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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Februar 1999

03

NATO

DAS NEUE STRATEGISCHE VERTEIDIGUNGSKONZEPT
Rede von Verteidigungsminister Cohen

EINE STABILE ESVI WIRD EUROPA UND DIE
NATO STÄRKEN
Rede von Botschafter Alexander Vershbow

WIRTSCHAFT

RUBIN SIEHT NOTWENDIGKEIT FÜR
POLITISCHEN WILLEN
Rede von Finanzminister Rubin

UMWELT

KONFERENZ VON BUENOS AIRES ERREICHT
DIE WICHTIGSTEN DIPLOMATISCHEN ZIELE
Eine Übersicht

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Fax: 0228-333138
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�NATO

24. Februar 1999

Das neue strategische Verteidigungskonzept
Rede von Verteidigungsminister Cohen
München - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William S. Cohen bei der
Wehrkundetagung in München vom 6. Februar 1999.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist ein Jahrzehnt
vergangen. Meiner Ansicht nach liegt die Herausforderung für die Vereinigten Staaten und für alle
unsere europäischen Bündnispartner und Freunde
darin, sich vollständig der Welt anzupassen, in der wir
leben. Wir dürfen sie nicht sehen, wie sie einmal war,
sondern wie sie wirklich ist. Wir müssen uns vorstellen, wie sie sein könnte und versuchen, sie unseren Interessen gemäß vorteilhaft zu gestalten.
Als Vaclav Havel vor einer gemeinsamen Sitzung des
Kongresses sprach, begann er mit der Feststellung,
die Dinge entwickelten sich so schnell, daß er wenig
Zeit habe, erstaunt zu sein. Ich würde gerne darlegen,
was in der kurzen Zeitspanne seit vorigem Jahr
geschehen ist. Als wir uns in diesem Hotel zu ungefähr dieser Zeit trafen, richtete sich die Aufmerksamkeit
der Welt auf Saddam Hussein, der ganz offenkundig
versuchte, die UN-Waffeninspektoren durch Verdunkelungs- und Behinderungsmanöver zu besiegen.
Dieses Verhaltensmuster führte schließlich zu Angriffen der Vereinigten Staaten. Mit Hilfe unserer
britischen Freunde und Bündnispartner in der Region
konnten die Fähigkeiten Iraks begrenzt werden,
Massenvernichtungswaffen zu liefern und seine
Nachbarn zu bedrohen.
Aber nur wenige Wochen nach unserem letzten
Treffen marschierten serbische Truppen tatsächlich in
den Kosovo ein. Sie lösten eine Flut der Gewalt aus,
was zu Vorbereitungen der NATO auf einen Luftangriff
führte. Luftangriffe - möchte ich hinzufügen, und
Generalsekretär Solana ist hier, um es zu bestätigen bleiben auch heute noch eine Option. Sollte Serbien
einer Beilegung der Krise nicht zustimmen, werden sie
durchgeführt.

AMERIKA DIENST 03

Seit wir uns das letzte Mal trafen, erlebten wir Nuklearexplosionen in Indien und Pakistan, die die Welt
schockierten. Wir erlebten, wie Terroristen in der
Nähe unserer Botschaften in Afrika Hunderte niedermetzelten und Tausende verwundeten, meist Afrikaner
und viele von ihnen Muslime. Sie planten weitere
Anschläge auf unsere Botschaften, was zielgerichtete
Aktionen der Selbstverteidigung unsererseits auslöste.
Ebenfalls seit unserem letzten Treffen verblüffte
Nordkorea die Welt durch den Abschuß einer Taepo
Dong 1-Langstreckenrakete über Japan in den Pazifik.
Die Zukunft kommt also mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf uns zu, und wir verschließen die Augen vor der
Gegenwart auf eigene Gefahr.
Ich würde gerne kurz auf die Zukunft zu sprechen
kommen. In weniger als drei Monaten werden wir am
Washingtoner Gipfel teilnehmen. Die NATO wird dann
an den entscheidenden Moment vor etwa 50 Jahren
erinnern, als sich unsere Vorgänger ansahen und sich
dann zum Aufbau einer gemeinsamen Verteidigung
einander zuwandten. Wir werden den drei neuen
NATO-Mitgliedern Polen, der Tschechischen Republik
und Ungarn sowie allen unseren Partnerstaaten von
Albanien bis Aserbaidschan die Hand reichen.
Während des Gipfels werden wir beschließen, daß wir
eine neue NATO für ein neues Zeitalter brauchen. Ich
weiß, Worte bemänteln nur den nackten Gedanken,
und ich möchte auf ähnliche Gedanken noch zu
sprechen kommen, aber zunächst einmal einige Worte
ins Gedächtnis rufen, die unser Kollege George
Robertson zu schätzen wüßte.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill:
"Wenn Soldaten eine Situation bewältigen sollen,
schreiben sie für gewöhnlich über ihre Anweisungen
'strategisches Konzept'. Was also", fragte er rhetorisch, "ist das strategische Konzept, dem wir uns heute

Seite 1

�verschreiben sollen?" Und er beantwortete seine
Frage: "Nichts Geringeres als unsere Sicherheit, unser
Wohlstand, unsere Freiheit und unser Fortschritt."
Dies sind wiederum alles sehr bedeutungsvolle Worte,
aber wir müssen nun herausfinden, was hinter den
Worten und unseren nackten Gedanken steht.
Das Strategische Konzept, das wir während des
Washingtoner Gipfels vorstellen werden, wird die von
Churchill erwähnten beständigen Wahrheiten erneut
bestätigen und die neuen Realitäten anerkennen: Daß
die NATO vor allem ein militärisches Bündnis ist,
dessen wichtigster Auftrag die kollektive Verteidigung
seiner Nachbarn bleibt; daß die NATO immer auf der
Grundlage des Konsenses handeln wird, und daß die
NATO immer im Geist der Prinzipien der Vereinten
Nationen handeln wird.
Unsere bedeutendste und ich würde sagen alles
überragende Herausforderung beim Aufbau einer
neuen NATO ist die Anpassung und Umgestaltung des
Bündnisses zur Bewältigung der neuen Herausforderungen und zum Schutz der gemeinsamen
Interessen. Die NATO muß ihre Truppen vorbereiten.
Wir müssen sie darauf vorbereiten, den Streß und die
Anspannung von Einsätzen wie in Bosnien auszuhalten. Es gab keine bereits bestehenden Kommunikationsverbindungen, keine bereits bestehende Logistik,
kein Hauptquartier oder sonstige Infrastruktur. Deshalb entwickeln wir diese Initiative zur Umgestaltung
der Verteidigungsfähigkeit unseres Bündnisses.
Aus den Sprüchen Salomons wissen wir natürlich: "Wo
keine Vision ist, wird das Volk zügellos", und deshalb
brauchen wir eine gemeinsame Vision. Wir müssen
die Verteidigungsfähigkeit der NATO umgestalten,
indem wir uns auf vier Kernfähigkeiten konzentrieren.
Es handelt sich hier um grundlegende Dinge, bei
denen wir wohl alle einer Meinung sind. Wir müssen
die nötige Mobilität für eine schnelle Verlegung unserer
Truppen gewährleisten. Wir müssen effektiv handeln,
indem wir richtig reagieren, mit einem humanitären
oder einem Kampfeinsatz, wann und wo er nötig ist, im
richtigen Umfang, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.
Wir müssen unser Durchhaltevermögen durch eine
besser zugeschnittene und effizientere Logistik zur
Unterstützung unserer Truppen verbessern.
Und
natürlich müssen wir die Überlebensfähigkeit unserer
Truppen verstärken, indem wir sie vor terroristischen,
chemischen, biologischen und sogar vor Cyberangriffen schützen.
Jeder von uns unternimmt eigene Schritte zur Bekämpfung derartiger Bedrohungen, zur Abwendung
der auf unsere Achillesferse gerichteten chemischen
und biologischen Pfeile. Aber ich denke, gemeinsam
können wir mehr tun, um die Hoffnungen derjenigen zu
zerschlagen, die uns Furcht und eine Hand voll Staub
zeigen, wenn ich Auden etwas abwandeln darf.
Deshalb haben wir eine Initiative zu Massenver-

nichtungswaffen vorgeschlagen, mit einem zentralen
Clearinghaus für gesteigerten Informationsaustausch
und verbesserten Programmen zum Schutz unseres
Militärs und unserer Zivilbevölkerung. Wir haben über
Schutz vor Terrorismus gesprochen. Das bedeutet
mehr nachrichtendienstliche Informationen.
Wir
müssen mehr Informationen sammeln und diese
Informationen auf kollektiver Basis austauschen, wenn
wir wirklich in der Lage sein wollen, diejenigen zu
besiegen, die große Opfer unter unserer Bevölkerung
fordern. Diese Bestrebungen werden die im Bündnis
bereits begonnene Arbeit untermauern, nicht überschatten.
Ich sollte auch meine feste Überzeugung hervorheben,
daß die beste Aussicht auf Schutz vor Angriffen mit
Massenvernichtungswaffen - seien sie nuklearer,
biologischer oder chemischer Natur - das Recht ist, auf
solche Angriffe mit allen uns zur Verfügung stehenden
Mitteln zu reagieren. Jegliche Infragestellung dieser
Politik unterminiert unsere Abschreckungsfähigkeit.
Ich denke, wir müssen dies gegenüber allen, die einen
Angriff des Bündnisses mit Massenvernichtungswaffen
in Betracht ziehen, sehr deutlich zum Ausdruck
bringen.
Unsere Truppen auf die Zukunft vorzubereiten,
bedeutet auch Vorbereitung auf die Möglichkeit
terroristischer Anschläge auf NATO-Truppen und
Einrichtungen.
Jeder von uns ergreift wiederum
eigene Gegenmaßnahmen, aber gemeinsam müssen
wir mehr gegen diese terroristische Bedrohung tun,
und ich meine, der Washingtoner Gipfel wird uns die
Möglichkeit bieten, eine wirkliche Grundlage für die
Bewältigung dieser Bedrohung als Bündnis und nicht
im Alleingang zu schaffen. Wenn unsere Truppen
dazu bestimmt, ausgerüstet und vorbereitet sein
sollen, sich den Bedrohungen von morgen zu stellen,
müssen wir heute umsichtigere und klügere Investitionen tätigen. Voriges Jahr fiel mir die Kluft zwischen
den Ausgaben der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses für Forschung, Entwicklung und Beschaffung auf. Ich argumentierte damals, sollte der Verteidigungshaushalt des Bündnisses auf der Suche nach
Friedensdividenden weiterhin zurückgehen, wäre der
Frieden und nicht die Dividende in Gefahr.
Dieses Jahr kann ich berichten, daß wir auf unsere
Worte Taten haben folgen lassen. In dem erst vor
einigen Tagen dem Kongreß vorgelegten Haushaltsentwurf Präsident Clintons sind für die nächsten sechs
Jahre zusätzliche 112 Milliarden Dollar für Verteidigungsressourcen vorgesehen. Das ist die größte
kontinuierliche Aufstockung der Verteidigungsausgaben in den letzten 15 Jahren. Um die Einsatzbereitschaft heute zu garantieren sieht unser Haushalt den
größten Zuwachs an Löhnen, Gehältern und sonstigen
Vergütungen für das Militär innerhalb einer Generation
vor. Um die Einsatzbereitschaft morgen zu garantieren
- General Clark (Oberster Allierter Befehlshaber

AMERIKA DIENST 03

�Europa) nickt zustimmend - sind in unserem Haushalt
für das nächste Haushaltsjahr 53 Milliarden Dollar für
Beschaffung ausgewiesen, die im Jahr 2001 auf 60
Milliarden Dollar und danach noch viel höher steigen
werden. Diese neuen Ressourcen ermöglichen es
uns, die Streitkräfte mit den erforderlichen Schiffen,
Flugzeugen und Waffen auszustatten, um diese
Revolution gemäß operativen Konzepten durchzuführen, die unsere Kampfstrategie verändern
werden.
Unser Haushalt ist nicht nur ein Spiegel der Welt, wie
sie ist, sondern wie sie vielleicht sein wird. Wir werden
weiterhin Mittel für Forschung, Entwicklung und
Entsendung von Luft- und Raketenabwehr für die
Verteidigung amerikanischer Truppen im Ausland
sowie unserer Freunde und Bündnispartner zur
Verfügung stellen. Unser Haushalt enthält ebenfalls
einen bedeutenden Mittelzuwachs für ein Nationales
Raketenabwehrprogramm (National Missile Defense
Program - NMD).
Ich sehe den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister, Don Rumsfeld, heute im Publikum. Ich
möchte ihn und den zur Analyse dieser Situation
eingesetzten Ausschuß besonders beglückwünschen.
Dank des Rumsfeld-Ausschusses haben wir unsere
Ansicht über die Geschwindigkeit, mit der unser Volk
und unser Land der Bedrohung durch einen Angriff mit
ballistischen Flugkörpern ausgesetzt sein könnte,
wirklich geändert. Wir haben deshalb in unserem
Haushalt Mittel für die Vorbereitungen zum Schutz des
amerikanischen Heimatlandes gegen sich abzeichnende Bedrohungen durch strategische ballistische
Flugkörper verbrecherischer Länder vorgesehen. Wie
ich in den letzten Tagen mehrmals hervorgehoben
habe, wird Präsident Clinton bis Juni 2000 keine
Entscheidung über die Stationierung von Truppen
treffen. In der Zwischenzeit führen die Vereinigten
Staaten allerdings lebhafte Diskussionen mit unseren
russischen Freunden über die Art der möglicherweise
erforderlichen Änderungen des ABM-Vertrags; Änderungen, die unsere beiderseitigen strategischen
Anliegen berücksichtigen und gleichzeitig unserem
Volk Schutz vor einem begrenzten Angriff mit ballistischen Flugkörpern bieten.
Es ist vielleicht nicht allen Mitgliedern des Bündnisses
möglich, den Verteidigungshaushalt wesentlich
aufzustocken; aber wenn das Bündnis in Wort und Tat,
im Kampfvermögen und politischer Attraktivität bestehen soll, dürfen die Verteidigungshaushalte unserer
Ansicht nach nicht weiter reduziert werden. Die
Schwierigkeiten und Gefahren der Welt lassen dies
einfach nicht zu.
Ich möchte nur kurz noch einige weitere Bemerkungen
machen. Der vorbereitete Text meiner Rede steht
Ihnen, glaube ich, allen zur Verfügung und ich werde
versuchen, ihn kurz zusammenzufassen. Die sich uns

AMERIKA DIENST 03

stellenden Gefahren und die im Zusammenhang mit
dem Aufbau dieser neuen NATO für das nächste
Jahrhundert auf uns zukommenden Veränderungen
bringen den Aufbau noch stärkerer Partnerschaften mit
unseren europäischen Freunden im Rahmen des
Programms Partnerschaft für den Frieden mit sich.
Bob Hunter, ich sehe Sie am Gang sitzen - ich werde
allen hier sagen, daß ich dem Programm Partnerschaft
für den Frieden bei seiner ursprünglichen Gründung
sehr skeptisch gegenüber stand. Aufgrund seiner
wirklich heldenhaften Bemühungen, es funktionsfähig
zu machen, bin ich nun von dem großen Erfolg des
Programms Partnerschaft für den Frieden überzeugt.
Wir beabsichtigen, das Programm Partnerschaft für
den Frieden (PfP - Partnership for Peace) so zu
nutzen, daß immer mehr Nationen die Tür zur NATO
geöffnet werden kann. Aber wie bereits erwähnt, sollte
das Partnerschaftsprogramm Selbstzweck für diejenigen Staaten sein, die der NATO nicht beitreten
möchten.
Den der PfP-Mitgliedschaft eigenen Wert zu steigern,
ist die treibende Kraft für unsere Bemühungen auf
verschiedenen Gebieten. Wir werden dieses Programm stärken. Wir werden die Militärausbildung
durch ein Konsortium von Verteidigungsakademien
verbessern. Wir werden Übungen durch ein Computersimulationsnetzwerk ausbauen. Wir werden durch
spezialisierte Ausbildungszentren in unseren Partnerstaaten einen Wissensaustausch betreiben. Wir
beabsichtigen dem Ausbau des PfP-Programms viel
Energie zu widmen.
Schließlich möchte ich noch erwähnen, für wie außerordentlich wichtig wir das amerikanische Verhältnis zu
Rußland und die Beziehungen der NATO zu Rußland
erachten. Wir sind der Meinung, daß jedes Treffen des
Ständigen Gemeinsamen Rats mit unseren russischen
Freunden zur Stabilisierung unserer Beziehungen auf
dem ganzen europäischen und eurasischen Kontinent
beiträgt. Ebenso sehr glauben wir an die Charta mit
der Ukraine. Wir beabsichtigen, weiterhin mit Rußland
und der Ukraine zusammenzuarbeiten, in der Annahme, daß es ohne ein stabiles Rußland und eine
stabile und wohlhabende Ukraine keine Stabilität auf
dem Kontinent geben wird.
Liebe Kollegen, ich werde hier innehalten und freue
mich nicht nur auf ihre Beiträge heute Nachmittag,
sondern auch auf ihre Teilnahme am Washingtoner
Gipfel. Ich denke, wir blicken zurück auf unsere
Vorgänger und danken ihnen für ihre Vision und ihren
Weitblick, als sie sich über die Zyniker und Deterministen hinwegsetzten, die glaubten, es wäre uns bestimmt, einfach im Kielwasser des historischen
Konflikts zu treiben. Unsere Vorgänger sagten, wir
hätten die Chance, in die Zukunft zu blicken und für die
nächsten 50 Jahre eine noch stärkere und dauerhaftere Beziehung aufzubauen. Ich freue mich darauf, Sie
alle bei dem Gipfel wiederzusehen.

Seite 3

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. W e ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald
die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

*

AMERIKA DIENST 03

*

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. W r sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�NATO

24. Februar 1999

Eine stabile ESVI wird Europa und die NATO stärken
Rede von Botschafter Vershbow

Paris - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Ständigen Vertreters der Vereinigten Staaten beim
Nordatlantikrat, Botschafter Alexander Vershbow, am Institut für Sicherheitsstudien der Westeuropäischen Union
in Paris vom 28. Januar 1999.

Ich möchte dem Institut für Sicherheitsstudien der
WEU für die Gelegenheit danken, an diesem sehr
aktuellen Seminar teilnehmen zu dürfen. Es ist mir
eine große Freude, heute mit Ihnen hier zu sein, um
über die ESVI (Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität) aus amerikanischer Sichtweise zu
sprechen - etwas, woran ich einen Großteil dieses
Jahrzehnts bei der NATO und in Washington gearbeitet habe.

der ESVI für den Aufbau Europas und die Vertiefung
der Integration der EU nicht herab. Aber eine nicht
auf den wirklichen Fähigkeiten und Verpflichtungen
beruhende Diskussion über die ESVI wäre lediglich
eine Schriftübung. Diese Punkte standen im Mittelpunkt des Aufrufs des britischen Premierministers
Tony Blair zu einem erneuerten europäischen Dialog
über die ESVI, und wir begrüßen diesen neuen
Schwerpunkt auf den Fähigkeiten.

Die Frage der Entwicklung und Nutzung der ESVI ist
natürlich nicht neu. Führende europäische Politiker
haben schon lange vor St. Malo nach Wegen zur
Stärkung des "europäischen Pfeilers" innerhalb des
Bündnisses gesucht, und einige befürworten eine
Sicherheitsrolle für die EU und schließlich eine
"freundliche Übernahme" der WEU durch die Europäische Union. Doch die jüngsten Diskussionen in St.
Malo haben erhöhte Aufmerksamkeit auf dieses
Thema gerichtet. Es kann mit Recht als neuer
Vorschlag für eine neue Zeit bezeichnet werden,
aufbauend auf dem "acquis" der letzten fünf Jahre besonders den bahnbrechenden Entscheidungen des
Ministertreffens des Nordatlantikrats 1996 in Berlin.

Lassen Sie mich hinzufügen, daß die französischen
Bestrebungen unserer Ansicht nach eine positive
Entwicklung darstellen. Mit der Zeit können gesteigerte Bemühungen zur Koordinierung von Verbesserungen der Fähigkeiten - wenn dies wirklich eine der
Folgen von St. Malo ist - zu größerer Interoperabilität
zwischen französischen und anderen verbündeten
Truppen führen. Größeres französisches Engagement in den Militärstrukturen der NATO - insbesondere bei einer französischen Entscheidung zur vollwertigen Teilnahme - wird die ESVI in der NATO
angesichts der herausragenden von Frankreich
eingebrachten Fähigkeiten stärken.

Ich muß auch mein persönliches Interesse an der
Erklärung von St. Malo gestehen. Seit ich vor einem
Jahr bei der NATO ankam, sage ich, Europa müsse
seine Fähigkeit zur Kräfteprojektion und Nachhaltigkeit verbessern, wenn die ESVI mehr als nur ein
Slogan sein soll. Ich freue mich feststellen zu können,
daß Europa sich dieser Herausforderung stellt.
In der Vergangenheit ging es bei europäischen
Diskussionen über die ESVI fast ausschließlich um
institutionelle Arrangements. Solche Arrangements
sind sicherlich wichtig, und ich setze die Bedeutung

AMERIKA DIENST 03

Die allgemeine Richtungsweisung von St. Malo ist
unseres Erachtens positiv, und wir freuen uns alle auf
einen fruchtbaren Gedankenaustausch über die ESVI
in den kommenden Monaten. Wie Außenministerin
Albright sagte, begrüßen die Vereinigten Staaten
einen leistungsfähigeren europäischen Partner mit
modernen, flexiblen Streitkräften, die fähig sind,
Brandherde in Europas Hinterhof zu löschen und
durch das Bündnis zur Verteidigung unserer gemeinsamen Interessen mit uns zusammenzuarbeiten.
Wir sind fest davon überzeugt, daß eine stärkere ESVI
nicht nur von einer Stärkung der europäischen

Seite 1

�Strukturen der Entscheidungsfindung und dem
gemeinsamen politischen Willen abhängt, sondern
auch von der Fähigkeit Europas, der ESVI durch
Verbesserungen der europäischen militärischen
Fähigkeiten Rückhalt zu geben.
Gleichzeitig sind wir der Meinung, der Rahmen der
transatlantischen Kooperation und die Berliner
Entscheidungen von 1996 sind positive, bei der
Weiterentwicklung der ESVI zu berücksichtigende
Faktoren. Verbesserungen der militärischen Fähigkeiten können zur Untermauerung des "Fundaments"
der Struktur der ESVI beitragen, aber wir müssen
auch darauf achten, das in Berlin geschaffene transatlantische "Dach" der ESVI zu erhalten.
Unser Kongreß und die Öffentlichkeit wünschen eine
gerechtere Verteilung der Verantwortlichkeiten im
Bündnis. Eine stabile, die transatlantische Dimension
bewahrende ESVI wird Europa und die NATO stärken
und ist entscheidend für die kontinuierliche amerikanische Unterstützung für das Bündnis als Ganzes.
Die aus der "Reflektion" Europas über eine Fortentwicklung der ESVI entstandenen potentiellen
Probleme bilden einen Schwerpunkt dieses Seminars.
Gerne würde ich Ihnen meine Überlegungen hinsichtlich einiger zu beantwortender Fragen und zu vermeidender Fallstricke mitteilen.
Erstens müssen wir der Beendigung der verbleibenden Arbeit von Berlin über den Aufbau der ESVI
innerhalb der NATO hohe Priorität einräumen. Wir
sollten diese wichtige, unserer Auffassung nach sehr
vielversprechende Aufgabe nicht aus den Augen
verlieren. Wir befinden uns mit unserer Arbeit schon
fast an der "Ziellinie", aber die Zeit läuft uns davon,
und wir müssen weitermachen und die Aufgaben bis
zum Washingtoner Gipfel erledigen.
Nach Washington und Aufstellung der Rahmenvorgaben besteht ein Spielraum für die Weiterführung
des Prozesses: Die Übernahme mehrerer Funktionen
auf verschiedenen Ebenen der Planungs- und Befehlsstruktur wird die WEU und die EU in die Lage
versetzen, Petersberg-Missionen vorzubereiten und
auszuführen, ohne die Notwendigkeit, Strukturen zu
verdoppeln, was sowohl kostenintensiv wäre als auch
politische Uneinigkeit stiften würde.

Zweitens, die Vereinigten Staaten sind - wie Großbritannien - offen für von den Europäern eventuell
gewünschte institutionelle Arrangements für ihre
zukünftige Sicherheits- und Verteidigungsidentität.
Aufgrund unserer Unterstützung einer starken ESVI
und erfolgreicher Beziehungen zwischen der NATO
und der WEU haben wir trotz allem ein starkes
Interesse an der institutionellen Seite der ESVI, falls

Seite 2

die Regierungen sich entschließen sollten, der
Europäischen Union eine Verteidigungsdimension zu
geben.
Unser Hauptanliegen bei der Suche nach Wegen, das
Verhältnis zwischen NATO und WEU in einen
möglichen NATO-EU-Rahmen zu übertragen, ist die
Sicherstellung, daß die neuen Beziehungen die
gleichen in Berlin so sorgfältig erarbeiteten Prinzipien
verkörpern und bewahren.
Ein besonders wichtiger im Berliner Kommunique
verankerter Punkt war der Grundsatz, wo immer
möglich gemeinsam (durch die NATO) zu handeln.
Das ist die beste Methode, Solidarität und Effektivität
zu garantieren. In einigen wenigen Fällen könnten die
Vereinigten Staaten beschließen, nicht an einem
Einsatz teilzunehmen, aber die Entscheidung, ob die
NATO oder die WEU (oder die EU) einen Einsatz
leitet, sollte gemeinsam getroffen werden.
Wir
brauchen ein einheitliches Ziel, auch wenn sich einige
Bündnispartner entschließen, an einem bestimmten
Einsatz nicht teilzunehmen.
Dies ist keine Frage des "Arbeitsablaufs" im buchstäblichen Sinne: Bei Entstehung und Entfaltung ei ner
Krise werden Konsultationen in zahlreichen Foren und
Formen abgehalten; der Schlüssel liegt in einer
gewissenhaften transatlantischen Diskussion vor der
Entscheidung, wer am besten in der Lage ist, die
Führung zu übernehmen, wenn militärische Aktionen
erforderlich sind. Das ist wichtig, weil Sicherheitsangelegenheiten sich von Wirtschafts- und Außenpolitik unterscheiden. Außer bei Kleinsteinsätzen
besteht immer die Gefahr der Eskalation einer Situation, sogar bis zu einem Artikel V-Risiko, und eventuell
könnte zusätzliche militärische Unterstützung (der
NATO, also der USA) benötigt werden. Deshalb sind
vollständige Konsultationen durch die NATO sinnvoll
für den Ablauf und entscheidend für die Wahrung von
Solidarität - das Markenzeichen des Bündnisses.
(Das meint Außenministerin Albright mit "keine
Entkoppelung".)
Im Übrigen müssen wir den Grundsatz von "trennbaren aber nicht getrennten" Truppen aufrechterhalten, statt vorhandene Fähigkeiten und Strukturen
zu verdoppeln. Bei stagnierenden oder rückläufigen
Vertreidigungsbudgets in fast ganz Europa wären
redundante Strukturen besonders unklug.
Wir müssen außerdem dem unterschiedlichen Mitgliedschaftstatus der Länder Rechnung tragen, um
Diskriminierung und neue Trennlinien zu vermeiden.
Einbindung muß der Grundsatz sein. Ein europäischer Einsatz hat die größte Aussicht auf Erfolg, wenn
er die politische und praktische Unterstützung der
nicht der EU angehörenden Bündnispartner - und
nicht zuletzt der Türkei - hat.
AMERIKA DIENST 03

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. Wie ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald

die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

* *

AMERIKA DIENST 03

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. Wir sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

* *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT

24.Februar 1999

Rubin sieht Notwendigkeit für politischen Willen
Rede von Finanzminister Rubin

Washington - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Robert Rubin bei der
Weltwirtschaftskonferenz in Davos vom 30. Januar 1999.

Heute Morgen möchte ich mich einen Augenblick lang
mit etwas beschäftigen, das viele - auch ich - für die
ernsthafteste Finanzkrise der letzten 50 Jahre halten.
Zunächst würde ich gerne einige Bemerkungen über
diese Krise und dann über die Stärkung des marktorientierten Wirtschaftssystems machen, das meiner
Ansicht nach die besten Perspektiven für zunehmenden wirtschaftlichen Wohlstand der Völker unseres
Planeten bietet.
Wie Sie alle wissen, befindet sich die Weltwirtschaft
mittlerweile im Jahr zwei einer zunächst im Juli 1997
in Thailand ausgebrochenen Finanzkrise, die seitdem
tiefgreifende Auswirkungen auf der ganzen Welt hatte.
Wachstumsmärkte von Asien über Europa bis Lateinamerika sind ernsthaft betroffen und sogar viele der
stärksten Volkswirtschaften in den Industrieländern,
einschließlich der Vereinigten Staaten, mußten in
einigen Sektoren starke Einbußen hinnehmen. Es ist
wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, daß
insgesamt Milliarden von Menschen betroffen sind.
Diese Krise wurde von vielschichtigen und in vieler
Hinsicht beispiellosen über viele Jahre angewachsenen Problemen in Industrie- und Entwicklungsländern
hervorgerufen, und die Welt wird sich mit der Zeit mit
diesen Problemen auseinandersetzen müssen.
Meiner Meinung nach hat die internationale Gemeinschaft einschließlich des IWF im Großen und Ganzen
vernünftige Entscheidungen zur Bewältigung dieser
komplexen Situation getroffen und ihre Bewertungen
wo angebracht angepaßt. Indem wir unsere Erfahrungen mit dieser Krise immer wieder unvoreingenommen begutachten, können wir uns besser auf in die
Zukunft gerichtete Entscheidungen vorbereiten, und
ich halte es für wahrscheinlich, daß sich bei der
Wahrung oder Wiederherstellung der finanziellen
Stabilität in den kommenden Jahren viel ändern wird.

AMERIKA DIENST 03

Eines ist allerdings klar: Es gibt keine einfachen
Antworten und keine Wundermittel, und jeder von uns
muß seinen Teil leisten.
Kommen wir zurück zur Gegenwart. In den letzten
sechs Monaten in etwa gab es viele wichtige positive
Entwicklungen, einschließlich Maßnahmen zur
Förderung des Wachstums in vielen Industrieländern
und Fortschritte in Korea und Thailand, aber es stehen
uns auch viele ernsthafte Herausforderungen und
Risiken bevor.
Wenn wir auf unsere Erfahrung mit dieser Krise
zurückblicken, sehen wir, der absolute Schlüssel zu
Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum geht mit der
Einhaltung einer starken makroökonomischen und
Strukturpolitik einher. Wenn in einem Land Probleme
auftreten, ist es für dieses Land wichtig, ein solides
politisches Reformprogramm für seine besonderen
Umstände aufzustellen und daß, wo angemessen,
externe Finanzierung zur Verfügung gestellt wird.
Aber der kritische Faktor - ob in auf eine Krise reagierenden Ländern oder Ländern, die eine Krise abzuwenden versuchen - ist politischer Wlle. Nur
Staaten, die sich eine gute Politik zu eigen machen
und sie durchweg verfolgen, können ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Märkte wahren. Und
hier möchte ich hinzufügen, es ist eine der schwierigsten politischen Herausforderungen, gegen die
weitverbreitete Korruption anzugehen, die in zu vielen
Ländern ein Haupthindernis für wirtschaftliche Entwicklung - und auch ein enormes soziales Problem ist. Auch die Industrieländer spielen eine wichtige
Rolle bei der Erreichung dieses Ziels, wie die jüngsten
Maßnahmen der OECD zeigen.
Während also die Wirtschafts- und Finanzpolitik - das
Fachgebiet der Ökonomen und der internationalen

Seite 1

�Finanzwelt - stimmen muß, was sicherlich nicht
einfach ist, bin ich zu der Überzeugung gelangt, der
Schlüssel ist letztlich nicht die Wirtschaft oder die
Finanzen, sondern die Politik - die Kunst, Unterstützung für eine starke Politik zu entwickeln, besonders
für die harten Entscheidungen, die mit Opfern heute
für Vorteile morgen einher gehen.
Präsident Clinton hat wiederholt über die Schwierigkeit und die Bedeutung von überzeugender Kommunikation über schwierige wirtschaftspolitische Entscheidungen und die Entwicklung von Unterstützung
hierfür gesprochen. In allen Ländern, aber besonders
in Ländern mit schwierigen Anpassungprozessen,
geht es dabei nicht nur darum, die Menschen davon
zu überzeugen, schwierige politische Entscheidungen
führten zu allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilen in
der Zukunft, sondern auch darum, eine breitgefächerte
Verteilung der wirtschaftlichen Vorteile des Reformprogramms sicherzustellen - und daß dies auch
erkannt wird.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, in
denen ich auf die eine oder andere Art mit dem
globalen Finanzsystem zu tun hatte, glaube ich, die
wachsende Bewegung hin zu einer marktorientierten
Wrtschaftsstrategie und zu weltweiter wirtschaftlicher
Integration war für Milliarden von Menschen auf der
ganzen Welt - trotz der negativen Auswirkungen der
jüngsten Finanzkrise - von Vorteil. Wegen der
Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen auf alle
unsere Länder erheben sich jedoch zunehmend
Stimmen gegen eine marktorientierte Wirtschaftspolitik und die globale Integration. Die Antwort liegt
nicht in der Aufgabe des marktorientierten Systems,
sondern in der Verfolgung einer Politik der Anpassung
an die für den wirtschaftlichen Erfolg so wesentliche
kontinuierliche dynamische Veränderung und in der
Ergreifung von Maßnahmen zur Reduzierung der
Systemrisiken.
Zur Erreichung dieser Ziele müssen wir uns einer
ganzen Reihe von Herausforderungen stellen, aber
heute möchte ich mich auf zwei konzentrieren. Zuerst
müssen wir die mit Offenheit für Veränderungen
einhergehende wirtschaftliche Entwurzelung ansprechen. Zweitens müssen wir den Aufbau des
internationalen Finanzsystems reformieren, um seine
Anfälligkeit für Krisen zu verringern und unsere
Reaktion auf Krisen zu verbessern.
Erstens, Offenheit für Veränderungen - durch Technologie, offene Märkte und flexible Arbeits- und Kapitalmärkte - ist absolut wesentlich für allgemeinen
Fortschritt bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und
eines erhöhten Lebensstandards. Aber Offenheit für
Veränderungen bringt auch zunehmend Entwurzelung
mit sich. Das ist die nicht zu vermeidende harte
Realität von Wandel und Fortschritt. Die konstruktive

Seite 2

Reaktion auf diese Realität ist, starke Programme zur
Ausstattung und Befähigung für den Erfolg der
Menschen in der Weltwirtschaft anzubieten - mit
Schwerpunkt auf den von Entwurzelung betroffenen und wo erforderlich, ein soziales Sicherungsnetz zur
Verfügung zu stellen. Politisch gesehen ist das kein
einfacher Weg, ganz im Gegenteil. Aber es ist der
unumgängliche Weg für dauerhaftes Wachstum und
eine starke Wirtschaft.
Studien habe immer wieder gezeigt, daß offenere
Wirtschaftssysteme stärkeres Wachstum erfahren.
Erwähnenswert ist, daß die Vereinigten Staaten - die
für Handel und Veränderungen im Allgemeinen wohl
offenste große Volkswirtschaft der Welt - bei der
Schaffung von Arbeitsplätzen eine starke Leistung
verzeichnen können und in den letzten Jahren ein
Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit erreicht haben nebenbei gesagt, müssen auch wir uns in Zukunft
sicherlich wichtigen eigenen Fragen stellen.
Die destruktive Reaktion auf diese harte Realität wäre,
entweder das Problem der Entwurzelung zu ignorieren
- was zugleich wirtschaftliche Verschwendung und
politische Unvernunft bedeutete - oder sich durch
Begrenzung der technologischen Entwicklung,
Abschottung von Märkten oder Verringerung der
Flexibilität der Arbeits- und Kapitalmärkte gegen
Veränderungen zu entscheiden. Bestenfalls ist dies
der Weg zu wirtschaftlicher Stagnation und immer
weiterem Zurückfallen in der Weltwirtschaft.
Ein in letzter Zeit zunehmend unterstützter Vorschlag
ist die Auferlegung von Kontrollen für Kapitalabfluß.
Diese Art der Kapitalkontrollen mag kurzfristig von
Vorteil sein, aber überwiegend zeigt die Erfahrung,
daß sie das Wachstum mit der Zeit verlangsamen,
Investitionen aus dem Ausland abschrecken, immer
reduzierter anzuwenden sind und oft als Ersatz für
Reformen genutzt werden. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung für die ihre Wirtschaft den
globalen Kapitalflüssen öffnenden Länder, die angemessene makroökonomische Politik zu verfolgen
und die Finanz- und Rechtssysteme sowie die anderen Grundlagen einer marktgestützten Wirtschaft
einzurichten. Diese beiden Dinge müssen Hand in
Hand gehen.
Der Druck, die Marktöffnung für Handel zu verringern,
ist sogar noch größer und gefährlicher für das wirtschaftliche Wohlergehen der Weltwirtschaft. Man
muß nur an die Auswirkungen des Smoot-Hawley
Gesetzes und den Abwertungswettlauf in den dreißiger Jahren denken.
Es besteht heute fast weltweit die Tendenz, die
Vorteile von Exporten in den Himmel zu loben und die
Vorzüge von Importen zu ignorieren oder sie sogar
herabzusetzen. Und das führt zu einer verzerrten

AMERIKA DIENST 03

�Handelspolitik.
Für den Verbraucher bedeuten
orientierten Wirtschaftssystems zu stellen haben - der
Importe niedrigere Preise und mehr Auswahl; für den
Reform der internationalen Finanzarchitektur. Die
Hersteller bedeuten sie niedrigere Preise und mehr
internationale Gemeinschaft hat sich in den letzten 18
Auswahl, was zur Schaffung von mehr Arbeitsplatzen
Monaten stark darauf konzentriert, wie die Anfälligkeit
und höheren Löhnen, mehr Wettbewerb und Produktides marktgestützten Wirtschaftssystems für finanzielle
vität, und aus all diesen Gründen zu niedrigerer
Instabilität verringert und die Reaktion auf eventuelle
Inflation und niedrigeren Marktzinsen führen sollte. Im
Krisen verbessert werden kann. Diese HerausÜbrigen ist Handel kein Nullsummenspiel, sondern forderung stellt uns vor sehr komplexe Fragen, und
von gegenseitigem Vorteil. Die erhöhte Effizienz
wie schon bei der Bewältigung der momentanen Krise
aufgrund der Spezialisierung eines Landes, wo es den gibt es keine Wundermittel oder einfache Antworten.
größten komparativen Vorteil hat, erhöht den LebensWir müssen diese Angelegenheit mit großer analytistandard für alle.
scher Strenge und zweckgerichteter Ernsthaftigkeit
angehen und den vollen Umfang der Auswirkungen
eines
jeden zu prüfenden Vorschlags sondieren.
Zur weltweiten Maximierung der wirtschaftlichen
Vieldiskutierte
Reformen, die oberflächlich attraktiv
Vorteile des Handels und zum Erhalt der politischen
erscheinen,
werfen
bei sorgfältiger Prüfung oft
Unterstützung für offene Märkte müssen die Länder
ernsthafte
Fragen
auf,
für die es momentan keine
sich fairen Handelspraktiken unterwerfen. In den
guten
Antworten
gibt.
Vereinigten Staaten haben wir uns offenen Märkten
verschrieben, aber wir bestehen auch auf der Durchsetzung unserer Handelsgesetze, nicht nur zu unseBeispielsweise wurde vorgeschlagen, Länder, die
rem eigenen Vorteil, sondern auch zur Förderung des
bestimmte politische Kriterien erfüllen, schon vorher
effizientesten Welthandelssystems.
für internationale Unterstützung im Fall einer Krise
auszuwählen. Oberflächlich gesehen scheint diese
Idee als Motivation für eine starke Politik ex ante sehr
Während Importe genau wie Exporte zu wirtschaftliattraktiv, und es scheint durchaus lohnenswert, nach
chem Wohlstand beitragen, besteht die eigenständige
einer funktionierenden Variante zu suchen, aber
doch sachverwandte Frage der Handelsungleichgezunächst müssen eine Reihe von schwierigen Problewichte. Die Vereinigten Staaten haben ein großes
men gelöst werden, nämlich: Identifizierung von
und wachsendes Handelsbilanzdefizit, während
Qualifikationskriterien mit ausreichend verläßlicher
Europa und Japan große und stabile oder wachsende
Vorhersagbarkeit; Ansprechen der Frage des moral
Handelsbilanzüberschüsse verzeichnen. Die relativen
hazard oder was zu tun ist, sollte sich ein Land nicht
Wachstumsraten haben sicherlich etwas damit zu tun,
mehr qualifizieren und der Umgang mit Ländern, die
aber es ist fast unmöglich, sich der Schlußfolgerung
sich nicht im Voraus qualifizieren, in denen jedoch
zu entziehen, die Vereinigten Staaten hätten sich der
finanzielle Probleme mit Risiken für das System
Aufnahme von Exporten aus Ländern, die versuchen,
entstehen.
sich von der Wirtschaftskrise zu erholen, einfach mehr
geöffnet. Das internationale System kann das durch
Ebenso könnte es reizvoll sein, wie einige vorgeschlaUnterschiede in Wachstum und Öffnung entstandene
gen haben, ein Frühwarnsystem für die glaubwürdige
große Ungleichgewicht zwischen den Vereinigten
und verläßliche Reduzierung oder Verhütung von
Staaten und seinen Haupthandelspartnern in den
Krisen durch vorherige Warnung zu entwickeln.
Industrieländern nicht auf Dauer tragen. Wir können
Nichts in meinen 26 Jahren an der Wall Street oder
durch weitere Stärkung unserer Grundsätze und durch
meinen sechs Jahren in der Regierung weist auf eine
die Erhöhung unserer viel zu niedrigen Sparrate zum
für ein solches System auch nur entfernt ausreichend
Ausgleich beitragen. Was wir nicht tun werden, ist,
verläßliche Fähigkeit zur Vorhersage hin. Außerdem
unsere Währung als handelspolitisches Instrument
könnte die Frühwarnung selbst genau die Instabilität
mißbrauchen.
und sogar die Panik hervorrufen, die ein solches
System verhindern soll.
Die anderen Industrieländer können behilflich sein,
indem sie durch den Abbau formeller und informeller
Ich nehme an, wir sind uns alle über die UnannehmHandelsbarrieren Maßnahmen für eine höhere Rate
barkeit des Status quo und die Notwendigkeit wesentBinnennachfrage gesteuerten Wachstums ergreifen.
licher Veränderungen einig. Meiner Ansicht nach
Wenn jedes Industrieland seinen Beitrag leistet, würde
sollten sich diese Veränderungen auf die fünf folgendas Ungleichgewicht in den Leistungsbilanzen der
Industrieländer verringert, die Aufnahme von Exporten den Gebiete konzentrieren.
aus den nach Gesundung strebenden Entwicklungsländern angemessener verteilt und der Wohlstand
Erstens ist der vielleicht wichtigste Faktor für Entwickweltweit gestärkt werden.
lungsländer bei der Krisenprävention die Entwicklung
und Verfolgung einer soliden Politik. Dies könnte
vielleicht durch die Ausarbeitung eines Kodex internaIch komme nun zur zweiten großen Herausforderung,
tional bewährter Praktiken für Finanzpolitik, Finanzder wir uns zur Bewahrung und Stärkung des markt-

AMERIKA DIENST 03

Seite 3

�Sektorenpolitik, Transparenz und andere wichtige
Gebiete des Wirtschaftsmanagements unterstützt
werden. Aber die vielleicht sogar größere Herausforderung ist die Schaffung von Anreizen zur Annahme dieser Praktiken durch die Länder. Offenlegung und Marktdisziplin sind wahrscheinlich die
wirkungsvollsten Kräfte - wenn die Märkte sich selbst
diszipliniert verhalten - aber es gibt vielleicht noch
andere Möglichkeiten, Länder zu einer soliden Politik
zu ermutigen. Hierzu gehören die internationale
Überwachung der nationalen Regulatoren, höhere
Kapitalstandards für Bankkredite an Länder mit einer
weniger soliden Politik und höhere Kapitalanforderungen für Länder mit weniger soliden Banksystemen.
Im Übrigen glaube ich zwar an die Fähigkeit der
internationalen Gemeinschaft, allgemeine Kriterien für
eine erfolgreiche Volkswirtschaft identifizieren und in
einigen Fällen sogar kodifizieren zu können; dies muß
jedoch mit Feingefühl für die Unterschiede zwischen
Staaten und in der Erkenntnis getan werden, daß
verschiedene Länder die gleichen Grundsätze unterschiedlich umsetzen. Wir müssen unsere Heterogenität respektieren.
Zweitens müssen wir mit Blick auf die Kapitalgeber
Maßnahmen zur Reduzierung der Unbeständigkeit
von Kapitalflüssen entwickeln. Als die Situation in
Korea Ende 1997 das Ausmaß einer Krise annahm,
war ich entsetzt, nicht aber überrascht zu erfahren,
wie wenig einige Gläubiger über das Land und seine
Banken, denen sie so viel Geld geliehen hatten, zu
wissen schienen. Und genau das Gleiche geschah
den Gläubigern im Debakel um die LTCM-Risikofonds.
Aufgrund meiner eigenen Erfahrung - und viele unter
Ihnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht - glaube
ich, es liegt in der Natur der Märkte - und letztlich
wahrscheinlich in der menschlichen Natur, da Märkte
zumindest kurz- und mittelfristig von menschlicher
Psychologie gesteuert werden - in anhaltend guten
Zeiten immer unvorsichtiger bei der angemessenen
Analyse und Abwägung von Risiken zu werden. Dies
wird manchmal Ertragsstreben genannt. Das führt zu
Exzessen und genau das geschah den Interbankgläubigern und Investoren im Zusammenhang mit
Entwicklungsländern. Es war diese Wechselwirkung
zwischen Exzessen und makroökonomischen sowie
Strukturproblemen in den Entwicklungsländern, die zu
einer so schweren Krise führte.
Ich könnte noch hinzufügen, daß seit Ausbruch der
Krise wahrscheinlich das Gegenteil geschieht - eine
Überbewertung des Risikos durch Gläubiger und
Schuldner und ein unangebrachter Rückzug des
Kapitals aus Entwicklungsländern. Wir brauchen
Mechanismen, die zu einer angemessenen Risikobewertung in guten Zeiten führen; die Verringerung von
Exzessen in Boomjahren wird aller Wahrscheinlichkeit

Seite 4

nach das Ausmaß einer Rezession reduzieren. Die
momentan bekannten Möglichkeiten beinhalten
verbesserte Regulierungsinstrumente für das Risikomanagement, Änderungen der Kapitalstandards der
Banken für eine akkuratere Einschätzung der eingegangenen Risiken und eine verbesserte Offenlegung
der Risiken von Gläubigern aus Industrieländern und
Investoren für eine größere Marktdisziplin ihrer
eigenen Kapitalquellen. Wir müssen auch weiterhin
nach zusätzlichen Maßnahmen in diesem Bereich
suchen.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang kurz auf
die Disproportionalität zu sprechen kommen. Die
Disproportionalität ist in den letzten Monaten innerhalb
des internationalen Finanzsystems beträchtlich
zurückgegangen, und das macht das Finanzsystem
heute wahrscheinlich sicherer als vorigen Sommer.
Ohne etwas im Voraus verurteilen zu wollen - es
scheint mir angebracht, diese ganze Sache der
Disproportionalität noch näher zu untersuchen. Ein
ähnliches Thema sind die Risikofonds. Ich glaube
nicht, daß sie ein wesentlicher Faktor in der Finanzkrise waren, ihre Aktivitäten können jedoch durchaus
in einigen Fällen eine Zeitlang zur Verstärkung der
Marktbewegungen beigetragen haben. Ich bin der
Meinung, man muß die Frage der Risikofonds ansprechen - aber als Teil einer umfassenderen Prüfung
der Finanzinstitutionen im Allgemeinen im Zusammenhang mit der Disproportionalität, dem angemessenen
Ausmaß vorbeugender Bestimmungen, Risikomanagement und Offenlegung.
Drittens brauchen wir wirkungsvollere Mittel für die
Bewältigung von Krisen, wenn sie entstehen. Die
internationale Finanzgemeinschaft hat eine Reihe von
begrenzten aber nützlichen Schritten zur besseren
Ausstattung des IWF für die Krisenbewältigung
unternommen, einschließlich der von der G-7 vorgeschlagenen Sicherungsfazilität und der bereits
bestehenden Fazilität für zusätzliche Rücklagen.
Viele schlagen ein Vorgehen über diese Schritte
hinaus vor zur Schaffung einer letzten Refinanzierungsmöglichkeit durch den IWF, verschiedene
öffentliche und private Versicherungsmechanismen
oder eine Art Vorqualifizierungsverfahren, wie ich es
bereits erwähnte. Letzten Endes werden sicherlich in
einigen dieser Bereiche Mechanismen entwickelt
werden, aber aus den bereits von mir in Zusammenhang mit der Vorqualifizierung genannten Gründen
scheint bisher kein Vorschlag die aufgeworfenen
Fragen annähernd zu beantworten.
Der Privatsektor muß aus zwei Gründen einen
angemessenen Teil der Krisenlast tragen, aufgrund
der Bedenken bezüglich des moral hazard - die
Ansicht, daß Gläubiger die Konsequenzen der von
ihnen eingegangen Risiken tragen sollten, wenn die
Kapitalmärkte effektiv funktionieren sollen - und weil

AMERIKA DIENST 03

�es nie genügend öffentliche Mittel für die Bewältigung
der Krisen der riesigen Märkte von heute geben wird.
Die Frage, wie dies zu erreichen sei, ist allerdings
außerordentlich schwierig, einschließlich der Frage,
wie man die Gefahr der Auslösung eines antizipatorischen Kapitalrückzugs aus einem Krisenland und
allgemeiner aus Wachstumsmärkten möglichst gering
halten kann. Außerdem muß jeder Vorschlag das
Prinzip, daß Kreditgeber des Privatsektors für die
Konsequenzen ihrer Handlungen verantwortlich sind
mit dem Prinzip in Einklang bringen, daß Kreditnehmer verantwortlich für das Zahlen ihrer Schulden sind,
sollen die Gläubiger auch in Zukunft zur Kreditvergabe
bereit sein. Die Weitfinanzmärkte werden Kapital zu
weniger als Strafraten nur innerhalb eines Systems
mit strengen Auflagen zur Einhaltung der Verpflichtungen und hohen Strafen für deren Nichteinhaltung zur
Verfügung stellen.
Viertens ist da die Frage vernünftiger Wechselkurssysteme. Für die wichtigsten Währungen bedeutet
dies meiner Ansicht nach die Freigabe der Wechselkurse mit Unterstützung einer soliden Politik. Zielvorgaben und ähnliche Maßnahmen sind kein Ersatz
für ein solides politisches Grundgerüst und leiden
unter dem Mangel, eher zyklisch als antizyklisch zu
sein und dadurch negative wirtschaftliche Entwicklungen eher noch zu verstärken als ihnen entgegenzuwirken. Um Winston Churchills berühmte Äußerung
über Demokratie zu paraphrasieren: Das System

verdienen unsere volle Unterstützung. Ebensowenig
glaube ich an die Tragfähigkeit eines marktorientierten
Wirtschaftssystems und einer gesun-

den Weltwirtschaft ohne entschiedene Schritte
gegen die sich auf der ganzen Welt offenbarenden
gewaltigen Einkommensunterschiede innerhalb und
zwischen Nationen.
Zur Erreichung aller dieser Gestaltungsziele - bei der
Definition wie auch der Umsetzung von Politik müssen wir effektive Maßnahmen für eine Annäherung der Volkswirtschaften von Industrie- und
Entwicklungsländern finden.
Abschließend möchte ich anmerken, daß ich 26 Jahre
in der Welt des Handels verbracht und, wie viele von
Ihnen auch, die Entwicklung der heutigen globalen
Finanzmärkte und der Weltwirtschaft erlebt habe. Die
letzten sechs Jahre habe ich in der Regierung verbracht, zunächst im Weißen Haus und dann im
Finanzministerium der Vereinigten Staaten, in enger
Zusammenarbeit mit anderen amerikanischen Regierungsstellen und Kollegen auf der ganzen Welt bei
den schwierigen politischen Fragen der Weltwirtschaft

Ich glaube, ein marktorientiertes Wirtschaftssystem
und weltweite wirtschaftliche Integration sind fraglos
am vielversprechendsten für die Menschen dieser
Welt und den Alternativen deutlich vorzuziehen.
freigegebener Wechselkurse ist das schlimmste
Ebenfalls fraglos ist meiner Ansicht nach allerdings,
mögliche System, mit Ausnahme aller anderen. Für
daß unbehinderte Märkte ihrem Wesen nach nicht die
die Entwicklungsländer ist das Problem sehr viel
beste Lösung für alle Anforderungen sein können und
komplizierter; Systeme mit festen oder freien Wechdaß uns, wenn wir ein sein Potential erfüllendes
selkursen waren in verschiedenen Ländern untermarktgestütztes System wollen, enorme Herausschiedlich erfolgreich, und ich nehme an, es wird in
forderungen bevorstehen. Wir müssen diese Aufgabe
den nächsten Jahren viele Debatten und innovative
mit großer Ernsthaftigkeit hinsichtlich der Zielsetzung
Erkenntnisse zu dieser Thematik geben.
Aber
und mit der der Vielschichtigkeit der Herausforderunungeachtet des Systems ist letzten Endes wieder das
gen
angemessenen umfassenden Analyse angehen.
solide politische Grundgerüst der Schlüssel.
Was jetzt getan werden kann, müssen wir so schnell
Fünftens müssen wir unsere Bürger besser befähigen, wie möglich umsetzen und bei den großen vor uns
liegenden Themen weiterhin zusammenarbeiten.
an dem Wachstum und Wohlstand der Weltwirtschaft
Dies wird zweifellos uns alle - im Privatsektor und in
teilzuhaben. Das bedeutet nicht nur eine Stärkung der
der
Regierung, in den Entwicklungs- und den Indusozialen Sicherung für die Bedürftigsten und die
strieländern
- eine ganze Zeitlang beschäftigen.
Förderung von Mindestarbeitsnormen auf der ganzen
Wenn
wir
uns
all diesen großen Herausforderungen
Welt, sondern auch eine beachtliche Steigerung von
stellen,
können
wir uns zu einer starken Weltwirtschaft
Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen, um
mit
sehr
viel
weniger
Instabilität und einer breitgefäallen unseren Bürgern die Mittel für wirtschaftlichen
cherten
Aufteilung
der
Vorteile entwickeln.
Erfolg an die Hand zu geben. Die Weltbank und die
anderen multilateralen Entwicklungsbanken sind bei
der Verfolgung dieser Ziele stark engagiert und Vielen Dank.

* *

AMERIKA DIENST 03

* *

*

Seite 5

�UMWELT

24.Februar 1999

Konferenz von Buenos Aires erreicht
die wichtigsten diplomatischen Ziele
Eine Übersicht

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des Außenministeriums über die
Klimakonferenz in Buenos Aires vom Dezember 1998.

Überblick
Bei einer vom 2.-13. November 1998 in Buenos Aires
(Argentinien) abgehaltenen Konferenz vereinbarten
die Parteien der Rahmenkonvention der Vereinten
Nationen über den Klimawandel einen zweijährigen
Aktionsplan, um die in dem historischen KyotoProtokoll festgelegte ehrgeizige Tagesordnung
voranzubringen. Das Protokoll verpflichtet Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen, die den meisten Wissenschaftlern zufolge für die
Erderwärmung verantwortlich sind und sieht innovative, marktgestützte Instrumente für die Erlangung
dieser Reduzierungen vor.
Die Konferenz von Buenos Aires (auch bekannt als
die "Vierte Sitzung der Konferenz der Parteien" oder
"COP-4) erzielte auch einen Durchbruch bei der Frage
der Beteiligung von Entwicklungsländern an internationalen Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels. Argentinien gab als erstes Entwicklungsland
seine Absicht bekannt, ein bindendes Emissionsziel
für die Zeit von 2008-2012 festzusetzen. Kasachstan
erklärte, daß es das ebenfalls beabsichtige.
Während der Konferenz von Buenos Aires unterzeichneten die Vereinigten Staaten am 12. November 1998
das Kyoto-Protokoll bei den Vereinten Nationen in
New York. Die Unterzeichnung bekräftigt die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit mit anderen Nationen, um die ehrgeizigen
Umweltziele des Protokolls zu erreichen und gewährleistet eine andauernde starke Rolle der Vereinigten
Staaten bei in Kyoto nicht gelösten Fragen. Die
Unterzeichnung erlegt den Vereinigten Staaten keine

AMERIKA DIENST 03

Verpflichtung zur Umsetzung des Kyoto-Protokolls
auf. (Das Protokoll kann ohne die Genehmigung des
US-Senats für die Vereinigten Staaten nicht bindend
werden.) Der Präsident wird das Protokoll dem USSenat zur Genehmigung nicht ohne wesentliche
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer an den
Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels
vorlegen.

Hintergrund
Im Dezember 1997 erzielten rund 160 Länder in Kyoto
ein historisches Abkommen zur Reduzierung der
Treibhausgasemissionen in dem Bestreben, die
Erderwärmung zu bekämpfen - eine der größten
umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Das Kyoto-Protokoll enthält bindende Emissionsziele
für Industrienationen - 8 Prozent unter den Emissionsobergrenzen von 1990 für die Europäische Union, 7
Prozent für die Vereinigten Staaten und 6 Prozent für
Japan - sowie amerikanische Vorschläge für flexible,
marktgestützte Maßnahmen zur Sicherstellung, daß
diese Ziele kostengünstig erreicht werden können.
Die wichtigsten marktgestützten Bestimmungen sind:
Internationaler Handel mit Emissionszertifikaten zwischen Nationen mit Emissionszielen. Im Rahmen eines Emissionshandelsregimes können Länder oder Unternehmen, die eine Reduzierung der Emissionen relativ teuer finden, zusätzliche Emissionseinheiten von den Verursachern mit
mehr Einheiten als sie benötigen kaufen, (weil

Seite 1

�sie bereits ihre Ziele erreicht und Einheiten
übrig haben). Der Emissionshandel ermutigt
Reduzierungen, wo sie zu den geringsten
Kosten erzielt werden können, wodurch die
Welt für jeden verfügbaren Dollar, Euro oder
Yen die höchsten Treibhausgasreduzierungen
bekommt.
Der Mechanismus für saubere Entwicklung
(Clean Development Mechanism - CDM).
Die Industrienationen können Zertifikate für
Emissionsreduzierungen aus Projekten in
Entwicklungsländern nutzen, die zur Einhaltung der Reduzierungsziele für Treibhausgase beitragen.
Gemeinsame Umsetzung in den Industrienationen. Länder mit Emissionszielen können durch gemeinsame projektbezogene
Emissionsreduzierungen in anderen solchen
Ländern einen Bonus für ihre Emissionsziele
erhalten. Das Protokoll enthält zusätzliche
Elemente der Flexibilität:
Emissionsziele müssen über einen fünfjährigen Verpflichtungszeitraum erreicht
werden. Der erste Verpflichtungszeitraum ist
2008-2012. Die durchschnittliche Verteilung
der Emissionen über einen Verpflichtungszeitraum trägt dazu bei, kurzfristige Fluktuationen aufgrund von Wirtschaftsleistung oder
Wetter auszugleichen. Da den Unternehmen
ein Jahrzehnt vor dem Beginn des bindenden
Zeitraums zur Verfügung steht, haben sie
mehr Zeit für den Übergang zu größerer
Energieeffizienz und/oder besseren Kohletechnologien.
Emissionsziele beziehen die sechs wichtigsten Treibhausgase ein. Dies bietet
einen umfassenderen Umweltschutz sowie
zusätzliche Flexibilität für Staaten und Unternehmen zur Erreichung ihrer Ziele.
Kohlenstoff absorbierende Tätigkeiten, wie
beispielsweise das Pflanzen von Bäumen,
können als Ausgleich für die Emission von
Treibhausgasen genutzt werden. Diese
sogenannten "Kohlenstoffsenken" fördern
Aktivitäten wie Aufforstung, Wiederaufforstung und verbesserte Praktiken zum Schutz
des Forstes und der Landwirtschaft.
Zusammenfassung des Erreichten
Aktionsplan von Buenos Aires
Indem sie einen Aktionsplan mit einer Frist für die
Entwicklung von Schlüsselaspekten des Arbeits-

Seite 2

rahmens des Kyoto-Protokolls erwirkten, erreichten
die Vereinigten Staaten in Buenos Aires eines ihrer
vorrangigsten diplomatischen Ziele.
Die Parteien beschlossen mit dem Aktionsplan von
Buenos Aires bis zum Ende des Jahres 2000 Entscheidungen über eine Reihe von Schlüsselfragen zu
treffen, darunter:
•

Regeln und Leitlinien für die marktgestützten
Mechanismen von Kyoto (z.B. Handel mit
Emmissionszertifikaten, gemeinsame Umsetzung und der Mechanismus für saubere
Entwicklung);

•

Regeln und Verfahren für die Einhaltung,
einschließlich Konsequenzen bei Nichteinhaltung;
Entwicklung und Weitergabe von saubereren,
umweltfreundlichen Technologien und

•

Berücksichtigung der negativen Auswirkungen des Klimawandels und Gegenmaßnahmen.

Der Aktionsplan für die Umsetzung der marktgestützten Mechanismen von Kyoto beinhaltet eine Liste von
den Parteien aufgeworfener kritischer funktioneller
Fragen, nämlich:
•

Transparenz bei der Überwachung
Transfers von Emissionseinheiten;

des

•

Risikozuweisung beim Handel mit Emissionszertifikaten und

•

Mess-, Berichts- und Überprüfungsfragen.

Die Parteien beschlossen, die Pilotphase der gemeinsamen Umsetzung der Aktivitäten zur Emissionsreduzierung und der Kohlenstoffsenken fortzuführen.
Dies bietet besonders den am wenigsten entwickelten
Ländern und den kleinen Inselstaaten zusätzliche
Möglichkeiten, Projekte zu entwickeln und Erfahrung
zu sammeln, um sich umfassender an dem Mechanismus zur sauberen Entwicklung des Protokolls
beteiligen zu können.
Kohlenstoffsenken
Zusätzlich zu dem Aktionsplan von Buenos Aires
einigten sich die Parteien darauf, ein Verfahren zur
Definition, Messung und Überprüfung verschiedener
Kategorien von Kohlenstoffsenken in Gang zu setzen
und beauftragten die zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimawandel (International
Panel on Climate Change - IPCC) - ein internationales
Gremium von über 2000 weltweit führenden Klimawis-

AMERIKA DIENST 03

�senschaftlern und Experten - mit einer umfassenden
Studie über Landnutzung, Veränderungen der Landnutzung und forstwirtschaftliche Aktivitäten.
Als Teil dieses Verfahrens akzeptierten die
Parteien das Angebot der Vereinigten Staaten
im Frühjahr 1999 einen Workshop über
zusätzliche Kategorien von Kohlenstoffspeichern auszurichten, wie beispielsweise
die durch verbesserten Schutz und Bewirtschaftung der Wälder, der landwirtschaftlichen Nutzfläche und des Weidelands entstandenen.
Nach Fertigstellung des IPCC-Berichts im
Frühjahr 2000 werden die Parteien in der
Lage sein, bei der nächsten Konferenz der
Parteien weitere Entscheidungen über Umfang und Nutzung der Kohlenstoffsenken, wie
im Protokoll vorgesehen, zu treffen.
Entwicklung der Länderbeteiligung
Argentinien gab am 11. November als erstes Entwicklungsland seine Absicht bekannt, ein bindendes
Emissionsziel für den Zeitraum 2008-2012 zu verabschieden. Kasachstan folgte am nächsten Tag mit
einer ähnlichen Verpflichtung. Die Frage der Beteiligung von Entwicklungsländern am Protokoll ist von
einer Lösung weit entfernt. Diese Ankündigungen
zeigen jedoch eine deutliche Verlagerung der Grundlagen der internationalen Debatte.
Die Ankündigungen Argentiniens und Kasachstans
stellen eine neue Herausforderung für die Parteien
dar. Das Protokoll sieht momentan keine freiwilligen

* *

AMERIKA DIENST 03

Verpflichtungen der Staaten bezüglich bindender
Emissionsziele vor. Bei zukünftigen Konferenzen
müssen daher im Protokoll Mittel und Wege zur
Vereinfachung der noch stärkeren Beteiligung von
Entwicklungsländern gefunden werden. Eine Möglichkeit wäre eine das Protokoll bei Inkrafttreten ändernde
Zusatzvereinbarung.
Auch auf anderen Gebieten konnte in Buenos Aires
ein vergrößertes Engagement der Entwicklungsländer
verzeichnet werden. Ein erwähnenswertes Beispiel
war das zunehmende Interesse der lateinamerikanischen und afrikanischen Länder an dem Mechanismus für saubere Entwicklung - eine der marktgestützten Vorkehrungen des Protokolls - welcher
Anreize für Investitionen in Projekte für saubere
Technologien vorsieht.
Der Klimawandel ist ein globales Problem, das eine
globale Lösung erfordert. Eine signifikante Beteiligung
wichtiger Entwicklungsländer bleibt deshalb ein
vorrangiges Anliegen der Vereinigten Staaten. Die
Regierung wird die Presse in diesem Bereich weiterhin auf diplomatischem Wege breitgefächert informieren.
Engagement des Privatsektors
Eine weitere ermutigende Entwicklung in Buenos
Aires war die aktive Beteiligung des Privatsektors.
Unternehmensvertreter nahmen an zwei Diskussionsrunden über Kyoto-Mechanismen und Technologietransfer teil. Vertreter des Privatsektors werden auch
künftig die Möglichkeit haben, an internationalen
Tagungen über Klimawandel teilzunehmen.

* *

*

Seite 3

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Dokumentation

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Nummer

25. März 1975

Inhalt

INFORMATION:

Frederick B. Dent
Sonderbeauftragter Präsident Fords für Zoll-und Handelsverhandlungen

WIRTSCHAFT:
US-Finanzminister gegen massive Interventionen auf den Devisenmärkten
-Auszüge aus der Rede Simons vor dem World Affairs Council-

Erzeugerpreise - Faktor in der Strategie gegen den Hunger
- Studie des US-Landwirtschaftsministeriums -

HINTERGRUNDMATERIAL

Verstärkte Fürsorge für Arbeitslose in den USA
Von Sam Burks

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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6/1974
FREDERICK B. DENT
Sonderbeauftragter Präsident Fords für Zoll-und Handelsverhandlungen

--(AD)-- Das Primat der internationalen Wirtschaft und des Welthandels in den
Beziehungen der Völker kann kaum deutlicher zum Ausdruck kommen als durch die
Ernennung des bisherigen Handelsministers der Vereinigten Staaten, Frederick B.
Dent, zum Sonderbeauftragten des Präsidenten für Zoll-und Handelsverhandlungen.

Als Nachfolger von Botschafter William D. Eberle wird Dent als Leiter
der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen in Genf und Tokio eine bedeutsame Rolle bei der künftigen Gestaltung des Weltwirtschafts-und Weltwährungssystems spielen. Dent, seit Februar 1973 Handelsminister der Vereinigten Staaten und am 19 .3. 1975 in seinem neuen Amt bestätigt, sieht die Verlagerung der
Prioritäten wie folgt: "Bis Anfang der siebziger Jahre wurden unsere Interessen
in Übersee von militärischen und politischen Fragen beherrscht. In neuerer Zeit
sind Handelsinteressen in den Vordergrund getreten. Die Vereinigten Staaten
mögen das als Nation vielleicht noch nicht voll erkannt haben, aber diese Verlagerung zwingt uns zu einer Änderung vieler unserer fundamentalen Auffassungen
und Vorstellungen von Weltpolitik."
Als

�Als einer der führenden Vertreter der amerikanischen Textilindustrie und
als Handelsminister der Vereinigten Staaten ist Dent viel gereist und kennt
die Probleme anderer Länder aus eigener Anschauung. Aber er ist, wie einer
seiner engen Mitarbeiter betont, auch der Meinung, daß die Vereinigten Staaten härter verhandeln müssen. Grundsätzlich tritt er für eine Erweiterung und
Liberalisierung des Welthandels ein, ohne den die Vereinigten Staaten und andere Länder nach seiner Auffassung nicht existieren können.

Frederick Baily Dent wurde am 17. August 1922 in Cape May im Staate
New Jersey geboren und schloß 1943 seine Studien an der Yale-Universität ab.
Von 1943 bis 1946 diente er in der Reserve der US-Marine. Anschließend ging
er in die Wirtschaft und spielte eine bedeutende Rolle in der Textilindustrie.»
Er war Direktor der Firma Joshua L. Baily &amp; Co. in New York und übernahm 1947
die Textilfirma Mayfair Mills in Arcadia im Staate South Carolina als Präsident.
Daneben hatte er Direktoren-und Aufsichtsratsposten in mehreren anderen großen
Unternehmen, darunter der National Bank von South Carolina, inne.

Dent gehört mehreren bedeutenden Textilindustrieverbänden in den USA an
und ist Treuhänder des Amerikanischen Instituts für Textiltechnik.

Er ist verheiratet und hat zwei Söhne und drei Töchter.

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6/1975

US-FINANZMINISTER GEGEN MASSIVE INTERVENTIONEN AUF DEN DEVISENMÄRKTEN
- Auszüge aus der Rede Simons vor dem World Affairs Council -

CLEVELAND -- AD -- Massive Interventionen auf den Devisenmärkten würden im
Augenblick eher zu Störungen als zu einer größeren Stabilität der Wechselkurse führen.
Diese Auffassung hat der amerikanische Finanzminister William Simon in
einer Rede vor dem World Affairs Council von Cleveland am 21. März vertreten.
Simon

wandte sich ferner gegen gewisse. Auslegungen der soeben veröffentlich-

ten Zahlen über die amerikanische Zahlungsbilanz für 1974 und betonte, daß
bei diesen Zahlen der größte Teil der Investitionen nicht berücksichtigt worden sei, die von den arabischen Ölländern in den Vereinigten Staaten vorgenommen wurden. Wären diese Investitionen, so sagte Simon, gegen die amerikanischen Zahlungen an andere Länder aufgerechnet worden, so würde die amerikanische Zahlungsbilanz 1974 weder einen größeren Überschuß noch ein größeres Defizit ausgewiesen haben.
Wörtlich führte der amerikanische Finanzminister hierzu aus:
"Eine weitere Aufgabe

ist es, bei unserer Suche nach gemeinsamen Lösun-

gen realistisch zu bleiben. Ich erwähne dies, weil die Besorgnis hinsichtlich

-1-

�hinsichtlich des Kurswertes des Dollar auf den Devisenmärkten in jüngster Zeit zu
Vermutungen geführt hat, die großen Länder suchten die Wechselkurse ihrer Währungen durch massive Interventionen auf den Devisenmärkten zu stabilisieren.

Ich gebe zu, daß es sehr schwierig ist, sich mit diesem Thema zu befassen,
ohne den Anschein zu erwecken, als wolle man das Ganze verharmlosen. Trotzdem,
so glaube ich, sollten verschiedene Punkte erwähnt werden, die uns ein besseres
Verständnis für die richtige Perspektive vermitteln:

-- Insgesamt waren die Kursschwankungen des Dollar gegenüber den übrigen Währungen weit geringer,als viele meinen. Der Grund dafür ist, daß sich die Aufmerksamkeit gewöhnlich nur auf den Dollar-Kurs zum Schweizer Franken und zur DM konzentriert. Nimmt man jedoch den gewogenen Handelskurs des Dollar zu allen wichtigen
Währungen der freien Welt, dann liegt der Dollar sehr dicht an seinem Kurswert von
1973, als die gegenwärtige Periode des weitverbreiteten Floatens einsetzte. In
dieser ganzen Zeit zählte der Dollar zu den stabilsten großen Währungen.

-- Zweitens stimmen die Finanzexperten fast aller Länder darin überein, daß
es unter den gegenwärtigen Umständen weder praktisch durchführbar noch wünschenswert ist, den Versuch zu unternehmen, mehr zu tun, als lediglich geordnete Bedingungen auf den Devisenmärkten zu erhalten. Die Vereinigten Staaten haben diese
letztere Verpflichtung akzeptiert und hierzu interveniert. Einige wenige Wechselkurse haben vielleicht größere Schwankungen aufgewiesen, als es manchem erwünscht
war, doch behielten wir offene Märkte und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, daß
der Handel irgendwie wesentlich behindert wurde. Massive Interventionen zur
Stützung der Wechselkurse würden an diesem entscheidenden Punkt eher zu Störungen
auf den Devisenmärkten als zu einer größeren Stabilität der Wechselkurse geführt
haben.
—
-2-

Drittens

�-- Drittens waren die Senkung der amerikanischen Zinssätze und die Tatsache, daß wir die Zinssenkungsbewegung anführten, die Hauptgründe für den
Rückgang des Dollarkurses in der letzten Zeit. Würden wir unsere Zinssätze
künstlich in die Höhe treiben, nur um den Dollarkurs zu stützen, so würde dies
unserem Ziel zuwiderlaufen, die Wiedererholung der amerikanischen Wirtschaft
zu fördern.

Diese Administration ist keineswegs dafür, etwas einfach zu beschönigen.
Wir sollten uns jedoch darüber klar sein, daß die beste Verteidigung des Dollar
eine starke, gegen die Inflation abgeschirmte Wirtschaft ist. Statt uns ausschließlich auf den Kurs des Dollar gegenüber den anderen Währungen zu konzentrieren, sollten wir seine Kaufkraft - seinen Kurswert ganz allgemein an Gütern
und Dienstleistungen - in den Vordergrund stellen. Wir müssen unsere Inflation
unter Kontrolle bringen und die Aushöhlung der Kaufkraft des Dollar beseitigen,
die die Inflation zwangsläufig mit sich bringt. Die Aussicht auf eine Stärkung
des Dollarkurses hängt letztlich davon ab, ob es uns gelingt, die Inflation unter
Kontrolle zu bringen und die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Erzeugnisse auf
den Weltmärkten zu verbessern, und nicht von Interventionen auf den Devisenmärkten.
Daher bezweifele ich es,ob eine Politik klug und erfolgreich ist, die Leitpunkte oder Bandbreiten für den Wechselkurs des Dollar festzulegen sucht. Eine
solche Politik richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Symptome der Stärke oder
Schwäche einer Volkswirtschaft, statt die Ursachen dafür an der Wurzel anzupacken. Wir sollten bedenken, daß die Welt zu frei schwankenden Wechselkursen
überging, weil sie in einer Zeit der Unsicherheit größere Flexibilität brauchte
und die Marktkräfte zum Tragen kommen mußten. Diese Notwendigkeit besteht weiter-

�weiterhin, und wir sollten nicht danach streben, jetzt zu dem krisenanfälligen
System der Vergangenheit zurückzukehren.

Diesem Aufruf zu mehr Realismus in internationalen Währungsfragen möchte ich
ferner die dringende Bitte hinzufügen, bei der Interpretation von Zahlungsbilanz zahlen vorsichtiger zu sein. Gerade in dieser Woche erregte eine Presseverlautbarung der Regierung großes Aufsehen, wonach das Defizit in unserer Bilanz der laufenden und der langfristigen Kapitaltransaktionen 1974 auf 10,6 Milliarden Dollar
gestiegen sei gegenüber einem Defizit von 1 Milliarde Dollar 1973.

Dies war eine sehr irreführende Interpretation unserer Zahlungsbilanzsituation.
Gerade diese Bilanz (der laufenden und der langfristigen-Kapitaltransaktionen)
wird so errechnet, daß der größte Teil der feststellbaren Investitionen von erdölexportierenden Ländern in den USA - Investitionen, die sich 1974 auf insgesamt
rund 11 Milliarden Dollar stellten - unberücksichtigt bleibt. Hätte man eine Bilanz gewählt, die diese Investitionen einschloß,so hätte diese weder einen größeren Überschuß noch ein größeres Defizit ausgewiesen. Ein Interpretieren wirtschaftlicher Statistiken ist auf alle Fälle schwierig, aber in der heutigen Welt, die so
komplex ist und so feinfühlig reagiert, ist es besonders wichtig, daß wir Ansichten über Trends in außenpolitischen Dingen nur gut informiert äußern."

XXX
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6/1975

ERZEUGERPREISE - FAKTOR IN DER STRATEGIE GEGEN DEN HUNGER
Studie des US-Landwirtschaftsministeriums

- (AD) - Zwischen den Preisen und der Produktion von Nahrungsmitteln besteht offenbar ein enger Zusammenhang.

Die Verfasser einer Ende 1974 vom US-

Landwirtschaftsministerium nach zweijährigen Untersuchungen veröffentlichte
Studie versuchten den Ursachen nachzugehen:

In Ländern wie den USA, West-

europas oder Japan, wo die Agrarpreise hoch sind, werden Überschüsse produziert bzw. ist die Versorgung aus eigener Kraft gewährleistet.

Wo aber, wie

in der Sowjetunion oder in den meisten Entwicklungsländern, die Erzeugerpreise
niedrig liegen, kann die Produktion mit dem Bedarf immer weniger Schritt halten.
In steigendem Maße werden dort Importe erforderlich.

Die Stabilität und das Niveau

"internationaler"

Getreidepreise haben

keinerlei Einfluß auf die Preise, denen sich Verbraucher und Erzeuger in einzelnen Ländern gegenübersehen.

Vielfach seien dort, wie der Bericht ausführt,

die Inlandspreise durch Subventionen, Steuern, agrar- und handelspolitische
Maßnahmen von den Welthandelspreisen weitgehend isoliert.

Preisunterschiede

zwischen den einzelnen Ländern erklären zum großen Teil einen schleppenden
Produktionsanstieg seit 1968, den Anteil des für Futterzwecke genutzten Getreides und den Umfang der Getreideimporte.
Wenn

�Wenn man den Hunger in der Welt wirksam bekämpfen wolle, müsse das permanente und sich immer mehr verstärkende Ungleichgewicht in der Nahrungsmittelproduktion zwischen und innerhalb der drei Gruppen - Industrieländer, Entwicklungsländer und Länder mit Planwirtschaft - abgebaut werden, Auch eine welt*weite Neuordnung der Preise sei erforderlich.

Der damit verbundenen großen

Schwierigkeiten sei man sich durchaus bewußt.

In den Entwicklungsländern werde

es ohne einen leichten Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel, die in den
meisten Fällen künstlich niedrig gehalten werden, nicht abgehen. Aber die
Preise würden doch wesentlich unter jenen von heute liegen. Da in diesen Ländern
mehr als die Hälfte der Bevölkerung Bauern sind, würden von den durch Preisneuordnungen erzielten Einkommensverbesserungen weite Teile der Bevölkerung profitieren.

Die Situation in einzelnen Ländern bzw. Regionen wird wie folgt charakterisiert:
USA

Mitte der sechziger Jahre waren die Vereinigten Staaten dazu übergegangen,
Farmpreise nicht mehr zu subventionieren, sondern direkte Zahlungen an die
Farmer zu leisten.

Deshalb wurde 1964 der Subventionspreis bei Weizen von

2 Dollar auf 1,25 Dollar/bushel reduziert, was dem Weltmarktpreis näher kam.
Den Farmern wurde die Differenz zwischen diesem Preis und dem bis dahin erzielten Preis vergütet, so daß sie mit einem ziemlich konstanten Erlös von
2 Dollar/bushel rechnen konnten.

Die Konsumenten dagegen, Viehzüchter einge-

schlossen, orientieren sich ebenso wie die Importeure amerikanischen Getreides
an wesentlich niedrigeren Preisen.
•

Japan und Europa

In Japan lagen ähnlich wie in den EG-Ländern die Agrarpreise weit über
den Weltmarktpreisen.

Selbst nach dem enormen Preisanstieg für Reis Ende 1973/

Anfang 1974 auf dem Weltmarkt war der Inlandspreis noch immer merklich höher

- 2 -

�höher - er stieg ir. zwei Jahren, von 1971 bis Ende 1973, von 390 auf 636 Dollar/
Tonne.

In den Ländern der Europäischen Gemeinschaft hatte die Verdoppelung der
amerikanischen Exportweizenpreise von 1971 auf 1972 keinen Einfluß auf die
Agrar- oder Verbraucherpreise.

Dabei spielten allerdings die Dollarabwertungen

von 1971 und 1973 sowie das innerhalb der EG wirksame Importabgabesystem eine
wichtige Rolle. Als dann Ende 1973 und Anfang 1974 die internationalen Weizenpreise weiter stiegen, wurden Weizenausfuhren aus dem EG-Raum durch Exportsteuern und Genehmigungsverfahren begrenzt.

Die Getreidepreise in den EG-Ländern

(Italien allerdings ausgenommen) erhöhten sich zwischen 1971 und 1974 nur um
ca. 10 Prozent, während sich der Weltmarktpreis verdreifachte.

Sowjetunion
Seit 1970 wurden in der UdSSR die an die staatlichen und kommunalen Kolchosen gezahlten Preise nicht erhöht.

Die Abgabepreise für Fleisch und Brot

in den staatlichen Geschäften waren sogar seit 1962 stabil geblieben. Rindfleisch und Brot sind billiger, viele andere Lebensmittel dagegen teurer als
in Europa oder Nordamerika.

Brot soll für alle Verbraucher billig sein.

Bei

Fleisch und Molkereiprodukten fing der Staat bisher ein hohes Defizit auf, um
die Verbraucherpreise stabil zu halten.
duktion zu steigern.

Gleichzeitig wird versucht, die Pro-

Von 1969 bis 1974 stiegen die Subventionen von 6,5 auf

12,6 Milliarden Rubel.

Entwicklungsländer

Das Niveau von Lebensmittel- und Agrarpreisen ist in vielen Entwicklungsländern nur schwer zu ermitteln;

Statistiken sind rar.

In manchen Ländern wird

ein großer Teil der Nahrungsmittel von der bäuerlichen Bevölkerung produziert
und auch konsumiert.

Einen direkten Kontakt anderer Märkte mit diesen meist

weit abgelegenen Gebieten gibt es praktisch nicht.

Die Preise in den Städten

werden von der Regierung meist künstlich niedrig gehalten.

Sie hat außerdem

mehr oder weniger großen Einfluß darauf, welche Mengen von Nahrungsmitteln in
- 3-

�in diesen Ländern überhaupt produziert werden, wieviel im Lande verbraucht
und was bzw. wieviel exportiert wird,

Wo Agrarprodukte oder Nahrungsmittel wichtige Exportgüter sind oder zu
den Hauptquellen der Regierungseinkünfte zählen, werden zum Teil die Exporte
besteuert oder die Inlandspreise so manipuliert, daß die Bauern weniger erlösen, als es ohne Besteuerung der Fall wäre. An diese Praxis hält sich z.B.
Thailand bei Reis, Ägypten bei Reis und Baumwolle, Argentinien bei Getreide
und Fleisch, und afrikanische Länder tun dies bei Erdnüssen und gewissen anderen Erntefruchten.

Auch handelspolitische und monetäre Maßnahmen drücken in einer Reihe von
Entwicklungsländern die Erlöse der Bauern.

So werden in Brasilien mit einem

überhöhten Wechselkurs die Preise für Agrarexporte und Lebensmittelimporte
künstlich niedrig gehalten.

Aufuhrverbote und Kontingentierung

sollen helfen,

Agrarerzeugnisse auf die Inlandsmärkte zu schleusen und so die Inlandspreise
zu drücken.

Dies sind einige der Maßnahmen, mit denen Brasilien die Industria-

lisierung zu forcieren sucht.

Außerdem erachten viele Entwicklungsländer wie Thailand, Ägypten,
Indonesien und Sri Lanka einen niedrigen und stabilen Einzelhandelspreis für
Grundnahrungsmittel (meist Getreideprodukte) als wichtiges Ziel der Regierungspolitik - schon allein deshalb, weil Nahrungsmittelpreise Bestandteil der Löhne
sind.

Man fürchtet, durch einen Preisanstieg oder starke Preisfluktuation

Lohnbewegungen auszulösen, die der Wirtschaftsentwicklung im Ganzen schaden.

Solche Überlegungen und politischen Ziele sind verständlich.

Dennoch

sollte man die Auswirkungen der Maßnahmen auf die Kapazität der Nahrungsmittelproduktion im Lande und auf die Einfuhren sorgfältig analysieren.

In asiatischen

Entwicklungsländern besteht z.B. ein enger Zusammenhang zwischen geringen
Reisernten, niedrigen Reispreisen und, in Relation dazu, hohen Preisen für
Düngemittel.

Während

�Während der letzten zehn Jahre hat der Reisexport Thailands und Burmas
stagniert. Die Preise, die dort den Reisbauern gezahlt werden, zählen zu den
niedrigsten der Welt.
Indonesien.

Ähnlich niedrige Erlöse haben die Reisbauern in

Jedes dieser Länder reguliert, wenn auch auf verschiedenen Wegen,

den Erzeugerpreis - Thailand und Burma durch Exportkontrolle und -steuern,
Indonesien durch zusätzliche Importe. Alle drei verfügen über ein beträchtliches Potential zur Steigerung der eigenen Reisproduktion.

Dafür aber sind

die niedrigen Erzeugerpreise ein großes Hindernis.

Die reisexportierenden Entwicklungsländer wiederum haben unter normalen
Verhältnissen nur einen begrenzten Markt, z.T. deshalb, weil Japan durch hohe
Erzeugerpreise die Autarkie aufrechterhält, die EG-Länder die eigene Reisproduktion durch hohe Inlandspreise, Einfuhrbarrieren und Exportsubventionen
schützen,und die USA Reis unter Anwendung einer Kombination von Preisstützung
und Ausfuhrsubventionen exportieren.

Ägypten nimmt mit dem von der Regierung kontrollierten Erzeugerpreis eine
Mittelstellung ein.

Einer der Gründe, weshalb bisher der relativ niedrige

Preis (der aber höher als in Burma, Thailand und Indonesien liegt) gehalten
werden konnte, sind die wachsenden Importe an Weizen - 1960 ca. 1 Million,
1973 bereits mehr als 3 Millionen Tonnen.

Sie nehmen weiter zu.

Preisangleichung

Das Phänomen, daß in den Industrieländern die Erzeugerpreise für Lebensmittel weit über den Weltmarktpreisen, in vielen Entwicklungsländern aber darunter
liegen,kann nicht getrennt von den Problemen der Überschußprodukticn bei den
erstgenannten und Hunger oder wachsendem Lebensmittelmangel bei der zweiten
Gruppe und teilweise auch in den Ländern mit Planwirtschaft gesehen werden.

Dies

ist ein Schlüsselproblem, für das eine Lösung gefunden werden muß, wenn sich
die Welternährungssituation verbessern soll.

Während in den Industrieländern

die Preisstützungspolitik sich aus langen Anpassungsprozessen zwischen den
Interessen der Landwirtschaft und der Verbraucher entwickelt hat, ist die Preis-

- 5-

�Preispolitik der sozialistischen Länder ein zentraler Teil ihrer Entwicklungsprogramme.
pliziert.

Bei den Entwicklungsländern aber ist dieses Problem besonders komDenn ohne gewisse Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel wären

Lösungen kaum denkbar.

Einkommensverbesserungen bei den Bauern kämen aber,

da diese meist mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen, einem
großen Kreis von Menschen zugute.

+ + + + +

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6/1975

VERSTÄRKTE FÜRSORGE FÜR ARBEITSLOSE IN DEN USA
Von Sam Burks

WASHINGTON --AD— Die wachsende Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten ist ein vordringliches Anliegen sowohl der Ford-Administration als auch
des amerikanischen Kongresses. Dabei wird von den Wirtschaftspolitikern die
Bekämpfung der Inflation keineswegs hintan gestellt, obwohl die jüngsten Indexzahlen der Großhandelspreise ein Nachlassen des inflationistischen Drucks
erkennen lassen. Aus diesem Grunde ist man in Washington sich weitgehend darüber einig, daß bei der Behebung der Arbeitslosigkeit durch eine Anregung der
Wirtschaft mit einer gewissen Vorsicht vorgegangen werden muß.

Der Nachdruck wird daher auf Programme gelegt, die jenen helfen sollen,
die durch die Wirkung von Inflation und Rezession in den Vereinigten Staaten
- und in der ganzen Welt - in den letzten Jahren ihren Arbeitsplatz verloren
haben.
Seit August 1974, als die rapide Zunahme der Arbeitslosigkeit in den USA
einsetzte, ist die Zahl der beschäftigungslosen Amerikaner um 2,6 Millionen
auf 7,5 Millionen Ende Februar 1975 angestiegen. Diese Gesamtzahl stellt

-1-

�l
stellt - nach amerikanischen statistischen Methoden gerechnet - 8,2 Prozent
der zivilen Arbeitskräfte dar. Der höchste Anstieg der Arbeitslosigkeit war
- wie auch in anderen Ländern - bei Frauen und Jugendlichen zu verzeichnen
- zwei Bevölkerungsgruppen, bei denen die Fluktuation schon immer am stärksten
gewesen ist. Die Arbeitslosigkeit unter männlichen Erwachsenen und Haushaltsvorständen stieg ebenfalls, blieb jedoch unter den Spitzenwerten, die während
vergleichbarer Rezessionen in den Jahren 1949 und 1958 zu verzeichnen waren.
Wie in den früheren Monaten war der stärkste Verlust von Arbeitsplätzen
in Herstellungsbetrieben - vor allem in der Autoindustrie und den Zubringerindustrien - und im Baugewerbe festzustellen. Allein auf diesen beiden Sektoren verloren zusammen über 625 000 Beschäftigte im Februar ihren Arbeitsplatz.

Um die Auswirkungen der großen Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten zu mildern werden im wesentlichen zwei Methoden angewandt: Programme zur
Erhaltung des Einkommens - wie Arbeitslosenunterstützung, Umschulungshilfe und
Sozialunterstützung - und Bereitstellung neuer Arbeitsplätze in Form öffentlicher Arbeitsbeschaffung.

Die Arbeitslosenversicherung (Unemployment Insurance), die im Jahre 1935
im Rahmen der amerikanischen Sozialgesetzgebung eingeführt wurde, wird allgemein als die erste Verteidigungslinie für den typischen amerikanischen Arbeiter angesehen, der vorübergehend seinen Arbeitsplatz verliert. Sie wird nach
Bundesrichtlinien durch einzelstaatliche und kommunale Behörden verwaltet. Im
Rahmen dieses Programmes sind fast 80 Millionen zivile Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten - d.h. sieben von acht gegen Lohn oder Gehalt Beschäftigtigte - im Falle der Arbeitslosigkeit zum Bezug einer temporären Unter-2-

�Unterstützung berechtigt, die im Durchschnitt 36 Prozent ihres normalen Einkommens ausmacht. Wenn zusätzliche Unterstützungen hinzukommen, wie sie bei
Mitgliedern mancher Gewerkschaften - wie etwa bei der Gewerkschaft der Automobilarbeiter - auf privater Basis zur Verfügung stehen, dann kann sich das
Einkommen des vorübergehend Arbeitslosen auf bis zu 95 Prozent des normalen
Einkommens erhöhen.
Normalerweise erhalten Arbeitslose, die im Rahmen des oben genannten Programmes versichert sind, ihre Unterstützung bis zu 26 Wochen. Sie wird um zusätzliche 13 Wochen verlängert, wenn einzelstaatliche oder nationale Arbeitslosenziffern bei versicherten Arbeitern über einen längeren Zeitraum hinweg
außergewöhnlich hoch bleiben. Im Rahmen eines Sondergesetzes (Emergency Job
and Unemployment Assistance Act of 1974), das Präsident Ford am 31. Dezember
1974 unterzeichnet hat, kann die Unterstützung im Jahre 1975 auf weitere 13
Wochen ausgedehnt werden, so daß sie insgesamt bis zu einem vollen Jahr bezahlt werden kann.

Die Zahlung wird während der ersten 26 Wochen der regulären Unterstützung aus dem Lohnsteueraufkommen finanziert. Die Unterstützung während
der ersten zusätzlichen 13 Wochen wird zur Hälfte vom Arbeitgeber und zur
Hälfte von der Bundesregierung getragen, während die Zuwendungen für die zweite Verlängerungsperiode von 13 Wochen voll aus Bundesmitteln aufgebracht werden.
Eine weitere von Präsident Ford im Dezember vorigen Jahres unterzeichnete Sondermaßnahme (Emergency Unemployment Compensation Act of 1974) ermöglicht für das Jahr 1975 die Unterstützung von etwa 12 Millionen Arbeitnehmern,

�Arbeitnehmern, die bisher nicht unter die regulären Programme fielen - vor
allem Bedienstete einzelstaatlicher und kommunaler Behörden, Hausangestellte
und landwirtschaftliche Arbeiter - für einen Zeitraum bis zu 26 Wochen aus Bundesmitteln, wenn die Arbeitslosenrate in Amerika drei aufeinanderfolgende Monate lang über der sechs-Prozent-Marke bleibt.

Im Rahmen all dieser Programme erhielten beispielsweise in der zweiten
Februarwoche 1975 über 6 Millionen Arbeitslose eine reguläre oder zusätzliche Unterstützung.
Das erste umfassende Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den
Vereinigten Staaten seit der großen Depression der Dreißiger Jahre wurde im
Jahre 1971 mit der Verabschiedung des Emergency Employment Act ins Leben gerufen. Im Rahmen des Programms soll

in erster Linie für neue oder Dauerar-

beitslose eine vorübergehende Beschäftigung im Öffentlichen Dienst gefunden wer--,
den, um diese Arbeitskräfte dann in den regulären öffentlichen oder privaten
Arbeitsprozeß überzuführen. Das Programm wird im Rahmen des Finanzausgleichs
des Bundes von den einzelstaatlichen und kommunalen Behörden verwaltet. Eine
vorübergehende Beschäftigung im öffentlichen Dienst wurde auch durch das umfassende Arbeits-und Ausbildungsgesetz des Jahres 1973 ermöglicht, wobei hier
mit den im Dezember 1974 von Präsident Ford unterzeichneten Änderungsbestimmungen der Nachdruck auf die Schaffung zeitweiliger Arbeitsplätze für Fachkräfte gelegt wird, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ihren Arbeitsplatz
verloren haben.
•

Die Sondergesetzgebung aus dem Jahre 1974 erlaubt die Bereitstellung von
2,5 Milliarden Dollar bis zum 31. Dezember 1975 für die Schaffung von rund

�rund 310 000 Arbeitsplätzen im Öffentlichen Dienst, die je nach Bedarf auf die
verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten verteilt werden. Den Vorzug haben Fachkräfte, die ihre gesamte Arbeitslosenunterstützung ausgeschöpft haben
oder denen keine solche zusteht, und Fachkräfte, die 15 Wochen oder länger
ohne Arbeit sind. Das Gesetz bewilligt ferner 500 Millionen Dollar für das
Jahr 1975 für öffentliche Arbeitsprojekte, die auf die Senkung der Arbeitslosigkeit in besonders hart betroffenen ländlichen und städtischen Gebieten
abzielen. Im Rahmen dieses Sektors der Sondergesetzgebung erhalten arbeitsintensive Projekte, die innerhalb von 12 Monaten abgeschlossen werden können,
den Vorzug.

Für das Kalenderjahr 1975 sind insgesamt fast 17 Milliarden Dollar bereitgestellt worden, um eine Vielfalt von Programmen der Arbeitsplatzbeschaffung
und der Einkommenserhaltung - ausschließlich der öffentlichen Wohlfahrt - zu
finanzieren.

Präsident Ford hat den Kongreß um weitere 2 Milliarden Dollar - einschließlich von 1,6 Milliarden Dollar, die bereits bewilligt, aber noch nicht
angewiesen worden sind - ersucht, um das Sonderarbeitsbeschaffungsprogramm im
Öffentlichen Dienst um weitere 6 Monate zu verlängern und 760 000 Sommerarbeitsplätze für Jugendliche zu schaffen. In beiden Häusern des Kongresses werden gegenwärtig weitere Maßnahmen zur Eindämmung der steigenden Arbeitslosigkeit geprüft, darunter ein Vorschlag der Demokratischen Fraktionsführung im
Repräsentantenhaus,der 5,9 Milliarden Dollar für die Schaffung zusätzlicher

-5-

�zusätzlicher Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst während des kommenden Jahres, weitere Sommerbeschäftigungen für Jugendliche und den Ankauf von etwa
121 000 Fahrzeugen für die Regierung vorsieht, um der amerikanischen Autoindustrie zu helfen.

XXX

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Änderung der sowjetischen Einstellung für Gipfeltreffen erforderlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview der New York Daily News mit dem amerikanischen Präsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Sicherheitsberater Allen nimmt zu außenpolitischen Fragen Stellung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Rede vor konservativen Parteipolitikern -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Haig unterstreicht Festigkeit der US-Außenpolitik&lt;br /&gt;- Erklärung vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses -&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Staatssekretär Stoessel vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Senats&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung zur amerikanischen Sicherheitshilfe für El Salvador -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Delegierter: Vertrauensbildende Maßnahmen für ganz Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Kampelmans auf der KSZE-Konferenz -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direkte Kohleverbrennung: USA entwickeln neue Technologien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Größere Effizienz - weniger Umweltbelastung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

25. März 1992
&lt;bu &amp;

j?^
GIJ^NUKLEARWAFFEN

USA HELFEN NACHFOLGESTAATEN DER
UDSSR BEI KONTROLLE UND REDUZIERUNG
VON WAFFEN
Weitere Begrenzungen von
Nuklearwaffen vorgeschlagen

FLÜCHTLINGE

BEIGELEGTE KONFLIKTE GESTATTEN
FLÜCHTLINGEN RÜCKKEHR IN DIE HEIMAT
Anhörung vor dem Kongreß

WAHLEN '92

TSONGAS SETZT WAHLKAMPF AUS
Die Ergebnisse der Vorwahlen
von Illinois und Michigan
WIE AMERIKA EINEN PRÄSIDENTEN WÄHLT
Von Lester David und Irene David

VII. KORPS

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

VII. KORPS IN STUTTGART VERABSCHIEDET
Ansprache von Botschafter Kimmitt

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�GUS-NUKLEARWAFFEN
25. März 1992

USA HELFEN NACHFOLGESTAATEN DER UdSSR
BEI KONTROLLE UND REDUZIERUNG VON WAFFEN
Weitere Begrenzungen von Nuklearwaffen vorgeschlagen
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten und
Rußland - der Treuhänder der nahezu 30.000 Nuklearwaffen im Besitz der ehemaligen Sowjetunion - streben bereits niedrigere Niveaus nuklearer Rüstungen
an.
Sowohl Präsident Bush als auch der russische Präsident Jelzin haben Vorschläge unterbreitet, mit denen
die strategischen Nuklearwaffen um die Hälfte auf die
vom im Juli 1992 unterzeichneten aber immer noch
nicht ratifizierten Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) festgelegten Niveaus
reduzieren würden. Die beiden Seiten vereinbarten
ferner im vergangenen Jahr - vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion - den Abbau aller landgestützten taktischen Nuklearwaffen.
US-Außenminister Baker und sein sowjetischer Amtskollege Kosirew nahmen Anfang dieses Monats die
Abrüstungsgespräche in Brüssel wieder auf, wo beide
am Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NACC) teilnahmen. Weitere Gespräche sind bis zum
für den 16. und 17. Juni in den Vereinigten Staaten
anberaumten Gipfeltreffen zwischen den Präsidenten
Bush und Jelzin vorgesehen. Beide Seiten haben der
Hoffnung Ausdruck verliehen, daß bis dahin ein Abkommen - oder zumindest ein Rahmenabkommen erarbeitet werden kann.
Diese erneuten Rüstungskontrollverhandlungen sind
Bestandteil umfassender internationaler Bestrebungen, Hilfe für die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bereitzustellen.
In einer Anhörung vor dem Bewilligungsunterausschuß
des Repräsentantenhauses verwies Baker im Februar
auf die damit einhergehenden Schwierigkeiten. Die
neuen Staaten, stellte er fest, "drückt die Last von über
70 Jahren politischer und ökonomischer Mißwirtschaft.
Die Versuchung ethnischer Konflikte und autoritärer
Herrschaft sind weiterhin stark, und trotz der dramati-

AMERIKA DIENST 12

schen Fortschritte in der Rüstungskontrolle verbleiben
bei den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nahezu
30.000 atomare Waffen."
Seit dem Zusammenbruch der UdSSR im vergangenen Dezember hat Außenminster Baker alle neuen
unabhängigen Staaten außer Georgien besucht, und
die Vereinigten Staaten haben Botschaften in allen von
ihm besuchten Staaten eröffnet. "Wir haben das in die
Wege geleitet, was man als neue Sicherheitspartnerschaft zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten
bezeichnen könnte", fuhr Baker fort. "Wir haben bei
einem breiten Spektrum von Themen echte Fortschritte erzielt, insbesondere bei atomarer Sicherheit und
Zerstörung von Atomwaffen."
Zu diesem Zweck werden die Vereinigten Staaten
Rußland 25 gepanzerte Eisenbahnwaggons zum
Transport von Nuklearwaffen zur Verfügung stellen.
Rußland wurden femer 250 große Spezialcontainer
zum Transport von Nuklearwaffen angeboten, und
Experten haben begonnen, alternative Wege der
Lagerung von Plutonium und angereichertem Uran zu
erörtern, das aus den zu zerstörenden Waffen gewonnen wird. Die Vereinigten Staaten arbeiten mit Rußland zusammen, um das russische Zählsystem für
atomare Materialien zu verbessern. Darüber hinaus
sind Gespräche über die unverzügliche und angemessene Reaktion auf jeden Reaktorunfall oder -Zwischenfall vorgesehen.
Es wurden bereits Bestrebungen in die Wege geleitet,
um alle ehemaligen sowjetischen taktischen Nuklearwaffen zur schrittweisen Zerstörung nach Rußland zu
verlagern. Stichtag ist der 1. Juli, aber Baker zufolge
sind die Bestrebungen dem Zeitplan voraus. Die vier
Nuklearstaaten der ehemaligen Sowjetunion - Rußland, die Ukraine, Weißrußland und Kasachstan haben vereinbart, alle strategischen Nuklearwaffen
einer zentralen Kontrolle zu unterstellen. Ru Bland wird
der Nachfolgestaat der UdSSR im Hinblick auf den

Seite 1

�Status als Nuklearmacht sein, und die anderen drei
Staaten werden aufgefordert, dem Nichtverbreitungsvertrag (NPT) als atomwaffenfreie Staaten beizutreten.
Im Hinblick auf spezielle Hilfsprogramme haben die
Vereinigten Staaten 25 Millionen Dollar für die Einrichtung eines Internationalen Zentrums für Wissenschaft
und Technologie in der Nähe von Moskau bereitgestellt, das den Spitzenwissenschaftlem und -ingenieuren der früheren Sowjetunion, von denen viele in der
Kerntechnik oder anderen Rüstungsbereichen gearbeitet haben, geistig anspruchsvolle Arbeit verschaffen soll. Das Zentrum wird in der Absicht gegründet,
Wissenschaftler davon abzuhalten, ihr Wissen an
skrupellose Regime auf der ganzen Welt zu veräußern. Die Europäische Gemeinschaft wird mit dem
US-Angebot von 25 Millionen Dollar ebenso gleichziehen wie Japan. Darüber hinaus hat Kanada versprochen, das Programm zu unterstützen.
Andere spezielle Hilfe für die früheren Sowjetrepubliken umfaßt 400 Millionen Dollar aus Mitteln des Verteidigungsministeriums, mit denen nukleare und chemische Waffen zerstört und die Verbreitung von Technologie für Massenvernichtungswaffen verhindert werden soll.
Ein weiterer Schlüsselaspekt dieser Bestrebungen ist
die Umwandlung der Rüstungsindustrie. In den 620
Millionen Dollar neuer Bewilligungen, die die Regierung zur Hilfe für die frühere Sowjetunion beantragt,
sind 100 Millionen Dollar für den Wirtschaftshilfefonds
enthalten, der demokratische Reformen, wirtschaftliche Umstrukturierungen und eine Umwandlung der
Rüstungsindustrie auf den Weg bringen soll.

Ein weiterer Schlüsselfaktor der neuen Beziehungen,
den Baker am 5. Februar im Auswärtigen Ausschuß
des Senats hervorhob, besteht darin, daß "die neuen
Staaten ihr Verspechen einhalten, die START-, KSEund Nichtverbreitungsverträge durchzuführen".
"START bleibt entscheidender Bestandteil unserer
Beziehungen zu den neuen Staaten," erklärte Baker.
"Erstens erhöht das Verifizierungsregime von START
Transparenz und Offenheit in einer Zeit turbulenter
Veränderungen. Zweitens schafft START ein rechtsverbindliches Regime, das Verpflichtungen aufstellt,
die es uns leichter machen, substantielle und stabilisierende Reduzierungen festzuschreiben. Drittens
liefert START eine stabile Struktur und ebensolche
Grundregeln, im Rahmen derer weitere Reduzierungen schnell erreicht werden können. Schließlich werden durch START die Ukraine, Weißrußland und
Kasachstan ermutigt, eine nichtnukleare Zukunft anzustreben."
Bei seinem zweiten Treffen in Brüssel begrüßte der
Nordatlantische Kooperationsrat die Baltenstaaten und
alle früheren Sowjetrepubliken außer Georgien als
neue Mitglieder. Das Ziel des aus 35 Nationen bestehenden Gremiums lautet, Stabilität und Berechenbarkeit bei europäischen Sicherheitsfragen zu verbessern
und die Zusammenarbeit unter den Ländern Europa zu
erweitern.
Der Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger kam bei seiner Beschreibung der US-Hilfe vor
einem anderen Kongreßausschuß am 11. März zu
dem Schluß: "Westliche Hilfe kann etwas bewirken.
Für uns steht auf dem Spiel, ob die jüngste Umwandlung gefährlicher Gegner in Freunde und Partner ein
dauerhaftes oder ein vorübergehendes Phänomen

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�FLÜCHTLINGE
25. März 1992

BEIGELEGTE KONFLIKTE GESTATTEN
FLÜCHTLINGEN RÜCKKEHR IN DIE HEIMAT
Anhörung vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter des Büros für Flüchtlingsbelange im US-Außenministerium, Princeton
Lyman, zufolge gestattet die Beilegung regionaler Konflikte drei bis sieben Millionen Flüchtlingen in den nächsten
Jahren die Rückkehr in ihre Heimatländer.
In einer vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für Auswärtige Angelegenheiten abgegebenen
Erklärung stellte Lyman am 17. März 1992 fest, die Lösung der Konflikte in Kambodscha, Angola, El Salvador
und Äthiopien "sowie die wachsenden Aussichten für eine Schlichtung in Afghanistan bieten uns die Chance",
drei Millionen Flüchtlingen in den kommenden zwei Jahren die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Diese
Zahl könnte die Siebenmillionengrenze überschreiten, "wenn der Krieg in Afghanistan wirklich vorüber ist", so
Lyman.
Die Rückführung der Flüchtlinge sei teuer und zeitaufwendig, stellte Lyman fest, "Die Aussicht, das Leid von
nahezu der Hälfte der Flüchtlinge ... weltweit zu beenden, sollte uns jedoch motivieren, uns dieser großen
humanitären Aufgabe zu stellen".
Das US-Außenministerium hat für das Haushaltsjahr 1992 550 Millionen Dollar für Migrations- und Flüchtlingshilfe beantragt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Direktor Lyman im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, heute gemeinsam mit Ihnen die bevölkerungspolitischen Realitäten
der Welt erörtern zu können und darauf einzugehen,
wie die Migrations- und Flüchtlingshilfe im Haushaltsjahr 1993 einige dieser Veränderungen in der Zeit nach
dem kalten Krieg anspricht.
Insbesondere im Hinblick auf Flüchtlinge und Vertriebene haben wir eine au ßerordentlich gemischte Szene
vor uns. Die Beilegung von Konflikten, die teilweise
durch den kalten Krieg genährt wurden - Kambodscha,
Angola, El Salvador - und der Bürgerkrieg in Äthiopien
sowie die wachsenden Aussichten für eine Schlichtung in Afghanistan bieten uns die Chance, in den
nächsten beiden Jahren drei Millionen Flüchtlingen
weltweit und bis zu sieben Millionen Menschen die
Rückführung in ihre Heimat zu ermöglichen, wenn der
Krieg in Afghanistan wirklich vorüber ist. Die Rückführung von Flüchtlingen zu ihren häufig vom Krieg zerstörten Häusern und Weiden sowie in Länder, in denen
die zwangsweise im Inland Umgesiedelten ebenfalls
Not leiden, ist teuer und zeitaufwendig. Die Aussicht,
das Leid von nahezu der Hälfte der Flüchtlinge - nach
einem Jahrzehnt, in dem diese Zahl im Steigen begriffen war - weltweit zu beenden, sollte uns jedoch
AMERIKA DIENST 12

motivieren, uns dieser großen humanitären Aufgabe
zu stellen. Ist diese Aufgabe einmal abgeschlossen,
wird auch von der internationalen Staatengemeinschaft eine schwere Last genommen, besonders den
Vereinigten Staaten, die in den vergangenen 20 Jahren Hauptgeldgeber der Flüchtlingshilfe waren.
Ein anderer Teil der Szene ist weniger ermutigend.
Neue, häufig brutale Konflikte bewirken neues Flüchtlingsleid. Allein in der Zeit zwischen der Anberaumung
dieser Anhörung und heute sind über 100.000 neue
Flüchtlinge vor den Plünderungen der burmesischen
Armee nach Bangladesch, und 150.000 somalische
Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg geflohen - sie kamen
dem Hungertod nahe und halbtot vor Erschöpfung in
Kenia an. In den vergangenen beiden Jahren hat der
Bürgerkrieg in Liberia der Gesamtzahl der Flüchtlinge
auf der Welt weitere 600.000 hinzugefügt. Die Kämpfe
in Jugoslawien haben 40.000 Menschen zur Flucht
veranlaßt, und nahezu eine halbe Million mußte zwangsweise im Inland umsiedeln. Des weiteren warten wir
auf die Berichte des IKRK über die Opfer an Menschenleben aufgrund der Auseinandersetzungen in
Nagorny-Karabach, wo über 500.000 Menschen ihre
Heimat verlassen mußten. Wir müssen dieses Leiden
nicht nur mit humanitärer Hilfe, sondern mit erneuten
Seite 1

�und verbesserten Methoden der Konfliktlösung angehen, damit nicht eine weitere Generation von Langzeitflüchtlingen hervorgebracht wird.

Wie kann diesen Menschen in einer großen
Bandbreite von Situationen Schutz und angemessene langfristige Hilfe geboten werden?

Schließlich beobachten wir größeren und komplexeren Druck auf die Asyl- und Einwanderungsverfahren
in Westeuropa und Nordamerika. Zum Teil ist dies auf
demographische Ursachen zurückzuführen, zum Teil
auf Konflikte, Unterdrückung und Armut. Bedauerlicherweise haben wir Vorfälle erlebt, bei denen dieser
Druck negative, wenn nicht gar häßliche Rückschläge
für die Flüchtlinge selbst zur Folge hatte. In einem
breiteren Kontext gesehen, stellen sie eine Herausforderung an unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit sowohl
bei Flüchtlings- als auch Migrationsbelangen dar, damit
keine neuen Mauern errichtet werden und die Lastenverteilung beibehalten wird. Mit unseren Programmen
und in einigen anderen Foren versuchen wir, diese
Probleme auch in der Ära nach dem kalten Krieg
anzusprechen.

Wie können Lösungen für die Gründe ihrer
Flucht herbeigeführt, und wie kann den Flüchtlingen die Rückkehr in ihre häufig durch Krieg
verwüstete Heimat ermöglicht werden?

Der Haushaltsantrag 1993 für Migrations-und
Flüchtlingshilfe
Die Flüchtlinge der Welt, von denen es noch immer
rund 16 Millionen gibt -13 Millionen von ihnen benötigen Hilfe - konzentrieren sich in vier Regionen: 5
Millionen Afghanen in Pakistan und Iran, nahezu 5
Millionen afrikanische Flüchtlinge, die zumeist Opfer
von Bürgerkriegen sind, 2,5 Millionen Palästinenser
und 720.000 Flüchtlinge in Asien, fast die Hälfte davon
aus Kambodscha.
Diese Zahlen - an sich schon erschreckend - geben die
Realität nicht angemessen wider. Hinter diesen Zahlen stehen vor Soldaten flüchtende Männer, Frauen
und Kinder, die den Naf nach Bangladesch überqueren. Diese Zahlen verwischen die Not der von ihren
Männern und Familien getrennten Frauen und Kinder,
die im Nordirak oder in Kenia Unterschlupf unter Plastikplanen suchen. Sie vermitteln nicht die Verzweiflung von Menschen, die häufig jahrelang von ihrer
Heimat und allen Dienstleistungen abgschnitten sind
und versuchen, Behelfsschulen für ihre Kinder aufzubauen und ihre Würde in einer Situation völliger Abhängigkeit zu bewahren.

Wie kann künftigen Flüchtlingsströmeri entgegengewirkt werden?
Der Haushaltsantrag des US-Außenministeriums für
1993 sieht 550 Millionen Dollar für Migrations-und
Flüchtlingshilfe (Migration and Refugee Assistance MRA) und 20 Millionen für den amerikanischen Notfonds für Migrations- und Flüchtlingshilfe vor.
Internationale Flüchtlingshilfe
Angaben in Millionen Dollar
Ostasien

48,6

Afrika

104

Naher Osten/Südasien

106

Israel

50

Westliche Hemisphäre

4,5

Europa

Zwischensumme

2

315,3

Annähernd 60 Prozent des MRA-Antrags - 315,3 Milliarden Dollar - werden die internationalen Hilfsbestrebungen unterstützen, um weltweit Flüchtlingen und
Opfern von Konflikten Schutz und Hilfe bieten zu
können.
Afrika
Afrika ist nach wie vor der beunruhigendste und schwierigste Kontinent, um angemessenen Schutz und Hilfe
bereitzustellen. Zusätzlich zu den Flüchtlingen mußten bis zu 10 Millionen Menschen durch Konflikte und

Flüchtlingsprogramme gehen über die Bereitstellung

konfliktverursachte Hungersnöte in ihrem eigenen Land

von Hilfe für die vor Verfolgung und Konflikt Flüchtenden hinaus - so entscheidend und wichtig dies auch
sein mag. Sie gehen über die Beschaffung von neuen
Wohnungen für diejenigen hinaus, die im Westen
angesiedelt werden müssen. Sie umfassen schwierige Entscheidungen von Regierungen, internationalen
Organisationen und Privatinstitutionen zu folgenden
Fragen:

umsiedeln. Im Sudan hat die Behinderung der internationalen Hilfsorganisationen durch den Staat und
andauernder Bürgerkrieg uns nahezu hilflos angesichts des enormen humanitären Bedarfs gemacht.
Allein im Süden haben wir Luft-, See- und Landbrükken zur Unterstützung derjenigen einzurichten versucht, die erst nach Äthiopien, dann zurück in den
Sudan geflohen sind und jetzt aus dem Süden vor
erneuten Kämpfen fliehen. Unter diesen Menschen

Wer sind die betroffenen Menschen?

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�sind 10.000 unbegleitete Minderjährige, die wie Figuren auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben
werden - nur weil sie Kinder und Opfer sind.
Die Kämpfe in Somalia haben buchstäblich Dutzende
von Versuchen vereitelt, die entsetzlichen Bedingungen dort zu beheben. Voraussichtlich werden an die
250.000 Somalier die Grenze nach Nordkenia überqueren - in eine Region ohne Schatten, Obdach oder
Wasser.
In diesem Jahr droht uns noch ein weiteres Problem.
Das südliche Afrika erlebt eine verheerende Dürre,
vielleicht die schlimmste in diesem Jahrhundert. Die
Auswirkungen sind für Millionen von Menschen enorm.
Für die Flüchtlinge verursacht dies besondere Probleme. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten
Nationen (UNHCR) und das Welternährungsprogramm
der Vereinten Nationen (WFP) haben bisher den Großteil
der Nahrungsmittel für Flüchtlinge in diesem Teil Afrikas aus Kenia, Simbabwe und Südafrika gekauft.
Keine dieser Quellen wird in diesem Jahr zur Verfügung stehen. Die Kosten der Flüchtlingshilfe werden
also zusätzlich zu dem für die Region benötigten
Nahrungsmittelbedarf und den vielen Anforderungen
in anderen Teilen der Welt ebenso wie der Nahrungsmittelbedarf der Flüchtlinge drastisch in die Höhe
schnellen.
Doch auch in Afrika gibt es Inseln der Hoffnung. Das
Ende des nahezu 30jährigen Bürgerkriegs in Äthiopien
bedeutet Hoffnung auf Repatriierung für 250.000 Eritreer im Sudan, für 50.000 Tigreer sowie die Heimkehr
und Wiedereingliederung von 300.000 Menschen aus
dem Ogaden. Örtlich bestehende Unsicherheit muß in
Äthiopien überwunden werden, und Wiedereingliederungshilfe ist dringend erforderlich, wenn diese Menschen zu einem produktiven Leben in der Heimat
zurückkehren sollen und nicht nur, um ihr Leben in
Lagern zu fristen oder zu einer Quelle ziellosen Banditentums und der Instabilität in einem verarmten Land
zu werden.
Auch in Angola und Südafrika besteht Hoffnung. Etwa
400.000 angolanische Flüchtlinge schicken sich an
heimzukehren, und über 10.000 Südafrikaner im Exil
kehren unter dem Schutz des UN-Flüchtlingskommissars nach Hause zurück. Wir müssen dafür sorgen,
daß diese Rückkehr funktioniert.
Wir mu ßten uns stark auf den Notfonds für Flüchtlingsund Migrationshilfe stützen, um auf die sich rasch
verändernden Bedingungen und größeren Bedürfnisse von Flüchtlingen und Konfliktopfern in Afrika zu
reagieren. Allein im vergangenen Jahr wurden 48,35
Millionen Dollar aus diesem Fonds aufgewendet, um
dringenden Bedarf in ganz Afrika zu decken. Weitere
10 Millionen Dollar wurden aus anderen MRA-Programmen abgezweigt, um vordringlichen und unvorhergesehenen Erfordernissen am Hörn von Afrika
gerecht zu werden.

AMERIKA DIENST 12

Afghanistan
Wie ich bereits erklärt habe, bilden die Afghanen die
größte einzelne Flüchtlingsgruppe. Wir hegen die
Hoffnung, daß mit der Vereinbarung über die Einstellung der Waffenlieferungen seit Januar diesen Jahres
und verstärkten Bemühungen der UNO um eine Aussöhnung eine rasche Lösung für diesen langen, kostspieligen Krieg gefunden werden kann. Bereits jetzt
kehren Zehntausende von Flüchtlingen mit internationaler Hilfe in befriedete Gebiete zurück. Mehrere
Hunderttausend könnten sich bei weiteren Verhandlungsfortschritten ebenso entscheiden. Vor einer politischen Lösung erwarten wir jedoch keine massive
Repatriierung. Deshalb müssen wir uns auf die Fortsetzung der Hilfe für die Afghanen im Haushaltsjahr
1993 einrichten. Wir werden versuchen, über verschiedene Projekte privater Hilfsorganisationen die
Entwicklung von Fähigkeiten zu stärken, die in Afghanistan benötigt werden.
Asien
Das dramatischste Ereignis in jüngster Zeit in Asien ist
die Vereinbarung über ein Ende des Krieges in Kambodscha. Für 330.000 Kambodschaner, die seit 12
Jahren an der thailändischen Grenze leben, bedeutet
dies endlich die Chance zur Heimkehr. Ich werde zu
den Kosten und komplexen Einzelheiten dieser Repatriierung zurückkehren. Ich freue mich jedoch berichten zu können, daß die Vorbereitungsphase des
kambodschanischen Repatriierungsprogramms des
UNHCR vollständig aus freiwilligen Beiträgen finanziert wurde, und wir haben ausreichende Mittel im
Haushalt vorgesehen, um unseren Anteil am Gesamtprogramm in den Haushaltsjahren 1992 und 1993
bereitzustellen.
Während Kambodscha in jüngster Zeit die meiste
Aufmerksamkeit zuteil wurde, gibt es in Asien noch ein
weiteres Beispiel dafür, was internationale Unterstützung und Zusammenarbeit leisten können.
Nahezu drei Jahre nach Verabschiedung des umfassenden Aktionsplans für vietnamesische und laotische
Asylsuchende hat sich dieser Plan als in vieler Hinsicht
erfolgreich erwiesen. Die Praxis des Erstasyls wurde
in allen Staaten Ostasiens aufrechterhalten, wobei
Malaysia und Singapur bedauerliche Ausnahmen
darstellen. Gleichzeitig wurde die Bearbeitung von
Ausreiseanträgen aus Vietnam im Rahmen des Programms zur ordentlichen Ausreise (Orderly Departure
Program - ODP) drastisch erweitert: im kommenden
Jahr werden etwa 100.000 Menschen im Rahmen des
ODP ausreisen, das damit eine wesentlich sicherere
Alternative zur Ausreise per Boot bietet. Die Ankünfte
von Bootsflüchtlingen gingen um 98 Prozent auf etwa
230 im Monat zurück. Überprüfungsverfahren wurden
in allen Erstantragsländern eingeführt, und all diejenigen, bei denen eine begründete Furcht vor Verfolgung
festgestellt wurde - bis jetzt etwa 16.000 - wurden neu

Seite 3

�angesiedelt. Für diejenigen, die nicht als Flüchtlinge
anerkannt wurden, wurde eines der am besten überwachten und unterstützten Rückkehrprogramme der
Welt eingeführt. Die freiwillige Rückkehr ist um 70
Prozent gestiegen und beträgt heute im Durchschnitt
1.700 Personen pro Monat. Insgesamt sind über
20.000 Bootsflüchtlinge sicher nach Vietnam zurückgekehrt. Die Beobachtung der Vietnamheimkehrer
wird von der UNHCR durchgeführt, und es hat keine
Beweise für eine politische Verfolgung gegeben. Die
Europäische Gemeinschaft hat direkte Hilfe für die
Rückkehrer und die verarmten Regionen aufgenommen, aus denen sie gekommen waren, um ihre Reintegration zu unterstützen. Es bleiben jedoch Probleme
bestehen. Wir arbeiten mit dem UNHCR zusammen,
um die Effizienz und Fairneß des nationalen Überprüfungsverfahrens zu verbessern. Die besonderen
Verfahren für unbegleitete Minderjährige funktionieren
immer noch nicht ausreichend, und viele Minderjährige
bleiben viel zu lange in den Lagern.
Der Nahe Osten
Der Nahe Osten ist eine weitere Region, in der unsere
Bemühungen sehr erfolgreich sind. Vor nahezu einem
Jahr flohen über eine Million Kurden und andere
Menschen vor Saddam Husseins Regime und suchten
Zuflucht in Nachbarländern. Unter dem Schutz der
Operation Provide Comfort wendeten die Vereinigten
Staaten und andere Länder in einer gemeinsamen
Aktion und durch das System der Vereinten Nationen
eine menschliche Tragödie größten Ausmaßes ab,
indem sie diesen neuen Flüchtlingen unmittelbar Hilfe
leisteten. Seit vergangenem Mai/Juni sind über 90
Prozent in ihre Heimat im Nordirak zurückgekehrt.
Diese Repatriierung wurde nur dadurch ermöglicht,
daß die Sicherheit gewährleistet und entscheidende
Beiträge in Form von Nahrungsmitteln und Unterkünften im Irak bereitgestellt wurden. Obwohl es noch
Flüchtlinge gibt, wurde durch sofortige Maßnahmen
verhindert, daß eine auf Dauer bestehende, große
Zahl von Flüchtlingen entstand, die in Lagern in der
Türkei und im Iran leben und auf längere Sicht internationale Unterstützung erfordern würden. Dieser Ausschuß war ausschlaggebend daran beteiligt, daß die
Notwendigkeit einer anhaltenden amerikanischen

und 712 des UN-Sicherheitsrats zu befolgen, nach
denen humanitäre Hilfe durch irakische ölverkäufe
finanziert würde, seine Blockade gegen den Norden
und seine Zermürbungstaktik im Süden enthüllen
Saddams Grausamkeit gegen sein eigenes Volk und
stellen der Außenwelt eine anhaltende humanitäre
Aufgabe...
Das Aufnahmeprogramm
Die Haushaltsvorlage des Außenministeriums für
Migrations- und Flüchtlingshilfe beinhaltet 207,95 Millionen Dollar für die Aufnahme von Flüchtlingen im
Haushaltsjahr 1993. Diese Mittel beruhen auf Schätzungen für die Unterstützung der Aufnahme und ersten Unterbringung von etwa 122.000 Flüchtlingen aus
allen Teilen der Welt. Obwohl eine bestimmte Zahl
angesetzt wurde, um den Haushaltsbedarf zu kalkulieren, wird die Zahl der Aufnahmen und deren regionale
Zusammensetzung vom Präsidenten nach dem jährlichen Konsultationsprozeß mit dem Kongreß festgelegt. Dieser Prozeß wird im Juni beginnen.
Dieses Jahr hat der Präsident die Aufnahme von bis zu
142.000 Flüchtlingen in diesem Land genehmigt.
Innerhalb dieser Gesamtzahl sind 10.000 Plätze nur
für privatwirtschaftliche Finanzierung vorgesehen. Die
Obergrenzen für das aus Bundesmitteln finanzierte
Programm gestalten sich folgendermaßen:
Region

Obergrenze 1992

Ostasien
Osteuropa
GUS

52.000
3.000
61.000

Nahost/Südasien

6.000

Lateinamerika/Karibik

3.000

Afrika

6.000

Freie Reserve

1.000

Gesamtzahl

132.000

Führungsrolle erkannt wurde, und er hat die von der

Regierung beantragten zusätzlichen Mittel bewilligt.
Bis heute wurden 75 Millionen Dollar für Migrationsund Flüchtlingshilfe bewilligt, von denen 57,65 Millionen Dollar eingesetzt wurden, um Flüchtlingen und
Vertriebenen im Irak und den angrenzenden Ländern
zu helfen.
Leider wissen wir auch, daß die Repatriierung die
Notlage der Kurden und anderer nicht beendet hat, die
von Saddam Husseins willkürlicher Unterdrückung
seines eigenen Volkes betroffen sind. Die Vereinigten
Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
liefern weiterhin wichtige humanitäre Hilfe in den Nordirak. Die Weigerung des Irak, die Resolutionen 706
Seite 4

Die Aufnahmen aus den Erstasylländern in Ostasien
sind weiterhin ein unerläßliches Element des umfassenden Aktionsplans (CPA). Die in der Region beim
Beginn des CPA im Jahr 1989 vorhandenen Vietnamesen sind inzwischen fast vollständig aufgenommen
worden. Mit einer effektiven Überprüfung vor Ort und
der sinkenden Zahl vietnamesischer Bootsflüchtlinge
nimmt dieses Element unseres Programms an Bedeutung ab. Angesichts der Unberechenbarkeit der
möglichen Aufnahmeerfordemisse für laotische Flüchtlinge und der raschen Erweiterung des ODP-Programms aus Vietnam werden die Gesamtaufnahmen
aus Ostasien im Haushaltsjahr 1993 auf dem heutigen
Niveau verharren. Wir erwarten, daß die Ausreisen

AMERIKA DIENST 12

�von Amerasiern aus Vietnam im Haushaltsjahr 1993
zurückgehen werden. Obwohl seit Vereinbarung des
Programms für Insassen von Umerziehungslagern
zwischen Vietnam und den Vereinigten Staaten im
Jahr 1989 etwa 40.000 ehemalige Häftlinge und deren
Familienangehörige in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, erwarten wir, daß die Überprüfungsgespräche mit in Frage kommenden ehemaligen Häftlingen mindestens bis ins Haushaltsjahr 1994 andauern
werden.
Unser anderes großes Auf nahmeprogramm besteht in
der ehemaligen Sowjetunion. Die Auflösung der
Sowjetunion hat vielen Gebieten größere Freiheit
gebracht, und die Zahl der Neuanträge von Bürgern
der ehemaligen Sowjetunion hat sich erheblich verringert. Trotzdem besteht noch ein erheblicher Rückstau
an zu bearbeitenden Anträgen von Personen, die den
amerikanischen Gesetzen zufolge in Frage kommen
und für die das Gespenst insbesondere der religiösen
Verfolgung weiterbesteht. Wir werden weiterhin Personen anhören, die unsere Zulassungskriterien erfüllen und erwarten, daß das Aufnahmeprogramm für
sowjetische Flüchtlinge etwa im gegenwärtigen Umfang von 50.000 im Haushaltsjahr 1993 fortgesetzt
wird.
Im Haushaltsjahr 1991 riefen die Vereinigten Staaten
ein begrenztes Umsiedlungsprogramm für die im
Chemiewaffenkrieg 1988 aus dem Irak vertriebenen
Kurden ins Leben. In diesem Jahr haben wir damit
begonnen, irakischen Flüchtlingen vor dem Golfkrieg
von 1990-91 aus der Türkei und Saudi-Arabien herauszuhelfen. Dies wird ein multilaterales Projekt sein.
Im letzten Monat haben die Vereinigten Staaten ein
nationales Umsiedlungsprogramm in Haiti aufgenommen. Dieses Programm wendet sich an Bürger, die
aufgrund ihrer politischen Meinung eine Verfolgung
fürchten. Davon werden beispielsweise Haitianer erfaßt, die Angst vor Verfolgung haben, weil sie führende
Positionen in politischen oder religiösen Organisationen auf nationaler oder lokaler Ebene innehatten oder
innehaben, exponierte Stellungen in der Regierung
Aristide bekleidet haben oder in Bereichen Berühmtheit erlangt haben, auf die jetzt Druck ausgeübt wird...
Probleme zwischen Ost und West
Die politischen Asylverfahren in Europa (und Nordamerika) wurden im Zeitalter des kalten Kriegs auf der
Grundlage der UN-Konvention von 1951 über den
Status von Flüchtlingen geschaffen. Als Osteuropa
und die Sowjetunion sich unter kommunistischer
Kontrolle befanden, wurden die vor solchen Regimen
fliehenden Menschen als Flüchtlinge behandelt und
erhielten vom Westen großzügige Möglichkeiten für
eine permanente Umsiedlung. Mit dem Entstehen
demokratischer Regierungen und der Beseitigung von
Reisebeschränkungen haben die Bewegungen von

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Ost nach West neue Gestalt angenommen, und europäische Regierungen konzentrieren sich zunehmend
auf die Frage der Umsiedlung aus wirtschaftlichen
denn aus politischen Gründen.
1989, im Jahr der Revolutionen in Osteuropa, haben
1,2 Millionen Menschen - nach einem Leben der Gefangenschaft hinter bewaffneten Grenzen - den Warschauer Pakt verlassen, um sich dauerhaft im Westen
anzusiedeln. Im folgenden Jahr reisten etwa neun
Millionen Sowjetbürger ins Ausland, von denen 450.000
im Rahmen bereits bestehender Verfahren ausreisten.
In ganz Europa begann sich angesichts der Aussicht
auf eine massive Flüchtlingswelle eine gewisse Panik
auszubreiten.
Ein entscheidender Faktor der europäischen Sorge
über Ost-West-Flüchtlinge waren jedoch die Asylsuchenden. In den vergangenen zehn Jahren und insbesondere in den letzten fünf Jahren ist die Zahl der
Asylsuchenden in Westeuropa jährlich gestiegen.
Während 1983 in Europa etwa 75.000 Asylanträge
gezählt wurden, betrug die Zahl 1991 fast600.000. Die
europäischen Länder versuchen zu analysieren, wie
dieses Phänomen zu beschränken ist. Die EG arbeitet
an der Vereinheitlichung ihrer Asylpraktiken und entsprechenden Verpflichtungen, damit 1993 eine ungehinderte Ein- und Ausreise innerhalb der EG gewährleistet werden kann. Eine Begleiterscheinung dessen
ist der Versuch verschärfter Grenzkontrollen und Wege,
Flüchtlinge nach Hause oder in andere sichere Länder
zu schicken.
Nord-Süd-Probleme
Für viele europäische Regierungen ist langfristig nicht
die Flüchtlingswelle aus dem Osten das Problem,
sondern vielmehr der rasante Anstieg der Asylsuchenden aus den Entwicklungsländern. Mit diesen Menschen sind in vielen Fällen ernsthafte neue soziale
Probleme aufgetreten, und oftmals können sie aus
Sicherheitsgründen nicht in ihre Heimat zurückgeschickt werden. Aufgrund des geschätzten Bevölkerungswachstums in Afrika, Südasien und Lateinamerika sind die Probleme der Flüchtlinge aus dem Süden
schwieriger zu lösen als die der Flüchtlinge aus dem
Osten. Afrikas Bevölkerung wird erwartungsgemäß
von 642 Millionen im Jahr 1990 auf etwa 1,6 Milliarden
im Jahr 2025 steigen. Zur gleichen Zeit wird die
Bevölkerung Südasiens 2 Milliarden übersteigen, und
in Lateinamerika werden 750 Millionen Menschen leben.
Der tendenzielle Flüchtlingsstrom von Süden nach
Norden ist nicht nur das Ergebnis bevölkerungspolitischen Drucks, sondern besserer Möglichkeiten und in
manchen Fällen auch politischer und kultureller Bindungen. In manchen Fällen ist er für die langfristige
Stabilisierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen
Norden und Süden nützlich. Ein Beispiel dafür sind
von den Gastarbeitern nach Hause geschickte Geldsendungen, mit denen Häuser, Geschäfte und Ver-

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�besserungen auf Bauernhöfen sowie Verbrauchsgüter
finanziert werden. In diesen Fällen haben die Geldsendüngen der Arbeiter als Quelle des Kapitaltransfers
denselben Stellenwert wie Auslandshilfe.
Kurzfristigere Spannungen bei den Asyl- und/oder
Einreiseverfahren in Europa und Nordamerika ergeben sich unter Umständen eher durch Instabilität und
Unruhen als durch Anmut und Bevölkerungswachs-

tum. Aufschlußreich ist die Tatsache, daß der Druck
der Asylsuchenden aus Somalia und Sri Lanka zur Zeit
am höchsten ist. Das erstere ist eines der ärmsten
Länder in der dritten Welt, letzteres gilt als eines der
besser entwickelten, dennoch befinden sich beide
m i t t e n j n e i n e m Bürgerkrieg. Daraus folgt, daß man
Konfliktlösungen als Wege zur Lösung der Nord-SüdP r o b | e m e ebenso hoch einschätzen muß wie Entwick| u n g u n c j Handel.

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�WAHLEN

'92
25. März 1992

TSONGAS SETZT WAHLKAMPF AUS
Die Ergebnisse der Vorwahlen von Illinois und Michigan
Tsongas stellt Kampf um die Nominierung ein
Der ehemalige Senator von Massachusetts, Paul
Tsongas, der vor nahezu einem Jahr als erster Demokrat seine Bewerbung für das Präsidentenamt bekanntgegeben hatte, stellte seine Bemühungen am
19. März ein. Dabei erklärte er, seine wirtschaftspolitische Botschaft habe beim amerikanischen Volk Anklang
gefunden, aber er sei tief verschuldet und besitze nicht
die Mittel, um den Wahlkampf fortzusetzen.
Indem er seinen Rückzug aus dem Wahlkampf als
Aussetzung bezeichnete, behielt Tsongas weiterhin
Anspruch auf Bundeszuschüsse zur Begleichung seiner Wahlkampfschulden von nahezu 1 Million Dollar.
Darüber hinaus sind weiterhin mehrere hundert Delegierte an ihn gebunden, die er in den bisherigen
Vorwahlen und Wahlversammlungen für den Nominierungsparteitag gewonnen hat. "Wir haben Delegierte,
die am Parteitag teilnehmen wollen", erklärte Tsongas.
Er gewann fünf Vorwahlen und zwei Parteiversammlungen, bevor der Favorit im Rennen um die Nominierung, der Gouverneur von Arkansas Bill Clinton, mit
den Siegen im Süden und Mittelwesten diesen Monat
einen uneinholbaren Vorsprung errang.
Tsongas gratulierte Clinton und dem ehemaligen
Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, die als einzige demokratische Bewerber im Rennen blieben.
Dabei erklärte er, er freue sich auf einen demokratischen Wahlsieg im November, weigerte sich jedoch,
einen seiner ehemaligen Rivalen zu unterstützen.
Er gab an, er fühle sich "äußerst bestätigt. Die Verpflichtung, die mir mein Überleben (von einer Krebserkrankung) auferlegt hat, wurde erfüllt. Ich glaube, daß
die Kraft unserer Botschaft und unser schieres Überleben Menschen im ganzen Land dazu veranlaßt,
einen neuen Weg zu sehen."
Der sich als "ökonomischer Paul Revere (der im Revolutionskrieg zu den Kolonisten geritten war, um diese
vor anrückenden britischen Truppen zu warnen)"
bezeichnende Tsongas forderte in seinem Wirtschaftsprogramm die Senkung der Kapitalertragssteuer, mehr
Anreize für die Wirtschaft und andere Maßnahmen,

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um die Produktionsbasis neu anzukurbeln - Vorschläge, die allgemein als eher republikanisch und weniger
demokratisch betrachtet wurden.
Der letzte Stand der Delegiertenstimmen
Die folgende inoffizielle Aufstellung zeigt die Anzahl
von Delegierten, die jeder Präsidentschaftskandidat
bisher für sich gewinnen konnte. Dazu gehören auch
die Ergebnisse der Vorwahlen in Illinois und Michigan
am 17. März.
Demokraten (Zur Nominierung erforderlich: 2.145)
Clinton

944,25

Tsongas

432,25

Nichtgebunden

421,75

Brown

120,25

Republikaner (Zur Nominierung erforderlich: 1.105)
Bush
Buchanan
Nichtgebunden

711
46
6

Die Ergebnisse der Vorwahlen vom 17. März
Die folgende Liste gibt den prozentualen Anteil der von
jedem Kandidaten bei den Vorwahlen am 17. März
erhaltenen Wählerstimmen wieder.
Demokraten

Stimmenanteil (%)

Illinois
Brown

15

Clinton

51

Tsongas

26

Nichtgebunden

5

Sonstige

3

Seite 1

�Michigan

Michigan

Brown

26

Buchanan

25

Clinton

51

Bush

67

Tsongas

17

Duke

3

Nichtgebunden

5

Nichtgebunden

5

Sonstige

1

Republikaner

Stimmenanteil (%)

Illinois
Buchanan

22

Bush

76

Nichtgebunden

2
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�WAHLEN

'9 2
25. März 1992

WIE AMERIKA EINEN PRÄSIDENTEN WÄHLT
von Lester David und Irene David
WASHINGTON - (AD) - Im nachfolgenden Artikel beschreiben die Autoren das Verfahren der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten von der Bekanntgabe der Bewerber über die Vorwahlen und Parteiversammlungen, Parteikongresse und den darauffolgenden Wahlkampf bis zum Wahltag und der Zusammenkunft der
Wahlmänner.
Lester David und Irene David sind freiberufliche Journalisten mit Sitz in New York. Sie haben sechs Bücher und
Dutzende von Zeitschriftenartikeln geschrieben.
Am 3. November 1992 werden Millionen amerikanischer Bürger zu den Wahlurnen im ganzen Land
gehen, um den nächsten Präsidenten der Vereinigten
Staaten zu wählen.
Das Datum des Wahltages - immer der erste Dienstag
nach dem ersten Montag im November - wurde vom
amerikanischen Kongreß im Jahr 1845 festgelegt.
Obwohl jedes Jahr Wahlen abgehalten werden - für
Gouverneure, Parlamentarier sowie politisch Verantwortliche auf Bundesstaaten-, Bezirks- und Gemeindeebene - ist die Wahl des Präsidenten bei weitem
einer der wichtigsten Prozesse der repräsentativen
Regierung der Vereinigten Staaten. Denn die Amerikaner sind sich voll und ganz der Tatsache bewußt,
daß sie selbst die Wahl für den obersten Mann im
Staate treffen, wenn sie die in Schulen, Kirchen, Gewerkschaftsgebäuden und sogar Scheunen in ländlichen Gebieten aufgestellten Wahlkabinen betreten,
und nicht für einen ihnen aufgezwungenen Kandidaten.
Die Wahl eines neuen Präsidenten bildet den Höhepunkt eines mörderischen Wahlkampfs - vielleicht des
längsten und zermürbendsten in der demokratischen
Welt - um die Wahl eines Staatschefs.
Die Bewerber streben die Nominierung durcii die beiden führenden Parteien - die Republikanische und
Demokratische Partei - an und leiten ihre Kampagne
häufig bereits zwei Jahre vor dem Wahltag in die
Wege. Sie beginnen ihr Unterfangen, indem sie landesweit in möglichst vielen Staaten Organisationen
gründen. Diese mit einigen bezahlten Fachkräften, im
übrigen jedoch zumeist mit Freiwilligen besetzten
Organisationen gehen mit Verve an die Arbeit, um den
Namen und die Ansichten ihres Kandidaten publik zu
machen und so viel Geld wie möglich aufzubringen.
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DerWahlkampf istteuer: Fernseh- und Rundfunksendezeiten müssen zu immer weiter in die Höhe schnellenden Preisen gekauft, Broschüren gedruckt und
verschickt, Räume gemietet, Reisekosten bezahlt,
Fähnchen, Buttons, Flaggen und andere Gegenstände bestellt werden.
Die Wahlen 1992 verlaufen erwartungsgemäß.
Im Mai 1991-18 Monate bevor die Wahllokale geöffnet
werden sollen - gab der ehemalige Senator Paul
Tsongas aus Massachusetts seine Kandidatur für die
demokratische Nominierung bekannt. Bis zum Oktober 1991, immer noch 13 Monate vor dem Wahltag,
hatten weitere sechs Demokraten ihre Bewerbung
angekündigt und wie Tsongas ihre Organisationen ins
Leben gerufen.
Wie wählen die Amerikaner die endgültigen Kandidaten aus der Liste derjenigen, die sich zur Wahl stellen?
Früher kamen die Parteimitglieder im Senat und im
Repräsentantenhaus - den legislativen Körperschaften des Landes, die den Kongreß bilden - hinter
verschlossenen Türen zusammen, um die Auswahl zu
treffen. Da dieses System jedoch nach elitärem Denken
roch, wurde die Methode der nationalen Parteiversammlungen geschaffen.
Die erste dieser landesweiten Versammlungen einer
politschen Partei wurde 1831 abgehalten, und binnen
weniger Jahre folgten weitere. Parteikongresse lautstarke, farbenprächtige, alle vier Jahre stattfindende Zusammenkünfte - sind jetzt eine feste amerikanische Einrichtung. Delegierte kommen von überall her
in der Stadt zusammen, in der die Parteiversammlung
anberaumt wird, um über ihren Bannerträger zu entscheiden.

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�Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren mächtige
Politiker vor allem für die Wahl eines Kandidaten durch
Parteiversammlungen verantwortlich. Die Entscheidungen wurden in den berüchtigten "Hinterzimmern"
getroffen - Zimmer, in denen zigarren- und pfeifenrauchende Parteibosse die Schlüsselfaktoren der endgültigen Entscheidung waren. Die Delegierten, die von
den Parteivorsitzenden gewählt wurden, stimmten
schlicht und einfach so, wie es ihnen vorgeschrieben
wurde.
Politische Reformbewegungen waren entscheidend
für die weitgehende Aushöhlung der Macht der Parteibosse und gestalteten den Prozeß der Auswahl eines
Kandidaten damit demokratischer. 1906 wurde Wisconsin der erste Staat, der ein Gesetz verabschiedete,
demzufolge die Delegierten der nationalen Parteikongresse per Volksabstimmung in einer besonderen Art
von Wahl - der sogenannten "Vorwahl" - gewählt
wurden.
Andere Staaten verabschiedeten bald ähnliche Gesetze, und so führt heute der Weg der Nominierung
über eine Reihe dieser Vorwahlen, die im Schnee und
Matsch des Februars beginnen und erst kurz vor dem
Termin des Parteikongresses in der Hitze des Hochsommers enden. Bei diesen im gesamten Bundesstaat stattfindenden Versammlungen stimmen Parteimitglieder für den Kandidaten ihrer Wahl. Das den
Vorwahlen und den Parteiversammlungen zugrundeliegende Prinzip ist das gleiche - demokratische Wahl
der Personen auf der Liste durch das Volk.
Die Kandidaten sondieren bereits kurz nach Neujahr
das Terrain bei Parteiversammlungen und Vorwahlen,
geben enorme Summen aus und unternehmen beachtliche Anstrengungen, um so viele Delegierte wie
möglich für ihr Lager zu gewinnen. Es ist eine mühselige Aufgabe: Sie durchkreuzen das Land Tag für Tag
und Woche für Woche und besuchen häufig drei oder
mehr Städte an einem einzigen Tag. Sie stehen im
Morgengrauen bei jedem Wetter vor Fabriktoren und
begrüßen die Arbeiter: ("Hallo, ich bin John Doe, ich
bewerbe mich um die Nominierung der
Partei. Ich
hoffe, Du hilfst mir dabei.") Sie gehen in Einkaufszentren und auf Bahnhöfe, in Versammlungshallen, Schulaulen und überall dorthin, wo sie ihren Beratern zufolge Wähler überzeugen können. Sie arbeiten 16 oder
mehr Stunden am Tag, essen im Stehen, schlafen,
wann immer sie können. Die Aufgabe ist so ermüdend,
daß 1968 selbst Robert F. Kennedy, der die demokratische Nominierung anstrebte, trotz körperlicher Höchstform auf der Hälfte der Strecke vor Erschöpfung zusammenbrach. (Kennedy wurde am 4. Juni erschossen, nachdem er die Vorwahlen in Kalifornien gewonnen hatte).
Das System der Auswahl der Delegierten ist verwirrend, weil die Bundesstaaten kein einheitliches Verfahren haben. Einige veranstalten Vorwahlen, bei

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denen eingetragene Wähler einer beliebigen Partei für
jeden Kandidaten stimmen können - selbst Delegierte,
die keinen bestimmten Bewerber unterstützen. Andere Bundesstaaten haben geschlossene Vorwahlen Wahlen, bei denen nur Wähler, die sich zuvor für eine
Partei eingeschrieben haben, das Recht zur Stimmabgabe besitzen.
Darüber hinaus werden bei einigen Vorwahlen proportionale Systeme verwendet, andere wenden jedoch
ein dem Wahlsieger die Hauptmasse der Sitze zuerkennendes Wahlsystem ("winner-take-all") an. Beim
ersteren werden die Delegierten entsprechend der
Anzahl der Stimmen gewählt, die jeder Kandidat gewinnt,
während beim letzteren alle Delegierten des Bundesstaats demjenigen zugeschlagen werden, der die
Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Einige Bundesstaaten halten sogenannte "Schönheitswettbewerbe" als Vorwahlen ab. Diese binden die Delegierten
nicht, unabhängig davon, wie gut der Kandidat abschneidet, sie registrieren jedoch den Willen des Wählers,
der bei den allgemeinen Wahlen in diesem Bundesstaat zum Tragen kommt.
Im weiteren Verlauf dieser Vorwahlen und Parteiversammlungen behalten die Kandidaten und ihre Anhänger zwei entscheidende Daten im Auge, an denen sich
die Zukunft abzeichnet.
Das eine Datum ist die Wahlversammlung in Iowa
Anfang Februar. Sie ist insofern auschlaggebend, weil
er die erste Machtprobe eines Kandidaten in einem
Bundesstaat ist. In diesem Jahr war sie für den 10.
Februar anberaumt. Der zweite wichtige Wegweiser
ist die acht Tage später stattfindende erste Vorwahl in
einem Bundesstaat - immer in New Hampshire - dem
an der Grenze zu Kanada gelegenen "Granitstaat" im
Nordosten der Vereinigten Staaten.
Kandidaten, die hier schlecht abschneiden, überlegen
sich jetzt die Fortsetzung ihres Vorhabens noch einmal, und viele scheiden aus. Im Jahr 1968 zum
Beispiel demütigte Senator Eugene McCarthy aus
Minnesota überraschend Präsident Lyndon Johnson,
indem er einen großen Stimmenanteil errang. Ende
März verkündete Johnson dann, er werde sich nicht
um die Wiederwahl bewerben. Sein schwaches Abschneiden im Schnee von New Hampshire war politischen Experten zufolge ein wichtiger Faktor für seinen
Entschluß.
Die harten Monate des Wahlkampfs in Vorwahlen und
Parteiversammlungen finden ihren Höhepunkt in den
großen Shows - den politischen Konventen. Die
Republikaner werden ihren Parteitag vom 17. - 20.
August in Houston (Texas), der Wahlheimat Präsident
Bushs und seiner Frau abhalten, während die Demokraten vom 13.-17. Juli in New York zusammentreten
werden.

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�Diese Versammlungen gehören sicherlich zu den farbigsten, um nicht zu sagen lautesten und schrillsten
Ereignissen, die in den Vereinigten Staaten stattfinden. Säle und Arenen, in denen sie veranstaltet
werden, gehen unter im Rot, Weiß und Blau amerikanischer Flaggen, Fahnen und Ballons. Die Delegierten
tragen Armbinden und Hüte mit den Namen ihrer Favoriten. Die großen Fernsehsender übertragen live in
alle Welt. Nachrichtenagenturen und -magazine schicken ihre besten Journalisten, um ausführlich über den
Verlauf zu berichten. Aus diesem Grund haben alle
Amerikaner die Möglichkeit, ihre Demokratie bei einer
ihrer wichtigsten Aufgaben zu erleben - der Auswahl
ihrer ersten Politiker.
Die Konvente beginnen stets mit einer vom besten
Redner der Partei gehaltenen programmatischen Rede,
die bei den Delegierten Begeisterung für den folgenden langen Wahlkampf wecken soll. Nachdem das
Überprüfungskomitee die in den Vorwahlen und Parteiversammlungen gewählten Delegierten bestätigt und
ihnen Sitze zuweist, beginnt die eigentliche Arbeit.
Nach Wahl eines Vorsitzenden für die Dauer des
Konvents beginnt die Aussprache über die Plattform,
in der die Haltung der Partei zu innen- und außenpolitischen Themen zum Ausdruck kommt. Viele der
darin enthaltenen Leitlinien wurden bereits vorher
erarbeitet, aber häufig kommt es zu hitzigen Wortgefechten über einzelne Punkte oder Grundsätze, wenn
solch umstrittene Themen wie Bürgerrechte, Verteidigung und Wirtschaft zur Debatte stehen.
Der Beobachter kann die Richtung eines Konvents
ersehen, wenn er das schließlich verabschiedete
Programm studiert. Wenn die von einem bestimmten
Kandidaten unterstützten Themen vorherrschen , so
bestehen gute Chancen, daß er die Mehrzahl der
Delegierten kontrolliert.
Die Nominierung der Kandidaten für die Ämter des
Präsidenten und Vizepräsidenten findet immer am
dritten Tag statt. Nachdem der Name jedes Kandidaten zur Nominierung aufgerufen wurde, spielen nach
einem sorgfältig einstudierten Ritual Kapellen auf,
Delegierte brüllen, und Demonstrationsmärsche finden in der Arena statt. In früheren Jahren dauerten
diese Kundgebungen eine Stunde oder länger, aber
heute werden sie von den Parteien auf 15 Minuten
begrenzt.
Nach der Abstimmung und Nominierung des Kandidaten schweben von der Decke des Saales Tausende
von Ballons hinunter, und die Arena wird zum Tollhaus.
Führt schon die Nominierung des Kandidaten zu
Ovationen, so ist alles außer Rand und Band, wenn er
schließlich die Bühne betritt. Nur, indem er unaufhörlich mit seinem Hammer aufs Pult schlägt, kann der
Vorsitzende die Delegierten soweit beruhigen, daß sie
die Annahmerede hören können. Der Parteitag endet

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damit, daß der nominierte Kandidat, sein Vizepräsidentschaftskandidat und deren Frauen lachend und
winkend auf der Bühne stehen. Nun kann der eigentliche Wahlkampf beginnen.
Erneut reisen die Kandidaten durch das ganze Land
und erläutern dabei den Standpunkt ihrer Partei zu
wichtigen Themen. Sie konzentrieren sich dabei auf
die Staaten, die nach Meinung ihrer strategischen
Berater umkämpft sind, und sie verwenden weniger
kostbare Zeit und Geld auf diejenigen, in denen sie
warscheinlich nicht gewinnen können sowie die, in
denen ihnen der Sieg sicher scheint.
Bisweilen durchbrechen idealistische Kandidaten diese harten Spielregeln und treiben damit ihre Unterstützer fast zum Wahnsinn. So sprach Adlai Stevenson im
Wahlkampf gegen Präsident Dwight D. Eisenhowerim
Jahr 1956 einmal über eine Stunde lang angeregt mit
einer Handvoll Eisenbahnern. Er ignorierte Einwände,
er verschwende wertvolle Wahlkampfzeit.
In dem mit Haken und Ösen geführten Kampf der
amerikanischen Politik hatten auch Wahlkämpfe zeit
ihres Bestehens ihren Anteil an Verleumdungen, Verunglimpfungen und Beleidigungen. Der ehemalige
Direktor des Komitees für faire Wahlkampfpraktiken
(Fair Campaign Practices Committee), Bruce L. Felknor, verweist darauf, daß noch nicht einmal der Held
der Amerikanischen Revolution und erste Präsident
der Vereinigten Staaten, George Washington, gegen
Schlammschlachten immun war. Seine Gegner beschuldigten ihn, er strebe nach Errichtung einer Monarchie, eine ziemlich dumme Behauptung, da Washington noch nicht einmal Präsident werden wollte.
Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte US-Präsident, Thomas Jefferson, wurde als "Mad
Tom", als Trinker und Feigling beschimpft. Abraham
Lincoln nannte man einen Affen, Ignoranten, Hanswurst, Dämon, Unhold, Mörder und Irren.
Die amerikanischen Medien, womit sämtliche gedruckten und elektronischen Mittel bezeichnet werden, über
die Informationen, Bildung und Unterhaltung vermittelt
wird, sind ein potenter jedoch nicht unbedingt entscheidender Faktor für das Ergebnis einer Präsidentschaftswahl.
Betrachten wir jeden Bereich für sich:
Die Presse: Sie beeinf lu ßt Wähler, indem sie Themen
gründlich und detailliert definiert und erklärt und bei
jedem die guten und schlechten Seiten erläutert. Nicht
weniger als Zehntausende von Tages- und Wochenzeitungen sowie Hunderte von wöchentlich und monatlich erscheinenden Magazinen und Illustrierten geben
der Wahlkampfberichterstattung breiten Raum.
Wichtige Tageszeitungen können Wähler durch ihre
Leitartikel, die von erfahrenen und angesehenen Journalisten verfaßten Kolumnen sowie die in ihrem Nach-

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�richtenteil abgedruckten Fakten beeinflussen. Dazu
gehören die New York Times, die Los Angeles
Times, die Washington Post, der Boston Globe und
die Constitution aus Atlanta (Georgia). Ihre Unterstützung, die für gewöhnlich am Vorabend der Wahl
bekanntgegeben wird, wird von beiden Parteien heiß
ersehnt.
Ebenso einflußreich sind die Nachrichtenmagazine,
etwa Time, Newsweek und U.S. News and World
Report. Auch Nachrichtenagenturen wie Associated
Press (AP) spielen eine entscheidende Rolle. Häufig
wird ein Kandidat mit seiner Pressekonferenz erst
beginnen, wenn er weiß, daß ein Vertreter von AP
anwesend ist, denn er kann sicher sein, daß der
Bericht des Reporters an unzählige Zeitungen geht,
die keine eigenen Korrespondenten dort haben.
Fernsehen: Das bei weitem wichtigste Medium, das
Jahr für Jahr mehr Zuschauer erreicht, ist der Fernseher zu Hause, einschließlich der Kabelsender.
Die Macht des Femsehens im Wahlkampf wurde zum
ersten Mal 1960 erkannt, als der junge, gut aussehende John F. Kennedy Richard M. Nixon in einem Kopfan-Kopf-Rennen besiegte. "Das Fernsehen liebte
Kennedy", schrieb der bekannte amerikanische Journalist David Halberstam. "Er und die Kamera waren für
einander geschaffen: er war der erste gro ße politische
Superstar." Halberstam stellte rundweg fest: "Ohne
das Fernsehen wäre er nie und nimmer zum Präsidenten gewählt worden." Theodore Sorensen, ein enger
Mitarbeiter und Redenschreiber Kennedys, stimmt
dem zu: "Ohne Fernsehen wäre John F. Kennedy nie
gewählt worden."
1984 gab der demokratische Kandidat Walter Mondale
zu, gegen den Republikaner Ronald Reagan verloren
zu haben, "weil ich mich nie mit dem Fernsehen
anfreunden konnte und das Fernsehen sich nie mit
mir". Reagan hingegen zog auf dem heimischen
Bildschirm alle Register, vermittelte totale Aufrichtigkeit und machte klugen Gebrauch von "klangvollen
Worten", kurzen, markanten Sätzen und Gags.
Die beiden wichtigsten Parteien heuern hochbezahlte
Experten an, die den Kandidaten vermitteln sollen, wie
man das Fernsehen am besten einsetzt. Diese Berater drillen die Matadoren in verschiedenen Techniken,
bringen ihnen bei, wie man Augenkontakt herstellt,
sich persönlich darstellt und seine Stimme kontrolliert.
Das Medium ist so mächtig, daß ein einziger Fehler die
Chancen eines Kandidaten zunichte machen kann.
1972 brach der Bewerber für die Nominierung der
Demokraten, Senator Edmund Muskie aus Maine,
weinend zusammen, als er auf den gegen ihn gerichteten Vorwurf des Rassismus und Verleumdungen
gegen seine Frau antwortete. Er wurde darauf weithin
wegen seines emotionalen Ausbruchs kritisiert, galt
als schwach und für das Präsidentenamt nicht geeignet, woraufhin er das Rennen aufgab.
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Die Parteien vergeben viel Geld an Werbeagenturen,
die ihnen Werbesendungen erarbeiten - kurze Spots,
die die Botschaften ihrer Kandidaten überzeugender
vermitteln. Diese werden von der Opposition als unfair
eingestuft, und unweigerlich bricht ein Krieg der Worte
aus, wenn jede Partei die andere der "Schläge unter
die Gürtellinie" bezichtigt. In den letzten Jahren war
kein Wahlkampf frei von diesen Spitzen. Die meisten
Amerikaner nehmen dies leicht und akzeptieren es als
Teil des politischen Spiels.
Die meisten Analysten sind überzeugt, daß die Macht
der Medien groß, aber bei einer Wahl nicht immer
entscheidend ist. Die Printmedien unterstützen beispielsweise oft liberale oder moderate Ideologien, die
Wähler entscheiden sich hingegen für konservative
Kandidaten. Oft werden die Bombardements der
Medien auch durch nationale Gegebenheiten wie eine
marode Wirtschaft oder einen unpopulären Krieg
kompensiert.
Bei den Wahlen 1992 werden die Meinungsforschungsinstitute noch aktiver sein als sonst, um die Ergebnisse
vorherzusagen. Umfragen sind nichts Neues. Bereits
1828 veranstaltete eine Zeitung aus Harrisburg in
Pennsylvania eine Leserumfrage im Nachbarstaat
Delaware und kam zu der korrekten Vorhersage, Andrew
Jackson würde John Quincy Adams besiegen.
In der Folgezeit waren einige Umfragen präzise, andere versagten jämmerlich bei der Vorhersage von Ergebnissen. Die katastrophalste wurde von einer
Publikation namens Literary Digest durchgeführt, die
1936 verkündete, der republikanische Gouverneur von
Kansas, Alfred M. Landon, würde Franklin D. Rocsevelt besiegen. Roosevelt gewann mit überwältigender
Mehrheit. Die Zeitschrift, die bald darauf in Konkurs
ging, hatte 10 Millionen Stimmzettel an Wähler verschickt, die einmal nach dem Telephonbuch ausgewählt worden waren und zum anderen danach, ob sie
Autobesitzer waren. Der Fehler bestand darin, daß
Roosevelts Anhänger ärmere Menschen waren, die
kein Telephon oder Auto besaßen.
1948 stellten sich die Meinungsforscher ein weiteres
Armutszeugnis aus, als sie vorhersagten, der Republikaner Thomas E. Dewey würde Präsident Harry S.
Truman besiegen. Sie hatten natürlich unrecht. Seither haben Marktforschungsexperten zuverlässigere
Wege konzipiert, um die öffentliche Meinung aus Stichprobenerhebungen - für gewöhnlich etwa 2.500 bis
5.000 Personen - zu ermitteln, und es hat keine größeren Fehler gegeben.
Aber die Vorhersage von Wahlergebnissen hat nur
begrenzten Wert. "Sie dient größtenteils der Befriedigung der Neugier," erklären zwei führende Politologen,
die Professoren Nelson W. Polsby und Aaron Wildavsky von der University of California in Berkeley. "Die
Vorhersage des Ergebnisses allein," schreiben sie in
ihrem Buch Presidential Electlons "sagt, auch wenn
sie ziemlich genau zutrifft, wenig darüber aus, wie das
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�Ergebnis zustande kam." Mit anderen Worten, Umfrageprognosen über Gewinner sagen uns, was geschehen wird oder geschehen könnte, aber nicht warum.
Von praktischerem Wert für Kandidaten sind die während
des Wahlkampfs durchgeführten Umfragen. Durch
diese erfahren die Parteispitzen, ob ihr Programm bei
älteren oder jüngeren Wählern, Männern oder Frauen,
Mitgliedern aller Einkommensgruppen oder anderen
Bevölkerungsschichten ankommt. Diese Information
hilft den Strategen bei Nachbesserungen ihrer Kampagne, Schwachstellen zu beheben.
Seit Jahren drängen eine Reihe von nationalen Organisationen Radiostationen und Fernsehsender, die
Bürger nicht mehr unmittelbar nach dem Urnengang
zu befragen. Auf der Basis von Stichproben an der
Ostküste können mit diesen "exit polls" die Gewinner
ermittelt werden, bevor die Wahllokale drei Stunden
später an der Westküste geschlossen werden. Wähler, die das Ergebnis verändern könnten, werden so
unter Umständen davon abgehalten zu wählen, weil
sie der Ansicht sind, das Spiel sei bereits entschieden.
1980 verkündete die National Broadcasting Company
(NBC) die Wahl von Ronald Reagan kaum 15 Minuten
nach Schlie ßung der Wahllokale an der Ostküste - die
Wähler an der Westküste hatten immer noch reichlich
Zeit zur Wahl, und in Hawaii war es erst Nachmittag.
Ist es fair, so die Kritiker, einen Sieger auszurufen,
bevor jeder Bürger die Chance hatte zu wählen?
Fernsehstationen wurden aufgefordert, ihre Befragung
der Wähler beim Verlassen der Wahllokale freiwillig
aufzugeben. Versprechen wurden abgegeben, aber
nicht eingehalten, die Umfragen werden fortgeführt,
weil die Sender wetteifern, als erste einen neuen
Präsidenten auszurufen. Ein langer Kampf in der
Gesetzgebung ist wahrscheinlich das einzige Mittel,
um diese Praktiken abzuschaffen.
Mit der Schließung der Wahllokale ist der Wahlprozeß
beendet - aber nicht endgültig. Es gibt noch einen
weiteren offiziellen Schritt.

Dazu muß man wissen, daß US-Präsidenten nicht
direkt vom Volk gewählt werden sondern mittels einer
indirekten Methode, in deren Mittelpunkt das Electoral
College (Wahlmännerausschuß) steht. Dies ist keine
Stätte akademischer Bildung, sondern das Gremium,
das die entscheidenden Stimmen abgibt.
Diese indirekte Methode der Wahl eines Kandidaten ist
in Artikel II, Abschnitt 1 der Verfassung der Vereinigten
Staaten vorgesehen. Trotz der Veränderungen, die
sich ergeben haben, weil das Land selbst gewachsen
ist und sich verändert hat, wird das Prinzip immer noch
getreu der Formulierung durch die Gründerväter angewandt.
Jeder Bundesstaat nennt eine Zahl von Wahlmännern,
die der Gesamtzahl seiner Senatoren und Repräsentanten im Kongreß entspricht. Der Kandidat, der die
meisten Wählerstimmen in einem Staat auf sich vereinigen kann, gewinnt alle Wahlmänner, der Verlierer
geht leer aus. Der Kandidat, der die meisten Wahlmännerstimmen erhält, gewinnt das Weiße Haus.
Am Montag nach der zweiten Dezemberwoche - das
Datum ist per Gesetz festgelegt - treffen sich die
Wahlmänner in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten zur Wahl. Die Stimmzettel werden versiegelt und
dem Präsidenten des US-Senats (immer der Vizepräsident) sowie dem Leiter der allgemeinen Verwaltung
übersandt. Am 6. Januar des folgenden Jahres werden die Stimmzettel bei einer Sitzung beider Häuser
des Kongresses geöffnet und der neue Chef des
Wei ßen Hauses und sein Vizepräsident bekanntgegeben.
Zu diesem Zeitpunkt kennt sie die Welt bereits seit
Wochen, die Wahl und die Zeremonie sind reine Formalität. Darüber hinaus können die Wahlmänner nicht
nach Belieben wählen. Sie werden selbst von den
politischen Parteien gewählt und sind somit gefordert,
für den Kandidaten ihrer Partei zu stimmen. Durch den
Wahlmännerausschuß wird das Ergebnis jedoch offiziell.
Dazu ist ein langer Weg zurückgelegt und der Preis
gewonnen worden. Der demokratische Prozeß hat,
wie bereits seit 200 Jahren, wieder einmal funktioniert.

*

AMERIKA DIENST 12

*

Seite 5

�VII.

KORPS
25. März 1992

VII. KORPS IN STUTTGART VERABSCHIEDET
Ansprache von Botschafter Kimmitt
STUTTGART - (AD) - Anläßlich der Verabschiedung des VII. Korps der amerikanischen Streitkräfte hat der
amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 18. März 1992 in Stuttgart
folgende Ansprache gehalten.

Ich fühle mich geehrt, heute aus Anlaß des Abzugs des
VII. Korps hier in Stuttgart sein zu können, einer Stadt,
in der das VII. Korps mehr als vierzig Jahre lang
beheimatet gewesen ist. In diesen vierzig Jahren hat
das VII. Korps eine einmalige Rolle gespielt, sowohl in
den Annalen der amerikanischen Streitkräfte als auch
in der internationalen Politik.
Das VII. Korps kam zu Kriegszeiten nach Europa. Bis
zu seinem Abzug hat es eine Basis für Sicherheit und
Frieden in der Region geschaffen und beachtliche
freundschaftliche Verbindungen zu deutschen Gastgemeinden in Baden-Württemberg und Bayern aufgebaut.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit unseren deutschen
Freunden und Gastgebern für die Gastfreundschaft,
die sie uns in all den Jahren entgegengebracht haben,
meinen großen Dankaussprechen. Meine Damen und
Herren, niemals in der Geschichte der Menschheit hat
eine Armee, die in einem Krieg in ein anderes Land
gekommen ist, solche tiefen und dauerhaften Freundschaften aufgebaut, wie dies zwischen unseren beiden
Völkern gelungen ist.
Gleichzeitig sind die hier in Deutschland stationierten
Amerikaner alle auch persönliche Repräsentanten der
Vereinigten Staaten gewesen. Indem sie die Werte
und Bestrebungen des amerikanischen Volkes gefördert haben, waren die, die hier im VII. Korps gedient
haben, in gewisser Weise genauso Botschafter der
Vereinigten Staaten in Deutschland wie ich selbst.
Dadurch, da ß die Angehörigen des VII. Korps mit dazu
beigetragen haben, den Frieden in Europa über vier
schwierige und manchmal gefährliche Jahrzehnte zu
sichern, haben sie einen direkten und substantiellen
Beitrag zur Beendigung des kalten Krieges geleistet.
Da das Korps jederzeit bereit stand, jegliche Bedro-

AMERIKA DIENST 12

hung der europäischen Sicherheit abzuwehren, ist den
Vereinigten Staaten und unseren Verbündeten in der
Nachkriegszeit eine unvergleichliche Entwicklung zu
freien und wohlhabenden Gesellschaften ermöglicht
worden.
Vor etwas mehr als einem Jahr wurde das VII. Korps
zu einem aktiven militärischen Einsatz herangezogen,
um einen Agressor aus einem friedlichen Nachbarland
zu vertreiben, das dieser zuvor skrupellos okkupiert
hatte. Die schnelle Verlegung des Korps von Deutschland in den Nahen Osten war eine hervorragende, fast
unglaubliche logistische Leistung. Diese Verstärkung
der alliierten Truppen in der dortigen Region und der
Mut und die Fähigkeiten unserer Truppen während
ihres Einsatzes haben den Sieg bei der Operation
Wüstensturm möglich gemacht.
Lassen Sie mich an dieser Stelle unseren deutschen
Freunden nochmals meinen herzlichen Dank sagen,
ohne deren Unterstützung eine solch schnelle Verlegung des Korps von Deutschland in die Golfregion
nicht möglich gewesen wäre. Und ich danke Ihnen
besonders für die mannigfaltige Hilfe, die die Familien
unserer am Golf kämpfenden Soldaten erfahren haben.
Der große Erfolg seiner Leistungen sowohl in Europa
wie auch in Südwestasien hat uns nun zu dem Punkt
geführt, wo das VII. Korps aus der Bundesrepublik
abgezogen werden kann. Während wir heute die
Erfolge des Korps feiern und gleichzeitig stolz darauf
sind, daß unsere Allianz zwischen nordamerikanischen und europäischen Staaten uns an die Schwelle
zu einem vereinigten und demokratischen Europa
geführt hat, sind wir uns auch dessen bewußt, daß wir
immer noch in einer Welt leben, die Wachsamkeit von
allen freiheitsliebenden Völkern erfordert. Was Europa betrifft, so steckt der Übergang zur Demokratie in

Seite 1

�der früheren Sowjetunion und in Ost- und Mitteleuropa
noch in den Anfängen, und unsere Allianz bietet in
dieser Situation Stabilität in einer immer noch unsicheren Zeit.
Als Teil einer veränderten Allianz werden die Vereinigten Staaten eine europäische Macht bleiben. Und wir
werden eine bedeutsame Zahl gut ausgebildeterTruppen in Europa und Deutschland belassen, solange
unsere Alliierten dies wünschen.
Abschließend möchte ich mich kurz an die Männer und
Frauen des VII. Korps wenden. Ein Abschied ruft
immer gemischte Gefühle hervor, und diese Zeremonie findet in einer schwierigen Übergangszeit für unsere Soldaten und die amerikanischen Streitkräfte statt.
Vor etwa 20 Jahren war ich selbst an einer ähnlichen
Feier beteiligt. Ich war damals Mitglied der 173.
Luftlandebrigade, als deren Fahnen eingeholt und ihre
Einheiten Teil der 101. Luftlandedivision in Fort Campbell wurden.

Wir waren erst wenige Monate zuvor aus Vietnam
heimgekehrt. Wir waren stolz auf unseren Dienst,
stolz auf unsere Brigade und stolz auf unsere Rolle in
einem bitteren und umstrittenen Krieg. Nach dem
Vietnamkrieg machten die amerikanischen Streitkräfte eine schwierige und mühsame Umwandlung von
einer Wehrpflichtigen- zu einer Freiwilligenarmee durch.
Aus dieser Übergangsperiode ging eine professionelle, engagierte Organisation hervor, die heute als größte Friedenskraft auf der Welt anerkannt wird.
Wenn Sie also jetzt nach Amerika heimkehren, vergessen Sie niemals, daß die Grundlage einer sichereren Welt von Ihnen und Ihren Vorgängern in diesem
Korps gelegt wurde. Während Sie Ihren Gastgemeinden in Baden-Württemberg und Bayern "Auf Wiedersehen" sagen, können Sie stolz darauf sein, daß Sie
auf beruflicher und persönlicher Ebene ein dauerhaftes Vermächtnis der Partnerschaft zwischen unseren
beiden Ländern hinterlassen. Ich danken Ihnen, und
das amerikanische Volk dankt Ihnen. Ich wünsche
Ihnen alles Gute.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

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                <text>&lt;strong&gt;1. GUS-Nuklearwaffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA helfen Nachfolgestaaten der UDSSR bei Kontrolle und Reduzierung von Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Weitere Begrenzungen von Nuklearwaffen vorgeschlagen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Flüchtlinge&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beigelegte Konflikte gestatten Flüchtlingen Rückkehr in die Heimat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Tsongas setzt Wahlkampf aus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Ergebnisse der Vorwahlen von Illinois und Michigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie Amerika einen Präsidenten wählt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lester David und Irene David&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. VII Korps&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VII. Korps in Stuttgart verabschiedet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Botschafter Kimmitt&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Amerika Dienst&#13;
&#13;
Herausgeber: U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
06&#13;
&#13;
BOSNIEN&#13;
&#13;
DIE AMERIKANISCHE BOSNIEN-POLITIK&#13;
von Madeleine Albright&#13;
&#13;
KOSOVO&#13;
&#13;
ALBRIGHT FORDERT ENTSCHLOSSENES&#13;
HANDELN IM KOSOVO&#13;
Erklärung der Außenministerin&#13;
vor der Kontaktgruppe&#13;
&#13;
WIRTSCHAFT&#13;
&#13;
SUMMERS ZU IWF UND DER LIBERALISIERUNG VON KAPITALFLÜSSEN&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
SOZIALES&#13;
&#13;
SOZIALE SICHERHEIT KOMMT ZUERST&#13;
Rede von John C. Kornblum&#13;
&#13;
TECHNOLOGIE&#13;
&#13;
DIE CHANCEN DER TECHNOLOGIE UND DIE&#13;
SICH WANDELNDE ROLLE DES STAATES&#13;
Rede von John C. Kornblum&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
DeichmannsAue29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
&#13;
Tel.: 0228-3392956&#13;
Fax: 0228-333138&#13;
Internet: http://www.usembassy.de&#13;
&#13;
�BOSNIEN&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
Die amerikanische Bosnien-Politik&#13;
von Madeleine Albright&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die dem Ausschuß des Repräsentantenhauses für&#13;
nationale Sicherheit am 18. März vorgelegte Erklärung von US-Außenministerin Madeleine Albright zur Politik der&#13;
Vereinigten Staaten gegenüber Bosnien.&#13;
&#13;
Vielen Dank, Herr Vorsitzender, für die Gelegenheit,&#13;
Ihnen über die Fortschritte des bosnischen Volkes zu&#13;
dauerhaftem Frieden zu berichten und Sie um Ihre&#13;
Unterstützung für unsere weitere Beteiligung an den&#13;
dorthin entsandten Streitkräften der NATO sowie für&#13;
die Hilfsprogramme zu bitten, die zusammen mit dem&#13;
umfangreichen Beitrag unserer Partner dazu führen,&#13;
daß der Frieden tragfähig wird.&#13;
Es sind mehr als zwei Jahre vergangen, seit die&#13;
Vereinigten Staaten die Führungsrolle bei den Bestrebungen zur Beendigung des Krieges in Bosnien&#13;
übernommen haben. Damals wie heute ist es nicht im&#13;
amerikanischen Interesse, daß im Herzen Europas&#13;
Aggression nicht abgeschreckt, Haß geschürt wird und&#13;
Völkermord unkontrolliert und ungestraft stattfinden&#13;
kann.&#13;
Ein stabiler Frieden in Bosnien ist wesentlich für die&#13;
Stabilität auf dem Balkan, der schon so oft der Auslöser für einen Krieg in Europa war. Nur wenn Frieden&#13;
herrscht, können wir ein geeintes, friedliches und freies&#13;
Europa schaffen - ein Ziel, das dazu beitragen wird&#13;
sicherzustellen, daß amerikanische Truppen nie&#13;
wieder den Atlantik überqueren müssen, um in einem&#13;
Krieg zu kämpfen.&#13;
Ein dauerhafter Frieden in Bosnien wird dafür sorgen,&#13;
daß Drogenschmuggler, internationale Verbrecher und&#13;
Terroristen, die Instabilität schaffen wollen und vom&#13;
Chaos leben, kein Tätigkeitsfeld finden.&#13;
Ein echter Frieden in Bosnien wird zu regionalem&#13;
Wohlstand beitragen, der für unsere Volkswirtschaft&#13;
und die unserer Verbündeten von großem Interesse ist&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
und den Stimmen von Extremismus, Haß und Gewalt&#13;
entgegenwirken wird.&#13;
Und ein gerechter Frieden in Bosnien wird zur Verankerung der Werte von Demokratie und Toleranz&#13;
beitragen, nach denen viele Bosnier streben - dieselben Bestrebungen, die Tausende von Amerikanern&#13;
veranlaßt haben, für die bosnische Sache Zeit und&#13;
Geld aufzubringen und dieselben Bestrebungen, die&#13;
unsere Streitkräfte und Diplomaten vor Ort inspirieren&#13;
und stärken.&#13;
Herr Vorsitzender, unter den gegenwärtigen Umständen ist die Präsenz der NATO für den Frieden in&#13;
Bosnien unerläßlich. Und die amerikanische Führungsrolle ist entscheidend für den Erfolg und die&#13;
Zukunft der NATO.&#13;
Bevor wir erörtern, welch langer Weg in Bosnien noch&#13;
vor uns liegt, sollten wir nicht vergessen, wie weit wir&#13;
bereits gekommen sind. Wir wollen nicht die Jahre&#13;
ethnischer Säuberungen, Massenvergewaltigungen,&#13;
wahlloser Bombardierungen, ausgebombter Wohnungen und vorsätzlicher Massaker vergessen.&#13;
Und wir sollten auch nicht die Unsicherheit und&#13;
Zerstörung vergessen, mit denen die Parteien nach&#13;
dem Krieg konfrontiert waren, als das Daytoner&#13;
Abkommen unterzeichnet und der Friedensprozeß&#13;
eingeleitet wurde. Zehn Prozent der Bosnier waren in&#13;
einem Krieg getötet oder verwundet worden, der jedes&#13;
Gesetz der Anständigkeit brach - ein Krieg, der nichts&#13;
weniger zum Ziel hatte als die völlige Vernichtung einer&#13;
Seite. Von den Überlebenden wurden fünfzig Prozent&#13;
aus ihren Häusern vertrieben, achtzig Prozent waren&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�von Nahrungsmittelhilfe der Vereinten Nationen&#13;
abhängig und neunzig Prozent hatten keine Arbeit.&#13;
Damals erklärten viele, die Bosnier könnten nie mehr&#13;
zusammenleben, die NATO-Soldaten würden ständigen Angriffen ausgesetzt sein, demokratische Institutionen könnten nicht Fuß fassen und friedliche&#13;
Wahlen nicht abgehalten werden.&#13;
Es stimmt, daß die Umsetzung von Dayton sehr&#13;
langsam begann. Aber vergangenen Mai traf Präsident Clinton die Entscheidung, auf verstärkte Bestrebungen an allen Fronten zu drängen, und die seither&#13;
erzielten Fortschritte sind eindrucksvoll und dauerhaft.&#13;
Die Frustration darüber, daß die NATO-Mission länger&#13;
dauerte und mehr kostete als ursprünglich geplant, ist&#13;
verständlich. Und es ist äußerst angebracht, die Pläne&#13;
der Administration für die nächste Phase genau zu&#13;
erörtern. Wir haben selbst eine ähnlich eingehende&#13;
Überprüfung durchgeführt. Es wäre jedoch falsch, jetzt&#13;
aufzugeben - und es würde den amerikanischen&#13;
Interessen schaden.&#13;
Darüber hinaus sind wir in Bosnien keineswegs in ein&#13;
endloses Gerangel verstrickt, sondern konnten unsere&#13;
Truppenpräsenz verringern. Wir sind keineswegs die&#13;
ständigen Verwalter Bosniens, sondern übertragen&#13;
den multiethnischen Institutionen mehr und mehr&#13;
Verantwortung. Wir geben im Bereich der Justiz&#13;
keineswegs auf, sondern haben die Tätigkeit des&#13;
Internationalen Kriegsverbrechertribunals verstärkt.&#13;
Wir haben den Dingen eine andere Wendung gegeben, weil so viele Bosnier entschlossen sind, ihr Land&#13;
wiederaufzubauen und in Frieden zu leben, weil&#13;
unsere Streitkräfte ihre Aufgaben mit dem ihnen&#13;
eigenen Können und erneuter Tatkraft erfüllen, und&#13;
weil unsere Bestrebungen im Kongreß auf Verständnis&#13;
und Unterstützung beider Parteien gestoßen sind.&#13;
Heute bitte ich Sie um Bewilligung der erforderlichen&#13;
Mittel, damit wir unsere Truppenpräsenz aufrechterhalten und weiterhin unseren Teil zur Hilfe der&#13;
Staatengemeinschaft für den Wiederaufbau Bosniens&#13;
beitragen können.&#13;
Ferner bitte ich Sie, gegen Resolution 227 des Kongresses - die "Bosnia War Powers Resolution" zu&#13;
stimmen, mit der sich das Repräsentantenhaus heute&#13;
noch befassen soll.&#13;
Ich bin mir bewußt, daß es zahlreiche Beweggründe&#13;
gibt, die Verfassungsmäßigkeit der War Powers&#13;
Resolution auf die Probe zu stellen, aber gerade diese&#13;
Maßnahme würde der Glaubwürdigkeit der Vereinigten&#13;
Staaten zu einem Zeitpunkt großen Schaden zufügen,&#13;
an dem auf dem Balkan und andernorts große Spannungen bestehen. Sie würde eine Botschaft der&#13;
Verwirrung und Unsicherheit senden, die den Frie-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
densprozeß verlangsamen, unsere Verbündeten von&#13;
der Übernahme größerer Verantwortung entmutigen&#13;
und unter Umständen führende Extremisten zum&#13;
Streben nach mehr Einfluß veranlassen könnte - mit&#13;
möglicherweise tödlichen Konsequenzen.&#13;
Allein in den letzten zehn Monaten sind wir bei der&#13;
Erlangung der sechs Kernziele weit gekommen, die&#13;
Präsident Clinton für die verstärkte Implementierung&#13;
des Daytoner Abkommens gesetzt hat:&#13;
Förderung einer stabilen militärischen Situation zur Verringerung der Möglichkeit erneuter&#13;
Kämpfe,&#13;
Verbesserung der Fähigkeit örtlicher Strafverfolgungsbehörden zum Schutz der öffentlichen Sicherheit,&#13;
Förderung der Entwicklung demokratischer&#13;
Institutionen, die nach rechtsstaatlichen&#13;
Grundsätzen vorgehen,&#13;
Gewährleistung der sicheren Rückkehr von&#13;
weiteren Vertriebenen in ihre Heimat und der&#13;
Freizügigkeit für alle Bosnier,&#13;
Überstellung weiterer Personen, die der&#13;
Kriegsverbrechen und anderer Greueltaten&#13;
beschuldigt werden, an die Gerichte und&#13;
Unterstützung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und des Handels zwischen den konstituierenden Einheiten.&#13;
Kurz vor Weihnachten reiste ich mit Präsident Clinton,&#13;
Senator Dole und mehreren Kongreßabgeordneten,&#13;
darunter die Abgeordneten Skelton, Kasich und Buyer,&#13;
nach Bosnien. Ich weiß, daß die Mitglieder des&#13;
Repräsentantenhauses Abercrombie, Boyd und Fowler&#13;
vor nur zehn Tagen in Bosnien waren. Viele andere&#13;
von Ihnen haben aus erster Hand von den immensen&#13;
Herausforderungen erfahren, mit denen die Fürsprecher des Friedens in Bosnien konfrontiert sind.&#13;
Wenn man jedoch die Gelegenheit hat, mehr als&#13;
einmal nach Bosnien zu reisen, wird man wahrscheinlich bei jedem Besuch willkommene Veränderungen sehen. Man wird vermehrte Anzeichen dafür&#13;
entdecken, daß das wirtschaftliche und politische&#13;
Leben wieder zur Normalität zurückkehrt, an immer&#13;
mehr Orten Menschen unterschiedlicher Herkunft&#13;
wieder zusammen leben und arbeiten und immer mehr&#13;
Bosnier daran glauben, daß die Logik des Friedens&#13;
das Wettrennen gegen die Sinnlosigkeit des Krieges&#13;
gewinnen kann.&#13;
Lassen Sie mich die Fortschritte erörtern, die ich bei&#13;
der Erlangung unserer Kernziele und der Schaffung&#13;
eines tragfähigen Friedens in Bosnien gesehen habe,&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�der gewährleistet, daß die amerikanischen Truppen&#13;
das Land für immer verlassen, wenn sie abziehen.&#13;
&#13;
Finanzierung und Ausbildung der bosnischen Strafverfolgungsoperationen zu geben.&#13;
&#13;
Militärische Stabilität&#13;
&#13;
Man kann die Bedeutung dieses Ziels gar nicht hoch&#13;
genug einschätzen.&#13;
Die jüngsten Aktionen der&#13;
serbischen Polizeieinheiten im Kosovo sind eine allzu&#13;
lebendige Erinnerung, daß die Strafverfolgungsbeamten in der ganzen Region viel zu oft Instrumente&#13;
der Unterdrückung und Urheber ethnischer Säuberungen gewesen sind.&#13;
&#13;
Seit dem Daytoner Abkommen haben erst die IFOR&#13;
und dann die SFOR mit den Parteien an der Entflechtung der Truppen gearbeitet und mehr als&#13;
300.000 Soldaten aus dem Dienst entlassen. Ein&#13;
Rüstungskontrollprozeß unter Aufsicht der OSZE&#13;
führte zur Zerstörung von mehr als 6.600 schweren&#13;
Waffen - denselben, die Sarajevo und andere Städte&#13;
von nur drei Jahren mit Terror überzogen. Alle&#13;
schweren Waffen bleiben unter Aufsicht der SFOR&#13;
eingelagert. Die SFOR beschlagnahmt weiterhin&#13;
verbotene Waffengattungen und bestraft Einheiten&#13;
beider Parteien, die solche besitzen. Und mit Unterstützung der SFOR werden die Bosnier darin ausgebildet, Antipersonenminen - das schreckliche Vermächtnis des Konflikts - zu beseitigen.&#13;
Unsere Truppen sowie die unserer NATO-Verbündeten und nicht dem Bündnis angehörender Partner&#13;
haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Von außen&#13;
Stabilität zu schaffen, wird jedoch nicht ausreichen, um&#13;
den Frieden von innen zu bewahren, nachdem unsere&#13;
Truppen abgezogen sind.&#13;
Aus diesem Grund nutzen wir unser Ausbildungs- und&#13;
Ausrüstungsprogramm für die Schaffung eines stabilen&#13;
militärischen Gleichgewichts und eines sicheren&#13;
Umfelds in Bosnien. Dieses Programm hat erfolgreich&#13;
zur Verringerung der Streitkräfte der Föderation von&#13;
250.000 auf 45.000 geführt, den Einfluß iranischer und&#13;
anderer ausländischer Extremisten auf das bosnische&#13;
Militär beseitigt, gemeinsame bosniakisch-kroatische&#13;
Verteidigungsinstitutionen aufgebaut und gestärkt und&#13;
die Einhaltung der Rüstungskontrollverpflichtungen&#13;
gewährleistet, die die Situation in Bosnien stabilisieren&#13;
sollen.&#13;
Öffentliche Sicherheit&#13;
Da in Bosnien immer mehr Abstand von den falschen&#13;
Versprechungen genommen wird, Sicherheit durch&#13;
militärische Aggression zu gewährleisten, muß es&#13;
durch das reale Versprechen von Sicherheit unter&#13;
friedlichen Bürgern ersetzt werden, das auf einer&#13;
professionellen, unparteiischen und verläßlichen&#13;
Polizei basiert. Die internationale Polizeitruppe (IPTF)&#13;
- die den Vereinten Nationen untersteht und der eines&#13;
der besten amerikanischen Kontingente angehört - hat&#13;
große Fortschritte bei der Umstrukturierung und&#13;
Ausbildung der Polizei in der bosnischen Förderation&#13;
gemacht. Jetzt, da die Republika Srpska eine neue&#13;
Regierung hat, die sich der Umsetzung des Daytoner&#13;
Abkommens verpflichtet hat und die Früchte des&#13;
Friedens genießt, beobachten wir auch dort Fortschritte. Und wir arbeiten mit unseren europäischen&#13;
Partnern daran, ihnen eine größere Rolle bei der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Die Bestrebungen zur Ausbildung einer professionellen Polizei zählen zu den wichtigsten Elementen einer&#13;
"Abzugsstrategie" für die internationalen Streitkräfte in&#13;
Bosnien. Während unsere Truppenpräsenz verringert&#13;
und schließlich ganz beendet wird, müssen wir&#13;
sicherstellen, daß die bosnischen Behörden bereit&#13;
sind, die Sicherheit aller ihrer Bürger zu gewährleisten.&#13;
Wir sehen das daran, daß die Polizei reformiert, die&#13;
Freizügigkeit verbessert wird, immer mehr Flüchtlinge&#13;
zurückkehren und das Vertrauen der Bürger wiederhergestellt wird. Ich hoffe, daß ich auf die entschiedene Unterstützung dieses Ausschusses für&#13;
amerikanische Polizeibeobachter in Bosnien sowie für&#13;
unsere dortigen Reformprogramme zählen kann.&#13;
Demokratie und Rechtstaatlichkeit&#13;
Es steht außer Frage, daß Bosnien weiterhin tief&#13;
gespalten ist.&#13;
Aber multiethnische Institutionen&#13;
beginnen zu funktionieren. Und die Psychologie der&#13;
&#13;
Zusammenarbeit sowie der Geist der Demokratie&#13;
fangen an, die Psychologie der Konfrontation und den&#13;
Geist der Korruption zu ersetzen, die so lange vorherrschend waren.&#13;
Eine Reihe während der letzten zwei Jahre unter&#13;
Aufsicht der OSZE veranstalteter kommunaler und&#13;
nationaler Wahlen brachte der Regierung einige neue&#13;
Gesichter, aber zweifellos nicht so viele, wie wir es uns&#13;
gewünscht hätten. Diese Wahlen waren erfolgreich&#13;
aufgrund der energischen Bestrebungen der OSZE,&#13;
SFOR, IPTF und des Büros des Hohen Repräsentanten. Das größte Verdienst gebührt jedoch dem&#13;
bosnischen Volk, das die Skeptiker beschämte, als es&#13;
mit hoher Wahlbeteiligung friedlich für ein breites&#13;
Spektrum von Parteien stimmte.&#13;
Bosniens nationale Regierung und die Verwaltungsbehörden seiner beiden konstituierenden Einheiten&#13;
sind im Amt und funktionieren so gut, wie von einem&#13;
Land mit einer langen Geschichte bewaffneter Konflikte und autoritärer Herrschaft, jedoch einer sehr&#13;
kurzen Erfahrung mit der Demokratie erwartet werden&#13;
kann.&#13;
Wenn die eine oder andere Partei Fortschritte bei den&#13;
gemeinsamen Institutionen blockierte, nutzte der Hohe&#13;
Repräsentant Westendorp die ihm im Rahmen des&#13;
Daytoner Abkommens verliehenen Befugnisse zu&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�bindenden Interimsentscheidungen.&#13;
Dank seiner&#13;
Intervention wird eine neue bosnische Währung&#13;
eingeführt, werden neue, einheitliche Nummernschilder für alle bosnischen Fahrzeuge hergestellt, und&#13;
eine gemeinsame Flagge weht jetzt über den bosnischen Institutionen - einschließlich der Bosnischen&#13;
Botschaft an der E Street hier in Washington.&#13;
Die im Rahmen von Dayton eingesetzten Menschenrechtsbeobachter und Ombudsmänner sind bereits&#13;
tätig und helfen sicherzustellen, daß die Bosnier ihre&#13;
Rechte kennen und über Rechtsmittel zum Schutz&#13;
ihrer Freiheiten verfügen. Sie werden von Beobachtern der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt, denen unter anderem der neue UN-Menschenrechtsbeauftragte für die Region, Jiri Dienstbier,&#13;
angehört. Er war früher tschechoslowakischer Außenminister und kennt aus erster Hand die Bedeutung des&#13;
Schutzes der Menschenrechte.&#13;
Während wir am Aufbau lebensfähiger demokratischer&#13;
Institutionen arbeiten, sind wir auch mit der Herausforderung konfrontiert, unabhängige Strukturen&#13;
wiederaufzubauen und an manchen Orten zu schaffen,&#13;
die für eine gut funktionierende Demokratie entscheidend sind. Zu den wichtigsten zählen freie&#13;
Medien.&#13;
Die Pressefreiheit wird in allen Teilen Bosniens&#13;
behindert, aber entschlossene bosnische Journalisten&#13;
und Unternehmer haben im letzten Jahr wichtige&#13;
Fortschritte erzielt. Der Hohe Repräsentant Westendorp hat aufgrund seiner Befugnisse die Einstellung&#13;
des Sendebetriebs von Rundfunk- und Fernsehsendern angeordnet, die dem Geist von Dayton zuwiderhandeln - ein wesentlicher Fortschritt zur Verbannung von Haß und Fremdenfeindlichkeit aus dem&#13;
bosnischen Äther.&#13;
Die amerikanische Industrie unterstützte uns in hohem&#13;
Maße bei der Bereitstellung von Programmen, die&#13;
Bosnien mit der Welt verbinden. Und ob es sich um&#13;
unabhängige Nachrichten im Fernsehen, Seifenopern&#13;
oder Basketballspiele handelte - sie haben sich als&#13;
sehr populär erwiesen.&#13;
&#13;
Republika Srpska, die ich der Umsetzung des Daytoner Abkommens verpflichtet. Der Grund ist, daß eine&#13;
steigende Zahl bosnischer Serben ebenso wie andere&#13;
Bosnier der Politik von Haß und Korruption überdrüssig ist. Und ein weiterer Grund ist, daß die&#13;
internationale Gemeinschaft den Politikern Beistand&#13;
zugesagt hat, die zur Übernahme der Risiken einer&#13;
Beendigung der Isolation bereit sind, Wohlstand&#13;
ermöglichen und echten Frieden in greifbare Nähe&#13;
rücken wollen.&#13;
Ministerpräsident Dodik und seine Regierung in der&#13;
Republika Srpska sehen sich der schwierigen Aufgabe&#13;
gegenüber, die ihrem Volk und der internationalen&#13;
Gemeinschaft gegenüber mutig eingegangenen&#13;
Verpflichtungen zu erfüllen: Erhöhung des Lebensstandards, Ausrottung der Korruption, Ermöglichung der&#13;
Rückkehr der Flüchtlinge und Einleitung aller erforderlichen Schritte, damit in den serbischen Gebieten&#13;
endlich die Normalität wiederhergestellt wird.&#13;
Und wir müssen unser Versprechen zur Unterstützung&#13;
der bosnischen Serben bei ihrer Arbeit zur Erlangung&#13;
dieser Ziele einlösen. Aus diesem Grund habe ich&#13;
Beschränkungen unserer Unterstützung beim Wiederaufbau der Infrastruktur und der Neubelebung des&#13;
Privatsektors aufgehoben - dort, wo die Serben zur&#13;
Zusammenarbeit mit ihren Nachbarn in ganz Bosnien,&#13;
mit Europa und den Vereinigten Staaten bereit sind.&#13;
Unsere Hilfe für die serbischen Regionen ist streng an&#13;
Fortschritte der neuen Regierung bei der Umsetzung&#13;
des Daytoner Abkommens gebunden. Sie unterstützt&#13;
diejenigen, die Frieden schaffen wollen, nicht die ihn&#13;
aushöhlen. Hierfür ist sie wesentlich - und sie ist&#13;
richtig.&#13;
Herr Vorsitzender, oft genug sind unsere Diskussionen&#13;
über die Förderung von Menschenrechten und die&#13;
Gewährleistung der Einhaltung internationaler Normen&#13;
durch bestimmte Länder sehr abstrakt. Aber als vor&#13;
zwei Jahren sieben Überlebende des Massakers von&#13;
Srebrenica festgenommen und von einem Gericht in&#13;
der Republika Srpska wegen erfundener Kriegsverbrechen verurteilt wurden, war die Verletzung der&#13;
Menschenrechte sehr real.&#13;
&#13;
Natürlich beinhalten wahrhaft freie bosnische Medien&#13;
sowohl bosnische als auch ausländische Quellen; sie&#13;
spiegeln verschiedene Standpunkte wider und werden&#13;
von gemeinsamen bosnischen Institutionen reguliert.&#13;
Die bosnischen Medien sind noch nicht soweit. Aber&#13;
zum ersten Mal bekommen Journalisten und Publikum&#13;
gleichermaßen einen Geschmack davon, was Informationsfreiheit in diesem Zeitalter globaler Kommunikation bedeuten kann.&#13;
&#13;
Anfang dieses Jahres verwarf jedoch ein höheres&#13;
Gericht in der Republika Srpska die Verurteilung und&#13;
stimmte einer erneuten Gerichtsverhandlung oder&#13;
Freilassung dieser als die Sieben von Zvornik bekannten Männer zu, weil ihr Gerichtsverfahren die europäische Menschenrechtskonvention verletzte. Die Sache&#13;
der Gerechtigkeit und der Menschenrechte überall&#13;
verbuchte einen sehr realen Sieg.&#13;
&#13;
Der vielleicht wichtigste Schritt zu Demokratie in&#13;
Bosnien war die Wahl einer neuen Regierung in der&#13;
&#13;
Und in ganz Bosnien macht diese Sache jeden Tag&#13;
kleine aber dauerhafte Fortschritte.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�Freizügigkeit und Rückkehr der Flüchtlinge&#13;
Seit Dayton sind mehr als 400.000 bosnische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt. Wir erhalten viele&#13;
Berichte über Gebiete, in denen sich die Heimkehrer&#13;
Problemen, Einschüchterung und sogar Gewalt&#13;
ausgesetzt sehen. Und dies stellt für uns eine andauernde Herausforderung dar. Aber es gibt auch&#13;
eine beträchtliche und wachsende Zahl von Gemeinden, die die Heimkehrer willkommen geheißen&#13;
haben, die versuchen, Wohnraum für alle bereitzustellen und sich der Wiederentdeckung des Geistes&#13;
der Toleranz verpflichtet haben, dessen sich die&#13;
Bosnier einst rühmten. Ich bin vorsichtig optimistisch,&#13;
daß wir Fortschritte mit Programmen wie dem der&#13;
"Offenen Städte" machen, und wir sehen ermutigende&#13;
Anzeichen in beiden konstituierenden Einheiten&#13;
Bosniens.&#13;
Anfang dieses Jahres unternahm Ministerpräsident&#13;
Dodik den sehr begrüßenswerten Schritt, sich zur&#13;
Rückführung von 70.000 Flüchtlingen und Vertriebenen in die Republika Srpska in diesem Jahr zu verpflichten. Bei der Anfang dieses Monats veranstalteten&#13;
Sarajevo-Konferenz über die Rückführung der Flüchtlinge sagten die Behörden der Stadt die Aufnahme von&#13;
20.000 serbischen und kroatischen Flüchtlingen im&#13;
Jahr 1998 und Schritte zum Abbau der bürokratischen&#13;
Hindernisse für ihre Reintegration zu. In Zusammenarbeit mit dem Hohen Repräsentanten und anderen&#13;
werden wir helfen, wo wir können, auf die Verabschiedung der entsprechenden Gesetze hinarbeiten und&#13;
sicherstellen, daß die Gemeinden, die keine Flüchtlinge aufnehmen oder sie mißhandeln, sich nicht der&#13;
Vorteile des Friedens erfreuen dürfen.&#13;
&#13;
Meiner Ansicht nach haben wir endlich dabei Erfolg,&#13;
die Menschen - und Regierungen - Bosniens und&#13;
seiner Nachbarn davon zu überzeugen, daß die&#13;
Verfahren des Tribunals schnell und fair sein können&#13;
und die beste Chance für langfristige Aussöhnung&#13;
nicht auf der Grundlage kollektiver Schuld, sondern auf&#13;
der Grundlage von Rechtsstaatlichkeit und der Rechenschaftspflicht des Einzelnen bieten.&#13;
Die SFOR wird weiterhin Angeklagte festhalten, auf die&#13;
sie im Verlauf normaler SFOR-Operationen stößt,&#13;
sofern es die taktische Situation erlaubt. Wir haben&#13;
uns verpflichtet, alles Erforderliche zu tun um sicherzustellen, daß Angeklagte Kriegsverbrecher vor&#13;
Gericht gebracht werden.&#13;
Zur Zeit sind wir dabei, dem Tribunal 1,2 Millionen&#13;
Dollar an zusätzlichen Mitteln der Vereinigten Staaten&#13;
zur Verfügung zu stellen, die speziell für die Unterstützung der forensischen Arbeit sowie die Behebung von&#13;
Übersetzungs- und Bearbeitungsproblemen bestimmt&#13;
sind. Diese Verbesserungen sollten den noch auf&#13;
freiem Fuß befindlichen Angeklagten das Vertrauen&#13;
geben, daß sie ein beschleunigtes und faires Verfahren erhalten, wenn sie sich stellen - während die&#13;
einzige Alternative weiterhin Flucht, Unsicherheit und&#13;
Isolation ist.&#13;
Wir haben ferner großes Glück, daß Senator Dole als&#13;
Leiter der Internationalen Kommission für Vermißte&#13;
Bestrebungen leitet, um das Schicksal von Tausenden&#13;
seit dem Krieg vermißten Bosniern zu klären, die&#13;
Unsicherheit zu beenden und den langen Prozeß der&#13;
Versöhnung zu beginnen.&#13;
Wirtschaftlicher Wiederaufbau&#13;
&#13;
Die der Kriegsverbrechen Angeklagten&#13;
Seit April hat sich die Zahl der in Gewahrsam genommenen Angeklagten vervierfacht, und das Tempo der&#13;
Gerichtsverfahren hat sich beschleunigt.&#13;
Erst vergangene Woche wurde ein wichtiger rechtlicher Präzedenzfall geschaffen, als ein Verdächtiger&#13;
seine Schuld gestand, Vergewaltigung als Waffe des&#13;
Krieges eingesetzt zu haben.&#13;
Ministerpräsident Dodik hat klargemacht, daß er die&#13;
Zusammenarbeit zwischen der Republika Srpska und&#13;
dem Tribunal verbessern möchte. Zum ersten Mal&#13;
haben sich letzten Monat verdächtige bosnische&#13;
Serben selbst dem Tribunal in Den Haag gestellt. Die&#13;
Behörden in Srpska haben sich auch zur Ermittlung&#13;
angeblicher Kriegsverbrechen von zwei Ministern der&#13;
Republik und zu ihrer Amtsenthebung verpflichtet,&#13;
sollten sich die Beschuldigungen als zutreffend&#13;
erweisen.&#13;
In den vergangenen Wochen hat die Zahl derjenigen,&#13;
die sich freiwillig stellen, dramatisch zugenommen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Das bosnische Bruttosozialprodukt ist heute doppelt so&#13;
hoch wie zur Zeit der Unterzeichnung von Dayton.&#13;
Das Wirtschaftswachstum beschleunigt sich, und die&#13;
Arbeitslosigkeit nimmt ab - Anzeichen, die bei immer&#13;
mehr bosnischen Familien ein sichtbares Interesse an&#13;
der Bewahrung des Friedens wecken.&#13;
Verbesserte Zusammenarbeit zwischen den konstituierenden Einheiten Bosniens und den bosnischen&#13;
Nachbarn sollte diesen Trend in den kommenden&#13;
Monaten beschleunigen. Zwischen der Bosnischen&#13;
Föderation und der Republika Srpska verkehren zum&#13;
ersten Mal seit Jahren wieder Züge und Briefe. Der&#13;
Flugverkehr zwischen Belgrad und Sarajevo wurde vor&#13;
kurzem wieder aufgenommen.&#13;
In ganz Bosnien trägt die Hilfe der Vereinigten Staaten&#13;
zum Wiederaufbau der Infrastruktur und der Wiederbelebung von Privatunternehmen bei.&#13;
Unser Programm "Offene Städte" mit wirtschaftlicher&#13;
Unterstützung für Gemeinden, die Flüchtlinge jeglicher&#13;
ethnischen Zugehörigkeit aufnehmen, war seinen&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�Teilnehmern dabei behilflich, erneut nachbarschaftliche Beziehungen zu knüpfen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir hoffen jetzt, dieses&#13;
Programm auf Städte in der Republika Srpska auszuweiten, die auch bereit sind, das Richtige und Anständige zu tun.&#13;
Alle diese Programme sind darauf ausgerichtet, den&#13;
Fortschritt weiterzuführen und unumkehrbar zu&#13;
machen, den die bosnischen Gemeinden bereits&#13;
spüren: Bei der Lebenqualität, der Qualität der Regierungsführung und der Hoffnung für die Zukunft. Sie&#13;
sind unerläßlich, wenn die Bosnier von dieser Atempause profitieren sollen, um einen dauerhaften Frieden&#13;
aufzubauen - und als eine einzige Nation wiederaufzubauen.&#13;
Aber diese Atempause würde es ohne die Präsenz&#13;
unserer Streitkräfte nicht geben. Die Fortschritte in&#13;
Bosnien sind noch nicht unumkehrbar.&#13;
Wenn wir durchhalten, wird der Frieden bewahrt. Aber&#13;
wenn wir jetzt Bosnien den Rücken kehren - wie einige&#13;
drängen - würde das Vertrauen, das wir aufbauen,&#13;
ausgehöhlt. Das Ergebnis könnte sehr gut eine&#13;
Rückkehr zu Völkermord und Krieg sein.&#13;
Aufgeben ist nicht die amerikanische Art. In Bosnien&#13;
sollte die Mission den Zeitplan bestimmen - nicht&#13;
andersherum.&#13;
Der vor uns liegende Weg&#13;
Aus diesem Grund haben wir und unsere Verbündeten&#13;
vereinbart, daß die NATO weiterhin eine multinationale&#13;
Truppe in Bosnien anführt, nachdem das derzeitige&#13;
Mandat der SFOR im Juni ausläuft. Ihre wieder unter&#13;
amerikanischem Kommando stehende Mission wird&#13;
auch in Zukunft Feindseligkeiten abschrecken, die&#13;
Implementierung des Daytoner Abkommens unterstützen und zur Schaffung eines sicheren Umfelds&#13;
beitragen, in dem die bosnischen Behörden zunehmend selbst die Verantwortung für die Stabilität des&#13;
Landes übernehmen können.&#13;
Ohne Erweiterung des SFOR-Mandats werden wir&#13;
sicherstellen, daß die neue Truppe, falls erforderlich,&#13;
über zusätzliche Fähigkeiten verfügt, um die Aufgabe&#13;
der Gewährleistung öffentlicher Sicherheit zu bewältigen.&#13;
Die amerikanische Beteiligung sollte von den derzeit&#13;
8.500 Soldaten auf 6.900 verringert werden. Die&#13;
Amerikaner werden einen kleineren Prozentsatz der&#13;
neuen Gesamttruppenstärke ausmachen. Und wir&#13;
werden den Truppenumfang periodisch im Rahmen&#13;
unserer Strategie überprüfen, ihre Aufgaben schrittweise auf inländische Institutionen und andere internationale Organisationen zu übertragen.&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
Präsident Clinton hat klargestellt, daß unsere Mission&#13;
in Bosnien "realisierbar und an konkrete Bezugspunkte&#13;
- nicht Fristen - gebunden sein muß".&#13;
Zusammen mit dem Verteidigungministerium und den&#13;
Vereinigten Stabschefs haben wir konkrete und&#13;
realisierbare Bezugspunkte für den Erfolg unserer&#13;
Präsenz festgesetzt. Die umfangreiche Liste wurde mit&#13;
der Führung und den Mitarbeitern des Kongresses&#13;
erörtert, und wir geben jedem Kongreßabgeordneten,&#13;
der dies wünscht, gerne zusätzliche Informationen. Zu&#13;
den Bezugspunkten zählen die Umschulung der&#13;
Polizei, Medienreform, demokratische Wahlen, Abbau&#13;
von Hemmnissen für landesweiten Handel und die&#13;
Einführung eines Rahmens für die Rückführung der&#13;
Flüchtlinge. In dem Maße, in dem sie erfüllt werden,&#13;
werden die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und der&#13;
NATO verringert. Und langfristig wird die Implementierung von Dayton auf traditionelle Diplomatie, die&#13;
Arbeit von internationalen und Nichtregierungsorganisationen, Vertrauensbildung und Wirtschaftshilfe&#13;
gründen.&#13;
Um diese Bezugspunkte zu erfüllen und damit jeder&#13;
Augenblick unserer Truppenpräsenz zählt, muß&#13;
unsere militärische Präsenz mit starker Unterstützung&#13;
für demokratische Institutionen, wirtschaftliche Erholung und die Rückkehr der Flüchtlinge einhergehen.&#13;
Wenn wir das nicht tun, werden die Wunden Bosniens&#13;
nie genug heilen, um das Land ohne die lebenserhaltende Unterstützung der Friedenstruppen funktionieren zu lassen.&#13;
Ich möchte betonen, daß die Vereinigten Staaten diese&#13;
Arbeit nicht alleine tun. Wir tragen nur 17 Prozent der&#13;
Wirtschaftshilfe bei, die Bosnien erhält. Auf die EUNationen entfallen über 50 Prozent. Und wir erhoffen&#13;
zusätzliche europäische Unterstützung für entscheidende Prioritäten wie die Reform der Polizei.&#13;
Unsere Führungsrolle bei der Beendigung der Kämpfe&#13;
in Bosnien und unsere unerläßliche Intervention, die&#13;
Parteien an mehreren entscheidenden Augenblicken&#13;
zusammenzubringen, waren ebenso notwendig wie&#13;
unsere andauende militärische und finanzielle Unterstützung lebenwichtig ist für die Bereitstellung der&#13;
Beiträge unserer Verbündeten und Freunde.&#13;
Wir benötigen diese Ressourcen zur Bewältigung&#13;
mehrerer Herausforderungen in diesem Jahr, die das&#13;
Potential haben, die Fortschritte in Bosnien zum&#13;
Scheitern - oder auf den schnellen Weg zu ihrer&#13;
Vollendung - zu bringen.&#13;
Die Herausforderungen in diesem Jahr&#13;
Die zweiten landesweiten Wahlen in Bosnien werden&#13;
im September unter Aufsicht der OSZE durchgeführt.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�Wir sehen uns immer noch mit der Herausforderung&#13;
der vollständigen Umsetzung der Ergebnisse der&#13;
Kommunalwahlen vom letzten Jahr konfrontiert und&#13;
müssen sicherstellen, daß alle gewählten Vertreter&#13;
ihren Sitz erhalten und die Kommunalregierungen&#13;
funktionieren.&#13;
Wir haben bei der Rückführung der Flüchtlinge und&#13;
Vertriebenen einen vielversprechenden Anfang&#13;
gemacht. Die neue Regierung der Republika Srpska&#13;
hat sich verpflichtet, die bis vor kurzem unzulängliche&#13;
Leistung zu verbessern. Wir werden ihre Bemühungen beobachten.&#13;
Korruption und die Zunahme des organisierten Verbrechens sind große Probleme, die in diesem Jahr&#13;
mit noch mehr Tatkraft angegangen werden müssen insbesondere durch die Reform der Polizei.&#13;
Sowohl die Bosnische Föderation als auch die Republika Srpska müssen mehr tun, um ihre Volkswirtschaften wieder zu integrieren und zu reformieren,&#13;
wenn sie die wirtschaftliche Unabhängigkeit Bosniens&#13;
wiederherstellen und auf die Integration ihres Landes&#13;
in Europa und der Welt hinarbeiten wollen.&#13;
Der Vermittler Roberts Owen gab vor kurzem bekannt,&#13;
daß er die endgültige Entscheidung über den Status&#13;
der Stadt Brcko um ein weiteres Jahr vertagen wird.&#13;
Er machte klar, daß die Einhaltung von Dayton durch&#13;
beide Seiten ein maßgeblicher Faktor bei seiner&#13;
endgültigen Entscheidung sein wird - und der Republika Srpska die Last auferlegt zu beweisen, warum&#13;
sie die Stadt behalten soll.&#13;
Herr Vorsitzender, während wir auf die Verbesserung&#13;
der Einhaltung von Dayton innerhalb Bosniens hinarbeiten, dürfen wir nicht das Gesamtbild aus dem&#13;
Auge verlieren. Bosniens Nachbarn - insbesondere&#13;
Kroatien und Serbien - haben Verpflichtungen, die sie&#13;
erfüllen und Verantwortung, der sie gerecht werden&#13;
müssen, um regionalen Frieden zu fördern und ihre&#13;
eigene Integration in den Westen zu ermöglichen.&#13;
Bedauerlicherweise ist dieses Gesamtbild von der&#13;
Zusammenarbeit bei den Ermittlungen über Kriegsverbrechen bis zur Entwicklung der regionalen Infrastruktur weiterhin beunruhigend.&#13;
In Kroatien erwarten wir Aktionen, die Zagrebs Verpflichtung zu allen Aspekten des regionalen Friedensprozesses unter Beweis stellen. Die Regierung muß&#13;
ihr Versprechen erfüllen, die nationale Aussöhnung&#13;
innerhalb Kroatiens durch die Erleichterung der&#13;
Rückkehr der Flüchtlinge anzustreben, insbesondere&#13;
indem sie ihr Versprechen erfüllt, in diesem Monat&#13;
Pläne für die Rückkehr und Erfassung der Flüchtlinge&#13;
bekannt zu geben. Das Scheitern Kroatiens, Fortschritte beim Aufbau von Demokratie im Land zu&#13;
erzielen, ist enttäuschend und hat die Integration des&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Landes in europäische und transatlantische Institutionen verzögert.&#13;
Wir erwarten auch, daß Kroatien seinen Einfluß bei der&#13;
bosnisch-kroatischen Gemeinschaft geltend macht, um&#13;
die Rückkehr der Flüchtlinge zu ermutigen, die vollständige Integration auf allen Ebenen der Bosnischen&#13;
Föderation zu unterstützen und dabei behilflich zu&#13;
sein, daß vom Kriegsverbrechertribunal angeklagte&#13;
Personen vor Gericht gestellt werden.&#13;
Über die Entwicklungen in Serbien sind wir noch&#13;
besorgter. Vor allem darüber, daß Präsident Milosevic&#13;
erneut die Stabilität der gesamten Region mit seiner&#13;
Kampagne blutiger Unterdrückung in Frage gestellt&#13;
hat.&#13;
Herr Vorsitzender, wir haben sieben Jahre gebraucht,&#13;
Bosnien diesen Augenblick der Hoffnung zu bringen.&#13;
Wir dürfen bei unserer Arbeit an der Lösung der Krise,&#13;
die sich im Kosovo verschärft, nicht zögern. Und wir&#13;
dürfen Präsident Milosevics brutale und unrechtmäßige Methoden dort nicht zulassen, die Fortschritte&#13;
zu Frieden und Stabilität zunichte zu machen, die in&#13;
der gesamten Region erzielt wurden.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben bereits Schritte unternommen, damit die für die Gewalt im Kosovo Verantwortlichen dafür bezahlen. Mit unseren Partnern in der&#13;
Kontaktgruppe haben wir vereinbart, Präsident Milosevic die Ressourcen für seinen Polizeistaat zu verweigern. Wir haben ein Moratorium für staatlich geförderte Exportkredite und Privatisierungshilfe verhängt, die Belgrad dringend benötigt. Wir werden&#13;
keine Visa für hochrangige Regierungsvertreter&#13;
erteilen, die für die Unterdrückung im Kosovo verantwortlich sind.&#13;
Wir arbeiten auf die Verhängung eines umfassenden&#13;
Waffenembargos durch den UN-Sicherheitsrat hin.&#13;
Gemeinsam mit den Nachbarstaaten wollen wir&#13;
sicherstellen, daß sich der Konflikt nicht ausweitet und insbesondere wollen wir sicherstellen, daß eine&#13;
internationale militärische Präsenz in der ehemaligen&#13;
jugoslawischen Republik Mazedonien andauert,&#13;
nachdem das Mandat der derzeit stationierten UNTruppe im August ausläuft.&#13;
Und kommende Woche werde ich ein weiteres Treffen&#13;
der Kontaktgruppe in Bonn leiten, um die nächsten&#13;
Schritte zu erörtern.&#13;
Ich möchte unterstreichen, der Zweck dieser Maßnahmen besteht nicht darin, daß der Kosovo zum&#13;
Status quo des letzten Monats zurückkehrt. Die&#13;
Beendigung des Mordens ist nicht genug. Zu viel&#13;
Schaden ist bereits angerichtet worden.&#13;
Wenn&#13;
Serbien seine internationale Isolation lockern möchte,&#13;
muß es unter Beweis stellen, daß das Land bereit ist,&#13;
&#13;
Seite 7&#13;
&#13;
�von der Unterdrückung zur Suche nach einer echten&#13;
politischen Lösung überzugehen.&#13;
&#13;
Da sind das Essen und die Duschen,&#13;
die langen Arbeitstage. Da sind die&#13;
Kälte und die Hitze, die Blasen an den&#13;
Füßen - und dann sind da die Kinder.&#13;
&#13;
Wir werden weiterhin alle Möglichkeiten für Dialog&#13;
sondieren und unterstreichen, daß der Einsatz von&#13;
Gewalt von jeder Seite zur Lösung eines politischen&#13;
Problems inakzeptabel und falsch ist.&#13;
&#13;
Und dann sind da die Kinder, die&#13;
immer winken, wenn wir vorbei fahren. Sie strahlen mit einem kostbaren&#13;
Lächeln, das all dies der Mühe wert&#13;
macht - und dann sind da die Kinder.&#13;
&#13;
Es sollte jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß wir&#13;
zu zusätzlichen Schritten bereit sind, wenn Belgrad&#13;
sich für die Fortsetzung der Repression im Kosovo&#13;
entscheidet. Wir werden uns alle Optionen offen&#13;
halten, um das Erforderliche zu tun, damit nicht eine&#13;
weitere Welle der Gewalt den Balkan überrollt.&#13;
&#13;
Die uns mit einem kostbaren Blick&#13;
dafür danken, daß wir dieses Risiko&#13;
auf uns genommen haben. Ein Blick,&#13;
eine Umarmung, ein gemeinsamer&#13;
Augenblick bringen unvergleichliche&#13;
Freude.&#13;
&#13;
Schlußbemerkung&#13;
Herr Vorsitzender, ein Großteil des Daytoner Abkommens und des von ihm hervorgebrachten Friedensprozesses wurden in Amerika gemacht. Sie&#13;
verbinden unseren Glauben an den Einfallsreichtum&#13;
und die Entschlußkraft des Menschen mit der Erkenntnis, daß kein Land allein - nicht einmal die Vereinigten&#13;
Staaten - jedes Problem lösen und jedes Unrecht&#13;
beheben kann. Sie verbinden eine pragmatische&#13;
Abwägung unser globalen Interessen mit dem tiefempfundenen Wunsch der Amerikaner, Menschen in&#13;
Not zu helfen.&#13;
Ich habe meine Erklärung mit einer klaren Aussage&#13;
über den Zweck unserer Präsenz in Bosnien begonnen. Abschließen möchte ich, indem ich Ihnen eine&#13;
weitere Rechtfertigung für unsere Präsenz vorlese, die&#13;
von einem Feldwebel der 1. Infanteriedivision geschrieben wurde, die im vergangenen Jahr in Bosnien&#13;
stationiert war. Der Hohe Repräsentant Frank Wolf&#13;
sah das Blatt an einer Anschlagtafel in Tuzla, und&#13;
meiner Meinung nach sagt es ziemlich viel darüber&#13;
aus, warum die Amerikaner eben jetzt in Bosnien sein&#13;
sollten - und über die Amerikaner, die dort sind. Dort&#13;
stand:&#13;
"Da sind die Abschiedsworte und&#13;
Tränen, die Unsicherheit und Ängste.&#13;
Da sind der Schlamm und der&#13;
Schmutz, der Schmerz und das Leid und dann sind da die Kinder.&#13;
&#13;
Wenn an jedem Tag, der verstreicht,&#13;
nur ein Mensch weniger stirbt - wenn&#13;
ich in all diesen Unruhen und Konflikten nur ein einziges Menschenleben rette - dann war dies alles der&#13;
Mühe wert, und ich würde das Gleiche noch einmal tun - für die Kinder."&#13;
Diese Kinder werden mit den Institutionen leben, die&#13;
heute gegründet werden - unabhängig davon, ob diese&#13;
Institutionen sich als vereinend und demokratisch&#13;
erweisen oder scheitern und despotisch werden. Ihr&#13;
Vermächtnis könnte die Zukunft sein, für die so viele&#13;
Bosnier kämpfen und so viele Amerikaner beten - oder&#13;
es könnte die Zukunft sein, die wir alle fürchten. Und&#13;
diese Kinder werden entscheiden, ob das Schicksal&#13;
von Bosnien, und in der Tat der gesamten Region,&#13;
Frieden - oder Krieg - ist.&#13;
Lassen Sie uns daher die richtige Entscheidung&#13;
treffen.&#13;
Lassen Sie uns an der Hoffnung festhalten, die diesen&#13;
Feldwebel inspirierte, und an der Überzeugung, daß&#13;
die bosnischen Kinder mit unserer Hilfe wieder Kinder&#13;
des Friedens sein können. Und lassen Sie uns den&#13;
Mut haben, unseren Teil dazu beizutragen, den&#13;
Frieden für sie zu sichern - und ihnen dadurch zu&#13;
helfen, ihn für sich zu bewahren.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 8&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�KOSOVO&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
Albright fordert entschlossenes Handeln im Kosovo&#13;
Erklärung der Außenministerin vor der Kontaktgruppe&#13;
&#13;
LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von US-Außenministerin Madeleine Albright am 9. März&#13;
1998 beim Ministertreffen der internationalen Kontaktgruppe abgegebene Erklärung zur Lage im Kosovo.&#13;
&#13;
Zunächst möchte ich Außenminister Cook für die&#13;
Veranstaltung dieses Treffens der Kosovo-Kontaktgruppe danken. Ich freue mich sehr, mit Ihnen und&#13;
meinen Amtskollegen aus Deutschland, Frankreich,&#13;
Italien und Rußland zusammenzutreffen.&#13;
Die derzeitige Lage im Kosovo ist schrecklich. Es&#13;
findet kein Dialog statt. Präsident Milosevic hat seine&#13;
uns und der albanischen Bevölkerung gegebenen&#13;
Versprechen nicht eingehalten. Statt dessen haben&#13;
die serbischen Sicherheitskräfte eine Kampagne&#13;
willkürlicher Gewalt begonnen, die das Leben vieler&#13;
unschuldiger Menschen kostet.&#13;
Präsident Milosevic spielt wieder einmal mit dem&#13;
Feuer. Er versucht wieder einmal, seine Probleme&#13;
nicht durch die Kraft von Argumenten, sondern mit&#13;
dem Argument brutaler Gewalt zu lösen.&#13;
Als 1991 der Krieg im ehemaligen Jugoslawien&#13;
begann, reagierte die internationale Gemeinschaft&#13;
nicht mit genügend Nachdruck und Gewalt. Jeder&#13;
kleine aggressive Akt, dem wir nicht die Stirn boten,&#13;
führte zu Akten größerer Aggression, denen wir uns&#13;
nicht ohne eigene Gefährdung widersetzen konnten.&#13;
Der Krieg wurde erst beendet, als die Verantwortlichen&#13;
mit Isolierung und Härten für ihr Handeln zahlen&#13;
mußten.&#13;
Wir benötigten sieben Jahre, um Bosnien zu diesem&#13;
Moment der Hoffnung zu bringen. Wir dürfen nicht so&#13;
lange brauchen, um die im Kosovo entstehende Krise&#13;
beizulegen, und das wird auch nicht der Fall sein,&#13;
wenn wir die Lektionen von 1991 anwenden. Dieses&#13;
Mal müssen wir einig und entschlossen handeln.&#13;
Dieses Mal müssen wir reagieren, bevor es zu spät ist.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Zuerst müssen wir anerkennen, daß diese Krise keine&#13;
interne Angelegenheit der Bundesrepublik Jugoslawien&#13;
ist. Die Gewalt ist ein Affront für die universellen&#13;
Standards der Menschenrechte, zu deren Schutz wir&#13;
uns verpflichtet haben. Sie steht für genau die Art von&#13;
Verhalten, das den Krieg im ehemaligen Jugoslawien&#13;
entfachte. Es ist wieder einmal "teile und herrsche",&#13;
wobei die Verbrecher in Uniform nicht Einzelne,&#13;
sondern ganze Familien, Sippen und Gemeinden ins&#13;
Visier nehmen, um weitverbreitete Angst zu säen.&#13;
Präsident Milosevic ist verantwortlich dafür, daß diese&#13;
Krise eine internationale Angelegenheit wurde, nicht&#13;
wir. Jetzt ist es an der Zeit, ihr Einhalt zu gebieten,&#13;
bevor sie sich ausweitet. Andernfalls müssen wir die&#13;
Verantwortung für die Auswirkungen auf die Region,&#13;
Europa und unsere gemeinsamen Werte übernehmen.&#13;
Zweitens dürfen wir uns nicht von der künstlichen&#13;
Unparteilichkeit lähmen lassen, die Aggressoren und&#13;
ihre Opfer auf die gleiche Stufe stellt. Wir müssen klar&#13;
und deutlich sagen, was ganz offensichtlich wahr ist:&#13;
Die Verantwortung für die Gewalt trägt eindeutig&#13;
Belgrad.&#13;
Die serbischen Behörden werden versuchen, das Bild&#13;
durch die Behauptung zu verzerren, ihre Aktionen&#13;
seien eine legitime Antwort auf eine terroristische&#13;
Bedrohung. Wir bestreiten nicht, daß sie mit einer&#13;
solchen Bedrohung konfrontiert sind. Wir haben keine&#13;
Sympathien für die sogenannte Befreiungsbewegung,&#13;
die ungeliebte ethnische Serben und Albaner vor&#13;
Gericht stellt, verurteilt und hinrichtet.&#13;
Wir erwarten von einer Regierung jedoch, daß sie&#13;
höhere Maßstäbe anlegt als Terrorgruppen. Und keine&#13;
Provokation kann als Entschuldigung für das Verhalten&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�der serbischen Behörden im Kosovo gelten. In den&#13;
letzten Tagen haben wir glaubwürdige Berichte&#13;
erhalten, daß die Sicherheitskräfte Dörfer mit Granatfeuer belegt, Häuser niedergebrannt, standrechtliche&#13;
Erschießungen vorgenommen und Schwangere und&#13;
ältere Menschen umgebracht haben, die unmöglich&#13;
eine Bedrohung für sie dargestellt haben können.&#13;
Belgrad hat sich noch weiterer Verbrechen schuldig&#13;
gemacht, indem es unabhängige Beobachter nicht in&#13;
die Region hineinließ und sogar dem Internationalen&#13;
Roten Kreuz den Zugang verweigerte.&#13;
Präsident Milosevic möchte, daß wir seine Regierung&#13;
als legitim anerkennen. Legitime Regierungen lösen&#13;
innenpolitische Probleme jedoch mit Hilfe von Dialog&#13;
und Rechtstaatlichkeit, nicht mit Waffengewalt.&#13;
Der einzig wirksame Weg, mit dieser Art von Gewalt&#13;
umzugehen, sind Taten, nicht Worte - das ist die&#13;
wichtigste Lektion von 1991. Moralische Verurteilung&#13;
und symbolische besorgte Gesten allein führen zu&#13;
nichts. Weitere Warnungen sind sinnlos: Präsident&#13;
Milosevic hat bereits getan, wovor wir ihn gewarnt&#13;
haben. Besuche von Diplomaten in der Region sind&#13;
ebenfalls nutzlos, wenn wir Präsident Milosevic nicht&#13;
klarmachen, daß er bei einer Fortsetzung seiner&#13;
derzeitigen Vorgehensweise mehr verlieren als&#13;
gewinnen wird.&#13;
Wir sollten nicht vergessen, daß die Vereinigten&#13;
Staaten und andere Länder vor den jüngsten Übergriffen mit einer Lockerung des internationalen Drucks&#13;
auf Serbien begonnen hatten. Durch sein Verhalten&#13;
hat Präsident Milosevic unsere Anreize mit Füßen&#13;
getreten. Und er hat uns gezeigt, daß Sanktionen&#13;
allein nicht ausreichen. Wir müssen zusätzlichen&#13;
Druck ausüben.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben bereits Schritte unternommen um sicherzustellen, daß die für die Gewalt&#13;
Verantwortlichen einen Preis zahlen. Ich fordere alle&#13;
Mitglieder der Kontaktgruppe auf, gemeinsam mit uns&#13;
wirksame neue Maßnahmen zu ergreifen, um Milosevic auf den richtigen Kurs zu bringen, indem ihm die&#13;
zur Aufrechterhaltung seines Polizeistaats erforderlichen Mittel verweigert werden. Wir müssen diese&#13;
Maßnahmen jetzt ergreifen, weil Milosevic uns jetzt auf&#13;
die Probe stellt. Wenn wir zögern und sie aufschieben,&#13;
wird das nur die Botschaft senden, daß wir es nicht&#13;
ernst meinen.&#13;
&#13;
Ich möchte betonen, daß der Zweck dieser Maßnahmen nicht darin bestehen sollte, im Kosovo den&#13;
Status quo des letzten Monats oder Jahres wiederherzustellen. Dem Morden ein Ende zu setzen, reicht&#13;
nicht aus; dazu ist bereits zu viel Schaden angerichtet&#13;
worden. Wenn die Bundesrepublik Jugoslawien ihre&#13;
Isolation aufbrechen möchte, muß sie ihre Bereitschaft&#13;
zeigen, von Unterdrückung zur Suche nach einer&#13;
echten politischen Lösung überzugehen.&#13;
Die Regierung in Belgrad muß einen wirklichen Dialog&#13;
über einen verbesserten Status des Kosovo beginnen.&#13;
Sie muß internationalen Beobachtern uneingeschränkten Zugang zum Kosovo gewähren, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und dem UNHochkommissar für Menschenrechte eine Prüfung der&#13;
Berichte über wahlloses Morden gestatten und die&#13;
dafür Verantwortlichen bestrafen, falls sich die Berichte&#13;
als wahr erweisen. Sie sollte eine neue OSZE-Mission&#13;
unter Leitung von Felipe Gonzalez mit einem speziellen Mandat für den Kosovo zulassen. Sie muß mit St.&#13;
Egidio zusammenarbeiten und eine faire Regelung mit&#13;
den Kosovo-Albanern über die Durchsetzung des&#13;
Bildungsabkommens erzielen.&#13;
Ferner sollten wir darauf bestehen, daß das Internationale Tribunal für das ehemalige Jugoslawien jetzt&#13;
Fakten zusammenträgt, bevor sich die Situation&#13;
verschlimmert. Und wir sollten ein Kosortium von&#13;
Regierungen und&#13;
Nichtregierungsorganisationen&#13;
einrichten, das die Verteilung humanitärer Hilfe im&#13;
Kosovo koordiniert und beim Aufbau einer bürgerlichen&#13;
Gesellschaft hilft.&#13;
Unsere Erfahrung in der Region lehrt uns, daß die&#13;
Lösung der Probleme im Kosovo nicht einfach ist.&#13;
Unsere Erfahrung lehrt uns aber auch, daß wir Erfolg&#13;
haben können und es versuchen müssen. Die&#13;
Menschen im Kosovo warten darauf, daß wir handeln.&#13;
Sie möchten gerne glauben, daß es eine Alternative zu&#13;
einzelnen, verzweifelten Racheakten gibt. Wir wollen&#13;
entschlossen und zügig handeln, um den Menschen im&#13;
Kosovo, einschließlich Dr. Rugova, die eine gewaltlose&#13;
Lösung unterstützen, Hoffnung zu geben. Wir wollen&#13;
ihnen zeigen, daß eine solche Lösung dank der Hilfe&#13;
&#13;
der Welt möglich ist.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�WIRTSCHAFT&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
Summers zu IWF und der Liberalisierung&#13;
von Kapitalflüssen&#13;
Rede des Stellvertretenden Finanzministers&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Stellvertretenden&#13;
Finanzministers Lawrence Summers bei einer Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) am 9. März&#13;
1998.&#13;
&#13;
Ich danke Ihnen. Es tut gut, so viele alte Freunde zu&#13;
sehen. Als erstes möchte ich den Internationalen&#13;
Währungsfonds zur Veranstaltung dieser Konferenz&#13;
beglückwünschen. Einige mögen es als seltsam&#13;
ansehen, daß der IWF sich zu diesem Thema in einer&#13;
Zeit so weit aus dem Fenster lehnt, in der viele die&#13;
Vorteile von freien und offenen globalen Finanzmärkten in Frage stellen (und einige die Vorteile des IWF&#13;
selbst in Frage stellen). Ich erachte es als zeitlich&#13;
angemessen - und absolut unerläßlich. Wenn man&#13;
aus den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit eine&#13;
Lektion lernen kann, dann, daß Kapitalkonten betreffende Fragen auch in absehbarer Zukunft aktuell und&#13;
Themen sind, mit denen sich der IWF zunehmend&#13;
auseinandersetzen muß. Seine Charta sollte ihm die&#13;
Instrumente zur Bewältigung dieser Aufgabe an die&#13;
Hand geben.&#13;
Die Entwicklung der globalen Finanzmärkte von heute&#13;
kann mit der Erfindung des Düsenflugzeugs verglichen&#13;
werden. Wir können sehr viel schneller, bequemer,&#13;
billiger und meistens sicherer dorthin gelangen, wo wir&#13;
hin wollen - aber wenn Abstürze erfolgen, sind sie&#13;
sehr viel spektakulärer.&#13;
Wir regulieren die Flugsicherheit. Kein vernünftiger&#13;
Mensch ist gegen Düsenjäger. Aber jeder vernünftige&#13;
Mensch ist für neue Arten von Regulierung - weil es&#13;
Düsenjäger gibt. Wir haben in diesen letzten Jahren&#13;
des Jahrhunderts zu viele Finanzkrisen erlebt - Krisen,&#13;
die für die Menschen in den von ihnen betroffenen&#13;
Ländern zu inakzeptablen Kosten geführt haben.&#13;
Solche Katastrophen verleihen der Herausforderung&#13;
einer Förderung von Sicherheit und Stabilität Dringlichkeit.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Es wird ohne Zweifel eine eingehende und lebhafte&#13;
Debatte über den besten Weg zur Verwirklichung der&#13;
Chancen einer Welt mit freiem Kapitalfluß - und die&#13;
Bewältigung der Risiken - geben. Ich strebe heute&#13;
keine schlüssige Synthese an. Ich möchte jedoch fünf&#13;
Anmerkungen machen, die Sie in Betracht ziehen&#13;
könnten:&#13;
1. Die Anfälligkeit für Krisen beginnt zu Hause&#13;
Wenn wir die Lektionen der jüngsten Krisen zusammenfassen und einen effektiven Ansatz zu diesen&#13;
Problemen erarbeiten wollen, ist es wichtig, am&#13;
richtigen Punkt zu beginnen. Einige beschwören ein&#13;
Gespenst, das bei den Regierungen der Welt umgeht:&#13;
Die globalen Kapitalmärkte, deren Vorteilen sie nicht&#13;
widerstehen und deren plötzliche Zurückweisung sie&#13;
nicht überleben können. Die Fakten der jüngsten&#13;
Finanzkrisen belegen etwas anderes.&#13;
Die Wahrheit ist, daß die bisherigen Krisen das Urteil&#13;
der Bürger der Länder überproportional einbezogen&#13;
haben. Von den G-10 und vom IWF durchgeführte&#13;
sorgfältige Studien der Krisen im europäischen&#13;
Wechselkursmechanismus und der mexikanischen&#13;
Pesokrise konnten nur einen Bruchteil der betroffenen&#13;
Kapitalflüsse auf Spekulationen von Ausländern&#13;
zurückführen. Diese Erkenntnisse wurden zusätzlich&#13;
durch Jeff Frankeis und Sergio Schmucklers Beobachtung erhärtet, daß die von den Transaktionen&#13;
der in Mexiko Ansässigen dominierte mexikanische&#13;
Börse sehr viel schneller auf die Krise reagierte als die&#13;
von ausländischen Investoren dominierten geschlossenen Investmentfonds. Meines Wissens wurden&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�diese Fakten in der neuesten IWF-Studie über das&#13;
Verhalten von Hedgefonds in Asien wiederholt.&#13;
War ausländisches Kapital betroffen, so war es&#13;
meistens ausländisches Kapital, das Regierungen&#13;
aktiv anzuziehen versucht hatten: Das konnten wir in&#13;
Mexiko mit dem zunehmenden Rückgriff auf die&#13;
Emission von Tesobonos in Dollar-Denomination&#13;
beobachten, um den Anpassungstag zu Hause&#13;
aufzuschieben. Wir konnten es in Thailand mit den&#13;
Steuervorteilen für Off-Shore-Kreditaufnahmen in&#13;
ausländischer Währung und anderen inländischen&#13;
Anreizen für thailändische Banken beobachten,&#13;
unhaltbare Berge von Auslandsschulden zu machen.&#13;
Wir konnten es in Korea beobachten, wo diskriminierende Kontrollen langfristig angelegtes Kapital abblockten und kurzfristig angelegtes Kapital einführten.&#13;
Bevor wir zum Thema der Kontrollen für Kreditaufnahme in ausländischer Währung kommen, sollten wir&#13;
die starken makroökonomischen Grundlagen in&#13;
Betracht ziehen, die für die Bewahrung des Vertrauens&#13;
der Bürger eines Landes von entscheidender Bedeutung sind - und die Art von inländischen Vorsichtsmaßnahmen, die zur Verhinderung gefährlicher Praktiken&#13;
im Zusammenhang mit der rücksichtslosen Aufnahme&#13;
von preiswertem Kapital erforderlich sind. Um Lektionen aus diesen Ereignissen zu ziehen, stellt man am&#13;
besten zuerst einmal fest, daß es eine schlechte Idee&#13;
von Regierungen ist, exzessiv nach Kapital zu streben,&#13;
insbesondere wenn eine überproportionale Menge&#13;
dieses Kapitals in ausländischer Währung denominiert,&#13;
kurzfristig angelegt ist und hohe Erträge erwirtschaftet.&#13;
2. Erfolgreiche Liberalisierung hängt von soliden&#13;
inländischen Praktiken ab&#13;
Das Beispiel der Liberalisierung von Kapitalkonten ist&#13;
ein Beispiel für Kapital, das die höchsten Investitionen&#13;
in Produktivität anstrebt. In den vergangenen Monaten&#13;
konnten wir in Asien - und in der Vergangenheit häufig&#13;
in anderen Ländern - die Gefahren der Eröffnung eines&#13;
Kapitalkontos beobachten, wenn Anreize verzerrt und&#13;
inländische Regulierung und Überwachung unzureichend sind. Der Zufluß bei der Suche nach fair&#13;
bewerteten Wirtschaftschancen ist eine Sache. Der&#13;
Zufluß bei der Suche nach Staatsgarantien oder in&#13;
dem Glauben unternommen, daß sie gegen die&#13;
Standardrisiken immun sind, eine andere.&#13;
Die richtige Antwort auf diese Erfahrungen besteht viel&#13;
weniger darin, das Tempo der Liberalisierung von&#13;
Kapitalkonten zu verlangsamen, sondern vielmehr&#13;
darin, das Tempo der Schaffung eines Umfelds zu&#13;
beschleunigen, in dem Kapital seinem höchsten Ertrag&#13;
zufließt. Und einer der besten Wege zur Beschleunigung des Entwicklungsprozesses eines solchen&#13;
Systems besteht in der Öffnung für Anbieter ausländischer Finanzdienstleistungen und für den Wettbewerb, das Kapital und Fachwissen, das sie mit-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
bringen. Das vor kurzem abgeschlossene Abkommen&#13;
über globale Finanzdienstleistungen beweist, daß die&#13;
Länder diese vorteilhaften Auswirkungen der externen&#13;
Liberalisierung erkennen.&#13;
Mexiko schlug 1995 den zweiten Weg ein - und hat&#13;
seitdem von den Vorteilen schnellen Wachstums und&#13;
eines gestärkten inländischen Finanzsystems profitiert.&#13;
Es ist erstaunlich, daß die Länder, denen es in Asien&#13;
zur Zeit am besten geht, die Länder sind, die auf&#13;
gleiche Weise reagiert haben. Sowohl die koreanischen als auch die thailändischen Reformprogramme beinhalten eine tiefgreifende Liberalisierung der&#13;
inländischen Wirtschaft zusätzlich zu einer radikalen&#13;
Reform des Finanzsektors - und beide sehen in&#13;
ausländischem Wettbewerb und Beteiligung des&#13;
Auslands einen Weg zur Unterstützung dieser Bestrebungen. Im Gegensatz dazu sind einige der Länder in&#13;
der Region, die immer noch anfällig aussehen, diejenigen, die unwillig oder unfähig zur Bewältigung der&#13;
inländischen Verzerrungen schienen - und statt&#13;
dessen in der Tat zunehmend in Kapitalkontrollen die&#13;
schnelle Lösung sehen.&#13;
Der entscheidende Punkt ist, wenn ein Land die&#13;
grundlegenderen Vorsichtsmaßnahmen trifft, die Teil&#13;
jedes Liberalisierungsprozesses sein sollten - wenn&#13;
ein Land die richtigen Überwachungs- und Regulierungspraktiken eingeführt hat - haben diese ein&#13;
enormes Potential zur Kontrolle der risikoreicheren&#13;
Formen der Kreditaufnahme. Die Länder müssen sich&#13;
an Standards und Regeln anpassen und diese entwickeln, um Sicherheit und solide Praktiken in einem&#13;
System mit mehr Liberalisierung zu gewährleisten.&#13;
Ausgeglichene Bücher sind beispielsweise gut und&#13;
schön: Sie bedeuten jedoch wenig, wenn Unternehmen Schuldendienst-Verpflichtungen in ausländischer&#13;
Währung auf der Grundlage inländischer Aktiva&#13;
übernehmen, die nicht die Fähigkeit zur Rückzahlung&#13;
schaffen.&#13;
Effektive, vernünftige Bankstandards sind besonders&#13;
wichtig. Der Basler Ausschuß hat vor kurzem Kernprinzipien für effektive Banküberwachung erarbeitet,&#13;
die als Beispiel für Schritte zur Verbesserung der&#13;
Überwachung auf nationaler Ebene dienen können.&#13;
IOSCO arbeitet an einem ähnlichen Projekt. Aber die&#13;
Hauptverantwortung liegt bei den nationalen Regierungen. Von besonderer Bedeutung ist die Gewährleistung, daß Investitionsentscheidungen und Kapitalflüsse nicht durch explizite oder implizite Staatsgarantien verzerrt werden.&#13;
Mit anderen Worten: Regierungen können auf die&#13;
Erfindung des Düsenflugzeugs mit der Verlängerung&#13;
der Rollbahn oder mit dem Landeverbot für Düsenflugzeuge reagieren. Es liegt auf der Hand, was&#13;
besser ist.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�3. Der IWF spielt eine entscheidende Rolle bei der&#13;
Förderung von offenen und stabilen Finanzsystemen&#13;
In Mexiko, Asien und auf der ganzen Welt ist der IWF&#13;
den Ländern zunehmend dabei behilflich, die Chancen&#13;
globaler Kapitalmärkte zu verwirklichen - und die&#13;
Risiken zu bewältigen. Dieses Engagement ist de&#13;
facto. Wir müssen es de jure machen. Aus diesem&#13;
Grund unterstützen wir die rasche Kodifizierung seiner&#13;
Rolle in diesem Bereich durch einen Zusatz zu den&#13;
Artikeln des Abkommens des Fonds, so daß sie die&#13;
Liberalisierung von Kapitalkonten beinhalten.&#13;
Hier geht es nicht um bürokratische Ordentlichkeit. Es&#13;
geht um die Sicherstellung, daß der IWF auf die durch&#13;
die Krisen der vergangenen Jahre entstandenden&#13;
Herausforderungen reagieren kann - indem er mit den&#13;
Ländern zusammenarbeitet um zu gewährleisten, daß&#13;
die Länder ihre Kapitalkonten in einer Weise öffnen,&#13;
die sie und das internationale Finanzsystem insgesamt&#13;
am besten vor Finanzkrisen und dem Übergreifen auf&#13;
andere Länder schützt, das solche Krisen verursachen&#13;
können.&#13;
Jeder Staat muß den für ihn geeigneten Ansatz&#13;
wählen. Ein Zusatz zu den Artikeln des IWF-Abkommens steht damit voll und ganz im Einklang. Bei&#13;
dem vorgeschlagenen Ansatz akzeptieren die Länder&#13;
ihre Verpflichtung zur vollständigen Liberalisierung des&#13;
Kapitalkontos, beschließen die genauen Einzelheiten&#13;
jedoch in Zusammenarbeit mit dem IWF. Bis sie&#13;
soweit sind, können sie die vom IWF gebilligten&#13;
Übergangsregelungen nutzen. Sie müssen sich nur&#13;
verpflichten, nicht ohne Zustimmung des Währungsfonds eine Kehrtwende zu machen.&#13;
Ich bin offen für eine angemessene stufenweise&#13;
Einführung der Liberalisierung. Es lohnt sich aber, auf&#13;
einige mögliche Nachteile der Kapitalkontrollen&#13;
hinzuweisen: Wenn sie in die falschen Hände geraten,&#13;
können sie ein Mittel zur Vermeidung notwendiger&#13;
politischer Anpassung und somit ein todsicherer Weg&#13;
zur Verlängerung und Erhöhung der Kosten dieser&#13;
Anpassungen sein; sie können das Ziel inländischer&#13;
Liberalisierung unterminieren, indem sie neue wirtschaftliche Verzerrungen herbeiführen und Platz für&#13;
offizielle Bereicherung und Korruption schaffen.&#13;
Selbst die Länder, die den "erfolgreichen" Einsatz&#13;
kurzfristiger Kontrollen am stärksten befürworten, sind&#13;
sich bewußt, daß mit der Zeit immer mehr Rückzieher&#13;
gemacht werden und sehen die Kontrollen nicht als&#13;
dauerhafte Einrichtung. Das Endziel muß wieder die&#13;
Reform jener Aspekte des inländischen Umfelds sein,&#13;
die überhaupt Raum für das Entstehen gefährlicher&#13;
Ungleichgewichte lassen.&#13;
Ich fürchte, erfindungsreiche Argumente für Behinderungen oder andere Formen von Kapitalkontrollen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
ähneln ein wenig den während der letzten zwei&#13;
Jahrhunderte angeführten Argumenten für künstliche&#13;
Zölle. Beide sind logisch richtig. Sie gehen auf&#13;
empirisch relevante Umstände zurück. Sie werden&#13;
jedoch zweifelsohne öfter zur Unterstützung falscher&#13;
als richtiger Maßnahmen angeführt. In einem anderen&#13;
Kontext wurde folgende Frage gestellt: Wenn man&#13;
herausfinden würde, daß zehn Prozent der Alkoholiker&#13;
ohne schädliche Nachwirkungen wieder trinken dürfen,&#13;
wäre es dann von Vor- oder Nachteil, diese Erkenntnis&#13;
publik zu machen?&#13;
Es ist schon allzu lange her, daß der IWF sagen&#13;
konnte, die Probleme seien "großenteils finanzpolitischer Natur". In der heutigen Welt muß es&#13;
vielmehr vorrangig darum gehen, den Ländern beim&#13;
Umgang mit der Herausforderung zu helfen, ein&#13;
solides nationales Finanzsystem aufzubauen, das mit&#13;
internationalem Kapital Geschäfte machen kann.&#13;
4. Das globale Finanzsystem wird nur erfolgreich&#13;
sein, wenn es vor Zahlungsunfähigkeit geschützt&#13;
ist&#13;
Die Herausforderung des Aufbaus eines sicheren und&#13;
effizienten globalen Finanzsystems beginnt mit den&#13;
Bestrebungen der inländischen Behörden. Sie endet&#13;
dort jedoch nicht. Wir alle müssen auf das internationale Finanzsystem blicken und alles in unserer&#13;
Macht Stehende unternehmen, es so zu verändern,&#13;
daß wir nicht alle drei Jahre Krisen wie diese erleben.&#13;
Es wird nie genug Geld auf der Welt geben, um mit&#13;
irgendeiner offiziellen letzten Refinanzierungsinstanz&#13;
auf alle Krisen zu reagieren, die durch die Zunahme&#13;
globaler Kapitalflüsse in Entwicklungsländern und&#13;
Industriestaaten entstehen können. Das kann nicht&#13;
der Weg sein.&#13;
Meines Erachtens liegen einige Elemente einer&#13;
besseren Lösung auf der Hand:&#13;
Mehr Transparenz&#13;
Schriebe man die Geschichte des amerikanischen&#13;
Kapitalmarktes nieder, würde ich vorschlagen, die Idee&#13;
allgemein akzeptierter Bilanzierungsgrundsätze als&#13;
wichtigste Innovation bei der Gestaltung dieses&#13;
Kapitalmarktes zu bezeichnen. Das brauchen wir auf&#13;
internationaler Ebene. Es ist ein kleiner, jedoch nicht&#13;
unbedeutender Sieg des IWF, daß mir der Lehrer einer&#13;
Abendschule für Buchführung in Korea sagte, er habe&#13;
im Wintersemester normalerweise 22 Schüler, dieses&#13;
Jahr jedoch 385. Das brauchen wir auf der Ebene der&#13;
Unternehmen. Das brauchen wir auf nationaler&#13;
Ebene. Und wir müssen diese Transparenz auf die&#13;
Zentralbanken anwenden. Insbesondere müssen wir&#13;
uns bewußt werden, daß es für eine Zentralbank&#13;
sinnlos ist, ihre Währungsreserven anzugeben, wenn&#13;
sie keine Angaben über die Belastung dieser Reserven macht.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Stärkung der nationalen Finanzsysteme&#13;
Wie ich bereits erklärt habe, müssen wir unsere&#13;
Aufmerksamkeit auf die Stärkung der Finanzsysteme&#13;
richten - sowohl auf globaler Ebene als auch auf der&#13;
einzelner Länder. Das bedeutet verbesserte, vernünftige Standards und die Förderung einer effektiven&#13;
finanziellen Infrastruktur. Die Bestandteile solider&#13;
Bankensysteme gehen jedoch weit über die Liste&#13;
international anerkannter Standards hinaus. Es sind&#13;
die Pflege einer Kreditkultur, solide Überwachung,&#13;
Obergrenzen für die einer Bank zur Verfügung stehenden Aktivposten sowie wirksame Kontrollen der&#13;
Selbstkontrahierung.&#13;
Verantwortung der Gläubiger&#13;
Wir benötigen ein System, damit die Politiker nicht mit&#13;
der Entscheidung zwischen unkontrolliertem Chaos&#13;
und Verwirrung einerseits und großen Sicherheitsleistungen andererseits konfrontiert sind, was heute&#13;
allzu oft der Fall ist. Das hat eine mikro- und eine&#13;
makroökonomische Dimension. Staaten brauchen&#13;
eine Konkursordnung. Und sie benötigen effektive&#13;
Rechtsinstitutionen zu ihrer Durchsetzung. Das ist Teil&#13;
der Zugehörigkeit zum globalen Kapitalmarkt. Ferner&#13;
benötigen wir Verfahren für den Umgang mit Situationen, in denen Länder auf nationaler Ebene in große&#13;
finanzielle Schwierigkeiten geraten.&#13;
Wir brauchen den gerichtlichen Verfahren auf der&#13;
ganzen Welt entsprechende Systeme. Wir benötigen&#13;
Systeme für den Umgang mit Zahlungsunfähigkeit,&#13;
denn bevor das System nicht gegen Zahlungsunfähigkeit geschützt ist, können wir nicht auf Erfolg zählen.&#13;
Wir erachten das amerikanische Finanzsystem nicht&#13;
deswegen als stark, weil alle seine Institutionen&#13;
erfolgreich sind, sondern zumindestens großenteils&#13;
weil die Zahlungsunfähigkeit einer Institution nicht das&#13;
ganze System gefährdet. Wir müssen mehr Systeme&#13;
dieser Art schaffen. Damit die internationalen Kapitalmärkte gut funktionieren, müssen Investoren Investitionen tätigen, die auf den Grundlagen der&#13;
jeweiligen nationalen Volkswirtschaften basieren und&#13;
nicht auf der Wahrscheinlichkeit internationaler Hilfe.&#13;
Die enorm schwierige analytische Herausforderung für&#13;
den IWF und uns alle ist die Suche nach einem Weg&#13;
zum sicheren Aufbau eines solchen Systems ohne die&#13;
Gefährdung der Stabilität, die wir fördern wollen.&#13;
5. Die Interessen des Kapitals sind nicht die&#13;
einzigen, die zählen&#13;
Das Thema meiner heutigen Ausführungen ist die&#13;
Notwendigkeit für Regierungen und die Staatengemeinschaft, bei der Reaktion auf die Herausforderungen des globalen Finanzmarktes das System als&#13;
Ganzes zu betrachten. Das bedeutet Arbeit an der&#13;
Stärkung nationaler und internationaler Finanzsyste-&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
me. Und es beinhaltet die Entwicklung wirksamer&#13;
Schutzmechanismen zur Verhinderung von Krisen&#13;
sowie wirksamer Mechanismen für ihre Bewältigung,&#13;
wenn sie stattfinden. Das kann und darf jedoch nicht&#13;
bedeuten, sich ausschließlich auf die Interessen des&#13;
Kapitals zu konzentrieren, sei es nationales oder&#13;
internationales.&#13;
Die Konzentration auf die Stabilisierung von Kapitalflüssen ist ein Mittel zur Erlangung eines übergeordneten Ziels. Sie ist kein Selbstzweck. Bei unserem&#13;
Einsatz zur Förderung des freien Kapitalflusses dürfen&#13;
wir nicht die umfassenderen Risiken vernachlässigen,&#13;
die er für die Menschen in dieser neuen Weltwirtschaft&#13;
darstellt, denen er eigentlich dienen sollte - und die&#13;
Umwelt, in der diese Menschen leben. Da Kapital&#13;
weitaus mobiler als Arbeit wird, besteht die berechtigte&#13;
Sorge, daß Unternehmen diese größere Mobilität&#13;
ausnutzen, indem sie konkurrierende Zuständigkeitsbereiche gegeneinander ausspielen. Die Angst ist,&#13;
daß wir uns in einem Wettlauf zum Tiefpunkt befinden einem Tiefpunkt, an dem Regierungen keine fairen&#13;
Steuern erheben, keine fairen Arbeitsnormen aufrechterhalten und nicht die Umwelt schützen können.&#13;
Das ist nicht die Welt, die wir schaffen möchten. Und&#13;
es ist nicht die Welt, die wir schaffen. Aus diesem&#13;
Grund arbeiten wir mit anderen Ländern an der&#13;
Förderung globaler Kooperation zur Bekämpfung eines&#13;
wirtschaftlichen und juristischen Steuerparadieses.&#13;
Aus diesem Grund arbeiten wir in der OECD intensiv&#13;
am Thema konkurrierende Steuersysteme.&#13;
Aus&#13;
diesem Grund setzen wir uns im Rahmen des IWF und&#13;
anderer internationaler Finanzinstitutionen dafür ein&#13;
sicherzustellen, daß die Anliegen der Arbeitnehmer&#13;
und der Umwelt beim Entwurf von Reformprogrammen&#13;
und Strategien für nachhaltige Entwicklung angemessen berücksichtigt werden. Und aus diesem Grund&#13;
spielen faire Arbeits- und Umweltnormen eine Schlüsselrolle bei unseren bilateralen und multilateralen&#13;
Initiativen zur Liberalisierung des Handels.&#13;
Keine dieser Fragen kann leicht beantwortet werden.&#13;
Aber wir vernachlässigen sie auf eigene Gefahr. In&#13;
den letzten Jahren haben wir die Weichen für eine&#13;
wahrhaft globale Wirtschaft gestellt. Handel, Investitionen, Kapital, Informationen und Know-how&#13;
fließen freier denn je zu den Orten, an denen sie am&#13;
wirksamsten zur Schaffung von Wohlstand eingesetzt&#13;
werden können. Ereignisse wie die in Asien sind&#13;
jedoch eine weitere Mahnung, daß die Woge globaler&#13;
Integration ernste Herausforderungen mit sich bringt.&#13;
Das Potential ist atemberaubend. Es erfordert ein&#13;
neues Netz von Maßnahmen und institutionellen&#13;
Abmachungen zur Gewährleistung, daß dieses&#13;
Potential genutzt wird. Und das hängt maßgeblich von&#13;
einem effektiven Internationalen Währungsfonds ab.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�SOZIALES&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
Soziale Sicherheit kommt zuerst&#13;
Rede von John C. Kornblum&#13;
&#13;
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, beim Runden Tisch der Dräger-Stiftung über: Die Zukunft&#13;
des sozialen Zusammenhalts in reifen Gesellschaften: USA, Japan, Deutschland. Die Notwendigkeit von&#13;
Rentenreformen in einer Welt der Überalterung, vom 23. März 1998 in Berlin.&#13;
&#13;
Ich möchte Bundespräsident Herzog und der DrägerStiftung meinen Dank aussprechen, daß sie diese&#13;
Initiative ergriffen haben, und ich danke auch den&#13;
amerikanischen Gästen für ihre Teilnahme an dieser&#13;
Konferenz.&#13;
Ich begrüße die Gelegenheit für Amerikaner, Japaner&#13;
und Deutsche außerordentlich, ein Thema zu erörtern,&#13;
das von so entscheidender Bedeutung für unsere&#13;
Länder ist. Die Reform des Sozialversicherungssystems, Schaffung von Arbeitsplätzen, Bildung und&#13;
Ausbildung, die Reform des Gesundheitswesens und&#13;
Kinderbetreuung sind keine traditionellen außenpolitischen Themen, aber sie nehmen einen zunehmend prominenten Platz in unserer außenpolitischen&#13;
Tagesordnung ein. Ich hoffe, daß dieser Runde Tisch&#13;
der Anfang einer neuen Art von Dialog zwischen&#13;
unseren Ländern sein wird: Wir haben ein elementares&#13;
gemeinsames Interesse an neuen Ideen und der&#13;
Erarbeitung von Lösungen, um die Herausforderungen&#13;
dieser Zeit raschen Wandels zu meistern.&#13;
In der Amerikanischen Botschaft ist eines der von uns&#13;
hervorgehobenen Themen die Fähigkeit von Ländern,&#13;
vom anderen zu lernen. In Zeiten schrumpfender&#13;
Haushaltsbudgets - etwas, das wir alle gemeinsam&#13;
haben - kann der Austausch von Ideen und Erfahrungen die Vermeidung teurer Fehler bedeuten. Unsere&#13;
Länder haben ein einzigartiges Maß der Zusammenarbeit erreicht, und wir alle haben Interesse am&#13;
Wohlstand des anderen und am Wohlergehen der&#13;
Bevölkerung des jeweils anderen Landes.&#13;
In diesem Forum erörtern wir Ähnlichkeiten und&#13;
Unterschiede zwischen den Sozialsystemen unserer&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
Länder. In Anwesenheit von so vielen Experten werde&#13;
ich in meinen Ausführungen auf Themen eingehen, die&#13;
meines Erachtens für das amerikanische Sozialversicherungssystem von Bedeutung sind.&#13;
Das Sozialversicherungssystem der Vereinigten&#13;
Staaten wurde in hohem Maße von der geographischen Weite des Landes, seiner ethnischen Vielfalt&#13;
und seiner gut entwickelten Tradition der Selbstversorgung beeinflußt. Diese Faktoren haben in den&#13;
Vereinigten Staaten zu einem System geführt, das&#13;
pragmatisch funktioniert und sich zunehmend verändert.&#13;
In den Vereinigten Staaten befinden wir uns jetzt&#13;
inmitten einer Debatte über verschiedene Konzepte&#13;
und Vorschläge, wie das Sozialversicherungssystem&#13;
an die beginnende Überalterung der Bevölkerung&#13;
angepaßt werden tragen kann. In den Vereinigten&#13;
Staaten ist die Debatte von der Tatsache geprägt, daß&#13;
die Sozialpolitik stark dezentralisiert ist, wobei die&#13;
Verantwortung zwischen dem Staat, den Bundesstaaten und den kommunalen Regierungen sowie dem&#13;
Privatsektor geteilt ist. Die umfassendere Frage für&#13;
alle drei Länder lautet jedoch gleich: Wie kann ein&#13;
realistisches Maß an sozialer Sicherheit auf der&#13;
Grundlage unserer einzigartigen nationalen Traditionen gewährleistet werden? Ich bin nicht der Ansicht,&#13;
daß es für alle Länder ein und dieselbe Lösung gibt.&#13;
Eine entscheidende Frage ist die Rolle des Privatsektors.&#13;
Der Privatsektor spielt im amerikanischen&#13;
System eine wichtige Rolle nicht nur bei der Verteilung&#13;
von Leistungen, sondern auch bei der Einzahlung in&#13;
das System. Er garantiert den Versicherungsschutz&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�für Arbeitnehmer. Andere Beispiele der Rolle des&#13;
Privatsektors sind Betriebsrenten, Gruppenlebensversicherungen und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.&#13;
Angaben des Arbeitsministeriums zufolge sind rund 50&#13;
Prozent aller Vollzeitbeschäftigten im Privatsektor&#13;
durch Betriebsrenten abgedeckt.&#13;
Deutschland ist den Vereinigten Staaten bei der&#13;
Vermögensbildung voraus gewesen. Dieses Konzept&#13;
stagnierte jedoch in den letzten Jahren in Deutschland,&#13;
während in den Vereinigten Staaten die privaten&#13;
Rentensysteme, insbesondere die "401K"-Pläne,&#13;
immer beliebter wurden.&#13;
Ohne die geltenden Gesetze in irgendeiner Weise zu&#13;
ändern, kann das amerikanische Sozialversicherungssystem die vollen Leistungen bis weit ins nächste&#13;
Jahrhundert zahlen. (Wir sprechen hier von der&#13;
Renten- und der Betriebsunfallversicherung.) Aber in&#13;
den nächsten 75 Jahren sehen wir uns mit einem&#13;
Finanzloch konfrontiert. Es gibt verschiedene Vorschläge, wie dieses Finanzloch gestopft werden kann,&#13;
indem zumindest ein Teil des Sozialversicherungstreuhandfonds in Aktien anstatt in Staatsanleihen investiert&#13;
wird. Mehrere einflußreiche amerikanische Senatoren&#13;
drängen auf dieses Konzept. Andere halten es für&#13;
unrealistisch und argumentieren, man könne nicht mit&#13;
festen Gewinnen rechnen, und ein solch großer&#13;
Kapitalzufluß könnte zu Turbulenzen auf dem Aktienmarkt führen.&#13;
Eine andere Frage, die Deutschland, Japan und die&#13;
Vereinigten Staaten betrifft, ist die Einwanderung.&#13;
Führende Vertreter der neuen Hightechindustrie in&#13;
Amerika fordern beispielsweise eine Modifizierung der&#13;
amerikanischen Einwanderungsgesetze, um die&#13;
Einreise von 200.000 bis 400.000 Computerfachleuten&#13;
und -technikern zu ermöglichen, damit die Erfordernisse der rasch wachsenden Hightechindustrie erfüllt&#13;
werden können. Sie argumentieren, hochqualifizierte&#13;
ausländische Techniker ins Land zu bringen, sei&#13;
entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit auf einem&#13;
globalen Markt. Ähnliche Debatten finden in Deutschland statt. Die positiven Auswirkungen neuer Einwanderer als Beitragszahler in das Sozialversicherungssystem müssen ebenfalls sorgfältig geprüft&#13;
werden.&#13;
Während in unseren Ländern die Pläne zum Abbau&#13;
des Defizits umgesetzt werden, wird immer wieder die&#13;
Frage gestellt, wofür diese Einsparungen verwendet&#13;
werden. In seinem Bericht zur Lage der Nation vor&#13;
dem Kongreß am 27. Januar konzentrierte sich&#13;
Präsident Clinton auf die Sozialversicherung und&#13;
machte sehr deutlich, daß er den voraussichtlichen&#13;
Haushaltsüberschuß in seiner gesamten Höhe - "jeden&#13;
Pfennig" - zur Stärkung des Sozialversicherungssystems für das 21. Jahrhundert verwenden möchte.&#13;
Um den Präsidenten zu zitieren: "Zuerst muß die So-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
zialversicherung gerettet werden." Darüber hinaus&#13;
forderte er neue Steueranreize für Einzelpersonen und&#13;
die Besitzer von Kleinbetrieben zur Stärkung des&#13;
privaten Rentensystems des Landes. Er schlug auch&#13;
vor, daß sich Amerikaner ab dem 55. Lebensjahr in&#13;
das Krankenversicherungssystem Medicare einkaufen&#13;
können.&#13;
Die dramatischen Verbesserungen in der amerikanischen Volkswirtschaft haben die Lasten für die&#13;
Sozialversicherung in absehbarer Zeit etwas erleichtert. Im gesamten Verlauf des Jahres 1997 waren das&#13;
Produktionswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen stark, während die Inflation abnahm. Das reale&#13;
(inflationsbereinigte) Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg&#13;
um 3,9 Prozent, und die Beschäftigungsrate nahm um&#13;
3,2 Millionen mit durchschnittlich 267.000 Arbeitsplätzen pro Monat zu. Zum ersten Mal seit 24 Jahren&#13;
fiel die Arbeitslosenquote unter fünf Prozent, und&#13;
dennoch betrug die Inflationsrate durchschnittlich nur&#13;
2,2 Prozent - die niedrigste Rate seit über 30 Jahren.&#13;
Diese außergewöhnliche Wirtschaftsleistung fand in&#13;
der Periode eines historischen Defizitabbaus statt.&#13;
Das Haushaltsdefizit, das im Haushaltsjahr 1992 290&#13;
Milliarden Dollar erreicht hatte, sank im Haushaltsjahr&#13;
1997 auf nur 22 Milliarden Dollar. Und die Administration hat für das Fiskaljahr 1999 einen Etatentwurf&#13;
vorgelegt, der zum ersten Mal seit 1969 einen ausgeglichenen Haushalt prognostiziert.&#13;
Diese Beispiele zeigen, daß die kommenden Jahre&#13;
kreativere Antworten für die Bewältigung der Herausforderungen verlangen, die sich durch alternde&#13;
Bevölkerungen stellen. Medicare steht zu der Zeit vor&#13;
dem Bankrott, in der die geburtenstarken Jahrgänge&#13;
ungefähr im Jahr 2010 anfangen, in den Ruhestand zu&#13;
gehen. Medicaid, die staatliche Krankenversicherung&#13;
für die Armen, sieht sich enormem finanziellen Druck&#13;
ausgesetzt, vor allem aufgrund der explodierenden&#13;
Pflegekosten für arme Senioren und andere, die ihr&#13;
Vermögen aufgebraucht haben. Heute stehen einige&#13;
Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge vor der&#13;
schrecklichen Entscheidung, entweder für die Pflege&#13;
ihrer alternden Eltern aufzukommen oder ihre Kinder&#13;
aufs College zu schicken. Die Pflegeversicherung ist&#13;
&#13;
sicherlich eine der dramatischsten Veränderungen, mit&#13;
denen sich das amerikanische Sozialhilfesystem&#13;
konfrontiert sieht.&#13;
Abschließend möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck&#13;
verleihen, daß der Gedankenaustausch zwischen&#13;
unseren Ländern fortgesetzt wird. Ich hoffe, daß sich&#13;
die hier anwesenden Amerikaner weiterhin in dieser&#13;
internationalen Diskussion engagieren und freue mich&#13;
auf einen weiteren Dialog über gemeinsame soziale&#13;
Fragen - nicht nur innerhalb unserer Länder, sondern&#13;
auch zwischen unseren Ländern.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�TECHNOLOGIE&#13;
25. März 1998&#13;
&#13;
Die Chancen der Technologie und die&#13;
sich wandelnde Rolle des Staates&#13;
Rede von John C. Kornblum&#13;
&#13;
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft am&#13;
6. März 1998 in Berlin.&#13;
&#13;
Ich danke Ihnen für die Einladung, heute hier eine&#13;
Rede zu halten. Ich möchte ein Thema ansprechen,&#13;
das im nächsten Jahrhundert für unser Leben immer&#13;
wichtiger wird: Technologie. In der Tat ist die Technologie bereits zur treibenden Kraft für viele der Veränderungen in unseren heutigen Gesellschaften&#13;
geworden. Wie wir dies wahrnehmen - und ob wir dies&#13;
überhaupt wahrnehmen - ist von entscheidender&#13;
Bedeutung. Ebenso wichtig ist das, was unsere&#13;
Gesellschaften zur Förderung der technologischen&#13;
Entwicklung tun.&#13;
In meinen heutigen Ausführungen möchte ich auf&#13;
theoretischer Ebene beginnen und dann auf drei&#13;
spezifische Beispiele eingehen: das Internet, Biotechnologie und die Umwelt.&#13;
Dies ist ein historisches Jahr für Wissenschaft und&#13;
Technologie in den Vereinigten Staaten und Deutschland gleichermaßen. In den Vereinigten Staaten feiern&#13;
wir das 150-jährige Bestehen der Amerikanischen&#13;
Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, in&#13;
Deutschland feiern wir das 50-jährige Bestehen der&#13;
Max-Planck-Gesellschaft. Deutschland und Amerika&#13;
sind beide führend bei der technologischen Entwicklung auf der Welt, und technologische Forschung insbesondere im Weltraum - ist einer der vielversprechendsten Bereiche der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern.&#13;
Die Clinton-Administration hat die Fantasie der Amerikaner durch verstärkte Unterstützung von wissenschaftlicher und technologischer Forschung angeregt.&#13;
Der Forschungsfonds für das 21. Jahrhundert ist das&#13;
Kernstück der Forschungs- und Entwicklungsstrategie&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
der Administration. Er wird die zivilen Forschungsprogramme der Regierung über die nächsten fünf&#13;
Jahre um 32 Prozent aufstocken - einige davon in&#13;
Bereichen, die die Umwelt schützen, wie ich gleich im&#13;
Einzelnen erläutern werde.&#13;
Die Regierung spielt eine wichtige Rolle bei der&#13;
Ankurbelung und Bewahrung dieses wissenschaftlichen und technologischen Vorsprungs, indem sie&#13;
Mittel für Forschung und Entwicklung bereitstellt und&#13;
solide makroökonomische Maßnahmen ergreift, die&#13;
unter anderem Privatinvestitionen in Technologien der&#13;
Zukunft ermutigen. In den Vereinigten Staaten werden&#13;
rund 60 Prozent des gesamten Risikokapitals in&#13;
Technologien der Zukunft investiert.&#13;
Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die Regierung&#13;
ein starkes Interesse und Optimismus bezüglich der&#13;
sich rasch verändernden Welt der Technologie erregt&#13;
hat. Es gibt und wird wahrscheinlich immer gewisse&#13;
Vorbehalte gegenüber dem wissenschaftlichen&#13;
Fortschritt geben. Im Jahr 1883 amüsierte sich ein&#13;
englischer Biologe darüber, daß die Gegner der&#13;
Technologie sie als ein "dem Meer entsteigendes&#13;
Monster" ansahen.&#13;
Aber Amerikaner begegnen&#13;
technologischem Fortschritt generell mit Optimismus&#13;
und erwarten, daß er das Leben leichter, bequemer&#13;
oder zumindest interessanter macht.&#13;
Die Akzeptanz des technologischen Wandels durch&#13;
die Gesellschaft ist ein entscheidendes Element der&#13;
Innovation. Perzeptionen dessen, was wünschenswert&#13;
und was bedrohlich ist, werden Auswirkungen auf die&#13;
Fähigkeit einer Gesellschaft zu Fortschritten haben. In&#13;
der Tat sind unsere Perzeptionen der Veränderungen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�auf der uns umgebenden Welt in hohem Maße von den&#13;
Erwartungen einer Gesellschaft bestimmt. Thomas&#13;
Kuhn, der verstorbene Wissenschaftshistoriker,&#13;
machte die Bedeutung der Struktur wissenschaftlicher&#13;
Revolutionen und der Paradigmen berühmt, die in&#13;
Gedankengemeinschaften am Werk sind.&#13;
Man&#13;
erinnert sich jedes Mal an Kuhns These, wenn man&#13;
von der Verlagerung der Paradigmen hört, die überall&#13;
um uns herum stattfindet - in der Wissenschaft, der&#13;
Politik, der Wirtschaft und praktisch jedem anderen&#13;
Bereich, den Sie sich vorstellen können.&#13;
Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf Innovation,&#13;
sowohl zwischen Deutschen und Amerikanern als&#13;
auch innerhalb Deutschlands und der Vereinigten&#13;
Staaten. In unseren beiden Ländern besteht ein&#13;
Konsens, daß technologische Fortschritte der Gesellschaft nützen. Aber nicht alles wird auf die gleiche&#13;
Weise beurteilt. Denken Sie an die Biotechnologie,&#13;
das Klonen oder die kommerziellen und kulturellen&#13;
Auswirkungen des Internet.&#13;
Die Rolle der Regierung beinhaltet daher die Erwägung der Auswirkungen der Technologie auf Gesellschaft und Wirtschaft. Die Entdeckungen des letzten&#13;
Jahrzehnts erfordern neue Antworten seitens der&#13;
Regierung. Wir sehen uns mit Fragen konfrontiert, die&#13;
alte Probleme auf neue Art verbinden. In einigen&#13;
Fällen werden grundlegend neue Fragen gestellt. Die&#13;
Art, wie wir diese Fragen jetzt beantworten, kann&#13;
Präzedenzfälle für das nächste Jahrhundert schaffen.&#13;
Das Internet ist beispielsweise ein riesiges, neues und&#13;
im Großen und Ganzen unreguliertes Unternehmen.&#13;
Wäre es tatsächlich reguliert worden, wäre es wahrscheinlich nicht so schnell gewachsen. Was ist die&#13;
geeignete Rolle unserer Regierungen im Hinblick auf&#13;
das Internet? Diese Frage wurde von den Vereinigten&#13;
Staaten und der Europäischen Union bei ihrem&#13;
jüngsten Gipfeltreffen im Dezember 1997 angesprochen.&#13;
Bei dem Gipfel gelangten wir zu der Schlußfolgerung,&#13;
daß die Regierungen einen klaren, kohärenten und&#13;
vorhersehbaren rechtlichen Rahmen bereitstellen&#13;
sollten.&#13;
Sie sollten ein wettbewerbsfreundliches&#13;
Umfeld fördern, in dem der elektronische Handel&#13;
florieren kann. Und die Regierungen sollten den&#13;
angemessenen Schutz von im öffentlichen Interesse&#13;
liegenden Zielen sicherstellen, wie Schutz der Privatsphäre, Schutz des Rechts auf geistiges Eigentum,&#13;
Verhinderung von Betrug, Verbraucherschutz und&#13;
öffentliche Sicherheit.&#13;
Aber was ist angemessener Schutz? Die Antworten&#13;
mögen variieren, wie wir beim Verbot des Telefonierens im Internet in der Tschechischen Republik und&#13;
der Zensur des Inhalts in Singapur und China beobachten konnten. Generell glauben wir in den&#13;
Vereinigten Staaten, daß die Regierungen die Regulie-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
rung von Aktivitäten nicht überstürzen sollten, die über&#13;
das Internet stattfinden. Regulierung zu diesem&#13;
Zeitpunkt könnte den äußerst negativen Effekt haben,&#13;
die Investitionen und Innovationen des Privatsektors&#13;
zu beschränken, und das würde sicherlich die durch&#13;
diese revolutionäre Technologie entstandenen Vorteile&#13;
behindern.&#13;
Der Cyberspace ist ein neues Forum und Instrument,&#13;
sich auszudrücken. So wie er eine sehr viel größere&#13;
Arena für den Ausdruck und die Übermittlung von&#13;
Ideen bietet, so bietet er auch eine sehr viel größere&#13;
Plattform für die Freiheit, die Deutsche und Amerikaner&#13;
als eines der höchsten Güter erachten: die Redefreiheit.&#13;
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß&#13;
die Redefreiheit für den Cyberspace gelten sollte und&#13;
Gesetze, die den Informationsfluß im Internet zu&#13;
zensieren versuchen, sowohl fehlgeleitet als auch&#13;
unpraktisch sind. Der beste Weg zur Bekämpfung von&#13;
falscher Information ist richtige Information. Der&#13;
Schlüssel ist also nicht Zensur, sondern die Ermutigung eines starken Austauschs über das Internet.&#13;
Natürlich sollten wir über Sachen wie Kinderpornographie und den Zugang von Kindern zu für sie ungeeignetem Material besorgt sein. Daran besteht kein&#13;
Zweifel. Aber wie können wir unsere Kinder am besten&#13;
schützen? Als erstes könnten wir instinktiv eine neue&#13;
Regulierung wünschen. Das ist eine Versuchung, der&#13;
selbst die US-Regierung erlegen ist, nur um im&#13;
Sommer 1997 vom Obersten Bundesgerichtshof an&#13;
das verfassungsmäßig garantierte Recht der Redefreiheit erinnert zu werden.&#13;
Unser erster Instinkt könnte daher nicht der beste sein.&#13;
Eine vorzuziehende und effektivere Methode sollte die&#13;
Industrie zur Selbstregulierung und zur Entwicklung&#13;
der technologischen Instrumente ermutigen, die Eltern&#13;
und Internetprovider zur Sichtung des für Kinder&#13;
ungeeigneten Materials verwenden können. Diejenigen, die am besten wissen, wie man das macht, sind&#13;
diejenigen, die die Software produzieren und den&#13;
Zugang zum Internet anbieten.&#13;
Ein weiteres Instrument ist ganz einfach der Markt.&#13;
Familien gehören zu den häufigsten Benutzern des&#13;
Internet, und Familien werden die Produkte aussuchen, die den Bedürfnissen der Kinder gerecht&#13;
werden. Wettbewerb und die Entscheidung des&#13;
Verbrauchers können "inoffiziell" das Internet so&#13;
regulieren wie es Gesetze nicht können.&#13;
Die globale Natur des Internet bedeutet, daß es nicht&#13;
möglich oder sogar wünschenswert ist, in einem&#13;
einzigen Land Gesetze zu verfassen. Aus diesem&#13;
Grund müssen wir einen Konsens über global herrschende Standards erarbeiten.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�Das ist möglich, wie die jüngere Geschichte belegt.&#13;
Ich denke an den umfassenden und beeindruckenden&#13;
Handelskonsens, den wir mit der Gründung der&#13;
Welthandelsorganisation&#13;
erzielt haben.&#13;
Die&#13;
WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und Informationstechnologie sind von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung zusätzlicher Netze.&#13;
Und das wird wiederum zur Verbreitung der Technologie und ihrer Anwendung am Arbeitsplatz und zu&#13;
Hause beitragen.&#13;
Diese Schlußfolgerung führt zu einem weiteren&#13;
wichtigen Prinzip: Wenn wir die Implikationen der&#13;
Technologie verstehen wollen, muß die Analyse&#13;
vernünftig und ehrlich sein. Internationale Zusammenarbeit bietet auch Chancen im Handelsbereich. Wie&#13;
die jüngste Entscheidung über Importe von amerikanischem Rindfleisch zeigt, kann die WTC- komplexe&#13;
wissenschaftliche Fragen behandeln. 1989 erließ die&#13;
EU ein Importverbot für hormonbehandeltes Rindfleisch mit der Begründung, dieses stelle ein Gesundheitsrisiko für die Verbraucher dar. Bislang wurden&#13;
jedoch trotz von der EU und anderen durchgeführter&#13;
Risikoanalysen keine wissenschaftlichen Beweise für&#13;
Gesundheitsgefährdungen gefunden. Die Vereinigten&#13;
Staaten hoffen und erwarten, daß die EU schnell&#13;
handelt, um ihre Verpflichtungen im Rahmen der WTO&#13;
zu erfüllen. Das bedeutet die Aufhebung des ungerechtfertigten Importverbots für amerikanisches&#13;
Rindfleisch. Jede Verzögerung würde letztlich das&#13;
Prestige des Mechanismus beeinträchtigen, dessen&#13;
Lebensfähigkeit und Glaubwürdigkeit im Interesse aller&#13;
WTO-Mitglieder liegt.&#13;
Ein Grundsatz, der zu unseren elementaren Werten&#13;
zählt, ist der, solide wissenschaftliche Fakten anzuführen. Bei Handelsfragen müssen wir peinlich&#13;
genau darauf achten, solide wissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen, insbesondere wenn wir versuchen, Zölle und andere indirekte Handelshemmnisse&#13;
abzubauen oder abzuschaffen. Ferner müssen wir&#13;
darauf hinarbeiten, unsere Debatte über technologische Innovationen auf der Grundlage der Wissenschaft zu führen, selbst wenn sie manchmal im&#13;
Gegensatz zu traditionellen Überzeugungen der&#13;
Öffentlichkeit steht.&#13;
Die Stimme der Wissenschaft im Hinblick auf die Frage&#13;
gentechnisch veränderter Organismen ist stark und&#13;
klar. Ich bin mir bewußt, daß es hier in Deutschland&#13;
und andernorts in Europa eine gewisse Besorgnis über&#13;
den Einsatz der Biotechnologie im Nahrungsmittelbereich gibt. Ein Aspekt dieser Sorgen ist ethischer&#13;
und moralischer Natur: Ist es ethisch und moralisch,&#13;
die Biotechnologie im Bereich der Ernährung einzusetzen? Ein anderer Aspekt ist die Sicherheit: Ist es&#13;
sicher, diese Produkte zu essen? Ich möchte diese&#13;
beiden Aspekte eingehender erörtern.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
In den Vereinigten Staaten hat man eine sehr positive&#13;
Einstellung zu genmodifizierten Organismen. Amerika&#13;
hat eine starke Verbraucherbewegung. Und obwohl&#13;
die Amerikaner Anhänger einer schlanken Regierung&#13;
sind, zeigen Meinungsumfragen, daß sie großes&#13;
Vertrauen in die Arbeit ihrer Regierung im Bereich der&#13;
Nahrungsmittelhygiene haben und diese unterstützen.&#13;
Die Amerikaner wissen, daß sie durch die weltweit&#13;
höchsten Standards für Nahrungsmittelhygiene&#13;
geschützt werden, und sie sind von der Sicherheit der&#13;
genmodifizierten Organismen überzeugt, die angemessen getestet und wissenschaftlich überprüft&#13;
wurde.&#13;
Ihre Zuversicht gegenüber der Biotechnologie basiert&#13;
wiederum auf einem soliden wissenschaftlichen&#13;
Fundament. Ein strenger wissenschaftlicher Test nach&#13;
dem anderen hat bewiesen, daß die Produkte auf dem&#13;
Markt sicher sind. Amerikaner sind der Überzeugung,&#13;
daß bei der Frage des Einsatzes von Biotechnologie&#13;
im Ernährungsbereich die Wissenschaft über Ideologien triumphieren muß. Es geht nicht nur um Zugang&#13;
zu besser schmeckenden Nahrungsmitteln. Es ist&#13;
tatsächlich eine ethische Frage. Unsere ethische&#13;
Frage lautet jedoch: Können wir es uns erlauben, diese&#13;
vielversprechende Technologie zu ignorieren? Die&#13;
Antwort ist: Wir können es nicht. Die meisten bevölkerungspolitischen Prognosen der Wissenschaftler&#13;
zeigen, daß die einzige Hoffnung, in Zukunft noch&#13;
mehr Hunger zu verhindern, in der Biotechnologie liegt.&#13;
Sie hier in Europa machen sich ebensolche Sorgen&#13;
über den weltweiten Hunger wie wir in den Vereinigten&#13;
Staaten. Aus diesem Grund haben wir ein gemeinsames starkes Interesse daran, bei der Entwicklung&#13;
der Biotechnologie im Nahrungsmittelbereich Fortschritte zu machen - zusammen und ohne Zögern.&#13;
Ich bin insgesamt optimistisch hinsichtlich unserer&#13;
Fähigkeit, mit solchen Produkten moderner Technologie umzugehen, bei der jedes Produkt nach seinen&#13;
eigenen Vorteilen beurteilt wird. Meines Erachtens&#13;
werden neue Technologien weiterentwickelt, während&#13;
ihre Vorteile offensichtlicher werden. Ich bin sicher,&#13;
daß ihre Produkte weltweit gehandelt und eingesetzt&#13;
werden.&#13;
Diese Erwägungen sollten auch bei einem anderen&#13;
wichtigen Problem zum Tragen kommen - dem&#13;
Umweltschutz. Die Vereinigten Staaten sind skeptisch&#13;
über die Nützlichkeit weitreichender Regulierungen.&#13;
Um es nochmals zu wiederholen, wir glauben an den&#13;
Nutzen von marktgestützten Anreizen und praktischen&#13;
Instrumenten. Wir haben gelernt, daß die Kosten für&#13;
den Schutz der Umwelt entschieden niedriger sind,&#13;
wenn wir die Kraft des Marktes nutzen.&#13;
Aus diesem Grund streben die Vereinigten Staaten ein&#13;
inländisches und internationales System handelbarer&#13;
Zertifikate für Treibhausgasemissionen an. Unter&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�einem internationalen System handelbarer Emissionszertifikate könnten ein Land oder eine Firma ihr Ziel&#13;
reduzierter Emissionen durch die Verringerung der&#13;
Umweltverschmutzung selbst erreichen oder von&#13;
einem anderen Land oder einer anderen Firma&#13;
Zertifikate kaufen - oder eine Kombination von beidem&#13;
wählen. Der Handel mit Emissionszertifikaten wird in&#13;
den Vereinigten Staaten mit enormen Erfolg betrieben&#13;
und hat sauren Regen zu einem Bruchteil der prognostizierten Kosten drastisch reduziert. Sie können jetzt&#13;
an der Chicagoer Handelskammer mit Schwefeldioxidzertifikaten handeln.&#13;
Es gibt viele Lösungen von beiderseitigem Vorteil bei&#13;
der Verringerung von Kohlendioxidemissionen. Diese&#13;
Lösungen können unsere Energieffizienz verbessern,&#13;
und gleichzeitig sparen die Verbraucher Geld. Ein im&#13;
Oktober 1997 angekündigter Durchbruch bei der&#13;
Technologie für Brennstoffzellen wird den Weg zur&#13;
Entwicklung von Autos ebnen, die doppelt so energieeffizient sind wie die heutigen Modelle. Diese Technologie birgt das Versprechen, nicht nur die Umweltverschmutzung zu verringern, sondern auch die Betriebskosten für ein Auto.&#13;
Die Rolle der Regierung bei all dem besteht darin,&#13;
Führungskraft und Vision zu bieten. Den Markt&#13;
funktionieren zu lassen, ist an sich schon visionär.&#13;
Aber das gilt ebenso für die anderen von der&#13;
US-Regierung eingesetzten Instrumente, wie das&#13;
Angebot von Steueranreizen für energieeffiziente&#13;
Käufe: Verbraucher, die äußerst brennstoffarme&#13;
Fahrzeuge kaufen, erhalten einen Steuerfreibetrag&#13;
zwischen 3.000 und 4.000 Dollar. Wer Solarzellen für&#13;
sein Dach zur Erzeugung von Strom oder heißem&#13;
Wasser kauft, erhält einen Freibetrag von bis zu 2.000&#13;
Dollar. Dies sind nur einige der von der Clinton-Administration eingeführten Steueranreize. Die&#13;
Regierung hat außerdem 2,7 Milliarden Dollar für die&#13;
Finanzierung zusätzlicher Forschung und Entwicklung&#13;
neuer, energieeffizienter Technologien bereitgestellt.&#13;
Deutschland ist weltweit führend bei der Entwicklung&#13;
neuer Technologien zum Schutz der Umwelt. Das&#13;
macht den Umweltschutz zu einem der wichtigen&#13;
neuen Bereiche, in denen Deutschland und die&#13;
Vereinigten Staaten zusammenarbeiten können.&#13;
Deutschland und Amerika können viel erreichen, wenn&#13;
wir bei unserer Zusammenarbeit besondere Betonung&#13;
auf die Entwicklung und Verbesserung des Konzepts&#13;
marktgestützter Mechanismen legen.&#13;
Ein weiteres interessantes neues Gebiet für technologische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und&#13;
den Vereinigten Staaten ist die Weltraumforschung.&#13;
NASA-Direktor Daniel Goldin war in den letzten&#13;
Monaten zweimal in Deutschland, um die&#13;
deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Weltraum&#13;
zu fördern. Die Vereinigten Staaten wünschen sich&#13;
mehr Investitionen des Privatsektors für das Weltraum-&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
programm auf Gebieten, auf denen die Industrie durch&#13;
die Anwendung von Forschungsergebnissen im&#13;
Weltraum möglicherweise direkte Vorteile hat. Das ist&#13;
besonders interessant für die Nutzungsphase der&#13;
internationalen Weltraumstation. Deutschland ist das&#13;
wichtigste Ziel für die Übermittlung dieser Botschaft,&#13;
weil es ein führendes Zentrum für wissenschaftliche&#13;
Forschung ist und in der Vergangenheit einen wesentlichen Beitrag zum amerikanischen Weltraumprogramm geleistet hat. Unter anderem ermöglichte es&#13;
den Empfang von Bildern der Marsmission Pathfinder.&#13;
Hunderte, wenn nicht Tausende von Innovationen sind&#13;
Nebenprodukte der Weltraumforschung. Viele dieser&#13;
Innovationen wurden im Bereich der Medizin gemacht,&#13;
wie etwa die Herzpumpe oder der Cooling-suit für&#13;
Patienten mit Multipler Sklerose. Die Ärzte bei der&#13;
NASA züchten bereits maschinell Zellen des menschlichen Knochenmarks mit dem Ziel, künstliches Blut zu&#13;
gewinnen. Wie NASA-Direktor Goldin es formulierte,&#13;
befürwortet die NASA in der Zukunft einen noch&#13;
aktiveren Ansatz bei der "Verbindung zwischen&#13;
technologischen Innovationen und den Ärzten". Die&#13;
NASA hat bereits sechs Technologien ausgemacht, die&#13;
kürzlich beim Weltraumprogramm verwendet wurden&#13;
und die zur besseren Diagnose und Heilung von Krebs&#13;
beitragen können.&#13;
Diese sowie andere heute Nachmittag von mir angeführten Beispiele weisen auf die veränderte Rolle der&#13;
Regierung hin. Führung und Inspiration zu bieten, ist&#13;
eines. Den Markt bei der Ergänzung der staatlichen&#13;
Rolle zu unterstützen, ist ein anderes.&#13;
Kürzlich las ich, daß sich das gesamte menschliche&#13;
Wissen alle fünf Jahre verdoppelt. Das geht fast über&#13;
das menschliche Verständnis hinaus. Aber selbst&#13;
wenn wir nicht in der Lage sind, die Auswirkungen&#13;
oder das schiere Ausmaß einer solchen Behauptung&#13;
zu erfassen, müssen wir zumindestens versuchen,&#13;
unsere Einstellung zum technologischen Wandel zu&#13;
verändern.&#13;
Abschließend möchte ich noch einige Worte über die&#13;
von den Vereinigten Staaten beim weltweiten technologischen Fortschritt übernommene einzigartige Rolle&#13;
sagen. Mein Land ist eine Art Werkstatt für Ideen und&#13;
Lösungen geworden. Diese sind "made in America",&#13;
aber nicht unbedingt "amerikanisch". Eine offene und&#13;
freundliche Atmosphäre war von Anfang an ein&#13;
Merkmal der amerikanischen Idee. Äußere Elemente&#13;
wie die Verfügbarkeit von Risikokapital und Änderungen der Einwanderungsgesetze in den siebziger&#13;
Jahren haben Amerika jedoch zu einem noch stärkeren Magnet für Begabungen und Know-how aus der&#13;
ganzen Welt gemacht.&#13;
Die Bedeutung von Austausch und Zusammenarbeit&#13;
kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein&#13;
Psychologe der University of Chicago hat einmal&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
�geschrieben, "die Zentren der Kreativität befinden sich&#13;
normalerweise an den Schnittpunkten unterschiedlicher Kulturen, wo sich Überzeugungen, Lebensstile&#13;
und Wissen vermischen und dem Einzelnen gestatten,&#13;
neue Kombinationen von Ideen leichter zu erkennen."&#13;
Es ist klar, daß die wichtigsten Anreize durch neue&#13;
Erfahrungen, Ideenaustausch und wahrscheinlich in&#13;
gewissem Maße sogar durch die Erholung oder&#13;
Zerstreuung gegeben werden, die wir erfahren, wenn&#13;
wir uns gedanklich über unser Mikroumfeld hinausbewegen.&#13;
Das ist möglicherweise der Grund, warum die heutigen&#13;
Netze wissenschaftlicher Zusammenarbeit so vielschichtig und miteinander verknüpft sind. Es gibt sie&#13;
auf mehreren Ebenen, und sie nehmen unterschiedliche Formen an und überlappen sich teilweise. Sie&#13;
reichen vom einstigen bilateralen Austausch von&#13;
Forschungserkenntnissen oder Dokumenten bis zu&#13;
langfristiger, dauerhafter, internationaler Zusammenar-&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 06&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
beit im Bereich der Wissenschaft. Diese gibt es auf&#13;
individueller, regionaler und institutioneller Ebene&#13;
sowie in verschiedenen Kombinationen derselben.&#13;
Die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen&#13;
Deutschen und Amerikanern hat bereits eine lange&#13;
Tradition. Unsere Länder finden neue Wege und neue&#13;
Bereiche für künftige Zusammenarbeit. Da Deutschland und die Vereinigten Staaten bei technologischen&#13;
Entwicklungen weltweit führen, sind sie in der einzigartigen Lage, das Verständnis für die Rolle der Technologie zu fördern. Ich hoffe, daß unsere Länder&#13;
wegweisend sein können und die Chancen der&#13;
Technologie mit Hilfe von Vision, Klugheit und Entschlossenheit nutzen. Wir müssen versuchen, uns&#13;
das neue Jahrhundert und seine Möglichkeiten für ein&#13;
Leben vorzustellen, das von der Technologie bestimmt&#13;
und durch Wissen angetrieben wird.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Bosnien-Politik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Madeleine Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Kosovo&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright fordert entschlossenes Handeln im Kosovo&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung der Außenministerin vor der Kontaktgruppe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Summers zu IWF und der Liberalisierung von Kapitalflüssen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Soziales&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Soziale Sicherheit kommt zuerst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Chancen der Technologie und die sich wandelnde Rolle des Staates&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von John C. Kornblum&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Zum internationalen geophysikalischen Jahr&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Atomreaktor Sonne&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Energieströme beeinflussen Lebensrythmus und Umwelt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zweierlei Maßstäbe für Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler in der UdSSR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die relative Freiheit der sowjetischen Naturwissenschaftler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Weltausstellung Brüssel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der kulturelle Beitrag der USA zur Brüsseler Weltausstellung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Liste der Gedenktage im Mai 1958&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Gründe der USA für die vorläufige Fortsetzung der Kernwaffenversuche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus einer Erklärung des Vorsitzenden der amerikanischen Atomenergie-Kommission, Admiral Lewis L. Strauss, vom 17. April 1958&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

25. April 1984

17

INHALT

DOKUMENTATION
Reagan wünscht Wiederaufnahme der Abrüstungsgespräche
- Erklärung des Präsidenten vom 19. April 1984 USA fordern völliges Verbot chemischer Waffen
- Ausführungen von US-Vizepräsident Bush vor der
Genfer Abrüstungskonferenz Kurzinformation über die amerikanische Initiative zum Verbot
chemischer Waffen
- Herausgegeben vom Weißen Haus am 18. April 1984 -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die XXIII. Olympischen Spiele in Los Angeles
- (1) Los Angeles - eine Viel Völkerstadt -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Forschung und Entwicklung 1984
Mikroelektronik für die Biomedizin

Um über/endung von
ßelegcKemploren
uiirtl gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�4

Dokumentation

i
17

United States Information Service
Embassy of the United States of America

25. April 1984

REAGAN WÜNSCHT WIEDERAUFNAHME DER ABRÜSTUNGSGESPRXCHE
- Erklärung des Präsidenten vom 19. April 1984 -

Washington -(AD)- In einer Erklärung vom 19. April 1984 forderte
der amerikanische Präsident Ronald Reagan die Sowjets auf, zu den
Verhandlungen über eine Verminderung der nuklearen Waffen zurückzukehren. Im Hinblick auf die Wiener MBFR-Gespräche meinte er, Fortschritte könnten dort sehr schnell erzielt werden, wenn der Warschauer Pakt in gleichem Umfang guten Willen zeige, wie dies die NATO tue,
Die Erklärung des Präsidenten hatte folgenden Wortlaut:
Ich freue mich, heute eine weitere umfassende Initiative im Bereich der Rüstungskontrolle bekanntgeben zu können. Am heutigen Tage
haben die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten in Wien einen neuen Vorschlag auf den Tisch gelegt, mit dem der tote Punkt
überwunden werden soll, an dem die Verhandlungen zwischen der NATO
und dem Warschauer Pakt über eine Verminderung der konventionellen
Streitkräfte in Europa schon seit geraumer Zeit angelangt sind. Diese wichtige Initiative im Bereich der Gespräche über eine beiderseitige und ausgewogene Truppenverminderung, die unter der Bezeichnung

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�der Bezeichnung MBFR (Mutual and Balanced F_orce Reduction) bekannt
sind, wurde in engem Zusammenwirken mit unseren Verbündeten vorbereitet, deren maßgebliche Beiträge sie in der Tat widerspiegelt.
Seit dem Beginn der MBFR-Gespräche im Jahre 1973 sind wir bestrebt, die Mannschaftsstärke bei den konventionellen Streitkräften
der beiden Seiten, die sich in Mitteleuropa gegenüberstehen, in verifizierbarer Weise auf gleiche Niveaus abzusenken. Obwohl der Warschauer Pakt bei der Truppenstärke zahlenmäßig klar überlegen ist,
war er bislang nicht bereit, dieses Ungleichgewicht anzuerkennen.
Ohne Übereinstimmung über die Gesamtstärke der auf beiden Seiten vorhandenen Truppen ist es nicht möglich, sich über die Zahl zu einigen, um die diese Truppen vermindert werden müßten, um zahlenmäßigen
Gleichstand herzustellen.
I

Diese Datenfrage bildet eines der beiden ungelösten Hauptprobleme bei den MBFR-Verhandlungen. Das andere besteht in dem fortdauernden Widerstreben des Ostens, wirksamen Verifizierungsmaßnahmen zuzustimmen. Der heute von uns vorgelegte Vorschlag zielt darauf ab, die
Gespräche in beiden Bereichen voranzubringen.
Dieser neue Vorschlag bei den MBFR-Verhandlungen kommt genau
einen Tag nach der amerikanischen Initiative zugunsten eines umfassenden weltweiten Verbots chemischer Waffen, die gestern von Vizepräsident Bush persönlich in Genf auf der Abrüstungskonferenz, an
der 40 Nationen teilnehmen, vorgestellt wurde. Ich hoffe, daß diese
Doppelinitiative zu echten Fortschritten bei beiden Verhandlungen
führen wird.
Wir verhandeln im Geiste aufrichtigen guten Willens. Wenn die
andere Seite dies auch täte, könnten wirkliche Fortschritte sehr
rasch erzielt werden.
Für mich gibt es nichts Wichtigeres, als die Rüstung auf ein
gleichgewichtiges und stabileres Niveau abzusenken oder Waffen,
soweit dies möglich ist, überhaupt zu verbieten.
Nachdem ich
- 2-

�Nachdem ich diese Woche diese bedeutsamen neuen Schritte im
Bereich der Begrenzung der chemischen und konventionellen Waffen
getan habe, möchte ich nochmals meinen aufrichtigen Wunsch unterstreichen, in der dringlichen Angelegenheit der Verminderung der
atomaren Waffen voranzukommen. Wir fordern die Sowjets auf, dem wiederholt geäußerten Verlangen der Weltöffentlichkeit zu entsprechen
und an die beiden nuklearen Verhandlungstische, START und INF, zurückzukehren, die sie vor fünf Monaten verlassen haben. Wenn die
Sowjetunion dazu bereit ist, so werden sich die Vereinigten Staaten
bei den Bemühungen um eine Verminderung der atomaren Rüstung ebenso
entgegenkommend und kreativ zeigen, wie sie und ihre Verbündeten
dies bei den Verhandlungen über chemische und konventionelle Waffen
getan haben.

+ + + + +

- 3 -

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mEREIK

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*

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

17

25. April 1984

USA FORDERN VÖLLIGES VERBOT CHEMISCHER WAFFEN
Ausführungen von US-Vizepräsident Bush vor der
Genfer Abrüstungskonferenz -

GENF - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush hat am 18.
April 1984 der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf einen Vertragsentwurf der Vereinigten Staaten unterbreitet, der ein völliges Verbot
chemischer Waffen vorsieht. Danach soll "der Besitz, die Produktion, der Erwerb, die Beibehaltung oder die Weitergabe von chemischen Waffen gänzlich verboten" sein. Der amerikanische Entwurf enthält neue Wege zur Überwindung der
bisher größten Schwierigkeit für das Zustandekommen eines Vertrages, nämlich
der Verifizierung» Nach dem Prinzip der "offenen Einladung" sollen beide
Seiten mit kurzer Voranmeldung ihre militärischen oder ihre im Besitz oder
unter Kontrolle der Regierung befindlichen Anlagen einer internationalen
Inspektion öffnen.
Die Ausführungen des amerikanischen Vizepräsidenten vor der Konferenz
haben folgenden Wortlaut:
Es ist mir eine Ehre, heute in Vertretung von Präsident Reagan erneut
vor dieser Konferenz sprechen zu dürfen, um die Verpflichtung der Vereinig-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�der Vereinigten Staaten zur Rüstungskontrolle zu bekräftigen.
Und ich muß auch eine Entschlossenheit bekräftigen, die die amerikanische
Position in allen RüstungskontrollVerhandlungen in den letzten Jahren beherrscht
hat:

Die Entschlossenheit, daß das Anwachsen der Zahl der schrecklichsten Waf-

fen der modernen Kriegführung nicht lediglich verlangsamt werden darf, sondern daß es umgekehrt werden muß.

Und was die Angelegenheit anbetrifft, mit

der wir uns hier befassen, den chemischen Waffen, so müssen diese sogar verboten werden - gänzlich verboten werden.
Ich habe heute den jüngsten Ausdruck dieser amerikanischen Entschlossenheit mitgebracht - einen Entwurf für einen Vertrag, nach dem der Besitz, die
Produktion, der Erwerb, die Beibehaltung oder die Weitergabe von chemischen
Waffen gänzlich verboten sein soll.
Dieser Vertragsentwurf enthält ein völlig neues Konzept für die Oberwindung des größten Hindernisses, das in der Vergangenheit den Fortschritt zu
einem völligen Verbot chemischer Waffen gehemmt hat - das Hindernis der Verifizierung. Dieses neue Konzept ist Teil eines ganzen Paketes vernünftiger
und gesunder Verfahren zur Verifizierung der Einhaltung aller Bestimmungen
des Vertragsentwurfes.
Außer bei genauer Inspektion sind chemische Waffen - diese heimtükkischen chemischen Waffen - im Aussehen praktisch identisch mit gewöhnlichen*
Waffen. Fabriken für die Herstellung von Chemikalien für Waffenzwecke sind
schwer von Fabriken zu unterscheiden, die Chemikalien für industrielle Zwecke
herstellen. Ja, es ist so, daß einige Chemikalien für die friedliche Nutzung
in ihrem Aufbau einigen Chemikalien gleich sind, die für kriegerische Zwecke
verwendet werden. Die Verifizierung ist also bei chemischen Waffen besonders
schwierig.
Unser neues Konzept ist ein Rüstungskontrollverifizierungsverfahren,
das wir als "offene Einladung" bezeichnen.
- 2 -

Aber bevor ich auf dieses bei-

�dieses beispiellose Verfahren näher eingehe, möchte ich einige der Besorgnisse anführen, die die Vereinigten Staaten zu einem solchen Schritt veranlaßt haben»
Als ich im Februar vorigen Jahres vor Sie trat, habe ich Franklin
Roosevelt zitiert, der sagte, daß der Einsatz chemischer Waffen "von der öffentlichen Meinung der zivilisierten Menschheit geächtet worden ist."
Leiter hat es trotz des Schreckens, den diese Waffen bei allen anständigen Männern und Frauen hervorrufen, und trotz ausdrücklicher Verbote, wie
des Genfer Protokolls von 1925 und der Konvention von 1972 über das Verbot
biologischer und toxischer Waffen, in den letzten 60 Jahren immer wieder Fälle des Einsatzes gegen Soldaten und unschuldige Zivilisten gegeben - immer,
wie ich feststellen möchte, gegen jene, die am wenigsten in der Lage sind,
sich selbst zu verteidigen oder Vergeltung für einen solchen Schritt zu
üben.
Allein in den letzten drei Jahren hat die Welt immer wieder Berichte
über Verletzungen dieser Abkommen aus Orten wie Südostasien, Afghanistan
und dem Nahen und Mittleren Osten vernommen.

Ein wichtiger Grund, warum

chemische Waffen weiterhin eingesetzt werden, ist der, daß weder das Genfer
Protokoll von 1925 noch die Konvention über biologische und toxische Waffen
von 1972 irgendeine Form der wirksamen Verifizierung oder Durchsetzung vorsehen.
Die Vertragschließenden unterzeichneten ein Stück Papier, brachten einige Siegel an, und dabei blieb es dann.

Die Arsenale blieben, bereit zum

Einsatz gegen jeden, der über keine Abschreckung verfügte.
Die Vereinigten Staaten sind für eine Stärkung der bestehenden Abkommen
eingetreten. Wir haben, zusammen mit anderen Ländern, seit langem Vorschläge
befürwortet, den Generalsekretär der Vereinten Nationen anzuweisen, Untersuchungen der berichteten Verletzungen einzuleiten. Wir bedauern es, daß einige Mitglieder der Vereinten Nationen die Notwendigkeit solcher Untersuchungen

- 3 -

�solcher Untersuchungen bestritten und bis zum heutigen Tag Untersuchungen
verhindert oder behindert haben.

Wir sind der Oberzeugung, daß internationa-

le Untersuchungen dieser Art als ein Schritt in Richtung auf jene Art von Offenheit dienen könnten, die für einen umfassenden und funktionierenden Vertrag über das Verbot chemischer Waffen notwendig ist.
Die Folgen des Fehlens einer wirksamen Verifizierung, wie sie aus den
Berichten über fortwährende Anwendung chemischer Waffen hervorgehen, können
bei uns allen heute nur tiefe Besorgnis auslösen:
Da ist erstens der unaussprechliche Schrecken, der den Opfern dieser
Waffen zugefügt wurde - viele von ihnen unschuldig unter die Räder des Krieges geraten.
Zweitens verletzt der Einsatz chemischer Waffen bestehende internationale Abkommen und unterhöhlt den Rüstungskontroilprozeß.
Und drittens, was vielleicht am beunruhigendsten ist, besteht die Möglichkeit, daß die Welt, wenn die Berichte über den Einsatz weitergehen, vielleicht sogar gefühllos und abgestumpft gegenüber solchen Berichten werden
könnte.

Sie könnte dazu kommen, diese Waffen einfach zu akzeptieren und die

Bemühungen aufzugeben, künftigen Generationen deren Gefahr zu ersparen.
Wir sind es uns und unseren Kindern schuldig, dafür zu sorgen, daß es
nicht so weit kommt.
Seit über einem Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten auf dem Gebiet
der chemischen Waffen Zurückhaltung geübt, und wir werden das auch weiterhin
tun.

Wir wollen eine Rüstungskontroilösung

Waffen.

für die Drohung durch chemische

Aber unsere Zurückhaltung hat nicht alle Länder dazu veranlaßt, ver-

gleichbare Zurückhaltung zu üben.
Das ist der Grund, warum wir Schritte unternehmen, um uns auf die Mög-

- 4 -

�die Möglichkeit vorzubereiten, daß moderne chemische Waffen produziert werden müßten, wenn es zu keinem umfassenden Verbot kommt.

Wir müssen und wer-

den jedoch alles in unserer Macht Stehende tun, um einen Vertrag zu erreichen,
der jegliche Notwendigkeit für eine Neuproduktion beseitigt.

Präsident Reagan

hat mich gebeten, dieses Jahr erneut hierher zu kommen, um die Dringlichkeit
dieser Angelegenheit zu unterstreichen.

Wir sind der Meinung, daß wir alles

in unserer Macht Stehende tun müssen, um die bestehenden Vorräte an chemischen
Waffen und die Einrichtungen, in denen sie hergestellt werden, zu beseitigen.
Wir wollen sicherstellen, daß solche Waffen nie wieder entwickelt oder
eingesetzt werden.
Zu diesem Zweck hat der Präsident mich gebeten, dieser Konferenz heute
den Entwurf für einen Vertrag über ein umfassendes Verbot chemischer Waffen
vorzulegen, und ich bitte darum, daß dieser Vertragsentwurf als offizielles
Dokument der Abrüstungskonferenz verteilt wird.
Die Bestimmungen des Vertragsentwurfs folgen eng den "detaillierten Vorstellungen", die meine Regierung dieser Konferenz im vorigen Jahr unterbreitet
hat.

Sie schließen auch die Auffassungen vieler anderer Delegationen ein, die

uns an ihren Gedanken und Erkenntnissen haben teilhaben lassen.
Der Vertrag würde die Entwicklung, die Herstellung, die Einlagerung, den
Erwerb, die Beibehaltung oder die Weitergabe von chemischen Waffen verbieten.
Das wesentliche Kriterium zur Unterscheidung zwischen erlaubten und verbotenen
Tätigkeiten wäre der Zweck, zu dem eine Tätigkeit stattfindet.
Aus der Erkenntnis der Notwendigkeit des Vertrauens in einen solchen
Vertrag enthält der Entwurf auch zuverlässige und vernünftige Verfahren darunter Inspektionen mit "offener Einladung" -, um die Einhaltung aller seiner Bestimmungen zu verifizieren.
Wenn ein

�Wenn ein Verbot chemischer Waffen funktionieren soll, dann muß jede
Vertragspartei darauf vertrauen, daß sich die anderen Vertragsparteien daran
halten.

Dieses elementare, auf gesundem Menschenverstand beruhende Prinzip

ist im wesentlichen das, was wir unter Verifizierung verstehen.

Keine ver-

nünftige Regierung schließt solche internationalen Kontrakte, die man als
Verträge bezeichnet, wenn sie nicht sicherstellen - oder verifizieren - kann,
daß sie auch das bekommt, was sie vertraglich vereinbart hat.
Das Fehlen wirksamer Mechanismen für die Verifizierung und Einhaltung
ist eines der Haupthindernisse gewesen, die ein echt wirksames Verbot dieser
Waffen verhindert haben.
Wie ich zu Anfang erwähnte, machen die technischen Ähnlichkeiten zwischen
Einrichtungen zur Produktion chemischer Waffen und kommerziellen Produktionseinrichtungen - die Ähnlichkeit von Wirkstoffen chemischer Waffen und Chemikalien für friedliche Zwecke sowie die Ähnlichkeit von chemischer Munition
und konventioneller Munition eine Unterscheidung ohne genaue Untersuchung
unmöglich.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist, eine strikte Verifizierung
ist notwendig, um jene zu schützen, die über keine chemischen Waffen verfügen oder bereit sind, auf sie zu verzichten - und zwar vor jenen, die heimlich den Besitz solcher Waffen aufrechterhalten könnten.
Das Ziel unseres Vorschlages ist ein Vertrag, der von den Staaten verlangt, den Umfang und die Orte der Lagerung ihrer chemischen Waffen und der
Produktionseinrichtungen anzugeben;die Vorräte und die Einrichtungen zu vernichten und der Herstellung neuer chemischer Waffen abzuschwören.
Wenn Staaten einen solchen Kontrakt unterzeichnen sollen, dann müssen
sie vor allem darauf vertrauen können, daß sie erfahren:
erstens, daß

�erstens, daß alle deklarierten Vorräte vernichtet worden sind;
zweitens, daß alle deklarierten Produktionseinrichtungen vernichtet worden sind;
drittens, daß die deklarierten Vorräte auch wirklich alle Vorräte waren; und
viertens, daß die deklarierten Einrichtungen alle Einrichtungen waren.
Ohne eine solche feste Zusicherung können wir gar nicht behaupten, die
chemischen Waffen verboten zu haben. In dieser Hinsicht hat meine Regierung
die angekündigte Bereitschaft der Sowjetunion zur Kenntnis genommen, ihr Einverständnis hinsichtlich der dauernden Stationierung internationaler Überwachungsteams bei den Orten in Erwägung zu ziehen, wo die gemeldeten Arsenale
zerstört werden sollen.
Wir begrüßen dies.

Wir sind ermutigt durch diese Einsicht, daß eine

Vor-Ort-Inspektion unabdingbar ist. Die sowjetische Ankündigung hat die Verhandlungen in Richtung auf Vertrauensbildung beim ersten der vier entscheidenden Erfordernisse vorangebracht - daß nämlich alle deklarierten Vorräte
vernichtet werden,

Um auf das zweite der vier Kriterien zu kommen, daß näm-

lich alle deklarierten Produktionsanlagen zerstört werden sollen, so schlagen
wir die gleiche fortdauernde Vor-Ort-Überwachung und periodische Inspektion
vor.
Die dem Problem der nichtdeklarierten Anlagen innewohnenden Verifizierungsschwierigkeiten - wobei es darum geht, daß keine verborgenen Vorräte und keine heimlichen Produktionsanlagen vorhanden sind -.bleiben unsere
größte Herausforderung.

Sie ist deshalb so groß, weil das Problem der nicht-

deklarierten Anlagen nur dann gelöst werden kann, wenn die Staaten sich selbst
zu einem neuen, aber absolut notwendigen Maß an Offenheit verpflichten.
Seien wir

�Seien wir realistisch.

Chemische Waffen sind nicht schwer zu verber-

gen, und es ist nicht schwer, sie heimlich herzustellen.
hierzu die Möglichkeit.

Viele Staaten haben

Wir können die Welt nur dann von diesen Waffen be-

freien, wenn wir alle übereinkommen,, es uns selbst schwer zu machen, derlei
zu tun, ohne dabei entdeckt zu werden»
Die Möglichkeit unentdeckter Verletzung ist der Untergang der Rüstungskontrolle,

Sollte diese Möglichkeit fortbestehen, so wäre ein jegliches Ver-

bot chemischer Waffen eine Illusion und würde ein Rückschlag für die Sache
des Friedens sein.
Aus diesem Grund unterbreitet die Regierung der Vereinigten Staaten
den beispiellosen Verifizierungsvorschlag der "offenen Einladung", die ich
bereits angesprochen habe. Als Teil eines Verbots chemischer Waffen sind
die Vereinigten Staaten bereit, sich anderen Parteien in einer gegenseitigen
Verpflichtung anzuschließen, alle ihre Anlagen - sowohl militärisch, als auch
regierungseigen oder von der Regierung kontrolliert - auf kurzfristige Informationen hin für eine internationale Inspektion zu öffnen.
Wir gehen diese Verpflichtung zu einer "offenen Einladung" für Inspektionen nicht leichtfertig ein. Wir tun dies vielmehr, weil sie für ein wirksames Verbot chemischer Waffen unabdingbar ist. Der Kernpunkt der Verifizierung ist eine Abschreckung vor Vertragsverletzungen durch die Gefahr, entdeckt zu werden. Die Verfahrensweise der "offenen Einladung" wird die Möglichkeit verbessern, daß Verletzungen entdeckt und im Fall einer solchen Verletzung die notwendigen Beweise zusammengetragen werden können, die für eine
angemessene internationale Reaktion unabdingbar sind. Dies steht im Zentrum
einer Abschreckung vor Verletzungen.
Wenn die internationale Staatengemeinschaft zu der Erkenntnis gelangt,
daß eine solche Bestimmung das sine qua non eines wirksamen Verbots chemischer Waffen ist und sich uns bei ihrer Einhaltung anschließt, dann wird sich
nicht nur unser nobles Streben nach einem Vertrag gelohnt haben, der die che-

- 8 -

�der die chemischen Waffen tatsächlich

verbietet, sondern wir werden die

Art und Weise, in der die Regierungen miteinander Politik betreiben, um ein
Gewaltiges und in einem guten Sinn verändert haben.
Wir werden ein mutiges Beispiel dafür gesetzt haben, wie Hindernisse
überwunden werden können, die sich auch der Rüstungskontrolle in anderen Bereichen wirkungsvoll entgegenstellen.

Und wir werden jene Art von Offenheit

zwischen den Staaten geschaffen haben, die den unterschwelligen Verdacht vertreibt und endlich mehr Frieden bringt.
Wir sind uns natürlich darüber im klaren, daß alle Regierungen ihre Geheimnisse haben. Manche reden so, als ob Offenheit und wirksame Verifizierung allein gegen ihre eigenen Interessen stünden. Aber Offenheit bedeutet
tasten für jeden Staat, einschließlich der Vereinigten Staaten.

Offenheit

von der Art, wie wir sie für ein Verbot chemischer Waffen vorschlagen, würde
ihren Preis haben.
Aber ein wirksames Verbot chemischer Waffen benötigt die Art der Inspektionen mit "offener Einladung", wie wir sie vorschlagen.

Die Regierung

der Vereinigten Staaten ist bereit, den Preis für eine solche Offenheit zu
zahlen.

Der gewaltige Wert eines wirksamen Verbots zwingt uns zu diesem

Schritt.
Ich weiß, die amerikanische Delegation dieser Konferenz wartet mit Ungeduld auf den Beginn des Verhandlungsprozesses über ein Verbot chemischer
Waffen, Wir hoffen und vertrauen darauf, daß der Ernst dieser Aufgabe, ihre
Dringlichkeit und das menschliche Streben der hier repräsentierten Völker
alle an dieser Konferenz Beteiligten anspornen werden, um zu einem baldigen
und erfolgreichen Abkommen zu gelangen.
Wir unterschätzen die Schwierigkeiten nicht, die diese Aufgabe mit sich
bringt.

Ich habe gesagt, daß der Schlüssel zu einer wirksamen Konvention -

einer Konvention, die die Möglichkeit chemischer Kriegführung für immer aus

- 9 -

�immer aus der Welt schaffen würde - darin besteht, daß ihre Einhaltung durch
wirkungsvolle Verifizierung erzwungen wird.
Dies ist der Punkt, den wir betonen, und unser Verifizierungsvorschlag
der "offenen Einladung" entspringt dem Wunsch, daß das Verbot wirken möge permanent und effizient, damit wir die Sicherheit bekommen, die wir alle anstreben.
Die Vereinigten Staaten sind dadurch ermutigt, daß diese Verhandlungen
zum Verbot chemischer Waffen bereits breite internationale Unterstützung gefunden haben.

Bedeutsam ist auch, daß so gut wie allgemein anerkannt wird,

daß die Arbeit an diesem Vertrag eine vielversprechende Möglichkeit ist, um
nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Ost und West zu fördern, sondern ganz
allgemein die Zusammenarbeit zwischen allen Staaten.
Unsere Delegation hofft auf ernsthafte Verhandlungen mit der sowjetischen Delegation und auf detaillierte Diskussionen mit allen anderen Teilnehmern zwecks Ausarbeitung der Bestimmungen und der anderen notwendigen
Aspekte eines wirkungsvollen Abkommens. Unser Ziel bei diesen Verhandlungen
ist praktischer Natur - harte Arbeit in gutem Glauben zwecks Schaffung eines
gegenseitigen Vertrauens, das es, um es offen zu sagen, derzeit nicht gibt,
und zwecks echter Ergebnisse.
Der Präsident hat mich ersucht, Ihnen erneut zu versichern, daß sich
die amerikanische Verpflichtung zu wirksamer Rüstungskontrolle auf die gesamte Arbeit dieser Konferenz und über diese Bemühungen hinaus bezieht. Wir
sind erfreut darüber, daß es Fortschritt bei den multilateralen Verhandlungen in Stockholm über vertrauensbildende Maßnahmen in Europa gibt und daß die
Ost-West-Gespräche in Wien über die Verringerung der konventionellen Streitkräfte in Europa wiederaufgenommen wurden.
Unsere Verpflichtung zu Ergebnissen ist ebenso tief bei der so überaus
wichtigen Frage der nuklearen Rüstungskontrolle, wo die Vereinigten Staaten

- 10 -

�Vereinigten Staaten der Ansicht sind, daß es von entscheidender Bedeutung
ist, die Anstrengungen zu beschleunigen, um zu wirksamen und verifizierbaren
Abkommen zu gelangen.

Die Vereinigten Staaten streben auch weiterhin um-

fassende Verringerungen bei den Nukleararsenalen dieser Welt sowie größere
internationale Stabilität an, die sich hieraus ergeben würde.
Hier und heute lade ich die Sowjetunion erneut dazu ein, zu den beiden
Atomwaffenverhandlungen zurückzukehren, die sie vor fünf Monaten suspendiert
hat, und mit uns die entscheidende Aufgabe wieder anzugehen, die Kernwaffen
zu verringern.

Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin bereit, ohne Vor-

bedingungen alle Überlegungen zu prüfen - und dies zu jedem Zeitpunkt, den die
Sowjetunion zur Wiederaufnahme des Dialogs wählen sollte. Und das ist wirklich unser Ernst. Und gerade vor diesem Ausschuß, dessen tägliche Arbeit auf
vielfältige Weise der Rüstungsverringerung gewidmet ist, meine ich, hierauf
hinweisen zu müssen: Wir sind bereit - ob bilateral, oder auf jede andere
Weise.
In seiner Rede über amerikanisch-sowjetische Beziehungen hat der Präsident am 16. Januar darauf verwiesen, daß die Kooperation mit Kommunikation
beginnt.

Dieses Konzept ist Teil unserer Einstellung zu den Ost-West-Bezie-

hungen insgesamt sowie zu allen Fragen der Ost-West-Tagesordnung - sei dies
die Rüstungskontrolle, seien dies regionale Probleme, Menschenrechte oder
eine Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses. Wir sind bereit - wie
dies der Präsident in Worten und in Taten klargemacht hat -, die schwierige
Aufgabe echter Zusammenarbeit anzugehen.
Wir sind bereit, auf Lösungen und Ergebnisse hinzuarbeiten - in Genf,
in Wien, in Stockholm oder an jedem anderen Ort, wo Männer und Frauen guten
Glaubens gewillt sind, sich zusammenzusetzen und ernsthaft zu verhandeln.
Seit meinem letzten Besuch hier in Genf im vorigen Jahr haben die Vereinigten Staaten lange an dem Inhalt dieses Vertrages gearbeitet und sorgfältig über ihn nachgedacht. Wir hoffen, daß andere Länder ihn sorgfältig

- 11 -

�ihn sorgfältig prüfen und sich uns in ernsthaften Verhandlungen anschließen
werden»
Ich bin betrübt und enttäuscht, daß einige - ohne den Entwurf überhaupt
gesehen zu haben - bereits Erklärungen abgegeben haben, in denen behauptet
wird, daß die Vorlage dieses Vertragsentwurfes hier und heute das Ergebnis
rein politischer Überlegungen sei.

Ich hoffe, daß wir diejenigen, die diese

Vorbehalte und derartige Erklärungen abgegeben haben, davon überzeugen können, daß wir aufrichtig handeln, und wir hoffen, daß sie aufgrund der Verhandlungen unsere Aufrichtigkeit erkennen werden.

Ist es nicht an der Zeit, daß

wir uns auf das konzentrieren, was offensichtlich und ein weltweiter Wunsch
ist, nämlich auf den Wunsch aller Völker nach einer Verminderung der Waffen
und der Gefahren eines Krieges?
Die Vereinigten Staaten haben im Verlauf der letzten Jahre immer wieder
ihre Entschlossenheit an den Tag gelegt, nicht nur die Zuwachsrate in den
Waffenarsenalen der Welt zu verlangsamen, sondern diese Arsenale selbst abzubauen.
Amerika hat tatsächlich während der letzten zwei Jahrzehnte den Gesamtumfang seiner nuklearen Arsenale vermindert.

Ich glaube, viele Leute selbst

in unserem eigenen Land haben dies nicht einmal erkannt.

Im Jahr 1967 war

die Zahl der Atomwaffen in unseren Arsenalen um ein Drittel höher als im Jahr
1983, während gleichzeitig von 1960 bis zum vorigen Jahr die nukleare Megatonnage Amerikas um 75 Prozent gesunken ist.
Im vorigen Jahr haben wir viel über die Modernisierungsprogramme der
NATO gehört.

Im Jahr 1979 beschlossen die NATO-Länder, Rüstungskontroll Ver-

handlungen anzustreben und - solange es ein Rüstungskontroi labkommen nicht
gibt - 572 PERSHING II-Raketen und landgestützte Marschflugkörper zu dislozieren.
Aber ob

- 12 -

�Aber ob Abkommen oder nicht - die NATO-Länder beschlossen gleichzeitig,
aus Europa 1000 Kernwaffen abzuziehen.
gen.

Diese 1000 Waffen sind jetzt abgezo-

Und im vorigen Jahr beschlossen die NATO-Verbündeten in Montebello,ihr

Arsenal um weitere 1400 Atomwaffen zu vermindern.
oder ein

Und wann immer eine PERSHING II

landgestützter Marschflugkörper stationiert wird, wird eine bereits

vorhandene Waffe außer Dienst gestellt werden.
Das Ergebnis all dieser Beschlüsse ist, daß - solange es keinen Vertrag
gibt - die NATO zwar die 572 neuen Raketen disloziert haben, aber trotzdem für
jede zusätzliche Kernwaffe fünf andere abgezogen haben wird.
Bei den nuklearen RüstungskontrollVerhandlungen der letzten Jahre hat
Amerika sich um multilaterale Abkommen bemüht, die noch größere Verminderungen
ermöglicht hätten.

Bei den Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme

(INF) haben wir vor zweieinhalb Jahren die "Null-Option" vorgeschlagen.

Diese

"Null-Option" würde die gesamte Kategorie der landgestützten INF-Raketen eliminieren. Später haben wir unsere Bereitschaft zu einer Zwischenlösung zu erkennen gegeben, die eine begrenztere Reduzierung beinhaltete.
Bei den Verhandlungen über die Verminderung strategischer Waffen (START)
schlugen wir vor nahezu zwei Jahren eine Verminderung der Zahl der Gefechtsköpfe auf sowjetischen und amerikanischen Raketen um ein Drittel vor. In der
Folge schlugen wir ferner alternative Wege des "Abbaus" und der "gegenseitigen
Zugeständnisse" vor, um die Verhandlungen voranzubringen.
Wir bedauern zutiefst, daß die Sowjetunion es vorgezogen hat, sowohl die
START- als auch die INF-Verhandlungen zu verlassen, während sie gleichzeitig
mit der noch nicht dagewesenen und - was die Größenordnung anbetrifft - beispiellosen Dislozierung der strategischen und der INF-Systeme fortfuhr. Wir
wissen, daß wir hier in dieser Abrüstungskonferenz nicht allein stehen mit
unserer Aufforderung an die sowjetischen Führer, zu diesen wichtigen Verhandlungen, von denen so viel Hoffnungen in aller Welt abhängen, zurückzukehren
und sie wieder aufzunehmen.
Gleichzeitig erwarten
- 13 -

�Gleichzeitig erwarten wir echte Fortschritte bei den Verhandlungen über
beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen (MBFR) in Wien sowie in
Stockholm auf der Konferenz über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen
und Abrüstung in Europa (KVAE).
Wir sind um wirksame und gerechte Verminderungen der nuklearen, konventionellen und chemischen Waffen in der Welt bemüht.
verhindern.

Wir wollen ihren Einsatz

Das ist unser Ziel, und dazu sind wir entschlossen; diesem Ziel

werden wir uns auch in Zukunft verschreiben.
Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, daß künftige Generationen nicht
auf diese und andere RüstungskontrollVerhandlungen unserer Zeit so zurückblikken wie wir auf derartige Verhandlungen früherer Generationen
dann nicht sagen müssen:

und daß sie

"Alles, was sie taten war vielleicht, den Rüstungs-

wettlauf ihrer Zeit zu verlangsamen.

Sie beendeten ihn nicht und verkehrten

ihn nicht ins Gegenteil - vielleicht konnten sie es auch nicht."

Wir sind

entschlossen, es besser zu machen.
Lassen Sie mich zum Abschluß noch etwas zu den chemischen Waffen sagen.
Es besteht die Notwendigkeit, Spannungen abzubauen. Aber wenn es jemals in
der Geschichte der Menschheit etwas gab, über das die Menschen aus allen Ländern sich einig waren, dann darüber, daß jede Familie Todesangst hat vor chemischen Waffen - und meiner Ansicht nach gibt es hier keinen Unterschied zwischen einer Familie, die in Wladiwostok lebt oder in Leningrad oder in
Pretoria, Illinois, oder in London, Caracas oder sonstwo in der Welt.
Wir sind heute mit einem Vorschlag hierher gekommen, der umfassend ist.
Er reicht weit über das hinaus, was wir noch vor einigen Jahren getan hätten.
Viel davon ist Ausdruck der Gefühle von Menschen. Es gibt nirgendwo Uneinigkeit bezüglich der chemischen Waffen. Deshalb kam ich heute persönlich zu
dieser Konferenz - als zweithöchster Regierungsvertreter der Vereinigten
Staaten.
Wir wollen

- 14 -

�Wir wollen nicht so tun, als ob es keine Kritik an unseren Vorschlägen
geben wird.

Wir behaupten nicht, daß wir vollkommen seien und daß schließ-

lich alles genau so aus ehen werde, wie der Vertragsentwurf dies vorsieht.
Aber ich kann Genf einfach nicht verlassen, ohne zu sagen, daß wir in einem
Geist di s guten Willens hierher kamen und daß wir versuchen, uns mit der
vielleicht fundamentalsten Frage auseinanderzusetzen, die es in der Welt von
heute auf dem Gebiet der Rüstungen gibt.

Und diese Frage lautet: Wie können

wir alle chemischen Waffen von dem Antlitz der Erde verschwinden lassen und
in ihrer Gesamtheit ächten und zwar auf eine verifizierbare Weise?

+ + + + +

- 15 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

25. April 1984

17

KURZINFORMATION ÜBER DIE AMERIKANISCHE INITIATIVE
ZUM VERBOT CHEMISCHER WAFFEN
- Herausgegeben vom Weißen Haus am 18. April 1984 -

Washington -(AD)- Am 18. April 1984 unterbreitete Vizepräsident
George Bush auf der Genfer Abrüstungskonferenz einen neuen amerikanischen Vorschlag zum Verbot chemischer Waffen. Aus diesem Anlaß gab
das Weiße Haus am gleichen Tag ein Informationspapier heraus, in dem
Hintergrund und Inhalt des amerikanischen Vorschlags kurz skizziert
werden.
Die Sachinformation hat folgenden Wortlaut:
Zusammenfassung des amerikanischen Vertragsentwurfs
Der amerikanische Grundansatz
- zielt auf ein vollständiges, weltweites Verbot chemischer Waffen
ab;
- sieht Verifizierung durch eine Kombination von nationalen und
internationalen Mitteln vor, wobei letztere systematische
internationale Inspektionen vor Ort einschließen sollen;
- fußt auf

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�- fußt auf dem von den Vereinigten Staaten im Februar 1983 vorgelegten ausführlichen Arbeitspapier;
- verarbeitet die von vielen anderen Delegationen vorgetragenen
Ideen.
Die Reichweite des Verbots
Der von den Vereinigten Staaten vorgeschlagene Vertrag würde
folgendes verbieten:
1. Entwicklung, Herstellung, Lagerung, Erwerb, Beibehaltung oder
Weitergabe von chemischen Waffen;
2. Andere Vorbereitungen zum Einsatz chemischer Waffen;
3. Einsatz chemischer Waffen;
4. Tödliche oder kampfunfähig machende chemische Substanzen und ihre
Vorprodukte.
Verifizierung der
- Erklärungen durch systematische internationale Verifizierung vor
Ort;
- Vernichtung der vorhandenen Lagerbestände durch fortwährende
Überwachung durch vor Ort installierte Hilfsmittel und durch
die ständige Anwesenheit internationaler Inspektoren;
- Anlagen zur Herstellung chemischer Waffen durch Überwachung
durch vor Ort installierte Hilfsmittel und periodische internationale Inspektionen vor Ort;
- Herstellung chemischer Substanzen, die in Waffen verwendet werden können durch systematische internationale Verifizierung vor
Ort und Datenaustausch;
- vermuteten Örtlichkeiten und Anlagen im Besitz oder unter der
Verfügungsgewalt der Regierung von Vertragsparteien durch eine
besondere Regelung, die den Vertragsparteien zum Zwecke der
Inspektion zu jeder beliebigen Zeit ungehinderten Zutritt zu
jeglicher Art von örtlichkeiten verschaffen würde.
Bestehende Abkommen

�Bestehende Abkommen über chemische Waffen
Bestehende Konventionen
Die Vereinigten Staaten sind Mitunterzeichner von zwei internationalen Rüstungskontrollabkommen über chemische Waffen. Das erste,
das Genfer Protokoll von 1925, verbietet praktisch den militärischen
Ersteinsatz von chemischen und biologischen Waffen. Der bloße Besitz
von chemischen und biologischen Waffen wird durch dies Abkommen jedoch nicht verboten. Das zweite Abkommen, die Konvention über das
Verbot bakteriologischer und toxischer Waffen von 1972, verbietet
die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Weitergabe von biologischen und toxischen Waffen. Toxine sind chemische Waffen, die auf natürliche Weise mittels biologischer Prozesse hergestellt, aber auch
chemisch synthetisiert werden können.
Das Genfer Protokoll von 1925
Auf der Genfer Konferenz über die Überwachung des internationalen Waffenhandels im Jahre 1925 ergriffen die Vereinigten Staaten
die Initiative, indem sie versuchten, ein Verbot des Exports von Gasen durchzusetzen, die zu kriegerischen Zwecken verwandt werden können. Auf einen französischen Vorschlag hin wurde beschlossen, ein
Protokoll über den Nichteinsatz von Giftgas zu aufzusetzen, und auf
einen polnischen Vorschlag hin wurde das Verbot auf bakteriologische
Waffen ausgedehnt. Das Protokoll wurde am 17. Juni 1925 unterzeichnet. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Interpretation
des Abkommens, insbesondere aber über die Frage, ob es sich auch auf
Herbizide und auf Mittel, die zur Aufruhrbekämpfung verwandt werden,
erstrecke, wurde es von den Vereinigten Staaten erst 1975 ratifiziert. Die Sowjetunion und der Irak gehören ebenfalls zu den Signatarstaaten des Abkommens.
Die Konvention

- 3-

�Die Konvention über das Verbot bakteriologischer und toxischer Waffen
Am 25. November 1969 verzichteten die Vereinigten Staaten einseitig und bedingungslos auf jegliche Art biologischer Kriegführung und
dehnten dies 1970 auch auf toxische Waffen aus. Das Verteidigungsministerium wurde angewiesen, einen Plan für die Beseitigung der vorhandenen Lagerbestände an biologischen Kampfstoffen und Waffen zu erarbeiten. Obwohl der amerikanische Schritt weltweit wärmstens begrüßt wurde, war man sich doch allgemein der Tatsache bewußt, daß
einseitige Schritte keinen Ersatz für eine verbindliche internationale Übereinkunft bilden konnten. Der nächste Schritt erfolgte am
5. August 1971 auf der Konferenz des Abrüstungsausschusses der Vereinten Nationen, wo die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion getrennte, aber identische Vorlagen unterbreiteten, die ein Verbot von
biologischen und toxischen Waffen beinhalteten. Die Konvention wurde
am 10. April 1972 zur Unterschrift ausgelegt und von den Vereinigten
Staaten am 22. Januar 1975 ratifiziert. Die Sowjets ratifizierten
die Konvention am 26. März 1975.
Einsatz von chemischen Waffen
Südostasien und Afghanistan
Im Jahre 1982 veröffentlichte die amerikanische Regierung zwei Berichte, in denen sie ihren Kenntnisstand über den Einsatz von chemischen und toxischen Waffen in Laos, Kambodscha und Afghanistan zusammenfaßte. Die Berichte enthielten die Schlußfolgerung, daß
- laotische und vietnamesische Streitkräfte unter sowjetischer
Anleitung in Laos seit 1976 tödliche chemische und toxische
Substanzen eingesetzt haben;
- vietnamesische Streitkräfte in Kambodscha seit 1978 tödliche
chemische und toxische Substanzen eingesetzt haben;
- sowjetische Streitkräfte in Afghanistan seit 1979 verschiedene
tödliche chemische Kampfstoffe, darunter Nervengase und Toxine,
eingesetzt haben.
Die Vereinigten

- 4-

�Die Vereinigten Staaten stützen sich bei ihren Schlußfolgerungen
u.a. auf folgende Indizien: Aussagen von Personen, die zeuge von Angriffen mit chemischen Waffen wurden; Aussagen von Xrzten und anderen, die Personen befragen konnten, die unmittelbar Zeuge des Einsatzes von chemischen Kampfstoffen gewesen waren; Aussagen von Personen, die selbst am Einsatz chemischer Waffen beteiligt waren oder denen es die Umstände erlaubt hatten, Dritte beim Einsatz solcher Waffen zu beobachten; wissenschaftliche Indizien und schließlich nachrichtendienstliche Erkenntnisse, die durch Einsatz "nationaler technischer Mittel" erlangt werden konnten. Andere Staaten haben ebenfalls Ermittlungen durchgeführt und dabei ähnliche Indizien gesammelt.
Im Jahre 1982 gingen die Vereinten Nationen Berichten über den
Einsatz chemischer Waffen in den besagten Gebieten nach und gaben
anschließend bekannt, daß man Indizien für den Einsatz chemischer
Kampfstoffe gefunden habe. Darüberhinaus haben Thailand und Kanada
die ihnen vorliegenden Indizien und ihre Schlußfolgerungen daraus
der Öffentlichkeit vorgelegt.
In einem Bericht, den sie im Februar 1984 den Vereinten Nationen
unterbreiteten, vermerkten die Vereinigten Staaten ein zurückgehen
des Einsatzes von toxischen Kampfstoffen in Laos während des Jahres
1983, wobei es Anzeichen dafür gab, daß insbesondere der Einsatz von
tödlichen Kampfstoffen seltener geworden war. während in Kambodscha
der Umfang des Einsatzes von Kampfstoffen gegenüber 1982 im wesentlichen unverändert geblieben war, wurden nun nichttödliche Mittel,
die lediglich kampfunfähig machen oder in der Aufruhrbekämpfung Verwendung finden, häufiger eingesetzt als tödliche oder toxische Mittel. Aus Afghanistan kamen Berichte über einige Dutzend Angriffe mit
chemischen Waffen, die aber zum damaligen Zeitpunkt nicht erhärtet
werden konnten. Später bestätigte ein hoher afghanischer Offizier
und C-Waffen-Spezialist, daß die Sowjets noch im Januar dieses Jahres Angriffe mit chemischen Waffen geführt haben.
Iran - Irak

- 5-

�Iran - Irak
Im März gingen die Vereinten Nationen Anschuldigungen nach, die
besagten, daß der Irak chemische Waffen eingesetzt habe. In ihrem
Bericht hieß es später, daß sowohl Senfgas als auch das Nervengas
Tabun gegen die iranischen Streitkräfte zum Einsatz gelangt sei. Die
Vereinigten Staaten haben diese Berichte bestätigt und unlängst bestimmte Chemikalien besonderen Exportbeschränkungen unterworfen. Die
Vereinigten Staaten haben ferner ihren Verbündeten dringend angeraten, sich diesem Vorgehen anzuschließen.

+ + + + +

- 6 -

�25. April 1984

17

DIE XXIII. OLYMPISCHEN SPIELE IN LOS ANGELES

(1) Los Angeles - eine VielvölkerStadt

Los Angeles in Kalifornien war schon vor 52 Jahren Gastgeber der
X. Olympiade. Und die Stadt wird auch in diesem Jahr wieder Stätte
von Sommerspielen sein - diesmal sind es die XXIII. Olympischen
Spiele moderner Zeitrechnung. Die amerikanischen Athleten werden
sozusagen ein Heimspiel haben, wenn sie sich mit den besten Sportlern der Welt in 21 olympischen Disziplinen messen - von Wasserball, Bogenschiessen und Volleyball bis hin zu Leichtathlethik,
Boxen und Schwimmen.

Es wird wieder ein Ereignis sein, dessen Glanz, dessen Dramatik
und dessen Beweise sportlicher Leistung Zuschauer aus aller Welt in
Massen anziehen werden.
Ein eigenartiges Bild bietet Los Angeies, die "Stadt der Engel", dem
Besucher, wenn ihn das Flugzeug über sie hinwegträgt: Sie erstreckt
sich vom Pazifik bis hinter den Horizont, Wohnviertel an Wohnviertel, durch Autostrassen miteinander verbunden, verschlungen und
verflochten.
Über drei

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�Über drei Millionen Menschen leben in dieser wohl vielfältigsten
Stadt der Vereinigten Staaten - und sogar rund 10 Millionen, wenn
man alle Vororte mit einbezieht. Man nennt sie den "neuen
Schmelztiegel", Heimat für Hunderttausende von Neuankömmlingen aus
Korea, Mexiko, Iran, Vietnam, Guatemala, Israel, Indien, Kuba,
Äthiopien, El Salvador - und aus wohl so gut wie jedem anderen Land
der Erde. Aus den Geschäften dieser Stadt dringen die Geräusche und
Gerüche, hört man die Rhythmen und spürt man die Eigenarten unserer
ganzen Welt.

Los Angeles ist aber auch einer der kraftvollsten
Wirtschaftsräume der Erde. Wäre diese Stadt ein Staat, er hätte eine
Volkswirtschaft, die im weltweiten Vergleich an zwölfter Stelle
stünde.
Ein Grossteil des Reichtums der Stadt rührt aus ihrer Luft- und
Raumfahrttechnik sowie ihrer sonstigen fortschrittlichen
Technologie. Los Angeles ist heute eines der Hauptzentren -der
Vereinigten Staaten wie der ganzen Welt- für Wissenschaft und
Technik, insbesondere in solch zukunftsträchtigen Bereichen wie
Weltraumforschung, Halbleiter, Mikrocomputer und Laserstrahlen. Eine
Vielzahl von Firmen für hochtechnologische Produkte besitzt Zweigniederlassungen in anderen amerikanischen Bundesstaaten wie in
anderen Ländern. Und allein eine der dortigen Hochschulen, das
California Institute of Technology, hat 19 Nobelpreisträger
hervorgebracht.
Eine weitere Hauptquelle des Reichtums von Los Angeles ist der
blühende Handel mit den Nachbarn rund um das Pazifische Becken. Mit
deren wirtschaftlicher Blüte Hand in Hand ging die Blüte ihres
Haupteinfuhrhafens in den Vereinigten Staaten. "New York ist ganz
einfach nicht mehr die dominierende Stadt", formuliert es ein
Vertreter der Bankenwelt von Los Angeles voller Selbstvertrauen.

Aber Los Angeles ist auch ein Lebensstil - für Jogger und Gesundheitsapostel, für die Filmemacher von Hollywood, für die Anhänger
der verschiedensten religiösen Kulte, für Windsurfer und
Sonnenanbeter.
Während die

�Während die Bewohner des Ostens der Vereinigten Staaten
bisweilen bissige Witze über "L.A." machen, reagieren die Bewohner
der Stadt nur mit dem Hinweis darauf, dass Los Angeles New York als
kulturelles Zentrum der Vereinigten Staaten den Rang abgelaufen
habe. Und tatsächlich hiess es -wohl nur zum Teil mit lustigem
Unterton-, die New York Times habe entlang der Ausläufer der Rocky
Mountains Wachtposten aufgestellt, um neue Trends auszuspähen, die
sich von Kalifornien aus in Richtung Osten bewegen.

Stets hat Südkalifornien den Abenteurer angezogen, den Ehrgeizigen, den Nonkonformisten und jenen, der seine neuen Ideen
verwirklichen wollte. Und immer war es ein Grenzland.

So sagt etwa

Joseph Magnin, Chef einer landesweiten Kette von Bekleidungsgeschäften: "In Kalifornien gibt es wieder das, was einmal ganz
Amerika hatte - Pioniergeist. Die Leute hier draussen sind kreativ,
sie sind bereit, ein Risiko einzugehen. Wenn jemand hier einfach so
von der Strasse zu mir hereinkäme und mir Pläne für eine neue
Energiequelle zeigen würde - ich wäre bereit, mit ihm darüber zu
reden und Geld dabei anzulegen. Ich bin jetzt achtzig Jahre alt,
aber ich bin in meinem Denken jünger geblieben als vielleicht Leute
in ihren Vierzigern - besonders meine Freunde drüben im Osten."

Vor drei Jahren feierte Los Angeles seinen 200. Geburtstag. Im
Jahre 1781 von spanischen Missionaren aus Mexiko gegründet, blieb es
ein Jahrhundert lang ein kleines, unbedeutendes Dorf, an dem der
Goldrausch von 1849 vorüberging, der aus San Franzisko, weiter im
Norden gelegen, eine Metropole machte. Erst in den siebziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts entdeckten die Amerikaner aus den
Oststaaten die Annehmlichkeiten des südkalifornischen Klimas und
begannen hierherzukommen.
Dann kam die Filmindustrie in die Stadt und machte den Namen
Hollywood weltbekannt.

Seitdem wuchs Los Angeles pausenlos: Nahezu alle zehn Jahre
verdoppelte sich die Zahl der Einwohner - mit dem Ergebnis, dass
heutzutage die meisten der dort Lebenden woanders geboren sind. So
gibt es Schätzungen,
- 3-

�gibt es Schätzungen, denen zufolge allein seit 1970 zwei Millionen
Einwanderer dort angelangt sind, um sich in Los Angeles selbst oder
in einer der 130 kleineren Ortschaften anzusiedeln, die sich um den
Stadtkern drängen. Noch immer kommen jährlich fast 100 000 Menschen
auf legalem Wege - und womöglich fünfmal so viele auf illegalem. Es
gibt solche mit Ausbildung und solche, die keine haben, es gibt
unter ihnen Arme und Reiche und über hundert Sprachen sind dort zu
hören. Dabei sprechen nicht wenige überhaupt kein Englisch - eine
Tatsache, die eine schwere Belastung für die Schulen und die
sozialen Einrichtungen der Stadt bedeutet.

Los Angeles ist eine Stadt der Stadtteile:
- Noch immer gibt es El Pueblo, den ursprünglichen Stadtkern.

- Dann den Wilshire Boulevard, die eleganteste Strasse der Stadt,
die den Spuren eines alten Indianerpfades folgt, der später zum
Camino Real, dem "Königsweg" der Spanier, wurde.

- Bei den La Brea Ölfeldern sprudelt noch immer das Erdöl an die
Oberfläche, wie dies vor Tausenden von Jahren war, als die
Dinosaurier und die ersten Säugetiere dort versanken und auf diese
Weise konserviert wurden.

- Beverly Hills ist noch immer der bevorzugte Stadtteil der
Filmstars.

- Santa Monica, das erste Strandbad der Stadt, duckt sich auf einem
Kliff, das in den Ozean hinausragt.

- Sogar noch ein paar Kanäle hat das in der Nähe gelegene Venice,
der lebhafteste Bereich von Los Angeles. Dort liegt auch der
"Muskel-Strand", wo der Bikini klein und dafür der Bizeps umso
grösser ist. Hier ist auch ein Mittelpunkt der Gegenkultur der Stadt.
In Hollywood

- 4 -

�- In Hollywood können Touristen noch immer die guterhaltene Bühne
sehen, auf der Charlie Chaplin in der Stummfilmzeit der zwanziger
Jahre seine mittlerweile klassischen Filme drehte. Am Hollywood
Boulevard findet man noch immer die berühmten Filmpaläste, die aber
mit der Zeit etwas heruntergekommen sind. Die Filmindustrie selbst
hat sich in all ihrer Vielfalt über ganz Südkalifornien, ja, das
ganze Land, ausgedehnt.

- Pasadena, Ort des 102 000 Menschen fassenden Stadions "Rose Bowl"
und der am Neujahrstag stattfindenden Rose Parade, rühmt sich des
California Institute of Technology und einer Vielzahl von Museen,
die in steinreichen Geschäftsleuten -wie etwa Norton Simon- ihre
Mäzene haben.

Wenn Los Angeles eine Stadt der Stadtteile ist, so ist es auch
eine Stadt der Nationen. In Los Angeles ist jedermann eine
Minderheit. Die groesste ethnische Gruppe, die sogenannten "Anglos"
nordeuropäischer Herkunft, machen 48 Prozent der Bevölkerung aus.
Die zweitgrösste Gruppe, die "Hispanics" aus den Ländern
Lateinamerikas, nimmt rasch zu und wird wahrscheinlich die Anglos
zahlenmässig bald überholt haben.
Nirgendwo ausser in Mexiko selbst leben so viele Mexikaner wie in
Los Angeles - und nirgendwo ausser in Korea so viele Koreaner. So
nennt man denn auch Los Angeles "Amerikas neuen Schmelztiegel" oder
"das neue Ellis-Island." ("Wir nennen sie lieber 'einen Regenbogen'
oder 'einen Salat'", sagte ein Chinese, der erst vor kurzem
eingewandert ist.) Im Jahr 2000, so gehen die Schätzungen, werden
alle Schwarzen, Hispanics und Asiaten zusammengenommen die Zahl der
Weissen im ganzen Staat übertroffen haben.
In Los Angeles kann man die Gerichte aller Welt kosten. Bei den
Strassenfesten der verschiedenen Volksgruppen und in den kleinen
Lebensmittelgeschäften liest man Schilder auf Englisch, Hebräisch,
Chinesisch, Farsi, ja sogar Gujerati. Alles wird da verkauft - von
Tacos bis hin zur Pekingente.
Zu den Einwanderern

- 5-

�Zu den Einwanderern der jüngeren Zeit gehören 200 000
Salvadorianer, 200 000 Vietnamesen im "Little Saigon", 200 000
Iraner, 175 000 Armenier aus der Sowjetunion, 130 000 Libanesen und
50 000 Guatemalteken (daher gibt es zum Beispiel 18 guatemaltekische
Fussballmannschaften in der Stadt).
Heute ist in Los Angeles jeder zehnte ein Asiate. Seit über
hundert Jahren schon gibt es Chinesen in der Stadt. Sie kamen
ursprünglich, um beim Bau der Eisenbahnlinien mitzuarbeiten, blieben
aber und siedelten sich in Los Angeles an. Heute gibt es dort etwa
42 Schulen, in denen Chinesisch gesprochen wird; ausserdem einen
Fernsehsender, der nur in Chinesisch sendet.
Gegen 1900 kamen die Japaner auf Farmen ausserhalb der Stadt. Jetzt
leben schätzungsweise 175 000 Japaner im "Kleintokio", seit
Jahrzehnten ein blühender Stadtteil.
Rund 150 000 Koreaner leben in "Korea-Town" und in anderen
Stadtteilen, wo es insgesamt etwa 400 koreanische Kirchen gibt.
Koreanische Eltern arbeiten hart, wie einer von ihnen, ein
Geschäftsmann sagt: "Zunächst müssen wir arbeiten, dann erst haben
wir Zeit, um die Sprache zu lernen. Wenn nicht, müssen das unsere
Kinder tun."
Ein anderes Beispiel für die ethnische Mischung der Stadt ist Debbie
Green, 25 Jahre alt, in Korea geboren, aber in Los Angeles
aufgewachsen. Sie gehört jetzt zu den besten Volleyballspielerinnen
der Welt und zur amerikanischen Mannschaft bei den Olympischen
Spielen.
Vor einem Jahrzehnt kamen auch viele Einwanderer aus den
Philippinen; insgesamt sind es jetzt rund 150 000; viele arbeiten in
medizinischen und Pflegeberufen.
In der Stadt leben ausserdem rund 90 000 Israelis, 55 000 Franzosen,
50 000 Engländer und 60 000 Samoaner. Greg Louganis, der beste
Turmspringer der Welt, ist Samoaner, aufgewachsen in San Diego
unweit von Los Angeles.
Ein Drittel der Stadtbevölkerung -und zwei Drittel der Schüler
dieser Stadt- sind Hispanics. Sie kommen aus Kuba, Kolumbien, Puerto
Rico, Honduras, Guatemala, El Salvador und natürlich aus Mexiko, das
ja nur 190 Kilometer entfernt ist. Im Jahr 2000 werden, so wird
geschätzt, die
- 6 -

�geschätzt, die Hispanics etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen
und die grösste Volksgruppe der Stadt sein.

Als 1781 die ersten 44 Siedler in Los Angeles ankamen, waren 26
von ihnen Schwarze. Heute sind es über 300 000 - etwa 12 Prozent der
Bevölkerung. Eine von ihnen ist die amerikanische Sprinterin Evelyn
Ashford, Studentin der Universität von Kalifornien in Los Angeles.

Wenn Los Angeles ein Symbol hat, so ist es das Auto. Für fast
alle Einwohner ist es eine Notwendigkeit in einer Stadt, die
horizontal, statt vertikal gewachsen ist. Die berühmten Autostrassen
von Los Angeles folgen den Spuren der alten Eisenbahnlinien und
tagtäglich fahren auf ihnen Hunderttausende von Autos. Dabei
produzieren sie ein weiteres Symbol von Los Angeles - die
Dunstglocke über der Stadt, als Smog bekannt.

Die Einwohner selbst sind der Ansicht, dass der Smog nicht so
problematisch sei, wie man allgemein tue, und dass er vor allem im
Norden und im Osten vorkomme, also weit weg von den Plätzen der
Olympischen Spiele. Ausserdem ist er tatsächlich in der heissesten
Tageszeit am schlimmsten, und deshalb haben die Organisatoren der
Spiele die meisten Veranstaltungen auch auf den kühleren Morgen und
in die Abendstunden verlegt.

+ + + + +

- 7 -

�25. April 1984

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG 1984

- (AD) - Nach Angaben der Nationalen Wissenschaftsstiftung der Vereinigten Staaten (National Science Foundation - NSF) stellt die amerikanische Bundesregierung im Jahr 1984 ca. 45,5 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Gegenüber 1983 bedeutet dies (inflationsbereinigt)
eine Steigerung um 12 Prozent. Knapp 75 Prozent der vorgesehenen Aufgaben
sind Auftragsprojekte für Wirtschafts-, Industrie- und Universitä'tslaboratorien, der Rest wird in regierungseigenen Instituten durchgeführt. Alles in
allem entfallen 68 Prozent der Mittel auf Entwicklung, 18 Prozent auf angewandte Forschung und 14 Prozent auf Grundlagenforschung. Federführend für
den größten Anteil an Forschung und Entwicklung ist das amerikanische Verteidigungsministerium (29,7 Milliarden Dollar). Es folgen das Energieministerium
(4,5 Milliarden Dollar), das Gesundheits- und Sozialministerium (4,43 Milliarden Dollar), das Amt für Luft- und Raumfahrt - NASA - (2,46 Milliarden Dollar),
das Landwirtschaftsministerium (848 Millionen Dollar) und das Verkehrsministerium (520 Millionen Dollar). Weitere Bundesbehörden verwalten Beträge zwischen
120 und 330 Millionen Dollar; die NSF selbst 1,24 Milliarden Dollar.

Die gesamten

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�Die gesamten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in den Vereinigten Staaten im Jahr 1984 schätzt das Battelle Memorial-Institut auf
94,2 Milliarden Dollar. Die Differenz zu den Bundesmitteln wird von privater
Seite (einschließlich der zahlreichen Stiftungen) aufgebracht.

+ + + + +

�25. April 1984

MIKROELEKTRONIK FÜR DIE BIOMEDIZIN

- (AD) - An der Entwicklung von Temperatursensoren auf der Basis von
Silizium-Chips arbeitet seit 1977 Phillip Barth unter der Leitung von Prof.
James Angell (Stanford-Universität, Department für Elektrotechnik). Sie
sind zur Temperaturkontrolle im Tumorgewebe bei der sogenannten Überwärmungstherapie bestimmt, durch die Tumorzellen weitgehend zerstört werden
sollen. Die Sensoren sind durch feine Golddrähte miteinander verbunden und
in einen dünnen Polyamid-Mantel eingebettet, der Körpergewebe gegenüber praktisch neutral ist, so daß die Sensorkette für Stunden oder sogar über einige
Tage im Körper verbleiben kann. Die Erprobung geschieht vorerst noch in Tierversuchen.
Die lokale Überwärmung auf 43°C wird mittels Ultraschall oder Mikrowellen erzeugt. Jedoch ist es, so Barth, nicht möglich, im Voraus zu berechnen, wieviel Wärmeenergie benötigt wird, um im Tumor die "therapeutische Temperatur" zu erzielen. Deshalb ist das Ende der vorsichtig in den Tumor eingesetzten Sensorkette mit einem elektronischen Oszilloskopschirm oder einem
auf Mikrocomputerbasis arbeitenden Instrument verbunden, um an 20 Meßpunkten
im Tumor und eventuell auch im umgebenden Gewebe die Temperatur laufend zu

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�laufend zu kontrollieren.

"Nur wenn man die tatsächliche Temperatur im Tumor-

gewebe kennt", so Barth, "kann man beurteilen, was wirklich geschieht."
Im September 1983 wurde die Patentschrift zu dem Verfahren eingereicht;
mit der Firma Clinitherm in Dallas (Texas) schloß die Stanford-Universität
einen zeitlich begrenzten Lizenzierungsvertrag, um das Verfahren der Hyperthermie-Kontrolle möglichst ohne Verzögerung der praktischen Anwendung
zugänglich zu machen.

Außerdem sind Entwicklungsarbeiten im Gang, um es in

der Kombination von Temperatur- und Drucksensoren in die Prothesen- und Robotertechnik einzuführen.

- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan wünscht Wiederaufnahme der Abrüstungsgespräche&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des Präsidenten vom 19. April 1984 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA fordern völliges Verbot chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ausführungen von US-Vizepräsident Bush vor der Genfer Abrüstungskonferenz -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kurzinformation über die amerikanische Initiative zum Verbot chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Herausgegeben vom Weißen Haus am 18. April 1984 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die XXIII. Olympischen Spiele in Los Angeles&amp;nbsp;&lt;br /&gt;- (1) Los Angeles - eine Vielvölkerstadt -&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Forschung und Entwicklung 1984&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mikroelektronik für die Biomedizin&amp;nbsp;</text>
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25. April 1990

START

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR FÜR
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt
zur Abrüstung

NST

DER STAND DER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer
Abrüstungskonferenz

VERTEIDIGUNG

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat

UMWELT

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG
WELTWEITER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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�START
25. April 1990

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR
FÜR OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung
GENF - (AD) - Dem Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST), Botschafter Richard Burt, zufolge wäre es ein "gravierender Fehler" anzunehmen, die Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) seien von den Ereignissen in Osteuropa eingeholt
worden.
"Es steht eindeutig fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung eine stabilisierende Wirkung auf die OstWest-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat", erklärte Burt vor der Genfer Abrüstungskonferenz am 19.
April 1990.
"Der Umbruch in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne entscheidende neue Möglichkeiten zum
Abbau des Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen", stellte Burt fest.
Burt zufolge seien mit den Sowjets bedeutende Fortschritte in wesentlichen Punkten der Verhandlungen über
Kern- und Weltraumwaffen erzielt worden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Burt im Wortlaut.

Vor acht Monaten habe ich hier gesprochen, um die
amerikanischen Ziele bei den START-Verhandlungen
zu erörtern - die Fertigstellung eines Vertrags, der den
Abbau strategischer Offensivwaffen und verbesserte
Stabilität vorsieht und damit das Risiko eines Kriegs
verringert. Damals habe ich gesagt, für Präsident
Bush stehe die Erlangung eines fairen und weitreichenden Abkommens, das den Frieden fördert, an
oberster Stelle der Prioritätenliste.
Seitdem hat sich vieles ereignet, mit dem diese Aussage untermauert werden kann:
Erstens sind die Präsidenten Bush und Gorbatschow in Malta zusammengekommen und
haben sich der Lösung vordringlicher Probleme
bei START bis zum nächsten Gipfeltreffen verpflichtet, das am 30. Mai in Washington eröffnet
wird.
Zweitens fand im Februar ein Treffen zwischen
Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen in Moskau statt, um die in Malta
AMERIKA DIENST

16

definierten Ziele und Prioritäten voranzubringen. Im Hinblick auf START hat dieses Treffen
nicht nur zu einem detaillierten Gedankenaustausch, sondern auch zu Übereinstimmung in
einigen entscheidenden Bereichen geführt, auf
die ich in Kürze eingehen möchte.
Drittens haben wir mit den Sowjets Einigung
bezüglich einiger versuchsweise eingeführter
Verifizierungsmaßnahmen erzielt, die von Präsident Bush erstmals im vergangenen Juni vorgeschlagen worden waren. Sie werden sich
vielleicht erinnern, daß Präsident Bush im letzten Juni den Vorschlag unterbreitet hat, die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sollten
besondere Anstrengungen unternehmen, um
sich auf eine Reihe praktischer Verifizierungsmaßnahmen zu einigen und diese durchzuführen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die
Verifizierung eines START-Vertrags zu verbessern und zur strategischen Stabilität beizutragen. Mit diesen Maßnahmen wird beiden Seiten
Seite 1

�praktische Erfahrung in Verifizierungsverfahren
vermittelt.
Und viertens sind die Außenminister Baker und
Schewardnadse vor zwei Wochen erneut in Washington zusammengetroffen.
Obwohl die
Gespräche nicht zur vollständigen Zufriedenheit verlaufen sind, haben sich die Außenminister auf eine beeindruckende Tagesordnung mit
dem Ziel geeinigt, die umfangreiche Themenliste bis zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zu bewältigen.
Als Ergebnis all dieser Einzelfaktoren sind bei den
Schlüsselproblemen bedeutende Fortschritte erzielt
worden, und die Verhandlungen haben eine ungeahnte Dynamik entwickelt. Als Beispiel für das Tempo
unserer Gespräche steht die Tatsache, daß ich seit
meiner Rückkehr aus Washington am Montag, dem
16. April bei sieben verschiedenen Gelegenheiten mit
meinem verehrten sowjetischen Amtskollegen, Juri
Nazarkin, zusammengetroffen bin.
Ich möchte nun kurz einige Bereiche erläutern, in
denen Fortschritte erzielt wurden sowie einige der
zusätzlich in Genf erörterten Themen aufgreifen.
Botschafter Smith wird den Stand der Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen im einzelnen erläutern. Ich möchte nur kurz erwähnen, daß die Sowjets
beim Ministertreffen in Wyoming zum Junktim einen
entscheidenden, positiven Schritt nach vorne gemacht
haben. Beim Moskauer Ministertreffen im Februar
haben die Sowjets ihre Position mit der Aussage
erläutert, auch wenn sie die Einbeziehung vereinbarter
Erklärungen über einen Abzug für den Fall, daß eine
Vertragspartei den ABM-Vertrag löst oder von ihm
zurücktritt, in den START-Vertrag bevorzugen würden, sei dies keine Voraussetzung für den STARTVertrag. Damit wird ein wesentliches Hindernis für ein
START-Abkommen aus dem Weg geräumt.
Die Frage von Verhandlungen nach START war für
Botschafter Nazarkin und mich ebenfalls ein vorrangiges Thema. Bei den Moskauer Gesprächen haben die
Außenminister Baker und Schewardnadse uns angewiesen, einen solchen Dialog in die Wege zu leiten.
Die Sowjets haben Vorschläge für diese Gespräche
unterbreitet - die von einigen bereits als NST II bezeichnet werden - obwohl die von solchen Verhandlungen erfaßten Einzelheiten bis zum jetzigen Zeitpunkt
noch unklar sind.
Die Frage der Marschflugkörper hat sich als äußerst
schwieriges und kontroverses Thema erwiesen. Beide Seiten haben beim Moskauer Ministertreffen große
Anstrengungen zur Lösung des Problems luft- und
seegestützter Marschflugkörper (ALCMs und SLCMs)
unternommen. Die Gespräche wurden in Genf und bei
den Washingtoner Gesprächen vergangene Woche
fortgesetzt. Obwohl neue Probleme aufgetreten sind,

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hoffe ich, daß die noch bestehenden verfahrenstechnischen Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden können.
Bei ALCMs ist die Einigung auf ein Ansatzpaket in
greifbare Nähe gerückt, das Bestimmungen und Verfügungen zur Unterscheidung nuklearer und konventioneller ALCMs enthält. Die Frage der Obergrenze für
ALCM-Reichweiten steht an oberster Stelle der Problemliste, an deren Lösung wir arbeiten.
Darüber hinaus konnten mit der Einigung auf politisch
verbindliche Absichtserklärungen auch wichtige Einzelheiten für SLCMs geklärt werden. Solche Themen
wie SLCM-Reichweiten und ob sich die Erklärungen
nur auf nukleare oder auch konventionelle SLCMs
erstrecken, sind jedoch unter anderem noch offene
Fragen.
Bei zahlenmäßigen Obergrenzen für nichtstationierte
ballistische Raketen und den ihnen zugeordneten
Gefechtsköpfen haben sich beide Seiten in Moskau
darauf geeinigt, solche Obergrenzen nur bei mobilen
ICBMs einzuführen. Daher werden nichtstationierte,
silogestützte ballistische Raketen, nichtstationierte
Marschflugkörper und nichtstationierte schwere Bomber nicht zahlenmäßig begrenzt. Darüber hinaus
haben sich die Vertragsparteien auf ein Regime über
den Standort und die Verlagerung aller nichtstationierten ballistischen Raketen geeinigt. Die Einzelheiten
dieses Abkommens werden ebenfalls in Genf verhandelt.
Botschafter Nazarkin und ich haben dem Thema der
Offenlegung telemetrischer Daten während der Flugerprobung der von START erfaßten ballistischen
Raketen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hierbei handelt es sich um den Verifizierungsbereich, der
bestimmen wird, ob ein START-Vertrag unsere Sicherheit und strategische Stabilität verbessert, indem
er Transparenz auf beiden Seiten fördert. Obwohl
noch einige entscheidende Fragen geklärt werden
müssen, haben wir uns auf die wesentlichen Elemente
eines Regimes zur Offenlegung solcher Daten geeinigt. Diese Bestimmungen werden in den STARTVertrag einbezogen und treten bei Vertragsunterzeichnung durch einen Briefwechsel in Kraft.
Beide Seiten haben auch in der Frage der Vertragsdauer beachtliche Fortschritte erzielt. Bei den Washingtoner Gesprächen haben sich die Vertragsparteien grundsätzlich darauf geeinigt, daß der STARTVertrag 15 Jahre lang in Kraft bleiben wird, es sei denn,
er wird durch ein späteres Abkommen ersetzt oder in
beiderseitigem Einvernehmen erweitert. Wir sind derzeit
in Genf mit der Ausarbeitung der weiteren Einzelheiten
befaßt.
Darüber hinaus arbeiten die Delegationen in Genf an
einer Reihe zusätzlicher, entscheidender Themen eher
technischer Art. Beispielsweise führen beide Seiten

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�intensive Gespräche über die Verifizierung mobiler
ICBMs, den Zeitplan der Reduzierungen sowie die
Zuordnung von Gefechtsköpfen für zukünftige Typen
ballistischer Raketen.
Seit der Eröffnung von Runde XIII Ende Januar haben
Botschafter Nazarkin und ich sowie unsere jeweiligen
Delegationen hart an der Vervollständigung des Vertragstexts und der Entwicklung konstruktiver Ideen
gearbeitet, die dem Wunsch unserer beiden Länder
nach Lösung der wesentlichen Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni Rechnung zu tragen.
Beim Ministertreffen in Washington haben Außenminister Baker und sein sowjetischer Amtskollege Schewardnadse sich auf einen Themenkatalog geeinigt und
ihre Genfer Delegationen angewiesen, diesen nach
Möglichkeit bis zum Gipfeltreffen zu bewältigen. Es
steht wohl außer Frage, daß die wichtigsten zwei
dieser Themen die Nichtumgehung des Vertrags und
die Einzelheiten solider Verifizierungsregime sind, deren
Kernstück Vor-Ort-Inspektionen bilden.
Zum Thema Nichtumgehung führen Botschafter Nazarkin und ich derzeit die mit unseren Ministern in
Washington vergangene Woche aufgenommenen
Gespräche fort. Beide Seiten haben beachtliche Fortschritte in dieser Frage erzielt und Flexibilität an den
Tag gelegt.
Ein zweiter Problemkreis ist das Verifizierungsregime,
das beiderseitigem Einvernehmen zufolge einzigartige Inspektionsregelungen umfassen wird, die in der
Geschichte ihresgleichen suchen. Wenn Historiker
diesen Vertrag eines Tages analysieren werden, könnte der herausragendste Aspekt von START sehr wohl
in den bemerkenswerten Inspektionsverfahren bestehen, die wir eingeführt haben. Die Inspektoren werden
praktisch jede wichtige strategische Einrichtung der
anderen Seite besichtigen. Die Auswirkungen von
START auf Vertrauensbildung und militärische Transparenz zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion könnten tiefgreifend sein. Dieser vertrauensbildende und Transparenz schaffende Effekt von
START wird meines Erachtens die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern verbessern. Bis heute
sind etwa 13 verschiedene Arten von Inspektionen in
den Vertrag eingearbeitet worden.
In einigen Fällen haben Präsident Bushs versuchsweise eingeführte Verifizierungsmaßnahmen und entsprechende sowjetische Vorschläge mehrere Hindernisse aus dem Weg geräumt, insbesondere diejenigen, die Einigung aufgrund von Mißverständnissen
bezüglich Operationen und Verfahren verhinderten.
Im vergangenen September haben die Außenminister
Baker und Schewardnadse die erste dieser Maßnahmen verabschiedet - ein Abkommen über die Benachrichtigung größerer strategischer Übungen. Darüber
hinaus haben wir Einigung bezüglich anderer Maßnahmen erzielt. Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen

AMERIKA DIENST

16

für frühzeitige Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern und die Vorführung schwerer Bomber sind zwei
dieser Schritte. Im Rahmen unseres Vorschlags zu
Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern war beispielsweise vorgesehen, daß jede Seite die von ihr
vorgeschlagenen Inspektionsverfahren demonstriert,
um zu verifizieren, daß bestimmte Typen von ICBMs
und SLBMs nicht über mehr Wiedereintrittsflugkörper
verfügen, als die ihnen zugeordnete Zahl von Gefechtsköpfen. Die erste dieser versuchsweise eingeführten Inspektionen wird nächste Woche stattfinden,
wenn amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter den Luftwaffenstützpunkt F.E. Warren in den
Vereinigten Staaten besichtigen werden, um die Zählverfahren für Gefechtsköpfe auf der PEACEKEEPERRakete in die Praxis umzusetzen.
Schließlich haben wir der jeweils anderen Seite Techniken zur eindeutigen Identifizierung von ballistischen
Raketen vorgeführt, das als "Tagging" bezeichnete
Verfahren. Experten aus beiden Ländern kommen
hier zusammen, um an dieser Übung teilzunehmen.
Kurz gesagt ist das "Tag" auf einer Rakete einem
Fingerabdruck vergleichbar, mit dem sichergestellt
wird, daß jede Rakete eindeutig identifiziert werden
kann.
Wie Sie sehen, haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen verwirklicht. Sie tragen zu einer maßgeblichen
Verbesserung von Transparenz und Berechenbarkeit
im Rüstungskontrollprozeß bei und sind wichtige Schritte
zur Vertrauensbildung.
Bei der Annäherung an unser gemeinsames Ziel haben
beide Seiten in den vergangenen Monaten große
Aktivität an den Tag gelegt. Abschließend möchte ich
auf die Bedeutung des START-Vertrags eingehen.
Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender politischer
Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen. Aufgrund der Auswirkungen dieses Wandels tendieren
einige zu der Annahme, ein START-Vertrag sei von
den Ereignissen überholt worden. Eine solche Denkweise ist ein gravierender Fehler. Es steht eindeutig
fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung
eine stabilisierende Wirkung auf die Ost-West-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat. Der Umbruch
in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne
entscheidende neue Möglichkeiten zum Abbau des
Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede
Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen. Wir vertreten die
Ansicht, daß willkürliche Veränderungen der amerikanischen Sicherheitsstrategie und der Doktrin erweiterter Abschreckung zu einem Abbau der Stabilität in
Zeiten tiefgreifender politischer Veränderungen führen
könnten.
Der START-Vertrag wird das erste Rüstungskontrollabkommen der Geschichte sein, das die Anzahl stra-

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�tegischer Nuklearwaffen tatsächlich verringert. Gleichzeitig gestatten die Bestimmungen dieses Vertrags
einen strukturierten Ansatz zu diesen die Stabilität
fördernden Reduzierungen. Angesichts der raschen
Veränderungen auf der Welt ist es unabdingbar, unse-

re Errungenschaften und die durch sie geschaffene
Stabilität zu kodifizieren. Vor diesem Hintergrund
sehen die Vereinigten Staaten dem bevorstehenden
Gipfel mit großem Optimismus und einem Gefühl
historischer Leistung entgegen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 16

�NST
25. April 1990

DER STAND DER VERHANDLUNGEN ÜBER
KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz
GENF - (AD) -

Botschafter David J. Smith zufolge bestand das Hauptziel der Vereinigten Staaten in der

fünfjährigen Geschichte der Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen darin, "einen kooperativen Übergang
zu einer stabileren Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf nichtnukleare Verteidigungssysteme
gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar erweist". Vor der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Smith am 19. April 1990 ferner, das heutige strategische Gleichgewicht beruhe "nahezu
ausschließlich auf offensiven Kernwaffen". Durch die bei nichtnuklearen Technologien erzielten Fortschritte sei
es jedoch wahrscheinlich, "daß eine verstärkte Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko weiter zu
verringern".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Smith im Wortlaut.

Herr Präsident, ich freue mich über diese Gelegenheit,
der Abrüstungskonferenz unsere Sichtweise zu den
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen vortragen zu können. Mein Vorgänger, Botschafter Cooper,
sprach im August letzten Jahres an dieser Stelle.
Seither haben sich mehrere positive Entwicklungen
vollzogen, obwohl in wichtigen Bereichen weiterhin
Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Im Verlauf der fünfjährigen Geschichte der Gespräche
über Kern- und Weltraumwaffen haben die Vereinigten Staaten konsequent ein Ziel verfolgt. Wir bemühen
uns, einen kooperativen Übergang zu einer stabileren
Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf
nichtnukleare Verteidigungssysteme gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar
erweist. Das heutige strategische Gleichgewicht beruht nahezu ausschließlich auf offensiven Kernwaffen.
Fortschritte bei nichtnuklearen Technologien machen
es jetzt jedoch wahrscheinlich, daß eine verstärkte
Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko
weiter zu verringern.

AMERIKA DIENST 16

Um diese Ziele zu erlangen, ist die Haltung der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Kern- und
Weltraumwaffen zukunftsorientiert. Wir bemühen uns,
uneingeschränkte Erprobungsrechte für moderne
Defensivtechnologien festzuschreiben, wie sie nach
dem ABM-Vertrag von 1972 gestattet sind. Wir streben an, weltraumgestützte ABM-Radarsysteme und
damit vergleichbare Sensoren von den überholten
Fesseln des ABM-Vertrags zu befreien. Die amerikanischen Vorschläge würden ernsthafte und gründliche
Gespräche mit der Sowjetunion über spezielle Maßnahmen für einen kooperativen Übergang erfordern,
bevor eine der Seiten moderne Verteidigungssysteme
stationiert, die den gegenwärtigen Rahmen des ABMVertrags sprengen. Die amerikanischen Vorschläge
würden darüber hinaus nach diesen Gesprächen das
Recht zur Stationierung gewährleisten. Schließlich
bemühen sich die Vereinigten Staaten darum, durch
Berechenbarkeit - darunter verstehen wir vertrauensbildende Maßnahmen - zukünftige technologische
Überraschungen zu vermeiden, indem wir zu mehr
Offenheit bei den Vorhaben beider Seiten im Bereich
der Verteidigung gegen strategische Raketen ermutigen.

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�Kernstück des amerikanischen Ansatzes ist der von
uns vorgeschlagene Vertrag über Weltraumverteidigung, der die Erleichterung eines kooperativen Übergangs zum Ziel hat. Der im vergangenen Dezember
ergänzte amerikanische Vertragsentwurf enthält wichtige gemeinsame Elemente, die beim Washingtoner
Gipfel von 1987 erzielt wurden und berücksichtigt das
Ergebnis des Treffens zwischen den Außenministern
Baker und Schewardnadse in Wyoming im September
1989. Bei letzterem ließen die Sowjets ihre Forderung
nach einer Vereinbarung über eine Frist für den Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallen. Die Sowjetunion
verwarf überdies ihr Junktim zwischen Unterzeichnung und Durchführung eines START-Vertrags und
einer Vereinbarung über Weltraumverteidigung. Die
Vereinigten Staaten begrüßten diesen Schritt.
Der amerikanische Vertragsentwurf sieht ein Verfahren vor, demzufolge jede Partei ihre Absicht erklären
kann, strategische Verteidigungssysteme zu dislozieren, indem sie dies ankündigt und besondere Maßnahmen vorschlägt, um einen kooperativen Übergang zu
gewährleisten. Die Parteien wären dann verpflichtet,
dreijährige intensive Gespräche über die vorgeschlagenen Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die
strategische Stabilität zu führen. Falls keine anderen
Vereinbarungen getroffen werden, müßte eine Partei
nach diesem Zeitraum - wenn sie die Begrenzungen
des ABM-Vertrags überschreitende Stationierungen
durchführen möchte - dies sechs Monate im voraus
ankündigen.
Dieser vorgeschlagene Mechanismus bietet einen
stabileren Weg für die Stationierung moderner Verteidigungssysteme als die gegenwärtige Alternative, die
darin besteht, die Bestimmung des ABM-Vertrags
über eine Vertragskündigung aufgrund höherer Interessen auszuüben. Der ABM-Vertrag gestattet es jeder
Partei, nach einer Kündigungsfrist von nur sechs Monaten
zu stationieren. Der von uns vorgeschlagene neue
Mechanismus würde dazu beitragen, einen vernünftigen und zeitgerechten Dialog darüber zu führen, wie
ein stabiler und kooperativer Übergang verwirklicht
werden kann.
Der überarbeitete amerikanische Vertragsentwurf
spiegelt darüber hinaus die dem ABM-Vertrag zufolge
uneingeschränkten Rechte der Parteien wider, moderne weltraumgestützte ABM-Systeme und deren Komponenten zu entwickeln und erproben. Um Vertrauen
zu bilden und Fehleinschätzungen solcher Versuche
zu vermeiden, haben die Vereinigten Staaten im Oktober 1988 eine Zusicherung im Hinblick auf Weltraumversuche angeboten. Damit wird der Sowjetunion
zugesichert, daß bei weltraumgestützten amerikanischen ABM-Versuchen, die im Rahmen des ABMVertrags zulässig sind, eine verbotene Stationierung
von Verteidigungssystemen ausgeschlossen würde.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, nur von
einer begrenzten Anzahl von ABM-Testsatelliten die

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Erprobung einer ABM-Komponente durchzuführen,
die auf anderen physikalischen Prinzipien beruht und
als Ersatz für einen ABM-Abfangflugkörper dienen
könnte. Solche Versuche würden das Ziel verfolgen,
eine strategische Rakete oder deren Elemente im Flug
zu vernichten.
Die Zahl der gleichzeitig in einer
Umlaufbahn befindlichen amerikanischen ABM-Testsatelliten wird wesentlich geringer sein als die für eine
realistische ABM-Fähigkeit erforderliche Zahl. Um
weiteres Vertrauen zu bilden, haben die Vereinigten
Staaten als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit die Benachrichtigung über Abschüsse, Tests,
Veränderungen der Umlaufbahnen und die Rückführung von ABM-Testsatelliten vorgeschlagen.
Die Vereinigten Staaten haben ferner angeregt, daß
beiden Seiten die Entwicklung, Erprobung oder Stationierung von weltraumgestützten ABM-Radars und damit
vergleichbaren Sensoren uneingeschränkt gestattet
werden sollte. Damit würden künftige Definitions- und
Verifizierungsprobleme vermieden, die voraussichtlich aufgrund der Modernisierung weltraumgestützter
Technologie entstehen würden. Daneben würde die
Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren gefördert.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des amerikanischen
Vertragsentwurfs besteht darin, Berechenbarkeit bei
der Entwicklung des amerikanisch-sowjetischen strategischen Verhältnisses sicherzustellen, um das Kriegsrisiko zu mindern. Dieses Ziel wurde beim Washingtoner Gipfel von 1987 vereinbart. Um dieses Ziel zu
verwirklichen, schlugen die Vereinigten Staaten im
Jahr 1988 Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit vor. Zu diesen Maßnahmen gehören ein
jährlicher Austausch von Programmdaten, Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche in Labors
und die Beobachtung von Versuchen im Bereich der
Verteidigung gegen strategische Raketen. Diese
Maßnahmen würden auf freiwilliger, gegenseitiger und
vergleichbarer Grundlage durchgeführt. Ihr Zweck ist
die Schaffung eines besseren Verständnisses von den
Vorhaben beider Seiten im Hinblick auf solche Verteidigungssysteme bereits im Forschungsstadium - Jahre
bevor moderne Verteidigungssysteme in der Praxis
auftauchen.
Beim Gipfeltreffen in Wyoming leitete Außenminister
Baker Bemühungen ein, um festzustellen, ob die
Bereiche der Übereinstimmung über Maßnahmen zur
Berechenbarkeit zu einem Bereich beiderseitigen Vorteils
ausgebaut werden können. Um das Verständnis unserer
sowjetischen Kollegen von der amerikanischen Maßnahme "Besuche in Labors" zu fördern, bot Außenminister Baker eine praktische Demonstration aus erster
Hand an. Er lud eine Gruppe sowjetischer Experten
ein, zwei mit SDI-Forschungsarbeiten befaßte amerikanische Labors zu besuchen. Der Besuch fand im
vergangenen Dezember statt und war ein großer Erfolg. Der Leiter der Delegation, Botschafter Juri Nazar-

AMERIKA DIENST 16

�kin, bezeichnete den Besuch als nützliche vertrauensbildende Maßnahme. Die sowjetischen Experten
nahmen an Vorträgen teil, sie konnten Hardware selbst
in Augenschein nehmen und hatten die Gelegenheit,
den mit den Forschungsarbeiten betrauten amerikanischen Wissenschaftlern zahlreiche Fragen zu stellen.
Der Besuch diente dazu, sowohl die Transparenz zu
fördern als auch den Verhandlungen über Maßnahmen zur Berechenbarkeit neue Impulse zu verleihen.
Wir waren sehr erfreut, als die Sowjetunion nach
diesem Besuch dem Konzept von Besuchen in Labors
als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit
zustimmte.
Beim Treffen der Außenminister Bakerund Schewardnadse in Washington zu Beginn dieses Monats schlugen die Vereinigten Staaten vor, daß sich beide Seiten
in Form eines selbständigen Abkommens - unabhängig vom ABM-Vertrag - über Maßnahmen zur Berechenbarkeit einigen sollten. Der amerikanische Entwurf fordert die Parteien auf, die obengenannten
Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit zu
verwirklichen.
Um die Funktionsweise eines solchen Abkommens zu
veranschaulichen und unsere Verhandlungsdelegationen zu unterrichten, haben die Vereinigten Staaten
im vergangenen Monat in Genf die Einrichtung eines
auf Gegenseitigkeit beruhenden Pilotprogramms zur
Anwendung der amerikanischen Maßnahmen zur
Berechenbarkeit auf jeweils ein einzelnes Projekt jeder
Seite vorgeschlagen. Die Vereinigten Staaten haben
als ihr Projekt das "Infrared Background Signature
Survey" ausgewählt. Wir haben die Sowjetunion aufgefordert, ein sowjetisches Projekt auszuwählen. Die
Idee der Vereinigten Staaten besteht darin, daß beide
Seiten vor Verwirklichung eines selbständigen Berechenbarkeitsabkommens einen "Probelauf" durchführen sollten. In dieser Hinsicht sind diese Initiativen mit
"Probeläufen" bei anderen Verhandlungen vergleichbar - dem Gemeinsamen Verifizierungsexperiment bei
den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über
Atomversuche, den Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen bei START sowie dem bilateralen Datenaustausch- und Verifizierungsexperiment in den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über chemische
Waffen.
Bei den Maßnahmen zur Berechenbarkeit wurden in
jüngster Zeit bedeutende Fortschritte erzielt. Beide
Seiten sind sich einig, daß sie ausgebaut und gestärkt
werden sollten. Bei den verbleibenden Fragen in
unseren Verhandlungen bleibt noch viel zu tun, um
einen Vertrag über Weltraumverteidigung zu erlangen,
der in den kommenden Jahren, wenn uns neue Technologien Wege zur Verringerung der von den ballistischen Raketen ausgehenden Bedrohung eröffnen,
größere Stabilität ermöglicht. Die Verwirklichung dieses Ziels würde für die gesamte internationale Staatengemeinschaft mehr Sicherheit bedeuten und den

AMERIKA DIENST 16

ersten kooperativen Übergang in der Geschichte der
strategischen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion darstellen.
Nachdem ich über unsere diplomatischen Bemühungen zur Erreichung eines kooperativen Übergangs zu
Verteidigungssystemen gegen strategische ballistische
Raketen gesprochen habe, möchte ich auch kurz zum
amerikanischen Engagement für solche Verteidigungssysteme und zum Beitrag, der von ihnen geleistet
werden könnte, Stellung nehmen. Am 7. Februar 1990
erklärte Präsident Bush im Lawrence Livermore National Laboratory: "In den neunziger Jahren sind strategische Verteidigungssysteme sinnvoller denn je...
Dieses rein defensive Konzept bedroht niemanden auf
der Welt. Wenn es, was Gott verhüten möge, jemals
eingesetzt werden müßte, dann gegen Raketen und
nicht gegen Menschen."
Die Betonung des Werts von Verteidigungssystemen
durch den Präsidenten läßt sich am besten durch die
Tatsache verstehen, wie sie zur internationalen Sicherheit und zum Gleichgewicht in diesem und im
nächsten Jahrhundert beitragen können. Es gibt vier
Hauptgründe dafür, warum effektive Verteidigungssysteme eine sicherere Welt bewirken können.
Erstens, die Verhinderung eines Atomkriegs muß ein
grundsätzliches Ziel bleiben. Überlebensfähige und
effektive strategische Verteidigungssysteme würden
die Abschreckung stärken und das Kriegsrisiko verringern, indem sie die Planung und Ausführung eines
Erstschlages mit strategischen Offensivstreitkräften
erheblich komplizierter machen würden.
Zweitens können moderne Verteidigungssysteme im
Zuge einer einschneidenden Reduzierung strategischer Offensivwaffen durch die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine wachsende Rolle bei der
Absicherung gegen die Folgen potentieller Vertragsverletzungen, Vertragsbrüche und Betrugsmanöver in
Zusammenhang mit solchen Reduzierungen spielen.
Drittens entwickeln sich neue Bedrohungen, gegen die
effektive nichtnukleare Verteidigungssysteme erheblichen Schutz bieten können. Indem eine steigende
Zahl von Ländern ballistische Raketen und damit einhergehend chemische, biologische und nukleare Waffen
entwickeln, wird sich die Bedrohung für die internationale Staatengemeinschaft verstärken.
Viertens können effektive Verteidigungssysteme Schutz
gegen den versehentlichen oder unbefugten Abschuß
von ballistischen Raketen bieten. Fände eine solch
unwahrscheinliche Katastrophe jemals statt, wäre der
in geretteten Menschenleben ausgedrückte Wert von
Verteidigungssystemen unschätzbar.
Unter Berücksichtigung dieser Ziele und deren Bedeutung sind die Vereinigten Staaten entschlossen, sich
die Option zur Entwicklung und Stationierung effekti-

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�ver, moderner Verteidigungssysteme in angemessenem Zeitrahmen und in kooperativer Art und Weise
offenzuhalten. Dies ist unser Ziel in den Gesprächen
über Kern- und Weltraumwaffen.

sche Ihnen einen erfolgreichen Abschluß der Frühjahrssitzung und hoffe, auch in Zukunft wieder die
Gelegenheit zu einer Rede vor diesem Gremium zu
erhalten.

Herr Präsident, es war mir eine Ehre, heute vor der
Abrüstungskonferenz sprechen zu dürfen. Ich wün-

Vielen Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 16

�VERTEIDIGUNG
25. April 1990

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede im Senat hat der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, der
demokratische Senator Sam Nunn, seine Gedanken einer neuen amerikanischen Militärstrategie vorgetragen,
die sich auf die verringerte sowjetische Bedrohung und den "unvermeidlichen" Rückgang der amerikanischen
Militärausgaben gründet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Senators im Wortlaut.

Herr Präsident, in den letzten Wochen habe ich zwei
Reden über unsere nationale Sicherheit und Haushaltsprobleme gehalten. In der ersten habe ich die
Probleme erörtert, die sich für unseren Ausschuß und
den gesamten Kongreß aus den Lücken in dem vom
Verteidigungsministerium vorgelegten unvollständigen
Fünfjahresverteidigungsplan und im Ergänzungshaushalt für das Haushaltsjahr 1991 ergeben. In der
zweiten gab ich eine Einschätzung der jüngsten Veränderungen in der Welt und ihrer Auswirkungen auf
das Bedrohungsumfeld in den neunziger Jahren. In
meiner heutigen Erklärung möchte ich die wichtigen
Veränderungen erörtern, die im Lichte dieses Wandels
der äußeren Bedrohung und der haushaltspolitischen
Realitäten in unserem Land bei unserer Militärstrategie vorgenommen werden sollten.
Anfang der achtziger Jahre hatte ich auf Bitte des
ehemaligen Botschafters David Abshire die Ehre,
zusammen mit dem damaligen Kongreßabgeordneten
Dick Cheney Vorsitzender einer Studiengruppe des
Zentrums für strategische und internationale Studien
(CSIS) über "Große Strategie" zu sein. Aufgrund
dieser Erfahrung verstehen Dick und ich sehr gut, wie
schwierig es ist, eine zusammenhängende Strategie
zu formulieren - selbst wenn in der Welt nicht das
Unterste zuoberst gekehrt wird. In einer Rede im
Zusammenhang mit dem CSIS-Projekt habe ich festgestellt, daß militärische Strategie folgendermaßen
definiert wird: "Die Kunst, nach Gefahr Ausschau zu
halten, sie überall zu finden, sie unzutreffend zu diagnostizieren und das falsche Gegenmittel zu ver-

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schreiben." Wenn ich heute wiederum über Strategie
spreche, werde ich diese Definition im Gedächtnis
behalten.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen zur sehr notwendigen und überfälligen Strategiedebatte und zum Dialog beizutragen. Wie ich bereits in meiner Rede vor
dem Senat am 29. März erklärt habe, hat sich die
Bedrohung im letzten Jahr erheblich verändert, und
viele dieser Veränderungen bieten Chancen zu einschneidenden Reduzierungen der amerikanischen
Militärausgaben in den kommenden Jahren. Die Frage lautet heute nicht, ob wir die Militärausgaben reduzieren. Das ist unvermeidlich. Die Frage lautet vielmehr, ob wir die Militärausgaben im Rahmen einer
vernünftigen militärischen Strategie reduzieren, mit
der sich die Bedrohungen von heute und von morgen
bewältigen lassen.
Zu Beginn ist es meines Erachtens wichtig, zwischen
nationaler Sicherheitsstrategie und militärischer Strategie zu unterscheiden. Die nationale Sicherheitsstrategie ist darauf ausgerichtet, umfassende und dauerhafte nationale Interessen und Ziele zu schützen und
bewahren. Sie soll ein breites Spektrum von Mitteln in
sich vereinigen, um diese Ziele zu erreichen, darunter
politische, diplomatische, sicherheitspolitische, wirtschaftliche und militärische Instrumente. Die militärische Strategie ist eine enger gefaßte Komponente der
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie beschreibt auf
der Grundlage der Bedrohung und der zur Verfügung
stehenden Ressourcen, wie wir unsere Streitkräfte

Seite 1

�strukturieren und einsetzen, um unsere Interessen
und Ziele zu unterstützen.

Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?

Vergangenen Monat legte Präsident Bush dem Kongreß den Bericht seiner Administration über die Nationale Sicherheitsstrategie für 1990 vor. In seinem
Bericht faßt der Präsident die allgemeinen nationalen
Interessen und Ziele unseres Landes wie folgt zusammen:

Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?

Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.

Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?

Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.

Präsident Bushs Strategiebericht stellt die richtigen
Fragen zu den die Vereinigten Staaten betreffenden
Sicherheitsproblemen. Bei der Beschäftigung mit dem
Verteidigungshaushalt 1991 müssen wir beginnen,
diese Fragen zu beantworten.

Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.

In ihrer hervorragenden neuen Studie über die amerikanische Militärstrategie für die neunziger Jahre forderten die Senatoren Bill Cohen und John McCain zu
Recht eine vorsichtige Haltung zu Veränderungen in
unserem militärischen Einsatzkonzept. Sie machten
jedoch auch zwei wichtige Beobachtungen, die wir in
der andauernden Debatte über unsere nationale Sicherheitspolitik im Gedächtnis behalten sollten.

Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Der Präsident stellte sodann eine Reihe von Fragen für
die Zukunft:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität in den
Hintergrund tritt?
Wie wird sich die andauernde Führungsrolle der
Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden
die von unseren Verbündeten übernommenen
neuen Führungsrollen beschaffen sein?
Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?
Wieviel Risiko können wir uns in einem Zeitalter
strategischer Veränderungen, haushaltspolitischer Zwänge und großer Ungewißheit leisten?
Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?
Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohlstand unerläßlich ist, wenn die empfundene

Seite 2

Erstens stellten sie fest, daß "das Gespenst einer
möglichen Rückkehr des kalten Kriegs... nicht benutzt
werden kann, um eine Überprüfung der Verteidigungspolitik zu vertagen, die sogar schon vor den Ereignissen der letzten sechs Monate erforderlich war."
Zweitens erklärten sie, daß "unseres Erachtens das
amerikanische Volk das erforderliche Haushaltsniveau
nur dann unterstützen wird, wenn es der Meinung ist,
daß unsere Verteidigungspolitik mit der sich verändernden Weltlage im Einklang steht."
Herr Präsident, ich stimme mit den Senatoren Cohen
und McCain überein. Wir müssen jetzt handeln, um
eine neue militärische Strategie zu entwickeln, mit der
die veränderte Bedrohung bewältigt und ein Beitrag
zur Festlegung unserer Haushaltsprioritäten geleistet
werden kann.
Mit Blick auf die jüngsten Veränderungen in der Welt
und künftige Verteidigungsbudgets möchte ich die
folgenden wichtigen Aufgaben vorschlagen, die wir
von unseren Streitkräften verlangen und deren Durchführung wir erwarten können:
Abschreckung eines Angriffs auf das Territorium der Vereinigten Staaten.
Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen
durch die Sowjetunion oder andere nuklear
bewaffnete Gegner gegen unser Territorium,
gegen unsere Verbündeten oder unsere irgend-

AMERIKA DIENST 16

�wo auf der Welt stationierten Streitkräfte.
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten bei
der Abschreckung konventioneller sowjetischer
Aggressionen in Europa, wobei der Umfang der
Streitkräfte der abnehmenden Bedrohung angepaßt wird und die Möglichkeit bestehen bleiben muß, innerhalb eines ausreichenden Zeitraums auf ein höheres Niveau aufzurüsten,
wenn die Sowjets versuchen sollten, erneut eine
glaubwürdige Invasionsfähigkeit aufzubauen.
Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten in Korea, im Fernen Osten, im Nahen Osten,
in Südwestasien und Lateinamerika mit amerikanischen militärischen Fähigkeiten, die auf eine
Ergänzung - nicht auf den Ersatz oder die Verdoppelung - ihrer eigenen militärischen Fähigkeiten zugeschnitten sind.
Bereitschaft zu gewaltsamen Interventionen in
geringem bis mittlerem Ausmaß.
Sicherung der Seewege.
Bekämpfung von Drogenhandel, Terrorismus
und anderen unkonventionellen militärischen
Bedrohungen.
Bereitstellung genauer, rechtzeitiger und bedarfsgerechter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse in Verbindung mit anderen nachrichtendienstlichen Elementen bezüglich der Veränderungen im globalen Bedrohungsumfeld.
Wenn wir eine neue Militärstrategie entwickeln wollen,
die unsere Mittel effektiv mit den soeben umrissenen
Zielen in Einklang bringen soll, dann sollten wir uns
meines Erachtens von den folgenden fünf Komponenten leiten lassen.
I. Obwohl die nukleare Abschreckung gegenwärtig
und auf absehbare Zukunft entscheidende Grundlage
unserer militärischen Strategie bleibt, sollte sie auf
wesentlich geringerem Rüstungsniveau und mit wesentlich höherer Stabilität (mit geringerem Anreiz für
einen Erstschlag mit strategischen Nuklearwaffen auf
beiden Seiten) gewährleistet werden können.
II. Unsere vorne stationierten Streitkräfte sollten im
Einklang mit der veränderten Bedrohung reduziert
werden. Es sollte eine verstärkte Spezialisierung der
einzelnen verbündeten Staaten erfolgen. Das Vertrauen auf Verstärkung unserer Verbündeten durch
herangeführte amerikanische Kampftruppen sollte erhöht
werden.
III. Eine größere Anzahl unserer Truppen sollte in
Reserven konzentriert werden, die insbesondere auf
Verstärkungsoperationen zugeschnitten sind.

AMERIKA DIENST 16

IV. Wir sollten ein Konzept flexibler Bereitschaft, hoher
Bereitschaft für bestimmte Truppen und anzupassender Bereitschaft anwenden.
V. Unser Verteidigungsmanagement und unsere Mittelstrategie sollten von dem Satz des ehemaligen
Botschafters David Abshire geleitet werden, der lautet:
"Think smarter not richer." Diesem Ansatz zufolge
würde ich das Fliegen vor die Beschaffung setzen, die
Kosten für Beschaffung und Instandhaltung von Waffen reduzieren, bestehende Plattformen verbessern
und neue Vorhaben reduzieren. Dazu gehört innovative Forschung zur Erhaltung unserer technologischen
Überlegenheit und die Aufrechterhaltung einer lebensfähigen Rüstungsindustrie.
Diese fünf Elemente bilden den Rahmen, den ich für
eine überarbeitete militärische Strategie vorschlage.
Ich möchte auf jedes dieser fünf Elemente kurz etwas
detaillierter eingehen.
Das erste grundlegende Element einer neuen Militärstrategie ist die Abschreckung eines Atomkriegs auf
niedrigerem nuklearem Rüstungsniveau bei gleichzeitig erheblich verbesserter Stabilität. Dieses Element
beinhaltet zwei Komponenten: Abschreckung eines
direkten sowjetischen Atomschlags gegen die Vereinigten Staaten und Abschreckung des Einsatzes von
Atomwaffen im Rahmen einer sowjetischen Aggression gegen einen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Daneben müssen wir zusammen mit unseren
Verbündeten und anderen Staaten, darunter auch der
Sowjetunion und China, dafür Sorge tragen, die Verbreitung von Atomwaffen und Raketentechnologie zu
begrenzen. Wir müssen überdies zusammen mit
anderen Staaten unsere Bemühungen intensivieren,
um den generellen Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch andere Staaten oder terroristische Gruppierungen zu verhindern.
In meiner Rede vor dem Senat habe ich am 29. März
in bezug auf die Bedrohungsanalyse erklärt: "Im
Gegensatz zu den bedeutenden Reduzierungen der
sowjetischen konventionellen Bedrohung hat die
sowjetische Modernisierung der strategischen Atomstreitkräfte im großen und ganzen unverändert angehalten." Aus diesem Grund bleiben die amerikanischen Nuklearstreitkräfte das Fundament der Abschrekkung. Die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte
wird auch weiterhin erforderlich sein.
Gleichzeitig hat der Rückgang der sowjetischen konventionellen Bedrohung bedeutende Auswirkungen
auf die sowjetische nukleare Bedrohung. Wie ich
bereits letzten Monat festgestellt habe: "Mit der geringeren Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Krieges
in Europa hat die Möglichkeit, daß ein Atomkrieg aus
der Eskalation eines europäischen Konflikts entsteht,
ebenfalls stark abgenommen." Ich möchte im folgen-

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�den meine Ansichten über die Auswirkungen dieser
Entwicklung auf unser strategisches Einsatzkonzept,
unsere Ziele in der Rüstungskontrolle und die geeignete Rolle strategischer Verteidigungssysteme darlegen.

neuen Strategie noch Platz ist. Landgestützte Atomraketen und nukleare Artillerie in Europa sollten abgezogen werden, am besten im Rahmen von Gesprächen und Vereinbarungen zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Die Entwicklung neuer, demokratischer Regierungen
in Osteuropa, der vorgesehene Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ungarn und der Tschechoslowakei sowie die wahrscheinliche Festsetzung gleicher
Obergrenzen für Panzer, Artillerie, Flugzeuge und
andere Kategorien militärischer Ausrüstung in einem
Vertrag über die konventionellen Streitkräfte (KSE)
haben ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf die
nuklearen Kurstreckenwaffen (SNF) und luftgestützten taktischen Nuklearwaffen des Bündnisses.

Aber selbst wenn dies erreicht ist, besteht die Notwendigkeit zur Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen in Europa durch die Sowjets. Auf europäischem
Territorium stationierte Atomwaffen, einschließlich der
britischen und französischen Nuklearstreitkräfte, bilden eine glaubwürdige Androhung von Vergeltung.
Luftgestützte Systeme bieten den Militärplanern erheblich größere Flexibilität, sie erlauben die Stationierung nuklearer Fähigkeiten in mehreren NATO-Ländern und schaffen nicht die einschneidenden politischen und Sicherheitsprobleme, die Systemen mit
erheblich begrenzterer Reichweite innewohnen.

Gegenwärtig stellen die Vereinigten Staaten mehrere
tausend Atombomben und Atomwaffen zur Verfügung, die von Artillerie, der Kurzstreckenrakete Lance
und taktischen Flugzeugen aus zum Einsatz kommen
können. Ferner wurde eine Reihe amerikanischer UBoot-gestützter ballistischer Raketen (SLBMs) der
NATO zugeordnet, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa (SACEUR) hat die Option, weitere strategische und nichtstrategische amerikanische Nuklearstreitkräfte anzufordern.
Der NATO-Doktrin zufolge sollen Atomwaffen drei
entscheidende Funktionen erfüllen:
Erstens sollen sie Abschreckung gegen einen
sowjetischen Ersteinsatz von Atomwaffen in
Europa bewirken.
Zweitens sollen sie jeden massierten Aufmarsch
von Panzerarmeen des Gegners abschrecken
und damit einen Beitrag zur gesamten Abschrekkung der NATO gegen einen konventionellen
Angriff leisten.
Drittens sollen sie im Falle eines Versagens der
Abschreckung konventionelle Unzulänglichkeiten wettmachen. Im Einklang mit ihrer Doktrin
der flexiblen Reaktion ist die NATO davon ausgegangen, daß jeder Angriff des Warschauer
Pakts und alle Feindseligkeiten frühzeitig gestoppt werden könnten, weil das Bündnis bereit
war, einen Atomkrieg zu führen, um seine Freiheit zu verteidigen.
Nach einem KSE-Abkommen mit konventionellem
Gleichstand (einem Zustand, in dem insbesondere die
sowjetischen Panzerarmeen aus Osteuropa abgezogen worden sind) ist ein Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit einem frühzeitigen Ersteinsatz atomarer
Kurzstreckenraketen zur Abschreckung eines konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig. Ich
glaube nicht, daß für landgestützte Atomwaffen, deren
Reichweite so begrenzt ist, daß sie nur auf dem
Territorium unserer Verbündeten oder der neuen
Demokratien Osteuropas zum Einsatz kämen, in einer
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Aufgrund dieser Erwägungen schlage ich vor, daß sich
die NATO auf taktische luftgestützte Atombomben
und -raketen konzentriert, darunter die TASM und ihre
Planung für Modernisierung und Rüstungskontrolle
entsprechend anpaßt. Aus Gründen der Risikoteilung
und Überlebensfähigkeit sollten die taktischen luftgestützten Raketen der NATO auf Luftstützpunkte in
allen NATO-Staaten, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verteilt werden.
Das zweite Element einer neuen amerikanischen Militärstrategie besteht darin, die vornestationierten USStreitkräfte zu reduzieren, die Spezialisierung unter
den verbündeten Staaten zu erhöhen und die Verstärkungsfähigkeit auszubauen, einschließlich des Einsatzes von Reserven zur Auffüllung der verbleibenden
vornestationierten amerikanischen Streitkräfte. Dieses Element betrifft besonders Europa und in gewissem Maß auch Korea.
In meiner Senatsrede habe ich im vergangenen Monat
zwei wichtige Schlußfolgerungen im Hinblick auf die
jüngsten Veränderungen der Bedrohungslage vorgetragen:
Erstens ist die Drohung eines Großangriffs des
Warschauer Pakts auf Westeuropa praktisch
beseitigt worden, und ein Angriff der Sowjetunion allein ist sehr unwahrscheinlich...
Zweitens wären jegliche sowjetischen Bemühungen, erneut eine umfassende, glaubwürdige
konventionelle Angriffsfähigkeit gegen die NATO
zu schaffen, äußerst schwierig. Sie würden eine
enorm umfangreiche Mobilisierung erfordern und
damit der NATO viele Monate Vorwarnzeit verschaffen.
In meiner Erklärung habe ich auf die tiefgreifenden
Auswirkungen dieser Entwicklung für die Militärstrategie der NATO hingewiesen:
Der entscheidende Punkt lautet: Selbst wenn man es

AMERIKA DIENST 16

�als notwendig erachtet, sich gegen die auch noch so
entfernte Möglichkeit einer Wiederherstellung der
sowjetischen Invasionsfähigkeit gegen Westeuropa
zu wappnen, bedeutet dies nicht zwingend auch, daß
die geeignete Vorsichtsmaßnahme darin besteht, riesenhafte stehende Heere der Vereinigten Staaten in
Europa zu unterhalten. ... Für die NATO sollte das
Kriterium vielmehr sein, ob das Bündnis in der Lage ist,
die Abschreckung auf niedrigeren Niveaus aufrechtzuerhalten und in Zeiten einer sowjetischen Wiederaufrüstung mobilisieren und auf höhere Niveaus aufrüsten
zu können.
Die NATO spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der
Gewährleistung der Sicherheit Westeuropas - militärisch, politisch und diplomatisch. Unter diesen veränderten Bedingungen mu ß jedoch die NATO der Öffentlichkeit gegenüber ihre Daseinsberechtigung unter
Beweis stellen. Der ehemalige NATO-Botschafter
David Abshire hat einmal gesagt: "Die NATO sollte und zwar politisch für jedermann sichtbar - eine zweifache Studie erarbeiten, um ihre politische und ihre
militärische Strategie auf den neuesten Stand zu bringen." Eine Studie durch eine anerkannte Gruppe von
Fachleuten, ähnlich dem Harmel-Bericht von 1967,
könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, einen neuen
transatlantischen Konsens im Hinblick auf die Verteidigungserfordernisse und das künftige Einsatzkonzept
des Bündnisses zu bilden.
Meines Erachtens muß diese Studie drei Realitäten
berücksichtigen:
Erstens ist der Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit dem Ersteinsatz von nuklearen
Kurzstreckenwaffen zur Abschreckung eines
konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig.
Zweitens ist die Annahme der NATO, daß die
Vereinigten Staaten auf Dauer 195 000 Mann in
Mitteleuropa stationieren, nicht mehr realistisch.
Drittens ist die gegenwärtige NATO-Strategie
der Vorneverteidigung an der innerdeutschen
Grenze nicht mehr lebensfähig.
Angesichts künftiger Instabilität in Europa, die wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich ist, sind
Vorsicht und Vernunft am Platze, wenn wir unsere
Streitkräfte in der NATO verringern. Amerikanische
Truppen in Europa können und sollten während dieser
Übergangsperiode eine stabilisierende Rolle spielen.
Trotzdem erlaubt es die erheblich verlängerte Vorwarnzeit vor einem glaubwürdigen sowjetischen Angriff auf die NATO den Vereinigten Staaten, den Umfang
unserer vornestationierten stehenden Heere zu reduzieren und sich statt dessen auf Verstärkungsfähigkeit
zu konzentrieren.
Entgegen der Ansicht der Administration, daß 195 000
amerikanische Soldaten in Mitteleuropa eine MindestAMERIKA DIENST 16

stärke darstellen, die von den Vereinigten Staaten
nicht unterschritten werden darf, müssen wir meines
Erachtens damit beginnen, für die kommenden Jahre
ein erheblich geringeres Niveau einzuplanen. Ich
stimme dem früheren Verteidigungsminister James
Schlesinger zu, daß wir eine in Europa verbleibende
Streitmacht in der Größenordnung von 75 000 bis
100 000 Soldaten innerhalb der nächsten fünf Jahre
planen sollten.
Diese Reduzierungen gehen nicht nur Hand in Hand
mit der Abnahme der Bedrohung, sondern sie werden
auch durch eine sich wandelnde Haltung der Deutschen gegenüber fundamentalen Fragen von Souveränität und Nationalismus erforderlich. Die Opposition
gegen eine umfangreiche amerikanische Militärpräsenz in Deutschland wird immer mehr durch den
wachsenden Verdruß über Ausbildung, Übungen,
Manöver und Tiefflüge motiviert. Daneben verstärkt
der erhebliche Fehlbestand an Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Freiflächen deutsche Wünsche
nach Rückgabe amerikanischer Militäreinrichtungen
und Liegenschaften, um sie dem deutschen Zivilsektor
nutzbar zu machen.
Kürzlich erhielt ich ein Schreiben eines deutschen
Bundestagsabgeordneten, der Mitglied im Verteidigungsausschuß und ein überzeugter Befürworter der
NATO ist. Erwies darauf hin, daß in seinem Wahlkreis
über 4 000 deutsche Familien auf Wartelisten für
Wohnungen stünden und die Krankenhäuser überbelegt seien. Dann führte er die verschiedenen amerikanischen Stützpunkte, Kasernen und medizinischen
Einrichtungen in seinem Wahlkreis mitsamt der von
ihnen belegten Fläche und ihrem möglichen Freizeitwert auf. Er bat mich, dafür zu sorgen, daß der erste
von Deutschland abgezogene amerikanische Soldat
aus seinem Wahlkreis kommen sollte.
Der ehemalige Verteidigungsminister James Schlesinger erklärte vor unserem Ausschuß: "Was auch
immer ihre gegenwärtigen Präferenzen sein mögen,
eine deutsche Regierung wird nicht umhin kommen,
die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Wir sollten
damit beginnen, uns jetzt schon auf diese absehbare
Entwicklung vorzubereiten."
Viele Jahre lang war die Strategie der NATO in der
Region Europa Mitte darauf ausgerichtet, sich weit
vorne zu verteidigen, an den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zur DDR und zur Tschechoslowakei. Diese Grenze wurde in acht Korps-Sektoren
aufgeteilt, und die Landverteidigung jedes Sektors
wurde den nationalen Streitkräften eines einzelnen
Landes zugewiesen. Innerhalb jedes Korps-Sektors
fallen auch Logistik und Unterstützungsmaßnahmen
in die alleinige Verantwortung des Landes, das für die
Verteidigung des Sektors zuständig ist. Dies ist natürlich das genaue Gegenteil von "Spezialisierung" denn innerhalb ihres Verantwortungsbereichs setzt
jede Nation eigene militärische Fähigkeiten ein, die

Seite 5

�auch in den anderen nationalen Sektoren vorhanden
sind. Darüber hinaus wird die traditionelle Strategie
der Vorneverteidigung gegenwärtig durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten überholt.
Unter der Voraussetzung, daß einseitige und von der
KSE ausgehandelte sowjetische Reduzierungen durchgeführt werden, bieten die Veränderungen in der
Bedrohung und in der Bündnisgeographie die Chance,
das traditionelle Konzept der Korps-Verantwortungsbereiche durchgreifend umzugestalten. Die NATO
muß eine neue Strategie haben, die vom Bündnis als
Ganzes entwickelt werden mu ß. Meine Vorstellungen
im Hinblick auf die Rolle unseres Landes in einer neuen
NATO-Strategie lauten folgendermaßen:
Wir müssen auf spezialisierterer Aufgabenverteilung unter den NATO-Partnern bestehen. Die
europäischen NATO-Mitglieder sollten primär
für die erste Phase der Vorneverteidigung zu
Lande - Bekämpfung der Panzertruppen - verantwortlich sein und sich nicht auf umfangreiche
vornestationierte US-Landstreitkräfte stützen.
Der Einsatz der US-Landstreitkräfte für die NATO
sollte neu strukturiert werden, um statt der NATOVorneverteidigung die mobilen strategischen
Reserven der NATO zu aktivieren.
Die Präsenz der US-Landstreitkräfte in Friedenszeiten sollte vor allem aus Kampftruppen
und Unterstützungseinheiten bestehen. Zu diesen
Unterstützungseinheiten sollten Elemente taktischer Planung zählen, ferner Aufklärungs- und
Überwachungseinheiten, Führungs- und Kommunikationseinheiten und "Empfangs"-Truppen
nach dem Muster, wie es der ehemalige Stabschef des Heeres, General Meyer, vorgeschlagen hat.
Die Vereinigten Staaten sollten weiterhin umfangreiche bereits bestehende Lagerbestände
von Kampf- und Unterstützungsgerät in Europa
unterhalten. Damit könnte eine erste Verstärkung der NATO durch die Vereinigten Staaten
erzielt werden, indem Einheiten des Heeres aus
den Vereinigten Staaten nach Europa transportiert werden, wo sie ihr bereits eingelagertes
Gerät in Empfang nehmen und die Landstreitkräfte der NATO verstärken.
Die Vereinigten Staaten sollten einige Geschwader taktischer Kampfflugzeuge für konventionelle wie nukleare Missionen in Europa beibehalten und sich verpflichten, zur Verstärkung
eine größere Zahl taktischer Kampfflugzeuge
aus den Vereinigten Staaten nach Europa zu
bringen. Diese Zusage wird davon abhängen,
ob die NATO eine angemessene Zahl gehärteter Flugzeughangars, Treibstoff- und Munitionslager und Wartungsbereiche auf gemeinsamen
Einsatzflugplätzen (COB) in Europa zur Verfü-

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gung stellen kann.
Da amerikanische Landstreitkräfte in Europa
zahlenmäßig verringert würden und vor allem
aus Einheiten zur Kampfunterstützung bestünden, sollte es möglich sein, die Einsatzzeiten
und die Zahl der mitreisenden Familienangehörigen zu verringern.
Die Vereinigten Staaten sollten sich entschlossen um die Erlaubnis Frankreichs bemühen, im
Notfall französischer Häfen, Flughäfen und Stützpunkte durch amerikanische Verstärkungseinheiten zu nutzen. Dabei müßten in Friedenszeiten keine US-Streitkräfte in Frankreich stationiert werden, aber gelegentliche gemeinsame
Übungen zur Wiederzuführungsfähigkeit würden das Abschreckungskonzept der NATO
erheblich stärken.
In meiner Beurteilung der Bedrohung vom 29. März
habe ich darauf verwiesen, daß von Nordkorea weiterhin eine Invasionsbedrohung für unseren Verbündeten
Südkorea ausgeht. Meiner Ansicht nach ist eine
andauernde Präsenz von US-Streitkräften auf der
Halbinsel Korea erforderlich, um Nordkorea zu verdeutlichen, daß ein Angriff auf den Süden einen Angriff
auf uns darstellen wird. Die amerikanischen Fähigkeiten, Korea mit taktischem Gerät, Marineeinheiten und
Luftstreitkräften auszurüsten, sind beträchtlich. Die
Vereinigten Staaten müssen Korea weiterhin Unterstützung in anderer Form gewähren - bei den Nachrichtendiensten, Führungs- und Kommunikationseinrichtungen sowie den Aufklärungs- und Beobachtungsfähigkeiten.
Da die Grenze zu Nordkorea nur wenige Kilometer von
der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt ist,
zielen Militärberater Südkoreas und der Vereinigten
Staten der Not gehorchend darauf ab, weit vorn zu
verteidigen und einen massiven Angriff Nordkoreas
ohne Verlust von Territorium abzuwehren. Das kann
nur erreicht werden, indem sofort massive Feuerkraft
gegen die angreifenden Feindtruppen eingesetzt wird.
Taktische Kampfflugzeuge stellen dabei eine Möglichkeit dar, die erforderliche Feuerkraft zu gewährleisten,
und diese Aufgabe fällt auch der US-Luftwaffe in der
Region zu. Das US-Heer besteht jedoch zum größten
Teil aus motorisierten Infanterieeinheiten, die keine
umfangreiche, dauerhafte Feuerkraft leisten können.
Den Südkoreanern mangelt es nicht an Infanterie.
Angesichts des Konzepts der Aufgabenverteilung
vertrete ich die Auffassung, daß sich die US-Landkampftruppen in Korea auf Artillerie längerer Reichweite wie etwa Mehrfachraketenwerfersysteme (MLRS)
konzentrieren sollten. Unsere Aufgabe sollte darin
bestehen, der koreanischen Vorneverteidigung stärkere Feuerunterstützung zu leisten, wobei jeweils USEinheiten bestimmte südkoreanische Einheiten unterstützen sollen. Diese Methode erhöhter Feuerkraft

AMERIKA DIENST 16

�sollte mit der Zeit eine erhebliche Verminderung in
Korea stationierter US-Streitkräfte gestatten.
An Orten, wo die Vereinigten Staaten kein Gerät oder
Truppen stationiert haben, gibt es eine Reihe von
Fällen, bei denen sie auf eine Entsendung von USTruppen vorbereitet sein und auf die sie glaubwürdig
reagieren müssen.
Bei den meisten Fällen würde es sich um Bedrohungen
amerikanischer Interessen handeln. Wo unsere vordringlichen Interessen bedroht sind, müssen wir militärisch intervenieren können. Aberwirsollten, wo immer
die Möglichkeit dazu besteht, der Bedrohung durch
diplomatische, wirtschaftliche oder nichtmilitärische
Maßnahmen Herr zu werden suchen, mit der Option
einer steigenden - oder stärker wahrnehmbaren Truppenpräsenz in der Region.
Die Vereinigten Staaten müssen mit ihren Truppen
vielfältige Missionen erfüllen können:
Am unteren Ende der Skala möglicher Einsätze
stehen Missionen, bei denen eine "Präsenz"
der Vereinigten Staaten der Abschreckung
überstürzter Aktionen und Stabilisierung bei
potentiellen Krisen dienen soll. In diese Kategorie fielen auch Aufbauhilfe für einzelne Länder
und Ausbildung ausländischer Streitkräfte.
Die nächste Stufe der Unterstützung bestünde
für die Vereinigten Staaten in der Bereitstellung
indirekter militärischer Unterstützung - wie nachrichtendienstliche Informationen, Überwachung
und Warnung, logistische Unterstützung und
Sicherung in der rückwärtigen Region.
Kampfhandlungen unter Beteiligung von USStreitkräften könnten von Feuerunterstützung
für die einheimischen Streitkräfte von Flugzeugen oder Schiffen aus bis zur Intervention einer
aus den Vereinigten Staaten entsandten Truppe reichen.
Die Ereignisse in und um den Persischen Golf, auf der
Arabischen Halbinsel und in Südwestasien stellen die
amerikanischen Militärplaner vor Herausforderungen
und werfen schwerwiegende Probleme auf. Vor garnicht allzulanger Zeit gab es Konflikte zwischen Israel
und mehreren arabischen Staaten, Nord- und Südjemen und Iran und Irak, femer andauernde Kämpfe im
Libanon. Die Vereinigten Staaten haben in Israel,
Ägypten, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten
wichtige Sicherheitsinteressen. Darüber hinaus sind
die Volkswirtschaften der westlichen Welt stark vom
freien Öltransport aus den Förderländern des Mittleren
Ostens abhängig. Auch unsere eigene Wirtschaft wird
stärker von Öl aus dem Mittleren Osten abhängig, da
die Förderung im Inland wie auch in anderen wichtigen
Staaten der Hemisphäre zurückgegangen ist.

AMERIKA DIENST 16

Die Golfregion gilt darüber hinaus als eine der am
schwersten bewaffneten Regionen der Welt. Man
verfügt dort über unzählige Panzer, manche Länder
über modernste taktische Kampfflugzeuge, ferner
werden ballistische Raketen weiterverbreitet, sowohl
Boden-Boden-Raketen als auch Raketen zum Einsatz
gegen Schiffe. Jegliche Interventionen der Vereinigten Staaten zur Unterstützung einer freundlich gesinnten Regierung müssen mit einem Umfeld großer
Bedrohungen rechnen. Unsere Fähigkeit zur Gewährleistung dieser Unterstützung wird eine umfangreiche
logistische Infrastruktur in der Region erfordern, auch
Arsenale an Nachschub und Gerät.
Die gegenwärtigen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten für Interventionen an Orten, wo nur wenige Stützpunkte und eine beschränkte Infrastruktur zur Verfügung stehen, entsprechen nicht in vollem Maße unseren Bedürfnissen. Die Vereinigten Staaten verfügen
heute über die beste Fähigkeit zur Entsendung von
Streitkräften auf der ganzen Welt. Dennoch sind im
allgemeinen die leichten Truppen des Heeres zwar
schnell stationierbar, verfügen aber nicht über ausreichende Feuerkraft, Durchhaltefähigkeit und Mobilität
zu Lande. Die schweren Truppen des Heeres sind zu
schwerfällig und zu schwer stationierbar, und in den
letzten Jahren sind bei den Marineinfanteristen die
Zuwachsraten bei Gerät viel größer als bei den bereits
unzulänglichen amphibischen Einsatzfähigkeiten. Um
potentielle Interventionen durchführen zu können,
müssen wir unsere Streitkräfte neu strukturieren und
dabei folgende Prioritäten setzen:
Wir müssen uns auf Streitkräfte konzentrieren,
die ihrem Charakter nach mobil und schnell stationierbar sind - seegestützte Expeditionsstreitkräfte, taktische Luftstreitkräfte, auch längerer
Reichweite und leichte Kampftruppen, die mittels amphibischer Fahrzeuge, zur See und in
der Luft transportiert werden können.
Technologien müssen so angewandt werden,
daß unsere Sondereinsatztruppen weniger
Gewicht und mehr Mobilität haben, aber dennoch ihre Feuerkraft und Durchhaltefähigkeit
verbessern.
Besondere Aufmerksamkeit muß der angemessenen Mischung aus Luft- ,See- und amphibischem Transport gewidmet werden, ferner dem
schnellen Transport auf See. Damit soll Abschreckung durch einsatzbereite Fähigkeit zur
Reaktion auf besondere Ereignisse gewährleistet werden.
Wir sollten die Fähigkeiten für Sondereinsätze
weiter verbessern.
Das dritte Schlüsselelement unserer neuen militärischen Strategie ist die stärkere Nutzung der Reserve.
Aufgrund der heute bestehenden längeren Vorwarn-

Seite 7

�zeit und Engpässe im Haushalt müssen wir eine grundlegende Neuüberprüfung des Einsatzes der Reservestreitkräfte vornehmen. Das wird eine schwierige
Herausforderung für die Streitkräfte sein, die aber
bewältigt werden muß.
Es gibt einige Bereiche, in denen ganze Missionen
unseren Reserveeinheiten übertragen werden können. Dabei muß auch aktives Personal bei den Reservestreitkräften eingesetzt werden. Ferner müssen wir
bereit sein, die bestehenden besser zu nutzen, um
Reserveeinheiten in frühen Stadien eines potentiellen
Konflikts zu mobilisieren, wenn dieses strategische
Element Erfolg haben soll.
Als in jüngster Zeit umgef laggte Tanker im Persischen
Golf eskortiert werden mußten, gehörten fast alle
Minensuchboote der Reserve an. Als die Stationierung von Minensuchbooten im Persischen Golf erforderlich wurde, zog die Marine die aus Reservisten
bestehenden Mannschaften ab und ersetzte sie durch
aktive Soldaten. Damit wurde die Stationierung der
Schiffe verzögert. Darüber hinaus übermittelte sie den
aktiven und den Reservestreitkräften eine falsche
Botschaft. Die Marine erklärte den Reserveeinheiten,
mit ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten sei ein
Einsatz im Notfall nicht möglich und den Aktiven wurde
mitgeteilt, "wir können es uns nicht leisten, auf die
Reserve zu bauen". Wenn wir auf die Reserve bauen
wollen - was wir müssen - und eine echte Politik mit den
Gesamtstreitkräften machen wollen, müssen wir bereit sein, in Zukunft auch Reservestreitkräfte einzusetzen.
Die erheblich gestiegene Vorwarnzeit eines konventionellen Konflikts in Europa erlaubt eine stärkere Verlagerung der schweren Panzertruppen zu den Reservestreitkräften. Wachpersonal und Reserveeinheiten
sollten so strukturiert sein, daß sie innerhalb eines
bestimmten Zeitraums - Wochen oder Monaten - nach
der Entscheidung zur Mobilisierung völlige Kampfbereitschaft erlangen können. Dies alles soll in der
verfügbaren Vorwarnzeit geschehen, die zur Verfügung stehende Transportfähigkeit und das Ausmaß
der sowjetischen Aufrüstung berücksichtigen.
Im Verteidigungsministerium hatte die Luftwaffe beim
effektiven Einsatz ihrer Reserve stets eine Führungsrolle inne. Die Air National Guard und die Reserve der
Luftwaffe haben bereits einen erheblichen Beitrag zu
den Missionen der Luftwaffe insgesamt geleistet. Die
Reserveeinheiten der Luftwaffe könnten in den Bereichen strategischer und taktischer Lufttransport, Luftunterstützung und der Orientierung der Luftwaffe auf
einen Ernstfall in Europa noch stärker zum Einsatz
kommen. Das könnte eine stärkere Versetzung aktiver Piloten zu erweiterten Reservegeschwadern erforderlich machen.
Mit der Abnahme von sowjetischen Operationen in
bündnisfremden Gebieten und anderen Veränderun-

Seite 8

gen der Bedrohung wird die Politik der US-Marine, daß
sich praktisch alle stationierbaren Schiffe auf See
befinden oder innerhalb weniger Tage einsatzbereit
sein müssen, zunehmend unnötig und finanziell weniger tragbar. Die Marine muß den Einsatz von Reservestreitkräften ernsthaft erwägen, die einen Teil der
Flotte übernehmen. Für die aktive Marine darf das
Wort "Reserve" nicht mehr Synonym für "Mottenkugeln" sein.
In Zukunft werden kaum mehr Mittel zur Verfügung
stehen, um die gesamte Flotte der Marine in dem
Umfang zu finanzieren wie zur Zeit des kalten Kriegs.
Die Marine wird somit die Wahl haben zwischen einem
Abbau der operativen Schnelligkeit und vielen Schiffen
im Status der Reserve oder einer kleineren, insgesamt
aktiven Marine. Der stärkste Befürworter der 600
Schiffe umfassenden Marine, der frühere Marineminister John Lehman, hat in jüngster Zeit empfohlen, daß
die meisten Schiffe der Marine den Reserveeinheiten
überstellt werden sollten. Die Marine wird neue Wege
finden müssen, um einen größeren Teil ihrer Flotte auf
Reserveoperationen zu orientieren.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß alle Kategorien von
Schiffen und Flugzeugen der Marine der Reserve
überstellt werden sollen, Flugzeugträger und Unterseeboote wären zum Beispiel für Reserveeinsätze
kaum geeignet. Dennoch bieten sich Schiffe oder
Flugzeuge, die Seetransporte, U-Bootbekämpfung oder
Schutz der Seewege für die NATO leisten, für Reserveeinsätze an.
Darüberhinaus müssen unsere Befehlshaber regionaler Kampftruppen ihre Aufmerksamkeit den Bedingungen für die Flugzeugträgerverbände zuwenden, um
nicht auf See zu große Anforderungen an die aktiven
NATO-Streitkräfte zu stellen. Es liegt auf der Hand,
daß wir in vielen Fällen keine ganzen Flugzeugträgerverbände brauchen, um "Flagge zu zeigen". Andere
Schiffe und ihre Eskorten können diese Mission ausführen. Deshalb muß eine Überprüfung der gegenwärtigen Missionen stattfinden, gegebenenfalls eine
Neubewertung des Umfangs eines Verbands und eine
Betonung des Konzepts, demzufolge Schiffe unabhängig von einem Verband operieren können.
Wenn diese Anpassungen vorgenommen und der
Einsatz der Reserve erweitert wird, kann meiner Ansicht nach die Marine den Erfordernissen der Zukunft
mit 10 bis 12 Flugzeugträgerverbänden gerecht werden.
Mein viertes wichtiges Element ist die sogenannte
"flexible Einsatzbereitschaft", die ich als Anpassung
an den Bereitschaftsstatus unterschiedlicher Streitkräfte an die jeweilige Bedrohung definieren würde, die
Länge der Vorwarnzeit, die Wahrscheinlichkeit, mit der
diese Streitkräfte kämpfen müssen und die Fähigkeit,
sie zum Ort der Kampfhandlungen zu transportieren.
Praktisch wenden die Ministerien für die Teilstreitkräf-

AMERIKA DIENST 16

�te gegenwärtig eine Form der flexiblen Einsatzbereitschaft an. Einheiten, die "als erste kämpfen", werden
als erste mit neuestem Gerät ausgerüstet und am
stärksten bemannt. Andere Einheiten, die nicht für
eine baldige Stationierung vorgesehen sind, haben
älteres Gerät und weniger Personal.
Die Reduzierung der konventionellen Bedrohung und
die starken Engpässe im Haushalt bedeuten, daß der
Umfang aller Streitkräfte verringert werden muß. Aber
die Teilstreitkräfte sind vor die wichtige Wahl gestellt,
in welchem Umfang ihre Streitkräfte verringert werden:
1.
Wir können eine vergleichsweise größere Streitkräftestruktur haben, aber die Bereitschaft dieser Streitkräfte muß auf der Bedrohung, der Vorwarnzeit, der
Wahrscheinlichkeit des Einsatzes und der Fähigkeit,
das Gefechtsfeld zu erreichen, basieren.
2.
Wenn die Streitkräfte diesen Kurs nur zögernd
einzuschlagen bereit sind, werden sie eine erhebliche
geringere Streitkräftestruktur haben als gegenwärtig
im Pentagon erörtert wird.
Der von mir bevorzugten Alternative der flexiblen Einsatzbereitschaft zufolge behielten die Teilstreitkräfte
bestimmte Truppenteile mit hoher Priorität auf hohem
Bereitschaftsniveau bei - die strategischen Streitkräfte, Expeditionsstreitkräfte, vorne stationierte Streitkräfte, Streitkräfte für Sondereinsätze und besondere
nachrichtendienstliche Einheiten. Streitkräfte, die nicht
in diese Kategorie hoher Einsatzbereitschaft fallen,
könnten auf einem angepaßten Bereitschaftsniveau
beibehalten werden. Noch wichtiger ist, daß sie aufrechterhalten werden sollten, damit ihre Einsatzbereitschaft schnell erhöht werden kann, wenn wir gravierende Veränderungen in der Bedrohung feststellen.
Diejenigen Streitkräfte, mit denen wir den in den nächsten Jahren anstehenden Bedrohungen am besten
gerecht werden können, sollen auf hohem Bereitschaftsniveau beibehalten werden. Streitkräfte zur
Bekämpfung weniger wahrscheinlicher Bedrohungen
- wie etwa eine große konventionelle Schlacht gegen
sowjetische Streitkräfte auf dem europäischen Festland - sollten in der Streitkräftestruktur erhalten bleiben, aber auf einem Bereitschaftsniveau, das auf die
erheblich längere Vorwarnzeit bei jeder Steigerung der
Bedrohung zugeschnitten ist.
Ein sorgfältig geplanter Ansatz der flexiblen Einsatzbereitschaft wird kein Militär auf tönernen Füßen hervorbringen. In den siebziger Jahren hatten wir ernsthafte Probleme mit der Moral, weil vielen Einheiten
erklärt worden war, sie müßten innerhalb weniger
Tage in der Lage sein können, ihre Mission auszuführen, aber diese wußten, daß sie dazu nicht die personelle Ausstattung, das Gerät oder die Ausbildung
hatten. Wir hätten keine Probleme mit der Moral, wenn
unsere Soldaten in ausgewählten Einheiten wüßten,
daß ihre Mission darin besteht, mobilisieren und ihre

AMERIKA DIENST 16

Kampffähigkeit schnell erhöhen zu können und nicht
auf der Stelle eingesetzt zu werden. Mit anderen
Worten besteht ihre Aufgabe darin, "bereit werden zu
können".
Die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium
müssen dem Kongreß bald einen Plan über den künftigen Kurs vorlegen. Möchte das Heer zum Beispiel
noch mehr schrumpfen, um alle aktiven Divisionen auf
hohem Bereitschaftsniveau zu halten, oder möchte es
lieber etwas umfangreichere Streitkräfte mit einigen
Einheiten auf hohem Bereitschaftsniveau und andere
auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Marine erheblich weiter schrumpfen und
alle Schiffe auf hohem Bereitschaftsniveau halten oder
möchte sie lieber eine größere Marine mit wichtigen
Elementen auf hohem Bereitschaftsniveau und anderen auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Luftwaffe die Zahl ihrer taktischen Kampfgeschwader erheblich verringern, um alle verbleibenden Geschwader sofort in den Kampf schicken zu
können, oder möchte sie lieber eine etwas größere
Truppe mit einigen Einheiten, die in stärkeren Maße
einsatzbereit sind und anderen, bei denen Anpassungen vorgenommen wurden?
Ich ziehe grö ßere Streitkräfte gemäß dem Konzept der
flexiblen Einsatzbereitschaft vor. Meiner Ansicht nach
wird diese Option unserer Streitkräftestruktur und den
potentiellen Bedrohungen am ehesten gerecht und
berücksichtigt die verfügbaren Ressourcen.
Das fünfte und letzte Element einer neuen Militärstrategie betrifft tiefgreifende Veränderungen der Art und
Weise, wie wir unsere Verteidigungsausgaben handhaben - "thinking smarter, not richer". Ich möchte
dieses Konzept in absehbarer Zukunft eingehender
erörtern, möchte aber heute darauf hinweisen, daß
keine Debatte über eine neue Militärstrategie die wichtigen Veränderungen außer acht lassen kann, die in
Verteidigungsmanagement und Mittelplanung erforderlich werden.
Zum Beispiel müssen wir zum Prinzip der Probe vor
dem Kauf zurückkehren. In allzuvielen Fällen haben
sich Entwicklung, Erprobung und Herstellung von
Waffensystemen überschnitten, und wir mußten viel
Geld ausgeben, um bereits stationierten Waffen funktionsfähig zu machen. Die unnötige Verdopplung bei
einer Reihe von Waffenkäufen - Forschung und Entwicklung für viele bereits bestehende Waffensysteme
- geben Anlaß zu echter Besorgnis. Mit der veränderten Bedrohung müssen wir dies zurechtrücken.
Wir müssen die Kosten der Betreiber für Wartung,
Logistik, Personal und Unterstützung bei der Herstellung neuer Waffensysteme reduzieren helfen. Wir
müssen uns nicht die Frage stellen, ob neue Technologien zu nutzen seien, sondern wir müssen sie einset-

Seite 9

�zen. Die echte Herausforderung besteht darin, unsere
Technologie nicht nur einzusetzen, damit wir an erster
Stelle stehen, sondern um Rentabilität und beste Nutzung
zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen wir bestehende Konzepte und Systeme verbessern, weil wir in
Zukunft weniger neue Systeme einführen können.
Wir müssen den Schwerpunkt auf innovativere Konzepte bei Forschung und Entwicklung zur Erhaltung
unserer technologischen Vormachtstellung legen. Das
trifft insbesondere für Systeme und Fähigkeiten zu, die
Aussichten auf "bahnbrechende" Fähigkeiten bergen.
Schließlich müssen wir aggressiv darauf hinarbeiten,
um unsere Rüstungsindustrie lebensfähig zu halten.
Dies wird angesichts der in den nächsten fünf Jahren
vorzunehmenden Anpassungen bei den Verteidigungsausgaben - und künftiger Investitionen in die Verteidigung - umso wichtiger und schwieriger.
Herr Präsident, schließlich möchte ich betonen, daß
die von mir vorgestellte Militärstrategie Teil unserer
nationalen Sicherheitsstrategie ist, die ihrerseits auf
das sich wandelnde internationale Umfeld der neunziger Jahre reagieren muß. Präsident Bush hat darauf
verwiesen, daß Entwicklungen in der kommunistischen Welt auf die Möglichkeit hindeuten, daß wir uns
über das Containment hinaus zu kooperativeren Beziehungen zur Sowjetunion hinbewegen. Wenn man
davon ausgeht, daß die UdSSR ihre angekündigten
einseitigen Reduzierungen in Europa durchführt und
sowjetische Streitkräfte aus der Tschechoslowakei
und Ungarn abgezogen werden, der KSE-Vertrag
geschlossen wird, Demokratie in Osteuropa Fuß faßt
und der Reformprozeß in der Sowjetunion von Dauer
ist, sollten wir tatsächlich in der Lage sein, uns einer
neuen Politik zuzuwenden. Diese Politik muß jedoch
flexibel sein und der Möglichkeit von Rückschritten
Rechnung tragen.
Vor etwa neunzig Jahren schrieb Lenin ein Pamphlet
über Reformen im zaristischen Ru Bland jener Tage mit
dem Titel "Ein Schritt nach vorn, zwei zurück". Die
Entwicklungen in Litauen und anderswo in der Sowjetunion verdeutlichen, daß der Reformprozeß im heutigen Ru ßland ebenfalls sehr uneinheitlich ist, unabhängig davon, ob Gorbatschow an der Macht ist. Im
günstigsten Fall werden wir Zeuge von "zwei Schritten
nach vom und einem Schritt zurück" werden.

*

Seite 10

Es ist keineswegs verfrüht, zu erwägen, welches Konzept
wir angesichts der fortschreitenden internationalen
Veränderungen verfolgen sollten. Mein Vorschlag
wäre eine Politik der "maßvollen Kooperation", einer
Kooperation, bei der unsere Kooperationsbereitschaft
gegenüber der Sowjetunion und anderen Ländern im
Einklang mit dem dortigen Engagement für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft steht.
Ich hoffe, daß Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion und anderer kommunistischer Länder eine "maßvolle Kooperation" gestatten, damit Containment an
breiter Front überwunden werden kann. Wir müssen
eine kooperativere Weltordnung fördern helfen und
potentielle Risiken abfangen, bevor sie sich in direkte
Bedrohungen verwandeln.
Wenn wir in der Lage sind, Containment gegen maßvolle Kooperation einzutauschen, müssen wir weitere
Anpassungen bei unserer Militärstrategie vornehmen,
so daß sie ein echtes Spiegelbild einer sich wandelnden nationalen Sicherheitsstrategie wird. Aus diesem
Grund müssen wir unsere nationale Sicherheitsstrategie und unsere Militärstrategie einer kontinuierlichen
und sorgfältigen Überprüfung unterziehen.
Herr Präsident, der plötzliche Zusammenbruch des
kommunistischen Weltreichs im letzten Jahr hat neue
Bedingungen geschaffen und bieten eine neue Gelegenheit für eine Verteidigungsstrategie, die der veränderten Bedrohung gerecht wird und unsere Mittel
realistisch unseren Zielen anpaßt. Unsere Demobilisierungen in der Vergangenheit - nach beiden Weltkriegen, nach Korea und Vietnam - haben zu größeren
Verteidigungshaushalten geführt, um die Fehler unserer Rückzüge wettzumachen. Mit einer neuen Militärstrategie als Leitlinie für unsere Entscheidungen über
die Streitkräftestruktur und unsere Haushaltsmaßnahmen können wir vermeiden, wieder in diese Falle zu
gehen.
Herr Präsident, in den nächsten Tagen werde ich dem
Senat meine Gedanken dazu vorlegen, wie sich die Art
der Militärstrategie, wie ich Sie ihnen vorgestellt habe,
am besten durchführen lassen wird und welche Verteidigungsausgaben dieser Strategie zufolge im Haushaltsjahr 1991 und den kommenden fünf Jahren erforderlich werden.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�UMWELT
25. April 1990

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG WELTWEITER
KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht wurde am 18. April 1990 vom Weißen Hausveröffentlicht.

Im ersten Jahr seiner Amtszeit hat Präsident Bush
zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Umweltqualität verabschiedet. Einige dieser Initiativen werden nach ihrer endgültigen Durchführung maßgeblich
zum Abbau der Treibhausgasemissionen in den Vereinigten Staaten beitragen - bis zum Jahr 2000 um mindestens 15 Prozent, und in den darauffolgenden Jahren zu einem noch höheren Prozentsatz. Die einzelnen Maßnahmen werden im folgenden erläutert.

versorgungsbereich. Der Vorschlag des Präsidenten
zum Emissionsschutz befürwortet darüber hinaus die
Verwendung alternativer Brennstoffe und enthält
Maßnahmen zum Abbau von Kohlenmonoxid, Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen. Diese
beiden Initiativen tragen maßgeblich zur Verringerung
der Treibhausgasemissionen bei.

Vollständiges Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW)

Im Budget des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991
sind Mittel in Höhe von 175 Millionen Dollar für das
erste Jahr eines mehrjährigen Programms veranschlagt,
das in den nächsten 10 Jahren die Anpflanzung von 1
Milliarde Bäumen vorsieht. Bei einer 20jährigen Laufzeit könnten durch dieses Programm bis zu 5 Prozent
des Jahresausstoßes von Kohlendioxid in den Vereinigten Staaten aufgefangen werden.

Der Präsident hat die Vereinigten Staaten zum Abschluß eines internationalen Abkommens über ein
weltweites Verbot von Produktion und Einsatz von
FCKW bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Als weiteren
Schritt hat Präsident Bush ein Gesetz unterzeichnet,
mit dem eine einseitige Abgabe der Vereinigten Staaten auf die Produktion von FCKW erhoben wird. Damit
sollen die FCKW-Emissionen der Vereinigten Staaten
unter die von internationalen Protokollen erlaubte
Höchstgrenze gesenkt werden.

Wiederaufforstung

Aufstockung der Mittel für solare und erneuerbare
Energien sowie für Energieeinsparung

Abbau der Schwefeldioxidemissionen um 10
Millionen Tonnen der im Jahr 1980 freigesetzten
Menge, und

Der Haushaltsplan des Präsidenten für 1991 beinhaltet etwa 360 Millionen Dollar für Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten zu solaren und erneuerbaren
Energien sowie Energieeinsparung. Dies bedeutet
einen 75prozentigen Anstieg gegenüber den im vergangenen Jahr beantragten Mitteln und einen Zuwachs von 10 Prozent verglichen mit den für das
Haushaltsjahr 1990 bewilligten Sätzen. Diese Forschungsarbeiten werden entscheidend zur Entwicklung von Technologien beitragen, mit denen wir unseren Energiebedarf auf umweltverträgliche Art und Weise
decken können.

Festschreibung dieses drastisch reduzierten
Höchstwertes auf unbegrenzte Dauer.

Neue Normen für energiesparende Haushaltsgeräte

Zusammengenommen bilden diese Maßnahmen einen starken Anreiz zur Energieeinsparung im Energie-

Das Energieministerium hat kürzlich neue Normen für
Haushaltsgeräte erlassen, die zu verstärkten Energie-

Emissionsschutzgesetz
Die vom Präsidenten vorgeschlagenen Änderungen
des Emissionsschutzgesetzes fordern zwei Maßnahmen, mit denen die Kohlendioxidemissionen maßgeblich reduziert werden sollen:

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�einsparungen und reduzierter Energienachfrage für
den Einsatz der benutzten Produkte führen werden.
Mit diesen Normen sollen die Kohlendioxidemissionen
in den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 um bis
zu 1 Prozent gesenkt werden.
Verpflichtung zu weiterer Forschung
Neben diesen Maßnahmen zur Reduzierung der
Emission von Treibhausgasen hat sich der Präsident
weiterhin zu umfangreichen Forschungsmaßnahmen

verpflichtet. In seinem Haushaltsplan für 1991 werden
über 1 Milliarde Dollar für Forschungsmaßnahmen zur
Veränderung des Erdklimas veranschlagt. Diese
Forschungsarbeiten haben die Erforschung der Ursachen, Auswirkungen und Folgen der globalen Umweltveränderungen zum Ziel. Diese Mittel werden zusätzlich zu den bereits im Haushaltsjahr 1990 bewilligten
660 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

* * * *

Seite 2

*

AMIIRIKA DIENST 16

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