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                    <text>cimGrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

50

21. Dezember 1994

INNENPOLITIK

CLINTON SCHLAGT STEUERSENKUNGEN
FÜR MITTELSCHICHT VOR
Rede des Präsidenten an die Nation

ABRÜSTUNG

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER USA
Rede von Lynn Davis

NATO

DIE DEMOKRATISCHE KONTROLLE DER
STREITKRÄFTE
von Charlie Rose

MENSCHENRECHTE

UNO-GREMIUM MISSBILLIGT
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Verabschiedung von Resolutionen

AIDS

NEUES UN-PROGRAMM ZUR BEKÄMPFUNG
DER EPIDEMIE
Versuchsreihen für Impfstoff

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax: 0228 -33 41 02

�INNENPOLITIK
21. Dezember 1994

CLINTON SCHLÄGT STEUERSENKUNGEN
FÜR MITTELSCHICHT VOR
Rede des Präsidenten an die Nation
WASHINGTON - (AD) - Als Reaktion auf die durch den Wahlsieg der Republikaner im November entstandene
Herausforderung hat Präsident Clinton einen Reihe steuerlicher Maßnahmen und Anreize vorgeschlagen, die
den wirtschaftlichen Druck auf einen Großteil der amerikanischen Bevölkerung mildern sollen.
Präsident Clinton bezeichnete seinen Plan als "die Bill of Rights der Mittelschicht" und erklärte, der Schritt sei
notwendig, denn "obwohl die Wirtschaftsstatistiken einen Aufschwung verzeichnen, steigt unser Lebensstandard
nicht.
Der vierteilige Plan räumt Familien mit einem unter der festgesetzten Grenze liegenden Einkommen
Steuerfreibeträge bis zu 10.000 Dollar pro Jahr für Collegegebühren und einen Steuerfreibetrag von 500 Dollar
pro Kind für Familien ein, die weniger als 75.000 Dollar pro Jahr verdienen, lockert die Restriktionen für Bezüge
aus der privaten Altersversorgung und führt Voucher für die Berufsausbildung von Arbeitslosen ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. Dezember 1994 landesweit im Fernsehen übertragene Rede des
Präsidenten.

Guten Abend. Liebe Mitbürger, wir leben in einem
großartigen Land, auf das wir stolz sein können. In
der Weihnachtszeit weiß jedoch jeder, daß mit
Amerika nicht alles in Ordnung ist, Millionen Amerikaner leiden, frustriert, enttäuscht, sogar verärgert
sind.
In dieser Zeit enormer Veränderungen stellt sich uns
eine politische und persönliche Herausforderung.
Zugegeben, sie betrifft die Regierung, geht aber weit
über die Regierung hinaus an den Kern dessen, was
für die meisten von uns von Bedeutung ist. Die
Frage lautet, was werden wir tun?
Ich möchte mit der Wirtschaftslage beginnen. Ich
habe mich um die Präsidentschaft beworben, um
den Amerikanischen Traum wiederherzustellen und
das amerikanische Volk darauf vorzubereiten, sich in
der neuen amerikanischen Wirtschaft dem Wettbewerb zu stellen und zu gewinnen. Zu lange
haben zu viele Amerikaner für stagnierende Löhne
und weniger Sicherheit gearbeitet. Seit zwei Jahren
verfolgen wir eine Wirtschaftsstrategie, die zur
Schaffung von über 5 Millionen neuen Arbeitsplätzen
beigetragen hat. Aber obwohl die Wirtschaftsstatistiken einen Aufschwung verzeichnen, steigt unser
Lebensstandard nicht. Es sieht fast so aus, als ob
die Amerikaner für ihre Produktivität in dieser neuen

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Volkswirtschaft bestraft würden. Das müssen wir
ändern. Mehr Arbeitsplätze sind nicht genug. Wir
müssen die Einkommen erhöhen.
Vor fünfzig Jahren führte ein amerikanischer Präsident die G.l. Bill of Rights ein, die aus dem Zweiten
Weltkrieg zurückgekehrten Veteranen die Möglichkeit
einräumte, das College zu besuchen, ein Haus zu
kaufen und Kinder aufzuziehen. Damit wurde unser
Land aufgebaut. Heute abend schlage ich eine Bill of
Rights für die Mittelschicht vor.
Diese Bill of Rights gründet sich auf vier zentrale
Gedanken: Erstens sollen die Collegegebühren
steuerlich absetzbar werden. Ebenso wie Hypothekenzinsen steuerlich abzugsfähig sind, weil wir
wollen, daß die Amerikaner ein Eigenheim haben,
sollten Collegegebühren absetzbar sein, weil wir
wollen, daß die Amerikaner das College besuchen.
Im einzelnen schlage ich vor, daß alle Studiengebühren - für das College, das Gymnasium, die Berufsschule, berufliche Ausbildung oder Umschulung nach
der High School - steuerlich uneingeschränkt geltend
gemacht werden können und zwar in Höhe von
10.000 Dollar pro Jahr für Familien mit einem Einkommen von bis zu 120.000 Dollar pro Jahr.
Schließlich hat Ausbildung größere Auswirkungen auf

Seite 1

�die Einkommen und die Arbeitsplatzsicherheit als je
zuvor. Wir wollen also die Früchte der Gesundung
von heute in die Chancen von morgen investieren.
Zweitens ist die Erziehung eines Kindes harte Arbeit
in dieser Volkswirtschaft. Wir sollten also den
Familien der Mittelschicht bei der Erziehung ihrer
Kinder behilflich sein. Wir haben letztes Jahr mit der
Verabschiedung des Gesetzes über Urlaub aus
familiären Gründen, günstigeren Krediten für die
Collegeausbildung und durchschnittlichen Steuererleichterungen von über 1.000 Dollar pro Jahr für
15 Millionen amerikanische Familien mit Einkommen
von 25.000 Dollar im Jahr oder weniger einen guten
Anfang gemacht.
Ich möchte jetzt einen Steuerfreibetrag für jedes
Kind unter 13 Jahren in Höhe von 500 Dollar einführen. Diese Steuererleichterung gilt für alle
Familien mit einem Einkommen von weniger als
75.000 Dollar.
Drittens sollten wir Menschen mit einem mittleren
Einkommen beim Sparen behilflich sein, indem jede
amerikanische Familie mit einem Einkommen unter
100.000 Dollar einen steuerlich abzugsfähigen
Betrag von 2.000 Dollar in eine private Altersversorgung einzahlen kann. Aber ich möchte, daß Sie
dieses Geld für ihren Lebensunterhalt, nicht nur für
die Rente benutzen können. Dieses Konto können
Sie - steuerfrei - für die Finanzierung der Ausbildung, medizinische Versorgung, den Kauf eines
ersten Eigenheims oder die Versorgung der Eltern
verwenden.
Da jeder Amerikaner die für das Prosperieren in der
neuen Volkswirtschaft erforderlichen Qualifikationen
benötigt - und die meisten von Ihnen werden von
Zeit zu Zeit den Arbeitsplatz wechseln - sollten wir
viertens die von der Regierung jetzt für Dutzende
verschiedener Ausbildungsprogramme aufgewendeten Milliarden Dollar Ihnen geben, damit Sie Ihre
Ausbildung bezahlen können, wenn Sie Ihren
Arbeitsplatz verlieren oder einen besseren anstreben.
Wir können diese Bill of Rights für die Mittelschicht
finanzieren, indem wir weiterhin die Staatsausgaben
einschließlich Subventionen an mächtige Interessengruppen reduzieren, die sich mehr an Einfluß als an
Erfordernissen orientieren. Wir können ganze
Betriebe verkaufen, die die Regierung nicht länger
unterhalten muß, und Dutzende von Programmen
den Bundesstaaten und Gemeinden übergeben, die
am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen
können.

Seite 2

Mit meinem Plan werden Einsparungen in Milliardenhöhe beim Energieministerium vorgenommen, das
Transportministerium verkleinert sowie im Ministerium
für Wohnungsbau und städtische Entwicklung 60
Programme auf vier gekürzt. Unsere von Vizepräsident Gore angeführte Initiative zur Umstrukturierung
der Regierung hat bereits zum Abbau von Bürokratie
beigetragen und Gelder zum Abtragen des Defizits
und für Investitionen in unser Humankapital freigesetzt. Wir haben bereits Budgets zur umfassendsten
Verkleinerung der Bundesregierung seit 30 Jahren
und zum Abbau des Defizits um 700 Milliarden Dollar
verabschiedet. Das sind über 10.000 Dollar für jede
amerikanische Familie.
In den nächsten Tagen werden wir mehr Einzelheiten
unserer Vorschläge bekanntgeben. Und ich habe
den Vizepräsidenten angewiesen, jedes einzelne
Programm der Ministerien auf weitere Kürzungen hin
zu prüfen.
Wir haben hart gearbeitet, um dieses Defizit unter
Kontrolle zu bringen, nachdem die Staatsverschuldung rn den 12 Jahren vor meiner Amtsübernahme
viermal gestiegen ist. Das ist eine große Belastung
für Sie. Ungefähr fünf Prozent Ihrer Einkommensteuer wird für die Finanzierung von Sozialleistungen
und Auslandshilfe benötigt, aber 28 Prozent für die
Tilgung der Zinsen der zwischen 1981 und dem Tag,
an dem ich Präsident wurde, aufgelaufenen Schulden. Ich fordere den neuen Kongreß zur Zusammenarbeit mit mir bei der Verabschiedung der Gesetzesvorlage über eine Bill of Rights für die Mittelschicht
auf, ohne das Defizit zu vergrößern und ohne neue
Kürzungen von Sozialleistungen oder Medicare
vorzunehmen.
Ich weiß, daß einige die Regierung einfach blind
verkleinern wollen, und ich weiß, daß das jetzt
populär ist. Aber ich werde es nicht tun. Ich möchte
eine schlankere, keine schlechtere Regierung, die
wieder an der Seite der hart arbeitenden Amerikaner
steht. Eine neue Regierung für die neue Volkswirtschaft - kreativ, flexibel, hochqualifiziert, kostengünstig, dienstleistungsorientiert - wie unsere innovativsten Privatuntemehmen.
Ich werde mit der republikanischen Mehrheit und den
Demokraten im Kongreß zusammenarbeiten, um eine
neue amerikanische Volkswirtschaft aufzubauen und
den Amerikanischen Traum wiederherzustellen. Es
wir nicht leicht sein. Glauben Sie mir, die Interessengruppen verstecken sich nicht, nur weil im November
Wahlen waren. In der Tat sind sie stärker als je
zuvor. Und deswegen benötigen wir mehr denn je
eine Reform des Lobbyismus, eine Reform der
Wahlkampffinanzierung und eine Reform des Kon-

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�gresses, damit er die Gesetze befolgt, die er anderen auferlegt.

besser machen. Wir müssen wieder eine Gemeinschaft werden.

Gemeinsam können wir eine funktionierende Sozialund Gesundheitsreform verabschieden. Ich werde
in meinem Bericht zur Lage der Nation im Januar
mehr über meine Zusammenarbeit mit dem neuen
Kongreß sagen.

Ja, einige Menschen nutzen die übrigen aus - indem
sie Gesetze brechen, das Sozialsystem ausbeuten
und unsere Einwanderungsgesetze umgehen. Das
ist falsch, und ich arbeite daran, dem ein Ende zu
bereiten. Die Wahrheit ist jedoch, daß die meisten
Menschen in diesem Land - unabhängig von ihrer
Rasse, Religion, ihrem Einkommen oder ihrer Position zu kontroversen Themen - jeden Tag aufstehen,
zur Arbeit gehen, die Gesetze befolgen, ihre Steuern
zahlen und ihre Kinder so gut sie können erziehen.
Und die meisten von uns sehen sich den gleichen
echten Herausforderungen in dieser neuen Volkswirtschaft gegenüber. Wir werden diese Herausforderungen sehr viel besser meistern, wenn wir zusammenarbeiten und aus unserer Vielfalt Einheit und Stärke
gewinnen.

Aber folgendes werde ich nicht tun. Ich werde keine
Ideen unterstützen, die gut klingen, aber nicht
bezahlbar sind - Ideen, die die von uns in den
vergangenen zwei Jahren für die arbeitenden
Familien erzielten Fortschritte schwächen. Ideen,
die armen Menschen schaden, die das Menschenmögliche zur Erziehung ihrer Kinder tun und versuchen, sich zur Mittelschicht hochzuarbeiten.
Ideen, die unseren Kampf gegen Verbrechen, für
eine saubere Umwelt, bessere Schulen oder für die
Stärke und das Wohlergehen unserer Streitkräfte in
der Außenpolitik unterminieren. Mit anderen Worten,
wir müssen ehrlich mit dem amerikanischen Volk
über die wirklichen Konsequenzen aller Haushaltsentscheidungen sein.
Meine Testfrage lautet: Verbessert eine Idee die
Einkommen und Chancen der Mittelschicht? Fördert
sie Werte wie Familie, berufliche Verantwortung und
Gemeinschaft? Trägt sie zur Stärkung unserer
neuen Volkswirtschaft bei? Wenn ja, dann bin ich
dafür, egal, wer den Vorschlag unterbreitet. Und ich
hoffe, der Kongreß wird mit meinen Ideen ebenso
verfahren. Es geht darum, Fortschritte zu machen,
egal, wem das Verdienst gebührt.
Aber unsere Arbeit in Washington ist nicht genug.
Hier sind Sie angesprochen. Dies alles beginnt mit
Ihnen. Wir können Steuern senken und Chancen
verbessern, aber die Regierung kann nicht Ihre
Kinder erziehen, für Sie in die Schule gehen, Ihren
Angestellten, die es verdient haben, eine Gehaltserhöhung geben oder Probleme in Ihrer Nachbarschaft lösen, die Ihr persönliches Engagement
erfordern. Kurzum, die Regierung kann nicht Ihre
Staatsbürgerpflicht wahrnehmen. Es funktioniert
anders herum.
Die Probleme dieser neuen Welt sind kompliziert,
und wir alle müssen lernen. Das bedeutet, die
Bürger müssen gleichermaßen zuhören und sprechen. Wir brauchen weniger Rhetorik und mehr
offene Konversation, weniger Bosheit und mehr
Nächstenliebe. Wir müssen die Politik der persönlichen Zerstörung und Dämonisieaing beiseite lassen,
die unsere Debatte zu sehr beherrscht hat. Die
meisten von uns sind gute Menschen, die versuchen, es besser zu machen. Und wenn wir uns
gegenseitig alle so behandelten, würden wir es

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Wir haben mehr gemeinsam, mehr, das uns verbindet
als trennt. Und wenn wir beginnen, so zu handeln,
können wir der Zukunft voller Vertrauen entgegensehen. Ich bin immer noch fest davon überzeugt,
daß in Amerika nichts so kaputt ist, daß es nicht mit
dem repariert werden könnte, was heil ist. Hier geht
es nicht um Alltagspolitik. Wie ich seit Jahren sage,
geht es nicht darum, sich nach links oder rechts zu
bewegen, sondern nach vorne. Es geht nicht darum,
ob eine Regierung schlecht oder gut ist, sondern
darum, mit welcher Art von Regierung wir unser von
Gott gegebenes Potential am besten nutzen können.
Und es geht auch nicht um die nächsten Wahlen.
Das liegt in Ihrer Hand.
In der Zwischenzeit werde ich das tun, was ich als
richtig erachte. Meine Regel für die nächsten beiden
Jahre lautet: An erster Stelle steht das Land, und
Alltagspolitik an allerletzter Stelle. Ich hoffe, der neue
Kongreß wird dieselbe Regel befolgen. Und ich
hoffe, Sie auch.
Dieses Land funktioniert am besten, wenn es zusammenarbeitet. Jahrzehntelang seit dem Zweiten
Weltkrieg haben wir immer mehr Amerikanern die
Chance gegeben, ihren Traum auszuleben. Ich weiß,
wovon ich spreche - ich bin einer von ihnen.
Als ich geboren wurde, war meine Mutter bereits
Witwe und die Einnahmen meines Bundesstaates
lagen um die Hälfte unter dem nationalen Durchschnitt. Ich war der erste in unserer Familie, der
einen Collegeabschluß machte mit Mitteln, die meine
Eltern nicht aufbringen konnten - Stipendien, Krediten
und einem halben Dutzend Jobs. Es bricht mir das
Herz, wenn ich Menschen sehe, deren Träume für
ihre Zukunft und die ihrer Kinder wie Seifenblasen
platzen. Und ich werde alles in meiner Macht Ste-

Seite 3

�hende tun, um es zu ändern. Aber ich brauche Ihre
Hilfe. Wir können es schaffen.

sehr viel, für das wir dankbar sein müssen. Das
sollten wir uns vor Augen führen.

Mit all unseren Problemen ist dies immer noch das
großartigste Land der Welt - das vor den größten
Tagen seiner Geschichte steht. Es gibt immer noch

Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage. Gott schütze
Amerika.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 50

�ABRÜSTUNG
21. Dezember 1994

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER USA
Rede von Lynn Davis
WASHINGTON - (AD) - Die Verbreitung von nuklearen und konventionellen Massenvernichtungswaffen sei eine
der kritischsten Sicherheitsbedrohungen der Zeit nach dem Kalten Krieg, erklärte die Staatssekretärin für
internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle im US-Außenministerium, Lynn Davis, in einer Rede über die
Nichtverbreitungspolitik der Clinton-Administration am 8. Dezember 1994 vor dem Atlantic Council.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext.

Verhinderung der Verbreitung gefährlicher Waffen
Einleitung
Es ist mir eine große Ehre, heute nachmittag vor
diesem erlesenen Publikum reden zu dürfen. Wenn
ich mir die vielfältigen Aktivitäten des Atlantic Council
betrachte, bin ich beeindruckt über die Konzentration
auf die Herausforderung der Nichtverbreitung in
Ihren Programmen über kollektive Sicherheit, Mittelund Osteuropa, atlantische Zusammenarbeit und
Ost-West-Studien.
Die Clinton-Administration mißt der Nichtverbreitung
hohe Priorität in der amerikanischen Sicherheits- und
Außenpolitik bei. In den vergangenen zwei Jahren
konnten wir einige bemerkenswerte Erfolge verzeichnen.
Ich möchte zunächst diese Erfolge
beschreiben, mich dann den entscheidenden Elementen zuwenden, auf die sie zurückzuführen sind,
und mit einer kurzen Erläuterung der vor uns liegenden Aufgaben schließen.
I. Wichtige Erfolge bei der Nichtverbreitung
Die Ukraine, Belarus und Kasachstan sind dem
Nichtverbreitungsvertrag (NW) beigetreten. Sie
haben dem Transfer der nuklearen Gefechtsköpfe
auf ihrem Territorium zur Zerlegung nach Rußland
und der Zerstörung ihrer strategischen Raketensysteme zugestimmt. Diese Schritte haben den Weg
für das Inkrafttreten des START I-Vertrags in dieser
Woche geebnet.
Rußland und die Vereinigten
Staaten haben sich zur Ratifizierung des START IIVertrags in der ersten Hälfte des Jahres 1995 sowie

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zur Fortsetzung der Gespräche über mögliche weitere
Reduzierungen und Begrenzungen verpflichtet.
Im September vereinbarten die Präsidenten Clinton
und Jelzin zwei wichtige neue Maßnahmen bei der
Umsetzung der von START zwingend vorgeschriebenen Reduzierungen.
Die Verteidigungsminister
werden jetzt alle drei Monate Informationen über
strategische Systeme austauschen, die beseitigt oder
deaktiviert wurden. Sobald der START Il-Vertrag
ratifiziert ist, werden die Vereinigten Staaten und
Rußland alle im Rahmen der Vereinbarung zu reduzierenden strategischen Trägersysteme deaktivieren,
indem ihre Gefechtsköpfe entfernt oder andere
Schritte unternommen werden, um sie zu entschärfen.
Rußland hat der Einstellung des Transfers von
Technologie zur Raketenherstellung nach Indien
zugestimmt und hält jetzt die Richtlinien des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology
Control Regime - MTCR) ein. Rußland hat die
Schließung seiner Plutonium produzierenden Reaktoren zugesagt und Schritte zur Verbesserung der
Sicherheit für die enormen Nukleararsenale unternommen. Im September 1994 versprach Präsident
Jelzin die Einstellung weiterer Waffenverkäufe an den
Iran.
Die Ukraine hat sich jetzt zur Einhaltung des MTCR
verpflichtet. Kasachstan hat bei dem Transport von
600 kg hochangereichertem Uran in die Vereinigten
Staaten zur Lagerung gemäß der Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kooperiert. Ein internationales Wissenschaftszentrum in Moskau beschäftigt Tausende

Seite 1

�ehemaliger sowjetischer Atomwaffenspezialisten für
friedliche Forschungsvorhaben.
Nordkorea hat einem Rahmenabkommen über die
Einstellung seines gefährlichen Nuklearprogramms
zugestimmt.
Inzwischen hat Nordkorea seine
atomaren Aktivitäten eingefroren. Die IAEO ist für
die Verifizierung verantwortlich. Die Demokratische
Volksrepublik Korea hat auch die lAEO-Sicherheitsvorschriften in vollem Umfang angenommen und sich
zu einem Dialog mit Südkorea über die Verwirklichung der gemeinsamen Vereinbarung zur Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel verpflichtet.

Staaten versuchen, Massenvernichtungswaffen,
Raketen und moderne konventionelle Waffen aus
Sorge um ihre Sicherheit zu beschaffen. Diese
Besorgnis ist auf akute regionale Bedrohungen,
wirtschaftliche Unsicherheit oder den Wunsch nach
militärischer Hegemonie und Macht zurückzuführen.
Staaten wollen gefährliche Waffen primär aus ökonomischen Gründen verkaufen. Wenn wir Erfolg haben
wollen, müssen wir uns sowohl mit dem Angebot als
auch der Nachfrage befassen. Dies erfordert die
genaue Abstimmung unserer Reaktionen auf den
individuellen Fall im Rahmen globaler Normen.
Sicherheitszusagen

China hat dem globalen Exportverbot aller BodenBoden-Raketen mit vom MTCR kontrollierten Fähigkeiten zugestimmt. Das Land hat ferner seine
frühere Verpflichtung zur Einhaltung der MTCRRichtlinien auf dem Stand von 1991 bekräftigt. Dank
dieses Abkommens konnten wir die China für den
Transfer von Raketentechnologie nach Pakistan
auferlegten Sanktionen aufheben.
II. Die amerikanische Führungsrolle
In allen diesen Fällen haben die Vereinigten Staaten
vor dem Hintergrund der internationalen Unterstützung für die im NW und MTCR verankerten Nichtverbreitungsnormen eine zentrale Rolle gespielt.
Aktive Diplomatie seitens der Vereinigten Staaten
war der Schlüssel. Im Fall des russischen und
chinesischen Raketenhandels übten die Vereinigten
Staaten direkten Druck zur Unterbindung der gefährlichen Raketenverkäufe aus. Die Vereinigten Staaten haben als Vermittler zu Rußland fungiert und
waren bei den Vorbereitungen für die Verlegung von
Nuklearwaffen aus der Ukraine, Kasachstan und
Belarus behilflich. Die Vereinigten Staaten haben im
Namen des UN-Sicherheitsrats das Rahmenabkommen mit der Demokratischen Volksrepublik Korea
ausgehandelt.

Entscheidend für die Bereitschaft der Ukraine, von
Belarus und Kasachstan, Partei des NW zu werden,
war die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Rußlands zur Gewährung von Sicherheitszusagen. Diese Sicherheitszusagen bekräftigen, daß die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und Rußland im Falle des Aktes oder der Androhung
einer nuklearen Aggression Hilfe des UN-Sicherheitsrats beantragen; auf den Einsatz von Nuklearwaffen
gegen diese Staaten verzichten, solange sie keinen
Angriff im Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchführen; die Unabhängigkeit und Souveränität dieser
Staaten respektieren; auf die Androhung wirtschaftlichen Drucks und den Einsatz militärischer Gewalt
gegen sie verzichten und Konsultationen mit ihnen
führen, falls eine Frage bezüglich der Erfüllung dieser
Verpflichtungen auftritt. Die Bereitschaft Rußlands
zur Gewährung dieser Zusagen war von größter
Bedeutung, aber die Vereinigten Staaten und Großbritannien erleichterten die russische Unterstützung
durch ihre eigenen Zusagen. Die Vereinigten Staaten
haben als Teil des Rahmenabkommens zugesagt,
Nordkorea vorbehaltlich seiner uneingeschränkten
Einhaltung des NW Sicherheitszusagen zu gewähren.
Wirtschaftliche und andere Formen der Hilfe

IM. Elemente der Nichtverbreitungspolitik der
Administration
Maßnahmen
Ich möchte mich jetzt den Elementen dieser erfolgreichen Nichtverbreitungsmaßnahmen zuwenden
und mit einer Anmerkung beginnen: Nichtverbreitung ist kein abstraktes Prinzip. Erfolgreiche Nichtverbreitungsmaßnahmen erfordern die Konzentration
auf die Motive von Staaten zur Beschaffung gefährlicher Waffen und die Gründe, warum Staaten diese
Waffen verkaufen wollen.

Seite 2

Ein weiteres entscheidendes Element unserer Nichtverbreitungsmaßnahmen war unsere Fähigkeit,
verstärkten Handel und Technologietransfer mit
Staaten zu fördern, die Nichtverbreitungsnormen
einhalten. Wir haben die Bereitstellung wirtschaftlicher und anderer Formen der Hilfe erfolgreich angewandt, um Staaten Anreize zur Einstellung des
Handels mit gefährlichen Waffen oder deren Beschaffung zu bieten.
Die Ukraine erhält nukleare Brennstäbe zur Energieerzeugung aus Rußland als Kompensation für die
Nuklearwaffen, die das Land nach Rußland zurückverlegt.
Die koreanische Energie-Entwicklungsorganisation (KEDO) wird Nordkorea Öl als Ersatz für

AMERIKA DIENST 50

�die durch die Einstellung seines aktuellen Atomreaktorprogramms verlorene Energie liefern, sowie
Leichtwasserreaktoren als Ersatz für die bisherigen
Graphitreaktoren.
Unser Nunn-Lugar-Programm wird bei der Zerlegung
strategischer Raketen und der Konversion von
Rüstungsindustrien in der Ukraine, Belarus und
Kasachstan entscheidende Hilfestellung leisten. Die
Vereinigten Staaten haben die Zusammenarbeit mit
dem russischen und dem ukrainischen Weltraumprogramm im Anschluß an die Zusage dieser beiden
Staaten aufgenommen, die MTCR-Richtlinien einzuhalten. Im Gegenzug zu der Zustimmung der
beiden Länder zum Abtransport des hochangereicherten Urans aus Kasachstan wird die kasachische
Regierung direkte Entschädigungsleistungen und
technische Hilfe erhalten.
Alle diese Hilfspakete sind auf die individuellen
Bedürfnisse dieser Staaten zugeschnitten. Gelegentlich wurden diese Hilfspakete als Belohnung für
"schlechtes Nichtverbreitungsverhalten" in der
Annahme kritisiert, daß verantwortungsbewußtes
Verhalten keiner Anreize bedürfe. Ohne diese
bescheidene Hilfe hätte wir jedoch wahrscheinlich
unsere umfassenderen Nichtverbreitungsziele nicht
erreicht. Unter dem Strich ist diese Art von Hilfe
sehr viel besser als die mit den Alternativen verbundenen Kosten.

Erfolgreiche Nichtverbreitungsmaßnahmen müssen
auch in unsere außenpolitischen und wirtschaftlichen
Maßnahmen integriert werden. Dies erfordert häufig
harte Entscheidungen zwischen konkurrierenden
Zielen: Verhinderung der Waffenverbreitung, Förderung kommerzieller Interessen und Aufrechterhaltung
guter politischer Beziehungen zu anderen Ländern.
Die internationale Ablehnung des Handels mit Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen wird
generell akzeptiert. Viele der für den Bau dieser
Waffen erforderlichen Technologien und Einzelteile
haben jedoch sowohl zivile als auch militärische
Verwendung.
Deshalb müssen Exportbeschränkungsmaßnahmen für Mehrzweckgüter definiert
werden, und diese betreffen kommerzielle Interessen.
Konventionelle Waffen haben eine legitime Rolle bei
der Gewährleistung von Sicherheit, sie stellen jedoch
auch eine Gefahr dar, wenn sie an die falschen
Länder verkauft werden.
Beschränkungen des
Handels

mit konventionellen Waffen können die

regionale Stabilität verbessern, aber gleichzeitig
sowohl der Rüstungsindustrie im Inland schaden als
auch ein Instrument zur Förderung politischer Zusammenarbeit mit einzelnen Ländern beseitigen. Bei
den konkurrierenden Nichtverbreitungszielen - kommerziellen Interessen und Aufrechterhaltung politischer Beziehungen zu ausländischen Regierungen unterscheidet sich^die Art und Weise, in der die
Vereinigten Staaten hier das Gleichgewicht halten,
häufig von der unserer wichtigsten Partner.

Abschreckungsmittel, Sanktionen
Eine glaubwürdige Nichtverbreitungspolitik muß auch
den Preis für ein sich nicht mit unseren Zielen dekkendes Verhalten erhöhen. Wirtschaftssanktionen
bieten der internationalen Staatengemeinschaft mehr
Entscheidungsspielraum als die Entscheidung zwischen Diplomatie und militärischer Gewalt.
Die Aussicht auf gemäß den amerikanischen Nichtverbreitungsgesetzen erforderliche Sanktionen
spielte eine wichtige Rolle bei unserem erfolgreichen
Abschluß der Verhandlungen über Raketenexporte
mit Rußland und China. Diese Aussicht könnte jetzt
wiederum eine Rolle bei unseren Bestrebungen zur
Einstellung der Waffenverkäufe an den Iran durch
Rußland und andere Länder spielen. Man muß sich
jedoch vor Augen führen, daß Sanktionen schwierig
anzuwenden und bei der Erlangung der von uns
angestrebten Ziele nicht immer erfolgreich sind.
Unser Scheitern, im Sommer Konsens der Ständigen
Mitglieder des UN-Sicherheitrats zu Sanktionen
gegen Nordkorea zu erzielen, schränkte unseren
Verhandlungsspielraum ein. Und Sanktionen können unseren eigenen Unternehmen schaden.
Abwägen konkurrierender Ziele

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Beim Handel mit Parias liefern die westlichen Staaten
diesen Ländern keine Nukleartechnologie, Waffen
oder Militärtechnologie. Rußland und China verkaufen aber immer noch moderne konventionelle
Waffen und Atomreaktoren an den Iran. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten wünschen die
Mitgliedstaaten der Europäischen Union kein Verbot
von Lieferungen sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie an zivile Abnehmer in Ländern wie dem
Iran, ungeachtet der Tatsache, daß der Iran den
internationalen Terrorismus unterstützt und weiterhin
den Friedensprozeß im Nahen Osten behindert.
Es sind wichtige Ziele der Clinton-Administration,
Rußland in die politischen und sicherheitspolitischen
Institutionen des Westens zu integrieren und die
Politik russischer Waffenverkäufe mit der des Westens in Einklang zu bringen. Die Vereinigten Staaten streben die Zustimmung der Russen zur Einstellung aller Waffenverkäufe an den Iran als Gegenleistung für die Unterstützung der Mitgliedschaft des
Landes im Nachfolgeregime des COCOM durch
Amerika an. Im Unterschied dazu waren die Europäer bereit, Rußland in das neue Regime aufzunehmen
in der Hoffnung, seine Waffenverkäufe an den Iran
würden eingestellt.
Die Aufrechterhaltung ihrer

Seite 3

�politischen Beziehungen zu Rußland und ihr Widerstreben, den Iran gesondert zu behandeln, waren
ihnen wichtiger als ihre Nichtverbreitungsziele. Da
die Russen jetzt einer Einstellung weiterer Waffenverkäfife zugestimmt haben, wobei sie auf der
Einhaltung abgeschlossener Verträge bestehen,
drängen die Europäer die Vereinigten Staaten,
Rußland die Mitgliedschaft zu gewähren. Die Vereinigten Staaten bemühen sich hingegen noch
sicherzustellen, daß die unter die laufenden Verträge
fallenden Waffenverkäufe innerhalb vernünftiger
Grenzen gehalten werden.
IV. Präzedenzfälle
Ich möchte kurz auf die Frage der Präzedenzfälle
eingehen, die durch unsere verschiedenen Nichtverbreitungsmaßnahmen geschaffen werden. Unsere
Maßnahmen sind auf die jeweilige sicherheitspolitische, wirtschaftliche und politische Situation eines
Landes zugeschnitten. Sie alle sind von ihrer Auslegung oder ihrem Ergebnis her gesehen nicht
identisch, und keine ist ein Präzedenzfall, wenn wir
nicht zulassen, daß sie ein solcher wird.
Das Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea ist hierfür ein gutes Beispiel. Ich
möchte zunächst die wichtigsten Errungenschaften
dieses Abkommens nennen: 1. Nordkorea darf nicht
ungerechtfertigt oder ohne entsprechende Konsequenzen von dem Nichtverbreitungsvertrag zurücktreten. 2. Es liegt weiterhin im Verantwortungsbereich der Internationalen Atomenergie-Organisation,
die Bestimmungen für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften festzulegen; dies ist nicht dem
jeweiligen Land überlassen. 3. Nordkorea akzeptierte Einschränkungen, die über das von den Parteien
des Nichtverbreitungsvertrags verlangte Maß hinausgehen: keine Wiederaufbereitung von Brennelementen, keine Wiederaufbereitung von Brennstäben aus dem 5-MW-Experimentierreaktor, Entsorgung benutzter Brennelemente außerhalb Nordkoreas und Austausch der Graphitreaktoren durch
Leichtwasserreaktoren. Wir erreichten unser Ziel,
einen Prozeß in Gang zu setzen, der das nordkoreanische Nuklearprogramm durch geduldige, aber
entschlossene Diplomatie beendet.
Von einigen Kritikern wird vorgebracht, der Zeitraum
bis zur vollständigen Einhaltung der Sicherheitsvorschriften durch Nordkorea und bis zu den genehmigten Sonderinspektionen der IAEO würde vom
Iran zur Rechtfertigung von Verletzungen des N W
benutzt. Wir sind nicht dieser Ansicht.
Nordkorea genoß bei den Verhandlungen einzigartige Vorteile. Mit seinem eigenen Nuklearpro-

Seite 4

gramm könnte das Land ohne jegliche Hilfe aus dem
Ausland jährlich Hunderte von Kilos an Nuklearmaterial herstellen. Seine Isolation bedeutete, daß es
nicht sehr empfindlich gegenüber wirtschaftlichem
Druck von außen war, und die Streitkräfte Nordkoreas bedrohten Südkorea.
Bis zum Ende der Verhandlungen war Nordkorea
nicht bereit, Sonderinspektionen zuzulassen. Das
amerikanisch-nordkoreanische Rahmenabkommen
fordert jedoch die Durchführung umfassender Sicherheitsvorkehrungen, wenn auch erst in einigen
Jahren. Ferner bietet das Abkommen die Möglichkeit
zur Überwachung des Einfrierens und der Einhaltung
des Vertrags. Und es werden keine Nuklearkomponenten für Leichtwasserreaktoren bereitgestellt, bis
die Forderungen der IAEO nach umfassenden
Schutzvorrichtungen erfüllt sind.
Der Iran ist ein ganz anderer Fall. Das Land hat sich
stark darum bemüht, eigene atomare Fähigkeiten zu
entwickeln, die jedoch nicht so fortgeschritten sind
wie in Nordkorea. Jeglicher Rücktritt vom N W oder
die Weigerung, lAEO-lnspektionen zuzulassen,
werden zur sofortigen Einstellung von Nuklearhilfe an
den Iran führen, vor allem durch Rußland und China.
Diese Schritte würden dazu führen, daß der Iran erst
in vielen Jahren zur Herstellung von Nuklearwaffen in
der Lage ist.
Unsere Aufgabe ist es, nicht zuzulassen, daß irgendein Land den N W ausnutzt. Wir ermutigen die IAEO
zur Durchführung von Sonderinspektionen, damit sie
alltäglicher werden und nicht aufgrund ihrer Einzigartigkeit derartige Abwehrreaktionen hervorrufen.
Ferner werden wir uns bereits im Vorfeld bemühen,
unter den Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats
Einigung über Schritte im Falle von Verletzungen des
Vertrags zu erzielen.
V. Zukünftige Aufgaben
Wir haben im Bereich der Nichtverbreitung bereits
einige wichtige Errungenschaften zu verzeichnen,
aber es liegen noch viele Aufgaben vor uns, die alle
hohe Priorität haben. Ich möchte einige davon
ansprechen, wobei ich mir bewußt bin, daß ich viele
andere ebenfalls anführen könnte.
Die Gewährleistung der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des N W ist vielleicht die
wichtigste vor uns liegende Aufgabe auf dem Gebiet
der Nichtverbreitung. Der vor 25 Jahren unterzeichnete N W ist der Grundstein internationaler Bestrebungen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen. Im
kommenden Frühjahr wird der Vertrag überprüft.
Derzeit bemühen wir uns auf dem Wege der Diplomatie um weltweite Unterstützung.

AMERIKA DIENST 50

�Wir waren besonders erfreut darüber, daß auf dem
diese Woche in Budapest stattfindenden KSZEGipfel die 52 Teilnehmerstaaten eine unbegrenzte
Verlängerung des N W unterstützten und sich für
den Abschluß eines Vertrags über das Verbot der
Herstellung spaltbaren Materials aussprachen. Wir
haben mit Rußland zusammengearbeitet, um das im
N W niedergelegte Ziel eines Abbaus von Nuklearwaffen durch die Atommächte zu erreichen. Derzeit
ist eine bedeutende Verringerung strategischer
Nuklearwaffen im Gang. Rußland und die Vereinigten Staaten zerlegen zusammen jährlich über 2.000
Atomwaffen.
Über den N W hinaus streben wir ein erweitertes
Mandat von den NW-Mitgliedstaaten für unsere
Nichtverbreitungsbestrebungen an. Ein Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive
Test Ban Treaty - CTBT) wird die Weiterverbreitung
von Nuklearwaffen zusätzlich unterbinden. Die
Vereinigten Staaten sind der Vorreiter bei dem
Streben der Atommächte nach einem Moratorium für
Atomtests sowie bei der nachdrücklichen Forderung
nach einem internationalen Vertrag über das gesetzliche Verbot aller Atomtests. Wir wollen den N W
nicht als Druckmittel für den Abschluß eines Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot einsetzen,
stimmen aber mit anderen Ländern darin überein,
daß Fortschritte beim CTBT das Klima für eine
unbegrenzte Verlängerung des N W verbessern.
Wie der Präsident in seiner jüngsten Rede vor der
UN-Generalversammlung erklärte, streben die Vereinigten Staaten ein weltweites Verbot der Produktion spaltbaren Materials für Nuklearwaffen oder
außerhalb internationaler Sicherheitsvorschriften an.
Wir hoffen, daß die Verhandlungen über diesen
Vertrag Anfang 1995 in Genf aufgenommen werden.
Wir bemühen uns auch ernsthaft um Vereinbarungen
über Transparenz und Zurückhaltung beim Transfer
hochentwickelter konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie. Anders
als bei Raketen und Massenvernichtungswaffen
existieren für konventionelle Waffen keine internationalen Vereinbarungen. Wir haben eine weitreichende Strategie vorgeschlagen, um Rußland und
die anderen Mitgliedstaaten des ehemaligen Warschauer Pakts an einem neuen, globalen Mandat zu
beteiligen.
Die jüngsten Schritte des Irak zur Anerkennung des
Existenzrechts von Kuwait sind noch keine vollständige Einhaltung der UN-Resolutionen. Die UNSonderkommission verfügt - fast vier Jahre nach
dem Golfkrieg - noch nicht über umfassende Informationen über die biologischen und chemischen
Waffenprogramme des Irak. In Erwartung einer

AMERIKA DIENST 50

Aufhebung der UNO-Sanktionen treffen einige Länder
bereits Vorkehrungen für eine Wiederaufnahme des
Handels. Damit wird Baghdad ein falsches Zeichen
gegeben. Der Irak muß alle relevanten Resolutionen
befolgen, bevor der UN-Sicherheitsrat eine Aufhebung des Verbots von Erdölverkäufen in Erwägung
ziehen kann.
Die Umsetzung des amerikanisch-nordkoreanischen
Rahmenabkommens wird wahrscheinlich ein langer,
schwieriger Prozeß. Zudem müssen wir bei anderen
Fragen unsere Bestrebungen verstärken, unter
anderem dabei, den nordkoreanischen Handel mit
Mittelstreckenraketen zu beenden.
Besonders
besorgt sind wir über die fortgesetzte Lieferung von
Raketen und ihren Trägersystemen durch Nordkorea
an den Iran und Syrien. Wir haben deutlich gemacht,
daß die Vereinigten Staaten erst dann zur Erweiterung diplomatischer Beziehungen bereit sind, wenn
dieser Handel eingestellt wird. Ferner müssen wir
uns mit der Bedrohung Südkoreas durch Nordkorea
mit konventionellen Waffen befassen.
Die Verhinderung des Schmuggels von Nuklearmaterial hat hohe Priorität, da die Menge überschüssigen
spaltbaren Materials durch den Abbau strategischer
Nuklearwaffen dramatisch ansteigt. Die Gewährleistung eines gesicherten Nachweises für diese
Nuklearmaterialien und ihre sichere Lagerung stellen
im Bereich der Rüstungskontrolle eine hohe Priorität
dar.
Eine gemeinsame amerikanisch-russische Arbeitsgruppe wird Anfang 1995 Gespräche darüber aufnehmen, wie der Abbau nuklearer Gefechtsköpfe
irreversibel gestaltet werden kann. Wir streben einen
Austausch von Informationen über Atomwaffenarsenale, Lagerstätten für spaltbare Materialien sowie
deren Sicherheitseinrichtungen an. Wir werden
die gegenseitigen Inspektionen von Plutoniumlagerstätten als Teil unseres Abkommens über eine
Einstellung der Plutoniumherstellung für Atomwaffen
fortsetzen.
In Südasien werden wir mit der vielleicht ernsthaftesten Herausforderung konfrontiert. Indien und Pakistan könnten beide innerhalb kurzer Zeit eine kleine
Anzahl von Atomwaffen bauen. Jedes Land kauft
oder entwickelt Raketen, die Massenvernichtungswaffen in die Ballungszentren des jeweils anderen
Landes tragen können. Nachdem bereits drei Kriege
geführt wurden, könnte jeder künftige Konflikt schnell
zu einem Atomkrieg eskalieren.
Wir verfolgen einen schrittweisen Ansatz zur Begrenzung, Reduzierung und letztlichen Zerlegung der
Massenvernichtungswaffen und Trägersysteme für
ballistische Raketen in Südasien. Das beinhaltet

Seite 5

�ballistische Raketen in Südasien. Das beinhaltet
folgende Forderungen an die beiden Länder:
1. Verzicht auf Ersteinsatz ballistischer Raketen.
2. Verzicht auf die Herstellung spaltbaren Materials
für Atomwaffen als Schritt zu einer internationalen
Konvention über das Verbot spaltbaren Materials
und 3. Verzicht auf Atomtests vor Abschluß eines
Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Wir
haben auf regionaler Ebene den Vorschlag für ein
multilaterales Verfahren unterbreitet, um konventionelle und nichtkonventionelle regionale Sicherheitsfragen anzugehen. Auf globaler Ebene sprechen wir
mit beiden Ländern im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz, um ihre Unterstützung für einen
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und
eine Beendigung der Herstellung von spaltbarem
Material zu erwirken.

*

Seite 6

VI. Schlußbemerkung
Die Vereinigten Staaten erachten Nichtverbreitung als
den Schlüssel für Sicherheit in der Welt nach dem
Kalten Krieg. Wir können jedoch nicht im Alleingang
Erfolg haben. Wir legen weiterhin Wert auf einen
multilateralen Ansatz, insbesondere bei dem Bestreben, Rußland und China zu einer verantwortungsbewußten Nichtverbreitungspolitik zu veranlassen.
Dieses Bestreben ergänzt die Arbeit anderer Mitglieder des Bündnisses, erfordert von den Vereinigten
Staaten jedoch eine Führungsrolle, die wir bereits
übernommen haben und in Zukunft fortsetzen werden.

* * *

*

AMERIKA DIENST 50

�NATO
21. Dezember 1994

DIE DEMOKRATISCHE KONTROLLE
DER STREITKRÄFTE
von Charlie Rose
Der Verfasser war Leiter der Delegation des Repräsentantenhauses bei der Nordatlantischen Versammlung.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in der Oktoberausgabe von NATO-Brief. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von NATO-Brief, Nr. 5, Oktober 1994.

Ende August 1994 nahmen 55 Parlamentarier und
Mitarbeiter von Verteidigungs- und Sicherheitsausschüssen 14 mittel- und osteuropäischer Parlamente
an einem zehntägigen Lehrgang über die Verteidigung in Demokratien teil, der gemeinsam von der
Nordatlantischen Versammlung und dem MarshallZentrum für Sicherheitsstudien organisiert wurde.
Der Lehrgang diente in erster Linie dazu, solche
Informationen, Sachkenntnisse und Erfahrungen auf
den Gebieten Organisation, Verwaltung und Grundsätze der Verteidigung auszutauschen, die dazu
beitragen könnten, die Beteiligung der Parlamente
an der Entwicklung und Durchführung der jeweiligen
nationalen Verteidigungspolitik sowie den parlamentarischen Einfluß auf diese Prozesse durchzusetzen.
Der Lehrgang ergab sich als logische Folge aus dem
von der Versammlung beschlossenen Programm der
Zusammenarbeit mit den Parlamenten Mittel- und
Osteuropas, das als Rose-Roth-Initiative bezeichnet
wird. Er erweiterte zudem die Arbeit des MarshallZentrums mit den Regierungen und der jeweiligen
militärischen Führung mittel- und osteuropäischer
Staaten um eine wichtige parlamentarische Dimension.
Beide Projekte stellen auf ihre Weise einen wesentlichen Beitrag zur NATO-Initiative der Partnerschaft
für den Frieden (Partnership for Peace - PFP) dar.
Bei der Entwicklung engerer Beziehungen zwischen
der NATO und ihren Kooperationspartnern wird die
PFP eine stärkere Zusammenarbeit in verteidigungsrelevanten Bereichen betonen und dabei zu verstärkter Konvergenz und Kompatibilität führen sowie
in bezug auf einige Staaten die Voraussetzungen für
eine spätere Mitgliedschaft schaffen. Unter den
Zielen des PFP-Rahmendokumentes sind folgende
von besonderer Bedeutung: Förderung der Trans-

AMERIKA DIENST 50

parenz bei nationalen Verfahren der Verteidigungsplanung und der Aufstellung des Verteidigungsetats
sowie dauerhafte demokratische Kontrolle der Streitkräfte. Der Lehrgang würdigte die Rolle, die Parlamentarier bei der Erreichung dieser Ziele und insbesondere bei der Gewährleistung einer demokratischen Kontrolle der Streitkräfte spielen können und
spielen sollten.
Unter dem Ausdruck "demokratische Kontrolle des

Militärs" wird allgemein die Unterordnung der Streitkräfte unter demokratisch gewählte politische Gremien verstanden; er bedeutet, daß alle Beschlüsse
bezüglich der Landesverteidigung von denjenigen zu
fassen sind, denen durch Wahlen die Verantwortung
für die Angelegenheiten des jeweiligen Landes
übertragen wurde.
Obwohl allgemeines Einverständnis bezüglich der Bedeutung dieses Ausdruckes
herrscht, ist man sich jedoch kaum darin einig, wie
dieses Ziel erreicht werden sollte, welche Strukturen
und Verfahren erforderlich sind und - was für diesen
Beitrag am wichtigsten ist - welche Rolle von den
Parlamenten gespielt werden sollte.
Warum das Primat der Politik?
In den meisten westlichen Staaten ist das Prinzip der
demokratischen Kontrolle der Streitkräfte so fest
verankert, daß die Gründe für seine Bedeutung
häufig übersehen oder als selbstverständlich betrachtet werden. Der wichtigste Grund ergibt sich aus den
wesentlichen Merkmalen von Streitkräften, durch die
sie in jeder Gesellschaft zu einer Bedrohung werden
können. Die besonderen Umstände, die in den
meisten mittel- und osteuropäischen Staaten infolge
ihrer kommunistischen Vergangenheit vorherrschen
und die Kontrolle und Leitung der Streitkräfte beeinflussen, lassen verstehen, warum dieses Problem in

Seite 1

�der PFP besondere Bedeutung erlangt hat. Streitkräfte werden zum Schutz der Gesellschaft ihres
Staates aufgebaut; ihre Aufgabe besteht darin, der
Bevölkerung, aus der sie sich rekrutieren, zu dienen
und diese zu verteidigen. Um diese Aufgabe wahrnehmen zu können, müssen sie jedoch in unserer
Gesellschaft eine besondere Stellung einnehmen,
vor allem als diejenigen, die sich in erster Linie im
Besitz von Waffen und sonstigen Rüstungsgütem
befinden. Ferner stellt das Militär in jedem Land
eine straff organisierte, disziplinierte Gruppe dar, die
durch Traditionen, Sitten und Arbeitsgewohnheiten
zusammengehalten wird. Hauptsächlich wird sie
jedoch dadurch zusammengehalten, daß ihre Mitglieder zusammenarbeiten und sich in Krisenzeiten
und Konflikten aufeinander verlassen können müssen, was zu einer gegenseitigen Abhängigkeit führt,
die buchstäblich über Leben und Tod entscheiden
kann. Eine derartige Abhängigkeit schafft starke
Bande und Loyalitätsgefühle und erfordert einen
Grad von Zusammenhalt und Geschlossenheit, den
nur wenige andere Berufsgruppen für sich beanspruchen können. Diese Eigenschaften - Disziplin,
unbedingter Einsatz und Loyalität - kennzeichnen
das Militär und unterscheiden es in mancher Hinsicht
von der übrigen Gesellschaft.
Die Grundhaltung oder der Stil des Militärs kann
diese Unterschiedlichkeit noch verstärken. Der
organisierte, vorhersehbare Ablauf des Lebens im
Militär führt häufig zu einem einfach strukturierten
Weltbild, das im Widerspruch zu der komplexeren
und vergleichsweise offenbar häufig undurchsichtigen Welt der Politik steht. Theoretisch sollte es eine
klare Trennung zwischen dem politischen und dem
militärischen Zuständigkeitsbereich geben. In der
Praxis sind die Grenzen jedoch oft fließend, und die
beiden Welten überschneiden sich unweigerlich.
Grauzonen der Zuständigkeit können zu Spannungen führen, insbesondere in Krisen und Konflikten,
wenn politische und militärische Ziele möglicherweise voneinander abweichen, z. B. bei der Festlegung
der Einsatzrichtlinien. Unter den sich verändernden
Bedingungen der heutigen Zeit könnte sich dieses
Ineinandergreifen der Aufgaben in dem Maße
verstärken, wie neue Missionen, z. B. friedenssichernde Operationen, vom Militär eine politischere
Rolle verlangen und die Tendenz zu einem höheren
Bildungsstand im Militär ein stärkeres politisches
Bewußtsein fördert.
Es gibt eine Vielzahl von Umständen, unter denen
die Eigenheiten des Militärs besondere Bedeutung
erlangen können. Unter Bedingungen innerstaatlicher Instabilität und innenpolitischer Auseinandersetzungen oder Unruhen kann das Militär ein Element
der relativen Stabilität und eine Quelle der Ordnung
darstellen. Die Geschichte ist voll von Beispielen für

Seite 2

Fälle, in denen das Militär die Macht übernommen
oder die wichtigsten Posten besetzt oder aber gedroht hat, sich gegen die jeweilige Regierung aufzulehnen. Die meisten westlichen Länder haben in
ihrer Geschichte irgendwann einmal als "Unruhestifter" auftretende General gehabt; Beispiele sind die
Curragh-Meuterei der britischen Armee, die Revolte
der französischen Generale in Algerien, die Interventionen des griechischen und des türkischen
Militärs oder auch die Dominanz des Militärs in
Spanien und Portugal während der Diktatur.
Unter diesen Umständen ist die Loyalität der Streitkräfte von entscheidender Bedeutung. Grundsätzlich
wird davon ausgegangen, daß die Streitkräfte der
jeweiligen demokratisch gewählten Regierung Loyalität bezeigen. Verfassungsregelungen lassen jedoch
manchmal einen gefährlichen Grad an Unklarheit
erkennen. In jedem System besteht die Möglichkeit,
daß sich das Militär als Einrichtung begreift, die für
eine höhere Autorität - für die Nation oder die Verfassung - und nicht für eine auf begrenzte Zeit
gewählte politische Autorität steht, und daß es dann
versucht ist, seine besondere Sicht des nationalen
Interesses durchzusetzen. Im Laufe der Zeit sind
solche Ansichten schon von einer Vielzahl führender
Militärs geäußert worden. Die Bemerkungen von
General MacArthur zu dieser Frage sind bekannt; vor
kurzem brachte, was noch beunruhigender ist, der
Kommandeur der 14. Armee Rußlands im Gebiet
östlich des Dnjestr, General Lebed, ähnliche Vorstellungen zum Ausdruck. Solche Ansichten sind
natürlich mit einer Demokratie unvereinbar.
Heute hat keine der westlichen Demokratien in
diesem Bereich ernste Probleme, denn die jeweiligen
Aufgaben des Militärs und der Zivilisten sind fest
verankert und werden voll und ganz akzeptiert.
Unsere demokratischen Strukturen sind robust genug,
um ein gelegentliches Aufbegehren hochrangiger
Offiziere aufzufangen, die mit ihren politischen Herren
unzufrieden sind. Die Bedeutung einer demokratischen Kontrolle liegt heutzutage darin, daß zu
gewährleisten ist, daß den Streitkräften und ihren
Erfordernissen in unserer Prioritätenliste der ihnen
gebührende Platz zukommt, daß sie keinen zu hohen
Anteil des Staatshaushalts beanspruchen und auch
die politische Entwicklung nicht über Gebühr beeinflussen.
Die Staaten Mittel- und Osteuropas befinden sich in
einer anderen Lage. Die Erblast der zivil-militärischen Beziehungen aus der Zeit der kommunistischen Herrschaft hat die Entwicklung von Strukturen,
Verfahren und vor allem von Ansichten verhindert, die
für eine wirksame demokratische Kontrolle aller
Aspekte des Streitkräftebereichs erforderlich sind.

AMERIKA DIENST 50

�Während der Herrschaft des Kommunismus gab es
durchaus eine Kontrolle des Militärs durch die Politik,
aber sie hatte eine besondere Form angenommen.
Die vorherrschende Rolle der kommunistischen
Partei und die Identifizierung der Partei mit den
Streitkräften nahm dem Begriff jeden demokratischen
Inhalt. Zudem verfügte das Militär über ein Machtund Informationsmonopol im Bereich der Verteidigungspolitik, ein Monopol, das meistens jede öffentliche Diskussion im Keim erstickte. Die Verteidigungspolitik konnte praktisch nicht in Frage gestellt
werden. Dies bedeutet, daß in diesen Staaten die
Art des Sicherheitsumfelds, die in westlichen Staaten
vorherrscht, genauso fehlt, wie erfahrene Zivilisten
für die Arbeit mit dem Militär fehlen, und daß das
Militär mit dem Begriff einer zivilen Kontrolle nicht
vertraut ist und ihm gleichgültig gegenübersteht.
Wir müssen bestrebt sein, sicherzustellen, daß das
Militär fest in der Gesellschaft verankert bleibt, und
zwar als Teil der Gesellschaft insgesamt und nicht
getrennt von ihr, daß es der Nation dient und keine
Vormachtstellung einnimmt und daß die Streitkräfte
auf der Grundlage entsprechender Verfassungsbestimmungen nur auf ausdrücklichen und direkten
Befehl der demokratisch gewählten Staatsführung
eingesetzt werden und Gewalt anwenden können.
Es gibt kein allgemeingültiges System, um diese
Ziele zu erreichen und zu gewährleisten, daß die
Streitkräfte den ihnen zustehenden Platz in der
Gesellschaft erhalten. Je nach der Geschichte, der
Kultur und den Verfassungsregelungen der einzelnen Länder können sich die Formen der politischen
Kontrolle in hohem Maße voneinander unterscheiden.
In den meisten Ländern wird die demokratische
politische Kontrolle durch das Zusammenspiel von
Prozessen, Strukturen und Überzeugungen gesichert. Obwohl es kein allgemeingültiges System
gibt, lassen sich mehrere grundlegende Elemente
anführen: Ein klarer rechtlicher und verfassungsmäßiger Rahmen, die Rechenschaftspflicht des
Militärs gegenüber der jeweiligen Regierung, die
durch einen zivilen Verteidigungsminister gewährleistet wird, sachkundige Zivilisten, die mit dem
Militär bei der Festlegung der Verteidigungserfordernisse und der Vereinbarung der Verteidigungspolitik
und des Verteidigungsetats zusammenarbeiten, die
klare Trennung zwischen dem zivilen und dem
militärischen Zuständigkeitsbereich, die wirksame
Beaufsichtigung und Überprüfung durch das Parlament.

Zu häufig wird unter dem Ausdruck "politische Kontrolle" die Kontrolle durch Regierungsbeamte im
Namen der Exekutive verstanden. Soll eine politische Kontrolle jedoch wirklich demokratisch sein, so
muß das Parlament eine wesentliche Rolle spielen.
Welcher Art diese Rolle ist und wie umfassend sie ist,
unterscheidet sich von Parlament zu Parlament.
Allgemein gesagt lassen sich die parlamentarischen
Aufgaben vier Oberbegriffen zuordnen: Rechenschaftspflicht, Einfluß, Transparenz und Bindeglied
zur Gesellschaft insgesamt.
Im Hinblick auf die Verteidigungspolitik können die
Parlamente von der Regierung insofern Rechenschaft
verlangen, als sie den nötigen Ausgaben zustimmen
müssen. Der Verteidigungshaushalt bietet die beste
Übersicht über die Forderungen der Militärs und stellt
gleichzeitig den Beitrag dar, der vom Steuerzahler
verlangt wird, d. h. von den Wählern insgesamt,
denen gegenüber die Parlamentarier am unmittelbarsten verantwortlich sind. Bei der Vorlage des Verteidigungsetats muß jede Regierung die geplanten
Ausgaben rechtfertigen und begründen.
Abgesehen von dieser allgemeinen Rolle beeinflussen jedoch manche Parlamente mit Hilfe von
Ausschüssen und Anhörungen auch direkt die
verteidigungspolitische Beschlußfassung und die
Aufstellung des Verteidigungsetats. Sie setzen den
Prozeß in Gang, anstatt lediglich das Endprodukt zu
bestätigen. Das beste Beispiel hierfür ist der Kongreß der Vereinigten Staaten, der durch seine genaue und äußerst eingehende Prüfung des amerikanischen Verteidigungsetats dessen endgültige Gestalt
erheblich beeinflußt. Manche europäischen Parlamente wie der Bundestag und sein Haushaltsausschuß haben ebenfalls einen unmittelbaren Einfluß
auf Beschlüsse, noch bevor sie gefaßt werden.
Andere Parlamente wie das britische Unterhaus
spielen eine weniger entscheidende Rolle und
reagieren eher auf bereits gefaßte Beschlüsse.
Selbst wenn das Parlament die Beschlußfassung
nicht direkt beeinflußt, kann es jedoch indirekt durch
seine Berichte Einfluß ausüben. Bei der Verteidigungsplanung handelt es sich schließlich um einen
Prozeß, in dessen Verlauf die Vorstellungen der
Parlamentarier auf vielerlei Weise in das Denken der
Exekutive Eingang finden können.
Eine dritte Aufgabe für die Parlamente besteht darin,
für mehr Transparenz zu sorgen; durch ihre Debatten, Anhörungen und Berichte können die Gesetzgeber die Verteidigung transparenter machen und das
öffentliche Bewußtsein schärfen.

Die Rolle der Parlamente
Schließlich spielen Parlamente auf dem eher allgemeinen Gebiet der zivil-militärischen Beziehungen
eine wichtige Rolle, da sie als Bindeglied zwischen

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�dem Militär und der Gesellschaft dienen, der gegenüber sie verantwortlich sind. Parlamentarier sind
insbesondere in Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht
durch besondere Beziehungen mit den Streitkräften
verbunden und setzen sich häufig dafür ein, innerhalb der Streitkräfte angemessene Lebens- und
Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.
Darüber
hinaus ergeben sich auch andere Berührungspunkte,
wie z. B. durch die Ansiedlung von Militärstützpunkten, militärischen Einrichtungen oder Rüstungsbetrieben in den verschiedenen Wahlkreisen.
Ferner haben Parlamentarier die Aufgabe, der
Öffentlichkeit die Notwendigkeit von Verteidigungsanstrengungen und -ausgaben zu erläutern sowie
den Streitkräften das Verständnis und die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern. In den
meisten Ländern wird das Militär von der Bevölkerung unterstützt, aber diese Unterstützung geht nicht
immer so weit, daß die Bürger bereit sind, die
erforderlichen Mittel bereitzustellen. Diese Aufgabe
ist so wichtig wie eh und je. In allen NATO-Staaten
sinken die Verteidigungsausgaben. Obwohl sich aus
dem neuen Sicherheitsumfeld ein ganz neues
Spektrum von Gefahren ergibt, droht dieses neue
Umfeld jedoch ebenso hohe Ansprüche an die
militärischen Potentiale zu stellen wie die alte
Ordnung; man denke nur an den gestiegenen Bedarf
an Kapazitäten für den Bereich friedenserhaltender
und humanitärer Maßnahmen unter der Ägide der
Vereinten Nationen. Diese neuen Aufgaben führen
zu einer weiteren Funktion der Parlamente. Parlamentarier müssen nicht nur überzeugen, sondern
auch zuhören können.
Die Unterstützung der
Öffentlichkeit für neue Aufgaben, die mit der Gefahr
eines Verlustes an Menschenleben in weit entfernten
Gebieten verbunden sind, ist in allen unseren
Staaten nach wie vor mit einem großen Fragezeichen versehen.
Zwischen den Aufgaben der einzelnen Parlamente
im Verteidigungsbereich und dem Grad ihres Einflusses bestehen große Unterschiede.
Jedes
Parlament hat entsprechend den Gegebenheiten in
seinem Land seine eigene Strategie entwickelt. Die
Rolle des Kongresses der Vereinigten Staaten ist
beispielsweise die Folge der besonderen amerikanischen Bedingungen, insbesondere der Verfassung
und der Gewaltenteilung. Die jeweiligen Erfahrungen und Methoden können nutzbringend verglichen
werden, aber da sie häufig landesspezifisch sind,
lassen sie sich nicht problemlos auf andere Staaten
übertragen. Bei den Bemühungen um eine Beeinflussung der Verteidigungspolitik muß jedes Parlament seinen eigenen Weg finden.
Wie auch immer die Beteiligung aussieht und
welchen Grad sie erreicht hat, die Effektivität der

Seite 4

Parlamente ist davon abhängig, daß die Parlamentarier gut informiert und sachkundig sind. Der Verteidigungsbereich unterscheidet sich jedoch von
anderen Domänen der Regierungsverantwortung auf
eine Weise, die den Erwerb der erforderlichen
Kompetenz problematisch macht. Bei Verteidigungsfragen lassen sich sowohl Geheimhaltung als auch
Exklusivität leicht rechtfertigen. Die Bereitstellung
ausreichender Informationen ist häufig aus Gründen
der nationalen Sicherheit eingeschränkt worden.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wird dieser
Faktor ein weniger großes Hindernis darstellen, aber
aufgrund der gebotenen Vertraulichkeit wird nach wie
vor die Tendenz bestehen, die Versorgung mit
wesentlichen Informationen auf einige wenige Zuständige zu begrenzen.
Ein bedeutenderes Hindernis für eine wirksame
Beteiligung der Parlamente besteht im Wesen der
Verteidigung selbst: Sie unterscheidet sich von
anderen Bereichen der Regierungsarbeit, weil das
Militär durch eine starke Gruppenidentität gekennzeichnet ist und seine Aufgabe darin besteht, sich auf
Konflikte und die Möglichkeit eines Verlustes an
Menschenleben vorzubereiten. Dadurch wird es zu
einer heiklen Frage, ob sich Personen, die nicht den
Streitkräften angehören, mit Verteidigungsfragen
befassen sollen. Manch einer tendiert zu der Ansicht,
daß militärische Angelegenheiten auch am besten
den Militärs überlassen werden sollten. Sicherlich
gehört ein Großteil dieser militärischen Aufgaben zu
Recht in die Domäne der militärischen Fachleute, die
ihr Leben damit verbringen, die Kriegführung zu
untersuchen und zu vervollkommnen. Ab einem
gewissen Stadium müssen diese militärischen Aktivitäten jedoch von der politischen Führung überprüft
werden, d. h. von den Vertretern der Wähler, in deren
Namen sie durchgeführt und mit deren Mitteln sie
bezahlt werden. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, daß die militärischen Erfordernisse fest in einem politischen Rahmen verankert
sind und die politischen Ziele und Schwerpunkte
eines Landes widerspiegeln.
Die parlamentarische Beteiligung an der Organisation
und Kontrolle der Streitkräfte erfordert, daß diese
Besonderheiten anerkannt werden, aber sie verlangt
vor allem ein gewisses Verständnis für militärische
Angelegenheiten, wenn nicht sogar eine direkte
fachliche Kompetenz. Wenn das Militär das Primat
der Politik anerkennt, dann kann es auch berechtigterweise annehmen, daß die Politiker ihre Verantwortung ernst nehmen.
Der Erwerb fachlicher Kompetenz und die Entwicklung von Verständnis erfordern jedoch Zeit und
Engagement. Der zivile und der militärische Fachmann verfügen über beides; dies gilt aber nicht

AMERIKA DIENST 50

�unbedingt für Parlamentarier, die sich mit vielen
Problemen gleichzeitig befassen müssen. Es ist
also kein Zufall, daß der Lehrgang des MarshallZentrums für staatliche und militärische Bedienstete
fünf Monate dauert, während für Parlamentarier ein
zehntägiger Sommerkurs abgehalten wurde.
Angesichts dieser Sachzwänge und der Einschränkungen, die sich aus dem Wesen der parlamentarischen Arbeit selbst ergeben, läßt sich eine wirksame
Beteiligung der Parlamente an Verteidigungsfragen
am besten durch eine unterstützende Infrastruktur
erreichen. Eine derartige Infrastruktur sollte folgendes umfassen: Qualifiziertes Personal, das in bezug
auf Regierungsvorlagen eine verläßliche und sachkundige Beratung sicherstellen kann, Forschungsabteilungen und unabhängige Forschungsinstitute für
eine eingehende und objektive Erforschung und
Analyse der jeweiligen Fragen sowie gründlich
recherchierende Medien.
Die parlamentarische
Arbeit im Verteidigungsbereich sollte einen wichtigen
Teil eines allgemeinen Sicherheitsumfelds bilden, in
dem der Sicherheitsbereich demokratisiert wird. Das
bedeutet, daß Sicherheitsfragen ungehindert öffentlich erörtert werden können und nicht mehr die
ausschließliche Domäne einiger weniger darstellen.
Interparlamentarische Organisationen sind ein wichtiges Element einer derartigen unterstützenden Infrastruktur. Die Nordatlantische Versammlung spielt
als interparlamentarischer Arm der NATO seit
langem eine wichtige Rolle, wenn es darum geht,
den Gesetzgebern in ihren jeweiligen nationalen
Parlamenten zu mehr Wirksamkeit bei der Beeinflussung der nationalen Verteidigungspolitik zu
verhelfen. Die Nordatlantische Versammlung ist seit
jeher ein transatlantisches Forum für den Dialog
zwischen Parlamentariern und dient dem Austausch
von Kenntnissen, Informationen und Erfahrungen.
Seit 1989 erstreckt sich diese Aufgabe auch auf die
Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Status eines
assoziierten Mitglieds ermöglicht 14 Parlamenten
eine uneingeschränkte Beteiligung an der Arbeit der
Versammlung. Hinzu kommt ein Programm von

*

AMERIKA DIENST 50

*

Fachseminaren über Fragen von besonderem thematischem oder regionalem Interesse sowie ein Ausbildungsprogramm für Parlamentsmitarbeiter.
Diese Maßnahmen zielen darauf ab, unser Bekenntnis zu dem derzeitigen Demokratisierungsprozeß in
den mittel- und osteuropäuschen Staaten und zu ihrer
künftigen Eingliederung in die westliche Staatengemeinschaft unter Beweis zu stellen; ferner sollen sie
auf praktischer Ebene durch die Weitergabe sowohl
unserer positiven als auch unserer negativen Erfahrungen als Gesetzgeber den Demokratisierungsprozeß stärken.
Die letzte Voraussetzung für die Effektivität der
Parlamente besteht in der Zusammenarbeit mit der
Exekutive. Die wenigsten Regierungen schätzen die
Überprüfung und Beaufsichtigung durch das Parlament, denn allzu häufig wird dies als störend empfunden. Die parlamentarische Kontrolle kann daher
zu einer gewissen Spannung zwischen der Legislative und der Exekutive führen. Es gilt jedoch sicherzustellen, daß diese Spannung so kreativ wie möglich
ist. Ein erfolgreiches Zusammenspiel zwischen den
drei Elementen der zivilen Kontrolle - den Zivilisten,
den militärischen Fachleuten und den Parlamentariern - ist davon abhängig, daß die verschiedenen
Gruppen die fachliche Kompetenz der jeweils anderen respektieren.
Die demokratische politische Kontrolle der Streitkräfte
ist daher mehr als eine bloße Festlegung von Gesetzen und Verfahrensweisen; sie ist ein Prozeß, an
dem die Parlamentarier wesentlich beteiligt sind. Das
PFP-Programm und seine zahlreichen Aktivitäten
werden auf der Regierungsebene die nötigen Voraussetzungen für eine Annäherung der Staaten in
diesem entscheidenden Bereich schaffen.
Die
Nordatlantische Versammlung wird ihrerseits weiterhin ihren Teil dazu beitragen, daß die Parlamentarier
sich aktiv und konstruktiv an der Erarbeitung der
Verteidigungspolitik beteiligen und sicherstellen
können, daß die politische Kontrolle auch auf wirklich
demokratische Weise erfolgt.

*

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
21. Dezember 1994

UNO-GREMIUM MISSBILLIGT
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Verabschiedung von Resolutionen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der dritte Ausschuß
der UN-Generalversammlung verurteilte am 13.
Dezember 1994 ausdrücklich den Irak für seine
"massiven Menschenrechtsverletzungen gravierendster Art" mit Massenexekutionen, politischen Attentaten in der kurdischen und schiitischen Region,
systematischer Folter sowie Dekreten, in denen
grausame und ungewöhnliche Strafen vorgeschrieben werden.
Der Ausschuß, der sich mit sozialen, humanitären
und kulturellen Themen befaßt, verabschiedete mit
überwältigender Mehrheit die scharf formulierte
Resolution nach Prüfung eines Berichts des Sonderberichterstatters der UN-Menschenrechtskommission, Max van der Stoel, der den Irak seit mehreren
Jahren nicht besuchen durfte.
Der Ausschuß billigte diese und andere Maßnahmen
am 13. und 14. Dezember, darunter Resolutionen
über Menschenrechtspraktiken in Irak, Sudan und
Birma.
Die Abstimmung über die Irak-Resolution erfolgte mit
105 zu 3 Stimmen bei 45 Enthaltungen. Die einzigen Länder, die gemeinsam mit dem Irak gegen
die Maßnahme entschieden, waren Libyen und der
Sudan.
Der Sudan unterliegt aufgrund seiner
Menschenrechtsbilanz selbst internationaler Prüfung.
Die Abstimmung des Ausschusses, zu dem Vertreter
aller UN-Mitgliedstaaten gehören, ist im allgemeinen
ein Indikator für die Abstimmung über die Resolution
im Plenum der Generalversammlung, die für nächste
Woche anberaumt ist.
Die Resolution mißbilligte ferner die Weigerung von
Bagdad zur Zusammenarbeit mit dem UN-Sicherheitsrat beim Verkauf von Öl im Wert von 1,6
Milliarden Dollar als Bezahlung für die dringend
benötigte humanitäre Hilfe, wodurch der irakischen
Bevölkerung angemessene Nahrungsmittel- und
medizinische Versorgung verwehrt wird. Die Resolution brachte "besondere Bestürzung" über die
repressiven Praktiken der Regierung gegen die
Kurden zum Ausdruck, die Auswirkungen auf das

AMERIKA DIENST 50

Leben der gesamten irakischen Bevölkerung haben,
und forderte die Regierung zur unverzüglichen
Beendigung der Austrocknung der Marschen im
Süden sowie ihrer militärischen Aktivitäten gegen die
in den Marschen lebenden Araber auf.
In seinem Bericht stellte van der Stoel fest, die
Menschenrechtssituation im Irak habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert, als das Regime in
Bagdad Folter, Terror sowie die Verweigerung von
Nahrungsmitteln und Gesundheitsfürsorge zur Kontrolle des Volkes einsetzte. Van der Stoel verwies
auch auf ein neues Dekret, unter dem Dieben die
Amputation ihrer Ohren und Füße angedroht und ein
"x" auf ihre Stirn gebrandmarkt wird. Dem Sonderberichterstatter zufolge betreffen diese Dekrete auch
große Teile der Bevölkerung und sind durch die
Gerichtsbarkeit der Republik Irak anwendbar. "Damit
stellen sie eine Form der Folter dar."
Van der Stoel erklärte, "Agenten des Irak zugeschriebene politische Attentate charakterisieren die Menschenrechtssituation im Irak", und durch diese Form
des Terrors unterdrücke die Regierung die Opposition.
"Jedes Zeichen von Opposition - selbst das kleinste
Anzeichen, daß eine Person nicht vollständig mit der
Regierung übereinstimmt - kann zu Folter, Inhaftierung oder sogar zum Verlust des Lebens führen", so
van der Stoel.
In einer getrennten Resolution forderte der Ausschuß
ferner die kubanische Regierung zur Einhaltung
internationaler Menschenrechtsnormen und zur
Beendigung der Bestrafung von politischen Gegnern
auf.
Die Resolution, die an Havanna appelliert, den
Besuch des Sonderberichterstatters in Kuba zu
gestatten, wurde mit 62 zu 22 Stimmen bei 64
Enthaltungen verabschiedet. Die meisten lateinamerikanischen Staaten mit Ausnahme von Argentinien enthielten sich der Stimme, aber Rußland und
die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die

Seite 1

�während des Kalten Krieges enge Beziehungen zu
Kuba unterhielten, stimmten zugunsten der Resolution.
Die Resolution "bedauert ausdrücklich die zahlreichen unbestrittenen Berichte über Verletzungen von
Grundrechten und -freiheiten", die im Dokument des
Sonderberichterstatters Carl-Johan Groth enthalten
sind, der das Land nicht besuchen durfte. Die
Resolution fordert die Regierung darüber hinaus auf,
mit Groth zusammenzuarbeiten sowie ihm uneingeschränkten und freien Zugang zu Regierungsvertretern und Bürgern in ganz Kuba zu gestatten.
In seinem Bericht machte Groth politische Unterdrückung und die Wirtschaftspraktiken der Regierung
für die Probleme Kubas mit der Feststellung verantwortlich, die zugrundeliegenden Ursachen seien
vornehmlich institutioneller und innenpolitischer
Natur.
"Die gängige politische Repression verhindert die
Suche nach Lösungen der Probleme einer Gesellschaft in einer ernsthaften Krise und verursacht
gleichzeitig tragische Situationen beim einzelnen und
der gesamten Bevölkerung", erläuterte der Sonderberichterstatter in seinem 22seitigen Dokument. Er
führte gravierende Probleme und Verletzungen von
Menschenrechtsnormen bei Rede- und Koalitionsfreiheit auf, dem Recht zur Gründung und dem
Beitritt zu Gewerkschaften, Pressefreiheit, dem
Recht auf Aus- und Einreise, Haftbedingungen sowie
dem Genuß wirtschaftlicher, sozialer und kultureller
Rechte.
Obwohl wirtschaftliche Unzulänglichkeiten nicht
zwangsläufig Menschenrechtsverletzungen darstellen, sind diese Mängel Groth zufolge "ein Hindernis für jede Art von Reformen, die Menschenrechtsverletzungen beseitigen oder zumindest mildem
sollen".
Der Ausschuß brachte auch seine "tiefe Besorgnis
über die ernsthaften und andauernden Menschenrechtsverletzungen im Sudan zum Ausdruck, darunter Massenexekutionen, Inhaftierungen ohne
ordentliches Gerichtsverfahren, Zwangsumsiedlungen, Folter und Zwangsarbeit".
Bei der Annahme der Resolution mit 93 zu 13
Stimmen bei 47 Enthaltungen forderte der Ausschuß
die Regierung des Sudan zur unverzüglichen Einstellung aller Luftangriffe auf zivile Ziele im südlichen
Sudan auf. Der Ausschuß appellierte ferner an die
Regierung und die anderen kriegführenden Parteien,
einem sofortigen Waffenstillstand zuzustimmen, ihre
Anstrengungen zu einer Beilegung der Streitigkeiten
zu verdoppeln und humanitären Organisationen die

Seite 2

Lieferung der dringend benötigten Hilfe für die
Zivilbevölkerung zu gestatten.
Die Resolution gründete sich auf das letzten Monat
von Sonderberichterstatter Gaspar Biro vorgelegte
Dokument, in dem Biro besondere Aufmerksamkeit
auf willkürliche Luftangriffe der Regierung auf die
Zivilbevölkerung, den Einsatz von Kindern als Soldaten durch alle Parteien, die andauernde Einmischung aller Parteien in die Verteilung humanitärer
Hilfslieferungen und den zunehmenden Einsatz von
Landminen lenkte.
Biro stellte fest, alle von den Sicherheitskräften der
Regierung Verhafteten riskierten "schlechte Behandlung" und die geheime Inhaftierung in als "Geisterhäusern" bezeichneten Zentren. Er erwähnte den
Fall von Vater Aliaba James Surer, einem in Khartum
lebenden Politiker, der offensichtlich im Mai verhaftet,
geprügelt und gefoltert wurde, weil er 1993 mit Biro
gesprochen hatte.
Obwohl Biro die Volksbefreiungsarmee des Sudan
(SPLA) für die Plünderung der Hilfslieferungen
verantwortlich machte, ging er besonders hart mit der
Regierung ins Gericht und beschuldigte sie einer
willkürlichen Politik, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen den Zugang zu bestimmten Gebieten zu verweigern, insbesondere Fluggenehmigungen in Zonen,
in denen von ernsthaften Menschenrechtsverletzungen der Regierung berichtet wird, oder Zonen wie die
Nubaberge, die von der SPLA kontrolliert werden.
"Frauen und Kinder sind weiterhin die verletzlichsten
Gruppen, die mutwillig von Agenten zum Ziel gemacht werden, die für die Regierung des Sudan und
in ihrem Namen handeln", äußerte Biro, der auch die
Aufmerksamkeit auf die Studenten lenkte, die "zunehmend Opfer der Unterdrückung durch die Sicherheitsund Polizeikräfte werden".
In der einstimmig angenommenen Resolution zu
Birma mißbilligte der Ausschuß die andauernden
Menschenrechtsverletzungen in diesem Land und
forderte Rangun zur unverzüglichen und bedingungslosen Freilassung der Nobelpreisträgerin Aung San
Suu Kyi auf.
Die Resolution appelliert an Birma, die Menschenrechte einzuhalten und Zwangsarbeit, Folter, Mißbrauch von Frauen, Verschleppung und Massenexekutionen zu beenden. Die Vereinten Nationen
und Menschenrechtsgruppen haben über Zwangsarbeit bei Bahnarbeiten und Bauprojekten ohne
Bezahlung, Nahrungsmittel oder medizinische Versorgung berichtet. Das Militär wurde der Vergewaltigung von Frauen beschuldigt und es gab Berichte,

AMERIKA DIENST 50

�daß die Zahl von zur Prostitution nach Thailand
verkauften Frauen zunimmt.
Die verglichen mit den Resolutionen vorheriger

Jahre gemäßigter formulierte Resolution begrüßt die
jüngsten Treffen zwischen der Regierung und Aung
San Suu Kyi sowie die Gespräche der Regierung mit
Generalsekretär Boutros-Ghali.

* * * * *

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

�AIDS
21. Dezember 1994

NEUES UN-PROGRAMM ZUR BEKÄMPFUNG
DER EPIDEMIE
Versuchsreihen für Impfstoff
GENF - (AD) - Der Direktor des neuen gemeinsamen AIDS-Programms der Vereinten Nationen
erklärte bei einer Pressekonferenz am 16. Dezember
1994, er beabsichtige einen vielschichtigen Ansatz
zur Bekämpfung der Epidemie, der Entwicklung und
Menschenrechte fördert sowie sich auf die Auswirkungen der Krankheit für den einzelnen, die
Gemeinden und Gesundheitsämter konzentriert.
"Bereits vor fünf oder zehn Jahren wurde klar, daß
diese Krankheit alle Schichten und alle Aspekte der
Gesellschaft und des menschlichen Lebens betrifft",
stellte Dr. Peter Piot fest. "Bei der Vorbeugung
gegen AIDS und der Kontrolle der Epidemie gibt es
kein Patentrezept oder nur einen allgemeingültigen
Ansatz."
"Die Herausforderung" des neuen behördenübergreifenden Programms bestehe darin, "das richtige
Gleichgewicht zu finden", so Piot.

"Wir betreten mit der Zusammenführung der sechs
Behörden in dieser Art Neuland, aber ich bin zuversichtlich, daß wir es aufgrund der Natur des Problems
schaffen, das Behörden ebenso verbinden kann wie
es Menschen verbindet".
In vieler Hinsicht wird das gemeinsame Programm
"eine Art Testfall oder Experiment" für die behördenübergreifende Zusammenarbeit der Vereinten Nationen bei anderen globalen Themen", fügte Piot hinzu.
Seit 1987 wurden die internationalen Bestrebungen
zur Bekämpfung der AIDS-Epidemie vom Globalen
AIDS-Programm der WHO (Global Program on AIDS
- GPA) koordiniert. Das WHO-Programm wird seine
Arbeit unter der Leitung von Dr. Michael Merson bis
Ende 1995 fortsetzen, wenn einige seiner Komponenten Piot zufolge von dem neuen behördenübergreifenden Programm übernommen werden.
Sitz des Programms wird Genf sein.

Das Programm der Vereinten Nationen kombiniert
die Maßnahmen zur AIDS-Bekämpfung sechs
unterschiedlicher Programme: Des Kinderhilfswerks
der Vereinten Nationen (UNICEF), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), der
Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung,
Wissenschaft und Kultur (UNESCO), des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNPF), der
Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation
(WHO).
Am 12. Dezember 1994 ernannte UN-Generalsekretär Boutros-Ghali Piot, einen 45jährigen belgischen
Arzt, der seit über einem Jahrzehnt auf dem Gebiet
der AIDS-Forschung und -Bekämpfung tätig ist, zum
Leiter des neuen Programms. Das Ziel der gemeinsamen Bestrebungen, erläuterte Boutros-Ghali, sei
die "Harmonisierung unserer Bemühungen, Koordinierung unserer Aktionen und Verringerung von
Duplizität".
Piot stellte fest, er gebe sich "keinen Illusionen
bezüglich der bevorstehenden Herausforderungen
hin".

AMERIKA DIENST 50

Am Anfang versuchte die internationale Staatengemeinschaft, AIDS als reines Gesundheitsproblem zu
bewältigen, erklärte Piot, aber "im Lauf der Jahre
haben wir gesehen, daß das nicht genug ist".
Das neue Programm wird sich auch eingehender mit
den Auswirkungen der Krankheit auf den einzelnen,
die Gemeinden und Gesundheitsämter befassen, so
Piot.
Die WHO wird medizinisches und technisches Fachwissen für das Programm zur Verfügung stellen und
die Anfang dieses Jahres unterbreiteten Pläne für
Versuchsreihen mit Impfstoffen in die Praxis umsetzen.
Die WHO erteilte ihre Zustimmung zu umfassenden
Versuchsreihen mit gentechnisch manipulierten
Impfstoffen bei einem Treffen vom 13.-14. Oktober
1994. Der WHO zufolge erwiesen sich die Impfstoffe
bei kleinen Versuchsreihen am Menschen als sicher
und haben erwiesenermaßen Schimpansen vor der

Seite 1

�Infektion mit den humanen Immunschwächeviren
(HIV) geschützt, die AIDS verursachen.
Die Vorbereitungen für die großangelegten Versuchsreihen mit zwei Impfstoffen sind jetzt im
Gange, so Piot, aber die tatsächlichen Versuchsreihen werden wegen der Pilotstudien und der noch
zu leistenden Vorbereitungsarbeit erst in zwei Jahren
beginnen.
*

Seite 2

*

Zwei Länder - Thailand und Brasilien - haben ihr
Interesse für eine Teilnahme an den Versuchsreihen
zum Ausdruck gebracht, und es wurde ein Gesamtplan entworfen. Der genaue Umfang der umfassenden Testreihen wurde noch nicht festgelegt, könnte
sich aber auf 3.000 bis 20.000 Menschen erstrecken,
äußerte Piot.

*

*

AMERIKA DIENST 50

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Innenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton schlägt Steuersenkungen für Mittelschicht vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten an die Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Nichtverbreitungspolitik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Lynn Davis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die demokratische Kontrolle der Streitkräfte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Charlie Rose&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;UNO-Gremium missbilligt Menschenrechtsverletzungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Verabschiedung von Resolutionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues UN-Programm zur Bekämpfung der Epidemie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Versuchsreihen für Impfstoff&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

14. Dezember 1994

49

DEMOKRATISCHE PARTEI

CLINTON UMREISST AUSSEN- UND
INNENPOLITISCHE ZIELE
Rede des Präsidenten

AMERIKA-GIPFEL

GIPFEL SOLL ANTEIL ALLER
AM WOHLSTAND SICHERN
Rede von Staatssekretär Summers

MENSCHENRECHTE

TAG DER MENSCHENRECHTE 1994
Proklamation des Präsidenten

KULTUR

PREISVERLEIHUNG AN FÜNF HERAUSRAGENDE AMERIKANISCHE KÜNSTLER
Auszeichnung des Kennedy Centers

PORTRAT

RUBIN WIRD NACHFOLGER VON BENTSEN
Porträt des designierten Finanzministers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�DEMOKRATISCHE

PARTEI
14. Dezember 1994

CLINTON UMREISST AUSSEN- UND
INNENPOLITISCHE ZIELE
Rede des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer am 6. Dezember 1994 vor der Democratic Leadership Conference (DLC)
gehaltenen Rede stellte Präsident Clinton fest, außenpolitisches Ziel der Vereinigten Staaten in den nächsten
beiden Jahren müsse sein, in der Welt stark engagiert zu bleiben, eine starke und fähige Verteidigung
aufrechtzuerhalten und Handel zu erweitern, nicht zu begrenzen.
Der Präsident zog ferner eine Bilanz der Innenpolitik seiner Partei in den vergangenen beiden Jahren und
schlug einen Aktionskurs der Partei für die Zukunft vor.
"Die grundlegende Aufgabe der Partei ist die Erweiterung von Chancen, nicht eine Aufblähung des
Regierungsapparats", erklärte Präsident Clinton. "Wir müssen unsere Überzeugungen klar bekräftigen. Wir
müssen sagen, was wir geleistet haben und stolz darauf sein. Und wir müssen die Republikaner in einem
Geist echter Partnerschaft einbeziehen und sagen: ...'Wir wollen einen Ideenwettstreit veranstalten.'"
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Heute abend möchte ich mit Ihnen darüber sprechen, was wirklich in diesem Land vor sich geht,
nicht darüber, wer bei den Demokraten oder den
Republikanern verliert oder gewinnt, sondern wer in
Amerika verliert oder gewinnt.
Ende 1991 stürzte ich mich vor allem in den Präsidentschaftswahlkampf, weil ich in meinem tiefsten
Inneren davon überzeugt war, daß in diesem Land
etwas nicht stimmt, daß wir Gefahr liefen, den
Amerikanischen Traum zu verlieren, daß mehr
Menschen härter für weniger arbeiten, daß arme
Menschen, die sich zur Mittelschicht hocharbeiten
wollten, dies nicht konnten, daß wir keinen Zusammenhalt zeigten, als wir dies sollten und das politische System den Punkt erreicht hatte, an dem es
praktisch unfähig war, die grundlegenden Probleme
zu bewältigen.
Ich stellte mich zur Wahl in der Überzeugung, daß
ich als Bürger etwas dagegen unternehmen sollte.
Ich stellte mich zur Wahl, weil ich aufgrund meiner
Erfahrungen als Gouverneur glaubte, daß man
wirklich die Ärmel hochkrempeln, parteipolitische und
andere Grenzen überschreiten und echte Probleme
lösen kann, die reale Menschen haben. Ich stellte
mich zur Wahl, weil die DLC mich überzeugte, daß
Ideen in nationaler Politik ebenso wie bei anderen

AMERIKA DIENST 49

öffentlichen
könnten.

Unternehmen

von

Bedeutung

sein

Und als ich diese Kampagne startete, gab mir niemand außer meiner Mutter große Chancen, zu
gewinnen. Ich hatte jedoch Angst davor, daß ich
gewinnen könnte und die Menschen nicht verstehen
würden, wie schwierig es sein würde, wirkliche
Veränderungen vorzunehmen - nicht nur Dinge im
wesentlichen zu verändern, sondern auch die Kultur
Washingtons zu berücksichtigen und den Menschen
auf dem Land zu vermitteln. Außerdem gegenseitige
Kommunikation sicherzustellen, nicht den Kontakt zu
den Menschen zu verlieren, nie dieses mystische
Band zu überdehnen, das zwischen dem Präsidenten, einer Regierung und dem Volk bestehen muß.
Ich wußte, daß viele Gefahren bestanden. Eine war,
nur die schwierigsten Themen in Angriff zu nehmen.
Wenn es leichte Probleme wären, hätte jemand
anderes sich mit ihnen befaßt, weil dies einer Meinungsumfrage zufolge populär gewesen wäre. Die
zweite Gefahr ist, man macht Fehler, wenn man viele
Dinge in kurzer Zeit bewältigen will. Und ich habe
meinen Teil an Fehlern gemacht, das gestehe ich ein.
Die dritte Gefahr besteht darin, daß man in schwierigen Zeiten leicht mißverstanden wird, wenn man weit
von dem Mann auf der Straße entfernt ist. Man wird
dann leicht dämonisiert und eben die, denen man am

Seite 1

�meisten zu helfen versucht, wenden sich von einem
ab.
Das ist es, was ich an dieser Wahl mehr als alles
andere bedauere. All die Menschen, die für niedrigere Löhne und weniger Sicherheit härter als vor 10
Jahren arbeiten, sind diejenigen, denen zu helfen ich
im Wahlkampf versprochen habe. All die Menschen,
die versuchen, die Regeln einzuhalten, die es müde
sind, daß andere Sozialleistungen erhalten, die sie
nicht verdienen, die das System ausbeuten, egal ob
sie reich oder arm oder irgendwo dazwischen sind sie sind diejenigen, für die die Demokratische Partei
eintreten sollte und diejenigen, die letztlich profitieren
werden, wenn wir auf dem richtigen Kurs bleiben.
Wir haben vieles getan, was ihnen nicht besonders
gefiel, vor allem, nachdem es ihnen erklärt wurde.
Meines Erachtens hatte ich recht, Diskriminierung
und Intoleranz abzulehnen, aber viele dachten, ich
kümmere mich mehr um Minderheiten als die
Probleme der Mehrheit.
Meines Erachtens hatten wir recht, als wir uns gegen
den Verband der amerikanischen Waffenbesitzer
stellten und sagten, wir müßten diese Schußwaffen
von der Straße verbannen. Aber weit von den
Schlachtfeldern der Innenstädte entfernt, sagten die
auf dem Land Wohnenden: "Mein Gott, ich zahle so
viele Steuern, ich kann meinen Arbeitsplatz nicht
behalten, und jetzt wollen sie auch noch meine
Waffe. Warum lassen sie mich nicht einfach in
Ruhe?"
Meines Erachtens hatten wir recht, als wir für den
Abbau dieses schrecklichen Haushaltsdefizits
kämpften. Ich möchte Ihnen etwas sagen. Der
Haushalt wäre in diesem Jahr ausgeglichen, wenn
wir nicht die Zinsen für die in den Jahren aufgelaufenen Schulden zahlen müßten, als die Republikaner
die Kontrolle hatten und das Land in den Graben
steuerten.
Und bevor Sie dem Sirenengesang lauschen, den
Sie nächstes Jahr vernehmen werden, sollten Sie
sich folgendes vor Augen halten: 28 Prozent Ihrer
Einkommensteuer sind für die Zinsen der in den 12
Jahren vor unserer Amtsübernahme gemachten
Schulden. Wir haben also recht, dies zu tun.
Und ich denke, wir hatten recht, einen Weg zur
Verhinderung einer dreimal höheren Kostenexplosion
im Gesundheitswesen als die Inflationsrate zu
suchen, zu verhindern, daß die Menschen ihre
Gesundheitsfürsorge verlieren, wenn sie ein krankes
Kind haben oder einen anderen Arbeitsplatz annehmen wollen. Wir hatten recht, mittelständischen
Unternehmen und Freiberuflern eine finanzierbare

Seite 2

private Krankenversicherung zu ermöglichen. Aber
als diese Projekte dem amerikanischen Volk vorgelegt wurden, charakterisierte man in beiden Fällen
die Demokraten als die Partei der Regierung und der
Steuern. Und die Amerikaner haben kein großes
Vertrauen in die Regierung, weil sie für weniger Geld
härter arbeiten.
Die männlichen Arbeitnehmer ohne Collegeabschluß
verdienen in diesem Land 12 Prozent weniger als vor
10 Jahren und arbeiten mehr Stunden. Wir sind das
einzige Land der Welt mit einer modernen Wirtschaft,
in dem der Prozentsatz der Bevölkerung unter 65
Jahren mit einer Krankenversicherung heute niedriger
ist als vor 10 Jahren.
Manchmal sind Sie nicht glücklich, selbst wenn
jemand etwas Gutes tut - weil Ihnen das Resultat
nicht gefällt. Es gibt immer noch Menschen, die das
fast umbringt, die denken: Ich tue alles in meiner
Macht Stehende - ich habe eine längere Arbeitswoche, ich kann mir keinen Urlaub mehr leisten, ich
bezahle mehr für die Gesundheitsfürsorge, ich könnte
morgen meinen Arbeitsplatz verlieren, mein Kind
könnte auf dem Weg zur Schule erschossen werden,
und mein ganzes Geld geht an Leute, die sich nicht
richtig verhalten. Das ist es, was die Menschen
denken.
Und sie sind diejenigen, für die ich mir in den letzten
beiden Jahren fast ein Bein ausgerissen habe, um
ihnen und denjenigen zu helfen, denen sie zu helfen
versuchen. Können wir sie zurückgewinnen? Ganz
sicher. Aber sie müssen wissen, daß wir die Botschaft bei der Wahl vernommen haben. Sie müssen
wissen, daß wir die Botschaft verstanden haben.
Aber wir können ihnen nicht sagen, daß wir immer
zustimmen. Wir können es ihnen nicht sagen, selbst
wenn der Preis dafür sehr hoch ist. Manchmal treffen
Leute Entscheidungen, wenn sie äußerst verärgert
sind. Und manchmal sind diese Entscheidungen gut,
aber bisweilen ist das auch nicht der Fall.
Mit das erste, was ich als Kind gelernt habe, war,
zähle bis 10, Bill, bevor du etwas sagst. Ich tue es
zwar noch nicht immer, aber jedes Mal, wenn ich es
nicht tue, tut es mir leid.
Es gibt kein Patentrezept für eine perfekte Welt in
schwierigen Zeiten des Wandels, in denen jede Wahl
gut ausgeht und alle glücklich sind. Aber das amerikanische Volk muß erfahren, daß wir es gehört
haben, weil es das Volk ist, dem zu helfen ich beim
Präsidentschaftswahlkampf versprochen habe. Mein
ganzes Leben lang, seit ich ein kleiner Junge war,
habe ich Menschen wie diese gesehen, wie sie
mißhandelt und benachteiligt wurden, und ich habe
sie vor Wut schäumen und erbittert und ausgenutzt

AMERIKA DIENST 49

�gesehen. Wir schulden es ihnen, sie wissen zu
lassen, daß wir sie gehört haben, für sie kämpfen
und unsere Leistung erbringen werden.
Ich möchte drei Dinge sagen. Wir müssen unsere
Überzeugungen klar bekräftigen.
Wir müssen
sagen, was wir geleistet haben und stolz darauf sein.
Und wir müssen die Republikaner in einem Geist
echter Partnerschaft einbeziehen und sagen: Sie
haben neue Ideen. Wir auch. Wir wollen einen
Ideenwettstreit veranstalten. Aber hört auf mit dieser
Dämonisierung und nehmt die Arbeit in Angriff,
Amerika bei der Gestaltung dieses Landes behilflich
zu sein.
Wenn Sie in den nächsten zwei oder drei Tagen
wissen wollen, wie Sie unsere Prinzipien klar formulieren sollen, dann lesen Sie die Erklärung von New
Orleans von vor fünf Jahren. Sie ist optimal. Wir
glauben, das Versprechen Amerikas sind gleiche
Chancen, nicht gleiche Ergebnisse. Die grundlegende Aufgabe der Partei ist die Erweiterung von Chancen, nicht eine Aufblähung des Regierungsapparats.
Amerika muß in der Welt stark engagiert bleiben,
nicht sich zurückziehen. Die Vereinigten Staaten
müssen eine starke und fähige Verteidigung aufrechterhalten. Der richtige Weg zum Wiederaufbau der
wirtschaftlichen Sicherheit Amerikas sind Investitionen in unsere Menschen und eine Erweiterung des
Handels, nicht seine Begrenzung.
Wir glauben an die Verhinderung von Verbrechen
und die Bestrafung von Kriminellen, nicht an die
Erklärung ihres Verhaltens. Der Zweck von Sozialleistungen besteht darin, die Armen in den Wirtschaftskreislauf einzubeziehen, nicht sie in Abhängigkeit zu halten. Die Regierung sollte die Freiheit
des einzelnen respektieren und sich aus dem
Privatleben und persönlichen Entscheidungen
heraushalten. Wir glauben an die Moral und die von
den meisten Amerikanern geteilten kulturellen Werte
- Verantwortung des einzelnen, Toleranz, Arbeit,
Glaube und Familie.
Wir glauben, daß die amerikanische Staatsbürgerschaft sowohl Rechte als auch Pflichten enthält.
Und wir werden unsere Bürger bitten, ihren Gemeinden und ihrem Land etwas zurückzugeben. Ich
glaube daran, und wenn Sie daran glauben, werden
wir eine großartige Zukunft haben.
Ich möchte Ihnen folgendes sagen: Sie müssen
über Ihre Aufgabe in dieser neuen Welt entscheiden,
denn es ist wahr, daß wir in der neuen Demokratischen Partei bereits etwas bewirken. In den vergangenen beiden Jahren wurden trotz einer Atmosphäre der Kontroversen und trotz aller Schwierigkeiten mehr Tagesordnungspunkte der DLC als

AMERIKA DIENST 49

Gesetze verabschiedet, die das Leben der Amerikaner beeinflussen, als jede politische Bewegung in
einem vergleichbaren Zeitrahmen in der Geschichte
der Vereinigten Staaten je bewirkt hat. Und Sie
sollten stolz darauf sein.
Sie sollten keine Auszeichnungen fordern, und wir
sollten keine Auszeichnungen fordern, weil die Löhne
und Gehälter immer noch stagnieren, die Zukunft für
Millionen von Amerikanern noch zu viele Unsicherheiten birgt, das Land vielerorts in Form von zerrütteten
Familien und Kriminalität mit großen Schwierigkeiten
konfrontiert ist und die Regierung viele Menschen zu
stark belastet.
Aber Sie sollten zweifelsohne stolz auf den Anfang
sein, der gemacht wurde. Und wenn Sie dem nicht
Ausdruck verleihen, wird das niemand tun. Deshalb
sollten Sie sich erheben und darauf hinweisen, was
wir geleistet haben. Darauf werden wir aufbauen.
Wir werden Fortschritte machen.

Wir haben die

Botschaft bei den Wahlen vernommen, aber wir
sollten nicht herunterspielen, was bereits für die
Menschen getan wurde, die für die Zukunft dieses
Landes entscheidend sind.
Lesen Sie noch einmal, wofür sich die DLC besonders eingesetzt hat. Grundsätze sind etwas Gutes,
aber früher oder später muß auch etwas getan
werden. Das ist wirklich wichtig. Einer der großen
politischen Denker, der sich heute abend unter den
Zuhörern befindet, den ich jedoch nicht durch Nennung seines Namens in Verlegenheit bringen möchte,
sagte zu mir: "Wissen Sie, Herr Präsident, eines der
Probleme besteht darin, daß Sie versuchen, etwas zu
bewirken." Und er führte einen anderen Politiker als
Beispiel an, der in diesem Land äußerst beliebt ist,
weil er sehr viel redet, aber nichts unternimmt und
somit niemanden vor den Kopf stößt.
Wir versuchen, etwas zu bewirken. Darauf sollten
Sie stolz sein. Es war nicht einfach, erstmals seit
Truman in drei aufeinanderfolgenden Jahren das
Haushaltsdefizit abzubauen. Die DLC forderte uns
dazu auf, und es war keine einfache Aufgabe.
Es war nicht leicht, hierfür ein Konzept zu entwickeln
und Steuersenkungen - den ersten Schritt für Steuererleichterungen der Mittelschicht - für 15 Millionen
Arbeitnehmerfamilien mit 40 Millionen Amerikanern zu
veranlassen, für hart arbeitende Menschen mit
Kindern und bescheidenen Löhnen. Wir wollen nicht,
daß sie von der Sozialhilfe abhängig werden - im
Gegenteil. Wir wollen nicht, daß irgend jemand
aufgrund seiner Steuerlast verarmt. Genau darum
ging es beim Einkommensteuerfreibetrag. Das war
eine Idee der DLC, die wir in die Tat umsetzten.
Damit schufen wir mehr Steuergerechtigkeit, als in

Seite 3

�den letzten 20 Jahren gegeben war. Darauf sollten
wir stolz sein, denn es veränderte das Leben der
Menschen.
Es wurde darüber gesprochen, den Regierungsapparat zu verkleinern. Heute arbeiten verglichem
mit dem Tag meines Amtsantritts 70.000 Beamte
weniger in der Bundesregierung. Wir verringern den
Regierungsapparat um mehr als eine Viertel Million
Beamte. Wenn das getan wird, wofür die hier
anwesenden Kongreßabgeordneten bereits stimmten, haben wir am Ende dieses Haushaltsjahres den
kleinsten Regierungsapparat seit John F. Kennedy.
Das sind unsere bisherigen Leistungen. Die Republikaner wollen mehr unternehmen - wir werden es
tun. Bilden wir eine Partnerschaft. Beginnen wir
einen Wettstreit. Wir haben den Abbau des Regierungsapparats noch nicht abgeschlossen, sollten
aber nicht abstreiten, daß wir den Anfang gemacht
haben. Nicht die Republikaner, sondern wir haben
den Anfang gemacht. Jetzt sollten wir diese Aufgabe gemeinsam angehen und Fortschritte machen.
Und es geschah etwas Dramatisches, das Herr
McCurdy eben erwähnte. Die Demokratische Partei
kehrte dem Protektionismus entschieden den Rükken und wandte sich dem GATT, dem NAFTA, den
asiatischen Staaten, dem bevorstehenden gesamtamerikanischen Gipfel zu. Dies stellte einen grundlegenden Bruch mit der Vergangenheit dar und eröffnete neue Zukunftschancen.
Wir taten das aus einem einfachen Grund. Ungeachtet dessen, was wir unternehmen, wird Druck
ausgeübt, die Löhne niedrig zu halten. Da wir
jedoch Zugang zu Märkten und mehr Fairness
gegenüber amerikanischen Arbeitnehmern und
Unternehmen gefordert haben, werden wir neue,
hochbezahlte Arbeitsplätze für Amerika schaffen.
Das war die Position der DLC. Wir haben beim
Handel mehr Fortschritte gemacht, als zu jeder
anderen Zeit in einer Generation. Sie sollten darauf
stolz sein, diese Leistung verteidigen und darüber
sprechen.
Welche Resultate hat das gebracht? Über fünf
Millionen neuer Arbeitsplätze - in diesem Jahr mehr
Arbeitsplätze in der Baubranche als in den letzten
neun Jahren zusammengenommen, zum ersten Mal
innerhalb eines Jahrzehnts bereits elf Monate
andauerndes Wachstum von Arbeitsplätzen im
Fertigungsbereich. Das sind die Resultate.
Und schließlich beobachten wir einen Anstieg
hochbezahlter Arbeitsplätze - in diesem Jahr wurden
mehr hochbezahlte Arbeitsplätze geschaffen als in
den letzten fünf Jahren zusammengenommen. Wie

Seite 4

lautet die Herausforderung? Die Einkommen zu
erhöhen und den Menschen, die ihren Arbeitsplatz
wechseln, zu helfen, damit sie nicht von Unsicherheit
gequält werden. Das ist die Herausforderung.
Wie können wir das erreichen? Zunächst einmal
müssen wir ein System für lebenslanges Lernen und
Weiterbildung bereitstellen. Wollen Sie das Einkommensgefälle in diesem Land abschaffen? Wir sollten
jedem Amerikaner, der dies wünscht, Ausbildungsförderung zukommen lassen. Das ist die einzige
Möglichkeit.
Schauen Sie sich die bildungspolitische Tagesordnung an. Es war das beste Jahr für Bildung und
Ausbildung seit 30 Jahren. Wir haben Head Start
erweitert, durch Reformen an der Basis den landesweiten Bildungsstandard erhöht, beispielsweise bei
staatlichen Schulen und Bildungsprogrammen, die
von der DLC befürwortet werden, sowie durch
Berufsausbildungsprogramme für junge Leute, die
nicht aufs College gehen. Heute waren 13 Manager
der größten Unternehmen dieses Landes im Weißen
Haus. Wir sprachen darüber, wie wir alle Unternehmen in diesem Land dazu veranlassen können,
an unserem Programm zur Erleichterung des Übergangs ins Berufsleben teilzunehmen, und wie zwei
Millionen junger Menschen, die nach der High School
nicht aufs College gehen, einen guten Arbeitsplatz
erhalten können.
Und betrachten Sie sich das Darlehensprogramm,
das Kindern aus der Mittelschicht den Collegebesuch
erleichtern soll. Wir haben es gegen maßgebliche
Interessengruppen durchgesetzt und damit Millionen
jungen Menschen Zugang zu zinsgünstigen Collegedarlehen geboten, die sie später ihrem Einkommen
entsprechend zurückzahlen können, damit niemand
das Studium aus finanziellen Gründen aufgeben muß.
Hierfür hat sich die DLC eingesetzt. Das amerikanische Volk sollte das erfahren, und Sie sollten stolz
darauf sein.
Weiterhin zu nennen sind das Gesetz über Urlaub
aus familiären Gründen, die Impfung aller Kinder

unter zwei Jahren, strengere Überwachung der
Unterhaltszahlungen für Kinder. Seit März liegt dem
Kongreß die Gesetzesvorlage über eine Reform des
Sozialwesens vor. All dies ist für Amerika von Vorteil.
Diese Administration hat auch versucht, den Bundesstaaten wieder mehr Befugnisse zu geben, was die
DLC immer befürwortet hat. Bereits 20 Bundesstaaten dürfen unter Umgehung von Regeln und Vorschriften der Bundesregierung ihre eigenen Vorschläge zur Sozialreform unterbreiten, neun Bundesstaaten zur Gesundheitsreform. Diese Dinge, die sie
befürwortet haben, wurden von uns bereits in die Tat
umgesetzt.

AMERIKA DIENST 49

�Die Republikaner wollen den Bundesstaaten und
den Städten wieder mehr Macht geben. Sie sollten
ihre Ideen vorbringen. Wir wollen darüber sprechen.
Wir sollten gemeinsam etwas unternehmen. Aber
Sie können nicht abstreiten, daß wir den Anfang
gemacht haben und unsere Projekte gemeinsam mit
den Republikanern zum Abschluß bringen wollen.
Wir müssen noch das Gesetz zur Verbrechensbekämpfung in Kraft setzen. 100.000 weitere Polizisten - das bedeutet, daß kleine Städte und ländliche
Gemeinden im Durchschnitt 20 Prozent mehr Polizisten bekommen. Wenn sie vernünftig eingesetzt
werden, wird die Verbrechensrate gesenkt. Seit
Jahren haben wir uns für eine Stärkung der Polizei
in den Gemeinden eingesetzt. Das ist eine der
Ideen der DLC. Und wir halten Präventionsprogramme für sinnvoll. Studieren Sie unsere Akten. Wir
haben recht. Die Polizei stimmt uns ebenfalls zu.
Wir wollen uns für den Erhalt dieser Präventionsprogramme verwenden. Wir werden diese Polizisten
einsetzen. Wir werden härtere Strafen einführen.
Wenn die Republikaner weitere Ideen zur Verbrechensbekämpfung haben, werden wir sie gerne
hören. Wir sollten jedoch nicht mit der Umsetzung
des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung aufhören, bis wir die Verbrechensrate gesenkt und die
Straßen für die amerikanischen Familien und ihre
Kinder wieder sicherer gemacht haben. Und vergessen Sie nicht, daß wir es waren, die dieses
Gesetz verabschiedeten.
Abschließend möchte ich noch betonen, daß Sie den
nationalen Sozialdienst als Verkörperung dessen
ansehen sollten, was wir unternehmen wollen. Er
wurde von einigen kritisiert, die neu im Kongreß
sind. Es handelt sich hier nicht um ein Regierungsprogramm, sondern um eine Gesellschaft mit Republikanern und Demokraten im Vorstand. Dies ist
keine Angelegenheit der Bürokratie, sondern auf die
Basis ausgerichtet. Es soll das Konzept des Dienstes an Amerika fördern und mit bildungspolitischen
Erleichterungen belohnen. Im nationalen Sozialdienst bemühen sich bereits mehr Menschen an der
Basis um die Lösung der amerikanischen Probleme
als im Peace Corps in seinem besten Jahr. Dieses
Jahr sind es 20.000. Im übernächsten Jahr werden
es 100.000 sein, wenn wir die erforderlichen Geldmittel aufbringen können. So ist der derzeitige
Stand der Dinge. Dies ist die Ansicht der neuen
Demokratischen Partei. Dies ist die Ansicht der
DLC. Wir wollen die Republikaner zur Unterstützung
des nationalen Sozialdienstes aufrufen, um dieses
Land zu dem zu machen, was es sein sollte.
Die beste Möglichkeit hierzu haben Sie bereits
genutzt: Als Gegenstück zu dem Vertrag der Republikaner zehn neue Ideen vorzubringen. Das ist das

AMERIKA DIENST 49

Beste, was getan werden kann. Wir sollten uns
daran halten und für diese Ideen kämpfen.
In der nächsten und übernächsten Woche werde ich
weitere neue Ideen bekanntgeben. Wir wollen das
mit Vision tun. Mit Überzeugung. Wir werden die
erforderlichen Bestrebungen unternehmen. Lassen
Sie uns das Land über die Partei stellen und die
Republikaner auffordern, ebenso zu handeln. Wir
wollen nicht die Errungenschaften aufgeben, für die
die DLC so hart gekämpft hat. Diese Errungenschaften sind nicht liberal oder konservativ. Sie
haben unsere Partei zusammengehalten. Sie werden
unser Land zusammenhalten. Und je mehr das
amerikanische Volk darüber weiß, desto stärker wird
es sie befürworten. Die Antwort besteht darin, das
bereits Geleistete nicht umzukehren, sondern darauf
aufzubauen. Die Antwort besteht darin, sich der
Mittelschicht zuzuwenden und zu sagen:
"Wir
wissen, warum Ihr ärgerlich und frustriert seid. Wir
haben Eure Botschaft bei den Wahlen verstanden.

Wir werden uns nicht auf unsere Grundsätze zurückziehen, sondern uns direkt an Euch wenden, denn wir
sind dazu da, Euch beim Aufbau einer besseren
Zukunft für alle zu helfen. Das ist unser einziges
Ziel."
Wenn wir das tun, wird sich die von den Republikanern geäußerte Prophezeiung unseres Niedergangs
als vollkommen verfrüht erweisen. Ich möchte Sie
jedoch darum bitten, nochmals über Ihre Verantwortung nachzudenken. Wir sprechen immer über die
Pflichten der Menschen. Was ist Ihre Pflicht? Sich
zu mir in die Arena zu begeben, zu kämpfen, die
Ärmel hochzukrempeln, und bereit zu sein, ab und zu
einen Fehler zu machen und sich tüchtig ins Zeug zu
legen, Engagement zu zeigen, zu diskutieren und all
das zu genießen.
Das amerikanische Volk befindet sich inmitten eines
großen Wandels. Aber ich möchte Ihnen eines
mitteilen: Dies ist ein großartiges Land. Wir können
mit diesem Konflikt umgehen. Dies kann sich für uns
als positiv erweisen. Als positiv für unsere Partei,
und, noch wichtiger, als positiv für das amerikanische
Volk. Vergessen Sie nie, daß es kein Zufall war, daß
die Vereinigten Staaten gebeten wurden, sich an der
Beendigung des Nordirlandkonfliks zu beteiligen. Die
Vereinigten Staaten wurden gebeten, sich der Aggression im Golf zu widersetzen, am Friedensprozeß
im Nahen Osten mitzuarbeiten und die Demokratie in
Haiti wiederherzustellen.
Wir engagieren uns für andere Länder, sollten uns
aber manchmal vielleicht etwas mehr mit deren
Augen sehen. Amerika ist ein wunderbares Land.
Wir tragen nicht die Verantwortung dafür, Wahlen zu
gewinnen, sondern für die Menschen zu kämpfen,

Seite 5

�wegen denen Wahlen abgehalten werden. Wenn wir
für sie und ihre Kinder kämpfen, erledigt sich das
Problem der Wahlen von selbst. Und selbst wenn
das nicht der Fall sein sollte, werden wir immer noch

tun, was richtig ist. Dafür setze ich mich ein, und Sie
sollten das auch tun.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 49

�AM E R I K A - G I P F E L
14. Dezember 1994

GIPFEL SOLL ANTEIL ALLER
AM WOHLSTAND SICHERN
Rede von Staatssekretär Summers
MIAMI - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Angelegenheiten im Finanzministerium, Lawrence
Summers, forderte die Staatschefs von 34 Ländern des amerikanischen Kontinents auf zu gewährleisten, daß
der wachsende Wohlstand in ihren Ländern alle Teile der Gesellschaft erreicht und stellte fest, "Demokratie
hat keinen Bestand, wenn sie nicht mit Wohlstand einhergeht".
In einer Rede, die Summers am 6. Dezember 1994, dem letzten Tag eines vom US-Zolldienst für Vertreter der
internationalen Handels- und Finanzwelt abgehaltenen Symposiums über Zoll, Handel und Finanzen hielt,
erklärte er, die Teilnehmerstaaten des vom 9. bis 11. Dezember in Miami anberaumten gesamtamerikanischen
Gipfels müßten eine Gemeinschaft bilden, die durch ein gemeinsames Ziel geeint ist - die Konsolidierung der
Demokratie, marktwirtschaftliches Wachstum und Zusammenarbeit zur Verbesserung staatlicher Institutionen,
von denen sozialer Fortschritt und Wohlstand abhängen.
Diese Punkte werden laut Summers die wichtigsten Gesprächsthemen des Gipfels bilden, der von Präsident
Clinton zur Förderung gemeinsamer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ziele in der Hemisphäre einberufen
wurde. Dem Staatssekretär zufolge ist es von entscheidender Bedeutung, daß der Gipfel und die von ihm
eingeleiteten Initiativen Erfolg haben.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem vorbereiteten Redetext des Staatssekretärs.

Dieses Zeitalter ist außerordentlich aufregend.
Halten Sie sich vor Augen, wie anders unsere
Region verglichen mit der Zeit vor nur fünf Jahren
aussieht.
Wer hätte zu träumen gewagt, daß
Volkswirtschaften, die vor nur einem Jahrzehnt mit
Kapitalflucht zu kämpfen hatten, sich heute darüber
Gedanken machen, wie sie den enormen Kapitalstrom bewältigen, der ins Land drängt - 170 Milliarden Dollar an ausländischen Nettoinvestitionen in
den ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts.
Wer hätte gedacht, daß jahrhundertelang von
Feudalherren und Juntas regierte Nationen heute
einen Mangel an Finanzexperten, Richtern und
Verfassungsexperten verspüren?

an denen man früher den Anstieg des Wechselkurses
daran verfolgen konnte, wie schnell die kleinen
Schuhputzer ihre Preise erhöhten. Und ich habe es
in Mexiko gesehen, wo nahe der Grenze zu den
Vereinigten Staaten neue Fabriken und Unternehmen
entstanden sind.
So sieht die heutige Situation aus. Das sind die
bemerkenswerten, vielfältigen Möglichkeiten, die sich
für Sie alle eröffnen. Das sind Ihre Chancen, deren
Fortbestand der diese Woche stattfindende AmerikaGipfel und weitere Initiativen der Vereinigten Staaten
in Lateinamerika in den kommenden Monaten gewährleisten werden.
Gemeinschaft unserer Hemisphäre

Und wer hätte sich vorstellen können, daß Nationen,
die sich jahrzehntelang abschotteten und Fortschritte
bei Wirtschaft und Handel zurückwiesen, sich heute
öffnen, Handelshemmnisse abbauen und den Weg
für amerikanischen Investitionen und Handel bahnen?
Ich habe es mit eigenen Augen in Buenos Aires
gesehen, wo die Käufer sich auf Straßen drängen,

AMERIKA DIENST 49

Wenn ich eine Zusammenfassung der großen Veränderungen geben sollte, die innerhalb eines so
kurzen Zeitraums in unserer Hemisphäre stattfanden,
würde ich sagen, daß die einst durch Abhängigkeit
gelähmten Nationen jetzt eine Gemeinschaft bilden,
die durch Interdependenz verbunden ist - mit allen
darin enthaltenen Chancen und Pflichten.

Seite 1

�Wir sind eine Gemeinschaft demokratischer Länder,
die überzeugt sind, daß Freiheit und Menschenrechte die größte Chance bieten, Wohlstand für alle
zu gewährleisten. Vor 20 Jahren lebte weniger als
die Hälfte der Menschen südlich unseres Landes in
Freiheit. Heute sind es 90 Prozent. Mexiko, Brasilien, Uruguay - jede Jahreszeit bringt neue Wahlen,
die uns an den Sieg der Demokratie erinnern.
Auf dem gesamten Kontinent kommt eine neue
Generation von Politikern an die Macht, die im
Geiste von Demokratie und bürgerlicher Gesellschaft
erzogen wurden.
Wir sind eine Gemeinschaft wohlhabender Länder
geworden, die auf den beiden Säulen ruht, die
wirtschaftliche Expansion in unseren Gesellschaften
tragen - solide makroökonomische Maßnahmen
einerseits und marktwirtschaftliches Wachstum
andererseits.
Dies zeigt sich an der neuen Betonung von haushalts- und währungspolitischer Zurückhaltung:
Mexiko und Argentinien halten sich beide an die für
die Europäische Währungsunion im Vertrag von
Maastricht niedergelegte Richtschnur niedriger
Inflationsraten und eines geringen Haushaltsdefizits ein Test, den die meisten europäischen Staaten
nicht bestehen.
Dies zeigt sich am Erfolg, den die Länder bei der
Bekämpfung der Inflation hatten - von einer durchschnittlichen Inflationsrate in der Region von 400
Prozent in den achtziger Jahren zu durchschnittlichen 12 Prozent - sowie an der Wahl von Regierungen in Brasilien und andernorts, die sich niedrigen Preisen verpflichten.
Dies zeigt sich an der Tatsache, daß von Kanada bis
Mexiko, von Peru bis Trinidad und Tobago die
Regierungen in staatlichem Besitz befindliche
Unternehmen verkaufen - bisher 2.000 - um den
Aderlaß des Staatshaushalts zu beenden, ihrer
Wirtschaft das Adrenalin des Wettbewerbs zu
injizieren und sich von den Ketten zu befreien, die
einst Initiative und Dynamik privater Unternehmer
fesselten.
Wir sind eine Gemeinschaft von Handelspartnern
geworden. Länder, die jahrzehntelang alles im
Alleingang versuchten - durch hohe Zölle, Ausschluß
ausländischer Investitionen und Autarkie - gelangen
jetzt zu der Erkenntnis, daß Wohlstand entsteht,
wenn Grenzen geöffnet werden und die Volkswirtschaft dem Wind von Wettbewerb und Handel
ausgesetzt wird.

Seite 2

Meinen Zählungen zufolge gibt es in unserer Hemisphäre 23 Handelsvereinbarungen. Betrachten Sie
sich MERCOSUR, das vom 1. Januar an 200 Millionen Brasilianer, Argentinier, Paraguayer und Uruguayer durch freien Handel verbindet. Die Außenzölle werden auf durchschnittlich 14 Prozent - im Fall
von Brasilien verglichen mit vorher 35 Prozent gesenkt. Die aus fünf Ländern bestehende Gruppe
der Andenstaaten schuf vor zwei Jahren eine Freihandelszone. Der mittelamerikanische gemeinsame
Markt senkte die Zölle von durchschnittlich 50 Prozent auf eine Marge von 5 bis 20 Prozent.
Aus diesem Grund hat sich der Handel innerhalb
Lateinamerikas in nur zehn Jahren nahezu vervierfacht - auf 26 Milliarden Dollar. Aus diesem Grund
hat die brasilianische Tochtergesellschaft von General Motors in Argentinien ein Werk im Wert von 100
Millionen Dollar gebaut, um Kleinlastwagen für
Brasilien herzustellen. Aus diesem Grund haben
Argentinien und Chile jetzt eine gemeinsame Gaspipeline, und auf kolumbianischen Finanzmärkten
werden venezolanische Wertpapiere emittiert.
Natürlich war das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) für unsere Wirtschaft die seit
Jahren wichtigste Konjunkturspritze. Bisher wurden
dadurch bereits über 100.000 Arbeitsplätze geschaffen. Unsere Exporte nach Mexiko stiegen in der
ersten Jahreshälfte um 17 Prozent an, dreimal so
schnell wie die Exporte in die übrigen Länder - trotz
der schweren Rezession in Mexiko. Tatsache ist,
daß Mexiko vor kurzem Japan als zweitgrößten
Abnehmer unserer Produkte ersetzte und Kanada,
unser wichtigster Exportmarkt, seine Importe um 10
Prozent erhöhte. Von dem 3000prozentigen Anstieg
der Exporte der Ford Werke bis zu dem Unternehmen Toyota, das eilig auf dem neuen nordamerikanischen Markt Fabriken errichten will, spricht das
NAFTA Bände für das, was auf unserem Kontinent
durch Integration erreicht werden kann.
Mit anderen Worten bilden die Nationen unserer
Hemisphäre jetzt eine Gemeinschaft, die durch ein
gemeinsames Ziel geeint ist - die Konsolidierung der
Demokratie, marktwirtschaftliches Wachstum und
Zusammenarbeit zur Verbesserung staatlicher
Institutionen, von denen sozialer Fortschritt und
Wohlstand abhängen.
Gesamtamerikanischer Gipfel
Dieser Gipfel ist aus ökonomischen Gründen von
entscheidender Bedeutung. Es haben die Staaten
Erfolg, die den schwierigen makroökonomischen Weg
gegangen sind: Peru, das in diesem Jahr die am
schnellsten wachsende Volkswirtschaft hat, Argentinien, dessen Wachstumsrate von 35 Prozent in

AMERIKA DIENST 49

�diesem Jahrzehnt die drittgrößte der Welt war, direkt
hinter China und Thailand. Und ich könnte noch
mehr Beispiele nennen - eine Wachstumsrate von
nahezu 23 Prozent in Chile in diesem Jahrzehnt und
von 15 Prozent in Kolumbien.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse zu
gewährleisten, daß sich die wirtschaftliche Expansion
und unsere Beteiligung daran fortsetzen. Die westliche Hemisphäre wird sich in weniger als zehn
Jahren zu einem Markt von 13 Billionen Dollar
entwickeln. Sie ist bereits unser am schnellsten
wachsender Absatzmarkt mit ganzen 60 Prozent
Exportanstieg im vergangenen Jahr. Wir exportieren
im Wert von nahezu 200 Milliarden Dollar in unsere
Nachbarländer - mehr als unsere Exporte nach
Europa, einschließlich Rußland, und mehr als unsere
Exporte nach Asien. Tatsächlich importiert Venezuela mehr von uns als Rußland, und Ecuador mehr
als Ungarn und Polen zusammengenommen.
Lateinamerika hat für die neunziger Jahre bereits 30
Großprojekte in den Bereichen Energieversorgung
und Infrastruktur im Wert von 140 Milliarden Dollar
geplant. Allein Brasilien wird in den nächsten vier
Jahren 4 Milliarden Dollar für Umweltgüter und
-dienstleistungen ausgeben, auf die wir uns spezialisieren.
Insgesamt wird Lateinamerika am Ende des Jahrhunderts ein besserer Abnehmer unserer Exporte
sein als Westeuropa. Die wirtschaftliche Sicherheit
der Vereinigten Staaten ist immer nur dann gewährleistet, wenn unsere Region dynamisch, im Wachstum begriffen und integriert bleibt.
Erfolg ist auch aus strategischen Gründen entscheidend - zur Verankerung von Stabilität in unserer
Region. Das NAFTA hat uns gelehrt, daß die
Auswirkungen freien Handels weit mehr als nur
wirtschaftlicher Natur sind.
Die mexikanische
Gesellschaft durchlebte Anfang dieses Jahres mit
der Ermordung Colosios eine schwierige Phase. Die
politische und soziale Stabilität wurde aufrechterhalten und der Aufbau der mexikanischen Wirtschaft
fortgesetzt. Meines Erachtens ist es großenteils auf
das NAFTA zurückzuführen, daß Mexiko diese
schwierige Zeit überstand. Und diese Lektion über
Handel als Instrument zur Verankerung wirtschaftlicher und sozialer Reformen enthält für die übrige
Region große Versprechen.
Erfolg ist auch in moralischer Hinsicht entscheidend.
Integration und durch Handel bewirktes Wachstum
sind das einzige Mittel, um allen in der Hemisphäre
lebenden Menschen Wohlstand zu bieten. Dadurch
wird die soziale Stabilität gefestigt und gewährleistet,
daß die Nationen nicht in Bürgerkriege und Unter-

AMERIKA DIENST 49

drückung zurückfallen, denen sie erst kürzlich entronnen sind.
Ich möchte jetzt noch die spezifischen Fragen ansprechen, die auf der Tagesordnung des AmerikaGipfels stehen. Sie gehören in zwei große Kategorien: Erstens Vorschläge zur Förderung von Handel
und Integration, zweitens Bestrebungen zur Verbesserung der Rolle der Regierungen bei der Erfüllung
von Aufgaben, die Demokratie und sozialen Fortschritt untermauern.
Die Tagesordnung für Handel
Die Integration der gesamten Hemisphäre muß ein
Hauptziel der Vereinigten Staaten und ihrer Nachbarstaaten sein. Schätzungen zufolge könnte der
freie Handel über den Kontinent hinweg die amerikanischen Exporte in die Region um 290 Milliarden
Dollar verdreifachen und bis zum Jahr 2003 zusätzlich 4 bis 6 Millionen Arbeitsplätze für unsere Volkswirtschaft schaffen. Hierbei handelt es sich vorwiegend um hochwertige, hochbezahlte Arbeitsplätze.
Diesen Segen müssen wir nutzen.
Die Zölle in Lateinamerika und der Karibik sind immer
noch ungefähr fünfmal höher als in den Vereinigten
Staaten. Diese Zollschranken müssen abgebaut
werden, um unseren Unternehmen unbegrenzten
Zugang zu diesen Märkten zu gewähren sowie
Unternehmen und Verbrauchern auf beiden amerikanischen Kontinenten zu helfen.
Darüber hinaus müssen wir gewährleisten, daß die
jetzt errichteten - kurzfristig zwar hilfreichen - regionalen Freihandelszonen den Markt auf dem Kontinent
nicht langfristig zersplittern.
Ich bin zuversichtlich, daß sich die beim gesamtamerikanischen Gipfeltreffen versammelten Staatsund Regierungschefs auf spezifische Vorschläge zum
Abbau der Zölle und anderer Handelsschranken
einigen können, um in den kommenden Jahren eine
umfassende Integration unserer Hemisphäre vorzunehmen.
Die Lockerung der Zölle ist nicht die einzige Form der
Integration. Zollpraktiken und -Vorschriften müssen
harmonisiert werden, um die grenzüberschreitende
Geschäftstätigkeit zu erleichtern.
Gesetze und
Verfahren müssen transparent und verständlich sein.
Verbleibende Barrieren gegen den Investitions- und
Kapitalfluß müssen beseitigt werden.
Meines Erachtens werden bei dem Gipfel auch zu
diesen Themen wichtige neue Initiativen bekanntgegeben. Die Staatsoberhäupter werden Wege der

Seite 3

�Zusammenarbeit bei der Stärkung der lateinamerikanischen Wertpapiermärkte, der Lockerung von
Restriktionen beim Kapitalfluß sowie der Koordinierung von grenzüberschreitender Telekommunikation
und Infrastruktur erörtern.
Zusammen werden diese Initiativen den Prozeß zu
einem integrierten Markt auf der Hemisphäre enorm
beschleunigen. Und sie werden die bereits unternommenen Schritte zu makroökonomischen Reformen und Liberalisierung festschreiben und sicherstellen, daß wir auf dem Weg zu wirtschaftlichem
Fortschritt bleiben.

Programme zur Ausbildung von Beamten und Hilfestellung bei der Erarbeitung regelnder und rechtlicher
Regime auf einen neuen Inhalt zu konzentrieren. Die
versammelten Regierungschefs werden auch Einigung zu Initiativen erzielen, um die Korruption einzudämmen, Geldwäsche und den Drogenhandel zu
bekämpfen - Faktoren, die die im Aufbau befindlichen
marktorientierten, demokratischen Gesellschaften in
unserem Süden unterminieren.
Diese Regierungen müssen auch noch eine zweite
Aufgabe bewältigen. Sie müssen sicherstellen, daß
die Vorteile des Wohlstands durch Investitionen in
den Menschen alle Bevölkerungsschichten erreichen.

Effektive Demokratie
Auf der Tagesordnung des Gipfeltreffens steht eine
zweite Gruppe von Themen, die sich auf die Gewährleistung konzentrieren, daß Regierungen in
Inhalt und Form demokratisch sind. Wir müssen
unsere Regierungen in der Hemisphäre neu erfinden. Eine Regierung des Volkes muß eine Regierung für das Volk sein. Eine effektive, auf die
Bedürfnisse der Bürger eingehende Regierung ist
das Wesen der Demokratie.
Eine bessere Regierung ist nicht gleichbedeutend
mit mehr Regierung. Sie fordert die Regierungen
vielmehr zur Verbesserung ihrer Kapazitäten auf, um
die für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
benötigten essentiellen Funktionen zu erfüllen.
Es gibt mehrere Komponenten einer besseren
Regierung. Erstens bedeutet eine bessere Regierung die Schaffung und Förderung der rechtlichen
und regelnden Infrastrukturen, ohne die Unternehmen nicht funktionieren und die Bedürfnisse der
Bürger nicht erfüllt werden können. Reagierende
und effiziente Regierungen mit gut ausgebildeten
professionellen Mitarbeitern sind in jedem Bereich
unerläßlich, von der Überwachung der Banken bis
zur Schutzimpfung von Kindern. Der Privatsektor
kann in einem Umfeld ohne logische Gesetze und
Steuerstrukturen und ohne gut ausgebildete Beamte
zu deren Verwaltung nicht prosperieren.
Eine
bürgerliche Gesellschaft kann nicht gedeihen ohne
die uneingeschränkte Durchsetzung legitimer Gesetze.
Die Staats- und Regierungschefs werden beim Gipfel
Programme zur Förderung dieser staatlichen Strukturen entwerfen - durch Kooperation, wo diese
hilfreich sein kann, oder durch die Neudefinition der
innenpolitischen Prioritäten, wo dies angemessen
erscheint. Die Organisation Amerikanischer Staaten
und die internationalen Finanzinstitutionen einschließlich der Interamerikanischen Entwicklungsbank werden gebeten, ihre Unternehmungen durch

Seite 4

Nicht alle einbeziehender Wohlstand kann nicht von
Dauer sein. Demokratie hat keinen Bestand, wenn
sie nicht mit Wohlstand einhergeht.
Es trifft zu, daß der Anteil der Armen in ganz Lateinamerika in den vergangenen beiden Jahrzehnten von
39 auf nahezu 30 Prozent gefallen ist. Es trifft zu,
daß die Zahl der erwachsenen Analphabeten von fast
30 auf 15 Prozent und die Rate der Kindersterblichkeit von 82 auf 44 Prozent gesunken ist. Aber
das sind immer noch 30 Prozent zu viele Arme, 15
Prozent zu viele Analphabeten und entschieden zu
viele Kinder, die sterben.
Lateinamerika ist nach wie vor die Region mit dem
größten Einkommensgefälle der Welt. Die wohlhabendsten fünf Prozent der Bevölkerung in Mexiko
verfügen über 27mal mehr Reichtum als die ärmsten
Mexikaner. In Argentinien beträgt das Verhältnis 16
zu 1. Verglichen damit beläuft es sich in Asien
durchschnittlich auf 5 bis 10 zu 1.
Dies sind nicht nur Zahlen. Die Hunderttausenden
von Kindern, die auf den Straßen Lateinamerikas
leben, die Truppen, die in den Ghettos von Rio
patrouillieren sind Zeugnis dafür, wie Armut selbst für
dynamische Gesellschaften eine Heimsuchung sein
kann.
Armut bedroht weiteren sozialen und wirtschaftlichen
Fortschritt. Und sie ist ein Anzeichen dafür, daß eine
Nation nicht in ihre größte Ressource investiert hat ihre Menschen.
Investitionen in Vorschul- statt
Universitätsausbildung, in medizinische Grundversorgung und Schwangerenvorsorge statt in teure
Kliniken für die obere Einkommensschicht - das sind
die Investitionen, die den höchsten Ertrag bringen.
Denn wenn der Löwenanteil der Bildungsressourcen
in die Unterstützung einer Minderheit von Universitätsstudenten fließt, oder der Löwenanteil der
Ressourcen im Gesundheitswesen zur Unterstützung
dertertiären medizinischen Versorgung in städtischen
Krankenhäusern verwendet wird, leidet die Effizienz.

AMERIKA DIENST 49

�Und die offenkundige Verstärkung der Ungerechtigkeit durch staatliche Maßnahmen höhlt das Vertrauen der Bürger aus, das eine Voraussetzung für
Demokratie ist.
Bei dem Gipfeltreffen werden sich die Staats- und
Regierungschefs auf eine Reihe von Prioritäten und
Programmen für Investitionen in ihre Menschen
einigen - durch Grundausbildung, medizinische
Grundversorgung und Schwangerenvorsorge sowie
unerläßliche Sozialdienste. Damit wird die Umgestaltung der lateinamerikanischen Gesellschaft konsolidiert. Und es werden die Ressourcen bereitgestellt, die unsere Hemisphäre für kontinuierliches
Wachstum im nächsten Jahrhundert benötigt.
Die Regierungen haben eine dritte Funktion in
Lateinamerika - die Unterstützung der Institutionen
der bürgerlichen Gesellschaft, die durch Jahre der
Armut und Diktatur verwehrt wurden. Die Demokratie der Vereinigten Staaten ist auf Rotary Clubs,
politische Gruppen und Gemeindeorganisationen
aufgebaut - Möglichkeiten der bürgerlichen Beteiligung. Nichtstaatliche Organisationen, Gemeindegruppen und Basisorganisationen in Lateinamerika
müssen gestärkt werden, wenn sie dort ein neues
Fundament für sozialen Zusammenhalt legen sollen.
Ein solcher Zusammenhalt und ihn fördernde Institutionen dienen zur Untermauerung der Demokratie. Ohne diesen Zusammenhalt können die Gesellschaften nicht stabil und produktiv bleiben.
Bei dem Gipfeltreffen werden die Staatsoberhäupter
einige klare Ziele definieren, um zu gewährleisten,
daß Lateinamerika diese Formen von sozialem und
institutionellem Kapital entwickelt, damit die demokratische Gesellschaft prosperieren kann.
Sie
werden Initiativen erörtern, um der Urbevölkerung,
Frauen und anderen Randgruppen die Beteiligung
am staatlichen und bürgerlichen Leben zu ermöglichen. Sie werden Wege sondieren, um die Organisation Amerikanischer Staaten effektiver zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten, zur
Unterstützung des Wahlsystems und der Neugestaltung der rechtlichen und gesetzgebenden Systeme
einzusetzen. Es werden Initiativen zur größeren
Beteiligung von Gemeinde- und Basisorganisationen
angekündigt. Und schließlich werden Programme
zur Bewahrung und Weitergabe der zahlreichen
kulturellen Traditionen unserer Hemisphäre diskutiert.

Schlußbemerkung
Die beim Gipfel vertretenen Nationen bilden eine
durch ein gemeinsames Ziel vereinte Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft wird gestärkt aus dem Gipfel
hervorgehen. Sie wird stärker in dem Maße, in dem
die bei dem Gipfeltreffen in Gang gesetzten Prozesse
greifen.
Wir werden eine wohlhabendere Gemeinschaft,
während die Konsolidierung makoökonomischer
Reformen andauert, die letzten Relikte der Restriktionen im Privatsektor abgebaut werden und die Arbeit
der Öffnung unserer Volkswirtschaften sowie ihre
gegenseitige Integration fortgesetzt wird.
Und wir werden eine Gemeinschaft mit einer besseren - nicht mit mehr - Regierung sein, während die
Stärkung des institutionellen und regulierenden
Rahmenwerkes fortschreitet, während Nationen
weiterhin die Institutionen konsolidieren, die eine
demokratische Gesellschaft untermauern und während die Investitionen in die Menschen unserer
Region verbessert werden.
Ich begann meine Ausführungen mit der Veränderung
der Denkweise, von der die Umgestaltung unserer
Hemisphäre im letzten Jahrzehnt geleitet war. Von
allen Veränderungen der Denkweise war die wichtigste meiner Ansicht nach die Erkenntnis, daß Integration nicht nur von Regierungen vorgenommen wird.
Integration wird von den Menschen bewirkt. Länder
werden nicht länger durch Regierungen definiert. Sie
werden durch Unternehmen, Industrien, Gemeinden
und Einzelpersonen definiert - die alle durch gemeinsame Belange vereint sind.
Die echte Probe für den Erfolg unserer Bestrebungen
zur Integration unserer Hemisphäre werden nicht die
in Miami geäußerten Worte sein. Es werden unser
aller Aktionen - im privaten wie im öffentlichen Sektor
- in den kommenden Jahren sein.
Das 20. Jahrhundert wurde als das amerikanische
Jahrhundert bezeichnet. Ich bin zuversichtlich, daß
mit einer neuen Generation von Führungskräften, die
sich der Demokratie verschrieben haben, einer neuen
Generation von Führungskräften, die sich der Marktwirtschaft verschrieben haben, und einer neuen
Generation von Führungskräften, die sich der Integration verschrieben haben, das 21. Jahrhundert das
gesamtamerikanische Jahrhundert wird. Ich danke
Ihnen.

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�MENSCHENRECHTE
14. Dezember 1994

TAG DER MENSCHENRECHTE 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation Präsident Clintons zum
internationalen Tag der Menschenrechte, Tag der Bill of Rights und der Woche der Menschenrechte 1994.

Jede Generation ist mit ihren eigenen moralischen
Führungspersönlichkeiten und ihren eigenen Visionären gesegnet. Im Verlauf der Jahre kam Amerika in
den Genuß der Klugheit und Führungsqualitäten von
Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Woodrow
Wilson. Viele von uns sind bestrebt, gemäß der
Lehren von Martin Luther King zu leben. Die heutige Jugend schöpft vielleicht Kraft aus dem von
Vaclav Havel oder Nelson Mandela gezeigten Mut.
Ungeachtet des Visionärs, ungeachtet der Generation, hat der Inhalt der Vision Bestand: Die Verpflichtung zu Freiheit, die Hoffnung auf Gerechtigkeit,
der Glaube an den unermeßlichen Wert der Menschlichkeit.
In einer Gefängnisszelle in Birmingham (Alabama)
schrieb Dr. King einige der beredtsten Worte der
amerikanischen Bürgerrechtsbewegung:
"Jedes
Gesetz ist gerecht, das die Persönlichkeit des
Menschen erhebt. Jedes Gesetz ist ungerecht, das
die Persönlichkeit des Menschen herabwürdigt."
Selbst in strenger Haft erkannte King an, daß
Diskriminierung, Ignoranz und Intoleranz den Menschen viel stärker einschränken als jede Konstruktion
aus Stahl und Stacheldraht. Und wirkliche Freiheit
erfordert viel mehr als die Überwindung von Gefängnismauern. Gerechtigkeit wird nur erreicht, wenn
Unrecht mit Vernunft und Gesetzeskraft bekämpft
wird.
Unsere Bill of Rights und die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte der Vereinten Nationen sind in
der Tat machtvolle Erklärungen. Sie haben die
Menschheit der Verwirklichung einer Gesellschaft mit
"gerechten" Gesetzen nähergebracht - einer Gesellschaft, die das würdigt, was wir für gerecht halten
und bejaht, was unseres Wissens nach richtig ist.

Während wir die Freiheiten feiern, die wir in einer
Demokratie genießen, sind wir denjenigen jedoch
ebenso verpflichtet, die Gefangene von Vorurteilen,
Armut und Gewalt sind. Bedauerlicherweise wurde in
dieser Nation und in Ländern auf der ganzen Welt ein
großer Teil der Arbeit von Dr. King noch nicht in die
Tat umgesetzt. Heute verpflichten wir uns erneut
dem Traum Martin Luther Kings, schließen uns
Präsident Mandela bei seinem Bestreben um eine
Erneuerung Südafrikas an, stehen hinter Präsident
Havel bei der Förderung von Wohlstand in der
Tschechischen Republik - um auf der ganzen Welt für
die Sache der Menschenwürde einzutreten. Freiheit
ist die Fähigkeit, andere einzubeziehen und die
Pflicht, am Aufbau teilzunehmen. Mit dem Wind der
Gerechtigkeit im Rücken gibt uns die Freiheit die
Kraft, die gesamte Menschheit zu erheben.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, den 10.
Dezember 1994 zum "Tag der Menschenrechte", den
15. Dezember 1994 zum "Tag der Bill of Rights" und
die am 10. Dezember 1994 beginnende Woche zur
"Woche der Menschenrechte".
Ich fordere alle
Menschen in den Vereinigten Staaten dazu auf, diese
Tage mit angemessenen Programmen, Feierlichkeiten und Aktivitäten zu begehen.
Unterzeichnet am 8. Tag des Dezember, im Jahre
des Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit
der Vereinigten Staaten von Amerika.

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�KULTUR
14. Dezember 1994

PREISVERLEIHUNG AN FÜNF HERAUSRAGENDE
AMERIKANISCHE KÜNSTLER
Auszeichnung des Kennedy Centers
WASHINGTON - (AD) - Fünf prominenten Vertretern
der amerikanischen Kultur, die allesamt während der
Nachkriegszeit weltweiten Einfluß hatten, wurde eine
der begehrtesten nationalen Auszeichnungen Amerikas verliehen.

Die himmlische Stimme von Franklin, die im Schoß
der New Bethel Baptist Church aufwuchs, wurde
wegen ihrer Vielseitigkeit, Reichweite und Theatralik
bekannt, und die Sängerin wurde als "Königin des
Soul" zur Legende.

Bei den Feierlichkeiten in Washington am Wochenende des 3. und 4. Dezember 1994 wurden der
Filmschauspieler Kirk Douglas, der Komponist
Morton Gould, der Theater- und Operndirektor sowie
Produzent Harald Prince, die Soulsängerin Aretha
Franklin und der Folksongpionier Pete Seeger als
jüngste Gewinner der Auszeichnungen des John F.
Kennedy Center for the Performing Arts mit farbigen
Bändern und Orden dekoriert.

Prince revolutionierte während der letzten 50 Jahre
das amerikanische Musiktheater - er verwischte die
Grenze zwischen Broadway und Oper und förderte
Produktionen wie Cabaret, Sweeney Todd und
Evita.

Am 3. Dezember würdigte Präsident Clinton bei
einem Empfang im Weißen Haus kurz vor der Gala,
die den Höhepunkt der Feierlichkeiten darstellte, die
Leistungen der fünf Künstler und erklärte, sie verdienten "stehende Ovationen der ganzen Nation".
Die Preisträger bilden eine bunt gemischte Gruppe:
ein ehemaliges musikalisches Wunderkind, der Sohn
eines Lumpensammlers aus einer kleinen Gemeinde
im Norden des Bundesstaates New York, die Tochter eines Priesters aus Detroit, ein New Yorker, der
in seiner Jugend sein Taschengeld für Theaterkarten
ausgab und ein Studienabbrecher der Harvard
University, der das College nach zwei Jahren
verließ, um durchs Land zu trampen, Menschen
kennenzulernen und ihre Musik zu verinnerlichen.
Das Wunderkind am Klavier, Gould, komponierte
einige der bekanntesten Musikstücke für Sinfonieorchester und kleinere Ensembles sowie Film- und
Tanzmusik. Der "Sohn des Lumpensammlers", wie
sich Douglas im Titel seiner Memoiren selbst bezeichnet, fand Zuflucht im New Yorker Theater und
später in Hollywood, wo er sich als äußerst charismatischer Filmschauspieler einen Namen machte.

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Bei Seeger wurde seine anfängliche Suche nach
Folk- und anderer Musik zu einer lebenslangen,
immer noch andauernden Reise. Seine zwar gelegentlich umstrittenen Songs brachten ihm weltweite
Bewunderung ein.
Seit die Auszeichnungen 1978 durch die Treuhänder
des John F. Kennedy Center for the Performing Arts
ins Leben gerufen wurden, gehören sie zu den
angesehendsten Kulturpreisen Amerikas. Andere wie beispielsweise die Auszeichnungen der Filmakademie (die Oskars) und die Antoinette Perry
Awards (Tonys) für Leistungen bei Film und Theater
sowie die Pulitzer Preise für Drama und Musik - sind
vielleicht bekannter, aber keiner ist angesehener.
Im Dezember jedes Jahres kommen Künstler aus der
gesamten Kulturwelt anderthalb Tage lang nach
Washington, um ihren Mentoren, Kollegen und - in
manchen Fällen - ihren Proteges Tribut zu zollen. Da
die Auszeichnungen sorgfältig auf die einzelnen
Disziplinen aufgeteilt werden - Film, Theater, Musik,
Oper, Tanz und Fernsehen - ist die Liste der Preisträger und Gäste weitaus umfassender als bei
anderen Ereignissen dieser Art.
Im ersten Jahr zählten beispielsweise die Opernsängerin Marian Anderson, der Filmschauspieler und
Tänzer Fred Astaire, der Choreograph George

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�Balanchme, der Theaterkomponist Richard Rodgers
und der Pianist Arthur Rubinstein zu den Preisträgem.
Weitere Auszeichnungen gingen an die klassischen
Komponisten Aaron Copland und Leonard Bernstein,
die Schauspieler James Stewart und Katharine
Hepburn, die Musiker Benny Goodman und Isaac
Stern, die Bühnenautoren Arthur Miller und Tennessee Williams, die Choreographen und Tänzer Martha
Graham und Alvin Ailey, die Jazzmusiker Dizzy
Gillespie und Lionel Hampton sowie die Popsänger
Lena Hörne und Ray Charles.
Nach dem offiziellen Abendessen im US-Außenministerium am Samstag (bei dem die Auszeichnungen verliehen werden) und dem Empfang im Weißen
Haus am Sonntag nachmittag findet am Sonntag
abend die Gala statt, die zu einem späteren Zeitpunkt landesweit im Fernsehen übertragen wird.
Bei der Gala halten die Preisträger keine Rede und
geben keine Kostprobe ihrer Kunst, ungeachtet
dessen, wie fit, extrovertiert oder begeistert sie sein
mögen. Sie sitzen einfach nur mit dem Präsidenten
und der First Lady (Hillary Rodham Clinton vertrat
ihren Gatten, der sich bereits auf dem Weg nach
Budapest zur KSZE-Konferenz befand) in der
Opernloge, wo sie ein sorgfältig zusammengestelltes
Programm ausgewählter Aufführungen genießen.
Die diesjährige Gala bildete keine Ausnahme. Viele
begabte Künstler gaben sich die Ehre und unterstrichen damit die von dem Ausschuß getroffene
Wahl.
Wie immer diente die Veranstaltung gemeinnützigen
Zwecken. Die Einnahmen der Gala werden zur
Förderung des nationalen Bildungswesens sowie der
Programme des Kennedy Center für die Unterstützung der Bevölkerung verwendet.
Fast ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung
hat das Kennedy Center ein breites Spektrum von
Programmen, Workshops und anderen Aktivitäten

entwickelt, durch die Jugendliche, Pädagogen, Eltern
und Gemeindemitglieder ermutigt werden, Kunst zu
einem Bestandteil ihres Lebens und ihres Alltags zu
machen.
Arthur Mitchell, Leiter des berühmten Harlemer
Tanztheaters, würdigte Franklin, die mit 52 Jahren
jüngste Preisträgerin. Sie sei eine Diva, stellte er
fest, die als "unangefochtene Primaballerina" bezeichnet würde, wenn sie Tänzerin wäre. Mitchell
sah sie als eine Frau, "die zwar verletzlich, aber
niemals hilflos ist, die Schmerz kennt, aber niemals

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ihren Stolz verliert", die in einem Zeitalter der Unterkühltheit "Kälte in Hitze verwandelt".
Die Popsängerin Parti LaBelle bot, begleitet vom
Mädchenchor der New Bethel Baptist Church, dem
Franklin in ihrer Jugend angehörte, eine beeindrukkende Wiedergabe der Musik der Preisträgerin, die
das Publikum bewegte. Franklins Auftritte mit diesem
Chor vor über 40 Jahren und die darauffolgende
Tournee mit der Gospelrevue ihres Vaters, einem
Priester, führte zu ihrem ersten Schallplattenvertrag.
Franklin mischte Gospelmusik, beliebte Popmusik,
Rock und Jazz wie niemand vor ihr - ihre volle
Stimme, ihr Markenzeichen, umfaßt mehrere Oktaven
- und machte Songs wie Respect und A Natural
Woman zu internationalen Hits.
Lauren Bacall bemerkte über Kirk Douglas, den "Held
mit den tausend Gesichtern", er sei auf der Leinwand
ein "gutaussehender Schurke und immer ein Rebell".
Sie fügte hinzu, der Schauspieler mit dem Grübchen
im Kinn "machte nicht als gutaussehender Junge
Karriere". Er stand zu seiner bescheidenen Herkunft,
war jedoch entschlossen, etwas aus sich zu machen.
Douglas, der jetzt 78jährige, als Issur Danielowitsch
geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer,
begann seinen kometenhaften Aufstieg, indem er sich
mit Hausmeistertätigkeiten sein Studium verdiente.
An der Universität begann seine Begeisterung für das
Schauspiel. Nachdem er bei Theateraufführungen im
College immer die Hauptrolle gespielt hatte, ging er
nach New York und schließlich nach Los Angeles.
Der Durchbruch im Filmgeschäft kam mit Champion,
dem spannenden, provokativen Drama um einen
Boxer. In den darauffolgenden Jahren stellte er in
Filmen wie Paths of Glory, Spartacus, Lust for Life
und Lonely are the Brave Einzelgänger und unbeständige, aus der Gesellschaft ausgestoßene Männer
dar.
Zu Ehren der Wurzeln des Schauspielers sang ein
Washingtoner Chor bei der Gala Raisins and Almonds, was bei Douglas Erinnerungen an die
jiddischen Lieder weckte, die seine Mutter ihm
vorgesungen hatte. Und der Schauspieler Michael
Douglas äußerte - auch im Namen seiner drei Brüder,
die ebenfalls in der Unterhaltungsbranche tätig sind seinen Vater gegenüber bewundernd, "Du hast uns
die Liebe zum Film vererbt".
Der 66jährige Produzent und Direktor Prince leitet
derzeit am Broadway drei Shows, die sein Talent und
seine Vision unter Beweis stellen. Der unermüdliche
Befürworter des Musicals - selbst zu Zeiten, in denen
es sich großenteils durch Revivals und andere

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�nostalgischen Träumereien über Wasser hält - hat
dieser Kunst Dauerhaftigkeit verliehen.
Andrew Lloyd Webbers farbenfrohes, romantisches
Stück Phantom der Oper und Der Kuß der Spinnenfrau, das sich mit den Phantasien und der
Realität von zwei Gefangenen auseinandersetzt der eine ein politischer Gefangener, der andere ein
Homosexueller - sowie die Wiederaufnahme des
Musicals Show Boat von Jerome Kern und Oscar
Hammerstein sind repräsentativ für die Arbeit von
Prince am Broadway. Schauspieler jeder dieser
Produktionen gaben bei der Gala eine Kostprobe
ihrer Kunst.
Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern hat Prince ein Konzept geschaffen,
um seine Show von anderen abzuheben, Musik und
Handlung zu vermischen und die Grenze zu verwischen, bei der das eine Element beginnt und das
andere endet.
Durch sein Werk vermittelte er dem Publikum ein
Gefühl für das Berlin des Jahres 1936 (Cabaret), die
Flatterhaftigkeit und Ungerechtigkeit des England im
späten 19. Jahrhundert (Sweeney Todd), die Auswirkungen der Öffnung Japans durch den Westen
Mitte des letzten Jahrhunderts (Pacific Overtures),
das Aufstreben eines osteuropäischen Städtchens
vor einem Jahrhundert (Fiedler auf dem Dach) und
die politische Realität im Argentinien des 20. Jahrhunderts (Evita).
Seine gesamten anderen Leistungen - sogar sein
Streben nach einer Erweiterung seines Horizonts
durch die Tätigkeit als Operndirektor im In- und
Ausland - wurden jedoch gekrönt von seinem
unermüdlichen Einsatz für das Musical mit Hilfe von
Workshops, Stipendien und anderem. Wie die
Schauspielerin Jane Alexander, Vorsitzende der
Nationalen Stiftung für die Künste, feststellte, sucht
er immer weiter nach "neuen Talenten, neuen
Komponisten, neuen Direktoren, selbst nach dem
neuen Hai Prince".
Über den 81jährigen Komponisten Gould äußerte
der Schauspieler Tony Randall, schon immer ein
Anhänger klassischer Musik, begeistert, "nahezu
alles Amerikanische verleitet ihn zu musikalischen
Höhenflügen".
Im Laufe seiner steilen, abwechslungsreichen
Karriere verarbeitete Gould in seinen Orchesterstücken Jazz, Kampflieder von Studenten, Militärmärsche, Klagegesänge und sogar Rap. (Ihm zu
Ehren führten drei Militärkapellen begleitet von
Feuerwerk seine Adaptation von When Johnny
Comes Marching Home auf).

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Jeder andere hätte vielleicht den Mut verloren, als
das Familienpiano - wie bei Gould - in den dunkelsten Tagen der großen Wirtschaftskrise gepfändet
wurde. Der junge Musiker sah sich jedoch nach
einer anderen Möglichkeit um, einfach nur Klavier zu
spielen, und fand sie im Variete - einer sehr beliebten
Form der Unterhaltung Ende der zwanziger und
Anfang der dreißiger Jahre. Vom Variete" war es nur
ein kleiner Sprung zum Radio und dann bald zur
Konzertbühne.
Der avantgardistische Zweig der Musik blickte häufig
auf Gould herab, weil er gerne vertraute, eingängige
Lieder schrieb. "Es tut mir furchtbar leid, daß ich
etwas komponiert habe, das den Leuten gefällt, und
ich verpreche, es nie wieder zu tun", sagte er einmal
als leichten Seitenhieb auf seine Kritiker. Aber er tat
es immer wieder - zur Bereicherung der amerikanischen Instrumentalmusik.
Troubadour Seeger, 75, ist die Ausnahme unter den
Preisträgern des Kennedy Center - er ist der erste
Folksänger, der eine Auszeichnung erhält. Der
Verfasser oder Mitverfasser solcher allseits bekannten Refrains wie If I Had A Hammer, Where Have
All The Flowers Gone und We Shall Overcome hat
ein wagemutiges Leben als Wanderer, Poet und
Musikhistoriker gelebt.
Nach seiner Reise mit dem Zug und als Tramper
quer durch Amerika, bei der er allen möglichen
Leuten, darunter den Sängern Woody Guthrie und
Leadbelly, begegnete, kehrte Seeger nach Washington zurück, um in der Library of Congress in einem
Folksong-Archiv zu arbeiten. Bevor er im Zweiten
Weltkrieg eingezogen wurde, hatten er und Guthrie
die Almanac Singers gegründet - einen Vorläufer
von Seegers großem Ensemble der Nachkriegszeit,
The Weavers.
In den fünfziger Jahren bewegten sich The Weavers
- ermutigt und angeführt von Seeger - in die Richtung
politischer Kommentare in ihrer Musik und lösten
dadurch das Folksong-Revival aus, das Amerika
erfaßte. The Weavers und ihre Musik wurden in den
Vereinigten Staaten zum Teil als subversiv angegriffen. Seeger weigerte sich, seine politischen Überzeugungen zu diskutieren und stand infolgedessen
über ein Jahrzehnt lang auf der schwarzen Liste.
In den sechziger Jahren spielte der Künstler - der
nicht bei öffentlichen Konzerten oder im Fernsehen
auftreten durfte - sein fünfsaitiges Banjo und seine
12saitige Gitarre jedoch vor dem Publikum auf dem
College Campus, unter den Anhängern der Bürgerrechtsbewegung und Kriegsgegnern. Wieder einmal
sah sich der Mann, den der Dichter Carl Sandberg
als "Amerikas Stimmgabel" bezeichnete, erwünscht

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�und geliebt. In den darauffolgenden Jahrzehnten
triumphierte er weiterhin als Eider statesman des
Folk.

Als seine Kollegen Arlo Guthrie, Roger McGuinn und
Joan Baez die Gala zu einem dramatischen, emotionalen Abschluß brachten, war diese Liebe für alle
offenkundig.

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�PORTRAT
14. Dezember 1994

RUBIN WIRD NACHFOLGER VON BENTSEN
Porträt des designierten Finanzministers
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat sich
für die Nominierung von Robert Rubin, dem Leiter
seines Nationalen Wirtschaftsrats und langjährigen
Wall-Street-Experten, als Nachfolger für den in den
Ruhestand tretenden Finanzminister Lloyd Bentsen
entschieden.
Der Staatssekretär für Inlandsfinanzierung im Finanzministerium, Frank Newman, wird mit Bentsens
Ausscheiden am 22. Dezember 1994 amtierender
Finanzminister, bis Bentsens Nachfolger vom Senat
bestätigt ist. Bentsen erklärte, er habe Clinton im
September seine Rücktrittsabsicht mitgeteilt.

stert und sich Clinton-Beratern zufolge dabei aus dem
Scheinwerferlicht gehalten.
In einer Ankündigung des Weißen Hauses vom 6.
Dezember 1994 beschreibt Präsident Clinton Rubin
als "den ausgesprochen ehrlichen Makler, der wirtschaftliches Fachwissen, gesunden Menschenverstand und Redlichkeit in alle uns konfrontierenden
wirtschaftlichen Herausforderungen einbringt... Bob
Rubin ist ein würdiger Nachfolger von Lloyd Bentsen."

Bentsens Ausscheiden wird als Verlust für die
Administration angesehen, besonders wegen seiner
engen Beziehungen zum Senat, wo er jahrelang
Vorsitzender des Finanzausschusses und bei
Demokraten und Republikanern gleichermaßen
beliebt war.

"Es ist sehr viel geleistet worden, um kurzfristig das
Wachstum sowie langfristig die Position dieses
Landes bei Produktivität und wirtschaftlicher Gesundheit aufrechtzuerhalten", stellte Rubin fest. "Aber,
Herr Präsident, wie Sie uns konstant vor Augen
führen, bleibt noch viel zu tun, insbesondere angesichts der allzuvielen Amerikaner, die noch nicht die
Vorteile der sich jetzt abzeichnenden starken Erholung spüren."

Der 56jährige Rubin wurde vom Kongreß jedoch
ebenfalls wohlwollend aufgenommen und wird
voraussichtlich problemlos bestätigt werden. Der als
gemäßigter Demokrat eingeschätzte Rubin unterhält
enge Beziehungen zur Geschäftswelt.

"Wir müssen die Probleme unseres öffentlichen
Bildungswesens, unserer Innenstädte, unseres immer
größer werdenden Einkommensgefälles sowie die
Herausforderung der Stärkung und Ausweitung der
Mittelschicht angehen", erklärte Rubin.

Der künftige Mehrheitsführer im Senat Robert Dole
bezeichnete Rubin "als ehrlichen und integeren
Mann" und versprach, seine Nominierung zu unterstützen.

Bentsen bezeichnete Rubin als "ausgezeichnete
Wahl".

Vor seinem Eintritt in die Administration war Rubin
26 Jahre bei der Investmentbankingfirma Goldman
Sachs and Company und von 1990-1992 in deren
Vorstand. Rubin ist Absolvent der Harvard University, legte sein juristisches Staatsexamen in Yale ab
und besuchte die London School of Economics. Er
war auf praktisch allen Finanzmärkten von Wertpapieren bis zu Warenhandel tätig.
Als Leiter des Nationalen Wirtschaftsrats gehörte es
zu Rubins Aufgaben, Besprechungen mit Kabinettsmitgliedern über Wirtschaftsprobleme anzuberaumen. Er hat diese Tätigkeit in Bereichen von Handel
bis zu Haushaltsfragen mit großem Geschick gemei-

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"Er ist ehrenwert und rechtschaffen", so Bentsen. "Er
weiß sehr viel über unsere Probleme und Programme
und hat die Fähigkeit, sich mit dem Kongreß zusammenzusetzen und die Probleme zu lösen."
In den letzten Wochen sprach sich Rubin dagegen
aus, in Steuer- oder anderen Wirtschaftsfragen
verfrühte Verpflichtungen einzugehen - wie von der
neuen republikanischen Mehrheit im Kongreß gefordert - und ermutigte den Präsidenten, den Kurs der
seiner Meinung nach erfolgreichen Wirtschaftsstrategie beizubehalten.
"Meines Erachtens haben sich die Wähler nicht für
eine Umkehr der Wirtschaftspolitik ausgesprochen",
äußerte Rubin Anfang November, nachdem die

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�Republikaner sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus die Mehrheit gewonnen hatten.

diesem Land zu den herausragendsten Wirtschaftspolitikern seit dem Zweiten Weltkrieg."

Es wird erwartet, daß Rubin das von Bentsen geschaffene unternehmerfreundliche Klima beibehält
und sich ebenfalls für Haushaltsdisziplin und freien
Handel einsetzt.

"Alle können das Resultat sehen", fuhr der Präsident
fort. "Den größten Abbau des Haushaltsdefizits der
Geschichte, die größte Ausweitung freien Handels in
einer Generation, mehr als fünf Millionen neuer
Arbeitsplätze in der Wirtschaft zu Weihnachten dieses
Jahres im Vergleich zum Weihnachtsfest vor zwei
Jahren, und mehr hochbezahlte neue Arbeitsplätze in
dieser Volkswirtschaft als in den letzten fünf Jahren
zusammengenommen."

Obwohl viele Wirtschaftsvertreter Rubin als fähigen
Nachfolger für Bentsen ansehen, haben einige ihrer
Besorgnis Ausdruck verliehen, er verfüge nicht über
ausreichende politische Erfahrung.
Als Präsident Clinton das Rücktrittsgesuch Bentsens
annahm, teilte er mit, Bentsen habe versprochen,
"als Teil eines erfahrenen Küchenkabinetts" nach
Washington zurückzukehren, "um dabei zu helfen,
diese Administration in den kommenden beiden
Jahren durch die Schwierigkeiten zu steuern und die
sich bietenden Chancen zu ergreifen".
Der 73jährige Bentsen war den größten Teil seines
Lebens im Staatsdienst tätig - als Pilot der Heeresflieger im Zweiten Weltkrieg, als Richter am Kreisgericht, als Kongreßabgeordneter, Senator, Bewerber
als Präsidentschaftskandidat, Kandidat der Demokratischen Partei für das Amt des Vizepräsidenten und
Finanzminister.
"Er hat seine Arbeit in jeder Funktion mit Würde und
Auszeichnung geleistet", so Clinton. "Er zählt in

Bentsen äußerte Journalisten gegenüber, dies sei
eine gute Zeit, vom Amt abzutreten, denn "ich könnte
zu keinem anderen Zeitpunkt gehen, an dem das
Wirtschaftsbanner so hoch gehißt ist. Wir haben die
besten Zahlen seit 30 Jahren... Wir haben das
Haushaltsdefizit in nur zwei Jahren um 87 Milliarden
Dollar gesenkt. Wir haben über fünf Millionen neuer
Arbeitsplätze geschaffen.
Die Inflationsrate ist
niedrig. Die Unternehmen investieren Rekordsummen... Und die vielleicht größte Errungenschaft ist
die Tatsache, daß wir neben Wohlstand auch Frieden
genossen haben."
Dem Präsidenten zufolge behandelt Bentsen "seine
Gegner mit Respekt - ein Beispiel, dem wir alle
folgen sollten".
Bentsen kehrt in die Privatwirtschaft nach Texas
zurück.

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                <text>&lt;strong&gt;1. Demokratische Partei&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton umreißt außen- und innenpolitische Ziele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Amerika-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfel soll Anteil Aller am Wohlstand sichern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Summers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Tag der Menschenrechte 1994&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Kultur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Preisverleihung an fünf herausragende amerikanische Künstler&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszeichnung des Kennedy Centers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rubin wird Nachfolger von Bentsen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des designierten Finanzministers&lt;/em&gt;</text>
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cimerikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. Dezember 1994

48

KSZE

CLINTON: "SCHLEIER DER INDIFFERENZ"
KANN EISERNEN VORHANG NICHT ERSETZEN
Rede des Präsidenten beim KSZE-Gipfel

NATO

NATO SOLL OSTERWEITERUNG
VORBEREITEN
Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat

BOSNIEN

NATO WARE ZUM EINSATZ VON
LUFSTREITKRÄFTEN BEREIT
Eröffnungsansprache des Außenministers

AUSSENPOLITIK

LAKE WARNT VOR EINSEITIGER AUFHEBUNG
DES BOSNISCHEN WAFFENEMBARGOS
Rede vor der Princeton University

MILITÄR

CLINTON KÜNDIGT NEUE VERTEIDIGUNGSINITIATIVE AN
Erklärung des Präsidenten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�KSZE
7. Dezember 1994

CLINTON: "SCHLEIER DER INDIFFERENZ" DARF
EISERNEN VORHANG NICHT ERSETZEN
Rede des Präsidenten beim KSZE-Gipfel
BUDAPEST - (AD) - Beim Gipfeltreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)
am 5. Dezember 1994 in Budapest appellierte Präsident Clinton an die Nationen Europas, aus den Ereignissen
in Bosnien Lehren zu ziehen und nicht zuzulassen, daß der Eiserne Vorhang durch einen "Schleier der
Indifferenz" ersetzt wird.
Mit der Feststellung, daß keine Seite den Sieg in Bosnien davontragen könne, erklärte der Präsident, die KSZE
müsse die durch den Zerfall der Sowjetunion entstandenen Chancen ergreifen, "um ein neues sicherheitspolitisches Gefüge für das vor uns liegende Zeitalter zu schaffen".
"Unsere Frustration über diesen Krieg darf uns nicht dazu verleiten, unsere Bemühungen, ihn zu beendigen,
einzustellen", so Clinton. "Und die Vereinigten Staaten werden dies nicht tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten vor der Plenarsitzung des KSZE-Gipfeltreffens.

Ich danke Ihnen. Ich freue mich, hier in dieser
großartigen Stadt in Mitteleuropa bei dieser historischen Zusammenkunft anwesend zu sein.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für den
Aufbau eines vereinten, freien und sicheren Europas.
Unseres Erachtens erfordert dieses Ziel
entschlossene Anstrengungen zur weiteren Verringerung der nuklearen Bedrohung; eine an neue
Herausforderungen angepaßte starke NATO; eine
starke KSZE, die unter anderem darauf hinarbeitet,
eine Führungsrolle bei Bestrebungen zur Vermeidung eines erneuten Bosnien zu übernehmen; große
Bemühungen zurZusammenarbeit mit den Vereinten
Nationen und Bestrebungen aller Nationen Europas,
bei gemeinsamen Problemen und Chancen in
Harmonie zusammenzuarbeiten.
Im 20. Jahrhundert haben Konflikte und Mißtrauen
Europa beherrscht. Die von uns heute unternommenen Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß im 21. Jahrhundert Frieden und Wohlstand
herrschen.
Die Kräfte, die Europa zerrissen haben, wurden
besiegt. Aber weder der Triumph des Friedens noch
der Demokratie ist gesichert. Das Ende des Kalten
Krieges bietet uns die Chance, das Versprechen von
Demokratie und Freiheit zu erfüllen. Und wir müssen diese Chance zu ergreifen, um ein neues sicher-

AMERIKA DIENST 48

heitspolitisches Gefüge für das vor uns liegende
Zeitalter zu schaffen. Wir dürfen nicht zulassen, daß
der Eiserne Vorhang durch einen Schleier der Indifferenz ersetzt wird. Wir dürfen die neuen Demokratien
nicht in eine Grauzone verweisen.
Statt dessen wollen wir die Sicherheit aller verbessern, die alten Trennlinien auslöschen, ohne willkürlich neue zu ziehen, die aufstrebenden Demokratien stärken und die Nationen Europas in einen
Kontinent integrieren, auf dem Demokratie und freie
Märkte keine Grenzen kennen, aber die Grenzen aller
Nationen sicher sind.
Wir erzielen Fortschritte bei den für die Zukunft
relevanten Fragen. Heute werden fünf Mitgliedstaaten dieser Organisation - Belarus, Kasachstan,
Rußland, die Ukraine und die Vereinigten Staaten den START I-Vertrag in Kraft setzen und die nukleare
Bedrohung verringern, die seit nahezu einem halben
Jahrhundert wie ein Damoklesschwert über unseren
Köpfen schwebte.
START I wird strategische Bomber und Trägersysteme für Raketen beseitigen, die über 9.000 Gefechtsköpfe tragen. Und er öffnet die Tür zur unverzüglichen Ratifizierung von START II, mit dem weitere
5.000 Gefechtsköpfe abgebaut werden.
Diese
Aktionen werden das Arsenal der Vereinigten Staaten
und der ehemaligen Sowjetunion um mehr als 60

Seite 1

�Prozent der Höchstzahl aus den Zeiten des Kalten
Krieges verringern. Infolgedessen wird die Welt zu
einem sichereren Ort.
Aber selbst während wir diese bahnbrechende
Errungenschaft für den Frieden feiern, wütet der
schreckliche Konflikt in Bosnien keine 480 Kilometer
von dieser Stadt entfernt. Nach drei Jahren des
Konflikts sind die Kombattanten in einen schrecklichen Krieg verstrickt, den niemand gewinnen kann.
Alle sehen sich jetzt mit derselben Entscheidung
konfrontiert: Sie können die militärische Pattsituation
verlängern oder das Blutvergießen beenden und
anfangen, Frieden zu schließen.
Die Regierung von Bosnien-Herzegowina hat mit der
Annahme des internationalen Friedensplans und der
Zustimmung zu den jüngsten Forderungen nach
einem Waffenstillstand die richtige Entscheidung
getroffen. Daher sage ich den bosnischen Serben
nochmals: Beenden Sie die Aggression, stimmen
Sie dem Waffenstillstand und neuen Verhandlungen
auf der Grundlage des Plans der Kontaktgruppe zu.
Legen Sie ihre Differenzen am Verhandlungstisch
bei - nicht auf dem Schlachtfeld.
Unsere Frustration über diesen Krieg darf uns nicht
dazu verleiten, unsere Bemühungen, ihn zu beendigen, einzustellen. Und die Vereinigten Staaten
werden dies nicht tun. Wenn wir irgend etwas aus
der Agonie Bosniens gelernt haben, dann zweifelsohne, daß wir daraus Lehren ziehen müssen. In
anderen Teilen Europas drohen ethnische Auseinandersetzungen und Kräfte des Hasses und der
Verzweiflung sowie Demagogen, die Vorteil daraus
ziehen wollen, die neue Welle der Freiheit umzukehren, die den Kontinent erfaßt hat.
Während wir das Ende des Krieges in Bosnien
anstreben, müssen wir darauf hinarbeiten, ein erneutes Bosnien zu verhindern. Und wir müssen die
Strukturen aufbauen, die seit kurzem freien Nationen
behilflich sind, ihre Umgestaltung zu marktwirtschaftlichen Demokratien erfolgreich zu vollziehen und ihre
Freiheit zu bewahren.
Wir wissen, daß dies nicht über Nacht geschehen
wird, aber mit der Zeit. Die NATO, die KSZE und
andere europäische und transatlantische Institutionen können in enger Zusammenarbeit mit den
Vereinten Nationen die Demokratie, Stabilität und
den Wohlstand unterstützen und erweitern, deren
sich Westeuropa und Nordamerika seit 50 Jahren
erfreuen. Das ist die Zukunft, die wir aufbauen
wollen.
Die NATO bleibt das Fundament der Sicherheit in
Europa. Da auf dem Kontinent Veränderungen

Seite 2

stattfinden, ändert sich ihre Rolle jedoch. Im Januar
öffnete die NATO ihre Tür für neue Mitglieder und rief
die Partnerschaft für den Frieden ins Leben. Seitdem
sind 23 Nationen der Partnerschaft beigetreten, um
gemeinsame Ausbildungsprogramme und militärische
Übungen durchzuführen und engere politische
Kontakte zu knüpfen.
Vergangene Woche haben wir weitere Schritte zur
Vorbereitung einer Erweiterung unternommen, indem
wir die Ausarbeitung der Voraussetzungen für die
Mitgliedschaft begannen.
Die neuen Mitglieder
werden dem Bündnis allmählich und offen Land für
Land beitreten. Jedes neue Mitglied muß der Demokratie und freien Marktwirtschaft verpflichtet und in
der Lage sein, einen Beitrag zur europäischen
Sicherheit zu leisten. Die NATO schließt keine
Nation automatisch von einem Beitritt aus. Gleichzeitig hat kein Nichtmitgliedsland ein Vetorecht gegen
eine Erweiterung.
Durch die Erweiterung der NATO wird die Sicherheit
für alle europäischen Staaten erhöht, denn das
Bündnis ist keine aggressive, sondern eine offensive
Organisation. Die neuen und alten Mitglieder der
NATO sowie die Nichtmitgliedstaaten werden sicherer.
Während die NATO ihre Mission fortsetzt, können
und sollten andere Institutionen einen Teil der Last
zur Erhöhung der Sicherheit und besondere Pflichten
übernehmen. Eine starke und aktive Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist von
essentieller Bedeutung.
Über ein Jahrzehnt lang richteten mutige Männer und
Frauen, die unter großen persönlichen Risiken die
Tyrannei bekämpften, um die in der Schlußakte von
Helsinki niedergelegten Menschenrechte zu erringen,
ihren Blick auf die KSZE. Jetzt kann die KSZE
Hilfestellung beim Aufbau eines neuen, integrierten
Kontinents leisten. Sie verfügt zur Erfüllung dieser
Aufgabe über einzigartige Instrumente.
Die KSZE ist das einzige regionale Forum, dem
nahezu jede Nation Europas und Nordamerikas
angehört. Sie hat bei der friedlichen Beilegung von
Konflikten Pionierarbeit geleistet - von Pendeldiplomatie bis zu Langzeitmissionen in Spannungsgebieten. Jetzt, da Europa die Freiheit gewonnen hat,
kann die KSZE eine bedeutendere Rolle spielen um
zu gewährleisten, daß die Freiheit nie wieder verloren
geht.
Der vorgeschlagene neue Name - Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - symbolisiert die neue und bedeutende Mission, die sie
unseres Erachtens übernehmen muß. Die KSZE

AMERIKA DIENST 48

�sollte unsere erste flexible Verteidigungslinie gegen
ethnische und regionale Konflikte darstellen. Ihre
Regeln können vor dem Streben nach Hegemonie
und Einflußsphären schützen. Sie kann den Nationen bei der gemeinsamen Schaffung von Wohlstand
helfen. Und sie kann die Integration Europas Stück
für Stück fördern.
Durch die Konzentration auf Menschenrechte, Konfliktvermeidung und Schlichtung von Streitigkeiten
kann die KSZE ein erneutes Bosnien verhindern
helfen. Wir unternehmen bei diesem Treffen bedeutende Schritte zur Erreichung dieses Ziels - durch
die Stärkung des Hochkommissars für nationale Minderheiten, Festlegung eines Verhaltenskodex zur
Erzielung demokratischer ziviler Kontrolle über das
Militär, Stärkung der Grundsätze zur Nichtverbreitung
von Massenvernichtungswaffen sowie Vorbereitung
der Entsendung von KSZE-Beobachtern und -Friedenstruppen in potentielle Unruhegebiete außerhalb
Bosniens. Diese Aktionen werden nicht zu Triumphen und Schlagzeilen führen, könnten aber vielleicht Tragödien verhindern helfen.
Die in Rom verabschiedeten Grundsätze machen
deutlich, daß jede Friedenssicherungsmission eine
von den Parteien selbst ausgehandelte Regelung
zum Ziel haben muß und keine von außen aufoktroyierte Lösung. Und sie legen fest, daß kein
Land regionale Konflikte, so bedrohlich sie auch sein
mögen, zur Erhöhung seiner Sicherheit auf Kosten
anderer nutzen darf.
Ich finde es äußerst ermutigend, daß wir mit Unterstützung und Beteiligung der Russischen Föderation
kurz vor einer Übereinkunft stehen, daß die KSZE
eine multinationale Friedenssicherungstruppe nach
Nagornyj Karabach entsendet.
Die Vereinigten
Staaten begrüßen die Bereitschaft einer Vielzahl von
Nationen, für diese Mission Truppen und Material
bereitzustellen.
Die andauernde Tragödie in Nagornyj Karabach
erfordert doppelte Anstrengungen zur Förderung
eines dauerhaften Waffenstillstands und einer
gerechten Lösung. Die Vereinigten Staaten sind ein
entschiedener Befürworter dieser Bestrebung und

*

AMERIKA DIENST 48

rufen alle KSZE-Mitgliedstaaten auf, hierzu einen
Betrag zu leisten.
Die KSZE sollte auch bei der Förderung von Wirtschaftswachstum eine wichtige Rolle spielen, während sie gleichzeitig die Ressourcen und Umwelt
Europas schützt. Wir sollten sie bei ihrem Bemühen
um verstärkte regionale und grenzüberschreitende
Zusammenarbeit unterstützen.
Dadurch können
Menschen zusammengeführt werden, um neue
Straßen, Brücken und Kommunikationsnetze zu
bauen - die Infrastruktur der Demokratie.
Seit 1975, als die Länder Europas ihrem Wunsch
nach Bildung einer Wertegemeinschaft Ausdruck
verliehen und die KSZE gründeten, wurden mehr
Fortschritte erzielt als selbst Träumer sich erhofft
hatten. Wir wissen, daß Wandel möglich ist. Wir
wissen, daß ehemalige Gegner sich versöhnen
können. Wir wissen, daß eloquente Absichtserklärungen über Demokratie und Menschenrechte den
Frieden fördern können, wenn den Worten Taten
folgen.
Heute, nahezu 20 Jahre später, besteht unsere
Herausforderung darin, die errungenen Freiheiten zu
verbreiten und zu konsolidieren. Diese Aufgabe
erfordert Energie und Stärke. Alte Regime sind
zusammengebrochen, aber ein neues Erbe und
Mißtrauen bleiben bestehen.
Nationen wurden
befreit, aber ethnischer Haß bedroht Frieden und
Toleranz. Demokratie und Marktwirtschaften sind im
Entstehen begriffen, aber der Wandel verursacht
überall Angst und Unsicherheit.
Bereits dreimal in diesem Jahrhundert haben unsere
Nationen ihre ganze Energie aufgeboten, um die
dunklen Kräfte der Geschichte zu besiegen. Sie
haben uns eine große Verantwortung und eine
außergewöhnliche Chance hinterlassen.
Jetzt
besteht unsere Aufgabe darin, eine neue Welt für
unsere Kinder zu gestalten - eine Welt mit mehr
Demokratie, mehr Wohlstand und mehr Sicherheit.
Die KSZE muß hierbei eine entscheidende Rolle
spielen.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.

* * *

*

Seite 3

�NATO
7. Dezember 1994

NATO SOLL OSTERWEITERUNG VORBEREITEN
Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat
BRÜSSEL - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher forderte die Mitgliedstaaten der NATO dazu auf,
unverzüglich die praktischen Erfordernisse einer Erweiterung des Bündnisses zu prüfen und bis Dezember
einen ersten Gedankenaustausch mit potentiellen neuen Mitgliedern durchzuführen.
Bei dem Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel erklärte der Außenminister am 1. Dezember 1994, der Prozeß
der NATO-Erweiterung solle stetig, besonnen und transparent verlaufen, und die neuen Mitglieder müßten einer
verantwortungsbewußten Sicherheitspolitik verpflichtete marktwirtschaftliche Demokratien sein, die einen Beitrag
zu dem Bündnis leisten können.
Christopher versicherte den westlichen Verbündeten, die Interessen Amerikas in Europa hätten sich nicht
geändert und die NATO sei jetzt und in Zukunft der Anker des Engagements der Vereinigten Staaten in Europa
und der Kern transatlantischer Sicherheit.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Außenministers vor dem Nordatlantikrat.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde. Ich freue mich, gemeinsam mit Ihnen an diesem
wichtigen Treffen des Nordatlantikrats teilzunehmen.
Gestatten Sie mir, erneut unseren neuen Generalsekretär zu begrüßen, der seine neue Aufgabe zu
einem entscheidenden Zeitpunkt in der Geschichte
der NATO und Europas übernimmt.
Dies ist eine Zeit großer Veränderungen in Europa.
Die Interessen der Vereinigten Staaten in Europa
haben sich jedoch nicht verändert - ebensowenig
wie die unser Engagement bestimmenden Grundsätze, die seit langem von beiden Parteien unterstützt
werden.
Der erste Grundsatz lautet, daß die NATO der Anker
des amerikanischen Engagements in Europa und
der Kern transatlantischer Sicherheit ist und bleibt.
Die Vereinigten Staaten pflegen dauerhafte politische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle
Beziehungen zu Europa, die bewahrt werden müssen.
Der zweite Grundsatz des amerikanischen Engagements bleibt unsere Unterstützung für die europäische Integration sowie unsere Partnerschaft mit der
Europäischen Union. Die Vereinigten Staaten haben
die europäische Integration von Anfang an gefördert.
Die EU ist bei Handel, Diplomatie und in zunehmen-

AMERIKA DIENST 48

dem Maße im Bereich der Sicherheit, wo wir gemeinsam die Weiterverbreitung von Waffen und den
Terrorismus bekämpfen, ein unerläßlicher Partner.
Eine echte europäische Verteidigungsidentität und
effektive Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Westeuropäischen Union (WEU) sind entscheidende Elemente dieser Beziehungen. Die Stärkung
des europäischen Pfeilers des Bündnisses trägt zu
Stabilität in Europa und transatlantischer Lastenteilung bei. Ferner verbessert sie unsere kollektive
Handlungsfähigkeit. Ich begrüße die am 14. November von den Ministern der WEU-Mitgliedstaaten
geäußerte Aufforderung, die Arbeit an dem Konzept
eines interalliierten gemeinsamen Einsatzverbands zu
beschleunigen. Der Einsatzverband ist ein praktisches Mittel, der WEU unter bestimmten Umständen
die Vorzüge und Fähigkeiten der NATO zur Verfügung zu stellen.
Ich habe gerade gesagt, daß sich die amerikanischen
Interessen in Europa nicht geändert haben. In den
letzten Jahren hat sich jedoch eines geändert: Die
Sphäre politischer und wirtschaftlicher Freiheit in
Europa ist größer als je zuvor. Das bringt mich zum
dritten Grundsatz unseres Engagements: Ein Abbau
der Ost und West trennenden Schranken kommt
unserem kollektiven Interesse an umfassenderer
europäischer Stabilität entgegen. Unser Bündnis von

Seite 1

�Demokratien kann zur Konsolidierung der Demokratie in einem friedlichen, ungeteilten Europa beitragen. Wir können eine umfassende, alle einbeziehende Struktur entwerfen, die Sicherheit und Freiheit
für alle fördert.
Unsere Integrationsstrategie bietet greifbare positive
Ergebnisse. Sie wird Stabilität in Osteuropa fördern
- der Region, in der zwei Weltkriege und der Kalte
Krieg begannen. Sie wird die Kräfte stärken, die
sich für politische, militärische und wirtschaftliche
Reformen einsetzen. Und sie wird sicherstellen, daß
kein Teil Europas wieder zu einem Spielball der
Großmächte oder einem Einflußbereich wird und
keine Nation isoliert bleibt.
Die uns heute konfrontierende Herausforderung ist
derjenigen nicht unähnlich, der sich Westeuropa vor
50 Jahren stellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
waren sich Präsident Truman und die Außenminister
Marshall und Acheson bewußt, daß Sicherheit und
wirtschaftliche Zusammenarbeit für die Verteidigung
der Demokratie von essentieller Bedeutung waren.
Innerhalb von fünf Jahien nach dem Einmarsch der
Alliierten in der Normandie hatten Amerika und seine
Verbündeten den Marshallplan ins Leben gerufen,
die NATO und das GATT geschaffen und die Grundlagen für die spätere EU und OECD gelegt. Diese
Institutionen trugen zur Schaffung bereits ein halbes
Jahrhundert währenden einzigartigen Friedens und
Wohlstands bei - jedoch nur für den halben Kontinent.
Seit dem Fall der Berliner Mauer sind jetzt fünf Jahre
vergangen. Wir müssen eine Sicherheitsgemeinschaft aller demokratischen Nationen in der euroatlantischen Region aufbauen - die auch in den
Bereichen Bestand hat, wo der Wiener Kongreß, das
Konzert der europäischen Mächte und Versailles
letztlich scheiterten, und die auf der Stärke unseres
Erfolgs nach dem Kalten Krieg in Westeuropa
aufbaut.
Die Entwicklung der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur beginnt mit der Stärkung ihres
Fundaments - des Bündnisses, das bereits ein
halbes Jahrhundert lang unsere Sicherheit und
unseren Wohlstand bewahrt hat. Die NATO war
schon immer viel mehr als eine vorübergehende
Antwort auf eine temporäre Bedrohung. Sie ist ein
Garant europäischer Demokratie und eine Kraft für
europäische Stabilität. Die von ihr verteidigten
grundlegenden Werte - Demokratie, Freiheit und
Rechtsstaatlichkeit - sind jetzt auf der ganzen Welt
im Vormarsch. Aus diesen Gründen sind die Vorteile der NATO für die neuen Demokratien Europas
offensichtlich.

Seite 2

Seit dem NATO-Gipfel im letzten Januar haben wir
bemerkenswerte Schritte unternommen, um das
Bündnis zu erneuern und zu stärken. Wir haben
unser historisches Ziel einer Vertiefung der Bindungen zu den neuen Demokratien im Osten erreicht. In
weniger als einem Jahr hat sich die Partnerschaft für
den Frieden von einer bloßen Idee zu einer gewagten
Realität entwickelt.
Die Vereinigten Staaten erachten die Partnerschaft
als integralen und dauerhaften Bestandteil der neuen
europäischen Sicherheftsarchitektur. Aus diesem
Grund hat Präsident Clinton im Juli darauf hingewiesen, daß er den Kongreß im nächsten Haushaltsjahr
um die Bewilligung von 100 Millionen Dollar zur
Förderung von Zielen der Partnerschaft ersuchen
wird. Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
der Kongreß bereits zusätzliche 30 Millionen Dollar
zur Stärkung des Programms der Partnerschaft für
gemeinsame Manöver im kommenden Jahr zugesagt
hat. Es bleibt zu hoffen, daß andere NATO-Mitglieder bald ähnliche Beiträge ankündigen und wir zur
Erzielung eines optimalen Ergebnisses unsere
Bestrebungen koordinieren können. Natürlich ist es
vor allem die Aufgabe der Partner sicherzustellen,
daß die Partnerschaft ihr volles Potential entfaltet.
Die Vereinigten Staaten streben eine Einigung über
zusätzliche Maßnahmen im kommenden Jahr an.
Erstens drängen wir auf die Eingliederung von
Übungsprogrammen für 1995 und danach in einen
Fünfjahresplan sowie auf das progressive Streben
nach komplexeren und vielfältigeren Ausbildungsszenarien. Zweitens muß die NATO eine angemessene Finanzierung der im Zusammenhang mit der
Partnerschaft stehenden Kosten gewährleisten. Und
schließlich sollten wir bis Anfang 1995 die Einrichtung
einer funktionierenden partnerschaftlichen Verteidigungsplanung anstreben.
Die Partnerschaft an sich ist ein entscheidendes
Instrument. Sie ist auch der beste Weg zur Mitgliedschaft für Länder, die dem Bündnis beitreten wollen.
Wie sowohl Präsident Clinton als auch Vizepräsident
Gore betont haben, muß die NATO offen für eine
Erweiterung sein. Eine Politik der Ausgrenzung
würde die Aufrechterhaltung der alten Trennlinien
durch Europa riskieren - oder willkürlich neue ziehen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
institutionellen Arrangements Europas von den
objektiven Anforderungen der Gegenwart, nicht von
den Tragödien der Vergangenheit Europas bestimmt
werden sollten.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten ist es an der
Zeit, den Prozeß zu beginnen und die Erörterung der
praktischen Anforderungen für die Aufnahme neuer
Mitglieder in das Bündnis aufzunehmen. Es ist

AMERIKA DIENST 48

�unabdingbar, daß wir als Bündnis bei Ziel und
Zweck dieser historischen Evolution übereinstimmen.
Der Washingtoner Vertrag ist keine schriftliche
Garantie. Neue Mitglieder werden feierliche Verpflichtungen und Verantwortung übernehmen,
ebenso wie wir unsere feierlichen Verpflichtungen
auf sie ausdehnen. Dies erfordert sorgfältige Erwägung und Vorbereitung.
Wir entscheiden heute, daß das Bündnis seine
internen Beratungen über die Erweiterung aufnimmt.
Ein Prozeß hat begonnen. Es ist auch unerläßlich,
daß wir im Verlauf des Jahres 1995 beginnen,
interessierten Partnern unsere Sichtweise darzulegen. Ich gehe davon aus, daß die nächsten Monate
besonders arbeitsintensiv werden, während wir eine
gemeinsame Präsentation des Bündnisses formulieren. Wir haben Ihren Regierungen bereits unsere
ersten Gedanken unterbreitet und schlagen vor, bei
der Erarbeitung eines Konsenses im Bündnis darauf
aufzubauen. Ich verpflichte mich persönlich, diese
Angelegenheit voranzubringen.
Unsere Präsentation für die Partner sollte die praktischen Implikationen und Verpflichtungen der NATOMitgliedschaft erläutern. Wir sollten eindeutig klarstellen: Dieser erste Austausch soll nicht den
Anfang der Beitrittsverhandlungen darstellen. Er ist
auch kein Anzeichen dafür, daß ein Partner zwangsläufig ein Kandidat für die Aufnahme ist. Dieser
Gedankenaustausch spiegelt jedoch unsere Entschlossenheit wider, daß der Erweiterungsprozeß
von Anfang an offen und einbeziehend sein soll.
Der Prozeß der Erweiterung sollte stetig, besonnen
und transparent sein. Jede Nation sollte individuell
betrachtet werden.
Kein Nichtmitgliedstaat der
NATO wird ein Vetorecht gegenüber einem anderen
haben. Aus unserer Sicht gibt es jedoch im Washingtoner Vertrag niedergelegte bestimmte grundlegende Anforderungen für die Mitgliedschaft. Neue
Mitglieder müssen marktwirtschaftliche Demokratien
und einer verantwortlichen Sicherheitspolitik verpflichtet sein sowie einen Beitrag zum Bündnis
leisten.
Wie ich heute morgen bereits festgestellt habe,
können wir die NATO-Erweiterung nicht in Isolation
vornehmen. Die neue Sicherheitsarchitektur für
Europas Zukunft muß durch andere starke Pfeiler
unterstützt werden. Keine Institution allein hat das
Mandat oder die Fähigkeit, jeder Herausforderung in
Europa zu begegnen.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa - die KSZE - hat als Organisation erprobte
Erfahrungen und unerschlossenes Potential, die zur
Lockerung von Spannungen und Verhinderung

AMERIKA DIENST 48

zukünftiger Konflikte beitragen können. Mit ihrer
umfangreichen Mitgliedschaft und einzigartigen
Erfahrung bei präventiver Diplomatie, Schutz von
Menschenrechten und Schlichtung von Streitigkeiten
kann die KSZE die essentielle Rolle der NATO
ergänzen. Um sie effektiver zu gestalten, müssen wir
ihre Mission jedoch neu definieren.
Beim KSZE-Gipfel in Budapest werden die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten und Partnern
auf die Erweiterung der KSZE-Fähigkeiten hinarbeiten. Präsident Clinton wird auf seine Kollegen
einwirken, seinem Vorschlag zur Stärkung der Rolle
und Struktur der Organisation zuzustimmen. Wir
hoffen, die Rolle der KSZE in der europäischen
Sicherheitsarchitektur zu klären und ihre Fähigkeit zu
verbessern, ein erneutes Jugoslawien zu verhindern.
Unsere wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen
Institutionen schaffen allmählich die veralteten
Grenzen des Kalten Krieges ab. Die Sicherheit und
der Wohlstand ganz Europas sind untrennbar mit der
stabilen Entwicklung der aufstrebenden Demokratien
im Osten Europas verbunden.
Unser Ziel ist die erfolgreiche Umgestaltung des
postkommunistischen Europas in eine Gemeinschaft
souveräner demokratischer Staaten. Eine Schlüsselkomponente ist die Entwicklung eines demokratischen, marktorientierten Rußlands. Ebenso wichtig
ist eine stabile, demokratische, atomwaffenfreie
Ukraine und die Verwirklichung des in den START Iund START Il-Abkommen enthaltenen Versprechens
größerer Sicherheit. In Budapest werden wir einen
entscheidenden Schritt nach vom unternehmen, wenn
Präsident Clinton zusammen mit Präsident Jelzin und
Premierminister Major die Beitrittserklärung der
Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag entgegennimmt
und Sicherheitszusagen für die Ukraine, Belarus und
Kasachstan unterzeichnet. Diese Maßnahme wird
den Weg zum Inkrafttreten von START I ebnen.
Wir begrüßen es, daß ein demokratisches Rußland
bei den gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau
neuer Strukturen eine uneingeschränkte Rolle übernehmen wird. Wir begrüßen das Abkommen über
das individuelle Partnerschaftsprogramm zwischen
der NATO und Rußland, das wir heute abend unterzeichnen werden. Es sendet ein unmißverständliches
Signal des Wunsches unseres Bündnisses, Rußland
in einen kooperativen Ansatz zur Sicherheit in Europa
einzubeziehen.
Gleichzeitig werden wir weiterhin außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden Wege der Kooperation
zwischen der NATO und Rußland sondieren. Die
Vereinigten Staaten waren erfreut über das erste
Treffen zwischen einer Arbeitsgruppe des Bündnisses

Seite 3

�und Rußland über die Frage der Zerlegung von
Nuklearwaffen. Wir unterstützen auch die Intensivierung der Kooperation zwischen Rußland und der
G-7. Und wir fördern die Mitgliedschaft Rußlands im
GATT und seiner Nachfolgeorganisation, der Welthandelsorganisation (WTO).

diese zentralen Prinzipien einhalten, wird unseren
und Europas vitalen Interessen dienen - insbesondere der Nationen, die sich erst kürzlich von der kommunistischen Herrschaft befreit haben. Ebenso wird
die Erweiterung westlicher Institutionen nach Zentraleuropa Rußland dienen.

Integration wird die Sicherheit Rußlands in einem
größeren Europa verbessern und Rußlands Zugang
zu Märkten und Kapital erweitern. Die Integration
bringt jedoch auch Verpflichtungen für alle westlichen Nationen mit sich. Die GATT-Mitgliedschaft
wird Rußlands Handelspraktiken in Einklang mit den
Weltnormen bringen. Erweiterte Beziehungen zur
NATO und der EU werden zusammen mit gestärkten
KSZE-Prinzipien in Rußland die Demokratie und
Achtung der Souveränität seiner Nachbarstaaten
fördern.

Indem wir die von mir heute dargelegten Schritte
unternehmen, werden wir unser gemeinsames
Interesse am Aufbau eines in Frieden lebenden
demokratischen, wohlhabenden, integrierten Europas
fördern. Diese Schritte reflektieren die zentralen
Prinzipien unseres Engagements in Europa - unsere
unerschütterliche Verpflichtung zur NATO, unsere
kontinuierliche Unterstützung der europäischen
Integration und unsere Entschlossenheit zur Erweiterung von Sicherheit und Stabilität auf den Osten. Die
Vereinigten Staaten verstehen, daß unsere Führungsrolle zur Erlangung dieser Ziele unerläßlich ist. Und
wir sind entschlossen, sie bereitzustellen.

Unsere Unterstützung für russische Maßnahmen, die

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 48

�BOSNIEN
7. Dezember 1994

NATO WÄRE ZUM EINSATZ VON
LUFTSTREITKRÄFTEN BEREIT
Eröffnungsansprache des Außenministers
BRÜSSEL - (AD) - In seiner Eröffnungsansprache beim Treffen des Nordatlantikrats erklärte Außenminister
Warren Christopher am 1. Dezember 1994: "Der schreckliche Konflikt in Bosnien widersetzt sich weiterhin
einer Lösung. Er stellt eine Herausforderung für die NATO und alle Institutionen dar, die sich mit ihm
befassen."
Der Außenminister führte aus, die NATO habe in bezug auf die Situation in Bosnien alles von der UNO
Geforderte getan und zählte von der NATO unternommene Aktionen auf.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Außenminister Christopher.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde. Es ist ein Privileg, bei unserem ersten offiziellen
Treffen seit der Wahl von Willy Claes zum Nachfolger des brillianten und engagierten Manfred Wörner
Ehrenpräsident zu sein.
Generalsekretär Claes hat die Leitung zu einer Zeit
historischer Chancen und Herausforderungen für das
Bündnis übernommen. Wir haben großes Glück,
diesen erfahrenen und starken Staatsmann an der
Spitze der NATO zu haben, während wir die europäische Sicherheit für das 21. Jahrhundert aufbauen.
Die beiden größten Schlachten des 20. Jahrhunderts, der Kampf gegen Faschismus und Kommunismus, sind vorüber. Der gefallene Eiserne Vorhang
hat ein Fenster der Chancen für offene Gesellschaften und offene Märkte aufgestoßen, die auf
einem im Frieden lebenden Kontinent überdauern.
Man muß sich vor Augen führen, daß die NATO eine
wesentliche Rolle dabei gespielt hat, uns an diesen
hoffnungsvollen Punkt zu bringen. Seit über vier
Jahrzehnten hat sie den Frieden bewahrt, unsere
Freiheit erhalten, bei unterdrückten Völkern Hoffnung
genährt und schließlich dazu beigetragen, den
Kalten Krieg zu beenden - ein Sieg für alle Freiheitsliebenden.
Seit einem halben Jahrhundert hat die NATO auch
die Grundlage geboten, auf der unsere Nationen die
größte Gemeinschaft der Welt mit Frieden und
Wohlstand aufgebaut hat. Sie hat enge Beziehungen zwischen ehemaligen Gegnern in Westeuropa

AMERIKA DIENST 48

geschmiedet. Sie bildete das Kernstück unserer
transatlantischen Gemeinschaft - und knüpft Bande,
die niemals gelöst werden können. Die im Washingtoner Vertrag verankerten Ideale - Demokratie,
Freiheit und Rechtsstaatlichkeit - haben sich als
ebenso mächtig wie die Arsenale dieses Bündnisses
erwiesen. Dean Acheson hat es am besten formuliert: "Die Bedeutung der NATO geht auf lange Sicht
weit über die Schaffung militärischer Stärke hinaus...
Zukünftige Hoffnung liegt im Entstehen einer Gemeinschaft freier Menschen..."
Die NATO besitzt aber nicht nur für gestern Gültigkeit, sondern auch für heute und morgen - für Dean
Achesons "zukünftige Hoffnung".
Ich möchte mich unmißverständlich zur Überzeugung
meiner eigenen Nation ausdrücken: Europa ist der
Brennpunkt für die Macht und Zielsetzung der Vereinigten Staaten und wird dies auch in Zukunft sein.
Dieses Bündnis wird weiterhin den Anker des amerikanischen Engagements in Europa bilden, den Drehund Angelpunkt der transatlantischen Sicherheit. Seit
über vier Jahrzehnten haben wir unter demokratischen und republikanischen Administrationen die
überparteiliche Verpflichtung zu einem freien, stabilen, sicheren und wohlhabenden Europa aufrechterhalten. Heute haben wir uns als Teil unseres
andauernden Engagements zur weiteren Stationierung von 100.000 amerikanischen Soldaten auf
europäischem Boden verpflichtet.
Während wir heute zusammenkommen, um dieses
großartige Bündnis an die neuen Zeiten anzupassen,

Seite 1

�sind wir uns bewußt, daß das Ende des Kalten
Krieges nicht nur Chancen, sondern auch ernsthafte
Herausforderungen mit sich gebracht hat. Der
schreckliche Konflikt in Bosnien widersetzt sich
weiterhin einer Lösung. Er stellt eine Herausforderung für die NATO und alle Institutionen dar, die sich
mit ihm befassen. Als sich dieser Krieg an der
Asche des Kalten Krieges entzündete, war die
internationale Staatengemeinschaft offen gesagt
unzureichend vorbereitet. Die Welt wandte sich
schließlich zur Übernahme der Hauptverantwortung
an die Vereinten Nationen.
Die NATO ihrerseits hat in bezug auf die Situation in
Bosnien alles von der UNO Geforderte getan. Sie
hat eine Flugverbotszone eingerichtet und die
Ausweitung des Konflikts zu einem Luftkrieg verhindert. Sie hat den Druck der Sanktionen aufrechterhalten und eine zentrale Rolle bei der Verhinderung einer Ausweitung des Konflikts gespielt.
Entgegen einigen Berichten hat die NATO den
Einsatz von Luftstreitkräften nicht ausgeschlossen.
Die NATO ist auf Bitte und im Einklang mit den
Resolutionen der Vereinten Nationen zum Einsatz
von Luftstreitkräften bereit.
Unsere Aufgabe besteht jetzt weiterhin darin, ein
friedlich ausgehandeltes Ende des Konflikts anzustreben, das die territoriale Integrität Bosniens
bewahrt. Wir sollten unsere Bemühungen um einen
unverzüglichen Waffenstillstand und die generelle
Einstellung der Feindseligkeiten verstärken. Wir
sollten aufbauend auf dem Plan der Kontaktgruppe
die Bedingungen für eine Lösung mit den Parteien
erarbeiten.
Ich möchte eine wichtige Tatsache unterstreichen:
Die Krise in Bosnien geht um Bosnien und das
ehemalige Jugoslawien. Sie schmälert die andauernde Bedeutung der NATO nicht. Die Verbündeten
sind der unersetzlichen Rolle der NATO als Schlüssel zur europäischen Sicherheit nach wie vor verpflichtet. Es gibt unter uns keine Meinungsverschiedenheiten zu diesem Punkt.
Die Tragödie des Krieges und Blutvergießens in
Bosnien verringert nicht unsere Verantwortung zum
Aufbau einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur, die Stabilität konsolidiert, die heutigen Konflikte anspricht und das Ausbrechen neuer
Konflikte in der Zukunft verhindert. Im Gegenteil, die
Tragödie im ehemaligen Jugoslawien unterstreicht
die Dringlichkeit dieser Aufgabe.
Kernstück des Aufbaus einer umfassenden Sicherheitsarchitektur für Europa ist ein ausgewogener
Prozeß der NATO-Erweiterung zusammen mit der
kontinuierlichen europäischen Integration und der

Seite 2

Entschlossenheit zur Stärkung der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Gestern hat die NATO zur Aussöhnung ehemaliger
Gegner, zur Einbeziehung freier Länder in starke und
solide Institutionen und zur Schaffung eines dauerhaften Gefühls gleicher Zielsetzungen bei der Sicherheit
des jeweils anderen beigetragen. Heute muß die
NATO dasselbe tun - mit neuen Ländern, aber mit
derselben Zielsetzung. Diese Allianz muß ihre
zentrale Rolle als Verteidigungsbündnis bewahren
und ihre Streitkräfte an die Bewältigung der neuen
Forderungen von Krisenmanagement und Friedensschaffung anpassen. Dieses Bündnis muß auch den
neuen Partnern behilflich sein, die westlichen Normen
der Kooperation zu erlernen und sie in die praktische
Arbeit der NATO einbeziehen, Stabilität in Europa zu
gewährleisten.
Beim NATO-Gipfel im Januar verpflichtete sich das
Bündnis mit der Annahme von Präsident Clintons
Vorschlag über die Partnerschaft für den Frieden zur
Vertiefung der Beziehungen zu den aufstrebenden
Demokratien. In weniger als einem Jahr wurde die
Partnerschaft ins Leben gerufen. 23 Nationen
einschließlich Rußlands sind inzwischen beigetreten.
Belarus hat gerade seine Absicht bekanntgegeben,
unser 24. Partner zu werden. Heute abend werden
die NATO und Rußland sich auf umfassende Kooperationsmöglichkeiten einigen, darunter auch das
russische Programm der Partnerschaft für den
Frieden. Truppen, die sich im Kalten Krieg ein
halbes Jahrhundert lang gegenüberstanden, halten
jetzt gemeinsam militärische Übungen ab.
Unsere Staatsoberhäupter haben im Januar auch
erklärt, daß das Bündnis offen für neue Mitglieder ist.
Heute unternehmen wir einen wichtigen Schritt in
dem Prozeß, der zur Erweiterung der NATO führen
wird. Ich finde, wir sollten jetzt mit den internen
Beratungen über die Erweiterung beginnen und 1995
mit den Partnern die Verpflichtungen und Implikationen der Mitgliedschaft erörtern.
Dies wird ein stetiger, freiwilliger und transparenter
Prozeß sein. Ich möchte betonen, daß die Erweiterung die NATO nicht verwässern darf und wird. Die
NATO muß jedoch mit der Zeit zur Aufnahme der
Nationen bereit sein, die zur Übernahme der mit der
Bündnis-Mitgliedschaft einhergehenden Verpflichtungen willens und in der Lage sind, und deren Mitgliedschaft für die Ziele des Bündnisses und der umfassenderen europäischen Sicherheit stehen. Wenn
die Erweiterung kommt, wird sie die Stabilität für alle
in Europa verbessern - für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.

AMERIKA DIENST 48

�Während wir die NATO-Erweiterung vorantreiben,
müssen wir auch andere Strukturen der Sicherheitskooperation stärken. Keine Institution allein hat das
Mandat oder die Fähigkeit, sich jeder Herausforderung in Europa zu stellen. Unser NATO-Bündnis
muß durch andere Institutionen ergänzt werden, die
das gesamte Spektrum von Herausforderungen
ansprechen, mit denen sich die Zukunft Europas
konfrontiert sieht. Wir messen der europäischen
Integration mit Unterstützung der Europäischen
Union eine wichtige Rolle bei. Es gibt noch eine
weitere Institution, deren Potential noch nicht erschlossen ist: Die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa. Wir müssen auf ihre
einzigartige Stärke als eine Struktur für Konfliktlö-

*

AMERIKA DIENST 48

sung und -Verhinderung sowie als eine Institution aufbauen, die das Ideal eines ungeteilten Europas
verkörpert.
Da ich als ihr Ehrenpräsident spreche, kann ich voller
Vertrauen sagen, daß das Bündnis bereit ist, sowohl
die Herausforderungen von heute als auch die von
morgen anzunehmen. Und als Vertreter Präsident
Clintons und des amerikanischen Volkes sage ich mit
demselben Vertrauen, daß die Verpflichtung der
Vereinigten Staaten zu aktiver Beteiligung an der
Aufrechterhaltung von Sicherheit, Wohlstand und
Freiheit in Europa unerschütterlich ist.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
7. Dezember 1994

LAKE WARNT VOR EINSEITIGER AUFHEBUNG
DES BOSNISCHEN WAFFENEMBARGOS
Rede vor der Princeton University
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration bekräftigte am 30. November 1994, eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien durch die Vereinigten Staaten "könnte den tiefsten Riß in der
Geschichte der NATO hervorrufen".
Anthony Lake, Präsident Clintons Nationaler Sicherheitsberater, stellte fest, es wäre ein "gravierender Fehler",
das von der Muslim-Regierung Bosniens verhängte Waffenembargo einseitig aufzuheben - wie von Senator
Dole, dem voraussichtlichen Mehrheitsführer im Senat im kommenden Jahr, vorgeschlagen. Dole war nach
Europa gereist und kritisierte die schwache Reaktion der Vereinten Nationen auf die serbische Aggression
gegen die UN-Schutzzone Bihac und forderte Präsident Clinton zur Aufhebung des Waffenembargos auf, damit
die bosnische Regierung sich selbst verteidigen könne. Dole äußerte, er werde im Kongreß auf die
Beendigung des Embargos hinarbeiten.
In einer Rede vor der Woodrow Wilson School der Princeton University schloß Lake aus, daß die Vereinigten
Staaten ihr "gesamtes militärisches Gewicht" hinter die bosnische Regierung stellen würden und fügte hinzu:
"Uns des Problems durch eine einseitige Aufhebung des Waffenembargos zu entledigen und diesem Problem
den Rücken zu kehren, wäre ein gravierender Fehler."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Nationalen Sicherheitsberaters im Wortlaut.

Ich möchte heute zu Ihnen über die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements im Ausland
sprechen. Es gibt kein geeigneteres Forum für eine
solche Diskussion. Schließlich war Präsident Woodrow Wilson einer der ersten und eloquentesten
Verfechter des amerikanischen Internationalismus.
"Ob wir wollen oder nicht - wir sind am Leben der
Welt beteiligt", stellte er fest. "Die Interessen aller
Nationen sind unsere Interessen... Die Belange der
Menschheit sind unweigerlich unsere Belange."
Ich freue mich über diese Gelegenheit, einer Gruppe
talentierter junger Menschen in der außenpolitischen Domäne zu vermitteln, daß Engagement
wichtiger als je zuvor ist, daß wir den neuen Isolationismus ablehnen und eine Koalition der Mitte bilden
müssen - eine Koalition, die beide Parteien und
beide Enden der Pennsylvania Avenue umfaßt.
Eine Koalition, die willens ist, Märkte zu öffnen und
Handel für die Vereinigten Staaten freier und fairer
zu machen. Eine Koalition, die zur Unterstützung
der Demokratiebewegung bereit ist, von der die Welt
erfaßt wird. Eine Koalition, die zur Übernahme einer
Führungsrolle bei dem historischen Unternehmen

AMERIKA DIENST 48

entschlossen ist, die Bedrohung durch Nuklearwaffen
zu verringern. Eine Koalition, die bereit ist, die
Chancen zu ergreifen und die Verpflichtungen eines
Engagements zu übernehmen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß nach den
größten Leistungen des Engagements - dem Sieg
des Containment über den Kommunismus - einige
wollen, daß die Vereinigten Staaten sich hinter die
Mauern der Isolation zurückziehen. Ironisch, aber
nicht überraschend. Ohne eine klare, einigende
Bedrohung aus dem Ausland möchten die Amerikaner natürlich ihre Aufmerksamkeit auf die Belange im
Inland lenken. Und wir sehen uns mit einem Problemkomplex konfrontiert, der uns zum Zurückschrekken vor einem Engagement veranlaßt - von der
Bedrohung einer "traditionellen" Aggression durch
räuberische Nationalstaaten über transnationale
Bedrohungen wie Überbevölkerung bis zu schrecklichen ethnischen Konflikten.
Gleichzeitig wurde das Argument vorgebracht, daß
der Sieg im Kalten Krieg uns zum Ende der Geschichte geführt hat und wir uns folglich nicht länger
für die Welt hinter unseren Grenzen engagieren

Seite 1

�müssen. Nichts ist weniger zutreffend. In der Tat ist
dieselbe vom Kommunismus und davor vom Faschismus angegriffene Idee heute noch immer
Angriffen ausgesetzt. Damals wie heute müssen wir
eine Idee verteidigen, die viele Namen - Demokratie,
Freiheit, Staatsbürgertum, Pluralismus - aber ein
unveränderliches Kriterium hat: Das Kriterium der
toleranten Gesellschaft.
Präsident Clinton stellte fest: "Wir sehen uns mit
einem Wettkampf konfrontiert, der so alt ist wie die
Geschichte - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Isolation. Es ist
ein Kampf zwischen denjenigen, die von Gesetzen
geregelte freie Gesellschaften aufbauen wollen und
denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt aufzwingen
wollen. Unser heutiger Kampf ... ist der jahrtausendealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Trotz dieser Herausforderung - und trotz der Chancen der Zeit nach dem Kalten Krieg - ist ein gefährlicher Rückfall in den Isolationismus spürbar. Dieser
Reflex ist so alt wie unsere Republik. Als aufstrebende Nation, die ihre Unabhängigkeit stärken wollte
und durch große Ozeane geschützt war, lag es
damals im Interesse Amerikas, George Washingtons
Warnung vor ausländischen Verwicklungen zu
befolgen. Amerika hielt sich völlig aus der großen
Machtpolitik heraus und stellte sich selbst - mit
Thomas Jeffersons Worten - "als anschauliches
Monument und Beispiel" für alle Völker der Welt dar.
Unsere anfängliche Tendenz, auf die entfernten
kriegführenden Kontinente aus einer Position der
moralischen und materiellen Überlegenheit zu
blicken, hielt uns nicht davon ab, eine Politik der
Expansion auf unserem Kontinent und der Monroedoktrin in dieser Hemisphäre zu verfolgen. Aber
abgesehen von diesem "Manifest Destiny" dauerte
die Welle des Isolationismus in Amerika bis zur
Jahrhundertwende an.
Teddy Roosevelt war der erste Präsident, der eine
Umkehrung dieser Welle und die Bekräftigung
globaler Interessen für Amerika anstrebte. Er
erkannte, daß die Konsolidierung eines großen
Territoriums zusammen mit exponentiellem Wachstum unserer Bevölkerung und wirtschaftlicher Produktion die Vereinigten Staaten zur mächtigsten
Nation auf der Welt gemacht hatten. Und er unterstrich, daß Technologie den isolierenden Effekt der
Ozeane schwächte.
Die Erfahrungen und Werte der Vereinigten Staaten
erschwerten es der Nation jedoch, die Außenpolitik
Roosevelts anzunehmen. Woodrow Wilsons Ansatz
hatte größere Resonanz. Er ergänzte Roosevelts
Internationalismus durch Moral und gestattete es so

Seite 2

den Vereinigten Staaten, im Namen von Prinzipien nicht Macht - eine Führungsrolle in der Welt zu
übernehmen. Seine Vision fand ihren Höhepunkt im
Völkerbund, einer universellen Gruppe vornehmlich
demokratischer Staaten, die als die "Treuhänder des
Friedens" dienen würden.
Aber Wilsons Vertrauen in die Macht der Moral - und
seine Sorge über die Unsterblichkeit der Macht waren fehlgeleitet und unterminierten seine Förderung kollektiver Sicherheit und Selbstbestimmung.
Und Wilsons hochfliegende Rhetorik machte es leicht,
seine Kampagne für eine demokratische und sichere
Welt ins Lächerliche zu ziehen.
Infolgedessen wurde der Völkerbund für Amerika zu
einem aufgeschobenen Versprechen. Skeptische
Internationalisten betrieben Haarspalterei über seine
praktischen Unzulänglichkeiten. Wiederauftretende
Isolationisten verurteilten ihn, weil er Amerika eine zu
globale Rolle zugewiesen hatte. Und in einem
Augenblick großer historischer Tragweite stimmte der
Senat gegen den Völkerbund. Niemand kann sagen,
wie anders die beiden folgenden Jahrzehnte verlaufen wären, wenn die Vereinigten Staaten dem
Völkerbund beigetreten wären. Aber wir wissen, daß
Amerika und die übrige Welt in den nächsten beiden
Jahrzehnten unter Isolation, wirtschaftlicher Stagnation und schließlich einem neuen Krieg litten, der den
Planeten erfaßte.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verlieh eine bemerkenswerte überparteiliche Generation von Amerikanern endlich Wilsons Vision praktischen Ausdruck.
Diese Generation gestaltete die Vereinten Nationen
... und die Welt. Sie trug zur Schaffung von Strukturen bei - der NATO, dem Marshallplan und den
Bretton Woods-Institutionen - die ein halbes Jahrhundert von Sicherheit und Wohlstand in Amerika,
Europa und Japan sicherstellten. Und sie überdauerte den Kommunismus.
Heute müssen wir diesen Geist der Nachkriegsgeneration beim Schmieden der Koalition der Mitte
wiedererlangen. Dabei sollten wir einen Kurs einschlagen, der weder so rigide wie der Wilsonsche
noch klassisch realistisch ist.
Die Realisten mögen recht haben, daß Macht wichtig
ist. Die Vereinigten Staaten müssen mit allen erforderlichen Mitteln zur Verteidigung ihrer Interessen
bereit sein, wann immer und wo immer sie bedroht
sind.
Ebenso dürfen wir in unseren Prinzipien nicht so
absolut sein, daß Lähmung eintritt, während wir mit
einer sich rasch wandelnden Welt konfrontiert sind.
Und unsere Rhetorik darf die Realität nicht verdrän-

AMERIKA DIENST 48

�gen - wenn dies geschieht, riskieren wir ein Klima
der Desiilusionierung wie in den zwanziger Jahren.
Wilson hatte jedoch recht, daß Prinzipien wichtig
sind - daß von Prinzipien losgelöste Macht uns
steuerlos herumtreiben läßt. Und seine Vision einer
Welt der Demokratien berührte eine zentrale Wahrheit, die für uns immer noch Gültigkeit besitzt. Diese
Wahrheit lautet: Je größer die Gemeinschaft der
Demokratien, desto wahrscheinlicher werden Frieden
und Wohlstand auf der Welt gedeihen. Demokratien
schaffen freie Märkte, die wirtschaftliche Chancen
bieten und verläßlichere Handelspartner hervorbringen. Sie mißbrauchen für gewöhnlich nicht die
bürgerlichen und politischen Rechte ihrer Bürger.
Und Demokratien werden sehr viel seltener Krieg
gegeneinander führen. Obwohl Wilson es nicht so
formuliert haben würde, liegt die Erweiterung der
Gemeinschaft von Demokratien im Interesse Amerikas.
Wilson erkannte auch, daß die Ereignisse innerhalb
von Nationen grundlegend für ihr Verhalten untereinander sind. Insbesondere in der heutigen hitzigen
globalen und wirtschaftlichen Diskussion - bei der
Ideen, Informationen, Geld und Menschen den
Planeten nahezu in Schallgeschwindigkeit umkreisen
- ist die Realpolitik des 19. Jahrhunderts gefährlich
überholt. Jeden Tag verwenden wir in einem Land
entworfene, in einem anderen aus in einem dritten
Land gefertigten Teilen hergestellte und auf der
ganzen Welt vermarktete Produkte. Jeden Abend
sehen wir im Fernsehen auf allen Kanälen die Bilder
entfernter Konflikte und Katastrophen, die unsere
Emotionen und unseren Intellekt berühren. Wir sind
engagiert, ob wir es wollen oder nicht.
Mit anderen Worten: Wilsons feste Überzeugungen
- die Verbreitung von Demokratie in andere Nationen, die Bedeutung von Prinzipien und vor allem die
Notwendigkeit des Engagements - besitzen mehr
Gültigkeit als je zuvor. Und sie beleben die Arbeit
dieser Administration, wie sie in den vergangenen 50
Jahren die Arbeit unsere Vorgänger belebt haben.
Es ist unsere Überzeugung, daß Amerika nur mit
einer Führungsrolle im Ausland - nur durch die
Erfüllung der Verpflichtung zu Engagement und dem
Ergreifen von Chancen - weiterhin Wohlstand und
Sicherheit im Inland gewährleisten kann. Es ist
unerläßlich für die Zukunft der Vereinigten Staaten,
daß dieser neue Kongreß - Republikaner und
Demokraten gleichermaßen - mit der Administration
bei der Umsetzung dieses grundlegenden Projekts
zusammenarbeitet.

Wohlstand "die Mauer in unserem Denken zwischen
Innen- und Außenpolitik niederreißen und die Chancen im Ausland ergreifen müssen". Er war sich
darüber im klaren, daß das Wachstum unserer
Volkswirtschaft sowie die Quantität und Qualität der
von ihr geschaffenen Arbeitsplätze durch unsere
Fähigkeit verbessert würden, über unsere Grenzen
hinaus Handel zu treiben und zu investieren. Aus
diesem Grund gehen wir so aggressiv bei der Förderung von offenen Märkten und freiem Handel vor.
Wir haben im letzten Jahr mit dem harten Kampf um
das NAFTA begonnen, das unsere Exporte nach
Mexiko bereits um 20 Prozent erhöht und Zehntausende neuer, besserbezahlter Arbeitsplätze hervorgebracht hat. Beim APEC-Gipfeltreffen erhielten wir
die Zusage, bis zum Jahr 2020 freien und fairen
Handel in Asien sicherzustellen - einer Region, die
bereits für ein Drittel unserer Exporte steht und über
2 Millionen amerikanischer Arbeitsplätze unterstützt.
Und nächste Woche werden wir beim Gipfel der
amerikanischen Staaten in Miami wichtige Schritte zur
Gründung einer Partnerschaft zwischen den Demokratien auf unserer Hemisphäre unternehmen.
Keine unserer Unternehmungen in diesem Jahr wird
das Ziel der Öffnung von Märkten und der Schaffung
von Wohlstand mehr voranbringen als die Verabschiedung des GATT - des größten, umfassendsten
Handelsabkommens der Geschichte. Seit 40 Jahren
sind unsere Märkte offener als die anderer Nationen.
Das GATT wird durch gleiche Chancen für unsere
Unternehmen und Arbeitnehmer sicherstellen, daß
der Handel freier und fairer wird. Dank des GATT
können Millionen Amerikaner von den Vorteilen des
globalen Wachstums profitieren.
Meines Erachtens ist die morgige Abstimmung des
Senats über das GATT ein bahnbrechendes Ereignis
- wie die Abstimmung über den Völkerbund am Ende
des Ersten Weltkriegs und die Abstimmungen über
den Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg.
Damals wie heute hat der Senat die Chance zu
beweisen, wofür dieses Land steht und in welche
Richtung wir gehen - und ob eine Koalition der Mitte
möglich ist. Ich hoffe, der Senat läßt sich von
Senator Vandenbergs Appell von vor 50 Jahren
inspirieren, "in diesem entscheidenden Moment mit
einer Stimme zu sprechen". Durch Erneuerung
dieser überparteilichen Geisteshaltung bei der Verabschiedung des GATT - durch die Entscheidung für
Engagement statt Flucht vor der Wirklichkeit, wie der
ehemalige Außenminister James Baker es formulierte
- werden wir die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu freiem Handel, Arbeitsplätzen und Wachstum
sowie unserer Führungsrolle in der Welt ratifizieren.

Präsident Clinton übernahm sein Amt in der Überzeugung, daß wir zur Sicherstellung von wirklichem

AMERIKA DIENST 48

Seite 3

�In der Welt nach dem Kalten Krieg haben wir auch
die Chance, einst unlösbar erscheinende Probleme
in Angriff zu nehmen. Manche vertreten die Ansicht,
wir sollten uns keine Mühe geben, sondern unsere
Ressourcen sparen, unseren eigenen Weg gehen
und andere sich selbst überlassen. Sie haben
unrecht.
Der Preis eines solch blinden und willkürlichen
Ansatzes wären verpaßte Chancen - Chancen, allen
Amerikanern mehr Sicherheit zu geben. Dieser
Preis wäre zu hoch. Betrachten wir uns einige
dieser Chancen:
Im Nahen Osten, in Nordirland und Südafrika erlauben uns der Großmachtstatus Amerikas und unsere
Fähigkeit, als ehrlicher Makler zu agieren, eine
Erleichterung des Wandels. Durch die Inangriffnahme dieser Herausforderungen tragen wir dazu
bei, Konflikt durch Kooperation, Krieg und Kampf
durch Frieden und Stabilität zu ersetzen - und die
Weltgemeinschaft freier und offener Gesellschaften
zu vergrößern. Das ist für alle Amerikaner von
Vorteil.
Ferner müssen wir bei unserer Unterstützung der
Reformen in der ehemaligen Sowjetunion Standhaftigkeit zeigen. Nichts ist für die langfristige Sicherheit der Vereinigten Staaten wichtiger als die erfolgreiche Umgestaltung Rußlands und der anderen
Sowjetrepubliken zu demokratischen, das Völkerrecht und die Rechte ihrer Bürger achtenden Nationen. Insbesondere ein wiederauflebendes, revanchistisches Rußland könnte einen Großteil der
Errungenschaften des Kalten Krieges gefährden.
Ein demokratisches, marktwirtschaftliches Rußland
kann in Fragen und Regionen, an denen wir ein
großes nationales Interesse haben, ein mächtiger
Partner werden. Darauf arbeiten wir hin.
Gleichzeitig sind russische Raketen als Ergebnis
unseres Engagements nicht länger auf amerikanische Städte und Bürger gerichtet. In der Ukraine
hilft unsere starke Unterstützung für Präsident
Kuchma diesem Land bei der Beseitigung seines
aus 1.800 Gefechtsköpfen bestehenden Atomwaffenarsenals. Und wir tragen dazu bei, Kasachstan und
Belarus von Massenvernichtungswaffen zu befreien.
Sie haben wahrscheinlich vergangene Woche über
unsere Geheimoperation gelesen, hochangereichertes Uran - ausreichend für die Produktion von 50
Bomben - aus Kasachstan an einen sicheren Ort zu
bringen. Der Umfang des vorhandenen Materials
und der Mangel an Sicherheitskontrollen machen es
für Schmuggler und Terroristen zu einem besonders
verlockenden Ziel. Dank der ausgezeichneten Arbeit
des Verteidigungs-, Energie- und Außenministeriums

Seite 4

und der Kooperationsbereitschaft der kasachischen
Regierung konnte diese Verlockung nicht zu einer
Tragödie werden.
Die Situation in Bosnien ist seit mehr als drei Jahren
eine Tragödie. 1991 entschied sich die NATO, nicht
direkt zu intervenieren und überließ den Vereinten
Nationen die Führungsrolle. Ob diese Entscheidung
nun richtig oder falsch war - sie hat Konsequenzen,
mit denen wir uns weiterhin auseinandersetzen
müssen.
Die Vereinten Nationen sind der Ansicht, daß ihre
bedeutende humanitäre Mission eine unparteiische
Haltung vorschreibt. Folglich stellt es für die UNOKommandeure eine Notlösung dar, die NATO wegen
Angriffen der bosnischen Serben auf Schutzzonen zu
Vergeltungsmaßnahmen aufzufordern. Zudem sind
die Truppen der UNO, deren Aufgabe der Schutz von
Mitarbeitern humanitärer Hilfsdienste in Bosnien ist,
nur leicht bewaffnet und nicht in der Lage, sich vor
Angriffen zu schützen. Jede Entscheidung der
Vereinten Nationen über Aktionen der NATO muß die
Sicherheit dieser Truppen und der Angehörigen
humanitärer Hilfsdienste berücksichtigen. Obwohl die
NATO in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt ist,
steht sie dennoch bereit, auf Ersuchen die Maßnahmen zu ergreifen, die sie immer zugesagt hat Bereitstellung von Luftunterstützung, Durchführung
von Operationen zugunsten von UNO-Mitarbeitern
sowie Durchsetzung von Schutz- und Sperrzonen.
Wir sind folglich mit schwierigen politischen Entscheidungen ohne einfache Lösungen konfrontiert.
Unser gesamtes militärisches Gewicht hinter die
Truppen der bosnischen Regierung zu stellen würde
bedeuten, mehr als 100.000 amerikanische Bodentruppen in einem Konflikt zu gefährden, der keine
direkte Bedrohung unserer Sicherheit darstellt - so
wichtig die auf dem Spiel stehenden Interessen auch
sein mögen.
Uns des Problems durch eine einseitige Aufhebung
des Waffenembargos zu entledigen und diesem
Problem den Rücken zu kehren, wäre ein gravierender Fehler. Eine einseitige Aufhebung des Waffenembargos würde unsere Fähigkeit aufs Spiel setzen,
Sanktionen gegen den Irak, Libyen und andere zu
verhängen, die amerikanische Interessen gefährden.
Eine solche Aufhebung könnte den tiefsten Riß in der
Geschichte der NATO hervorrufen und zweifelsohne
den tiefsten seit der Sueskrise von 1956. Sie könnte
unsere Verbündeten und andere dazu bringen, sich
vom Problem Bosnien abzuwenden und allein den
Vereinigten Staaten die Verantwortung dafür zu
überlassen. Und das würde die Frage des Einsatzes
amerikanischer Bodentruppen in Bosnien aufwerten.

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�Eine dritte Option wäre, alles in unserer Macht
Stehende zu unternehmen, um den Parteien zu
einer diplomatischen Lösung zu verhelfen. Dieser
Weg ist übersät mit Frustrationen und Rückschlägen
- aber es ist der beste, stetigste Kurs. Ich möchte
nochmals die grundlegenden Bestandteile der
Situation in Bosnien und unserer Politik darlegen:
Erstens kann keine Partei auf dem Schlachtfeld
einen endgültigen, entscheidenden Sieg davontragen. Trotz ihrer Verluste in Bihac behalten die
bosnischen Regierungstruppen zumindest in Zentralbosnien ihre Stärke bei. Beide Seiten stehen vor
derselben Wahl: Entweder eine Fortsetzung der
blutigen militärischen Pattsituation oder ein Ende des
sinnlosen Mordens und eine Lösung.
Zweitens ist der einzige Ausweg aus dem bosnischen Inferno ein mit Verhandlungen über eine
politische Lösung verbundener Waffenstillstand. Das
ist und bleibt die Politik dieser Administration. Wir
werden weiterhin bei den Kriegsparteien auf einen
Waffenstillstand und eine Verhandlungslösung
drängen. Am Freitag wird Außenminister Christopher mit unseren Partnern über den besten Weg
hierzu beraten.
Drittens bleiben die Vereinigten Staaten der territorialen Integrität und Souveränität des bosnischen
Staates verpflichtet. Wir befürworten keine Konföderation zwischen den bosnischen Serben und
Serbien. Wie wir während der vergangenen zwei
Jahre immer wieder betont haben, ist es jedoch die
Aufgabe der Konfliktparteien, sich auf zukünftige
konstitutionelle und geographische Abmachungen zu
einigen.
Und schließlich gehen der Präsident und seine
Berater weiterhin davon aus, daß die NATO zum
Einsatz von Gewalt bereit sein sollte, wenn sie dazu
aufgefordert wird.
Wir haben den Serben keine Konzessionen gemacht. Wir sind entschlossen, alles in unserer
Macht Stehende zu tun, um die Konfliktparteien zum
Frieden zu führen.
Die bosnische Tragödie lehrt uns, wie wichtig die
Ausbreitung von Demokratie, Stabilität und Wohlstand - deren sich Westeuropa schon seit 50 Jahren
erfreut - in ganz Europa ist. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten bei der Gründung der
Partnerschaft für den Frieden sowie der Vorbereitung der Osterweiterung der NATO die Führungsrolle
übernommen. Aus diesem Grund schauen wir auf
die KSZE.

AMERIKA DIENST 48

Diese und andere Strukturen werden dazu beitragen,
die Vision Präsident Clintons von einem integrierten
Europa, einschließlich Rußlands, umzusetzen, indem
sie das Fundament für Stabilität im kommenden
Jahrhundert legen. Sie sollten auch dafür sorgen,
daß ethnische Spannungen in Europa nicht außer
Kontrolle geraten.
Insbesondere eine gestärkte
KSZE mit Schwerpunkt auf Menschenrechten,
Konfliktlösung und Friedenssicherung könnte eine
erste, flexible Verteidigungslinie gegen ein erneutes
Bosnien darstellen.
All diese Bestrebungen, Amerika und unseren Verbündeten zu mehr Wohlstand und Sicherheit zu
verhelfen und die Gemeinschaft demokratischer
Staaten zu erweitern, sind Möglichkeiten für ein
Engagement. Wir haben aber auch die Pflicht, der
Vielzahl von Bedrohungen unseres Wohlstands und
Wohlergehens zu begegnen, die in der chaotischen
Welt nach dem Kalten Krieg entstehen.
Das ist nicht einfach. Dieser Welt mangelt es nicht
an Unrecht, und durch das alles erfassende Auge der
Medien wird Druck ausgeübt, es ohne Unterschied
anzugehen.
Der schwierige Teil und die Pflicht jeder Administration besteht darin, selektiv vorzugehen - eine solches
Unrecht mit unseren Interessen in Einklang zu
bringen. Dieses Kalkül soll entscheiden, ob wir in
Form von militärischer Gewalt, Wirtschaftssanktionen,
anhaltenden diplomatischen Bemühungen - oder gar
nicht - intervenieren. Und es wird - wenn wir Maßnahmen ergreifen - entscheiden, ob wir das im
Alleingang, mit interessierten Verbündeten oder
einem breiten Querschnitt der internationalen Staatengemeinschaft tun.
Letztlich ist das einzige Kriterium für eine Intervention
- in welcher Form sie auch stattfinden mag - eine
Kombination aus Eigeninteresse und Idealismus.
Unsere Politik sollte von Mitgefühl beseelt, jedoch
nicht diktiert werden. In einem Zeitalter begrenzter
Mittel können keine Kreuzzüge für die Demokratie
geführt werden. Wo unsere Interessen es erfordern,
können wir einem Engagement nicht ausweichen,
denn das würde bedeuten, einem neoisolationistischen Impuls nachzugeben und damit die Stabilität
und Sicherheit in unserer Hemisphäre und andernorts
zu unterminieren. Halten Sie sich einige jüngste
Beispiele vor Augen:
Hätten wir am Persischen Golf, vier Jahre nach der
Operation Wüstensturm, nicht schnell auf die jüngsten Provokationen des Irak reagiert, hätte es schnell
zu einem weiteren großangelegten Krieg kommen
können. Statt dessen veranlaßte unsere umgehende,

Seite 5

�entschiedene Dislozierung von Truppen, Schiffen
und Kampfflugzeugen den Irak, seine an der kuwaitischen Grenze zusammengezogenen Streitkräfte
abzuziehen.
Oder betrachten Sie sich unsere jüngsten Aktionen
auf der koreanischen Halbinsel und in Haiti.
In Nordkorea haben sich frühere Administrationen
ebenfalls um eine Beendigung der Gefahr nuklearer
Weiterverbreitung bemüht. Manche argumentieren
jedoch, es sei nicht unsere Aufgabe, mit dem
nordkoreanischen Regime zu verhandeln, und
Drohungen, nicht geduldiges und realistisches
Engagement seien der einzig richtige Weg. Durch
unsere entschlossenen diplomatischen Bestrebungen
erzielten wir jedoch ein Abkommen, das von Pjöngjang zunächst ein Einfrieren und dann den Abbau
seines Nuklearprogramms erfordert. Zum Erstaunen
der Kritiker des Abkommens haben diese Woche
Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation verifiziert, daß Nordkorea tatsächlich - wie in
dem Abkommen gefordert - sein Nuklearprogramm
sowie den Bau von zwei Reaktoren gestoppt hat. Im
Laufe der Zeit, wenn das Abkommen seine gesamte
Wirkung zeitigt, werden die koreanische Halbinsel
und die ganze Welt weniger gefährdet und sicherer.
Wenn wir in Haiti nicht gehandelt hätten, wäre das
Militärregime immer noch an der Macht und würde
das haitianische Volk in Angst und Schrecken versetzen. Zehntausende von Flüchtlingen würden
weiterhin eine Gefahr für die Stabilität unserer
Region darstellen. Durch unseren sorgfältig erwogenen Einsatz von Gewalt bewahrten wir statt dessen
die Stabilität und gaben Haiti eine weitere Chance
für Demokratie.
In diesen beiden Fällen erfüllten wir unsere Pflicht zu
geduldigem, beharrlichem und pragmatischem
Engagement. Und wir trugen mit minimalen Opfern
und maximalem Erfolg unseren bedeutenden nationalen Interessen Rechnung.
Die jüngst von uns bei diesen und anderen Fragen
erzielten Fortschritte wären ohne die Männer und
Frauen unserer Streitkräfte unmöglich gewesen. Sie
verliehen der amerikanischen Diplomatie Überzeugungskraft. Sie sind eine unausgesprochene Bedrohung, wenn wir Wirtschaftssanktionen verhängen.
Und sie erledigen die Arbeit in den Fällen, in denen
alle Mittel mit Ausnahme von Gewalt ausprobiert
wurden und scheiterten.
Präsident Clinton ist entschlossen, unser Militär
weiterhin als die am besten ausgebildete, am besten
ausgerüstete und am besten vorbereitete Streitmacht
der Welt zu erhalten. Und das tut er. Amerikas

Seite 6

Truppen waren nie in einem besseren Zustand. Wer
daran zweifelt, sollte mit unseren Befehlshabern
sprechen. Er sollte nach Haiti oder an den Golf
reisen. Er sollte sich aus erster Hand ein Bild davon
machen, was unsere Soldaten leisten.
Zu Beginn meiner Ausführungen habe ich Präsident
Wilsons eindringliche Aufforderung zu Engagement
zitiert. Ich möchte ein wenig über den Hintergrund
dieser Worte sagen.
Der Präsident wollte die konservativen Internationalisten davon überzeugen, einen überparteilichen
Konsens für den Völkerbund zu schmieden. Er
äußerte ihnen gegenüber, der Völkerbund sei die
größte Hoffnung, den schrecklichen Krieg in Europa
zu beenden und die Welt auf einen friedlicheren Weg
zu bringen. Damals verglichen die Experten seine
Rede mit vielen anderen - der berühmten Rede
Lincolns in Gettysburg bis zur Unabhängigkeitserklärung. Aber nur drei Jahre später stimmte der
Senat gegen den Völkerbund, und Amerika zog sich
in die Isolation zurück.
Manche unter uns vertreten heute wieder die Ansicht,
Amerika solle sich zurückziehen. Diese Menschen
stehen für zwei Seiten derselben Medaille - im Lager
der Rechten drängen sie auf Isolation, weil Amerika
zu gut für die Welt sei, im Lager der Linken, weil
Amerika nicht gut genug sei. Und dann gibt es
diejenigen, die zur Entschuldigung nicht einmal eine
Ideologie anführen können - die Neonichtwisser ohne
irgendwelche Überzeugung - die ihre Stimme dem
Chor der Isolationisten hinzufügen.
Ich bin hierhergekommen, um Ihnen zu sagen, daß
sie alle unrecht haben - und Woodrow Wilson recht
hatte als er sagte, das Schicksal Amerikas sei
untrennbar mit dem anderer Nationen verknüpft.
Darüber hinaus bin ich hier, weil renommierte Universitäten ein guter Ort für die Belebung der Debatte
sind, derer wir für die Entscheidung zwischen Isolation und Engagement bedürfen. Diese Debatte dreht
sich nicht um eine Abstimmung wie beim GATT - so
wichtig diese Abstimmung auch sein mag. Sie wird
auch nicht mit Hilfe von Seminaren und Artikeln
gewonnen - so überzeugend die Argumente auch
sein mögen. Vielmehr wird sie im Laufe der Zeit
versiegen - durch den täglichen Kampf um die unsere
Diplomatie unterstützenden erforderlichen Ressourcen, durch die Demonstration der mit einer Führungsrolle einhergehenden Chancen und Verpflichtungen,
durch die Bildung einer Koalition der Mitte, um einen
vernünftigen Kurs für unser Land zu planen.
Dies ist ein entscheidender Moment für Amerika. Wir
stehen, um mit den Worten des Präsidenten zu
sprechen, am dritten großen Wendepunkt dieses

AMERIKA DIENST 48

�Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg beschlossen wir, uns zurückzuziehen, und hinterließen ein
Vakuum, das mit den Kräften des Hasses und der
Tyrannei gefüllt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg
entschieden wir uns für Engagement und riefen die
Institutionen ins Leben, die bereits ein halbes Jahrhundert währenden Wohlstand, Sicherheit und

Triumph über den Kommunismus garantiert haben.
Jetzt, nach unserem Sieg im Kalten Krieg, dürfen wir
den Frieden nicht verlieren. Wir müssen uns den
Feinden offener Gesellschaften stellen und die
Herausforderung des Engagements angehen. Das ist
die Aufgabe meiner - und Ihrer - Generation.

* * * * *

AMERIKA DIENST 48

Seite 7

�MILITÄR
7. Dezember 1994

CLINTON KÜNDIGT NEUE VERTEIDIGUNGSINITIATIVE AN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 1. Dezember 1994 eine aus fünf Elementen bestehende
Initiative bekannt, die gewährleisten soll, "daß unsere Streitkräfte die Mittel und Unterstützung bekommen, die
sie zur Aufrechterhaltung ihres hohen Leistungsniveaus benötigen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ankündigung des Präsidenten.

Verteidigungsminister Perry, General Shalikashvili,
Mitglieder der Vereinigten Stabschefs. Ich habe
versprochen, daß unter dieser Administration unser
Militär die am besten ausgebildete, am besten
ausgerüstete und einsatzbereiteste Streitmacht der
Welt bleiben wird. Ich freue mich, heute gemeinsam
mit Minister Perry und den Vereinigten Stabschefs
diese Verpflichtung erneut zu bekräftigen und eine
neue Initiative anzukündigen, durch die unsere
Einsatzbereitschaft gewährleistet und unseren
Soldaten sowie ihren Familien die verdiente Unterstützung geboten wird.
Während unseres ersten Amtsjahrs haben wir eine
grundlegende Überprüfung der Verteidigungsfähigkeit unserer Nation und unserer Strategie vorgenommen. Aufbauend auf den Bestrebungen der vorigen
Administration und mit überparteilicher Unterstützung
im Kongreß setzen wir die Umstrukturierung unserer
Streitkräfte fort, um den Herausforderungen der
amerikanischen Führungsrolle im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg zu begegnen. Ich habe angeordnet,
daß unsere Truppen zur Bewältigung von zwei
praktisch gleichzeitig stattfindenden größeren regionalen Konflikten bereit sein sollten. Seitdem habe
ich mich wiederholt Forderungen nach einem weiteren Abbau unserer Streitkräfte und Kürzungen
unseres Verteidigungshaushalts über das in der
umfassenden Überprüfung empfohlene Maß hinaus
widersetzt und weiteren Einsparungen in diesem
Bereich einen Riegel vorgeschoben.
Während der letzten beiden Jahre hat unser Militär
mehrmals seine Einsatzbereitschaft und seine
Fähigkeiten zur Kriegführung und Friedenssicherung
unter Beweis gestellt - von Korea über Makedonien
und Ruanda bis Haiti. Wir haben unseren Männern
und Frauen in Uniform große Lasten aufgebürdet,

AMERIKA DIENST 48

und sie haben wunderbar darauf reagiert. Sie haben
eine wahrhaft herausragende Fähigkeit zur schnellen
Dislozierung, Gewährleistung von Sicherheit und
Stabilität demonstriert. Als unsere Streitkräfte im
Oktober außerordentlich schnell und effizient an den
Persischen Golf entsandt wurden, verstand Saddam
Hussein, was das bedeutet. Wir haben gegen die
irakische Bedrohung der Sicherheit dieser Region
eine wirksame Abschreckung geboten. Und als
unsere Truppen in Haiti in einzigartiger Kooperationsbereitschaft zur Unterstützung unserer diplomatischen
Bestrebungen bereit standen, trugen wir dazu bei, in
dieser Nation die Weichen für eine Wiederherstellung
der Demokratie zu stellen.
Ob unsere Soldaten an Kampfhandlungen beteiligt
sind oder zur Friedenssicherung oder Bereitstellung
humanitärer Hilfsdienste eingesetzt werden - wir
müssen weiterhin ihren Bedürfnissen Rechnung
tragen, ausreichende Finanzmittel bereitstellen und
unseren militärischen Vorsprung bewahren. Minister
Perry und ich haben wiederholt darauf hingewiesen,
daß unser oberstes Ziel die Einsatzbereitschaft und
das Wohlergehen unserer Männer und Frauen in
Uniform sind und wir uns dafür engagieren. Heute
möchte ich eine aus fünf Elementen bestehende
Initiative bekanntgeben, durch die gewährleistet
werden soll, daß unsere Streitkräfte die Mittel und
Unterstützung bekommen, die sie zur Aufrechterhaltung ihres hohen Leistungsniveaus benötigen.
Erstens werde ich den Kongreß um zusätzliche 25
Milliarden Dollar für unsere in den nächsten sechs
Jahren geplanten Verteidigungshaushalte ersuchen.
Zweitens werde ich die höchste gesetzlich mögliche
Gehaltserhöhung für unser Militär bis zur Jahrhundertwende anstreben. Drittens werde ich die anderen
von Verteidigungsminister Perry im vergangenen

Seite 1

�Monat dargelegten Initiativen zur Verbesserung der
Lebensqualität uneingeschränkt unterstützen. Wir
werden das Erforderliche ausgeben um sicherzustellen, daß unsere Streitkräfte in angemessenen Wohnungen leben und die notwendige Kinderbetreuung
sowie die Unterstützung erhalten, die unsere Soldaten und ihre Familien benötigen, um unserer
Nation zu dienen. Viertens werde ich den Kongreß
bitten, in den letzten beiden Jahren unseres nächsten Sechsjahresplans für reales Wachstum des Verteidigungshaushalts zu sorgen, damit gewährleistet
ist, daß das amerikanische Militär im 21. Jahrhundert
mit dem modernsten verfügbaren Gerät ausgerüstet
ist.
Und schließlich werden wir im nächsten Jahr dem
Kongreß zusammen mit unserem Haushalt eine
zusätzliche Notfallfinanzierungshilfe für das laufende
Haushaltsjahr übermitteln, um den Streitkräften
unvorhergesehene Ausgaben für die Operationen
am Golf, der Adria, in Haiti und andernorts zu
erstatten und zu verhindern, daß wir wichtige Mittel
des Bereischaftsfonds anzapfen. Dank dieser Fonds
können wir die zur Erfüllung unserer Missionen im
kommenden Jahr erforderliche Bereitschaft und
Ausbildung aufrechterhalten.

*

Seite 2

*

Ich fordere den Kongreß auf, diesen Nachtragshaushalt rasch anzunehmen, damit wir uns nicht mit
den Problemen wie im Herbst konfrontiert sehen, als
der Kongreß seine Zustimmung zum letzten Nachtragshaushalt verzögerte.
Die heute von mir angekündigten Aktionen unterstreichen die Verpflichtung unserer Administration
und meine persönliche Verpflichtung, für unsere
Streitkräfte den höchsten Ausbildungsstand aufrechtzuerhalten und sie auf die Entsendung zu Missionen
auf der ganzen Welt binnen Stunden vorzubereiten.
Diese Aktionen werden auch gewährleisten, daß
unsere Männer und Frauen in Uniform von der
besten Unterstützung für ihre Familie überzeugt sein
können, die sie benötigen und verdienen. Wir fordern
viel von unseren Streitkräften, und wir schulden ihnen
viel. Unsere Streitkräfte sind das Rückgrat unserer
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie stehen hinter
unseren Bestrebungen zur Bewahrung von Frieden
und Sicherheit auf der ganzen Welt. Ich fordere den
neuen Kongreß auf, diese Initiativen uneingeschränkt
zu unterstützen.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 48

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                <text>&lt;strong&gt;1. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: "Schleier der Indifferenz" kann eisernen Vorhang nicht ersetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim KSZE-Gipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO soll Osterweiterung vorbereiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO wäre zum Einsatz von Luftstreitkräften bereit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lake warnt vor einseitiger Aufhebung des bosnischen Waffenembargos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Princeton University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Militär&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton kündigt neue Verteidigungsinitiative an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;</text>
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1

^ *

VON

1

*

/

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

47

GATT

MILITÄR

30. November 1994

CLINTON: GATT-ABKOMMEN WIRD
WELTWEITE FÜHRUNGSROLLE DER USA
STÄRKEN
Ansprache des Präsidenten

DIPLOMATIE UND GEWALT IM

21. JAHRHUNDERT
von General Shalikashvili

HANDEL

TECHNOLOGIE UND HANDEL
ERGÄNZUNG STATT ERSATZ
von Jay Stowsky

KULTUR

AFROAMERIKANISCHE KUNSTLER IM
SMITHSONIAN MUSEUM
Größte Ausstellung seit fünf Jahren

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax:0228-334102

�GATT
30. November 1994

CLINTON: GATT-AB KOMMEN WIRD WELTWEITE
FÜHRUNGSROLLE DER USA STÄRKEN
Ansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton sieht das Handelsabkommen der Uruguay-Runde als Teil des
Prozesses einer globalen Handelsliberalisierung, der die Führungsrolle der Vereinigten Staaten in den
kommenden Jahrzehnten stärken wird.
Mit der am 28. November 1994 im Weißen Haus gehaltenen nachfolgend veröffentlichten Ansprache Präsident
Clintons vor früheren und derzeitigen Mitgliedern der Administrationen von Demokraten und Republikanern
wurden die letzten Versuche eingeleitet, die Unterstützung des Kongresses für das Handelsabkommen zu
gewinnen. Die Abstimmung im Repräsentantenhaus ist für den 29. November und im Senat für den 1.
Dezember 1994 anberaumt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache des Präsidenten.

Verehrte Gäste. Durch Ihre Anwesenheit stellen Sie
unter Beweis, daß dieses GATT-Abkommen nicht
nur Handelsschranken niederreißt, sondern auch
Differenzen zwischen Parteien, Philosophien und
Ideologien ausräumt. Ich danke Ihnen allen.
Zweifelsohne haben wir heute demonstriert, daß es
keinen parteipolitischen Eigentümerstolz auf das
GATT-Abkommen gibt. Es ist weder ein republikanisches noch ein demokratisches Abkommen, sondern
ein amerikanisches, das allen Amerikanern in jeder
Region unseres Landes dienen soll.
Jim Baker hat äußerst eloquent ausgeführt, daß
dieses Abkommen einer weitere historische Entscheidung für die Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert darstellt. Als wir uns nach dem Ersten
Weltkrieg unserer Führungsrolle und unserer Verantwortung entzogen, zahlte die Welt einen hohen
Preis. Als wir wie nach dem Zweiten Weltkrieg
versuchten, eine Führungsrolle zu übernehmen, hat
dies nicht nur der Welt, sondern auch den Menschen
in den Vereinigten Staaten geholfen. Die Mittelschicht hat sich in beispielloser Weise vergrößert,
und die Arbeitnehmerfamilien in unserem Land
lernten in den Jahren Wohlstand kennen, in denen
wir ein System zu errichten versuchten, das nach
dem Zweiten Weltkrieg Frieden und Sicherheit
erhalten sowie Wohlstand fördern würde.
Wir haben hier im Inland alles in unserer Macht
Stehende getan, um die uns konfrontierenden

AMERIKA DIENST 47

schwierigen und erschreckenden wirtschaftlichen
Herausforderungen zu bewältigen, das Defizit abzubauen, den Regierungsapparat abzuspecken und
gleichzeitig unsere Investitionen in Ausbildung,
Technologie und Rüstungskonversion zu erhöhen.
Wir wissen jedoch, daß wir ohne die Fähigkeit zur
Erweiterung des Handels und zur Schaffung von
mehr wirtschaftlichen Chancen erstens nicht in der
Lage sind, unserer globalen Verantwortung, und
zweitens unserer Verantwortung gegenüber dem
amerikanischen Volk gerecht zu werden.
Ich möchte gerne ein drittes Argument vorbringen,
das mir sehr am Herzen liegt. Es wurde gegen
dieses Abkommen und gegen das NAFTA geäußert.
Jim Miller hat das Argument gekonnt widerlegt, das
GATT sei ein "budget buster" (Haushaltsbelastung
aufgrund kurzfristiger Verluste an Steuereinnahmen.
Anm. d. Red.) und würde in gewisser Weise unsere
Souveränität einschränken. Es gibt jedoch noch eine
andere Argumentation gegen dieses Handelsabkommen, die heute nicht erwähnt wurde, dieser ganzen
Debatte jedoch zugrunde liegt. Sie war in dem
Artikel enthalten, den ein mir für gewöhnlich wohlgesonnener Journalist geschrieben hat. Dort stand
zu lesen, schon wieder hat er eine dieser verrückten,
zum Scheitern verurteilten Wirtschaftsideen mit
seinem Einsatz für das GATT-Abkommen, das nur
ein weiteres Rezept für den Niedergang der einkommensschwachen Amerikaner ist, was der Grund für
die Schwierigkeiten ist, in denen sich die Demokrati-

Seite 1

�sehe Partei heute befindet - Dinge zu tun, die
schlicht und einfach die Arbeiter umbringen.
Das Argument ist falsch. Aber es ist wirklich die
unterschwellige Opposition gegen das GATT. Es
wird argumentiert, da wir in einer Weltwirtschaft
leben und es an anderen Orten Menschen gibt, die
für Löhne arbeiten, die unter unserem Existenzminimum liegen, würde eine Öffnung unserer Märkte
dazu führen, daß sie unsere Arbeitnehmer ersetzen
und den besorgniserregendsten Trend im modernen
amerikanischen Leben verschlimmern: Die Löhne
männlicher Arbeitnehmer ohne Collegeabschluß in
den Vereinigten Staaten sind in den letzten 10
Jahren inflationsbereinigt um 12 Prozent gesunken.
Dieses Argument hat eine große oberflächliche
Anziehungskraft. Warum ist es falsch? Wenn wir
nichts unternehmen, werden aufgrund ausländischer
Konkurrenz Entlassungen erforderlich. Wenn wir
jedoch handeln und eine Führungsrolle übernehmen,
erschließen wir andere Märkte für unsere Produkte.
In den letzten Jahren hat unsere Nation eine schwierige Zeit erlebt, um ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Jetzt können wir
überall verkaufen und konkurrenzfähig sein.
In unseren Diskussionen über das NAFTA wurde
dasselbe Argument angeführt. Was ist geschehen?
In diesem Jahr wurden 100.000 neue Arbeitsplätze
geschaffen. Die Exporte amerikanischer Autos nach
Mexiko stiegen um 500 Prozent an. Worüber hört
man in Detroit derzeit die lautesten Klagen? Die
Arbeitnehmer müssen zuviele Überstunden machen.
Wenn man sich an die Situation vor zehn Jahren
erinnert, könnte man das als ein "elitäres" Problem
bezeichnen.
Das ist also das Problem, mit dem wir uns in Amerika konfrontiert sehen. Und der Unmut derjenigen,
die immer härter arbeiten und immer weniger dafür
bekommen, die das Gefühl haben, sie hätten sich an
die Spielregeln gehalten und seien betrogen worden
- dieser Unmut wird in einer Wahl nach der anderen
auf unterschiedliche und unberechenbare Weise
demonstriert, wie 1992 und 1994. Es liegt jedoch in
unserer Verantwortung, das zu tun, was für diese
Menschen langfristig das Beste ist. Das ist unsere
Aufgabe. Und der einzige Weg hierzu ist die Erschließung weiterer Märkte für amerikanische
Produkte und Dienstleistungen sowie die Öffnung
unserer Märkte für andere.
Wir müssen das Niveau lebenslanger Aus- und
Weiterbildung für die arbeitende Bevölkerung Amerikas verbessern. Wir müssen einige der ernsten,

speziellen Probleme der amerikanischen Wirtschaft
angehen. Aber letztlich werden der Privatsektor
dieses Landes und die Arbeitnehmer dieses Landes
ihre Arbeit tun, wenn sie zumindest teilweise Zugang
zu den Gebieten der Welt mit den höchsten Wachstumsraten haben. Und was sind die Wachstumsgebiete der Welt? Nicht die reichen Industrieländer,
sondern Lateinamerika, Asien und andere Regionen.
Das GATT, das NAFTA, unsere gemeinsamen
Bestrebungen mit den Ländern des asiatisch-pazifischen Raums und die für den Gipfel amerikanischer
Staaten gesetzten Ziele führen dazu, daß Amerika
weiterhin eine Führungsrolle in der Welt einnimmt, die
uns eine Fortsetzung der Dinge gestattet, die am
Ende des Kalten Krieges geboten waren: Fortgesetztes Engagment, fortgesetzte Führungsolle, Einsatz für
eine friedlichere, sicherere und wohlhabendere Welt
und gleichzeitig Umgang mit den schrecklichen,
nagenden Schwierigkeiten, denen sich heute Millionen amerikanischer Familien gegenübersehen.
Es gibt keine andere Möglichkeit zur Bewältigung
dieser Situation. Es gibt keine einfache Lösung, kein
Motto, um die Probleme zu vertreiben. Ein solcher
Ansatz wird die unterschwellige Angst von Abermillionen von Amerikanern und, so könnte ich hinzufügen,
Millionen Europäern, Millionen Japanern und Menschen in modernen Volkswirtschaften weltweit mildern
und gleichzeitig die Welt zu einem besseren Ort und
die Zukunft für unsere Kinder sicherer machen. Wir
müssen jetzt handeln. Wir können nicht bis zum
nächsten Jahr warten. Wir wollen das Ganze nicht
überladen wie einen Weihnachtsbaum und Gefahr
laufen, alles zu verlieren.
Wenn ich im vergangenen halben Jahr mit einem
Staatsmann sprach, habe ich mir jedesmal dieselbe
Frage gestellt: Wann werden die Vereinigten Staaten
beim GATT handeln? Die übrige Welt schaut auf
uns.
Wir haben die große Chance, das durchschnittliche
Einkommen der Familien in diesem Land in den
kommenden Jahren um 1.700 Dollar zu erhöhen,
Hunderttausende hochbezahlter Arbeitsplätze zu
schaffen, die größte weltweite Steuersenkung in der
Geschichte herbeizuführen und unseren beiden
Verantwortungsbereichen gerecht zu werden unserer Verantwortung, in der Welt Führung und
Engagement zu zeigen sowie unserer Verantwortung,
den Menschen in unserem Land zu helfen.
Wir müssen Fortschritte machen und jetzt handeln.
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 47

�MILITÄR
30. November 1994

DIPLOMATIE UND GEWALT IM 21. JAHRHUNDERT
von General Shalikashvili
Der nachfolgende Artikel basiert auf einer im Institut für diplomatische Studien der Georgetown University
gehaltenen Vorlesung. John Shalikashvili ist Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs.

WASHINGTON - (AD) - Für das Thema "Diplomatie
und Gewalt" hätte man wohl keinen angemesseneren Zeitpunkt wählen können. Wir sind Zeuge eines
wiederauflebenden Interesses an diesen beiden
grundlegenden Elementen amerikanischer Macht.
Das sollte uns jedoch nicht überraschen, denn in
den letzten Jahren sind wir zu der Erkenntnis
gelangt, daß die Welt sich tatsächlich so tiefgreifend
verändert hat, daß wir jetzt das Verhältnis zwischen
amerikanischer Diplomatie und Gewalt neu überdenken müssen. Meines Erachtens sind wir mit zwei
Herausforderungen konfrontiert, mit zwei Fragen, die
wir angehen müssen:
Erstens müssen wir das Verhältnis zwischen Diplomatie und Gewalt in der Zeit nach dem Kalten Krieg
neu definieren, diese beiden Elemente unserer
nationalen Macht zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels führen, einsetzen und im Gleichgewicht
halten, insbesondere an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert.
Zweitens müssen wir den Umgang mit einer wachsenden Zahl von sogenannten "nichtkriegerischen
Operationen" erlernen - dem Somalia, Ruanda, Haiti
und Bosnien von heute und morgen, denn ich bin
der Ansicht, daß wir auch im kommenden Jahrhundert mit dieser Art von nichtkriegerischen Operationen konfrontiert werden.

und die bipolare Struktur, an die wir uns schon lange
gewöhnt hatten, vor unseren Augen zerfiel.
Jetzt, drei bis vier Jahre später, nach dem Golfkrieg,
den Ereignissen in Somalia, Ruanda, Jugoslawien,
den jüngsten Schwierigkeiten in Nordkorea, Haiti ...
sind wir zu der Erkenntnis gelangt, daß unsere
weltweite Führungsrolle etwas sehr Wertvolles
darstellt. Wir haben auch gelernt, daß eine Beibehaltung unserer Führungsrolle wahrscheinlich nicht
möglich ist, wenn wir nicht zum Einsatz einer unserer
beiden großen Stärken bereit sind - militärischer
Gewalt.
Wenn wir im nächsten Jahrhundert das Richtige tun
wollen - und das werden wir - müssen wir meiner
Ansicht nach bei dieser Partnerschaft zwischen
Diplomatie und Gewalt das richtige Gleichgewicht
finden.
Es ist nichts Neues, daß Diplomatie und Gewalt in
erster Linie in einer neuen Art von globalem Umfeld
und weltweiter Struktur eingesetzt werden. Wir sind
jetzt fester Bestandteil einer multipolaren Welt, und
verglichen mit gestern sind die Gegebenheiten viel
komplexer und flexibler, sie bewegen und verändern
sich schneller als in den letzten Jahrzehnten üblich.

Angesichts der Probleme und Entscheidungen, mit
denen wir uns in den vergangenen Jahren konfrontiert sahen, scheinen die Probleme der sechziger, siebziger und selbst der achtziger Jahre nicht
sehr dramatisch gewesen zu sein. Als die Eindämmung zu einer Strategie heranreifte, blieb
einfach immer weniger Raum für Uneinigkeit zwischen Diplomaten und Soldaten.

Amerika hat immer noch einzigartige Macht und
Überzeugungskraft in der Welt. Wir sind die reichste
Nation, obwohl unsere Position gemessen an unserem Anteil an der Weltproduktion seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs beträchtlich schwächer geworden
ist. Wir haben immer noch die besten und mächtigsten Streitkräfte der Welt, aber um diese Macht ins
Ausland zu projizieren, greifen wir auf die Stützpunkte
anderer Nationen, auf Überflugrechte, Kostenteilung
und sehr häufig auf unsere Koalitionspartner zurück.

Dann fanden jedoch die großen Ereignisse Ende der
achtziger und Anfang der neunziger Jahre statt, als
plötzlich unsere kolossale Bedrohung verschwand

Es ist jedoch die Kombination dieser zwei Faktoren unserer Wirtschaftsmacht und unserer Militärmacht die uns weltweit einen solchen diplomatischen Einfluß

AMERIKA DIENST 47

Seite 1

�verleiht. Sie macht den amerikanischen Diplomaten
zum Primus inter pares.
Noch wichtiger ist vielleicht, daß es im kommenden
Jahrhundert wahrscheinlich mehr, nicht weniger
Multipolarität geben wird. China wird reicher und
mächtiger, die Russen erholen sich vom Verlust
ihres Imperiums, Deutschland von den Kosten der
Vereinigung, Tokio findet eine neue Rolle in Asien
und der Welt - und das verringert unseren Spielraum
für unilaterale Einflußnahme und unabhängiges
Handeln. Unsere Stärke wird nicht abnehmen - ich
bin äußerst optimistisch über unsere Aussichten im
nächsten Jahrhundert, aber auch optimistisch
hinsichtlich der Zukunftsaussichten anderer.
Daher besteht meines Erachtens für uns eine
wirkliche Notwendigkeit, den Rahmen für diese
multipolare Welt zu gestalten.
In der Vergangenheit hätte dies vielleicht bedeutet,
ein Gleichgewicht zwischen konkurrierenden Mächten zu finden - also die traditionelle europäische
Sicherheitslösung. Die Welt von heute ist jedoch
nicht so einfach. Es gibt Atomwaffen, die das
Mächtegleichgewicht auf eigenartige Weise verändern. Wie sonst könnte die Sowjetunion mit ihrer
derart rückständigen und verarmten Volkswirtschaft
als so mächtiger Gegner betrachtet werden?
Ferner ist es einleuchtend, daß es bei Vorhandensein eines Mächtegleichgewichts eine Nemesis gibt,
gegen die das Gleichgewicht gehalten wird. Mit
wem wollen Sie heute Ihre Macht im Gleichgewicht
halten? Und ist dies eine optimale Lösung, wenn
die Chance besteht, statt dessen allen Großmächten
kooperative globale Rollen zuzuweisen?
Das ist die erste große, uns konfrontierende Herausforderung. Wie definieren wir dieses neue Verhältnis
zwischen Diplomatie und Gewalt in diesem veränderten Zeitalter? Und wie leiten, nutzen und
gewichten wir diese beiden Elemente unserer
nationalen Macht, damit sie einem gemeinsamen
Ziel dienen?
Es besteht jedoch schon im gesamten Verlauf der
neunziger Jahre eine zweite Herausforderung, die
man von der ersten nicht trennen kann. Diese
Herausforderung ist die wachsende Zahl von Operationen, die wir beim Militär als "nichtkriegerische
Operationen" bezeichnen. Hierbei handelt es sich
um die von mir bereits erwähnten Missionen in
Somalia, Bosnien, Ruanda und Haiti. Sie reichen
von der Friedenssicherung über die Durchsetzung
des Friedens und humanitäre Operationen bis zu
den Bestrebungen im Kampf gegen den Drogenhandel, die wir in Lateinamerika und anderen Regionen

Seite 2

unternehmen. Sie finden in diesem Niemandsland
zwischen Krieg und Frieden statt, in dem die Grenze
zwischen Diplomatie und Gewalt eindeutig verwischt
ist.
Wir haben solche Operationen - wenn auch nur
selten - während des kalten Krieges durchgeführt,
und offen gesagt, haben wir das nicht immer gut
gemacht. Folglich haben wir keine erprobte Schablone, die wir jedesmal, wenn wir uns zu einer dieser
Operationen verpflichten, anlegen können. Und
meines Erachtens werden diese Operationen noch
viel komplexer, wenn die Vereinten Nationen oder die
Streitkräfte von Koalitionspartnern einbezogen sind,
denn in einem solchen Fall wird die Arbeit des
Soldaten und des Diplomaten wesentlich schwieriger.
Jeder von Ihnen, der an einer dieser Operationen
unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen
oder in einer Koalition beteiligt war, wird hoffentlich
mit mir darin übereinstimmen, daß man in einem
solchen Fall viel weniger Spielraum hat als bei
unilateralen Operationen, denn jegliche Unklarheit bei
unseren diplomatischen und militärischen Strategien
führt bei unseren Partnern schnell zur Verwirrung.
Und wenn wir wie häufig die Bestrebungen anführen,
ist dies um so bedauerlicher und gefährlicher.
Andererseits bin ich der Ansicht, daß unsere Leistungen im Verlauf des letzten Jahres besser geworden
sind. Wenn man sich Ruanda oder unser bisheriges
Vorgehen in Haiti oder in etwas anderer Weise in
Nordkorea betrachtet, kann man den Schluß ziehen,
daß das Wechselspiel zwischen Diplomatie und
Gewalt tatsächlich ziemlich gut klappte. Wir haben
also einige Lektionen gelernt, die wir in Zukunft
anwenden können. Ich kann mich an eine Zeit
erinnern, als das Militär die Diplomaten für Vertreter
der Elite in Nadelstreifen hielt, die mehr Wert auf
elegante Formulierungen als auf Taten legten.
Diese Ernüchterung war beiderseitig. Die Diplomaten
ihrerseits hielten die Angehörigen des Militärs für
Männer, die eine Schwarzweißsicht der Welt hatten
und Aktionen um der Aktionen willen befürworteten.
Wir fühlten uns in Gegenwart der Vertreter des
jeweils anderen Lagers äußerst unwohl, und beide
Institutionen bemühten sich sorgfältig um die Vermeidung von Kontakten. Wenn wir zusammentrafen,
redeten wir oft aneinander vorbei.
Die Zeiten, in denen diese Gefühle vorherrschten,
sind jedoch schon lange vorbei, vielleicht weil der
Druck des Kalten Krieges uns zu ständiger Interaktion
zwang. Um wirklich würdigen zu können, wie weit wir
gekommen sind, müssen Sie nur - wie ich kürzlich einen Tag mit Botschafterin Albright oder Botschafter
Redman verbringen und ins zerschossene Sarajevo

AMERIKA DIENST 47

�fliegen. An diesem Tag tauschten die beiden ihre
Nadelstreifen gegen kugelsichere Westen und
Blechgeschirr. Und anstatt in blitzenden Limousinen
umherzufahren, verbrachten die beiden einen Tag in
französischen Panzerkampfwagen, umgeben von
zähen und aufmerksamen jungen Wächtern.
Statt zu Besprechungen zu gehen und Nettigkeiten
auszutauschen, begaben sich beide an den Schauplatz der jüngsten Greueltaten in dieser Stadt und
prüften, wie wir die Menschen in Sarajevo ein weiteres Jahr ernähren könnten.

i

Und ich habe dasselbe Verständnis für die Risiken
in Ruanda, Somalia und auch in Haiti beobachtet,
Meines Erachtens geht es um folgendes: Bei diesen
Operationen ist es aufgrund ihrer Komplexität sowie
der Mischung von Diplomatie und Gewalt besonders
wichtig, daß unsere Diplomaten und Soldaten in
völligem Einklang operieren.
Aber es bestehen immer noch echte Differenzen
zwischen unseren Institutionen, und wir alle müssen
uns dieser Meinungsverschiedenheiten bewußt sein,
weil sie in Krisenzeiten am deutlichsten zutage
treten. Und das ist sicherlich nicht der geeignete
Zeitpunkt für Erkenntnisse.
Das Militär fühlt sich natürlich am wohlsten, wenn die
Ziele klar und präzise sind. Institutionell ist das
Militär eher auf Lösungen ausgerichtet.
Wenn
Gewalt eingesetzt wird, haben wir eine starke
Präferenz, daß dieser Einsatz von Gewalt zu dem
von uns als Sieg bezeichneten Zustand führt. Wenn
wir kämpfen, ist unser erstes Mittel die Anwendung
überwältigender Gewalt, um eine sehr rasche und
sehr entschiedene Beendigung herbeizuführen. Dies
geschieht zum Teil, weil wir glauben, daß Menschenleben auf dem Spiel stehen, aber auch, weil Rationalität durch Emotionen und Unberechenbarkeit
ersetzt wird, wenn Diplomatie erst einmal der Gewalt
gewichen ist.

,

1

Andererseits ist Diplomatie - wie der ehemalige
Außenminister Henry Kissinger bemerkte - sehr
häufig die Kunst, das Unlösbare zu bewältigen. Der
Diplomat operiert also inmitten eines Milieus der
Rationalität, einer Welt halbherziger Maßnahmen,
der Kompromisse und der Art komplexer Arrangements, die wir als "friedliche Beziehungen" bezeichnen. Ein erfahrener Diplomat ist ein Experte,
genau die Trennlinie zu ziehen, mit der beide Seiten
am wenigsten unzufrieden sind. Wenn Gewalt
eingesetzt wird, mag ein Diplomat zu Recht fragen,
ob es nicht möglich ist, genau das richtige Ausmaß
von Gewalt einzusetzen, um den spezifischen Zweck
zu erfüllen. Traditionell war dies die große Kluft
zwischen der Sichtweise der Diplomaten und des

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Militärs. Einer versucht, nur soviel Gewalt einzusetzen, um eine Verhandlungslösung herbeizuführen,
der andere - das Militär - versucht, soviel Gewalt
einzusetzen, daß der andere nachgibt.
Aber bei "nichtkriegerischen Operationen" wird diese
unterschiedliche Sichtweise leicht verzerrt und auf
den Kopf gestellt. Fast immer geht es bei dieser Art
von Operationen nicht um vitale Interessen. Und weil
unsere Interessen bei solchen Operationen begrenzt
sind, gilt dies auch für die Mittel, die wir zur Erlangung unseres Ziels einzusetzen bereit sind. Es gibt
also einen unterschwelligen Kampf um das richtige
Gleichgewicht.
Es gibt auch einen Kampf um den richtigen Weg für
den Einsatz von Gewalt, weil bei diesen nichtkriegerischen Operationen die Lager nicht gegnerische
Staaten sind, sondern kriegführende Parteien, Stämme oder ethnische Gruppen, und die Auswirkungen
von Diplomatie oder Gewalt nicht leicht kalkulierbar,
rational oder vorhersehbar sind.
Im Kalten Krieg waren wir der begrenzten Operationen müde, weil immer das Risiko bestand, daß ein
begrenzter Konflikt außer Kontrolle geraten und zu
einer Konfrontation zwischen Supermächten eskalieren könnte. Aber nun, da der Kalte Krieg beendet ist,
besteht unsere Hauptsorge bei diesen begrenzten
Operationen darin, daß die Operation zu Risiken und
Kosten eskalieren könnte, die das Maß unserer
begrenzteren Interessen überschreiten, und wir sind
uns auch bewußt, daß unsere Interessen größer
werden, sobald es Verluste amerikanischer Menschenleben gegeben hat. Daher müssen wir uns
zwangsläufig fragen, wieviele Opfer an Menschenleben können wir bei dieser speziellen Operation
ertragen?
Es geht hier nicht um eine Zögerlichkeit, amerikanische Streitkräfte für den richtigen Zweck oder in der
richtigen Weise einzusetzen. Es geht um die Frage,
für welche Interessen wir Gewalt einsetzen. Und
dann darum, wie wir unsere Risiken abwägen und die
Gewalt in geeigneter und effektiver Weise zum
Schutz dieser speziellen Interessen einsetzen. Sowie
um die Frage, ob wir uns mit weniger als einem
eindeutigen Ergebnis zufriedengeben sollten, wenn
erst einmal das Prestige der Vereinigten Staaten und
amerikanische Menschenleben auf dem Spiel stehen.
In bezug auf Bosnien hat es beispielsweise die
ständige Debatte über den Einsatz amerikanischer
Luftstreitkräfte gegeben, um die bosnischen Serben
zur Beendigung der Kämpfe zu bewegen. Ich bin
nicht so sicher, daß der Einsatz von Luftstreitkräften
allein irgendwo auf der Welt ausreicht, um eine
entschlossene Nation oder entschlossene Menschen

Seite 3

�von irgend etwas Bestimmtem zu überzeugen, aber
ich weiß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, daß Bosnien nicht der Ort ist, dies zu probieren. Wenn man sich einmal für diesen Weg entschieden hat, löst man eine Kette von Ereignissen
aus, bei denen man nicht als einziger Entscheidungen trifft. Und wenn erst einmal das Prestige der
Vereinigten Staaten und amerikanische Menschenleben auf dem Spiel stehen, müssen wir uns stets
fragen, ob wir bereit sind, diesen Weg weiterzugehen. Ich sage nicht, daß wir Luftstreitkräfte nicht zur
Durchsetzung der UN-Schutzzonen in Bosnien oder
zum Schutz der UN-Friedenstruppen vor einem
Angriff in diesem Land einsetzen können. Bei dieser
begrenzten Aufgabe haben Luftstreitkräfte eine legitime Rolle, aber man muß sich bewußt sein, was
noch drohen kann, bevor man diese Mission erweitert.
In Ruanda wurde vorgeschlagen, wir müßten unsere
humanitären Hilfslieferungen aufstocken und zwischen den kriegführenden Parteien intervenieren.
Dies wäre ein großer Schritt über die Bereitstellung
von sauberem Wasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln hinaus gewesen. Unser Risiko wäre
sehr viel höher gewesen und unsere Streitkräfte
hätten in einer tiefgreifenden und heftigen Auseinandersetzung untergehen können.
In Haiti, wo unsere Streitkräfte heute stationiert sind,
forderten einige von uns den Einsatz von Gewalt,
um mehr zu tun und beispielsweise die Funktionen
der Zivilpolizei zu übernehmen. Wir müssen wiederum sorgfältig prüfen, was wir und was die Haitianer
selbst zum Aufbau ihrer Nation leisten müssen.
Ich sage nicht, daß wir müßig zusehen sollen, wie
die Haitianer geprügelt und ermordet werden. Lange
bevor wir in Haiti landeten, bestand unsere Aufgabe
in der Verhinderung solcher Taten. Aber es ist eine
gefährliche Gratwanderung zwischen Maßnahmen
zur Verhinderung solcher Taten und der Übernahme
von Polizeifunktionen für eine gesamte Nation.
Verteidigungsminister Perry hat vor kurzem eine
meines Erachtens äußerst vernünftige Formel für
solche Entscheidungen vorgeschlagen. Es gibt
immer noch für die Sicherheit unserer Nation lebenswichtige Interessen. Wenn der irakische Revolutionsführer Saddam Hussein morgen angreifen
würde, würden wir keinen Moment warten, zögern
oder debattieren, eine überwältigende Streitmacht
zur Verteidigung der Region zu entsenden und einen
entschiedenen Sieg zu erringen. Wir würden sofort
Streitkräfte dislozieren und gegebenenfalls solange
kämpfen, bis die Arbeit vollbracht ist. Dies haben
wir vor kurzem getan. Und weil wir dies getan
haben, mußten wir nicht kämpfen.

Seite 4

Wir haben allerdings auch nichtvitale Interessen. Wir
haben wichtige Interessen, die klar, jedoch nicht vital
sind. In diesen Fällen sind wir zum Einsatz unserer
Militärmacht primär aus zwingenden Gründen zur
Unterstützung unserer Diplomatie bereit. Aber weil
unsere Interessen begrenzt sind, gilt dies auch für die
von uns zum Einsatz vorgesehenen Mittel. Haiti ist
ein gutes Beispiel. Hier waren wir zum begrenzten
Einsatz von Streitkräften zur Unterstützung der
Diplomatie bereit, und wäre die Diplomatie gescheitert, hätten wir Gewalt eingesetzt. Glücklicherweise
war dies nicht nötig.
Und schließlich gibt es Fälle, in denen unsere Interessen vielleicht nicht so stark sind, aber unsere
humanitären Motive ins Spiel kommen könnten.
Hierfür ist Ruanda ein gutes Beispiel. In diesem
Land war die Not so groß und die Aktionen einer
Konfliktpartei waren moralisch so verwerflich, daß wir
uns als Amerikaner nicht einfach abwenden konnten.

&gt;

Aber selbst angesichts dieser Gleichung müssen wir
meiner Ansicht nach noch etwas anderes begreifen,
wenn wir das richtige Gleichgewicht zwischen unseren Risiken und Interessen bewahren wollen. Es wird
immer die Versuchung bestehen, die Mission ein
wenig in die eine Richtung zu verlagern, oder ein
bißchen mehr Gewalt für den einen oder anderen
Zweck einzusetzen. Meines Erachtens ist der einzige
Schutz vor diesen Versuchungen - diesen der
Mission inhärenten Versuchungen - ein sehr klares
Verständnis dessen, was wir erreichen wollen, bevor
wir Streitkräfte entsenden, und dann müssen wir alle
das als Standhaftigkeit bezeichnete Prinzip einhalten,
oder wie wir im Militär sagen: "Behalten Sie stets
das Ziel im Auge".
Meiner Ansicht nach ist es dieses Prinzip, das bisher
in Ruanda Erfolg hatte und heute in Haiti erfolgreich
ist und in beiden Fällen zu einer reibungslosen
Partnerschaft zwischen Diplomaten und unserem
Militär geführt hat.
Ich bin jedoch nicht so optimistisch zu glauben, daß
wir alles gelernt haben, was wir zur Bewältigung
dieser Probleme unter zukünftigen Umständen lernen
müssen, aber wir haben meines Erachtens einige der
besten Köpfe, die an den echten Schwierigkeiten und
Problemen arbeiten, die typisch für diese nichtkriegerischen Operationen sind. Meiner Meinung nach ist
es auch sehr wichtig, daß unsere besten Köpfe
weiterhin prüfen, wie wir das Gleichgewicht zwischen
Diplomatie und Gewalt sowie ihren Zielsetzungen
herstellen können, um die richtigen Arrangements für
die Herausforderungen und Bedürfnisse des nächsten
Jahrhunderts zu treffen.

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„

I

�HANDEL
30. November 1994

TECHNOLOGIE UND HANDEL • ERGÄNZUNG
STATT ERSATZ
von Jay Stowsky
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Jay Stowsky, der dem Rat der
Wirtschaftsberater angehört. Stowsky betont darin die besondere Bedeutung von Technologie für fortgesetztes
Wachstum in den Industrieländern und verweist darauf, daß amerikanische Unternehmen aus den von
ausländischen Unternehmen entwickelten technologischen Innovationen lernen können.
Der Artikel erschien erstmals in Business America, August 1994.

In einer eng vernetzten Weltwirtschaft sind neue
Technologien grenzüberschreitend. Geschwindigkeit
und Ausmaß der Verbreitung von technologischem
Know-how über nationale Grenzen hinweg hängen
jedoch entscheidend vom Wesen der technologischen Fähigkeiten vor Ort ab. Eine auf den Zugang
zu ausländischen Märkten und Technologien abzielende Handelspolitik wird sich ohne eine sie
ergänzende Innenpolitik zur Aufrechterhaltung
technologischen Könnens im Land als unwirksam
erweisen.
Technologie ist insbesondere in Ländern mit einem
hohen Lohnniveau, wie den Vereinigten Staaten, von
Bedeutung. In immer mehr Bereichen unserer
Wirtschaft hat die Wettbewerbsfähigkeit einen
globalen Charakter angenommen. Wenn jedoch
überall dieselbe Technologie angewandt wird, haben
amerikanische Unternehmen Schwierigkeiten mit der
Konkurrenz aus Niedriglohnländern. Nur wenn Sie
an vorderster Front der technolgischen Entwicklung
bleiben, können amerikanische Arbeitnehmer steigende Einkommen und fortgesetzes Wirtschaftswachstum in ihrem Land genießen.
Ein Anstieg der Exporttätigkeit heizt die wirtschaftliche Expansion im Inland an, und eine Erhöhung der
Exporte von Spitzentechnologieprodukten schafft
mehr wirtschaftliche Dynamik. Die Herstellung und
der Verkauf von Hochtechnologieprodukten bringen
für die Binnenwirtschaft überdurchschnittliche Vorteile mit sich, indem die Produktivität erhöht, die
Fähigkeiten der Arbeitnehmer verbessert und die
Beschäftigungsmöglichkeiten in Form sicherer,
hochbezahlter Arbeitsplätze vergrößert werden. Die

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Fähigkeit amerikanischer Bürger, Nutzen aus der
Herstellung und dem Verkauf von Spitzentechnologieprodukten im Ausland zu ziehen, hängt von der
Aufrechterhaltung eines offenen und international
zugänglichen Angebots neuer Produkte und Produktionstechniken ab.
Wie im Wirtschaftsbericht des Präsidenten von 1994
dargelegt, ist die Betonung einer Erweiterung des
Handels durch die Clinton-Administration von zwei
einfachen Fakten geleitet. Erstens leben die Amerikaner in einer zunehmend integrierten Weltwirtschaft
und müssen sich daher immer mehr nach außen
öffnen, um führend zu bleiben. Es besteht einfach
nicht die Möglichkeit, die Grenzen der Vereinigten
Staaten zu schließen und zu den Tagen der Isolation
in den fünfziger und sechziger Jahren zurückzukehren. Ein derartiger Versuch wäre zwecklos und nicht
nur zum Scheitern verurteilt, sondern würde auch
noch zu einer Senkung des Lebensstandards führen.
Zweitens liegen die Löhne in der Exportindustrie im
Vergleich zur gesamten Volkswirtschaft ungefähr 22
Prozent über dem Durchschnitt. Wir können die
mächtige Antriebskraft internationalen Wettbewerbs
durch Handel in unseren Dienst stellen, um Amerika
in der technolgischen Hierarchie nach oben zu
befördern und die Arbeitsplätze der Zukunft mit
amerikanischen Arbeitnehmern zu besetzen. Vor
dem Wind des Wettbewerbs abgeschirmte Unternehmen und Industriezweige neigen zur Stagnation.
Unternehmen und Industriezweige, die mit Hilfe einer
starken Innenpolitik auf dem Weltmarkt äußerst
konkurrenzfähig sind, können die schlechtbezahlten,
wenig Qualifikationen erfordernden Arbeitsplätze, die

Seite 1

�unweigerlich in ärmere Länder verlagert würden,
gegen besser bezahlte, höhere Qualifikationen
erfordernde Arbeitsplätze hier in den Vereinigten
Staaten eintauschen.
Dieses Resultat wird jedoch selbst in einer offenen
Weltwirtschaft nicht in kurzer Zeit automatisch erzielt.
Um für den amerikanischen Arbeitnehmer die
größten Vorteile zu gewinnen, muß eine auf den
Marktzugang abzielende Politik von einer fortschrittlichen Ausbildungs- und Technologiepolitik im Inland
ergänzt werden. Die Beschäftigten verspüren den
Anreiz zum Erwerb technologischer Fähigkeiten,
wenn ihnen klar ist, daß sie eindeutig Nutzen aus
diesem Prozeß ziehen. Diese Vorteile variieren
jedoch abhängig von der Einstellung der Unternehmen gegenüber ihren Arbeitnehmern und der
Technologie am Arbeitsplatz.
Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens. Amerikanische
Unternehmen stellen sich der Herausforderung,
setzen neue Technologien zur Integration ihrer
Aktivitäten ein und verbessern die Qualifikationen
ihrer Beschäftigten. Jüngste Forschungsergebnisse
deuten darauf hin, daß diese Strategie, Arbeitnehmern mehr Rechte zu geben, mit der Zeit zu Produktivitätssteigerungen und größerer Wettbewerbsfähigkeit führt. Diese Möglichkeit stellt den Weg zu
mehr Wachstum, Beschäftigung sowie höheren
Löhnen und Gehältern dar.
Die Unternehmen könnten statt dessen auch neue
Technologien einführen, jedoch nicht die notwendigen Schritte zur Verbesserung der Fähigkeiten ihrer
Beschäftigten ergreifen. Um wettbewerbsfähig zu
bleiben, wären sie dann stark von Maschinen
abhängig, die Arbeitnehmer ersetzen können oder
zu deren Bedienung keine besonderen Qualifikationen erforderlich sind. Für die Arbeitnehmer könnte
dieser Weg niedrigere Löhne bedeuten.
Eine letzte Möglichkeit wäre, daß die Unternehmen
die neuen Technologien überhaupt nicht nutzen.
Das ist der Weg zum wirtschaftlichen Niedergang,
und die Unternehmen sähen sich schließlich im Inund Ausland mit Konkurrenten konfrontiert, die über
eine bessere Technologie und billigere Arbeitskräfte
verfügen. Mit anderen Worten: Damit die amerikanischen Arbeitnehmer die gesamten Vorteile eines
erhöhten Handels mit Technologieerzeugnissen
genießen können, müssen innenpolitische Maßnahmen es amerikanischen Unternehmen möglich und
wünschenswert erscheinen lassen, den Arbeitnehmern mehr Rechte zu geben.
Gleichzeitig müssen die Amerikaner sich auf den
Märkten im In- und Ausland ebenso wie ihre ausländischen Kollegen eingehend darauf vorbereiten,

Seite 2

aus der derzeitigen Verbreitung globaler Technologie
Vorteile zu gewinnen.
Einfach ausgedrückt: Amerikanische Firmen können
aus den von ausländischen Firmen entwickelten
technologischen Innovationen lernen. Gemeinschaftliches Vorgehen und technologische Verbindungen zu
ausländischen Unternehmen können die Innovationskosten verringern und die technologischen Fähigkeiten beteiligter amerikanischer Firmen zum Nutzen der
amerikanischen Volkswirtschaft verbessern. Es wäre
nicht nur müßig, einen Versuch zur Beendigung
dieses Ausbreitungsprozesses zu unternehmen,
sondern würde auch unseren eigenen Interessen
zuwiderlaufen.
Die amerikanischen Interessen werden durch kontinuierliche Unterstützung der Erforschung, Entwicklung und Erweiterung von Produktionsprozessen im
Inland weiter gefördert. Diese inländischen Bestrebungen können amerikanischen Firmen und Arbeitnehmern die Fähigkeit vermitteln, die im In- und
Ausland entwickelten Technologien und besten
Praktiken rasch aufzunehmen. Sie sind eine unerläßliche Ergänzung von Maßnahmen, die auf die
Verbesserung des Zugangs zu ausländischen Märkten für amerikanische Produkte und den Zugang
amerikanischer Firmen zu von ausländischen Regierungen unterstützten
Forschungsbestrebungen
abzielen.
Dies trifft zu, weil Wirtschaftswachstum sich nicht
einfach automatisch aus der Entwicklung neuer Ideen
ergibt. Wachstum findet statt, weil diese neuen Ideen
in neue Unternehmensprozesse und neue Produkte
einbezogen werden. Die Fähigkeit, neue Ideen in
bessere Geschäftstätigkeit und bessere Produkte
umzusetzen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren
ab, insbesondere der Arbeitsorganisation und Qualität
der Arbeitnehmer. Effektiver Einsatz neuer Technologien hängt von der erfolgreichen Organisation und
Nutzung der Qualifikationen der Arbeitnehmer ab sowohl im Büro als auch in der Fabrik.
Technologische Maßnahmen im Inland bieten der
amerikanischen Volkswirtschaft auch entscheidende
Handelsvorteile. Da sich die Ausbreitung von Technologie erstens nicht unverzüglich vollzieht, sind die
Innovatoren und diejenigen in dem Betrieb, in dem
die Innovation stattfindet, in der Lage, aus ihrem
zwischenzeitlichen Monopol bei der Innovation
kurzfristig wirtschaftliche Vorteile zu ziehen. Dies ist
teilweise darauf zurückzuführen, daß einige Fortschritte des technischen Know-how grundsätzlich
beim Menschen zu suchen sind. Das heißt, sie
hängen von dem beim Entwicklungs- und Herstellungsprozeß der neuen Technologie gewonnenen
Verständnis ab. Ein solches "Verständnis" kann

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�weder vollständig in Produkte oder Teile von Herstellungsgerät umgesetzt, noch wirksam in Blaupausen oder wissenschaftlichen Zeitschriften vermittelt
werden. Diese Art von Wissen kann jedoch die
Grundlage für bedeutende Vorteile desjenigen
bilden, der den ersten Schritt unternimmt, und wird
in sich rasch entwickelnden globalen Technologiemärkten mit immer kürzeren Produktionszyklen
dauerhafte Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit haben.
Solange ausländische Hersteller das gesamte Spektrum ihrer fortschrittlichsten Aktivitäten in die Vereinigten Staaten verlagern - und solange ihre heimischen Märkte offen und konkurrenzfähig sind - sollte
die Tatsache keine Rolle spielen, daß das Unternehmen in ausländischem Besitz ist. Die Verbreitung des Know-how vor Ort ist die Folge enger und
kontinuierlicher Interaktion im Netzwerk von Forschern, Herstellern und Kunden sowie ihrer Lieferanten von Einzelteilen und Gerät. Die Tatsache, daß
von der amerikanischen Regierung unterstützte
Forschungs- und Entwicklungsprogramme diese
Interaktionen und die damit einhergehende Ausbreitung des Know-how in den Vereinigten Staaten
- nicht dort, wo die Akteure selbst aus- oder inländisch sind - wahrscheinlicher machen, ist unabdingbar für die Gewährleistung, daß die amerikanische
Volkswirtschaft den Löwenanteil des wirtschaftlichen
Ertrags für die technologischen Investitionen des
amerikanischen Steuerzahlers erhält.

Diese Fortschritte bei der Entwicklung des technologischen Know-how vor Ort bieten der Binnenwirtschaft wichtige Vorteile, die Versuche zum Schutz
geistigen Eigentums nicht gewährleisten können.
Dennoch muß ein offener und zugänglicher Markt für
Technologie auch durch sehr viel stärkeren Schutz
einer Reihe von Rechten auf geistiges Eigentum,
einschließlich Patenten, Urheberrechten, Warenzeichen und Handelsgeheimnissen untermauert werden.
Die vor kurzem abgeschlossene Uruguay-Runde des
GATT spricht viele dieser Probleme zum ersten Mal
an, und da die Vereinigten Staaten das Heimatland
so vieler kommerzieller Innovationen aus- und
inländischer Firmen sind, werden wir von dem
Abkommen in hohem Maße profitieren.
Die Handels- und Technologiepolitik der Nation kann
daher in einer Art und Weise koordiniert werden, die
sowohl kurzfristig das nationale wirtschaftliche Wohlergehen als auch langfristig ein offeneres internationales Handelssystem unterstützt. Die Handelsgesetze des Landes müssen auf die Erweiterung von
Exportchancen für amerikanische Hersteller von
Hochtechnologieprodukten ausgerichtet werden, aber
die Handelsgesetze können keinen Ersatz für innenpolitische Initiativen darstellen.
Die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Hochtechnologieindustrien hängt von den Entscheidungen
ab, die Amerikaner im Inland über Forschung und
Entwicklung, Bildung und Ausbildung sowie ihre
Bereitschaft treffen, heute zu investieren, um morgen
dauerhafte Chancen für technologische Innovation
und Wirtschaftswachstum sicherzustellen.

*

AMERIKA DIENST 47

*

Seite 3

�KULTUR
30. November 1994

AFROAMERIKANISCHE KÜNSTLER IM
SMITHSONIAN MUSEUM
Größte Ausstellung seit fünf Jahren
WASHINGTON - (AD) - Afroamerikanische Künstler
haben nahezu 200 Jahre benötigt, um einen Platz in
der amerikanischen Kunstwelt zu erobern.
Dank einer bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehenden spektakulären Retrospektive von Werken
schwarzer Künstler, die jetzt in der Bundeshauptstadt Washington zu sehen ist, wird diese Situation
jedoch behoben.
Die Ausstellung Free Within Ourselves: AfricanAmerican Art from the Museum's Collection zeigt
188 Werke von 94 Künstlern, die sich im Besitz des
National Museum of American Art der Smithsonian
Institution befinden.
Zweifelsohne öffnet diese
farbenprächtige, Denkanstöße vermittelnde Ausstellung - die größte des Museums seit fünf Jahren die Augen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich.
"Der Umfang der Arbeiten wird sicherlich viele
Besucher überraschen", prognostizierte die Museumsdirektorin Elizabeth Broun. "Wir sind stolz,
daß eine Ausstellung dieses Ausmaßes ausschließlich aus der ständigen Sammlung des Museums
zusammengestellt werden konnte, das erst seit 1966
die ersten Werke afroamerikanischer Künstler zu
sammeln begann."
Die Kuratorin für Malerei und Bildhauerei, Lynda
Hartigan, suchte die Werke aus und erklärte in
einem Interview, die Ausstellung zeige Arbeiten
professioneller und autodidaktischer Künstler in allen
Stilrichtungen. Die Exponate reichen von frühen
Landschaften und Skulpturen von Robert Scott
Duncanson, Joshua Johnson und Edmonia Lewis bis
zu so international anerkannten Modernen wie Sam
Gilliam, Elizabeth Catlett und Jacob Lawrence. Zu
den Werken zählen Gemälde von durch die Harlemer Renaissance der zwanziger Jahre inspirierten
oder durch die darauffolgenden staatlichen Kunstprogramme geförderten Künstlern wie Augusta
Savage, Palmer Hayden und Beauford Delaney.
Umfangreich dargestellt sind Arbeiten auf Papier und
Gemälde anerkannter Meister wie Edward Mitchell

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Bannister, Henry Ossawa Tanner und William H.
Johnson, deren Werke viele Stilrichtungen umfassen.
Zu den ausgestellten Autodidakten gehören Bill
Traylor, William Edmonston, Sister Gertrude Morgan
und Thornton Dial, Sr., dessen Gemälde Top of the
Line sowohl folkloristischer als auch zeitgenössischer
Kunst zugeschrieben werden kann.
Abgerundet wird die Ausstellung durch 141 jüngst
erworbene Gemälde und Skulpturen aus der Zeit
nach 1950 sowie der Fotographie des 20. Jahrhunderts. Darunter sind Gemälde von Norman Lewis
und Hughie Lee-Smith, Skulpturen von Melvin Edwards und John Scott sowie Fotographien von James
Van Der Zee, Roy DeCarava und Roland Freeman.
Das Museum hat die Fotographie-Sammlung im Jahr
1990 begonnen.

Hartigan wählte den Großteil der Stücke aus bereits
in der ständigen Sammlung des Museums befindlichen Werken aus, die jetzt 2.000 Arbeiten von 140
afroamerikanischen Künstlern umfaßt. Die Sammlung des Museums, so Hartigan, ist bei weitem die
größte und beste derzeit in den Vereinigten Staaten
verfügbare Zusammenstellung von Werken schwarzer
Künstler.
"Das Musuem hat seine Sammlung seit Mitte der
sechziger Jahre mit Hilfe zahlreicher Kuratoren
aufgebaut", stellte Hartigan fest und fügte hinzu, sie
und die anderen hätten ungefähr fünf Monate an
dieser Ausstellung gearbeitet. Als Spezialistin in
afroamerikanischer Kunst hat sie auch an der kleineren Wanderausstellung des Museums von Free
Within Ourselves mitgewirkt, die als Ausgangspunkt
für diese Ausstellung diente. Sie war ferner maßgeblich an der Zusammenstellung eines Buches Free
Within Ourselves beteiligt sowie an der Herstellung
eines Videos über das Leben und Werk der Künstler
Leroy Almon, Sr., Frederick Brown, Lois Mailou
Jones, Keith Morrison und Sam Gilliam.
Von der geplanten Wanderausstellung mit 55 Werken
von 31 Künstlern nahm diese Ausstellung rasch an
Umfang zu. Die Museumsvertreter erkannten Harti-

Seite 1

�gan zufolge, daß die Ausstellung ein ausgezeichnetes Instrument sein würde, um die Aufmerksamkeit
auf "Umfang und Tiefe" der Sammlung des Museums "als wissenschaftliche und öffentliche Ressource" zu lenken. Zweitens wollten die Museumsvertreter die Sammlung für Amerikaner "zugänglicher
und bekannter" machen und den bemerkenswerten
Leistungen der von der Nation lange vernachlässigten afroamerikanischen Künstler den ihnen gebührenden Platz einräumen.
"Wie befinden uns auch in einer Zeit", so Hartigan,
"in der immer mehr Menschen versuchen, die
Künstler individuell zu erforschen oder herauszufinden, welchen Beitrag sie insgesamt zur amerikanischen Kunst leisten."
Hartigan zufolge haben afroamerikanische Künstler
der Gegenwart und Vergangenheit aufgrund von
Rassendiskriminierung "einen langen Kampf um
Anerkennung" geführt. Da jedoch in Amerika so
viele Künstler tätig seien, bekomme unabhängig von
seinem Ausdrucksmittel oder Hintergrund "nicht jeder
Aufmerksamkeit. Das ist Teil des Problems."
Auf die Bitte, afroamerikanische Kunst zu definieren,
räumte sie ein, das sei schwierig, wenn nicht sogar
unmöglich.
"Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt afroamerikanische
Kunst beschreiben sollte, müßte ich sagen, daß es
sich um einen äußerst komplexen Teil des Museumsbestandes handelt", so Hartigan. "Dies ist
teilweise auf die unglaubliche Vielfalt der Werke
zurückzuführen, die von Afroamerikanern über
verschiedene Zeiträume hinweg - und mit unterschiedlichen Ausdrucksmitteln - angefertigt wurden.
Die Schönheit der Werke besteht zum Teil darin,
daß man sie nicht genau definieren und einfach fünf
typische Merkmale nennen kann."
Die Ausstellung enthält Kunstwerke wie beispielsweise Melvin Edwards Skulptur Tambo aus
Schweißstahl, die im Zusammenhang mit dem
Vorsitzenden des afrikanischen Nationalkongresses,
Oliver Tambo, stehende Materialien, Ideen und
Kulturen vereinigt. Femer gehören ihr aus dem 19.
Jahrhundert stammende Gemälde von Robert Scott
Duncanson an, deren Schwerpunkt die Schönheit
amerikanischer und europäischer Landschaften ist.
Betye Saars Assemblage Wishing for Winter von
1989 basiert Hartigan zufolge auf dem Fenstermotiv,
das Saar als eine der innovativsten Ausdrucksformen gefundener Materialien erforschte. Saar "ist
sich sehr stark ihrer Identität als Afroamerikanerin
bewußt. Sie bringt jedoch in bezug auf Spiritualität,
Mystik und Naturgewalten Kulturen aus aller Welt

Seite 2

zusammen, die nicht unbedingt etwas mit ihrer
afroamerikanischen Herkunft zu tun haben."
Das vom Ku-Klux-Klan inspirierte abstrakte expressionistische Gemälde Evenlng Rendezvous von
Norman Lewis illustriert den poetischen Appell und
das soziale Bewußtsein des Künstlers.
Palmer
Haydens The Janitor Who Palms wurde 1969 von
dem Künstler als "Protestgemälde" bezeichnet.
Quelle für das Werk war Cloyd Boykin, ein älterer
schwarzer Maler, der seinen Lebensunterhalt als
Hausmeister verdiente.
Das Bild, das bei den
Ausstellungsbesuchern großen Anklang findet, enthält
jedoch zweifellos eine universelle Aussage.
Hartigan zufolge hat die Ausstellung, deren Titel von
einem Essay des Dichters Langston Hughes aus dem
Jahr 1926 abgeleitet ist, das Ziel, den Umfang und
die Vielfalt afroamerikanischer Kunst zu demonstrieren, indem sie als eine Art "Zeitenfolge" untersucht wird. Tatsächlich gewährt ein Gang durch die
Ausstellung dem Besucher einen wunderbaren
Einblick in die Vergangenheit, Gegenwart und möglicherweise die Zukunft Amerikas - aus der Sicht- und
Denkweise schwarzer Künstler.
"Der Besuch der Ausstellung beginnt im Jahr 1805
und mit Künstlern wie Henry Tanner (geb. 1859), die
schwarzen Künstlern den Weg ins nächste Jahrhundert bahnen", so Hartigan. "Werke aus der Harlemer
Renaissance beschreiben das erste volle Erwachen
kulturellen Stolzes und die Erforschung von Kulturen
durch die Afroamerikaner. Ein anderer Teil der
Ausstellung beschäftigt sich mit künstlerischen
Tätigkeiten von den dreißiger bis in die fünfziger
Jahre mit Schwerpunkt auf amerikanischen Künstlern
in Amerika, die sich mit dem Modernismus und dem
Stil des sozialen Realismus befassen - ihre Arbeiten
spiegeln ihre Reaktionen auf die Wirtschaftskrise und
ihre Einbeziehung in die Dienststelle zur Untersuchung von Arbeitsbedingungen (Works Progress
Administration - WPA) wider.
"Danach kommen wir zu den Gemälden, Skulpturen
und Werken auf Papier aus der Zeit der sechziger bis
in die neunziger Jahre dieses Jahrhunderts von
Künstlern, die sich mit zeitgenössischen oder modernen Ideen wie dem abstrakten Expressionismus
befassen, mit der Verwendung gefundener Objekte,
modernen Drucktechniken und ähnlichem.
Ein
anderer Bereich der Ausstellung ist autodidaktischen
afroamerikanischen Künstlern aus der Zeit der
dreißiger bis in die fünfziger Jahre gewidmet, ein
weiterer Bereich Fotographen des 20. Jahrhunderts."
Die Ausstellung repräsentiert laut Hartigan eine
Vielzahl von Interessen und Belangen afroamerikanischer Künstler: Spiritualität, soziale Fragen, Vor-

AMERIKA DIENST 47

�Stellungen von Abstammung und Identität sowie den
improvisatorischen Einsatz von Materialien und
Techniken.
Free Within Ourselves wurde von der Columbia
First Bank in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungssonderfonds der Smithsonian Institution ermöglicht.
Die Ausstellung ist bis zum 26. Februar 1995 zu
besichtigen.

Das National Museum of American Art ist die älteste
staatliche Kunstsammlung der Vereinigten Staaten.
Sie reicht bis ins Jahr 1830 zurück. Ihre Aufgabe ist
die Darstellung des "gesamten Spektrums" künstlerischen Ausdrucks der Nation. Darunter fallen alle
Medien: Malerei, Bildhauerei, Werke auf Papier Drucke, Zeichnungen und Fotographien von
ausgebildeten und autodidaktischen Künstlern. Die
Ausstellung enthält insgesamt 45.000 Objekte bekannter "und nicht so bekannter Künstler", äußerte
Hartigan.

* *

AMERIKA DIENST 47

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Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: GATT-Abkommen wird weltweite Führungsrolle der USA stärken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Militär&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Diplomatie und Gewalt im 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von General Shalikashvili&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Technologie und Handel - Ergänzungen statt Ersatz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jay Stowsky&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Kultur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Afroamerikanische Künstler im Smithsonian Museum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Größte Ausstellung seit fünf Jahren&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

46

BOSNIEN

23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITARAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN
RECHTFERTIGT MILITÄRISCHE REAKTION
DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright

ABRÜSTUNG

DAS RAKETENTECHNOLOGIEKONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro

THANKSGIVING

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten
zu Thanksgiving

GESELLSCHAFT

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE
DER FRAU
von James Q. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
23. November 1994

ERFOLGREICHE MILITÄRAKTION DER NATO
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher und NATO-Generalsekretär Willy Claes
erklärten am 21. November 1994 bei einer gemeinsamen Pressekonferenz übereinstimmend, der Luftangriff
der NATO auf den Flugplatz Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf die UNO-Schutzzone Bihac
durchgeführt wurden, sei erfolgreich gewesen.
Christopher erklärte: "Die entsprechenden Verantwortungsträger der NATO entschieden sich für eine
militärische Mission. Sie führten sie effektiv und präzise durch."
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom amerikanischen Außenminister bei der Pressekonferenz abgegebene
Eingangserklärung im Wortlaut.

Guten Morgen meine Damen und Herren. Ich freue
mich, Willy Claes bei seinem ersten offiziellen
Besuch in Washington in seiner Funktion als NATOGeneralsekretär begrüßen zu dürfen. Wir alle
kennen ihn natürlich durch seine vorherige herausragende Tätigkeit als Außenminister Belgiens. Willy
Claes übernimmt seine neue Rolle in einem für die
Geschichte der NATO und Europas entscheidenden
Augenblick. Sein Besuch hier findet zu einem im
Hinblick auf die langfristigen Herausforderungen in
Europa und die unmittelbaren Herausforderungen in
Bosnien besonders angemessenen Zeitpunkt statt.
Generalsekretär Claes spielte bei den bedeutenden
Ereignissen dieses Wochenendes eine wichtige
Rolle. Wie Sie wissen, gipfelten diese Ereignisse in
der Annahme von Resolution 958 durch den UNSicherheitsrat, die zum Einsatz von Luftstreitkräften
in Kroatien ermächtigt. Sofort nach dieser Aktion
des Sicherheitsrats kam der Nordatlantikrat unter der
Führung von Generalsekretär Claes zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, bei der schnelle Einigung
über die Umsetzung dieser neuen UN-Resolution
erzielt wurde.
Diesen Entscheidungen gemäß bombardierten heute
morgen Kampfflugzeuge der NATO den Flughafen
Udbina in Kroatien, von dem aus die Angriffe auf
Bihac durchgeführt wurden. Diese Angriffe stellten
sowohl eine Verletzung der Flugverbotszone als
auch der UN-Resolutionen über Schutzzonen dar.

AMERIKA DIENST 46

Wir haben von dieser Aktion erst vorläufige Berichte
erhalten, es scheint jedoch, daß es den NATOFlugzeugen gelang, die Landebahn unbrauchbar zu
machen und die den Flugplatz umgebenden BodenLuft-Raketen zu zerstören. Die Serben feuerten
einige tragbare Flugabwehrraketen ab, aber alle
Flugzeuge kehrten sicher zurück.
Ich möchte den serbischen Streitkräften gegenüber
deutlich machen, daß sie keine Maßnahmen ergreifen
sollten, mit denen die Sicherheit der UNPROFORStreitkräfte gefährdet würde. Sie sollten ihre Verletzungen der UN-Resolutionen einstellen. Sie sollten
ihre Angriffe auf Bihac einstellen. Die NATO verfügt
über umfassende Befugnis zur Verteidigung der
UNPROFOR und Gewährleistung der Befolgung der
UN-Resolutionen, und sie wird nicht zögern, diese
Autorität geltend zu machen.
Diese Angriffe bedeuten jedoch kein Ende der Krise
um Bihac. Wir werden die Lage weiterhin genau
beobachten und mit unseren Verbündeten eine Reihe
von Optionen für zusätzliche Aktionen der NATO
erarbeiten, um die Schutzzonen zu sichern und der
serbischen Offensive Einhalt zu gebieten.
Der hiesige Besuch von Generalsekretär Claes findet
zu einem besonders günstigen Zeitpunkt statt, da in
der ersten Dezemberwoche in Europa eine Reihe von
bedeutenden Zusammenkünften geplant ist. Sie
beginnen mit einem Treffen des Nordatlantikrates,

Seite 1

�dem eine Zusammenkunft des Nordatlantischen
Kooperationsrates folgt. Beide Treffen finden in
Brüssel statt. Anschließend kommen in Budapest
Vertreter der KSZE zusammen. An diesem Treffen
wird auch Präsident Clinton teilnehmen. Diese
Zusammenkünfte geben uns die wichtige Gelegenheit, unsere umfassende Strategie für Europa weiterzuentwickeln.
Die NATO ist und bleibt das Kernstück des amerikanischen Engagements für die Sicherheit Europas.
Jetzt besteht unsere Herausforderung jedoch darin,
die vom Bündnis bereitgestellte Sicherheits- und
Stabilitätszone über den ganzen Kontinent nach
Osten hin zu erweitern. Das Bündnis wird dieser
Herausforderung gerecht, indem es seine ehemaligen Gegner einbezieht und angesichts der Gefahren
für die europäische Sicherheit neue Mittel und
Ansätze entwickelt.
Die Partnerschaft für den Frieden ist das Schlüsselelement der NATO-Strategie und seit ihrer Gründung
im Januar sicherlich unser eindrucksvollster Erfolg.
Streitkräfte, die einst zum Kampf gegeneinander
ausgebildet wurden, planen und üben jetzt gemeinsam. Die Vereinigten Staaten halten eine voll

*

Seite 2

*

funktionierende und aktive Partnerschaft für den
Frieden für einen äußerst wichtigen Bestandteil der
modernen europäischen Sicherheitsstruktur. Sie stellt
eine unerläßliche Verbindung zwischen den Mitgliedstaaten und den Nichtmitgliedern der NATO dar und
ist für die eine NATO-Mitgliedschaft anstrebenden
Länder der beste Weg hierzu.
Abschließend möchte ich betonen, daß die Vereinigten Staaten sich entschieden für eine stetige,
transparente und überlegte Erweiterung der NATO
einsetzen. Es ist unser Ziel, die Stabilität in Europa
auszuweiten, anstatt alte Spaltungen zu erhalten oder
neue zu schaffen. Wir sehen einer engen Zusammenarbeit mit Generalsekretär Claes und unseren
Verbündeten erwartungsvoll entgegen, während wir
diesen bedeutenden Prozeß zur Erweiterung der
NATO und Integration Europas durchlaufen.
Herr Generalsekretär - Willy - Sie sind hier herzlich
willkommen. Meines Erachtens ist es äußerst
angebracht und günstig, daß Sie gerade an dem
Wochenende den Vereinigten Staaten einen Besuch
abstatten, an dem diese wichtigen Entscheidungen
getroffen wurden.

* *

AMERIKA DIENST 46

�BOSNIEN
23. November 1994

ANGRIFF DER KRAJINA-SERBEN RECHTFERTIGT
MILITÄRISCHE REAKTION DER NATO
Erklärung von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer Ansprache vor dem UN-Sicherheitsrat nach der Genehmigung von
Luftangriffen auf Ziele in Kroatien stellte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 19. November 1994 fest, der Angriff der Krajina-Serben auf die bosnische Schutzzone
Bihac rechtfertige "eine militärische Reaktion der NATO" und fügte hinzu, "alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Ich möchte zunächst den Mitgliedern dieses Rats
verdeutlichen, warum wir weiterhin über das Thema
Bosnien beraten müssen. Im Juli wurde der von der
Kontaktgruppe erarbeitete Friedensplan vom Sicherheitsrat verabschiedet. In der Zwischenzeit hat
die bosnische Regierung dem Plan ebenso wie die
bosnischen Kroaten zugestimmt - nur die bosnischen
Serben haben sich geweigert.
Weil die bosnischen Serben den Friedensplan nicht
unterzeichnet haben, dauern die Kämpfe in Bosnien
an und eskalieren. Ich weiß, daß einige Bosnien für
die jüngsten Angriffe auf die Streitkräfte der bosnischen Serben in Mittel- und Westbosnien verurteilen.
Meine Regierung bedauert die andauernden Kampfhandlungen. Wir sollten jedoch Angriffe zur Rückgewinnung von durch Aggression verlorenem Territorium nicht mit Aggression selbst verwechseln. Wir
sollten die Aktionen einer Regierung, die ihren
Wunsch nach Frieden zum Ausdruck gebracht hat,
nicht mit einer kleinen, unnachgiebigen, kriegstreiberischen Gruppe verwechseln. Die bosnische
Regierung hat diesen Krieg nicht begonnen und will
ihn beenden. Die bosnischen Serben haben diesen
Krieg begonnen und weigern sich, ein Abkommen zu
seiner Beendigung zu unterzeichnen.
Wir stehen jetzt an einem Wendepunkt. Zur Unterstützung der Aggression der bosnischen Serben
kollaborieren die sogenannten Krajina-Serben bei
einem Angriff auf das souveräne Territorium von
Bosnien-Herzegowina. Sie stellen die Regierung
Kroatiens vor ein schwieriges Dilemma. Die Vereinigung des von den sogenannten Krajina-Serben
gehaltenen Territoriums mit von den bosnischen

AMERIKA DIENST 46

Serben kontrolliertem Territorium könnte die Regierung Kroatiens zur Intervention veranlassen und so
eine neue Eskalation des Krieges bewirken. Die
kroatische Regierung hat bisher lobenswerte Zurückhaltung geübt.
Kein Mitglied dieses Rats sollte jedoch Zweifel daran
hegen, daß die Kollaboration der Krajina-Serben bei
der Aggression der bosnischen Serben einen größeren Balkankrieg auslösen könnte.
Die Streitkräfte der Krajina-Serben haben eine
internationale Grenze verletzt. Ihre Angriffe aus der
Luft und vom Boden aus gefährden die Zivilisten in
Bihac, ganz zu schweigen von den dort stationierten
UNO-Truppen.
Dieser Rat hat jetzt eindeutig klargestellt, daß der
Einsatz von Luftstreitkräften zum Angriff auf Ziele in
Kroatien genehmigt ist, die Schutzzonen in Bosnien
oder in Bosnien operierende UNO-Truppen bedrohen.
Gestern haben die Krajina-Serben Bosnien angegriffen, und der UNO-Befehlshaber für das ehemalige
Jugoslawien, General De Lapresle, hat das Thema
einer Reaktion der NATO aus der Luft angesprochen.
Meine Regierung vertritt die Auffassung, daß eine
unverzügliche positive Antwort in den Resolutionen
dieses Rats eine juristische Handhabe haben würde.
Heute morgen wurde ein von demselben Flugplatz in
Ubdina aus gestarteter Angriff auf Ziele in der Enklave Bihac gerichtet. Wiederum waren Opfer unter
der Zivilbevölkerung das tragische Resultat. Wir
sollten unmißverständlich klarstellen: Wir werden

Seite 1

�Zeuge von Aktivitäten auf dem Flugplatz Ubdina, die
die Schutzzone Bihac, die Zivilisten in der Enklave
Bihac und die dort stationierten UNPROFOR-Truppen gefährden.
Meine Regierung ist der Ansicht, daß dieses Muster
militärischer Aktivitäten eine militärische Reaktion der
NATO rechtfertigt.
•

Seite 2

*

Aus diesem Grund begrüßen wir diese Resolution.
Sie verdeutlicht die Absicht dieses Rats, die Bombardierung Bosniens zu verhindern.
Wir gehen davon aus, alle - heute oder in Zukunft
gestellten - Anträge auf Luftangriffe der NATO auf
Ubdina werden eine positive Reaktion hervorrufen.

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�ABRÜSTUNG
23. November 1994

DAS RAKETENTECHNOLOGIE-KONTROLLREGIME
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die kürzlich vom US-Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) herausgegebene Übersicht über das
Raketentechnologie-Kontrollregime 1987.

Der Eckpfeiler der amerikanischen Raketen-Nichtverbreitungspolitik ist das Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime MTCR). Das MTCR wurde 1987 von den Vereinigten Staaten mit ihren Wirtschaftspartnern in der G-7
(Bundesrepublik
Deutschland, Großbritannien,
Italien, Japan und Kanada) ins Leben gerufen.
Heute sind 25 Nationen Mitglieder des MTCR.
Zusätzlich zu der wachsenden Anzahl von Mitgliedern nimmt auch die Zahl von Ländern zu, die
einseitig die Richtlinien einhalten.
Ziel des MTCR ist die Einschränkung der Verbreitung von Raketen, unbemannten Luftfahrzeugen und
verwandter Technologie für diese Systeme, die eine
Nutzlast von 500 Kilogramm über eine Entfernung
von mindestens 300 Kilometern befördern können
sowie von Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen.
Dem MTCR zufolge versteht man unter Raketen
ballistische Raketen, Trägerraketen für Raumfahrzeuge und Sondenraketen. Zu den unbemannten
Luftfahrzeugen zählen Marschflugkörper, Dronen
und ferngesteuerte Fahrzeuge.
Ursprünglich befaßte sich das MTCR nur mit nuklearfähigen Trägersystemen. Seit dem Golfkrieg im
Jahr 1991 wurde das MTCR erweitert und umfaßt
nun Raketen, die als Trägersysteme für alle Massenvernichtungswaffen (nukleare, chemische und
biologische) dienen können.
Das MTCR ist weder ein Vertrag noch ein internationales Abkommen, sondern ein freiwilliges
Arrangement zwischen Ländern mit einem gemeinsamen Interesse an der Einschränkung der Raketenverbreitung. Das Regime besteht aus gemeinsamen
Exportrichtlinien, die auf eine gemeinsame Liste
kontrollierter Güter Anwendung finden.
Jedes

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Mitgliedsland erfüllt seine Verpflichtungen im Kontext
seiner eigenen nationalen Exportgesetze.
Die kontrollierten Güter sind im MTCR-Anhang über
Gerät und Technologie aufgeführt, der Technologie in
zwei Kategorien einteilt. Kategorie I besteht aus
vollständigen Raketen oder in einem System der
Kategorie I verwendbaren vollständigen Untersystemen. Der Transfer von Gütern der Kategorie I
erfordert eine Prüfung von Fall zu Fall, die zur
Verweigerung des Transfers führen kann.
Der
Transfer von speziell entworfenen Produktionseinrichtungen für diese Systeme ist definitiv verboten.
Kategorie II umfaßt ein breites Spektrum von Mehrzwecktechnologien. Der Transfer dieser Güter ist
gestattet, solange sie nicht für die endgültige Verwendung in Systemen der Kategorie I vorgesehen
sind.
Die MTCR-Richtlinien stellen ausdrücklich fest, daß
das Regime "nicht darauf ausgerichtet ist, nationale
Weltraumprogramme oder die internationale Zusammenarbeit bei solchen Programmen zu behindern, solange solche Programme nicht zu Trägersystemen für Massenvernichtungswaffen beitragen
können". Die Vereinigten Staaten halten sich an eine
strikte Interpretation dieser Erklärung. Trotz einiger
Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf die
kommerzielle Anwendung im All stimmen alle Partner
überein, daß die in Trägerraketen für Raumfahrzeuge
verwendete Technologie mit der in einer ballistischen
Rakete verwendeten absolut identisch ist, die ein
echtes Potential für Raketenverbreitung darstellt.
Das Bild der weltweiten Raketenverbreitung ist
gemischt: Die Vereinigten Staaten und ihre MTCRPartner hatten einen gewissen Erfolg bei der Verlangsamung der Verbreitung, aber die Raketenentwicklung und der Technologietransfer dauern an.
Rußland und die Ukraine haben bilaterale Raketen-

Seite 1

�abkommen mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet, und Ungarn war das erste Land in Osteuropa,
das dem MTCR beigetreten ist. In Südamerika
wurde Argentiniens Condor-Raketenprogramm
eingestellt, was zum Beitritt des Landes zum MTCR
im Dezember 1993 führte. Am 4. Oktober 1994
unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Südafrika ein bilaterales Export-Import-Abkommen über
Raketen sowie eine gemeinsame Erklärung über
Schritte, die Südafrika zur Beendigung seines
Kategorie I-Raketenprogramms unternehmen wird.
Das bilaterale Abkommen verpflichtet Südafrika zur
Einhaltung der MTCR-Richtlinien.
Andererseits dauert die Raketenverbreitung in
Südasien an, obwohl die MTCR-Kontrollen weitere
Fortschritte vereitelt haben. Staaten im Nahen

* *

Seite 2

Osten setzen ihre Beschaffung von Raketensystemen
fort. Nordkorea ist weiterhin ein verbrecherischer
Lieferant von Raketen und Technologie. Bei ihren
Bemühungen zur Unterbindung dieser Aktivitäten
verhängen die Vereinigten Staaten unilaterale Sanktionen beim Raketenhandel oder üben politischen
Druck gegen Nichtmitgliedsländer des MTCR aus, die
in Verletzung der MTCR-Normen Transfers vornehmen.
(Mitgliedstaaten des MTCR sind zur Zeit: Argentinien, Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland,
Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien,
Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg,
Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich,
Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Ungarn und
die Vereinigten Staaten.)

*

*

AMERIKA DIENST 46

�MENSCHENRECHTE
23. November 1994

USA FORDERN "NEUE ENERGIE" BEI
UN-MENSCHENRECHTSBESTREBUNGEN
Rede von Botschafterin Ferraro
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten wollen dem UN-Menschenrechtssystem "neue Energie
und Zielsetzungen verleihen", erklärte US-Botschafterin Geraldine Ferraro am 16. November 1994 in einer
Rede vor dem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung und verwies auf die Ratifizierung von zwei
Menschenrechtsverträgen durch die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr - die Konvention gegen Folter
und grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung sowie die Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Rassendiskriminierung. Ferner drängen die Vereinigten Staaten auf die Ratifizierung der
Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen.

Die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein werden nicht die rassischen und
ethnischen Spannungen oder andere Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, so Ferraro, aber "diese
Konventionen und die sich auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten bilden die Grundlage für den
Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit".
"Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale
Normen eine effektivere Rolle spielen. Im Ausschuß über Rassendiskriminierung und andernorts wollen wir
die auf hartem Wege erworbenen Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und
anderen Formen der Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen", stellte die Vertreterin der Vereinigten
Staaten beim UN-Menschenrechtsausschuß, Ferraro, fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, als Vertreterin der Vereinigten
Staaten bei der UN-Menschenrechtskommission bin
ich besonders erfreut, vor dem Dritten Ausschuß
über das wichtige Thema der Umsetzung von
Menschenrechtsinstrumenten sprechen zu dürfen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß wir nach
dem Ende des Kalten Krieges und der tiefgreifenden
ideologischen Auseinandersetzungen, die unser
Jahrhundert definierten, an der Schwelle einer neuen
und im großen und ganzen ungenau skizzierten Welt
stehen.
Es ist eine Welt großer Versprechungen, gleichzeitig
sind wir jedoch mit schwierigen und in höchstem
Maße beunruhigenden Problemen auf der Weltbühne konfrontiert. Wir sehen, wie ethnische und
rassische Spannungen für politische Zwecke ausgenutzt, zu gewalttätigen Flächenbränden geschürt
werden, oder heimtückisch in Gesellschaften am
Werk sind. Wir beobachten, wie repressive Regierungen sich dem weltweiten Trend zu Menschen-

AMERIKA DIENST 46

rechten, Demokratie und bürgerlichen Gesellschaften
hartnäckig widersetzen. Wir sehen, wie wirtschaftliche, demographische und umweltpolitische Zwänge
die Regierungen in ungekanntem Maße belasten.
Diese Probleme werten wiederum Herausforderungen
für die Kreativität und den Einfallsreichtum der
internationalen Staatengemeinschaft bei der Gestaltung und Umsetzung des Völkerrechts auf.
Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
zählen zu den wichtigsten Prinzipien, die uns bei der
Suche nach Lösungen für die globalen Herausforderungen leiten müssen. Diese Prinzipien sind fest in
das Gefüge der Weltgeschichte eingebettet und
verkörpern das Streben von Männern und Frauen auf
der ganzen Welt. Unter der Führung von Präsident
Clinton sind die Vereinigten Staaten in Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft
dem Aufbau einer Welt auf der Grundlage dieser
Prinzipien verpflichtet.

Seite 1

�Eines der von uns zu diesem Zweck eingesetzten
Instrumente ist das Völkerrecht. Seit den ersten
Tagen ihrer Amtszeit war die Clinton-Administration
der Ratifizierung wichtiger Menschenrechtsverträge
und -konventionen verpflichtet.
Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
in dieser Hinsicht eine Reihe von Schritten unternommen.
Erstens haben wir die Konvention gegen Folter und
grausame, unmenschliche und entwürdigende Behandlung unterzeichnet. Bei der Weltkonferenz über
Menschenrechte in Wien vergangenes Jahr drängte
die US-Regierung alle Nationen zur Verabschiedung
von Gesetzen, um Isolationshaft zu verhindern und
den Menschenrechtsorganen Vor-Ort-Inspektionen
aller Inhaftierungseinrichtungen zu gestatten.
Unserer Auffassung nach sollten Folterer einzeln für
ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und
es sollte keine Statuten oder Einschränkungen
bezüglich ihrer Verfolgung geben.
Zweifelsohne stimmen alle Menschen guten Willens
überein, daß die Praxis der Folter beendet werden
muß - zu diesem Punkt besteht ein Konsens. Und
indem wir zunächst einen Konsens zu grundlegenden Problemen wie Folter erzielen, können wir die
Grundlage für ein erneuertes Völkerrecht bilden, das
die Achtung der Menschenrechte fördert.
Die Vereinigten Staaten haben auch eine Führungsrolle bei der Hilfe für Folteropfer übernommen. Ich
freue mich bestätigen zu können, daß die Vereinigten Staaten im Jahr 1994 1,5 Millionen Dollar zu
dem freiwilligen Fonds für Folteropfer der Vereinten
Nationen beigetragen haben.
Zweitens haben wir die Konvention über die Abschaffung aller Formen von Rassendiskriminierung
ratifiziert. Diese Konvention wird zu einem wertvollen Werkzeug, wenn die internationale Staatengemeinschaft aus rassischen und ethnischen Animositäten entstehende humanitäre und Menschenrechtskrisen anspricht und auf sie reagiert. In diesem
Zusammenhang sind wir über den von der internationalen Staatengemeinschaft während der letzten
Sitzung der UN-Menschenrechtskommission erzielten Konsens erfreut, daß Antisemitismus in der Tat
eine Form von Rassismus ist.
Die Vereinigten Staaten wollen in der jetzt stattfindenden Debatte über sich abzeichnende internationale Normen eine effektivere Rolle spielen. Im
Ausschuß über Rassendiskriminierung und andern-

*

Seite 2

*

orts wollen wir die auf hartem Wege erworbenen
Erfahrungen der Vereinigten Staaten bei der Bekämpfung von Rassen- und anderen Formen der
Diskriminierung mit der Weltgemeinschaft teilen.
Drittens haben wir dem UN-Menschenrechtsausschuß
den ersten Bericht der Vereinigten Staaten über die
Befolgung eines internationalen Menschenrechtsinstruments, speziell der internationalen Konvention
über bürgerliche und politische Rechte, durch unser
Land vorgelegt.
Unseres Erachtens bieten die
Rechts- und politischen Systeme der Vereinigten
Staaten unserem Volk einen Menschenrechtsschutz
von Weltklasse. Wir sind stolz auf unsere Bilanz im
Inland, arbeiten hart an der Behebung unserer
eigenen Unzulänglichkeiten und sind erfreut, unsere
Verpflichtung zu der Konvention durch die uneingeschränkte Berichterstattung über ihre Einhaltung
durch unser Land zu stärken.
Und schließlich verfolgt die Administration aktiv die
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen,
worüber wir im vergangenen Monat positive Berichte
vom amerikanischen Senatsausschuß für auswärtige
Beziehungen erhielten. Wir hoffen, daß wir mit der
Wiederaufnahme der Sitzungen durch den Kongreß
auch für dieses Instrument die endgültige Zustimmung erhalten.
All diese Bestrebungen sind Teil unserer umfassenderen Bemühungen, dem UN-Menschenrechtssystem
neue Energie und Zielsetzungen zu verleihen. Eine
der bei der Weltkonferenz über Menschenrechte in
Wien im vergangenen Jahr gelernten Lektionen
lautete, daß multilaterale Gremien und nichtstaatliche
Organisationen eine zunehmend weitreichende Rolle
bei der Gestaltung der Welt nach dem Kalten Krieg
spielen. Durch Zusammenarbeit können Regierungen, multilaterale und nichtstaatliche Organisationen
einen entscheidenden und nachhaltigen Effekt auf die
Entwicklung und Stärkung von Menschenrechtsmechanismen bewirken.
Wir glauben nicht, daß die Ratifizierung von Verträgen und die Gründung von Institutionen allein die
rassischen und ethnischen Spannungen oder andere
Menschenrechtsprobleme der Welt lösen, repressive
Regierungen stürzen oder politische Systeme reformieren wird. Aber diese Konventionen und die sich
auf natürliche Weise daraus ergebenden Debatten
bilden die Grundlage für den Aufbau einer internationalen Gemeinschaft mit mehr Fairness, Pluralismus und letztlich mehr Gerechtigkeit.

*

*

AMERIKA DIENST 46

�THANKSGIVING
23. November 1994

CLINTON: AMERIKANER MÜSSEN
FRIEDENSPROZESS NÄHREN
Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving
WASHINGTON - (AD) - In einer Proklamation zu dem in diesem Jahr am 24. November gefeierten
Thanksgiving appellierte Präsident Clinton an die Amerikaner, die Verantwortung zu übernehmen, "auf der
ganzen Welt den Friedensprozeß und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Proklamation des Präsidenten.

Während sich das Jahr dem Ende zuneigt, sind wir
erneut mit Dank für die Gaben des fruchtbaren
Bodens erfüllt. Seit 206 Jahren haben die Amerikaner die Ernte im Herbst mit Dankbarkeit und Freude
begrüßt. Am Thanksgiving Day legen wir unsere
tägliche Routine ab, um der Vielfalt und Gnade der
göttlichen Vorsehung zu danken. Wir begeben uns
in den Schoß der Familie und der Gemeinde und
besinnen uns auf die Herausforderung, Verantwortung und die Privilegien, die wir als Bürger der
Vereinigten Staaten haben.
Es ist unser großes Glück, in einem Land des
Überflusses und der Versprechungen zu leben einem Land der Freiheit für alle. Nur wenige Generationen von den Gründern unserer Nation entfernt,
setzen wir den Weg zu Stabilität und Gerechtigkeit
fort. Beim Streben, uns näher zu Gottes Gnaden zu
erheben, sind wir weiterhin entschlossen, das Leid
der vielen Menschen zu mildern, die nur Armut und
Verzweiflung kennen. Unsere Reise ist noch lange
nicht beendet.
Unser Ziel muß die Bereitstellung der Mittel für jeden
von uns sein, Wohlstand zu mehren sowie eine gute
Ausbildung, ein erfülltes Arbeitsleben, Gesundheitsfürsorge und persönliche Sicherheit zu genießen.
Unsere Verantwortung ist die Schärfung des nationalen Bewußtseins, damit wir uns durch die Förderung
von Tugenden, Klugheit und moralischen Werten an
unserem Wachsen als ein Volk erfreuen können.
Unsere Herausforderung besteht darin, gerechte und
faire Hilfe und Ermutigung zu bieten, die das

menschliche Leiden mildern. Es ist unsere Verantwortung, auf der ganzen Welt den Friedensprozeß
und die Menschenrechte mit Anteilnahme zu nähren.
Und wie bei anderen Pionieren vor uns, ist es unser
Privileg, nach hehren Zielen zu streben.
Während sich im ganzen Land die Menschen mit
ihren Lieben versammeln, um sich der Fülle der
Gaben von Thanksgiving zu erfreuen, lade ich jede
Familie, jede Kirchengemeinde, jede Gemeinde und

jede Stadt ein, unser amerikanisches Erbe zu feiern.
Reicht den Menschen in Eurer Heimatstadt die Hand
der Freundschaft und Zusammenarbeit. Übernehmt
die Verantwortung, allen Bewohnern der Erde Eintracht und Hoffnung, Frieden und Wohlstand zu
bringen. Teilt das Privileg der Freiheit und die
Herausforderung, auf eine bessere Welt hinzuarbeiten.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
der mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Befugnis, Donnerstag, den 24. November 1994 zum nationalen Feiertag
Thanksgiving. Ich fordere die Bürger dieser großartigen Nation auf, diese geliebte Tradition fortzusetzen und zu stärken, indem sie sich zu Hause und in
Gotteshäusern versammeln, um ihren tiefempfundenen Dank für die zahlreichen Segnungen unseres
Lebens zum Ausdruck zu bringen.
Unterzeichnet am 27. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

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AMERIKA DIENST 46

Seite 1

�GESELLSCHAFT
23. November 1994

FAMILIENWERTE UND DIE ROLLE DER FRAU
von James Q. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige Veränderungen der Familie, die
wahrscheinlich von Dauer sind. Der Verfasser des nachfolgend veröffentlichten Artikels erörtert den
Niedergang der Familie - die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher Geburten - und vertritt die Ansicht, da
dieses Phänomen in vielen Ländern zu beobachten sei, könne es nicht ausschließlich als Ergebnis der Politik
oder Eigenheiten einer Gesellschaft betrachtet werden.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Commentary, April 1993. Copyright (c)
1993 James Q. Wilson.

Es gibt zwei Ansichten über die heutige amerikanische Familie - eine wird von der Öffentlichkeit, die
andere von der politischen Elite vertreten. Die
Meinung der Öffentlichkeit lautet folgendermaßen:
Die Familie ist der Ort, an dem Kindern die meisten
grundlegenden Werte beigebracht werden.
Im
Verlauf der letzten Jahre sind diese Werte jedoch
weniger sicher geworden, teilweise weil die Familie
selbst schwächer geworden ist, teilweise weil ihre
Konkurrenten - vor allem Fernsehen und Kinos stärker wurden. Ein Grund, warum die Familie
schwächer geworden ist, liegt darin, daß immer
mehr Kinder in Familien mit nur einem Elternteil
aufwachsen, wobei dieser oftmals eine Mutter im
Teenageralter ist. Ein weiterer Grund ist, daß die
Eltern - sei es in Familien mit einem alleinerziehenden oder mit zwei Elternteilen - weniger Zeit mit
ihren Kindern verbringen. Da Werte wie die Familie
so wichtig sind, sollten die Kandidaten für politische
Ämter darüber sprechen, obwohl nicht klar ist, ob die
Regierung in dieser Hinsicht viel unternehmen kann.
Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner ist der
Ansicht, es sei für die Kinder besser, wenn ein
Elternteil zu Hause bleibt und nicht berufstätig ist,
selbst wenn der Familie dadurch weniger Geld zur
Verfügung steht.
Unter Wissenschaftlern und Politikern ist kein solcher
Konsens zu finden. Das spricht für sich. Von vielen
für selbstverständlich gehaltene Ansichten über die
Familie werden unter denjenigen kontrovers diskutiert, deren Aufgabe in der Erforschung oder Förderung der Familie besteht.

AMERIKA DIENST 46

Ein gutes Beispiel für die Argumentationsweise der
Elite war kürzlich auf der ersten Seite von The
Washington Post zu lesen. Ein Journalist zitierte
die Aussage einiger Sozialwissenschaftler, die
herkömmliche, aus zwei Elternteilen bestehende
Familie sei nicht so wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern wie ursprünglich angenommen.
Dadurch fühlte sich David Popenoe, Soziologieprofessor an der Rutgers University, der ausführlich
über die Familie publizierte, berufen, The New York
Times einen Artikel zu senden, der die in The Post
gemachten Aussagen in Frage stellte. Popenoe
behauptete, "Dutzende" von Studien seien zu der
gegenteiligen Schlußfolgerung gelangt, und die Fülle
der Beweise unterstütze "entschieden" die Ansicht,
eine Familie mit zwei Elternteilen sei besser als eine
Familie mit einem alleinerziehenden Elternteil.
"Entschieden" vielleicht für ihn, aber nicht für andere.
Judith Stacey, Soziologieprofessorin an der University
of California in Davis, antwortete in einem Leserbrief
an The Times, der Wert einer Familie mit zwei
Elternteilen sei lediglich ein nicht durch empirische
Studien belegtes "weitverbreitetes Vorurteil". Popenoe versucht ihr zufolge, "fehlgeleitete Nostalgie ... in
sozialwissenschaftliche Wahrheit" umzuwandeln. Die
Familienforscherin Arlene Skolnick und der Kriminologe Jerome Skolnick, beide an der University of
California in Berkeley tätig, räumten ein, Popenoe
möge zwar recht haben, aber durch eine solche
Aussage in der Öffentlichkeit könnten die Kinder
"unnötig stigmatisiert werden", die nicht in Mustertamilien aufwachsen.

Seite 1

�Die von Stacey und den Skolnicks vertretenen
Überzeugungen sind durchaus repräsentativ für die
Ansichten von Wissenschaftlern zu diesem Thema.
Auch viele Politiker und Journalisten geben diese
Gedanken wider und führen das Argument noch
einen Schritt weiter: Ein Haushalt mit zwei Elternteilen, in dem der Vater berufstätig ist und die Mutter
zu Hause bleibt, ist nicht nur ein nostalgisches
Vorurteil und eine fälschliche Stigmatisierung, sondern auch eine Art von Familie, die kaum mehr
existiert. Die Zeitungen weisen täglich darauf hin,
daß die meisten Kinder nicht in Familien mit zwei
Elternteilen aufwachsen. Die Botschaft ist eindeutig:
Eine aus zwei Elternteilen bestehende Familie ist
nicht nur nicht besonders gut für die Kinder, sondern
glücklicherweise auch im Abnehmen begriffen.
Ob Familien mit zwei Elternteilen für die Kinder gut
sind oder nicht - es ist eindeutig falsch, daß diese
Art von Familie ein historisches Relikt geworden ist.
Obwohl - insbesondere unter Schwarzen - der Anteil
der Kinder, die einen Teil oder sogar Großteil ihrer
Jugend in Familien mit einem Elternteil verbringen,
drastisch angestiegen ist, lebt die überwältigende
Mehrheit der Kinder - landesweit ungefähr 73
Prozent - bei verheirateten Eltern. Heutzutage ist es
wahrscheinlicher als früher, daß in diesen Familien
die Mütter berufstätig sind, wenn auch meistens
nicht ganztags.
Die Sprache, in der die Debatte über Familien mit
zwei Elternteilen geführt wird, deutet darauf hin, daß
es um mehr geht als wissenschaftliche Unsicherheit.
Wenn es den Amerikanern einzig und allein um die
Frage gegangen wäre, ob Familien mit einem oder
zwei Elternteilen besser für die Kinder sind, würde
zwar immer noch eine Debatte geführt, jedoch nicht
im Ton kaum verhüllter Wut in den Leitartikeln der
Zeitungen.
Es geht natürlich um die Rolle der Frau. Kritiker
fürchten, mit der aus zwei Elternteilen bestehenden
Familie werde eine Institution verteidigt, in der
Frauen ih'em Ehemann untergeordnet und auf
Hausarbeit beschränkt sind, keine Karrierechancen
haben und ihre Kinder in dem Glauben erziehen
müssen, daß dieses Arrangement richtig sei. Die
Verteidigung der traditionellen Familie kommt der
Verteidigung des Sexismus gleich. Da die überwiegende Mehrheit alleinerziehender Elternteile
Frauen schwarzer Hautfarbe sind, ist eine Kritik
solcher Familien nicht nur sexistisch, sondern
rassistisch.

Rechte des einzelnen respektieren, wurden viele
Ehen nur respektiert, wenn sie auf der Achtung von
Rechten basierten. Was für die Kinder das Beste sei,
wurde nicht diskutiert. Kinder, so schien es, waren in
einer Ehe nebensächlich, mit Ausnahme der Tatsache, daß sie für ihre Eltern, insbesondere ihre Mütter,
eine Last darstellen.
Die Beweismittel
Eine auf Rechten basierende, individualistische
Einstellung zur Ehe ist an sich schon fraglich. Diese
theoretischen Fragen wurden jedoch zu unüberwindlichen Einwänden, wenn gezeigt werden konnte,
daß Kindern das Leben mit einer alleinerziehenden
Mutter, in einer Wohngemeinschaft oder bei einem
geschiedenen Elternteil schadete.
Eine in den
siebziger Jahren durchgeführte wissenschaftliche
Untersuchung von Familien erbrachte jedoch keine
unumstrittenen Beweismittel die zeigten, daß das der
Fall war. In mehreren Studien wurde der Versuch
unternommen, die Auswirkungen des Lebens mit
einer alleinerziehenden Mutter auf die schulischen
Leistungen, den beruflichen Erfolg und das Verhalten
eines Kindes zu quantifizieren. Viele Studien entdeckten jedoch entweder keine oder verschwommene
beziehungsweise fragwürdige Auswirkungen.
Ich wurde mir dessen erstmals Anfang der achtziger
Jahre bewußt, als der Psychologe Richard J. Herrnstein von der Harvard University und ich zusammen
Crime and Human Nature verfaßten. Eine meiner
Aufgaben bestand darin, den ersten Entwurf des
Kapitels über die Auswirkungen sogenannter zerrütteter Familien auf die Verbrechensrate anzufertigen.
Ich erwartete, eine Unmenge von Studien zu finden
die belegten, durch das Leben mit einer alleinerziehenden Mutter steige die Neigung eines Kindes,
insbesondere eines Jungen, für kriminelles Verhalten.
Das Ergebnis entsprach jedoch nicht meinen Mutmaßungen. Sicherheitshalber befaßte ich mich auch mit
der bekannten Tatsache, daß eine unverhältnismäßig
große Anzahl männlicher Gefangener aus zerrütteten
Familien stammen, aber sie haben oft auch Eltern,
die selbst Verbrechen begingen oder kommen aus
armen, Minderheiten angehörenden Familien. Da
diese Faktoren - Klasse, Rasse, Straffälligkeit der
Eltern und Familienstatus - in Zusammenhang
stehen, wurde nicht klar, daß der familiäre Hintergrund unabhängig von der individuellen Persönlichkeit
oder den Lebensumständen Auswirkungen hat.
Unterschiedliche Elternhäuser

Hauptthema vieler Veröffentlichungen über Ehe und
Familie während der siebziger und achtziger Jahre
waren die Rechte des einzelnen. Ebenso wie
Regierungen nur dann legitim sind, wenn sie die

Seite 2

Seit ich dieses Kapitel schrieb, wurden jedoch immer
mehr Beweise dafür gefunden, daß Familien mit nur
einem Elternteil schlecht für die Kinder sind. Es wird

AMERIKA DIENST 46

�nur dann einen abschließenden Beweis für diese
Behauptung geben, wenn Sozialwissenschafter
Babys bei ihrer Geburt willkürlich an Familien mit
einem oder zwei Elternteilen unterschiedlicher
wirtschaftlicher Situation und ethnischer Herkunft
verteilen und dann beobachten, wie sie heranwachsen. Glücklicherweise wird ein solcher Versuch
durch Gesetze und Traditionen unwahrscheinlich.
Die besten Beweise stammen jedoch aus Langzeitstudien, in denen Kinder in der Familie beobachtet
werden, die die Natur ihnen gab.
Ein Beispiel: Seit mehreren Jahren haben der
Psychiater Sheppard Kellam und seine Kollegen an
der Johns Hopkins University mehrere Hundert
arme, schwarze Kinder - angefangen im Alter von
sechs Jahren - beobachtet, die in einem heruntergekommenen Bezirk von Chicago leben. Jedes Kind
entstammt einer ganz anderen Art von Familie,
abhängig davon, wieviele und welche Erwachsenen
ihr angehören. Bei einem Drittel der Familien war
die Mutter der einzige anwesende Erwachsene, bei
einem weiteren Drittel gehörten ihr beide Elternteile
an. (Nur ein sehr kleiner Teil lebte ohne die Mutter
beim Vater). Der verbleibende Teil bestand aus
verschiedenen Kombinationen von Müttern, Großeltern, Onkeln, Tanten, erwachsenen Schwestern
und Brüdern sowie verschiedenen Verwandten. Im
Alter von acht Jahren befanden sich die Kinder
alleinerziehender Mütter im Hinblick auf ihre Sozialisierung in der schlechtesten Lage. Nach 10 Jahren
begingen die Söhne alleinerziehender Mütter (zu
diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte) unabhängig vom
Einkommen der Familie mehr Straftaten als diejenigen, die in Familien mit mehreren Erwachsenen,
insbesondere einem Vater, aufwuchsen.
Eine bedeutende Studie jüngeren Datums über die
Familienstruktur wurde 1988 vom amerikanischen
Gesundheitsministerium durchgeführt. Sie befaßt
sich mit der familiären Situation von über 60.000
Kindern aus dem ganzen Land. Es wurden Befragungen durchgeführt, um Probleme der Kinder in
bezug auf Gesundheit, schulische Leistungen und
Verhalten zu erfassen. Die Resultate wurden nach
Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft des
Kindes sowie Einkommen und Familienstand der
Eltern tabellarisch angeordnet.
Die Ergebnisse waren verblüffend.
Auf jedem
Einkommensniveau mit Ausnahme des höchsten
(über 50.000 Dollar jährlich) ging es den Kindern
beiderlei Geschlechts - Weißen, Schwarzen und
Hispanoamerikanern gleichermaßen - die mit einer
unverheirateten oder geschiedenen Mutter zusammenlebten, wesentlich schlechter als den in Familien
mit beiden Elternteilen lebenden. Im Vergleich zu
Kindern, die bei beiden biologischen Eltern leben,

AMERIKA DIENST 46

war bei Kindern Alleinerziehender die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, der Schule verwiesen oder
suspendiert zu werden, emotionale oder Verhaltensstörungen zu zeigen und Probleme mit ihrer Peergroup zu haben. Ferner zeigten sie viel eher asoziales Verhalten. Diese Unterschiede manifestierten
sich in Haushalten mit einem Einkommen von mehr
als 35.000 Dollar ebenso wie in denen mit weniger
als 10.000 Dollar.
Charles Murray vom American Enterprise Institute
befaßte sich mit Menschen, deren Leben im Rahmen
der nationalen Langzeitstudie über Jugendliche
untersucht wurde, seit sie die weiterführende Schule
besuchten (sie sind jetzt Ende zwanzig oder Anfang
dreißig). Die Studie führt nicht nur genau Buch über
Schule, Arbeit und Einkommen dieser jungen Menschen, sondern untersucht auch die familiäre Situation, in der sie ihre Kinder erziehen. Die Beobachtungen zu Hause erstrecken sich auch auf das
Gefühlsleben, Beteiligung der Eltern an der Betreuung der Kinder, Art der Erziehung und anderes. Die
beobachteten Elternhäuser reichen von den besten
bis zu den schlimmsten.
Murray verglich die Situation im Elternhaus mit dem
wirtschaftlichen Status der Eltern und dem rechtlichen
Status des Kindes. Das Los der Kinder, die in den
schlimmsten Elternhäusern aufwuchsen, wurde am
stärksten von zwei Fragen bestimmt: Ob die Eltern
bei der Geburt des Kindes verheiratet waren und ob
sie regelmäßig Sozialhilfe bezogen. Für das Kind
einer unverheirateten Frau, die ständig von der
Sozialhilfe lebte, bestand eine Wahrscheinlichkeit von
1 zu 6, in dem - in emotionaler Hinsicht - schlimmsten Umfeld aufzuwachsen. Für das Kind einer
verheirateten Frau, die niemals Sozialhilfe bekam,
bestand nur eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 42.
Kinder leiden unter Armut. Kinder leiden unter einer
heruntergekommenen Umgebung.
Kinder leiden
zweifellos unter Gefühlskälte oder Vernachlässigung
durch ihre Eltern. Gleiches gilt, wenn sie unehelich
sind und von der Sozialhilfe leben. Dies trifft allgemein auf Weiße und Schwarze zu.
Dies gilt auch für die Kinder von Müttern im Teenageralter. Der Soziologe Frank Furstenberg von der
University of Pennsylvania und seine Kollegen
beobachteten viele Jahre lang 300 in Baltimore
lebende Mütter im Teenageralter. Ihre Erkenntnisse
untermauern die von der Öffentlichkeit vertretene
Ansicht. Müttern im Teenageralter geht es viel
schlechter als denjenigen, die erst später Kinder
bekommen - und das trifft sogar auf Mädchen mit
demselben sozioökonomischen Hintergrund und
derselben akademischen Begabung zu. Sie werden
eher von Sozialhilfe abhängig und die Wahrschein-

Seite 3

�lichkeit ist geringer, daß sie stabile Ehen eingehen.
Die Kinder von Müttern im Teenageralter haben im
Vergleich zu denen älterer Mütter mehr Schwierigkeiten in der Schule, sind aggressiver und verfügen
über weniger Selbstbeherrschung. Das gilt insbesondere für Jungen.
Es gab in allen Ländern schon immer Mütter im
Teenageralter, und in einigen weniger entwickelten
Gesellschaften ist das die Norm. Neu und beunruhigend an der derzeitigen Situation in den Vereinigten Staaten ist die starke Zunahme der Anzahl
von Müttern im Teenageralter und ihre Konzentration
in einigen Wohngegenden. Ein Mädchen mit einem
Baby ist ein Problem, wenn es ein seltenes Phänomen oder in eine Familie eingebettet ist, die ihm
Beistand und Hilfe durch ältere, mit ihm lebende
Frauen zukommen läßt. Das Mädchen stellt ein
ganz anderes und sehr viel ernsthafteres Problem
dar, wenn es eines von Tausenden Jugendlichen in
ähnlicher Situation ist, die in derselben Nachbarschaft oder demselben sozialen Wohnungsbauprojekt leben und versuchen, mit Sozialhilfe einen
eigenen Haushalt zu führen.
Ich glaube, die Amerikaner haben die richtige Sichtweise der Familie. Wenn sie den dramatischen
Anstieg von Scheidungen, Alleinerziehenden und
unehelichen Kindern der vergangenen 30 Jahre
betrachten, sehen sie den Niedergang der Familie.
Sie benötigen keine Studien, die belegen, daß diese
Erfahrung und Situation generell schlecht ist, weil sie
ihnen oder ihren Bekannten widerfahren ist. Scheidung mag manchmal das richtige und notwendige
Mittel bei einer gescheiterten Ehe und die durch den
Mißbrauch oder die Vernachlässigung des Ehepartners entstandene Situation sein, aber im allgemeinen steht man nach einer Scheidung noch schlechter da: Die Frauen werden ärmer und die Kinder
leiden mehr. Die richtige Erziehung eines Kindes ist
eine enorme Verantwortung, die häufig die Anstrengung und Energie beider Elternteile erfordert ein Elternteil allein ist leicht überfordert. Unehelich
geborene Kinder sind in der großen Mehrheit der
Fälle in Armut geborene Kinder. Millionen Menschen sind der lebende Beweis dieser nüchternen
Fakten. Wenn Wissenschaftler erklären, die Beweise seien nicht schlüssig, dann kann man nur sagen:
Soviel zum Thema wissenschaftliche Arbeit. Aber
jetzt beginnen die Wissenschaftler meines Erachtens, harte Fakten zur Untermauerung allgemeiner
Eindrücke heranzuziehen.
Die Debatte über die Auswirkungen der Familienstruktur deutet die Aussicht auf einen Konsens in
naher Zukunft an. Aber im Hinblick auf das andere
heiße Thema bei Familienstudien - Kindertagesstätten - ist nicht einmal der Ansatz einer solchen

Seite 4

Übereinstimmung in Sicht. Der vorherrschenden
Auffassung unter Kinderpsychologen nach sind
Tagesstätten nicht schädlich. Professor Jay Belsky
von der Abteilung für Familienleben und Entwicklung
an der Pennsylvania State University, der ursprünglich diese Sichtweise teilte, ist jetzt der Meinung,
Tagesstätten seien insbesondere im ersten Lebensjahr in mancher Hinsicht schädlich für einige Kinder.
In einem eingehend kommentierten Artikel von 1988
überprüfte Belsky alle Studien, die sich mit den
Auswirkungen von nichtmütterlicher Fürsorge auf das
Gefühlsleben und die soziale Entwicklung von Kindern befaßten, und gelangte vorbehaltlich zahlreicher
Einwände zu der Schlußfolgerung, "die Unterbringung
in einer Kindertagesstätte im ersten Lebensjahr für 20
oder mehr Stunden pro Woche ist ein 'Risikofaktoi"
für die Entwicklung eines stabilen Gefühlslebens in
der Kindheit und kann für erhöhte Aggressivität,
Ungehorsam und Kontaktarmut in der Vorschule und
den ersten Schuljahren verantwortlich sein".
Einige Kritiker argumentierten mit Belsky auf wissenschaftlicher Basis und äußerten, die Beweise seien
weniger eindeutig als er vorgebe, die von ihm verwendete Meßlatte des emotionalen Wohlbefindens
(bei der Beobachtung der Reaktionen eines Kindes
nach der Trennung von der Mutter) sei unzulänglich,
in Kulturen, in denen nichtelterliche Fürsorge an der
Tagesordnung ist, erlitten die Kinder keinen Schaden,
und welche schlechten Auswirkungen es auch geben
möge (falls überhaupt), seien sie nicht von Dauer.
Viele griffen ihn jedoch politisch an, und selbst die
wissenschaftlichen Kritiker nahmen ihn aufs Korn.
Ebenso wie bei der Familienstruktur stehen bei dieser
Kontroverse nicht nur Fakten und Interpretationen auf
dem Spiel, sondern auch Philosophie und Politik:
Wenn die Unterbringung in einer Tagesstätte schlecht
ist, dann sollten sich die Frauen zu Hause um ihre
Kinder kümmern. Dies ist eine politisch unrichtige
Schlußfolgerung.
Viele Wissenschaftler haben
meines Erachtens das Gefühl, die Unterstützung der
Behauptung des Niedergangs der Familie sei Hilfestellung und Beruhigung für konservative Politiker und
Religionsführer, die diesen Niedergang beklagen und
die Bekräftigung "traditioneller Werte" fordern.
Freiheit des einzelnen
Seit den fünfziger Jahren haben sowohl Schwangerschaften unter Teenagern als auch Alleinerziehende
dramatisch zugenommen. Wirtschaftliche Veränderungen und das Angebot an Sozialleistungen erklären
diesen Zuwachs jedoch nur teilweise. Zweifelsohne
hat die amerikanische Gesellschaft einige ihr eigene
Charakteristika, die zum Teil dafür verantwortlich
sind, aber da der Niedergang der Familie - das heißt,

AMERIKA DIENST 46

�die Abnahme dauerhafter Ehen und ehelicher
Geburten - sich in zahlreichen Nationen vollzieht,
kann er nicht ausschließlich das Ergebnis amerikanischer Politik oder Eigenheiten sein.
Wir beobachten tiefgreifende, weltweite, langfristige
Veränderungen der Familie, die wahrscheinlich von
Dauer sind. Die Ursachen dieser Veränderungen
sind nicht ganz eindeutig, jedoch wahrscheinlich auf
zwei Faktoren zurückzuführen: Eine Verlagerung
der wirtschaftlichen Funktion der Familie und eine
Verlagerung der Kultur, in die sie eingebettet ist.
Die Familie ist nicht mehr die Einheit, die wirtschaftliche Produktion verwaltet, wie es der Fall war, als die
Landwirtschaft die vorherrschende Produktionsform
war, und sie ist auch nicht mehr das Kernstück für
die Unterstützung der Älteren oder die Ausbildung
der Jüngeren.
Gleichzeitig übt die Familie nicht länger soviel Kontrolle über ihre Angehörigen aus wie früher und
größere Zusammenschlüsse (Clans, Stämme und
Großfamilien) haben weniger Kontrolle über die
Kernfamilie. Seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist die vorherrschende Tendenz im juristischen
und philosophischen Denken die Emanzipation des
einzelnen von allen Formen der Bevormundung des Staates, der Offenbarungsreligion, alter Sitten
und Gebräuche - einschließlich der Bevormundung
durch die Blutsverwandten. Diese Emanzipation hat
sich episodisch und ungleichmäßig, aber unweigerlich vollzogen. Die liberale politische Theorie feiert
den einzelnen und schränkt den Staat ein, schweigt
jedoch über die Familie.
Bemerkenswert ist, wie gut die Familie diesen
Prozeß überdauert hat. Wäre die Familie der bloße
soziale Zusammenschluß, den sich einige Wissenschaftler vorstellen, wäre sie längst den Weg der
Heimindustrie und des landwirtschaftlichen Betriebs
im Eigenbesitz gegangen und das unvermeidliche
Opferder individualisierenden und rationalisierenden
Tendenzen des modernen Lebens geworden. Aber
natürlich ist die Familie nicht eine zur Erfüllung eines
Ziels erfundene menschliche Einrichtung, die zur
Erlangung anderer Ziele neu erfunden oder neu
formuliert werden kann.
Eine universelle Institution
Familie und Verwandte sind im allgemeinen die
grundlegenden Organisationsfaktoren aller primitiven
oder modernen menschlichen Gesellschaften und
sind dies seit Zehntausenden von Jahren gewesen.
Die Familie ist das Produkt evolutionärer Prozesse,
die eine Auswahl gegen die Menschen getroffen
haben, die ihre Nachkommen wahrscheinlich verlassen werden, und zugunsten derjenigen, die für sie

AMERIKA DIENST 46

zu sorgen bereit sind und diese Fürsorge innerhalb
von Verwandtschaftssystemen anbieten, die vornehmlich anhand der Genetik definiert sind.
Wenn die Familie nur eine Bequemlichkeit wäre und
ausschließlich auf wirtschaftliche Umstände reagieren
würde, wäre die derzeitige Debatte über die Familienpolitik sehr viel weniger erbittert als sie ist. Die
Liberalen würden professionelle Kindererziehung in
Tagesstätten unterstützen.
Die Konservativen
würden Kindererziehung zu Hause durch Steuerfreibeträge unterstützen. Die Liberalen würden das
Sozialhilfeproblem ausschließlich als Problem der
Armut definieren und als Lösung großzügigere
Sozialleistungen empfehlen.
Die Konservativen
würden es ausschließlich als Problem der Abhängigkeit definieren und eine Kürzung der Sozialleistungen
empfehlen. Die Liberalen würden davon ausgehen,
daß die Familien zuwenig Geld haben, die Konservativen, daß die Familien das ihnen zur Verfügung
stehende Geld vom Staat erhalten.
Aber sobald man das Familienproblem dahingehend
betrachtet, daß es in beträchtlichem Maße den
Konflikt zwischen einem universellen Kriterium der
menschlichen Gesellschaft und einer tiefgreifenden
kulturellen Herausforderung an die Macht dieser
Institution beinhaltet, nimmt das Problem einen
anderen Charakter an. In dem Maße, in dem man an
die kulturelle Herausforderung glaubt - also an
Emanzipation und Entscheidungsfreiheit des einzelnen - neigt man dazu, die Legitimität und den Einfluß
der Familie in Frage zu stellen. In dem Maße, in
dem man an die Familie glaubt, ist man dazu verleitet, die kulturelle Herausforderung teilweise oder
insgesamt in Frage zu stellen.
Aus diesem Grund wird die Debatte über "Familienwerte" so hitzig geführt. Auf beiden Seiten haben die
Menschen das Gefühl, es sei die zentrale Schlacht im
jetzt die Vereinigten Staaten (oder zumindest die
amerikanische Elite) erfassenden kulturellen Krieg.
Sie haben absolut recht. Für viele Liberale bedeutet
der Begriff Familienwerte eine Bestätigung der
männlichen Autorität, eine Schmälerung der hart
erkämpften Rechte der Frau und einen Freibrief für
die Eltern, ihre Kinder ohne prompte und entschiedene soziale Intervention zu mißhandeln oder zu
vernachlässigen. Für viele Konservative sind Familienwerte das Hauptargument des Widerstands
gegen Ehen zwischen Homosexuellen, bürokratisierte
Kindererziehung und obligatorischen Sexualkundeunterricht in Schulen. Für einige Konservative bedeutet
die Familie eine Verteidigung gegen die bloße Idee
einer geplanten Gesellschaft.
Vernünftige Menschen - beispielsweise die typische
Mutter oder der typische Vater - sehen die Alternati-

Seite 5

�ven weniger eindeutig. Sie werden mit den Konservativen übereinstimmen, daß die Familie die
zentrale Institution der Gesellschaft ist und ohne
verheerende Konsequenzen nicht ersetzt oder
wesentlich verändert werden kann. Sie werden
jedoch auch zahlreichen Liberalen zustimmen, daß
die Gesellschaft Frauen nicht auf eine Rolle im
Haushalt beschränken oder männlicher Macht
unterwerfen sollte und die Institutionen sich der
finanziellen Härten junger Paare heutzutage bewußt
sein sollten, die mit nur einem Gehalt in einer Großstadt zu leben versuchen.
Ein Thema, mit dem sich die meisten Eltern auf
Seiten der Konservativen uneingeschränkt identifizieren, ist meines Erachtens das zentrale Thema. Sie
wollen Politiker, die Medien, Fernsehprogramme und
Filme, um Partei in dem Krieg über das Wesen der
Familie ergreifen zu können. Die Familie ist nicht
eine von mehreren Lebensformen, sie ist keine
Arena, in der Rechte ausgehandelt werden, sie ist
keine altmodische und reaktionäre Barriere zu einem
Sexualleben in Promiskuität, sie ist keine Serie von
Kosten-Nutzen-Rechnungen. Sie ist eine Verpflichtung. Weil die meisten Menschen dies verstehen,
haben der wirtschaftliche und kulturelle Druck auf die
moderne Familie sie nicht zerstört.
Das zentrale Thema der Familienpolitik lautet, ob sie
ausschließlich von einer wirtschaftlichen Sichtweise
dür Familienfunktionen belebt wird oder nicht und
ausschließlich aus wirtschaftlichen Lösungen für
Bedürfnisse der Familie besteht. Die Hauptquelle
sozialpolitischer Ratschläge für Bill Clinton während
seiner Präsidentschaftskampagne waren das Progressive Policy Institute (PPI) sowie vor allem Elaine
Kamarck und William Galston. "Das beste Programm zur Bekämpfung der Armut von Kindern ist
eine stabile, intakte Familie" schreiben sie in dem
PPI-Bericht Mandate for Change. Obwohl das PPI
wirtschaftliche Maßnahmen wie Steuerfreibeträge für
jedes Kind und als Ergänzung zum Lohn berufstätiger Armer nicht unberücksichtigt läßt, fordert das
Institut, daß die Scheidungsgesetze zum besseren

bei der Betonung der Bedeutung intakter und fürsorglicher Familien geltend zu machen.
Die Wahrheit ist jedoch, daß die wichtigsten Kriterien
des Familienlebens außerhalb der Reichweite der
Politik liegen.
Das vor kurzem verabschiedete
amerikanische Gesetz über Urlaub aus familiären
Gründen ratifiziert im wesentlichen nur die Möglichkeiten, die große Firmen ihren Angestellten bereits
seit einiger Zeit gewähren: Den Müttern der Mittelschicht wird es etwas leichter gemacht, aber für arme
Mütter im Teenageralter wird wenig getan. Das sehr
viel umstrittenere Thema der Reform des Sozialwesens wird nicht so leicht zu lösen sein, aber praktikable Veränderungen der bestehenden Regeln, die bei
der Anzahl unehelich geborener Kinder etwas bewirken, sind schwer vorstellbar. Die Erhöhung der
Steuertreibeträge könnte armen berufstätigen Eltern
helfen, aber wollen die Amerikaner wirklich, daß eine
alleinstehende Mutter eines zweijährigen Kindes
arbeitet? Die Verschärfung der Scheidungsgesetze
ist vielleicht eine gute Idee, bewirkt jedoch für die
Eltern keinen Unterschied, die erst gar nicht geheiratet haben. Die Verbesserung des Unterhaltssystems
für Kinder ist eine gute Idee, aber viele Väter, die ihre
Kinder verlassen, haben wenig Geld, und es ihnen
abzuverlangen, wird auf keinen Fall einen guten
Vater aus ihnen machen.
Ich vermute, daß die Familienkultur von Grund auf
reformiert werden muß. Die meisten Amerikaner
verstehen wahrscheinlich sehr gut den Unterschied
zwischen einer traditionellen Familie und einer unter
Druck stehenden. Sie wollen ersteres, nicht letzteres.
Die meisten Frauen, vermute ich, können sehr klar
zwischen den von ihnen erkämpften Rechten und den
ihnen auferlegten Pflichten unterscheiden.
Sie
würdigen beide und sehen keinen grundlegenden
Konflikt zwischen ihnen, außer dem Problem, daß
man nicht genug Zeit hat und so jeder einzelne
Entscheidungen treffen muß.
Es ist bemerkenswert, wie gut die meisten Ehemänner und Ehefrauen es ausgehalten haben, angesichts

Schutz der Kinder geändert, die Bestrebungen zur

einer Kultur, in der das von den meisten gewollte

Förderung der elterlichen Verantwortung für die
Kinderfürsorge intensiviert werden sollten, schwangere, drogenabhängige Frauen sich regelmäßigen
Drogentests unterziehen müßten und das Einkommen unterhaltspflichtiger Eltern zur Unterstützung
ihrer Kinder besteuert werden sollte. Der Bericht
fordert den Präsidenten ferner auf, seinen Einfluß

Familienleben von den Medienzaren und Universitätspäpsten als Karikatur angesehen wird, und nur gut
dafür ist, um sich darüber lustig zu machen und es
abzulehnen. Wenn die Geschichte unserer Zeit
geschrieben wird, verdient dieser wütende Kulturkrieg
besondere Aufmerksamkeit, denn er hat sehr viel
größere Konsequenzen als alles andere uns Trennende.

*

Seite 6

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AMERIKA DIENST 46

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erfolgreiche Militäraktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Angriff der Krajina-Serben rechtfertigt militärische Reaktion der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Raketentechnologiekontrollregime&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern "Neue Energie" bei UN-Menschenrechtsbestrebungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Ferraro&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Thanksgiving&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Amerikaner müssen Friedensprozess nähren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation des Präsidenten zu Thanksgiving&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Familienwerte und die Rolle der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von James Q. Wilson&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. November 1994

45

BOSNIEN

USA FORDERN AUFHEBUNG DES WAFFENEMBARGOS GEGEN BOSNIEN
Rede von Botschafterin Albright

KONGRESSWAHLEN

CLINTON SAGT ZUSAMMENARBEIT MIT
NEUEM KONGRESS ZU
Erklärung des Präsidenten bei Pressekonferenz

FRUSTRATION DER WÄHLER WAR
SCHLÜSSELFAKTOR BEI WAHLERGEBNIS
Analyse der Wahlen zum amerikanischen Kongreß

PLANE DER REPUBLIKANER
Zusammenarbeit erforderlich

i

KRIEGSVERBRECHEN

USA UNTERSTUTZEN KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL FÜR RUANDA
Botschafterin Albright vor dem UN-Sicherheitsrat

DROGEN

US*A WARNEN VOR WACHSENDEM
DROGENPROBLEM
Rede von Abteilungsleiter Gelbard

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
17. November 1994

USA FORDERN AUFHEBUNG DES WAFFENEMBARGOS
GEGEN BOSNIEN
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - "Die größte Gefahr in Bosnien" besteht darin, "daß wir die bosnischen Serben
diktieren lassen, was wir tun und was wir nicht tun können", erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright, am 9. November 1994 vordem UN-Sicherheitsrat.
In einer Rede zum Abschluß einer zweitägigen Debatte über die Aufhebung des von den Vereinten Nationen
gegen die bosnische Regierung verhängten Waffenembargos äußerte Albright, wenn sich der Sicherheitsrat
den Drohungen der bosnischen Serben beuge, "werden wir die Glaubwürdigkeit der Kontaktgruppe
unterminieren, Zynismus unter den Kriegsparteien in Bosnien säen, die einer Einigung zugestimmt haben, und
weiteren Übergriffen der bosnischen Serben grünes Licht geben".
Die Vereinigten Staaten unterstützen einen Resolutionsentwurf im Rat, der das Waffenembargo gegen die
muslimische Regierung Bosniens in einem halben Jahr aufheben würde, falls die bosnischen Serben nicht den
Friedensplan der Kontaktgruppe akzeptieren. Mehr als vierzig Staaten sprachen sich im Sicherheitsrat für die
Annahme der Resolution, acht Ratsmitglieder - Frankreich, Rußland, Großbritannien, die Tschechische
Republik, Neuseeland, China, Brasilien und Spanien - dagegen aus. (Zur Annahme einer Resolution im Rat
sind neun Stimmen ohne Veto erforderlich.)

Die Gegner der Resolution befürchten, eine Aufhebung des Embargos würde zu einer Eskalation des Krieges
führen und Tausende nach Bosnien entsandte Blauhelme Angriffen durch die bosnischen Serben aussetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Bei dieser Debatte wurde deutlich, daß es für die
Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien
breite und tiefempfundene Unterstützung gibt.
Es trifft auch zu, daß Vertreter mehrerer an der
UNO-Schutztruppe UNPROFOR beteiligter Nationen
darauf hingewiesen haben, eine Aufhebung des
Embargos würde die Vereinten Nationen und diejenigen, denen das Schicksal der Menschen in Bosnien
am Herzen liegt, mit einigen schwierigen, praktischen Fragen konfrontieren.
Es ist kein Geheimnis, daß meine Regierung der
Auffassung ist, zur Beendigung des Krieges seien
entschlossene neue Aktionen erforderlich. Im Juli
legte die Kontaktgruppe einen Vorschlag für eine
Neuverteilung des Gebietes vor, der vom Sicherheitsrat unterstützt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war
die Kontaktgruppe der Ansicht, wenn eine Partei
dem Plan nicht zustimmte, müßte sie einen hohen

AMERIKA DIENST 45

Preis für ihre Weigerung zahlen. Seitdem haben die
bosnische Regierung und die bosnischen Kroaten
den Plan akzeptiert. Nur die bosnischen Serben
lehnen ihn weiterhin ab.
Meine Regierung hat eine Resolution unterbreitet das Hauptthema der heutigen Debatte - welche die
Vorstellungen der Kontaktgruppe in die Tat umsetzen
würde. Demnach soll das derzeit gegen die bosnische Regierung verhängte Waffenembargo in einem
halben Jahr aufgehoben werden, falls die bosnischen
Serben nicht bis dahin einer Lösung zugestimmt
haben.
Die von meiner Regierung vorgelegte Resolution
enthält sowohl grundsätzliche als auch pragmatische
Fragen, wobei die grundsätzlichen Fragen leichter zu
beantworten sind.

Seite 1

�Schließlich gibt es in rechtlicher oder gesetzlicher
Hinsicht keine Grundlage dafür, der bosnischen
Regierung das Recht auf Selbstverteidigung vorzuenthalten. Bosnien hat nicht seine Nachbarn
angegriffen, den internationalen Terrorismus unterstützt oder sonst seine Verpflichtungen als souveräner Staat verletzt. Zudem sind die führenden Politiker Bosniens dem Prinzip des ethnischen Pluralismus verpflichtet. Ich bezweifele, daß die Mitglieder
dieses Rates jetzt die Verhängung eines Waffenembargos gegen Bosnien in Erwägung ziehen würden,
wenn es nicht vor drei Jahren gegen das ehemalige
Jugoslawien verhängt worden wäre.
Und wie lauten die pragmatischen Fragen?
Was geschieht, wenn das Embargo aufgehoben wird
und die bosnischen Serben Vergeltung an den UNFriedenstruppen üben oder Präventivschläge durchführen?
Was geschieht, wenn die Angst mancher Länder vor
Vergeltung zum Abzug ihrer zur UNPROFOR
entsandten Truppen führt?
Was geschieht, wenn ein plötzlicher Anstieg von
Gewalt die humanitären Hilfslieferungen gefährdet,
von denen die Bosnier aller Nationalitäten abhängen?
Was geschieht, wenn die Regierung von Serbien/
Montenegro erneut dem Krieg beitritt?
Das sind in der Tat schwierige Fragen. Sie basieren
auf begründeter Angst vor dem Verhalten der
bosnischen Serben: Sie reflektieren den Wunsch
aller Mitgliedstaaten sicherzustellen, daß den UNOFriedenstruppen nichts geschieht und sie ihre
Aufgabe erfüllen können. Meine Regierung erkennt
die von der UNPROFOR geleistete humanitäre
Arbeit ebenso an wie die anderen Mitgliedstaaten,
die ihrer Würdigung bereits Ausdruck verliehen
haben. Humanitäre Ziele können jedoch langfristig
nur dann erreicht werden, wenn die bosnischen
Serben den von ihnen verschmähten gerechten und
ehrenhaften Frieden akzeptieren.
Aber eine Politik auf der Grundlage von Angst hat
keine Zukunft. Kluges Verhalten darf nicht zu
Lähmung führen. Wir haben nach dem Massaker
auf dem Marktplatz und dem Angriff auf Gorazde
gesehen, daß die bosnischen Serben nur dann
zurückweichen, wenn der Rat mit mehr als nur mit
Worten vortritt.
Die wirkliche uns vorliegende Frage lautet also, ob
dieser Rat endlich seinen Worten Taten folgen läßt.
Nur durch mutige Aktionen kann der für eine Beendi-

Seite 2

gung des Krieges erforderliche Druck ausgeübt
werden. Ich möchte meine Kollegen in diesem Rat
daran erinnern, daß wir immer dann unsere schönsten Momente und größten Erfolge erlebt haben,
wenn wir die für mutige Aktionen erforderliche Einheit
und Entschlossenheit an den Tag gelegt haben.
Mit anderen Worten besteht die größte Gefahr in
Bosnien darin, daß wir die bosnischen Serben
diktieren lassen, was wir tun und was wir nicht tun
können. Wenn wir uns ihren Drohungen beugen,
werden wir die Glaubwürdigkeit der Kontaktgruppe
unterminieren, Zynismus unter den Kriegsparteien in
Bosnien säen, die einer Einigung zugestimmt haben,
und weiteren Übergriffen der bosnischen Serben
grünes Licht geben. Dadurch wird das Risiko für die
UNO-Friedenstruppen in Bosnien nicht vermindert.
Nachgiebigkeit wird die Arbeit der Angehörigen
humanitärer Hilfsdienste nicht erleichtern und nicht zu
einem früheren Ende des Krieges führen. Vielmehr
ist dies eine Einladung zu vermehrten und intensiveren Kriegshandlungen auf einem immer größer
werdenden Schlachtfeld.
Gemäß der von uns vorgelegten Resolution würden
Waffen auf legalem Wege erst in einem halben Jahr
nach Bosnien gelangen. Während dieser Zeit könnten wir durch strengere Sanktionen die Fähigkeiten
der bosnischen Serben zur Kriegsführung beschränken, ihren Aktionsradius durch rigorose Druchsetzung
von Schutzzonen und Sperrzonen eingrenzen, ihre
Erfolgsaussichten durch eine Konsolidierung der
Konföderation zwischen der Regierung und den
Kroaten vermindern und durch Einigkeit innerhalb des
Rates ihre diplomatischen Optionen verringern. Die
Aussicht auf eine Aufhebung des Embargos bei
fortgesetzt ablehnender Haltung der bosnischen
Serben wird diesen außerdem einen guten Grund
geben, den Vorschlägen der Kontaktgruppe für eine
Gebietsneuverteilung zuzustimmen.
Wir sollten eines nicht vergessen: Als wir mutig
handelten - wie im Fall des Ultimatums von Sarajevo
- haben die bosnischen Serben erst gedroht, sich
aber am Ende gefügt. Das sollte uns eine Lehre
sein.
Einige vertreten die Ansicht, eine Aufhebung des
Waffenembargos würde es den Vereinten Nationen
unmöglich machen, in Bosnien unparteiisch zu
bleiben. Aber was bedeutet Unparteilichkeit im Falle
Bosniens? Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen
sollten natürlich bedürftigen Zivilisten ungeachtet ihrer
ethnischen Zugehörigkeit humanitäre Hilfe zukommen
lassen. Die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats
sollten natürlich gerecht durchgesetzt werden. Die
UNO-Blauhelme sollten natürlich nur innerhalb ihres
Aufgabenbereichs tätig werden. Aber Unparteilichkeit

AMERIKA DIENST 45

�erfordert nicht, daß der Sicherheitsrat diejenigen
gerecht behandelt, die andere nicht gerecht behandeln.
Andere verurteilen Bosnien aufgrund seiner jüngsten
Angriffe auf die bosnischen Serben in Zentral- und
Westbosnien. Meine Regierung bedauert jegliche
Fortsetzung der Kämpfe. Aber wir dürfen nicht
Angriffe, die zur Rückgewinnung der durch Aggression eroberten Gebiete durchgeführt wurden, mit
Aggression verwechseln. Wir dürfen nicht die Handlungen einer erklärtermaßen friedensuchenden
Regierung mit denen einer Gruppe verwechseln, die
in ihren kriegerischen Bestrebungen nicht nachläßt.
Die bosnische Regierung hat diesen Krieg nicht
begonnen und ist bereit, ihn zu beenden. Die bosnischen Serben haben diesen Krieg angezettelt und
sind entschlossen, ihn zu verlängern. Diese Unterschiede sind von Bedeutung und sollten sich in den
Aktionen und der Haltung dieses Rates niederschlagen.
Die bosnischen Serben haben die Option, sicher und
in Frieden mit ihren Landsleuten zu leben. Trotz der
Bitterkeit dieses Krieges wären viele Dinge möglich,
wenn die Waffen beiseite gelegt und die Energien
auf die harte Arbeit des Wiederaufbaus konzentriert
würden. In der heutigen Zeit kann kein Volk in
bitterer Isolation ein angenehmes und annehmbares
Leben führen. Die bosnischen Serben haben guten
Grund, den Frieden zu akzeptieren, aber ihre Führer
haben sich geweigert. Das wird sich nicht ändern,
wenn sich unser Ansatz nicht ändert.

automatischen Aufhebung des Waffenembargos
gehört. Sie haben uns schwierige Fragen gestellt,
von denen ich einige hoffentlich in meiner Ansprache
beantwortet habe.
Ich habe jedoch selbst einige schwierige Fragen an
den Rat, die im Zusammenhang mit dieser Resolution
beantwortet werden müssen.
Wie lange wird sich die internationale Staatengemeinschaft vormachen, daß Pales entschlossenes
"Nein" durch diplomatische Bastelei zu einem "Ja"
wird?
Wie lange kann die Kontaktgruppe noch zulassen,
daß die bosnischen Serben den vorgeschlagenen
gerechten und ehrenhaften Frieden ablehnen?
Wie lange können wir noch zusehen, wie die
Streitkräfte der Vereinten Nationen - trotz all ihrer
guten und hehren humanitären Bestrebungen und
Errungenschaften - von den Feinden des Friedens
zum Schutz für die durch den Krieg gemachten
Profite benutzt oder als Grund dafür angeführt
werden, daß die bosnischen Serben keinen hohen
Preis für die Verletzung der Sperrzonen zahlen
müssen?
Wie lange werden wir uns hier noch treffen und
zulassen, daß die grundsätzlichen und eloquenten
Forderungen des Vertreters von Bosnien-Herzegowina nach dem Recht seines Volkes auf Selbstverteidigung auf taube Ohren stoßen?

Alle unsere Optionen in Bosnien enthalten ein
Risiko. Wir haben nur die Wahl zwischen unvollkommenen Lösungen. Wir können den Forderungen
der bosnischen Serben entsprechen und somit die
direkten Gefahren möglichst gering halten. Oder wir
können stärkeren Druck zur Beendigung dieses
Krieges ausüben.

Und schließlich muß ich die anderen Mitglieder
des Sicherheitsrates noch fragen, wann wir die
Entscheidung über unsere wirklichen Zielsetzungen fällen. Warten wir auf Karadzic, warten wir
auf Godot, oder warten wir auf irgendeine andere
magische Kraft, damit sie die Verantwortung
übernimmt, die nur diesem Rat zukommt?

Meine Regierung ist der Überzeugung, daß dieser
Rat eine entschlossene Linie verfolgen sollte. Diese
Debatte und das Votum der Generalversammlung
von letzter Woche beweisen, daß eine große Mehrheit der UN-Mitgliedstaaten die Aufhebung des
Waffenembargos gegen Bosnien befürwortet. Auch
von den Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates
haben wir große Einwände gegen das Konzept einer

Abschließend möchte ich das Problem so einfach wie
möglich formulieren. Nach 30 Monaten Krieg müssen
wir die bosnischen Serben dazu zwingen, sich für
eine Lösung zu entscheiden, mit der sie leben
können, oder für Konsequenzen, mit denen sie nicht
leben können. Das ist jetzt der Prüfstein für den Rat.
Das ist die Verantwortung, die wir gemeinsam
übernehmen müssen.

*

AMERIKA DIENST 45

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Seite 3

�KONG R E S S W A H LEN
17. November 1994

CLINTON SAGT ZUSAMMENARBEIT
MIT NEUEM KONGRESS ZU
Erklärung des Präsidenten bei Pressekonferenz
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton führte die großen Stimmenverluste der Demokraten bei den jüngsten
Wahlen zum amerikanischen Kongreß auf das Unvermögen seiner Partei zurück, den Wandel schnell und
weitgehend genug durchzusetzen und sagte zu, er werde mit der neuen Mehrheit der Republikaner im Kongreß
zusammenarbeiten, um die in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit begonnene Arbeit fortzusetzen.
Der Präsident teilte am 9. November 1994 bei einer Pressekonferenz im Anschluß an die Bekanntmachung
der Wahlergebnisse mit, er habe bei der Umstrukturierung der Regierung "einen guten Anfang" gemacht, indem
er das Haushaltsdefizit gesenkt, fünf Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen, den Regierungsapparat
verkleinert, das Bildungswesen reformiert, den Handel erweitert und die Kriminalität bekämpft habe. Da die
Demokraten bisher im Kongreß die Mehrheit hatten, seien sie auch zur Rechenschaft gezogen worden. Jetzt
hätten die Republikaner im Kongreß größere Verantwortung und er werde mit ihnen zusammenarbeiten, so
der Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Präsidenten bei der Pressekonferenz im Wortlaut.
Meine Damen und Herren, gestern nacht und heute
morgen habe ich mit Republikanern und Demokraten
gleichermaßen gesprochen, den Siegern gratuliert
und die Verlierer getröstet. Ferner habe ich mich mit
den Mehrheitsführern des nächsten Kongresses,
Senator Dole und dem Kongreßabgeordneten
Gingrich, in Verbindung gesetzt, um ihnen nach
diesem harten Wahlkampf mitzuteilen, daß wir zur
Zusammenarbeit bereit sind, damit dem amerikanischen Volk auf überparteiliche Weise gedient wird.

der Fortsetzung der von uns begonnenen Arbeit
verpflichtet. Bei dieser Arbeit gab es in Washington
jedoch zu viele politische Überlegungen, zu viele
parteipolitische Konflikte, zu wenige Reformen im
Kongreß und im politischen Prozeß. Und obwohl wir
Fortschritte erzielten, hatten nicht genug Menschen
das Gefühl, sie seien wohlhabender und sicherer
oder wir würden ihrem Wunsch nach grundlegendem
Wandel der Rolle der Regierung in ihrem Leben
entsprechen.

Das amerikanische Volk hat uns hierher entsandt,
um den Amerikanischen Traum Wiederaufleben zu
lassen und die Arbeitsweise Washingtons zu verändern, damit unser Land wieder im Dienst des
einfachen Bürgers steht. Wir haben einen guten
Anfang gemacht, indem wir das Haushaltsdefizit
abbauten, den Regierungsapparat verkleinerten und
die Regierung derart umgestalteten, daß wir mit
weniger Mitteln mehr erreichen können. Wir haben
unsere Investitionen in Bildung und Handel erhöht
und im Bereich der Wirtschaft über fünf Millionen
Arbeitsplätze geschaffen.

Da die Demokraten sowohl das Weiße Haus als auch
den Kongreß unter sich hatten, wurden wir gestern
zur Rechenschaft gezogen. Ich übernehme meinen
Teil der Verantwortung für das Wahlergebnis.

Im Kampf gegen die schreckliche Geißel von Verbrechen und Gewalt in diesem Land haben wir
ernsthafte erste Schritte unternommen. Ich bleibe

AMERIKA DIENST 45

Wenn die Republikaner im Repräsentantenhaus und
im Senat die Führung übernehmen, werden sie auch
größere Verantwortung dafür tragen, im Interesse des
amerikanischen Volkes zu handeln. Ich wende mich
heute an sie und bitte sie, zusammen mit mir an der
öffentlichen Debatte darüber teilzunehmen, welche
Fortschritte im Interesse der nächsten Generation von
Amerikanern unternommen werden müssen.
Demokraten und Republikaner haben schon oft
zusammengearbeitet, wenn das eindeutig im nationa-

Seite 1

�len Interesse lag. Beispielsweise haben sie häufig
internationale Angelegenheiten über die Politik
gestellt. Ich fordere die Republikaner dazu auf, mit
der Annahme des GATT-Abkommens in diesem Jahr
ebenso zu handeln. Davon hängt unser Wohlstand
ab, und wir können keine Kompromisse eingehen,
wenn unser nationales Interesse und das Wohlergehen der Amerikaner auf dem Spiel stehen.
Gestern haben sich die Wähler nicht nur für tiefgreifenden Wandel ausgesprochen, sondern verlangt, daß der Kongreß in einer neuen Zusammensetzung beider Parteien im Interesse des amerikanischen Volkes enger mit dem Präsidenten zusammenarbeitet. Ich hoffe, daß wir das beim GATT tun
können und damit den Weg für weitere Zusammenarbeit bei der Reform des Sozialsystems und der
Gesundheitsfürsorge, weiteren Investitionen in die
Bildungsmöglichkeiten unserer Bürger sowie fortgesetzte wirtschaftliche Stärke ebnen.
Wir müssen auch etwas unternehmen, um das
Vertrauen unserer Bürger in die politischen Institutionen wiederherzustellen und sollten im Bereich
unserer Außenpolitik traditionsgemäß unter Überwindung parteipolitischer Trennungen zusammenarbeiten.
An die Adresse derjenigen gerichtet, die für Fortschritte plädieren, möchte ich nochmals sagen, daß
ich alles in meiner Macht Stehende unternehmen
werde, um den Führern und Mitgliedern dieses
neuen Kongresses entgegenzukommen. Es muß
möglich sein, eine effektivere, besser funktionierende
Institution zu schaffen. Es muß uns möglich sein,
unserem Volk eine kleinere, effektivere Regierung zu
bieten, die unsere Interessen und Werte gleichermaßen widerspiegelt.

*

Seite 2

*

Denjenigen, die diese Wahlen dazu benutzen möchten, um uns zurückzuwerfen, sage ich folgendes: Ich
werde alles tun um zu verhindern, daß irgend jemand
unsere wirtschaftliche Erholung gefährdet, indem er
uns zu einer Politik zurückführt, die schon einmal
gescheitert ist. Ich werde mich weiterhin für das
einsetzen, was Amerika stark macht - starke Familien, verbesserte Bildung und Ausbildung, sicherere
Straßen, besser bezahlte Arbeitsplätze, eine wohlhabendere und friedlichere Welt.
Für unsere Kinder und unsere Zukunft steht viel
zuviel auf dem Spiel, als daß wir anders handeln
könnten.
Seit gestern hat sich natürlich vieles
geändert. Der Grund, warum ich hierher entsandt
wurde und die Delegierten des Kongresses hierher
entsandt werden, hat sich jedoch nicht geändert: Zur
Wiederherstellung des Amerikanischen Traums und
Gewährleistung, daß dieses Land, diese Regierung,
diese Stadt sich für die Interessen unserer Bürger
einsetzen. Das amerikanische Volk erwartet das von
uns.
Gestern hat das Volk deutlich gemacht, daß es mit
den von uns erzielten Fortschritten nicht zufrieden ist.
Das Volk sagte, die Demokraten hätten im Weißen
Haus und im Kongreß die Kontrolle innegehabt. Es
forderte einen Wandel und führte ihn herbei. Aber es
strebt immer noch dasselbe Ziel an. Am heutigen
Tag verpflichte ich mich zur Zusammenarbeit mit
allen Mitgliedern des Kongresses, insbesondere mit
der Republikanischen Führung, zur Erreichung dieses
Ziels. Wenn die Republikanische Führung mit mir
zusammenarbeitet - und das hat sie heute zugesagt können wir im Interesse dieses Landes große Fortschritte erzielen. Wir sollten optimistisch sein und
diesen Optimismus Realität werden lassen.

*

*

AMERIKA DIENST 45

w

•

�KONGRESSWAHLEN
17. November 1994

FRUSTRATION DER WAHLER WAR
SCHLÜSSELFAKTOR BEI WAHLERGEBNIS
Analyse der Wahlen zum amerikanischen Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Der Sieg der Republikaner
bei den Wahlen zum amerikanischen Kongreß am 8.
November 1994 war viel größer als erwartet und
demonstrierte das Ausmaß der Unzufriedenheit der
Wähler mit "politics as usual", erklärten Analysten
der Wahlen von allen Seiten des politischen Spektrums.
"Wir hätten nicht einmal von den Zahlen zu träumen
gewagt, die wir erreicht haben", äußerte der republikanische Meinungsforscher Neil Newhouse, Teilnehmer eines am 9. November von der American
Association of Political Consultants organisierten
Seminars zur Analyse der Wahlergebnisse.
Der Sieg der Republikaner erreichte auf allen
Ebenen der Politik ein "unglaubliches Ausmaß" vom amerikanischen Kongreß, wo die Republikaner
im Senat und im Repräsentantenhaus gleichermaßen die Mehrheit erzielten, über die Parlamente der
Bundesstaaten bis zur kommunalen Ebene, so
Newhouse, und dadurch erhielten die Republikaner
eine politische Basis, von der sie bei zukünftigen
Wahlen operieren können.
"Hier handelt es sich um eine Flutwelle, die nur einoder zweimal in einem Jahrhundert zu beobachten
ist", erklärte Charles Cook, Redakteur des Cook
Political Report und Leiter einer Vereinigung der
Demokraten für politische Analysen. "Das Ausmaß
und die Stärke der Ereignisse waren atemberaubend", fügte er hinzu.
Cook führte die Ergebnisse auf die Unzufriedenheit
der Wähler mit der regierenden Partei zurück. Die
Wähler seien "sauer" gewesen. 1992 hatten sie
einen von den Demokraten kontrollierten Kongreß
gewählt, um Probleme zu lösen, aber allzu viele
Probleme blieben ungelöst, und somit wurden die
Demokraten bei diesen Wahlen der Macht enthoben,
so Cook.

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Im Vergleich dazu wurde kein einziger republikanischer Amtsinhaber im Repräsentantenhaus, Senat
oder bei den Gouverneurswahlen besiegt.
"Die Wähler halten die Demokraten für zu liberal",
äußerte Geoffrey Garin, Meinungsforscher aus dem
Lager der Demokraten. Nachdem im Herbst 1993
das Gesetz über den Abbau des Haushaltsdefizits
angenommen wurde, "verloren wir den Sinn für
unsere wichtigste Botschaft... Unser größtes Problem
war nicht ein zu starker Linksruck, sondern daß es
uns nicht gelang, einen eindeutigen Grund dafür zu
formulieren, warum die Wähler 1994 weiterhin für die
Demokraten stimmen sollten". Garin betonte jedoch,
Präsident Clinton habe bei der Entscheidung der
meisten Bürger "keine wichtige Rolle gespielt", und
die Wahlergebnisse stellten im allgemeinen "keine
Ablehnung des Präsidenten" dar.
Edward Rollins, ein bekannter Stratege der Republikaner, stimmt nicht mit dieser Einschätzung überein.
Clinton habe für das Wahlergebnis "eine äußerst
wichtige Rolle gespielt". "Das Beste für den Präsidenten war, daß er nicht selbst zur Wahl stand."
Mit Blick auf die Zukunft erklärte Rollins, die Republikaner müßten mit dem von den Demokraten kontrollierten Weißen Haus zusammenarbeiten, damit die
Öffentlichkeit Fortschritte sehe. Andernfalls bekämen
die Republikaner dieselben Schwierigkeiten wie die
Demokraten bei diesen Wahlen.
Republikaner und Demokraten gleichermaßen müßten parteipolitische Grenzen überwinden, erklärte er.
Senator Bob Dole, der zukünftige Mehrheitsführer im
Senat, und der Abgeordnete Newt Gingrich, der
Speaker des Repräsentantenhauses wird, müssen
Rollins zufolge Staatsmänner anstelle von Sprachrohren der Opposition werden.
AI From, Präsident des Democratic Leadership
Council, einer 1985 als Forum für Demokraten der
Mitte gebildeten Gruppe, sprach von tiefempfundener

Seite 1

�Frustration der amerikanischen Bürger über die
Politik.
Ihm zufolge stellen die Wahlergebnisse den Abschluß der Politik des New Deal und des Liberalismus alten Stils dar, wogegen die Politik der Zukunft
Gemäßigte beider Parteien bei einer neuen Tagesordnung vereint. Clinton sei ebenso wie jeder
andere Bürger des Landes in der Lage, diese
Tagesordnung zu artikulieren und entsprechend zu
regieren, erläuterte From.
Gary Nordlinger, Wahlkampfstratege der Demokraten, stimmt mit der Ansicht überein, die Wahlergebnisse reflektierten die Frustration der Wähler über
die Regierung. Die Republiker hätten mit Hilfe einer
Koalition fundamentalistischer christlicher Gruppen
eine gut durchdachte Wahlkampfstrategie verfolgt.
Zudem hätten die Republiker Vorteile aus der 1992
erfolgten Neuaufteilung der Wahlkreise für Abgeordnetensitze im Kongreß gezogen.
Wayne LaPierre, Präsident der Vereinigung der
amerikanischen Waffenbesitzer (National Rifle
Association), erklärte, unter den Wählern herrsche
das Gefühl, die in der Verfassung verankerten
Freiheiten würden ausgehöhlt, insbesondere beim
Thema Waffen. Die Wähler seien der Ansicht, die
Bundesregierung schmälere die verfassungsmäßigen
Rechte des einzelnen - wie das Recht, Waffen zu
tragen.
Ralph Reed, dem geschäftsführenden Direktor der
Christian Coalition zufolge war ein wichtiges Kriterium der Kongreßwahlen 1994 die große Wahlbeteiligung weißer Evangelisten. 30 bis 33 Prozent der
Evangelisten, die ihre Stimme abgegeben hatten,
bezeichneten sich selbst als "wiedergeborene"
Christen, so Reed. Ein Drittel aller Wähler seien
regelmäßige Kirchgänger und eher konservativ
eingestellt.
Die Demokratische Partei habe "diese Wählergruppe
völlig falsch eingeschätzt", erläuterte Reed. Sie

*

Seite 2

habe versucht, "diese Wähler als nebensächlich und
stereotyp einzustufen", was sich als nachteilig erwiesen habe.
Reed prognostizierte, Themen wie die Familie, ein
ausgewogener Haushalt und die Reform des Sozialwesens würden wichtige Punkte auf der Tagesordnung des neuen Kongresses.
Die Republikaner haben eine Tagesordnung und
wissen, was sie wollen, stellte William Pascoe,
juristischer Direktor der American Conservative
Union, einer konservativen Denkfabrik, fest. Die
Probleme würden vom liberalen Flügel der Republikanischen Partei im Kongreß kommen, dessen
Mitglieder jetzt den Vorsitz über eine Reihe wichtiger
Ausschüsse führen werden, argumentierte Pascoe.
"Wenn sie sich mit dem Weißen Haus einigen, wird
dies ernsthafte Probleme für die konservative Tagesordnung verursachen." Die Republikaner müßten
sich vor Augen führen, so Pascoe, daß das Land
Konservatismus will.
Moe Biller, Vorsitzender der amerikanischen Postgewerkschaft, stimmte zu, daß den Liberalen Kämpfe
bevorstünden. Die Wahlergebnisse seien ein "Rückschlag in der politischen Geschichte der Vereinigten
Staaten" gewesen, führte er aus, "aber die Welt wird
nicht zusammenbrechen". Clinton habe zahlreiche
wichtige positive Veränderungen in den Vereinigten
Staaten herbeigeführt, aber die Wähler verstünden
die Veränderungen nicht.
"Die Geschichte lehrt uns", erläuterte Biller, "daß die
Demokraten Erfolg haben, wenn sie für ihre Überzeugungen kämpfen, aber verlieren, wenn sie vor den
liberalen Prinzipien davonlaufen und sich verstecken."
"Wir sind vielleicht an einem Tiefpunkt meines
Lebens angelangt, aber es besteht Hoffnung." Die
Republikaner, führte Biller aus, "werden jetzt vom
amerikanischen Volk für das zur Rechenschaft
gezogen, was in den nächsten beiden Jahren geschieht".

*

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•

�KONGRESSWAHLEN
17. November 1994

PLÄNE DER REPUBLIKANER
Zusammenarbeit erforderlich
WASHINGTON - (AD) - Die Republikaner, die
während der im Januar beginnenden 104. Sitzungsperiode die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses haben, erklärten in einer Reihe von Interviews in Fernseh-Talk-Shows am Wochenende, daß
sie trotz Meinungsverschiedenheiten zur Erlangung
ihrer Ziele zusammenarbeiten müßten.

Stelle der Tagesordnung" des Senats, fügte jedoch
hinzu, er würde dies erst in einigen Jahren vorschlagen. Auf die Frage, ob ein ausgeglichener Haushalt
in diesem Jahr möglich wäre, antwortete er: "Ja,
aber dies würde so traumatische, dramatische
Auswirkungen haben, daß ein solches Vorgehen
unklug wäre."

Senator Robert Dole, der neue Mehrheitsführer der
Republikaner im Senat, stellte fest: "Es muß eine
Partnerschaft sein, wenn wir irgend etwas erreichen
wollen."

Zur Frage der Steuersenkungen erläuterte Gingrich,
er befürworte Anhörungen im Kongreß über Einkommensteueränderungen, "aber in der ersten Phase
sollte man versuchen, eine Expandierung der Wirtschaft herbeizuführen, Arbeitsplätze zu schaffen und
einen Kinderfreibetrag von 500 Dollar einzuführen".

Der Kongreßabgeordnete Newt Gingrich, neuer
Speaker des Repräsentantenhauses, führte aus, er
erwarte "gute Zusammenarbeit" mit Dole, "aber man
kann den Senat und das Repräsentantenhaus nicht
im Gleichschritt leiten".
Gingrich betonte, daß die Tagesordnung des Repräsentantenhauses aus dem vor der Wahl unterzeichneten "Vertrag mit Amerika" (Contract with
America) bestehen werde, in dem die Republikaner
sich zu einer Reform des Kongresses, Steuersenkungen und einer Kürzung der staatlichen Ausgaben
verpflichten.
Dole erklärte, die Tagesordnung des Senats konzentriere sich auf die Führungsrolle "und unterscheidet
sich nicht wesentlich von dem 'Vertrag mit Amerika'".
Der Senat, so Dole, "muß koordinieren, was das
Repräsentantenhaus als erstes vorbringen wird und
was wir als erstes vorbringen werden... Jede
Kammer muß ihre Prioritäten setzen."
Dole zufolge gelten "die vordringlichsten Aufgaben
dem Kongreß, sei es die Verringerung des Mitarbeiterstabs, die Reform des Berufsethos, des
Lobbying oder der Abstimmung über die Dauer der
Amtszeit, damit die Amerikaner wissen, daß wir über
Belange abstimmen, die ihnen Anlaß zur Sorge
bereiten".
Im Hinblick auf die Forderung des Vertrags nach
einem ausgeglichenen Etat im Haushaltsjahr 1996
stellte Dole fest: "Dieser Punkt steht an oberster

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Zu außenpolitischen Themen äußerte Gingrich, es sei
wichtig, "die Ressourcen auf die Raketenabwehr zu
verlagern" und die gesamte Auslandshilfe zu überprüfen, "insbesondere die vornehmlich zwischenstaatlichen Elemente, die abgeschafft werden sollten".
Gingrich zufolge ist Haiti "eine Zeitbombe, die jede
Minute explodieren kann", und die Vereinigten
Staaten sollten ihre Truppen "so schnell wie möglich"
aus dem Land abziehen.
Dole fügte hinzu: "Wir sollten die Truppen bis
Thanksgiving aus Haiti abziehen. Wir müssen nicht
herumsitzen, während dort die Wahlen verschoben
werden... Wir sollten Haiti verlassen, bevor es
Blutvergießen gibt."
Der Mehrheitsführer im Senat ergänzte: "Die Vereinigten Staaten sollten prüfen, ob sie in Nordkorea
ein gutes Abkommen abgeschlossen haben. Was
Bosnien anbetrifft, so üben wir endlich etwas Druck
auf unsere Verbündeten aus, meines Erachtens
sollten wir jedoch das Waffenembargo aufheben und
den Bosniern gemäß Artikel 51 der Charta der
Vereinten Nationen eine Chance zur Selbstverteidigung geben."
Obwohl die Republikaner gerade die Kontrolle über
beide Kammern des amerikanischen Kongresses
errungen haben, ist ihre langfristige Zukunft aus der

Seite 1

�Sicht zweier renommierter Beobachter der Kongreßwahlen weiterhin unsicher.
Die kurzfristigen Aussichten sind "dynamisch", so
Thomas Mann von der Brookings Institution, da die
Republikaner Anzeichen einer mutigen Führung im
Repräsentantenhaus erkennen lassen.
Norman Omstein vom American Enterprise Institute
verweist jedoch darauf, daß die Strategie der Republikaner noch nicht bekannt sei - ob sie bei Gesetzesfragen aktiv vorgehen oder nur reagieren.
Und, so fügte er hinzu, jegliche Uneinigkeit innerhalb
der republikanischen Reihen könnte dazu führen,
daß die Demokraten bei den nächsten Wahlen die
Kontrolle wiedererlangen.
Die beiden Wissenschaftler nahmen an einem vom
Congresslonal Quartely am 10. November 1994
veranstalteten eintägigen Seminar über die Perspektiven nach den Kongreßwahlen teil. Ihnen
zufolge gab es zahlreiche Faktoren, die bei dem
entschiedenen Wahlsieg der Republikaner eine Rolle
spielten.
Mann erklärte, dazu zähle eine Feindseligkeit der
amerikanischen Wähler gegenüber den Demokraten
als Regierungspartei, eine Neuaufteilung der Wahlkreise im Süden zugunsten der Republikaner und
* *

Seite 2

die Bestrebungen der Republikaner, in vielen Wahlkreisen für die Abgeordneten zum Repräsentantenhaus starke Kandidaten aufzustellen.
Ornstein fügte hinzu, die Wähler seien unzufrieden
mit dem Weißen Haus unter Clintons Führung, weil er
sich frühzeitig auf Themen wie die Homosexuellen im
Militär konzentriert habe.
Die vom Congresslonal Quarterly erstellten statistischen Daten zur Wahl am 8. November 1994 ergaben, daß die Anzahl der Frauen im Repräsentantenhaus von 48 auf 49 und im Senat von sieben auf acht
angestiegen ist. Die Schwarzen errangen einen
zusätzlichen Sitz im Repräsentantenhaus, wodurch
sich die Zahl ihrer Sitze auf 40 erhöhte.
Congressional Quartely stellte ferner fest, während
die Republikaner den ihnen lange verweigerten
Triumph feierten, hätten Präsident Clinton und seine
Mitarbeiter darum gekämpft, "seine Beziehungen zu
einem erneuerten Kongreß und einer entfremdeten
Wählerschaft neu zu gestalten".
Dem Wahlbeobachter Mann zufolge sind die Wahlergebnisse "eine Bekräftigung der Tatsache, daß
Wahlen in den Vereinigten Staaten immer noch
funktionieren".

*

*

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,
•

�KRIEGSVERBRECHEN
17. November 1994

USA UNTERSTÜTZEN KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
FÜR RUANDA
Botschafterin Albright vor dem UN-Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß das vom UN-Sicherheitsrat am 8.
November 1994 eingerichtete Kriegsverbrechertribunal für Ruanda Gerechtigkeit und nationale Versöhnung
für die ruandische Bevölkerung fördern kann, erklärte die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den
Vereinten Nationen, Madeleine Albright, am 8. November vor dem UN-Sicherheitsrat.
Ebenso wie im ehemaligen Jugoslawien bestehe in Ruanda die Notwendigkeit, Harmonie zwischen
verschiedenen ethnischen Gruppen der Bevölkerung zu schaffen, indem die für solch abscheuliche Verbrechen
Verantwortlichen ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung zur Verantwortung gezogen werden.
Der Sicherheitsrat nahm mit 13 zu einer Stimme und der Enthaltung Chinas eine Resolution über die
Einrichtung eines internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda sowie ein begleitendes Statut mit
Richtlinien für die Arbeit des Tribunals an. Ruanda stimmte gegen diese Resolution und machte unter anderem
den Einwand geltend, das Statut sehe keine Todesstrafe vor.
Das Tribunal wird Einzelpersonen, einschließlich hoher Regierungsmitglieder, vor Gericht bringen, die des
Genozids und anderer Verletzungen internationaler humanitärer Gesetze seit dem 1. Januar 1994 verdächtigt
werden.

Im Frühjahr fand in Ruanda ein Völkermord statt.
Außerdem wurde der Staat auch von anderen
schwerwiegenden Verletzungen des Völkerrechts
heimgesucht. Der Sicherheitsrat hat sich während
des Großteils dieses Jahres mit diesen entsetzlichen
Geschehnissen befaßt. Der Rat selbst war auch
nicht vor Kritik gefeit. Der heutige Tag ist jedoch
das Ergebnis monatelanger, äußerst harter und
ausdauernder Arbeit unserer Regierungen, des
Sekretariats, der Expertenkommission und dieses
Rates zur Schaffung eines Ad-hoc-Tribunals für die
Ermittlung und strafrechtliche Verfolgung von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
Kriegsverbrechen in Ruanda sowie durch ruandische
Bürger in den Nachbarstaaten Ruandas verübter
Verbrechen.
Wir bedauern, daß die ruandische Regierung gegen
diese Resolution gestimmt hat. Wie bereits von
anderen Mitgliedern des Rates ausgeführt, haben
die Förderer des Tribunals hart daran gearbeitet,
eine Reihe ruandischer Belange einzubeziehen; wir

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waren dazu jedoch nicht bei allen Punkten in der
Lage. Obwohl wir die Besorgnis Ruandas bei verschiedenen wichtigen Angelegenheiten verstehen und bei der Todesstrafe könnten wir sogar einer
Meinung sein - war es einfach nicht möglich, diesen
Sorgen Rechnung zu tragen und gleichzeitig im
Sicherheitsrat breite Unterstützung zu finden. Aus
diesem Grund hält meine Regierung es für den
richtigen Ansatz, das Tribunal einzurichten, wie es
diese Tragödie erfordert, anstatt auf eine Einigung zu
warten, die niemals erzielt wird.
Wir fordern die ruandische Regierung trotzdem dazu
auf, Ihre Verpflichtung zur umfassenden Zusammenarbeit mit dem internationalen Tribunal einzuhalten
und die erforderlichen Ermittlungen vorzunehmen,
damit diejenigen strafrechtlich verfolgt werden, die
unaussprechlicher Akte des Völkermords und anderer
Greueltaten schuldig sind. Wir wissen die Bestrebungen des Rechtsberaters der Vereinten Nationen,
Hans Corell, zu würdigen, mit der ruandischen
Regierung in Kigali über diese Resolution und die

Seite 1

�Satzung für das Tribunal zu beraten. In den vergangenen Monaten hat dieser Rat sich mit Entschiedenheit für eine möglichst baldige Einrichtung des
Tribunals eingesetzt.
Der Staatsanwalt wird eng mit der Regierung Ruandas zusammenarbeiten müssen, um in diesem
Land eine Präsenz zu errichten und seine Ermittlungs- und Strafverfolgungstätigkeit frei ausüben zu
können. Meine Regierung unterstützt uneingeschränkt die Einrichtung eines Büros des Tribunals
in Kigali sowie die Bewältigung eines Großteils der
Arbeit des Tribunals in Ruanda. Ferner sehen wir
Konsultationen über den offiziellen Sitz des Tribunals
erwartungsvoll entgegen. Das Tribunal muß effizient, sicher und gemäß der allgemeinen Entwicklung internationaler humanitärer Gesetze operieren.
Wir sind gespannt auf die Meinung des Generalsekretärs und des Staatsanwalts.

der Arbeit des Tribunals. Wir möchten jedoch
betonen, daß wir angesichts der wachsenden haushaltspolitischen Erfordernisse des internationalen
Tribunals für das ehemalige Jugoslawien die Aufgabe
haben, beide Ad-hoc-Tribunale mit soviel Geldmitteln
zu versorgen, daß sie ihre Aufgabe erfüllen können.
Das Rechtssystem Ruandas muß ebenfalls wiederaufgebaut werden, um die enorme tägliche Aufgabe
des Strafvollzugs sowie der strafrechtlichen Verfolgung der vielen Verdächtigen zu bewältigen, mit
der sich das Tribunal nicht befassen kann. Meine
Regierung ist bereit, Ruanda bei dieser wichtigen
Aufgabe beizustehen, und wir fordern andere Regierungen dazu auf, ebenso zu handeln.

Als oberster Vertreter der Anklage wird Richter
Goldstone bei diesem Unternehmen dieselbe Integrität und dieselben Fähigkeiten einsetzen wie schon
beim internationalen Tribunal für das ehemalige
Jugoslawien. Wir wollen Richter Goldstones Arbeit
in jeglicher Hinsicht erleichtern. Und wir sehen der
Wahl eines stellvertretenden Staatsanwalts für
Ruanda erwartungsvoll entgegen, der große Verantwortung für die Ermittlungen und strafrechtliche
Verfolgung tragen wird.

Die Ermittlungen im Fall von Genozid sind in der Tat
eine äußerst grausame Arbeit. Wir sind jedoch dafür
verantwortlich sicherzustellen, daß das internationale
Tribunal für Ruanda dieses Ziel erreichen kann, das
auch von diesem Rat zunehmend erkannt wird: Den
einzelnen für seine Verletzungen internationaler
humanitärer Gesetze zur Rechenschaft zu ziehen.
Ebenso wie im ehemaligen Jugoslawien besteht in
Ruanda die Notwendigkeit, Harmonie zwischen
verschiedenen ethnischen Gruppen der Bevölkerung
zu schaffen, indem die für solch abscheuliche Verbrechen Verantwortlichen ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung zur Verantwortung gezogen
werden.

Die Einrichtung eines internationalen Tribunals für
Ruanda ist erst der Anfang. Eine wichtige Herausforderung für uns ist die angemessene Finanzierung
des Tribunals. Wir bitten alle Mitgliedstaaten um
freiwillige Beiträge. Noch wichtiger ist die Bereitstellung ausreichender Fonds durch die Vereinten
Nationen für diese ersten, entscheidenden Monate

Abschließend möchte ich der Hoffnung meiner
Regierung Ausdruck verleihen, daß der von uns
heute unternommene Schritt zu Gerechtigkeit und
nationaler Versöhnung führt, damit das ruandische
Volk nicht in den Erinnerungen an den Wahnsinn und
die Barbarei gefangen bleibt, die es gerade durchlebt
hat.

*

Seite 2

*

* *

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�DROGEN
17. November 1994

USA WARNEN VOR WACHSENDEM DROGENPROBLEM
Rede von Abteilungsleiter Gelbard
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinigten Staaten warnten am 2. November 1994, die Welt befinde sich
"am Vorabend einer Heroinkatastrophe". Vordem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung erklärte der
Abteilungsleiter im US-Außenministerium für internationale Suchtstoffangelegenheiten, Robert Gelbard, die
Vereinigten Staaten hätten die Befürchtung, es mangele an internationaler Aufmerksamkeit für die einzigartigen
Probleme im Zusammenhang mit Heroin.
"Der Umfang und die Komplexität des internationalen Heroinhandels könnten möglicherweise die Ressourcen
der internationalen Drogenbekämpfung übersteigen, wenn diese nicht gezielt eingesetzt und sorgfältig
koordiniert werden", erklärte er.
Gelbard legte die Politik der Vereinigten Staaten zur Bekämpfung des illegalen Drogenhandels dar und
äußerte, zwar sei eine Kontrolle der Nachfrage zwingend geboten, aber ebenso wichtig sei der Kampf gegen
den Anbau von Drogenpflanzen und die Herstellung von Suchtstoffen. Bestrebungen zur Beschlagnahmung
der Rauschmittel an der Quelle müssten Hand in Hand mit Alternativen zu von der Drogenherstellung
abhängigen Volkswirtschaften gehen.
Ferner skizzierte Gelbard die amerikanische Strategie im Kampf gegen die Kokainproduzenten und -händler
und warnte, die Vereinigten Staaten würden ihre Hilfe sowie Kredite multinationaler Entwicklungsbanken an
die Länder einstellen, die nicht in vollem Umfang an den Bestrebungen zur Bekämpfung des Drogenhandels
teilnehmen.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Seit der ersten
Zusammenkunft dieser Art bei den Vereinten Nationen haben wir bei der Bekämpfung des Drogenhandels einen langen Weg zurückgelegt. Noch vor
zehn Jahren hätten uns in diesem Saal die Ohren
geklungen angesichts der stereotypen Debatte
zwischen Produzenten- und Konsumentenländern
von Drogen, wer für die Drogenkrise der Welt
verantwortlich ist. Diese Debatte ist glücklicherweise
beendet. Wir alle tragen unseren Teil der Verantwortung für das Problem, wir alle leiden unter den
Konsequenzen, und wir alle müssen gemeinsam an
einer Lösung arbeiten.
Größere Kooperation und Konsens finden in den von
der Generalversammlung erzielten Fortschritten
ihren Niederschlag. In den letzten fünf Jahren
wurden das Internationale Drogenkontrollprogramm
der Vereinten Nationen (United Nations Drug Control
Program - UNDCP) ins Leben gerufen und ein
umfassender Aktionsplan ausgearbeitet.
(Wir
beglückwünschen Generaldirektor Giacomelli zu den
von ihm erzielten Fortschritten und danken ihm für
seine heute abgegebene wichtige Erklärung.) In

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jüngster Zeit hat auf Initiative der mexikanischen
Delegation eine Gruppe von Delegationen, einschließlich meiner eigenen, gemeinsam an einem
konsensfähigen umfassenden Text über das Drogenproblem gearbeitet. Wir zollen den anderen Förderern dieses Unternehmens große Anerkennung für
ihre konstruktive Arbeit.
Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt, daß wir als
Nation verpflichtet sind, unser ernstes Problem des
Drogenmißbrauchs gezielt anzugehen. Obwohl der
gelegentliche Konsum illegaler Drogen in den Vereinigten Staaten seit Mitte der achtziger Jahre
gesunken ist, haben sich die von harten Drogen
Abhängigen dem Wandel widersetzt.
Infolgedessen befaßt sich die Drogenkontrollstrategie
der Vereinigten Staaten mit den Problemen des
Drogenkonsums in unserem Land und konzentriert
sich auf die Therapie und Rehabilitation von Drogenabhängigen, insbesondere von Konsumenten harter
Drogen. Wir haben Fortschritte dabei erzielt, unsere
jungen Menschen davon zu überzeugen, nicht mit
dem Konsum von Drogen zu beginnen, und wir

Seite 1

�verstärken unsere Drogenpräventionsprogramme,
um diesen Prozeß fortzusetzen.
Eine Kontrolle der Nachfrage ist unumgänglich, aber
eine Kontrolle des Anbaus von Drogenpflanzen und
der Produktion von Suchtstoffen ist ebenfalls erforderlich. Bestrebungen zur Beschlagnahmung von
Drogen an der Quelle müssen mit Entwicklungshilfe
kombiniert werden, damit den vom Drogenanbau
abhängigen Volkswirtschaften ökonomische Alternativen geboten werden können.
Der internationale Kokainhandel, der für die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern die direkteste Gefahr darstellt, ist
äußerst unberechenbar. Die großen internationalen
Drogensyndikate setzen sich aus geschickten,
skrupellosen Geschäftsleuten zusammen.
Sie
erweitern ihre Operationen und Märkte insbesondere
auf Regionen mit schwacher politischer Kontrolle.
Zu ihrer Bekämpfung benötigen wir verstärkte
internationale Zusammenarbeit.
Im Kampf gegen den Kokainhandel wurden bereits
beträchtliche lobenswerte Fortschritte gemacht:
Abnahme der Anbaus von Kokapflanzen in
verschiedenen Gebieten Südamerikas, obwohl
wir nicht vergessen dürfen, daß er sich in anderen Regionen weiter verbreitet.
Die mutige und kostenaufwendige Zerschlagung
des Medellin-Kartells in Kolumbien, der vielleicht
gefährlichsten Verbrecherorganisation des vergangenen Jahrzehnts.
Eine Intensivierung der Ermittlungen in vielen
Ländern, die stärkeren Druck auf Drogenbarone
und Geldwäscher ausüben.
Einleitende Schritte zur Reorganisation von
Rechtsinstitutionen und Erarbeitung von Gesetzen zur gezielten Bekämpfung von Drogenhändlerringen.

Meine Regierung möchte auf dem aufbauen, was
sich in der Vergangenheit als funktionierender Ansatz
erwiesen hat. Unsere Strategie im Kampf gegen
Kokain konzentriert sich auf vier Elemente:
Erstens. Angriff auf den Kern des Handels, indem
der Schwerpunkt von den Transitländern zu den
Produzentenländern verlagert wird. Wir wollen
unsere Ressourcen dort konzentrieren, wo der
Handel begrenzter und möglicherweise ungeschützter ist.
Zweitens. Konzentration auf die Drogenbarone
und ihre Organisationen. Wir können den Drogenhandel nur zerschlagen, wenn wir die Händlerorganisationen und ihre Führer vernichten. Diese
Drogenbarone - die mit Hilfe von Korruption und
Einschüchterung überleben - stellen für die Regierungen auf der ganzen Welt eine reale und
ernsthafte Bedrohung dar.
Drittens. Stärkung der nationalen Institutionen zur
Bekämpfung des Drogenhandels. Wir alle müssen einen größeren Anteil der Last internationaler
Drogenkontrolle übernehmen.
Reformen des
Rechtswesens sind ein wichtiger Bestandteil
dieser Bestrebung.
Viertens. Streben nach engerer internationaler
Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten
Nationen, der Organisation Amerikanischer Staaten und anderer multilateraler Foren, unter besonderer Berücksichtigung von Institutionen der
Gesetzgebung, Justiz und strafrechtlichen Verfolgung sowie tragfähige Entwicklungshilfe für
Produzentenländer, die sich für eine Abschaffung
des Drogenanbaus einsetzen.
Diese vier Elemente richten sich gegen die Macht
und Stärke des Kokainhandels. Gestützt auf Milliarden Dollar an Gewinnen aus dem letzten Jahrzehnt
haben die führenden Drogenhändler sich auf viele
unserer gegen sie gerichteten Bestrebungen eingestellt - mit einer Ausnahme: dem Verlust ihrer
Freiheit und ihres Wohlstands.

Abnahme der Nachfrage nach Kokain durch
Gelegenheitskonsumenten.
Diese Errungenschaften erhöhen das Risiko der
Händlerorganisationen, aber wir haben noch nicht
gewonnen. Der Drogenhandel wirft weiterhin enorme Profite ab, und die größten Syndikate sind nach
wie vor nicht eingeschüchtert. In vielen Teilen der
Welt weitet sich der Konsum von Kokain aus, und
die Zahl der von harten Drogen Abhängigen in den
Vereinigten Staaten hat nicht abgenommen.

Seite 2

Diese Bedrohung

scheinen sie immer noch zu fürchten.
Das ist unsere heutige Sicht der Maßnahmen zur
Bekämpfung des Kokainhandels. Meine Delegation
ist besorgt darüber, daß die internationale Aufmerksamkeit gegenüber den einzigartigen Herausforderungen des Heroinproblems abnimmt. Mehrere Statistiken deuten darauf hin, daß wir am Vorabend einer
Heroinkatastrophe stehen:
Erstes: Das Ausmaß der Produktion. Jüngsten
Schätzungen zufolge beläuft sich die weltweite
illegale Opiumproduktion auf ungefähr 3.700 Tonnen

AMERIKA DIENST 45

�- doppelt soviel wie den Schätzungen von 1986
zufolge. Das reicht aus, um 370 Tonnen reines
Heroin herzustellen.
Zweitens: Der Umfang der Produktion. Der Anbau
der Kokapflanze konzentriert sich auf eine Region
der Welt. Illegaler Opiumanbau findet auf jedem
Kontinent der Erde mit Ausnahme der Antarktis statt
und weitet sich aus. Die Ernte des führenden
Opiumherstellers von 2.575 Tonnen machte 1993
etwa 70 Prozent der weltweiten Produktion aus aber mindestens 10 weitere Länder sind bedeutende
Hersteller.
Manche dieser Produzentenländer
beteiligen sich erst seit einigen Jahren am Handel.
Drittens: Das Problem des Zugangs zur Opium- und
Heroinherstellung in entlegenden Teilen der Welt. In
Südost- und Südwestasien wird das Opium von
Stämmen oder ethnischen Gruppen produziert, die
halbautonomen, gut bewaffneten und gewalttätigen
Kriegsherren und großenteils nicht der Kontrolle
durch die Kommunalregierung unterstehen.
Viertens: Die schnell ansteigende Nachfrage nach
Heroin, die den Produktionsanreiz erhöht. Die
Drogenkonsumenten in den Produzentenländern
wechseln von Opium zu Heroin. Die Abhängigkeit
von Heroin verbreitet sich in den Transitländern und
bereitet in einigen anderen Gebieten weiterhin den
größten Anlaß zur Sorge. Wir sehen Anzeichen für
steigenden Heroinkonsum in den Ländern, in denen
bisher nur ein kleiner Teil der Bevölkerung heroinabhängig war.
Schließlich ist noch die Ausbreitung des zunehmend
komplexen Händlernetzes zu nennen, das praktisch
jeden Kontinent umspannt. Für neue Organisationen
eröffnen sich ne'ue Chancen. Einst an der Peripherie des Handels befindliche Länder spielen jetzt bei
Handel und Verteilung eine wichtige Rolle.
Der Umfang und die Komplexität des internationalen
Heroinhandels können möglicherweise die Ressourcen der internationalen Drogenbekämpfung übersteigen, wenn diese nicht gezielt eingesetzt und
sorgfältig koordiniert werden.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für den
größtmöglichen Einsatz multilateraler Organisationen, insbesondere des UNDCP, bei der Bekämpfung
des Heroinhandels. Die Vereinten Nationen spielen
nicht nur dabei eine Rolle, die internationale Aufmerksamkeit verstärkt auf dieses Problem zu lenken,
sondern auch bei der Koordination und Durchführung globaler, regionaler und länderspezifischer
Bestrebungen zur Verringerung der Produktion und
Weitergabe von Heroin.
Multilaterale Gruppen
spielen eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung von

AMERIKA DIENST 45

Richtlinien zur Kontrolle des Handels mit Chemikalien, die zur Gewinnung von Heroin und anderen
Drogen verwendet werden. Diese Gruppen müssen
ebenfalls im Mittelpunkt der internationalen Koordination zur Bekämpfung von Geldwäsche stehen.
Unsere bilateralen Programme zielen darauf ab,
Institutionen zur Bekämpfung des Drogenhandels in
den wichtigsten Produzenten- und Transitländern zu
stärken, die sich für eine Kontrolle des Drogenhandels einsetzen. Unsere internationalen Programme
müssen alle auf nationaler Entschlossenheit basieren.
Wir müssen auf klaren Ergebnissen bestehen. Ich
möchte ganz offen sein. Wenn der Präsident der
Vereinigten Staaten entscheidet, daß ein wichtiges
Produzenten- oder Transitland nicht umfassend mit
uns zusammengearbeitet oder selbst angemessene
Schritte zur Kontrolle des Drogenhandels unternommen hat, werden wir unsere materielle Hilfe
kürzen und gegen die Gewährung von Darlehen
durch multilaterale Entwicklungsbanken stimmen.
Das gebietet das Gesetz, aber auch der gesunde
Menschenverstand.
Anfang dieses Jahres traf
Präsident Clinton in dieser Hinsicht die schwierigsten
Entscheidungen. Es gibt keinen Grund zu erwarten,
daß er im nächsten Jahr weniger engagiert ist.
Die Kontrolle des Anbaus bleibt ein entscheidendes
Element jeder wirksamen Strategie. Sie erfordert
großes Engagement einer Reihe von Produzentenländern in dieser Hemisphäre und in Thailand. Das
Vorgehen in diesen Ländern zeigt, daß eine Abschaffung des Anbaus von Drogenpflanzen funktionieren kann, es unterstreicht aber auch, welche für
langfristigen Erfolg erforderlichen Bedingungen
derzeit in allzu vielen entlegenen und unzugänglichen
Anbaugebieten nicht gegeben sind: Zugang der
Regierung zu der Region, Verpflichtung zu Erntekontrollen, Verfügbarkeit wirtschaftlicher Alternativen.
Ermutigend ist, daß die zentralasiatischen Staaten
jetzt erste Reaktionen auf die problematische Ausweitung des Drogenhandels in der Region zeigen.
Wir hoffen auf eine schnelle und starke Reaktion, um
diese Region vor der weiteren Ausbeutung durch
Verbrechersyndikate zu schützen, die neue Transitwege, eine Ausweitung des Anbaus und neue Märkte
anstreben.
Die neue Regierung Südafrikas sieht sich riesigen
Herausforderungen gegenüber, von denen eine
bedauerlicherweise der internationale Drogenhandel
ist. Wir teilen die Sorge Südafrikas, da wir wissen,
wie internationale Händlerringe oftmals eine Ausweitung ihrer Märkte und Transportoperationen in im
Umbruch befindliche Länder anstreben. Wir unterstützen die Bestrebungen in Südafrika, den Drogenhändlern zuvorzukommen.

Seite 3

�Herr Vorsitzender, wir sind alle mit finanziellen
Engpässen konfrontiert. Aus diesem Grund müssen
wir unsere Bestrebungen und Ressourcen koordinieren. Um Engagement in Taten umzusetzen,
müssen wir auf internationaler und nationaler Ebene
gleichermaßen Ressourcen mobilisieren. Im vergangenen Jahr unterstützte meine Regierung intensivierte Bestrebungen, um durch den systemumspannenden Aktionsplan die gesamte UNO in die Bekämpfung des Drogenhandels einzubinden, insbesondere die für Entwicklung zuständigen Unterorganisationen.
Wir sind uns bewußt, daß schon viel unternommen
wurde und möchten darauf aufbauen. Im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen
(United Nations Economic and Social Council ECOSOC) wurde die Verbindung zwischen einer
Förderung globaler, wirtschaftlicher und sozialer
Entwicklung und der Bekämpfung des internationalen Drogenhandels unterstrichen.
Die Idee, der Drogenhandel sei eine schwere Belastung für die Wirtschaft und Lebensfähigkeit eines
Landes kann unpopulär und unkonventional erscheinen. Die Drogenherstellung verlagert sich, gefördert
durch den Mangel an ökonomischen Alternativen,
jedoch zunehmend in einige der ärmsten, am wenigsten entwickelten und entlegendsten Teile der Welt.
Und mit zunehmendem Anstieg der Drogenherstellung in diesen Gebieten fassen auch die problematischen Begleiterscheinungen Drogenmißbrauch,
Kriminalität und Gewalt Fuß und breiten sich aus.
Die sozialen Konsequenzen des Drogenhandels und
-mißbrauchs unterminieren die vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations
Development Program - UNDP), der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten
Nationen (Food and Agriculture Organization of the
United Nations - FAO), der Weltbank sowie weiteren
Organisationen geförderten und finanzierten Entwicklungsprogramme.
Der ECOSOC unterstrich die Pflicht jedes Mitglieds
der internationalen Staatengemeinschaft zu gewährleisten, daß Ziele im Bereich der Entwicklung und
der Drogenbekämpfung gleichermaßen gefördert
werden. Meine Regierung hat damit begonnen,
multilaterale Entwicklungsbanken in ernsthafte
Initiativen zur Bekämpfung des Drogenhandels

*

Seite 4

*

einzubinden. Als großenteils unerschlossene Ressource können diese Organisationen eine wertvolle
Rolle bei der Unterstützung tragfähiger Entwicklungsprogramme spielen, die Einkommens- und
Beschäftigungsalternativen zur Drogenherstellung
bieten. Diese Initiativen können jedoch nur dann zu
einer Verminderung der Gefahr durch Suchtstoffe
führen, wenn sie von glaubwürdigen Maßnahmen im
Bereich der Strafverfolgung begleitet werden.
Die Weltbank und andere Geberinstitutionen zeigen
zunehmende Bereitschaft zur Unterstützung der
Drogenbekämpfung. Es ist an der Zeit, daß die
Mitgliedstaaten diese Programme fördern und auf
bilateraler Ebene und im Rahmen der leitenden
Behörden solche Hilfe erbitten. Wir ermutigen die
wichtigsten Länder, die Opium herstellen und Kokapflanzen anbauen, Vorschläge zur Nutzung dieser
Hilfe zu unterbreiten.

1

,

Schließlich möchte meine Regierung auf ein Anliegen
hinweisen, das vom geschäftsführenden Direktor des
UNDCP, Giacomelli, formuliert wurde. Die Mitgliedstaaten fordern die Vereinten Nationen zur Übernahme einer größeren Rolle auf und stellen gleichzeitig weniger Mittel zur Verfügung. Wir können nicht
eine relativ kleine Anzahl von Regierungen bitten, für
ein weltweites Problem zu zahlen. Das UNDCP sieht
sich 1995 mit einem Haushaltsdefizit konfrontiert. Wir
fordern die Mitgliedstaaten dringend auf, eine Erhöhung ihrer freiwilligen Beiträge für das UNDCP in
Erwägung zu ziehen.
Herr Vorsitzender, es gibt keine einfache Lösung für
das weltweite Drogenproblem. Meine Regierung ist
der festen Überzeugung, daß die Vereinten Nationen
nicht bloß eine Einrichtung zur Friedensschaffung und
-Sicherung sind. Sie sind ein Forum für die Konfrontation mit den Feinden der Demokratie. Wenn wir
diesen Ort heute verlassen, sollten wir fest dazu
entschlossen sein, den internationalen Drogenhandel
und -mißbrauch zu verurteilen. Dieser Entschlossenheit sollten in den führenden Gremien der UNOProgramme und den multilateralen Entwicklungsbanken, zur Unterstützung des UNDCP sowie unserer
Innenpolitik Taten folgen. Es steht für uns zuviel auf
dem Spiel, als daß wir es uns leisten könnten, uns
von diesen wichtigen internationalen Bestrebungen
zur Bekämpfung von Drogenhandel und -mißbrauch
zurückzuziehen.

*

*

AMERIKA DIENST 45

,

t

�WIRTSCHAFT
17. November 1994

Korrektur
Dem aufmerksamen Leser dürfte bei der Lektüre des Artikels von Finanzminister Lloyd Bentsen "Warum das
Haushaltsdefizit? Der finanzielle 'Kater' aus den achtziger Jahren" in der Ausgabe 44 des Amerika Dienst
klargewesen sein, daß es sich bei den Angaben von Billiarden Dollar um Billionen und bei den Billionen um
Milliarden Dollar handelt.

AMERIKA DIENST 45

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Kongresswahlen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton sagt Zusammenarbeit mit neuem Kongress zu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten bei Pressekonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frustration der Wähler war Schlüsselfaktor bei Wahlergebnis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Analyse der Wahlen zum amerikanischen Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pläne der Republikaner&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenarbeit erforderlich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützt Kriegsverbrechertribunal für Ruanda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafterin Albright vor dem UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA warnen vor wachsendem Drogenproblem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter Gelbard&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

9. November 1994

44

AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

ZWEI HERAUSFORDERUNGEN NACH DEM
KALTEN KRIEG: NORDKOREA UND
SADDAM HUSSEIN
Eine Analyse von CIA-Direktor Woolsey

IRAK

BAGDAD IGNORIERT DIE NOT DER
IRAKISCHEN BEVÖLKERUNG
Ablehnung des Vorschlags der UNO

WIRTSCHAFT

WARUM DAS HAUSHALTSDEFIZIT?
DER FINANZIELLE 'KATER'
AUS DEN ACHTZIGER JAHREN
von Finanzminister Lloyd Bentsen

PORTRAT

CHARLES E. REDMAN
Porträt des neuen US-Botschafters in Bonn
J.D. BINDENAGEL
Gesandter der Bonner US-Botschaft

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
9. November 1994

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der Georgetown University stellte
Außenminister Warren Christopher am 24. Oktober 1994 fest, der arabisch-israelische Konflikte nähere sich
seinem Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt habe. Gleichzeitig, warnte
der Außenminister, dürfe man den Feinden des Friedens - den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah
sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak - nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Christopher.

Vater O'Donovan, meine Damen und Herren.
Herr Dekan, ich danke Ihnen für die einleitenden
Worte. Es ist mir eine große Ehre, mit einem meiner
verehrten Vorgänger hier sein zu dürfen, einem
Mann, unter dem ich die Ehre hatte, Stellvertretender Außenminister zu sein - Ed Muskie.
Wenige Institutionen haben mehr für die Ausbildung
und Bewährung derjenigen getan, die später außenpolitische Verantwortung getragen haben, als
Georgetown. Da wäre natürlich vor allem Präsident
Clinton zu nennen. Nur in Amerika kann man von
dem hohen Amt eines studentischen Vorsitzenden
des Prüfungsausschusses für Nahrungsmittel von
Georgetown zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte
werden. Auch Professor Madeleine Albright, unsere
ausgezeichnete UN-Botschafterin, hat in Georgetown
studiert. Georgetown hat den Intellekt zahlloser
vergangener und gegenwärtiger Botschafter und
anderer Diplomaten geschult und wird dies auch in
Zukunft tun.
Seit die grausamen Spaltungen des Kalten Krieges
verschwunden sind, hat sich viel auf der Welt
verändert. Die amerikanische Außenpolitik muß sich
nicht länger auf die Eindämmung der Sowjetunion
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten haben eine
neue Chance zum Aufbau einer sichereren und
integrierteren Welt mit offenen Gesellschaften und
offenen Märkten.
Einiges verändert sich jedoch nicht. Vor vier Jahrzehnten hielt Präsident Truman in seinem letzten

AMERIKA DIENST 44

Bericht zur Lage der Nation den unveränderten
Charakter unserer nationalen Zielsetzung fest:
"Umstände ändern sich, und aktuelle Fragen nehmen
häufig unterschiedliche Formen an und werden Jahr
um Jahr komplizierter. Die großen Themen dahinter
lauten jedoch nach wie vor gleich: Wohlstand,
Sozialwesen, Menschenrechte, effektive Demokratie
und vor allem Frieden."
Die außergewöhnlichen Ereignisse der vergangenen
Wochen erinnern uns erneut daran, daß die dauerhaften Interessen unserer Nation unverändert sind.
Dasselbe trifft auf unsere Verpflichtung zu, diese
Interessen durch kontinuierliche und stetige Diplomatie zu verfolgen, gegebenenfalls unterstützt von der
Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt. Diese Art von
Diplomatie strebt keine unmittelbaren Ergebnisse auf
Kosten langfristiger Ziele an. Wie wir in diesem
bemerkenswerten Herbst beobachten konnten,
kommt der Gewinn mit der Zeit.
In Haiti war die triumphale Rückkehr von Präsident
Aristide der Höhepunkt des dreijährigen Engagements zur Wiederherstellung einer demokratischen
Regierung. Als jedes Mittel für eine friedliche Lösung
erschöpft war, mobilisierten wir das Militär. Dank
unserer Bereitschaft, unser Engagement mit dem
Einsatz von Gewalt zu untermauern, konnten wir
unsere anfänglichen Ziele mit einem Maximum an
Geschwindigkeit und einem Minimum an Blutvergießen erreichen. Die Anführer des Putsches haben
das Land verlassen. Die rechtmäßige Regierung ist
wiedereingesetzt. Die Flüchtlinge kehren zurück. Wir
haben Möchtegern-Putschisten eine eindeutige

Seite 1

�Botschaft gesandt: Die Demokratie, der Schlüssel
zu Stabilität auf beiden amerikanischen Kontinenten,
kann nicht ohne Strafe gestürzt und den Menschen
nicht gestohlen werden. Ebenso wie andernorts
dürfen wir auch im Falle Haitis nicht selbstzufrieden
sein. Aber wir haben große Fortschritte erzielt.
Unsere entschlossene Diplomatie bei der nordkoreanischen Nuklearfrage hat zu einem Rahmenabkommen geführt, das die seit langem bestehenden
amerikanischen Zielsetzungen voranbringt. Wenn es
umgesetzt ist, wird es Nordostasien vom Gespenst
des nuklearen Rüstungswettlaufs befreien. Während
der 16monatigen Verhandlungen führten wir häufige
Konsultationen mit Südkorea, Japan und der Internationalen Atomenergie-Organisation. Wir haben mit
China, Rußland und anderen Mitgliedern des UNSicherheitsrats zusammengearbeitet und die Androhung von Wirtschaftssanktionen in die Realität
umgesetzt. Die Folge: Ein breit unterstütztes,
verifizierbares Abkommen, das Frieden und Stabilität
in einen Region bewahrt, die für uns von vitalem
Interesse ist.
Die jüngsten Leistungen in Haiti und bei der nordkoreanischen Nuklearfrage waren das direkte Ergebnis
der kontinuierlichen Führungsrolle, Koalitionsbildung
und der vom Einsatz von Gewalt unterstützten
Diplomatie der Vereinigten Staaten. Dieselbe
Zielsetzung und dasselbe Engagement waren das
Merkmal der Politik dieser Administration gegenüber
dem Nahen Osten. Heute möchte ich mich auf die
dramatischen Veränderungen konzentrieren, die sich
in dieser entscheidenden Region vollziehen. Der
arabisch-israelische Konflikt nähert sich seinem
Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Am morgen nach seiner Wahl vor fast zwei Jahren
bekräftige Präsident Clinton die dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er
gelobte, den arabisch-israelischen Friedensprozeß
zu einer seiner obersten Prioritäten zu machen. Und
er setzte eine umfassende Strategie zur Beschleunigung der Fortschritte in die Praxis um.
Diplomatisch haben die Vereinigten Staaten zur
Belebung und Fortsetzung der in Madrid in die Wege
geleiteten Verhandlungen auf der Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
beigetragen. Wirtschaftlich haben wir die internationale Unterstützung für die Grundsatzerklärung
zwischen Israel und der PLO gewonnen, die amerikanisch-israelische-jordanische Wirtschaftskommission gegründet und auf eine Beendigung des arabischen Boykotts gedrängt. Strategisch haben wir
unsere sicherheitspolitischen Verbindungen zu Israel
und unseren wichtigsten arabischen Freunden

gestärkt und ein Bollwerk gegen eine Aggression der
verbrecherischen Regime der Region errichtet,
insbesondere gegen Irak und Iran.
Heute zeitigt diese Strategie historische Ergebnisse.
In 24 Stunden wird der Präsident eine Reise antreten,
die jedes Element dieses Ansatzes verstärken wird.
Erstens wird der Präsident zur Förderung des Friedensprozesses der Unterzeichnung eines uneingeschränkten Friedensvertrags zwischen Israel und
Jordanien als zweitem arabischem Staat beiwohnen.
In Damaskus wird Präsident Clinton versuchen, auf
diese Dynamik durch das Drängen auf Fortschritte
bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien
aufzubauen. Zweitens wird der Präsident im Vorfeld
der Wirtschaftskonferenz von Casablanca Gespräche
mit Israel, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien
führen. Bei dieser Konferenz werden 900 führende
Unternehmer aus Israel, den arabischen Staaten und
der ganzen Welt die durch die Umgestaltung des
Nahen Ostens und Nordafrikas geschaffenen Möglichkeiten sondieren. In Kuwait wird Präsident Clinton
schließlich den amerikanischen Soldaten einen
Besuch abstatten - einem Teil der vor zwei Wochen
zur Abwehr von Saddam Husseins Bedrohung seiner
Nachbarn entsandten Streitmacht.

»
k

Während seiner Reise wird der Präsident eine
unmißverständliche Botschaft übermitteln:
Die
Vereinigten Staaten werden alles in ihrer Macht
Stehende tun, um den Aufbau einer neuen Zukunft im
Nahen Osten zu fördern. Wir können den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen. Seite an Seite mit Israel und ihren arabischen Partnern werden die Vereinigten Staaten den
Kurs steuern um sicherzustellen, daß die Kräfte der
Zukunft über die Kräfte der Vergangenheit triumphieren.
Bei der Unterzeichnungszeremonie werden auch
Jordanien und Israel eine Botschaft übermitteln.
König Hussein und Ministerpräsident Rabin haben
sich zum Aufbau eines "kooperativen" Friedens
verpflichtet. Diese beiden mutigen Politiker sind
entschlossen, ihre Grenze zu einem Tor statt einer
Barriere zu machen. In israelischen Zeitungen sieht
man bereits Anzeigen für Rundfahrten zu den großen
historischen Stätten Jordaniens in Petra und Jerash.
Dank der Arbeit der trilateralen amerikanisch-jordanisch-israelischen Koalition
wurden Pläne zur
Entwicklung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte, zur
gemeinsamen Nutzung der Wasservorkommen und
zur Erschließung des Jordantales unterbreitet. Dank
dieser Projekte werden menschliche Kontakte geknüpft und gemeinsame Interessen vereint. Sie
werden einen dauerhaften Frieden konsolidieren.

AMERIKA DIENST 44

r

�Im vergangenen Jahr hat der Nahe Osten eine
tiefgreifende Umgestaltung begonnen, die meines
Erachtens grundlegend ist. Die Veränderungen
vollzogen sich so rasch und waren so konstant, daß
wir heute vor zwei Jahren scheinbar undenkbare
Entwicklungen als selbstverständlich hinnehmen.
Die Grundsatzerklärung zwischen Israel und der
PLO gewährt über 800.000 Palästinensern in Gaza
und Jericho die Selbstbestimmung. Es wurde ein
Abkommen erzielt, das dem Westjordanland frühzeitig neue Befugnisse verleiht, und für die palästinensischen Wahlen wurden Verhandlungen aufgenommen. Natürlich gibt es noch große Schwierigkeiten.
Aber Yitzhak Rabin, Schimon Peres und Yasser
Arafat sind entschlossen, den Frieden Realität
werden zu lassen.
Wirtschaftliche Entwicklung ist unabdingbar für den
Erfolg der Palästinenser. Die Palästinenser brauchen Beweise, daß der Frieden ihr Leben verbessern wird. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten die Gemeinschaft der Geberländer zur
Unterstützung der palästinensischen Selbstbestimmung mobilisiert. Aus diesem Grund haben wir eng
mit dem PLO-Vorsitzenden Arafat zusammengearbeitet, damit die Projekte beginnen können. Es muß
jedoch noch mehr getan werden, um die Hilfe zu
erleichtern und ihre Wirkung zu maximieren.
Wenn der größte Bedarf der Palästinenser wirtschaftliche Entwicklung ist, so ist die größte sie
konfrontierende Bedrohung die Terrororganisation
Hamas. So sicher wie das Massaker der letzten
Woche gegen die Israelis gerichtet war, sollte es
auch die Hoffnungen der Palästinenser zerschlagen.
Wenn Frieden nur weitere Terroranschläge hervorbringt, kann der Aussöhnungsprozeß nicht aufrechterhalten werden. Mehr als alle anderen werden die
Palästinenser leiden. Es ist unabdingbar, daß Arafat
seiner Verantwortung gerecht wird, den Terror in den
seiner Kontrolle unterstehenden Gebieten auszumerzen. Denselben Mut, den er beim Friedensschluß
an den Tag legte, muß er nun beim Kampf gegen
die Feinde des Friedens zeigen.
Auch die israelisch-syrische Verhandlungsschiene
hat sich im vergangenen Jahr entscheidend verändert. Zum ersten Mal haben diese einst bitteren
Feinde ernsthafte Verhandlungen zur Beendigung
ihres Konflikts aufgenommen. Ich habe unzählige
Stunden in intensiven Gesprächen mit Präsident
Assad und Ministerpräsident Rabin verbracht. Beide
Männer wollen das zentrale Thema einer Lösung
unbedingt ansprechen. Es ist uns gelungen, die
Meinungsverschiedenheiten zu verringern, aber es
bleiben noch wichtige Probleme bestehen.

AMERIKA DIENST 44

Meines Erachtens kommt die Zeit rasch näher, in der
wir schwierige Entscheidungen treffen müssen.
Wenn diese Gespräche Erfolg haben, wenn sie den
"Frieden der Mutigen" hervorbringen sollen, von dem
Präsident Assad spricht, dann muß das Tempo der
derzeitigen Verhandlungen einem mutigeren Ansatz
Platz machen.
Wir sind uns über die damit einhergehenden Risiken
und Kosten im klaren. Für Syrien bedeutet der
Frieden, Jahrzehnte des Mißtrauens zu überwinden
und die auf Konfrontation ausgerichtete Politik zu
beenden. In dem Umfeld eines echten und umfassenden Friedens, in dem es keinen Platz für
Terroristen an Israels Grenzen gibt, blicken wir auch
auf den Tag, an dem sich die Beziehungen zwischen
Syrien und den Vereinigten Staaten verbessern
werden. Für Israel bedeutet der Frieden mit Syrien
schwierige Entscheidungen. Aber die Realität des
Friedens wird unmißverständlich sein: Das Ende des
arabisch-israelischen Konflikts, das Ende der Bedrohung durch einen Krieg und Israels uneingeschränkte Integration in das politische und wirtschaftliche Leben des Nahen Ostens.
Es gibt harte Proben für den Frieden zwischen Israel
und Syrien. Erstens muß es ein echter Frieden sein,
der eine aktive Verpflichtung zur Versöhnung widerspiegelt. Es ist von Bedeutung, daß Präsident Assad
gesagt hat, Syrien habe eine strategische Entscheidung für den Frieden mit Israel getroffen und sei
bereit, seine objektiven Erfordernisse zu erfüllen. Die
Anforderungen eines echten Friedens sind für alle
klar: Ein vereinbarter Rückzug, volle diplomatische
Beziehungen, Grenzen, die den Transfer von Menschen und Waren erleichtern und die Verpflichtung,
sich gegenseitig nie wieder zu bedrohen.
Zweitens muß der Frieden zwischen Israel und Syrien
Sicherheit für beide Seiten bieten. Nach Jahrzehnten
der Feindschaft muß jede Seite den Sicherheitsbelangen der anderen Seite gegenüber aufgeschlossen sein. Falls erforderlich, sind die Vereinigten
Staaten in geeigneter Form zur Beteiligung an den
zwischen den Parteien ausgehandelten Sicherheitsarrangements bereit.
Ich möchte folgenden Punkt unmißverständlich
klarstellen:
Das strategische Engagement der
Vereinigten Staaten für Israel ist unerschütterlich.
Wir wollen Israels qualitativen militärischen Vorteil
und seine Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufrechterhalten. Wie Präsident Clinton versprochen hat,
werden die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die von Israel für den Frieden
einzugehenden Risiken so gering wie möglich zu
halten.

Seite 3

�Schließlich muß der Frieden zwischen Israel und
Syrien den Weg zu einem umfassenden Frieden
ebnen. Ein israelisch-syrisches Abkommen wird
zwangsläufig den Kreis der arabischen Staaten
erweitern, die Frieden mit Israel schließen. Und es
wird das Vertrauen aller stärken, daß der Frieden
dauerhaft sein wird. Aus diesem Grund erachten wir
ein Abkommen zwischen Israel und Syrien als
Schlüssel zu einem umfassenden Frieden. Unsere
Vision ist einfach: Einerseits ein sicheres Israel, das
in Frieden mit allen arabischen und islamischen
Staaten guten Willens lebt, andererseits eine arabische Welt, die ihre Ressourcen der Wirtschaftsentwicklung und den Bedürfnisse ihres Volkes
zukommen lassen kann.

Die Neudefinierung des Nahen Ostens von einer
Zone kontinuierlicher Konflikte zu einer, die Versöhnung verbreitet, ist die Chance, die wir ergreifen
müssen. Und diese Chance müssen wir vor den
Feinden des Friedens schützen. Die jüngste Welle
des Terrors gegen Israel wurde von verzweifelten
Kräften ausgelöst, die wissen, daß ihr Extremismus
in einer Region auf dem Weg zum Frieden keine
Zukunft hat. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, ein
Nachhutgefecht der Gewalt zu kämpfen, das darauf
ausgerichtet ist, den Nahen Osten erneut in eine
tragische Vergangenheit der Angst und des Konflikts
zu stürzen.

Wir machen dramatische Fortschritte zu einem
umfassenden Frieden. Mit amerikanischer Förderung haben Marokko und Tunesien im vergangenen
Monat offiziell Kontakte zu Israel aufgenommen.
Und bei einem Gespräch mit mir bei den Vereinten
Nationen haben Saudi-Arabien und die anderen
Staaten des Golfkooperationsrats ein Ende des
sekundären und tertiären Boykotts von Firmen
bekanntgegeben, die mit Israel handeln. Dies
eröffnet sowohl für Israel als auch für die amerikanischen Unternehmer enorme Handels- und Investitionschancen. Wir hoffen, den ganzen Boykott
schon sehr bald in die Geschichtsbücher verbannt
zu sehen.

Die internationale Staatengemeinschaft muß den
Terror der Hamas, Hisbollah und anderer Extremisten
ablehnen. Die scharfe Verurteilung des Terrors,
insbesondere seitens der arabischen Nachbarn
Israels, ist ein unerläßlicher Ausgangspunkt. Aber
Verurteilung ist nicht genug. Eine echte Strafe muß
verhängt werden. Wir müssen gemeinsam alle
ausländischen Finanzquellen für Terroranschläge sowohl öffentliche als auch private - unterbinden. Im
Ausland angesiedelte Frontorganisationen, die mit
Terrorismus in Verbindung stehen, müssen zerschlagen werden.
Und die Organisatoren und
Ausführenden von Terroranschlägen müssen bestraft
werden.

In der nächsten Woche werden in Casablanca die
Fortschritte im Nahen Osten zu einer neuen Zukunft
einen Sprung nach vorne machen, wenn der marokkanische König Hassan die Gipfelkonferenz über
den Nahen Osten und Nordafrika einberuft. Ebenso
wie Madrid das Tabu politischer Kontakte zwischen
Israel und den Arabern gebrochen hat, wird Casablanca das Tabu über die Zusammenarbeit im
Privatsektor brechen.

Das ist der Kurs, von dem wir die Regierungen im
Nahen Osten und weltweit überzeugen wollen. Und
das ist der Kurs, den wir verfolgen werden. Wir
werden alles in unserer Macht Stehende tun - und
gegebenenfalls rechtliche Unterstützung suchen - um
sicherzustellen, daß die Hamas und andere Terroristen keine Unterstützung aus den Vereinigten Staaten erhalten.

Unsere Botschaft wird unmißverständlich sein: Der
Nahe Osten ist für Unternehmen offen. Durch
Investitionen, Handel und Gemeinschaftsunternehmen kann die Privatwirtschaft Bande knüpfen, die
den Frieden zwischen Regierungen in einen Frieden
zwischen Menschen umwandeln. Nur ein pulsierender Privatsektor kann das Wachstum herbeiführen
und die Integration vornehmen, die zur Untermauerung eines dauerhaften Friedens erforderlich sind.
Ich freue mich, daß amerikanische Unternehmen in
Casablanca vertreten und bereit sein werden, die
enormen neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auch die
Regierungen müssen ihren Beitrag leisten. Sie
müssen Wirtschaftsbarrieren abbauen und die
Infrastruktur aufbauen, die den Nahen Osten auf den
Land- und Luftweg sowie per Fax und Mikrochip
verbindet.

Seite 4

Wir werden ihren Erfolg nicht zulassen.

Natürlich können radikale Gruppen ihre Greueltaten
nicht fortsetzen ohne die Unterstützung reaktionärer
Staaten. Iran und Irak sind nach wie vor die gefährlichsten Akteure der Region. Mit ihrer Politik der
doppelten Eindämmung führen die Vereinigten
Staaten die Welt bei der Bekämpfung der Bedrohung
an, die diese beiden Länder darstellen.
Iran ist der bedeutendste staatliche Förderer von
Terrorismus und der vehementeste Gegner des
Friedens im Nahen Osten. Die internationale Staatengemeinschaft war viel zu tolerant gegenüber dem
verachtenswerten Verhalten des Iran. Waffenverkäufe und wirtschaftliche Präferenzbehandlung, die
dem Iran die Umleitung seiner Ressourcen für
terroristische Zwecke erleichtern, sollten verboten
werden. Es gibt erdrückende Beweise: Der Iran hat
die Absicht, Terror und Extremismus im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 44

�und darüber hinaus zu verbreiten. Nur konzertierte
internationale Bestrebungen können das Land
aufhalten.
In jüngster Zeit hat der verbrecherische Staat Irak
unsere Entschlossenheit auf die Probe gestellt, und
wir haben den Test bestanden. In einem in erschreckender Weise dem vor der Invasion Kuwaits
im Jahr 1990 gleichenden Szenario bewegte Saddam Hussein Truppen an die kuwaitische Grenze.
Binnen Stunden dislozierte Präsident Clinton amerikanische Streitkräfte nach Kuwait. Saddam hat die
Botschaft erhalten, abrupt haltgemacht und die
Truppen zurückgezogen.
Unter amerikanischer Führung verabschiedete der
UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution mit der
Forderung, daß Saddam Hussein seine in den
Süden verlegten Truppen abzieht. Dadurch wurden
zukünftige Aktionen Saddam Husseins zur Verstärkung seiner dort stationierten Streitkräfte verhindert. Und Saddam Hussein wurde gewarnt, nie
wieder seine Nachbarn oder UN-Operation im Irak
zu bedrohen.
Saddam hat sich als Wiederholungstäter erwiesen,
dem weder international noch in der arabischen Welt
getraut wird. Wir haben ihn wissen lassen, daß
jeder Wiederholung seiner jüngsten Bedrohungen
mit allen erforderlichen Mitteln begegnet wird,
einschließlich militärischer Macht.
Das irakische Volk sollte verstehen, daß allein
Saddam Husseins brutales Regime für sein Leiden
verantwortlich ist. Saddam hat weiterhin die Ressourcen des Irak für militärische Unternehmen
verschwendet.
Er hat sich geweigert, die UNResolutionen zu nutzen, die eine Erfüllung der
humanitären Bedürfnisse gestattet hätten. Saddam

*

AMERIKA DIENST 44

Hussein wird die Vereinten Nationen nicht dahingehend einschüchtern, die Sanktionen aufzuheben. Er
weiß, daß die Sanktionen nur gelockert werden
können, wenn der Irak alle entsprechende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vollständig einhält. Aber
das ist der einzige Ansatz, den er nicht versucht hat.
Saddam Husseins kontinuierliche Aggression und die
jüngste Terrorkampagne der Hamas unterstreichen
die Tatsache, daß die Kräfte des Hasses und Extremismus im Nahen Osten immer noch am Werk
sind. Wir werden jedoch nicht zulassen, daß ihre
Gewalt uns für den sich in der Region abzeichnenden
Lauf der Geschichte blind macht.
Erstaunliche
Veränderungen vollziehen sich. Während sich dieses
Jahrhundert seinem Ende zuneigt, stehen Araber und
Israelis an der Schwelle zu einer neuen Zukunft einer Zukunft der Hoffnung und des Friedens, nicht
der Verzweiflung und des Krieges.
Die Führungsrolle, Macht und Diplomatie der Vereinigten Staaten war über Administrationen beider
Parteien unerläßlich, um uns zu diesem vielversprechenden Augenblick zu bringen. Wenn die
Vereinigten Staaten nichts unternommen hätten,
könnten die irakischen Streitkräfte wieder in Kuwait
sein, Nordkorea würde den Bau von Nuklearwaffen
fortsetzen und die Haitianer würden immer noch unter
den Militärdiktatoren leiden. Unsere jüngsten Leistungen führen uns vor Augen, daß nur die Vereinigten
Staaten die strategische Vision und die globalen
Fähigkeiten zu einer Führungsrolle haben.
Und die amerikanische Führungsrolle ist mehr denn
je entscheidend um sicherzustellen, daß das Versprechen des Friedens Realität wird. Wir können und wollen - nicht zulassen, daß die Kräfte der
Vergangenheit diese historische Chance zerstören.
Die Dynamik für den Frieden muß bewahrt werden.

* * *

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK
9. November 1994

ZWEI HERAUSFORDERUNGEN NACH DEM KALTEN
KRIEG: NORDKOREA UND SADDAM HUSSEIN
Eine Analyse von CIA-Direktor Woolsey
PITTSBURGH - (AD) - In einer Rede vor dem World Affairs Council von Pittsburgh umriß der Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA, James Woolsey, die Dimensionen der zwei "großen Herausforderungen", mit denen sich die Welt in der Zeit nach dem Kalten Krieg konfrontiert sieht: Nordkorea und das
Nuklearprogramm des Landes, das Nuklearprogramm des Irak und Saddam Husseins militärische Manöver.
Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge aus Woolseys Analyse.

Das von den Vereinigten Staaten und Nordkorea am
21. Oktober 1994 unterzeichnete Abkommen beseitigt das Problem des nordkoreanischen Nuklearprogramms nicht sofort. Es bietet jedoch einen
Rahmen, um mit der Zeit eine Lösung dieses Problems herbeizuführen, und der Nachrichtendienst hat
eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Verhandlungen gespielt.
Unsere Analyse Nordkoreas ist nicht auf das Nuklearprogramm des Landes begrenzt, sondern umfaßt
auch sein politisches, wirtschaftliches und militärisches Vorgehen. Nordkorea steht für ideologische
Starre, wirtschaftlichen Zerfall und militärische
Macht, wobei alle drei Faktoren in keinem Verhältnis
zu legitimen Sicherheitserfordernissen stehen.
Als Kim II Sung - das einzige Staatsoberhaupt, das
Korea je hatte - am 8. Juli einem Herzinfarkt erlag,
wurde sein Sohn, Kim Chong II, sein Nachfolger,
obwohl er noch nicht offiziell zum Präsidenten oder
Vorsitzenden der Koreanischen Arbeiterpartei
ernannt worden ist. Kim Chong hat seine Absicht
bekundet, den Sozialismus zu erhalten und nach
dem Tod seines Vaters verschärfte Indoktrination
angeordnet. Darüber hinaus ist Kim Chong II bisher
wenig geneigt, die sich verschlechternde Volkswirtschaft in Angriff zu nehmen oder die Verteidigungsausgaben drastisch zu senken, die nahezu 25
Prozent des nordkoreanischen Bruttosozialprodukts
(BSP) verschlingen.
Die nordkoreanische Volkswirtschaft steht in der Tat
kurz vor dem Zusammenbruch. Das BSP ist seit
1989 um nahezu 15 Prozent geschrumpft. Der
Handel mit Rußland - seit jeher Nordkoreas wichtigster Handelspartner - ist russischen Statistiken

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zufolge zwischen 1989 und 1992 um fast 90 Prozent
gesunken, und der Handel mit China ging allein in
der ersten Hälfte dieses Jahres um 24 Prozent
zurück.
Nordkorea ist fest entschlossen, sich nicht vom
Süden einverleiben zu lassen, wie Ostdeutschland
von der Bundesrepublik Deutschland übernommen
wurde. Tatsächlich wurde in öffentlichen Erklärungen
Nordkoreas seit 1988 stets 1995 - oder spätestens
das Ende des Jahrzehnts - als Nordkoreas Termin für
die Vereinigung genannt, allerdings zu den Bedingungen Nordkoreas. Die Position des Landes wird durch
die großzügigen Ausgaben für die nordkoreanischen
Streitkräfte widergespiegelt. Seit Anfang der achtziger Jahre hat Nordkorea enorme Ressourcen zur
Erhöhung von Umfang, Feuerkraft und Mobilität
seines Militärs aufgewandt. Die 947.000 Soldaten
starke Armee des Nordens - verglichen mit 600.000
im Jahr 1980 - ist die viertgrößte der Welt. Zwei
Drittel der Bodentruppen sind 60 Meilen von der
entmilitarisierten Zone entfernt stationiert. Ich möchte
damit nicht andeuten, daß Nordkorea zwangsläufig in
diesem oder dem kommenden Jahr einen Krieg
gegen Südkorea beginnen will, aber angesichts von
Umfang, Zusammensetzung und Stationierung der
nordkoreanischen Streitkräfte müssen wir die Rhetorik des Landes ernstnehmen.
Unsere Besorgnis erstreckt sich nicht nur auf die
Stationierung des nordkoreanischen Militärs auf der
Halbinsel, sondern auch auf die Dislozierung der
ballistischen Raketen. Eine Rakete mit einer Reichweite von 1.000 Kilometern wurde im vergangenen
Jahr flugerprobt und kann - sobald sie entwickelt und
stationiert ist - mit nuklearen, chemischen oder
biologischen Gefechtsköpfen bestückt werden. Die

Seite 1

�Nordkoreaner entwickeln zwei zusätzliche Raketen
mit einer sehr viel größeren Reichweite als 1.000
Kilometer.
Diese Raketen wurden noch nicht
erprobt, aber mit ihrer längeren Reichweite könnten
sie eine Gefahr für ganz Nordostasien, Südostasien,
einen Großteil des Pazifiks und sogar den größten
Teil Rußlands darstellen. Das nordkoreanische
Raketenprogramm ist an sich kein eindeutiger
Beweis, daß Nordkorea eine ICBM-Fähigkeit entwikkeln will. Aber wenn jemand ein Programm zur
Entwicklung einer solchen Fähigkeit entwerfen
würde, wäre die Produktion und Erprobung mehrerer
Mittelstreckenraketen ein entscheidender Schritt.
Saddams Ziele sind klar.
Erstens will Saddam seine Macht über den gesamten Irak wiederherstellen. Er möchte die Befugnis
der Vereinten Nationen sowie die Inspektionen in
seinem Land und die gegen den Irak verhängten
Sanktionen untergraben, die Flugverbotszone
abschaffen und die Opposition gegen seine Herrschaft aus dem Norden und Süden schwächen. Im
Norden setzt sein Regime die Wirtschaftsblockade
gegen die kurdisch kontrollierten Gebiete fort.
Darüber hinaus schüchtern seine Streitkräfte die
Mitarbeiter der UN und privater Hilfsorganisationen
weiterhin ein und greifen sie an. Irakische Agenten
wurden zur Sammlung von nachrichtendienstlichen
Erkenntnissen und Durchführung von Operationen
gegen die Mitarbeiter der Organisationen und
Koalitionstruppen in den Nordirak eingeschleust. Im
Süden werden die Schia nach wie vor von der
Regierung unterdrückt. Im Rahmen dieser Bestrebungen hat das Regime riesige - aus dem All
deutlich sichtbare - Kanäle gebaut, um die großen
Marschen von Euphrat und Tigris trockenzulegen.
Zehntausende in diesen Marschen lebende Araber
wurden aus ihren Häusern vertrieben und Hunderte
Dörfer und Städte zerstört, ganz zu schweigen von
der ökologischen Katastrophe, die damit für ein über
ein Jahrtausend lang unberührtes Ökosystem
ausgelöst wurde.
Zweitens will Saddam Hussein seine Streitkräfte
ebenso wiederaufbauen wie seine Fähigkeit zur
Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Der
Irak ist im Besitz von über 2.000 Panzern und 300
Kampfflugzeugen - der größten Streitmacht in der
Golfregion. Darüber hinaus verfügt der Irak über die
größte Anzahl wissenschaftlicher und technischer
Fachleute in der arabischen Welt - allein 7.000
Atomwissenschaftler und Ingenieure. Die Sanktionen haben ihren Spielraum zur Entwicklung solcher
Waffenfähigkeiten eingeschränkt. Aber selbst angesichts dieser Restriktionen und selbst wenn Saddam
*

Seite 2

Hussein Resolution 715 des UN-Sicherheitsrats über
die ständige Überwachung seiner Programme für
Massenvernichtungswaffen annimmt, hält sein
Regime immer noch SCUD-Raketen, chemische
Munition und das gesamte Programm zur biologischen Kriegführung versteckt.
Saddam Husseins drittes Ziel besteht darin, den Irak
zur beherrschenden Macht in der Region zu machen.
Seine Aktionen und Aussagen nach der von ihm
1991 erlittenen verheerenden Niederlage belegen
eindeutig, daß er alles andere als ein reumütiger
Sünder ist. Vor dem letzten Zwischenfall war es an
der irakisch-kuwaitischen Grenze nicht immer ruhig.
Saddams Streitkräfte haben die dort stationierten UNBeobachter weiterhin schikaniert. Er hat die Anerkennung der Grenzen und der Souveränität Kuwaits
in Aussicht gestellt, aber im Gegenzug verlangt, daß
die Vereinten Nationen einen endgültigen Zeitplan für
die Aufhebung der Sanktionen festsetzen.
Wäre Saddam Hussein bereit gewesen, die Bedürfnisse seines Volkes vor seine persönlichen Ambitionen zu stellen, stünden ihm friedliche Mittel zur
Verfügung. Die Vereinten Nationen boten dem Irak
vorübergehende Erleichterung an, als sie 1991 den
Verkauf einer begrenzten Menge von Öl durch den
Irak zuließen, damit das Land den Kauf von humanitären Hilfsgütern im Wert von fast einer Milliarde
Dollar finanzieren konnte. Die Vereinten Nationen
haben ferner zugestimmt, daß in den türkischen
Pipelines irakisches Öl fließt, was zusätzliche 320
Millionen Dollar an Öleinnahmen bedeutet hätte.
Saddam wollte jedoch nichts davon haben. Er lehnte
beide Angebote ab, weil er entscheiden will, wie das
Geld ausgegeben wird und an wen die Waren
geliefert werden. Statt dessen hat Saddam Hussein
ein umfangreiches Programm zum Bau Dutzender
neuer Paläste für sich im Irak in die Wege geleitet.
Für ihn gab es nur eine Vorgehensweise, dieselbe,
von der sein Verhalten in der Vergangenheit bestimmt war: Kriegerische Rhetorik gekoppelt mit
militärischer Einschüchterung - oder Schlimmeres.
Und so wurden zwei Eliteeinheiten der Republikanischen Garde südwärts an die kuwaitische Grenze
entsandt.
Saddam Hussein hat erklärt, dieses
militärische Manöver sei eine Routineübung. Unsinn.
Die Dislozierung der irakischen Streitkräfte an die
kuwaitische Grenze war die größte Bewegung des
irakischen Militärs seit der Operation Wüstensturm.
Diese Streitkräfte wurden in gleicher Weise wie bei
der Dislozierung vor der irakischen Invasion in Kuwait
im Jahr 1990 verlegt. Sie waren mit Munition ausgerüstet und hatten logistische Unterstützung - es
handelte sich also keinesfalls um ein Manöver.

* * *

*

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�IRAK
9. November 1994

BAGDAD IGNORIERT DIE NOT DER
IRAKISCHEN BEVÖLKERUNG
Ablehnung des Vorschlags der UNO
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Erst am 17. Oktober
1994 wiederholte der Präsident des UN-Sicherheitsrats das Angebot, das Leiden des irakischen Volkes
zu mildern - ein Angebot, das Bagdad weiterhin
ablehnt.
"Die Not der irakischen Bevölkerung ist real, und der
Sicherheitsrat steht dem keineswegs gleichgültig
gegenüber, obwohl das beim irakischen Regime der
Fall ist", teilte der Präsident des UN-Sicherheitsrats,
der britische Botschafter David Hannay, dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten des Irak, Tariq
Aziz, während einer Debatte des Rates mit. "Wir
haben nicht mit dem irakischen Volk, sondern mit
seinen Herrschern Streit, deren Vermächtnis von
Aggression, Niederlage und Unterdrückung einen
schrecklichen Tribut fordern."
"Drei Jahre lang", so Hannay, "haben die Mitglieder
des Sicherheitsrats nach Mitteln und Wegen gesucht, damit durch irakische Ölexporte Nachschub
an Medikamenten und Nahrungsmitteln für diejenigen finanziert werden kann, die ihrer am meisten
bedürfen. Jeder dieser Versuche wurde vom Irak
durchkreuzt...
Heute mache ich dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten des Irak folgendes Angebot: Wenn Sie
die Bestimmungen der Resolutionen 706 und 712
annehmen, wird der Rat sie noch diese Woche
aktualisieren und ihnen neue Wirkung verleihen.
Sollten Sie hierzu jedoch nicht bereit sein, können
Sie nicht länger die Behauptung aufrechterhalten,
das Leiden des irakischen Volkes könne irgend
jemand anderem zur Last gelegt werden als der
Regierung, der Sie angehören."
Das Angebot über den Tausch von Nahrungsmitteln
gegen Erdöl wurde Ende Oktober vom Irak noch
immer abgelehnt. Der seit langer Zeit bestehende
Vorschlag ist das Ergebnis der Sorge des Rates
angesichts der wachsenden Not der Iraker. Er

AMERIKA DIENST 44

wurde 1991 in den Resolutionen 706 und 712 schriftlich dargelegt. Nach sporadischen Verhandlungen
zwischen Vertretern der Vereinten Nationen und des
Irak teilte der Irak der UNO im September 1993 mit,
er sei nicht länger an einer Fortsetzung der Gespräche über den Abschluß von Vereinbarungen zum
Verkauf von Erdöl interessiert.
Der Plan hätte dem Irak den einmaligen Verkauf von
Erdöl im Wert von 1,6 Milliarden Dollar über einen
Zeitraum von einem halben Jahr gestattet, damit das
Land für den Nachschub an dringend benötigten
humanitären Hilfsmitteln und für andere Kriegsschulden zahlen kann. Der Verkauf sollte auf jeder Stufe,
angefangen beim Vertragsabschluß über den Transport, die Erdölumschlagplätze bis zum Kauf und der
Verteilung der Hilfsmittel von den Vereinten Nationen
überwacht werden um sicherzustellen, daß die
Lebensmittel und Medikamente die bedürftigen Iraker
erreichen.
Die vom UN-Sicherheitsrat wenige Tage nach der
Invasion Kuwaits gegen den Irak verhängten strengen
Wirtschaftssanktionen gestatteten dem Irak zu jedem
Zeitpunkt die Einfuhr von Nahrungsmitteln und
Medikamenten. Ferner führen die Vereinten Nationen
seit mehreren Jahren ein behördenübergreifendes
humanitäres Kooperationsprogramm für den Irak im
Wert von 288,5 Millionen Dollar jährlich durch, das
noch bis zum März 1995 fortgesetzt werden soll.
Das Programm erhielt bisher nur etwa 25 Prozent der
benötigten Gelder. Kürzlich fand in Genf ein Treffen
der Geberländer statt, bei dem über die Arbeit
berichtet und um Beiträge gebeten wurde.
Von April bis September 1994 verteilten die UNOrganisationen Versorgungsgüter im Wert von 40,6
Millionen Dollar, die Hälfte davon Nahrungsmittel.
Ferner dienten 23 Prozent der Hilfsleistungen der
öffentlichen Gesundheit, 10 Prozent der Trinkwasserversorgung und hygienischen Zwecken, der Rest war
für Landwirtschaft, Bildung und Ausbildung sowie

Seite 1

�Unterbringung vorgesehen. Außerdem bieten die
Vereinten Nationen Schutz für die Konvois und
Angehörigen humanitärer Hilfsdienste in den nördlichen kurdischen Provinzen. Mehr als 40 internationale nichtstaatliche Organisationen sind ebenfalls im
Land tätig und haben im ersten Halbjahr 1994 über
17 Millionen Dollar aufgewandt.
Im Zwischenbericht des UNO-Programms wird
darauf hingewiesen, die vorherrschende Situation im
Irak erfordere "weitere humanitäre Maßnahmen. Im
vergangenen halben Jahr hat sich die Lage im
Bereich der Wirtschaft und der öffentlichen Gesundheit weiter verschlechtert... Sowohl das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) als auch die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) stimmen darin
überein, daß die öffentliche Gesundheit in allen
Teilen des Irak drastisch beeinträchtigt ist. Im Land
besteht ein entscheidender Mangel an lebensrettenden Medikamenten. Das Auftreten von Malaria und
durch Wasser übertragenen Krankheiten häuft sich
beträchtlich."

Kurden Lebensmittel und Gesundheitsfürsorge
vorzuenthalten und für die dem Militär und der Elite
der Baath Partei gewährte Vorzugsbehandlung.
"Das offensichtliche Ungleichgewicht zwischen den
Ausgaben für militärische Zwecke und den für Gesundheitsfürsorge, Bildung und Ausbildung vorgesehenen Ressourcen illustriert eindeutig die von der
irakischen Regierung gesetzten Prioritäten", so van
der Stoel.
1990 gab der Irak 511 Prozent mehr für militärische
Zwecke als für soziale Belange aus. Dem Bericht
des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen
(UNDP) über die menschliche Entwicklung zufolge
waren im Jahr 1987 630 Prozent mehr Menschen im
militärischen als im Bildungssektor beschäftigt. Diese
beiden Prozentzahlen zum Verhältnis militärischer
und sozialer Aufwendungen sind weltweit die höchsten.

Während Vertreter des UNO-Programms keine
Schuldzuweisungen vornehmen, macht der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission
für den Irak die irakische Regierung für die alarmierende humanitäre Situation verantwortlich.

In dem UNDP-Bericht wird ferner festgestellt, daß die
Ausgaben des Irak für öffentliche Gesundheit von
einem Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP) im
Jahr 1960 auf 0,8 Prozent im Jahr 1987 sanken,
während die militärischen Ausgaben von 8,7 Prozent
des BSP 1960 auf 23 Prozent im Jahr 1989 anstiegen.

In seinem Anfang des Jahres der Kommission
vorgelegten Bericht erklärte Max van der Stoel, die
"beunruhigenden" Statistiken "demonstrieren eindeutig den Unwillen der irakischen Regierung, ihren
Verpflichtungen im Hinblick auf die wirtschaftlichen
Rechte ihrer Bevölkerung nachzukommen".

"Mit anderen Worten", so van der Stoel, "zieht der
Irak, insbesondere unter dem sogenannten 'sozialistischen' Programm der herrschenden Elite Waffen der
Nahrungsmittelversorgung und Gesundheitsfürsorge
vor. Angesichts der gegenwärtigen Lage ... wird
diese Präferenz noch stärker."

Van der Stoel stellte fest, die Sanktionen "hatten
zweifelsohne nachteilige Auswirkungen auf das
allgemeine Wohlergehen", äußerte aber auch, "es ist
ebenso klar, daß die irakische Regierung für das
derzeitige Leiden verantwortlich ist, da allein die
Regierung die erforderlichen Schritte unternehmen
kann, um alle für eine Aufhebung der Sanktionen
nötigen Bedingungen zu erfüllen".

Im Norden des Landes hat das interne Embargo
Bagdads zu einer vollständigen Abhängigkeit der
Kurden von den Vereinten Nationen bei ihren kleinen
Rationen von Medikamenten, Nahrungsmitteln und
Heizöl geführt.
Die Lage wurde noch dadurch
verschlimmert, daß die Regierung Dörfer und Ackerland bombardierte und dadurch das Anpflanzen von
Getreide vereitelte oder die Ernte zerstörte.

"Ferner ist die irakische Regierung zur Vereinfachung der Verteilung von humanitären Hilfsgütern
durch Zusammenarbeit gemäß Resolution 688 des
Sicherheitsrats in der Lage", in der die Bedingungen
für den Waffenstillstand dargelegt sind, sowie durch
Nutzung der Vorteile des Verkaufs von Erdöl gegen
Nahrungsmittel.

Zusätzlich zu der rüden Behandlung der kurdischen
Landwirte verhindert das irakische Regime auch, daß
die vertriebenen irakischen Landwirte im Süden mehr
als 71 Millionen irakische Dinare für ihr Land erhalten.

Der Menschenrechtsberichterstatter machte die
irakische Regierung für die ungerechte Verteilung
von Nahrungsmitteln verantwortlich sowie für die
"diskriminierende" Politik, der schiitischen Bevölkerung in den südlichen Sumpfgebieten und den

Seite 2

Kuwait stimmte einem Plan der Vereinten Nationen
zur Entschädigung irakischer Bürger zu, die nach der
offiziellen Demarkation der Grenzlinie auf der kuwaitischen Seite der Grenze in den Gebieten um Umm
Quasr und Al-Abdaly endeten. Die irakischen Bürger,
die nach Abschluß der Ernte im Februar 1994 nicht
in Kuwait bleiben durften, sollten aufgrund der

AMERIKA DIENST 44

�Veranlagung eines von den Vereinten Nationen
ausgewählten neutralen Gremiums für ihren Privatbesitz und ihr Vermögen eine Entschädigung erhalten.
Das Geld sollte an den einzelnen, nicht an die
Regierung gezahlt werden. Der Irak erlaubte seinen
Bürgern jedoch nicht, dieses Geld anzunehmen,
weshalb es einem von der UNO für die Landwirte
vorgesehenen Treuhandfonds zufloß.

*

AMERIKA DIENST 44

Der Sicherheitsrat überprüft alle zwei Monate, ob der
Irak die von den Vereinten Nationen für einen Waffenstillstand festgesetzten Bedingungen einhält, um
eine Entscheidung über die eventuelle Aufhebung der
Sanktionen treffen zu können. Mehr als drei Jahre
nach Festsetzung der Waffenstillstandsbedingungen
finden jedoch nur äußerst langsame Fortschritte statt,
die immer wieder von Rückschlägen begleitet werden.

* * * *

Seite 3

�WIRTSCHAFT
9. November 1994

WARUM DAS HAUSHALTSDEFIZIT? DER FINANZIELLE
'KATER' AUS DEN ACHTZIGER JAHREN
von Finanzminister Lloyd Bentsen
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Finanzminister Lloyd Bentsen, der erstmals in The Wall Street
Journal erschien. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Wall Street
Journal, (c) 1994 Dow Jones &amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Von manchen wird behauptet, das fortbestehende
Haushaltsdefizit beweise, daß die Regierung immer
einen unkontrollierten Appetit hat: Irgend etwas in
Washington - vielleicht das Trinkwasser - zwinge den
Kongreß und den Präsidenten immer wieder, die
staatlichen Ausgaben über Gebühr zu erhöhen.
Wenn ich aber untersuche, woher das Defizit
stammt, sehe ich, daß solche Behauptungen nicht
der Wahrheit entsprechen.
Unser derzeitiges Haushaltsdefizit ist eine Spätfolge
der übermäßigen Staatsverschuldung der achtziger
Jahre. Wenn wir seit 1981 einen ausgeglichenen
Haushalt gehabt hätten, gäbe es jetzt kein Defizit.
Betrachten wir uns beispielsweise unsere Planung
für das laufende Haushaltsjahr. Im Rechnungsjahr
1995 wird die Bundesregierung schätzungsweise
1,345 Billiarden Dollar - oder 19 Prozent des nationalen Einkommens - in Form von Steuern einnehmen. Sie wird insgesamt 1,297 Billiarden Dollar oder 18 Prozent des nationalen Einkommens ausgeben. Die Bundesregierung nimmt also 57
Billionen Dollar mehr ein, als sie für alle Programme
ausgibt - von sozialer Sicherheit und Medicare bis
zum FBI, von der Arbeitslosenunterstützung bis zur
Air Force.
Warum haben wir dann ein Haushaltsdefizit?
Warum verzeichnen wir nicht einen Überschuß von
57 Billionen Dollar? Weil substantielle Programme
nicht das einzige sind, wofür das Finanzministerium
zahlen muß. Wir müssen außerdem für die anstehenden Zinsen der Staatsverschuldung aufkommen.

AMERIKA DIENST 44

Nach Präsident Carters letztem Haushalt, dem
Rechnungsjahr 1981, belief sich die gesamte Staatsverschuldung auf 785 Billionen Dollar. Dies sind
noch ausstehende Forderungen - jedes Mal, wenn wir
für eine der Schuldverschreibungen zahlten, die vom
Ende des Rechnungsjahres 1981 noch ausstanden,
haben wir dieses Geld durch erneute Kreditaufnahme
aufgebracht. Im Haushaltsjahr 1995 werden wir 51
Billionen Dollar an Zinsen für diesen Teil unserer
Staatsverschuldung aufbringen, der noch aus den
Etats der achtziger Jahre stammt.
Wenn die vor 1981 gemachten Schulden unsere
einzigen Staatsschulden gewesen wären - und wenn
wir in den achtziger Jahren einen ausgeglichenen
Haushalt gehabt hätten, wäre das auch der Fall
gewesen - hätten wir immer noch einen Überschuß
zu verzeichnen: Die 57 Billionen Dollar überschüssiger Einnahmen würden ausreichen, um die Zinsen für
die vor 1981 gemachten Schulden zu zahlen - und es
blieben noch 6 Billionen Dollar übrig.
Zusätzlich zu den am Ende des Haushaltsjahrs 1981
ausstehenden Schulden in Höhe von 785 Billionen
Dollar wurden seitdem 2,648 Billiarden neuer Schulden gemacht. Für diese seit 1981 aufgenommenen
Gelder müssen wir im laufenden Haushaltsjahr
Zinsen in Höhe von 174 Billionen Dollar - also mehr
als die Summe unseres gesamten prognostizierten
Haushaltsdefizits von 167 Billionen Dollar - zahlen.
Da die noch aus den achtziger Jahren herrührenden
Zinsen das Haushaltsdefizit dieses Jahres übersteigen, sehe ich mich zu der Äußerung veranlaßt,
daß unser derzeitiges Defizit nicht das Ergebnis eines
der Regierung eigenen und überall verbreiteten
unkontrollierten Appetits ist. Vielmehr ist unser Defizit

Seite 1

�die Folge einer staatlichen Ausgabenpolitik, die seit
Ende des Haushaltsjahres 1981 zu 2,665 Billiarden
Dollar Staatsschulden führte.
In den achtziger Jahren begaben wir uns auf eine
nationale Sauftour - wir senkten im ganzen Land die
Steuern und erhöhten die Verteidigungsausgaben,
ohne für eine langfristige finanzielle Stabilität der
Regierung Sorge zu tragen. Jetzt leiden wir unter
einem nationalen 'Kater' - Schulden in Höhe von
2,665 Billiarden Dollar mit jährlichen Zinszahlungen
von 174 Billionen Dollar und Kopfschmerzen wegen
des diesjährigen Haushaltsdefizits von 167 Billionen
Dollar.
Das waren ein beträchtliches Saufgelage, ein ganz
schöner 'Kater' und - zumindest für den Finanzminister - ziemliche Kopfschmerzen angesichts dieses
Defizits.
Wir befinden uns aber nicht länger auf Sauftour - die
Einnahmen reichen zur Deckung der Ausgaben
vollkommen aus. Wir haben aber immer noch einen
'Kater' und Kopfschmerzen. Was sollten wir gegen
die Kopfschmerzen - das verbleibende Haushaltsdefizit - unternehmen?
Einige Politiker favorisieren die Ansicht, man vertreibe seinen 'Kater' am besten mit einem Schluck
Alkohol - einer weiteren Runde unbegründeter
Steuersenkungen und Erhöhung der Verteidigungsausgaben in der Annahme, was Anfang der achtziger Jahre gut gewesen sei, wäre vielleicht auch
Ende der neunziger Jahre ein gutes Mittel gegen
unseren 'Kater'. Das kann ich jedoch nicht empfehlen. Wenn wir das versuchen würden, hätte ich
schon jetzt Mitleid mit demjenigen, der in zehn
Jahren Finanzminister wäre. Dieser Politiker hätte
dann mit fünfmal so starken Kopfschmerzen aufgrund von Verschuldung und Defizit zu kämpfen wie
ich heute.
Ich würde empfehlen, daß wir ein Aspirin nehmen
und uns an die Arbeit machen. Und genau dazu hat
uns Präsident Clinton in seinem Plan über den
Abbau des Haushaltsdefizits aus dem Jahr 1993
aufgefordert.
*

Seite 2

*

Es geht uns schon viel besser. Vergangene Woche
haben die Direktorin unserer Haushaltsbehörde, Alice
Rivlin, und ich den Schlußbericht unserer beiden
Behörden über das Defizit im Haushaltsjahr 1994 dem Zeitraum vom 1. Oktober 1993 bis zum 30.
September dieses Jahres - vorgelegt. Das Haushaltsdefizit ist auf 203 Billionen gesunken.
Bei der Amtsübernahme Präsident Clintons prognostizierten wir, das Defizit würde - falls die Administration nichts dagegen unternähme - im Haushaltsjahr
1994 302 Billionen Dollar betragen. Es sind außerordentlich gute Neuigkeiten, daß wir - unter der
Führung des Präsidenten bei der Senkung der
Ausgaben, angesichts der positiven Reaktion der
Wirtschaft auf den Plan des Präsidenten und Glück
bei einigen 'technischen' Angelegenheiten in bezug
auf die Ausgaben - ein Haushaltsdefizit für 1994
haben, das nahezu 100 Billionen geringer ist als
befürchtet. Und es sind außerordentlich gute Neuigkeiten, daß wir aufgrund des Programms des Präsidenten zum Abbau des Haushaltsdefizits jetzt für das
laufende Haushaltsjahr ein Defizit von ungefähr 167
Billionen Dollar oder 2,4 Prozent des gesamten
nationalen Einkommens prognostizieren - halb so viel
wie das 92iger Defizit in Höhe von 4,9 Prozent des
Volkseinkommens der Vereinigten Staaten.
In den vergangenen fünf Jahren wurden zwei wesentliche Programme für den Abbau des Haushaltsdefizits
umgesetzt - 1990 unter Präsident Bush, der wirklichen Mut zeigte, als er die langfristige Gesundheit
der amerikanischen Wirtschaft über seine eigene
politische Karriere stellte - und 1993 unter der Führung Präsident Clintons.
Während wir unsere Arbeit erledigen, dürfen wir nie
vergessen, daß der Grund für unsere heutigen
Kopfschmerzen nicht unser derzeitiges Handeln bei
der staatlichen Einnahmen- und Ausgabenpolitik ist,
sondern die Tatsache, daß wir während des vergangenen Jahrzehnts wirklich einen über den Durst
getrunken haben.

*

*

AMERIKA DIENST 44

�PORTRAT
9. November 1994

Charles E. Redman
Porträt des neuen US-Botschafters in Bonn
BONN - (AD) - Charles E. Redman, Karrierediplomat
im höheren Auswärtigen Dienst, wurde am 13.
September 1994 von Präsident Clinton zum Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland nominiert. Am 28. September
1994 wurde er vom Senat bestätigt und am 7.
Oktober 1994 von Außenminister Warren Christopher vereidigt.
Von August 1993 bis zu seiner Ernennung zum
amerikanischen Botschafter in Deutschland war
Redman als Sonderbotschafter für das ehemalige
Jugoslawien tätig. Davor diente er als Außerordentlicher Geschäftsträger im haitianischen Port-auPrince. Von 1989 bis 1992 war Redman Botschafter
der Vereinigten Staaten in Schweden. Vor seiner
Amtszeit in Schweden hatte er von 1985 bis 1989 im
US-Außenministerium das Amt eines Abteilungsleiters für öffentliche Angelegenheiten sowie des
Sprechers inne.

Charles Redman trat im Jahr 1974 in den Auswärtigen Dienst ein und hatte Positionen in der Amerikanischen Botschaft in Paris, im Büro des NATO-Generalsekretärs in Brüssel sowie in der US-Botschaft in
Algier inne. In Washington war er unter anderem im
Lagezentrum des Außenministeriums tätig und leitete
in der Abteilung für europäische und kanadische
Angelegenheiten des Außenministeriums das Büro für
regionale politisch-militärische
Angelegenheiten
(NATO).
Redman wurde am 24. Dezember 1943 in Waukegan
(Illinois) geboren. 1966 erwarb er an der U.S. Air
Force Academy den Titel eines Bachelor of Science
und 1968 an der Harvard University den Magister in
Staatswissenschaft. Von 1966 bis 1974 diente er in
der US-Luftwaffe und hat jetzt den Rang eines Oberst
der Reserve. Er ist mit Eileen geb. Kowal verheiratet
und hat drei Töchter, Melissa (15), Vanessa (13) und
Christina (11).

* * * *

AMERIKA DIENST 44

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Seite 1

�PORTRAT
9. November 1994

J. D. Bindenagel
Gesandter der Bonner US-Botschaft
BONN - (AD) - J. D. Bindenagel, Karrierediplomat im
höheren Auswärtigen Dienst, trat im August 1994
sein Amt als Gesandter der Amerikanischen Botschaft in Deutschland an.
Vor Übernahme dieser Position war er Direktor der
Abteilung für mitteleuropäische Angelegenheiten im
US-Außenministerium und in dieser Eigenschaft
verantwortlich für die bilateralen Beziehungen der
Vereinigten Staaten zu Deutschland, Österreich und
der Schweiz.
Bindenagel war in Deutschland dreimal für das USAußenministerium tätig, zuletzt als Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik in Berlin - zur Zeit
der demokratischen Revolution in Ostdeutschland,
des Falls der Berliner Mauer, der deutschen Wirtschafts- und Währungsunion, freier Wahlen und der
Vereinigung Deutschlands (1989-90).
In Deutschland war Bindenagel darüber hinaus als
Leiter der Abteilung für Innenpolitik in der Bonner
US-Botschaft (1983-86), als Wirtschaftsbeamter in
der Abteilung für mitteleuropäische Angelegenheiten
im US-Außenministerium (1980-83) und als amerikanischer Konsul in Bremen (1977-79) tätig. Vor
seinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten war Bindenagel als Offizier der USArmee in Würzburg stationiert (1972-74).

Als Congressional Fellow des amerikanischen Politologenverbandes war Bindenagel von 1987-88 Mitarbeiter des Kongreßabgeordneten Lee H. Hamilton,
der bei der Gründung der Studiengruppe Deutschland
des Kongresses deren Vorsitzender war.
Ferner hatte er in der freien Wirtschaft den vom
Außenministerium geförderten Posten eines Direktors
für internationale Beziehungen zwischen Regierung
und Wirtschaft bei Rockwell International inne (199192). 1991 war Bindenagel Leiter des Referats für
Entwicklungsländer und Handelsorganisationen in der
Abteilung für wirtschaftliche und unternehmerische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Als das
Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten
Staaten und Kanada 1988-89 im Kongreß debattiert
wurde, war er als geschäftsführender Direktor für
kanadische Angelegenheiten im Außenministerium
tätig. Davor war Bindenagel leitender Beamter im
Krisenstab des Au ßenministeriums sowie Wirtschaftsbeamter in Seoul.
Bindenagel wurde am 30. Juni 1949 in Huron (South
Dakota) geboren. Er erwarb 1971 an der University
of Illinois (Urbana) den Titel eines Bachelor of Arts
und 1977 an dieser Universität den Magister in
Verwaltungswissenschaften. Er ist mit Jean Bindenagel verheiratet und hat zwei Kinder. J.D. Bindenagel
spricht Deutsch.

* * * *

AMERIKA DIENST 44

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Seite 1

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dynamik für Frieden im Nahen Osten muss bewahrt werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zwei Herausforderungen nach dem Kalten Krieg: Nordkorea und Saddam Hussein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Analyse von CIA-Direktor Woolsey&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Irak&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bagdad ignoriert die Not der irakischen Bevölkerung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ablehnung des Vorschlags der UNO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum das Haushaltsdefizit? Der finanzielle 'Kater' aus den achtziger Jahren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Finanzminister Lloyd Bentsen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Charles E. Redman&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen US-Botschafters in Bonn&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;J.D. Bindenagel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gesandter der Bonner US-Botschaft&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. November 1994

SONDERDIENST

AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG
DER FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM
KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN
STAATEN
Rede von Anthony Lake

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der Georgetown University stellte
Außenminister Warren Christopher am 24. Oktober 1994 fest, der arabisch-israelische Konflikte nähere sich
seinem Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt habe. Gleichzeitig, warnte
der Außenminister, dürfe man den Feinden des Friedens - den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah
sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak - nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Christopher.

Vater O'Donovan, meine Damen und Herren.
Herr Dekan, ich danke Ihnen für die einleitenden
Worte. Es ist mir eine große Ehre, mit einem meiner
verehrten Vorgänger hier sein zu dürfen, einem
Mann, unter dem ich die Ehre hatte, Stellvertretender Außenminister zu sein - Ed Muskie.
Wenige Institutionen haben mehr für die Ausbildung
und Bewährung derjenigen getan, die später außenpolitische Verantwortung getragen haben, als
Georgetown. Da wäre natürlich vor allem Präsident
Clinton zu nennen. Nur in Amerika kann man von
dem hohen Amt eines studentischen Vorsitzenden
des Prüfungsausschusses für Nahrungsmittel von
Georgetown zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte
werden. Auch Professor Madeleine Albright, unsere
ausgezeichnete UN-Botschafterin, hat in Georgetown
studiert. Georgetown hat den Intellekt zahlloser
vergangener und gegenwärtiger Botschafter und
anderer Diplomaten geschult und wird dies auch in
Zukunft tun.
Seit die grausamen Spaltungen des Kalten Krieges
verschwunden sind, hat sich viel auf der Welt
verändert. Die amerikanische Außenpolitik muß sich
nicht länger auf die Eindämmung der Sowjetunion
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten haben eine
neue Chance zum Aufbau einer sichereren und
integrierteren Welt mit offenen Gesellschaften und
offenen Märkten.
Einiges verändert sich jedoch nicht. Vor vier Jahrzehnten hielt Präsident Truman in seinem letzten

AMERIKA DIENST 44

Bericht zur Lage der Nation den unveränderten
Charakter unserer nationalen Zielsetzung fest:
"Umstände ändern sich, und aktuelle Fragen nehmen
häufig unterschiedliche Formen an und werden Jahr
um Jahr komplizierter. Die großen Themen dahinter
lauten jedoch nach wie vor gleich: Wohlstand,
Sozialwesen, Menschenrechte, effektive Demokratie
und vor allem Frieden."
Die außergewöhnlichen Ereignisse der vergangenen
Wochen erinnern uns erneut daran, daß die dauerhaften Interessen unserer Nation unverändert sind.
Dasselbe trifft auf unsere Verpflichtung zu, diese
Interessen durch kontinuierliche und stetige Diplomatie zu verfolgen, gegebenenfalls unterstützt von der
Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt. Diese Art von
Diplomatie strebt keine unmittelbaren Ergebnisse auf
Kosten langfristiger Ziele an. Wie wir in diesem
bemerkenswerten Herbst beobachten konnten,
kommt der Gewinn mit der Zeit.
In Haiti war die triumphale Rückkehr von Präsident
Aristide der Höhepunkt des dreijährigen Engagements zur Wiederherstellung einer demokratischen
Regierung. Als jedes Mittel für eine friedliche Lösung
erschöpft war, mobilisierten wir das Militär. Dank
unserer Bereitschaft, unser Engagement mit dem
Einsatz von Gewalt zu untermauern, konnten wir
unsere anfänglichen Ziele mit einem Maximum an
Geschwindigkeit und einem Minimum an Blutvergießen erreichen. Die Anführer des Putsches haben
das Land verlassen. Die rechtmäßige Regierung ist
wiedereingesetzt. Die Flüchtlinge kehren zurück. Wir
haben Möchtegern-Putschisten eine eindeutige

Seite 1

�T

Botschaft gesandt: Die Demokratie, der Schlüssel
zu Stabilität auf beiden amerikanischen Kontinenten,
kann nicht ohne Strafe gestürzt und den Menschen
nicht gestohlen werden. Ebenso wie andernorts
dürfen wir auch im Falle Haitis nicht selbstzufrieden
sein. Aber wir haben große Fortschritte erzielt.
Unsere entschlossene Diplomatie bei der nordkoreanischen Nuklearfrage hat zu einem Rahmenabkommen geführt, das die seit langem bestehenden
amerikanischen Zielsetzungen voranbringt. Wenn es
umgesetzt ist, wird es Nordostasien vom Gespenst
des nuklearen Rüstungswettlaufs befreien. Während
der 16monatigen Verhandlungen führten wir häufige
Konsultationen mit Südkorea, Japan und der Internationalen Atomenergie-Organisation. Wir haben mit
China, Rußland und anderen Mitgliedern des UNSicherheitsrats zusammengearbeitet und die Androhung von Wirtschaftssanktionen in die Realität
umgesetzt. Die Folge: Ein breit unterstütztes,
verifizierbares Abkommen, das Frieden und Stabilität
in einen Region bewahrt, die für uns von vitalem
Interesse ist.
Die jüngsten Leistungen in Haiti und bei der nordkoreanischen Nukleartrage waren das direkte Ergebnis
der kontinuierlichen Führungsrolle, Koalitionsbildung
und der vom Einsatz von Gewalt unterstützten
Diplomatie der Vereinigten Staaten.
Dieselbe
Zielsetzung und dasselbe Engagement waren das
Merkmal der Politik dieser Administration gegenüber
dem Nahen Osten. Heute möchte ich mich auf die
dramatischen Veränderungen konzentrieren, die sich
in dieser entscheidenden Region vollziehen. Der
arabisch-israelische Konflikt nähert sich seinem
Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Am morgen nach seiner Wahl vor fast zwei Jahren
bekräftige Präsident Clinton die dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er
gelobte, den arabisch-israelischen Friedensprozeß
zu einer seiner obersten Prioritäten zu machen. Und
er setzte eine umfassende Strategie zur Beschleunigung der Fortschritte in die Praxis um.
Diplomatisch haben die Vereinigten Staaten zur
Belebung und Fortsetzung der in Madrid in die Wege
geleiteten Verhandlungen auf der Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
beigetragen. Wirtschaftlich haben wir die internationale Unterstützung für die Grundsatzerklärung
zwischen Israel und der PLO gewonnen, die amerikanisch-israelische-jordanische Wirtschaftskommission gegründet und auf eine Beendigung des arabischen Boykotts gedrängt. Strategisch haben wir
unsere sicherheitspolitischen Verbindungen zu Israel
und unseren wichtigsten arabischen Freunden

Seite 2

gestärkt und ein Bollwerk gegen eine Aggression der
verbrecherischen Regime der Region errichtet,
insbesondere gegen Irak und Iran.
Heute zeitigt diese Strategie historische Ergebnisse.
In 24 Stunden wird der Präsident eine Reise antreten,
die jedes Element dieses Ansatzes verstärken wird.
Erstens wird der Präsident zur Förderung des Friedensprozesses der Unterzeichnung eines uneingeschränkten Friedensvertrags zwischen Israel und
Jordanien als zweitem arabischem Staat beiwohnen.
In Damaskus wird Präsident Clinton versuchen, auf
diese Dynamik durch das Drängen auf Fortschritte
bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien
aufzubauen. Zweitens wird der Präsident im Vorfeld
der Wirtschaftskonferenz von Casablanca Gespräche
mit Israel, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien
führen. Bei dieser Konferenz werden 900 führende
Unternehmer aus Israel, den arabischen Staaten und
der ganzen Welt die durch die Umgestaltung des
Nahen Ostens und Nordafrikas geschaffenen Möglichkeiten sondieren. In Kuwait wird Präsident Clinton
schließlich den amerikanischen Soldaten einen
Besuch abstatten - einem Teil der vor zwei Wochen
zur Abwehr von Saddam Husseins Bedrohung seiner
Nachbarn entsandten Streitmacht.
Während seiner Reise wird der Präsident eine
unmißverständliche Botschaft übermitteln:
Die
Vereinigten Staaten werden alles in ihrer Macht
Stehende tun, um den Aufbau einer neuen Zukunft im
Nahen Osten zu fördern. Wir können den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen. Seite an Seite mit Israel und ihren arabischen Partnern werden die Vereinigten Staaten den
Kurs steuern um sicherzustellen, daß die Kräfte der
Zukunft über die Kräfte der Vergangenheit triumphieren.
Bei der Unterzeichnungszeremonie werden auch
Jordanien und Israel eine Botschaft übermitteln.
König Hussein und Ministerpräsident Rabin haben
sich zum Aufbau eines "kooperativen" Friedens
verpflichtet. Diese beiden mutigen Politiker sind
entschlossen, ihre Grenze zu einem Tor statt einer
Barriere zu machen. In israelischen Zeitungen sieht
man bereits Anzeigen für Rundfahrten zu den großen
historischen Stätten Jordaniens in Petra und Jerash.
Dank der Arbeit der trilateralen amerikanisch-jordanisch-israelischen Koalition
wurden Pläne zur
Entwicklung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte, zur
gemeinsamen Nutzung der Wasservorkommen und
zur Erschließung des Jordantales unterbreitet. Dank
dieser Projekte werden menschliche Kontakte geknüpft und gemeinsame Interessen vereint. Sie
werden einen dauerhaften Frieden konsolidieren.

AMERIKA DIENST 44

�Im vergangenen Jahr hat der Nahe Osten eine
tiefgreitende Umgestaltung begonnen, die meines
Erachtens grundlegend ist. Die Veränderungen
vollzogen sich so rasch und waren so konstant, daß
wir heute vor zwei Jahren scheinbar undenkbare
Entwicklungen als selbstverständlich hinnehmen.
Die Grundsatzerklärung zwischen Israel und der
PLO gewährt über 800.000 Palästinensern in Gaza
und Jericho die Selbstbestimmung. Es wurde ein
Abkommen erzielt, das dem Westjordanland frühzeitig neue Befugnisse verleiht, und für die palästinensischen Wahlen wurden Verhandlungen aufgenommen. Natürlich gibt es noch große Schwierigkeiten.
Aber Yitzhak Rabin, Schimon Peres und Yasser
Arafat sind entschlossen, den Frieden Realität
werden zu lassen.
Wirtschaftliche Entwicklung ist unabdingbar für den
Erfolg der Palästinenser. Die Palästinenser brauchen Beweise, daß der Frieden ihr Leben verbessern wird. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten die Gemeinschaft der Geberländer zur
Unterstützung der palästinensischen Selbstbestimmung mobilisiert. Aus diesem Grund haben wir eng
mit dem PLO-Vorsitzenden Arafat zusammengearbeitet, damit die Projekte beginnen können. Es muß
jedoch noch mehr getan werden, um die Hilfe zu
erleichtern und ihre Wirkung zu maximieren.
Wenn der größte Bedarf der Palästinenser wirtschaftliche Entwicklung ist, so ist die größte sie
konfrontierende Bedrohung die Terrororganisation
Hamas. So sicher wie das Massaker der letzten
Woche gegen die Israelis gerichtet war, sollte es
auch die Hoffnungen der Palästinenser zerschlagen.
Wenn Frieden nur weitere Terroranschläge hervorbringt, kann der Aussöhnungsprozeß nicht aufrechterhalten werden. Mehr als alle anderen werden die
Palästinenser leiden. Es ist unabdingbar, daß Arafat
seiner Verantwortung gerecht wird, den Terror in den
seiner Kontrolle unterstehenden Gebieten auszumerzen. Denselben Mut, den er beim Friedensschluß
an den Tag legte, muß er nun beim Kampf gegen
die Feinde des Friedens zeigen.
Auch die israelisch-syrische Verhandlungsschiene
hat sich im vergangenen Jahr entscheidend verändert. Zum ersten Mal haben diese einst bitteren
Feinde ernsthafte Verhandlungen zur Beendigung
ihres Konflikts aufgenommen. Ich habe unzählige
Stunden in intensiven Gesprächen mit Präsident
Assad und Ministerpräsident Rabin verbracht. Beide
Männer wollen das zentrale Thema einer Lösung
unbedingt ansprechen. Es ist uns gelungen, die
Meinungsverschiedenheiten zu verringern, aber es
bleiben noch wichtige Probleme bestehen.

AMERIKA DIENST 44

Meines Erachtens kommt die Zeit rasch näher, in der
wir schwierige Entscheidungen treffen müssen.
Wenn diese Gespräche Erfolg haben, wenn sie den
"Frieden der Mutigen" hervorbringen sollen, von dem
Präsident Assad spricht, dann muß das Tempo der
derzeitigen Verhandlungen einem mutigeren Ansatz
Platz machen.
Wir sind uns über die damit einhergehenden Risiken
und Kosten im klaren. Für Syrien bedeutet der
Frieden, Jahrzehnte des Mißtrauens zu überwinden
und die auf Konfrontation ausgerichtete Politik zu
beenden. In dem Umfeld eines echten und umfassenden Friedens, in dem es keinen Platz für
Terroristen an Israels Grenzen gibt, blicken wir auch
auf den Tag, an dem sich die Beziehungen zwischen
Syrien und den Vereinigten Staaten verbessern
werden. Für Israel bedeutet der Frieden mit Syrien
schwierige Entscheidungen. Aber die Realität des
Friedens wird unmißverständlich sein: Das Ende des
arabisch-israelischen Konflikts, das Ende der Bedrohung durch einen Krieg und Israels uneingeschränkte Integration in das politische und wirtschaftliche Leben des Nahen Ostens.
Es gibt harte Proben für den Frieden zwischen Israel
und Syrien. Erstens muß es ein echter Frieden sein,
der eine aktive Verpflichtung zur Versöhnung widerspiegelt. Es ist von Bedeutung, daß Präsident Assad
gesagt hat, Syrien habe eine strategische Entscheidung für den Frieden mit Israel getroffen und sei
bereit, seine objektiven Erfordernisse zu erfüllen. Die
Anforderungen eines echten Friedens sind für alle
klar: Ein vereinbarter Rückzug, volle diplomatische
Beziehungen, Grenzen, die den Transfer von Menschen und Waren erleichtern und die Verpflichtung,
sich gegenseitig nie wieder zu bedrohen.
Zweitens muß der Frieden zwischen Israel und Syrien
Sicherheit für beide Seiten bieten. Nach Jahrzehnten
der Feindschaft muß jede Seite den Sicherheitsbelangen der anderen Seite gegenüber aufgeschlossen sein. Falls erforderlich, sind die Vereinigten
Staaten in geeigneter Form zur Beteiligung an den
zwischen den Parteien ausgehandelten Sicherheitsarrangements bereit.
Ich möchte folgenden Punkt unmißverständlich
klarstellen:
Das strategische Engagement der
Vereinigten Staaten für Israel ist unerschütterlich.
Wir wollen Israels qualitativen militärischen Vorteil
und seine Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufrechterhalten. Wie Präsident Clinton versprochen hat,
werden die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die von Israel für den Frieden
einzugehenden Risiken so gering wie möglich zu
halten.

Seite 3

�Schließlich muß der Frieden zwischen Israel und
Syrien den Weg zu einem umfassenden Frieden
ebnen. Ein israelisch-syrisches Abkommen wird
zwangsläufig den Kreis der arabischen Staaten
erweitem, die Frieden mit Israel schließen. Und es
wird das Vertrauen aller stärken, daß der Frieden
dauerhaft sein wird. Aus diesem Grund erachten wir
ein Abkommen zwischen Israel und Syrien als
Schlüssel zu einem umfassenden Frieden. Unsere
Vision ist einfach: Einerseits ein sicheres Israel, das
in Frieden mit allen arabischen und islamischen
Staaten guten Willens lebt, andererseits eine arabische Welt, die ihre Ressourcen der Wirtschaftsentwicklung und den Bedürfnisse ihres Volkes
zukommen lassen kann.

Die Neudefinierung des Nahen Ostens von einer
Zone kontinuierlicher Konflikte zu einer, die Versöhnung verbreitet, ist die Chance, die wir ergreifen
müssen. Und diese Chance müssen wir vor den
Feinden des Friedens schützen. Die jüngste Welle
des Terrors gegen Israel wurde von verzweifelten
Kräften ausgelöst, die wissen, daß ihr Extremismus
in einer Region auf dem Weg zum Frieden keine
Zukunft hat. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, ein
Nachhutgefecht der Gewalt zu kämpfen, das darauf
ausgerichtet ist, den Nahen Osten erneut in eine
tragische Vergangenheit der Angst und des Konflikts
zu stürzen.

Wir machen dramatische Fortschritte zu einem
umfassenden Frieden. Mit amerikanischer Förderung haben Marokko und Tunesien im vergangenen
Monat offiziell Kontakte zu Israel aufgenommen.
Und bei einem Gespräch mit mir bei den Vereinten
Nationen haben Saudi-Arabien und die anderen
Staaten des Golfkooperationsrats ein Ende des
sekundären und tertiären Boykotts von Firmen
bekanntgegeben, die mit Israel handeln. Dies
eröffnet sowohl für Israel als auch für die amerikanischen Unternehmer enorme Handels- und Investitionschancen. Wir hoffen, den ganzen Boykott
schon sehr bald in die Geschichtsbücher verbannt
zu sehen.

Die internationale Staatengemeinschaft muß den
Terror der Hamas, Hisbollah und anderer Extremisten
ablehnen. Die scharfe Verurteilung des Terrors,
insbesondere seitens der arabischen Nachbarn
Israels, ist ein unerläßlicher Ausgangspunkt. Aber
Verurteilung ist nicht genug. Eine echte Strafe muß
verhängt werden. Wir müssen gemeinsam alle
ausländischen Finanzquellen für Terroranschläge sowohl öffentliche als auch private - unterbinden. Im
Ausland angesiedelte Frontorganisationen, die mit
Terrorismus in Verbindung stehen, müssen zerschlagen werden. Und die Organisatoren und
Ausführenden von Terroranschlägen müssen bestraft
werden.

In der nächsten Woche werden in Casablanca die
Fortschritte im Nahen Osten zu einer neuen Zukunft
einen Sprung nach vorne machen, wenn der marokkanische König Hassan die Gipfelkonferenz über
den Nahen Osten und Nordafrika einberuft. Ebenso
wie Madrid das Tabu politischer Kontakte zwischen
Israel und den Arabern gebrochen hat, wird Casablanca das Tabu über die Zusammenarbeit im
Privatsektor brechen.

Das ist der Kurs, von dem wir die Regierungen im
Nahen Osten und weltweit überzeugen wollen. Und
das ist der Kurs, den wir verfolgen werden. Wir
werden alles in unserer Macht Stehende tun - und
gegebenenfalls rechtliche Unterstützung suchen - um
sicherzustellen, daß die Hamas und andere Terroristen keine Unterstützung aus den Vereinigten Staaten erhalten.

Unsere Botschaft wird unmißverständlich sein: Der
Nahe Osten ist für Unternehmen offen. Durch
Investitionen, Handel und Gemeinschaftsunternehmen kann die Privatwirtschaft Bande knüpfen, die
den Frieden zwischen Regierungen in einen Frieden
zwischen Menschen umwandeln. Nur ein pulsierender Privatsektor kann das Wachstum herbeiführen
und die Integration vornehmen, die zur Untermauerung eines dauerhaften Friedens erforderlich sind.
Ich freue mich, daß amerikanische Unternehmen in
Casablanca vertreten und bereit sein werden, die
enormen neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auch die
Regierungen müssen ihren Beitrag leisten. Sie
müssen Wirtschaftsbarrieren abbauen und die
Infrastruktur aufbauen, die den Nahen Osten auf den
Land- und Luftweg sowie per Fax und Mikrochip
verbindet.

Seite 4

Wir werden ihren Erfolg nicht zulassen.

Natürlich können radikale Gruppen ihre Greueltaten
nicht fortsetzen ohne die Unterstützung reaktionärer
Staaten. Iran und Irak sind nach wie vor die gefährlichsten Akteure der Region. Mit ihrer Politik der
doppelten

Eindämmung

führen

die

Vereinigten

Staaten die Welt bei der Bekämpfung der Bedrohung
an, die diese beiden Länder darstellen.
Iran ist der bedeutendste staatliche Förderer von
Terrorismus und der vehementeste Gegner des
Friedens im Nahen Osten. Die internationale Staatengemeinschaft war viel zu tolerant gegenüber dem
verachtenswerten Verhalten des Iran. Waffenverkäufe und wirtschaftliche Präferenzbehandlung, die
dem Iran die Umleitung seiner Ressourcen für
terroristische Zwecke erleichtern, sollten verboten
werden. Es gibt erdrückende Beweise: Der Iran hat
die Absicht, Terror und Extremismus im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 44

�und darüber hinaus zu verbreiten. Nur konzertierte
internationale Bestrebungen können das Land
aufhalten.
In jüngster Zeit hat der verbrecherische Staat Irak
unsere Entschlossenheit auf die Probe gestellt, und
wir haben den Test bestanden. In einem in erschreckender Weise dem vor der Invasion Kuwaits
im Jahr 1990 gleichenden Szenario bewegte Saddam Hussein Truppen an die kuwaitische Grenze.
Binnen Stunden dislozierte Präsident Clinton amerikanische Streitkräfte nach Kuwait. Saddam hat die
Botschaft erhalten, abrupt haltgemacht und die
Truppen zurückgezogen.
Unter amerikanischer Führung verabschiedete der
UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution mit der
Forderung, daß Saddam Hussein seine in den
Süden verlegten Truppen abzieht. Dadurch wurden
zukünftige Aktionen Saddam Husseins zur Verstärkung seiner dort stationierten Streitkräfte verhindert. Und Saddam Hussein wurde gewarnt, nie
wieder seine Nachbarn oder UN-Operation im Irak
zu bedrohen.
Saddam hat sich als Wiederholungstäter erwiesen,
dem weder international noch in der arabischen Welt
getraut wird. Wir haben ihn wissen lassen, daß
jeder Wiederholung seiner jüngsten Bedrohungen
mit allen erforderlichen Mitteln begegnet wird,
einschließlich militärischer Macht.

Das irakische Volk sollte verstehen, daß allein
Saddam Husseins brutales Regime für sein Leiden
verantwortlich ist. Saddam hat weiterhin die Ressourcen des Irak für militärische Unternehmen
verschwendet.
Er hat sich geweigert, die UNResolutionen zu nutzen, die eine Erfüllung der
humanitären Bedürfnisse gestattet hätten. Saddam

*

AMERIKA DIENST 44

*

Hussein wird die Vereinten Nationen nicht dahingehend einschüchtern, die Sanktionen aufzuheben. Er
weiß, daß die Sanktionen nur gelockert werden
können, wenn der Irak alle entsprechende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vollständig einhält. Aber
das ist der einzige Ansatz, den er nicht versucht hat.
Saddam Husseins kontinuierliche Aggression und die
jüngste Terrorkampagne der Hamas unterstreichen
die Tatsache, daß die Kräfte des Hasses und Extremismus im Nahen Osten immer noch am Werk
sind. Wir werden jedoch nicht zulassen, daß ihre
Gewalt uns für den sich in der Region abzeichnenden
Lauf der Geschichte blind macht.
Erstaunliche
Veränderungen vollziehen sich. Während sich dieses
Jahrhundert seinem Ende zuneigt, stehen Araber und
Israelis an der Schwelle zu einer neuen Zukunft einer Zukunft der Hoffnung und des Friedens, nicht
der Verzweiflung und des Krieges.
Die Führungsrolle, Macht und Diplomatie der Vereinigten Staaten war über Administrationen beider
Parteien unerläßlich, um uns zu diesem vielversprechenden Augenblick zu bringen. Wenn die
Vereinigten Staaten nichts unternommen hätten,
könnten die irakischen Streitkräfte wieder in Kuwait
sein, Nordkorea würde den Bau von Nuklearwaffen
fortsetzen und die Haitianer würden immer noch unter
den Militärdiktatoren leiden. Unsere jüngsten Leistungen führen uns vor Augen, daß nur die Vereinigten
Staaten die strategische Vision und die globalen
Fähigkeiten zu einer Führungsrolle haben.
Und die amerikanische Führungsrolle ist mehr denn
je entscheidend um sicherzustellen, daß das Versprechen des Friedens Realität wird. Wir können und wollen - nicht zulassen, daß die Kräfte der
Vergangenheit diese historische Chance zerstören.
Die Dynamik für den Frieden muß bewahrt werden.

*

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden

liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.

Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen

Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.

Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.

Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.

Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmük-

ken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weltpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen.
Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

AMERIKA DIENST 42

�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

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Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können. In den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen.
Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann.
Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

Seite 6

Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�AUSSENPOLITIK

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Anthony Lake
HARVARD - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Oktober 1994 vom Nationalen Sicherheitsberater Anthony Lake an der Harvard University gehaltene Rede.

Das Thema meiner heutigen Ausführungen sind die
Beziehungen zwischen Macht und Diplomatie insbesondere Macht und Diplomatie der Vereinigten
Staaten - in einer dramatisch gewandelten Welt.
Auf der internationalen Bühne durchleben wir einen
außergewöhnlichen Moment. Die einzigartige, alles
umfassende Bedrohung des Kalten Krieges ist
verschwunden. Das internationale Umfeld ist völlig
umgestaltet und unterscheidet sich stark von der
alten strategischen Landkarte, auf der jede Bewegung und Veränderung im Zusammenhang mit der
sowjetischen Bedrohung gesehen wurde.
Aber selbst in diesem neuen Zeitalter behalten
einige alte Wahrheiten ihre Gültigkeit.
Die erste lautet, daß Meinungsverschiedenheiten
und Debatten über unsere Rolle in der Welt so alt
sind wie unsere Republik. Auf der einen Seite
stehen stark beschränktes Engagement im Ausland
und Protektionismus, auf der anderen aktives
Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland im
Namen von Demokratie und Ausweitung des Handels.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte,
großenteils aufgrund der Bedrohung durch die
Sowjetunion, zugunsten eines aktiven Engagements
beigelegt. Heute werden wir, ebenso wie Ende der
vierziger Jahre, erneut mit dem alten Impuls konfrontiert, uns zurückzuziehen. Und ebenso wie Ende
der vierziger Jahre erfordern unsere Interessen
heute, daß wir diesen Impuls unter Kontrolle halten.
Unsere Aufgabe ist jetzt jedoch weitaus schwieriger,
da wir sie nicht unter Gegebenheiten wie Ende der
vierziger, sondern wie in den zwanziger Jahren
erfüllen müssen: Ein Großteil unserer Gesellschaft
strebt eine Pause von den Härten des internationalen Engagments an, und es gibt keine einzelne

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Gefahr, gegen die man die Öffentlichkeit mobilisieren
könnte.
Die zweite alte Wahrheit lautet folgendermaßen:
Ideen sind von Bedeutung. Sie stehen bei den
meisten der derzeit weltweit ausgetragenen Kämpfe
auf dem Spiel. Wie Präsident Clinton äußerte: "In
dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie... Es ist
ein Kampf zwischen denen, die freie, von Gesetzen
regierte Gesellschaften aufbauen wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte Kampf in einer Welt,
die stärker als jemals zuvor von Spitzentechnologie
bestimmt ist, sich schneller verändert, chaotischer
und vielfältiger ist als je zuvor, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Das führt mich zu der dritten, in diesem neuen
Zeitalter gültigen alten Wahrheit: Macht ist immer
noch von Bedeutung. Wir sind nicht der Weltpolizist.
Aber in diesem Kampf zwischen Hoffnung und Angst
wird unsere Macht etwas Entscheidendes bewirken,
ebenso wie es in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges der Fall war. Das Kernstück
der amerikanischen Macht ist die Androhung oder der
Einsatz militärischer Gewalt. Ohne sie würde sich in
Haiti heute nicht eine schwierige, aber aufregende
Chance für die Demokratie abzeichnen. Und ohne
sie würde der Irak heute seine Nachbarn durch
gefährliche Truppenbewegungen an der Grenze zu
Kuwait bedrohen.
Mit anderen Worten: Von der Macht losgelöste
Diplomatie führt normalerweise zum Scheitern.
Gleichzeitig läuft Macht ohne Diplomatie Gefahr,
planlos zu sein.

Seite 1

�Das ist kein neuer Gedanke. In der Antike schilderte
Thucydides im Fall der Insel Milos anschaulich die
Schwäche der nicht durch Macht unterstützten
Diplomatie. Die fundierten Argumente der Bewohner
von Milos für die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
stellten keine Verteidigung gegen ein auf Unterwerfung abzielendes Athen dar. Ohne die Macht zur
Untermauerung ihrer Position wurden die Männer
von Milos enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven
verkauft.
Dieselben Meinungsverschiedenheiten wurden in
Europa Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts von Hitler und seiner Politik der Panzer und im
Pazifik durch Pearl Harbor beigelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg setzte sich der weitblickende
Staatsmann Dean Acheson dafür ein, daß die
Amerikaner diese Lektion nicht vergaßen. Acheson
und andere kluge Politiker wußten, daß die Vereinigten Staaten aller Instrumente der Diplomatie
und Macht bedurften, um ihre vitalen Interessen zu
verteidigen und im Kalten Krieg langfristig den Sieg
davonzutragen. Es war Acheson, der erstmals
davon sprach, "aus einer Position der Stärke heraus
zu verhandeln".
Heute bezieht die amerikanische Diplomatie natürlich
einen großen Teil ihrer Stärke aus unserer Wirtschaftsmacht und der Macht unseres Beispiels.
Es ist nicht nur die Tatsache, daß unser globaler
ökonomischer Geltungsbereich der Stimme Amerikas
bei nahezu jeder internationalen Angelegenheit
Gehör verschafft - die neue Weltwirtschaft könnte
auch eine

kleine

Revolution

in der

Diplomatie

auslösen.
Da die Volkswirtschaft jeder Nation
zunehmend von der Teilnahme am Weltmarkt
abhängt, werden immer mehr Länder auch ungeschützter gegenüber den Auswirkungen wirtschaftlicher Isolation.
Das bedeutet, daß sie gleichermaßen empfänglich
für ökonomische Anreize und Strafen werden.
Südafrika bietet hierfür ein anschauliches Beispiel.
Und wir haben gesehen, wie effektiv Anreize und
Sanktionen bei unseren Verhandlungen mit Nordkorea über das Atomwaffenprogramm dieses Landes
waren. Wir begrüßen die Entscheidung Nordkoreas,
die zur heutigen Unterzeichnung eines Abkommens
führte. Das Abkommen liegt sowohl im Interesse
Nordkoreas als auch der Vereinigten Staaten, da es
einen Beitrag zur Beendigung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation des Landes leisten kann.
Es war aber wahrscheinlich kein Zufall, daß bei den
Gesprächen im vergangenen Sommer wirkliche
Fortschritte erzielt wurden als deutlich wurde, daß
wir dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution über
Sanktionen vorzulegen beabsichtigten.

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Die Macht von Sanktionen zeigt sich auch am Verhalten Serbiens. Man sieht in der Tat eine direkte
Verbindung zwischen den dramatischen Auswirkungen der Isolierung der serbischen Wirtschaft und der
sich abzeichnenden Politik von Slobodan Milosevic.
Das Kernstück der amerikanischen Macht ist jedoch
militärische Macht. Aus diesem Grund hat Präsident
Clinton zugesagt, daß unsere Streitkräfte die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und
einsatzbereitesten der Welt bleiben sollen. Ich sage
"bleiben sollen", da die effiziente und schnelle Art und
Weise, auf die unser Militär kürzlich die Operationen
am Golf und in Haiti durchführte, keinen Zweifel an
seiner derzeitigen Einsatzbereitschaft und Stärke
lassen.
Die Kassandrarufe der Kritik an unserer Einsatzbereitschaft treffen nicht zu: Wir haben Waffen in
Krisenherden wie dem Persischen Golf voreingelagert, unsere See- und Lufttransportfähigkeiten erweitert und die Finanzmittel für Operationen und Instandhaltung im Haushaltsjahr 1995 um 5,7 Prozent
erhöht. Es gibt Fragen zu unserer zukünftigen
Einsatzbereitschaft und Mobilität, die wir ansprechen
müssen und wollen, aber der schnelle und höchst
effiziente Aufmarsch unserer Truppen in Haiti und
Irak hat unsere Zuversicht bestärkt, daß wir weiterhin
praktisch gleichzeitig in zwei regionalen Konflikten
größeren Ausmaßes kämpfen und gewinnen können.

Die sich uns stellende Herausforderung ist nicht nur
der Erhalt unserer Militärmacht. Wir müssen heute
auch eine neue nationale Debatte über die entscheidenden Fragen führen, wann, wo und wie wir unsere
militärische Macht einsetzen. Ende der vierziger und
Anfang der fünfziger Jahre wurden solch umfassende
Diskussionen nur über Fragen der Nukleardoktrin und
des begrenzten Krieges geführt. Wir benötigen heute
einen ähnlichen Gedankenaustausch, und Sie müssen bei der Gestaltung der Debatte und somit unserer gemeinsamen Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Wann werden wir Gewalt einsetzen? Die kurze
Antwort lautet stets gleich: Wenn unsere Interessen
das von uns verlangen.
Während des Kalten Krieges wurden unsere Interessen vorwiegend vor dem Hintergrund der Bedrohung der Vereinigten Staaten durch die sowjetischen Nuklearwaffen definiert. Dies führte zur Politik
der nuklearen Abschreckung. Wir verdanken es zum
Teil dieser Politik, daß wir am Leben sind und uns
heute hier frei versammeln können.
Die Politik der Eindämmung war auch das Resultat
der Definition amerikanischer Interessen angesichts

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�der sowjetischen Bedrohung. Der nationale Konsens über die Eindämmung trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Aber wie der Vietnamkrieg zeigte, wurden
die Beziehungen zwischen Mitteln und Zielen beim
Führen begrenzter Kriege nie zufriedenstellend
definiert.
Heute benötigen wir angesichts der immer größeren
Auswahl zwischen möglichen Missionen in einer sich
schnell wandelnden Welt genauere Definitionen.
Ebenso wie bei der Förderung von Demokratie und
Marktwirtschaft konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen unsere Interessen auf dem Spiel stehen, und wir müssen so klar wie möglich definieren,
wann und wo wir unsere Militärmacht einzusetzen
gedenken. Denn es gibt keine wichtigere Entscheidung, die ein Präsident trifft.
Ungeachtet dessen, wie klar unsere Militärdoktrin
formuliert ist, muß und sollte diese Entscheidung auf
einem Urteil basieren, das die Bedeutung einer
Mission im Hinblick auf unsere Interessen und ihre
mutmaßlichen Kosten gegeneinander abwägt.
Ich möchte kurz, wenn auch nicht streng nach
Prioritäten geordnet, die sieben nationalen Interessen aufführen, die nach Ansicht dieser Administration allein oder in Kombination den Einsatz unseres
Militärs rechtfertigen, insbesondere in Gebieten von
größter strategischer Bedeutung:

Verteidigung der Vereinigten Staaten, ihrer
Bürger im In- und Ausland sowie ihrer Verbündeten gegen direkte Angriffe.
Abwehr von Aggression, was für den Erhalt einer
friedlichen Welt von zentraler Bedeutung ist.
Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet steht für die
Amerikaner bei unserem internationalen Engagement persönlich am meisten auf dem Spiel.
Bewahrung, Förderung und Verteidigung der
Demokratie, die wiederum unsere Sicherheit
erhöht und unsere Werte verbreitet.
Verhinderung der gefährlichen Weiterverbreitung
von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen sowie terroristischer Gewalttaten.
Bewahrung unserer Verläßlichkeit. Wenn die
Vereinigten Staaten anderen Nationen gegenüber
Verpflichtungen eingehen, müssen sie ihre
Versprechen halten.

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Dasselbe gilt auf dem Gebiet humanitärer Angelegenheiten, beispielsweise beim Kampf gegen
Hunger und Naturkatastrophen sowie bei ernsthaften Menschenrechtsverletzungen.
Eine Reihe von Interessen zu haben bedeutet nicht,
daß wir keine Prioritäten setzten könnten. Unsere
hier dargelegten Interessen - mit der sicheren
Ausnahme von Angriffen auf unsere Nation und
unsere Verbündeten und der möglichen Ausnahme
von Aggression andernorts - sollten nicht automatisch
zu Gewaltanwendung führen. Je mehr dieser Interessen in Gefahr sind, desto wahrscheinlicher werden
wir wieder unser Militär zu Hilfe rufen. Aus diesem
Grund sahen wir uns in Haiti zur Intervention gezwungen angesichts der Verweigerung von Demokratie, Bedrohung unserer Grenzen, Gefährdung unserer
Verläßlichkeit und Errichtung eines brutalen Regimes
direkt vor unseren Küsten.
Es sind nicht allein unsere Interessen, die entscheiden, wann und wo wir Gewalt anwenden. Wir
müssen Kosten und Nutzen jeder einzelnen Operation gegen die auf dem Spiel stehenden Interessen
abwägen und uns die folgenden Fragen stellen: Gibt
es eine klar definierte, durchführbare Mission?
Welche Risiken gehen wir ein? Wie groß sind die
Aussichten auf Erfolg? Was benötigen wir zur
Erreichung unserer Ziele? Wie hoch sind die möglichen - humanitären und finanziellen - Kosten des
Engagements? Haben wir eine realistische Erfolgsstrategie?
Es gibt hier keinen Algorithmus, keine einfache
Formel, bei der wir nur Zahlen einzusetzen brauchen,
um die Risiken und Erfordernisse zu kalkulieren. Wir
wissen jedoch, welche Faktoren wir bei unserer
Entscheidung darüber in Erwägung ziehen müssen,
wann und wo wir unsere Männer und Frauen in die
Gefahr entsenden.
Es gibt auch eine Reihe von Richtlinien, die uns beim
Einsatz von Gewalt behilflich sind, und sie befassen
sich mit dem Nutzen der Operation. Wenn wir
amerikanische Truppen ins Ausland schicken, haben
sie eine klare Aufgabe und verfügen über die erforderlichen Mittel. Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir sie unerschrocken anwenden. Sonst würden wir
die Interessen gefährden, die wir eigentlich verteidigen wollen sowie die Truppen, die wir entsenden.
Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Die
Entsendung unseres Militärs wird oftmals nicht zur
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führen, und
wir müssen die von uns beschlossenen Missionen
sorgfältig begrenzen. Gewalt kann einen Aggressor
besiegen, wird jedoch keine Demokratie ins Leben

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�rufen oder zu Wohlstand führen. Sie bewirkt vielleicht erst im Nachhinein eine Lösung.
Wenn wir handeln, tun wir das wenn möglich gemeinsam mit anderen, wenn nötig aber auch im
Alleingang. In einigen Fällen, in denen wir nicht
unilateral vorgehen sollten, könnten wir uns zur
Teilnahme an einer multilateralen Aktion entscheiden, bei der Lasten und Risiken aufgeteilt werden.
Die Vereinigten Staaten haben konsequent die
Bestrebungen angeführt, Koalitionen zu bilden, um
den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft gerecht zu werden. Wenn wir uns
zusammen für eine gemeinsame Sache einsetzen,
werden wir alle stärker und haben mehr moralische
Autorität.
Je mehr unsere Interessen bedroht sind, desto eher
sind wir geneigt, im Alleingang zu handeln. Aus
diesem Grund haben wir gesagt, wir werden am
Persischen Golf wenn nötig unilateral handeln - und
haben dies auch getan, als die Iraker einen Anschlag auf das Leben des ehemaligen Präsidenten
der Vereinigten Staaten und damit gegen unser
ganzes Volk planten.
Schließlich möchte ich noch eine Warnung bezüglich
einer anderen möglichen Leitlinie anbringen. Einige
haben sich zugunsten einer vereinfachten Politik
ausgesprochen: Wir sollten uns in unserer eigenen
Hemisphäre und in begrenzten Gebieten im Ausland
einen Einflußbereich sichern und den anderen die
Aufgabe überlassen, die Stabilität und Ordnung in
ihrer jeweiligen Sphäre aufrechtzuerhalten.
Diese Sichtweise ist in gefährlicher Weise falsch.
Zweifelsohne zählt Nähe. Läge Haiti nicht so nahe
vor unseren Küsten, hätten wir wahrscheinlich nicht
gehandelt. Der dramatische Vormarsch der Demokratie in dieser Hemisphäre ist eine der wirklich
beeindruckenden Entwicklungen unserer Zeit, und
wir haben ein offenkundiges Interesse, eine Beeinträchtigung dieser Entwicklung zu verhindern.
Wir sind uns bewußt, daß alle Nationen stärker um
ihre unmittelbare Umgebung besorgt sind als um
entfernte Regionen. Aber als große Nation, deren
Interessen und Ideale globale Ausmaße haben,
können - und wollen - wir nicht anderen das Recht
überlassen, sich je nach ihrem Gutdünken ohne
Rücksicht auf internationale Normen in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen. Wir müssen von anderen insbesondere erwarten, daß sie die
Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn
respektieren.

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Dies sind also die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in
der Vergangenheit hinter unseren Einsätzen militärischer Macht standen und uns in der Zukunft leiten
werden.
Bei jedem Einsatz von Gewart haben wir die Interessen und Kosten gegeneinander abgewogen. Und
in jedem Fall hat der Einsatz unseres Militärs unsere
Diplomatie untermauert und uns Fortschritte erlaubt,
die wir ansonsten nicht erzielt hätten.
Beim Irak handelt es sich um einen Fall drohender
Aggression, bei der ein breites Spektrum amerikanischer Interessen in Gefahr ist. Aus diesem Grund
führen wir die Koalition unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen an - sind jedoch bereit, im
Alleingang zu handeln, wenn wir müssen. Das
Ergebnis des entschlossenen Handelns des Präsidenten war nicht nur die in greifbare Nähe gerückte
Lösung der derzeitigen Krise, sondern eine neue
Verfügung des Sicherheitsrats bezüglich einer weiteren irakischen Aggression.
In Haiti, wo geringere, aber dennoch wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, haben wir ebenfalls
gehandelt - aber zu erheblich niedrigeren Kosten. Im
Verlauf von drei Jahren hatten wir alle Verhandlungsmöglichkeiten und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen bei unseren Bestrebungen erschöpft, das
Versprechen zweier Administrationen zur Wiederherstellung der demokratisch gewählten Regierung auf
Haiti zu erfüllen. Nur der Einsatz von Gewalt konnte
schließlich den Erfolg herbeiführen. Als die haitianischen Generale die Nachricht erhielten, daß die 82.
Luftlandedivision gestartet und auf dem Weg nach
Haiti war, gaben sie nach. Infolgedessen erreichten
wir auf friedlichem Wege, was wir mit Feuerkraft zu
erzielen bereit waren. Wenn man zum Einsatz von
Gewalt bereit ist, kann man Sun Tzus Worten zufolge
"den Feind ohne Kampf unterwerfen". Der alte
Stratege bezeichnete dies als "das Höchstmaß an
Geschicklichkeit".
In Bosnien konnten wir nicht alle von uns gewünschten Fortschritte machen, aber als die Diplomatie
Hand in Hand mit militärischer Macht ging, konnten
wir eine positive Bewegung beobachten. Das Ultimatum von Sarajevo hatte beispielsweise vor allem
Erfolg, weil die Androhung von Luftangriffen der
NATO konkret war. Die Entscheidung der NATO zum
Einsatz der Luftstreitkräfte hat den Druck auf Sarajevo maßgeblich verringert, den Fall von Gorazde
verhindert und die Grundlage für das Abkommen vom
Frühjahr zwischen den Bosniern und den bosnischen
Kroaten bereitet, ihren Konflikt zu beenden und eine
Föderation zu bilden. Die jüngste NATO-Entscheidung, größere Klarheit und Flexibilität der Vereinten

AMERIKA DIENST 43

�Nationen in Bosnien anzustreben, war ein Schritt in
die richtige Richtung.
In Ruanda und Somalia waren unsere Missionen
vornehmlich humanitär und unsere Interessen begrenzt. Nur das amerikanische Militär konnte das
Geleistete vollbringen und Hunderttausende Menschenleben retten.
Längerfristig rechtfertigten
unsere Interessen jedoch nicht mehr als die Unterstützung der multilateralen Friedenssicherungsbestrebungen nach Abschluß unserer Mission. Wie
überall können die internationalen Friedenssicherungsbestrebungen auch dort einer zersplitterten
Gesellschaft nur eine Chance bieten - eine Zeit
relativer Sicherheit - in der sie ihre Wunden heilen
kann. Keine Kraft von außen kann einer Gesellschaft das auferlegen, was letztlich ihre eigene
Verantwortung ist.
Ein letzter Punkt: Natürlich hat Politik in einem
Vakuum weder Erfolg noch Mißerfolg. Zu Recht
spielen die öffentliche Meinung und der Kongreß
eine zentrale Rolle dabei, wie die Vereinigten
Staaten ihre Macht im Ausland ausüben. Die
wichtigste von uns in Vietnam gelernte Lektion war
vielleicht, was Les Gelb einmal als "den unerläßlichen Dominostein" bezeichnet hat: Die öffentliche
Meinung. Dieser Konflikt lehrte uns, sorgfältiger
über Kosten, Willens- und Feuerkraft sowie die
Länge des Einsatzes nachzudenken. Vor allem aber

Keines dieser Gefühle sollte uns überraschen oder
bestürzen. Beide Reaktionen sind Ausdruck des
hohen Werts, den Amerikaner dem menschlichen
Leben beimessen. Und aus diesem Grund sind wir
bessere Menschen.
Aber während wir als einzelne diese schmerzliche
Ambivalenz teilen können, obliegt der Regierung die
Verantwortung, reale Entscheidungen zu treffen und
zu handeln - zwischen dem Wesentlichen und den
Marginalien zu entscheiden, auf der Grundlage
dessen zu handeln, was richtig ist, und dann, wenn
Maßnahmen ergriffen worden sind, sie ohne Zögern
und Wankelmut durchzuführen.
Um dies zu tun, benötigen wir ein besseres Verständnis der Zusammenarbeit zwischen der Exekutive
und dem Kongreß. Beide müssen natürlich der
Öffentlichkeit für ihre Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Und dies bedeutet eine notwendige und
angemessene Vorsicht bezüglich der Kosten einer
Militäraktion. Es ist schließlich das amerikanische
Volk, das die Last und die Kosten trägt.
Aus unserer jüngsten Erfahrung am Persischen Golf
wissen wir jedoch auch, daß das amerikanische Volk
dem Einsatz von Gewalt nicht so ablehnend gegenübersteht wie manche denken, insbesondere, wenn
klassische Interessen wie die Sicherheit in Europa
oder im Nahen Osten bedroht sind. Und wie eine

lehrte er uns, daß die Vereinigten Staaten ohne die

neue Rand-Studie belegt, wollen die Amerikaner, daß

Unterstützung durch die öffentliche Meinung keinen
Kampf lange durchhalten können.

wir erfolgreich sind, wenn wir uns einmal engagiert
haben.

In unserem Zeitalter bildet sich die öffentliche Meinung in noch verwirrenderer Weise als während des
Vietnamkrieges. Dies trifft insbesondere auf humanitäre und andere nicht herkömmliche Interventionen
zu. Der von CNN und anderen Sendern bei der
Berichterstattung vollführte Quantensprung bedeutet,
daß praktisch jeder Amerikaner jeden Tag mit einer
schmerzlichen Ambivalenz konfrontiert werden muß.

Wie wir gesehen haben, unterstützt auch der Kongreß den Einsatz von Gewalt, wenn die klassischen
Interessen der Nation auf dem Spiel stehen. Das ist
ein großer Vorteil, denn es ist unabdingbar, daß die
Exekutive und der Kongreß in der Außenpolitik
zusammenarbeiten.

Bilder von Gewalt, Leid und Brutalität rufen natürlich
den Impuls zu intervenieren hervor. Der Fernsehschirm setzt einen bestimmten Vorfall in eine anscheinend universelle Gegebenheit um. Die Kamera
hat bedauerlicherweise keinen periphären Blickwinkel. Mein Land, und wahrscheinlich nur mein Land denkt der Zuschauer - kann etwas gegen dieses
Blutbad unternehmen.
Aber wenn Bilder von Opfern - unseren Opfern erscheinen, ändert sich alles sofort. Die Kosten
werden schmerzlich offenbar und es erhebt sich die
Frage: Kann dies auch nur ein amerikanisches
Menschenleben wert sein?

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In der Welt nach dem Kalten Krieg müssen wir
jedoch auch die Kapazität für den begrenzten Einsatz
von Gewalt unter neuen Gegebenheiten haben. Zu
häufig in solchen Fällen reagieren einige im Kongreß,
indem sie nur Warnungen äußern, nur die Kosten
und die Opfer sehen, statt den Nutzen und die
Chancen.
Ich wiederhole: Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir dies unerschrocken tun. Sonst setzten wir unsere
Ziele aufs Spiel und gefährden unsere Truppen,
sowohl bei der spezifischen Mission als auch weltweit. Wenn der Kongreß fast automatisch Resolutionen in Erwägung zieht, die einen frühzeitigen Abzug
unserer Truppen fordern, wenn sie in ungewohnter
Umgebung stationiert sind, unterminiert er unsere
Ziele und vergrößert das Risiko für unsere Truppen.

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�Es ist praktisch eine Einladung für den "Verbrecher
des Monats", herauszufinden, ob er unseren Rückzug aus einem schwierigen Teil der Welt erzwingen
kann, indem er unsere Soldaten angreift.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Präsident Clinton
im Herbst den übereilten Rückzug aus Somalia
abgelehnt. Das wäre der falsche Ausweg gewesen
und hätte die falsche Botschaft übermittelt. Statt
dessen erhöhte er das Truppenniveau bevor er es
langsam, rechtzeitig und ohne weitere Opfer wieder
abbaute.

wissen auch, daß vor uns eine Chance zum Aufbau
einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und
Pluralismus liegt. Eine solche Chance bietet sich
höchstens einmal in einem Zeitalter. Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chance zu ergreifen,
müssen wir unsere Kreativität und unser gesamtes
diplomatisches Geschick aufbieten. Und diese
Geschicklichkeit müssen wir stets mit unserer Macht
untermauern. Wir sollten also die Lehre von Friedrich
dem Großen, einem der großen Röalisten der Aufklärung, im Gedächtnis behalten, der sagte: "Diplomatie ohne Waffen ist Musik ohne Instrumente".

Dieses Thema geht über die tägliche Zusammenarbeit mit dem Kongreß hinaus. In Anerkennung der
Rolle des Kongresses hat diese Administration in
beispielloser Weise Konsultationen mit ihm geführt 75mal allein im Falle Haitis.

Wir sollten gegen die Gefahr des Schleuderns und
Rückzugs gewappnet sein. Wir müssen die Rufe von
links und rechts ebenso wie die Rhetorik der Neonichtwisser ohne eigene Meinung zurückweisen, zu
Hause zu bleiben, statt uns zu engagieren.

Erforderlich sind jedoch ein Kriegsmächtemechanismus und Konsultationssystem, die funktionieren. Im
kommenden Jahr werden wir mit dem Kongreß
ernsthafte Gespräche über eine Neuformulierung der
Kriegsmächteresolution führen in dem Versuch, den
zwei Jahrhunderte währenden Kampf zwischen
diesen Regierungszweigen zu beenden. Er wird und
sollte vielleicht niemals beigelegt werden. Aber die
Bedingungen und der Ton bei der Formulierung
unserer nationalen Sicherheitspolitik müssen verbessert werden und etwas von ihrem derzeitigen parteipolitischen Gepräge verlieren, oder unsere Nation
und unsere Truppen könnten einen unnötig hohen
Preis bezahlen.

Die in diesem Raum Anwesenden sind vielleicht nicht
der Auffassung, daß wir eine neue Runde des alten
Kampfes zwischen Engagement und Verschanzung
kämpfen. Die Debatte ist nicht so klar definiert wie in
der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber
jedes Mal, wenn eine Gesetzesvorlage drastisch
gekürzt, die Stationierung von Truppen aus ideologischen statt praktischen Gründen abgelehnt oder ein
gutes Handelsabkommen attackiert wird, ist es Teil
der herkömmlichen Argumentation. Der Impuls, sich
von der Welt zurückzuziehen wie sich Nebelschwaden auflösen, kommt unbemerkt. Daher bitte ich Sie,
gemeinsam mit uns zu verhindern, daß unsere Nation
angesichts einer neuen Welt mit andauernden
Gefahren die Orientierung verliert. Denn dies ist
auch eine Zeit enormer Chancen. Ich glaube, wir
werden sie mutzen.

Amerikaner wissen, daß das Ende des Kalten Krieges - so ermutigend es auch ist - nicht bedeutet,
daß wir in einer Welt wirklicher Sicherheit leben. Wir

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 43

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                    <text>amcriko
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

2. November 1994

43

IRAK

CUNTON: USA LASSEN BEDROHUNG DURCH
DEN IRAK NICHT ZU
Rede des Präsidenten in Kuwait

AUSSENPOLITIK

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN
STAATEN
Rede von Anthony Lake

NATO

DIE ZWEITEN 50 JAHRE DER NATO
AUFGABEN EINES BÜNDNISSES
Rede von Botschafter Kornblum

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�IRAK
2. November 1994

CLINTON: USA LASSEN BEDROHUNG
DURCH DEN IRAK NICHT ZU
Rede des Präsidenten in Kuwait
KUWAIT - (AD) - "Die Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft werden weder jetzt noch
in Zukunft zulassen, daß Bagdad seine Nachbarn bedroht", verkündete Präsident Clinton am 29. Oktober 1994
vor den nach Kuwait als Reaktion auf die aggressiven Bewegungen der irakischen Elitetruppe Republikanische
Garde nach Kuwait entsandten amerikanischen Truppen. Der Präsident fügte hinzu, die internationale Koalition
"wird den Irak von der Massierung der Invasionsstreitkräfte und dem Versuch abhalten, die Waffeninspektoren
der Vereinten Nationen einzuschüchtern".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Redetext des Präsidenten.

Ich möchte den Männern und Frauen der Operation
Vigilant Warrior, den Männern und Frauen der 24.
Panzergrenadierdivision - der Siegesdivision, die die
Philippinen befreite und von Korea bis zum Golfkrieg
kämpfte - sagen, daß es mir eine Ehre ist, heute bei
Ihnen in der Tactical Assembly Area Liberty sein zu
dürfen. Ich bin stolz auf die Arbeit, die Sie für Ihr
Land leisten.
Vor allem bin ich nach einigen faszinierenden, sehr
wichtigen Tagen für Ihr Land und Ägypten, Jordanien, Israel und Syrien hierhergekommen, um Ihnen
ein einfaches Dankeschön zu sagen. Ich danke
Ihnen für das, was Sie für Kuwait getan haben. Ich
danke Ihnen für das, was Sie für die Vereinigten
Staaten von Amerika getan haben.
Vor fast vier Jahren rollten unsere Panzer mit voller
Kraft über dieses Sanddünen. Sie waren der
Wüstensturm. Dann vertrieben Sie den Irak aus
Kuwait. Jetzt sind wir entschlossen, den Irak aufzuhalten, bevor er die Grenzen seines Nachbarlandes verletzen und neue Instabilität schaffen kann.
So haben wir Sie wieder einmal um Hilfe gerufen das Heer, die Marine, die Luftwaffe, die Marineinfanteristen.
In die Geschichte dieses Unternehmens wird eingehen, daß Sie unverzüglich nach hier entsandt
wurden. Und aus diesem Grund erhielt der Irak die
Botschaft unverzüglich. Der Irak zog seine Truppen

AMERIKA DIENST 43

ab, die in der Nähe der kuwaitischen Grenze zusammengezogen worden waren.
Wie Sie wissen, gab es einige in unserem Land, die
unsere militärische Bereitschaft in Frage stellten, als
diese Krise begann. An sie gerichtet sage ich, sie
sollten hierhinkommen und einen Blick auf Sie werfen
und wären eines Besseren belehrt.
Unsere Politik am Golf ist klar. Wir werden nicht
zulassen, daß der Irak seinen Einfluß über den 32.
Breitengrad hinaus erweitert.
Wir werden nicht
zulassen, daß Bagdad die Vereinten Nationen
einschüchtert - und sicherstellen, daß der Irak nie
wieder in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
gelangt. Die internationale Koalition wird den Irak
von der Massierung der Invasionsstreitkräfte und dem
Versuch abhalten, die Waffeninspektoren der Vereinten Nationen einzuschüchtern. Die Vereinigten
Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
werden weder jetzt noch in Zukunft zulassen, daß
Bagdad seine Nachbarn bedroht. Das ist nicht
unsere Drohung - das ist unser Versprechen.
Sie hier halten dieses Versprechen. Die Streitmacht,
die Sie vertreten, ist Stahl und Schwert der amerikanischen Diplomatie. Sie sind die am besten ausgerüstete, am besten ausgebildete und am besten vorbereitete Streitmacht der Welt und in der Geschichte
unseres Landes. Sie haben es hier am Golf erneut
unter Beweis gestellt. Wir alle sind stolz auf Sie.

Seite 1

�Ich weiß, daß Ihr Dienst an unserem Land nicht in
Geld aufgewogen werden kann. Ich weiß, daß Sie
alle aus höheren Motiven dienen. Aber ich freue
mich, Ihnen heute sagen zu können, daß ich gerade
einen Präsidialerlaß unterzeichnet habe, um einen
Fehler bezüglich der Zuschüsse zu Ihrer Vergütung
zu beheben. Ich finde, Sie sollten für diese wichtige
Arbeit belohnt, nicht bestraft werden.

den schwierigen Tagen des Jahres 1990 wiederaufgebaut hat. Das kuwaitische Volk sollte stolz auf
seine Leistungen sein, stolz auf seine harte Reaktion
auf die irakische Provokation. Die internationale
Staatengemeinschaft steht dafür ein, daß der Irak
diese Nation nie wieder bedroht. Der Beweis für
dieses Versprechen sind die tapferen Männer und
Frauen der Operation Vigilant Warrior.

Ihr Land benötigt Sie, damit Amerika stark ist. Wir
sind eine friedliebende Nation, aber Präsident Truman hat einmal gesagt: "Der Wille zu Frieden ohne
die Stärke zu Frieden nützt nichts." Sie sind diese
Stärke. Sie und Ihre Befehlshaber verbreiten
Hoffnung und Stabilität auf der ganzen Welt von
Port-au-Prince bis zum Persischen Golf. Unser
höchstes Ziel ist der Frieden, und der Frieden
erfordert noch mehr als militärische Macht. Er
erfordert den Mut, über Konflikt und Aussöhnung
hinauszugehen.

Ich möchte auch sagen, daß wir nicht im Streit mit
dem irakischen Volk liegen. Wir kennen das Leid,
das es im Krieg mit dem Iran erduldete, einem Krieg,
der eine ganze Generation vernichtete. Nur zwei
Jahre nach diesem schrecklichen Konflikt entsandte
der Irak seine Söhne erneut in den Krieg, und wir
kennen den Preis, den sie für die Dummheit ihrer
Politiker zahlten. Das Leid des irakischen Volkes ist
jedoch auf nur eine Sache zurückzuführen - den
Weg, den seine Führung gewählt hat.

Vor zwei Tagen wurde ich Zeuge eines ausgezeichneten Beispiels hierfür an der Grenze zwischen
Israel und Jordanien. Ich beglückwünsche die
Politiker israels, Jordaniens und anderer Länder im
Nahen Osten, die sich von einer gewalttätigen
Vergangenheit zu einer Zukunft des Friedens wenden. Dies ist eine schwierige und gefährliche
Aufgabe, wie die gemeinen Terroranschläge der
vergangenen Tage gezeigt haben. Die hinter diesen
Anschlägen stehenden Menschen wollen den
Frieden verhindern. Sie wollen den Haß weiter
schüren. Sie wollen Ihre Mission unterminieren. Sie
können keinen Erfolg haben, sie dürfen keinen
Erfolg haben, und sie werden keinen Erfolg haben.
Falls Sie sich irgendwann hier draußen in der Wüste
fragen, ob Sie mit Ihrem Tun wirklich etwas bewirken, dann denken Sie nur daran, was in den letzten
Wochen geschehen ist. Ich fühle mich ebenso
geehrt wie Sie alle, daß die Vereinigten Staaten eine
Rolle bei der Beendigung des 47 Jahre währenden
Konflikts zwischen Israel und Jordanien, bei der
Wiedereinsetzung von Präsident Aristide und der
Wiederherstellung der Demokratie in Haiti, bei
echten Fortschritten zur Beendigung des gewalttätigen Konflikts in Nordirland, beim Erfolg der Demokratie in Südafrika und beim Aufbau einer neuen
Partnerschaft mit Rußland spielen konnten, dank der
wir zum ersten Mal seit dem Anbruch des Atomzeitalters sagen können, es sind keine Nuklearraketen
gegen die Kinder in den Vereinigten Staaten gerichtet. Und ich bin auch stolz auf das, was Sie getan
haben, um sich der Aggression hier am Golf entgegenzustellen.

Wir fordern den Irak erneut auf, die Resolutionen der
Vereinten Nationen uneingeschränkt einzuhalten und
den Willen und die Gesetze der Internationalen
Staatengemeinschaft zu befolgen. Das ist der
einzige Weg zu einem normalen Leben, es ist der
Weg, den die übrigen von uns eingeschlagen haben.
Und sie sollten ihn ebenfalls versuchen.
Liebe Mitbürger, Sie bringen Opfer, um Ihr Land,
seine Werte und Interessen zu verteidigen. Ich weiß,
daß die Ansprüche an Sie groß sind. Ich weiß, die
Liebe zu Ihrem Land hat sie Ihrer Heimat und der
Familie, die Sie lieben, für lange Zeit entrissen. Ich
weiß, als Sie sich über meine Ankündigung eint.;
Gehaltserhöhung freuten, galt ein Teil der Freude
Ihrer Familie zu Hause - den Kindern und der Hoffnung, die Sie für Ihre Familien und deren Zukunft
hegen.
Sie übernehmen die Bürde Amerikas in einer neuen
Zeit voller Herausforderungen zur Aufrechterhaltung
unserer nationalen Sicherheit, Einhaltung unserer
nationalen Verpflichtungen, zur Erleichterung des
Übergangs zu Frieden und Freiheit auf der Welt. Ich
hoffe, Sie werden immer den Stolz für Ihren Beitrag
empfinden, den ich heute in Ihren Gesichtern gesehen und in Ihren Stimmen vernommen habe.
Unser Land ist das Land der Freien und die Heimat
der Mutigen, wie es in dem Lied heißt. Dank Ihres
Mutes verbreiten wir die Freiheit in anderen Ländern.
Dank Ihres Mutes werden wir für immer frei sein.
Ich danke Ihnen. Ich danke für Ihren Dienst. Ici.
danke Ihren Familien zu Hause. Gott schütze Sie
alle. Gott schütze Amerika.

Wir stehen dem kuwaitischen Volk zur Seite, einem
Volk, das seine Armee und seine Volkswirtschaft seit

Seite 2

AMERIKA DIENST 43

�AUSSENPOLITIK
2. November 1994

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Anthony Lake
HARVARD - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Oktober 1994 vom Nationalen Sicherheitsberater Anthony Lake an der Harvard University gehaltene Rede.

Das Thema meiner heutigen Ausführungen sind die
Beziehungen zwischen Macht und Diplomatie insbesondere Macht und Diplomatie der Vereinigten
Staaten - in einer dramatisch gewandelten Welt.
Auf der internationalen Bühne durchleben wir einen
außergewöhnlichen Moment. Die einzigartige, alles
umfassende Bedrohung des Kalten Krieges ist
verschwunden. Das internationale Umfeld ist völlig
umgestaltet und unterscheidet sich stark von der
alten strategischen Landkarte, auf der jede Bewegung und Veränderung im Zusammenhang mit der
sowjetischen Bedrohung gesehen wurde.

Aber selbst in diesem neuen Zeitalter behalten
einige alte Wahrheiten ihre Gültigkeit.
Die erste lautet, daß Meinungsverschiedenheiten
und Debatten über unsere Rolle in der Welt so alt
sind wie unsere Republik. Auf der einen Seite
stehen stark beschränktes Engagement im Ausland
und Protektionismus, auf der anderen aktives
Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland im
Namen von Demokratie und Ausweitung des Handels.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte,
großenteils aufgrund der Bedrohung durch die
Sowjetunion, zugunsten eines aktiven Engagements
beigelegt. Heute werden wir, ebenso wie Ende der
vierziger Jahre, erneut mit dem alten Impuls konfrontiert, uns zurückzuziehen. Und ebenso wie Ende
der vierziger Jahre erfordern unsere Interessen
heute, daß wir diesen Impuls unter Kontrolle halten.
Unsere Aufgabe ist jetzt jedoch weitaus schwieriger,
da wir sie nicht unter Gegebenheiten wie Ende der
vierziger, sondern wie in den zwanziger Jahren
erfüllen müssen: Ein Großteil unserer Gesellschaft
strebt eine Pause von den Härten des internationalen Engagments an, und es gibt keine einzelne

AMERIKA DIENST 43

Gefahr, gegen die man die Öffentlichkeit mobilisieren
könnte.
Die zweite alte Wahrheit lautet folgendermaßen:
Ideen sind von Bedeutung. Sie stehen bei den
meisten der derzeit weltweit ausgetragenen Kämpfe
auf dem Spiel. Wie Präsident Clinton äußerte: "In
dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie... Es ist
ein Kampf zwischen denen, die freie, von Gesetzen
regierte Gesellschaften aufbauen wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte Kampf in einer Welt,
die stärker als jemals zuvor von Spitzentechnologie
bestimmt ist, sich schneller verändert, chaotischer
und vielfältiger ist als je zuvor, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Das führt mich zu der dritten, in diesem neuen
Zeitalter gültigen alten Wahrheit: Macht ist immer
noch von Bedeutung. Wir sind nicht der Weltpolizist.
Aber in diesem Kampf zwischen Hoffnung und Angst
wird unsere Macht etwas Entscheidendes bewirken,
ebenso wie es in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges der Fall war. Das Kernstück
der amerikanischen Macht ist die Androhung oder der
Einsatz militärischer Gewalt. Ohne sie würde sich in
Haiti heute nicht eine schwierige, aber aufregende
Chance für die Demokratie abzeichnen. Und ohne
sie würde der Irak heute seine Nachbarn durch
gefährliche Truppenbewegungen an der Grenze zu
Kuwait bedrohen.
Mit anderen Worten: Von der Macht losgelöste
Diplomatie führt normalerweise zum Scheitern.
Gleichzeitig läuft Macht ohne Diplomatie Gefahr,
planlos zu sein.

Seite 1

�Das ist kein neuer Gedanke. In der Antike schilderte
Thucydides im Fall der Insel Milos anschaulich die
Schwäche der nicht durch Macht unterstützten
Diplomatie. Die fundierten Argumente der Bewohner
von Milos für die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
stellten keine Verteidigung gegen ein auf Unterwerfung abzielendes Athen dar. Ohne die Macht zur
Untermauerung ihrer Position wurden die Männer
von Milos enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven
verkauft.
Dieselben Meinungsverschiedenheiten wurden in
Europa Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts von Hitler und seiner Politik der Panzer und im
Pazifik durch Pearl Harbor beigelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg setzte sich der weitblickende
Staatsmann Dean Acheson dafür ein, daß die
Amerikaner diese Lektion nicht vergaßen. Acheson
und andere kluge Politiker wußten, daß die Vereinigten Staaten aller Instrumente der Diplomatie
und Macht bedurften, um ihre vitalen Interessen zu
verteidigen und im Kalten Krieg langfristig den Sieg
davonzutragen. Es war Acheson, der erstmals
davon sprach, "aus einer Position der Stärke heraus
zu verhandeln".
Heute bezieht die amerikanische Diplomatie natürlich
einen großen Teil ihrer Stärke aus unserer Wirtschaftsmacht und der Macht unseres Beispiels.
Es ist nicht nur die Tatsache, daß unser globaler
ökonomischer Geltungsbereich der Stimme Amerikas
bei nahezu jeder internationalen Angelegenheit
Gehör verschafft - die neue Weltwirtschaft könnte
auch eine kleine Revolution in der Diplomatie
auslösen.
Da die Volkswirtschaft jeder Nation
zunehmend von der Teilnahme am Weltmarkt
abhängt, werden immer mehr Länder auch ungeschützter gegenüber den Auswirkungen wirtschaftlicher Isolation.
Das bedeutet, daß sie gleichermaßen empfänglich
für ökonomische Anreize und Strafen werden.
Südafrika bietet hierfür ein anschauliches Beispiel.
Und wir haben gesehen, wie effektiv Anreize und
Sanktionen bei unseren Verhandlungen mit Nordkorea über das Atomwaffenprogramm dieses Landes
waren. Wir begrüßen die Entscheidung Nordkoreas,
die zur heutigen Unterzeichnung eines Abkommens
führte. Das Abkommen liegt sowohl im Interesse
Nordkoreas als auch der Vereinigten Staaten, da es
einen Beitrag zur Beendigung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation des Landes leisten kann.
Es war aber wahrscheinlich kein Zufall, daß bei den
Gesprächen im vergangenen Sommer wirkliche
Fortschritte erzielt wurden als deutlich wurde, daß
wir dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution über
Sanktionen vorzulegen beabsichtigten.

Seite 2

Die Macht von Sanktionen zeigt sich auch am Verhalten Serbiens. Man sieht in der Tat eine direkte
Verbindung zwischen den dramatischen Auswirkungen der Isolierung der serbischen Wirtschaft und der
sich abzeichnenden Politik von Slobodan Milosevic.
Das Kernstück der amerikanischen Macht ist jedoch
militärische Macht. Aus diesem Grund hat Präsident
Clinton zugesagt, daß unsere Streitkräfte die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und
einsatzbereitesten der Welt bleiben sollen, ich sage
"bleiben sollen", da die effiziente und schnelle Art und
Weise, auf die unser Militär kürzlich die Operationen
am Golf und in Haiti durchführte, keinen Zweifel an
seiner derzeitigen Einsatzbereitschaft und Stärke
lassen.
Die Kassandrarufe der Kritik an unserer Einsatzbereitschaft treffen nicht zu: Wir haben Waffen in
Krisenherden wie dem Persischen Golf voreingelagert, unsere See- und Lufttransportfähigkeiten erweitert und die Finanzmittel für Operationen und Instandhaltung im Haushaltsjahr 1995 um 5,7 Prozent
erhöht. Es gibt Fragen zu unserer zukünftigen
Einsatzbereitschaft und Mobilität, die wir ansprechen
müssen und wollen, aber der schnelle und höchst
effiziente Aufmarsch unserer Truppen in Haiti und
Irak hat unsere Zuversicht bestärkt, daß wir weiterhin
praktisch gleichzeitig in zwei regionalen Konflikten
größeren Ausmaßes kämpfen und gewinnen können.

Die sich uns stellende Herausforderung ist nicht nur
der Erhalt unserer Militärmacht. Wir müssen heute
auch eine neue nationale Debatte über die entscheidenden Fragen führen, wann, wo und wie wir unsere
militärische Macht einsetzen. Ende der vierziger und
Anfang der fünfziger Jahre wurden solch umfassende
Diskussionen nur über Fragen der Nukleardoktrin und
des begrenzten Krieges geführt. Wir benötigen heute
einen ähnlichen Gedankenaustausch, und Sie müssen bei der Gestaltung der Debatte und somit unserer gemeinsamen Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Wann werden wir Gewalt einsetzen? Die kurze
Antwort lautet stets gleich: Wenn unsere Interessen
das von uns verlangen.
Während des Kalten Krieges wurden unsere Interessen vorwiegend vor dem Hintergrund der Bedrohung der Vereinigten Staaten durch die sowjetischen Nuklearwaffen definiert. Dies führte zur Politik
der nuklearen Abschreckung. Wir verdanken es zum
Teil dieser Politik, daß wir am Leben sind und uns
heute hier frei versammeln können.
Die Politik der Eindämmung war auch das Resultat
der Definition amerikanischer Interessen angesichts

AMERIKA DIENST 43

�der sowjetischen Bedrohung. Der nationale Konsens über die Eindämmung trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Aber wie der Vietnamkrieg zeigte, wurden
die Beziehungen zwischen Mitteln und Zielen beim
Führen begrenzter Kriege nie zufriedenstellend
definiert.
Heute benötigen wir angesichts der immer größeren
Auswahl zwischen möglichen Missionen in einer sich
schnell wandelnden Welt genauere Definitionen.
Ebenso wie bei der Förderung von Demokratie und
Marktwirtschaft konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen unsere Interessen auf dem Spiel stehen, und wir müssen so klar wie möglich definieren,
wann und wo wir unsere Militärmacht einzusetzen
gedenken. Denn es gibt keine wichtigere Entscheidung, die ein Präsident trifft.

Dasselbe gilt auf dem Gebiet humanitärer Angelegenheiten, beispielsweise beim Kampf gegen
Hunger und Naturkatastrophen sowie bei ernsthaften Menschenrechtsverletzungen.
Eine Reihe von Interessen zu haben bedeutet nicht,
daß wir keine Prioritäten setzten könnten. Unsere
hier dargelegten Interessen - mit der sicheren
Ausnahme von Angriffen auf unsere Nation und
unsere Verbündeten und der möglichen Ausnahme
von Aggression andernorts - sollten nicht automatisch
zu Gewaltanwendung führen. Je mehr dieser Interessen in Gefahr sind, desto wahrscheinlicher werden
wir wieder unser Militär zu Hilfe rufen. Aus diesem
Grund sahen wir uns in Haiti zur Intervention gezwungen angesichts der Verweigerung von Demokratie, Bedrohung unserer Grenzen, Gefährdung unserer
Verläßlichkeit und Errichtung eines brutalen Regimes
direkt vor unseren Küsten.

Ungeachtet dessen, wie klar unsere Militärdoktrin
formuliert ist, muß und sollte diese Entscheidung auf

einem Urteil basieren, das die Bedeutung einer
Mission im Hinblick auf unsere Interessen und ihre
mutmaßlichen Kosten gegeneinander abwägt.
Ich möchte kurz, wenn auch nicht streng nach
Prioritäten geordnet, die sieben nationalen Interessen aufführen, die nach Ansicht dieser Administration allein oder in Kombination den Einsatz unseres
Militärs rechtfertigen, insbesondere in Gebieten von
größter strategischer Bedeutung:
Verteidigung der Vereinigten Staaten, ihrer
Bürger im In- und Ausland sowie ihrer Verbündeten gegen direkte Angriffe.
Abwehr von Aggression, was für den Erhalt einer
friedlichen Welt von zentraler Bedeutung ist.
Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet steht für die
Amerikaner bei unserem internationalen Engagement persönlich am meisten auf dem Spiel.
Bewahrung, Förderung und Verteidigung der
Demokratie, die wiederum unsere Sicherheit
erhöht und unsere Werte verbreitet.
Verhinderung der gefährlichen Weiterverbreitung
von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen sowie terroristischer Gewalttaten.
Bewahrung unserer Verläßlichkeit. Wenn die
Vereinigten Staaten anderen Nationen gegenüber
Verpflichtungen eingehen, müssen sie ihre
Versprechen harten.

AMERIKA DIENST 43

Es sind nicht allein unsere Interessen, die entscheiden, wann und wo wir Gewalt anwenden. Wir
müssen Kosten und Nutzen jeder einzelnen Operation gegen die auf dem Spiel stehenden Interessen
abwägen und uns die folgenden Fragen stellen: Gibt
es eine klar definierte, durchführbare Mission?
Welche Risiken gehen wir ein? Wie groß sind die
Aussichten auf Erfolg? Was benötigen wir zur
Erreichung unserer Ziele? Wie hoch sind die möglichen - humanitären und finanziellen - Kosten des
Engagements? Haben wir eine realistische Erfolgsstrategie?
Es gibt hier keinen Algorithmus, keine einfache
Formel, bei der wir nur Zahlen einzusetzen brauchen,
um die Risiken und Erfordernisse zu kalkulieren. Wir
wissen jedoch, welche Faktoren wir bei unserer
Entscheidung darüber in Erwägung ziehen müssen,
wann und wo wir unsere Männer und Frauen in die
Gefahr entsenden.
Es gibt auch eine Reihe von Richtlinien, die uns beim
Einsatz von Gewalt behilflich sind, und sie befassen
sich mit dem Nutzen der Operation. Wenn wir
amerikanische Truppen ins Ausland schicken, haben
sie eine klare Aufgabe und verfügen über die erforderlichen Mittel. Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir sie unerschrocken anwenden. Sonst würden wir
die Interessen gefährden, die wir eigentlich verteidigen wollen sowie die Truppen, die wir entsenden.
Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Die
Entsendung unseres Militärs wird oftmals nicht zur
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führen, und
wir müssen die von uns beschlossenen Missionen
sorgfältig begrenzen. Gewalt kann einen Aggressor
besiegen, wird jedoch keine Demokratie ins Leben

Seite 3

�rufen oder zu Wohlstand führen. Sie bewirkt vielleicht erst im Nachhinein eine Lösung.
Wenn wir handeln, tun wir das wenn möglich gemeinsam mit anderen, wenn nötig aber auch im
Alleingang. In einigen Fällen, in denen wir nicht
unilateral vorgehen sollten, könnten wir uns zur
Teilnahme an einer multilateralen Aktion entscheiden, bei der Lasten und Risiken aufgeteilt werden.
Die Vereinigten Staaten haben konsequent die
Bestrebungen angeführt, Koalitionen zu bilden, um
den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft gerecht zu werden. Wenn wir uns
zusammen für eine gemeinsame Sache einsetzen,
werden wir alle stärker und haben mehr moralische
Autorität.
Je mehr unsere Interessen bedroht sind, desto eher
sind wir geneigt, im Alleingang zu handeln. Aus
diesem Grund haben wir gesagt, wir werden am
Persischen Golf wenn nötig unilateral handeln - und
haben dies auch getan, als die Iraker einen Anschlag auf das Leben des ehemaligen Präsidenten
der Vereinigten Staaten und damit gegen unser
ganzes Volk planten.
Schließlich möchte ich noch eine Warnung bezüglich
einer anderen möglichen Leitlinie anbringen. Einige
haben sich zugunsten einer vereinfachten Politik
ausgesprochen: Wir sollten uns in unserer eigenen
Hemisphäre und in begrenzten Gebieten im Ausland
einen Einflußbereich sichern und den anderen die
Aufgabe überlassen, die Stabilität und Ordnung in
ihrer jeweiligen Sphäre aufrechtzuerhalten.
Diese Sichtweise ist in gefährlicher Weise falsch.

Zweifelsohne zählt Nähe. Läge Haiti nicht so nahe
vor unseren Küsten, hätten wir wahrscheinlich nicht
gehandelt. Der dramatische Vormarsch der Demokratie in dieser Hemisphäre ist eine der wirklich
beeindruckenden Entwicklungen unserer Zeit, und
wir haben ein offenkundiges Interesse, eine Beeinträchtigung dieser Entwicklung zu verhindern.
Wir sind uns bewußt, daß alle Nationen stärker um
ihre unmittelbare Umgebung besorgt sind als um
entfernte Regionen. Aber als große Nation, deren
Interessen und Ideale globale Ausmaße haben,
können - und wollen - wir nicht anderen das Recht
überlassen, sich je nach ihrem Gutdünken ohne
Rücksicht auf internationale Normen in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen. Wir müssen von anderen insbesondere erwarten, daß sie die
Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn
respektieren.

Seite 4

Dies sind also die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in
der Vergangenheit hinter unseren Einsätzen militärischer Macht standen und uns in der Zukunft leiten
werden.
Bei jedem Einsatz von Gewart haben wir die Interessen und Kosten gegeneinander abgewogen. Und
in jedem Fall hat der Einsatz unseres Militärs unsere
Diplomatie untermauert und uns Fortschritte erlaubt,
die wir ansonsten nicht erzielt hätten.
Beim Irak handelt es sich um einen Fall drohender
Aggression, bei der ein breites Spektrum amerikanischer Interessen in Gefahr ist. Aus diesem Grund
führen wir die Koalition unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen an - sind jedoch bereit, im
Alleingang zu handeln, wenn wir müssen. Das
Ergebnis des entschlossenen Handelns des Präsidenten war nicht nur die in greifbare Nähe gerückte
Lösung der derzeitigen Krise, sondern eine neue
Verfügung des Sicherheitsrats bezüglich einer weiteren irakischen Aggression.
In Haiti, wo geringere, aber dennoch wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, haben wir ebenfalls
gehandelt - aber zu erheblich niedrigeren Kosten. Im
Verlauf von drei Jahren hatten wir alle Verhandlungsmöglichkeiten und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen bei unseren Bestrebungen erschöpft, das
Versprechen zweier Administrationen zur Wiederherstellung der demokratisch gewährten Regierung auf
Haiti zu erfüllen. Nur der Einsatz von Gewalt konnte
schließlich den Erfolg herbeiführen. Als die haitianischen Generale die Nachricht erhielten, daß die 82.
Luftlandedivision gestartet und auf dem Weg nach
Haiti war, gaben sie nach. Infolgedessen erreichten
wir auf friedlichem Wege, was wir mit Feuerkraft zu
erzielen bereit waren. Wenn man zum Einsatz von
Gewalt bereit ist, kann man Sun Tzus Worten zufolge
"den Feind ohne Kampf unterwerfen". Der alte
Stratege bezeichnete dies als "das Höchstmaß an
Geschicklichkeit".
In Bosnien konnten wir nicht alle von uns gewünschten Fortschritte machen, aber als die Diplomatie
Hand in Hand mit militärischer Macht ging, konnten
wir eine positive Bewegung beobachten. Das Ultimatum von Sarajevo hatte beispielsweise vor allem
Erfolg, weil die Androhung von Luftangriffen der
NATO konkret war. Die Entscheidung der NATO zum
Einsatz der Luftstreitkräfte hat den Druck auf Sarajevo maßgeblich verringert, den Fall von Gorazde
verhindert und die Grundlage für das Abkommen vom
Frühjahr zwischen den Bosniern und den bosnischen
Kroaten bereitet, ihren Konflikt zu beenden und eine
Föderation zu bilden. Die jüngste NATO-Entscheidung, größere Klarheit und Flexibilität der Vereinten

AMERIKA DIENST 43

�Nationen in Bosnien anzustreben, war ein Schritt in
die richtige Richtung.
In Ruanda und Somalia waren unsere Missionen
vornehmlich humanitär und unsere Interessen begrenzt. Nur das amerikanische Militär konnte das
Geleistete vollbringen und Hunderttausende Menschenleben retten.
Längerfristig rechtfertigten
unsere Interessen jedoch nicht mehr als die Unterstützung der multilateralen Friedenssicherungsbestrebungen nach Abschluß unserer Mission. Wie
überall können die internationalen Friedenssicherungsbestrebungen auch dort einer zersplitterten
Gesellschaft nur eine Chance bieten - eine Zeit
relativer Sicherheit - in der sie ihre Wunden heilen
kann. Keine Kraft von außen kann einer Gesellschaft das auferlegen, was letztlich ihre eigene
Verantwortung ist.
Ein letzter Punkt: Natürlich hat Politik in einem
Vakuum weder Erfolg noch Mißerfolg. Zu Recht
spielen die öffentliche Meinung und der Kongreß
eine zentrale Rolle dabei, wie die Vereinigten
Staaten ihre Macht im Ausland ausüben. Die
wichtigste von uns in Vietnam gelernte Lektion war
vielleicht, was Les Gelb einmal als "den unerläßlichen Dominostein" bezeichnet hat: Die öffentliche
Meinung. Dieser Konflikt lehrte uns, sorgfältiger
über Kosten, Willens- und Feuerkraft sowie die
Länge des Einsatzes nachzudenken. Vor allem aber
lehrte er uns, daß die Vereinigten Staaten ohne die
Unterstützung durch die öffentliche Meinung keinen
Kampf lange durchhalten können.
In unserem Zeitalter bildet sich die öffentliche Meinung in noch verwirrenderer Weise als während des
Vietnamkrieges. Dies trifft insbesondere auf humanitäre und andere nicht herkömmliche Interventionen
zu. Der von CNN und anderen Sendern bei der
Berichterstattung vollführte Quantensprung bedeutet,
daß praktisch jeder Amerikaner jeden Tag mit einer
schmerzlichen Ambivalenz konfrontiert werden muß.
Bilder von Gewalt, Leid und Brutalität rufen natürlich
den Impuls zu intervenieren hervor. Der Fernsehschirm setzt einen bestimmten Vorfall in eine anscheinend universelle Gegebenheit um. Die Kamera
hat bedauerlicherweise keinen periphären Blickwinkel. Mein Land, und wahrscheinlich nur mein Land denkt der Zuschauer - kann etwas gegen dieses
Blutbad unternehmen.
Aber wenn Bilder von Opfern - unseren Opfern erscheinen, ändert sich alles sofort. Die Kosten
werden schmerzlich offenbar und es erhebt sich die
Frage: Kann dies auch nur ein amerikanisches
Menschenleben wert sein?

AMERIKA DIENST 43

Keines dieser Gefühle sollte uns überraschen oder
bestürzen. Beide Reaktionen sind Ausdruck des
hohen Werts, den Amerikaner dem menschlichen
Leben beimessen. Und aus diesem Grund sind wir
bessere Menschen.
Aber während wir als einzelne diese schmerzliche
Ambivalenz teilen können, obliegt der Regierung die
Verantwortung, reale Entscheidungen zu treffen und
zu handeln - zwischen dem Wesentlichen und den
Marginalien zu entscheiden, auf der Grundlage
dessen zu handeln, was richtig ist, und dann, wenn
Maßnahmen ergriffen worden sind, sie ohne Zögern
und Wankelmut durchzuführen.
Um dies zu tun, benötigen wir ein besseres Verständnis der Zusammenarbeit zwischen der Exekutive
und dem Kongreß. Beide müssen natürlich der
Öffentlichkeit für ihre Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Und dies bedeutet eine notwendige und
angemessene Vorsicht bezüglich der Kosten einer
Militäraktion. Es ist schließlich das amerikanische
Volk, das die Last und die Kosten trägt.
Aus unserer jüngsten Erfahrung am Persischen Golf
wissen wir jedoch auch, daß das amerikanische Volk
dem Einsatz von Gewalt nicht so ablehnend gegenübersteht wie manche denken, insbesondere, wenn
klassische Interessen wie die Sicherheit in Europa
oder im Nahen Osten bedroht sind. Und wie eine
neue Rand-Studie belegt, wollen die Amerikaner, daß
wir erfolgreich sind, wenn wir uns einmal engagiert
haben.
Wie wir gesehen haben, unterstützt auch der Kongreß den Einsatz von Gewalt, wenn die klassischen
Interessen der Nation auf dem Spiel stehen. Das ist
ein großer Vorteil, denn es ist unabdingbar, daß die
Exekutive und der Kongreß in der Außenpolitik
zusammenarbeiten.
In der Welt nach dem Kalten Krieg müssen wir
jedoch auch die Kapazität für den begrenzten Einsatz
von Gewalt unter neuen Gegebenheiten haben. Zu
häufig in solchen Fällen reagieren einige im Kongreß,
indem sie nur Warnungen äußern, nur die Kosten
und die Opfer sehen, statt den Nutzen und die
Chancen.
Ich wiederhole: Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir dies unerschrocken tun. Sonst setzten wir unsere
Ziele aufs Spiel und gefährden unsere Truppen,
sowohl bei der spezifischen Mission als auch weltweit. Wenn der Kongreß fast automatisch Resolutionen in Erwägung zieht, die einen frühzeitigen Abzug
unserer Truppen fordern, wenn sie in ungewohnter
Umgebung stationiert sind, unterminiert er unsere
Ziele und vergrößert das Risiko für unsere Truppen.

Seite 5

�Es ist praktisch eine Einladung für den "Verbrecher
des Monats", herauszufinden, ob er unseren Rückzug aus einem schwierigen Teil der Welt erzwingen
kann, indem er unsere Soldaten angreift.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Präsident Clinton
im Herbst den übereilten Rückzug aus Somalia
abgelehnt. Das wäre der falsche Ausweg gewesen
und hätte die falsche Botschaft übermittelt. Statt
dessen erhöhte er das Truppenniveau bevor er es
langsam, rechtzeitig und ohne weitere Opfer wieder
abbaute.

wissen auch, daß vor uns eine Chance zum Aufbau
einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und
Pluralismus liegt. Eine solche Chance bietet sich
höchstens einmal in einem Zeitalter. Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chance zu ergreifen,
müssen wir unsere Kreativität und unser gesamtes
diplomatisches Geschick aufbieten. Und diese
Geschicklichkeit müssen wir stets mit unserer Macht
untermauern. Wir sollten also die Lehre von Friedrich
dem Großen, einem der großen Realisten der Aufklärung, im Gedächtnis behalten, der sagte: "Diplomatie ohne Waffen ist Musik ohne Instrumente".

Dieses Thema geht über die tägliche Zusammenarbeit mit dem Kongreß hinaus. In Anerkennung der
Rolle des Kongresses hat diese Administration in
beispielloser Weise Konsultationen mit ihm geführt 75mal allein im Falle Haitis.

Wir sollten gegen die Gefahr des Schleudems und
Rückzugs gewappnet sein. Wir müssen die Rufe von
links und rechts ebenso wie die Rhetorik der Neonichtwisser ohne eigene Meinung zurückweisen, zu
Hause zu bleiben, statt uns zu engagieren.

Erforderlich sind jedoch ein Kriegsmächtemechanismus und Konsultationssystem, die funktionieren. Im
kommenden Jahr werden wir mit dem Kongreß
ernsthafte Gespräche über eine Neuformulierung der
Kriegsmächteresolution führen in dem Versuch, den
zwei Jahrhunderte währenden Kampf zwischen
diesen Regierungszweigen zu beenden. Er wird und
sollte vielleicht niemals beigelegt werden. Aber die
Bedingungen und der Ton bei der Formulierung
unserer nationalen Sicherheitspolitik müssen verbessert werden und etwas von ihrem derzeitigen parteipolitischen Gepräge verlieren, oder unsere Nation
und unsere Truppen könnten einen unnötig hohen
Preis bezahlen.

Die in diesem Raum Anwesenden sind vielleicht nicht
der Auffassung, daß wir eine neue Runde des alten
Kampfes zwischen Engagement und Verschanzung
kämpfen. Die Debatte ist nicht so klar definiert wie in
der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber
jedes Mal, wenn eine Gesetzesvorlage drastisch
gekürzt, die Stationierung von Truppen aus ideologischen statt praktischen Gründen abgelehnt oder ein
gutes Handelsabkommen attackiert wird, ist es Teil
der herkömmlichen Argumentation. Der Impuls, sich
von der Welt zurückzuziehen wie sich Nebelschwaden auflösen, kommt unbemerkt. Daher bitte ich Sie,
gemeinsam mit uns zu verhindern, daß unsere Nation
angesichts einer neuen Welt mit andauernden
Gefahren die Orientierung verliert. Denn dies ist
auch eine Zeit enormer Chancen. Ich glaube, wir
werden sie mutzen.

Amerikaner wissen, daß das Ende des Kalten Krieges - so ermutigend es auch ist - nicht bedeutet,
daß wir in einer Welt wirklicher Sicherheit leben. Wir
*

Seite 6

*

* *

AMERIKA DIENST 43

�NATO
2. November 1994

DIE ZWEITEN 50 JAHRE DER NATO AUFGABEN EINES BÜNDNISSES
Rede von Botschafter Kornblum
DEN HAAG - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafter John Kornblum am 26. Oktober 1994 vor
der 40. Versammlung der NATO in Den Haag gehaltene Rede.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, vor der
Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO) eine
Rede halten zu dürfen. Es ist die aktive Rolle von
Bürgern wie Ihnen, die unsere Partnerschaft gesund
erhalten. Die Zusammenarbeit mit der atlantischen
Kommission der Niederlande ist stets eine besondere Freude. Ihre Konferenzen haben nicht nur ein
äußerst hohes Niveau - die Rolle der Niederlande in
Europa, der atlantischen Partnerschaft und in der
Welt ist ein ausgezeichnetes Beispiel der engagierten, aufgeklärten Politik, die in den kommenden
Jahren unabdingbar sein wird.

Wie der Name schon besagt, bildet der Atlantik das
Kernstück dieser Partnerschaft. Das zentrale Kriterium der europäischen Sicherheit in diesem Jahrhundert war die zunächst allmähliche und dann rasche
Verlagerung der Macht von der europäischen Landmasse zu den Demokratien Nordamerikas - insbesondere den Vereinigten Staaten.

Meine heutigen Ausführungen tragen den Titel: "Die
zweiten 50 Jahre der NATO - Aufgaben eines
Bündnisses". Es gibt einen speziellen Grund für
diese Themenstellung. Vor fünf Jahren hätten viele
Beobachter nicht geglaubt, daß die NATO ihre
ersten 50 Jahre vollenden, ganz zu schweigen
davon, sich auf weitere 50 vorbereiten würde.

Seit den frühesten Zeiten der Kolonisierung sahen die
amerikanischen Kolonien und das europäische
Mutterland ihre Sicherheit als untrennbar verbunden.
Die Revolution in unserem Land hatte beispielsweise
eine Parallele in den anglo-französichen Konflikten in
Europa. Und im 19. Jahrhundert spielte die britische
Marine eine zentrale Rolle dabei, Nordamerika frei
von Konflikten zu halten, die in Europa ihren Ursprung hatten.

Heute sind die Zweifler von der Bildfläche verschwunden. Die NATO hat nicht nur überlebt, sie ist
für mögliche neue Mitglieder zunehmend begehrenswert sowie für diejenigen, die ein Engagement der
NATO in ihrem Namen wünschen. Dieses Engagement geht inzwischen weit über die ursprünglichen
Kernfunktionen des Bündnisses hinaus. Zu sagen,
die NATO fördert Stabilität in ganz Europa, ist zu
einem Understatement geworden.
Grundlagen des Erfolges
Bevor wir uns jedoch in Euphorie über neue Verwendungen unserer Partnerschaft verlieren, sollten
wir uns vor Augen führen, warum die NATO selbst
in einem Zeitalter raschen Wandels so erfolgreich ist.
Die Gründe für das Stehvermögen der NATO finden
sich sowohl in ihren grundlegenden Kernfunktionen
als auch in ihren neuen Aufgaben.

AMERIKA DIENST 43

Beachten Sie, daß ich nicht gesagt habe, die nordamerikanische und die europäische Sicherheit seien
zum ersten Mal in diesem Jahrhundert miteinander
verbunden. Das wäre nicht richtig.

Was sich im 20. Jahrhundert änderte, war der Ursprung der Macht und ihre Anwendung. Bis 1914
hatten die zunehmend wohlhabenden und geographisch sicheren Vereinigten Staaten das Kräftegleichgewicht in Europa gehalten. Wirtschaftlich stark,
hatten die Vereinigten Staaten den Glauben an die
Macht der eigenen Ideale und Ziele, der bis heute in
Europa noch nicht vollständig wiederentdeckt worden
ist. Es gibt eine Bereitschaft, für diese Überzeugungen einzutreten und für ihre Verteidigung Opfer zu
bringen.
Dieses Gefühl der Zuversicht und Vision wurde
irgendwann im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts
auf die andere Seite des Atlantiks übertragen. Seit
über 70 Jahren ist es das definierende Moment der
europäischen Sicherheit geblieben. Als die amerikanische Energie der europäischen Sicherheitsglei-

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�chung hinzugefügt wurde, war die Freiheit gesichert.
Als die Vereinigten Staaten diese Rolle aufgaben,
machten die historischen Konflikte der Vergangenheit den Frieden schnell zunichte.
Die NATO verleiht dieser Rolle der Vereinigten
Staaten Form und Substanz. Sie setzt das atlantische Ideal von Hoffnung auf gegenseitiges Engagement in eine funktionierende Partnerschaft um. Das
Bündnis bietet das Instrument für die Anwendung
der amerikanischen Macht und Vision auf die Sicherheitsordnung in Europa. Es dient jedoch auch
als wichtiger Vermittler von Hoffnungen, Idealen und
Menschen unter den europäischen Mitgliedstaaten
und über den Atlantik hinweg.
Die Kernfunktion der NATO ist ebenso europäisch
wie transatlantisch. Die überwältigende Mehrheit
ihrer Streitkräfte, ihrer Planer und Infrastruktur wird
von den europäischen Partnern bereitgestellt. Zu
einer Zeit, in der Pläne für eine getrennte europäische Verteidigungs- und Sicherheitsidentität noch
erörtert werden, betreibt die NATO zahlreiche in
Europa angesiedelte Verteidigungs- und Sicherheitsinstitutionen, die eine funktionierende Integration der
politisch und militärisch Verantwortlichen vornehmen.
Diese auf Europa zugeschnittene Aufgabe der NATO
wird häufig von denen mißverstanden, die eine
getrennte europäische Identität wünschen. Die
Vereinigten Staaten zählen sich zu den Gründern
der europäischen Integrationsbewegung. Bereits
1947 forderte Außenminister George Marshall eine
gemeinsame europäische Antwort auf das amerikanische Angebot der Wirtschaftshilfe.
Bei der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft
innerhalb Europas ist es jedoch unerläßlich, sich vor
Augen zu führen, daß die Grundlagen einer europäischen Sicherheitsidentität bereits existieren - in der
NATO. Die Aufgabe für die Zukunft besteht darin,
dieses europäische Thema im Nordatlantikrat besser
zu artikulieren.

Nachdem diese Aufgabe nun erfüllt ist, dürfen wir
unsere Energien nicht mit der Suche nach neuen
Bedrohungen erschöpfen, damit die NATO beschäftigt ist. Die NATO wurde ursprünglich als politisches
Bündnis konzipiert - eine Partnerschaft unter gleichgesinnten Ländern zur Verteidigung der Demokratie
in einer Zeit der Unsicherheit und des Wandels. Ihrer
Gründung folgte ein langer und ermüdender Krieg,
der die Ressourcen Europas verschlang, neue
Herausforderungen für die Demokratie mit sich
brachte und die Notwendigkeit zu Solidarität angesichts der überwältigenden Aufgabe des Wiederaufbaus unter Beweis stellte.
Gibt es auch für das vor uns liegende Zeitalter eine
genauere Definition der Aufgaben? Nachdem die
NATO zur Beseitigung der Bedrohung durch Totalitarismus und militärische Aggression beigetragen hat,
sehen sie und ihre Mitgliedstaaten sich mit einer
neuen Nachkriegszeit konfrontiert. Der gerade hinter
uns liegenden "kalte" Krieg hat Herausforderungen
hinterlassen, die in jeder Hinsicht ebenso groß sind
wie die, denen sich unsere berühmten Vorgänger vor
nahezu 50 Jahren gegenübersahen.
Die Gesellschaften und der Geist der Hälfte
Europas sind gebrochen und orientierungslos.
Das Versprechen der Demokratie ist von der
Gefahr des wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs bedroht.
Ein besiegter Gegner versucht mit aller Macht,
seinen Weg in einem neuen Europa zu finden.
Seine Volkswirtschaft ist zerstört und sein Image
angeschlagen.
Eine sich rasch wandelnde Welt enthält noch vor
wenigen Jahren undenkbare Herausforderungen.
Ebenso wie 1947 kämpfen im Jahr 1994 neue
Nationen und neue Politiker um Einfluß in einer
zunehmend konkurrierenden Welt. Die Integration
dieser neuen Nationen in ein sicheres und demokratisches Weltsystem ist eine Aufgabe historischen Ausmaßes.

Wo ist die Bedrohung?
Sie haben vielleicht festgestellt, daß ich bei der
Definition der Kernfunktionen des Bündnisses weder
spezifische Aufgaben genannt noch eine klare
Bedrohung definiert habe. Als ein militärisches
Bündnis bereitet sich die NATO natürlich auf die
Sicherheitsherausforderungen für ihre Mitglieder vor.
Seit über 40 Jahren sah man diese Bedrohung als
von der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt
ausgehend an. Zur Abschreckung der sowjetischen
Aggression wurde eine kunstvolle Struktur aufgebaut.

Seite 2

Aus dieser Perspektive erscheint die scheinbar ewige
Frage: "Wo ist der Feind?" immer weniger relevant
Die NATO wurde ursprünglich nicht gegründet, um
etwas zu sein. Ihr ursprünglicher Zweck war vielmehr, sich für etwas zu vereinen:
Für ein demokratisches und friedliches Europa,
das zunehmend eine Führungsrolle in der Welt
übernahm.
Für eine atlantische Partnerschaft, die die Verbindung zur amerikanischen Militärmacht zum
Aufbau politischer, wirtschaftlicher und kultureller

AMERIKA DIENST 43

�Bande über den Atlantik hinweg nutzte, die zur
Überwindung der alten Gewohnheiten von Wettbewerb und Konfrontation beitragen würden.
Und schließlich, um diesen Schutzschild für
Demokratie als Grundlage einer fruchtbaren
europäischen Partnerschaft zu nutzen, die Selbstbewußtsein, Vertrauen und Verantwortungsbewußtsein unter ehemaligen Gegnern und Verbündeten gleichermaßen beinhaltete.
So verändert unsere Zukunft auch erscheinen mag,
sind die Ideale der NATO dennoch in einzigartiger
Weise dafür geeignet, diese vor uns liegenden
Aufgaben zu erfüllen. Sie benötigt keine neuen
Aufgaben, um weiterhin ihren unerläßlichen Beitrag
zu der demokratischen Zukunft Europas zu leisten.
Sie benötigt nur den Einsatz und Willen ihrer Mitgliedstaaten, ebenso hart zu arbeiten, um dasselbe
Engagement und dieselbe Energie auf das übrige
Europa auszuweiten, die vor vier Jahrzehnten zu
Freiheit und Wohlstand in Westeuropa führten.
Eine amerikanische Vision
Es ist diese Vision eines in Ziel und Zweck integrierten Europas, die Präsident Clinton vor zehn Monaten
in Brüssel umriß.
Sein Rezept für die Zukunft gründete auf der NATO
und der Europäischen Union als organischer Verkörperung der westlichen Kooperation.
Seine
Botschaft stellte jedoch eindeutig klar, daß unsere
eigene Sicherheit ohne die Konzentration des
demokratischen Erneuerungsprozesses in eine
östliche Richtung bald in Frage gestellt sein würde.
Wenn sich nicht alle auf diesem Kontinent der
Früchte der demokratischen Revolution erfreuen,
könnten sie bald auch im Westen ihre Anziehungskraft verlieren.
Diese Vision ist nicht auf eine einzelne Institution
oder Gruppe von Ländern begrenzt. Wenn es eine
Lektion der Jahre seit dem Zusammenbruch des
Kommunismus gibt, lautet sie, daß vielfältige Anstrengungen erforderlich sind, um die uns konfrontierenden neuen Probleme zu definieren und zu lösen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß
unsere nationale Sicherheit in dieser Periode raschen Wandels am besten durch das gleichzeitige
Vorgehen auf mehreren politischen Schienen garantiert werden kann.
Die erste Schiene bieten die NATO, die Westeuropäische Union (WEU), die Europäische
Union (EU) und andere als integrierte Organisationen. Sie schützen die Interessen ihrer Mit-

AMERIKA DIENST 43

glieder und beziehen zunehmend neue Aufgaben
und neue Partner ein.
Eine zweite Schiene wird durch umfassendere
Strukturen definiert, die sich der Aufgabe der
Integration neuer demokratischer Staaten in die
demokratischen Strukturen des Westens verschrieben haben. Der Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR), die Partnerschaft für den Frieden
(PfP), das Partnerschaftsprogramm der WEU und
die Bestrebungen der EU zur Einbeziehung der
neuen unabhängigen Staaten sind spezifische
Beispiele. Die KSZE spielt eine besondere Rolle
bei der Entwicklung eines Zusammengehörigkeitsgefühls und der Erarbeitung gemeinsamer Ziele
unter der größten Anzahl euroatlantischer Staaten.
Und schließlich schreitet die wirtschaftliche Integration der euroatlantischen Welt schnell voran,
während die westlichen Länder einen Binnenmarkt
bilden, in dem die alten Ängste der wirtschaftlichen Konfrontation rasch durch Einzelmarktstrategien auf beiden Seiten des Atlantiks ersetzt
werden. Wenn der Frieden gesichert werden soll,
muß diese Integration auch ostwärts erweitert
werden.
Präsident Clinton hat eine radikal neue Definition der
Sicherheit mit dem Argument vorgeschlagen, daß
sich die Friedenssicherung in Zukunft um drei wesentliche Elemente drehen wird:
militärische Stärke,
wirtschaftlichen Wohlstand und
Menschenrechte.
Die drei Schienen unserer europäischen Vision
decken sich mit diesen wesentlichen Elementen. Sie
bieten den Kern einer neuen Sicherheitsarchitektur in
Europa, die umfassend, einbeziehend und nichtdiskriminierend ist und sich auf die integralen Beziehungen zwischen der Sicherheit Europas und der Nordamerikas gründen.
Statt vorzuschreiben, wie sich jedes Teil dieser
Struktur entwickeln sollte, konzentriert sich unsere
amerikanische Vision auf die Entwicklung eines weiter
vertieften Zusammengehörigkeitsgefühls unter den
Nationen der euroatlantischen Welt. Während sich
Demokratie und freie Marktwirtschaften entfalten, wird
sich das Gefühl gemeinsamer Ziele und eines gemeinsamen Schicksals in einer neuen Art von Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft vertiefen,
die bestehende Organisationen verstärkt und den
Weg für neue praktische Fortschritte ebnet.
Es wird einigen Beobachtern nicht entgangen sein,
daß diese Vision einer erweiterten euroatlantischen

Seite 3

�Gemeinschaft der Vision eines zunehmenden Gemeinschaftssinns ähnelt, die Präsident Clinton und
andere westliche Politiker in ihren Ländern umreißen.

den Entwicklung einer unabhängigen sicherheitspolitischen Identität unter den 12 Nationen der
Europäischen Union und Partnern in Nordamerika
herzustellen.

Die Ähnlichkeit ist offenkundig. Der Unterschied
zwischen diplomatischen und sicherheitspolitischen
Erwägungen in der Außenpolitik und die Notwendigkeit einer Erneuerung unserer eigenen Gemeinden
wird jeden Tag kleiner. In einer nicht länger von
dem einzigen Prinzip der militärischen und ideologischen Konfrontation regierten Welt werden grundlegendere humanitäre Belange das internationale
Leben in zunehmendem Maße beeinflussen.

Eine zweite europäischen Funktion wird darin
bestehen, die Zusammenarbeit nach Osten zu
erweitern, um zum Aufbau dauerhafter demokratischer Strukturen in den aus dem Warschauer
Pakt hervorgegangenen neuen Demokratien
beizutragen.

Wir werden bald feststellen, daß sich das Vokabular
der internationalen Sicherheitspol'rtik von militärischen Berechnungen zur innenpolitischen Gleichung
verlagert. Die Umwelt, Einwanderungsfragen und
ethnische Spannungen werden sehr viel wichtiger
als Wurfgewicht, Manöverpläne und Raketenlenksysteme.
Wir werden hart arbeiten müssen, um diese neuen
Definitionen in die Praxis umzusetzen. Wir befinden
uns im Übergang von einem Zeitalter zum nächsten.
Die neuen Konzepte unterbrechen unser bequemes
Denkmuster. Es scheint sich noch nicht auf die vor
uns liegenden Probleme eingestellt zu haben.
Beispielsweise wird noch viel über neue Sicherheitsarrangements, die militärische Umsetzung oder
Frühwarnsysteme gesprochen. Diese Ideen stehen
für die Bestrebungen, Konzepte der Vergangenheit
an neue und verwirrende Probleme anzupassen.
Wir werden bald sehen, wie viel wichtiger die neuen
Sicherheitsberechnungen für die uns heute konfrontierenden Aufgaben sind.
Die Rolle der NATO
Wenn man die von mir gerade dargelegte neue
Definition der Sicherheit akzeptiert, werden die
Aufgaben der NATO für die Zukunft klarer.
Das Bündnis wird weiterhin als Grundlage für die
Sicherheit all seiner Mitgliedstaaten dienen.
Durch Zusammenarbeit bei militärischen Aufgaben und Strategien für ein Engagement mit
den neuen Demokratien im Osten konsolidieren
wir eine Interessengemeinschaft unter den
Verbündeten, die den größten Bedrohungen
widerstehen kann.
Neben seiner transatlantischen Rolle wird das
Bündnis zunehmend einer europäischen Funktion
dienen. Die vordringlichste Rolle wird darin
bestehen, ein Bindeglied zwischen der andauern-

Seite 4

Mitteleuropa war seit Jahrhunderten der Ausgangsort
von Konflikten in Europa. Niemand kann sich sicher
fühlen, wenn das Konfliktpotential nicht aus dieser
Region entfernt wird. Die Rolle der NATO muß
dynamisch sein. Durch neue Bestrebungen wie den
NAKR und die Partnerschaft für den Frieden können
die Verbündeten mit den Nichtmitgliedern einen
Gemeinschaftssinn aufbauen. Praktische Zusammenarbeit kann eine zunehmende Harmonisierung
der operativen Konzepte und der politischen Verhaltensweisen gewährleisten.
Schließlich können das Geschick und die Ressourcen
der NATO zur Aufrechterhaltung von Frieden in
Konfliktgebieten dienen. Neue Strukturen werden
definiert, um dem Bündnis die Beteiligung im Alleingang oder in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen bei dieser Funktion zu ermöglichen. Für eine
solche Rolle der NATO gibt es vielfältige Möglichkeiten, aber genausoviele Gefahren. Die Evolution der
Friedenssicherungs- und Konfliktverhütungsrolle der
NATO wird gründliche Prüfung erfordern.
Die Frage neuer Mitglieder
Mit der Debatte über die zukünftigen Rollen des
Bündnisses geht die Frage neuer Mitglieder einher.
Mehrere Länder haben Interesse bekundet. Andere
kämen ohne Probleme in Frage, wenn sie einen
Beitritt wünschen. Diese Frage hat ziemliche Kontroversen hervorgerufen. Sie ist verbunden mit den
grundlegendsten Erwägungen über die zukünftige
Sicherheitsstrategie in Europa.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Frage einer Erweiterung der NATO im Zusammenhang mit der Evolution der Rolle des Bündnisses als
Teil einer umfassenderen Sicherheitsarchitektur in
Europa gesehen werden sollte. Wenn Sie sich an die
von mir erwähnten drei Schienen erinnern, wird
deutlich, daß jede dieser Schienen für die kontinuierliche Erweiterung von Frieden in der Region unabdingbar ist.
Eine auf ihre ursprüngliche defensive Rolle in ihren
ursprünglichen geographischen Grenzen beschränkte

AMERIKA DIENST 43

�NATO könnte nicht prosperieren. Sie wird schnell zu
einem Anachronismus in einem sich rasch wandelnden Umfeld. Andererseits würde eine die Übernahme aller Sicherheits- und Kooperationsfunktionen
in Europa anstrebende NATO bald unter der Last
der Aufgabe zusammenbrechen. Sie könnte ihr
originäres Verteidigungsmandat nicht erfüllen, wenn
sie zu einer alles einbeziehenden wechselseitigen
Sicherheitsstruktur in Europa werden wollte.

allen interessierten Parteien zusammen, um
dieser Integration zum Erfolg zu verhelfen.
Die nächsten Wochen werden entscheidend für
unsere Bestrebungen beim Aufbau einer neuen
Architektur sein.

Der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur

Die Partnerschaft für den Frieden und der Prozeß
der Evolution der NATO werden fortgesetzt.
Nächster Termin ist das Ministertreffen im Dezember.

In den kommenden Monaten und Jahren werden die
Vereinigten Staaten die Entwicklung aller Schienen
dieser integrierten Sicherheitsarchitektur anstreben.

Die Budapester Folgekonferenz und das KSZEGipfeltreffen werden eine Chance bieten, dem
KSZE-Prozeß Auftrieb und Vision zu verleihen.

Wie Präsident Clinton im Juli in Warschau festgestellt hat, ist die Erweiterung der NATO nicht eine
Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Wir
werden im Herbst Konsultationen im Bündnis
über das beste Vorgehen zur Verwirklichung
dieses Ziels aufnehmen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen eine weitreichende Anpassung der KSZE an die neue Situation
in Europa. Wir sind der Ansicht, die KSZE sollte als
wichtigstes Instrument für den Aufbau einer Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft in Europa
entworfen werden. Diese Gemeinschaft sollte als Ziel
die Erarbeitung von Gewohnheiten und Zusammenarbeit haben, die mit der Zeit eine dauerhafte Grundlage für Frieden bilden.

Als unerläßliche Grundlage jeder Rollenerweiterung der NATO in Mitteleuropa sollte die Partnerschaft für den Frieden die Substanz der Zusammenarbeit bei den zahlreichen Aspekten des
militärischen und politischen Verhaltens bieten,
die das Wesen der Mitgliedschaft im Bündnis
ausmachen.
Eine wichtige zweite Schiene wird sich damit
befassen, der Entwicklung der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa als
einer grundlegenden Sicherheitsstruktur zusätzlichen politischen Auftrieb zu verleihen. Die KSZE
bietet die Vision und Werte für eine echte Sicherheits- und Kooperationsgemeinschaft in der
euroatlantischen Region. Sie bietet auch die
umfassenden Strukturen für Konsultationen und
Kooperation unter allen Teilnehmerstaaten - ob
sie Mitglieder des Bündnisses sind oder nicht.
Auf diese Art und Weise kann die KSZE die übergeordnete Institution für ein wachsendes Netz von
Kontakten und Zusammenarbeit sein - die sich alle
aus den Bereichen Menschenrechte, Wirtschaft und
Sicherheit ableiten, die das Kernstück der Schlußakte von Helsinki bilden.
Wirtschaftliche Integration muß auf vielfältige Art
vorangetrieben werden. Internationale Organisationen können helfen. Die grundlegenden Entscheidungen müssen jedoch diejenigen der
nationalen Regierungen sein. Volkswirtschaften,
Rechtsstrukturen und die industrielle Infrastruktur
müssen an die neuen Erfordernisse angepaßt
werden. Die Vereinigten Staaten arbeiten mit

AMERIKA DIENST 43

Als Hauptaufgabe sollte sich die KSZE auf demokratische Entwicklung, die Achtung der Menschenrechte
und wirtschaftliche Kooperation konzentrieren. Sie
sollte darüber hinaus die neuen Disziplinen der
präventiven Diplomatie und Konfliktverhütung weiterentwickeln, zu denen sie bereits so viel beigetragen
hat. Vor allem die Rolle des Hochkommissars für
nationale Minderheiten, Max van der Stoel, verdient
besondere Erwähnung.
Die Teilnehmerstaaten sollten sich darüber hinaus auf
der höchsten politischen Ebene der Erarbeitung
neuer Formen der Konsultation und Kooperation in
der KSZE verpflichten. Sie sollte nicht zu einer Kopie
der NATO oder der Vereinten Nationen werden. Ihre
eigene besondere Form der politischen Konsensbildung sollte vielmehr genutzt werden, um die
gemeinsamen Handlungsbereiche unserer Länder zu
erweitern. Neue Konsultationsgremien können in
Erwägung gezogen werden, um diesen Zielen zusätzliche Substanz zu verleihen.
Zu einem dauerhaften Frieden
Keine Institution kann politischen Willen und die
Bereitschaft zur Zusammenarbeit ersetzen.
Die
Geschichte belegt, daß tragische Entwicklungen
stattfinden können, selbst wenn umfassende Kooperationsstrukturen vereinbart wurden wie in der Zeit
zwischen den Kriegen.

Seite 5

�Wir haben viel aus den Fehlentscheidungen dieses
Jahrhunderts gelernt. Wir können jedoch nicht
davon ausgehen, daß die zu Konflikten führenden
Probleme gelöst wurden. Im Gegenteil, es scheint,
daß der Kalte Krieg eine atypische Periode der
Stabilität war und - mit den Worten des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel - der Wind der
Geschichte sich gewendet hat, um uns erneut
frösteln zu lassen.
Wenn wir diesem Wind dieses Mal trotzen wollen,
sollten wir uns von einer Wahrheit leiten lassen. Sie
lautet, daß alle Abkommen und Strukturen der Welt
den Frieden nicht bewahren werden, wenn der
politische Wille zur Aufrechterhaltung der Werte und

Zielsetzungen freier Gesellschaften nicht vorhanden
ist.
Wir haben uns die Instrumente zur Bewahrung und
Erweiterung des Friedens an die Hand gegeben. Wir
müssen sie jetzt nutzen. Das atlantische Bündnis ist
eine wunderbare Partnerschaft demokratischer
Staaten, das zur Erfüllung zahlreicher wichtiger
Funktionen entwickelt wurde. Den einen Bestandteil,
den es von sich aus nicht bieten kann, ist die Entschlossenheit, es zu nutzen. Wir wollen heute dieses
einfache Versprechen eingehen - daß die von uns
während der vergangenen 50 Jahre gebildete Einheit
sowohl den Frieden als auch den Krieg überlebt.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 43

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                    <text>amcrika
dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

42

26. Oktober 1994

USA-NORDKOREA

MASSNAHMEN ZUR LOSUNG DER
NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen

AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER
FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN
KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

UMWELT

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker

DEMOKRATIE

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-NORDKOREA
26. Oktober 1994

MASSNAHMEN ZUR LÖSUNG DER NUKLEARFRAGE
Das amerikanisch-nordkoreanische Abkommen
GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das am 21. Oktober 1994 in Genf von Vertretern der beiden
Staaten unterzeichnete "Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Demokratischen Volksrepublik Korea" im Wortlaut.

Delegationen der Regierung der Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea führten vom 23. September bis 21. Oktober
1994 in Genf Gespräche zur Aushandlung einer
umfassenden Lösung der Nuklearfrage auf der
koreanischen Halbinsel.
Beide Seiten unterstrichen die Bedeutung der in der
amerikanisch-nordkoreanischen Erklärung vom 12.
August 1994 aufgestellten Ziele sowie der Grundsätze der Gemeinsamen Erklärung vom 11. Juni 1993

zeichnung dieses Dokuments einen Vertrag über
die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren
abzuschließen.
Gegebenenfalls werden die Vereinigten Staaten
und Nordkorea ein bilaterales Abkommen über
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen
Nutzung von Kernenergie abschließen.
2. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober

zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf einer

1994 werden die Vereinigten Staaten als Vertreter

atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel.
Die
Vereinigten Staaten und Nordkorea einigten sich auf
folgende Maßnahmen zur Lösung der Nuklearfrage:

des Konsortiums Vorkehrungen treffen, um den
Energieverlust infolge des Einfrierens der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit in Verbindung stehender Einrichtungen bis zur Fertigstellung des ersten Leichtwasserreaktors auszugleichen.

I. Beide Seiten bemühen sich durch Zusammenarbeit um den Austausch der nordkoreanischen
Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen durch Kernkraftwerke mit Leichtwasserreaktoren.
1. Im Einklang mit der schriftlichen Zusicherung des
amerikanischen Präsidenten vom 20. Oktober
1994 treffen die Vereinigten Staaten Vorkehrungen, um Nordkorea bis zum Jahr 2003 Leichtwasserreaktoren mit einer Kapazität von insgesamt 2.000 MW zu liefern.
Die Vereinigten Staaten organisieren und leiten
ein internationales Konsortium zur Finanzierung
und Lieferung des Nordkorea angebotenen
Leichtwasserreaktorprojekts.
Die Vereinigten
Staaten werden als Vertreter des internationalen
Konsortiums bei dem Leichtwasserreaktorprojekt
der wichtigste Ansprechpartner Nordkoreas sein.
Die Vereinigten Staaten werden als Vertreter des
Konsortiums große Anstrengungen unternehmen,
um innerhalb von sechs Monaten nach Unter-

AMERIKA DIENST 42

Alternative Energie wird in Form von Schweröl für
Heizzwecke und die Elektrizitätsversorgung
bereitgestellt.
Die Lieferung von Schweröl wird drei Monate nach
der Unterzeichnung dieses Dokuments aufgenommen und sich gemäß einem vereinbarten Lieferplan auf 500.000 Tonnen jährlich belaufen.
3. Nach Erhalt der amerikanischen Zusicherungen
über die Lieferung von Leichtwasserreaktoren
sowie über die vorübergehende Bereitstellung von
alternativen Energiequellen wird Nordkorea seine
Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang
stehende Einrichtungen einfrieren und schließlich
abbauen.
Das Einfrieren der nordkoreanischen Graphitreaktoren und damit verbundener Einrichtungen wird
binnen eines Monats nach Unterzeichnung dieses
Dokuments abgeschlossen.
Während dieses

Seite 1

�einmonatigen Zeitraums und während des Einfrierens wird die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) die Einhaltung dieses Einfrierens überwachen, und Nordkorea wird mit der
IAEO zu diesem Zweck umfassend zusammenarbeiten.
Die Zerlegung der Graphitreaktoren und damit
verbundener Einrichtungen Nordkoreas wird mit
Abschluß des Leichtwasserreaktorprojekts beendet.
Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
beim Sondieren von Methoden zur sicheren
Lagerung der verbrauchten Brennstäbe aus dem
5-MW-Experimentierreaktor während des Baus
des Leichtwasserreaktors zusammenarbeiten und
die verbrauchten Brennstäbe in sicherer Weise
entsorgen, so daß sie nicht in Nordkorea wiederaufbereitet werden müssen.
4. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
so bald wie möglich nach Unterzeichnung dieses
Dokuments zwei Gesprächsrunden mit Experten
abhalten.
Bei der einen Gesprächsrunde werden die Experten Themen im Zusammenhang mit alternativen
Energiequellen sowie den Austausch des Graphitreaktors durch den Leichtwasserreaktor
erörtern.

chen auf Expertenebene ein Verbindungsbüro in
der Hauptstadt des anderen Landes eröffnen.
3. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden
ihre bilateralen Beziehungen auf Botschafterebene
unterhalten, während Fortschritte bei die jeweils
andere Seite betreffenden Problemen erzielt
werden.
III. Beide Seiten werden auf Frieden und Sicherheit
sowie eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel
hinarbeiten.
1. Die Vereinigten Staaten werden Nordkorea offizielle Zusicherungen gegen die Androhung oder
den Einsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten geben.
2. Nordkorea wird kontinuierliche Schritte zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Deklaration
über die Entnuklearisierung der koreanischen
Halbinsel unternehmen.
3. Nordkorea wird sich im Nord-Süd-Dialog engagieren, während dieses vereinbarte Rahmenabkommen zur Schaffung eines diesen Dialog fördernden Klimas beiträgt.
IV. Beide Seiten werden bei der Stärkung des internationalen nuklearen Nichtverbreitungsregimes
zusammenarbeiten.

Bei der anderen Gesprächsrunde werden die
Experten spezifische Arrangements für die
Lagerung verbrauchter Brennstäbe und ihre
endgültige Entsorgung diskutieren.

1. Nordkorea wird Partei des Nichtverbreitungsvertrags (NW) bleiben und die Umsetzung des
Sicherheitsabkommens im Rahmen des Vertrags
gestatten.

II. Beide Seiten streben die vollständige Normalisierung ihrer politischen und wirtschaftlichen Beziehungen an.

2. Nach Abschluß des Liefervertrags für die Bereitstellung der Leichtwasserreaktoren werden gemäß
dem nordkoreanischen Abkommen mit der IAEO
im Hinblick auf die nicht einzufrierenden Einrichtungen Ad-hoc- und Routineinspektionen
wiederaufgenommen. Bis zum Abschluß des
Liefervertrags werden die von der IAEO für die
Aufrechterhaltung der Sicherheitsvorschriften
geforderten Inspektionen bei den nicht einzufrierenden Einrichtungen fortgesetzt.

1. Beide Seiten werden binnen drei Monaten nach
Unterzeichnung dieses Dokuments Handels- und
Investitionshemmnisse abbauen, einschließlich
der Restriktionen bei Telekommunikationsdienstleistungen und Finanztransaktionen.
2. Jede Seite wird nach der Lösung konsularischer
und anderer technischer Fragen bei den Gesprä-

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 42

�AUSSENPOLITIK
26. Oktober 1994

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich
liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.
Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.
Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden
Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen
Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.
Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.
Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmükken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.
Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weitpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen. Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

AMERIKA DIENST 42

�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

AMERIKA DIENST 42

Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können, in den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen. Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann. Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

Seite 6

Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�UMWELT
26. Oktober 1994

USA UNTERZEICHNEN WÜSTENKONVENTION
Ansprache von D. James Baker
PARIS - (AD) - Zusammen mit 80 weiteren Ländern unterzeichneten die Vereinigten Staaten einen Vertrag
über die Koordinierung der weltweiten Bestrebungen, eine fortschreitende Ausbreitung der Wüste, insbesondere
in Afrika, zu verhindern.
Die Konvention soll während der derzeitigen Sitzung der Generalversammlung in New York noch von weiteren
Ländern unterzeichnet werden können.
D. James Baker, Staatssekretär für Ozeane und Atmosphäre im US-Wirtschaftsministerium, leitete eine
amerikanische Delegation, die der Unterzeichnungszeremonie am 14. und 15. Oktober beiwohnte. Aus diesem
Anlaß hielt der Staatssekretär eine Ansprache über die Bedeutung der Wüstenkonvention, deren vorbereiteten
Text wir nachfolgend veröffentlichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Ehre, die Vereinigten Staaten
von Amerika bei dieser historischen Begebenheit
vertreten zu dürfen. Mein Land hat die Konvention
unterstützt, seit sie erstmals 1992 auf dem Erdgipfel
in Rio vorgeschlagen wurde. Wir sehen sie als
bedeutendes neues Mitglied in der "Rio-Familie" der
Umweltschutzverträge. Ich sollte zu Beginn meiner
Ausführungen darauf hinweisen, daß es etwas
irreführend ist, von einer "fortschreitenden Ausbreitung der Wüste" zu sprechen, weil dadurch das
Bild von Sanddünen und unbewohntem, unwiderruflich verlorenem Ödland hervorgerufen wird.
Das wirkliche Ziel dieses Vertrags ist die vorteilhafte,
langfristige Nutzung bewohnter Trockengebiete. Die
Abtragung von Trockengebieten ist ein Problem, das
Millionen Menschen auf einem Viertel der Erdoberfläche, jedoch insbesondere Afrika betrifft. Der
Vertrag gründet auf dem Bewußtsein, daß umweit und entwicklungspolitische Ziele in den Trockengebieten der Welt gemeinsam angestrebt werden
müssen. Wir wissen, daß ein klügerer Umgang mit
dieser bisher problembeladenen Ressource zur
Verminderung und letztlich Beseitigung des Hungers
und der Unterernährung in Afrika führen wird.
Unseres Erachtens ist das wichtigste Merkmal dieser
Konvention - für das sich die Vereinigten Staaten
entschieden eingesetzt haben - die Konzentration
auf die Basis: Beteiligung der Bevölkerung, eine

AMERIKA DIENST 42

wichtige Rolle nichtstaatlicher Organisationen, praktische und organisatorische Planung sowie - in den
Staaten, die Auslandshilfe benötigen - bessere
Koordination und Teamarbeit zwischen Geberländern
und Gastregierung.
Die Konvention und ihr wichtiger regionaler Anhang
Afrika tragen der Tatsache Rechnung, daß dieser
Ansatz bei der Verwaltung von Trockengebieten, der
in neuen Partnerschaftsabkommen zwischen Regierungen und Geldgebern (einschließlich UN-Organisationen, multilateralen Entwicklungsbanken und
nichtstaatlichen Organisationen) seinen Ausdruck
findet, flexibel und örtlichen Gegebenheiten angepaßt
sein muß. Er sollte von den Kommunalbehörden an
ihrem jeweiligen Sitz initiiert, anstatt durch eine in
Genf oder New York entworfene Formel vorgeschrieben werden. Unsere Erwartung ist, daß in jedem Fall
die wichtigste Institution ein nationaler Ausschuß sein
sollte, der mit einem parallelen Koordinierungsmechanismus des Gebers verbunden ist.
Es bestehen starke Verbindungen zwischen dieser
Konvention und anderen wichtigen internationalen
Umweltinitiativen. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Die Bekämpfung der Geißel der Versteppung wird zu
einer verbesserten Verwaltung und langfristigen
Nutzung der Wälder und somit zur Erreichung der
Ziele der Konventionen über Klimawandel und
Artenvielfalt führen. Die Umsetzung dieser drei
Verträge unter voller Berücksichtigung nationaler
Gesetze und Prioritäten kann uns helfen, ein be-

Seite 1

�trächtliches Maß der weltweiten Umweltprobleme zu
lösen.
Ich möchte vier weitere Beobachtungen anstellen:
Erstens wird diese Konvention der Entwicklung und
vor allem Verbreitung einer neuen Frühwarntechnologie für Klimawandel Auftrieb verleihen. Während
wir die Dynamik der Klimaveränderung besser
verstehen lernen, können und müssen wir unter
anderem unsere Landwirte - insbesondere in den
ärmeren Ländern - in die Lage versetzen, im voraus
zu wissen, wann eine Dürre droht, damit sie im
Hinblick auf Getreide und Vieh angemessene
Entscheidungen zur Verhinderung oder Milderung
einer Katastrophe treffen können.
Zweitens ist die Rolle der Bevölkerung - wie bei
jedem anderen Aspekt tragfähiger Entwicklung - von
entscheidender Bedeutung. Wir wissen, daß die
Abtragung von Trockengebieten mit ihrer unsicheren
Ressourcenbasis in enger Verbindung zu menschlichen Aktivitäten steht, einschließlich schnellem
Bevölkerungswachstum. Wenn die Bestrebungen
zur Bekämpfung der Versteppung erfolgreich sein
sollen, müssen sie Hand in Hand mit wirksamen
Programmen gehen, die ein möglichst umfassendes
Angebot zur Familienplanung und reproduktiven
Gesundheit sowie Gesundheitsfürsorge für Mutter
und Kind enthalten. Nur wenn dieser Vertrag im
Zusammenhang mit dem kürzlich in Kairo beschlossenen Aktionsprogramm steht, kann er sein Potential
zur Bekämpfung von Hunger und Förderung von
Entwicklung, insbesondere in Afrika, verwirklichen.
Drittens sind wir dankbar, daß die Vertragsunterhändler während der Dauer der Verhandlungen

einen fruchtbaren Dialog mit den nichtstaatlichen
Organisationen führten. Unseres Erachtens ist es
von Bedeutung, daß die Umsetzung in diesem Geist
erfolgt, und ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die
Tatsache lenken, daß die Bestimmungen von Artikel
21, in denen eine innovative Finanzierung gefordert
wird, und der Anhang zu Afrika sowie andere Bestimmungen zu Partnerschaftsabkommen teilweise
darauf abzielen, den nichtstaatlichen Organisationen
eine starke und flexible Rolle einzuräumen.
Letztlich wissen wir alle, daß der Verhandlungsausschuß eine der Generalversammlung zur Annahme
vorzulegende Resolution entwarf, die freiwillige
"dringliche Aktionen" in Afrika fordert, damit die
Konvention möglichst schon ein Jahr vor ihrem
offiziellen Inkrafttreten in die Realität umgesetzt wird.
Unser Amt für internationale Entwicklung (AID) hat
ungefähr 500 Millionen Dollar an laufenden oder
geplanten Projekten ausgemacht, mit deren Hilfe die
Konvention auf vielfältige Weise unterstützt wird. Wir
haben die Absicht, diese Ressourcen nach Absprache mit afrikanischen Regierungen und anderen
Gebern zu nutzen, um dringliche Aktionen für Afrika
zu unterstützen. Und wir rufen alle anderen dazu
auf, sich an diesen wichtigen Bestrebungen zu
beteiligen.
Abschließend möchte ich der französischen Regierung für ihre Bemühungen zur Unterstützung dieser
Konvention sowie ihre Gastfreundschaft aus Anlaß
dieses historischen Ereignisses danken und die
Arbeit von Botschafter Kjellen, Sekretär Diallo und
zahlreichen anderen würdigen, die durch lange und
harte Arbeit dieses erfolgreiche Ergebnis ermöglicht
haben.

* * * *

Seite 2

*

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�DEMOKRATIE
26. Oktober 1994

WAS KOSTET DIE FREIHEIT?
von Samuel P. Huntington
Die Ereignisse der vergangenen Jahre kann man sehr wohl als Wendepunkt in der Weltgeschichte ansehen,
während eine Nation nach der anderen sich Demokratie und Marktsystemen zuwendet.
In dem nachfolgenden Artikel erörtert der Experte für Außenpolitik Samuel P. Huntington die Verbindungen
zwischen politischer und wirtschaftlicher Liberalisierung. Beide gründen sich auf Freiheit: Das Recht auf
Meinungs- und Koalitionsfreiheit, zu wählen und zu arbeiten, zu investieren und Eigentum zu besitzen ohne
Eingriffe des Staates. Obwohl Wirtschaftsreformen in den Anfangsstadien schmerzliche Opfer mit sich bringen
können, werden die langfristigen Vorteile und zunehmender Wohlstand dem Autor zufolge die politische Freiheit
untermauern.
Huntington ist Direktor des Olin Institute for Strategie Studies an der Harvard University. Copyright (c) 1993
Harvard International Relations Council, Inc.

Während der vergangenen 20 Jahre haben zwei
große Wogen des Wandels die Welt erfaßt. Eine ist
die Verlagerung von autoritären politischen Systemen - Militärregierungen, Diktaturen und kommunistischen Regimen - zu demokratischen politischen
Systemen.
Diese Welle der Demokratisierung
begann 1974 in südeuropäischen Nationen wie
Portugal, Griechenland und Spanien. Sie erfaßte
dann Ende der siebziger und Anfang der achtziger
Jahre Lateinamerika, und der Umbruch zur Demokratie vollzog sich in Ecuador, Peru, Argentinien,
Brasilien, Uruguay, El Salvador, Guatemala, Chile,
und andere lateinamerikanische Länder wie Mexiko,
Panama und Paraguay begannen, eine demokratische Richtung einzuschlagen. Kuba ist das einzige
lateinamerikanische Land, das nicht davon berührt
wurde. In der Zwischenzeit ist die Demokratisierung
bis nach Asien vorgedrungen, und eine Abkehr von
der autoritären Herrschaft ist auf den Philippinen, in
Südkorea, Pakistan und Bangladesch zu beobachten. 1989 brachen die kommunistischen Regime in
Ostmitteleuropa zusammen und wurden durch
demokratische Systeme ersetzt, und jetzt vollzieht
sich ein Wandel in einigen, wenn auch nicht allen
ehemaligen Sowjetrepubliken. In Südafrika ist die
Apartheid zu Ende gegangen, in vier anderen
afrikanischen Ländern wurden zum ersten Mal seit
Jahren Wahlen abgehalten, und seit Jahren amtierende Diktatoren wurden abgewählt. Im Nahen
Osten hat die Türkei die jüngste Hinwendung zur
Demokratie Anfang der achtziger Jahre vorgenommen und auch in Jordanien und Algerien hat eine

AMERIKA DIENST 42

gewisse Bewegung in eine demokratische Richtung
stattgefunden. Insgesamt haben seit 1974 über 40
Länder den Übergang zur Demokratie vollzogen, und
viele andere haben sich einer offeneren Politik
verschrieben, selbst wenn sie noch keine wirklich
vom Volk gewählten Regierungen haben.
Die
Demokratisierung ist zweifelsohne ein globales
Phänomen.
Die parallele und gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung ist ebenfalls ein globales
Phänomen. Dieser Trend beinhaltet Bestrebungen
zur Einschränkung der Einflußnahme des Staates auf
die Wirtschaft, den Rückgriff auf die Märkte bei der
Verteilung von Waren, die Privatisierung von Staatsbetrieben, Abschaffung staatlicher Bestimmungen,
Lizenzvorschriften und Subventionen, Abbau von
Zöllen und anderen Handelshemmnissen, Kürzung
der staatlichen Ausgaben, Ausgleich der Haushalte
und Eindämmung der Inflation. Die wirtschaftliche
Liberalisierung vollzieht sich in unterschiedlichen
Formen und daher ist es schwierig, wenn nicht gar
unmöglich, eine Liste von Ländern zu erstellen, die
angeblich eine vollständige Liberalisierung durchgeführt haben.
Mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen ist
jedoch praktisch jedes Land der Welt von diesem
Trend erfaßt worden. In der industrialisierten Welt
wurde diese Tendenz durch die Ziele und Maßnahmen der Regierungen Thatcher und Reagan verkörpert - obwohl der Trend zur Deregulierung in den

Seite 1

�'
Vereinigten Staaten unter der Carter-Administration
eingeleitet wurde. Ermutigt durch die Weltbank und
den Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die
meisten weniger entwickelten Länder, darunter
Indien, Brasilien, Argentinien und Mexiko, Schritte
zur wirtschaftlichen Liberalisierung unternommen.
Unter den kommunistischen Ländern übernahm
China die Führungsrolle bei der Einführung einer
tiefgreifenden Wirtschaftsreform Ende der siebziger
Jahre.
Heute gehen alle ostmitteleuropäischen
Länder und die meisten ehemaligen Sowjetrepubliken in diese Richtung. Selbst Vietnam hat einige
kleine Schritte zur Öffnung der Wirtschaft des
Landes unternommen. In der kommunistischen Welt
scheinen nur Kuba und Nordkorea relativ unbeteiligt
zu sein, wobei sich in Nordkorea Anzeichen eines
Wandels bemerkbar machen.
Die Frage, die ich ansprechen möchte, betrifft die
Beziehungen zwischen diesen Wellen politischer
Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung.
Sind sie auf dieselben Ursachen zurückzuführen?
Inwieweit ähneln oder unterscheiden sie sich?
Verstärken sie sich gegenseitig oder konkurrieren sie
miteinander?
Wie kann man das gleichzeitige Auftreten dieser
beiden Trends Anfang der siebziger Jahre erklären?
Es scheint mehrere generelle Ursachen der Verlagerung zur Demokratie gegeben zu haben. Zu
diesen gehörten erstens die inhärenten Probleme
der Legitimität, mit denen sich nichtdemokratische
Systeme in der Welt von heute konfrontiert sahen.
Im großen und ganzen müssen diese Systeme auf
eine Leistungsbilanz zurückgreifen: das heißt, ihre
Fähigkeit, die gewünschten Ergebnisse hervorzubringen, die sowohl Recht und Ordnung als auch
wirtschaftliche Entwicklung beinhalten. Die weltweite
Stagnation in den siebziger Jahren führte bei vielen
autoritären Regimen zum Verlust der Legitimität
aufgrund der schlechten Wirtschaftsleistung. Durch
die beiden Ölschocks verlieh die Organisation der
erdölausführenden Länder (OPEC) der Demokratie
unabsichtlich großen Auftrieb.
Zweitens, obwohl die Stagnation der siebziger Jahre
die autoritären Systeme schwächte, hatten die zwei
Jahrzehnte außergewöhnlicher Wirtschaftsentwicklung vor 1974 die wirtschaftliche und soziale Grundlage für die Einführung demokratischer Systeme
gebildet. Mit Ausnahme Afrikas hatten die Gesellschaften weltweit mehr Wohlstand und Bildung
geschaffen, das Analphabetentum bekämpft, die
Urbanisierung vorangetrieben und eine maßgebliche
Mittelschicht hervorgebracht. Die meisten Länder,
die in den siebziger und achtziger Jahren den
Übergang zur Demokratie vollzogen, befanden sich
auf der höheren Ebene der Wirtschaftsentwicklung.

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Ab 1974 konnte man in der Tat mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen, in welchen Ländern in den
kommenden Jahren die Demokratisierung stattfinden
würde, indem man die Länder ausmachte, die sich
auf diesem Niveau der Wirtschaftsentwicklung befanden oder kurz davor standen.
Drittens, in den ersten rund 20 Ländern auf dem Weg
zur Demokratie wurde dieser Prozeß durch die
veränderte Rolle der katholischen Kirche stark
unterstützt. Historisch gesehen stand die Kirche
häufig im Bündnis mit autoritären Regimen. Dies
änderte sich Anfang der sechziger Jahre mit dem
Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Einfluß des
neuen liberalen Klerus und Laienpriestern in vielen
Ländern. Anfang der siebziger Jahre war die Kirche
in einem Land nach dem anderen zum schärfsten
Gegner sowohl rechter als auch linker Diktaturen
geworden. Portugal und Spanien waren unter den
ersten Ländern auf dem Weg zur Demokratie. Der
einzige katholische Kontinent - Südamerika - wurde
von der Demokratisierungswelle erfaßt. Die Philippinen, Asiens einziges katholisches Land, vollzogen die
Demokratisierung als erstes Land in Ostasien. Polen
und Ungarn, die beiden katholischen Länder Ostmitteleuropas, ebneten den Weg in diesem Teil der
Welt.
Viertens trieben Akteure von außen den Prozeß
voran. Dazu zählte die Europäische Gemeinschaft im
Hinblick auf die Süd- und osteuropäischen Länder.
Die Vereinigten Staaten unterstützten unter der
Carter- und Reagan-Administration den Prozeß in
hohem Maße für die lateinamerikanischen und
ostasiatischen Länder. Und obwohl der damalige
sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow die Demokratisierung der ostmitteleuropäischen Länder wahrscheinlich nicht wollte, widersetzte
er sich ihr nicht.
Schließlich gibt es den sogenannten Demonstrationsoder Schneeballeffekt. Sobald ein Land die Demokratisierung vollzieht, denken die Menschen in
anderen Ländern: "Wenn sie es können, warum nicht
auch wir?" Man kann auch lernen, wie man die
Demokratisierung vornimmt. Nach dem Zusammenbruch der ostmitteleuropäischen Diktaturen im Jahr
1989 wurde die Demokratisierung eine weltweite
Modeerscheinung. Politiker der Regierung und der
Opposition auf der ganzen Welt hatten das Gefühl,
sie müßten in eine demokratische Richtung gehen,
oder zumindest diesen Anschein erwecken.
Waren diese fünf Faktoren auch verantwortlich für die
gleichzeitige Bewegung zu wirtschaftlicher Liberalisierung? Im großen und ganzen muß die Antwort
"Nein" lauten. Wirtschaftliche Liberalisierung scheint
unabhängig davon auf verwandte, aber unterschiedli-

AMERIKA DIENST 42

�che Ursachen zurückzuführen zu sein. Von entscheidender Bedeutung bei der Bewegung zur
Liberalisierung war die veränderte Denkweise unter
den Ökonomen in den fünfziger und sechziger
Jahren. Bis dahin waren Planung, Sozialismus,
staatliche Regulierung, öffentliche Unternehmen, der
Wohlfahrtsstaat und Keynesianismus die beherrschenden Themen der Wirtschaftspolitik. Die Dominanz dieser Sichtweise fand ihren Niederschlag in
der pessimistischen Zukunft, die Joseph A. Schumpeterdem Kapitalismus in seinem 1942 veröffentlichten klassischen Werk Kapitalismus, Sozialismus
und Demokratie vorhersagte. Ab den sechziger
Jahren wurde jedoch Neoliberalismus zum neuen
Dogma unter Wirtschaftswissenschaftlern. Dieser
Trend wurde durch die für den Wohlfahrtsstaat sowie
die offenkundige Ineffizienz staatlicher Planung und
öffentlicher Unternehmen erforderlichen höheren
Steuern genährt. Die neue Doktrin erfaßte rasch
auch internationale Wirtschaftsinstitutionen.
Die
Weltbank, die in den fünfziger Jahren Planung und
den öffentlichen Sektor unterstützt hatte, war in den
siebziger Jahren zu einem großen Verfechter von
Wettbewerb, Privatisierung und Märkten geworden.
Zusammen mit dem IWF wurde sie zu einem mächtigen externen Akteur, der die Länder von der Liberalisierung ihrer Wirtschaft zu überzeugen versuchte.
In den achtziger Jahren war Liberalisierung zum
weithin anerkannten Allheilmittel für wirtschaftliche
Malaisen auf der ganzen Welt geworden.
Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede bestehen
zwischen politischer Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung? Zunächst ähneln sie
sich dahingehend, daß beide staatliche Autorität und
die Macht des Staates beschränken. Zumindest in
der Theorie nimmt die Demokratisierung eine Unterordnung des Staatsapparats vor und macht ihn der
bürgerlichen Gesellschaft gegenüber verantwortlich.
Politiker, die an die Macht kommen oder an der
Macht bleiben wollen, müssen auf den Willen des
Volkes achten. Liberalisierung ihrerseits verringert
die Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft.
Demokratisierung erfordert politische Freiheit vom
Staat - das Recht auf freie Meinungsäußerung,
Koalitionsfreiheit und das Recht auf Protest. Liberalisierung erfordert wirtschaftliche Freiheit vom Staat das Recht auf Besitz von Eigentum, zu arbeiten,
investieren, produzieren und zu konsumieren ohne
einschneidende staatliche Regulierung. Demokratisierung verstärkt die Kontrolle der Gesellschaft über
den Staat. Liberalisierung verringert die Kontrolle
des Staates über die Gesellschaft.
Als nächstes ergibt sich die Frage der Beziehungen
dieser Trends zu den globalen Prozessen der
wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Modernisierung, die seit Anfang der Industriellen Revolution

AMERIKA DIENST 42

im 18. Jahrhundert am Werk waren. Es wurde
gesagt, Demokratisierung sei der unvermeidliche
Trend in einer modernen Gesellschaft. In der Tat hat
die moderne Welt drei große Wellen der Demokratisierung erlebt: Die erste begann Anfang des 19.
Jahrhunderts in Amerika und erreichte ihren Höhepunkt am Ende des Ersten Weltkriegs. Die zweite
begann mit dem Sieg der Alliierten im Zweiten
Weltkrieg und endete Anfang der sechziger Jahre,
und die dritte begann in den siebziger Jahren.
Zwischen diesen Demokratisierungswellen vollzog
sich in den zwanziger und dreißiger und wiederum in
den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein
Rückfall zum Autoritarismus. Diese Rückfälle waren
jedoch schwächer als die Demokratisierungswellen,
und die generelle Tendenz in der modernen Welt
ging zur Erweiterung der demokratischen Regierung.
Kann dasselbe im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung gesagt werden? Das scheint nicht sicher zu
sein. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des
19. Jahrhunderts ging der generelle Trend zur
Befreiung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Schwächung
merkantilistischer staatlicher Kontrollen und dem
Abbau verbleibender Reste feudaler oder vergleichbarer Restriktionen - wie der Sklaverei - beim Fluß
und Einsatz von Arbeitskräften, Kapital, Waren und
Ressourcen. Ende des 19. Jahrhunderts stieg die
Nachfrage nach vermehrten staatlichen Aktivitäten
großenteils infolge der Demokratisierung jedoch an,
damit der Staat ein Minimum an Sozialleistungen in
industrialisierten Gesellschaften einführte, bestimmte
Bereiche der Bevölkerung gegen Ausbeutung schützte, Konjunkturflauten bewältigte und sicherstellte, daß
die Wirtschaft des Industriestaats den Sicherheitsbedürfnissen des Nationalstaats Rechnung trug.
Kriege und die Drohung eines Krieges verbesserten
die Wirtschaftsmacht des Staates. Darüber hinaus
traten in der gesamten industrialisierten Welt sozialistische und dann kommunistische Bewegungen auf,
die größere oder sogar vollständige Kontrolle des
Staates über die Wirtschaft förderten. Ab den
dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden mehr
Wirtschaftsplanung, Sozialprogramme, staatliche
Regulierung und die Nationalisierung der Industrie in
den meisten Gesellschaften als Welle der Zukunft
gesehen.
In den sechziger Jahren begann sich all dies zu
ändern. Zwangsläufig erhebt sich die Frage: Ist
diese jüngste Verlagerung von staatlicher Kontrolle zu
wirtschaftlicher Liberalisierung nur eine temporäre
Unterbrechung, ein wirtschaftlicher "Rückfall" innerhalb eines längerfristigen Trends zur Zunahme
staatlicher Macht? Oder ist es der Anfang einer
langfristigen säkularen Abnahme staatlicher Wirtschaftsaktivität? Bewirkt die globale Bewegung zur
Demokratisierung nicht Druck des Volkes auf den

Seite 3

�Staat, sich sowohl bei Produktions- als auch bei
Verteilungsvorgängen aktiver zu engagieren? Es
scheint plausibel, Demokratisierung historisch als
"progressiv" anzusehen, aber würde man sagen, daß
die Beschränkung oder Erweiterung der staatlichen
Wirtschaftsaktivität historisch "progressiv" ist?
In unserem Wissen über diese beiden Prozesse
besteht ein bemerkenswerter Unterschied. Politikwissenschaftler haben die Demokratisierung ausgiebig studiert und eine riesige und höchst vielfältige
Menge an Literatur über das Thema produziert. Es
gab sehr viele Erfahrungen zu studieren, und in den
vergangenen 20 Jahren nahmen Demokratisierungsstudien explosionsartig zu. Infolgedessen hat die
Politikwissenschaft ein ziemlich umfassendes Verständnis der Bedingungen für Demokratisierung, die
Prozesse, mit denen sie stattfindet und ihre Konsequenzen entwickelt.
Im Hinblick auf wirtschaftliche Liberalisierung existiert
nichts Vergleichbares, vor allem, weil die Erfahrungen mit ihr seit Mitte des 19. Jahrhunderts so
begrenzt waren. Bis zu diesem Jahrzehnt war keine
Kommandowirtschaft zu einer Marktwirtschaft geworden, und in wenigen Planwirtschaften wurde - wenn
überhaupt - weniger geplant. Infolgedessen hatten
die Ökonomen wenig zu sagen, wenige Theorien
anzubieten und weniger Lektionen zu lehren, wie der
Übergang von einer vom Staat beherrschten zu
einer vom Markt beherrschten Volkswirtschaft
vollzogen werden kann. Dies gilt insbesondere im
Hinblick auf die Probleme bei der Umgestaltung
vollständig vom Staat kontrollierter Kommandowirtschaften wie denen in den kommunistischen Gesellschaften. Paul MacCracken formulierte es in seinem
Kommentar über das Problem der Umgestaltung
ostmitteleuropäischer Volkswirtschaften zu Marktwirtschaften folgendermaßen: "Vielleicht kann man von
hier nicht nach dort kommen." Im Gegensatz dazu
haben die Politikwissenschaftler Grund zu der
Annahme, sie wüßten, wie man von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System
gelangt.
Ein damit in Zusammenhang stehender Faktor
betrifft den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad,
diesen Übergang zu vollziehen. Auf institutioneller
Ebene ist Demokratisierung sehr viel leichter als
wirtschaftliche Liberalisierung. Die rudimentären
Elemente der Demokratisierung werden erzielt, wenn
einigermaßen faire, offene und alle einbeziehende
Wahlen abgehalten werden, bei denen Parteien und
Kandidaten relativ gleichberechtigt konkurrieren, die
Stimmen ehrlich gezählt werden und die Gewinner
eine Regierung bilden. Die Konsolidierung eines
neuen demokratischen Systems kann mehr langfristige Veränderungen bei Werten und Verhaltens-

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weisen sowie die Institutionalisierung demokratischer
Verhaltensmuster erfordern. Dennoch ist die Wahl
der Herrschenden das Kernstück der Demokratie, das
relativ schnell und leicht eingeführt werden kann.
Im Gegensatz dazu sind Wirtschaftsreformen insbesondere wenn sie den Abbau einer Kommandowirtschaft beinhalten - sehr viel schwieriger und
erfordern kontinuierliche Anstrengungen über einen
langen Zeitraum hinweg. Es ist sehr viel leichter,
Wahlen als Märkte zu organisieren. Während die
Verlagerung von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System schnell und sogar
relativ schmerzlos vollzogen werden kann, ist die
Umgestaltung einer stark vom Staat kontrollierten
Volkswirtschaft zu einer Marktwirtschaft sehr viel
schmerzlicher und zeitraubender.
Die Unterschiede bei den institutionellen Problemen
der Einführung von Wahlen und Marktwirtschaft
werden noch von den Unterschieden bei ihren
politischen Kosten und Nutzen verschärft. Demokratisierung könnte denjenigen Kosten verursachen, die
sich ihr widersetzten oder beträchtliche Vorteile von
einem autoritären Regime hatten. Ein maßgeblicher
Teil der dritten Demokratisierungswelle wurde jedoch
von Gruppierungen initiiert, die in autoritären Regimen Machtpositionen innehatten und daher sogar
selbst die Begrenzung der Kosten und Risiken der
Demokratisierung anstrebten. Die Demokratisierung
bringt im allgemeinen direkte und weitverbreitete
Vorteile für große Teile der Bevölkerung - daher auch
das häufig kommentierte Phänomen der "Euphorie",
das Begleiterscheinung nahezu aller Demokratisierungsbewegungen ist.
Andererseits könnte wirtschaftliche Liberalisierung
direkten Nutzen für einige wenige Gruppen mit sich
bringen, die Vorteile aus den neuen Gewinnmöglichkeiten ziehen. Es ist jedoch auch sehr wahrscheinlich, daß gegen viel größere Gruppen häufig strenge
wirtschaftliche Strafen verhängt werden. Subventionen werden eingestellt, Steuern erhöht, Etats ausgeglichen, Arbeitnehmer entlassen, Unternehmen
machen Konkurs, Preise steigen, Löhne fallen und
die Produktion nimmt ab. Es fallen enorme wirtschaftliche Kosten an, um das versprochene langfristige wirtschaftliche Nirvana zu erreichen, das in
eine unendlich weit entfernte Zukunft zu rücken
scheint.
Bei der Demokratisierung könnte die Abfolge der
dominierenden Einstellungen der Öffentlichkeit als
anfängliche Euphorie, nachfolgende Desillusionierung
und schließlich Resignation und Hinnahme bezeichnet werden. Im Fall der wirtschaftlichen Liberalisierung werden Angst und Furcht von Frustration und
Unmut abgelöst. Da die wichtigsten Liberalisierungs-

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�prozesse noch im Gange sind, ist der nächste Schritt
unsicher. Eine mögliche Endphase könnten Ärger,
Protest und Aufruhr sein, eine andere wären Passivität und Hinnahme.

Steuerung und Erleichterung wirtschaftlicher Entwicklung spielt. Wirtschaftsentwicklung findet jedoch eher
in einem Umfeld geringerer staatlicher Wirtschaftskontrolle statt.

Das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung steht
letztlich in anderem Zusammenhang mit Demokratisierung und Liberalisierung. Demokratisierung findet
am häufigsten und leichtesten in den Ländern statt,
die eine mittlere bis gehobene Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. In einem solchen
Fall sind die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für eine Ausweitung des politischen Wettbewerbs und die Beteiligung der Bevölkerung an der
Politik günstig. Wirtschaftliche Liberalisierung ist
einfacher in den Ländern durchzuführen, die sich
noch auf einer niedrigeren Stufe wirtschaftlicher
Entwicklung befinden. Überwiegend landwirtschaftlich orientierte Länder verfügen über weniger Industriezweige in staatlichem Besitz mit zahlreichen
angestellten Managern und Arbeitnehmern, maßgeblichen bürokratischen Interessen und großen
Gruppierungen, die Nutzen aus Subventionen, Zöllen
und Marktzugangsbeschränkungen ziehen oder
davon abhängig sind. Eine Gesellschaft in einem
wirtschaftlichen Umfeld, das eine Demokratisierung
erleichtert, verfügt wahrscheinlich gleichzeitig über
ein politisches Umfeld, das eine Liberalisierung
erschwert, und umgekehrt hat eine Gesellschaft, in
der die politischen Faktoren eine Liberalisierung
erleichtern, wahrscheinlich ein wirtschaftliches
Umfeld, das für eine Demokratisierung ungünstig ist.

Wirtschaftsreformen setzen eine starke, autoritative,
jedoch nicht unbedingt autoritäre Regierung voraus.
Wirtschaftliche Liberalisierung erlegt einigen gesellschaftlichen Gruppierungen besondere Härten, und
nahezu jedem Mitglied der Gesellschaft allgemeine
Härten wie etwa höhere Preise auf. Der politische
Widerstand gegen wirtschaftliche Liberalisierung ist
groß und wächst wahrscheinlich noch mit zunehmendem Entwicklungsstand eines Landes. Wirtschaftliche Liberalisierung erfordert entweder eine
autoritäre Regierung oder eine demokratische Regierung mit dem Willen und der Macht zur Durchsetzung
von Reformen.

Welche Auswirkungen hat die Demokratisierung auf
die Liberalisierung und umgekehrt? Eine Behauptung habe ich bereits aufgestellt: Wirtschaftliche
Entwicklung fördert Demokratisierung. Wohlhabende
Länder sind mit wenigen Ausnahmen, wie den an
Ölvorkommen reichen Staaten, auch demokratische
Länder. Arme Länder sind mit wenigen Ausnahmen,
zum Beispiel Indien, nichtdemokratische Länder.
Der Übergang zur Demokratie spielt sich überwiegend in den Ländern mit einem höheren Entwicklungsstand ab.
Wirtschaftliche Liberalisierung und Reformen fördern
im allgemeinen auch die Wirtschaftsentwicklung.
Das ist jedoch nicht immer der Fall: Die Sowjetunion
der dreißiger Jahre und die mittel- und osteuropäischen Länder der fünfziger Jahre erzielten in Kommandowirtschaften sehr hohe Wachstumsraten ihrer
Volkswirtschaften. In der heutigen Welt behindern in
staatlichem Besitz befindliche Unternehmen, Kontrollen und Vorschriften jedoch im allgemeinen die
wirtschaftliche Entwicklung. Man sollte jedoch auch
anmerken, daß in den Ländern mit der stärksten
Wirtschaftsentwicklung, insbesondere Japan und
Südkorea, der Staat eine bedeutende Rolle bei der

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Die Logik dieses Arguments suggeriert, daß autoritäre Regierungen besser als demokratische Regierungen in der Lage sind, wirtschaftliche Liberalisierung
zu fördern. Sie können eher dem Druck der Bevölkerung und den Interessen von einflußreichen Reformgegnern widerstehen. China führte unter einer
kommunistischen Diktatur und Chile unter einem
militärischen
Diktator
beträchtliche
Wirtschaftsreformen durch, und beide Länder wurden
dafür mit beneidenswerten Wachstumsraten belohnt.
Der Preis dafür war die Unterdrückung der Freiheit.
Wenn ein Land ein autoritäres Regime hat, kann es
sich glücklich schätzen, wenn seine Regierung ihre
Macht zur Förderung wirtschaftlicher Liberalisierung
einsetzt. Die Reihenfolge zuerst Liberalisierung,
dann Demokratisierung ist äußerst sinnvoll für diejenigen, die beide Ziele erreichen wollen.
Erfolgt jedoch zuerst eine Öffnung des politischen
Systems, kann das die Wirtschaftsreformen erschweren.
1989 teilten mir hochrangige sowjetische
Politiker mit, sie hätten einen großen Fehler begangen, als sie Glasnost und die politische Öffnung
vorantrieben, wodurch verschiedene politische Kräfte
freigesetzt wurden, die Fortschritte bei den Wirtschaftsreformen erschwerten. "Wir hätten zuerst die
Macht konzentrieren und die Wirtschaftsreformen
voranbringen und mit der politischen Öffnung warten
sollen", wurde argumentiert. "Wir gingen jedoch in
umgekehrter Reihenfolge vor und haben jetzt nicht
mehr die Autorität, das Erforderliche zu tun."
Eine interessante Debatte über dieses Thema wurde
von den führenden Politikern der kommunistischen
Partei Ungarns Ende der achtziger Jahre geführt. Zu
diesem Zeitpunkt stand Ungarn bereits an vorderster
Front der kommunistischen Länder, die Privatbesitz
und Marktwirtschaft einführten. Die Politiker des
Landes wollten weitere substantielle Fortschritte

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�machen, während sie gleichzeitig die Demokratisierung des Landes einleiteten. Sie räumten ein, daß
diese beiden Prozesse miteinander in Konflikt stehen
könnten. Ein Politiker, Imre Pozsgay, warnte vor
dem Problem der "Anarchie der Arbeiterklasse" und
schlug vor, wichtige demokratische Wahlen bis zum
Jahr 1995 zu verschieben, wenn die erforderlichen
Wirtschaftsreformen umgesetzt worden wären. Ein
anderer Politiker, Bela Kadar, stimmte dem zu: "Im
Idealfall hätten wir zuerst Wirtschaftsreformen und
dann die Demokratie." Er war sich jedoch bewußt,
daß die Wahlen nicht mit dem Argument verschoben
werden können, "der erste notwendige Schritt ist die
Entpolitisierung wirtschaftlicher Entscheidungen". In
einer Nation, die zweifellos mehr erstklassige Ökonomen pro Kopf der Bevölkerung hervorbrachte als
jedes andere Land der Welt empfahl er, die Demokratisierung voranzutreiben, jedoch alle wichtigen
wirtschaftspolitischen Entscheidungen einem Gremium nichtgewählter Technokraten zu überlassen.
Wenn die führenden Politiker eines autoritären
Regimes ihr Land liberalisieren und demokratisieren
wollen, sollten sie zunächst die erforderlichen Wirtschaftsreformen durchführen und dann die Demokratisierung des politischen Systems einleiten. Sollten
die Vertreter eines autoritären Regimes die Wirtschaft und ihre Entwicklung fördern, jedoch das
Land nicht demokratisieren wollen, können sie dies
nur auf Kosten einer Unterminierung ihrer autoritären
Systeme tun.
Im Idealfall würden autoritäre Regierungen somit die
Wirtschaftsreformen vor der Demokratisierung des
Landes durchführen. Im Realfall haben die Politiker
jedoch nicht diese Wahl, wie der Fall Ungarns,
anderer mitteleuropäischer Länder und der Republiken der ehemaligen Sowjetunion zeigte. Da Demokratisierung in institutioneller und politischer Hinsicht
einfacher zu bewerkstelligen ist als eine Liberalisierung, wird sie wahrscheinlich zeitlich nicht hinter
einer Liberalisierung zurückbleiben.
Autoritäre
politische Systeme werden gestürzt, eine demokratische Regierung kommt durch Wahlen an die Macht,
und diese Regierung wird dann mit der Frage
konfrontiert, wie man von einer Kommando- oder
Planwirtschaft zu einer vorwiegend auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen basierenden Volkswirtschaft übergehen kann. Das ist jetzt die Herausforderung für die Regierungen Osteuropas und vieler
anderer weniger entwickelter Staaten.
Wie sollten diese neuen demokratischen Regierungen bei der Einführung der erforderlichen Wirtschaftsreformen vorgehen? Sie benötigen unanfechtbare Legitimität durch den Wähler, müssen also
aus eindeutig fairen und freien Wahlen hervorgegangen sein. Vorzugsweise sollten sie in diesen Wah-

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len eine beträchtliche Pluralität oder Mehrheit der
Stimmen erzielt haben. Nach ihrer Amtsübernahme
müssen diese Regierungen umgehend diese Legitimität durch den Wähler nutzen und zügig Wirtschaftsreformen einleiten.
Die Legislative trifft normalerweise nur dann schwierige Entscheidungen, wenn die Exekutive eine starke
Führung übernimmt. Die neuen Demokratien benötigen somit eine starke Exekutive, die diese Führung
bereitstellt, aber nicht so stark ist, daß sie den
demokratischen Prozeß unterminiert. Angesichts der
wirtschaftlichen Härten und des von Reformen
hervorgerufenen Chaos wird sich der Wunsch nach
einem einstweiligen Diktator oder Wirtschaftszar
abzeichnen.
Es erhebt sich generell die Frage, ob Wirtschaftsreformen sofort - als Schockbehandlung - oder über
einen längeren Zeitraum nacheinander eingeführt
werden. Für jede Vorgehensweise gibt es Argumente. Der Hauptbefürworter der Schockbehandlung ist
mein Kollege aus Harvard, Jeffrey Sachs, der die
Regierungen Boliviens, Polens und Rußlands dazu
überredete, diesen Kurs einzuschlagen. Theoretisch
gibt es, wie Adam Przeworski gezeigt hat, Gründe zu
der Annahme, daß diese Strategie eher zu den
gewünschten Ergebnissen führt als der zweite
Ansatz. Er funktionierte in Polen ziemlich gut und
führt in Rußland trotz beträchtlicher Erschütterungen
und Opposition zu Fortschritten. Kurzfristig verursacht die Schocktherapie enorme Kosten, bringt
aber auch die angestrebten Ergebnisse.
Wirtschaftsreformer müssen bereit sein, ein gewisses
Maß an Rückschritt zu akzeptieren und gegenüber
denjenigen bescheidene Zugeständnisse zu machen,
die entweder unter großen wirtschaftlichen Härten
leiden oder über ausreichend politische Macht zur
Behinderung von Reformen verfügen. Ein Vorteil der
umfassenden Schocktherapie ist die Tatsache, daß
sie der Reformregierung eine größere Vielfalt spezifischer Maßnahmen zur Verfügung stellt, bei denen sie
kleine Zugeständnisse machen kann ohne den
wesentlichen Inhalt der Reformen zu beeinträchtigen.
Die führenden Reformer können Opposition verringern, indem sie die Oppositionsführer in den
Reformprozeß einbinden. Es ist vielleicht besser,
Opponenten im eigenen Lager als im gegenüberliegenden zu haben. Hilfe von außen ist für den
Reformprozeß unerläßlich. Externe Ressourcen in
Form von Darlehen, Zuschüssen und Bürgschaften
sind von entscheidender Bedeutung. Noch wichtiger
ist die Tatsache, daß diese Behörden von außerhalb
die erforderliche Disziplin verlangen, indem sie diese
externen Ressourcen an die Bedingung knüpfen, daß
die Regierungen die Wirtschaft stabilisieren, die

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�Ausgaben kürzen, die Preisbindung aufheben und
den Haushalt ausgleichen. Der IWF und die Weltbank sind auf der ganzen Welt genau deswegen
gefürchtet und verhaßt. Ohne die von ihnen verhängte Disziplin wäre jedoch fast keine wirtschaftliche Reformbestrebung von Erfolg gekrönt. Eine
Form der Hilfe von außen ist in manchen Fällen die
Einbindung der zu reformierenden Wirtschaft in eine
größere, marktorientierte Wirtschaft. Das geschieht
bereits in Ostdeutschland, wird sich bald in Mexiko
vollziehen und möglicherweise im kommenden
Jahrzehnt in der Tschechischen Republik, Polen und
Ungarn stattfinden. So schwierig es auch erscheinen mag: Demokratien, selbst neue Demokratien,
können Wirtschaftsreformen herbeiführen.
In den Vereinigten Staaten und andernorts hören wir
viel Kritik an den Politikern. In den Ländern, die
* *

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früher autoritäre Regierungen hatten, haben jedoch
in vielen Fällen die führenden Politiker dieser Regierungen den Demokratisierungsprozeß eingeleitet. In
anderen Fällen, wie Polen und Südafrika, beinhaltete
dieser Prozeß intensive Verhandlungen zwischen
leitenden Regierungs- und Oppositionspolitikern.
Andere politische Führer besaßen den politischen
Mut, ihrem Volk kurzfristig Kosten aufzubürden, um
langfristige Gewinne für ihre Gesellschaften zu
erzielen. Demokratisierung und Wirtschaftsreformen
können nur dann stattfinden, wenn die führenden
Politiker sich dafür entscheiden. Als Folge davon ist
eine Vielzahl von Gesellschaften weltweit von einer
Diktatur zu einer Demokratie übergegangen, von
staatlich kontrollierten zu offenen Volkswirtschaften.
Die Bilanz der letzten Jahrzehnte sollte uns Hoffnung
für die Zukunft geben.

*

*

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