen Erklärung werden folgende
Punkte hervorgehoben:
Maßnahmen zur Förderung des Handels, einschließlich von umfassenden Maßnahmen zum
Marktzugang, die der Notwendigkeit russischer
Exporte in die Vereinigten Staaten sowie dem
amerikanischen Zugang zum russischen Markt
Rechnung tragen,
Schaffung günstiger Bedingungen für wirtschaftliche Unternehmungen, darunter Zusammenarbeit
bei der Festsetzung von Normen, Produktzulas-

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�sungen, Tests und Qualitätskontrollen, Exportkontrollen sowie der weiteren Verbesserung des
Schutzes geistigen Eigentums,
Möglichkeiten für engere wirtschaftliche Zusammenarbeit in Verbindung mit marktwirtschaftlichen
Reformen in Rußland,

Maßnahmen zur Förderung von Investitionsanreizen, um die Bedeutung der Zustimmung Rußlands
zum bilateralen Investitionsvertrag und der Umsetzung des Erlasses von Präsident Jelzin zur
Schaffung eines günstigen Klimas für ausländische Investoren hervorzuheben,
amerikanische Unterstützung für Marktreformen
und die Bereitschaft, "Partnerschaftsabkommen"
als Bezugspunkte des Reformprozesses zu
betrachten.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 39

�USA-HAITI
5. Oktober 1994

AMERIKANISCHE KONGRESSABGEORDNETE
BEURTEILEN SICHERHEITSLAGE
IN HAITI
Haitianer begrüßen Hilfe bei Wiederherstellung der Demokratie
PORT-AU-PRINCE - (AD) - Eine aus Kongreßabgeordneten beider Parteien zusammengesetzte Delegation, die kürzlich die Sicherheitslage in Haiti
beurteilte und mit führenden haitianischen Politikern
zusammentraf, ist der Ansicht, die Bestrebungen der
Vereinigten Staaten zur Wiederherstellung der
Demokratie würden begrüßt, es bestehe jedoch auch
die Notwendigkeit eines glaubwürdigen Entwaffnungsprogramms.

Die Kongreßabgeordneten trafen am 1. Oktober mit
dem haitianischen Militärmachthaber Generalleutnant
Raoul Cedras zusammen. Er teilte ihnen mit, er
werde spätestens am 15. Oktober abtreten, selbst
wenn das Parlament Haitis das Amnestiegesetz nicht
billige. Auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit von
Cedras vordem Hintergrund seines Verhaltens in der
Vergangenheit antwortete Dodd, zukünftige Taten
sagten mehr aus als Worte.

Senator Christopher Dodd, der die Delegation auf
ihrer Mission am 1. Oktober 1994 leitete, stellte fest,
paramilitärische Gruppen im ganzen Land seien
"noch bewaffnet und gefährlich". Ihre Entwaffnung
stelle eine wichtige Priorität dar. Obwohl die amerikanischen Truppen es vorzögen, wenn die haitianischen Streitkräfte diese Aufgabe übernähmen,
würden sie "falls erforderlich" selber tätig.

Der Senator äußerte im Zusammenhang mit der
Absicht von Cedras und seinen Anhängern, Haiti
nach Aufgabe der Macht zu verlassen, die Putschisten müßten im Rahmen des kürzlich unter Leitung
des ehemaligen Präsidenten Jimmy Carter ausgehandelten Abkommens nicht notwendigerweise haitianisches Gebiet verlassen. Er stellte jedoch fest, im
Interesse "größerer Stabilität" auf Haiti sei das klug.

Senator Claiborne Pell zeigte sich von der Tatsache
beeindruckt, daß das haitianische Volk die Präsenz
amerikanischer Truppen "wirklich wünscht und
begrüßt". Pell, der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten, bezeichnete diese Situation als "ganz verschieden" von der
vor acht Jahrzehnten, als die Vereinigten Staaten in
Haiti einmarschierten und dort 19 Jahre lang blieben.

Senator Paul Coverdell räumte ein, Cedras habe
zwar in der Vergangenheit seine Versprechen, von
seinem Amt abzutreten, nicht eingehalten, jetzt habe
sich die Situation ansichts der Anwesenheit von
18.000 amerikanischen Soldaten in Haiti jedoch
"dramatisch" verändert.

Dodd prognostizierte, der im Exil lebende haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide werde "in
Kürze" nach Haiti zurückkehren. Der Senator zeigte
sich optimistisch und äußerte, haitianische Politiker
hätten der Delegation von Kongreßabgeordneten
gegenüber deutlich gemacht, Aristide müsse "so
schnell wie möglich" nach Hause zurückkehren.
Selbst die Haitianer, die damals nicht für Aristide
gestimmt hätten, hätten vor den amerikanischen
Senatoren ihrem Wunsch nach einer Rückkehr des
Präsidenten Ausdruck verliehen.

AMERIKA DIENST 39

Dodd zufolge würde die Übergangszeit in Haiti
"reibungsloser" verlaufen, wenn der tatsächliche
Präsident Emile Jonassaint abtreten und Ministerpräsident Robert Malval die Übernahme seiner
"rechtmäßigen Position als amtierender Ministerpräsident" gestatten würde.
Senator John Warner, Senator Judd Gregg und
andere Delegationsmitglieder vertraten die Ansicht,
der amerikanische Kongreß solle kein spezifisches
Datum für den Abzug der amerikanischen Truppen
aus Haiti festsetzen. Einige Kongreßabgeordnete in
Washington schlugen den 1. März 1995 als mögli-

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�chen Termin für einen amerikanischen Abzug aus
Haiti vor.
Am 1. Oktober stattete eine zweite Delegation von
Kongreßabgeordneten Haiti einen Besuch ab, um
die amerikanischen Truppen zu ermutigen und ihren
Anliegen Gehör zu schenken. Die aus den Abgeordneten des Repräsentantenhauses Norman Dicks,
Julian Dixon, John Lewis, Joe Sheen, Bill Young,
L.F. Payne und John McHugh bestehende Gruppe
wurde vom Abgeordneten John Murtha geleitet. Die
Delegationsmitglieder äußerten die Überzeugung,
die amerikanische Militärintervention werde den
Haitianern im Kampf für die Freiheit und eine demokratisch gewählte Regierung zum Sieg verhelfen.
Levin forderte die Anhänger Aristides auf, den
Haitianern anzuraten, mit ihren Demonstrationen bis
nach dessen Rückkehr abzuwarten. Er warnte,
diejenigen, "die die Demokratie zerstören wollen",
könnten zukünftige Demonstrationen zur Unterminierung der amerikanischen Bestrebungen nutzen.
Die Besuche der Kongreßabgeordneten fanden kurz
nach dem dritten Jahrestag des Militärputsches in
Haiti statt, durch den Aristide gestürzt wurde. Nach
einem Gottesdienst in der Kathedrale Sankt Johannes organisierten Aristide-Anhänger einen
großen Marsch von der Kirche zum Friedhof. Der
amerikanische Botschafter William Swing bezeichnete den Marsch zur Unterstützung von Aristide als
"eindeutige Demonstration der Sehnsucht der
Haitianer nach Demokratie".
Bedauerlicherweise wurden die Demonstranten bei
ihrem Marsch von Gegnern Aristides angegriffen,
und mehrere Haitianer kamen ums Leben. Swing
führte die Unruhen auf "antidemokratische Elemente"
zurück, die sich dem Wandel widersetzen. Er
nannte die FRAPH (Front für Förderung und Fortschritt auf Haiti) als Anstifter und "unzureichenden
Schutz durch die haitianische Polizei" als einen
Grund für die Unruhen.
Der Sprecher der amerikanischen Botschaft, Stanley
Schräger, bezeichnete die Angriffe als "nicht akzeptables" Verhalten und stellte fest, der Mangel an
Schutz durch die haitianische Polizei und die Fähigkeit der FRAPH zu ungestraftem Handeln "unterstreicht die Bedeutung, die Menschen zu entwaffnen
und Haitis verfassungswidrigen paramilitärischen
Apparat abzubauen".
Als Reaktion auf Kritik, das amerikanische Militär
hätte den für Aristide Demonstrierenden keinen
Schutz geboten, wies Oberst Barry Willey darauf hin,
es sei nicht die Aufgabe des amerikanischen Militärs
in Haiti, als Polizei zu fungieren. Ihm zufolge lag es

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im Verantwortungsbereich der haitianischen Polizei,
die Menge unter Kontrolle zu halten, und das amerikanische Militärpersonal sei nicht befugt gewesen,
"gegen die Demonstranten" vorzugehen. Vielmehr
sei es angewiesen worden, eine Absperrung zu dem
Hauptmarsch zu bilden und die Menge notfalls nur
dann unter Kontrolle zu bringen, "falls sie sich auf
andere Ziele als den Friedhof zubewegen würde".
Da es kürzlich mehrere Angriffe auf Journalisten und
haitianische Zivilisten gegeben habe, wurde Willey
zufolge die Präsenz der Amerikaner am Boden und
in der Luft erhöht. Während einer Europareise
erklärte US-Verteidigungsminister Perry, die gefährlichsten Stellen, einschließlich der beiden größten
Städte Haitis, würden von amerikanischen Truppen
abgeschirmt. Der Verteidigungsminister, der kürzlich
in Haiti war, prognostizierte ferner, es werde vor der
Aufgabe der Macht durch das haitianische Militär
weitere Gewaltanwendung geben.
Dodd zufolge hatten alle Parlamentarier und Wirtschaftsvertreter, mit denen er zusammentraf, dieselbe
Botschaft an das illegale Militärregime: "Entwaffnet
diese Verbrecher". Es seien Bestrebungen im Gang,
die sog. Attachees (paramilitärische Kräfte) und die
FRAPH "so schnell wie möglich" zu entwaffnen. Den
Senatoren wurde mitgeteilt, die Bewaffneten seien
landesweit in den Städten organisiert und stellten
eine "wirkliche Bedrohung" dar.
Schräger beschuldigte die FRAPH der "versuchten
Untergrabung des demokratischen Prozesses" und
erklärte, Haiti sei seit Jahren 'Von Gewalt und Einschüchterungstaktiken geplagt worden", und aus
diesem Grund seien 18.000 amerikanische Soldaten
dort stationiert. Er betonte, daß die amerikanischen
Truppen das Blutvergießen einzuschränken versuchten.
Obwohl der 30. September in Haiti spannungsgeladen war, wies Willey auf positive Entwicklungen hin,
einschließlich einer Wiedereinberufung des Parlaments und der Wiedereinsetzung des Bürgermeisters
von Port-au-Prince.
Am 30. September übernahm das amerikanische
Militär entsprechend einer Bitte der Regierung
Aristide die Kontrolle über die staatlichen Fernsehund Rundfunkanstalten, nachdem diese vor 13
Monaten unter die Kontolle der de facto-Regierung
gebracht worden waren.
Die Kontrolle über die Sender wurde Schräger
zufolge ohne Verluste übernommen. Ein Mitglied des
legitimen Informationsministeriums stellte ein neues
Sendeteam zusammen, bevor der Betrieb wiederaufgenommen wurde.

AMERIKA DIENST 39

�Das amerikanische Militär wird Willey zufolge nicht
über die Anstalten senden, kein Material für Sendun-

AMERIKA DIENST 39

gen bereitstellen und weder den Inhalt noch die Natur
der Sendungen beeinflussen.

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�BOSNIEN
5. Oktober 1994

UNPROFOR UNENTBEHRLICH FÜR
FRIEDENSPROZESS AUF DEM BALKAN
Ansprache von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - "Effektive und energische" Friedenssicherungsoperationen im ehemaligen
Jugoslawien sind "von essentieller Bedeutung" für erfolgreiche politische Bestrebungen zur Beendigung der
Konflikte auf dem Balkan, erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 30. September 1994 vor dem UN-Sicherheitsrat, nachdem dieser das Mandat der
Friedenstruppen erneuert hatte.
Der Sicherheitsrat nahm einstimmig eine Resolution über die Verlängerung des Mandats der mehr als 35.000
UN-Friedenstruppen in Bosnien, Kroatien und der ehemals jugoslawischen Republik Makedonien für ein
weiteres halbes Jahr an. Ferner richtete er an die Kriegsparteien die Botschaft, daß das kommende halbe Jahr
für die Friedensverhandlungen und die weitere Verlängerung des Mandats der UNPROFOR von
entscheidender Bedeutung sei.
Die Erneuerung des Mandats findet zu einer Zeit wachsender Spannungen in Bosnien statt, in der die NATO
mit verstärkten Luftangriffen gegen die bosnischen Serben wegen deren Verletzung der Schutzzonen um
Sarajevo und Gorazde sowie deren Angriffen auf UN-Friedenstruppen und Angehörige von Hilfsorganisationen
droht.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafterin Albright vor dem UN-Sicherheitsrat gehaltene Ansprache
im Wortlaut.

Herr Präsident, in den letzten sechs Monaten seit
der Verlängerung des UNPROFOR-Mandats durch
den Sicherheitsrat hat sich die Situation in den
Staaten des ehemaligen Jugoslawien beträchtlich
verändert. Die wichtigste Entwicklung in Bosnien
war der von der Kontaktgruppe unterbreitete Teilungsplan. Die Kontaktgruppe genoß die beständige
Unterstützung durch den Sicherheitsrat, was insbesondere in dieser Resolution bekräftigt wird.
Während die bosnische Föderation den Vorschlag
annahm, war das bei den bosnischen Serben leider
nicht der Fall. Wir werden weiterhin fordern, daß die
bosnischen Serben den Vorschlag akzeptieren, der
unseres Erachtens die beste Möglichkeit für eine
gerechte Lösung des Konflikts darstellt. Erst vor
einer Woche hielt der Sicherheitsrat durch die
Annahme einer Resolution über die Verschärfung
von Sanktionen gegen die bosnischen Serben
diesen vor Augen, daß ihr fortgesetzter Starrsinn
ihnen teuer zu stehen kommen kann.

AMERIKA DIENST 39

In Kroatien hält der Waffenstillstand, die Gespräche
zwischen den Parteien haben jedoch nicht zu den
erhofften Fortschritten geführt. Meine Regierung
unterstützt entschieden die grundlegende Richtschnur, eine Lösung des Konflikts in der Republik
Kroatien müsse (ebenso wie in Bosnien) im Einklang
mit der Souveränität und territorialen Integrität ihrer
international anerkannten Grenzen stehen. Dieses
von meiner Regierung als dringend erforderlich
erachtete Prinzip wird in dieser Resolution explizit
dargelegt.
In der ehemals jugoslawischen Republik Makedonien
haben sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten
verschärft, der Konflikt ist jedoch glücklicherweise
nicht grenzüberschreitend.
Die UNPROFOR stand an vorderster Front dieser
Entwicklungen.
Die größte Friedenssicherungsoperation der Vereinten Nationen, die UNPROFOR,
spielt bei den Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Friedensschaffung eine

Seite 1

�wesentliche Rolle. In Bosnien hat die UN-Schutztruppe eine Fortsetzung der humanitären Hilfe
ermöglicht. Sie hat zur Aufrechterhaltung des Waffenstillstands zwischen den bosnischen Kroaten und
bosnischen Muslimen beigetragen, auf dessen
Grundlage eine bedeutende bosnisch-kroatische
Föderation geschaffen werden kann. Sie hat aktiv
Maßnahmen zum Abbau der Spannungen ausgehandelt. Bei Verletzung dieser Maßnahmen war die
UNPROFOR zu härterem Vorgehen bereit.
Meine Regierung ist besorgt über die zunehmende
Verletzung der Schutzzonen und hat sich deren
strikter Durchsetzung verpflichtet. Ich bin zuversichtlich, daß die UNPROFOR im Falle der Notwendigkeit
strikter Durchsetzung eng mit der NATO zusammenarbeiten wird um sicherzustellen, daß die Absicht
des Sicherheitsrats zum Schutz der Sperrzonen
umgesetzt wird.
In Kroatien wurde der UNPROFOR eine gewaltige
Aufgabe übertragen. Einen Großteil konnte sie - wie
der Generalsekretär kürzlich unterstrich - angesichts
des vorherrschenden Eigensinns nicht bewältigen.
Diese Resolution fordert Fortschritte bei der Umsetzung des Friedensplans der Vereinten Nationen für

die Republik Kroatien, überträgt jedoch gleichzeitig
den Kriegsparteien - und nach Ansicht meiner Regierung gilt das insbesondere für die Serben - die
Verantwortung zur Schaffung von Bedingungen, die
der UNPROFOR eine Erfüllung ihres Mandats
gestatten.
In der ehemals jugoslawischen Republik Makedonien
hat die UNPROFOR bei der Abschreckung von
Konflikten eine wertvolle Rolle gespielt, wobei sie die
volle Unterstützung von Regierung und Volk dieses
Landes genoß.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß eine
effektive und energische UNPROFOR für den von
uns angestrebten Erfolg des politischen Prozesses
von essentieller Bedeutung ist.
Abschließend möchte ich allen Ländern meine
Hochachtung bezeugen, die Soldaten zur UNRPOFOR beigesteuert haben, sowie denjenigen, die bei
dieser Mission verwundet wurden oder umkamen und
allen Truppen, die im Namen des UN-Sicherheitsrats
und der internationalen Staatengemeinschaft Dienst
tun.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 39

�WIRTSCHAFT
5. Oktober 1994

WELTWIRTSCHAFTSLAGE BESSER ALS SEIT LANGEM
Erklärung von Finanzminister Bentsen
MADRID - (AD) - US-Finanzminister Lloyd Bentsen zufolge ist die Weltwirtschaftslage derzeit besser als zu
irgendeinem Zeitpunkt in den vergangenen 10 Jahren.
Er äußerte am 1. Oktober 1994 in Madrid, Vertreter des Internationalen Währungsfonds (IWF) hätten beim
Treffen der Finanzminister und Zentralbankpräsidenten der G-7 prognostiziert, die Welt könnte mit
Wirtschaftswachstum und niedrigen Inflationsraten rechnen.
Schätzungen des IWF zufolge beträgt das weltweite Wirtschaftswachstum 1994 3,1 und 1995 3,6 Prozent.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Finanzminister Bentsen abgegebene Eingangserklärung bei einer
Pressekonferenz im Anschluß an das Treffen der Finanzminister der G-7, das in Verbindung mit den Treffen
des IWF und der Weltbank in Madrid stattfand.

Als Vorsitzender kann ich berichten, daß wir am
heutigen Nachmittag ausgezeichnete Gespräche
geführt haben. Ich möchte kurz darlegen, was wir
erörtert haben und anschließend einige Fragen
beantworten.
Wir haben über das gesprochen, was man als
ausgezeichnete wirtschaftliche Aussichten für die
Industriestaaten bezeichnen kann. Die Situation ist
besser als seit langer Zeit. Die Aussichten auf
Wachstum verbessern sich beträchtlich. Die Inflationsraten sind niedrig. Der Handel ist in den
vergangenen 15 Jahren um ein Dreifaches gestiegen
und wird Schätzungen zufolge schnellerwachsen als
zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen fünf
Jahren.
Herr Camdessus, der geschäftsführende Direktor
des IWF, begann seine Präsentation, indem er uns
mitteilte, seit Mitte der achtziger Jahre sei die
Weltwirtschaftslage nicht so gut gewesen und die
voraussichtlichen Inflationsraten nicht so positiv. Der
IWF legte diese Woche einen Bericht über das
Wachstum vor, dem zufolge die Weltwirtschaft in
diesem Jahr um 3,1 und im kommenden Jahr um
3,6 Prozent wachsen wird. In den Industriestaaten
liegen die Zahlen für beide Jahre bei nahezu 3
Prozent.
Offensichtlich hat unsere Wachstumsstrategie eines
Abbaus des Haushaltsdefizits in den Vereinigten

AMERIKA DIENST 39

Staaten, niedriger Zinssätze in Europa und einer
Ermutigung der Nachfrage in Japan einen sichtbaren
Unterschied gemacht.
Jetzt besteht die uns konfrontierende Herausforderung darin, diese wirtschaftliche Erholung in ein
dauerhaftes Wachstum umzuwandeln, das weiterhin
Arbeitsplätze schafft.
Es besteht Besorgnis über den Anstieg der langfristigen Zinssätze. In gewissem Ausmaß werden sie
durch eine zunehmende Kluft zwischen der weltweiten Spartätigkeit und der aus der steigenden Nachfrage nach Investitionskapital in vielen Bereichen
resultierenden Investitionstätigkeit verursacht. Wir
würden es begrüßen, wenn die G-10 sich näher mit
diesem Thema befaßte.
Zusätzliche Aufmerksamkeit werden wir der Verringerung der staatlichen Ausgaben widmen. Dies
wird zusammen mit einer antiinflationären Geldpolitik
das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren
gleichermaßen stärken. Langfristig sollte dies zu
einer Senkung der kurzfristigen Zinssätze führen und
sicherstellen, daß die wirtschaftliche Erholung nicht
durch eine Inflation gefährdet wird.
Wir erörterten die jüngsten Entwicklungen auf den
Devisenmärkten und bekräftigten erneut unser
Engagement für eine fortgesetzt enge Zusammenarbeit.

Seite 1

�Das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in mehreren
Ländern wurde ebenfalls diskutiert. Es wurden
einige Fortschritte gemacht, die sich mit zunehmender wirtschaftlicher Erholung noch fortsetzen werden.
Die im März dieses Jahres in Detroit veranstaltete
Konferenz über die Schaffung von Arbeitsplätzen
und die sich wandelnde Arbeitswelt befaßte sich mit
diesem Thema, und bei unseren jüngsten Gesprächen in Neapel sowie bei der von der OECD zu
diesem Thema geleisteten Arbeit wurden verschiedene Schritte identifiziert, die wir unternehmen
können. Vor nur zwei Tagen beseitigten wir in
Washington ein Strukturproblem unserer Wirtschaft.
Präsident Clinton unterzeichnete ein Gesetz, das
den Banken Operationen über die Grenzen der
Bundesstaaten hinweg gestattet und diese somit
rationalisiert.
Ein weiterer möglicher Schritt wäre eine Liberalisierung des Handels durch die schnelle Umsetzung der
Beschlüsse der Uruguay-Runde. Ich wünsche mir
eine Durchsetzung in den Vereinigten Staaten
Anfang des kommenden Jahres und bin in dieser
Hinsicht zuversichtlich.
Wir ergriffen einige bescheidene Maßnahmen als
Reaktion auf die in Neapel erhaltenen Anweisungen
der Staats- und Regierungschefs zur Verbesserung
des laufenden Verfahrens der Überwachung der
Wirtschaftspolitik und politischer Zusammenarbeit.
Erstens einigten wir uns, der Überwachung der
Wirtschaftspolitik weiterhin eine hohe Priorität
einzuräumen und den entstehenden und möglichen
Bedrohungen umweltverträglichen
Wachstums
besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Zweitens beschlossen wir, den IWF um die Übernahme einer aggressiveren Rolle bei der Identifizierung von Gefahren und Untersuchung ihres möglichen Übergreifens über Grenzen und Wirtschaftssektoren hinweg zu bitten.
Drittens beschlossen wir eine stärkere Einbeziehung
der Präsidenten der Zentralbanken in die Arbeit der
G-7.
Viertens sprachen wir uns für eine bei den kooperativen Bestrebungen zur Überwachung der weltweiten
Kapitalmärkte von der G-10 zu spielende wichtige
Rolle aus.
Fazit ist: Wir wollen sichergehen können, daß die
von jedem unserer Länder verfolgte Politik im Einklang mit dem Ziel ausgewogenen, umweltverträglichen und inflationsfreien Wachstums steht. Wir
wollen bei allen diesen Unternehmungen nicht den

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informellen Ansatz opfern, den ich stark befürwortete,
als ich meine Arbeit im Rahmen der G-7 aufnahm.
Ich weiß, daß viele von Ihnen an der Frage der
Sonderziehungsrechte interessiert sind. Wir waren
innerhalb der G-7 einmütig der Ansicht, daß der von
den Vereinigten Staaten und Großbritannien unterbreitete Vorschlag über eine Zuteilung von 16 Milliarden Sonderziehungsrechten die Grundlage für ein
Abkommen über diese Frage darstellt. Eine besondere Zuweisung in dieser Hinsicht ist eine Möglichkeit, die entstandenen Ungerechtigkeiten zu verringern. Seit der letzten Zuteilung sind etwa 40
Nationen dem IWF beigetreten, und somit wäre das
nur fair. Wir akzeptieren keine generelle Zuweisung
von Sonderziehungsrechten. Die Mitgliedstaaten der
G-7 wünschen eine Form der Zuteilung, die den
ärmsten Staaten und den Transformationsländern die
größten Vorteile bietet.
Wir einigten uns femer auf die Unterstützung einer
beträchtlichen Erhöhung der Ressourcen des IWF für
Länder mit starken Stabilisierungs- und Reformprogrammen.
Die Minister und Gouverneure trafen auch mit einer
ukrainischen Delegation zusammen. Sie erklärte uns,
nach zwei Jahren ohne bedeutungsvolle Reformen
sei ihr Land jetzt bereit zur Schaffung einer stabilen
Marktwirtschaft. Wir begrüßen diese Entwicklung
ebenso wie das vorgeschlagene Abkommen zwischen der ukrainischen Führung und dem IWF über
ein Transformationsprogramm zur Unterstützung der
Reformen. Wir bekräftigten erneut die in Neapel
abgegebene Erklärung, die Ukraine könne in den
nach Beginn der Reformen folgenden zwei Jahren
Zugang zu 4 Milliarden Dollar erhalten. Wir sehen
der für Ende des Monats in Winnipeg anberaumten
Konferenz über die ukrainische Wirtschaft erwartungsvoll entgegen.
Wir trafen auch mit den Mitgliedern einer russischen
Delegation zusammen und sprachen über die russische Wirtschaft und ihr Programm für 1995. Rußland
hat im Bereich der Wirtschaftsreformen beträchtliche
Fortschritte gemacht. Die Inflationsrate ist wieder
einstellig. Die Privatisierung verändert die wirtschaftliche Landschaft. Die Schlangen vor den Läden
existieren nicht mehr. Zur Unterstützung dieser
Entwicklungen sind weitere haushaltspolitische
Anstrengungen erforderlich. Im kommenden Jahr
sind ehrgeizige Stabilisierungsbestrebungen erforderlich, einschließlich eines schnelleren Wandels bei
Arbeitsplätzen und Wachstum. Wir bleiben der
Unterstützung eines ehrgeizigeren Programms
verpflichtet, das umfassende Unterstützung durch den
IWF und die Weltbank enthält.

AMERIKA DIENST 39

�Es war ein gutes Treffen. Wir haben einige wichtige
Fortschritte erzielt. Die Weltwirtschaft entwickelt sich
ganz ordentlich, und wir widmen unsere Aufmerk-

samkeit jetzt den Aktionen, die ihren guten Verlauf in
den kommenden Jahren sichern sollen.

* * * * *

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Seite 3

�AIDS
5. Oktober 1994

OFFENE GESPRÄCHE - DAS REZEPT GEGEN AIDS
von Terry Y. Allen
WASHINGTON - (AD) - Michael H. Merson, ein führender Experte auf dem Gebiet der Epidemiologie, ruft die
Regierungen und die Bürger - insbesondere junge Leute - auf der ganzen Welt dazu auf, in die Offensive zu
gehen, um eine weitere Ausbreitung der AIDS-Epidemie zu verhindern. Der nachfolgende Artikel gibt
Einzelheiten über seine Arbeit und seine unermüdlichen weltweiten Bestrebungen.
Der Verfasser des nachfolgend veröffentlichten Artikels, Terry Y. Allen, ist Redakteur von Amherst.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Amherst. Copyright (c) 1994 Amherst
College.

Bereits seit einiger Zeit hören wir von dem Werk
eines Mannes, der es mit dem weltweit verheerendsten Problem für die öffentliche Gesundheit aufgenommen hat: Michael H. Merson steht an vorderster
Front im internationalen Kampf gegen die Pandemie
AIDS.
Merson bringt herausragende Referenzen auf dem
Gebiet von Infektionskrankheiten mit. Er war leitender Epidemiologe im Cholera-Forschungslabor in
Dhaka (Bangladesh) sowie Direktor des Kontrollprogramms der Weltgesundheitsorganisation WHO
für Diarrhöerkrankungen und akute Infektionen der
Atemwege und arbeitete unter anderem in Guam,
Nepal und dem Nordosten Brasiliens.
Merson begann seinen Kampf gegen AIDS vor
nahezu vier Jahren, als der damalige Direktor des
noch jungen weltweiten AIDS-Programms der WHO
(Global Program on AIDS - GPA) überstürzt seinen
Posten verließ. Man bat Merson, das Programm
während einer Übergangszeit zu verwalten und
gleichzeitig die Suche nach einem neuen Direktor zu
leiten. Angesichts seiner erwiesenen Begabung
überrascht es nicht, daß er schon bald gebeten
wurde, die Position, die jetzt als die eines geschäftsführenden Direktors bezeichnet wird, dauerhaft zu
bekleiden.
Mersons Genfer Mitarbeiterstab umfaßt über 200
Personen, darunter Virologen, Gesundheitsbeamte,
Ökonomen, Epidemiologen und Ärzte. Ungefähr 250
weitere Angehörige des GPA sind weltweit in 70
Zentren vor Ort tätig.

AMERIKA DIENST 39

Der umfassende Auftrag des GPA besteht darin, die
weltweite Reaktion auf die Pandemie zu leiten und zu
koordinieren.
Genauer gesagt befaßt sich das
Programm mit der Erforschung und Entwicklung von
Impfstoffen und Medikamenten, der Entwicklung von
Vorsorge- und Behandlungsprogrammen für Geschlechtskrankheiten, HIV und AIDS, sowie mit
technischer Unterstützung der Länder bei der Bekämpfung des AIDS-Virus.
Angesichts dieser komplexen Aufgabe und der von
20 Staaten aufgebrachten Haushaltsmittel in Höhe
von bisher ungefähr 450 Millionen Dollar ist das GPA
bei weitem das größte und ehrgeizigste Gesundheitsprogramm, das je ins Leben gerufen wurde. Merson
teilt jedem bereitwillig mit, daß das durchaus angemessen sei, da die Epidemie, die sich während der
siebziger und achtziger Jahre stillschweigend verbreitete und zur Infektion von Millionen Menschen
führte, "gerade erst beginnt. Und es ist kein Ende in
Sicht."
Merson nahm im Dezember 1993 in New York an
den Veranstaltungen zum sechsten Welt-AIDS-Tag
der Vereinten Nationen als führender Vertreter für
öffentliche Gesundheit im Bereich AIDS teil. Zwischen seinen Zusammenkünften mit Kollegen von
den Vereinten Nationen und öffentlichen Auftritten
betonte er in Interviews, der Kampf zur Eindämmung
der Epidemie werde weiterhin von "Ablehnung,
Selbstgefälligkeit" und der fälschlichen Annahme
behindert, nur gesellschaftliche Randgruppen seien
anfällig für eine Infektion mit dem tödlichen HI-Virus
und die daraus resultierende Krankheit AIDS.

Seite 1

�Merson führte alarmierende neue Beweise dafür an,
daß das HI-Virus keineswegs auf relativ begrenzte
Bevölkerungsgruppen wie homosexuelle Männer und
Drogenabhängige beschränkt sei, sondern auch die
große Gruppe der heterosexuellen Bevölkerung
betroffen ist. Millionen sexuell aktiver Menschen
seien derzeit gefährdet, warnte Merson, insbesondere junge Menschen, welche die Verbreitung dieser
Epidemie unaufhaltsam vorantrieben.
Zur Untermauerung dieser Behauptungen stellte
Merson kürzlich von der WHO erstellte Statistiken
und Prognosen vor:
Zwei Drittel der bisher weltweit über 14 Millionen
HIV-Infektionen sind das Ergebnis heterosexueller Ansteckung. Dieser Prozentsatz wird bis zum
Jahr 2000 auf 75 oder 80 ansteigen.
Die Gesamtzahl von AIDS-Fällen weltweit liegt
schätzungsweise über der 2,5 Millionen-Marke.
Mehr als 95 Prozent aller gemeldeten Fälle
betreffen junge Menschen oder Personen mittleren Alters.
Konservativen Schätzungen der WHO zufolge
werden sich seit Ausbruch der Pandemie bis zum
Jahr 2000 weltweit insgesamt mindestens 30 bis
40 Millionen Männer, Frauen und Kinder mit dem
HI-Virus infiziert haben. Bis Ende der neunziger
Jahre rechnet man mit nahezu 10 Millionen im
Zusammenhang mit AIDS stehenden Todesfällen,
die Mehrheit davon in den Entwicklungsländern.
Der Prozentsatz infizierter Männer und Frauen
wird bis dahin ungefähr gleich sein. Zudem wird
trotz fortgesetzter Forschung nicht bald mit der
Entwicklung eines Impfstoffs oder einer Behandlungsmöglichkeit gerechnet.
Dennoch ist Merson hoffnungsvoll, denn, so erklärte
er am Welt-AIDS-Tag, "die Ausbreitung von HIV
käme zum Stillstand, wenn jeder Mensch eine der
vier Methoden von 'safe sex' anwenden würde:
Abstinenz, Treue, Geschlechtsverkehr ohne Penetration oder die Benutzung von Kondomen." Merson
hält diese Idee nicht für utopisch.
Er wies auf eine kürzlich erstellte umfassende
Übersicht von 35 Studien über Sexualerziehung in
der Schule hin. "Diese Studien demonstrieren, daß
Sexualerziehung nicht zu frühzeitiger sexueller
Aktivität führt", erklärte er. "Wir können unseren
Kindern das Notwendige beibringen, um sexuelle
Aktivität aufzuschieben, oder - falls sie sexuell aktiv
sind - Kondome zu benutzen. Kondome bieten den
doppelten Schutz vor Schwangerschaft und AIDS."

Seite 2

Merson hält Präservative für ein lebensrettendes
Mittel für diejenigen, die sie brauchen. "Wir sollten in
der Lage sein, ebenso leicht über Kondome zu
sprechen wie über Antibiotika.
Im allgemeinen
sprechen wir so indirekt über AIDS wie in den fünfziger Jahren über Krebs." Merson kann sehr gut über
Kondome sprechen. Er äußert sich sachlich, offen
und überzeugend zu AIDS.
Seit er das GPA leitet, hat er vorsichtig und bewußt
den Umgang mit der Öffentlichkeit erlernt. Als
Fürsprecher für die Verhütung von AIDS, der durch
die ganze Welt reist, hat er ausreichend Gelegenheit,
das vom ihm Gelernte anzuwenden. Wegen seiner
etwas väterlichen Art könnte man ihn für den vertrauten Hausarzt einer Familie halten. Und genau
das ist wichtig, wenn er die Öffentlichkeit aufklären
und widerstrebende Regierungen zur Ergreifung von
Maßnahmen bewegen will:
Er muß Vertrauen
erwecken.
Es ist eine von Mersons beständigen Herausforderungen, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf ein
nicht sichtbares Problem zu lenken. Die zunehmende Epidemie ist nahezu unsichtbar. "Im Gegensatz
zu allen anderen mir bekannten Epidemien spielen
Diskriminierung und Stigmatisierung hier eine große
Rolle. Das treibt die AIDS-Opfer dazu, sich zu
verstecken, wodurch wir sie nicht behandeln können."
Eine zusätzliche Schwierigkeit dabei, die Regierungen mit den Fakten zu konfrontieren, ist der lange
zeitliche Abstand - oft ein Jahrzehnt - zwischen der
Infektion mit dem HI-Virus und dem Auftreten der
AIDS-Symptome. Führende Regierungsmitglieder,
insbesondere in armen Ländern, verspüren wenig
Anreiz, knappe öffentliche Mittel für die Vorbereitung
auf eine Epidemie zu verwenden, die vielleicht erst
nach Ablauf ihrer Amtszeit zutage tritt.
Merson macht jedes Jahr mindestens 10 Reisen in
Entwicklungsländer. Solche Länder, erklärt er, sind
enormen Gefahren ausgesetzt, weil die AIDS-Epidemie ihre schwachen Volkswirtschaften und Gesundheitssysteme schnell zerstören kann. Sein Ziel
besteht darin, Regierungsvertreter - insbesondere
Gesundheits-, Bildungs-, Arbeits- und Kommunikationsminister - davon zu überzeugen, daß Verhütung
das billigste Mittel gegen die Epidemie ist. Er bemüht
sich, ihre Unterstützung für Aufklärung über "safe
sex" und - falls erforderlich - die breite Verfügbarkeit
von Präservativen zu gewinnen. In einigen Ländern
kann das in den Schulen geschehen. In vielen
Ländern, in denen die Zeit der Schulpflicht sehr kurz
ist, könnte dies auf den Arbeitsplatz verlagert werden
- in Unternehmen, landwirtschaftliche Betriebe oder
andere Orte - und würde das Landwirtschafts-, das
Arbeitsministerium oder beide einbeziehen.

AMERIKA DIENST 39

�Das GPA ermutigte die Länder mit finanzieller und
technischer Unterstützung zur Entwicklung eigener
maßgeschneiderter Verhütungsprogramme.
Der
erste Schritt besteht in der Identifizierung und Erreichung von Risikogruppen, um eine Ausbreitung des
HI-Virus in der Gesamtbevölkerung zu verhindern.
Zudem kann das GPA dazu beitragen, daß sexuell
übertragbare Krankheiten wirksam behandelt werden
- ein wichtiger Punkt, da sie die Ausbreitung von
HIV/AIDS erleichtern. Das GPA bemüht sich auch
um die Stärkung der Unterstützungssysteme für
AIDS-Opfer in den Gemeinden.
Beim Umgang mit Regierungsvertretern verfolgt
Merson eine Strategie der Konzentration auf überzeugende Fallbeispiele, von denen eins aus dem
thailändischen Bangkok stammt. Seit einigen Jahren
ist Bangkok das Mekka westlicher Touristen, von
denen viele sich an dem dortigen blühenden Sexgeschäft erfreuen. Die Zahl der weiblichen Prostituierten in Thailand wird derzeit auf 100.000 geschätzt.
"1987 war das HI-Virus in Bangkok noch praktisch
unbekannt", so Merson. "1990 waren 75 Prozent
der Prostituierten, 20 Prozent der 17- und 18jährigen
Militärangehörigen und vier Prozent aller Schwangeren HIV-positiv."
Selbst wenn sich lediglich ungefähr zwei Prozent
Angehörige von Risikogruppen wie Prostituierte und
ihre Kunden (Touristen, Fernfahrer, Soldaten,
Geschäftsreisende) anstecken, so Merson, kann
man erwarten, daß sich das HI-Virus wie ein Lauffeuer auf Frauen und Freundinnen in entlegenen
Dörfern, Städten, Nationen und Kontinenten verbreitet. Das von Marshall McLuhan prognostizierte
Weltdorf ist Wirklichkeit geworden.
"Im Afrika südlich der Sahara gibt es Gebiete, in
denen bereits 70 bis 80 Prozent der Angehörigen
von Risikogruppen mit dem HI-Virus infiziert sind",
stellt Merson fest. Im weiteren unweigerlichen und
tödlichen Verlauf folgt der HIV-Epidemie die AIDSEpidemie und dieser wiederum die Tuberkulose, der
die schwachen Immunsysteme der AIDS-Opfer kaum
Widerstand entgegensetzen können. Bedauerlicherweise sind viele Medikamente, die früher zur Bekämpfung von Tuberkulose eingesetzt wurden, jetzt
nicht mehr wirksam, weil sich gegen diese Mittel
resistente Varianten der Krankheit entwickelten.
Derzeit machen sich die Mitarbeiter der WHO
Sorgen über die Ausbreitung des HI-Virus in Brasilien und Honduras ("insbesondere in den Städten, in
die die Menschen auf der Suche nach Arbeit ziehen", betont Merson), in Mittel- und Osteuropa, wo
Wanderungsbewegungen zu beobachten sind und

AMERIKA DIENST 39

die öffentliche Gesundheitsfürsorge im argen liegt,
sowie in Teilen Asiens.
Für die Entwicklungsländer kann die Epidemie "den
Verlust von Produktivität einer ganzen Generation"
bedeuten, so Merson. AIDS kann Thailand bis zum
Jahr 2000 ungefähr 9 Milliarden Dollar an indirekten
Kosten in Form von Produktivitäts- und Konsumverlust verursachen.
Der Verlust nur weniger Mitglieder der jüngeren,
gebildeten Generation kann katastrophale Auswirkungen haben. Merson gibt hierfür ein Beispiel: "Stellen
Sie sich vor, in Ihrem Land wüßten nur drei Personen, wie man ein Elektrizitätswerk leitet. Wenn diese
Menschen krank werden, wird - im Unterschied zu
Westeuropa oder den Vereinigten Staaten - die
gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft gezogen."
Dennoch ist Merson wahrhaft zuversichtlich, daß das
aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen bestehende Weltdorf Mittel finden wird, um sich vor HIV/
AIDS zu schützen. "Ich sage nicht, daß in jedem
Land der Welt jeden Abend im Fernsehen Werbung
für Kondome gemacht werden sollte", äußert er und
fügt hinzu, er erwarte bald mehr darüber zu erfahren,
wie die muslimischen Länder des Nahen Ostens ihre
Bevölkerung über die Epidemie aufklären.
Es scheint fast unglaublich, daß es bereits eine
Anzahl von Erfolgsgeschichten gibt, die als Modell für
zukünftige Bestrebungen zur Verhütung der Epidemie
dienen können. Hilfe im Kampf gegen die Epidemie
kommt aus verschiedenen Quellen - die Weltbank,
die Darlehen in Höhe von 500 Millionen Dollar für
staatliche Bestrebungen zur Eindämmung bereitstellte; die UNESCO, UNICEF sowie viele nichtstaatliche Organisationen wie Save the Children,
Ärzte ohne Grenzen und kommunale Gruppen in den
einzelnen Ländern. Oft können gerade die nichtstaatlichen Organisationen am wirksamsten mit den
"abtrünnigen" Bevölkerungsgruppen umgehen, die die
Regierungen am liebsten ignorieren. Die römischkatholische Kirche, ein notorischer Gegner künstlicher
Geburtenkontrolle, ist Merson zufolge sehr hilfreich
bei der Versorgung von Opfern der Epidemie.
Merson führt einige besonders effektive Projekte an,
die von der GPA unterstützt wurden: Die Förderung
der Benutzung von Kondomen in Zaire und Thailand,
ein für Fernfahrer konzipiertes Aufklärungsprogramm
in Tansania, persönliche Botschaften zur Verhütung
von AIDS in Simbabwe, Medienkampagnen auf den
Philippinen und in der Schweiz. In vielen Fällen ist
die Erziehung der Peer-group - also die Heranziehung und Ausbildung von Mitgliedern der Zielgruppen
zur Aufklärung ihrer Mitbürger - eine vielversprechen-

Seite 3

�de Strategie, um Prostitutierte und Drogenabhängige
zu erreichen.
Ein bemerkenswertes Verhütungsprojekt wurde im
Norden Thailands entwickelt, als Gesundheitsbeamte
tatkräftig die Forderungen der im Sexgeschäft
Tätigen unterstützten, ihre Kunden sollten Kondome
verwenden. Die Bordellbesitzer stimmten zu. Einem
Bericht der WHO zufolge "wurde diese Politik in
allen Etablissements des Projektgebiets gleichzeitig
eingeführt, so daß die Bordellbesucher wenig
Alternativen zur Verwendung von Präservativen
hatten. Die Strategie funktioniert. Im thailändischen
Samut Sakhon verwenden jetzt nahezu 100 Prozent
der Kunden ein Kondom... Das Projekt ist jetzt
landesweit auf 66 der 73 thailändischen Provinzen
erweitert worden."
Mit Finanzmitteln und Hilfe von der GPA werden jetzt
ähnlich innovative Programme nachgeahmt, Medienkampagnen ins Leben gerufen und Analphabeten mit
Hilfe visueller Materialien erreicht.
Merson, der im Dienste des GPA viele Reisen
unternimmt, räumt ein, daß er dieses anspruchsvolle

Amt nicht ewig ausfüllen kann. Irgendwann wünscht
er sich einen akademischen Posten in den Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der öffentlichen
Gesundheit.
Er stellte die Beobachtung an, Amerikaner, die eine
berufliche Laufbahn in diesem Bereich anstrebten,
könnten besser ausgebildet sein, als es tatsächlich
der Fall ist. Er selbst trat dem internationalen Gesundheitswesen bei, nachdem er seine Ausbildung an
der medizinischen Fakultät der State University im
New York Downstate Medical Center abgeschlossen
hatte. Als er später noch im Zentrum für Seuchenbekämpfung in epidemiologischen Studien ausgebildet
wurde, ermutigten ihn mehrere Fakultätsmitglieder zur
Arbeit auf diesem Gebiet. Er hatte bereits in Guam
einen Vorgeschmack vom Umgang mit einer Epidemie bekommen, als die Cholera am Ende des Vietnamkrieges unter den Flüchtlingen wütete.
Er mußte damals schon bereit gewesen sein. Auf
jeden Fall, gestand er, "hätte ich es langweilig
gefunden, mein Leben lang Kopfschmerzen und
Erkältungen zu behandeln".

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zusammenarbeit zum Nutzen der ganzen Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Das amerikanisch-russische Gipfeltreffen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton und Jelzin planen weiteren Abbau von Atomwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung über nukleare Sicherheit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung über Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Haiti&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;amerikanische Kongressabgeordnete beurteilen Sicherheitslage in Haiti &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Haitianer begrüßen Hilfe bei Wiederherstellung der Demokratie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UNPROFOR unentbehrlich für Friedensprozess auf dem Balkan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltwirtschaftslage besser als seit Langem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Finanzminister Bentsen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offene Gespräche - das Rezept gegen AIDS&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Terry Y. Allen&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28. September 1994

38

AUSSENPOLITIK

AUFRUF ZU WELTWEITER ZUSAMMENARBEIT
Rede Präsident Clintons vor der
UN-Generalversammlung

USA-EUROPA

URSACHEN FÜR KONFLIKTE NACH DEM
KALTEN KRIEG
Rede von Abteilungsleiter Holbrooke

DIE HERAUSFORDERUNG DER GESCHICHTE
Rede von John Kornblum

USA-DEUTSCHLAND

REDMAN: IN DEUTSCHLAND HABEN WIR
EINEN VERLÄSSLICHEN PARTNER
Anhörung vor Senatsausschuß

NICHTVERBREITUNG

CTB-VERTRAG "UNABDINGBAR" ZUR
EINDÄMMUNG DER NUKLEAREN
WEITERVERBREITUNG
Erklärung des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-334102

�AUSSENPOLITIK
28. September 1994

AUFRUF ZU WELTWEITER ZUSAMMENARBEIT
Rede Präsident Clintons vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer am 26. September 1994 vor der 49. UN-Generalversammlung
gehaltenen Rede machte Präsident Clinton den Vorschlag für einen ersten Schritt zur endgültigen Beseitigung
einer tödlichen globalen Bedrohung - den weltweit 85 Millionen gegen lebende Ziele gerichteten Landminen.
Clinton forderte seine Zuhörer auf, "gemeinsam mit uns ein Abkommen zur Reduzierung der Anzahl und
Verfügbarkeit dieser Minen abzuschließen".
Das Ende des Kalten Krieges und die Explosion von Technologie, Handel und Wirtschaft hätten ein "Zeitalter
der Hoffnung" eingeleitet, aber in dieser neuen Welt sähen sich die Länder "mit einem Kampf zwischen Freiheit
und Tyrannei" konfrontiert.
Der Präsident gab ferner bekannt, die Vereinigten Staaten würden im Geiste von Versöhnung und
Wiederaufbau alle unilateralen Sanktionen gegen Haiti aussetzen mit Ausnahme derjenigen, die die
Militärmachthaber und ihre direkten Anhänger betreffen.
Er stellte fest, die Situation in Bosnien habe sich verbessert, in dem Gebiet um Sarajevo jedoch in den letzten
Wochen beträchtlich verschlimmert. Zur Rettung Sarajevos sei eine neue Entschlossenheit der Vereinten
Nationen zur Durchsetzung ihrer Resolutionen erforderlich. Die NATO sei zum Handeln bereit.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons vor der UN-Generalversammlung im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, meine Damen
und Herren Abgeordneten. Zunächst möchte ich
Ihnen, Herr Präsident, meine Glückwünsche zu ihrer
Wahl als Präsident der 49. Generalversammlung
aussprechen. Das amerikanische Volk sieht einer
Zusammenarbeit mit Ihnen bei der Begehung des
50. Jahrestages der Gründung der Vereinten Nationen erwartungsvoll entgegen.
Wir treffen heute in einer Zeit großer Hoffnungen
und großer Veränderungen zusammen. Das Ende
des Kalten Krieges, die Explosion in den Bereichen
Technologie, Handel und Wirtschaft haben den
Menschen auf der ganzen Welt eine neue Chance
gegeben, ihre Träume zu verwirklichen und ihr von
Gott gegebenes Talent zu entfalten. Dies ist ein
Zeitalter der Hoffnung.
In dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und

AMERIKA DIENST 38

Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie, zwischen
Wissen und Unkenntnis, zwischen Offenheit und
Isolation. Es ist ein Kampf zwischen denen, die freie,
von Gesetzen regierte Gesellschaften aufbauen
wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt
durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte
Kampf in einer Welt, die stärker als jemals zuvor von
Spitzentechnologie bestimmt ist, sich schneller als je
zuvor verändert und chaotischer und vielfältiger als je
zuvor ist, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen
Hoffnung und Angst.
Dreimal in diesem Jahrhundert - von den Schützengräben an der Somme über die japanische Insel Iwo
Jima zur gefallenen Berliner Mauer trugen die Kräfte
der Hoffnung den Sieg davon. Die Sieger des Ersten
Weltkriegs vergeudeten jedoch ihren Triumph als sie
sich zurückzogen, eine weltweite Depression herbeiführten und dann den Aufstieg des Faschismus mit
der Folge eines erneuten Weltkriegs zuließen.

Seite 1

�I

Nach dem Zweiten Weltkrieg beherzigten die Alliierten die Lektionen der Geschichte. Angesichts einer
neuen totalitären Gefahr und der atomaren Bedrohung kehrten die großen Nationen der Herausforderung des Augenblicks nicht den Rücken zu. Vielmehr beschlossen sie, andere einzubeziehen, den
Wiederaufbau voranzutreiben und eine Führungsrolle
zu übernehmen. Sie entschieden sich für die
Gründung der Vereinten Nationen und hinterließen
uns eine stärkere, sicherere und freiere Welt.
Unsere Generation hat eine schwierige Aufgabe:
Der Kalte Krieg ist vorüber, wir müssen den Frieden
sichern. Uns fällt die Aufgabe zu, die nach dem
Ersten Weltkrieg gezeigte Selbstgefälligkeit zu
vermeiden, ohne daß - wie nach dem Zweiten
Weltkrieg - ein Antrieb in Form einer direkten Bedrohung unserer Sicherheit gegeben wäre. Wir
müssen dafür sorgen, daß diejenigen, die kämpften
und den Mut zur Beendigung des Kalten Krieges
zeigten - die freiheitsliebenden Menschen im Osten
und Westen - sich nicht umsonst eingesetzt haben.
Unsere geheiligte Aufgabe besteht darin, eine neue
Welt für unsere Kinder zu schaffen - mit mehr
Demokratie, mehr Wohlstand und größerer Freiheit
vor überholtem Haß und modernen Massenvernichtungsmitteln. Schließlich sind die Mauern, die
selbst in dieser Kammer die Nationen spalteten,
gefallen. Mehr Nationen als jemals zuvor haben
sich für die Demokratie entschieden, mehr für freie
Märkte und wirtschaftliche Gerechtigkeit, für die
Werte Toleranz, Freiheit und bürgerliche Gesellschaft, die es uns gestatten, das Beste aus unserem
Leben zu machen.
Aber obwohl die Ideale der Demokratie und freien
Marktwirtschaft Auftrieb erhalten haben, ist das nicht
alles. Schreckliche Beispiele für Chaos, Unterdrückung und Tyrannei sind ebenfalls ein Charakteristikum unserer Zeit. Das 20. Jahrhundert hat
bewiesen, daß die Kräfte der Freiheit und Demokratie auch angesichts großer Widrigkeiten Bestand
haben. Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß
diese Kräfte im 21. Jahrhundert den Sieg davontragen.
Die uns konfrontierenden Gefahren sind nicht so
stark, aber viel diffuser als während des Kalten
Krieges. Sie sind jedoch immer noch furchterregend: Ethnische Konflikte, die Millionen Menschen
aus ihrer Heimat vertreiben; Despoten mit dem
Willen zur Unterdrückung ihrer eigenen Völker oder
Eroberung ihrer Nachbarländer; die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen; im Besitz
tödlicher Waffen befindliche Terroristen; Verbrechersyndikate, die diese Waffen oder Drogen verkaufen
oder die Institutionen schwacher Demokratien infil-

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trieren; eine Weltwirtschaft mit großen Versprechungen aber auch tiefsitzender Unsicherheit und vielerorts verringerten Chancen; Krankheiten wie AIDS, die
Nationen zu dezimieren drohen; die kombinierten
Gefahren Bevölkerungsexplosion und wirtschaftlicher
Niedergang, die die internationale Staatengemeinschaft bei der Kairoer Konferenz zu einem bemerkenswerten Konsens führten; globale und lokale
Gefahren für die Umwelt, die erfordern, daß umweltverträgliche Entwicklung Bestandteil des Lebens der
Menschen auf der ganzen Welt wird und schließlich in vielen unserer Länder - starker Drogenmißbrauch,
eine hohe Verbrechensrate und der Zusammenbruch
von Familien mit seinen schrecklichen Folgen. Das
sind die uns heute konfrontierenden Gefahren.
Wir müssen uns diesen Bedrohungen unserer Zukunft stellen. Glücklicherweise bietet das Ende des
Kalten Krieges uns die Möglichkeit, sie gemeinsam
anzugehen.
Im Rahmen unserer Bestrebungen
werden verschiedene Nationen sich in verschiedenen
Situationen vielleicht unterschiedlich verhalten. Ihre
Beweggründe müssen jedoch im Einklang mit der
Freiheit stehen und ihre Vorgehensweise dem
Völkerrecht entsprechen.
Jede Nation wird ihre besonderen Stärken - wirtschaftliche, politische oder militärische - in unsere
gemeinsame Aufgabe einbringen. Natürlich besteht
die oberste Pflicht jedes Mitgliedstaates der Vereinten
Nationen gegenüber seinen eigenen Bürgern, deren
Sicherheit, Wohlergehen und Interessen. Als Präsident der Vereinigten Staaten habe ich als erstes eine
Verpflichtung gegenüber den Bürgern meines Landes. Wenn unsere nationalen Sicherheitsinteressen
bedroht sind, werden wir wenn möglich gemeinsam
mit anderen, wenn nötig im Alleingang handeln. Wir
werden wenn möglich Diplomatie, wenn nötig Gewalt
einsetzen.
Die Vereinigten Staaten sind sich auch ihrer besonderen Verantwortung bei diesen gemeinsamen
Bestrebungen bewußt - eine Verantwortung, die mit
großer Macht sowie unserer langen Geschichte von
Demokratie und Freiheit einhergeht.

Wir möchten

dieser Verantwortung in Zusammenarbeit mit anderen
Ländern entsprechen. Zusammenarbeit erhöht die
Wirkung und Rechtmäßigkeit jeder unserer Aktionen,
und eine Verteilung der Lasten verringert die Belastung für den einzelnen. Wir wollen nicht der Weltpolizist sein, werden jedoch alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um bürgerlichen Gesellschaften bei der Befreiung von Unterdrückung
beizustehen, gefährdete Demokratien zu unterstützen
und weitere freie Märkte zu schaffen - und natürlich
die uns alle bedrohenden zerstörerischen Kräfte
einzudämmen.

AMERIKA DIENST 38

�In jedem Teil der Welt - von Südafrika über Asien,
Mittel- und Osteuropa, den Nahen Osten und Lateinamerika und jetzt bis zu einer kleinen Karibikinsel streben die Bürger danach, ihre eigene Zukunft
aufzubauen. Es ist die große Chance unserer
Generation, uns für ihre Sache einzusetzen - und
das müssen wir gemeinsam tun.
Eine Koalition für die Demokratie ist auch für Amerika von Vorteil. Denn Demokratien sind stabiler und
weniger geneigt, Krieg zu führen. Sie stärken eine
bürgerliche Gesellschaft. Sie können den Menschen
wirtschaftliche und politische Chancen bieten, in ihrer
Heimat eine Zukunft aufzubauen, anstatt aus ihr zu
fliehen.
Unsere Bestrebungen zum Aufbau von mehr Demokratien werden uns alle sicherer, wohlhabender und
erfolgreicher machen, während wir versuchen,
dieses Zeitalter tiefgreifenden Wandels zu unserem
Freund anstatt zu unserem Feind zu machen.
In unserem Land gibt es wie in allen Ihren Ländern
viele Menschen, die sich verständlicherweise gegen
solche Bestrebungen sträuben, denn oftmals ist die
Entfernung zu diesen Völkern groß und ihre Kultur
sehr verschieden. Es gibt guten Grund für die von
diesen Menschen gezeigte Vorsicht. Oftmals sind
die Aussichten auf Erfolg oder die möglichen Kosten
nicht abzusehen. Und natürlich steckt in jeder
gemeinsamen Bestrebung auch die Möglichkeit ihres
Scheiterns oder des Verlusts kostbarer Menschenleben. Und trotzdem hat unser Volk - wie wir bei der
bemerkenswerten internationalen Reaktion auf die
schreckliche Krise in Ruanda gesehen haben - den
aufrichtigen Wunsch, seinen Nachbarn auf der
ganzen Welt zu helfen und einen Beitrag zu unserer
gemeinsamen Sache zu leisten.
Wir haben auch gesehen, daß Fortschritte gemacht
werden können. Das Problem lautet, darüber zu
entscheiden, wann wir reagieren und wie wir unser
Widerstreben überwinden. Das ist nie leicht, und es
gibt kein einfaches Rezept. Wir alle treffen diese
Entscheidungen, teilweise aufgrund der Entfernung
des Problems von unseren Küsten, aufgrund der
Interessen unserer Nation, der Erfolgschancen, der
erforderlichen Kosten oder der Gefahr für unsere
eigenen Bürger bei diesem Unterfangen. Es bleiben
jedoch schwierige Fragen bestehen, die nicht nach
einem einfachen Schema beantwortet werden
können.
Wir sollten jedoch zuversichtlich sein, daß diese
Bestrebungen zum Erfolg führen können, seien es
Bestrebungen zur Rettung von Menschenleben
angesichts einer entsetzlichen Tragödie wie in
Ruanda oder zur Vermeidung einer Tragödie wie am

AMERIKA DIENST 38

Hörn von Afrika oder zur Förderung von Entwicklungen, die buchstäblich die Zukunft von Millionen
Menschen verändern. Die Geschichte ist auf unserer
Seite.
Wir sollten hierbei Zuversicht zeigen. Denken Sie an
den Vormarsch der Freiheit allein im vergangenen
Jahr. Wer hätte noch vor einem Jahrzehnt gewagt,
die erstaunlichen Veränderungen in Südafrika, im
Nahen Osten, in Irland vorauszusagen, den bemerkenswerten Triumph von Demokratie und Mehrheitsentscheidungen, die Erfüllung von Nelson Mandelas
Lebenszweck, die mutigen Bestrebungen Israels und
seiner arabischen Nachbarn zum Aufbau von Brükken des Friedens zwischen ihren Völkern, das
ernsthafte Streben der Menschen Nordirlands,
Großbritanniens und Irlands nach der Beendigung
jahrhundertealter Spaltung und jahrzehntelangen
Terrors. In jedem Fall ist es das Verdienst der
führenden Persönlichkeiten dieser Nationen und ihrer
couragierten Völker. Aber in jedem Fall genossen die
Vereinigten Staaten und andere Nationen das Privileg, in dieser Sache Beistand leisten zu können.
Die wachsende Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation
sollte für uns alle ebenfalls Anlaß zu großer Zuversicht sein. Diese Partnerschaft wurzelt in der Demokratie, diese Partnerschaft funktioniert, diese Partnerschaft basiert nicht auf vollständiger Übereinstimmung, sondern auf echtem gegenseitigem Respekt.
Nach vielen Jahren atomaren Schreckens unternehmen unsere beiden Nationen dramatische Schritte
zur Lockerung der Spannungen auf der ganzen Welt.
Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sind Mittel- und
Osteuropa nicht von ausländischen Truppen besetzt,
die baltischen Staaten sind frei, russische und
amerikanische Raketen sind nicht länger gegen das
jeweils andere Volk gerichtet. Drei der vier im Besitz
von Atomwaffen befindlichen Mitgliedstaaten der
ehemaligen Sowjetunion haben sich auf einen Abzug
aller Atomwaffen von ihrem Gebiet geeinigt. Und wir
arbeiten an Abkommen zur Einstellung der Produktion spaltbaren Materials für Nuklearexplosionen, zum
offenen und irreversiblen Abbau nuklearer Gefechtsköpfe und zur weiteren Verringerung unserer Atomwaffen in Trägersystemen.
Die Vereinigten Staaten und Rußland sind sich ferner
bewußt, daß wir bei der Kontrolle der wachsenden
Bedrohung durch Terroristen zusammenarbeiten
müssen, die Nuklearmaterial schmuggeln.
Um
Nuklearmaterial am Produktionsort in sichere Verwahrung zu nehmen, haben wir uns mit Rußland auf
eine Einstellung der Plutoniumproduktion bis zum
Jahr 2000 geeinigt, auf den Bau einer Lagerstätte für
spaltbares Material, den Aufkauf von Vorräten waffen-

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�fähiger Brennstoffe sowie die Bekämpfung von
Verbrechern, die Materialien für Nuklearexplosionen
schmuggeln wollen.
Unsere beiden Nationen und Deutschland haben
ihre Zusammenarbeit verstärkt und beteiligen sich an
gemeinsamen Ausbildungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus. Wir werden in Kürze unter
Führung des FBI in Europa eine Akademie für die
Ausbildung von Polizeibeamten einrichten, in der
Polizisten die wirksamere Bekämpfung des Handels
mit atomwaffenfähigem Material, des Drogenhandels,
des organisierten Verbrechens und der Geldwäsche
erlernen.
Fördern werden die Vereinigten Staaten ferner eine
umfassende Tagesordnung zur Nichtverbreitung,
eine globale Konvention zur Einstellung der Produktion spaltbaren Materials, Bestrebungen zur Eindämmung der nuklearen Ambitionen Nordkoreas,
transparente Verfahren zum Abbau nuklearer Gefechtsköpfe sowie unsere Arbeit an einem Verbot
von Atomversuchen und der Ausweitung des Nichtverbreitungsvertrags.
Heute schlage ich einen ersten Schritt zur endgültigen Beseitigung einer weniger sichtbaren, aber
dennoch tödlichen Bedrohung vor: der weltweit 85
Millionen gegen lebende Ziele gerichteten Landminen - eine für je 50 Menschen auf der Erde. Ich rufe
alle Nationen dazu auf, gemeinsam mit uns ein
Abkommen zur Reduzierung der Anzahl und Verfügbarkeit dieser Minen abzuschließen. Die Befreiung
der Welt von diesen versteckten Waffen wird helfen,
in den kommenden Jahren das Leben Zehntausender von Männern, Frauen und unschuldigen Kindern
zu retten.
Die von uns im letzten Jahr erzielten Fortschritte
geben auch Anlaß zur Zuversicht, daß wir in den
Jahren nach dem Kalten Krieg internationale Institutionen anpassen und schaffen können, die
weltweit die Sicherheit erhöhen und Wirtschaftswachstum fördern.
Seit ich hier im vergangenen Jahr eine Rede hielt,
sind 22 Nationen der Partnerschaft für den Frieden
beigetreten. Es wurden erste gemeinsame Manöver
veranstaltet, die Europa die Chance geben, ein
geeinterer Kontinent zu werden, auf dem demokratische Nationen in sicheren Grenzen leben. In Asien
werden die Gespräche über Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu mehr Stabilität
führen. Indem die Ängste der Nationen bezüglich
ihrer Grenzen abgebaut und sie in die Lage versetzt
werden, weniger Geld für ihre Verteidigung auszugeben, kann unsere Koalition für die Demokratie den
Nationen zu einem Übergang verhelfen - und damit

Seite 4

zu der Chance, ihren Bürgern neue Freiheiten und
Möglichkeiten zu bieten.
Es ist an der Zeit, erneut über die Struktur dieser
Weltwirtschaft nachzudenken - Nationen trennende
Mauern niederzureißen, anstatt sich hinter ihnen zu
verstecken.
Auf dem diesjährigen Treffen der G-7 in Neapel
haben wir uns dieser Erneuerung verschrieben, der
erneuten Überprüfung der Wirtschaftsinstitutionen, die
uns in der Vergangenheit so gute Dienste geleistet
haben. Im Interesse gemeinsamen Wohlstands sind
die Vereinigten Staaten ein aktiverer Förderer offener
Märkte. Obwohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) noch in seinen Kinderschuhen
steckt, hat es den Handel zwischen den Vereinigten
Staaten und Mexiko bereits dramatisch erhöht und
allein in den Vereinigten Staaten schätzungsweise
200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Es bietet
den Nationen auf dem gesamten amerikanischen
Kontinent ein Modell, auf dem wir hoffentlich aufbauen können.
Diese Woche werde ich dem Kongreß ein Gesetzeswerk zur Umsetzung des GATT vorlegen, der größten
Handelsvereinbarung der Geschichte. Das GATT
und sein Nachfolger, die Welthandelsorganisation
WTO, bergen für uns alle das Versprechen gesteigerter Exporte, höherer Löhne und eines verbesserten
Lebensstandards. In den kommenden Monaten und
Jahren werden wir uns für die Erhöhung der Reichweite offener Märkte einsetzen, angefangen mit dem
Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit und dem Gipfel der amerikanischen
Staaten Ende dieses Jahres.
Hier bei den Vereinten Nationen müssen wir einen
konkreten Plan zur Bewältigung der Herausforderungen der kommenden 50 Jahre erarbeiten, während
wir das 50jährige Bestehen der UNO feiern. Meines
Erachtens sollten wir den nächstes Jahr anstehenden
50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen
nicht nur zu einem Jahr der Feierlichkeiten, sondern
auch zu einem Jahr der Erneuerung erklären. Wir
bitten den Generalsekretär um die Bildung einer
Arbeitsgruppe, damit wir bei unserer Sitzung im
kommenden Jahr über einen konkreten Aktionsplan
zur erneuten Belebung der Pflichten der Vereinten
Nationen verfügen, um die vor uns liegenden wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen
Herausforderungen angehen zu können - Pflichten,
die wir alle bereitwillig erfüllen müssen.
Unsere Ziele sollten auch einsatzbereite, effiziente
und fähige UN-Friedenstruppen umfassen. Ich freue
mich berichten zu können, daß die Vereinigten
Staaten - wie von mir im letzten Jahr zugesagt und

AMERIKA DIENST 38

�dank der Unterstützung durch den amerikanischen
Kongreß - 1,2 Milliarden Dollar für diese entscheidende Aufgabe zur Verfügung gestellt haben.
Wir müssen uns ferner verpflichten, die Reform der
Vereinten Nationen voranzutreiben, damit wir mit
weniger Mitteln mehr erreichen. Und wir müssen
unsere Fähigkeit verbessern, schnell auf dringende
Erfordernisse zu reagieren. Es ist für die Mitglieder
der Generalversammlung an der Zeit, ernsthaft den
von Präsident Menem unterbreiteten Vorschlag zur
Schaffung einer schnellen zivilen Reaktionsfähigkeit
auf humanitäre Krisen zu prüfen.
Nicht aus den Augen verlieren dürfen wir die besondere Rolle, die Entwicklung und Demokratie bei der
Verhütung von Konflikten spielen können, nachdem
der Frieden einmal geschaffen wurde.
Die Vereinten Nationen befanden sich noch nie in
einer besseren Position, die demokratischen Ziele
unserer Gründerväter zu erreichen. Das Ende des
Kalten Krieges hat uns von Jahrzehnten lähmender
Teilungen befreit, und wir alle wissen, daß multilaterale Zusammenarbeit angesichts der neuen Bedrohungen nicht nur notwendig ist, sondern auch
zum Erfolg führen kann.
Die von uns in Haiti gemeinsam unternommenen
Bestrebungen sind ein vorzügliches Beispiel. Unter

Einklang damit beabsichtige ich, zügig im Rahmen
der Resolutionen 917 und 940 des Sicherheitsrats
vorzugehen, damit wir Gesundheitsfürsorge, Wasserund Elektrizitätsversorgung wiederherstellen und
Material für humanitäre Bestrebungen, das Kommunikationswesen, Landwirtschaft und Erziehung
bereitstellen können.
Ferner gebe ich heute bekannt, daß die Vereinigten
Staaten alle unilateralen Sanktionen gegen Haiti
aussetzen werden, mit Ausnahme der die Militärmachthaber und ihre Anhänger betreffenden. Dazu
zählen der Linienverkehr, nachdem Luftunterstützung
verfügbar wurde, Finanztransaktionen und Reisebeschränkungen. Ich fordere alle anderen Nationen
dringend dazu auf, ebenso zu handeln.
In Haiti haben die Vereinigten Staaten demonstriert,
daß sie eine multinationale Streitmacht führen würden, wenn unsere Interessen offensichtlich, die
Sache richtig, die Mission durchführbar und die
Unterstützung der Nationen der Welt gewiß ist. Die
Haitianer werden jedoch Energie und Geduld an den
Tag legen müssen, um den Weg der Freiheit zu
gehen. Sie müssen das für sich selbst tun. Jede
neu entstehende demokratische Nation steht auf
tönernen Füßen, aber der Tag wird kommen, an dem
die auf Haiti lebenden Menschen ihr Streben nach
Freiheit erfüllt sehen und sie erneut tatsächliche
wirtschaftliche Fortschritte machen.

der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen geben

amerikanische Streitkräfte, jetzt unterstützt von einer
wachsenden internationalen Koalition aus mehr als
zwei Dutzend Nationen, den Menschen in Haiti ihre
Chance auf Freiheit.
Kreative Diplomatie, der
Einfluß wirtschaftlicher Macht, glaubwürdige militärische Drohung - sie alle haben die derzeitigen
Chancen herbeigeführt.
Die unentbehrliche zivile Ordnung wird wiederhergestellt. Menschenrechtsverletzungen wird Einhalt
geboten. Am heutigen Tag kehren bereits die ersten
Flüchtlinge zurück. Die Militärmachthaber werden
abtreten, eine demokratische Regierung wird wiederhergestellt. Präsident Aristide wird zurückkehren.
Die multilaterale Mission wird ihre Verantwortung an
eine Mission der Vereinten Nationen übergeben, die
1995 in Haiti bleibt, bis ein neuer Präsident gewählt
worden ist. Während dieses Zeitraums werden
durch multilaterale Entwicklungsbemühungen über
eine Milliarde Dollar zu Verfügung gestellt, um den
Haitianern beim Wiederaufbau ihres Landes zu
helfen.
Im Geiste der Versöhnung und des Wiederaufbaus
forderte Präsident Aristide gestern die sofortige
Lockerung der Sanktionen, damit die Wiederaufbauarbeit unverzüglich aufgenommen werden kann. Im

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Die Aktionen der Vereinten Nationen in Bosnien
bezeugen ebenso wie die in Haiti, daß Fortschritte
gemacht werden können, wenn eine Koalition ihre
Diplomatie mit militärischer Macht untermauert. Die
NATO hat seit unserer Zusammenkunft im vergangenen Jahr überhaupt zum ersten Mal außerhalb des
Territoriums ihrer Mitgliedstaaten eine militärische
Aktion durchgeführt. Die Drohung mit der Luftmacht
der NATO hat zur Errichtung der Sperrzone um
Sarajevo geführt und zur Beendigung der Frühjahrsoffensive der bosnischen Serben gegen Gorazde
beigetragen. Das von der NATO im Februar gestellte
Ultimatum unterstützte unsere Vermittlungsbemühungen, die zur Beendigung des Krieges zwischen der
bosnischen Regierung und den bosnischen Kroaten
beitrugen und eine Föderation zwischen diesen
beiden Gemeinschaften bildeten.
Die Situation in Bosnien hat sich bis zu diesem Grad
verbessert. In den letzten Wochen hat sich die
Situation um Sarajevo jedoch beträchtlich verschlechtert, und die Stadt ist wieder in Gefahr,
eingekesselt zu werden. Jetzt ist eine erneute
Entschlossenheit der Vereinten Nationen zur Durchsetzung ihrer Resolutionen erforderlich, um Sarajevo
zu retten. Die NATO ist zum Handeln bereit.

Seite 5

�Die Situation in Bosnien erinnert uns erneut an die
größte Ironie in diesem auslaufenden Jahrhundert:
Dieses so von Hoffnung und Chancen erfüllte
Jahrhundert war auch ein Zeitalter tiefgehender
Zerstörung und Verzweiflung.
Wir müssen an die Millionen von Menschen denken,
die während der beiden Weltkriege ihr Leben gaben
und an den ein halbes Jahrhundert währenden
Kampf der Männer und Frauen in Ost und West, die
sich schließlich im Namen den Freiheit behaupteten.
Wir müssen aber auch an unsere Kinder denken und
die Welt, die wir ihnen im 21. Jahrhundert hinterlassen.
*

Seite 6

Die Geschichte hat uns eine sehr seltene Gelegenheit beschert - die Chance, auf dem großartigsten
Vermächtnis dieses Jahrhunderts aufzubauen, ohne
seine dunklen Kapitel noch einmal zu durchleben.
Und wir haben demonstriert, daß wir das uralte
Streben der Menschheit nach Freiheit fortsetzen
können: den Aufbau einer Welt, in der die Demokratie keine Grenzen kennt, die Nationen aber wissen,
daß ihre Grenzen immer sicher sind, einer Welt, die
allen Menschen die Chance zur Entfaltung und zur
Verwirklichung ihrer Träume bietet.

* * * *

AMERIKA DIENST 38

�USA-EU ROPA
28. September 1994

URSACHEN FÜR KONFLIKTE
NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von Abteilungsleiter Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Der Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im
Außenministerium, Richard C. Holbrooke, stellte in einer Rede vor dem Unterausschuß für Europa und den
Nahen Osten des Auswärtigen Ausschusses des Repräsentantenhauses am 20. September 1994 fest: "Die
Berliner Mauer ist gefallen, aber unsichtbare Mauern bestehen weiter - Mauern der Ignoranz, Intoleranz und
des Neides."
In seinen Ausführungen über die Entwicklungen in Europa äußerte Holbrooke: "Fortschritte für den von uns
angestrebten dauerhaften Frieden werden nur erzielt, wenn wir die Ursachen der Konflikte in Angriff nehmen",
insbesondere in Zentraleuropa. Nachdem diese Länder die Übel des Faschismus und Kommunismus, des
heißen und Kalten Krieges erduldet haben, seien sie frei, so Holbrooke, "doch sie benötigen unsere Hilfe".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Abteilungsleiter Holbrooke.

Es ist mir eine Ehre, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit darzulegen, wie diese Administration die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten in einem Europa
fördert, in dem sich tiefgreifende Veränderungen
vollziehen.
Am 8. September 1994 - einem meiner letzten Tage
als amerikanischer Botschafter in Deutschland verließen die amerikanischen Truppen Berlin in
einem Triumphzug, nachdem sie über 49 Jahre lang
die Freiheit und Sicherheit dieser Stadt erfolgreich
verteidigt hatten.
Der Abzug der Truppen war vielleicht die letzte
symbolische Erinnerung an das Ende des Kalten
Krieges. Er bedeutet jedoch nicht das Ende unseres
aktiven Engagements in Europa.
Der Fall der Berliner Mauer, der Zusammenbruch
des sowjetischen Imperiums und das Entstehen
neuer Demokratien bieten den Vereinigten Staaten
eine beispiellose Chance, einen Beitrag zu einem
freien und ungeteilten Europa zu leisten. Das Ende
des Kalten Krieges hat die Europäer und Amerikaner
von der Notwendigkeit der ausschließlichen Konzentration auf eine gemeinsame Bedrohung von außen
befreit. Wir sind jetzt frei, über das Gleichgewicht
des Schreckens des Kalten Krieges hinauszugehen,
um einen dauerhafteren Frieden und Sicherheit
aufzubauen, die auf der Stärke unserer Gesellschaf-

AMERIKA DIENST 38

ten und Institutionen gründen. Wir können jetzt
nachhaltiger andere gemeinsame Ziele verfolgen Förderung von Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit
im Inland, Menschenrechten, Freiheit und Marktreformen im Ausland.
Gemeinsam können wir unsere ehemaligen Gegner
zu beständigen Partnern machen. Wir können ein
Europa aufbauen, das in Demokratie vereinigt ist; ein
Europa, dessen Sicherheit auf dem Bau von Brücken,
nicht Mauern, basiert; ein Europa, das als unser
globaler Partner bei gemeinsamen Bestrebungen zur
Erweiterung von Frieden und Wohlstand dienen kann.
Aber wenn wir diese historische Chance ergreifen
wollen, ist es unerläßlich, daß wir auch die vor uns
liegenden Herausforderungen verstehen und bewältigen. Anstelle des Wettkampfs zwischen Totalitarismus und Demokratie im Europa des Kalten Krieges
ist eine andere Form des Wettstreits getreten zwischen den Kräften der Integration, Toleranz und
Einbeziehung und denen der Zersplitterung, Intoleranz und Ausgrenzung.
In dem Maße, in dem wir uns von der gefährlichsten
Konfrontation in der Geschichte der Menschheit
entfernt haben, werden wir Zeuge des schlimmsten
Ausbruchs von Gewalt und Blutvergießen in Europa
seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Seite 1

�Die Berliner Mauer ist gefallen, aber unsichtbare
Mauern bestehen weiter - Mauern der Ignoranz,
Intoleranz und des Neides. Heute entstehen die
Sicherheitsherausforderungen für Europa ebensosehr durch Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Bedürfnisse und ethnischen Haß wie durch militärische
Aggression. Fortschritte für den von uns angestrebten dauerhaften Frieden werden nur erzielt, wenn wir
die Ursachen der Konflikte in Angriff nehmen, die
sich durch Mauern und Waffen manifestieren.
Dies ist eine enorme Herausforderung, insbesondere
für die riesigen und jahrtausendealten Gebiete in
Zentraleuropa. Sie haben entsetzlich unter den
Übeln des Faschismus und Kommunismus, des
heißen und Kalten Krieges gelitten. Heute sind sie
frei - doch sie benötigen unsere Hilfe.
Einige stellen die Frage, warum es uns etwas
angeht, was in diesen anscheinend so weit entfernten Regionen geschieht. Es wird das Argument
vorgebracht, nun, da die Tyrannei abgeschafft sei,
seien unsere Ziele in Europa erreicht und wir könnten uns abwenden.
Diese Administration teilt diese Sichtweise nicht.
Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind die Gebiete Mittel- und Ostmitteleuropas weiterhin anfällig für viele der althergebrachten Probleme - ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten, falschen Nationalismus, rassische
Vorurteile und institutionell verankerte Korruption.
Wenn eines dieser Übel triumphiert - wie es bereits
in Teilen des Balkans der Fall ist - besteht erneut ein
Risiko für die Stabilität Europas. Wenn diese Übel
triumphieren, könnte die Tragödie in Bosnien ein
häßlicher Vorläufer einer neuen Ära europäischer
Unsicherheit sein, gekennzeichnet durch virulente
ethnische und nationalistische Animositäten, Massenmigration, Fremdenfeindlichkeit und wirtschaftliche Unsicherheit.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußte Europa
erleben, was solche Instabilität kostet - und jedes
Mal wurden die Vereinigten Staaten benötigt, um
das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Der mörderische Konflikt im ehemaligen Jugoslawien
führt uns vor Augen, daß Streitkräfte in der heutigen
Welt nach wie vor relevant sind. Er enthüllt auch die
Schwierigkeiten des Einsatzes von Streitkräften bei
Konflikten in einem Staat und zwischen Staaten.
Und er lehrt uns, daß frühzeitiges Handeln das beste
Mittel zur Verhinderung von Konflikten ist, die wir
später vielleicht nicht mehr kontrollieren können.

Blutvergießens auf dem Balkan herbeizuführen, die
Ausweitung der Kämpfe zu einem größeren Konflikt
zu verhindern, der sowohl unsere Verbündeten als
auch die Stabilität der neuen demokratischen Staaten
bedrohen könnte, und um den destabilisierenden
Flüchtlingsstrom einzudämmen.
Während wir auf die Lösung dieser Tragödie und die
Milderung des Leidens seiner Opfer hinarbeiten,
müssen wir auch unsere Sicherheitsinstitutionen
verändern, damit sie derartige Konflikte besser
bewältigen und die europäische Integration fördern
können. Viele Institutionen werden eine Rolle spielen, darunter die Europäische Union, die Westeuropäische Union, der Europarat, die KSZE und die
Vereinten Nationen. Aber die NATO - das erfolgreichste politisch-militärische Bündnis der Geschichte
- ist von zentraler Bedeutung.
100.000 amerikanische Soldaten werden in Europa
stationiert bleiben. Wie Vizepräsident Gore vor
kurzem feststellte, sind sie ein Zeichen unseres
Engagements für die NATO, sie sind das Symbol für
unsere Entschlossenheit zur Unterstützung von
Frieden und Freiheit auf diesem Kontinent. Diese
Truppen bilden eine solide Basis für die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an multinationaler Ausbildung
und bewahren unsere Fähigkeit zur Abschreckung
von und Reaktion auf größere Bedrohungen in
Europa sowie gegebenenfalls zur Unterstützung von
NATO-Operationen "out of area".
Unser Engagement für die Sicherheit Europas bleibt
unerschütterlich. Das Ende des Kalten Krieges
bedeutet jedoch, daß wir die Bedeutung der europäischen Sicherheit an sich überdenken müssen.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Umgestaltung der NATO, damit sie den neuen
Sicherheitsherausforderungen Europas gerecht
werden kann.
Unser Ansatz zur europäischen Sicherheit gründet
sich auf Kooperation und Einbeziehung. Sowohl der
Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR) als auch die
Initiative Partnerschaft für den Frieden sind einbeziehende Sicherheitsarrangements der Zeit nach
dem Kalten Krieg, die gewohnheitsmäßige Kooperation und die demokratische Verwaltung der Sicherheit
aufbauen. Beide leisten einen Beitrag zu unserer
Strategie der europäischen Integration durch die
Erweiterung unserer Sicherheitszusammenarbeit auf
22 Länder, die zur Zeit nicht Mitglieder des Bündnisses sind. In der vergangenen Woche wurden in
Polen die ersten multilateralen Manöver im Rahmen
der Partnerschaft für den Frieden erfolgreich abgehalten.

Wir engagieren uns insbesondere in der Kontaktgruppe aktiv mit unseren Partnern, um ein Ende des

Seite 2

AMERIKA DIENST 38

�Aufbauend auf der Partnerschaft für den Frieden und
dem NAKR haben mehrere Länder bereits ihren
Wunsch zum Ausdruck gebracht, Vollmitglieder des
Bündnisses zu werden. Wie Präsident Clinton im
Sommer in Warschau erklärt hat, ist die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO eine Frage des Wann
und Wie, nicht des Ob. Vizepräsident Gore hat
diesen Ansatz am 10. September bekräftigt und
angedeutet, daß wir die Gespräche über diese
wichtige Frage im Herbst aufnehmen werden.
Ein essentielles Ziel der Partnerschaft für den Frieden, des NAKR und nicht zuletzt einer erweiterten
NATO ist die Stabilität in Zentraleuropa. Die Erweiterung der NATO wird - wenn sie erfolgt - die Sicherheit und Stabilität der gesamten Region fördern. Wir
müssen die Gewohnheiten militärischer Zusammenarbeit, ziviler Kontrolle des Militärs und der Transparenz der Verteidigungshaushalte, wie wir sie in der
NATO kennen, erweitern - nicht weil wir eine neue
Bedrohung von einem Land oder einer Kombination
von Ländern ausmachen, sondern weil die Ausdehnung des Einflußbereichs der NATO die Erweiterung eines Rahmens bedeutet, der zur Konsolidierung der Demokratie und Förderung größerer Einheit
auf dem gesamten europäischen Kontinent beitragen
kann. Von einer Erweiterung der NATO werden
sogar die Länder profitieren, die nicht als erste
Gruppe beitreten werden, weil eine erweiterte
NATO-Mitgliedschaft die Sicherheit für alle europäischen Nationen verbessern wird.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) ist zu einem wichtigen Bestandteil
der europäischen Sicherheit geworden, indem sie
sich den Prinzipien verschrieben hat, die die Beziehungen zwischen Regierungen sowie zwischen
Regierungen und ihren Bürgern regeln sollten. Sie
spielt eine wichtige und innovative Rolle bei Konfliktverhütung und demokratischer Entwicklung. Die
Aufrechterhaltung der an Werten orientierten Grundlage der KSZE wird bei der Bewahrung ihrer Sonderrolle von Bedeutung sein. Die Folgekonferenz und
das Gipfeltreffen in Budapest im Dezember sollten
der Arbeit der KSZE neuen politischen Auftrieb
verleihen. Gleichzeitig sollte die KSZE nicht eine
Koordinierungsfunktion für andere Gremien - wie die
NATO - übernehmen, die sich bewährt haben.
Wie ich in meiner Anhörung vor dem Senat im
vergangenen Monat erklärt habe, beabsichtige ich,
den Ländern Zentraleuropas höchste Priorität einzuräumen, damit sie sich der Demokratie erfreuen
können, die ihnen so lange verwehrt war. Der Erfolg
dieser demokratischen und marktwirtschaftlichen
Reformen bewirkt mehr Sicherheit für uns alle. Sie
sind die beste Antwort auf den aggressiven Nationalismus und ethnischen Haß, der durch das Ende des

AMERIKA DIENST 38

Kalten Krieges freigesetzt wurde. Zur Unterstützung
dieses Ansatzes nehmen wir als ersten Schritt
organisatorische Veränderungen im Büro für europäische Angelegenheiten vor. Die erste Tat ist
sowohl einfach als auch grundlegend: Ab dieser
Woche schaffen wir die Bezeichnung "Osteuropa" für
den betreffenden Teil des Büros ab. Dieses Vermächtnis aus der Zeit der künstlichen Trennung
Europas nach 1945 hat im Europa nach dem Kalten
Krieg keinen Platz mehr, und wir werden jetzt als
Organisationstitel dieselben Namen wie die Länder
Zentraleuropas wählen.
Das Büro für europäische und kanadische Angelegenheiten wird auch eng mit Jim Collins und seinen
Kollegen im Büro für die neuen unabhängigen
Staaten zusammenarbeiten sowie mit dem Stellvertretenden Außenminister Stöbe Talbott, um sicherzustellen, daß wir Brücken über das gesamte freie und
ungeteilte Europa schlagen.
Unseren Beziehungen zu Europa kommt weiterhin
eine entscheidende strategische Komponente zu. Sie
ruhen jedoch auch in gleichem Maße auf anderen
Pfeilern - insbesondere Wirtschaft und Handel,
Wissenschaft und Kultur sowie familiären Banden.
Um die Bedeutung unserer Beziehungen zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen
und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu
Europa zu unterstreichen, beabsichtige ich eine
Umstrukturierung unseres Büros für Öffentlichkeitsarbeit.
Damit reagieren wir auf Außenminister
Christophers Forderung nach einem "Amerikabüro"
im Außenministerium, indem wir systematisch Arbeitsbeziehungen zu den zahlreichen Personen und
Organisationen im Privatsektor herstellen, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
darstellen. Unsere geographischen Büros werden
ermutigt, die Talente der Experten von nichtstaatlichen Organisationen besser zu nutzen.
Ein wichtiger Pfeiler unserer Strategie für Europa ist
die Wirtschaft. Offene und prosperierende Volkswirtschaften in Europa bedeuten mehr Arbeitsplätze für
Amerikaner im Inland und Investitionschancen im
Ausland. Aus diesem Grund unterstützen wir den in
der Europäischen Union (EU) verankerten Integrationsprozeß uneingeschränkt und streben eine
Vertiefung unserer Partnerschaft mit der EU an.
Darüber hinaus engagieren wir uns für intensiveren
bilateralen Handel mit den Nichtmitgliedstaaten der
EU und Investitionen in diesen Ländern. Wir arbeiten
mit unseren westeuropäischen Partnern auf die
Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung
langfristigen Wachstums hin, indem wir auf die
Ergebnisse der Arbeitsplatzkonferenz von Detroit und
das Gipfeltreffen der G-7 in Neapel aufbauen.

Seite 3

�Diese Administration unterstützt ferner tatkräftig die
Marktreformen in den neuen Demokratien Europas.
Letztlich wird der Erfolg der Marktreformen in diesen
Ländern mehr von Handel als von Wirtschaftshilfe
abhängen. Eine unserer Prioritäten ist daher der
Abbau von Handelshemmnissen in den ehemals
kommunistischen Staaten.
Natürlich ist Europa nicht der einzige wichtige Teil
der Welt für die Vereinigten Staaten, aber wir teilen
auch regionale und globale Interessen, die für die
nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und das
Wohlergehen der Amerikaner von zentraler Bedeutung sind. Ob das Problem regionale Instabilität,
ethnische Konflikte, nukleare Weiterverbreitung, die
Zukunft der demokratischen Marktreformen in den
ehemals kommunistischen Staaten, Umweltverschmutzung oder rasches Bevölkerungswachstums
ist - es gibt wahrscheinlich keine Region in der Welt,
die unsere regionalen und globalen Interessen in
dem Maße teilt wie Europa. Die Nationen Europas
besitzen auch die Mittel, zahlreiche dieser globalen
Probleme in Angriff zu nehmen. Darüber hinaus ist
die Unterstützung unserer europäischen Partner
entscheidend für die Förderung eines offenen Handels- und Investitionssystems, das wiederum unerläßlich für Weltwirtschaftswachstum und Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten ist. Wie haben ein
reiches gemeinsames Erbe an Menschen, Ideen und
Kultur.
Präsident Clinton hat eindeutig klargestellt, wo die
Zukunft Europas aus der Sicht der Vereinigten
Staaten liegen sollte. Seine Definition der europäischen Sicherheit gründet sich auf den festen Glauben an die Leistungen der vergangenen 50 Jahre.
Einheit und Demokratie sind die Schlüsselbegriffe im
amerikanischen Vokabular. Wir erarbeiten eine

*

Seite 4

neue Definition der Sicherheit, in der gesunde Gesellschaften entscheidender für die Chancen des Friedens sind als der Umfang ihrer Verteidigungsapparate.
Die Vereinigten Staaten werden aus einem einfachen
Grund ein aktiver Beteiligter an europäischen Angelegenheiten sein - unser Eigeninteresse erfordert es.
Erfolg bei der Umsetzung einer gemeinsamen Tagesordnung mit gleichgesinnten Staaten ist der beste
Weg zum Schutz der Sicherheit und des Wohlstands
der Vereinigten Staaten. Der Erfolg unserer eigenen
innenpolitischen Tagesordnung erfordert die aktive
Verfolgung unserer Tagesordnungen im In- und
Ausland. Wenn die Vereinigten Staaten und ihre
europäischen Partner sich nicht nach außen wenden,
nicht weiterhin gemeinsam Handel treiben, in dem
jeweils anderen Land investieren und gemeinsam an
der Beseitigung neuer Hindemisse für Frieden und
Wohlstand arbeiten, werden unsere jeweiligen
Bestrebungen zur innenpolitischen Erneuerung nicht
von Erfolg gekrönt sein.
Während wir diesen Kurs verfolgen, sehe ich der
engen Zusammenarbeit mit den Mitgliedern dieses
Ausschusses und dem Kongreß erwartungsvoll
entgegen. Die Förderung unserer nationalen Interessen in Europa erfordert kontinuierliches amerikanisches Engagement, das von der breiten, überparteilichen Unterstützung des amerikanischen Volkes und
ihrer Vertreter im Kongreß getragen ist. Ich möchte
hinzufügen, wie stolz ich darauf bin, wieder im
Außenministerium tätig zu sein und mit den ausgezeichneten Mitarbeitern des Auswärtigen Dienstes
zusammenzuarbeiten, die sich die Förderung der
Interessen unseres Landes in Europa zur Aufgabe
gemacht haben. Ich danke Ihnen nochmals für die
Gelegenheit, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen.

* * * *

AMERIKA DIENST 38

\
*

�USA-EUROPA
28. September 1994

DIE HERAUSFORDERUNG DER GESCHICHTE
Rede von John Kornblum
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Stellvertretenden Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten, John Kornblum, bei der 10. Jahreskonferenz der Amerikanischen Botschaft über strategische Studien am 16. September 1994 gehaltene Rede.

Wenn wir uns die transatlantische Welt der neunziger Jahre betrachten, sind wir häufig von dem
tiefgreifenden Wandel überwältigt. Überall neue
Probleme, neue Konflikte und neue Chancen. Es ist
zur Gewohnheit geworden, die Notwendigkeit für
radikal veränderte Strategien zur Bewältigung
nahezu revolutionärer Entwicklungen zu erörtern.

wenn man sich nur auf genügend Streitkräfte und
genügend Verhaltensregeln einigt, könnten diese
Konflikte beendet werden. Wir haben das in den
zwanziger Jahren mit einer Reihe von Verträgen und
Erklärungen getan, die sich mit demselben Problem
befassen sollten. Wir kennen das Ergebnis dieser
Bestrebungen, Krieg als unrechtmäßig zu erklären.

Ein genauerer Blick enthüllt eine weitere wichtige
Tatsache. So neu die uns konfrontierenden Herausforderungen auch sein mögen, in vielen Fällen
entstehen sie durch eine Wiedergeburt der Geschichte. Statt radikal neu entworfener Verhaltensmuster in Europa scheint die durch den Kalten Krieg
bewirkte künstliche Stabilität viele der Trennlinien
eingefroren zu haben, die zu den vergangenen 80
Jahren der Konflikte geführt haben.

Dann gibt es die Rolle der Ost-West-Konfrontation an
sich. Wir fangen jetzt an zu erkennen, daß das durch
diese Konfrontation erzeugte Gefühl der Bedrohung
Zusammenhalt hervorbrachte, nicht nur für internationale Unternehmungen, sondern auch für die
politische Dynamik im Inland. Eine Versammlung von
Wissenschaftlern gelangte beispielsweise kürzlich zu
der Schlußfolgerung, daß die amerikanische Präsidentschaft in hohem Maße - negativ - durch diesen
Mangel an Dringlichkeit beeinflußt wurde. Politische
Botschaften müssen anders auf dieses neue Zeitalter
zugeschnitten werden.

Wenn wir die Zukunft der transatlantischen Beziehungen am Ende dieses Jahrhunderts erörtern,
müssen wir daher sowohl zurück als auch nach
vorne blicken. An der Schwelle zu dem neuen
Jahrtausend existieren neue Realitäten.
Viele
historische Muster sind jedoch noch gültig. In den
kommenden Jahren besteht eine der größten Herausforderungen für Politiker darin, das richtige
Gleichgewicht zwischen Altem und Neuem zu finden.
i

Ich möchte ein Beispiel anführen: Ethnische Konflikte erschüttern mehrere Teile Europas. In vielen
Fällen entstehen die Konflikte aus jahrhundertealten,
nie gelösten Streitigkeiten. Das Ende des von der
Sowjetunion ausgeübten Drucks deckte Spannungen
auf, die längst behoben schienen. Es ist wichtig,
Schritte zur schnellstmöglichen Überwindung dieser
Differenzen zu unternehmen.
Aber was tun wir? Es herrscht große Verwirrung
zwischen Lösungen der Vergangenheit und Hoffnungen für die Zukunft. Viele scheinen zu glauben,

AMERIKA DIENST 38

Die Lektionen der Geschichte scheinen eindeutig.
Europa ist immer noch belastet von innenpolitischen
ethnischen und kulturellen Konflikten, die die demokratische Zukunft vieler Teile des Kontinents bedrohen. Aber die Erkenntnisse des neuen Zeitalters
sollten ebenso klar sein. Alte Appelle zu Solidarität
oder die Notwendigkeit neuer Strukturen zur Bewältigung der Herausforderungen werden nicht funktionieren.
Statt dessen benötigen wir eine umfassende Strategie, die eine Verbindung zwischen Sicherheitsherausforderungen und den praktischen Erfordernissen von
Gesellschaften herstellt. Militärische Sicherheit muß
einhergehen mit Bestrebungen zur Inangriffnahme
der Ursachen von Konflikten. Dazu zählen die
Respektierung der Menschenrechte, Bemühungen zur
politischen und sozialen Entwicklung der neuen
demokratischen Staaten und Fortschritte zu einem

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�System freier Marktwirtschaft. Vor allem müssen die
Mittel und Methoden des Strebens nach Sicherheit
an die heutigen Zeiten angepaßt werden.
Dies erfordert auch konzertierte Anstrengungen zur
Anpassung unserer Institutionen an neue Aufgaben.
Innovationen wie die Partnerschaft für den Frieden
oder die Programme für demokratische Entwicklung
der KSZE und des Europarats oder die Arbeit der
zahlreichen nichtstaatlichen Organisationen sind
heute ebenso Bestandteil unserer Sicherheitspolitik
wie die nukleare Planung der NATO in der Vergangenheit.
Mit anderen Worten - wir müssen eifrig an einer
neuen Definition der Sicherheit arbeiten, die die
Fortschritte der vergangenen 50 Jahre beinhaltet,
aber nicht bei traditionellen Lösungen haltmacht.
Dabei müssen wir über die während des Kalten
Krieges erarbeiteten institutionellen und geographischen Definitionen hinausgehen. Wir müssen uns
an neue Realitäten anpassen und gleichzeitig die
historischen Wurzeln unserer Ziele und unseres
Verhaltens verstehen.
Seit ihrer Amtsübernahme war dies das Ziel der
Clinton-Administration. Die drei Bezugspunkte des
Präsidenten für die amerikanische Außenpolitik
militärische Stärke,
wirtschaftliche Stärke,
Menschenrechte
sind in der Tat eine völlig neue Definition der Sicherheitspolitik, die die scharfen militärischen und
politischen Spaltungen der Zeit des Kalten Krieges
aufheben.
Statt unsere Sicherheit unter dem Aspekt der Bedrohung und der Reaktion darauf zu sehen, schlägt
Präsident Clinton eine Tagesordnung für den Frieden vor, die Macht und Einfluß der Vereinigten
Staaten beim Streben nach mehreren miteinander

Mit der Festsetzung vereinbarter Verhaltensnormen
im Bereich der Menschenrechte wurde die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa eine
ebenso gefährliche Bedrohung für das kommunistische System wie die gesamten Streitkräfte der
NATO-Partner.
Unser unblutiger Sieg über den
sowjetischen Totalitarismus sollte nicht nur Grund
zum Feiern sein. Er kann uns auch die Richtung bei
unseren Bestrebungen zur Bewältigung der Herausforderungen der Welt nach dem Kalten Krieg weisen.
Wenn neue Konflikte eher interne denn externe
Ursachen haben, müssen wir unsere Mittel zur
Bewältigung solcher Herausforderungen entsprechend anpassen. Außer wenn wir zu einer dauerhaften militärischen Besetzung bereit sind, wird
Militärmacht allein weder die Probleme im ehemaligen Jugoslawien noch in Berg-Karabach lösen. Und
wenn wir nicht neue Methoden für den Aufbau einer
Gesellschaft und zur Konfliktvermeidung erlernen,
werden alle Erklärungen der Welt nur wenig Wirkung
zeigen.
Von besonderer Bedeutung in dieser neuen Ära ist
die Auffassung von Macht und ihrer Ausübung. Das
sowjetische System ist von innen heraus zerfallen,
zum Teil deswegen, weil es selbst für einen durch
und durch totalitären Staat unmöglich ist, die Gedanken und das Verhalten seiner Bürger zu kontrollieren.
In dem neuen Zeitalter werden Macht und Einfluß in
zunehmendem Maße von der internen Dynamik einer
Gesellschaft anstatt von ihrer Au ßenpolitik abhängen.
Halten Sie sich den zunehmenden Einfluß der
ostasiatischen Staaten vor Augen, die allesamt die
traditionellen Aspekte militärischer Machtpolitik
vermeiden. Probleme wie Migration oder organisiertes Verbrechen können selbst Großmächte in die
Knie zwingen.
Für die transatlantischen Beziehungen haben diese
Entwicklungen mehrere Auswirkungen:
Erstens. Wir müssen uns bewußt werden, was in

verbundenen Zielen zu nutzen versucht.

unseren Beziehungen eine Konstante darstellt und

Diese Ziele sollen über die sterile Ost-West-Teilung
hinausgehen, die wir aus dem Kalten Krieg geerbt
haben. Sie überbrücken auch den Unterschied
zwischen innenpolitischem und außenpolitischem
Verhalten.

was wir verändern müssen. Die drei Bezugspunkte
Präsident Clintons stellen eine Bestrebung zur klaren
Definition der Konstanten dar. Unser Glaube an die
dynamische Rolle der NATO in Europa - in Gesamteuropa - ist ein Beispiel für das Verschmelzen einer
traditionellen Struktur mit neuen Herausforderungen.

Eine der wesentlichen Leistungen des Westens in
den späteren Jahren des Kalten Krieges war die
Feststellung der Tatsache, daß das innenpolitische
Verhalten eines Landes ebenso wichtig für die
internationale Sicherheit ist wie seine außenpolitischen Maßnahmen.

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin der Auffassung, daß die Sicherheit aller am besten durch die
Kombination einer amerikanischen Sicherheitsverpflichtung im Rahmen der NATO mit einer soliden
Grundlage von Zusammenarbeit und Integration in
ganz Europa garantiert werden kann. Diese Struktu-

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AMERIKA DIENST 38

�ren müssen offen sein und alle einbeziehen. Die
Ablehnung neuer Grenzen in Europa bedeutet
jedoch nicht, daß jede Struktur jeden einbeziehen
muß. Innovative Methoden wie Freihandelszonen
oder die Partnerschaft für den Frieden können
dasselbe leisten.
Zweitens. Wir dürfen nicht an den alten Definitionen
unserer Politik festhalten.
Die grundlegendste
Neudefinition muß die von Europa selbst sein.
Präsident Clinton erntete einiges Stirnrunzeln, als er
Anfang des Jahres in seiner in Brüssel gehaltenen
Rede die Einigung ganz Europas als grundlegenden
Aspekt des Friedens forderte. Einige waren der
Ansicht, diese Definition bedeute, die Vereinigten
Staaten gäben ihre Unterstützung einer engeren
Integration der bestehenden Europäischen Union
auf.
Das entspricht jedoch absolut nicht der Wahrheit.
Unsere Unterstützung für die Ziele der Europäischen
Union braucht nicht wiederholt zu werden. Die alte
Definition des Westens von "Europa" als dem
Europa der NATO oder der Europäischen Union ist
jedoch nicht mehr gültig. Wenn wir in Europa
wirklichen Frieden wollen, müssen wir jeden, der für
die europäische Sicherheit eine Rolle spielt, in
unsere Zusammenarbeit einbeziehen. Das bedeutet
nicht, derzeitige Bestrebungen aufzugeben, stellt
jedoch offensichtlich eine Einbeziehung der Nationen
Mitteleuropas dar - und bezieht Rußland ein.
Die Definitionen von Europa, die unsere westlichen
Institutionen mit dem Europa der Zukunft auf die
gleiche Stufe stellen, sind völlig sinnlos.
Drittens. Die Nationen Europas werden schnell auf
andere Art und Weise mit der Rückkehr der Geschichte konfrontiert. Der mit dem Kalten Krieg
einhergehende Schutz vor Verantwortung - auf
lokaler und globaler Ebene - besteht nicht mehr.
Europa wird nicht nur mit dem Wandel konfrontiert,
sondern wird auch mehr Verantwortung für den
Umgang damit übernehmen müssen. Wenn manche
Europäer sich über das ärgerten, was sie für amerikanische Vormachtstellung hielten, sollten sie sich
jetzt nicht beklagen, wenn wir nicht länger automatisch Lösungen bereitstellen.
Viertens. Wir müssen das vorherrschende Gleichgewicht der Sicherheit verstehen. In Akademiker- und
Journalistenkreisen wurde in den letzten Monaten
viel über die verschiedenen Herausforderungen an
unsere Sicherheit geschrieben. Viele dieser Argumente beruhen weiterhin auf sicherheitspolitischen
Faktoren, die nicht länger gültig sind.

AMERIKA DIENST 38

Warum machen wir uns beispielsweise weiterhin so
viele Sorgen über die zukünftige Orientierung
Deutschlands? Der Grund liegt zum Teil in der
dramatischen Geschichte Deutschlands in diesem
Jahrhundert.
Ein anderer Grund ist jedoch die Tatsache, daß wir
immer noch mit den Konzepten der Vergangenheit
operieren.
Deutschland muß fest in Europa verankert sein.
Wenn aber nicht in Europa, wo sonst? Dieser Satz
bedeutet in Wirklichkeit, daß Deutschland ermutigt
werden sollte, mit seinen Partnern zusammenzuarbeiten, anstatt sie zu dominieren. Aber gibt es
irgendeinen Hinweis darauf, daß Deutschland nicht
die Absicht zur Zusammenarbeit hat?
Deutschland darf nicht zwischen seiner europäischen
und atlantischen Zugehörigkeit hin und her gerissen
sein. Diese Behauptung deutet jedoch auf einen
Widerspruch zwischen diesen beiden Elementen hin.
Eine der Lektionen der Geschichte ist die, daß die
atlantische und europäische Welt immer identischer
werden. Amerika ist ein Teil Europas, und Europa
wird zunehmend ein integraler Bestandteil der amerikanischen Realität. Hier besteht für keine atlantische
Nation ein Widerspruch.
Kroatien
Am erstaunlichsten waren die gegen Deutschland
erhobenen Beschuldigungen, als dieses Land sich für
die Anerkennung eines unabhängigen Kroatien
einsetzte. Wir können uns über die Substanz einer
Frage uneinig sein, aber aus der Vergangenheit
übernommenes Streben nach Vorherrschaft zu
vermuten demonstriert, wie sehr diese alten Dämonen noch am Leben sind.
Deutschland darf nicht den Versuchungen der Machtpolitik in Mittel- und Osteuropa erliegen. Was sind
das jedoch für Versuchungen? Das heutige Deutschland ist nicht nur demokratisch, sondern zum ersten
Mal in seiner Geschichte von demokratischen Partnern umgeben, die ihm kein Gefühl der Bedrohung
vermitteln.
Ähnliche Argumente werden oft angeführt, um eine
dynamische Entwicklung der NATO zu verhindern.
Einige fürchten, wenn die derzeitige Machtstruktur
verändert werde, könnte die alte Instabilität wieder in
West- und Mitteleuropa Einzug halten. Es scheint,
als würde die NATO mit denselben überholten
Kriterien beurteilt, die oft auf Deutschland angewandt
werden. Die Situation der NATO hat sich - ebenso
wie die Deutschlands - grundlegend geändert. Die
Betrachtung der NATO vor dem Hintergrund traditio-

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�neller Politik ist ebenso falsch und schädigend wie
die Anwendung dieser Kriterien auf Deutschland.
Dies führt mich zu meinem fünften Punkt. Die
Institutionen müssen angepaßt werden, wenn sie
überleben sollen. Weder die NATO noch die EU
können in den Mustern des Kalten Krieges gefangen
werden, die sich auf die alte Definition des Westens
bezogen.
Die in diesem Jahrhundert geführten Kriege waren
Folge von Spannungen im Herzen des Kontinents.
Wie ich bereits vorher gesagt habe, erfordert der
Umgang mit der Gefahr eines Wiederauflebens
dieser Spannungen eher kreative als statische
Ansätze. Zweifellos sollte es im Interesse jeden
Landes, einschließlich Rußlands, liegen, sich unserer
westlichen Institutionen zu bedienen, um die Angst
vor Instabilität in Mitteleuropa zu beseitigen.
Eine Rolle der NATO und der EU in Mitteleuropa
stellt folglich keine Bedrohung für den Frieden oder
die Interessen Rußlands dar, sondern fördert diese.
Aber - und das ist mein sechster Punkt - wenn
unsere Institutionen ihre Rolle ausbauen sollen,
dürfen die Hauptakteure in Europa sie nicht als auf
bestimmte Länder beschränkt betrachten.
Die
Erweiterung der Mitgliedschaft der NATO und der
EU wird nicht über Nacht geschehen. Und es ist
nicht möglich vorherzusagen, wer beitreten wird und
wann.
Wie Vizepräsident Gore jedoch kürzlich in einer nach
Berlin übertragenen Rede erklärte, wird die Erörterung dieser Möglichkeit bald beginnen. Es ist von
Bedeutung, daß diese Diskussion von einer Verständigung darüber begleitet wird, wie alle interessierten Parteien in den Prozeß der Erarbeitung
einer neuen Definition von Sicherheit in Europa
eingeschlossen werden können.
Die Erweiterung der bestehenden Institutionen ist
kompliziert. Während der Fortsetzung der Gespräche ist es von Bedeutung, alle uns zur Verfügung
stehenden Mittel einzusetzen - den Nordatlantischen
Kooperationsrat (NAKR), die Partnerschaft für den
Frieden, die KSZE und unsere bilateralen Beziehungen, um ein Konzept eines gemeinsamen Sicherheitsraums in Europa zu definieren. Wir müssen in
ganz Europa einen Gemeinschaftssinn entwickeln,
wie es im Westen nach den Römischen Verträgen
geschehen ist.

*

Seite 4

*

Eine solche Gemeinschaft darf nicht innerhalb der
Grenzen einer einzigen Organisation gesehen werden. Sie muß nicht auf einem Vertrag basieren oder
eine formale Organisation haben. Vielmehr sollte sie
ein wachsendes Gefühl unter allen relevanten Staaten repräsentieren, daß wir gemeinsame Ziele und
Methoden haben, um einen dauerhaften und gerechten Frieden in Europa zu sichern.
Ich möchte betonen, daß dieses Ziel eines gemeinsamen Sicherheitsraums über die Lage Europas
hinausgeht, so wichtig diese auch sein mag. In einer
mit neuen Problemen behafteten Welt - Problemen im
Bereich der Umwelt und der grundlegenden Menschenrechte - ist es wichtig, daß die wohlhabenden
Kontinente Europa und Nordamerika ein gemeinsames Versprechen für Engagement eingehen und
gemeinsame Anliegen haben.
Beide Kontinente unternehmen bereits sehr viel.
Aber solange Europa von Konflikten belastet wird
oder - wie Präsident Clinton es formulierte - solange
Amerika seine eigenen Sozialinstitutionen nicht
erneuert hat, werden wir weder die Energie noch die
Ressourcen für erweiterte Aufgaben haben.
Somit wird - wie in der Vergangenheit - die Sicherheit
Europas ein Indikator für das Gefühl der Sicherheit
auf der ganzen Welt. Die Aufgabe des Wiederaufbaus nach dem Kalten Krieg ist ebenso groß wie die
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Vereinigten Staaten werden sich aus einem
einfachen Grund weiterhin für diese Aufgabe einsetzen: Es liegt in unserem Interesse. Die Energie
für die Entwicklung eines neuen Europa muß jedoch
aus Europa selbst stammen. Ressourcen, Ideen und
Engagement sollten aus den direkt betroffenen
Ländern kommen.
Aus diesem Grund werden wir uns weiterhin für eine
möglichst umfassende Definition unserer gemeinsamen Sicherheit einsetzen. Sicherheit muß jetzt als
die Aufgabe von Gesellschaften betrachtet werden.
Die Völker Litauens, der Slowakischen Republik und
Rumäniens beispielsweise tragen eine ebensolche
Verantwortung für den Erfolg unserer Mission wie die
Vereinigten Staaten oder Deutschland.
Es gibt guten Grund zu Optimismus, daß wir Erfolg
haben werden. Unsere Arbeit wird beschleunigt,
wenn wir die Rolle des Alten und des Neuen verstehen. Die Herausforderungen der Geschichte sind
heute ebenso wichtig wie zu jedem anderen Zeitpunkt
in diesem Jahrhundert.

*

*

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�USA-DEUTSCHLAND
28. September 1994

REDMAN: IN DEUTSCHLAND HABEN WIR
EINEN VERLÄSSLICHEN PARTNER
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der von Präsident Clinton zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland
nominierte Charles E. Redman erklärte am 21. September 1994 in seiner Anhörung vor dem Auswärtigen
Ausschuß des Senats: "In Deutschland haben wir einen verläßlichen Partner, dessen Wirtschaftsmacht und
geographische Lage im Herzen Zentraleuropas das Land zu einem unerläßlichen Mitspieler bei diesem
historischen Unternehmen macht."
Redman fügte hinzu: "Eine starke deutsch-amerikanische Partnerschaft wird für die erfolgreiche Integration
der Nationen des ehemaligen Warschauer Pakts in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Westens
von entscheidender Bedeutung sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Anhörung von Botschafter Redman vor dem Senatsausschuß.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
es ist ein Privileg, heute als designierter Botschafter
der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik
Deutschland vor Ihnen sprechen zu dürfen. Diese
Ernennung durch Präsident Clinton ist eine große
Ehre, ganz besonders für einen Karrierediplomaten.
Ich bin mir vollkommen der Verantwortung bewußt,
die den so entscheidenden Beziehungen zwischen
Amerika und Deutschland zukommt, und im Falle
meiner Bestätigung werde ich alles in meiner Macht
Stehende tun, um das Vertrauen zu erfüllen, das der
Präsident mit dieser Ernennung in mich gesetzt hat.
Während meiner zwanzigjährigen Tätigkeit im
Auswärtigen Dienst habe ich gelernt, daß häufige
und offene Konsultationen mit dem Kongreß durch
nichts ersetzt werden können. Diese Kontakte
waren während meiner jüngsten Aufgabe als Gesandter für das ehemalige Jugoslawien unschätzbar,
und ich sehe der erneuten Zusammenarbeit mit
Ihnen in meiner neuen Funktion im Falle meiner
Bestätigung erwartungsvoll entgegen.
Herr Vorsitzender, die ausgezeichneten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland sind einer der entscheidenden Faktoren, die in der letzten Hälfte
dieses Jahrhunderts Freiheit und Wohlstand in
Westeuropa herbeigeführt und garantiert haben. Der
Kalte Krieg ist vorüber, und wir befinden uns jetzt im
Prozeß der Anpassung unserer Partnerschaft an die

AMERIKA DIENST 38

Herausforderungen des sich abzeichnenden neuen
Europas.
In Deutschland haben wir einen verläßlichen Partner,
dessen Wirtschaftsmacht und geographische Lage im
Herzen Zentraleuropas das Land zu einem unerläßlichen Mitspieler bei diesem historischen Unternehmen
macht. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die
Bundesrepublik aus den Ruinen der Tyrannei und
Niederlage erhoben, um sich demokratischen Werten
zu verpflichten, wirtschaftlich zu prosperieren und
eine Schlüsselrolle in den entscheidenden Institutionen Europas zu übernehmen - NATO, KSZE und der
Europäischen Union. Für Deutschland war es eine
radikale Umgestaltung, die das Land in nahezu
einzigartiger Weise dafür qualifiziert, sie anderen zu
vermitteln, die ebensolchen Wohlstand, diese Freiheit
und Stabilität anstreben. Eine starke deutsch-amerikanische Partnerschaft wird für die erfolgreiche
Integration der Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Westens von entscheidender Bedeutung
sein.
Herr Vorsitzender, während dieser Zeit des Übergangs für Europa und Deutschland müssen wir auf
den Leistungen der Vergangenheit aufbauen, während wir gleichzeitig auf die neuen Realitäten reagieren. Das erfordert Phantasie und Flexibilität. Am
wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß wir Deutschland
unseres andauernden Engagements für die Sicherheit
Europas und die strategische Partnerschaft mit

Seite 1

�unseren europäischen Verbündeten versichern
müssen, selbst wenn wir den Umfang unserer
militärischen Präsenz auf ein der veränderten
europäischen Sicherheitssituation angemessenes
Niveau verringern. Dennoch wird eine beträchtliche
Zahl amerikanischer Soldaten als greifbarer Beweis
unserer Entschlossenheit zur Unterstützung von
Frieden und Freiheit durch das transatlantische
Bündnis in Europa - die Mehrzahl in Deutschland stationiert bleiben. Nachdem ich im NATO-Hauptquartier in Brüssel und als ehemaliger Direktor des
Büros im Außenministerium tätig war, das sich mit
der NATO und europäischer Sicherheit befaßt, hoffe
ich, meine Erfahrung in diesen entscheidenden
Aspekt der deutsch-amerikanischen Beziehungen
einbringen und ihm Glaubwürdigkeit verleihen zu
können.

Die Sicherheitsdimension ist jedoch nur ein Aspekt
des vielschichtigen Geflechts der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Im Falle meiner Bestätigung
als Botschafter werde ich meine Energien und die
Ressourcen der Botschaft der Erweiterung der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Deutschland widmen sowie neue Wege
zur Förderung persönlicher Kontakte und der Vertiefung des Verständnisses zwischen unseren beiden
Nationen sondieren. Auch hier können wir auf eine
starke Grundlage bisheriger Erfahrungen aufbauen,
aber das sich wandelnde internationale Umfeld
fordert kontinuierliche Innovationen.
Zweifelsohne bietet diese Position viele Herausforderungen und Chancen. Ich hoffe, sie mit Ihrer
Zustimmung und Unterstützung antreten zu können.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 38

�NICHTVERBREITUNG
28. September 1994

CTB-VERTRAG "UNABDINGBAR" ZUR EINDÄMMUNG
DER NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Erklärung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTB) "ist unabdingbar für unsere Bestrebungen zur Eindämmung der Weiterverbreitung und Weiterentwicklung
von Nuklearwaffen sowie zur Gewährleistung einer Welt mit mehr Sicherheit und Frieden", stellte die
Pressesprecherin des Weißen Hauses, Dee Dee Myers, in einer schriftlichen Erklärung am 22. September
1994 fest.
Myers fügte hinzu: Die Genfer Abrüstungskonferenz "hat mit Tatkraft auf den Appell ... reagiert, den CTBVertrag zum frühestmöglichen Zeitpunkt abzuschließen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Erklärung.

Bei einem gestern im Weißen Haus veranstalteten
Informationsgespräch für hochrangige Regierungsvertreter berichtete Botschafter Stephen Ledogar,
der Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot,
von den vor kurzem bei der Genfer Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritten. Die Konferenz hat mit
Tatkraft auf den Appell der Vereinigten Staaten und
anderer Nationen reagiert, den CTB-Vertrag zum
frühestmöglichen Zeitpunkt abzuschließen.
Die Administration ist sich bewußt, daß die Gefahren
der nuklearen Weiterverbreitung auch nach dem
Ende des Kalten Krieges eine große Bedrohung für
unsere Nation sowie unsere Freunde und Verbündeten auf der Welt darstellen. Ein CTB-Vertrag ist
unabdingbar für unsere Bestrebungen zur Eindämmung der Weiterverbreitung und Weiterentwicklung
von Nuklearwaffen sowie zur Gewährleistung einer
Welt mit mehr Sicherheit und Frieden. Botschafter
Ledogar lobte den Vorsitzenden des Verhandlungsauschusses, Botschafter Miguel Marin Bosch aus
Mexiko, und seine Kollegen für ihre harte Arbeit.

Die Administration vertritt die Auffassung, es sei an
der Zeit für eine Beschleunigung dieser entscheidenden Verhandlungen und ist erfreut, daß der Ad-hocAusschuß für ein Atomtestverbot auf Drängen der
Administration und anderer die Entscheidung zur
Wiederaufnahme dieser wichtigen Arbeit gegen Ende
des Jahres getroffen hat.
Die Administration fordert alle an diesen entscheidenden Verhandlungen beteiligten Nationen auf, ihre
Anstrengungen zu verdoppeln und die erforderlichen
Ressourcen zum Abschluß eines CTB-Vertrags
bereitzustellen. Sie fordert darüber hinaus China auf,
gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern das derzeitige Moratorium für Atomexplosionen einzuhalten, um die Verhandlungen zu erleichtern.
Im nächsten Jahr blicken wir auf ein 50jähriges
Atomzeitalter zurück, das mit dem ersten Atomtest in
Alamagordo in New Mexico begann. Es sollte auch
das Ende aller Atomtests für alle Zeiten sein.

* * * * *

AMERIKA DIENST 38

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                <text>Amerikadienst 28.09.1994</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aufruf zu weltweiter Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Clintons vor der UN-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ursachen für Konflikte nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter Holbrooke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Herausforderung der Geschichte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Redman: in Deutschland haben wir einen verlässlichen Partner&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor Senatsauschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;CTB-Vertrag "unabdingbar" zur Eindämmung der nuklearen Weiterverbreitung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. September 1994

37

USA-HAITI

CUNTON: MILITARMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums

BEVÖLKERUNG

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore

TECHNOLOGIE

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-HAITI
21. September 1994

CLINTON: MILITÄRMACHTHABER DANKEN AB
Ansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 19. September 1994
gehaltene Rede, in der er die Vereinbarung bekanntgab, die eine Invasion in Haiti verhindert hat.

Liebe Mitbürger, ich möchte bekanntgeben, daß die
Militärmachthaber in Haiti der Abdankung zugestimmt haben. Die Diktatoren haben erkannt, daß es
in ihrem besten Interesse und im besten Interesse
des haitianischen Volkes liegt, die Macht friedlich
aufzugeben, statt sich der bevorstehenden Aktion
der von uns angeführten Streitkräfte der multinationalen Koalition zu stellen.
Während der vergangenen drei Jahre lautete unser
Ziel, sicherzustellen, daß die Militärdiktatoren die
Macht aufgeben und die demokratisch gewählte
Regierung zurückkehrt. Diese Vereinbarung garantiert diese beiden Ziele.
Sie reduziert das Risiko für die amerikanischen
Streitkräfte und die Streitkräfte der 24 Nationen
umfassenden internationalen Koalition auf ein
Minimum.
Und die Koalition gewährleistet die
ordentliche Übergabe der Macht an Haitis demokratisch gewählte Regierung.
Es ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten
Staaten und für Haiti. Die Militärmachthaber werden
gehen. Die Vereinigten Staaten und die Koalitionsstreitkräfte werden ab morgen unter Bedingungen
auf die Insel kommen, die weniger gefährlich, jedoch
nicht ohne Risiko sind.
Es wird sehr viel einfacher sein, die Menschenrechte
zu achten, und es besteht die echte Chance einer
ordentlichen und weniger gewalttätigen Machtübergabe. An die Anhänger von Präsident Aristide
gerichtet sage ich, daß er zurückkehren wird. Ich
bitte alle Haitianer, sich zu erinnern, was Präsident
Aristide noch vor wenigen Tagen gesagt hat: Keine
Rache, keine Gewalt, keine Vergeltung - dies ist die
Zeit für Frieden. Darauf werden die Vereinigten
Staaten zusammen mit ihren Koalitionspartnern
hinarbeiten.

AMERIKA DIENST 37

Wie Sie wissen, sind Präsident Carter, General Colin
Powell und Senator Sam Nunn erst gestern auf
meine Bitte nach Haiti gereist, um den Rücktritt der
Diktatoren zu bewirken. Ich habe in den vergangenen zwei Tagen ständig mit ihnen in Verbindung
gestanden. Sie haben unermüdlich fast 24 Stunden
am Tag gearbeitet, und ich möchte ihnen meinen
Dank dafür aussprechen, daß sie diese entscheidende Mission im Namen aller Amerikaner unternommen
haben.
Ich möchte auch allen Männern und Frauen der
Streitkräfte der Vereinigten Staaten danken. Ihre
Präsenz und ihre Vorbereitungen haben bei diesem
Abkommen eine bahnbrechende Rolle gespielt.
Im Rahmen dieser Vereinbarung stimmen die Diktatoren der Abdankung zu, sobald das haitianische
Parlament - wie im Abkommen von Governor's Island
gefordert - ein Amnestiegesetz erläßt. Auf jeden Fall
jedoch vor dem 15. Oktober.
Sie haben der unverzüglichen Ankunft von Truppen
der internationalen Koalition bereits ab morgen
zugestimmt.
Sie haben darüber hinaus uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Koalitionstruppen während der
friedlichen Machtübergabe zugesagt - wofür wir uns
sehr eingesetzt haben. Ich habe die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten angewiesen, die Entsendung
nach Haiti als Teil der UN-Koalition vorzunehmen,
und General Sheldon, unser Befehlshaber, wird
morgen dort sein.
Die Präsenz der 15.000 Soldaten umfassenden
multinationalen Streitmacht wird garantieren, daß die
Diktatoren die Bedingungen des Abkommens einhalten. Aus unseren Gesprächen mit der Delegation
wurde klar, daß dieses Abkommen nur wegen der
glaubwürdigen und unmittelbaren Bedrohung durch
die multinationale Streitmacht zustande kam. Es

Seite 1

�wurde in der Tat unterzeichnet, nachdem Haiti
Beweise hatte, daß Fallschirmjäger unserer in Fort
Bragg (North Carolina) stationierten 82. Luftlandedivision die Invasion eingeleitet hatten, die auf meine
Anweisung hin an diesem Abend beginnen sollte.
Zu dem Zeitpunkt, als das Abkommen erzielt wurde,
waren bereits 61 amerikanische Flugzeuge in der
Luft. Aufgrund dieser Vereinbarung werden die
Truppen der Vereinigten Staaten und der Koalitionsstreitmacht unter sehr viel günstigeren Bedingungen
nach Haiti gehen können, als wenn die Generäle
sich nicht für den Machtverzicht entschieden hätten.

Präsident Aristide wird nach Haiti zurückkehren, wenn
die Diktatoren die Insel verlassen. Am Donnerstagabend habe ich Ihnen gesagt, daß die Vereinigten
Staaten hier handeln müssen, um ihre Interessen zu
schützen und die brutalen Greueltaten zu beenden,
die Hunderttausende Haitianer bedrohen, um unsere
Grenzen zu schützen, Stabilität in unserer Hemisphäre zu erhalten und Demokratie zu fördern, um in den
Verpflichtungen, die wir anderen gegenüber eingegangen oder andere uns gegenüber eingegangen
sind, glaubwürdig zu bleiben. Dieses Abkommen
fördert all diese Ziele.

Ich möchte jedoch betonen, daß diese Mission
immer noch Risiken birgt, auf die wir vorbereitet sein
müssen. Haiti ist noch immer ein krisengeschütteltes Land, und die Möglichkeit von Gewaltakten
gegen amerikanische Truppen bleibt bestehen, aber
dieses Abkommen minimiert diese Risiken und
maximiert unsere Chance zum Schutz der Menschenrechte aller Haitianer, sowohl derjenigen, die
Präsident Aristide unterstützen, als auch derjenigen,
die ihn ablehnen. Und um ein Umfeld zu schaffen,
in dem Präsident Aristide zurückkehren kann - ohne
Gewalt, ohne Rache, ohne Vergeltung, wie er sagte.

Von Anfang an habe ich gesagt, daß die haitianischen Diktatoren gehen müssen. Heute kann ich
Ihnen sagen, daß sie gehen werden. Und an die
unter weniger risikoreichen Bedingungen auf den
Weg nach Haiti entsandten Truppen gerichtet sage
ich heute abend, ich bin zuversichtlich, daß Sie Ihre
Mission effektiv und professionell durchführen, wie sie
es bereits getan haben. Wir verlassen uns auf Sie,
daß Sie Ihre Arbeit morgen gut machen, so ausgezeichnet, wie Sie Ihre Arbeit heute und in den Wochen und Tagen davor geleistet haben, als Sie diese
Übung planten, sich auf sie vorbereiteten, und sie
dann auszuführen begannen.

Gemäß der Bestimmungen von Resolution 940 des
UN-Sicherheitsrats wird in Kürze eine 25 Nationen
umfassende internationale Koalition nach Haiti
entsandt, um die Aufgabe der Wiedereinsetzung
einer demokratischen Regierung in Angriff zu nehmen.

Ihnen allen möchte ich meinen Dank aussprechen
und sagen, Ihre Nation ist stolz auf Sie.
Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

•

*

*

*

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Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�USA-HAITI
21. September 1994

DAS HAITI-ABKOMMEN
Wortlaut der Vereinbarung

WASHINGTON - (AD) - Das am 18. September 1994 in Port-au-Prince erzielte Abkommen zwischen dem
ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den Militärmachthabern in Haiti hat folgenden
Wortlaut.

1. Der Zweck dieses Abkommens ist, Frieden auf
Haiti zu fördern, Gewalt und Blutvergießen zu
vermeiden, Freiheit und Demokratie zu fördern
und zwischen den Regierungen, der Bevölkerung
und den Institutionen Haitis und der Vereinigten
Staaten von Amerika dauerhafte Beziehungen
von beiderseitigem Vorteil zu schmieden.

1994 - je nachdem, was eher erfolgt. Die Parteien dieses Abkommens verpflichten sich zur
Zusammenarbeit mit dem haitianischen Parlament,
um dieses Vorgehen zu beschleunigen. Ihre
Nachfolger werden gemäß der haitianischen
Verfassung und des bestehenden Militärrechts
benannt.

2. Um diese Vereinbarung umzusetzen, werden das
haitianische Militär und die Polizeikräfte eng mit
der amerikanischen Militärmission zusammenarbeiten.
Diese in gegenseitigem Respekt
durohgeführte Zusammenarbeit dauert für die
Übergangsperide an, die für die Gewährleistung
tragfähiger Institutionen des Landes erforderlich
ist.

4. Die Militäraktionen der amerikanischen Militärmission werden mit dem haitianischen Obersten
Militärkommando koordiniert.

3. Um persönlich zum Erfolg dieses Abkommens
beizutragen, sind bestimmte Offiziere der haitianischen Armee bereit, im Einklang mit den UNOResolutionen 917 und 940 einem frühzeitigen
und ehrenhaften Ausscheiden aus dem Amt
zuzustimmen, wenn eine Generalamnestie vom
haitianischen Parlament als Gesetz verabschiedet
wird, oder spätestens bis zum 15. Oktober

5. Das Wirtschaftsembargo und die Wirtschaftssanktionen werden im Einklang mit den relevanten
UNO-Resolutionen unverzüglich aufgehoben und
die Erfordernisse der haitianischen Bevölkerung
so bald wie möglich erfüllt.
6. Die anstehenden Parlamentswahlen werden frei
und demokratisch abgehalten.
7. Es versteht sich, daß die obenstehende Vereinbarung von der Zustimmung der zivilen Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und
Haitis abhängig ist.

* * * *

AMERIKA DIENST 37

*

Seite 1

�USA-HAITI
21. September 1994

MILITÄRJUNTA NICHT BESSER ALS
DUVALIERS REGIME
Bericht des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem am 13. September 1994 veröffentlichten dritten Zwischenbericht des USAußenministeriums zufolge hat das haitianische Militärregime, das Präsident Jean-Bertrand Aristide vor drei
Jahren stürzte, das Land in einer Herrschaft des Terrors unterjocht, die der 30jährigen Diktatur der Familie
Duvalier vergleichbar ist.
Anläßlich der Vorlage des Berichts stellte John Shattuck, Abteilungsleiter im Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, fest, das Ziel der haitianischen Militärmachthaber sei, "die
Rechtsstaatlichkeit durch eine Herrschaft der Angst zu ersetzen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht in wesentlichen Auszügen.

Dies ist der dritte vom US-Außenministerium für
1994 erstellte Zwischenbericht über die Menschenrechtssituation auf Haiti. Seit der Veröffentlichung
der jährlichen Länderberichte im Februar 1994 über
Menschenrechtspraktiken im Jahr 1993 hat das
Außenministerium im April und Juli 1994 zwei
Berichte über Haiti herausgegeben. Der nun vorliegende dritte Bericht ist detaillierter und umfassender als die beiden vorherigen. Er versucht, das
durch die Ausweisung der gemeinsam von den
Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten unterstützten Internationalen Zivilen
Mission entstandene Vakuum zu füllen, die zur
Beobachtung der Menschenrechtssituation auf Haiti
entsandt worden war.
Zusammenfassung
Die Menschenrechtssituation auf Haiti unter dem
unrechtmäßigen Regime von General Cedras ist der
Lage unter dem berüchtigten Regime von Frangois
"Papa Doc" Duvalier vergleichbar. Das Militärregime
und die De-facto-Regierung fördern Unterdrückung
und Terror, sanktionieren Attentate, Morde, Folter,
Schläge, Verstümmelung und Vergewaltigung. Die
Aktionen des Regimes sind eine flagrante Verhöhnung der internationalen Staatengemeinschaft, die
diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen
wiederholt verurteilt hat.
Die zunehmende Unterdrückung und die Terrorakte
auf Haiti werden auf verschiedenen Ebenen durch
das Militär, die Polizei und Zivilisten ausgeübt, die

AMERIKA DIENST 37

dem Cedras-Regime Bericht erstatten. Das Militär
kontrolliert die De-facto-Regierung, die Polizei, die
Polizeitattaches, die Chefs de Section und die nur
dem Namen nach unabhängige FRAPH, bekannt als
die Revolutionäre Front für Fortschritt auf Haiti oder
auch als Bewaffnete Revolutionäre Front des Haitianischen Volkes.
Obwohl die demokratisch verabschiedete Verfassung
von 1987 eine getrennt vom Militär operierende
Polizei fordert, haben die Streitkräfte die Kontrolle der
polizeilichen Aufgaben übernommen. Die Polizeiattachös sind quasi offizielle Agenten des Sicherheitsapparats, die die Bevölkerung verdeckt überwachen,
Repression ausüben und Wachmannschaften organisieren. Die Chefs de Section sind ein auf dem Land
operierender Zweig des Militärs, der dem Befehl der
Departementskommandeure der Armee untersteht.
Das Regime veranlaßt, ermutigt oder gestattet, daß
diese Organisationen und Einzelpersonen die Menschenrechte ungestraft verletzen.
Die Zentralbehörden geben den Ton an und erteilen
allgemeine Instruktionen für offizielle Terrorakte,
überwachen jedoch nicht unbedingt die Ausführung.
Die Repression erfolgt in der Tat dezentralisiert mit
der Folge, daß die unteren Ränge des Sicherheitsapparats ihre Positionen im allgemeinen als private
Sinekure betrachten. Sie mißbrauchen ihre Befugnis
regelmäßig, um die örtliche Bevölkerung zu erpressen, ihre eigene gesellschaftliche Position zu verbessern und für sich oder ihre Freunde alte Rechnungen
zu begleichen. Diese zu Zeiten von Francois Duva-

Seite 1

�Her häufig angewandte besondere Art von Terror auf
Haiti führte zur Gründung der berüchtigten Tonton
Macoutes. Wie der Fall von Militärkommandeur
Norelus Mandelus beweist, ist das Militär in der
Lage, der Gewalt Einhalt zu gebieten, ermutigt oder
erlaubt sie jedoch, weil sie ihren Zwecken dient.
Zur Überwachung der Menscherechtssituation der
De-facto-Regierung unterstützten die Vereinten
Nationen und die Organisation Amerikanischer
Staaten gemeinsam die Internationale Zivile Mission
(International Civilian Mission - ICM), die erstmals
1993 und erneut 1994 nach Haiti entsandt wurde.
Die ICM stellte von ihrer Ankunft bis Juli 1994
umfangreiche Beweise für gravierende Menschenrechtsverletzungen auf Haiti zusammen, bis die Defacto-Regierung behauptete, die Präsenz der ICM in
Haiti habe keine Rechtsgrundlage und sie auswies.
Jüngste Berichte über Menschenrechtsverletzungen
Obwohl es der Amerikanischen Botschaft nicht
möglich war, die ausgezeichnete Arbeit der nahezu
90 ICM-Beobachter, die sich vormals im Land
aufgehalten hatten, in gleichem Maße fortzusetzen,
ist die Überwachung der Menschenrechtssituation
seit der Ausweisung der ICM erheblich verstärkt
worden. Zusätzlich zu Ad-hoc-Berichten erstellt das
Botschaftsteam wöchentliche Berichte über die sich
verschlechternde Menschenrechtssituation.
Die Lage seit der Entmachtung von Präsident
Arlstlde
Das Cedras-Regime kam im September 1991 mit
einem Putsch gegen die damals seit acht Monaten
amtierende, demokratisch gewählte Regierung von
Präsident Jean-Bertrand Aristide an die Macht.
Unmittelbar nach dem Staatsstreich ermordete das
neue Regime mindestens 300 bis 500 Menschen,
wobei Aristide-Anhänger die Hauptzielgruppe waren.
Während der letzten drei Jahre hat sich die Menschenrechtssituation verschlechtert.
Um seine
Herrschaft aufrechtzuerhalten, hat das Regime durch
Attentate und Morde, Folterung, Verstümmelung,
Vergewaltigung und ständige Schikanierung ein
Klima der Angst geschaffen. Dem Dokument des
UN-Sonderberichterstatters für Haiti vom 7. Februar
1994 zufolge wurden bis zu 3.000 haitianische
Zivilisten, darunter viele Aristide-Anhänger, unter
dem Cedras-Regime ermordet. Andere Berichte
deuten an, daß noch mindestens einige hundert
mehr seit damals getötet wurden. Die derzeitige
Situation zeigt ein Ausmaß an Terror, das dem des
Duvalier-Regimes vergleichbar ist.

Seite 2

Die prominentesten jüngsten Fälle
Die Ermordung von Präsident Aristides Kollegen,
PaterJean-Marie Vincent, am 28. August 1994 ist der
jüngste Beweis der Entschlossenheit der De-factoRegierung, ihre Gegner zum Schweigen zu bringen.
Der Pater wurde von nicht identifizierten bewaffneten
Männern erschossen, als er zum Tor des Geländes
seines Ordens im Stadtteil Turgeau von Port-auPrince fuhr.
Mehrere andere politische Attentatsversuche scheiterten in den vergangenen Monaten. Der ehemalige
Senator Reynold Charles wurde durch Schüsse nicht
identifizierter Männer verwundet, entging jedoch dem
Tod. Bewaffnete Männer überfielen das Haus von
Senator Clarck Parent und seiner Schwester (der
Bürgermeisterin von Petionville), flüchteten jedoch,
als der blinde Senator in die Luft feuerte. Anstatt
glaubwürdige Ermittlungen in diesen Fällen anzustellen, tat die De-facto-Regierung sie als Versuche von
Leuten ab, das Regime zu diskreditieren.
Diese Attentate und Attentatsversuche sind nur die
jüngsten Vorfälle in einer langen Serie von Morden
an hochrangigen Oppositoinsvertretern. Im September 1993 wurde der prominente Aristide-Anhänger
und Aktivist Antoine Izmery getötet, als eine Gruppe
bewaffneter Männer ihn während eines Gottesdienstes angriff. Am 14. Oktober 1993 wurde der renommierte haitianische Rechtsanwalt und Justizminister
Guy Malary in der Innenstadt von Port-au-Prince
ermordet. Das Cedras-Regime hat nur geringes
Interesse an Ermittlungen in diesen Todesfällen
gezeigt.
Am 9. September 1994 berichtete die New York
Times über konkrete politische Terrorakte gegen
Waisenkinder, deren Eltern selbst häutig Opfer der
De-facto-Regierung geworden waren. Diese Ermordungen waren den Berichten zufolge häufig begleitet
von der Verfolgung der Mitarbeiter der Waisenhäuser,
was dazu führte, daß viele schließen mußten.
Die Herrschaft des Terrors
Die Menschenrechtsbilanz des Regimes demonstriert,
daß es seine Gegner nicht nur eliminieren, sondern
auch die gesamte Bevölkerung unterjochen sowie
eine mögliche Opposition unterdrücken und einschüchtern will. Schätzungen eines jüngsten Berichts
der Human Rights Watch zufolge sahen sich bis zu
300.000 Menschen veranlaßt, sich vor dem Regime
zu verstecken. Folterung, Vergewaltigung, Schläge
und die Beschlagnahme des Geldes von ohne Grund
Inhaftierten sollen die Öffentlichkeit einschüchtern
und demoralisieren.

AMERIKA DIENST 37

�Es gibt zahlreiche und konkrete Beweise für Einschüchterungsversuche. Eine Delegation der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (InterAmerican Commission for Human Rights - IACHR),
die Haiti vom 16. bis 20. Mai 1994 besuchte, stellte
fest, daß sich die Menschenrechtssituation auf Haiti
seit ihrem letzten Besuch im August 1993 "ernsthaft
verschlechtert" hat. Die Delegation konnte 133 Fälle
standrechtlicher Erschießungen zwischen Februar
und Mai 1994 nachweisen, und es besteht Grund zu
der Annahme, daß es außerhalb des Rahmens ihrer
Ermittlungen sehr viel mehr Fälle gab. Die Delegation fand auch heraus, daß das Regime schwer
verstümmelte Körper auf den Straßen liegen ließ,
nur um die Bevölkerung zu terrorisieren.
Die lAHCR-Delegation deckte auf, daß Frauen und
Verwandte von Regimegegnern vergewaltigt oder
anderweitig sexuell mißbraucht wurden. Sie machte
zahlreiche Fälle willkürlicher Verhaftungen, von
Verschleppung und Folterung aus. Die Delegation
wies den De-facto-Behörden die volle Verantwortung
für die sich verschlechternde Situation zu.
In einer Presseerklärung vom 27. Juli 1994 beschrieb die IACHR die Menschenrechtsverletzungen
auf Haiti als "flagrant und systematisch" und führte
sie auf die "andauernde unrechtmäßige Ausübung
der Macht durch das haitianische Militär und seine
Gefolgschaft" zurück.
Die Kommission verwies
ferner auf den Zusammenbruch der zuständigen
Regierungsinstitutionen und die "vollständige Unfähigkeit der Judikative oder anderer Mechanismen,
Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder zu
bestrafen" und stellte fest, daß die Menschenrechtsverletzer "offen ungestraft handeln".
Im Juli 1994 veröffentlichte die Human Rights Watch
einen Bericht, in dem Dutzende Vergewaltigungsfälle
belegt wurden, mit denen nicht nur die Regimegegner, sondern auch die Bevölkerung insgesamt
terrorisiert werden sollte. Die ICM ihrerseits berichtete von 66 Fällen politisch motivierter Vergewaltigungen durch das Militär und die paramilitärischen
Truppen in den ersten fünf Monaten des Jahres
1994 (vor der Ausweisung der ICM aus Haiti durch
das Militär).
Berichte des Menschenrechtsteams der Amerikanischen Botschaft seit Juli 1994
Nach der Ausweisung der Menschenrechtsbeobachter der Vereinten Nationen und der Organisation
Amerikanischer Staaten verstärkte die Amerikanische Botschaft ihre Berichterstattung über die
Menschenrechtssituation. Umfassende Ermittlungen
des Botschaftsteams seit Juli deckten eine dramatische Zunahme der Menschenrechtsverletzungen auf.

AMERIKA DIENST 37

Die Zentralprovinz (in der Nähe von Hinche) war seit
langem die Heimat von Bürgerrechtlern, bis sie durch
die brutale Unterdrückung des Regimevertreters vor
Ort, Oberst Gideon, zum Schweigen gebracht wurden. Nachdem der Oberst in die Südwestprovinz (in
der Gegend von Les Cayes) versetzt worden war,
nahm die Unterdrückung in dieser Region unverzüglich zu. Willkürliche Durchsuchungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Berichten
zufolge wurden Menschen in der Region Les Cayes
verhaftet, nur weil sie die Sendungen von Voice of
America gehört hatten.
Im Sommer tauchte ein Militärbefehlshaber namens
Norelus Mandelus in einer Küstenstadt von Les
Cayes auf, der sich selbst als Saddam Hussein von
Haiti bezeichnete.
Neben anderen Greueltaten
schnitt Norelus einem Opfer während einem grausamen Verhör ein Ohr ab und zwang den Mann, es
zu essen, und ritzte dann seine Initialien in das
Fleisch des Opfers ein. Die Militärbehördern tolerierten dieses Verhalten, bis ein Priester und ein Seminarist, die zu den Opfern von Norelus willkürlichen
Schlägen zählten, sich als Verwandte eines höherrangigen Offiziers erwiesen. Norelus erhielt offensichtlich eine geringfügige Verwarnung, bevor er
versetzt wurde.
Ein flagrantes Beispiel willkürlicher Inhaftierung war
die Verhaftung des Aktivisten Gardy Lablanc aus
Lavalas durch die Behörden von Miragoane, der sich
angeblich über die neue paramilitärische zivile
Schutztruppe während ihres Drills lustig gemacht
hatte. Der diensthabende Beamte der Polizei von
Miragoane verweigerte den Angehörigen der Amerikanischen Botschaft Zutritt zu Leblanc. Der Beamte
erklärte, er habe Anweisung, nicht mit den Vertretern
der Botschaft zu sprechen, und Leblanc werde bis
auf weitere Anordnung seines Kommandeurs festgehalten. Nach wiederholten Anfragen der Botschaft
wurde Leblanc angeblich freigelassen.
Im vergangenen Monat fand das Botschaftsteam
heraus, daß Unterdrückung und Terror in der Küstenregion Aquin östlich von Les Cayes an der Tagesordnung sind. Viele Menschen wurden inhaftiert, und
alle wurden von den Behörden schikaniert. Eine dort
ansässige Nonne beschrieb der Botschaft einige der
Verletzungen, die sie an den von ihren Wächtern
gefolterten Gefangenen behandelt hatte.
In der westlich von Port-au-Prince gelegenen Stadt
Gressiers wurden mehrere Mordopfer in einem
flachen Grab gefunden. Die Körper waren teilweie
sichtbar und leicht zu entdecken.
Am Morgen des 1. August 1994 schlug die Polizei auf
mehrere Personen ein, die auf die Öffnung des

Seite 3

�Internationale Besorgnis

schreckliche Menschenrechtssituation auf Haiti
verantwortlich ist, und es wird zunehmend klarer, daß
die Militärmachthaber nicht die Absicht haben, mit der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Beilegung der Krise zusammenzuarbeiten.

Seit dem Putsch hat die internationale Staatengemeinschaft wiederholt das De-facto-Regime von Haiti
verurteilt. Die Reaktion der De-facto-Regierung war
eine zunehmende Isolierung von der internationalen
Staatengemeinschaft. Das Regime hat das Abkommen von Govemor's Island gebrochen und alle
Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft um eine friedliche Lösung der Krise zurückgewiesen. Noch in diesem Monat weigerte sich das
Regime, den Sondergesandten von UN-Genralsekretär Boutros Boutros-Ghali zu empfangen. Es ist seit
langem offenkundig, daß das Regime für die

Die Organisation Amerikanischer Staaten, die Vereinten Nationen und andere internationale Foren
widmen der eskalierenden Menschenrechtskrise auf
Haiti gezielte Aufmerksamkeit. Vor kurzem hat der
UN-Sicherheitsrat in Erkenntnis der Tatsache, daß
die Krise nicht auf diplomatischem Wege gelöst
werden konnte, Resolution 940 verabschiedet, mit der
die Entmachtung der De-facto-Regierung mit allen
erforderlichen Mitteln genehmigt wird. Seit der
Verabschiedung der Resolution arbeiten die Vereinigten Staaten auf die Bildung einer internationalen
Koalition zur Umsetzung der Resolution 940 hin.

amerikanischen Flüchtlingsauffanglagers in Port-auPrince warteten. Es gab keine Beweise dafür, daß
die Opfer dieses Vorgehen provoziert hatten.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�BEVÖLKERUNG
21. September 1994

BESCHLÜSSE DER KAIROER KONFERENZ
Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig
KAIRO - (AD) - Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 endete mit
Übereinstimmung bezüglich der Notwendigkeit eines
integrierten Programms zur Verlangsamung des
Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern
durch die Verbesserung des Status der Frau, Erweiterung der Familienplanungsprogramme und Bekämpfung der Armut.
"Zum ersten Mal wurde ein umfassenderer Ansatz
zur Bewältigung der durch die Bevölkerungsexplosion entstandenen Herausforderung befürwortet - in
Erkenntnis der Notwendigkeit, gleichzeitig, vordringlich und freiwillig die grundlegenden Aspekte der
Entwicklung anzusprechen", stellte Timothy Wirth,
Abteilungsleiter im US-Außenministerium für globale
Angelegenheiten, am 13. September 1994 zu dem
"Aktionsprogramm" fest, das bei der Konferenz im
Konsens verabschiedet wurde.
Als einzelne Aspekte nannte er "Bildung, grundlegende Gesundheitsfürsorge, Konsum und Umweltverschmutzung, Gleichheit, Gleichberechtigung und
vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frauen".
Bei einer Pressekonferenz bestätigte Wirth, es stehe
außer Frage, daß die Bevölkerungsexplosion eingedämmt werden müsse. "Insgesamt hat die Welt
zugestimmt, daß die Frage der Bevölkerungsstabilisierung und -entwicklung mit großer Dringlichkeit
angegangen werden muß", so Wirth.
Die Notwendigkeit zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums wurde auch bei der von Nafis
Sadik, Generalsekretärin der Konferenz und geschäftsführende Direktorin des Fonds der Vereinten
Nationen für Bevölkerungsaktivitäten, gegebenen
Abschlußpressekonferenz angesprochen.
Wenn die Empfehlungen des mehr als 100 Seiten
umfassenden Aktionsprogramms
angenommen
würden, nähme die Weltbevölkerung bis zum Jahr
2050 immer noch von gegenwärtig 5,66 Milliarden
auf 7,8 Milliarden zu. Hielten die derzeitigen Wachstumstrends jedoch unkontrolliert an, würde sich die

AMERIKA DIENST 37

Gesamtbevölkerung im Jahr 2050 auf 10 Milliarden
belaufen, warnte Sadik.
Die am 5. September 1994 eröffnete, von den
Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz ist die
dritte Bevölkerungskonferenz in 20 Jahren, aber die
erste, bei der Industrienationen und Entwicklungsländer uneingeschränkt über die Notwendigkeit zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums übereinstimmten.
Bei der ersten Konferenz 1974 in Bukarest (Rumänien) bekämpften die Entwicklungsländer die von der
industrialisierten Welt vorgebrachte Idee, daß Armut
durch eine Verringerung der Fertilitätsrate bekämpft
werden könnte. Die Entwicklungsländer argumentierten, Wirtschaftswachstum sei der Schlüssel zur
Stabilisierung der Bevölkerung und "Entwicklung die
beste Empfängnisverhütung".
Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre später
in Mexiko waren die meisten Entwicklungsländer zu
der Ansicht gelangt, daß rasches Bevölkerungswachstum ein Problem sei. Sie wurden in dieser
Meinung von der Mehrzahl der Industrienationen
unterstützt, nicht jedoch den Vereinigten Staaten.
Die Administration von Präsident Reagan lehnte
damals den Schwangerschaftsabbruch ab und kürzte
die finanzielle Unterstützung für Familienplanungsprogramme.
Wirth wiederholte bei seiner Abschlußpressekonferenz, daß diese Politik von der Clinton-Administration nicht übernommen wurde und die Ausgaben der
Vereinigten Staaten für Familienplanung drastisch
erhöht worden seien.
Die deutschen und französischen Delegierten sprachen bei ihrer Pressekonferenz auch über das
dramatische Umdenken bei Bevölkerungs- und
Entwicklungsfragen. "Die Länder sind seit damals
(der Konferenz von Mexiko) zu der Erkenntnis
gelangt, daß das Bevölkerungswachstum eine

Seite 1

�Bedrohung der realen Entwicklung darstellt", erklärte
Claude Harrel, ein französischer Diplomat.
Sadik wurde gefragt, was das Aktionsprogramm für
ein armes Mädchen im ländlichen Indien bedeuten
könnte. Wenn das Aktionsprogramm umgesetzt
würde, könnte das Mädchen damit rechnen, besser
ernährt zu werden, nicht jung zu sterben, eine
gewisse Bildung zu erhalten und einige Wahlmöglichkeiten in seinem Leben zu haben, erwiderte die
pakistanische Qynäkologin.
Sadik bezeichnete die Konferenz als Erfolg, weil das
Aktionsprogramm den Menschen - besonders den
Frauen - vermittelt, daß sie Wahlmöglichkeiten in
ihrem Leben haben.
"Meines Erachtens besteht die wichtigste Leistung
dieser Konferenz darin ... Frauen und Männern die
Möglichkeit einzuräumen, Entscheidungen über die
Größe der Familie und die Anzahl der Kinder zu
treffen", so Sadik.
Die Wahlmöglichkeit ist vor allem für Frauen entscheidend, weil sie in den Entwicklungsländern in
einem "Umfeld leben, das ihnen die eigene freie
Entscheidung häufig verwehrt".
Die meisten Frauen leben in einem Umfeld, das sie
"zu unerwünschten Kindern zwingt".
"Ihre Reproduktionsrolle wird so weit betont, daß sie
praktisch jede andere Rolle der Frau ausschließt.
Die Erkenntnis des Aktionsprogramms ist meiner
Ansicht nach, daß eine Frau eine Person mit eigenen Rechten ist, als solche anerkannt werden muß
und ihr alle Optionen geboten werden müssen",
stellte Sadik fest.
Sadik hat praktisch jede sich ihr bei der Konferenz
bietende Gelegenheit ergriffen um zu argumentieren,
daß das Bevölkerungswachstum nur verlangsamt
werden kann, wenn die Frauen in den Entwicklungsländern besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge und Beschäftigung erhalten. Diese Idee
wurde in den dreijährigen Verhandlungen vor der
Konferenz entwickelt und in allen Teilen des Aktionsprogramms verankert.
Die Clinton-Administration und eine breite Koalition
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen
unterstützten diese Sichtweise in hohem Maße vor
und während der Konferenz.
Das Aktionsprogramm prognostiziert die Kosten für
die Bereitstellung von Familienplanung und reproduktiver Gesundheitsfürsorge für die Entwicklungsländer und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjet-

Seite 2

union, die daran bis zum Jahr 2015 interessiert sind.
Darin enthalten sind Schätzungen der Vereinten
Nationen, daß es im Jahr 2015 21,7 Milliarden Dollar
kosten würde, die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen zu decken. Diese Zahl würde in folgenden
Stadien erreicht: 17 Milliarden Dollar bis zum Jahr
2000, 18,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2005 und
20,5 Milliarden Dollar bis 2010.
Das Aktionsprogramm überträgt dann den Entwicklungsländern und Republiken der ehemaligen Sowjetunion die Verantwortung zur Bereitstellung von zwei
Dritteln dieser Summe. Diese Länder bezahlen zur
Zeit ungefähr 80 Prozent der Dienstleistungen, und
die Industrienationen kommen für rund 20 Prozent
über ihre Hilfsprogramme auf. Das Aktionsprogramm
fordert eine Aufstockung des Anteils der Industrienationen auf 33 Prozent oder mehr in den ärmsten
Ländern, vor allem denen Afrikas.
Wirth wiederholte bei seiner Pressekonferenz, daß
die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland und
andere Industrienationen sich zu einer Erhöhung ihrer
Hilfsleistungen verpflichtet haben. Seiner Ansicht
nach werden die Ziele der Industrienationen erfüllt.
Die achttägige Konferenz war von zum Teil lebhaften
Debatten und der beharrlichen Weigerung des
Vatikans gekennzeichnet, den Terminus Schwangerschaftsabbruch in das Aktionsprogramm aufzunehmen. Nachdem mehrere Tage versucht wurde, einen
Kompromiß bei der Sprachregelung zu finden, wollte
die große Mehrheit der Länder nicht weiter gehen als
die Feststellung, die Entscheidung zur Frage des
Schwangerschaftsabbruchs bleibe jedem Land selbst
überlassen, er sei keine Methode zur Familienplanung und Frauen, die eine verpfuschte Abtreibung
erlebt hätten - auch wenn sie illegal war - verdienten
die geeignete medizinische Versorgung.
Die große Mehrheit forderte femer die Erweiterung
der Verwendung von Mitteln zur Familienplanung was ebenfalls von der römisch-katholischen Kirche
abgelehnt wird - um Frauen zu ermutigen, ungewollte
Schwangerschaften und damit eine Abtreibung zu
verhindern.
Bischof James McHugh stellte bei einer Pressekonferenz fest, der Vatikan fühle sich durch das Ergebnis
der Konferenz nicht "ausgegrenzt".
Er verwies darauf, daß eine Reihe muslimischer und
römisch-katholischer Länder ebenso wie der Vatikan
Vorbehalte bezüglich einiger Teile des Aktionsprogramms geäußert hatten.

AMERIKA DIENST 37

�Einer inoffiziellen Zählung zufolge brachten 19 der
183 bei der Konferenz vertretenen Länder Vorbehalte zu einigen Teilen des Programms zum Ausdruck.
Wirth nahm den Widerstand des Vatikans zur Kenntnis, stellte jedoch fest, der Vatikan habe zur Klärung

einiger Fragen und zur Verbesserung des Aktionsprogramms beigetragen.
"Als wir nach Kairo kamen, erwarteten wir keinen so
breiten Konsens. Praktisch alle sagen, sie stimmen
mit nahezu allen Teilen des Dokuments (des Aktionsprogramms) überein", äußerte Wirth.

* * * * *

AMERIKA DIENST 37

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�MENSCHENRECHTE
21. September 1994

FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTSSITUATION
ZU VERZEICHNEN
Einleitung zum Menschenrechtsbericht
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter im US-Außenministerium für Demokratie, Menschenrechte und
Arbeitsfragen, John Shattuck, zufolge belegt der Regierungsbericht über die Einhaltung der internationalen
Konvention über bürgerliche und politische Rechte, daß "sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich verbessert hat", jedoch noch zahlreiche Herausforderungen
und Probleme bestehen.
In der Einleitung zu dem 250 Seiten umfassenden Bericht stellt Shattuck fest, die Struktur der amerikanischen
Menschenrechtsgesetze "ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten
Staaten, einer ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von
Vision und Mut erzählt".
Shattuck äußerte am 13. September 1994 gegenüber Journalisten, das Außenministerium sei "sehr stolz" auf
den Bericht und der Ansicht, er "spiegele unsere gute Menschenrechtssituation sowie die Tatsache wider, daß
wir Fortschritte erzielen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zu dem Menschenrechtsbericht.

Ich freue mich, den von der Regierung der Vereinigten Staaten vorbereiteten Bericht über die
Einhaltung der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte vorstellen zu
können. Der Bericht wurde im Juli dem im Rahmen
der Konvention gegründeten UN-Menschenrechtsausschuß vorgelegt. Es ist auch der erste von den
Vereinigten Staaten im Einklang mit ihren Verpflichtungen unter einem internationalen Menschenrechtsvertrag übermittelte Bericht. Der gemäß der Vorgaben der Vereinten Nationen geschriebene und
gemeinsam vom amerikanischen Außen-, Justizsowie anderen Ministerien vorbereitete Bericht, der
Beiträge nichtstaatlicher Organisationen und betroffener Einzelpersonen enthält, steht für das Engagement der Regierung zu kreativer Interaktion mit dem
sich abzeichnenden globalen Rahmen internationaler
Menschenrechtsgesetze. Er soll der internationalen
Staatengemeinschaft ein umfassendes Bild der
Einhaltung von Menschenrechten in den Vereinigten
Staaten sowie des juristischen und politischen
Systems vermitteln, innerhalb dessen sich diese
Rechte entwickelt haben und geschützt werden.

AMERIKA DIENST 37

Die internationale Konvention über bürgerliche und
politische Rechte wurde 1966 abgeschlossen, trat 10
Jahre später in Kraft und wurde von den Vereinigten
Staaten 1992 ratifiziert. Die Arbeit an diesem Bericht
begann kurz nach der Ratifizierung. Bis heute sind
dem Vertrag insgesamt 127 Länder beigetreten.
Zusammen mit der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte und der internationalen Konvention
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
stellt dieser Vertrag die vollständigste und ausdrücklichste Formulierung der internationalen Menschenrechtsgesetze dar, die in den Jahren nach dem
Zweiten Weltkrieg entstand.

Die Vorläufer der heutigen Menschenrechtsgesetze
gehen weit in die Geschichte zurück - auf natürliche
Rechtstraditionen, die ethischen Lehren der großen
Weltreligionen im Osten wie im Westen, das griechisch-römische Recht sowie das bahnbrechende
philosophische Werk von Hugo Grotius und John
Locke. Das von politischen Theoretikern des 18.
Jahrhunderts entwickelte Konzept universeller Rechte
beeinflußte das Völkerrecht und ebnete den Weg

Seite 1

�zum amerikanischen Konstitutionalismus. Internationale Menschenrechtsgesetze und das konstitutionelle Recht der Vereinigten Staaten sind in
der Tat eng verwandt: Beide versuchen, die Befugnis der Staaten zur Einmischung in die unveräußerlichen Rechte jedes einzelnen ohne Diskriminierung
zu beschränken.
Die erste umfassendere Formulierung völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen erfolgte nach
dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Völkerbund, seinem System für den
Schutz von Minderheiten und der erfolgreicheren
Internationalen Arbeitsorganisation.
Es waren jedoch die schrecklichen Erfahrungen des
Totalitarismus in der Mitte des Jahrhunderts und der
Zweite Weltkrieg, die die siegreichen alliierten
Mächte veranlaßten, im Völkerrecht die umfassenderen Ziele zu verankern, die sich während des Krieges abgezeichnet hatten, wie Präsident Roosevelts
Vier Freiheiten. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, bei dem die besiegten Naziführer öffentlich
angeklagt und gemäß der Prinzipien des Völkerrechts verurteilt wurden, stellte einen Versuch zum
Entwurf einer neuen internationalen Ordnung dar,
die den Schutz der menschlichen Würde gewährleisten und in gewissem Maße das schreckliche Leid
der Opfer des Totalitarismus mildern würde.
Die Krönung dieser Bestrebungen war die Gründung
der Vereinten Nationen und die Verabschiedung
ihrer Charta, die Formulierung der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und das Einleiten von
Bestrebungen, die zu den beiden wichtigsten Konventionen über internationale Menschenrechte
führten.
Während sich der Völkerbund praktisch ausschließlich auf die Rechte von Minderheiten und Selbstbestimmung konzentrierte, war die UN-Charta
umfassender und erlegte allen Mitgliedstaaten die
rechtliche und politische Verantwortung zum Schutz
und zur Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ihrer Völker auf.
Die 1948 einstimmig von der UN-Generalversammlung verabschiedete Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte stellte eine ausdrückliche Formulierung der Rechte dar, zu deren Schutz und Förderung die Mitgliedstaaten im allgemeinen gemäß der
UN-Charta verpflichtet sind. Die Erklärung verbindet
die beiden Kategorien von Menschenrechten, die
aus dem internationalen juristischen Dialog hervorgingen - bürgerliche und politische Rechte einerseits
sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
andererseits. Es blieb der internationalen Staatengemeinschaft überlassen, diese einzelnen, jedoch

Seite 2

in Verbindung zueinander stehenden Elemente zu
sondieren, um funktionierende Instrumente des
Völkerrechts zu scharfen.
Menschenrechte werden inzwischen als das universelle Geburtsrecht aller Menschen auf dieser Erde
angesehen. Dieser Glaube an die unveräußerliche
menschliche Würde bildet das Kernstück völkerrechtlicher Menschenrechtsbestimmungen. Sie haben
vielfältigen Ursprung und sind im Verlauf der Zeit in
unterschiedlicher Weise artikuliert worden. Ihre
Macht ist in nicht unerheblichem Maße auf ihren
breitgefächerten Ursprung zurückzuführen, sie sind
auch nicht in einem bestimmten philosophischen,
religiösen oder ideologischen Fundament verankert.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
erlangte die Inklusivität eben weil sie diese zeitlosen
Prinzipien nicht in ein bestimmtes und damit unweigerlich umstrittenes und parteiisches Programm
einbettete.
Die Konvention über bürgerliche und politische
Rechte leistet einen Beitrag zur Förderung der
internationalen Menschenrechte, indem sie die von
uns in den Vereinigten Staaten gewürdigten hehren
Prinzipien kodifiziert - politische Freiheit, Selbstbestimmung, Rede-, Meinungs-, Koalitions- und
Religionsfreiheit sowie der Schutz der Familie vor
Eingriffen der Regierung. Die bedauerliche Tatsache,
daß diese Prinzipien in vielen Ländern mißachtet
werden, schmälert in keiner Weise ihre zwingende
Autorität.
Als Nation wurden die Vereinigten Staaten auf dem
Prinzip unveräußerlicher Rechte des einzelnen
gegründet. Die Geschichte dieses Landes ist in
vieler Hinsicht die Geschichte eines andauernden
Kampfes um die Erfüllung dieser Konzeption von
Rechten, ein Kampf zur Überwindung alter und neuer
Ungerechtigkeiten in unserer eigenen Demokratie.
Als Teil dieses Kampfes engagieren sich die Vereinigten Staaten auch stark für eine verstärkte
Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten auf
der ganzen Welt.
Wie dieser Bericht belegt, sieht das Recht der
Vereinigten Staaten umfassenden Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch Regierungsbehörden
vor. Gemäß der amerikanischen Verfassung wird die
staatliche Gewalt durch die Gewaltenteilung auf die
drei Zweige der Regierung verteilt und entschärft.
Seit Anbeginn der Geschichte dieses Landes hat das
Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten von
dem Recht der richterlichen Nachprüfung Gebrauch
gemacht, um verfassungswidrige Maßnahmen der
Exekutive und Legislative zu prüfen.

AMERIKA DIENST 37

�Die Rede- und Religionsfreiheit sind gesetzlich
geschützt, die polizeiliche Gewalt unterliegt beträchtlichen verfassungsmäßigen Beschränkungen, und
die politische Führung der Vereinigten Staaten wird
auf allen Ebenen von den Bürgern zur Rechenschaft
gezogen.
Unsere Verfassung enthält einen Plan für die Auslegung und Umsetzung der Idee bürgerlicher und
politischer Rechte und Freiheiten, es erforderte
jedoch die Arbeit mehrerer Generationen aus allen
Sparten unserer Gesellschaft, um die Institutionen
aufzubauen, die das Versprechen dieser Rechte und
Freiheiten verkörpern. Dieser Prozeß erstreckte sich
über mehr als zwei Jahrhunderte und umfaßte viele
Kapitel unserer Geschichte - einige ruhmreich,
andere dunkel - und die Aufgabe dauert bis zum
heutigen Tag an.
Im Verlauf ihrer Menschenrechtsgeschichte haben
die Vereinigten Staaten Einbrüche bei diesem
andauernden amerikanischen Kampf um Gerechtigkeit erlebt, beispielsweise die Versklavung von
Afroamerikanern und den Entzug ihrer Bürgerrechte
sowie die faktische Zerstörung vieler indianischer
Zivilisationen in Amerika.

anderer Minderheiten in den Vereinigten Staaten
leiden unter Ungerechtigkeit. Die Vereinigten Staaten
sind vorwiegend eine Nation von Einwanderern. Wir
sind weiterhin Anziehungspunkt für Einwanderungswellen von Männern und Frauen aus der ganzen Welt
auf der Suche nach einem besseren Leben. Jedes
Jahr wandern mehr als 900.000 Menschen in die
Vereinigten Staaten ein.
Wie überall waren jedoch auch unsere Einwanderer
oftmals mit Diskriminierung und Widerstand konfrontiert, die mit der Migration einhergehende persönliche Belastungen noch erschweren. Die Offenheit unserer Gesellschaft hat mit der Zeit Mobilität
und Befreiung von Armut und Ausgrenzung gestattet.
In diesem Prozeß haben Gruppen von Einwanderern
unsere nationale Identität stark bereichert, während
der aus dem 19. Jahrhundert stammende Gedanke
des "Schmelztiegels" allmählich einer umfassenderen
Vision des Pluralismus Platz gemacht hat.

Die tiefgreifenden Ungerechtigkeiten gegenüber
Afroamerikanern wurden nach dem Bürgerkrieg
(1861-65) und dann ein Jahrhundert später durch die

Der andauernde Kampf um die volle Durchsetzung
der Rechte von Frauen ist das zentrale Charakteristikum des Menschenrechtsprozesses in Amerika:
Die Frauen in den Vereinigten Staaten bekamen erst
1920 das Wahlrecht, anderthalb Jahrhunderte nach
der Gründung der Republik. Mit zunehmender Stärke
haben die Frauen eine gleichberechtigte Position im
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Leben des Landes gefordert. In allen Bereichen des

Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger

amerikanischen

Jahre dieses Jahrhunderts nur zum Teil behoben eine Bewegung, die heroische Führung mit der
Organisation der Basis und einem unterschütterlichen juristischen Marsch durch Gerichte und Parlamente kombinierte, eine Bewegung, die an der
Auslegung und Umsetzung des Verfassungsrechts
mitwirkte um sicherzustellen, daß die Menschenrechte in der Praxis respektiert werden können.

unternommen, die Chancen der Frau zu vergrößern
und die noch bestehende Diskriminierung abzustellen.

Diese Bestrebungen, das bittere Vermächtnis der
Sklaverei aufzuheben, setzen sich bis in die heutige
Zeit fort. Die aus dem noch nicht beendeten Kampf
unserer Nation gegen die Rassendiskriminierung
gezogenen Lehren können an andere Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft weitergegeben
werden. Mit anderen Worten: Unsere nationalen
Erfahrungen demonstrieren, daß rechtliche Garantien der Menschenrechte eine Voraussetzung für
sozialen Fortschritt sind und nicht umgekehrt.
Das Schicksal der Indianer ähnelt dem vieler Urbevölkerungen: Zerstörung und Vertreibung ihrer
Kulturen und Gesellschaften. Die aus dieser Ungerechtigkeit gezogenen Lehren und die daraus
resultierenden Pflichten der amerikanischen Bürger
sind ebenfalls ein zentrales Vermächtnis der amerikanischen Geschichte.
Auch die Angehörigen

AMERIKA DIENST 37

Lebens

werden

Bestrebungen

In der Vergangenheit und Gegenwart unseres Landes
sind zahlreiche andere Menschenrechtsprobleme zu
finden. Während wir uns bemüht haben, neue
Herausforderungen auszumachen, haben wir mit
unterschiedlichem Erfolg an der Stärkung der Fähigkeit unserer Institutionen zu ihrer Bewältigung gearbeitet.
Als offene Demokratie tendieren die Vereinigten
Staaten dazu, ihre schwierigsten und entscheidendsten Menschenrechtsfragen in der Öffentlichkeit und
vor Gericht zu behandeln. Die Folge sind eine
Anzahl herkömmlicher, auf Präzedenzien beruhender
Menschenrechtsfragen sowie zahlreiche neuere
Probleme, bei denen juristisches Neuland betreten
wird. Zu den ersteren gehören Religionsfreiheit,
Einwanderungs- und Flüchtlingsprobleme, Rassendiskriminierung und Meinungsfreiheit, die neueren
umfassen geschlechtsspezifische Diskriminierung,
Todesstrafe, Schwangerschaftsabbruch, Brutalität der
Polizei und die Rechte sprachlicher Minderheiten.

Seite 3

�Unsere Gesetze sehen vor, daß Verträge und Statuten im Einklang mit den Erfordernissen der Verfassung stehen müssen. Keine Vertragsbestimmung
erlangt Gesetzeskraft, wenn sie der Verfassung
zuwiderläuft. Im Fall der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte bietet die
Verfassung der Vereinigten Staaten größeren Schutz
der Redefreiheit als die Konvention. Bei diesen und
anderen Verfügungen der Konvention haben die
Vereinigten Staaten ihr Verständnis einer bestimmten Verfügung dargelegt oder erklärt, wie sie diese
Bestimmung oder dieses Unterfangen anzuwenden
gedenken.
Es hat wenig Zweck, auf internationaler Ebene
Grundsätze für den Schutz der Menschenrechte zu
verkünden, wenn sie im eigenen Land nicht sinnvoll
verwirklicht und durchgesetzt werden können. Um
mit den Worten des renommierten Menschenrechtsund Verfassungsexperten Louis Henkin zu sprechen:
"Völkerrechtliche Bestimmungen zu Menschenrechtsfragen sind Gegenstück und Ergänzung nationaler
Gesetze... ersetzen diese jedoch nicht, sondern sind
vielmehr von nationalen Institutionen abhängig."
Somit obliegt es den verschiedenen Organen auf
nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler
Ebene hier in den Vereinigten Staaten, diese internationalen Verpflichtungen zu verwirklichen.
Seit der große französische Denker und Staatsmann
Alexis de Tocqueville in den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts sein klassisches Werk "Demokratie
in Amerika" niederschrieb, verfügen die Vereinigten
Staaten Beobachtern zufolge über ein erstaunlich
robustes Rechtssystem, das den Rahmen und das
Werkzeug für den rechtlichen Schutz von Menschenrechten bildet. Dieser Bericht der Vereinigten Staaten an den Menschenrechtsausschuß der Vereinten
Nationen konzentriert sich folglich auf die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Menschenrechte, die sich als Mischung aus Statuten und
Gewohnheitsrecht auf Bundesebene entwickelt
haben.
Die im Verlauf der amerikanischen Geschichte
entstandene umfassende Rechtsauffassung dient als

Grundlage für einen Großteil der internationalen
Menschenrechtsgesetze und setzte - ironischerweise,
aber zu Recht - den Maßstab, mit dem die Vereinigten Staaten von anderen Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft gemessen werden.
Obwohl sich der Schutz der Menschenrechte in den
Vereinigten Staaten im Lauf der Jahre maßgeblich
verbessert hat, bestehen noch viele Herausforderungen und Probleme. Die in diesem Bericht enthaltene
ausgefeilte Struktur der Menschenrechtsgesetzgebung ist das Ergebnis eines langen und schmerzlichen Kampfes in den Vereinigten Staaten, einer
ergreifenden Geschichte, die gleichermaßen von
Grausamkeit und Ungerechtigkeit wie von Vision und
Mut erzählt. Es ist ein besonderes Merkmal unseres
politischen und juristischen Systems, die ständige
Möglichkeit zur Anklage in das Muster einer konstitutionellen Demokratie einzuweben.
Indem wir diesen Bericht veröffentlichen und innerhalb des Landes verteilen, hoffen wir das Bewußtsein der Öffentlichkeit für den Schutz der Menschenrechte und die Erziehung hierzu in den Vereinigten Staaten zu schärfen. Wir hoffen, daß der
Bericht in Schulen und Universitäten, unter bürgerlichen und politischen Gruppen sowie interessierten
Bürgern eine breite Leserschaft findet.
Im Rahmen der internationalen Konvention über
bürgerliche und politische Rechte sowie zusätzlichen
Menschenrechtsabkommen, denen die Vereinigten
Staaten angehören, werden wir Folgeberichte erstellen.
Hier wie andernorts ist die Durchsetzung der universellen Menschenrechte eine im Gange befindliche
Arbeit. Obwohl das amerikanische System mit der
Zeit viel zur Förderung und Verteidigung der Menschenrechte unternommen hat - wie dieser Bericht
zeigt - bleibt noch viel zu tun. Die Regierung der
Vereinigten Staaten begrüßt einen lebhaften Dialog
und Debatten über die Förderung der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten und der gesamten
internationalen Staatengemeinschaft, die sich am
Horizont des 21. Jahrhunderts abzeichnet.

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AMERIKA DIENST 37

�DATEN AUTOBAHN
21. September 1994

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
FÖRDERT ENTWICKLUNG
von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Vizepräsident AI Gore über seinen
Aktionsplan für ein weltweites Informationssystem, das die örtlichen Netze der ganzen Welt zu einer globalen
Informationsinfrastruktur verbindet. Die Vereinigten Staaten werden auf bevorstehenden internationalen
Konferenzen die von Gore vorgeschlagenen fünf Prinzipien für weltweite Datenautobahnen fördern.
Die nachstehend erörterten Fragen sollen auf der für den 19. September 1994 in Kioto anberaumten Konferenz
der internationalen Fernmeldeunion sowie auf dem Telekommunikations-Workshop der OECD, dem
Ministertreffen des APEC, dem Gipfel amerikanischer Staaten, dem gemeinsamen Symposium des APEC und
der OECD über das globale Informationsnetz sowie der Ministerkonferenz der G-7 über dieses Thema
angesprochen werden.

Die Idee einer Welt, deren Bürger durch einen
umfassenden Austausch von Informationen und
Ideen verbunden sind, ist nicht neu. Neu ist jedoch,
daß wir jetzt über die Technologie zur Verwirklichung
dieses Traums verfügen.
Vor ungefähr 30 Jahren las ich in der High School
die folgende Passage: "Mit Hilfe elektronischer
Mittel ist die gegenständliche Welt ein großer Lebensnerv geworden, der Impulse über Tausende von
Kilometern in atemberaubender Geschwindigkeit
befördert. Der Globus ist ein riesiges, mit Informationen angefülltes Gehirn!"
Diese visionären Äußerungen wurden 1851 von
Nathaniel Hawthorne, einem der größten Schriftsteller Amerikas, gemacht, der von der Entwicklung des
Telegraphen inspiriert war.
Nahezu 150 Jahre lang haben die Menschen danach
gestrebt, Hawthornes Vision zu verwirklichen - den
gesamten Globus mit Kommunikationsverbindungen
zu umgeben und dadurch ein Netz des gesamten
menschlichen Wissens zu schaffen.
Wir können jetzt zumindest ein den Planeten umspannendes Informationsnetz schaffen, das in Lichtgeschwindigkeit Botschaften und Bilder von der
größten Stadt zum kleinsten Dorf auf jedem Kontinent übermittelt.

AMERIKA DIENST 37

Präsident Clinton und ich sind der Ansicht, daß die
Schaffung dieses Netzes der Netze eine essentielle
Vorbedingung für umweltverträgliche Entwicklung für
alle Mitglieder der menschlichen Familie darstellt. Zu
diesem Zweck müssen Gesetzgeber und Wirtschaftsvertreter eine globale Informationsinfrastruktur aufbauen und betreiben.
Diese Datenautobahnen - oder, genauer gesagt,
Netze verteilter Informationen - gestatten uns einen
Austausch von Daten sowie Kontakt und Kommunikation innerhalb der Weltgemeinschaft. Aus diesen
Verbindungen können wir stabilen und umweltverträglichen wirtschaftlichen Fortschritt herleiten, starke
Demokratien, bessere Lösungen für globale und
örtliche umweltpolitische Herausforderungen, verbesserte Gesundheitsfürsorge und - letztlich - ein besseres Bewußtsein unserer gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung unseres kleinen Planeten.
Wir rufen alle Regierungen dazu auf, diese globale
Informationsinfrastruktur auf ihrem nationalen Hoheitsgebiet und in internationaler Zusammenarbeit
aufzubauen. Die Vereinigten Staaten werden hierzu
ihren Teil leisten.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
muß durch Kooperation zwischen Regierungen und
Völkern erfolgen. Sie kann nicht von einem einzigen

Seite 1

�Land diktiert oder aufgebaut werden, sondern muß
eine demokratische Bestrebung darstellen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann das Funktionieren der Demokratie fördern, indem sie die
Beteiligung der Bürger an Entscheidungsfindungsprozessen beträchtlich erhöht. Und sie wird die
Fähigkeit von Nationen zur Zusammenarbeit untereinander stark vergrößern.

Sie soll aus Hunderten verschiedener Netze bestehen, von mehreren Unternehmen unter Einsatz
unterschiedlicher Technologien betrieben werden, die
alle zu einem "Netz der Netze" verbunden sind und
nahezu jedem Amerikaner Telefon und interaktives
Digitalvideo bereitstellen.
Unser Plan basiert auf fünf Prinzipien:
Förderung von Privatinvestitionen,

Die globale Informationsinfrastruktur wird auf nationaler und internationaler Ebene zum Schlüssel für
Wirtschaftswachstum werden. Bei uns in den Vereinigten Staaten bedeutet die Informationsinfrastruktur für die Wirtschaft in den neunziger Jahren bereits
soviel wie die Verkehrsinfrastruktur für die Wirtschaft
in den zwanziger Jahren. Die Integration von Computer- und Informationsnetzen in die Wirtschaft
erhöht die Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und
Anpassungsfähigkeit amerikanischer Fertigungsunternehmen an sich verändernde Gegebenheiten
und wird dasselbe auch für die Volkswirtschaften
anderer Nationen leisten.
Dieselben Technologien ermöglichen auch das
Wachstum der amerikanischen Dienstleistungssektoren, ihre Vergrößerung und Produktivitätssteigerung sowie eine Erweiterung ihrer Produktpalette und der Fähigkeit, auf Verbraucherwünsche zu
reagieren. Ungefähr 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer sind von "Wissen" abhängig.
Die digitale Telekommunikationstechnologie, die
Glasfaseroptik sowie neue Hochleistungssatellitensysteme verändern das Telekommunikationswesen.
Ein einziges Glasfaserkabel kann pro Sekunde
Tausende von Telefongesprächen übermitteln.
Diese Entwicklungen senken entscheidend die
Kosten für den Aufbau der globalen Informationsinfrastruktur. In der Vergangenheit wären dazu
Jahre benötigt worden. Heute können ein Satellit
und ein Dutzend Bodenstationen innerhalb weniger
Monate installiert werden - zu viel geringeren Kosten.
Die Wirtschaftlichkeit von Informationsnetzen hat
sich so radikal verbessert, daß ein konkurrenzfähiger, privater Markt einen Großteil der globalen
Informationsinfrastruktur bauen kann. Das hängt
natürlich von einer vernünftigen Steuerung ab.
Innerhalb der Vereinigten Staaten streben wir den
Aufbau und die Aufrechterhaltung unserer Datenautobahnen durch den Privatsektor an - die nationale Informationsinfrastruktur.

Ermutigung von Wettbewerb,
Schaffung eines flexiblen Steuerungsrahmens, der
mit schnellen Veränderungen von Technologie
und Märkten Schritt halten kann,
offener Zugang zum Netz für alle Informationslieferanten sowie
Sicherstellung universeller Dienstleistungen.
Sind diese Prinzipien einzigartig in den Vereinigten
Staaten? Kaum. Viele sind anerkannte internationale Grundsätze. Meines Erachtens können diese
Prinzipien die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur fördern und dafür erforderliche Informationen liefern.
Erstens schlagen wir vor, daß Privatinvestitionen und
Wettbewerb die Grundlage für die Entwicklung der
globalen Informationsinfrastruktur darstellen.
In den letzten Jahren entschieden sich viele Länder,
insbesondere in Lateinamerika, für die Privatisierung
ihrer staatlichen Telefongesellschaften, um Vorteile
und Anreize für Privatunternehmen zu schaffen einschließlich Innovation, erhöhten Investitionen,
Effizienz und Verantwortungsgefühl - damit sie auf
die Erfordernisse des Marktes reagieren.
Privatisierung reicht jedoch nicht aus. Auch Wettbewerb ist erforderlich.
In der Vergangenheit waren Telekommunikationsmonopole sinnvoll, weil in vielen Fällen die Technologie sowie Kostenersparnisse durch optimale Betriebsvergrößerung bedeuteten, daß der Bau von mehr als
einem Netz ineffizient war. Heute macht es die
Vielfalt der technologischen Optionen nicht nur
möglich, sondern wünschenswert, daß verschiedene
Unternehmen konkurrierende - aber miteinander
verbundene - Netze betreiben, weil Wettbewerb den
besten Weg darstellt, den Telekommunikationssektor
effizienter, innovativer und profitabler zu gestalten.
Zur Förderung von Wettbewerb und Investitionen im
weltweiten Telekommunikationswesen benötigen wir

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AMERIKA DIENST 37

�eine kostenorientierte Beschaffung und Buchhaltung,
die die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur beschleunigen würden.
Ferner sind internationale Normen erforderlich, um
Verbindungen untereinander und Durchführbarkeit
sicherzustellen. Nationale Netze müssen wirksam
mit anderen verknüpft werden, um die einfache
Vision umzusetzen, Schulen, Krankenhäuser,
Unternehmen und Privatleute in der globalen Informationsinfrastruktur miteinander zu verbinden. Hand
in Hand mit der Notwendigkeit von Privatinvestitionen und Wettbewerb geht die Erfordernis von einem
autorisierten Steuerungsgremium
entwickelter,
angemessener und flexibler Steuerungsmechanismen.
Damit der Privatsektor investieren kann und Marktöffnungsinitiativen erfolgreich sind, muß eine Steuerung erfolgen, die Wettbewerb und Privatinvestitionen einerseits, und die Verbraucherinteressen
andererseits fördert und schützt.
In den Vereinigten Staaten haben wir der unabhängigen Bundesbehörde für das Fernmeldewesen beträchtliche Steuerungsbefugnis übertragen. Dieses
Expertengremium ist gut dafür ausgerüstet, schwierige technische Entscheidungen zu fällen und sich
verändernde Marktbedingungen zu überwachen.
Wir benötigen auch ein flexibles, effektives System
zur Lösung internationaler Fragen - das mit dem
immer schneller werdenden Tempo des technologischen Wandels Schritt halten kann.
Unser viertes Prinzip ist offener Zugang. Die Betreiber von Telefon- und Videonetzen sollten einen
angemessenen Preis für den Zugang zu ihrem Netz
verlangen.
Staaten und Unternehmen sind nicht in der Weltwirtschaft konkurrenzfähig, wenn sie keinen Zugang zu
neuesten Informationen haben und nicht sofort mit
Kunden auf dem gesamten Globus kommunizieren
können. Leichter Zugang zu Informationen ist auch
für die Ausbildung von in Spitzentechnologieindustrien benötigten qualifizierten Arbeitnehmern erforderlich.
Im 21. Jahrhundert werden die Staaten prosperieren,
die eine Telekommunikationspolitik und Urheberrechtsgesetze haben, welche ihren Bürgern Zugang
zu einer Vielzahl von Informationsdienstleistungen
verschaffen. Der Schutz geistigen Eigentums ist
hierzu von essentieller Bedeutung.
Das letzte und wichtigste Prinzip besteht darin, eine
universelle Dienstleistung zu garantieren, damit die

AMERIKA DIENST 37

globale Informationsinfrastruktur allen Mitgliedern
unserer Gesellschaften zur Verfügung steht.
Hunderte in der Erdumlaufbahn stationierte Satelliten
könnten schon bald jedem Punkt der Erde Telefonund Datendienstleistungen anbieten. Solche Systeme könnten universelle Dienstleistungen sowohl
praktisch als auch erschwinglich gestalten.
Eine andere Dimension der universellen Dienstleistungen ist die Erkenntnis, daß die Ökonomie der
Märkte nicht die einzige Determinante für die Reichweite der Informationsinfrastruktur sein sollte.
Präsident Clinton und ich haben in den Vereinigten
Staaten effektive Maßnahmen gefordert, damit die
globale Informationsinfrastruktur bis zum Ende des
Jahrhunderts jedes Klassenzimmer, jede Bibliothek,
jedes Krankenhaus und jede Klinik in unserem Land
erfaßt.
Schulen und Bibliotheken jedes Landes sollten an
Internet, das weltweit größte Computernetz angeschlossen werden, damit eine globale digitale Bibliothek eingerichtet werden kann.
Sie würde es Millionen von Schülern, Studenten,
Lehrkräften und Unternehmern gestatten, die benötigten Informationen zu finden, sei es in Albanien
oder Ecuador.
Die Macht der globalen Informationsinfrastruktur wird
beeinträchtigt, wenn wir nicht große Teile der Weltbevölkerung erreichen können.
Von manchen wird behauptet, der Mangel wirtschaftlicher Entwicklung beeinträchtige das Telekommunikationswesen. Meines Erachtens ist es genau umgekehrt.
Ein primitives Telekommunikationssystem
behindert die Wirtschaftsentwicklung.
Wir dürfen folglich nicht gleichgültig gegenüber den
Einkommensungleichgewichten zwischen einzelnen
Nationen sein, sei es gemessen daran, wieviele
Telefone den Menschen zur Verfügung stehen und
ob sie solch neue Technologien wie Hochgeschwindigkeitscomputernetze oder Videokonferenzen haben.
Die Vereinigten Staaten bemühen sich engagiert um
eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern in dieser
Angelegenheit.
Wie können wir zusammenarbeiten, um der Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur im Wege
stehende Hindernisse zu beseitigen - einschließlich
der Finanzierung und Ausbildung? Die Industrieländer können hierzu folgendes unternehmen:

Seite 3

�Wir können die globale Informationsinfrastruktur
für die technische Zusammenarbeit zwischen
Industriestaaten und Entwicklungsländern einsetzen.
Die globale Informationsinfrastruktur kann die für
Entwicklung zuständigen Behörden unterstützen,
Fachleute aus jeder Nation in Kontakt miteinander zu bringen und sie zur Lösung gemeinsamer Probleme zu befähigen.
Multilaterale Institutionen wie die Weltbank
können den Nationen bei der Finanzierung der
Telekommunikationsinfrastruktur helfen.
Die Vereinigten Staaten haben einen Beitrag zur
Bereitstellung von technischem Know-how geleistet, das zur Aufstellung und Nutzung dieser
neuen Technologien benötigt wird. Das Amt für
internationale Entwicklung sowie amerikanische
Unternehmen haben dem Institut für Ausbildung
im Telekommunikationswesen Beistand bei der
Ausbildung von über 3.500 Telekommunikationsexperten aus den Entwicklungsländern geleistet.
Andere Nationen und internationale Organisationen können ebenfalls solche Programme einrichten.

Um die globale Informationsinfrastruktur in den Dienst
des Schutzes und Erhalts der globalen Umwelt zu
stellen, könnten Satelliten und persönliche Kommunikationstechnologien zur Schaffung eines globalen Netzes von Umweltinformationen eingesetzt
werden.
Die globale Informationsinfrastruktur kann uns die für
eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität
auf der Erde erforderlichen Informationen liefern.
Durch die Vernetzung von Kliniken und Krankenhäusern soll sie sicherstellen, daß die behandelnden
Ärzte optimalen Zugang zu Informationen über
Krankheiten und Behandlungsmethoden erhalten.
Durch Frühwarnsysteme bei Naturkatastrophen wie
Vulkanausbrüchen oder Taifunen kann das Leben
Tausender von Menschen gerettet werden.
Und durch die Vernetzung von Städten und Dörfern
wird den Menschen die Organisation und Zusammenarbeit bei der Lösung örtlicher und regionaler Probleme erleichtert - von der Verbesserung der Wasserqualität bis zur Verhinderung der Abholzung.
Um Freiheit und Demokratie zu fördern, zu schützen
und zu bewahren, müssen wir die Entwicklung des
Telekommunikationswesens zu einem integralen
Bestandteil der Entwicklung jeder Nation machen.

* * * *

*

.

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�TECHNOLOGIE
21. September 1994

BROWN GIBT GEWINNER DER NATIONALEN
TECHNOLOGIEMEDAILLE BEKANNT
Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit
WASHINGTON - (AD) - Als Gewinner der höchsten
Auszeichnung des Landes im Technologiebereich
wurden vier Einzelpersonen und zwei Firmen für
Erfindungen benannt, die von Fenstern für die
Raumfähre bis zu einer Maschine reichen, die große
Stoffmengen maßgerecht zuschneidet.
Die Empfänger der nationalen Technologiemedaille
1994 wurden am 14. September von Wirtschaftsminister Ronald Brown in Anerkennung herausragender Leistungen auf dem Gebiet technologischer
Innovation und Vermarktung bekanntgegeben.
Präsident Clinton, der die endgültige Zustimmung zu
allen Auszeichnungen gab, wird die Medaillen im
Oktober während einer Feierstunde im Weißen Haus
überreichen. Anfang des Monats wurden acht
Empfänger der nationalen Wissenschaftsmedaille
benannt.
Brown äußerte bei einer Pressekonferenz, daß
Millionen Menschen von den Erfindungen der
Medaillengewinner profitieren werden, und jeder
Gewinner besondere Anerkennung "als Vorbild für
die neue amerikanische Wirtschaft" verdiene.
"Neue Technologien haben unsere Arbeit im Fertigungs- und Dienstleistungssektor, im Labor und
Büro sowie in der Fabrik revolutioniert", erklärte
Brown.

Wissenschaftler des biotechnologischen Unternehmens Amgen werden beispielsweise für die Entdekkung von zwei Medikamenten ausgezeichnet, die
schwerkranken Patienten mit Krebs- oder Nierenleiden entscheidend geholfen haben, und Corning Inc.
wird für Erfindungen geehrt, die völlig neuen internationalen Industriezweigen für Beleuchtung, Fernseh- und optische Kommunikation den Weg geebnet
haben.
Die in Thousand Oaks (Kalifornien) ansässige Firma
Amgen wird als erstes biotechnologisches Unternehmen mit der Technologiemedaille ausgezeichnet.
Amgen brachte ein durch Genmanipulation erzeugtes
menschliches Protein auf den Markt, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt und bei Dialysepatienten angewandt wird, die unter schwerer Anämie
leiden. Dank des neuen Präparats mußten sich diese
Patienten nicht länger wiederholten Bluttransfusionen
unterziehen.
Amgen-Wissenschaftler entdeckten ferner ein Protein,
das die Produktion der Infektionen bekämpfenden
weißen Blutkörperchen anregt.
Dies führte zur
Herstellung des Medikaments Neupogen, das vorwiegend zur Verhinderung von Infektionen im Rahmen von Chemotherapie bei verschiedenen Krebsarten und Knochenmarkstransplantationen verwendet
wird. Heute wird Neupogen über 200.000 Krebspatienten in den Vereinigten Staaten und mehr als
400.000 weltweit verabreicht.

"Ob wir auf dem globalen Markt oder andernorts
konkurrieren - Technologie ist der entscheidende
Faktor", fügte er hinzu. "Die Nationen, die am
besten von der Macht der Technologie profitieren,
sind führende Länder, die sich neuen Wohlstands,
Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung
erfreuen."

Corning, eine Glaswaren-Firma in Corning (New
York), blickt auf eine lange Reihe technologischer
Errungenschaften zurück, die basierend auf der
Erfindung des elektrischen Lichts durch Thomas
Edison 1879 mit der Herstellung der Glühbirne
begann.

Regierungsvertretern zufolge führen die technologischen Errungenschaften der als Gewinner vorgeschlagenen Einzelpersonen und Firmen zu Fortschritten in der Medizin, wirtschaftlichem Wohlstand
und einem höheren Lebensstandard für die Menschen auf der ganzen Welt.

Inzwischen hat Corning die erste kommerziell nutzbare optische Faser zur Verwendung im Telekommunikationsbereich entwickelt und einen Großteil der
rund 50 Millionen Kilometer Glasfasern geliefert, die
heute den Globus umspannen. Das Unternehmen
hat darüber hinaus ein chemisch stabiles Flachglas

AMERIKA DIENST 37

Seite 1

�für LCDs eingeführt und wurde zum weltweit führenden Flachglas-Lieferanten für Produkte wie LaptopComputer, Video-Camcorder und tragbare Fernsehgeräte sowie der Fenster für alle amerikanischen
Weltraummissionen seit Gemini in den sechziger
Jahren.
Joel Engel, Abteilungsleiter für Technologie bei der
Ameritech Corporation, und Richard Frenkie, pensionierter Ingenieur bei AT&amp;T Consumer Products,
werden für ihre gemeinsame Arbeit an der Entwicklung des zellularen Mobilfunksystems geehrt, das
einen Durchbruch gegenüber den Einschränkungen
des Mobiltelefons darstellt.
Vor dem Zellularfunk gestatteten die begrenzt zur
Verfügung stehenden Kanäle nur wenigen hundert
Menschen die Benutzung von Autotelefonen in einer
Stadt normaler Größe. Indem die Stadt in viele
kleine "Zellen" genannte Bereiche unterteilt wird und
die Anrufe während der Weiterfahrt von Zelle zu
Zelle weitergeleitet werden, wird dank des neuen
Systems die Kapazität der Kanäle multipliziert und
der weltweite Mobilfunk revolutioniert.
Irwin Jacobs, Geschäftsführer von Qualcomm Inc.,
wird ebenfalls für seine Pionierarbeit im Bereich der
drahtlosen Kommunikation gewürdigt.
Jacobs
entwickelte die Codemu Itiplexzugriff-Technologie
(Code Division Multiple Access Technology CDMA), die eine Kapazitätserweiterung um 1.000 bis
2.000 Prozent verglichen mit bestehenden Zellularsystemen bedeutet und einen leichten Übergang
von analogen zu digitalen Systemen gestattet.

Die CDMA-Technologie wird im Rahmen des sogenannten drahtlosen Anschlußleitungssystems (Wireless Local Loop System) in Ländern auf der ganzen
Welt eingeführt, mit dem Hunderte Millionen Menschen an das Telefonnetz angeschlossen werden, die
bisher keinen Teilnehmeranschluß haben. Mit dem
neuen System kann ein Land praktisch sofort ein
riesiges Gebiet mit Telefonanschlüssen abdecken,
indem ein einziger Turm und eine Bodenstation
errichtet werden, ohne teure Kabel verlegen oder
eine komplizierte Telefon-Infrastruktur entwickeln zu
müssen.
Der letzte Gewinner ist H. Joseph Gerber, Gründer
und Präsident von Gerber Scientific Inc., der eine
Maschine entwickelte, die große Stoffmengen schnell
und maßgerecht zuschneidet. Gerbers Erfindung
veränderte die Textilindustrie. Heute kann Gerbers
automatisierte Textilverarbeitungseinheit 3.500 Stücke
für 50 Herrenanzüge maßgerecht in weniger als drei
Minuten zuschneiden und wird in 38 Länder verkauft.
Gerber, der Inhaber von 600 Patenten ist, entwickelte
ferner eine Reihe integrierter Systeme, mit denen die
Produktion in der Möbel-, Koffer-, Schuh-, Luftfahrtund Automobilindustrie automatisiert wird.
Die Gewinner der Technologiemedaille, die erstmals
1985 verliehen wurde, werden von einem Sonderausschuß ausgewählt, der vorwiegend aus Vertretern
der Privatindustrie besteht. Das Programm wird von
einer gemeinnützigen Stiftung unterstützt, die aus
Führungskräften der High-tech-lndustrie besteht.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Haiti&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Militärmachthaber danken ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Haiti-Abkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Vereinbarung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Militärjunta nicht besser als Duvaliers Regime&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beschlüsse der Kairoer Konferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rolle der Frauen, Familienplanung vorrangig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei Menschenrechtssituation zu verzeichnen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einleitung zum Menschenrechtsbericht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Datenautobahn&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Globales Informationssystem fördert Entwicklung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brown gibt Gewinner der nationalen Technologiemedaille bekannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erfindungen zugunsten der gesamten Menschheit&lt;/em&gt;</text>
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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16. September 1994

SONDERDIENST

USA - HAITI

DIE DESPOTEN IN HAITI MUSSEN
JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax:0228-33 4102

�USA-HAITI
16. September 1994

DIE DESPOTEN IN HAITI MÜSSEN JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte am 15. September 1994 in einer Ansprache an das
amerikanische Volk, "der Terror, die Verzweiflung und Instabilität", die Haiti in den Untergang treiben, würden
erst aufhören, wenn das Militärregime in Haiti entmachtet wird.
Wenn Generalleutnant Raoul Cedras und seine Anhänger nicht freiwillig aufgäben, so der Präsident, "wird die
internationale Staatengemeinschaft handeln", um "halsstarrige und grausame Diktatoren zu entmachten".
Der Präsident legte dar, welche militärischen Befehle er den vor Haiti liegenden Kriegsschiffen und den
Truppen erteilt habe.
"Die Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie gewaltsam entmachten." Sollten sich die Diktatoren weigern,
würden sie von einer multilateralen Truppe der Vereinten Nationen unter Führung der Vereinigten Staaten
abgesetzt, um die Herrschaft physischen und psychologischen Terrors gegen das haitianische Volk zu
beenden, internationale Verpflichtungen einzuhalten und einen möglichen Flüchtlingsstrom von 300.000
Haitianern einzudämmen, die sich vor dem Militärregime versteckten, äußerte Präsident Clinton.
Die amerikanische Mission in Haiti wird dem Präsidenten zufolge "begrenzt und spezifisch" sein und aus zwei
Phasen bestehen: der Absetzung der Diktatoren sowie der Wiederherstellung von Recht und Ordnung.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Meine amerikanischen Mitbürger, am heutigen
Abend möchte ich mit Ihnen darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten an der Spitze der
internationalen Bestrebungen zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti stehen. Die Diktatoren Haitis
unter Führung von General Raoul Cedras kontrollieren das grausamste Regime in unserer Hemisphäre.
Seit drei Jahren lehnen sie jede von der internationalen Staatengemeinschaft unterbreitete friedliche
Lösung ab. Sie haben ein von ihnen abgegebenes
Versprechen zur Aufgabe der Macht gebrochen. Sie
haben ihr Volk brutal behandelt, die Volkswirtschaft
zerstört. Und jede von uns und anderen Nationen
im Verlauf der letzten drei Jahre ausgearbeitete
diplomatische Lösung stieß bei ihnen nur auf Ablehnung.

bewahren, die wir eingehen und die andere uns
gegenüber eingehen.

Jetzt müssen die Vereinigten Staaten ihre Interessen
schützen. Wir müssen die brutalen Greueltaten
stoppen, die Zehntausende von Haitianern bedrohen, unsere Grenzen schützen, in unserer Hemisphäre Stabilität erhalten und Demokratie fördern
sowie die Glaubwürdigkeit der Verpflichtungen

Ich möchte, daß das amerikanische Volk den Hintergrund der Situation in Haiti versteht, wie die Ereignisse dort unsere nationalen Sicherheitsinteressen
beeinflussen und warum ich der Ansicht bin, daß wir
jetzt handeln müssen. Vor nahezu 200 Jahren
befreite sich das haitianische Volk von der Sklaverei

SONDERDIENST

Ich habe heute Verteidigungsminister Perry angewiesen, die zur Unterstützung der amerikanischen
Truppen bei jeglicher Aktion in Haiti erforderlichen
Reservisten einzuberufen. Ferner habe ich zwei
Flugzeugträger, die USS Eisenhower und die USS
America, in die Region entsandt.
Diese Anordnungen habe ich nach umfassender
Prüfung dessen erteilt, was auf dem Spiel steht. Die
Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren
in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie
gewaltsam entmachten.

Seite 1

�und erklärte seine Unabhängigkeit. Unglücklicherweise wurde das Versprechen der Freiheit schnell
zunichte gemacht. Und seitdem hat Haiti mehr Leid
und Unterdrückung als Freiheit erlebt. In dieser Zeit,
da die Demokratie sich in unserer gesamten Hemisphäre ausbreitet, ist Haiti ins Hintertreffen geraten.

Vor einem Jahr brachten die Diktatoren den Justizminister um. Vergangenen Monat schössen sie Pater
Jean-Marie Vincent, einen Bauernführer und engen
Freund von Pater Aristide, nieder. Vincent wurde an
der Türschwelle seines Heims, eines Klosters,
exekutiert. Er hatte sich geweigert, sein Priesteramt
aufzugeben und wurde deshalb ermordet.

Vor erst vier Jahren veranstaltete das haitianische
Volk die seit der Erklärung seiner Unabhängigkeit
ersten freien und fairen Wahlen. Es wählte ein
Parlament und einen neuen Präsidenten, Pater
Jean-Bertrand Aristide, einen katholischen Priester,
der nahezu 70 Prozent der Stimmen erhielt. Acht
Monate später verwandelte sich der haitianische
Traum von Demokratie jedoch in einen Alptraum von
Blutvergießen.

Ich möchte eindeutig klarstellen: General Cedras und
seine Komplizen tragen die alleinige Verantwortung
für dieses Leiden und diese entsetzliche menschliche
Tragödie. Durch ihr Handeln haben sie Haiti isoliert.

General Raoul Cedras führte einen Militärputsch
durch, der Präsident Aristide stürzte, den Mann, der
Cedras an die Spitze der Armee gestellt hatte. Wer
Widerstand leistete, wurde geschlagen und ermordet. Die Diktatoren begannen eine schreckliche
Einschüchterungskampagne von Vergewaltigung,
Folter und Verstümmelung. Menschen verhungerten, Kinder starben, Tausende von Haitianern flohen
aus ihrer Heimat über die gefährliche See in die
Vereinigten Staaten. Damals erklärte Präsident
Bush, die Situation stelle "eine ungewöhnliche und
außerordentliche Bedrohung der nationalen Sicherheit, Außenpolitik und Wirtschaft der Vereinigten
Staaten" dar.

Weder die internationale Staatengemeinschaft noch
die Vereinigten Staaten suchen die Konfrontation.
Fast drei Jahre lang haben wir hart an einer diplomatischen Lösung gearbeitet. Die Vereinten Nationen,
die Organisation Amerikanischer Staaten, die karibische Staatengemeinschaft, die sechs Präsidenten
Mittelamerikas - alle haben sich für eine friedliche
Beilegung dieser Krise eingesetzt. Wir haben alles
versucht - Überredungskunst und Verhandlungen,
Vermittlung und Verurteilung. Abgesandte wurden
nach Port-au-Prince geschickt und abgewiesen.
Monatelang bemühten sich die Vereinten Nationen,
ein für alle Parteien akzeptables Abkommen auszuarbeiten. Letztes Jahr kam General Cedras selbst in
die Vereinigten Staaten und unterzeichnete auf
Governors Island in New York eine Übereinkunft, in
der er sich verpflichtete, gemeinsam mit den anderen
Diktatoren die Macht aufzugeben.

Cedras und seine bewaffneten Komplizen haben
eine Schreckensherrschaft ausgeübt, Kinder exekutiert, Frauen vergewaltigt, Priester umgebracht. Je
verzweifelter die Diktatoren wurden, desto brutaler
wurden die von ihnen verübten Greueltaten. Jüngste Berichte dokumentieren, daß die verbrecherische
Polizei haitianische Waisenkinder ermordete. Die
Diktatoren verdächtigten die Kinder anscheinend der
Sympathie für Präsident Aristide, weil dieser während seiner Tätigkeit als Priester ein Waisenhaus
führte. Die Kinder flohen aus den Waisenhäusern
auf die Straße. Jetzt können sie aus Angst nicht
mehr schlafen. Ein kleiner Junge sagte einem
Besucher: "Es ist mir egal, wenn die Polizei mich
umbringt, denn dann hat mein Leiden ein Ende."

Als jedoch der Zeitpunkt für die Umsetzung dieses
Plans gekommen war, weigerten sich die Diktatoren
abzutreten und verstärkten statt dessen die Brutalität,
mit der sie gewaltsam an der Macht festhalten.
Selbst da bemühten sich die Länder der Welt noch
um eine friedliche Lösung, während sie gleichzeitig
das von uns verhängte Embargo verschärften. Wir
schickten große Mengen humanitärer Hilfslieferungen
- Nahrungsmittel für eine Million Haitianer und Medikamente, um den Menschen zu helfen, während die
Diktatoren weiterhin die Wirtschaft plünderten. In
diesen Sommer verwiesen sie dann die internationalen Beobachter des Landes, die auf die durch das
Regime verübten grausamen Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht hatten.

Internationale Beobachter deckten grausame Vergewaltigungen von Frauen und Töchtern vermeintlicher politischer Dissidenten durch Soldaten und
Polizisten auf - von 13jährigen, 16jährigen. Die
Menschen werden umgebracht und verstümmelt und
ihre Körperteile als schreckliche Warnung für andere
zurückgelassen. Kinder werden gezwungen zuzusehen, wie die Gesichter ihrer Mütter mit Macheten
aufgeschlitzt werden.

Als Reaktion darauf verabschiedete der UN-Sicherheitsrat im Juli eine Resolution, die zum Einsatz aller
erforderlichen Mittel ermächtigt, einschließlich der
Gewalt, um die haitianischen Diktatoren zu entmachten und eine demokratische Regierung wiederherzustellen. Wir strebten immer noch eine friedliche
Lösung an, aber die Diktatoren wollten sich nicht
einmal mit dem Sondergesandten der Vereinten
Nationen treffen. Angesichts dieses fortgesetzten

Seite 2

SONDERDIENST

�Widerstands und der zunehmenden Greueltaten
stimmten die Vereinigten Staaten zu, eine multilaterale Truppe anzuführen, die den Willen der Vereinten Nationen durchsetzen soll.
Über 20 Nationen auf der ganzen Welt, einschließlich nahezu aller karibischen Länder und so weit
entfernt liegender Staaten wie Polen, das vor kurzem seine Freiheit erlangt hat, Israel und Jordanien,
die seit Jahrzehnten um den Erhalt ihrer Sicherheit
kämpfen, und Bangladesch, ein Land, das an der
Bewältigung seiner Wirtschaftsprobleme arbeitet,
folgen unserem Aufruf ebenso wie Belgien und
Großbritannien. Sie haben einem gemeinsamen
Vorgehen mit uns zugestimmt, weil sie der Auffassung sind, daß dieses Problem in unserer Nachbarschaft für ihre zukünftigen Interessen und ihre
Sicherheit von Bedeutung ist.
Ich weiß, daß die Vereinigten Staaten nicht der
Weltpolizist sein können und in der Tat auch nicht
sein sollten. Und ich weiß, daß in dieser Zeit nach
Beendigung des Kalten Krieges viele Amerikaner
zögern, militärische Ressourcen und unser Militär
über unsere Grenzen hinaus zu verpflichten. Aber
wenn brutale Akte vor unseren Küsten verübt
werden, betrifft dies unsere nationalen Interessen.
Und wir haben die Verantwortung, zu handeln.
Tausende Haitianer sind bereits in die Vereinigten
Staaten geflohen und haben ihr Leben dabei aufs
Spiel gesetzt, der Terrorherrschaft zu entfliehen.
Solange Cedras herrscht, werden die Haitianer
weiterhin Zuflucht in unserem Land suchen. In
diesem Jahr wurden in weniger als zwei Monaten
über 21.000 Haitianer von unserer Küstenwache und
Marine auf See gerettet. Heute leben mehr als
14.000 Flüchtlinge auf unserem Marinestützpunkt
Guantanamo. Die Amerikaner haben bereits nahezu
200 Millionen Dollar für ihre Unterstützung und zur
Aufrechterhaltung des Wirtschaftsembargos aufgebracht, und wenn wir nicht handeln, besteht die
Aussicht, daß jeden Monat Millionen und Abermillionen auf unbestimmte Zeit ausgegeben werden.
300.000 weitere Haitianer - 5 Prozent der Gesamtbevölkerung - verstecken sich im eigenen Land.
Wenn wir nicht handeln, könnten sie die nächste
Flüchtlingswelle vor unseren Küsten sein. Wir
werden uns weiterhin der Gefahr eines Massenexodus von Flüchtlingen und dieser konstanten
Bedrohung der Stabilität in unserer Region stellen
und unsere Grenzen kontrollieren.
Kein Amerikaner sollte überrascht sein, daß die
jüngste Welle von Migranten an unseren Ufern aus
Haiti und Kuba kommt. Schließlich sind diese
beiden Länder die einzigen Nationen der westlichen

SONDERDIENST

Hemisphäre, in denen eine demokratische Regierung
verweigert wird - die einzigen Länder, in denen es
Diktatoren gelungen ist, die Welle von Demokratie
und Fortschritt aufzuhalten, die unsere gesamte
Region erfaßt hat und die unsere Regierung seit
Jahren aktiv fördert und unterstützt.
Heute haben 33 von 35 Ländern auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent demokratisch gewählte
Führer. Und Haiti ist die einzige Nation in unserer
Hemisphäre, in der das Volk seine eigene Regierung
gewählt und sich für Demokratie entschieden hat, nur
damit Tyrannen die Macht an sich rissen.
Es steht außer Frage, daß das haitianische Volk
Demokratie wünscht. Wir wissen es, weil die Haitianer zu den Wahlurnen gegangen sind und es der
Welt mitgeteilt haben. Die Geschichte hat uns
gelehrt, daß der Erhalt der Demokratie in unserer
Hemisphäre Amerikas Sicherheit und Wohlstand
stärkt. Die Demokratien hier werden eher den
Frieden aufrechterhalten und unserer Region Stabilität bringen. Sei werden eher freie Märkte und
wirtschaftliche Chancen schaffen und starke, verläßliche Handelspartner werden. Und sie werden
ihren Bürgern eher die Chancen bieten, die sie zum
Verbleib in ihrem eigenen Land und zum Aufbau ihrer
eigenen Zukunft ermutigen.
Die Wiedereinsetzung der demokratischen Regierung
auf Haiti wird zu größerer Stabilität und mehr Wohlstand in unserer Region führen, ebenso wie unser
Vorgehen in Panama und Grenada dies bewirkte.
Neben den Menschenrechtsverletzungen, den Einwanderungsproblemen, der Bedeutung von Demokratie haben die Vereinigten Staaten auch ein starkes
Interesse daran, daß Diktatoren - insbesondere in
unserer Region - ihr Wort gegenüber den Vereinigten
Staaten und den Vereinten Nationen nicht brechen.
In der Welt nach dem Kalten Krieg werden wir die
Sicherheit und den Wohlstand der Vereinigten
Staaten mit unserer militärischen Stärke, unserer
Wirtschaftsmacht und unseren konstanten Bestrebungen zur Förderung von Frieden und Wachstum
gewährleisten. Aber wenn unsere nationalen Sicherheitsinteressen bedroht sind, werden wir wenn
möglich Diplomatie und wenn nötig Gewalt anwenden.
In Haiti haben wir einen Fall, bei dem die Rechtslage
klar ist, das fragliche Land in der Nähe liegt, bei dem
unsere eigenen Interessen offenkundig sind, die
Mission durchführbar und begrenzt ist und bei dem
die Nationen der Welt uns zur Seite stehen. Wir
müssen handeln.

Seite 3

�Abschließend möchte ich sagen, ich weiß, daß das
amerikanische Volk zu Recht besorgt darüber ist, ob
unsere Soldaten einem Risiko ausgesetzt werden.
Unsere Freiwilligenarmee ist die beste der Welt, und
ihre Verantwortlichen haben hart gearbeitet, um das
Risiko für all unsere Streitkräfte zu minimieren. Aber
es besteht ein Risiko, und wir müssen darauf vorbereitet sein.

Unsere Mission in Haiti wird ebenso wie in Panama
und Grenada begrenzt und spezifisch sein. Unser
Plan zur Absetzung der Diktatoren erfolgt in zwei
Phasen. Erstens werden die Diktatoren abgesetzt
und Haitis legitime, demokratisch gewählte Regierung wiedereingesetzt. Wir werden haitianische
Sicherheitskräfte unter ziviler Kontrolle ausbilden, die
das Volk schützen, statt es zu unterdrücken. Während dieser Periode werden Polizeibeobachter aus
allen Ländern der Welt mit den Behörden zusammenarbeiten, um die grundlegende Sicherheit und
bürgerliche Ordnung zu maximieren und Vergeltung
zu minimieren.

Ich kann Ihnen versichern, daß kein Präsident
Entscheidungen wie diese ohne tiefes Nachdenken
und Gebete trifft. Es ist jedoch meine Aufgabe als
Präsident und Oberbefehlshaber, diese Maßnahmen
zu ergreifen, die meines Erachtens unsere nationalen
Sicherheitsinteressen am besten schützen werden.

Das haitianische Volk sollte wissen, daß wir in
friedlicher Absicht kommen. Und Sie - das amerikanische Volk - sollten wissen, daß unsere Soldaten
nicht am Wiederaufbau Haitis oder seiner Wirtschaft
beteiligt sein werden. Die internationale Staatengemeinschaft muß durch Zusammenarbeit die für den
Wiederaufbau Haitis erforderliche wirtschaftliche,
humanitäre und technische Hilfe bereitstellen.

Ich möchte nochmals betonen, die Nationen der Welt
haben alle möglichen Wege erprobt, um die demokratisch gewählte Regierung Haitis friedlich wiedereinzusetzen. Die Diktatoren haben jede mögliche
Lösung abgelehnt. Der Terror, die Verzweiflung und
Instabilität werden nicht enden, bevor sie das Land
verlassen. Ich fordere sie nochmals auf, dies zu tun.
Sie können jetzt immer noch gehen und das Chaos
und die Unordnung verringern sowie die Sicherheit
und Stabilität erhöhen, in der diese Rückkehr zur
Demokratie erfolgen kann.

Wenn diese erste Phase abgeschlossen ist, wird die
große Mehrheit unserer Truppen nach Hause
zurückkehren - in Monaten, nicht Jahren. Ich
möchte, daß unsere Truppen und ihre Familien
wissen, daß wir sie so bald wie möglich wieder nach
Hause bringen.

Wenn sie jedoch das Land jetzt nicht verlassen, wird
die internationale Staatengemeinschaft zur Erfüllung
unserer Verpflichtungen handeln: Um der Demokratie eine Chance zu geben, nicht um sie zu garantieren; um halsstarrige und grausame Diktatoren zu
entmachten, nicht um eine Zukunft aufzuzwingen.

Dann, in der zweiten Phase, wird sich eine sehr viel
kleinere amerikanische Streitmacht mit den Streitkräften anderer Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zusammenschließen. Und sie werden Haiti
nach den Wahlen im nächsten Jahr und der Amtsübernahme einer neuen haitianischen Regierung
Anfang 1996 verlassen.

Ich weiß, viele sind der Ansicht, daß wir dem haitianischen Volk nicht bei der Wiederherstellung von
Demokratie und dem Streben nach ihren hart erkämpften Freiheiten behilflich sein sollten und die
Haitianer die Gewalt und Unterdrückung als ihr
Schicksal akzeptieren sollten. Aber erinnern Sie sich:
Dasselbe wurde von einem Volk gesagt, das vor über
200 Jahren die Waffen gegen einen Tyrannen erhob,
dessen Truppen sein Land besetzt hatte. Es war
jedoch ein unbeugsamer Haufen, ein Volk, das für
seine Freiheit kämpfte und an all diejenigen appellierte, die an Demokratie und ihre Sache glaubten.
Und ihre Rufe wurden beantwortet, eine neue Nation
wurde geboren - eine Nation, die seit jenem Tag
glaubt, daß das Recht auf Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück niemandem verwehrt werden
sollte.

Heute abend kann ich bekanntgeben, daß Präsident
Aristide zugesagt hat, mit Ende seiner Amtszeit im
Einklang mit der Verfassung abzutreten, auf die er
geschworen hat. Er hat sich zur Aussöhnung aller
Haitianer verpflichtet und will ein historisches Beispiel setzen, indem er friedlich die Macht an einen
rechtmäßig gewählten Nachfolger übergibt. Er weiß
ebenso wie wir, daß beim Aufbau einer Demokratie
die zweite Wahl die wichtigste Wahl ist.
Präsident Aristide hat mir gesagt, daß er seine
Mission als erfüllt betrachtet, wenn er das Amt an
den nächsten demokratisch gewählten Präsidenten
Haitis übergibt - nicht wenn er wiedereingesetzt wird.
Er hat sich verpflichtet, die Entscheidung der haitianischen Wähler zu respektieren, die ihr Vertrauen in
den Wahlzettel setzen.

* *

Seite 4

Möge Gott das Volk der Vereinigten Staaten und die
Sache der Freiheit schützen.

* *

*

SONDERDIENST

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

14. September 1994

36

USA-DEUTSCHLAND

GORE BETONT AMERIKANISCHES
ENGAGEMENT FÜR DEUTSCHLAND UND
EUROPA
Rede des Vizepräsidenten

DER ABSCHIED

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE BERLINER
LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN
DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus

BEVÖLKERUNG

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA

NORDKOREA

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSVERBRECHEN

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck

AMERIKAS STÄDTE

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson

�USA-DEUTSCHLAND
14. September 1994

GORE BETONT AMERIKANISCHES ENGAGEMENT
FÜR DEUTSCHLAND UND EUROPA
Rede des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Aus Anlaß des Abzugs der alliierten Truppen aus Deutschland unterstrich
Vizepräsident AI Gore das dauerhafte Engagement der Vereinigten Staaten für Deutschland und Europa. Gore
verwies auf den Verbleib von 100.000 Soldaten in Europa und erinnerte daran, daß sein Land der Sicherheit
und dem Wohlstand Europas unvermindert verpflichtet ist.
Der Vizepräsident sprach am 9. September 1994 über WorldNet, dem Satellitenfernsehsender des USInformationsamts (United States Information Agency - USIA), bei einer Konferenz hochrangiger Vertreter aus
Politik und Wirtschaft in Berlin.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Vizepräsidenten in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte den Veranstaltern dieser wichtigen
Konferenz sowie den hochrangigen Vertretern aus
Wirtschaft und Politik meinen Dank aussprechen,
insbesondere Bundeskanzler Kohl, den ich sehr
bewundere und für dessen Freundschaft ich außerordentlich dankbar bin. Seine Rede war äußerst
beeindruckend. Ich weiß sein Verständnis dafür zu
schätzen, daß ich nicht persönlich in Berlin anwesend sein kann und bedauere sehr, daß ich nicht bei
dem großen Zapfenstreich gestern abend dabei sein
konnte. Offen gesagt, ich wünschte, das Basketballspiel, bei dem ich mir diese Verletzung zugezogen
habe, wäre verschoben worden.

p

Die Wunder der Technologie - Wunder, die wir
inzwischen als selbstverständlich hinnehmen erlauben es mir, zu Ihnen über Satellit zu sprechen.
Natürlich ist dies kein Ersatz dafür, persönlich bei
diesem besonderen Anlaß anwesend sein zu können. Heute morgen ging die Sonne über einem
neuen Zeitalter der deutschen Geschichte auf.
Gestern sind die alliierten Truppen nach nahezu 50
Jahren abgezogen. Sie kommen also in einem
Berlin zusammen, das wieder sich selbst und
Deutschland gehört. Die Tragweite dieses Augenblicks gebietet uns, innezuhalten und gemeinsam
über seine Bedeutung für Berlin, für Deutschland, für
Europa und das atlantische Bündnis nachzudenken.
Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Der
Abzug unserer Truppen aus Berlin bedeutet nicht,
daß die Vereinigten Staaten in irgendeiner Weise
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas und der
strategischen Partnerschaft mit unseren europä-

AMERIKA DIENST 36

ischen Verbündeten weniger verpflichtet sind als zu
Zeiten der Berliner Luftbrücke oder als unsere
Soldaten unerschrocken in die Gewehre der Soldaten
des Warschauer Pakts am Checkpoint Charlie
blickten.
Amerikanische, britische und französische Truppen
haben Berlin gestern von Stolz erfüllt über ihre
beendete Mission verlassen. Sie hinterließen bessere Chancen für ein großartiges Zeitalter des
Friedens als zu jeder anderen Zeit in diesem Jahrhundert. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat
uns nicht eine freundliche neue Weltordnung präsentiert, die man nur annehmen mußte. Dieser Zerfall
hat vielmehr eine Periode tiefgreifender Umgestaltung
bewirkt, aus der entweder die Welt hervorgeht, für
deren Sicherstellung wir so hart gekämpft haben,
oder eine Welt neuer Alpträume. Wir befinden uns
inmitten eines Kampfes zu gewährleisten, daß die
Zukunft gut wird. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin
sicherzustellen, daß der von uns aufzubauende neue
Rahmen eine dauerhafte internationale Ordnung auf
der Grundlage von Demokratie, freien Märkten und
gegenseitiger Sicherheit aufrechterhalten kann.
Das Ausmaß der uns konfrontierenden Probleme ist
proportional zu dem enormen Ausmaß unserer
Chancen. Heute haben wir die Möglichkeit, nicht nur
unsere Streitkräfte abzuspecken, sondern auch unser
Bündnis neu zu definieren und am Ende die Definition der kollektiven militärischen Sicherheit an sich
neu zu formulieren. Gleichzeitig sehen wir uns der
Herausforderung gegenüber, Millionen Menschen in

Seite 1

�die wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu
integrieren, die ihnen bisher verwehrt waren. In
dieser Situation ist es unmöglich, unsere Interessen
zu schützen, wenn wir eine Veränderung unserer
grundlegenden Institutionen ablehnen. Jeder ist sich
bewußt, daß ein mit einer tiefgreifenden Veränderung der Bedrohung konfrontiertes Bündnis - der
Ursache seiner Gründung - entweder eine überzeugende neue Logik definieren muß oder überholt
ist. Jeder weiß, daß auf einen geteilten Kontinent
zugeschnittene wirtschaftliche und politische Organisationen sich jetzt an neue Gegebenheiten anpassen müssen, einschließlich der Aufnahme neuer
Mitglieder, oder sich als Bastion der Privilegien
darstellt.
Wir alle wissen, daß eine Generation junger Menschen, die keine Ziele findet, an die zu glauben es
wert ist, von Zynismus oder rassischem und ethnischem Haß geleitet, auf jeden Fall aber verloren
sein wird. Wir können also nicht so bleiben wie wir
waren. Diese Welt war vertraut, aber sie ist vergangen. Wir sollten ihrem Ende jedoch keinen
Augenblick lang nachtrauern. Die Sicherheiten, auf
die sie gegründet war, hingen letztlich von der
Unterdrückung und dem Leid der Menschen in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ab. Ihre
Befreiung schafft das Potential für etwas Beispielloses. Für die Amerikaner ist es eben die Welt, für die
wir in Europa gekämpft haben - eine demokratische
Welt, die Platz für Vielfalt schafft, in der die Staaten
ihre Beziehungen zueinander durch Verhandlungen
und Arrangements regeln, in denen die Menschen
sicher innerhalb der durch gewohnheitsmäßige
Toleranz geschaffenen und durch das Gesetz
untermauerten Regeln leben. Wir haben uns an
zwei Weltkriegen beteiligt, weil wir an die Möglichkeit
dieser Dinge glaubten. Wir wurden während des
Kalten Krieges ein Pfeiler der europäischen Verteidigung, um diese Möglichkeit zu schützen.
Glauben Sie mir, wir werden unsere Partnerschaft zu
Europa mit unvermindertem Engagement pflegen
und unterstützen, nun, da unsere beste Chance zur
Verwirklichung unserer Hoffnungen gekommen ist.
Der Abzug unserer Streitkräfte aus Berlin ist natürlich nicht das Ende der amerikanischen Präsenz in
Europa oder Deutschland. Präsident Clinton hat
eindeutig klargestellt, daß er 100.000 Soldaten in
Europa stationiert lassen will - den Großteil davon in
Deutschland. Sie besiegeln unser Engagement für
die NATO, sie sind das Symbol für unsere Entschlossenheit zur Unterstützung von Frieden und
Freiheit auf diesem Kontinent, eine Entschlossenheit,
die sich nie verringert hat, seit unsere Soldaten zur
Bekämpfung der Tyrannei im Zweiten Weltkrieg
entsandt wurden.

Seite 2

Obwohl unser Engagement für Europa ebenso wie
das unserer Bündnispartner ungeschmälert ist,
mußten wir die Bedeutung der europäischen Sicherheit an sich im Kontext völlig veränderter Gegebenheiten überdenken. Wo einmal ein mächtiges
gegnerisches Bündnis war, ist heute nichts mehr. Im
Gegenteil, die Staaten Mittel- und Osteuropas sahen
die NATO großenteils als die beste Hoffnung für
militärische Stabilität und Sicherheit in Europa an,
und einige von ihnen haben die Mitgliedschaft in der
NATO buchstäblich an oberste Stelle ihrer Prioritätenliste gesetzt.
Inzwischen erachtet die Russische Föderation,
obwohl ihre Haltung gegenüber der NATO sehr viel
komplexer ist, die NATO nicht länger als Organisation
von Gegnern. Rußland ist der Partnerschaft für den
Frieden beigetreten, und in dieser Woche fanden die
ersten amerikanisch-russischen Militärübungen auf
russischem Boden statt. Wir wollen, daß Rußland die
NATO zunehmend als Partner, nicht als Feind
ansieht. Wir wollen, daß alle Länder die NATO als
Instrument für kontinuierliche Stabilität und Sicherheit
auf dem Kontinent und vielleicht auch als Ressource
zur Bewältigung der Probleme außerhalb des herkömmlichen Rahmens der europäischen Sicherheit
sehen, wie der Friedenssicherung.
Beim NATO-Gipfeltreffen im Januar in Brüssel
entschieden sich die Staats- und Regierungschefs
des Bündnisses zur Erweiterung der Beiträge der
NATO zu diesen neuen Kooperationsmustern in
Europa. Diese erweiterte Kooperation wird viele
Formen annehmen. Die Partnerschaft für den
Frieden und der Nordatlantische Kooperationsrat
(NAKR) sind ein Forum für Konsultationen und
praktische Zusammenarbeit mit 22 Ländern, die zur
Zeit nicht Mitglied des Bündnisses sind. In diesem
Monat werden in Polen die ersten multilateralen
Übungen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden abgehalten. Mehrere Länder haben neben
dem Beitritt zur Partnerschaft für den Frieden und
zum NAKR bereits ihren Wunsch auf Vollmitgliedschaft im Bündnis zum Ausdruck gebracht. Wir
werden unsere Gespräche über diese wichtige Frage
im Herbst aufnehmen.
Obwohl ich keinen Zeitplan für die Erweiterung der
NATO anbieten kann - diese Angelegenheit muß erst
in der NATO entschieden werden - möchte ich Sie an
Präsident Clintons Worte in Warschau vor wenigen
Monaten erinnern. Die Aufnahme neuer Mitglieder in
die NATO ist nicht länger eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Die Erweiterung der NATO,
wenn sie vorgenommen wird, ist sogar für die Länder
von Nutzen, die nicht als erste beitreten werden. Ich
möchte betonen, daß die erweiterte NATO-Mitgliedschaft insbesondere die Sicherheit aller europäischen

AMERIKA DIENST 36

�Nationen verbessern wird - der neuen NATO-Mitglieder, der alten und der Nichtmitglieder gleichermaßen.
Instabilität in Zentraleuropa, der Ursprungsregion
europäischer Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht.
Aus diesem Grund sollte Stabilität in Zentraleuropa ein entscheidendes Ziel der erweiterten NATO nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion, sondern als wichtige Komponente der
regionalen Sicherheit angesehen werden. Daher
wird die Erweiterung der NATO ein transparenter
Prozeß sein, begleitet von umfassenden Konsultationen mit allen interessierten Parteien und ohne
Überraschungen.
Seit Beginn des westlichen
Bündnisses haben die Vereinigten Staaten die
Bedeutung des Aufbaus von Friedensstrukturen auf
der Grundlage der europäischen Einheit unterstrichen. Wir waren stets der Auffassung, daß Europa
am besten durch Integration und Einheit prosperieren könnte und würde. Die Europäische Union ist
unabdingbar für die Außenpolitik eines demokratischen Europa, ebenso wie für die wirtschaftliche
Kooperation. Wir begrüßen den Wunsch der europäischen Union, im kommenden Jahr vier neue
Mitglieder aufzunehmen. Wir hoffen, daß sich alle
vier für den Beitritt entscheiden und auch andere
folgen werden.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa hat mehr als zwei Jahrzehnte lang bei
dem Bemühen um europäische Sicherheit eine
Sonderrolle gespielt. Anstatt Verträge abzuschließen
und Organisationspläne aufzustellen, begann die
KSZE ihre Arbeit mit einer ausführlichen Erklärung
zu den Werten der westlichen Zivilisation, den
Grundsätzen zwischenstaatlicher Beziehungen sowie
der Behandlung des einzelnen durch die Regierung.
Wie in der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr
1975 formuliert, umfassen diese Grundsätze den
Verzicht auf die Androhung oder den Einsatz von
Gewalt, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die
territoriale Integrität der Staaten, die friedliche
Beilegung von Streitigkeiten, Nichteinmischung in
innere Angelegenheiten, Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der
Meinungs-, Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit. Die KSZE muß weiterhin Betonung auf die
Werte legen - sie definieren, kritisieren, testen,
lehren - wenn sie ihre Sonderrolle beibehalten will.
Als ich meine heutige Rede vorbereitete, war ich
beeindruckt von den Bildern zweier Städte, von
denen jede ein Symbol für das vergangene europäische Zeitalter der Konfrontation ist - Berlin und
Sarajevo. In Berlin herrscht, nachdem die dort
gekreuzten Schwerter jahrelang Schlagzeilen mach-

AMERIKA DIENST 36

ten, endlich Frieden. Sarajevo ist, nachdem es
jahrelang unbekannt und friedlich war, jetzt in Aufruhr. Eine 80 Jahre währende Konfrontation in
Europa hat gezeigt, daß die Menschheit technologische Fertigkeiten, einschließlich der Mittel zur Herstellung von immer zerstörerischeren Waffen, von
Generation zu Generation weitergeben kann. Jetzt
müssen wir von der Fremdenfeindlichkeit, den
Konflikten und Leiden in Europa während dieser 80
Jahre lernen, dauerhafte Gewohnheiten der Zusammenarbeit und des Friedens weiterzugeben.
Bosnien zeigt uns, wieviel Macht die Ideologien von
Haß und Angst noch haben, und wie gefährlich diese
Macht für den Frieden ist - nicht nur für einen bestimmten Teil Europas, sondern für Europa als
Ganzes. Es ist ein Warnsignal für jedes Land in
Osteuropa, da in jedem dieser Länder ethnische
Minderheiten leben. Wenn der Konflikt nicht gelöst
wird, stellt er eine fortgesetzte Bedrohung für Frieden
und Stabilität in der Region dar. Wenn er jedoch
nicht auf eine Art und Weise beigelegt wird, die im
Einklang mit den unseres Erachtens in Europa
anzuwendenden allgemeinen Grundsätzen steht, ist
der Frieden vielleicht nicht mehr als eine Pause vor
einem erneuten und erweiterten Konflikt.
Während Sarajevo die Macht der Ideologien von Haß
und Angst zeigt, demonstrieren die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands sowie die Ausbreitung
der Demokratie in Osteuropa und der ehemaligen
Sowjetunion, daß keine Regierung auf Dauer ihre
Bürger unterdrücken, einschüchtern und zu Schweigen und Unterwürfigkeit zwingen kann. Heute ist
Deutschland frei von der Bedrohung von außen, die
die Haltung und Aktionen des Landes gegenüber
seinen Nachbarn stark beeinflußte. Der Erfolg des
Engagements der Alliierten für Berlin und für die
demokratische Entwicklung in ganz Europa bedeutet,
daß Deutschland erstmals in der neueren Geschichte
von Freunden umgeben ist anstatt von Ländern, die
für Gegner gehalten werden. Deutschland und seine
Nachbarn sind geeint in ihrer Unterstützung von
Freiheit, Gerechtigkeit, freien Märkten und Demokratie.

All dies unterstreicht eindeutig eine zentrale Tatsache: Europa prüft die Behauptung, die Nationen
müßten nicht auf immer an ihre Vergangenheit
gebunden und im Bann der Anziehungskraft alter
Feindseligkeiten und Denkweisen sein. Vielmehr
können sich die Nationen von den alten Konfliktmustern befreien, um in neuen Formen der Zusammenarbeit sowie einer neuen, klaren Vision ihrer wahren
Aufgaben ein höheres Geschick zu finden. Wie Sie
wissen, bin ich fest davon überzeugt, daß ein Teil
dieses übergeordneten Geschicks darin liegt, die
Pflichten zu akzeptieren und zu erfüllen, die diese

Seite 3

�Generation ihren Nachfahren im Hinblick auf die
weltweite Umweltkrise schuldet - eine Frage, bei der
Bundeskanzler Kohl weltweit eine wertvolle Führungsrolle übernommen hat. Der Zufall will es, daß
gerade diese Woche in Kairo bei der Konferenz der
Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung Fragen erörtert werden, die für die Zukunft der
Welt von fundamentaler Bedeutung sind.
Die
einzelnen europäischen Nationen sowie die Europäische Union leisteten einen entscheidenden Beitrag
zur intellektuellen Tragfähigkeit und politischen
Effektivität dieser Konferenz. Europa muß eine
bedeutende Rolle bei unseren gemeinsamen Bestrebungen spielen, die möglicherweise katastrophalen
Konsequenzen eines radikalen Wandels in den
Beziehungen zwischen der Menschheit und dem
Ökosystem der Erde zu beheben, einem Wandel,
der durch das schnelle Bevölkerungswachstum, die
Entwicklung extrem wirkungsvoller neuer Technologien sowie - am wichtigsten - dem Unwillen vieler
verursacht wurde, die Auswirkungen der von uns
getroffenen Entscheidungen zu akzeptieren.
Um diese neue Art von Problemen zu lösen, müssen
wir eine Entscheidung für den Frieden und gegen
den Krieg treffen, für umweltverträgliche Entwicklung
und gegen Armut und Verzweiflung. Es gibt guten
Grund zur Zuversicht, daß wir Erfolg haben können.
Heute strebt ganz Europa nach demokratischen
Regierungen und freier Marktwirtschaft - ein auf
diesem Kontinent einmaliger Vorgang. Berlin und
das demokratische und vereinigte Deutschland,
dessen Hauptstadt es wieder ist, liegen im Mittelpunkt dieser neuen, hoffnungsvollen Ära. Deutschlands stabile Grundlage in Europa und dem atlantischen Bündnis ist ein wichtiger Ausgangspunkt für
eine noch produktivere internationale Rolle dieses
Landes. Deutschland ist zum Motor des europäischen Integrationsprozesses geworden.
Die
deutsch-französische Freundschaft, die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien und die Beziehungen Deutschlands zu
ganz Europa werden jetzt fest verankert. Dieses
Engagement hat starke Einheit und Zusammenarbeit
hervorgebracht, die strategische Stabilität in Westeuropa sicherstellt und hoffentlich das übrige Europa
- insbesondere Zentraleuropa - inspiriert.
Aus
diesem Grund sind die deutsch-amerikanischen
Beziehungen von so überragender Bedeutung, und
aus diesem Grund sind die heutigen Gespräche
zwischen Amerikanern und Deutschen so wichtig.
Sicherheit, politische und wirtschaftliche Freiheit sind
von entscheidender Bedeutung für die Zukunft'
Europas in Selbstbestimmung. Wir müssen uns
jedoch bewußt sein, daß ihr Schutz von unserer
Fähigkeit abhängt, die sich bietenden Chancen für
die Verbesserung des Lebens der Bürger zu nutzen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die neuen

Seite 4

Demokratien müssen unter Beweis stellen, daß sie
ihren Bürgern ein besseres Leben bieten können.
Obwohl Regierungen bei diesem Prozeß von Bedeutung sind, stellen Privatinvestitionen die wichtigste
Voraussetzung umweltverträglicher Wirtschaftsentwicklung dar, denn durch sie wird das für Wohlstand
erforderliche inländische und ausländische Kapital
bereitgestellt. Als Wirtschaftsvertreter sind Sie in
diesem Prozeß die Akteure. Innen- und Außenpolitik
sind eine Ergänzung privater Interessen bei Wirtschaft, Handel und Investitionen. Unsere Bestrebungen zur Integration der neugeschaffenen nationalen
Märkte Europas in das Weltwirtschaftssystem sowie
die Notwendigkeit, unsere eigene Wirtschaftsentwicklung voranzutreiben, werden nur solange von Erfolg
gekrönt sein, wie Kapital produktiv eingesetzt wird.
Aus dieser Perspektive sind die hochrangigen deutschen und amerikanischen Wirtschaftsvertreter nur
aus einem zwingenden Grund in Berlin: In diesem
vielversprechenden und kühnen neuen Zeitalter ist
die Wirtschaft für die Sicherheit aller in gewisser
Hinsicht ebenso wichtig wie die Regierung.
Bei dem Streben nach Frieden und Freiheit sind
Handel und Investitionen die neuen Grenzen und die
deutsch-amerikanischen Wirtschaftspartner die
Pioniere, die diese neuen Grenzen erforschen und
erweitem. Die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen gedeihen. Amerikanische Unternehmen
in Deutschland beschäftigen 600.000 Arbeitnehmer.
In den Vereinigten Staaten arbeiten bereits 500.000
Menschen bei deutschen Unternehmen. Deutsche
Guthaben in Amerika und amerikanische Guthaben in
Deutschland werden jeweils auf über 25 Milliarden
Dollar geschätzt.
So bemerkenswert diese Zahlen sind - unsere
Partnerschaft geht darüber hinaus. Ich bin stolz
darauf sagen zu können, daß wir die Amerikanische
Akademie zu Berlin gründen, was morgen offiziell
bekanntgegeben wird.
Dieses privat finanzierte
Unternehmen wird die Tradition der über 300jährigen
deutsch-amerikanischen Freundschaft fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten stehen für eine Zukunft, die auf
der Unabhängigkeit der Nationen und der Würde des
Menschen basiert. Das war der Hauptgrund für die
Anwesenheit der alliierten Streitkräfte in Berlin. Als
sie 1945 kamen, erwartete niemand, daß sie nahezu
ein halbes Jahrhundert bleiben würdem. Da Berlin
jedoch so oft das ideologische Schlachtfeld des
Kalten Krieges war, blieben die Amerikaner und ihre
Verbündeten dort. Wir waren 1948 zur Stelle und
versorgten durch die großangelegte Luftbrücke die
Berliner Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, als Stalin
die Westalliierten durch die Blockade aus der Stadt
zu verdrängen suchte. Wir waren 1961 zur Stelle,
um zu zeigen, daß Demokratie und der Wille des

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�Volkes jede Mauer, ungeachtet ihrer Größe, umgehen können. Wir waren 1987 zur Stelle, als Präsident Reagan forderte, die Mauer niederzureißen.
Und wir waren zur Stelle, als die Mauer endlich fiel.
Gestern verließen unsere Soldaten Berlin. Aber um
mit den vor drei Jahrzehnten geäußerten Worten
eines jungen Präsidenten zu sprechen, sind wir alle

immer noch Berliner. Unser Engagement bleibt so
stark wie zuvor. Und ich wiederhole heute die Worte
eines anderen jungen Präsidenten, der dieses Jahr in
Berlin erklärte: "Amerika steht an Ihrer Seite -jetzt
und für immer!"
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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Seite 5

�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER ERINNERT AN DIE
BERLINER LUFTBRÜCKE VON 1948
Ansprache vor dem Luftbrückendenkmal
WASHINGTON - (AD) - Am 8. September 1994 würdigte US-Außenminister Christopher in einer Ansprache
vor dem Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof die Berliner Luftbrücke und die dadurch geschmiedeten
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Außenministers im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, heute hier sein zu
dürfen. Wir sind zusammengekommen, um die
Berliner Luftbrücke zu würdigen, unsere Erinnerungen an dieses großartige Ereignis auszutauschen
und uns erneut seinem Geist zu verschreiben.
Wir alle kennen die Geschichte der Berliner Luftbrücke. Im Frühjahr 1948 begann Stalin seine
Kampagne, die Alliierten aus Berlin zu verdrängen.
Er wollte die Stadt unter kommunistische Kontrolle
bringen, indem er den Willen ihrer Bewohner zu
brechen versuchte. Am 24. Juni 1948 verhängte er
eine Blockade gegen Berlin.
Stalin hatte jedoch den Willen der Berliner, sich der
Einschüchterung zu widersetzen, sowie die Entschlossenheit der Alliierten, ihnen beizustehen,
unterschätzt. Am 25. Juni bat der amerikanische
General Lucius Clay den Bürgermeister von Berlin,
Ernst Reuter, in sein Büro. Zum Erstaunen aller
Anwesenden unterbreitete er den Vorschlag, die
Stadt durch die Luft mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Antwort des Bürgermeisters war eindeutig: Berlin war bereit, um der Freiheit willen
Opfer zu bringen.
Diese beiden mutigen führenden Persönlichkeiten
waren sich bewußt, was auf dem Spiel stand.
Andernorts waren die Meinungen jedoch geteilt. In
Washington empfahlen hochrangige Regierungsberater Vorsicht und Zurückhaltung. Die einzigen,
der amerikanischen Luftwaffe in Europa zur Verfügung stehenden Transportflugzeuge waren zweimotorige C-47, als "Gooney Birds" bekannte Maschinen, von denen wenige glaubten, sie könnten diese
Leistung erbringen. Präsident Truman verstand
jedoch ebenso wie Reuter und Clay die Bedeutung
dieser Aktion. Seiner Meinung nach würde die

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Luftbrücke funktionieren, weil sie erforderlich war. Er
gab die Anweisung zu ihrer großangelegten Durchführung.
Innerhalb weniger Tage kamen neue Flugzeuge aus
Alaska, Hawaii und der Karibik an, um sich an
diesem heroischen Unterfangen zu beteiligen. Mit
Hilfe der britischen Luftwaffe waren Hunderte von
Flugzeugen rund um die Uhr im Einsatz. Ihr allgegenwärtiges Dröhnen wurde Teil des täglichen
Lebens, eine Erinnerung daran, daß Berlin nicht allein
gelassen wurde. Tausende von Arbeitern - Alliierte
und Deutsche - unterstützten die Luftbrücke am
Boden. Als sich die beiden Flughäfen als unzureichend erwiesen, sprangen Berliner aus allen Lebensbereichen ein, um den Bau eines dritten Flughafens
zu beschleunigen. Arbeiter, Wissenschaftler, Lehrer
und Hausfrauen stellten den Flughafen Tegel zwei
Monate früher als geplant fertig.
Die technische Leistung der Luftbrücke war gewaltig.
Am 16. April 1949 wurde durch die "Osterparade", die
einen Rekord darstellte, genug Kohle bereitgestellt,
um 600 Eisenbahnwaggons zu füllen. Während der
gesamten Dauer der Luftbrücke wurden über zwei
Millionen Tonnen an Versorgungsgütern nach Berlin
transportiert.
Ebenso beeindruckend waren in den Augen der Welt
jedoch auch der Mut und die Widerstandskraft der
Berliner, die Hunger, Kälte und Dunkelheit trotzten,
um der Freiheit zum Sieg zu verhelfen.
Durch diese gemeinsam ertragenen Zeiten der Not
und des Triumphs regte die Berliner Luftbrücke den
Versöhnungsprozeß zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Volk an. Die Partnerschaft
zwischen den Alliierten und den Berlinern war nicht

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�nur auf den Flugplätzen sichtbar, sondern auch bei
zahllosen Gesten der Solidarität. Trotz der Entbehrungen gaben die Berliner den Piloten das Beste,
was sie hatten: Bücher, Feuerzeuge, Blumen und
Gebete. Und dieses ehrwürdige Denkmal zeugt
davon, daß die Piloten den Berlinern ihr Bestes
gaben.
Anfang 1952 fragte eine Berliner Zeitung ihre Leser:
"Woran erinnern Sie sich im Zusammenhang mit der
Luftbrücke?" Hunderte eingegangener Antworten
erzählen eine inhaltsreiche und ergreifende Geschichte. Viele erinnerten sich an die Großartigkeit
der Luftbrücke, das Donnergetöse der Maschinen,
die "Symphonie der Freiheit" am Himmel. Anderen
zufolge "sprachen" die Flugzeuge zu den Menschen
am Boden, die dröhnenden Maschinen "sprachen"
von Hoffnung und Beistand. Kinder hatten nicht die
winzigen Fallschirme vergessen, die mit Süßigkeiten
auf die Erde niedergingen - das Geschenk eines
Leutnants der Luftwaffe. Und viele Berliner erwähnten das neuentstandene Gefühl der Verbundenheit
mit den Alliierten.
Eine Fünfzehnjährige schrieb über die bei der
Luftbrücke Umgekommenen: "Ihr Opfer erinnert uns
daran, daß es auf dieser Welt Dinge gibt, die größer
sind als nationaler Egoismus, nämlich Menschlichkeit
und das Leben aller Menschen in Würde."

Als Bürgermeister Reuter am Ende der Blockade
General Clay seinen Dank aussprach, bekannte er
sich zu dieser gemeinsamen Sache: "Sie sind nicht
mehr als Feinde, sondern als Freunde zu uns gekommen", erklärte er. "Die Erfahrung dieser Monate hat
uns enger an Ihr Volk gebunden und Ihr Volk stärker
an uns. Das Denkmal, das wir ihm zu Ehren bauen,
wird bescheiden sein, aber es wird ein Denkmal für
den Frieden und nicht zur Verherrlichung der Leistungen im Krieg sein."
Amerikaner erinnern die Luftbrücke als die Brücke,
die uns als gleichgesinnte Nationen verband, die
bereit waren, der Tyrannei die Stirn zu bieten und die
mit der Verteidigung der Freiheit einhergehenden
Härten zu erdulden. Dieses Vermächtnis überdauerte
die Luftbrücke, die Teilung Deutschlands und schließlich den Kalten Krieg.
Freiheitsliebe und Menschenwürde sind keine nationalen Charakteristika, sondern der ganzen Menschheit eigen. Wir müssen den bei der Luftbrücke
gezeigten Geist der Entschlossenheit aufrechterhalten, während wir an der Überwindung alter Trennungen in Europa arbeiten und ehemalige Gegner in die
transatlantische Interessen- und Wertegemeinschaft
einbinden. Wir haben eindeutig Fortschritte erzielt,
aber es bleibt noch viel zu tun. Unsere auf den
Tragflächen der Luftbrücke geborene Partnerschaft
wird uns nicht scheitern lassen.

* * * * *

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�DER

ABSCHIED
14. September 1994

CHRISTOPHER WÜRDIGT LEISTUNGEN DER
ALLIIERTEN STREITKRÄFTE IN DEUTSCHLAND
Rede im Berliner Schauspielhaus
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher hob am 8. September 1994 den von den
Streitkräften der Alliierten in Deutschland geleisteten Beitrag hervor.
Bei dem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß der Verabschiedung der alliierten Truppen
betonte er jedoch auch die Notwendigkeit, sich den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas zu
öffnen und in den dortigen jungen Demokratien Freiheit und Stabilität zu fördern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Christopher im Schauspielhaus gehaltene Rede im Wortlaut.
Es ist für mich eine große Ehre, Präsident Clinton
und die Vereinigten Staaten bei diesem historischen
und freudigen Ereignis vertreten zu dürfen.

Bundeskanzler eine Botschaft zu übermitteln. Gestatten Sie mir, aus seinem Brief an den Kanzler zu
zitieren:

Ich bin hier, um gemeinsam mit Ihnen die alliierten

"Nahezu 45 Jahre lang dienten unsere alliierten
Streitkräfte an den Frontlinien der Demokratie mit
der Entschlossenheit, für Europa eine Zukunft in
Sicherheit und Wohlstand innerhalb freier und
offener Gesellschaften sicherzustellen. Obwohl
seit dem wunderbaren Moment, als die Europa
spaltende Mauer fiel, immer mehr Zeit verstreicht,
dürfen wir nicht vergessen, was die alliierten
Streitkräfte für uns und unsere Kinder getan
haben. Sie waren die Garanten der Freiheit in
Europa. Sie verdienen unseren Dank."

Streitkräfte der Berlin Brigade zu ehren, die in dieser
Stadt während ihrer Teilung und Bedrohung Wache
standen. Nahezu ein halbes Jahrhundert lang
bildeten die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und Deutschland in Berlin eine besondere
Einheit. Gemeinsam bewahrten wir dort, auf diesem
Testgelände westlicher Entschlossenheit, die Freiheit
- wohl wissend, daß unser Mißerfolg dort die Freiheit
überall gefährden würde.
Vor 45 Jahren ging Amerika die Verpflichtung ein,
gemeinsam mit Ihnen den Widrigkeiten zu trotzen.
Vier Jahrzehnte lang hielten wir unter Administrationen der Demokraten und Republikaner gleichermaßen dieses Versprechen. Auch heute bleibt unser
Engagement für ein stabiles, sicheres und wohlhabendes Europa unvermindert. Selbst nach Abzug
unserer Truppen aus Berlin bleiben 100.000 amerikanische Soldaten in Europa.
Als Präsident Clinton dieser Stadt vor zwei Monaten
einen Besuch abstattete, sprach er von seiner Vision
eines integrierten Europa, in dem unsere Sicherheit
"auf dem Aufbau von Brücken, nicht von Mauern
beruht". Der Präsident bekräftigte das Engagement
Amerikas, das Beispiel Berlin als Grundlage dieser
Vision anzusehen und bat mich, Ihnen und dem

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Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich
auch die Berliner ehren, deren Durchhaltevermögen
und Mut diejenigen inspirierte, die sich für die Freiheit
auf der ganzen Welt einsetzten. Und ich möchte
heute den Millionen von Europäern in Leipzig, Dresden und zahllosen Städten und Dörfern in Ostdeutschland meine Hochachtung bezeigen, deren
beharrlicher Ruf "Wir sind das Volk" zum Fall der
grausamen Berliner Mauer beitrug.
Die Amerikaner wissen: Als Sie Ihre Freiheit erlangten, halfen Sie, unsere zu festigen. Wenn wir nicht
länger einen Dritten Weltkrieg fürchten, wenn wir ein
nicht länger von Unterdrückung oder Konflikten
zerrissenes Europa für möglich halten, dann ver-

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�danken wir das Ihrem Kampf sowie dem Ihrer Nachbarn in Gdansk, Vilnius und Prag.
Einst befahlen die kommunistischen Diktatoren
Europas ihren Bürgern, die Vergangenheit zu vergessen. Jetzt sind wir hier zusammengekommen,
um ihrer zu gedenken. Wir erinnern das Heldentum
und die Entschlossenheit zu Zeiten der Berliner Luftbrücke. Wir denken an die Berliner, die auf den
Trümmern des Krieges eine demokratische und
prosperierende Gesellschaft aufbauten.
Wir erinnern uns auch noch gut an die Tragödien.
Wir erinnern uns, wie die Mauer anwuchs - von einer
Reihe bewaffneter Männer und Stacheldraht zu einer
häßlichen Zementsperre, die Familien, eine Nation
und einen Kontinent teilte. Wir erinnern uns an das
erste Opfer, Rudolf Urban, der bei dem Versuch, in
die Freiheit zu gelangen, ums Leben kam - und wir
erinnern uns an das letzte Opfer, einen 20jährigen
Deutschen namens Chris Gueffroy. Diese Erinnerungen werden nicht verblassen.
Zu einem früheren Zeitpunkt war das Unglück
Berlins das Symbol für das Unglück Europas. Heute
ist die Stadt das Symbol für die sich Europa eröffnenden neuen Möglichkeiten. Wir sind hier Zeuge,
wie die aus der Zeit des Kalten Krieges stammende
Spaltung überwunden wurde. Und das geschieht
nicht nur hier: Vergangene Woche hielten amerikanische und russische Soldaten ihre ersten gemeinsamen Manöver auf russischem Boden ab. Und die
russischen Truppen sind aus den baltischen Staaten
abgezogen - ein Ziel, für das sich die Vereinigten
Staaten seit vielen Jahren eingesetzt haben.
Wir sind dankbar, daß wir jetzt in weniger gefährlichen Zeiten leben. Wir haben die wichtigste
Bedrohung unserer Freiheit überwunden. Als
Ergebnis unserer gemeinsamen Bestrebungen
brauchen diese Truppen in dieser Stadt nicht länger
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand verteidigen. Wir haben jedoch noch große Pflichten. Was
uns hier beschert wurde, muß jetzt nach Osten
weitergetragen werden - zu den jungen Demokratien, die sich von 50 Jahren Diktatur und wirtschaftlichem Ruin erholen.
Während der vergangenen 50 Jahre haben mein
Land und Ihre Länder am Aufbau zahlreicher
Institutionen mitgewirkt, die unsere Sicherheit und

wirtschaftliche Stärke bewahrten: die NATO, das
GATT, die OECD und schließlich die Europäische
Union. Diese Institutionen trugen in Westeuropa zur
Schaffung der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen bei, unter denen freie Institutionen prosperieren können. Sie verliehen dem gemeinsamen
Unternehmen aller westlichen Demokratien - der
Förderung von Frieden und weltweitem Wirtschaftswachstum - Struktur, Legitimität und Stärke.
Unsere Aufgabe ist die Stärkung dieser grundlegenden Institutionen und ihre Öffnung für die neuen
demokratischen Nationen Mittel- und Osteuropas
sowie der ehemaligen Sowjetunion. Diesen Prozeß
haben wir mit der Partnerschaft für den Frieden, der
Uruguay-Runde des GATT und den neuen Partnerschaftsabkommen der Europäischen Union begonnen. Dies ist der beste Weg sicherzustellen, daß die
von uns während dieser Jahre genossene Stabilität
auch in einem erweiterten Europa Bestand hat.
Damit können wir gewährleisten, daß das von unseren Vorgängern - der Generation von Truman,
Churchill, Monnet und Adenauer - begonnene Werk
fortgesetzt wird.
Es erfordert Zeit, Institutionen wie die NATO und die
Europäische Union neuen Erfordernissen anzupassen
und gleichzeitig ihre Effektivität zu bewahren. Wir
müssen sichergehen können, daß unsere neuen
Partner die Fähigkeit zur Erfüllung der mit ihrer
Aufnahme einhergehenden Pflichten haben.
Gleichzeitig dürfen unsere Institutionen und Bestrebungen nicht an den veralteten Grenzen des Kalten
Krieges haltmachen. Es liegt nicht in unserem
Interesse, wenn irgendeine Nation in Europa isoliert
ist, denn Isolation ist die Brutstätte für Instabilität und Instabilität, nicht Invasion, ist die größte verbleibende Bedrohung der europäischen Sicherheit.
Aus diesem Grund müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um unseren ehemaligen
Gegnern zu helfen, in sicherheits- und handelspolitischer Hinsicht verläßliche Partner zu werden.
Wir müssen dem Ideal eine neue Bedeutung geben,
das die Architekten der europäischen Integration
inspirierte: In einem ungeteilten Europa darf es
überhaupt keine Mauern geben.
Ich danke Ihnen.

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�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

KAIRO ERÖRTERT NORD-SÜD-PROBLEME
UND ETHIK-FRAGEN
Überwindung letzter Hindernisse
KAIRO - (AD) - Einige der wenigen Fragen, die bei
der Konferenz der Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung die Industriestaaten von den
Entwicklungsländern trennten, wurden in letzter
Minute durch einen geschickten Kompromiß gelöst.

unter Einbeziehung Algeriens als Vertreter der
Entwicklungsländer am 10. September zusammen
und legte einen Kompromiß vor.

Die Übereinkünfte über diese und andere ausstehende Angelegenheiten wurden am 12. September 1994
von einem aus Vertretern von 180 Ländern bestehenden Ausschuß angenommen.

Dieser besagte, daß die Staaten "die lebenswichtige
Bedeutung der Familienzusammenführung" anerkennen sollten, indem sie Gesetze verabschiedeten, die
legalen Wanderarbeitern das Mitbringen ihrer Familien gestatten. Einer Vielzahl von Entwicklungsländern reichte das jedoch nicht aus.

Es wird daher erwartet, daß die von den Vereinten
Nationen innerhalb von 20 Jahren veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz die Arbeit des Ausschusses
offiziell billigt und sich termingerecht am 13. September, acht Tage nach Aufnahme ihrer Arbeit, vertagt.

Die Delegierten machten am Sonntag, den 11.
September einen Tag Pause. Als sie am Tag darauf
zusammenkamen, unterbreiteten Simbabwe und
Australien einen anderen Kompromißvorschlag, dem
die Vereinigten Staaten sofort zustimmten.

Die wichtigste, Industriestaaten und Entwicklungsländer spaltende Frage, lautete, ob Wanderarbeiter
ein grundlegendes "Recht" darauf haben, ihre
"Familie" in ihre Wahlheimat zu bringen.

Dieser Vorschlag stellt eine Ergänzung des vorigen
Kompromisses dar, da er sich auf einen Absatz der
Konvention über die Rechte des Kindes bezieht, der
jungen Menschen das Recht auf Zusammenführung
mit ihren Eltern einräumt.

Die Türkei war eines der führenden Entwicklungsländer, das die Verwendung des Begriffs "Recht"
forderte. Obwohl das von der Konferenz aufgestellte
"Aktionsprogramm" kein Vertrag und daher juristisch
nicht bindend ist, könnte dieser Terminus einen
Präzedenzfall schaffen, auf den Länder mit einer
großen Zahl von Emigranten bauen könnten.
Die zwölf Mitgliedstaaten der Europäischen Union,
die Vereinigten Staaten, Kanada und andere Industriestaaten vertraten die Ansicht, die Regierungen
des Gastlandes sollten das "Prinzip" der Familienzusammenführung anerkennen.
Als die Frage der Familienzusammenführung zu
Beginn der Konferenz erstmals auftauchte, konnte
hierüber keine Einigung erzielt werden, und die
Diskussion wurde vom 5. auf den 8. September
verschoben. Als eine Einigung immer noch in weiter
Ferne zu liegen schien, traf ein kleiner Ausschuß

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Dieser Kompromißvorschlag wurde schließlich von
der Arbeitsgruppe angenommen und dem Hauptausschuß der Konferenz übermittelt. "Der Unterausschuß gab seine Zustimmung, es bleibt jedoch
abzuwarten, was der Hauptausschuß unternehmen
wird", so ein Vertreter Australiens über den Ausschuß, in dem jede Delegation vertreten ist.
Der Hauptausschuß nahm tatsächlich vor Annahme
der Sprachregelung einige Ergänzungen vor, die
keine substantiellen Auswirkungen hatten.
Von Anfang an vermied die Konferenz jedoch eine
Definition des Begriffs "Familie", um einen noch
größeren Kampf darüber zu verhindern, welchen
Verwandten welche "Rechte" zustehen.
Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge schließt
das amerikanische Einwanderungsgesetz eine

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�umfassende Definition der Familienzusammenführungsrechte aus, aber die Regierung hat sich zur
Familienzusammenführung verpflichtet.
Aus diesem Grund befürworteten die amerikanischen
Regierungsvertreter den Begriff "Prinzip" statt des
Begriffs "Recht" und verwiesen darauf, daß Einwanderer in die Vereinigten Staaten ihre Ehefrauen
und Kinder mitbringen können. Darüber hinaus
wurden 1993 über 530.000 Einwanderer aufgrund
familiärer Bande zu amerikanischen Staatsbürgern
und Bürgern mit ständiger Aufenthaltsgenehmigung
aufgenommen.
Die Frage der "Ethik" wurde erneut vom Vatikan und
seiner Handvoll Anhänger unter den streng römischkatholischen Ländern angeschnitten. Das Ergebnis
der diplomatischen Offensive ähnelte dieses Mal
jedoch stark derjenigen in der vergangenen Woche
im Hinblick auf die Sprachregelung zum Schwangerschaftsabbruch: Änderung' der Formulierungen,
inhaltlich jedoch praktisch unverändert.
"Dem Vatikan wurden alle möglichen Konzessionen
gemacht", erklärte Nicolaas Biegman, der Ständige
Vertreter der Niederlande bei den Vereinten Nationen und Stellvertretender Vorsitzender des Hauptausschusses bei einer Pressekonferenz am 12.
September 1994.
"Ich glaube nicht ... daß sie den Geist des Dokuments verändern konnten. Das Dokument legt
Betonung auf die Entscheidungsfreiheit des einzelnen sowie das Recht von Paaren und Einzelpersonen auf die Entscheidung über die Anzahl der
gewünschten Kinder und den Zeitpunkt der Geburt",
so Biegman.
Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz stellte er
fest: "Die Frauenbewegung könnte diesem Dokument eine ziemlich gute Note geben."
Biegman räumte bereitwillig ein, daß Doppeldeutigkeiten und unpräzise Formulierungen zu den angewandten Techniken gehörten, damit der Geist des
Dokuments erhalten blieb und gleichzeitig das
vorgeschlagene "Aktionsprogramm" abgeschwächt
wurde, um es dem Vatikan schmackhafter zu machen.

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Er führte folgendes Beispiel an: Die Delegierten des
Vatikans fragten wiederholt, was unter der Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" in Kapitel 7 des
Aktionsprogrammentwurfs zu verstehen sei, der in
den drei Jahren vor der Kairoer Konferenz ausgehandelt worden war. Der Entwurf stellte beispielsweise fest, daß Männer und Frauen das Recht auf
Zugang zu finanzierbaren Fruchtbarkeitsregulierungsmethoden haben. Dieser Satz könnte Schwangerschaftsabbruch beinhalten, so die Argumentation
des Vatikans.
Bei dem Versuch, einen Kompromiß zu erzielen,
entschied sich die Mehrheit der Delegierten, die
Formulierung "Fruchtbarkeitsregulierung" durch "die
Regulierung der Fruchtbarkeit" zu ersetzen, erläuterte
Biegman. Seiner Ansicht nach bestehe kein Unterschied in der Bedeutung der beiden Formulierungen.
Und was ist die Bedeutung?, so die rhetorische
Frage. "Was immer Sie wollen."
Auf die Frage eines Journalisten, ob er damit zum
Ausdruck bringen wolle, die Konferenz "umgeht
dieses Problem, indem sie bewußt einen doppeldeutigen Begriff verwendet", antwortete er mit Ja.
Die Reaktion des Vatikans auf die geänderte Sprachregelung wurde nicht unmittelbar bekannt.
Obwohl der Vatikan zahlenmäßig wenige Anhänger
hatte und bei dieser Frage leicht hätte überstimmt
werden können, haben Vertreter der Vereinigten
Staaten und der Vereinten Nationen erklärt, daß
große internationale Konferenzen traditionell versuchen, einen Konsens zu erzielen. Jeder Konferenzteilnehmer, der mit dem Endergebnis nicht
einverstanden ist, könnte seine Unterschrift unter das
Aktionsprogramm verweigern oder es mit Vorbehalten
unterschreiben.
Der Vatikan verweigerte seine Unterschrift unter das
Bevölkerungsprogramm der Konferenzen von 1974
und 1984.
Nachdem die wichtigsten strittigen Punkte gelöst
waren, arbeiteten die Delegierten am 12. September
bis spät abends, um das Aktionsprogramm fertigzustellen.

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�BEVÖLKERUNG
14. September 1994

AMERIKANER FÜR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Die öffentliche Meinung in den USA
WASHINGTON - (AD) - Eine von Time-CNN am Vorabend der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung durchgeführte Meinungsumfrage ermittelte erste Angaben über die Sichtweise der Amerikaner zu
Bevölkerungsfragen.
Obwohl 55 Prozent der Amerikaner zusätzliche Ausgaben der Vereinigten Staaten zur Eindämmung des
Bevölkerungswachstums in anderen Ländern befürworten, ist die Öffentlichkeit nicht geneigt, eine Führungsrolle
bei der Bewältigung des Problems zu übernehmen. Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Ergebnisse
der Umfrage.

Meinungsspektrums sind nur 17 Prozent der Ansicht,
die Vereinigten Staaten sollten überhaupt keine Rolle
spielen. Diese Umfrageergebnisse stimmen mit der
Umfrage von Times Mirror vom vergangenen Jahr
überein, die eine Präferenz der amerikanischen

Zustimmung zu Hilfe für Familienplanung
Eine beträchtliche Mehrheit der Amerikaner (72
Prozent) stimmt im Prinzip staatlicher Unterstützung
der Vereinigten Staaten zu, "um Geburtenkontrolle
und Familienplanung" im Ausland leichter zugänglich

Öffentlichkeit für eine gemeinsame Führungsrolle der

zu machen. Eine kleinere Mehrheit (54 Prozent)
befürwortet die "maßgebliche Aufstockung" staatlicher Aufwendungen für diese Zwecke, die seit den
achtziger Jahren vorgenommen wurde.

Vereinigten Staaten mit anderen führenden Ländern
bei Fragen der Außenpolitik ermittelte. Im Gegensatz
dazu stand die Meinung der amerikanischen Führungsschicht, die eine ausgesprochen aktive Rolle
der Vereinigten Staaten in dieser Frage befürwortete.

Überbevölkerung als wichtiges Anliegen
Schwangerschaftsabbruch
Eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung (55
Prozent) beurteilt "Überbevölkerung" als "sehr
ernsthaftes Problem". Weitere 31 Prozent sehen
das Problem als "ziemlich gravierend". 79 Prozent
vertreten die Auffassung, das Problem werde eines
Tages auch die Vereinigten Staaten betreffen.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist in zwei ziemlich
gleichgroße Lager bezüglich "Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch" (46 Prozent) gegenüber
"Schwangerschaftsabbruch nur unter bestimmten
Umständen" (39 Prozent) gespalten. 13 Prozent sind
unter allen Umständen gegen Schwangerschaftsabbruch.

Gemäßigte Rolle der Vereinigten Staaten befürwortet

Empfängnisverhütung
68 Prozent der Öffentlichkeit möchte, daß die
Vereinigten Staaten gemeinsam mit anderen Ländern die Bewältigung des Problems der Überbevölkerung angehen, statt eine Führungsrolle zu übernehmen. Nur 12 Prozent sind der Meinung, die
Vereinigten Staaten sollten bei dieser Frage die
Führungsrolle übernehmen. Am anderen Ende des

*

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*

Eine beträchtliche Mehrheit der Öffentlichkeit (74
Prozent, einschließlich 70 Prozent der Katholiken)
stimmt nicht mit der Erklärung überein, "die Anwendung künstlicher Mittel zur Geburtenkontrolle ist
falsch".

*

*

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�NORD KOREA
14. September 1994

USA DRINGEN AUF DIALOG ZWISCHEN
NORD- UND SÜDKOREA
Gespräche zwischen Christopher und Han
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren
Christopher warnte am 7. September 1994, die
nordkoreanische Nuklearfrage könne erst gelöst
werden, "wenn Nordkorea einen substantiellen
Dialog mit der Republik Korea aufnimmt".
"Wir werden weiter mit der südkoreanischen Regierung an der Beilegung des Nuklearproblems zusammenarbeiten", erklärte Christopher im Beisein
des südkoreanischen Außenministers Han Sung Joo
vor Journalisten. Die beiden Minister führten im USAußenministerium ein über einstündiges Gespräch.
Anschließend ließ ein hochrangiger amerikanischer
Regierungsvertreter verlauten, die Gespräche hätten
das Ziel gehabt, im Hinblick auf diesen Monat
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
anberaumte Gespräche "die jeweilige Haltung der
beiden Länder zu sondieren und zu koordinieren".
Christopher bezeichnete das Nuklearprogramm
Nordkoreas als "die dringlichste Sicherheitsfrage in
der asiatisch-pazifischen Region" und stellte fest, sie
bedrohe die Sicherheit der wichtigsten amerikanischen Verbündeten, angefangen mit Südkorea.
"Dieses Nuklearproblem erhöht die Wahrscheinlichkeit eines destabilisierenden Rüstungswettlaufs in
Asien und unterminiert unser starkes Interesse an
der Beibehaltung wirksamer weltweiter Regime
gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Folglich ist es eine der obersten
Prioritäten der Clinton-Administration, diese Situation
unter Kontrolle zu bringen", teilte er mit.
Christopher und andere hochrangige Mitglieder der
Administration bemühten sich, den Besuch von
Außenminister Han zu einer Beschwichtigung der in
Seoul bestehenden Ängste vor einer Fortsetzung
des amerikanischen Dialogs mit Pjöngjang zu
nutzen.

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"Die Vereinigten Staaten und Südkorea stehen seit
über 40 Jahren Seite an Seite in einem Bündnis, das
sich im Laufe der Jahre noch vertieft hat", so der
amerikanische Außenminister. "Enge Beziehungen
zu Südkorea sind für die Förderung der großen und
dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im
asiatisch-pazifischen Raum von essentieller Bedeutung."
Amerikanische und nordkoreanische Regierungsvertreter sollen am 10. September in Pjöngjang und
Berlin Fachgespräche zur Vorbereitung der Wiederaufnahme des hochrangigen Dialogs in Genf am 23.
September führen.
Christopher stellte fest, die Vereinigten Staaten und
Nordkorea hätten bei den Genfer Gesprächen im
vergangenen Monat "gewisse Fortschritte bei der
Lösung der Nuklearfrage" erzielt, jedoch noch einen
weiten Weg vor sich. "Wir müssen unsere Erklärungen in Aktionen umwandeln, die zu einer Lösung des
Problems führen."
Im Mittelpunkt der amerikanisch-nordkoreanischen
Gespräche in Berlin soll der vorgeschlagene Übergang zu Leichtwasserreaktoren stehen, während es
in Pjöngjang um Fragen im Zusammenhang mit der
Einrichtung von Verbindungsbüros in der Hauptstadt
des jeweils anderen Landes geht.
"Als Teil des von uns und unseren südkoreanischen
Verbündeten verfolgten umfassenden und gründlichen Ansatzes zu der Nuklearfrage haben sich die
Vereinigten Staaten und Nordkorea auf das Streben
nach normalisierteren politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen geeinigt", erklärte Christopher. "Zu
diesem Zweck sind jedoch Fortschritte bei der
Nuklearfrage sowie Offenheit zur Verbesserung des
Verhältnisses zwischen Nord- und Südkorea erforderlich." Die Vereinigten Staaten werden dem Minister
zufolge weiterhin absolut starkes Engagement für die
Sicherheit Südkoreas zeigen.

Seite 1

�Außenminister Han teilte mit, er sei nach Washington gekommen, um als Vorbereitung der bevorstehenden Treffen zwischen den Vereinigten Staaten
und Nordkorea "unsere Strategie und Pläne zu
entwerfen. Wir haben die Bedeutung von Transparenz beim nordkoreanischen Nuklearprogramm
bekräftigt, nicht nur jetzt und in Zukunft, sondern
auch bei entsprechenden Aktivitäten in der Vergangenheit."
Han bekräftigte die Bereitschaft Südkoreas, nach der
Lösung der Nuklearfrage an dem Projekt zur Bereitstellung von Leichtwasserreaktortechnologie für
Nordkorea teilzunehmen und einen bedeutenden
Beitrag zu leisten.
Dem Außenminister zufolge hält Südkorea alle Türen
für Gespräche zwischen Nord- und Südkorea offen.
Er stellte jedoch fest, die Pläne für einen Gipfel am
25. Juli seien durch den Tod des nordkoreanischen
Präsidenten Kim Il-Sung zerschlagen worden.
"Jetzt besteht das Problem darin, daß die wichtigsten Ämter in der Partei und der Regierung Nordkoreas offiziell nicht besetzt sind", äußerte Han und
fügte hinzu, die hochrangigen Gespräche zwischen
Nord- und Südkorea müßten bis zur offiziellen
Übernahme der Macht durch Kims Sohn ausgesetzt
werden. "Wir wissen nicht, wann das sein wird",
teilte er mit.

Christopher wies auf die Bedeutung von "Sonderinspektionen" durch die Internationale AtomenergieOrganisation (IAEO) als Teil des Sicherheitsabkommens mit Nordkorea hin. Diese würden essentielle
Informationen über Pjöngjangs frühere Nuklearaktivitäten liefern.
Der amerikanische Außenminister wird Ende des
Jahres nach Seoul reisen, "um unsere gemeinsamen
Interessen zu fördern und die Gespräche mit unserem engen Verbündeten, der Republik Korea, fortzusetzen". Der Sprecher im US-Außenministerium,
Michael McCurry, teilte später bei einer Pressekonferenz mit, der Minister würde Korea wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Treffen des Forums
für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation Forum APEC) einen Besuch abstatten. Der APEC-Gipfel ist
für November in Indonesien anberaumt.
Der Sprecher teilte auf Anfrage mit, Han hätte "keine
Bedenken gegen die derzeit laufenden Gespräche"
zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea
geäußert. McCurry zufolge würden die USA "ohne
Zweifel jegliche Bestrebung Nord- und Südkoreas in
der Frage einer dauerhaften Friedensvereinbarung
unterstützen".

* * * *

Seite 2

*

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�KRIEGSVERBRECHEN
14. September 1994

EIN TRIBUNAL FÜR DIE GERECHTIGKEIT
von John Shattuck
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel erschien auf Deutsch erstmals im Rheinischer Merkur vom
9. September 1994.
Der Verfasser ist Abteilungsleiter für Demokratie, Menschenrechte und Arbeitsfragen im US-Außenministerium.
Er kehrte vor kurzem von einer Reise nach Ruanda und Burundi zurück.

Eine der größten Herausforderungen, die sich der
Welt durch das Leiden in Ruanda stellt, ist die
Unterbrechung des Circulus vitiosus von Tod und
Vergeltung, die Milderung der demoralisierenden
Last kollektiver Schuld, die der ruandischen Gesellschaft auferlegt wurde, und das Aufzeigen von
Wegen zur Bestrafung dieses Genozids, um weitere
Genozide zu verhindern. Aus diesem Grund muß
die internationale Staatengemeinschaft unverzüglich
ein Kriegsverbrechertribunal für Ruanda einrichten,
das die für den Völkermord und andere Greueltaten
Verantwortlichen gegenüber ihren Opfern und der
internationalen Staatengemeinschaft zur Rechenschaft zieht.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
zusammen mit anderen Nationen energisch auf die
Gründung eines solchen Tribunals hin.
Die dem Morden in Ruanda und ähnlichen Konflikten
zugrundeliegenden ethnischen Spaltungen haben
einige zu der Fehleinschätzung verleitet, es handele
sich um Stammesfehden, deren tiefe historische
Wurzeln außerhalb der Reichweite von Justiz und
Diplomatie liegen. Der Genozid in Ruanda wurde in
der Tat von politischen Akteuren aus politischen
Gründen ausgelöst und ausgeführt. Ihrem Zynismus
und ihrer Brutalität muß jetzt mit den Prinzipien der
Rechenschaftspflicht und Gesetze begegnet werden.
Ein ermutigender Schritt war das jüngste Schreiben
der ruandischen Regierung an UN-Generalsekretär
Boutros Boutros-Ghali, in dem sie auf die unverzügliche Einrichtung eines internationalen Kriegsverbrechertribunals drängte. Die ruandischen Behörden
haben ihre Absicht bekräftigt, die Verfolgung von
Kriegsverbrechern auf absehbare Zeit dem internationalen Tribunal zu unterstellen.

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Es muß rasch gehandelt werden. Die erfolgreiche
Strafverfolgung wird die Anstifter des Völkermords
vom Schauplatz verbannen, Selbstjustiz und Racheakte abschrecken sowie den Ruandern - und ihren
Nachbarn in Burundi - das Vertrauen zum Wiederaufbau geschundener Gesellschaften geben.
Der UNO-Sicherheitsrat hat bereits ein internationales
Tribunal für das ehemalige Jugoslawien eingerichtet,
das Hunderte von Zeugenaussagen sammelt und den
Prozeß vorbereitet. Das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien kann den Lauf der
Gerechtigkeit in Ruanda fördern, indem es administrative Ressourcen und Personal sowie die Fähigkeiten der bereits eingerichteten Ermittlungs- und
Berufungskammern zur Verfügung stellt.
Wenn
solche Strukturen bereits vorhanden sind, könnte das
Tribunal für Ruanda zügig arbeiten. Sowohl das
jugoslawische als auch das ruandische Tribunal
benötigen zur Durchführung ihrer Arbeit eine angemessene Finanzierung.
Im vergangenen Monat
berief der Sicherheitsrat ein Expertengremium ein,
um den Völkermord in Ruanda zu untersuchen.
Während der Ausschuß seine Ermittlungen fortsetzt,
sollte der Rat offiziell ein Tribunal ins Leben rufen.
Obwohl die diplomatischen Schritte in den Hauptstädten von der Realität der Schlachtfelder Ruandas
und der Flüchtlingslager Zaires weit entfernt scheinen, sind sie für die Überlebenden von großem und
direktem Belang. Die Flüchtlinge werden nur nach
Hause zurückkehren und ihr zerrüttetes Leben wieder
aufbauen, wenn sie das ohne Angst vor Vergeltung
tun können. Den Einschüchterungskampagnen und
falschen Informationen in den Flüchtlingslagern über
unrechtmäßige Racheakte kann nur mit verläßlichen
Rechenschaftsberichten über die Situation in Ruanda
begegnet werden sowie einer glaubwürdigen Ver-

Seite 1

�pflichtung zu unparteiischer Gerechtigkeit, die
militärische Extremisten davon abhält, Gewalt zu
säen oder die leidenden Flüchtlingsmassen zu
terrorisieren.
Inzwischen muß die internationale Staatengemeinschaft Maßnahmen ergreifen, um in den ihrer Kontrolle unterstehenden Gebieten Beweismittel zu
sammeln und diejenigen festzunehmen, denen
glaubhaft eine Beteiligung am Völkermord nachgewiesen werden kann. Ferner besteht ein dringender Bedarf an Menschenrechtsbeobachtem. Die
US-Regierung hat bereits ihre Unterstützung zugesichert und fordert andere Nationen auf, ebenso
zu handeln.

Die größte Hoffnung auf eine Durchbrechung des
Teufelskreises von Genozid und Gewalt in Ruanda
liegt darin sicherzustellen, daß die Planer und Anführer dieses Gemetzels identifiziert, vor Gericht
gestellt und im Falle ihrer Verurteilung bestraft
werden. In einem Land so stark gespaltenen Land
wie Ruanda wird jedoch die Gerechtigkeit einer
Gemeinde wahrscheinlich als die Rache einer anderen betrachtet. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe
der internationalen Staatengemeinschaft, unparteiische Urteile über Schuld und Unschuld der Hauptverantwortlichen des Völkermords zu sprechen, damit
das ruandische Justizwesen die Versöhnungsarbeit
fortsetzen kann.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 36

�AMERIKAS

STÄDTE
14. September 1994

DER NEW YORKER STADTTEIL HARLEM
von Guy Halverson
Der zum Bezirk Manhattan gehörende New Yorker Stadtteil Harlem war im Verlauf seiner Geschichte eine
Enklave für verschiedene ethnische Gruppen und Rassen. Heute befindet sich Harlem in einem Prozeß der
Erneuerung, und Geschäfte, das kulturelle Leben und die Gesellschaft florieren. Der nachfolgende Artikel blickt
auf drei Jahrhunderte der Geschichte Harlems zurück.
Der Verfasser ist Journalist beim Christian Science Monitor.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor.
Copyright (c) 1993 The Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Harlem verändert sich - schon wieder!
Die Gemeinde Nordmanhattan (Bezirk New York
City) - während eines Großteils dieses Jahrhunderts
das intellektuelle und kulturelle Zentrum des schwarzen Amerika - erlebt einen Zustrom von Hispanoamerikanern und einigen Weißen, die sich in den
Randbezirken niederlassen.
Die Kriminalität ist zurückgegangen. Im vergangenen Jahrzehnt haben sowohl die Schwarzen als
auch die Weißen ihren Wohlstand ausreichend
vermehrt, so daß amerikanische Unternehmen in der
Gegend Geschäfte eröffnet haben oder entsprechende Möglichkeiten sondieren. Neue Kultur- und
Kunstprogramme erleben eine Hochblüte.
Gemeindevertretern zufolge vollzieht sich in Harlem
ein tiefgreifenderer Wandel als je zuvor in der
jüngeren Geschichte, vielleicht seit den zwanziger
Jahren. Anwohner und Demographen stellen fest,
daß sich in den Außenbezirken von Harlem eine
Mehrheit von Hispanoamerikanern angesiedelt hat,
obwohl das Zentrum weiterhin schwarz ist. Auch
wenn sie nicht die Mehrheit bildet, ist die hispanoamerikanische Gemeinde groß genug, um die
politische und kulturelle Identität Harlems zu verändern. Auch einige Weiße ziehen wieder in die
Gegend.
An den Grenzen des Bezirks werden einige Appartmenthäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt
oder von Eigentümerzusammenschlüssen aufgekauft.

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Die sich in Harlem vollziehenden dramatischen
Veränderungen "sind vielleicht keine Renaissance wie
in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger
Jahre, aber es handelt sich zweifelsohne um eine
größere Umstrukturierung", erklärt Walter Stafford,
Professor für Stadtplanung an der Wagner School of
Public Policy der New York University. "Es gibt eine
neue Erkenntnis, was getan werden kann."
Im vergangenen Jahr haben beispielsweise Ben &amp;
Jerry's Ice Cream und die britische Kosmetikkette
The Body Shop Geschäfte auf der 125. Straße,
Harlems von Osten nach Westen verlaufender
Hauptgeschäftsstraße, eröffnet.
"Durch den Verkauf bauen wir etwas auf", erläutert
Robert Triefus, Sprecher von The Body Shop. Im
Rahmen einer speziellen Vereinbarung gehen 50
Prozent des von dem Geschäft in der 125. Straße
erzielten Gewinns an die Gemeinde. Der verbleibende Gewinn wird zur Eröffnung neuer Geschäfte in
Gegenden mit niedrigen Einkommen verwendet.
Zu den amerikanischen Unternehmen, die in Hartem
Geschäfte aufmachen oder Berichten zufolge eine
solche Möglichkeit sondieren, zählen die Supermarktkette Pathmark, die Kaufhäuser Caldor and K-mart
Corporation und das Schiffa.hrtsunternehmen CIrcle
Line Tours.
"Wir konzentrieren uns jetzt auf zunehmende Geschäftsaktivitäten" anhand der strategischen Nähe
Harlems zum Zentrum Manhattans sowie aufgrund
der neuen Betonung der Stadtverwaltung des New

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�Yorker Bürgermeisters David Dinkins (der im Januar
1994 durch Rudolph Giuliani abgelöst wurde), die
Gegenden in den Innenstädten zu entwickeln, erklärt
Wallace Ford, Kommissar für Geschäftsdienstleistungen von New York.
"Im vergangenen Jahr war eine Zunahme kleinerer
Geschäfte und einiger Ketten zu verzeichnen. Wir
sehen das als sehr vielversprechend an", stellt ein
Sprecher der Handelskammer von Großharlem fest.
Für Millionen Amerikaner beschwört das Wort
"Harlem" ein Gefühl der Geschichte herauf sowie die
enormen Herausforderungen der Armut in zahlreichen städtischen Zentren.
Trotz seiner Geschichte hat Harlem immer noch
keine offiziellen Grenzen. Einigen Stadtplanem
zufolge beginnt Großharlem - und die angrenzende
Nachbarschaft - ungefähr bei der 96. Straße.
Andere sagen, an der 110. Straße. Die meisten
Experten stimmen jedoch überein, daß sich Harlem
von der 125. Straße nordwärts zwischen den Flüssen Hudson und Harlem bis in die Nähe der George
Washington-Brücke bei der 178. Straße erstreckt.
Viele der größten Bauprojekte hier werden von der
Stadtentwicklungsgesellschaft Harlem (Harlem Urban
Development Corporation - HUDC) ausgeführt, einer
Behörde des Bundesstaates New York. Mehrere
Komplexe schießen in ganz Harlem in die Höhe,
darunter Harlem-on-the-Hudson und das Gatewayto-Harlem-Projekt im Norden des Central Park. Für
Donald Cogsville von der HUDC steht die Erneuerung Harlems in direkter Verbindung zu der Zunahme neuer, multifunktionaler Erschließungsprojekte,
bei denen Wohnungen, Geschäfte und Büroräume
unter einem Dach untergebracht sind. Und die
Projekte und Arbeitsplätze bedeuten einen Zustrom
neuer Familien, von denen viele entschieden wohlhabender sind als die bisherigen Anwohner. Angesichts dieser Anhebung des Lebensstandards
unterstreicht Stafford die Notwendigkeit sicherzustellen, daß die seit Jahren in Harlem lebenden Menschen Zugang zu ordentlichen Wohnungen haben.
Die Geschäftsmieten entlang der 125. Straße
"steigen und steigen", äußert Chaesoo Kim, Direktor
des koreanisch-amerikanischen Wirtschaftsverbands
von Harlem. (Es befinden sich 40 bis 50 koreanische Geschäfte in der Gegend).
"Für die meisten Afroamerikaner ist es fast unmöglich, ein Haus in Harlem zu kaufen", stellt Horace
Carter fest, Präsident und Gründer der Emanuel
Pieterson Historischen Gesellschaft, einer Vereinigung zur Gebietserhaltung. Trotz all seiner Herausforderungen ist Harlem ein interessanter und aufre-

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gender Wohnort, so der seit langem ansässige
Carter.
Ursprünglich war "New Harlem" ein um 1600 von
Peter Stuyvesant, dem Gouverneur von New Amsterdam, gegründetes Dorf, das später New York
wurde. Nachdem die Briten Ende 1600 die Kontrolle
übernommen hatten, wurde Harlem eine Ansiedlung
von Bauernhöfen. Anfang des 20. Jahrhunderts war
Harlem vornehmlich von Deutschen und deutschen
Juden bewohnt, obwohl es einige Iren, Skandinavier
und, weiter im Osten, Italiener gab. In Ostharlem
hatte sich die größte Gemeinde von Italoamerikanem
in Nordamerika niedergelassen, die bis ungefähr
1930 dort ansässig blieb. Tausende Italoamerikaner
leben immer noch in Enklaven in der Nähe der 116.
Straße, Tür an Tür mit puertoricanischen und anderen hispanoamerikanischen Gemeinden.
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen viele Afroamerikaner erstmals in nördlich des Central Park gelegene
Gebiete, teilweise "wegen der großen Zahl zur
Verfügung stehender Wohnungen", so Frank Vardy,
Demograph in der Bevölkerungsabteilung der Stadtverwaltung von New York. (In Harlem gibt es immer
noch den meisten freien Wohnraum Manhattans). Zu
Beginn dieses Jahrhunderts war die Gemeinde der
Schwarzen in New York Vardy zufolge vorwiegend
auf der Westseite Manhattans angesiedelt. Die
Bewegung schwarzer Familien nach Norden wurde
zu einem Strom, als die wichtigen Kirchen für
Schwarze sich im Norden niederließen.
Die zwanziger Jahre waren für die in Harlem lebenden Afroamerikaner das Goldene Zeitalter, symbolisiert von Jazzstars wie Duke Ellington, Fletcher
Henderson und Cab Calloway. Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wie Längsten Hughes, W. E. B.
DuBois und Paul Robeson lebten hier. Zu dieser Zeit
war die 125. Straße in rassischer und ethnischer
Hinsicht integriert.
"Die Straße war von Kinos und Varietötheatern
gesäumt, die vor allem von jüdischen Familien
besucht wurden, von guten Restaurants und zahlreichen Läden; die Nachtclubs wurden von vielen
Weißen aufgesucht", erinnert sich ein in den zwanziger Jahren in der 125. Straße wohnender Mann.
"Fast alle kamen gut miteinander aus. Die 125.
Straße war voller Leben."
Als die Afroamerikaner kamen, verließen die Weißen
die Gegend. "Das jüdische Harlem" verschwand
praktisch. Aber noch 1950 hatte Großharlem, einschließlich des Gebiets um die Columbia University,
eine 52prozentige Mehrheit weißer Einwohner. 1960
hatte sich das Blatt gewendet: In Harlem lebten 53
Prozent Schwarze sowie eine vorwiegend im Osten

AMERIKA DIENST 36

�Harlems angesiedelte hispanoamerikanische Minderheit von 18 Prozent. Die Gesamtbevölkerung
Harlems nahm stetig ab. Aber nicht nur die Weißen
gingen; Tausende von afroamerikanischen Familien
der Mittelschicht und akademischen Berufe zogen
aus Harlem weg, und die größte Gemeinde von
Schwarzen in New York ist jetzt in Brooklyn zu
finden.
"In den letzten 20 Jahren hat die Bevölkerung von
Harlem immer stärker abgenommen", so David
Reimers, Historiker an der New York University.
Inzwischen kommen aber Menschen jedes ethnischen Hintergrunds wieder zurück.
"Die Volkszählung von 1990 weist erstmals seit 1950
wieder einen Bevölkerungsanstieg in Harlem und
Umgebung aus", erklärt Cogsville von der HUDC. In
Teilen der oberen Westseite von Manhattan und in
Ostharlem ist der Anteil der Afroamerikaner auf 42
Prozent gesunken, der der Weißen von 14,5 Prozent
im Jahr 1980 auf 15 Prozent angestiegen, die
Asiaten ziehen fort. Die Wachstumsrate der Hispanoamerikaner schnellt jedoch in die Höhe.
"In einigen Jahren werden die Hispanoamerikaner in
Harlem und Umgebung eindeutig die Mehrheit
ausmachen", so Carter.
Einflußreiche Schwarze sind davon überzeugt, daß
Harlem auch in Zukunft hauptsächlich von Af roameri-

*

AMERIKA DIENST 36

*

kanem bewohnt sein wird. Die demographische
Entwicklung läßt darauf schließen, daß das vielleicht
nur im innersten Kern von Harlem der Fall sein wird.
Selbst im Zentrum Harlems, wo die Schwarzen seit
den dreißiger Jahren die Mehrheit ausmachen, lassen
sich die Hispanoamerikaner in beträchtlicher Zahl
nieder.
Der Anstieg der hispanoamerikanischen Bevölkerung,
der auch viele Einwanderer aus der Karibik angehören, ist ein Faktor für den jüngsten Anstieg der Armut.
Ungefähr 30 Prozent aller in Harlem lebenden
Familien erhalten staatliche Unterstützung, so James
Davis von der HUDC. Dennoch ist das Einkommen
insgesamt angestiegen, was teilweise den allgemeinen Anstieg des Lebensstandards widerspiegelt. Im
Zentrum von Harlem erhöhte sich die Zahl der
Haushalte mit einem Einkommen zwischen 20.000
und 50.000 Dollar von 11,6 Prozent im Jahr 1980 auf
über 32 Prozent 1990; die Zahl der Familien mit
einem Einkommen über 50.000 Dollar nahm einem
Bericht der HUDC zufolge von einem Prozent 1980
auf 10 Prozent 1990 zu.
Die Verbrechensrate sinkt ebenfalls, insbesondere in
den von den Haupteinkaufszentren entfernt gelegenen Gebieten. Im 30. Polizeirevier an der 151.
Straße West fiel die Anzahl der Morde von 46 im
Jahr 1991 auf 26 im Jahr 1992. Raubüberfalle,
tätliche Angriffe und Autodiebstähle nahmen ebenfalls
ab.

*

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gore betont amerikanisches Engagement für Deutschland und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Vizepräsidenten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;2. Der Abschied&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Christopher erinnert an die Berliner Luftbrücke von 1948&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache vo dem Luftbrückendenkmal&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Christopher würdigt Leistungen der alliierten Streitkräfte in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede im Berliner Schauspielhaus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Bevölkerung&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Kairo erörtert Nord-Süd-Probleme und Ethik-Fragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Überwindung letzter Hindernisse&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Amerikaner für Eindämmung des Bevölkerungswachstums&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die öffentliche Meinung in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;4. Nordkorea&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA dringen auf Dialog zwischen Nord- und Südkorea&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gespräche zwischen Christopher und Han&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;5. Kriegsverbrechen&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ein Tribunal für die Gerechtigkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Shattuck&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. September 1994

35

BEVÖLKERUNG

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten

ARBEITSWELT

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt

BILDUNG

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente

VERFASSUNG

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST
GEFRAGTER NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 33 41 02

�BEVÖLKERUNG
7. September 1994

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten
KAIRO - (AD) - Die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums kann durch einen breitgetächerten Ansatz
erzielt werden, der wirtschaftliche Erfordernisse, Bildung, Gesundheitsfürsorge und Familienplanung anspricht,
erklärte Vizepräsident AI Gore den Teilnehmern der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung am Eröffnungstag.
Die von den Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz wurde am 5. September 1994 in Kairo eröffnet und
soll bis zum 13. September dauern. Vizepräsident Gore, der die amerikanische Delegation anführt, stellte fest,
die Geschichte habe die Unzulänglichkeit isolierter Lösungen für das Bevölkerungsproblem gelehrt. Er drängte
auf Unterstützung eines ausgewogenen, vielseitigen Ansatzes, der die Betonung auf gerechte und
umweltverträgliche Entwicklung, Bildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Bekämpfung des
Analphabetentums, die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva sowie eine gute Gesundheitsfürsorge legt. Konsequent
verfolgt würden diese Elemente zu niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einem stabilisierten
Bevölkerungswachstum führen, argumentierte der Vizepräsident.
Entsprechend sei die Lösung für das Problem der Armut "in einem umfassenden Ansatz (zu finden), einer
Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten, wenig Korruption, einer soliden
Umweltpolitik, freien und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu Märkten in den Industrienationen",
äußerte Gore.
Im Hinblick auf die kontroversen Empfehlungen der Konferenz zum Schwangerschaftsabbruch stellte der
Vizepräsident fest: "Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung eines neuen internationalen Rechts
auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte dieser nicht als Methode der Familienplanung
ermutigt werden. Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische Entscheidungen zu diesen Fragen im
Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie
im Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Vizepräsident Gore.
Es ist mir eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen eine der
wichtigsten Konferenzen zu eröffnen, die je veranstaltet wurden.
Im Namen von Präsident Clinton und allen Amerikanern möchte ich zunächst dem Gastgeber, Präsident
Mubarak, danken. Seine Präsidentschaft ist gekennzeichnet von dem kontinuierlichen Engagement, eine
bessere Zukunft für sein Volk, diese Region und die
Welt aufzubauen. Diese Konferenz soll dazu beitragen, dieses Ziel zu verwirklichen. Ich kann mir
keinen besseren oder geeigneteren Ort als Kairo für
die heute von uns begonnene Arbeit vorstellen.

AMERIKA DIENST 35

Ich möchte auch Generalsekretär Boutros Boutros
Ghali und Dr. Nafis Sadik für ihre engagierte Führungsrolle bei der Umsetzung dieser Konferenz von
einer Idee zur Realität meinen Dank aussprechen.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Beiträge von
Ministerpräsidentin Brundtland und Ministerpräsidentin Bhutto zu den Bestrebungen der Welt, dieses
lebenswichtige Thema anzusprechen.
Vor allem möchte ich jedoch den enormen Beitrag
von Regierungsvertretern, Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen und Privatleuten zur Bewältigung
der größten Herausforderung - und größten Chance des kommenden Jahrhunderts würdigen. Wir alle
schulden den an diesem Prozeß Beteiligten großen
Dank.

Seite 1

�Wir wären heute nicht hier versammelt, wenn wir
nicht überzeugt wären, daß das rasche und umweltschädliche Wachstum der Weltbevölkerung ein
Problem von höchster Dringlichkeit ist. Es dauerte
10.000 Generationen, bis die Weltbevölkerung zwei
Milliarden Menschen zählte. Aber in den vergangenen 50 Jahren hatten wir ein Bevölkerungswachstum
von 2 Milliarden auf über fünfeinhalb Milliarden zu
verzeichnen. Und wir sind auf dem Weg zu einem
Zuwachs auf 9 oder 10 Milliarden in den nächsten
50 Jahren. 10.000 Generationen, um eine Bevölkerung von 2 Milliarden zu erreichen und dann explodiert die Bevölkerung in einem menschlichen
Leben - dem unseren - von 2 Milliarden auf 10
Milliarden.

zur präzisen Lokalisierung der Fische haben den
gesamten Fischbestand unseres Planeten in hohem
Maße ausgebeutet oder ernsthaft gefährdet. Aus
diesem Grund haben wir die Verwendung von Treibnetzen eingeschränkt.

Diese Zahlen sind kein Problem an sich. Aber das
erstaunliche neue Muster, das sie zeichnen, ist ein
Symptom einer sehr viel größeren und tief ergehenden, die Menschheit konfrontierenden Herausforderung. Werden wir unseren Beziehungen zueinander
Rechnung tragen oder nicht? Werden wir die
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen übernehmen oder nicht?
Können wir Wege der Zusammenarbeit finden, oder
werden wir darauf bestehen, selbstsüchtig die
Grenzen des menschlichen Stolzes zu erforschen?
Wie können wir es erreichen, in den Gesichtern der
anderen unsere eigenen Hoffnungen und Träume für
die Zukunft zu sehen? Warum ist es so schwer zu
erkennen, daß wir alle Teil eines größeren Ganzen
sind?

Wirtschaftlich gesehen trägt das rasche Bevölkerungswachstum häufig zu der Herausforderung bei,
niedrige Löhne, Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in Angriff zu nehmen.

Natürlich gibt es unendliche Fragen, die stets die
Menschheit bewegt haben. Heute erhalten sie
jedoch eine neue Dringlichkeit, eben weil wir ein
neues Stadium der menschlichen Geschichte erreicht haben - ein nicht nur durch das kometenhafte
Wachstum der Menschheit, sondern auch durch die
beispiellosen faustischen Kräfte der neuen Technologien definiertes Stadium, das wir in eben diesen 50
Jahren erreicht haben - Technologien, die uns nicht
nur neue Vorteile bringen, sondern auch die Konsequenzen jahrhundertealter Verhaltensmuster in
einem Extrem beleuchten, das allzuoft die Klugheit
übersteigt, die wir in unsere Entscheidung über ihren
Einsatz einbringen.
Kriegführung ist beispielsweise eine althergebrachte
menschliche Gewohnheit - aber die Erfindung von
Nuklearwaffen hat die Konsequenzen dieses Verhaltens so radikal verändert, daß wir gezwungen sind,
neue Denkmuster über die Beziehungen zwischen
Nuklearstaaten zu sondieren, um den Einsatz dieser
Waffen zu verhindern. Entsprechend waren die
Ozeane immer eine Quelle von Nahrungsmitteln,
aber neue Technologien wie 60 Kilometer lange
Treibnetze zusammen mit modernstem Sonargerät

Seite 2

Es wird jedoch zunehmend deutlich, daß unser
Bewegungsspielraum kleiner wird, während das
rapide Bevölkerungswachstum einhergeht mit einem
enormen und umweltschädigenden Konsumniveau in
den Industrienationen, mächtigen neuen Instrumenten
zur Ausbeutung der Erde und der Mitmenschen sowie
der entschiedenen Weigerung zur Übernahme der
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen.

Die Bevölkerungstrends stellen ebenfalls eine Herausforderung für die Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen dar, die erforderlichen Investitionen in Humankapital und Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends die Investitionen der Welt in ihre Kinder
- insbesondere Mädchen - auf einem inakzeptabel
niedrigen Niveau gehalten.
Für den einzelnen sind Bevölkerungswachstum und
hohe Geburtenraten eng mit schlechter Gesundheit
und verringerten Chancen für abermillionen Frauen,
Kleinkinder und Kinder verbunden.
Die Bevölkerungsexplosion schränkt häufig die
Hoffnungen für Stabilität auf nationaler und internationaler Ebene ein. Nehmen Sie zum Beispiel die
20 Millionen Flüchtlinge auf unserer Welt, die kein
Zuhause haben.
Die Delegierten dieser Konferenz haben dazu beigetragen, weithin Verständnis dieser neuen Realitäten herbeizuführen. Besonders bemerkenswert für
diese Konferenz ist jedoch nicht nur das beispiellose
Ausmaß an Konsens über das Wesen des Problems,
sondern auch das Ausmaß an Konsens über das
Wesen der Lösung.
In den vergangenen Jahren haben sich die Sichtweise und das Verständnis dieses Problems tiefgreifend gewandelt. Und diese Veränderung ist Teil
einer umfassenderen philosophischen Verlagerung
der Art und Weise, in der die meisten Menschen über
viele große Probleme nachzudenken begonnen
haben.

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�Es gab eine automatische Tendenz - insbesondere
in den Industrienationen - über den Prozeß des
Wandels im Kontext isolierter Ursachen nachzudenken, die isolierte Wirkungen erzeugen. Und daher
schien es bei der Suche nach dem Weg zur Lösung
eines speziellen Problems, wie groß es auch sein
mag, nur natürlich, nach der einzigen, am deutlichsten herausragenden "Ursache" des Problems zu
suchen und es dann entschieden anzugehen.
Zahlreiche kontroverse Argumente zwischen Gruppen waren die Folge, die unterschiedliche Gründe
als die "Hauptursache" ausmachten, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangte.
Als deutlich wurde, daß neue medizinische Technologien einen dramatischen Rückgang der Sterbeziffern, aber nicht der Geburtenrate bewirkten, einigten
sich zahlreiche Pioniere der Bestrebungen zur
Bewältigung des Bevölkerungsproblems auf das
Konzept, der Mangel an Kontrazeptiva sei das
Hauptproblem und argumentierten, ihre weitgehende
Verfügbarkeit würde den von uns gewünschten
Effekt produzieren - die Beendigung des demographischen Übergangs mit niedrigen Geburten- und
Sterberaten.
Als jedoch deutlich wurde, daß Empfängnisverhütung
allein selten den von uns angestrebten Wandel
herbeiführt, widmete man anderen isolierten Ursachen das Hauptaugenmerk.
Bei der historischen Konferenz von Bukarest vor 20
Jahren, als denkende Menschen feststellten, daß die
Mehrzahl der Gesellschaften mit stabilisiertem
Bevölkerungswachstum wohlhabend, industrialisiert
und "entwickelt" waren, schien die Schlußfolgerung
beispielsweise logisch, daß - in der damals gängigen
Formulierung - "Entwicklung die beste Empfängnisverhütung ist".
In der Zwischenzeit wurde Erkenntnissen der Entwicklungsländer
unzureichend
Aufmerksamkeit
gewidmet. Einige afrikanische Politiker argumentierten zum Beispiel vor 30 Jahren, daß "das mächtigste
Mittel zur Empfängnisverhütung der Welt das Vertrauen der Eltern in das Überleben ihrer Kinder ist".
An Orten wie Kerala im Südwesten Indiens ließen
die örtlichen Behörden Frauen und Männer an der
wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben, indem sie
ihnen mehr Zugang zu Bildung gewährten, Alphabetisierungskampagnen in die Wege leiteten und
gleichzeitig gute Gesundheitsfürsorge für Mütter und
Kinder sowie Verhütungsmittel bereitstellten. Infolge
dieser Maßnahmen fiel die Wachstumsrate der
Bevölkerung fast auf Null.

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Die Welt hat von den Entwicklungsländern auch
gelernt, daß die falsche Art schneller wirtschaftlicher
Entwicklung - die ungerecht ist und die traditionelle
Kultur, Umwelt und Menschenwürde schädigt - zu
einer Desorientierung der Gesellschaft sowie einer
Verringerung der Fähigkeit zur Lösung aller Probleme
- einschließlich des Bevölkerungsproblems - führen
kann.
Hier in Kairo besteht jedoch ein neuer und weitverbreiteter Konsens, daß keine dieser Lösungen alleine
ausreicht, um den von uns angestrebten Wandel
herbeizuführen. Wir sind uns jetzt darüber einig, daß
sie zusammengenommen über einen ausreichenden
Zeitraum hinweg eine systematische Veränderung zu
niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums herbeiführen werden. Bei diesem neuen Konsens gehen
gerechte und umweltverträgliche Entwicklung sowie
eine Stabilisierung des Bevölkerungswachstums Hand
in Hand. Aufklärung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Alphabetisierungskampagnen,
die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und hochwertige Gesundheitsfürsorge sind Faktoren von
entscheidender Bedeutung.
Sie können nicht aufgeschoben werden, bis Entwicklung stattfindet, sondern müssen gleichzeitig mit ihr
einhergehen - und sollten als Teil des Prozesses
angesehen werden, durch den Entwicklung beschleunigt und wahrscheinlicher gemacht wird.
Dieses holistische Verständnis ist repräsentativ für
den Ansatz, den wir zur Lösung anderer drängender
Probleme wählen müssen. Beziehungen und wechselseitige Verbindungen anzuerkennen, ist hierzu ein
Schlüssel. Beispielsweise steht die Zukunft der
Industrienationen im Zusammenhang mit den Aussichten der Entwicklungsländer.
Teilweise aus
diesem Grund möchten wir in den Vereinigten Staaten diese Gelegenheit nutzen, um unmißverständlich
alle Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf
Entwicklung, zu bekräftigen.
Wir sollten eindeutig klarstellen, daß andauernde
große Armut auf unserer Welt den Hauptgrund für
menschliches Leiden, Umweltzerstörung, Instabilität und hohes Bevölkerungswachstum - darstellt.
Die Lösung ist jedoch - wie die Lösung des Bevölkerungsproblems - nicht in einer isolierten, vereinfachenden Antwort zu finden, sondern in einem
umfassenden Ansatz, einer Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten,
wenig Korruption, einer soliden Umweltpolitik, freien
und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu
Märkten in den Industrienationen.

Seite 3

�Ferner müssen wir - in den Entwicklungs- und
Industrieländern gleichermaßen - die Verbindung
zwischen der heutigen und zukünftigen Generationen anerkennen, die die Ergebnisse der heute von
uns getroffenen Entscheidungen erben werden. Ein
Großteil der intellektuellen Krise der modernen Welt
wurzelt in unserer halsstarrigen Weigerung, über
unsere direkten Bedürfnisse und Wünsche hinauszuschauen und in die Art von Zukunft zu investieren,
auf die unsere Enkelkinder ein Recht haben. Und
es sollte offensichtlich sein, daß wir diesen verlorenen Sinn für die Zukunft nicht durch bloße
Appelle an Verstand und Logik wiedergewinnen
können.
Ich persönlich bin davon überzeugt, daß der anzustrebende holistische Ansatz in dem Glauben an die
grundlegenden menschlichen Werte und das Engagement dafür verwurzelt ist, die in allen großen
religiösen Traditionen und Prinzipien zu finden sind,
denen Männer und Frauen auf der Welt in zunehmendem Maße anhängen:

Die Verfassung der Vereinigten Staaten sichert das
Recht jeder innerhalb unserer Grenzen lebenden
Frau, sich mit begrenzten und spezifischen Ausnahmen für einen Schwangerschaftsabbruch zu
entscheiden. Wir sind diesem Prinzip verpflichtet.
Ich möchte jedoch ein Mißverständnis ausräumen:
Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung
eines neuen internationalen Rechts auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte
dieser nicht als Methode der Familienplanung ermutigt werden.
Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische
Entscheidungen zu diesen Fragen im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer
Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie im
Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten.
In diesem Zusammenhang verurteilen wir jeglichen,
im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbruch
oder anderen reproduktiven Fragen stehenden
Zwang.

Die zentrale Rolle der Familie,
die Bedeutung des Gemeinsinns,
die Freiheit des menschlichen Geistes,
die angeborene Würde jeder Frau, jedes Mannes
und jedes Kindes auf diesem Planeten,
politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheit,
universelle und unveräußerliche Menschenrechte.
Entweder stützen wir uns bei unseren heutigen
Bestrebungen auf den Reichtum dieser gemeinsamen Prinzipien und Werte, oder wir lassen zu,
daß unsere Differenzen uns spalten. Und es ist
natürlich äußerst schwierig, einige dieser Differenzen
vollständig beizulegen.
Beispielsweise sind wir uns alle wohl bewußt, daß
die Ansichten zu einem Schwangerschaftsabbruch
zwischen Nationen und Einzelpersonen sehr unterschiedlich sind. Ich möchte die Position der Vereinigten Staaten zum Schwangerschaftsabbruch
deutlich machen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Unserer Ansicht nach wird die Bereitstellung
hochwertiger Dienstleistungen bei Familienplanung
und Gesundheitsfürsorge gleichzeitig zu einer
Respektierung des Wunschs der Frau nach einer
Verhütung ungewollter Schwangerschaften, zu einer
Verringerung des Bevölkerungswachstums und der
Abtreibungsquote führen.

Wo ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt ist, sollte er
unserer Meinung nach medizinisch sicher sein. Eine
medizinisch gefährliche Abtreibung ist ein Punkt bei
der Gesundheit der Frau, mit dem wir uns befassen
müssen.
Obwohl wir uns bewußt sind, daß auf einigen wenigen Gebieten eine vollständige Einigung schwer zu
erzielen ist, wollen wir uns um eine Respektierung
unserer Unterschiede bemühen und mit ihrer Überwindung das schaffen, was der Welt als der "Geist
von Kairo" im Gedächtnis bleiben wird - eine gemeinsame, unerschütterliche Entschlossenheit, die Weichen für eine Zukunft der Hoffnung und Verprechungen zu stellen.
Dies ist die Eröffnungssitzung. Jeder von uns kann
einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg dieses
historischen Unterfangens leisten. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür ist unser Engagement für
sein Funktionieren.
Der schottische Bergsteiger W. H. Murray schrieb
Anfang dieses Jahrhunderts: "Bevor man sich
engagiert, gibt es Zögern, die Möglichkeit des Rückzugs, beständige Ineffektivität. Im Hinblick auf
jegliche Initiative ... gilt eine elementare Wahrheit,
deren Unkenntnis zahllose Ideen und hervorragende
Pläne zunichte macht: In dem Moment, an dem man
sich endgültig zu etwas verpflichtet, handelt auch die
Vorsehung."
Anfang dieses Jahres konnte ich mich im Süden
dieses Kontinents mit eigenen Augen von der Wahr-

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AMERIKA DIENST 35

�haftigkeit dieser Behauptung überzeugen, als ich
mein Land bei der Amtseinführung Nelson Mandelas
vertrat.
Als er seine Hand zur Ableistung des Amtseids
erhob, erinnerte ich mich plötzlich an einen Sonntagmorgen vor vier Jahren, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und mein damals siebenjähriger
jüngster Sohn gemeinsam mit mir die Berichterstattung im Fernsehen sah und fragte, warum die ganze
Welt zusah, wie diesem Menschen die Freiheit
wiedergegeben wurde.
Als ich ihm das nach bestem Vermögen erklärte,
fragte mein Sohn erneut "Warum?". Und nach
vielen "Warum" war ich etwas frustriert - erkannte
aber plötzlich auch, was für ein seltenes Privileg es
ist, einem Kind ein solch außergewöhnliches Ereignis zu erklären, wo ich doch wie so viele Eltern
oftmals mit der Belastung konfrontiert bin, ihm die
Existenz des Bösen sowie schreckliche Tragödien
und Ungerechtigkeit auf unserer Welt erklären zu
müssen.
Als Präsident Mandela seinen Amtseid abgelegt
hatte, beschloß ich, daß ich in den kommenden

*

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Tagen in Südafrika versuchen wollte zu verstehen,
wie diese wunderbare Entwicklung möglich wurde.
Was ich herausfand - neben dem wohlbekannten Mut
und der Vision von Mandela und De Klerk gleichermaßen - war das Schlüsselelement, das in der
Nachrichtenberichterstattung keinen Niederschlag
gefunden hatte: Männer und Frauen jedes ethnischen Hindergrunds aus allen Gesellschaftsschichten
hatten im Stillen beschlossen, die sie trennenden
Barrieren zu überwinden und Hand in Hand eine
Zukunft zu schaffen, die schöner ist als alles, was sie
sich je vorgestellt hatten.
Heute sehen wir uns derselben Wahl und denselben
Chancen gegenüber: Werden wir unseren Enkeln die
Last auferlegen, ihren Kindern zu erklären, warum
sich im Verlauf ihres Lebens unaussprechliche
Tragödien ereignen, die hätten vermieden werden
können?
Oder werden wir ihnen das Privileg und die Freude
verschaffen, ungewöhnlich positive Entwicklungen zu
erklären - deren Grundlagen zu dieser Zeit an diesem
Ort gelegt wurden? Wir haben die Wahl. Wir sollten
eine gute Wahl treffen.

* * *

*

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�ARB E I T S W E L T
7. September 1994

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu aufgerufen, die Regierung beim
Wiederaufbau einer tragfähigen Mittelschicht zu
unterstützen, die in den letzten Jahren durch die
Entwicklungen am Arbeitsplatz zerfiel.
Bei einem Mittagessen des privaten Center for
National Policy erklärte Reich am 31. August 1994,
die Mitte der siebziger Jahre begonnenen Trends
hätten das Einkommens- und Sozialleistungsgefälle
zwischen den qualifizierten Arbeitnehmern und
denen ohne gute Bildung und Ausbildung vergrößert.
Im Laufe dieses Prozesses sei die alte Mittelschicht
in drei neue Gruppen aufgespalten worden: "Eine
vorwiegend in den Innenstädten gefangene Unterschicht, die zunehmend von den Wirtschaftszentren
isoliert ist, eine Oberschicht derjenigen, die den
Wandel in ihren Dienst stellen und dazwischen die
größte Gruppe, eine Gruppe ängstlicher Menschen,
die großenteils einen Arbeitsplatz haben, aber zu
Recht besorgt um ihre Stellung und um die Zukunft
ihrer Kinder sind."
Reich nahm diese Analyse nur fünf Tage vor dem
Feiertag Labor Day vor, der jedes Jahr zu Ehren der
Arbeitnehmer begangen wird.
Er untermauerte seine Behauptung mit Statistiken,
die besagen, daß die Kluft innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung immer größer wird. Im Zusammenhang mit dem Einkommen erklärte er, ein
männlicher Collegeabsolvent hätte 1992 im Durchschnitt 83 Prozent mehr verdient als ein High
School-Absolvent, verglichen mit einem Ungleichgewicht von nur 49 Prozent im Jahr 1979.
Ähnliche Trends zeichnen sich bei der Krankenversicherung, den Renten und bei der Möglichkeit ab,

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"überhaupt einen Arbeitplatz zu behalten", so Reich.
Die Arbeitslosenquote für High School-Abbrecher
stieg von 7 Prozent in den siebziger Jahren auf über
12 Prozent im Jahr 1993, während die Arbeitslosenquote für Arbeitnehmer mit einem Collegeabschluß
oder einem noch höherwertigen Abschluß ziemlich
stetig bei ungefähr 3 Prozent liegt.
Der bemerkenswerteste Wandel am Arbeitsplatz war
Reich zufolge "die ungestüme Ankunft des Computers" - eine Entwicklung, die "die Spaltung innerhalb
der amerikanischen Erwerbsbevölkerung zwischen
den Computerkundigen und ihren weniger geschulten
Kollegen vertieft hat".
Die Arbeitsplatzpolitik der Clinton-Administration
basiert auf "der erwiesenen Tatsache, daß Qualifikationen von Bedeutung sind und erworben werden
können", so Arbeitminister Reich. Er forderte die
Entwicklung eines "neuen Sozialpakts zwischen
amerikanischen Arbeitnehmern, Wirtschaft und
Regierung" zur Förderung von Ausbildung am Arbeitsplatz, die er als zunehmend erforderlich bezeichnete.
"Für amerikanische Unternehmen ist dieser neue
Sozialpakt nicht nur ein Gebot der Unternehmenspolitik gegenüber den Bürgern, sondern auch ihrer
eigenen langfristigen Interessen", erklärte er. Reich
bat die großen, einflußreichen Wirtschaftsverbände,
wie die amerikanische Handelskammer und die
nationale Produzentenvereinigung, diese Tatsache
anzuerkennen und ihre Mitglieder zu entsprechendem
Handeln zu veranlassen.
"Die Aussichten für Amerika sind vielversprechend",
so Reich. "Es gibt keine feste Zahl guter Arbeitsplätze, die aufgeteilt werden müssen, noch irgendwelche natürlichen Grenzen für die Erfindungsgabe des

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�menschlichen Geistes oder neue Produkte und
Dienstleistungen", die er hervorbringen kann.
In den letzten Jahren dieses Jahrhunderts, in der
von Hoffnungen und Ängsten gekennzeichneten Verwirrung nach dem Ende des Kalten Krieges, besteht
unsere wichtigste Aufgabe in der Wiederherstellung

der Hoffnung der von Angst erfüllten Schichten und
der Ermutigung der verzweifelten Unterschicht, um
mit Überzeugung zu bekräftigen, daß der Amerikanisehe Traum des weit verbreiteten Wohlstands für die
Mittelschicht Bestand hat", äußerte der Arbeitsminister.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 35

�BILDUNG
7. September 1994

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Bildungsminister Richard Riley möchte auf nationaler Ebene das
erreichen, was er während seiner Zeit als Gouverneur von South Carolina im Bereich des staatlichen
Bildungswesens erzielte. Er bemüht sich mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit um einen Konsens und strebt
eine grundlegende Reform an, die eine Veränderung des staatlichen Bildungswesens in den Vereinigten
Staaten herbeiführen soll.
Steven Piacente ist Korrepondent in Washington für Charleston (S.C.) Post and Courler und freiberuflicher
Schriftsteller.
Nachdruck aus Government Executive, Juni 1993. Copyright (c) 1993 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Government Executive,
1730 M Street, N.W., Washington, D.C. 20036.
Präsident Clinton wünschte, daß sein Kabinett die
Farben Amerikas widerspiegelt. Für die Farbe Grau
wählte der Dick Riley.
Dieser Farbton scheint dem amerikanischen Bildungsminister zu stehen. Der kleine Mann mit der
silberumrandeten Brille und dünnen grauen Haarsträhnen hat aufgrund von Wirbelsäulenproblemen
eine gebeugte Haltung. Er ist zurückhaltend und
bisweilen volkstümlich im Stil der Südstaaten.
Im Laufe der Jahre hat der jetzt 60jährige Riley sich
jedoch als so stark und standhaft erwiesen wie die
gewaltigen grauen Schlachtschiffe, die an den
Küsten des Bundesstaates South Carolina, dessen
Gouverneur er acht Jahre lang war, vor Anker
liegen.
Nachdem er kürzlich mit einigen Besuchern aus
seinem Heimatstaat über die gewaltigen Probleme
gescherzt hatte, denen er sich in seinem neuen Amt
gegenübersieht, machte er lässig eine Äußerung, die
sowohl erstaunlich akkurat als auch für seine Verhältnisse äußerst selbstgefällig ist: "Sie wissen sehr
gut - wenn ich etwas angefangen habe, gebe ich
nicht auf."

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Riley demonstrierte diese Zähigkeit schon vor zehn
Jahren, als er das staatliche Bildungswesen von
South Carolina fast ohne fremde Hilfe auf den Stand
des 20. Jahrhunderts brachte und die widerstrebende
Generalversammlung (die Teil der bundesstaatlichen
Legislative ist) zu Steuererhöhungen überredete.
Seine Leistungen wurden von seinem Amtskollegen,
Gouverneur Bill Clinton, sorgfältig verfolgt, der in
Riley einen Mentor sieht.
Nachdem Clinton ihm die Chance gegeben hat, sein
Werk auf nationaler Ebene fortzusetzen, wurde Riley
bei seinen ersten Begegnungen mit Bildungsexperten
in Washington für seine übertrieben gedehnte
Sprechweise bekannt.
Er beginnt folgendem»«ßon: "Man sagt, 'Wissen Sie,
Herr Minister, Sie haben viele Ideen zur Verbesserung des Bildungswesens und so weiter. Als
erstes müssen wir diese Schulden begleichen und
den bedürftigen Jugendlichen staatlich finanzierte
Stipendien (Pell Grants) zur Verfügung stellen.'"
Riley ruft aus: "Zwei Milliarden Dollar! Was soll das
heißen - zwei Milliarden Dollar? Ich habe Schulden
seit dem ersten Tag meiner Amtszeit. Das ist die
Wahrheit!"

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�Wahr ist auch, daß Riley die Leitung einer in großen
Schwierigkeiten steckenden Behörde übernommen
hat. Obwohl Präsident Bushs zweiter Bildungsminister, der ehemalige Gouverneur von Tennessee
Lamar Alexander, erste Schritte unternahm, um der
Bundesregierung bei den nationalen bildungspolitischen Debatten eine prominente Stellung einzuräumen, reichte das nicht zur Neubelebung des Ministeriums aus. In einer Ende Februar gehaltenen Rede
erklärte Riley: "... die Moral war auf einem Tiefpunkt".
Der neue Bildungsminister scheint entschlossen,
dieses Problem anzugehen, aber der Haushaltsantrag in Höhe von 30,7 Milliarden Dollar für das
Haushaltsjahr 1994 weist verglichen mit 1993 nur
eine kleine Steigerung auf, und die personellen und
administrativen Beschränkungen werden eng bleiben. Riley wird alle Hände voll zu tun haben, wenn
er ein Ministerium neu beleben will, das einen Monat
vor der Amtsübernahme Bill Clintons Gegenstand
beißender und umfassender Kritik durch den Bundesrechnungshof war.
Riley war sich bei seiner Amtsübernahme in Washington vollkommen der Schwierigkeiten bewußt,
die öffentlichen Schulen wieder in Ordnung zu
bringen, weil er das bereits in South Carolina getan
hatte.
Der vielleicht schwierigste Teil dieser Aufgabe
bestand darin, die bundesstaatliche Legislative zu
einer Erhöhung der Umsatzsteuer um einen Cent zu
überreden, um damit die umfassende Schulreform
zu finanzieren. Dieses Meisterstück Rileys versetzte
politische Beobachter 1984 in Erstaunen. "Was er
in South Carolina erreichte, wurde allgemein für
unmöglich gehalten", so der Rechtsanwalt und
ehemalige Senator des Bundesstaates Heyward
McDonald. "Er überzeugte die Wirtschaftsvertreter.
Er organisierte öffentliche Diskussionsveranstaltungen.
Als die entsprechende Gesetzesvorlage
eingebracht und erörtert wurde, war die Lawine
bereits ins Rollen gekommen."
Die von ihm gezeigte Hartnäckigkeit entstand zur
Zeit des Unglücks. Riley lebte viele Jahre unter
Schmerzen, die 1956 begannen, als der junge
Leutnant an Bord eines Schiffs der US-Marine
niesen mußte und dabei einen Krampf im Rücken
verspürte. Dies war das erste Anzeichen für Spondylitis, eine qualvolle arthritische Wirbelsäulenerkrankung, die Riley während seiner 14jährigen Karriere
in der Legislativen South Carolinas und danach
quälte.
"Ich lernte, mit einem qualvollen Tag und einer
ebensolchen Nacht zu leben und weiterzumachen",

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erklärte er. "Ich hatte 15 bis 20 Jahre lang entsetzliche Schmerzen und nahm nie Medikamente. Ich
habe in meiner schlimmsten Zeit nicht einmal Aspirin
genommen. Es ging nur darum, es durchzustehen.
Man sagte mir, das Leiden würde von selbst weggehen, und wenn ich meinen Rücken mehr oder weniger gerade halten könnte, würde es schließlich
nachlassen und der Schmerz aufhören. Man bleibt
verkrüppelt zurück, aber die Schmerzen und das
Fieber hatten schließlich ein Ende."
Als Ergebnis hat Riley einen Gang als würde er sich
ducken, um einem Regenguß auszuweichen. Riley
ist jetzt bereit, über seinen Zustand zu sprechen,
weigerte sich jedoch, als die Krankheit noch akut war.
"Es bestand eine Art von Übereinstimmung in der
Familie, daß ich die Krankheit ausschwitzen mußte,
und das tat ich auch."
Manche mögen sich fragen, warum sich Clinton für
einen ehemaligen Gouverneur als Bildungsminister
entschied, dessen Heimatstaat in den meisten
bildungspolitischen Statistiken ganz unten rangiert.
Auf die Frage, warum South Carolina bei Fragen wie
Gehältern für Lehrer und Eignungstests immer noch
so schlecht dastehe, antwortete Riley schlicht: "Wir
mußten einen längeren Weg gehen als die meisten
Bundesstaaten. Das ist kein Grund, sich zu schämen."
Der an der Furman University und der University of
South Carolina ausgebildete Riley, der als Rechtsberater für den ehemaligen Senator Olin Johnston
(Demokrat aus South Carolina) tätig war, übertreibt
nicht, wenn er von dem langen Weg spricht, den sein
Bundesstaat zurückzulegen hatte.
Obwohl die
Ergebnisse der Eignungsprüfungen in den Schulen
South Carolinas immer noch zu den schlechtesten
der Vereinigten Staaten gehören, erlebte kein Bundesstaat Mitte der achtziger Jahre größere Verbesserungen.
Unter Riley verzeichnete der Bundesstaat ferner
einen 7prozentigen Anstieg von High School-Absolventen, die direkt das College besuchen, eine
Verdoppelung der Zahl von High School-Studenten,
die ihr Examen vorzeitig ablegen, ein verstärktes
Interesse an Begabtenförderungsprogrammen sowie
einen Wettstreit mit einem anderen Bundesstaat um
den prozentual höchsten Anstieg bei den Lehrergehältern im Zeitraum von 1981 bis 1986.
Eckpfeiler dieser Reform - und was Clinton am
meisten beeindruckte - war das Bildungsförderungsgesetz South Carolinas aus dem Jahr 1984. Es
erhöhte die Anforderungen für den High SchoolAbschluß, führte eine Prüfung über Grundkenntnisse
für Zehntklässler und Sonderprogramme für begabte

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�sowie förderungsbedürftige Schüler ein, erhöhte die
Gehälter der Lehrer und forderte von jeder staatlichen Schule Jahresberichte über Verbesserungen.
Als Clinton ihn im Dezember 1992 als designierten
Bildungsminister vorstellte, wies er auch auf Rileys
Leistung hin, die Unterstützung von "Männern und
Frauen aus allen Lebensbereichen" für die einst
unvorstellbare Erhöhung der Umsatzsteuer um einen
Cent zu gewinnen, welche die Finanzgrundlage des
Gesetzes darstellte.
Heute verfügt South Carolina dem Präsidenten
zufolge wohl über "das beste System festzustellen,
ob die Menschen heute größere Leistungen bringen
als gestern". Und ein Großteil des Verdienstes
kommt Riley zu.
Riley gab sein Gouverneursamt 1987 auf. Als er
dem Ruf Clintons nach Washington folgte, hatte er
eine florierende Anwaltskanzlei, einen Sitz in mehreren bedeutenden Ausschüssen und Kommissionen
sowie eine Familie in South Carolina. Er zögerte
jedoch nicht. Bildung und Ausbildung interessieren
ihn persönlich, und zudem konnte er seinem alten
Freund, dem neuen Präsidenten, wohl kaum eine
Absage erteilen.
Im Dezember 1992, gerade als der Präsident Riley
als seine Wahl für das Amt des Bildungsministers
vorstellte, gab der Bundesrechnungshof seinen
38seitigen vernichtenden Bericht heraus, der entscheidende Mängel im staatlichen Bildungswesen im
allgemeinen und den Operationen des Bildungsministeriums im besonderen auflistete.
In dem Bericht des Bundesrechnungshofs heißt es:
Das staatliche Bildungswesen in den Vereinigten
Staaten "hält nicht Schritt mit den Erfordernissen des
wirtschaftlichen Wandels. Wir sind zu dem Schluß
gekommen, daß die Vereinigten Staaten keine
zusammenhängende Strategie verfolgen, unsere
Jugend auf das Arbeitsleben vorzubereiten, während
das in anderen Nationen der Fall ist. Unsere wichtigsten ausländischen Konkurrenten legen Wert
darauf, daß alle Jugendlichen auf die Arbeitswelt
vorbereitet werden und sich an Veränderungen am
Arbeitsplatz anpassen können."
Ferner befand der Bundesrechnungshof, das Bildungsministerium mache keinen effektiven Gebrauch
von seiner Belegschaft und warf ihm Unzulänglichkeiten bei der Einstellung, Ausbildung und
Führung von Mitarbeitern vor. Die "Effektivität des
Bildungsministeriums wird ferner durch zu starke
Zentralisierung des Entscheidungsfindungsprozesses
sowie den Ausschluß von Beamten aus Problemlö-

AMERIKA DIENST 35

sungsprozessen des Managements geschwächt",
fügte der Bundesrechnungshof hinzu.
Zwei Monate später erklärte Riley in einer Rede an
der University of North Carolina, die Neubelebung
des Ministeriums sei seine "erste große Aufgabe"
gewesen. Unter anderem werde er erstklassige
Assistenten einstellen, angefangen mit Madeline
Kunin, der ehemaligen Gouverneurin von Vermont,
als Stellvertretender Ministerin.
Ferner sind heute Marshall (Mike) Smith, Dekan der
pädagogischen Fakultät der Stanford University
(Kalifornien) als Staatssekretär und Sonderberater
Terry Peterson, der In South Carolina Rileys wichtigster Mitarbeiter im Bildungsbereich war, im Bildungsministerium tätig.
Auf Rileys Tagesordnung stehen sechs ehrgeizige
Ziele, deren Ursprünge beim vom damaligen Präsidenten Bush in Charlottesville (Virginia) einberufenen
Bildungsgipfel zu finden sind. An der Tagung nahmen mehrere Gouverneure teil, darunter Bill Clinton,
der eine wichtige Rolle bei der Konsensfindung über
nationale Bildungs- und Ausbildungsziele spielte. Zu
den Zielen gehören eine 90prozentige Quote von
Abgängern weiterführender Schulen, eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten in Mathematik und
Naturwissenschaften, Alphabetisierungskampagnen
für alle Erwachsenen, sichere und drogenfreie
Schulen, vermehrte Kompetenz bei schwierigen
Fächern sowie Lernbereitschaft bei jedem Schulanfänger.
Riley zufolge wurde sein Interesse am Bildungsministerium durch die erklärte Besorgnis Clintons
über Bildungsfragen erhöht sowie dessen Wunsch
nach behördenübergreifenden Lösungen für Bildungsund Ausbildungsfragen. Seit dem Tag der Amtseinführung des Präsidenten am 20. Januar 1993 hat
Riley viel Zeit mit Arbeitsminister Robert Reich und
Gesundheitsministerin Donna Shalala verbracht.
Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das Gesetz Goals
2000 - Bildung für Amerika, ein von Riley vorgelegtes Gesetzespaket in Höhe von 420 Millionen
Dollar, um "im amerikanischen Bildungswesen eine
neue Partnerschaft für Lernen und Lehren von
Weltklasse zu bilden".
Das Gesetz sieht folgendes vor:
Einbeziehung der sechs Erziehungsziele und des
Gremiums für nationale Bildungsziele (National
Education Goals Panel) in nationale Politik und
Gesetzgebung. Das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium, dem im Haushaltsjahr 1994 3
Millionen Dollar zur Verfügung stehen, soll über
Fortschritte bei der Erreichung der Ziele berichten

Seite 3

�und die Unterstützung der Öffentlichkeit mobilisieren. Dem Gremium sollen acht Gouverneure,
vier Kongreßabgeordnete, vier Mitglieder der
bundesstaatlichen Legislativen sowie zwei vom
Präsidenten ernannte Mitglieder angehören.

Klasse" verwendet werden. Der Newsweek-Kolumnist Robert J. Samuelson hat das Clintonschema als
"teure, bürokratische Praxis" bezeichnet, die nicht auf
höheren Standards und härterer Arbeit der Schüler
besteht.

Gründung eines Rates für nationale Bildungsnormen und Verbesserungen im Bildungswesen
(National Education Standards and Improvement
Council) zur Festsetzung von Normen zum Unterrichtsinhalt, zu den Lernmöglichkeiten (beispielsweise Prüfung der Qualität des Lehrplans) sowie
zu von den Bundesstaaten anzulegenden Kriterien bei der Wahl von Bezugspunkten für ihre
eigenen Normen. Das 20köpfige Gremium soll
vom Präsidenten ernannt werden; für das Haushaltsjahr 1994 sind 9 Millionen Dollar vorgesehen.

Clinton und Riley möchten ferner in den nächsten vier
Jahren ein Kreditprogramm für Studenten in die
Wege leiten, das die aus Rileys Sicht "komplizierten
und kostenintensiven" garantierten Kredite im Rahmen des Bundesbildungssystems für Familien ersetzen soll. Schätzungen des Ministeriums zufolge
könnte die Regierung durch die Abschaffung der
Mittelsmänner und die Vorteile niedrigerer Kosten für
Bundesanleihen bis zum Haushaltsjahr 1998 4,2
Milliarden Dollar sparen.

Einführung einer Struktur und eines Verfahrens,
um den Bundesstaaten bei der Entwicklung von
Plänen zur Verbesserung des Bildungswesens
beizustehen. Für Hilfe in den Bereichen Lehrerausbildung, Leistungsmaßstäbe für Schüler und
erhöhte Einbeziehung der Eltern auf kommunaler
Ebene sind insgesamt 393 Millionen Dollar vorgesehen.
Gründung eines Gremiums für die Festsetzung
nationaler Qualifikationsmaßstäbe (National Skills
Standards Board), um wichtige berufliche Fähigkeiten zu identifizieren und ein System von Normen, Bewertungen und Bescheinigungen auf
freiwilliger Basis zu schaffen. Die Idee besteht
darin, den Arbeitgebern bei der Einstellung
besser ausgebildeter Arbeitnehmer zu helfen und
Schülern, die nicht aufs College gehen wollen,
ein» bessere Idee der für hochbezahlte Arbeitsplätze erforderlichen Fähigkeiten zu geben; Dem
Gremium sollen 28 Mitglieder aus Wirtschaft,
Regierung, Gewerkschaften und verschiedenen
anderen Gruppen angehören. Das Ziel ist Reich
zufolge "ein nahtloser Übergang von Bildung zu
Ausbildung".
Einige Beobachter erachten den Clinton/Riley-Plan.
als schwach. Während Bush nationale Standards
und Prüfungen für Absolventen der Grund- und
weiterführenden Schulen vorgeschlagen hatte,
befürwortet Clinton nationale Standards, aber keine
nationalen Prüfungen. Die Bundesstaaten könnten
Standards "von vergleichbarer Strenge und Qualität"
zustimmen und ihre eigenen Prüfungen ausarbeiten,
Vergleiche von Bundesstaat zu Bundesstaat wären
jedoch schwierig. Darüber hinaus würde der Clintonplan verbieten, daß die Prüfungen der Bundesstaaten "für Entscheidungen über den Abschluß der
Schüler, das Überspringen oder Wiederholen einer

Seite 4

Ebenfalls eingeführt wurde Clintons Plan für einen
nationalen Sozialdienst, dank dem Studenten ihre
Kredite für den Collegebesuch durch Gemeindearbeit
nach dem Collegeabschluß abzahlen können.
Clintons Haushaltsvorlage für 1994 sah 2,9 Millionen
Dollar für einen Bereich des Plans vor - das Programm für innovative Projekte der Gemeindearbeit.
(Clinton und Riley hatten beabsichtigt, das Pell GrantDefizit in Höhe von 2 Milliarden Dollar abzulösen und
ein Programm von 1 Milliarde Dollar für "bildende"
Sommerjobs in die Wege zu leiten, aber diese Pläne
wurden vereitelt, als die Republikaner im Senat das
Paket des Präsidenten zur Ankurbelung der Wirtschaft im April 1993 ablehnten).
in der Zwischenzeit haben Riley und Shalala gemeinsam ein Hauptziel des Bildungswesens angesprochen - die Sicherstellung, daß die Schüler die
Schule beginnen, wenn sie physisch, geistig und
emotional zum Lernen bereit sind - indem sie ein 157
Seiten umfassendes Handbuch herausgaben, das
den Gemeinden bei der besseren Koordinierung der
Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienstprogramme
behilflich sein soll.
Während Riley mit anderen Kabinettsmitgliedern
zusammenarbeitet, versucht er auch, eine beträchtliche Zahl von Herausforderungen im eigenen Hause
zu bewältigen.
Obwohl die US-Regierung nie große Finanzmittel für
Grund- und weiterführende Schulausbildung zur
Verfügung gestellt hat (sie zahlte im Jahr 1990
weniger als 6 Prozent der Kosten für das staatliche
Bildungswesen), ist der Aufgabenbereich des Bildungsministeriums dennoch äußerst umfangreich.
Dazu zählt das Aufzeigen wichtiger Themen und
Probleme, die Durchsetzung von Gesetzen gegen
Diskriminierung sowie die Formulierung von Maßnahmen im Zusammenhang mit den Ausgaben im

AMERIKA DIENST 35

�US-Bildungswesen. Ferner hat das Ministerium den
Auftrag, Daten über amerikanische Schulen in 57
Bundesstaaten und anhängigen Territorien zusammenzustellen und an Lehrkräfte und die Öffentlichkeit zu verteilen.
Die Notwendigkeit zum Abbau des Haushaltsdefizits
wird Riley davon abhalten, seinen Aufgabenbereich
zu erweitern. Als er am 21. Januar 1993 sein Amt
übernahm, hatte das Ministerium 4.910 Vollzeitbeschäftigte. Diese Zahl wird im Haushaltsjahr 1994
im Rahmen des von Clinton vorgelegten Etats auf
4.836 gekürzt. Die Haushaltsvorlage reagiert auf
Kritik des amerikanischen Bundesrechnungshofs
über ein Ungleichgewicht zwischen der Zunahme der
Arbeitsbelastung und einer Abnahme des Personalbestands mit der Aussage, das Ministerium "beabsichtigt, seine Leistung durch neues und besseres
Management und die Neuzuweisung von Ressourcen zu verbessern".
Die Kosten für Umbauten, neue Telefonsysteme und
die Erweiterung der Datenbank sind im Budget für
1994 enthalten.
Seine ungeheure Aktivität - Riley arbeitet häufig von
neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und jongliert Initiativen mit der Begeisterung eines Zirkuskünstlers - hat dem Sonderberater Peterson zufolge
das Ministerium bereits mit neuer Energie belebt.

Riley stellt fest: "Ich arbeite weiterhin mit den Beamten. Es heißt nicht 'wir' und 'sie'. Ich bin entschlossen, durch Zusammenarbeit Erfolg zu erzielen."
Das Endprodukt, hofft er, wird ein Bildungsministerium sein, das "die Zersplitterung verringern kann, die
Bundesbildungsprogramme plagt und die Isolierung
zwischen Vorschul-, Grundschul-, Hauptschul- und
weiterführender Bildung abbauen kann".

Riley will sein Büro auch dazu nutzen, die Beziehungen zwischen Washington und den Bundesstaaten
besser zu definieren. Er ist sich der Belastung der
Einmischung durch die US-Regierung bewußt und es
entspricht nicht seiner Art, dies in Streitigkeiten auf
kommunaler Ebene über die Wahl der Schule oder
die Verteilung von Kondomen anzubringen. South
Carolina war schließlich der erste Bundesstaat, der
sich zu Zeiten des Bürgerkriegs (1861 - 1865) von
der Union lossagte.
Gleichzeitig hat Riley das Gefühl, nur mit einer
grundlegenden Reform von oben nach unten sein Ziel
erreichen zu können.
Besucher verlassen das
Ministerium mit dem Gefühl, daß er erst angefangen
hat, seiner Tagesordnung Substanz zu verleihen.
"Man kann den nationalen Durchschnitt oder den
Prozentsatz von Studenten, die ein bestimmtes Ziel

"Es dauert lange, bis sich das bis unten auswirkt",

erreichen, nicht mit einigen wenigen Pilotprojekten

räumt er ein. "Wir müssen sehr viel tun, um der
Organisation zu helfen."

verändern, die durch Bundesvorschriften einigen
wenigen Schulen diktiert werden."

*

AMERIKA DIENST 35

*

*

*

Seite 5

�V E R F A S S U NG
7. September 1994

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST GEFRAGTER
NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"
WASHINGTON - (AD) - Während immer mehr
Nationen den Weg der Demokratie und Einbindung
in die Weltwirtschaft beschreiten, wird das erfolgreiche Modell für die Beziehungen zwischen der
Regierung und den Bürgern, das die Verfassung der
Vereinigten Staaten bietet, zu einem gefragten
Exportartikel, so der Juraprofessor und Autor Bernard Siegan.

sowie Gefahren und Übergriffe vor Ort zu schützen.
Sie darf niemals soviel Macht haben, daß sie die
Menschen unterdrücken oder ihre Klugheit und
Produktivität einschränken könnte." Aus diesem
Grund "müssen die Verfassungen der entstehenden
Staaten als herausragendstes juristisches Dokument
deren bestehende Verpflichtung zu einer freien
Gesellschaft widerspiegeln und fördern".

Siegan, der an der University of San Diego Wirtschaft und Verfassungsrecht lehrt, ist Autor des
Buchs "Drafting a Constitution for a Nation or Republic Emerging into Freedom", das kürzlich von der
George Mason University Press of Fairfax (Virginia)
publiziert wurde.

Sein Hauptziel als Verfassungsexperte sei es, den
früher kommunistischen politischen und wirtschaftlichen Regimen unterworfenen Ländern dabei zu
helfen, nach dem Zusammenbruch ihres wichtigsten
Modells, der Sowjetunion, wieder auf die Beine zu
kommen.

Er wurde eigenen Angaben zufolge zum Verfassen
dieses Handbuchs angeregt, nachdem er die Regierungen Argentiniens, Armeniens, Boliviens, Brasiliens, Kanadas, der ehemaligen Tschechoslowakei,
Perus, Polens und der Ukraine verfassungsrechtlich
beraten hatte. 1990 half er Bulgarien bei der Vorbereitung eines Verfassungsentwurfs.

In einer Weltwirtschaft, zu der sie nicht wirklich
gehörten, waren diese Länder Siegan zufolge wie
umhertreibende Schiffe. "Und der beste Weg für sie,
mit diesem Problem umzugehen", und wieder zurück
auf den Weg zu Freiheit und Wohlstand zu kommen,
ist die amerikanische Verfassung - das Dokument,
das für sie am besten geeignet ist, in die "moderne
Welt" integriert zu werden.

Der Wissenschaftler erklärte kürzlich vor Zuhörern
der Herltage Foundation - einer konservativen
Denkfabrik in Washington - die amerikanische
Verfassung habe eine Antwort auf die heutigen
Probleme der Welt: eine Zurücknahme der Regierung.
"Ich verkaufe die amerikanische Verfassung auf der
ganzen Welt ... weil sie im Hinblick auf den Schutz
der Freiheit einzigartig ist", erklärte Siegan. Dadurch
sei Amerika wohlhabend und sicher geworden anscheinend auch der größte Wunsch der dem
Autoritarismus entfliehenden Nationen.
In seinem Handbuch zur Verfassung schreibt Siegan, "die Regierung sollte genug Macht haben, um
die Bürger gegen ihre in- und ausländischen Feinde

AMERIKA DIENST 35

Siegan gibt folgende Ratschläge für den Erfolg in
einer modernen Gesellschaft:
Privatisierung und Schutz von Eigentumsrechten,
Schaffung eines wirtschaftlichen Umfelds, das
günstige Bedingungen für den Wettbewerb bietet
und in- und ausländische Investitionen ermutigt,
Kontrolle der Regierung über ihre Ausgaben und
Besteuerung sowie die Garantie, daß die Judikative - die Gerichte - "für die Durchsetzung von
Verträgen zur Verfügung stehen".
Die Herausforderung für die Nationen, die früher mit
der Planwirtschaft zu kämpfen hatten, insbesondere

Seite 1

�in Osteuropa, wo sich die meisten Unternehmen in
staatlichem Besitz befanden und vom Staat geführt
wurden, bestand darin, "die Wirtschaft vom öffentlichen zum Privatsektor zu führen".
Er räumte ein, er sei sich zum Zeitpunkt des Umsturzes der alten Systeme - Anfang der neunziger
Jahre - "des Umfangs der Aufgabe" nicht voll bewußt
gewesen.
Im Hinblick auf die Ukraine, wo der Verfassungsexperte als Berater tätig war, erklärte er: "Ich habe
mit vielen Führungskräften von Unternehmen gesprochen, die sich von der Welt des Wettbewerbs
keine Vorstellung machen konnten. Ihnen wurde
gesagt, was sie zu tun hätten und wie sie es mit
sehr wenig Initiative ihrerseits tun könnten."
Entscheidend für den Privatisierungsprozeß ist ein
Rechtssystem, das von einer Verfassung gewährleistet wird und als Grundlage der Rechte des
einzelnen und von Gruppen fungiert. Während
seiner Gespräche in Bulgarien äußerte Siegan
jedoch: "Ich mußte lernen, daß die Menschen dort
nicht so großen Respekt vor Richtern haben wie wir
in unserem Land."
Die Bulgaren fürchten, daß die Richter, die von
manchen lediglich als "Angestellte der Regierung"
betrachtet werden, die von der Nationalversammlung
verabschiedeten Gesetze für null und nichtig erklären könnten. "Die Idee eines aus einer ausgewählten Gruppe von Juristen bestehenden Verfassungsgerichts (wie des Obersten Bundesgerichts
der Vereinigten Staaten), das sich auf die Auslegung
der Verfassung beschränken sollte, baute einen
Großteil dieser Besorgnis ab."
Siegan erläuterte, die amerikanische Verfassung
hätte dem amerikanischen Volk auf dreierlei Weise
zu "Freiheit und Wohlstand" verholten:
Durch die Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative,
,
durch die Einschränkung der Macht jedes Zweigs
der Regierung aufgrund gegenseitiger Kontrollen,
beispielsweise dem Vetorecht des Präsidenten
und der Überprüfung der Gesetzgebung durch
die Judikative,

durch den Schutz der Rechte des einzelnen vor
dem, was im 18. Jahrhundert als Unterdrückungspotential der Mehrheit bezeichnet wurde.
Die Gründerväter der amerikanischen Verfassung
waren der Überzeugung, daß die Regierung "eingeschränkt und minimal" operieren sollte und am besten
und erfolgreichsten funktionieren würde, wenn sie die
Menschen Gebrauch von der Freiheit machen ließe.
Dies ist Siegan zufolge immer noch der beste Weg,
die politischen und wirtschaftlichen Ziele einer Gesellschaft zu fördern.
Der Beweis dafür sei, "daß in den wohlhabendsten
Ländern die Regierung innerhalb von Beschränkungen arbeitet". Als Beispiel führte er die Slowakische
Republik an, deren Bürger immer noch an den
"wissenschaftlichen Sozialismus" glauben und wo die
Arbeitslosenquote bei 14 Prozent liegt - verglichen
mit 4 Prozent in der Tschechischen Republik. Der
Unterschied liege darin, daß die Tschechen "den
Kräften des Marktes ein Maximum an Freiheit einräumen".
Dem Wissenschaftler zufolge ist Osteuropa nicht die
einzige Region, die Vorteile aus der politischen und
wirtschaftlichen Liberalisierung gezogen hat.
In Argentinien lag vor der Wahl von Präsident Carlos
Menem im Juli 1989 und seiner wirtschaftlichen
Schocktherapie die Inflationsrate bei über 3.000
Prozent jährlich, teilte Siegan seinen Zuhörern mit.
Nach einer ernsthaft betriebenen Privatisierungskampagne und einer weiteren Zurücknahme der
Regierung von der Kontrolle der Wirtschaft beträgt
die Inflationsrate jetzt ungefähr 8 Prozent und die
jährliche Wachstumsrate ebenfalls 8 Prozent.
Siegan zufolge verkaufte Menem zu einem Zeitpunkt
"sogar die Straßen". Nachdem die staatliche Luftfahrtgesellschaft und andere große Industrien verkauft worden waren, wurden von den 211.000 Kilometern staatlicher Straßen 54.000 asphaltiert oder
ausgebessert und 10.000 Kilometer durch Konzessionen privatisiert. Privatunternehmen müssen die
Straßen instand halten und dürfen Straßenbenutzungsgebühren erheben. Die großen Schlaglöcher
sind verschwunden, ohne die Staatskasse zu belasten."
Die daraus für andere abzuleitende Botschaft ist
Siegan zufolge, daß "Menems Medizin - freie Märkte
- wirkt".

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 35

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gore: breitgefächerter Ansatz kann Bevölkerungswachstum eindämmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Vizepräsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Arbeitswelt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Reich fordert Bestrebungen zum Wiederaufbau der amerikanischen Mittelschicht &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bildung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Richard Riley - Reformer des amerikanischen Bildungswesens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Steve Piacente&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Verfassung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Verfassung ist gefragter neuer Exportartikel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Juraprofessor als "Handlungsreisender"&lt;/em&gt;</text>
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4-7

&lt;S?&lt;o

cimerikci
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

2. September 1994

S ONDERDIENST

BEVÖLKERUNG

CLINTON DRANGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der
National Academy of Sciences

FAST ALLE LÄNDER SEHEN NOTWENDIGKEIT
ZUR EINDÄMMUNG DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim
Nationalen Presseclub

MEHR ENSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU
BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz
mit USAID-Vertretern
NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
'BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen

'
*:

�BEVÖLKERUNG

CLINTON DRÄNGT AUF UMFASSENDE,
GLEICHZEITIGE INANGRIFFNAHME
GLOBALER PROBLEME
Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton drängt die Staats- und Regierungschefs der Welt, ein breites
Spektrum von Problemen gleichzeitig als einzigen Weg zur Förderung eines höheren Lebensstandards weltweit
in Angriff zu nehmen.
"Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen
funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge
je greifen wird", erklärte Präsident Clinton in einer Rede vor der National Academy of Sciences am 29. Juni
1994.
Clintons Rede behandelte vornehmlich Themen, die bei der in einigen Monaten in Kairo stattfindenden
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung angesprochen werden. "Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich
auf die Idee, daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen sein sollte", stellte der Präsident fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton im Wortlaut.

»

Ich habe versucht, die Vorbereitungen für den G-7Gipfel in Neapel zu treffen. Und ich habe mindestens seit anderthalb Jahren - seitdem ich im Amt
bin - darauf hingearbeitet, daß diese Gruppe sich
zunächst kurzfristig auf globales Wachstum konzentriert - auf das, was wir in unseren Nationen und
gemeinsam tun können - und dann darüber nachdenkt, wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussehen wird, und was wir tun müssen. Ich muß
zugeben, ich bin hin- und hergerissen. Ich bin
glücklich und stolz, daß ich an der Konferenz teilnehmen und sagen kann, daß das von uns Vereinbarte funktioniert. Mittelfristig funktioniert es eindeutig.
40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der G-7
entfällt auf die Vereinigten Staaten. Aber im vergangenen Jahr hatten wir 75 Prozent des Wachstums und nahezu 100 Prozent der Arbeitsplätze, die
doppelte Investitionsrate, eine doppelt so hohe
Zuwachsrate bei Exporten und die höchste Zuwachsrate bei der Produktivität. Wir hatten das zweitniedrigste Defizit, im nächsten Jahr werden wir das
niedrigste Defizit aller G-7-Länder haben. Dies alles
ist ermutigend für mich. Und die Volkswirtschaften
der Gruppe stehen besser da als je zuvor in den

AMERIKA DIENST

vergangenen vier Jahren. Es herrscht das Gefühl der
Zusammenarbeit und daß unsere Nation das Glück
hat, den Weg zu weisen.
Wenn Sie sich jedoch die langfristigen Tendenzen
betrachten, die sich auf der Welt abzeichnen - wenn
Sie Artikel wie den vor einigen Monaten von Robert
Kaplan in The Atlantic lesen, der einigen zufolge zu
streng ist - wenn Sie sich wirklich betrachten, was
geschieht, könnten Sie sich eine Welt vorstellen, in
der wenige Millionen von uns in solchem Überfluß
leben, daß wir alle Stars in nächtlichen Seifenopern
sein könnten. Und der Rest von uns sieht aus, als
wäre er in einem von Mel Gibsons "Road Warrior"Filmen.
Von vielen in diesem Artikel enthaltenen Aspekten
war ich ebenso fasziniert wie von der mehr wissenschaftlichen Abhandlung von Professor Homer Dixon
zum selben Thema. Ich versuche mir vorzustellen,
wie es sein würde, Kinder in diesem oder jenem Land
in diese Welt zu setzen. Das ist das Problem, mit
dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und wenn
ich darüber nachdenke, arbeitet mein Gehirn in
Gedankengängen, die einigen Leuten zufolge undiszipliniert, meines Erachtens aber produktiv sind.

Seite 1

�Wenn Sie sich die Landschaft der Zukunft betrachten
und sagen, wir müssen die Familien auf der ganzen
Welt stärken, wir müssen gerechtes und starkes
Wachstum ermutigen, wir müssen grundlegende
Gesundheitsfürsorge bereitstellen, wir müssen die
weitere Ausbreitung von AIDS verhindern, wir müssen Wasservorräte erschließen und den Ernteertrag
verbessern, wir müssen den Flüchtlingsstrom eindämmen und die Umwelt schützen und so weiter
und so weiter - dann bekommt man Kopfschmerzen.
Und natürlich muß man - werden Sie sagen, wenn
Sie sich die Zahlen betrachten - die Zuwachsrate der
Bevölkerung verringern.
Tim hat das Thema Haiti angeschnitten. Meine
Tochter und ich haben vor einigen Monaten über
Haiti gesprochen, und ich habe ihr erzählt, daß ihre
Mutter und ich vor vielen Jahren kurz nach unserer
Hochzeit dorthin gereist sind, wieviel Trauer und
Hoffnung ich dort gleichzeitig gesehen habe, und
wieviel seitdem geschehen ist. Sie sagte zu mir, das
weiß ich alles, Dad, weil ich Luftaufnahmen aus dem
All gesehen habe. Wenn man auf die Insel blickt,
sieht man, wo die Dominikanische Republik endet
und wo Haiti anfängt. Und es kann nicht soviel
Umweltzerstörung ohne all die anderen Probleme
geben, über die Du gesprochen hast. Es war eine
erstaunliche Aussage aus der Perspektive eines
amerikanischen Schulkindes, die alles zusammenfaßt.
Ich erwähne dies, um folgendes Argument anzubringen: Wir müssen Disziplin walten lassen, wenn wir
sagen, wieviel Zeit, Geld und Energie wir haben, und
wir müssen unsere Prioritäten setzen. Wir können
jedoch nicht so naiv sein zu denken, es sei so leicht,
eines dieser Themen von dem gesamten Komplex
abzutrennen und die Zukunft der Welt werde über
Nacht gelöst.
Wenn Sie sich das Tempo betrachten, mit dem die
Rohstoffe erschöpft werden, und wenn Sie das
Tempo betrachten, mit dem die Kluft zwischen arm
und reich größer wird, wenn Sie sich die Tatsache
verinnerlichen, daß sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat, seit nur 74 Nationen vor 40 Jahren in
Rom zusammenkamen, ist es klar, daß wir einen
umfassenden Ansatz für die Zukunft der Welt
benötigen. Wir fassen ihn unter dem Schlagwort
umweltverträgliche Entwicklung zusammen, nehme
ich an, aber es gibt keinen Weg, wie wir das Morgen
angehen können, wenn wir nicht mindestens unsere
gemeinsame Verantwortung in all diesen Bereichen
im Auge behalten.
Während der bevorstehenden neuntägigen Kairoer
Konferenz werden über zwei Millionen Menschen auf
die Welt kommen. Mehr als zwei Millionen Babys

Seite 2

werden in eine Welt geboren, in der ein Drittel
unserer Kinder bereits Hunger hat, 40 Prozent der
Menschen auf der Welt nicht einmal Kanalisation
haben und große Teile der Welt nur einen Arzt pro
35.000 oder 40.000 Einwohner. Eine Umkehrung
dieser Politik wird Innovation, Engagement und
Entschlossenheit verlangen, das zu tun, was wir über
einen langen Zeitraum hinweg tun können, während
wir alle auf der Welt mit unseren eigenen Belangen
innerhalb unserer Grenzen beschäftigt sind.
Es wird erforderlich sein, daß wir neu über die
Beziehungen der menschlichen Entwicklung im
Hinblick auf das nachdenken, was in diesen Nationen
geschieht. Wir müssen viele Ideen der Vergangenheit verwerfen - als es immer eine Versuchung war
zu glauben, es gäbe eine einzige Lösung, die wir
über Nacht anwenden könnten, die alles ins Lot
rücken würde.
Um gemeinsamen Wohlstand herbeizuführen, wie
Professor Homer Dixon geschrieben hat, müssen die
Nationen der Welt schlicht und einfach an vielen
Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielen. Die Verringerung des Bevölkerungswachstums ohne die
Bereitstellung von wirtschaftlichen Chancen funktioniert nicht. Ohne Bildung kann man sich kaum
vorstellen, wie eine grundlegende Gesundheitsfürsorge je greifen wird. Wenn man sie ignoriert,
werden diese Herausforderungen weiterhin Menschen
voneinander trennen. Wir müssen einfach diese
Probleme zusammen lösen.
Ich bin wirklich stolz auf die Tatsache, daß die G-7
vereinbart hat, einige dieser Probleme in dieser
Woche in Neapel ernsthaft anzusprechen.
Wir
werden erörtern, was wir innerhalb der G-7 tun
können, um nicht nur Wachstum, sondern auch mehr
Arbeitsplätze zu schaffen - weil ein Großteil der
wohlhabenden Länder feststellt, daß sie keine Arbeitsplätze hervorbringen können, selbst wenn ihre
Volkswirtschaft wächst. Und wenn sie das nicht
können, verlieren sie die Lobby zu Hause, um die
übrige Welt zu engagieren.
Wir werden darüber sprechen, wie wir eine wirtschaftliche Infrastruktur für das 21. Jahrhundert
aufbauen. Wie sieht diese neue Welthandelsorganisation aus, die wir im Rahmen des GATT gründen
werden? Und was sollten die Weltbank und der IWF
tun? Wir werden auch diskutieren, wie wir den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften helfen
können, wie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, und was wir mit den Volkswirtschaften tun
können, die sich nicht im Umbruch befinden oder in
die falsche Richtung gehen, um unsere gemeinsame
Verantwortung anzusprechen.

AMERIKA DIENST

�Dies ist in der Tat ziemlich einzigartig für die modernen Nationen der Welt. Und ich freue mich, daß
trotz der zahlreichen Wirtschaftsprobleme in vielen
Ländern diese bereit sind, ernsthaft darüber nachzudenken, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen sollten weit über die Wiederwahlchancen aller dort anwesenden Staats- und Regierungschefs hinaus. Bei
den Vorbereitungen der in Kairo anberaumten Bevölkerungskonferenz muß uns derselbe Ansatz leiten.
Die von uns unterstützte Politik muß auf dauerhaften
Werten basieren - Förderung stärkerer Familien,
vermehrte Verantwortung für den einzelnen Bürger,
Achtung der Menschenrechte, Vertiefung des Gemeinschaftsgefühls. Dort liegt die Zukunft in unserem Land und auf der ganzen Welt - angefangen bei
unseren Familien. Wenn sie intakt sind und funktionieren, sorgen sie für uns. Sie dienen als Modell.
Sie vermitteln Werte und gestatten den Menschen,
in Frieden zusammenzuleben und sich zusammen
für gemeinsame Ziele einzusetzen. Aus diesem
Grund ist dies das Wichtigste, was wir unternehmen
können.
Seit der Amtsübernahme dieser Administration
haben wir an der Förderung von Maßnahmen
gearbeitet, die den Familien eine Stärkung ihrer
Rolle im In- und Ausland gestatten. Ich habe die
sogenannte Mexiko-Stadt-Politik revidiert, weil
meiner Ansicht nach Ärzte und medizinisches
Personal weltweit in der Lage sein sollten, wirklich
etwas im Bereich der Familienplanung zu unternehmen und auf diesem Gebiet umfassende Informationen zu geben.
Seitdem haben wir trotz haushaltspolitischer Engpässe den Etat für Familienplanung und unterstützende
Dienstleistungen des Amts für internationale Entwicklung um ungefähr 50 Prozent erhöht. Zur Unterstützung der Familien hier im Land haben wir eine
beträchtliche Erhöhung des
Einkommensteuerfreibetrags bewilligt, um 15 Millionen Familien von
der Sozialhilfe unabhängig zu machen, aus der
Armut zu befreien und in die erwerbstätige Bevölkerung einzugliedern. Wir haben die Ernährungs- und
andere Programme von Head Start auf Zehntausende von Kindern ausgeweitet, Unterstützungszahlungen für straffällige Kinder drastisch reduziert und die
Impffonds erhöht, damit die Zahl der geimpften
Kinder um mehr als eine Million erhöht werden kann.
Wir bemühen uns um die Reduzierung außerehelicher Geburten und Schwangerschaften von Teenagern. Durch das Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ermöglichen wir es den Menschen, erfolgreiche Arbeitnehmer und erfolgreiche Eltern zu sein eine äußerst wichtige Frage in einer Welt, in der
mehr und mehr Eltern berufstätig sind. Jede Gesellschaft, die die Menschen zu einer Entscheidung

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zwischen diesen beiden Möglichkeiten zwingt, ist zum
Scheitern verurteilt. Wenn die Menschen keine
Alternative zur Berufstätigkeit haben - und für uns alle
ist es von Bedeutung, daß die Menschen weiterhin
Kinder bekommen - müssen alle Eltern erfolgreiche
Arbeitnehmer sein, und alle Arbeitnehmer müssen als
Eltern Erfolg haben.
Unsere Bevölkerungspolitik gründet sich auf die Idee,
daß die Familie das Kernstück unserer Zielsetzungen
sein sollte. Aus diesem Grund müssen wir das
Konzept der Verantwortung unterstützen - der Eltern
für ihre Kinder, der Männer und Frauen füreinander,
und unserer derzeitigen Generation für künftige
Generationen.
Fortschritt bringt Freiheit, Freiheit erfordert mehr
Disziplin und Verantwortung. Und wir müssen unsere
jungen Menschen lehren, kluge Entscheidungen zu
treffen, und ihnen sagen, daß auch Enthaltsamkeit zu
ihren Auswahlmöglichkeiten gehören muß. Unsere
Politik war immer in den ethischen Prinzipien des
Mitgefühls, der Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte verwurzelt. Wir haben die Würde und
den Wert jedes einzelnen unterstützt und werden uns
auch weiterhin jeglicher Zwangsausübung bei der
Familienplanung widersetzen und sie verurteilen.
Die Verwirklichung dieser Prinzipien ist die Forderung, mit der Vizepräsident Gore im September nach
Kairo gehen wird. Niemand ist für diese Aufgabe
besser geeignet als er. Er hat sich für diese langfristigen Herausforderungen eingesetzt und in breitem
Kontext über sie nachgedacht, lange bevor sie
politisch unpopulär wurden oder auch nur Quelle
zahlreicher gegenwärtiger Diskussionen.
In Kairo schließen wir uns der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verfolgung eines neuen
Aktionsplans an, das Bevölkerungsproblem als Teil
des größeren Problems umweltverträglicher Entwicklung anzugehen. An erster Stelle unserer Tagesordnung wird unsere aktive Unterstützung für Investitionen in die Frauen dieser Welt stehen. Vielleicht wird
langfristig gesehen die wichtigste Forderung von
Kairo lauten, daß jede Nation Bestrebungen zur
Erziehung ihrer Kinder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unternimmt und der weitverbreiteten
Praxis Einhalt gebietet, die Mädchen vor den Jungen
von der Schule zu nehmen und zur Arbeit zu zwingen.
Um sicherzustellen, daß sich die Nationen schneller
entwickeln können, wird jeder einzelne von uns
aufgerufen, die Arbeit und Entwicklung von Frauen
anzuerkennen und sie voll in die erwerbstätige
Bevölkerung zu integrieren. Dadurch werden den
Frauen umfassende Bürgerrechte garantiert, und die

Seite 3

�Diskriminierung wird beendet, die noch nahezu
überall existiert und den Fortschritt hemmt.
In Kairo werden die Vereinigten Staaten auch gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft neue, qualitativ hochwertige und freiwillige
Familienplanungs- und Gesundheitsprogramme für
werdende Mütter ins Leben rufen. Es ist unser Ziel,
bis zum Beginn des kommenden Jahrhunderts diese
Programme allen Bürgern zugänglich zu machen.
Eltern müssen das Recht haben, frei und verantwortlich über die Zahl ihrer Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode
der Familienplanung. Wir respektieren jedoch die
vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme
jeglicher Zwangsausübung. Unsere Politik in den
Vereinigten Staaten vertritt die freie Wahl des
einzelnen, nicht das Diktat der Öffentlichkeit. Ich
habe bereits vielfach darauf hingewiesen, daß
Schwangerschaftsabbrüche sicher, legal und selten
sein sollten.
In anderen Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt. Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern
anschaut, muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen mit Verhütungsmitteln mehr als
alles andere zur Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen beitragen wird.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß wir
in Kairo dasselbe grundlegende Engagement zeigen
müssen, jedem Bürger der Welt eine Gesundheitsfürsorge anzubieten, wie wir das in den öffentlichen
Debatten in unserem Land getan haben. Unter den
Vertretern der 174 Teilnehmerstaaten der Kairoer
Konferenz besteht weniger Uneinigkeit als hier unter
den 535 Abgeordneten unseres Kongresses. Vielleicht können wir diesen Geist mit nach Hause
bringen.
Die Erfahrung lehrt, daß Investitionen in Gesundheitsfürsorge für Mütter, pränatale Dienstleistungen
und Vorsorgemaßnahmen bei Kindern nicht nur

•

Seite 4

Leben retten, sondern den Menschen letztlich die
erforderliche Zuversicht geben, daß ihre Kinder
überleben werden. Und dadurch wird die Einstellung
gegenüber der Kindererziehung verändert. Jedes
Land hat sich zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge seiner Frauen und Kinder verpflichtet. Und
wer das wirklich getan hat, konnte ein absinkendes
Bevölkerungswachstum und steigenden Wohlstand
beobachten.
Die Kairoer Konferenz kann daher viel zur Förderung
unserer Vision umweltverträglicher Entwicklung und
stabilen Bevölkerungswachstums unternehmen, um
die Vision einer Welt intakter Familien Realität
werden zu lassen, in der für jedes Mitglied gesorgt
wird - einer Welt, die mit Klugheit und Stärke die
Herausforderungen direkt angeht, anstatt über sie zu
sprechen und mit Worten die Menschen so zu
spalten, daß sie sich nicht wirklich mit ihnen befassen, eine Welt, die zu Chancengleichheit und Wohlstand für alle führt.
Als Präsident Roosevelt im Jahr 1945 starb, fand
man ein getipptes Manuskript seiner letzten Rede, in
dem nur ein Satz von ihm mit der Hand geschrieben
war. Es war der letzte Satz der letzten Rede Franklin
Roosevelts, die er nie gehalten hat. Sein handgeschriebener Satz lautete: "Die einzige Grenze
unserer Realisierung der Zukunft sind unsere heutigen Zweifel. Wir wollen mit Stärke und aktivem
Glauben Fortschritte erzielen." Angesichts so vieler
scheinbar hartnäckiger Probleme ist sicherlich die
Versuchung groß, diese Zweifel überhandnehmen zu
lassen.
Mir scheint jedoch, daß auch Sie heute abend mit mir
die Ansicht teilen, daß wir Lösungen suchen und
finden können, die kommenden Generationen helfen
werden. Präsident Roosevelt regierte zu einer Zeit,
in der Zweifel ein Luxus war, den sich das amerikanische Volk nicht erlauben konnte. Ich sage Ihnen
heute, daß Zweifel einen Luxus darstellt, den sich die
Welt nicht länger erlauben kann.
Ich begrüße ihr Mitgefühl und ihr Engagement und
rufe Sie auf, diesen Glauben in Taten umzuwandeln
und mir bei meiner Arbeit beizustehen, dasselbe zu
tun.

* * *

*

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�BEVÖLKERUNG

FAST ALLE LÄNDER SEHEN
NOTWENDIGKEIT ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Vizepräsidenten AI Gore zufolge ist sich nahezu jedes Land,
einschließlich des Vatikans, bewußt, daß die Stabilisierung der Weltbevölkerung ein legitimes Ziel darstellt.
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß auf der vom 5.-13. September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung deutlich gemacht wird, daß jedes Land das Recht auf eigene Methoden auf freiwilliger Basis - zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hat.
Vizepräsident Gore wird bei der Kairoer Konferenz, an der Vertreter aus 180 Ländern teilnehmen, die
amerikanische Delegation leiten. Nachfolgend veröffentlichen wir die von AI Gore bei einer Pressekonferenz
am 25. August 1994 abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Heute möchte ich über Bevölkerung, umweltverträgliche Entwicklung und die Herausforderung
sprechen, sich auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Staatengemeinschaft von vielen Spaltungen der Vergangenheit befreit, und die Nationen
nähern sich - in wirtschaftlicher, ökologischer und
politischer Hinsicht - aneinander an. In dieser
Übergangszeit haben die Vereinigten Staaten und
alle anderen Nationen die Chance und Verantwortung, sich mit lange vernachlässigten, zukunftsweisenden Belangen zu befassen, die darüber
entscheiden, welche Welt wir unseren Kindern und
Enkeln hinterlassen.
Um diesen Übergang erfolgreich gestalten zu
können, müssen wir zunächst die entscheidend
veränderte Natur der Beziehung zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem Erde
akzeptieren und verstehen. Diese Beziehung wurde
durch drei Faktoren radikal gewandelt - einem
philosophischen und zwei physischen. Der philosophische Wandel steht in Zusammenhang mit unserer
Haltung gegenüber der Erde und unserer eigenen
Zukunft, insbesondere mit unserer Gewohnheit, die
Verantwortung für die langfristigen Konsequenzen

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unseres Handelns und Verhaltens zu leugnen. Ich
habe bei anderer Gelegenheit ausführlich darüber
gesprochen und möchte hier nicht ins Detail gehen.
Die beiden anderen Faktoren sind physischer Natur,
obwohl beide sich gemessen an geologischen
Zeitverhältnissen in nur einer Millisekunde ereigneten
und beide in diesem Jahrhundert einzigartig sind.
Der erste Faktor, auf den ich heute ebenfalls nicht
eingehen möchte, ist die dramatische und einzigartige
Revolution in Wissenschaft und Technologie, die sich
immer noch beschleunigt, unsere Lebensqualität
verbessert, uns aber auch die Macht zur Veränderung der lebenserhaltenden Systeme gibt, auf denen
unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und unser
Leben basieren. Der zweite Faktor ist natürlich das
schnelle Bevölkerungswachstum, ein Thema, das ich
heute im Zusammenhang mit umweltverträglicher
Wirtschaftsentwicklung ansprechen werde.
Beunruhigend sind nicht so sehr die empirischen
Daten, sondern die vorauszusehenden Konsequenzen eines solch schnellen Bevölkerungswachstums
für die Zukunft, was alle Amerikaner und alle Nationen mit einem Gefühl der Dringlichkeit erfüllt sowie
der Entschlossenheit, sich mit diesen beispiellosen
Entwicklungen zu befassen. Ich möchte hier nur
einige anführen:

Seite 1

�Im Bereich der Umwelt trägt rasches Bevölkerungswachstum natürlich oftmals zur Zerstörung natürlicher Ressourcen bei. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, daß dies auch für das Konsumverhalten der
stabileren und wohlhabenderen Industrieländer gilt.
In wirtschaftlicher Hinsicht führt das Bevölkerungswachstum oft zu einer stärkeren Beschäftigung mit
den Herausforderungen dauerhaft niedriger Löhne,
Armut und wirtschaftlichem Gefälle. Obwohl unter
bestimmten Umständen schnelles Bevölkerungswachstum eine bestehende Nachfrage nach Arbeitskräften decken und somit zu einem positiven Faktor
werden kann, führt es in der Welt, in der wir leben,
fast ausschließlich zur Vergrößerung des Problems
von Niedriglöhnen und Armut.
Bevölkerungstrends fordern auch die Fähigkeit von
Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen,
die erforderlichen Investitionen in Humankapital und
Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends dazu geführt, daß Investitionen in
Kinder gering und ungerecht getätigt werden, insbesondere zum Nachteil der Mädchen.
Auf der Ebene des einzelnen stehen Bevölkerungswachstum und eine hohe Fruchtbarkeitsrate in
engem Zusammenhang mit mangelnder Gesundheitsfürsorge und schlechtem Befinden von mehreren Millionen Frauen, Kleinkindern und Kindern.
Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung
auf Stabilität auf nationaler und internationaler
Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem
der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt
fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise
durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt.
Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich ein Grund für Instabilität in einer
Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen,
daß Ruanda im vergangenen Jahr in Afrika das
Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und
es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika
verzeichnete. Obwohl es keine direkte Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung gibt, sagt der
gesunde Menschenverstand, daß schnelles, umweltschädigendes Bevölkerungswachstum es den
Gesellschaften und Nationen erschwert, mit den
politischen, wirtschaftlichen und anderen Problemen
umzugehen, denen sich alle Nationen gegenübersehen.

Seite 2

Die Auswirkungen müssen auf globaler, aber auch
auf kommunaler und nationaler Ebene angegangen
werden. Beispielsweise wurde in jüngster Zeit viel
über die Probleme Afrikas in Ländern wie Nigeria
geschrieben. Die nigerianische Bevölkerung hat sich
in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Die
Probleme einer Gesellschaft wie der Nigerias haben
eine Vielzahl von Ursachen. Wenn sich jedoch die
Bevölkerung innerhalb von 40 Jahren verdreifacht,
wird die Lösung dieser Probleme für jede Gesellschaft bedeutend schwieriger. Nigeria - um noch
einmal dieses Beispiel anzuführen - befindet sich auf
dem besten Weg zu einer erneuten Verdreifachung
seiner Bevölkerung im Verlauf der nächsten 40 Jahre.
In 40 Jahren werden in diesem Land mehr Menschen
leben als in den fünfziger Jahren auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent. Um ein weiteres Beispiel zu
nennen: Afghanistan ist das Land mit der schnellsten
Wachstumsrate der Welt und es sieht so aus, als
würde sich seine Bevölkerung in nur zehn Jahren
verdoppeln.
Diese Ausschnitte aus einer zunehmend komplexen
Welt führen uns eine Notwendigkeit vor Augen, die
meines Erachtens im Mittelpunkt der internationalen
Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg
stehen sollte: Die Verwirklichung der Vision umweltverträglicher Entwicklung. Mit Mut, Überzeugung,
Konsens und gemeinsamen Strategien können wir
zweifellos den großen Herausforderungen gerecht
werden, die Weltbevölkerung zu stabilisieren und
umweltverträgliche
Entwicklung herbeizuführen.
Erwiesenermaßen fällt es schwer, diese Herausforderungen zu akzeptieren, und nichts ist schwieriger
für den einzelnen und die Gesellschaft als eine
Veränderung der Denkweise. Und die vor uns
liegenden Fragen erfordern vor allem ein neues
Denken über unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr.
Von den verschiedenen Faktoren, die diese neue
Situation herbeigeführt haben, bereitet keiner größere
Schwierigkeiten als das schnelle Bevölkerungswachstum. Es bewegt unsere Gedanken und steht auf
unserer Tagesordnung als die dritte große Weltbevölkerungskonferenz dieses Jahrhunderts, die im
kommenden Monat anberaumt ist. Vor zehn Jahren
fungierte die amerikanische Delegation bei der
zweiten Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City
als unbeteiligter Zuschauer, was nicht nur für die
lange Geschichte der Vereinigten Staaten als Führungsmacht, sondern auch für Fortschritt und
Schwung der internationalen bevölkerungspolitischen
Bestrebungen während der achtziger Jahre ein
Rückschlag war.
Zehn Jahre später ist der Wandel gekommen; die
Vereinigten Staaten sind wieder aktiv, und Präsident
Clinton hat die amerikanische Führungsrolle bei den

AMERIKA DIENST

�entscheidenden Herausforderungen Bevölkerung
und umweltverträgliche Entwicklung wiederhergestellt. Die Kairoer oder internationale Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung, so der offizielle
Name - und ich möchte bei dieser Gelegenheit jedes
Mitglied der Presse vor der Abkürzung Bevölkerungskonferenz warnen - ist eine Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, und die untrennbare
Verbindung ist entscheidend für die Fähigkeit der
Welt, einen Konsens für die gemeinsame Bewältigung dieser beiden Herausforderungen zu bilden.
Diese Konferenz soll die interdependente Natur der
Welt unterstreichen sowie die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit aller Nationen, um die Weltbevölkerung merklich zu stabilisieren, Wirtschaft, Umwelt
und Entwicklung zu integrieren, dauerhafte Werte für
die Familie sowie die Verantwortung des einzelnen
und der Gemeinschaft zu bekräftigen und weltweiter
Bildung, Gesundheitsfürsorge und vermehrter Entscheidungsbefugnis für Frauen und alle Menschen
Priorität einzuräumen.
In der Presse wurde vielleicht nicht darüber berichtet, aber die Vorbereitungen für die Kairoer Konferenz waren von einem bemerkenswerten Konsens
über umfassende Strategien zur Realisierung dieser
Ziele gekennzeichnet. Während früher von einigen
behauptet wurde, Bevölkerungswachstum stelle kein
Problem dar, besteht jetzt tatsächlich Einigkeit über
die Notwendigkeit, daß alle Nationen Bevölkerung

und umweltverträgliche Entwicklung als Priorität
betrachten. Und die katholische Kirche, auf die ich
gleich zu sprechen komme, bezeichnet die Stabilisierung der Weltbevölkerung als legitimes Ziel.
Während früher diese Diskussion an der Nord-SüdGrenze scheiterte, besteht jetzt Einigkeit darüber,
daß Zusammenarbeit im Interesse aller Staaten des Nordens und des Südens - liegt. Während
früher Uneinigkeit darüber bestand, ob Familienplanung oder wirtschaftlicher Fortschritt eine Vorbedingung für Fortschritte auf diesen Gebieten sei,
wird jetzt allgemein anerkannt, daß beide an sich
bedeutend sind, jedoch am besten gleichzeitig
verfolgt werden sollten. Während man sich früher
engstirnig auf nur einen Aspekt einer globalen
Strategie konzentrierte, umfaßt das gemeinsame Ziel
jetzt Bestrebungen, die Bildung, Gesundheit, mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und wirtschaftlichen
Fortschritt mit dem Traum eines besseren Lebens
für alle Menschen verbinden.
Man hat also zweifelsohne viel gelernt, seit vor 30
Jahren durch die Arbeit von John D. Rockefeiler III.
und anderen ernsthafte Besorgnis über das schnelle
Bevölkerungswachstum entstand. Diese Lektionen
charakterisieren den vielversprechenden, aber

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unvollständigen Aktionsplan, an dessen Vollendung
die Staaten in Kairo arbeiten werden. Ich möchte
über die Annäherung an einen Konsens im Entwurf
für das Kairoer Dokument zu Frauen, Kindern, der
Umwelt und anderem sprechen. Dieser dramatische
Fortschritt darf nicht von einer Frage überschattet
werden, die in tiefgreifenden moralischen, philosophischen und religiösen Unterschieden wurzelt - ich
meine natürlich den Schwangerschaftsabbruch.
In diesem Bereich erscheint umfassender Konsens
unwahrscheinlicher als auf jedem anderen Gebiet,
selbst unter Männern und Frauen, die mit Offenheit
und gutem Willen diese Frage erörtern. Wichtig ist,
daß die teilweise Übereinstimmung, die in greifbarer
Nähe liegen könnte, nicht von Mißverständnissen
vereitelt wird. Ich möchte mich klar ausdrücken und
sicherstellen, daß die Ansichten dieser Administration
eindeutig sind. Mein Freund Michael Novak zitierte
kürzlich John Courtney Murray, der feststellt, "nichts
ist schwieriger, als Uneinigkeit zu erzielen". Oftmals
ist Uneinigkeit in unpräziser Form gegenwärtig und
erscheint viel größer und furchteinflößender, als sie
wirklich ist.
Praktisch jeder Mensch in jedem Teil der Welt
möchte Schwangerschaftsabbruch zu einem seltenen
Vorkommnis machen. Das ist das Ziel der Vereinigten Staaten, von Frauengruppen, Umweltschützern, der katholischen Kirche und Vertretern aller
großen Religionen. Es ist tatsächlich das Ziel aller
mit dieser Frage Befaßten, obwohl viele von uns
dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise
verfolgen. Beispielsweise bin ich der Ansicht, wenn
weniger Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für
nötig halten, wird er auch seltener vorgenommen.
Und wenn Frauen ihn selten für notwendig halten,
wird er auch seltener. Dafür setzt sich unsere
Administration ein. Aber die heutige Situation sieht
anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist nicht
selten. Weltweit werden jährlich über 25 Millionen
Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und in
manchen Teilen der Welt ist es für eine Frau nicht
ungewöhnlich, im Laufe ihres Lebens sieben oder
acht Abtreibungen zu haben.
Es gibt tatsächlich Länder, beispielsweise Rußland,
in denen empfängnisverhütende Mittel nicht leicht und
überall zur Verfügung stehen und Frauen im Laufe
ihres Lebens durchschnittlich sieben oder acht
Abtreibungen vornehmen lassen. Aus einer Vielzahl
von Gründen sterben jedes Jahr weltweit 200.000
Frauen an medizinisch riskanten Schwangerschaftsabbrüchen. Wir können diese Tatsachen nicht unter
den Teppich kehren oder vortäuschen, sie existierten
nicht - und das versucht auch niemand.

Seite 3

�Eine der Fragen, die sich die Konferenzteilnehmer in
Kairo und alle Bürger der Welt stellen, lautet, was
wir dagegen unternehmen. Wie können wir Schwangerschaftsabbrüche seltener machen? Nach Ansicht
unserer Administration ist es wünschenswert, in den
Bereichen Gesundheit und reproduktive Gesundheit
möglichst viele Optionen anzubieten. Wir sind uns
jedoch bewußt, daß die Ansichten über einen
Schwangerschaftsabbruch unter Nationen ebenso
unterschiedlich sind wie unter Einzelpersonen.
Heute haben 173 Nationen Gesetze über die Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch
vorgenommen werden darf und unter denen er
eingeschränkt ist.
Unseres Erachtens sollte die Entscheidung darüber,
unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch akzeptabel ist, im Entscheidungsbereich
jeder einzelnen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze
und nationalen Gegebenheiten liegen. Aus diesem
Grund haben wir während der Verhandlungen eine
Sprachregelung und deren Einbeziehung unterstützt,
die dieses Prinzip für alle in Kairo abgegebenen
Empfehlungen klarstellt. Und wir erwarten in Kairo,
daß dieses Prinzip im Abschlußdokument bekräftigt
wird und werden darauf drängen. Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird.
Die Respektierung nationaler Souveränität bei dieser
Frage impliziert keine Neutralität. Wir sind der
Meinung, daß Schwangerschaftsabbrüche seltener
werden sollten. Sie sind keine Methode, mit der die
Nationen das Bevölkerungswachstum reduzieren
können oder sollten. Wir sind kein Befürworter von
Schwangerschaftsabbrüchen. Wir verabscheuen
und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet dessen, ob der Zwang
dazu physischer, wirtschaftlicher, psychologischer,
politischer oder anderer Natur ist.
Es wurde behauptet, die Vereinigten Staaten hätten
im Zusammenhang mit der Bereitstellung von
Entwicklungshilfe über Gebühr ihren Einfluß gegenüber Nationen geltend gemacht, die nicht unsere
Bevölkerungspolitik und -programme unterstützen.
Das ist eindeutig und absolut falsch. Wir wissen,
daß einige diesbezügliche Behauptungen aufgestellt
wurden. Wir respektieren die Tatsache, daß Menschen guten Willens die Wahrheit mißverstehen
können und haben um spezifische Information
gebeten.
Kein vernünftiger Mensch würde ein
solches Verhalten unterstützen. Ich möchte folgendes sagen: Sollten Beweise für die Unterstützung
eines solchen Verhaltens bei den Vorbereitungen für

Seite 4

die Kairoer Konferenz, in Kairo oder danach auftauchen, werden wir sofort und entschieden Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Diese Anschuldigungen
sind ungeheuerlich. Sollten sie sich als wahr erweisen, würden wir die Regierung sofort umgestalten.
Wir halten einen Schwangerschaftsabbruch nicht für
eine Methode der Familienplanung. Er sollte auch
nicht als solche gesehen werden, obwohl er in
Ländern, in denen nicht ausreichend empfängnisverhütende Mittel vorhanden sind, tragischerweise
allzuoft aus diesem Grund vorgenommen wird. Und
wir betrachten einen Schwangerschaftsabbruch
zweifelsohne nicht als moralisches Äquivalent zur
Empfängnisverhütung. Alle Diskussionsteilnehmer
räumten ein, daß der Entscheidung für eine Option
eine bestimmte moralische Einstellung zugrundeliegt.
Ich möchte mit deutlich ausdrücken: Unsere Administration ist der Ansicht, daß die Verfassung der
Vereinigten Staaten jeder innerhalb unserer Grenzen
lebenden Frau mit wenigen und bestimmten Ausnahmen das Recht auf eine Entscheidung zusichert.
Wir sind diesem Prinzip unverändert verpflichtet. Wir
wollen jedoch direkt einem Mißverständnis vorbeugen. Die Vereinigten Staaten streben kein internationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch an
und werden das auch in Zukunft nicht tun.
Die gerade von mir dargelegten Grundsätze repräsentieren die seit langer Zeit bestehende Position der
Administration und der Vereinigten Staaten in dieser
Frage. In seiner im Juni gehaltenen Grundsatzrede
vor der National Academy of Sciences erklärte der
Präsident:
"Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode der
Familienplanung. Wir respektieren jedoch die vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme jeglicher
Zwangsausübung. Unsere Politik in den Vereinigten
Staaten vertritt die freie Wahl des einzelnen, nicht
das Diktat der Öffentlichkeit. Ich habe bereits vielfach
darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftsabbrüche
sicher, legal und selten sein sollten. In anderen
Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist
Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt.
Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern anschaut,
muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner
sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen
mit Verhütungsmitteln mehr als alles andere zur
Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen
beitragen wird."
Seit er diese Rede hielt, bevor er diese Rede hielt,
aber vor allem viele Male nachdem er diese Rede
gehalten hatte, hat der Präsident anderen und mir

AMERIKA DIENST

�*

gegenüber bei mehreren Gelegenheiten bekräftigt,
daß ein Schwangerschaftsabbruch, wenn er vorgenommen wird, sicher sein sollte. Jede Nation
sollte das festlegen. Wir lehnen Zwang ab. Wir
verabscheuen Zwang.
Und wir sollten andere
Maßnahmen zur Reduzierung der Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen ergreifen.
Ich wiederhole, wir wollen alles in unserer Macht
Stehende zur Verringerung von Abtreibungen
weltweit tun. Aus unserer Sicht ist der effektivste
Weg zur Reduzierung von Bevölkerungswachstum
und Abtreibungen eine umfassende globale Strategie, die Informationen über Familienplanung und
Möglichkeiten leicht zugänglich macht, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung fördert, Kindersterblichkeit und Analphabetentum verringert, die Gesundheit der Frauen verbessert, Familien stärkt und
sich auf Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frau konzentriert. Zu dieser Schlußfolgerung sind wir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen
gelangt.
Im Verlauf der letzten Generation haben wir gelernt,
daß Familienplanung allein selten erfolgreich ist und
wirtschaftliche Entwicklung allein nicht automatisch
das Bevölkerungswachstum verringert.
Meiner Ansicht nach ist der wahre Hintergrund des
Vorbereitungsprozesses und der Konferenz selbst
das Ausmaß, in dem ein neuer weltweiter Konsens

um diese modernere, holistischere, umfassendere
Sichtweise Gestalt angenommen hat: Das Mittel, mit
dem die Welt den Bevölkerungszuwachs stabilisieren
kann, ist eine vielschichtige Strategie, die unter
bestimmten Umständen verfügbare Empfängnisverhütung unter Berücksichtigung der Kultur, in der
sie zur Verfügung gestellt wird, einbezieht, die
Betonung auf die Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen legt, damit sie an
Entscheidungen über die Größe der Familie sowie
umweltverträgliche und gerechte wirtschaftliche
Entwicklung teilnehmen können, die historisch mit
der demographischen Umgestaltung und der Stabilisierung des Bevölkerungswachstums einhergehen,
mit Betonung auf Verbesserung der Gesundheit von
Kindern und der Bekämpfung der Kindersterblichkeit
für die Entscheidung der Eltern über die Größe ihrer
Familie, denn wenn die Kinder überleben, ist der
Wunsch nach einer sehr viel größeren Familie
erheblich geringer.
Ich möchte Ihnen aus einem Brief vorlesen, den
Papst Johannes Paul II. im Frühjahr an Dr. Nafis
Sadik, den Generalsekretär der Kairoer Konferenz
geschrieben hat.

AMERIKA DIENST

"Es besteht weitgehende Übereinstimmung, daß
Bevölkerungspolitik nur Teil einer umfassenden
Entwicklungsstrategie ist. Entsprechend ist es von
Bedeutung, daß jede Diskussion über Bevölkerungspolitik die tatsächliche und prognostizierte
Entwicklung von Nationen und Regionen im Auge
behalten sollte. Gleichzeitig ist es unmöglich, das
Wesen dessen unberücksichtigt zu lassen, was
man unter dem Begriff "Entwicklung" versteht.
Jede dieses Namens werte Entwicklung muß
integral sein - das heißt, sie muß auf das Wahre
und Gute jeder Person sowie die ganze Person
ausgerichtet sein. Echte Entwicklung kann nicht
in der einfachen Anhäufung von Wohlstand und
der besseren Verfügbarkeit von Waren und
Dienstleistungen bestehen, sondern muß unter
wirklicher Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und geistigen Dimensionen des menschlichen
Wesens verfolgt werden. Entwicklungsprogramme
müssen auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufbauen
und den Menschen ein Leben in Würde, Harmonie
und Frieden gestatten. Sie müssen das kulturelle
Erbe von Menschen und Nationen respektieren
sowie die sozialen Qualitäten und Tugenden, die
die von Gott gegebene Würde jeder einzelnen
Person widerspiegeln und den göttlichen Plan, der
alle Menschen zur Einheit auffordert. Am wichtigsten ist, daß alle Männer und Frauen aktive Mittler
ihrer eigenen Entwicklung sein müssen. Denn
Männer und Frauen als bloße Objekte in einem
Schema oder Plan zu behandeln, würde bedeuten, diese Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung
zu ersticken, die für das Gute des Menschen
grundlegend ist."
Wie wichtig ist es doch, daß die Welt diese Perspektive vernimmt. Und wie wichtig ist es, daß die
Welt hört, was die großen Weltreligionen über all die
uns konfrontierenden Themen zu sagen haben.
Die katholische Kirche hat ebenso wie andere christliche und nichtchristliche Religionen eine Mission, die
sich manchmal von der politischer Institutionen
unterscheiden muß. Die Kirchenvertreter versuchen,
eine moralisch strenge Haltung im Hinblick auf
materielle Güter und sozioökonomische Beziehungen
zu ermutigen. Der politischen Führung kommt die
Verantwortung zu, sorgfältig auf das zu hören, was
die Religionen zu sagen haben - selbst wenn sie es
nicht immer würdigen kann. Dieser Dialog ist äußerst
wichtig. Wir wollen Kairo zu einem Dialog statt einer
von vorneherein geplanten Konfrontation machen insbesondere, da bezüglich des Dokumentsentwurfs
so große Übereinstimmung besteht.
Wir teilen auch die Meinung von Papst Johannes
Paul II., daß diese Themen die wichtigsten des 21.
Jahrhunderts sind und die Zukunft der Menschheit

Seite 5

�I»

bestimmen. Ich habe in der Vergangenheit bereits
das Argument vorgebracht, daß trotz bestehender
Meinungsverschiedenheiten der umfassende Charakter und die Stärke der Übereinstimmung zu einem
natürlichen Bündnis zwischen den in der Regierung
Tätigen unter uns führt, die der Auffassung sind, daß
wir einerseits das Bevölkerungswachstum stabilisieren, die Umwelt schützen, umweltverträgliche Entwicklung fördern und eine für unsere Kinder und
Enkelkinder lebenswerte Zukunft schaffen müssen,
und die katholische Kirche andererseits trotz ihres
allseits bekannten Widerstands gegen Empfängnisverhütung historisch gesehen einer der stärksten
und effektivsten Befürworter der ganzen Welt von Alphabetisierungs- und Bildungsprogrammen, von
Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der
Kindersterblichkeit und anderer Schritte ist, die in der
Tat entscheidend für die Stabilisierung des Bevölkerungszuwachses und die Erarbeitung eines Musters
für umweltverträgliche Entwicklung sind.
Es geht darum, eine humane und umfassende
Strategie auf der Grundlage universellen menschlichen Strebens zu entwerfen. Als Teil dieser umfassenden Strategie ist ein Ziel in Kairo und darüber
hinaus die Stärkung der Fähigkeit prospektiv denkender Eltern, zu entscheiden, wieviele Kinder und
zu welchem Zeitpunkt sie haben wollen. Jedes Land
hat die Verantwortung, über die geeigneten Möglichkeiten zu entscheiden, die zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, Gewährleistung geistiger
Gesundheit und Verringerung von Schwangerschaftsabbrüchen erforderlich sind. Jedes Land
sollte darauf hinarbeiten, die von ihm gewählten
Möglichkeiten für alle seine Bürger verfügbar zu
machen. Und in den Fällen, in denen eine Nation
sich für legalen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, sollte dieser medizinisch sicher sein.
Wenn wir die Lebenserwartung verlängern und die
Kindersterblichkeit verringern können, wenn wir das
Leben der Menschen durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen verbessern können, wenn wir
ihre Wünsche und ihren Horizont erweitern können,
dann können wir die Bevölkerungswachstum nährenden Kräfte abbauen. Wir erkennen jetzt, daß
Familienplanung, gerechte und umweltverträgliche
Entwicklung, vermehrte Entscheidungsbefugnis für
alle Bürger nicht konkurrierende Strategien, sondern
vielmehr entscheidende und sich gegenseitig verstärkende Elemente des umfassenden Ansatzes
sind, den unsere globale Zukunft fordert.
Dies ist der Rahmen, der uns beim Sondieren von
gemeinsamem Terrain in Kairo leitet. Wir können
uns nicht vorstellen, daß wir die Abtreibungsdiskussion je ad acta legen - die Meinungsverschiedenheiten sind zu tiefgreifend. Unseres Erachtens maxi-

Seite 6

•

miert unser Ansatz die Bandbreite des möglichen
Konsenses und verringert die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein erträgliches Maß.
Schließlich hat man sich bereits auf über 90 Prozent
der Sprachregelungen des Kairoer Dokuments
geeinigt - das ist weit mehr als bei vorherigen internationalen Konferenzen. Und viele der verbleibenden
Differenzen können mit harter Arbeit, respektvollem
Dialog und vernünftig begründeter Annäherung
beigelegt werden, die wir heute fordern.
Wir dürfen und sollten im Verlauf dieses Unternehmens nicht zu Gegnern werden. Wir müssen vielmehr Kollegen und Freunde bei diesem historischen
Unterfangen sein, eine Politik zu entwerfen, mit der
die Würde und der Wert jedes menschlichen Wesens
auf der Erde bekräftigt wird und einer Politik, die die
Bedeutung der Familie untermauert.
Unseres Erachtens ist die Familie die Keimzelle eines
verantwortungsbewußten Lebens in der Gesellschaft.
Wenn Sie beispielsweise eine umweltbewußte
Gesellschaft haben wollen, müssen Sie die Familie
stärken. Die Regierungen haben die Pflicht zur
Gewährleistung von politischer Freiheit zur Gründung
einer Familie und der Erziehung der Kinder im
Einklang mit der religiösen Überzeugung dieser
Familie. Alle Regierungen müssen die Stabilität der
Ehe und die Institution Familie sowie die Gesundheit
der Familie schützen. Die Betonung der Familie ist
unserer Ansicht nach entscheidend, weil Themen wie
die Gesundheit von Frauen und ihre Ausbildung in
vielen Ländern durch das Prisma der Familie in
Angriff genommen werden müssen.
In diesem Zusammenhang ist die Kairoer Konferenz
daher bemerkenswert für ihre Bestrebungen, eine
globale Tagesordnung der Hoffnung, Chancen und
Fortschritte zu definieren. Ungeachtet der nicht
vollständigen Übereinstimmung zu allen Themen ist
dies - bei weitem - das beste je erarbeitete Dokument
zu Bevölkerungsfragen. Und ich möchte hinzufügen,
daß diese Bestrebungen - und auch die Vereinigten
Staaten - in hohem Maße von dem Talent, der
Kreativität und sorgfältigen Anleitung von Tim Wirth,
unserem Staatssekretär im Außenministerium für
globale Angelegenheiten, profitiert haben. Dank Tims
Arbeit und der anderer wird diese Konferenz einen
historischen Schulterschluß zwischen der Notwendigkeit zur Integration wirtschaftlicher und umweltpolitischer Maßnahmen auf globaler Ebene und der
Anerkennung der Beziehung zwischen umweltverträglicher Entwicklung und Bevölkerungsstabilität
vornehmen.
Ich möchte auch im voraus Präsident Mubarak
danken, der als Gastgeber einen unschätzbaren

AMERIKA DIENST

�Beitrag zu dem erwartungsgemäß erfolgreichen
Ausgang der Konferenz in Kairo geleistet hat.
Ebenso wie der Erdgipfel in Rio erkennt diese
Konferenz die Bedeutung der Einbeziehung der
Bürger und nichtstaatlicher Organisationen an,
analysiert ihre Rolle und ihren Beitrag zum internationalen Dialog. Diese Konferenz geht für ihre
beispiellose Einbeziehung der Bürger - insbesondere
der Frauen, deren Beitrag historisch und außergewöhnlich war - in die Annalen der Geschichte ein.

Die Kairoer Konferenz trägt ferner der Tatsache
Rechnung, daß dies nicht nur Belange der armen
Länder sind. Sie betreffen auch die Bürger von
Industrienationen und beziehen sie ein. Wir sind

unseren Nachbarn durch Sorge und Mitgefühl verbunden. Rasches Bevölkerungswachstum ist eng mit
Armut, Ungerechtigkeit und menschlichem Leid
verbunden. Die Amerikaner stehen diesen Problemen nicht indifferent gegenüber.
Wir sind uns bewußt, daß die Herausforderungen
groß sind, und aus diesem Grund ist unser Engagement so tiefgreifend. Die Integration von Bevölkerung, Umwelt und Entwicklung ist ein Gebot für
Frieden und nationale Sicherheit, für menschliche
Gesundheit und menschliches Wohlergehen und für
die Qualität des Lebens auf Erden. Die ClintonAdministration ist entschlossen, diese Erfordernisse
zu erfüllen. Und bei der Bevölkerungs- und Entwicklungsproblematik sind wir entschlossen, eine Führungsrolle zu übernehmen.

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UNABDINGBAR FÜR NEUE AMERIKANISCHE
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub
WASHINGTON - (AD) - Umweltverträgliche Entwicklung muß ein Eckpfeiler der neuen amerikanischen
Außenpolitik und der neu definierten nationalen Sicherheit für das 21. Jahrhundert sein, stellte der
Staatssekretär im Außenministerium für globale Angelegenheiten, Timothy Wirth, fest.
In seiner am 12. Juli 1994 im Nationalen Presseclub gehaltenen Rede erklärte Wirth, umweltverträgliche
Entwicklung bedeute im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten
Staaten - versuchen sollten, "die Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen
für künftige Generationen zu erfüllen".
Wirth zufolge ist umweltverträgliche Entwicklung "ein in der Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig verstärken".
Das größte Hindernis bei der Verfolgung umweltverträglicher Entwicklung sei die fehlgeleitete Überzeugung,
"daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft". Tatsache sei, so Wirth, daß "die
Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden ist und vollständig von ihr abhängt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Timothy Wirth im Wortlaut.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre lang die langfristige Sicherheit definierte, wird schnell zu einem
lange zurückliegenden Zeitalter. Statt dessen sehen
wir uns mit einem breiten Spektrum unbekannter
Herausforderungen in einer an sich schon so unbekannten Welt konfrontiert, daß sie fast nicht mehr zu
erkennen ist. Die Veränderungen und Entscheidungen, vor denen die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft jetzt stehen,
stellen ebenso große Anforderungen wie diejenigen,
die wir seit 1945 kannten. Aber die Natur, Vielfalt
und Geschwindigkeit, mit der die neuen Herausforderungen auftreten, gebieten dringende Bestrebungen zum Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer Außenpolitik und eine Neubewertung der Prioritäten für die amerikanische Führungsrolle bei der Bewältigung neuer Tests und
Gestaltung einer besseren Welt.
Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen

AMERIKA DIENST

Tendenzen, die diese Interessen in der Zukunft
bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der
Regierungsführung an unsere Kinder weitergeben.
Heute möchte ich den Vorschlag unterbreiten, daß
das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung die beim Erdgipfel in Rio formulierte hehre Idee - ein
Eckpfeiler der neuen amerikanischen Außenpolitik
und der neu definierten nationalen Sicherheit für das
21. Jahrhundert sein muß.
Umweltverträgliche Entwicklung bedeutet im wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten - versuchen sollten, die
Bedürfnisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt
kann die Idee umweltverträglicher Entwicklung die in
der Welt von heute aktiven, außerordentlich mächtigen wirtschaftlichen und umweltpolitischen Kräfte
integrieren und harmonisieren. Es ist ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche

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�und umweltpolitische Fortschritte sich gegenseitig
verstärken.
Ökologische Systeme bilden die
Grundlage einer modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft sowie bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Langfristig von unserem
ökologischen Kapital zu leben, ist eine ruinöse
Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten Völker und Nationen nach Wirtschaftswachstum
sowie wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritten, die wiederum die unerläßlichen Bausteine des Umweltschutzes sind.
Bedauerlicherweise wurde die Sorge über die
Umwelt viel zu lange als peripheres, unerhebliches
Thema angesehen, das im Zusammenhang mit
Wohlstand als Luxus betrachtet werden kann. Viel
zu viele werden mit der Aussage zustimmen: "Ja,
ich bin für Umweltschutz - solange er nicht auf
Kosten der Arbeitsplätze geht." Und in eben dieser
Fehlanalyse stoßen wir auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung - umweltverträgliche
Entwicklung.
Das größte Hindernis beim Streben nach umweltverträglicher Entwicklung ist die fehlgeleitete Überzeugung, daß der Schutz der Umwelt den wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Tatsache ist,
daß die Volkswirtschaft untrennbar mit der Umwelt
verbunden ist und vollständig von ihr abhängt.
Fünf biologische Systeme - Ackerland, Wälder,
Weiden, Ozeane und Süßwasser - unterstützen die
Weltwirtschaft. Mit Ausnahme von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle Rohmaterialien
für die Industrie und unsere gesamten Nahnmasmittel.
Ackerland liefen" Nahrungsmittel, Viehfutter und
eine unendliche Vielfalt von Rohmaterialien für
die Industrie wie etwa Fasern und pflanzliche
Öle.
Wälder sind eine Quelle für Brennstoffe, Holz,
Papier und zahlreiche andere Produkte.
Weiden sind der Ursprung für die P^^uWion vor.
Fleisch, Milch, Leder und Wolle.
Ozeane und Süßwasser produzieren N?hn,r&gt;nsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie.
Kurzum, das ist in etwa alles. Das is&gt; der Größte!
der Volkswirtschaft. Das ist die Grundlage für di?
gesamte Wirtschaftstätigkeit ••'"' ,j! le ArbdtepUrtee
Im Jargon der Wirtschaftswelt ist die vVirtschatt eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Umwelt
Alle Wirtschaftsaktivitäten hangen v o i der Umwelt

Seite 2

und der ihr zugrundeliegenden Ressourcenbasis ab.
Wenn die Umwelt schließlich einen Offenbarungseid
leisten muß, weil ihre Ressourcenbasis verschmutzt,
zerstört, verschwendet, unwiderruflich gefährdet
wurde, dann geht auch die Wirtschaft mit ihr bankrott.
Ist dies nur ein theoretisches Konzept?
nicht.

Natürlich

Es vollzog sich in Mittel- und Osteuropa, den Ländern, deren tiefgreifende Zerstörung der Wirtschaft
wir erst jetzt entdecken und verstehen. Es vollzieht
sich in der Tat auf der ganzen Welt, selbst in vielen
der heutigen Schlagzeilen machenden Krisenherde.
Knappe Ressourcen sind die Ursache gewalttätiger
Konflikte, die die bürgerliche Gesellschaft in Ruanda,
Haiti und Chiapas erschüttern.
Diese Konflikte
könnten sich intensivieren und ausweiten, während
die immer weiter zunehmende Bevölkerung um den
immer geringer werdenden Bestand an Land, Brennstoff und Wasser kämpft. Professor Tad Homer-Dixo
von der University of Toronto warnt, daß in den
kommenden Jahrzehnten die Verknappung der
Ressourcen sich "wahrscheinlich mit einer Geschwindigkeit, Komplexität und in einer Größenordnung
vollzieht, die in der Geschichte ihresgleichen suchen".
Derzeitige Konflikte sind ein bitterer Vorgeschmack
der Anarchie, die immer mehr Nationen erfassen
könnte, wenn wir nicht handeln.
In Ruanda vollzogen sich die unbeschreiblich
brutalen Massaker der jüngsten Monate vor dem
Hintergrund einer Bevölkerungsexplosion, Umweltzerstörung und ungleicher Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate ist mit die
höchste der Welt - über acht Kinder pro Frau.
Das einst reiche Agrarland der Nation ist so
gravierend erschöpft und zerstört, daß zwischen
1980 und 1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungszuwachses - die Nahrungsmittelproduktion
um 20 Prozent fiel.
Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind
Konflikte Ober die Ressourcen die Ursache für die
Aufstände im Süden. Ungleiche Verteilung des
l indes und rawcnes RevNkerungswachstum
haben die arnr-"&gt; R;.uern - vornehmlich die Urbevölkerung - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung des ökologisch gefährdeten
HochlarHo durchzuschlagen. Dieses Land kann
rasch 7«&gt;r&lt;&gt;tftrt worden und die zunehmende
Bevölkeruno noch weiter in Armut stürzen. Ein
IhnHchf 'rr.'ii^iskrpi&lt;5 konnte an so unterschiedlichen Orten wie den Philippinen, dem Himalaya,
der Sahelzone, Indonesien, Brasilien und El
c
-'vqdor beobachtet werr»«"i

AMERIKA DIENST

�In Haiti sind schwindende Ressourcen noch
ausschlaggebender für den Zusammenbruch der
Gesellschaft eines Inselstaats, der einst das
Kronjuwel des französischen Imperiums war.
Nahezu völlig entwaldet, das karge Ackerland mit
jeder Generation in kleinere und weniger produktive Parzellen unterteilt, werden diese Probleme
durch eine räuberische Regierung verschärft, die
die spärlichen Ressourcen des Landes erschöpft
und Investitionen in ihr Volk versäumt hat. Hinter
diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und
politischen Zusammenbruch wirft die Tatsache
bedrohliche Schatten, daß die bereits jetzt in
jeder Hinsicht zu hohe Bevölkerungsrate Haitis
von sieben Millionen sich in den nächsten 18
Jahren voraussichtlich verdoppeln wird.
Und in China - der Heimat von einem Fünftel der
Weltbevölkerung - bedrohen ernsthafter Wassermangel und Bodenerosion die Fähigkeit dieses
Landes zur Versorgung seiner Bevölkerung.
Zwischen 1957 und 1990 verlor China rund 35
Millionen Hektar Ackerland - ein Gebiet in der
Größe aller Bauernhöfe in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden zusammengenommen. Dieser Raubbau bewirkt einen
Exodus aus dem verarmten Inland in die prosperierenden Küstenstädte, der sich mit den Erfordernissen der raschen Industrialisierung zu einem
Wall entwickelt, auf den die chinesische Volkswirtschaft bald mit aller Macht trifft.
Dies kann auch uns dort passieren, wo unsere
biologischen Systeme unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind. Mit ihrer fortgesetzten
Zerstörung verbrauchen wir unser Kapital. Dabei
unterhöhlen wir unseren Lebensstandard - ein
gefährlicher Drahtseilakt:
Die Wälder unseres pazifischen Nordwestens
wurden geplündert und die Flüsse, Fischgründe
und billige Energiequellen sind nicht weit davon
entfernt.
Wir aus dem amerikanischen Westen sollten auf
die Alarmglocken achten und hören, während wir
die Wasservorräte auf unseren Hochebenen
erschöpfen und - häufig mit Blindheit geschlagen
- auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang dieser bäuerlichen Gemeinden warten.
Vor unserer Türschwelle ist ein offensichtlich so
einfaches System wie die Austernbänke vor der
Chesapeake Bay, die das Wasser der gesamten
Bucht alle drei Tage filterten, jetzt so ausgebeutet, daß diese Filterung nur einmal pro Jahr
stattfindet und damit die Gesundheit und Produktivität dieses bemerkenswerten Lebenssystems

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drastisch verringert. Ist der totale Zusammenbruch noch weit entfernt?
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach mit dem
Zählen von Bäumen, des Fischbestands oder der
Kornähren gemessen werden kann. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Müll reinigen,
Boden regenerieren und die Trinkwasservorräte
auffüllen.
Diese Systeme, die wir verspätet zu
verstehen begonnen haben, bilden die Grundlage des
Lebens auf Erden. Der Abbau der Ozonschicht,
Verlust der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache, daß die ökologischen Systeme des Planeten
einer großen Belastung ausgesetzt sind.
Unsere Defizitfinanzierung des Umweltkapitals hat
direkte, meßbare Auswirkungen auf die menschliche
Sicherheit. Mit einfachen Worten, die lebenserhaltenden Systeme auf dem gesamten Globus werden
in schnellem Tempo vernichtet - verdeutlichen unsere
Interdependenz mit der Natur und verändern unsere
Beziehungen zu dem Planeten. Unsere Sicherheit
als Amerikaner ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden.
Die Sicherheit unserer Nation und
unserer Welt hängt davon ab, ob wir ein dauerhaftes
Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen
und der Fähigkeit des Planeten zur Versorgung der
Menschen herstellen können.
Warum wurdo dieser neue Sicherheitsaspekt erst vor
kurzem erkannt? Zwei Tendenzen sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich
seit 1950 verdoppelt und beläuft sich jetzt auf 5,6
Milliarden. Jedes Jahr nimmt die Welt um 91 Millionen Einwohner zu - dem Äquivalent eines weiteren
New York jeden Monat, eines weiteren Mexiko jedes
Jahr und eines weiteren China in jedem Jahrzehnt.
95 Prozent dieses Wachstums finden in den verarmten Staaten der Entwicklungsländer statt, die
bereits um die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und
Versorgung ihrer Völker kämpfen.
Gleichzeitig hat die industrialisierte Welt die Fähigkeit
und Konsumkapazitiät zur Nutzung der Ressourcen
und der Produktion von Müll in einem Tempo entwikkelt, das in der menschlichen Geschichte seinesgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrieländer zwei Drittel aller Ressourcen und
verursachen vier Fünftel aller Schadstoffe und
Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche
Zwickmühle - die Weltbevölkerung wächst in einem
Tempo, mit dem nur unsere zunehmende Fähigkeit
zum Verbrauch von Ressourcen und der Produktion

Seite 3

�von Müll Schritt halten oder es übertreffen kann.
Dies ist ein absolut umweltschädlicher Kurs.
Ihre Frage wäre jetzt angebracht: "Nun, Sie wurden
alle gewählt, um den Laden zu schmeißen. Was tun
Sie dagegen?" Und die Antwort lautet: "Sehr viel."
Die Clinton-Administration hat die Herausforderung
von Wirtschaft und Umwelt angenommen - also die
Herausforderung umweltverträglicher Entwicklung.
Wir haben den ersten Teil richtig gemacht, in vieler
Hinsicht weit über das hinaus, was alle gehofft
hatten. Und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist
gut erklärt und erzählt worden. Wir arbeiten auch an
dem zweiten, die Umwelt betreffenden Teil der
Gleichung von umweltverträglicher Entwicklung, die
weniger gut verstanden, in vieler Hinsicht schwieriger, aber absolut unabdingbar ist, wenn wir unseren
Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen
wollen, die so produktiv ist oder nur annähernd so
aussieht wie die uns hinterlassene.
Die Wirtschaft ist eindeutig eine essentielle Grundlage dieser neuen Definition nationaler Sicherheit und
der vor uns liegenden Aufgaben. Aus diesem Grund
hat Präsident Clinton den Kurs für wirtschaftliche
Erneuerung in unserem Land sowie Partnerschaft
mit dem Ausland entworfen. Wie er vergangene
Woche erklärte, will er sich "kurzfristig auf globales
Wachstum konzentrieren und dann darüber nachdenken, wie die Welt im nächsten Jahrhundert
aussieht und was wir in dieser Hinsicht unternehmen
müssen".
Nach dem Ende des G-7-Gipfels in derverganoonon
Woche stellt sich die Frage, wie unsere Beziehungen
zu unseren Partnerländern in der industrialisierten
Welt (Großbritannien, Frankreich, Deutschland,
Italien, Japan und Kanada) aussehen. Die Zahlen
weisen auf eine aufsehenerregende Erfolgsgeschichte hin:
40 Prozent des gesamten Bruttoinlanr&lt;cor'H.jkt&lt;;
der G-7-Länder wurden in den Vereinigten Staaten produziert - im vergangenen Jahr entfielen
auf unser Land 75 Prozent r»es Wachstum«?
nahezu 100 Prozent der neugeschaffenen Ar.
beitsplätze, das Doppelte de&lt;r 'pvestifionen, e'ne
zweifache Steigerung der Exporte sowie d«r
höchste Produktivitätszuwachs.

befürwortet eindeutig einen offenen, stabilen
Weltmarkt als entscheidenden Faktor unseres
langfristigen Wohlstands und unserer nationalen
Sicherheit.
Die Tagesordnung dieser Administration ist jedoch
viel umfassender und ehrgeiziger - wir verwandeln
unsere Wirtschaftspläne und Hoffnungen in ein
umweltverträgliches Konzept, das eine würdige
Hinterlassenschaft für die Nachwelt darstellt. Im
Herbst vergangenen Jahres beschrieb der Präsident
in einer weitreichenden außenpolitischen Rede vor
der UN-Generalversammlung, wie sich die Vereinigten Staaten durch die Förderung umweltverträglichen
Wachstums für eine sichere Zukunft einsetzen. Und
vor zehn Tagen wiederholte er in einer Rede vor der
nationalen Akod orr ° rJer Wissenschaften, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums stehe auf seiner
Tagesordnung an oberster Stelle.
Wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, trübt die
Bevölkerungsspirale jede Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Industriestaaten und verurteilt
jegliche umweltpolitische Anstrengung zum Scheitern.
Bevölkerung (und die 1994 in Kairo anberaumte
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung) muß
an oberster Stelle unserer Tagesordnung für umweltverträgliche Entwicklung stehen, und das ist auch der
Fall. Die Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
der internationalen Bevölkerungspolitik wurde wiederhergestellt, und wir haben an der Ausarbeitung
eines Plans für Kairo mitgewirkt, der einen Konsens
sowie einen umfassenden Ansatz für den Umgang
mit schnellen rfemoqraphischen Veränderungen ins
l eben ruft, nieder plan sieht universellen Zugang zu
Familienplanunq und Gesundheitsfürsorge für
Schwangere vor, fördert entscheidend die Ausbildung
von Mädchen und konzentriert sich auf die Reduzierung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des
Mannes, starke Familien sowie das Engagement von
Rasisnruppen " n d nichtstaatlichen Organisationen
piomentarer Bestandteil unserer Strategie ist die
Förderung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Reci-"0 ,&lt;or P r 3 , j - •*•&gt; !?ero."ientlich wichtige
Poev/Mirt-urj &lt;iir War-S"!1 irn " o d ^^»tt'sr des Wandels.
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erreicht weiden kann.
Das NAFTA wird umgesetzt, die Uruguay-Runde
wurde abgeschlossen und unsere Handelspolitik

Seite 4

-

wiegt für jede Generation die Kosten auf. Im komTionHon

Wir haben unser Haushaltsdefizit auf den zweitniedrigsten Stand gebracht und WÖBO &lt;^kommenden Jahr das niedrigste Defizit aller G-7
Staaten verzeichnen.

H.tepr

OiiQ'»i.

/'»Acpit'A DIENST

�In ähnlicher Weise ist die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge für die internationale Staatengemeinschaft eine kluge Investition, die zu relativ
niedrigen globalen Kosten getätigt werden kann. Die
Ausrottung von vier weit verbreiteten, leicht zu
verhütenden Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio - die Beseitigung von Jod- und
Vitamin A-Mangel sowie die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapie können Anfang des
kommenden Jahrhunderts erreicht werden. Eine
erfolgreiche Durchführung dieser Maßnahmen würde
jährlich drei bis vier Millionen Menschenleben retten
und vielleicht die 20 Millionen Todesfälle unter
Kleinkindern - mit steigender Tendenz - verhindern,
unermeßliches, unnötiges Leiden lindern und einen
bedeutenden Beitrag zur Verminderung der Belastung größerer Familien leisten.
Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist auch
eine größere Konzentration auf AIDS, da wir wissen,
daß eine Heilung zwar vielleicht erst in Jahrzehnten
gefunden wird, wir jedoch mit aggressiven Verhütungsstrategien in jenen Teilen der Welt Hilfe leisten
können, in denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig ausbreitet.
Eine dritte Priorität unserer Politik ist die Artenvielfalt
- ein breites Spektrum an Aufgaben zur Erhaltung
von Gottes Schöpfung, des biologischen Erbes, das
alles Leben enthält. Der große Reichtum genetischer Informationen ist langfristig für unsere Wirtschaft und Umwelt von entscheidender Bedeutung,
und wir müssen alles in unserer Macht Stehende zu
seinem Erhalt unternehmen. Die Clinton-Administration hat den Vertrag über die Artenvielfalt unterzeichnet, der nahezu einstimmig vom Senatsausschuß für auswärtige Beziehungen angenommen
wurde und diesen Sommer vom Plenum des Senats
ratifiziert werden sollte. Anschließend können wir
mit dem erforderlichen Elan an der ersten Konferenz
der Unterzeichnerstaaten teilnehmen, weltweite
Bestrebungen zur Erfassung, Erforschung und
dauerhaften Nutzung diesergroßartigen und großenteils unbekannten Informationsbibliothek ins Leben
zu rufen. Das kommende Jahrhundert wird mit
Sicherheit das Jahrhundert der Biologie, und wir
müssen uns für die umfassende Nutzung dieser
bemerkenswerten Chancen einsetzen, neue Nahrungsmittel, Brennstoffe, Fasern und Arzneimittel zu
entwickeln.
Die Integration umweltpolitischer und wirtschaftlicher
Imperative auf nationaler Ebene ist eine vierte vor
uns liegende Aufgabe. Die Nationen der Welt,
einschließlich der Vereinigten Staaten, können nicht
länger davon ausgehen, daß wir die Luft verschmutzen und die Ressourcen erschöpfen können, ohne
dafür einen Preis zu zahlen. Vielmehr müssen wir

AMERIKA DIENST

uns der Kosten bewußt sein und es dem Genie des
Marktes überlassen, die effektivsten Mittel für die
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele festzusetzen. Unter der Führung von Wirtschaftsminister Ron
Brown haben wir die ernste und schwierige Aufgabe
in Angriff genommen, "die Preise richtig festzusetzen", ein System für Rechenschaftspflicht zu entwickeln, das uns eine angemessene, objektive Einschätzung davon vermittelt, was in unserer Wirtschaft
tatsächlich geschieht.
An fünfter Stelle ist die Herausforderung einer Reform
unserer internationalen Institutionen zu nennen, um
umweltverträgliche Entwicklung besser fördern zu
können. Die Weltbank, der wichtigste öffentliche
Motor der Entwicklung, wird bei der Unterstützung
des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung
eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen härter daran
arbeiten, eine Veränderung der Praktiken bei der
Kreditvergabe zu ermutigen, um somit dem Versprechen nachzukommen, mehr Wert auf kleinere,
dezentralisierte Projekte zur Förderung einer alternativen Entwicklung zu legen, die Umwelt zu schützen,
die Rechte der Bevölkerung von Ort zu bewahren
und die Rolle entscheidender Bevölkerungsgruppen insbesondere der Frauen - im Entwicklungsprozeß
anzuerkennen.
Dieses Ziel institutioneller Reform ist Teil der sechsten und letzten Herausforderung - die ich als
Regierungsführung im 2 1 . Jahrhundert bezeichnen

möchte. Wir sind traditionsgemäß davon ausgegangen, daß unsere Beziehungen zu anderen Landern
wie Nabe und Speichen eines Rades sind: Wir in
Washington sind die Nabe, und die einzelnen Speichen reichen in alle Hauptstädte der Welt - nach
London, Delhi, Tokio oder Bogota. Diese traditionelle
Art des Umgangs mit unseren Angelegenheiten und
den Problemen der Welt verändert sich jetzt, während
wir uns auf umfassendere, kooperative internationale
Bündnisse und Organisationen zubewegen, bis zum
schnell wachsenden Netz privater, nichtstaatlicher,
freiwilliger Organisationen. Ich möchte das gerne
näher erläutern.
In dieser Zeit nach dem Kalten Krieg machen unsere
Probleme nicht vor traditionellen Grenzen halt. Die
weltweite Klimaveränderung, die Zerstörung der
Ozonschicht, die Artenvielfalt, Flüchtlinge, Drogen all diese Fragen sind zu Anliegen geworden, die eine
Herausforderung für uns alle darstellen und im
Rahmen stärkerer, multilateraler, kooperativer Organisationen behandelt werden müssen.
Präsident
Clinton hat in der vergangenen Woche mit unseren
Partnern in der G-7 die Frage aufgeworfen, ob es
nicht an der Zeit sei, unsere internationalen Institutionen erneut zu prüfen, damit sie den Aufgaben des
21. Jahrhunderts gewachsen sind. Das wird nicht

Seite 5

�einfach sein. Mauern können innerhalb eines Tages
niedergerissen werden. Das Bewußtsein des einzelnen zu verändern und unter Institutionen den Sinn
für eine gemeinsame Sache zu wecken, ist viel
schwieriger. Wir haben jedoch einen reichen, wenn
auch komplizierten Rahmen, auf dem wir aufbauen.
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDP, der Bevölkerungsfonds UNFPA, das WeltKinderhilfswerk UNICEF, die Menschenrechtskommission - alle kreativ und fähig - müssen sich gemeinsam hinter allgemeine Themen stellen und ein
gemeinsames Zielbewußtsein entwickeln. Meines
Erachtens wird dieses Ziel im 21. Jahrhundert in
umweltverträglicher Entwicklung bestehen.
Diese Ideen werden von dem von der Administration
eingesetzten Team zur Verbesserung der Effizienz
von Entwicklungsprioritäten für die Vereinigten
Staaten und die Welt nicht nur unterstützt, sondern
verfochten. Dies ist die Herausforderung für die
Abteilung für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium und entsprechende Teams im Nationalen Sicherheitsrat und den Nachrichtendiensten. Es
ist die von Brian Atwood übernommene, wenig beneidenswerte und oftmals undankbare Aufgabe, das
Konzept umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren - den umfassenden Zugang der Menschen zu
den wirtschaftlichen, umweltpolitischen und politischen EntScheidungsprozessen in ihrem Land zu
fördern. Das ist die Aufgabe von Gus Speth beim
UNDP, der sich um die Verbesserung der Koordinierung der UNO im Bereich umweltverträglicher
Entwicklung und ihre Konzentration darauf bemüht,
wodurch die abstrakten Ziele umweltverträglicher
Entwicklung in Beziehung zu den Menschen und
ihrem Leben gebracht werden.
Die Herausforderung der Regierungsführung geht
weiter in Richtung Basis, zu der großen Masse der
Menschen, die sich weltweit organisieren, um ihr
Leben mitbestimmen zu können, und die schon
lange vor ihrer Regierung die HerauotoTderiing
umweltverträglicher Entwicklung erkannten. Der
phänomenale Anstieg nichtstaatlicher Organisationen
weltweit ist eine der herausragenden Charakteristika
unserer Zeit. Die OECD z£Me 1990 in ihren 2^
Mitgliedstaaten mehr als 2.500 nicttst;ieiliehe
Organisationen, im Vergleich zu 1.6CU ver einem
Jahrzehnt. Das ist jedoch gar nichts verdienen mit
den NGOs in den Entwicklungsländern. Roger
Ridden vom Institut für Entwicklung in Übersee
behauptet, in einem Staat Indiens. Tarrii Nadu
existierten mehr als 25.000 BasisorgariN
Die Helden des Erdgipfels von Hin war«n nich
Staatschefs, sondern die Agenda IM oe'inioren^en
und vorantreibenden NGOs. FrauengruDoen aus der
ganzen Welt spielten eine führende ROUP nai def

Seite 6

Organisation und Festsetzung der Tagesordnung der
jüngsten UN-Menschenrechtskonferenz in Wien; sie
retteten die Verpflichtung der UNO zur Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte. Die Vorbereitungen
für Kairo haben diese vorherigen Normen nicht nur
verstärkt, sondern übertroffen. Unsere Herausforderung besteht darin, das Feingefühl, die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität dieser Basisgruppen zur
Mitarbeit zu gewinnen und einzusetzen - eine neue
und äußerst vielversprechende Herausforderung für
die vermeintlich Regierenden.
Die Dynamik der Clinton-Administration und unter den
Bürgern reflektiert insgesamt die Einsicht, daß die
Sicherheit unserer Nation von mehr abhängt als nur
militärischer Macht und unsere Sicherheit eng mit
dem Wohlergehen unserer Nachbarn verknüpft ist.
Politische Grenzen sind durchlässig, Umweltzerstörung und Krankheiten machen nicht vor nationalen
Grenzen halt. Und durch die zunehmend globale
Wirtschaft sind die uns verknüpfenden Bande noch
enger geworden.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden.
Sicherheit des einzelnen fußt auf der Grundlage von
Frieden, politischer Stabilität, physischer Gesundheit
und wirtschaftlichem Wohlergehen. Die Hauptgefahr
für die Sicherheit des einzelnen ist vielleicht nicht so
einfach zu erkennen wie beispielsweise das Atomwaffenarsenal eines Feindes, ist jedoch nicht weniger
tödlich.
Diese Gefahren sind Resultat äußerster Armut, unter
der eine Milliarde der Weltbevölkerung leidet, des
Hungers, der 800 Millionen Männer, Frauen und
Kinder quält, der Verbreitung von HIV/AIDS, mit dem
sich bis zum Jahr 2000 30-40 Millionen Menschen
infiziert haben werden, der Kombination von Gewalt,
Armut und Urnweltzerstörung, die 20 Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat.
Hier in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen
Welt verstenen wir in zunehmendem Maße die enge
Verbindung zwischen Armut, Umwelt, Wirtschaft und
Sicherheit. Diese historische Umwandlung erfordert,
daß wir uns selbst befreien - von überkommener
Politik veralteten Annahmen, starren Überzeugunaen, aie geste n noch trennende und charakteristische Linien unserer Politik zu sein schienen.
Krisenverhütung und umweltverträgliche Entwicklung
Gehören in den letzten janres Dieses und im Kommenden Jahrhundert zu den größten Herausforderungen Die Zeit ist gekommen, unseren Ansatz im
bereicn dei natic naien Siel erneit umzugestalten - in
der Erkenntnis, daß unsere wirtschaftliche und
imTAeitpoi. cns LUK-J. ft « \ una 3as:;&amp;'be sind.

AMERIKA DIENST

�Genau diese Herausforderungen werden die Zukunft
bestimmen, die wir unseren Kindern und Enkeln
hinterlassen.
Uns bleibt keine Wahl. Zum Abschluß bitte ich Sie,
sich folgendes Szenarium vorzustellen: Ein Mann
steht auf dem Fenstersims eines Hochhauses, und
Sie werden gebeten, ihn dazu zu überreden, nicht
hinunterzuspringen.

men, die Welt davon zu überzeugen, sich selbst
nicht schwer zu verletzen. Einige werden die Bedrohung bagatellisieren oder sagen, wir verfügten
derzeit nicht über genug Wissen, um zu handeln.
Andere, einschließlich vieler hier Anwesender, haben
bemerkt, daß der Mann auf dem Fensterbrett ein Seil
um sein Fußgelenk gebunden hat. Das andere Ende
des Seils ist an uns gebunden, und wenn er fällt,
fallen wir alle zusammen.

Genau dort stehen wir heute. Die Vereinigten
Staaten müssen die Führungsrolle dabei überneh-

* * * * *

AMERIKA DIENST

Seite 7

�BEVÖLKERUNG

MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT DER FRAU
BEI FAMILIENPLANUNG GEFORDERT
Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994
WASHINGTON - (AD) - Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen über die Weltbevölkerung zufolge sollten
die Frauen weltweit mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten, insbesondere die Entscheidungsgewalt
über die Größe der eigenen Familie.
Eine solche "Ausstattung der Frauen und Männer mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht" ist dem
Weltbevölkerungsbericht 1994 zufolge der "Schlüssel für soziale Entwicklung ... am Ende des 20. Jahrhunderts
und in den Jahren danach".
Der am 17. August 1994 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht weist auf "die zunehmende
Selbstbestimmung der Frauen über die Regulierung ihrer Fruchtbarkeit" hin.
"Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten
der Kinder ist ein Menschenrecht", wird in dem Bericht festgestellt. "Die Erweiterung der Entscheidungsfreiheit
ist in allen gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg
geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung zum Weltbevölkerungsbericht 1994 der Vereinten Nationen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V.

Eine Frage der Entscheidungsfreiheit
Der Schlüssel für soziale Entwicklung einschließlich
der Lösung des Bevölkerungsproblems liegt am
Ende des 20. Jahrhunderts und in den Jahren
danach in einer Ausstattung der Frauen und Männer
mit mehr Entscheidungsfreiheit und Macht sowie in
einer Befähigung der Familien und lokalen Gemeinwesen zu eigenem Handeln. In immer stärkerem
Maße zeigt sich heute, daß ein freier und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsversorgung,
Familienplanung und Bildung nicht allein als solcher
wünschenswert ist. Er ist auch ein praktischer
Beitrag zur Verwirklichung weiterer Ziele, zu denen
auch der Umweltschutz und die wirtschaftliche
Entwicklung gehören.

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In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine
besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger
als auch ihr potentieller zukünftiger Beitrag zur
menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die
Unsichtbarkeit der Individualität der Frau - im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter - wird
vielleicht schon bald beendet sein.
Von grundlegender Bedeutung für die hier angesprochene veränderte Problemwahrnehmung ist die
zunehmende Selbstbestimmung der Frauen über die
Regulierung ihrer Fruchtbarkeit. Handlungsfreiheit in
diesem Bereich verbessert den Gesundheitszustand
der Frauen und eröffnet ihnen Alternativen in bezug
auf ihre Bildung, ihren Familienstand, ihre Beschäftigung, ihre Wohnverhältnisse und eine mögliche
Entscheidung zur Migration. Diese Handlungsfreiheit
in bezug auf die persönliche Entwicklung birgt Ent-

Seite 1

�Wicklungsmöglichkeiten auch für die Gemeinwesen,
in denen die Frauen leben.
Persönliche Entscheidungsfreiheit und gemeinsame Verantwortung
Die persönliche Entscheidung über die Größe der
eigenen Familie und die Abstände zwischen den
Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht. Die
Erweiterung der Entscheidungsfreiheit ist in allen
gesellschaftlichen Bereichen die Basis für Entwicklung. Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für
einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen
Ressourcen, von denen die Menschen leben.
Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus
dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner
und das Bevölkerungswachstum langsamer sein.
Der Verhütung kann, so wird geschätzt, die Hälfte
des Rückgangs der Fertilität zugeschrieben werden.
Die freie Entscheidung des einzelnen in der Frage
der Größe seiner Familie könnte das Bevölkerungswachstum so weit verlangsamen, daß ein anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum wahrscheinlicher würde. Ein solcher Prozeß kann heute
überall in der Dritten Welt - am besten jedoch in den
sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften Asiens beobachtet werden.
Für die komplexe Problematik von Armut, Arbeitslosigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Wasser und
Energie, übersteigertem Konsum, von Umweltschäden und sozialer Desintegration gibt es keine einfache Lösung. Sowohl die nationalen Regierungen
als auch die internationale Gemeinschaft müssen die
Probleme der Regierungskontrolle und der nationalen Institutionen ebenso angehen wie die externen
Faktoren Verschuldung, Handel, Technologieproblematik und internationale Finanzmittel, die für Entwicklung zur Verfügung stehen.
Ein langsameres Bevölkerungswachstum zu Beginn
des nächsten Jahrhunderts wird jedoch zur Entlastung in all diesen Bereichen führen. Es wird dann
Zeit gewonnen, und es können Lösungen gefunden
werden. In der Übergangsphase zu einer niedrigeren Fertilität kann schon ein Zeitgewinn von zehn
Jahren bemerkenswerte Auswirkungen auf die
Lebensqualität in den betreffenden Ländern haben,
wenn dort zum Beispiel Bildungsangebote gemacht,
qualifizierte Gesundheitsversorgung bereitgestellt
und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wachstum und Verteilung der Bevölkerung
Zur Mitte des Jahres 1994 zählt die Weltbevölkerung
5,66 Milliarden Menschen. Im Jahr 1998 werden es

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sechs Milliarden sein. Obwohl die Fertilitätsziffern
generell rückläufig sind, wächst die Weltbevölkerung
jährlich weiterhin um 94 Millionen. Dies ist der
höchste Zuwachs, den es jemals gegeben hat. Nach
dem Jahr 1997 werden die jährlichen Zuwächse
zurückgehen, um dann im Jahr 2020 85 Millionen zu
erreichen. Das Wachstum wird nahezu vollständig
auf Asien, Afrika und Lateinamerika und zu mehr als
der Hälfte davon wiederum auf Südasien und Afrika
entfallen, wo sich viele der ärmsten Länder der Welt
befinden.
Die neuesten Prognosen der Vereinten Nationen
sagen für das Jahr 2025 eine Weltbevölkerung von
8,5 Milliarden und für das Jahr 2050 von 10 Milliarden voraus. Diese langfristigen Prognosen gehen
von der Annahme einer weiterhin zurückgehenden
Fertilität aus. Trifft diese Annahme nicht zu, wird sich
das Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des
kommenden Jahrhunderts vermutlich erheblich
rascher vollziehen. Im Jahr 2025 wird dann eine Zahl
von 12,5 Milliarden erreicht sein. Der Unterschied
zwischen der hohen und der mittleren Prognosevariante beträgt 2,5 Milliarden, was der gesamten
Weltbevölkerung des Jahres 1950 entspricht.
Das Bevölkerungswachstum könnte jedoch auch
langsamer sein. Die niedrige Prognosevariante setzt
einen rascheren Rückgang der Fertilität voraus und
berechnet eine Bevölkerung von 7,8 Milliarden für
das Jahr 2050. Der Unterschied zwischen dem
mittleren und dem niedrigen Prognoseszenario liegt,
bezogen auf das Jahr 2050, bei 2,2 Milliarden.
Mit einer Rate von 2,9 Prozent pro Jahr hat Afrika die
am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.
Die Bevölkerungen Asiens und Lateinamerikas sind
jeweils um 1,8 Prozent, diejenige Nordamerikas um
rund 1,1 Prozent und die der früheren UdSSR um 0,5
pro Jahr gewachsen. Mit 0,3 Prozent lag die Wachstumsrate in Europa am niedrigsten. Die genannten
Wachstumsraten erklären die Verschiebungen in der
regionalen Verteilung der Weltbevölkerung seit den
fünfziger Jahren, als 55 Prozent in Asien, 16 Prozent
in Europa und 9 Prozent in Afrika lebten. Im Jahr
1993 lag der Anteil Asiens bei 60 Prozent, während
Afrika Europa vom zweiten Platz der Liste verdrängt
hatte. Die genannten Trends werden vermutlich bis
zum Jahr 2015 anhalten, wenn für Afrika 19 Prozent
und für Europa 6 Prozent der Weltbevölkerung
erwartet werden.
Diese Verschiebungen werden in allen Ländern
bedeutsame Auswirkungen auf die Politik nach sich
ziehen. Sie verändern die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse sowie den Bedarf an Wohnungsbau,
Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Dienstleistungen. Besonders aber werden sie Auswirkun-

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�gen auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitskräfte
haben. Schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen
werden zwischen den Jahren 1995 und 2020 zusätzlich auf die Arbeitsmärkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas drängen. Danach wird der Bedarf an
Arbeitsplätzen zurückgehen. In den heutigen Industrieländern dagegen wird der Anteil der Menschen,
die älter als 65 Jahre sind, stetig von 12,7 Prozent
auf 18,4 Prozent im Jahr 2025 ansteigen.
Migration
Innerhalb der einzelnen Länder erhöht die Abwanderung in die städtischen Zentren dort den Bedarf an
Wohnraum, Wasser, sanitärer Infrastruktur, Energie,
Gesundheitsversorgung, sozialen Dienstleistungen
und Nahrungsmitteln. Die städtische Bevölkerung
wird zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte der
Weltbevölkerung stellen. Zu diesem Zeitpunkt wird
die Zahl der Städte in den Entwicklungsländern mit
mehr als einer Million Einwohner von heute 125 auf
300 gestiegen sein.
Im Jahr 1994 leben mehr als 125 Millionen Menschen - zum Teil freiwillig, zum Teil als Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlandes. Der demographische
Druck, der zur grenzüberschreitenden Migration
beiträgt, - so wurde im letzten Jahr an dieser Stelle
berichtet - verstärkt sich weiterhin. Rund eine Million
Menschen verlassen jährlich ihre Heimat, um in ein
anderes Land zu gehen. Die grenzüberschreitende
Migration ist damit statistisch weit weniger gewichtig
als die Migration in die Städte innerhalb der einzelnen Länder. Dennoch zieht die grenzüberschreitende Migration soziale und wirtschaftliche Folgen nach
sich, die in einem deutlichen Mißverhältnis zu der
relativ geringen Zahl der Migranten stehen.
AIDS
Obwohl genaue Angaben nur schwierig zu erhalten
sind, wurde die Zahl aller Fälle von AIDS auf der
Welt für den Beginn des Jahres 1992 auf 2,7 Millionen geschätzt. 90 Prozent der Betroffenen waren
bereits gestorben. Die weltweite Verbreitung von
HIV-Infektionen - die von AIDS-Fällen zu unterscheiden sind - ist noch weitaus dramatischer. Es
wird geschätzt, daß heute zwischen 14 Millionen und
18 Millionen Erwachsene mit HIV infiziert sind. Dies
sind annähernd doppelt so viele wie im Jahr 1990,
als 9 Millionen HIV-Infektionen geschätzt wurden,
und die Verbreitung der HIV- bzw. AIDS-Seuche
verlangsamt sich keineswegs. Trotz erheblicher
Anstrengungen der AIDS-Vorbeugung weltweit gibt
es bislang nur wenige Anzeichen, daß die Politiken
und Programme zur Eindämmung der HIV-Infektionen einen spürbaren Einfluß gehabt hätten. Im Jahr
2000 werden wahrscheinlich 3,3 Prozent der auf der

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Welt verzeichneten Krankheitsfälle auf AIDS entfallen.
Mit 1,8 Millionen werden dann fast genauso viele
Menschen jährlich an AIDS sterben wie während der
ersten zehn Jahre seit Ausbruch der Epidemie
insgesamt.
Fälle von AIDS sind bisher aus 164 Ländern und
HIV-Infektionen aus praktisch allen Staaten und
Regionen der Welt mitgeteilt worden. Die Verbreitung von HIV ist eine alarmierende und sehr komplexe Erscheinung. Die weltweite Epidemie ist als
Summe tausender einzelner Epidemien, die auf der
ganzen Welt vorkommen, beschrieben worden.
Keine Region der Welt ist davon verschont geblieben,
wobei annähernd 15 Prozent aller HlV-Infizierten in
Nordamerika und im westlichen Teil Europas leben.
Zu Beginn des Jahres 1992 lag der Anteil der Lateinamerikaner unter den HlV-Infizierten bei mehr als 8
Prozent und derjenige der Südostasiaten bei 5
Prozent. Mehr als 68 Prozent aller kumulierten Fälle
von HIV bei Erwachsenen und Kindern entfallen - so
wird angenommen - auf Afrika südlich der Sahara.
Die sozio-ökonomischen Folgen von HIV in Afrika
werden sehr deutlich, wenn allein die Fälle der
erwachsenen HlV-Infizierten dort betrachtet werden.
In Afrika südlich der Sahara leben weniger als 9
Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, jedoch
66 Prozent der weltweit mit HIV infizierten Erwachsenen. Viele von diesen Menschen befinden sich in
ihrer produktivsten Lebensphase.
Vorhersagen über den Einfluß von HIV bzw. AIDS auf
das Bevölkerungswachstum werden durch die Unsicherheiten erschwert, die den Daten über die HIVSeroprävalenz (Zahl der HIV-Positiven in einer Population oder Stichprobe, Red.) anhaften. Die meisten
Untersuchungen der Seroprävalenz basieren auf
kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben, die in gut
erreichbaren Gebieten genommen werden. Derzeit
wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten
Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der
einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für
solche Länder, in denen die HlV-Infektionsraten hoch
sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und
in großen Städten einiger Länder - insbesondere
Afrikas - wird sich als Folge der Krankheit vermutlich
ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen.
Wenn AIDS auch möglicherweise nur geringe Auswirkungen auf die Größe der Weltbevölkerung hat, so
gibt es doch keine Zweifel, daß die Epidemie in den
am härtesten betroffenen Gemeinwesen, Regionen
und Ländern auf Jahre hinaus ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Diese werden sich in der
Gesundheitsversorgung, im sozialen Bereich und in
der Wirtschaft manifestieren. AIDS wird in diesen
Gebieten tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur hervorrufen. Die betroffenen Gesellschaften

Seite 3

�werden Erwachsene im jungen und mittleren Alter
verlieren, und eine wachsende Zahl von Kindern
wird zu Waisen werden. Die erhöhte Mortalität in
den jüngeren Altersgruppen deutet auch auf eine
Senkung der Lebenserwartung hin und gefährdet die
wirtschaftliche Entwicklung.
Wirtschaftswachstum und Armut
In den Entwicklungsländern hat die Rate des Wirtschaftswachstums zu Beginn der neunziger Jahre
über dem Niveau der achtziger Jahre gelegen.
Besondere Fortschritte in dieser Hinsicht machten
jeweils Teile Asiens und Lateinamerikas. Als Folge
der Bemühungen um Entwicklung ist in den Entwicklungsländern der Anteil der in absoluter Armut
lebenden Menschen zurückgegangen. In den 55
ärmsten Ländern sind in den vergangenen 25
Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden.
Die Lebenserwartung erhöhte sich hier von 53 auf
62 Jahre, und die Säuglingssterblichkeit ging von
110 auf 73 je 1000 Geburten zurück. Der Anteil der
an eine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung angeschlossenen Bevölkerung konnte von
33 auf 68 Prozent gesteigert werden.
Als Folge des Bevölkerungswachstums steigt die
Zahl der Armen jedoch weiter an. Rund 1,1 Milliarden Menschen - dies sind 30 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer - leben von rund einem
US-Dollar pro Tag. Obwohl die größte Zunahme an
Armut in Afrika zu verzeichnen war, leben mit einem
Anteil von 62 Prozent die meisten Armen der Welt in
Südasien. In der Vergangenheit lebten 75 Prozent
der Armen in den ländlichen Gebieten. Dieser Trend
kehrt sich jedoch mit der zunehmenden Slumbildung
und immer neuen wilden Ansiedlungen in den Städten um. Bemerkenswerte 54 Prozent des weltweiten
Bevölkerungswachstums entfallen auf Afrika und
Südasien.
Jene Länder, deren Versuche zur Verminderung der
Zahl der Armen und ihres Anteils an der jeweiligen
Bevölkerung erfolgreich waren, haben nicht nur ein
anhaltendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
mit Investitionen in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt. Sie haben
auch Wert auf die menschliche Entwicklung gelegt,
indem sie sich insbesondere in den Bereichen der
Bildung und der reproduktiven Gesundheitsversorgung engagierten und die Stellung der Frau
stärkten.
Bevölkerung und Umwelt
Das Wachstum und die räumliche Konzentration der
Weltbevölkerung stehen in engem Zusammenhang
mit dem lokalen und globalen Zustand der Umwelt.

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So interagiert das Bevölkerungswachstum mit dem
Verbrauch und der Bereitstellung der natürlichen einschließlich der erneuerbaren - Ressourcen, mit der
Bevölkerungsverteilung sowie dem Druck, den die
Bevölkerungen auf ihre jeweilige Umwelt ausüben.
Der auf der Konferenz der Vereinten Nationen über
Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 verabschiedete Aktionsplan, die Agenda 21, sowie vorläufige Einschätzungen, die der Internationalen Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung 1994 vorliegen werden,
reflektieren die Komplexität dieser Zusammenhänge.
Eine direkte Verbindung besteht jeweils zwischen
wachsenden Bevölkerungen und dem Städtewachstum, zwischen der steigenden Nachfrage nach
Wasser und der Abwasserhygiene, zwischen Energie
und Landreserven sowie zwischen der zunehmenden
Luftverschmutzung und der ebenso zunehmenden
Bedrohung der natürlichen Ökosysteme bzw. der
Lebensräume wildlebender Tiere. Dem auf diese
Weise entstehenden Druck sind sowohl die Industrieais auch die Entwicklungsländer ausgesetzt. In den
Entwicklungsländern sind es das rasche Bevölkerungswachstum und die Armut, in den Industrieländern der massive Ressourcenverbrauch und die
Müllberge, die die Lage zusätzlich zuspitzen.
Veränderungen der Umwelt werden von den drei Einflußgrößen Bevölkerung, Konsumniveau und technologischer Entwicklungsstand bestimmt. Im Faktor
Konsumniveau kommt der Ressourcenverbrauch zum
Ausdruck. Der technologische Entwicklungsstand bestimmt die Menge der Ressourcen, die zur Herstellung einer Produkteinheit notwendig ist, sowie die
Abfallmenge, die nach dem Konsum in die Umwelt
gelangt. Bei einem gegebenen technologischen
Entwicklungsstand und einem ebenfalls gegebenen
Konsumniveau ist der Faktor Bevölkerung der Multiplikator, der das Ausmaß der Umweltveränderungen
bestimmt. Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das
Maß der Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß
auf die Umwelt.
Umweltprobleme machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Gelangt beispielsweise Methan oder
Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung
der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die
Industrieländer nach wie vor den größten Anteil
dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil
der Entwicklungsländer an dieser Art der Umweltverschmutzung bei steigenden Bevölkerungszahlen und
steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch
in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich
zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.

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�Die Zerstörung der tropischen Wälder - beim kommerziellen Holzeinschlag, bei Rodungen für die
landwirtschaftliche Nutzung der Flächen oder zur
Gewinnung von Brennholz - schreitet unvermindert
rasch voran. In neun tropischen Ländern, u.a. in
Brasilien, Myanmar (früher: Birma, Red.) und Indien,
nahm die Abholzung während der achtziger Jahre
um 50 Prozent zu und erreichte einen Jahresdurchschnitt von annähernd 17 Millionen Hektar.
Die Ausbreitung der Wüsten und die Bodenzerstörung werden in allen Gebieten beobachtet. Es ist
ein Teufelskreis entstanden, in dem Bevölkerungswachstum, Armut und die Beibehaltung herkömmlicher Technologien zur Verkleinerung der Wirtschaftsflächen und zu weiterem Bevölkerungswachstum führen. Das primäre Agens der Zerstörung ist
in der Nutzung von Grenzertragsflächen und im
Kahlschlag der Wälder zur Urbarmachung der
gerodeten Flächen zu sehen. Diese Nutzungen
resultierten in einer Zurückdrängung des tropischen
Waldes von 16 Millionen qkm zu Beginn dieses
Jahrhunderts auf rund 8 Millionen qkm im Jahr 1990.
In der Folge der Waldzerstörung kommt es zur
Bodendegradation sowie zu einer Verschlechterung
der Wasserversorgung und der Ernten. Dies wiederum stellt eine unheilvolle Entwicklung für die auf dem
Lande lebenden Familien dar.
Die Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung und
Wohnen
Wasser
Die Versorgung mit hygienisch unbedenklichem
Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit
einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Epidemien wie der Cholera sowie mit der
Kindersterblichkeit. Bis zum Jahr 1990 ist es gelungen, 75 Prozent der Weltbevölkerung mit hygienisch
unbedenklichem Trinkwasser zu versorgen und 71
Prozent an die Abwasserbehandlung anzuschließen.
Unterschiede bestehen jedoch weiterhin zwischen
den städtischen Zentren und den ländlichen Gebieten.
Während des letzten Jahrzehnts lag der
Schwerpunkt bei Neuanschlüssen an eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser eher auf
den ländlichen Gebieten denn auf den Städten.
Auch wurde mehr Augenmerk auf die Verbesserung
der Wasserversorgung als auf den Neubau von
Anlagen der Abwasserbehandlung gelegt. Dies gilt
sowohl für die Städte als auch für die ländlichen
Gebiete. Die Entwicklung der städtischen Infrastruktur hinkt in den meisten Entwicklungsländern weit
hinter dem Städtewachstum her. Zwischen 1990
und dem Jahr 2000 - so die Prognosen - wird die
Zahl der Menschen, die kein gesundheitlich unbedenkliches Wasser bekommen, erneut ansteigen.

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69 Prozent des Weltverbrauchs an Wasser geht auf
das Konto der Landwirtschaft. In einigen Ländern,
wie beispielsweise Afghanistan oder Sudan mit ihren
überwiegend ländlichen Bevölkerungen, kann dieser
Anteil jedoch bis zu 99 Prozent ausmachen. Im Jahr
1990 wurden 250 Millionen Hektar (620 Millionen
Morgen) Land im Bewässerungsfeldbau bewirtschaftet. Sie lieferten ein Drittel des Ernteertrags der Welt.
Zwischen 1950 und 1990 wuchs die bewässerte
landwirtschaftliche Nutzfläche auf der Welt bei
wachsenden Bevölkerungszahlen und steigendem
Konsum pro Kopf um mehr als 100 Prozent. Die
Industrieländer benutzen den Großteil ihres Wassers
für industrielle und kommerzielle Zwecke. In einigen
Ländern, die sich auf der Schwelle zum Industrieland
befinden, steigt die Nachfrage nach Wasser mit
dieser Zweckbestimmung, obwohl ihre im ländlichen
Raum lebenden sowie ihre im landwirtschaftlichen
Sektor tätigen Bevölkerungen zur gleichen Zeit
wachsen.
Eine zunehmende Zahl von sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländern haben die Grenzen einer
nachhaltigen Nutzung ihrer eigenen erneuerbaren
Wasserreserven erreicht oder nähern sich diesen an.
Konkurrenz um die Wasservorräte wird zunehmend
als Ursache interner und internationaler Spannungen
wahrgenommen.
Nahrungsmittelversorgung
Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und
damit schneller als das Bevölkerungswachstum,
gestiegen. Diese Steigerung war jedoch räumlich
nicht gleichmäßig über die Welt verteilt: In Afrika
sank die Lebensmittelproduktion sogar um 5 Prozent,
während dort die Bevölkerung um 34 Prozent wuchs.
Die Weltproduktion an Getreide sank - nach Angaben
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen, (FAO) - im Jahr 1993 um 4
Prozent. Für das Jahr 1994 hat die FAO für 20
Länder die Möglichkeit ernster Lebensmittelknappheit
vorhergesagt. Bis zu 780 Millionen Menschen sind in
den Entwicklungsländern unterernährt.
Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es
keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt und daß es bei einer gerechten Verteilung
möglich sein müßte, auf absehbare Zeit die gesamte
Nachfrage zu decken. Nicht so sehr ein Mangel an
Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird
denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw.
Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die
trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national
und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen
Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und

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�Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste
von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen.
Als Gegenmaßnahme schlägt die FAO hier eine umfassende Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors
vor. Nach wie vor sind in vielen Entwicklungsländern die meisten Arbeitskräfte in diesem Sektor
beschäftigt.
Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung
der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung
stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt.
Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter
Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung,
stellt einen wichtigen Schritt dar.
Wohnen
Die Notwendigkeit zur Bereitstellung ausreichenden
Wohnraums wächst mit steigenden Bevölkerungszahlen. Dies gilt insbesondere angesichts der
zunehmenden Urbanisierung sowie abnehmender
Landreserven, knapperer Baugelder und einer
geringeren Zahl neu fertiggestellter Wohnungen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Entwick-

lungsländer wird zum Ende des Jahrhunderts in den
Städten leben. Ein derartiges Wachstum überfordert
deren Möglichkeiten, Wohnraum und Dienstleistungen für alle Neuankömmlinge bereitzustellen. Besonders schwierig ist die Wohnungssuche in einigen
Ländern für weibliche Haushaltsvorstände. Dort
verbieten mitunter Gesetze den Frauen den Besitz
von Grundeigentum oder auch nur die Anmietung
einer Wohnung. Frauen dürfen in manchen Ländern
die notwendigen Kredite nicht aufnehmen, oder sie
werden nicht auf Wartelisten für Wohnungen aufgenommen. Diese Frauen und ihre Kinder sind gezwungen zu leben, wo immer es ihnen möglich ist.
Sie belegen den armseligsten Wohnraum und werden
leicht Opfer von Ausbeutung und Mißhandlung.
Die Mittel, die zur Linderung der Armut beitragen können, die die Lebensmittelversorgung verbessern, die
Unter- bzw. Fehlernährung beenden und zu einer
ausreichenden Wohnraumversorgung führen können,
sind die gleichen, die ein ausgeglicheneres Bevölkerungswachstum ermöglichen können. Mehr Beachtung ist in diesem Zusammenhang der Bevölkerungsproblematik zu schenken. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen - insbesondere der Frau - muß
erweitert und die Chancengleichheit der Geschlechter
von Geburt an gewährleistet werden.

* * * * *

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�BEVÖLKERUNG

USA UND DRITTE WELT ERZIELEN EINIGUNG
ZU BEVÖLKERUNGSFRAGEN
Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge gibt es zum ersten Mal seit 20
Jahren umfassende Einigung über eine Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion.
"Ich sehe kein Nord-Süd-Gefälle in den neunziger
Jahren", erklärte Sally Shelton, Stellvertretende
Leiterin für globale Programme beim Amt für internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID), bei einer Pressekonferenz am
19. August 1994.
Shelton räumte jedoch ein, bei der im September in
Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung werde es sicherlich einige Meinungsverschiedenheiten geben. Sie verwies insbesondere
auf Differenzen mit der römisch-katholischen Kirche
und vielleicht einigen muslimischen Kirchenvertretern
über Fragen wie die Rechte und Pflichten von
Familien und Einzelpersonen bei Geburtenkontrolle
und Schwangerschaftsabbruch.
Selbst katholische Länder wie Mexiko, Brasilien und
Kolumbien hätten effektive Programme zur Bevölkerungskontrolle verabschiedet, so Shelton. Auch
muslimische Länder wie Indonesien, Bangladesch
und Tunesien hätten Schritte unternommen.
Vor einer Generation hätten nur eine Handvoll
Länder Familienplanungsprogramme eingeführt und
jetzt seien es über 100, erläuterte Shelton. Studien
belegten, daß ungefähr 120 Millionen Männer und
Frauen auf der ganzen Welt lieber die Größe ihrer
Familie planen würden, aber keine Beratung erhalten.
In etwa 170 Ländern sei Schwangerschaftsabbruch
gestattet, manchmal nur in bestimmten Fällen,
manchmal großzügig gehandhabt, äußerte Shelton.
"Die Nachfrage nach Zugang zu Familienplanung
durch Männer und Frauen auf der ganzen Welt und

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die Nachfrage nach einer besseren Lebensqualität...
ist überwältigend. Sie reicht von der Basis bis zu
allen Schichten der Gesellschaft."
Shelton stellte fest, sie sei daher optimistisch, daß die
Kairoer Konferenz einen Konsens über konkrete
Programme erzielen wird, die jedes Land zur Verlangsamung der Bevölkerungsexplosion einführen
könnte.
Nils Daulaire, politischer Berater für Bevölkerung und
Gesundheit beim AID, erklärte, die Vereinigten Staaten unterstützten den von der 12 Nationen umfassenden Europäischen Union - zu deren Mitgliedern die
katholische, eher traditionelle Gesellschaft Irlands und
auch die liberalen Niederlande zählen - unterbreiteten
Kompromißvorschlag zur Sprachregelung, um die
Schwierigkeiten zwischen dem Vatikan und dem
Großteil der Industrie- und Entwicklungsländer zu
überwinden.
Die Sprachregelung stellt in dem Kapitel über reproduktive Gesundheit eindeutig klar, daß jede bei
der Kairoer Konferenz veröffentlichte Erklärung keine
neuen Rechte für Familien oder Einzelpersonen
festsetzen wird, äußerte Daulaire in einem Interview
nach der Pressekonferenz.
Darüber hinaus würden alle in einer Erklärung
empfohlenen Programme den Gesetzen und Bestimmungen des Landes unterstehen, das die Vereinbarung unterzeichnet.
"Wir finden diese Sprachregelung sehr gut", bekräftigte Daulaire.
Während der Pressekonferenz verwies er darauf, daß
die Entwicklungsländer nicht die Haltung der Industrieländer geteilt hatten, die bei der ersten internationalen Bevölkerungskonferenz im Jahr 1974 die
Betonung auf eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums gelegt hatten.

Seite 1

�Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre
später hatten die Entwicklungsländer das Gefühl,
nicht genug Fortschritte bei der Erweiterung ihrer
Volkswirtschaften zur Ernährung ihrer zunehmenden
Bevölkerung zu erzielen. Sie wollten die Familienplanungsprogramme verstärken, aber die 1984 in
den Vereinigten Staaten amtierende konservative
Administration lehnte diese Position ab.

"Die Differenzen sind ausgeräumt", so Daulaire. "Es
gibt keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten" zwischen den Entwicklungsländern und den
Vereinigten Staaten zum Thema Bevölkerung.

* * * * *

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�BEVÖLKERUNG

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz mit US AID-Vertretern
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge haben die meisten Industrie- und
Entwicklungsländer die Notwendigkeit einer Stabilisierung ihrer Bevölkerung erkannt, damit ihre Volkswirtschaften wachsen können.
Sally Shelton, Stellvertretende Leiterin für globale Programme sowie Unterstützung und Forschung vor Ort beim
Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) räumte am 19. August
1994 bei einer Pressekonferenz ein, der Vatikan sowie einige römisch-katholische und muslimische Länder
widersetzten sich dem Beschluß von Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerung auf der vom 5. bis 13.
September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung.
Sie sprach die Hoffnung aus, daß die Delegierten aus über 100 Ländern die Differenzen beilegen, da ein
hohes, umweltschädigendes Bevölkerungsniveau zu Bürgerkriegen, Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden führen könne.
Nils Daulaire, hochrangiger politischer Berater für Bevölkerungs- und Gesundheitsfragen bei USAID erklärte,
im Vorfeld der Kairoer Konferenz bestünde mehr Einigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als je
zuvor bei solch umfassenden internationalen Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der Pressekonferenz abgegebenen Eingangserklärungen von
Botschafterin Shelton und Dr. Daulaire.

Shelton: Die amerikanische Regierung ist der
Ansicht, daß sich die Bevölkerung als eine der
entscheidendsten Entwicklungsfragen abzeichnet,
mit denen die Welt in diesem Jahrzehnt und vielleicht in diesem Jahrhundert konfrontiert wird.
Unseres Erachtens erweist sich Erfolg oder Scheitern nationaler Entwicklung als Schlüsselfrage der
Zeit nach dem Kalten Krieg.

einen Konsens zu erzielen und ein entsprechendes
Dokument auszuarbeiten.

Bei der Kairoer Konferenz werden Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen aus der
ganzen Welt zusammenkommen, was in diesem
Ausmaß eine einzigartige politische Maßnahme
darstellt. Die in den Bereichen Bevölkerung, reproduktive Gesundheit und Familienplanung als
Vorbereitung der Kairoer Konferenz geleistete Arbeit
ist enorm. USAID hat sich in den vergangenen 30
Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, und wir freuen
uns auf die Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer
Regierungen aus der ganzen Welt, um in Kairo

Viele von uns haben sich in den letzten Wochen mit
den tragischen Ereignissen in Ruanda, Somalia und
Haiti befaßt. Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund der Kairoer Konferenz, denn diesen Tragödien
ist gemeinsam, daß umweltschädigendes Bevölkerungswachstum zu Konflikten innerhalb eines Landes
führt. Ferner sehen viele von uns Bevölkerungsfragen in einem größeren Kontext. Die Bevölkerung
beeinflußt die Fähigkeit der Regierungen, den Erwartungen ihrer Bürger gerecht zu werden. Sie beeinflußt entscheidend die Beschäftigungspolitik einer
Regierung und einer Gesellschaft. Sie ist ein wesent-

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Ich möchte noch betonen, daß das Thema dieser
Konferenz Bevölkerung und Entwicklung ist. Man hat
sich häufig auf die Bevölkerungsaspekte konzentriert
und meines Erachtens der Entwicklung nicht genug
Aufmerksamkeit gezollt.

Seite 1

�licher Faktor für die Armut. Sie hat Auswirkungen
auf die Umwelt, die Verwaltung von Rohstoffen, die
Verschmutzung von Wasser und Luft. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Kindersterblichkiet.
Sie ist ein zentraler Faktor dabei, Frauen mehr
Entscheidungsgewalt zu geben.
Unserer Ansicht nach sind die auf der Tagesordnung
der Kairoer Konferenz stehenden Fragen für die
ganze Welt von Belang. Vor einigen Tagen kam ich
von einer Reise nach Indien und Indonesien zurück.
Während meiner ausführlichen Diskussionen in
diesen beiden Länderrn war ich betroffen von der
Allgemeingültigkeit der Anliegen, die meine Regierung in Kairo vorbringen wird. Die von Männern und
Frauen auf der ganzen Welt vorgetragene Forderung
nach Zugang zu Familienplanung sowie mehr
Lebensqualität im Hinblick auf Wirtschaftslage und
Umwelt ist überwältigend und reicht von der Basis
bis hinauf in alle Gesellschaftsschichten.
Ich möchte hier auch darauf hinweisen, daß sich die
Kairoer Konferenz mit einer Reihe über Bevölkerung
und Familienplanung hinausgehender Fragen
befassen wird: Der Stärkung der Familie, den
Bedürfnissen von Wanderarbeitern und Flüchtlingen,
reproduktiver Gesundheitsfürsorge für Frauen und
mit einer Frage, die meiner Meinung nach den
wichtigsten Tagesordnungspunkt darstellt - vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen. Meines
Erachtens ist es wirklich interessant zu beobachten,
wie sich in den letzten Monaten der Schwerpunkt
der Kairoer Konferenz von einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf Familienplanung zu den viel
umfassenderen Fragen der vermehrten Entscheidungsgewalt für Frauen verlagerte, die durch diese
Erweiterung mit der Stärkung von Demokratien in
Zusammenhang stehen.
Für uns im Amt für internationale Entwicklung ist von
großer Bedeutung, der Rolle der Frau bei allen
Aspekten unserer Entwicklungsprogramme größere
Priorität einzuräumen. Aus diesem Grund ist es
unserer Überzeugung nach angemessen, daß der
Kairoer Konferenz im Herbst 1995 in Beijing eine
Konferenz über den Status der Frau folgt. Das ist
natürlich Teil einer kontinuierlichen Entwicklung Auf
der Kairoer Konferenz soll der vor 20 Jahre." zwischen den Regierungen erzielte Konsens bekräftigt
werden, daß alle Paare und Einzelpersonen in der
Lage sein sollten, frei und in eigener Verantwortung
über die Zahl ihrer Kinder und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Ferner möchte
ich Betonung auf die Idee der Verantwortlichkeit
legen, auf die im Text der Konferenz besonderer
Wert gelegt wird. Es geht also nicht nur um die
Rechte aller Bürger, sondern auch um Pflichten.

Seite 2

Wir bei USAID haben - wie bereits erwähnt - seit
mehr als 30 Jahren anderen Ländern bei der Entwicklung von Familienplanungsprogrammen geholfen,
ihren Familien mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung geboten und dazu beigetragen, daß die
Nationen ihre Programme im Bereich der reproduktiven Gesundheit verbessern können. Verschiedene
Länder - Thailand, Indonesien, Kolumbien, Mexiko haben derartige Programme mit solchem Erfolg
entwickelt, daß sie jetzt praktisch unabhängig sind.
Ich war über eine einfache Tatsache erstaunt. Vor
einer Generation verfolgten nur wenige Länder eine
Bevölkerungspolitik, heute sind es mehr als 100
Staaten. Die meisten, aber nicht alle Länder der Welt
haben jetzt Maßnahmen verabschiedet, die eine
Stabilisierung der Bevölkerung als nationales Ziel
definiert. Daher sind wir der Auffassung, daß die
meisten Länder in Kairo einen beachtlichen Konsens
erzielen können. Wir hoffen, daß die nicht uneingeschränkt zustimmenden in der Lage sein werden,einige der verbleibenden Differenzen auf Verhandlungsbasis beizulegen, damit wir einen umfassenden
Konsens erreichen können.
Es bestehen noch Bedürfnisse beträchtlichen Ausmaßes, die nicht gedeckt sind. Unseren Schätzungen zufolge wünschen noch ungefähr 120 Millionen
Männer und Frauen weltweit, auch in den Vereinigten
Staaten, Zugang zu Empfängnisverhütung. Obwohl
wir schon viel unternommen haben, um den Männern
und Frauen bei der Bestimmung der Zahl ihrer Kinder
zu helfen, bleibt immer noch sehr viel zu tun.
Mit diesen kurzen Anmerkungen möchte ich meine
Ausführungen beenden und meinen Kollegen, Dr. Nils
Daulaire, vorstellen - einen Arzt mit langjähriger
Erfahrung in den Bereichen Gesundheitsfürsorge und
Familienplanung.
Daulaire: Vielen Dank, Frau Botschafterin. Besonders interessant für viele von uns im Bereich der
internationalen Entwicklung und der Gesundheit ist
die Tatsache, daß das Ergebnis von Kairo nicht nur
ein Dokument, nicht nur die Formulierung bestimmter
Prinzipien u^d Maßnahiren Ist, sondern ein konkretes
Aktionsprogramm. Und ich möchte die Tatsache
unterstreichen, daß wir hier über Aktionen sprechen.
Im gesantien SpeMruT' w&gt;. Bevölkerung und Gesundheit hat in den vergangenen 20 Jahren seit der
ersten Konferenz - der internationalen Bevölkerungskonferenz von Bukarest im Jahr 1974 - ein langer
und manchmal schwieriger Evolutionsprozeß stattgefunden.
Meines Erachtens soüte man sich im Kontext der
Besorgnis, die viele von Ihnen über die noch ausstehenden, bei deh Erörterungen der Vorkonferenz

AMERIKA DIENST

�nicht gelösten Fragen vernommen haben, vor Augen
führen, wie weit wir gekommen sind und wieviel
Konsens hier besteht.
Die erste internationale
Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest war von
einem enormen Gefälle zwischen Nord und Süd
gekennzeichnet. Zu jener Zeit hatte ein Großteil der
in Bukarest vertretenen Länder des Südens das
Gefühl, das Thema Bevölkerung sei zweitrangig oder vielleicht nicht nur zweitrangig, sondern sogar
unwichtig und eine Angelegenheit, die für den Westen von Bedeutung, aber im Kontext der nationalen
Entwicklung wirklich unerheblich war. 1974 war man
in dieser Frage völlig geteilter Meinung, und wie
Botschafterin Shelton festgestellt hat, bestehen diese
Meinungsverschiedenheiten nicht mehr. Im Vorfeld
von Kairo und bei den bereits geführten Verhandlungen zeichnete sich ein eindeutiger und breiter Konsens aus jedem Teil des Globus und seitens aller
betroffenen Parteien ab, daß rasches und umweltschädliches Bevölkerungswachstum ein entscheidendes Thema im Bereich der Entwicklung ist, und das
ist ein enormer Fortschritt.
Es hat 20 Jahre gedauert, sollte deswegen aber
nicht bagatellisiert werden.
Bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko 1984
wurden erneut große Fortschritte erzielt. Zu dieser
Zeit waren viele der Länder des Südens zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß die Bevölkerungsfrage
in der Tat von großer Bedeutung ist. Und in mancherlei Hinsicht wendete sich das Blatt zwischen
1974 und 1984. Die Vereinigten Staaten kamen zu
der Konferenz von Mexiko mit einer äußerst aussagekräftigen politischen Tagesordnung, die in
gewisser Weise die Position von 1974 revidierte,
derzufolge Bevölkerung ein zweitrangiges Thema
verglichen mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung
sei, und damals gab es auch eine gewisse Konfrontation zwischen Norden und Süden oder den
Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern.
Beeindruckend ist auch hier wiederum, daß die
Differenzen jetzt beigelegt sind und es zwischen
dem Norden und dem Süden, zwischen den Ländern
der G-77, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten über Bevölkerung und Entwicklung
keine maßgeblichen Meinungsverschiedenheiten
mehr gibt, und das ist außerordentlich erfreulich.
Dies ermöglicht ein Aktionsprogramm zum jetzigen
Zeitpunkt.
Zum Ergebnis von Kairo und zu dem im April in New
York erarbeiteten Dokumentsentwurf haben wir
bereits nahezu 90 Prozent Übereinstimmung über
die Punkte des Dokuments erzielt. Es ist sehr
ungewöhnlich, zu einer internationalen Konferenz mit
einem Dokument zu gehen, in dem 90 Prozent der

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Sprachregelungen nicht mehr eingeklammert sind.
Ich möchte also nochmals betonen, wie weit die
Dinge vorangekommen sind.
Wir haben einen klaren Konsens unter der großen
Mehrheit der Länder der Welt, daß dies ein enormer
Themenkomplex ist, der auf humane Weise angesprochen werden kann, wobei man sich nicht so sehr
auf die Frage der Kontrolle konzentriert, oder den
Menschen sagt, was zu tun ist, sondern vielmehr sie
- wie Botschafterin Shelton es formuliert hat - in die
Lage versetzt, das zu tun, was sie als ihr Eigeninteresse erkannt haben. Das ist der entscheidende
Punkt, der für mich außerordentlich aufregend war.
Ich war über 20 Jahre lang in Dörfern und Vierteln
der Dritten Welt tätig und habe Programme gesehen,
die von oben aufoktroyiert wurden, bei denen die
Regierungen sagten, Ihr müßt das tun, oder die
internationalen Geber sagten, Ihr müßt jenes tun. Sie
alle erfüllten nicht den Bedarf der Menschen. Sie
waren in gewisser Weise unverständlich. Sie erfaßten nicht, was die Menschen wollten, und infolgedessen gab es sehr häufig Diskrepanzen.
Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir eine Annäherung der Vorstellungen bezüglich dessen beobachten,
was die Menschen wollen und benötigen - die von
Botschafterin Shelton angeführten 120 Millionen
Paare auf der Welt - die jetzt Empfängnisverhütung
nur anwenden würden, wenn sie ihnen zur Verfügung
stünde, und die schätzungsweise

180

Millionen

weiteren Paare, die wahrscheinlich ebenfalls verhüten
würden, wenn sie sehen, wie ihre Freunde und
Nachbarn dies tun. Es gibt einen enormen Bedarf
und eine enorme Nachfrage auf der ganzen Welt,
und wir sind zum jetzigen Zeitpunkt in der Position,
diese Situation zu beheben.
Es wurde über einige der geäußerten Bedenken
gesprochen, die Vereinigten Staaten und der Westen
exportierten gewisse Werte und Ansätze, und meines
Erachtens muß man sich ganz klar vor Augen führen,
daß dies weder die Absicht noch die Sprachregelung
des Dokumentsentwurfs für Kairo ist. Ich möchte Sie
alle ermutigen, das Dokument zu lesen - es ist sehr
lang - und zwar Zeile für Zeile, weil es in der Tat ein
Dokument für die Familie ist, ein Dokument, das die
Bande der Gemeinde stärkt sowie den Bedarf und die
Rechte von Einzelpersonen und Paaren anerkennt.
Es ist ein Dokument mit im Konsens erzielten Sprachregelungen, das jetzt von der Europäischen Union
erarbeitet wurde und beide Seiten des Spektrums
repräsentiert, von den eher konservativen Ansichten
Irlands bis zu den progressiveren Hollands und
Dänemarks.
In der vorgeschlagenen Sprachregelung sind neue
Formulierungen enthalten, die von den Vereinigten

Seite 3

�Staaten mit großem Enthusiasmus unterstützt werden, denen zufolge zum Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte eindeutig klargestellt wird, daß die Formulierung und Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen, einschließlich
derjenigen im Zusammenhang mit reproduktiver
Gesundheit, das souveräne Recht jeder Nation im
Einklang mit nationalen Gesetzen und den internationalen Menschenrechtsnormen sind. Als Ergebnis von Kairo erwarten wir die Fähigkeit jedes
Landes und der Menschen jedes Landes, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht
bestimmte Werte von außen aufoktroyieren zu
lassen, sei es von den Vereinigten Staaten oder
irgendeiner anderen Organisation mit einem bestimmten Standpunkt. Sie müssen in der Lage sein,
ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und wir
werden dann da sein, um diese Entscheidungen zu
unterstützen.

Das Amt für internationale Entwicklung ist der weltweit größte Geldgeber in den Bereichen Gesundheit
und Familienplanungsprogramme. Wir haben im
Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit eine
wichtige neue Initiative in die Wege geleitet, um diese
zu ergänzen, um den Menschen die Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen, die sie wirklich wollen, und
die ihnen kleinere und gesündere Familien ermöglichen und sie dazu ermutigen.
Von unserem Standpunkt und dem des Amts für
internationale Entwicklung aus ist dies eine enorme
Chance für Fortschritte in kühner und aufregender
Weise, und wir sehen ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

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�BEVÖLKERUNG

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen
WASHINGTON - (AD) - Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) werden sowohl bei der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung als auch
bei den Folgetreffen eine entscheidende Rolle
spielen, erklärte eine hochrangige Vertreterin des
Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID).
"Wir legen besondere Betonung auf die Zusammenarbeit mit NGOs hier sowie den in Afrika und anderen Ländern tätigen, nicht nur, weil sie wichtige
Dienstleistungen bereitstellen, sondern weil sie
darüber hinaus Schlüsselelemente in den bürgerlichen Gesellschaften dieser Länder sind", stellte die
Stellvertretende Leiterin von USAID, Carol Lancaster, am 25. August 1994 in einer Fernsehsendung des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA) fest.
Voraussichtlich werden Delegationen aus 180
Ländern an der von den Vereinten Nationen veranstalteten Konferenz teilnehmen, die vom 5. - 13.
September 1994 in Kairo stattfindet.
Lancaster brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Kairoer Konferenz die Themen Familienplanung,
reproduktive Gesundheit, Ausbildung von Mädchen
und Bekämpfung der Kindersterblichkeit "gleichberechtigt auf die internationale Tagesordnung" setzen
und die Aktivitäten der NGOs ermutigen wird, diese
Themen auf der Tagesordnung der jeweiligen
Länder weiterzuverfolgen.
Lancaster ist der Überzeugung, die Aussichten für
zusätzliche Unterstützung der Geberländer zu
Planungsaktivitäten in den Bereichen Bevölkerungsund Familienplanung seien gut, unterstrich jedoch,
daß die Entwicklungsländer ihren Beitrag dazu
leisten müssen, indem sie den Programmen gegenüber aufgeschlossen sind.
An der Fernsehsendung nahm gemeinsam mit
Lancaster auch Belkis Giorgis teil, eine bei einer
nichtstaatlichen Organisation - dem Zentrum für

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Entwicklung und Bevölkerungsbelange
Spezialistin für Auswertung.

- tätige

Giorgis stellte fest, in einigen Teilen Afrikas sei der
Sozialisierungsprozeß zusammengebrochen und die
Familie übernehme nicht länger die traditionelle Rolle,
die Jugendlichen auf das Erwachsensein vorzubereiten. Infolgedessen sei ein dramatischer Anstieg an
ungewollten Schwangerschaften zu beobachten,
insbesondere unter den Heranwachsenden.
Giorgis zufolge lautet die Schlüsselfrage nicht, welche
Länder die meiste Unterstützung bei Bevölkerungsproblemen erhalten, sondern, wie Frauen größere
Entscheidungsbefugnis und die Fähigkeit verliehen
werden kann, anhand von Informationen über die
Anzahl und den zeitlichen Abstand zwischen ihren
Kindern zu entscheiden.
Giorgis erklärte, die NGOs könnten eine wichtige
Rolle bei der Veränderung der derzeitigen kulturellen
Perspektive der Eltern spielen, die glauben, die
Bereitstellung von Informationen über reproduktive
Gesundheit für Jugendliche ermutige sie, sexuell aktiv
zu sein. Genau das Gegenteil treffe zu angesichts
der hohen Zahl von Jugendlichen, die in Afrika und
anderen Ländern ungeschützten Geschlechtsverkehr
ausüben.
Sie verwies darauf, daß über 50 Prozent der Bevölkerung in den meisten Länder Afrikas südlich der
Sahara unter 15 Jahre alt sind.
Kontroversen im Vorfeld der Konferenz über die
Themen Schwangerschaftsabbruch und produktive
Gesundheitsfürsorge für Erwachsene würden von
einigen übertrieben, so Lancaster.
"Unsere Position ist ganz klar. Unseres Erachtens
sollte Schwangerschaftsabbruch sicher, legal und
selten und kein Mittel der Familienplanung sein. Wir
sollten Leistungen zur Familienplanung unterstützen,
die tatsächlich die Notwendigkeit einer Abtreibung
verhindern."

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten vertreten jedoch die Position, erläuterte Lancaster, daß die Gesundheitsprobleme der Frauen mit verpfuschten Abtreibungen
angesprochen werden müssen.
"Stümperhafte Abtreibungen, an denen pro Jahr
50.000 Frauen sterben, sind ein Zeichen, daß der

gesamte Bereich der Familienplanung verbessert
werden muß", betonte Lancaster.
Lancaster prognostiziert, daß "ein außerordentlich
hohes Maß an Konsens" unter der Mehrzahl der in
Kairo vertretenen Länder sowie unter der christlichen
und muslimischen Gemeinde erzielt werden.

* * * * *

•

Seite 2

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bevölkerung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton drängt auf umfassende, gleichzeitige Inangriffnahme globaler Probleme&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der National Academy of Sciences&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fast alle Länder sehen Notwendigkeit zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Vizepräsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltverträgliche Entwicklung unabdingbar für neue amerikanische Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Timothy Wirth beim Nationalen Presseclub&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mehr Enscheidungsfreiheit der Frau bei Familienplanung gefordert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA und Dritte erzielen Einigung zu Bevölkerungsfragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hoffnung auf Vereinbarungen mit dem Vatikan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Viel Übereinstimmung zu Bevölkerungspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus Pressekonferenz mit USAID-Vertretern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NGOs kommt entscheidende Rolle bei Kairoer Konferenz zu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

31. August 1994

34

VERBRECHENSBEKÄMPFUNG

KONGRESS NIMMT GESETZ ZUR
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG AN
Verbot bestimmer Typen von Schußwaffen

BEVÖLKERUNG

GORE: MASSNAHMEN ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS DER
LÄNDER
Reaktion auf Kritik des Vatikans

FAST ALLE LÄNDER SEHEN NOTWENDIGKEIT
ZUR EINDÄMMUNG DES
BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE BEI
KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU
BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz
mit USAID-Vertretern

UMWELT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

NÄCHSTE SCHRITTE BEI GLOBALER
KLIMAVERÄNDERUNG - DIE SICHT DER
VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Timothy Wirth

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�VERBRECHENSBEKÄMPFUNG
31. August 1994

KONGRESS NIMMT GESETZ ZUR
VERBRECHENSBEKÄMPFUNG AN
Verbot bestimmter Typen von Schußwaffen
WASHINGTON - (AD) - Nach den härtesten Kontroversen seit Jahren nahm der Senat ein umfassendes
Gesetz zur Verbrechensbekämpfung an, das den
Verkauf und Besitz von 19 verschiedenen Schußwaffenarten verbietet. Der Gesetzentwurf wird durch die
Unterschrift Präsident Clintons Gesetzeskraft erlangen.
Die am 25. August angenommene Kompromißlösung
sieht 30,2 Milliarden Dollar für Initiativen zur Verbrechensbekämpfung vor, einschließlich 23,3 Milliarden für die Strafverfolgung und Unterstützung
staatlicher Gefängnisse sowie 6,9 Milliarden für
Programme zur Vorbeugung von Verbrechen. Die
Gesetzesvorlage umfaßt strenge Meldevorschriften
für verurteilte Sexualtäter und informiert die Gemeinde, in der sie sich nach ihrer Freilassung
niederlassen.
Dem Gesetzesvorschlag zufolge soll gegen Straftäter, die drei Schwerverbrechen begangen haben,
eine lebenslange Gefängnisstrafe verhängt werden,
60 Straftaten können zur Verhängung der Todesstrafe führen und die nationale sowie bundesstaatliche Polizei erhält Finanzmittel, um 100.000 zusätzliche Streifenbeamte einzustellen.
Der Annahme des Gesetzentwurfs, der den Kern der
innenpolitischen Tagesordnung der Clinton-Administration darstellt, gingen ernsthafte Debatten voraus.
Anfang August scheiterte der Entwurf beinahe
aufgrund eines verfahrensrechtlichen Schrittes im
Repräsentantenhaus, anschließend wegen ähnlicher
Aktionen im Senat. Nur die Überzeugungsarbeit des
Präsidenten und führender Kongreßabgeordneter
führten zur Verabschiedung des Entwurfs.
Der mit 61 zu 38 Stimmen angenommene Gesetzesvorschlag sieht Gelder für eine Vielzahl von Strategien zur Verbrechensbekämpfung im Laufe der
nächsten sechs Jahre vor. Die Finanzmittel gehen
in einen Fonds für die Bekämpfung schwerer Ver-

AMERIKA DIENST 34

brechen und stammen aus der Abschaffung von
272.000 Arbeitsplätzen im Bereich der Bundesregierung.
Über einen Zeitraum von 10 Jahren sind Herstellung
und Besitz von 19 spezifischen Waffenarten verboten.
Ungefähr 650 bereits in privatem Besitz befindliche
Typen von Sportgewehren und halbautomatischen
Waffen sind von diesem Verbot ausgenommen.
Ferner fallen Munition und Halterung für solche
Waffen unter das Verbot. Die Regierung muß jedoch
nachweisen, daß sie nach Inkrafttreten des Gesetzes
erworben wurden.
Die halbautomatische Waffen betreffenden Bestimmungen des Gesetzes führten zu heftigem Widerstand unter Waffenherstellern und privaten Vereinigungen von Waffenbesitzern. Sie waren verantwortlich für Druck von Seiten der Wählerschaft,
Auseinandersetzungen unter den Gesetzgebern und
Verzögerungen bei der Annahme des Gesetzes.
Die Gesetzesvorlage sieht 13,5 Milliarden Dollar für
den Gesetzesvollzug vor, 10,8 Milliarden davon für
die Bundesstaaten und Gemeinden. Von dieser
Summe sind 8,8 Milliarden Dollar für die Einstellung
von 100.000 zusätzlichen Polizisten vorgesehen,
wodurch deren Zahl um 20 Prozent erhöht wird.
Von den für die Gefängnisse vorgesehenen 9,9
Milliarden Dollar gehen 2 Milliarden an die Gefängnisse der Bundesregierung und 7,9 Milliarden Dollar
an die der Bundesstaaten. Die Hälfte der für die
Bundesstaaten vorgesehenen Gelder werden denjenigen zugewiesen, die strenge Gesetze für "wirkliche
Verurteilungen" verabschieden, durch die Wiederholungstäter gezwungen werden, mindestens 85 Prozent ihrer Strafe zu verbüßen.
Zur Bekämpfung von Jugendkriminalität sieht das
Gesetz Zweckzuweisungen in Höhe von 380 Millionen Dollar zur Bekämpfung von Verbrechen durch die

Seite 1

�I
Gemeinden vor, die existierende Programme zur
Verbrechensbekämpfung ersetzen. Die Gemeinden
können die Gelder für eine Vielzahl von Aktivitäten
verwenden. Die Finanzmittel werden auf der Grundlage der Verbrechensrate jedes Bundesstaates
vergeben.
Personen, die wegen Kindesmißbrauch verurteilt
wurden sowie Sexualverbrecher müssen während
ihrer Bewährungszeit ihre Anschrift bei den Stafverfolgungsbehörden ihres Bundesstaates hinterlegen.
Aus dem Gefängnis entlassene Wiederholungssexualtäter, die unter einer geistigen Behinderung
leiden, welche eine Wiederholung der Tat wahrscheinlich macht, müssen lebenslang ihre Anschrift
hinterlassen und ihre Meldung jedes Vierteljahr auf
den neuesten Stand bringen. Die bundesstaatliche
Polizei darf die örtlichen Behörden über die Anwesenheit solcher Straftäter informieren.
Das Gesetz gestattet die Verwendung von Beweismitteln früherer sexueller Straftaten bei staatlichen
Verfahren gegen Sexualverbrecher. Diese Bestimmung tritt 10 Monate nach Erlaß des Gesetzes in
Kraft.
Bei Vergewaltigungsprozessen ist auf Ersuchen des
Opfers eine Untersuchung des Angeklagten auf das
HI-Virus erforderlich. Die Testergebnisse werden
nur dem Opfer, dem Angeklagten und anderen, vom
Gericht dazu berechtigten Personen mitgeteilt. Das
Opfer darf den Befund nur Ärzten, Rechtsanwälten,
Familienmitgliedern und Sexualpartnern mitteilen.
Die Gesetzesvorlage stellt eine Novellierung der
kürzlich erlassenen Bestimmungen über vorgeschriebene Gefängnisstrafen für Drogentäter dar. Personen, die wegen des Besitzes von Drogen eine
solche Strafe verbüßen, können nach zwei Jahren
entlassen werden. Diese Sonderbestimmung gilt nur
für Straftäter, die eine Bescheinigung des Staatsanwalts besitzen, vom Gericht ausersehen wurden
und bestimmte Kriterien erfüllen, darunter den
Schluß, eine lange Gefängnisstrafe würde einen

mung gezeigtes unerschütterliches Engagement für
die öffentliche Sicherheit", erklärte Cheryl Brolin,
Sprecherin von Handgun Control Incorporated, einer
führenden Organisation zur Förderung von Schußwaffenkontrolle, in einem Interview.
"Das amerikanische Volk wird die Ergebnisse dieses
Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung sehen, wenn
es weniger Schußwaffen auf den Straßen gibt", stellte
Brolin fest. "Die im Kongreß geführte Schlacht zeigte
das wahre Gesicht der Vereinigung der amerikanischen Waffenbesitzer (National Rifle Association NRA)", fügte sie hinzu. Die mächtige NRA, die sich
einer Kontrolle von Schußwaffen widersetzt, hatte
eine entschiedene Lobby gegen das Schußwaffenverbot gebildet. Brolin bezeichnete den Mißerfolg dieser
Organisation beim Gesetz zur Verbrechensbekämpfung sowie eine frühere Niederlage im Zusammenhang mit der versuchten Niederschlagung des
sogenannten Brady-Gesetzes, das Informationen
über den Käufer sowie eine Wartezeit vor dem Kauf
von Schußwaffen fordert, als "den Anfang vom Ende
der Machtausübung der NRA im Kapitol".
Die NRA hat bisher noch keine Stellungnahme
abgegeben, jedoch oftmals darauf hingewiesen, daß
eine Schußwaffenkontrolle nur gesetzestreuen
Bürgern den Zugang zu Waffen verwehrt, die ihrem
Schutz dienen, während Kriminelle immer noch in
ihren Besitz gelangen könnten.
Auf die Frage nach den nächsten Schritten für
stärkere Schußwaffenkontrolle in den Vereinigten
Staaten antwortete Brolin, ihre Organisation, Handgun Control Incorporated, werde sich jetzt für ein
allgemein "Brady M" genanntes neues Gesetz einsetzen. "Dadurch sollen die Produktion und der
Verkauf von Waffen in diesem Land gründlich überprüft und Lizenzen, Registrierung, Kontrolle von
Waffentransfers sowie eine Sicherheitsausbildung
vorgeschrieben werden", äußerte sie. "Es ist ein
Gesetz über Pflichten."

Die Annahme des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung durch den Senat wurde von den Organisationen in den Vereinigten Staaten begrüßt, die
eine stärkere Kontrolle von Schußwaffen fordern.
Das Gesetzeswerk wird voraussichtlich von Staaten
in Europa und andernorts eingehend geprüft, die
ebenfalls mit einen Anstieg der Kriminalität, insbesondere von Schwerverbrechen, konfrontiert sind.

Im Hinblick auf die Verwässerung von Brady I, einem
Kompromiß zur Erzielung des Schußwaffenverbots,
stellte Brolin fest: "Das ist nicht wirklich ein fataler
Fehler." Durch diesen Kompromiß soll den ursprünglichen Käufern von Schußwaffen die Möglichkeit
gegeben werden, ihre eigenen Waffen ohne weitere
Nachfragen aus dem Pfandhaus zurückzukaufen.
"Die Pfandhäuser werden jedoch bei neuen Waffenkäufern Nachforschungen anstellen müssen", so
Brolin. Ihre Organisation werde jedoch versuchen,
diese Gesetzeslücke in Zukunft zu schließen.

"Wir begrüßen die Verabschiedung dieser Gesetzesvorlage außerordentlich und danken Präsident
Clinton für sein bei der Unterstützung dieser Bestim-

Handgun Control Incorporated ist nicht die einzige
Organisation in den Vereinigten Staaten, die sich für
stärkere Schußwaffenkontrolle einsetzt. Andere

Justizirrtum darstellen.

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AMERIKA DIENST 34

�Gruppen auf kommunaler und nationaler Ebene
beteiligen sich an diesen Bestrebungen, ebenso wie
die Administration und einzelne Gesetzgeber.

Ansicht, bei einer umfassenden Gesetzgebung zur
Eindämmung der Weiterverbreitung von Waffen sei
ein völliges Verbot nicht notwendig.

Einer der radikalsten Vorschläge stammt von Senator John Chafee (Republikaner aus Rhode Island),
der einen Gesetzentwurf über das Verbot des
Besitzes sämtlicher Handfeuerwaffen vorlegte.
Chafee, einer der gemäßigten Republikaner, die für
das von Clinton unterstützte Gesetz stimmten, hält
derzeit ein umfassendes Verbot für die Bekämpfung
von Schwerverbrechen für erforderlich.

Da es neben den Befürwortern eines vollständigen
Verbots von Schußwaffen Anhänger eines stufenweisen Ansatzes gibt sowie diejenigen, die jegliche
Schußwaffenkontrolle ablehnen, wird die Debatte
über das ob und wie einer Waffenkontrolle wahrscheinlich fortgesetzt. Die Annahme eines Gesetzes
über das Verbot von halbautomatischen Waffen wäre
ein weiterer Meilenstein. Befürworter und Gegner
einer Schußwaffenkontrolle sind sich einig, daß dies
nicht ihre letzte Auseinandersetzung sein wird.

Brolin zufolge vertritt ihre Organisation jedoch die

*

AMERIKA DIENST 34

* * * *

Seite 3

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

GORE: MASSNAHMEN ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
ENTSCHEIDUNG DER LÄNDER
Reaktion auf Kritik des Vatikans
WASHINGTON - (AD) - Als direkte Antwort an den
Vatikan unterstrich Vizepräsident Gore bei einer
Pressekonferenz wiederholt, daß die Vereinigten
Staaten ihre Ansichten zu Schwangerschaftsabbruch
und Empfängnisverhütung nicht den jeweiligen
Ländern der Welt aufzwingen wollen.
Bei einer Rede vor dem National Press Club am 25.
August 1994 stellte Gore fest, die amerikanische
Delegation bei der Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung strebe die Einbeziehung einer Sprachregelung in ihr Abschlußdokument an, die eindeutig
klarstellt, daß jedes Land das Recht auf eigene
Entscheidung über die Methoden zur Eindämmung
des Bevölkerungswachstums hat. "Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird."
Bei der Pressekonferenz im Anschluß an den
Vortrag antwortete der Vizepräsident auf die Frage,
ob eine Frau das Grundrecht auf Schwangerschaftsabbruch oder Empfängnisverhütung habe: "Wir
versuchen nicht, internationale Rechte in diesem
Dokument zu verankern."
Die 12 Nationen umfassende Europäische Union, zu
deren Mitgliedern das liberale Dänemark und das
eher konservative katholische Irland zählen, hat eine
Sprachregelung erarbeitet, die sie bei der vom 5. 13. September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz vorzulegen beabsichtigt. Dieser Sprachregelung zufolge werden keine neuen internationalen
Rechte geschaffen und die Entscheidung über
Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums liegt bei den jeweiligen Ländern.
Amerikanische Regierungsvertreter haben ihre
Unterstützung dieser Sprachregelung zugesagt. Sie

AMERIKA DIENST 34

stellten ferner fest, der Vatikan habe keine Unterstützung signalisiert.
Das Büro des Vizepräsidenten hatte den National
Press Club einige Tage zuvor angerufen und um die
Einberufung der Pressekonferenz als Reaktion auf
die Äußerungen des Vatikans und einiger muslimischer Theologen in den vergangenen Wochen
gebeten, daß die Kairoer Konferenz Schwangerschaftsabbruch und Promiskuität Vorschub leisten
und die Familie untergraben werde.
Der Vizepräsident appellierte an den Vatikan und
andere Kritiker, nach Mitteln und Wegen zur Beilegung der Differenzen zu suchen, damit die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung mit Maßnahmen und Programmen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung zu einem erfolgreichen
Abschluß geführt werden könne.
Gore verwies darauf, daß Papst Johannes Paul II.,
das Oberhaupt des Vatikans und der römisch-katholischen Kirche, und die Clinton-Administration ein
breites Spektrum von Programmen unterstützen, die
zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums
beitragen würden, einschließlich natürlicher Geburtenkontrolle, besserer Ausbildung für Mädchen, Verringerung der Kindersterblichkeit und Beendigung der
Armut in den Entwicklungsländern.
"Unseres Erachtens maximiert unser Ansatz die
Bandbreite des möglichen Konsenses und verringert
die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein
erträgliches Maß", führte der Vizepräsident aus.
Gore sprach mit sorgfältig gewählten Worten über
Schwangerschaftsabbruch und Empfängnisverhütung.
"Wir verabscheuen und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch", stellte er fest.

Seite 1

�Ziel der amerikanischen Politik sei es, Schwangerschaftsabbruch "sicher, legal und selten zu machen".
Amerikanische Frauen hätten den amerikanischen
Gesetzen zufolge das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch, aber die Administration sehe
Schwangerschaftsabbruch nicht als Maßnahme zur
Geburtenkontrolle.
Im Rahmen der amerikanischen Gesetze seien
empfängnisverhütende Mittel zulässig, und viele
Männer und Frauen verwendeten sie zur Familienplanung, so Gore. Schwangerschaftsabbruch sei in
Ländern wie Rußland zum Mittel der Geburtenkontrolle geworden, weil empfängnisverhütende Mittel
kaum zur Verfügung stünden. Russische Frauen
hätten durchschnittlich sieben Abtreibungen in ihrem
Leben, um die Geburt eines ungewollten Kindes zu
verhindern.
Gore räumte ein, daß die katholische Kirche der
Verwendung künstlicher Mittel zur Familienplanung
nicht zustimme, fügte jedoch hinzu, zwischen der
römisch-katholischen Kirche und der Clinton-Admini-

stration bestehe ein hohes Maß an Übereinstimmung
über zahlreiche andere Maßnahmen zur Eindämmung
des Bevölkerungswachstums.
Vizepräsident Gore zufolge wird die Kairoer Konferenz ein "Meilenstein" sein, weil sie Bevölkerungsund Entwicklungsbelange verbindet.
Vor kurzem belief sich die Bevölkerung der Welt noch
auf 2 Milliarden Menschen, heute zählt sie nahezu 6
Milliarden und könnte binnen einer Generation 9
Milliarden erreichen, äußerte Gore.
Dieser enorme und rasche Anstieg habe zur Zerstörung der Umwelt und menschlichem Leiden auf
der ganzen Welt beigetragen. Die Entwicklungsländer könnten keinen ausreichenden Lebensstandard erreichen, bis sich ihre Bevölkerung stabilisiert
und sie wirtschaftlich schneller wachsen.
"Die untrennbare Verbindung" zwischen Bevölkerung
und Entwicklung "ist entscheidend", stellte der Vizepräsident fest.

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AMERIKA DIENST 34

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

FAST ALLE LÄNDER SEHEN
NOTWENDIGKEIT ZUR EINDÄMMUNG
DES BEVÖLKERUNGSWACHSTUMS
Erklärung des Vizepräsidenten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Vizepräsidenten AI Gore zufolge ist sich nahezu jedes Land,
einschließlich des Vatikans, bewußt, daß die Stabilisierung der Weltbevölkerung ein legitimes Ziel darstellt.
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß auf der vom 5 . - 1 3 . September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung deutlich gemacht wird, daß jedes Land das Recht auf eigene Methoden auf freiwilliger Basis - zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hat.
Vizepräsident Gore wird bei der Kairoer Konferenz, an der Vertreter aus 180 Ländern teilnehmen, die
amerikanische Delegation leiten. Nachfolgend veröffentlichen wir die von AI Gore bei einer Pressekonferenz
am 25. August 1994 abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Heute möchte ich über Bevölkerung, umweltverträgliche Entwicklung und die Herausforderung
sprechen, sich auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die internationale Staatengemeinschaft von vielen Spaltungen der Vergangenheit befreit, und die Nationen
nähern sich - in wirtschaftlicher, ökologischer und
politischer Hinsicht - aneinander an. In dieser
Übergangszeit haben die Vereinigten Staaten und
alle anderen Nationen die Chance und Verantwortung, sich mit lange vernachlässigten, zukunftsweisenden Belangen zu befassen, die darüber
entscheiden, welche Welt wir unseren Kindern und
Enkeln hinterlassen.
Um diesen Übergang erfolgreich gestalten zu
können, müssen wir zunächst die entscheidend
veränderte Natur der Beziehung zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem Erde
akzeptieren und verstehen. Diese Beziehung wurde
durch drei Faktoren radikal gewandelt - einem
philosophischen und zwei physischen. Der philosophische Wandel steht in Zusammenhang mit unserer
Haltung gegenüber der Erde und unserer eigenen
Zukunft, insbesondere mit unserer Gewohnheit, die
Verantwortung für die langfristigen Konsequenzen

AMERIKA DIENST 34

unseres Handelns und Verhaltens zu leugnen. Ich
habe bei anderer Gelegenheit ausführlich darüber
gesprochen und möchte hier nicht ins Detail gehen.
Die beiden anderen Faktoren sind physischer Natur,
obwohl beide sich gemessen an geologischen
Zeitverhältnissen in nur einer Millisekunde ereigneten
und beide in diesem Jahrhundert einzigartig sind.
Der erste Faktor, auf den ich heute ebenfalls nicht
eingehen möchte, ist die dramatische und einzigartige
Revolution in Wissenschaft und Technologie, die sich
immer noch beschleunigt, unsere Lebensqualität
verbessert, uns aber auch die Macht zur Veränderung der lebenserhaltenden Systeme gibt, auf denen
unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und unser
Leben basieren. Der zweite Faktor ist natürlich das
schnelle Bevölkerungswachstum, ein Thema, das ich
heute im Zusammenhang mit umweltverträglicher
Wirtschaftsentwicklung ansprechen werde.
Beunruhigend sind nicht so sehr die empirischen
Daten, sondern die vorauszusehenden Konsequenzen eines solch schnellen Bevölkerungswachstums
für die Zukunft, was alle Amerikaner und alle Nationen mit einem Gefühl der Dringlichkeit erfüllt sowie
der Entschlossenheit, sich mit diesen beispiellosen
Entwicklungen zu befassen. Ich möchte hier nur
einige anführen:

Seite 1

�Im Bereich der Umwelt trägt rasches Bevölkerungswachstum natürlich oftmals zur Zerstörung natürlicher Ressourcen bei. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, daß dies auch für das Konsumverhalten der
stabileren und wohlhabenderen Industrieländer gilt.
In wirtschaftlicher Hinsicht führt das Bevölkerungswachstum oft zu einer stärkeren Beschäftigung mit
den Herausforderungen dauerhaft niedriger Löhne,
Armut und wirtschaftlichem Gefälle. Obwohl unter
bestimmten Umständen schnelles Bevölkerungswachstum eine bestehende Nachfrage nach Arbeitskräften decken und somit zu einem positiven Faktor
werden kann, führt es in der Welt, in der wir leben,
fast ausschließlich zur Vergrößerung des Problems
von Niedriglöhnen und Armut.
Bevölkerungstrends fordern auch die Fähigkeit von
Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen,
die erforderlichen Investitionen in Humankapital und
Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends dazu geführt, daß Investitionen in
Kinder gering und ungerecht getätigt werden, insbesondere zum Nachteil der Mädchen.
Auf der Ebene des einzelnen stehen Bevölkerungswachstum und eine hohe Fruchtbarkeitsrate in
engem Zusammenhang mit mangelnder Gesundheitsfürsorge und schlechtem Befinden von mehreren Millionen Frauen, Kleinkindern und Kindern.
Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung
auf Stabilität auf nationaler und internationaler
Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem
der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt
fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise
durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt.
Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich ein Grund für Instabilität in einer
Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen,

daß Ruanda im vergangenen Jahr in Afrika das
Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und
es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika
verzeichnete. Obwohl es keine direkte Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung gibt, sagt der
gesunde Menschenverstand, daß schnelles, umweltschädigendes Bevölkerungswachstum es den
Gesellschaften und Nationen erschwert, mit den
politischen, wirtschaftlichen und anderen Problemen
umzugehen, denen sich alle Nationen gegenübersehen.

Seite 2

Die Auswirkungen müssen auf globaler, aber auch
auf kommunaler und nationaler Ebene angegangen
werden. Beispielsweise wurde in jüngster Zeit viel
über die Probleme Afrikas in Ländern wie Nigeria
geschrieben. Die nigerianische Bevölkerung hat sich
in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Die
Probleme einer Gesellschaft wie der Nigerias haben
eine Vielzahl von Ursachen. Wenn sich jedoch die
Bevölkerung innerhalb von 40 Jahren verdreifacht,
wird die Lösung dieser Probleme für jede Gesellschaft bedeutend schwieriger. Nigeria - um noch
einmal dieses Beispiel anzuführen - befindet sich auf
dem besten Weg zu einer erneuten Verdreifachung
seiner Bevölkerung im Verlauf der nächsten 40 Jahre.
In 40 Jahren werden in diesem Land mehr Menschen
leben als in den fünfziger Jahren auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent. Um ein weiteres Beispiel zu
nennen: Afghanistan ist das Land mit der schnellsten
Wachstumsrate der Welt und es sieht so aus, als
würde sich seine Bevölkerung in nur zehn Jahren
verdoppeln.
Diese Ausschnitte aus einer zunehmend komplexen
Welt führen uns eine Notwendigkeit vor Augen, die
meines Erachtens im Mittelpunkt der internationalen
Zusammenarbeit in der Zeit nach dem Kalten Krieg
stehen sollte: Die Verwirklichung der Vision umweltverträglicher Entwicklung. Mit Mut, Überzeugung,
Konsens und gemeinsamen Strategien können wir
zweifellos den großen Herausforderungen gerecht
werden, die Weltbevölkerung zu stabilisieren und
umweltverträgliche Entwicklung herbeizuführen.
Erwiesenermaßen fällt es schwer, diese Herausforderungen zu akzeptieren, und nichts ist schwieriger
für den einzelnen und die Gesellschaft als eine
Veränderung der Denkweise. Und die vor uns
liegenden Fragen erfordern vor allem ein neues
Denken über unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr.
Von den verschiedenen Faktoren, die diese neue
Situation herbeigeführt haben, bereitet keiner größere
Schwierigkeiten als das schnelle Bevölkerungswachstum. Es bewegt unsere Gedanken und steht auf
unserer Tagesordnung als die dritte große Weltbevölkerungskonferenz dieses Jahrhunderts, die im
kommenden Monat anberaumt ist. Vor zehn Jahren
fungierte die amerikanische Delegation bei der
zweiten Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City
als unbeteiligter Zuschauer, was nicht nur für die
lange Geschichte der Vereinigten Staaten als Führungsmacht, sondern auch für Fortschritt und
Schwung der internationalen bevölkerungspolitischen
Bestrebungen während der achtziger Jahre ein
Rückschlag war.
Zehn Jahre später ist der Wandel gekommen; die
Vereinigten Staaten sind wieder aktiv, und Präsident
Clinton hat die amerikanische Führungsrolle bei den

AMERIKA DIENST 34

�entscheidenden Herausforderungen Bevölkerung
und umweltverträgliche Entwicklung wiederhergestellt. Die Kairoer oder internationale Konferenz
über Bevölkerung und Entwicklung, so der offizielle
Name - und ich möchte bei dieser Gelegenheit jedes
Mitglied der Presse vor der Abkürzung Bevölkerungskonferenz warnen - ist eine Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, und die untrennbare
Verbindung ist entscheidend für die Fähigkeit der
Welt, einen Konsens für die gemeinsame Bewältigung dieser beiden Herausforderungen zu bilden.
Diese Konferenz soll die interdependente Natur der
Welt unterstreichen sowie die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit aller Nationen, um die Weltbevölkerung merklich zu stabilisieren, Wirtschaft, Umwelt
und Entwicklung zu integrieren, dauerhafte Werte für
die Familie sowie die Verantwortung des einzelnen
und der Gemeinschaft zu bekräftigen und weltweiter
Bildung, Gesundheitsfürsorge und vermehrter Entscheidungsbefugnis für Frauen und alle Menschen
Priorität einzuräumen.
In der Presse wurde vielleicht nicht darüber berichtet, aber die Vorbereitungen für die Kairoer Konferenz waren von einem bemerkenswerten Konsens
über umfassende Strategien zur Realisierung dieser
Ziele gekennzeichnet. Während früher von einigen
behauptet wurde, Bevölkerungswachstum stelle kein
Problem dar, besteht jetzt tatsächlich Einigkeit über

unvollständigen Aktionsplan, an dessen Vollendung
die Staaten in Kairo arbeiten werden. Ich möchte
über die Annäherung an einen Konsens im Entwurf
für das Kairoer Dokument zu Frauen, Kindern, der
Umwelt und anderem sprechen. Dieser dramatische
Fortschritt darf nicht von einer Frage überschattet
werden, die in tiefgreifenden moralischen, philosophischen und religiösen Unterschieden wurzelt - ich
meine natürlich den Schwangerschaftsabbruch.
In diesem Bereich erscheint umfassender Konsens
unwahrscheinlicher als auf jedem anderen Gebiet,
selbst unter Männern und Frauen, die mit Offenheit
und gutem Willen diese Frage erörtern. Wichtig ist,
daß die teilweise Übereinstimmung, die in greifbarer
Nähe liegen könnte, nicht von Mißverständnissen
vereitelt wird. Ich möchte mich klar ausdrücken und
sicherstellen, daß die Ansichten dieser Administration
eindeutig sind. Mein Freund Michael Novak zitierte
kürzlich John Courtney Murray, der feststellt, "nichts
ist schwieriger, als Uneinigkeit zu erzielen". Oftmals
ist Uneinigkeit in unpräziser Form gegenwärtig und
erscheint viel größer und furchteinflößender, als sie
wirklich ist.
Praktisch jeder Mensch in jedem Teil der Welt
möchte Schwangerschaftsabbruch zu einem seltenen
Vorkommnis machen. Das ist das Ziel der Vereinigten Staaten, von Frauengruppen, Umweltschützern, der katholischen Kirche und Vertretern aller

die Notwendigkeit, daß alle Nationen Bevölkerung

großen Religionen.

und umweltverträgliche Entwicklung als Priorität
betrachten. Und die katholische Kirche, auf die ich
gleich zu sprechen komme, bezeichnet die Stabilisierung der Weltbevölkerung als legitimes Ziel.

mit dieser Frage Befaßten, obwohl viele von uns
dieses Ziel auf unterschiedliche Art und Weise
verfolgen. Beispielsweise bin ich der Ansicht, wenn
weniger Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für
nötig halten, wird er auch seltener vorgenommen.
Und wenn Frauen ihn selten für notwendig halten,
wird er auch seltener. Dafür setzt sich unsere
Administration ein. Aber die heutige Situation sieht
anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist nicht
selten. Weltweit werden jährlich über 25 Millionen
Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Und in
manchen Teilen der Welt ist es für eine Frau nicht
ungewöhnlich, im Laufe ihres Lebens sieben oder
acht Abtreibungen zu haben.

Während früher diese Diskussion an der Nord-SüdGrenze scheiterte, besteht jetzt Einigkeit darüber,
daß Zusammenarbeit im Interesse aller Staaten des Nordens und des Südens - liegt. Während
früher Uneinigkeit darüber bestand, ob Familienplanung oder wirtschaftlicher Fortschritt eine Vorbedingung für Fortschritte auf diesen Gebieten sei,
wird jetzt allgemein anerkannt, daß beide an sich
bedeutend sind, jedoch am besten gleichzeitig
verfolgt werden sollten. Während man sich früher
engstirnig auf nur einen Aspekt einer globalen
Strategie konzentrierte, umfaßt das gemeinsame Ziel
jetzt Bestrebungen, die Bildung, Gesundheit, mehr
Entscheidungsfreiheit für Frauen und wirtschaftlichen
Fortschritt mit dem Traum eines besseren Lebens
für alle Menschen verbinden.
Man hat also zweifelsohne viel gelernt, seit vor 30
Jahren durch die Arbeit von John D. Rockefeiler III.
und anderen ernsthafte Besorgnis über das schnelle
Bevölkerungswachstum entstand. Diese Lektionen
charakterisieren den vielversprechenden, aber

AMERIKA DIENST 34

Es ist tatsächlich das Ziel aller

Es gibt tatsächlich Länder, beispielsweise Rußland,
in denen empfängnisverhütende Mittel nicht leicht und
überall zur Verfügung stehen und Frauen im Laufe
ihres Lebens durchschnittlich sieben oder acht
Abtreibungen vornehmen lassen. Aus einer Vielzahl
von Gründen sterben jedes Jahr weltweit 200.000
Frauen an medizinisch riskanten Schwangerschaftsabbrüchen. Wir können diese Tatsachen nicht unter
den Teppich kehren oder vortäuschen, sie existierten
nicht - und das versucht auch niemand.

Seite 3

�Eine der Fragen, die sich die Konferenzteilnehmer in
Kairo und alle Bürger der Welt stellen, lautet, was
wir dagegen unternehmen. Wie können wir Schwangerschaftsabbrüche seltener machen? Nach Ansicht
unserer Administration ist es wünschenswert, in den
Bereichen Gesundheit und reproduktive Gesundheit
möglichst viele Optionen anzubieten. Wir sind uns
jedoch bewußt, daß die Ansichten über einen
Schwangerschaftsabbruch unter Nationen ebenso
unterschiedlich sind wie unter Einzelpersonen.
Heute haben 173 Nationen Gesetze über die Umstände, unter denen ein Schwangerschaftsabbruch
vorgenommen werden darf und unter denen er
eingeschränkt ist.
Unseres Erachtens sollte die Entscheidung darüber,
unter welchen Umständen ein Schwangerschaftsabbruch akzeptabel ist, im Entscheidungsbereich
jeder einzelnen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze
und nationalen Gegebenheiten liegen. Aus diesem
Grund haben wir während der Verhandlungen eine
Sprachregelung und deren Einbeziehung unterstützt,
die dieses Prinzip für alle in Kairo abgegebenen
Empfehlungen klarstellt. Und wir erwarten in Kairo,
daß dieses Prinzip im Abschlußdokument bekräftigt
wird und werden darauf drängen. Ich wiederhole:
Wir haben diese Sprachregelung bereits vorher
unterstützt. Wir haben darauf gedrängt, daß sie
einbezogen wird, wir werden dies auch weiterhin tun
und erwarten, daß sie einbezogen wird.
Die Respektierung nationaler Souveränität bei dieser
Frage impliziert keine Neutralität. Wir sind der
Meinung, daß Schwangerschaftsabbrüche seltener
werden sollten. Sie sind keine Methode, mit der die
Nationen das Bevölkerungswachstum reduzieren
können oder sollten. Wir sind kein Befürworter von
Schwangerschaftsabbrüchen. Wir verabscheuen
und verurteilen einen unfreiwilligen Schwangerschaftsabbruch, ungeachtet dessen, ob der Zwang
dazu physischer, wirtschaftlicher, psychologischer,
politischer oder anderer Natur ist.
Es wurde behauptet, die Vereinigten Staaten hätten
im Zusammenhang mit der Bereitstellung von
Entwicklungshilfe über Gebühr ihren Einfluß gegenüber Nationen geltend gemacht, die nicht unsere
Bevölkerungspolitik und -programme unterstützen.
Das ist eindeutig und absolut falsch. Wir wissen,
daß einige diesbezügliche Behauptungen aufgestellt
wurden. Wir respektieren die Tatsache, daß Menschen guten Willens die Wahrheit mißverstehen
können und haben um spezifische Information
gebeten. Kein vernünftiger Mensch würde ein
solches Verhalten unterstützen. Ich möchte folgendes sagen: Sollten Beweise für die Unterstützung
eines solchen Verhaltens bei den Vorbereitungen für

Seite 4

die Kairoer Konferenz, in Kairo oder danach auftauchen, werden wir sofort und entschieden Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Diese Anschuldigungen
sind ungeheuerlich. Sollten sie sich als wahr erweisen, würden wir die Regierung sofort umgestalten.
Wir halten einen Schwangerschaftsabbruch nicht für
eine Methode der Familienplanung. Er sollte auch
nicht als solche gesehen werden, obwohl er in
Ländern, in denen nicht ausreichend empfängnisverhütende Mittel vorhanden sind, tragischerweise
allzuoft aus diesem Grund vorgenommen wird. Und
wir betrachten einen Schwangerschaftsabbruch
zweifelsohne nicht als moralisches Äquivalent zur
Empfängnisverhütung. Alle Diskussionsteilnehmer
räumten ein, daß der Entscheidung für eine Option
eine bestimmte moralische Einstellung zugrundeliegt.
Ich möchte mit deutlich ausdrücken: Unsere Administration ist der Ansicht, daß die Verfassung der
Vereinigten Staaten jeder innerhalb unserer Grenzen
lebenden Frau mit wenigen und bestimmten Ausnahmen das Recht auf eine Entscheidung zusichert.
Wir sind diesem Prinzip unverändert verpflichtet. Wir
wollen jedoch direkt einem Mißverständnis vorbeugen. Die Vereinigten Staaten streben kein internationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch an
und werden das auch in Zukunft nicht tun.
Die gerade von mir dargelegten Grundsätze repräsentieren die seit langer Zeit bestehende Position der
Administration und der Vereinigten Staaten in dieser
Frage. In seiner im Juni gehaltenen Grundsatzrede
vor der National Academy of Sciences erklärte der
Präsident:
"Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im Gegensatz
zu manchen Behauptungen sind wir keine Befürworter eines Schwangerschaftsabbruchs als Methode der
Familienplanung. Wir respektieren jedoch die vielfältigen nationalen Gesetze mit Ausnahme jeglicher
Zwangsausübung. Unsere Politik in den Vereinigten
Staaten vertritt die freie Wahl des einzelnen, nicht
das Diktat der Öffentlichkeit. Ich habe bereits vielfach
darauf hingewiesen, daß Schwangerschaftsabbrüche
sicher, legal und selten sein sollten. In anderen
Ländern, wo es Schwangerschaftsabbrüche gibt, ist
Sicherheit unseres Erachtens ein wichtiger Punkt.
Wenn man sich die Sterblichkeitsziffern anschaut,
muß man sich dieses Problems annehmen. Ferner
sind wir der Ansicht, daß die Versorgung der Frauen
mit Verhütungsmitteln mehr als alles andere zur
Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen
beitragen wird."
Seit er diese Rede hielt, bevor er diese Rede hielt,
aber vor allem viele Male nachdem er diese Rede
gehalten hatte, hat der Präsident anderen und mir

AMERIKA DIENST 34

�gegenüber bei mehreren Gelegenheiten bekräftigt,
daß ein Schwangerschaftsabbruch, wenn er vorgenommen wird, sicher sein sollte. Jede Nation
sollte das festlegen. Wir lehnen Zwang ab. Wir
verabscheuen Zwang.
Und wir sollten andere
Maßnahmen zur Reduzierung der Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen ergreifen.
Ich wiederhole, wir wollen alles in unserer Macht
Stehende zur Verringerung von Abtreibungen
weltweit tun. Aus unserer Sicht ist der effektivste
Weg zur Reduzierung von Bevölkerungswachstum
und Abtreibungen eine umfassende globale Strategie, die Informationen über Familienplanung und
Möglichkeiten leicht zugänglich macht, umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung fördert, Kindersterblichkeit und Analphabetentum verringert, die Gesundheit der Frauen verbessert, Familien stärkt und
sich auf Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis der Frau konzentriert. Zu dieser Schlußfolgerung sind wir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen
gelangt.
Im Verlauf der letzten Generation haben wir gelernt,
daß Familienplanung allein selten erfolgreich ist und
wirtschaftliche Entwicklung allein nicht automatisch
das Bevölkerungswachstum verringert.
Meiner Ansicht nach ist der wahre Hintergrund des
Vorbereitungsprozesses und der Konferenz selbst
das Ausmaß, in dem ein neuer weltweiter Konsens
um diese modernere, holistischere, umfassendere
Sichtweise Gestalt angenommen hat: Das Mittel, mit
dem die Welt den Bevölkerungszuwachs stabilisieren
kann, ist eine vielschichtige Strategie, die unter
bestimmten Umständen verfügbare Empfängnisverhütung unter Berücksichtigung der Kultur, in der
sie zur Verfügung gestellt wird, einbezieht, die
Betonung auf die Ausbildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen legt, damit sie an
Entscheidungen über die Größe der Familie sowie
umweltverträgliche und gerechte wirtschaftliche
Entwicklung teilnehmen können, die historisch mit
der demographischen Umgestaltung und der Stabilisierung des Bevölkerungswachstums einhergehen,
mit Betonung auf Verbesserung der Gesundheit von
Kindern und der Bekämpfung der Kindersterblichkeit
für die Entscheidung der Eltern über die Größe ihrer
Familie, denn wenn die Kinder überleben, ist der
Wunsch nach einer sehr viel größeren Familie
erheblich geringer.
Ich möchte Ihnen aus einem Brief vorlesen, den
Papst Johannes Paul II. im Frühjahr an Dr. Nafis
Sadik, den Generalsekretär der Kairoer Konferenz
geschrieben hat.

AMERIKA DIENST 34

"Es besteht weitgehende Übereinstimmung, daß
Bevölkerungspolitik nur Teil einer umfassenden
Entwicklungsstrategie ist. Entsprechend ist es von
Bedeutung, daß jede Diskussion über Bevölkerungspolitik die tatsächliche und prognostizierte
Entwicklung von Nationen und Regionen im Auge
behalten sollte. Gleichzeitig ist es unmöglich, das
Wesen dessen unberücksichtigt zu lassen, was
man unter dem Begriff "Entwicklung" versteht.
Jede dieses Namens werte Entwicklung muß
integral sein - das heißt, sie muß auf das Wahre
und Gute jeder Person sowie die ganze Person
ausgerichtet sein. Echte Entwicklung kann nicht
in der einfachen Anhäufung von Wohlstand und
der besseren Verfügbarkeit von Waren und
Dienstleistungen bestehen, sondern muß unter
wirklicher Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und geistigen Dimensionen des menschlichen
Wesens verfolgt werden. Entwicklungsprogramme
müssen auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufbauen
und den Menschen ein Leben in Würde, Harmonie
und Frieden gestatten. Sie müssen das kulturelle
Erbe von Menschen und Nationen respektieren
sowie die sozialen Qualitäten und Tugenden, die
die von Gott gegebene Würde jeder einzelnen
Person widerspiegeln und den göttlichen Plan, der
alle Menschen zur Einheit auffordert. Am wichtigsten ist, daß alle Männer und Frauen aktive Mittler
ihrer eigenen Entwicklung sein müssen. Denn
Männer und Frauen als bloße Objekte in einem
Schema oder Plan zu behandeln, würde bedeuten, diese Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung
zu ersticken, die für das Gute des Menschen
grundlegend ist."
Wie wichtig ist es doch, daß die Welt diese Perspektive vernimmt. Und wie wichtig ist es, daß die
Welt hört, was die großen Weltreligionen über all die
uns konfrontierenden Themen zu sagen haben.
Die katholische Kirche hat ebenso wie andere christliche und nichtchristliche Religionen eine Mission, die
sich manchmal von der politischer Institutionen
unterscheiden muß. Die Kirchenvertreter versuchen,
eine moralisch strenge Haltung im Hinblick auf
materielle Güterund sozioökonomische Beziehungen
zu ermutigen. Der politischen Führung kommt die
Verantwortung zu, sorgfältig auf das zu hören, was
die Religionen zu sagen haben - selbst wenn sie es
nicht immer würdigen kann. Dieser Dialog ist äußerst
wichtig. Wir wollen Kairo zu einem Dialog statt einer
von vorneherein geplanten Konfrontation machen insbesondere, da bezüglich des Dokumentsentwurfs
so große Übereinstimmung besteht.
Wir teilen auch die Meinung von Papst Johannes
Paul II., daß diese Themen die wichtigsten des 21.
Jahrhunderts sind und die Zukunft der Menschheit

Seite 5

�bestimmen. Ich habe in der Vergangenheit bereits
das Argument vorgebracht, daß trotz bestehender
Meinungsverschiedenheiten der umfassende Charakter und die Stärke der Übereinstimmung zu einem
natürlichen Bündnis zwischen den in der Regierung
Tätigen unter uns führt, die der Auffassung sind, daß
wir einerseits das Bevölkerungswachstum stabilisieren, die Umwelt schützen, umweltverträgliche Entwicklung fördern und eine für unsere Kinder und
Enkelkinder lebenswerte Zukunft schaffen müssen,
und die katholische Kirche andererseits trotz ihres
allseits bekannten Widerstands gegen Empfängnisverhütung historisch gesehen einer der stärksten
und effektivsten Befürworter der ganzen Welt von Alphabetisierungs- und Bildungsprogrammen, von
Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der
Kindersterblichkeit und anderer Schritte ist, die in der
Tat entscheidend für die Stabilisierung des Bevölkerungszuwachses und die Erarbeitung eines Musters
für umweltverträgliche Entwicklung sind.
Es geht darum, eine humane und umfassende
Strategie auf der Grundlage universellen menschlichen Strebens zu entwerfen. Als Teil dieser umfassenden Strategie ist ein Ziel in Kairo und darüber
hinaus die Stärkung der Fähigkeit prospektiv denkender Eltern, zu entscheiden, wieviele Kinder und
zu welchem Zeitpunkt sie haben wollen. Jedes Land
hat die Verantwortung, über die geeigneten Möglichkeiten zu entscheiden, die zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, Gewährleistung geistiger
Gesundheit und Verringerung von Schwangerschaftsabbrüchen erforderlich sind. Jedes Land
sollte darauf hinarbeiten, die von ihm gewählten
Möglichkeiten für alle seine Bürger verfügbar zu
machen. Und in den Fällen, in denen eine Nation
sich für legalen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, sollte dieser medizinisch sicher sein.
Wenn wir die Lebenserwartung verlängern und die
Kindersterblichkeit verringern können, wenn wir das
Leben der Menschen durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen verbessern können, wenn wir
ihre Wünsche und ihren Horizont erweitern können,
dann können wir die Bevölkerungswachstum nährenden Kräfte abbauen. Wir erkennen jetzt, daß
Familienplanung, gerechte und umweltverträgliche
Entwicklung, vermehrte Entscheidungsbefugnis für
alle Bürger nicht konkurrierende Strategien, sondern
vielmehr entscheidende und sich gegenseitig verstärkende Elemente des umfassenden Ansatzes
sind, den unsere globale Zukunft fordert.
Dies ist der Rahmen, der uns beim Sondieren von
gemeinsamem Terrain in Kairo leitet. Wir können
uns nicht vorstellen, daß wir die Abtreibungsdiskussion je ad acta legen - die Meinungsverschiedenheiten sind zu tiefgreifend. Unseres Erachtens maxi-

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miert unser Ansatz die Bandbreite des möglichen
Konsenses und verringert die verbleibenden Meinungsverschiedenheiten auf ein erträgliches Maß.
Schließlich hat man sich bereits auf über 90 Prozent
der Sprachregelungen des Kairoer Dokuments
geeinigt - das ist weit mehr als bei vorherigen internationalen Konferenzen. Und viele der verbleibenden
Differenzen können mit harter Arbeit, respektvollem
Dialog und vernünftig begründeter Annäherung
beigelegt werden, die wir heute fordern.
Wir dürfen und sollten im Verlauf dieses Unternehmens nicht zu Gegnern werden. Wir müssen vielmehr Kollegen und Freunde bei diesem historischen
Unterfangen sein, eine Politik zu entwerfen, mit der
die Würde und der Wert jedes menschlichen Wesens
auf der Erde bekräftigt wird und einer Politik, die die
Bedeutung der Familie untermauert.
Unseres Erachtens ist die Familie die Keimzelle eines
verantwortungsbewußten Lebens in der Gesellschaft.
Wenn Sie beispielsweise eine umweltbewußte
Gesellschaft haben wollen, müssen Sie die Familie
stärken. Die Regierungen haben die Pflicht zur
Gewährleistung von politischer Freiheit zur Gründung
einer Familie und der Erziehung der Kinder im
Einklang mit der religiösen Überzeugung dieser
Familie. Alle Regierungen müssen die Stabilität der
Ehe und die Institution Familie sowie die Gesundheit
der Familie schützen. Die Betonung der Familie ist
unserer Ansicht nach entscheidend, weil Themen wie
die Gesundheit von Frauen und ihre Ausbildung in
vielen Ländern durch das Prisma der Familie in
Angriff genommen werden müssen.
In diesem Zusammenhang ist die Kairoer Konferenz
daher bemerkenswert für ihre Bestrebungen, eine
globale Tagesordnung der Hoffnung, Chancen und
Fortschritte zu definieren. Ungeachtet der nicht
vollständigen Übereinstimmung zu allen Themen ist
dies - bei weitem - das beste je erarbeitete Dokument
zu Bevölkerungsfragen. Und ich möchte hinzufügen,
daß diese Bestrebungen - und auch die Vereinigten
Staaten - in hohem Maße von dem Talent, der
Kreativität und sorgfältigen Anleitung von Tim Wirth,
unserem Staatssekretär im Außenministerium für
globale Angelegenheiten, profitiert haben. Dank Tims
Arbeit und der anderer wird diese Konferenz einen
historischen Schulterschluß zwischen der Notwendigkeit zur Integration wirtschaftlicher und umweltpolitischer Maßnahmen auf globaler Ebene und der
Anerkennung der Beziehung zwischen umweltverträglicher Entwicklung und Bevölkerungsstabilität
vornehmen.
Ich möchte auch im voraus Präsident Mubarak
danken, der als Gastgeber einen unschätzbaren

AMERIKA DIENST 34

�Beitrag zu dem erwartungsgemäß erfolgreichen
Ausgang der Konferenz in Kairo geleistet hat.
Ebenso wie der Erdgipfel in Rio erkennt diese
Konferenz die Bedeutung der Einbeziehung der
Bürger und nichtstaatlicher Organisationen an,
analysiert ihre Rolle und ihren Beitrag zum internationalen Dialog. Diese Konferenz geht für ihre
beispiellose Einbeziehung der Bürger - insbesondere
der Frauen, deren Beitrag historisch und außergewöhnlich war - in die Annalen der Geschichte ein.

Die Kairoer Konferenz trägt ferner der Tatsache
Rechnung, daß dies nicht nur Belange der armen
Länder sind. Sie betreffen auch die Bürger von
Industrienationen und beziehen sie ein. Wir sind

*

AMERIKA DIENST 34

*

unseren Nachbarn durch Sorge und Mitgefühl verbunden. Rasches Bevölkerungswachstum ist eng mit
Armut, Ungerechtigkeit und menschlichem Leid
verbunden. Die Amerikaner stehen diesen Problemen nicht indifferent gegenüber.
Wir sind uns bewußt, daß die Herausforderungen
groß sind, und aus diesem Grund ist unser Engagement so tiefgreifend. Die Integration von Bevölkerung, Umwelt und Entwicklung ist ein Gebot für
Frieden und nationale Sicherheit, für menschliche
Gesundheit und menschliches Wohlergehen und für
die Qualität des Lebens auf Erden. Die ClintonAdministration ist entschlossen, diese Erfordernisse
zu erfüllen. Und bei der Bevölkerungs- und Entwicklungsproblematik sind wir entschlossen, eine Führungsrolle zu übernehmen.

* *

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�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

NGOs KOMMT ENTSCHEIDENDE ROLLE
BEI KAIROER KONFERENZ ZU
Mehr Entscheidungsbefugnis für Frauen
WASHINGTON - (AD) - Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) werden sowohl bei der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung als auch
bei den Folgetreffen eine entscheidende Rolle
spielen, erklärte eine hochrangige Vertreterin des
Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agencyfor
International Development - USAID).
"Wir legen besondere Betonung auf die Zusammenarbeit mit NGOs hier sowie den in Afrika und anderen Ländern tätigen, nicht nur, weil sie wichtige
Dienstleistungen bereitstellen, sondern weil sie
darüber hinaus Schlüsselelemente in den bürgerlichen Gesellschaften dieser Länder sind", stellte die
Stellvertretende Leiterin von USAID, Carol Lancaster, am 25. August 1994 in einer Fernsehsendung des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA) fest.
Voraussichtlich werden Delegationen aus 180
Ländern an der von den Vereinten Nationen veranstalteten Konferenz teilnehmen, die vom 5 . - 1 3 .
September 1994 in Kairo stattfindet.
Lancaster brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Kairoer Konferenz die Themen Familienplanung,
reproduktive Gesundheit, Ausbildung von Mädchen
und Bekämpfung der Kindersterblichkeit "gleichberechtigt auf die internationale Tagesordnung" setzen
und die Aktivitäten der NGOs ermutigen wird, diese
Themen auf der Tagesordnung der jeweiligen
Länder weiterzuverfolgen.
Lancaster ist der Überzeugung, die Aussichten für
zusätzliche Unterstützung der Geberländer zu
Planungsaktivitäten in den Bereichen Bevölkerungsund Familienplanung seien gut, unterstrich jedoch,
daß die Entwicklungsländer ihren Beitrag dazu
leisten müssen, indem sie den Programmen gegenüber aufgeschlossen sind.
An der Fernsehsendung nahm gemeinsam mit
Lancaster auch Belkis Giorgis teil, eine bei einer
nichtstaatlichen Organisation - dem Zentrum für

AMERIKA DIENST 34

Entwicklung und Bevölkerungsbelange
Spezialistin für Auswertung.

- tätige

Giorgis stellte fest, in einigen Teilen Afrikas sei der
Sozialisierungsprozeß zusammengebrochen und die
Familie übernehme nicht länger die traditionelle Rolle,
die Jugendlichen auf das Erwachsensein vorzubereiten. Infolgedessen sei ein dramatischer Anstieg an
ungewollten Schwangerschaften zu beobachten,
insbesondere unter den Heranwachsenden.
Giorgis zufolge lautet die Schlüsselfrage nicht, welche
Länder die meiste Unterstützung bei Bevölkerungsproblemen erhalten, sondern, wie Frauen größere
Entscheidungsbefugnis und die Fähigkeit verliehen
werden kann, anhand von Informationen über die
Anzahl und den zeitlichen Abstand zwischen ihren
Kindern zu entscheiden.
Giorgis erklärte, die NGOs könnten eine wichtige
Rolle bei der Veränderung der derzeitigen kulturellen
Perspektive der Eltern spielen, die glauben, die
Bereitstellung von Informationen über reproduktive
Gesundheit für Jugendliche ermutige sie, sexuell aktiv
zu sein. Genau das Gegenteil treffe zu angesichts
der hohen Zahl von Jugendlichen, die in Afrika und
anderen Ländern ungeschützten Geschlechtsverkehr
ausüben.
Sie verwies darauf, daß über 50 Prozent der Bevölkerung In den meisten Länder Afrikas südlich der
Sahara unter 15 Jahre alt sind.
Kontroversen im Vorfeld der Konferenz über die
Themen Schwangerschaftsabbruch und produktive
Gesundheitsfürsorge für Erwachsene würden von
einigen übertrieben, so Lancaster.
"Unsere Position ist ganz klar. Unseres Erachtens
sollte Schwangerschaftsabbruch sicher, legal und
selten und kein Mittel der Familienplanung sein. Wir
sollten Leistungen zur Familienplanung unterstützen,
die tatsächlich die Notwendigkeit einer Abtreibung
verhindern."

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten vertreten jedoch die Position, erläuterte Lancaster, daß die Gesundheitsprobleme der Frauen mit verpfuschten Abtreibungen
angesprochen werden müssen.
"Stümperhafte Abtreibungen, an denen pro Jahr
50.000 Frauen sterben, sind ein Zeichen, daß der

gesamte Bereich der Familienplanung verbessert
werden muß", betonte Lancaster.
Lancaster prognostiziert, daß "ein außerordentlich
hohes Maß an Konsens" unter der Mehrzahl der in
Kairo vertretenen Länder sowie unter der christlichen
und muslimischen Gemeinde erzielt werden.

* * * *

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 34

�BEVÖLKERUNG
31. August 1994

VIEL ÜBEREINSTIMMUNG ZU BEVÖLKERUNGSPOLITIK
Auszüge aus Pressekonferenz mit USAID-Vertretern
WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Regierungsvertretern zufolge haben die meisten Industrie- und
Entwicklungsländer die Notwendigkeit einer Stabilisierung ihrer Bevölkerung erkannt, damit ihre Volkswirtschaften wachsen können.
Sally Shelton, Stellvertretende Leiterin für globale Programme sowie Unterstützung und Forschung vor Ort beim
Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) räumte am 19. August
1994 bei einer Pressekonferenz ein, der Vatikan sowie einige römisch-katholische und muslimische Länder
widersetzten sich dem Beschluß von Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerung auf der vom 5. bis 13.
September 1994 in Kairo anberaumten Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung.
Sie sprach die Hoffnung aus, daß die Delegierten aus über 100 Ländern die Differenzen beilegen, da ein
hohes, umweltschädigendes Bevölkerungsniveau zu Bürgerkriegen, Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden führen könne.
Nils Daulaire, hochrangiger politischer Berater für Bevölkerungs- und Gesundheitsfragen bei USAID erklärte,
im Vorfeld der Kairoer Konferenz bestünde mehr Einigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als je
zuvor bei solch umfassenden internationalen Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die bei der Pressekonferenz abgegebenen Eingangserklärungen von
Botschafterin Shelton und Dr. Daulaire.

Shelton: Die amerikanische Regierung ist der
Ansicht, daß sich die Bevölkerung als eine der
entscheidendsten Entwicklungsfragen abzeichnet,
mit denen die Welt in diesem Jahrzehnt und vielleicht in diesem Jahrhundert konfrontiert wird.
Unseres Erachtens erweist sich Erfolg oder Scheitern nationaler Entwicklung als Schlüsselfrage der
Zeit nach dem Kalten Krieg.
Bei der Kairoer Konferenz werden Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen aus der
ganzen Welt zusammenkommen, was in diesem
Ausmaß eine einzigartige politische Maßnahme
darstellt. Die in den Bereichen Bevölkerung, reproduktive Gesundheit und Familienplanung als
Vorbereitung der Kairoer Konferenz geleistete Arbeit
ist enorm. USAID hat sich in den vergangenen 30
Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, und wir freuen
uns auf die Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer
Regierungen aus der ganzen Welt, um in Kairo

AMERIKA DIENST 34

einen Konsens zu erzielen und ein entsprechendes
Dokument auszuarbeiten.
Ich möchte noch betonen, daß das Thema dieser
Konferenz Bevölkerung und Entwicklung ist. Man hat
sich häufig auf die Bevölkerungsaspekte konzentriert
und meines Erachtens der Entwicklung nicht genug
Aufmerksamkeit gezollt.
Viele von uns haben sich in den letzten Wochen mit
den tragischen Ereignissen in Ruanda, Somalia und
Haiti befaßt. Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund der Kairoer Konferenz, denn diesen Tragödien
ist gemeinsam, daß umweltschädigendes Bevölkerungswachstum zu Konflikten innerhalb eines Landes
führt. Ferner sehen viele von uns Bevölkerungsfragen in einem größeren Kontext. Die Bevölkerung
beeinflußt die Fähigkeit der Regierungen, den Erwartungen ihrer Bürger gerecht zu werden. Sie beeinflußt entscheidend die Beschäftigungspolitik einer
Regierung und einer Gesellschaft. Sie ist ein wesent-

Seite 1

�licher Faktor für die Armut. Sie hat Auswirkungen
auf die Umwelt, die Verwaltung von Rohstoffen, die
Verschmutzung von Wasser und Luft. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Kindersterblichkiet.
Sie ist ein zentraler Faktor dabei, Frauen mehr
Entscheidungsgewalt zu geben.
Unserer Ansicht nach sind die auf der Tagesordnung
der Kairoer Konferenz stehenden Fragen für die
ganze Welt von Belang. Vor einigen Tagen kam ich
von einer Reise nach Indien und Indonesien zurück.
Während meiner ausführlichen Diskussionen in
diesen beiden Länderrn war ich betroffen von der
Allgemeingültigkeit der Anliegen, die meine Regierung in Kairo vorbringen wird. Die von Männern und
Frauen auf der ganzen Welt vorgetragene Forderung
nach Zugang zu Familienplanung sowie mehr
Lebensqualität im Hinblick auf Wirtschaftslage und
Umwelt ist überwältigend und reicht von der Basis
bis hinauf in alle Gesellschaftsschichten.
Ich möchte hier auch darauf hinweisen, daß sich die
Kairoer Konferenz mit einer Reihe über Bevölkerung
und Familienplanung hinausgehender Fragen
befassen wird: Der Stärkung der Familie, den
Bedürfnissen von Wanderarbeitern und Flüchtlingen,
reproduktiver Gesundheitsfürsorge für Frauen und
mit einer Frage, die meiner Meinung nach den
wichtigsten Tagesordnungspunkt darstellt - vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen. Meines
Erachtens ist es wirklich interessant zu beobachten,
wie sich in den letzten Monaten der Schwerpunkt
der Kairoer Konferenz von einer nahezu ausschließlichen Konzentration auf Familienplanung zu den viel
umfassenderen Fragen der vermehrten Entscheidungsgewalt für Frauen verlagerte, die durch diese
Erweiterung mit der Stärkung von Demokratien in
Zusammenhang stehen.
Für uns im Amt für internationale Entwicklung ist von
großer Bedeutung, der Rolle der Frau bei allen
Aspekten unserer Entwicklungsprogramme größere
Priorität einzuräumen. Aus diesem Grund ist es
unserer Überzeugung nach angemessen, daß der
Kairoer Konferenz im Herbst 1995 in Beijing eine
Konferenz über den Status der Frau folgt. Das ist
natürlich Teil einer kontinuierlichen Entwicklung. Auf
der Kairoer Konferenz soll der vor 20 Jahren zwischen den Regierungen erzielte Konsens bekräftigt
werden, daß alle Paare und Einzelpersonen in der
Lage sein sollten, frei und in eigener Verantwortung
über die Zahl ihrer Kinder und den Abstand zwischen den Geburten zu entscheiden. Ferner möchte
ich Betonung auf die Idee der Verantwortlichkeit
legen, auf die im Text der Konferenz besonderer
Wert gelegt wird. Es geht also nicht nur um die
Rechte aller Bürger, sondern auch um Pflichten.

Seite 2

Wir bei USALD haben - wie bereits erwähnt - seit
mehr als 30 Jahren anderen Ländern bei der Entwicklung von Familienplanungsprogrammen geholfen,
ihren Familien mehr Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung geboten und dazu beigetragen, daß die
Nationen ihre Programme im Bereich der reproduktiven Gesundheit verbessern können. Verschiedene
Länder - Thailand, Indonesien, Kolumbien, Mexiko haben derartige Programme mit solchem Erfolg
entwickelt, daß sie jetzt praktisch unabhängig sind.
Ich war über eine einfache Tatsache erstaunt. Vor
einer Generation verfolgten nur wenige Länder eine
Bevölkerungspolitik, heute sind es mehr als 100
Staaten. Die meisten, aber nicht alle Länder der Welt
haben jetzt Maßnahmen verabschiedet, die eine
Stabilisierung der Bevölkerung als nationales Ziel
definiert. Daher sind wir der Auffassung, daß die
meisten Länder in Kairo einen beachtlichen Konsens
erzielen können. Wir hoffen, daß die nicht uneingeschränkt zustimmenden in der Lage sein werden.einige der verbleibenden Differenzen auf Verhandlungsbasis beizulegen, damit wir einen umfassenden
Konsens erreichen können.
Es bestehen noch Bedürfnisse beträchtlichen Ausmaßes, die nicht gedeckt sind. Unseren Schätzungen zufolge wünschen noch ungefähr 120 Millionen
Männer und Frauen weltweit, auch in den Vereinigten
Staaten, Zugang zu Empfängnisverhütung. Obwohl
wir schon viel unternommen haben, um den Männern
und Frauen bei der Bestimmung der Zahl ihrer Kinder
zu helfen, bleibt immer noch sehr viel zu tun.
Mit diesen kurzen Anmerkungen möchte ich meine
Ausführungen beenden und meinen Kollegen, Dr. Nils
Daulaire, vorstellen - einen Arzt mit langjähriger
Erfahrung in den Bereichen Gesundheitsfürsorge und
Familienplanung.
Daulaire: Vielen Dank, Frau Botschafterin. Besonders interessant für viele von uns im Bereich der
internationalen Entwicklung und der Gesundheit ist
die Tatsache, daß das Ergebnis von Kairo nicht nur
ein Dokument, nicht nur die Formulierung bestimmter
Prinzipien und Maßnahmen ist, sondern ein konkretes
Aktionsprogramm. Und ich möchte die Tatsache
unterstreichen, daß wir hier über Aktionen sprechen.
Im gesamten Spektrum von Bevölkerung und Gesundheit hat in den vergangenen 20 Jahren seit der
ersten Konferenz - der internationalen Bevölkerungskonferenz von Bukarest im Jahr 1974 - ein langer
und manchmal schwieriger Evolutionsprozeß stattgefunden.
Meines Erachtens sollte man sich im Kontext der
Besorgnis, die viele von Ihnen über die noch ausstehenden, bei den Erörterungen der Vorkonferenz

AMERIKA DIENST 34

�nicht gelösten Fragen vernommen haben, vor Augen
führen, wie weit wir gekommen sind und wieviel
Konsens hier besteht.
Die erste internationale
Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest war von
einem enormen Gefälle zwischen Nord und Süd
gekennzeichnet. Zu jener Zeit hatte ein Großteil der
in Bukarest vertretenen Länder des Südens das
Gefühl, das Thema Bevölkerung sei zweitrangig oder vielleicht nicht nur zweitrangig, sondern sogar
unwichtig und eine Angelegenheit, die für den Westen von Bedeutung, aber im Kontext der nationalen
Entwicklung wirklich unerheblich war. 1974 war man
in dieser Frage völlig geteilter Meinung, und wie
Botschafterin Shelton festgestellt hat, bestehen diese
Meinungsverschiedenheiten nicht mehr. Im Vorfeld
von Kairo und bei den bereits geführten Verhandlungen zeichnete sich ein eindeutiger und breiter Konsens aus jedem Teil des Globus und seitens aller
betroffenen Parteien ab, daß rasches und umweltschädliches Bevölkerungswachstum ein entscheidendes Thema im Bereich der Entwicklung ist, und das
ist ein enormer Fortschritt.
Es hat 20 Jahre gedauert, sollte deswegen aber
nicht bagatellisiert werden.
Bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko 1984
wurden erneut große Fortschritte erzielt. Zu dieser
Zeit waren viele der Länder des Südens zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß die Bevölkerungsfrage
in der Tat von großer Bedeutung ist. Und in mancherlei Hinsicht wendete sich das Blatt zwischen
1974 und 1984. Die Vereinigten Staaten kamen zu
der Konferenz von Mexiko mit einer äußerst aussagekräftigen politischen Tagesordnung, die in
gewisser Weise die Position von 1974 revidierte,
derzufolge Bevölkerung ein zweitrangiges Thema
verglichen mit Wirtschaftswachstum und Entwicklung
sei, und damals gab es auch eine gewisse Konfrontation zwischen Norden und Süden oder den
Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern.
Beeindruckend ist auch hier wiederum, daß die
Differenzen jetzt beigelegt sind und es zwischen
dem Norden und dem Süden, zwischen den Ländern
der G-77, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten über Bevölkerung und Entwicklung
keine maßgeblichen Meinungsverschiedenheiten
mehr gibt, und das ist außerordentlich erfreulich.
Dies ermöglicht ein Aktionsprogramm zum jetzigen
Zeitpunkt.
Zum Ergebnis von Kairo und zu dem im April in New
York erarbeiteten Dokumentsentwurf haben wir
bereits nahezu 90 Prozent Übereinstimmung über
die Punkte des Dokuments erzielt. Es ist sehr
ungewöhnlich, zu einer internationalen Konferenz mit
einem Dokument zu gehen, in dem 90 Prozent der

AMERIKA DIENST 34

Sprachregelungen nicht mehr eingeklammert sind.
Ich möchte also nochmals betonen, wie weit die
Dinge vorangekommen sind.
Wir haben einen klaren Konsens unter der großen
Mehrheit der Länder der Welt, daß dies ein enormer
Themenkomplex ist, der auf humane Weise angesprochen werden kann, wobei man sich nicht so sehr
auf die Frage der Kontrolle konzentriert, oder den
Menschen sagt, was zu tun ist, sondern vielmehr sie
- wie Botschafterin Shelton es formuliert hat - in die
Lage versetzt, das zu tun, was sie als ihr Eigeninteresse erkannt haben. Das ist der entscheidende
Punkt, der für mich außerordentlich aufregend war.
Ich war über 20 Jahre lang in Dörfern und Vierteln
der Dritten Welt tätig und habe Programme gesehen,
die von oben aufoktroyiert wurden, bei denen die
Regierungen sagten, Ihr müßt das tun, oder die
internationalen Geber sagten, Ihr müßt jenes tun. Sie
alle erfüllten nicht den Bedarf der Menschen. Sie
waren in gewisser Weise unverständlich. Sie erfaßten nicht, was die Menschen wollten, und infolgedessen gab es sehr häufig Diskrepanzen.
Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir eine Annäherung der Vorstellungen bezüglich dessen beobachten,
was die Menschen wollen und benötigen - die von
Botschafterin Shelton angeführten 120 Millionen
Paare auf der Welt - die jetzt Empfängnisverhütung
nur anwenden würden, wenn sie ihnen zur Verfügung
stünde, und die schätzungsweise 180 Millionen
weiteren Paare, die wahrscheinlich ebenfalls verhüten
würden, wenn sie sehen, wie ihre Freunde und
Nachbarn dies tun. Es gibt einen enormen Bedarf
und eine enorme Nachfrage auf der ganzen Welt,
und wir sind zum jetzigen Zeitpunkt in der Position,
diese Situation zu beheben.
Es wurde über einige der geäußerten Bedenken
gesprochen, die Vereinigten Staaten und der Westen
exportierten gewisse Werte und Ansätze, und meines
Erachtens muß man sich ganz klar vor Augen führen,
daß dies weder die Absicht noch die Sprachregelung
des Dokumentsentwurfs für Kairo ist. Ich möchte Sie
alle ermutigen, das Dokument zu lesen - es ist sehr
lang - und zwar Zeile für Zeile, weil es in der Tat ein
Dokument für die Familie ist, ein Dokument, das die
Bande der Gemeinde stärkt sowie den Bedarf und die
Rechte von Einzelpersonen und Paaren anerkennt.
Es ist ein Dokument mit im Konsens erzielten Sprachregelungen, das jetzt von der Europäischen Union
erarbeitet wurde und beide Seiten des Spektrums
repräsentiert, von den eher konservativen Ansichten
Irlands bis zu den progressiveren Hollands und
Dänemarks.
In der vorgeschlagenen Sprachregelung sind neue
Formulierungen enthalten, die von den Vereinigten

Seite 3

�Staaten mit großem Enthusiasmus unterstützt werden, denen zufolge zum Thema reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte eindeutig klargestellt wird, daß die Formulierung und Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen, einschließlich
derjenigen im Zusammenhang mit reproduktiver
Gesundheit, das souveräne Recht jeder Nation im
Einklang mit nationalen Gesetzen und den internationalen Menschenrechtsnormen sind. Als Ergebnis von Kairo erwarten wir die Fähigkeit jedes
Landes und der Menschen jedes Landes, ihre
eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht
bestimmte Werte von außen aufoktroyieren zu
lassen, sei es von den Vereinigten Staaten oder
irgendeiner anderen Organisation mit einem bestimmten Standpunkt. Sie müssen in der Lage sein,
ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und wir
werden dann da sein, um diese Entscheidungen zu
unterstützen.

Das Amt für internationale Entwicklung ist der weltweit größte Geldgeber in den Bereichen Gesundheit
und Familienplanungsprogramme. Wir haben im
Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit eine
wichtige neue Initiative in die Wege geleitet, um diese
zu ergänzen, um den Menschen die Möglichkeiten
zur Verfügung zu stellen, die sie wirklich wollen, und
die ihnen kleinere und gesündere Familien ermöglichen und sie dazu ermutigen.
Von unserem Standpunkt und dem des Amts für
internationale Entwicklung aus ist dies eine enorme
Chance für Fortschritte in kühner und aufregender
Weise, und wir sehen ihnen erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 34

�UMWELT
31. August 1994

NÄCHSTE SCHRITTE BEI GLOBALER
KLIMAVERÄNDERUNG • DIE SICHT DER
VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Im Vorfeld der vom 5. bis 13. September 1994 anberaumten Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung hielt der Staatssekretär für globale Angelegenheiten im Außenministerium,
Timothy Wirth, am 3. August 1994 eine Rede vor Regierungsvertretern und Fachleuten nichtstaatlicher
Organisationen. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge.

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind.
Es ist mir eine Freude, Sie hier im Außenministerium
begrüßen zu dürfen.
Wie Sie wissen, befinden wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt in den internationalen
Diskussionen über Klimaveränderungen. Dieser vor
zwei Jahren in Rio unterzeichnete historische
Vertrag ist in Kraft getreten, und die erste Konferenz
der Parteien steht unmittelbar bevor. Erste nationale
Pläne sind in zwei Monaten fällig, in denen Strategien für die Verringerung der Treibhausgasemissionen dargelegt werden sollen. Dies sind maßgebliche und wichtige Schritte. Dennoch ist offensichtlich, daß wir uns auf der internationalen Bühne
einem neuen Ausgangspunkt nähern. Wir wissen,
daß die harte Arbeit vor - nicht hinter - uns liegt.
Im umfassenderen Kontext ist dies ein bemerkenswerter Augenblick in der Geschichte, denn die
Nationen beginnen die Chancen und Pflichten zu
begreifen, die ihnen bei der Erforschung der die Welt
immer komplexer machenden aktuellen Krise bis zu
den zugrundeliegenden Ursachen zukommt, sowie
bei der Neudefinition der Prioritäten für langfristige
nationale Sicherheit und globale Stabilität. Angesichts der demographischen, wirtschaftlichen und
technologischen Prognosen für die Entwicklungsländer könnte das Morgen eine Katastrophe werden.
Wir müssen den Kurs ändern.
Die Clinton-Gore-Administration hat sich verpflichtet
unter Beweis zu stellen, wie der öffentliche und der
Privatsektor zusammenarbeiten können, um die

AMERIKA DIENST 34

Versprechungen und Notwendigkeit umweltverträglicher Entwicklung zu realisieren.
Auf internationaler Ebene und innenpolitisch gleichermaßen vertritt die Administration die Auffassung und kämpft um die Beweisführung - daß wir die
doppelte Dividende umweltverträglicher Entwicklung
zum Tragen bringen können: Fortschritte zu einem
Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum. Dies ist nirgends offenkundiger als
beim Problem der globalen Klimaveränderungen.
Als oberstes Ziel hat der Präsident die Vereinigten
Staaten zum Ziel der globalen Klimakonvention
verpflichtet - dem Abbau der Treibhausgasemissionen
bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990. Und
wir haben einen flexiblen und wirtschaftlich profitablen
Plan zur Erlangung dieses Ziels erarbeitet. Wir
haben eine Vorreiterrolle bei Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und Privatsektor sowie mit
der internationalen Staatengemeinschaft gespielt - die
am besten durch unsere zukunftsweisende Position
und Rolle bei der gemeinsamen Umsetzung unter
Beweis gestellt wird.
Es wurde eine parallele Tagesordnung zur Förderung
der Entwicklung und Verbreitung von Umwelttechnologie aufgestellt. Unter Einbeziehung des Energie-,
Wirtschafts- und Außenministeriums, des Umweltschutzamts, des Amts für internationale Entwicklung
sowie unserer Exportförderungsbehörden bauen
diese Bestrebungen auf den bereits von uns für die
Förderung von Umwelttechnologie ausgegebenen 4
Milliarden Dollar auf. Die Clinton-Administration hat

Seite 1

�einen strategischen Rahmen für Umweltexporte und
eine Technologieinitiative zur Schaffung zukunftsträchtiger Umweltsysteme entwickelt.
Jetzt richten wir unseren Blick auf die Zukunft. Das
für August anberaumte Treffen des zwischenstaatlichen Verhandlungskomitees wird erneut eine fruchtbare Diskussion über die "Angemessenheit" der
unter der Rahmenkonvention über Klimaveränderungen eingegangenen Verpflichtungen führen und
weitere Schlüsselfragen erörtern, einschließlich
gemeinsamer Umsetzung sowie Überprüfung nationaler Kommunikationssysteme und Prioritäten der
Finanzmechanismen der Konvention.
Wir haben bereits von immer mehr Regierungen die
Forderung vernommen, daß in Berlin ein offizielles
Verfahren zur Prüfung der nächsten Schritte eingeleitet werden soll, Treibhausgase zu reduzieren und manche haben schwierige spezifische Fragen in
die Debatte eingebracht.
Wir haben mit Interesse zugehört und bereiten uns
auf die Teilnahme vor. Diese Administration will
dazu beitragen, den internationalen Prozeß voranzubringen, um der Bedrohung durch eine beträchtliche Erhöhung der Treibhausgaskonzentrationen zu
begegnen.
Um diese Führungsrolle übernehmen zu können,
müssen wir mit Ihnen und anderen darüber beraten,
wo wir stehen und in welche Richtung wir gehen
sollten - und darum geht es bei der heutigen Sitzung. Aus unserer Sicht erscheinen vier Prioritäten
am vielversprechendsten.
Die Klimakonvention in ihrer jetzigen Form enthält
ein Ziel zur Erreichung des übergeordneten Ziels der
Konvention - die Verhinderung gefährlicher Eingriffe
in die natürlichen klimatischen Prozesse der Erde.
Dieses im Vorfeld der Konferenz von Rio beschlossene Ziel sollte unsere nationalen Bestrebungen für
die Zeit vor dem Jahr 2000, jedoch nicht darüber
hinaus leiten. Die Administration erklärte, die
derzeitigen, unter der Konvention eingegangenen
Verpflichtungen befaßten sich nicht ausreichend mit
den nach dem Jahr 2000 zu ergreifenden Maßnahmen. Mit anderen Worten: Es handelt sich hier um
eine langfristige Herausforderung, die langfristige
Lösungen erfordert. Wir erachten dies als oberste
Priorität für die Zukunft und müssen uns ein Ziel
setzen, das unsere Bestrebungen in der ersten Zeit
nach der Jahrhundertwende leiten kann.
Der Ansatz der Vereinigten Staaten, im Rahmen der
Konvention die nächsten Schritte zu unternehmen,
sollte wie stets in unserer Verpflichtung zu umfassenden, flexiblen, umweltfreundlichen, vorteilhaf-

Seite 2

ten, gerechten, pragmatischen und innovativen
Bestrebungen liegen.
Vor dem Hintergrund der während der bewegten
Aushandlung des Vertrags und danach gelernten
Lektionen werden wir uns verstärkt darum bemühen
müssen sicherzustellen, daß die Nationen ihren
Worten Taten folgen lassen. Neben den Vereinigten
Staaten haben nur wenige Nationen klare, substantielle Vorschläge zur Reduzierung von Emissionen
vorgelegt, die sie zur Erreichung der ersten Ziele der
Konvention befähigen. Wir müssen eindeutig klarstellen: Gute Absichten und hochfliegende Worte
bringen uns nicht dem Ziel näher, den mit einem
Abbau der Emissionen einhergehenden, äußerst
bedeutenden Herausforderungen zu begegnen. Der
Vertrag fordert und erwartet Aktionen.
Wenn wir die nächsten Schritte unternehmen, ist es
daher geboten, eine zweite Priorität zu setzen - die
Chancen für gemeinsame Aktionen zur prüfen, die
zur Erlangung jedes neuen Ziels in der Zeit nach dem
Jahr 2000 ergriffen werden können. Ich vermute,
daß die Konvention bei diesen Themen nicht länger
Stillschweigen bewahren kann, obwohl die amerikanische Position weiterhin lautet, daß wir einen großen
Teil nationaler Flexibilität bewahren müssen, um
verläßliche, verifizierbare, nationale Bestrebungen
zum Abbau von Emissionen verfolgen zu können.
Unserer Ansicht nach könnten zur Erreichung des
Ziels verschiedene gemeinsame Aktionen verfolgt
werden. Gemeinsame Aktionen könnten die Form
vereinbarter Verfahren zur Prüfung von Möglichkeiten
der Reduzierung von Emissionen unter gegebenen
nationalen Umständen annehmen, wobei lediglich
gefordert würde, daß diese Chancen erwogen werden
und darüber berichtet wird. Als Beispiel für ein
solches Verfahren möchte ich eine im Gesetz über
Energiepolitik von 1992 enthaltene Bestimmung
anführen. Sie fordert von den Bundesstaaten eine
Projektstudie über die Nutzung integrierter Ressourcenplanung. Die Bestimmung legte keine Methode
für die integrierte Ressourcenplanung fest, sondern
wies die Bundesstaaten an, dieses Mittel zu erwägen
und darüber zu berichten, ob und warum es unter
den gegebenen Umständen angemessen erscheint
oder nicht.
Ferner könnten wir breitgefächerte und spezifische
Technologieinitiativen prüfen, einschließlich Anreizen
oder abschreckenden Faktoren, Technologien mit
geringeren Emissionen auf den Markt zu bringen,
Technologien mit höheren Emissionen vom Markt zu
verdrängen oder bestehende Interventionen zu
reduzieren, die diesen Zielen zuwiderlaufen. Im
Hinblick auf zukünftige Emissionen ist es klar, daß
alle Nationen neue Technologien einsetzen müssen,

AMERIKA DIENST 34

�die zur Erlangung wirtschaftlicher und emissionspolitischer Ziele befähigen. Technologie ist ein
vielversprechender Faktor für internationale Zusammenarbeit.
Andererseits ist es vielleicht möglich, daß die Nationen sich im Rahmen dieser Konvention oder in
anderer Weise auf eine Reihe von Maßnahmen
einigen, die den Ländern beim Abbau von Emissionen behilflich sind. Hierzu möchte ich ebenfalls ein
Beispiel aus dem Gesetz über Energiepolitik anführen. Mit Blick auf die immer länger werdende Liste
von Staaten, die Normen für Lampen, Motoren und
Duschköpfe festsetzen, arbeiteten wir gemeinsam
mit der Industrie ein Abkommen über Mindestnormen für die Leistungsfähigkeit dieser Produkte aus.
Es wird schwierig, aber vernünftig sein, ein Abkommen über internationale Normen zu schließen, an
denen sich die Hersteller während des Produktionsprozesses orientieren können. In diesem Sinne
bedeuten "vereinbarte Maßnahmen" nicht "harmonisierte" Maßnahmen.
Es ist meine Überzeugung, daß wir all diese Initiativen - Abkommen über Prozesse und Maßnahmen zum Abbau von Emissionen - verfolgen und
gleichzeitig als Priorität ein neues Ziel zur Kontrolle
der Emissionen in den ersten Jahren nach der
Jahrhundertwende anstreben sollten. Dieser Ansatz
wird uns die erforderliche Zielsetzung und Sicherheit
verleihen, daß die Nationen angemessen auf die
Herausforderung des Schutzes der Integrität des
globalen Klimasystems reagieren.
Die dritte Herausforderung zur Stärkung des Klimavertrags betrifft Sie alle. Obwohl Experten aus dem
öffentlichen und privaten Sektor an den Sitzungen
des zwischenstaatlichen Verhandlungskomitees
teilgenommen haben, war ihre Rolle bisher auf die
von Sitzungsbeobachtern beschränkt, die gelegentlich Erklärungen abgaben und auf den Fluren der
internationalen Konferenzsäle Kontakte zu Regierungsvertretern knüpften (das Klima, in dem Sie, die
Kämpfer gegen den Treibhauseffekt, sich am wohlsten fühlen).
Je mehr wir über umweltverträgliche Entwicklung
erfahren, desto klarer wird uns, daß der Prozeß viel
Klugheit erfordert. Meines Erachtens ist es an der
Zeit, Experten aus dem öffentlichen und privaten
Sektor stärker in die mit dem Vertrag einhergehenden Verfahren einzubinden und sie zur aktiven
Teilnahme zu gewinnen. Unter dem Montrealer
Protokoll beispielsweise haben Gremien technischer
Berater, denen auch Experten aus dem öffentlichen
und privaten Sektor angehören, eine entscheidende
Rolle beim Ausmachen von Optionen und der

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Auswahl von Alternativen für die verringerte Nutzung
die Ozonschicht zerstörender Chemikalien gespielt.
Schließlich sind wir der Ansicht, daß die Stärkung der
Konvention eine vierte Priorität darstellen sollte.
Kontinuierliche Arbeit in diesem Bereich sollte in
Abstimmung mit den nächsten Schritten erfolgen, da
weitere Fortschritte von wesentlicher Bedeutung beim
Aufbau von Vertrauen sind, daß die Parteien ihren
Verpflichtungen nachkommen, die Integrität nationaler
Pläne sicherzustellen, den Abbau von Emissionen
durch gemeinsame Durchführung kostengünstig zu
gestalten und den Parteien zum besseren Verständnis der Pläne anderer sowie der Ergebnisse und
Effektivität nationaler Aktionen zu verhelfen, was zu
besserer Planung führt.
Diese vier Prioritäten stellen zusammengenommen
eine schwierige Auswahl künftiger Aktionen dar. Sie
sind keine vollständige Definition der künftigen
Tagesordnung, denn wir benötigen beispielsweise
auch neue Strategien um sicherzustellen, daß die
Nationen alles in ihrer Macht Stehende zum Abbau
von Emissionen unternehmen. Obwohl die Industriestaaten hierbei die Führungsrolle übernehmen
müssen, ist es für uns nicht zu früh, uns Gedanken
darüber zu machen, wie wir andere noch stärker
einbeziehen können. Wir sollten überlegen, wie wir
zusätzlich zu den in Anhang A aufgeführten weitere
Länder identifizieren können, die eine führende Rolle
zu spielen in der Lage wären.
Zweifellos sind auch noch andere Fragen zu klären,
und wir begrüßen Anregungen Ihrerseits zu diesen
Ideen, zusätzlichen Prioritäten und zukünftigen Zielen
der amerikanischen und internationalen Bestrebungen
im Rahmen der Konvention.
Abschließend möchte ich noch auf Berlin zu sprechen
kommen und die Bedeutung der für den kommenden
Monat in Kairo anberaumten internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung für Berlin
hervorheben. Ungeachtet dessen, was wir im Rahmen der Klimakonvention unternehmen, wird die
Reduzierung von Treibhausgasen und die Förderung
umweltverträglicher Entwicklung bedeutend schwieriger sein, wenn wir keine umfassenden Strategien zur
Bekämpfung des rapiden Bevölkerungswachstums
entwickeln. Bevölkerung ist von zentraler Bedeutung
für sämtliche Entwicklungen, und jeder hier Anwesende sollte sich dieser Herausforderung widmen. Es
wird immer deutlicher, daß Erfolg in Kairo ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg nach Berlin und darüber hinaus ist.
Ich möchte nochmals wiederholen, wie bedeutend es
für uns ist, uns gemeinsam auf die unvermeidlichen,
unter dem Klimavertrag zu unternehmenden nächsten

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�Schritte vorzubereiten. Praktisch alle Nationen sind
sich darin einig, daß die derzeitigen Bestrebungen
zur Bewältigung der bevorstehenden Aufgabe nicht
ausreichend sind. Man würde einen großen Fehler
machen, seine Hoffnungen auf die verbleibenden
Unsicherheiten bei der Erforschung des weltweiten
Klimas zu setzen. Die verbleibenden Unsicherheiten
rechtfertigen keine Gleichgültigkeit. Die grundlegende Forschung besagt eindeutig, daß der fortgesetzte
Anstieg von Treibhausgasen einen Klimawandel
herbeiführen wird, der beträchtliche Auswirkungen
auf unseren Planeten haben wird. Wir können uns
keine Untätigkeit leisten. Ebenso sicher, wie ich hier

stehe, wird die internationale Staatengemeinschaft in
nicht allzu ferner Zukunft härtere Maßnahmen zum
Abbau von Emissionen im 21. Jahrhundert ergreifen.
Diese Administration wird dem öffentlichen und
privaten Sektor weiterhin enorme Chancen bieten,
gemeinsam mit uns der Wirtschaft und der Umwelt
förderliche Strategien zum Abbau von Treibhausgasen und zur Förderung umweltverträglicher Entwicklung zu entwerfen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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