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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I

9. März 1995

09

NW

N W IST BESTES MITTEL ZUR EINDÄMMUNG
DER WEITERVERBREITUNG
Rede Präsident Clintons
im Richard Nixon Center

USA-EUROPA

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

MENSCHENRECHTE

TROTZ FORTSCHRITTEN BLEIBT NOCH
VIEL FÜR UNHCR ZU TUN
Rede von Botschafterin Ferraro

Beigefügter Sonderdienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
9. März 1995

N W ist bestes Mittel zur Eindämmung
der Weiterverbreitung
Rede Präsident Clintons im Richard Nixon Center
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge gibt es kein besseres Mittel zur Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als den Nichtverbreitungsvertrag (NW).
Der Präsident versprach am 1. März 1995 in einer Rede im Richard Nixon Center, er werde seine
Bestrebungen zum Abbau von Nuklearwaffen und zur Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial
verdoppeln und rief die für kommenden Monat anberaumte Überprüfungskonferenz des N W auf, die Botschaft
auszusenden, die internationale Staatengemeinschaft fordere unerschütterlich ein dauerhaftes Nichtverbreitungsregime.
"Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen", so Präsident Clinton. "Paria-Nationen mit starren Ideologien und expansionistischen
Ambitionen hätten es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter, und Länder, die sich zum Verzicht auf
die nukleare Option entschlossen haben, würden dann ihre Position überdenken. Sie wären sicherlich
versucht, diese Entscheidung erneut zu erwägen."
Der Präsident bezeichnete 1995 als ein entscheidendes Jahr für Nuklearkontrollen und forderte einen
frühzeitigen Abschluß ausstehender Verhandlungen über ein umfassendes Verbot von Atomtests sowie weitere
Schritte zur Verschärfung der Kontrollen für chemische und biologische Waffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Es ist mir eine Ehre, heute abend hier zu sein.
Einen Monat vor seinem Tod schrieb Präsident
Nixon mir einen Brief über seine letzte Reise nach
Runland. Damals äußerte ich, dies sei das beste
außenpolitische Schreiben, das ich erhalten hatte,
was einige meiner Mitarbeiter verärgerte, jedoch der
Wahrheit entsprach. Wie bei unserer gesamten
Korrespondenz und unseren Gesprächen war ich
beeindruckt von Nixons analytischer Begabung,
Überzeugungskraft und seinen klugen praktischen
Vorschlägen.
Mehr als die Einzelheiten des Briefs, der im Grunde
genommen die Notwendigkeit weiterer Unterstützung
der politischen und wirtschaftlichen Reformen in
Rußland durch die Vereinigten Staaten betonte,
bewegte mich die übergeordnete Botschaft Richard
Nixons - eine Botschaft, die sein gesamtes Leben
und seine sämtlichen Werke durchzog. Präsident
Nixon war fest davon überzeugt, die Vereinigten
Staaten könnten einfach nicht stark im Inland sein,
wenn sie nicht im Ausland stark und zur Übernahme
einer Führungsrolle bereit seien.

AMERIKA DIENST 09

Heute abend möchte ich über die lebenswichtige
Tradition einer amerikanischen Führungsrolle sowie
über unsere Pflichten sprechen, die Henry Kissinger
ansprach und Präsident Nixon so gut erkannte.
Insbesondere möchte ich auf unsere Aufgabe einer
Verringerung der Bedrohung durch Atomwaffen
eingehen.
Wenn wir heute im Inland stark und im Ausland
führend sein wollen, müssen wir alle einer gefährlichen und wachsenden Versuchung im eigenen Land
widerstehen: Uns einzig und allein auf unsere
innenpolitischen Probleme zu konzentrieren.
Derzeit findet ein Kampf statt zwischen denjenigen
unter uns, die die Tradition einer amerikanischen
Führungsrolle fortsetzen wollen und denen, die eine
neue Form des amerikanischen Isolationismus
befürworten. Dieser Kampf geht über parteipolitische
und ideologische Grenzen hinaus. Wenn wir weiterhin die Sicherheit und den Wohlstand aller erhöhen
wollen, müssen wir die Tradition einer amerikanischen Führungsrolle fortsetzen.

Seite 1

�Wir leben in einer Zeit der Hoffnung und sind uns
dessen alle bewußt. Die Implosion des Kommunismus und die Explosion der Weltwirtschaft haben
Staaten auf allen Kontinenten neue Freiheiten beschert. Marktwirtschaften sind im Entstehen begriffen, ebenso wie die Demokratie. Der Slogan lautet
"nach dem Sieg". Heute haben die Menschen auf
dem ganzen Globus stärker als je zuvor die Chance,
ihre von Gott gegebenen Talente zu nutzen. Und
aus diesem Grund haben auch die Amerikaner eine
neue Chance, ihre Talente zum Tragen zu bringen.
Gleichzeitig hat die Welt nach dem Kalten Krieg ein
ganzes Netz von Problemen zutage gefördert, die
sich einer schnellen oder schmerzlosen Lösung
entziehen - Aggression verbrecherischer Staaten,
transnationale Bedrohungen wie Überbevölkerung
und Umweltzerstörung, schreckliche ethnische
Konflikte und wirtschaftliche Erschütterung. Kern all
dieser komplexen Herausforderungen ist jedoch
meines Erachtens der jahrhundertealte Kampf um
die Macht über das menschliche Leben - die
Schlacht zwischen den Kräften der Freiheit und der
Tyrannei, der Toleranz und Unterdrückung, der
Hoffnung und Angst. Dieselbe Idee wurde erst vom
Faschismus, dann vom Kommunismus angegriffen
und steht heute in verschiedenen Teilen der Welt
unter Beschuß - die Idee einer offenen Gesellschaft
freier Menschen.
Amerika muß eine Führungsrolle übernehmen, damit
das Rad der Geschichte sich weiterhin in die von
uns gewünschte Richtung bewegt und unsere Kinder
die Zukunft haben, die sie verdienen. Manche
ziehen jedoch Eskapismus dem Engagement vor.
Die neuen Isolationisten widersetzen sich unseren
Bestrebungen, den freien Handel mit Hilfe von
GATT, NAFTA, APEC oder des gesamtamerikanischen Gipfels auszuweiten. Sie weisen unsere
Überzeugung zurück, daß Demokratie durch Investitionen und Unterstützung genährt werden muß eine Überzeugung, zu der wir aufgrund der Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion und Südafrika
gelangten. Einige von ihnen vertreten heuchlerisch
die Ansicht, wir müssten in aller Welt die amerikanische Stärke propagieren. Gleichzeitig sprechen sie
sich gegen die Ressourcen aus, die wir für Stabilität
am Golf, Wiederherstellung der Demokratie in Haiti
oder zur Kontrolle der Weiterverbreitung von Drogen
und organisiertem Verbrechen auf der ganzen Welt
benötigen, oder um einfach nur unseren grundlegendsten Verpflichtungen gegenüber den Vereinten
Nationen und ihrer Arbeit im Bereich der Friedenssicherung nachzukommen.
Die neuen Isolationisten des linken und rechten
Lagers gleichermaßen befürworten eine radikale
Überprüfung unserer außenpolitischen Grundlagen,

Seite 2

die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die
Unterstützung beider Parteien genossen haben. Sie
würden den Vereinten Nationen, die weltweit - vom
Nahen Osten bis Afrika - in jedem Bereich wirkliche
Fortschritte gemacht haben, jegliche Bedeutung
nehmen. Sie würden unseren Friedenssicherungstruppen und sogar unseren eigenen Soldaten Mittel
verwehren und diese Gelder statt dessen für den
Krieg der Sterne vergeuden. Und sie würden den
neuentstehenden Demokratien und all jenen, die
gegen Armut und für Umweltschutz kämpfen, Hilfe
verweigern und damit buchstäblich deren Hoffnungen
auf eine demokratischere, wohlhabendere und
sicherere Welt zerstören.
Die neuen Isolationisten haben unrecht. Sie wollen,
daß wir der Zukunft allein gegenübertreten. Ihr
Ansatz würde dieses Land schwächen, und wir
dürfen nicht zulassen, daß die kleine Welle des
Isolationismus zu einer Flutwelle wird.
Denken Sie an meine Worte: Wenn wir uns heute
von der Wert zurückziehen, müssen wir uns morgen
und übermorgen mit den Konsequenzen unseres
Versäumnisses auseinandersetzen. Dies ist für uns
alle ein Moment der Entscheidung - ungeachtet
unserer Partei, unseres Hintergrunds oder unserer
Sprache. Dies ist ein Moment der Entscheidung.
Der außergewöhnliche Trend zu Demokratie und
freien Märkten ist nicht unvermeidlich. Und wir haben
vor kurzem gesehen, daß er keinen ebenen, ununterbrochenen Kurs verfolgt. Dies ist harte Arbeit. Und
in einer Zeit, in der sich mehr Länder als je zuvor
bemühen, in instabilen Demokratien Freiheit zu
schaffen oder zu sichern, erwarten sie von uns
Unterstützung. In dieser Zeit dürfen wir es den
Isolationisten nicht gestatten, Amerika nach einer nur
wenige Stunden währenden Debatte aus dem Spiel
abzuziehen, weil wir für unsere Führungsrolle einen
geringen Preis zahlen müssen.
Wir wissen jetzt, was schon Präsident Nixon erkannt
hat: Daß es Grenzen für das Engagement der
Vereinigten Staaten in der Welt geben muß - Grenzen, die durch eine klare Erwägung unserer grundlegenden Interessen diktiert werden. Wir können nicht
die Rolle des Weltpolizisten übernehmen; wir können
uns nicht mit jedem Problem befassen. Aber die von
uns getroffenen Entscheidungen müssen in der
Überzeugung wurzeln, daß Amerika seinen Interessen oder Pflichten nicht den Rücken zuwenden
kann.
Aus diesem Grund hat meine Administration vom
ersten Tag an beschlossen, andere einzubeziehen,
statt sich zurückzuziehen. Von unseren Bestrebungen zur Öffnung von Märkten für Amerika über die

AMERIKA DIENST 09

�Unterstützung der Demokratie auf der ganzen Welt,
den Abbau der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und Terroristen bis zum Unterhalt der
größten einsatzbereiten Streitmacht der Welt haben
wir uns bemüht, zu jedem Zeitpunkt die sich bietenden Chancen zu ergreifen und Pflichten zu erfüllen.
Eine bemerkenswerte Generation von Amerikanern
schuf und unterstützte Bündnisse und Institutionen den Marshallplan, die NATO, die Vereinten Nationen, die Weltbank, den IWF - wodurch die Vereinigten Staaten, Europa, Japan und andere Länder
auf der ganzen Welt ein halbes Jahrhundert lang
Sicherheit und Wohlstand genossen. Durch diese
Bestrebungen sowie die besondere Entschlossenheit
und militärische Stärke unserer Nation wurde die
Tyrannei eingedämmt, bis die Macht der Demokratie.,
das Scheitern des Kommunismus und die mutige
Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu
erringen, den Kalten Krieg Geschichte werden
ließen.
Diese Erfolge wären ohne das starke, überparteiliche
Engagement für eine Führungsrolle Amerikas nicht
möglich gewesen.
Senator Arthur Vandenbergs Appell, an der Wegscheide offiziell mit einer Stimme zu sprechen, führte
zur einheitlichen Unterstützung der Truman-Doktrin
durch die Republikaner. Vandenbergs Einfluß war
aufgrund seiner Vergangenheit als Isolationist
besonders groß. Wie er selbst äußerte, bedeutete
Pearl Harbor für jeden Realisten das Ende des
Isolationismus. Heute sollte unsere Außen- und
Innenpolitik im Geiste Vandenbergs stehen.
Wenn wir weiterhin im Ausland eine Führungsrolle
übernehmen und im Inland zusammenarbeiten,
können wir von dieser turbulenten Zeit profitieren.
Wenn wir uns jedoch in uns selbst zurückziehen,
gehen wir das Risiko ein, diese Chancen zu verspielen und unseren Pflichten nicht nachzukommen,
mit denen uns andere betraut und für die sie einen
sehr hohen Preis bezahlt haben.
Ich weiß, daß die Entscheidung, auf vielen dieser
Gebiete weiterzuarbeiten, für Demokratien in dieser
Zeit nicht einfach ist. Viele der notwendigen Entscheidungen amerikanischer Politiker sind zu ihrer
Zeit nicht beliebt. Betrachten Sie sich jedoch die
Alternative. Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie
Zölle und Handelshemmnisse das Welthandelssystem auf Jahre hinaus behindert hätten, wenn die
Internationalisten nicht über parteipolitische Grenzen
hinweg das GATT und das NAFTA verabschiedet
hätten. Und wie sähe die Region am Persischen
Golf heute aus, wenn die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten nicht der Aggression des Irak

AMERIKA DIENST 09

Einhalt geboten hätten. Stellen Sie sich den Terror
und die Flüchtlingswelle an unseren Grenzen vor,
wenn wir nicht der Demokratie in Haiti eine zweite
Chance gegeben hätten. Stellen Sie sich das Chaos
vor, das möglicherweise entstanden wäre, wenn wir
keinen Beitrag zur Stabilisierung der mexikanischen
Volkswirtschaft geleistet hätten., In jedem Fall war
eine beträchtliche und bisweilen überwältigende
Mehrheit gegen das in jenem Moment Erforderliche.
Aber weil wir das Notwendige taten, hat die Welt jetzt
eine größere Chance für Frieden und Freiheit.
Aber vor allem bitte ich Sie jetzt, sich die Gefahren
vorzustellen, denen unsere Kinder und Enkelkinder
selbst nach dem Ende des Kalten Krieges noch
ausgesetzt sind, wenn wir nicht alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Bedrohung durch
Atomwaffen zu verringern, die schreckliche Verbreitung von chemischen und biologischen Waffen
weltweit einzudämmen sowie Terroristen und Verbrecher zu bekämpfen, die diese Waffen in den
Dienst des Bösen stellen.
Arthur Vandenberg stellte beim Anbruch des Atomzeitalters nach einem V-1-Angriff der Deutschen auf
London, der die Stadt in Schutt und Asche gelegt und
die Menschen in Angst und Schrecken versetzt hatte,
die Frage: "Wie kann es Isolation geben, wenn der
Mensch Waffen wie diese entwickeln kann?"
Präsident Nixon verstand die Klugheit dieser Worte.
Sein Leben umspannte eine Ära erschreckender
Zunahme der destruktiven Kapazitäten der Menschheit vom Doppeldecker bis zu ballistischen Raketen,
von Senfgas bis zu Atompilzen. Er wußte, daß der
Kampf gegen das Atomzeitalter nie gewonnen, aber
verloren werden konnte. Und zu seinen größten
außenpolitischen Leistungen zählen die Riesenschritte, die er zur Verringerung der nuklearen
Bedrohung unternahm. Als Präsident habe ich nach
demselben Gebot gehandelt.
In den vergangenen beiden Jahren haben die Vereinigten Staaten echte Fortschritte bei der Minderung
der Bedrohung durch Nuklearwaffen erzielt. 1995
sehen wir uns mit einem Jahr besonderer Entscheidungen in diesem Zeitalter konfrontiert - einem Jahr,
in dem die Vereinigten Staaten die ehrgeizigste
Tagesordnung für die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen und die Bekämpfung ihrer Verbreitung seit der Spaltung des Atoms verfolgen
werden.
Wir wissen, daß wir uns einer enorm komplexen und
schwierigen Herausforderung gegenübersehen. Es
gibt keine allgemeingültige Maßnahme, kein Patentrezept, das die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindern oder umkehren wird. Es gibt

Seite 3

�jedoch keine wichtigere Aufgabe für uns. Rüstungskontrolle macht uns nicht nur sicherer, sondern auch
stärker. Sie ist eine Quelle der Stärke. Sie ist eine
der effektivsten Versicherungspolicen, die wir für die
Zukunft unserer Kinder ausstellen können.
Unsere Administration konzentriert sich auf zwei
unterschiedliche, aber eng verbundene Bereiche Verringerung und Zerlegung existierender Waffen
und Verhinderung der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersystemen durch
Nationen oder Gruppen. Wir machen an beiden
Fronten Fortschritte.
Als Resultat des zwischen Präsident Jelzin und mir
erzielten Abkommens sind zum ersten Mal seit einer
Generation russische Raketen nicht auf unsere
Städte oder Einwohner gerichtet. Wir haben die
drohende Gefahreines versehentlichen Atomangriffs
erheblich reduziert. Wir haben den START I-Vertrag
mit Rußland in Kraft gesetzt, der die Trägersysteme
mit mehr als 9.000 nuklearen Gefechtsköpfen in
unseren beiden Ländern abschafft - jedes mit der
Kapazität, eine Stadt der Größe von Atlanta abzubrennen.
START I, von zwei republikanischen Administrationen ausgehandelt und von dieser demokratischen
Administration in Kraft gesetzt, ist der erste Vertrag,
der von den Atommächten die tatsächliche Reduzierung ihrer strafegischen Arsenale verlangt. Unsere
beiden Länder zerlegen die Waffen so schnell wie
möglich. Und dank eines weitreichenden Verifizierungssystems einschließlich Inspektionen vor Ort, die
heute in Rußland und den Vereinigten Staaten
begonnen haben, weiß jeder von uns genau, was
die andere Seite tut.
Auch durch das von den Senatoren Nunn und Lugar
entworfene weitsichtige Programm helfen wir Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten
beim Abbau von Nuklearstreitkräften beim Transport,
der Lagerung und Zerstörung von Nuklearwaffen und
-material.
Ironischerweise haben einige der Veränderungen,
die uns die Reduzierung des weltweiten Bestands an
Nuklearwaffen gestatteten, unsere Nichtverbreitungsbestrebungen erschwert. Der Zusammenbruch der
Sowjetunion hinterließ Nuklearmaterial in allen
neuen unabhängigen Staaten. Das Potential für
Diebstahl von Nuklearmaterial hat sich daher erhöht.
Wir sehen uns mit der Aussicht auf Verbrecher
konfrontiert, die in den Schmuggel mit Nuklearmaterial einsteigen. Hinzu kommt die Tatsache, daß ein
Klumpen Plutonium von der Größe einer Blechdose
für den Bau einer Bombe ausreicht, und die Dringlichkeit der Bestrebungen zur Beendigung der Ver-

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breitung von Nuklearmaterial sollte uns allen klar
sein.
Aus diesem Grund haben wir vom ersten Tag unserer
Amtszeit eine aggressive, koordinierte Kampagne
gegen internationalen Terrorismus und Nuklearschmuggel in die Wege geleitet. Wir arbeiten eng mit
unseren Verbündeten sowie mit Rußland und den
anderen neuen unabhängigen Staaten zusammen,
verbessern die Sicherheit von Nukleareinrichtungen
und verschärfen die multilateralen Exportkontrollen.
Ein beeindruckendes Beispiel unseres Erfolgs ist die
Operation Sapphire, der Lufttransport von fast 600
Kilogramm hochangreicherten Urans - genug, um
Dutzende von Bomben herzustellen - von Kasachstan
in die Vereinigten Staaten zur Entsorgung. Wir
haben ferner Abkommen mit Rußland über die
Reduzierung des für Nuklearwaffen verfügbaren
Urans und Plutoniums abgeschlossen und streben
einen globalen Vertrag über das Verbot der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen an.
Unsere geduldige, entschlossene Diplomatie war
auch erfolgreich, Belarus, Kasachstan und die
Ukraine von der- Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags und der Übergabe der beim Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verbliebenen Nuklearwaffen zu überzeugen. Eine
oberste Priorität unserer Administration war die
Gewährleistung, daß diese neuen Länder atomwaffenfreie Nationen werden, und jetzt erreichen wir
auch dieses Ziel.
Aufgrund unserer Bestrebungen haben vier potentielle Lieferanten ballistischer Raketen - Rußland, die
Ukraine, China und Südafrika - der Kontrolle des
Transfers dieser Raketen und verwandter Technologie zugestimmt. Der Schritt zurück vom nuklearen
Abgrund gestattete uns die Kürzung der amerikanischen Verteidigungsausgaben für strategische Waffen
um nahezu zwei Drittel - Einsparungen von rund 20
Milliarden Dollar pro Jahr, die für vitale Bedürfnisse
wie die Verbesserung der Bereitschaft unserer
Streitkräfte, den Abbau des Defizits und die Bereitstellung zusätzlicher Polizisten verwendet werden
können. Durch die Aufwendung von Millionen Dollar,
um Waffen von unseren potentiellen Gegnern fernzuhalten oder ihnen wegzunehmen, sparen wir Milliarden an Rüstungsaufwendungen und nutzen sie
sinnvoller.
In diesem Jahr der Entscheidungen muß sich unser
Ehrgeiz für die Zukunft noch steigern. Wenn unsere
Völker wirklich dauerhafte Sicherheit kennenlernen
sollen, müssen wir unsere Anstrengungen zu Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Terrorismusbekämpfung verdoppeln. Wir müssen alles in unserer

AMERIKA DIENST 09

�Macht Stehende tun, um eine Version von Schutzeinrichtungen vor nuklearem Fallout des 21. Jahrhunderts, Schutzübungen vor einem Atomangriff und
eine erneute Tragödie wie die des World Trade
Center zu verhindern.
In vier Tagen begehen wir den 25. Jahrestag des
Nichtverbreitungsvertrags. Nichts ist wichtiger für die
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des
Vertrags. Und aus diesem Grund habe ich den
Vizepräsidenten gebeten, die Leitung unserer
Delegation bei der NW-Konferenz im April zu
übernehmen und so hart wir können auf die Gewährleistung einer unbegrenzten Verlängerung des
Vertrags hinzuarbeiten.
Der N W ist der Hauptgrund, daß viele Nationen
heute nicht im Besitz von Nuklearwaffen sind und die
Untergangspropheten unrecht hatten. 172 Nationen
haben den N W zum Vertrag mit der höchsten Zahl
von Unterzeichnerstaaten der Geschichte aus einem
überragenden Grund gemacht: Er liegt in ihrem
Eigeninteresse.
Den Vertrag unterzeichnende
atomwaffenfreie Staaten verpflichten sich, diese nie
zu beschaffen.
Nuklearwaffenstaaten geloben,
anderen nicht bei der Beschaffung von Nuklearwaffen behilflich zu sein, die friedliche Nutzung von
Atomenergie zu erleichtern sowie Rüstungskontrolle
und Abrüstung anzustreben - Verpflichtungen, die
ich zusammen mit unserer Entschlossenheit zu
universeller Mitgliedschaft beim NV-Vertrag entschieden bekräftige.
Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des
N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen.
Paria-Nationen mit starren
Ideologien und expansionistischen Ambitionen hätten
es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter,
und Länder, die sich zum Verzicht auf die nukleare
Option entschlossen haben, würden dann ihre
Position überdenken. Sie wären sicherlich versucht,
diese Entscheidung erneut zu erwägen.
Um unsere Verpflichtung zu den Zielen des Vertrags
weiter zu demonstrieren, habe ich heute die endgültige Beseitigung von 200 Tonnen spaltbaren Materials, ausreichend für Tausende von Nuklearwaffen,
aus dem Atomarsenal der Vereinigten Staaten
angeordnet - 200 Tonnen spaltbaren Materials, die
nie wieder zum Bau von Nuklearwaffen verwendet
werden können.
Unser zweites wesentliches Ziel ist die Ratifizierung
von START II. Sobald der Vertrag in Kraft ist, wird
er die Trägersysteme aus den russischen und
amerikanischen Arsenalen beseitigen, die mit über
5.000 Waffen bestückt sind. Die wichtigsten Redu-

AMERIKA DIENST 09

zierungen unter START I werden es uns zusammen
mit START II ermöglichen, die auf dem Höhepunkt
des Kalten Krieges dislozierte Anzahl strategischer
Gefechtsköpfe um zwei Drittel zu verringern. Auf
mein Drängen hat der Senat bereits mit den Anhörungen zu START II begonnen, und ich fühle mich
durch das Interesse der Senatoren beider Parteien an
raschem Handeln ermutigt. Ich möchte den Senat zu
den bisher ergriffenen Maßnahmen beglückwünschen
und fordere erneut die möglichst baldige Zustimmung
zu dem Vertrag.
Präsident Jelzin und ich haben bereits unsere Experten angewiesen, die Möglichkeiten zusätzlicher
Reduzierungen und Begrenzungen der verbleibenden
Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von START
II in Betracht zu ziehen. Wir haben eine Chance, die
nukleare Wolke weiter zu vertreiben, und wir dürfen
sie nicht vergeuden.
Um die Entwicklung neuer Generationen von Nuklearwaffen zu stoppen, müssen wir auch rasch die
Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot zu Ende bringen. Im vergangenen Monat habe
ich ein Moratorium für Atomtests verlängert, das ich
bei meiner Amtsübernahme in Kraft gesetzt habe.
Und wir haben unsere Verhandlungsposition überarbeitet, um den Abschluß des Vertrags zu beschleunigen, während wir unsere Entschlossenheit zur
Beibehaltung eines sicheren und zuverlässigen
Bestands an Nuklearwaffen bekräftigen.
Wir werden weiterhin mit unseren Verbündeten auf
die vollständige Umsetzung des mit Nordkorea
erzielten Abkommens hinarbeiten, das Nuklearprogramm des Landes zunächst einzufrieren und dann
einzustellen und zwar unter internationaler Beobachtung. Die Kritiker dieses Abkommens haben meines
Erachtens unrecht. Die Vereinbarung beendet das
Nuklearprogramm Nordkoreas und verpflichtet
Pjöngjang, es in den kommenden Jahren zurückzuschrauben.
Ich habe von keinem anderen alternativen Vorschlag
gehört, der nicht entweder impraktikabel oder tollkühn
ist, oder dem unsere Verbündeten in der Republik
Korea oder in Japan - den am direktesten betroffenen
Nationen - nicht ihre Unterstützung verweigern
würden.
Wenn Nordkorea seinen Verpflichtungen nachkommt,
werden die koreanische Halbinsel und die gesamte
Welt offensichtlich weniger bedroht und sicherer sein.
Der N W , START II, der Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und das Abkommen mit Nordkorea stehen an oberster Stelle unserer Tagesordnung
für das kommende Jahr. Wir sehen uns auch noch
mit anderen entscheidenden Aufgaben konfrontiert,

Seite 5

�wenn wir mehr Sicherheit für jeden Amerikaner
schaffen wollen, unter anderem durch die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention durch den Senat,
rechtlich bindende Maßnahmen zur Stärkung der
Konvention über biologische und Toxinwaffen,
Verdeutlichung des ABM-Vertrags zur Gewährleistung seiner Gültigkeit mit einer äußerst effektiven
Verteidigung gegen Angriffe mit Gefechtsfeldwaffen,
weitere Unterstützung regionaler Rüstungskontrollbestrebungen im Nahen Osten und andernorts
sowie das Drängen auf die Ratifizierung des Abkommens über konventionelle Waffen, das uns unter
anderem bei der Minderung des durch die Millionen
von Landminen verursachten Leids behilflich sein
würde.
Meine Freunde, dies ist eine breitgefächerte und
anspruchsvolle Tagesordnung. Es liegen viele
Hindernisse vor uns. Wir können diese Tagesordnung nicht verwirklichen, wenn wir erneut in Isolationismus verfallen. Wir müssen alle Anstrengungen
zu ihrer Umsetzung unternehmen.
Heute abend wollen wir uns an die Worte von Präsident Nixon vor beiden Häusern des Kongresses bei
der Rückkehr von seiner historischen Reise nach
Moskau im Jahr 1972 erinnern. Er erklärte: "Wir
haben begonnen, den unnützen und gefährlichen
Rüstungswettlauf in den Griff zu bekommen. Wir
wollen den Augenblick nutzen, damit unsere Kinder
und die Kinder der Welt frei von der Angst und frei
von dem Haß leben können, die seit Jahrhunderten
das Los der Menschheit waren."
Es liegt an uns, den von Richard Nixon vor über 20
Jahren beschriebenen Traum zu realisieren. Wir
dürfen nicht zulassen, daß in den Annalen der

*

Seite 6

Geschichte steht, unsere Generation von Amerikanern habe sich geweigert, diese Herausforderung
anzunehmen, sich von der Welt zurückgezogen und
sich ihrer Verantwortung entzogen, habe die Energie,
Vision und den Willen vermissen lassen, um diesen
Kampf zu führen - den jahrhundertealten Kampf
zwischen Hoffnung und Angst.
Wir wollen uns von der großen Tradition von Harry
Truman und Arthur Vandenberg inspirieren lassen einer Tradition, die Brücken der Zusammenarbeit,
nicht Mauern der Isolation baut; die Amerikaner offen
für den Wandel macht, statt sie in Verzweiflung zu
stürzen; die Parteipolitik überbrückt und Republikaner
und Demokraten zum Nutzen des amerikanischen
Volkes und der Welt zusammenbringt. Die Tradition
hat das Meiste aus diesem Land gemacht, die
großen Schlachten dieses Jahrhunderts gegen
Tyrannei gewonnen sowie unsere Freiheit und
unseren Wohlstand gesichert.
Vor allem sollten wir nicht vergessen, daß die Bestrebungen beim amerikanischen Volk beginnen und
enden. Jedes Mal, wenn wir die Bedrohung verringern, die seit dem Anbruch des Nuklearzeitalters
wie ein Damokleschwert über uns schwebte, tragen
wir zu der Gewährleistung bei, daß von den entlegenen Küsten der Aleuten bis zur Spitze der Florida
Keys das amerikanische Volk sicherer ist. Das ist
unsere wichtigste Aufgabe und unsere feierlichste
Verpflichtung.
Die Herausforderung dieses Augenblicks geht Hand
in Hand mit seinen Chancen. Laßt uns unsere Pflicht
tun.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 09

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 21. Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mitternacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

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�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

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Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

AMERIKA DIENST 09

�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

AMERIKA DIENST 09

muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
für zunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.
Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

Seite 4

Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.
Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

AMERIKA DIENST 09

�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen

Sicherheitspolitik

verpflichtete

Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erwerterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

AMERIKA DIENST 09

Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen,
Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

AMERIKA DIENST 09

Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge •
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

Seite 7

�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�MENSCHENRECHTE
9. März 1995

Trotz Fortschritten bleibt noch viel für UNHCR zu tun
Rede von Botschafterin Ferraro
GENF - (AD) - Obwohl seit der ersten Zusammenkunft der UN-Menschenrechtskommission (U.N. Human
Rights Commission - UNHCR) vor nahezu einem halben Jahrhundert beträchtliche Fortschritte im Bereich der
Menschenrechte erzielt wurden, "ist unsere Arbeit noch lange nicht getan", warnte die Leiterin der
amerikanischen Delegation bei der UNHCR, Botschafterin Geraldine Ferraro, in einer Erklärung vor der
Kommission am 2. März 1995.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Botschafterin Ferraro.

Herr Vorsitzender, vor nahezu einem halben Jahrhundert, nach dem schlimmsten Krieg, den die Welt
je erlebt hatte, kam die erste Menschenrechtskommission zusammen und begann, die Grundlagen für
neue Normen des internationalen Verhaltens und der
internationalen Beziehungen zu legen. Es war ein
Wendepunkt in der Geschichte humanitärer Institutionen.
Der Prozeß der Anpassung an diese neuen Normen
erschien manchmal langsam. Für viele hatte der
Kalte Krieg oder der Kampf zur Überwindung der
Kolonialherrschaft Vorrang. Demokratie und Menschenrechte wurden auf einen späteren Zeitpunkt
vertagt.
Obwohl einige darauf hinarbeiteten, daß diese Zeit
nie kommen möge, begannen andere die Macht der
folgenden Worte zu verstehen: Menschenrechte
sind universelle Rechte. Langsam aber stetig faßte
die Idee Fuß, daß Menschenrechte auf jeden Anwendung finden. Sie wurde in den Gulags geflüstert
und von gefesselter Hand zu gefesselter Hand in
den Gefängnissen weitergegeben, in die Männer und
Frauen wegen des simplen "Verbrechens" des
Strebens nach Freiheit geworfen wurden. Sie wurde
über Kurzwelle weitergetragen und schwamm auf
einer Welle verbotener Bücher und Tonbänder. Und
am Ende waren die Worte überall zu vernehmen.
Wenn wir daher auf unser erstes halbes Jahrhundert
zurückblicken, können wir stolz sein, denn es gibt
keine Nation, in der Menschenrechte ohne Furcht
vor internationaler Aufdeckung verletzt werden
können. Wir haben das Fundament gelegt und eine
Stimme gefunden.

AMERIKA DIENST 09

Aber dennoch, Herr Vorsitzender, ist unsere Arbeit
noch lange nicht getan. Die Hoffnung, daß das Ende
des Kalten Krieges zu einer Welt mit weniger Spannungen und größerer Achtung der Menschenrechte
führen würde, hat sich als Illusion erwiesen. In der
Vergangenheit längst begrabene nationale und
ethnische Konflikte brachen wieder auf und suchten
mehrere Teile des Globus heim. Und selbst während
die moderne Technologie zur Verbreitung der Hoffnung der Menschenrechte beigetragen hat, legte sie
auch neue Waffen in die Hände derjenigen, die
unsere Verurteilung weder fürchten noch die Notwendigkeit zur Respektierung der elementarsten Formen
menschlicher Würde verspüren.
Wir haben also den ersten Schritt nach vorne unternommen, aber der nächste erwartet uns bereits.
Was sollen wir tun? Auf den nächsten Weltkrieg
warten, der uns zwingt, diesen Schritt zu unternehmen? Ich fürchte, wir hier sind selbstgefällig geworden, so vertieft in unsere Arbeit, daß wir an halbe
Erfolge gewöhnt sind. Ich möchte das nicht glauben,
aber manchmal muß ich mich wundern. Jahr um
Jahr sind wir nach Genf gekommen, talentierte,
engagierte Menschen in fast allen Fällen. Wir halten
unsere Reden, verabschieden unsere Resolutionen.
Wir kommen in hektischen Planungssitzungen
zusammen. Aber die Menschenrechtsverletzungen
finden immer noch statt. Wir müssen eingestehen,
daß wir wenig Macht haben, bestimmte Länder zu
beschämen.
Das sollte uns jedoch nicht abschrecken, denn
unsere Arbeit wird erst an dem Tag getan sein, wenn
niemand mehr aus politischer oder religiöser Überzeugung gefoltert wird; wenn ethnische Säuberungen

Seite 1

�nicht in einer Stadt verherrlicht und in der nächsten
gefürchtet, politische Gefangene nicht mehr exekutiert werden, weil sie es wagen, sich für die Freiheit
auszusprechen, Frauen und Mädchen nicht mehr vor
ihren elenden Flüchtlingslagern vergewaltigt, Boote
voller verzweifelter Menschen nicht von der eigenen
Marine versenkt, Journalisten nicht wegen der Suche
nach Wahrheit erschossen oder Priester wegen des
Strebens nach Frieden verfolgt werden.
Seit Jahren haben die Vereinigten Staaten auf
Länder verwiesen, deren Menschenrechtsbilanz weit
hinter den Normen der internationalen Staatengemeinschaft und denen der von ihnen eingegangenen
Verträge zurückbleibt. Diese Länder sind Irak, Iran,
Sudan, Burma, Zaire und Nordkorea. Wenn ich
heute nicht näher auf diese Länder eingehe, heißt
das nicht, daß wir ihre flagranten und systematischen Menschenrechtsverletzungen nicht ernst
nehmen. Das tun wir. Und wir werden weiterhin
ihre verabscheuungswürdige Menschenrechtsbilanz
hervorheben - sowohl hier als auch im jährlichen
Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums.
Wir werden hier natürlich alle Resolutionen unterstützen, die ihre Greueltaten ausreichend festhalten.
Und im Hinblick auf den Sudan werden wir bei der
Vorlage unserer Resolution sehr deutlich zu den von
der Regierung dieses Landes verübten Menschenrechtsverletzungen Stellung nehmen.
Statt hier im einzelnen darauf einzugehen, möchte
ich mich auf die Orte konzentrieren, an denen diese
Kommission und die Menschenrechtler in naher
Zukunft etwas bewirken können.
In Bosnien und Herzegowina wurde die Hälfte der
vor dem Krieg ansässigen Bevölkerung aus ihrer
Heimat vertrieben oder mußte fliehen, und eine
Viertel Million Menschen haben ihr Leben verloren.
Die meisten verbliebenen Zivilisten sind verzweifelt
in Enklaven gefangen, durch Milizen der kriegführenden Parteien von Nahrungsmitteln und Medikamenten abgeschnitten sowie willkürlichen Artillerieangriffen und Heckenschützen ausgesetzt.
Andere
werden routinemäßig gequält und terrorisiert.
Obwohl alle Konfliktparteien für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, kommt den bosnischen Serben die größte Schuld zu. Siebzig bis
neunzig Prozent Bosniens sind von ihnen besetzt.
Und auch wenn sich das Tempo ihrer abscheulichen
ethnischen Säuberungen im vergangenen Jahr
etwas verlangsamt hat, dann ist dies eher auf die
Gründlichkeit zurückzuführen, mit der diese Praxis
angewendet wurde, als auf einen Sinneswandel.
Und obwohl sich das Tempo verlangsamt hat, ist das
nicht gut genug. Die ethnischen Säuberungen
müssen völlig gestoppt werden.

Seite 2

Die Kämpfe müssen ein Ende haben.
Die verabscheuungswürdigen Menschenrechtsverletzungen in Bosnien sind das Werk spezifischer
Personen, die vom Tod und der Vertreibung anderer
persönlich und politisch profitieren wollen. Sie dürfen
keinen Erfolg haben, Herr Vorsitzender. Sie müssen
für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden.
Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten
Staaten uneingeschränkt die andauernden Verhandlungen zur Beendigung des Blutvergießens und - was
ebenso wichtig ist - das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien, um die für den Genozid
und andere ernsthafte Menschenrechtsverletzungen
Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Wir möchten auch den Sonderberichterstatter, Mr. Mazowieki,
besonders würdigen, weil er unsere Aufmerksamkeit
auf die Bosnien heimsuchenden Verbrechen lenkt.
Ähnliche Bestrebungen der internationalen Rechenschaftspflicht sind in Ruanda eindeutig gerechtfertigt,
wo die beispiellose Gewalt des Völkermords vom
vergangenen Jahr vier Millionen Menschen - über die
Hälfte der Bevölkerung - aus ihrer Heimat vertrieb.
Die Größenordnung der Grausamkeit und Zerstörung
übersteigt das Vorstellungsvermögen.
Und obwohl die Menschenrechte nur eine Dimension
der ruandischen Krise sind, ist dies dennoch eine
außerordentlich wichtige. Die Vereinigten Staaten
unterstützen vehement das internationale Tribunal für
Ruanda und arbeiten intensiv mit dem Büro des
Oberstaatsanwalts zusammen.
Darüber hinaus
unterstützen wir die weitere Finanzierung des Menschenrechtsbüros vor Ort und das technische Hilfsprogramm, das von der Justiz erarbeitet wird. Wir
vertreten ferner die Auffassung, daß die Verlängerung
des Mandats des Sonderberichterstatters für dieses
Land unabdingbar ist.
Die Burundi bedrohenden tödlichen Spannungen
geben ebenfalls Anlaß zu ernsthafter Sorge der
Vereinigten Staaten. Wir unterstützen die vom Büro
des Menschenrechtszentrums vor Ort bei der Förderung von Frieden und Aussöhnung geleistete Arbeit
und würden eine zunehmende Berichterstattung über
die Aktivitäten des Zentrums begrüßen. Wir fördern
die Schlichtungsversuche der Sondergesandten der
Vereinten Nationen, Ahmedou Abdallah, und die von
der OAU-Beobachtergruppe eingeleiteten vertrauensbildenden Maßnahmen.
Wesentlich ist, daß die internationale Staatengemeinschaft alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, um
in Burundi das Schlimmste zu verhindern. Wie der
Hochkommissar für Menschenrechte, Botschafter
Ayalo Lasso, zu Beginn dieser Sitzung äußerte,
kostet es nämlich weniger Menschenleben und Geld,

AMERIKA DIENST 09

�wenn wir jetzt handeln, statt abwarten, bis das Land
von einer humanitären Katastrophe heimgesucht
wird.
Die Vereinigten Staaten beobachten die Ereignisse
in Tschetschenien mit großer und beständiger Sorge
angesichts des mutwilligen Einsatzes von Gewalt
gegen Zivilisten durch Rußland sowie der Berichte
über dortige Menschenrechtsverletzungen. Ferner
sind wir besorgt über die Möglichkeit, daß die Situation das russische Engagement für Demokratisierung
unterminieren könnte.
Wir haben deutlich gemacht, daß wir Tschetschenien
als Teil der Russischen Föderation betrachten und
die territoriale Integrität der Russischen Föderation
in ihrer Gesamtheit unterstützen. Unseres Erachtens
muß jedoch unverzüglich ein Prozeß des Dialogs
und der Versöhnung zwischen allen Parteien eingeleitet werden, wie von der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa befürwortet. Zudem
ist eine schnellere Lieferung der dringend benötigten
humanitären Hilfsleistungen sowie eine sofortige
Einstellung der Menschenrechtsverletzungen aller
Seiten erforderlich.
Herr Vorsitzender, oft zollen wir den Ländern nicht
genug Anerkennung, die unter Überwindung schwieriger Umstände die harte Arbeit der Demokratisierung und Achtung der Menschenrechte beginnen.
Eines dieser Länder ist Südafrika. Wir haben allen
Grund zur Freude, daß der lange Alptraum der
Apartheid beendet ist und die lebenslangen Bestrebungen von Präsident Mandela und vielen anderen
endlich Früchte tragen.

Parteien die Teilnahme an den für November anberaumten Wahlen gestatten würde. Wir sind entschieden für eine Ausweitung des Mandats der
unabhängigen Expertin für Guatemala, Frau Monica
Pinto, die als Beraterin tätig ist. Durch die Zusammenarbeit mit der UNO-Überprüfungsmission für
Menschenrechte - Minugua - und die Beratungsdienste des Menschenrechtszentrums unternimmt Guatemala einen Versuch zur Selbsthilfe. Und darum geht
es bei der Arbeit dieser Kommission.
In einigen Ländern wurden Bestrebungen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation unternommen, aber noch keine stetigen Fortschritte erzielt.
Die Lage in Osttimor ist beispielsweise weiterhin
besorgniserregend, und es bleibt noch viel zu tun.
Wir beobachten weitere systematische Gewaltanwendung. Insbesondere möchte ich auf die Morde
an sechs Zivilisten in Osttimor im Januar nach
Einschüchterung und Folterung durch das Militär
hinweisen, von denen die unabhängige

nationale

Menschenrechtskommission Indonesiens berichtete.
Wir begrüßen die Aktionen der Regierung zur Ermittlung und Bekanntgabe der Ergebnisse. Es ist aber
ebenso wichtig, daß die offiziellen Maßnahmen sich
auf eine Beseitigung der Mißstände konzentrieren
sowie auf die Schaffung eines der Respektierung der
Menschenrechte in Osttimor förderlichen Klimas.
Während es Länder gibt, in denen bei der Achtung
der Menschenrechte Fortschritte gemacht werden, ist
das in anderen bedauerlicherweise nicht der Fall.

Herr Vorsitzender, vor nicht allzu langer Zeit wurde
die Mehrheit mittelamerikanischer Staaten von
Militärs regiert. Jetzt hat jede dieser Nationen eine
demokratische Regierung.
Wirtschaftliche und
politische Beziehungen werden verstärkt geknüpft
und die Menschenrechte zunehmend respektiert. In
El Salvador, wo einst die schlimmsten Verletzungen
an der Tagesordnung waren, wurden derartige
Fortschritte erzielt, daß nach Ansicht der Vereinigten
Staaten das Mandat für den Sondergesandten
auslaufen sollte.

Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten machen
sich seit langem große Sorgen, daß die chinesische
Regierung ihren Bürgern keine Wahrnehmung
international anerkannter bürgerlicher und politischer
Rechte gestattet. Obwohl die Vereinigten Staaten
gute Beziehungen zu einem starken, wohlhabenden,
stabilen und offenen China anstreben, sind wir
weiterhin überzeugt, daß China kein solches Land
werden - und nicht seinen rechtmäßigen Platz in der
Völkergemeinschaft einnehmen kann - ohne Praktiken Einhalt zu gebieten, durch die chinesische Bürger
willkürlichen Verhaftungen und Festnahmen ohne
Gerichtsverfahren, Inhaftierung und sogar Folter
ausgesetzt werden, weil sie ihrer politischen, sozialen
oder religiösen Überzeugung auf friedliche Weise
Ausdruck verliehen.
In diesem Zusammenhang
macht sich das amerikanische Volk große Sorgen
über das Schicksal politischer Gefangener wie Wei
Jingsheng, Tong Yi, Bao Tong und Ren Wanding chinesischer Bürger, die stellvertretend für Tausende
anderer sind, die in den Gefängnissen und Umerziehungslagern Chinas dahinsiechen.

Wir freuen uns, daß die Regierung Guatemalas
einen umfassenden Frieden anstrebt, der allen

Das heißt jedoch nicht, daß nichts unternommen
wird. Im vergangenen Oktober ließ China den

In Haiti hat im Auftrag des UN-Sicherheitsrats eine
multinationale Truppe aus Angehörigen von 30
Nationen den demokratisch gewählten Präsidenten,
Jean-Bertrand Aristide, wieder ins Amt eingesetzt.
Dadurch verbesserte sich die Menschenrechtssituation in dem Land drastisch. Erstmals seit vielen
Jahren gibt es in Haiti Hoffnung.

AMERIKA DIENST 09

Seite 3

�Besuch eines Sonderberichterstatters für religiöse
Intoleranz zu. Bedauerlicherweise sprach der Berichterstatter nicht mit einem Vertreter des Heiligen
Stuhls, was ihm einen umfassenderen Einblick in die
Beschränkungen ermöglicht hätte, die derzeit noch
der Katholischen Kirche auferlegt werden.
China hat jedoch die Notwendigkeit eines transparenteren Rechtssystems erkannt und läßt in
regelmäßigen Abständen politische Gefangene frei.
Obwohl wir uns über diese Entwicklung freuen, hat
die Kommission jeden Grund von China zu fordern,
daß das Land seine internationalen Menschenrechtsverpflichtungen gemäß der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte einhält, die das Land unterzeichnet hat.
Herr Vorsitzender, es gibt wahrscheinlich kein Land
außer Kuba, dessen Aktionen in dieser Kommission
so beständig und willkürlich darauf abzielen, Uneinigkeit zu stiften. Ich bin zweifellos nicht das
einzige Mitglied dieses Gremiums, das diese Feststellung machen mußte. Kuba hat während der
gesamten Sitzungsperiode Resolutionen und Änderungsanträge vorgelegt, die eine Verschwendung
von Zeit und Ressourcen sind.
Dies führt zwangsläufig zu der Schlußfolgerung, daß
Kubas übergeordnetes Ziel darin besteht, die Kommission von der Untersuchung gravierender Menschenrechtsverletzungen abzuhalten. Der Grund
dafür ist leider ziemlich offensichtlich: Kubas eigene
beklagenswerte Menschenrechtsbilanz.
Angesichts der Haltung Kubas gegenüber der freien
Wahlnehmung bürgerlicher und politischer Rechte ist
es nicht überraschend, daß dem Sonderberichterstatter, Herrn Groth, weiterhin die Einreise in das
Land verwehrt wird und die kubanische Delegation
verhinderte, daß er hier am 23. Februar zu Wort
kam. Nachdem wir seinen Bericht gehört haben,
können wir verstehen, warum Kuba ihn dieser
Kommission verweigern wollte.

Ein Vorfall rückt die kubanische Menschenrechtspolitik in die richtige Perspektive. Am 13. Juli letzten
Jahres rammten und versenkten Patrouillenboote der
Regierung den Schlepper "Trece de Marzo". Es
handelte sich hierbei nicht um einen Unfall, sondern
um übertriebene und brutale Bestrebungen zu
verhindern, daß die Menschen an Bord der "Trece de
Marzo" aus Fidel Castros auseinanderfallendem
Einparteienstaat fliehen konnten. Es funktionierte.
Ungefähr 40 Menschen, darunter mehrere Kinder,
ertranken.
Abschließend möchte ich noch kurz auf ein Land
eingehen, dem die Vereinten Nationen mehrere Jahre
harter Arbeit gewidmet haben. Seit 30 Jahren leidet
Zypern unter einem Konflikt zwischen seinen Volksgruppen und ist seit 1974 tragischerweise geteilt. Wir
fordern die anderen Mitglieder und Beobachterstaaten
dringend dazu auf, gemeinsam mit uns die kontinuierlichen Bestrebungen der Vereinten Nationen zu
unterstützen, eine akzeptable Lösung für die Teilung
Zyperns zu finden, die die Zukunft beider Volksgruppen so stark behindert.
Vor einigen Tagen traf ich mit einer Gruppe amerikanischer Collegestudenten zusammen, die mir Fragen
über Menschenrechte und die Arbeit der Kommission
zu ihrer Verteidigung stellten. Ich war beeindruckt
von dem starken Gerechtigkeitssinn so vieler junger
Menschen. Wie konnte ich ihnen sagen, daß es auf
unserer Welt so viele Orte gibt, an denen ein Menschenleben praktisch nichts wert ist? Und ich fragte
mich, und ich frage die heute hier Anwesenden: Sind
wir bereit, uns mit einer Welt abzufinden, in der
einige Länder einzigartige Einrichtungen für den
Schutz der Menschenrechte ihrer Bürger schaffen,
während andere einfach zusehen und sich über die
diesen Rechten zugrundeliegenden Ideen lustig
machen dürfen?
Hoffentlich nicht. Wir haben hier die Pflicht, uns zu
äußern und gehört zu werden, so daß selbst im
entlegendsten Teil der Welt unsere Worte und unsere
Einsatzbereitschaft denjenigen Hoffnung machen, die
ins Gefängnis mußten, weil sie Tyrannen die Wahrheit sagten.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 09

�</text>
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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

08

2. März 1995

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
ERFORDERT WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen

SICHERHEITSARCHITEKTUR

GESTALTUNG EINER NEUEN EUROPAISCHEN
SICHERHEITSARCHITEKTUR
von Richard C. Holbrooke

USA-UNO

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
von Richard L. Armitage

USA-GUS

BEGRÜNDUNG DER HILFE FÜR DIE GUS
Anhörung vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�DATENAUTOBAHN
1. März 1995

Globales Informationssystem erfordert
weltweite Zusammenarbeit
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen
BRÜSSEL - (AD) - Die Schaffung einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure GM) erfordert Vizepräsident AI Gore zufolge die Mitwirkung von Regierungen und Privatwirtschaft.
"Die GM wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt von nur einer Gruppe geschaffen", äußerte er am 25.
Februar 1995 beim G-7-Treffen in Brüssel. "Sie wird das Produkt weltweiter Zusammenarbeit zwischen
Regierungen, Industrie und Bürgern sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Vizepräsidenten.

Mein Freund James Burke, der Historiker, erzählt
eine fesselnde Geschichte über die letzte Informationsrevolution und die daraus resultierenden Veränderungen.

billigere Vorgehensweise bei der Kopie von Büchern,
anstatt sich eines Schreibers zu bedienen, der für
eine Abschrift mehr verlangte, als bei einer Druckpresse tausend Exemplare kosten würden.

Vor über 500 Jahren suchte nicht weit von hier

Das Ergebnis: Nicht nur Bücher, sondern Aufklärung;

entfernt - in Deutschland - ein Goldschmied, dem ein

die wissenschaftliche Revolution, das Zeitalter der

gewinnträchtiges Geschäft entgangen war, weil er
ein wichtiges Datum verwechselt hatte, nach einer
Möglichkeit, seine Geschäftspartner zu beschwichtigen. Er beschloß, seine Fähigkeiten als Goldschmied zu nutzen, um eine bewegliche Drucktype
herzustellen und diese für seine neue Druckpresse
zu verwenden, mit der er das Buch drucken wollte,
das sich zweifellos verkaufen würde - die Bibel.

Aufklärung. Und das Symbol der politischen Revolution war das Dokument, auf das ich etwa 200 Jahre
nach seinem Entwurf vereidigt wurde - die Verfassung der Vereinigten Staaten.
All das geht letztlich auf einen Goldschmied zurück.
Was können wir aus dem spektakulären Erfolg
Gutenbergs lernen? Ich möchte zweierlei anführen.

In diesem Fall die Gutenberg-Bibel.
Erfindungen entspringen nur selten vollkommen
entwickelt und ohne etwas zuvor Dagewesenes dem
Gehirn. Und Gutenbergs Erfindung ist keine Ausnahme.

Erstens ist unsere Einstellung zur Zukunft und unsere
Fähigkeit zur Nutzung und Weiterentwicklung einer
neuen Idee immer durch die jeweiligen Umstände
eingeschränkt. Gutenberg hatte eine großartige Idee.
Es ist sein Verdienst, unsere Kultur revolutioniert zu
haben, weil er seine neue Idee zu einem Zeitpunkt
nutzte, an dem die Gegebenheiten für eine schnelle
Ausbreitung der Drucktechnik günstig waren.

Die bewegliche Metalltype war bereits 200 Jahre
zuvor in Korea erfunden worden. Aufgrund bestimmter Gegebenheiten wurde diese erste bewegliche Type jedoch nicht verbreitet. Der Konfuzianismus verbot die Vermarktung von Büchern, und
die königliche Presse Koreas druckte lediglich
klassische chinesische Literatur, nicht die populärere
koreanische Literatur.

Zweitens ist es unglaublich schwierig, Wandel zu
handhaben, zu leiten und zu prognostizieren - oder,
wie der Physiker Neils Bohr einst erklärte: "Es ist
sehr schwierig, Voraussagen zu machen, insbesondere wenn man über die Zukunft spricht."

Zu Gutenbergs Zeiten waren die Bedingungen
besser: Besseres Papier, bessere Metalle und
Sehhilfen. Und die Europäer waren bereit für eine

Wir sind hier zusammengekommen, um den Weg in
die Zukunft zu planen - zu einer Zeit, in der Prognosen schwieriger als je zuvor sind, aber auch zu einer

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�Zeit, in der unser Umfeld eindeutig einer schnellen
Ausbreitung neuer Fähigkeiten förderlich ist, Informationen zu verarbeiten und weiterzuleiten, die der
ganzen Menschheit zugute kommen. Dieser Weg
führt uns von unserer gemeinsamen Vision zu einer
neuen Realität. Ebenso wie die Menschen früher
von Dampfschiffen, Eisenbahnen und Autobahnen
träumten, träumen wir jetzt von einer globalen
Informationsinfrastruktur, die zu einer globalen
Informationsgesellschaft führen kann.
Unser heutiger Traum dreht sich jedoch nicht nur um
Technologie. Technologie ist ein Mittel zum Zweck.
Wir träumen von Kommunikation - der grundlegendsten menschlichen Strategie, derer wir uns bedienen, um unsere Kinder zu erziehen, zu heilen, mehr
Befugnisse zu erhalten und zu befreien.
In ihrer elementarsten Form ist Kommunikation der
Transfer von Informationen von einem Menschen zu
einem anderen.
Information wiederum ist der
Grundstoff des Wissens, und Wissen reift bisweilen wenn wir Glück haben - zu Klugheit. Und natürlich
ist es inzwischen eine Binsenwahrheit, daß die jetzt
im Anfangsstadium befindliche Informationsrevolution
letztlich unsere Vorstellungen von Kommunikation
und Information gleichermaßen verändern wird.
Die von Gutenberg herbeigeführten Veränderungen
sind unser gemeinsames Erbe. Die Veränderungen,
über die wir hier sprechen, werden unser gemeinsames Vermächtnis. Heute möchte ich einige der
Prinzipien darlegen, die nach Ansicht der ClintonAdministration bestimmen sollten, welches Vermächtnis wir hinterlassen.
Im vergangenen Jahr nahm ich in Buenos Aires an
der ersten Weltkonferenz über die Entwicklung des
Telekommunikationswesens teil, bei der ich die
amerikanische Vision einer globalen Informationsinfrastruktur darlegte, die stabilen und tragfähigen
wirtschaftlichen Fortschritt fördern, Demokratie
unterstützen, bessere Lösungen für weltweite
Umweltprobleme bieten, Gesundheitsfürsorge
verbessern und letztlich ein geschärftes Bewußtsein
unserer gemeinsamen Verantwortung für unseren
kleinen Planeten schaffen wird.
Bei der Konferenz in Buenos Aires wurden eine
Reihe grundlegender Prinzipien angenommen, die
unseres Erachtens die Bausteine der Gll sind:
Privatinvestitionen
Wettbewerb

universelle Dienstleistungen
flexible Bestimmungen.
Diese Grundsätze standen im Mittelpunkt der Diskussionen über die Gll in bilateralen, multilateralen
und regionalen Foren - zuletzt beim APEC-Treffen
vergangene Woche in Vancouver, aber auch im
vergangenen Dezember beim gesamtamerikanischen
Gipfel in Miami sowie in den Regierungsvereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland
sowie der Ukraine.
Sie werden auch den Schwerpunkt dieses Treffens
hier in Brüssel bilden, das auf Initiative Präsident
Clintons zurückgeht und dankenswerterweise von der
Europäischen Union unter der Leitung von Kommissionspräsident Santer und dem ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors veranstaltet wird.
Erstmals nehmen mehr als 40 Vertreter des Privatsektors offiziell an einer derartigen Konferenz teil.
Sie und Hunderte von inoffiziellen Teilnehmern
demonstrieren bei dieser Konferenz eine beeindruckende Palette von Anwendungsmöglichkeiten, die
der Welt signalisieren, daß sich die G-7-Staaten zur
Übernahme einer Führungsrolle bei der Entwicklung
der Gll verpflichten, indem sie in Wort und Tat ein
Beispiel geben.
Die Tatsache, daß diese Konferenz überhaupt
stattfindet, steht im Einklang mit dem Ratschlag, den
Träumer vor langer Zeit von Mahatma Gandhi erhielten: "Ihr müßt selbst zu dem Wandel werden, den Ihr
in der Welt sehen möchtet."
Zudem sind aggressive Fortschritte bei einer Gll die
beste Möglichkeit zum Umgang mit den Anliegen, die
letztes Jahr beim Detroiter Gipfel der G-7 über die
Schaffung von Arbeitsplätzen hervorgehoben wurden.
Bei dieser Konferenz beschäftigten wir uns mit dem
Hauptdilemma, dem sich jede Regierung gegenübersieht: Wie können wir sicherstellen, daß unsere
Volkswirtschaften genug Arbeitsplätze bereitstellen?
Die erste Arbeitsplatzstudie der OECD legte den
Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und unserer
heutigen Arbeit dar. Die Nationen, die am besten
zum Einsatz der neuen Technologien für eine auf
Wissen basierende Wirtschaft geeignet sind, konnten
auch die meisten Arbeitsplätze schaffen.
Die Gll wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt
von einer Gruppe geschaffen. Sie wird das Produkt
weltweiter Zusammenarbeit zwischen Regierungen,
Industrie und Bürgern sein.

offener Zugang

Seite 2

AMERIKA DIENST 08

�Aber wie können Staaten mit stark unterschiedlichen
Bedürfnissen, Kulturen und Technologien zusammenarbeiten?
Erstens indem sie erkennen, daß die Früchte unserer Zusammenarbeit offener Marktzugang für alle
Anbieterund Nutzer kreativer Inhalte sowie Informationsprodukte, -gerate und -dienstleistungen sein
sollten.
In der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts gibt es für
die Konkurrenten keinen Ersatz dafür, auf den Markt
zu gehen und unseren Nutzern die größtmögliche
Vielfalt von Produkten, Informationen und Dienstleistungen zu niedrigen Preisen anzubieten.
Zweitens setzt die Schaffung einer GH harten Wettbewerb voraus. Und diesen kann man nicht erzielen, indem man Konkurrenten ausschließt, sei es im
In- oder im Ausland.
Lebhafter Wettbewerb - das heißt, globaler Wettbewerb - führt zur Schaffung von Arbeitsplätzen.

Wir wollen diesen Termin für den gemeinsamen
Abbau unserer Investitionshemmnisse einhalten.
Zweitens wollen wir wirksame Rechte zum Schutz
von geistigem Eigentum für die Gll formulieren und
umsetzen. Wenn die Anbieter der Inhalte nicht
geschützt sind, wird es keine Inhalte geben, um die
Netze zu füllen und den Dienstleistungen Wert zu
verleihen.
Drittens sollten alle Parteien an der Entwicklung von
freiwilligen Konsensnormen für den Privatsektor durch
bereits bestehende internationale Organisationen wie
die internationale Fernmeldeunion, die internationale
Normenorganisation und die Internetgesellschaft
mitarbeiten. Die Schaffung wirklich globaler Netze
wird ein hohes Maß an Verbindungen untereinander
und an Interoperabilität erfordern.
Die Regierungen sind nicht die besten Richter in
Sachen Technologie, und staatliche Intervention birgt
das Risiko der Verabschiedung von Normen, die
letztlich entweder schlechter oder ungeeignet für die
Nachfrage des Marktes sind.

Aus diesem Grund möchte ich im Namen von Präsident Clinton die Botschaft dieser Konferenz deutlich
formulieren:
Wir unterstützen Wettbewerb auf
offenen Märkten, der jedem Unternehmen gestattet,
jedem Kunden jede Dienstleistung anzubieten.

In unserer Vision einer Informationsgesellschaft ist
die wertvollste Ressource - Information - gleichzeitig
auch die am häufigsten vorhandene.

Welche konkreten Maßnahmen müssen wir zur
Erreichung dieses Ziels ergreifen?

Ich hege die Hoffnung, daß ein offener Gedankenaustausch zu allen möglichen Themen und der beste
Zugang aller Bürger zu unterschiedlichen Kommunikationsmitteln Kreativität stimulieren wird.

Erstens müssen wir gemeinsam unsere Hindernisse
für ausländische Investitionen abschaffen. Über 60
Jahre lang haben die Vereinigten Staaten bei
bestimmten Dienstleistungen im Telekommunikationsbereich Beschränkungen für ausländische
Investitionen aufrechterhalten. In dieser Hinsicht
werden wir in diesem Jahr viel verändern. Wir
wollen entweder durch ein neues Gesetz oder durch
neue Vorschriften denjenigen Unternehmen aller
Länder die Tür für Investitionen in amerikanische
Telekommunikationsdienstleistungen öffnen, die ihre
eigenen Märkte geöffnet haben.
Wir sind uns jedoch auch bewußt, daß die Informationsgesellschaft mehr als nur einen stückweisen
Ansatz erfordert. Die hier vertretenen sowie andere
Regierungen haben eine historische Chance zur
Öffnung von Telekommunikationsmärkten weltweit
bei den Verhandlungen im Rahmen des allgemeinen
Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen.
Diese Verhandlungen müssen bis April 1996 abgeschlossen sein.

AMERIKA DIENST 08

Bei globaler Kommunikation handelt es sich nicht um
Konformität. Einige fürchten, daß wir unsere Eigenheiten verlieren, wenn wir die Distanz zwischen uns
und anderen verlieren. Aber bei Kommunikation geht
es um die Überbrückung von Unterschieden zwischen
Nationen und Menschen, nicht deren Ausmerzung.
Tatsache ist, daß auf Fehleinschätzungen gegründete
staatliche Maßnahmen, die Veränderungen zu
blockieren oder den Status quo zu bewahren versuchen, selbst Arbeitsplätze vernichtet haben.
Dieses Mal haben wir die Chance, es richtig zu
machen. Wir können Märkte öffnen und Arbeitsplatzchancen schaffen. Wir nutzen Bildung und Ausbildung, damit mehr Arbeitnehmer sich an den neuen
Arbeitsplatz anpassen können.
Die befreiende Wirkung dieser neuen Technologien
ist auf der ganzen Welt offenkundig. Satellitenstationen übermittelten den Helfern in Ruanda
medizinischen Rat. Radio- und Fernsehsendungen
haben in Südafrika die Rolle der Wahl in einer
Demokratie unterstrichen. Funktechnologien gestatten es aufstrebenden Nationen, das teure Stadium

Seite 3

�der Verkabelung eines Kommunikationsnetzes zu
überspringen - beispielsweise in Thailand, wo es
doppelt so viele Funktelefone gibt wie in den Vereinigten Staaten.

beschleunigen. Privatinvestitionen in unterschiedliche
Technologien bedeuten neue Kapitalquellen und
Fachwissen für reiche und arme Nationen gleichermaßen.

Die Auswirkungen sind auch im Bildungswesen
sichtbar. Eines der größten Handikaps für Lernwillige war die Distanz. Die Library of Congress in
Washington ist ein wunderbarer Ort. Wir müssen
jedoch sicherstellen, daß sie auch einem Schulmädchen aus meiner Heimatstadt Carthage in Tennessee, 900 Kilometer entfernt, zugänglich gemacht
wird. Dank Fernkursen können bereits viele Bürger
geographische Schwierigkeiten überwinden.

Computernetze haben völlig neue, rasch wachsende
Märkte geschaffen. Diese Netze helfen kleinen und
mittelständischen Unternehmen in armen und reichen
Ländern, effektivere Wettbewerber auf Weltmärkten
zu werden.

In Japan sind über 100 Institutionen durch Computer
und Satelliten miteinander verbunden und ungefähr
150.000 Studenten eingeschrieben.
In Indien gibt es fünf offene Universitäten und über
35 Fernkurse an herkömmlichen Universitäten.
Und in Kanada bietet das Knowledge Network
Studienkurse für Erwachsene an, die auf Inseln in
British Columbia leben.
In Frankreich sind die vor kurzem entdeckten Höhlenmalereien in der Ardeche, die im wirklichen Leben
kaum zu erreichen sind, Wissenschaftlern, Dozenten
und vor allem Kindern über Internet zugänglich.
Die Clinton-Administration hat sich dem Ziel verpflichtet, bis zum Ende dieses Jahrzehnts jedes
Klassenzimmer, jede Bibliothek, jedes Krankenhaus
und jede Klinik mit der nationalen und globalen
Informationsinfrastruktur zu verbinden.
Wir müssen unseren Lehrern und Schülern dieselbe
Kommunikationstechnologie bieten, die Expedienten,
Konstrukteure und Regierungsbeamte jeden Tag
nutzen.
Die Informationstechnologie ist ein entscheidendes
Element der Wirtschaftspolitik. Aber es gibt große
Hindernisse.
Wie können wir die harte Arbeit angehen, die vor
uns liegenden Hindernisse in Chancen umzuwandeln?
Erstens indem wir uns auf diejenigen konzentrieren,
die die Nachfrage nach Informationsprodukten und dienstleistungen bestimmen: Die Nutzer.
Die Nachfrage der Nutzer wird den Markt definieren.

In den Vereinigten Staaten haben unsere Auktionen
über Frequenzbereiche die Lizenzvergabe für persönliche Kommunikationsdienstleistungen beschleunigt
und führen zur Schaffung von Hunderttausenden
Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren - ein Anzeichen, daß Kommunikation eine Quelle für wirtschaftliche Veränderungen und Wachstum ist, nicht nur eine
Folge davon.
Es geht um den Schutz und die Erweiterung der
Meinungsfreiheit für alle unsere Bürger und darum,
dem einzelnen die Macht zur Erstellung der erforderlichen und gewünschten Informationen aus dem
reichhaltigen Fluß von Daten zu geben, mit denen er
jeden Augenblick konfrontiert wird.
Kommunikation ist der Anfang von Gemeinschaft.
Sei es durch Sprache, Kunst, Gebräuche oder
politische Philosophie - Menschen und Nationen
identifizieren sich durch die Kommunikation von
Erfahrungen und Werten. Ein globales Informationsnetz wird neue Gemeinschaften hervorbringen und
bestehende stärken, indem es die Art und Weise
bereichert, in der wir kommunizieren und kommunizieren können.
Ideen sollten nicht an Grenzen kontrolliert werden.
Wir können viel voneinander lernen und sollten
Praktiken und Maßnahmen anstreben, die die größte
Vielfalt von Meinungen einbeziehen, nicht ausschließen. Wir alle profitieren vom Austausch kultureller
Sichtweisen und Erfahrungen, der stattfindet, wenn
aufgeschlossene Menschen zusammentreffen.
Gleichzeitig wünschen die Nutzer der Gll den Schutz
ihrer Privatsphäre und werden diesen fordern. Wenn
man Amerikaner über die Informationstechnologie
befragt, ist dies ihre größte Sorge. Wir müssen
persönliche Daten und Kommunikation schützen.
Regierungen und
arbeiten, um neue
neue Maßnahmen
chen Schutz und
bieten.

Industrien müssen zusammenTechnologien, neue Normen und
zu entwickeln, die den erforderlidie Sicherheit der Privatsphäre

Wettbewerb zugunsten der Nutzer wird Innovation
und kostengünstige Installation neuer Technologien

Seite 4

AMERIKA DIENST 08

�Um die Privatsphäre und Finanztransaktionen zu
schützen und das Recht auf geistiges Eigentum
durchzusetzen, muß die GM sicher und zuverlässig
sein. Die OECD sollte weiterhin eine Führungsrolle
im Bereich der Computersicherheit übernehmen.
Glücklicherweise bieten uns die Technologie und
menschliche Erfindungsgabe neue Chancen zur
Erweiterung unserer Kommunikationsfähigkeiten.
Nehmen sie zum Beispiel nichtgeostationäre Satelliten. Sie bergen ein enormes Potential, insbesondere für weit entfernt liegende oder dünn besiedelte
Regionen und für Gesellschaften, die Vorteile der
Technologie des 21. Jahrhunderts zu nutzen, noch
bevor die Installation teurer landgestützter Netze
beendet ist. Diese modernen Technologien können
alles von Telefonanrufen bis zu medizinischen
Ferndiagnosen bereitstellen. Ebenso wie Internet
haben sie das Potential, Millionen von Menschen an
unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen
Situationen miteinander zu verknüpfen - und dies auf
wirtschaftliche Weise.
Jedes dieser Satellitensysteme auf niederen Umlaufbahnen - und darüber hinaus das mit dem Inmarsat-P-Konsortium verbundene System auf der mittleren Umlaufbahn - ist multinational, und jedes
Satellitenkonsortium begrüßt und strebt die Beteiligung von Industrie- und Entwicklungsländern an.
Natürlich behält jedes Land die Entscheidungsbefugnis bezüglich des Satellitensystems. Aber Länder,
die Lizenzen an diese internationalen Satellitenkonsortien vergeben, tragen dazu bei, daß ihre Unternehmen in der Weltwirtschaft wettbewerbsfähiger
werden und ihren Bürgern profitable Satellitendienstleistungen bieten können.
Der Zweck unserer Zusammenkunft ist die Förderung unseres gemeinsamen Ziels einer globalen
Informationsinfrastruktur, die allen Ländern die
Vorteile einer globalen Informationsgesellschaft
verschafft.
Unsere heutige Herausforderung besteht in der
Schaffung der wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen und sozialen Bedingungen, die das Fundament für die Gll legen werden.

*

AMERIKA DIENST 08

Während wir über unsere gemeinsamen Grenzen und
Ozeane hinweg auf den Aufbau einer Gll hinarbeiten,
dürfen wir nicht nur an die heutigen Diskussionen
über Funkverbindungen und Satelliten denken. Wir
müssen unsere Arbeit in den Dienst einer globalen
Vision stellen, die in jeder Gemeinde und in jedem
Dorf der Welt realisiert werden kann.
Ich habe zu Beginn meiner Ausführungen über
Gutenberg gesprochen, dessen Entdeckungsreise
das Leben aller Menschen auf diesem Planeten
beeinflußt hat.
Es war keine leichte Reise. Es gab Skeptiker und
Feinde. Als sein Finanzier mit zwölf Bibeln nach
Paris kam, brachten ihn die Buchhändler vor Gericht
mit dem Argument, so viele identische Bücher
könnten nur das Werk des Teufels sein.
Sein Werk war eine Herausforderung an die Gesellschaft, sich dem Wandel zu stellen.
Und diese Gesellschaft lernte eine Lektion, die wir
nicht ignorieren können: Wir haben nicht die Wahl,
die Zukunft zu verzögern oder sie zu leugnen - wir
müssen uns auf sie vorbereiten.
Es gibt keinen besseren Weg der Vorbereitung auf
die Zukunft, als das Beste aus der Gegenwart zu
machen.
Aus diesem Grund sind gemeinsame Visionen so
unerläßlich. Wir haben jetzt die große Chance, die
Welt in einem neuen Licht zu sehen und ihre Funktionsweise sowie die Art und Weise zu überdenken,
in der wir in dieser Welt funktionieren sollten.
Ich habe heute die konkreten Schritte dargelegt, die
wir ergreifen müssen, um uns auf diese neue Entdekkungsreise zu begeben. Ausgestattet mit der beweglichen Drucktype des nächsten Jahrtausends
können wir mit dem Reichtum des Wissens und der
Kreativität des Menschen beladene Karawanen auf
Pfade des Lichts entsenden, die in jedes Dorf und zu
jedem Heim führen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis dieser Vision und sehe unserer gemeinsamen Reise erwartungsvoll entgegen.

* * *

*

Seite 5

�SICHERHEITSARCHITEKTUR
1. März 1995

Gestaltung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur
von Richard C. Holbrooke
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Abteilungsleiters für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard C. Holbrooke, einem der Hauptverantwortlichen in der
Clinton-Administration für die Gestaltung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

Eine der höchsten Prioritäten der Clinton-Administration ist die Schaffung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur zur Errichtung lebensfähiger
Strukturen umfassender europäischer Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheitspolitik in den
kommenden Jahren.
Hierbei handelt es sich um multilaterale Bestrebungen aller europäischen Länder, der Vereinigten
Staaten und Kanadas. Außenminister Christopher
erklärte, diese neuen Strukturen hätten einbeziehend
und kooperativ zu sein und Rußland müsse darin
eine wichtige Rolle spielen.
Die neue europäische Sicherheitsarchitektur ist
sowohl für die Definition der Rolle Amerikas in einem
neuen Europa als auch für die Schaffung dauerhaften Friedens auf dem gesamten Kontinent von
essentieller Bedeutung.
Grundlage hierfür sind zwei von den Vereinigten
Staaten Anfang Dezember ins Leben gerufene
Initiativen. Ministertreffen des Nordatlantikrats sowie
des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) in
Brüssel und der Budapester Gipfel der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE) setzten den Prozeß zur Förderung dieses
Konzepts in Gang.
In Brüssel einigten sich die Außenminister des
Bündnisses auf einen allmählichen, transparenten
Erweiterungsprozeß der NATO, auf eine Stärkung
des NATO-Programms Partnerschaft für den Frieden
zur Einbeziehung von europäischen Nichtmitgliedern
- viele davon aus dem ehemaligen Warschauer Pakt
• sowie auf die Entwicklung stärkerer Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden. In Budapest wurden
Schritte zur Förderung der Rolle der OSZE bei

AMERIKA DIENST 08

Sicherheit und Konfliktbewältigung in Europa eingeleitet.
Die Vereinigten Staaten vertreten nicht die Ansicht,
das Bündnis könne oder solle die universelle Sicherheitsstruktur in Europa sein. Vielmehr sind wir
der Meinung, die NATO und die Europäische Union
sollten unsere gemeinsamen demokratischen Werte
durch kooperative Programme und letztlich eine
Erweiterung nach Osten projizieren, während die
OSZE sich für die Einrichtung eines umfassenderen,
alle einbeziehenden Forums für Konsultationen und

Aktionen bei Angelegenheiten einsetzt, die nicht in
den Zuständigkeitsbereich der NATO und der EU
fallen.
Besondere Betonung muß auf Konfliktverhütung und
Krisenmanagement gelegt werden, und die OSZE
kann in dieser Hinsicht als Konsultationsrahmen
dienen. Da die NATO weiterhin die Grundlage der
Sicherheit aller EU-Mitgliedstaaten ist, sollten ihre
Erweiterung sowie die der EU sich gegenseitig
stützen.
Während der ersten Jahreshälfte werden die Regierungen der NATO-Mitgliedstaaten prüfen, wie das
Bündnis erweitert werden kann, welche Grundsätze
diesen Prozeß leiten und welche Konsequenzen eine
erweiterte Mitgliedschaft haben wird.
In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird die NATO
erste Konsultationen und Verhandlungen mit interessierten Partnern beginnen. Dieser Prozeß beinhaltet wahrscheinlich auch die Darlegung der Grundsätze einer NATO-Erweiterung, das "Wie" der Erweiterung sowie die Auswirkungen der Mitgliedschaft auf
mögliche neue Mitglieder.
Stabilität in Europa ist ein entscheidendes Ziel der
erweiterten NATO. Die Erweiterung richtet sich

Seite 1

�gegen niemanden und soll vor allem keine neuen
Trennlinien in Europa schaffen.

samer Übungen mit Partnernationen zu Wasser und
zu Land erhöhen.

Beim NATO-Ministertreffen im Dezember schlug
Außenminister Christopher mehrere grundlegende
Prinzipien für eine Erweiterung vor. Es wird sich um
einen allmählichen, durchdachten und transparenten
Prozeß handeln. Es sollen umfassende Konsultationen mit allen interessierten Parteien geführt werden,
und es wird "keine Überraschungen" geben, wie der
Außenminister es formulierte. Eine verfrühte Diskussion über den Zeitrahmen der Mitgliedschaft für
bestimmte Länder soll vermieden werden. Dieses
Jahr wird das "Wie" und "Warum" der Erweiterung,
nicht das "Wer" oder "Wann" den Schwerpunkt
bilden.

Die NATO-Minister haben bekräftigt, daß eine kooperative europäische Sicherheitsarchitektur die aktive
Partnerschaft mit Rußland erfordert und eine umfassende Tagesordnung für die Beziehungen der
NATO zu Rußland innerhalb und außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden unterstützt. Sie wird
ein wichtiges Element unseres breitgefächerten
Ansatzes zur europäischen Sicherheit darstellen, und
während die NATO ihre erweiterte Rolle in Europa
definiert, ist es unerläßlich, eine parallele Schiene
des Dialogs mit Rußland zu verfolgen.

Obwohl es für die Mitgliedschaft keine starren
Kriterien gibt, sind einige wesentliche Erfordernisse
im Washingtoner Vertrag über die Gründung der
NATO enthalten. Neue Mitglieder müssen alle mit
einer Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und
Pflichten übernehmen und sich nach bestimmten
grundlegenden Geboten richten, darunter Demokratie, Freiheit des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit.
Ferner müssen sie in der Lage sein, die im Nordatlantikvertrag enthaltenen Prinzipien zu fördern und
einen Beitrag zur Sicherheit im nordatlantischen
Raum zu leisten.
Die an der NATO-Mitgliedschaft interessierten
Nationen werden einzeln und Land für Land in
Erwägung gezogen. Einige Länder werden der
NATO eher als andere beitreten, und kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht bezüglich
der künftigen Mitgliedschaft eines anderen Landes
im Bündnis haben.
Die Entscheidung, die NATO-Erweiterung voranzutreiben, schmälert nicht die Bedeutung der Partnerschaft für den Frieden. In der Tat wird die Partnerschaft für den Frieden eine noch wichtigere Rolle als
Rahmen für die Entwicklung der Beziehungen der
NATO zu den neuen Demokratien im Osten übernehmen.
Für einige dieser neuen Partner wird die Partnerschaft der beste Weg zu einer möglichen NATOMitgliedschaft sein. Für andere wird sie den konkreten Beweis liefern, daß die NATO um ihre Sicherheit besorgt ist und die wesentlichen Mittel für
eine dauerhafte Kooperation mit der NATO und
anderen Partnern in Bereichen wie Friedenssicherung und humanitäre Hilfe bietet. Aus diesem Grund
hat sich die NATO zur Beschleunigung der Umsetzung individueller Partnerschaftsprogramme verpflichtet und wird in diesem Jahr die Anzahl gemein-

Seite 2

Diese neue Sicherheitsstruktur muß einbeziehend
und kooperativ sein, und Rußland wird eine wichtige
Rolle spielen.
Die beim Budapester-Gipfeltreffen getroffenen Entscheidungen stärken die OSZE und definieren eine
erweiterte Rolle der OSZE bei der europäischen
Sicherheit. Die in Budapest verabschiedeten Maßnahmen ergänzen die Bestrebungen innerhalb der
NATO zu kooperativen, integrierten Sicherheitsstrukturen für Europa und bieten der OSZE mehr
Fähigkeiten und Ressourcen.
Die beim Budapester Gipfel anwesenden Staats- und
Regierungschefs gaben eine politische Verpflichtung
ab, die OSZE zum Hauptinstrument in durch ihre
Missionen abgedeckten Bereichen zu machen. Die
OSZE in eine stabilere Organisation umzustrukturieren, die bedeutende Schritte bei der regionalen
Konfliktverhütung unternehmen kann, trägt zur
Konsolidierung unseres Ansatzes zu einer neuen, alle
einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur
bei. Die gestärkte OSZE wird allen Staaten in der
euroatlantischen Gemeinschaft ein Forum bieten, von
dem sie die ernsthafte Beschäftigung mit ihren
Sicherheitsbelangen erwarten können.
Diese Entscheidungen machen die OSZE weder zu
einem Ersatz für die NATO noch zu einem Instrument, Kriege wie den in Bosnien zu beenden. Sie
soll vielmehr Eskalationen am unteren Ende der
Skala effizient bewältigen und verhindern - oder wie
Präsident Clinton es formulierte, ein weiteres Bosnien
verhindern.
Die OSZE wird ein alle einbeziehendes Diskussionsforum für europäische Sicherheitsbelage sein, bei
dem alle Staaten das gleiche Mitspracherecht haben.
Sie wird sich weiterhin auf Menschenrechte und
Konfliktverhütung konzentrieren, ist aber jetzt auch
zur Erfüllung neuer Aufgaben in der Lage. Einigung
über die Bereitstellung von friedenssichernden
Streitkräften erzielt die OSZE auf dem Weg zu einer

AMERIKA DIENST 08

�bedeutsameren Sicherheitsorganisation mit größerer
Verantwortung, die ohne Rücksicht auf die alten
Trennlinien des Kalten Krieges operiert.
Der Ständige Rat der OSZE in Wien ist jetzt zum
Hauptgremium für politische Konsultationen und
Entscheidungsfindung geworden, obwohl die Außenminister der OSZE weiterhin jedes Jahr, und die
politischen Direktoren zweimal im Jahr zur Erarbeitung von politischen Richtlinien zusammenkommen
werden. Beim Budapester Gipfel wurde auch die
Entscheidung zu verstärkter Unterstützung des
Hochkommissars der Organisation für nationale
Minderheiten, Missionen präventiver Diplomatie
sowie des Büros für demokratische Institutionen und
Menschenrechte getroffen.
Die am Gipfeltreffen teilnehmenden Staats- und
Regierungschefs stimmten einem russischen Vorschlag zur Erörterung eines umfassenden europäischen Sicherheitsmodells für das 21. Jahrhundert zu
und räumten den Nichtmitgliedstaaten der NATO die
Möglichkeit zur Unterbreitung ihrer Gedanken über

*

AMERIKA DIENST 08

*

die Gestaltung einer zukünftigen europäischen
Struktur ein. Diese Entscheidung wird jedoch nicht
das Recht aller Staaten beeinträchtigen, ihre Sicherheitsarrangements einschließlich von Bündnisverträgen frei zu wählen oder zu ändern.
Beim Budapester Gipfel stellten die Vereinigten
Staaten die Einigung auf die Erarbeitung eines
umfassenden Rahmens für die Zukunft der konventionellen Stabilität, Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung sowie einheitlicher Prinzipien sicher,
die Normen für die europäischen Ziele bei der
Nichtverbreitung setzen.
Es muß noch viel getan werden, um die Budapester
Entscheidungen in die Praxis umzusetzen, und die
Vereinigten Staaten werden einer besseren Definition
der Rolle der OSZE in der sich entwickelnden euroatlantischen Sicherheitsarchitektur, der Stärkung der
Konsultationsprozesse und politischen Mechanismen
der OSZE sowie der Förderung der generellen
Fähigkeiten der OSZE im Bereich Frühwarnung und
Konfliktverhütung höchste Priorität einräumen.

*

*

Seite 3

�USA-UNO
1. März 1995

Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
von Richard L. Armitage
Aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens der Vereinten Nationen verweist der Autor darauf, daß die
Organisation "zur Erleichterung kollektiver Aktion gegründet wurde, nicht als alternative Supermacht". Die
Vereinigten Staaten sollten auf die Wiederherstellung dieser Vision hinarbeiten, die durch den Kalten Krieg
stark verzerrt wurde.
Richard L. Armitage war von 1983 bis 1989 Abteilungsleiter für internationale Sicherheitsbelange im USVerteidigungsministerium und bis Mai 1993 in einer Vielzahl friedensstiftender Missionen tätig. Er ist Präsident
von Armitage Associates, einer internationalen Beraterfirma in Arlington (Virginia).
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in The World &amp; I vom Juni 1994. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1994.

Die Vereinten Nationen sind eine Organisation von
Mitgliedern. Sie sind weder eine zentralistische
Weltregierung noch ein unabhängiger Staat. Die
Mitgliedschaft steht den Staaten offen, die "fähig und
willens" zur Übernahme der in der UN-Charta
niedergelegten Pflichten sind.
Während die Vereinten Nationen sich ihrem 50jährigen Bestehen nähern, sollten sich ihre Befürworter
und Gegner in den Vereinigten Staaten gleichermaßen darauf konzentrieren, was die Organisation ist
und was nicht. Was Förderer und Kritiker sehen, ist
das Bild einer Organisation, die völlig im Widerspruch zu ihrer Charta und Geschichte steht.
Befürworter und Gegner sind gleichermaßen an den
Punkt gelangt, die Vereinten Nationen nicht als
Organisation von Mitgliedern, sondern als autonome,
souveräne Institution - einen Superstaat - anzusehen, der von einem Generalsekretär geleitet wird,
der einem Topmanager der Welt gleichkommt.
Es ist eben diese verzerrte, uniformierte Sichtweise
der Vereinten Nationen, die eine Bestandsaufnahme
der Administration und die Debatte im Kongreß so
steril und irrelevant macht. Obwohl die meisten
Mitglieder die Vereinten Nationen als praktisches
Forum ansehen, ihre nationale Tagesordnung
durchzusetzen, reagieren die Amerikaner auf das
internationale Gremium, als ob es ein über das
seiner Mitglieder hinausgehendes eigenes Leben
und eine eigene Tagesordnung hätte.

AMERIKA DIENST 08

Präsident Clinton klagt, daß "die Vereinten Nationen
Nein sagen lernen müssen", als sei das wichtigste
Mitglied des Sicherheitsrats nur ein entfernter,
desinteressierter Zuschauer. Entsprechend sehen
einige Kongreßabgordnete, die von Verfechtern des
Dogmas "die Vereinigten Staaten sollten die Vereinten Nationen verlassen" der fünfziger und sechziger Jahre geschult wurden, den Generalsekretär als
ausländischen Potentaten und ihr eigenes Land als
erbärmliches, hilfloses Opfer.
Tatsache ist, daß die Bestandsaufnahme der Vereinten Nationen durch die Öffentlichkeit in den
Vereinigten Staaten von Extremisten und Reaktionären dominiert wird.
Am einen Ende des Spektrums sind Beamte, die ausgehend von ihren eigenen persönlichen Schwierigkeiten mit dem Vietnamkrieg vor 25 Jahren - die
Vereinigten Staaten als unmoralische Supermacht zu
sehen begannen, deren Hegemoniestreben am
besten durch Multilateralismus gemäßigt werden
könnte, der unwürdige nationalistische Impulse einem
objektiven internationalen Gremium unterstellt: den
Vereinten Nationen. In dem Maße, in dem die
Clinton-Administration zu einer Weltsicht gelangte,
war es das.
Am anderen Ende des Spektrums sind die reaktionären Unilateralisten, deren Überzeugungen - ob sie es
wissen oder nicht - in Isolationismus gründen. Auch
sie sehen die Vereinten Nationen als ausländisches

Seite 1

�Gremium, aber als einen schlechten Ort, an dem die
Vereinigten Staaten schmeicheln und überzeugen
müssen, statt das zu tun, was sie wollen, und wann
sie es wollen.
Für Anhänger dieser Denkschule waren die von
George Bush und Jim Baker als Reaktion auf die
Annexion Kuwaits durch den Irak übernommene
gekonnte Führungsrolle und geduldige Koalitionsbildung innerhalb der Vereinten Nationen dumme
Zeitverschwendung. Aus ihrer Perspektive geht es
den Vereinigten Staaten am besten, wenn sie im
Alleingang handeln - eine Sichtweise, die nicht von
der Geschichte untermauert wird und unzutreffend
ist im Hinblick auf die heute bestehende Welt.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine
Sichtweise der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der UN, die Amerika kühn a)
als eine Kraft des Guten in der Welt und b) die
Vereinten Nationen als Plattform für die amerikanische Führungsrolle und Projektor amerikanischer
Werte und des Einflusses auf der ganzen Welt
einstuft. Dies war die Vision der Demokraten und
Republikaner - Franklin Delano Roosevelt, Arthur
Vandenberg, Wendell Wilkie und anderer - deren
Führungsrolle während des Zweiten Weltkriegs zum
Entstehen der Vereinten Nationen beitrug.
Roosevelt hätte Schwierigkeiten gehabt, die Demokraten als von Zweifeln über den Wert der Vereinigten Staaten als Kraft für das Gute in der Welt
geplagte Menschen zu erkennen. Vandenberg wäre
überrascht gewesen, die Republikaner noch immer
in der einem Krebs ähnlichen Sichtweise der Welt
verhaftet zu finden - der von Zeit zu Zeit hervorkrabbelt, nur um sich in seine Schale zurückzuziehen.
Die Vereinten Nationen wurden nicht als Alternative
zur Vorherrschaft einer Supermacht gegründet,
sondern zu deren Erleichterung. Ihre Gründer
antizipierten, daß die zentrale Aufgabe der Mitglieder
im von fünf Ständigen Mitgliedern beherrschten
Sicherheitsrat geleistet werden würde: Vereinigte
Staaten, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich
und China. Winston Churchill war der Überzeugung,
die "Großen Drei" (die fünf minus Frankreich und
China) würden die Bühne beherrschen. Roosevelt
und Stalin dachten wahrscheinlich an nur zwei
Mächte.

könnte. Der Sicherheitsrat war mit ständigen Sitzungen unter rotierender Präsidentschaft der Mitglieder
das spezifische Forum, in dem die Großmächte
kollektiv auf die Ermutigung "friedlicher Beilegung von
Streitigkeiten" hinarbeiteten und "Maßnahmen bei
Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen" ergriffen.
Nirgendwo in den Kapiteln VI und VII der Charta - die
zusammen das Kernstück der Daseinsberechtigung
der Organisation ausmachen - ist der Generalsekretär
auch nur erwähnt. Aus der Charta geht eindeutig
hervor, daß die Mitglieder des Sicherheitsrats sich
selbst für kollektive Erörterungen und Aktionen
organisieren müssen. Die Gründer benötigten 14
Kapitel, bevor sie etwas über "den höchsten administrativen Beamten der Organisation" - das heißt, den
Generalsekretär, sagten.
Nahezu 49 Jahre nach der Formulierung der Charta
werden wir jedoch Zeuge, wie der amerikanische
Präsident sich den Wünschen des obersten administrativen Beamten der Vereinten Nationen beugt.
Was ist geschehen?
Die Vereinten Nationen funktionierten ungefähr 45
Jahre lang auf eine Art und Weise, die ihre Gründer
nicht erwartet hätten. Obwohl Roosevelt kurz vor
seinem Tod eine Vorahnung der kommenden Ereignisse zu haben schien, wäre selbst er wahrscheinlich erstaunt über das Ausmaß gewesen, in dem die
Sowjetunion - eine Säule des Sicherheitsrats und
einer der wichtigsten Garanten der 1945iger Version
einer "neuen Weltordnung" - selbst zur in Kapitel VII
der Charta der Vereinten Nationen erwähnten "Bedrohung des Friedens" wurde. Als Ständiges Mitglied
des Sicherheitsrats mit einem Vetorecht ausgestattet,
stellten Stalin und seine Nachfolger sicher, daß das
von den Gründern vorgesehene gute Einvernehmen
der Großmächte nicht erzielt werden konnte, solange
die Sowjetunion existierte.
Angesichts der sowjetischen Bedrohung veränderte
sich die amerikanische Haltung zu den Vereinten
Nationen dramatisch. Da der Sicherheitsrat durch die
Vetos der Sowjetunion gelähmt war, interpretierten
die Vereinigten Staaten und gleichgesinnte Nationen
verschiedene Bestimmungen der Charta ziemlich
großzügig und nutzten die Generalversammlung zur
Erörterung und Verabschiedung von Resolutionen,
die von der Sowjetunion geförderte oder begangene
aggressive Akte beleuchten und verurteilen sollten.

Kolfektive Aktion
Der hinter der Gründung der Vereinten Nationen
stehende Gedanke war, den Völkerbund durch ein
Forum zu ersetzen, das dem Dritten Weltkrieg durch
die kollektive Aktion der Großmächte vorbeugen

Seite 2

Die Unfähigkeit der Generalversammlung zur Durchsetzung ihrer Resolutionen wiederum führte dazu,
daß der Generalsekretär vom Hauptverwaltungsbeamten zum Hauptfriedensstifter befördert wurde eine Rolle, die Dag Hammarskjold aus Schweden auf

AMERIKA DIENST 08

�bewundernswürdige und effektive Weise spielte.
Dank Hammarskjolds einzigartiger Präsenz und
unermüdlicher Diplomatie konnte der Westen verhindern, daß der kommunistische Block den größtmöglichen Vorteil aus dem Übergang der Dritten Welt
vom Kolonialismus zur Unabhängigkeit zog.
Die nahezu exponentielle Erhöhung der Mitgliederzahl der UNO in den sechziger Jahren schaffte die
begrenzte Nützlichkeit der Generalversammlung als
Forum für die Abwehr von Bedrohungen des Friedens praktisch ab.

Bevor wir jedoch die Arbeit von Giganten zunichte
machen, wäre es vielleicht angebrachter, das Vieh
einzusperren und wieder in Zaum zu legen. Dies
beinhaltet Konfrontation und die Übernahme schwerer
Lasten, wofür das außenpolitische Team der ClintonAdministration großes Talent gezeigt hat. Wenn
Clinton jedoch erst einmal das Vermächtnis des
größten Demokraten dieses Jahrhunderts - Franklin
Delano Roosevelt - erkannt und akzeptiert hat,
könnte er genau der richtige Mann für diese Aufgabe
sein.
Die amerikanische Führungsrolle

Statt dessen wurde die Versammlung zu einem
Podium für verschiedene Diktatoren aus Ländern der
Dritten Welt. Sinnlose Resolutionen, beispielsweise
die Zionismus mit Rassismus gleichsetzende,
wurden debattiert und bisweilen angenommen. Es
gab jedoch nie mehr einen Generalsekretär, der
Hammarskjold ebenbürtig war. Im Hinblick auf
Initiative war der passive U Thant das genaue
Gegenteil von ihm. Im Hinblick auf den Charakter
braucht man Hammarskjold nur Kurt Waldheim
gegenüberzustellen.
Der Zerfall der Sowjetunion und das Ende des
Kalten Krieges bieten den Vereinten Nationen eine
Gelegenheit, die Uhr zurückzudrehen und im Einklang mit der Charta einen Neuanfang zu machen.
Aber Frankensteins Monster ist aufgetaucht und
sprengt das Labor. Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali hat seine persönliche Meinung kundgetan,
die Vereinten Nationen als Institution seien mehr als
die Summe ihrer Mitglieder. Die Clinton-Administration, gelähmt durch ihre eigene Version des "Vietnam-Syndroms", unterstützte und ermutigte den
geschickten ägyptischen Bürokraten, indem sie ihm
erst die amerikanischen Streitkräfte in Somalia zur
Verfügung stellte und dann zu seinen Bedingungen
debattierte, wobei sie sich seiner Rhetorik, "die
Vereinten Nationen müssen Nein sagen können",
bediente.
Es ist gut möglich, daß 49 Jahre der Improvisation
zusammen mit einer aufgeblähten und ineffektiven
internationalen Bürokratie dazu geführt haben, daß
die Vereinten Nationen es nicht wert sind, gerettet zu
werden. Es könnte sein, daß es für die Vereinigten
Staaten besser wäre, ein anderes Forum für die
Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten und potentiellen Gegnern zu nutzen, um die kollektiven Sicherheitsfunktionen zu erfüllen, mit denen die Charta
die Großmächte betraut. Vielleicht sollte der Sicherheitsrat sich tatsächlich abspalten und BoutrosGhali mit der Leitung eines modernen Völkerbunds
zurücklassen.

AMERIKA DIENST 08

Die bevorstehende Aufgabe besteht darin, den
Generalsekretär aus der Friedenssicherung und
-Schaffung zu lösen und wieder zu seiner Aufgabe als
höchster administrativer Beamter einer Organisation
zurückzuführen, die dringend einer Erneuerung
bedarf. Aufgabe des Präsidenten ist es, den UNSicherheitsrat so arbeiten zu lassen, wie in der
Charta der Vereinten Nationen niedergelegt.
Der Präsident kann dieser Aufgabe nicht nachkommen, wenn er zuläßt, daß darüber debattiert wird,
welchen "UNO-Operationen" die Ehre der Präsenz
amerikanischer Streitkräfte zuteil wird. Der aus fünf
Ständigen und sechs Nichtständigen Mitgliedern
bestehende Sicherheitsrat entscheidet über friedenssichernde und friedensschaffende Operationen.
Keine derartige Operation irgendwo auf der Welt
sollte ohne die explizite Zustimmung und Führung
des einen Landes vonstatten gehen, das sowohl
Ständiges Mitglied im Sicherheitsrat als auch Großmacht ist - der Vereinigten Staaten.
Gemäß Artikel 99 der Charta kann der Generalsekretär "die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrats auf jede
Angelegenheit lenken, die nach seinem Dafürhalten
geeignet ist, die Wahrung des Weltfriedens und der
internationalen Stabilität zu gefährden". Nachdem er
seiner Meinung Ausdruck verliehen hat, muß der
Generalsekretär nur gesehen, nicht gehört werden.
Es obliegt den Mitgliedern des Sicherheitsrats, die
geeigneten Maßnahmen zu ergreifen.
Schwerpunkt der Arbeit des Sicherheitsrats ist die
Verhinderung eines Dritten Weltkriegs. Wären die
Aktionen der NATO und der Russen in Bosnien vom
vergangenen Februar, mit denen der Beschießung
Sarajevos durch die Serben Einhalt geboten wurde,
tatsächlich auf Initiative des Rates zurückgegangen,
wäre das den Vorstellungen der Gründer der Vereinten Nationen sehr nahe gekommen.
Es ist nicht erforderlich, daß Soldaten blaue Helme
tragen, damit der Sicherheitsrat seinen Pflichten
wirklich nachkommt. Nationale Kontingente dürfen

Seite 3

�durchaus eng zusammenarbeiten, um eine Bedrohung des Friedens abzuwehren. Auf genau diese
Art wurde Kuwait befreit.
Blaue Helme werden allgemein mit Friedenssicherungsoperationen assoziiert. In dieser Hinsicht ist
das Vermächtnis von Hammarskjold lehrreich. Seine
Richtlinien für friedenssichernde Operationen lauteten: Die Streitkräfte sollten neutral sein, lediglich zur
Selbstverteidigung leicht bewaffnet, ihre Präsenz
sollte von den verfeindeten Parteien ausdrücklich
akzeptiert werden, die a) ihre Kämpfe einstellen und
b) vollständig mit den UNO-Streitkräften zusammenarbeiten würden. Wenn man die Situation in Bosnien und Somalia an diesen Kriterien mißt, zeigt
sich, wie gefährlich es ist, zur Friedenssicherung
vorgesehene Streitkräfte in feindliche Situationen zu
entsenden. Dasselbe könnte man von der multilateralen (jedoch nicht von den Vereinten Nationen
organisierten) Friedenssicherungsaktion im Libanon
von 1982 behaupten.
Obwohldie Führungsrolle der Vereinigten Staaten
bei der Friedensschaffung und -Sicherung unerläßlich ist, heißt das nicht, daß amerikanische Streitkräfte tatsächlich daran teilnehmen müssen. Wir
müssen uns einige grundlegende Fragen stellen: In
welchem Maße sind rein amerikanische nationale
Interessen betroffen? Würde die Präsenz von
Amerikanern die Operation erleichtern oder kom-

*

Seite 4

*

plizieren? Welchen einzigartigen Beitrag könnten die
amerikanischen Streitkräfte zu einer spezifischen
Operation leisten? Welche anderen tatsächlichen
oder potentiellen Verpflichtungen müssen vor einer
Entsendung amerikanischer Streitkräfte eingegangen
werden? Werden amerikanische Soldaten (wie sie
müssen) dem Kommando amerikanischer Offiziere
unterstehen?
Diese Fragen sind jedoch taktischer Natur und
letztlich bedeutungslos, wenn wir nicht zunächst eine
Bestandsaufnahme der amerikanischen Beziehungen
zu den Vereinten Nationen vornehmen. Tatsache ist,
daß die Weltorganisation 49 Jahre nach ihrer Gründung keineswegs den Vorstellungen ihrer Gründer
entspricht. Der Generalsekretär - vollendeter Bürokrat, der er ist - kann nicht dafür getadelt werden,
daß er Vorrechte geltend macht, die nicht in der
Charta der Organisation verankert sind.
Wenn den Amerikanern die Handlungsweise der
Vereinten Nationen mißfällt, liegt der Fehler bei uns.
Die Vereinten Nationen sind eine Organisation der
Mitglieder. Bestimmte Mitglieder sind "gleicher" als
andere. Wir sind die ersten unter den "Gleicheren".
Nach dem Ende des Kalten Krieges kann Präsident
Clinton - wenn er möchte - dort anknüpfen, wo
Franklin Delano Roosevelt und seine internationalistischen Verbündeten aus den Reihen der Republikaner
aufhörten.

*

*

AMERIKA DIENST 08

�U S A - G US
1. März 1995

Begründung der Hilfe für die GUS
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - James Collins, hochrangiger Koordinator im Büro des Sonderberaters des Ministers
für die Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), erklärte am 22. Februar 1995 in einer Anhörung vor dem
Bewilligungsausschuß des Senats, die Administration sei entschieden gegen den Verkauf russischer
Atomreaktoren an den Iran. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext.

Herr Vorsitzender, ich begrüße die erste Gelegenheit
in diesem Jahr, bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß das Verhältnis zwischen den außenpolitischen Zielen der Vereinigten Staaten und der
amerikanischen Hilfe an die neuen unabhängigen
Staaten darlegen zu können. Vor zwei Wochen
haben Sie die Ausführungen des Stellvertretenden
Außenministers Talbott über die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Rußland vernommen. Ich
möchte mich heute eher auf die amerikanische
Politik in bezug auf die GUS insgesamt sowie die
Einbettung der amerikanischen Hilfe in diese Politik
konzentrieren, bevor ich das Wort an Botschafter
Simons, der die Hilfsleistungen gemäß dem FREEDOM Support Act koordiniert und erst vor kurzem
eine Delegation in die GUS geleitet hat, sowie an
Mr. Dine vom Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) übergebe.
Das Gesetz über Auslandshilfe von 1961 gründete
sich auf die generelle und übergeordnete Prämisse,
daß die Welt interdependent geworden ist und noch
interdependenter wird. Das FREEDOM Support Act
von 1992 basiert auf der spezifischeren Prämisse,
daß Entwicklungen in den neuen unabhängigen
Staaten
"eine historische Chance für den Übergang zu
einer friedlichen und stabilen internationalen
Ordnung sowie für die Integration der unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Gemeinschaft demokratischer
Nationen bieten".
Wie der Stellvertretende Außenminister Talbott vor
zwei Wochen ausführte, ist diese Prämisse unseres
Erachtens nach wie vor gültig im Hinblick auf alle
neuen unabhängigen Staaten einschließlich Rußlands und das Schicksal der Reformen in Rußland

AMERIKA DIENST 08

und den anderen Ländern der GUS weiterhin verknüpft.
Ich bin mir bewußt, daß ein Großteil der Aufregung
über den Zusammenbruch des Kommunismus und
der Sowjetunion verflogen ist und einer gewissen
Müdigkeit Platz gemacht hat, während wir Zeuge des
Kampfes der neuen unabhängigen Staaten mit den
täglichen Mühen des Wiederaufbaus ihrer politischen
und wirtschaftlichen Systeme werden. Inmitten der
Berichte über ungleiche Leistung und häufig beunruhigende Herausforderungen für den Verlauf der
Reformen kann man leicht entmutigt werden und den
Blick für die bereits erzielten umfassenderen Fortschritte und unser vorrangiges Interesse an deren
Fortsetzung verlieren.
Die politische und wirtschaftliche Umgestaltung der
neuen unabhängigen Staaten ist weiterhin von
lebenswichtiger Bedeutung für die fundamentalen
amerikanischen Interessen. Der Erfolg dieser Umgestaltung hat wichtige Auswirkungen auf den internationalen Erfolg bei
der Reduzierung der Nuklearwaffenarsenale und
der Bekämpfung der Verbreitung von Nuklearwaffen und -material,
der Entwicklung einer neuen europäischen Sicherheitsordnung,
der Bekämpfung von internationalem Verbrechen,
Drogen und Terrorismus,
der Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte
und Stärkung der Offenheit und Stabilität des
globalen Handelssystems sowie
der Ermutigung des Abbaus ethnischer Spannungen ohne Gewalt.

Seite 1

�Während diese neuen Länder auf die Gestaltung
neuer demokratischer und marktorientierter Institutionen in dem durch den Zusammenbruch des Kommunismus entstandenen Vakuum hinarbeiten,
können wir nicht davon ausgehen, daß der bevorstehende Weg eben oder leicht sein wird. Das
gelegentlich langsame Tempo bei der Formulierung
und Umsetzung von Gesetzen, die nach Meinung
von uns im Westen entscheidend für die Grundlagen
prosperierender Demokratien und Marktwirtschaften
sind, ist an sich schon ein Beweis, daß politischer
Pluralismus und Demokratie Fuß fassen. In einer
Demokratie ist die Entwicklung eines Wirtschaftsprogramms ebenso wichtig wie das Programm
selbst.
Wir müssen dieses Phänomen erkennen und unerschütterlich die Reformen angesichts ungleicher
und gelegentlich unberechenbarer Entwicklungen
unterstützen. Es steht zu viel auf dem Spiel, als daß
wir anders handeln könnten.
"Der amerikanischen Hilfe kommt eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung der Umgestaltung in diesen aufstrebenden Demokratien
zu. Die grundlegende Aufgabe der Umstrukturierung des politischen und wirtschaftlichen
Systems obliegt weiterhin diesen Ländern,
aber unsere Unterstützung der Reformer kann
eine wichtige Rolle bei der Verstärkung der
Bemühungen zur Schaffung von Prinzipien,
Mechanismen und Instrumenten spielen, die
als Grundlage für offene und freie Gesellschaften dienen werden."
Hilfe Ist eine knappe Ressource
Ich bin mir der schwierigen Entscheidungen bewußt,
mit denen sich der Kongreß und die Administration
beim Abwägen der zahlreichen innen- und außenpolitischen Erfordernisse bei anhaltend knappen
Haushaltsmitteln konfrontiert sehen. Ich weiß, wie
wichtig es ist, jeden Dollar aus dem Hilfsfonds klug
zur Erreichung der dringendsten strategischen Ziele
einzusetzen. Aus diesem Grund haben wir bei der
Integration der Hilfsprogramme in unsere umfassenderen außenpolitischen Bestrebungen eine Reihe
von Prinzipien verfolgt.
Erstens ist unsere Hilfe an Reformen gebunden. Im
Einklang mit Paragraph 498A des FREEDOM
Support Act berücksichtigen wir Fortschritte bei
politischen und wirtschaftlichen Reformen bei der
Zuweisung von Mitteln für die Region. Dies hat
Auswirkungen auf die Verteilung der Mittel unter den
Ländern und in den Ländern.

Seite 2

Zweitens streben wir eine enge Verbindung zwischen
unserem Hilfsprogramm und umfassenderen diplomatischen Bestrebungen an. Ein gutes Beispiel ist die
Gore-Tschernomyrdin-Kommission, eine von den
Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von
Vancouver im April 1993 ins Leben gerufene Initiative. Die Kommission wurde ursprünglich zur
Verbesserung der bilateralen Zusammenarbeit in den
Bereichen Raumfahrt, Hochtechnologie und Energieinvestitionen gegründet. Die Kommission hat ihren
Aufgabenbereich erweitert und die Gebiete Umwelt,
Wissenschaft und Technologie, Rüstungskonversion
und öffentliches Gesundheitswesen einbezogen. Das
Komitee für Unternehmensentwicklung der Kommission war beim Abbau von Hemmnissen für Handel
und Investitionen und der Durchsetzung einer Reihe
von Investitionsprojekten besonders effektiv, vor allem
auf dem russischen Energiesektor.
Drittens ermutigen wir Verbindungen zum Privatsektor, da diese - nicht die Hilfe - die langfristige Grundlage unserer Beziehungen zur GUS bilden werden.
Die private Geschäftstätigkeit ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Handel und Investitionen. Aus diesem Grund verwenden wir einen zunehmenden Teil unserer Hilfe für die Unterstützung
traditioneller Geschäftsförderungsprogramme durch
die Entwicklungsgesellschaft OPIC, die Export-Import
Bank, das Amt für Handelsentwicklung und das
Wirtschaftsministerium. Aber enge Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern, Umweltschützem, politischen Interessengruppen und nichtstaatlichen Organisationen ist ebenso wichtig. Solche Austauschprogramme sind unabdingbar, um der GUS beim
Aufbau der bürgerlichen und repräsentativen Institutionen behilflich zu sein, die die Grundlage
politischer Demokratie bilden.
Viertens versuchen wir unseren Einfluß in der internationalen Staatengemeinschaft geltend zu machen.
Obwohl die Vereinigten Staaten bei der Reaktion auf
die Hilferufe der GUS eine Führungsrolle übernommen haben, kann kein Land diese Last auf sich
nehmen. Die Ukraine ist ein treffendes Beispiel. Als
die neue Regierung Kutschma Ende letzten Jahres
ein mutiges Reformprogramm in die Wege leitete,
arbeiteten die Vereinigten Staaten mit anderen
Geberländern der G-7 und den Hauptgläubigern der
Ukraine in der GUS - Rußland und Turkmenistan auf die Mobilisierung von Unterstützung aus dem
Ausland für die neuen Reformbestrebungen der
Ukraine hin. Auf unser Drängen schuldete Turkmenistan die Energiekredite der Ukraine um, und Rußland
hat jetzt Gespräche mit der Ukraine über Zahlungsrückstände der Energieschulden aufgenommen,
während das Land weiterhin Öl und Gas liefert. Wir
arbeiten auch mit den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und Japan zusammen, um an den von

AMERIKA DIENST 08

�der Ukraine im Frühjahr erwarteten IWF-Beistandskredit gekoppelte Unterstützung bereitzustellen.

die Rada zu erhalten und den Weg für das Inkrafttreten des START I-Vertrags zu ebnen.

Und schließlich legen wir besondere Betonung auf
die Herstellung von Kontakten zwischen der GUS
und Wirtschafts- und Sicherheitsinstitutionen des
Westens. Diese reichen von unserem Programm
Partnerschaft für den Frieden bis zur Ermutigung
eines GATT-Beitritts.

Wir erweitern ferner die Rüstungszusammenarbeit.
Truppen der Vereinigten Staaten und der Ukraine
nehmen an gemeinsamen Friedenssicherungsmanövern teil. Die Ukraine war das erste Land der GUS,
das der Partnerschaft für den Frieden beigetreten ist.
Die Kooperation in der Partnerschaft trägt zur Förderung der Kontakte zwischen dem Bündnis und der
Ukraine bei.

Die Ukraine: Ein Fallbeispiel
Herr Vorsitzender, ich weiß, daß Sie eine Führungsrolle bei der Unterstützung von Bestrebungen zur
Erleichterung der Umgestaltung in der Ukraine
übernommen haben und bin der Ansicht, die Bemühungen der US-Regierung im vergangenen Jahr sind
ein anschauliches Beispiel, wie wir die unterschiedlichen politischen Instrumente - von Diplomatie bis zu
Hilfe - zur Unterstützung der amerikanischen Interessen integrieren können.
Als großes und potentiell reiches Land mit über 50
Millionen Einwohnern hat die Ukraine eine Brückenfunktion zwischen Rußland und den anderen Ländern Mitteleuropas. Eine unabhängige, demokratische, wohlhabende und atomwaffenfreie Ukraine ist
der Schlüssel zu einem stabilen, sicheren und
ungeteilten Europa. Angesichts der Größe und Lage
des Landes kann die Ukraine eine wichtige Kraft für
regionale Stabilität, ein attraktiver Markt für Handel
und Investitionen der Vereinigten Staaten und ein
entscheidender Partner bei unseren globalen Nichtverbreitungsbestrebungen sein. Aus diesem Grund
haben wir auf eine Intensivierung der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine
hingearbeitet.
Erstens haben wir Diplomatie zur Bekräftigung der
Botschaft eingesetzt, daß politische und wirtschaftliche Reformen der Schlüssel zur Stärkung der
Unabhängigkeit und Souveränität sowie zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums des Landes
sind. Wir haben die Ukraine auch aufgefordert, dem
Nichtverbreitungsvertrag beizutreten und die Nuklearwaffen des Landes zurück nach Rußland zu
verlagern.
Im Bereich der Sicherheit haben die Vereinigten
Staaten Diplomatie zur Erleichterung des trilateralen
Abkommens eingesetzt, das dazu führte, daß die
Ukraine die Nuklearwaffen des Landes als Gegenleistung für Sicherheitszusagen aufgab. Wir haben
dies mit der Nunn-Lugar-Hilfe gekoppelt, um die
Zerlegung von Waffen zu unterstützen. Unsere
Unterstützung und diese Zusagen waren für Präsident Kutschma wichtig, um die Ratifizierung durch

AMERIKA DIENST 08

Im Bereich der Wirtschaft verstärkte die Administration die Reformbotschaft mit der Zusage von bilateraler Hilfe in Höhe von 350 Millionen Dollar im
Frühjahr letzten Jahres. Wir haben darauf hingearbeitet, ähnliche Zusagen von der internationalen
Staatengemeinschaft zu erhalten. Beim Gipfeltreffen
der G-7 im Juli in Neapel vereinbarten die Staatsund Regierungschefs auf Präsident Clintons Drängen
die Bereitstellung von über 4 Milliarden Dollar der
internationalen Finanzinstitutionen mit einer Laufzeit
von zwei Jahren zur Umgestaltung der ukrainischen
Wirtschaft.
Im vergangenen Herbst leitete die Ukraine unter der
Führung von Präsident Kutschma ein kühnes neues
Wirtschaftsreformprogramm ein, um die das Land
schwächende Wirtschaftskrise einzudämmen und die
Errungenschaften der ersten drei Jahre ukrainischer
Unabhängigkeit zu konsolidieren. Als Reaktion auf
diese Bestrebungen sagte Präsident Clinton bei
seinem Gipfeltreffen mit Präsident Kutschma der
Ukraine für 1995 zusätzliche 200 Millionen Dollar
Wirtschaftshilfe zu. Darin enthalten sind Hilfe für
Energie- und Lebensmittelimporte, technische Hilfe in
den Bereichen Privatisierung, Energiewirtschaft,
wirtschaftliche Umstrukturierung, Umwelt, Entwicklung
des Sozialsektors und demokratische Initiativen.
Im Einklang mit der in Neapel abgegebenen Zusage
der G-7 bewilligte der IWF eine Fazilität für die
Umgestaltung des Systems und stellte im Oktober
370 Millionen Dollar bereit. Die Verhandlungen über
einen IWF-Beistandskredit weitaus größeren Umfangs
in Verbindung mit den Bestrebungen der Ukraine,
1995 ein umfassenderes Reformprogramm durchzuführen, stehen kurz vor dem Abschluß.
Gleichzeitig haben wir die Europäische Union, Japan
und die Hauptgläubigerländer wie Rußland und
Turkmenistan zu ähnlichen Schritten aufgefordert, um
der Ukraine den Freiraum für die Bewältigung der
Herausforderungen eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus zu geben.
"Als Ergebnis der mutigen Führungsrolle
Präsident Kutschmas, der Bestrebungen vieler

Seite 3

�Reformer im ganzen Land und westlicher Hilfe
sieht die Zukunft der Ukraine besser aus als
in den vergangenen beiden Jahren. Die
Herausforderungen sind jedoch immer noch
enorm, und Hilfe des Westens ist insbesondere angesichts der bevorstehenden dramatischeren Umstrukturierung erforderlich."
Integration in den Westen
Die Ukraine ist nur ein Beispiel für die von uns
unternommenen umfassenderen Bestrebungen, in
allen neuen unabhängigen Staaten Reformen zu
ermutigen. Diese Politik basiert hauptsächlich auf
der Annahme, es liege im nationalen Interesse der
Vereinigten Staaten, das Entstehen wohlhabender,
demokratisierter und marktorientierter unabhängiger
Staaten zu unterstützen, und die Integration dieser
Länder in die Weltgemeinschaft demokratischer
Staaten und Volkswirtschaften sei im Interesse
unserer Nation und der in der GUS lebenden Menschen.
Wir haben diese Idee auf vielfache Weise verfolgt
und uns dabei der Ressourcen und des Einflusses
der Vereinigten Staaten sowie unserer politischen
und wirtschaftlichen Führungsrolle in der Staatengemeinschaft bedient.
Die US-Regierung stand an vorderster Front bei der
Förderung und Umsetzung von Schritten zur Unabhängigkeit und Stärkung des Sicherheitsempfindens aller neuen unabhängigen Staaten. Wir haben
beispielsweise die frühzeitige und vollständige
Beteiligung aller neuen unabhängigen Staaten an
internationalen Gremien wie den Vereinten Nationen
und der jetzigen OSZE ermutigt und unterstützt.
Gemeinsam mit unseren westlichen Partnern riefen
wir neue Institutionen ins Leben, die unseres Erachtens der GUS helfen können, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und Fortschritte bei der Schaffung von Banden und Mustern der Zusammenarbeit
mit europäischen Institutionen zu machen. Die
Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und anschließend der Partnerschaft für den
Frieden eröffnete neue Chancen für alle neuen
unabhängigen Staaten zum Aufbau von Beziehungen zur NATO. Die Initiative unter Leitung der
Vereinigten Staaten zur Stärkung der KSZE durch
ihre Umwandlung in die OSZE und Ausstattung mit
größerer institutioneller Bedeutung bietet jedem der
neuen unabhängigen Staaten einen Weg zur Einbindung in das entstehende europäische Sicherheitssystem. Schließlich knüpften die Vereinigten Staaten eine Vielzahl bilateraler Kontakte, auch auf dem
Gebiet militärischer Zusammenarbeit, um in der GUS
ein verstärktes Sicherheitsgefühl zu entwickeln und

Seite 4

unsere Unterstützung für jeden einzelnen Nachfolgestaat der ehemaligen Sowjetunion als vollkommen
unabhängigem und souveränem Nationalstaat zu
unterstreichen.
Im wirtschaftlichen Bereich waren sich die Vereinigten
Staaten von Anfang an bewußt, daß die Zukunft der
GUS als Gemeinschaft stabiler, unabhängiger Staaten von ihrer Fähigkeit abhängen würde, auf marktwirtschaftlichen Prinzipien und Praktiken basierende
Volkswirtschaften zu entwickeln. Erfolg bei dieser
Anpassung wird für die GUS von essentieller Bedeutung sein, um sich in das Welthandels- und Weltwirtschaftssystem einzugliedern.
Obwohl wir wissen, daß Wirtschaftsreformen "hausgemacht" sein müssen, damit jeder der neuen
Staaten die einzigartigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen bewältigen kann, müssen
sie unseres Erachtens ihre Volkswirtschaften so
umstrukturieren, daß ihnen eine Zusammenarbeit mit
westlichen Institutionen wie dem GATT und der WTO
und letztlich eine Mitgliedschaft darin möglich ist.
Ferner haben wir internationale Bestrebungen angeführt, in Europa und andernorts eine Politik zu
verfolgen, die der GUS Möglichkeiten für umfassendere und breiter gefächerte Wirtschaftsbeziehungen
zur Außenwelt eröffnet.
Beispielsweise haben wir mit der Mehrheit der neuen
unabhängigen Staaten Handels- und Investitionsabkommen abgeschlossen. Wir gründeten bilaterale
Ausschüsse für unternehmerische Entwicklung, um
neue Wege für den Handel mit den Vereinigten
Staaten zu erschließen und das alte Monopolsystem
abzuschaffen, das sämtliche Wirtschaftsfunktionen
über die alte kommunistische Kommandozentrale
leitete. Ferner strebte die Administration eine Anpassung unserer Handelsgesetze an, um der einzigartigen Natur der "Volkswirtschaften im Übergang"
gerecht zu werden, einige den kommunistischen
Ländern auferlegte Strafen aufzuheben und erweiterte Handeisschancen zu fördern, von denen die
Vereinigten Staaten und die entstehenden Marktwirtschaften gleichermaßen profitieren.
Die Hilfe und Diplomatie der Vereinigten Staaten sind
von Bedeutung für die anderen neuen unabhängigen
Staaten, die sich um die Schaffung und den Erhalt
ihrer internationalen Identität bemühen. Unsere Hilfe
und unser diplomatisches Engagement - bilateral
sowie im Rahmen der OSZE und der UNO bei der
Beendigung regionaler Konflikte - sind für ihre zukünftige Stabilität von entscheidender Bedeutung.
Amerikanische Berater wirkten am Entwurf der
Verfassung Moldawiens mit. Unser diplomatisches
Engagement trug zur Beendigung der Kämpfe in

AMERIKA DIENST 08

�Moldawien sowie zu einem Grundsatzabkommen
über den Abzug der russischen Streitkräfte bei.

Juni 1996 würden Wahlen abgehalten, sind begrüßenswerte Zeichen.

Wir leisteten Armenien und Georgien substantielle
humanitäre Hilfe. Wir haben innerhalb des Gesetzesrahmens alles in unserer Macht Stehende
unternommen, um den nahezu einer Million Menschen in Aserbaidschan zu helfen, die durch den
Konflikt in Nagornyj Karabach vertrieben wurden.
Teilweise aufgrund der Bestrebungen unseres
Landes sowie der OSZE hält der Waffenstillstand in
Nagornyj Karabach bereits seit neun Monaten.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind weiterhin
beträchtlich. Arbeitslosigkeit sowie die erforderliche
Schrumpfung ineffizienter Staatsbetriebe beschwören
den Geist zunehmender sozialer Unruhen herauf.
Privatisierung und der Übergang zur Marktwirtschaft
haben die Verteilung des Wohlstands polarisiert und
den Weg für eine unkontrollierte Ausweitung von
Verbrechen und Korruption geebnet.

Wir haben uns für die Beendigung der Kommandowirtschaft in Zentralasien durch Privatisierungsprogramme eingesetzt und mit in der Region ansässigen amerikanischen Ölgesellschaften und Regierungen gemeinsam an der Entwicklung von Energiequellen und Ankurbelung ihrer Volkswirtschaften
gearbeitet.
Mit Hilfe unserer Programme zur Förderung von
Demokratie sowie anderer Bestrebungen haben wir
viel erreicht. In der Ukraine, in Usbekistan und
Kirgistan fanden Wahlen statt, die einen Präzedenzfall schaffen.
Pluralismus und Beteiligung der
Bürger am politischen Leben fassen Fuß.
Einschränkung der Rußlandhilfe
Die Administration unterstrich von Anfang an die
Bedeutung einer Unterstützung der russischen
Reformen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion befand
sich Rußland an vorderster Front der Reformbewegungen. Gleichzeitig sind wir - wie viele Politiker in
der GUS - der Ansicht, daß der Erfolg von Reformen
in Rußland entscheidend für die Aussichten auf
Reformen in ganz Eurasien ist.
Die Verlagerung des Schwerpunkts unserer Hilfe von
Rußland auf die anderen neuen unabhängigen
Staaten erfolgt entsprechend der politischen und
wirtschaftlichen Fortschritte Rußlands, denen Fortschritte andernorts folgen. Die von den Vereinigten
Staaten geleistete Hilfe war ein wichtiger Faktor bei
der Förderung von Stabilität in dieser schwierigen
Übergangszeit sowie der Unterstützung der neuen
Reformkräfte im postsowjetischen Rußland. Obwohl
die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre in Rußland wichtige Fragen über die derzeitige Natur und
den zukünftigen Kurs der russischen Demokratie
aufgeworfen haben, gibt es auch Anzeichen dafür,
daß die russische Führung der Demokratisierung
und marktwirtschaftlichen Entwicklung verpflichtet
bleibt. Die Unterstützung Präsident Jelzins für ein
starkes wirtschaftliches Reformprogramm und seine
Bekräftigung letzte Woche, im Dezember 1995 und

AMERIKA DIENST 08

Um den Reformern bei der Bewältigung dieser
Herausforderungen beizustehen, müssen wir unsere
Hilfsleistungen für Rußland beibehalten, selbst wenn
wir unseren Schwerpunkt von humanitärer und
technischer Hilfe auf Handel und Investitionen sowie
die "zweite Welle" von Ländern verlagern, die nach
Demokratie und Reformen streben. Es besteht
immer noch kein Zweifel daran, daß das Scheitern
von Reformen und Demokratie in Rußland die
schwachen Reformbestrebungen in den meisten
anderen neuen unabhängigen Staaten zunichte
machen könnte.
Unsere zunehmende Konzentration auf andere
Reformländer spiegelt gleichzeitig eine andere
Realität wider - unsere Erkenntnis, daß der Erfolg
wirtschaftlicher und politischer Reformen in Ländern
wie der Ukraine und Belarus nicht nur deren Unabhängigkeit stärkt, sondern auch die Aussichten auf
den Erfolg der Demokratie in Rußland verbessert.
Im Haushaltsjahr 1996 wird sich der Großteil unserer
Hilfsbestrebungen auf die nichtrussischen GUSStaaten richten. Der Trend wird anhand der Zahlen
deutlich: Die Administration stellte im Haushaltsjahr
1993 200 Millionen Dollar für Rußland bereit, im
Haushaltsjahr 1994 1,6 Milliarden Dollar, im Haushaltsjahr 1995 344 Millionen und im Haushaltsjahr
1996 260 Millionen Dollar. 1994 wurden zwei Drittel
der amerikanischen GUS-Hilfe für russische Programme und Projekte verwendet; im Haushaltsjahr
1996 sind weniger als ein Drittel geplant.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich noch einmal auf meine
Eingangsbemerkung zurückkommen. Die historische
Umgestaltung zu Demokratie und Marktwirtschaft ist
noch nicht abgeschlossen, und wir haben ein vitales
nationales Interesse daran, alles in unserer Macht
Stehende zur Unterstützung freier und offener Gesellschaften in diesen Ländern zu unternehmen.
Meines Erachtens lohnt es sich, diese Interessen
nochmals aufzuführen:
Abbau des weltweiten
Atomwaffenarsenals, Gestaltung einer neuen Si-

Seite 5

�cherheitsordnung auf dem europäischen Kontinent,
der zwei Weltkriege erlebte, Abbau der ethnischen
Spannungen, die zu größerer Instabilität und Konflikten führen können, Bekämpfung von internationalem Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus, die
die Sicherheit all unserer Bürger bedrohen, Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte sowie eines
stabilen und offenen Welthandelssystems, zu dem
die gut ausgebildeten Menschen, starke wissenschaftliche Grundlage und reichen natürlichen
Ressourcen der GUS einen wesentlichen Beitrag
leisten können.

Wir wissen um die knappen Haushaltsmittel, sind
jedoch davon überzeugt, daß die im Haushaltsantrag
der Administration vorgesehenen Mittel zur Förderung
unserer nationalen Interessen investiert werden
sollten. Wir werden weiterhin alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um mit diesen Dollars so viel
wie möglich zu erreichen - unser Hilfsprogramm in
unsere umfassenderen diplomatischen Bestrebungen
zu integrieren und unsere Mittel zusammen mit denen
der internationalen Staatengemeinschaft einzusetzen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 08

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                <text>Amerikadienst 02.03.1995</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globales Informationssystem erfordert weltweite Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sicherheitsarchitektur&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gestaltung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-UNO&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard L. Armitage&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-GUS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Begründung der Hilfe für die GUS&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Anhörung vor Senatsausschuß&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>~\ "^ W *&gt; A

cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

07

DATENAUTOBAHN

22. Februar 1995

AKTIONSPLAN DER USA FÜR GLOBALE
INFORMATIONSDIENSTLEISTUNGEN
Zusammenfassung des Berichts
"Agenda für Zusammenarbeit"

TELEKOMMUNIKATION IM INTERNATIONALEN
WETTBEWERB
Rede von Reed E. Hundt

WIRTSCHAFT

WELTHANDEL UND DER AMERIKANISCHE
ARBEITSMARKT
von Kenneth Kasa

KRIEGSVERBRECHEN

RECHTSBERATER SPRICHT ÜBER
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL FÜR
DAS EHEMALIGE JUGOSLAWIEN
Tribunal setzt neue Maßstäbe

FILM

HOLLYWOOD 1994: EIN JAHR STEIGENDER
ERWARTUNGEN FÜR FRAUEN
Bilanz der Filmindustrie

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�DATENAUTOBAHN
22. Februar 1995

Aktionsplan der USA für globale
Informationsdienstleistungen
Zusammenfassung des Berichts "Agenda für Zusammenarbeit"
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge werden die Vereinigten Staaten allein sowie in
Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern aus der Privatindustrie und anderen Regierungen auf den Aufbau
eines die Welt verbindenden Netzes von Informationssystemen hinarbeiten.
Der Vizepräsident unterstrich dieses Ziel bei einer Veranstaltung am 15. Februar 1995 anläßlich der
Veröffentlichung der amerikanischen "Agenda für Zusammenarbeit", einem Bericht über die Vision der ClintonAdministration zur Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure - Gll),
die lokale und nationale Informationssysteme zu einem globalen Informationsnetz verbinden soll.
Gore betonte, die Agenda sei nur der erste Schritt von vielen, "um die Versprechungen der Gll zu erfüllen".
Er verlieh der Hoffnung Ausdruck, alle Nationen würden sich an diesen Bestrebungen der Vereinigten Staaten
beteiligen.
Die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur werde, so der Vizepräsident, eine soziale Kraft zum
Nutzen aller darstellen. "Wir haben uns um die Aufstellung einer globalen Agenda bemüht", die andere zur
Teilnahme an dieser Informationsrevolution veranlassen wird.
Bei der Vorstellung der Agenda erklärte Wirtschaftsminister Ronald Brown, es sei das Ziel der ClintonAdministration, in dem Bericht "die Gebiete zu identifizieren, auf denen die Regierungen unabhängige Aktionen
durchführen oder in Zusammenarbeit mit anderen konstruktiv die Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur erleichtern können".
Brown ist Vorsitzender der vom Präsidenten eingerichteten Arbeitsgruppe globale Informationsinfrastruktur.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Zusammenfassung der Regierung über die "Agenda für
Zusammenarbeit".

Die Entwicklung einer globalen Informationsinfrastruktur hat für die Clinton-Administration hohe
Priorität. Fortschritte bei Informations- und Telekommunikationstechnologien haben bereits die Anfänge
einer Gll entstehen lassen. Die Clinton-Administration vertritt die Ansicht, daß eine hochentwickelte Gll
- flexibler, vollständig interaktiv, mit größeren Kapazitäten, kostengünstiger als die existierenden Systeme
und mit verbessertem Zugang für die Menschen
weltweit - aufgebaut werden kann und wird.
"Die globale Informationsinfrastruktur: Agenda für
Zusammenarbeit" umreißt die Vision der Administration für die Entwicklung einer Gll, die den Bedürfnis-

AMERIKA DIENST 07

sen von Menschen auf der ganzen Welt entspricht.
Nach Ansicht der Administration sind gemeinsame
Bestrebungen von Regierungen und Industrie zur
Realisierung der Vorteile eines globalen Informationsmarktes erforderlich. Als Hauptquelle für Fachwissen und Kapital sollte der Privatsektor die Technologien auswählen, die Geschwindigkeit der Entwicklung bestimmen, die angemessenen Normen festsetzen und neue Dienstleistungen und Anwendungen für
die Gll entwickeln. Die Regierungen können diese
Aktivitäten durch die Schaffung eines rechtlichen
Rahmens erleichtern, der effiziente Investitionen und
Innovationen sowie umfassenden Wettbewerb auf

Seite 1

�den Telekommunikations- und Informationsmärkten
fördert.
Die fünf Grundprinzipien, die erstmals von Vizepräsident AI Gore bei der von der internationalen
Fernmeldeunion veranstalteten Konferenz über die
Entwicklung des weltweiten Telekommunikationsnetzes im März 1994 in Buenos Aires vorgestellt
wurden, bilden nach Ansicht der Administration die
Grundlage der globalen Informationsinfrastruktur:
1. Ermutigung von Privatinvestitionen
2. Förderung des Wettbewerbs
3. Bereitstellung offenen Zugangs zum Netz aller
Anbieter und Nutzer von Information
4. Schaffung eines flexiblen Regelwerks, das mit
schnellen Veränderungen bei Technologie und
Märkten Schritt halten kann
5. Gewährleistung der Universalität von Dienstleistungen.
Die "Agenda für Zusammenarbeit" erläutert diese
Grundprinzipien und strebt einen internationalen
Konsens über die Annahme, Anwendung und
Förderung dieser Prinzipien auf nationaler, regionaler und globaler Ebene an.
Die "Agenda für Zusammenarbeit" befaßt sich ferner
mit den politischen Fragen, die für eine Ermutigung
zur Nutzung der GM von entscheidender Bedeutung
sind, einschließlich der Informationspolitik und ihrer
Inhalte sowie unterstützender Maßnahmen von
Regierungen und Industrie, die Vorteile der GH durch
innovative Anwendungen unter Beweis zu stellen.
Was ist die globale Informationsinfrastruktur?
Die GH besteht aus einem Verbund nationaler,
regionaler und internationaler Netze. Als entstehendes globales "Netz der Netze" umfaßt die Gll ein
breites Spektrum von Technologien und Produkten,
Information in jeglicher Form, Normen und Nahtstellen zur Förderung der Interoperabilität der Netze,
Maßnahmen und Technologien zur Gewährleistung
ihrer Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie - vor allem
- die Menschen zur Schaffung und Nutzung der Gll.
Die globale Informationsinfrastruktur regt die weltweite Nachfrage nach neuen Informationstechnologien
und -dienstleistungen an und reagiert darauf. Die
Geschwindigkeit, mit der Informationen bereitgestellt
werden - an sich bereits entscheidend für die Gestaltung der Weltwirtschaft - ihre Zugänglichkeit sowie
vielfältige Nutzung werden weiterhin Wachstum und

Seite 2

Entwicklung der Weltwirtschaft antreiben. Durch die
Errichtung eines globalen Informationsmarktes kann
die Gll zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und Märkte
beitragen, den Handel sowie den grenzüberschreitenden Informationsfluß fördern und Mittel zur Erhöhung
der Lebensqualität aller bereitstellen.
Schaffung einer Grundlage für die Gll
In den Vereinigten Staaten wird die Ansicht vertreten,
fünf Grundprinzipien - bei Telekommunikation,
Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsindustrien gleichermaßen angewandt sollten als Grundlage der Gll dienen.
1. Ermutigung von Privatinvestitionen. Investitionen im Privatsektor stellen den effektivsten Weg dar,
Wachstum und Verbesserungen der Infrastruktur
anzukurbeln, die Effizienz bei der Bereitstellung von
Dienstleistungen zu erhöhen und den Bedürfnissen
der Verbraucher besser zu entsprechen. Insbesondere in einer Zeit knapper staatlicher Finanzmittel
stellen Anreize zu Investitionen aus dem in- und
ausländischen Privatsektor oftmals die einzige
realistische Strategie dar, die Entwicklung nationaler
und globaler Informationsinfrastrukturen zu beschleunigen. Die Regierungen müssen angemessene
Reformen bei Vorschriften, Gesetzen und Märkten
vornehmen, um Anreize für Privatinvestitionen im
Telekommunikationswesen, bei Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsmärkten zu
schaffen.
2. Förderung des Wettbewerbs. Der effektivste
Weg zur Förderung einer Gll, die allen Ländern
moderne Produkte und Dienstleistungen liefert, ist
verstärkter Wettbewerb im Telekommunikationswesen, bei Informationstechnologie und Informationsdienstleistungsmärkten auf nationaler und globaler
Ebene. Das Modell zur Liberalisierung dieser Märkte
ist weltweit sehr unterschiedlich. Es reicht von relativ
offenen Märkten für Informationstechnologie und
-dienstleistungen ohne rechtliche Bestimmungen über
Märkte mit konkurrenzfähigen, hochwertigen Endgeräten bis zu Beschränkungen des Marktzugangs zu
den größten und gewinnträchtigsten Marktsegmenten
- öffentliche Fernmeldedienste und die zugrundeliegende Infrastruktur.
Die Aufrechterhaltung von
Wettbewerbshemmnissen in diesen Marktsegmenten
wird die Bereitstellung von Infrastruktur behindern
und die Einführung neuer Telekommunikations- und
Informationsdienstleistungen verzögern, deren
Prosperieren von Wettbewerb beim Zugang zu den
Netzen abhängt.
3. Bereitstellung offenen Zugangs. Die Regierungen sollten ein Klima für Märkte und Bestimmungen
schaffen, das möglichst uneingeschränkten Zugang

AMERIKA DIENST 07

�zu Informationen und deren Verteilung schafft.
Durch die Gewährleistung von offenem Zugang zu
Einrichtungen, Netzwerken und Netzwerkdienstleistungen für alle Anbieter von Informationsdienstleistungen können die Regierungen die Verfügbarkeit
verschiedener Informationsquellen für Verbraucher
drastisch verbessern. Da sich die GM auf viele
unterschiedliche bestehende und entstehende
Komponenten auf lokaler, nationaler und globaler
Ebene stützen wird, ist die Interoperabilität dieser
Komponenten unabdingbar (das heißt, die Verbindung von Anwendung, Dienstleistungen und/oder
Netzwerkkomponenten). Die Administration vertritt
die Auffassung, daß die Entwicklung globaler Normen für einen freiwilligen, offenen und vom Markt
geleiteten Prozeß der Schlüssel für die Interoperabilität der GM darstellt.
4. Schaffung eines flexiblen Regelwerks. Der im
wesentlichen globale Charakter von Telekommunikation, Informationstechnologien und Informationsdienstleistungsindustrien erfordert, daß das nationale
Regelwerk auf den Weltmarkt und technologische
Entwicklungen reagiert. Maßnahmen bezüglich der
Regeln sollten ausreichend flexibel sein, um sich an
die entstehenden Technologien und Märkte anzupassen, den Wettbewerb durch transparente Regeln
und Verfahren zu fördern und dennoch lästige
Bestimmungen zu vermeiden, die Innovationen und
neue Angebote von Dienstleistungen im Keim
ersticken. Die Regierungen müssen sich vor einer
Ausweitung der Regeln auf Marktsegmente schützen, die auf unregulierter Basis ausgezeichnet
funktioniert haben. Entsprechend kann ständige
Regulierung unnötig oder sogar kontraproduktiv sein,
sobald ein Markt von einem Monopol zu einer
Wettbewerbsstruktur übergeht.
5. Gewährleistung der Universalität von Dienstleistungen. Das Ziel "universeller Dienstleistungen",
das sicherstellen soll, daß alle Mitglieder einer
Gesellschaft von den Vorteilen einer modernen
Informationsinfrastruktur profitieren, ist grundlegend
für die Entwicklung der Gll. Die Definition universeller Dienstleistungen unterscheidet sich zwangsläufig
von Land zu Land aufgrund von Unterschieden bei
der Entwicklung der Infrastruktur, der Reichweite und
Fähigkeiten nationaler Netzwerke sowie der Kosten
des Zugangs zu Netzen und Dienstleistungen. Das
Konzept universeller Dienstleistungen ist jedoch
evolutionär und erweitert sich entsprechend der
Fähigkeiten des Netzwerks und der steigenden
Nachfrage nach Dienstleistungen.
Universelle
Dienstleistungen können daher von der Einrichtung
von Zugangspunkten auf Gemeindeebene bis zu
einem breiten Spektrum neuer Telekommunikationsund Informationsdienstleistungen variieren und sich
in dem Maße kontinuierlich weiterentwickeln, in dem

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die Einführung von Wettbewerb und Innovationstechnologien größeren Zugang zu Dienstleistungen
für die Verbraucher gestattet.
Ermutigung der Nutzung der Gll
Wenn die Gll ihr volles Potential entfalten soll,
müssen die Nutzer von Netzwerken und Dienstleistungen sicher sein, daß ihre Rechte durch die
Bereitstellung und Weitergabe von Informationen
sowie den Zugang zu ihnen über die Gll nicht verletzt
werden. Um diese Gewährleistung zu bieten, müssen die Regierungen Probleme in den Bereichen
Privatsphäre, Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie
Schutz geistigen Eigentums ansprechen. Es ist
ebenso entscheidend, daß die potentiellen Vorteile
der Gll durch Anwendung demonstriert werden. Nur
wenn man greifbare Ergebnisse der Anwendung
sieht, lernt man schätzen, wie sie zur Verbesserung
der Lebensqualität genutzt werden können.
1. Informationspolitik und Frage des Inhalts. Die
Gll wird ihr volles Potential nur nutzen, wenn den
Verbrauchern ein möglichst breites Spektrum von
Informationen zur Verfügung steht. Die Entwicklung
einer effektiven Informationspolitik stellt die Regierungen vor die wahrscheinlich größte Herausforderung. Zu den wesentlichen Zielen der Informationspolitik zählt die Gewährleistung, daß die Privatsphäre
von die Gll nutzenden Einzelpersonen und Organisationen geschützt ist, die Sicherheit und Zuverlässigkeit von Netzwerken und der über sie geleiteten
Informationen gewährleistet und das Recht auf
geistiges Eigentum derjenigen geschützt ist, die
Informationen, Bildungs- und Unterhaltungsprogramme bereitstellen. In solchen Partnerschaften untereinander sowie mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern,
Wissenschaftlern und Vertretern des öffentlichen
Lebens müssen die Regierungen diese Ziele erarbeiten und umsetzen, um das Wachstum einer
Inf rastruktur sicherzustellen, die den Bürgern der Welt
zugänglich und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig ist.
2. Nutzung der Vorteile der Gll durch Anwendung. Der Wert der Gll wird dadurch definiert, wie
die Menschen davon profitieren. Die Regierungen
müssen die aktive Beteiligung von Verbrauchern und
Unternehmen an der Anwendung neuer Technologien
kultivieren, die die Möglichkeiten der Gll für die
Menschen auf der ganzen Welt in die Praxis umsetzen können. Durch Zusammenarbeit in kreativen
Partnerschaften können der öffentliche und Privatsektor Informations- und Telekommunikationstechnologien auf eine Vielzahl entscheidender und komplexer
Themen anwenden, einschließlich der Verbesserung
von Produktivität und Wirtschaftswachstum, Bereitstellung angemessener Gesundheitsfürsorge, Sicher-

Seite 3

�Stellung von Bildung und Ausbildung, Schutz natürlicher Ressourcen und der Umwelt für weitere tragfähige Entwicklung sowie Schaffung gerechten Zugangs zu Informationen durch öffentliche Institutionen. Die Förderung von Gll-Pilotprojekten und
deren Erprobung durch den öffentlichen und Privatsektor wird dazu beitragen, eine Reihe technischer,
politischer und rechtlicher Hemmnisse für die Verwirklichung der GM auszumachen und zu beheben.
Solche Barrieren werden eher durch eine Strategie
überwunden, die sich auf "learning by doing" konzentriert.
Umsetzung der GH
Die Nutzung des globalen Potentials von Informations- und Telekommunikationstechnologien erfordert
die Zusammenarbeit der Industrien, die über sich
entwickelnde nationale Netzwerke verfügbare Dienstleistungen und Informationen aufbauen, betreiben,
bereitstellen und nutzen. Sie erfordert ferner kooperative Bestrebungen zwischen Regierungen über

*

Seite 4

bestehende internationale und regionale Organisationen sowie auf bilateraler Ebene, um Hindemisse zu
beseitigen, die eine effektive Entwicklung der Gll
blockieren. Durch kollektive Übereinstimmung bei der
Annahme, Förderung und Anwendung der grundlegenden Prinzipien der Gll können Regierungen und
die Industrie die Entwicklung der Gll als grenzenloses
"Netz der Netze" statt einer Flickschusterei inkompatibler Systeme und Dienstleistungen sicherstellen.
Das Ziel der "Agenda für Zusammenarbeit" besteht in
der Förderung der zur Umgestaltung von in Tausende
einzelner Netzwerke und inkompatibler Informationsressourcen aufgespaltenen Regionen in eine durch
eine einheitliche Informationsinfrastruktur vernetzte
globale Gemeinde. Zu diesem Zweck sieht die
"Agenda für Zusammenarbeit" spezifische Vorgehensweisen vor und lädt andere Länder ein, sich den
Vereinigten Staaten bei der Beschleunigung des
Tempos der Entwicklung einer Gll anzuschließen, die
den Bedarf aller Menschen erfüllen kann.

* * *

*

AMERIKA DIENST 07

�DATENAUTOBAHN
22. Februar 1995

Telekommunikation im internationalen Wettbewerb
Rede von Reed E. Hundt
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Vorsitzenden der Federal Communications Commission
(FCC), Reed E. Hundt, am 16. Januar 1995 vor der American Chamber of Commerce in Bonn gehaltene Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke der American Chamber of Commerce und
dem Telekommunikations-Unterausschuß für diese
Gelegenheit, Sie alle an meinem ersten Tag in Bonn
treffen zu können. Ich bin zu einer Diskussion über
Telekommunikation nach Bonn gekommen, die
morgen von der Amerikanischen Botschaft mit
hochrangigen deutschen Regierungsvertretern und
Unternehmern veranstaltet wird.
Um die Beteiligung der FCC an der globalen Telekommunikationspolitik zu verbessern, haben wir im
Herbst vergangenen Jahres ein internationales Büro
gegründet. Es wird von Scott Blake Harris geleitet
und hat über 120 hochqualifizierte Mitarbeiter, die
aus unterschiedlichen Abteilungen des Ministeriums,
anderen Regierungsbehörden und dem Privatsektor
zusammengezogen wurden. Es ist eine äußerst
fähige Gruppe.
Die FCC kommt mit einer Politik des Wettbewerbs
auf allen fünf Spuren der Datenautobahn voran. Ich
war in Buenos Aires, als Vizepräsident AI Gore vor
der internationalen Fernmeldeunion eine Rede hielt
und seine Vision einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure - GM)
umriß.
Ich werde diese Gedanken heute und
morgen mit deutschen Regierungsvertretern diskutieren.
Heute nachmittag führte ich Gespräche mit Dr.
Boetsch, dem Bundesminister für Post und Telekommunikation, und seinem Staatssekretär, Dr. Laufs.
Wir erörterten Pläne für bilaterale Telekommunikationskonsultationen, die wir am 22. und 23. März
1995 in Washington mit deutschen Regierungsvertretern abhalten werden.
Wichtige politische Themen liegen vor uns, darunter:

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Gespräche der Europäischen Union und der G-7
über Liberalisierung und Privatisierung,
die Umstrukturierung der Deutschen Telekom,
Überprüfung der geplanten Sprint-Transaktion
und mögliche Änderungen von Paragraph 310
sowie andere Entwicklungen auf dem amerikanischen Telekommunikationsmarkt.
Ich möchte die Themen kurz kommentieren.
Telekommunikation in Deutschland
Ich glaube, jeder ist von dem umfassenden Programm der Deutschen Telekom für eine moderne
Telekommunikationsinfrastruktur in Ostdeutschland
beeindruckt. Nichts kann einen besseren Beitrag zu
künftigem Wohlstand im Osten Deutschlands leisten
als moderne Telekommunikation.
Wir sind auch beeindruckt durch:
die Trennung des Betriebs der Deutschen Telekom vom Mandat des Bundesministeriums für
Post und Telekommunikation,
die Einstellung von Subventionen für postalische
Operationen
und die erste Privatisierungsrunde der Deutschen
Telekom im Jahr 1996.
Die ersten 25 Prozent der zu verkaufenden Aktien
sollen 5 bis 8 Milliarden Dollar einbringen. Die EU
hat jedoch als Datum für Wettbewerb bei Infrastruktur
und Dienstleistungen erst 1998 gesetzt. Das erinnert
mich an eine Football-Geschichte - mit der EU als
Football-Trainer. Es war die letzte Spielrunde, und
der Quarterback, dessen Team am Verlieren war,
blickte hilfesuchend auf den Trainer. Der Trainer

Seite 1

�zuckte die Schultern, also entschied sich der Quarterback selbst für einen Spielzug. Das Team erzielte
ein Tor und gewann das Spiel. Hinterher fragte der
Trainer den Quarterback, warum er sich gerade für
diesen Spielzug entschieden habe.
"Nun, ich wußte, wir brauchen sieben Punkte, also
habe ich sieben und sieben zusammengezählt und
Spielzug 15 eingeleitet", antwortete er dem Trainer.
Als der Trainer ihn darauf aufmerksam machte, daß
sieben und sieben vierzehn ergeben, erwiderte der
Quarterback: "Wenn ich so schlau wie Sie wäre,
Trainer, hätten wir das Spiel nicht gewonnen."
In den Vereinigten Staaten wird die Revolution bei
den Bestimmungen im Telekommunikationssektor in
diesem Jahr weit über das von der EU für 1998
Geplante hinausgehen - mit oder ohne Gesetzesreform.
Wenn Deutschland auf dem europäischen Telekommunikationsmarkt führend sein will, muß das Land
eine sehr viel schnellere Gangart vorlegen als
Brüssel bisher. Vielleicht kann Deutschland wie
dieser Quarterback vorgehen - sich einfach für
seinen eigenen Spielzug entscheiden, um das Spiel
zu gewinnen.
Entwicklungen in der europäischen und weltweiten Telekommunikationspolitik
Wie Sie wissen, beteiligen sich die FCC sowie das
Außen- und Wirtschaftsministerium an Gesprächen
mit der EU und der G-7.
Als wir im November in Washington mit Vertretern
der Europäischen Kommission zusammentrafen,
waren wir beeindruckt von den Fortschritten, die bei
der Schaffung eines allgemeinen Rahmens für die
Liberalisierung des Telekommunikationswesens
erzielt wurden. Wir befürworten entschieden das
unter der Leitung von Kommissar Bangemann
vorbereitete Grünbuch.
Ferner unterstützen wir nachdrücklich die Absicht der
Europäischen Kommission, das im Februar anberaumte Treffen der Telekommunikationsminister der
G-7 in Brüssel als Forum zu nutzen, der europäischen Öffentlichkeit die Vorteile einer Informationsgesellschaft vor Augen zu führen. Dies steht im
Einklang mit der Vision Vizepräsident Gores von
einer globalen Informationsinfrastruktur mit den
Schwerpunkten Privatisierung, Wettbewerb und
Liberalisierung.
Aus diesem Grund haben wir der Kommission
deutlich mitgeteilt, daß wir uns Sorgen über eine
vorgeschlagene Richtlinie machen, die existierende

Seite 2

Quoten für Auslandsprogramme der Rundfunkmedien
auf Multimedia-Dienstleistungen ausweiten könnte.
Inhaltliche Beschränkungen im Zuge eines Kulturprotektionismus schrecken nur von Privatinvestitionen
ab, die zur Entwicklung neuer Kommunikationsnetze
und -dienstleistungen erforderlich sind.
Der Gegensatz zwischen den gemeinsamen Bestrebungen der G-7 zum Aufbau einer Informationsgesellschaft der Zukunft und der von der Kommission
vorgeschlagenen unilateralen Maßnahme zur Begrenzung der durch Multimedia-Dienstleistungen gebotenen inhaltlichen Vielfalt könnte nicht krasser sein.
Wir werden in den kommenden Monaten hart daran
arbeiten, den richtigen Weg zu finden.
Entwicklungen bei amerikanischen Bestimmungen
Wie bereits erwähnt, arbeitet die FCC in den Vereinigten Staaten an der Festlegung von Wettbewerbsbestimmungen für alle fünf Spuren der Datenautobahn. Der neue Kongreß ist inzwischen mit einer
umfassenden Überprüfung des Gesetzes über das
Kommunikationswesen von 1934 befaßt und hofft,
das neue Gesetz bis zum 4. Juli dieses Jahres
verabschieden zu können.
Als Teil dieser Bestrebungen ist eine Reform von
Paragraph 310 über ausländische Anteile an allgemeinen Lizenzen für Rundfunkanstalten möglich.
Ein erst kürzlich unterbreiteter Vorschlag zielt auf die
Abschaffung von Paragraph 310 ab. Ein weiterer
Vorschlag sieht eine Abänderung von Paragraph 310
durch die Einbeziehung des Prinzips der Gegenseitigkeit vor. Ich kann keine Prognose darüber
anstellen, was mit Paragraph 310 geschehen wird, es
ist jedoch offensichtlich, daß die Idee der Gegenseitigkeit sehr attraktiv erscheint.
Wie Sie vielleicht wissen, liegt der FCC ein Vorschlag
der Deutschen Telekom/France Telecom vor, 20
Prozent von Sprint, dem drittgrößten Fernmeldeunternehmen der Vereinigten Staaten zu erwerben. Unter
dem Gesetz über das Kommunikationswesen ist die
Kommission bevollmächtigt, die allgemeinen Auswirkungen dieser Transaktion auf den Wettbewerb zu
prüfen. Zu den in Frage kommenden Gesetzesbestimmungen zählt Paragraph 310(b)(4), der - falls
dies im öffentlichen Interesse liegt - einen Entzug der
allgemeinen Rundfunklizenzen einer Einrichtung
gestattet, wenn mehr als 25 Prozent ihres Eigenkapitals indirekt in ausländischer Hand sind. Der vorgeschlagene 20prozentige Anteil von Deutsche
Telekom/France Telecom an Sprint, gekoppelt mit
existierenden ausländischen Aktienanteilen, würde
über diese Höchstgrenze hinausgehen.

AMERIKA DIENST 07

�Im Juli 1994 genehmigte die Kommission den
Erwerb von 20 Prozent an MCI durch British Telecom, nachdem das Potential der British Telecom
überprüft worden war, ihre Macht auf dem britischen
Markt einzusetzen, um gegen mit MCI konkurrierende amerikanische Fernmeldeunternehmen Wettbewerbspraktiken einzusetzen. Die Offenheit des
britischen Telekommunikationsmarktes und das
dortige flexible Regelwerk waren entscheidend für
unsere Erkenntnis, daß diese Transaktion im öffentlichen Interesse liegt. Wir stellten fest, daß die
entstehende Konkurrenz für British Telecom einen
Schutz vor Diskriminierung darstellt.
In Anbetracht dieser Gegebenheiten und der von
Interessenten an der Sprint-Transaktion abgegebenen Kommentare muß die Frage vergleichbarer
Offenheit des deutschen und französischen Telekommunikationsmarktes erwogen werden.

*

AMERIKA DIENST 07

Eine Führungsrolle Deutschlands bei der Liberalisierung würde uns gestatten, gemeinsam bei unseren
Nachbarn in diese Richtung zu wirken.
Schlußbemerkung
Letztlich werden natürlich nicht die Regierungen die
neue Telekommunikationslandkarte entwerfen; die
Kräfte innovativer Technologien sind dafür zu stark.
Sie und Ihre Unternehmen wissen das; Sie stehen an
der Spitze einer Informationsrevolution.
Die Regierungen müssen jedoch eine Rolle übernehmen, und eine unserer wichtigsten Aufgaben
besteht darin, ein flexibles Regelwerk zu schaffen,
das Ihre Bestrebungen auf dem Markt erleichtert. Ich
würde mich über Anregungen Ihrerseits freuen,
welchen Beitrag wir hierzu leisten können. Ich danke
Ihnen.
•

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
22. Februar 1995

Welthandel und der amerikanische Arbeitsmarkt
von Kenneth Kasa
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Kenneth Kasa, Ökonom an der Federal Reserve Bank of San
Francisco, der erstmals im "Weekly Letter" dieser Bank vom 18. November 1994, Nr. 94-40 erschien.

SAN FRANCISCO - (AD) - Während der vergangenen 20 Jahre stagnierte das Wachstum der Löhne
und Gehälter und die Einkommensunterschiede
wuchsen. Das Realeinkommen der Haushalte in
den unteren 40 Prozent der Einkommenspyramide
nahm ab, das der Haushalte in den oberen 40
Prozent leicht zu. Das Realeinkommen der mittleren
20 Prozent wurde im wesentlichen auf dem Niveau
von 1973 eingefroren.
Für diese enttäuschende Entwicklung gibt es mehrere Erklärungen. Insbesondere einer wurde jüngst
viel Aufmerksamkeit gewidmet - daß die abnehmenden Einkünfte der amerikanischen Arbeitnehmer in
gewisser Weise mit der zunehmenden "Globalisierung" der amerikanischen Wirtschaft in Verbindung
stehen. Dieses Argument klingt zunächst plausibel,
da abnehmende Löhne und Gehälter sowie wachsende Ungleichgewichte ungefähr gleichzeitig mit der
zunehmenden Bedeutung des Welthandels auftraten.
Jüngste Forschungen zu diesem Thema lassen
jedoch die Schlußfolgerung zu, das Wachstum des
Welthandels spiele bei diesen Entwicklungen auf
dem inländischen Arbeitsmarkt nur eine nebensächliche Rolle.
Der Trend zu größerer Ungleichheit wird durch eine
wachsende Diskrepanz zwischen dem Einkommen
gelernter und ungelernter Arbeitskräfte gefördert.
Zwischen 1979 und 1988 stieg beispielsweise das
durchschnittliche Einkommen eines College-Absolventen im Vergleich zu dem eines High SchoolAbgängers um 15 Prozent. Bei den Arbeitnehmern
ohne Berufserfahrung war der Unterschied sogar
noch größer. 1979 lag der Stundenlohn eines
College-Abgängers mit einer Berufserfahrung von
weniger als fünf Jahren 30 Prozent höher als der
Lohn eines High School-Abgängers mit ähnlicher
Erfahrung. 1989 war dieser Prozentsatz auf 74
angestiegen. Um diese Erhöhung auf Ungleichgewichte im Welthandel zurückführen zu können,

AMERIKA DIENST 07

benötigen wir daher eine Erklärung, wie der Welthandel Abweichungen zwischen den Löhnen gelernter und ungelernter Arbeitnehmer herbeiführen
konnte.
Der Welthandelstheorie zufolge exportiert eine Nation
Waren, die unter intensiver Nutzung der in ihrem
Land relativ reichlich vorhandenen Ressourcen
produziert werden, und importiert Waren, die ihre
relativ knappen Ressourcen intensiv nutzen. In
gewisser Weise gestatten Handelsgüter, die bestimmte Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß umfassen,
den Nationen, indirekt mit dem Faktor Dienstleistungen selbst zu handeln. Angesichts des verhältnismäßigen Überflusses an Facharbeitern in den Vereinigten Staaten sollte das Land dieser Theorie
zufolge Güter exportieren, die unter relativ großem
Einsatz gelernter Arbeitskräfte hergestellt werden,
wohingegen die Importe unter großem Einsatz
ungelernter Arbeitskräfte hergestellt werden.
Da der Handel mit Rohstoffen nur eine indirekte
Möglichkeit des Handels mit dem zugrundeliegenden
Faktor Dienstleistungen ist, tendiert der Welthandel
zu einer Erhöhung der Realeinkommen derjenigen,
die im Besitz der in einer Nation reichlich vorhandenen Ressourcen sind und somit zu einer Senkung der
Einkommen der Besitzer knapper Ressourcen. (Dies
ist als Stopler-Samuelson-Theorem bekannt). Aus
der Sicht eines ungelernten amerikanischen Arbeitnehmers macht es daher kaum einen Unterschied, ob
die Löhne aufgrund gelockerter Einwanderungsgesetze gedrückt werden, die mehr Menschen aus
Niedriglohnländern ins Land lassen oder durch den
Import von Rohstoffen, die unter großem Einsatz
ungelernter Arbeitnehmer hergestellt werden.
Die Einkommen von Facharbeitern - die bereits am
oberen Ende der Einkommenspyramide angesiedelt
sind - steigen im Einklang mit den Exporten, während
ungelernte Arbeitnehmer gezwungen sind, eine

Seite 1

�Senkung ihrer Löhne zu akzeptieren, um mit importierten Waren konkurrieren zu können.
Eine Untersuchung des Beweismaterials durch die
Ökonomen Robert Z. Lawrence und Matthew
Slaughter zeigt, daß nicht der Handel die treibende
Kraft hinter diesem wachsenden Ungleichgewicht ist.
Die zwei Wirtschaftswissenschaftler konzentrierten
sich auf Preisveränderungen, die den Anreiz zur
Verlagerung der Ressourcen zwischen den Sektoren
bieten.
Industriezweige mit einem Preisanstieg
bemühen sich um eine Expansion, die mit sinkenden
Preisen sind zu Verkleinerungen gezwungen. Da
die Industrien sich der Faktoren jedoch in unterschiedlichem Ausmaß bedienen, wird eine veränderte Zusammensetzung der inländischen Produktion zu einem Überschuß an Nachfrage nach den
Faktoren führen, die in den expandierenden Sektoren intensiv eingesetzt werden, sowie zu einem
Überangebot der Faktoren, die in den schrumpfenden Sektoren intensiv genutzt werden. Dies ist der
Hauptgrund für die Beeinflussung der Einkommensverteilung durch den Welthandel.
Nach der Prüfung von Preisentwicklungen in Dutzenden amerikanischer Fertigungsindustrien fanden
Lawrence und Slaughter nur wenige Beweise dafür,
daß die Preise von Waren, die unter großem Einsatz
qualifizierter Arbeitnehmer hergestellt werden,
proportional zu den Preisen stiegen, für deren
Produktion ungelernte Arbeitskräfte benötigt werden.
Dies läßt Zweifel an der Anwendbarkeit des StoplerSamuelson-Theorems aufkommen.
Ein weiterer Zweifel an diesem Theorem betrifft den
Einsatz gelernter und ungelernter Arbeitskräfte bei
der Produktion. Wenn die Gehälter gelernter Arbeitskräfte tatsächlich auf Kosten ungelernter Arbeitskräfte aufgrund einer Verlagerung der Produktion zu facharbeiterintensiven Industrien in die Höhe
getrieben würden, würden wir feststellen, daß alle

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Seite 2

*

Industriezweige ihren Einsatz ungelernter Arbeitskräfte erhöhen. Da gelernte Arbeitskräfte immer
teurer werden, würden die Produzenten sparen,
indem sie sich auf Produktionsmethoden mit einem
größeren Einsatz ungelernter Arbeitskräfte verlegen.
Lawrence und Slaughter fanden erneut keine Beweise für eine solche Verlagerung. Die verarbeitende
Industrie in den Vereinigten Staaten hat ihren Einsatz
qualifizierter Arbeitskräfte höchstens noch erhöht.
Den Ergebnissen von Lawrence und Slaughter
zufolge erscheint der technologische Wandel als
Quelle des wachsenden Einkommensgefälles in den
Vereinigten Staaten am wahrscheinlichsten. Die
Ängste der Arbeitnehmer im 19. Jahrhundert - sie
würden durch Maschinen ersetzt - kommen der
Wahrheit wahrscheinlich näher als das StoplerSamuelson-Theorem. Verschiedene technologische
Veränderungen - am offensichtlichsten die "Computer-Revolution" Ende der siebziger und achtziger
Jahre - haben den Wert einer Berufsausbildung
erhöht.
Damit in Verbindung stehen Veränderungen im
Multimediabereich bei der Kommunikation und
Telekommunikation. Diese Fortschritte führen zu
einer "Superstar-Wirtschaft, in der die Entlohnung
auf dem Alles-oder-Nichts-Prinzip basiert. Es zeigt
sich in zunehmendem Maße, daß Einkommensungleichgewichte innerhalb der Berufssparten steigen.
Dem Wirtschaftswissenschaftler Avinash Dixit zufolge
verwandeln technologische Veränderungen die
Länder in "Sierra Madre-Volkswirtschaften" - in
Anlehnung an den klassischen amerikanischen Film
"Der Schatz der Sierra Madre" mit Humphrey Bogart.
In dem Film erklärt ein alter Goldsucher, warum
diejenigen, die Goldvorkommen entdecken, so reich
werden: "Weil sie die Löhne derjenigen kassieren,
die ausziehen, um Gold zu suchen, aber keines
finden!"

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AMERIKA DIENST 07

�KRIEGSVERBRECHEN
22. Februar 1995

Rechtsberater spricht über Kriegsverbrechertribunal
für das ehemalige Jugoslawien
Tribunal setzt neue Maßstäbe
WASHINGTON - (AD) - Steve Lapper, Oberstleutnant der Luftwaffe und Stellvertretender Rechtsberater der Vereinigten Stabschefs, äußerte bei
einer Pressekonferenz am 14. Februar 1995, das
internationale Kriegsverbrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien sei seit dem Zweiten Weltkrieg die erste internationale Organisation zur
strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechern.
Oberstleutnant Lapper erklärte vor der Washingtoner
Anwaltskammer, die am Vortag von dem Tribunal
gegen 21 bosnische Serben erhobene Anklage
erfolge zum richtigen Zeitpunkt und lenke die weltweite Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Organisation.
Das Kriegsverbrechertribunal wurde am 25. Mai
1993 vom UN-Sicherheitsrat gemäß Kapitel VII der
Charta der Vereinten Nationen errichtet. Es besteht
aus drei Hauptabteilungen:
Der Richterschaft, die sich aus 11 Richtern
unterschiedlicher Nationalität zusammensetzt,
dem Büro des Generalstaatsanwalts, der Ermittlungen durchführt und als Kläger auftritt sowie
der Registratur, die Fortschritte bei den Ermittlungen dokumentiert.
Die Rechtsprechung des Tribunals erstreckt sich auf
drei Arten von Verbrechen:
Kriegsverbrechen, die unter die Genfer und
Haager Konventionen fallen,
Verbrechen gegen die Menschlichkeit - nach Plan
verübte Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung
sowie
Verbrechen gegen den Frieden - begangen von
den Einzelpersonen, die den Krieg beginnen.

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Oberstleutnant Lapper zufolge fangen die rechtlichen
Schwierigkeiten nach diesen groben Kategorisierungen an. Beispielsweise werden die Kämpfe im
ehemaligen Jugoslawien als "bewaffnete Kampfhandlungen" bezeichnet, um sie von den Kämpfen in
Ruanda zu unterscheiden, den "internen bewaffneten
Kampfhandlungen".
Lapper zufolge sind viele
Rechtsvertreter der Ansicht, diese Unterscheidung sei
juristisch wertlos und führe bereits zu Auseinandersetzungen.
Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird eine
interne Unterscheidung getroffen: Zwischen wahllosem Morden der Zivilbevölkerung und dem organisierten Versuch, sämtliche Mitglieder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu vernichten, dem Genozid.
Kriegsverbrechen dieser Art stehen mit dem Militär in
Verbindung. Eines der ersten Probleme besteht
darin, daß sich die Ansichten der Vereinigten Staaten
und der Vereinten Nationen über das Kriegsrecht in
mancherlei Hinsicht unterscheiden. Das Tribunal
vertritt die Ansicht, jeder in direkter Verbindung zu
einem Kriegsverbrechen stehende Offizier oder
Soldat müsse angeklagt werden. Das bezieht sowohl
diejenigen ein, die Kriegsverbrechen anordneten, als
auch die Ausführenden.
Die Arbeit des Tribunals hört Oberstleutnant Lapper
zufolge dort jedoch nicht auf. Höhere Offiziere, die
von Kriegsverbrechen wußten und nichts zu ihrer
Verhinderung unternahmen, seien ebenfalls schuldig.
Als Beispiel wurde der japanische General Yamashita
angeführt, auch als "Tiger von Malaya" bekannt, der
am Ende des Kriegs im Pazifik gehängt wurde.
Yamashita behauptete, er hätte nichts von den durch
seine Truppen verübten Greueltaten gewußt. Das
amerikanische Gericht befand, er hätte von den
Vorfällen wissen und ihnen Einhalt gebieten müssen.
Auch das Kriegsverbrechertribunal wird eine solche
Ansicht vertreten, so Lapper.

Seite 1

�Bei juristischen Kontroversen zwischen nationalen
und internationalen Gerichtshöfen haben die Vereinten Nationen das letzte Wort. Nationale Gerichte
können Fälle an das Tribunal der UNO weiterleiten.
Dies ist ein Problem mit großen Konsequenzen, das
gelöst werden muß. Nach dem derzeitigen Stand
hätten bei allen Entscheidungen die Richter des
Kriegsverbrechertribunals das letzte Wort, erläuterte
Lapper.
Die Tatsache, daß Saddam Hussein und seine
Regierung einer Vielzahl von inner- und außerhalb
der irakischen Grenze verübten Greueltaten für
schuldig befunden werden und gro ßenteils der Strafe
entkamen, war dem Oberstleutnant zufolge ein
Weckruf für die Welt, der zeigt, daß ihr solche Dinge
aus der Hand gleiten.
Die Kontroversen beim Kriegsverbrechertribunal
bestehen weiterhin. Beispielsweise ist das amerikanische Rechtsprechungsprinzip bei einer Ver-

urteilung - "schuldig über jeden begründeten Zweifel
hinaus" - nur ein Element, das zusammen mit den
Grundsätzen anderer Länder in den Verurteilungsprozeß hineinspielt. Das Tribunal strebt ein Gleichgewicht zwischen der Vielzahl juristischer Quellen an.
Das Tribunal verhängt keine Todesstrafe. Jeder
Verurteilte kommt ins Gefängnis. Da das Kriegsverbrechertribunal jedoch nicht über ein eigenes Gefängnis verfüge, müßten die Verurteilten in die
Gefängnisse anderer Länder geschickt werden.
Einzelheiten stehen jedoch noch nicht fest.
In einer Fragestunde im Anschluß an die Ausführungen des Oberstleutnants räumte dieser ein, er glaube
nicht, daß die höchsten Vertreter einer verbrecherischen Regierung vor Gericht gestellt würden, außer
in einer Situation, die der nach dem Zweiten Weltkrieg gleichkomme. Lapper fügte hinzu, das Tribunal
akzeptiere keinen Handel mit Anträgen und biete
auch keine Möglichkeiten zur Strafmilderung.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 07

�FILM
22. Februar 1995

Hollywood 1994: Ein Jahr steigender Erwartungen
für Frauen
Bilanz der Filmindustrie
Anfang 1995 blickt Hollywood auf ein Jahr der
Leistungen, Enttäuschungen und bescheidener, aber
dennoch erfreulicher Verdienste für Frauen in der
Filmindustrie zurück.
Im Hinblick auf Gewinne hatte Hollywood die besten
12 Monate seiner Geschichte. Es war auch ein Jahr
bemerkenswerter Themenvielfalt, wie durch die vier
erfolgreichsten Filme des Jahres anschaulich verdeutlicht: Ein gewalttätiges Porträt des Gangsterlebens in Pulp Fiction, den jüngsten Zeichentrickfilm
aus den Walt Disney Studios, Der König der Löwen, einen Krimi um einen außer Kontrolle geratenen Bus in Speed und eine geniale Komödie über
einen furchtlosen jungen Mann, der seine Begriffsstutzigkeit überwindet und ein echter amerikanischer
Held wird in Forrest Gump. Ein von der Kritik mit
hohem Lob bedachtes Projekt war ferner ein Dokumentarfilm über Basketball.
1994 war ein Jahr großer Unsicherheiten. Viele
Studios verloren Geld, weil sie große Summen für
Actionfilme, Komödien und in manchen Fällen zu
intellektuelle Projekte riskiert hatten, die nicht die
Gunst des Publikums fanden. Darüber hinaus
mußten mehrere erprobte Regisseure und berühmte
Darsteller zusehen, wie ihre Filme sang- und klanglos untergingen.
Es gab jedoch auch begrüßenswerte Entwicklungen
im vergangenen Jahr - Überraschungen in einigen
Fällen, Bestätigungen in anderen.
Tom Hanks, der letztes Jahr als AIDS-Infizierter in
Philadelphia eine erschütternde, mutige Darbietung
gab, für die er den Oscar gewann, war in Forrest
Gump ganz anders, aber ebenso beeindruckend.
Paul Newman, einer der zuverlässigsten Schauspieler Hollywoods, porträtierte in dem auf dem jüngsten
Roman von Richard Russo basierenden Film Nobody's Fool überzeugend einen alternden, wütenden
Kleinstädter.

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John Travolta, der Ende der siebziger Jahre zu einer
Popgröße wurde und mit Saturday Night Fever das
Discofieber auslöste, erzielte 1994 mit seiner beeindruckenden Darstellung eines Gangsters in Pulp
Fiction erneut einen Durchbruch. Für Drehbuch und
Regie war Quentin Tarantino verantwortlich, ein
junger Filmemacher, der zum Liebling der Filmindustrie avancierte.
Der von der Kritik am höchsten gelobte, nachdenklichste und eingängigste Film des Jahres war der
dreieinhalbstündige Dokumentarfilm Hoop Dreams.
Das kreative Team von drei Filmemachern in den
Dreißigern - Regisseur Steve James, Cutter Fred
Marx und Kameramann Peter Gilbert - beobachtete
acht Jahre lang zwei in der Innenstadt von Chicago
lebende junge Basketballspieler von ihrer Teenagerzeit über die High School bis zum College mit
einigen ernüchternden Umwegen.
Mit einem Aufwand von nur 500.000 Dollar gedreht
(der durchschnittliche Studiofilm kostet zwischen 30
und 70 Millionen Dollar) und von einem kleinen,
unabhängigen Studio herausgebracht, erzielte Hoop
Dreams nicht nur Punkte wegen der Entschlossenheit und Willenskraft seiner Protagonisten, sondern
auch wegen der deplazierten Werte, die so häufig in
der Welt des Sports zu finden sind. Es bleibt abzuwarten, ob es dieser Film als einer der wenigen
Dokumentarfilme schaffen wird und die Oscarnominierung als besten Dokumentarfilm erhält (die Nominierungen der Akademie werden Mitte Februar
bekanntgegeben).
Wenn 1994 nicht als "goldenes Zeitalter" des Filmemachens im Gedächtnis bleibt, so wird es als das
Jahr zitiert werden, in dem Frauen - vor, und noch
mehr hinter der Kamera - beträchtlichen Einfluß
hatten.
Während das Oscarfieber in den ersten Wochen des
Jahres 1995 - einen Monat vor den Nominierungen
und zwei Monate vor der Oscarverleihung - steigt,

Seite 1

�lautet interessanterweise eine der häufigsten Voraussagen, daß die Jury Schwierigkeiten haben wird,
genügend gute Darstellerinnen zu finden, um die
fünf Qualifikationen in der Kategorie "beste Schauspielerin" zu erfüllen.

sion von Louisa May Alcotts Little Woman, die einen
Einblick in das Leben von vier Schwestern und ihrer
Mutter vermittelt, die Mitte des 19. Jahrhunderts in
Massachusetts leben, während der Ernährer im Krieg
ist.

Mehrere Frauen hinterließen 1994 mit ihrer Arbeit
einen bleibenden Eindruck.

Der vornehmlich von einem kreativen Team von
Frauen aus Hollywood - darunter Studioleiterin Amy
Pascal und Produzentin Denise DiNovi - konzipierte
und realisierte 15 Millionen Dollar teure Film war so
billig wie eine Studioproduktion in diesen Tagen sein
kann. Die Einnahmen an den Kinokassen lassen
darauf schließen, daß es eines der profitableren
Unternehmen des Jahres wird.

Unter den Schauspielerinnen gaben Jodie Foster
(Neil), Jessica Lange (Blue Sky), Susan Sarandon
(Der Klient, Linie Woman, Safe Passage), Jennifer
Jason Leigh (Mrs. Parker and the Vicious Circle)
und Winona Ryder (Llttle Woman) beeindruckende
Darbietungen. Wahrscheinlich werden drei oder vier
dieser Gruppe - mit ein oder zwei Überraschungen ihren Namen auf den Oscarstimmzetteln finden.
Gleichzeitig spielten weniger bekannte Darstellerinnen - darunter Julianne Moore (Vanya on 42nd
Street) und Linda Fiorentino (The Last Seduction)
sowie die Studioleiterinnen Amy Pascal und Wendy
Finerman - eine bedeutende Rolle in der Filmindustrie.
Allmählich verändert sich das Klima für Frauen in
Hollywood. Die "gläserne Wand" - eine unsichtbare
Barriere für berufliches Weiterkommen - existiert
noch immer in vielen Bereichen, und Schauspielerinnen, insbesondere die sich dem mittleren Alter
nähernden, könnten zu Recht ungehalten über die
wenigen guten Angebote sein.
Dennoch sind
allenthalben Zeichen des Fortschritts bemerkbar.
Der deutlichste Beweis ist auf der Leinwand zu
sehen, wie zwei der mutigsten Projekte des Jahres
1994 zeigen.
In Neil gab Foster - Gewinnerin von zwei Oscars als
"beste Schauspielerin" (Angeklagt und Das Schweigen der Lämmer) - nicht nur eine brillante Darbietung als wilde junge Frau, die alleine in einem Wald
im Südosten der Vereinigten Staaten lebt und eine
nahezu unverständliche Sprache spricht, sondern
auch ihr Debüt als Regisseurin. In dieser Rolle
mußte sich Foster mit der Besetzung, dem Budget
und anderen Dingen befassen, die für gewöhnlich
nicht in die Domäne des Schauspielers fallen.
Von den meisten Kritikern gelobt und beim Publikum
zunehmend populär, zeigt der Film die ersten
Kontakte zwischen der Protagonistin und einem Arzt
(Liam Neeson), der sie zu ergründen sucht und mit
Hilfe einer Psychoanalytikerin erforscht, ob man Neil
ins tägliche Leben entlocken kann.

Little Woman überraschte die Rezensenten und
Kinogänger etwas durch seine lebhafte, glaubwürdige
Darstellung (mit Winona Ryder, Cläre Danes, Trini
Alvarado, Kirsten Dunst und Susan Sarandon), die
ausgezeichnete Regie des Australiers Regisseurs
Gillian Armstrong sowie das gelungene Zeitbild von
Drehbuchautor und Produzent Robin Swicord, das die
Verbindung zwischen heutigen und jahrhundertealten
Gefühlen widerspiegelt.
Mut, Phantasie und sicherer Instinkt waren auch bei
den Rollen offenkundig, für die sich eine Reihe
anderer Frauen der Szene Hollywoods entschieden.
Jessica Lange, die äußerst wählerisch ist, weil sie für
Qualität steht und der wie den meisten ihrer Kolleginnen nicht viel Arbeit angeboten wird, stellt in Blue
Sky die alternde Frau eines Soldaten dar, die sich
weigert, dem Scheitern ihrer Jugendträume passiv
zuzusehen.
Jennifer Jason Leigh, eine junge Schauspielerin, die
bisher das Pech hatte, vornehmlich in Filmen über
die dunkle Seite der Gesellschaft aufzutreten, die
man getrost vergessen kann, nahm die Herausforderung an, die bittere, selbstzerstörerische Schriftstellerin und Gesellschaftslöwin der dreißiger Jahre,
Dorothy Parker, zu spielen. Mrs. Parker and the
Vicious Circle spielt im Algonquin Club, dem New
Yorker literarischen Salon, der zwischen den beiden
Weltkriegen Schriftsteller, Kritiker und Musiker anzog.
Winona Ryder, die jüngste der drei, verwirklichte ihr
Potential in zwei gegensätzlichen Filmen über das
Leben kurz vor dem Erwachsenwerden.
Little
Woman zeigte sie als zielsichere Person, die ihre
literarischen Ambitionen verwirklichen und einen Platz
in der Welt der Männer übernehmen will. In Reality
Bites versucht sie, ihren Platz im Leben als eine
zeitgenössische junge Erwachsene und Angehörige
der sogenannten Generation X zu finden.

Ein in der letzten Woche des Jahres 1994 in den
Kinos angelaufenes Projekt war die vierte Kinover-

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AMERIKA DIENST 07

�Es gab auch einige Überraschungen. Zwei Schauspielerinnen, eine seit Jahren bekannte und ein
relativer Newcomer, waren in spannenden Krimis zu
sehen. Meryl Streep bekämptt tlüchtende Bankräuber und die reißenden Stromschnellen in Am wilden
Fluß, dem ersten Actionfilm ihrer Karriere. Sandra
Bullock übernimmt das Kommando in einem außer
Kontrolle geratenen Bus in Speed, einem Kassenschlager.

,

»

Streep, die im Laufe ihrer Karriere eine Vielzahl von
Frauen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichem Akzent und aus unterschiedlichen
Jahrhunderten spielte, übernahm die Rolle nicht nur,
um etwas anderes zu versuchen, sondern auch, weil
sie feststellte, daß nur wenige Projekte auf sie
zukamen. (Seitdem hat sie zusammen mit Clint
Eastwood The Bridges of Madison County gedreht, die Verfilmung eines populären neuen Romans über die Romanze zwischen einem älteren
Paar, die Mitte 1995 in die Kinos kommt).
Viele Schauspielerinnen setzen sich mit dieser
Realität in unterschiedlicher Weise auseinander.
Shirley MacLaine, Ende fünfzig, hat angefangen,
Charakterrollen für ältere Darstellerinnen zu übernehmen, wie ihre überzeugende Verkörperung einer
Präsidentenwitwe in Guarding Tess beweist.
Sally Field, noch in den Vierzigern, hat alles Verfügbare angenommen - das heißt, daß sie sich 1994 in
Kostüme hüllte und um ungefähr 40 Jahre alterte,
um neben Hanks Forrest Gumps Mutter zu spielen.
Goldie Hawn und Bette Midier, auch in den Vierzigern, arbeiteten überhaupt nicht. Und einige ihrer
jüngeren, etliche Millionen teuren Kolleginnen wie
Julia Roberts und Sharon Stone verbrachten das
Jahr mit Projekten, die von wenigen Kinogängern
gesehen wurden.

Unweigerlich betreten neue Talente die Bühne. Die
besten waren 1994 Fiorentino und Moore. Fiorentino
wurde in einer Reihe von Filmen mit düsterem, eher
gewalttätigem Inhalt zur Gangsterbraut ihrer Zeit und würdige Nachfolgerin von Ida Lupino und Veronica Lake früherer Filmgenerationen.
Moore, eine ausgezeichnete Darstellerin, die 1995
ihren Durchbruch mit der romantischen Komödie
Nine Months haben könnte (ab Sommer in den
Kinos), stand im Zentrum eines wunderschön inszenierten Experiments, einer Übertragung von
Tschechows Drama Onkel Wanja auf die Leinwand die Schauspieler tragen moderne Kleider statt denen
der damaligen Zeit - das in einem dunklen, verrammelten Theater in New York aufgeführt wird. Mit
dem Titel Vanya on 42nd Street stand der Film nach
Meinung vieler Kritiker auf der Liste der besten zehn.
Der Einfluß der Frauen macht sich allmählich auch
hinter der Kamera bemerkbar in Fortsetzung eines
lange vor 1994 begonnenen Prozesses. Und während Frauen wie Lisa Henson, 34, Stacy Snider, 33,
und Pascal, 36, ihren Platz als Richtungsweiser bei
Columbia, Tri-Star und Turner Pictures übernehmen,
werden sie mehr Frauen in den Prozeß einbeziehen.
Eine der beeindruckendsten Geschichten des Jahres
war in der Tat eine Produktion, die nicht ausdrücklich
als Arbeit von Frauen gewürdigt wurde.
Vor fast zehn Jahren verliebte sich Wendy Finerman,
Absolventin einer Ivy League University und Business
School und damals Mitte zwanzig, in einen Roman
von Winston Groom mit dem Titel Forrest Gump.
Eben am Anfang ihrer Karriere im Filmgeschäft
drängte Finerman das Buch allen möglichen Interessenten auf. Hartnäckig und selbstbewußt gelang
ihr schließlich die Verfilmung des Buches.

* *

AMERIKA DIENST 07

*

Seite 3

�</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Februar 1995

06

NATO

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND DEN
VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

FULBRIGHT

DER GRUNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright

PORTRAT

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

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�NATO
15. Februar 1995

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der von US-Verteidigungsminister
William J. Perry bei der Münchner Konferenz über Sicherheitspolitik am 5. Februar 1995 gehaltenen Rede.

Vor einem Jahr bestieg ich weniger als 24 Stunden
nach meiner Vereidigung als Verteidigungsminister
der Vereinigten Staaten das Flugzeug, das mich zur
Wehrkundetagung nach München brachte. Damit
wollte ich die zentrale Bedeutung des transatlantischen Bündnisses für die amerikanische Sicherheitspolitik unter Beweis stellen. Diese hat sich nicht
geändert. Heute möchte ich jedoch darüber sprechen, wie unser Bündnis sich gewandelt hat und
noch weiter wandeln muß.
Wir haben eine dauerhafte, aber auch dynamische
Beziehung.
In den vergangenen 45 Jahren waren die Vereinigten Staaten und Westeuropa durch die mit einer
bipolaren Welt einhergehenden Verpflichtungen
verbunden. Obwohl unsere Nationen eine Geschichte politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bande
haben, war die NATO während des Kalten Krieges
keine Bruderschaft. Sie stellte ein praktisches,
pragmatisches Sicherheitsarrangement dar, deren
Kern ein Militärbündnis bildete.
Unsere Beziehungen fußten auf gegenseitigen
Eigeninteressen. Die Stationierung amerikanischer
Streitkräfte in Europa war keine Gefälligkeit den
Europäern gegenüber. Wir waren hier, weil die
vitalen amerikanischen Interessen dies verlangten.
Gleichzeitig begrüßte Westeuropa die Anwesenheit
der Amerikaner - nicht weil es gerne ausländische
Truppen auf seinem Territorium hatte, sondern weil
die amerikanische Präsenz ein Schutzschild gegen
sowjetische Aggression darstellte.
Man könnte
sagen, wir sind aufeinander angewiesen.
Heute sind wir nicht aufeinander angewiesen. Nach
dem Ende des Kalten Krieges ist die bipolare Welt
zusammen mit ihren Verpflichtungen zusammengebrochen. Die Vereinigten Staaten und Europa

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benötigen einander nicht länger zur Verteidigung
gegen eine Bedrohung durch den Warschauer Pakt.
Keiner von uns sieht mehr sein nationales Überleben
bedroht, aber wir alle - Nordamerikaner und Europäer
gleichermaßen - sind zu dem Entschluß gelangt, daß
wir den Unsicherheiten und sicherheitspolitischen
Herausforderungen der Zukunft am besten gemeinsam begegnen.
Aber selbst ein solcher Zusammenschluß beinhaltet
Pflichten für seine Mitglieder. Beim NATO-Gipfel im
Januar 1994 bekräftigte Präsident Clinton, die Vereinigten Staaten würden mit einer beträchtlichen
militärischen Präsenz von 100.000 Soldaten in
Europa stationiert bleiben. Die Anwesenheit der
Amerikaner in Europa und unser Engagement für die
europäische Sicherheit bringen jedoch eine wichtige
Verpflichtung mit sich: Wir benötigen sowohl in
Europa als auch in den Vereinigten Staaten die
Unterstützung der Öffentlichkeit.
Wir können diese Unterstützung nicht als selbstverständlich hinnehmen. Tatsächlich wurden mehrere
Fragen über die Zukunft der NATO gestellt - sogar ob
das Bündnis überhaupt eine Zukunft haben sollte.
Meines Erachtens rühren diese Fragen großenteils
von einem Informationsvakuum her, aufgrund der
Unfähigkeit, unserem Volk deutlich zu sagen, warum
die NATO wertvoll, sogar entscheidend ist, und wohin
sie steuert.
Wir müssen dieses Informationsvakuum füllen. Zu
diesem Zweck müssen wir uns meines Erachtens mit
vier Schlüsselfragen befassen: Erstens. Was ist der
Zweck der NATO heute? Zweitens. Wohin steuern
wir, insbesondere im Hinblick auf die Erweiterung.
Drittens. Wie halten wir den Konsens im Bündnis
aufrecht? Und schließlich, wie sollten die Beziehungen der NATO zu Rußland gestaltet sein?

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�Im Hinblick auf die erste Frage möchte ich die
Beobachtung anstellen, daß sich der Zweck des
Bündnisses in den letzten Jahren dramatisch gewandelt hat. Erstmals seit einem halben Jahrhundert
sieht sich Westeuropa als Ganzes keiner einzigen,
vorrangigen Bedrohung gegenüber. Dies bedeutet
jedoch nicht, daß für die Mitgliedstaaten der NATO
keine Bedrohungen bestehen.
Obwohl wir uns auf Rußland und den Osten konzentrieren müssen, sind im Süden reale, direkte Herausforderungen für die Bündnismitglieder aufgetreten.
Im Mittelmeerraum, in Südwestasien, auf dem
Balkan und in Nordafrika sind Brennpunkte entstanden. Wir alle müssen mit den Bedrohungen
unserer Interessen durch wachsende Instabilität und
Extremismus in Nordafrika und andernorts umgehen.
Dies ist nicht nur ein südeuropäisches Problem. Der
Konflikt in Bosnien beispielsweise droht, Südeuropa
durch einen Flüchtlingsstrom oder eine Ausweitung
der Kämpfe zu destabilisieren. Und die aggressive
Haltung des Irak und des Iran bedroht die Türkei.
Die NATO hat sich diesen Herausforderungen bis
heute nicht wirksam gestellt.
Die Verteidigungsminister der NATO-Staaten trafen
im vergangenen September in Sevilla und im Dezember in Brüssel zusammen. Wir erörterten die
Krise in Bosnien. Bei unserem Treffen im Dezember
unterbreiteten wir den Vorschlag eines konkreten
Vorgehens zur Stärkung der UNPROFOR in Bosnien, der jedoch bisher nicht in die Tat umgesetzt
wurde. In Sevilla erörterten wir auch Sicherheitsfragen des Mittelmeerraums. Wir konnten uns
jedoch nicht darüber einigen, was die NATO, wenn
überhaupt, in dieser Hinsicht unternehmen sollte.
Einige Verbündete stellen nur ungern die ohnehin
knappen Mittel zur Verfügung. Anderen widerstrebt
es, das Bündnis in nichttraditionelle militärische
Bedrohungen zu verwickeln.
Die Ausbreitung von Instabilität im Mittelmeerraum
gefährdet nicht nur befreundete Staaten in Nordafrika und die Aussicht auf einen umfassenden
Frieden im Nahen Osten. Sie stellt auch eine
Bedrohung Europas in Form neuer sozialer und
sicherheitspolitischer Probleme dar, beispielsweise
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Ich fordere die Mitglieder des
Bündnisses dringend dazu auf, sich bei unserem
nächsten Ministertreffen auf den Mittelmeerraum zu
konzentrieren und eine Reihe von Fragen zu erörtern.
Ich möchte einige dieser Fragen ansprechen, die
meiner Ansicht nach bei unseren Planungen eine
zentrale Rolle spielen:

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Wie sollte die NATO die verantwortlichen Staaten
Nordafrikas in einen Sicherheitsdialog und entsprechende Beziehungen einbinden? Einige Staaten
unterhalten bereits bilaterale Sicherheitsbeziehungen
zu den Ländern Nordafrikas. Wie können wir sie am
effektivsten auf die NATO ausweiten?
Mehrere Nationen im Pulverfaß Balkan und an seiner
Peripherie sind der Partnerschlaft für den Frieden
beigetreten. Wie können wir in der NATO diesen
Kanal möglichst gut zur Intensivierung unseres
Engagements in diesen Staaten sowie zur Verbesserung ihrer Beziehungen untereinander nutzen?
Das Bündnis hat bereits eine bedeutende neue
Initiative zur Bekämpfung der globalen Weiterverbreitung von Waffen begonnen. Wie können wir
besondere Betonung auf die Weiterverbreitung in der
südlichen Region legen?
Und können wir - näher vor unserer Tür - weiterhin
die NATO zum Aufbau von Vertrauen und zur Verbesserung der Beziehungen in der Ägäis nutzen, wo
Differenzen zwischen Griechenland und der Türkei
ein zusätzliches Risiko für die Stabilität auf dem
Balkan darstellen?
All diese Fragen wurzeln in der traditionellen Rolle
der NATO zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer
Mitglieder. Sie reflektieren aber auch die wichtige
neue Rolle des Bündnisses im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg.
Wir sprechen beiläufig von der NATO als dem
erfolgreichsten Militärbündnis der Welt aufgrund ihres
Erfolgs bei der Abwehr der sowjetischen Bedrohung.
Im Lauf der Zeit haben wir jedoch etwas Großartigeres aufgebaut. Heute ist die NATO eine große,
geeinte Kraft für Stabilität in einer zersplitterten,
instabilen Welt.
Die Mitgliedschaft in der NATO hat die Möglichkeit
eines Krieges zwischen ihren Mitgliedstaaten, darunter einige Erzfeinde, stark reduziert, wenn auch
nicht ganz beseitigt. Dank der NATO ist ein Großteil
der Welt eine "Stabilitätszone", die für ihre eigene
Bevölkerung oder die übrige Welt keine Bedrohung
darstellt.
Wir benötigten 45 Jahre zur Schaffung dieser Stabiiitätszone und richteten uns dabei nach vier grundlegenden Prinzipien:
Erstens kollektive Verteidigung. Artikel 5 bedeutet
einer für alle und alle für einen. Noch wichtiger ist
jedoch, daß jeder einzelne von uns über die Streitkräfte und integrierte Struktur zur Verteidigung eines
und aller Staaten verfügt.

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�Das zweite wichtige Prinzip ist Demokratie. Die
NATO besteht nicht einfach nur aus 16 Nationen,
sondern aus den 16 stärksten, erfolgreichsten
Demokratien der Welt. Wir halten Frieden und
Freiheit in Ehren. Wir achten die Menschenrechte
innerhalb unserer Grenzen, respektieren außerhalb
unserer Grenzen die Souveränität anderer und
streben friedliche Beziehungen zu unseren Nachbarn
an. Wir haben Erfolg durch freies Unternehmertum.
Und unsere Streitkräfte unterstehen ziviler Kontrolle.
Der dritte Grundsatz ist Konsens. Eine NATOEntscheidung repräsentiert einhellige Übereinstimmung der 16 Nationen, von denen jede ihre eigene
stolze Geschichte, Kultur und Tradition hat. Wir
stimmen nicht in jeder Hinsicht überein. Aber wenn
wir uns zusammensetzen, bügeln wir unsere sicherheitspolitischen Differenzen aus und bilden
einen Konsens.
Der vierte Grundsatz ist kooperative Sicherheit.
Unsere Streitkräfte üben und planen gemeinsam.
Wir legen unseren jeweiligen Verteidigungshaushalt
offen, haben eine gemeinsame Doktrin und teilweise
dieselben Waffen. Da wir unsere Streitkräfte effektiv
gemeinsam einsetzen können, wird unsere Fähigkeit
zur Verteidigung des Bündnisses nur von wenigen in
Frage gestellt.
Dies sind die Eckpfeiler der Stabilitätszone. Und
diese Zone ist der Grund dafür, daß so viele Nationen so schnell der von der NATO ins Leben gerufenen Partnerschaft für den Frieden beitraten, darunter
alle Staaten des ehemaligen sowjetischen Imperiums
mit einer Ausnahme. Heute sind über der Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons 40 Flaggen
gehißt, darunter auch die russische.
Aus diesem Grund sind die Streitkräfte der NATOMitgliedstaaten so effektiv, wenn sie sich zusammenschließen. Wir sahen das an der Operation Wüstensturm. Wir sahen das im Nordirak, wo wir die
Kurden vor der Aggression Saddam Husseins
schützten. Und wir sehen es jetzt in Bosnien, wo
durch die Aktionen der NATO Gewalt und Blutvergießen beträchtlich eingeschränkt wurden, obwohl es
nicht gelang, diesem Land Frieden zu bringen.
Bosnien ist ein Beispiel für die Herausforderungen
des Bündnisses in der Welt nach dem Kalten Krieg
und für das, was wir erreichen können.
Als wir im vergangenen Jahr hier zusammentrafen,
führte ein Angriff mit Mörsergranaten auf den Zentralmarkt in Sarajevo zu lauten Forderungen nach
internationalen Aktionen. Aufbauend auf dem Erfolg
der Flugverbotszone stellte die NATO umgehend ein
Ultimatum zur Einstellung der Bombardierung

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Sarajevos sowie des Abzugs der schweren Waffen
und drohte andernfalls mit Luftangriffen. Das Ultimatum hatte Wirkung. Dies war der Fall, weil wir
einsatzbereit waren, über die Fähigkeiten und die
notwendige Entschlossenheit verfügten, und alle
Parteien das wußten. Und es lehrte uns eine wichtige, positive Lektion: Eine präzise Definition der
gewünschten Ergebnisse, unterstützt durch erreichbare militärische Missionen, kann der NATO sogar
bei Friedenssicherungsbestrebungen Einfluß verschaffen.
Wir haben aber auch negative Lehren aus Bosnien
gezogen. Bihac steht dabei für eine machtvolle
Mahnung zur Vorsicht.
Die Vereinten Nationen
waren nicht in der Lage, ein Ende der Kämpfe um
Bihac herbeizuführen. Mehrere Wochen gelang es
ihnen sogar nicht einmal, Nachschub für die belagerten Blauhelme aus Bangladesh in der Region bereitzustellen. Dennoch wurde die NATO nicht zum
Handeln aufgefordert, da die UNO fürchtete, Luftangriffe würden zu Vergeltungsmaßnahmen gegen
ihre Soldaten am Boden führen. Obwohl das Zweischlüsselabkommen mit den Vereinten Nationen aus
verständlichen politischen Gründen entworfen wurde,
hat die Glaubwürdigkeit der NATO stark darunter
gelitten, daß das grundlegende militärische Ziel von
gemeinsamem Kommando und Kontrolle verletzt
wurde.
Die aus dieser Erfahrung gelernte

umfassendere

Lektion steht im Zusammenhang damit, wohin wir die
NATO führen und wozu wir sie verpflichten, entweder
bei begrenzten Militäroperationen oder der Ausweitung von Sicherheitsgarantien.
Dies führt mich zu meiner zweiten Frage: Welchen
weiteren Kurs schlägt die NATO ein, insbesondere
bei der Frage ihrer Erweiterung?
Viele Nationen der Partnerschaft für den Frieden
erklären ihre Bereitschaft zum NATO-Beitritt. Das
Bündnis begrüßt eine Erweiterung. Wie Präsident
Clinton festgestellt hat, lautet die Frage nicht, ob die
Erweiterung stattfindet, sondern wann und wie. In
diesem Jahr konzentriert sich das Bündnis auf das
Wie und hat eine Studie zur Beantwortung dieser
Frage in die Wege geleitet. Bis Ende des Jahres
erwarten wir die Vorlage der Ergebnisse für die
Länder, die an einem NATO-Beitritt interessiert sind,
und die Länder, die nur den künftigen Kurs der NATO
wissen wollen.
Während wir die Frage der Erweiterung erörtern,
müssen wir meines Erachtens auf die von mir gerade
erwähnten vier Prinzipien zurückgreifen, die die
NATO zum stärksten und erfolgreichsten Bündnis der

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�Geschichte gemacht haben und diese im Auge
behalten.
Wenn wir jetzt diese vier Prinzipien auf die Frage
der Erweiterung anwenden, gelangen wir zu folgender Analyse:
Erstens müssen die neuen Mitglieder zur Verteidigung des Bündnisses bereit sein und dazu fähige,
professionelle Streitkräfte haben. Es darf keine
Trittbrettfahrer geben. Gleichzeitig muß die NATO
zur Verteidigung aller neuen Mitglieder bereit sein.
Das ist kein abstraktes Konzept. Es ist ein Einsatz
von Leben und Gut. Und für mich beinhaltet dies,
daß die neuen Mitglieder sich zum Beitritt zur integrierten Militärstruktur der NATO verpflichten müssen. Die Erweiterung darf keine Beeinträchtigung
der Wirksamkeit des Bündnisses bedeuten.
In Anwendung des zweiten Prinzips müssen die
neuen Mitglieder für Demokratie und freies Unternehmertum eintreten, die Freiheit und Menschenrechte innerhalb ihrer Grenzen schützen und die
Souveränität außerhalb ihrer Grenzen respektieren.
Und ihre Streitkräfte müssen ziviler Kontrolle unterstehen.
In Anwendung des dritten Prinzips muß die NATO
selbst mit einer erweiterten Mitgliedschaft weiterhin
konsensfähig sein. Neue NATO-Mitglieder müssen
nicht allem zustimmen. Aber sie müssen die stolze
Geschichte, Kultur und Traditionen aller Mitglieder
respektieren. Und sie müssen zur Behebung von
Differenzen bei Sicherheitsbelangen in einem Geist
der Zusammenarbeit bereit sein. Wir dürfen keine
Instabilität in das Bündnis importieren.
Und viertens müssen die Streitkräfte der neuen
Mitglieder zu gemeinsamen Operationen mit den
NATO-Streitkräften fähig sein. Das bedeutet die
Offenlegung der Verteidigungshaushalte und -plane,
Übereinstimmung mit der NATO-Verteidigungsdoktrin
und Übereinstimmung bei Gerät, insbesondere bei
Kommunikationsgerät.
Diese Prinzipien sollten nicht als Hürden für die
NATO-Mitgliedschaft angesehen werden. Sie sind
vielmehr Garantien, daß das Bündnis unabhängig
von seiner Größe seine Wirksamkeit, militärischen
Fähigkeiten und politischen Zusammenhalt bewahrt.
Eben aufgrund unserer Verpflichtung zu diesen
Prinzipien wollen wir, daß die neuen Demokratien
Europas die Vorteile der Partnerschaft für den
Frieden uneingeschränkt nutzen.
Die Partnerschaft bezieht die Nachbarn der NATO
enger in das Bündnis ein und bietet ihnen eine

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Chance, sich den gewohnheitsmäßigen Konsens und
die militärische Zusammenarbeit der NATO zu eigen
zu machen. In der Zwischenzeit kann ihr Militär
zusammen mit den NATO-Streitkräften für friedenssichernde und andere nicht dem Kampfeinsatz
dienende Missionen üben. Die Partnerschaft liefert
den Nationen konkreten Beweis für die Besorgnis der
NATO bezüglich ihrer Sicherheit. Dies alles wird zum
Aufbau von Vertrauen und Stabilität in der Region
beitragen.
Die Partnerschaft hat in ihrem ersten Jahr viel
geleistet. Das Hauptquartier wurde eingerichtet und
hat die Arbeit aufgenommen. Die drei Übungen
zwischen der NATO und den Partnernationen im
vergangenen Jahr waren ein Erfolg, und wir haben
für dieses Jahr weitere 20 geplant. Aber diese
Aktivitäten kosten Geld. Die Partnernationen müssen
einen Großteil der Rechnung übernehmen, viele von
ihnen haben jedoch Ressourcenprobleme und
benötigen Hilfe.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Kongreß
um die Zuweisung von 100 Millionen Dollar als Hilfe
für unsere Partner gebeten, damit sie die Chancen
der Partnerschaft uneingeschränkt nutzen können.
Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung
vergleichbarer bilateraler Hilfe auf. Dies ist eine
lohnende Investition in die europäische Sicherheit.
Und für die Nationen, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, ist die Partnerschaft ein wichtiges
Sprungbrett.
Dies führt zu meiner dritten Frage: Wie können wir
in Anbetracht der Tatsache, daß die NATO über 16
Nationen hinauswachsen wird, den Konsens des
Bündnisses bewahren?
Selbst mit 16 Nationen, die sich einer monolithischen
Bedrohung gegenübersahen, mußten wir manchmal
hart arbeiten, um Einstimmigkeit über einen Aktionskurs zu erzielen. Man muß nicht Mathematiker sein
um festzustellen, daß sich das Problem der Einstimmigkeit mit zunehmender NATO-Mitgliederzahl
vergrößert. Und in Zukunft werden die Sicherheitsbedrohungen Europas wahrscheinlich weder so direkt
und klar sein, noch die NATO-Mitglieder mit der
Aussicht eines direkten Angriffs konfrontieren. Damit
werden einstimmige Entscheidungen noch schwerer
zu erzielen sein.
Wir müssen diese Konsensfrage prüfen. Ein Weg,
dieses Problem anzusprechen, besteht jetzt in der
Vervollständigung des Konzepts alliierter Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Forces - CJTF).
Dies wird der WEU oder einer Koalition bereitwilliger
Mitglieder den Zusammenschluß, die Nutzung der

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�Ressourcen und Verfahren der NATO sowie die
Reaktion auf Eventualfälle wie Krisenmanagement,
Friedenssicherung und humanitäre Missionen gestatten. Das CJTF-Konzept ist jedoch vor dem Hintergrund des Prinzips trennbarer, aber nicht getrennter
Streitkräfte entscheidend für die Zukunft der NATO,
und wir sollten es in diesem Jahr weiterentwickeln.
Aber keine Diskussion über die Zukunft der NATO
kann heute meine vierte Frage ignorieren: Was
bedeutet dies für die Beziehungen zu Rußland?
Bei der Behandlung dieser Frage müssen wir vor
allem die Interessen und Belange Rußlands berücksichtigen. Rußland ist für den Aufbau einer stabilen
Zukunft Europas entscheidend. Wir haben ein
enormes Interesse am Ergebnis der Umgestaltung
Rußlands in der postsowjetischen Ära und müssen
die russischen Reformen weiterhin unterstützen.
Unser dringlichster Wunsch ist ein freies, stabiles,
demokratisches Rußland in Europa.
Dies ist ein Grund, warum wir - abgesehen von der
menschlichen Tragödie - über die russische Taktik in
Tschetschenien empört waren. Diese Taktik ist ein
Rückschritt. Obwohl wir die territoriale Integrität der
Russischen Föderation anerkennen, fordern wir die
russische Regierung zur Respektierung der Menschenrechte auf. Und wir unterstützen die Bestrebungen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und anderer Gremien
zur Förderung einer friedlichen Beilegung des Konflikts.
Wir müssen Rußland gegenüber klar und offen über
unsere Intentionen für die NATO sein. Russische
Regierungsvertreter haben beispielsweise die Frage
gestellt, warum sie die Erweiterung einer Organisation begrüßen sollen, die ursprünglich zur Bekämpfung ihres Landes konzipiert war. Wir müssen
Rußland versichern, daß die NATO - obwohl stets
ein Verteidigungsbündnis - den Kalten Krieg hinter
sich gelassen hat und zur Bewältigung eines neuen
Zeitalters übergegangen ist. Wir müssen Rußland
gegenüber klarstellen, was die NATO der Zeit nach
dem Kalten Krieg ist und was nicht.
Die NATO ist ein der Gewährleistung von mehr
Sicherheit und Stabilität in ganz Europa verpflichtetes Verteidigungsbündnis, und das schließt Rußland
ein. Die NATO ist kein gegen Rußland gerichtetes
Bündnis. Wir fordern Rußland auf, die NATO
anhand ihrer grundlegenden Prinzipien zu beurteilen:
Kollektive Verteidigung, Demokratie, Konsens und
kooperative Sicherheit. Rußland sollte die NATO
aufgrund dessen beurteilen, was sie heute ist, nicht
durch das Prisma des Kalten Krieges.

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Wir haben einen Dialog mit Rußland über die Rolle
des Landes für die europäische Sicherheit und seine
Beziehungen zur NATO aufgenommen.
Dieser
Dialog zwischen der NATO und Rußland erfolgt auf
einer parallelen Schiene zu dem Dialog der NATO
über ihre Zukunft, und das ist eine ernste Priorität.
Der Dialog zwischen der NATO und Rußland ergänzt
die Schiene der NATO-Erweiterung, auch wenn er
unabhängig vom Thema der Erweiterung ist.
Um diese parallele Schiene verfolgen zu können,
müssen wir mit Rußland in den kommenden Monaten
das Was, Wie und Warum längerfristiger Beziehungen zur NATO definieren. Im Augenblick erwartet eine Reihe von Plänen für die Zusammenarbeit
Rußlands innerhalb und außerhalb der Partnerschaft
für den Frieden die Unterschrift des Landes. Wir
sollten auf diese Pläne aufbauen. Wir könnten
beispielsweise ein formelles - vielleicht eines Tages
in einer Regierungsvereinbarung oder einer Charta
kodifiziertes - Arrangement für eine Reihe kooperativer Unternehmungen haben.
Diese Arrangements könnten einen kontinuierlichen
Dialog über eine Vielzahl von Themen enthalten wie:
Nichtverbreitung, Zusammenarbeit bei Rüstungstechnologie, Transparenz der Verteidigungspolitik,
Krisenmanagement sowie Friedenssicherungsdoktrin
und -taktik.
Es wäre nützlich, eine Art von Ständigem Konsultationsausschuß für die formale Struktur der Beziehungen zwischen der NATO und Rußland zu gründen.
Unsere Konsultationen sollten Einfluß auf den Entscheidungsprozeß des jeweils anderen Landes
haben, und wir sollten bei der Umsetzung unserer
Entscheidungen zusammenarbeiten. Dabei würden
wir natürlich stets die Unabhängigkeit des anderen
respektieren.
Die Konsultationen könnten damit beginnen, einige
der Verhaltensregeln für europäische Sicherheit zu
bekräftigen. Wir könnten gemeinsam das europäische Sicherheitsumfeld bewerten oder einen Konsultationsmechanismus für künftige Krisen des Typs
Bosnien einrichten.
Dieser Prozeß würde den
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland einen
offizielleren, regulären Status verleihen. Alle NATOVerbündeten, einschließlich der Vereinigten Staaten,
müssen auch ihren bilateralen Dialog mit Rußland
vertiefen.
Was immer wir entscheiden - die NATO verpflichtet
sich zur vollständigen Information Rußlands. Es wird
keine Überraschungen geben, und Rußland wird nicht
isoliert werden. Wir fordern Rußland zur uneingeschränkten Beteiligung an diesem Dialog und der

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�Partnerschaft für Frieden auf. Und wenn Rußland
dies tut, wird das Land sehr viel deutlicher sehen,
daß die NATO - weit davon entfernt, neue sicherheitspolitische Trennlinien in Europa zu ziehen - die
verbleibenden Linien ausradieren möchte.
Dies ist eine entscheidende Zeit in der Geschichte
des Bündnisses. Die Zeiten haben sich geändert.
Die Grundlage der NATO hat sich verändert. Wir
sind nicht länger in gemeinsamer Verteidigung
gegen einen einzigen gemeinsamen Feind verbunden. Aber wir sehen uns immer noch realen
Bedrohungen ausgesetzt, sowohl unmittelbaren als
auch am Horizont drohenden. Wir haben jedoch
eine historische Chance zur Erweiterung der Sicherheitszone in Europa. Während wir Europa (die
NATO) auf das nächste Jahrhundert vorbereiten,
müssen wir uns mit durch unsere neuen Beziehungen aufgeworfenen schwierigen Fragen und Problemen befassen.
Auf dem Tisch hinter meinem Schreibtisch im Pentagon befindet sich eine amerikanische Flagge, das
letzte Sternenbanner, das über den Clay Barracks

*

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*

- dem Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte
in Berlin - wehte. Diese Flagge wurde mir im vergangenen Herbst überreicht, nachdem sie während
einer Feierstunde aus Anlaß des Abzugs der amerikanischen Streitkräfte aus den Clay Barracks und der
Stadt, die sie so viele Jahre lang als ihre Heimat
bezeichnet hatten, eingeholt worden war.
Die Feierlichkeiten zur Beendigung der Präsenz der
Alliierten in Berlin waren historisch, denkwürdig und
zutiefst bewegend. Ich kann mich an keine Zeit der
Geschichte erinnern, in der die Bürger einer "besetzten" Stadt Tränen vergossen, als die Besatzungstruppen abzogen. Die Flagge in meinem Büro ist
eine lebhafte Erinnerung an die Rolle, die Amerika für
die Sicherheit und Freiheit Europas sowie die Freunde gespielt hat, die wir noch auf dem Kontinent
haben.
Die Flagge erinnert mich jedoch auch daran, daß sich
die Zeiten geändert haben, sich die Basis unserer
Beziehungen verändert hat und wir zusammen diesen
Augenblick nutzen müssen, um die NATO ins nächste
Jahrhundert zu führen.

*

*

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�USA-DEUTSCHLAND
15. Februar 1995

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEUTSCHLAND UND DEN VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J. D.
Bindenagel, am 13. Februar 1995 in der Bayerischen Staatskanzlei gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein Vergnügen, heute mit Ihnen über die
bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten
zu sprechen. Gerade die Frage, wie sich das enge
Verhältnis unserer beiden Staaten in Zukunft entwikkeln wird, ist von großer Aktualität.
Einleitung
Oft kann man in der Zeitung lesen oder in Fernsehkommentaren hören, daß die transatlantische
Partnerschaft keine Selbstverständlichkeit mehr ist,
daß die Beziehungen sich schleichend verschlechtern, weil die jeweiligen Regierungen sich allzusehr
mit den innenpolitischen Problemstellungen beschäftigen. Dies ist nicht der Fall!
Manche Kommentatoren machen sich kein Bild
davon, wie eng die politische Zusammenarbeit und
wie intensiv der Austausch zwischen den jeweiligen
Regierungsstellen ist, wie sehr sich das Volumen der
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen vergrößert hat
und wie zahlreich die kulturellen Kontakte geworden
sind.
Es gibt keine "wohlwollende Indifferenz" zwischen
unseren beiden Ländern, andernfalls würden meine
Kollegen in der Botschaft und ich unserem Land
einen schlechten Dienst erweisen. Es gibt vielmehr
eine kompliziert gewordene internationale Entwicklung mit vielfältigen Krisen und großen Herausforderungen. Um diese zu bewältigen, bedarf es einer
noch engeren und noch stärker aufgefächerten

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Zusammenarbeit, als dies in der Zeit des Kalten
Krieges selbstverständlich war. Und daran arbeiten
wir mit unserer ganzen Kraft.
Der in der Themenstellung formulierte Gegensatz
kann angesichts der Gemeinsamkeiten und Interessen beider Staaten bei einer erfolgreichen Bewältigung der derzeitigen und künftigen Herausforderungen nicht zum Tragen kommen.
Um das Offensichtliche vorwegzunehmen: Wirtschaftliche Konkurrenz und strategische Partnerschaft
schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, sie
bedingen einander und tragen zur Festigung der
politischen, kulturellen und persönlichen Beziehungen
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk
bei.
Wie sich die Vereinigten Staaten die Zukunft der
bilateralen Beziehungen vorstellen, wurde im letzten
Jahr deutlich. Nicht nur während des Präsidentenbesuchs in Bonn und Berlin, sondern auch anläßlich der
Verabschiedung der Westalliierten aus Berlin im
September '94. Wir hatten aus diesem Anlaß Vertreter des öffentlichen Lebens beider Staaten zu einer
Konferenz "New Traditions" eingeladen.
Vor dem Hintergrund der profunden Veränderungen
im internationalen System, die auch das deutschamerikanische Beziehungsgeflecht betrafen, haben
wir gemeinsam über die Zukunft der bilateralen
Beziehungen nachgedacht. Richard Holbrooke, der
damalige US-Botschafter in Deutschland, brachte die
neue Aufgabenstellung auf den Punkt:

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�"Nachdem in den letzten fünf Dekaden die Beziehungen durch militärische Erwägungen bestimmt
waren, stehen jetzt die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen im Vordergrund."
Vizepräsident AI Gore, der sich über Satellit an der
Konferenz beteiligte, ergänzte dies, indem er auf die
politische Bedeutung guter und ausgewogener
Wirtschaftsbeziehungen für die wirtschaftliche Sicherheit hinwies.
Nicht Generälen, sondern Unternehmern und Geschäftsleuten fällt dabei die Aufgabe zu, durch
Investitionen staatliche Handelsanreize zu nutzen,
um Wohlstand und Arbeitsplätze zu schaffen. Dies
vollzieht sich auf einem Markt, der durch das
Konkurrenzverhalten der Akteure bestimmt ist.
Renaissance der Wirtschaftsbeziehungen
Wirtschaftlicher Wettbewerb ist per se kein Argument, das gegen eine strategische Partnerschaft
spricht. Worauf es ankommt, ist ein verläßlicher,
von allen Beteiligten akzeptierter Rahmen von Wettbewerbsbedingungen. Dies läßt sich allerdings nur
im guten Einvernehmen auf politischer Ebene
erreichen.
Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger in beiden Ländern haben die gleichen wirtschaftspolitischen Grundauffassungen:
Unterstützung für freien Handel, für offene nichtdiskriminierende Investitionsbeziehungen und für
faire Wettbewerbsregeln. Beide Regierungen sehen
den Privatsektor als den wichtigsten Motor für
Wachstum und Innovation an.
Trotz dieser Übereinstimmung in wirtschaftpolitischen
Grundauffassungen sind unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen nicht immer ganz konfliktfrei.
Große Volkswirtschaften wie die Bundesrepublik und
die Vereinigten Staaten mit ihren unterschiedlichen
politischen Strukturen, unterschiedlichen Regulierungs- und Ordnungsansätzen, unterschiedlichen
Marktsstrukturen und Unternehmertraditionen entwikkeln Reibungs- und Konfliktpunkte.
Häufig komplizieren die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zur Europäischen Union die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. Nicht alle EU-Mitgliedsstaaten teilen uneingeschränkt die deutsche
Aufassung von Freihandel und Wettbewerb. Sehr
oft sehen wir uns mit einem Nord-Süd-Konflikt
innerhalb der EU konfrontiert. Die südlichen Länder
neigen zu einem eher interventionistischen und
protektionistischen Ansatz, während der Norden
Offenheit und Freihandel propagiert.

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Wir verlassen uns häufig darauf, daß Deutschland für
eine offene europäische Wirtschaftsidentität eintritt,
die auf einem transparenten und verläßlichen Entscheidungsrahmen beruht. Wir wissen natürlich, daß
Deutschland häufig Solidarität mit den anderen EUMitgliedsstaaten üben muß und Entscheidungsgrundlage meistens der kleinste gemeinsame Nenner
ist.
Diese institutionelle Einbindung und Integration
Deutschlands, die wir vorbehaltlos unterstützen, weil
wir an einem starken Europa interessiert sind,
schließt allerdings eine deutsch-amerikanische
Kooperation bei wichtigen Fragen nicht aus.
Deutschland und die Vereinigten Staaten haben eng
zusammengearbeitet, um die Uruguay-Runde zu
einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Beide
Verhandlungsdelegationen haben wichtige Überzeugungsarbeit für die Durchsetzung der Einsicht
geleistet, daß die Liberalisierung des Welthandels
allen Ländern in der EU zugute kommt.
Deutschland und die Vereinigten Staaten ziehen an
einem Strang, wenn es darum geht, restriktive
Quotenregime bei audio-visuellen Dienstleistungen
wie etwa bei interaktiven Diensten abzuwehren.
Beide Länder gehen davon aus, daß derartige
Beschränkungen zu technologischer Rückständigkeit
führen und den freien Informationsfluß behindern.
In der Frage der außereuropäischen Bananenimporte
in die EU, die für amerikanische Importeure zu
Problemen geführt haben, verfolgen Deutschland und
die Vereinigten Staaten gemeinsame Interessen.
Gleiches gilt auch bei den Bestrebungen nach einer
partiellen Liberalisierung von Beschaffungen der
öffentlichen Hand.
Bilaterale Probleme, wie sie beispielsweise im letzten
Jahr bei der Aushandlung eines neuen Luftverkehrsabkommens entstanden waren, konnten durch eine
tragfähige Zwischenlösung entschärft werden. Das
"code sharing" zwischen deutschen und amerikanischen Fluggesellschaften und die Allianz zwischen
Lufthansa und United Airlines hat finanzielle Vorteile
für die Beteiligten und günstigere Tarife für die
Reisenden gebracht.
Die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen
laufen reibungslos und im großen und ganzen
unbehindert von strukturellen Handelshemmnissen.
Gegenwärtig ist aufgrund der unterschiedlichen
konjunkturellen Entwicklung ein leichtes amerikanisches Handelsdefizit festzustellen. Während des
Booms infolge der Vereinigung wies die Bundesrepublik ein Defizit auf.

AMERIKA DIENST 06

�Die Vereinigten Staaten sind nach der Europäischen
Union der größte Handelspartner Deutschlands, was
auch im umgekehrten Verhältnis stimmt: Deutschland ist für die USA der größte Handelspartner. Die
amerikanischen Exporte nach Deutschland beliefen
sich 1993 auf über 40 Milliarden Dollar. Das ist
mehr als unsere Exporte nach Japan.
Wie eng und ausgeglichen die Wirtschaftsbeziehungen sind, sieht man auch an den jeweiligen Investitionen. Die deutschen Direktinvestitionen belaufen sich auf fast 60 Milliarden D-Mark. Amerikanische Unternehmen investieren etwa den gleichen
Betrag in Deutschland.
Mittlerweile sind rund
600.000 Deutsche in amerikanischen Unternehmen
tätig, während deutsche Firmen schätzungsweise
eine halbe Million Amerikaner beschäftigen.
Symbolisch für die ökonomische Interdependenz
sind die Entscheidungen führender Automobilhersteller Deutschlands, Produktionsstätten in den Vereinigten Staaten zu errichten, sowie die Investitionen
von Unternehmen wie Dow Chemicals, General
Motors und der Boston Investment Company in den
neuen Bundesländern.
Die wachsende Interdependenz der transatlantischen
Handelspartner durch zunehmende Handelsströme
und Direktinvestitionen führt aber auch zu einem
erhöhten staatlichen Regulierungsbedarf in den
jeweiligen Volkswirtschaften. Dieser Bedarf läßt sich
nur auf zwischenstaatlicher Ebene decken, so daß
trotz aller wirtschaftlichen Konkurrenz eine immer
enger werdende bilaterale Verflechtung entsteht.
Die amerikanische Außenwirtschaftspolitik
Seit Beginn ihrer Amtszeit im Januar 1993 hat die
Clinton-Administration den Handel und die Außenwirtschaftspolitik ins Zentrum ihrer innen- und
außenpolitischen Aktivitäten gerückt. Dies war eine
Entscheidung, die politisch wie ökonomisch sinnvoll
war. Die Neuordnung der internationalen Beziehungen nach dem Zerfall der Sowjetunion und der
gewachsene Wettbewerb auf dem Weltmarkt haben
Marktchancen eröffnet, die es zu nutzen galt.
Dabei geriet der europäische Binnenmarkt automatisch ins Blickfeld amerikanischer Unternehmer und
Investoren, die sich schnell von den Vorteilen eines
europaweiten Marktes mit einheitlichen Regeln und
Normen überzeugen ließen.
Während des Kalten Krieges hatten die Vereinigten
Staaten eine Unterordnung der Handelspolitik unter
eine außenpolitische Gesamtstrategie vorgenommen,
um unsere westeuropäischen Verbündeten in der
Abwehrfront gegen die Sowjetunion zu stärken. Mit

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dem Ende des Kalten Krieges haben wir diese
Unterordnung aufgeben und drängen auf einen
Abbau unliberaler und diskriminierender Handelspraktiken der Europäischen Union und anderer
Länder.
Das Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko,
der APEC-Gipfel, der Abschluß der Uruguay-Runde
sowie das gesamtamerikanische Gipfeltreffen im
Dezember letzten Jahres sind ökonomische Erfolge,
die alle in die gleiche Richtung weisen. Die Vereinigten Staaten sind auf dem Wege, die amerikanische Volkswirtschaft den Erfordernissen des Weltmarktes und der immer größer werdenden Vernetzung anzupassen, um sich auf die Herausforderungen der Jahrtausendwende einzustellen.
Konkret bedeutet dies eine konsequente Durchführung der neuen "National Export Strategy".
Deren Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der
amerikanischen Volkswirtschaft zu verbessern, indem
die Schul- und Berufsausbildung gefördert und
nachhaltige Investitionen in Zukunftstechnologien
gemacht werden.
Des weiteren fördert die Administration auf vielfältige
Weise die weltweiten Geschäftsinteressen amerikanischer Unternehmen.
Systematisch werden die
Export- und Wirtschaftsaktivitäten amerikanischer
Unternehmen durch das Handelsministerium und
weitere staatliche Behörden und Agenturen unterstützt. Den amerikanischen Auslandsvertretungen
kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie
haben die Aufgabe, amerikanische Unternehmen bei
Ihren Aktivitäten und der Einhaltung einer fairen Wettbewerbssituation beratend und gegebenenfalls
intervenierend zur Seite zu stehen.
Was ist darunter zu verstehen? Von staatlicher Seite
werden die Verhandlungen zum Abschluß von
Freihandelsabkommen geführt. Dann die bilateralen
Gespräche mit Japan zum Abbau des Handelsdefizits, unfairer, protektionistischer Handelsschranken und -zolle. Des weiteren setzen wir uns - der
Handelskonflikt mit China zeigt es - für den Schutz
von Patenten, Copyright und dem Schutz von geistigem Eigentum ein. Auch führen wir branchenspezifische Verhandlungen, angefangen von Bank- und
Finanzgeschäften bis zur Luft- und Raumfahrt, um
eine größere Markttransparenz zu erzielen.
Wir nennen dieses Program "advocacy". Gleiche
Wettbewerbsbedingungen für unsere Produzenten
sichern amerikanische Arbeitsplätze und tragen
letztlich auch zu einer Erweiterung des wirtschaftspolitischen Einflusses der Vereinigten Staaten bei.

Seite 3

�Machtfaktoren wie das militärische Potential sind
nach wie vor wichtig, doch sie spielen heute nicht
mehr die maßgebliche Rolle bei dem Vergleich der
führenden Industrienationen. Ein Land wie die Vereinigten Staaten könnte seinen politischen Einfluß
nur bedingt wahrnehmen, wenn es wirtschaftlich im
internationalen Vergleich zurücklallen würde. Dies
kann nicht in unserem Interesse sein!
Die Vereinigten Staaten bleiben auch weiterhin eine
Weltmacht mit Führungsanspruch. Ein Anspruch,
der sich auf der Grundlage einer wettbewerbsfähigen
Volkswirtschaft realisieren läßt.
Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten ist im
vergangenen Jahr so stark gewachsen wie seit 1984
nicht mehr. So stieg das Bruttoinlandsprodukt um 4
Prozent an. Trotz des anhaltenden Booms hielt sich
die Teuerung in Grenzen. Im letzten Jahr lag sie bei
2,7 Prozent - dies ist der niedrigste Wert seit 1983.
Mit einem gewissen Abflauen des Wirtschaftsbooms
wird erst gegen Ende des Jahres gerechnet.
Neben der erheblichen Reduzierung des Haushaltsdefizits sind dies erfreuliche Zahlen, die eine gute
Voraussetzung für die Untermauerung unseres
Führungsanspruchs bilden.
Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Es ist offensichtlich, daß wir Partner brauchen, um
künftige politische und ökonomische Herausforderungen gemäß unseren gemeinsamen Wertvorstellungen und Prinzipien anzugehen. Die epochalen
Veränderungen am Ende dieses Jahrhunderts sind
nur gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen nicht
nur unsere Rolle neu bestimmen, sondern auch die
Strukturen und Inhalte unserer diplomatischen
Beziehungen überprüfen.
Die Bundesrepublik Deutschland ist inzwischen der
wichtigste Verbündete der Vereinigten Staaten in
Europa. Dies liegt nicht nur an der geopolitischen
Lage Deutschlands, sondern auch an der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung des Demokratisierungsprozesses in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Die deutsche Politik gegenüber den früheren Ostblockstaaten entspricht den amerikanischen Vorstellungen von "safe for democracy". Es hat den
Eindruck, daß Deutschland und die Vereinigten
Staaten die einzigen Länder innerhalb der Atlantischen Allianz sind, die ein Gespür für die Bedürfnisse der aufstrebenden Staaten in Ost- und Mitteleuropa entwickelt haben. Beide Regierungen haben

Seite 4

verstanden, daß eine dauerhafte Teilung Europas in
Arm und Reich nicht möglich ist, ohne einen hohen
Preis dafür zu bezahlen.
In der Tat ist Deutschland der größste Beitragszahler
der Hilfsleistungen für osteuropäische Staaten. Nach
Angaben der OECD hat Deutschland für die zentraleuropäischen Staaten im Jahre 1992 über 3,9 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, das ist fast die
Hälfte der OECD-Hilfe. Die USA liegen mit ihrer Hilfe
im Umfang von 700 Millionen Dollar an zweiter Stelle.
Die amerikanische Deutschlandpolitik ist deshalb weit
mehr als die Bewältigung bilateraler Angelegenheiten.
Hier geht es tatsächlich um strukturbildende Prozesse, die durch die Übereinstimmung der Interessen
zustande kommen. Das heißt aber nicht, daß uns
Frankreich oder Großbritannien weniger wichtig
wären. Die Vereinigten Staaten veranstalten kein
Nullsummenspiel mit diplomatischen Beziehungen.
Strategische Partnerschaft
Unsere Beziehungen zu Deutschland haben eine
neue Bedeutung erlangt: Die Vereinigten Staaten
müssen nicht länger die territoriale Integrität der
Bundesrepublik schützen; Deutschland befindet sich
so gesehen nicht mehr in einem sicherheitspolitischen Abhängigkeitsverhältnis. Dies ist begrüßenswert, nicht weil wir die Bundesrepublik nicht mehr
verteidigen wollen, sondern weil das Ende des Kalten
Krieges uns die Möglichkeit bietet, unsere bilateralen
Beziehungen partnerschaftlicher zu gestalten.
Eine Partnerschaft, wie sie schon vom ehemaligen
Präsidenten George Bush im Frühjahr 1989 angeregt
worden war, weil partnerschaftliche Beziehungen
schlichtweg zeitgemäß sind. Die parlamentarische
Demokratie in der Bundesrepublik ist von der Bevölkerung angenommen worden, sie hat sich in den
letzten Jahrzehnten als belastbar erwiesen. Die
Revolution in der DDR - bescheiden als Wende
deklariert - ist friedlich verlaufen, und Deutschland
macht große Fortschritte bei der Vollendung der
inneren Einheit, ohne dabei die europäische Integration zu vergessen.
Man wirft ja nicht nur in diesem Land den Politikern
immer wieder vor, allzu kurzsichtig eine Politik zu
betreiben, die nur bis zum nächsten Wahltag konzipiert ist. Daß dies gerade in der Außenpolitik fatal
sein kann, brauche ich nicht weiter auszuführen.
Doch die Anregung von Präsident Bush - "Partnership
in leadership" - setzte eine Debatte in Gang, die sich
trotz gewisser Rückschläge positiv auf das eigene
Rollenverständnis beider Staaten ausgewirkt hat.

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�Ohne das Engagement der Bundesregierung sind
heute Fortschritte bei der Vertiefung und Erweiterung
der Europäischen Union nicht denkbar.
Als viertgrößte Wirtschaftsmacht nimmt die Bundesrepublik in manchen Technologiebereichen eine
Spitzenstellung ein. Das vielfach in der Presse
verwendete Bild eines Wirtschaftsriesen, der politisch
wie ein Zwerg agiert, stimmt schon lange nicht mehr.
Deutschland hat gemeinsam mit seinen Verbündeten
in vielen politischen Bereichen eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und damit Führung gezeigt.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß
einer größeren Wahrnehmung internationaler Verantwortung durch Deutschland. Wir sind uns darüber im klaren, daß es in der deutschen Bevölkerung und auch in Teilen der politischen Elite Vorbehalte gegen eine bedeutendere Rolle Deutschlands bei der Lösung internationaler Krisen gibt.
Und wir wissen auch, daß Deutschland eine schwierige Geschichte hat.
Die Frage, ob Deutschland sich an internationalen
Auslandseinsätzen beteiligen soll, bestimmt noch
immer die politische Diskussion. Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli letzten Jahres entschieden, daß Auslandseinsätze der Bundeswehr möglich
sind. Die diversen humanitären Einsätze in Kambodscha, Somalia und Ruanda sowie die Beteiligung
an der Überwachung der UNO-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien erfolgten nicht
nur in einem rechtlich einwandfreien Rahmen,
sondern auch in der Erkenntnis, daß Deutschland
als souveräner Staat - wie andere Staaten auch Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung gegenüber jenen, die zu Opfern einer gewalttätigen Politik
werden.
Ich will hier keiner Überbewertung der militärischen
Dimension das Wort reden, doch gibt es Situationen,
die einen Einsatz von Streitkräften erforderlich

*

AMERIKA DIENST 06

machen, um den politischen Zielen zum Durchbruch
zu verhelfen. Wir können uns in manchen Krisen
nicht immer nur auf unsere Diplomatie verlassen;
manchmal ist der Einsatz militärischer Macht nicht zu
vermeiden. Eine Entscheidung für einen militärischen
Einsatz im Rahmen einer international legitimierten
Friedensmission kann niemals leicht getroffen werden, wenn das Risiko besteht, daß eigene Soldaten
ums Leben kommen können. Es muß klar sein,
welche Interessen bei einem Einsatz verfolgt werden
und wie groß dessen Erfolgsaussichten sind. Restriktive nationale Einsatzoptionen können aber kein
Grund sein, um nicht an einer vom UN-Sicherheitsrat
sanktionierten Friedensmission teilzunehmen.
Die vorbehaltlose Wahrnehmung von Rechten und
Pflichten ist natürlich auch die Voraussetzung für
Deutschlands Ansinnen, einen festen Sitz in diesem
Gremium der UNO zu erhalten. Wir unterstützen
dieses Vorhaben, weil wir Vertrauen in die politische
Stabilität der Bundesrepublik Deutschland haben.
Unsere Vorstellung von "partners in leadership"
beruht auf der Überzeugung, daß Deutschland neben
seiner ökononischen Leistungsfähigkeit auch die
Möglichkeit hat, konstruktiv zur Bewältigung von
internationalen Krisen und Konflikten beizutragen.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt, der sich amerikanische und deutsche Unternehmen ausgesetzt sehen, ist kein Hindernis für die
kooperative Gestaltung des bilateralen Beziehungsgeflechts. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die
deutsch-amerikanische Freundschaft, die auf den
gemeinsamen Idealen der Freiheit, Menschenrechte,
Demokratie und Gerechtigkeit basiert, auch künftig
einen wichtigen Beitrag für Frieden, Stabilität und
Wohlstand leisten wird.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

* * *

*

Seite 5

�FULBRIGHT
15. Februar 1995

DER GRÜNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright
WASHINGTON - (AD) - Die Erinnerung an Senator
J. William Fulbright, der am 9. Februar 1995 verstarb, lebt durch die Tausenden Stipendiaten auf der
ganzen Welt fort, die an den von ihm ins Leben
gerufenen und vom Kongreß 1946 gesetzlich verankerten internationalen Austauschprogrammen
teilgenommen haben.
"Wir haben einen fürsorgenden Propheten, einen
führenden Politiker, einen Patrioten und einen guten
Menschen verloren, der auf eine bessere Welt
hinarbeitete", erklärte Dr. Joseph Duffey, Direktor
des für das Fulbright-Austauschprogramm zuständigen US-Informationsamts (United States Information
Agency - USIA).

als Senator jung waren... Unser Land steht in seiner
Schuld."
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl fügte der Präsident hinzu: "Ich bin
heute mit tiefem Dank erfüllt für die Gedanken, die er
(Fulbright) mir vermittelte, als ich ein junger Mann
war: Daß wir Frieden mit der Welt schließen können,
wenn wir besseres Verständnis anstreben, wenn wir
Jugendaustauschprogramme fördern und wenn wir
die Sache der weltweiten Bildung voranbringen."
Im Jahr 1993 verlieh Präsident Clinton Fulbright die
Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile
Auszeichnung des Landes.

Fulbright erlag im Alter von 89 Jahren zuhause in
Washington einem Herzinfarkt. Er war drei Wochen
zuvor mit Lungenentzündung ins Krankenhaus
eingeliefert worden.

Fulbright wurde 1942 in den Kongreß gewählt und
war dort über 30 Jahre lang ohne Unterbrechung
tätig, bis er 1974 in den Ruhestand trat. Danach war
er Sozius in einer Washingtoner Anwaltskanzlei.

Fulbright, Demokrat aus Arkansas, war 16 Jahre
lang - länger als jeder andere vor oder nach ihm Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des
Senats während der turbulenten sechziger und
frühen siebziger Jahre, als sich die Aufmerksamkeit
der Nation und eines Großteils der Welt auf die
Situation in Vietnam konzentrierte.

Vor seiner Wahl in den Kongreß hatte Fulbright zwei
Jahre lang das Amt des Rektors der University of
Arkansas inne.

Fulbright war ein vehementer Gegner des amerikanischen Engagements im Vietnamkrieg und nutzte den
Ausschuß als Forum zur Verurteilung des Krieges,
nachdem er Präsident Lyndon Johnson ärgerlich
beschuldigt hatte, ihn über den Zwischenfall im Golf
von Tongking 1964 irregeführt zu haben, der die
Vereinigten Staaten in Kampfhandlungen in Vietnam
einbezog.

Clintons damaliger Zimmergenosse, Tom Campell,
erklärte kürzlich in einem Interview, der Senator sei
für Clinton ein Vorbild gewesen. "Fulbright kam aus
einer kleinen Stadt in Arkansas, wurde an der Ostküste ausgebildet, war ein Rhodes-Stipendiat, kam
dann nach Arkansas zurück und hatte dort Erfolg"
bevor er ebenso wie Clinton landesweit Prominenz
erlangte.

Präsident Clinton äußerte gegenüber Journalisten im
Weißen Haus, Fulbright habe "einen außergewöhnlichen Beitrag zum Leben unseres Landes und
natürlich unseres Heimatstaats Arkansas geleistet.
Und er hat Abertausende inspiriert, die zu seiner Zeit

Fulbright war auf das Programm, das bis heute über
120.000 ausländische Besucher zum Lehren oder
Lernen in die Vereinigten Staaten brachte - von
einigen Monaten bis zu einem Studienjahr oder
länger - stolzer als auf alles in seinem Leben Gelei-

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Clinton war in den sechziger Jahren während seiner
Studienzeit an der Georgetown University als Assistent für Senator Fulbright tätig.

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�stete, und im Rahmen des Programms gingen
weitere 90.000 Amerikaner mit einem ähnlichen
Auftrag ins Ausland. Der Leiter von Pembroke
College (Oxford) bezeichnete dies einmal als "die
größte und bedeutendste Bewegung von Wissenschaftlern weltweit seit dem 15. Jahrhundert".
Viele der Fulbright-Stipendiaten wurden intellektuelle
Persönlichkeiten ihres Landes und wichtige Mitglieder der jeweiligen Regierungen. Einige, wie der
Generalsekretär der Vereinten Nationen, BoutrosGhali, erlangten national und international Ruhm.
Zu den amerikanischen Fulbright-Stipendiaten
zählen die Universitätsrektoren Derek Bok und
Hanna Gray, der Wirtschaftswissenschaftler Milton
Friedman, der Historiker Henry Steele Commager,
die Autoren John Updike und Eudora Welty, der
Musiker Aaron Copland, der Politiker Daniel Patrick
Moynihan und viele andere.
Niemand weiß genau, wieviele Millionen Studenten
in anderen Ländern Kurse bei amerikanischen
Professoren belegt haben, die an ihren Universitäten
dank eines Fulbright-Stipendiums unterrichteten.
Fulbright erklärte, als er das Programm unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben rief: "Ich
wollte etwas beginnen, das einen Gegenpol zu der
Gewalt bildete, die wie eine andauernde Infektion
zwischen Nationen ausbricht."

*

Seite 2

*

In seinem 1987 veröffentlichten Buch The Prlce of
Empire schrieb Fulbright: "Es ist ein bescheidenes
Programm mit einem unbescheidenen Ziel - der
Verwirklichung eines zivilisierteren, rationaleren und
menschlicheren internationalen Systems... Ich habe
an diese Möglichkeit geglaubt, als ich begann. Das
tue ich immer noch."
Fulbright wurde 1905 geboren. Er lebte auf einer
Farm, bis sein Vater eine kleine Bank in einer Stadt
kaufte. Die Bank florierte, und sein Vater erwarb
auch einen Zeitungsverlag. Fulbright führte seinen
Forschungsdrang auf seine Mutter zurück, die die
Zeitung leitete.
Fulbright machte 1925 seinen Abschluß an der
University of Arkansas, wo er Football-Star und
Präsident der Studentenvereinigung war. Nach dem
Examen erhielt er in einem äußerst strengen Auswahlverfahren ein Rhodes-Stipendium an der Oxford
University, wo er drei Jahre moderne Geschichte am
Pembroke College studierte. Im Anschluß daran
verbrachte er für Deutsch- und Französischstudien
ein Jahr in Österreich und der Schweiz.
Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten setzte
er sein Studium fort und legte 1934 sein juristisches
Staatsexamen an der George Washington University
ab. In dieser Zeit heiratete er seine erste Frau, die in
den sechziger Jahren starb. Das Ehepaar hat zwei
Töchter. 1991 heiratete er erneut.

*

*

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�PORTRAT
15. Februar 1995

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns
WASHINGTON - (AD) - Der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns, die Wahl Präsident Clintons
für das Amt des neuen Chefs des amerikanischen
Nachrichtendienstes, wird sich der Herausforderung
gegenübersehen, in einer Zeit haushaltspolitischer
Engpässe und weniger leicht identifizierbarer Sicherheitsbedrohungen eine tragfähige Rolle für den
CIA zu finden.

des Wandels unseren Nachrichtendienst zu leiten", so
der Präsident. Er bezeichnete Carns als "bewährten
Neuerer", der offen für neue Vorgehensweisen und
skeptisch gegenüber Binsenweisheiten sei. "Er ist

Clinton entschied sich für Carns als Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA und damit
als Leiter der Satellitenaufklärung sowie der Analyse
von Daten über die Fähigkeiten und Intentionen
anderer Staaten.

Carns tritt die Nachfolge von James Woolsey an, der
vergangenes Jahr als Direktor des amerikanischen
Nachrichtendienstes zurückgetreten war. Woolseys
nahezu zweijährige Amtszeit war gekennzeichnet von
Konflikten mit dem Kongreß: Einige Abgeordnete
kritisierten ihn wegen seiner Nachsichtigkeit gegenüber CIA-Mitarbeitern, die bei der Aufdeckung des
Spionagefalls Aldrich Arnes versagt hatten, sowie
wegen seiner angeblichen Täuschung des Kongresses im Zusammenhang mit den Baukosten für
neue CIA-Einrichtungen in Washington.

Bei der Bekanntgabe der Nominierung am 8. Februar 1995 erklärte Präsident Clinton: "General Carns
wird mit einer Herausforderung konfrontiert, deren
Schwierigkeit nur ihrer Bedeutung gleichkommt. Der
Kalte Krieg ist vorüber, aber an seine Stelle sind
viele neue Gefahren getreten."
Zu diesen Gefahren zählen dem Präsidenten zufolge
"regionale sicherheitspolitische Bedrohungen, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
Terroranschläge im Herzen unserer Großstädte,
Drogenhandel und internationales Verbrechen".
Obwohl diese Bereiche nicht alle zu den Prioritäten
des CIA zählen, äußerte Clinton, "sind die entscheidenden Vorteile des amerikanischen Nachrichtendienstes für dieses Land so wichtig wie eh und je".
Im Zusammenhang mit der über den Nachrichtendienst geführten kontroversen Diskussion stellte der
Präsident fest, die Amerikaner erführen selten etwas
über die Erfolge des Nachrichtendienstes oder die
Krisen, zu deren Vermeidung er beiträgt, sondern
nur "über seine gelegentlichen Rückschläge".
Aufgrund seiner "großen Erfahrung und außergewöhnlichen Qualitäten" sei Carns "die geeignete
Person, in dieser Zeit der Herausforderungen und

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sich der großen Bedeutung nachrichtendienstlicher

Tätigkeit bewußt, weil er sich darauf verlassen mußte,
als das Leben von Amerikanern und die Sicherheit
unseres Landes auf dem Spiel standen."

Teilweise als Ergebnis seiner Unzufriedenheit mit
Woolsey rief der Kongreß einen hochrangigen
Ausschuß zur Überprüfung des amerikanischen
Nachrichtendienstes ins Leben, zu dessen Vorsitzenden Präsident Clinton seinen ehemaligen Verteidigungsminister Les Aspin ernannte. Der Präsident
wies darauf hin, Carns könne zusammen mit diesem
Ausschuß und dem Kongreß "einen starken Konsens
über die Wiederbelebung des amerikanischen Nachrichtendienstes bilden, damit dieser klare Prioritäten
setzt und seine Ressourcen für die entscheidenden
Missionen einsetzt, die unserer Nation auch in
Zukunft den zeitgemäßesten, wichtigsten und ehrlichsten Nachrichtendienst der Welt bieten".
Laut Carns muß ein Ziel des Nachrichtendienstes
weiterhin Bestand haben: "Äußerst hochwertige
Informationen, Einschätzungen und Beurteilungen zu
liefern", mit deren Hilfe die Entscheidungsträger
"unsere nationale Sicherheit schützen und fördern
können". Carns will eigenen Angaben zufolge die

Seite 1

�bemerkenswerten Fähigkeiten auf nachrichtendienstlichem Gebiet "verbessern und anpassen", um die
neuen Herausforderungen anzugehen.
Obwohl der Nachrichtendienst aufgrund haushaltspolitischer Kürzungen schlanker wird, "werden wir in
wichtigen Fragen noch mehr unternehmen".
Einem hochrangigen Regierungsvertreter zufolge
paßt Carns gut in die Parameter Clintons für den
Posten an der Spitze des Nachrichtendienstes. Der
Präsident suchte einen Kandidaten, der nicht aus
der Welt der Nachrichtendienste stammt. Aufgrund
seines militärischen Hintergrunds entspricht Cams
der Vorstellung Clintons von einem CIA-Direktor, der
versteht, was der Nachrichtendienst in Konfliktsituationen leisten kann, fügte der Regierungsvertreter
hinzu. Ferner wünschte sich der Präsident für
diesen Posten eine Person mit Führungsqualitäten,
mit Erfahrung im Kommandobereich und der erwiesenen Fähigkeit, behördenübergreifende Operationen zu planen.
Die ersten Reaktionen von Seiten des Kongresses
und des Nachrichtendienstes waren positiv. Senator
Arien Specter bezeichnete Cams als "soliden Kandidaten". Specter, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats, stellte fest, die Nation
befinde sich an einem wichtigen Scheideweg, an
dem die Zukunft des Nachrichtendienstes beschlossen werde, und Carns, der Präsident und der
Kongreß sähen sich einigen äußerst harten Entscheidungen gegenüber.
Robert Gates, der unter Präsident Bush CIA-Direktor
war, hält Carns für einen "phantastischen Kandidaten. Er nutzte den Nachrichtendienst und versteht
sehr viel von der Beschaffung nachrichtendienstlicher Informationen." Gates kennt Carns seit einem
Jahrzehnt und arbeitete in dieser Zeit mit ihm
zusammen.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat wird
Carns der erste Militärangehörige im Amt des CIADirektors seit den siebziger Jahren, als Admiral
Stansfield Turner die Beschaffung und Analyse
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leitete. Ebenso

*

Seite 2

wie Turner wird Cams schwierige Entscheidungen
über eine Verkleinerung des CIA treffen müssen, der
größten ihm unterstehenden nachrichtendienstlichen
Einrichtung.
Carns wird mit einem vom Präsidenten eingesetzten
Ausschu ß zusammenarbeiten, der eine grundlegende
Überprüfung des Nachrichtendienstes im Zeitalter
nach dem Kalten Krieg vornehmen soll. Dieser
Ausschuß wurde nicht nur als Konsequenz des
Spionagefalls Aldrich Arnes eingesetzt, sondern auch
als Reaktion auf seit langem vom Kongreß gestellte
Forderungen, eine Duplizität nachrichtendienstlicher
Funktionen zu vermeiden sowie nach Konsolidierung
anderer nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Kritiker
aus dem Kongreß behaupten, die Nominierung
Michael Carns für das Amt des CIA-Direktors sei
irreführend, da er keine Macht habe, über den CIA
hinausgehende Aktivitäten zu leiten.
Carns, ein ehemaliger Kampfpilot, flog mehr als 200
Kampfeinsätze in Vietnam, diente über drei Jahrzehnte in der US-Luftwaffe, koordinierte humanitäre
Hilfseinsätze in Bosnien und Ruanda und half bei der
Organisation des erfolgreichen Lufteinsatzes gegen
die Streitkräfte Saddam Husseins, als eine Koalition
der Alliierten die irakische Invasion in Kuwait abwehrte.
Carns verließ die Luftwaffe im letzten Jahr nach
dreijähriger Tätigkeit als Stellvertretender Stabschef.
Seit letzten September ist er in Kalifornien als Unternehmensberater tätig. Vorher war er Stellvertretender Kommandeur des amerikanischen Pazifikkommandos und wirkte an der Aushandlung des Washingtoner Abkommens mit den Philippinen über die
Schließung militärischer Stützpunkte mit.
Unter General Colin Powell war er von 1989 bis 1991
Personaldirektor bei den Vereinigten Stabschefs und
an der Ausarbeitung der Operation Wüstensturm
gegen den Irak beteiligt.
Carns ist der Sohn eines pensionierten Heeresgenerals. Sein Sohn dient derzeit in der Luftwaffe, seine
Tochter ist Kadett an der Luftwaffenakademie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 06

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Nation für ganz Europa, einschließlich Russlands &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Perspektiven der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Fulbright&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Gründer des weltweiten Stipendienprogramms&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum Tod von Senator J. William Fulbright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der neue CIA-Direktor in der Zeit nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Michael Carns&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

8. Februar 1995

05

USA-EUROPA

DIE NEUE EUROPAISCHE
SICHERHEITSARCHITEKTUR
Rede von Botschafter Kornblum

USA-DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN - ZU EINER NEUEN
TAGESORDNUNG
von Dr. Jackson Janes

MENSCHENRECHTE

DIE WELTWEITE
MENSCHENRECHTSSITUATION
Übersicht über die Berichte des
US-Außenministeriums

RÜSTUNGSKONTROLLE

DAS WICHTIGSTE JAHR IN DER GESCHICHTE
DER RÜSTUNGSKONTROLLE
Von ACDA-Direktor Holum

LANDMINEN

USA ENGAGIEREN SICH FÜR LÖSUNG DES
WELTWEITEN PROBLEMS DER LANDMINEN
Erklärung von Außenminister Christopher

SOZIALGIPFEL

UNO BEENDET PLANUNG FÜR DEN
WELTGIPFEL ÜBER SOZIALE ENTWICKLUNG
Konzentration auf Ursachen sozialer Probleme

Wir bitten unsere Leser um Verständnis,
daß der Amerika Dienst wegen des
Hochwassers letzte Woche nicht erscheinen konnte

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�USA-EUROPA
8. Februar 1995

DIE NEUE EUROPÄISCHE SICHERHEITSARCHITEKTUR
Ausführungen von Botschafter Kornblum
WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten
im US-Außenministerium, John Kornblum, machte am 24. Januar 1995 im ausländischen Pressezentrum des
US-Informationsamts (USIA) die nachfolgenden Ausführungen über die neue europäische Sicherheitsarchitektur.

Ich möchte mit dem Wort "Architektur" beginnen warum wir über etwas so Geheimnisvolles wie
Sicherheitsarchitektur sprechen, das zweifelsohne für
die meisten keine große Bedeutung hat, bis sie
darüber nachzudenken beginnen. Die Geschichte
Europas, die Beziehungen zwischen den Ländern
Europas - und in der Tat die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa - wurden
zumindest in diesem Jahrhundert um Strukturen der
einen oder anderen Art herum organisiert. Wenn
man heute über die Welt nachdenkt, ist dies in
vielen Teilen dieser Welt anders geworden. Beispielsweise gibt es in Asien keine Sicherheitsarchitektur. In Lateinamerika gibt es keine Sicherheitsarchitektur. Noch wichtiger ist, daß sich das Gefühl
der Sicherheit in Ländern wie Asien oder Lateinamerika nicht so eindeutig wie in Europa dadurch
definiert, ob es eine Architektur gibt oder nicht.
Unter Architektur verstehen wir Beziehungen zwischen Menschen, Ländern und Organisationen, die
sowohl das Gefühl als auch das Wesen von Kooperation, der Bewahrung von Stabilität und Berechenbarkeit vermitteln. Jahrhundertelang gab es so
etwas wie das Heilige Römische Reich, das nach
Meinung der meisten nichts dergleichen war. Aber
es vermittelte ein sehr klares Gefühl der Organisation, Beziehungen und der Architektur in Europa, die
das Gleichgewicht in dem äußerst komplexen
Gefüge von Kulturen, Ländern und Geschichte
aufrechterhielt, das auf diesem Kontinent besteht. In
einer anderen Periode waren es vornehmlich viele
miteinander verwandte Dynastien, die das Gefühl
der Beziehungen untereinander bewahrten.
Seit 1945 gründete sich die Sicherheitsarchitektur in
Europa viele Jahre auf zwei klar entgegengesetzte
Machtblöcke, die in politischer, ideologischer, geographischer und nicht zuletzt militärischer Hinsicht
Gegner waren. Und es gab eine sehr klare Teilung

AMERIKA DIENST 05

mitten durch das Zentrum Europas, die für die beiden
Teile dieser Architektur stand.
Seit 1991/92, seit dem Ende der kommunistischen
Regime in Mitteleuropa und dem Zusammenbruch
der Sowjetunion, hat Europa keine klar definierte
Sicherheitsarchitektur mehr. Es war eine Periode
tiefgreifender Veränderungen, die sowohl zu Konflikten - von denen viele von der alten Sicherheitsarchitektur nur überdeckt worden waren - als auch zu
einem beträchtlichen Maß an Unsicherheit unter den
Völkern in Ost und West bezüglich der zukünftigen
Sicherheitsbeziehungen in Europa führte.

Heute ist dies nicht nur eine Aufgabe für Diplomaten,
Journalisten oder Professoren, sondern reales
business. Länder wie Polen oder Bulgarien, oder
vielleicht noch eher Georgien oder Armenien - mit
einem sehr großen, schlechten Erbe - müssen ein
Gefühl der Stabilität und Berechenbarkeit haben,
damit sie mit dem Aufbau des Landes fortfahren
können. In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg war es eben die um den Marshallplan und
die ersten europäischen Gemeinschaften - die
Montanunion und die NATO - gebaute Sicherheitsarchitektur, die den Ländern Westeuropas die erforderliche Stabilität für den Wiederaufbau ihrer Gesellschaften und Volkswirtschaften sowie ein Gefühl der
Zusammenarbeit und letztlichen Integration untereinander vermittelte, das zu den friedlichen und wohlhabenden westeuropäischen Gemeinschaften von
heute führte.
Der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur in Europa ist
also die essentielle Frage des Aufbaus von Demokratie, stabiler Gesellschaften sowie eines stabilen und
gerechten Friedens auf dem gesamten Kontinent, und
dies ist eine der wichtigsten uns heute konfrontierenden Aufgaben. Die Frage lautet dann natürlich: Was
ist diese neue Architektur?
Unseres Erachtens

Seite 1

�sollten sich Europa und die transatlantische Welt
vornehmlich auf den Erfolg konzentrieren.
Es gibt zwei äußerst erfolgreiche Sicherheitsinstitutionen, die in Europa funktionieren. Eine ist die
NATO, die andere die Europäische Union (EU), die
beide auf eine eindeutige Bilanz der Zusammenarbeit bei Sicherheit und Integration unter den
Ländern Westeuropas und der atlantischen Region
zurückblicken. Zweitens haben sie jedoch die
Ressourcen, Fähigkeiten und den Vorsprung, ihre
Kooperation und ihren Geltungsbereich auf andere
Teile Europas auszuweiten und die Grundlage für
einen noch umfassenderen Frieden in Europa zu
schaffen.
Beide Institutionen haben seit ungefähr 1990 Erweiterungsprogramme eingeführt. Hier ist jedoch die
Feststellung wichtig, daß Erweiterung nicht zwangsläufig neue Mitglieder bedeutet. Die NATO begann
1990 beim Londoner Gipfel mit einem äußerst
umfassenden Programm der Erweiterung ihrer Rolle
in Europa. Als erstes erklärte sie, sie sei niemandes
Feind, und insbesondere nicht der Sowjetunion zu
jener Zeit. Zweitens schuf sie neue Beziehungen zu
den Ländern des ehemaligen Warschauer Pakts.
Diese wurden mit der Gründung des Nortdatlantischen Kooperationsrats 1991 ausgeweitet und mit
der Gründung der Partnerschaft für den Frieden im
Jahr 1994 wiederum erweitert. Es gibt viele Aspekte
- das Wissenschaftsprogramm der NATO, das
Umweltprogramm der NATO - die alle in Richtung
Osten neu orientiert wurden. Dies ist eine Erweiterung der Rolle und der Struktur der NATO für
Frieden in Europa. Dasselbe kann über die Europäische Union gesagt werden. Sie hat in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich neue Mitglieder
aufgenommen und erst im Herbst drei weitere
hinzugefügt.
Es hat jedoch auch die Unterzeichnung von Assoziierungsabkommen und sogenannten Europa-Abkommen mit Ländern außerhalb ihres derzeitigen Territoriums gegeben. Die NATO hat bereits erklärt, daß
sechs Länder Mitteleuropas sich als Anwärter für die

Mitgliedschaft betrachten können und einen Erweiterungsprozeß in diese Richtung eingeleitet.
Noch wichtiger ist aber vielleicht die Tatsache, daß
sowohl die NATO als auch die Europäische Union
als westliche Institutionen, die jetzt einen umfassenderen europäischen Auftrag anzunehmen versuchen,
sich eindeutig als diejenigen dargestellt haben, die
von den neuen Demokratien gewünschte Einrichtungen und Lösungen bieten. Um Fuß zu fassen,
wollen die neuen Demokratien Teil der westlichen
Welt werden. Die Aufgabe wird darin bestehen, der
westlichen Welt die Erweiterung ihrer Werte, Ver-

Seite 2

fahren und ihres Geltungsbereichs zu gestatten, ohne
neue Linien durch Europa zu ziehen, was wiederum
bedeuten würde: Hier ist der Westen, hier ist der
Osten.
Aus amerikanischer Sicht müssen zwei wichtige
Schritte folgen. Erstens waren weder die NATO noch
die Europäische Union je als umfassende Organisationen konzipiert, um alle Länder in Europa einzubeziehen. Es gibt jedoch eine jetzt als Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
bezeichnete Organisation - die bisherige KSZE - mit
53 Mitgliedstaaten, die in der Tat den gesamten
nördlichen Quadranten der Erde abdeckt. Alle 24
Zeitzonen der Welt werden von der OSZE erfaßt, von
Alaska bis zur Halbinsel Kamchatka. Und diese
Organisation erfaßt in der Tat alle Länder, die für die
europäische Sicherheitssituation relevant sind.
Die OSZE basiert auch nicht auf den umfassenden
Integrationsbestrebungen und dem Konsens, die
Grundlage der NATO und der Europäischen Union
sind, sondern vielmehr auf der Idee der Vielfalt solcher Vielfalt, daß man nicht von einer unverzüglichen klaren Einigung ausgehen kann. Vielmehr
versucht man, Einigung durch Konsens bei den
Grundprinzipien zu erzielen. Und die KSZE, jetzt
OSZE, hat eine Reihe von Grundprinzipien festgelegt,
die praktisch die Richtlinien für den Aufbau der neuen
Sicherheitsarchitektur in Europa sind. Die jetzt durch
das Budapester Gipfeltreffen im Dezember erweiterte
OSZE sollte eine äußerst wichtige Rolle in dieser
Architektur übernehmen.
Schließlich sollten wir meines Erachtens direkt die
Rolle Rußlands ansprechen. Wie wir wissen, ist
Rußland ein riesiges Land, eine Großmacht, das
größte und potentiell mächtigste Land auf der europäisch-eurasischen Landmasse. Man kann sich keine
Art von Sicherheitsstruktur in Europa vorstellen, die
nicht eine sehr direkte und hoffentlich positive Rolle
Rußlands beinhaltet.
Das bedeutet nicht, daß
Rußland sofort Mitglied der Europäischen Union oder
der NATO werden sollte. Obwohl die NATO in keiner
Weise ihre Mitgliedschaft zu begrenzen versucht, ist
die Annahme realistischer, daß Rußland nicht zu den
ersten in die NATO aufgenommenen neuen Mitgliedern zählen wird.
Gleichzeitig ist es wichtig, daß wir kooperative
Beziehungen zu Rußland aufbauen, und wie Sie
wissen, traf sich Außenminister Christopher vergangene Woche mit seinem russischen Amtskollegen
Kosyrew in Genf. Sie haben ein äußerst fruchtbares
Gespräch über die Modalitäten des Aufbaus von
Sicherheitsbeziehungen geführt, darunter eine neue
Rolle und eine neue Aufgabe für die NATO sowie
enge Beziehungen zu Rußland. Es gibt darauf noch

AMERIKA DIENST 05

�keine Antwort. Die Antwort - wenn sie gefunden
oder entworfen ist - wird praktisch das neue Design
der neuen Sicherheitsarchitektur sein. Ich kann
Ihnen jedoch versichern, daß sowohl die Vereinigten
Staaten als auch die NATO einen engen und kontinuierlichen Dialog mit Rußland beabsichtigen um
sicherzustellen, daß Rußland sich mit uns als kooperativer Partner entwickelt, während sich die westlichen Sicherheitsinstitutionen entwickeln. Am Ende
des Prozesses, oder sogar während sich der Prozeß
in den kommenden Jahren vollzieht, sollte ein gemeinsamer Übergang stehen, eine Entwicklung
sowohl der westlichen Institutionen als auch eine
Entwicklung der umfassenderen Strukturen, die
gewährleisten, daß alle sich bis zur pazifischen
Küste erstreckenden Länder ein Gefühl der Beteiligung an einer kooperativen Organisation haben.

*

AMERIKA DIENST 05

Die NATO wird ihrerseits das Jahr 1995 mit der
Erörterung dieser Themen verbringen und ihr Konzept vorlegen, wie und warum sie eine Erweiterung
vornehmen sollte. Wie lauten also die Ziele und
Parameter der Erweiterung? Es wird keine Entscheidung bezüglich einzelner neuer Mitglieder
geben, es wird keine Entscheidung bezüglich des
Zeitpunkts geben. Wir hoffen, in der zweiten Hälfte
des Jahres 1995 Gespräche mit allen Mitgliedern der
Partnerschaft für den Frieden - die dies wünschen
und zu denen Rußland zählt - aufnehmen zu können,
um ihnen das Wie und Warum der NATO-Erweiterung zu erläutern. Nach dem Ministertreffen im
Dezember 1995 werden wir dann entscheiden, wie
der Prozeß fortgesetzt werden sollte. Bisher wurden
noch keine Entscheidungen getroffen, aber Sie
können sich vorstellen, daß man zum nächsten
Stadium der Erwägung neuer Mitglieder übergeht.

* * *

*

Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
8. Februar 1995

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN ZU EINER NEUEN TAGESORDNUNG
von Dr. Jackson Janes
BONN - (AD) - Dr. Jackson Janes befindet sich auf einer vom US-Informationsamt (USIA) geförderten
Europareise. Nachfolgend veröffentlichen wir seine Gedanken zur Außenpolitik der Clinton-Administration, die
er in einem Vortrag am 16. Februar 1995 vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Bonn darlegen wird.

Während meines fünfjährigen Aufenthaltes hier in
Bonn war ich Direktor des Europabüros des German
Marshall Fund der Vereinigten Staaten. Wie Sie
wahrscheinlich wissen, befaßt sich diese Organisation mit der Förderung von Austauschprogrammen
zwischen Europäern und Amerikanern. Schwerpunkt
dieser Austauschprogramme sind in der Regel nicht
außenpolitische Themen, sondern vielmehr die
zahlreichen innenpolitischen Fragen und Herausforderungen, die Europäer und Amerikaner gleichermaßen betreffen. In meiner derzeitigen Funktion als
geschäftsführender Direktor des amerikanischen
Instituts für zeitgenössische Deutschstudien widme
ich mich weiterhin vornehmlich diesen Themen von
gemeinsamem Interesse für Deutsche und Amerikaner.
Meines Erachtens wird diese Interaktion
zwischen außen- und innenpolitischen Themen, die
für unsere Politik und damit unsere Beziehungen
relevant ist, sehr viel komplexer, sehr viel unberechenbarer und deshalb sehr viel wichtiger für alle,
die sich mit der Vertiefung des deutsch-amerikanischen Dialogs in der Zeit nach dem Kalten Krieg
befassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die transatlantischen Beziehungen durch die zentrale Bedeutung
einer einzigen militärischen Bedrohung des Atlantischen Bündnisses, der Teilung Europas entlang der
Linien dieser Bedrohung, der Vorherrschaft amerikanischer Wirtschaftsmacht zur Finanzierung der
Sicherheit Westeuropas sowie der Ermutigung der
Gesundung westeuropäischer Volkswirtschaften und
der Akzeptanz der amerikanischen Führungsrolle und
des Verlassens darauf definiert. Die den transatlantischen Beziehungen dienenden Institutionen spiegelten diese Machtkonstellation wider. Die europäischen
Institutionen entwickelten sich in einem Umfeld, in
dem die wirtschaftliche und politische Gleichung für
die westeuropäische Integration günstig war. Die
NATO war ein Instrument der Selbstverteidigung für
Europäer und Amerikaner gleichermaßen. Das GATT
entstand zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten
prosperieren und gleichzeitig ihre Verbündeten zum
Wettbewerb ermutigen konnten.

Heute sind wir sicherlich in einer Position, die Worte
des ehemaligen Außenministers Dean Acheson zu
wiederholen, der seine Beteiligung an der Gestaltung
der Machtkonstellation der unmittelbaren Nachkriegszeit folgendermaßen beschrieb: "Ich war dabei."
Auch wir haben das Privileg, bei der Gestaltung
einer neuen Epoche dabei zu sein. Ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Situationen ist
vielleicht, daß wir nicht in einem gespannten bilateralen ideologischen Kampf verhaftet sind, sondern
vielmehr quasi ohne Leitfaden mit multilateralen
Problemen kämpfen. Aus diesem Grund sollten wir
unsere Interessen und Ziele sorgfältig so eindeutig
wie möglich definieren, während wir uns der endlo-

Die derzeitigen Gegebenheiten in Europa und den
Vereinigten Staaten spiegeln eine sehr viel komplexere Verteilung von Macht, Einfluß und Verantwortung wider. Die Definition von Sicherheit hat sich
über Militärpolitik hinaus verlagert und bezieht neue
Risiken und Bedrohungen der europäischen und
amerikanischen Interessen ein: Die Regelung des
Welthandels, technologische und umweltpolitische
Zusammenarbeit und Kontrolle, die Stabilisierung
neuer Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa und
der GUS, internationale Migration, nukleare Weiterverbreitung und die ethnisch-nationalistischen Spannungen, die sich heute so schmerzlich in Bosnien,
Tschetschenien und ganz Afrika manifestieren. Die

AMERIKA DIENST 05

sen Aufgabe der Festlegung widmen, wie wir einander bei ihrer Erlangung behilflich sein können.

Seite 1

�Bewältigung dieser Probleme erfordert das Engagement und die Zuständigkeit zahlreicher Organisationen. Neue Gleichungen von Macht, Partnerschaft
und Frieden in den transatlantischen Beziehungen
werden benötigt. Aber es wird kein leichter Übergang sein, da wir nicht sicher sein können, welche
Institutionen und Organisationen für die uns konfrontierenden Bedrohungen gewappnet sind.
Die transatlantischen Beziehungen werden zunehmend von einer Kombination von Lasten- und
Machtteilung gekennzeichnet sein. Die Vereinigten
Staaten werden weiterhin als Macht mit globalen
Interessen, aber in einem polyzentrischen Umfeld
handeln, in dem die Europäische Union bereits eine
wichtige Rolle spielt. Außenminister Christopher hat
das Leitprinzip der amerikanischen Außenpolitik
definiert: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig. Es gibt jedoch noch immer zu viele
Fragen bezüglich der Definition der Unterschiede.
Und angesichts der Tatsache, daß der Erfolg der
amerikanischen Außenpolitik sich auf das Ausmaß
an Unterstützung gründen wird, die von den Partnern kommt, werden die Vereinigten Staaten sehr
viel mehr als bisher gefordert sein, ihre Interessen
an die Zielsetzung und Interessen anderer zu
koppeln, die ebenfalls sagen könnten: Gemeinsam
wenn möglich, im Alleingang wenn nötig.
Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bewußt
machen, daß es ein zunehmend wichtiges und
kompliziertes Junktim zwischen der innenpolitischen
Debatte über die Konsensbildung in der Außenpolitik
und der Schaffung eines gemeinsamen Bezugsrahmens für politische Entscheidungen gibt. Im
Gegensatz zu der Schwarzweißmalerei der Landkarte des Kalten Krieges ist die Welt nach 1989 ein
Kaleidoskop von Farben und sich verändernden
Konstellationen.
Ich habe einen Paß mit Stempeln von drei Staaten,
die nicht mehr existieren. Jetzt gibt es eine Machtverteilung auf vielen Ebenen der Entscheidungsfindung, einschließlich subnationaler und supranationaler Einheiten mit sich erweiterndem Einfluß. Eine
neue Weltordnung - ein Gesamtkonzept - haben wir
nicht. Und vielleicht ist es am besten, wenn wir uns
mit der Definition nicht beeilen, bevor wir unsere
Vision an die veränderte, vor uns liegende Landschaft angepaßt haben.
Unter diesen Umständen gibt es keine wichtigeren
Beziehungen als die zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Deutschland ist die führende
Nation Europas und wird - wörtlich und im übertragenen Sinne - im Zentrum der konzentrischen
Kreise europäischer Beziehungen und Institutionen
stehen. Die Vereinigten Staaten sind die einzige

Seite 2

Supermacht mit ehrgeizigen Zielen, aber begrenzteren Mitteln. Die Senior-Junior-Beziehung funktioniert
nicht, steht auch nicht für die reale Gleichung zwischen den beiden Ländern, und wir müssen eine
neue Logik der Zusammenarbeit artikulieren. Die
Vereinigten Staaten und Deutschland müssen aufeinander blicken, um eine Reihe gemeinsamer Ziele zu
erlangen, während sie Lasten, Macht und Einfluß
teilen.
Wie lauten diese Ziele? Allgemein formuliert sind
diese Ziele, was sie immer gewesen sind: Die
Bestrebungen zur Gewährleistung einer friedlichen
Weltordnung auf der Grundlage von globalem Wirtschaftswachstum und Handel. Während der vergangenen 40 Jahre waren Deutschland und die
Vereinigten Staaten vehemente Verfechter dieser
Ziele und die Gewinner. Die Bewahrung der Sicherheit der Bundesrepublik war der Grundstein des
Tauschhandels zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland. Dies ist noch immer so. Aber die
Bedeutung von Sicherheit ist heute sehr viel komplexer, und das Umfeld, in das wir diese Sicherheit
betten müssen, ist weiter und unberechenbarer
geworden.
Obwohl die Bestrebungen zur Stabilisierung des
Mächtegleichgewichts mit militärischer Macht während des Kalten Krieges entscheidend waren, rücken
die derzeitigen Herausforderungen die wirtschaftlichen Aspekte der Gewährleistung des Friedens sehr
viel mehr in den Mittelpunkt.
Dies ist auf innenpolitischer sowie auf globaler Ebene
der Fall. Die Gesundheit der Binnenwirtschaften
Deutschlands, der Europäischen Union und der
Vereinigten Staaten ist ein Netzwerk mit strategischer
Bedeutung für die Aufrechterhaltung von Wachstum,
Beschäftigung und Handel auf der ganzen Welt.
Es ist klar, daß wir uns auf die wachsende Notwendigkeit der Koordinierung unserer Maßnahmen nicht
nur auf der Ebene der Makroökonomie, sondern auch
im Hinblick auf unsere Innenpolitik konzentrieren
müssen. Dies gilt für die Bewältigung der Herausforderungen bei der Kontrolle der Waffenverbreitung,
der globalen Zerstörung der Umwelt, bei der Drogenbekämpfung, der weltweiten Immigration und vor
allem unserer Geld- und Steuerpolitik. Wir müssen
uns auch der uns konfrontierenden Probleme bei der
Erlangung eines Konsenses zu diesen Maßnahmen
bewußt sein, insbesondere jetzt, da der innenpolitische und internationale Zusammenhalt am Zerbrechen ist.
Ich möchte kurz auf die innenpolitische Dimension
dieser Herausforderung eingehen, weil sie meines
Erachtens wichtig für jede Diskussion über die

AMERIKA DIENST 05

�spezifischen außenpolitischen Themen ist. Ebenso
wie die deutschen Wörter Schnaps, Angst, Waldsterben und Gesundheit während der vergangenen
100 Jahre Teil des amerikanischen Sprachgebrauchs geworden sind, wird vielleicht auch das
Wort Verdrossenheit eines Tages vertraut werden.
In den Vereinigten Staaten herrscht die weitverbreitete Ansicht, daß die Regierung zu groß geworden ist und man ihr nicht vertrauen kann. Die
Herausforderung für jeden Interessenten an der
Kandidatur für ein prominentes öffentliches Amt
besteht darin, den zunehmend indiskreten Medien
standzuhalten, die an der Beleuchtung jedes Details
des öffentlichen und Privatlebens interessiert sind.
Nach Jahren des Aufbaus von Bürokratien und des
Lobbyismus in Washington ist der Entscheidungsprozeß immer beschwerlicher geworden mit der
Folge, daß die Konsensbildung leidet und die Angst
der Wähler mit dem Ärger wächst. Wir müssen uns
vor Augen führen, daß im Weißen Haus ein Präsident residiert, der mit 43 Prozent der Stimmen
gewählt wurde, und ein Fünftel der Wähler nur aus
Protest zu den Wahlurnen ging und für Ross Perot
stimmte. Im November 1994 gaben die Wähler
beide Häuser des Kongresses an die Republikaner
zurück - eine schreckliche Niederlage für Präsident
Clinton und ein enormer Sieg für Newt Gingrich und
seinen Kreis republikanischer Politiker. Die Analyse
der Wahlergebnisse dauert noch an, aber die
gängigsten Erklärungen hatten weniger mit Clintons
aktueller Bilanz im Weißen Haus zu tun, sondern
mehr mit der weitverbreiteten Frustration über die
Institutionen, die traditionell Wähler an den politischen Prozeß gebunden haben. Es herrscht ein
Gefühl vor, daß der politische Prozeß grundlegend
von den Belangen der Bürger abgekoppelt wurde.
Dieses Phänomen enthält einige Widersprüche.
Diejenigen, die sich einerseits für weniger Regierung
aussprechen, erwarten immer noch die Vorteile der
Regierung, die so umfassend Teil der amerikanischen Gesellschaft und ihres nationalen Budgets
geworden ist.
Dieses Phänomen ist auch nicht auf die Vereinigten
Staaten beschränkt, wie Ihnen jeder versichern kann,
der vor kurzem in Italien, Frankreich oder Großbritannien war. Aber in den Vereinigten Staaten
findet zur Zeit eine ernsthafte Debatte statt, die sich
darauf konzentriert, was wir vom Staat und vom
Bürger erwarten können und sollten, was die Vereinigten Staaten von sich selbst auf der Weltbühne
erwarten können und sollten, und was sie von ihren
Verbündeten erwarten können.
Es gibt keine Debatte zwischen Demokraten und
Republikanern, sondern vielmehr eine Debatte über

AMERIKA DIENST 05

die vielen unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb
der beiden Parteien über die Rolle der Regierung wie sie den Menschen bei tiefgreifenden Veränderungen der Volkswirtschaft behilflich sein kann, und
wie sie die Unsicherheiten einer veränderten internationalen Arena bewältigen sollte. Meiner Ansicht
nach werden die in dem sogenannten "Vertrag mit
Amerika" dem amerikanischen Volk von den Republikanern unterbreiteten zahlreichen Vorschläge
bestenfalls zu einer angeregten Diskussion führen,
wobei wahrscheinlich sehr viel weniger dieser Vorschläge Gesetzeskraft erhalten als erwartet, aber
mehr Kompromisse kreative Innovationen bergen.
Schlimmstenfalls
Fortsetzung der
dem Mangel an
zunächst einmal
war.

könnte die Diskussion zu einer
sogenannten "Pattsituation" oder
Veränderungen degenerieren, der
der Grund für die Unzufriedenheit

Mir scheint, daß sich bereits signifikante Anzeichen
für Veränderungen abzeichnen, insbesondere im
Hinblick auf die Wiederbelebung des Föderalismus
und die Reform des Sozialwesens. Wir sehen uns
immer noch mit ernsthaften Fragen konfrontiert - wie
wir die illegale Einwanderung bekämpfen können,
was wir mit den 35 Millionen Amerikanern ohne
Krankenversicherung machen sollen, wie Amerikanern weiterhin Bildung und Ausbildung geboten
werden kann, damit sie auch in der Volkswirtschaft
von morgen Fuß fassen.
Was hat dies alles mit Außenpolitik zu tun? Was hat
dies alles mit den Problemen zu tun, denen wir uns
in Bosnien gegenübersehen? In welchem Zusammenhang steht dies zur Erweiterung der NATO oder
den Erwartungen der Vereinigten Staaten bezüglich
Deutschland in dem sich wandelnden Kontext eines
Europas nach dem Kalten Krieg?
Diejenigen unter Ihnen, die Präsident Clintons Bericht
zur Lage der Nation gehört haben, wissen, daß über
außenpolitische Themen nicht viel gesagt wurde.
Wenn Sie den "Vertrag mit Amerika" lesen, werden
Sie einen Absatz über außenpolitische Fragen
entdecken.
Bedeutet das, daß die Vereinigten
Staaten isolationistisch geworden sind? Ich glaube
nicht. In der Welt von heute ist Isolationismus in
Wirklichkeit eine Einstellung, keine Politik. Angesichts des Ausmaßes von Interdependenz im transatlantischen Bündnis enthalten die sich uns heute
bietenden Chancen nicht Isolationismus, sondern
eine neue Definition der Kosten und Nutzen der
Partnerschaft zur Erlangung unserer Ziele. Der
Präsident hat das NAFTA-Abkommen zweifelsohne
äußerst aggressiv vorangetrieben, da er enorme
Vorteile für die amerikanische Wirtschaft sah.
Andererseits war er nicht bereit, Bodentruppen nach

Seite 3

�Bosnien zu entsenden, weil er der Ansicht ist, daß
die amerikanische Öffentlichkeit dies nicht unterstützen würde. In Haiti hatte er das Gefühl, Truppen
entsenden zu können, ohne eine Verurteilung durch
den Kongreß oder die Öffentlichkeit befürchten zu
müssen.
Tatsache ist, daß nach dem Ende des Kalten
Krieges die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
weniger von einer auf alle Situationen anwendbaren
dominanten ideologischen Herausforderung getrieben ist. Sie wird mehr durch die andauernde
Verteilung der Macht gestaltet, die Koalitionen mit
Partnern erforderlich, es jedoch weniger wahrscheinlich macht, daß sich die Vereinigten Staaten in jeder
Situation engagieren.
Henry Kissinger hat diesen Trend folgendermaßen
beschrieben: "An der Schwelle zum 21. Jahrhundert
sind enorme globale Kräfte am Werk, die die Vereinigten Staaten weniger außergewöhnlich machen.
Die amerikanische Militärmacht wird in absehbarer
Zukunft konkurrenzlos sein.
Dennoch ist der
Wunsch der Vereinigten Staaten, diese Macht in die
vielen kleinen Konflikte - Bosnien, Somalia, Haiti - zu
projizieren, eine entscheidende konzeptionelle
Herausforderung für die Au ßenpolitik der Vereinigten
Staaten. Die Vereinigten Staaten werden wahrscheinlich bis weit ins nächste Jahrhundert die
mächtigste Volkswirtschaft der Welt sein. Dennoch
wird sich der Wohlstand weiter ausbreiten, ebenso
wie die Technologie zur Schaffung von Wohlstand.
Die Vereinigten Staaten werden sich mit einer während des Kalten Krieges nie gekannten Art von
wirtschaftlichem Wettbewerb konfrontiert sehen."
Wir werden - wie Kissinger ausführt - doppelt so
starke Auswirkungen der Zersplitterung des internationalen Systems erleben wie während der vergangenen 50 Jahre und gleichzeitig eine Globalisierung der jetzigen Probleme. Vielleicht ist die Feststellung von Interesse, daß die Vereinten Nationen
bei ihrer Gründung vor 50 Jahren 51 Mitglieder
zählten. Heute sind es 167. Vor 50 Jahren zeigte
sich die Dominanz der amerikanischen Wirtschaft an
der Tatsache, daß über ein Drittel der gesamten
wirtschaftlichen Produktion "made in America" war.
In der heutigen Wirtschaft gibt es viele Akteure, die
den haushalts- und währungspolitischen Kurs des
jeweils anderen Staates bestimmen, sei es in Tokio,
Frankfurt, Washington oder Mexiko City.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen unterstrich die Clinton-Administration die Notwendigkeit
eines multilateralen Ansatzes, starker Einbeziehung
der Vereinten Nationen sowie der Zusammenarbeit
mit den Verbündeten. Der derzeitige Trend im von
den Republikanern dominierten Repräsentantenhaus

Seite 4

besteht in der Abkehr vom Multilateralismus, größerer
Distanz zu den Vereinten Nationen und der Forderung, daß Engagement im Ausland vorwiegend oder
ausschließlich den amerikanischen Interessen dienen
soll.
Wir waren schon einmal in einer solchen Situation nach dem Vietnam-Krieg. Der Kongreß reagierte auf
diesen Krieg mit dem Versuch, die außenpolitischen
Entscheidungen des Präsidenten durch das War
Powers Act starken Einschränkungen zu unterwerfen.
Dies war nach dem Debakel in Südostasien ein klarer
Trend des Rückzugs in sich selbst. Einige Jahre
später gestaltete Präsident Reagan jedoch den
Dialog über die Außenpolitik und die Rolle der
Vereinigten Staaten in der Welt neu, indem er die
Notwendigkeit betonte, der Sowjetunion die Stirn zu
bieten und die Amerikaner in ihrer traditionellen
Überzeugung bestärkte, die Vereinigten Staaten
hätten die Aufgabe, die Demokratie in der Welt zu
sichern.
Durch das Fehlen der einigenden Bedrohung durch
die Sowjetunion und in Anbetracht einer Vielzahl
innenpolitischer Probleme auf seiner Tagesordnung
ist es für Präsident Clinton heute weitaus schwieriger,
einen Konsens über die Außenpolitik herbeizuführen.
Brent Scowcroft, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Bush, stellte vor kurzem fest,
wir befänden uns in unserer Außenpolitik nicht auf
einem Weg zu Isolationismus, sondern zu Unilateralismus und interessierten uns weniger für multilaterale
Strategien als dafür, "uns, wenn nötig, mit der Welt
auseinanderzusetzen, jedoch nur auf unsere eigene
Art und Weise, nach unserem eigenen Zeitplan und
gemäß unseren eigenen Bedingungen". Dieser Kurs
geht nicht in Richtung einer Lastenteilung, sondern
einer Befreiung von der Last.
Daher muß man hier in Europa mit einer Zeit rechnen, in der der deutsch-amerikanische, das heißt der
europäisch-amerikanische Dialog von den über die
Einbeziehung nationaler und internationaler Erfordernisse geführten Debatten abhängt.
Das könnte
bisweilen ein steiniger Weg sein.
Natürlich bestanden einige dieser Herausforderungen
bereits lange vordem Fall der Berliner Mauer. Jeder,
der sich an die Diskussion über das multilaterale
Streitkräfteabkommen Anfang der sechziger Jahre
erinnert, kann Ihnen sagen, daß Auseinandersetzungen innerhalb des Atlantischen Bündnisses nichts
Neues sind.
Unser Appell zur Konsensbildung
basierte jedoch stets auf der andauernden Ost-WestKonfrontation, die so sichtbar durch Deutschland
verlief. In Ermangelung dieses dominanten bilateralen Konflikts, der uns orientierungslos zurückließ,
sollte es niemanden überraschen, daß wir jetzt mehr

AMERIKA DIENST 05

�Raum und Grund haben, unterschiedliche Ansichten
und bisweilen unterschiedliche Interessen zu vertreten.
Im Rahmen der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist es nicht schwierig, die gemeinsamen Interessen darzustellen: Stabilität in Europa, Unterstützung der demokratischen Entwicklung in Osteuropa, Rußland und der Ukraine, ausgewogene
Prioritäten bei der transatlantischen Haushalts- und
Währungspolitik, Bündelung unserer Kräfte zur
Lösung uns alle bedrohender Probleme wie nukleare
Weiterverbreitung, Umweltzerstörung, Massenmigration oder AIDS.
Angesichts dieser Interessenlage besteht die heutige
Herausforderung darin, diese Interessen möglichst
effektiv zu verfolgen. Sind die während der vergangenen 50 Jahre entstandenen Institutionen und
Einstellungen für die Lösung der heutigen Aufgaben
angemessen? Bei den Institutionen ist es vielleicht
ratsam, Vorsicht bezüglich dessen walten zu lassen,
wozu sie in der Lage sind und wie schnell sie ersetzt
werden können oder sollten. Dies beinhaltet unter
anderem eine realistische Beurteilung der NATO, der
Europäischen Union, der OSZE, der Welthandelsorganisation sowie der Vereinten Nationen. Es setzt
auch ein gewisses Maß an Bescheidenheit dieser
Institutionen voraus.
Die NATO bleibt meines Erachtens in absehbarer
Zukunft ein wichtiges Instrument. Die Sicherheitspartnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa muß im Hinblick auf politische und militärische Ziele an die neuen Herausforderungen angepaßt werden. Zweifelsohne muß eine europäische
Verteidigungspolitik mehr sein als eine Absichtserklärung. Man kann von den Vereinigten Staaten
nicht erwarten, daß sie langfristig der Manager
europäischer Sicherheit sind. Wenn eine Organisation wie die Westeuropäische Union wirkliche Macht
haben soll, muß Einigkeit über ihre Fähigkeiten und
Ressourcen sowie über die Bereiche bestehen, in
denen die NATO, die WEU oder eine ähnliche
Organisation handeln. Deutschland wird mit der
Aufgabe konfrontiert, einen innenpolitischen Konsens
über die im Zusammenhang mit einem Einsatz
deutscher Streitkräfte stehende Politik zu erzielen,
seien dies Out-of-area-Einsätze oder nicht. Als
Gegenleistung für die Unterstützung Europas beim
Umgang mit den Ländern an der Peripherie des
Kontinents erwarten die Vereinigten Staaten, daß
Europa auf Krisen in der Welt reagiert. Die Agonie
in Bosnien deutet darauf hin, daß wir von diesem
Ziel noch weit entfernt sind.
Die Frage der NATO-Erweiterung ist in den Vereinigten Staaten heiß umstritten, obwohl die Clinton-

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Administration und die republikanische Mehrheit im
Kongreß sich für eine baldige Einbeziehung Polens,
Ungarns sowie der Tschechischen und der Slowakischen Republik ausgeprochen haben. Die Frage
einer Erweiterung der Europäischen Union steht
damit in direktem Zusammenhang.
Die Vereinigten Staaten sind zwar kein Mitglied der
EU, befürworten aber ihre Osterweiterung.
Die
Debatte dreht sich um die Frage, ob die Erweiterung
der NATO und die Erweiterung der EU miteinander
verbunden sein sollten und falls ja, wie das geschehen soll. In beiden Fällen müssen sich Deutschland
und die Vereinigten Staaten der Tatsache bewußt
sein, daß es auf diesem Weg viele unterschiedliche
Ansichten gibt, selbst wenn wir über die Notwendigkeit einig sind, ihn zu gehen.
Die Europäische Union ist für Deutschland und die
Vereinigten Staaten gleichermaßen ein mächtiges
Instrument.
Obwohl wirtschaftlicher Wettbewerb
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ein
Anzeichen für gesunde Volkswirtschaften sein kann,
müssen Deutschland und die Vereinigten Staaten
verstehen, daß sie gleichzeitig Partner und Konkurrenten sind. Mit dieser Erkenntnis geht auch eine
große Verantwortung einher.
Während Europa
seinen Weg zu einer Währungsunion mit der Deutschen Mark als Grundlage fortsetzt, wird es für
Deutschland als wichtigster europäischer Macht und
für die Vereinigten Staaten von zunehmender Bedeutung sein, Mechanismen zur Lösung unvermeidbarer
handeis- oder währungspolitischer Streitigkeiten zu
entwickeln. In Anbetracht der Tatsache, daß der
europäische Integrationsprozeß eine Integration
innenpolitischer Maßnahmen und Interessen beinhaltet, gewinnt es für Europäer und Amerikaner an
Bedeutung, bessere Möglichkeiten für die Bewältigung von Konflikten über Marktzugang, Normen und
Politik zu suchen, wie wir sie beispielsweise auf den
Gebieten Landwirtschaft und Telekommunikation
erleben. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union sollten eine Partnerschaft als Mitglieder
einer Freihandelszone anstreben, was ein hohes Maß
an politischer Führung und Willensstärke erfordert,
wie die jüngsten Bestrebungen zur Einbeziehung
Mexikos in das Nordamerikanische Freihandelsabkommen demonstrierten.
Die dritte Ebene der Zusammenarbeit zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten - die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa - stellt für viele Amerikaner weiterhin keine
Organisation, sondern einen Prozeß dar. Sie ist kein
wirklicher Bestandteil der Sicherheitsarchitektur. Mit
ihren 52 Mitgliedern ähnelt sie den Vereinten Nationen ohne einen Sicherheitsrat. Sie kann ein Forum
darstellen, um im Zusammenhang mit Einwanderung,

Seite 5

�Menschenrechten und Rüstungskontrolle stehende
Fragen zu lösen. Sie bietet den Vereinigten Staaten
auch ein weiteres Forum für fortgesetztes Engagement in Europa. Das Problem besteht darin, daß es
in Washington kein System zur Förderung der OSZE
gibt. Der gesamte Beitrag der Vereinigten Staaten
zu dieser Organisation beläuft sich auf 8 Millionen
Dollar. Zu einer Zeit, in der in Amerika eine Debatte
über die Fähigkeit der Vereinigten Staaten geführt
wird, auf der Weltbühne im Alleingang oder multilateral zu handeln, haben manche Amerikaner eine
skeptische Einstellung gegenüber der OSZE. Es ist
jedoch offensichtlich, daß die OSZE für die Europäer
und die Vereinigten Staaten von lebenswichtiger
Bedeutung bleibt, wenn in wichtigen Fragen eine
Konsensfindung erforderlich ist. Zu diesem Zweck
müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden
Instrumente einsetzen.

an den Bestrebungen um einen weiterhin gesunden
deutsch-amerikanischen Dialog. Sicher ist jedoch,
daß sich die Bandbreite der durch die amerikanische
Militärpräsenz geknüpften Kontakte in Zukunft verändern wird. Es bleibt abzuwarten, was dies bedeutet.

Es ist offensichtlich, daß Deutschland und die Vereinigten Staaten ein gemeinsames Interesse an der
Nutzung dieser Instrumente zum beiderseitigen
Vorteil haben. Wir werden uns jedoch mit dem
Problem konfrontiert sehen, unsere Erwartungen
unseren Leistungen anzupassen, insbesondere zu
einem Zeitpunkt, an dem der innenpolitische Konsens zu diesen und anderen Fragen - milde ausgedrückt - noch nicht erzielt wurde.

Ein Sonderfall bei diesen Entwicklungen ist die
zunehmende Konzentration auf nichttarifäre Handelshemmnisse. Wir sehen die direkten Auswirkungen des Welthandels und wirtschaftlicher Angelegenheiten auf die Innenpolitik. Die letzten Monate der
GATT-Gespräche haben dies schlaglichtartig beleuchtet. Die Europäische Union könnte vielleicht ein
Modell für den Umgang mit dem Welthandel angesichts dieser immer schwieriger werdenden Faktoren
sein. Wie jedoch nach Maastricht deutlich wurde,
muß sie noch das Problem der politischen Legitimität
ihrer Völker lösen.

Ein Anliegen dürfen wir jedoch alle nicht aus den
Augen verlieren. Partnerschaft schließt zwar Rivalität oder Wettbewerb nicht aus, kann jedoch nicht so
leicht eine Entfremdung überleben. Diese könnte
eintreten, wenn wir nicht zu harter Arbeit bereit sind,
um sowohl unsere Gemeinsamkeiten als auch
unsere Unterschiede zu verstehen.
Trotz des
enormen Erfolgs der deutsch-amerikanischen
Partnerschaft während der vergangenen vier Jahrzehnte müssen wir uns der Tatsache bewußt sein,
daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen
vielleicht sehr umfassend, auf einigen Gebieten aber
nicht sehr tiefgehend sind.
Ich möchte eine Anmerkung machen, die wir vielleicht in Erinnerung behalten sollten. Während der
vergangenen fünfzig Jahre zeigte ein Teil der
Vereinigten Staaten in Form von Millionen Soldaten
und ihren Familien sowie aller damit in Zusammenhang stehenden Organisationen in Deutschland
enorme Präsenz. Sie nahmen die in Deutschland
gemachten Erfahrungen mit nach Hause, wo sie
während dieser Jahre Teil des amerikanischen
Deutschlandbildes wurden, das im großen und
ganzen positiv ist. Dieser Faktor wird in Zukunft bei
den deutsch-amerikanischen Beziehungen fehlen,
und wir müssen uns ernsthafte Gedanken machen,
wie wir ihn ersetzen könnten. Mein Institut sowie
eine Vielzahl anderer Organisationen beteiligen sich

Seite 6

Wie ich bereits sagte, ist auf beiden Seiten des
Atlantik eine zunehmende Verteilung der Macht zu
beobachten. Wir sehen dies sowohl auf innenpolitischer als auch auf internationaler Ebene. In den
Vereinigten Staaten deutet die sich verändernde
Bevölkerungsstruktur auf eine neue Art, politische
Debatten über Interessen, Bedürfnisse und Erwartungen zu führen. Der Kampf um zum Wideraufbau der
Infrastruktur erforderliche Ressourcen erhält angesichts der wachsenden Zahl betroffener Interessengruppen eine neue Dimension.

Konsequenz dieser Entwicklungen für die deutschamerikanischen Beziehungen ist die wachsende
Notwendigkeit, die Innenpolitischen Wurzeln der
Außenpolitik zu verstehen.
Viele der in Deutschland und den Vereinigten Staaten
geführten Debatten ähneln sich stark, sei es im
Zusammenhang mit der Gesundheitsreform, der
Erneuerung der industriellen Infrastruktur, dem
Umgang mit weltweiten Einwanderungsbewegungen
oder der Erneuerung des Arbeitskräftepotentials.
Deutsche und Amerikaner bemühen sich um die
Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Staat
und der Verantwortung des einzelnen. Sie machen
sich über die Pflege der Alten und Kranken, die
Reform ihres Bildungswesens und den Umgang mit
Einwanderern Gedanken. Wir sehen diese Probleme
vielleicht manchmal aus unterschiedlichem Blickwinkel und kommen zu unterschiedlichen Lösungen.
Angesichts der Bedeutung dieser Fragen für die
allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet, müssen wir uns jedoch stärker
bemühen, die historischen, politischen, kulturellen
Traditionen und staatlichen Besonderheiten zu

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�verstehen, die heute stärker als je zuvor Auswirkungen auf die Außenpolitik haben.
Für die Vereinigten Staaten ist es besonders wichtig,
sich mit den Auswirkungen der deutschen Vereinigung auf die Zusammensetzung der Gesellschaft
Deutschlands und ihren internen Dialog auseinanderzusetzen. Es ist für die Beantwortung der von
mir aufgeworfenen Fragen entscheidend, wie
Deutschland sich selbst in den kommenden Jahren
definiert.
Auf jeden Fall müssen wir unbedingt die Möglichkeiten und Grenzen unserer jeweiligen Politik und
Sichtweise verstehen.
Das erfordert größeres
Verständnis für den Zusammenhang zwischen
innen- und außenpolitischen Entscheidungen zu
einem Zeitpunkt, an dem der Dialog stark im Fluß
ist. Mit anderen Worten: Wir müssen sorgfältig die
Bestrebungen des anderen beobachten, um ein

*

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neues politisches und soziales Vokabular für die uns
konfrontierenden gemeinsamen und unterschiedlichen
Probleme zu finden. In einer Zeit, in der in Amerika
und Deutschland die Diskussionen über unseren
weiteren Kurs sehr kontrovers geführt werden, ist es
für unsere Beziehungen wichtig, unsere gemeinsamen Interessen in den Mittelpunkt unseres Dialogs
zu stellen.
Deutschland und die Vereinigten Staaten haben ihre
gemeinsamen globalen und regionalen Interessen
identifiziert - Stabilität in Osteuropa und den neuen
unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
offene Handelsbeziehungen, Hilfe für die Dritte Welt müssen aber auch gemeinsam sicherstellen, daß wir
auf den innen- und außenpolitischen Stärken und
Interessen des jeweils anderen Landes aufbauen, wie
es in einer wirklichen Partnerschaft der Fall sein
sollte. Ob der Atlantik schmäler oder breiter wird,
hängt von diesen Bestrebungen ab.

* * *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
8. Februar 1995

DIE WELTWEITE MENSCHENRECHTSSITUATION
Übersicht über die Berichte des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersicht über die Länderberichte zu
Menschenrechtspraktiken für 1994, die am 1. Februar 1995 vom Außenministerium herausgegeben wurden.

Die sich wandelnde Menschenrechtssituation
Während des Kalten Krieges gingen Bedrohungen
der Menschenrechte vornehmlich von zentralistischen Staaten aus - starken Regierungen, die mit
eiserner Hand regierten.
Als Reaktion darauf
entwickelte die Menschenrechtsgemeinde die
inzwischen vertrauten Instrumente - Beobachtung,
Berichterstattung, Veröffentlichung der Fälle, Eintreten für einzelne Opfer von Menschenrechtsverletzungen und Befürwortung von Sanktionen gegen
starke Regierungen.
In der heutigen Welt nach dem Kalten Krieg hat sich
sehr viel verändert.
Starke Zentralregierungen
begehen noch immer Menschenrechtsverletzungen.
Von ethnischen, religiösen und separatistischen
Extremisten sowie von den Regierungen selbst
verübte Verletzungen der Menschenrechte in Ländern mit schwachen oder indifferenten Regierungen
sind uns nur allzu vertraut geworden. In extremen
Fällen wurden sie von zynischen Politikern zu
Genozid geschürt und widerstanden sogar enormem
wirtschaftlichem, umweltpolitischem und demographischem Druck. Diese Konflikte konfrontieren uns mit
einem vernichtenden Spektrum neuer Menschenrechtsprobleme.
Gleichzeitig bietet das Umfeld nach dem Kalten
Krieg Chancen für Strukturveränderungen sowohl
innerhalb der Länder als auch in der internationalen
Staatengemeinschaft, die international anerkannten
Menschenrechten größeres Gewicht als je zuvor
verleihen könnten. Dies ist großenteils auf den
Zusammenbruch des Sowjetkommunismus zurückzuführen, aber auch auf eine mächtige globale Bewegung zu Menschenrechten und demokratischer
Beteiligung. Diese Bewegung entstand vor ungefähr
zwei Jahrzehnten. Die vergangenen fünf Jahre
waren besonders dramatisch und veränderten die
politische Lage in vielen Teilen der Welt von der

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ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa bis zu
Südafrika, Sambia, Kambodscha, El Salvador, Chile,
der Mongolei und anderen Ländern.
Die Bewegung zu Menschenrechten und Demokratie
beginnt selbst an unüblichen Orten Stärke zu zeigen.
Wie die UN-Weltkonferenz über Menschenrechte von
1993 in Wien dramatisch unter Beweis stellte, zählt
diese globale Bewegung zu den stärksten Basiskräften in der Welt von heute. Zunehmend selbstbewußte und effektive einheimische Kräfte drängen
weltweit nach Transparenz und Rechenschaftspflicht
der Regierungen, nach grundlegenden demokratischen Freiheiten und international anerkannten
Menschenrechten.
Dies findet zu einer Zeit statt, in der sich die Staaten
untereinander für eine wachsende Bandbreite von
Herausforderungen engagieren, die nationale Grenzen überschreiten - Handel, Umwelt, Sicherheit,
Bevölkerung, Migration - Themen, die in manchen
Fällen mächtige Integrationskräfte und in anderen
zunehmende Konflikte freisetzen.
In dieser neuen multipolaren Welt müssen die traditionellen Menschenrechtsmaßnahmen wie Sanktionen
und andere, gegen Mißbrauch treibende Regime
gerichtete Strafen immer noch eine wichtige Rolle
spielen. Sanktionen müssen jedoch durch umfassendere Mittel zur Förderung der Menschenrechte in
Ländern ergänzt werden, die sich in einem tiefgreifenden Umbruch befinden und infolgedessen häufig in
innenpolitische Konflikte verstrickt sind.
Mit anderen Worten, am Ende des Kalten Krieges
finden wir uns in einem neuen internationalen strategischen Umfeld wieder. Die Menschenrechtsverletzungen von Regierungen gehen einher mit ethnischen Spannungen, dem Zusammenbruch der
Autorität und Umweltzerstörung. Infolgedessen muß
die Förderung von Menschenrechten vertraute

Seite 1

�Formen von Druck und Fürsprache mit langfristigen
Strukturreformen und der Unterstützung der Basisbewegungen für Veränderungen verbinden.
In der Tat beobachten wir wachsende Betonung auf
multilaterale Aktionen zur Unterstützung dieser
Bewegungen: Erstens durch Verhandlungslösungen
für Konflikte, die häufig Bestimmungen für international unterstützte demokratische Wahlen beinhalten; zweitens durch Institutionen der Rechenschaftspflicht für Menschenrechtsverletzungen wie Kriegsverbrechertribunale, Wahrheitsfindungskommissionen
und Rechtsbeistandsprogramme; und drittens durch
erfolgreiche friedenssichernde Operationen und
humanitäre Hilfsprogramme.
Institutionen der Rechenschaftspflicht
Das verabscheuungswürdige Gemetzel in Ruanda
und die "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen
Jugoslawien haben die neuen Menschenrechtsprobleme unseres Zeitalters schlaglichtartig beleuchtet. Diese Katastrophen demonstrieren die dringende Notwendigkeit zur Entwicklung eines breiten
Spektrums von Institutionen, die Politiker gegenüber
ihren Wählern und der internationalen Staatengemeinschaft insgesamt zur Rechenschaft ziehen.
Die Massenmorde in Ruanda und im früheren
Jugoslawien erfolgten nicht spontan. Sie wurden
von Personen angestiftet, die mit diesen gewalttätigen und abscheulichen Mitteln politische Ziele
erreichen wollten. Werden diese Personen nicht für
Genozid, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen, wird
der Gerechtigkeit nicht Genüge getan und Versöhnung und Wiederaufbau werden vereitelt. Aus
diesem Grund unterstützten die Vereinigten Staaten
die Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals für
das ehemalige Jugoslawien und Ruanda durch den
UN-Sicherheitsrat.
Die Tribunale sind auch nötig, um die Last der
kollektiven Schuld aufzuheben, die sich auf jede
Gesellschaft legt, deren politisch Verantwortliche
solch schreckliche Gewalt angeordnet haben. Die
Zuweisung von Verantwortung ermöglicht der
internationalen Staatengemeinschaft die Unterscheidung zwischen Opfern und Aggressoren und
trägt zur Zerstörung der zynischen Illusion bei, daß
Konflikte mit einer ethnischen Dimension hoffnungslos komplex und daher unlösbar sind. Darüber
hinaus sind die Tribunale unabdingbar, wenn künftige Verbrechen abgewendet werden sollen. Wenn
grundlegende Menschenrechte in Ruanda und im
ehemaligen Jugoslawien ungestraft massiv verletzt
werden können, hat jede denkbare Form von Terror
auf der Welt leichtes Spiel.

Seite 2

Neben den Kriegsverbrechertribunalen hat ein breites
Spektrum von Institutionen für Rechenschaftspflicht
zur Aussöhnung zwischen einer Reihe von Ländern
beigetragen. Die Wahrheitsfindungskommissionen in
Nicaragua, El Salvador und Haiti, die UN-Verifikationsmission in Guatemala sowie die in Indien und
Mexiko eingerichteten nationalen Menschenrechtskommissionen stehen für neue und unterschiedliche
Wege, Menschenrechtsverletzer zur Rechenschaft zu
ziehen. Die Rechenschaftspflicht wird in einer Reihe
von Ländern auch durch Hilfsprogramme gefördert,
die auf die Entwicklung der Gerichtsbarkeit und
Rechtsstaatlichkeit ausgerichtet sind. Der vor kurzem
berufene UN-Hochkommissar für Menschenrechte
setzte beispielsweise Menschenrechtsbeobachter in
Ruanda ein und beabsichtigt, beim Wiederaufbau des
ruandischen Rechtssystems mit den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
Bewaffnete Konflikte
Auf der ganzen Welt stehen erbittert gekämpfte
Konflikte vor der seit langem angestrebten Lösung.
In Nordirland wurde trotz mehrerer Zwischenfälle, die
zu erneuter Gewalt hätten führen können, ein andauernder Waffenstillstand ausgehandelt.
Trotz
zunehmender Gewalt und Terror begannen Israel und
die palästinensische Befreiungsorganisation mit der
Umsetzung der Grundsatzerklärung durch ihr Abkommen über den Gazastreifen und Jericho. Wir wurden
auch Zeuge der beginnenden palästinensischen
Selbstverwaltung in diesen Regionen. Zum ersten
Mal werden diese Menschenrechtsberichte die
palästinensischen Menschenrechtspraktiken in
Gebieten unter palästinensischer Gerichtsbarkeit
prüfen. Israel und Jordanien unterzeichneten einen
Vertrag, der formell Frieden schafft. In Mosambik
führte schließlich ein von den Vereinten Nationen
ausgehandeltes Friedensabkommen zu Wahlen und
der Einsetzung einer neuen Regierung. Und in El
Salvador näherte sich das von den Vereinten Nationen unterstützte Friedensabkommen seiner vollständigen Verwirklichung mit der Auflösung der
ehemaligen Polizei und der Gründung einer neuen
zivilen Polizei.
Trotzdem führten bewaffnete Konflikte zu beträchtlichen Menschenrechtsverletzungen, vor allem in
Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien, aber auch
an vielen anderen Orten.
Um die Abspaltung Tschetscheniens von Rußland zu
verhindern, marschierten russische Truppen am 11.
Dezember 1994 in Tschetschenien ein. Diese Aktion
wurde von massiven Luft- und Artillerieangriffen auf
zivile Gebiete in der tschetschenischen Hauptstadt
Grozny begleitet und bewirkte eine humanitäre und
Menschenrechtskrise.

AMERIKA DIENST 05

�In Angola wütete der nach dem Scheitern der
Wahlen von 1993 erneut ausgebrochene Bürgerkrieg
im Jahr 1994 weiter und forderte nahezu 100.000
Todesopfer, die meisten von ihnen Zivilisten.
Guerillakriege und militärische Aktionen fordern in
Kolumbien noch immer die höchste Zahl an Menschenleben der Welt.
Die türkische Regierung setzte den bewaffneten
Kampf gegen die terroristische Kurdische Arbeiterpartei (PKK) fort, der zu Gewalt gegen Zivilisten und
Menschenrechtsverletzungen in der Türkei führte,
darunter die Verhaftung und Verurteilung türkischer
Parlamentarier und vieler anderer Bürger aufgrund
ihrer Meinungsäußerung, während die weitverbreitete Anwendung von Folterpraktiken in Gefängnissen
und Gefangenenlagern ungestraft fortgesetzt wurde.
Seit 1992 ist Algerien in Bürgerkriege verstrickt.
Bewaffnete islamistische Gruppen und ihre Sympathisantenwerden gegen die Regierung aufgehetzt,
und auf beiden Seiten sind Tote und Menschenrechtsverletzungen zu beklagen.
Die erschreckende Menschenrechtssituation im
Sudan verschlechterte sich weiter angesichts des
intensivierten Bürgerkrieges, während sowohl die
Regierung als auch die Rebellen Massaker verübten,
standrechtliche Erschießungen vornahmen, Menschen entführten, Zivilisten zwangsweise einberiefen
und humanitäre Hilfslieferungen behinderten.
Ein Großteil von Kabul wurde zerstört, als Anfang
1994 der Bürgerkrieg in Afghanistan erneut ausbrach. Das Rote Kreuz ging anhand seiner Unterlagen davon aus, daß allein 34.000 Zivilisten bei
Straßenkämpfen und Angriffen auf Kabul mit schweren Waffen getötet oder verwundet wurden. Über
eine Million weiterer Afghanen wurden durch die
Kämpfe vertrieben.

Folter, willkürliche Verhaftungen, Straffreiheit der
Menschenrechtsverletzer
Flagrante und systematische Verletzungen grundlegender Menschenrechte wurden weiterhin von den
autoritären und repressiven Regimen der Welt wie
Irak, Iran, Burma, Nordkorea und Kuba verübt. In
diesen und anderen Ländern sind die Verweigerung
des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung,
Köalitions- und Religionsfreiheit, die Verfolgung von
Minderheiten und die Unterdrückung der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor die Norm.

öffentlichung von drei bekannten Publikationen. Die
in Osttimor und andernorts im Einsatz befindlichen
Sicherheitskräfte sind weiterhin für maßgebliche
Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, und die
Regierung bereitete den Entwurf eines Erlasses vor,
der im Falle seiner Umsetzung die Aktivitäten zahlreicher nichtstaatlicher Organisationen in Indonesien
gravierend beschneiden könnte.
Das Militärregime Nigerias, das die Wahlen von 1993
für nichtig erklärte, verfolgt nach wie vor trotz massiver Streiks der Arbeitnehmer die Opposition. Das
Regime ist für die Ermordung und Verletzung von
Demonstranten, willkürliche Inhaftierungen und
Massenverhaftungen, fortgesetzte standrechtliche
Erschießungen und Folter sowie andere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.
In Saudi-Arabien sind Menschenrechtsverletzungen
wie Folter, Isolationshaft, Beschränkung der Redeund Religionsfreiheit, Unterdrückung ethnischer und
religiöser Minderheiten sowie die überall vorhandene
Diskriminierung von Frauen an der Tagesordnung.
In mehreren weniger repressiven Ländern, darunter
einige mit funktionierenden demokratischen Institutionen, fanden gravierende Menschenrechtsverletzungen statt.
Die Regierung von Singapur schüchtert weiterhin die
Oppositionsparteien und ihre Vorsitzenden ein und
beschränkt regelmäßig die Rede-, Köalitions- und
Versammlungsfreiheit.
In Ägypten sind die Sicherheitsdienste und terroristische Gruppierungen nach wie vor in einem Circulus
vitiosus von Gewalt verhaftet. Auf breiter Basis
wurden Menschenrechtsverletzungen verübt.
Indien hat seit langem eine Demokratie mit einer
freien Presse, unabhängigen Gerichtsbarkeit sowie
einem aktiven politischen und bürgerlichen Leben.
Dennoch werden vom Militär und den Sicherheitskräften in Unruhegebieten, insbesondere in Kaschmir,
schwere Menschenrechtsverletzungen begangen.
Dazu zählen standrechtliche Erschießungen und
andere politische Attentate, Folter, Tod während der
Inhaftierung und Gewalt gegen Frauen.
Trotz der Einsetzung des ehemaligen Menschenrechts-Ombudsmanns zum Präsidenten im Jahr 1993
bereitet die Menschenrechtssituation in Guatemala
noch immer Anlaß zur Sorge, und beide Seiten im
Bürgerkrieg verüben gewalttätige Akte, darunter
standrechtliche Erschießungen, Kidnapping und
Folter.

In Abkehr von einem jüngsten Trend zu Offenheit
untersagte die indonesische Regierung die Ver-

AMERIKA DIENST 05

Seite 3

�Wirtschaft und Menschenrechte

Arbeitnehmerrechte

Ein Punkt von zunehmender Bedeutung, der 1994
der Öffentlichkeit klar vor Augen geführt wurde, ist
die Beziehung zwischen Wirtschaftsentwicklung und
Handel einerseits sowie der Förderung von Menschenrechten und Demokratie andererseits. Dies
galt insbesondere im Hinblick auf die amerikanische
Entscheidung, den Meistbegünstigungsstatus Chinas
von der Menschenrechtssituation in diesem Land
abzukoppeln.

Mit zunehmender Ausweitung des Welthandels
erhalten Arbeitnehmerrechte eine erneute Dringlichkeit. Die neue Welthandelsorganisation muß sich
mit den Auswirkungen von Arbeitnehmerrechten auf
den Handel befassen.

Die Beziehungen zwischen Handel und Menschenrechten sind besonders wichtig, da ein großes
Welthandelsnetz entstanden ist und die Nationen die
Handelshemmnisse abgeschafft haben, die einem
umfassenden Austausch zwischen ihren Völkern im
Weg standen. Die in einigen Kreisen aufgestellte
Behauptung, es gäbe zwangsläufig ein Tauschgeschäft zwischen Wirtschaftsentwicklung und der
Förderung von Menschenrechten ist letztlich falsch.
Gerade weil die Vereinigten Staaten ein Interesse an
wirtschaflicher Entwicklung, politischer Stabilität und
der Lösung von Konflikten auf der Welt haben,
fördern sie Menschenrechte und eine rechenschaftspflichtige Regierung.
Präsident Clinton erklärte
vergangenen November am Vorabend seiner Reise
nach Ostasien: "In Gesellschaften, in denen Rechtsstaatlichkeit vorherseht, die Regierungen dem Volk
gegenüber Rechenschaft ablegen müssen und ein
freier Fluß von Ideen und Informationen möglich ist,
besteht eine größere Wahrscheinlichkeit wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Stabilität." Wie wir
in Nationen beobachten konnten, die sich inmitten
einer wirtschaftlichen Umgestaltung befinden, genießen vom Volk legitimierte Marktreformer eher die
Unterstützung des Volkes für schwierige wirtschaftliche Entscheidungen. Handelsbeziehungen sind an
sich kein Ersatz für eine energische Befürwortung
der Menschenrechte. Mit zunehmender Stabilität
des Welthandelssystems muß ferner dafür Sorge
getragen werden, daß Arbeitnehmerrechte in bilaterale und multilaterale Handelsvereinbarungen
einbezogen werden.
Wirtschaftswachstum, Handel und soziale Mobilität
sind vielleicht keine ausreichenden Bedingungen für
politischen Pluralismus, sie üben jedoch großen
Druck auf politischen Wandel aus. Offener Handel
kann Freiheitsbewegungen fördern, indem unabhängige Institutionen bürgerlicher Gesellschaften gestärkt werden und isolierte Nationen andere Lebensweisen kennenlernen sowie angesichts der Binsenwahrheit, daß freie und offene Märkte langfristig nur
dann von offenen Gesellschaften sinnvoll aufrechterhalten werden können, wenn diese die Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit respektieren.

Seite 4

Das am Arbeitsplatz wichtigste universelle Recht ist
die Koalitionsfreiheit. Sie ist die Grundlage für die
Bildung von Gewerkschaften, Tarifverhandlungen,
Beschwerden in der Presse und den Schutz vor
mangelnder Sicherheit am Arbeitsplatz. In vielen
Ländern müssen die Arbeitnehmer große Anstrengungen zur Wahrung ihrer Rechte unternehmen.
Einschränkungen der Arbeitnehmer reichen von
direkter Kontrolle sämtlicher Arbeitnehmervereinigungen durch den Staat zu einem Gesetzesdschungel,
dessen Komplexität die Arbeitnehmer überwältigen
und entwaffnen soll.
1994 waren vielerorts Zwangs- und Kinderarbeit zu
beobachten. In Burma werden die Bürger auf der
Straße festgenommen und zur Sklavenarbeit gezwungen. In Indien, Pakistan und Dutzenden anderer
Länder arbeiten kleine Kinder an Webstühlen in der
Kleiderproduktion und vielen anderen Berufen. In
mehreren Ländern, darunter auch im Nahen Osten,
werden Gewerkschaften offen verboten, und in vielen
weiteren Staaten besteht wenig Schutz für die
Bestrebungen der Arbeitnehmer, sich zusammenzuschließen und Tarifverhandlungen zu führen.
Einige protestierende Arbeitnehmer haben dafür mit
ihrem Leben bezahlt, andere - vor allem in China und
Indonesien - mußten allein deswegen ins Gefängnis,
weil sie ihre Kollegen über ihre Rechte in Kenntnis
setzten. Ferner sind wir Zeugen einer unzureichenden Durchsetzung von Arbeitnehmergesetzen,
insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.
Demokratie
Demokratie bezeichnet per definitionem ein System,
das die Beteiligung des Bürgers an der Regierung
seines Landes vorsieht und deren Erfolg vom Wachstum demokratischer Kultur und demokratischer
Institutionen abhängt. Wahlen sind eine essentielle
Dimension von Beteiligung der Bürger und Rechenschaftspflicht. Die größten Triumphe der Demokratie
im Jahr 1994 waren die Wahl Nelson Mandelas zum
Präsidenten Südafrikas sowie die Wiedereinsetzung
von Präsident Jean-Bertrand Aristide und der demokratisch gewählten Regierung Haitis.
In Südafrika führten die konzertierten Bestrebungen
aller Seiten letztlich zur Einbeziehung aller Parteien
in den politischen Prozeß und damit zu einer tief-

AMERIKA DIENST 05

�greifenden strukturellen Umgestaltung, welche die
institutionelle Apartheid beendete und die daraus
resultierende Gewalt stark verringert.
In Haiti
erfolgte die friedliche Wiedereinsetzung Präsident
Aristides aufgrund der von den Vereinigten Staaten
übernommenen Führungsrolle sowie des resoluten
Eintretens der internationalen Staatengemeinschaft
gegen die gewaltsamen Usurpatoren, die ihn abgesetzt und massive Menschenrechtsverletzungen
gegen das Volk begangen hatten.
Die Demokratie macht jedoch nicht nur Schlagzeilen,
sondern auch an kleinen, kaum beachteten Orten
Fortschritte:
In Malawi setzten die Wähler im Mai den ehemaligen
Präsidenten auf Lebenszeit, H. Kamuzu Banka, in
freien Wahlen ab.
Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion führten
ihren stockenden Übergang von geschlossenen zu
offenen Gesellschaften fort. Die neuen unabhängigen Staaten Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan
und Usbekistan hielten Wahlen mit einem unterschiedlichen Maß an Freiheit und Fairness im
Schatten fortgesetzter beträchtlicher Menschenrechtsverletzungen ab. In den Ländern Mitteleuropas war die Lage besser, obgleich sie an einigen
Orten durch beunruhigende Verletzungen der Redeund Pressefreiheit beeinträchtigt wurde.
Demokratie ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein
Prozeß der Regierungsführung und Geschichte.
Präsident Aristide erklärte bei seiner Rückkehr nach
Haiti: "Der Prüfstand für die Demokratie sind ihre
zweiten freien Wahlen, bei denen die Macht frei und
gemäß der Verfassung übergeben wird." Diese
Meilensteine demokratischer Entwicklung wurden in
einer Vielzahl von Ländern gesetzt.
Verschiedene lateinamerikanische Staaten wie
Uruguay, Chile und Brasilien, die früher eine Militärregierung hatten, hielten 1994 Wahlen ab und
führten neue Präsidenten ins Amt ein, wodurch sie
ihre Demokratie weiter konsolidierten.
Nach den zweiten Parlamentswahlen in Nepal seit
der demokratischen Revolution 1990 bildete eine
Oppositionspartei eine Koalitionsregierung und
übernahm auf friedliche Art und Weise die Macht.
Es fanden für die Demokratie jedoch auch beträchtliche Rückschläge statt. Die lange Zeit hinausgezögerte Rückkehr der Demokratie in Nigeria wurde
erneut durch die Weigerung der Militärdiktatur blokkiert, die Wahlergebnisse zu akzeptieren. Im Gambia wurde die gewählte zivile Regierung vom Militär
gestürzt. In Burma verweigert das Militärregime

AMERIKA DIENST 05

weiterhin die Annahme der Wahlergebnisse von
1990, hält die Friedensnobelpreisträgerin Aung San
Suu Kyi unter Hausarrest und bringt jeglichen Widerstand zum Schweigen.
Zivile Kontrolle des Militärs und Gesetzesvollzug
Beim Übergang von einer autoritären Regierung zu
offenen Gesellschaften sind wenige Fragen entscheidender als die zivile Kontrolle des Militärs und
der Strafverfolgungsbehörden. In vielen Ländern
führten Menschenrechtsverletzungen und Rückschritte für die Demokratie zur Unfähigkeit der zivilen
Behörden, die Streitkräfte und Sicherheitsdienste
unter Kontrolle zu halten. In anderen Ländern gab es
Beispiele für Fortschritte.
In Argentinien lehnte der Senat die Beförderung von
zwei Fregattenkapitänen ab, weil diese sich zu
Folterungen während der Militärherrschaft bekannten.
In Guatemala fanden im Kongreß Anhörungen über
den Mord an einem Studenten durch Sicherheitskräfte während der Unruhen im November statt,
wodurch bei der Kontrolle des Kongresses Fortschritte erzielt wurden.
In Sri Lanka gründete die Regierung regionale
Ausschüsse zur Untersuchung von Fällen angeblichen Verschwindens und leitete Strafverfolgungsmaßnahmen gegen strafrechtliche Erschießungskommandos ein.
Während Mitglieder der kolumbianischen Sicherheitskräfte und Guerillagruppen weiterhin schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen begehen, hat die
neue Administration eine Anzahl von Schritten
unternommen, um Mißhandlungen von offizieller Seite
einzudämmen und zu bestrafen.
In Nigeria wiederum geht das Militärregime, das nach
der Annulierung der freien und fairen Wahlen von
1993 die Macht an sich gerissen hatte, nach wie vor
rücksichtslos gegen die Opposition vor und macht die
Hoffnung auf politischen oder wirtschaflichen Fortschritt zunichte.
Rechte der Frau
In diesem Jahr konzentrierte sich die weltweite
Aufmerksamkeit in zunehmendem Maße auf die
Menschenrechte der Frau und die Förderung der
Lage von Frauen. Die internationale Konferenz über
Bevölkerung und Entwicklung, die im September
1994 in Kairo stattfand, der für März 1995 in Kopenhagen anberaumte Weltgipfel über soziale Entwicklung und die im September 1995 in Peking geplante
Vierte Weltfrauenkonferenz lenken verstärkt die
Aufmerksamkeit auf Verletzungen der Menschen-

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�Frau. Unglücklicherweise setzten sich diese Vergehen auch 1994 fort.
Besondere Sorge bereitet das Problem von Gewalt
gegen Frauen. Anfang 1994 ernannte die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen
einen Sonderberichterstatter für Gewalt gegen
Frauen zur Untersuchung ihrer Gründe und Auswirkungen. Die Menschenrechtsberichte von 1994
dokumentieren, daß physischer Mißbrauch von
Frauen, darunter Folter, systematische Vergewaltigung, Verstümmelung der Genitalorgane, Gewalt in
der Familie, sexueller Mißbrauch, sexuelle Belästigung, Ausbeutung von Frauen und der Handel mit
ihnen sowie Abtreibung weiblicher Föten weiterhin
auf der ganzen Welt stattfinden.
Frauen werden nicht nur physisch mißhandelt, ihnen
werden auch politische, bürgerliche und gesetzmäßige Rechte verweigert 1994 waren Frauen in vielen
Ländern diskriminierenden Einschränkungen ihrer
fundamentalen Freiheiten im Hinblick auf Wahlrecht,
Ehe, Reise, Besitz und Erbe, Sorgerecht für Kinder,
Staatsbürgerschaft und Zeugenaussagen vor Gericht
unterworfen. Ferner sahen sich Frauen mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung beim Zugang
zu Bildung und Ausbildung, Beschäftigung, Gesundheitsfürsorge, Finanzdienstleistungen einschließlich
Krediten und sogar Nahrungsmitteln und Wasser
konfrontiert.
Zukunftsaussichten

besondere weil sie inmitten der einzigartigen Charakteristika ihrer jeweiligen Gesellschaft entstehen
und diese reflektieren. Im Wandel der Zeit haben
Basisgruppen neue Rollen übernommen, beispielsweise bei der Überwachung von Wahlen, aktiven
Verhandlungen als Teil des Übergangs zur Demokratie, beim Dienst als Ombudsman und bei der
Gründung von Institutionen zur Förderung von
Rechenschaftspflicht und Versöhnung.
Menschenrechtsverletzungen sind weltumspannend,
und keine Region hat ein Monopol darauf.
Der Drang nach einer Realisierung von Grundrechten
ist ein universaler, laufender Prozeß, und die Geschichte ist nicht immer grauenhaft. Mein Amtskollege in der russischen Regierung, Wyatscheslaw
Bachmin, war in der Sowjetunion ein politischer
Häftling, für den ich mich früher einsetzte. Ebenso
wie andere Menschenrechtsaktivisten in einer Vielzahl von Ländern riskierte er sein Leben, um Zeugnis
abzulegen, und jetzt nutzen sie ihre Freiheit für
Reform und den Wiederaufbau ihrer Gesellschaften.
Einer dieser zu führenden Politikern gewordenen
Aktivisten, Vaclav Havel, hat überzeugend ausgedrückt, was das Engagement für Menschenrechte in
dieser komplexen neuen Welt bedeutet, in der ein
Triumph der Freiheit so schnell vom Grauen des
Völkermords überschattet werden kann und die
Amtseinführung Nelson Mandelas im selben Monat
stattfinden kann wie die Massenmorde an den TutsiRebellen in Ruanda:

Die Gründung von nichtsstaatlichen Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt ist eine
der vielversprechendsten und eindrucksvollsten
Entwicklungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg.
Diese Organisationen sind der Schlüssel zur Zukunft,
in der die Staaten sich gegenseitig für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft ziehen. Sie
spielen eine besonders wichtige Rolle für die Zunahme von Menschenrechten und Demokratie, ins-

* * * *

Seite 6

Ich bin kein Optimist, weil ich nicht sicher bin,
daß am Ende alles gut ausgeht. Ich bin auch
kein Pessimist, weil ich nicht sicher bein, daß
am Ende alles schlecht ausgeht. Ich bin ein
Realist, der Hoffnung hat, und Hoffnung ist der
Glaube, daß Freiheit und Gerechtigkeit einen
Sinn haben ... und Freiheit immer den Kampf
um sie wert ist."

*

AMERIKA DIENST 05

�RÜSTUNGSKONTROLLE
8. Februar 1995

DAS WICHTIGSTE JAHR IN DER GESCHICHTE
DER RÜSTUNGSKONTROLLE
von ADCA-Direktor Holum
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John D. Holum, dem Direktor des
U.S. Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S. Arms Control and Disarmament Agency - ADCA). Der
Artikel basiert auf einer am 18. Januar 1995 gehaltenen Rede Holums vor der Carnegie-Stiftung für
Weltfrieden.

Verstärkte Notwendigkeit für Rüstungskontrolle
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erwarteten viele, Rüstungskontrolle werde überflüssig.
Tatsächlich ist jedoch genau das Gegenteil der Fall:
Rüstungskontrolle ist wichtiger denn je. Sie ist
keinesfalls ein Relikt des Kalten Krieges, sondern
vielmehr ein wesentliches Element unserer nationalen Sicherheitsstrategie.
Obwohl das bipolare atomare Gleichgewicht des
Schreckens fast schon der Vergangenheit angehört,
müssen wir noch viele seiner scharfen Zähne
ziehen. Nur einer der START-Verträge ist in Kraft
getreten. Trotz freiwilligen Abbaus sind noch Tausende von Waffen vorhanden, und das Verifikationsregime von START wurde gerade erst eingeführt.
Zudem wurde das sowjetisch-amerikanische Wettrüsten, wie Präsident Clinton feststellte, von einer Welt
der "überhandnehmenden Weiterverbreitung von
Waffen, erbitterten regionalen Konflikte, ethnischen
und nationalistischen Spannungen ... und der
Fanatiker" ersetzt, "die die Städte der Welt durch
Terroranschläge lahmlegen wollen". Halten Sie sich
folgende Tatsachen vor Augen:
Zuverlässigen Schätzungen zufolge verfügen
derzeit mehr als 40 Länder über die technischen
Fähigkeiten zur Entwicklung von Nuklearwaffen.
Eine der Techniken des Irak zur Anreicherung
von Uran war ein Verfahren, das die Vereinigten
Staaten bereits vor 40 Jahren abgeschafft und
entklassifiziert hatten.
Raketen mit sehr viel längerer Reichweite, größerer Nutzlast und größerer Genauigkeit als die
irakischen SCUD-Raketen sind leichter zu beschaffen. Nordkorea entwickelt die Tai-Po Dong

AMERIKA DIENST 05

mit einer Reichweite von mehreren tausend
Kilometern und betrachtet Raketenexporte ebenso wie China offensichtlich - als Quelle für
harte Devisen.
Wir glauben, daß mehr als zwei Dutzend Länder von denen uns viele feindlich gesinnt sind Chemiewaffenprogramme durchführen.
Die Länder, die bei der Weiterverbreitung atomarer, biologischer und chemischer Waffen führend
sind, befinden sich vorwiegend in instabilen
Regionen - auf der koreanischen Halbinsel, in
Südasien und dem Nahen Osten.
Von manchen wird der Vorschlag gemacht, all diesen
Bedrohungen allein durch Aufrüstung zu begegnen.
Wenn uns der Kalte Krieg jedoch etwas gelehrt hat,
dann die Notwendigkeit von Militärmacht und Rüstungskontrolle gleichermaßen. Rüstungskontrolle ist
Kontrolle der Bedrohung. Jede Waffe, die wir den
Händen unserer potentiellen Gegner entwinden
können, spart uns das Geld, das wir zur - unsicher
gewordenen - Verteidigung dagegen benötigen
würden.
Ungeachtet der jeweiligen Ideologie wäre es also
falsch, Rüstungskontrolle aufzugeben - und 1995
besonders sinnlos, da die Vereinigten Staaten sich
mit Aufgaben der Rüstungskontrolle befassen, die die
Sicherheit unserer Nation in den nächsten Jahren
grundlegend gestalten werden: In diesem Jahr
haben wir die umfassendste und vielfältigste Tagesordnung für Rüstungskontrolle in der Geschichte.
1995 - Ein Jahr der Entscheidung
Nachfolgend einige der wichtigsten Punkte dieser
Tagesordnung:

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�In diesem Frühjahr wird auf der Uberprüfungs- und
Verlängerungskonferenz nach 25jährigem Bestehen
des Nichtverbreitungsvertrags (NW) über sein
weiteres Schicksal entschieden. Der N W war
niemals wichtiger als heute, da der Zugang zu
Technologie zunimmt, die Disziplinen des Kalten
Krieges abnehmen und verbrecherische Staaten
nach Atomwaffen hungern. Der N W macht unsere
sämtlichen nuklearen Nichtverbreitungsbestrebungen
- von Nordkorea über Südasien bis zur Ukraine politisch und rechtlich möglich.
Der N W sollte von Dauer sein. Jedes andere
Ergebnis der Konferenz würde Zweifel an seiner
langfristigen Verläßlichkeit aufkommen lassen und
somit sogar seine kurzfristige Wirkung schmälern.
Wir befinden uns aber in einem realen Kampf. Eine
Vielzahl von Ländern hängt der kontraproduktiven
Idee an, der N W sollte als eine Art Geisel angesehen werden, deren Freilassung nur durch ein umfassendes Atomtestverbot, weitere strategische
Abrüstung oder etwas anderes bewirkt werden kann.
Andere, wie der Iran, sind der Ansicht, durch einen
Zusatz sollte der Zugang zu Nukleartechnologie
automatisches Recht der Parteien werden - als wenn
wir uns nicht daran erinnern würden, was im Irak
geschehen ist... und keine Ahnung vom Iran hätten.
Eines ist sicher: 1995 haben wir die größte Chance,
den N W für immer zu sichern.
1995 ist auch ein entscheidendes Jahr für strategische Rüstungskontrolle - insbesondere angesichts
der Inkraftsetzung des START-Vertrags und des
Mandats für eine frühzeitige Ratifizierung von
START II.
Feierstunden im Rosengarten des Weißen Hauses
sind etwas Schönes, aber das Versprechen von
Rüstungskontrolle wird erst erfüllt, wenn vereinbarte
Reduzierungen verifiziert worden sind. Und wenn
diese besonderen Verpflichtungen erfüllt worden
sind, werden wir das "Fenster der Verletzbarkeit"
zuschlagen, das viele als Konsequenz der schweren
ballistischen Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs) ansahen, die zusammen mit zwei Dritteln aller abschießbaren
strategischen Gefechtsköpfe - nach der Umsetzung
der beiden START-Verträge abgeschafft werden.
Die Ratifizierung von START II hat für die Administration oberste Priorität. Die Präsidenten Clinton
und Jelzin einigten sich, nach erfolgter Ratifizierung
alle atomaren strategischen Trägersysteme, die
unter dem Vertrag abgebaut werden sollen, zu
entschärfen - und wiesen ihre Fachleute an, den

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Dialog über die Möglichkeit weiterer Begrenzungen
nuklearer Streitkräfte zu intensivieren.
1995 haben die Vereinigten Staaten ferner die
Chance, bei der Inkraftsetzung der Chemiewaffenkonvention (CW-Konvention) eine führende Rolle zu
übernehmen.
Die Vereinigten Staaten drängen entschlossen auf die
vollständige Einhaltung unserer bilateralen Abkommen über Chemiewaffen durch die Russen, einschließlich der Regierungsvereinbarung von Wyoming
aus dem Jahr 1989, die durch Bekanntgabe von
Chemiewaffen und ad-hoc-lnspektionen der Vertrauensbildung dienen soll.
Der beste Weg zur Lösung unserer Probleme ist,
gekoppelt mit diesen Bestrebungen, die Inkraftsetzung der CW-Konvention - ein Punkt, der kürzlich von
russischen Kritikern beim Besuch einer Delegation
von Senatoren vorgebracht wurde. Dann hat Rußland die Wahl, sich entweder an ein verbindliches,
globales Regime zu halten - mit Sanktionen - oder
sich von dem weltweiten Konsens zu isolieren.
Inzwischen wird uns die Chemiewaffenkonvention
eine Möglichkeit geben, mit wenigstens 25 anderen
Problemstaaten umzugehen, die ohne den Vertrag
legal ein Chemiewaffenarsenal anlegen können. Und
sie wird uns weit mehr Informationen als bisher über
verdeckte Chemiewaffenprogramme geben - selbst in
Ländern, die ihr nicht beigetreten sind.
1995 wird für den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTBT) ein entscheidendes Jahr.
Die Zeit für ein Verbot von Atomtests ist gekommen um sicherzustellen, daß kein anderer qualitativer
Rüstungswettlauf stattfindet, und um der Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten, indem eine Weiterverbreitung anstrebenden Ländern die Fähigkeit entzogen wird, ihre Waffen zu verbessern und kleiner zu
gestalten, was ihren Abschuß erleichtert.
Zu einer Zeit, in der das atomare Wettrüsten beendet
ist, wir bereits 1.054 Tests gemeldet haben (im
Vergleich zu Rußlands 715 und Chinas 41 gemeldeten), die Russen und wir gleichermaßen Tausende
von Atomwaffen zerlegen und keine neuen entwikkeln, wir ohne Tests eine sichere und zuverlässige
Lagerung gewährleisten können, ist es einfach
sinnlos, weiterhin Nuklearexplosionen durchzuführen,
um äußerst geringe Mengen weiteren Wissens über
die Funktionsweise von Atomwaffen zu erhalten,
wenn der Haupteffekt solcher Aktionen darin besteht,
anderen Nationen Schutz zu gewähren, die das
erworbene Wissen tatsächlich verwenden könnten.

AMERIKA DIENST 05

�Unsere Administration setzt sich entschieden tür
einen Erfolg der Verhandlungen über ein Atomtestverbot ein. Der Präsident hat das Moratorium über
Atomtestverbote zweimal verlängert; über drei Dutzend Staaten haben sich an den multilateralen
Verhandlungen über konventionelle Abrüstung in
Genf beteiligt und einen Vertragstext ausgearbeitet.
Obwohl wir jegliches Junktim ablehnen, werden uns
die irreversiblen Fortschritte bei dem CTB-Vertrag
eine unbegrenzte Verlängerung des N W ermöglichen. Daher muß ein Testverbot 1995 bei den
Verhandlungen eine Priorität darstellen.
Dasselbe gilt für die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material. Wir erwarten, daß die Genfer
Abrüstungskonferenz Anfang 1995 ein entsprechendes Verhandlungsmandat erhält. Das birgt unserer
Ansicht die größte Chance, den potentiellen Atomprogrammen der sogenannten nuklearen Schwellenländer, die nicht dem N W angehören - Indien,
Pakistan und Israel - Einhalt zu gebieten.
1995 müssen die Vereinigten Staaten auch große
Anstrengungen zur Fortsetzung und Intensivierung
des Kampfes gegen Atomschmuggel unternehmen,
um die Sicherheit und den Nachweis spaltbaren
Materials sowie weltweite Kontrollen zu verbessern und insbesondere, um Transparenz und Unumkehrbarkeit der nuklearen Abrüstung in der ehemaligen
Sowjetunion zu fördern.

1995 müssen wir die Frage der Abgrenzung zwischen ABM (Anti-Ballistic Missile - antiballistische
Raketenabwehr) und TMD (Theater Missile Defense
- schauplatzgebundene Raketenabwehr) lösen, der
Abgrenzung zwischen verbotenen strategischen
Verteidigungssystemen und erlaubter gefechtsfeldgebundener Verteidigung. Ich weiß, daß diese
Verhandlungen in einigen Punkten umstritten sind.
Meines Erachtens müssen wir jedoch die enormen
Vorteile des Vertrags für die strategische Stabilität
schützen. Gleichzeitig ist es klug, Verteidigungssysteme gegen bestehende Bedrohungen im Operationsgebiet vorzubereiten, sowie gegen die leistungsfähigeren ballistischen Raketen, die verbrecherische
Staaten und potentielle Gegner wahrscheinlich
erwerben könnten.
Ich bin davon überzeugt, daß wir ein Abkommen
aushandeln können, das die Technologie für kriegsschauplatzgebundene Raketenabwehr schützen
kann, einschließlich der gefechtsfeldgebundenen
Verteidigungssysteme für große Höhen, deren
Testflüge im Februar beginnen.
Den Befürwortern des ABM-Vertrags, die sich unseren Abgrenzungsbestrebungen widersetzen, möchte

AMERIKA DIENST 05

ich sagen, daß der Vertrag nicht geschützt wird,
indem er zum Fossil wird. Ein Vertrag, der aufgegeben wurde - so unverfälscht er auch sein mag - hat
keinen Wert.
Dieses Jahr müssen wir sowohl einsatzfähige gefechtsfeldgebundene Verteidigungssysteme als auch
die strategischen Vorteile des ABM-Vertrags schützen.
1995 ist das letzte Jahr, in dem unter dem Vertrag
über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSEVertrag) Truppen abgezogen werden. Die Vereinigten Staaten müssen den Vertrag entschlossen gegen
jegliche Bestrebungen verteidigen, ihn im Namen der
"Harmonisierung" zu schwächen, indem seine Flankenobergrenzen verwässert werden oder die Befolgung der vorgeschriebenen Kürzungen verweigert
wird.
1995 ist auch das Jahr, in dem wir die Inkraftsetzung
des Vertrags über Offene Himmel erwarten, der das
Überfliegen ausländischen Territoriums von Vancouver bis Wladiwostok gestattet.
Wir werden 1995 energische Verhandlungen über ein
System zur verbesserten Einhaltung und Umsetzung
der Konvention über biologische Waffen führen.
1995 müssen wie die Konvention über konventionelle
Waffen ratifizieren, um auf der diesjährigen Über-

prüfungskonferenz dieser Konvention die Initiative
des Präsidenten zu Landminen fördern zu können.
1995 wird das entscheidende erste Jahr der Umsetzung des Rahmenabkommens über das Einfrieren
und Zurückschrauben des nordkoreanischen Nuklearprogramms sein. Dieses Abkommen, das nicht auf
Vertrauen, sondern auf verifizierbaren Schritten
beider Seiten basiert - liegt eindeutig im amerikanischen Interesse.
Mehrere dieser Bestrebungen veranschaulichen eine
große, weitreichende Herausforderung für die Vereinigten Staaten im Jahr 1995: Die Einleitung des
Zeitalters, in dem Rüstungskontrolle in die Tat
umgesetzt wird. Angesichts neuer Verträge wie
START, START II, CW-Konvention, Offene Himmel,
sowie anderer laufender Verträge wie CTBT und dem
Vertrag über die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material, die zu älteren Abkommen wie
dem N W , ABM-Vertrag, KSE-Vertrag und anderen,
bereits in Kraft getretenen hinzukommen, sehen sich
die Vereinigten Staaten einer wachsenden Aufgabe
gegenüber, die Vorteile von Rüstungskontrolle in die
Realität umzusetzen. Ich bin diesem Thema gegenüber besonders aufgeschlossen, weil das ACDA bei
diesen Bestrebungen der Mittler ist - das Amt ver-

Seite 3

�bindet Sachwissen in Verhandlungen, Gesetze,
nachrichtendienstliche Erkenntnisse und Technologie
um zu gewährleisten, daß unsere vertraglich festgelegten Rechte gewahrt werden.
Rüstungskontrollabkommen - einschließlich der
zahlreichen, von republikanischen Administrationen
ausgehandelten, wie die START-Verträge und die
Chemiewaffenkonvention - sorgen nicht selbst für
ihre Einhaltung. Das zu vermuten käme der Annahme gleich, man könnte einen Hungrigen sättigen,
indem man ihm die Speisekarte reicht. Während die
Aufgabe der Inkraftsetzung wächst, dürfen wir nicht
zulassen, daß haushaltspolitische Zwänge zu einer
Vernachlässigung von Verifizierung, Kontrolle und
Umsetzung führen.
Folglich stehen auf der Tagesordnung für 1995
enorme Rüstungskontrollaufgaben. Mit wachsender
Konzentration auf die Weiterverbreitung leben wir
auch in einer Zeit, in der die Rüstungskontrollperspektive dringend in Betracht gezogen werden muß.
Während des Kalten Krieges, als Rüstungskontrolle
das Hauptelement der sowjetisch-amerikanischen
Beziehungen und der Umgang mit diesem Konflikt
die wichtigste Aufgabe darstellte, war es unwahrscheinlich, die Gebote der Rüstungskontrolle zu
übersehen. Diese Gefahr ist jetzt jedoch viel größer,
da Rüstungskontrolle in den meisten Fällen bedeutet, bei über 150 Nationen auf unsere Nichtverbreitungsziele zu drängen, wobei wir bei unseren
Beziehungen zu einem Großteil dieser Länder neben
der Rüstungskontrolle andere Prioritäten im diplomatischen, handelspolitischen und in anderen Bereichen haben.
*

Seite 4

*

Verteidigung mit anderen Mitteln
Historische und politische Ereignisse haben bei
einigen zu der fälschlichen Annahme geführt, Rüstungskontrolle und Verteidigung ständen in Widerspruch zueinander. Sie verwechseln die Unterschiedlichkeit der Mittel - diplomatische kontra
militärische - mit einer Unterschiedlichkeit der Ziele.
Der grundlegende Zweck von Rüstungskontrolle und
Verteidigung ist genau derselbe - uns mehr Sicherheit
zu geben. Verteidigung schreckt ab oder bekämpft
Bedrohungen; Rüstungskontrolle beseitigt sie schweigend. Verteidigungsminister William Perry hat es gut
formuliert: Rüstungskontrolle ist Verteidigung mit
anderen Mitteln. Sie ist ein nationales Sicherheitsgeschäft.
Und jetzt - da wir die umfassendste Tagesordnung für
Rüstungskontrolle in der Geschichte ansprechen - ist
genau der falsche Zeitpunkt, diese lebenswichtige
nationale Mission zu untergraben.
In der Zeit nach dem Kalten Krieg hat Rüstungskontrolle mehr denn je großes Gewicht als tragender
Pfeiler der nationalen Sicherheit der Vereinigten
Staaten. Ich bin zuversichtlich, daß der neue Kongreß letzten Endes diesen Pfeiler nicht entfernen
oder dieses Fundament schwächen wird. Wir als
Nation müssen uns erneut für Engagement statt
Isolationismus, für eine Führungsrolle in der Welt statt
Abschottung, für wahre Sicherheit statt Rückzug
entscheiden.

*

*

AMERIKA DIENST 05

�LANDMINEN
8. Februar 1995

USA ENGAGIEREN SICH FÜR LÖSUNG DES
WELTWEITEN PROBLEMS DER LANDMINEN
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Warren Christopher unterstrich am 27. Januar 1995 das Engagement
der Vereinigten Staaten zur weiteren Zusammenarbeit mit anderen Regierungen, den Vereinten Nationen und
privaten Hilfsorganisationen bei der Lösung des weltweiten Landminenproblems.
"Wir wissen, daß dies eine enorme Herausforderung ist", äußerte der Außenminister. "Aber wir werden uns
dieser Herausforderung stellen, weil wir auch wissen, daß die Befreiung der Welt von diesen versteckten Killern
in den kommenden Jahren Zehntausende von Menschenleben retten wird."
Christopher erörterte die Strategien der Vereinigten Staaten zur Entschärfung und Kontrolle von Landminen
während einer Veranstaltung des US-Außenministeriums aus Anlaß der Präsentation seines zweiten Berichts
an den Kongreß über die weltweite Landminenkrise.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Erklärung des Außenministers.

Es ist mir eine Ehre, heute zusammen mit den
Persönlichkeiten hier zu sein, die bei der Entwicklung unserer Politik zu Landminen eine äußerst
aktive Rolle spielen. Senator Leahy und der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Evans waren die
treibende Kraft bei der Erzielung des amerikanischen
Moratoriums für Exporte von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen. Sie sorgen dafür, daß sich
die weltweite Aufmerksamkeit auch weiterhin auf
dieses globale Problem richtet, und ohne die von
ihnen übernommene Führungsrolle wären wir nicht
hier.
Eine wichtige Rolle bei diesem Treffen spielt der
Bericht "Versteckte Killer: Die weltweite Landminenkrise" des Jahres 1994. In diesem Bericht wird das
enorme Problem erörtert, das nicht explodierte
Landminen heutzutage für die Welt darstellen.
Zwischen 80 und 110 Millionen dieser Waffen sind
in 64 Ländern verstreut. Sie fordern jede Woche
500 Opfer. Sie machen keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Kombattanten - wahrscheinlich
führen sie sogar zum Tod von mehr Kindern als
Soldaten. Und sie töten weiter, auch wenn Friedensverträge unterzeichnet werden und im Krieg die
Waffen schweigen.

AMERIKA DIENST 05

In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im
September vergangenen Jahres verpflichtete Präsident Clinton unsere Nation zum weltweiten Kampf
gegen diese tödliche Geißel. Unser oberstes Ziel ist
die vollständige Beseitigung von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen. Als ersten Schritt rief der
Präsident alle Nationen auf, gemeinsam mit uns ein
Abkommen über die Reduzierung der Anzahl und
Verfügbarkeit dieser schrecklichen Waffen auszuhandeln.
Landminen sind vielleicht die ältesten Waffen auf
unserer Tagesordnung für Rüstungskontrolle. Während des amerikanischen Bürgerkriegs wurden sie in
offiziellen Berichten als "Landtorpedos" bezeichnet,
der einfache Soldat nannte sie schlicht und einfach
"teuflische Geräte". Heute, am Ende eines Jahrhunderts, in dem zunehmend Kriege gegen Zivilisten
geführt werden, setzt man Landminen für deprimierend moderne Zwecke ein.
Weltweit werden Minen in Ackerland und Reisfeldern,
auf Schulhöfen und Landstraßen verlegt und machen
damit ganze Gemeinden unbewohnbar. Sie vertreiben die Menschen von ihrem Land. Sie verhindern die Rückkehr von Flüchtlingen in ihre Heimat.

Seite 1

�Diese Geräte können als Waffen zur Massenvernichtung "im Zeitlupentempo" bezeichnet werden.
Sie könnten auch ohne Übertreibung zu Waffen der
Massenmigration werden. Dies ist in den entvölkerten Gebieten von Mosambik offensichtlich, wo jedes
größere Straßennetz wegen nicht entschärfter Minen
unbenutzbar ist. Es zeigt sich an den kahlen Hügeln
Afghanistans, wo Minen wahllos in Ackerböden,
Brunnen und Bewässerungskanälen verlegt wurden.
Landminen erschweren den Ländern auch den
Übergang von Konflikten zu Wiederaufbau, Versöhnung und Wachstum. Sie verhindern die Instandsetzung von Straßen, Eisenbahnen, Elektrizitätsleitungen und Brücken.
Sie verzögern
Hilfslieferungen. Sie zerrütten Binnenmärkte. Dieser
Bericht beschreibt das Resultat drastisch: "Jede für
den Wiederaufbau vom Krieg zerstörter Gesellschaften erforderliche Aufgabe ist bis zur Beseitigung der Landminen ausgesetzt."
Die Clinton-Administration verfolgt eine umfassende
Strategie zur Lösung der weltweiten Landminenkrise.
Wir helfen von Landminen heimgesuchten Ländern
bei der Beseitigung ihres unerwünschten Erbes. Wir
spielen eine führende diplomatische Rolle bei der
Eindämmung der Weiterverbreitung und des unverantwortlichen Einsatzes dieser Waffen.
Das amerikanische Minenentschärfprogramm stellt
Ausbildung, Gerät und Mittel zum Räumen von
Minen und für Unterrichtsprogramme bereit, wie man
Verletzungen durch diese Minen in Ländern wie
Afghanistan, Eritrea, Mosambik und Nicaragua
vermeiden kann. In Kambodscha haben wir 6
Millionen Dollar zur Unterstützung von Minenentschärfbestrebungen zugesagt, die für den Erfolg der
Friedensschaffung in diesem Land absolut unerläßlich waren. Wir hoffen, unsere Hilfsprogramme auf
andere Länder erweitern zu können, darunter
Ruanda und Angola.
Wir arbeiten ferner mit den Vereinten Nationen bei
der Organisation eines internationalen Treffens über
die Räumung von Minen zusammen, das Ende Mai
in Genf stattfinden soll. Wir hoffen, bei dem Treffen

*

Seite 2

*

wird ein hoher Prozentsatz des von den Vereinten
Nationen vorgeschlagenen Budgets zur Minenentschärfung in Höhe von 67 Millionen Dollar aufgebracht.
Im Jahr 1993 haben die Vereinigten Staaten ihr
unilaterales Moratorium für Landminenexporte einseitig um drei Jahre verlängert. Wir fordern andere
Nationen auf, dem Beispiel zu folgen. 1994 haben
wir eine führende Rolle bei der erfolgreichen Verabschiedung einer Resolution der UN-Generalversammlung über ein Verbot von gegen lebende Ziele
gerichteten Landminen übernommen.
Im Einklang mit Präsident Clintons Initiative bei der
Generalversammlung haben wir auch den Vorschlag
für ein multilaterales Kontrollregime zur Beschränkung der Produktion, Lagerung und des Exports von
gegen lebende Ziele gerichteten Landminen unterbreitet. Das Regime wird den Rückgriff auf die Art
von Landminen verringern, die größten Schaden für
Zivilisten verursachen - deren todbringende Wirkung
unbegrenzt ist, statt sich selbst zu zerstören oder zu
entschärfen.
Ich möchte den Senat um die unverzügliche Ratifizierung der Konvention über konventionelle Waffen
bitten, die Restriktionen über den Einsatz von Landminen enthält. Wir wollen auf die Stärkung dieser
Vereinbarung zum Schutz von Zivilisten, zur Verbesserung der Markierung und Verzeichnung von Minenfeldern und vor allem auf die Erweiterung ihrer
Bestimmungen hinarbeiten, damit sie internationale
Konflikte einbezieht.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin mit anderen Regierungen, den Vereinten Nationen und
privaten Hilfsorganisationen bei der Lösung des
Problems der Landminen zusammenarbeiten. Wir
wissen, daß dies eine enorme Herausforderung ist.
Aber wir werden uns dieser Herausforderung stellen,
weil wir auch wissen, daß die Befreiung der Welt von
diesen versteckten Killern in den kommenden Jahren
Zehntausende von Menschenleben retten wird.
Ich danke Ihnen.

*

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AMERIKA DIENST 05

�8. Februar 1995

UNO BEENDET PLANUNG FÜR DEN
WELTGIPFEL ÜBER SOZIALE ENTWICKLUNG
Konzentration auf Ursachen sozialer Probleme
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Vertreter der Vereinten Nationen haben ihre Arbeit an einem umfassenden Plan über die Bekämpfung von Armut,
Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen beendet von vielen als "die nicht abgeschlossene Tagesordnung des 20. Jahrhunderts" bezeichnet - der beim
bevorstehenden Weltgipfel über soziale Entwicklung
von Präsidenten und Ministerpräsidenten erörtert
wird.
Die auch als Sozialgipfel bezeichnete Konferenz ist
vom 6. bis 12. März 1995 in Kopenhagen anberaumt. Über 100 Staats- und Regierungschefs
haben ihre Teilnahme zugesagt. Ferner werden
Vertreter von 2.000 nichtstaatlichen Organisationen
am Gipfel teilnehmen. Die Clinton-Administration hat
noch keine Entscheidung getroffen, wer die amerikanische Delegation leiten wird.
Der Gipfel gehört zu einer Reihe von den Vereinten
Nationen organisierter Konferenzen, angefangen mit
dem Kindergipfel von 1990 über den Erdgipfel von
Rio de Janeiro, die UN-Menschenrechtskonferenz in
Wien, die internationale Konferenz über Bevölkerung
und Entwicklung im vergangenen Jahr in Kairo bis
zur Ende dieses Jahres in Peking anberaumten
Weltfrauenkonferenz. Die Organisatoren betrachten
den Sozialgipfel als einen der Höhepunkte der
Feiern aus Anlaß des 50. Jahrestages der Gründung
der Vereinten Nationen.
Delegierte aus 185 Mitgliedstaaten der Vereinten
Nationen stellten bei ihrer letzten Vorbereitungssitzung am 28. Januar fast alle Einzelheiten des
Plans und der Gipfelerklärung zur Annahme fertig.
Die Teilnehmer hoffen, daß das Dokument und das
hochrangige Treffen die Aufmerksamkeit der Regierung und des Privatsektors auf die hartnäckigen
sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Dritten
Welt, Osteuropas sowie einiger Städte im Westen
lenken werden und die Konzentration der Medien
von Kriegen und der UNO-Friedenssicherung auf die

AMERIKA DIENST 05

Wurzeln der zunehmenden politischen Unordnung
und wachsenden sozialen Zersplitterung übergeht.
Botschafter Juan Somavia aus Chile, der Vorsitzende
des Vorbereitungsausschusses, erklärte, der Gipfel
werde "den Kurs für ein neues Zeitalter internationaler Zusammenarbeit" festlegen, einschließlich einer
substantiellen Neuorientierung der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg.
"Die Bedrohung durch die Atombombe wurde durch
die Realität einer sozialen Bombe ersetzt - Not,
Unmut und Unruhen als Konsequenz wachsender
Ungleichheit innerhalb und zwischen einzelnen
Ländern. Es ist unabdingbar, daß der Sicherheit des
einzelnen ebenso große Bedeutung beigemessen
wird wie der Sicherheit von Nationen", äußerte der
Botschafter.
Laut Timothy Wirth, dem Staatssekretär für globale
Angelegenheiten im US-Außenministerium, verfolgen
die Vereinigten Staaten bei dem Gipfel drei zentrale
Ziele "im Zusammenhang mit Armut, Beschäftigung
und Frauen".
Wirth, der die Vorbereitungen der amerikanischen
Regierung für den Sozialgipfel und die Weltfrauenkonferenz koordiniert, teilte mit, der Entwurf für das
Abschlußdokument sei erstmals direkter und klarer
auf die Bekämpfung absoluter Armut ausgerichtet,
was insbesondere bei der Verteilung knapper Ressourcen hilfreich sei.
Zu den kontroverseren Konzepten der Sitzung zählt
die sogenannte "20/20-Lösung", der zufolge die
Regierungen 20 Prozent ihres Etats sowie 20 Prozent
ihrer Auslandshilfe für Sozialprogramme vorsehen
sollten.
"Unseres Erachtens ist dies sinnvoll", erklärte Wirth
bei einer Pressekonferenz am 27. Januar 1995.

Seite 1

�"Es ist eine äußerst nützliche Art, Regierungen von
Verpflichtungen zu entbinden, die vielleicht nicht so
produktiv sind, insbesondere von dieser ständigen
Betonung auf Waffen und Rüstungen, und ihre
Aufmerksamkeit mehr auf die Bedürfnisse der Menschen zu lenken", führte Wirth aus. Wir haben
versucht, die 20/20-Lösung nicht als Zweck, sondern
als Mittel zu nutzen, die Nationen von der Bereitstellung von Ressourcen zur Bekämpfung der absoluten Armut zu überzeugen."
Wirth zufolge belegt der Ansatz des Gipfels zu
Auslandshilfe, wie sich die Debatte über Ressourcen
"in den vergangenen Jahren beträchtlich verändert
hat".
"In der Welt von heute ist es klar, daß es keine
neuen und zusätzlichen Ressourcen gibt, die an
irgendeinem Ort der Welt der Auslandshilfe zugute
kommen. Die Nationen geben kein zusätzliches
Geld dafür aus. Das ist eine Tatsache, die sowohl
auf die Industrienationen als auch die Entwicklungsländer zutrifft."
Angesichts dieser Tatsache müssen wir unsere
Denkweise bezüglich der Ressourcen ändern. Ein
Weg besteht darin, andere Ziele und Prioritäten zu
setzen, wie es das Dokument mit der 20/20-Verpflichtung tut", erläuterte Wirth.
Der Staatssekretär fügte hinzu, der Gipfel sei eine
gute Nachfolgekonferenz des im vergangenen Jahr
in Detroit abgehaltenen Gipfeltreffens der Gruppe
der Sieben, das sich mit Beschäftigungsproblemen
befaßte.

"Wie konzentrieren wir uns auf die Schaffung von
Arbeitsplätzen angesichts sich verändernder Volkswirtschaften und dem Scheitern des kommunistischen
Systems", stellte Wirth die Frage. "Das Dokument
über den Sozialgipfel enthält interessante Passagen,
die uns in die richtige Richtung leiten, damit wir uns
auf die grundlegenden Arbeitnehmerrechte, Erwerbsunfähigkeit, das Verhältnis zwischen bezahlter und
unbezahlter Arbeit sowie Ansätze zum Gesundheitsund Bildungswesen konzentrieren, die uns ein
Verständnis der Vollbeschäftigung vermitteln."
"Regierungen können helfen", so der Staatssekretär,
"indem sie das Umfeld fördern, in dem die richtige
Denkweise über freie Märkte, die richtigen Ansätze
zu Bildung und Ausbildung sowie Investitionen in den
einzelnen zur Schaffung eines Klimas beitragen
können, in dem die Beschäftigungsrate sehr viel
wahrscheinlicher ansteigen wird."
Der dritte wichtige Bereich für die Vereinigten Staaten
seien Frauen.
"Wir nehmen unsere Aussage äußerst ernst, alles in
unserer Macht Stehende für die Gleichberechtigung
von Frauen zu tun, einschließlich der Überbrückung
der Kluft bei der Ausbildung von Jungen und Mädchen", führte Wirth aus. "Wir werden weiterhin der
Gesundheit von Frauen größte Bedeutung einräumen, uns weiterhin auf Chancen konzentrieren,
Frauen mehr wirtschaftliche Befugnisse zu verleihen,
und uns auf die Menschenrechte von Frauen unter
besonderer Betonung der Rechte von Frauen sowie
der Gewalt gegen Frauen konzentrieren, wie in dem
Dokument enthalten."

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 05

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue europäische Sicherheitsarchitektur&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kornblum &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die deutsch-amerikanischen Beziehungen - zu einer neuen Tagesordnung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Dr. Jackson Janes &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die weltweite Menschenrechtssituation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht über die Berichte des US-Außenministeriums &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das wichtigste Jahr in der Geschichte der Rüstungskontrolle&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von ACDA-Direktor Holum &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Landminen&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA engagieren sich für Lösung des weltweiten Problems der Landminen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Christopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Sozialgipfel&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UNO beendet Planung für den Weltgipfel über soziale Entwicklung&amp;nbsp;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Konzentration auf Ursachen sozialer Probleme&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

04

26.Januar 1995

LAGE DER NATION

CLINTON: SICHERHEIT DER USA ABHÄNGIG
VON FÜHRUNGSROLLE IN DER WELT
Bericht zur Lage der Nation

AUSSENPOLITIK

GRUNDSÄTZE UND TAGESORDNUNG DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Außenminister Christopher

AUSLANDSHILFE

FORTGESETZTES ENGAGEMENT FÜR
ENTWICKLUNG
Rede von AI D-Direktor Atwood

HOLOCAUST-MUSEUM

50. JAHRESTAG DES TODESMARSCHES
VON AUSCHWITZ
Feierliche Zeremonie im Holocaust
Memorial Museum

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�LAGE

DER

NATION
25.Januar 1995

CLINTON: SICHERHEIT DER USA ABHÄNGIG
VON FÜHRUNGSROLLE IN DER WELT
Bericht zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - Mit der erneuten Feststellung, die Vereinigten Staaten könnten "nicht stark im Inland
sein, wenn wir nicht im Ausland stark sind", erklärte Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der Nation
am 24. Januar 1995, die nationale Sicherheit Amerikas sei "abhängig von unserer weiteren Führungsrolle in
der Welt beim Streben nach Frieden, Freiheit und Demokratie".
In der jährlichen Regierungserklärung, die sich im wesentlichen auf innenpolitische Themen konzentrierte,
forderte der Präsident den Kongreß auf, "unverzüglich" ein Paket von Kreditbürgschaften für Mexiko zu
verabschieden, da ein solches Gesetz "richtig für Amerika" sei und "im Interesse der Millionen von
Amerikanern, deren Lebensunterhalt an das wirtschaftliche Wohlergehen Mexikos geknüpft ist".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Berichts zur Lage der Nation von Präsident
Clinton.

Herr Präsident, Mr. Speaker, verehrte Mitglieder des
104. Kongresses der Vereinigten Staaten, liebe
Mitbürger,
wiederum sind wir hier an dieser Freistatt der
Demokratie versammelt, und wiederum hat die
Demokratie gesprochen. Allen Mitgliedern des 104.
Kongresses und Ihnen, Mr. Speaker, herzlichen
Glückwunsch!
Auch wenn wir sonst vielleicht nie einer Meinung
sind, müssen wir doch zugeben, daß das amerikanische Volk 1992 und 1994 für Wandel gestimmt hat.
Wir haben Amerika nicht singen gehört - wir haben
Amerika rufen gehört. Und jetzt müssen wir sagen:
Wir haben Euch gehört. Wir werden zusammenarbeiten, damit wir Euer Vertrauen verdienen.
Denn wir sind alle die Hüter eines geheiligten
Vertrauens, und wir müssen es in diesem neuen
Zeitalter bewahren. Vor über 200 Jahren veränderten unsere Gründerväter den Lauf der Geschichte,
indem sie gemeinsam ein neues Land gründeten,
das von einer mächtigen Idee geleitet war: Wir
erachten die Wahrheit als selbstverständlich, daß
alle Menschen gleich geschaffen sind und von ihrem
Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten
ausgestattet wurden, darunter Leben, Freiheit und
das Streben nach Glück.

AMERIKA DIENST 04

Seither obliegt es jeder Generation, diese Idee - die
amerikanische Idee - zu bewahren und ihre Bedeutung in neuen und veränderten Zeiten voranzubringen. An Lincoln und seinen Kongreß gerichtet: Die
Union zu erhalten und die Sklaverei abzuschaffen.
An Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson gerichtet: Die Mißstände und Exzesse der Industriellen
Revolution zu beheben und die amerikanische
Führungsrolle in der Welt zu bekräftigen. An Franklin
Roosevelt gerichtet: Die Weltwirtschaftskrise zu
bekämpfen und den großen Kampf unseres Jahrhunderts gegen den Faschismus zu führen. An alle
Präsidenten seitdem gerichtet: Den Kalten Krieg zu
führen. Und insbesondere an zwei Präsidenten
gerichtet, die in Partnerschaft mit Kongressen der
Oppositionspartei arbeiteten: An Harry Truman, der
uns zu beispiellosem Wohlstand im Inland führte und
die Architektur des Kalten Krieges entwarf. Und an
Ronald Reagan, der uns ermahnte, weiterzumachen,
bis der Kampf gegen den Kommunismus gewonnen
war.
In einer anderen Zeit des Wandels und der Herausforderungen war ich der erste Präsident, der in der
Ära nach dem Kalten Krieg gewählt wurde - einer von
der Weltwirtschaft, der Informationsrevolution, beispiellosen Veränderungen und Chancen sowie von
Unsicherheit für den Durchschnittsamerikaner gekennzeichneten Ära. Ich kam vor zwei Jahren mit

Seite 1

�einer Mission in diese ehrwürdige Kammer: Den
Amerikanischen Traum für uns alle wiederherzustellen und zu gewährleisten, daß wir immer noch als
die stärkste Kraft der Welt für Freiheit und Demokratie ins 21. Jahrhundert gehen.
Ich war entschlossen, schwierige Probleme in Angriff
zu nehmen, die zu lange vernachlässigt worden
waren. Dabei habe ich Fehler gemacht und wieder
die Demut gelernt, die jedem menschlichen Unterfangen eigen ist. Aber ich bin stolz, heute abend
sagen zu können, unser Land ist stärker, als es vor
zwei Jahren war.
Ein Rekordzahl von Amerikanern hat in der neuen
Weltwirtschaft Erfolg. Wir leben im Frieden und sind
eine Kraft für Frieden und Freiheit auf der ganzen
Welt. Seit meinem Amtsantritt haben wir fast 6
Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben
die niedrigste Arbeitslosen- und Inflationsrate seit
über 25 Jahren. Der Handel ist expandiert, wir
haben mehr Polizisten auf unseren Straßen eingesetzt, unseren Bürgern mehr Instrumente an die
Hand gegeben, um ihre Bildung und Ausbildung zu
verbessern und ihre Gemeinden wiederaufzubauen.
Aber die steigende Flut trägt nicht alle Boote nach
oben.
Obwohl unsere Nation sich des Friedens und Wohlstands erfreut, arbeiten noch immer zu viele unserer
Mitbürger härter für weniger Geld. Obwohl unsere
Unternehmen umstrukturiert und konkurrenzfähiger
werden, können zu viele unserer Mitbürger nicht
sicher sein, ob sie nächstes Jahr oder sogar nächsten Monat noch einen Arbeitsplatz haben. Und
sehr viel mehr als unsere materiellen Güter ist in
Gefahr - sehr viel wertvollere Dinge: Unsere Kinder,
unsere Familien, unsere Werte.
Unser bürgerliches Leben leidet. Die Bürger arbeiten weniger zusammen, sind aggressiver.
Die
Bande der Gemeinschaft, die von Anbeginn an die
große Stärke dieses Landes waren, sind stark
verschlissen.
Was können wir dagegen unternehmen? Vor über
60 Jahren, beim Anbruch eines anderen neuen
Zeitalters, erklärte Franklin Roosevelt der Nation:
"Neue Umstände erlegen der Regierung und den
Regierenden neue Anforderungen auf." Von dieser
einfachen Prämisse ausgehend schuf er den New
Deal, der den Wohlstand unserer Nation wiederherstellte und die Beziehungen zwischen den Amerikanern und ihrer Regierung ein halbes Jahrhundert
lang definierte.
Dieser Ansatz funktionierte zu seiner Zeit. Aber
heute sehen wir uns mit einer anderen Zeit und

Seite 2

anderen Gegebenheiten konfrontiert. Wir bewegen
uns vom industriellen Zeitalter der Maschinen und
des Schweißes zum Informationszeitalter, das mehr
Qualifikation und Lernen erfordert. Unsere Regierung, einstmals der Verfechter der nationalen Zielsetzung, wird jetzt als Bewahrer kleinlicher Interessen
angesehen, der unseren Bürgern mehr Lasten
auferlegt, statt sie so auszurüsten, daß sie weiterkommen. Die Werte, die uns zusammenhielten,
brechen auseinander.
Deshalb müssen wir heute abend ein neues soziales
Gefüge schmieden, um den Herausforderungen
unserer Zeit zu begegnen. An der Schwelle zu
einem neuen Zeitalter benötigen wir ein neues
Verständnis, nicht nur unserer Regierung, sondern vor allem - besseres gegenseitiges Verständnis.
Darüber möchte ich heute abend mit Ihnen sprechen.
Ich bezeichne dieses Verständnis als neuen Bund,
der sich jedoch auf eine sehr alte Idee gründet: Alle
Amerikaner haben nicht nur das Recht, sondern auch
die Pflicht, so weit voranzukommen, wie ihre von Gott
gegebenen Talente und ihre Entschlossenheit sie
bringen und ihren Gemeinden und ihrem Land im
Gegenzug etwas zurückzugeben.
Chancen und Pflichten gehen Hand in Hand. Wir
können das eine nicht ohne das andere haben. Und
unsere Nation hat keinen Zusammenhalt ohne
beides.
Unser neuer Bund enthält ein neues Verständnis
dessen, wie wir unser Volk für die Herausforderungen
der neuen Volkswirtschaft ausrüsten, wie wir unsere
Regierungsarbeit an eine neue Zeit anpassen, und
vor allem, wie wir die beschädigten Bande unserer
Gesellschaft reparieren und uns hinter unsere gemeinsame Sache stellen können. Wir müssen bei
unserer Wirtschaft, unserer Regierung und bei uns
selbst dramatische Veränderungen vornehmen.
Wir wollen uns der Aufgabe stellen. Wir wollen
Parteipolitik, Kleinmut und Stolz beiseite lassen.
Während wir einen neuen Kurs einschlagen, wollen
wir unser Land an die erste Stelle setzen und uns vor
Augen führen, daß wir unabhängig von unserem
Parteibuch alle Amerikaner sind. Alle unsere Aktionen sollten von der einfachen Frage geleitet sein: Ist
dies gut für das amerikanische Volk?
Wir können von den Amerikanern nicht verlangen,
bessere Bürger zu sein, wenn wir nicht bessere
Staatsdiener sind. Wir haben in dieser Woche mit
der Verabschiedung eines Gesetzes den Anfang
gemacht, das für den Kongreß dieselben Gesetze
vorschreibt wie für den Privatsektor. Aber wir müssen noch sehr viel mehr tun.

AMERIKA DIENST 04

�Auf den Straßen und in den Gängen von Washington sieht man dreimal soviele Lobbyisten wie vor 20
Jahren. Das amerikanische Volk blickt auf die
Hauptstadt des Landes und sieht eine Stadt, in der
diejenigen mit den guten Verbindungen das System
melken und die Interessen des Durchschnittsbürgers
zu häufig mißachtet werden.
Als dieser neue Kongreß seine Türen öffnete, waren
die Lobbyisten noch an der Arbeit. Bezahlte Reisen,
teure Geschenke ... business as usual. Zweimal in
diesem Monat haben Sie gegen die Abschaffung
dieser Geschenke gestimmt. Nun, man braucht
nicht für alles ein Gesetz. Heute abend fordere ich
Sie auf, diese Geschenke einfach nicht anzunehmen
- jetzt, ohne auf die Verabschiedung des Gesetzes
zu warten. Legen Sie mir dann das strengste
Gesetz zur Reform des Lobbyismus vor, und ich
werde es unterzeichnen.
Die Lobbyisten sollten gezwungen werden, den
Menschen zu sagen, für wen sie arbeiten, was sie
ausgeben und was sie wollen. Und wir wollen den
Einfluß des großen Geldes bei unseren Wahlkampagnen beschneiden, indem wir die Kosten des Wahlkampfs senken, den Einfluß der politischen Aktionskomitees begrenzen und die Fernsehsender zu
einem Instrument der Demokratie machen, indem wir
den Kandidaten kostenlose Sendezeit zur Verfügung
stellen.
Als der Kongreß im letzten Jahr die politischen
Reformen vereitelte, standen die Lobbyisten tatsächlich in den heiligen Hallen dieses Gebäudes und
freuten sich. In diesem Jahr wollen wir den Menschen zu Hause etwas geben, über das sie sich
freuen können.
Noch wichtiger ist, wir wollen die Regierung ändern sie kleiner, kostengünstiger und klüger machen schlanker, nicht schlechter.
Der neue Bund ist ein Ansatz zur Regierungsführung, der sich so sehr von dem alten bürokratischen
Weg unterscheidet wie der Computer von einer
Schreibmaschine.
Der alte bürokratische Weg
schützte die Interessengruppen. Der neue Bund
blickt auf die Interessen der Durchschnittsbürger.
Der alte Weg teilte uns nach Interessen, Wahlkreis
oder Klasse - der neue Bund vereint uns hinter einer
gemeinsamen Vision dessen, was am besten für
unser Land ist.
Der alte Weg bot Dienstleistungen über große,
hierarchische, inflexible Bürokratien an. Der neue
Bund verlagert die Ressourcen und den Entscheidungsprozeß von den Bürokraten zu den Bürgern
und bewirkt Entscheidungsfreiheit, Wettbewerb und

AMERIKA DIENST 04

Verantwortung des einzelnen bei der nationalen
Politik.
Der alte Weg schien Fehlschläge zu belohnen. Der
neue Bund birgt Anreize zur Belohnung des Erfolgs.
Der alte Weg war in Washington zentralisiert. Der
neue Bund muß in den Gemeinden im ganzen Land
Fuß fassen.
Unsere Aufgabe hier besteht in der Verbesserung der
Chancen, nicht der Erweiterung von Bürokratie, damit
die Menschen das Beste aus ihrem Leben machen
können und um unsere Sicherheit im In- und Ausland
zu verbessern.
Wir müssen die Illusion aufgeben, daß es ein Programm für jedes Problem gibt und die Fehleinschätzung, daß die Regierung die Quelle allen Übels ist.
Unsere Aufgabe ist es, die Regierung von gestern
abzuschaffen, damit die Menschen die Erfordernisse
von heute und morgen bewältigen können.
Bevor ich Präsident wurde, haben andere jahrelang
gesagt, sie würden die Regierung abspecken, aber
es ist nicht viel geschehen. Wir haben etwas getan.
Wir haben allein in den letzten beiden Jahren die
Ausgaben um mehr als eine Viertel Billion Dollar
gekürzt, über 300 innenpolitische Programme eingestellt, über 100.000 Positionen in der Bundesbürokratie abgeschafft. Aufgrund der von uns bereits getroffenen Entscheidungen werden wir insgesamt mehr
als eine Viertelmillion Positionen abgeschafft und
damit die Bundesregierung zur schlanksten seit John
F. Kennedys Präsidentschaft gemacht haben.
Unter der Führung von Vizepräsident Gore haben
unsere Initiativen bereits Einsparungen in Höhe von
63 Milliarden Dollar für den Steuerzahler bewirkt.
Das Zeitalter des 500-Dollar-Hammers ist vorbei.
Nutzlose Programme wie Mohair-Subventionen
wurden abgeschafft. Wir haben das Landwirtschaftsministerium um über 1.200 Büros verkleinert. Wir
haben das Formular für Kredite für mittelständische
Unternehmen von einem zentimeterdicken Wälzer auf
eine Seite gekürzt und das 10.000 Seiten starke
Personalhandbuch der Regierung weggeworfen.
FEMA - das Bundesamt für Katastrophenschutz - ist
nicht länger eine Katastrophe, sondern hilft den
Menschen. Regierungsangestellte haben Hand in
Hand mit Privatunternehmen in Rekordzeit und bei
Unterschreitung des Budgets die zerstörten Autobahnen in Südkalifornien wiederaufgebaut. Und weil die
Bundesregierung rasch gehandelt hat, findet in allen
bis auf einer der bei dem Erdbeben beschädigten 650
Schulen wieder Unterricht statt.
Die Universitätsverwaltungen sagen mir, daß sie
Wochen an Arbeitszeit bei der Bearbeitung von

Seite 3

�t

Kreditanträgen für den Collegebesuch aufgrund
unseres College-Kreditprogramms einsparen, das
die Kosten für den Steuerzahler und die Studenten
senkt, ihnen die Rückzahlung ihrer Kredite für den
Collegebesuch erleichtert und den bürokratischen
Aufwand verringert.

bestimmte grundlegende nationale Erfordernisse in
jedem Bundesstaat angesprochen werden müssen.
Schutzimpfungen gegen Kinderkrankheiten, Schulspeisung, Head Start, medizinische Versorgung sowie
die Ernährung von schwangeren Müttern und Kindern
- dies liegt im nationalen Interesse.

Frühere Berichte über Regierungsreformen verstaubten in den Regalen. Wir erzielen Resultate.
Aber wir sind noch nicht fertig. Es wird eine zweite
Runde der Umstrukturierung der Regierung geben.
Wir schlagen eine Kürzung der Ausgaben in Höhe
von 130 Milliarden Dollar vor, indem wir die Ministerien verkleinern, die Inlandsausgaben weiter einfrieren und die 60 Programme für den sozialen
Wohnungsbau auf drei reduzieren. Wir werden über
100 unnötige Programme abschaffen - wie die
zwischenstaatliche Handelskommission und das
Programm für Heliumreserven.

Ich teile Ihren Wunsch, kostenintensive, unnötige
Bestimmungen abzuschaffen. Aber wenn wir deregulieren, dürfen wir nicht vergessen, welche nationalen
Aktionen im nationalen Interesse uns etwas gegeben
haben: Gesündere Nahrungsmittel für unsere Familien, sichereres Spielzeug für unsere Kinder,
sicherere Pflegeheime für unsere Eltern. Sicherere
Autos und Autobahnen. Und sicherere Arbeitsplätze.
Sauberes Wasser und saubere Luft.

Diese Programme sind überholt. Wir müssen die
Regierung von gestern abspecken, um die Probleme
von morgen zu lösen.
Und wir müssen die Regierung den Menschen näher
bringen, denen sie dienen soll. Wo die Bundesstaaten und Gemeinden, die Privatleute und der Privatsektor bessere Arbeit leisten können, sollten wir aus
dem Weg gehen. Wir entziehen den staatlichen
Bürokratien Macht und geben sie den Gemeinden
und Einzelpersonen zurück. Und es ist an der Zeit,
daß der Kongreß aufhört, den Bundesstaaten die
Kosten für Entscheidungen aufzuerlegen, die wir hier
in Washington treffen.
Seit Jahren hat der Kongreß die Kosten für nichtige
Ausgabenprojekte verschleiert - und das letzte Jahr
war nicht anders: Eine Million Dollar für eine Studie
über die Belastung von Pflanzen, 12 Millionen Dollar
für ein Programm zur Beseitigung von Zecken, das
nicht einmal funktionierte. Gewähren Sie mir das
selektive Veto, und ich werde dem Steuerzahler
Geld sparen.
Aber wenn wir Kürzungen vornehmen, sollten wir
uns vor Augen halten, daß die Regierung noch
immer wichtige Pflichten hat: Die jungen Menschen
halten unsere Zukunft in Händen; wir schulden
unseren Veteranen etwas, die bereit waren, ihr
Leben für uns aufs Spiel zu setzen und den Älteren,
die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Mein
Haushalt nimmt einschneidende Kürzungen vor, aber
er schützt das Bildungswesen, die Veteranen, das
Sozialwesen und Medicare, und das sollten Sie auch
tun.
Wenn wir den Bundesstaaten größere Flexibilität
einräumen, sollten wir uns daran erinnern, daß

Seite 4

Benötigen wir mehr gesunden Menschenverstand und
Fairness für unsere Bestimmungen? Natürlich. Aber
wir können gesunden Menschenverstand haben und
trotzdem unverschmutztes Trinkwasser bereitstellen.
Wir können Fairness zeigen und trotzdem Giftmülldeponien beseitigen. Und wir sollten es tun.
Sollten wir das Defizit weiter abbauen? Natürlich
sollten wir das. Wir müssen die Ausgaben so senken, daß die wirtschaftliche Gesundung nicht gefährdet ist und die Mittelschicht oder Senioren nicht
bestraft werden.
Ich weiß, viele von Ihnen in dieser Kammer unterstützen einen Zusatzartikel über einen ausgewogenen
Haushalt. Wir alle wollen einen ausgeglichenen
Haushalt. Unsere Administration hat mehr getan, um
den Haushalt auszugleichen, als jede andere Regierung seit langer Zeit. Aber wenn Sie diesen Zusatzartikel verabschieden, müssen Sie dem amerikanischen Volk gegenüber ehrlich sein. Die Amerikaner
haben das Recht zu wissen, wo Sie Kürzungen
vornehmen, und wie diese Kürzungen sie betreffen.
Und Sie sollten es ihnen sagen, bevor Sie die Verfassung ändern.
Der neue Bund enthält Probleme, und es ist unsere
Pflicht, uns damit zu befassen.
Nichts hat unser Verantwortungsbewußtsein stärker
untergraben als unser gescheitertes Sozialsystem.
Es belohnt Sozialhilfe statt Arbeit. Es höhlt Familienwerte aus. Es gestattet Millionen von Eltern, sich
ihrer Unterhaltspflichten zu entziehen.
Aus diesem Grund habe ich so lange auf die Reform
des Sozialsystems hingearbeitet. Wir haben einen
guten Anfang gemacht. In den vergangenen beiden
Jahren hat meine Administration mehr Bundesstaaten
die Chance für eigene Wege zur Sozialreform geboten als die beiden letzten Administrationen zusam-

AMERIKA DIENST 04

�mengenommen. Im vergangenen Jahr habe ich
einen Plan zur einschneidendsten Sozialreform
vorgelegt, der je von einer Administration eingebracht wurde.
Wir müssen das Sozialsystem zu dem machen, was
es sein soll: Eine zweite Chance, nicht ein Lebensstil. Wir werden den Sozialhilfeempfängern behilflich
sein, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten,
Kinderbetreuung zur Verfügung stellen und gegebenenfalls bis zu zwei Jahre lang Unterricht in den
erforderlichen Qualifikationen anbieten. Aber danach gilt eine einfache Regel: Jeder, der arbeiten
kann, muß arbeiten.
Wenn ein Elternteil seinen Unterhaltspflichten nicht
nachkommt, werden wir ihn dazu verpflichten. Wir
werden seinen Führerschein einziehen, ihn über die
Grenzen der Bundesstaaten hinaus verfolgen und
ihn das Geschuldete abarbeiten lassen. Regierungen erziehen keine Kinder. Die Eltern tun das.
Ich möchte mit Ihnen bei der Verabschiedung der
Sozialreform zusammenarbeiten. Unser Ziel muß es
jedoch sein, die Menschen zu befreien und ihnen
einen Aufstieg zu ermöglichen - von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit, von der Sozialhilfe zur
Arbeit, vom bloßen Kinderkriegen zu verantwortungsbewußter Elternschaft - und sie nicht bestrafen,
nur weil sie arm sind. Wir sollten Arbeit und gegenseitiges Verantwortungsbewußtsein fördern, aberwir
sollten keinen ausschließen, nur weil er arm, jung
oder unverheiratet ist. Wir sollten Verantwortungsbewußtsein fördern, indem wir von jungen Müttern
verlangen, daß sie bei ihren Eltern oder in einer
geordneten Umgebung leben und die Schule beenden, nicht indem wir sie und ihre Kinder auf die
Straße setzen. Wir sollten nicht arme Kinder für die
Fehler ihrer Eltern bestrafen.
Dies sollte das Jahr sein, in dem wir das bisherige
Sozialsystem abschaffen. Es sollte aber auch das
Jahr sein, in dem wir nicht länger zulassen, daß
dieses Thema Amerika spaltet. Niemand möchte
das Sozialsystem lieber abschaffen als die Menschen, die in ihm gefangen sind. Wir wollen Bildung, Arbeit und gute Elternschaft fördern. Wir
wollen schlechtes Verhalten und die Weigerung
bestrafen, ein Schüler, ein Arbeitnehmer, ein verantwortungsbewußter Elternteil zu sein. Wir wollen
nicht Armut und Fehler der Vergangenheit bestrafen.
Wir alle haben Fehler gemacht. Keiner von uns
kann seine Fehler von gestern ungeschehen machen, aber wir alle können die Fehler von morgen
vermeiden. Fragen Sie nur Lynn Woolsey, die sich
von der Sozialhilfe hochgearbeitet hat und jetzt
Kongreßabgeordnete von Kalifornien ist.

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Ich weiß, es ist Mode geworden, Franklin D. Roosevelt zu zitieren. Wir wollen uns an seine genauen
Worte erinnern: "Menschliche Güte hat noch nie die
Widerstandskraft geschwächt oder den Charakter
eines freien Volkes geschädigt. Eine Nation muß
nicht grausam sein, um hart zu sein."
Ich weiß, daß die Kongreßabgeordneten über die
Kriminalität besorgt sind. Aber ich möchte Sie daran
erinnern, daß wir im vergangenen Jahr ein sehr
strenges Verbrechensbekämpfungsgesetz verabschiedet haben - längere Strafen, lebenslängliche
Strafen für dreimal verurteilte Schwerverbrecher,
mehr Vorbeugung, mehr Gefängnisse und zusätzliche
100.000 Polizisten. Und wir haben dies finanziert,
indem wir die Regierungsbürokratie abgebaut und
den Gemeinden Mittel zugewiesen haben, um die
Kriminalitätsrate zu senken. Vielleicht gibt es noch
andere Mittel, um härter bei der Verbrechensbekämpfung vorzugehen und die Kriminalitätsrate zu senken,
und wir wollen sie anwenden. Aber wir wollen die
guten Dinge nicht zurücknehmen, die wir bereits
vollbracht haben. Das ist es, was die Gemeindevertreter denken. Und das ist es, was die Polizisten
denken, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen.
Zweitens hat der letzte Kongreß das Brady-Gesetz
und das Verbot von 19 halbautomatischen Waffen
erlassen. Ich glaube, jeder in diesem Raum weiß,
daß mehrere Mitglieder des letzten Kongresses, die
für das Verbot bestimmter halbautomatischer Waffen
und die Brady Gesetzesvorlage stimmten, deswegen
ihren Sitz verloren haben. Weder die Anhänger des
Gesetzes noch ich sind der Ansicht, daß etwas
unternommen werden sollte, um die legitimen Rechte
unserer Bürger zum Tragen von Waffen zur Jagd
oder für den Sport einzuschränken. Diese Abgeordneten gaben ihren Sitz im Kongreß auf, damit nicht
mehr Kinder und Polizisten im Kugelhagel auf unseren Straßen ihr Leben verlieren. Und ich möchte
nicht, daß dieses Verbot aufgehoben wird.
Wir sollten nicht die staatlichen Programme kürzen,
die uns auf unsere neue Wirtschaft vorbereiten, Verantwortungsbewußtsein fördern und von der Basis
aufwärts organisiert - nicht von Regierungsbürokratien vorgeschrieben - sind. Das beste Beipiel dafür
ist das Programm für einen nationalen Sozialdienst AmeriCorps - , an dem bis heute 20.000 Amerikaner
teilgenommen haben - mehr als je in einem Jahr im
Peace Corps gedient haben. Sie arbeiten in ganz
Amerika, helfen Menschen - von Mensch zu Mensch
- in örtlichen Freiwilligenverbänden, lösen Probleme
und verdienen Geld für ihre Ausbildung. Das ist die
beste Art von Staatsbürgerschaft. Sie ist gut für die
Mitglieder des AmeriCorps und gut für uns alle. Sie
ist das Wesen des neuen Bundes. Und wir sollten
dies nicht aufgeben.

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�Alle Amerikaner sind zu Recht beunruhigt über die
hohe Zahl illegaler Einwanderer, die in dieses Land
kommen. Die Arbeit, die sie verrichten, könnte von
unseren Bürgern oder legalen Einwanderern geleistet werden, und die von ihnen genutzten öffentlichen Dienstleistungen belasten unsere Steuerzahler.
Aus diesem Grund ist unsere Administration aggressiv bei der Sicherung unserer Grenzen vorgegangen, indem wir eine Rekordzahl von neuen
Grenzschutzbeamten eingestellt, doppelt so viele
straffällig gewordene Einwanderer als je zuvor
ausgewiesen und illegale Einwanderer aufgespürt
haben, die Amerikanern den Arbeitsplatz wegzunehmen versuchen, und indem wir illegalen Einwanderern Sozialleistungen verweigern.
In dem Haushalt, den ich Ihnen vorlegen werde,
sehen wir weitere Maßnahmen vor, um die Ausweisung von für Verbrechen verurteilten illegalen
Einwanderern zu beschleunigen und illegale Einwanderer am Arbeitsplatz besser ausmachen zu
können, wie es von der Kommission unter Leitung
der ehemaligen Kongreßabgeordneten Barbara
Jordan empfohlen wurde.
Dies ist eine Nation von Einwanderern. Es ist aber
auch eine Nation der Gesetze. Und es ist falsch und
wäre letzten Endes kontraproduktiv, wenn eine
Nation von Einwanderern den Mißbrauch ihrer
Einwanderungsgesetze zuläßt, der in den letzten
Jahren stattfand.
Die wichtigste Aufgabe der Regierung besteht darin,
den Menschen so viele Befugnisse zu verleihen, daß
sie in der neuen Weltwirtschaft erfolgreich sein
können. Amerika war schon immer das Land der
Möglichkeiten, ein Land, in dem man durch harte
Arbeit vorankommen konnte. Wir sind ein Land der
Mittelschicht. Wir stützen uns auf die Werte der
Mittelschicht. Wir müssen die Mittelschicht vergrößern, die Unterschicht verkleinern und gleichzeitig
die Millionen Menschen unterstützten, die bereits in
der neuen Wirtschaft Erfolg haben.
Amerika ist erneut die stärkste Volkswirtschaft der
Welt. Nahezu sechs Millionen Arbeitsplätze in zwei
Jahren. Ein Exportboom. Eine niedrige Inflationsrate. Rückkehr hochbezahlter Arbeitsplätze. Eine
Rekordzahl amerikanischer Unternehmer, die den
Amerikanischen Traum verwirklichen. Wenn wir so
weitermachen wollen, müssen diejenigen, die arbeiten und unsere Nation voranbringen, mehr Vorteile
genießen.
Heute werden zu viele dieser Menschen vergessen.
Sie arbeiten härter für weniger Sicherheit, weniger
Einkommen, weniger Gewißheit, daß sie sich auch
nur einen Urlaub leisten können, viel weniger Geld

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für einen Collegebesuch ihrer Kinder und kleinere
Renten für sie selbst. Wir dürfen nicht zulassen, daß
das so weitergeht.
Wenn wir nicht handeln, wird in unserer Wirtschaft
wahrscheinlich weiterhin das geschehen, was seit
1978 der Fall ist: Starke Einkommenserhöhungen
der Oberschicht, wenige Vorteile für die Angehörigen
der Mittelschicht und ein weiteres Zurückfallen der
Unterschicht, ungeachtet dessen, wie hart sie arbeitet.
Wir brauchen eine Regierung, die partnerschaftlich
daran arbeitet, diese neue Wirtschaft zum Nutzen
aller Amerikaner funktionieren zu lassen - eine
Regierung, die jedem einzelnen von uns Bildung und
Ausbildung sowie die Möglichkeit zur Erneuerung
unserer Fähigkeiten bietet.
Aus diesem Grund haben wir so hart daran gearbeitet, die Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu
verbessern - von Head Start über staatliche Schulen,
Lehren, Ausbildung am Arbeitsplatz bis zu leichter
finanzierbaren Darlehen zur Collegeausbildung für
mehr als 20 Millionen Amerikaner. Das ist unsere
erste Aufgabe.
Zweitens können wir zur Erhöhung der Einkommen
die Steuern senken. 1993 machten wir den ersten
Schritt mit Steuersenkungen für 15 Millionen Arbeitnehmerfamilien mit Einkommen unter 27.000 Dollar
pro Jahr sowie Steuererleichterungen für die Mehrzahl kleiner und neugegründeter Unternehmen.
Bevor wir noch mehr in dieser Richtung unternehmen
konnten, mußten wir zunächst einmal das ererbte
Haushaltsdefizit senken. Und wir mußten die Wirtschaft ankurbeln. Wir haben beides getan.
Jetzt können wir umfassendere Steuersenkungen
vornehmen.
Steuersenkungen müssen unsere
oberste Pflicht unterstützen und bekräftigen: Den
Bürgern durch Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten bessere Chancen geben, mehr aus ihrem Leben
zu machen. Im Brennpunkt der Steuererleichterungen müssen diejenigen stehen, die für ihre Familien
und Gemeinden die richtigen Entscheidungen treffen.
Ich habe den Vorschlag einer Bill of Rights der
Mittelschicht unterbreitet, die als Bill of Rights and
Responsibilities - mit Rechten und Pflichten - bezeichnet werden sollte, weil ihre Bestimmungen nur
diejenigen begünstigen, die dafür arbeiten, ihre
Kinder auszubilden und zu erziehen oder ihr eigenes
Leben zu verbessern. Die Bill wird daher die erforderlichen Steuererleichterungen vorsehen und zu
kurz- und langfristigen Einkommenserhöhungen
führen, was zum Nutzen aller ist.

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�Die Bill enthält vier Bestimmungen: Erstens Steuererleichterungen für sämtliche Bildungs- und Ausbildungsbestrebungen nach der High School.
Bildung und Ausbildung sind für das wirtschaftliche
Wohlergehen Amerikas heute wichtiger als je zuvor,
und wir sollten sie mit allen uns zur Verfügung
stehenden Mitteln ermutigen. Wenn Unternehmen
Steuererleichterungen für Investitionen in ihre
Fabriken erhalten, warum sollten Familien sie dann
nicht für Investitionen in ihre Zukunft bekommen?
Zweitens ein Steuerfreibetrag in Höhe von 500
Dollar für alle Kinder unter 13 Jahren in Familien der
Mittelschicht.
Drittens ein persönliches Rentenkonto, von dem
gebührenfrei Beträge zur Finanzierung von Bildung
und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge, Bau eines
Eigenheims oder Pflege von Angehörigen abgehoben werden können.
Viertens eine G.l. Bill für amerikanische Arbeitnehmer. Wir schlagen vor, 70 Regierungsprogramme
zu streichen und anspruchsberechtigten amerikanischen Arbeitnehmern direkt Gutscheine anzubieten.
Wenn jemand entlassen wird oder nur einen niedrigen Lohn erhält, bekommt er ein oder zwei Jahre
lang einen Gutschein im Wert von jährlich 2.600
Dollar für den Collegenbesuch oder um mit Hilfe
privater oder öffentlicher Ausbildung seine beruflichen Fähigkeiten zu verbessern.
Jeder kann Steuersenkungen fordern. Ich werde sie
aber nicht akzeptieren, wenn dadurch das Haushaltsdefizit erhöht oder unsere wirtschaftliche Erholung gefährdet wird. Wir müssen umfassend und
ehrlich für alle Steuersenkungen bezahlen. Vor zwei
Jahren war es eine offene Frage, ob wir die Kraft
zum Abbau des Defizits haben würden. Dank des
Muts vieler hier Anwesender - sowie derjenigen, die
jetzt kein Abgeordnetenmandat mehr haben begannen wir das zu tun, was andere schon seit
Jahren zugesagt hatten.
Wir Demokraten haben das Haushaltsdefizit um
mehr als 600 Milliarden Dollar gesenkt - das sind
nahezu 10.000 Dollar für jede vierköpfige Familie in
unserem Land. Erstmals seit der Amtszeit Präsident
Trumans wird das Haushaltsdefizit in drei aufeinanderfolgenden Jahren abgebaut.
In meinem Haushaltsentwurf wird die Bill of Rights
der Mittelschicht vollständig durch Kürzungen im
Etat, bei der Verwaltung, bei Programmen und
Subventionen für bestimmte Interessengruppen
finanziert. Und die Ausgabenkürzungen werden
mehr als doppelt so hoch sein wie die Steuersenkungen. In meinem Haushalt wird die Bill of Rights

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der Mittelschicht ohne jede Kürzung bei Medicare
finanziert. Und ich werde mich jeglichem Versuch
widersetzen, Steuersenkungen durch Kürzungen bei
Medicare zu finanzieren.
Ich weiß, daß viele von Ihnen ihre eigenen Ideen zu
Steuererleichterungen haben. Ich möchte mit Ihnen
zusammenarbeiten. Ich beurteile jeden Vorschlag
nach folgenden Kriterien: Führt er zur Schaffung von
Arbeitsplätzen und zu Einkommenserhöhungen?
Unterstützt er Familien und Kinder? Führt er zur
Vergrößerung der Mittelschicht und Verkleinerung der
Unterschicht? Ist er finanzierbar? Wenn das der Fall
ist, unterstützte ich diesen Vorschlag, andernfalls
werde ich ihn ablehnen.
Aus diesem Grund werde ich Sie um Unterstützung
für eine Erhöhung des Mindestlohns bitten. Dadurch
wird Arbeit belohnt. Zweieinhalb Millionen Amerikaner, oftmals Frauen mit Kindern, arbeiten für einen
Stundenlohn von 4,25 Dollar. Gemessen an der
realen Kaufkraft wird dieser Mindestlohn sich nächstes Jahr im Vergleich zu den letzten vierzig Jahren
auf einem Tiefstand befinden.
Ich habe die Argumente und Beweismaterialien für
und gegen Mindestlohnerhöhungen geprüft. Die
Beweise sprechen dafür, daß eine bescheidene
Erhöhung nicht auf Kosten von Arbeitsplätzen geht,
sondern vielleicht sogar mehr Menschen auf den
Arbeitsmarkt lockt. Tatsache ist jedoch, daß man von

einem Stundenlohn von 4,25 Dollar nicht leben kann,
vor allem, wenn man Kinder hat.
Früher waren Mindestlöhne eine Frage, mit der sich
beide Parteien befaßten. Das sollte wieder der Fall
sein. Ich fordere Sie auf, sich zusammenzusetzen
und nach Wegen zu suchen, um den Mindestlohn zu
einem Lohn zu machen, von dem man leben kann.
Der neue Kongreß ist vor weniger als einem Monat
zusammengetreten. Ende dieser Woche, 28 Tage
nach Beginn des neuen Jahres, hat jeder Kongreßabgeordnete bereits soviel an Diäten bekommen, wie
Mindestlohnempfänger im ganzen Jahr verdienen.
Und jeder Abgeordnete dieser Kammern genießt
etwas anderes, das vielen Amerikanern nicht zur
Verfügung steht: Gesundheitsfürsorge. Im letzten
Jahr führten wir erbitterte Auseinandersetzungen über
die Gesundheitsfürsorge, aber es wurde nichts
unternommen. Nüchterne, harte Tatsache ist, daß
seit Beginn dieser Debatte unseres Wissens über 1,1
Millionen Mitglieder von Arbeitnehmerfamilien ihren
Krankenversicherungsschutz verloren haben. Nüchterne, harte Tatsache ist, daß Millionen weiterer
Amerikaner, vorwiegend Landwirte, Selbständige und
Kleinunternehmer angesichts höherer Versicherungs-

Seite 7

�prämien, höherer steuerlicher Abzüge und höherer
Mitgliedsbeiträge eine Untergrabung ihres Versicherungsschutzes beobachten mußten.
Ich bin immer noch der Ansicht, daß unsere Nation
für jede amerikanische Familie Gesundheitsfürsorge
bereitstellen muß. Im vergangenen Jahr haben wir
uns zuviel vorgenommen. Dieses Jahr wollen wir
Schritt für Schritt zusammenarbeiten, um etwas zu
bewirken.
Wir wollen zumindest eine vernünftige Versicherungsreform durchführen, damit kein Amerikaner
Gefahr läuft, seinen Versicherungsschutz zu verlieren oder einen enormen Preis zu zahlen, wenn er
seinen Arbeitsplatz wechselt, verliert oder wenn ein
Mitglied seiner Familie krank wird. Ich möchte mit
den führenden Demokraten und mit Republikanern
wie Bob Dole zusammenarbeiten, die sich schon
immer für eine Reform des Gesundheitswesens
eingesetzt haben. Wir wollen sicherstellen, daß
Selbständige und Kleinunternehmer zu vernünftigeren Beiträgen auf freiwilliger Basis Versicherungsschutz erlangen können. Wir wollen die Familien bei
der Pflege kranker Eltern oder behinderter Kinder
unterstützen. Wir wollen Arbeitnehmern, die ihren
Arbeitsplatz verloren haben, dabei helfen, ihren
Versicherungsschutz ein Jahr lang zu behalten,
während sie einen neuen Arbeitsplatz suchen. Und
wir wollen einen Weg finden, um Gesundheitsfürsorge für unsere Kinder zu gewährleisten. Wir wollen
zusammenarbeiten. Diese Fragen sind zu wichtig,
um in der Alltagspolitik unterzugehen.
Unsere Bürger beschäftigen sich viel mit internen
Sicherheitsbelangen - der Sicherheit unserer Arbeitsplätze und Einkommen, unserer Kinder, unserer
Straßen, unserer Gesundheit, unserer Grenzen.
Das Ende des Kalten Krieges verführt zu der Annahme, alle Sicherheitsbelange, möglicherweise mit
Ausnahme des Handels, lägen innerhalb unserer
Grenzen. Das ist nicht der Fall.
Unsere Sicherheit ist abhängig von unserer weiteren
Führungsrolle in der Welt beim Streben nach Frieden, Freiheit und Demokratie. Wir können nicht
stark im Inland sein, wenn wir nicht im Ausland stark
sind.
Die Finanzkrise in Mexiko ist hierfür ein gutes Beispiel. Wir müssen handeln - im Interesse der Millionen von Amerikanern, deren Lebensunterhalt an das
wirtschaftliche Wohlergehen Mexikos geknüpft ist.
Wenn wir die Arbeitplätze, Exporte und Grenzen der
Vereinigten Staaten sichern wollen, müssen wir
unser Stabilisierungsprogramm umsetzen und dazu
beitragen, Mexiko wieder auf den richtigen Weg zu
bringen. Ich wiederhole nochmals: Dies ist kein

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Darlehen, dies ist keine Auslandshilfe, dies ist keine
Kaution. Uns wird eine Bürgschaft gegeben, vergleichbar mit der Gegenzeichnung einer Note zur
Deckung unseres Risikos. Dieses Gesetz ist richtig
für Amerika, und gemeinsam mit den Führern beider
Parteien rufe ich den Kongreß dazu auf, es unverzüglich anzunehmen.
Heute ist keine einzige russische Rakete mehr auf
unsere Häuser oder unsere Kinder gerichtet. Und wir
zerstören gemeinsam mit ihnen die Raketen und
Bomber, die mit 9.000 nuklearen Gefechtsköpfen
bestückt sind.
Wir haben in der Welt nach dem Kalten Krieg so
schnell so große Fortschritte gemacht, daß es leicht
ist, die Verringerung der atomaren Bedrohung für
selbstverständlich zu halten. Sie besteht aber noch,
und unsere Arbeit ist noch nicht beendet.
Dieses Jahr ersuche ich den Senat um die Annahme
des START Il-Vertrags - und die Zerlegung von
Waffen mit über 5.000 weiteren Gefechtsköpfen. Die
Vereinigten Staaten werden die Führung bei der
unbegrenzten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, beim Erlaß eines umfassenden Atomtestverbots und der Beseitigung von Chemiewaffen übernehmen. Um Nordkoreas möglicherweise todbringendem Nuklearprogramm Einhalt zu gebieten und es
rückgängig zu machen, werden wir weiterhin das mit
dieser Nation abgeschlossene Abkommen umsetzen.
Es ist eine kluge, strenge Übereinkunft auf der
Grundlage kontinuierlicher Inspektionen, mit Sicherheitsklauseln für unsere Verbündeten und uns selbst.
Dieses Jahr werde ich dem Kongreß umfassende
Gesetze zur Terrorismusbekämpfung vorlegen, sei es
im In- oder im Ausland. Wie die Feiglinge, die den
Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center
verübten, bezeugen können, werden Terroristen von
den Vereinigten Staaten aufgespürt und vor Gericht
gestellt.
Gerade diese Woche wurden durch einen anderen,
entsetzlichen Terroranschlag in Israel 19 Menschen

getötet und Dutzende verletzt.
Im Namen des
amerikanischen Volkes spreche ich den Familien der
Opfer unser tiefempfundenes Mitgefühl aus. Ich
weiß, das es angesichts von so viel Bösem schwer
ist, weiterzumachen. Aber die Terroristen gehören
der Vergangenheit an, nicht der Zukunft. Wir müssen
- und werden - unser Streben nach einem umfassenden Frieden zwischen Israel und all seinen Nachbarn
im Nahen Osten fortsetzen. Demgemäß habe ich
gestern abend einen Präsidialerlaß unterzeichnet, der
das Vermögen von Terrororganisationen in den
Vereinigten Staaten einfriert, die den Friedensprozeß
im Nahen Osten zu stören drohen und der Finanz-

AMERIKA DIENST 04

�transaktionen mit diesen Gruppen untersagt. Heute
fordere ich unsere Verbündeten und die friedliebenden Nationen der Welt dazu auf, gemeinsam mit uns
mit erneutem Eifer an den globalen Bestrebungen
zur Bekämpfung des Terrorismus teilzunehmen.
Seit dem ersten Tag meiner Amtszeit habe ich
versprochen, daß unsere Nation das Militär mit der
besten Ausrüstung, der besten Ausbildung und der
höchsten Einsatzbereitschaft der Welt behalten
würde. Das ist geschehen. Seit dem Kalten Krieg
haben wir mit bemerkenswertem Können und
Erfindungsgeist eine dramatische Verringerung
unserer Streitkräfte vorgenommen. Um die Einsatzbereitschaft unseres Militärs zu gewährleisten - und
um ihm das Einkommen und die Lebensqualität zu
bieten, die unsere Soldaten und ihre Familien
verdienen - bitte ich diesen Kongreß um eine Erhöhung der Verteidungsausgaben in den nächsten
sechs Jahren um 25 Milliarden Dollar.
Heute
wiederhole ich dieses Ersuchen. Wir erwarten viel
von unseren Streitkräften. Sie müssen auf vielerlei
Art und Weise ihren Dienst tun - und wir müssen
ihnen und ihren Familien das geben, was die Zeiten
erfordern und ihnen zusteht.
Im vergangenen Jahr haben unsere Truppen immer
wieder Amerika von seiner besten Seite gezeigt: In
Ruanda retteten sie Hunderttausende von Menschenleben. Sie handelten blitzschnell, um eine
weitere Bedrohung Kuwaits durch den Irak zu
verhindern. Und sie gaben dem haitianischen Volk
Freiheit und Demokratie zurück.
Die Vereinigten Staaten haben Frieden, Wohlstand,
Freiheit und Demokratie stolz unterstützt - von
Südafrika bis Nordirland, von Mittel- und Osteuropa
bis Asien, von Lateinamerika bis zum Nahen Osten.
All diese Bestrebungen geben Amerika mehr Vertrauen und Sicherheit für seine Zukunft.
Dies, liebe Mitbürger, ist unsere Tagesordnung:
Erweiterung der Chancen, nicht der Bürokratie,
Erhöhung der Sicherheit im In- und Ausland, Verbesserung der Entscheidungsbefungnisse der Menschen, damit sie das Beste aus ihrem Leben machen können.
Das ist ehrgeizig und machbar, aber es ist nicht
genug. Wir brauchen mehr als neue, die Welt
verändernde Ideen oder die Befähigung aller Amerikaner, in der neuen Wirtschaft zu konkurrieren. Wir
brauchen mehr als eine abgespeckte und klügere
Regierung. Mehr als alle Veränderungen, die wir
von außen herbeiführen können. Unser Schicksal
und das nachfolgender Generationen hängt auch
von unserer Fähigkeit ab, Fragen von innen her zu
beantworten, mit den Werten und Stimmen in unse-

AMERIKA DIENST 04

rem Herzen - Stimmen, die uns sagen, daß wir die
Verantwortung für uns selbst, unsere Familien,
unsere Gemeinden und unsere Mitbürger übernehmen müssen.
Wir sind Zeuge des Zerfalls unserer Familien und
Gemeinden. Uns allen wird der Boden unter den
Füßen weggezogen. Der Elternabend in der Schule,
das Treffen im Rathaus, das Fest im Park - es fällt
vielen überarbeiteten Amerikanern schwer, Zeit für
die Dinge zu finden, die die Bande des Vertrauens
und der Zusammenarbeit unter den Bürgern stärken.
Und allzuviele unserer Kinder haben keine Eltern
oder Großeltern, die ihnen das Wissen vermitteln
können, das sie zur Formung ihres Charakters und
Stärkung ihrer Identität benötigen.
Wir sind uns alle bewußt, daß wir in dieser Kammer
zwar etwas bewirken können, die wirkliche Arbeit
aber von unseren Mitbürgern an ihrem Arbeitsplatz
und Wohnort geleistet werden muß. Am Vorabend
des 21. Jahrhunderts ist jeder einzelne wichtiger als
je zuvor, und wir können auf niemanden verzichten.
Das bedeutet, daß der neue Bund für jeden gilt. An
unsere Unternehmer und Wirtschaftsvertreter gerichtet: Wir setzen uns für den Abbau des Haushaltsdefizits, die Erweiterung der Märkte und Förderung
Ihres Erfolgs auf jede erdenkliche Weise ein. Wenn
sie erfolgreich sind, haben Sie jedoch die Pflicht,
Arbeitsplätze in unseren Gemeinden zu erhalten und
den amerikanischen Arbeitnehmern einen gerechten
Anteil am von ihnen geschaffenen Wohlstand zu
geben.
An die Adresse der Vertreter der Unterhaltungsindustrie gerichtet: Wir begrüßen Ihre Kreativität und
ihren weltweiten Erfolg, und wir befürworten ihre
Meinungsfreiheit. Sie sind jedoch verpflichtet, die
Konsequenzen ihrer Arbeit einzuschätzen und sich
bewußt zu machen, welcher Schaden aus ständig
wiederholter, sinnloser Gewalt und unverantwortlichem Verhalten entsteht, die in unseren Medien
allgegenwärtig sind. Sie haben diese Pflicht nicht,
weil wir sie Ihnen auferlegen, sondern weil sie sie
verspüren sollten.
Den führenden Gemeindevertretern sage ich: Wir
müssen der Epidemie von Schwangerschaften unter
Teenagern und unehelichen Kindern Einhalt gebieten.
Ich habe dem Kongreß einen Plan übermittelt, um
landesweit in Schulen funktionierende Programme zur
Verhinderung von Schwangerschaften durchzuführen.
Die Regierung kann jedoch nicht alles tun. Heute
rufe ich Eltern und Politiker im ganzen Land dazu auf,
sich der nationalen Kampagne zur Verhinderung von
Schwangerschaften unterTeenagern anzuschließen um etwas zu bewirken.

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�An unsere Religionsvertreter gerichtet: Sie können
Ihre Gemeinden inspirieren, ihren Glauben zu leben,
unsere Kinder einzubeziehen sowie die Notleidenden, die unter dem Zerfall all dessen leiden, was uns
lieb und teuer ist. Denn so vieles, das getan werden
muß, muß von innen kommen. Sie können so viel
bewirken.
Alle Bürger müssen Verantwortung übernehmen.
Wir brauchen viele Menschen, um den notleidenden
Kindern zu helfen, damit sie von der Straße und in
der Schule bleiben, um Heime für Obdachlose zu
bauen, den Menschen Macht in allen bürgerlichen
Vereinigungen zu verleihen, die zum Wachsen
unserer Gemeinden beitragen. Wir brauchen alle
Eltern, damit sie ihren Kindern den Unterschied
zwischen Recht und Unrecht beibringen und sie
ermutigen, zu lernen und zu wachsen, Unrecht
abzulehnen und Selbstvertrauen zu entwickeln.
Ich weiß, wie schwer es ist, daß Sie für weniger
Geld härter arbeiten und unter großem Druck
stehen. Ich weiß auch, wie schwer es fällt, seinen
Pflichten als Bürger nachzukommen, wenn Politiker
beider Parteien Sie jahrelang als Verbraucher und
Zuschauer behandelt haben, ihnen falsche Verpachtungen machten und mit ihren Ängsten und
Frustrationen spielten. Und sie erhalten immer mehr
Informationen negativer Art, die wirklichen Gesprächen nicht förderlich sind. Die Wahrheit ist jedoch,
daß wir einander nicht mehr als Feinde sehen
dürfen, selbst wenn wir unterschiedliche Meinungen
vertreten. Wenn man an die Anfänge dieses Landes
denkt, lag die große Stärke Amerikas immer in
unserer Fähigkeit, uns mit Menschen zusammenzuschließen, die anders als wir selbst waren sowie
in unserem gemeinsamen Bemühen um Einigung.
Und in der heutigen Zeit trägt jeder einzelne eine
Verantwortung, weiterhin so zu handeln.
Das ist das erste Gesetz der Demokratie, die älteste
Lektion unserer Überzeugungen: Gemeinsam sind
wir stärker. Wir alle gewinnen etwas, wenn wir
etwas geben. Deshalb müssen wir unseren Rechten
und Pflichten als Bürger wieder mehr Bedeutung
einräumen. Ich möchte fünf herausragende Beispiele für staatsbürgerliches Verhalten nennen:
Cindy Perry bringt im Rahmen von AmeriCorps
Zweitklässlern im ländlichen Kentucky das Lesen
bei. Im Gegenzug gewinnt sie etwas. Die Mutter
von vier Kindern erklärte, ihr Dienst "inspirierte" sie,
im vergangenen Jahr ein dem High School-Abschluß
gleichwertiges Examen zu machen. Jetzt wird sie
wie Tausende anderer Mitglieder mit dem Stipendium von AmeriCorps das College besuchen, um sich
für den Wettbewerb und Erfolg in der neuen Wirtschaft zu rüsten.

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Während uns so viele Kräfte auseinanderreißen,
dürfen wir keiner Kraft Einhalt gebieten, die uns, wie
AmeriCorps, zusammenbringt.
Polizeiinspektor Stephen Bishop gewinnt durch
Geben: Er hat mit AmeriCorps in Kansas City am
Aufbau einer Bürgerwehr gearbeitet - und beobachtete als Folge davon einen Rückgang der Verbrechensrate. Er setzte sich für unser Gesetz zur
Verbrechensbekämpfung und ein Verbot halbautomatischer Waffen ein und weiß, daß die Menschen,
denen er dient und denen er vorsteht dadurch
allesamt in größerer Sicherheit leben.
Unteroffizier Gregory Depestre gewinnt durch Geben:
Er ging als Mitglied der Streitkräfte seiner Wahlheimat
nach Haiti, um dort zur Sicherung der Demokratie
beizutragen. Und er sah, wie die Menschen seines
Mutterlandes - Haiti - die Demokratie wiederherstellten.
Und Jack Lucas gewann durch Geben: Vor 50
Jahren lehrte und lernte er im Sand von lo To die
Lektionen des Staatsbürgertums. Der 20. Februar
1945 war kein gewöhnlicher Tag für den Jungen aus
einer Kleinstadt. Er und seine drei Kameraden liefen
einen Abhang hinunter und trafen auf den Feind und zwei Granaten zu ihren Füßen. Jack Lucas warf
sich auf sie und rettete damit das Leben seiner
beiden Kameraden. Was gewann er dadurch? Kurz
darauf rettete ihm ein Sanitäter das Leben. Er
gewann eine Ausgangsbasis für die Freiheit. Und er
erreichte folgendes: Jack Lucas wurde mit 17 Jahren
- nur ein Jahr älter als heute sein Enkel - der jüngste
Marineinfanterist in unserer Geschichte und der
jüngste Mann in diesem Jahrhundert, dem die Congressional Medal of Honor verliehen wurde.
Viele Jahre später äußerte er folgendes über diesen
Tag: "Es war unwichtig, woher man kam und wer
man war. Man verließ sich aufeinander. Man tat es
für sein Land."
Wir alle bekommen etwas, wenn wir geben. Wir
ernten, was wir säen. Das ist der Kern unseres
neuen Bundes: Verantwortung. Staatsbürgertum.
Chancen. Dies sind mehr als bloße Überschriften
irgendeines Staatsbürgerkundelehrbuchs. Es sind die
Tugenden, durch die wir uns und die uns von Gott
gegebenen Fähigkeiten verwirklichen können - die
Werte, durch die wir das immerwährende Versprechen Amerikas leben können, den andauernden
Traum von dieser ersten und heiligsten aller Zusicherungen:
Wir erachten die Wahrheit als selbstverständlich, daß alle Menschen gleich geschaffen sind
und von ihrem Schöpfer mit bestimmten,

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�unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, darunter Leben, Freiheit und das Streben
nach Glück...

Dies ist ein großartiges Land. Und unsere besten
Tage liegen noch vor uns. Gott schütze Sie, und
Gott schütze die Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

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�AUSSENPOLITIK
25. Januar 1995

GRUNDSÄTZE UND TAGESORDNUNG DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Außenminister Christopher
CAMBRIDGE - (AD) - "Amerika muß weiterhin Engagement und Führung zeigen", erklärte US-Außenminister
Warren Christopher am 20. Januar 1995, und "den Erhalt und die Stärkung der Zusammenarbeit mit den
mächtigsten Nationen der Welt anstreben".
In einer Rede vor der John F. Kennedy School of Government in Cambridge (Massachusetts) erläuterte
Christopher die Grundsätze der amerikanischen Außenpolitik und äußerte, es sei für die Vereinigten Staaten
von essentieller Bedeutung, Demokratie und Menschenrechte zu unterstützen sowie Institutionen zur Förderung
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit aufzubauen.
Zur Umsetzung dieser Prinzipien werde er sich 1995 auf fünf Schlüsselgebiete der Außenpolitik konzentrieren:
Förderung des offensten Handelssystems der Geschichte,
Entwicklung einer neuen europäischen Sicherheitsordnung,
Schaffung eines umfassenden Friedens im Nahen Osten,
Bekämpfung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen sowie
Kampf gegen das internationale Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus.
Christopher hob ferner hervor, die amerikanische Außenpolitik werde weiterhin das gesamte Themenspektrum
ansprechen, "das für unsere Interessen von Bedeutung ist, wie die Förderung von Stabilität und Demokratie
in Asien, Lateinamerika und Afrika; die Erfüllung dringender humanitärer Bedürfnisse auf der ganzen Welt; die
Bekämpfung der Umweltzerstörung und der Bevölkerungsexplosion".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Außenministers.
Amerika steht an der Schwelle zu einem neuen
Jahrhundert und ist mit einer Herausforderung
konfrontiert, die an die Chancen und Gefahren
erinnert, denen wir uns am Ende des Ersten und des
Zweiten Weltkriegs gegenübersahen. Damals wie
heute liegen zwei Wege vor uns: Den Sieg für uns
in Anspruch zu nehmen und uns zurückzuziehen
oder eine Führungsrolle zu übernehmen, um eine
Welt mit mehr Frieden, Freiheit und Wohlstand zu
schaffen. Nach dem Ersten Weltkrieg entschieden
sich unsere führenden Politiker für den ersten Weg,
und wir zahlten einen schrecklichen Preis. Niemand
wird bestreiten, daß Harry Truman, George Marshall,
Dean Acheson und Arthur Vandenberg - und das
amerikanische Volk - sich nach dem Zweiten Weltkrieg für den klügeren Weg entschieden.

AMERIKA DIENST 04

Dieselbe weitblickende Verpflichtung zu Führungsrolle
und Engagement Amerikas muß unsere heutige
Außenpolitik leiten.
Das sowjetische Imperium
existiert nicht mehr. Keine Großmacht sieht in der
anderen eine unmittelbare militärische Bedrohung.
Und der Triumph von Demokratie und freien Märkten
verändert die Länder von Europa bis Lateinamerika
und von Asien bis Afrika. Wir haben jetzt die bemerkenswerte Chance zur Gestaltung einer Welt, die den
amerikanischen Interessen dient und im Einklang mit
amerikanischen Werten steht - einer Welt mit offenen
Gesellschaften und offenen Märkten.
Im vergangenen Jahr haben wir dazu beigetragen,
die Ukraine, Kasachstan und Belarus zu atomwaffenfreien Staaten zu machen. Nukleare Gefechtsköpfe
und Raketen aus diesen Staaten und aus Rußland

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�werden zerlegt. Die russischen Truppen wurden aus
den baltischen Staaten und aus Deutschland abgezogen. Wir haben mit dem Entwurf einer neuen
europäischen Sicherheitsarchitektur begonnen. Wir
haben in Asien zum Beginn eines Dialogs über
regionale Sicherheit beigetragen. Wir haben mit
Nordkorea ein Rahmenabkommen ausgehandelt, um
das Atomprogramm des Landes einzufrieren und
schließlich zu beseitigen. Wir haben mit China ein
Abkommen erzielt, das die Raketenexporte des
Landes stark begrenzt. Und wir haben die irakische
Aggression gegen Kuwait an der Wurzel bekämpft.
Wir leisteten einen Beitrag zu den historischen
Fortschritten bei der Lösung von Konflikten sowie
der Unterstützung von Demokratie und Entwicklung
auf der ganzen Welt. Wir förderten Abkommen
zwischen Israel und der PLO sowie den Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Wir setzten die
demokratisch gewählte Regierung Haitis wieder ein
und werden das Unsere tun, damit diese Leistung
Bestand hat. In seit langer Zeit von Krisen geschüttelten Regionen wie Nordirland, Südafrika und
Kambodscha trugen wir zur Erzielung außerordentlicher Fortschritte für Frieden und Wiedervereinigung
bei. Und bei der historischen Kairoer Konferenz
stellten wir die amerikanische Führungsrolle bei den
entscheidenden Fragen Bevölkerung und Entwicklung wieder her.
Schließlich unternahmen wir gigantische Schritte
zum Aufbau eines offenen Handelssystems für das
nächste Jahrhundert, mit Amerika als Mittelpunkt.
Wir gewannen die Unterstützung beider Parteien für
das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT
und waren führend bei seiner weltweiten Annahme.
Wir wirkten auf eine Abschaffung von Handelshemmissen in der asiatisch-pazifischen Region bis
zum Jahr 2020 sowie auf die Aushandlung von
Freihandelsabkommen in unserer Hemisphäre bis
2005 hin. Und wir erzielten bedeutende Fortschritte
bei der Erweiterung des Zugangs zum japanischen
Markt.
Wir dürfen uns jedoch nicht auf dem Erreichten
ausruhen. Aggression, Tyrannei und Intoleranz
unterminieren immer noch die politische Stabilität
und wirtschaftliche Entwicklung in bedeutenden
Regionen der Welt. Die Amerikaner sehen sich
einer wachsenden Bedrohung durch die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Terrorismus und internationalem Verbrechen gegenüber.
Einst entfernt erscheinende Probleme wie Umweltzerstörung, untragbares Bevölkerungswachstum und
Massenbewegungen von Flüchtlingen stellen jetzt für
die entstehenden Demokratien und den weltweiten
Wohlstand unmittelbare Bedrohungen dar.

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Beim Umgang mit diesen Chancen und Gefahren
wird unsere Außenpolitik von mehreren Prinzipien
geleitet. Erstens muß Amerika weiterhin Engagement
und Führung zeigen. Zweitens müssen wir den
Erhalt und die Stärkung der Zusammenarbeit mit den
mächtigsten Nationen der Welt anstreben. Drittens
ist es von essentieller Bedeutung, daß wir Institutionen zur Förderung wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit anpassen und aufbauen.
Viertens fördern wir Demokratie und Menschenrechte,
weil das unseren Idealen und Interessen dient.
Das Gebot der amerikanischen Führungsrolle - das
erste Prinzip unserer Strategie - ist die wichtigste
Lektion dieses Jahrhunderts. Es ist ernüchternd, sich
vorzustellen, wie die Welt allein in den vergangenen
beiden Jahren ohne eine Führungsrolle Amerikas
ausgesehen hätte: In der ehemaligen Sowjetunion
vielleicht vier Atommächte statt einer, ein in vollem
Gang befindliches Atomprogramm in Nordkorea, kein
GATT oder NAFTA, brutale Diktatoren in Haiti und
sehr wahrscheinlich irakische Truppen in Kuwait.
Als Weltmacht mit weltweiten Interessen dürfen sich
die Vereinigten Staaten nicht ihrer Führungsrolle
entziehen. Es ist unsere Pflicht zu gewährleisten,
daß die nach dem Kalten Krieg entstandene Dynamik
für mehr Freiheit und Wohlstand nicht durch Vernachlässigung oder kurzsichtige Indifferenz ins
Gegenteil verkehrt wird. Nur die Vereinigten Staaten
verfügen über die Vision und Fähigkeiten zur Konsolidierung dieser Errungenschaften.
Unsere jüngsten Leistungen zeigen, daß eine amerikanische Führungsrolle die Bereitschaft voraussetzt,
Diplomatie durch den glaubwürdigen Einsatz von
Gewalt zu untermauern. Aus diesem Grund ist
Präsident Clinton entschlossen, das amerikanische
Militär als mächtigste und leistungsfähigste Streitmacht der Welt beizubehalten.
Wenn unsere vitalen Interessen auf dem Spiel
stehen, müssen wir zum Alleingang bereit sein.
Unsere Bereitschaft dazu ist oft der Schlüssel für
effektive gemeinsame Aktionen. Die jüngste Debatte

zwischen den Befürwortern unilateraler und multilateraler Aktionen geht von einer falschen Alternative
aus. Multilateralismus ist ein Mittel, kein Zweck.
Bisweilen erzielen wir bessere Ergebnisse zu einem
geringeren Preis an Menschenleben und nationalen
Finanzen, wenn wir die Unterstützung anderer
Nationen mobilisieren, unsere Macht als Druckmittel
benutzen und in Bündnissen und Institutionen eine
Führungsrolle übernehmen. Das ist eine vernünftige
Vorgehensweise, und ich weiß, daß das amerikanische Volk sie befürwortet.

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�Eine Führungsrolle beinhaltet auch, die internationale Aufmerksamkeit auf entstehende globale Probleme zu lenken. Aus diesem Grund haben wir weltweiten Anliegen wie Umwelt, Bevölkerung und
tragfähiger Entwicklung den herausragenden Platz
auf unserer außenpolitischen Tagesordnung eingeräumt, den sie verdienen.
Ebenso wie unsere Nation ihre militärische Einsatzbereitschaft erhalten muß, müssen wir zur Förderung
unserer politischen und wirtschaftlichen Interessen
auf der ganzen Welt bereit sein. Das erfordert gut
ausgebildete Männer und Frauen, moderne Kommunikationstechnologie und entsprechende Ressourcen.
Das zweite Element unserer Strategie ist die zentrale
Bedeutung konstruktiver Beziehungen zu den mächtigsten Nationen der Welt: unseren westeuropäischen Verbündeten, Japan, China und Rußland.
Diese Nationen verfügen über die politischen, ökonomischen oder militärischen Fähigkeiten, das Wohlergehen jedes Amerikaners zu beeinflussen. Die
von relativer Zusammenarbeit charakterisierten
Beziehungen zwischen diesen Ländern sind in
diesem Jahrhundert einzigartig, jedoch nicht irreversibel.
Unsere Strategie gegenüber den Großmächten
beginnt mit Westeuropa und Japan. Wir müssen
unsere Bündnisse mit diesem Kern demokratischer
Länder neu beleben. Ferner müssen wir die jetzt
bestehenden Chancen zum Aufbau konstruktiver
Beziehungen zu China und Rußland ergreifen Länder, die einst unsere erbitterten Gegner waren.
Beide durchlaufen bedeutende, wenn auch sehr
schwierige Umgestaltungsprozesse, die direkte
Auswirkungen auf die Interessen Amerikas haben.
Unsere Partnerschaft mit Japan ist die Stütze
unserer Politik gegenüber Asien, der dynamischsten
Region der Welt. Die Administration hat Asien zum
Mittelpunkt unseres langfristigen außenpolitischen
Ansatzes gemacht. Die Umsetzung der Vision
Präsident Clintons von einer stabilen und prosperierenden pazifischen Gemeinschaft ist weiterhin
unsere oberste Priorität. Asien steht bei unseren
zahlreichen Schwerpunktgebieten für 1995 an
führender Stelle.
Es ist unabdingbar, unsere politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu Japan zu verstärken. Dasselbe gilt für Südkorea und unsere anderen
Verbündeten. Ebenso wichtig ist, daß die Stärke
unserer Wirtschaftsbeziehungen zu Japan der Stärke
unserer gesamten Beziehungen entspricht.
In
diesem Jahr, in dem wir den 50. Jahrestag des
Endes des Zweiten Weltkrieges begehen, werden wir

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unsere enge Zusammenarbeit bei regionalen und
globalen Fragen hervorheben und gleichzeitig auf
verbesserten Zugang zum japanischen Markt drängen.
Unser Erfolg in Asien erfordert auch fortgesetztes
Streben nach konstruktiven Beziehungen zu China im
Einklang mit unseren allgemeinen Interessen. Wir
begrüßen die Mitgliedschaft Chinas in Organisationen
für regionale Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Wir unterstützen den Beitritt des Landes
zur Welthandelsorganisation zu angemessenen
Bedingungen. Und wir werden hart daran arbeiten,
die Kooperationsbereitschaft dieses Landes bei
globalen Nichtverbreitungsregimen zu gewinnen. In
Chinas eigenem Interesse und im Einklang mit seiner
zunehmenden Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft muß das Land größeren Respekt für
Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zeigen.
Chinas jüngstes scharfes Vorgehen gegen Dissidenten ist beunruhigend und nicht mit der Realisierung
des vollen Potentials unserer bilateralen Beziehungen
vereinbar.
Die Beziehungen zu Rußland sind für die Sicherheit
Amerikas von zentraler Bedeutung. Sie sind für
diese Administration eine Schlüsselfrage ihrer Außenpolitik. Ihre Bedeutung zeigt sich an den Treffen, die
ich in dieser Woche in Genf mit Andrej Kosyrew
abgehalten habe. Wir erörterten acht Stunden lang
eine breite Palette gemeinsamer Herausforderungen
und Anliegen. Die Vereinigten Staaten haben ein
enormes Interesse am Ergebnis der weiteren Umgestaltung Rußlands. Ein stabiles, demokratisches
Rußland ist für den Aufbau eines sicheren Europas,
die Lösung regionaler Konflikte und die Bekämpfung
der Weiterverbreitung von unerläßlicher Bedeutung.
Ein instabiles Rußland, das in Autoritarismus zurückfällt oder ins Chaos abgleitet, wäre eine Katastrophe eine direkte Gefahr für seine Nachbarn und mit
seinem riesigen Atomwaffenarsenal erneut eine
strategische Bedrohung für die Vereinigten Staaten.
Aus diesem Grund hat die Clinton-Administration die
russischen Reformen unerschütterlich unterstützt.
Obwohl wir wissen, daß Rußland während dieser
historischen und schwierigen Übergangszeit Rückschläge erleiden könnte, hat sich unsere kontinuierliche Politik des Engagements und der Zusammenarbeit für jeden Amerikaner bezahlt gemacht - von
der Verringerung der atomaren Bedrohung bis zur
Förderung des Friedensprozesses im Nahen Osten.
Aus diesem Grund hat Präsident Clinton vergangene
Woche in Cleveland seine Entschlossenheit zur
Aufrechterhaltung unseres substantiellen Beistands
für die demokratischen und wirtschaftlichen Reformen
in Rußland bekräftigt.

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�Wir sind äußerst besorgt über den Krieg in Tschetschenien. Er ist eine schreckliche menschliche
Tragödie. Die Art und Weise, in der Rußland
militärische Gewalt einsetzt, ist übertrieben und
droht, die Zukunft des Landes zu unterminieren. Ich
habe Außenminister Kosyrew gesagt, der Krieg
müsse beendet und ein Versöhnungsprozeß aufgenommen werden. Wir wollen kein Rußland, das in
einem militärischen Morast versinkt, der die Reformen untergräbt und zu einer weltweiten Isolierung
des Landes führt.
Der dritte Grundsatz unserer Strategie ist die Erfordernis, die Institutionen globaler und regionaler
Zusammenarbeit anzupassen und neu zu beleben,
wenn die historische Bewegung zu offenen Gesellschaften und offenen Märkten von Dauer sein soll.
Nach dem Zweiten Weltkrieg baute die Generation
von Truman, Marshall und Acheson die großartigen
Institutionen auf, die dem gemeinsamen Unterfangen
westlicher Demokratien Struktur und Stärke verliehen
- der Förderung von Frieden und Wirtschaftswachstum. Jetzt besteht unsere Herausforderung in der
erneuten Belebung dieser Institutionen - der NATO,
der Vereinten Nationen, des IWF und der Weltbank,
der OECD und anderen. Und wir müssen ihre
Vorteile und Pflichten auf die neuen Demokratien
und Marktwirtschaften ausweiten.
Auf Initiative des Präsidenten einigten sich unsere
Partner in der G-7, im Juli in Halifax eine Strategie
zu entwerfen, um die Wirtschaftsinstitutionen der
Nachkriegszeit an die integriertere Zeit nach dem
Ende des Karten Krieges anzupasssen. Ferner
unterstützen wir regionale Institutionen und Strukturen wie die Organisation Amerikanischer Staaten,
den Verband Südostasiatischer Nationen ASEAN
sowie die Organisation für Afrikanische Einheit bei
der Förderung von Frieden und demokratischer
Entwicklung.

Förderung des offensten Handelssystems der Geschichte, Entwicklung einer neuen europäischen
Sicherheitsordnung, Schaffung eines umfassenden
Friedens im Nahen Osten, Bekämpfung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen sowie
Kampf gegen das internationale Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus.
Erstens müssen wir die Dynamik bewahren, die wir
für offeneren globalen und regionalen Handel erzeugt
haben, der für amerikanische Exporte und Arbeitsplätze so lebensnotwendig ist.
Eine Prämisse
unserer Innen- und Außenpolitik ist, daß unsere
Wirtschaftskraft im In- und Ausland sich gegenseitig
verstärkt. Meines Erachtens werden diese Fakten als
entscheidendes Merkmal und dauerhaftes Vermächtnis der Clinton-Administration in die Geschichte
eingehen.
Wir werden die Uruguay-Runde umsetzen und
sicherstellen, daß die neue Welthandelsorganisation
unerläßliche Handelsvorschriften und Disziplinen
aufrechterhält. Wir werden mit Japan und unseren
anderen APEC-Partnern beim Entwurf einer Blaupause zusammenarbeiten, um offenen Handel und
Investitionen in der asiatisch-pazifischen Region
herbeizuführen. Wir werden mit der Verwirklichung
des beim Amerika-Gipfel erarbeiteten Aktionsplans
beginnen. Und wir werden Verhandlungen über den
Beitritt Chiles zum NAFTA aufnehmen.
Ich möchte kurz auf Mexiko und unsere Bestrebungen eingehen, die wirtschaftliche Vertrauenskrise des
Landes zu bewältigen. Der Präsident hat Vision und
Führungskraft bei der Zusammenstellung des erforderlichen Hilfspakets bewiesen, um Mexiko wieder
auf die Beine zu helfen. Die Kreditbürgschaften für
Mexiko haben nicht nur die Unterstützung der Administration, sondern auch der überparteilichen Führung
im Kongreß und des Präsidenten des amerikanischen
Zentralbankrats. Das Paket enthält harte aber faire
Konditionen zum Schutz der amerikanischen Interessen und zur Gewährleistung, daß die Bürgschaften
auch klug verwendet werden.

Als vierten Grundsatz erkennt diese Administration
die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten als grundlegenden Bestandteil unserer
Außenpolitik an.
Unser Engagement steht im
Einklang mit amerikanischen Idealen. Zudem beruht
es auf einer nüchternen Einschätzung unserer
langfristigen Interessen in einer Welt, in der Stabilität
durch Rechenschaftspflicht bekräftigt und Streitigkeiten durch Dialog beigelegt werden, einer Welt mit
freiem Informationsfluß, in der die Rechtsstaatlichkeit
nicht nur politische Rechte, sondern auch die wesentlichen Elemente freier Marktwirtschaften schützt.

Wie der Präsident erklärt hat, sollten wir der Versuchung widerstehen, dieses Paket mit Bedingungen
zu befrachten, die mit dem wirtschaftlichen Gewicht
unserer Bemühungen nichts zu tun haben. Ich
möchte dem Kongreß und dem amerikanischen Volk
folgendes sagen: Dieses Paket liegt im Interesse der
Vereinigten Staaten. Man sollte unverzüglich und
positiv auf dieser Grundlage handeln.

Im neuen Jahr - 1995 - werden wir uns an diese
grundlegenden Prinzipien harten, und ich habe die
Absicht, mich auf fünf Schlüsselbereiche zu konzentrieren, die besondere Möglichkeiten bieten: Die

Im zweiten Bereich der sich bietenden Chancen
werden wir konkrete Schritte zum Aufbau einer neuen
europäischen Sicherheitsarchitektur unternehmen.
Wir sind uns bewußt, daß enge politische, militäri-

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�sehe, wirtschaftliche und kulturelle Bande die Sicherheit und den Wohlstand Europas unerläßlich für
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand machen.
Unsere Bestrebungen werden sich auf die Aufrechterhaltung starker Beziehungen zu Westeuropa
konzentrieren, die neuen Demokratien in Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion konsolidieren sowie Rußland als verantwortungsbewußten
Partner einbeziehen.

cherheitsrats unterminieren, einschließlich der Sanktionen gegen den Irak und Libyen.

Die NATO ist nach wie vor der Anker des amerikanischen Engagements in Europa sowie der Dreh- und
Angelpunkt der transatlantischen Sicherheit. Die
NATO war stets sehr viel mehr als eine zwischenzeitliche Antwort auf eine zeitweilige Bedrohung. Sie
war ein Garant der europäischen Demokratie und
eine Kraft für europäische Stabilität. Aus diesem
Grund hat ihre Mission Bestand, und aus diesem
Grund sind ihre Vorteile so attraktiv für die neuen
Demokratien Europas.

Trotz der verbleibenden Schwierigkeiten dürfen wir
diese bemerkenswerte Chance nicht vergeuden. Auf
der israelisch-palästinensischen Verhandlungsschiene
müssen wir weiterhin Fortschritte bei der Umsetzung
der Grundsatzerklärung erzielen. Wir sind durch das
gestrige Treffen zwischen Ministerpräsident Rabin
und dem PLO-Vorsitzenden Arafat sowie die ernsthaften Bemühungen beider Seiten bei der Ausarbeitung der komplexen Themen für die nächste Phase
ermutigt. Jede Seite muß die Vorteile des Friedens
erkennen. Die Israelis müssen Sicherheit erlangen.
Die Palästinenser müssen echte Kontrolle über die
politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen
erhalten, die ihr Leben betreffen. Jede Seite muß
Vertrauen in die andere Seite aufbauen - insbesondere zu einer Zeit, in der die Gegner des Friedens
versuchen, das gegenseitige Vertrauen zu zerstören.

In früheren Jahren hat die NATO neue Mitglieder
willkommen geheißen, die ihre Zielsetzung teilten
und zu ihrer Stärke beitragen konnten. Unter der
amerikanischen Führung vereinbarte das Bündnis im
Dezember den Beginn eines stetigen und sorgfältigen Prozesses, der zu seiner Erweiterung führen
wird. Wir prüfen bereits gemeinsam mit unseren
Verbündeten den Prozeß und die Ziele der Erweiterung, und wir werden den Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden vor Ende des Jahres unsere
Schlußfolgerung mitteilen.
Während wir auf die NATO-Erweiterung hinarbeiten,
werden wir auch andere Schlüsselelemente der
neuen europäischen Sicherheitsarchitektur unterstützen: Ein aktives Programm für die Partnerschaft
für den Frieden, eine gestärkte Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und einen
systematischen Prozeß zur Erweiterung der Beziehungen zwischen der NATO und Rußland.
Der tragische Krieg in Bosnien unterstreicht die
Bedeutung des Aufbaus einer effektiven neuen
Architektur zur Konfliktverhütung und -lösung.
Zusammen mit unseren Partnern in der Kontaktgruppe streben wir eine Verhandlungslösung an, weil
einzig eine Verhandlungslösung eine dauerhafte
Chance birgt und die Ausweitung des Krieges
verhindern kann. Wir dürfen die Situation durch die
einseitige Aufhebung des Waffenembargos nicht verschärfen. Wir waren stets der Ansicht, daß das
Embargo unfair ist. Es im Alleingang aufzuheben,
würde jedoch zum Abzug der UNPROFOR und einer
Eskalation der Gewalt führen. Dies würde den
Konflikt amerikanisieren und andere dazu verleiten,
die Sanktionen gegen Serbien aufzuheben. Es
würde die Autorität aller Resolutionen des UN-Si-

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Der dritte Bereich, in dem sich uns Chancen bieten,
ist die Förderung von Frieden und Sicherheit im
Nahen Osten. Wir wurden Zeuge eines tiefgreifenden Umbruchs im arabisch-israelischen Konflikt, der
vor wenigen Jahren noch nicht denkbar gewesen
wäre.

Die Verhandlungen zwischen Israel und Syrien treten
in eine entscheidende Phase ein. Die Parteien sind
ernsthaft, und bei der Überbrückung der Kluft wurden
Fortschritte erzielt. Wenn in den kommenden Monaten ein Durchbruch erzielt werden soll, müssen
wichtige Entscheidungen getroffen und der Prozeß
beschleunigt werden.
Präsident Clinton und ich werden weiterhin alles in
unserer Macht Stehende zur Unterstützung dieser
Bestrebungen tun.
Während wir den Frieden fördern, müssen wir uns
auch mit den Feinden des Friedens befassen. Die
Massierung irakischer Truppen an der kuwaitischen
Grenze im Oktober vergangenen Jahres unterstrich
die Gefahr, die der Irak für die regionale Sicherheit
darstellt. Saddam Husseins Regime kann man nicht
vertrauen. Die uneingeschränkte Einhaltung aller
relevanten UN-Verpflichtungen ist die einzig mögliche
Grundlage, auf der wir eine Lockerung der Sanktionen in Erwägung ziehen können.
Ein anderer verbrecherischer Staat - Iran - ist jetzt
der Anführer revisionistischer Bestrebungen, die
Chancen für Frieden im Keim zu ersticken. Der Iran
dirigiert und unterstützt finanziell die Operationen der
Hisbollah, Hamas und anderer, die Greueltaten in Tel
Aviv und Buenos Aires verüben. Dieses Land sät
Terror und Subversion in der gesamten arabischen

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�Welt. Die Industrienationen, die dem Iran weiterhin
konzessionierte Kredite gewähren, können sich den
Konsequenzen ihres Handelns nicht entziehen: Sie
erleichtern es dem Iran, seine Ressourcen zur
Unterstützung des Terrorismus einzusetzen und die
Aussichten für Frieden auszuhöhlen.
Der Iran konzentriert heute seine gesamten Anstrengungen auf die Entwicklung von Nuklearwaffen.
Wir sind zutiefst besorgt, daß einige Nationen zur
Zusammenarbeit mit dem Iran im Nuklearbereich
bereit sind. Ich möchte nichts beschönigen: Diese
Bestrebungen setzen die Sicherheit des gesamten
Nahen Ostens aufs Spiel. Die Vereinigten Staaten
messen der Verweigerung einer Nuklearwaffenfähigkeit für den Iran höchste Priorität bei. Wir erwarten,
daß die Mitglieder des Sicherheitsrats, denen auf
diesem Gebiet besondere Verantwortung zukommt,
gemeinsam mit uns vorgehen.
Der vierte Bereich, auf den wir 1995 unser Augenmerk lenken, sind spezifische Schritte zur Eindämmung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion stellt die Verbreitung
dieser Waffen die gravierendste direkte Bedrohung
des Überlebens der Vereinigten Staaten und ihrer
wichtigsten Verbündeten dar. Unsere globalen und
regionalen Strategien für 1995 umfassen die ehrgeizigste Tagesordnung zur Nichtverbreitung der
Geschichte.
Das Kernstück unserer globalen Strategie ist die
unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags (NW). Die größte Leistung des Vertrags ist unsichtbar: Nicht gebaute
Warfen und nicht umgeleitetes Material. Aber die
Auswirkungen sind klar: Der Alptraum einer Vielzahl
von Nuklearwaffenstaaten wurde nicht wahr.

gung der Nuklearwaffen der ehemaligen Sowjetunion
behilflich sein soll und die Bestrebungen von Möchtegern-Schmugglern vereitelt, indem es die Sicherheit
sensitiver Einrichtungen verbessert.
Bei der Amtsübernahme dieser Administration unterhielt Nordkorea ein aktives Atomwaffenprogramm.
Unkontrolliert hätte es Hunderte Kilos Plutonium zur
Verwendung in Nuklearwaffen produzieren können.
Eine Krise stand unmittelbar bevor, die die Sicherheit
ganz Nordostasiens bedroht und unsere gesamten
Nichtverbreitungsbestrebungen unterminiert hätte.
Im Herbst vergangenen Jahres schlössen die Vereinigten Staaten ein Rahmenabkommen mit Nordkorea, mit dem das Nuklearprogramm des Landes
eingefroren wird, das die Beseitigung des Programms
vorsieht und eine Lösung des gesamten Themenkomplexes vorbereitet. Das Rahmenabkommen hat die
uneingeschränkte Unterstützung von Japan und
Südkorea - wichtigen Verbündeten, deren Sicherheit
es schützen wird und die einen Großteil seiner
Umsetzung finanzieren werden. Wir geben uns
bezüglich Nordkorea keinen Illusionen hin. Die
Verwirklichung des Rahmenabkommens wird sich auf
die Verifizierung, nicht auf Vertrauen gründen. Wir
sind entschlossen sicherzustellen, daß Nordkorea
seine Verpflichtungen auf jedem Stück des Weges
erfüllt.
Die Gegner des Rahmenabkommens mit Nordkorea
tragen die Verantwortung, eine effektive Alternative
vorzuschlagen, die unsere Interessen schützt. Bisher
haben sie diese Pflicht nicht erfüllt.

Unsere globale Strategie beinhaltet ein Moratorium
für Atomtestversuche während der Verhandlungen
über den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot, ein globales Verbot der Herstellung von
spaltbarem Material für den Bau von Atomwaffen,

Auch im Hinblick auf konventionelle Waffen und
Raketen verfolgen wir eine aggressive Strategie. Wir
werden das Raketentechnologie-Kontrollsystem
erweitem. Wir werden auf ein globales Abkommen
über ein Verbot von gegen lebende Ziele gerichteten
Landminen drängen und auf bilateraler Ebene auf die
Räumung der Millionen noch verlegten Minen hinarbeiten. Darüber hinaus wollen wir ein Nachfolgeregime für den COCOM erarbeiten, das den
Handel mit Waffen und sicherheitsempfindlichen

die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention und

Technologien mit den Paria-Staaten eindämmt.

die Verbesserung der Konvention über biologische
Waffen.
Mit den von Präsident Clinton im Dezember letzten
Jahres in Budapest unterzeichneten Abkommen
können wir jetzt mit der Umsetzung des START IVertrags über den Abbau von Nuklearwaffen beginnen. Ende dieses Monats werde ich als Hauptverantwortlicher der Administration auf die unverzügliche Ratifizierung des START Il-Vertrags durch den
Senat drängen. Wir werden weiterhin das NunnLugar-Programm unterstützen, das bei der Zerle-

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Der fünfte Bereich von Bedeutung sind internationale
Terroristen, Verbrecher und Drogenhändler, die eine
direkte Bedrohung unserer Menschen und der
Interessen unserer Nation darstellen. Sie vernichten
unzählige Menschenleben, zerstören Eigentum und
ziehen produktive Ressourcen ab. Sie schwächen
Industriegesellschaften und bedrohen das Überleben
aufstrebender Demokratien.
Aus diesem Grund beabsichtigen wir 1995 die
Umsetzung einer umfassenden Strategie zur Be-

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�kämpfung dieser Bedrohungen. Das Außenministerium ist in enger und vordringlicher Zusammenarbeit
mit dem Justiz- und Finanzministerium sowie mit
anderen Strafverfolgungsbehörden mit diesem Plan
befaßt. Die Strategie zur Bekämpfung von internationalem Verbrechen und Terrorismus umfaßt
mehrere unerläßliche Schritte:
Erstens werden wir darauf bestehen, daß andere
Länder ihren Verpflichtungen nachkommen,
internationale Rechtsbrecher entweder auszuliefern oder vor Gericht zu bringen und sicherzustellen, daß verurteilte Verbrecher eine harte Strafe
erhalten.
Zweitens werden wir mit anderen Regierungen
an der Formulierung und Umsetzung strenger
Gesetze über die Beschlagnahme von Vermögen
und Geldwäsche zusammenarbeiten, um internationale Verbrecher an einem empfindlichen
Punkt zu treffen - ihrem Geldbeutel.
Drittens werden wir die Vorschriften für die
Erteilung von Visa für die Vereinigten Staaten
verschärfen, um internationalen Verbrechern die
Einreise in unser Land zu erschweren.
Viertens werden wir eine Gesetzesvorlage unterbreiten, um das Einschmuggeln von Ausländern
und Betrug bei der Einwanderung zu bekämpfen,
indem wir härtere Strafen verhängen und effektivere Ermittlungsverfahren einführen.
Fünftens beabsichtigt die Clinton-Administration
neue Schritte zur verschärften Anwendung der
amerikanischen Gesetze gegen Terroristen und
die Finanzierung ihrer Aktivitäten.
Ich habe fünf Schlüsselbereiche der Chancen für die
amerikanische Außenpolitik im Jahr 1995 erörtert.
Ich möchte auch unterstreichen, daß unsere Außenpolitik weiterhin das gesamte Themenspektrum
ansprechen wird, das für unsere Interessen von
Bedeutung ist, wie die Förderung von Stabilität und

*

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Demokratie in Asien, Lateinamerika und Afrika; die
Erfüllung dringender humanitärer Bedürfnisse auf der
ganzen Welt; die Bekämpfung der Umweltzerstörung
und der Bevölkerungsexplosion.
Seit meiner ersten Woche im Amt habe ich enge
Konsultationen mit beiden Parteien im Kongreß über
jedes wichtige Thema unserer Tagesordnung geführt.
Wir haben die überparteiliche Unterstützung für die
entscheidenden Ziele unserer Außenpolitik erhalten,
darunter der Nahostfriedensprozeß, unsere bahnbrechenden Handelsabkommen und die Entnuklearisierung der ehemaligen Sowjetunion.
Die jüngsten Wahlen haben das Kräftegleichgewicht
zwischen den Parteien geändert. Sie haben jedoch
unsere Verantwortung zur überparteilichen Zusammenarbeit in außenpolitischen Belangen nicht geschmälert, sondern vielmehr erweitert. Die Wahl war
kein Freibrief, die globalen Interessen unserer Nation
aus dem Auge zu verlieren oder sich unseren Verpflichtungen in der Welt zu entziehen. Die Vorsitzenden beider Parteien verstehen das sehr wohl.
Die überparteiliche Zusammenarbeit gründete sich
stets auf die Überzeugung, daß die dauerhaften
Interessen unserer Nation sich nicht mit den Zeiten
ändern. Präsident Harry Truman hat es vor 40
Jahren klar formuliert: "Die Umstände mögen sich
ändern, aber die wichtigen Themen bleiben gleich Wohlstand, Sozialwesen, Menschenrechte, effektive

Demokratie und vor allem Frieden."
Nach dem Ende des Kalten Krieges haben die
Vereinigten Staaten die Chance zum Aufbau einer
sichereren und integrierteren Welt mit offenen Gesellschaften und offenen Märkten. Wir sind die größte
Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt. Die Gründungsprinzipien unserer Nation inspirieren noch
immer Menschen auf der ganzen Welt. Wir sind mit
enormen Ressourcen und Entschlußkraft gesegnet.
Wir werden sie weiterhin mit Klugheit, Stärke und mit
der Unterstützung des amerikanischen Volkes einsetzen.

* * *

*

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�AUSLANDSHILFE
25.Januar 1995

FORTGESETZTES ENGAGEMENT FÜR ENTWICKLUNG
Rede von AID-Direktor Atwood
WASHINGTON - (AD) - J. Brian Atwood, der Direktor des U.S. Amts für internationale Entwicklung (U.S.
Agency for International Development- USAID), erklärte am 17. Januar 1995 bei einem von der internationalen
Entwicklungskonferenz (International Development Conference - IDC) veranstalteten Treffen über die Zukunft
amerikanischer Auslandshilfe vor 1.500 Zuhörern, die Clinton-Administration habe kein Interesse an einer
Verringerung des Engagements der Vereinigten Staaten für tragfähige Entwicklung.
Atwood hielt seine Rede am zweiten Tag der dreitägigen Konferenz, deren Hauptthema die Erzielung
weltweiter Sicherheit für den Menschen durch internationale Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklungshilfe
darstellt.
Zu einer Zeit, in der die Konservativen im Kongreß eine Kürzung der amerikanischen Auslandshilfe fordern,
äußerte Atwood, USAID habe bereits vor den Kongreßwahlen vom letzten November, bei denen die
Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern gewannen, Reformen zur Kostenersparnis durchgeführt.
Atwood äußerte, er sei "zuversichtlich, daß eine neue überparteiliche Partnerschaft entsteht, durch die das
Engagement Amerikas für seine Zukunft - eine internationale Führungsrolle - erneuert wird".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des AID-Direktors.

Ich bin dankbar für diese Gelegenheit, heute zu
Ihnen sprechen zu dürfen. Ihre Konferenz findet
inmitten einer historischen Debatte statt - über die
Bundesregierung im allgemeinen und Auslandshilfe
im besonderen. Seit den Wahlen vom vergangenen
November haben wir harte Kritik vernommen. Ein
ehemaliger Außenminister behauptete sogar, es sei
nicht länger notwendig, daß unsere Regierung
Entwicklungshilfe leiste. "Handel, nicht Hilfe" ist der
neue Slogan - als ob Hilfe nichts damit zu tun hätte,
die für Handel notwendigen Voraussetzungen zu
schaffen.
Die Demagogie und Wortwahl ist manchmal
schmerzlich. Man denke beispielsweise an den
Ausspruch "Gelder in ausländische Rattenlöcher
werfen". Wir führten jedoch großenteils eine vernünftige Debatte über das Thema, das für unser
Verständnis der Welt nach dem Kalten Krieg von
entscheidender Bedeutung ist. Obwohl wir stärker
gefährdet sind als je zuvor, sollten die im Bereich
der Entwicklungshilfe Beschäftigten diese Chance
begrüßen, der amerikanischen Öffentlichkeit mehr

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Informationen zu vermitteln. Wir sollten eine informierte nationale Debatte über die Bedeutung unserer
Entwicklungshilfe für unsere nationalen Interessen
befürworten.
An die Adresse derjenigen unter Ihnen gerichtet, die
sich über die Zukunft des Amts für internationale
Entwicklung Sorgen machen, möchte ich sagen, daß
diese Administration nicht an einer Verringerung des
Engagements der Nation für tragfähige Entwicklung
interessiert ist. Niemand sollte die Einsatzbereitschaft
des Präsidenten der Vereinigten Staaten, des Vizepräsidenten und des Außenministers für diesen
essentiellen Aspekt unserer Außenpolitik in Zweifel
ziehen.
Die derzeit stattfindende grundlegende
Überprüfung unserer auf dem Gebiet der Außenpolitik
tätigen nationalen Behörden und Ämter im Bereich
der Exekutive verfolgt nur ein Ziel: Die Stärkung
unserer Fähigkeiten zur Durchführung dieser Mission
durch die Umgestaltung und Verbesserung der
Regierungsführung.

Seite 1

�Genau das haben wir im Amt für internationale
Entwicklung in den vergangenen 20 Monaten getan.
Und wir hatten so großen Erfolg, daß ein republikanisches Mitglied der von Präsident Bush gegründeten Kommission zur Überprüfung von USAID im Jahr
1993 vergangene Woche erklärte: "Dies ist die
bemerkenswerteste Umgestaltung einer staatlichen
Behörde, die ich je gesehen habe."
Es steht hier jedoch sehr viel mehr auf dem Spiel,
als das Überleben einer Washingtoner Behörde. Als
Ergebnis dieser nationalen Debatte streben wir ein
erneutes Mandat für die Entwicklungshilfemission an.
Wenn diese Frage entschieden ist, werden der
Kongreß und die Exekutive sich darauf konzentrieren, wie diese Mission am besten durchgeführt
werden kann - wie sie am besten organisiert wird,
um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Diese Fragen wurden durch Medienberichte verschleiert, die sich mehr auf angebliche Schlammschlachten und persönliche Konflikte konzentrierten.
Ich möchte denjenigen, die an solchen Geschichten
interessiert sind, versichern: Wir haben vielleicht
einige Differenzen, aber niemand in dieser Administration hegt den geringsten Wunsch, die Aufgabe
tragfähiger Entwicklung herabzuwürdigen.
Wir haben in den vergangenen 20 Monaten mit
einem Gefühl für Dringlichkeit daran gearbeitet, die
Integrität von AID und die mit Ihnen eingegangenen
Partnerschaften wiederherzustellen und das Vertrauen unserer Mitarbeiter, des Kongresses und des
amerikanischen Volkes wiederzugewinnen.
Wir
haben umorganisiert, reformiert, umstrukturiert und
umgebildet und sind zum Modell für andere staatliche Behörden geworden. Wir ändern unsere Arbeitsweise, weil wir eine vorbildliche Institution
werden wollen, deren Ergebnisse den amerikanischen Steuerzahler davon überzeugen, daß sie den
Interessen unserer Nation dienen.
Wir haben das Management von AID verbessert,
weil unsere Mission in der Welt nach dem Kalten
Krieg doppelt wichtig ist. Als Regierung haben wir
die Pflicht, eine Führungsrolle zu übernehmen - im
Bereich der Entwicklung ebenso wie bei Sicherheit,
Wirtschaft und Politik. Und wir haben eine Führungsrolle übernommen:
Wir haben die Welt zu dem Verständnis geführt,
daß Entwicklung nicht erfolgreich sein kann,
wenn sie die Bedürfnisse der Frau ignoriert.
Wir haben die Welt zu einem erneuten Einsatz
für die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums und die Entwicklung neuer Familienplanungsmethoden geführt.

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Wir haben eine Führungsrolle in der Welt bei dem
Bestreben übernommen, die Artenvielfalt zu
erhalten und dem Treibhauseffekt Einhalt zu
gebieten.
Wir waren führend in der Welt bei der Bereitstellung technischer Hilfe, um freie Volkswirtschaften, Privatsektoren und neue Märkte zu
schaffen.
Wir haben die Welt zu der Erkenntnis geführt, daß
Wirtschaftswachstum nicht ohne die Einbeziehung
der Menschen in den Entwicklungsprozeß aufrechterhalten werden kann und starke Gesellschaften sowie demokratische Institutionen erfordert.
Und wir haben in der Welt eine Führungsrolle bei
der Förderung eines integrierten Konzepts tragfähiger Entwicklung und eines strategischen Ansatzes zur Erzielung meßbarer Ergebnisse übernommen.
Diese Verantwortung, eine Führungsrolle zu übernehmen, ist für unsere nationalen Interessen von
lebenswichtiger Bedeutung, während wir die Schaffung einer friedlicheren, stabileren Umwelt für alle
anstreben - und neue Chancen für die amerikanische
Wirtschaft eröffnen. Wenn wir präventive Diplomatie
praktizieren wollen, müssen wir uns mit den zu
Instabilität führenden Gegebenheiten befassen. Wir
müssen Investitionen zur Erschließung neuer Märkte
tätigen, wenn wir die Vorteile des GATT-Vertrags
optimal nutzen wollen. Diese Dinge können wir nicht
im Alleingang tun - ungeachtet des Umfangs unseres
Entwicklungshilfebudgets.
Meine Sorge ist, daß die Debatte über die Zukunft
unserer Behörde unserem Führungspotential ebenso
schaden könnte wie die haushaltspolitischen Kürzungen, unter denen wir bereits leiden. Das Problem
sind nicht die informierten Kritiker, die wirklich davon
überzeugt sind, es gebe einen besseren Weg zur
Erreichung unserer Ziele. Das Problem entsteht
durch diejenigen, die mit der Abschaffung unserer
Institution den Sieg davontragen wollen. Nachdem
sie unwahre Behauptungen über die Ineffizienz des
Amts für internationale Entwicklung aufstellten,
bemühen sie sich jetzt verzweifelt um eine Rechtfertigung für ihre Anschuldigungen.
Erst vergangene Woche gab eine Gruppe eine
Presseerklärung heraus, in der - natürlich selektiv aus mehreren Berichten des Generalinspekteurs von
AID zitiert wurde. Es wurde nicht darauf hingewiesen, daß eine in der Überprüfung des Generalinspekteurs aufgedeckte Schwäche Teil einer gutgeführten Institution ist, sei es einer staatlichen Behörde

AMERIKA DIENST 04

�oder eines privaten Unternehmens. Es wurde nicht
darauf hingewiesen, daß die vom Generalinspekteur
aufgedeckten Mängel behoben wurden.
Wenn Sie mehr dieser Berichte hören, sollten sie
sich daran erinnern, daß der Generalinspekteur von
AID Teil unseres Managementteams ist. Er hilft uns
herauszufinden, was funktioniert und was nicht
funktioniert. Und denken Sie daran, daß die Bestrebungen, seine Berichte zu mißbrauchen, meiner
Meinung nach nicht darauf aufzielen, das Management von AID zu verbessern. Vielmehr soll damit
eine Institution herabgewürdigt werden, die den
Interessen Amerikas dient.
Wir stehen an einem kritischen Punkt, während wir
unsere staatlichen Strukturen und die Mission
unserer außenpolitischen Behörden überprüfen. Wir
sind mit einer internationalen Herausforderung
konfrontiert, weil das Bevölkerungswachstum und
seine Begleiterscheinungen in den kommenden 30
Jahren nur noch zu mehr Schwierigkeiten führen
können. Krankheiten, Nahrungsmittelknappheit und
Armut werden zu größeren Wanderbewegungen und
mehr Instabilität führen. Mehr als je zuvor brauchen
wir eine starke Institution, die diese Gefahren
angehen kann. Wenn einige auf dem Kapitol ihren
Kopf durchsetzen und wir diese Fähigkeit jetzt
verlieren, dann müssen wir sie später wieder neu
entdecken - machen Sie sich da nichts vor.
In einigen Talk-Shows im Radio wird gesagt, das
amerikanische Volk sei bereit, sich von der übrigen
Welt loszulösen. Aber obwohl das Wort "Auslandshilfe" unpopulär ist, sprechen sich mehr Amerikaner
dafür (47 Prozent) als dagegen (44 Prozent) aus.
Die Zahlen täuschen jedoch. Fragen Sie den Mann
auf der Straße, ob er befürwortet, "mehr Geld in
ausländische Rattenlöcher zu werfen", und die
Antwort wird sie nicht überraschen. 80 Prozent der
Befragten waren jedoch der Ansicht, mit zunehmender Wirtschaftskraft der Entwicklungsländer würden
die amerikanischen Geschäftsmöglichkeiten steigen.
73 Prozent zufolge würden die Exporte ansteigen,
72 Prozent gaben an, es wäre zum Vorteil der
amerikanischen Volkswirtschaft, zwei Drittel waren
der Ansicht, dies sei im Interesse von Arbeitsplätzen,
nationaler Sicherheit und der Gemeinden. Schlüsselt man Auslandshilfe nach einzelnen Themen auf,
sprechen sich die Menschen dafür aus: Bevölkerung. Demokratie. Umwelt. Und 90 Prozent
befürworten humanitäre Hilfsleistungen für die Opfer
von Hungersnöten oder Naturkatastrophen wie dem
Erdbeben, das große Gebiete Japans zerstörte.
Unser Problem ist, daß die meisten Amerikaner der
Auffassung sind, 20 Prozent ihrer Steuergelder

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würden für Auslandshilfe verwendet, während die
Zahl in Wahrheit unter einem halben Prozent liegt.
Auf die Frage, wieviel für Auslandshilfe vorgesehen
werden sollte, geben die meisten Amerikaner 5
Prozent an. Das wäre eine dramatische Erhöhung
unseres kleinen Budgets.
Man hört, wir sollten im Ausland keinen Dollar für
Dinge aufwenden, für die wir im eigenen Land kein
Geld ausgeben. Ich habe keine Probleme mit dieser
Formulierung. Ich möchte jedoch im Ausland kein
Geld investieren, das für die Menschen hier im Land
keinen Nutzen bringt. Ich möchte, daß das amerikanische Volk die Vorteile von Krisenverhütung erkennt.
Ich möchte, daß es sieht, wie durch die entstehenden
neuen Märkte Arbeitsplätze geschaffen werden. Ich
möchte, daß es sieht, wie wir ihm helfen, die neuen
Bedrohungen durch Krankheiten sowie Verschmutzung von Luft und Wasser zu vermeiden.
Unsere Entwicklungshilfe im Ausland unterscheidet
sich nicht von den Investitionen, durch die wir Amerika zur Größe verhalfen. Zusammen mit vielen
anderen Geberländern, die unser Hilfsprogramm beim
Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten, investieren wir in die Grundlagen einer
erfolgreichen Gesellschaft: Bildung und Ausbildung,
Gesundheitsfürsorge, den privaten und öffentlichen
Sektor und bürgerliche Gesellschaften.
Wir streben ein tragfähiges Wirtschaftswachstum
dieser Länder an, damit wir unsere Hilfe an sie
einstellen können, wie wir es dieses Jahr mit Costa
Rica, Botswana, Tunesien und Thailand taten - mit
begründeter Zuversicht, daß weitere Fortschritte
erzielt werden. Diejenigen, die der Ansicht sind,
Wirtschaftswachstum könne allein durch politische
Reformen erzielt werden, weise ich darauf hin, daß
die Zerstörung der natürlichen Ressourcen auch das
Wirtschaftswachstum zunichte macht. Dasselbe gilt
für das Bevölkerungswachstum. Und ich möchte
betonen, daß abgeschottete, undurchsichtige oder
schwache Regierungen in den meisten Fällen zu
korrupten Regierungen werden.
Wirtschaftliche Freiheit kann nicht von einem wohltätigen Herrscher verordnet werden, sondern muß
von unten wachsen. Nur ein umfassender Ansatz zur
Entwicklung kann zu tragfähigem Wirtschaftswachstum führen.
Die heutigen Herausforderungen ähneln den Herausforderungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Jene Ära
war ebenso wie die heutige eine Nachkriegszeit, ein
Zeitraum am Ende eines enormen, kollektiven Einsatzes gegen einen bösen Gegner. Die Amerikaner
waren es müde, Opfer für Menschen in weit entfernten Ländern zu bringen, des Verzichts müde, bange

Seite 3

�um ihre Zukunft und besorgt wegen der Probleme im
eigenen Land. Aber wir engagierten uns für den
Marshallplan, der anfänglich von weniger als einem
Fünftel der amerikanischen Bevölkerung unterstützt
wurde, weil wir wußten, daß wir durch Investitionen
in die Zukunft anderer in unsere eigene Zukunft investierten.
Nur wenige erinnern sich, daß die von Außenminister Marshall in Harvard gehaltene Rede, durch die
sein Plan ins Leben gerufen wurde, bereits einen
Monat zuvor in einer Ansprache des damaligen
Staatssekretärs im Außenministerium, Dean Acheson, vor dem Delta Coucil in Cleveland (Mississippi)
angekündigt wurde. Im Mai 1947 sprach Minister
Acheson die Worte, die heute ebensolche Gültigkeit
besitzen wie damals:

Bei der jetzt geführten Debatte müssen wir daran
denken, daß der Marshallplan mit überparteilicher jedoch keinesfalls einmütiger- Unterstützung entwikkelt wurde, was eine kluge und korrekte Vorgehensweise darstellte. Republikaner wie Senator Arthur
Vandenberg ließen ihre isolationistische Vergangenheit hinter sich und erkannten, daß der Preis der

Seite 4

Wer der Meinung ist, wir könnten uns der Last
unserer Führungsrolle entledigen, sollte sich bewußt
machen, daß unser Rückzug in der gesamten internationalen Staatengemeinschaft widerhallen wird zum Nachteil der von uns geschätzten Werte. Moral
ist nicht nur für den inländischen Konsum bestimmt.
Es ist bemerkenswert, daß manche Befürworter einer
Rückkehr zu traditionellen Maßstäben in Amerika sich
gleichzeitig für moralische Gleichgültigkeit bei der
Handhabung internationaler Angelegenheiten aussprechen. Das ist jedoch nicht, was andere Nationen
von uns erwarten und was das amerikanische Volk
wünscht.
Ebenso wie 1947 werden wir von den Skeptikern, von
den Isolationisten herausgefordert. Wir werden von
denjenigen herausgefordert, die der Ansicht sind,
Handel könnte ein Ersatz für Entwicklung sein,
während Handel tatsächlich von Entwicklung abhängig ist - Handel ist die natürliche Folge erfolgreicher Entwicklung. Wir werden in den meisten Fällen
von Menschen guten Willens herausgefordert, die
sich ihr Urteil über diese komplexen Fragen noch
bilden. Und das ist unsere Herausforderung - Ihre
und meine.

"Nicht nur Menschen und Nationen existieren
innerhalb enger wirtschaftlicher Grenzen,
dasselbe ... gilt auch für die Menschenwürde,
Freiheit des Menschen und demokratische
Institutionen. Es ist eines der wichtigsten
Ziele unserer heutigen Außenpolitik, unsere
wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen
zur Erweiterung dieser Grenzen einzusetzen.
Das ist erforderlich, wenn wir unsere Freiheiten und demokratischen Institutionen bewahren wollen. Das ist erforderlich für unsere
nationale Sicherheit. Und es ist unsere Pflicht
und unser Privileg als menschliche Wesen."

*

Untätigkeit sehr viel höher wäre als die anfänglich
durch sie erzielten Einsparungen.

Meines Erachtens werden wir ebenso wie 1947, als
führende Politiker wie Harry Truman, Arthur Vandenberg, George Marshall und Dean Acheson vortraten,
auch die heutigen Herausforderungen meistern. Ich
bin zuversichtlich, daß eine neue überparteiliche
Partnerschaft entsteht, durch die das Engagement
Amerikas für seine Zukunft - eine internationale
Führungsrolle - erneuert wird.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�HOLOCAUST-MUSEUM
25.Januar 1995

50. JAHRESTAG DES TODESMARSCHES
VON AUSCHWITZ
Feierliche Zeremonie im Holocaust Memorial Museum
WASHINGTON - (AD) - Auschwitz - nur dieses eine
Wort - erinnert uns alle an allen Orten der Welt
daran, zu was Menschen im schlimmsten Falle fähig
sind.
Der 18. Januar 1995 ist der 50. Jahrestag des
Todesmarsches von Auschwitz. Nur neun Tage
bevor Auschwitz von aus dem Osten vordringenden
sowjetischen Streitkräften befreit wurde, trieben die
für das Lager verantwortlichen Nazis diejenigen, die
noch stehen und gehen konnten - schätzungsweise
60.000 Menschen - nach Westen, damit sie nicht
befreit werden konnten. Viele wurden erschossen

nis geblieben, daß "die Toten von den fahrenden
Zügen geworfen wurden". Und mit versagender
Stimme erinnert er sich an die deutschen Zivilisten,
die den Gefangenen auf den fahrenden Zügen
Brotstücke zuwarfen und dafür von ihren eigenen
Soldaten erschossen wurden.
"Aber kein Erinnerungsvermögen reicht aus, um das
tatsächliche Geschehen wiedereinzufangen", stellt
Buergenthal fest. "Ich erinnere es sachlich, aber
inzwischen ohne Emotionen und nicht im Detail", fügt
er hinzu.

oder starben vor dem Ende der weit in deutsches

Während der Menschenstrom weiterzog, stießen die

Territorium gehenden Reise.

Sowjets rasch nach Auschwitz vor und kamen am 27.
Januar 1945 in das Lager. Einige der Soldaten
waren Ukrainer, die meisten Russen, erläutert Mandel
und verweist darauf, daß der Kommandeur ein
russischer Jude war, der anordnete, Filmaufzeichnungen dessen zu machen, was die Sowjets in Auschwitz sahen, um der Welt gegenüber zu belegen,
was dort geschehen war.

Bei einer feierlichen Zeremonie im amerikanischen
Holocaust Memorial Museum kamen die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager
und ihre Verwandten zusammen - nicht um dessen
zu gedenken, was vor 50 Jahren geschah. Wie
könnten sie je vergessen? Sie kamen, wie ein
Verwandter der Überlebenden, Menachem Rosensaft, es formulierte, "um Zeuge des himmlischen
Lichtstrahls zu werden".
"Heute gedenken wir des Todesmarsches, der
erzwungenen Evakuierung aller tauglichen Lagerinsassen" von Auschwitz, erklärte Ruth Mandel,
stellvertretende Vorsitzende des amerikanischen
Holocaust Memorial Council.
Thomas Buergenthal, heute 60jähriger Geschichtsprofessor an der George Washington University in
der Bundeshauptstadt, war an jenem Tag vor 50
Jahren ein verängstigter 10 Jahre alter Junge, der
sich zu dem Marsch aufstellen mußte. Selbst als
Zehnjähriger wurde er als tauglich eingestuft. Er
erinnert sich an "diejenigen, die am Straßenrand
erschossen wurden, wenn sie nicht mehr weiterlaufen konnten". Von dem Teil der Reise, den sie in
Eisenbahnwaggons zurücklegten, ist ihm in Gedächt-

AMERIKA DIENST 04

Auszüge aus dem Film wurden bei der Feierstunde
gezeigt, darunter Bilder der kranken, ausgemergelten
Insassen, die zurückgelassen wurden - viele halbtot und auch der Massengräber von schätzungsweise
eineinhalb Millionen Menschen. Auch das Eingangstor mit einem großen Schild - Arbeit macht frei wurde vorgeführt.
Eine andere Überlebende, Rosalie Lerman, die heute
in Vineland (New Jersey) lebt, beschrieb einen Tag in
einer der Frauenbaracken. Am lebhaftesten sind ihr
die Brutalität und die stille Indifferenz gegenüber dem
Leiden sowie der Tod im Gedächtnis geblieben.
Jeden Abend und jeden Morgen wurden sie aufgerufen, erinnert sie sich. "Die Körper derjenigen, die
während der Nacht gestorben waren, wurden für den
Aufruf am morgen neben die Lebenden gelegt - als
nüchterne Tatsache."

Seite 1

�Miles Lerman, Vorsitzender des Holocaust Memorial
Council, stellte fest, ungefähr 90 Prozent der Opfer
von Auschwitz seien Juden gewesen. Die übrigen
waren Kriegsgefangene, Zigeuner, Homosexuelle,
politische Gegner der Nazis und sogar Gewerkschaftsfunktionäre.
Hunderttausende starben in Auschwitz. Aber es gab
auch andere, weniger greifbare Opfer, so Mandel.
"Über 1.000 Jahre jüdischer Kultur in Europa wurden
ebenfalls dort verbrannt - so viele Gemeinden zerstört, so viel Geschichte nur noch in den Träumen
derer lebendig, die überlebten."
Lerman erinnerte das Publikum daran, daß es außer
Auschwitz noch zahlreiche andere Konzentrationsund Zwangsarbeitslager gab. Aber Auschwitz war
das größte - "das Epizentrum der Greueltaten der
Nazis". Es ist nach wie vor das "mächtigste Symbol
der Welt für Genozid und grausamen Massenmord",
fügte er hinzu.
Mehrere Redner riefen die Bilder der jüngsten
Konfliktherde ins Gedächtnis - Kambodscha, Ruanda, Bosnien. Lerman erklärte: "Die Menschheit
muß stets auf der Hut vor ersten Anzeichen von
Genozid sein. Wir alle sollten stets an vorderster
Front des Kampfes gegen Rassismus und Antisemitismus stehen."

*

Seite 2

Der Gesandte der Russischen Botschaft äußerte, in
Auschwitz seien jeden Tag über tausend Menschen
mit 27 Nationalitäten ermordet worden. Als die
sowjetischen Streitkräfte ins Lager kamen, waren nur
noch 2.819 Menschen am Leben. Den später von
den Sowjets freigegebenen Unterlagen zufolge
fanden sie außer den Lebenden und Toten mehr als
eine Million Anzüge, Mäntel und Kleider, sieben
Tonnen Menschenhaar sowie Berge von Schuhen
und Brillen. Ein Großteil der Beweise wurde jedoch
von den sich zurückziehenden Nazis vernichtet.
Der Gesandte stellte fest, die Russen und alle
anderen Menschen müßten auf der Hut vor "extremem Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus" unserer Zeit sein.
Marek Pernal, Generaldirektor der polnischen Regierungsbehörde für religiöse Angelegenheiten, erläuterte, vor dem Zweiten Weltkrieg "war der Ausdruck
Konzentrationslager in keiner Sprache bekannt". Er
fragte: "Was können wir tun, um Auschwitz zu einer
wirksamen Warnung für nachfolgende Generationen
zu machen?"
Nach den Gedenkansprachen wurden in der Halle
der Erinnerung des Museums Kerzen angezündet
und vor der Flamme der Erinnerung Blumen niedergelegt.

* * * *

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

18.Januar 1995

03

..

WIRTSCHAFT

"WIRTSCHAFTLICHES ENGAGEMENT"
IN MITTEL- UND OSTEUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Brown

AUSSENPOLITIK

AUSSENPOLITISCHE JAHRESBILANZ UND
ZUKÜNFTIGE ZIELE
Rede von Staatssekretär Peter Tamoff

SOZIALGIPFEL

USA KONZENTRIEREN SICH AUF
ARBEITSPLÄTZE, ARMUT UND FRAUEN
Rede von Staatssekretär Wirth

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN
UNTER VERÄNDERTEN VORZEICHEN
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�WlRTSCHAFT
18. Januar 1995

"WIRTSCHAFTLICHES ENGAGEMENT"
IN MITTEL- UND OSTEUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Brown
WASHINGTON - (AD) - US-Wirtschaftsminister Ron Brown zufolge können die Vereinigten Staaten die
Bestrebungen mittel- und osteuropäischer Nationen zum Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften am besten durch
eine Strategie des "wirtschaftlichen Engagements" unterstützen.
Diese Strategie würde Brown zufolge den Vereinigten Staaten den Abbau von Handelshemmnissen sowie eine
Erhöhung ihrer Exporte gestatten und gleichzeitig anderen Ländern die für schnelles Wachstum erforderlichen
Instrumente geben.
In seiner in Cleveland (Ohio) am 12. Januar 1995 gehaltenen Rede bei einer vom Weißen Haus veranstalteten
Konferenz über Handel und Investitionen in Mittel- und Osteuropa erklärte der Wirtschaftsminister femer, kleine
und mittelständische amerikanische Unternehmen eigneten sich aufgrund ihrer Größe eher als riesige
multinationale Unternehmen zu wirtschaftlicher Tätigkeit in Mittel- und Osteuropa.
Aus diesem Grund werde das dem Wirtschaftsministerium unterstehende Business Information Center für
Osteuropa in Zusammenarbeit mit der Verwaltung für mittelständische Unternehmen sowie anderen Behörden
eine zentrale Einrichtung ins Leben rufen, um kleineren Firmen den Zugang zu Finanzdienstleistungen und
Informationen der amerikanischen Regierung zu erleichtem.
Die Clinton Administration wird sich - durch Aktivitäten wie die vom Weißen Haus veranstaltete Konferenz auf die Förderung von Handel mit mittel- und osteuropäischen Staaten und Investitionen in diesen Ländern
konzentrieren. Dies erfordere, so Brown, daß amerikanische Unternehmen die Chancen erkennen und das
Wirtschaftsklima in der Region weiter verbessert wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Wirtschaftsministers.

Verehrte Minister, Exzellenzen, meine Damen und
Herren, es ist mir eine große Freude, Sie im Namen
des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu dieser
Konferenz des Weißen Hauses - der ersten ihrer Art
- über Handel und Investitionen in Mittel- und Osteuropa willkommen zu heißen.
Ich möchte meinem guten Freund, Bürgermeister
Michael White, für seine harte Arbeit danken, dieser
Konferenz zum Erfolg zu verhelfen.
Michaels
Fähigkeiten als Bürgermeister sind bereits in den
gesamten Vereinigten Staaten bekannt, und sein Ruf
wird sich nach dieser Konferenz auch im Ausland
verbreiten.

Ferner möchte ich Sie im Namen des Business
Council for International Understanding begrüßen,
einer herausragenden Organisation, die gemeinsam
mit uns diese Konferenz veranstaltet. Hinweisen
möchte ich auch auf die wertvolle Rolle zahlreicher
anderer Sponsoren aus der Geschäftswelt.
Ich
danke Ihnen allen.
Ganz besonders möchte ich unsere Gäste aus Mittelund Osteuropa begrüßen. Es ist uns eine Ehre, daß
über 230 Teilnehmer die weite Reise aus ihrer
Heimat gemacht haben, um heute mit uns in Amerika
zusammenzukommen.
Bei Ihrer Reise hierher folgen Sie der jahrhundertealten Fährte Ihrer Mitbürger, die auf der Suche nach

AMERIKA DIENST 03

Seite 1

�Frieden, politischer Freiheit und wirtschaftlichen
Chancen nach Amerika kamen. Sie fanden diese
Dinge hier jedoch nicht vor. Sie schufen sie selbst mit ihren eigenen Fähigkeiten, Energien und Träumen. Amerika bot den Söhnen und Töchtern Mittelund Osteuropas die Chance, durch harte Arbeit ihre
Träume zu verwirklichen. Und durch ihre harte
Arbeit wurde Amerika zu einer großartigeren und
vielfältigeren Nation.
Die Nachfahren dieser Einwanderer haben jetzt eine
neue Chance für Freiheit und Wohlstand. Die Polen
und Tschechen können ihre Fähigkeiten einsetzen.
Die Ungarn und Bulgaren können ihre Energien zum
Tragen bringen. Die Einwohner Sloveniens und
Rumäniens verwirklichen ihren Traum von der
Umgestaltung ihrer Nationen zu einem Symbol der
Chancen, wie Amerika dies schon immer war.
Ich begrüße auch die anwesenden hochrangigen
Vertreter der amerikanischen Wirtschaft. Ich freue
mich, daß so viele von Ihnen besonderes Engagement für unsere Aufgabe zeigen, die ihre Wurzeln in
Europa hat - oder in einem Stammbaum, der nach
dem ungarischen Aufstand von 1956 abrupt verpflanzt wurde, im Prager Frühling oder der Solidaritätsbewegung von 1980. Ich weiß, daß Sie alle
ungeduldig darauf warten, die Herausforderungen
neuer Märkte und wachsender junger Volkswirtschaften anzugehen.
Last but not least begrüße ich meine Kollegen aus
der US-Regierung, die das Engagement amerikanischer Unternehmen im Ausland mit außergewöhnlicher Energie unterstützen. Besonders möchte ich in
diesem Zusammenhang die Arbeit unserer Botschafter in Mittel- und Osteuropa hervorheben. Sie
und ihre Mitarbeiter sind die Stütze unserer Bestrebungen in der Region.
Das Ende des Kalten Krieges hat unseren Nationen
erneut die Chance gegeben, zusammen auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten. Und es hat unseren
wirtschaftlichen Zielen neue Bedeutung verliehen.
Die Sicherheit unserer Nationen hängt zunehmend
von unserer wirtschaftlichen Stärke ab.
Heute kommen wir bei der Gestaltung eines neuen
Zeitalters der Sicherheit, des Wohlstands und der
Freiheit als Partner zusammen. Die Vereinigten
Staaten, die in so hohem Maße von Ihren Beiträgen
profitierten, wollen Sie beim Wiederaufbau Ihrer
Volkswirtschaften unterstützen.
In den letzten fünf Jahren sind in den Ländern Mittelund Osteuropas freie Gesellschaften entstanden, die
sich auf den schwierigen, aber interessanten Weg
der Umgestaltung ihrer Nationen und ihrer Volkswirt-

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schaften machten. Meines Erachtens können die
Vereinigten Staaten diese Bestrebungen am besten
durch den Aufbau starker Wirtschaftsbeziehungen
zwischen und innerhalb von Nationen fördern. Wir
bezeichnen unsere Strategie als "wirtschaftliches
Engagement".
Wirtschaftliches Engagement macht Handel und
Investitionen zum Ausgangspunkt für umfassenderen
Dialog - der uns eine Erweiterung unserer Beziehungen in viele Richtungen gestattet.
Diese langfristige Strategie erlaubt den Vereinigten
Staaten, eine Erhöhung ihrer Exporte und einen
Abbau von Handelshemmnissen anzustreben, während sie gleichzeitig anderen Ländern die für schnelles Wachstum erforderlichen Instrumente anbieten.
Wirtschaftliches Engagement kann Millionen europäischer und amerikanischer Familien kurzfristig wirtschaftlichen Nutzen bringen, selbst während Regierungsvertreter sich um einen methodischeren Ansatz
zur Lösung politischer und strategischer Fragen
bemühen.
Der die wirtschaftliche Umstrukturierung begleitende
anfängliche Produktionsrückgang ist zum Stillstand
gekommen. Der wirtschaftliche Ertrag in der Region
fiel zwischen 1989 und 1993 um 25 Prozent - ein
Rückgang, der mit der amerikanischen Erfahrung
während der Weltwirtschaftskrise vergleichbar ist.
1994 waren wir Zeuge des Beginns von Stabilität und
Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt stieg um 3
Prozent. Die polnische Wirtschaft, auf die ein Drittel
des gesamten Ertrags der Region entfällt, erlebt
bereits das dritte Jahr ihres Wachstums - im letzten
Jahr beeindruckende 6 Prozent. Die Wachstumsrate
Albaniens von 1993 war mit 8 Prozent europaweit die
höchste.
Mittel- und Osteuropa sind über den Berg. Der
Fortschritt hat noch nicht überall dasselbe Niveau
erreicht, und es bleiben Hindernisse bestehen. Die
erste und schwierigste Umstrukturierungsphase ist
jedoch abgeschlossen.
Jetzt können wir unsere Bestrebungen darauf konzentrieren, durch unser internationales Engagement
für Handel und Investitionen das Wachstum zu
beschleunigen. Die Liberalisierung des Handels und
wirtschaftliche Umstrukturierung haben zu einer
bemerkenswerten Umlenkung ihres Handels auf
westliche Länder geführt. Die Importe mittel- und
osteuropäischer Länder aus den Industriestaaten
steigen seit drei Jahren um jährlich etwa 15 Prozent
an und belaufen sich auf 50 Milliarden Dollar.
Der Handel der Vereinigten Staaten mit der Region
ist ebenfalls schnell expandiert. Die Exporte nach

AMERIKA DIENST 03

�Mittel- und Osteuropa haben sich innerhalb von fünf
Jahren verdreifacht. Auch unsere Importe aus der
Region sind schnell gestiegen - auf ungefähr 2
Milliarden. 1994 sanken jedoch angesichts einiger
Probleme, mit denen wir uns befassen müssen, die
amerikanischen Exporte in die Region beträchtlich.
Die Investitionen haben ebenfalls zugenommen. Sie
sind ein wichtiger Input nicht nur von Kapital, sondern auch von Know-how und Technologie. Die
westlichen Investitionen in Mittel- und Osteuropa
liefern jedoch nicht die erforderliche Kapitalmenge.
Wir sind heute hier zusammengekommen, um die
Handels- und Investitionstätigkeit zwischen den
Vereinigten Staaten und Mittel- und Osteuropa
anzukurbeln.
Die Erhöhung der Handels- und Investitionstätigkeit
erfordert zweierlei: Erstens ein gesteigertes Bewußtsein amerikanischer Unternehmen für die Chancen
in der Region und zweitens eine weitere Verbesserung des Unternehmensklimas in Mittel- und
Osteuropa.
Aus diesem Grund wollten Präsident Clinton und ich
ein Forum wie dieses schaffen, in dem führende
Politiker, mögliche Partner und erfahrene Helfer
gemeinsam auf die Erreichung dieser Ziele hinarbeiten können.
Ralph Gerson, Walter Catlow, Bill Butler und andere
weitblickende amerikanische Wirtschaftsvertreter
werden über die blühenden Unternehmen berichten,
die sie in Mittel- und Osteuropa aufgebaut haben und über die ernsten Probleme, mit denen sie noch
konfrontiert werden.
Es werden Vertreter von
Wirtschaft und Regierung der mittel- und osteuropäischen Länder zu Wort kommen.
Und Sie werden am heutigen Abend an einer
einzigartigen Veranstaltung teilnehmen - einer
Kombination von Empfang und Messe, bei der 14
Länder Stände mit Informationsmaterial über Geschäftsmöglichkeiten sowie Gespräche über sofortige
Unternehmensgründungen anbieten werden.
Die Bandbreite der Möglichkeiten zeigt sich an den
für die Publikation des Amts zur Förderung des
Handels (U.S. Trade Development Agency), "Handels- und Investitionsmöglichkeiten in Mitteleuropa",
ausgewählten 100 Chancen:
Zusätzliche 600
Ratschläge zur Unternehmensgründung sind auf der
in ihren Konferenzunterlagen enthaltenen Diskette zu
finden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Bei dieser Konferenz möchte ich Sie daran erinnern,
daß wir alle wegen eines gemeinsamen Ziels hier
sind, das nur erreicht werden kann, wenn amerikani-

AMERIKA DIENST 03

sche Unternehmer gegenüber ihren Kollegen aus
Mittel- und Osteuropa offen und ehrlich sind. Neue
Chancen beleuchten schlaglichtartig die verbleibenden Probleme. Die Bankensysteme sind nicht für
den Umgang mit marktwirtschaftlichen Gegebenheiten ausgestattet. Das Konkursrecht ist unzureichend.
Die Infrastruktur bedarf einer substantiellen Modernisierung. Die staatlichen Stellen mischen sich oft
noch zu sehr ein, und der Umgang mit ihnen ist
schwierig.
Es muß mehr Wert auf die Privatisierung gelegt
werden, insbesondere was faire und offene Verfahren
für ausländische Investoren betrifft. Ein besonderes
Problem ist die zunehmende Neigung, Zölle auf
amerikanische Exportartikel zu erheben, während
Mittel- und Osteuropa Assoziierungsabkommen mit
der Europäischen Union abschließen. Wir begrüßen
diese engeren Verbindungen, müssen jedoch einen
Weg finden um zu gewährleisten, daß amerikanische
Exporteure und Arbeitnehmer nicht den Preis dafür
zahlen müssen.
Wir sind aber auch nicht perfekt. Daher bitte ich Sie,
anderen amerikanischen Regierungsvertretern und
mir gegenüber offen und ehrlich zu sein. Sagen Sie
uns, was wir richtig machen. Und sagen Sie uns,
was wir falsch machen oder unterlassen haben.
Aufgrund der Vorschläge des Privatsektors hat das
Wirtschaftsministerium bereits das Business Information Center für Osteuropa umstrukturiert, damit mehr
und bessere Wirtschaftsinformationen zur Verfügung
gestellt werden können. Wir wenden uns ferner an
Internet, um amerikanischen Unternehmen On-Iine
sofortigen Zugang zu neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu verschaffen. Aber ich weiß, daß wir zur
Erfüllung Ihres Bedarfs mehr tun können.
Ich freue mich, heute eine besondere Initiative
bekanntgeben zu können, mit der die Exporte amerikanischer mittelständischer Unternehmen nach Mittelund Osteuropa gefördert und erweitert werden sollen.
Unseres Erachtens sind amerikanische mittelständische Unternehmen besser für Geschäfte mit dem
aufstrebenden Privatsektor in Mittel- und Osteuropa
geeignet als große multinationale Unternehmen. Eine
Reihe kleiner amerikanischer Firmen erzielt bereits
Gewinne in der Region. In Zusammenarbeit mit der
Verwaltung für mittelständische Unternehmen und
anderen Behörden errichtet das dem Wirtschaftsministerium unterstehende Business Information
Center für Osteuropa eine zentrale Einrichtung, um
kleineren Firmen den Zugang zu Finanzdienstleistungen und Informationen der amerikanischen Regierung
zu erleichtern.
Unsere Handelsabteilungen für
Amerika und das Ausland in Mittel- und Osteuropa

Seite 3

�werden einen wichtigen Bestandteil dieser Bestrebungen bilden.
Ein breites Spektrum amerikanischer Handelsbehörden hat sich hier angesiedelt, darunter das Amt für
Handel und Entwicklung, die Eximbank und die
Entwicklungsgesellschaft OPIC. Sprechen Sie mit
ihnen. Um effektivere Partner zu werden, müssen
wir von Ihnen hören.
Ich möchte betonen, daß die heutige Konferenz kein
einmaliges Ereignis ist, sondern der Beginn eines
neuen Stadiums in den Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und Mittel- und
Osteuropa. In den kommenden Wochen und Monaten werden amerikanische und europäische Behörden mit erneuter Kraft zusammenarbeiten und
enorme Chancen in echte, greifbare Geschäfte
umsetzen.
Wir bereiten bereits Missionen und Konferenzen vor,
die auf potentielle Wachstumssektoren abzielen. In
Kürze werden wir eine Umwelttechnologie-Handelsmission in die Tschechische Republik, nach Ungarn
und Polen entsenden.

*

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Darüber hinaus habe ich die Ehre, in diesem Sommer
den Vorsitz bei der Vierten West-Ost-Konferenz der
Handels- und Wirtschaftsminister zu führen - eine
Konferenz, bei der die führenden Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas sowie der neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion vertreten
sein werden.
Die von Ihnen heute und morgen geführten Gespräche über den industriellen Sektor werden als Richtschnur für diese und folgende Maßnahmen dienen.
Ich lade Sie alle ein, sich aktiv an den Diskussionen
dieser Konferenz zu beteiligen und fordere Sie auf,
sich vehement am Aufbau der Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas zu beteiligen und Chancen für
die dort lebenden Menschen zu schaffen. Wie
Präsident Clinton es in seinem Vorschlag für diese
Konferenz formulierte, ist unsere jeweilige Sicherheit
mit unserem jeweiligen Wohlstand eng verknüpft.
Aus diesem Grund nimmt der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich an dieser Konferenz teil,
und aus diesem Grund wird die amerikanische
Regierung alles in ihrer Macht Stehende tun, damit
unser Handel mit Mittel- und Osteuropa und unsere
Investitionen in dem Land expandieren.

* * * *

AMERIKA DIENST 03

�AUSSENPOLITIK
18.Januar 1995

AUSSENPOLITISCHE JAHRESBILANZ UND
ZUKÜNFTIGE ZIELE
Rede von Staatssekretär Peter Tarnoff
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die im Washingtoner Zentrum für die ausländische
Presse gehaltene Rede des Staatssekretärs für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Peter
Tarnoff, über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Jahr 1994 und die außenpolitischen Prioritäten für
das kommende Jahr.

Ich möchte über ein oder zwei Themen sprechen,
die für die politisch-militärische Seite erhöhter
Sicherheit der Vereinigten Staaten von essentieller
Bedeutung sind. Und in diesem Zusammenhang
möchte ich - auch wenn es Sie überraschen mag als erstes auf Rußland eingehen.
Es gibt für die Vereinigten Staaten viele Gründe,
weiterhin auf Reformen und eine demokratische

Öffnung in Rußland zu drängen und diese zu ermutigen. An oberster Stelle der Liste dieser Gründe
stehen jedoch unsere nationalen Sicherheitsinteressen. Rußland unterhält natürlich weiterhin ein
enormes Nuklearpotential sowie beträchtliche
Streitkräfte, weshalb bei unserem Dialog mit Rußland das Sicherheitselement - die sicherheitspolitische Dimension unseres Interesses an einem
weiteren Engagement in Rußland - außerordentlich
hohen Stellenwert einnimmt.
Wir haben in den letzten beiden Jahre gute Ergebnisse erzielt. Die Russen haben ihre Truppen aus
den baltischen Staaten abgezogen. Rußland und
die Vereinigten Staaten haben sich darauf geeinigt,
ihre ballistischen Interkontinentalraketen nicht länger
auf Ziele im jeweils anderen Land zu richten. Wir
haben die Umsetzung des START I-Vertrags vereinbart und beginnnen mit der Ratifizierung von START
II. Ferner führen wir mit den Russen äußerst
wichtige Gespräche über eine Einschränkung von
Waffenexporten in sicherheitsempfindliche Gebiete,
den Schmuggel mit Nuklearmaterial sowie ein breites
Spektrum anderer Sicherheitsfragen.
Beim Thema Rußland kann man nicht umhin, die
jetzige Situation in diesem Land anzusprechen,
insbesondere Tschetschenien und die Auswirkungen

AMERIKA DIENST 03

des Konflikts auf die politische Zukunft Rußlands und
unserer Beziehungen. Es ist offensichtlich noch zu
früh, eine Aussage über die politischen Konsequenzen des Vorgehens in Tschetschenien für Rußland zu
treffen. Es ist jedoch nicht zu früh für die Feststellung, daß ein von den Vereinigten Staaten entschieden unterstütztes, weltweites Interesse an einer
weiteren Unterstützung der Reformen und der demokratischen Evolution in Rußland besteht. Die Möglichkeit, daß die demokratischen Reformen in Rußland von den Ereignissen in diesem Land stark
beeinträchtigt werden könnten, ist natürlich für die
internationale Staatengemeinschaft äußerst ernüchternd, und während wir die Ereignisse dieser Tage in
Tschetschenien verfolgen, sind wir uns dessen stets
bewußt.
Die Vereinigten Staaten stellen nicht in Frage, daß
Tschetschenien zu Rußland gehört. Sie stellen
jedoch - wie Sie wissen und aus verschiedenen
Quellen gehört haben - die Art und Weise der dort
durchgeführten Operation und die daraus resultierenden Opfer in Frage und hoffen, daß die Russen und
Tschetschenen einen Dialog über eine Klimaverbesserung und eine Lösung der Krise aufnehmen können. Wir haben während der vergangenen Wochen
in öffentlichen und privaten Gesprächen auf diesen
Punkt hingewiesen - auch in Unterredungen mit den
Russen.
Im Bereich der Sicherheit haben wir eine äußerst
aktive Politik gegenüber verbrecherischen Staaten
verfolgt.
Ich möchte hierzu keine Einzelheiten
nennen, aber ganz oben auf unserer diesbezüglichen
Liste stehen Iran, Irak und Libyen.

Seite 1

�Im Hinblick auf den Irak vertreten die Vereinigten
Staaten nach wie vor die Ansicht, daß entschlossene
Sanktionen für Frieden und Stabilität in der Region
absolut erforderlich sind. Ich habe im November
den Staaten des Golfkooperationsrats einen Besuch
abgestattet und mit vielen Regierungen über die vom
Irak ausgehende, fortgesetzte Bedrohung gesprochen. Sie werden sich erinnern, daß die Vereinigten
Staaten stolz auf ihre im Oktober gespielte Führungsrolle waren, als die Staatengemeinschaft sich
der von den bedrohlichen Truppenbewegungen im
Süden des Irak ausgehenden, sehr realen Gefahr
bewußt wurde. Der Irak überschritt zwar nicht die
Grenze zu Kuwait, wir hatten jedoch keinen Grund
zu der Annahme, er könnte das nicht tun.
Die Vereinigten Staaten riefen die Operation Vigilant
Warrior ins Leben, die von Regierungen auf der
ganzen Welt sowie durch eine Resolution des UNSicherheitsrats unterstützt wurde. Unsere Wachsamkeit in diesem Teil der Welt stellt für uns eine
hohe Priorität dar, und das wird auch in Zukunft der
Fall sein, bis die Regime in diesem Teil der Welt, die
für unsere Freunde und unsere eigenen Interessen
eine Gefahr darstellen, einen Umwandlungsprozeß
durchlaufen haben.
Die dritte Kategorie sind Frieden und Demokratie,
und hier haben wir ebenfalls eine lange Liste. Für
1994 habe ich jedoch nur zwei Beispiele ausgewählt.
Der Friedensprozeß im Nahen Osten, der natürlich
in vielerlei Hinsicht ein historisches Jahr erlebte.
Nach der Grundsatzerklärung zwischen Israel und
der PLO aus dem Jahr 1993 schlössen Israel und
Jordanien im vergangenen Jahr einen Friedensvertrag, und es wurden gute Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien erzielt, die
von den Vereinigten Staaten gefördert werden.
Wie Sie wissen, fand in Casablanca eine von den
Vereinigten Staaten und anderen Ländern veranstaltete Konferenz statt, bei der Vertreter des öffentlichen und Privatsektors aus dem gesamten Nahen
Osten und Europa sowie anderen Teilen der Welt
einen Prozeß ökonomischer Integration und des

Aufbaus einer der möglicherweise größten Wirtschaftsregionen der Welt begannen. Dieser Prozeß
mag vielleicht Jahrzehnte erfordern, aber die Tatsache, daß er überhaupt begonnen wurde und Ende
dieses Jahres eine Folgekonferenz im jordanischen
Amman stattfindet, deutet darauf hin, daß im Nahen
Osten nach der Wiederherstellung des Friedens
Aussichten auf beträchtliches, tragfähiges Wirtschaftswachstum bestehen. Die Vereinigten Staaten
unterstützen dies.
Die andere Leistung im Bereich des Friedens war
1994 die Wiederherstellung der Demokratie in Haiti.

Seite 2

Die Clinton-Administration zeigte sich entschlossen
bei der Erreichung dieses Ziels. Wir haben Grund
zur Zufriedenheit über die bei dieser Operation
erzielten Ergebnisse. Die Tatsache, daß die Operation die Unterstützung des UN-Sicherheitsrats fand,
der im vergangenen Herbst den Mitgliedstaaten in
einer Abstimmung die Befugnis erteilte, alle zur
Wiederherstellung der Demokratie in Haiti erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, signalisierte unseres
Erachtens den Regierungen auf der ganzen Welt,
daß es Zeiten gibt, in denen die internationale
Staatengemeinschaft reagiert. Wir können nicht
prognostizieren, unter welchen Umständen das
geschieht. Wir erwarten in absehbarer Zeit keine
weitere Operation dieser Art in irgendeinem Teil der
Welt. Die Fähigkeit der Staatengemeinschaft, so zu
handeln, war jedoch unserer Ansicht nach ein Meilenstein - nicht nur für die westliche Hemisphäre, sondern die ganze übrige Welt.
Was sind unsere Prioräten für dieses Jahr? In vielen
Bereichen werden sie gleichbleiben. Bei vielen der
von mir besonders hervorgehobenen Fragen
- unseren Wirtschaftsinteressen und dem Friedensprozeß im Nahen Osten - werden weiterhin energische Fortschritte erzielt werden.
An oberster Stelle der Liste zeichnet sich jedoch auch
ein breites Spektrum von Nichtverbreitungsbelangen
ab, die ich ebenfalls erwähnen möchte. Als erstes
möchte ich die Umsetzung des zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea Ende vergangenen
Jahres abgeschlossen Abkommens ansprechen. Wir
sind der festen Überzeugung, daß es sich hierbei um
ein gutes Abkommen handelt und werden dies
öffentlich und vehement im Verlauf der in diesem
Land und im Kongreß geführten Debatte äußern. Es
ist ein gutes Abkommen für die Vereinigten Staaten
und es ist ein gutes Abkommen für die Welt, weil es
das Einfrieren der Nuklearaktivitäten Nordkoreas
vorsieht. Es verfügt ferner, daß Nordkorea in Kürze
die Nuklearaktivitäten einstellen wird, die das Risiko
eines Beitrags zur Entwicklung eines Nuklearwaffenprogramms bergen. Das Abkommen verpflichtet
Nordkorea darüber hinaus, Informationen über
bisherige Nuklearaktivitäten des Landes bereitzustellen, deren es - wie Sie wissen - seit einiger Zeit
verdächtigt wird. Wir sind erfreut, daß eine so gute
Zusammenarbeit wie mit der Republik Korea und
Japan möglich war, die - wie ich hinzufügen möchte eine zentrale Rolle bei der Finanzierung des Leichtwasserreaktors spielen werden, der in den nächsten
acht bis zehn Jahren in Nordkorea gebaut wird. Wir
sind der Überzeugung, daß sich mit der Zeit zumindest eine gewisse Evolution in Nordkorea vollziehen wird, bei der sich die neue Führung des
Landes entscheidet, ein verantwortlicheres Mitglied
der internationalen Staatengemeinschaft zu werden.

AMERIKA DIENST 03

�Die Verwirklichung dieses Ziels läßt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer vorhersagen. Es ist nicht
ein Abkommen, das auf Vertrauen gegründet ist,
sondern eines, das auf den nationalen Interessen
der Vereinigten Staaten und unserer Fähigkeit
basiert, die Einhaltung des Abkommens durch
Nordkorea bei jedem Schritt auf diesem Weg zu
verifizieren.
Auch die europäische Sicherheitsarchtitektur wird im
Jahr 1995 eine sehr wichtige Priorität für uns darstellen. Wie Sie wissen, traf die NATO auf Initiative
von Präsident Clinton vor einem Jahr die Entscheidung, einen Prozeß der NATO-Erweiterung einzuleiten. Die Entscheidung wurde ziemlich genau
vor einem Jahr beim NATO-Gipfeltreffen in Brüssel
im Januar getroffen. Die Partnerschaft für den
Frieden wurde gegründet - eine Organisation, die
jetzt 23 Mitglieder hat, die zwar selbst nicht offiziell
Mitglied der NATO sind, aber individuelle Abkommen
mit der NATO abgeschlossen haben, die zunehmende militärische Kooperation zwischen den Ländern
der ehemaligen Sowjetunion, des früheren Warschauer Pakts und der NATO gestatten, und dies ist
eine Entwicklung, der häufig nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die sie unseres Erachtens
verdient. Sie birgt die Möglichkeit für die NATO, die
Länder im Osten einzubeziehen und eine aktive
Partnerschaft mit dem Bündnis selbst zu beginnen.
1995 wird das Bündnis eine Studie über das "Warum" und "Wie", nicht das "Wer" und "Wann" erstellen. Es geht nicht darum, welches Land zu
welchem Zeitpunkt beitritt, sondern darum, was es
bedeutet, ein Mitglied der NATO zu sein, individuell
mit den Ländern zusammenzuarbeiten, jedem
Mitglied der Partnerschaftsfamilie, das zu diesem
Thema informiert werden möchte, die Erfordernisse
der NATO-Mitgliedschaft zu erklären, damit die
NATO selbst ein besseres Verständnis erhält und die
eine Mitgliedschaft in der NATO anstrebenden
Länder ihre Pflichten besser verstehen können.
Gleichzeitig wird die NATO ihre Beziehungen zu
Rußland überprüfen.
Rußland ist Mitglied der
Partnerschaft für den Frieden. Wir hoffen, daß
Rußland in Kürze das individuelle Partnerschaftsabkommen unterzeichnet. Die NATO-Mitgliedstaaten
haben zu einem frühen Zeitpunkt beschlossen, daß
zu Rußland selbst während der NATO-Erweiterung
besondere Beziehungen unterhalten werden müssen, und das ist eine Entwicklung, deren Beschleunigung wir in diesem Jahr erwarten.
Zwei weitere Themen stehen an oberster Stelle
unserer Tagesordnung für 1995. Offenkundig ist
Bosnien eine noch immer ungelöste Frage und in
mancher Hinsicht eines der schwierigsten Probleme,

AMERIKA DIENST 03

mit denen wir uns in den vergangenen beiden Jahren
befaßt haben. In den letzten Wochen konnten wir
gewisse Fortschritte auf dem Weg zu einer Verhandlungslösung feststellen - bescheidene Fortschritte,
aber ein bißchen mehr, als wir in den letzten zweieinhalb bis drei Jahren beobachten konnten. Wir
hoffen, auf der Tatsache des vor kurzem vereinbarten
Waffenstillstands und der Einstellung der Feindseligkeiten zwischen den Konfliktparteien in Bosnien
aufbauen zu können. In der Region werden jetzt
Gespräche der Kontaktgruppe aufgenommen, zu der
die Amerikaner, die Europäer, die Russen und die
Vereinten Nationen gehören.
Wir hoffen, daß die Experten der Kontaktgruppe in
den kommenden Tagen nach Pale und Sarajevo
reisen werden. Sie sollen herausfinden, ob die
bosnische Regierung und die bosnischen Serben zu
der Schlußfolgerung gelangen können, daß es jetzt
an der Zeit für Gespräche über eine endgültige
Lösung ist. Solange diese sich auf den Plan der
Kontaktgruppe gründet - was unsere von anderen
Mitgliedern der Kontaktgruppe geteilte unerschütterliche Position ist, könnten wir in den nächsten Wochen
zumindest die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den Parteien beobachten.
In unserem Land gibt es ein politisches Thema, das
Sie wie ich weiß verfolgt haben, und das ich meines
Erachtens kommentieren sollte. Es ist der auch im
Kongreß unterbreitete Vorschlag über eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos durch die Vereinigten Staaten. Ich möchte eindeutig und klar
betonen, daß die Administration gegen eine einseitige
Aufhebung des Waffenembargos eingestellt und in
dieser Haltung unerschütterlich ist. Wir haben das
Gefühl, daß es zu einem bestimmten Zeitpunkt im
Verlauf dieses Prozesses erforderlich sein wird, eine
multilaterale Aufhebung des Embargos in Erwägung
zu ziehen. Das ist eine ganz andere Position. Wir
werden uns jedoch ganz entschieden jedem Versuch
widersetzen, dem Präsidenten die Verpflichtung zu
einer einseitigen Aufhebung des Waffenembargos in
Bosnien aufzuerlegen.
Auf unserer Liste stehen auch die Beziehungen zu
den Vereinten Nationen - ebenfalls eine in diesem
Land erörterte Angelegenheit - weil es viele Fragen
zur Natur der amerikanischen Beziehungen zu den
Vereinten Nationen, zur Frage der Behörden, des
Führungskommandos, der Effizienz und der Kosten
gibt, zu deren Übernahme die Vereinten Nationen die
Vereinigten Staaten jedes Jahr zwingen. Aus unserer
Sicht sind die Vereinten Nationen eine unerläßliche
Organisation. Sie vollbringt wichtige friedenssichernde Arbeit. Ihre Sonderorganisationen leisten beispiellos gute Arbeit, wenn es zu speziellen Missionen

Seite 3

�größtenteils humanitärer Art auf der ganzen Welt
kommt.
Gleichzeitig vertreten wir jedoch die Auffassung, daß
die Vereinten Nationen verbessert werden müssen.
Organisatorisch müssen ihre friedenssichernden
Operationen effizienter gestaltet und modernisiert
werden. In den kommenden fünf oder zehn Jahren
werden wir mit anderen an der Umgestaltung der
Vereinten Nationen zu der Art von Organisation
zusammenarbeiten, die sehr viel effizienter als jetzt
im Interesse der internationalen Staatengemeinschaft
und der Vereinigten Staaten handelt.
Abschließend möchte ich nur sagen, daß 1995 ein
kritisches Jahr der Herausforderungen wird. Bei
seinem Treffen mit dem neuen Speaker des Repräsentantenhauses und dem neuen Mehrheitsführer
im Senat hat der Präsident ausdrücklich festgestellt,
daß wir zur Zusammenarbeit mit der republikani-

*

Seite 4

*

sehen Mehrheit in diesen beiden Kammern bereit
sind. Wir sind überzeugt, daß es in den kommenden
beiden Jahren die Chance zu ziemlich großem
Konsens zwischen den Demokraten und den Republikanern bei vielen der wichtigen Themen gibt, über
die ich gesprochen habe.
Wie Sie wissen, haben wir im Gegensatz zur Praxis
in vielen Ihrer Länder die Tradition einer Art von
Gewaltenteilung in den Vereinigten Staaten, wobei
die Exekutive in den Händen einer Partei und die
Legislative in den Händen der anderen ist. In diesen
Fällen war zwischen der Exekutive und der Legislative häufig gute Zusammenarbeit bei der Außenpolitik
möglich, und wir sind der Ansicht, daß die Fortsetzung dieser Tradition im nationen Interesse liegt,
und auch das amerikanische Volk diesen Wunsch
teilt.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 03

�SOZIALGIPFEL
18.Januar 1995

USA KONZENTRIEREN SICH AUF ARBEITSPLÄTZE,
ARMUT UND FRAUEN
Rede von Staatssekretär Wirth
NEW YORK - (AD) - Der bevorstehende Sozialgipfel der Vereinten Nationen sollte ein globales Forum für
Diskussionen über die Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen sein, die Entschlossenheit von
Regierungen zur Bekämpfung der schlimmsten Formen von Armut fördern und die entscheidende
Notwendigkeit unterstreichen, Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu verleihen, erklärte der Staatssekretär
für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth, in einer am 10. Januar 1995 vor einer
Gruppe von Religionsvertretern gehaltenen Rede.
Wirth erläuterte, bei der UN-Konferenz sollte ein Informationsaustausch über erfolgreiche Strategien in
Bereichen wie der Schaffung von Arbeitsplätzen vorgenommen und Bilanz gezogen werden, wie gut die
einzelnen Länder bei der Verwirklichung von Zielen abschneiden, die bereits bei anderen internationalen
Zusammenkünften festgesetzt wurden, statt neue Tagesordnungen zu verabschieden, die nicht umgesetzt
werden können, wenn so grundlegende Ziele wie die Bekämpfung der Armut nicht bewältigt werden.
Der offiziell als Weltgipfel über soziale Entwicklung bezeichnete Gipfel findet vom 6 . - 1 2 . März 1995 in
Kopenhagen statt. Ziel des Gipfels ist, die sich verschärfenden Probleme der Armut, Arbeitslosigkeit und
sozialen Unruhen in der Zeit nach dem Kalten Krieg in Angriff zu nehmen.

Es ist mir eine Freude, Ihnen heute morgen im
Vorfeld des Weltgipfels über soziale Entwicklung
meine Gedanken zur sozialen Entwicklung und den
Zielen der Clinton-Administration darlegen zu können.
Dies ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen für
unser Land und die Welt. In der Tat vollzieht sich
der Wandel überall um uns herum - bei den Wahlergebnissen vom November, in der veränderten
Geopolitik der Zeit nach dem Kalten Krieg und in
den Beziehungen zwischen Mensch und Natur.

Staaten und die internationale Staatengemeinschaft
jetzt gegenübersehen, fordern von uns ebenso viel
wie die uns seit 1945 bekannten. Aber die Art,
Vielfalt und Geschwindigkeit, mit der die neuen
Herausforderungen auftreten, diktieren das Verständnis der langfristigen Herausforderungen unserer
Außenpolitik und eine Neubewertung unserer Prioritäten für eine amerikanische Führungsrolle bei der
Bewältigung neuer Tests und der Gestaltung einer
besseren Welt.

Nationen erkennen jetzt allmählich ihre Chancen und
ihre Pflicht, über die Krisen des Augenblicks auf die
zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die
Welt immer komplexer machen und die Prioritäten
für langfristige nationale Sicherheit und globale
Stabilität neu definieren.

Wie immer besteht unser Interesse in dauerhaftem
Frieden und Wohlstand. Neu sind die diffusen
Trends, die diese Interessen in der Zukunft bestimmen werden, wenn wir die Aufgabe der Regierungsführung an unsere Kinderweitergeben. Diese neuen
Herausforderungen weisen uns den Weg zu tragfähiger Entwicklung - der beim Erdgipfel entstandenen
hehren Idee.

Der Kalte Krieg, der über 40 Jahre die langfristige
Sicherheit definierte, wird schnell zu einer weit
zurückliegenden Ära. An seiner Stelle sehen wir uns
mit einer Reihe unbekannter Herausforderungen in
einer Welt konfrontiert, die sich ebenfalls fast bis zur
Unkenntlichkeit verändert hat. Die Veränderungen
und Entscheidungen, denen sich die Vereinigten

In der Natur ist Wandel nicht neu. Veränderungen
haben sich vollzogen, seit dieser Planet existiert. Für
unsere Atmosphäre und unser Klima waren diese
Veränderungen historisch durch allmähliche, natürliche und tausendjährige Verlagerungen der Chemie,
Biologie und Geologie gekennzeichnet. Wir verstehen nicht alle Aspekte oder Kräfte, die diese

AMERIKA DIENST 03

Seite 1

�langfristigen Veränderungen in der Vergangenheit
herbeigeführt haben. Aber wir verstehen ein Phänomen, das die Natur heute beeinflußt und zu einer
mächtigen Kraft für die Umgestaltung unserer
Umwelt und unseres Planeten geworden ist.
Die Erkenntnis, daß wir kollektiv die Fähigkeit zu
grundlegenden Veränderungen wichtiger ökologischer Systeme haben, erlegt allen Einzelpersonen
eine enorme Last auf, das Konzept und die Konsequenzen tragfähiger Entwicklung zu verstehen.
Bei einer Konferenz in Moskau vor einigen Jahren
erklärte Dean Morton: "Unsere Beziehungen zur
Biosphäre gründen sich nicht dogmatisch auf Eigentum, sondern vielmehr auf das Privileg, in der
Schöpfung Gottes zu leben, und die Verpflichtung,
ihr Hüter zu sein. Die Erde gehört dem Herrn."
Was bedeutet dies für unsere Regierungsstrategie?
Für mich weist diese Erkenntnis zu tragfähiger
Entwicklung, das heißt, die Volkswirtschaften der
Welt - einschließlich unserer eigenen - sollten
versuchen, die Erfordernisse der heutigen Generation ohne Kompromisse oder Entbehrungen für
künftige Generationen zu erfüllen. Richtig verstanden und umgesetzt, kann die Idee tragfähiger
Entwicklung die mächtigen wirtschaftlichen und
umweltpolitischen Kräfte integrieren, die in der
heutigen Welt am Werk sind. Es ist ein in der
Erkenntnis der sich gegenseitig verstärkenden Natur
von wirtschaftlichen und umweltpolitischen Fortschritten begründetes Konzept. Ökologische Systeme sind die wirkliche Grundlage der modernen
Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft,
bei der sozialen und wirtschaftlichen Planung. Von
unserem ökologischen Kapital zu leben, wird sich
langfristig als ruinöse Wirtschaftsstrategie erweisen.
Gleichzeitig streben die meisten Menschen und
Nationen Wirtschaftswachstum sowie wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt an, die wiederum die unabdingbaren Bausteine umweltpolitischer
Sicherheit sind.
Sicherheit wird jetzt auch im Kontext der menschlichen Sicherheit verstanden. Menschliche Sicherheit betrifft die 1 Milliarde Menschen, die in schlimmster Armut leben. Sie betrifft die 800 Millionen
Menschen, die jeden Tag hungern - und die 240
Millionen Unterernährten. Die 17 Millionen, die jedes
Jahr an Krankheiten sterben, die leicht hätten
verhindert werden können, fallen unter diese Definition von Sicherheit ebenso wie die 1,3 Milliarden
Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser und
die mehr als 2 Milliarden, die keine Kanalisation
haben. Es gibt über 20 Millionen nationale Grenzen
überquerende Flüchtlinge und eine alarmierende

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Anzahl innerhalb von Nationen, die voreinander auf
der Flucht sind.
Der Ansatz der Vereinigten Staaten zum bevorstehenden Weltgipfel über soziale Entwicklung und
seine Tagesordnung, Arbeitsplätze zu schaffen, die
Armut zu bekämpfen und soziale Integration herbeizuführen - unter der wir ein Mittel zur Konzentration
auf die Stärkung von Gemeinden verstehen - wurzelt
in unserem Engagement für tragfähige Entwicklung.
Die Aufrechterhaltung der Gesundheit der Menschen,
der Umwelt und der Wirtschaft sollte unseren Rahmen darstellen und bildet die Grundlage unseres
Ansatzes zu dieser Gipfelkonferenz.
In zwei Monaten werden die Vereinten Nationen den
Sozialgipfel in Kopenhagen einberufen. Der erklärte
Zweck des Gipfels besteht in der Förderung der in
der Charta der Vereinten Nationen eingegangenen
Verpflichtung, "die Verbesserung des Lebensstandards, die Vollbeschäftigung und die Voraussetzungen für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt und
Aufstieg" herbeizuführen.
Dies ist ein hehres Ziel, dem sich 170 Nationen mit
der Veranstaltung des Gipfeltreffens verpflichteten.
Die Herausforderung besteht jetzt darin, den Gipfelprozeß und die Dokumente spezifisch genug zu
machen, um ein modernes, umsetzbares Ergebnis
hervorzubringen.
Die Delegation der Vereinigten Staaten arbeitet
darauf hin, den Sozialgipfel auf eine kleine Reihe
wichtiger, praktikabler Ergebnisse zu konzentrieren.
Wir sind der Ansicht, daß der Gipfel ein Erfolg wird,
wenn er im wesentlichen drei Dinge vollbringt:
Erstens, wenn er die globale Diskussion über die
Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen
voranbringt.
Zweitens, wenn er die globale Entschlossenheit
bekräftigt und stärkt, die schlimmsten Formen von
Armut in den ärmsten Ländern bis Anfang des
nächsten Jahrhunderts auszumerzen.
Drittens, wenn er die entscheidende Notwendigkeit
unterstreicht, Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu verleihen.
Ich möchte auf jedes dieser Ergebnisse im einzelnen
eingehen.
Erstens die Schaffung von mehr und besseren
Arbeitsplätzen. Das Ende des Kalten Krieges beendete die globale Diskussion über die relativen Verdienste des kapitalistischen und des kommunistischen

AMERIKA DIENST 03

�Systems. Es beendete jedoch nicht die Diskussion,
warum manche Nationen sehr viel erfolgreicher als
andere bei der Schaffung von Arbeitsplätzen sind.
Im Gegenteil, die dramatischen Veränderungen in
der globalen Wirtschaft erfordern, daß solche Diskussionen fortgesetzt und verlieft werden.
Der Sozialgipfel sollte dem Informationsaustausch
über erfolgreiche Strategien zur Schaffung von mehr
und besseren Arbeitsplätzen dienen und Arbeitslosigkeit abbauen, wie es bei der erfolgreichen
Arbeitsplatzkonferenz von Detroit im vergangenen
Jahr der Fall war. Andere Länder haben viel von
der Fähigkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen der
amerikanischen Volkswirtschaft zu lernen, und wir
wollen aus den Erfolgen anderer Länder lernen. Wir
sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept für die
Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit gibt, mit
dem sich viele Länder konfrontiert sehen. Das ist
genau der Grund, warum diese Diskussion fortgesetzt werden muß.
Die Vereinigten Staaten haben mit ihrer Fähigkeit
zur Schaffung von Arbeitsplätzen eine Führungsrolle
in der Welt übernommen. Unsere Volkswirtschaft
hat in den letzten 22 Monaten über fünf Millionen
neue Arbeitsplätze hervorgebracht. Wir haben die
niedrigste Arbeitslosenquote seit vier Jahren. Und
jüngste, vom Arbeitsministerium veröffentlichte
Statistiken belegen, daß 1994 mehr Arbeitsplätze
geschaffen wurden als zu jedem anderen Zeitpunkt
seit 1988. Die amerikanische Volkswirtschaft bringt
mehr Arbeitsplätze hervor und verringert die Arbeitslosigkeit schneller als die Experten für möglich
hielten, und das bei einer anhaltend niedrigen
Inflationsrate. Das sind sehr gute Nachrichten.
Wir hoffen, daß das unmittelbar vor dem Gipfel
stattfindende Treffen als Beispiel für erfolgreiche
Bestrebungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen
genutzt wird. Arthur White und seine Organisation Arbeitsplätze für die Zukunft - sind ein erfolgreiches
Beispiel für die tatkräftige Anpassung der Erfordernisse an die Ressourcen.
Die Clinton-Administration ist sich absolut bewußt,
daß die Schaffung von Arbeitsplätzen und der Abbau
der Arbeitslosigkeit allein nicht ausreichen, um
sozialen Wohlstand hervorzubringen.
Ein Großteil der großartigen amerikanischen Mittelschicht hat nicht von den Vorteilen des jüngsten
starken Wirtschaftswachstums profitiert. Arbeitsminister Reich hat vor kurzem das Problem mit
folgenden Worten umrissen: "Die bisherige Mittelschicht ist zu einer besorgten Klasse geworden nicht nur besorgt um die Sicherung ihres Einkommens, sondern auch um den Erhalt ihrer Arbeits-

AMERIKA DIENST 03

plätze und ihrer Krankenversicherung. ... Ein Fünftel
(der Amerikaner), die seit Anfang 1991 einen Vollzeitarbeitsplatz verloren haben, sind immer noch ohne
Arbeit. Und unter denen, die einen neuen Job
gefunden haben, verdient nahezu die Hälfte - 47
Prozent - jetzt weniger als vorher." Warum ist das
so? Zwei Faktoren haben die Regeln neu definiert:
Erstens hat die Technologie Routinearbeitsplätze
abgeschafft oder umstrukturiert, die jetzt von
einem Computer übernommen werden können
und gleichzeitig hochbezahlte Arbeitsplätze aufgewertet, die Problemlösungsfähigkeiten des
menschlichen Gehirns erfordern.
Zweitens gefährdet der globale Wettbewerb die
Arbeitsplätze ungelernter, niedrig bezahlter Arbeiter und belohnt hochqualifizierte Arbeitnehmer.
Die Lösung besteht in der Umsetzung von Strategien,
die den einzelnen ermutigen, sein gesamtes Leben
lang zu lernen und seine Fähigkeiten zu verbessern.
Das ist die Herausforderung für Amerika.
Der
Privatsektor muß dabei die größte Rolle spielen.
Aber der Regierung kommt auch eine beträchtliche
Unterstützungsfunktion zu.
Die Clinton-Administration hat bereits wichtige Schritte unternommen, um auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren: Der Einkommensteuerfreibetrag
trägt dazu bei, 16 Millionen Arbeitnehmerfamilien aus
der Armut zu führen, niedrige Zinssätze für Kredite
ermöglichen Studenten den Collegebesuch, durch die
Arbeitslosenversicherung finanzierte Umschulungszentren fördern die berufliche Bildung und neue
Initiativen für eine "Bill of Rights der Mittelschicht"
werden, vorbehaltlich ihrer Verabschiedung durch den
Kongreß, die Steuern der Mittelschicht senken, den
Collegebesuch leichter finanzierbar machen und die
lebenslangen Lernprogramme erweitern. Wir hoffen,
auch die aktuellen Programme zur beruflichen
Bildung im Rahmen der Konzentration auf die Wiederherstellung des Wohlstands für alle Amerikaner
modernisieren und konsolidieren zu können.
Die Vereinigten Staaten vertreten ferner die Auffassung, daß der Sozialgipfel die Bestrebungen zur
besseren Einhaltung zentraler Arbeitsnormen wie das
Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, Koalitionsfreiheit und das Recht, sich zu organisieren und
Tarifverhandlungen zu führen, sowie Nichtdiskriminierung bei der Beschäftigung fördern sollte.
Unser zweites Ziel ist die Bekämpfung der Armut.
Wir haben den Vorschlag unterbreitet, daß der
Sozialgipfel das internationale Abkommen des
Weltgipfels über Kinder von 1990 und andere internationale Treffen zur Bekämpfung der schlimmsten

Seite 3

�Formen der Armut in unserer Welt bis Anfang des
nächsten Jahrhunderts weiter festigt.
Unseres Erachtens ist der Sozialgipfel der Ort für
alle Regierungen, internationalen und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), sich erneut zu den
globalen Bestrebungen zur Behebung gravierender
Unterernährung, der Bereitstellung medizinischer
Grundversorgung, der Förderung von universellem
Zugang zu sicherer und freiwilliger Familienplanung
und reproduktiven Gesundheitsdiensten zu verpflichten sowie der Bekämpfung des Analphabetentums, der Versorgung mit sauberem Trinkwasser
und dem Bau von Kanalisation für alle. Dies sind
die Grundvoraussetzungen für die Bekämpfung der
Armut.
Unserer Ansicht nach sollten die Regierungen und
internationalen Organisationen in Kopenhagen
vereinbaren, daß die Bekämpfung der schlimmsten
Formen der Armut eine so entscheidende Priorität
ist, daß sie besondere Anstrengungen zur Förderung und zum Schutz der Fortschritte bei der Erlangung dieser Ziele unternehmen.
Bei früheren UN-Konferenzen haben wir eine Reihe
ehrgeiziger Ziele festgesetzt - wir wollen unsere
Fortschritte überprüfen - statt neue Tagesordnungen
zu formulieren, die gut klingen mögen, aber nicht
verwirklicht werden, solange so grundlegende Ziele
wie die Bekämpfung der Armut unerreichbar bleiben.

Entwicklungsbanken auf die Förderung tragfähiger
Entwicklung. Wir streben konzertierte Aktionen der
multilateralen Entwicklungsbanken an, um die Armen
zu erreichen und in einen offenen Prozeß einzubinden.
Ebenso wie die Dokumente für den Sozialgipfel
konzentriert sich unser Vorschlag zur Bekämpfung
der Armut auf die Notlage der Ärmsten in den ärmsten Ländern und ist daher für Afrika südlich der
Sahara von besonderer Bedeutung. Wir sind bereit,
im Zusammenhang mit dem Sozialgipfel andere
Maßnahmen für Afrika zu erörtern.
Bei dem Sozialgipfel müssen auch Bestrebungen zur
Verminderung der Armut in allen Ländern erörtert
werden. Die beim kürzlich veranstalteten AmerikaGipfel abgegebene Grundsatzerklärung stellt fest:
"Es ist politisch untragbar und moralisch nicht akzeptabel, daß einige Schichten unserer Bevölkerungen
ausgegrenzt werden und keinen vollwertigen Anteil
an den Vorteilen des Wachstums haben." Der
Schlüssel zur Bekämpfung der Armut in allen Ländern ist der allgemeine Zugang zu Bildung und
Ausbildung, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten,
gerechter Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge, Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft und Förderung produktiver, leistungsfähiger
Unternehmen, einschließlich kleinerund mittelständischer Unternehmen.

Wir ermutigen auch die multilateralen Entwicklungsbanken und andere Geber zur Errichtung eines
Sicherheitsnetzes mit einer klaren Zielgruppe, um
die am stärksten Betroffenen vor den negativen
Auswirkungen erforderlicher Anpassungen zu
schützen. Ferner sollten sie Kredite zur Unterstützung der Anpassungsbestrebungen mit effektiven
Investitionen zum Nutzen der Armen ergänzen.

Wir sind uns bewußt, daß wir das, was wir weltweit
propagieren, auch vor unserer eigenen Haustüre
praktizieren müssen. Die Clinton-Administration setzt
sich für die Verminderung der Armut in den Vereinigten Staaten durch kreative Kombinationen von
Wohnungsrenovierungen, Bildung, Ausbildung und
berufliche Bildung sowie Initiativen zur Verbrechensbekämpfung ein. Auf diesen Gebieten sollte die
Bundesregierung in zunehmendem Maße mit den
Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen zusammenarbeiten. Die besten Aktionen dieser Art bauen auf den Gemeinden auf, für
deren Stärkung sie sich einsetzen - ebenso wie die
weltweite Arbeit religiös motivierter nichtstaatlicher
Organisationen. Wir verbessern das Leben von
Kindern durch die Initiative zur Impfung von Kindern.
Wir fördern die Kinderbetreuung und erweitern und
verbessern die Qualität von Head Start. Kleinunternehmen, Schwangerschaften unter Teenagern und
Ökonomie der Innenstädte sind Bereiche, in denen
wir noch viel zu lernen haben. Wir hoffen, daß wir
auch aus den von anderen erzielten Erfolgen Lehren
ziehen können.

Die Clinton-Administration engagiert sich für die
Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur Stärkung
des Einflusses von Operationen der multilateralen

Unser drittes Ziel ist es, den Frauen mehr Entscheidungsbefugnisse zu geben. Dieses Thema war von
Anfang an die Grundlage der Politik dieser Admini-

Unser Vorschlag spricht auch die zentrale Rolle an,
die internationale Finanzinstitutionen dabei spielen,
den Ländern bei der Schaffung des für die Bekämpfung der Armut erforderlichen Wirtschaftswachstums
behilflich zu sein.
Wirtschaftliche Anpassung sollte so geplant werden,
daß sie den Menschen an die erste Stelle setzt. Wir
erwarten, daß die Regierungen und internationalen
Finanzinstitutionen vorrangig Maßnahmen ausmachen und abschaffen, die den Armen schaden und
statt dessen Maßnahmen fördern, die die Erwerbsfähigkeit der Armen verbessern.

Seite 4

AMERIKA DIENST 03

�stration - von der Wiener Menschenrechtskonferenz
im Jahr 1993 bis zur internationalen Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung 1994.
Vermehrte Entscheidungsbefugnisse für Frauen sind
so entscheidend für den Erfolg sozialer Entwicklung,
daß diese Aufgabe in der beim Gipfel abgegebenen
Erklärung als besondere Verpflichtung hervorgehoben wird. Dieses Thema verbindet die Kairoer
Konferenz mit dem Sozialgipfel und der für diesen
September anberaumten Vierten Weltkonferenz über
Frauen.
Die Gewährleistung einer umfassenden Mitwirkung
von Frauen in Politik und Wirtschaft steht im Einklang mit einer Vielzahl weltweit angestrebter Ziele Frieden, Wohlstand, Umweltschutz und Stabilisierung
des Bevölkerungswachstums.
Frauen sind die
globalen Mittler des in allen diesen Bereichen erforderlichen Wandels. Die Förderung der sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Rechte von Frauen

Früher vollzogen sich unsere Beziehungen von
Hauptstadt zu Hauptstadt, was ich als die "Nabe-undSpeichen"-Regierungsmethode bezeichnen würde.
Washington war die Radnabe, die Speichen verbanden es mit anderen Hauptstädten - Delhi, Seoul,
Lagos - und diese Speichen stellten die Wirtschaftsverbindungen der Nationen dar.
Dies hat sich grundlegend gewandelt.
Unsere
heutige Regierungsmethode ist viel komplizierter
geworden und nähert sich einem Muster an, das ich
als auf- bzw. abwärtsgerichtete Beziehungen bezeichnen würde:
Aufwärtsgerichtet zu komplexeren, multinationalen
Institutionen und
abwärts auf eine Reihe von Basis- und nichtstaatlichen Organisationen auf Gemeindeebene
gerichtet.

sowie die Erweiterung unseres Engagements für die

Ausbildung von Frauen, die Reduzierung der Kindersterblichkeit sowie eine sichere Schwangerschaft
tragen zur weltweiten Stabilisierung bei. Der Ertrag
dieser Initiativen im Hinblick auf Stabilität, Umweltschutz und wirtschaftliche Produktivität wird die
Kosten für jede Generation bei weitem aufwiegen.
Die Vereinigten Staaten haben die Erhöhung der
Entscheidungsbefugnisse von Frauen zur einem
Hauptziel ihrer Entwicklungshilfe gemacht. Wir
wissen beispielsweise, daß Bildung und Ausbildung
junger Mädchen von essentieller Bedeutung für
Entwicklung sind, und daß in allzuvielen Ländern
eine tiefe Kluft zwischen den Bildungsmöglichkeiten
von Jungen und Mädchen besteht. Die vom Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - USAID) geförderten Programme zielen in zahlreichen Ländern darauf ab,
diese Lücke zu schließen.
Eine Erhöhung der Entscheidungsbefugnisse von
Frauen stand im Mittelpunkt unserer Teilnahme an
der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung vom letzten Jahr. Wir werden uns auch
bei der für den kommenden September anberaumten Weltkonferenz über Frauen bemühen, eine
Führungsrolle zu übernehmen. Und beim Sozialgipfel sollte unsere kollektive Unterstützung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte von
Frauen bekräftigt werden.
Ich möchte auch noch kurz auf den institutionellen
Hintergrund dieser bedeutenden Tagesordnung
eingehen. Ebenso wie die wirtschaftlichen und
politischen Institutionen auf der ganzen Welt durchlaufen auch unsere Regierungsinstitutionen einen
grundlegenden Veränderungsprozeß.

AMERIKA DIENST 03

Unsere Probleme machen nicht vor Grenzen halt:
Die globale Erderwärmung. In einem Land dient
Kohle als Brennstoff, was zu erhöhten Kohlendioxidemissionen sowie einer Erwärmung der Erde
führt.
Bevölkerung. In Osteuropa findet eine politische
Revolution statt, und im gesamten Westen werden
die Flüchtlingsgesetze geändert.
Drogenhandel. Im Goldenen Dreieck wird Mohn
angepflanzt, und in der ehemaligen Sowjetunion,
in Afrika und der Karibik werden die Regierungen
mit Drogengeldern bestochen.
Wir müssen uns in zunehmendem Maße im Rahmen
internationaler Institutionen auf weltweite Zusammenarbeit und die Fähigkeit zur Lösung dieser Probleme
stützen: Das Drogenkontrollprogramm der Vereinten
Nationen (United Nations Drug Control Program UNDCP), den Bevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen (United Nations Population Fund) unter
Nafis Sadik und das von Gus Speth geleitete Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United
Nations Development Programme - UNDP).
Die Vereinten Nationen müssen ihre inneren Reformen fortsetzen und eine Umgestaltung im Einklang
mit der heutigen Zeit vornehmen.
Der Sozialgipfel kann dazu beitragen, den im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (United
Nations Economic and Social Council - ECOSOC)
dringend erforderlichen Reformprozeß voranzutreiben. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß in
dem Forum, in dem innerhalb der Vereinten Nationen

Seite 5

�T

die meisten Fragen sozialer Entwicklung erörtert
werden, der Reformprozeß - der in die richtige
Richtung weist, jedoch noch einen langen Weg vor
sich hat - in Kopenhagen gefördert wird.

Intrauterinpessars oder Entwicklung eines Buchführungssystems - ist eher im privaten, nichtstaatlichen Bereich zu finden als in der staatlichen
Bürokratie.

Der UNO-Generalsekretär hat in seiner Agenda für
Entwicklung den Vorschlag der Ausarbeitung eines
allgemeinen Rahmens für die Veranstaltung von
Folgekonferenzen größerer UN-Konferenzen unterbreitet. Er schlug vor, die auf diesen Konferenzen
vereinbarten Zielsetzungen sollten "harmonisiert, mit
einem Kostenvoranschlag versehen, nach Prioritäten
geordnet und mit einem vernünftigen Zeitplan für
ihre Umsetzung versehen werden". Wir stimmen
dem zu.

Es gibt eine Vielzahl von Beispielen für diese Evolution in Richtung der Basis:

Die Folgekonferenzen dieser und anderer Veranstaltungen der Vereinten Nationen sollten sorgfältig
überwacht werden. Dor Wirtschafts- und Sozialrat
sollte die Umsetzung des Aktionsprogramms des
Gipfels prüfen und bewerten, den Prüfungsstellen
zur Seite stehen und gegenüber der UN-Generalversammlung Empfehlungen für eine mögliche Verbesserung der kollektiven Reaktion auf die beim Gipfel
gefaßten Beschlüsse aussprechen.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß im Kongreß
und in der amerikanischen Öffentlichkeit viele eine
extrem skeptische Einstellung gegenüber den Möglichkeiten der Vereinten Nationen haben, mehr zu
tun als Debatten zu führen und Konferenzen zu veranstalten. Wir müssen hart gegen diese Skepsis
ankämpfen, um diese Bürokratie beschneiden und
sichergehen zu können, daß die Vereinten Nationen
sich der von uns bewilligten Gelder und Unterstützung würdig erweisen, die in einer sich schnell
wandelnden Welt nötig sind.
Ebenso wie Druck von unten das Regieren erschwert, gilt das auch für Druck von oben. Der
Prozeß wurde durch mehrere Kräfte zunehmend
horizontal:
Das Streben nach Demokratie und Selbstverwaltung sowie zunehmend fähigere und deutlichere Strömungen zum Ausdruck ethnischer und
religiöser Überzeugungen.
Moderne Kommunikations- und Verkehrssysteme,
damit die Menschen erfahren, was andernorts
geschieht und die ihnen gestatten, miteinander in
Verbindung zu treten, Informationen auszutauschen und es den Regierungen schwierig, wenn
nicht unmöglich machen, ihre Bürger zu isolieren.
Die Vielschichtigkeit der Fragen und der erforderlichen Institutionen - die Expertise zur Messung
von Kohlendioxidemissionen, Einsetzen eines

Seite 6

Beim Erdgipfel in Rio wurden die Agenda für
Klimawandel, Artenvielfalt und der Großteil der
Agenda 21 von Fachleuten aus dem Privatsektor
entwickelt. Obwohl über 100 Staatsoberhäupter
an dem Gipfel teilnahmen, waren die Helden von
Rio die nichtstaatlichen Organisationen, über die
mehr als 9.000 Journalisten aus der ganzen Welt
berichteten.
Diese Erfahrung wiederholte sich bei der Menschenrechtskonferenz 1993, bei der die nichtstaatlichen Organisationen (die ein Stockwerk
unter den Regierungsvertretern tagten) die wichtigsten Themen identifizierten. Sie waren Auge,
Ohr und Lobbyisten fortschrittlicher Delegationen
wie unserer eigenen und retteten meines Erachtens die Konferenz und das weltweite Engagement für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Dasselbe geschah im Vorfeld der Kairoer Bevölkerungskonferenz, bei der Frauen aus der ganzen
Welt die Bedingungen und den Rahmen änderten,
innerhalb deren die Staaten die schwierige Debatte über Bevölkerung und Entwicklung führen.
Ich vermute, daß die chinesische Regierung viel
über Demokratie lernen wird, wenn sie im September in Peking Gastgeber der Vierten Weltkonferenz über Frauen ist, an der Vertreter von
schätzungsweise 20.000 nichtstaatlichen Frauenorganisationen teilnehmen werden.
Die nichtstaatlichen Organisationen leisten ihren
größten Beitrag als Förderer der Entwicklung auf
kommunaler Ebene. Bereits 13 Prozent der Auslandshilfe stammen von NGOs, und es wird erwartet,
daß diese Zahl weiter steigt. Die NGOs sind aber
mehr als nur ein Kanal für kostengünstige Hilfe. Was
wir beispielsweise alle mit der Auslandshilfe des Amts
für internationale Entwicklung erzielen wollen - daß
sie die wirklich Bedürftigen erreicht und ihr Leben
tatsächlich und dauerhaft verändert - erfordert die
Sensibilität, Begeisterungsfähigkeit und nicht zuletzt
Kreativität, die von der Basis ausgehen kann.
Abschließend möchte ich Präsident Clinton zitieren,
der in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung
im September vergangenen Jahres den Optimismus
zeigte, der auf dem Sozialgipfel herrschen sollte. Er

AMERIKA DIENST 03

�erklärte: "Das Ende des Kalten Krieges, die Explosion in den Bereichen Technologie, Handel und
Wirtschaft haben den Menschen auf der ganzen
Welt eine neue Chance gegeben, ihre Träume zu
verwirklichen und ihr von Gott gegebenes Talent zu
entfalten. Dies ist ein Zeitalter der Hoffnung."
In der letzten Dekade dieses Jahrtausends haben
wir die Macht und enorme Verantwortung, den
Wandel zum Nutzen der Vereinigten Staaten und der
gesamten Welt zu gestalten. Tragfähige Entwicklung
- um noch einmal aufzugreifen, was ich eingangs

*

AMERIKA DIENST 03

sagte - stellt ein Organisationsprinzip dar, das unserer gemeinsamen Bestrebungen und gemeinsamen
Sache wert ist. Ich weiß, daß Sie alle diesem Ziel
verpflichtet sind. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
unsere Talente, Energie und Macht mehr als angemessen für die Herausforderungen und betroffenen
Institutionen. Wir wollen alle sicherstellen, daß
unsere Aktionen, einschließlich der beim Sozialgipfel,
die Menschen auf der ganzen Welt diese Chancen
erkennen lassen. Wie im Talmud geschrieben steht:
"Der Tag ist kurz und es gibt viel Arbeit."

* * *

*

Seite 7

�USA

-DEUTSCHLAND
18.Januar 1995

Deutsch-amerikanische Beziehungen
unter veränderten Vorzeichen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der vom Gesandten der Amerikanischen
Botschaft, J.D. Bindenagel, am 18. Januar 1995 vor dem Collegium Humanum in Bonn gehaltenen Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren,

gration in die wichtigsten Institutionen des Westens
erreichte.

es ist mir eine große Freude, heute abend mit Ihnen
über die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
sprechen. Ich danke Ihnen für die Einladung, eine
Rede vor dem Collegium Humanum halten zu dürfen
- einer renommierten Akademie, an der Themen des
öffentlichen Lebens erörtert werden. Ich bin inzwischen zum fünften Mal nach Deutschland versetzt
worden, worüber ich mich allerdings nicht beklage.

Zweifel an der Verläßlichkeit der Deutschen bestanden bei uns nicht. Die parlamentarische Demokratie
in der Bundesrepublik hatte sich als belastbar erwiesen und war von der deutschen Bevölkerung angenommen worden. Die Integration in die westliche
Staatengemeinschaft war geglückt; Deutschland hatte
sich als zuverlässiger Partner im Atlantischen Bündnis erwiesen.

Einleitung

Und was insbesondere für die europäischen Partner,
aber auch für uns von Bedeutung war: Die politische
Elite dieses Landes hat die Risiken von "Sonderwegen" gemieden. In der "Stunde der Wahrheit",
während des Einigungsprozesses, hat die Bundesregierung souverän an den Grundüberzeugungen
festgehalten, die den Aufbau der Bundesrepublik
nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten und die
erfolgreiche Rückkehr in die zivilisierte Staatengemeinschaft letztlich möglich gemacht haben.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, fiel mir auf,
wie grundlegend die Ereignisse zwischen 1989 und
1991 unsere Welt verändert haben. Es wird nie
wieder wie früher sein. Das ist die Herausforderung
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Als
die DDR 1989 zusammenbrach, war ich Gesandter
der amerikanischen Vertretung in Ost-Berlin und
konnte so hautnah mitverfolgen, wie das Regierungs- und Parteisystem von seinen Bürgern hinweggefegt wurde. Die Geschwindigkeit, mit der dies
geschah, war schlichtweg umwerfend. Der damalige
amerikanische Botschafter in Bonn, Vernon Walters,
gehörte zu den wenigen, die die deutsche Vereinigung kommen sahen, was wir in der DDR nur
ahnen konnten. Mein Land hat frühzeitig die Chancen dieser Umwälzung erkannt und die Bundesregierung unter Kanzler Kohl bei der Realisierung
der äußeren Einheit nachhaltig unterstützt.
Die Vereinigten Staaten sahen die deutsche Einheit
als das natürliche Ergebnis einer beständigen Politik,
die den freien Teil Deutschlands in die westliche
Wertegemeinschaft zurückführte und die feste Inte-

AMERIKA DIENST 03

Die Veränderungen in Zentral- und Osteuropa in den
Jahren 1989 bis 1991 haben das internationale
System grundlegend verändert. Nach Glasnost und
Perestroika, nach dem Fall der Mauer, dem friedlichen Umbruch in den Staaten des ehemaligen
Ostblocks und dem Ende der Sowjetunion stehen wir
nun vor neuen Herausforderungen. Herausforderungen, die sich nicht von alleine lösen werden und die
schwierige Fragen aufwerfen.
Die epochalen Veränderungen am Ende dieses
Jahrhunderts lassen schon jetzt darauf schließen,
daß wir uns anstrengen müssen, wenn wir deren
Folgen entsprechend unseren Wertvorstellungen und
Prinzipien gestalten wollen.

Seite 1

�Mit der Vereinigung stellt sich für die Deutschen die
Frage nach ihrer nationalen Identität. Wie kann ein
Volk, das unter verschiedenen staatlichen Formen
nebeneinander exisitierte, zusammenkommen?
Welche Rolle wird das vereinte Deutschland auf der
internationalen Bühne in Brüssel, New York und
weltweit spielen?
Die erste Frage über die deutsche Identität muß und
wird natürlich von den Deutschen beantwortet werden. Die vielfach vernommene Feststellung, das
vereinte Deutschland sei mehr als eine geographisch
erweiterte Bundesrepublik, ist zutreffend. Deutschland hat mit der Erlangung der Einheit an Gewicht
und Bedeutung zugenommen. Daran knüpfen sich
einerseits Befürchtungen, anderseits Erwartungen,
wie Deutschland damit umgeht und welche Auswirkungen dies auf die europäischen Nachbarn hat.
Erst wenn die innere Einheit vollendet ist, wird sich
allerdings zeigen, wie sich Deutschland in seiner
neuen Rolle zurecht findet, wie es mit seiner Vergangenheit umgeht und ob es neue außenpolitische
Prioritäten setzt.
Wir Amerikaner erkennen die Schwierigkeiten an, die
mit der Vereinigung entstanden sind und deren
Lösung noch geraume Zeit und erhebliche Kraftanstrengungen nach sich ziehen wird. Hinsichtlich
des Zusammenwachsens der Deutschen sind aber
in den letzten Jahren enorme Erfolge erzielt worden.
Für viele junge Leute ist die vierzigjährige Teilung
nur noch Geschichte. Und die Begriffe "Ost" und
"West" werden wieder das, was sie ursprünglich
waren: geographische Richtungsweiser. Für uns
hat Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Bewahrung des Friedens, der Stabilität und Sicherheit in
Europa eingenommen.
Ich sehe noch vor mir, wie Präsident Clinton und
Bundeskanzler Kohl im Sommer letzten Jahres
gemeinsam durch das Brandenburger Tor schritten.
Und zwar von West nach Ost, um dadurch zu
dokumentieren, daß zwar die Herausforderungen
aus dem Osten kommen, aber der Westen den
nötigen Rückhalt bereitstellt.
In seiner Rede hat denn auch Präsident Clinton das
amerikanische Vertrauen in das deutsche Volk
hervorgehoben, indem er sagte: "Wir stehen an
Ihrer Seite, jetzt und für immer."
Damit hat er die Zweifel jener in- und ausländischen
Kommentatoren beseitigt, die angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Vertiefung
und Erweiterung der Europäischen Union die These
vertraten, die Vereinigten Staaten würden sich
demnächst aus Europa zurückziehen. Dies kann

Seite 2

weder im amerikanischen, noch im deutschen oder
europäischen Sinne und Interesse sein.
Wir bilden eine Wertegemeinschaft, die nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden sollte, nachdem
sich einige grundlegende Strukturveränderungen im
internationalen System ergeben haben. Wie wichtig
"Europa" für die Vereingten Staaten ist, kann man
auch an der Häufigkeit der Präsidentenbesuche
ablesen. Im vergangenen Jahr war Präsident Clinton
viermal in Europa und hat dabei zehn Ländern einen
Besuch abgestattet. Die Vereinigten Staaten verstehen sich nach wie vor als eine europäische Macht,
die ihren Beitrag zur Bewahrung der Stabilität, der
Sicherheit und des Friedens leistet.
Strategische Beziehungen
Aber lassen Sie mich noch einen weiteren Aspekt zu
Deutschlands Rolle in der Welt hinzufügen. Ich
glaube, daß die Deutschen heute vor einer einmaligen Chance stehen. Sie haben nämlich die Möglichkeit, zum ersten Mal ihre geographische Lage als ein
Element der Integration des bisher geteilten Kontinents zu nutzen. Deutschland ist der Ort, an dem
sich der Osten mit dem Westen trifft. Und wir unterstützen Deutschland bei dieser Aufgabe. Die Vereinigten Staaten teilen mit Ihnen die Besorgnis über
die Entwicklung in Rußland und den GUS-Staaten.
Unser Interesse darf trotz der gegenwärtigen Umstände nicht nachlassen, demokratische Verhältnisse
zu fördern und den gesellschaftlichen wie auch
wirtschaftlichen Umbau zu fördern. Stabilität und
Sicherheit in diesem geographischen Raum ist für
uns alle von überragender Bedeutung. Das immense
Nuklearwaffenpotential der ehemaligen Sowjetunion
darf nicht zu einer erneuten Bedrohung für Europa
oder andere geographische Räume werden. Zusammen mit anderen demokratischen Regierungen
wollen wir sicherstellen, daß dies nicht geschieht.
Dennoch muß man erfreulicherweise konstatieren,
daß sich mit dem Ende des Kalten Krieges die
Rahmenbedingungen unserer bilateralen Beziehungen verändert haben. Mein Land muß nicht länger
die territoriale Integrität der Bundesrepublik vor
sowjetischen Bedrohungen schützen; sie ist nicht
mehr gefährdet.
In diesem Zusammenhang möchte ich einige Worte
zur anhaltenden Diskussion über die Rolle der NATO
sagen. Die transatlantische Wertegemeinschaft hat
sich bewährt. Darüber besteht kein Zweifei! Sie ist
nicht, wie vielfach nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion angenommen worden war, auseinandergefallen. Sie war eben kein Kind des Kalten
Krieges, sondern Teil des jahrhundertealten kulturel-

AMERIKA DIENST 03

�len Beziehungsgeflechts zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Sie ist während der Jahrzehnte der externen Bedrohung gereift, weil die beteiligten Staaten darin
auch eine Chance sahen, friedliche und stabile
Beziehungen zu entwickeln. Sie bilden heute das
Fundament, auf dem der Westen den osteuropäischen Ländern entgegenkommen kann.
Militärische Zusammenarbeit, wie sie in der NATO
abläuft, ist ein wirksames Korrektiv, das vor einer
Renationalisierung unserer Verteidigungsanstrengungen schützt. Wir halten an dieser militärischen
Zusammenarbeit fest, weil sie sich als gewinnbringend für alle Beteiligten erwiesen hat. Wir haben
nach dem Zweiten Weltkrieg unsere Lektion gelernt:
Europas Sicherheit ist auch unsere Sicherheit. Die
Vereinigten Staaten werden deshalb auch künftig
circa 100.000 Mann in Europa stationieren, einen
Großteil davon in Deutschland. Obwohl sich die Art
und Weise, wie wir Sicherheit erzielen, verändert
hat, bleibt doch die Zielsetzung gleich: Sicherheit
bedeutet nach wie vor Frieden in Freiheit.
Mit dem Aufbrechen der Blockstruktur begann nicht
das "Ende der Geschichte", wie der amerikanische
Autor Fukuyama meinte. Wir mußten zu unserer
Überraschung feststellen, daß eine Unzahl von
nationalen und ethnischen Konflikten neu aufbrachen, nachdem der Druck der kommunistischen
Regime beseitigt war.
Vertreibung, ethnische
Säuberungen, Kriege, Stammesauseinandersetzungen und endlose Menschenrechtsverletzungen
waren die Folge. Wie aber auf solche Konflikte
reagieren?
Die Entscheidung, in einem derartigen Konflikt zu
intervenieren, sei es nun aus humanitären Gründen
oder aber, um die Konfliktparteien zu Verhandlungen
zu zwingen, ist nicht leicht zu treffen. Deutschland
hat eine schwierige Geschichte, und die Frage, ob
Deutschland sich an Auslandseinsätzen beteiligen
soll, bestimmt noch immer die politische Diskussion.
Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli letzten
Jahres entschieden, daß Auslandseinsätze der
Bundeswehr möglich sind. Die diversen Einsätze in
Kambodscha, Somalia und Ruanda sowie die
Beteiligung an der Überwachung der UNO-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien
erfolgten nicht nur in einem rechtlich einwandfreien
Rahmen, sondern auch in der Erkenntnis, daß
Deutschland als souveräner Staat - wie andere
Staaten auch - Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung gegenüber jenen, die zu Opfern einer
gewalttätigen Politik werden.

AMERIKA DIENST 03

Ich will hier keiner Überbewertung der militärischen
Dimension das Wort reden, doch gibt es Situationen,
die einen Einsatz von Streitkräften erforderlich
machen, um den politischen Zielen zum Durchbruch
zu verhelfen. Um Friedrich den Großen zu zitieren:
"Diplomatie ohne Schwert ist wie Musik ohne Instrumente."
Die unvoreingenomme Wahrnehmung von Rechten
und von Pflichten ist natürlich auch die Voraussetzung für Deutschlands Ansinnen, einen festen Sitz im
Sicherheitsrat der UNO zu erhalten. Wir unterstützen
dieses Vorhaben, weil wir Vertrauen in die politische
Stabilität der Bundesrepublik Deutschland haben.
Vertrauensbildung kann auch durch militärische
Zusammenarbeit erfolgen, wie wir vielfach erfahren
haben. Mit dem Programm Partnerschaft für den
Frieden werden wir nun auch mit den Staaten des
ehemaligen Warschauer Pakts die militärische
Zusammenarbeit praktizieren. Seit das Programm im
Januar letzten Jahres von der NATO verabschiedet
worden ist, sind über 23 Staaten dem Kooperationskonzept beigetreten.
Partnerschaft für den Frieden ist das Angebot der
NATO, einen institutionalisierten Rahmen zu schaffen,
in dem sich die ehemals kommunistischen und
andere interessierte Staaten gemeinsam an militärischer Planung, Ausbildung und Übungen beteiligen
können. Damit wird die Rolle von Streitkräften in
demokratischen Regierungssystemen und deren zivile
Kontrolle deutlich gemacht.
Letztlich trägt das
Programm dazu bei, die Aufnahme neuer Mitglieder
in die NATO vorzubereiten.
Auf dem KSZE-Gipfel vor einem Monat in Budapest
hat Präsident Clinton erklärt, die NATO-Erweiterung
werde die Sicherheit aller europäischen Staaten
erhöhen, "denn das Bündnis ist eine defensive
Organisation". Bei der Erweiterung der NATO geht
es eben nicht um die Schaffung eines neuen Gleichgewichts oder die Rivalität zweier Machtblöcke,
sondern die Verwirklichung eines europaweiten
Friedens in Freiheit. Es sollen keine neuen Abgrenzungen durch Europa gezogen werden.
Darüber hinaus muß die Zusammenarbeit im Rahmen
der KSZE bzw. OSZE - wie sie inzwischen heißt intensiviert werden. Wir glauben - und Präsident
Clinton hat das in seiner Budapester Rede hinreichend deutlich gemacht - daß wir die Wirksamkeit der
OSZE in den Bereichen Konfliktverhütung und Schutz
von Minderheiten verbessern können.
Wirtschaftliche Partnerschaft

Seite 3

�Aber Sicherheit und Freiheit werden nicht allein
durch militärische Vorsorge und diplomatische
Zusammenarbeit garantiert, sondern auch durch
wirtschaftliche Prosperität und demokratische Strukturen. Dementsprechend verfolgen wir die evolutionäre Einbindung der osteuropäischen Staaten in
Institutionen wie die neue Welthandels-Organisation
(WTO), die OECD und auch die Europäische Union.
Das Angebot der Europäischen Union auf ihrem
Gipfeltreffen in Essen, die mittel- und osteuropäischen Staaten aufzunehmen, ist ein wichtiger Schritt
in die richtige Richtung. Das heißt aber auch, daß
wir unsere Märkte für Exporte aus dieser Region
öffnen müssen.
Wirtschaftliche Erwägungen spielen aber nicht nur in
diesem überregionalen Kontext eine große Rolle,
sondern haben auch im bilateralen Verhältnis
Deutschland - Vereinigte Staaten einen prominenten
Platz eingenommen. Zusammen mit dem kulturellen
Austausch haben die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges
eine Renaissance erlebt.
Die Clinton-Administration hat die Verbesserung der
Außenwirtschaftsbeziehungen zu einer "top priority"
der amerikanischen Außenpolitik erklärt. Dies ist
eine Folge der Erkenntnis, daß die wirtschaftliche
Stärke eines Landes zum Maßstab seiner Machtposition geworden ist.
Während des Kalten Krieges hat sich das freie
Europa zu einem wirtschaftlichen Konkurrenten
entwickelt, der uns neben Japan am stärksten die
Märkte streitig macht. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind Handelspartner und konkurrieren auf dem Weltmarkt miteinander. Beide ziehen
aber an einem Strang, wenn es um den freien
Welthandel geht, die Öffnung von neuen Märkten,
fairen Wettbewerb und Deregulierungsmaßnahmen.
Beide Staaten haben intensiv an dem neuen GATTAbkommen gearbeitet. Um so wichtiger ist es,
Streitigkeiten zwischen den Handelspartnern zu
vermeiden, um nicht die schwierigen konjunkturell
und strukturell bedingten Anpassungsprozesse der

jeweiligen Volkswirtschaften zu behindern.
Der amerikanische Handelsminister Brown hat einen
6 Punkte umfassenden Plan vorlegt, wie sich die
europäisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen
zum beiderseitigen Vorteil entwickeln sollten: Dazu
gehören erstens verstärkte und uneingeschränkte
Handels- und Investitionstätigkeit. Zweitens eine
enge europäisch-amerikanische Zusammenarbeit in
der WTO. Drittens eine beschleunigte Integration
der osteuropäischen Volkswirtschaften in den Weltmarkt. Viertens die Konzentration auf potentielle
Wachstumsmärkte in den Entwicklungsländern.

Seite 4

Fünftens die Förderung der Informationstechnologie
zum Nutzen breiter Bevölkerungsschichten und
sechstens die Realisierung einer neuen amerikanischen Exportstrategie für den europäischen Binnenmarkt.
Von einer vertieften ökonomischen Zusammenarbeit
sowie der Öffnung neuer Märkte können sowohl
amerikanische Firmen wie auch deutsche und europäische Unternehmen profitieren. Letztlich profitieren
die Verbraucher von besseren Produkten zu niedrigeren Preisen.
Die deutsch-amerikanischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind in den letzten Jahren stetig
gewachsen. Die amerikanischen Direktinvestitionen
in Deutschland sind im internationalen Vergleich die
höchsten; andererseits investieren deutsche Unternehmen am meisten in den Vereinigten Staaten.
Viele amerikanische Firmen haben in Ostdeutschland
investiert und Arbeitsplätze geschaffen. Mittlerweile
sind rund 600.000 Deutsche in amerikanischen
Unternehmen tätig, während deutsche Firmen schätzungsweise eine halbe Million Amerikaner beschäftigen.
Die amerikanischen Investitionen in Ostdeutschland
erfolgten nicht nur aus primär ökonomischem Interesse. Natürlich steht das "Geld verdienen" bei den
Unternehmen im Vordergrund, aber nicht ausschließlich. Wir hatten im letzten Herbst in Leipzig zu einer
Wirtschaftskonferenz geladen, um einmal aus erster
Hand zu erfahren, welche Gründe für die amerikanischen Firmen entscheidend gewesen sind, um sich in
Ostdeutschland wirtschaftlich zu engagieren. Bei
diesem hochkarätigen Erfahrungsaustausch wurde
sehr schnell deutlich, daß auch gesellschaftspolitische
Motive bei diesen unternehmerischen Entscheidungen eine Rolle spielten.
Die Aufbauleistung von John Noble, dessen Vater in
den dreißiger Jahren eine Kamerafirma in Deutschland gegründet hat, ist ein gutes Beispiel für das
persönliche Engagement, ohne das es nun mal nicht
geht. John Noble war als junger Mann sowohl unter
den Nazis als auch unter den Sowjets mehrere Jahre
lang inhaftiert. Dann kehrte er in die Vereinigten
Staaten zurück und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nach der Maueröffnung machte er sich
dann zur Aufgabe, in Dresden das väterliche Unternehmen zu sanieren.
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaften ist die Voraussetzung, die es uns ermöglicht,
zusammenzuarbeiten und gemeinsam Probleme von
übernationaler Bedeutung zu lösen. Ohne volkswirtschaftliche Ausdauer und gesellschaftliche Kohärenz

AMERIKA DIENST 03

�können Staaten heute keinen Respekt mehr voreinander entwickeln.
Gemeinsames kulturelles Erbe
Für die These, daß unsere Gesellschaften "Referenzgesellschaften" sind, spricht einiges. Die These
besagt, daß unsere Gesellschaften auf beiden
Seiten der atlantischen Gemeinschaft unter denselben Krankheiten leiden, wenn auch in verschiedenen
Stadien und mit verschiedenen Symptomen. Deshalb ist es von großer Bedeutung, miteinander im
Gespräch zu bleiben und gemeinsam über Diagnose
und Therapie zu beraten.
Die Fortschritte der Kommunikationstechnologie
haben dazu geführt, daß wir immer mehr Informationen voneinander erhalten. Trotz einer - fast möchte
ich sagen unüberschaubaren - Informationsflut muß
man immer wieder feststellen, daß Klischees nach
wie vor das gegenseitige Verständnis prägen. Es ist
und bleibt ein Fehler, die Vereinigten Staaten als ein
irgendwie vergrößertes Europa zu betrachten und
entsprechend zu beurteilen. Es ist unzweifelhaft
richtig, daß die amerikanische Gesellschaft europäischen Ursprung hat, aber im Verlauf unserer Geschichte hat sich daraus eine amerikanische Kultur
entwickelt, die nicht ganz einfach zu definieren ist.
Die seltsame Mischung von Ähnlichkeiten und
Unterschieden führt immer wieder zu Mißverständnissen zwischen Amerikanern und Europäern.
Deshalb ist es wichtig, sich über die kulturellen
Bindungen im klaren zu sein, die unsere Beziehungen tragen und unterschwellig beeinflussen. Es ist
wichtig, die Bedeutung von Informationen, Eindrücke
und Perzeptionen zu erfassen und sie in diesen
kulturellen Kontext einzuordnen.
Amerikanische Unterhaltung, Musik, Kinofilme finden
in Europa große Zustimmung. Architektur - dieseits
und jenseits des Atlantiks - hat sich immer wieder
auf verschiedenste Weise beeinflußt. Ich möchte
nur an den Baustil von Walter Gropius und das
Bauhaus erinnern, die in den USA Widerhall fanden.
So hatte Präsident John F. Kennedy Mies van der
Rohe, einem Bauhausschüler, für sein architektonisches Lebenswerk die amerikanische "Freedom
Medal" verliehen.
Aber die gegenseitige kulturelle Wertschätzung, die
durchaus ambivalente Züge haben kann, reicht nur
zu einem gewissen Grad, um die Beziehungen
zwischen Völkern zu festigen. Ohne persönliche
Erfahrungen bleibt Völkerverständigung eine leblose
Worthülse.

AMERIKA DIENST 03

Es würde zu weit führen, all die unzähligen Beispiele
anzuführen, die für die tiefergehenden kulturellen
Bindungen zwischen Deutschen und Amerikanern
stehen. Wir sind gehalten, diese Kontakte und
Bindungen auszubauen und zu vertiefen, gerade
auch weil nicht mehr so viele amerikanische Soldaten
nach Deutschland kommen können. Ich selbst war
einer der zwölf Millionen Gls, die im Laufe der letzten
vier Jahrzehnte Ihr Land aus der militärischen Warte
kennenlernen konnten. Viele Soldaten sind später
wiedergekommen, um Deutschland nicht nur als
Touristen zu besuchen, sondern auch als Geschäftsleute, Wissenschaftler, Künstler.
Ich habe bislang über die Herausforderungen gesprochen, denen sich Deutschland nach der Erlangung
der Einheit stellen muß, ohne dabei zu erwähnen,
daß es anderen Ländern ähnlich geht. Bei der
Neubestimmung der eigenen Rolle befindet sich
Deutschland in guter Gesellschaft. Deutschland steht
wahrlich nicht allein vor dieser Aufgabe, eine neue
Rolle auf dem internationalen Parkett zu finden.
Das Land, das ich hier repräsentieren darf, befindet
sich derzeit auf der Suche nach einer neuen weltpolitischen Rolle. Auch wir Amerikaner müssen uns mit
Fragen nach unserer Identität und unserer Rolle in
diesen neuen Zeiten auseinandersetzen und uns
fragen, welche Aufgaben wir noch auf uns nehmen
können und von welchen wir Abstand nehmen
müssen.
Wer sich ein wenig mit Amerika beschäftigt hat, weiß,
daß die Auseinandersetzungen über das Rollenverständnis zyklisch verlaufen. Wandel und Veränderungen werden bei uns als Normalität der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet und antizipiert. Folglich
fällt es uns leichter, einen derartigen Transformationsprozeß, wie er derzeit in Deutschland abläuft, als
Herausforderung zu verstehen. Daß die Regierungen
dabei nicht immer nur geradlinig auf das selbstgesteckte Ziel zusteuern, ist verständlich, wenn man
die Komplexität der gegenwärtigen Lage berücksichtigt.
Schlußbemerkung
Die Kongreßwahlen im November letzten Jahres
haben nach der Wahl des demokratischen Kandidaten Bill Clinton zum 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten das politische Machtverhältnis umgedreht. Als Diplomat bin ich gerne bereit, zwei oder
drei Anmerkungen zur innenpolitischen Lage in den
USA zu machen:
Zum ersten Mal seit vierzig Jahren werden die
Republikaner im 104. Kongreß die Mehrheit in beiden
Kammern - dem Repräsentantenhaus und dem Senat

Seite 5

�- stellen. Dies ist wegen seiner Seltenheit ein
durchaus als historisch zu bezeichnender Wechsel.
Mit diesem Wechsel verbinden die Wähler die
Erwartung, daß den innen-, sozial- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen vom politischen
Establishment gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Präsident Clinton hat sich für eine konstruktive
Zusammenarbeit mit dem neuen Kongreß ausgesprochen. Gleiches schlug der neue Führer der
Mehrheitsfraktion des Repräsentantenhauses vor.
Große Reformvorhaben stehen auf der Tagesordnung: Die neuerliche Debatte über die Reform des
Gesundheits- und Sozialwesens und natürlich die
Fortführung einer restriktiven Fiskal- sowie einer
weitblickenden Wachstumspolitik.
Ich nehme an, daß die Zusammenarbeit zwischen
Kongreß und dem Präsidenten im Hinblick auf die
außenhandels- und außenpolitischen Fragestellungen zwar nicht konfliktfrei, doch von einem überparteilichen Konsens über deren Zielsetzung geprägt
sein wird. Ich darf Sie daran erinnern, daß Vertreter
der Republikanischen Partei für die Ratifizierung des
NAFTA und des GATT-Abkommens gestimmt haben.
In der Nachkriegsgeschichte gibt es einige Beispiele,
die zeigen, daß der Kongreß und das Weiße Haus
zur gedeihlichen Zusammenarbeit fähig waren,
obgleich sie nicht von derselben Partei kontrolliert
wurden. "Divided government" muß nicht zwangs-

läufig in totaler Lähmung des politischen Prozesses
enden, wie Kommentatoren vielfach befürchteten.
"Unified government", in der eine Partei das Weiße
Haus, den Senat und das Repäsentantenhaus
kontrolliert, bietet angesichts der jüngsten Erfahrungen keine Gewähr für legislativen Erfolg und die
Gefolgschaft der eigenen Kongreßmitglieder.
Ob und inwieweit die politischen Machtverhältnisse im
amerikanischen Kongreß Auswirkungen auf die
amerikanische Außenpolitik im allgemeinen und das
deutsch-amerikanische Verhältnis im besonderen
haben, bleibt abzuwarten. Ich gehe davon aus, daß
das Verhältnis auch unter dem neuen Kongreß so
stabil und fest bleiben wird wie bisher.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sind gut. Ich habe keine Zweifel, daß sie sich auch
in Zukunft im Sinne unseres beiderseitigen Interesses
fortentwickeln. Unsere Freundschaft, die sich auch
über schwierige Zeiten hinweg im Laufe der letzten
Jahrzehnte immer stärker gefestigt hat, gründet auf
den gemeinsamen Idealen der Freiheit, Demokratie
und Gerechtigkeit. Sie war stets ein wichtiger Beitrag
zu Frieden und Stabilität in Europa. Anders formuliert: Beide Staaten hätten viel zu viel zu verlieren,
wenn wir zulassen würden, daß unsere Beziehungen
durch wohlwollende Indifferenz beeinträchtigt würden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und stehe
Ihnen nun gerne für Ihre Fragen zur Verfügung.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 03

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Januar 1995

02

WIRTSCHAFT

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE DER
AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers

AMERIKA-GIPFEL

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg

REPUBLIKANER

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN IM
KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika

MARTIN LUTHER KING

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die
Bürgerrechtsbewegung

PORTRAT

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE IM
STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0223-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�Wl R T S C H A F T
11. Januar 1995

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE
DER AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. Januar 1995 vor dem nationalen Presseclub gehaltenen Rede stellte
Arbeitsminister Robert Reich fest, die Administration und die Republikanische Partei befürworteten äußerst
unterschiedliche Lösungen für das sinkende Einkommen der Mittelschicht.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

In dieser neuen Zeit der republikanischen Mehrheit
im Kongreß steht nicht weniger auf dem Spiel als die
Zukunft der amerikanischen Arbeitnehmer. Seit
anderthalb Jahrzehnten haben Durchschnittsfamilien
härter für weniger Geld gearbeitet und waren verunsichert, ob ihnen irgendwie der Amerikanische
Traum abbhanden gekommen ist. Wie ich am Labor
Day ausgeführt habe, ist unsere Mittelschicht zu
einer besorgten Klasse geworden.
Es war die Frustration über die Gegenwart kombiniert mit Angst vor der Zukunft, die Bill Clinton
1992 zum Präsidenten und Newt Gingrich im November letzten Jahres zum Speaker des Repräsentantenhauses machte. Wenn die Wahlen von 1994
die Revolte der besorgten Klasse waren, werden die
nächsten beiden Jahre eine Schlacht um die Seele
der besorgten Klasse. Die meisten Wechselwähler
unter den Demokraten bei den Wahlen im November
vergangenen Jahres waren die Arbeitnehmer, die
am meisten verloren hatten - Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß. Der gängige Konsens, etwas zu
unternehmen, um den Zusammenbruch der amerikanischen Mittelschicht aufzuhalten, wurde zu einer
unaufhaltsamen politischen Kraft.
Aber was tun? Ich möchte heute über die vor uns
liegende Entscheidung sprechen. Während Washington über Reformen der Arbeitsweise des Kongresses spekuliert, müssen wir uns vor Augen
führen, daß Verfahrensänderungen - so willkommen
sie auch sein mögen - um die Mittel, nicht den
Zweck gehen. Das Ziel, um das wir kämpfen, muß
die Wiederherstellung des amerikanischen Vermächtnisses vom Wohlstand der Mittelschicht sein.
Wenn sich der Rummel dieser Woche legt und die
harte Arbeit der kommenden Monate beginnt,
werden die Amerikaner zu Recht die Tagesordnung

AMERIKA DIENST 02

der Republikaner und die der Demokraten auf folgende Probe stellen: Wird dies dazu beitragen, daß es
meiner Familie und mir besser geht? In den kommenden Monaten wird immer klarer werden, daß die
Tagesordnung der Republikaner die Durchschnittsfamilie nicht an die erste Stelle setzt. Unsere tut es.
Ironischerweise steht diese Entscheidung im Kontext
eines außergewöhnlichen Aufschwungs der Wirtschaft
insgesamt. Obwohl die Arbeitslosenstatistiken für
Dezember noch nicht erstellt sind, wissen wir, daß die
Vereinigten Staaten eine lebhafte Zunahme von
Arbeitsplätzen verzeichnen konnten - in den vergangenen zwei Jahren über fünf Millionen, die
meisten davon in hochbezahlten Berufszweigen. Die
Arbeitslosenquote ist niedriger als in den vergangenen vier Jahren und trotzdem gibt es keine Anzeichen einer erhöhten Inflation. Noch wichtiger ist der
erneute Produktivitätszuwachs - die unerläßliche
Voraussetzung für steigenden Lebensstandard.
Aber obwohl die Produktivität und Unternehmensprofite hoch sind, gilt dies nicht für die Gehälter der
meisten Amerikaner. Wir sehen folgendes Muster:
Seit 1979 sind die Familieneinkommen im Wert des
Dollars von 1993 berechnet um 826 Milliarden Dollar
gestiegen. Aber rund 98 Prozent der Zunahme
entfällt auf das obere Fünftel der Haushalte. Alle
anderen - 80 Prozent der amerikanischen Haushalte konnten nur einen 2prozentigen Einkommenszuwachs
verzeichnen. Die typische amerikanische Familie lebt
inflationsbereinigt von einem geringeren Einkommen
als vor 15 Jahren.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Das Problem ist
nicht, daß einige von uns reich werden. Das sind
gute Nachrichten. Das Problem besteht darin, daß
die meisten von uns nicht weiterkommen. Wir rasen

Seite 1

�auf eine Zweiklassengesellschaft zu, die aus einer
Minderheit besteht, die vom Wirtschaftswachstum
profitiert und einer Mehrheit, die nicht davon profitiert.
Die Konsequenzen dieser Erosion gehen über
Wirtschaftswissenschaften hinaus. Sie erklären zum
Teil, warum finanziell unter Druck stehende Eltern
nicht die Zeit finden, ihre Kinder so zu erziehen wie
wir erzogen wurden und die Werte weiterzugeben,
mit denen sie aufwuchsen; warum Wähler, deren
Familieneinkommen so knapp bemessen ist, empört
über die Ineffizienz und Verschwendung der Regierung sind; warum selbst instinktiv großzügige Amerikaner feststellen, wie ihr Mitgefühl für die weniger
Glücklichen schwindet; warum unsere Politik so
ärgerlich, manchmal häßlich geworden ist.
Am wichtigsten sind vielleicht die moralischen
Konsequenzen. Klar ausgedrückt: Es ist einfach
nicht richtig. Das schreiende, groteske Unrecht, das
hart arbeitenden amerikanischen Familien widerfährt,
bringt Verzweiflung und Zynismus hervor. Es ist ein
Affront gegen unsere Werte und spottet unserem
Glauben an die Leistungsgesellschaft Hohn. Es
macht Verantwortungsbewußte zu Trotteln und nagt
an der kostbaren Ethik der Verantwortung. Es
schließt die Tür zu den Ärmsten. Und schließlich
stellt die Aushöhlung der Mittelschicht und die
Schaffung einer zweigeteilten, klassenbewußten
Gesellschaft eine tödliche Bedrohung dessen dar,
was stets besonders an unserem Land war.
Es war nicht immer so. In den drei Jahrzehnten
nach dem Zweiten Weltkrieg stieg mit dem Wachstum der Volkswirtschaft das Einkommen praktisch
aller. Millionen Amerikaner - inklusive mir - wurden
in einem einfachen Glauben erzogen: Jeder, der
hart arbeitet und die Regeln befolgt, kann es für sich
und seine Familie zu einem besseren Leben bringen. Das galt für alle - nicht nur die von Geburt aus
Reichen oder die mit den besten Verbindungen.
Jeder mit Energie und Disziplin, das meiste aus
seinen Möglichkeiten zu machen, hatte eine gute
Chance, es zu scharfen. Auch die amerikanischen
Unternehmen unterstützten diesen Glauben. Beschäftigte, die hart arbeiteten und ihr Bestes gaben,
konnten am Erfolg ihrer Firma teilhaben. Wenn es
dem Unternehmen gut ging, waren ihre Arbeitsplätze
ziemlich sicher, und ihre Gehälter und Sozialleistungen stiegen.
In den fünfziger Jahren arbeiteten meine Mutter und
mein Vater sechs Tage die Woche in einem kleinen
Bekleidungsgeschäft und verkauften Röcke und
Kleider an die Frauen der Fabrikarbeiter. Ich erinnere mich, Preisschilder geschrieben zu haben,
wenn sie Sonderangebote hatten: Baumwollkleider

Seite 2

$2.99, Blusen $1.00. Als die Fabriklöhne stiegen,
konnten die Familien im Ort jedes Jahr ein bißchen
mehr Geld ausgeben, und der kleine Laden meiner
Eltern florierte. Uns allen ging es besser. Gemeinsam voranzukommen - so funktionierte es in Amerika.
Aber heute kommen wir nicht länger gemeinsam
voran. Wir driften auseinander - in zunehmender
Geschwindigkeit.
Meine Eltern setzten sich zur Ruhe, bevor die Alten
in der neuen Volkswirtschaft verdrängt wurden. Die
meisten Arbeitsplätze in dieser Fabrik gibt es nicht
mehr. Arbeitsplätze wie diese machten in den
fünfziger Jahren über ein Drittel aller amerikanischen
Arbeitsplätze aus - heute sind es nicht mehr als 16
Prozent. Viele der alten Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sind ebenfalls verschwunden.
Telefonistinnen wurden durch automatische Telefonzentralen, Kassierer durch Geldautomaten, Tankstellenwärter durch Selbstbedienungspumpen ersetzt,
die jetzt sogar Kreditkarten annehmen, und Sekretärinnen durch Computer und Anrufbeantworter. Jeder
Arbeitsplatz, der billiger von einem Computer übernommen werden kann, ist inzwischen verschwunden
oder wird sehr viel schlechter bezahlt als früher. Der
weltweite Wettbewerb hat diese Revolution beschleunigt.
Dieselben Kräfe schaffen jedoch auch Millionen neuer
Arbeitsplätze, von denen einige entschieden besser
bezahlt werden. Richtige Ausbildung und Qualifikationen allein gewährleisten nicht einen guten Arbeitsplatz in der neuen Volkswirtschaft und sind sicherlich
keine Arbeitsplatzgarantie. Aber beides ist schwieriger ohne Ausbildung und Qualifikationen. Die drei
Viertel der amerikanischen Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß erlebten den drastischsten Rückgang bei Löhnen und Sozialleistungen. Vor 15
Jahren verdiente ein männlicher Collegeabsolvent
gewöhnlich 49 Prozent mehr als ein Mann, dessen
formale Ausbildung mit einem High School-Diplom
endete - kein allzugroßer Unterschied zwischen den
beiden Gruppen, um gemeinsam als "Mittelschicht"
bezeichnet zu werden. Aber 1993 verdiente der
männliche Collegeabsolvent durchschnittlich 83
Prozent mehr als sein Kollege mit High SchoolAbschluß - ein so großer Unterschied, daß sie sich
nicht länger auf gemeinsamem Terrain befinden. Die
Frauen sind nach ähnlichem, wenn auch weniger
stark ausgeprägtem Muster getrennt.
Die Herausforderung an die Nation lautet also, den
Wohlstand der Mittelschicht wiederherzustellen. Die
von der Nation zu treffende Entscheidung ist daher:
Welcher Weg führt uns dorthin?
Die neue Tagesordnung der Republikaner definiert
einen Weg. Erstens, Senkung der Kapitalertrags-

AMERIKA DIENST 02

�Steuer selbst auf Vermögenswerte, die Investoren
bereits besitzen. Die Theorie ist, daß solche Steuersenkungen einen Wirtschaftsaufschwung auslösen,
der das Einkommen aller erhöht. Das Problem mit
dem republikanischen Ansatz zur Besteuerung von
Kapitalerträgen ist nicht nur, daß praktisch ausschließlich die Wohlhabenden unverzüglich davon
profitieren, wobei 45 Prozent auf die kleine Gruppe
der Familien entfallen, die über 200.000 Dollar pro
Jahr verdienen. Mehr wirtschaftliche Ungerechtigkeit
wäre vielleicht ein tolerierbarer Preis, wenn er definitiv die Kapitalmittel erhöhen und ein höherer Kapitalaufwand definitiv zu höheren Einkommen für alle
führen würde. Aber die Beweise für eine Koppelung
ihrer Idee einer Steuersenkung an eine maßgebliche
und dauerhafte Zunahme von Investitionen sind viel
zu schwach, um die von den Republikanern vorgeschlagene massive Einkommensumverteilung zu
rechtfertigen.
Ein weiterer Vorschlag ist, Unternehmen sehr viel
höhere Steuererleichterungen für den Kauf von
Gerät, Maschinen und Gebäuden zu gewähren. Ein
solcher Vorschlag könnte die Unternehmensinvestitionen steigern, aber zu einem hohen Preis: Ein
Gewinn von 169 Milliarden Dollar, der im wesentlichen die Körperschaftssteuer abschaffen und die
Steuerbegünstigungen wiederbeleben würde, die in
den achtziger Jahren einen so großen Teil der
potentiellen Produktivität der Vereinigten Staaten
vergeudeten. Der Vorschlag der Republikaner zu
Körperschaftssteuersenkungen ist sorgfältig ausgearbeitet, um die Verfahren des Haushaltsprozesses
zu umgehen - er ist eine fiskalische Zeitbombe, die
in fünf Jahren explodiert.
Das grundlegendere
Problem ist jedoch, daß er das Einkommensniveau
der amerikanischen Arbeitnehmer nicht wiederherstellt. Führen Sie sich folgendes vor Augen: Während der letzten 15 Jahre sind die Ausgaben für
dauerhafte Produktionsanlagen als Prozentsatz der
gesamten Volkswirtschaft um ein Drittel gestiegen.
Kapitalinvestitionen haben zugenommen. Aber im
gleichen Zeitraum ist das reale Einkommen der
meisten Familien gesunken. Ausgaben für neue
Maschinen und Gebäude sind notwendig. Aber das
ist nicht genug.
Ein dritter Vorschlag besteht in der Lockerung der
Vorschriften für Unternehmen, um höhere Profite
und die Schaffung weiterer Arbeitsplätze zu bewirken. Die Theorie hier lautet, Unternehmen sind so
in Vorschriften verstrickt, daß sie nur Papierberge
und wenig anderes produzieren. Nach einer Befreiung von diesen Fesseln werden die Unternehmen
die Profite zugunsten des arbeitenden Durchschnittsamerikaners erhöhen.
Auch dieses Argument
verdient Beachtung. Es steht außer Zweifel, daß die
Vorteile von Bestimmungen - selbst derjenigen, die

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die Gesundheit oder Sicherheit von Verbrauchern und
Arbeitnehmern schützen, Betrug bekämpfen und die
Integrität der Finanzmärkte bewahren - gegen ihre
Belastungen aufgewogen werden sollten, und Vorschriften, die dieser Prüfung nicht standhalten,
gehören abgeschafft. Aber Bestimmungen, die die
Schaffung von Arbeitsplätzen verhindern, für den
Niedergang der Mittelschicht verantwortlich zu
machen, stimmt nicht mit den Fakten überein. Heute
werden immer mehr Arbeitsplätze geschaffen. Trotz
der konjunkturellen Höhen und Tiefen der vergangenen 15 Jahre hat die Beschäftigungsquote tatsächlich
zugenommen, obwohl die Mittelschicht an Boden
verloren hat.
Die Worte, in die diese Vorschläge eingebettet sind,
spiegeln einige geschätzte wirtschaftliche Wahrheiten
wider. Privatinvestitionen sind wichtig. Die Regierung muß effizient und rechenschaftspflichtig sein.
Vorschriften, die keinen Sinn ergeben, sollten geändert oder abgeschafft werden. Zu diesem Punkt
bestehen wenig Meinungsverschiedenheiten. Die
Frage - der echte Test - ist, ob die Vorschläge der
Republikaner die Einkommen der Arbeitnehmerfamilien erhöhen und sicherer machen - ob sie die
Amerikaner wieder auf den Pfad zu Wohlstand
geleiten.
Ich bin überzeugt, daß die auf hartem Wege gemachten Erfahrungen unserer jüngsten Wirtschaftsgeschichte lehren werden, daß die Vorschläge der
Republikaner irrelevant für die Gesundung der
amerikanischen Mittelschicht sind.
Im schlimmsten Fall führen sie uns in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Steuervorschläge werden
das Finanzministerium so vieler Einnahmen berauben, daß sie einschneidende Reduzierungen im
Bildungswesen, bei der beruflichen Bildung, Head
Start und allen anderen Investitionen in Arbeitnehmerfamilien erzwingen, es sei denn, sie lassen einen
erneuten explosionsartigen Anstieg des Defizits zu,
oder sie unterziehen die nationale Verteidigung, das
Sozialwesen und Medicare einschneidenden Kürzungen.
Die meisten dieser Steuererleichterungen
würden andererseits Familien mit sechsstelligen
Einkommen zugute kommen. Und trotz ihrer Slogans
über freie Märkte sind wenige Republikaner im
Kongreß geneigt, dem jüngsten Appell des Präsidenten Folge zu leisten, unnötige Subventionen für
Sonderinteressen mit guten Verbindungen zu kürzen.
Die Republikaner glauben - oder sie wollen uns
glauben machen - daß die Mittelschicht zusammenbricht, weil die Kapitalaufwendungen unzureichend
und Unternehmensprofite zu gering sind. Dies sind
jedoch schlicht und einfach nicht die Ursachen der
Probleme amerikanischer Arbeitnehmer und sie zu

Seite 3

�beheben, wird nicht den Wohlstand wiederherstellen.
Die wesentliche Herausforderung für Amerikaner
besteht darin, sich an eine neue Volkswirtschaft
anzupassen, die sich grundlegend von der alten
unterscheidet; eine von modernen Technologien und
globalem Wettbewerb getriebene Volkswirtschaft;
eine Volkswirtschaft, in der Qualifikationen im
Produktionsbereich der Schlüssel zum Erfolg des
einzelnen sind.
Der beste Weg zur Erhöhung der Einkommen der
meisten Amerikaner ist, einen anderen Weg einzuschlagen - einen, den die Administration zu propagieren begonnen hat: Alle Amerikaner dafür auszurüsten, daß sie in dieser neuen Volkswirtschaft zu
Wohlstand gelangen können. Es ist offenkundig,
daß das Gehalt höher ist, je besser die Qualifikation
der betreffenden Person ist. Jedes Jahr der Ausbildung oder beruflichen Bildung nach dem High
School-Abschluß, das im Verlauf der Karriere
stattfindet, erhöht die Durchschnittseinkommen um
6 bis 12 Prozent.
Die meisten der in den vergangenen zwei Jahren
geschaffenen gutbezahlten Arbeitsplätze erfordern
ein gewisses technisches Know-how. Das heißt
nicht, daß jeder ein Collegediplom erwerben muß.
In der Tat können viele Männer und Frauen, deren
traditionelle Ausbildung mit der High School endet,
gute Mittelklasse-Einkommen verdienen.
Tankstellenwärter haben Glück, wenn sie 12.000 Dollar
pro Jahr machen, aber ein in Computerdiagnose
ausgebildeter Automechaniker kann bis zu 70.000
Dollar bekommen. Ungelernte Fließbandarbeiter
bringen selten mehr als 20.000 Dollar nach Hause,
aber das Jahresgehalt eines Programmierers oder
Mechanikers für computerisierte Werkzeugmaschinen beginnt bei 50.000 Dollar. Im ganzen Land
besteht steigende Nachfrage nach Arbeitnehmern
mit technischen Qualifikationen - Verkaufsleitern,
Physiotherapeuten, Technikern für Desktop Publishing, Röntgenassistenten, am Computer ausgebildeten Designern. Es gibt keine schnelle Lösung für
die schwierige Lage der amerikanischen Arbeitnehmer.
Aber zahlreiche technische Fertigkeiten
können mit einem High School-Abschluß in einem
oder zwei Jahren gelernt werden.
Unsere Kampagne der Investitionen in Humankapital
wurde bereits in die Wege geleitet, angetrieben von
einem überparteilichen Konsens im letzten Kongreß
über die Bedeutung von Ausbildung und beruflicher
Bildung.
Jedes Jahr können zusätzlich 130.000 Kinder an
Head Start teilnehmen, einem bewährten ersten
Schritt auf dem Weg zu lebenslangem Lernen. Die
Schulen in ganz Amerika erhalten neue Anreize in

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Millionenhöhe zur Verbesserung ihrer Leistung im
Einklang mit freiwilligen nationalen Leistungsnormen.
In wenigen Jahren wechselt eine halbe Million junger
Auszubildender pro Jahr vom Klassenzimmer zu
einem hochwertigen Arbeitsplatz mit Zukunft. 3,5
Millionen Menschen, die jährlich einen Kredit für ihre
Ausbildung aufnehmen, erhalten ihn jetzt zu niedrigeren Zinssätzen - und können ihre Kredite entsprechend ihrem künftigen Einkommen zurückzahlen.
Wir gestalten das alte System der Arbeitslosenversicherung in ein neues System der Wiederbeschäftigung um und gewährleisten damit, daß allein
in diesem Jahr zusätzlich 150.000 Amerikaner, die
ihren Arbeitsplatz verloren haben, Qualifikationen
oder Hilfe bei der Arbeitssuche erhalten.
Mit seiner Forderung nach einer Bill of Rights für die
Mittelschicht umriß der Präsident vor einigen Wochen
die nächsten Schritte. Erstens steuerlich absetzbare
Aufwendungen für Ausbildung und berufliche Bildung
von 5.000 Dollar pro Jahr bis zu 10.000 Dollar in den
nächsten vier Jahren. Die Bedeutung dieses Vorschlags ging in der eiligen Berichterstattung über
konkurrierende Steuervorschläge quasi unter. Aber
steuerlich abzugsfähige Ausbildungsgelder sind nicht
nur eine Steuersenkung - sie sind eine bahnbrechende Steuerreform. Sie stellen die Investitionen einer
Familie in Qualifikationen auf gleiche Ebene wie die
Unternehmensaufwendungen für Maschinen, Werbung, Gebäude oder Geschäftsessen.
Im Rahmen der derzeitigen Gesetzgebung kommen
alle irgendwie als Investition bezeichnete Unternehmensausgaben für steuerliche Begünstigung in
Frage. Das Steuerrecht tut jedoch wenig, um Investitionen zu ermutigen, die am direktesten mit einer
Anhebung des Lebensstandards der Mittelschicht
verbunden sind - Investitionen in Bildung und lebenslange berufliche Ausbildung.
Es behandelt sie
genauso wie Ausgaben für Wasserskier oder Kaugummi. Das ergibt keinen Sinn. Unser Plan würde
dies beheben. Wenn Unternehmen Steuererleichterungen für ihre Investitionen erhalten, sollte dies auch
für Familien gelten.
Für eine typische Familie bedeutet das, die Kosten
für die Ausbildung eines Elternteils in einer neuen
beruflichen Fertigkeit oder die Collegegebühren für
das Kind würden nach Abzug der Steuern um 15 auf
28 Prozent gekürzt. Forschungsergebnisse belegen,
daß über eine halbe Million Amerikaner, die sonst
keine weitere Ausbildung oder berufliche Bildung
erhalten würden, pro Jahr davon aufgrund dieser
Steuererleichterungen Gebrauch machen. Und es
gibt kaum Grund zu der Befürchtung, daß die Vorteile
der Steuererleichterungen durch steigende Collegegebühren geschluckt würden.
Die Inflation bei
Ausbildungsgebühren verlangsamt sich bereits, und

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�der Wettbewerb unter den Tausenden Gemeindecolleges, technischen Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen wird sicherstellen, daß die Familien am meisten von diesen steuerlich absetzbaren
Ausbildungskosten profitieren, die die Investitionen
tätigen.
Es reicht jedoch nicht aus, das Steuerrecht ins 21.
Jahrhundert zu bringen. Wenn Amerika den das
Land charakterisierenden Glauben wiederherstellen
will - daß man, wenn man hart arbeitet und die
Regeln befolgt, vorankommen kann - müssen wir
das Gefüge von staatlicher Beschäftigung und
Ausbildungsprogrammen vollständig umgestalten.
Für arbeitslose Amerikaner oder diejenigen, deren
Löhne zu niedrig sind, um von den steuerlich absetzbaren Ausbildungsgebühren profitieren zu können,
schlägt der Präsident Ausbildungsstipendien von
2.000 bis 3.000 Dollar pro Jahr für ein bis zwei
Jahre vor. Dies ist eine radikale Verlagerung von
Programmen zu Kaufkraft. Statt die Etats - staatlicher oder bundestaatlicher - Bürokratien zu füttern,
werden wir die Ressourcen direkt in die Taschen der
Amerikaner leiten, damit sie die erforderlichen
Qualifikationen erwerben - zu der Zeit, an dem Ort
und in der Weise, die ihnen sinnvoll erscheint.
Arbeitnehmern, die eine neue Laufbahn einschlagen
und Arbeitern mit niedrigen Einkommen, die einen
Neuanfang machen müssen, öffnet sich ein neues
Tor zu besseren Arbeitsplätzen - und Informationen
darüber, welche Qualifikationen gefragt sind, um sie
durch dieses Tor zu geleiten.
Die von der Administration zusammen mit den
gerade vom Präsidenten vorgeschlagenen Schritten
eingeleiteten Initiativen definieren eine Strategie,
dank der die Amerikaner ein besseres Leben für sich
und ihre Familien aufbauen können. Sie hängt
jedoch auch von den Ereignissen am Arbeitsplatz
ab. Die Zukunft der Mittelschicht wird weniger in
Sitzungsräumen hier in Washington bestimmt als in
Fabriken und Büros im ganzen Land. Firmen
müssen ihre Arbeitnehmer nicht als zu senkenden
Kostenfaktor, sondern als zu entwickelnde Vermögenswerte betrachten. Sie können kurzfristige
Profite durch Entlassungen, Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, Austausch älterer Arbeitnehmer durch jüngere und billigere oder Zeitarbeitskräfte
und unabhängige Vertragsnehmer anstelle von
Vollzeitarbeitskräften erzielen. Aber die am besten
geführten Firmen in den Vereinigten Staaten beweisen, daß die langfristigen Gewinne durch die Ausbildung von Arbeitnehmern erzielt werden, indem
man ihnen mehr Verantwortung und Arbeitsplatzsicherheit verschafft und die Bezahlung an die Gewinne koppelt. Das Schmieden stärkerer und konstruktiverer Bande zwischen Arbeitnehmern und
ihren Firmen muß Bestandteil jedes Plans zur

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Wiederherstellung des Wohlstands der Mittelschicht
sein. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
dem Kongreß und dem Privatsektor, um hierfür
effektive und faire Wege zu entwickeln.
Die von mir umrissene Tagesordnung wird nicht über
Nacht eine neue Mittelschicht hervorbringen. Das
wird Jahre dauern. Aber sie ist der einzig realistische
Ansatz. Und sie steht im Einklang mit amerikanischen Werten - daß wir unseren Unterhalt verdienen, daß Chancen die Lösung für Ungleichheit
und Arbeit immer besser als Sozialhilfe ist, daß die
Menschen ihre Talente entwickeln und das meiste
aus ihren Fähigkeiten machen sollten und Wirtschaftswachstum für alle Vorteile bringen sollte.
Unsere Lösung hängt von Menschen ab, die Verantwortung übernehmen, bietet ihnen jedoch auch
eine Chance, ihr Verantwortungsbewußtsein in
Ergebnisse umzusetzen. Sie erwartet nicht von der
Regierung oder den Unternehmen, daß sie hart
arbeitende Amerikaner retten. Sie ermöglicht es hart
arbeitenden Männern und Frauen, alleine vorwärtszukommen.
Unsere Strategie ist nicht ganz neu. In Teilen ist sie
auf die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedete G.l. Bill of Rights zurückzuführen, die
den Übergang von einer Periode des Konflikts und
der Furcht zu einer erstaunlich wohlhabenden Nachkriegszeit auslöste. Die G.l. Bill bot dem Durchschnittsamerikaner die Chance zu Qualifikationen von
Weltklasse. Der Rest ist Geschichte - in der Tat eine
der positivsten Episoden unserer Geschichte. Der
Traum von einem sicheren, produktiven Platz in der
Mittelschicht wurde zur Realität für die Mehrheit der
Menschen unserer Nation.
Auch die Ideen der Republikaner sind nicht grundlegend neu. Hinter der Rhetorik des Wandels verbirgt
sich eine Wiederholung der 12 Jahre währenden
republikanischen Regierung in größerem Umfang -12
Jahre der Stagnation oder des Niedergangs der
meisten amerikanischen Arbeitnehmer. Wir haben
diesen Film schon einmal gesehen, und wir kennen
den Handlungsverlauf.
Wir sehen der Zusammenarbeit mit dem Kongreß in
den kommenden Tagen erwartungsvoll entgegen.
Aber Amerika kann sich nicht einfach auf halbem
Wege zwischen diesen beiden Visionen einigen. Der
Entscheidung kann nicht ausgewichen werden.
Die lange Liste der Republikaner von Steuersenkungsvorschlägen läßt in augenfälliger Weise Investitionen in Qualifikationen vermissen.
Noch
schlimmer ist, der Preis für die Aufblähung der Profite
und der Kapitalmittel werden drastische Kürzungen
im Bildungswesen, bei beruflicher Ausbildung und

Seite 5

�anderen Investitionen in Arbeitnehmer sein. Unsere
Strategie konzentriert sich darauf, Qualifikationen
aufzubauen.
Die Republikaner fordern von Unternehmen nichts
anderes als die Maximierung der Profite und implizieren, wenn sie dies tun, wird sich in Zukunft
alles von selbst regeln. Wir sagen, es gibt keine
automatische Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und dem Lebensstandard des Durchschnittsamerikaners. Diese Verbindung muß geschaffen werden.

*

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Die Republikaner fordern die Amerikaner der Mittelschicht auf, ihr Schicksal den Meistern des Humanund Finanzkapitals anzuvertrauen. Wir wollen alle
amerikanischen Arbeitnehmer so ausrüsten, daß sie
zum Meister ihres eigenen wirtschaftlichen Schicksals
werden.
Welches ist der bessere Weg? Wie, glauben Sie,
wird es Arbeitnehmerfamilien besser gehen? Das ist
die vor uns liegende Entscheidung.

*

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�AM E R I K A - G I P F E L
11. Januar 1995

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg
Die westliche Hemisphäre steht an der Schwelle zu einer Ära "substantieller Symmetrie", in der alle Nationen
der Region sich mit "einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen Beteiligung
an der Weltwirtschaft wurzelt". Die Vereinigten Staaten unter Bill Clinton haben sich zur Unterstützung einer
"Gemeinschaft von Demokratien" in der Hemisphäre verpflichtet, die auf die Erlangung gemeinsamer Ziele
ausgerichtet ist, darunter Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die
Inangriffnahme der umfassenden Tagesordnung sozialer Erfordernisse.
Richard F. Feinberg ist Sonderberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten für interamerikanische
Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Juni
1994.

Die hemisphärischen Beziehungen treten in ein
neues Zeitalter ein, in dem alle Länder - im Norden
wie im Süden - sich mit einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen
Beteiligung an der Weltwirtschaft wurzelt. Es ist die
Ära substantieller Symmetrie.
Stellen wir einen Vergleich zwischen den Schlüsselthemen der Clinton-Administration und den Ländern
in der Hemisphäre an:
In den Vereinigten Staaten schaffen wir wieder
ein Gefühl der Gemeinschaft und der sozialen
Integration. Viele lateinamerikanische Nationen
streben nach politischer Versöhnung und Vertiefung der Demokratie.
Wir machen unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger und fördern Exporte.
Lateinamerika
schaltet sich immer mehr in die Weltwirtschaft
ein.
Wir reformieren unser Gesundheits-, Sozial- und
Bildungswesen. Lateinamerika konzentriert sich
auf seine eigene soziale Tagesordnung.
Diese substantielle Symmetrie ist vielversprechend
für die hemisphärischen Beziehungen. Ich möchte
jedes der Themen im einzelnen ansprechen:
Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die Inangriffnahme der sozialen Tagesordnung.

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Die Förderung von Demokratie und der Schutz der
Menschenrechte zählen zu den wichtigsten strategischen außenpolitischen Zielen von Präsident Clinton.
Diese Einstufung ist eine logische Folge seiner
innenpolitischen Vision der Vereinigten Staaten, in
derdie Demokratie wiederbelebt und Gemeinschaften
wiederaufgebaut werden.
Heute bietet sich den Vereinigten Staaten eine
historische Chance zur Förderung von Demokratie in
der Hemisphäre ohne Angst vor externen Bedrohungen. Wir sind freier, eine Außenpolitik zu verfolgen,
die unsere Ideale und unsere Interessen besser
aneinander angleicht.
Um den Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten, Anthony Lake, zu zitieren:
"Einer Doktrin der Eindämmung muß eine Strategie der Erweiterung folgen - Erweiterung der
Gemeinschaft freier Marktwirtschaften der Welt.
Wir sind weder am Ende der Geschichte noch
beim Zusammenprall der Zivilisationen angelangt,
sondern an einem Augenblick enormer Chancen
für Demokratie und Unternehmertum. Wir dürfen
sie nicht vergeuden."
Der Präsident hat den Aufbau einer durch wachsende
wirtschaftliche Kontakte und sich einander annähernde politische Überzeugungen verbundene Gemeinschaft der Demokratien in dieser Hemisphäre gefordert.

Seite 1

�Ich lehne die pessimistische Einschätzung ab, daß
die derzeitige Welle der Demokratie in Lateinamerika
nur eine vorübergehende Phase ist, nur einen Pendelschlag von der Rückkehr zu autoritärer Herrschaft
entfernt. Es gibt gefährliche Gegenströmungen und
es wird Rückschläge geben, aber der Augenblick ist
günstig, damit die Demokratie endgültig Fuß faßt.
Als Amerikaner - Politiker und Wissenschaftler
gleichermaßen - können wir nicht passiver Beobachter dieses Dramas bleiben. Das Endergebnis wird in
gewissem Maße von unseren Aktionen abhängen.
Das breite Spektrum amerikanischer - unternehmerischer, religiöser, umweltpolitischer, humanitärer,
akademischer - Interessen, die nach Lateinamerika
hineinreichen, erachtet jetzt Demokratie als das
beste Mittel zur Sicherstellung seiner Ziele. Daher
gibt es breitgefächerte Unterstützung im Inland für
die Förderung einer hemisphärischen Gemeinschaft
von Demokratien durch die Administration.
Damit das Pendel nicht zu autoritärer Herrschaft
zurückschwingt, arbeiten wir auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent an vier Fronten:
Erstens streben wir die Vertiefung der Demokratie in der Hemisphäre an, indem wir die Qualität
der demokratischen Regierungsführung verbessern helfen und so den Staat effizienter und
zugänglicher machen.
Zweitens fördern wir die nationale Versöhnung
und den innenpolitischen Dialog in Nicaragua, El
Salvador und Haiti sowie die Bildung breitgefächerter nationaler Koalitionen zur Erleichterung
demokratischer Reformen.
Drittens haben wir eindeutig klargestellt, daß die
Vereinigten Staaten bei Wahlen absolut neutral
sein werden, auch wenn sie demokratische
Verfahren uneingeschränkt unterstützen. Die
Lateinamerikaner wissen jetzt, daß wir zu keiner
bestimmten Partei oder Persönlichkeit tendieren.
Wir sind zur konstruktiven Zusammenarbeit mit
denjenigen bereit, die bei den für dieses Jahr
anberaumten Dutzend Wahlen den Sieg davontragen.
Viertens arbeiten wir auf die Stärkung der multinationalen Mechanismen für die kollektive Verteidigung der Demokratie in der Hemisphäre hin.
Wir unterstützen einen sehr starken, dynamischen Kandidaten als Leiter der Organisation
Amerikanischer Staaten in unserer jetzt konvergenten Hemisphäre.
Die Herausforderung der siebziger Jahre war der
Schutz der Menschenrechte. Der Triumph der

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achtziger Jahre war der Übergang zu freien Wahlen.
Die Aufgabe für Lateinamerika und die Karibik
besteht heute darin, den Schutz der Menschenrechte
zu institutionalisieren und das Funktionieren demokratischer Institutionen sicherzustellen, um einen
Staat zu schaffen, der für alle Menschen arbeitet.
Der Staat muß sich überall an die schnell entstehenden Muster der technologischen Innovation und
transnationalen Märkte anpassen. In den Vereinigten
Staaten wollen wir die Regierung umstrukturieren,
damit sie kostengünstiger, zielgerichteter und der
Öffentlichkeit zugänglicher wird sowie besser auf den
Verbraucher reagiert.
Plötzlich sind die Brasilianer, Venezolaner und
Honduraner nicht länger bereit, Unfähigkeit, Korruption und Straflosigkeit des Staates zu tolerieren. Wie
in dem Film Network artikulieren die Lateinamerikaner einstimmig: "Wir nehmen es nicht länger hin."
Dieses kollektive Erwachen signalisiert eine neue
Epoche des gesunden Protests und der Bürgerbeteiligung.
Öffentlicher Protest muß in institutionelle Reform
kanalisiert werden. Es ist unabdingbar, daß die
Demokratie das Banner guter Regierungsführung
hißt. "Demokratische Regierungsführung" darf kein
Oxymoron sein.
Die Clinton-Administration macht gute Regierungsführung zum zentralen Thema unseres hemisphärischen Diskurses. Die Geschichte warnt uns vor den
Fallstricken des Paternalismus, und wir werden eng
mit den Staats- und Regierungschefs der Hemisphäre
zusammenarbeiten, deren Tagesordnung wir teilen.
Wir beglückwünschen so engagierte Demokraten wie
Präsident Sanchez de Lozada von Bolivien, Präsident
De Leon Carpio von Guatemala und Präsident Carlos
Robert Reina von Honduras zu ihren mutigen Bestrebungen, in ihren Ländern eine saubere Regierung
einzuführen. Wir würdigen die Integrität und Qualität
chilenischer Institutionen wie die Controleria und
Zentralbank.
Wir verbessern die Koordinierung zwischen den
zahlreichen amerikanischen Regierungsprogrammen
zur Förderung guter Regierungsführung in der
Hemisphäre, und wir fordern multilaterale Behörden
auf, ihre Bestrebungen auf die Demokratisierung des
lateinamerikanischen Staates auszurichten.
Das häufig mit dem amerikanischen Außen- und
Justizministerium zusammenarbeitende Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID) verwaltet
zahlreiche Projekte über gute Regierungsführung,
darunter Wahlhilfe, Rechtsreform, Beziehungen

AMERIKA DIENST 02

�zwischen Zivilisten und Militärs sowie Unterstützung der Legislative. USAID selbst wird modernisiert und abgespeckt.

ideologische und geopolitische Auseinandersetzungen das Feuer geschürt und Mütter von Söhnen,
Brüder von Schwestern getrennt.

Das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA) bietet journalistische Ausbildung an und plant Konferenzen über "Demokratie und Korruption".

Mit dem Ende des Kalten Krieges können die Vereinigten Staaten ihren Part dabei spielen, die Lautstärke der Debatte zu verringern und die nicaraguanischen und salvadorianischen Familien wieder zu
vereinigen. Unser Ziel kann darin bestehen, zum
Räumen von Minen und zur Entmilitarisierung, zur
Versöhnung und zum Wiederaufbau beizutragen.

Das amerikanische Finanzministerium arbeit mit
der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank zusammen, um die Wirtschaftswissenschaftler des Ministeriums für die Bedeutung von Institutionen und die Beteiligung der
Basis an Projekten zu sensibilisieren - das heißt,
politische Wirtschaft zu praktizieren.
Ein effizienter Staat mit Beteiligung der Bürger ist
unabdingbar für demokratische Regierungsführung.
Demokratie erfordert jedoch auch eine aktive bürgerliche Gesellschaft zur Bereitstellung der Mittel, mit
denen der Bürger sich organisieren und mit der
Regierung kommunizieren kann. Wie viele von
Ihnen aufgrund Ihrer Arbeit vor Ort wissen, entstehen überall in der Hemisphäre nichtstaatliche
Organisationen (Nongovernmental Organizations NGOs). Das Entstehen der NGOs ist eine der
aufregendsten und vielversprechendsten neuen
politischen Entwicklungen im heutigen Lateinamerika.
Die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen ist heute Routinebestandteil vieler amerikanischer Programme. USAID hat zahlreiche Mitarbeiter, die früher in NGOs tätig waren. Als Regierungsvertreterwerden sie hart arbeiten, um die Instrumentarien zu unterstützen, die Menschen zur Zusammenarbeit und Selbstverwaltung ermutigen. Sie
werden die Regierungen auch zu Kontakten mit
Personen auffordern, die für diese von Nutzen sind.
In diesem Publikum ist geballtes Wissen über die
entscheidende Rolle des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft in der westlichen Hemisphäre
versammelt. Wir begrüßen Ihre Empfehlungen und
Ihren Rat, wie demokratische Regierungsführung in
den die Region charakterisierenden vielschichtigen
spezifischen Gegebenheiten am besten gefördert
werden kann.
Ebenso wie Demokratie gute Regierungsführung
erfordert, bedarf sie auch der Mechanismen für
Konfliktlösung und einer politischen Kultur der Toleranz und Kompromisse. Zu häufig haben in Lateinamerika absolutistische Ideologien die Politik polarisiert. Zu häufig haben autoritäre Institutionen friedlichen Wandel vereitelt und die Reformer in die Berge
vertrieben. Und zu häufig haben internationale

AMERIKA DIENST 02

Während der achtziger Jahre reisten viele Mittelamerikaner nach Washington, um Unterstützung für
ihre parteipolitischen Programme zu gewinnen, statt
sich auf den Aufbau funktionierender Koalitionen in
ihrem Land zu konzentrieren. In Managua wiederholt
Botschafter John Maisto sein Credo: "Die Probleme
Nicaraguas müssen in Nicaragua von Nicaraguanern
gelöst werden." Wir können zu einem dem Dialog
förderlichen Umfeld beitragen, aber nur die Nicaraguaner können das Funktionieren der Demokratie
bewirken.
Alle Nicaraguaner, die unabhängig von der Farbe
ihrer verblichenen Uniformen entsprechend demokratischer Regeln leben wollen, sollten an diesem
innenpolitischen Dialog beteiligt sein. Wir unterstützen den Wunsch von Präsidentin Violeta Chamorro, mit der Tradition des Alles-oder-Nichts der
Sieger und Besiegten zu brechen. Wir haben eindeutig klargestellt, daß wir absolut keine Sympathie
für einen erneuten Rückfall zur Gewalt haben - egal,
von welcher Gruppe.
Wir bevorzugen auch keine bestimmte politische
Gruppe. Aber wir nehmen nicht zu allen Themen
eine neutrale Haltung ein. Ebenso wie andernorts
befürworten wir in Nicaragua die bürgerliche Kontrolle
der Sicherheitskräfte, Respektierung der Menschenrechte, die friedliche Lösung von Eigentumsstreitigkeiten, eine ehrliche und unparteiische Rechtssprechung
und eine funktionierende Legislative. Dies alles ist
schwer zu verwirklichen, aber es sind unerläßliche
Schritte auf dem Weg zu effektiver demokratischer
Regierungsführung und wirtschaftlichem Fortschritt.
Einige Kritiker haben den neuen Stil der amerikanischen Diplomatie in Mittelamerika als Indifferenz oder
Vernachlässigung fehlinterpretiert. Gerade weil wir
wirklich an der langfristigen Sicherheit der Region
interessiert sind, verzichten wir auf die Unterstützung
bestimmter Einzelpersonen und Gruppen. Es ist
unser echtes Interesse am künftigen Wohlstand der
Region, das unser Eintreten für dauerhafte demokratische Praktiken und Institutionen motiviert.

Seite 3

�Diese Politik des überparteilichen Engagements
verfolgen wir auch in El Salvador. Dieses Land
konnte den Höhepunkt eines unglaublichen Friedensprozesses feiern - von UN-Beobachtern überwachte Wahlen, bei denen ehemalige Kombattanten
für den friedlichen Wandel stimmten. Eine Demonstration des amerikanischen Engagements war eine
Delegation von Kongreßabgeordneten, Menschenrechtsverfechtern und anderen Amerikanern, die
nach San Salvador reiste, um Zeuge dieses historischen Übergangs zu werden. Die US-Regierung
wird konstruktiv mit der Entscheidung des Volkes zusammenarbeiten.
In ganz Mittelamerika übernehmen unsere Botschaften eine neue Funktion: Sie werden zum Zufluchtsort, an dem Männer und Frauen unterschiedlicher
politischer Überzeugungen auf sicherem Boden
zusammenkommen können. Unsere Botschaften
sind auch zum Treffpunkt geworden, an dem hochrangige Regierungsvertreter Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen begegnen. Dies sind
kleine, aber konkrete Beiträge zur Konfliktlösung und
zum demokratischen Wiederaufbau.
Eine gravierende Bedrohung der Demokratisierung
in der Hemisphäre war, als der Präsident von
Guatemala 1993 gegen den Wunsch des guatemaltekischen Volkes die Macht an sich reißen wollte.
Am selben Nachmittag noch kam die Organisation
Amerikanischer Staaten zusammen, um den Putsch
unmißverständlich zu verurteilen und die unverzügliche, friedliche Rückkehr zur konstitutionellen
Demokratie zu fordern. Die Reaktion Mexikos
sprach für das Ausmaß der Entrüstung in der
Hemisphäre:
Mexiko änderte seine bisherige
Haltung zur Souveränität und warnte, die Zusammenarbeit mit dem Nachbarstaat Guatemala stehe
auf dem Spiel.
OAS-Generalsekretär Baena Soares reiste unverzüglich mit einer Außenminister-Delegation nach
Guatemala-Stadt und überreichte die Stellungnahme
der internationalen Staatengemeinschaft. Gleichzeitig stellten die Vereinigten Staaten ihre Militär- und
Wirtschaftshilfe ein und setzten die guatemaltekischen Unternehmen davon in Kenntnis, daß ihre
Handelspräferenzen auf dem Spiel stehen. Offizielle
Warnungen der Vereinigten Staaten wurden landesweit per Fax verbreitet und von der Voice of America
ausgestrahlt. Darüber hinaus gewährten die multilateralen Entwicklungsbanken keine weiteren Kredite.
Die entschlossene internationale Reaktion verstärkte
die ebenso entschiedene innenpolitische Opposition
gegen Präsident Serranos illegalen und maßlosen
Akt. Binnen Tagen war Serrano im Exil und der
guatemaltekische Kongreß wählte einen führenden
Menschenrechtsverfechter zum neuen Präsidenten.

Seite 4

So entstand eine erstaunlich erfolgreiche Übung in
kollektiver Verteidigung der Demokratie.
Viele
Guatemalteken sind weiterhin unzufrieden mit ihrem
politischen System, erkennen jedoch, daß das
Zurückschwingen des Pendels abgewendet wurde.
Man stelle sich vor, wie unterschiedlich die Geschichte Lateinamerikas verlaufen wäre, wenn die internationale Staatengemeinschaft 1972 gehandelt hätte,
um den überwältigenden Wahlsieg von Napoleon
Duarte zu sichern und wieviele Menschenleben
hätten gerettet werden können.
Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet, aus den
Fehlern und Erfolgen der Vergangenheit zu lernen
und ein stärkeres Regime in der Hemisphäre aufzubauen, das innenpolitische Bestrebungen zur
Eindämmung von Bedrohungen der Demokratie
verstärken kann. Wir benötigen ein mit effektiver
präventiver Diplomatie gekoppeltes Frühwarnsystem.
Der im Dezember veranstaltete Amerika-Gipfel bot
eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Stärkung der
OAS-Mechanismen, Demokratie zu fördern und
Staatsstreiche zu verhindern. Wie im Falle Haitis
offensichtlich wurde, ist es bei weitem schwieriger,
einen konsolidierten Staatsstreich rückgängig zu
machen als ihn abzuschrecken.
Zur Wiedereinsetzung des demokratisch gewählten
Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in sein Amt
forderten die OAS und die Vereinten Nationen ihre
Mitgliedstaaten auf, ein Embargo für Waffen- und
Öllieferungen durchzusetzen. Darüber hinaus verweigerten die Vereinigten Staaten die Ausstellung
von Visa, froren die Vermögenswerte aller haitianischen Offiziere ein und arbeiteten auf eine UNResolution hin, die zum ersten Mal in der Geschichte
solche gezielten Sanktionen universell machen sollte.
Vier befreundete Staaten - Frankreich, Kanada,
Venezuela und wir - wendeten dieses Druckmittel an,
um breitgefächerte Verhandlungen zur Beendigung
der Militärherrschaft in Haiti zu fördern.
In Erwartung einer Rückkehr zur konstitutionellen
Herrschaft kündigte die internationale Staatengemeinschaft ein Hilfspaket in Höhe von 1 Milliarde
Dollar für Haiti an, das beim Aufbau einer demokratischen Regierungsführung, Stärkung nichtstaatlicher
Organisationen und der Schaffung von Arbeitsplätzen
behilflich sein soll. Wir engagieren uns weiterhin für
die Integration Haitis in die Gemeinschaft von Demokratien in der Hemisphäre. (Dieses Ziel wurde im
Sommer maßgeblich gefördert, als die Vereinigten
Staaten mit einem Mandat der Vereinten Nationen
Aristide wieder als Präsident von Haiti einsetzten).
Als Präsident Clinton sein Amt übernahm, gelobte er,
sich wie ein Laserstrahl auf die amerikanische
Binnenwirtschaft zu konzentrieren. Gleichzeitig kann

AMERIKA DIENST 02

�man sich kaum eine geeignetere amerikanische
Wirtschaftspolitik gegenüber Lateinamerika vorstellen
als die aktuelle. Wenn es stimmt, daß Lateinamerika
eine Erkältung bekommt, wenn die Vereinigten
Staaten niesen, dann trifft es ebenso zu, daß Lateinamerika profitiert, wenn sich die amerikanische
Wirtschaft - mit niedriger Inflationsrate, niedrigen
Zinssätzen und offenen Märkten - erholt. Am
dramatischsten ist, daß der drastische Fall der
Marktzinssätze den Schuldendienst Lateinamerikas
in voller Höhe und mehr als alle Abkommen zum
Schuldenabbau im Rahmen des Bradyplans verringerte.
Tragfähige Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten
Staaten ist der beste uns zur Verfügung stehende
Mechanismus zur Förderung von Wirtschaftswachstum in Lateinamerika. Heute besteht kein Widerspruch zwischen der Wiederherstellung von Wohlstand in den Vereinigten Staaten und der Förderung
von Wohlstand in Lateinamerika und der Karibik.
Die Vereinigten Staaten haben großes - politisches
und wirtschaftliches - Interesse am Wohlstand
Lateinamerikas. Zweifelsohne haben Demokratien
eher Bestand, wenn sich der wirtschaftliche Kuchen
vergrößert. Wir haben jedoch auch ein starkes
eigenes wirtschaftliches Interesse am Wohlstand der
Hemisphäre. Exporte sind zur wichtigsten Triebkraft
unseres Wirtschaftswachstums geworden, und
Lateinamerika ist einer unserer dynamischsten
Märkte. Die amerikanischen Exporte nach Lateinamerika haben sich in sieben Jahren auf nahezu 80
Milliarden Dollar im Jahr 1993 mehr als verdoppelt das ist mehr als wir an Japan oder alle Entwicklungsländer in Ostasien verkaufen. Lateinamerika ist
die einzige grö ßere Region der Welt, in der wir einen
beträchtlichen Handelsüberschuß zu verzeichnen
haben.
Aus diesen Gründen hat Präsident Clinton hart um
die Verabschiedung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North American Free Trade
Agreement - NAFTA) gekämpft. Aber es gab auch
noch einen anderen Grund. Bei der Unterzeichnung
der Zusatzabkommen zum NAFTA bekräftige der
Präsident:
"Dies ist eine Chance, Freiheit und Demokratie in
Lateinamerika Auftrieb zu verleihen und auch für
die Vereinigten Staaten neue Arbeitsplätze zu
schaffen."
Das NAFTA verleiht den demokratischen Tendenzen
in Mexiko in unterschiedlicher Weise Dynamik. Es
trägt dazu bei, wirtschaftliche und letztlich politische
Macht zu dezentralisieren. Durch die Zusatzabkommen ermutigt es grenzüberschreitende Kontakte

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zwischen Umwelt-, Arbeitnehmer- und Menschenrechtsgruppen und eröffnet den mexikanischen NGOs
neue Möglichkeiten. Und es bezieht Mexiko stärker
in das globale Dorf ein.
Vergleichen Sie die Reaktionen der mexikanischen
Behörden auf die Studentenunruhen im Jahr 1968
und die jüngste Rebellion in Chiapas. Im Januar
1994 trug die öffentliche Meinung dazu bei, die
Mexikaner mit repressiven Reflexen ruhig zu stellen
und die Mexikaner zu unterstützen, die Dialog und
soziale Reformen bevorzugen. Das NAFTA ist zu
jung, um den Lebensnerv der Zapatistas zu treffen,
aber wegen des NAFTA sind einige Rebellen vielleicht heute noch am Leben. Nach den NAFTADebatten und der Chiapas-Revolte verbesserten sich
die Aussichten für echte Wahlreformen in Mexiko.
Die Verabschiedung des NAFTA hat in ganz Lateinamerika deutlich spürbare Aufregung hervorgerufen.
Seit der Allianz für den Fortschritt hat es nicht mehr
so großes Interesse und Optimismus für interamerikanische Zusammenarbeit gegeben. Nationen, die
vor nicht allzulanger Zeit die amerikanische politische
Intervention fürchteten, streben jetzt aktiv die Einbeziehung in den freien Handel in der Hemisphäre
an. Ein Politiker nach dem anderen aus Mittel- und
Südamerika sowie der Karibik hat Interesse am
Anschluß an das NAFTA zum Ausdruck gebracht.
Als Reaktion darauf bekräftige Präsident Clinton am
Abend der Abstimmung über das NAFTA seine
Absicht, "die anderen marktorientierten Demokratien
in Lateinamerika einzubeziehen, sie zum Beitritt zu
diesem großartigen amerikanischen Pakt aufzufordern, der meines Erachtens soviel Hoffnung für
unsere Zukunft enthält".
Der Präsident hat seinen Handelsbeauftragten und
andere hochrangige Berater angewiesen, die Modalitäten und Kriterien für die Erweiterung des Handels
auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zu
prüfen.
Bis zum Jahr 2000 könnten die amerikanischen
Exporte nach Lateinamerika die Exporte der Vereinigten Staaten nach Westeuropa sehr wohl übersteigen - und eine Million neuer Arbeitsplätze für
amerikanische Arbeitnehmer schaffen. Die amerikanischen Exporte könnten noch schneller zunehmen,
wenn die Handelshemmnisse weiterhin abgebaut
werden. Aus diesem Grund unterstützt die Administration uneingeschränkt regionale Abkommen, die
neuen Handel schaffen statt ihn umzulenken, und
dies sind die Bausteine für die Handelsintegration in
der Hemisphäre. Wir streben offenen Regionalismus
an - eine Hemisphäre, die durch Handel und Kapitalströme eng verbunden, aber dennoch offen für
Wettbewerb mit der übrigen Welt ist.

Seite 5

�Unser wichtigster Unterhändler bei Handelsfragen,
Mickey Kantor, nahm stellvertretend für Präsident
Clinton an der Amtseinführung von Eduardo Frei in
Chile teil. Botschafter Kantor bekräftigte das präsidiale Versprechen, ein Freihandelsabkommen mit
Chile anzustreben - ein Versprechen, das zum Teil
zu Ehren von Chiles sozialbewußter Demokratie
gegeben wurde.
Als direkte Folge von Treffen zwischen Präsident
Clinton und Politikern aus der Karibik und Lateinamerika erwarten wir die Ankündigung von Maßnahmen, die auf die Beschwichtigung ihrer Besorgnis
über die Auswirkungen des NAFTA auf ihre Volkswirtschaften und die Erweiterung von Handel und Investitionen ausgerichtet sind.
Innerhalb dieser hemisphärischen Gemeinschaft
besteht eine wachsende Konvergenz der Sichtweise
im Hinblick auf die angemessene Rolle des Staates
bei der Entwicklung. Ein starker, effizienter Staat
muß in physische Infrastruktur und Humankapital
investieren und gleichzeitig ein günstiges Umfeld für
Privatunternehmen und Regulierung unzulänglicher
Märkte schaffen.
Es gibt jedoch immer noch einige Politiker, die sich
nach einem omnipräsenten Staat zurücksehnen, der
die Firmen im Inland hinter hohen Zollmauern
schützte und städtische Verbraucher der Mittelklasse
subventionierte. Die Suche nach einer Rückkehr zu
einem mythologischen goldenen Zeitalter des Staatskapitalismus hat unheilige Allianzen unter traditionellen Rivalen hervorgebracht - zwischen Monopolkapitalisten und orthodoxen Linken. Was sie gemeinsam
haben, ist das Festhalten an einer veralteten Vision
des patemalistischen Staates.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert werden
Bestrebungen, an solchen überholten Entwicklungsmodellen festzuhalten, nur zu ineffizienten Produktionsmustern, Haushaltsdefiziten und unkontrollierter
Inflation, sinkenden Realeinkommen und zunehmender Armut führen - wobei die Demokratie selbst
letztlich das Opfer ist.
Ein weiterer gefährlicher Mythos ist, daß Strukturreformen autoritäre Techniken erfordern. Zahllose
Beispiele - von Jamaika bis Argentinien, von Costa
Rica bis zur Tschechischen Republik - belegen, daß
Demokratie sich an Veränderungen auf dem globalen Markt anpassen kann.
Die Antwort auf die Probleme von heute wird nicht in
müßigen Bestrebungen einer Rückkehr zu Mustern
der Vergangenheit zu finden sein. Es trifft jedoch
ebenso zu, daß Regierungen die Pflicht haben,
denen zu helfen, die durch den Wandel Schaden

Se'rte 6

erleiden - ihren Arbeitsplatz verlieren oder neue
Qualifikationen benötigen.
Aus diesem Grund
möchte Präsident Clinton das veraltete System der
Vereinigten Staaten zur Unterstützung der Arbeitslosen in ein System zur Wiederbeschäftigung umgestalten, um ein neues Bildungs- und Ausbildungssystem zu schaffen, das den Menschen echte Qualifikationen und die Fähigkeit vermittelt, neue zu erwerben. Das ist auch der Grund, warum viele lateinamerikanische Regierungen Bildungs- und Sozialprogramme an oberste Stelle ihrer Tagesordnung
setzen.
In den achtziger Jahren erzielte Lateinamerika
Fortschritte bei der Stabilisierung der Finanzen und
Strukturanpassungen, vertagte die soziale Tagesordnung jedoch. Heute leben ungefähr 45 Prozent der
Lateinamerikaner in Armut. Gleichzeitig wird enormer
neuer Reichtum angehäuft und verbreitert die bereits
tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen in einer
Region, die seit langem für die schlechteste Einkommensverteilung der Welt berüchtigt ist.
Es ist an der Zeit, den Menschen an erste Stelle zu
setzen - in der gesamten Hemisphäre. Ein gerechteres Einkommensmodell wird die politischen und
wirtschaftlichen Errungenschaften der achtziger Jahre
sichern. Demokratie muß einen besseren Lebensstandard liefern - oder das Pendel könnte in der Tat
zu Autoritarismus zurückschwingen.
Führende
Unternehmer in Lateinamerika sind sich zunehmend
bewußt, daß das beste Heilmittel gegen Anpassungsmüdigkeit mehr soziale Gerechtigkeit ist. Klügere
und gesündere Arbeitnehmer sind produktiver - und
wahrscheinlich bessere Bürger und bessere Demokraten. Die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens - insbesondere für Frauen - trägt zu
Chancengleichheit und Stabilisierung der Demokratie
bei.
Die Verlagerung von Ressourcen zu den Armen ruft
jedoch unweigerlich den Widerstand einiger Interessengruppen hervor. Bei diesem Kampf verbünden
sich die internationalen Finanzinstitutionen - mit
Ermutigung der Vereinigten Staaten - mit den Armen
und Entrechteten. Die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank konzentrieren ihre
Programme auf die soziale Tagesordnung, um ihr
eigenes soziales Mandat zu erfüllen und Wirtschaftsreformen zu legitimieren.
Information ist Macht. Die Interamerikanische Entwicklungsbank wird daher das Sammeln von Daten
über soziale Indikatoren fördern, detailliertere Studien
über die Armut erstellen und die Finanzlücke für die
Entwicklung des sozialen Sektors in jedem Land
analysieren. Damit die Interamerikanische Entwicklungsbank besser auf diese offenkundigen Erforder-

AMERIKA DIENST 02

�nisse reagieren kann, streben wir eine Aufstockung
ihres Kapitals um 40 Milliarden Dollar auf insgesamt
100 Milliarden Dollar an.
Entwicklungsstrategien müssen regionale Unterschiede berücksichtigen. Bei einem Treffen mit
mittelamerikanischen Staats- und Regierungschefs
schlug der guatemaltekische Präsident De Leon
Carpio eine Partnerschaft zur Förderung tragfähiger
Entwicklung in seiner Region zur offenkundigen
Begeisterung von Vizepräsident AI Gore und AIDDirektor Brian Atwood vor. Als Reaktion darauf
arbeitet USAID intensiv an der Anpassung seiner
eigenen neuformulierten Tagesordnung für tragfähige Entwicklung an die Erfordernisse in Mittelamerika
mit Konzentration auf die Umsiedlung von Flüchtlingen und Beteiligung der Basis, guter Regierungsführung und Verjüngung des Privatsektors, Bekämpfung der Armut und Umweltschutz.
In der gesamten Hemisphäre können wir die soziale
Tagesordnung durch Anpassung, Beratung, techni-

*

AMERIKA DIENST 02

sehe und finanzielle - bilaterale und multilaterale Hilfe fördern. Die Bekämpfung der Armut war auch
beim Amerika-Gipfel im Dezember 1994 ein zentrales
Thema.
Präsident Clinton war der Gastgeber des ersten seit
1967 anberaumten Gipfeltreffens - des ersten, an
dem nur demokratisch gewählte Politiker teilnahmen
und des ersten, das je in den Vereinigten Staaten
veranstaltet wurde. Der Gipfel bot eine einzigartige
Gelegenheit, Nutzen aus der beispiellosen Konvergenz demokratischer Werte und wirtschaftlicher
Gedanken in der gesamten Hemisphäre zu ziehen.
Zu den wichtigsten Themen des Gipfeltreffens zählten
gute Regierungsführung und bürgerliche Gesellschaften, die kollektive Verteidigung der Demokratie,
regionale Integration und Erweiterung des Handels
sowie tragfähige Entwicklung und Bekämpfung der
Armut. In diesem Zeitalter substantieller Symmetrie
wurde der Gipfel zum Test, ob die Staats- und
Regierungschefs der Hemisphäre gemeinsame Werte
in konkrete Arbeitspläne umsetzen können.

* * *

*

Seite 7

�REPUBLIKANER
11. Januar 1995

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN
IM KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika
WASHINGTON - (AD) - Der vor den Kongreßwahlen im vergangenen November unterzeichnete "Vertrag mit
Amerika" der republikanischen Partei sieht Gesetze über Steuersenkungen und eine Reduzierung staatlicher
Ausgaben sowie die Durchführung einer Reihe von Kongreßreformen vor.
Über 300 republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus und Anwärter auf Sitze in dieser Kammer
kamen am 27. September 1994 aus Anlaß einer Feierstunde zur Unterzeichnung des Vertrags mit Amerika
auf den Stufen vor dem Kapitol zusammen.
Am 4. Januar 1995, dem ersten Tag der Legislaturperiode des 104. Kongresses, erklärte der Speaker des
Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, die republikanischen Abgeordneten hätten "das Engagement sowie die
strenge Pflicht, unseren Vertrag mit Amerika zu erfüllen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des Vertrags mit Amerika.

Als republikanische Abgeordnete des Repräsentantenhauses und als eine Mitgliedschaft in diesem
Gremium anstrebende Bürger schlagen wir nicht nur
eine Änderung der Politik dieser Kammer vor,
sondern - was noch wichtiger ist - die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen dem
Volk und seinen gewählten Vertretern.

Ebenso wie Lincoln, unser erster republikanischer
Präsident, wollen wir mit Entschlossenheit das tun,
was Gott uns für Rechtens halten läßt. Wir werden
die Rechenschaftspflicht des Kongresses wiederherstellen. Wir werden den Zyklus von Skandalen und
Schändlichkeiten beenden. Wir werden alle wieder
stolz auf die Selbstverwaltung freier Menschen sein.

Aus diesem Grund bieten wir in diesem Zeitalter, in
dem die Vertreter des Staates Ausreden erfinden
und sich in Positur setzen, eine detaillierte Tagesordnung für die nationale Erneuerung, eine schriftliche Verpflichtung ohne Kleingedrucktes.

Am ersten Tag des 104. Kongresses wird die neue
republikanische Mehrheit umgehend die folgenden
bedeutenden Reformen verabschieden, die darauf
abzielen, den Glauben des amerikanischen Volkes an
seine Regierung und sein Vertrauen in sie wiederherzustellen:

Die in diesem Jahr stattfindenden Wahlen bieten
nach vierzigjähriger Kontrolle des Repräsentantenhauses durch eine Partei die Chance, in dieser
Kammer eine neue Mehrheit zu bilden, die die
Arbeitsweise des Kongresses verändert. Dieser
historische Wandel wäre das Ende einer aufgeblähten Regierung, die sich zu stark in das Leben der
Bürger einmischt und zu leichtfertig mit öffentlichen
Geldern umgeht. Er könnte den Beginn eines
Kongresses darstellen, der die Werte der amerikanischen Familie respektiert und den Glauben daran
teilt.

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Erstens. Alle auf den Rest des Landes anzuwendenden Gesetze gelten in ebensolcher Weise für den
Kongreß.
Zweitens. Auswahl einer großen, unabhängigen
Wirtschaftsprüfungsfirma zur umfassenden Überprüfung des Kongresses im Hinblick auf Verschwendung, Betrug oder Mißbrauch.
Drittens. Reduzierung der Anzahl von Ausschüssen
des Repräsentantenhauses und Kürzung der Ausschußmitglieder um ein Drittel.

Seite 1

�Viertens. Beschränkung der Amtszeit aller Ausschußvorsitzenden.
Fünftens. Verbot der Stimmabgabe durch einen
Bevollmächtigten in den Ausschüssen.
Sechstens. Die Ausschußsitzungen sollen öffentlich
sein.
Siebtens. Steuererhöhungen können nur mit einer
Dreifünftelmehrheit beschlossen werden.
Achtens. Ehrliche Buchführung bei unserem Staatshaushalt durch ausgeglichene Haushaltsbilanzen.
Demgemäß werden wir innerhalb der ersten 100
Tage des 104. Kongresses im Repräsentantenhaus
die folgenden Gesetzentwürfe vorlegen, von denen
jeder einzelne vor einer klaren und fairen Abstimmung eingehend und offen debattiert wird und die
sofortiger öffentlicher Überprüfung und Kontrolle
zugänglich sind.
1. Gesetz über steuerliche Rechenschaftspflicht

und eine strenge Regel erlassen wird, derzufolge
staatliche Leistungen nach zwei Jahren eingestellt
werden und der einzelne zur Förderung seiner
persönlichen Verantwortung einer Beschäftigung
nachgehen muß.
4. Gesetz über die Stärkung der Familie
Stärkere Unterstützung von Kindern, steuerliche
Anreize zur Adoption, Stärkung der Rechte von Eltern
bei der Bildung und Ausbildung ihrer Kinder, strengere Gesetze über Kinderpornographie sowie Steuerfreibeträge für die Pflege älterer Familienangehöriger,
um wieder die zentrale Rolle der Familie in der
amerikanischen Gesellschaft zu stärken.
5. Gesetz zur Wiederherstellung des Amerikanischen
Traums
Ein Steuerfreibetrag von 500 Dollar pro Kind, Aufhebung der steuerlichen Benachteiligung von Ehepaaren sowie die Schaffung eines Sparkontos für den
Amerikanischen Traum, um der Mittelschicht Steuererleichterungen zu gewähren.

Ein Ergänzungsantrag über einen ausgeglichenen
Haushalt und eine Begrenzung von Steuererhöhungen sowie ein Vetorecht der Legislative zur Erzielung einer ausgeglichenen Haushaltsbilanz sollen die
Rechenschaftspflicht eines außer Kontrolle geratenen Kongresses über die Verwendung von Steuergeldern wiederherstellen und von ihm verlangen, mit
denselben Haushaltsengpässen zu leben wie Familien und Unternehmen.

6. Gesetz zur Wiederherstellung der nationalen
Sicherheit

2. Gesetz über die Rückeroberung unserer Straßen

7. Gesetz über Gerechtigkeit gegenüber älteren
Bürgern

Ein Gesetzespaket zur Verbrechensbekämpfung
einschließlich eines realistischeren Strafmaßes,
Ausnahmen aus der Ausschlußregelung bei "in
gutem Glauben", wirksamen Bestimmungen bei der
Todesstrafe und Kürzungen bei den Sozialausgaben
des aus dem Sommer diesen Jahres stammenden
Gesetzes über die Verbrechensbekämpfung zur
Finanzierung des Baus von Gefängnissen und
zusätzliche Strafverfolgungsmaßnahmen, um die
Wohngegenden für die Menschen und die Schulen
für die Kinder sicherer zu machen.
3. Gesetz zur Förderung der persönlichen Verantwortung
Die Geburt unehelicher Kinder und Schwangerschaften unter Teenagern sollen entmutigt werden,
indem minderjährige Mütter von der Sozialhilfe
ausgeschlossen, weitere Finanzhilfen für zusätzliche
Kinder während des Erhalts von Sozialhilfe gesperrt,
die Gelder für Sozialhilfeprogramme gekürzt werden

Seite 2

Keine amerikanischen Truppen unter dem Kommando der Vereinten Nationen und Wiederherstellung
essentieller Bestandteile unserer nationalen Sicherheitsfinanzierung zur Stärkung unserer nationalen
Verteidigung und Beibehaltung unserer weltweiten
Glaubwürdigkeit.

Erhöhung der Einkommensobergrenze für den Erhalt
von Sozialleistungen, die derzeit ältere Bürger aus
der erwerbstätigen Bevölkerung verdrängt, Aufhebung
der 1993 verfügten Steuererhöhungen auf Sozialversorgungsleistungen und steuerliche Anreize für den
Abschluß einer privaten Pflegeversicherung, damit
ältere Amerikaner mehr von dem behalten können,
was sie mit den Jahren verdient haben.
8. Gesetz über die Schaffung von Arbeitsplätzen und
Lohnerhöhungen
Anreize für kleine Unternehmen, Kürzung und Indexierung von Kapitalerträgen, Rückgewinnung neutraler Kosten, Risikoprüfung/Kosten-Nutzen-Analyse,
Stärkung des Gesetzes über Ausführungsflexibilität
und Reform nicht fundierter Mandate zur Schaffung
von Arbeitsplätzen sowie Lohnerhöhungen.
9. Gesetz über eine vernünftige Gesetzesreform

AMERIKA DIENST 02

�Gesetze über die Finanzierung der Prozeßkosten
durch den Verlierer des Prozesses, vernünftige
Begrenzung von über den Schadenersatz hinausgehenden Bußen und Reform von Gesetzen über die
Produkthaftung, um der Welle endloser Rechtsstreitigkeiten Einhalt zu gebieten.

Ferner werden wir dem Haushaltsausschuß des
Repräsentantenhauses Anweisung zur Berichterstattung im Plenum geben und an zusätzlichen Haushaltseinsparungen arbeiten, die über die obengenannten Haushaltskürzungen hinausgehen um
sicherzustellen, daß das Haushaltsdefizit mit Hilfe
dieser Gesetze verringert wird.

10. Gesetz über eine Legislative der Bürger
Die erste Abstimmung ihrer Art über eine Begrenzung der Amtszeit, um Berufspolitiker durch bürgerliche Gesetzgeber zu ersetzen.

*

AMERIKA DIENST 02

Unter Berücksichtigung der Urteilskraft unserer
Mitbürger, deren Mandat für Reformen wir anstreben,
bürgen wir hiermit mit unserem Namen für diesen
Vertrag mit Amerika.

* * * *

Seite 3

�MARTIN

LUTHER

KING
11. Januar 1995

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die Bürgerrechtsbewegung
WASHINGTON - (AD) - Am kommenden Montag,
dem 16. Januar, werden die Amerikaner erneut den
Geburtstag von Martin Luther King Jr. mit einem
Nationalfeiertag zu seinem Gedenken begehen. In
großen und kleinen Städten werden sich die Menschen versammeln, um sich an den Traum von
Rassengleichheit und an den Träumer zu erinnern,
der soviel dazu beigetragen hat, Amerika und die
Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Für viele ist die Botschaft von Martin Luther King
jedoch zu wichtig, um sich ihrer nur an einem Tag
zu erinnern. In Schulen, Forschungsinstitutionen
und Bibliotheken im ganzen Land werden ständige
Sondersammlungen und Ausstellungen über die
Lehren von Dr. King und die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung gezeigt, die er mitanführte.
Eine der umfassendsten Sammlungen in einer
öffentlichen Einrichtung befindet sich Charles Hicks,
einem Bibliothekar der Abteilung Studien über
Schwarze zufolge in der Martin Luther King Memorial Library im Zentrum der Bundeshauptsstadt Washington.
Hicks erklärte, es gäbe zahlreiche Universitätsbibliotheken und Forschungsinstitutionen, die ebenfalls
über umfangreiche Sammlungen über die Geschichte der Bürgerrechte und der Schwarzen verfügen,
"aber als öffentliche Bibliothek haben wir ein allgemeines Publikum, darunter auch Kinder. Wir
führen zum Beispiel viele Bücher und Broschüren
über Dr. King, die auf ein junges Publikum in einer
Sprache ausgerichtet sind, die es versteht."
Darüber hinaus, so Hicks, befinden sich in der Martin
Luther King Memorial Library auch Romane über die
Geschichte der Schwarzen und die Bürgerrechtsbewegung, die für gewöhnlich nicht in Forschungsbibliotheken erhältlich sind.
Auf die Frage, wer die Bibliothek vornehmlich
besucht, antwortete Hicks: "Es ist wirklich ein sehr
breites Spektrum von Besuchern. Junge Afroamerikaner in Washington sind besonders an Dr. King
interessiert, und sie zeigen auch großes Interesse

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an anderen Bürgerrechtlern wie Malcolm X und
Marcus Garvey."
Laut Hicks kommen jedoch auch viele Besucher aus
dem Ausland in die Bibliothek. "Dr. King übt immer
noch national und international große Anziehungskraft
aus", stellte er fest. "Ich bin immer wieder erstaunt,
daß Besucher aus China und Japan sowie westindischen und afrikanischen Ländern hierherkommen.
Sie alle wollen etwas über das Vermächtnis von
Martin Luther King Jr. lesen", fügte er hinzu.
Die 1972 eröffnete Bibliothek hat nicht nur Bücher
über Dr. King, die Bürgerrechtsbewegung und afroamerikanische Geschichte im allgemeinen in ihrem
Bestand, sondern auch eine umfassende Sammlung
von Schallplatten sowie Audio- und Videokassetten.
Wenn man beispielsweise Dr. Kings 1963 gehaltene
berühmte Rede "Ich habe einen Traum" in ganzer
Länge sehen möchte, so hat die Bibliothek eine
Videoaufzeichnung. Man kann die Videokassette
kostenlos ausleihen oder sie für einen kleinen Betrag
kaufen.
Die moderne Bürgerrechtsbewegung in Amerika
nahm ihren Anfang am 1. Dezember 1955 in Montgomery (Alabama), als eine müde, hart arbeitende
Afroamerikanerin namens Rosa Parks sich weigerte,
ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Mann
zu räumen, wie es die Gesetze der Bundesstaaten zu
jener Zeit forderten.
Aber Rosa Parks Akt des Widerstands wäre umsonst
gewesen, wenn nicht ein junger Baptistenprediger,
Martin Luther King Jr., die Stunde genutzt und einen
382tägigen Kampf zur Aufhebung der Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehrssystem der Stadt
geführt hätte. Obwohl er den Widerstand nie unterschätzte, hegte King keinen Zweifel am Ausgang des
Kampfes. "Es ist die großartige Ironie des Schicksals, daß wir an jenem Tag Montgomery - die Wiege
der Konföderation - zu Montgomery - der Wiege von
Freiheit und Gerechtigkeit - gemacht haben", erklärte
er. Ein Jahr später verfügte das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten, daß die Rassentrennung in Bussen verfassungswidrig ist.

Seite 1

�So begann die heroische Reise Martin Luther Kings
von Montgomery (Alabama) nach Memphis (Tennessee). Bei seinem 13 Jahre währenden Streben nach
der Schaffung einer sogenannten liebenden Gemeinschaft bereiste King das Land - von Norden nach
Süden, von Osten nach Westen - und forderte
Gerechtigkeit und Rassengleichheit. Wo immer er
war, forderte er das Gewissen Amerikas heraus und
wurde zur vielleicht dominantesten Stimme seiner
Zeit.

fei war. Es macht mir nichts aus. Wie jeder andere
wünsche ich mir ein langes Leben - ein langes Leben
hat seinen Stellenwert. Aber darüber bin ich jetzt
nicht besorgt. Ich will nur Gottes Willen erfüllen.
Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Ich
habe vom Gipfel geschaut und das Gelobte Land
gesehen. Ich werde vielleicht nicht gemeinsam mit
Euch dorthin gelangen. Aber ich möchte Euch heute
abend sagen, daß wir als Volk gemeinsam ins
Gelobte Land gelangen werden."

Als er im Frühjahr 1968 nach Memphis kam, warder
erst 39jährige King bereits von den langen Jahren
des Protestes, der Märsche und des Kampfes um
das Geburtsrecht aller Amerikaner, aller Bürger der
Welt erschöpft. Es war typisch für ihn, daß er nach
Memphis ging, um sich für die im Gesundheitswesen
Beschäftigten einzusetzen, die seiner Ansicht nach
mit ungerechten und unfairen Bedingungen zu
kämpfen hatten.

King überlebte seine letzte Reise nach Memphis
nicht. Seine Stimme wurde von der Kugel eines
Mörders zum Schweigen gebracht - ein Ereignis, das
sich im Gedächtnis jedes zu dieser Zeit lebenden
Menschen einprägte. Seine Botschaft lebt jedoch
weiter und ist ein Stachel im Gewissen einer immer
noch von rassischen und ethnischen Konflikten
gepeinigten Welt. "Es gehört zu den moralischen
Geboten unserer Zeit", erklärte King, "daß wir weltweit mit unerschütterlicher Entschlossenheit an der
Beseitigung der letzten Relikte des Rassismus
arbeiten müssen. Das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Sein bösartiger Griff kennt keine
Grenzen."

Obwohl die Atmosphäre in Memphis gespannt war
und sich in der Stadt zahlreiche Vorfälle ereigneten,
war dies nichts Neues für den Mann, der in Amerika
die Sache der Bürgerrechte verkörperte. Martin
Luther King hatte sich bereits an den wütenden Mob,
repressive Polizeiaktionen und lebensbedrohliche
Gefahren gewöhnt.
Es war jedoch offensichtlich, daß das Verhalten Dr.
Kings in Memphis irgendwie verändert war. Er
schien die Vorahnung zu haben, daß sich seine
Rolle im Kampf um die Bürgerrechte dem Ende
näherte. Dies wurde für jeden augenfällig, der seine
am Abend vor seiner Ermordung im Masonic Temple
gehaltene Rede hörte.
"Ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird", sagte er.
"Vor uns liegen schwierige Tage. Für mich ist das
nicht mehr wichtig, weil ich bereits auf dem Berggip-

*

Seite 2

*

Am kommenden Montag wird in den gesamten
Vereinigten Staaten des Erbes von Martin Luther
King gedacht. In Washington, wo Dr. King auf den
Stufen des Lincoln Memorial seine berühmte Rede
"Ich habe einen Traum" hielt, werden sich die Bürger
wie in jedem Jahr in der Martin Luther King Memorial
Library versammeln, um des Mannes und seines
Traums von Harmonie zwischen den Rassen aller
Völker zu gedenken. "Es läuft wirklich darauf hinaus,
daß das ganze Leben aus Wechselbeziehungen
besteht. Wir alle sind im unentrinnbaren Netz der
Gegenseitigkeit gefangen, und unsere Schicksale
sind miteinander verwoben. Was den einen direkt
betrifft, betrifft alle anderen indirekt.

*

*

AMERIKA DIENST 02

�PORTRAT
11. Januar 1995

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE
IM STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat
WASHINGTON - (AD) - Bob Dole, der Mehrheitsführer der Republikaner im 104. Kongreß der Vereinigten Staaten, ist einer der bekanntesten amerikanischen Politiker und mit seiner bereits 34jährigen
Tätigkeit im Kongreß zweifellos einer der altgedientesten. 1992 wählte ihn die Bevölkerung von Kansas zum fünften Mal für eine sechsjährige Amtszeit
im Senat. Davor war er Abgeordneter des Repräsentantenhauses.

Es wird gemunkelt, Dole werde 1996 einen dritten
Anlauf als Präsidentschaftskandidat unternehmen.
Eigenen Angaben zufolge hat er aber noch keine
Entscheidung getroffen, ob er das Amt des Präsidenten anstrebt. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN teilte Dole jedoch mit: "Wenn
Clinton in seiner Eigenschaft als Präsident für das
Amt des Präsidenten kandidieren kann, gilt dasselbe
zweifelsohne für einen Mehrheitsführer."

Als Führer der Minderheitsfraktion der Republikaner
im Senat des vorigen Kongresses bediente sich Dole
geschickt des Filibuster zur Verhinderung von
Abstimmungen durch Marathonreden, um die Annahme von Vorschlägen der Demokraten zu blockieren, die auf Widerstand der Republikaner stießen.
Als Mehrheitsführer besitzt er jetzt die Macht, mehr
zur Förderung der republikanischen Tagesordnung
zu unternehmen.

Der Almanach amerikanischer Politiker erklärt Doles
lange politische Tätigkeit folgendermaßen:
"Er
arbeitet hart und behält dabei immer einen Sinn für
Humor.
Er hält an bestimmten, grundlegenden
Prinzipien fest, obwohl er keineswegs ein politischer
Theoretiker ist. Er hat sich den Respekt verdient,
den ein Politiker nur bekommt, wenn er harte Zeiten
ebenso übersteht wie gute, wenn er eine Niederlage
erleidet, danach gegen die Widrigkeiten kämpft und
einen Sieg erringt."

"Die Republikaner werden jetzt die Last der Führungsrolle tragen... Wenn wir (im Kongreß) die
Mehrheit haben, müssen wir etwas bewirken",
erklärte Dole kurz nach dem bemerkenswerten Sieg
der Republikaner bei den Kongreßwahlen im November 1994 in einem Fernsehinterview.
Dole beginnt seine zweite Amtszeit als Mehrheitsführer, nachdem er diese Position von 1985 bis 1986
innehatte, als der Senat unter der Reagan-Administration von den Republikanern kontrolliert wurde.
Ferner war er Vorsitzender des Finanzausschusses
des Senats, Vorsitzender der Republikanischen
Partei, Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Kansas und Rechtsanwalt an einem Kreisgericht.
Der Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg wurde im
Kampf verwundet und mit militärischen Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet.
Dole kandidierte zweimal für das Amt des Präsidenten - 1988 und 1980. 1976 war er Kandidat seiner
Partei für das Amt des Vizepräsidenten auf der Liste
des amtierenden Präsidenten Gerald Ford, der dem
Kandidaten der Demokraten, Jimmy Carter, unterlag.

AMERIKA DIENST 02

Dole ist ein echter Konservativer und ein geschickter
Politiker. Vor allem ist er aber ein gesetzgeberischer
Pragmatiker, was ihm bei einigen der überzeugtesten
Republikaner im Kongreß Schwierigkeiten einbrachte.
Viele politische Analysten diskutieren, ob Dole und
der neue Speaker des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, zusammenarbeiten können.
In einem Interview mit dem Nachrichtensender ABC
am 4. Januar prognostizierte Dole, er und Gingrich
würden miteinander auskommen.
"Wir sind uns unserer Verantwortung bewußt. Wir
wollen das Land in die richtige Richtung führen, und
ich hoffe, daß wir dabei von den Demokraten tatkräftig unterstützt werden", so Dole.
Der Publikation Congressional Quarterly (CQ)
zufolge ist es eine "Schlüsselfrage, wie Dole mit den
Spannungen zwischen den jüngeren Konservativen
und der älteren Generation pragmatischerer Republikaner umgeht, mit denen er identifiziert wird".

Seite 1

�Obwohl Dole "den unerschütterlichen steuerlichen
Konservativismus seiner Partei teilt, neigt er zu
Pragmatismus und Kompromissen. Er ist oft bereit,
harte Parteipolitik einer Übereinkunft im Kongreß
unterzuordnen", so CQ.
"Er ist auch der festen Überzeugung, daß die Regierung eine Rolle zu spielen hat, was ihn von den
neuen Republikanern unterscheiden könnte, die im
Wahlkampf die Ansicht vertraten, die Regierung
sollte fast nichts unternehmen."
CQ prognostiziert, Dole werde "wahrscheinlich
erleben, wie sein im wesentlichen gemäßigter
politischer Ansatz von den aggressiven Konservativen um ihn auf eine harte Probe gestellt wird - von
Gingrich im Repräsentantenhaus und dem ehrgeizigen republikanischen Senator Phil Gramm aus
Texas". Es wird erwartet, daß Gramm am 23.
Februar seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgibt.
Der 71jährige Dole wurde am 22. Juli 1923 in
Russell (Kansas) geboren, einer in der Prärie
gelegenen Stadt im Westen des fest in republikanischer Hand befindlichen Bundesstaates. Er sah sich
stets als Verkörperung des amerikanischen Ideals
und der Überzeugung, durch harte Arbeit und
Entschlossenheit könne ein Mann seine bescheidene
Herkunft hinter sich lassen und trotz aller Widrigkeiten großen Erfolg haben.

*

Seite 2

Der Sohn einer Hausfrau und eines Milch- und
Eierlieferanten ist eins von vier Kindern - zwei Jungen
und zwei Mädchen. Seine Schwestern leben noch,
seine Eltern und sein Bruder sind verstorben. Dole
besuchte die University of Kansas, verließ sie jedoch
vor dem Examen und trat im Zweiten Weltkrieg in die
Armee ein. Er war Zugführer der legendären 10.
Gebirgsjägerdivision in Italien und wurde 1945 nur
drei Wochen vor Kriegsende schwer verwundet. Dole
verbrachte die folgenden vier Jahre in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren und leidet noch
immer unter seinen Kriegsverletzungen, aufgrund
derer seine rechte Hand gelähmt ist.
Dole legte 1952 an der Washburn University in
Kansas sein juristisches Staatsexamen ab und
erwarb gleichzeitig den Titel eines Bachelor of Arts.
Noch vor seinem Juraexamen wurde er zum Abgeordneten des Repräsentantenhauses von Kansas
gewählt. Zwei Jahre später wurde er Staatsanwalt im
Landkreis Russell.
Dole hat aus erster Ehe, die geschieden wurde, eine
erwachsene Tochter. 1975 heiratete er die Rechtsanwältin Elizabeth Hanford, die in der ReaganAdministration Verkehrsministerin und unter Präsident
Bush Arbeitsministerin war. Derzeit leitet sie das
amerikanische Rote Kreuz.

*

AMERIKA DIENST 02

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reich zur wirtschaftlichen Lage der Amerikaner&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Arbeitsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Amerika-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Demokratische Werte und Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richard E. Feinberg&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Republikaner&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Steuersenkungen und Reformen im Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Vertrag mit Amerika&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Martin Luther King&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Martin Luther King Library&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Umfassende Sammlung über King und die Bürgerrechtsbewegung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bob Dole - über drei Jahrzehnte im Staatsdienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des Mehrheitsführers im Senat&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. Januar 1995

01

MARSHALL-ZENTRUM

VERRINGERUNG DES GEMEINSAMEN
RISIKOS UND EUROPÄISCHE
SICHERHEIT
Ansprache von Senator Lugar

PORTRAT

NEWT GINGRICH - EIN MANN MIT
VISION, TAGESORDNUNG UND ZEITPLAN
Der neue Speaker des Repräsentantenhauses

CLINTON NOMINIERT NEUEN LANDWIRTSCHAFTSMINISTER
Porträt von Dan Glickman

BILDUNG

NAFTA UND WEITERFUHRENDE BILDUNG
von Philip G. Altbach

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�MARSHALL-ZENTRUM
4. Januar 1995

VERRINGERUNG DES GEMEINSAMEN RISIKOS
UND EUROPÄISCHE SICHERHEIT
Ansprache von Senator Lugar
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Der republikanische Senator Richard G. Lugar aus Indiana hielt am
14. Dezember 1994 aus Anlaß der Verleihung akademischer Grade an die ersten Abgänger des George C.
Marshall-Zentrums in Garmisch-Partenkirchen eine Rede.
Das im Juni 1993 eingeweihte Marshall-Zentrum, das teilweise durch das Nunn-Lugar-Programm finanziert
wird, soll der Stabilisierung und Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg dienen. Dem ersten Abschlußjahrgang des Zentrums gehören 75 führende Militärs und Zivilisten aus 23 Ländern, einschließlich der
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas sowie der Neuen Unabhängigen Staaten (NUS) der ehemaligen
Sowjetunion an.
Aufgabe des Marshall-Zentrums ist die Unterstützung von Außen- und Verteidigungsministerien bei der
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen auf der Grundlage demokratischer Prinzipien. Der Lehrplan
konzentriert sich auf Planung, Organisation und Management der Verteidigungspolitik in demokratischen
Gesellschaften. Ferner fördert das Marshall-Zentrum die verteidigungspolitische Zusammenarbeit einzelner
Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Senator Lugar bei der Abschlußfeier gehaltene Ansprache.

Der heutige Tag ist ein historisches Ereignis für das
Marshall-Zentrum - die Verleihung akademischer
Grade an die ersten Absolventen des Colleges für
strategische Studien und Verteidigungspolitik. 75
Militärs und Zivilisten aus den neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas sowie den Neuen Unabhängigen Staaten Eurasiens sind zusammengekommen,
um gemeinsam etwas über die Stabilisierung und
Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg durch die
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen und
-Systeme mit demokratischen Grundsätzen zu
lernen.
Es ist mir eine Ehre, Teil dieser Erfahrung gemeinsamen Lernens zu sein.
"Verteidigung mit anderen Mitteln"
Die Vereinigten Staaten streben traditionsgemäß
nach Sicherheit durch eine Kombination von Abschreckung und Verteidigung - durch Entsendung
der besten Mannschaften, höchste Einsatzbereitschaft und modernste Rüstungstechnologie.

AMERIKA DIENST 01

Dies ist auch in Zukunft das grundlegende Verfahren
beim Schutz der nationalen Sicherheit Amerikas.
Heute haben wir jedoch die Chance, durch zusätzliche Methoden die Vereinigten Staaten zu schützen
und die europäische Sicherheit zu stärken. Diese
Methoden könnten als "Verteidigung mit anderen
Mitteln" unter dem Konzept des "gemeinsamen
Engagements" zusammengefaßt werden.
Veränderungen im internationalen Sicherheitsumfeld
Die Ereignisse seit 1988 haben eine neue Debatte
über die Aussichten und Gefahren kollektiver Sicherheit ausgelöst. Der Begeisterung nach den
Revolutionen von 1989 folgte eine nüchternere
Erkenntnis: Die Staatengemeinschaft bleibt den
Gefahren und Instabilitäten immer noch großenteils
anarchischer Regierungssysteme ausgeliefert.
Das Ende des Kalten Krieges und die Auflösung des
Warschauer Pakts haben die Determinanten internationaler Sicherheit verändert. Die Angst vor einer

Seite 1

�massiven Invasion Europas durch die Fulda-Gap
steht nicht länger im Mittelpunkt des Interesses
westlicher Verteidigungsexperten. Anstatt nach dem
Aufbau militärischer Macht zur Eindämmung massiver konventioneller Aggression zu streben, bemühen
sich die westlichen Verteidigungsexperten um die
Lösung der Probleme von Überrüstung, Demobilmachung stehender Heere, Umstrukturierung von
Verteidigungsapparaten und Rüstungsindustrien
sowie der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und waffenfähigem Material - und das
alles ohne den Vorteil einer klaren Definition von
Organisationskonzept, Mission oder Bedrohung.
In ähnlicher Weise hat die einst vorherrschende
Angst abgenommen, Atomwaffen könnten in einem
Weltkrieg vorsätzlich zur Untermauerung des Strebens nach politischer Einschüchterung oder bei
einem kalkulierten Überraschungsangriff eingesetzt
werden. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde
überall anerkannt, daß Abschreckung auch mit stark
reduzierten Atomwaffenarsenalen gewährleistet
werden kann. Der sicheren Kontrolle und Handhabung von Atomwaffen wird größere Priorität eingeräumt als der ständigen Weiterentwicklung von
Grundsätzen dauerhafter Abschreckung.
Zu unterschiedlichen Zeiten während des Kalten
Krieges wurden regionale Konflikte durch den
Einfluß von Satellitenbeziehungen zwischen regionalen Mächten und um deren Schutz konkurrierenden
Supermächten entschärft oder geographisch eingedämmt. Nachdem das Gleichgewicht des Schrekkens zwischen den Supermächten an Intensität
abgenommen hat, ist es weniger wahrscheinlich, daß
regionale Konflikte zu einem Weltkrieg eskalieren.
Es ist aber auch weniger wahrscheinlich, daß sie
durch den Einfluß und die Aktionen der Großmächte
abgewendet oder eingeschränkt werden. Obwohl
also die unmittelbare Gefahr eines militärischen
Konflikts großen Ausmaßes beträchtlich abgenommen hat, sind neue Probleme beim langfristigen
Umgang mit internationalen Sicherheitskrisen entstanden. Das Drama an der Peripherie Europas, in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, gekoppelt mit einem Anstieg regionaler Feindseligkeiten
aufgrund von konkurrierendem Nationalismus und
ethnischen Rivalitäten, stellt eine ernsthafte Gefahr
für die Stabilität dar und könnte den amerikanischen
und europäischen Interessen schaden.
Als Reaktion auf die Verringerung der traditionellen
strategischen Herausforderungen des Kalten Krieges
wird das amerikanische Verteidigungskonzept
umgestaltet. Den Vereinigten Staaten wird allgemein
die Fähigkeit zur weltweiten Machtausübung zugestanden. Im kommenden Jahrzehnt kann keine
andere Militärmacht eine größere Offensive außer-

Seite 2

halb ihrer Grenzen planen, ohne die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zu entschiedenen Gegenmaßnahmen zu berücksichtigen. Andererseits hat wegen
der Abnahme einer massiven konventionellen Bedrohung die politische Bereitschaft der Vereinigten
Staaten abgenommen, ihre überlegenen militärischen
Ressourcen und Fähigkeiten in Situationen einzusetzen, in denen die vitalen amerikanischen Interessen
nicht direkt bedroht oder eindeutig gefährdet sind.
Gemeinsame Sicherheit und Überprüfung des
nuklearen Einsatzkonzepts
Nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 blieben
3.000 Atomwaffen auf dem Territorium Belarus',
Kasachstans und der Ukraine sowie Tausende von
Nuklearwaffen in Rußland zurück. Das Schreckgespenst von Atomwaffen in den Händen der neuen
Nationen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sowie die regionalen Spannungen und die
Gefahr einer weltweiten Weiterverbreitung von
Atomwaffen hätten zu einer Erhöhung der nuklearen
Vergeltungskapazitäten der Vereinigten Staaten
führen können.
Sie entschieden sich nicht für diese Option!
Im Rahmen der jüngst abgeschlossenen Überprüfung
unseres nuklearen Einsatzkonzepts, das sich mit
Politik, Doktrin, Truppenstruktur, Operationen, Sicherheit und Rüstungskontrolle befaßt, wurden drei
große Problembereiche identifiziert, in denen die
Vereinigten Staaten ihr nukleares Einsatzkonzept
umgestalten müssen:
Erstens müssen die Vereinigten Staaten angesichts der abnehmenden, jedoch realen Gefahr
eines Scheiterns der Reformen in einigen der
neuen Staaten eine atomare Absicherung beibehalten.
Zweitens müssen sich die Vereinigten Staaten
selbst angesichts freundschaftlicherer Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der ehemaligen
Sowjetunion darüber Gedanken machen, daß der
Abbau von Nuklearwaffen in diesen Staaten
langsamer vonstatten geht als in unserem Land.
Drittens müssen sich die Vereinigten Staaten
angesichts ier mit den einschneidenden sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Reformen in
diesen Staaten einhergehenden Instabilität insbesondere mit der Sicherheit deren nuklearer
Waffenelemente und Materialien befassen.
Der wichtigste Anlaß, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, ist jedoch der Fortbestand von
ungefähr 25.000 Atomwaffen - mehr als genug, um

AMERIKA DIENST 01

�das nationale Überleben der Vereinigten Staaten zu
bedrohen.
Angesichts der unsicheren Zukunft und der Fortdauer dieses Vermächtnisses des Kalten Krieges
wird in der Überprüfung unseres nuklearen Einsatzkonzepts die Empfehlung gegeben, daß die Vereinigten Staaten ihre Flexibilität - eine "Absicherung"
- beibehalten, indem sie die Teile der Verteidigungsindustrie unterstützen, die für die strategischen und
andere nuklearen Systeme von einzigartiger Bedeutung sind, indem sie die Beibehaltung des Abschrekkungsarsenals gewährleisten und die Fähigkeit zur
Wiederherstellung der nuklearen Streitkräfte im
Bedarfsfall entwickeln.
Die zweite, in der Überprüfung des nuklearen Einsatzkonzepts aufgeworfene Frage war die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion zur Beschleunigung ihres
verzögerten Abbaus von Atomwaffen. In den letzten
sechs Jahren haben die Vereinigten Staaten ihre
atomaren Streitkräfte umgestaltet und abgebaut.
Rußland entschärfte mehr als die Hälfte seiner
ballistischen Raketen, wie in den beiden STARTVerträgen verlangt. START I trat erst letzte Woche
offiziell in Kraft. Das russische Arsenal nuklearer
nichtstrategischer Gefechtsköpfe übersteigt das der
Vereinigten Staaten bei weitem.
Die Geschwindigkeit des Abbaus und der Zerlegung
von Atomwaffen in Rußland ist teilweise auf innere
Unruhen und veraltete Ansichten über die Rolle von
Nuklearwaffen für die militärische Sicherheit zurückzuführen. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß
Entnuklearisierung teuer und schwierig ist.
Nunn-Lugarund Verringerung des gemeinsamen
Risikos
Das direkteste Instrument zur Beschleunigung des
Abbaus russischer Atomwaffen ist das Nunn-LugarProgramm zur Verringerung des gemeinsamen
Risikos. Das Nunn-Lugar-Programm stellt Mittel
bereit, um den Abbau des Atomwaffenarsenals der
ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen, die sowjetische Rüstungsindustrie auf zivile Produktion umzustellen und allgemein beim Abbau überflüssiger
Elemente der Streitkräftestruktur der früheren
Sowjetunion zu helfen.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten handelte
unverzüglich, als er das Programm im Haushaltsjahr
1992 ins Leben rief und sich zunutze machte, was
Senator Nunn und ich als einen ungewöhnlichen
historischen Augenblick ansahen. Der Zerfall der
Sowjetunion rief enorme Unsicherheit über die auf
ihrem Territorium aufgestellten Waffen hervor, über

AMERIKA DIENST 01

die daraus resultierenden Gefahren von Mängeln bei
Sicherheit und Kontrolle und somit die Weiterverbreitung.
Das Nunn-Lugar-Programm bot den
Vereinigten Staaten die einzigartige Chance, ihre
eigene Sicherheit, die Rußlands und anderer Republiken zu gewährleisten, indem sie den Republiken
beim Abbau des Arsenals von Massenvernichtungswaffen der früheren Sowjetunion Beistand leisteten.
Die Notwendigkeit des Nunn-Lugar-Programms
Zum Zeitpunkt der Auflösung der Sowjetunion waren
schätzungsweise 30.000 nukleare Gefechtsköpfe auf
die sowjetischen Republiken verteilt, und außerhalb
Rußlands auf dem Gebiet von Belarus, Kasachstan
und der Ukraine befanden sich ungefähr 1.400
nukleare strategische Gefechtsköpfe. Der Zerfall der
Sowjetunion weckte das Schreckgespenst von drei
möglichen Atomstaaten in Eurasien. Ferner entstand
eine nie zuvor dagewesene Gefahr nuklearer Weiterverbreitung, da die sowjetische Rüstungsindustrie nahezu 40 Prozent der sowjetischen Volkswirtschaft veraltet war und Millionen von Atomwissenschaftlern
und in der Rüstungsindustrie Beschäftigten sich
Arbeitslosigkeit und Entwurzelung gegenübersahen.
Heute trägt die Nunn-Lugar-Hilfe zur Verteidigung
Amerikas bei, jedoch nicht durch den Aufbau weiterer
Abschreckung und defensiver Kräfte der Vereinigten
Staaten.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt eine
Verteidigung gegen diese Gefahren dar, indem sie
sie von Grund auf beseitigt. Das Nunn-Lugar-Programm leistet einen Beitrag zu den amerikanischen
Sicherheitsinteressen, indem es dieses riesige
Arsenal abbaut, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindert und die Umgestaltung
der Rüstungsindustrie und verteidigungspolitischen
Fähigkeiten zu friedlichen Zwecken fördert.
Der START I-Vertrag und das Lissaboner Protokoll,
mit denen ich mich im Rahmen des Ratifizierungsprozesses im Senat befaßte, waren ein entscheidender Beginn dieses Prozesses. Wie Senator Nunn
und ich bei der Schaffung des Nunn-Lugar-Programms erkannten, verhinderten die zur Umsetzung
der Versprechen und Verpflichtungen dieser Abkommen erforderlichen Aktionen jedoch, daß die Staaten
der ehemaligen Sowjetunion, die sich inmitten innenpolitischer und wirtschaftlicher Revolutionen befinden,
mit einer Herausforderung ungeheurer Größenordnung konfrontiert werden. Die unter dem NunnLugar-Programm bereitgestellte technische Hilfe
gestartet den Prozeß des Abbaus von Atomwaffen in
diesen Ländern sicherer und schneller.
Das Nunn-Lugar-Programm macht die Zerlegung von
Atomwaffen nicht nur schneller und in technischer
Hinsicht sicherer, sondern bietet auch andere bedeu-

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�tende Vorteile. Es trägt dazu bei, das Engagement
der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion
beim Abbau von Massenvernichtungswaffen zu
erhalten und sie dabei praktisch zu unterstützen.
Das Nunn-Lugar-Programm macht die Vereinigten
Staaten zu einem kooperierenden Partner und gibt
uns eine Stimme am Tisch dieser Nationen bei
Entscheidungen über die Aufstellung ihrer Waffen,
Streitkräfte und Rüstungsproduktion.
Vor allem hat das Nunn-Lugar-Programm die Aufmerksamkeit der führenden Politiker dieser Staaten
auf die Nuklearfrage als dringende Priorität gelenkt,
wo diese sonst vielleicht ausschließlich mit ihren
eigenen politischen und ökonomischen Problemen
beschäftigt gewesen wären. Die Aussicht auf NunnLugar-Hilfe hat die politischen und wirtschaftlichen
Kosten bei schwierigen Entscheidungen über den
Abbau von auf ihrem Territorium befindlichen Waffen
in gewisser Weise verringert. Gleichzeitig spornt
unsere Hilfe diese Staaten an, zu den Bestrebungen
um einen Abbau von Atomwaffen ihre eigenen
beträchtlichen Ressourcen beizusteuern.
Die Leistungen des Nunn-Lugar-Programms
Das Nunn-Lugar-Programm hat zur Beseitigung
von über 1.600 nuklearen strategischen Gefechtsköpfen - ungefähr der Hälfte - aus den
Beständen in Rußland, der Ukraine, Belarus und
Kasachstan beigetragen.
Es unterstützt den Abzug strategischer Systeme
aus diesen vier Nationen: Aus Kasachstan
werden SS-18 abgezogen, aus Belarus SS-25,
die Ukraine hat 40 SS-19 sowie ihre gesamten
SS-24 entschärft und transportiert die Gefechtsköpfe zu ihrer Zerlegung nach Rußland. Das im
Januar geschlossene trilaterale Abkommen
zwischen Rußland, der Ukraine und den Vereinigten Staaten wäre ohne das Nunn-LugarProgramm nicht möglich gewesen.
Ungefähr 3.000 ehemalige russische Waffenforscher finden bei zivilen Projekten wieder Beschäftigung.
Die Verringerung der nuklearen Bedrohung kann
nicht unmittelbarer und direkter gestaltet werden.
Am Ende des Jahres 2003 könnte das Nunn-LugarProgramm zum Abbau strategischer Systeme mit
ungefähr 8.000 nuklearen Gefechtsköpfen beigetragen haben. Dadurch würde das russische Atomwaffenarsenal auf das in den START I- und START IIVerträgen vorgegebene Ausmaß reduziert.
Kontrolle und Nachweis von Nuklearmaterial

Seite 4

Dies führt mich zu einem dritten Anliegen der Vereinigten Staaten: Dem möglichen Verlust einer
Kontrolle über die Atomwaffen der ehemaligen
Sowjetunion, ihre Komponenten und Materialien.
Dieses Anliegen beinhaltet nicht nur die Gefahr, daß
spaltbares Material in die falschen Hände gerät,
sondern auch die Gefahr unkontrollierter taktischer
Atomwaffen wie nuklearer Artilleriegeschosse, von
denen einige so klein sind, daß sie im Kofferraum
eines Autos untergebracht werden können.
Das Nunn-Lugar-Programm wurde ins Leben gerufen,
als verantwortungsbewußte Vertreter von Militär und
Regierung Rußlands in Washington mit Senator Nunn
und mir zusammentrafen und darauf drängten, die
Vereinigten Staaten sollten sich gemeinsam mit den
Russen Gedanken über den Nachweis und die
Sicherheit dieser Atomwaffen machen.
Die außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen
den Vereinigten Staaten und Rußland basierte von
Anfang an auf den wichtigsten nationalen Interessen
beider Länder, Unfälle und eine Weiterverbreitung
von Atomwaffen zu verhindern.
Das Atomwaffenarsenal Rußlands übertrifft das der
Vereinigten Staaten an Anzahl und Vielfalt. Die
strategischen und nichtstrategischen Streitkräfte
Rußlands sind auf über 100 Stellen verteilt. Außerdem haben viele dieser Waffen veraltete Sicherheitsund Verschlußvorrichtungen.
Wichtig ist, daß die überschüssigen Waffen schnell
zerlegt werden und die verbleibenden Waffenbestände an möglichst wenigen Orten und unter strengsten
Bestandskontrollen gelagert werden.
Im Rahmen des Nunn-Lugar-Programms riefen die
Vereinigten Staaten mehrere Projekte ins Leben, um
die Kontrolle spaltbaren Materials und kooperative
strafrechtliche Bestrebungen zu verbessern. Diese
Programme erstrecken sich auf vier grundlegende
Gebiete:
Erstens, die Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials. Die Vereinigten Staaten und Rußland
unterzeichneten im Juni ein Abkommen über die
Stillegung der verbleibenden Reaktoren zur
Herstellung von Plutonium bis zum Jahr 2000
sowie das Verbot der Verwendung von Plutonium
für waffenfähige Zwecke.
Zweitens, mehr Sicherheit bei der Lagerung. Die
Vereinigten Staaten sind bereit zur Zusammenarbeit mit Rußland beim Bau einer neuen Lagereinrichtung für aus zerlegten Waffen stammendes
spaltbares Material.

AMERIKA DIENST 01

�Drittens, verstärkte Zusammenarbeit. Die Vereinigten Staaten streben insbesondere die Durchführung von Programmen zur Gewährleistung der
Kontrolle und des Nachweises von Nuklearmaterial an, beispielsweise zwischen unseren Waffenlabors.
Viertens, verbesserte Bestandsaufnahmen. Die
Vereinigten Staaten favorisieren die Entwicklung
eines Regimes zur Überprüfung der Bestandsverzeichnisse über überschüssige nukleare Gefechtsköpfe und aus zerlegten Sprengköpfen
stammendes Nuklearmaterial.
Verringerung des gemeinsamen Risikos und
nationale Sicherheitsinteressen Amerikas
Im Rahmen unseres Programms zur Verringerung
des gemeinsamen Risikos wurde im vergangenen
Jahr viel erreicht. Wenn die Ukraine, Belarus und
Kasachstan sich im letzten Jahr entschlossen hätten,
unter die Atommächte zu gehen, wäre die Gefahr für
die Vereinigten Staaten und Rußland sowie die
Notwendigkeit von Verteidigungsausgaben zur
Begegnung der Bedrohung, insbesondere bei der
nuklearen Modernisierung, unvorstellbar größer
gewesen als die Gefahren, denen sich die Welt
heute gegenüber sieht. Der Prozeß der Entschärfung und des Abbaus von Atomwaffen in der Ukraine, Belarus und Kasachstan befindet sich jedoch
erst im Anfangsstadium. Zehntausende von Nuklearwaffen und große Mengen spaltbaren Materials
bleiben unter Bedingungen in Rußland, die nicht
unseren Anforderungen an Sicherheit oder Transparenz entsprechen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten ist das NunnLugar-Programm einzigartig, da es uns die Chance
gibt, bescheidene Finanzmittel zum beträchtlichen
Abbau von Gefahren einzusetzen, mit denen wir
während des gesamten Kalten Krieges konfrontiert
waren, und der Entwicklung neuer Gefahren für
unsere Sicherheit zu begegnen. Das ist für die
Finanzierung der nationalen Sicherheit Amerikas
äußerst wertvoll. Fortgesetzte Unterstützung des
Nunn-Lugar-Programms ist von entscheidender
Bedeutung, um den Vereinigten Staaten dieses
starke Instrument zur Verfolgung amerikanischer
Sicherheitsziele mit den Staaten der ehemaligen
Sowjetunion zu geben. Wir müssen diesen Ländern
weiterhin zeigen, daß wir ihre langfristige Entwicklung zu friedlichen, demokratischen Staaten unterstützen und uns nicht nur für einen Abbau der
Gefahr für unsere eigene Sicherheit engagieren,
sondern auch für die Unterstützung von Programmen, die das Sicherheitsempfinden dieser Länder
verbessern.

AMERIKA DIENST 01

Schlußfolgerung: Gemeinsames Engagement und
das Marshall-Zentrum
Den weltweit entstehenden neuen Bedrohungen kann
nicht ausschließlich durch militärische Einsatzbereitschaft und Abschreckung begegnet werden. Sie
erfordern konstruktivere und ausgefeiltere Maßnahmen, die sich auch darauf konzentrieren, Druck und
Einfluß auf die anfänglichen Kriegsvorbereitungen
von Streitkräften auszuüben und Entscheidungen
über ihren Einsatz ständig zu melden und zu kontrollieren. In gewisser Weise sind militärische Einsatzbereitschaft und Investitionen anderer Nationen
für die Sicherheit und militärische Planung der
Vereinigten Staaten ebenso wichtig wie jede direkte
militärische Bedrohung. Eine der besten Möglichkeiten, mit dieser neuen Art von Sicherheitsproblem
umzugehen, ist das "gemeinsame Engagement" - die
Verpflichtung zur Regulierung des Umfangs, der
technischen Mittel, Investitionsmuster und Operationspraktiken aller Streitkräfte mit beiderseitiger Einwilligung zum beiderseitigen Nutzen.
Ebenso wie Eindämmung und Abschreckung liegt der
Nutzen gemeinsamer Sicherheit darin, Grenzen
abzustecken. Der Schwerpunkt ist, die Anhäufung
von Mitteln zur Eroberung von Gebieten oder Zerstörung lebenswichtiger Aktivposten durch weitreichende Vorrichtungen zu verhindern. Mit anderen
Worten: Gemeinsame Sicherheit richtet sich auf die
Verhinderung von Kriegsvorbereitungen, nicht nur auf
direkte Teilnahme an der Bekämpfung zwischenstaatlicher Gewaltanwendung.
Grundlage dieser Art gemeinsamer Sicherheit ist
Übereinstimmung. Vorbedingung für ihren Erfolg ist
die weitverbreitete Zustimmung zu ihren organisatorischen Vorbedingungen.
Trotz der allgemeinen
Erkenntnis, daß sich die Dinge geändert haben, ist
die Konfrontationspolitik tief in den wesentlichen
Verpflichtungen, organisatorischen Abläufen sowie
vorherrschenden Überlegungen und Gewohnheiten
der wichtigsten Regierungen sowie ihrer Außen- und
Verteidigungsministerien verwurzelt.
Dies bringt mich wieder zu der Anerkennung der
Arbeit des George C. Marshall-Zentrums und der
heutigen Anwesenheit von Militärs und Zivilisten aus
23 Ländern, die sich gemeinsam mit der Theorie und
Praxis der Demokratisierung nationaler Sicherheitsstrukturen und -politik befassen. Es ist die Aufgabe
des Zentrums, hochrangigen Politikern eine verteidigungspolitische Weiterbildung anzubieten, die
sich auf Planung, Organisation und Management der
Verteidigungspolitik in demokratischen Gesellschaften
konzentriert. Sie richtet sich auf die Stabilisierung
und Stärkung Europas nach dem Kalten Krieg, indem
sie den für Außen- und Verteidigungspolitik Ver-

Seite 5

�antwortlichen in aufstrebenden Demokratien bei der
Entwicklung nationaler Sicherheitsinstitutionen und
-Systeme auf der Basis demokratischer Grundsätze
behilflich ist.
Heute ist ein Tag von Leistungen mit Signalwirkung.
Wir sind zusammengetroffen, um Ihre Leistungen als
erste Absolventen des Colleges für strategische
Studien und Verteidigungspolitik zu feiern. Sie
kehren in Ihr jeweiliges Land zurück, um im Verteidigungs- oder Außenministerium oder in anderen
führenden Schlüsselpositionen tätig zu werden.
Sie werden Botschafter des gemeinsamen Engagements und der Verringerung des gemeinsamen
Risikos in Europa sein. Die Herausforderungen des

*

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Übergangs zur Demokratie sind offensichtlich und
enorm, aber das Sehnen der Völker nach Freiheit
und Frieden, nach einem normalen und konstruktiven
Leben sowie nach verantwortungsbewußten und
weitblickenden Politikern ist noch viel stärker.
Wir zählen Sie zu den neuen Verfechtern der Demokratie und zu den Initiatoren jener praktischen Aktivitäten, die zu einer tiefen Verwurzelung der Demokratie führen.
Wir gratulieren Ihnen zu Ihren Leistungen und Ihrem
Erfolg. Sie werden zu einem Erfolg für uns alle, die
wir Ihren Idealismus teilen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 01

�4. Januar 1995

NEWT GINGRICH - EIN MANN MIT VISION,
TAGESORDNUNG UND ZEITPLAN
Der neue Speaker des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - Newt Gingrich, der neue
Speaker des Repräsentantenhauses im 104. Kongreß und Verfasser des Parteiprogramms der
Republikaner, "Vertrag mit Amerika", das derzeit in
den Buchläden der gesamten Vereinigten Staaten
verkauft wird, gelangte nicht durch Zufall zu seiner
heutigen Position.
Seit seiner ersten Wahl zum Kongreßabgeordneten
vor 16 Jahren führte Gingrich einen Kreuzzug, um
den Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zu entreißen und die amerikanischen
Werte neu zu definieren. Bei diesen Bestrebungen
bediente er sich moderner Kommunikationstechnologie und neuester Managementtheorie. Jetzt zahlt
sich seine Mühe aus.
Am 4. Januar wird der 51jährige Abgeordnete aus
Georgia und ehemalige Geschichtslehrer der erste
republikanische Speaker des Repräsentantenhauses
seit 40 Jahren.
Und er wird diese Rolle mit "einer Vision, einer
Tagesordnung und einem Zeitplan" übernehmen,
schreibt der Politikwissenschaftler Norman Ornstein
in Roll Call, einer auf dem Capitol Hill veröffentlichten Zeitung.
Gingrichs "risikofreudiger, kämpferischer und radikaler Ansatz hat funktioniert", so Ornstein, "und im
Repräsentantenhaus eine große Gruppe von Anhängern gefunden - kämpferische, konfrontationsfreudige, von ihrer Ideologie überzeugte, unter Zeitdruck
stehende Konservative".
Gingrichs derzeitige Berühmtheit ist das Ergebnis
des bemerkenswerten Sieges der Republikaner bei
den Kongreßwahlen Mitte November 1994, bei
denen sie die Mehrheit in beiden Kammern gewannen. In vielerlei Hinsicht hat die Vision Gingrichs
seine Partei zu ihrem kollektiven Erfolg geführt.
Gingrich kandidierte erstmals 1974 für ein Abgeordnetenmandat - im Südstaat Georgia gegen einen
Demokraten aus den Südstaaten - und verlor. 1976

AMERIKA DIENST 01

verlor er erneut, hielt jedoch durch und gewann 1978.
Seitdem wurde er alle zwei Jahre wiedergewählt.
Kurz nach seiner ersten Wahl ernannte ihn der
Vorsitzende des nationalen Kongreßausschusses der
Republikaner, der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Guy Vander Jagt aus Michigan, der den
Wahlkampf Gingrichs aufmerksam verfolgt hatte, zum
Vorsitzenden einer Arbeitsgruppe zur Erarbeitung
eines Plans für eine republikanische Mehrheit im
Kongreß.
"Ich wählte ihn unter ungefähr 155 republikanischen
Abgeordneten für diese Aufgabe aus, und seitdem
hat er Pläne für eine republikanische Mehrheit
entwickelt", teilte Vander Jagt der Washington Post
mit.
Gingrich wurde zunächst von vielen seiner Kollegen
im Kongreß als sich selbst fördernder Politiker
betrachtet, der sich im Repräsentantenhaus unverfroren ins Bild der Fernsehkameras drängte und die
Demokraten als Verschwender bezeichnete, deren
Sozialpolitik die Zukunft des Landes gefährde. Seine
Äußerungen erreichten Millionen von Haushalten per
Kabelfernsehen, obwohl Gingrich oft der einzige
Abgeordnete im Sitzungssaal war.
Mit derZeit sah eine wachsende Gruppe von Anhängern in dem unverfrorenen jungen Kongreßabgeordneten eine potentielle Führungspersönlichkeit und
scharte sich um ihn. Zu seinen Anhängern gehörten
Republikaner außerhalb und innerhalb des Kongresses sowie eine große Anzahl wohlhabender
Konservativer im ganzen Land.
1989 wählten ihn die republikanischen Abgeordneten
des Repräsentantenhauses mit 87 zu 85 Stimmen
zum "Einpeitscher" oder stellvertretenden Vorsitzenden der Minderheitsfraktion im Repräsentantenhaus.
Gingrichs Anhänger waren der Ansicht, er würde den
Republikanern neue Energie verleihen, die ihrer
Meinung nach die demokratische Mehrheitsfraktion in
der Kammer nicht aggressiv genug angriffen.

Seite 1

�Heute, fünf Jahre später, haben die gemäßigten
republikanischen Parteiführer großenteils das Repräsentantenhaus verlassen, und ihre neugewählten
Nachfolger teilen Gingrichs konservative Ideologie
und kampfbereiten Ansatz.
Neben seinen Pflichten in der Legislative unterrichtet
Gingrich an einem College in Georgia einen Kurs
"Erneuerung der amerikanischen Zivilisation", den er
im Januar fortsetzt. Der Kurs wird wöchentlich im
Kabelfernsehen übertragen. Ferner schrieb Gingrich
mehrere Bücher und unterzeichnete vor kurzem
einen Vertrag in Höhe von 4 Millionen Dollar mit
einem großen Verlagshaus über zwei Sachbücher.
Gingrich liest viel und wurde von den Zukunftsforschern Alvin und Heidi Toffler sowie dem Managementexperten Peter Drucker beeinflußt. Seit seiner
Wahl zum Speaker des Repräsentantenhauses
drängte er die Republikaner in seiner Kammer, die
Werke dieser Autoren sowie die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung und die Federalist Papers
zu lesen.
"Wir benötigen etwas, das die Ideen der Revolution
des Informationszeitalters, des Weltmarkts und die
klassischen Prinzipien der amerikanischen Zivilisation vereinigt", erklärte Gingrich kürzlich in einer
Rede. "Die zentrale Herausforderung der nächsten
sechs Monate besteht in der Beschleunigung unserer Kampagne, um den intellektuellen Kampf darüber
zu gewinnen, wie man ein erfolgreiches Land
definiert."
Gingrich wurde am 17. Juni 1943 in Harrisburg
(Pennsylvania) als Sohn eines Ehepaares im Teenageralter geboren. Die Eltern ließen sich scheiden,
als er noch ein Kind war. Seine Mutter heiratete
später einen Heeresinfanteristen - Robert Gingrich der den Jungen adoptierte. Die Familie, zu der drei
Halbschwestern zählen, wechselte häufig den
Wohnsitz - Kansas, Frankreich, Deutschland,
Georgia. Newt hatte eine besonders enge Beziehung zu seiner Mutter.
Mit 19 heiratete Gingrich seine sieben Jahre ältere
Geometrielehrerin Jacky Battley gegen den Willen
seines Stiefvaters und seiner Mutter.
1965 erwarb Gingrich einen Bachelor of Arts an der
Emory University in Atlanta, 1968 einen Master of
Arts in Geschichte an der Tulane University in New
Orleans und promovierte dort im Jahr 1971. Er
wurde dann Dozent an dem wenig bekannten West
Georgia College in Carrollton.

Seite 2

Gingrich und seine Frau haben zwei Töchter, und
wegen seiner familiären Verpflichtungen wurde er im
Vietnamkrieg vom Wehrdienst entbunden.
1980 reichte Gingrich die Scheidung ein, woraufhin
einige Wähler in Georgia im ihre weitere Unterstützung verweigerten. Kurz nach seiner Scheidung
heiratete er die acht Jahre jüngere Marianne Ginther,
mit der er noch verheiratet ist.
Aus einem Treffen mit dem ehemaligen republikanischen Präsidenten Richard Nixon, um das Gingrich
1982 gebeten hatte, ging die Conservative Opportunity Society (COS) hervor, eine Parteiversammlung
junger republikanischer Aktivisten, die zum Instrument
für Gingrichs nationale Berühmtheit und zur Verbreitung seiner Ideen wurde, die heute das Denken
der Republikaner im Repräsentantenhaus maßgeblich
beeinflußen.
Gingrich suchte die meisten der ersten COS-Mitglieder persönlich aus, und mit der Zeit umfaßte die
Gruppe mehrere Dutzend Kongreßabgeordnete.
Einige Mitglieder der COS fühlten sich angesichts der
Taktiken der Gruppe unbehaglich. "Newts Überzeugung, daß man, um letztlich Erfolg zu haben, das
System fast zerstören muß, damit man es wiederaufbauen kann, war für einige neue Mitglieder ziemlich
erschreckend", erinnerte sich der Kongreßabgeordnete Dan Coats aus Indiana kürzlich in einem Interview. "Ich möchte jedoch hinzufügen", so Coats,
"daß wir heute nicht wären wo wir sind, wenn Newt
nicht so vorwärts gedrängt hätte."
Und Gingrich verficht weiterhin seine Tagesordnung.
Nach seiner einstimmigen Nominierung zum Speaker
durch die Republikaner im Repräsentantenhaus
prognostizierte er, daß der erste Tag des 104.
Kongresses - der 4. Januar - der "längste Tag in der
Geschichte" wird, an dem die Republikaner eine
Reihe tiefgreifender innenpolitischer Reformen zu
verabschieden beabsichtigen.
Danach, so Gingrich, werde das Repräsentantenhaus
jeden Tag mit dem Verlesen einer Passage aus dem
"Vertrag mit Amerika" eröffnet, bis wie versprochen
über alle Verfügungen des Vertrags abgestimmt
worden sei. Gingrichs Erwartungen zufolge wird dies
die ersten 100 Tage der neuen Sitzungsperiode
beanspruchen.
Gingrich hat seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit
mit den Demokraten im Kongreß erklärt, ist jedoch
nicht geneigt, von seinen Prinzipien abzuweichen.
"Wir müssen enorm viel Arbeit leisten", stellte er im
Dezember fest. "Da wir jetzt in der Mehrheit sind,
haben wir eine sehr viel größere Verantwortung als

AMERIKA DIENST 01

�alles, mit dem wir uns bisher konfrontiert sahen. Es
ist eine sehr viel größere Herausforderung, als die
Kontrolle auszuüben."

scher Macht und Perioden ehelicher Untreue aufgewachsen. Beide haben nicht im Vietnamkrieg gekämpft."

Die Washington Post sieht "beeindruckende Ähnlichkeiten" zwischen Gingrich und Bill Clinton am
anderen Ende der Pennsylvania Avenue: "Beide
sind ohne leiblichen Vater, mit einer sie vergötternden Mutter, einer komplexen Beziehung zum Stiefvater, einem frühen und unersättlichen Wissensdrang,
obsessivem, jahrzehntelangem Streben nach politi-

"Beide kamen an die Macht, indem sie leidenschaftlich und brillant die Sache des Wandels verfochten.
Es bleibt abzuwarten, ob Gingrich sich besser als
Clinton den Enthusiasmus der Öffentlichkeit bewahren kann, wenn er nicht mehr nur den Status quo
ablehnt, sondern versucht, einen neuen zu formulieren."

*

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* * * *

Seite 3

�PORTRAT
4. Januar 1995

CLINTON NOMINIERT NEUEN
LANDWIRTSCHAFTSMINISTER
Porträt von Dan Glickman
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat den
Abgeordneten des Repräsentantenhauses, Dan
Glickman, einen der Architekten des Landwirtschaftsgesetzes von 1990, für das Amt des Landwirtschaftsministers nominiert.
Glickmans "Wissen und Erfahrung - sein Verständnis
für die Bedürfnisse amerikanischer Landwirte lassen ihn als geeignete Person für des Amt des
Landwirtschaftsministers im Jahr 1995 erscheinen,
wenn wir das nächste Landwirtschaftsgesetz formulieren", erklärte Präsident Clinton am 28. Dezember
1994 im Rosengarten des Weißen Hauses bei der
Bekanntgabe der Nominierung Glickmans.
Der Präsident fügte hinzu: "Er wird ein Sprachrohr
und Fürsprecher der amerikanischen Landwirte sein
und sicherstellen, daß die amerikanische Landwirtschaft beim Übergang ins 21. Jahrhundert auf einer
florierenden und soliden Grundlage steht. Die ganze
Welt beneidet uns um unser Agrarsystem, und das
muß so bleiben."
Glickman erklärte als Reaktion auf die Äußerungen
des Präsidenten, es werde seine "oberste Priorität"
sein, "dem von Ihnen gegenüber den Landwirten,
Viehzüchtern und der gesamten Landwirtschaft
Amerikas eingegangenen Versprechen nachzukommen - dem Versprechen einer stabilen Volkswirtschaft, die jedem die Chance für Wachstum und
Wohlstand bietet".
Glickman wurde 1976 in den Kongreß gewählt, wo
er den vierten Wahlbezirk von Kansas in neun
aufeinanderfolgenden, jeweils zweijährigen Amtsperioden vertrat. Er verlor sein Abgeordnetenmandat bei den Kongreßwahlen im November, bei denen
die Republikaner erstmals seit 40 Jahren die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat erhielten.
Während seiner Zeit als Kongreßabgeordneter
spielte Glickman für die amerikanische Landwirt-

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schaft eine führende Rolle. Er war Mitglied des
Landwirtschaftsausschusses des Repräsentantenhauses sowie von zwei Landwirtschaftsunterausschüssen. Er saß dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für Sammelgüter vor und war
Mitglied des Unterausschusses für Operationen des
Landwirtschaftsministeriums und Nahrungsmittel, der
mit der Beaufsichtigung des Landwirtschaftsministeriums beauftragt ist. Auf den Gebieten der Nahrungsmittelsicherheit und -kennzeichnung gilt Glickman
landesweit als führender Experte.
Im Falle seiner Bestätigung für das Amt des Landwirtschaftsministers wird es Glickmans größte Aufgabe
im kommenden Jahr sein, mit dem Kongreß das
Landwirtschaftsgesetz für die nächsten fünf Jahre
auszuarbeiten. Der Kongreß entwirft alle fünf Jahre
eine umfassende Landwirtschaftsgesetzgebung für
eine Vielzahl von Programmen zur Unterstützung der
Einkommen von Landwirten und der Rohstoffpreise.
Glickman war maßgeblich am Entwurf der letzten vier
Landwirtschaftsgesetze beteiligt. 1995 wird der neue
Kongreß eine neue Landwirtschaftsgesetzesvorlage
formulieren. Die führenden Republikaner im Kongreß
wollen die staatlichen Ausgaben für Agrarsubventionen kürzen, um das Haushaltsdefizit abzubauen.
"Ich werde das von Ihnen gegebene Versprechen
erfüllen, daß den amerikanischen Verbrauchern der
weltweit reichhaltigste Vorrat gesunder Nahrungsmittel zur Verfügung steht", äußerte Glickman gegenüber dem Präsidenten, als er seine Nominierung
annahm. Im Hinblick auf die bevorstehende Debatte
über das Landwirtschaftsgesetz fügte er hinzu: "Die
heutigen Landwirtschaftsprogramme haben zur
Schaffung dieser Möglichkeiten beigetragen - diese
Lektion sollten wir nie vergessen."
"Dennoch werden viele Fragen gestellt, die die
Verantwortlichen in der Landwirtschaft zum Überdenken der grundlegenden Ziele dieser Programme

Seite 1

�bewegen. Ich begrüße diese Herausforderung. Die
Landwirtschaft ist nicht immun gegen Wandel und
sollte es auch nicht sein."
Der Kongreßabgeordnete Pat Roberts aus Kansas,
der neue Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses des Repräsentantenhauses, erklärte am 28.
Dezember, er sei sicher, daß Glickman mit der
neuen republikanischen Führung im Kongreß zusammenarbeiten könne.
"Ich sehe der Zusammenarbeit mit Minister Glickman
erwartungsvoll entgegen", so Roberts. "Wir waren
während unserer gemeinsamen Zeit im Landwirtschaftsausschuß des Repräsentantenhauses gute
Partner." Roberts und Glickman waren zwischen
1980 und 1994 Mitglieder des Landwirtschaftsausschusses.
Roberts fügte hinzu: "Ich werde mit Minister Glickman am Landwirtschaftsgesetz 1995 arbeiten.
Unsere Priorität wird es sein, ein Gesetz zu formulieren, das für eine gute Agrarpolitik steht."
Senator Richard Lugar, der neue Vorsitzende des
Landwirtschaftsausschusses des Senats, zeigte sich
weniger optimistisch und erklärte, bei den Anhörungen in diesem Ausschuß werde er "den Abgeordneten Glickman ausdrücklich nach seinen Plänen für
die Umsetzung der bereits per Gesetz beschlossenen Reform des Landwirtschaftsministeriums sowie
nach seinen zusätzlichen Ideen fragen".
Der Senator stellte fest, Glickman müsse vom letzten
Kongreß verabschiedete Gesetze in Kraft setzen,
"welche die Verkleinerung des Ministeriums von 43

*

Seite 2

*

auf 29 Abteilungen vorsehen sowie das Einfrieren
oder die Schließung von über 1.000 Außenstellen,
einen Abbau von ungefähr 8.000 Arbeitsplätzen und
die Durchführung operativer Kontrollen".
Lugar wird Glickman eigenen Angaben zufolge unter
anderem zu seinen Ansichten über die landwirtschaftlichen Rohstoff Programme, Ernteversicherung,
Katastrophenhilfe, Nahrungsmittelprogramme und
Exportangelegenheiten befragen. "Die Anhörungen
zu seiner Bestätigung bieten dem Kandidaten ein
ausgezeichnetes Forum um zu demonstrieren, daß er
sich Gedanken über Management und Politik seines
Verantwortungsbereichs gemacht hat", so Lugar.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat tritt
Glickman die Nachfolge von Landwirtschaftsminister
Mike Espy an, der wegen Korruptionsvorwürfen mit
Wirkung vom 31. Dezember 1994 von seinem Amt
zurücktritt.
Neben seinen Ämtern im Bereich der Landwirtschaft
war der Abgeordnete Glickman im Ständigen Sonderausschuß des Repräsentantenhauses für den
Nachrichtendienst tätig und im 103. Kongreß dessen
Vorsitzender.
Er gehörte dem Wissenschafts-,
Weltraum- und Technologieunterausschuß sowie drei
Justizunterausschüssen an.
Glickman wurde am 24. November 1944 in Wichita
(Kansas) geboren. 1966 erwarb er an der University
of Wichita einen Bachelor of Arts und machte 1969
an der George Washington University seinen Abschluß als Jurist. Vor seiner Wahl als Kongreßabgeordneter stand er der Schulbehörde von Wichita vor.
Glickman ist verheiratet und hat zwei Kinder.

*

*

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�BILDUNG
4. Januar 1995

NAFTA UND WEITERFÜHRENDE BILDUNG
von Philip G. Altbach
Obwohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement - NAFTA)
weder kulturelle noch bildungspolitische Dimensionen besitzt, spielen Bestrebungen zur Erweiterung dieser
Dimension eine wichtige Rolle bei der Stärkung der wirtschaftlichen und politischen Verbindungen des NAFTA.
Unterricht in den Sprachen und Kulturen der Hemisphäre muß in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko
maßgeblich verbessert werden.
Philip G. Altenbach ist Dozent für weiterführende Bildung am Boston College, Chestnut Hill (Massachusetts).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Helen Dwight Reid Educational
Foundation aus Change, Juli/August 1994, Seite 48-49. Herausgegeben von Heldref Publications, 1319 18th
Street, N.W., Washington, D.C. 20036. Copyright (c) 1994.

Das Nordamerikanische
Freihandelsabkommen
verspricht engere Wirtschaftsbeziehungen im größten Handelsblock der Welt. Im Gegensatz zu dem
bahnbrechenden Handelsabkommen, das zur
Europäischen Gemeinschaft (EG) führte, hat das
NAFTA keine kulturellen oder bildungspolitischen
Dimensionen.
Engere Wirtschaftsbeziehungen
werden jedoch unweigerlich kulturelle und bildungspolitische Auswirkungen haben. Es ist jetzt an der
Zeit nachzudenken, was die wirtschaftliche Integration Nordamerikas für andere Aspekte des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Mexiko, den
Vereinigten Staaten und Kanada bedeutet - insbesondere für die weiterführende Bildung. Die
Universitäten in allen drei Ländern können eine
wichtige Rolle bei der Gestaltung einer Zukunft
spielen, in der es nicht nur ein besseres Verständnis
der drei unterschiedlichen Kulturen gibt, sondern
auch die für die wirtschaftliche Integration erforderlichen Qualifikationen zur Verfügung stehen.
Bei der Planung der EG machten die Europäer von
Anfang an Bildung und Kultur zum Bestandteil der
Vision. Die beiden Komponenten waren in den
Römischen Verträgen niedergelegt und wurden
weiter verstärkt. Natürlich ging das Konzept der EG
- die vollständige politische, wirtschaftliche und
kulturelle Vereinigung Westeuropas - weit über den
Handel hinaus, obwohl Wirtschaftsbeziehungen ihr
Kernstück bildeten. Selbst wenn das NAFTA vom
Konzept her entschieden weniger ehrgeizig ist, kann
man viel aus der europäischen Erfahrung lernen.
Eine der Hauptlektionen lautet, daß die Konzentration auf Handelsbeziehungen nicht ausreicht und

AMERIKA DIENST 01

gegenseitiges Verständnis ein wesentlicher Bestandteil jeder konstruktiven Beziehung ist. Die europäische Erfahrung lehrt auch, daß bildungspolitische
Integration und Kooperation nicht leicht ist und dieser
Dimension wirtschaftlicher und politischer Arrangements beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet
werden muß.
In Nordamerika sind die Unterschiede und Ungleichheiten bei Bildung, Kultur und Technologie unter den
drei im NAFTA zusammengeschlossenen Ländern
enorm. Die Vereinigten Staaten beherrschen im
Hinblick auf ihr System der weiterführenden Bildung,
ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie
ihre technologischen Infrastruktur nicht nur ihre
NAFTA-Partner, sondern haben das größte und
einflußreichste akademische System der Welt.
Darüber hinaus ist die dominierende Stellung der
Vereinigten Staaten durch Film, Fernsehen und die
Printmedien ebenfalls offenkundig. Die Vereinigten
Staaten bilden das Zentrum, und die beiden anderen
Länder sind von peripherer Bedeutung.
Kanada ist seit langem besorgt über die kulturelle
Dominanz der Vereinigten Staaten und hat Bestimmungen eingeführt, die eine gewisse Autonomie
bewahren sollen.
Kanada selbst ist gespalten.
Zwischen anglophonen und frankophonen Kulturen
bestehen instabile Beziehungen. Das NAFTA wird
die Aufrechterhaltung der kulturellen Autonomie
Kanadas noch schwieriger machen.
Auch Mexiko war seit jeher über die kulturelle Dominanz der Vereinigten Staaten beunruhigt. Im Hinblick

Seite 1

�auf Bildung und Kultur hat sich das Land traditionell
in mehrere Richtungen orientiert. Zusammen mit
Argentinien und Brasilien dominiert Mexiko in Lateinamerika seit langem bei Veröffentlichungen, Film
und Kultur. Obwohl dies nördlich des Rio Grande
kaum anerkannt wird, verfügt Mexiko über von
Europa und insbesondere Frankreich beeinflußte
beträchtliche bildungspolitische und kulturelle Macht.
Gleichzeitig wurde Mexiko von den Vereinigten
Staaten maßgeblich beeinflußt. Es spricht für sich
selbst, daß Ex-Präsident Carlos Salinas de Gortari
Harvardabsolvent ist und sein Nachfolger ebenfalls
seinen Abschluß an einer amerikanischen Universität
gemacht hat.
Mexikaner und Kanadier waren
traditionell stets besorgt über die amerikanische
Dominanz, und es überrascht daher nicht, daß die
mexikanischen Sozialwissenschaftler in den sechziger Jahren ein Konzept der Dependenz entwickelten,
um die wirtschaftliche Dominanz mächtiger kapitalistischer Nationen über kleinere periphere Staaten
nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaft, sondern
auch die Kultur zu erläutern.
Bildungspolitische und kulturelle Beziehungen waren
immer einseitig und komplex.
Beispielsweise
studieren ungefähr 7.000 mexikanische Studenten
an amerikanischen Colleges und Universitäten,
während rund 2.000 Studenten aus den Vereinigten
Staaten in Mexiko studieren. Kanada betreffend
belegen die Zahlen ein noch größeres Ungleichgewicht - ungefähr 19.000 Kanadier studieren in den
Vereinigten Staaten, während nur 3.000 Amerikaner
kanadische Universitäten besuchen. In den Vereinigten Staaten hergestellte Lehrbücher, wissenschaftliche Publikationen, Computer-Software und
Datenbanken sind in ganz Nordamerika zu finden.
Gleichzeitig besteht in den Vereinigten Staaten ein
beträchtliches Maß an Ignoranz gegenüber den
wichtigsten Kulturen auf dem Kontinent außerhalb
der nationalen Grenzen. Der Lehrplan amerikanischer Colleges und Universitäten legt entschieden
mehr Betonung auf Europa und Asien, und lateinamerikanische Studien konzentrieren sich nicht
vornehmlich auf Mexiko. Obwohl Spanisch bei
amerikanischen Collegestudenten die gängigste
Fremdsprache ist, sprechen wenige fließend Spanisch und das Wissen von mexikanischer Kultur und
Geschichte ist äußerst begrenzt. Kanada wird noch
weiter vernachlässigt. Nur eine Handvoll amerikanischer akademischer Institutionen bietet auf Kanada
spezialisierte Kurse an, obwohl Kanada in Dollar
bemessen der größte Handelspartner der Vereinigten Staaten ist.
Interessanterweise ergab eine Studie internationaler
Akademiker, daß amerikanische Professoren weni-

Seite 2

ger aufgeschlossen gegenüber internationalen
akademischen Einflüssen waren als ihre mexikanischen Kollegen. Nachrichten über Kanada oder
Mexiko sind in den amerikanischen Massenmedien
gewöhnlich nicht zu finden. Jüngste Tendenzen zur
Multikultur in den Lehrplänen amerikanischer Colleges und Universitäten konzentrieren sich im allgemeinen eher auf Amerikaner mexikanischer Abstammung als auf Mexiko selbst. In Mexiko und
Kanada hat man ein entschieden größeres Wissen
über die Vereinigten Staaten. Fairerweise muß man
jedoch auch sagen, daß in den Colleges und Universitäten der beiden Länder wenig systematisch über
die Vereinigten Staaten unterrichtet wird. Es ist eine
Sache, etwas über die Vereinigten Staaten zu lernen,
indem man CNN oder "Dallas" sieht, und eine ganz
andere, Landeskunde zu studieren. Zweifelsohne
besteht ein beträchtliches Wissensdefizit, das behoben werden muß.
Es ist jetzt an der Zeit, die bildungspolitischen Brükken zu schlagen, die das erforderliche Verständnis,
Wissen und die Qualifikationen bieten, um sich mit
engeren Handelsbeziehungen zu befassen und
generell eine gewisse Sensibilität gegenüber den
komplexen Kulturen Nordamerikas zu entwickeln.
Jetzt können eine Reihe wichtiger konkreter Schritte
zur Schaffung der bildungspolitischen und kulturellen
Infrastruktur unternommen werden. Die folgenden
Vorschläge konzentrieren sich vornehmlich auf das,
was die Vereinigten Staaten tun können, um sich auf
die NAFTA-Ära vorzubereiten, aber diese Ideen sind
für alle drei Länder relevant. Ich befasse mich hier
vor allem mit der weiterführenden Bildung, allerdings
muß auch den Grund- und weiterführenden Schulen
Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Mexiko und Kanada müssen die Zielgruppe für das
Fulbright- Programm und andere nationale Behörden
werden, die sich akademischen und kulturellen
Austauschprogrammen widmen. Entschieden mehr
Gastdozenturen, Forschungsstipendien und andere
Austauschprogramme müssen angeboten werden.
Amerikanische Colleges und Universitäten müssen
durch Austauschprogramme zwischen den Institutionen, Partnerschaftsprogramme und ähnliches Verbindungen zu entsprechenden Institutionen in Mexiko
und Kanada aufbauen. Studenten aller Fachrichtungen - vielleicht insbesondere der Bereiche Wirtschaft,
Ingenieur- und Bildungswesen - sollten zum Studium
in diesen Ländern ermutigt werden. Das Angebot
von einem "Studienjahr im Ausland" muß für Schüler
drastisch erweitert werden, die vor dem Oberschulabschluß stehen. Geographische Nähe verringert die
Kosten, und die Sprachen Spanisch und Französisch
- die im allgemeinen in den Vereinigten Staaten

AMERIKA DIENST 01

�unterrichtet werden - machen die Herausforderung
weniger erschreckend.
Studenten aus Mexiko und Kanada müssen zum
Studium in den Vereinigten Staaten ermutigt werden.
Zur Zeit stammt mehr als die Hälfte der ausländischen Studenten in den Vereinigten Staaten aus
Asien, und nur eine geringe Zahl kommt aus Kanada
oder Mexiko. Angesichts der Bedeutung unserer
NAFTA-Nachbarn sollten mehr Studenten aus Nordamerika zum Studium an amerikanischen akademischen Institutionen ermutigt werden.
Inoffizielle Kontakte zwischen Wissenschaftlern in
den drei Ländern sollten unterstützt werden. Konferenzen über die unterschiedlichen akademischen
Disziplinen, verstärkter Druck auf landesweit vernetzte Datenbanken und ähnliche Initiativen können
diese Kontakte fördern.
Mexikanischen und kanadischen Studenten muß ein
prominenterer Platz in amerikanischen akademischen Lehrplänen eingeräumt werden. Die Gründung von Zentren und die Bereitstellung von Forschungsmitteln für diese Länder sowie andere
Initiativen können helfen. Vor allem müssen Schüler
der Berufsschulen einbezogen werden.

*

AMERIKA DIENST 01

Unterricht in den in Nordamerika gesprochenen
Sprachen - vor allem Spanisch, aber in gewissem
Maße auch Französisch - muß mehr Bedeutung
beigemessen werden. In der Tat könnte man argumentieren, daß praktisch alle amerikanischen Studenten fließend Spanisch sprechen sollten angesichts
der Bedeutung der mexikanisch-amerikanischen
Beziehungen sowie der zunehmenden spanischsprechenden Minderheit in den Vereinigten Staaten.
Das NAFTA wird unvermeidbare Auswirkungen nicht
nur auf die Wirtschaftsbeziehungen, sondern auch
auf Bildung und Kultur haben. Deshalb müssen wir
jetzt anfangen darüber nachzudenken, wie Verbindungen geschaffen werden können, die Wissensbasis
verbessert und sichergestellt werden kann, daß allen
Nationen Nordamerikas das erforderliche Personal
zur Verfügung steht, um in einem regionalen wirtschaftlichen Umfeld zu operieren. Dies alles muß
nicht nur mit Verständnis für die Ungleichheiten
zwischen den drei Ländern geleistet werden, sondern
auch mit dem Engagement, diese Ungleichheiten
soweit wie möglich zu beheben. Das NAFTA könnte
schließlich alle Bewohner dieses Kontinents überzeugen, daß es gemeinsame Interessen, Probleme
und Möglichkeiten gibt.
Für die weiterführende
Bildung ist es jetzt an der Zeit, den Prozeß der
Zusammenarbeit zu beginnen.

* * *

*

Seite 3

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

28. Dezember 1994

51

M

AUSSENPOLITIK

DIE DIPLOMATISCHEN PRIORITÄTEN DER
USA IM JAHR 1995
Treffen Christophers mit Pressevertretern

HANDEL

HANDEL UND TECHNOLOGIE - GRUNDLAGE
FÜR ARBEITSPLÄTZE UND WOHLSTAND
Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1994

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1994
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Lesern ein friedliches und erfolgreiches neues Jahr.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
28. Dezember 1994

DIE DIPLOMATISCHEN PRIORITÄTEN
DER USA IM JAHR 1995
Treffen Christophers mit Pressevertretern
WASHINGTON - (AD) - Die Pflege konstruktiver Beziehungen zu den wichtigsten Weltmächten, Stärkung der
Sicherheitsinstitutionen in Europa, Fortsetzung der Liberalisierung des Welthandels, Annäherung an eine
Friedenslösung im Nahen Osten und Eindämmung der Weiterverbreitung von Waffen stehen ganz oben auf
der Liste der außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten für das Jahr 1995, erklärte US-Außenminister
Warren Christopher.
Der Minister stellte diese Ziele am 20. Dezember 1994 gegenüber Vertretern der Presse in groben Zügen dar
und verlieh seiner Überzeugung Ausdruck, sie könnten mit Unterstützung der neuen republikanischen Mehrheit
im Kongreß erreicht werden, "wenn wir die nationalen Interessen mit Entschlossenheit und Nachdruck
verfolgen".
Der Außenminister gab ferner einen Rückblick auf "ein erfolgreiches Jahr für die amerikanische Außenpolitik"
und zählte zu den 1994 erzielten Erfolgen die Inkraftsetzung des START I-Vertrags, die Initiative Partnerschaft
für den Frieden sowie neue Friedensabkommen im Nahen Osten und die Absetzung des diktatorischen
Regimes in Haiti.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus den Äußerungen Christophers im Rückblick auf das vergangene
und Ausblick auf das kommende Jahr.

Ich möchte kurz auf die im letzten Jahr geleistete
Arbeit eingehen und eine Vorausschau auf einige
unserer Prioritäten im kommenden Jahr geben.
Meiner Meinung nach war 1994 ein erfolgreiches
Jahr für die amerikanische Außenpolitik. Unter der
Führung des Präsidenten haben wir bei der Verfolgung der dauerhaften Ziele der Vereinigten
Staaten zur Schaffung einer Welt mit mehr Wohlstand, Sicherheit und Demokratie bedeutende
Fortschritte erzielt.
Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, daß
wir meines Erachtens bedeutende Schritte unternommen haben, um Amerika und die Welt sicherer
zu gestalten. Unsere entschlossenen diplomatischen
Bestrebungen haben dazu beigetragen, die Zusage
der Ukraine, Kasachstans und Belarus' über ihren
Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NW) als
atomwaffenfreie Staaten zu erhalten, was zur
Inkraftsetzung von START I führte. Jetzt sind
russische Raketen nicht länger auf unser Land
gerichtet, und erstmals in einem halben Jahrhundert

AMERIKA DIENST 51

gibt es in den baltischen Staaten keine russischen
Truppen mehr.
Wir haben bei der Anpassung der NATO an ein
ungeteiltes Europa greifbare Fortschritte erzielt. Wir
haben die Partnerschaft für den Frieden geschaffen
und mit unseren neuen Partnern gemeinsame Manöver abgehalten. Ferner haben wir einen sorgfältig
durchdachten Erweiterungsprozeß der NATO begonnen.
In Asien erzielten wir mit Nordkorea Einigung über
ein Einfrieren und eine Umstellung des Atomwaffenprogramms des Landes. Wir einigten uns mit China
auf eine Begrenzung seiner Raketenexporte.
Im Persischen Golf wurde durch das prompte Handeln des Präsidenten und die äußerst prompte
Dislozierung von Truppen eine mögliche irakische
Aggression eingedämmt - im Keim erstickt - und
diese Episode liegt glücklicherweise hinter uns.

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten spielen auch eine wichtige
Rolle bei der Lösung von Konflikten auf der ganzen
Welt sowie bei der Förderung der Demokratie.
Im Nahen Osten hat unsere geduldige Diplomatie
bei der Umsetzung des Abkommens zwischen Israel
und der PLO geholfen. Sie trug auch zur Entwicklung des Friedensvertrags zwischen Jordanien und
Israel bei. Und sie brachte vielversprechende, wenn
auch kleine Fortschritte bei den Beziehungen zwischen Syrien und Israel.
In Haiti führte unsere Bereitschaft, unsere Diplomatie
mit Gewalt zu untermauern, zur Absetzung der
Diktatoren und Wiedereinsetzung der legitimen
haitianischen Regierung.
In Südafrika, Nordirland und Kambodscha waren das
Engagement und die Unterstützung Amerikas Teil
bemerkenswerter Fortschritte. Wir haben bedeutende Schritte zur Stärkung der wirtschaftlichen Sicherheit und Schaffung zusätzlicher amerikanischer
Arbeitsplätze unternommen. Wir brachten die
Uruguay-Runde des GATT zu einem Abschluß - eine
äußerst weitreichende Handelsvereinbarung.
Wir halfen, das APEC zu offenem und freiem Handel
im asiatisch-pazifischen Raum bis zum Jahr 2010
beziehungsweise 2020 zu verpflichten.
Vor wenigen Tagen einigten wir uns beim gesamtamerikanischen Gipfel auf die Verabschiedung von
Freihandelsabkommen in unserer Hemisphäre bis
zum Jahr 2005. Bei der Konferenz von Casablanca
trugen wir zur wirtschaftlichen Öffnung des Nahen
Ostens bei. Unser Rahmenabkommen mit Japan
und seine jüngsten Entwicklungen verschafften den
Amerikanern Marktzugang in wichtigen Bereichen.
Es gibt eindeutig Gebiete, auf denen wir unsere
Arbeit fortsetzen müssen. Die Arbeit an den meisten
der von mir angesprochenen Fragen ist noch nicht
abgeschlossen. Es gibt bei der Diplomatie nur sehr
wenige endgültige Siege. Der größte Fehler, den wir
begehen könnten, wäre der, uns bei irgendeiner
dieser Fragen auf unseren Lorbeeren auszuruhen.
Der Konflikt in Bosnien ist natürlich das ernsteste
ungelöste Problem, mit dem wir konfrontiert werden.
Wir müssen weiterhin auf eine Verhandlungslösung
drängen, die die Souveränität und Integrität des
belagerten Bosnien-Herzegowina bewahrt.
Wir sehen uns auch mit den schwierigen Problemen
der Eindämmung sowie der Zusammenarbeit mit
unseren Verbündeten und Freunden konfrontiert um
zu gewährleisten, daß so verbrecherische Staaten
wir der Iran oder Irak nicht den Friedensprozeß

Seite 2

stören oder diese Region auf andere Weise destabilisieren.
Abschließend möchte ich einige der Ziele ansprechen, für die wir uns im kommenden Jahr engagieren. Zunächst werden wir uns für die Aufrechterhaltung konstruktiver Beziehungen zu den wichtigsten
Wirtschafts- und Militärmächten der Welt einsetzen.
Wir werden weiterhin mit Rußland auf den Gebieten
zusammenarbeiten, auf denen wir gemeinsame
Interessen haben, und auf den Gebieten nach
Lösungen suchen, wo das nicht der Fall ist. Wir
möchten betonen, daß wir weiterhin Demokratie und
Marktwirtschaft in Rußland unterstützen.
Da wir sicherstellen wollen, daß wir als Großmacht
gute Beziehungen pflegen, sind wir uns auch bewußt,
daß eine gesunde Allianz mit Japan erforderlich ist.
Wir werden im nächsten Jahr hart daran arbeiten,
unsere Wirtschaftsbeziehungen mit Japan auf eine
ebenso stabile Grundlage zu stellen wie unsere
strategischen Beziehungen.
Wir sind uns auch der Notwendigkeit von Kontakten
zu China bewußt, da das Land anscheinend in naher
Zukunft eine neue Führung haben wird. Es ist ein
äußerst wichtiges Land, das eine schwierige Phase
durchläuft.
Unser zweites Ziel wird die Stärkung der Institutionen
europäischer Sicherheit und Ausweitung ihrer Vorteile
nach Osten hin sein. Wir werden mit unseren
Verbündeten an der Förderung der Ziele einer
Erweiterung der NATO und Fortsetzung der Arbeit an
der Partnerschaft für den Frieden und der Kernstruktur der NATO für die Zusammenarbeit mit
Nichtmitgliedstaaten arbeiten. Wir werden im Bereich
der Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
tätig werden und gleichzeitig versuchen, die Fähigkeiten der KSZE zur Konfliktlösung zu verbessern.
Unser drittes Ziel wird es sein, die Dynamik für eine
Liberalisierung des regionalen und weltweiten Handels beizubehalten und zu versuchen, ein offenes
Handelssystem auf regionaler und globaler Ebene zu
fördern. Wir werden die Uruguay-Runde umsetzen.
Wir werden Verhandlungen beginnen, um Chile in
das NAFTA aufzunehmen und anschließend an der
in Miami eingegangenen Verpflichtung zu freiem und
offenem Handel in der gesamten Hemisphäre arbeiten. 1995 wird sich das Außenministerium auch auf
den nächsten APEC-Gipfel vorbereiten und zu
gewährleisten versuchen, daß wir konkrete Fortschritte für offenen und freien Handel im asiatischpazifischen Raum machen.
Unser viertes Ziel im nächsten Jahr wird darin
bestehen, den Nahen Osten einer umfassenden

AMERIKA DIENST 51

�Lösung näherzubringen. Unsere Herausforderung
ist die Konsolidierung der bereits zwischen Israel,
der PLO und Jordanien geschlossenen Abkommen
sowie das Drängen auf Fortschritte auf der schwierigen Verhandlungsschiene mit Syrien und dem
Libanon.
Wir hoffen, Israel bei der Herstellung enger Kontakte
mit den Golfstaaten behilflich sein, die Arabische
Liga zur Beendigung des Boykotts bewegen und auf
die Konferenz von Casablanca aufbauen zu können,
um eine Nahost-Entwicklungsbank zu gründen, mit wie Sie wissen - einem Treffen, das auf Einladung
des Präsidenten Anfang Januar stattfinden soll.
Unser fünftes Hauptziel ist die Beendigung der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Wir
beginnen mit dem Versuch, hier die Ratifizierung des
START Il-Vertrags zu vollziehen.
Wir drängen auch - und das wird 1995 ein sehr
wichtiges Thema sein - auf die unbegrenzte Verlängerung des N W , auf einen Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test
Ban Treaty - CTBT) und eine Konvention über die
Einstellung der Produktion von raketenfähigem
Material.
Es erübrigt sich zu sagen, daß wir sehr wichtige

*

AMERIKA DIENST 51

*

Anhörungen haben und sehr wichtige Aktivitäten
entfalten werden, um die Einhaltung des Nuklearabkommens mit Nordkorea sicherzustellen.
Unser sechstes Ziel - und das letzte, das ich heute
hier nennen werde - ist die Bekämpfung neuer
Bedrohungen unserer Sicherheit, einschließlich
internationaler Verbrechen, Drogenhandel und
Terrorismus.
Eine Frage, die Sie sich wahrscheinlich stellen, lautet:
"Herr Außenminister, wie soll dies alles mit einem von
den Republikanern kontrollierten Repräsentantenhaus
und Senat vollbracht werden?" Ich möchte Sie
meines Vertrauens versichern, daß wir der Unterstützung der Republikaner auf dem Capitol Hill gewiß
sein können, wenn wir die nationalen Interessen mit
Entschlossenheit und Nachdruck verfolgen.
Natürlich wird es Meinungsverschiedenheiten geben.
Aber solange wir uns für die nationalen Interessen
einsetzen, bin ich zuversichtlich, daß wir die Unterstützung der Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses gewinnen können. Meines Erachtens kann
die Clinton-Administration ohne Furcht und wirklich
mit viel Vertrauen auf die nächste Phase in der
Außenpolitik blicken. Solange wir uns für die nationalen Interessen einsetzen, werden wir auch die
Unterstützung der Republikaner haben.

*

*

Seite 3

�HANDEL
28. Dezember 1994

HANDEL UND TECHNOLOGIE - GRUNDLAGE FÜR
ARBEITSPLÄTZE UND WOHLSTAND
Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Notwendigkeit einer Verknüpfung
von Handels- und Technologiepolitik.
Der Artikel erschien erstmals in Business America, August 1994.

Kurz nach seiner Amtsübernahme beschrieb Präsident Clinton die wichtigsten Grundsätze und Ziele
der Wirtschafts- und Handelspolitik seiner Administration. Der Präsident verpflichtete die Vereinigten
Staaten zu aktivem weltweitem Engagement zur
Förderung von Wachstum und Handel und stellte
fest, sein Land werde weiterhin für offene Märkte auf
der ganzen Welt eintreten. Um den Präsidenten zu
zitieren: "Wir müssen konkurrieren und dürfen uns
nicht zurückziehen."
Vor allem dank der Führungsrolle Amerikas sind die
Weltmärkte heutzutage offener als je zuvor, und der
Welthandel ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Dieses offenere Welthandelsklima birgt für die
Vereinigten Staaten neue Herausforderungen
aufgrund des Konkurrenzdrucks ihrer Handelspartner
auf der Welt. Mit diesen Herausforderungen im
Bereich des Wettbewerbs gehen jedoch auch
wirklich historische wirtschaftliche und handelspolitische Chancen für amerikanische Unternehmen
einher.
Das Welthandelsbüro (International Trade Administration - ITA) und das Technologiebüro (Technology
Administration - TA) des Wirtschaftsministeriums
sind der Entwicklung und Umsetzung einer Politik
verpflichtet, die den Vereinigten Staaten die umfassende Nutzung dieser neuen wirtschaftlichen
Chancen gestattet. Gleichzeitig sollen diese Maßnahmen der amerikanischen Industrie helfen, dem
Wettbewerbsdruck des heutigen Weltmarktes standzuhalten.
Ein Eckpfeiler der Strategie ist die Erkenntnis, daß
Handels- und Technologiepolitik gezielt verknüpft
werden müssen. Sowohl erweiterter Handel als

AMERIKA DIENST 51

auch größerer technologischer Fortschritt sind ein
Motor für Wirtschaftswachstum. Durch Technologie
wird die Produktivität unserer Arbeitnehmer verbessert und dadurch der Lebensstandard der Nation
erhöht. Auch der Handel wird in zunehmendem
Maße wichtig für unsere Wirtschaft. Die Löhne im
Exportsektor liegen beispielsweise um 17 Prozent
höher als der Durchschnitt der gesamten Volkswirtschaft.
Die Notwendigkeit einer Verknüpfung von Handelsund Technologiepolitik wird immer deutlicher. In den
letzten beiden Jahrzehnten stieg der Anteil Japans an
Spitzentechnologieexporten an, während der Amerikas fiel. Die Elektronikindustrie ist hierfür ein Beispiel. Die Verschlechterung der amerikanischen
Position begann bei Konsumgütern und verlief über
Büroausstattung bis zur Datenverarbeitung. Der
Verlust von Marktanteilen der Vereinigten Staaten im
Elektronikbereich bedeutete allein zwischen 1985 und
1989 ungefähr 100 Milliarden Dollar Umsatzeinbußen.
Der amerikanische Anteil am Weltmarkt für Produkte
der Luftfahrtindustrie sank von einem 79prozentigen
Höchststand 1970 auf 62 Prozent im Jahr 1988.
Beim heutigen Kapazitätsauslastungsgrad kommt das
einem Verlust von 300.000 amerikanischen Arbeitsplätzen gleich. Industriestudien zeigen, daß die
Vereinigten Staaten in Schlüsseltechnologien wie der
Produktion von Robotern, Silikonplättchen, moderner
Lithographie und anderem stark im Rückstand sind.
Die Gründe für diese Abnahme sind großenteils
unsere eigenen Unzulänglichkeiten. Beispielsweise
betrug das reale Wachstum bei Betriebs- und Geräteinvestitionen in Japan in den letzten beiden Jahrzehnten 194 Prozent, während die entsprechende
Zahl für die Vereinigten Staaten sich nur auf 65

Seite 1

�Prozent beläuft - damit stehen wir am unteren Ende
in der G-7. Mit anderen Worten war unser Ansatz
bei Entwicklung und Kommerzialisierung im nichtmilitärischen Bereich angesichts der Herausforderungen des Weltmarktes einfach unzulänglich.
Die Technologiepolitik der Vereinigten Staaten
reflektiert die Prioritäten der jeweiligen Zeit. Während des Zweiten Weltkriegs verfügten die Vereinigten Staaten über die einzigartige Fähigkeit, die
Ressourcen des Landes in den Bereichen Wissenschaft und Technologie für militärische Zwecke
einzusetzen.
Auf der Grundlage erfolgreicher
Nutzung dieser Ressourcen in Kriegszeiten entwikkelten die amerikanischen Politiker in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Wissenschafts- und
Technologieinfrastruktur zur Förderung der Grundlagenforschung und Entwicklung von Technologien zur
Erfüllung nationaler Aufgaben in Bereichen wie
Verteidigung, Landwirtschaft, Energie und Weltraumforschung. Die Ausweitung von Technologie auf den
Handel wurde vorwiegend durch die Deckung des
staatlichen Beschaffungsbedarfs mit Produkten,
Verfahren und Dienstleistungen aus dem Privatsektor erzielt.
In den vergangenen Jahren fanden jedoch bei der
Dynamik technologischer Innovationen sowohl auf
nationaler als auch auf globaler Ebene bedeutende
Veränderungen statt. Wegen des Wachstums auf
den Konsumgütermärkten ist der Rüstungsmarkt
nicht länger die dominierende Zugkraft für Technologie wie während der fünfziger und sechziger Jahre.
Vielmehr werden neue Technologien vorwiegend auf
dem Weltmarkt entwickelt und produziert.
Die
technologische Entwicklung wird jetzt von Produzenten aus vielen verschiedenen Ländern angetrieben,
und die technologische Überlegenheit amerikanischer Unternehmen - lange Zeit ein Privileg - wird
in Frage gestellt.
Der Privatsektor wird jetzt mit einer völlig veränderten Wettbewerbssituation konfrontiert.
Die Geschwindigkeit technologischer Anpassung von
Industriezweigen auf der ganzen Welt, der Zyklus
von Produktinnovationen und -veralterung, die
schnelle Wissensübermittlung und der intensive
Wettbewerb für amerikanische Unternehmen erfordern eine Technologiepolitik, die sich der wirtschaftlichen Konsequenzen staatlicher Maßnahmen bewußt
ist.
Diese Administration reagiert auf die neue Wettbewerbssituation. Sie engagiert sich für die Umlenkung und Ausweitung amerikanischer Wissenschafts- und Technologieprogramme, die Auswertung der Auswirkungen staatlicher Finanz-, Steuerund Lenkungspolitik, den Aufbau einer Wirtschaft mit

Seite 2

hochbezahlten, hochwertigen Arbeitsplätzen und die
Unterstützung amerikanischer Unternehmen, um die
Herausforderungen der heutigen Weltwirtschaft zu
bewältigen.
Die amerikanische Politik zur Unterstützung von
Wachstums- und produktivitätsfördernden Technologien umfaßt ein weites Feld von Prioritäten im
Bereich natürlicher Ressourcen und des Humankapitals. Zu den Beispielen zählen weitere Investitionen
in die Grundlagenforschung sowie der Einsatz
privater Mittel für technologische Entwicklung und
Vermarktung. Das Welthandelsbüro und das Technologiebüro prüfen, wie die Regierung durch Zusammenarbeit mit dem Privatsektor die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Unternehmen mit Hilfe
einer verbesserten Entwicklung neuer Produkte und
des Einsatzes neuer Verfahren erhöhen kann.
Im Zusammenhang mit der Rolle der Bundesregierung bei der Förderung von Wettbewerbsfähigkeit hat
sich das Wirtschaftsministerium auf die Bedürfnisse
der amerikanischen Industrie konzentriert.
Das
Welthandelsbüro und das Technologiebüro informieren sich über die Bedürfnisse des Kunden - der
amerikanischen Industrie - um die Hemmnisse und
"Löcher" bei der Förderung technologischer Vermarktung durch die Bundesregierung zu entdecken.
In diese Untersuchung werden große und kleinere
Unternehmen aus dem Fertigungs- und Dienstleistungssektor einbezogen.
Durch die Prüfung Hunderter, von Verbänden abgegebener Empfehlungen, mit Hilfe detaillierter Interviews mit führenden Wirtschaftsvertretern aus allen
Sektoren sowie gemeinsamer Studien über die
Wettbewerbssituation der amerikanischen Industrie im
Vergleich zu ihren Konkurrenten befaßt sich das
Wirtschaftsministerium zunächst mit den Gebieten,
auf denen die amerikanische Position am stärksten
gefährdet ist.
Der Kongreß hat bereits Schritte zur Förderung der
Fähigkeit amerikanischer Unternehmen unternommen, mit ausländischer Technologie zu konkurrieren.
Er erließ Gesetze, um über staatliche Labors Technologie in den Privatsektor einzubringen und rief Programme ins Leben, die stärker auf die Industrie
zugeschnitten sind. In diesem Zusammenhang sind
vor allem das moderne Technologieprogramm
(Advanced Technology Program - ATP) und das
Technologie-Reinvestitionsprojekt
(Technology
Reinvestment Project - TRP) zu nennen. Der gesamte Etat für diese und andere Programme, deren
Hauptziel die Vermarktung von Technologieprodukten
durch die amerikanische Industrie darstellt, belief sich
1994 auf ungefähr 5 Milliarden Dollar. Zu diesen
umfassenden Programmen zählen Innovationsfor-

AMERIKA DIENST 51

�schung für mittelständische Unternehmen (Small
Business Innovation Research Program - SBIR),
Abkommen über kooperative Forschung und Entwicklung (Cooperative Research and Development
Agreements - CRADAs), Lizenzvergabe von staatlichen Forschungslabors (Licensing from Federal
Laboratories), das Programm über eine Ausweitung
der Vermarktung (Manufacturing Extension Program), ATP und TRP sowie staatlich finanzierte
Forschungskonsortien.

t

Es reicht jedoch nicht aus, die staatlichen Labors
umzustrukturieren und Grundlagen- sowie konkurrenzunabhängige Forschung zu fördern. Die
Industrie hat einen klar definierten Bedarf an techno*

AMERIKA DIENST 51

*

logischen Informationen, wirksamerem Schutz geistigen Eigentums und modernisierten Regelsystemen,
die neue Technologien nicht unterdrücken.
Der Präsident erklärte in seinem Technologieplan
vom Februar 1993: "Wir dürfen uns nicht auf die
zufällige Nutzung von Rüstungstechnologie im
Privatsektor verlassen. Wir müssen uns direkt auf
diese neuen Herausforderungen konzentrieren und
unsere Bestrebungen auf die neuen, vor uns liegenden Chancen richten in der Erkenntnis, daß die
Regierung eine Schlüsselrolle dabei spielen kann,
Privatunternehmen bei der Entwicklung und Nutzung
von Innovationen zu unterstützen."

*

*

Seite 3

�THEMENINDEX
28. Dezember 1994

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1994

Abrüstung

46,50

Abschied

36

AIDS

39,50

Amerika-Gipfel

49

Amerikas Städte

36

Arbeitsmarkt

30

Arbeitswelt

35,40

Außenpolitik

31,38,40,
38, 40, 42
42, 43, Sonderdienst (4. Nov.), 44, 48, 51

Bevölkerung

33, 34, Sonde

Bildung

35

Bosnien

39, 45, 46, 48

Datenautobahn

37

Demokratie

42

Demokratische Partei

49

Deutsch-amerikanischer Tag

40

Drogen

45

Fulbright

41

GATT

47

Gesellschaft

46

Haiti

30

Handel

47,51

Innenpolitik

50

Irak

43, 44

Kongresswahlen

45

Kriegsverbrechen

30,36, 41, 45

KSZE

48

Kultur

47, 49

Landeskunde

31

Landminen

41

AMERIKA DIENST 51

Seite 1

�Literatur

40,41

Manfred Wörner

33

Menschenrechte

31, 37, 46, 49, 50

Militär

33, 47, 48

NATO

40, 43, 48, 50

Nichtverbreitung

31,38

Nordkorea

32,36

Osteuropa

31

Porträt

44,49

Rüstungskontrolle

32

Technologie

37

Thanksgiving

46

Umwelt

33, 34, 42

USA-Deutschland

36,38

USA-Europa

32,38

USA-Haiti

Sonderdienst (16. Sept.), 37, 39

USA-Irak

41

USA-Kuba

33

USA-Nordkorea

42

USA-Rußland

39

USA-Südafrika

40

Verbrechensbekämpfung

34

Verfassung

35

Wirtschaft

30, 32, 39, 40, 44

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 51

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 28.12.1994</text>
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            <description>An account of the resource</description>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die diplomatischen Prioritäten der USA im Jahr 1995&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Treffen Christophers mit Pressevertretern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Handel und Technologie - Grundlage für Arbeitsplätze und Wohlstand&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Themenindex &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Halbjahr 1994&lt;/em&gt;</text>
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