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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. Mai 1995

18

.

AUSSENPOLITIK

CLINTON SPRICHT ÜBER MOSKAUER GIPFEL
UND SANKTIONEN GEGEN JAPAN
Radioansprache des Präsidenten

USA-IRAK

ALBRIGHT UNTERSTÜTZT FESTE HALTUNG
DER UNO GEGENÜBER DEM IRAK
Ausweitung der Sanktionen

NICHTVERBREITUNG

USA BEGRÜSSEN ENTSCHEIDUNG ÜBER
VERLÄNGERUNG DES N W
Erklärung von Botschafterin Albright

USIA

AMERIKA HAUSER SIND ORGANISCHE
VERBINDUNG ZWISCHEN USA UND
DEUTSCHLAND
Rede von Richard C. Holbrooke

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
17. Mai 1995

Clinton spricht über Moskauer Gipfel
und Sanktionen gegen Japan
Radioansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer Radioansprache an die Nation äußerte sich Präsident Clinton am 13. Mai 1995
dazu, wie der Moskauer Gipfel die Sicherheit der Vereinigten Staaten stärken wird und warum seine
Administration möglicherweise Sanktionen gegen japanische Importe verhängt.
Der Präsident sprach über sein jüngstes Treffen mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, auf dem
Einigung über Fortschritte bei der Partnerschaft für den Frieden erzielt wurden und Rußland zusagte, den
Verkauf von Nukleartechnologie an den Iran einzustellen.
Ferner unterstrich Clinton seine Entschlossenheit, den japanischen Automarkt zu erschließen und erklärte:
"Aus diesem Grund habe ich meine Administration angewiesen, eine Liste mit potentiellen Sanktionen gegen
japanische Importe auszuarbeiten. Wir sind bereit zu handeln und werden das notfalls bald tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Es ist schön, nach meiner Reise nach Rußland und
in die Ukraine wieder zu Hause zu sein. Ich habe
dort mit Vertretern unserer mutigen Alliierten aus
dem Zweiten Weltkrieg des 50. Jahrestages unseres
Sieges über den Faschismus in Europa gedacht.
Ebenso wie wir gedachten Menschen auf der ganzen Welt in dieser Woche der Opfer, die unsere
Freiheit schützten und unsere Welt sicherer machten. Ich habe diese Reise aber auch unternommen,
um die Sicherheit der Amerikaner in der Zukunft zu
erhöhen.
Ich möchte kurz einige der wichtigsten Aspekte
meines Treffens mit dem russischen Präsidenten
Jelzin ansprechen, die unsere Sicherheit vergrößern
sollen.
Erstens. Wir einigten uns auf weitere Fortschritte bei
der Teilnahme Rußlands an der Partnerschaft für
den Frieden, dem Programm über militärische
Zusammenarbeit zwischen der NATO und anderen
europäischen Demokratien, die sich alle der Achtung
der Grenzen und der Zusammenarbeit zur Förderung der kollektiven Sicherheit in Europa verpflichteten.
Zweitens. Präsident Jelzin erklärte sich einverstanden, den Verkauf von Nukleartechnologie an

AMERIKA DIENST 18

den Iran einzustellen, die eindeutig zur Entwicklung
von Nuklearwaffen eingesetzt werden könnte.
Drittens. Wir einigten uns, die Sonderkommission
unter Vorsitz von Vizepräsident Gore und dem
russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin möge
prüfen, ob der Verkauf russischer Nuklearreaktoren
an den Iran diesem Land bei der Herstellung von
Kernwaffen helfen könnte.
Viertens. Wir befaßten uns mit der Angelegenheit,
wie Rußland bei der Einstellung seines Verkaufs
konventioneller Waffen an den Iran geholfen werden
könnte.
Fünftens. Wir beschlossen den Besuch von Fabriken
zur Herstellung biologischer Waffen im August als
Teil unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Reduzierung der Gefahr einer Weiterverbreitung biologischer und chemischer Waffen. Dies ist von besonderer Bedeutung angesichts der jüngsten Giftgasanschläge auf japanische Untergrundbahnen durch eine
radikale Gruppe sowie von Hinweisen, daß solche
Gruppen sich weltweit um den Zugang zu chemischen und biologischen Waffen bemühen.
Sechstens. In Anbetracht der Tragödie von Oklahoma City und der Heimsuchung Rußlands durch das
organisierte Verbrechen vereinbarten wir den Austausch von Technologie, Informations- und Strafver-

Seite 1

�folgungsressourcen zur Förderung unserer gemeinsamen Bestrebungen im Kampf gegen Terrorismus
und organisiertes Verbrechen.

maßen. Wir haben lange genug vor dieser Mauer
gestanden. Jetzt müssen wir handeln, um amerikanische Arbeitsplätze zu schützen und zu schaffen.

Eine weitere wichtige Entscheidung in dieser Woche
wird uns ebenfalls helfen, die Welt in den kommenden Jahren sicherer zu machen. Die Vereinten
Nationen beschlossen eine unbefristete Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags. Dieser Vertrag
ist seit 25 Jahren unsere wichtigste Waffe im Kampf
gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen. Sie
kann jetzt unbefristet eingesetzt werden. Es war
kein leichter Kampf, und ich bin sehr stolz darauf,
daß die Vereinigten Staaten die Bestrebungen zur
Verlängerung des Einsatzes dieses unerläßlichen
und mächtigen Instruments anführten, das die
Sicherheit aller Amerikaner und aller Menschen auf
der Welt erhöht.

In den Vereinigten Staaten arbeiten nahezu 2,5
Millionen Menschen in der Automobilindustrie und
ihren Zulieferern, was 5 Prozent unserer Volkswirtschaft entspricht. Aufgrund der anderen von den
Automobilherstellern erworbenen Produkte hat der
Verkauf von mehr Autos positive Auswirkungen auf
unsere gesamte Wirtschaft.

Wir haben uns in dieser Woche nicht nur für eine
sicherere Welt für alle Amerikaner eingesetzt,
sondern auch für die weltweite Erschließung wirtschaftlicher Chancen für unser Volk. Die Vereinigten
Staaten sind dem offenen und fairen Handel zwischen allen Nationen verpflichtet. Aus diesem
Grund habe ich mich in den letzten beiden Jahren
so entschieden für die größten Initiativen zur Marktöffnung seit über einer Generation eingesetzt NAFTA, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das Welthandelsabkommen GATT. Ich habe
mich dafür eingesetzt, daß sich unsere Partner in
der asiatisch-pazifischen Region und in unserer
eigenen Hemisphäre bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt zu freiem und fairem Handel verpflichten.
Aus diesem Grund habe ich mich für den Abbau der
japanischen Handelshemmnisse engagiert, die
konkurrenzfähigen, von amerikanischen Facharbeitern hergestellten Produkten den Marktzugang
verwehren.

Jede Seite profitiert von der Öffnung der japanischen
Märkte. Alte Gewohnheiten und starke Interessen
lassen sich jedoch nur schwer abschaffen. Seit über
20 Jahren hat sich jeder amerikanische Präsident mit
diesem Problem befaßt, und unsere Administration
führt jetzt seit 20 Monaten Gespräche mit Japan. Es
besteht jedoch ein großer Unterschied zwischen
Gesprächen und Ergebnissen. Ich bin zur Öffnung
des japanischen Automarktes entschlossen. Aus
diesem Grund habe ich meine Administration angewiesen, eine Liste mit potentiellen Sanktionen gegen
japanische Importe auszuarbeiten. Wir sind bereit zu
handeln und werden das notfalls bald tun.

Wir schlössen innerhalb von 27 Monaten 14 zielorientierte Abkommen, um den japanischen Markt für
alle Waren zu öffnen - von unseren Äpfeln bis zu
unserem Reis, von unsererTelekommunikationsausrüstung bis zu unseren Leistungen im Wohnungsbau. Diese Abkommen zahlen sich allmählich bei
Arbeitsplätzen und Gewinnen hier in den Vereinigten
Staaten aus.
Im Hinblick auf den Verkauf von Autos und Autoteilen nach Japan stehen wir jedoch vor einer Wand.
Ausländer haben einen Anteil von 30 Prozent an
unserem Markt, aber nur 4 Prozent am japanischen
Markt - bei Kraftfahrzeugen und Autoteilen gleicher-

*

Seite 2

*

Unsere Bestrebungen, die japanischen Märkte
ebenso stark zu öffnen wie die unseren sind für
amerikanische Arbeitnehmer und Unternehmen von
Vorteil. Ferner sind sie gut für die japanischen
Verbraucher, die heute wegen ihrer Handelshemmnisse viel höhere Preise zahlen.

Wir wünschen keinen Handelskonflikt mit Japan,
werden jedoch nicht zögern, für faire Bedingungen für
amerikanische Produkte zu kämpfen. Ich möchte
zweierlei betonen: Wir streben keine Bevorzugung
amerikanischer Autos und Autoteile gegenüber denen
anderer Länder an. Wir wünschen, daß alle Länder
gleichen Zugang zum japanischen Markt bekommen.
Wir werden unsere Chancen immer im fairen Wettbewerb suchen.
Ferner möchte ich hervorheben, daß Japan ein
geschätzter Freund und Partner ist. Wir arbeiten in
vielen wichtigen Fragen zusammen, darunter Bestrebungen zur Öffnung des Handels auf anderen Gebieten sowie zur Förderung unserer gemeinsamen
Sicherheitsinteressen. Japan sollte wieder mit uns an
einem Strang ziehen. Gemeinsam müssen wir
sicherstellen, daß unsere Zukunft nicht nur mehr
Sicherheit, sondern auch mehr Wohlstand bietet - für
das amerikanische Volk und die Menschen auf der
ganzen Welt.

*

*

AMERIKA DIENST 18

'

�USA-IRAK
17. Mal 1995

Albright unterstützt feste Haltung der UNO
gegenüber dem Irak
Ausweitung der Sanktionen
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die "halbherzigen Maßnahmen und offene Täuschung" des Irak als Reaktion
auf die Direktiven des UN-Sicherheitsrats lassen dem Rat keine andere Wahl, als die gegen Baghdad
verhängten Sanktionen aufrechtzuerhalten, erklärte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten
Nationen, Madeleine Albright, am 12. Mai 1995 bei einem Treffen des Rats.
Frau Albright sprach bei einer nichtöffentlichen Sitzung des Sicherheitsrates, in der die 25. periodische
Sanktionsüberprüfung durchgeführt und festgestellt wurde, der Irak habe seine aus dem Waffenstillstand
resultierenden Vereinbarungen nicht ausreichend eingehalten, um eine Änderung der vor fünf Jahren
verhängten umfassenden Wirtschaftssanktionen zu rechtfertigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Da der Irak seine Verpflichtungen aus den relevanten Resolutionen des Sicherheitsrats nicht erfüllt hat,
bleibt dem Rat keine andere Wahl, als die Sanktionen aufrechtzuerhalten. Anstatt sich an die Resolutionen zu halten, bot der Irak dem Sicherheitsrat mit
einer Mischung aus halbherzigen Maßnahmen und
offener Täuschung die Stirn.
Einer konsequenten Täuschungspolitik muß der Rat
mit konsequenter Festigkeit begegnen. Die Behauptungen des Irak, er habe die Bestimmungen von
Resolution 687 des Sicherheitsrats erfüllt, sind
eindeutig nicht fundiert und eine Mißachtung der
Schilderungen des Sonderbeauftragten Ekeus von
der Unzulänglichkeit der sogenannten "vollständigen,
endgültigen und umfassenden" Offenlegung der
irakischen Programme für biologische und chemische Waffen. Der Irak weigert sich weiterhin, eine
Anzahl von Verpflichtungen im Rüstungsbereich
einzuhalten - darunter die äußerst wichtige Resolution 707 des Rates.
Neben der Waffenfrage muß der Irak noch seine
Verpflichtungen zur Rückgabe kuwaitischen Besitzes
erfüllen. Viele der vom Irak gerade "zurückgegebenen" Militärtahrzeuge - eine Kollektion mutwillig
zerstörten und unbrauchbaren Alteisens - sind
tatsächlich Gegenstände, die der Irak vom Iran in
seinem ersten Aggressionskrieg gegen einen Nachbarn erbeutete. Ich wiederhole nochmals, daß es
keine Aussicht auf eine Abänderung der Sanktionen
gibt, bis der Irak die Waffen in funktionierendem

AMERIKA DIENST 18

Zustand zurückgibt, die er dem Land gestohlen und
in seiner eigenen Armee verwendet hat.
Bei Gesprächen über Kuwaitis sowie Angehörige von
Drittländern, die vom Irak umgebracht oder gefangengenommen worden sind, trug der Irak dem Sicherheitsrat Argumente mit zwei falschen Behauptungen
vor, die darauf hinweisen, daß ihr Verfasser nicht die
Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats gelesen hat.
Erstens. Die Behauptung, diese Frage stehe nicht
mit Sanktionen in Zusammenhang, ist schlichtweg
falsch. Der Irak muß diese Angelegenheit regeln,
bevor Sanktionen modifiziert werden können. Zweitens. Die hektischen Bestrebungen des Irak, außerhalb des Rahmens des Internationalen Komitees
des Roten Kreuzes ein Abkommen zu schließen,
weisen darauf hin, daß das Land die klaren Instruktionen des Sicherheitsrates nicht verstanden hat.
Der Irak setzt sein internes Embargo gegen den
Nordirak, seine Unterdrückung der Schia und Zerstörung ihres Lebensraums im Süden fort - Aktionen,
die gegen Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats
verstoßen.
Der Sicherheitsrat weiß, daß der Irak sich weiterhin
weigert, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen,
die zu einer Aufhebung der Sanktionen führen
könnten. Da er über die Schwierigkeiten besorgt war,
die Nichtmitglieder des Regimes mit der Finanzierung
grundlegender humanitärer Bedürfnisse haben, nahm
er einstimmig Resolution 986 an und ermöglichte

Seite 1

�damit dem Irak Olverkäufe zur Finanzierung von
Lebensmittelimporten, Medikamenten und anderem
humanitären Versorgungsmaterial.
Wir entwarfen eine Resolution, für deren Ablehnung
die irakische Regierung keine Entschuldigung hat.
Die Resolution befaßt sich mit allen Fragen, die von
der irakischen Regierung als Rechtfertigung für ihre
frühere Ablehnung der Durchführung von Resolutionen 706 und 712 angeführt wurden. Der Sicherheitsrat handelte aus Besorgnis um das irakische
Volk; wir waren enttäuscht über die Weigerung des
Irak, die Resolution zu akzeptieren, die der irakischen Bevölkerung mehr Nahrungsmittel und Medizin liefern würde, als die irakische Regierung zu
finanzieren bereit ist. Wir betrachten die irakische
Weigerung jedoch ebensowenig als endgültig wie die
Ablehnung der letzten 30 Resolutionen des Sicherheitsrats durch das Land.
Wenn die Regierung des Irak wirklich um das Wohl
ihrer Bevölkerung besorgt ist, sollte sie Resolution

986 akzeptieren und umsetzen. Wir weisen die
Behauptung Baghdads zurück, es bestehe kein
Bedarf für eine sogenannte Übergangsmaßnahme.
Wir bedauern, daß Baghdad zur Umgehung von
Resolution 986 entschlossen zu sein scheint, indem
es falsche Argumente über Souveränität anführt.
Dies ist zu einem Zeitpunkt, an dem der Rat eine
ausschließlich auf humanitäre Belange ausgerichtete
Resolution angenommen hat, nicht angemessen.
Die Befolgung der Resolutionen des Rates läßt
keinen Raum zum streiten oder feilschen. Das
wesentliche an ihnen ist, daß der Irak seine Bereitschaft unter Beweis stellen sollte, in Frieden mit
seinen Nachbarn und seinem eigenen Volk zu leben.
Der Sicherheitsrat hat das bekräftigt, und der Irak
sollte dementsprechend handeln. Wir sind bereit, auf
reale humanitäre Belange zu reagieren - wie Resolution 986 demonstriert - sind jedoch nicht bereit zur
Aufhebung der Sanktionen auf der Grundlage der von
Baghdad bisher unternommenen halbherzigen
Schritte.

* *

Seite 2

AMERIKA DIENST 18

�NICHTVERBREITUNG
17. Mai 1995

USA begrüßen Entscheidung über Verlängerung des N W
Erklärung von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, erklärte am 11. Mai 1995, die internationale Staatengemeinschaft hätte sich mit ihrer
Entscheidung über eine unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) "einer historischen
Herausforderung gestellt und den Sieg davongetragen".
Frau Albright erörterte Strategie und Grundprinzipien der Vereinigten Staaten bei ihrer weltweiten Kampagne
zur unbegrenzten, bedingungslosen Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags auf einer Pressekonferenz,
die kurz nach der Entscheidung der Unterzeichnerstaaten über eine unbegrenzte Verlängerung des 25 Jahre
alten N W stattfand. Bei der Konferenz wurden auch andere Dokumente angenommen, darunter eine
Grundsatzerklärung, eine Verpflichtung zu einer Stärkung des Überprüfungsprozesses sowie eine Resolution

über eine Zone im Nahen Osten, die frei von Massenvernichtungswaffen sein soll.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Botschafterin Albright bei der Pressekonferenz abgegebenen
Erklärung.
Meine Damen und Herren, zunächst einmal möchte
ich im Namen der gesamten amerikanischen Delegation bei der Konferenz über die Verlängerung des
N W zum Ausdruck bringen, daß wir einen langen,
schwierigen Weg zurückgelegt, letztlich aber unser
Ziel erreicht haben. Der Nichtverbreitungsvertrag ist
unbegrenzt verlängert worden. Die Gefahr einer
Verbreitung von Nuklearwaffen auch in anderen
Ländern wurde verringert. Durch die Verminderung
des Risikos, daß zusätzliche Länder zu Atommächten werden, sollte dieser außerordentliche Erfolg die
Welt zu einem sichereren Ort für uns alle, unsere
Kinder und Enkelkinder machen.

sowie auf zahlreiche andere Beamte des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des
Nationalen Sicherheitsrats.
Last but not least möchte ich den Dank meiner
Regierung an Botschafter Dhanapala, den Präsidenten der Konferenz übermitteln, der uns geschickt
durch aufgewühlte diplomatische Gewässer steuerte,
um die Verlängerung des Vertrags ohne ein entzweiendes Votum zu ermöglichen.

Präsident Clinton machte die Verlängerung des N W
zu einer seiner obersten außenpolitischen Prioritäten. Aus diesem Grund kam Vizepräsident Gore als
Leiter der amerikanischen Delegation nach New
York. Aus diesem Grund befaßte sich Außenminister Christopher in New York und bei verschiedenen
Zusammenkünften weltweit so energisch mit dieser
Frage. Und aus diesem Grund habe ich mich hier
bei den Vereinten Nationen an der Ausarbeitung der
Resolutionen über eine Erweiterung beteiligt und
während meiner letzten Reise an Gesprächen mit
anderen Politikern teilgenommen.

Zu Beginn dieser Konferenz waren die meisten
Kommentatoren der Ansicht, es könne kein Konsens
der Unterzeichnerstaaten über eine unbegrenzte
Erweiterung erlangt werden. Viele argumentierten,
die Vereinigten Staaten gefährdeten durch ihr Beharren auf einer unbegrenzten und bedingungslosen
Erweiterung unnötigerweise die Zukunft des N W .
Viele vertraten die Ansicht, wenn wir nicht auch einer
Verlängerung um eine kürzere Zeit zustimmten,
würden wir einige Länder zu einer Ablehnung oder
Abkehr vom N W veranlassen. Und viele sagten, um
eine Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags zu
erzielen, müßten wir über die Ansicht unserer Regierung zur richtigen Geschwindigkeit der Abrüstung
hinausgehen.

Dies war eine umfassende Bestrebung der USRegierung, während der wir uns stark auf die unermüdliche Expertise von Ralph Earle, Tom Graham
und der gesamten NW-Delegation verlassen haben

Diese Ansichten erwiesen sich allesamt als falsch
oder stark übertrieben. Trotz vieler schwieriger Tage,
in denen wir diese und andere Kritikpunkte zurückwiesen, erledigten die Delegation und die Administra-

AMERIKA DIENST 18

Seite 1

�tion ihre Arbeit auf entschiedene, geschäftsmäßige
Art und Weise.
Ein kurzer Blick auf die heutigen Entscheidungen
zeigt, daß sich unsere Mühe bezahlt gemacht hat.
Erstens haben wir erfolgreich Nutzen aus dieser
einmaligen Chance zu einer dauerhaften Verlängerung dieses entscheidenden Vertrags gezogen. Die
Länder können jetzt zuversichtlich und sicher sein,
daß eine Entscheidung über den Verzicht auf Nuklearwaffen ihrer Nation nicht in einigen Jahren schaden wird.
Zweitens war unsere Strategie, auf einer unbegrenzten Verlängerung zu beharren - selbst wenn das
eine Abstimmung erfordert - die richtige. Indem wir
unsere Entschlossenheit demonstrierten, eine
unbegrenzte Verlängerung sicherzustellen, wurden
sich andere bewußt, daß Verhandlungen in gutem
Glauben über Begleitdokumente und eine anschließende Einigung über eine Verlängerung des Vertrags die klügste Entscheidung darstellten.
Drittens wurde diese unbegrenzte Verlängerung
nicht an Bedingungen geknüpft. Wir vermieden
erfolgreich eine Sprachregelung, die die Zukunft des
N W an einen besonderen Zeitplan für bestimmte
Waffenkontrolle und Abrüstungsziele knüpft. Dies
war entscheidend, weil wir eine Situation vermieden,
in der das gesamte Gebäude der Nichtverbreitung
zusammenfallen würde, wenn ein spezifisches Ziel
der Rüstungskontrolle nicht zu einem bestimmten
Zeitpunkt erzielt würde. Es wurde Zutrauen in die
Dauerhaftigkeit
des
Nichtverbreitungsregimes
geschaffen. Die Länder können jetzt auf Atomwaffen
verzichten, ohne fürchten zu müssen, daß der
Vertrag in naher Zukunft scheitern könnte.
Obwohl mittlerweile fast jedes Land der Welt auf
Kernwaffen verzichtet, haben die Atommächte auf
dem Gebiet der Rüstungskontrolle und Abrüstung
große Schritte unternommen und werden das auch
weiterhin tun. Die Kombination der START I und
START Il-Verträge führte zur Zerstörung Tausender
von strategischen Nuklearwaffen, und die verbleibenden Waffen sind nicht länger auf die Zivilbevölkerung
gerichtet. Die Verhandlungen über die Beendigung
von Atomwaffentests machen gute Fortschritte - und
Präsident Clinton setzt sich für ein solches Verbot im
kommenden Jahr ein. Die Vereinigten Staaten
drängen auf ein globales Verbot der Produktion
spaltbarer Materialien für atomwaffenfähige Zwecke.

Bei der Aushandlung der Begleitdokumente weigerte
sich die Clinton-Administration, zu Verpflichtungen
über Rüstungskontrolle und Abrüstung gedrängt zu
werden, die uns unsolide und unrealistisch erscheinen. Und wir erreichten dennoch die unbegrenzte
und bedingungslose Verlängerung mit einhelliger
Unterstützung aller Vertragsparteien.
Gleichzeitig trugen wir den Anliegen vieler Regierungen, angeführt von der südafrikanischen Delegation
Rechnung, den Verif izierungsprozess des Vertrags zu
stärken. Die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags wird nicht unser Engagement für
die Erfüllung unserer Verpflichtungen unter dem
Vertrag schmälern. Ein beschleunigter Überprüfungsmechanismus wird dazu beitragen, dieses Ergebnis
sicherzustellen.

v

Abschließend möchte ich sagen, daß dieses erfolgreiche Ergebnis meines Erachtens auf mehrere
Faktoren zurückzuführen ist. Es ist ein Tribut an die
weltweite Lobbyistenarbeit Präsident Clintons während der vergangenen Monate. Ferner ist es das
Resultat des Goodwills, den die Clinton-Administration weltweit während der vergangenen Monate
aufbaute, während wir zunehmend eine Verfolgung
unserer außenpolitischen Ziele durch multilaterale
Diplomatie anstrebten.
Indem wir die Anliegen
anderer Länder hörten und ihnen - wo möglich Rechnung trugen, stellten wir sicher, daß andere
Länder den wichtigen Anliegen der Vereinigten
Staaten Rechnung tragen. Und natürlich ist unser
heutiger Erfolg das Ergebnis des Engagements vieler
Länder für ein Nichtverbreitungsregime. Ihr Verständnis von der Bedeutung einer unbegrenzten
Verlängerung des Vertrags war ein entscheidender
Faktor.
Als Vizepräsident Gore vergangenen Monat bei
dieser Konferenz eine Rede hielt, verglich er diesen
Moment der Entscheidung mit der Krise, mit der die
Generation des Zweiten Weltkriegs konfrontiert war,
und die Präsident Roosevelt als "Rendezvous mit
dem Schicksal" bezeichnet hatte. Mit der heutigen
Entscheidung haben sich die Länder der Welt - und
die Vereinigten Staaten im besonderen - einer
historischen Herausforderung gestellt und den Sieg
davongetragen. Sie trafen eine kluge Entscheidung,
indem sie eine gefährlichere Welt mit neuen Nuklearwaffen zurückwiesen. Und indem wir eine Welt
sicherstellten, in der nicht durch Unsicherheit und
Angst neue und gefährliche Nuklearwaffen hervorgebracht werden, entschieden wir uns dafür, die
Sicherheit aller zu stärken.

Zusammen mit der Verlängerung des N W haben
diese Schritte die Gefahr eines Atomkriegs stark
verringert. Und das ist natürlich das Ziel all unserer
Bestrebungen.

Seite 2

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AMERIKA DIENST 18

'

�USI A
17. Mai 1995

Amerika Häuser sind organische Verbindung
zwischen USA und Deutschland
Rede von Richard C. Holbrooke
FRANKFURT/MAIN - (AD) - Die Amerika Häuser sind "ein einzigartiges Kapital", erklärte der Abteilungsleiter
für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard C. Holbrooke, der am 11.
Mai 1995 in der Frankfurter Paulskirche im Namen des US-Informationsamts (United States Information Agency
- USIA), dem die Amerika Häuser angehören, den Leo M. Goodman Award entgegennahm.
Die Amerika Häuser stellten eine "organische Verbindung zu Deutschland" her, äußerte Holbrooke und hob
insbesondere ihre Anpassungsfähigkeit hervor. Sie böten "einen facettenreichen Dialog und Engagement
zwischen unseren beiden Ländern auf vielen Ebenen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Abteilungsleiter Holbrooke im Wortlaut.
Fred, Außenminister Genscher, Botschafter Redman,
es ist mir eine große Ehre, stellvertretend für die
Amerikanische Botschaft und das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA), dem
die Amerika Häuser in Deutschland angehören, den
Leo M. Goodman Award entgegenzunehmen.
Besonders geehrt fühle ich mich über die heutige
Anwesenheit eines früheren Preisträgers.
Ich
möchte Herrn Genscher meine Dankbarkeit für alles
aussprechen, was er für die deutsch-amerikanischen
Beziehungen sowie die Sache des Friedens und der
Freiheit in Europa und auf der Welt getan hat.
Dr. Joseph Duffey, der Direktor des US-Informationsamts, bedauert es außerordentlich, heute nicht hier
sein zu können. In wenigen Stunden wird er bei der
Anhörung eines Senatsausschusses über die Zukunft des US-Informationsamts sprechen. Ich bin
zuversichtlich, daß der heute den Amerika Häusern
verliehene Preis Dr. Duffey dabei unterstützen wird,
dem Kongreß und dem amerikanischen Volk ein
deutliches Signal zu senden, daß USIA in unserem
außenpolitischen Team eine unerläßliche Rolle
spielt.
Ich finde es sehr erfreulich, daß dieser Preis zwei
Jahre hintereinander einem der Unseren verliehen
wird. Im vergangenen Jahr wurde Senator William
Fulbright für die Gründung des Austauschprogramms
ausgezeichnet, das seinen Namen trägt. Das Ful-

AMERIKA DIENST 18

bright-Programm, dessen Ehrenvorsitzende der USBotschafter in Deutschland und Außenminister Kinkel
sind, fällt ebenfalls in den Aufgabenbereich von USIA.
Wir alle bedauerten vor kurzem den Tod des Senators. Gleichzeitig wurden wir aber auch daran
erinnert, daß gute Werke ein Menschenleben überdauern. Durch das Fulbright-Programm wird sein
Name lange Zeit ein Symbol für Völkerverständigung
und Goodwill bleiben.
Sowohl die Amerika Häuser als auch das FulbrightProgramm bezeugen die Bedeutung des zwischenmenschlichen Austauschs sowie des interkulturellen
Dialogs. Die Amerika Häuser in Deutschland sind
seit einem halben Jahrhundert Foren für freie, offene
und ehrliche Gespräche.
Wenn ich von freien und offenen Diskussionen
spreche, erinnert mich das daran, wie angemessen
dieser Veranstaltungsort - die Paulskirche - ist, die
seit anderthalb Jahrhunderten die Rede- und Meinungsfreiheit symbolisiert.
Hier kam das erste,
demokratisch gewählte Parlament in der deutschen
Geschichte zusammen, um eine Verfassung für ein
freies und geeintes Deutschland auszuarbeiten.
Bedauerlicherweise wurde dieser große Traum
zunichte gemacht, mit militärischer Gewalt unterdrückt. Nach der erfolglosen Revolution der 40iger
Jahre des 19. Jahrhunderts kam ein Strom berühmter
Deutscher, viele der Talentiertesten und Klügsten

Seite 1

�dieses Landes, über den Atlantik und bereicherte
und stärkte die Demokratie in den Vereinigten
Staaten.
Unter ihnen waren Carl Schurz, der amerikanischer
Senator, Innenminister und führender Reformer
wurde; Thomas Nast, der wichtigste politische
Cartoonist unserer Geschichte - er erfand den Esel
als Symbol der Demokratischen Partei, den Elefanten der Republikaner und unser nationales Selbstbildnis, Onkel Sam - sowie Albert Bierstadt, einer der
Gründer der ersten Schule amerikanischer Maler,
der Hudson River School.
Deutsche Einwanderer spielten weniger als 20 Jahre
später eine entscheidende Rolle in der größten Krise
der amerikanischen Geschichte - unserem Bürgerkrieg. Deutsche Einwanderer halfen unserer Nation,
diese Bewährungsprobe zu bestehen und die von
uns stets hochgehaltenen Ideale zu verteidigen. Der
berühmte Südstaatengeneral, Robert E. Lee, soll
gesagt haben: "Wenn die Deutschen nicht gewesen
wären, hätten wir die Yankees geschlagen."
300.000 deutsche Einwanderer kämpften für die
Union, darunter Generäle wie der eben erwähnte
Carl Schurz und Franz Sigel.
Ungefähr 100 Jahre später überquerte ein anderer
Menschenstrom den Atlantik - dieses Mal in Richtung Osten. Ende der 40iger und Anfang der 50iger
Jahre kamen viele Amerikaner nach Deutschland,
um beim Wiederaufbau Ihres Landes zu helfen und
eine starke Grundlage für Ihre Demokratie zu legen.
Zu ihren herausragenden Leistungen zählt die
Errichtung der Amerika Häuser.

In ihren Anfängen

waren es kleine Leseräume in der amerikanischen
Besatzungszone, oft an unmöglichen Orten: Im
Hinterzimmer eines Wirtshauses, in einer Arztpraxis
oder einer Börse. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelten sich während der ersten Monate
und Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
in Städten in ganz Westdeutschland amerikanische
Bibliotheken.
Diese Zentren sowie die von ihnen organisierten
Filmvorführungen, Vorträge, Ausstellungen und
Konzerte füllten ein Vakuum in einem Land, das
durch die Diktatur isoliert und vom Krieg zerstört
war. Diese Aktivitäten unterstanden in den Anfangsjahren den amerikanischen Streitkräften und anschließend dem US-Außenministerium.
1953
übernahm das neugegründete US-Informationsamt
diese Aufgaben.
Diese mittlerweile "Amerika Häuser" umgetauften
Institutionen waren für die deutsche Öffentlichkeit
eine Offenbarung. Menschen mit einem gesunden

Seite 2

Mißtrauen gegenüber Propaganda - Ergebnis ihrer
schrecklichen Erfahrungen - waren äußerst beeindruckt von der Offenheit sowie Meinungs- und
Ideenfreiheit, die sie dort vorfanden.
Der US-Hochkommissar für Deutschland, John J.
McCIoy, erklärte 1950: "Das Amerika Haus ist kein
Haus der Propaganda. Es ist ein Ort, an dem freie
Männer und Frauen ihre Ansichten austauschen,
lernen und gegenseitiges Verständnis entwickeln
können."
Dieses Verständnis entstand und entsteht durch
Bücher und Zeitschriften, Besuche amerikanischer
Künstler, Wissenschaftler und Regierungsvertreter,
Kunstausstellungen und Konzerte sowie durch
Austausch- und internationale Besucherprogramme.

,

i

Musiker von John Cage bis Lionel Hampton, Schriftsteller von William Faulkner bis Toni Morrison,
Künstler und Architekten von Edward Steichen bis
Mies van der Rohe kamen im Laufe der Jahre in die
Amerika Häuser.
Während der letzten Jahrzehnte, in denen Deutschland seine eigenen Bibliotheken und Kulturinstitutionen wiederaufbaute und eine stabile und erfolgreiche
Demokratie schuf, sank unweigerlich die Zahl der
Amerika Häuser. Die derzeitigen Häuser - Berlin,
Köln, Frankfurt, München, Hamburg und Leipzig sind Aushängeschilder eines Systems, dem einst
über 50 angehörten.
Leseräume weichen jetzt den CD-ROMs. Digitale
Videokonferenzen nutzen Satellitentechnologie;
umfangreiche Zeitschriften werden auf CDs gespeichert; Multimedia-Computer vergrößern den Zugang
von Studenten, die in den Vereinigten Staaten
studieren wollen, zu mehr Informationen.
Durch Investitionen in neue Konzepte von Service
und Technologie können die Amerika Häuser führenden deutschen Meinungsbildern heute und morgen
mehr Einblick in die Vereinigten Staaten gewähren
als je zuvor. Alle Amerika Häuser sind heute nahtlos
durch ein elektronisches Netz verbunden, das sofort
neueste Informationen über die Vereinigten Staaten
bereitstellt.
Jedes enthält das neue "Information USA"-System,
das weit über die Rolle einer traditionellen Bibliothek
hinausgeht. Das "Information USA"-System umfaßt
den Auskunftsdienst "Reference Service", der Informationen über alle Aspekte amerikanischer Politik
und Gesellschaft bereitstellt, "Study in the USA", das
an einem Studium in den Vereinigten Staaten interessierten Deutschen Beistand leistet, die "Business
Information Centers", die - in Zusammenarbeit mit der

AMERIKA DIENST 18

«

k

�Handelsabteilung des US-Wirtschaftsministeriums spezielle Daten über amerikanische Unternehmen,
Produkte und Dienstleistungen liefern, um unsere
wachsenden Wirtschaftsbeziehungen zu fördern.
Es ist äußerst passend, daß das erste Business
Information Center im Januar vergangenen Jahres
im Amerika Haus Frankfurt eröffnet wurde. Dies ist
eine Anerkennung der Rolle dieser Stadt als eines
der wichtigsten Finanzzentren Europas.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit der Amerikanischen Handelskammer für ihre fortgesetzte und
energische Unterstützung der Amerika Häuser
danken. Wie die Verleihung des Leo M. Goodman
Awards demonstriert, profitieren beide Seiten von
diesen Beziehungen. Amerikanische Unternehmen
leisten einen unerläßlichen Beitrag zu Frieden,
Völkerverständigung und Demokratie hier und andernorts.
Die Förderung amerikanischer Unternehmen im
Ausland gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer
Präsenz außerhalb der Vereinigten Staaten. Sie ist
ein Schlüsselelement von Präsident Clintons Plan für
nationales Wirtschaftswachstum und Sicherheit. Wir
in der Regierung pflegen im Rahmen eines Prozesses gemeinsamer Aktionen und der Verständigung
überall Kontakte zu amerikanischen Unternehmen.
Die Business Information Centers, die vom USInformationsamt und der Handelsabteilung des USWirtschaftsministeriums in sechs Städten Deutschlands unterhalten werden, sind ein gut sichtbares
und dynamisches Symbol für die neue Konzentration
auf wirtschaftliche und unternehmerische Interessen
als integraler Bestandteil der Außenpolitik dieser
Administration. Seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr
haben die Business Information Centers Tausende
von Anfragen deutscher und amerikanischer Unternehmen beantwortet. Gleichzeitig hat die Zusammenarbeit zwischen dem US-Informationsamt, der
Handelsabteilung des US-Wirtschaftsministeriums,
anderer Regierungsbehörden der Vereinigten Staaten sowie Organisationen wie der Amerikanischen
Handelskammer in Deutschland den Amerika Häusern eine neue Rolle gegeben - als Forum und
Treffpunkt für Wirtschaftsvertreter.
Natürlich vertreten wir Amerika als Ganzes, nicht
einzelne Unternehmen.
Aber wir können hier
interessante Informationen über Wirtschaft und
Unternehmen der Vereinigten Staaten geben. Die
Entwicklung neuer und die Wiederbelebung alter
Industrien - die vielgestaltige Kreativität amerikanischer Unternehmen - sind ein anregendes Beispiel
für unsere fortdauernde nationale Dynamik.

AMERIKA DIENST 18

Am heutigen Abend ist auch ein besonderes Wort
des Dankes an die Adresse der Organisationen und
Freiwilligenverbände engagierter und aufgeschlossener Einzelpersonen angebracht, die über die Jahre
zum Erhalt der Amerika Häuser beigetragen haben.
Ich meine die "Freunde und Förderer des Amerika
Hauses" in Frankfurt, die "Freunde des Amerika
Hauses" in München und Berlin sowie den "Freundeskreis des Amerika Hauses Köln". Diese Gruppen
haben viel dazu beigetragen, die Amerika Häuser zu
den lebenswichtigen Kräften zu machen, die sie
waren und sind. Wir stehen tief in ihrer Schuld.
Würdigen möchte ich auch die Deutsch-Amerikanischen Institute - die GAls - die über die Jahre hinweg
die Fahne hochgehalten haben. Viele waren ursprünglich Amerika Häuser. Sie alle führen solide,
nachdrückliche und kreative Programme durch - trotz
der Rückschläge und Haushaltskürzungen, die uns
alle auf beiden Seiten des Atlantiks betreffen.
Meinen aufrichtigen Dank möchte ich auch der
deutschen Regierung - auf Bundes-, Länder- und
Gemeindeebene - für ihre entschiedene Unterstützung der GAls und der Amerika Häuser aussprechen.
Nur dadurch ist die lebhafte amerikanische Präsenz
in vielen Teilen Deutschlands möglich geworden.
Die Amerika Häuser haben seit ihren bescheidenen
Anfängen viel erreicht. Trotz oder vielleicht gerade
wegen dieses ständigen Wandels stehen sie für
dauerhafte, dynamische Bande zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Bei der Eröffnung des jüngsten Amerika Hauses in
Leipzig vor drei Jahren erinnerte sich der sächsische
Ministerpräsident Kurt Biedenkopf daran, wieviel er
selber während der fünfziger Jahre von seinen
Besuchen in den Amerika Häusern in Westdeutschland gelernt hatte. Jetzt bietet das neue Amerika
Haus Leipzig den Ostdeutschen, die nahezu sechs
Jahrzehnte lang von der amerikanischen Kultur
abgeschnitten waren, diese Möglichkeit.
Ich freue mich über unsere bisherigen Leistungen,
Amerika und die neuen Bundesländer einander
anzunähern, und sehe der Zukunft erwartungsvoll
entgegen. Zusätzlich zum Programm des Amerika
Hauses Leipzig, das für Sachsen und Thüringen
zuständig ist, erweitert das Amerika Haus Berlin
unsere Aktivitäten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern.
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen sind wir
aktiv an der Errichtung eines Centers for Advanced
English and U.S. Studies in Lutherstadt Wittenberg
beteiligt. Radio Charlie der Voice of America wird am

Seite 3

�Samstag in Berlin seinen Sendebetrieb auf der
Frequenz des früheren AFN aufnehmen. Dieses
Projekt - eine Partnerschaft zwischen VOA, die
ebenfalls dem US-Informationsamt untersteht, und
Capital Radio wird einen belebenden Beitrag zur
Medienlandschaft in der am schnellsten wachsenden
und dynamischsten Hauptstadt Europas leisten.
Eine weitere interessante neue Institution, die
Amerikanische Akademie zu Berlin, wird sich auf die
Förderung des Kulturaustausche auf der Ebene der
Geisteswissenschaften über den Atlantik hinweg und
in ganz Mitteleuropa konzentrieren.
Ich habe über unsere Leistungen in der Vergangenheit und Pläne für die Zukunft gesprochen. Diese
Aktivitäten finden jedoch vor dem Hintergrund jahrhundertealter gemeinsamer Geschichte und Erfahrungen statt. Wir, die wir am heutigen Abend hier
versammelt sind -Deutsche und Amerikaner gleichermaßen - wissen, daß unsere beiden Völker über
Jahrhunderte einzigartige Beziehungen entwickelt
haben - entstanden durch die Einwanderung, zerrissen durch Kriege, geheilt und gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, aufrechterhalten durch
zwischenmenschliche Kontakte sowie den Austausch
von Menschen und Gütern.
Wir wissen, daß die Geschichte uns auf Gedeih und
Verderb aneinander gebunden hat, daß es einem
unserer Länder nur gut gehen kann, wenn es dem
anderen ebenfalls gut geht.
Wir sind uns auch bewußt, daß eine unserer wichtigsten Aufgaben in der Pflege dieser Beziehungen
besteht und darin, ihre Zukunft treuhänderisch zu
verwalten - die lebenswichtigen Verbindungen aufrechtzuerhalten, die gewährleisten, daß die Lehren
der Geschichte von einer Generation an die nächste
weitergegeben werden.
Wir befinden uns inmitten eines dynamischen Wandels und suchen nach Lösungen für die neuen
Herausforderungen zunehmend komplexer und
zunehmend multikultureller Gesellschaften.
Die
Notwendigkeit einer Anpassung an neue Gegebenheiten besteht immer weiter: Vom Informationszeitalter bis zu einem zunehmend integrierten
Europa, von Haushaltskürzungen bis zu den Erfordernissen einer wirklich globalen Wirtschaft.
Die Amerika Häuser sind Zeugen und Leitfiguren in
den wogenden Wassern des Wandels. Sie stehen
für direktes amerikanisches Engagement - eine
organische Verbindung zu Deutschland. Sie erfassen und reflektieren nicht nur Ihre, sondern auch
unsere regionale Vielfalt.
Sie gehen über die
nationalen Hauptstädte - Bonn und Washington,
Berlin und New York - hinaus und erstrecken sich

Seite 4

auf regionale Hauptstädte wie Hamburg und Chicago,
München und Cincinnati.
Die Amerika Häuser sind ein einzigartiges Kapital.
Sie öffnen jedem die Tür zu den Vereinigten Staaten,
der uns in unserer ganzen Vielfalt kennenlernen
möchte. Sie sind greifbare Symbole unserer dauerhaften Freundschaft und wechselseitigen Abhängigkeit.
Das Geniale an ihnen ist ihre Anpassungsfähigkeit.
Sie bieten einen facettenreichen Dialog und Engagement zwischen unseren beiden Ländern auf vielen
Ebenen. Im übergreifenden Kontext eines Programms des Amerika Hauses wird ein aufmerksamer
Beobachter erstaunliche Nebeneinanderstellungen
und Ähnlichkeiten beispielsweise von Geldwert und
moralischen Werten, von Außen- und Städtepolitik
sehen.
Es war eine kluge Entscheidung, unsere Zentren
"Häuser" zu nennen. Ein Haus ist ein Ort, der
Besucher willkommen heißt, jedoch hauptsächlich der
Familie dienen soll. Ein Haus enthält komplexe und
miteineinander verflochtene Beziehungen, die bisweilen schwierig sind. Es ist jedoch letztlich ein Ort, an
dem man sich umeinander kümmert. Die Amerika
Häuser sind die physische Manifestation dauerhaften
Engagements.
Nationale Politik wird weltweit immer stärker nicht nur
von Eliten, sondern von zunehmend besser informierten Bürgern beeinflußt. Eine äußerst wichtige Rolle
spielen dabei Einzelpersonen und Organisationen, die
sich mit grenzüberschreitenden Fragen befassen wie Handel, Menschenrechte, Umwelt, Rolle der Frau,
Bildung und Einwanderung. Internationale Beziehungen werden immer zersplitterter, unmittelbarer und
persönlicher. Die Ansichten und Aktionen der Öffentlichkeit in den einzelnen Ländern haben einen
größeren Einfluß auf die Weltgeschichte als je zuvor.
Unsere Aufgabe in der amerikanischen Außenpolitik
besteht darin, diesem wachsenden Bedürfnis zu
entsprechen: Zur Förderung unserer nationalen
Interessen zu verstehen, zu informieren und zu
beeinflussen und den Dialog zwischen Amerikanern
und der übrigen Welt zu erweitem.
In diesem Zusammenhang werden USIA und die
Amerika Häuser auch in Zukunft auf glaubwürdige
und sinnvolle Art die Position der Vereinigten Staaten
erklären und verteidigen, Informationen über die
offizielle Politik der Vereinigten Staaten sowie über
die diese Politik gestaltenden Bürger, Werte und
Institutionen geben und amerikanische und deutsche
Bürger gleichermaßen in den Genuß der Vorteile
internationalen Engagements bringen.

AMERIKA DIENST 18

�die alten Welten Griechenlands und Roms
trennte... Unsere Rollen unterscheiden und
ergänzen sich - und wir verfolgen dieselben
Ziele: Frieden und Freiheit für alle Menschen
für alle Zeit in einer Welt des Wohlstands und
der Gerechtigkeit."

Im nächsten Monat sind es 32 Jahre her, daß Präsident John F. Kennedy in diesem Raum Worte
sprach, die heute ebensolche Gültigkeit haben wie
damals:
"... Denn wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten sowie der Unabhängigkeit
- einem Zeitalter des Internationalismus sowie
des Nationalismus... heute gibt es keine
ausschließlich deutschen oder amerikanischen
oder sogar europäischen Probleme. Es gibt
internationale Probleme, und unsere beiden
Länder und Kontinente sind bei den Aufgaben
des Friedens ebenso wie im Krieg untrennbar
miteinander verbunden.
Wir sind Partner für den Frieden - nicht in
einem engen, bilateralen Kontext, sondern im
Rahmen einer atlantischen Partnerschaft. Der
Ozean trennt uns weniger, als das Mittelmeer

Die Amerika Häuser und das US-Informationsamt
haben während des vergangenen halben Jahrhunderts einen großen Beitrag dazu geleistet, einen
Konsens über diese gemeinsamen Ziele zu bilden.
Möge dieser großzügige Preis uns zu erneutem
Engagement inspirieren. Wir wollen sicherstellen,
daß diese Institutionen sich in einer wandelnden Welt
weiterhin anpassen, verbessern und unsere beständige deutsch-amerikanische Freundschaft auf Dauer
vertiefen.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 18

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton spricht über Moskauer Gipfel und Sanktionen gegen Japan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Irak&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright unterstützt feste Haltung der UNO gegenüber dem Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausweitung der Sanktionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA begrüßen Entscheidung über Verlängerung des NVV&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USIA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika Häuser sind organische Verbindung zwischen USA und Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Richard C. Holbrooke&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. Mai 1995

17

KRIEGSENDE

CLINTON WÜRDIGT DAS VERMÄCHTNIS DES
ZWEITEN WELTKRIEGS - FRIEDEN UND
HOFFNUNG
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington

KRIEGSENDE IST SIEG DES MENSCHLICHEN
GEISTES
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin

USA-IRAN

CLINTON VERHÄNGT HANDELSEMBARGO
GEGEN IRAN
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFTLICHE STILE UND
TRANSATLANTISCHE WIRTSCHAFTSKULTUR
Rede von Janice F. Bay

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Clinton würdigt das Vermächtnis
des Zweiten Weltkriegs - Frieden und Hoffnung
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat die Amerikaner dazu aufgefordert, sich von der Generation des
Zweiten Weltkriegs, "die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir den Frieden nicht verloren",
inspirieren zu lassen.
Bei militärischen Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestags des Sieges der Alliierten in Europa (Victory in
Europe Day, V-E Day) hob der Präsident hervor, die Amerikaner jener Generation hätten die Wirtschaftskrise
überwunden und im blutigsten Krieg der Weltgeschichte die Oberhand gewonnen.
"Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden", erklärte er den in Fort Myer in Arlington (Virginia) versammelten Veteranen.
Clinton hielt die Rede kurz vor seiner Abreise nach Moskau, wo er an den Feierlichkeiten aus Anlaß der
Beendigung des "Großen Vaterländischen Krieges" - wie er in der Sowjetunion genannt wird - teilnahm, in dem
27 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet wurden.
Die Veteranen "haben uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns gegen die Kräfte der Dunkelheit
durchsetzen können und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen. Daher stehen wir in Ihrer Schuld",
äußerte der Präsident, dessen Rede wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich danke Ihnen, Oberst Mclntosh, für Ihre bemerkenswerten Worte und Taten. General Shalikashvili,
Minister Perry, Minister Brown, Pater Sampson,
meine Damen und Herren Kongreßabgeordnete,
verehrte Mitglieder der Streitkräfte, verehrte Gäste
und amerikanische Veteranen.
Insbesondere
begrüße ich unsere Ehrengäste, die Veteranen des
Zweiten Weltkriegs.
Auf den Tag genau vor fünfzig Jahren verstummten
in Europa die Waffen. Ein langer Schatten, der auf
den gesamten Kontinent gefallen war, wich von ihm.
Die Krieger der Freiheit jubelten. Heute, fünfzig
Jahre später, kommen wir zusammen, um uns ihres
Triumpfs zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und
uns erneut den Idealen zu verschreiben, für die sie
kämpften und für die so viele von ihnen starben.
Bis zum V-E Day hatten von den Stränden an der
Normandie bis zu den Toren Moskaus ungefähr 40
Millionen Menschen ihr Leben gelassen. Hinter
diesen enormen, aber unpersönlichen Zahlen
verbargen sich Millionen und Abermillionen persönlicher Tragödien: Soldaten wurden erschossen und
von Kriegsgerät in Stücke gerissen, Kriegsgefangene

AMERIKA DIENST 17

starben an Hunger und Krankheit, Kinder wurden
unter den Trümmern ausgebombter Gebäude begraben, ganze Familien wurden lediglich aufgrund ihrer
Herkunft ausgemerzt. Und durch jeden Tod wurden
noch mehr Menschen physisch und emotional verwundet. Sie überlebten, aber ihr Leben wurde nie
mehr wie früher.
Bei Kriegsende wurde ein achtjähriger Junge, bereits
ein Veteran von Bombenangriffen und Schutzbunkern, gefragt, was er als Erwachsener sein wollte.
Seine Antwort bestand aus einem Wort: "Lebendig".
Das amerikanische Volk, das sicher auf unserem
Kontinent lebte und durch die Erinnerungen an den
letzten Krieg ernüchtert war, war nicht begierig, sich
an dem Kampf zu beteiligen. Es wurde jedoch durch
den außerordentlichen Mut der Briten aufgerüttelt, die
in Europas dunkler Nacht ganz alleine die leuchtende
Fackel der Freiheit hochhielten. Getrieben von der
leidenschaftlichen Sehnsucht nach Freiheit, angespornt von der klugen Führung Präsident Roosevelts
und letztlich provoziert durch die Niedertracht von
Pearl Harbor zogen die Amerikaner in den Krieg.

Seite 1

�Es wurde eine alles verzehrende Anstrengung.
Millionen wurden hier an der Heimatfront zu Helden.
Sie bauten die Flugzeuge, die Schiffe, die Panzer,
die Lastwagen, die die Alliierten Streitkräfte in die
Schlacht brachten. Sie kauften Staatsanleihen, um
den Krieg zu finanzieren. Sie sammelten Alteisen
zur Waffenherstellung, abgenutztes Gummi zur
Reifenproduktion, Fettreste für Explosivstoffe, und 20
Millionen Menschen legten ihren eigenen Gemüsegarten an, um die Nahrungsmittelversorgung der
Nation zu sichern.
Frohen Mutes brachten sie Opfer, rationierten
Nahrungsmittel und Kleidung und beschränkten sich
auf 11 Liter Benzin pro Woche. Und Präsident
Roosevelt gab ihnen den Willen, weiterzumachen.
"Es gibt eine Front und eine Schlacht", erklärte er,
"wo jeder in den Vereinigten Staaten - jeder Mann,
jede Frau und jedes Kind - in Aktion ist. Diese Front
ist hier in der Heimat."
Jenseits des Ozeans widmeten ihre Väter und
Brüder, Mütter und Schwestern, Freunde und
Nachbarn die besten Jahre ihres Lebens diesem
schrecklichen Krieg. Einige von ihnen gehörten zu
den größten Führungspersönlichkeiten unseres
Landes und der Welt: Eisenhower, Marshall, Bradley, Patton. Aber ungeachtet des Dienstgrads war
jeder Soldat, Flieger, Marineinfanterist, Matrose,
jedes Mitglied der Handelsmarine, jede Krankenschwester, jeder Arzt ein Held, der das Banner der
Gerechtigkeit in die Schlacht für die Freiheit trug.
Einige von ihnen befinden sich heute unter uns. Der
Herr, der mich begrüßte, Frederick Mclntosh, war
damals Leutnant der Luftwaffe. Er flog, wie bereits
erwähnt, 104 Einsätze. Seine wagemutigen Bombenangriffe im Sturzflug am D-Day trugen dazu bei,
den Weg für die Landung der Alliierten in der Normandie zu bereiten.
Ein anderer Veteran hinter mir, Robert Katayama,
war Soldat in der japanisch-amerikanischen 442.
Regimentskampfgruppe, die nach fünfmonatigen
heftigen Angriffen endlich die deutschen Linien in
Italien durchbrach.
Anna Connelly Wilson war Krankenschwester und
pflegte die amerikanischen Soldaten, die Kraftstoff
und Munition durch die iranische Wüste zu unseren
russischen Verbündeten beförderten.
Abben MaGuire, ein Sprengstoffexperte der Marine,
landete noch vor dem Angriff der Alliierten an der
Omaha Beach und beseitigte unter heftigem Beschuß durch den Feind Minen, Stacheldraht und
Sprengladungen.

Seite 2

George Ellers, Seemann auf den Booten der amerikanischen Küstenwache, war für den Schutz der
Schiffe der Handelsflotte zuständig, die Nahrungsmittel und Nachschub von Amerika nach Europa und
in andere Regionen beförderte.
Joseph Kahoe, Leutnant des ausschließlich aus
Afroamerikanern bestehenden 761. Panzerbataillons,
trotzte der tödlichen Kälte der Ardennen und den
brutalen Gegenangriffen der Nazis, womit er zum
Sieg in der Ardennenschlacht beitrug.
Pater Francis Sampson, ein Armeepriester, sprang
mit dem Fallschirm über der Normandie und anschließend über Holland ab, wurde verwundet, geriet
in Gefangenschaft und konnte fliehen.
Aus ihrer Tapferkeit und der all ihrer Brüder und
Schwestern in Uniform bezog Amerika den Willen, die
Kräfte des Faschismus zu besiegen. Und heute
sagen wir, die Söhne und Töchter ihres Opfergangs,
ihnen Dank und würdigen sie.
Ich bitte jetzt die Veteranen des Zweiten Weltkriegs,
sich zu erheben, damit wir sie ehren können.
Während der letzten Wochen des Krieges befreiten
die amerikanischen Streitkräfte in ganz Europa kleine
Dörfer und große Städte von einem langen Alptraum.
Viele waren Zeuge überschäumender Liebe und
Dankbarkeit, an die sie sich für den Rest ihres
Lebens erinnern sollten.
In Bayern steuerte der Obergefreite Bill Ellington sein
gepanzertes Fahrzeug in eine Schlacht gegen die
zurückweichenden feindlichen Truppen. Während
des Gefechts rannte ein spindeldürrer Teenager auf
den Panzer zu. Es war ein junger polnischer Jude,
Samuel Pisar, der vier Jahre Auschwitz und andere
Konzentrationslager überlebt, dabei jedoch seine
gesamte Familie verloren hatte. Samuel Pisar hatte
den Panzer und seinen großartigen fünfzackigen
weißen Stern von seinem Versteck in einer Scheune
aus gesehen.
Als Ellington auf ihn hinunterschaute, fiel der Junge
auf die Knie und wiederholte immer wieder die
wenigen englischen Worte, die ihn seine Mutter
gelehrt hatte: "Gott schütze Amerika. Gott schütze
Amerika." Und Ellington, der Sohn eines Sklaven,
hob den Jungen auf und brachte ihn durch die Luke
des Panzers in die warme Umarmung der Freiheit.
Bill Ellington starb vor einigen Jahren. Aber Samuel
Pisar, jetzt amerikanischer Staatsbürger, ist heute
unter uns. Und ich möchte ihn bitten, aufzustehen,
um uns daran zu erinnern, worum es bei diesem
Krieg ging.

AMERIKA DIENST 17

�Die Saga der Hoffnung entstand aus der Asche
eines Schreckens, der immer noch über unser
Vorstellungsvermögen hinausgeht - die Konzentrationslager der Nazis. Die Gaskammern und
Krematorien waren ein Beweis für die unendliche
Fähigkeit des Menschen, Böses zu tun. In den
leeren Augen der zu Skeletten abgemagerten
Überlebenden war eine Frage, die bis heute nicht
beantwortet wurde: Wie konnte das geschehen?
Um 2.40 Uhr am 7. Mai unterzeichneten die Deutschen in einer kleinen Schule in Frankreich ihre
bedingungslose Kapitulation. Der Waffenstillstand
trat am nächsten Tag in Kraft - vor genau 50 Jahren.
Die Nachricht vom Sieg verbreitete sich und schwoll
von einem Rinnsal der Aufregung zu einem Strom
der Freude an. Die befreiten Hauptstädte Westeuropas schäumten über vor Erleichterung und
Jubel. Die Boulevards waren voll von fahnenschwenkenden dankbaren Feiernden, die Tränen in
den Augen hatten. Überall nahmen die Menschen
ihre Vorhänge ab, die zur Verdunklung gedient
hatten, und ließen das Licht des Friedens scheinen.
Am Himmel über Moskau erleuchteten gigantische
weiße Lichtstrahlen aus riesigen Projektoren die
Dunkelheit der Nacht, und in der Stadt waren 1.000
Salutschüsse zu hören. Auch dort strömten Millionen Menschen auf die Straßen. Ihre Freude wurde
jedoch getrübt von dem einzigartigen Opfer, das ihre
Nation gebracht hatte: Jeder achte sowjetische
Bürger starb im Zweiten Weltkrieg. 27 Millionen
Menschen. An fast jedem Tisch in jedem Haus war
ein leerer Platz.
In London, wo ein tapferes und wagemutiges Volk
die dunkelsten Stunden des Krieges alleine durchgestanden hatte, erleuchteten große Freudenfeuer
die Stadt. Und auf dem Balkon des BuckinghamPalastes brachte Premierminister Churchill die
freudetrunkene Menge mit seinem eigenen Schweigen zum Verstummen. Dann machte er eine einzige, tiefe Verneigung vor allen, und die Menge
stimmte ein Triumpfgeschrei an. "Dies ist Euer
Sieg", erklärte Churchill. Und die Einwohner Großbritanniens antworteten mit einer Stimme: "Nein, es
ist Deiner". Natürlich hatten beide recht.
Hier bei uns wurden das Washington Monument, die
Kuppel des Kapitols, die Freiheitsstatue erstmals seit
Pearl Harbor wieder angestrahlt. In New York war
es, als wäre gleichzeitig Silvester und Unabhängigkeitstag. Millionen jubelten, jauchzten, sangen,
tanzten auf der Straße. Ein Bild ging um die Welt
von einem Matrosen, der eine Krankenschwester in
den Arm nahm und küßte - mit dem aufgestauten,
jugendlichen Enthusiasmus eines Volkes, das einen

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Augenblick lang die neuen Lasten des Erwachsenseins vergaß.
Weniger als einen Monat nach seiner Amtsübernahme wandte sich Präsident Truman an die Nation
und erklärte: " Dies ist eine feierliche, aber ruhmreiche Stunde. Ich wünsche nur, Franklin Delano
Roosevelt hätte diesen Tag erleben können." Millionen von Amerikanern waren ebenfalls dieser Meinung, denn in ihrer dunkelsten Stunde hatte sich
Präsident Roosevelt geweigert, uns der Verzweiflung
zu überlassen und aufzugeben. Er mobilisierte die
Amerikaner, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und
im Krieg zu triumphieren. Und somit war es auch
sein Sieg.
Es war Amerikas Sieg, aber unsere Arbeit war noch
nicht vollendet. Im Pazifik ging der Krieg weiter.
Während der drei Monate zwischen dem V-E Day
und dem Tag des Siegs über Japan (Victory in
Japan, V-J Day) verloren Tausende weiterer Männer
und Frauen in Uniform ihr Leben. Wer hätte das
amerikanische Volk dafür verurteilen können, daß es
nach der Kapitulation Japans von der Front in die
Heimat zurückkehren wollte? Nachdem sie den
schwierigsten und entscheidendsten Sieg in der
Geschichte unserer Nation errungen hatten, waren
unsere führenden Politiker jedoch entschlossen, nicht
die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
Vielmehr gingen sie mit neuer Zuversicht an die
neuen Herausforderungen heran. Diese bemerkenswerte Generation von Amerikanern schuf durch die
NATO, die Vereinten Nationen und den Marshallplan
die Institutionen und stellte die Ressourcen und die
Vision bereit, die dem Westen ein halbes Jahrhundert
der Sicherheit und des Wohlstands bescherten und
unsere ehemaligen Gegner zurück ins Leben brachten und zu einer echten Partnerschaft mit uns führten.
Ihre besondere Entschlossenheit und militärische
Stärke hielt den Totalitarismus in Schach, bis die
Macht der Demokratie, das Scheitern des Kommunismus und die heroische Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu erlangen, im Kalten Krieg die
Oberhand gewannen.
Heute müssen wir uns von der außergewöhnlichen
Generation inspirieren lassen, die wir heute ehren.
Eine Generation, die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir nicht den Frieden
verloren. Eine Generation, die verstand, daß unser
Schicksal untrennbar mit dem anderer Nationen
verbunden ist. Eine Generation, die überzeugt war,
daß mit unserem großen Wohlstand, unserer großen
Macht und den großen Segnungen demokratischer

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�Freiheit auch große Verantwortung einhergeht, für
das Wohlergehen aller einzutreten und zu arbeiten.
Daher möchte ich der Generation, die den Zweiten
Weltkrieg gewann, an diesem 50. Jahrestag im
Namen des amerikanischen Volkes nochmals danken. Haben Sie Dank und Gott schütze Sie. Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere
Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden. Erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters
sind keine russischen Raketen auf unsere Kinder
gerichtet. Unsere Wirtschaft ist stabil. Und da freie
Märkte und Demokratie jetzt weltweit auf dem Vormarsch sind, haben mehr Menschen als je zuvor die
Chance, ihre von Gott gegebenen Talente zum
Tragen zu bringen. Alles aufgrund dessen, was Sie
vor 50 Jahren taten.

Es gibt jedoch eines, das selbst Sie nicht tun konnten, das keine Generation je bewirken kann. Sie
konnten nicht die Kräfte der Dunkelheit aus der
Zukunft verbannen. Wir werden jetzt auf unterschiedliche Weise mit ihnen konfrontiert - weltweit und
bedauerlicherweise hier zu Hause. Aber Sie haben
uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns
gegen die Kräfte der Dunkelheit durchsetzen können
und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen.
Daher stehen wir in Ihrer Schuld. Das ist Ihr einzigartiges Vermächtnis an uns - und das sind wir
künftigen Generationen bemerkenswerter Amerikaner
schuldig. Danke, daß Sie uns diese Lektion gelehn"
haben. Gott schütze Sie und Gott schütze Amerika.

* * * * *

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�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident AI Gore am 8. Mai 1995 beim
Staatsakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß des 50. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs
vor führenden Vertretern der vier Alliierten und der deutschen Politik hielt.
Wir sind heute hier versammelt, um den Triumph
des Guten über das Böse zu feiern, nicht den Sieg
einer einzelnen Nation oder eines Volkes, sondern
den Sieg des menschlichen Geistes.

Kinder, die ziellos umherwanderten ... und die Überreste ihres Hab und Guts trugen, zogen oder schoben. In diesen zwei Stunden sah ich die Beweise
einer großen, weltweiten Tragödie."

Es ist nur angebracht, daß wir dieses Sieges hier in
Berlin gedenken, wo wir nun als Freunde und
Verbündete zusammenkommen. Das Ende des
Zweiten Weltkriegs wird in vielen Städten, einschließlich Londons, Washingtons, Paris und morgen
in Moskau begangen. Diese Zusammenkunft in der
deutschen Hauptstadt hat jedoch eine besondere
Bedeutung. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später,
können wir sagen, daß der V-E Day (Victory in
Europe) nicht nur den Sieg In Europa bedeutet,
sondern den Sieg für Europa.

Weniger als zwei Jahre später gab George Catlett
Marshall an der Harvard University den berühmten
Plan bekannt, der nach ihm benannt wurde und den
Weg für Deutschlands und letztlich Europas Gesundung frei machte. Der Marshallplan und die Männer
und Frauen, die ihn gestalteten, boten der Welt
erstmals eine vollkommen neue Vision der Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten.

Für die Deutschen war der 8. Mai 1945 kein Sieg im
üblichen militärischen Sinn.
Er bedeutete die
Niederlage der nationalsozialistischen Eroberungspolitik und die Befreiung von der Nazi-Diktatur im
Inland.
Als die Waffen schwiegen, schickte General Dwight
David Eisenhowereine kurze Botschaft an Präsident
Harry Truman. Er schrieb: "Der Auftrag der Alliierten Streitkräfte ist erfüllt."
Zu jenem Zeitpunkt waren in ganz Europa Dörfer
und große Städte schwelende Trümmerhaufen aus
Stein und Staub. Überall lag die Asche der Zerstörung. Die Schrecken des Holocaust überstiegen
jegliches menschliche Vorstellungsvermögen.
Hier in Deutschland waren 40 Prozent der Häuser
zerstört. Das deutsche Volk konnte wenig mehr
verspüren als Hunger, Angst und Krankheit.
Als Präsident Truman zur Teilnahme an der Potsdamer Konferenz in Berlin eintraf, sprach er von den
blutigen Folgen des Krieges und beschrieb eine
"... unendliche Prozession alter Männer, Frauen und

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Indem wir den bitteren Pfad von Rache und Vergeltung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
kurzerhand ablehnten, konnten wir uns mit denjenigen Deutschen verbünden, die einen besonderen
Weg beschritten und den wahren Sieg im Zweiten
Weltkrieg sicherten und vertieften, als sie selbst die
bösen Denkmuster zurückwiesen, die der wahre
Feind der gesamten Menschheit sind.
Vor allem demonstrierten wir mit dem Marshallplan,
daß die Vereinigten Staaten den Europäern nicht den
Rücken zuwandten, daß wir uns energisch engagierten, während wir gemeinsam daran arbeiteten, die
Früchte von Demokratie und Wohlstand in diese vom
Krieg zerrütteten Länder zu bringen.
General Marshall und seine Kollegen zeigten uns,
daß wir nicht den Befürwortern des Isolationismus
unser Gehör schenken dürfen, die nach dem Krieg
auf der Lauer liegen, wie wir es 1918 mit so tragischen Ergebnissen getan hatten. 1945 wußten wir,
daß das Versprechen von Demokratie und Freiheit in
Europa nur dann Früchte tragen würde, wenn wir ihm
gemeinsam Nahrung geben.
Während einige die Führungsrolle als Last bezeichneten, wußten überparteiliche Politiker im amerikanischen Kongreß, wie Arthur Vandenberg, daß es zum

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�Engagement keine Alternative gab. Durch ihre
Initiative gelangte großzügige amerikanische Hilfe
und Unterstützung in das zerstörte Europa.
Durch ihre Initiative haben die amerikanischen
Streitkräfte in ganz Westeuropa Wache gestanden.
Ihre Wachsamkeit half einem halben Kontinent, den
eisernen Griff der Tyrannei abzuschütteln.
Dieser Aufgabe hat sich eine Reihe herausragender
deutscher Politiker gewidmet - von den Bundeskanzlern Adenauer über Erhard bis Kiesinger, von Brandt
bis Schmidt und jetzt Bundeskanzler Kohl, dem alle
Deutschen und Europäer so viel verdanken.
Während dieser ganzen Zeit bezogen 12 Millionen
der besten Amerikaner und Amerikanerinnen in
Uniform in Europa Stellung, um die Freiheit zu
verteidigen. Und wir stehen noch hier. Im Schulterschluß mit unseren NATO-Verbündeten bleiben
diese Männer und Frauen unserer Streitkräfte der
Stahl im Schwert der Freiheit.
Aufgrund der Wachsamkeit unseres Bündnisses
treffen wir heute in einem neuen Berlin zusammen:
einer dynamischen Stadt mit magnetischer Anziehungskraft im Herzen eines Europa, das von Chancen und Wohlstand sprüht - eines Europa, das in
einer Wiedergeburt der Freiheit zusammenwächst,
eines Europa des Fortschritts, des technologischen
Könnens und der nicht zu unterdrückenden Erfindungsgabe.
Ganz Europa ist bereits elektrisiert von diesem
aufregenden neuen Moment. Die Freiheit reicht jetzt
von Wladiwostok bis Rostok, von Tallinn bis Tirana.
Vor fünfzig Jahren reichten sich junge Soldaten bei
Kriegsende über die Elbe die Hand. Heute strecken
ganze Nationen als Demokratien über Ozeane
hinweg die Hand aus, um eine bessere Zukunft für
unsere Kinder aufbauen zu helfen.
Wir wollen weiterhin an einer Welt arbeiten, in der
ein immer größerer Kreis demokratischer Länder alle
*

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unsere Völker umfaßt - Ost und West, Nord und Süd,
konzentriert auf den Glauben an die Freiheit des
einzelnen, verankert in der Menschenwürde und unter
Respektierung der Erde und ihrer kostbaren Ressourcen.
Wir wollen uns unerschütterlich um die Öffnung von
Institutionen für die neuen Demokratien Mittel- und
Osteuropas einsetzen, die der Westhälfte Europas so
zugute gekommen sind - die NATO, die Europäische
Union, der Europarat, die OECD.
Die Konsolidierung dieser Errungenschaften wird
nicht einfach sein. Unsere Erfolge signalisieren
ebensowenig wie die Siege unserer Vorgänger eine
Zeit des Friedens. Selbst in unserer Mitte hat das
Böse des ethnischen Hasses Teile dieses altehrwürdigen Kontinents infiziert. Und wie uns Deutschlands berühmter Schriftsteller Günter Grass erinnert,
ist Tyrannei ein Bodensatz, der nicht von schönen
Worten ausgewaschen werden kann.
Und heute - geeint in Frieden - gedenken wir der
jungen Männer und Frauen, die marschierten und
starben, damit wir leben können. Mit lauter Stimme
und dauerhafter Entschlossenheit verkünden wir, daß
wir die Errungenschaften von 1945 nicht rückgängig
machen werden.
Kurz nachdem er ein Telegramm an Präsident
Truman geschickt hatte, versammelte General
Eisenhower eine Gruppe von Berichterstattern um
seinen Schreibtisch in seinem Hauptquartier und
sann über die enorme Herausforderung nach, mit der
die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert
war. Er erklärte: "Der Erfolg dieser Operation wird
in fünfzig Jahren beurteilt werden. Wenn Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine stabile Demokratie ist,
waren wir erfolgreich.
Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Und am heutigen
Tag möchte ich, als junger Amerikaner aus der nach
dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation,
General Eisenhower berichten: "Auftrag erfüllt."

* * *

*

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�USA-IRAN
10. Mal 1995

Clinton verhängt Handelsembargo gegen Iran
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft
NEW YORK - (AD) - Der Iran strebt nach russischer Nukleartechnologie, um seine Fähigkeiten zum Bau von
Atomwaffen weiterzuentwickeln, erklärte Präsident Clinton am 30. April 1995 in einer Rede vor dem Jüdischen
Weltkongreß in New York.
Der Präsident ließ verlauten, er werde bei seinen kommende Woche in Moskau anberaumten Gesprächen mit
dem russischen Präsidenten Jelzin das Land nochmals drängen, seinen Verkauf von Nukleartechnolgie an den
Iran einzustellen, weil dadurch das gemeinsame Ziel beider Länder - die Verhinderung der Weiterverbreitung
von Atomwaffen - unterminiert werde.
Um für den Iran die Kosten der Unterstützung des Terrorismus zu erhöhen und die Fähigkeit des Teheraner
Regimes zur Finanzierung von Massenvernichtungswaffen zu mindern, gab Clinton ein Verbot des Großteils
kommerzieller Transaktionen amerikanischer Unternehmen mit dem Iran bekannt, das Ende dieser Woche
erlassen werden soll.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede Präsident Clintons.

Haben Sie vielen Dank. Ich danke Ihnen, Edgar,
Ministerpräsident Peres, für Ihre heutige Anwesenheit, Ihre visionäre Führungskraft, Ihre klugen Worte.
Allen Freunden von Edgar Bronfman, die aus
Kanada und der ganzen Welt hierhergekommen
sind, möchte ich sagen, daß es mir eine große Ehre
ist, heute abend anläßlich der Verleihung des
Nahum Goldmann-Preises hier sein zu dürfen.
Goldmann war Präsident des Jüdischen Weltkongresses, der zionistischen Weltorganisation, des
Jüdischen Amtes für Palästina beim Völkerbund, der
Konferenz der Präsidenten großer jüdischer Vereinigungen.
Wir sind heute hier versammelt, um der Errungenschaften einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zu
gedenken. Durch Ihre Anwesenheit bei dieser
Veranstaltung legen sie Zeugnis ab von Ihren
gemeinsamen Werten, gemeinsamen Zielen und
davon, daß Edgar Bronfman das Leben zahlloser
Menschen beeinflußt hat. Während dieser Jahre
großer Veränderungen und Chancen sowie großer
Furcht und Angst, die von allzuviel Zynismus gekennzeichnet waren, fand die jüdische Gemeinschaft
in Edgar Bronfman eine äußerst seltene Kombination: Eine Führungspersönlichkeit mit leidenschaftlichem Einsatz für die Sache ihres Volkes und der
Stärke, entsprechend zu handeln.

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Als Präsident des Jüdischen Weltkongresses und als
Weltbürger war Edgar Bronfman ein lebendes Beispiel für die von Emerson gemachte Beobachtung,
eine Institution sei so bedeutend und könne langfristig
so viel bewirken wie der Mann an ihrer Spitze.
Während der langen Jahre, als die Sowjetunion
innerhalb ihrer Grenzen Juden gefangenhielt, erhoben viele wütend ihre Stimme, aber Edgar reiste nach
Moskau, um ihre Befreiung zu bewirken. Als Millionen in Rußland und ganz Osteuropa ihre Freiheit von
der Tyrannei gewonnen hatten, jubelten viele, aber
Edgar war führend bei der Unterstützung der jüdischen Gemeinden, ihr stolzes geistiges und materielles Erbe zurückzufordern, von dem viele befürchtet
hatten, es sei für immer verloren.
Viele feiern den Beginn eines neuen Zeitalters im
Nahen Osten. Edgar setzt sich jedoch täglich für die
Versöhnung von Israelis und Palästinensern ein
sowie dafür, dieses altehrwürdige Land mit neuem
Leben zu erfüllen. Überall, wo Juden von einem
besseren Leben träumen und diese Träume in Gefahr
sind, kann man sicher sein, Edgar Bronfman zu
finden.
Vor einer Woche fuhren Hillary und ich nach Oklahoma City, um zu trauern und den Opfern des schrecklichen Bombenanschlags sowie ihren Angehörigen

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�unseren Respekt zu bezeugen. Letzten Sommer
unternahm Edgar auf eigene Faust eine ähnliche
Reise. Er flog nur wenige Stunden, nachdem er von
dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires gehört hatte, nach Argentinien. Dort stattete er inmitten von Schutt und Trümmern führenden Politikern einen Besuch ab, besuchte die Verletzten, sprach mit den Kindern und sagte
ihnen, sie sollten denjenigen entschieden entgegentreten, die mit der Angst Geschäfte machen, sie
sollten hoffen, nicht hassen, sich jedoch jeden Tag
dafür einsetzen, diese Hoffnungen Realität werden
zu lassen.
In diesen Zeiten ist das eine Lektion, die jeder
Bürger auf jedem Kontinent lernen und verinnerlichen sollte. Sie findet besondere Zustimmung bei
denjenigen, die so viel Angst und Schrecken kennengelernt haben.
Wie mein Freund Benjamin Mead eben erklärte,
gedenken wir der Zeit vor einem halben Jahrhundert,
als das schrecklichste Kapitel in der Geschichte des
jüdischen Volkes zu Ende ging. Bedauerlicherweise
leben 50 Jahre später immer noch Menschen unter
uns und auf der ganzen Welt, die mit dem Haß
Handel treiben. Natürlich können wir ihre Aktionen
oder Fähigkeiten nicht mit den Greueltaten vergleichen, die dem jüdischen Volk angetan wurden,
aber diese Menschen praktizieren und predigen
Gewalt gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderer
Herkunft oder anderer Religionszugehörigkeit. Sie
leben von Angst und Unsicherheit. Sie schüren
Verfolgungswahn. Im Namen der Redefreiheit
haben sie sich der Verantwortung entledigt, die
demokratische Freiheiten für uns alle mit sich bringt.
In dieser freien Nation muß es Ihnen allen ironisch
erscheinen, daß viele dieser Menschen unsere
Regierung und ihre Angestellten angreifen, die die
von ihnen mißbrauchten Freiheiten gewährleisten.
Angeblich um eine bessere Zukunft zu gestalten,
würden sie die schlimmsten Kapitel der Geschichte
Wiederaufleben lassen. Obwohl wir ihre Worte und
Taten nicht mit dem vergleichen können, was das
jüdische Volk vor Jahrzehnten erleiden mußte,
dürfen wir nicht die Gefahr unterschätzen, die sie
darstellen. Zweifelsohne können sie das Leben
unschuldiger Menschen auslöschen und in unseren
Herzen Furcht säen. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie
Kinder niedermetzeln. Sie bedrohen unsere Freiheiten und unsere Lebensart, und wir müssen ihnen
Einhalt gebieten.
Einer unserer ersten Patrioten, Samuel Adams,
erklärte einst: "Wenn wir die gesetzlosen Angriffe
auf unsere Freiheit brav erdulden, ermutigen wir sie
noch und ziehen andere mit ins Verderben." Hier in

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den Vereinigten Staaten ist es nicht nur unser Recht,
sondern unsere Pflicht, dem Terror Einhalt zu gebieten, die Schuldigen vor Gericht zu bringen, uns dem
Haß entgegenzustellen und anderen Menschen in
anderen Ländern dabei zu helfen, ebenso zu handeln.
Seit Beginn der Amtszeit unserer Administration
haben wir im Kampf gegen den Terrorismus im Inund Ausland umfassende und unverzügliche Maßnahmen ergriffen. Wir haben die Verdächtigen des
Bombenanschlags auf das World Trade Center vor
Gericht gebracht, die das Herz dieser Stadt trafen.
Wir verfolgen aktiv diejenigen, welche die Grenze zu
illegalen und gewaltsamen Aktivitäten überschritten.
Wir gehen entschieden gegen die Nationen vor, die
Terroristen Schutz gewähren oder ihre mörderischen
Geschäfte unterstützen. Wir setzen uns, bisweilen
mit bemerkenswertem Erfolg, für die Verhinderung
von Gewalttaten ein. Und auf einer Welt, in der
offene Grenzen und neue Technologien unsere Arbeit
erschweren, arbeiten wir immer enger mit anderen
Nationen zusammen, um Verbrecherorganisationen
aufzulösen und diejenigen zur Strecke zu bringen, die
unser Volk bedrohen.
Die Tragödie von Oklahoma City und ihre Konsequenzen haben jedoch deutlich gemacht, daß wir
entschiedener vorgehen müssen. Diese Woche habe
ich dem Kongreß zwei Initiativen zur Terrorismusbekämpfung vorgelegt - einen Antrag auf die Einstellung
von 1.000 zusätzlichen Strafverfolgungsbeamten
sowie auf Unterstützung zur Gründung eines neuen
Terrorismusbekämpfungszentrums unter der Leitung
des FBI; ferner die Ermächtigung des Militärs, seine
besonderen Fähigkeiten bei Vorfällen einzusetzen,
die mit dem Einsatz von chemischen, biologischen
und atomaren Terrorinstrumenten in unserem Land in
Zusammenhang stehen. Unsere Vorschläge würden
uns die Markierung von Material zur Bombenherstellung gestatten, so daß Verdächtige leichter
aufgespürt werden können.
Obwohl niemand Freiheit von Terror garantieren
kann, werden diese vernunftdiktierten Schritte zumindest zur Sicherheit unserer Bürger beitragen.
Daher appelliere ich heute an den Kongreß, diesen
Maßnahmen unverzüglich zuzustimmen.
Während wir im Inland diese Schritte unternehmen,
müssen wir auf der ganzen Welt unseren Kampf
gegen den Terror fortsetzen und intensivieren. Am
heutigen Abend möchte ich über den Terrorismus im
Nahen Osten sprechen, über verbrecherische Staaten, die das Töten fördern, um den Frieden zu
zerstören und darüber, was wir noch zu ihrer Eindämmung unternehmen können.

AMERIKA DIENST 17

�Seit Beginn meiner Präsidentschaft lief unsere
Nahostpolitik auf zwei Schienen: Unterstützung des
Friedensprozesses zwischen Israel und seinen
Nachbarn. Es war mir eine Ehre, mit Ministerpräsident Rabin, Außenminister Peres, ihrer Regierung
und dem israelischen Volk zusammenzuarbeiten.
Und die von den Vereinigten Staaten verfolgte Politik
war die richtige. Wir würden niemals versuchen,
Israel und seinen Nachbarn einen Frieden aufzuoktroyieren, falls aber Israel um des Friedens willen
Risiken eingeht, werden wir diese möglichst gering
halten und die Erfolgschancen maximieren. Wir
haben in diesen zwei Jahren Fortschritte gemacht,
und mit Gottes Hilfe werden wir das auch in Zukunft
tun. Ich bin sehr stolz auf die von uns allen geleistete Arbeit und ganz besonders stolz auf das von
Außenminister Christopher in dieser Hinsicht Erreichte.
Die zweite Schiene unserer Nahostpolitik ist ebenfalls wichtig - Widerstand gegen alle, die den Friedensprozeß stören, dem Terrorismus Vorschub
leisten oder Massenvernichtungswaffen entwickeln.
Es gibt weiterhin große Gefahren. Je mehr wir uns
dem Ziel von Frieden und Normalität in der Region
annähern, desto verzweifelter werden die Feinde des
Friedens. In Autobussen auf belebten Straßen
zerstören die Terroristen das Leben Unschuldiger,
und wir trauern mit den Familien der Opfer.
Wir haben unsere Bestrebungen verstärkt, Gruppen
wie Hamas oder die Hizbollah zu bekämpfen und
ermutigen den PLO-Vorsitzenden Arafat bei seinem
Versuch, schärfer gegen gewaltsame Extremisten
vorzugehen und sie strafrechtlich zu verfolgen.
Einzelpersonen und Extremistengruppen sind jedoch
nicht die einzige Bedrohung. Israel teilt das Land im
Nahen Osten mit Nationen, die den Frieden zerstören wollen - Nationen wie Iran, Irak und Libyen.
Sie wollen die Region destabilisieren, gewähren
Terroristen Zuflucht, errichten und fördern terroristische Basislager in anderen Ländern, gieren nach
nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen.
Jeden Tag bringen sie unschuldige Zivilisten in
Gefahr und säen Zwietracht unter den Nationen.
Unsere Politik gegenüber diesen verbrecherischen
Staaten ist einfach:
Sie müssen eingedämmt
werden.
Der Iran stellt für den Friedensprozeß im Nahen
Osten ein besonderes Problem dar. Seit dem
Amtsantritt meiner Administration bemühen wir uns,
die iranische Unterstützung für den internationalen
Terrorismus einzudämmen, insbesondere seine
Förderung gewalttätiger Friedensgegner im Nahen
Osten.

AMERIKA DIENST 17

Gleichzeitig versuchen wir, seinem Streben nach
Massenvernichtungswaffen Einhalt zu gebieten, die
das Land nicht nur für seine Nachbarn, sondern die
gesamte Region und die Welt zu einer Bedrohung
machen würden. Unsere Politik hat dazu beigetragen, daß der Iran für seine Aktionen bezahlt. Das
Land wurde wirksam von der Kreditvergabe durch
internationale Finanzinstitutionen ausgeschlossen.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der
G-7 haben den Verkauf von Waffen unserer Nationen
an den Iran beendet. Wir haben uns geweigert, in
sicherheitsempfindlichen Bereichen wie bei der
Atomenergie mit dem Iran zusammenzuarbeiten und
verschärften die Handelsbeschränkungen bei möglicherweise waffenfähigen Gegenständen.
Wie Sie alle wissen, hatten wir damit nicht immer
Erfolg. Die jüngsten Nachrichten über das Abkommen zum Verkauf von russischen Gaszentrifugen an
den Iran sowie zur Ausbildung iranischer Nukleartechniker durch russisches Lehrpersonal sind beunruhigend. Da der Iran über mehr als genug Erdöl für
seine Energieversorgung verfügt, müssen wir davon
ausgehen, daß er diese Technologie zur Entwicklung
seiner Kapazitäten für den Bau von Atomwaffen
einsetzen will.
Die Vereinigten Staaten haben ein enormes Interesse
daran, die Weiterverbreitung dieser Waffen zu
bekämpfen. Und Rußland hat als Nachbar des Iran
ein besonderes Interesse an der Erreichung dieses
Ziels. Wenn Rußland den Verkauf von Atomreaktoren fortsetzt, wird es dieses Ziel unterhöhlen.
Wir haben energisch auf eine Revidierung dieser
Entscheidungen gedrängt, und ich werde Präsident
Jelzin bei meinem Moskaubesuch in einigen Tagen
meine Gründe direkt vortragen. Ich wende mich vor
allem an meine amerikanischen Mitbürger, wenn ich
sage: Viele Menschen haben leidenschaftlich argumentiert, der beste Weg zur Veränderung des iranischen Verhaltens sei, das Land einzubeziehen.
Bedauerlicherweise gibt es dafür keine Beweise.
Vielmehr haben die letzten beiden Jahre genau das
Gegenfeil bewiesen. Der Appetit des Iran auf den
Erwerb und die Entwicklung von Nuklearwaffen und
ihren Trägersystemen ist nur noch größer geworden.
Selbst im Angesicht zunehmender Erfolgschancen für
den Friedensprozeß im Nahen Osten hat der Iran
seine Rolle als Anstifter und Zahlmeister von Terroristen noch erweitert. Und nichts deutet darauf hin,
daß weitere Einbeziehung diesen Kurs verändert.
Aus diesem Grund habe ich vergangenen Monat, als
die Firma Conoco ein Milliardenprojekt zur Erschließung iranischer Ölreserven bekanntgab, das Projekt

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�mit Hilfe eines Präsidialerlasses blockiert, der amerikanischen Unternehmen die Finanzierung, Kontrolle
oder Verwaltung iranischer Ölreserven untersagt.
Conoco entschied sich jedoch, auf das Geschäft zu
verzichten. Und ich möchte hinzufügen, daß Edgar
Bronfman einer der entschiedensten Gegner war.
Als bedeutender Aktionär bei Conoco hätte er
finanzielle Vorteile gehabt. Er stellte jedoch - wie so
oft in seinem Leben - die Interessen der Öffentlichkeit über seine Eigeninteressen.
Ich habe mir meine Entscheidung nicht leicht gemacht. Eines der wichtigsten Merkmale unserer
Außenpolitik ist die Erschließung neuer Märkte im
Ausland und die aggressive Unterstützung unserer
Unternehmen beim Wettbewerb sowie der Schaffung
amerikanischer Arbeitsplätze. Es gibt jedoch Zeiten,
in denen bedeutende Wirtschaftsinteressen noch
wichtigeren Sicherheitsinteressen weichen müssen.
Und wir leben in einer solchen Zeit.
Daher gebe ich heute abend bei diesem festlichen
Abendessen zu Ehren eines großen Vorkämpfers für
die Freiheit offiziell meine Absicht bekannt, sämtliche
Handels- und Investitionstätigkeit mit dem Iran
einzustellen und nahezu alle anderen wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen unseren Nationen auszusetzen. Ich habe mir diesen Schritt nicht leicht
gemacht, bin jedoch davon überzeugt, daß die
Verhängung eines Handelsembargos gegen den Iran
für unsere Nation das beste Mittel ist, den Bestrebungen dieses Landes zum Erwerb zerstörerischer
Waffen sowie seiner fortgesetzten Unterstützung
terroristischer Aktivitäten Einhalt zu gebieten.
Der Präsidialerlaß, den ich nächste Woche unterzeichnen will, umfaßt nicht nur den Energiesektor,
sondern alle amerikanischen Exporte in den Iran
sowie alle Investitionen amerikanischer Unternehmen
und ihrer Niederlassungen. Unseren Schätzungen
zufolge wird das Embargo begrenzte Auswirkungen
auf unsere Unternehmen und Arbeitnehmer haben.
Nach Prüfung aller Optionen habe ich jedoch entschieden, daß wir selber Opfer bringen und eine
Führungsrolle übernehmen müssen, wenn wir
andere Nationen zu Opfern veranlassen wollen, um
das Verhalten des Iran zu ändern. Bei meinen
Gesprächen mit Präsident Jelzin und den führenden
Politikern der G-7 im Juni in Halifax werde ich die
anderen Ländern dazu auffordern, ähnliche oder
parallele Maßnahmen zu ergreifen.
Sie sollen wissen, daß ich gegen den Vorschlag bin,
einen sekundären Boykott zu verhängen und ausländischen Firmen, die Geschäfte mit dem Iran
abwickeln, Geschäfte mit amerikanischen Unternehmen zu untersagen. Das befürworte ich nicht.
Meines Erachtens würde eine solche Entscheidung

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zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Kooperationsbereitschaft unserer Freunde benötigen, die Beziehungen zu unseren Verbündeten unnötig belasten.
Mein Beschluß zur Verhängung des Embargos sollte
dem Iran und der ganzen Welt die unverminderte
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten vor Augen
führen, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um dem Verhalten und den Ambitionen
dieser Nation Beschränkungen aufzuerlegen.
Es wäre ein Fehler, nichts zu unternehmen. Es wäre
ein Fehler, nichts zu tun, während der Iran weiterhin
den Besitz von Atomwaffen anstrebt. Es wäre falsch,
angesichts der überwältigenden Beweise für die
Unterstützung des Terrorismus durch Teheran, der
den Friedensbeginn bedroht, nicht zu handeln.
Die Sicherung eines dauerhaften und umfassenden
Friedens muß unsere oberste Priorität sein. Kern
dieser Bestrebungen sind natürlich weiterhin enge
Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten
Staaten. Wir müssen jedoch denjenigen die Stirn
bieten, die den Frieden zunichte machen und selbst
nach Erlangung des Friedens die Zukunft zerstören
könnten.
Unsere Strategie funktioniert. Araber und Israelis
haben sich nie zuvor so oft getroffen, sind so frei
gereist und waren sich nie zuvor so stark bewußt,
daß ihre gemeinsame Zukunft in Frieden und Wohlstand ein dringliches Anliegen aller ist. Wenn sie
bereit sind, auf diesem Weg weiterzugehen, werden
die Vereinigten Staaten mit ihnen an einer hoffnungsvollen Zukunft arbeiten. Und wir werden nicht ruhen,
bis überall Frieden herrscht.
Vor einem halben Jahr hatte ich die große Ehre,
Jerusalem einen Besuch abzustatten, nachdem wir
den Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel
unterzeichnet hatten. Ich äußerte den Mitgliedern der
Knesset gegenüber, die Feinde des Friedens würden
keinen Erfolg haben, weil sie der Vergangenheit,
nicht der Zukunft angehören. Wir müssen uns dafür
einsetzen, diese Behauptung wahr werden zu lassen.
Außenminister Peres äußerte, es tue ihm leid, daß
wir unseren Feind verloren hätten. Und wir alle
lachten ein wenig verunsichert, weil wir wußten, daß
seine Äußerung ein Körnchen Wahrheit enthält. Wir
hatten ein so klares Feindbild, als es die Sowjetunion,
den Kalten Krieg und die massive nukleare Bedrohung gab. Heute gibt es keine Sowjetunion, keinen
Kalten Krieg und erstmals seit dem Anbruch des
Atomzeitalters keine auf amerikanische Kinder
gerichteten sowjetischen Raketen. Das ist ein Grund
zu feiern und zur Freude.

AMERIKA DIENST 17

�Ich werde Ihnen jedoch sagen, was meines Erachtens die Bedrohung des 21. Jahrhunderts sein wird,
die sich bereits weltweit abzeichnet: Die hier anwesenden Kinder sollten in der interessantesten, wohlhabendsten und vielfältigsten Welt in der gesamten
Menschheitsgeschichte aufwachsen. Alle Kräfte, die
uns noch oben bringen und zusammenführen,
enthalten jedoch eine versteckte Möglichkeit für
Böses; die Kräfte der Integration, die die Welt
verbessern und integrieren, enthalten die Saat der
Zerstörung. Die große Herausforderung im 21.
Jahrhundert wird darin bestehen, die Chancen zu
erkennen, die Technologie, Freizügigkeit, offene
Gesellschaften und der Abbau von Grenzen zwischen den Nationen bieten, ohne von den einigen
Kräften innewohnenden Gefahren und Bedrohungen
völlig absorbiert zu werden. Das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Denn das Böse in
der menschlichen Natur ist noch nicht ausgerottet.
Je offener und flexibler wir sind, desto ungeschützter
sind wir vor den Kräften des organisierten Bösen.
Das haben Sie in Oklahoma City gesehen. Das
zeigt sich an dem schrecklichen Vorfall mit religiösen
Fanatikern, die einen Giftgasanschlag auf die japanische U-Bahn verübten. Das sehe ich in Rußland;
jetzt fordert es von mir die Einrichtung eines FBIBüros, da das organisierte Verbrechen auf seine
Banken übergreift. Als ich ins Baltikum reiste,
drückte man in Riga den Wunsch nach Hilfe bei der
Strafverfolgung aus, denn nachdem das totalitäre
Regime im Baltikum abgesetzt wurde, machen sich
die Menschen dort Sorgen, daß ihr Hafen ein Umschlagplatz für Drogen und andere Zerstörungsmittel
wird. Und genau das passiert im Nahen Osten.
Warum verüben in Israel die Terroristen Sprengstoffanschläge auf unschuldige Menschen? Weil der
einzige Weg, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen, in Bewegungsfreiheit zwischen

*

AMERIKA DIENST 17

*

beiden Gebieten besteht. Und wenn diese Bewegungsfreiheit bedeutet, daß Unschuldige sterben
müssen, muß die israelische Regierung Schranken
errichten, weil ihr Volk das fordert. Wenn das geschehen ist, sinkt das Einkommen im palästinensischen Gebiet, wodurch der Frieden zum Scheitern
verurteilt ist. Offenheit macht Frieden möglich und
beinhaltet die Bedrohung, ihn zunichte zu machen.
Das ist im kleinen eine Darstellung der Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Wenn Sie heute abend nach Hause gehen und
darüber nachdenken, werden sie erkennen, daß
nahezu jedes moderne Problem auf diese Weise
erklärt werden kann. Die Kräfte des Fortschritts, der
Chancen und Integration enthalten allesamt die Saat
ihres Mißbrauchs durch das organisierte Böse. Wir
alle müssen ihm die Stirn bieten.
Das Bibelbuch der Sprüche sagt, es werde einen
Umsturz der Bösen geben, und sie würden nicht
mehr sein; das Haus der Gerechten werde jedoch
stehenbleiben.
Während meiner baptistischen
Erziehung erzählten uns alle Prediger, das würde erst
am Ende der Menschheitsgeschichte geschehen,
wenn wir uns alle im Jenseits befänden. Niemand
kann das wissen, aber ich behaupte, daß Edgar
Bronfman das Anbrechen des Tages beschleunigt, an
dem das Haus der Gerechtigkeit steht; und dazu
müssen wir alle beitragen.
Dies kann für die Menschheitsgeschichte eine großartige Zeit sein, und unsere Kinder und Enkel können
eine großartige Zukunft vor sich haben, weil es
Menschen wie Edgar Bronfman gibt. Die Herausforderung ist klar: Können wir bewirken, daß die
Kräfte des Terrors Vergangenheit werden? Ja, das
können wir, aber wir müssen uns dafür einsetzen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

*

Seite 5

�Wl R T S C H A F T
10. Mai 1995

Wirtschaftliche Stile und
transatlantische Wirtschaftskultur
Rede von Janice F. Bay
MAINZ - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die Janice F. Bay, die Gesandte für Wirtschaft der
Amerikanischen Botschaft in Bonn, auf der Konferenz "Gibt es eine atlantische politische Kultur" der
Staatskanzlei Rheinland-Pfalz am 6. Mai 1995 in Mainz hielt.

Ich möchte Ihnen sehr herzlich für die Einladung zu
dieser Veranstaltung danken. Ich freue mich besonders, daß Sie die Wirtschaft als Teil der politischen
Kultur verstehen, denn ich bin der Meinung, daß die
transatlantische Wirtschaftskultur sich zu einem der
wesentlichen Bausteine der Beziehungen zwischen
Amerika und Europa entwickeln wird. Deshalb,
glaube ich, waren sie gut beraten, der Wirtschaft bei
dieser Konferenz einen Platz einzuräumen.
In der Vergangenheit, vor allem in den Zeiten des
Kalten Krieges, war dies nicht immer der Fall. Die
Abwehr der kommunistischen Bedrohung und die
Sicherheitspolitik standen im Vordergrund. Sie
waren das gemeinsame Band, das Europa und
Amerika zusammenhielt. Grundlegenden Konsens in
wirtschafts- und handelspolitischen Fragen setzten
wir einfach voraus.
Natürlich hatten wir auch enge wirtschaftliche
Beziehungen, und sie waren ein nicht zu unterschätzendes Element in der Tragfähigkeit unserer
Beziehungen während der Auseinandersetzung mit
der Sowjetunion. Der Glaube an die Überlegenheit
freier marktwirtschaftlicher Systeme hat immer schon
zu den Grundelementen der transatlantischen
Wertegemeinschaft gehört. Und der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme hat noch
einmal die Richtigkeit dieser Annahmen eindrucksvoll
bestätigt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges fällt natürlich die
sicherheitspolitische Geschäftsgrundlage nicht weg.
Wir haben viele gemeinsame sicherheitspolitische
Aufgaben zu lösen. Die Geoökonomie wird nicht
einfach die Geopolitik ablösen. Doch spielt unsere
sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht mehr
ganz die Rolle, die sie in früheren Tagen gespielt
hat. Früher gab es ein sicherheitspolitisches Netz,

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das viele Konflikte aus anderen Bereichen wie etwa
der Wirtschaft auffing.
Dieses Netz existiert heute nicht mehr im gleichen
Umfang. Und das hat Konsequenzen auch für
unsere Wirtschaftsbeziehungen. Heute ist die Gefahr
größer, daß wirtschaftliche Interessengegensätze
aufbrechen und nicht mehr aus sicherheitspolitischen
Überlegungen zurückgestellt werden. Der Kalte Krieg
hat auch immer die kommerzielle Rivalität zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa verdeckt, die es
neben der wirtschaftlichen Kooperation immer schon
gab.
Doch nach Ende des Kalten Krieges tritt die Tatsache
deutlicher hervor, daß wir auch wirtschaftliche Konkurrenten sind.
Dies müssen wir ausdrücklich
begrüßen. Denn es sind unsere Unternehmen, die
miteinander konkurrieren, und uns so ein besseres
Angebot an Gütern und Dienstleistungen zu besseren
Preisen ermöglichen. Präsident Clinton hat immer
wieder betont, daß wir uns dem weltweiten Wettbewerb stellen wollen, "that we want to compete, not
retreat". Wir wollen uns nicht hinter protektionistische
Schutzwälle zurückziehen, sondern offensiv die
Marktchancen nutzen, die sich unseren Unternehmen
auf dem Weltmarkt bieten.
Wir sehen dazu keine Alternative, denn ohne offene
Märkte im Ausland kann man die protektionistischen
Stimmen im eigenen Lande nicht zum Schweigen
bringen und auch nicht die Arbeitsplätze schaffen, um
den tiefgreifenden Strukturwandel zu bewältigen.
Diesen Strukturwandel haben viele amerikanische
Unternehmen unter dem Stichwort "lean production"
oder "reengineering the corporation" zum Teil unter
schmerzlichen Verlusten für Management und Arbeitnehmer hinter sich gebracht.

Seite 1

�Die Clinton-Administration hat die Notwendigkeit
anerkannt, die einheimischen Bedingungen zur
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Darum hat das wirtschaftspolitische Programm des
Präsidenten in den letzten zwei Jahren konsequent
die Notwendigkeit eines Abbaus des Haushaltsdefizits und der Begünstigung von staatlichen
investiven Aufgaben vor den konsumptiven hervorgehoben. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem
Ausbau beruflicher Aus- und Weiterbildung, der
marktgerechten, zivilen Forschungs- und Technologieförderung und dem Ausbau der öffentlichen
Infrastruktur.
Durch diese Umstrukturierung haben amerikanische
Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen.
Zudem kommt ihnen ein wesentlich günstigerer
Dollarkurs als in den 80er Jahren zugute. Gerade in
den zukunftsträchtigen Hochtechnologiebereichen
wie der Computer- und Softwareindustrie, der
Telekommunikation, der Biotechnologie und fortgeschrittenen Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung wie audiovisuelle Dienstleistungen und
Multimedia-Anwendungen, die ein ungeheures
Potential bieten, sind amerikanische Unternehmen
Weltspitze. Zu Recht pochen diese Unternehmen
auf einen ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit entsprechenden Weltmarktanteil.
Freier Marktzugang und Marktöffnung im Ausland
sind für diese Unternehmen unverzichtbar. Aus
diesem Grunde ist fairer und unbehinderter Marktzugang eines der Hauptanliegen unserer Außenwirtschaftspolitik. Zunehmend haben wir auch die
staatlichen Anstrengungen verstärkt, Wachstumsmärkte - die sogenannten "big emerging markets" zu identifizieren und unseren Firmen zu helfen, auf
ihnen Fuß zu fassen.
Das heißt, wir haben es hier mit einer zweiten
Dimension der Konkurrenz zu tun. In gewissem
Sinne konkurrieren nicht nur unsere Firmen untereinander, sondern die Staaten stehen in einem gewissen Wettbewerb darüber, welchen Regeln der
Wettbewerb der Firmen folgen soll. Dies ist eine Art
Wettbewerb zwischen den verschiedenen marktwirtschaftlichen Systemen und ihren Regulierungssystemen. Die Fragen lauten hier, wie soll der
Marktzugang gestaltet werden, unter welchen
Bedingungen kann von außen in geschützten
Bereichen wie der Telekommunikation investiert
werden, welchen Investitionsschutz gibt es, welche
Rolle muß das Wettbewerbs- und Kartellrecht
spielen, wie muß die öffentliche Auftragsvergabe
gestaltet werden und welchen Zugang hat man zu
Märkten, die von öffentlichen Monopolen beherrscht
werden.

Seite 2

Die Beantwortung dieser Fragen bestimmt immer
mehr, welche Chancen Ausländer auf einem fremden
Markt haben. Diese Fragen greifen auch zunehmend
in inländische Rechts- und Regulierungssysteme ein
und stellen althergebrachte nationale Regelungen
und Regime auf den Prüfstand des internationalen
Wettbewerbs. Diese Konstellation birgt nach Ende
des Kalten Krieges sowohl Risiken als auch Chancen.
Risiken insofern, als nach Wegfall des sicherheitspolitischen Auffangnetzes aus der Zeit des Kalten
Krieges, das eine fundamentale transatlantische
Solidarität begründete, die Auseinandersetzungen um
die neuen Regeln des Wettbewerbs zu Dauerspannungen oder gar Handelskriegen eskalieren könnten.
Ich halte diese Gefahr zwar für gering, aber man
kann auch umgekehrt die transatlantische Wirtschaftskooperation einfach als selbstverständlich
hinnehmen und schwelende Konfliktpotentiale ignorieren, bis sie um so schärfer hervorbrechen.
Umgekehrt besteht aber auch im Wegfall der sicherheitspolitischen Geschäftsgrundlage unserer
Beziehungen eine große Chance für die Wirtschaftsbeziehungen. Es ist nämlich durchaus vorstellbar,
daß sie selbst zum Hauptpfeiler der transatlantischen
Beziehungen werden. Damit müßten die wirtschaftlichen Beziehungen eine wesentlich größere Last
tragen, und es wäre gerade ihre Störung, die zu einer
Eintrübung unserer generellen Beziehungen führen
könnte. Andererseits tut sich ein großes Potential
auf, neue, zivile Strukturen zu schaffen, die unsere
Nationen um so enger aneinander binden. Diese
Bindungen würden auf der Vielfalt der Beziehungen
von Firmen, Individuen und Organisationen beruhen
und wesentlich größere gesellschaftliche Tiefe
erreichen, als es politische und militärische je tun
können.
Zur Beantwortung der Frage, welche Szenarien denn
eintreten könnten - erhöhte wirtschaftliche Spannungen oder vertiefte Kooperation - ist es in der Tat
hilfreich, sich mit den unterschiedlichen wirtschaftlichen Stilen und den Aussichten für eine transatlantische Wirtschaftskultur zu beschäftigen. Meine These
ist, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen Stile eher
das kooperative Szenario begünstigt. Je mehr sich
wirtschaftliche Stile, Strukturen und Markttrends
annähern, um so wahrscheinlicher ist die Stärkung
der transatlantischen Wirtschaftskultur.
Die Vereinigten Staaten sind eine "entrepreneurial
society" par excellence. Die Freiheit des einzelnen
Wirtschaftssubjekts, sei es nun eine Einzelperson
oder eine Firma, sich unternehmerisch zu betätigen,
gehört zu den allgemein akzeptierten Grundregeln in
Amerika. Der Staat hat in den USA historisch eine
untergeordnete Rolle gespielt. Zum Beispiel ist der

AMERIKA DIENST 17

�Staatsanteil am Bruttosozialprodukt bei uns immer
niedrigerer als in Europa gewesen, und der Staat ist
selten als Unternehmer aufgetreten. Und selbst bei
Netzmonopolen wie bei den Versorgungsunternehmen und Transport- und Verkehrsunternehmen
haben wir stets privatwirtschaftliche Lösungen
vorgezogen, allerdings unter staatlicher Aufsicht.
Eine starke Rolle haben wir dem Staat jedoch bei
der Wettbewerbsauf sicht und dem Kartellrecht eingeräumt. Kartellbehörden und Gerichte haben für
ausgeprägte Wettbewerbsstrukturen in den Vereinigten Staaten gesorgt. Der Telefonmarkt bei uns
ist durch eine Gerichtsentscheidung in einem Kartellfall aufgebrochen worden. Auch die Bankenaufsicht
hat dazu beigetragen, Machtkonzentration im Bankensektor zu verhindern. Die Trennung von Geschäfts- und Investitionsbanken hat auch dazu
geführt, daß Banken nicht größere Beteiligungen
besitzen und kartellartige Konglomerate und Firmengruppen bilden. Japanische Keiretsu-Strukturen mit
festen Zuliefer- und Vertriebsnetzen konnten sich in
den Vereinigten Staaten nicht ausbilden. Dieses
Strukturmerkmal begründet die fundamentale Offenheit des amerikanischen Marktes.
Ganz im Einklang mit dem Bekenntnis zum Wettbewerb hat der Staat in den Vereinigten Staaten nur
in geringem Ausmaß strukturkonservierende Politik
betrieben. Unternehmen, die sich nicht mehr am
Markt halten können - so ist der Konsens in allen
politischen Parteien - sollten verschwinden. Erhaltungsubventionen waren nie populär. Eine Situation
wie beim deutschen Steinkohlebergbau wäre in den
USA unvorstellbar. Undenkbar wäre dagegen in
Europa, daß man fest etablierte Firmen wie PanAm
oder TWA, Flaggschiffe der amerikanischen Luftfahrtindustrie, einfach vom Markt verschwinden läßt.

günstigeren Preisen geschaffen hat.
Ohne die
Deregulierung wäre der Telekommunikationssektor in
den USA, was sowohl die Vielfalt der angebotenen
Dienste als auch die technologische Infrastruktur
betrifft, nicht einer der fortschrittlichsten auf der Welt.
Zudem sind fortgeschrittene Telekommunikationsleistungen ein strategisches Vorprodukt für eine
ganze Reihe von wichtigen neuen Industrie- und
Dienstleistungssektoren. Ein dynamischer Telekommunikationssektor mit robustem Wettbewerb strahlt
auf die gesamte Volkswirtschaft aus.
Staats- und Sozialinterventionismus sind in den
Vereinigten Staaten viel schwächer als in Europa
ausgebildet.
Der Wohlfahrtsstaat hatte nie die
gleiche Legitimität wie in Europa, was auch den
Erfolg der Republikaner bei den letzten Kongreßwahlen erklärt. In Europa dagegen gehört soziale
Sicherheit bei allen gesellschaftlichen Kräften zu den
zentralen Werten. In den Vereinigten Staaten setzen
wir mehr auf dynamische Arbeitsplatzentwicklung,
gesellschaftliche Durchlässigkeit und Aufstiegschancen durch die Entwicklung von neuen Firmen und
Dienstleistungen. Nach Angaben der OECD ist in
den USA in den letzten 35 Jahren die Gesamtbeschäftigung um 80 Prozent gestiegen, in Europa
dagegen nur um 10 Prozent. Pro 1.000 Erwerbsfähige sind in den USA in den 80er Jahren 55 neue
Arbeitsplätze entstanden, in Deutschland 13 verschwunden. Seit 1980 ist die Arbeitslosenrate in den
Vereinigten Staaten kontinuierlich unter dem europäischen Durchschnitt geblieben, gegenwärtig beträgt
sie nur die Hälfte.

Dieser Trend zu mehr Wettbewerb ist durch die
Deregulierung seit den 70er Jahren noch verstärkt
worden. Ehemals durch staatliche Aufsichtsbehörden vor Wettbewerb geschützte Bereiche wie der
Luft-, Eisenbahn- und Straßenfernverkehr sind dem
Wettbewerb ausgesetzt worden. Das gleiche gilt für
die Telekommunikation, die Medien und die Energiewirtschaft. Vor kurzem hatten wir die erste Auktion
von Radiofrequenzen in den Vereinigten Staaten.
Die Deregulierung bringt schöpferische Unruhe in
das Wirtschaftsleben. Sie schafft wettbewerbsfähigere Firmen, neue und bessere Angebote für
Konsumenten und führt zu starkem Arbeitsplatzwachstum, wenn auch nicht immer bei den alteingesessenen Firmen.

Auch ist es ein Mythos, daß in den Vereinigten
Staaten nur schlecht bezahlte Arbeitsplätze entstanden sind. Zwischen 1980 und 1990 sind pro
1.000 Erwerbsfähige 47 Arbeitsplätze in überdurchschnittlich bezahlten Management-, Technik- oder
Verwaltungsstellen entstanden.
In Deutschland
betrug die entsprechende Zahl dagegen nur 20. Die
Schlußfolgerung daraus lautet, wenn man auf vermeintliche Billigjobs bei McDonalds und ähnlichen
Unternehmen verzichtet, verzichtet man auch auf die
gut bezahlten Managerjobs in diesen Branchen.
Entscheidend in den USA war eine dynamische,
unbehinderte Entfaltung im Service-Sektor. Hätte
sich der Service-Sektor in Deutschland im gleichen
Maße entwickelt wie in den Vereinigten Staaten, gäbe
es 4,7 Millionen Arbeitsplätze mehr in Deutschland.
Allerdings darf man auch nicht die Schattenseite der
Arbeitsmarktdynamik in den USA verschweigen: Das
Einkommen gering qualifizierter Arbeitskräfte stagnierte in den 80er Jahren oder ging gar zurück.

Diesen Prozeß haben wir gut bei der Telekommunikation beobachten können, wo die Deregulierung
ganz neue Märkte, Technologien und Produkte zu

Aus unserer Sicht sind die europäischen Volkswirtschaften immer von zu viel Staatseinfluß bestimmt.
Gerade in den südlichen europäischen Ländern

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�dominieren ineffiziente, durch Subventionen gestützte Unternehmen, die bei freier Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig wären. Zu denken ist etwa an einige
europäische Stahlfirmen, aber auch staatliche Luftfahrtgesellschaften. In vielen Ländern existiert auch
eine Vielzahl von staatlich regulierten oder geschützten Monopolen, die keine Wettbewerber zulassen
und häufig auch durch geschlossene und privilegierte Lieferbeziehungen ausgezeichnet sind.
Für ausländische Anbieter ist es äußerst schwer, auf
diesen Märkten ins Geschäft zu kommen, was wir
gerade auf dem deutschen Markt für Kraftwerksausrüstung erfahren, wo es für unsere auf dem Weltmarkt höchst wettbewerbsfähigen Anbieter fast
unmöglich ist, mit günstigen Angeboten bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland Erfolg zu
haben.
Die traditionellen Hoflieferanten haben
immer die besseren Karten, da es auf geschlossenen Märkten nicht darauf anzukommen scheint,
welche Preise für die Inputs verlangt werden. Die
Abnehmer und Kunden der Energieerzeuger zahlen
letztlich den Preis dafür.
Derartige Strukturen
erschweren natürlich auch die Kooperation mit
internationalen Partnern, Beteiligungen und Joint
Ventures. In manchen Bereichen sind Direktinvestitionen, die die Voraussetzung für Marktzugang sind,
praktisch oder gesetzlich ausgeschlossen.
Besonders nachteilig haben sich staatlich geschützte
monopolistische Märkte in der Telekommunikation
ausgewirkt. Sie haben nicht nur zum Ausschluß von
ausländischer Konkurrenz geführt, sondern auch
Innovationen und günstigere Preise und Leistungen
verhindert. Ein Grund für den schwindenden Anteil
deutscher Gerätehersteller auf dem Telekommunikationsweltmarkt war das Fehlen von Konkurrenz und
dynamischer Nachfrage nach neuer Technik bei
Telekommunikationsdienstleistungen im Inland.
Nun kann man argumentieren, daß die Unterschiede
in unseren Wirtschaftstrukturen und -Stilen auch
bisher die transatlantische Kooperation nicht behindert haben. Ausweitung des Handels und vertiefte
Zusammenarbeit sind auch bei unterschiedlichen
Strukturen von verschiedenen marktwirtschaftlichen
Systemen möglich. Doch verkennt diese These, daß
die Weltwirtschaft durch zunehmenden Handel und
Direktinvestitionen immer enger verflochten wird.
Das heißt, die Früchte früherer Kooperation machen
eine weitere Vertiefung der Kooperation und der
Angleichung der Strukturen nötig.
Der Außenhandel wird heute immer stärker von
Direktinvestitionen, der Präsenz eines produktiven
Standbeins im Markt des Handelspartners, angetrieben.
Die weltweiten Umsätze amerikanischer
Firmen stellen unsere Exporte in den Schatten.

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1992 betrugen unsere Exporte 500 Milliarden Dollar,
die Verkäufe amerikanischer Firmen im Ausland
insgesamt dagegen 1,5 Billionen Dollar, wovon mehr
als die Hälfte auf Europa entfällt.
Handelsschranken an den Grenzen sind nicht die
einzigen Hindernisse, auf die Firmen stoßen. Für
Firmen, die weltweit tätig sind, wird es zum kritischen
Hindernis, wenn man in bestimmte Bereiche de jure
oder de facto nicht investieren kann, wenn bestimmte
Dienstleistungen nicht angeboten werden können
oder übermäßig reguliert sind, wenn z.B. bestimmte
Telekommunikationsdienste nicht zur Verfügung
stehen oder wenn bestimmte Produkte nicht frei von
den bevorzugten Quellen bezogen werden können.
Derartige Konstellationen hemmen den Güterfluß und
wirtschaftliche Aktivitäten zwischen Nationen.
Die Zunahme der Verflechtungen in einer sich
globalisierenden Weltwirtschaft übt jedoch ständig
Druck aus, Wirtschaftsstrukturen anzupassen oder
stärker miteinander kompatibel zu gestalten. Wird
dieser Anpassungsprozeß von der Politik nicht
behindert, sondern aktiv unterstützt, dann werden
divergierende Wirtschaftsstile kein so großes Hindernis für die transatlantische Kooperation mehr darstellen. Wachsende Verflechtung durch Joint-ventures, Direktinvestitionen, Beteiligungen, strategische
Allianzen, Austausch von Personal, gemeinsame
Ausbildungs- und Qualifikationsmerkmale lassen die
Unterschiede in den Wirtschaftsstilen immer geringer
werden. Viele führende Manager wie David Herrmann von Opel und Ron Sommoer von der Deutschen Telekom haben Erfahrung auf beiden Seiten
des Atlantiks gesammelt.
Auch in politisch beeinflußten Wirtschaftsstrukturen
können wir so etwas wie zunehmende Konvergenz
entdecken. Der europäische Binnenmarkt ist ja ein
bahnbrechender Versuch, die nationalen Wirtschaftsstile in Europa zu vereinheitlichen und einen Markt
ohne Grenzen und Unterschiede zu scharfen.
Einheitliche Regeln sollen bei Investitionen, Dienstleistungen und auf allen Gütermärkten gelten, ein
Vorhaben, das wir rückhaltlos unterstützen, solange
auch an die Interessen von Drittländern wie den
Vereinigten Staaten gedacht wird. Wir haben den
ausdrücklichen Wunsch, daß sich in Europa ein
einheitlicher Wirtschaftsstil durchsetzt, der von Offenheit und Liberalität gekennzeichnet ist.
In allen industrialisierten Ländern hat sich in den
vergangenen 15 Jahren ein Trend zur Deregulierung,
Privatisierung und Aufbrechung von Monopolen
durchgesetzt. In fast allen europäischen Ländern
werden die Telekommunikationsdienste, der Verkehr
und die Medienmärkte liberalisiert und privatisiert,
was auch neue Chancen für ausländische Anbieter

AMERIKA DIENST 17

�mit neuen Produkten und Technologien schafft.
Wettbewerb und neue Marktchancen sind die
Gebote der Stunde. Doch die Anpassung verläuft
keineswegs in eine Richtung. In den USA hat die
Clinton-Administration erkannt, daß eine wettbewerbsfähige Industriegesellschaft nicht ohne leistungsfähige Krankenversicherungssysteme, ein gut
funktionierendes Berufsbildungssystem und eine
marktbezogene staatliche Forschungs- und Technologiepolitik auskommt. Auf diesen Gebieten nähern
wir uns eher Europa an.
Konfliktmindernd zwischen Europa und Amerika wirkt
die Tatsache, daß unsere Wirtschaftsbeziehungen im
großen und ganzen sehr ausgeglichen sind. Seit
1970 haben wir in manchen Jahren ein Handelsdefizit mit Europa gehabt und in anderen einen
Überschuß. Doch wenn man Überschüsse und
Fehlbeträge über einen Zeitraum von 25 Jahren
zusammenrechnet, so sind unsere Handelsströme
absolut ausgeglichen. Dies steht in deutlichem
Kontrast zu Asien. Obwohl das Handelsvolumen
insgesamt größer ist als der Handel mit Europa,
haben wir seit 1970 auf kumulierter Basis Defizite in
Höhe von mehr als einer Billion Dollar zu verzeichnen gehabt, mit Japan allein in der Höhe von 700
Milliarden Dollar. Handelsbeziehungen zwischen
uns und Europa sind nicht in dem gleichen Maße
durch strukturelle Hemmnisse und Verzerrungen
belastet wie die mit Asien.
Auch sind unsere Investitionsbeziehungen eng. Mehr
als 50 Prozent der europäischen Auslandsinvestitionen befinden sich in den USA, und 50 Prozent der
amerikanischen in Europa. Siemens beschäftigt
40.000 amerikanische Mitarbeiter. BMW und Mercedes sind die jüngsten Beispiele für das Engagement
europäischer Firmen auf dem amerikanischen Markt.
Aufgrund dieser engen Verflechtung und der Ausgewogenheit unserer Handelsbeziehungen bin ich
ziemlich zuversichtlich, daß sich das Ende des
Kalten Krieges nicht negativ auf unsere Beziehungen
auswirkt und sich wirtschaftliche Konflikte im Zaum
halten lassen, auch wenn der sicherheitspolitische
Zwang zur Kooperation entfallen ist. Gleichfalls
dürfen wir aber auch nicht selbstzufrieden werden
und den guten Stand der Wirtschaftsbeziehungen als
selbstverständlich voraussetzen. Das Zusammenwachsen der Volkswirtschaften und die Anpassung
unterschiedlicher Wettbewerbstrukturen werden nicht
reibungslos vonstatten gehen, sondern bergen
Konfliktstoff in sich.
Auf einige Probleme wie öffentliche Beschaffung,
wettbewerbsmindernde, marktabschottende Kartelle
und Zusammenschlüsse, Investitionsbeschränkungen, Quoten bei Fernsehen und neuen Medien bin

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ich schon eingegangen. Zu erwähnen ist natürlich
auch noch der Agrarmarkt. Alle diese Bereiche
brauchen ein zukunftsorientiertes Problemmanagement, wenn es nicht zu Verstimmungen und Störungen im transatlantischen Verhältnis kommen soll.
Das heißt, daß wir einen verläßlichen formalen
Rahmen entwickeln müssen, in dem wir mit diesen
Konflikten umgehen können. Das gilt um so mehr,
als die Clinton-Administration der Wirtschaft einen
zentralen Stellenwert in der Außenpolitik einräumt.
Kommen wir aber zu langfristigen und tragfähigen
Problemlösungen, so steigen auch die Chancen
immens, daß sich die wirtschaftlichen Beziehungen
zu dem zentralen Pfeiler der transatlantischen Beziehungen entwickeln. Damit wäre auch die Gefahr
gebannt, daß sich nach Wegfall der kommunistischen
Bedrohung ein Vakuum auftut, das langfristig zu
transatlantischer Entfremdung und Indifferenz führen
könnte. Kurz, wir brauchen eine neue ökonomische
Architektur für die transatlantischen Beziehungen,
und diese Architektur könnte so etwas wie das
transatlantische Haus werden.
In den letzten Monaten sind eine Reihe von Vorschlägen gemacht worden, wie man diese ökonomische Architektur institutionalisieren könnte.
Sie
reichen von einem europäisch-amerikanischen
Vertrag, über einen europäisch-amerikanischen
Wirtschaftsraum bis zu einer Nordatlantischen Freihandelszone, die von Außenminister Kinkel, dem
kanadischen Premierminister Chretien und von dem
amerikanischen Gewerkschaftsführer Lane Kirkland
angeregt worden ist. Daß es notwendig ist, die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen, steht außer Frage. Augenblicklich jedoch
unterstützen wir keinen bestimmten formalen Vorschlag, und es gibt keine offizielle Position zu der
Entwicklung eines formalisierten Rahmens wie einer
atlantischen Freihandelszone.
Wie der Staatssekretär für Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, bei seinem
Besuch letzter Woche in Deutschland gesagt hat, ist
es noch verfrüht, über ein so komplexes und anspruchsvolles Vorhaben wie eine Freihandelszone zu
sprechen. Statt dessen haben wir einen transatlantischen business dialogue zwischen den Firmen und
großen Verbänden beiderseits des Atlantiks angeregt,
um Ziele und Visionen einer neuen transatlantischen
Wirtschaftsarchitektur zu entwickeln. Wir glauben,
daß diejenigen, die tagtäglich in die Praxis der
Wirtschaftsbeziehungen eingebunden sind und die
Probleme des Wirtschaftsalltags kennen, wesentlich
besser geeignet sind, die Problemslösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die ein tragfähiges Fundament
für ein formalisiertes Rahmenwerk abgeben können,
als akademische Theoretiker oder Beamte. Die

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�spezifischen Themen liegen praktisch auf der Straße
und sind den meisten Firmen schon seit Jahren
vertraut.
Möglich ist, daß es hier vorerst zu Teillösungen
kommt. Doch ein derartiger Dialog zwischen Firmen
und Wirtschaftsvertretern wird ein wesentlicher
Baustein für die Vertiefung und den Ausbau der
transatlantischen Wirtschaftskultur sein, die in den
nächsten Jahren zu dem Fundament unserer Bezie-

*

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hungen überhaupt werden könnte. Die entstehende
transatlantische Wirtschaftskultur ist kein Konstrukt,
sondern durch die Verflechtungen unserer Volkswirtschaften schon Realität geworden. Deshalb wird sie
in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle
im transatlantischen Dialog spielen und dazu beitragen, daß auch das politische Gerüst unserer Handels- und Investitionsbeziehungen immer tragfähiger
wird.

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Kriegsende&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Clinton würdigt das Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs - Frieden und Hoffnung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Iran&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Clinton verhängt Handelsembargo gegen Iran&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Wirtschaftliche Stile und transatlantische Wirtschaftskultur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Janice F. Bay&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

3. Mai 1995

AUSSENPOLITIK

DER PREIS DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
Rede von Anthony Lake

USA-EUROPA

DIE OSZE UND IHRE ROLLE FÜR
DIE SICHERHEIT IN EUROPA
Rede von Sam W. Brown

WIRTSCHAFT

DIE USA UND EUROPA - NEUE CHANCEN
UND STRATEGIEN
Rede von Staatssekretär Garten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
3. Mai 1995

Der Preis der amerikanischen Führungsrolle
Rede von Anthony Lake
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Nationale Sicherheitsberater,
Anthony Lake, am 27. April 1995 bei einer vom Woodrow Wilson Center und dem Bretton Woods Committee
geförderten Veranstaltung des nationalen Presseclubs in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Ich möchte mit einer einfachen, aber alarmierenden
Tatsache beginnen: Es könnte sein, daß die Vereinigten Staaten am Rande einer einseitigen Abrüstung stehen.

ausgesetzt, die unserer Nation diese Ressourcen
vorenthalten wollen.
Unsere Politik weltweiten
Engagements ist unter Beschuß und die amerikanische Führungsrolle in Gefahr.

Erregt das Ihre Aufmerksamkeit?
denn es ist die Wahrheit.

Einige dieser Neoisolationisten handeln aus Überzeugung. Sie argumentieren, das Ende der sowjetischen Bedrohung sei gleichbedeutend mit dem
Verschwinden ernster Gefahren, wir sollten uns nach
innen wenden und mit unseren innenpolitischen
Angelegenheiten befassen. Die Festung Amerika
kann ihnen zufolge neue Gefahren außen vor lassen,
aber einige der neuen, uns konfrontierenden Bedrohungen - wie nukleare Weiterverbreitung, Terrorismus, schnelles Bevölkerungswachstum und Zerstörung der Umwelt - machen nicht vor Grenzen halt.

Ich hoffe doch,

Nein, wir wollen nicht unsere Jets verschrotten oder
unsere Schiffe versenken. Unser Militär ist stark und
einsatzbereit - und es besteht in beiden Parteien ein
starker Konsens, das aufrechtzuerhalten. Aber wir
sind kurz davor, viele der anderen Instrumente, die
Amerika während der letzten 50 Jahre zum Erhalt
unserer Führungsrolle in der Welt einsetzte, wegzuwerfen oder zumindest zu beschädigen. Hilfe für
neuentstehende Märkte, Wirtschaftshilfe zum Erhalt
des Friedens, internationale Friedenssicherungsprogramme zur Bekämpfung von Terrorismus und
Drogenhandel, Auslandshilfe - zusammen mit einem
starken Militär waren dies die Schlüsselinstrumente
unserer Außenpolitik.
Seit Harry Truman haben unsere Präsidenten diese
Werkzeuge zur Förderung amerikanischer Interessen
eingesetzt - zum Erhalt unserer Sicherheit, zur
Ausweitung unseres Wohlstands und Förderung von
Demokratie. Ihre Bestrebungen wurden von Demokraten und Republikanern sowie der Mehrheit des
amerikanischen Volkes unterstützt. Der Kongreß
stellte folgerichtig die für diese Aufgaben erforderlichen Ressourcen bereit.
Aufgrund dieser mit
militärischer Macht gekoppelten Entschlossenheit
haben wir im Kalten Krieg über einen langen Zeitraum hinweg die Oberhand behalten, unsere Sicherheit gestärkt und unseren Menschen einzigartigen Wohlstand verschafft.
Ich bin jedoch fest davon überzeugt, daß unser
Erfolg gefährdet ist. Er ist Angriffen aus dem
rechten und linken Lager der Neoisolationisten

AMERIKA DIENST 16

Die meisten Neoisolationisten vertreten jedoch keine
solche Position und bezeichnen sich nicht einmal als
Isolationisten. Sie halten sich für einen Bestandteil
des überparteilichen Konsenses der Nachkriegszeit
sowie für Vertreter der Ziele Demokratie, Sicherheit,
Frieden und Wohlstand. Aber sie lassen ihren
Worten keine Taten folgen.
Diese selbsternannten Verfechter der Demokratie
würden in Schwierigkeiten befindlichen Demokratien
Hilfe verweigern.
Sie loben die amerikanische
Führungsrolle, widersetzen sich jedoch der Führungsrolle Amerikas in Koalitionen und befürworten statt
dessen unilaterale Aktionen.
Sie preisen zwar den Frieden, kürzen aber anschließend unsere Hilfsleistungen für diejenigen, die um
des Friedens willen Risiken eingehen. Sie verlangen
mehr Wohlstand, schrecken jedoch vor der harten
Arbeit einer Öffnung der Märkte für amerikanische
Arbeitnehmer und Unternehmen zurück. Unter dem
Deckmantel einer Verringerung des Haushaltsdefizits
drohen sie, der amerikanischen Führungsrolle den
Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Seite 1

�Dies sind die heimlichen Isolationisten - und sie sind
zahl- und einflußreicher als diejenigen, die sich offen
für einen Rückzug der Vereinigten Staaten aussprechen. Sie lesen die Meinungsumfragen und
wissen daher, daß das amerikanische Volk das
Engagement der Vereinigten Staaten in der Welt
wünscht. Die Unterstützung für eine amerikanische
Führungsrolle in der Welt ist so stark wie eh und je einer Untersuchung des Chicago Council on Foreign
Relations zufolge unterstützen mehr als zwei Drittel
der Bevölkerung ein entschiedenes Engagement.
Diese heimlichen Isolationisten und Unilateralisten
spielen die Rolle der wahren Hüter amerikanischer
Macht. Aufgrund ihrer Aktionen werden sie jedoch
zu den Urhebern des amerikanischen Rückzugs.
Sie treten für eine Führungsrolle Amerikas ein,
wollen diese jedoch auf eine Weise, auf die man sie
nicht erlangen kann - auf die billige Art.
Sie wollen, daß Amerika 50jährigem Erfolg den
Rücken kehrt. Sie arbeiten - ob bewußt oder
unbewußt - an der Zerstörung der Grundlage unseres Friedens und Wohlstands, des großen Vermächtnisses unserer Politiker der Nachkriegszeit: Vandenberg, Truman, Marshall, Acheson. Diese Männer
hatten ihre eigenen Schwierigkeiten mit den Isolationisten. Sie sahen jedoch, daß der Preis unseres
verfrühten Rückzugs nach Versailles entsetzlich
hoch gewesen war - sahen das an den Trümmern in
Europa und Asien nach dem Zweiten Weltkrieg und
den Opfern, die Amerika bei der Befreiung dieser
Kontinente bringen mußte. Und sie verstanden, daß
Investitionen in eine aktive Außenpolitik den einzigen
Weg zur Verhinderung einer weiteren Katastrophe
darstellten.
Sie kannten den Preis einer Führungsrolle. Sie
gaben das Nötige für den Erhalt amerikanischer
Sicherheit aus. Darüber hinaus schufen sie die
Vereinten Nationen und die Institutionen von Bretton
Woods, bezahlten diese Rechnungen, retteten
Westeuropa durch den Marshallplan vor Verzweiflung und Kommunismus und entwickelten - ebenso
wie ihre Nachfolger in späteren Administrationen die neuen Instrumente technischer Hilfe, damit
Demokratie und Wohlstand weltweit eine größere
Chance bekamen.
Schauen Sie sich das Ergebnis an: Die Landkarte
ist nahezu voll von Demokratien, von denen viele
starke Verbündete sind. Es werden Märkte erweitert, die Bedürfnisse erfüllen und Träume wahr
werden lassen. Die Weltwirtschaft fördert Beschäftigung und Wohlstand der Vereinigten Staaten. Dies
sind die Früchte 50jähriger politischer und wirtschaftlicher Investitionen Amerikas im Ausland - der
Nutzen von 50 Jahren überparteilichen Engagements.

Seite 2

Diese Errungenschaften sind jedoch nicht in Stein
gemeißelt. Wir werden diese Früchte nicht automatisch weiter ernten. Der heimliche Isolationismus
droht, uns in die falsche Richtung zu drängen - zu
einem Zeitpunkt realer Hoffnung, an dem wir mit
unserem Engagement wirklich etwas bewirken
können, indem wir unseren Sieg im Kalten Krieg
sichern, anstatt ihn zu vergeuden.
Wir könnten diesen Sieg verwirken, denn die Demokratie bedarf vielerorts noch der Pflege. Einige
Marktwirtschaften haben noch keine tiefen Wurzeln.
Und die Welt nach dem Kalten Krieg hat reale und
mächtige Gefahren neu beleuchtet, die das bedrohen,
wofür wir uns eingesetzt haben: Aggression durch
verbrecherische Staaten, internationaler Terrorismus,
wirtschaftliche Zerrüttung. Dies sind neue Formen
eines alten Konflikts - des Konflikts zwischen Freiheit
und Unterdrückung, des Konflikts zwischen den
Verteidigern offener Gesellschaften und ihren Feinden.
Es gibt kein Verfallsdatum für diese in fünf Jahrzehnten gelernten Lektionen: Die Verteidigung vor diesen
Gefahren erfordert dauerhaftes Engagement und
tatkräftige Politik. Für die Verteidigung sind Ressourcen vonnöten. Probleme mit Geld zuzuschütten, läßt
sie nicht verschwinden - aber wir können Probleme
auch nicht ohne Geld lösen. Der Maßstab für eine
amerikanische Führungsrolle sind nicht nur die Stärke
und Anziehungskraft unserer Werte, sondern auch
das, was wir zur Lösung der schwierigen Fragen
einbringen. Aus diesem Grund hat Präsident Clinton
dem Neoisolationismus den Kampf angesagt.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das amerikanische Volk wünscht eine Führungsrolle unserer
Nation. Die Amerikaner wissen, daß die Welt immer
kleiner wird, daß unsere Sicherheit und unser Wohlstand von unserem Engagement im Ausland abhängig sind. Und sie stimmen dem Präsidenten zu,
der vor und nach seiner Amtsübernahme äußerte:
"Wenn Amerika im Inland stark sein will, muß es sich
im Ausland engagieren."
Viele Amerikaner äußern auch, sie wünschten eine
Verringerung der Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten - bis sie die wirklichen Zahlen kennen. Die
meisten sind der Ansicht, wir würden 15 Prozent oder
mehr unseres Etats für Auslandshilfe aufwenden. Sie
halten 5 Prozent für angemessen.
Sie wären schockiert zu erfahren, daß wenig mehr
als 1 Prozent - 21 Milliarden Dollar aus einem Budget
von 1,6 Billionen Dollar - für die Außenpolitik ausgegeben werden, und weniger als 16 Milliarden Dollar
für Auslandshilfe. Das ist viel Geld, aber kein so
großer Batzen unseres Haushalts wie die Neoisolatio-

AMERIKA DIENST 16

�nisten vorgeben. Und das sind real 21 Prozent
weniger als im Haushaltsjahr 1986. Sie wären
erstaunt zu hören, daß andere Länder sich viel
realistischer der Notwendigkeit dieser Aufwendungen
bewußt sind als wir. Die reichste und mächtigste
Nation auf der Erde - die Vereinigten Staaten - liegt
unter den 25 Industriestaaten - was den Auslandshilfeanteil des Bruttosozialprodukts betrifft - an letzter
Stelle.
Dies sind Fakten, über die wir besser Bescheid
wissen sollten. Und mehr unserer Bürger sollten
wissen, daß unsere außenpolitischen Ressourcen für
Ziele eingesetzt werden, die das amerikanische Volk
unterstützt:
6.6 Milliarden Dollar jährlich zur Förderung des
Friedens - einschließlich unserer Bestrebungen
im Nahen Osten, der Hilfe für unsere Verbündeten zu ihrer eigenen Verteidigung und unseres
Beitrags zu UN-Friedenssicherungsmissionen auf
der ganzen Welt, beispielsweise auf den Golanhöhen, an der irakisch-kuweitischen Grenze und
in Kambodscha.
2,4 Milliarden Dollar zum Aufbau von Demokratie
und Förderung des Wohlstands, wie der Unterstützung Südafrikas bei freien Wahlen und
friedlicher Umgestaltung.
5 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, darunter
Beschäftigungs- und Infrastrukturprogramme für
Haiti zum Wiederaufbau dieser Nation.
1.7 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe - wie
Versorgung von Flüchtlingskindern im ehemaligen Jugoslawien - denn die Amerikaner wollten
schon immer, daß ihr Land zur Linderung großer
Not beiträgt.
Die verbleibenden Gelder sind für das Außenministerium und andere Behörden vorgesehen,
die sich täglich für die Förderung amerikanischer
Interessen im Ausland einsetzen.
Das ist der Preis der amerikanischen Führungsrolle von dem die heimlichen Isolationisten nicht wollen,
daß wir ihn zahlen.
Aber stellen Sie sich eine Welt vor, in der wir das
nicht täten. Machen wir doch den sogenannten
George Bailey-Test. Erinnern Sie sich an George,
der im Weihnachtsklassiker "It's a Wonderful Life"
von Jimmy Stewart gespielt wird. In diesem Film
macht der Engel Clarence mit George eine Reise
durch die Zeit und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn
ausgesehen hätte und daß Bedford Falls ohne ihn
auseinandergefallen wäre.

AMERIKA DIENST 16

Ich möchte kurz die Rolle von Clarence übernehmen
und Ihnen eine Welt ohne die Führungsrolle Amerikas
präsentieren. Stellen Sie sich eine Welt vor,
in der die Ukraine, Belarus und Kasachstan
dem Club der erklärten Atomwaffenstaaten
beitreten, weil wir keine Übereinkunft über ihre
Entnuklearisierung treffen konnten,
in der russische Raketen immer noch auf
unsere Städte gerichtet sind, weil uns keine
Änderung ihrer Zielkoordinaten gelang,
in der Tausende von Einwanderern versuchen,
mit Booten über unsere Grenzen ins Land zu
gelangen, weil wir nicht zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti beitrugen,
in der nicht in den letzten drei Jahren nahezu
eine Million Arbeitsplätze geschaffen wurden weil wir nicht die amerikanischen Exporte
förderten,
in der wir einen Krieg auf der koreanischen
Halbinsel führen müssen - die Auswirkung von
Forderungen einiger Kritiker - weil wir der Bedrohung durch nordkoreanische Nuklearwaffen
nicht begegneten,
in der eine weitere Viertelmillion Menschen in
Ruanda sterben muß, weil wir nicht unser
Militär entsandten und in den Flüchtlingslagern
so gute Arbeit leisteten,
und in der wir Milliarden Dollar zahlen und
noch mehr Opfer zu beklagen haben, weil wir
darauf bestanden, die Operation Wüstensturm
gegen den Irak im Alleingang durchzuführen.
Stellen Sie sich diese Welt vor. Jede unserer Bestrebungen kostete Geld und erforderte harte Arbeit bei
der Bildung internationaler Koalitionen. Aber Sie und
ich sind sicherer und in einer besseren Lage, wir
genießen mehr Freiheit, weil Amerika diese Investitionen getätigt hat. Wenn die heimlichen Isolationisten
ihren Willen durchsetzen, könnte vieles, für das wir
uns seit über zwei Generationen eingesetzt haben,
verloren gehen.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, beschrieb vor kurzem eine Welt im Falle
eines Rückzugs der Vereinigten Staaten auf sich
selbst. Er sprach von einem "dunklen und blutbefleckten Planeten ... auf dem Sie in Bosnien, Ruanda
und Tschetschenien ohne unsere Anwesenheit enden
werden" und fügte hinzu: "Dies sind die Vorboten
eines 21. Jahrhunderts, das viel schrecklicher ist als

Seite 3

�alles, was wir in einem halben Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gesehen haben."
Das muß nicht so sein. Wenn wir weiterhin in
Demokratie, Rüstungskontrolle, Stabilität in den
Entwicklungsländern und neue, Wohlstand bringende
Märkte investieren, können wir ein weiteres halbes
Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gewährleisten.
Aufgrund der in den letzten Jahren getroffenen
Entscheidungen können wir jedoch bisweilen nicht
einmal einen bescheidenen Beitrag zu Bestrebungen
leisten, die unsere Unterstützung verdienen. Amerika ist eine großartige Nation - aber wir können nicht
die geringe Summe Geldes aufbringen, die zur
Unterstützung der Friedenssicherungskräfte in
Liberia erforderlich ist, wo eine Million Menschen von
einem erneuten Bürgerkrieg bedroht sind. Oder die
Gelder für eine angemessene Finanzierung der UNMenschenrechtsbeobachter in Ruanda. Wir können
kaum unseren Verpflichtungen bei der Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen Serbien nachkommen.
Das ist keine Nachfolge für die heroischen Errungenschaften des Kalten Krieges. Und ich kann mir nicht
vorstellen, daß dies der amerikanischen Vision von
einer Führungsrolle in der Welt entspricht. Meiner
entspricht das jedenfalls nicht.
Eine Politik, bei der jeder Pfennig umgedreht wird,
führt langfristig zu höheren Kosten. Prävention ist
preiswert und erregt nicht die Aufmerksamkeit der
Medien. Wenn das alles sehende Auge des Fernsehens im Ausland wirkliches Leiden erspäht, wünschen die Amerikaner zu recht, daß ihre Regierung
etwas dagegen unternimmt.
Die Finanzierung
großangelegter humanitärer Bestrebungen nach
einer Tragödie oder die Entsendung unserer Streitkräfte ins Ausland führen zu Kosten, die um ein
vielfaches höher sind als Investitionen in präventive
Maßnahmen.
Manchmal müssen wir den Preis für eine kurzsichtige Politik in unserer unmittelbaren Umgebung
zahlen: 1993 kürzte der Kongreß unseren ohnehin
äußerst bescheidenen Finanzierungsantrag für die
Bekämpfung des Schmuggels von Drogen in unser
Land um nahezu ein Drittel - und die Geldmittel
hierfür sind seitdem real stetig gesunken. Folglich
schrauben wir Programme zur Eindämmung der
Drogenproduktion und Verhinderung ihres Imports
ebenso zurück wie Ausbildungsprogramme für
Polizei, Staatsanwälte und Richter in anderen
Ländern. Amerika bezahlt einen weitaus höheren
Preis in Form von Verbrechen und zerstörten Existenzen.

Seite 4

Dies sind einige der Einschränkungen, mit denen wir
in den letzten Jahren leben mußten. Jetzt wird die
amerikanische Führungsrolle jedoch mit einer viel
klareren und präsenteren Gefahr konfrontiert. Durch
die derzeit im Kongreß ausgearbeitete Haushaltsgesetzgebung könnten die für auswärtige Angelegenheiten vorgesehenen Gelder um nahezu ein
Viertel - oder 4,6 Milliarden Dollar - verringert werden.
Das würde zu drastischen Einschnitten oder sogar
der Einstellung von Hilfe für einige Nachfolgestaaten
der ehemaligen Sowjetunion sowie von Sicherheitsprogrammen führen, die Freunde und Verbündete der
Vereinigten Staaten bei ihrer eigenen Verteidigung
unterstützen. Ferner würde unser Beitrag zu internationalen Friedenssicherungsoperationen beträchtlich verringert oder gestrichen. Dadurch würden
Behörden wie die Gesellschaft für Privatinvestitionen
in Übersee (OPIC) oder die Export-Import-Bank
lahmgelegt, die für die Ausweitung amerikanischer
Exporte eine Schlüsselrolle spielen. Unsere Nichtverbreitungsbestrebungen sowie unser Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA) gerieten in Gefahr.
Die Unterstützung für einige, das Leben von Kindern
rettende Hilfsprogramme würde eingestellt.
Diese Kürzungen würden das Vermächtnis der von
uns übernommenen Führungsrolle zerstören. Die für
eine Führungsrolle erforderliche Stärke fällt nicht vom
Himmel. Sie kostet Mühe und setzt Mittel voraus.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unser
strategisches Interesse am Aufbau der Demokratie in
Rußland und den Staaten des früheren Warschauer
Pakts unterminieren und hätte direkte Auswirkungen
auf die Sicherheit der Vereinigten Staaten: Wir
müssen auch in Zukunft die von den Senatoren Nunn
und Lugar eingeleiteten weitblickenden Programme
zur Verringerung von Atomwaffenarsenalen in der
ehemaligen Sowjetunion finanzieren. Die 350 Millionen Dollar an Nunn-Lugar-Mitteln ermöglichten der
Ukraine den Abbau ihres Arsenals und den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.
Das machte es
einfacher, uns von dem nuklearen Abgrund aus der
Zeit des Kalten Krieges zurückzuziehen - und ungefähr 20 Milliarden Dollar jährlich bei strategischen
Nuklearstreitkräften einzusparen. Dies ist nur ein
weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie sich
unsere außenpolitischen Ausgaben buchstäblich
bezahlt machen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Bestrebungen beeinträchtigen, den Bau von Atomwaffen durch verbrecherische Staaten und Terroristen
zu verhindern. Wir geben über einen Zeitraum von
drei Jahren 35 Millionen Dollar aus, um Tausende
von Nuklearwissenschaftlern in der ehemaligen
Sowjetunion bei zivilen Forschungsprojekten zu

AMERIKA DIENST 16

�beschäftigen. Das ermöglicht ihnen, dem nuklearen
Arbeitsmarkt fernzubleiben und ihre Fähigkeiten
nicht an Staaten vom Schlage eines Irak oder Iran
zu verkaufen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Beteiligung an weltweiten Friedenssicherungsoperationen der Vereinten Nationen - die unseren Interessen dienen - nahezu beenden. Seit Harry Truman
haben amerikanische Präsidenten sie aus Vernunftgründen unterstützt. Insbesondere Präsident Bush
sah ihren Wert: Im vergangenen Jahr wurden
nahezu 60 Prozent unserer Beitragszahlungen an
die Vereinten Nationen für Operationen verwendet,
die mit Unterstützung seiner Administration eingeleitet wurden. Sein Außenminister James Baker
verteidigte diese Operationen in überzeugender
Weise mit seiner Äußerung: "Wir haben Billionen
Dollar ausgegeben, um den Kalten Krieg zu gewinnen und sollten jetzt bereit sein, Millionen Dollar zur
Sicherung des Friedens bereitzustellen."
Dies ist die beste Form von Lastenverteilung. Die
UN-Friedensoperationen
entheben uns der Notwendigkeit, amerikanische Streitkräfte in wichtige Gebiete, beispielsweise Zypern oder den indischen Subkontinent - zu entsenden,
knüpfen dort an, wo unsere Truppen aufhörten, zum Beispiel an der irakisch-kuwaitischen Grenze. In Haiti sparen wir Gelder, da
die meisten unserer abgezogenen Streitkräfte
durch UNO-Truppen ersetzt wurden,
beteiligen sich in Namibia, Mozambik und
Kambodscha am Aufbau von Demokratie alles Missionen, an deren Planung wir mitwirkten. In Kambodscha handelten die Vereinten Nationen den Abzug vietnamesischer
Streitkräfte aus und hielten anschließend die
ersten demokratischen Wahlen in dem Land
ab. Nach jahrelangem Morden beteiligten
sich jetzt 90 Prozent der Bevölkerung an den
Wahlen - während die UN-Friedenstruppen sie
vor den Khmer Rouge schützten.
Wir würden weitaus mehr zahlen, wenn wir auch nur
eine kleine Anzahl dieser Missionen im Alleingang
durchführten. Statt dessen zahlen wir jetzt im Hinblick auf die Zahl der Soldaten und Geld einen
vernünftigen Preis: Von den weltweit entsandten
61.000 UNO-Blauhelmen sind nur3.300 Amerikaner.
Wir wenden umgerechnet ein halbes Prozent unseres Verteidigungshaushalts für UN-Friedensoperationen auf - weniger als ein Drittel des gesamten
Kostenaufwands der Vereinten Nationen und weni-

AMERIKA DIENST 16

ger als der Anteil der Europäer im Verhältnis zu ihren
Verteidigungsausgaben.
Wir nehmen nur nach
sorgfältiger Prüfung der Kommandoabsprachen und
Kosten an diesen Operationen teil - bekommen aber
durch unsere Fähigkeit zur Leitung multilateraler
Bestrebungen enormen Einfluß.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Friedensarbeit gravierend unterhöhlen. Der Präsident
erklärte: "Amerika steht denjenigen zur Seite, die um
des Friedens willen Risiken eingehen." Das gilt in
Nordirland, in Südafrika, im Nahen Osten und weltweit.
Damit der Friedensprozeß im Nahen Osten fortgesetzt wird und die Verhandlungen in anderen
Regionen erfolgreich sind, müssen wir über die Mittel
zur Unterstützung derjenigen verfügen, die Risiken
eingehen.
Wir können die am Friedensprozeß
Beteiligten nicht von unserem Einsatz für einen
dauerhaften und gerechten Frieden überzeugen,
wenn wir unseren derzeitigen Verpflichtungen nicht
nachkommen. Das bedeutet die Aufrechterhaltung
der Hilfe an Israel, Ägypten und die Palästinenser
sowie die Erfüllung unserer Verpflichtung zum Schuldenerlaß für Jordanien. Im Nahen Osten stehen
unsere lebenswichtigen sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel. Wir dürfen
so kurz vor dem Sieg nicht die Hände in den Schoß
legen und den Gegnern des Friedens das Spielfeld
überlassen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte jahrzehntelange Investitionen in die Demokratie wertlos machen. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der
Demokratien auf der Welt nahezu verdoppelt - und
unser Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) leistet den meisten
Neulingen Hilfe. Beispielsweise trug in Mozambik,
das jahrelange Kämpfe hinter sich läßt, von AID
geleistete Hilfe zur Registrierung von 6 der potentiell
8 Millionen Wähler bei und ließ die dortigen Wahlen
zu einem Erfolg werden. Zu einem Zeitpunkt, an
dem die dortigen Gesellschaften auf besonders
unsicheren Füßen stehen, sollte nicht diese Lebensader der Demokratie durchgetrennt werden.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unserem
eigenen Auskommen direkt schaden. Unsere Volkswirtschaft ist abhängig von neuen Märkten für amerikanische Waren und hochbezahlten Arbeitsplätzen für
amerikanische Arbeitnehmer. Aus diesem Grund war
Präsident Clinton führend bei den Bestrebungen zur
Ausweitung des Freihandels durch das bedeutende
GATT-Abkommen, die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) sowie die Freihandelsabkommen in der asiatisch-pazifischen Region und auf dem
gesamten amerikanischen Kontinent. Und diese

Seite 5

�Administration hat sich meines Erachtens stärker als
jede andere tür die Exportförderung eingesetzt.
Betrachten Sie sich beispielsweise, wo wir ohne die
Bestrebungen des Wirtschaftsministeriums in dieser
Hinsicht wären. Die Mitarbeiter von Wirtschaftsminister Brown haben im vergangenen Jahr mit
anderen Behörden Exportgeschäfte für amerikanische Unternehmen im Wert von 46.000 Dollar
abgeschlossen - Geschäfte zur Bewahrung von
300.000 amerikanischen Arbeitsplätzen.
In den meisten Fällen konnten wir diese Übereinkünfte schließen, weil die Vereinigten Staaten sich in
diesen Ländern seit Jahren engagiert hatten. Betrachten Sie sich zwei Statistiken: In einigen Ländern haben AID-Programme zur Erhöhung der
Lebenserwartung um ein Jahrzehnt beigetragen.
Jedes Jahr werden durch die Impfprogramme von
AID drei Millionen Menschenleben gerettet. Diese
Statistiken machen nicht nur im humanitären Bereich
Hoffnung, sondern sind auch Teil der Bestrebungen
zur Schaffung stabiler Gesellschaften mit Verbrauchern, die unsere Waren kaufen wollen - nicht mit
Massen von Opfern, die unserer Hilfe bedürfen.
Zusätzlich fördert unsere Unterstützung multilateraler
Entwicklungsbanken Wirtschaftswachstum und
Wohlstand der Nationen. Wir leisten einen Beitrag
von 1,8 Milliarden Dollar, während die anderen
Nationen 7 Milliarden Dollar beisteuern - und dieses
Kapital führt zur Bereitstellung von mehr als 40
Milliarden Dollar an Krediten. Eine Einstellung
unserer Beitragsleistungen käme einem Verlust
unseres Einflusses gleich. Andere würden vielleicht
unserem Beispiel folgen, was zu einer Lahmlegung
dieser bedeutenden Institutionen führen könnte.
Die heimlichen Isolationisten, die den Anspruch
erheben, amerikanisches Geld zu sparen, haben
einen sehr begrenzten Horizont: Unsere Hilfe hat
sich bereits Hunderte von Malen ausgezahlt. Das
galt für die Marshallhilfe, die nach dem Krieg die
europäischen Märkte wiederbelebte und gilt in
Südkorea, wo die derzeitigen jährlichen Importe
amerikanischer Güter sich bereits auf das Dreifache
des Wertes unserer in nahezu 30 Jahren geleisteten

Hilfe belaufen.
Obwohl wir unsere Tradition der Hilfsleistungen
beibehalten, reformieren wir ihre Praxis. AID ist zu
einem Labor für die Bestrebungen Vizepräsident
Gores zur Umstrukturierung der Regierung geworden - das Amt schafft 27 Missionen im Ausland ab
und reduziert die Zahl seiner Mitarbeiter um 1.200.
Mit der neuen Partnerschaftsinitiative verbessern wir
unser Hilfsprogramm noch weiter - indem wir uns auf
die örtliche Ebene konzentrieren. Dadurch sollen die

Seite 6

Bestrebungen nichtstaatlicher Organisationen verstärkt und der Anteil unserer Hilfsleistungen für sie
auf 40 Prozent erhöht werden, denn diese Organisationen arbeiten vor Ort und sind flexibler als die
entfernten nationalen Regierungen. Das gewährleistet eine bessere Verwendung unserer Mittel und
leistet diesen Nationen Hilfe zur Selbsthilfe.
Jeder hier Anwesende ist sich bewußt, daß es in
Amerika noch nie leicht war, Unterstützung für eine
aktivistische Außenpolitik zu finden.
Während der gesamten Geschichte unserer Republik
haben wir nie wirklich in der Isolation gelebt. In einer
Welt schneller Kommunikations- und Kapitalbewegungen ist das nicht möglich. Das ist kein Thema.
Buchstäbliche Isolation ist keine Option.
Zur Debatte steht, ob wir die Maßnahmen und
Ressourcen haben, unsere Einflußnahme so zu
gestalten, daß unsere Bürger in ihrem täglichen
Leben ihren Nutzen verspüren - sei es durch die
Öffnung von Märkten oder die Vermeidung von
Konflikten, in die wir hineingezogen werden könnten.
Als unsere Regierung kein Engagement zeigte,
mußten unsere Bürger einen sehr hohen Preis zahlen
- wie im Zweiten Weltkrieg nach einer Periode
unverantwortlichen Rückzugs der Vereinigten Staaten.
Unsere führenden Politiker der Nachkriegszeit hatten
die Gabe zu erkennen, daß Technologie und Macht
der Vereinigten Staaten die Welt verändert hatten
und wir uns nie wieder isolieren dürfen. Es war für
sie aber auch äußert schwierig, für diese Ansicht
Unterstützung zu finden, obwohl die Erinnerung an
den Krieg noch frisch war.
Präsident Truman mußte für seine Überzeugung
einen harten Kampf führen. Aber ein Ausländer hatte
erkannt, daß für Amerika der Moment zur Übernahme
einer Führungsrolle gekommen war - und sagte uns
das. Winston Churchill rüttelte die Nation mit seinem
Appell für eine engagierte Außenpolitik wach. Heute
erinnern wir uns vor allem, daß er den Begriff vom
"Eisernen Vorhang" prägte. Er bezeichnete außenpolitisches Engagement aber auch als "Lebensnerv
des Friedens", was ein Wortspiel mit einer Redewendung der Römer ist: "Geld ist der Lebensnerv des
Krieges". Die Botschaft Churchills lautete, daß die
Bewahrung des Friedens - ebenso wie die Kriegführung - Mittel erfordert.
Heute ist diese Botschaft so zutreffend wie eh und je.
Dies ist ein Moment außergewöhnlicher Hoffnung für
Demokratie und freie Märkte. Aber nichts ist unvermeidlich. Wir müssen weiterhin Engagement zeigen.
Wir müssen uns öffnen, anstatt uns nach innen zu

AMERIKA DIENST 16

�wenden. Eine Führungsrolle Amerikas in der Welt
ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Der
dafür zu zahlende Preis ist der Sache wert. Es ist

der Preis dafür, die Geschichte in unserem Interesse
zu beeinflussen,

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

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�USA-EUROPA
3. Mai 1995

Die OSZE und ihre Rolle für die Sicherheit in Europa
Rede von Sam W. Brown
BONN - (AD) - In einer Rede vor der Adenauer-Stiftung legte der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Sam W. Brown Jr., die amerikanische
Vision vom Beitrag der OSZE zu europäischer Sicherheit dar.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Sam W. Brown am 24. April 1995 gehaltene Rede.

Hannah Arendt hat uns geholfen, den Totalitarismus
als die große moralische und politische Bedrohung
des zwanzigsten Jahrhunderts zu erkennen. Ihre
Arbeiten zu diesem Thema sind wohlbekannt. Wir
haben diese Lektion gelernt und bei unserer Sicherheitspolitik entsprechend gehandelt.
Sie schrieb allerdings auch folgende, wenngleich
weniger bekannte Worte: "Die größte Gefahr dabei,
den Totalitarismus als den Fluch des Jahrhunderts
zu erkennen, liegt darin, sich so sehr auf ihn zu
konzentrieren, daß man die vielen kleinen und
weniger kleinen Übel, mit denen der Weg zur Hölle
gepflastert ist, nicht mehr sehen kann."
Im August werden es zwanzig Jahre, daß die
Schlußakte von Helsinki unterzeichnet wurde vierundzwanzig Jahre nach Hannah Arendts prophetischen Worten. Die Schlußakte von Helsinki erkennt diese "kleinen und weniger kleinen Übel" an
und weist uns einen anderen Weg - in Richtung
jenes Europas, das wir uns letztlich als Ergebnis der
Ost-West Konfrontation erhofften.
Die Schlußakte von Helsinki basiert auf der Überzeugung, daß eine Gesellschaft durch ihre Werte
definiert wird, und daß gemeinsame Werte beim
Aufbau einer gemeinsamen Zukunft hilfreich sein
können.

Helsinki, in der festgelegt wurde, wie Staaten mit
ihren Bürgern und ihren Nachbarn umzugehen
haben, wurde zu einem zentralen Element unserer
Beziehungen zu den europäischen Diktaturen.
Unsere Kollegen im Osten sprechen diesen Ideen
und den Bürgerbewegungen, die sie hervorgebracht
haben, große Bedeutung zu: Sie haben die Menschen ermutigt, für einen Wandel im Bereich der
Sowjetunion zu kämpfen.
Die Schlußakte von Helsinki definiert zahlreiche
Verhaltensnormen für staatliches Handeln:
Die
Vermeidung von Gewaltanwendung oder der Androhung von Gewalt, die Beachtung der territorialen
Integrität von Staaten sowie gleiche Rechte und
Selbstbestimmung für Völker. Sie nennt aber auch
ein wenig beachtetes, wenngleich zentrales Konzept:
Die inneren Angelegenheiten eines Staates sind dann
ein legitimes Anliegen anderer Nationen, wenn sie
Themen betreffen, die die Sicherheit einer Region
beeinflussen könnten, oder wenn es um politische
Freiheit und Menschenrechte geht. Diese radikale
Idee ist mittlerweile von den OSZE-Staaten akzeptiert
worden und hat die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten entscheidend verändert. Sie
macht deutlich, daß unsere gemeinsame Sicherheit
der Beachtung der Sicherheit jedes Individuums
bedarf.

Die Unterzeichner der Schlußakte waren keine
Neulinge in der Politik. Sie konnten jedoch nicht im
geringsten ahnen, wie tiefgreifend ihre Worte das
Europa des Jahres 1995 mitgestaltet haben.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand
die Arbeit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - dem Urheber der Schlußakte
von Helsinki - darin, sich in eine Organisation umzuwandeln und Mechanismen zur vollen Umsetzung der
Schlußakte von Helsinki zu schaffen.

Es war eine mächtige Wortwaffe, die da geschmiedet wurde, und diese Worte lagen in den darauffolgenden 15 Jahren dem politischen Dialog zwischen Ost und West zugrunde. Die Schlußakte von

Wir gingen einen Schritt in diese Richtung, als wir im
Dezember in Budapest aufhörten, eine Konferenz zu

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�sein, und zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wurden.
Zehn Jahre zuvor war es einfacher, Bedrohungen in
Europa zu definieren und auf sie zu reagieren. Die
Bedrohung durch die totalitäre Ideologie - die sich im
politischen und militärischen Expansionsstreben der
Sowjetunion manifestierte - sowie die Gefahr eines
Atomkrieges waren deutlich und klar definiert. Sie
waren fünfundvierzig Jahre lang das zentrale Element unserer Sicherheitspolitik. Und offen gestanden haben wir unsere historisch wichtige Arbeit gut
gemacht. Wir haben sowohl die Institutionen als
auch den politischen Willen für die Arbeit mit ihnen
entwickelt.
Die NATO, die wichtigste Institution in diesem
Zusammenhang, stellt gerade die Weichen für ihre
zukünftige Erweiterung, um auf die neuen Manifestationen der sicherheitspolitischen Herausforderungen
zu reagieren.
Die neuen Bedrohungen sind allerdings so geartet,
daß existierende Mechanismen oder Organisationen
sie weder ganz direkt noch völlig eindeutig angehen
können. Es ist dieser Tage nicht möglich, eine so
saubere Analyse von Bedrohung und Reaktion
vorzunehmen, wie wir es aus der Zeit des Kalten
Krieges gewohnt waren.
So sind wir zum Beispiel immer noch verpflichtet, der
Bedrohung durch einen konventionellen Krieg
Rechnung zu tragen. Unsere Analyse wird jedoch
stärker von unseren Erfahrungen in Bosnien beeinflußt als von der Angst vor einen großangelegten
Krieg in einem geteilten Europa.
Die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ist
von entscheidender Bedeutung, und wir werden
weiterhin die Bestrebungen zu seiner unbegrenzten
und bedingungslosen Verlängerung unterstützen.
Obwohl dadurch die Gefahr eines nuklearen Holocaust oder die eines Rüstungswettlaufs der Supermächte verringert wird, stellen Atomschmuggel oder
der Mißbrauch von Nukleartechnologie weiterhin
eine Bedrohung dar.
So haben sich die traditionellen Themen der Sicherheitspolitik geändert. Zusätzlich aber sind mit
dem Fall der beiden erzwungenen kommunistischen
Föderationen - der Sowjetunion und Jugoslawiens eine Vielzahl lange unterdrückter Probleme an die
Oberfläche gelangt.
Eines der vordringlichsten ist ein aggressiver Nationalismus. Dieser hat sich in vielen Staaten unserer
Region auf tragische Weise manifestiert.
Das
schlimmste Beispiel ist das ehemalige Jugoslawien.

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In einem unlängst erschienenen Artikel argumentiert
Misha Glenny, daß Tito den vergiftenden Nationalismus, der Milosevic an die Macht brachte, gar nicht
erst hätte aufkommen lassen. Und Stalins brutale
Unterdrückung von Minderheiten hielt die Kräfte des
Separatismus im Zaum, die jetzt die Staaten der
ehemaligen Sowjetunion heimsuchen.
Der Preis, den wir für den Zusammenbruch dieser
totalitären Reiche bezahlen, ist ein Anschwellen des
Ethnozentrismus, der mit wachsender Xenophobie
einhergeht. Die fürchterlichen Auswirkungen dieser
Haltung werden immer deutlicher. Die Russische
Föderation ist über diese Entwicklungen so besorgt,
daß sie sie kürzlich in OSZE-Gesprächen über ein
neues Sicherheitsmodell für Europa als ihr Hauptanliegen bezeichnete.
Ein zweites Thema ist die zunehmend deutlicher
werdende Diskrepanz zwischen dem Prinzip der
Selbstbestimmung und dem Recht eines Staates auf
Sicherheit in seiner eigenen territorialen Integrität. In
Bosnien, Tschetschenien und der Türkei sind Spannungen zwischen Selbstbestimmungsbestrebungen
und Souveränität des Staates weiterhin Ursache von
Blutvergießen und Krieg. Dieselben Spannungen
gefährden auch die Zukunft Georgiens und Moldawiens.
Drittens. Obwohl sich viele Staaten auf dem Weg zur
Marktwirtschaft befinden, werden harte Arbeit und
Einfallsreichtum - die Säulen des marktwirtschaftlichen Systems - oft von der Schwerfälligkeit der
Institutionen und von korrupten Stellen zunichte
gemacht.
Das Problem wird durch ineffiziente,
planwirtschaftlich organisierte Fabriken noch erschwert, die ohne radikale Umstrukturierungen und
massive Neuinvestitionen - welche jedoch einfach
nicht vorhandenes politisches und finanzielles Kapital
erfordern würden - nicht konkurrenzfähig sind. Wenn
dann die Versprechungen von einer Erhöhung des
Lebensstandards aufgeschoben oder aufgehoben
werden, kann das zu politischer Instabilität führen.
Die OSZE bemüht sich, diese aufkeimenden Sicherheitsbedrohungen anzusprechen. Sie war eine
der ersten Institutionen, die erkannt hat, wo die
neuen Gefahren lauern und Antworten auf sie gesucht hat. Oft aber wird diese Arbeit nicht anerkannt.
Dies mag teilweise daran liegen, daß man sie vielfach als "Debattierklub" belächelt. Die vielen Gespräche haben allerdings die Funktion eines Ventils, vor
allem für jene Staaten, die in anderen wichtigen
regionalen Institutionen keine Stimme haben. Der
wöchentliche Meinungsaustausch zwischen Balten
und Russen, um nur ein Beispiel zu geben, bezeugt
dies.

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�Die Diskussionen sind allerdings weit mehr als nur
ein Ventil oder ein reiner Informationsaustausch.
Sie können auch als ein Frühwarnsystem für aufkeimende Probleme dienen. Immer wieder hören wir
von Beschwerden, Spannungen, Konflikten und
Sorgen, die zuerst in Wien angesprochen wurden.
Von Besuchern wird immer wieder die Offenheit
unserer Debatten hervorgehoben. Angesichts der
Vielzahl unserer Mitglieder und der großen Reichweite unseres Mandats gibt es kein Thema, das für
unsere Diskussionen nicht relevant ist. Um rechtzeitig handeln zu können, ist es zuallererst nötig, das
Problem zu kennen. Gut besuchte und häufige
Zusammenkünfte sind ein wichtiger Bestandteil
dieses Prozesses.
Die OSZE ist nicht unbedingt die beste Institution,
um alle Themen dieses Prozesses zu behandeln.
Im Gegenteil, wir können nur jene Themen effektiv
angehen, für die Lösungen auf freiwilliger Basis
möglich sind. Diese machen, wenn sie so wollen,
das kühlere Ende des Bedrohungsspektrums aus.
Das heißere Ende, das direkte militärische friedenschaffende Interventionen erfordert, ist der UNO und
der NATO überlassen. Es ist immer noch das
Kernstück des amerikanischen Engagements in
Europa. Aber von der Frühwarnung über Konfliktverhütung und Krisenmanagement bis zu Umständen, die eine Drittpartei zur Friedenserhaltung
erfordern, ist es die OSZE, welche die Instrumente
entwickelt, auf die man dann als erstes zurückgreifen
kann.
Über Jahre - die nicht immer frei von Rückschlägen
waren - haben wir Methoden für den Umgang mit
aufkommenden Disputen entwickelt. Manche dieser
Methoden sind traditioneller Natur, andere wiederum
sind ganz neu. Manche waren erfolgreich, manche
nicht. Wieder andere können erst nach einiger Zeit
beurteilt werden.
Die OSZE versucht manchmal, Konflikte durch
klassische Diplomatie zu verhindern, basierend auf
dem Prinzip des Konsenses von 52 Nationen. Dafür
bedarf es des politischen Dialogs, der Vermittlung
und einer Sachlage, die eindeutig als internationales
Anliegen definiert ist.
Die Arbeit des OSZE-Hochkommissars für Nationale
Minderheiten, des ehemaligen niederländischen
Außenministers Max Van der Stoel, fällt in diese
Kategorie. Er setzt seinen persönlichen Stil und sein
politisches Profil dafür ein, sein Vermittlungs- und
Beratungsgeschick auszubauen. Eine ganze Reihe
von Regierungen hat seine unauffällige Konsultationsarbeit für ihre Qualität und Rechtzeitigkeit
gelobt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:

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Seine Bemühungen haben die Beziehungen zwischen
Ungarn und der Slowakei beeinflußt, bei der Entwicklung neuer Staatsbürgerschaftsgesetze in Lettland
und Estland geholfen und zum Abbau von Spannungen zwischen Griechenland und Albanien beigetragen.
Ein weiteres Beispiel einer geschickten Variante der
traditionellen Diplomatie war die Schaffung einer
OSZE-"Mission", welche im September des Jahres
1992 in die ehemalige jugoslawische Republik
Mazedonien entsandt wurde. Dies war ein schwieriger Moment. Wir fürchteten, daß der bosnische
Konflikt auf die Nachbarstaaten übergreifen könnte.
Es gab damals keine internationale Präsenz, und
Bedenken wurden kaum offen ausgesprochen.
Unsere Tätigkeit bestand in der Entsendung von
Menschen. Das war die erste greifbare Manifestation
des Interesses der internationalen Staatengemeinschaft an jener Situation.
Als deutlich wurde, daß tatsächlich eine sehr reale
Bedrohung der Sicherheit der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien vorlag, war die Mission
wesentlich daran beteiligt, den Vereinten Nationen
klarzumachen, daß dort eine größere Präsenz
vonnöten sei. Obwohl die Region immer noch
instabil ist, kam es zu keinem Übergreifen des
Konfliktes. Diese kleine, aber präventive Aktion der
OSZE spielte zweifelsohne eine Rolle bei der Erhaltung der Stabilität.
Die Mission in der ehemaligen jugoslawischen
Republik Mazedonien und auch die Missionen in der
Wojwodina, in Sanjak und im Kosovo waren bahnbrechende Bemühungen der gerade erst auf diese
Weise aktiv gewordenen KSZE. Seit diesen ersten
Missionen, die vor etwas mehr als zwei Jahren
stattfanden, sind wir in acht weiteren Krisenregionen
aktiv geworden. Dies stellt eine praktische Anwendung des Prinzips dar, daß interne Angelegenheiten
sowie Angelegenheiten, die eine begrenzte Anzahl
von Parteien betreffen, sehr wohl ein legitimes
Anliegen der gesamten OSZE sind. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir am zwanzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiern, ist diese "neue aktive
Rolle" der OSZE.
Die Aufgaben dieser Missionen reichen von der
Vermittlung zwischen Separatistengruppen in
Georgien und Beratung über den Status der ethnischen Russen in Estland und Lettland bis zur Hilfestellung beim Abzug der 14. Russischen Armee in
Moldawien. In Bosnien beginnt unsere Mission im
Zuge des Versöhnungsprozesses mit politischer
Vertrauensbildung. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit liegt
darin, Vertreter der verschiedenen ethnischen Gruppierungen auszuwählen und ihnen den Rücken zu

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�stärken. Diese Ombudsmänner sollen helfen, die
zersplitterte Gesellschaft wieder zu einen.

daß wir nicht einfach mit alten Lösungen auf neue
Bedrohungen reagieren können.

Wir entsenden gerade eine humanitäre Vermittlungsmission nach Tschetschenien. Die Sorgen, die wir
mit dieser Region haben, sind ein legitimes Anliegen
der gesamten Region. Die OSZE-Mission in Tschetschenien wird durch ihre humanitären Bestrebungen,
Förderung des Dialogs und Hilfestellung bei der
Entwicklung demokratischer Institutionen die Versöhnung fördern. In Lettland wird die OSZE eine
glaubwürdige Garantie für den Abbau der ehemaligen sowjetischen Radarstation in Skrunda abgeben
und Kommissare stellen, die sich um pensionierte
russische Militärangehörige kümmern. Diese Aufgabe nimmt die OSZE auch für die russische Minderheit in Estland wahr.

Ich habe heute nur einige wenige der innovativen
Aktivitäten beschrieben, die die OSZE in der letzten
Zeit in Angriff genommen hat. Eine weitergehende
Analyse müßte auch unsere Abrüstungsgespräche
und die Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen einschließen sowie die Mechanismen für Frühwarnung, Konfliktverhütung und Krisenmanagement
von Berlin und Moskau. Und - last but not least - die
Bestrebungen zur Entsendung einer Friedenssicherungstruppe nach Nagorny-Karabach - ein Versuch,
der noch keine Bewährungsprobe bestehen mußte,
aber dennoch ungemein wichtig ist.

Die OSZE arbeitet auch daran, aggressivem Nationalismus und anderen aufkommenden Bedrohungen
dadurch zu begegnen, daß sie neu hinzukommenden Staaten bei der Entwicklung demokratischer
Institutionen hilft. Hier sind wir erneut ein Labor für
regionalen Wandel - an dem alle Staaten vollständig
und gleichberechtigt beteiligt sind.
Wir haben uns beim Aufbau wesentlicher Bestandteile der Demokratie auf praktische Schritte konzentriert. Dazu gehören OSZE-Seminare über zwischenstaatliche Beziehungen auf militärischer und
ziviler Ebene, Entwicklung kleiner und mittelständischer Unternehmen, die Rolle nichtstaatlicher
Organisationen (NGOs) sowie die Förderung freier
Medien. Ferner entsenden wir Experten für die
Beratung beim Entwurf einer Verfassung, dem
Aufbau des Justizwesens, der Reform des Wahlsystems oder dem Umgang mit den Medien. Ziel all
dieser Aktivitäten ist die Stärkung demokratischer
Institutionen, die einen Schutz vor gesellschaftlicher
Instabilität bieten.
Die volle und gleichberechtigte Aufnahme von auf
dem Weg zur Demokratie befindlichen Staaten in
eine internationale Organisation erlaubt uns die
Stärkung westlicher Menschenrechtsnormen und
zwischenstaatlicher Beziehungen. Die Vereinten
Nationen bieten nicht diese Möglichkeit. Auch die
NATO und die EU, denen nicht alle europäischen
Staaten angehören und die sehr verschiedene
Aufgaben haben, können dies nicht. Viele Staaten
wissen, daß das einzige europäische Sicherheitsforum, das wirklich alle einschließt, die OSZE ist und
bleiben wird.
Die meisten hier von mir beschriebenen Aktivitäten
sind experimenteller Natur. Wir wissen noch nicht,
ob alle erfolgreich sein werden. Wir wissen aber,

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Natürlich sind wir in Wien auch mit der Umsetzung
des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE-Vertrag) befaßt, dem wichtigsten Faktor
der Stabilität auf dem Gebiet konventioneller Waffen
in Europa.
Außerdem setzen wirdie Verhandlungen über weitere
Abkommen fort, die sich auch auf die Vertrauensbildung erstrecken.
Dazu gehören das soeben
erstellte Wiener Dokument 94 sowie der Verhaltenskodex über politische und militärische Sicherheitsaspekte. Darin werden akzeptierte Normen für die
zivile Kontrolle des Militärs festgelegt. Ferner arbeiten wir an einem Schema für zukünftige Abrüstungsbemühungen im gesamten OSZE-Gebiet.
Neue historische Realitäten bringen neue Bedrohungen mit sich. Alle soeben genannten Maßnahmen
sind Möglichkeiten für die OSZE, mit diesen neuen
Gegebenheiten umzugehen. Die Art und Weise, wie
wir dies tun, wird noch weiterentwickelt, und zweifelsohne wird uns die Zukunft noch neue, andere
Schritte abverlangen. Die Welt verändert sich mit
großer Geschwindigkeit, und es ist nur natürlich, daß
diese Veränderungen Unbill, aber auch neue Möglichkeiten bergen. Dies wird auch weiterhin so sein.
Die neuen Bedrohungen in ihrem Wesen zu begreifen
und Mechanismen für den Umgang mit ihnen zu
schaffen, ist ein langer Weg. Und wir sind schon
einige Schritte darauf gegangen.
Glücklicherweise wächst die OSZE weiter. Sie ändert
sich und paßt sich an die neuen Bedrohungen an.
An die "kleinen und weniger kleinen Übel", wie
Hannah Arendt sie so treffend bezeichnet hat. Die
OSZE bleibt bescheiden, was Bürokratie und Institutionalisierung betrifft. Ihr Konzept ist ein breiter
Ansatz bei Menschenrechtsfragen, der Förderung der
freien Marktwirtschaft und militärischer Sicherheit.
Und dieses Konzept ist stark genug, uns zu helfen,

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�entstehende Bedrohungen der Sicherheit in Europa
auf kreative Weise zu lösen.

Ich danke Ihnen,

* * * * *

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�WIRTSCHAFT
3. Mai 1995

Die USA und Europa - neue Chancen und Strategien
Rede von Staatssekretär Garten
BRÜSSEL - (AD) - Im Rahmen seiner Europareise hielt der Staatssekretär für Welthandel im USWirtschaftsministerium, Jeffrey E. Garten, am 25. April 1995 eine Rede vor dem EU-Ausschuß der
amerikanischen Handelskammer in Belgien, von der wir nachfolgend einige Auszüge veröffentlichen.

Ich freue mich, wieder in Brüssel zu sein. Meine
Europareise begann gestern in Portugal und wird
mich noch nach Deutschland führen. Es gibt vier
Gründe für diesen Besuch.
Erstens möchten meine Delegation und ich in
Europa auf die Bedeutung gleicher Wettbewerbsbedingungen für amerikanische Unternehmen in
verschiedenen Sektoren und bei unterschiedlichen Projekten hinweisen.
Zweitens legen wir letzte Hand an eine neue
Wirtschaftsstrategie für unsere Botschaften in
West-, Mittel- und Osteuropa, die wir "Showcase
Europe" nennen.
Drittens wollen wir den von Wirtschaftsminister
Brown und den EU-Kommissaren Brittan und
Bangemann unterbreiteten Vorschlag eines
transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic
Business Dialogue) fördern - Gesprächen zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmen sowie den Regierungen auf beiden
Seiten des Atlantiks über die Gestalt und Tagesordnung der zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
Viertens werden wir die Gelegenheit zu Konsultationen mit unseren Handelspartnern über
eine Vielzahl von Fragen nutzen, die über bilaterale oder sogar amerikanisch-europäische Beziehungen hinausgehen. Hierbei stehen die Spannungen bei den amerikanisch-japanischen Handelsbeziehungen an erster Stelle.
In meinen heutigen Ausführungen möchte ich einige
dieser Fragen ansprechen, zunächst jedoch mit dem
allgemeinen Kontext beginnen.
Die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen

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Als Bill Clinton im Januar letzten Jahres seine erste
Europareise in seiner Eigenschaft als Präsident der
Vereinigten Staaten antrat, bezeichnete er die westeuropäische Integration und den Zerfall der Sowjetunion als die beiden größten Fortschritte für den
Frieden in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ich möchte hinzufügen, daß die europäische Integration auch einer der größten Fortschritte für freien
Handel in diesem Jahrhundert ist. Offene und
pulsierende Märkte sind tatsächlich der Motor, der
Europa und den Vereinigten Staaten während der
vergangenen Jahrzehnte den größten Wohlstand in
der Geschichte der Menschheit bescherte. Wenn die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten gestärkt werden, kann dieser
Wohlstand nicht nur fortbestehen, sondern sogar ein
neues Ausmaß erreichen.
Ruf nach transatlantischem Freihandel
Politiker in Amerika und Europa haben in der Erkenntnis, daß die transatlantischen Beziehungen ein
Fundament haben müssen, neue Bande vorgeschlagen. Der Präsident der EU-Kommission, Jacques
Santer, forderte einen amerikanisch-europäischen
Vertrag. Der belgische Ministerpräsident Dehaene
bezeichnete eine umfassendere Architektur als sein
Anliegen. Der schwedische Handelsminister Hellstrom sprach die Möglichkeit einer Anwendung des
Konzepts des früheren europäischen Wirtschaftsraums auf den Atlantik an. Der spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez überlegte kürzlich mit
Wirtschaftsminister Brown in Madrid, ob engere
transatlantische Beziehungen möglich seien. Anfang
dieses Monats erörterte der britische Premierminister
Major bei seinem Treffen mit Präsident Clinton die
Möglichkeit weitreichenderer transatlantischer Handelsbeziehungen. Und diese Überlegungen sind
nicht auf die europäische Seite des Atlantiks beschränkt.

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�Auf beiden Seiten des Atlantiks scheint klar zu sein,
daß wir uns auseinanderzuentwickeln drohen, wenn
wir keine neue Architektur zur Unterstützung unserer
Beziehungen haben. Das wäre eine Tragödie - nicht
nur, weil Europa unser getreuer Freund und Verbündeter ist, sondern auch wegen der daraus resultierenden wirtschaftlichen Rückschläge.

Wenn man die Exporte und Umsätze amerikanischer
und europäischer Unternehmen auf dem jeweils
anderen Markt zusammenzählt, ergeben sich transatlantische Wirtschaftsbeziehungen im Wert von mehr
als 1,7 Billionen Dollar jährlich. Dies sind ungefähr
50 Prozent mehr als unsere circa 1,1 Billionen Dollar
im transpazifischen Handel.

Aussichten für den Handel

Es besteht ein großer Unterschied, ob die amerikanischen Interessen davon abhängen, daß Europas
Wirtschaft ein gesundes Wachstum erfährt und
Europa sich auch in Zukunft mit den Vereinigten
Staaten für weitere Offenheit der Weltmärkte einsetzt,
oder ob Europa weniger schnell wächst und sich
stärker nach innen kehrt, um sich mit Arbeitslosigkeit
und anderen internen Problemen zu befassen.
Wichtig ist, daß Europa die weitere Öffnung der
Weltmärkte und der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auch künftig als in seinem Interesse betrachtet und sich sogar noch weiter öffnet, als seine Verpflichtungen in der Welthandelsorganisation (WTO)
und dem Binnenmarkt vorsehen. Dies ist der Weg zu
höherem Lebensstandard, stärkerem Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung in Europa.

Nachdem die amerikanischen Exporte in die Europäische Union wegen der Rezession in Europa zwei
Jahre lang gesunken waren, stiegen sie aufgrund
des realen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
von 2,6 Prozent in der EU sowie einer starken
Wettbewerbsstellung Amerikas im vergangenen Jahr
um 6 Prozent an. In der zweiten Jahreshälfte
erhöhten sich die amerikanischen Exporte in die EU
um 10 Prozent.
Noch wichtiger ist, daß Europa bei einer soliden
Wirtschaftspolitik, die offene Märkte und wirtschaftlichen Strukturwandel fördert, im verbleibenden
Jahrzehnt unseren wichtigsten Absatzmarkt darstellen könnte. Tatsächlich könnten die amerikanischen Warenexporte nach Europa bei einem optimistischen europäischen Wirtschaftsszenarium in den
nächsten 10 Jahren um 120 Milliarden Dollar anwachsen und sich damit mehr als verdoppeln.
Zudem besteht eine gute Chance für größere
amerikanische Exporterlöse in Europa, indem wir
den amerikanischen Marktanteil mit Hilfe aggressiver
Exportförderungsstrategien erhöhen.
Investitionen dominieren die Weltwirtschaft
So wichtig der Handel auch sein mag, wir neigen
dazu, die Tatsache zu übersehen, daß der Großteil
internationaler Geschäftstätigkeit nicht über den
Handel, sondern über Investitionen abläuft. Der
weltweite Umsatz amerikanischer Unternehmen stellt
die Exporte in den Schatten. Während sich die
weltweiten Exporte amerikanischer Waren auf
ungefähr 500 Milliarden Dollar belaufen, erzielten
amerikanische Unternehmen 1992 (dem Jahr, für
das die jüngsten Zahlen zur Verfügung stehen) im
Ausland einen Umsatz von 1,6 Billionen Dollar.
Mehr als die Hälfte - genauer gesagt 55 Prozent des Umsatzes amerikanischer Unternehmen im
Ausland wird in Europa verzeichnet. 1992 belief
sich diese Zahl auf 850 Milliarden Dollar. In Europa
ansässige amerikanische Unternehmen beschäftigen
3 Millionen Europäer. Dies ist jedoch keineswegs
eine Einbahnstraße. In demselben Jahr betrug der
Umsatz europäischer Unternehmen 650 Milliarden
Dollar - und sie beschäftigten 3 Millionen Amerikaner.

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Es ist nicht selbstverständlich, daß Europa starkes
Wachstum verzeichnet und weiterhin eine Kraft für
Offenheit ist. Die Kräfte zugunsten weiterer wirtschaftlicher Integration in Europa sowie einer Ausweitung der Philosophie offener Märkte könnten
durch Strukturprobleme und Arbeitslosigkeit in Europa
unter Druck gesetzt werden. Es ist auch nur fair zu
sagen, daß die US-Regierung hart daran arbeiten
muß, auch im eigenen Land die Dynamik für unser
offenes Handelssystem aufrechtzuerhalten.
Die
Vereinigten Staaten und Europa haben somit beide
ein Interesse an der Zusammenarbeit beim Kampf
gegen den Protektionismus.
Europa als Amerikas multilateraler Partner
So wichtig Europa für Amerika als Markt und auch als
Konkurrent sein mag - wir müssen auch seine
lebenswichtige Bedeutung als Kraft für die Öffnung
der Weltmärkte und die Gestaltung der Weltwirtschaft
verstehen. Seit dem Abkommen von Bretton Woods
und der ersten Runde der Genfer Gespräche nach
dem Zweiten Weltkrieg haben Europa und die Vereinigten Staaten die gemeinsame Vision einer immer
offener werdenden Welt, die der Industrie unserer
Länder Zugang zu mehr Märkten und unseren
Verbrauchern Zugang zu effizienter hergestellten
Gütern und Dienstleistungen verschafft.
Alle großen multilateralen Handels- und Wirtschaftsabkommen setzen eine gemeinsame Führungsrolle
der Vereinigten Staaten und Europas voraus. Es
kann nur eine äußerst geringe weltweite Liberalisie-

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�rung erfolgen, wenn Europa und die Vereinigten
Staaten sich nicht über Ziele und Instrumente einig
sind. Diese Partnerschaft ist nicht selbstverständlich. Sie muß ständig von beiden Seiten des Atlantiks neu belebt und gestärkt werden. Wenn entweder Europa oder die Vereinigten Staaten aufhören,
in die Pedale offeneren Handels zu treten, läuft das
Fahrrad nicht mehr.
Drei Szenarien für die wirtschaftliche Zukunft
Europas
Wir haben uns eingehend mit der Dynamik unserer
Beziehungen zur Europäischen Union befaßt und
sehen mindestens drei mögliche Richtungen, in die
sich Europa in Zukunft bewegen könnte. Jedes
dieser Szenarien hat seine eigenen Auswirkungen
für die Vereinigten Staaten und illustriert auf dramatische Weise, wie bedeutend die wirtschaftliche
Gesundheit Europas für Amerika sein kann.
Das optimistische Szenarium
Bei einem optimistischen Szenarium hätte Europa
mit seinen Strukturreformen Erfolg. Die europäischen Regierungen würden sich auf effektive
Maßnahmen verständigen, um bei kleineren
Unternehmen strukturelle Wachstums- und Innovationshemmnisse abzubauen, die realen Lohnkosten im Verhältnis zum Kapital zu senken und
die Unterschiede zwischen ihren Wachstumsund Inflationsraten zu verringern.
Bei kräftigem Wachstum und abnehmender
Arbeitslosigkeit würde die Europäische Union
nicht nur für den Welthandel offen bleiben,
sondern auch gemeinsam mit den Vereinigten
Staaten energischer auf neue Ansätze zur weltweiten Öffnung der Märkte drängen. Das für die
Vereinigten Staaten günstige Ergebnis wären
mehr Handel und Investitionen. Amerikanische
Exporte nach Europa sind stark vom europäischen Wirtschaftswachstum abhängig. Auf der
Grundlage des Zusammenhangs zwischen dem
Anstieg unserer Exporte und dem Wirtschaftswachstum in der EU während der letzten 25
Jahre kann man annehmen, daß das optimistische Szenarium eines durchschnittlichen Wachstums des realen Bruttoinlandsprodukts von 3
Prozent in der EU im Verlauf der kommenden
zehn Jahre zu einem Anstieg amerikanischer
Exporte im Wert von über 120 Milliarden Dollar
führen würde - mehr als das Doppelte der heutigen amerikanischen Exporte in die EU. Zudem
würde ein solch günstiges Wachstum bedeuten,
daß unsere Exporte in zehn Jahren etwa 50
Milliarden Dollar mehr betragen als unter dem
realistischeren Szenarium eines weiterhin be-

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scheidenen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
in der EU.
Das mittlere Szenarium
Das zweite mögliche Szenarium - ein "Durchwursteln" - ist eine Fortsetzung des bescheidenen
Wirtschaftswachstums, das die EU im letzten
Jahrzehnt erlebte. Dieses Szenarium wird von
den meisten Beobachtern erwartet, die von der
Annahme ausgehen, daß die politischen Schwierigkeiten einer Durchsetzung des wirtschaftlichen
Strukturwandels diese Veränderungen weiterhin
verhindern oder verzögern werden.
Dementsprechend würde das europäische Wirtschaftswachstum jährlich etwa 2 Prozent betragen
- wie seit 1980 mehr oder weniger der Fall war.
Diese Wachstumsrate wäre nicht hoch genug, um
eine beträchtliche Verringerung der Arbeitslosigkeit oder eine starke Produktivitätserhöhung
herbeizuführen. Aufgrund des im letzten Vierteljahrhundert in der EU beobachteten Zusammenhangs zwischen Wachstum und Arbeitslosigkeit
würde die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich weiterhin
langsam ansteigen. In dieser Situation würde
zunehmend eine Debatte zwischen den Befürwortern einer Rückwendung nach innen, die weiteren
Strukturwandel ablehnen, und den Anhängern
stärkerer interner und externer Marktöffnung als
Kraft für strukturellen Wandel oder mehr Effizienz
geführt. Die Folge wäre eine Zunahme von
Handelsstreitigkeiten innerhalb Europas, über den
Atlantik hinweg und weltweit.
Für die Vereinigten Staaten würde das bedeuten,
daß Arbeitslosigkeit und niedriges Wachstum in
Europa die Nachfrage nach amerikanischen
Exporten und Investitionen verringern. Die amerikanischen Exporte in die EU würden weiterhin
leicht ansteigen und im kommenden Jahrzehnt
vielleicht um ungefähr 70 Milliarden Dollar anwachsen. Dies würde die in den letzten 25
Jahren beobachtete Tendenz eines Anstiegs
amerikanischer Exporte in die EU fortsetzen, wäre
aber nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was
unter dem oben vorgestellten optimistischen
Szenarium möglich wäre.
Das Stagnationsszenarium
Was würde geschehen, wenn die europäische
Wirtschaft stagnieren und im kommenden Jahrzehnt ein extrem niedriges Wachstum verzeichnen
würde? Stellen Sie sich einmal - auch wenn es
schwierig ist - ein durchschnittliches reales
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der
Europäischen Union von nur einem Prozent vor.

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�Das wäre eine sehr düstere Situation. Die Arbeitslosigkeit würde schnell ansteigen und nahezu eine Krise auslösen, die das bereits überlastete soziale Netz zu größeren staatlichen
Haushaltsdefiziten und höheren Inflationsraten
führen würde. Die Nachfrage nach Subventionen
für die Industrie würde ebenso ansteigen wie die
Forderung nach Schutz vor Importen aus Mittelund Osteuropa, Amerika und der übrigen Welt.
Für die Vereinigten Staaten hätte das äußerst
schädliche Auswirkungen. Amerikanische Exporte nach Europa würden nur sehr langsam anwachsen, und die Vereinigten Staaten müßten
erleben, daß Europa weitere Schritte zur Verbesserung des globalen Handelsklimas nicht unterstützt - und ohne die starke Unterstützung Europas kämen diese Bestrebungen wahrscheinlich
zu einem Stillstand.
Die Notwendigkeit einer neuen wirtschaftlichen
Architektur
Mit den oben geschilderten Szenarien möchte ich
die Bedeutung der wirtschaftlichen Gesundheit
Europas für die Vereinigten Staaten illustrieren. Die
Auswirkungen dieser Szenarien auf die Vereinigten
Staaten zeigen deutlich, daß wir ein großes Interesse an einem optimistischen Szenarium für europäisches Wachstum haben.
Die Ereignisse in
Europa beeinflussen nicht nur unsere Exporte in
diesen riesigen Markt, sondern auch das Ausmaß, in
dem Europa - während der gesamten Nachkriegszeit
unser lebenswichtiger Partner - gemeinsam mit uns
das Welthandelssystem gestaltet und zu mehr
Offenheit führt.
Showcase Europe - eine neue Wirtschaftsstrategie für Europa
Die Realitäten des neuen Europa fordern von uns in
der US-Regierung eine Neugestaltung unseres
Ansatzes zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen in Europa. Mit anderen Worten: Unsere
Wirtschaftsbeziehungen zu Europa müssen neu
belebt werden.
Mir ist bewußt geworden, daß unsere derzeitige
Strategie völlig veraltet ist. Das Programm für den
europäischen Binnenmarkt hat eine Vielzahl interner
Handelshemmnisse in Europa abgeschafft, staatliche
Beschaffungen sowie den freien Verkehr von Kapital,
Menschen und Waren erschlossen und zu einer
gegenseitigen Anerkennung von Normen sowie
anderen Aspekten wirtschaftlicher Vorschriften
geführt.

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Bislang haben das Wirtschaftsministerium und andere
staatliche Behörden der Vereinigten Staaten jede
einzelne europäische Nation als separaten Markt
behandelt und praktisch die Tatsache ignoriert, daß
Europa jetzt ein kontinentaler und zunehmend
integrierter Markt ist. Dieser Ansatz schmälerte
unsere Fähigkeit zur Unterstützung amerikanischer
Unternehmen in Europa.
Im vergangenen Jahr wurden wir in dieser Hinsicht
aktiv. Wir riefen unsere hochrangigen Wirtschaftsattaches in Europa zusammen und begannen unterstützt von unseren Europa- und Industrieexperten in Washington - mit der Umwandlung unserer
Wirtschaftsförderungsdienstleistungen in ein dynamisches Programm, das die von amerikanischen
Unternehmen benötigte und gewünschte europaweite
Hilfe bereitstellt. Dieser Umgestaltungsprozeß ist
jetzt abgeschlossen.
Gestern traf ich in der Nähe von Lissabon mit den
Leitern der Handelsabteilungen der US-Botschaften
in Europa zusammen, um diese neue, "Showcase
Europe" genannte Initiative einzuleiten.
Die Operation "Showcase Europe" erfordert von
unseren hochrangigen Wirtschaftsbeamten in Europa
und all ihren Dienststellen paneuropäisches Denken
und Handeln. Wir erwarten von diesem neuen
Programm in den nächsten fünf Jahren eine dramatische Erhöhung des amerikanischen Anteils an
europäischen Importen, der Anzahl von im Zusammenhang mit Exporten nach Europa stehenden
Arbeitsplätzen sowie der Gewinne amerikanischer
Exporteure nach Europa.
Der neue Ansatz hat drei Elemente: Erstens beim
Binnenmarkt, um amerikanischen Unternehmen bei
der Expansion auf allen europäischen Märkten
beizustehen, anstatt sich nur auf die traditionellen zu
konzentrieren; zweitens, ein amerikanisches Wirtschaftsnetz zur Bildung neuer und engerer Partnerschaften zwischen unseren Botschaften und den
amerikanischen Unternehmen in Europa und
schließlich ein wesentlich gestärktes Förderprogramm
zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen bei
staatlichen Beschaffungen oder großen Projekten
unter staatlicher Kontrolle oder mit Regierungsbeteiligung.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog
Neben dem "Showcase Europe", das eine neue
Dimension von Wirtschaftsförderung in Europa durch
die US-Regierung anstrebt, konzentrieren wir uns
auch auf die Erlangung eines Konsenses über eine
weitere Liberalisierung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Dies ist für künftiges Wachstum

AMERIKA DIENST 16

�in Amerika, aber auch in Europa von entscheidender
Bedeutung. Der Umfang von Wirtschafts- und
Finanzströmen über den Atlantik hinweg hat einen
Punkt erreicht, an dem diese integraler Bestandteil
beider Volkswirtschaften geworden sind. Die Stärkung der den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zugrundeliegenden Architektur kann zu weiteren
großen Gewinnen für beide Seiten führen und eine
fortgesetzte Erhöhung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern.
Diese Verknüpfung hat über die Jahre nicht stagniert, sondern wurde erweitert und vertieft. Man
kommt zunehmend zu der Erkenntnis, daß der
Zeitpunkt für eine Verbesserung der wirtschaftlichen
Architektur gekommen ist - nicht nur zur Befürwortung von Wachstum, sondern zu seiner aktiven
Förderung. Im Wirtschaftsministerium sehen wir
auch die Notwendigkeit für eine neue Vision der
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen und einer
sie begleitenden neuen Architektur.
In diesem
Stadium müssen wir uns jedoch noch nicht irgendeinem besonderen Vorschlag zur Unterstützung der
Idee erweiterter und engerer Beziehungen anschließen. Wir sind jedoch der Ansicht, daß wir ohne eine
Vision von unserem Ziel - und ohne einen Wegweiser für das 21. Jahrhundert - langsamere Fortschritte
machen und uns eher von den heutigen Problemen
in Beschlag nehmen lassen. Wichtig ist, daß die
pragmatischen Mittel für die Entwicklung einer
gemeinsamen Vision gefunden und die Schritte
dorthin aufgezeigt werden.
Die Antworten werden der veränderten Natur souveräner Staaten in einer Welt Rechnung tragen müssen, die in beispielloser Weise durch blühenden
Handel, Kaptitalströme und Informationstechnologie
verknüpft ist, die Grenzen, Zeitzonen und Handelsgesetze überschreiten. Auch die veränderten Beziehungen zwischen dem Individuum und dem Staat
müssen in Betracht gezogen werden. Dies gilt
insbesondere zu Beginn eines Zeitalters, in dem der
Kapitalismus mehr denn je floriert und in dem beispielsweise eine Deregulierung in der Finanzwelt
oder die Privatisierung des Telekommunikationswesens Kräfte für die Befreiung des Menschen
darstellen. Die Beziehungen zwischen Individuum
und Staat verändern sich auch, da die nationalen
Regierungen in der Klemme zwischen unserem
Wunsch nach mehr Aktionen der Kommunalbehörden und der Notwendigkeit effektiverer supranationaler Behörden sind.
Jean Monnet und Robert Schuman hatten eine
Vision, die mit der Montanunion begann. General
George Marshall hatte eine Vision mit dem Plan, der
nach ihm benannt wurde. Viele Europäer hatten
eine Vision von "Europa 1992", welche die wirt-

AMERIKA DIENST 16

schaftliche Integration anspornte. Heute benötigen
wir einen neuen Traum - für das 21. Jahrhundert. Als
hochentwickelte Gesellschaften mit jahrhundertealten
kulturellen Bindungen haben Amerikaner und Europäer die Aufgabe zu bestimmen, wohin wir gemeinsam gehen wollen und wie wir diese Reise zurücklegen.
Die Rolle der Wirtschaftsvertreter
Für diese Aufgabe sollte das Mitspracherecht der
Wirtschaftsvertreter bei der Gestaltung dieser Architektur ein Grundprinzip darstellen. Ich sage dies
nicht in meiner Eigenschaft als Angehöriger des
Wirtschaftsministeriums, sondern in Anerkennung der
Tatsache, daß Kapital- und Technologieströme die
treibende Kraft für Wirtschaftswachstum darstellen
und die Menschen in der Praxis weitaus besser
geeignet sind, unsere Architektur zu skizzieren als
eine theoretisierende Gruppe von Vertretern der
Regierung oder der akademischen Welt.
Aus diesem Grund rief Wirtschaftsminister Brown in
einer vergangenen Dezember vor dieser Gruppe
gehaltenen Rede die Vertreter der Wirtschaft auf
beiden Seiten des Atlantiks dazu auf, mit Hilfe der
Regierungen einen neuen transatlantischen Wirtschaftsdialog zu beginnen, einen Dialog, der von der
Wirtschaft erwartet, über derzeitige Handelsstreitigkeiten hinaus mit den Regierungen eine Vision zu
entwickeln sowie eine Tagesordnung für die Veränderung der wirtschaftlichen Architektur auf eine Art
und Weise, die dem transatlantischen Handel zur
Jahrtausendwende ein noch schnelleres Wachstum
ermöglicht.

Bei diesem transatlantischen Wirtschaftsdialog sind
die Vertreter der Wirtschaft gefordert, ihre Ansichten
zu der gesamten wirtschaftlichen Architektur kundzutun. Die Politiker der EU und unseres Landes haben
einige Ideen, denen die Wirtschaftsvertreter hoffentlich besondere Aufmerksamkeit widmen. Am wichtigsten ist jedoch, daß sie ihre eigene Tagesordnung
vorlegen.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten wäre es
besonders wertvoll, wenn die Wirtschaftsvertreter ihre
Meinung zu folgenden fünf Gebieten äußerten:
1. Förderung der bilateralen amerikanisch-europäischen Zusammenarbeit und der Wirtschaftsbeziehungen während der kommenden fünf Jahre
sowie Identifizierung neuer Felder für industrielle
Kooperation (einschließlich der Informationsgesellschaft) sowie weiterer Schritte zur Öffnung des
Handels.

Seite 5

�2.
Öffnung und Ausweitung internationaler
Investitionen.
3. Engere Zusammenarbeit bei Handel und
Investitionen in Mittel- und Osteuropa.
4. Schaffung eines verbesserten Rahmens für
Zusammenarbeit und Wettbewerb auf großen,
neuentstehenden Märkten.
5. Förderung engerer amerikanisch-europäischer
Zusammenarbeit bei Regeln und Verordnungen.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich betonen, daß es für die
Vereinigten Staaten keine höhere internationale
Priorität geben kann als den Aufbau umfassenderer

und engerer Beziehungen zu Europa. Der Schlüssel
liegt in der Wirtschaft, die großes Potential für beiderseitige Gewinne, aber auch für beträchtliche Uneinigkeit enthält. Wir müssen in die Entwicklung
einer neuen wirtschaftlichen Architektur mindestens
ebensoviel Zeit und Energie investieren wie in die
Umstrukturierung der NATO. Das ist jetzt noch nicht
der Fall - und wir haben keine Zeit zu verlieren.
Aus der Sicht amerikanischer Wirtschaftsinteressen
könnte Europa in den verbleibenden 90er Jahren der
vielversprechendste Markt sein. "Showcase Europe"
sowie der transatlantische Wirtschaftsdialog sind
Instrumente, unsere Handelsförderungsprogramme
auf Vordermann zu bringen, damit einige äußerst
vielversprechende Chancen genutzt werden können.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 16

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Preis der amerikansichen Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Antony Lake&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die OSZE und ihre Rolle für die Sicherheit in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Sam W. Brown&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die USA und Europa - Neue Chancen und Strategien &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Garten&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

26. April 1995

15

NICHTVERBREITUNG

GORE DRANGT AUF UNBEGRENZTE
VERLÄNGERUNG DES NICHTVERBREITUNGSVERTRAGS
Rede von Vizepräsident AI Gore

ABRÜSTUNG

ABBAU VON ATOMWAFFEN IN DER
EHEMALIGEN SOWJETUNION MACHT GUTE
FORTSCHRITTE
Rede von Verteidigungsminister Perry

UMWELT

UMWELTPOLITISCHE FORTSCHRITTE SIND
"GROSSE AMERIKANISCHE
ERFOLGSGESCHICHTE"
Interview mit Präsident Clinton

UMWELTPOLITJSCHE HERAUSFORDERUNGEN
IN DER WELT NACH DEM KALTEN KRIEG
von Timothy Wirth

WIRTSCHAFT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

MULTILATERALE VERHANDLUNGEN ÜBER
FINANZDIENSTLEISTUNGEN
Rede von Finanzminister Rubin

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�NICHTVERBREITUNG
26. April 1995

Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags
Rede von Vizepräsident AI Gore
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident AI Gore forderte am 19. April 1995 in einer
Rede vor den Vereinten Nationen alle Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags (NW) von 1968
dazu auf, "die richtige Entscheidung zu treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

In wenigen Wochen wird die Welt der Zusammenkunft von San Francisco von vor einem halben
Jahrhundert gedenken, bei der - während in Europa
und Asien noch die letzte Glut des Zweiten Weltkriegs schwelte - Delegierte aus ungefähr 50 Ländern zusammentrafen, um eine neue internationale
Institution für die Nachkriegsära zu schaffen. Der
Vorschlag, diese Organisation "die Vereinten Nationen" zu nennen, wurde durch Akklamation angenommen - inmitten der Hoffnung aller Menschen auf ein
Leben ohne die "Geißel des Krieges".
Dieser verheißungsvolle Moment fiel jedoch mit dem
Anbruch eines neuen Zeitalters in der Weltgeschichte zusammen - dem Atomzeitalter - das beispiellose
Gefahren für die Zukunft der Menschheit mit sich
brachte.
Ebenso wie die Gründerväter der Vereinten Nationen
sind wir heute zu einem Zeitpunkt außergewöhnlicher Chancen und großer Risiken hier versammelt.
Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion ist beendet.
Unsere Regierungen haben schnell gehandelt und
die auf dem nuklearen Gleichgewicht des Schrekkens basierenden Beziehungen hinter sich gelassen.
Allein schon diese Tatsache verringert beträchtlich
die Gefahr eines weltweiten Atomkriegs, beseitigt sie
jedoch nicht.
Im Falle einer Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
könnte dieses Risiko erneut ansteigen, und unsere
derzeitige Chance zur Verringerung der globalen
nuklearen Gefahr wäre verloren.

AMERIKA DIENST 15

Mit dieser Konferenz tritt der Kampf um die Eindämmung von Nuklearwaffen in eine kritische Phase
ein. Zu Beginn des Atomzeitalters verfügten nur
wenige Länder über die technologischen und finanziellen Mittel zum Bau von Atomwaffen. Das ist jetzt
nicht mehr der Fall.
Das Wissen und die Fähigkeit zum Bau von Nuklearwaffen und ihren Trägersystemen ist in zunehmendem Maße zugänglich. Die meisten Länder sind sich
bewußt, daß der Erwerb von Nuklearwaffen zu mehr
Unsicherheit und Gefahr führt. Aber die wenigen
Länder, die den Besitz von Atomwaffen anstreben,
haben zunehmende Erfolgschancen. Sollten sie
Erfolg haben, wären die Konsequenzen nicht auf ein
Gebiet beschränkt, sondern vielmehr globaler Natur
und würden die Länder, die sich ursprünglich gegen
Atomwaffen entschieden, zu einer Überprüfung ihrer
Entscheidung veranlassen.
Mit anderen Worten: Der abnehmenden Gefahr
eines Atomkriegs als Resultat einer Rivalität steht die
zunehmende Gefahr gegenüber, daß er von anderen
verursacht wird. Es ist einleuchtend, daß weitere
Fortschritte bei der Kontrolle und dem Abbau von
Nuklearwaffen einfacher zu erzielen sein werden,
wenn die Zahl von Atomwaffenstaaten nicht zunimmt.
Dies ist natürlich der Kern der Herausforderung, auf
die der Nichtverbreitungsvertrag zugeschnitten war.
Zum Zeitpunkt seiner Entstehung repräsentierte er
ein gefährdetes Gleichgewicht zwischen widerstreitenden und anscheinend unvereinbaren Interessen.

Seite 1

�Der Vertrag kam den Sicherheitsinteressen der
Atomwaffen- und Nichtatomwaffenstaaten entgegen.
Ferner zog er den universellen Wunsch in Betracht,
daß alle Völker in den Genuß von Nukleartechnologie für friedliche Zwecke kommen sollten, was
jedoch nicht zur Weiterverbreitung von Atomwaffen
führen dürfe.
Das Ergebnis war ein Abkommen, das den Interessen aller Seiten Rechnung trug und einen Weg zu
einer friedlicheren Zukunft identifizierte.
Erstens würden erklärte Atomwaffenstaaten anderen
Ländern nicht beim Erwerb von Nuklearwaffen
helfen, während die Nichtatomwaffenstaaten sich
zum Verzicht auf diese Waffen während der Dauer
des Vertrags verpflichteten.
Die hierzu in der Lage befindlichen Staaten bürgten
ferner für die Weitergabe von Nukleartechnologie für
friedliche Zwecke unter strengen internationalen
Sicherheitsvorkehrungen und gingen die feierliche
Verpflichtung ein, sich für weitere Abrüstungsmaßnahmen einzusetzen.
Nachdem wir jetzt ein Vierteljahrhundert lang Erfahrungen mit diesem Vertrag gesammelt haben, sind
wir hier zusammengekommen, um zu entscheiden,
ob der Sache des Friedens am besten mit einer
zeitweiligen Verlängerung des Vertrags gedient ist
oder durch die Nutzung unserer einmaligen Option,
ihm eine dauerhafte Grundlage zu geben, indem wir
seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung beschließen - und wir alle sind uns der Bedeutung einer einmaligen Option bewußt.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten ist es von
lebenswichtiger Bedeutung, daß wir diese einmalige
Option nutzen, um den Vertrag unbegrenzt und
bedingungslos zu verlängern.
Ich vertrete hier mein Land und meinen Präsidenten
und möchte erklären, warum wir so unerschütterlich
an dieser Überzeugung festhalten und die Gründe
darlegen, warum wir mit anderen Ansätzen nicht
übereinstimmen - so sehr wir auch die darin zum
Ausdruck kommenden Anliegen verstehen und
respektieren.
Die Argumente für eine dauerhafte Verlängerung
können prägnant und überzeugend vorgestellt
werden. Zunächst einmal schafft der Vertrag eine
sicherere Welt für all seine Mitglieder - Atomwaffenstaaten und Nichtatomwaffenstaaten gleichermaßen.
Durch die Bereitstellung international anerkannter,
verifizierbarer Mittel für den dauerhaften Verzicht auf
Atomwaffen trägt der Vertrag dazu bei, daß regionale Rivalitäten nicht zu einem regionalen Nuklearwaf-

Seite 2

fenrüstungswettlauf eskalieren. Ohne den Nichtverbreitungsvertrag hätten viel mehr Nationen - wenn
auch widerwillig - beschlossen, sie benötigten Atomwaffen als Abschreckung für ein Nachbarland oder
als Schutz vor künftiger Unsicherheit.
Da der N W es der überwältigenden Mehrheit der
Nationen ermöglicht, auf Atomwaffen zu verzichten,
ohne dabei ihre Sicherheit aufs Spiel zu setzen,
stärkt er die globale Stabilität, welche die für weitere
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderliche Grundlage darstellt.
Obwohl unseres Erachtens die Argumente für eine
unbegrenzte Verlängerung überzeugend sind, muß
jede ehrliche Beurteilung des Vertrags die wichtigsten
gegen ihn gerichteten Einwände in Betracht ziehen.
Ich möchte einzeln auf jedes der Argumente gegen
eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
eingehen und darauf antworten.
Erstens, der Vertrag sei von Natur aus diskriminierend. Zweitens, die Atomwaffenstaaten seien ihren
Verpflichtungen unter Artikel VI nicht nachgekommen.
Drittens, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem weiterem Druck auf Abrüstung
befreien. Viertens, der Vertrag setze die Nichtatomwaffenstaaten dem Risiko einer Einschüchterung
durch die Atomwaffenstaaten sowie durch Nichtmitgliedstaaten des N W aus. Fünftens, die dauerhafte
und bedingungslose Verlängerung des Vertrags
zerstöre die Möglichkeit, das Abkommen an künftige
Gegebenheiten anzupassen.
Ich möchte auf jedes dieser Argumente einzeln
eingehen.
Erstens. Es stimmt, daß der Vertrag eine erste
Unterscheidung zwischen Atomwaffenstaaten und
den Staaten anerkennt, die sich zum Verzicht auf
Atomwaffen verpflichten. Der Vertrag schuf jedoch
keine ständige Gruppe von Atomwaffenstaaten.
Er schuf jedoch die Erfordernis, daß die bereits im
Besitz von Atomwaffen befindlichen Staaten anderen
nicht beim Erwerb dieser Waffen helfen dürfen,
verbunden mit einer bindenden rechtlichen Verpflichtung gemäß Artikel VI, in gutem Glauben
Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle und
Abrüstung fortzusetzen.
Durch die unbegrenzte
Verlängerung des Vertrags werden Nichtatomwaffenstaaten sicherstellen, daß diese Verpflichtung auf
Dauer bindend ist und die Bedingungen dafür schaffen, daß sie letztlich erfüllt wird.
Zweitens. Von manchen wird das Argument angeführt, die Nuklearwaffenstaaten wären ihren Ver-

AMERIKA DIENST 15

�pflichtungen gemäß Artikel VI nicht nachgekommen.
Es gibt überzeugende Beweise dafür, daß unter den
Atomwaffenstaaten der Trend eindeutig in Richtung
der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gemäß Artikel VI
des N W geht. Betrachten Sie sich nur einmal, was
in den letzten Jahren geschehen ist:
Die Vereinigten Staaten und Rußland beseitigten
unter dem INF-Vertrag eine gesamte Klasse
nuklearer Trägersysteme.
Vergangenen Dezember setzten die Vereinigten
Staaten und Rußland sowie die Ukraine, Belarus
und Kasachstan den START I-Vertrag in Kraft,
der die Entfernung von 9.000 Atomwaffen von
ihren Trägersystemen vorsieht.
Die Staatskunst führender Politiker aus Belarus,
Kasachstan und der Ukraine hat zum Verzicht
dieser Nationen auf Nuklearwaffen geführt.
Es ist heute angebracht, diese drei Nationen zu
beglückwünschen, deren Entscheidung über die
Entfernung der Atomwaffen von ihrem Territorium
sowie über den Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag
als Nichtatomwaffenstaaten einen wahrhaften Schritt
für den Frieden darstellt. Übrigens sollten wir auch
Südafrika beglückwünschen, das die Welt auf
vielfältige Weise inspirierte und vor einigen Jahren
den Verzicht auf Atomwaffen beschloß.
Die Vereinigten Staaten und Rußland arbeiten
mit unseren Parlamenten an der Ratifizierung des
START Il-Vertrags, durch den weitere 5.000
Waffen aus den entwickelten Arsenalen der
Vereinigten Staaten und Rußlands entfernt
werden. START I und START II zusammengenommen haben also bereits zu einem Abbau
von zwei Dritteln sowie einer 90prozentigen
Verringerung taktischer Waffen geführt.
Die Präsidenten Clinton und Jelzin einigten sich
auf die Entschärfung von Systemen entsprechend
dem START II-Vertrag nach dessen Ratifizierung.
Ferner beschlossen wir eine Änderung der Zielkoordinaten unserer Atomraketen, damit diese Waffen
nicht länger auf die Kinder irgendeiner Nation
gerichtet sind. Und nicht auf Städte.
Um unseren Worten weitere Taten folgen zu
lassen, haben die Vereinigten Staaten die Produktion spaltbarer Materialien für Nuklearexplosionen eingestellt.
Zudem leitete Präsident
Clinton neue globale Bestrebungen zur Beendigung der Produktion spaltbarer Materialien für
Nuklearexplosionen ein.

AMERIKA DIENST 15

Vergangenen Monat gab Präsident Clinton bekannt, die Vereinigten Staaten würden 200 Tonnen spaltbaren Materials aus ihren Vorräten
beseitigen, so daß diese nie wieder für atomwaffenfähige Zwecke benutzt werden können. Und
letztes Jahr unterstellten die Vereinigten Staaten
zum ersten Mal waffenfähiges Material aus ihrem
Arsenal den Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).
Dies sind konkrete Formen realer Fortschritte bei der
Erfüllung von Artikel VI und wichtige Bausteine für
Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert. Aber wir
müssen natürlich in den kommenden Tagen und
Wochen weiter darauf aufbauen.
Aus diesem Grund haben die Präsidenten Jelzin
und Clinton im vergangenen September ihre
Experten angewiesen, Schritte zur Anpassung der
Nuklearstreitkräfte an das veränderte internationale Sicherheitsklima zu entwickeln und öffentlich
ihrer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck
verliehen, daß dieses veränderte Klima zusätzliche Fortschritte beim Abbau von Umfang und
Struktur ihrer Nuklearstreitkräfte sowie die Aussicht auf mögliche weitere Reduzierungen erlauben - und erfordern - wird.
Vor nur zwei Wochen bekräftigten Rußland,
Frankreich und Großbritannien gemeinsam mit
den Vereinigten Staaten in Genf feierlich unsere
Verpflichtung - wie in Artikel VI niedergelegt - in
gutem Glauben Verhandlungen über wirksame
Maßnahmen im Zusammenhang mit nuklearer
Abrüstung - unserem obersten Ziel - fortzusetzen.
Ferner haben wir unsere Delegation in Genf
angewiesen, "so bald wie möglich" einen Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot abzuschließen. Um diese Bestrebungen weiter voranzutreiben, verlängerte der Präsident das Moratorium
über Atomtests bis zum erwarteten Abschluß der
Verhandlungen über ein Atomtestverbot und zog
einen früheren amerikanischen Vorschlag für eine
in den Vertrag aufzunehmende Klausel über eine
zehnjährige Widerrufungsperiode zurück.
Wenn die Genfer Abrüstungskonferenz ihre Aufgabe
erfüllt, sind wir bereit zu der Schlußfolgerung, daß die
Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest
durchgeführt haben.
Das dritte Argument gegen die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags lautet, sie
würde die Nuklearwaffenstaaten von wirksamem
Druck auf weitere Abrüstung befreien. Von manchen
wird argumentiert, statt einer unbegrenzten Verlängerung liege die beste Möglichkeit zur Gewähr-

Seite 3

�leistung von Abrüstung unter den großen Atommächten darin, den N W praktisch als Geisel zu nehmen,
indem er periodischen Abstimmungen über seine
Abschaffung oder sein Bestehen unterworfen oder
zu Bedingungen verlängert wird, die das Prinzip "Abschaffung oder Beseitigung" auf indirekte Weise
wiedereinführen.
Dieses Argument hat zwei gravierende Mängel.
Erstens, im Hinblick auf die großen Atomwaffenstaaten: Das Letzte, was wir beim Umgang mit dem
Problem einer weiteren, unumkehrbaren Einschränkung von Atomwaffen gebrauchen können, wäre die
Möglichkeit eines Widerrufs des N W in regelmäßigen Abständen. Es ist wertlos, daß selbst die
längste erörterte Überprüfungszeit - 25 Jahre unterhalb der Lebensdauer eines großen Nuklearwaffensystems liegt. In der Praxis können laufende
Überprüfungszeiten genau dieselben Konsequenzen
für die Nuklearplanung haben wie eine jetzt getroffene Entscheidung über die Beendigung des Vertrags,
da sie Unsicherheit, Mißtrauen und Angst verursachen würde. Außerdem würde sie Präventivmaßnahmen ermutigen und die schwierige Aufgabe
eines weiteren Abbaus von Nuklearwaffenarsenalen
sowie einer Annäherung an unser oberstes Abrüstungsziel komplizieren.
Der zweite Mangel dieses Arguments ist, daß eine
periodische Gefährdung des Vertrags den Staaten
ein machtvolles Signal senden wird, den Erwerb von
Nuklearwaffen anzustreben. Eine solche Entscheidung wird sie dazu ermutigen, sich ihre Optionen
vorzubehalten, anstatt die Dauerhaftigkeit ihrer
Verpflichtungen unter dem Vertrag zu akzeptieren.
Nicht dem Vertrag angehörende Staaten würden zu
der Annahme ermutigt, dieser würde eines Tages
auseinanderbrechen, und sie würden dementsprechend planen. Da Pläne oft Realität werden, würde
dies dramatisch das Risiko erhöhen, das wir mit dem
Nichtverbreitungsvertrag einzudämmen versuchen.
Die Einbringung von Unsicherheit in nukleare Entscheidungen dient nicht den Zielen des N W .
Vielmehr werden dadurch die wirklichen Fortschritte
gefährdet, die die ursprünglichen Nuklearwaffenstaaten derzeit machen, und Möchtegernweiterverbreiter
ermutigt, auf eine günstige Gelegenheit zu warten
und heimlich ihre Ziele zu verfolgen.
Das vierte Argument gegen eine bedingungslose
Verlängerung des Vertrags lautet, dieser würde die
Nichtatomwaffenstaaten der Gefahr einer Einschüchterung durch die Nuklearmächte sowie die nicht dem
Vertrag angehörenden Staaten aussetzen.

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Da sich die Atomwaffenstaaten klar bewußt sind, daß
eine Gefährdung des N W auch ihre eigene Sicherheit gefährden würde, haben sie ein starkes Motiv,
sich atomarer Drohungen zu enthalten und vielmehr
glaubwürdige Zusagen zu geben, um die Bedenken
anderer zu zerstreuen. Aus diesem Grund gab
Präsident Clinton Anfang dieses Monats eine Erklärung ab, die starke positive und negative Sicherheitszusagen enthält. Jeder der vier anderen Nuklearwaffenstaaten veröffentlichte parallel dazu eine
Erklärung.
Anfang des Monats nahm der UN-Sicherheitsrat eine
Resolution an, die diese Zusagen begrüßt und in
beispielloser Weise im Detail Mittel für den Fall
festlegt, daß ein atomarer Mitgliedstaat des N W
einer nuklearen Bedrohung ausgesetzt ist.
Zudem schafft der Erfolg des N W einen Schutz vor
nuklearer Bedrohung, sei es durch Mitgliedstaaten
oder Nichtmitgliedstaaten. Durch die Festsetzung
einer globalen Nichtverbreitungsnorm, zu deren
Verteidigung die Weltgemeinschaft erklärtermaßen
bereit ist, hat der N W nukleare Einschüchterung
weitaus effektiver entmutigt, als die wahllose Bedrohung mit Atomwaffen das tun würde.
Als Reaktion auf das fünfte Argument, eine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des N W
würde ihn erstarren lassen und seiner Fähigkeit
berauben, auf veränderte Bedingungen zu reagieren,
möchte ich zunächst auf die radikalen Veränderungen
auf der Welt hinweisen, mit denen der Vertrag bisher
ohne Schwierigkeiten umgegangen ist, sowie ferner
auf in den Überprüfungs- und Abänderungsbestimmungen des Vertrags eingebaute Flexibilitätsreserven, die durch die Entscheidung über seine unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung nicht
verändert würden. Der Vertrag sieht alle fünf Jahre
eine Überprüfung vor, was allen Vertragsparteien die
Möglichkeit gibt, ihrer Sorge über seine Wirksamkeit
Ausdruck zu verleihen.
Selbst bei einer unbegrenzten Verlängerung des N W
würden diese Überprüfungen fortgesetzt, und ich
verspreche, daß die Vereinigten Staaten eng mit
anderen Delegationen zusammenarbeiten werden,
um die Lebensfähigkeit und Effektivität des Überprüfungsmechanismus zu gewährleisten. Mit anderen
Worten: Der N W wird ein lebendes Dokument
bleiben.
Meiner Ansicht nach kann auf alle Fragen und
Kritikpunkte des N W eine Antwort gefunden werden
- nicht nur durch logische Argumente, sondern viel
wirkungsvoller durch die Leistung des Vertrags und
seiner Mitgliedstaaten während der vergangenen 25
Jahre.

AMERIKA DIENST 15

�Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg - in dem die
Konfrontation der Supermächte von Zusammenarbeit
bei der Beseitigung von Nuklearwaffen abgelöst wird,
welche die Gefahren nuklearer Weiterverbreitung
aber zunehmend offensichtlich werden läßt - bleibt
der Vertrag von zentraler Bedeutung für die Sache
des Friedens.
Wir rufen Sie, die Vertreter der größten Staatengemeinschaft dazu auf, jedem Rüstungskontrollabkommen beizutreten, die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Vertrags zu unterstützen,
nicht als Gefallen für jemanden oder als Konzession,
sondern weil es eindeutig im Sicherheitsinteresse
jedes einzelnen von uns liegt.
Der Vertrag verringert noch weit mehr als bei seinem
Abschluß vor 25 Jahren die nukleare Bedrohung für
jede seiner Vertragsparteien, schafft die Grundlage
für internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen
Nutzung von Kernenergie und leistet einen entscheidenden Beitrag zu globaler Stabilität, die für weitere
Maßnahmen bei Rüstungskontrolle und Abrüstung
erforderlich ist.
Die von Ihnen zu treffende Entscheidung über die
zukünftige Dauer des Nichtverbreitungsvertrags ist
wirklich von großer Tragweite. Sie betrifft nicht nur
die Politik der Regierungen, sondern das Schicksal
von Menschen überall auf unserem Planeten.
Durch die Ratifizierung des Vertrags akzeptierten
Parlamente auf der ganzen Welt, daß sie durch eine
von der Mehrheit der Vertragsparteien getroffene
Entscheidung gebunden würden. Jeder Vorschlag,
daß diese Entscheidung durch geheime Abstimmung
getroffen werden sollte, unterminiert das Vertrauen
dieser Parlamente. Sie können mit Recht von den
Staaten erwarten, daß sie die Verantwortung für ihre
Aktionen übernehmen. Würde ein Land zum Nutzen
seines Volkes eine Haltung einnehmen und dies
seinen Bürgern verheimlichen? Wie könnte das
einer Überprüfung standhalten?
Wer Rechenschaftsspflicht fordert, muß auch die damit einherge-

*

AMERIKA DIENST 15

henden Lasten tragen. Die Vereinigten Staaten
weisen entschieden jede Vorstellung zurück, die bei
dieser Konferenz getroffenen Entscheidungen könnten einer Überprüfung nicht standhalten, und rufen
alle Länder auf, für ihre Aktionen die Verantwortung
zu übernehmen.
Als der Nichtverbreitungsvertrag vor 25 Jahren in
Kraft trat, konnten nur wenige vermuten, was er für
unser aller Leben bewirken würde.
Heute wissen wir, daß die bei der Schaffung des
Atomzeitalters Anwesenden nur hoffen konnten,
daß der Weiterverbreitung Einhalt geboten werden
kann,
daß die Nationen zum Schutz der Sicherheit aller
zusammenarbeiten können.
Wir dürfen und werden nicht ruhen, bis diese Ziele und der Nichtverbreitungsvertrag - dauerhafte Realität
werden.
Einer der großen Staatsmänner meiner Nation Franklin Delano Roosevelt - äußerte in einer Krisensituation dem amerikanischen Volk gegenüber, seine
Generation hätte ein "Rendezvouz mit dem Schicksal". Dies führte in der gesamten Nation zu der
Erkenntnis, daß es in ihrer Hand lag, den Ausgang
großer Dinge zu entscheiden.
Auch wir sind an einem Punkt angelangt, der als
Rendezvouz mit dem Schicksal bezeichnet werden
könnte.
In diesem Moment der Entscheidung fordere ich Sie
daher dazu auf, mit dem Glauben an den Frieden als
unserer Leitlinie und mit den Hoffnungen unserer
Kinder als Inspiration die richtige Entscheidung zu
treffen - der unbegrenzten und bedingungslosen
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags zuzustimmen.

* * *

*

Seite 5

�ABRÜSTUNG
26. April 1995

Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen
Sowjetunion macht gute Fortschritte
Rede von Verteidigungsminister Perry
WASHINGTON - (AD) - Am 19. April 1995 sprach US-Verteidigungsminister William Perry vor dem National
Defense University College der Streitkräfte über Fortschritte bei der Konversion militärischer Einrichtungen in
der ehemaligen Sowjetunion zur Nutzung für friedliche Zwecke. Nachfolgend veröffentlichen wir die
unwesentlich gekürzte Rede des Verteidigungsministers.

Vergangene Woche stattete ich Rußland, der Ukraine und den beiden zentralasiatischen Republiken
Kasachstan und Usbekistan einen Besuch ab. Diese
vier Staaten sind für die Vereinigten Staaten von
strategischer Bedeutung, denn sie sind Grundpfeiler
einer Region, die für uns ein zentrales sicherheitspolitisches Anliegen darstellt. Ein Grund dafür ist die
Tatsache, daß es in dieser Region noch mehr als
20.000 Nuklearwaffen gibt. Diese 20.000 Kernwaffen befinden sich in einem Gebiet, das einen revolutionären Wandel durchmacht.
Revolutionärer
Wandel erzeugt Instabilität; Instabilität plus Atomwaffen ergibt Gefahr.
Daher müssen wir uns in den Nationen dieser
Region wieder engagieren, einmal um das erneute
Entstehen einer nuklearen Bedrohung zu verhindern,
aber auch um wirtschaftliche und politische Reformen zu ermutigen, gemeinsame Sicherheitsinteressen zu verfolgen und das Entstehen einer neuen,
globalen Rivalität, insbesondere zwischen den
Vereinigten Staaten und Rußland zu verhindern.
Wir dürfen unser Engagement jedoch nicht auf
Rußland beschränken, selbst wenn dieses die
mächtigste Nation in dieser Region ist. Auch die
Ukraine ist aufgrund ihrer beträchtlichen Größe und
Bevölkerung, ihrer entwickelten industriellen und
militärischen Infrastruktur und der Stationierung
sowjetischer Nuklearwaffen auf ihrem Territorium von
entscheidender Bedeutung. Tatsache ist, daß die
Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt
hat.
Kasachstan ist ebenfalls von großer strategischer
Bedeutung für die Vereinigten Staaten und verfügt
auch über sowjetische Atomwaffen. Zudem würde

AMERIKA DIENST 15

ich Kasachstan wegen seiner Nähe zu Rußland,
China und dem Iran als Schlüsselnation bezeichnen.
Usbekistan, der vierte Staat unserer Besuchsreise,
hat keine Nuklearwaffen, ist aber dennoch für uns
von strategischer Bedeutung. Tatsächlich ist er
weitaus wichtiger, als hier in den Vereinigten Staaten
angenommen wird. Usbekistan ist einer der wenigen
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit
einer relativ starken Wirtschaft. Er unterhält von allen
Staaten der Region eines der aktivsten gemeinsamen
Wirtschaftsprogramme mit amerikanischen Unternehmen. Vom sicherheitspolitischen Standpunkt aus
gesehen dient Usbekistan als Gegengewicht zu
regionaler Instabilität, insbesondere zu aus dem Iran
exportierten extremistischen Kräften.
Wir unterhalten gute Beziehungen zu allen neuen
unabhängigen Nationen, und jede hat Schritte zur
Einführung wirklicher Demokratie und Marktwirtschaft
unternommen. Ich brauche Ihnen aber nicht zu
sagen, daß alle vier Staaten in dieser Hinsicht noch
einen weiten Weg vor sich haben - mit beachtlichen
Höhen und Tiefen.
Wir sollten die Probleme nicht ignorieren.
Die
Unterstützung von Reformen beinhaltet die klare und
entschiedene Äußerung unserer Anliegen.
Ein
Schlüsselelement unserer Politik gegenüber diesen
Ländern sollte jedoch unerschütterliche Zielstrebigkeit
sein. Wir müssen unsere Augen auf den strategischen Preis richten: Das langfristige, große Bild.
Der Schlüssel hierzu ist stetiges Engagement während aller Höhen und Tiefen. Das gestattet uns die
Arbeit an der Lösung von Problemen sowie die
gleichzeitige Weiterentwicklung der positiven Aspekte

Seite 1

�unserer Beziehungen. Und ich habe meine Reise
für beides benutzt.
Ich möchte mich auf die meiner Meinung nach
positivsten Aspekte meiner Reise konzentrieren, die
für meine Zuhörer hier von größtem Interesse sind.
Positiv ist die Zusammenarbeit insbesondere mit
Rußland und der Ukraine, um ihnen bei der Zerlegung ihrer aus dem Kalten Krieg stammenden
Nuklearwaffen zu helfen. Positiv sind aber auch die
Gemeinschaftsvorhaben amerikanischer Unternehmen mit Unternehmen in Rußland und seinen Nachbarstaaten, um die sowjetische Rüstungsindustrie Fabrikanlagen und F&amp;E-Labors - in produktive
Wirtschaftsunternehmen umzuwandeln.
Das ist eine Erfolgsgeschichte, und Erfolg resultiert
aus der Klugheit und dem Weitblick zweier amerikanischer Senatoren - Sam Nunn und Richard Lugar die das Verteidigungsprogramm zur Beschleunigung
des Zerlegungs- und Konversionsprozesses ins
Leben riefen, das ihre Namen trägt - das NunnLugar-Programm. Dank dem Nunn-Lugar-Programm
findet der Abbau amerikanischer und sowjetischer
Nuklearwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges sogar
früher als geplant statt.
Beispielsweise trat vergangenen Dezember der
START I-Vertrag in Kraft und räumt den Vereinigten
Staaten und Rußland sieben Jahre für die erforderliche Demontage ein. Aber sowohl unser Land als
auch Rußland haben bereits über die Hälfte der
Aufgabe, über die Hälfte des Abbaus erledigt.
Neben Rußland sind die Ukraine, Kasachstan und
Belarus auf dem besten Weg, dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) als . Nichtatomwaffenstaaten
beizutreten.
Ende kommenden Jahres werden
diese drei Nationen - Kasachstan, Belarus und die
Ukraine - Mitglieder des N W .
Auch die Umgestaltung der Rüstungsindustrie für
friedliche Zwecke hat einen guten Anfang genommen. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn
es ist nicht möglich, einfach nur die Atomwaffen zu
zerlegen. Wir müssen uns auch mit den überschüssigen Rüstungsfabriken, den Facharbeitern und
Nukleartechnikern befassen. Das liegt im Interesse
dieser Nationen und der Vereinigten Staaten - aus
sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Gründen.
Es ist in ihrem Interesse, die überschüssigen Produktionskapazitäten der Rüstungsindustrie produktiv
einzusetzen und ihre Volkswirtschaften zu entmilitarisieren, zu kommerzialisieren und zu privatisieren.
Und es liegt in unserem Interesse, diesen Nationen
beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen
und dabei in dieser aufstrebenden Region neue
Märkte für unsere Unternehmen zu erschließen.

Seite 2

Es liegt ebenfalls im amerikanischen Interesse, die
Notwendigkeit einer Waffenproduktion in Rußland aus
beschäftigungspolitischen Gründen zu verringern,
denn diese Waffen könnten die amerikanische
Sicherheit bedrohen, wenn sie in die falschen Hände
geraten. Die Zerlegung von Waffen und die Konversion der Rüstungsindustrie sind also Teil desselben
Sicherheitskontinuums.
Ich habe die Erfolgsgeschichte dieses nuklearen
Sicherheitskontinuums mit eigenen Augen gesehen.
Beispielsweise besuchte ich in Rußland den Luftwaffenstützpunkt Engels, auf dem sowjetische Jagdbomber entsprechend dem START I-Vertrag zerlegt
werden.
Das war wirklich ein beeindruckender
Anblick. Einer der uns begleitenden Journalisten
schrieb: "Dort lagen Einzelteile riesiger Jagdbomber,
als wären diese von wütenden Göttern in Stücke
gerissen worden. Hier ein Flugzeugrumpf, dort
mehrere Tragflächen und da ein Haufen Propeller
von dem schweren Langstreckenbomber Bear. Das
war nicht das Werk wütender Götter, sondern das
russischer Arbeiter, die teilweise mit Hilfe von im
Rahmen des Nunn-Lugar-Programms bereitgestellten
amerikanischen Gerätschaften - besonderen Schneidemaschinen, Pressen und einer als Guillotine
bezeichneten wunderbaren Vorrichtung - die Tragflächen von den Jagdbombern abtrennten." Meines
Erachtens ist das der beste Gebrauch, der je von
einer Guillotine gemacht wurde.
Das war für mich ein einzigartiger Moment auf dem
Luftwaffenstützpunkt Engels. Ich hatte mich während
des Großteils meiner beruflichen Laufbahn mit
Waffen für den Kalten Krieg beschäftigt und gebe zu,
daß ich eine gewisse Begeisterung für die Technologie und die daraus resultierenden Produkte entwickelt
habe - für diese technischen Errungenschaften
unseres Landes und der Russen. Aber ich bin
wahrhaft davon überzeugt - und die Russen sind es
meiner Meinung nach ebenfalls - daß wir uns um der
Sicherheit unserer Enkel und deren Enkel willen über
die Zerstörung dieser Waffen freuen sollten.
Weiterhin war ich Zeuge der Rüstungskonversion in
Rußland, als ich die Produktionsstätte eines neuen
amerikanisch-russischen
Gemeinschaftsunternehmens mit dem Namen Istak besuchte - dem ehemaligen großen russischen Hersteller elektronischer
Kampfführungstechnologie. Wir förderten die Bildung
eines Joint-venture mit dem amerikanischen Unternehmen Hearing Aids International. Jetzt wird das
Gemeinschaftsunternehmen Istak Audio International
genannt und stellt Hörgeräte her. Es soll jährlich
etwa 200.000 Hörapparate produzieren. Dieses neue
Unternehmen, Istak, wurde mit Hilfe eines kleinen
Darlehens - hauptsächlich Startkapital - aus dem
Nunn-Lugar-Programm für friedliche Zwecke umge-

AMERIKA DIENST 15

�wandelt, aber das amerikanische Unternehmen
stellte eine beträchtliche Menge Eigenkapital bereit,
was beweist, daß es von dem wirtschaftlichen
Potential dieses neuen Produkts überzeugt ist.
Diese beiden Zwischenstationen in Rußland - auf
dem Luftwaffenstützpunkt Engels und bei Istak haben mir gezeigt, daß die Zerlegung von Nuklearwaffen fortschreitet und die Konversion der Rüstungsindustrie durch Industriepartnerschaften und
Gemeinschaftsunternehmen funktioniert.
Der Ort, an dem diese Bestrebungen zusammentrafen und das nukleare Sicherheitskontinuum der
Abrüstung und Rüstungskonversion am evidentesten
ist, war eine entlegene, windige Stadt in der Ukraine
- Perwomajsk. In Perwomajsk war früher eine der
wichtigsten sowjetischen Abschußvorrichtungen für
ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs). Man konnte es als
Kronjuwel des sowjetischen Atomwaffenarsenals
bezeichnen. Von den Raketensilos nur einer Rampe
hätten die Sowjets 700 nukleare Gefechtsköpfe auf
die Vereinigten Staaten abfeuern können - ausreichend, um jede große Stadt Amerikas dem Erdboden gleichzumachen.
Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal in
Perwomajsk, stand oben am Rand eines Raketensilos und schaute auf eine SS-24 hinunter. Als Teil
unseres Abkommens mit der Ukraine waren die
Gefechtsköpfe gerade vor einer Woche entfernt und
in eine Zerlegungsfabrik geschickt worden. Bei
meinem diesjährigen Besuch beobachtete ich letzte
Woche, wie eine SS-19 langsam aus dem Silo
geholt und auf einen Lastwagen geladen wurde, so
daß die ganze Rakete zur Zerlegungsstätte transportiert werden konnte. So wird Geschichte gemacht. Dies ist eine der größten politischen Errungenschaften des Zeitalters nach dem Kalten Krieg.
Vom Raketenstützpunkt in Perwomajsk aus reiste ich
zu einer Fabrik am Rande der Stadt. In dieser
Fabrik wurden früher Einzelteile für sowjetische
Kriegsschiffe hergestellt. Jetzt produziert man dort
Fertighäuser. Und wieder stammt das Startkapital
aus dem Nunn-Lugar-Programm. Das ist Konversion der Rüstungsindustrie. Dieses Projekt ist Teil
des Kontinuums der Zerlegung von Raketen in
Perwomajsk und der Schließung des Stützpunktes,
denn das erste der Fertighäuser ist für die Offiziere
der strategischen Raketen vorgesehen, die auf dem
Raketenstützpunkt von Perwomajsk leben, die
Raketen bedienten und jetzt an deren Abbau und
der Schließung des Stützpunktes mitwirken.
Das größte Hindernis bei der Zerlegung der Raketen
und Schließung des Stützpunktes war die Suche

AMERIKA DIENST 15

nach einer Möglichkeit, die Offiziere außer Dienst zu
stellen, und die größte Schwierigkeit dabei war
wiederum die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für sie. Die Ukrainer sagten uns: "Wenn Ihr
dieses Problem lösen könnt, können wir mit der
Zerlegung fortfahren. Gelingt Euch das nicht, treten
wir auf der Stelle." Die von mir besichtigte Fabrik löst
das Problem. Sie ist bereits in Betrieb. In wenigen
Wochen wird täglich ein Haus fertiggestellt - eine
unerhörte Produktionsrate in der alten Sowjetunion.
Kritiker in den Vereinigten Staaten äußerten mir
gegenüber: "Warum sollten wir unsere ehemaligen
Gegner beim Bau von Häusern unterstützen, wenn
wir für unsere eigenen Bürger sorgen müssen und
unseren eigenen Bedarf an Wohnungen haben?" Die
Antwort darauf ist einfach. Wir tun es für unsere
eigene Sicherheit. Es erweist sich auch als gut für
die ukrainische Wirtschaft und unsere eigene, denn
wenn die Fabrik die Herstellung von Häusern für die
Offiziere des Raketenstützpunktes beendet hat,
werden Häuser zum Verkauf auf dem ukrainischen
Wohnungsmarkt produziert, auf dem eine enorme
Nachfrage besteht. Bill Harbert, ein Geschäftsmann
aus Alabama, der dieses Gemeinschaftsunternehmen
mit den Ukrainern in Gang setzte, plant die Einführung einer zweiten Schicht in der Fabrik. Er
verdiente weltweit Geld mit dem Bau von Häusern
und ist davon überzeugt, daß er und seine ukrainischen Geschäftspartner in der Ukraine Geld verdienen können. Somit bauen wir in der Ukraine nicht
nur einige Häuser, sondern schaffen eine ganze
Wohnungsbauindustrie.
Diese Erfolge bei der Konversion der Rüstungsindustrie sind meines Erachtens darauf zurückzuführen, daß die Investitionsentscheidungen nicht von der
amerikanischen, der russischen oder ukrainischen
Regierung getroffen werden, sondern vom Privatsektor, von Menschen wie Bill Harbert, der Gutes tut und
gleichzeitig mit Gewinnen rechnet. Menschen wie er
sind bereit, dem von der Regierung bereitgestellten
Startkapital ihre eigenen Investitionen an die Seite zu
stellen.
Die Regierung spielt hierbei eine bedeutende Rolle,
die zusammengefaßt aus drei Elementen besteht:
Festlegung, Unterstützung, Finanzierungshilfe. Diese
drei Tätigkeiten üben wir in der ehemaligen Sowjetunion aus. Erstens suchen wir nach potentiellen
Produkten für eine Rüstungskonversion. Aus diesem
Grund haben mich auf meiner Reise 10 amerikanische Manager begleitet, die sich für Rüstungskonversionsprojekte interessieren, damit sie sich selber vor
Ort ein Bild von den Möglichkeiten machen und mit
potentiellen Partnern zusammentreffen konnten. Sie
haben Geschäfte gemacht.

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�Zweitens unterstützen wir diese Gemeinschaftsvorhaben, indem wir uns für den Abbau von Hindernissen bei Konversionsprojekten einsetzen. Das ist
der Grund, warum mich Barry Carter, der Staatssekretär für Wirtschaftsfragen, auf meiner Reise
begleitete. Er ist Experte für die Suche nach Mitteln
zur Verbesserung des Investitionsklimas in dieser
Region.
Und schließlich helfen wir bei der Finanzierung
gemeinsamer Rüstungskonversionsprojekte, weshalb
mich Ruth Harkin, die Präsidentin der Gesellschaft
für Privatinvestitionen in Übersee (Overseas Private
Investment Corporation - OPIC) begleitete. Durch
OPIC, das Nunn-Lugar-Programm und andere
Quellen bringen wir die von Investoren als Startkapital bezeichneten Gelder auf. Wir möchten, daß
diese kleine, von uns eingebrachte Geldmenge wie
ein Magnet größere Beträge von Privatkapital
anzieht. Im Grunde zählen wir darauf, daß der
Privatsektor diese Chancen nutzt. Dabei macht er
Geschichte, denn seine Investitionen werden bei der
Privatisierung dieser Volkswirtschaften sowie beim
Aufbau von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
helfen. Gleichzeitig dienen sie der amerikanischen
Industrie und Sicherheit.

Die Namen Hyman Rickover und Igor Sikorsky sind
für die Industrie und Sicherheit Amerikas von legendärer Bedeutung. Rickover war ein Pionier unserer
mit Atomwaffen bestückten Kriegsmarine, Sikorsky
ein Pionier unserer Hubschrauberindustrie. Diese
beiden Pioniere hatten gemein, daß sie beide in
Rußland geboren wurden, in die Vereinigten Staaten
kamen, dort große Chancen sahen und Investitionen
tätigten. Dadurch bereicherten sie unser Land.
Heute haben Amerikaner großartige Möglichkeiten, in
Rußland, der Ukraine und den anderen Republiken
der ehemaligen Sowjetunion zu investieren. Diese
neuen unabhängigen Staaten sind nicht nur interessiert, sondern haben die amerikanische Industrie
zum Engagement und zur Gründung dieser Industriepartnerschaften aufgefordert. Diese Partnerschaften
sind eine Möglichkeit, die amerikanische Sicherheit
zu wahren und Reformen in der ehemaligen Sowjetunion zu fördern.
Wir können die Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion nicht kontrollieren, aber wir können sie beeinflussen, und dazu müssen wir in der amerikanischen
Regierung und in der amerikanischen Industrie den
Versuch unternehmen. Das sind wir uns selbst,
unseren Kindern und unseren Enkeln schuldig.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

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�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Fortschritte sind
"große amerikanische Erfolgsgeschichte"
Interview mit Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die in den Vereinigten Staaten seit dem ersten Tag der Erde im Jahr 1970 gemachten
Fortschritte beim Umweltschutz sind US-Präsident Bill Clinton zufolge wirklich "eine große amerikanische
Ertolgsgeschichte", etwas, auf das man stolz sein könne.
Aus Anlaß des 25. Jahrestages des Tags der Erde am 22. April 1995 gab der Präsident dem Nachrichtendienst
für Umweltfragen "Greenwire" ein Interview, das wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Frage: Welches sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten umweltpolitischen Prioritäten?
Clinton: Der 25. Jahrestag des Tags der Erde ist
ein Zeitpunkt, das Gelernte anzuwenden, um Umweltschutzprogramme umzugestalten und unser
nationales Engagement für die grundlegenden Ziele
von sauberer Luft und sauberem Wasser zu bekräftigen. Das moderne Zeitalter des Umweltschutzes ist
wirklich eine große amerikanische Erfolgsgeschichte
- etwas, auf das wir stolz sein können. Aber wenn
wir uns den Herausforderungen der nächsten 25
Jahre stellen wollen, dürfen wir nicht stillstehen.
Daher stellt die Umstrukturierung und Stärkung von
Umweltschutzprogrammen meine oberste Priorität
dar. Wir haben gerade 25 Maßnahmen zur Umstrukturierung des Umweltschutzamtes (Environmental Protection Agency - EPA) bekanntgegeben. Wir
verringern die Bürokratie um 25 Prozent. Wir
gewähren kleinen Unternehmen einen sechsmonatigen Aufschub, wenn sie den Umweltschutz fördern
wollen.
Besonders stolz bin ich auf das XL-Projekt (excellence and leadership), in dessen Rahmen das EPA 50
Unternehmen oder Gemeinden gestattet, die derzeitigen Vorschriften durch eine von ihnen entworfene
Alternative zu ersetzen. Wenn ein Unternehmen
sauberer und kostengünstiger produzieren kann,
lassen wir es einen Weg finden.
Meine zweite Priorität - die ebenso bedeutsam wie
die erste ist - besteht darin, denjenigen Einhalt zu
gebieten, welche die Notwendigkeit von Reformen

AMERIKA DIENST 15

als Entschuldigung für eine Verringerung des öffentlichen Gesundheitsschutzes ausnutzen. Ich habe
kürzlich darauf hingewiesen, daß ich gerne mit dem
Kongreß eine vernünftige Lösung für eine Reform des
Vorschriftensystems ausarbeiten würde. Wenn der
Kongreß mir jedoch eine Gesetzesvorlage schickt, die
zuläßt, daß verseuchtes Wasser in das Trinkwassersystem unserer Städte gelangt, werde ich mein Veto
einlegen.
Frage: Die erklärten Ziele Ihrer Umweltpolitik - eine
vernünftige Reform der Vorschriften und Verordnungen, Pläne auf der Grundlage von Dialog und
Konsens, Abbau der Bürokratie, Schaffung von
Arbeitsplätzen bei gleichzeitigem Umweltschutz genießen breite Unterstützung. Warum steht Ihre
Tagesordnung dann so unter Beschuß?
Clinton: Mein Wahlkampf wurde unter der Voraussetzung geführt, daß Ökonomie und Ökologie Hand
in Hand gehen und langfristig das eine nicht ohne
das andere gewährleistet ist. Das habe ich mit
meiner Politik demonstriert - sei es mit dem Plan für
den Nordwesten zum Schutz des alten Baumbestands und der Schaffung von Arbeitsplätzen oder
dem Plan für das Gebiet um San Francisco zur
Wasserversorgung von Stadt, Land und Umwelt oder mit der gerade erwähnten Umstrukturierung
staatlicher Initiativen.
Natürlich sind dies schwierige Fragen, und es wird
immer auf beiden Seiten Menschen geben, die nicht
zufrieden sind. Aber eines ist sicher: Die Amerikaner unterstützen die Ziele Gesundheitsfürsorge und
Umweltschutz. Das ist wahrscheinlich der Grund,

Seite 1

�warum das Wort "Umwelt" im republikanischen
"Vertrag mit Amerika" nicht auftaucht.
Je mehr Menschen vom Kleingedruckten in dem
Vertrag erfahren... je mehr von den Angriffen auf
Gesundheitswesen und Sicherheit hören, desto
größer wird der Druck auf den Senat, den Vertrag
abzulehnen. Er hat bereits das Moratorium über
Vorschriften zugunsten eines vernünftigeren Vorschlags abgelehnt, und ich hoffe, daß er dasselbe
mit einigen anderen, dem Repräsentantenhaus vorgelegten Vorschlägen der Republikaner tun wird.
Frage: Im Wahlkampf haben Sie sich für verbesserte Normen zur Kraftstoffersparnis bei Fahrzeugen
ausgesprochen und ein von Regierung und Industrie
gefördertes Programm begonnen, das bis zum Jahr
2003 ein Auto mit einem Verbrauch von einem Liter
pro 30 Kilometer schaffen soll. Sie scheinen jedoch
die Automobilhersteller nicht zur Entwicklung von
Fahrzeugen ohne Abgasausstoß oder mit weniger
Energieverbrauch zwingen zu wollen. In welche
Richtung muß die Industrie Ihrer Ansicht nach bei
diesen Fragen gehen?
Clinton:
Ich engagiere mich für beträchtliche
Fortschritte bei Kraftstoffersparnis und Abgasreduzierung, damit Umweltschutz und gleichzeitig die
Schaffung von Arbeitsplätzen gewährleistet wird.
Folglich bringt meine Administration an diesen
Fragen interessierte Gruppen zusammen, darunter
Vertreter der Industrie, von Umweltschutzgruppen,
den Regierungen der Bundesstaaten und der Kommunalverwaltung, um Einigung über vernünftige
Lösungen zu erzielen.
Ein Beispiel für dieses Engagement ist der vergangenen September von mir ins Leben gerufene
staatliche Beratungsausschuß, der einen Konsens
über Möglichkeiten für eine substantielle und kostengünstige Reduzierung von Treibhausgasemissionen
aus Privatfahrzeugen in den kommenden 30 Jahren
erzielen soll.
Eine weitere Initiative ist die "Partnerschaft für eine
neue Fahrzeuggeneration", eine historische Partnerschaft zwischen Regierung und Industrie zur Entwicklung von Fahrzeugen, die dreimal soviel Kraftstoff sparen wie die heutigen, gleichzeitig alle
Anforderungen an Sicherheit und Emissionsschutz
erfüllen und in der Anschaffung und beim Unterhalt
nicht teurer sind. Hierbei geht es um die Entwicklung eines Autos für den Gebrauch, nicht um pure
Forschung. Und wenn der Kongreß die Finanzierung hierfür nicht kürzt, wird das großen Nutzen für
Ökonomie und Ökologie haben.

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Frage: Was halten Sie von den derzeit dem Kongreß vorliegenden Gesetzesvorschlägen, die eine
Entschädigung von Grundbesitzern fordern, falls
Vorschriften, beispielsweise über Feuchtgebiete oder
Artenschutz, den Wert ihres Grundstücks mindern?
Clinton: Diese Programme sind wie alle anderen
staatlichen Programme reformbedürftig. Aus diesem
Grund riefen wir zur Unterstützung der Besitzer
kleiner Grundstücke Hilfsprogramme für Feuchtgebiete und gefährdete Arten ins Leben. Tatsache
ist, daß die überwältigende Mehrheit der Grundstücksbesitzer - die Hausbesitzer - von diesen
Programmen abgedeckt ist. Das ist der richtige Weg
für Reformen.
Es gibt aber auch einen falschen Weg: Die dieses
Frühjahr vom Kongreß angenommenen Vorschläge,
die eine automatische Kompensation vorsehen. Das
würde den hart arbeitenden Steuerzahler Milliarden
Dollar kosten, hauptsächlich den reichen Großgrundbesitzern und Umweltverschmutzern zugute kommen
und unsere Fähigkeit zum Schutz dessen einschränken, was der Durchschnittsamerikaner wünscht - eine
saubere Umwelt, einen sicheren Arbeitsplatz und
Bürgerrechte. Ich lehne diese Vorschläge ab und
werde im Repräsentantenhaus mein Veto einlegen.
Frage:
Einige Ansichten der Administration zu
natürlichen Ressourcen - beispielsweise zu Weideland, Abholzung und Artenschutz - haben zu heftigen
politischen Reaktionen geführt, insbesondere im
amerikanischen Westen. Was antworten Sie denjenigen, die behaupten, Ihre Politik sei ein "Krieg gegen
den Westen"? Beeinträchtigen diese Konflikte Ihre
Chancen für eine Wiederwahl?
Clinton: Es gibt im amerikanischen Volk eine sehr
starke, tiefempfundene Unterstützung für den Schutz
der Gesundheit des Menschen und der Umwelt. Dies
ist ein unbestrittener amerikanischer Wert, der
Colorado, Washington und anderen westlichen
Bundesstaaten ebenso gemein ist wie allen anderen
Teilen des Landes. Aus diesem Grund arbeiten wir
beispielsweise hart am Schutz unserer abnehmenden
Fischbestände und sind zu einer verantwortungsbewußten Forstwirtschaft entschlossen. Wir benötigen aber auch einen Abbau der Bürokratie. Deshalb
konzentrieren sich unsere Initiativen für den Umgang
mit dem Ökosystem auf die Einbeziehung von
Menschen aus den betroffenen Gemeinden.
Wir bemühen uns um eine Vermeidung der Art von
Krisen, die sich in der Vergangenheit ereigneten. Wir
sammeln noch immer die Scherben einiger ererbter
Krisen auf, beispielsweise der Situation im pazifischen Nordwesten. Unser Forstwirtschaftsplan sieht
Wirtschaftshilfe für die drei Staaten an der Westküste

AMERIKA DIENST 15

�vor - Ausbildung der Arbeitnehmer, Infrastrukturinvestitionen und Hilfe für Familien und Unternehmen. Und nach drei Jahren können wir endlich das
Sitzungszimmer verlassen und den Menschen
wieder Arbeit geben.
Frage: Was sind in diesem und im kommenden
Jahr Ihre obersten Prioritäten internationaler Umweltpolitik? Wie werden die Vereinigten Staaten ihre
Verpflichtungen aus internationalen Umweltverträgen
erfüllen?
Clinton: Die globale Umwelt ist ein extrem wichtiges Element unserer Außenpolitik. Unsere Prioritäten für dieses und nächstes Jahr umfassen Themen
wie Abholzung, Erschöpfung der Fischgründe und
Verschmutzung der Meere, schnelles Bevölkerungswachstum, industrielle Verschmutzung, Zerstörung
der Ozonschicht und globalen Klimawandel. Wir
beabsichtigen, mit anderen Nationen angemessene
Maßnahmen für jedes dieser Gebiete auszuarbeiten.
Zusätzlich werden wir uns stark um die Neudefinition
der Rolle von UNO-Organisationen und anderen
internationalen Institutionen bei der Reaktion auf
diese Belange und der Lösung entstehender Probleme bemühen, bevor sie sich zu großen Krisen
entwickeln. Schließlich werden wir unsere eigenen,

*

AMERIKA DIENST 15

für auswärtige Angelegenheiten zuständigen Amter
umstrukturieren, um eine besser koordinierte Antwort
auf globale Umweltbelange geben zu können.
Frage: Einige Umweltaktivisten haben Ihnen vorgeworfen, Sie würden der umweltpolitischen Tagesordnung nicht genug Aufmerksamkeit und politisches
Kapital widmen. Was sagen Sie dazu?
Clinton: Ich habe mich von Anfang an mit Umweltfragen befaßt. Fast sofort nach meiner Amtsübernahme habe ich die historische Forstwirtschaftskonferenz in Portland (Oregon) einberufen und mit allen
Beteiligten einen Plan ausgearbeitet. Einen Monat
später habe ich mehr als ein Dutzend spezifischer
Aktionen vorgestellt - und sie allesamt durchgeführt.
Da seit den letzten Wahlen die Umweltgesetze des
Landes stärkerem Beschuß ausgesetzt sind, habe ich
mich wiederholt gegen schlechte Gesetze im "Vertrag
mit Amerika" ausgesprochen und eigene neue
Reformen für den besseren Schutz der öffentlichen
Gesundheit zu geringeren Kosten angekündigt. Als
ich kürzlich die Vorschläge der Republikaner auflistete, die ich nicht akzeptieren kann, betrafen viele
davon die Umwelt. Ich bin sehr stolz auf das von mir
Erreichte.

* * *

*

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�UMWELT
26. April 1995

Umweltpolitische Herausforderungen
in der Welt nach dem Kalten Krieg
von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Timothy Wirth, Staatssekretär für
globale Angelegenheiten im US-Außenministerium.

Vor 25 Jahren wurde der erste Tag der Erde gefeiert, und das Umweltbewußtsein der Weltöffentlichkeit
veränderte sich für alle Zeiten. Zweifellos sind
enorme Fortschritte erzielt worden, seit Millionen
Bürger weltweit am 22. April 1970 ihrer Angst über
den Zustand der Umwelt Ausdruck verliehen. Aber
obwohl wir gelernt haben, mit den grundlegenden
Problemen umzugehen, fanden wir heraus, daß die
Ökosysteme der Erde äußerst komplex sind. Und
wir haben gelernt, daß der Schutz der wesentlichen
lebenserhaltenden Systeme auf dem Planeten für
die internationale Sicherheit dringend erforderlich
und ein gemeinsames Anliegen ist.
Der Kalte Krieg, der mehr als 40 Jahre die langfristige Sicherheit definierte, rückt schnell in weite
Ferne. Statt seiner sind alle Nationen mit einer
Reihe ungewohnter Herausforderungen konfrontiert.
Die Natur, Vielfalt und Geschwindigkeit des Entstehens dieser neuen Herausforderungen erfordern
dringend die Beschäftigung mit lange Zeit vernachlässigten Belangen, die darüber entscheiden, welche
Welt wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen.
Die Nationen werden sich zunehmend bewußt, daß
das Streben nach tragfähiger Entwicklung im Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine Säule der internationalen Zusammenarbeit darstellt. Tragfähige
Entwicklung bedeutet, daß die Volkswirtschaften der
Welt, einschließlich unserer eigenen, den Versuch
zur Deckung der Bedürfnisse der heutigen Generation unternehmen sollten, ohne zukünftige Generationen zu gefährden oder zu bestehlen. Dies erfordert
von unserer Seite, umfassendes Wirtschaftswachstum zu fördern, die Umwelt zu schützen, menschliche Fähigkeiten zu pflegen, demokratische Werte
zu verteidigen, die Lebensqualität künftiger Generationen zu verbessern und ihre Chancen zu vergrößern.

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Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die fälschliche Überzeugung, Umweltschutz stehe im Widerspruch zu Wirtschaftsinteressen. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft
untrennbar mit der Umwelt und ihrer Ressourcenbasis verbunden ist. Das kultivierbare Land, die Wälder, Felder, Ozeane und Wasserstraßen der Welt
unterstützen die Weltwirtschaft und stellen die meisten Rohstoffe für die Industrie und den überwiegenden Teil unserer Nahrungsmittel.
Zum Umweltkapital der Welt gehören auch komplexe
ökologische Systeme zur Filterung von Abfällen,
Regeneration der Böden und Wiederauffüllung der
Süßwasservorräte. Diese Systeme sind die Grundlage des Lebens auf der Erde. Die Zerstörung der
Ozonschicht, der Verlust der Artenvielfalt und der
steigende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre
spiegeln die Tatsache wider, daß die Ökosysteme
des Planeten großen Belastungen ausgesetzt sind.
Wenn die Umwelt schließlich gezwungen wird, den
Bankrott zu erklären, weil ihre Rohstoffbasis verschmutzt, zerstört, vergeudet und unumkehrbar aufs
Spiel gesetzt ist, geht die Wirtschaft mit ihr unter.
Das geschah in Mittel- und Osteuropa, wo weitreichende Umweltzerstörung, die wir erst jetzt entdekken und verstehen, zum wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt hat. Tatsächlich geschieht das auf der
ganzen Welt - an Orten wie Ruanda, Haiti und im
mexikanischen Chiapas - wo der Mangel an Ressourcen eine der Hauptursachen bewaffneter Konflikte
darstellt.
Mit anderen Worten: Die lebenserhaltenden Systeme
auf dem gesamten Globus werden mit hoher Geschwindigkeit aufs Spiel gesetzt. Die Sicherheit
unserer Nation und der Welt hängt davon ab, ob wir
ein tragfähiges, gerechtes Gleichgewicht zwischen
der Zahl der auf der Erde lebenden Menschen und

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�der lebenserhaltenden Fähigkeit unseres Planeten
schaffen können.
Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt
und liegt jetzt bei 5,6 Milliarden. Sie steigt derzeit
schneller als je zuvor an - um nahezu 100 Millionen
Menschen jährlich, dem Äquivalent eines neuen New
York jeden Monat, eines Mexiko jedes Jahr, eines
China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses Wachstums findet in verarmten Ländern der Dritten Welt
statt, die bereits darum kämpfen, Arbeitsplätze zur
Verfügung zu stellen und ihre Bevölkerung zu ernähren.
Die Auswirkungen solchen Wachstums auf die
weltweite wirtschaftliche, politische, soziale und
umweltpolitische Sicherheit sind tiefgreifend. Wenn
sie nicht unter Kontrolle gebracht wird, wird die
Spirale des Bevölkerungswachstums jegliche Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt in den Entwicklungsländern zunichte machen und jede umweltpolitische Bestrebung scheitern lassen. Bevölkerung
muß auf unserer Liste für tragfähige Entwicklung
ganz oben stehen.
Gleichzeitig müssen wir uns in den wohlhabenderen
Industrieländern mit verschwenderischen Konsummustern befassen. Die Industriestaaten haben die
Fähigkeit zur Nutzung von Ressourcen und zur
Produktion von Abfällen in einer in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Geschwindigkeit. In den
Industriestaaten lebt nur ein Fünftel der Weltbevölkerung, aber sie verbrauchen zwei Drittel aller Ressourcen und erzeugen vier Fünftel aller Schadstoffe
und Abfälle.
Bei der internationalen Konferenz über Bevölkerung
und Entwicklung, die vergangenen Herbst in Kairo
stattfand, bemühten sich die Vereinigten Staaten
zusammen mit 180 Nationen, einen Konsens über
die Strategie für den Umgang mit den Fragen
Bevölkerungswachstum und tragfähige Entwicklung
während der nächsten 20 Jahre zu finden.
Diese als "Aktionsprogramm" bezeichnete Strategie
fordert einen umfassenden Ansatz, der die Bereitstellung von Dienstleistungen in den Bereichen
Familienplanung und reproduktive Gesundheit
enthält, mehr Bildung, Ausbildung und Befugnisse
für Frauen sowie verbesserte Gesundheitsfürsorge
für Mütter und Kinder vorsieht und institutionelle
sowie finanzielle Ressourcen mobilisieren soll.
Diese Initiativen beeinflussen das Bevölkerungswachstum. Das Programm erkennt auch an, daß
schnelles Bevölkerungswachstum sowie ein verschwenderischer Umgang mit Ressourcen bei der
Umweltzerstörung eine wichtige Rolle spielen.

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Eine wichtige Entwicklung bei der Konferenz war die
von Frauen gespielte zentrale Rolle in bezug auf ihre
Beteiligung am Aktionsprogramm und ihre Bedeutung
dafür. Das Programm stellt fest, daß die Bedürfnisse
von Frauen an sich bedeutend und für die Entwicklung wichtig sind und eine Deckung dieser Bedürfnisse zu einer freiwilligen Bevölkerungsstabilisierung
führen kann. Bildung und Ausbildung sowie mehr
Befugnisse und Gleichheit für Frauen in sozialer,
wirtschaftlicher und politischer Hinsicht sind der
Schlüssel für ein besseres Leben aller Menschen.
In ähnlicher Weise kann die Bereitstellung grundlegender Gesundheitsfürsorge zu relativ niedrigen
globalen Kosten erfolgen. Die Ausrottung von vier
großen Krankheiten - Masern, Tetanus, Keuchhusten
und Kinderlähmung - die Behebung von Jod- und
Vitamin A-Mangel und die weltweite Verfügbarkeit
oraler Rehydrierungstherapien können allesamt
Anfang des nächsten Jahrhunderts erreicht werden.
Allein diese Maßnahmen könnten nahezu 20 Millionen Kindern das Leben retten und einen wichtigen
Beitrag zur Verringerung der Belastung großer
Familien leisten.
Ein anderer Teil unserer globalen Gesundheitsstrategie ist eine größere Konzentration auf AIDS. Ein
Heilmittel wird vielleicht erst in Jahrzehnten entwikkelt, aber mit aggressiven Präventionsstrategien
können wir in den Teilen der Welt etwas bewirken, in
denen sich die Infektionskrankheit seuchenartig
ausbreitet.
Amerika hat eine Führungsrolle übernommen und
sich partnerschaftlich mit der Völkergemeinschaft im
Interesse der Weltbevölkerungspolitik zusammengeschlossen. In Kairo halfen wir bei der Schaffung
und Einführung eines umfassenden Ansatzes für den
Umgang mit schnellem demographischem Wandel:
Universelle Verfügbarkeit von Familienplanung und
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, starke Ausweitung der Bildung und Ausbildung für Mädchen sowie
Konzentration auf eine Verringerung der Kindersterblichkeit, die Verantwortung des Mannes, starke
Familien und Engagement von nichtstaatlichen und
Basisorganisationen.
Im Bereich der Umwelt haben wir eine Reihe äußerst
wichtiger Aufgaben vor uns, von denen eine mit dem
globalen Klimawandel zusammenhängt. Wir wissen
nicht genau, wo, in welchem Maße und wann Klimaveränderungen stattfinden. In der Administration ist
man jedoch davon überzeugt, daß wir genug über
mögliche Ereignisse wissen, um die richtige Versicherung abzuschließen.
Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehende
Treibhausgase halten Wärme in der Erdatmosphäre

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�fest, ebenso wie in einem Treibhaus das Glas die
Wärme hält. Die zugrundeliegende Lehre ist klar:
Die fortgesetzte Zunahme von Treibhausgasen wird
zu einer Erwärmung der Erdatmosphäre und einem
Klimawandel mit beträchtlichen Konsequenzen für
unseren Planeten führen. Wir können es uns nicht
leisten abzuwarten. Obwohl noch Unsicherheit im
Hinblick auf Ausmaß und Geschwindigkeit des
Wandels besteht, gibt es keine Rechtfertigung für
Gleichgültigkeit.
Im April 1993 verpflichtete Präsident Clinton die
Vereinigten Staaten dem Ziel der globalen Klimakonvention - dem Einfrieren der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990.
Im selben Jahr entwickelte die Administration einen
Plan mit über 50 innenpolitischen Maßnahmen zur
Erfüllung dieser amerikanischen Verpflichtung,
darunter eine verstärkte Nutzung erneuerbarer
Energiequellen, Ausweitung von Energiesparnormen
auf Geräte, Schutz von Wäldern und anderen
"Senken" für Treibhausgase.
Parallel dazu soll die Entwicklung und Verbreitung
von Umwelttechnologien gefördert werden. Die
Administration entwarf einen strategischen Rahmen
für Umweltexporte und rief eine neue Umwelttechnologieinitiative im Wert von über einer Milliarde Dollar
ins Leben, um umweltverträglichere Technologien zu
entwickeln und zu verbreiten.
Ferner stellten die Vereinigten Staaten 30 Millionen
Dollar zur Finanzierung von Landesstudien bereit,
die Entwicklungsländern mit einer im Übergang
befindlichen Volkswirtschaft bei der Bestandsaufnahme von Treibhausgasen sowie der Entwicklung
technologischer Optionen zur Emissionsreduzierung
beistehen sollen. Die Vereinigten Staaten arbeiten
mit über 50 Staaten an solchen Studien.

Die Administration entwickelte auch ein gezieltes
bilaterales Hilfsprogramm im Wert von über 300
Millionen Dollar, um Entwicklungsländern beim Abbau
von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstwirtschaftsbereich zu helfen.
Die Verringerung von Treibhausgasen und die
Förderung tragfähiger Entwicklung werden jedoch
weitaus schwieriger sein, wenn wir keine umfassenden Strategien zur Bekämpfung des schnellen
Bevölkerungswachstums entwickeln.
In der neugestalteten Welt ist nationale Sicherheit
eng mit der Sicherheit des einzelnen verbunden. Die
Sicherheit des einzelnen gründet auf Frieden und
politischer Stabilität, physischer Gesundheit und
wirtschaftlichem Wohlergehen. Die größte Bedrohung für die menschliche Sicherheit sind die
schreckliche Armut, in der eine Milliarde Menschen
lebt, der Hunger, der 800 Millionen Männer, Frauen
und Kinder quält, die Verbreitung von AIDS, mit dem
bis zum Jahr 2000 zwischen 30 und 40 Millionen
Menschen infiziert sein werden sowie die Kombination von Gewalt, Armut und Umweltzerstörung, die 20
Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat
zwang.
Die Vermeidung von Krisen sowie eine tragfähige
Entwicklung werden im verbleibenden 20. Jahrhundert bis weit in das nächste Jahrhundert hinein die
größten Herausforderungen darstellen. Es ist an der
Zeit, unseren Ansatz zu nationaler Sicherheit neu zu
gestalten - in Erkenntnis der Tatsache, daß unsere
wirtschaftliche und unsere umweltpolitische Zukunft
ein und dasselbe sind. Diese Herausforderungen
entscheiden darüber, welche Zukunft unsere Kinder
und Enkel haben werden.

* *

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*

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�WIRTSCHAFT
26. April 1995

Multilaterale Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen
Rede von Finanzminister Rubin
WASHINGTON - (AD) - Die in der ersten Runde der multilateralen Verhandlungen über Finanzdienstleistungen
unter dem neuen GATT-Abkommen unterbreiteten Angebote sind US-Finanzminister Robert Rubin zufolge
enttäuschend.
Rubin äußerte sich am 13. April 1995 in einer Rede vor dem Los Angeles World Affairs Council zu den
Angeboten, bevor er zum zweiten Jahrestreffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (Asia-Pacific Economic Cooperation - APEC) nach Bali aufbrach.
Rubin zufolge besteht das langfristige Ziel der Finanzminister im Aufbau offener Finanzmärkte, während die
kurzfristigen Ziele eine rechtzeitige Bereitstellung von Informationen aus dem Finanzbereich umfassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Finanzministers.

Vor einem Jahrzehnt interessierte sich ein Finanzminister vor allem für die Vorgänge in London, Paris,
Bonn oder Tokio. Vor zwanzig Jahren wurde Asien
hier noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Heute
können die Ereignisse in Bombay, Singapur, Jakarta
oder Beijing enorme Auswirkungen auf die amerikanische Volkswirtschaft und die amerikanischen
Arbeitnehmer haben.
Dies ist im wesentlichen ein Anzeichen dafür, wie
stark sich die Weltwirtschaft in den letzten Jahren
gewandelt hat, und welche großen Auswirkungen
diese Veränderungen auf uns haben. Internationale
Unternehmen sind sich schon vor langer Zeit dieser
Entwicklungen bewußt geworden und zu echten
globalen Körperschaften geworden. Meines Erachtens muß die gesamte Wirtschaftspolitik einer
Nation genau diese globale Perspektive haben.
Diese Perspektive liegt allen Ansichten des Präsidenten zu Wirtschaftsfragen sowie den uns konfrontierenden Veränderungen und Herausforderungen zugrunde. Um in dem globalen wirtschaftlichen
Umfeld zu handeln, müssen wir global denken und
vorgehen - nicht nur bei unserer Außenpolitik,
sondern auch bei unserer Binnenwirtschaftspolitik.
Eine der wichtigsten Herausforderungen in der
Weltwirtschaft ist der enorme Anstieg von Größenordnung und Geschwindigkeit der heutigen Kapitalströme im Vergleich zu der Zeit vor nur fünf Jahren.

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Und die Märkte können heute entschieden härtere
Urteile abgeben. Vor einem oder zwei Jahrzehnten
mußten sich Finanzminister mit den Urteilen anderer
Regierungen, der internationalen Finanzinstitutionen
und einiger großer Banken befassen. Heute müssen
sie sich, insbesondere in Entwicklungsgebieten, über
die Urteile von Effektenmanagern in Finanzzentren
auf der ganzen Welt sowie über Effektenbewertungsgesellschaften Gedanken machen.
Zudem fand in den neuziger Jahren ein beträchtlicher
Anstieg bei der Nachfrage nach verfügbarem Kapital
statt. Dies zeigt sich an den gewaltigen Infrastrukturbedürfnissen der Entwicklungsländer.
Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer haben
sich, insbesondere im asiatischen und pazifischen
Raum, als Motoren mit enormem Potential erwiesen.
Mehrere Länder, die vor zwei Jahrzehnten wirklich als
arm bezeichnet werden konnten, verfügen jetzt über
entwickelte Volkswirtschaften und sind somit gleichermaßen zu ernstzunehmenden Konkurrenten wie
großen potentiellen Absatzmärkten geworden.
Im vergangenen Jahrzehnt sind die weltweiten
Exporte real um 80 Prozent angestiegen, und wir in
den Vereinigten Staaten - immer noch der weltweit
größte Exporteur - beobachteten zwischen 1983 und
1993 einen 83prozentigen Anstieg unserer Exporte.
Ferner tätigen wir weltweit die meisten Auslandsinvestitionen.

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�Vor diesem Hintergrund ist es eine meiner Aufgaben, den öffentlichen und den Privatsektor zu
drängen, sich sowohl auf globale wirtschaftliche
Integration als auch auf die asiatisch-pazifische
Region zu konzentrieren, in der ein großer Teil
unserer wirtschaftlichen Zukunft liegt - zukünftige
Arbeitsplätze und zukünftiger Wohlstand. Sie ist die
am schnellsten wachsende Region der Welt. Wir
sind eine pazifische Nation und müssen daher
energisch unsere Integration in die Wirtschaft des
asiatisch-pazifischen Raums anstreben.
Natürlich gehen unsere Beziehungen im asiatischpazifischen Raum - der pazifischen Gemeinschaft,
von der der Präsident gesprochen hat - weit über
wirtschaftliche Übereinkünfte hinaus. Wir haben - .
ebenso wie andernorts in der Welt - eindeutige
Sicherheitsinteressen in der Region und engagieren
uns entschieden für die Ermutigung von Verhältnissen, die die Achtung der allgemeinen Grundsätze
der Menschenrechte gewährleisten. Unsere Beziehungen beschränken sich nicht auf die Wirtschaft,
aber Wirtschaftsbeziehungen können Fortschritte in
anderen bedeutenden Bereichen fördern, ebenso
wie politische Öffnung Fortschritte bei Wirtschaftsreformen und -Wachstum antreiben kann.
Ich werde heute zum zweiten Treffen der Finanzminister des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) aufbrechen und
anschließend nach Indien Weiterreisen. Dies wird
der erste Besuch eines amerikanischen Finanzministers in Indien seit der Reise von William Simon im
Jahr 1975 sein. Wir werden auf den Tag genau 20
Jahre nach dem Besuch von Bill Simon dort landen.
An die Adresse derjenigen gerichtet, die nicht mit
dem APEC vertraut sind: Das APEC ist ein Zusammenschluß von 18 Volkswirtschaften der asiatischen, pazifischen und westlichen Hemisphäre - von
Wirtschaftsgiganten wie unserem Land und Japan,
unseren Nachbarn Kanada und Mexiko bis zu den
kleineren, aber schnell wachsenden Volkswirtschaften des Verbands Südostasiatischer Nationen
(Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Ich möchte anhand einiger Zahlen illustrieren, warum
diese Region für die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse ist. Die Beteiligung am Wachstum in Asien und dem pazifischen Raum wird den
Amerikanern auch die Teilhabe an den Vorteilen
ermöglichen - Wachstum, Arbeitsplätze, Gewinne.
Insgesamt beträgt unser jährliches Handelsvolumen
in der Region - Mexiko, Kanada und Japan eingeschlossen - 318 Milliarden Dollar. Unsere Exporte in
die APEC-Staaten machen 63 Prozent unserer
gesamten Exporte aus - ein 9prozentiger Anstieg
innerhalb des letzten Jahrzehnts.

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Unseren Handel mit Kanada und Mexiko ausgenommen, exportierten wir vor 10 Jahren ungefähr im Wert
von 57 Milliarden Dollar in die APEC-Staaten. Heute
belaufen sich unsere Exporte in die Region - erneut
unter Ausschluß Kanadas und Mexikos - auf 155
Milliarden - etwa das Dreifache von vor einem
Jahrzehnt. Beschränkt man die Analyse auf die
Entwicklungsländer innerhalb des APEC - Mexiko
ausgenommen - ergibt sich ebenfalls nahezu eine
Verdreifachung.
Heute sind 6 Millionen amerikanischer Arbeitsplätze
an unseren Handel mit dem asiatisch-pazifischen
Raum gebunden, ungefähr 900.000 allein hier in
Kalifornien.
Dies ist keine abstrakte politische
Rechenübung. Die Beteiligung an der Weltwirtschaft
bedeutet gutbezahlte Arbeitsplätze und einen höheren Lebensstandard für die Amerikaner.
Für die Investitionen gilt dasselbe. Im vergangenen
Jahr erwarben die APEC-Staaten nahezu 30 Prozent
der Aktien und Obligationen unserer Effektenmärkte,
die an Käufer in Übersee gingen. Umgekehrt bieten
die APEC-Märkte, insbesondere die neuentstehenden, zunehmende Chancen für amerikanische
Investoren. Über die Hälfte - 56 Prozent, um genau
zu sein - des Nettoflusses von Wertpapieren in die
Entwicklungsländer des APEC im Jahr 1993 stammten von amerikanischen Investoren. Im Vorjahr lag
dieser Wert noch bei 4,3 Prozent.
In der Region befinden sich viele neuentstehende
Märkte, und sie hängt - trotz hoher inländischer
Sparquote - stark von Auslandskapital ab. Seit 1987
ist die Kapitalisierung der Märkte in der Region um
das Zweieinhalbfache angestiegen, und der Kapitalfluß nimmt weiter zu. Es besteht ein eindeutiger
Bedarf. Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank vom vergangenen Jahr zufolge hat die Region
bis zum Ende des Jahrhunderts einen Infrastrukturbedarf von 1 Billion Dollar. Das sind jährlich ungefähr
200 Milliarden Dollar für Telefone, Kraftwerke, Flughäfen, Autobahnen und ähnliches. Hier in Los
Angeles entspricht das einem Century Freeway pro
Woche. Dies erfordert einen riesigen Kapitalzufluß,
bietet aber gleichzeitig gewaltige Exportmöglichkeiten.
Obwohl ich ein optimistisches Bild male, hat es einige
Wolken. Es bestehen Hindernisse für freieren Handel
und in einigen Gebieten die Notwendigkeit, Privatisierung und andere Reformen fortzusetzen.
Nachdem ich jetzt den Rahmen abgesteckt habe,
möchte ich kurz darauf eingehen, was wir in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten unternehmen
müssen, um in der Weltwirtschaft Erfolg zu haben.
Globales Denken, das wir praktizieren müssen, rückt
viele Dinge in ein anderes Licht. Ich möchte mich auf

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�drei Bereiche konzentrieren, die in unserem Land
Gegenstand ausführlicher philosophischer Debatten
sind.
Erstens. Teilnahme am Wettbewerb in einer Weltwirtschaft erfordert offene Märkte. Aus diesem
Grund hat sich diese Administration für den Abschluß des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) sowie der Uruguay-Runde des GATT
eingesetzt. Dies ist ferner der Grund, warum diese
Administration ein Freihandelsabkommen für die
Hemisphäre bis zum Jahr 2005 sowie für die gesamte asiatisch-pazifische Region bis 2020 anstrebt. Es
sind jedoch noch laute Stimmen zu vernehmen, die
sich gegen offene Märkte aussprechen - eine Idee,
die unseres Erachtens für unsere Zukunft absolut
entscheidend ist.
Zweitens. Wir führen eine Debatte über innenpolitische Prioritäten. Der Präsident hat seit Beginn der
Amtszeit unserer Administration darauf hingewiesen,
daß eine effektive Vorbereitung unserer Volkswirtschaft auf den globalen Wettbewerb Investitionen
des öffentlichen Sektors in Bildung und Ausbildung,
die Innenstädte und andere für unsere zukünftige
Produktivität entscheidende Bereiche erfordert - alles
im Rahmen einer Aufrechterhaltung der Finanzdisziplin. Nach Meinung einiger mögen das soziale
Programme sein, aber von einem pragmatischen,
nüchternen, geschäftsmäßigen Standpunkt aus sind
Programme dieser Natur langfristige Investitionen in
Produktivität, welche für Wettbewerb und Wohlstand
erforderlich ist.
Zudem sieht der Etat des Präsidenten für das
nächste Haushaltsjahr steuerliche Anreize vor, damit
die Menschen in ihre Bildung und Ausbildung sowie
in ihre Kinder investieren und mehr sparen. Halten
Sie sich vor Augen, was die Konzentration auf
Bildung und Ausbildung in Singapur, Korea und
Taiwan in wenigen Jahren bewirkt hat. Einige dieser
Länder waren arm und erhielten Auslandshilfe. Jetzt
sind es mächtige wirtschaftliche Konkurrenten.
Kürzlich las ich die Studie eines Ökonomen der
Columbia University, die genau diesen Punkt untermauert. Ihr zufolge war insbesondere im Fall Korea
und Taiwan nicht die Exportorientierung ein wichtiger
Wachstumsfaktor, sondern die Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen.
Drittens. Wir müssen beim Umgang mit den Problemen der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen. Dazu sind wir als einzige Nation in der
Lage.
In der modernen Weltwirtschaft, in der
Ereignisse und Gegebenheiten außerhalb unserer
Grenzen einen bedeutenden - positiven oder negativen - Einflu ß auf unser wirtschaftliches Wohlergehen
haben, gebieten unsere Eigeninteressen - nicht

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soziale oder moralische Überlegungen - die Übernahme einer nachdrücklichen Führungsrolle. Beispielsweise ist es wichtig, daß wir die wesentliche
Rolle der Weltbank und des IWF erkennen. Ihr
Beitrag zu Entwicklung und Wirtschaftsreformen kann
einen Exportanstieg und mehr amerikanische Arbeitsplätze herbeiführen.
In Washington wird eine Debatte über diese Institutionen und darüber geführt, ob wir unseren finanziellen
Verpflichtungen ihnen gegenüber nachkommen. Dies
ist Anzeichen für die übergeordnete Debatte, ob wir
uns in Zukunft nach außen öffnen und in der Weltwirtschaft eine Führungsrolle übernehmen oder in uns
selbst zurückziehen sollten. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Antwort Engagement, Führungsrolle
und Wettbewerb lautet. Das liegt in unserem eigenen
Interesse.
Im Fall der mexikanischen Probleme übernahmen wir
eine Führungsrolle, weil amerikanische Interessen auf
dem Spiel standen. Sie in Kalifornien wissen, daß
wir eine 3.000 Kilometer lange Grenze zu Mexiko
haben. Wir machten uns Sorgen über die Gefahr
eines Anstiegs der illegalen Einwanderung sowie
über unsere Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen sowohl im Hinblick auf Mexiko als auch in bezug auf
die Finanzmärkte anderer Entwicklungsländer, um ein
Übergreifen zu vermeiden. Das Hilfsprogramm ist
jetzt in Kraft. Es ist solide und sollte funktionieren.
Es gibt Anzeichen für Fortschritte, aber erst mit der
Zeit kann man Genaueres sagen.
Wir engagierten uns im Fall von Mexiko. Der Kongreß engagiert sich bei der Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen, und wir konzentrieren uns
auf eine Modernisierung dieser Institutionen, damit
sie sich mit den Problemen befassen, die in Mexiko
auftraten. Gleichzeitig bereiten wir das für Juni
dieses Jahres anberaumte Gipfeltreffen der G-7 in
Halifax vor.
Die Lehren aus dem Fall Mexikos sind bei den
Vorbereitungen für das Treffen der APEC-Finanzminister jedem im Gedächtnis. Die Zukunft der Entwicklungsländer liegt in Wirtschaftsreformen, offenen
Märkten, Deregulierung, Privatisierung, der Entwicklung und Stärkung effektiver Kapitalmärkte, wie es in
Mexiko geschah. Und sie hängt von Dingen ab, die
in Mexiko nicht gegeben waren: solider Schuldenverwaltung, Währungs- und Wechselkurspolitik sowie der
frühzeitigen Bereitstellung wirtschaftlicher Informationen.
Dieses Treffen bietet uns die große Chance, auf dem
aufzubauen, was Präsident Clinton 1993 in Seattle
begann und im vergangenen Jahr im indonesischen
Bogor sowie beim ersten Treffen der Finanzminister

Seite 3

�mit Finanzminister Bentsen fortsetzte. Das APEC
kann nicht nur eine entscheidende Rolle spielen,
sondern auch bei den globalen Bestrebungen die
Führungsrolle übernehmen, stabile und integrierte
Kapitalmärkte aufzubauen und Handel sowie andere
Aspekte wirtschaftlicher Reformen zu fördern.
Die Frage lautet jetzt, was die Regierungen der
APEC-Staaten unternehmen können, um einen
freieren Kapitalfluß zu ermutigen, der - wie die
Politiker der APEC-Staaten im vergangenen Jahr in
Bogor feststellten - für Investitionen und Wirtschaftswachstum so entscheidend ist und um gleichzeitig
das Risiko von Krisen auf den Finanzmärkten,
ähnlich der mexikanischen, zu senken?
Dies ist eindeutig eine langfristige Herausforderung,
ein dauerhafter Prozeß, der kooperative Konsultationen und ständige Aufmerksamkeit erfordert.
Auf lange Sicht wird meines Erachtens eine konzertierte Konzentration auf die Schaffung soliderer,
diversifizierterer und offenerer Kapitalmärkte einen
dauerhaften Beitrag zur Stärkung der Fähigkeit
dieser Märkte leisten, importiertes Kapital wirksam
zu sichern, größere Mengen inländischer Ersparnisse zu mobilisieren, Kapitel zu halten und Unbeständigkeit abzubauen.
Kurzfristig können die Minister meiner Meinung nach
Einigung über eine Anzahl sehr praktischer Maßnahmen erzielen, beispielsweise die rechtzeitige Freigabe nützlicher Finanzinformationen - um die Märkte
zu stabilisieren und die Kapitalflüsse aufrechtzuerhalten.
Marktbewegungen werden viel reibungsloser ablaufen, wenn die Investoren besser informiert sind.
Größerer Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
ermöglicht Investoren auch eine bessere Unterscheidung zwischen einzelnen Ländern, so daß die
Übertragung von Problemen keine so große Schwierigkeit mehr darstellt.
Unsere Hauptthemen werden dann sein, wie Transparenz und andere Maßnahmen entwickelt werden
können, die im Zusammenhang mit gestärkten und
effizienteren Kapitalmärkten stehen, welcher zusätzliche Beitrag von den Überwachungs- und Regelsystemen geleistet werden kann, und - da so viele
Minister ebenso wie unser Finanzministerium für die
Überwachung des Zollwesens verantwortlich sind wie das Zollverfahren vereinfacht werden kann, das
allzuoft ein ebensolches Handelshemmnis ist wie die
Zölle selbst. Erneut ist das von Mexiko Gelernte die
Notwendigkeit solider makroökonomischer, währungspolitischer und finanzpolitischer Maßnahmen.

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Ich werde mit verschiedenen wichtigen Ministern
auch die Frage der Finanzdienstleistungen ansprechen. Die Vereinigten Staaten haben einen der
offensten Märkte der Welt. Gerade fand bei den
Verhandlungen über Finanzdienstleistungen unter
dem neuen GATT-Abkommen die erste Runde von
Angeboten statt. Die Ergebnisse sind enttäuschend.
In den nächsten Monaten steht viel Arbeit an, und ich
werde hart auf gute Zusagen von bedeutenden
Märkten drängen.
Was Indien anbelangt, demonstriert meine Reise, die
nach der unserer First Lady stattfindet, welche
Priorität wir unseren Beziehungen zu Indien beimessen. Indien ist ein klares Beispiel dafür, wie sich die
Welt verändert.
Vor ein oder zwei Jahrzehnten sah man Indien als
arme Nation, und der wirtschaftlichen Seite der
Beziehungen wurde wenig Aufmerksamkeit gewidmet.
Jetzt betrachten unsere weitblickenden Geschäftsleute Indien als große Chance für die Vereinigten
Staaten. Mit 900 Millionen Bürgern und einer wachsenden Mittelschicht nahezu von der Größe der
gesamten amerikanischen Bevölkerung ist Indien für
Handel und Investitionen von Bedeutung. Übrigens
war Handel eines der Themen, das Bill Simon dort
ansprach - ich habe seine Rede gelesen.
Seit der Einführung von Reformen 1991 hat Indien
eine große Wende erzielt. Es öffnete sich der Welt
und veränderte sich im Inland. Das Ergebnis ist
wahrhaft beeindruckend.
Meine Aufgabe in Indien besteht in der Erörterung
dieser Reformen, insbesondere auf den Gebieten
Makroökonomie und Finanzen, sowie in der Weiterentwicklung unserer kooperativen Bestrebungen im
wirtschaftlichen Bereich.
Da ich die Arbeit unserer internationalen Finanzinstitutionen für so wichtig erachte, plane ich im
Rahmen meiner Indienreise die Besichtigung eines
von der Weltbank geförderten Entwicklungsprojekts,
um mich aus erster Hand davon zu überzeugen, wie

Entwicklung das Leben der Menschen verbessert und
Wachstum fördert, das wiederum Chancen nicht nur
für die Hilfsempfänger, sondern auch für die amerikanische Wirtschaft schafft.
Bevor ich Ihre Fragen beantworte, möchte ich abschließend noch einmal auf das vorher Gesagte
zurückkommen. Ob es uns gefällt oder nicht - die
Vereinigten Staaten sind nicht länger ein vorwiegend
autonomer Wirtschaftsriese. Obwohl sie immer noch
die größte Volkswirtschaft der Welt haben, sind sie
ein integraler Bestandteil der Weltwirtschaft. Die
Chancen in dieser Weltwirtschaft sind ebenso riesig

AMERIKA DIENST 15

�wie die Probleme. Meiner Meinung nach hängt
unser zukünftiger Wohlstand zweifelsohne von
unserem umfassenden Engagement in der Weltwirtschaft ab, von der Übernahme einer Führungsrolle,
wo dies erforderlich ist, sowie der Vorbereitung
darauf, in dieser Weltwirtschaft ein produktiver und
wettbewerbsfähiger Akteur zu sein.
Obwohl alle Nationen im wirtschaftlichen Bereich aus
Eigeninteresse handeln, stimmen diese Interessen in
einer Welt zunehmender Wechselbeziehungen, sei
es beim Handel oder auf den Kapitalmärkten, immer
stärker überein. Beim Handel war die Gegenseitigkeit von Interessen immer das Hauptargument für
offene Märkte. Auf den Finanzmärkten finden

*

AMERIKA DIENST 15

schnelle Ereignisse statt, deren Auswirkungen nicht
länger vor Grenzen haltmachen. Wie wir gesehen
haben, können Märkte hart sein. Marktstabilität, die
für einen von Vorteil ist, kann für alle von Vorteil sein.
Eine Zerrüttung des Marktes, die einem schadet,
kann allen schaden.
Unsere Gespräche beim APEC-Finanzministertreffen
und die daraus resultierenden Entscheidungen
können einen Beitrag für den Umgang mit den
Problemen und Chancen leisten, die uns alle betreffen - nicht nur in der Region, sondern in allen,
zunehmend integrierten Volkswirtschaften der Welt,
an denen die Vereinigten Staaten größeres Interesse
denn je haben.

* * *

*

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Gore drängt auf unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident AI Gore&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Abbau von Atomwaffen in der ehemaligen Sowjetunion macht gute Fortschritte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Fortschritte sind "große amerikanische Erfolgsgeschichte" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Präsident Clinton&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltpolitische Herausforderungen in der Welt nach dem Kalten Krieg &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Timothy Wirth&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Multilaterale Verhandlungen über Finanzdienstleistungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Finanzminister Rubin&lt;/em&gt;</text>
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y ^ ^

o xt

V I O N **

Herausgeber: U.S. Information Service ^ 1
Embassy of the United States of America

l ^ ^ ^ ^ ^ r "

"
Z12462 C

14

12. April 1995

.

NW

KEIN EINSATZ VON NUKLEARWAFFEN
GEGEN NICHTATOMWAFFENSTAATEN DES
NW
Erklärung des Präsidenten, Außenministers
und Übersicht
N W SOLLTE BESTANDTEIL DES INTERNATIONALEN SICHERHEITSSYSTEMS SEIN
von John Holum

UMWELT

DIE ENTSCHEIDENDE ROLLE DER WISSENSCHAFT BEI DER LÖSUNG VON UMWELTPROBLEMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

TAG DER ERDE

COLLEGESTUDENTEN WERBEN FÜR DEN
25. TAG DER ERDE
Neue Umweltschutzgesetzgebung

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NW
12. April 1995

Clinton: Kein Einsatz von Nuklearwaffen gegen
Nichtatomwaffenstaaten des N W
Erklärung des Präsidenten, Außenministers und Übersicht
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. April 1995 herausgegebenen Erklärung bekräftigte Präsident Clinton,
die Vereinigten Staaten würden keine Nuklearwaffen gegen nicht im Besitz von Atomwaffen befindliche Staaten
einsetzen, die dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) angehören.
Die einzige Ausnahme wäre dem Präsidenten zufolge eine Invasion oder ein Angriff auf die Vereinigten
Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen Staat,
gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im
Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine von US-Außenminister Warren Christopher abgegebene Erklärung, die
die Erklärung des Präsidenten sowie eine Übersicht des Außenministeriums enthält.

Aus der Sicht der Vereinigten Staaten stellen der
universelle Beitritt zu internationalen Abkommen und
Verträgen zur Verhinderung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen sowie ihre Einhaltung einen Eckpfeiler globaler Sicherheit dar. Der
Vertrag über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen
ist zentraler Bestandteil dieses Regimes. Am 1.
März 1995 hielt Präsident Clinton in Washington aus
Anlaß des 25. Jahrestages des N W am 5. März
1995 eine Rede. Am 17. April beginnt in New York
eine Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags. Die Vereinigten Staaten erachten
die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
des Vertrags über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als oberste nationale Priorität und werden
weiterhin alle entsprechenden Bestrebungen zu
deren Erlangung unternehmen.
Es ist von Bedeutung, daß alle Parteien des Nichtverbreitungsvertrags ihre Vertragsverpflichtungen
erfüllen. In diesem Zusammenhang müssen die
Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags
im Einklang mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts diese Verpflichtungen
erfüllen, um Anspruch auf jegliche aus der Unterzeichnung des Vertrags resultierende Vorteile zu
haben.
Als Atomwarfenstaat haben die Vereinigten Staaten
ihre mit dem Vertrag einhergehenden Pflichten sowie

AMERIKA DIENST 14

die Notwendigkeit konsequent anerkannt, den besonderen Bedürfnissen der Nichtatomwaffenstaaten des
N W durch Maßnahmen Rechnung zu tragen, die
ihren legitimen Sicherheitsanliegen entsprechen. Zu
diesem Zweck ordnete der Präsident die Überprüfung
der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen
für solche Nichtatomwaffenstaaten an und verfügte,
daß mit anderen Nichtatomwaffenstaaten Konsultationen über dieses wichtige Thema geführt werden.
Unter Berücksichtigung des oben genannten gibt der
Präsident folgende Erklärung ab:
Die Vereinigten Staaten bekräftigen erneut, daß sie
ihre Atomwaffen nicht gegen Nichtatomwaffenstaaten
des Nichtverbreitungsvertrags einsetzen, außer im
Fall einer Invasion oder eines Angriffs auf die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder
andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen
Staat, gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Aggression mit Hilfe von Kernwaffen oder die Androhung solch aggressiver Akte gegenüber einem
Nichtatomwaffenstaat des N W würden eine qualitativ
neue Situation scharfen, in der die im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats im Rahmen des Sicherheitsrats

Seite 1

�und im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen umgehend handeln müßten, um die zur Eindämmung einer solchen Aggression oder Abwendung der Androhung einer solchen Aggression
erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Jeder
Staat, der vom Einsatz nuklearer Waffen begleitete
aggressive Akte begeht oder damit droht, muß sich
bewußt sein, daß seinen Aktionen durch im Einklang
mit der UN-Charta stehende wirksame Maßnahmen
begegnet wird, um die Aggression zu unterdrücken
oder ihre Androhung abzuwenden.
Die Nichtatomwaffenstaaten des N W haben einen
berechtigten Wunsch nach Zusicherungen, daß der
UN-Sicherheitsrat und vor allem seine im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder
umgehend im Einklang mit der Charta handeln, falls
diese Nichtatomwaffenstaaten Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung von Aggression
sind, bei der Kernwaffen eingesetzt werden.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Absicht, im
Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen
jedem Nichtatomwaffenstaat des N W umgehend
Hilfe oder Unterstützung zukommen zu lassen, der
Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung
von Aggression ist, bei der Kernwaffen eingesetzt
werden.
Zu den dem UN-Sicherheitsrat bei der Unterstützung
eines solchen Nichtatomwaffenstaats des N W zur
Verfügung stehenden Mitteln gehören die Prüfung
der Situation sowie der Einsatz angemessener Mittel
zur Schlichtung der Streitigkeiten sowie zur Wiederherstellung von Weltfrieden und Sicherheit.
Die UNO-Mitgliedstaaten sollten angemessene
Maßnahmen als Reaktion auf ein Ersuchen um
technische, medizinische, wissenschaftliche oder
humanitäre Hilfe durch einen Nichtatomwaffenstaat
des N W durchführen, der Opfer einer Aggression
mit Nuklearwaffen ist, und der Sicherheitsrat sollte
erwägen, welche Maßnahmen im Falle eines solchen aggressiven Akts erforderlich sind.
Der Sicherheitsrat sollte Empfehlungen für ein
entsprechendes Verfahren als Reaktion auf jegliches
Ersuchen durch einen Nichtatomwaffenstaat des
N W geben, der Opfer eines solchen aggressiven
Akts ist, wie eine Entschädigung entsprechend dem
Völkerrecht für aus diesem aggressiven Akt resultierende Verluste, Schäden oder Verletzungen erfolgen
kann.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen das in Artikel 51
der Charta der Vereinten Nationen anerkannte
naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur

Seite 2

Wahrung des Weltfriedens und der internationalen
Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat.
Übersicht des Außenministeriums
In einer am 1. März 1995 gehaltenen Rede erklärte
der Präsident, nichts sei in diesem für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung entscheidenden Jahr
wichtiger als die unbegrenzte und bedingungslose
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags.
In
diesem Zusammenhang überprüften die Vereinigten
Staaten im vergangenen Jahr ihre Politik der Gewährung von Sicherheitszusagen an Nichtatomwaffenstaaten des N W und begannen Konsultationen
mit den anderen Atomwaffenstaaten des N W , um
eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Am heutigen Tag gab der Außenminister eine Erklärung über
Sicherheitszusagen ab, welche die erste umfassende
Erklärung eines Präsidenten der Vereinigten Staaten
zu diesem wichtigen Thema umfaßt und unseres
Erachtens einen bedeutenden Fortschritt darstellt.
Die Veröffentlichung der Erklärung des Präsidenten
wurde heute nachmittag von Außenminister Christopher bekanntgegeben.
Hintergrund
Seit Aufnahme der Verhandlungen über den N W in
den sechziger Jahren haben viele Nichtatomwaffenstaaten deutlich gemacht, daß sie im Gegenzug zum
Verzicht auf Nuklearwaffen bestimmte Zusagen von
Seiten der Atomwaffenstaaten erwarten. Es war nicht
möglich, eine solche Bestimmung in den N W aufzunehmen, aber 1968 verkündeten die Vereinigten
Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion, sie
würden unverzügliche Aktionen des Sicherheitsrats
anstreben, um jedem Nichtatomwaffenstaat des N W ,
der mit Nuklearwaffen bedroht wird oder Opfer einer
solchen Aggression ist, im Einklang mit der UNCharta Hilfe zu gewähren.
Diese sogenannten
positiven Sicherheitszusagen wurden vom Sicherheitsrat in seiner am 19. Juni 1968 angenommenen
Resolution 255 "begrüßt".
Im Zusammenhang mit weiteren Anliegen auf diesem
Gebiet gaben die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und die Sowjetunion 1978 eine gegen den Einsatz
von Nuklearwaffen gerichtete Politik gegenüber den
Nichtatomwaffenstaaten des N W bekannt. Rußland
machte 1993 eine neue negative Sicherheitszusage,
die der von Großbritannien und den Vereinigten
Staaten verfolgten Politik inhaltlich näherstand.
Frankreich und China traten dem N W 1992 bei, und
vor ungefähr einem Jahr begannen sich alle fünf
Atomwaffenstaaten des N W bei am Rande der
Genfer Abrüstungskonferenz abgehaltenen Konsultationen mit der Frage von Sicherheitszusagen zu

AMERIKA DIENST 14

�befassen. Ein Ergebnis dieser Bestrebungen war
die Übereinkunft, daß jeder Staat eine nationale Erklärung abgeben würde, deren Veröffentlichung für
diese Woche geplant ist.
Erklärung des Präsidenten
Die Erklärung des Außenministers beginnt mit einer
Bekräftigung der Verpflichtung der Administration
zum N W und seiner unbegrenzten bedingungslosen
Verlängerung. Ferner unterstreicht sie die Bedeutung einer Einhaltung des N W sowie der Notwendigkeit, sich mit Möglichkeiten für den Umgang mit
den berechtigten Sicherheitsanliegen der Nichtatomwaffenstaaten des N W zu befassen. Sie stellt
fest, daß der Präsident eine Überprüfung der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen anordnete
und leitet die Erklärung ein.
Der Präsident erklärt, daß die Vereinigten Staaten
außer unter bestimmten Bedingungen keine Atomwaffen gegen Nichtatomwaffenstaaten des N W einsetzen. Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der
seit langer Zeit bestehenden Politik der Vereinigten
Staaten auf diesem Gebiet und steht vollkommen im
Einklang mit ihren Bündnisverpflichtungen. Die
Sprachregelung dieser negativen Sicherheitszusage
ist praktisch identisch mit derjenigen, die heute von
Großbritannien, Frankreich und Rußland herausgegeben werden soll. Viele Nichtatomwaffenstaaten
des N W haben die Atomwaffenstaaten seit langem
gedrängt, eine gemeinsame Formel für negative
Sicherheitszusagen zu finden. Die Tatsache, daß
vier der fünf Atommächte das bereits getan haben,
ist eine bedeutende Leistung. China wird seine
eigene Erklärung abgeben.

Der Präsident erklärt ferner, daß die Vereinigten
Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten
Nationen sofortige Hilfe oder Unterstützung für jeden
Nichtatomwaffenstaat des N W leisten, dem eine
Aggression mit Nuklearwaffen angedroht wird oder
der Opfer einer solchen Aggression ist.
Diese
Erklärung bekräftigt erneut die 1968 erstmals von den
Vereinigten Staaten eingegangene Verpflichtung und
ist expliziter. Diese revidierte positive Sicherheitszusage der Vereinigten Staaten unterstreicht das
1968 abgegebene Versprechen durch Präzisierung
der Art von Hilfe, die der UN-Sicherheitsrat unter
solchen Umständen in Erwägung ziehen würde.
Einige Nichtatomwaffenstaaten des N W haben seit
langem auf eine solche Präzisierung gedrängt, um
diese Zusagen glaubwürdiger zu gestalten. Die
Sprachregelung für diese positive Sicherheitszusage
ist in einem von allen fünf Atommächten unterstützten
Resolutionsentwurf des UN-Sicherheitsrats enthalten,
der in New York geprüft wird. Frankreich und China
geben in nationalen Erklärungen, die diese Woche
veröffentlicht werden sollen,
erstmals ebenfalls
positive Sicherheitszusagen ab.
Schlußfolgerung
Die Administration vertritt die Ansicht, daß die von
allen fünf Atommächten abzugebenden nationalen
Erklärungen, ihre gemeinsame Unterstützung einer in
New York zu erörternden Resolution des Sicherheitsrats über Sicherheitszusagen sowie die gemeinsame, von vier oder fünf Atommächten erzielte
negative Sicherheitszusage zusammengenommen
eine substantielle Reaktion auf den Wunsch vieler
Nichtatomwaffenstaaten des N W nach gestärkten
Sicherheitszusagen darstellen.
Dieses Ergebnis
bekräftigt das internationale nukleare Nichtverbreitungsregime und verdient die Unterstützung aller
Parteien des N W .

* *

AMERIKA DIENST 14

*

Seite 3

�NW
12. April 1995

N W sollte Bestandteil des internationalen
Sicherheitssystems sein
von John Holum
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S.
Arms Control and Disarmament Agency - ACDA).

Die internationale Staatengemeinschaft sollte der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags (NW) oberste Priorität
bei der Rüstungskontrolle einräumen.
Die im
April/Mai bevorstehende Entscheidung ist die historischste, mit der sich die meisten von uns je konfrontiert sahen.
Der N W dient zwei sich gegenseitig verstärkenden
Zielen - nuklearer Nichtverbreitung und Abrüstung durch das Abwägen positiver sowie negativer Rechte
und Pflichten. Wie Sie wissen, ist der N W gleichzeitig ein Abkommen über den Verzicht auf Nuklearwaffen, ein Abkommen, das Nukleareinrichtungen für
friedliche Zwecke internationale Sicherheitsvorschriften auferlegt, ein Abkommen zur Beendigung
des Wettrüstens und über das Streben nach nuklearer Abrüstung sowie ein Abkommen, das technische
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung von
Atomenergie fördert.
Ich möchte zu Beginn meiner Ausführungen erläutern, warum wir dem Vertrag so hohen Wert beimessen. Mit seinem Inkrafttreten im Jahr 1970 wurde
das Entstehen eines Atomwaffenstaats von einem
Akt des National stolzes zu einer Verletzung des
Völkerrechts. Und dieses Gesetz besitzt noch heute
Gültigkeit.
Während der sechziger Jahre, als der N W ausgehandelt wurde, prognostizierten viele, bis heute
würde es 20 bis 30 erklärte Atomwaffenstaaten
geben. Zuverlässigen Schätzungen zufolge sind
jetzt über 40 Staaten im Besitz der erforderlichen
technischen und wirtschaftlichen Ressourcen.
Aber es gibt noch immer nur fünf Nuklearwaff enstaaten - die gleiche Anzahl wie zu Inkrafttreten des N W
- und drei "Schwellenländer".

Das NW-System wurde in den vergangenen Jahren
durch den Beitritt von Argentinien, Algerien, China,
Frankreich, Südafrika, dem Baltikum und nahezu
allen neuen unabhängigen Staaten, darunter Belarus,
Kasachstan und die Ukraine, sowie den Verzicht auf
Atomwaffen der Länder Chile und Brasilien erheblich
erweitert. Mit bis heute über 170 Vertragsparteien
erfreut sich der N W der umfassendsten Mitgliedschaft aller Rüstungskontrollabkommen der Geschichte.
Der N W bietet auch unerläßliche Unterstützung für
die friedliche Nutzung von Atomenergie unter effektiven internationalen Sicherheitsvorschriften. Ohne ihn
könnte ein Großteil der inzwischen zur Routine
gewordenen Zusammenarbeit unmöglich werden.
Da der N W globale Reichweite hat, setzt er die
grundlegenden rechtlichen Normen und den politischen Rahmen für alle Fälle, die der internationalen
Staatengemeinschaft größte Sorge bereiten.
Der wirkliche Wert des N W findet jedoch in der
Gruppe von Staaten seinen Niederschlag, die in den
NW-Diskussionen nahezu vollständig ignoriert
werden - den Staaten, für die Nuklearwaffen kein
Thema sind, weil sie nukleare Nichtverbreitungsverpflichtungen eingegangen sind und eingehalten
haben.
Die größten Leistungen des N W sind
unsichtbar und bestehen darin, daß Schlimmes
verhindert, Nuklearmaterial nicht umgeleitet wird und
Waffen nicht produziert werden.
Ohne den N W müßte man davon ausgehen, daß mit
der Zeit viele dieser schlimmen Dinge geschehen
würden - und Dutzende Staaten versuchen könnten,
sich mit ihren Nuklearvorhaben vor einer unsicheren
Zukunft zu schützen.
Einige Staaten beschweren sich, der N W sei "diskriminierend", weil er fünf Nuklearmächte akzeptiert

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�und alle anderen ausschließt. Der Vertrag schafft
jedoch keine "Begünstigten" und "Habenichtse" im
Hinblick auf Nuklearwaffen. Er reflektierte nur diese
ererbte Realität - und trug zur Beendigung eines
tödlichen Trends in diese Richtung bei - während er
gleichzeitig alle Parteien einschließlich der Atomwaffenstaaten zum Streben nach nuklearer Abrüstung
verpflichtet.
Das Gewicht von Rüstungskontroll-, Nichtverbreitungs- und Abrüstungsabkommen liegt nicht in ihrem
Egalitarismus, sondern ihrem Beitrag zur internationalen Sicherheit.
Tatsache ist, wenn die Welt heute auf einer reflexiven nuklearen Gleichberechtigung bestehen würde,
wäre das Resultat wahrscheinlich eine Nivellierung
nach oben, nicht nach unten: Nicht eine von Nuklearwaffen befreite Welt, sondern eine Welt vieler
Nuklearwaffenstaaten.
Ein weiteres Argument lautet, die unbegrenzte
Verlängerung würde Nuklearwaffen für alle Zeit
legitimieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
In den vergangenen Jahren haben wir und die
ehemalige Sowjetunion im Rahmen des NW
über 2.500 Mittelstreckenraketen beseitigt und
eine ganze Klasse von Waffensystemen außer
Dienst gestellt,
einseitig die Verlegung und Zerstörung von
weiteren Tausenden taktischer Nuklearwaffen
beschlossen,
im Vertrag über die Verringerung strategischer
Rüstungen (START) und im START Il-Abkommen
vereinbart, über 17.000 Nuklearwaffen von
Raketen und Bombern zu entfernen.
Die Forderung des NW nach einem Ende des
Wettrüstens wurde erfüllt. Der Wettlauf besteht jetzt
darin, die Streitkräfteniveaus so schnell, sicher und
zuverlässig wie möglich zu verringern.
Die Überprüfung des nuklearen Einsatzkonzepts der
Vereinigten Staaten bestätigt, daß Nuklearwaffen
heute eine kleinere Rolle in unserer Sicherheitsstrategie spielen als je zuvor seit ihrer Erfindung.
Seit 1988 haben wir unser gesamtes aktives Arsenal
um 59 Prozent, unsere strategischen Gefechtsköpfe
um 47 Prozent und die nichtstrategischen Gefechtsköpfe um bemerkenswerte 90 Prozent reduziert. Die
Vereinigten Staaten zerlegen ungefähr 2.000 Nuklearwaffen pro Jahr - die höchste Rate, die technische
Begrenzungen gestatten.

Seite 2

Beim Gipfeltreffen in Washington im September 1994
wiesen die Präsidenten Clinton und Jelzin ihre
Experten an, ihren Dialog über die Entwicklung
konkreter Schritte zur Anpassung der Nuklearstreitkräfte und Praktiken beider Seiten an die veränderte
internationale Sicherheitssituation zu intensivieren,
einschließlich der Möglichkeit weiterer Reduzierungen
der Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von
START II. Sie vereinbarten ferner die Beschleunigung des Inkrafttretens von START und die Deaktivierung aller im Rahmen von START zu reduzierenden strategischen Trägersysteme nach der Ratifizierung von START II.
Die Vereinigten Staaten und Rußland befassen sich
intensiv mit einer Vielzahl anderer bedeutender
Schritte. Dazu zählen Kooperation zur Verhinderung
von Nuklearschmuggel und verstärkte Kontrollen von
Nuklearmaterial, der Bau einer Lagereinrichtung für
spaltbares Material aus zerlegten Nuklearwaffen in
Rußland sowie die Verbesserung der Sicherheit,
Transparenz und Unumkehrbarkeit der Reduzierungen von Nuklearwaffen.
Die beiden führenden Nuklearmächte der Welt gehen
von einer Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer offenen und irreversiblen Verringerung
der Zahl atomarer Gefechtsköpfe über. Präsident
Clinton bekräftigte in einem gemeinsamen Kommunique mit dem indischen Ministerpräsidenten Rao,
daß wir letztlich eine atomwaffenfreie Welt anstreben.
Kernstück der Erfüllung von Artikel VI des NW bilden
zwei zusätzliche multilaterale Bestrebungen: Der
Abschluß der laufenden Aushandlung des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) sowie eines Vertrags
über die Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials.
Der Abschluß des CTB-Vertrags stellt für die Vereinigten Staaten ein zwingendes Gebot dar. Wir tun
alles in unserer Macht Stehende, damit das erste
halbe Jahrhundert von Nuklearexplosionen auch das
letzte ist. Wie ich im vergangenen Sommer bei der
Genfer Abrüstungskonferenz äußerte, sind wir bereit
für die Schlußfolgerung, die Vereinigten Staaten
hätten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt.
Ein Vertrag über die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials würde die Menge des für Nuklearexplosionen zur Verfügung stehenden Materials
begrenzen. Er könnte den ungesicherten Nuklearprogrammen einiger nicht dem NW angehörender
Staaten erstmals ein gewisses Maß an internationalen Beschränkungen auferlegen. Und er würde jede
weitere separate Produktion von Plutonium und

AMERIKA DIENST 14

�hochangereichertem Uran für waffenfähige Zwecke
in den fünf erklärten Atomwaffenstaaten verhindern.
Es ist eine Tatsache, daß die Aussichten auf weitere
Rüstungskontrolle schwinden, wenn die Zukunft des
N W in Gefahr ist. Wird die Zukunft des N W gesichert, kann der steile Trend eines Abbaus letztlich
mit dem Ziel fortgesetzt werden, Atomwaffen auf
Dauer zu verbieten. Die unbegrenzte Verlängerung
des N W wird uns diesem Ziel näherbringen - alles
andere würde es in weitere Ferne rücken. Mit
anderen Worten:
Weitere Fortschritte bei der
Rüstungskontrolle hängen von einer Verlängerung
des N W ab.
Es wird argumentiert, man sollte den N W aufrechterhalten oder lediglich für kurze Zeit verlängern, um
die Nuklearwaffenstaaten zu mehr Fortschritten zu
zwingen. Bisweilen wird angedeutet, die Verlängerung des N W sollte als Pfand für den Abschluß des
CTB-Vertrags dienen und erst anschließend dauerhaft gestaltet werden.
Wer den N W als Objekt zum Feilschen ansieht,
mißachtet eine Faustregel: Man sollte nicht mit
etwas spielen, dessen Verlust man sich nicht erlauben kann.
Auch aus geographischen Gründen sind die Länder,
die am stärksten von den Atomwaffen verbreitenden
Staaten gefährdet werden, ihre direkten und regionalen Nachbarn - nicht die Vereinigten Staaten. Wir
unterstützen den N W natürlich aus eigenem Interesse. Er liegt jedoch noch stärker im Interesse der
Staaten, die in den Spannungsregionen liegen.
Der N W bietet allen Mitgliedstaaten die Gewißheit,
daß ihre Nachbarn und regionalen Rivalen nicht zu
einer wirksamen Verfolgung ihrer Atomwaffenambitionen in der Lage sein werden - nicht nur aufgrund
ihrer eigenen Zusage, sondern auch wegen der
Existenz eines globalen Verifikationssystems. Er
bietet die steuerlichen Einsparungen und physische
Sicherheit, die aus der Vermeidung eines regionalen
atomaren Rüstungswettlaufs resultieren.
Wir sind uns auch klar der Bedeutung bewußt, die
viele Staaten der Frage von Sicherheitszusagen
gegen den Einsatz oder die Androhung eines
Einsatzes von Nuklearwarfen beimessen. Die fünf
Atommächte führen hierüber ernsthafte und konstruktive Gespräche.
Die Vereinigten Staaten
werden sich auch in Zukunft um Fortschritte zur
Erlangung des Ziels einer weiteren Erhöhung der
Sicherheit dem N W angehörender nichtnuklearer
Staaten bemühen.

AMERIKA DIENST 14

Für alle, deren Votum über das Schicksal des N W
entscheidet, ist dieser keine Quelle der Macht,
sondern der Sicherheit. Er hat für jedes Land denselben Wert - nicht als Druckmittel auf die Nuklearstaaten, sondern als Schutz vor regionalem Rüstungswettlauf und atomaren Gefahren.
Die Behauptung, die unbegrenzte Verlängerung des
N W könnte aufgeschoben werden, ist besonders
gefährlich, weil sie so verführerisch plausibel klingt und so falsch ist.
Der Vertrag enthält drei Optionen für eine Verlängerung: unbegrenzte Verlängerung, Verlängerung für
einen bestimmten Zeitraum oder Verlängerung für
bestimmte Zeiträume. Jede Option mit Ausnahme
der ersten beinhaltet die Gefahr einer Verstümmelung
des Vertrags - entweder wegen der mit einer Reihe
stückweiser Verlängerungen einhergehenden rechtlichen Unsicherheit, oder aufgrund der praktischen
Unmöglichkeit einer sofortigen oder späteren Abänderung.
Wer Szenarien zur Umgehung dieser grundlegenden
Wahrheit erfindet, hat nicht seinen Teil der Last
getragen um zu beweisen, daß eine unbegrenzte
Verlängerung nicht ohne die ernsthafte Gefahr
aufgeschoben werden kann, daß sie verweigert wird.
Um Mißverständnissen vorzubeugen:

Die einzige

Möglichkeit, die Fortdauer des N W sicherzustellen,

besteht in seiner unbegrenzten Verlängerung in
diesem Jahr.
Eine häufige Kritik am N W lautet, daß bestimmte
Staaten ihm nicht beigetreten sind.
Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die
Vereinigten Staaten die universelle Einhaltung des
N W unterstützen. Die Vergrößerung der Möglichkeit,
daß der N W zu einem bestimmten Zeitpunkt ausläuft, macht es unwahrscheinlicher, nicht wahrscheinlicher, daß Staaten wie Israel, Indien und Pakistan
ihm schließlich beitreten. Die größte Chance für
ihren Beitritt liegt in einem starken Vertrag, der ein
dauerhafter Bestandteil des internationalen Sicherheitssystems ist.
Dasselbe Prinzip gilt für jede Region: Der N W bietet
den essentiellen weltweiten Rahmen für den Umgang
mit Problemen der Weiterverbreitung und der Förderung von Stabilität.
Die wirkliche Frage lautet nicht, ob der N W selbst für
seine Einhaltung sorgen und jedes Problem selbst
lösen kann, sondern ob er für die Welt von Vorteil ist
oder nicht.

Seite 3

�Niemand kann eine definitive Prognose über die
Natur einer Welt ohne NW abgeben. Jeder von uns
muß jedoch konkret über den massiven Weiterverbreitungsdruck nachdenken, der bedauerlicherweise
freigesetzt würde, falls der Vertrag je auslaufen
würde - und darüber, welche Auswirkungen ein
solcher Druck auf unsere eigenen Länder haben
würde.
In Japan gibt es folgendes Sprichwort: "Ein herausstehender Nagel wird mit dem Hammer eingeschlagen." Alle Staaten spüren die Hammerwirkung des
NW gegen nukleare Weiterverbreitung. In einer
Welt ohne den Nichtverbreitungsvertrag könnten die
Staaten ein Herausstehen vermeiden - nicht durch

Widerstand gegen den Druck, Nuklearwaffen zu
besitzen, sondern indem sie vor ihnen weichen.
Die Konferenz über die Überprüfung und Verlängerung des NW, die vom 17. April bis zum 12. Mai
1995 in New York anberaumt ist, stellt unsere einzige
realistische Chance dar, den NW dauerhaft zu
gestalten. Jetzt, da die Nuklearwaffenarsenale der
Supermächte abgebaut werden und die Aussichten
auf einen CTB-Vertrag steigen - und die größten
Nuklearwaffenstaaten endlich in der Lage sind, bei
ihrer Verteidigungsplanung weniger Wert auf Atomwaffen zu legen - ist nicht der Zeitpunkt, das Abkommen aufzugeben, das uns gestattet, den Rüstungswettlauf umzulenken.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 14

�UMWELT
12. April 1995

Die entscheidende Rolle der Wissenschaft
bei der Lösung von Umweltproblemen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge spielen Wissenschaft und Technologie für den modernen
Menschen eine entscheidende Rolle beim Umgang mit beispiellosen Herausforderungen wie der
Bevölkerungsexplosion und dem globalen Klimawandel.
Der Vizepräsident äußerte am 30. März 1995 in einer Rede vor einem politischen Forum, das vom
Wissenschafts- und Technologiebüro des Weißen Hauses gefördert wird, es wäre ein Fehler anzunehmen,
Probleme wie der Treibhauseffekt könnten im Handumdrehen mit Hilfe der Technologie gelöst werden.
Wissenschaft und Technologie können ihm zufolge jedoch die Entwicklung neuer Ansätze für den Umgang mit
solchen Problemen beschleunigen - Ansätze, die keine unheilbringenden Konsequenzen für gefährdete Teile
des Ökosystems der Erde haben.
Gore fügte hinzu, die Beziehungen zwischen der menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem der Erde hätten
sich radikal gewandelt.
Ein Grund für diese veränderten Beziehungen sei die wissenschaftliche und technologische Revolution, die
neue Technologien für die Nutzung der Erde bereitstellte. Ein anderer Grund - der heikelste, aber auch
wichtigste - sei die im Zusammenhang mit dem Modernismus stehende veränderte Denkweise, die viele dazu
verleitet hat, "die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger Aktionen außer acht zu lassen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Vizepräsident Gore in wesentlichen Auszügen.

Ich danke der National Academy of Sciences, daß
sie uns diese Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.
Wir sehen der im Gefolge dieser Konferenz zu
leistenden Arbeit erwartungsvoll entgegen. Ich darf
Ihnen versichern, daß Ihre Bestrebungen nicht
umsonst sein werden. Wir sind äußerst gespannt
auf die Ideen, Vorschläge und Empfehlungen, die
aus Ihren Beratungen hervorgehen werden.
Ich erinnere mich an das, was ich über den herausragenden Physiker LI. Rabi las. Er schrieb über den
Einfluß, den seine Mutter auf seinen Wissensdrang
hatte. Ebenso wie andere Mütter stellte sie Fragen,
wenn die Kinder aus der Schule kamen. Während
andere Eltern ihre Kinder jedoch oft fragten "Gibt es
etwas Neues in der Schule?" oder "Was hast Du
heute gelernt?", fragte Dr. Rabis Mutter "Was für
gute Fragen hast Du heute gestellt?". Ich habe mir
das gemerkt, denn meines Erachtens ist das für
Eltern sehr interessant und auch bei Konferenzen
wie dieser ein guter Ansatz. Es geht nicht immer
nur darum, Antworten zu finden. Manchmal ist es
auch eine Leistung, die richtigen Fragen zu stellen.

AMERIKA DIENST 14

Und in den letzten beiden Tagen haben Sie eine
Vielfalt von Fragen erörtert, die im Zusammenhang
mit der Rolle von Wissenschaft und Technologie für
den Schutz unserer nationalen Sicherheit und die
Erlangung globaler Stabilität stehen.
Heute möchte ich eine der Fragen ansprechen, mit
denen sich diese Administration in den zwei Jahren
und zwei Monaten ihrer Amtszeit befaßt hat. Welche
Beziehungen bestehen zwischen Wissenschaft und
Technologie einerseits und nationaler Sicherheit
andererseits? Um auch nur den Versuch einer
Beantwortung dieser Frage zu machen, müssen wir
eine Definition von nationaler Sicherheit vornehmen.
Im letzten halben Jahrhundert war diese Definition
natürlich relativ einfach.
Der Schutz unserer nationalen Sicherheit bedeutete
Sicherheit vor einem militärischen Angriff sowie
Vermeidung all jener vorbereitenden Entwicklungen,
die die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Angriffs
erhöhten statt zu verringern. Der Kalte Krieg ist
vorüber, und obwohl wir keineswegs in unserer Ent-

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�schlossenheit nachlassen sollten, die besten und
fähigsten Streitkräfte auf der Erde aufrechtzuerhalten, ist sich jeder bewußt, daß es an der Zeit ist,
nationale Sicherheit in einem weiteren Sinn zu
sehen.

baren Aktivposten mobilisierte: militärische, wirtschaftliche, psychologische, kulturelle (Siegesgärten),
die alle in den Dienst eines kohärenten nationalen
Ansatzes gestellt wurden, um den strategischen
Konflikt zu gewinnen.

Wir haben die unseres Erachtens erforderlichen
neuen Ansätze definiert und in drei Kategorien
eingeteilt: Militärische Sicherheit und Beibehaltung
der Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte, Wiederbelebung der Wirtschaft und die Förderung
tragfähiger Entwicklung. Meiner Meinung nach ist es
jedoch wichtig, daß wir zu verstehen versuchen, wie
sich der Kontext unserer nationalen Sicherheit
verändert hat. Oftmals verstehen wir die Welt mit
Hilfe von Metaphern. Und der Ausdruck nationale
Sicherheit ist eine Metapher, durch die wir die neuen
Bedrohungen in der neuen Welt zu begreifen versuchen. Es ist eine militärische Metapher.

Nachdem wir ein halbes Jahrhundert mit dieser
Metapher gelebt haben, kommt sie natürlich bei
unseren Bestrebungen zum Tragen, die Bedrohungen
der nationalen Sicherheit im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg neu zu beurteilen. Aber wie alle anderen Metaphern hat auch diese ihre Beschränkungen.
Sie geht implizit von einer externen, separaten
Bedrohung aus, auf die wir umfassend und energisch
reagieren. Einige der derzeit stattfindenden Veränderungen betreffen den Kontext, in dem wir den
Herausforderungen begegnen. Ich möchte nochmals
die eingangs aufgeführten drei Kategorien ansprechen - wirtschaftliche Wiederbelebung, militärische
Einsatzbereitschaft und tragfähige Entwicklung - und
zu illustrieren versuchen, was ich unter verändertem
Kontext verstehe.

Wissenschaft und Technologie haben ebenso zur
Schaffung vieler neuer Herausforderungen beigetragen wie sie uns bei der Suche nach vielen der
erforderlichen Lösungen unterstützen. Das galt zu
Beginn des Atomzeitalters und während des Kalten
Krieges ebenso wie heute. Während wir jedoch die
Natur der militärischen Metapher untersuchen, die
unsere Diskussionen über nationale Sicherheit im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg leitet, wäre es
hilfreich, einige der Aspekte der Metapher zu identifizieren, die den neuen Herausforderungen angemessen sind, sowie andere, bei denen das nicht der Fall
ist.
Zu Beginn des Atomzeitalters wurde offensichtlich,
daß eine neue wissenschaftliche Entdeckung der
Menschheit eine neue Macht verliehen hatte, um
diese alten Aktivitäten zu verfolgen. Unter einem
Atomkrieg verstand man daher etwas ganz anderes
als nur einen Krieg. Krieg ist eine uralte Gewohnheit
der menschlichen Zivilisation, aber durch die mit
Hilfe der Nuklearphysik hergestellten neuen Technologien wurden die Konsequenzen eines totalen
Krieges plötzlich verändert und erforderten somit ein
neues Nachdenken über diese uralte, jetzt aber
folgenschwere Gewohnheit.
Ein zweiter Aspekt der militärischen Metapher ist ihre
globale Dimension. Vor den Weltkriegen dieses
Jahrhunderts - dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten
Weltkrieg, dem Kalten Krieg - waren Kriege meistens
regional begrenzt, und die Militärhistoriker teilten
Konflikte gewöhnlich in drei Kategorien ein: Lokale
Konflikte, regionale oder kriegsschauplatzgebundene
Konflikte sowie strategische Konflikte mit globaler
Dimension. Strategisch wurde zur Bezeichnung für
einen Krieg, der die Existenz einer Nation betraf und
eine Antwort erforderte, die alle einer Nation verfüg-

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Wenn wir wirtschaftliche Wiederbelebung anstreben,
reicht es nicht aus, eine externe Bedrohung zu
identifizieren, auf die wir mit neuen Werkzeugen und
neuen Ansätzen reagieren können, um den Kampf
mit ihr zu gewinnen. Protektionisten definieren die
Welt der Wirtschaft über diese Metapher, was jedoch
vollkommen unzulänglich ist. Die Märkte sind heute
globaler Natur. Der Nutzen von Instrumenten nationaler Wirtschaftspolitik wird eingeschränkt durch die
Interaktion mit von anderen Nationalstaaten eingesetzten Instrumenten. Betrachten Sie sich beispielsweise die Kontrolle der Zinssätze, die früher fast
ausschließlich im Zuständigkeitsbereich nationaler
Politiker lag, jetzt jedoch von den Entscheidungen
beeinflußt wird, die morgen auf den Märkten von
London bis Singapur gefällt werden. Schauen Sie
sich die Unternehmen an, die früher im nationalen
Kontext definiert wurden, jetzt aber multinationaler
Natur sind.
Wenn wir uns um die Ankurbelung unserer Volkswirtschaft durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze
bemühen, müssen wir den Kampf in Betracht ziehen,
den jetzt alle Industrienationen in dem Bemühen um
die Schaffung neuer Arbeitsplätze führen. Und jeder
Versuch, einfach die neuen, durch die neue Wissenschaft entwickelten Technologien anzuwenden, um
verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen,
wird direkt zu einer Vielfalt von Komplikationen
führen.
Um einen Vergleich anzustellen: Die industrielle
Revolution führte zu einer drastischen Abnahme von
Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft, der Hauptbeschäftigungsquelle unserer Nation. Während eines

AMERIKA DIENST 14

�Zeitraums von 100 bis 130 Jahren führte die rückwirkende Anwendung der Früchte der industriellen
Revolution auf die landwirtschaftliche Arbeit zur
einem Ausbluten der Beschäftigungsmöglichkeiten in
der Landwirtschaft. Zu Zeiten des amerikanischen
Bürgerkriegs waren 50 Prozent der Arbeitsplätze in
der Landwirtschaft, jetzt sind es nur noch etwas über
2 Prozent.
Erneut nutzen wir die industrielle Revolution als
Metapher, um die Informationsrevolution zu verstehen. In mancherlei Hinsicht kann sie angewendet
werden, in anderer nicht. In diesem Zusammenhang
ist die Metapher aufschlußreich, denn ebenso wie
die Früchte der industriellen Revolution rückwirkend
auf die mechanisierte Landwirtschaft angewendet
wurden, die wiederum massive Verluste an Beschäftigungsmöglichkeiten auf den Bauernhöfen auslöste,
führen in ähnlicher Weise die Früchte der Informationsrevolution bei rückwirkender Anwendung auf
numerisch kontrollierte Maschinen, computergestützte Fertigung und die Automatisierung aller Fabrikprozesse zu einer schnellen Ausdünnung verschiedener Beschäftigungskategorien im Fertigungsbereich.
Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
arbeiteten 34 Prozent der arbeitenden Bevölkerung
Amerikas in der Fabrik. Heute, 50 Jahre später,
sind weniger als 17 Prozent der amerikanischen
Erwerbsbevölkerung in Fabriken beschäftigt. Um
nochmals die Metapher anzuwenden: Die industrielle Revolution führte nicht nur zum Verlust älterer
Arbeitsplätze, sondern schuf eine große Zahl neuer,
vorher unbekannter Arbeitsplätze. Auf dieselbe Art
und Weise eröffnet die Informationsrevolution,
obwohl sie zum Verlust vieler Arbeitsplätze in der
Fabrik führt, eine Vielzahl neuer Beschäftigungsmöglichkeiten, von deren Existenz wir noch vor 10
Jahren nichts wußten. Diese besondere Metapher
kann nicht angewendet werden, da die kurze Zeit
des Übergangs sich stark von der langen, die
industrielle Revolution begleitenden Anpassungszeit
unterscheidet.
Die Bestrebungen zur Anwendung von Wissenschaft
und Technologie auf unser strategisches Ziel einer
Wiederbelebung der Wirtschaft müssen die umfassenden Änderungen in Betracht ziehen, die eine
Begleiterscheinung wissenschaftlicher und technologischer Veränderungen sind. Wie stets sind mehr
Wissen, mehr Forschung und mehr Investitionen
besser und werden uns bei der Schaffung neuer
Arbeitsplätze, der Ankurbelung unserer Wirtschaft
und beim Umgang mit den Veränderungen helfen.
Eine rückwirkende Investition von Glaube und
Vertrauen bei diesem Ansatz kann an sich schon
kontraproduktiv sein, wenn wir nicht klug vorgehen.

AMERIKA DIENST 14

Aus diesem Grund sehen wir Ihren Empfehlungen für
den Umgang mit dieser besonderen Herausforderung
erwartungsvoll entgegen. Wir brauchen Ihre Hilfe,
um in Wissenschaft und Technologie die besten
Mittel und Wege zu prüfen, die uns bei der Erlangung
dieses strategischen Ziels helfen können, ohne daß
lediglich auf mehr Investitionen in Wissenschaft und
Technologie gedrängt wird. Wie sind die tiefergehenden Beziehungen?
Das zweite Ziel: Militärische Einsatzbereitschaft.
Wieder kommen wir zur üblichen Art des Umgangs
mit dieser Frage zurück und gehen davon aus,
Wissenschaft und Technologie sollten uns darin
bestätigen, daß wir an der Schnittstelle jeder neuen
Entwicklung stehen, die im militärischen Bereich
Anwendung finden kann - es sei denn, wir werden
davon überrumpelt. Gleichzeitig sollten sie uns über
Gegenmaßnahmen und defensive Schritte informieren, deren wir noch vor einem potentiellen Aggressor
gewahr werden müssen. Das muß getan werden.
Derzeit wird die Welt vom Gespenst der Morde in
Burundi heimgesucht, die allzusehr an die Frühstadien des schrecklichen Massakers im benachbarten Ruanda erinnern, und Wissenschaft und
Technologie können nur sehr wenig tun, die Streitkräfte für den Umgang mit diesem schrecklichen
Verlust an Menschenleben auszurüsten. Was hätten
wir in Somalia anders machen können? Welches
sind die neuen weltweiten Herausforderungen, auf die
das Militär reagieren muß?
Wir kommen wieder zu dem Gedanken zurück, daß
wir die größte Angst vor einer aggressiven Ideologie
haben, die einen Nationalstaat dazu führt, seine
Waffen gegen uns zu richten. Und ohne die Bedeutung dieser Bedrohung herabzuwürdigen, müssen wir
auch die Frage stellen: Wie können uns Wissenschaft und Technologie beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen helfen, die oftmals einen vielschichtigen Angriff auf die Integrität einer Gesellschaft
darstellen und zu einem schnellen Verfall und Abgleiten ins Chaos führen? Mir gefällt das Wort
"Chaos" nicht besonders, da es oft zur Beschreibung
der außenpolitischen Herausforderung verwendet
wird, für die Ruanda, Bosnien oder Somalia stehen.
Es steht jedoch außer Frage, daß das Wort angemessen ist, da es sich über die traditionelle, schrittweise, logische Analyse hinwegsetzt.
Es ist ein Symbol für einen Komplex von Problemen,
für deren Verständnis wir die Hilfe von Wissenschaft
und Technologie benötigen - mit komplexer Theorie,
dem Einsatz neuer analytischer Techniken, die uns
die Identifizierung dieser Herausforderungen gestatten, die für die Zukunft entscheidend sind. Und mit
einer Präventionsstrategie können wir uns mit den
Gründen für den Zusammenbruch der Gesellschaft

Seite 3

�befassen, bevor sie ein Stadium erreichen, bei dem
das Militär reagieren muß.
Während der harten Auswirkungen der industriellen
Revolution schrieb William Butler Yeats die berühmten Worte: "Dinge, die in der Mitte auseinanderfallen, können nicht halten. Bloße Anarchie machte
sich auf der Welt breit. Die blutige Flutwelle braust
heran, und überall wird die Unschuld ertränkt. Den
Besten ermangelt es an jeglicher Überzeugung,
während die Schlechtesten voll leidenschaftlicher
Intensität sind." Diese Worte scheinen anschaulich
einige der neuen Herausforderungen zu beschreiben, mit denen unser Militär jetzt manchmal konfrontiert wird.
Mit der dritten Herausforderung unter dem Titel
"nachhaltige Entwicklung" habe ich mich ziemlich
eingehend befaßt. Ich bin zu der Überzeugung
gelangt, daß das von uns als globaler Klimawandel
bezeichnete Problem, das jetzt in Berlin erörtert wird,
und das Problem des Verlusts von Arten in so
beispiellosem Tempo - beispiellos zumindest seit
dem Aussterben der Dinosaurier - der Verlust von
Regenwäldern, die Verschmutzung von Luft und
Wasser sowie andere Herausforderungen dieser
Größenordnung alle Symptome einer tief erliegenden
Krise im Kontext unserer Beziehungen zur Umwelt
sind.
Meines Erachtens hat während unseres
Lebens ein radikaler Wandel in diesen Beziehungen
aufgrund des Zusammenwirkens dreier Faktoren
stattgefunden. Einer dieser Faktoren ist die wissenschaftliche und technologische Revolution selbst.
Um wieder zur Methapher der Nuklearwaffen zurückzukommen - ebenso wie Nuklearwaffen die Konsequenzen eines totalen Krieges veränderten, haben
neue Instrumente zur Ausbeutung der Erde die
Konsequenzen einer totalen Ausbeutung verändert.
Fischen mit einem Angelhaken oder einem kleinen
Netz hat triviale Konsequenzen. Das Übertischen
der Ozeane mit über 60 Kilometer langen Treibnetzen und hochmodernem elektronischem Gerät
zur präzisen Lokalisierung der Fischschwärme hat
völlig andere Konsequenzen. Keine der neuen
Technologien zur Nutzung der Erde für den Lebensunterhalt ist auch nur entfernt so dramatisch wie
Nuklearwaffen, aber zusammengenommen haben
sie die Konsequenzen der totalen Ausbeutung
vollständig verändert.
Mein Freund Sherwood Rowland, der heute mit
seiner Frau Joan anwesend ist, hat vor zwei Jahrzehnten zusammen mit Mario Molina den Zusammenhang zwischen Fluorchlorkohlenwasserstoffen
und dem Abbau der stratosphärischen Ozonschicht
entdeckt.
Es gab enormen Widerstand gegen
Sherry Rowlands Behauptung, weil es den meisten -

Seite 4

selbst den Wissenschaftlern - unvorstellbar erschien,
daß die Verwendung einer neuen chemischen
Verbindung so gravierende Konsequenzen haben
könnte. Und dennoch - die Luft, die wir in diesem
Augenblick in diesem Auditorium bei jedem Atemzug
einatmen, enthält aufgrund der Fluorchlorkohlenwasserstoffe sechsmal soviele Chloratome wie vor 50
Jahren. Soweit wir wissen, beeinträchtigt dies unsere
Gesundheit nicht, aber wie Dr. Rowland ausführte,
stellt es eine strategische Bedrohung für die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt dar. Die
Beweise gaben Rowland natürlich recht, und dennoch
sehen wir uns jetzt mit ähnlichen Konsequenzen
konfrontiert, die man immer noch nicht wahrhaben
will. Eine in Berlin erneut geführte Debatte setzt sich
mit den Auswirkungen der raschen Ansammlung von
Treibhausgasen, vor allem C0 2 , aber auch Methan,
Stickoxiden und anderen Spurengasen auseinander.
Ich habe gesagt, es gibt drei Faktoren, die einen
radikalen Wandel in den Beziehungen zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem ökologischen
System der Erde bewirkt haben. Und die aus der
sich beschleunigenden wissenschaftlichen und
technologischen Revolution entstehenden neuen
Kräfte sind ein Faktor. Ich möchte kurz auf die
anderen beiden eingehen.
Der zweite Faktor ist die Bevölkerungsexplosion. Alle
10 Jahre nimmt die Weltbevölkerung entsprechend
der Einwohnerzahl Chinas zu. Das ist beispiellos und
brandneu. Es dauerte über 10.000 Generationen,
bevor wir gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine
Bevölkerung von 2 Milliarden Menschen erreichten.
Und in den 47 Jahren meines Lebens ist die Bevölkerung von etwas mehr als 2 Milliarden auf 5,5
Milliarden angestiegen. Wenn ich noch 47 Jahre
lebe, so Gott will, werden wir 9, vielleicht 10 Milliarden zählen. Wenn es 10.000 Generationen dauert,
um 2 Milliarden zu erreichen und dann die Dauer nur
eines Menschenlebens, um von 2 Milliarden auf 10
Milliarden hochzuschnellen, ist dies ein radikaler
Wandel.
Die dritte Ursache dieser veränderten Beziehungen
ist die heikelste, aber wichtigste - eine Änderung
unserer Denkweise im Zusammenhang mit dem
Modernismus, die viele dazu verleitet hat, die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger
Aktionen außer acht zu lassen. Ich gebe nicht vor zu
verstehen, warum dies geschehen ist, aber es wurde
vielfach kommentiert, und einige haben Ursachen
dafür angeführt.
Die Kartesianische Revolution brachte trotz all ihrer
Verdienste auch die implizite Annahme mit sich, daß
wir als Menschen getrennt von der Umwelt sind, in
der wir leben. Dies vermittelte viele nützliche Ein-

AMERIKA DIENST 14

»

�blicke, verschleierte aber auch einige grundlegende
Wahrheiten. Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß der
Anbruch des Nuklearzeitalters in geringerem Maße
zu einer gewissen fatalistischen Einstellung beitrug,
die ausschlaggebend für viele war, die stets mit der
Notwendigkeit kämpfen, die Zukunft zu berücksichtigen, wenn sie mit dem kollidiert, was wir in der
Gegenwart tun wollen. Und viele waren eher bereit,
die Zukunft außer acht zu lassen.
Um auf diese dritte Herausforderung unserer nationalen Sicherheit reagieren zu können, müssen wir
meines Erachtens alle drei miteinander in Verbindung stehenden Ursachen ansprechen. Wir müssen
Anstrengungen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung unternehmen, und unter der Führung von
Präsident Clinton haben die Vereinigten Staaten in
Kairo die Welt zur Formulierung eines neuen Konsenses geleitet, der vermehrte Machtbefugnisse für
Frauen, verbesserte Bildung und die Bekämpfung
des Analphabetentums, das Angebot kulturell
geeigneter Formen der Empfängnisverhütung sowie
die Behebung der Kindersterblichkeit betont, um den
Eltern das Vertrauen zu vermitteln, daß ihre Kinder
überleben werden und sie so von der Entscheidung
zu einer kleineren Familie überzeugen zu können.
Zweitens benötigen wir Ihre Hilfe beim Verständnis,
wie Wissenschaft und Technologie uns bei der
Beschleunigung der Entwicklung neuer Ansätze zur
Ausbeutung der Erde für den Lebensunterhalt förderlich sein können, die nicht dieselben Konsequenzen
für die gefährdeten Teile des Ökosystems der Erde
wie die Atmosphäre haben, aber nicht nur auf diese
begrenzt sind. Und wir benötigen Ihre Hilfe, damit
wir nicht wieder dem Irrglauben verfallen, es gäbe
eine technologische Patentlösung für dieses Problem. Das wäre nicht Teil der Lösung, sondern
würde noch größere Probleme verursachen. Aber
Wissenschaft und Technologie müssen eine absolut
entscheidende Rolle spielen. Wir müssen jedoch
auch diesen dritten Faktor ansprechen - unsere
Sichtweise bezüglich unserer Beziehungen zur Erde

*

AMERIKA DIENST 14

und den Kontext, in dem wir alle unsere Ziele verfolgen: den politischen, sozialen und kulturellen
sowie den umweltpolitischen Kontext.
Wir benötigen Ihren spezifischen Rat zu Maßnahmen,
die Sie in den Unterlagen erläutert finden, die die
Administration Ihnen und dem Kongreß zur kooperativen Verringerung der Bedrohung, Sicherheit von
Nuklearwaffen, zu spezifischen Programmen wie der
Initiative Korallenriff und unserem Aktionsplan zum
Klimawandel vorlegt. Vor allem benötigen wir jedoch
Ihre Hilfe beim Verständnis des von uns zu wählenden Ansatzes.
Der große Wissenschaftler Archimedes machte die
berühmte Äußerung: "Gebt mir einen Platz, an dem
ich stehen kann, und ich werde die Erde bewegen."
Er wurde vor die Herausforderung gestellt, seine
Worte in die Tat umzusetzen, und den Historikern
zufolge gelang es ihm mit Hilfe eines Flaschenzugs
und Rollen,ein Schiff der syrakusischen Flotte aus
dem Wasser an den Strand zu ziehen. Bei der
Erörterung der Beziehungen von Wissenschaft und
Technologie zur nationalen Sicherheit müssen wir
heute als kooperatives Team operieren, das versucht,
"die Erde zu bewegen" - und zwar zu Freiheit,
Gerechtigkeit, Chancen und nachhaltiger Entwicklung.
Um Erfolg zu haben, müssen wir gemeinsam vorgehen und bei unseren Bestrebungen von einem klaren
Gefühl für die moralische Dimension geleitet sein, die
diesem Kampf ein Gefühl der Dringlichkeit verleiten
sollte.
Viele haben das deutliche Gefühl, daß wir in einer
Zeit leben, in der die von uns beobachteten Veränderungen sich so schnell vollziehen, daß sich die
Fehlerquote verringert und die Notwendigkeit für neue
Antworten verbessert. Aus eben diesem Grund hat
Präsident Clinton Sie alle aufgefordert, soviel Zeit und
Mühe in diese Konferenz zu investieren. Wir sehen
Ihrem Rat und Ihren Empfehlungen erwartungsvoll
entgegen und sind Ihnen für Ihre Teilnahme außerordentlich dankbar.

* * *

*

Seite 5

�TAG

DER

ERDE
12. April 1995

Collegestudenten werben für den 25. Tag der Erde
Neue Umweltschutzgesetzgebung
WASHINGTON - (AD) - Ebenso wie ihre rund 100
Kommilitonen stellten auch Celina Smith und Bion
Curtis Bartning ein Exponat zum Thema Umwelt aus.
Ihres erläuterte, warum fossile Brennstoffe höher
besteuert werden sollten.

nische Führung sehe sich Angriffen ausgesetzt, so
Vento.

"Wenn wir den Verbrauch von fossilen Brennstoffen
reduzieren, könnten wir die Energieeffizienz verbessern und den Schaden für unsere Umwelt verringern", stellt Smith, 21, anläßlich der Vorbereitungen
zum 25jährigen Bestehen des Tags der Erde am
22. April 1995 fest. Sie studiert im 4. Semester
Geologie am Occidental College in Los Angeles.

Die neue republikanische Mehrheit im Kongreß
erklärt, sie habe von den Wählern im November ein
Mandat zur drastischen Reduzierung der Last von
Umweltgesetzen und Bestimmungen erhalten. Die
Unternehmen trügen eine enorme Bürde bei der
Übernahme der Kosten von häufig unnötigen Vorschriften zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, die
zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, argumentiert
die Mehrheit im Kongreß.

Bartning, 22, Student der Wirtschaftswissenschaften
im 8. Semester am Occidental, meint, er sei ein
politischer Realist. Er ist sich bewußt, daß es in
Washington eine massive Lobby gegen weitere
Steuern gibt und argumentiert, jede Erhöhung der

Energiesteuer könnte durch eine Verringerung des
Energieverbrauchs ausgeglichen werden.
Alle Vertreter von Campus Green Vote, dem Organisator der Veranstaltung vom 1. bis 3. April in einem
Bürogebäude des Repräsentantenhauses, schienen
sich der Tatsache bewußt, daß die Sache stärkeren
Angriffen ausgesetzt war als je zuvor, seit der Tag
der Erde vor 25 Jahren zum ersten Mal gefeiert
wurde und die moderne Umweltbewegung ins Leben
rief.
Chris Fox, Leiter der Organisation, forderte die über
120 Studenten aus 40 Colleges auf, noch härter zu
arbeiten, damit sich die jungen Menschen für den
politischen Prozeß engagieren.

"Wir müssen zurückschlagen, wir müssen uns wehren", sagte er unter donnerndem Applaus.

Gesetzesvorlagen wie die Verhängung eines vorläufigen Moratoriums für den Erlaß neuer Umweltbestimmungen, eine künftigen Umweltgesetzen vorauszuschickende Kosten-Nutzen-Analyse
sowie
Entschädigungen für Grundbesitzer, wenn diese ihr
Land aus Gründen des Umweltschutzes nicht erschließen dürfen, wurden vom Repräsentantenhaus
verabschiedet und liegen dem Senat zur Prüfung vor.
Man erwartet, daß im Vorfeld des Tags der Erde und
an diesem Tag selbst Tausende von Veranstaltungen
unter Beteiligung von Millionen Menschen stattfinden.
Earth Day USA, eine der Organisationen, die für
Tausende an diesen Feierlichkeiten teilnehmende
lokale nichtstaatliche Organisationen und Schulen als
Clearinghaus für Informationen dient, beschäftigt sich
mit den Vorgängen im Kongreß.

Er warnte ungenannte Politiker, die studentischen
Umweltschützer würden zu einem entscheidenden
Teil der amerikanischen Wählerschaft. "Studenten
kommen vom Recyclingcontainer zur Wahlurne",
stellte er fest.

Laut Bruce Anderson, Präsident von Earth Day USA,
besteht der Wunsch nach einer kleineren, weniger
aktivistischen Regierung sowie nach größerer Betonung der Verantwortung des einzelnen und der
Zusammenarbeit.
Dies sei "der angemessene
Schwerpunkt für Earth Day 1995".

Bruce Vento, Mitglied des Repräsentantenhauses,
äu ßerte an einem sonnigen Frühlingstag der Gruppe
gegenüber, im Kongreß "ist es nicht angenehm".
Die für den Schutz der Umwelt eintretende amerika-

Zu den von verschiedenen Gemeinden durchgeführten Programmen gehören ein "Energiefasten", das
den Energiebedarf auf ein Minimum reduziert, ein
"Marsch für die Parks" zur Aufbringung von Geldern

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�für den Kauf und die Pflege von Parkgelände, ein
Konzert auf der Mall in Washington, die Konzentration auf erneuerbare Energiequellen wie die
Sonne sowie eine Parade für den Planeten in New
York mit gigantischen Flaggen aus Deutschland,
Rußland und Kanada, auf denen die Erde abgebildet
ist.
Innerhalb der Umweltbewegung gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie der 25. Tag der Erde
begangen werden sollte. Earth Day USA geht
vornehmlich auf die Initiative von Anderson und
Gaylord Nelson zurück, die 1970 die ersten Feiern
organisierten. Sie beschlossen, daß die zur Ausweitung der Aktivitäten erforderlichen Fonds durch

*

Seite 2

Sponsoren aus der Industrie bereitgestellt werden
sollten.
Andere Umweltschutzgruppen weigerten sich jedoch,
Geld von Unternehmen anzunehmen und schufen ein
eigenes Netz, um Organisationen vor Ort bei der
Planung ihrer eigenen Veranstaltungen zu helfen. Es
scheint aber zwischen allen Gruppen auf lokaler
Ebene viel Zusammenarbeit zu geben.
Auch die Clinton-Administration hat umfassende
Pläne für den Tag der Erde. Sie veranstaltet ein
Aufklärungsprogramm über Umweltfragen für die
Öffentlichkeit unter dem Namen Project Earthlink.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NVV&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Kein Einsatz von Nuklearwaffen gegen Nichtatomwaffenstaaten des NVV&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten, Außenministers und Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NVV sollte Bestandteil des internationalen Sicherheitssystems sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die entscheidende Rolle der Wissenschaft bei der Lösung von Umweltproblemen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Collegestudenten werben für den 25. Tag der Erde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Umweltschutzgesetzgebung&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

5. April 1995

13

NATO

DIE ERWEITERUNG DER NATO
von Verteidigungsminister William Perry

KLIMAKONFERENZ

BEWÄLTIGUNG DES KLIMA WANDELS IST
GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG
von Timothy E. Wirth

DAS PROGRAMM DER CLINTONADMINISTRATION
Maßnahmen zum Klimawandel

ROOSEVELT

FRANKLIN DELANO ROOSEVELT
Zum 50. Todestag des
32. amerikanischen Präsidenten

TAG DER ERDE

DIE MENSCHLICHE UMWELT UND
GLOBALE POLITISCHE ANPASSUNG
von Thomas W. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
5. April 1995

Die Erweiterung der NATO
von Verteidigungsminister William Perry
WASHINGTON - (AD) - Beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats im Dezember vergangenen Jahres
bekräftigten die Außenminister der NATO-Mitgliedstaaten die beim Gipfel im Januar getroffene Entscheidung über eine Erweiterung der NATO und
verabschiedeten eine amerikanische Initiative,
"innerhalb des Bündnisses einen Prüfungsprozeß
einzuleiten, um das "Wie" einer NATO-Erweiterung,
die Leitlinien dieses Prozesses und Implikationen der
Mitgliedschaft festzusetzen".
Bei ihrem Treffen im Dezember 1994 äußerten die
NATO-Verteidigungsminister im Tenor der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung, sie würden
einen vollen Beitrag zu dem Prüfungsprozeß leisten.
In Anerkennung der Schlüsselrolle der Partnerschaft
für den Frieden (PFP) bei der NATO-Erweiterung
wird diese Prüfung eine Beurteilung des möglichen
Beitrags der Partnerschaft zu diesem Prozeß beinhalten. Die Minister des Nordatlantikrats stimmten
zu, interessierten Partnern vor dem für Dezember
1995 in Brüssel anberaumten nächsten Treffen des
Nordatlantikrats die Ergebnisse dieser Verhandlungen vorzulegen.
Kriterien
Während der zur Entscheidung des Nordatlantikrats
führenden Diskussionen äußerte die Verbündeten
ernste Zweifel daran, ob es sinnvoll sei, explizite
Kriterien für eine Aufnahme in die NATO aufzustellen. Die Vereinigten Staaten teilen diese Bedenken.
Die Festsetzung starrer und detaillierter Kriterien
könnte im Falle einer Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu Mißverständnissen und Beschuldigungen zwischen den NATO-Mitgliedstaaten und
enttäuschten Kandidaten führen. Dies könnte das
Bündnis in die schwierige Lage versetzen, explizite
öffentliche Urteile über die Eignung anderer Nationen auf so heiklen Gebieten wie ihrem Engagement
für Demokratie und freie Marktwirtschaft zu fällen.
Im Grunde ist die Entscheidung über die Aufnahme
neuer Mitglieder politischer Natur.
Die NATOMitgliedstaaten vereinbaren, daß ein bewaffneter
Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen als ein
Angriff gegen sie alle angesehen wird - eine Ver-

AMERIKA DIENST 13

pflichtung mit tiefgreifenden möglichen Implikationen
für eine Nation. Vor diesem Hintergrund einigten sich
die Minister des Nordatlantikrats, über eine Erweiterung - wenn sie stattfindet - von Fall zu Fall zu
entscheiden.
Ferner sollte man sich vor Augen führen, daß die
Aufnahme neuer Mitglieder der Zustimmung aller
derzeit 16 Mitgliedstaaten sowie in den meisten
Fällen der Parlamente bedarf. Natürlich steht es dem
Parlament jedes Mitgliedstaats frei, alle Kriterien
anzulegen, die ihm angemessen erscheinen. Unter
unserem Verfassungssystem kann die Exekutive bei
Konsultationen des Bündnisses keine Kriterien
festsetzen, die für die Entscheidung des Senats
verbindlich wären, die Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu empfehlen und dieser zuzustimmen.
Obwohl Bedenken darüber bestehen, ob die Aufstellung expliziter oder starrer Kriterien wünschenswert sei, wird auch deutlich, daß Entscheidungen
über eine Mitgliedschaft nicht in einem Vakuum
getroffen werden. Außenminister Christopher erläuterte die Haltung der Vereinigten Staaten zu einer
Erweiterung, als er dem Nordatlantikrat mitteilte:
"Jede Nation sollte individuell betrachtet werden.
Kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht
gegenüber einem anderen haben. Aus unserer Sicht
gibt es jedoch im Washingtoner Vertrag niedergelegte
bestimmte grundlegende Anforderungen für die
Mitgliedschaft. Neue Mitglieder müssen marktwirtschaftliche Demokratien und einer verantwortlichen
Sicherheitspolitik verpflichtet sein sowie einen Beitrag
zum Bündnis leisten."
Im Kommunique der Ministertagung des Nordatlantikrats heißt es: "Alle neuen Mitglieder der NATO
werden Vollmitglieder der Allianz sein, die die Rechte
genießen und alle Verpflichtungen aus der Mitgliedschaft übernehmen." Darüber hinaus waren sich die
Minister "einig, daß die Erweiterung die Effizienz der
Allianz stärken, zu Stabilität und Sicherheit des
gesamten euroatlantischen Gebiets beitragen und
unser Ziel der Wahrung eines ungeteilten Europas
fördern sollte. Sie sollte in einer Weise erfolgen, daß
die Fähigkeit der Allianz zur Durchführung ihrer

Seite 1

�Kernfunktionen der kollektiven Verteidigung sowie
zur Durchführung friedenserhaltender und anderer
neuer Aufgaben erhalten bleibt...". Ferner riefen sie
die Präambel des Washingtoner Vertrags in Erinnerung:
"Die Parteien dieses Vertrags bekräftigen
erneut ihren Glauben an die Ziele und Grundsätze der Satzung der Vereinten Nationen und
ihren Wunsch, mit allen Völkern und allen
Regierungen in Frieden zu leben. Sie sind
entschlossen, die Freiheit, das gemeinsame
Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die auf
den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit
der Person und der Herrschaft des Rechts
beruhen, zu gewährleisten. Sie sind bestrebt,
die innere Festigkeit und das Wohlergehen im
nordatlantischen Gebiet zu fördern. Sie sind
entschlossen, ihre Bemühungen für die gemeinsame Verteidigung und für die Erhaltung
des Friedens und der Sicherheit zu vereinigen."
Kooperation und Interoperabilität: Der Weg der
PFP
Zusätzlich zur Beurteilung der Kriterienfrage wurde
auf der Konferenz die Forderung geäußert, dieser
Bericht solle Maßnahmen ansprechen, um die
vollständige militärische Kooperation und Interoperabilität potentieller neuer Mitglieder zu gewährleisten. Das Bündnis befaßt sich mit diesen Angelegenheiten im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden, einzelne Mitgliedstaaten durch bilaterale
Programme.
In der Vergangenheit wurden in
einigen Kreisen die PFP und die NATO-Erweiterung
als Alternativen angesehen, und das energische
Streben eines Mitgliedsstaats als Verunglimpfung
des anderen betrachtet. Dies ist nicht der Fall - eine
starke PFP und die NATO-Erweiterung müssen und
werden sich gegenseitig verstärken.
Zur Zeit gibt es 25 Mitgliedstaaten der Partnerschaft
für den Frieden: alle mitteleuropäischen Staaten,
das Baltikum, Schweden, Finnland und Österreich,
alle ehemaligen Sowjetrepubliken mit Ausnahme
Tadschikistans, plus Slowenien und Albanien. Kein
Partner erhält eine Garantie auf die Mitgliedschaft
oder wird a priori ausgeschlossen.
Realistisch
gesehen streben nicht alle Partner eine frühe Mitgliedschaft im Bündnis an oder können deren
Erfordernisse erfüllen. Für sie wird die PFP eine
unschätzbare und dauerhafte Rolle spielen, indem
sie eine enge Verbindung zum Bündnis herstellt und
konkrete Beweise der Sorge der NATO um ihre
Sicherheit liefert. Für die Partner, die schließlich der
NATO beitreten, wird die PFP jedoch der Weg ur
Mitgliedschaft im Bündnis sein. Die NATO stärkt zur

Seite 2

Zeit die PFP, damit sie ihrer Rolle als fester Bestandteil der europäischen Sicherheit gerecht werden
kann. Bei den jüngsten Mi niste rtreffen leitete die
NATO einen PFP-Verteidigungsplanungsprozeß in die
Wege und verabschiedete ein äußerst ehrgeiziges
Programm für Manöver im Jahr 1995. Ziel dieser
beiden Bestrebungen ist die Vertiefung der Zusammenarbeit der NATO mit ihren neuen Partnern im
militärischen Bereich und die Verbesserung der
Fähigkeit der Partner-Streitkräfte zu gemeinsamen
Operationen mit denen der NATO. Diese Bestrebungen sind für alle Partner wichtig, die sich an multinationalen Operationen mit Verbündeten beteiligen
könnten und werden sich bei der Vorbereitung von
Ländern mit einem Interesse an der NATO-Mitgliedschaft auf die Herausforderung der Vollmitgliedschaft
im Bündnis als unschätzbar erweisen.
Wir ergänzen diese Bestrebungen durch bilaterale
Hilfsprogramme.
Bestehende Ausbildungs- und
Austauschprogramme werden bereits zunehmend auf
die Unterstützung der PFP-Ziele zugeschnitten.
Darüber hinaus wenden wir im Haushaltsjahr 1995 30
Millionen Dollar zur Unterstützung von Übungen und
anderen Programmen mit Partnernationen auf. Im
Haushaltsjahr 1996 hat die Administration 100
Millionen Dollar an bilateraler Hilfe zur Förderung der
Ziele der PFP beantragt. Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung ähnlicher Hilfsleistungen
auf. Wir sind uns bewußt, daß die Hauptfinanzierungsverpflichtung bei den Partnern liegt und unsere
NATO-Partner für den Erfolg des Programms ebenfalls ihren Beitrag leisten müssen.
Militärische Implikationen der Erweiterung
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Erweiterung sind
die Implikationen für die kollektive Verteidigung.
Beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister im
Dezember 1994 begrüßte der Verteidigungsplanungsausschuß (Defense Planning Committee - DPC)
offiziell die Entscheidung der Außenminister, einen
Prüfungsprozeß über das "Wie" der NATO-Erweiterung in die Wege zu leiten. Der DPC stellte auch
eindeutig klar: "Als Verteidigungsminister werden wir
uneingeschränkt zu diesem Prozeß beitragen, der
Implikationen für unsere kollektiven Verteidigungsarrangements haben wird, insbesondere für den
Verteidigungsplanungsprozeß und die integrierte
militärische Struktur. Aus diesem Grund haben wir
auf Anraten der NATO-Militärbehörden unsere
Ständigen Vertreter eingeladen um sicherzustellen,
daß diese Implikationen als Beitrag zur Arbeit des
Nordatlantikrats zu diesem Thema angesprochen
werden."
Die Hauptnotwendigkeit besteht in der Gewährleistung, daß die militärischen Fähigkeiten des Bündnis-

AMERIKA DIENST 13

�ses nach der Erweiterung erhalten bleiben. Die
verteidigungspolitischen Anforderungen der Erweiterung sind ziemlich anspruchsvoll und werfen eine
Reihe komplexer Fragen auf. Beispielsweise muß
eine erweiterte NATO sich mit der Notwendigkeit
auseinandersetzen, auch ihren Verteidigungsplanungsprozeß zu erweitern, um mit den Verfahren
des Bündnisses nicht vertraute Mitglieder einzubeziehen. Die NATO muß auch die Ressourcenerfordernisse eines größeren Bündnisses ausmachen und vielleicht in etwas kritischerer Weise Mittel
zur Erfüllung dieser Erfordernisse in einer Zeit
sondieren, in der die Verteidigungshaushalte aller
NATO-Mitgliedstaaten gekürzt werden.
Neue
Mitglieder müssen einen Beitrag zu den Sicherheitserfordernissen des Bündnisses leisten und nicht nur
nehmen wollen.
Die Notwendigkeit für Standardisierung und Interoperabilität stellt eine weitere Herausforderung dar,
die bewältigt werden muß, wenn das Bündnis militärisch effektive Streitkräfte beibehalten will. Die
NATO hat buchstäblich Hunderte von Standardisierungsabkommen, die sich mit Doktrin, Gerät, Verfahren und Beschaffung befassen, denen sich ein
neues Mitglied anpassen muß. Die Erweiterung wird
auch das komplexe Thema der Führungs- und Streitkräftestruktur aufwerfen. Wenn sich die NATO als
verantwortlich für die Verteidigung mehrerer neuer

*

AMERIKA DIENST 13

*

Mitglieder erachtet, muß sie die entsprechenden
Veränderungen ihres Streitkräfte-Einsatzkonzepts und
ihrer Doktrin vornehmen. Welche praktischen Vorschläge sollten wir in dieser Hinsicht unterbreiten?
Die Beantwortung dieser Frage bedarf eingehender
Studien und beträchtlicher Anstrengungen.
Schlußbemerkung
Die Entscheidung des Nordatlantikrats, eine Prüfung
der Erweiterungsfrage zu initiieren, war eine beträchtliche Leistung der amerikanischen Politik.
Zusammen mit unseren Verbündeten bemühen wir
uns um Klärung der angeschnittenen komplexen und
heiklen Fragen. Alle stimmen überein, daß die
NATO-Erweiterung stattfinden wird und diese Erweiterung in einer Art und Weise erfolgen muß, die die
Sicherheit Europas insgesamt verbessert und neue
Teilungen verhindert. Zu diesem Zweck verfolgen die
Vereinigten Staaten bei der NATO vehement den
Dialog über die Erweiterung und werden sicherstellen, daß die NATO die damit verbundenen komplexen Themen an die Öffentlichkeit bringt. Die
Vereinigten Staaten sind ferner zu der Gewährleistung entschlossen, daß die NATO ihre ehrgeizige
und anspruchsvolle Verpflichtung im Nordatlantikrat
erfüllt, interessierten Partnern die Ergebnisse dieser
Erörterungen vordem Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.

* *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Bewältigung des Klimawandels ist größte
Herausforderung
von Timothy E. Wirth
Nachfolgend veröffentlichen wir einen im Zusammenhang mit der Berliner Klimakonferenz verfaßten Artikel des
Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth.

Während die entscheidende zweite Woche der
Berliner Klimakonferenz beginnt, nimmt der Druck
auf alle Nationen zu, eine Bestandsaufnahme der
Fortschritte zur Verhinderung beispielloser Klimaveränderungen vorzunehmen sowie entschieden und
verantwortungsbewußt zu handeln.
Diejenigen, die über die unterschiedlichen Meinungen, mühseligen Verhandlungen, unterschiedlichen
Einstellungen, Verzögerungen und das Spektakel
einer Zusammenkunft wie dieser lamentieren,
fordere ich auf, ebenfalls Bilanz zu ziehen. Gemeinsam müssen wir unsere Erwartungen beurteilen und
sie in Einklang mit der Realität bringen.
Es steht außer Frage, daß die Bewältigung des
globalen Klimawandels eine der größten - wenn
nicht die größte - Herausforderung ist, die je von
der internationalen Staatengemeinschaft angegangen wurde. Sie betrifft so schwierige Themen wie
Wirtschaftswachstum, Lebensqualität, Verkehrswesen, Energie und Landwirtschaft - und die zugrundeliegenden Probleme sind mindestens so komplex
wie die letzte Runde der globalen Handelsgespräche, die sich über zehn Jahre hinzog.
Es steht ebenfalls außer Frage, daß in bezug auf die
Umwelt - und den Planeten - sehr viel auf dem Spiel
steht. Das Ansteigen der Meeresspiegel, veränderte
Witterungsbedingungen, vermehrter Niederschlag,
heftigere Stürme, Belastung der Landwirtschaft - das
sind die Risiken.
Ebenso wie wir der Öffentlichkeit die äußerst wichtigen Beweise besser erklären müssen, die Wissenschaftler erbringen, müssen wir auch kollektiv
bessere Arbeit leisten, um eine Formulierung genauer zu erläutern, die Experten bei der Klimakonferenz
ständig verwenden - "nachhaltige Entwicklung".

AMERIKA DIENST 13

Nachhaltige Entwicklung bedeutet im wesentlichen,
daß die Volkswirtschaften der Welt die Bedürfnisse
der heutigen Generation ohne Gefährdung oder
Benachteiligung künftiger Generationen erfüllen
sollten. Verstanden und umgesetzt ist dies ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und ökologische Systeme sich gegenseitig verstärken. Ökologische Systeme bilden die entscheidende
Grundlage der modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft, bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Von unserem ökologischen
Kapital zu leben, ist langfristig eine ruinöse Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten
Völker und Nationen nach einer Verbesserung ihrer
Lebensqualität durch Wirtschaftswachstum, wissenschaftliche und technologische Fortschritte, die
wiederum die unabdingbaren Bausteine des Umweltschutzes sein können.
Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die weitverbreitete Sorge der Welt,
der Schutz der Umwelt liefe den Wirtschaftsinteressen zuwider. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden und
vollständig von ihr abhängig ist.
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach bemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände
oder Getreideähren zählt. Es umfaßt auch komplexe
ökologische Systeme, die Abfälle filtern, Böden
regenerieren und die Trinkwasservorräte wiederauffüllen. Diese Systeme, die wir zu spät verstanden
haben, bilden die Grundlage des Lebens auf der
Erde. Die Zerstörung der Ozonschicht, das Aussterben der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache,
daß die Ökosysteme unseres Planeten großen
Belastungen ausgesetzt sind.

Seite 1

�Die globale Sicherheit ist untrennbar mit diesen
Trends verbunden. Die Sicherheit unserer Welt
hängt davon ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Zahl der Menschen
und der lebenserhaltenden Fähigkeit des Planeten
herstellen können.
Dies ist das Ziel von Präsident Clintons Bestrebungen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt. In nur zwei Jahren hat er die Vereinigten Staaten in eine gestärkte Partnerschaft mit
der internationalen Staatengemeinschaft geführt, um
die Vorteile tragfähiger Entwicklung zu realisieren insbesondere bei der Klimafrage. Vergangen sind
die Tage, an denen die Vereinigten Staaten das
Problem leugneten oder sich weigerten, die Zusage
einer Reduzierung der Emissionen bis zum Jahr
2000 auf das Niveau von 1990 zu geben. Präsident
Clinton und Vizepräsident Gore haben dies geändert. Die Vereinigten Staaten haben jetzt einen
Plan mit über 50 Maßnahmen zur Verringerung der
Treibhausgasemissionen vorliegen. Und eine Reihe
von uns unternommener Schritte übertrafen unsere
Erwartungen. Präsident Clinton hat den Kurs der
staatlichen Investitionen der Vereinigten Staaten in
die Energiewirtschaft und andere Umwelttechnologien grundlegend - unvorstellbar - geändert. Diese
Aktionen und Investitionen in Höhe von Millionen - in
der Tat Milliarden - Dollar werden enorme Dividenden für die Reduzierung künftiger Treibhausgasemissionen bringen.
Hier in Berlin haben wir die Chance und Pflicht, uns
durch die Vielzahl von Positionen einzelner Regierungen zu arbeiten, um ein Mandat zur Genehmigung neuer Verhandlungen über die Bewältigung der
Herausforderung zu formulieren, das globale Klima
im nächsten Jahrhundert zu schützen.
Nach Ansicht meiner Regierung sollte das "Berliner
Mandat"
ein neues Ziel als Leitlinie für die nationalen
Bestrebungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
fordern,
durch genaue Analysen die Bandbreite konkreter
Maßnahmen zur Erlangung dieses neuen Ziels
definieren,
den Einfallsreichtum nichtstaatlicher Organisationen sowie des Privatsektors besser nutzen, um
Fortschritte zum obersten Ziel der Konvention der Stabilisierung der Atmosphäre - zu fördern
sowie
noch vor 1997 Einigkeit über die nächsten Schritte erzielen.

Seite 2

Bei unseren nächsten Schritten müssen wir meines
Erachtens eine zweite Priorität setzen: Das Sondieren von Möglichkeiten für gemeinsame Aktionen zur
Erreichung aller für die Zeit nach dem Jahr 2000
gesteckten Ziele.
Aus unserer Sicht könnten zur Annäherung an das
"Ziel" verschiedene gemeinsame Aktionen durchgeführt werden. Sie könnten die Form vereinbarter
Verfahren zur Untersuchung der Möglichkeiten für
Emissionsreduzierungen entsprechend nationalen
Gegebenheiten annehmen, unter der einzigen Voraussetzung, daß diese Möglichkeit in Betracht
gezogen und darüber berichtet wird.
Ferner sollten wir sowohl breitgefächerte als auch
spezifische technologische Initiativen prüfen, darunter
Anreize oder Abschreckungsmittel, umweltfreundlichere Technologien auf den Markt zu bringen, Technologien mit höheren Emissionswerten vom Markt zu
verdrängen und existierende, diesen Zielen zuwiderlaufende Maßnahmen abzubauen. Im Hinblick auf
zukünftige Emissionsszenarien ist offenkundig, daß
alle Nationen neue Technologien zur Realisierung
wirtschaftlicher und emissionspolitischer Ziele einsetzen müssen. Technologie ist ein vielversprechender Kandidat für internationale Zusammenarbeit.
In Anerkennung unserer gemeinsamen, aber differenzierten Pflichten vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß alle Nationen bei den nächsten
Schritten im Rahmen der Konvention eine Rolle
spielen müssen. Wie Vizepräsident AI Gore vor
kurzem in einer Rede äußerte, möchten wir, "daß
sich die Entwicklungsländer mit uns an den Verhandlungstisch setzen, so daß wir zusammen diese
gemeinsamen aber differenzierten Pflichten für die
Zeit nach dem Jahr 2000 definieren können. Wir
können und wollen nicht die Entwicklungsländer für
dieses Problem verantwortlich machen - das wäre
ziemlich ironisch und noch zynischer. Aber sie
müssen uns als Partner zur Seite stehen, nicht damit
wir alleine weniger, sondern damit wir gemeinsam
mehr tun können - durch Handel, technologische
Zusammenarbeit und ein breites Spektrum von
Strategien, die Vorteile für alle Nationen bieten."
Diese vier Prioritäten stellen eine Herausforderung für
künftige Aktionen dar. Praktisch alle Nationen sind
sich einig, daß die derzeitigen Bestrebungen zur
Erfüllung der vor uns liegenden Aufgabe nicht ausreichen. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, der
Versuchung zu erliegen und alle Hoffnungen auf die
bei der Erforschung des globalen Klimawandels
verbleibenden Unsicherheiten zu setzen. Der Rest
an Unsicherheit ist keine Rechtfertigung für Gleichgültigkeit. Die wissenschaftliche Grundlage ist eindeutig:
Die weitere Zunahme von Treibhausgasen wird

AMERIKA DIENST 13

�unweigerlich einen Klimawandel mit beträchtlichen
Konsequenzen für unseren Planeten herbeiführen.
Wir können es uns nicht leisten, abzuwarten.
In Anbetracht dessen, was Deutschland zur Förderung nachhaltiger Entwicklung unternommen hat, ist
es nur allzu angebracht, daß diese Konferenz in
Deutschland stattfindet. Wir sind uns bewußt, daß
die Veranstaltung dieser Konferenz sowohl Belastungen als auch Chancen beinhaltet. Die Führungsrolle
Deutschlands ist erforderlich, um Einigung über ein
"Berliner Mandat" zu erzielen, das von seinem
Umfang her der großen Herausforderung des Klimawandels entspricht. Die Vereinigten Staaten werden
alles in ihrer Macht Stehende tun, um bei dieser

*

AMERIKA DIENST 13

historischen Aufgabe mit der Bundesregierung
zusammenzuarbeiten. Die Berliner Klimakonferenz
kann dieses Problem nicht vollständig für künftige
Generationen lösen. Wir können jedoch entschlossen und verantwortungsbewußt die Entscheidung
fällen, unser nationales Engagement zur Reduzierung
von Emissionen fortzusetzen. Einigen mag das
Tempo der Fortschritte langsam erscheinen, aber im
Vergleich zu früheren internationalen Herausforderungen und angesichts der Geschichte dieses Problems
wurden bereits beträchtliche Fortschritte erzielt. Wir
dürfen nicht zulassen, daß Zyniker, Obstruktionspolitiker oder Überängstliche dem nächsten Schritt zu
einer umweltverträglichen Zukunft im Wege stehen.

* * * *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Das Programm der Clinton-Administration
Maßnahmen zum Klimawandel
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration verpflichtet sich uneingeschränkt zur Bewältigung der
Herausforderungen des Klimawandels mittels kostengünstiger Maßnahmen, die gleichermaßen der Umwelt wie
der Wirtschaft zugute kommen. Die Administration unterstützt Maßnahmen, die eine Reduzierung des durch
die Klimaveränderungen entstandenen Risikos gewährleisten. Unser Ansatz stützt sich auf drei Pfeiler.
Erstens gründen sich unsere Maßnahmen auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir sind der festen
Überzeugung, daß die Maßnahmen auf gängige wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt sein sollten, nicht auf
die Ansichten von Skeptikern oder Panikmachern. Zweitens basieren unsere Maßnahmen auf Partnerschaften
mit der Privatwirtschaft und nichtstaatlichen Organisationen. Dieses Thema muß in enger Zusammenarbeit
mit allen Unparteiischen erörtert werden. Und schließlich sind wir der Auffassung, daß der Klimawandel
internationale Lösungen erfordert. Der Klimawandel ist ein globales Problem und muß von der internationalen
Staatengemeinschaft angesprochen werden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Vereinigten stützen ihre Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels auf die Schlußfolgerungen
der Zwischensstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (Intergovernmental Panel on Climate
Change - IPCC), die einen maßgeblichen internationalen Konsens über die wissenschaftlichen
Erkenntnisse des Klimawandels erarbeitet hat.
Das Forschungsprogramm zum globalen Klimawandel der Vereinigten Staaten (U.S. Global Change
Research Program - USGCRP) sieht einen größeren
Beitrag zur Forschung vor, auf die sich die IPCC
stützt. Das USGCRP wurde im Jahr 1990 vom
Kongreß ins Leben gerufen, um die Ressourcen und
Forschungsaktivitäten von einem Dutzend Bundesbehörden zu koordinieren, insbesondere nationale
Forschungsaktivitäten und die amerikanische Beteiligung an Unterstützungsprogrammen für internationale Forschungsaktivitäten wie das Forschungsprogramm zum Weltklima, das internationale Geosphäre-Biosphäreprogramm und das Programm zur
menschlichen Dimension. Das im Haushaltsjahr
1995 mit 1,8 Milliarden Dollar finanzierte USGCRP
koordiniert eine umfassende Tagesordnung für
Forschung, Unterstützung der Mission für den
Planeten Erde, Studien zum Abbau der Ozonschicht
sowie Arbeit an der menschlichen Dimension des
globalen Klimawandels. Die Forschungen des

AMERIKA DIENST 13

USGCRP zu den Klimaveränderungen werden unter
anderem von folgenden Fragen geleitet:
Wie reagiert das Klima auf die zunehmende
Konzentration von Aerosolen und Treibhausgasen?
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf
die Gesellschaft und die Umwelt?
Wie kann die Gesellschaft künftige Klimaveränderungen mildern oder sich an ihre Konsequenzen anpassen?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen konzentriert sich
die Forschung auf die Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens des Erdsystems; Verständnis der
Prozesse, die Veränderungen des Erdsystems
beeinflussen; Entwicklung und Anwendung von
Modellen zur Vorhersage von Klimaveränderungen;
Auswertung der Auswirkungen des Klimawandels auf
die Landwirtschaft, Wälder, Wasserressourcen,
Küstenregionen, Ökosysteme und andere natürliche
Ressourcen sowie Verbesserung der Fähigkeiten zur
Milderung negativer Konsequenzen und Nutzung
möglicher Chancen des Klimawandels.
Da die
Bedeutung des Klimawandels vor allem von den
physischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf die
menschliche Gesellschaft abhängt, hat das USGCRP
begonnen, eine Verlagerung seiner Finanzmittel zur

Seite 1

�Auswertung der sozio-ökonomischen Implikationen
des Klimawandels vorzunehmen.
Partnerschaften mit dem Privatsektor und den
Regierungen der Bundesstaaten
Zur Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels müssen wir Unternehmen, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen auf allen Ebenen einbeziehen.
Diese Verpflichtung kommt nirgends
stärker zum Ausdruck als in Präsident Clintons
Aktionsplan zum Klimawandel (Climate Change
Action Plan - CCAP). Der im Oktober 1993 veröffentlichte CCAP setzt Präsident Clintons Verpflichtung zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen
der Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 um.
Der CCAP demonstriert, daß Regierungen und der
Privatsektor zur Verbesserung von Wirtschaft und
Umwelt zusammenarbeiten können.
Man geht
davon aus, bis zum Jahr 2000 Energieeinsparungen
in Höhe von 60 Milliarden Dollar vornehmen und
saubere Arbeitsplätze für die Zukunft schaffen zu
können. Im vergangenen Jahr wurden vom Energieministerium, dem Umweltschutzamt sowie dem
Landwirtschafts- und Verkehrsministerium große
Fortschritte erzielt. Im folgenden einige der Höhepunkte:
Durch die Beteiligung an Climate Challenge
haben sich 248 Elektrizitätsversorgungsunternehmen, die 53 Prozent der amerikanischen
Elektrizität erzeugen, zu freiwilligen Maßnahmen
zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen
um 44 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2000
verpflichtet. Climate Change ist eine gemeinsame Initiative des US-Energieministeriums und der
amerikanischen Elektrizitätsversorgungsindustrie,
um freiwillige Zusagen der Versorgungsunternehmen für Maßnahmen zur Reduzierung,
Vermeidung oder Eindämmung von Treibhausgasemissionen zu erhalten.
Seit Oktober 1993 haben sich 500 neue Teilnehmer Green Lights angeschlossen, womit sich
die Gesamtzahl inzwischen auf über 1.650
beläuft. Diese Teilnehmer haben den Elektrizitätsverbrauch für Beleuchtung durchschnittlich um
47 Prozent verringert und damit ungefähr 90
Millionen Dollar eingespart.
Das Programm
Green Lights des US-Umweltschutzamts ermutigt die Verwendung energiesparender Beleuchtung durch freiwillige, gewinnbringende Partnerschaften.
Das gemeinsam von US-Umweltschutzamt und
dem Energieministerium durchgeführte Programm

Seite 2

Climate Wise zielt darauf ab, Emissionsreduzierungen in allen Wirtschaftssektoren zu ermutigen.
Mehrere Industrieunternehmen, die 3 Prozent des
industriellen Energieverbauchs in den Vereinigten
Staaten ausmachen, sind Partner von Climate
Wise geworden und haben zugesagt, die jährlichen Emissionen bis zum Jahr 2000 um eine
Menge zu reduzieren, die 20 Millionen Tonnen
Kohle entspricht.
Motor Challenge, ein freiwilliges Partnerschaftsprogramm zwischen dem Energieministerium und
der Industrie, unterstützt Unternehmen bei der
Installierung leistungsfähiger und energiesparender Motorsysteme. Im Rahmen des Programms
wurden über 200 Partner rekrutiert, eine nationale
Hotline für technische Hilfe eingerichtet und
Ausstellungsgelände für 25 Technologiedemonstrationen beschafft. Durch diese Werbung sollen
die Sparmotoren schnell in der gesamten Industrie
verbreitet werden.
Dem Programm Waste Wise, das eine Verringerung und Wiederverwertung von Industriemüll an
der Quelle auf freiwilliger Basis ermutigt, haben
sich über 300 Unternehmen angeschlossen; mehr
als 750 Programme zur Abfallreduzierung wurden
eingeleitet.
Im Rahmen des NICE-Programms (National
Industrial Competitiveness for Energy, Environment and Economy) wurden 29 Zuschüsse gewährt, um Energieersparnis beim industriellen
Herstellungsprozeß zu fördern, die Abfallmenge
zu verringern und die Treibhausgasemissionen
verschiedener Schlüsselindustrien zu senken.
Nach seiner Erweiterung umfaßt Natural Gas
Star, das den Methanverlust von Gasleitungen
verringern soll, jetzt 35 Unternehmen, die für
Gasleitungen aus über 55 Prozent der Förderunternehmen, 25 Prozent der Vertriebsunternehmen sowie 35 Prozent aller Anschlüsse
zuständig sind.
Das State and Local Outreach Program gewährte 18 Bundesstaaten Zuschüsse. Diese dienen
einer Vervollständigung der Bestandsaufnahmen
von Treibhausgasen oder der Entwicklung umfassender Strategien, die für die tatsächliche
Emissionsverringerung unabdingbar sind. Insgesamt nehmen 24 Bundesstaaten an dem
Programm teil. Sieben Städte beteiligen sich an
der Initiative Green Fleets, und 25 Städte haben
Interesse am Programm Cities for Climate
Protection bekundet. Um die Möglichkeiten der
Städte zu demonstrieren, schätzte eine mittelgroße Stadt, sie könne Treibhausgasemissionen

AMERIKA DIENST 13

�in einer Größenordnung reduzieren, die 4,8
Millionen Tonnen Kohle entspricht.
Es wurden sieben Gemeinschaftsprojekte ins
Leben gerufen, die erneuerbare Energien, Umstellung auf andere Brennstoffe, Energieeinsparung und verbesserte Forstverwaltung in den
Entwicklungs- und Schwellenländern ermutigen.

Internationale Lösungen
Die Vereinigten Staaten übernehmen auch bei der
Rahmenkonvention über Klimawandel und in anderen internationalen Foren eine Führungsrolle.
Nachfolgend die Grundsteine der Politik der ClintonAdministration:
Förderung von Aktionen zur Stärkung der internationalen Reaktion unter der Klimarahmenkonvention sowie Zusammenarbeit mit anderen
Nationen zur Festsetzung angemessener Ziele
für das nächste Jahrhundert.
Ermutigung eines starken internationalen Prozesses zur Überprüfung nationaler Pläne. Die Vereinigten Staaten tragen im Rahmen des Programms Landesstudien (U.S. Country Studies)
zum Aufbau von Kapazitäten für entsprechende
Aktionen in nahezu 60 Entwicklungs- und
Schwellenländern bei.
Demonstration der Vorteile von Gemeinschaftsprojekten durch die Initiative zur gemeinsamen
Umsetzung (U.S. Initiative on Joint Implementation), dem weltweit ersten Programm seiner
Art.
Förderung von Entwicklung und Verbreitung
umweltfreundlicher Technologien.
Unterstützung der Reform internationaler Institutionen, einschließlich der Zusammenarbeit
mit multilateralen Entwicklungsbanken, um deren
Kunden bei der Erfüllung ihrer aus der Konvention resultierenden Verpflichtungen besser behilflich sein zu können.
Stärkung der vor kurzem umstrukturierten globalen Umweltfazilität (Global Environment Facility
- GEF), damit sie effektiv als Operationseinheit
des Finanzmechanismus der Konvention dienen
kann. Die Vereinigten Staaten setzen sich für
erfolgreiche Aktionen der globalen Umweltfazilität
als Reaktion auf die Gefahr des Klimawandels
ein.
*

AMERIKA DIENST 13

"Wir müssen eine Führungsrolle beim Umgang
mit der Herausforderung des Treibhauseffekts
übernehmen, der unseren Planeten und sein
Klima weniger gastlich und weniger menschenfreundlich gestalten würde." (Präsident Clinton, Tag der Erde 1993)
Jüngste Leistungen des amerikanischen Forschungsprogramms für globalen Klimawandel
Klimamodelle simulierten mit Erfolg die vorübergehende Abkühlung der unteren Luftschichten
infolge des beim Ausbruch des Pinatubo emittierten Sulfats.
Die verbesserte Fähigkeit zur Vorhersage des
Wirbelsturms "El Nifto" sowie daraus resultierender Veränderungen der tropischen und subtropischen Niederschläge unterstützt die Landwirte in
Nord- und Südamerika bei besserer Planung und
trägt dadurch zur Erhöhung ihrer Ernteerträge und
einer Verringerung wirtschaftlicher Verzerrungen
bei.
Simulationen von Klimaveränderungen während
der letzten 100 Jahre entsprechen den beobachteten Mustern entschieden besser, wenn Treibhausgase sowie regionale Konzentrationen von
Sulfataerosolen einbezogen werden.
Kombinierte Satelliten- und Oberflächenmessungen identifizierten jüngst eine unerwartete Absorption von 25-40 Watt Strahlung pro Quadratmeter durch die Atmosphäre.
Diese neuen
Informationen werden zu einer erneuten Analyse
des Strahlungsgleichgewichts der Erde sowie der
Rolle von Wolken für den Klimawandel führen.
Beobachtungen zufolge haben sich die Niederschläge in den Vereinigten Staaten seit 1970 im
Vergleich zu den vorausgegangenen 70 Jahren
vor allem im Herbst um rund 5 Prozent erhöht.
Ferner stieg die Häufigkeit extremer Regenfälle
(über 8 Millimeter pro Tag) in einem Großteil des
Landes.
Die erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzten arktischen Ökosysteme erhöhten die
Produktivität nur wenige Jahre, wodurch der Effekt
einer C02-Düngung sich als nur kurzlebig erweisen könnte.

*

Seite 3

�ROOSEVELT
5. April 1995

Franklin Delano Roosevelt
Zum 50. Todestag des 32. amerikanischen Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Am 12. April jährt sich zum
50. Mal der Todestag von Franklin Delano Roosevelt, der länger als jeder andere - 12 Jahre - als
Präsident an der Spitze der Vereinigten Staaten
stand und das Land durch die beiden größten
Bedrohungen der Republik seit dem Bürgerkrieg
führte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten
Weltkrieg.
"Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht
selbst", äußerte Roosevelt über die Weltwirtschaftskrise. Und im Hinblick auf das Ziel der Amerikaner
im Zweiten Weltkrieg erklärte er:
"Ungeachtet
dessen, wie lange wir brauchen, um uns gegen
diese vorsätzliche Invasion zu wehren, wird das
amerikanische Volk in seiner gerechten Stärke den

absoluten Sieg erringen."
Obwohl Roosevelt vor einem halben Jahrhundert
starb, ist sein Einfluß auf die amerikanische Politik
und Gesellschaft immer noch manifest. Amerikaner,
die die Weltwirtschaftskrise und den nachfolgenden
Krieg miterlebt haben, werden nie seine überzeugenden, beruhigenden Worte zu einem Zeitpunkt vergessen, an dem Überzeugungen und Hoffnungen
stärker denn je auf die Probe gestellt wurden.
Ebenso wie eine spätere Generation sich daran
erinnert, wo sie am Todestag Präsident John F.
Kennedys war und was sie tat, bleibt der Tag, an
dem Franklin Delano Roosevelt starb - am 12. April
1945 in Warm Springs (Georgia) - auf ewig im
Gedächtnis der Generation des Zweiten Weltkriegs
verankert.
Die Nachricht von seinem Tod machte nicht nur
Amerika, sondern die ganze freie Welt betroffen.
Der Sieg in Europa lag nur noch einen Monat
entfernt, der Sieg im Pazifik sollte noch vor Ende
des Sommers errungen werden. Es schien undenkbar, daß Franklin Delano Roosevelt nicht mehr da
sein würde, um das Ende des Krieges zu verkünden
oder den nachfolgenden Frieden zu sichern.

AMERIKA DIENST 13

Nur wenige Politiker hatten einen solchen Einfluß auf
ihre Mitbürger, und noch viel weniger sind in der
Lage, über ihre Landesgrenzen hinaus das Leben der
Menschen zu beeinflussen. Franklin Delano Roosevelt war ein solcher Mann.
An seinem 50. Todestag sollte darauf hingewiesen
werden, wofür er stand, was .er tat, aber auch was für
ein Mensch er war und warum sein Vermächtnis im
Gedächtnis der Amerikaner und der ganzen Welt
lebendig bleibt.
Roosevelt wurde 1882 in Hyde Park (New York)
geboren. Der Sohn wohlhabender Eltern genoß viele
Vorteile. Er wurde von Privatlehrern unterrichtet,
besuchte eine elitäre Privatschule - Groton - und
machte seinen Abschluß an der Harvard University.
1905 heiratete er Eleanor Roosevelt, seine Cousine
sechsten Grades. Obwohl sie eine schwierige Ehe
führten, teilte sie seine Liebe zu fortschrittlicher Politik
und wurde nach seiner Wahl zum Präsidenten zu
"seinen Augen und Ohren" im ganzen Land.
Roosevelt zeigte von Beginn an politischen Ehrgeiz.
Von 1911 bis 1913 war er Senator des Bundesstaates New York, von 1913 bis 1920 unter der WilsonAdministration Abteilungsleiter im Marineministerium
und von 1929 bis 1933 Gouverneur von New York.
1921 erkrankte er an Kinderlähmung - wodurch seine
Beine im Alter von 39 Jahren gelähmt wurden - was
jedoch sein Engagement für den Staatsdienst nur
noch verstärkte.
1932 wählten ihn die durch die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes alarmierten Amerikaner mit überwältigender Mehrheit zum
Präsidenten. Roosevelt gewann landesweit in sieben
von acht Wahlkreisen und in jeder Großstadt mit
Ausnahme von Philadelphia.
Nach seiner Amtsübernahme umgab sich der neue
Präsident mit erstklassigen Beratern - seinem be-

Seite 1

�rühmten "Brain-Trust" - und leitete unverzüglich ein
Programm direkter staatlicher Hilfe und wirtschaftlicher Regulierung ein, das zur Errichtung eines
modernen Sozialstaats führte. Sein Reformpaket
wurde als "New Deal" bekannt.
Seine Programme umfaßten die Naturschutzbehörde
(Civilian Conservation Corps - CCC), die Arbeitsbeschaffungsbehörde (Public Works Administration PWA) und die Dienststelle zur Untersuchung von
Arbeitsbedingungen (Works Progress Administration
- WPA), durch die wieder Straßen, Brücken und die
weitere erforderliche Infrastruktur gebaut wurde. Die
Eletrifizierungsbehörde für den ländlichen Raum
(Rural Electrification Administration - REA) baute in
ländlichen Gebieten eine Stromversorgung auf.
Während sich Roosevelt um die Schaffung von
Arbeitsplätzen bemühte, bot er gleichzeitig den
Notleidenden eine helfende Hand der Regierung.
Die staatliche Katastrophenhilfe (Federal Emergency
Relief Administration - FERA) stellte den Armen Hilfe
zur Verfügung. 1935 wurde das Gesetz über soziale
Sicherheit erlassen, das erstmals Arbeitslosen- und
Invaliditätsversicherung, eine Altersversorgung für
die über 65jährigen sowie Hinterbliebenenhilfe
vorsah. 1935 wurde den Arbeitnehmern das Recht
auf Zusammenschluß und Tarifverhandlungen
gewährt. 1938 wurden Mindestlöhne sowie eine
Obergrenze für die Wochenarbeitszeit eingeführt.
Roosevelts Bestrebungen brachten den meisten
Amerikanern keine direkte finanzielle Erleichterung,
hoben jedoch ihre Stimmung. Der neue Präsident
verbreitete Hoffnung und Optimismus unter seinen
Mitbürgern. Sie glaubten an ihn und folgten ihm.
"Es gibt einen mysteriösen Kreislauf menschlicher
Ereignisse", erklärte er. "Manchen Generationen
wird viel gegeben, von anderen wird viel erwartet.
Diese Generation von Amerikanern hat ein Rendezvous mit dem Schicksal."
Aber nicht alle waren begeistert von Roosevelts
Rezept für eine nationale Erneuerung. Die radikale
Linke hielt sein Programm für zu schwach. Nach
Ansicht der radikalen Rechten führte Roosevelt
einen Klassenkampf gegen die Reichen. "Ein
Radikaler", äußerte Roosevelt dazu, "ist ein Mann,
der mit beiden Beinen fest - in der Luft - steht. Ein
Konservativer ist ein Mann mit zwei gut funktionierenden Beinen, der jedoch nie laufen gelernt hat."
1936 wurde Roosevelt mit überwältigender Mehrheit
wiedergewählt, wodurch eine große Koalition der
Demokratischen Partei konsolidiert wurde, der
erstmals eine Vielzahl von Afroamerikanern angehörte, die vorher für die Republikaner gestimmt hatten.

Seite 2

In seiner zweiten Amtsantrittsrede prahlte Roosevelt
nicht mit den Erfolgen des New Deal, sondern sprach
von dessen Grenzen und noch zu erfüllenden Aufgaben. "Ein Drittel unserer Nation leidet unter
schlechter Unterbringung, schlechter Kleidung und
schlechter Ernährung", stellte er fest und schlug noch
ehrgeizigere Programme zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise vor.
Selbst als er von dem Krieg in Europa und dem
drohenden Krieg in Asien in Anspruch genommen
wurde, blieb die Kluft zwischen Arm und Reich sein
Anliegen. "Die Hoffnungen der Republik lassen nicht
zu, daß wir unverdiente Armut oder selbstsüchtigen
Reichtum tolerieren", erklärte er 1941 in seiner
Amtsantrittsrede.
Von Beginn seiner Präsidentschaft an führte er auch
in der amerikanischen Außenpolitik kühne neue
Ansätze ein. Den südlich der Vereinigten Staaten
gelegenen Republiken versprach er eine "Politik der
guten Nachbarschaft" und bot den Nationen Lateinamerikas ein neues Zeitalter der Zusammenarbeit
und Partnerschaft an. Historiker würdigen Roosevelts
Programm als Grundlage für das starke Eintreten der
westlichen Hemisphäre gegen die Achsenmächte im
Zweiten Weltkrieg.
Nach Beginn des Krieges in Europa im September
1939 erhöhte Roosevelt seine Unterstützung für die
gegen Hitler gerichteten Streitkräfte. Dies sicherte
ihm in den Herzen der Europäer, die den Faschismus
bekämpften, einen besonderen Platz, insbesondere
bei den Briten, denen er einen Rettungsanker zuwarf
- vor allem das Programm des "Lend and lease" - als
sie nach dem Fall Frankreichs über ein Jahr lang
alleine den Nazis widerstanden. Roosevelt erklärte
Amerika zum großen "Arsenal der Demokratie".
Nach dem Angriff der Japaner auf die Vereinigten
Staaten im Dezember 1941 warnte Roosevelt seine
Landsleute vor der Gefahr eines Rückfalls in den
Isolationismus nach Kriegsende. Die Amerikaner
haben "einen sehr hohen Preis" für die Lektion
gezahlt, daß "wir nicht alleine leben können", äußerte
er. "Wir haben gelernt, Weltbürger zu sein."
Selbst als er sein Land in den Krieg führte, setzte er
sich energisch für einen neuen Kurs in der amerikanischen Außenpolitik ein, der auf den Vereinten Nationen sowie einem fortgesetzten amerikanischen
Engagement in der Welt aufbauen sollte. "Die
einzige Art, einen Freund zu haben, besteht darin,
einer zu sein."
In seiner berühmten Rede von den Vier Freiheiten
ging er ausführlich auf die Rechte ein, die alle
Regierungen der Welt ihren Bürgern gewähren

AMERIKA DIENST 13

�sollten: Redefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von
Not und Freiheit von Angst. Ferner sprach er sich
eindeutig für öffentliche Bildung und Ausbildung
sowie die Künste zur Bekämpfung der Unwissenheit
aus, die er als Verbündeten der Tyrannei bezeichnete. "Redefreiheit hat keinen Sinn", so Roosevelt,
"wenn der Mensch nichts zu sagen hat".
Die Kriegsfreundschaft zwischen Winston Churchill
und Franklin Delano Roosevelt wurde auf der
ganzen Welt legendär. "Es macht Spaß, im selben
Zeitalter wie Sie zu leben", sagte Roosevelt einmal
zu Churchill. Im August 1941 verabschiedeten sie
die Atlantik-Charta, in der ihre Vision von einer
neuen Weltordnung nach dem Krieg auf der Grundlage von Demokratie und Freiheit proklamiert wurde.
Historiker kritisierten Roosevelt, er sei Stalin gegenüber naiv gewesen und hätte nicht die Gefahren
vorhergesehen, die der kommunistische Staat des
sowjetischen Diktators für die Nachkriegswelt darstellen würde. Roosevelt erachtete jedoch ebenso
wie Churchill das Kriegsbündnis mit der Sowjetunion
als wesentlich für den Sieg in Europa. Biographen
zufolge hegten die beiden Staatsmänner ehrliche
Bewunderung für den Mut und die Tapferkeit der
sowjetischen Soldaten und Zivilisten bei ihrem
Widerstand gegen den nationalsozialistischen
Angriff. Für beide Männer war es oberste Priorität,
den Krieg zu gewinnen.
Ebenso wie vor dem Krieg tröstete Roosevelt seine
Landsleute auch während der Jahre, die von noch
mehr Angst und Leid gekennzeichnet waren als die
der Wirtschaftskrise. In seinen Reden und im Radio
übertragenen Kamingesprächen ermutigte er sie, der
schweren Prüfung mit Entschlossenheit und Zielstrebigkeit zu begegnen.
Am D-Day, dem 6. Juni 1944, als Streitkräfte der
Amerikaner und der übrigen Alliierten die Invasion im
besetzten Europa begannen, hielt Roosevelt im
Rundfunk keine Rede, sondern sprach ein Gebet:
"Allmächtiger Gott. Unsere Söhne, der Stolz unserer
Nation, haben an diesem Tag ein gewaltiges Unternehmen begonnen, einen Kampf um den Erhalt
unserer Republik, unserer Religion und unserer
Zivilisation sowie um die Befreiung einer leidenden
Menschheit. Gib' ihnen Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, verleih' ihren Armen Stärke, ihren Herzen
Tapferkeit, ihrem Glauben Stetigkeit."
Roosevelts Führungsstärke während des Krieges
und der vorausgehenden schwierigen Jahre wurde
von Historikern aller politischen Couleur gelobt. Es
ist jedoch seine Persönlichkeit, die Menschen dieser
Zeit am meisten erinnern - seinen ansteckenden

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Optimismus im Angesicht persönlicher und nationaler
Schwierigkeiten.
"Die einzige Einschränkung unserer Realisierung des
morgen sind unsere Zweifel von heute", äußerte er.
Selbst als sich seine Gesundheit immer weiter
verschlechterte, ließ sein Glaube an bessere Zeiten
nie nach. "Man sollte sich stets vor Augen halten,
daß sich die Zivilisation immer weiterentwickelt",
stellte er kurz vor seinem Tod in seiner letzten
Amtsantrittsrede fest. Er hatte die Gabe, große
Fragen in einfache Sätze zu kleiden und sie dem
Mann auf der Straße auf ungewöhnliche Weise zu
vermitteln. Und nicht nur dem Durchschnittsamerikaner. Mit den Worten des Schriftstellers Isaiah Berlin
wurde er ein Held "der Mittellosen und Unterdrückten
weit über die englischsprachige Welt hinaus".
Wie alle großen Staatsmänner wußte er, daß Worte jedes Wort - ausschlaggebend sind. Als er die Rede
durchging, die er nach dem Angriff auf Pearl Harbor
vordem Kongreß halten wollte, "einem Datum, das in
die Geschichte eingehen wird", entdeckte er dieses
Klischee und änderte Geschichte zu "Niedertracht",
womit er bewies, daß ein Wort, ebenso wie ein
Mensch, etwas ändern kann.
Er konnte sehr ernst werden - jedoch nur für kurze
Zeit. Der Witz und Humor Roosevelts eroberte die
Herzen seiner Kritiker und Bewunderer gleichermaßen. Als die Republikaner ihn wegen eines Vorfalls
kritisierten, an dem sein geliebter Hund Fala beteiligt
war, erklärte er: "Diese republikanischen Politiker
haben sich nicht mit Angriffen auf mich, meine Frau
oder meine Söhne zufriedengegeben. Nein, sie
mußten darüber hinaus auch noch meinen kleinen
Hund, Fala, angreifen. Natürlich nehme ich diese
Angriffe nicht übel, und meine Familie auch nicht,
aber Fala nimmt sie übel."
Politisch war er ein unerschrockener Liberaler - "ein
wenig links von der Mitte", wie er einst äußerte. "Die
Überzeugung eines Liberalen ist ein tiefsitzender
Glaube nicht nur an die Fähigkeiten jedes einzelnen,
sondern auch die Effektivität gegenseitiger Unterstützung".
Er suchte keine Entschuldigung für den vollen Einsatz
staatlicher Ressourcen für eine seines Erachtens
noble Sache. Über das Sozialgesetz sagte er: "Wir
können nie 100 Prozent der Bevölkerung gegen 100
Prozent der Gefahren und Wechselfälle des Lebens
versichern, haben aber den Versuch zum Entwurf
eines Gesetzes unternommen, das dem Durchschnittsbürger und seiner Familie einen gewissen
Schutz vordem Verlust des Arbeitsplatzes und Armut
im Alter bietet."

Seite 3

�Seines Erachtens muß die Regierung einen letzten
Ausweg bieten. "Die Regierung trägt letztlich die
Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bürger.
Wenn es durch gemeinsame private Bestrebungen
nicht gelingt, den Arbeitswilligen Arbeit und den
Unglücklichen Hilfe anzubieten, haben die schuldlos
Leidenden ein Recht auf die Bitte um staatliche Hilfe,
und eine Regierung, die diesen Namen verdient,
muß darauf angemessen reagieren."
Auf die Frage, wie stark er die Steuern erhöhen
würde, um sein Reformprogramm des New Deal zu
finanzieren, zitierte er Richter Oliver Wendeil Holmes
- "Steuern sind der Preis einer zivilisierten Gesellschaft" - und fügte hinzu: "Eine sichere Art, das
soziale Gewissen einer Regierung zu eruieren, ist
die Überprüfung der Erhebung und Verwendung von
Steuergeldern. Und eine sichere Art, das soziale
Gewissen eines Individuums zu eruieren, besteht
darin, seine Reaktion auf die Steuererhöhungen zu
beobachten."
Obwohl er vom Recht auf einen Arbeitsplatz überzeugt war, glaubte er nicht an das Recht auf Sozialhilfe als dauerhaften Anspruch. "Hilfe zu verteilen ist
der Verabreichung eines Betäubungsmittels vergleichbar - einer schleichenden Zerstörung des
menschlichen Geistes. Sie ist den Geboten einer
soliden Politik abträglich". Nach Ansicht Roosevelts
würde von der Regierung bereitgestellte Arbeit
gegebenenfalls "nicht nur die Körper der Arbeitslosen vor der Selbstzerstörung retten, sondern auch

ihre Selbstachtung, ihr Selbstvertrauen, ihren Mut und
ihre Entschlossenheit".
Roosevelt war vor allem ein Pragmatiker, nach
dessen Ansicht "kühne, dauerhafte Experimentierfreude" zur Bewältigung moderner Herausforderungen
gehört. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
gebührt ihm ein Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern
und ein dauerhafter Platz in den Herzen der amerikanischen Bürger sowie vieler anderer auf der Welt.
Bei einer Gelegenheit - 1937 - sprach er über seine
Zukunftshoffnungen:
"Sie sollten heute abend Gott danken, wenn
Sie ungeachtet Ihres Alters im Geiste jung
genug sind, um Träume und Visionen zu
haben - Träume und Visionen von einem
großartigeren und schöneren Amerika der
Zukunft; wenn Sie im Geiste jung genug sind,
um an die Möglichkeit einer Milderung der
Armut zu glauben und daran, daß die Schande
unfreiwilliger Arbeitslosigkeit abgeschafft,
Klassenhaß beendet, Friede im In- und Ausland gesichert und eines Tages eine Generation dieses Land besitzen wird, die mit mehr
gesegnet ist, als wir uns jetzt vorstellen können
- gesegnet mit materiellen und geistigen Gütern, die das Leben des Menschen bereichern.
Wenn Sie davon träumen, sage ich Ihnen:
Bewahren Sie sich Ihren Traum. Amerika
braucht das."

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 13

�TAG

DER

ERDE
5. April 1995

Die menschliche Umwelt und
globale politische Anpassung
von Thomas W. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren - am ersten Tag der Erde - hielt "praktisch die gesamte Nation,
einschließlich des Kongresses, in ihrer alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres
physischen Umfelds und der Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen". Dieses Ereignis trug dazu bei, die
neue Sorge um den Zustand unseres Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu machen. In den
nachfolgenden Jahren nahm dieses Anliegen einen globalen Charakter - auf staatlicher und nichtstaatlicher
Ebene - an und führte dazu, daß neue politische Kräfte sich mit der dynamischen Interaktion der natürlichen
Biosphäre und der vom Menschen geschaffenen Soziosphäre befaßten, einer Interaktion, die jenseits der
nationalen Gesetzgebung stattfindet, jedoch entscheidenden Einfluß auf Sicherheit und Fortschritt von Nationen
und Menschen hat.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Global Issues In Transition, Nr. 13, März 1995.
öffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Global Issues in Transition.

Ver-

Thomas W. Wilson, Jr. ist Schriftsteller und Gutachter mit Sitz in Washington. Er war politischer Berater der
US-Mission bei der NATO, Gutachter bei der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen sowie Direktor des
Programms für Umwelt und Lebensqualität des Aspen Institute. Zu den von ihm verfaßten Büchern gehören
Cold War and Common Sense, The Great Weapons Heresy sowie International Environmental Action.

Die Feiern aus Anlaß des ersten Tags der Erde vor
25 Jahren sind weltweit noch lebhaft in Erinnerung.
Dieses zukunftsweisende Ereignis trug zur Erschließung eines neuen Gebiets der Weltpolitik bei, das
über die traditionelle Arena zwischenstaatlicher
Beziehungen hinausgeht.
Die Historiker werden vielleicht viel Zeit benötigen,
um sich über die turbulenten Ereignisse und Bewegungen des letzten halben Jahrhunderts Klarheit zu
verschaffen: den Kalten Krieg, das Atomzeitalter,
das Düsenzeitalter, das Weltraumzeitalter, das
elektronische Zeitalter; das Ende von Imperialismus,
Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus, Totalitarismus; die Globalisierung der Industriellen Revolution; die Bevölkerungsexplosion, Verstädterung,
Massenmigration; das Aufkommen von demokratischen Regierungen und Menschenrechten - diese
und andere Erschütterungen trugen zur Unruhe in
den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bei.
Möglicherweise war das Wichtigste eine ungeplante,
unorganisierte und unangekündigte politische Anpassungsbewegung an diese erstaunlichen Umwälzungen in der modernen Welt. In diesem Zusammenhang kommt dem Tag der Erde eine stei-

AMERIKA DIENST 13

gende Bedeutung als Quelle politischer Bewegungen
zu, die immer noch an Kraft und Dynamik zunimmt und sich inhaltlich weiterentwickelt.
Environmental Action zufolge, einer Gruppe junger
Menschen, die den ersten Tag der Erde - am 22.
April 1970 - organisierte und förderte, nahmen an
diesem Tag mindestens 20 Millionen Amerikaner an
Campus- und Gemeindeprogrammen teil - von
Abfallbeseitigungskampagnen
über Teach-ins,
Demonstrationen, Gebetsversammlungen und Aktionen wie der Vergrabung eines Autos auf einem
Campus in Kalifornien. Laut Gladwyn Hill von der
The New York Times war der Tag der Erde "ein
Ereignis, wie es die Welt nie zuvor gesehen hatte...
Erstmals in der Geschichte hielt praktisch die gesamte Nation, einschließlich des Kongresses, in ihrer
alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres physischen Umfelds und der
Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen."
Diese außergewöhliche Reaktion der Öffentlichkeit ist
zweifelsohne zum Teil auf das spektakuläre Bild einer
wunderschönen blauen Erde zurückzuführen, das von
der Raumkapsel Apollo bei ihrer Umkreisung des

Seite 1

�Mondes aufgenommen wurde. In der unendlichen
Weite des Kosmos erscheint die Erde unweigerlich
klein, schutzlos und begrenzt. Im Gegensatz zu
herkömmlichen Überzeugungen wurde offensichtlich,
daß die Ressourcen der Erde nicht unerschöpflich
sind - daß der uralte Drang nach materiellem Fortschritt durch die fortschreitende Eroberung der Natur
auf der falschen Annahme beruhte, das zersplitterte
System souveräner Nationen sei überlagert von
einem einigenden Regime ineinander verzahnter
natürlicher Systeme, die schon lange vor der Erfindung souveräner Staaten bestanden hatten. Vor
diesem Hintergrund trug der Tag der Erde dazu bei,
die neue Beschäftigung mit dem Zustand des
Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu
machen. Noch vor Ende des Jahres verabschiedete
der amerikanische Kongreß das Gesetz über nationale Umweltpolitik (National Environmental Policy
Act - NEPA) und begann mit der Ausarbeitung von
Gesetzen zur Kontrolle der Luft- und Wasserqualität
sowie dem Schutz vom Aussterben bedrohter
Tierarten.
Einige andere Länder unternahmen
ähnliche Schritte.

war eine Sichtweise, die ein stategisches Gleichgewicht zwischen dem gesamten menschlichen Handeln
und den grundlegenden Systemen der Natur herstellte, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund
des spektakulären Bevölkerungswachstums, technologischen Know-hows und wirtschaftlichen Outputs
stark vergrößert hatten. Die Stockholmer Konferenz
begann sich mit den politischen Implikationen einer
Welt zu beschäftigen, in der die natürliche Biosphäre
und die vom Menschen geschaffene Soziosphäre auf
globaler Ebene jenseits nationaler Gesetzgebung,
jedoch mit entscheidendem Einfluß auf Sicherheit und
Fortschritt von Nationen und Menschen interagieren.
Dieser strategische Zusammenschluß menschlicher
und planetarischer Kräfte hat nichts mit den klassischen Konzepten rivalisierender Staaten zu tun, die
an dem "großen Spiel der Nationen" um geopolitische
Vorteile teilnehmen. Vielmehr stellt er die konventionellen Überlegungen der Machtpolitik völlig auf den
Kopf. Und es stellte sich heraus, daß die mit dem
Kalten Krieg beschäftigten Nationen nicht zu einem
solch radikalen Bruch mit der politischen Orthodoxie
bereit waren.

Stockholm

Kalter Krieg oder nicht - der unsichere Prozeß
politischer Anpassung an eine sich verändernde Welt
kam allmählich voran - wenn auch ohne einen klaren
Kurs. Gesetze und Bestimmungen zum Umweltschutz auf nationaler und lokaler Ebene mehrten sich,
in wichtigen Bereichen des Umweltschutzes wurden
mehrere internationale Verträge ausgehandelt, und
bei Weltkonferenzen wurden die Probleme Bevölkerungswachstum, weltweite Nahrungsmittelproduktion,
Trinkwasserversorgung, Versteppung und andere
Belastungen der natürlichen Ressourcen und Systeme behandelt.

Zwei Jahre später trafen die Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen in Stockholm zur Konferenz über
die menschliche Umwelt zusammen. Die Anzeichen
für die Belastung des Planeten und eine Verschlechterung seines Zustands häuften sich ständig:
Wüsten breiteten sich aus, Wälder und Grundwasservorräte nahmen ab, Böden wurden abgetragen,
Müllberge wuchsen und die Arten verringerten sich
in immer schnellerem Tempo - während die natürlichen Systeme mehr Schadstoffe über internationale
Grenzen transportierten.
Die Stockholmer Konferenz wurde vielerorts als
Triumph der Vereinten Nationen bezeichnet: Sie
schärfte das Bewußtsein der Regierungen für
Umweltprobleme, verabschiedete einen Aktionsplan
mit über 100 Empfehlungen für nationale und
internationale Aktionen, plante ein neues Amt der
Vereinten Nationen zur Fortsetzung der Arbeit der
Konferenz, band erstmals Wissenschaftler und
nichtstaatliche Organisationen in den internationalen
politischen Prozeß ein und diente als Modell für
künftige Weltkonferenzen mit einer sich abzeichnenden neuen Tagesordnung globaler Fragen.
Noch wichtiger ist jedoch, daß die Stockholmer
Konferenz den konzeptionellen Rahmen der "Umweltkrise" vergrößerte, um die gesamte menschliche
Umwelt einzubeziehen. Dieser Sichtweise zufolge
vermischen sich Natur und Menschheit zu einem
integrierten und unteilbaren weltweiten System, das
als einzelnes Phänomen betrachtet werden muß. Es

Seite 2

In dem der Stockholmer Konferenz folgenden Jahrzehnt entwickelte sich überall auf der Welt ein
Bewußtsein für die menschliche Umwelt - bei Konferenzen, Studien, Workshops, Seminaren und in
zahllosen Arbeiten von Wissenschaftlern, Technikern,
Gelehrten, Futuristen, politischen Aktivisten und einer
wachsenden Zahl von Bürgern, die auf die eine oder
andere Weise Organisationen unterstützten, welche
sich der Bewahrung und Verbesserung von Umweltsystemen widmeten. Man kann dies nicht in allen
Einzelheiten verfolgen, aber unter der Oberfläche
wurde nach und nach die Vorstellung von der
"menschlichen Umwelt" erweitert und durch eine
Vielzahl aufschlußreicher Einsichten bereichert,
darunter:
Umweltschäden sind Symptome einertieferliegenden Unordnung im globalen Schema der Dinge.
Abhilfemaßnahmen, die sich beispielsweise auf
die Schadstoffkontrolle konzentrieren, können
nicht mehr als eine Linderung sein, wenn nicht die

AMERIKA DIENST 13

�grundlegenden Probleme entdeckt und gelöst
werden. Dies führt unter anderem zu einer
Diskreditierung der Möglichkeit einer schnellen
technologischen Lösung für Umweltschäden.
Die Umwelt kann nicht als einzelnes Thema
behandelt werden, sondern nur als übergreifendes Anliegen, das akademische Disziplinen,
Fachwissen, Wirtschaftssektoren sowie öffentliche und private Institutionen einbezieht. Daher
müssen umweltpolitische Belange eine Ausdrucksmöglichkeit in Form grundlegender politischer Maßnahmen, eines Problembewußtseins,
einer Denkweise und einer bestimmten Einstellung gegenüber allen Handlungen einer Gesellschaft finden, die Auswirkungen auf die Biosphäre haben.
Die Umweltkrise ist lediglich eine Manifestation
der systemimmanenten Zwangslage der Welt, in
der einzelne Bestandteile so miteinander verbunden sind, daß sie nicht zum Zwecke separater Lösungen getrennt werden können. Dies
schließt die traditionelle wissenschaftliche Methode reduktionistischer Analyse aus und erfordert
einen integrativen Ansatz zu den Problemen der
menschlichen Umwelt - einen beispiellosen
Bedarf für "auswärtige Angelegenheiten".
Diese globale Verknüpfung von Biosphäre und
Soziosphäre schafft gemeinsames Terrain unter
den politischen Guppierungen, die sich ursprünglich nur für ihre Sache engagierten. Allmählich
und zögernd gelangten spezielle Interessengruppen zu der Erkenntnis, daß sie alle mit
derselben übergreifenden Zwangslage konfrontiert sind. Das gilt insbesondere für Organisationen, die auf den Gebieten wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungsstabilisierung und Umweltschutz tätig sind. Durch die Annäherung ihrer
Interessen fanden diese Gruppen mehr Gelegenheit, ihre Kräfte bei Bildung und Ausbildung,
politischen Maßnahmen und Aktionen zu bündeln. Konzepte entzweiender nationaler Interessen wurden mit einigenden Konzepten gemeinsamer Interessen verflochten.

wie die modernen Industriestaaten. Deren Entwicklung schien einen Kollisionskurs mit der globalen
Umwelt zu steuern. In politischer Hinsicht war der
"Süden" auf Kollisionskurs mit dem "Norden".
Schlimmer als das war jedoch die Alpträume verursachende Vision eines Frontalzusammenstoßes
zwischen Reichen und Armen wegen des Zugangs zu
den schwindenden Ressourcen der Welt.
Bei der Stockholmer Konferenz wurde der Versuch
unternommen, dieses Problem dadurch zu lösen, daß
(im sogenannten Founex-Bericht) insistiert wird,
Entwicklung und Umwelt seien zwei Seiten derselben
Medaille - wobei Entwicklung zur Bereitstellung der
Ressourcen für Umweltschutz und Umweltschutz zur
Verteidigung der Basis für wirtschaftliche Entwicklung
erforderlich ist. In der Praxis läuft das Thema Umwelt/Entwicklung auf die Frage hinaus, die im Bericht
als "effizienteste Synthese entwicklungs- und umweltpolitischer Belange" für die in unterschiedlichen
Entwicklungsstadien befindlichen Nationen definiert
wird. Dies erfordere, wird in dem Bericht gewarnt,
größeres Verständnis für die "Unteilbarkeit der
natürlichen Systeme der Erde" sowie "eine umfassendere, über die bloße Erhöhung des Bruttosozialprodukts hinausgehende Definition der Entwicklungsziele". Mit anderen Worten: Die Nationen
müßten ihre traditionelle Vorstellung von Natur und
wirtschaftlicher Entwicklung ebenfalls ändern, um die
beiden Seiten der menschlichen Umwelt miteinander
vereinbaren zu können. Das ist leichter gesagt als
getan.

Entwicklung und Umwelt - zwei Seiten einer
Medaille

Die Stockholmer Konferenz konnte die Kontroversen
über umweit- und entwicklungspolitische Ziele nicht
ausräumen, war jedoch der Ausgangspunkt für eine
lange Debatte darüber, wie beide Ziele gleichzeitig
verfolgt werden können. Und Mitte der achtziger
Jahre gelangten die beiden vornehmlich betroffenen
UN-Behörden (das Umwelt- und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zu der Schlußfolgerung, es sei an der Zeit für umfassende Bestrebungen zur Ausarbeitung eines integrierten Konzepts
sowie zur Prüfung der Auswirkungen auf politische
Maßnahmen und Aktionen. Das Instrument ihrer
Wahl war die Weltkommission für Umwelt und
Entwicklung, wobei die Kommissare nicht als Regierungsvertreter, sondern als individuelle Experten
fungierten.

Es bestand jedoch keine Möglichkeit, Schutz vor der
massiven politischen Zeitbombe zu finden, die dem
Konzept einer geeinten menschlichen Umwelt
inhärent ist. Die Umweltkrise war großenteils ein
Nebenprodukt der Industrialisierung in der Ländern
der Nordhalbkugel; und jetzt sind die Entwicklungsländer - mit etwa zwei Dritteln der Weltbevölkerung ganz versessen darauf, denselben Weg zu gehen

Die Kommission nahm ihre Arbeit dort auf, wo andere
aufgehört hatten: "Dies sind keine einzelnen Krisen",
schrieben die Kommissare, "die Umweltkrise, die
Entwicklungskrise, die Energiekrise sind eine Krise.
... Ökologie und Ökonomie werden immer stärker
miteinander verknüpft - lokal, regional, national und
global." Darüber hinaus stehen auch die Probleme
Bevölkerungswachstum, Gewährleistung der Nah-

AMERIKA DIENST 13

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�rungsmittelversorgung, Verlust von Arten und genetischen Ressourcen, Energie, Industrie- und Wohngebiete in Zusammenhang und "können nicht isoliert
voneinander behandelt werden". Und um es noch
ein bißchen komplizierter zu machen, fanden die
Kommissare heraus, daß "die Verschärfung und
Ausweitung der Umweltkrise eine Bedrohung der
nationalen Sicherheit - und sogar des Überlebens darstellt, die größer sein könnte als gut bewaffnete,
böswillige Nachbarn und feindlich gesinnte Bündnisse".
Nach drei Jahren der Studien, Anhörungen und
Debatten gelangte die Kommission zu dem Schluß,
daß der einzige Weg zur Anpassung von Umweltschutzmaßnahmen und wirtschaftlicher Entwicklung
in einer integrierten Politik tragfähiger Entwicklung
besteht, die "den Erfordernissen der Gegenwart
gerecht wird, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen, ihre eigenen Bedürfnisse
zu erfüllen" - also eine einzige Politik für eine einzige
Weltordnung. Tragfähige Entwicklung, argumentierte
die Kommission, sei möglich - aber nicht mit ungehindertem Bevölkerungswachstum einerseits und
Konsum andererseits. Die gegenwärtigen politischen
Systeme scheinen auch nicht zu den jetzt erforderlichen "schmerzhaften Entscheidungen" in der Lage
zu sein. In der Tat erklärte die Kommission, die
Kapazität von Regierungen und internationalen
Behörden zur Anpassung an Tempo und Ausmaß
des globalen Wandels "geht schlicht über die Reichweite der existierenden Entscheidungsstrukturen und
institutionellen Arrangements" auf nationaler und
internationaler Ebene hinaus. Schließlich wurde das
zentrale Thema der Zwangslage der Welt als die
Fähigkeit politischer Systeme zur Anpassung an eine
Welt im Übergang ausgemacht.
Die Erdgipfel
Dennoch wurde nur wenige Jahre später die Doktrin
tragfähiger Entwicklung - zusammen mit einer
Tagesordnung verwandter Themen - mit großem
Trara von über Hundert Staats- und Regierungschefs verabschiedet. Anlaß war der von den Vereinten Nationen am 20. Jahrestag der Stockholmer
Konferenz von 1972 veranstaltete Erdgipfel in Rio de
Janeiro.
Der Vorbereitungsprozeß für das Treffen in Rio war
eine stürmische Angelegenheit. Manchmal schien
es, als ob die Welt sich wegen der andauernden
Frage, ob das Streben nach Fortschritt vom umweltoder entwicklungspolitischen Gesichtspunkt angegangen werden sollte, entlang der Nord-Süd-Grenze
spalten würde. Die Manöver, Terrain zu gewinnen,
waren aufgrund der starken Beteiligung nichtstaatlicher Gruppen umso intensiver, deren Zahl sich

Seite 4

durch die beachtliche Zunahme solcher Organisationen in den Entwicklungsländern sowie erweiterte
Definitionen von Umwelt- und Entwicklungsangelegenheiten enorm erhöht hatte. Insbesondere die
Frauengruppen insistierten auf der Einbeziehung der
Themenkomplexe Gerechtigkeit, Gleichheit und
Menschenrechte in das Konzept tragfähiger Entwicklung. Dies alles fand mit der Verabschiedung der
Agenda 21 beim Erdgipfel seinen Niederschlag einem hochtrabenden ersten Entwurf eines langfristigen Programms für tragfähige Entwicklung der
Welt im 21. Jahrhundert. Implizit behandelte dieses
Dokument nichts weniger als den Zustand des
Planeten und die Lebensbedingungen auf Generationen hinaus.
Aber Haarspalterei über den unbeholfenen Aktionsplan von Rio zu betreiben hieße, nicht zu begreifen,
daß er über die traditionelle Tagesordnung zwischenstaatlicher Angelegenheiten hinaus zu der sich
abzeichnenden Tagesordnung menschliche Umwelt
übergeht - ein Übergang, der eine in dynamischen
aber stabilen strategischen Beziehungen zwischen
Biosphäre und Soziosphäre verankerte potentielle
Weltordnung ahnen läßt. Im Detail geht die Agenda
21 im wesentlichen auf die Arbeit der zwei Jahrzehnte vor der gegenwärtigen Zwangslage der Welt ein:
Tragfähige Entwicklung wird eine drastische Verringerung der Weltbevölkerungszuwachsrate sowie
eine Neuordnung des industriellen Systems erfordern,
um den exzessiven Verbrauch von Energie und
Material sowie die unerträglichen Auswirkungen von
Abfallprodukten auf die Weltbevölkerung, die grundlegenden biologischen Systeme und die chemischen
Zyklen des Planeten radikal zu senken.
Abgesehen von dem monumentalen Arbeitsprogramm
der Agenda 21 steht der Erdgipfel für eine bemerkenswerte Innovation der Weltpolitik mit wenigen
Präzedenzfällen in den Annalen der internationalen
Diplomatie. Dies ist ein Weg, Geschäfte unter den
Nationen zu machen, der aus der Stockholmer
Konferenz hervorging: Ein System regelmäßiger,
offener Bestrebungen aller Mitglieder der Vereinten
Nationen auf politischer Ebene, um einen einzelnen
Punkt der vorbereiteten Tagesordnung bei zweiwöchigen ununterbrochenen Konsultationen zu prüfen.
Dieses System internationaler Konferenzen, wie es
sich in den Jahren nach Stockholm entwickelte, wird
von den Vereinten Nationen in die Wege geleitet,
findet jedoch außerhalb der internationalen Bürokratien statt, während jede Konferenz eine Eigendynamik
entwickelt und dann mit dem letzten Hammerschlag
des geplanten Treffens zu Ende geht. Jede Konferenz hat ihr eigenes Managementteam, und jeder
geht eine zwei- bis dreijährige Vorbereitungszeit
voraus, in der die Regierungen gezwungen werden,
sich die Zeit für ernste Hausaufgaben zu Themen zu

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�nehmen, die sie lieber unter den Teppich kehren
oder an die Peripherie ihrer politischen Anliegen
verbannen würden.
Die Atmosphäre dieser internationalen Versammlungen wird letztlich durch die Tatsache bestimmt,
daß die Nationen nicht wegen kontroverser Verhandlungen oder um Punkte in der Debatte zu erzielen
daran teilnehmen, sondern um ein möglichst großes
gemeinsames Terrain zu sondieren, auf dem sie zur
Zusammenarbeit bereit sind. Und im Verlauf der 20
Jahre zwischen Stockholm und Rio begann die Welt
sich mit einer länger werdenden Liste von Problemen zu befassen, die außerhalb der Reichweite der
jeweiligen Regierungen liegen, nicht in den Fachbereich der Diplomaten fallen und nur durch die
Bestrebungen der Nationen zur Zusammenarbeit
gelöst werden können.
Diese massiven und ungeordneten Versammlungen,
an denen über 100 nationale Delegationen und noch
mehr Gruppen inoffizieller Lobbyisten teilnehmen,
sind ein leichtes Ziel für politische Satire. Manchmal
ist das Ergebnis der schnell vergessene kleinste
gemeinsame Nenner einer erfolglosen Anfrage.
Aber die Resultate, selbst die auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner begrenzten, stehen für das
Beste, das diese Nationen bei diesem Thema auf
dem Wege des Konsenses zum gegebenen Zeitpunkt erreichen können. Schlimmstenfalls ist es ein
unangenehmer Weg, auf dem die Nationen mit den
vertrackten Problemen fertigwerden, die sie nicht auf
andere Weise bewältigen können.
Das Potential für dieses alternative System der
Weltpolitik wurde im September 1994 bei der UNKonferenz über Bevölkerung und Entwicklung in
Kairo schlaglichtartig beleuchtet. In vager, aber
dennoch sehr realer Weise gibt die Kairoer Konferenz einen Überblick über den Prozeß der politischen Anpassung an eine sich während der letzten
25 Jahre des Jahrhunderts wandelnde Welt. Am
Ende der Konferenz vereinbarte die internationale
Staatengemeinschaft direkt oder indirekt folgende
Punkte:
Lösungen zu erarbeiten, indem man über die
Symptome hinaus zu den Wurzeln der Zwangslage der Welt vordringt. Ebenso wie andere vor
ihr gelangte die Konferenz zu der Schlußfolgerung, daß universeller Zugang zu Familienplanung unabdingbar für die Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums ist. Hinter der Empfängnisverhütung steht jedoch das Problem der
Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter sowie die Gewährung zunehmender
Befugnisse für Frauen zur uneingeschränkten

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Beteiligung am nationalen und internationalen Leben.
Mit anderen Worten: Demographische Daten reflektieren die nahezu universellen Sitten und Gebräuche
einer patriarchalischen Gesellschaft, die weichen
muß, wenn die Geburten- und Sterberate ins Gleichgewicht gebracht werden soll.
Die Zwangslage der Welt als ein einzelnes Phänomen anzugehen. Der in Kairo verabschiedete
Aktionsplan stellt das Programm zur Stabilisierung
des Bevölkerungswachstums in einen "umfassenden und integrierten Rahmen", der Bevölkerung
und tragfähige Entwicklung, Umweltschutz, Milderung der Armut und menschliche Gesundheit
umfaßt und verbindet.
Die Formulierung langfristiger Maßnahmen, die
über schnelle Lösungen für aktuelle Probleme
hinausgehen. In Kairo vereinbarten die Nationen,
daß die Bekämpfung der Überbevölkerung verbesserte Gesundheitsfürsorge für Kleinkinder, Kinder
und Mütter erfordert sowie bessere Bildungschancen für Mädchen und Frauen. Kurzum, der
Zeitrahmen ist auf die nächste - und übernächste - Generation erweitert.
Aus alten konzeptionellen Denkschemata auszubrechen - den ererbten Annahmen, Dogmen und
Tabus - die die Gesellschaft historisch gesehen zu
der Überzeugung verleitet haben, Bevölkerungswachstum sei wünschenswert und nützlich. Noch
Mitte des 20. Jahrhunderts konnten sich die
Mitglieder der Vereinten Nationen nicht darauf
einigen, Bevölkerungswachstum als weltweites
Problem auch nur zu erörtern. Und bis zur Kairoer Konferenz vereitelten sie alle Bestrebungen zur
Senkung der Zuwachsrate der Weltbevölkerung.
In Kairo verabschiedeten sie jedoch ohne Gegenstimme ein auf 20 Jahre angelegtes Aktionsprogramm mit dem Ziel, die Weltbevölkerung im
Jahr 2015 auf weniger als die derzeitige durchschnittliche Bevölkerungsprojektion der Vereinten
Nationen von 7,5 Milliarden Menschen für dieses
Jahr zu begrenzen.
Das Kairoer Programm prognostiziert noch immer
einen enormen Zuwachs der Weltbevölkerung, der
auf dem Planeten lasten und den Lauf der Entwicklung behindern wird. Die Kairoer Konferenz erreichte
jedoch ein unausgesprochenes aber implizites Ziel
des ersten Tags der Erde: Unsere politischen
Fähigkeiten zu nutzen, um den Menschen von dem
selbstzerstörerischen Kurs wegzuleiten, den er vor 25
Jahren verfolgte. Die internationale Staatengemeinschaft schien kurz vor einer großen Wende auf dem
Planeten Erde zu stehen.

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erweiterung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Verteidigungsminister William Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Klimakonferenz&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bewältigung des Klimawandels ist größte Herausforderung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy E. Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Programm der Clintonadministration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Maßnahmen zum Klimawandel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Roosevelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Franklin Delano Roosevelt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum 50. Todestag des 32. amerikanischen Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die menschliche Umwelt und globale politische Anpassung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Thomas W. Wilson&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

12

29. März 1995

KLIMAKONFERENZ

DER GLOBALE KLIMAWANDEL
Rede von Vizepräsident AI Gore

NW

STRATEGISCHE NUKLEARPOLITIK UND
NICHTVERBREITUNG
von Paul C. Warnke

TAG DER ERDE

DIE ERDE RUFT
von Jean B. Evans

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�KLIMAKONFERENZ
29. März 1995

Der globale Klimawandel
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir in wesentlichen Auszügen eine am 17. März 1995 von
Vizepräsident AI Gore an der George Washington University gehaltene Rede.
Es ist schön, wieder an der George Washington
University zu sein. Und ein Grund dafür ist die
Tatsache, daß dies die erste grüne Universität der
Nation ist. Durch die von Ihnen eingegangene
Verpflichtung zu einer einzigartigen Partnerschaft mit
dem Umweltschutzamt wurden Sie zur ersten
Universität Amerikas, die einen wahrhaft umfassenden Plan für Umweltbewußtsein bei ihren gesamten
Aktivitäten entwickelt.
Dazu möchte ich Ihnen
gratulieren.
15 Studenten des AmeriCorps beteiligen sich an der
"Initiative Grüne Universität". Sie leisten ausgezeichnete Arbeit und erstellen einen beispielhaften Umweltprüfungsplan, der umweltfreundliche und kostensparende Maßnahmen einleiten wird.
Es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt, eine
Frage anzusprechen, die meines Erachtens die
ernsteste Manifestation der Umweltkrise ist, welche
jetzt den radikalen Wandel in den Beziehungen
zwischen der menschlichen Zivilisation und der Natur
charakterisiert.
In zwei Wochen werden Delegierte aus über 120
Ländern in Berlin bei der ersten Konferenz der
Unterzeichnerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention die Frage weltweiter Klimaveränderungen
erörtern. Zu Beginn meiner heutigen Ausführungen
zu diesem Thema möchte ich die Äußerung eines
alten irischen Politikers, Sir Boyle Roche, zitieren,
der vergangenes Jahrhundert die sarkastische Frage
stellte: "Warum sollten wir uns überschlagen, um
etwas für die Nachwelt zu tun? Was hat die Nachwelt denn je für uns getan?" Diese Denkweise
fände sicherlich in diesem Kongreß Anklang.
Die Nachwelt spielt bei den Überlegungen zum
weltweiten Klimawandel eine besondere Rolle, denn
unsere heutigen Aktionen haben weitreichende
Konsequenzen für die Umwelt, die wir künftigen
Generationen hinterlassen. Das Engagement für die
Nachwelt erfordert, daß wir diesen tiefgreifenden

AMERIKA DIENST 12

Wandel in der Natur der Beziehungen zwischen
menschlicher Zivilisation und dem Ökosystem der
Erde akzeptieren und verstehen.
Ich habe eben erwähnt, daß meines Erachtens die
weltweiten Klimaveränderungen eine Manifestation
des radikalen Wandels in den grundlegenden Beziehungen zwischen Zivilisation und der Erde sind. Dies
zeigt sich auch auf andere Weise: An der schnellen
Zerstörung der Wälder, insbesondere der tropischen
Regenwälder, dem Verlust der Artenvielfalt in einem
Tempo, das auf diesem Planeten seit dem Aussterben der Dinosaurier vor Millionen Jahren nicht
mehr zu beobachten war, der Vergiftung von Luft und
Wasser in vielen Teilen der Erde sowie dem Verfall
wichtiger Ökosysteme - vom Aralsee in Mittelasien bis
zu den Korallenriffen an den seichten Stellen der
Weltmeere.
Dies alles, einschließlich der weltweiten Klimaveränderungen, sind Manifestationen des Wandels in
den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt.
Dieser radikale Wandel ereignet sich zu Lebzeiten
der in diesem Auditorium versammelten Menschen
aufgrund des Zusammentreffens dreier Faktoren.
Erstens die beispiellose weltweite Bevölkerungsexplosion. Alle zehn Jahre nimmt die Weltbevölkerung um eine Zahl zu, die der Einwohnerzahl Chinas
entspricht. Wir haben jedoch einen wohldurchdachten Aktionsplan zur Unterstützung der Nationen
eingeleitet, die ihr Bevölkerungswachstum stabilisieren möchten. Aber die dem Wachstum innewohnende Dynamik führt dazu, daß sich die schnelle Bevölkerungszunahme noch einige Zeit fortsetzen wird.
Der zweite Faktor ist die Beschleunigung der wissenschaftlichen und technologischen Revolution, welche
die Einflußmöglichkeiten des Menschen auf seine
Umwelt stark erhöhte. Um einen Vergleich anzustellen: Es ist eine uralte Gewohnheit des Menschen,
Kriege zu führen. Die Erfindung von Nuklearwaffen
hat die Konsequenzen umfassender Kriegführung
jedoch derart verändert, daß wir uns über diese uralte

Seite 1

�Gewohnheit neue Gedanken machen müssen. Der
Kalte Krieg war zum Teil das Resultat einer ernüchternden Überprüfung dessen, was ein totaler Krieg
mit diesen unglaublich starken neuen Waffen bedeuten würde.
Insgesamt haben sich die Konsequenzen einer
vollständigen Ausbeutung der Erde mit ebensolcher
Sicherheit gewandelt, wie die Nuklearwaffen die
Konsequenzen totaler Kriegführung veränderten.
Daher müssen wir überdenken, wie wir das Land,
das Wasser, die Luft oder unsere lebenserhaltenden
Systeme nutzen.
Der dritte, zu diesem radikalen Wandel führende
Faktor ist in mancherlei Hinsicht der wichtigste - eine
philosophische Veränderung unserer Denkweise
über die Konsequenzen unseres umweltpolitischen
Handelns - eine Veränderung, die bei allzu vielen
Menschen zu der Annahme geführt hat, wir müßten
die Auswirkungen unserer derzeitigen Aktionen nicht
in Betracht ziehen.
Diese drei Faktoren zusammengenommen haben
einen Wandel herbeigeführt, mit dem wir uns auf
Zusammenkünften wie der Kairoer Konferenz über
Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung sowie der
Vielzahl von Beratungen im Vorfeld des Montrealer
Protokolls über die Begrenzung der Emission die
Ozonschicht schädigender Stoffe in die Stratosphäre
sowie bei Konferenzen wie der in zwei Wochen in
Berlin anberaumten über den weltweiten Klimawandel auseinandersetzen müssen.
Beim Umgang mit dieser Frage müssen wir bei den
Fakten beginnen. Und jede Erörterung der Fakten
muß die Kategorien in Betracht ziehen, über die
Einigkeit besteht, sowie diejenigen, über die Uneinigkeit besteht. Ich möchte mich auf die erstgenannten konzentrieren, da breite Übereinstimmung
über die dieses Problem charakterisierenden zentralen Tatsachen besteht.
Ungeachtet der revisionistischen Sichtweise besteht
ein starker nationaler und internationaler Konsens
über die drängendsten Fragen. Erstens: Wir
wissen, daß sich Treibhausgase schnell in der
Atmosphäre ansammeln. Seit der Industriellen
Revolution sind die Konzentrationen von Kohlendioxid um ungefähr 25 Prozent angestiegen, der
Gehalt von Stickstoffoxyd um 15 Prozent, Methan
um mehr als 100 Prozent.
Zweitens: Die Wissenschaftler sind sich auch einig,
daß eine fortgesetzte Zunahme von Treibhausgasen
einen Klimawandel verursachen wird. Das entscheidende Wort in diesem Satz ist "wird", nicht
"könnte". Ein weiterer Zuwachs dieser Gase wird zu

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einem Klimawandel führen. Darüber gibt es kaum
ernstzunehmende Meinungsverschiedenheiten. Die
Wissenschaftler können uns nicht das Tempo dieser
Veränderungen oder ihren genauen Verlauf vorhersagen, aber sie sagen uns, daß ein Wandel bevorsteht.
Es besteht ein internationaler Konsens darüber, daß
die Oberflächentemperatur der Erde im kommenden
Jahrhundert durchschnittlich zwischen 1° und 4,5° C
ansteigen könnte. Diese Rate war auf unserem
Planeten seit mindestens 10.000 Jahren nicht mehr
zu beobachten. Das heißt, sie ist in der gesamten
Geschichte der menschlichen Zivilisation einzigartig.
Seit die ersten Städte auf der Erde entstanden,
wurde kein solcher Wandel mehr beobachtet.
Die Vereinigten Staaten und andere höhergelegene
Länder sollen sich sogar noch mehr erwärmen - bis
zu 5,5° C. Allein im letzten Jahrhundert stieg die
Temperatur der Erde um ungefähr 0,5° C an. Die
neun wärmsten Jahre in diesem Jahrhundert fielen
allesamt in die Zeit nach 1980, obwohl der Ausbruch
des Pinatubo - wie damals prognostiziert - die Temperaturen ungefähr drei Jahre niedrig hielt, bis die
schweren Partikel, die einen winzigen Teil der Sonnenstrahlen abhielten, aus der Atmosphäre zurück
auf die Erde gefallen waren.
Es gibt bereits düstere Anzeichen für einen beträchtlichen Wandel. Alpengletscher in allen Teilen der
Welt schmelzen schnell. Sie haben vielleicht vor
kurzem die Bilder eines prähistorischen Wanderers
gesehen, dessen Körper bei einem Bergpaß in den
italienischen Alpen gefunden wurde. Er lag einfach
dort. Warum hatte ihn in den vergangenen 5.000
Jahren niemand entdeckt? Weil das ihn bedeckende
Eis seit 5.000 Jahren nicht geschmolzen ist. Und
jetzt ist es geschmolzen.
In anderen Gebieten, in denen in der Geschichte der
Menschheit kein Rückzug des Eises zu beobachten
war, schmilzt dieses jetzt. Die Schneedecke in der
nördlichen Hemisphäre nimmt ab - Beweis für eine
Abnahme des Eises im arktischen Meer. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge in den niedriger
gelegenen 48 Staaten stieg im letzten Jahrhundert
um ungefähr 5 Prozent an. Sintflutartige Regenfälle
nahmen im Sommer während der landwirtschaftlichen
Wachstumszeit zu.
Dies sind besorgniserregende, komplexe und schwierige Fragen, mit denen wir uns befassen müssen.
Wir sollten jedoch nicht erwarten, daß sie nach einem
Muster langsamen und allmählichen Wandels erfolgen. Wir wissen, daß es in der Natur eine Vielzahl
kritischer Punkte gibt, die einen plötzlichen und
dramatischen Wandel auslösen können. Eine Erwär-

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•

�mung der Erde verändert die Niederschläge, die
Feuchtigkeit des Bodens und der Meeresspiegel
können zu Veränderungen im Bereich von Ernten,
Wäldern und Feuchtgebieten führen. Veränderungen bei der Niederschlagstätigkeit können zu Dürreperioden in einigen Gebieten und einer Erhöhung
der Niederschlagsmenge in anderen führen. Sie
rufen Veränderungen bei Mikrobenpopulationen,
Schädlingen, der Flora und Fauna sowie der Anfälligkeit für Viren und Bakterien hervor.
Kombinationen von Veränderungen können dramatische Auswirkungen haben - zunehmender Niederschlag kann zu mehr Überflutungen führen und
zusammen mit einem Anstieg des Meeresspiegels
die Existenz niedrig gelegener Küstengemeinden
sowie die Existenz einiger kleiner Inselstaaten und
tiefgelegener Küstennationen bedrohen.
Wissenschaftler in mehreren Teilen der Welt verliehen ihrer Sorge über die Zunahme drastischer
meteorologischer Ereignisse Ausdruck. In unserem
Land sahen wir die Auswirkungen in Form des
sogenannten "El Nifto", eines Schemas, das von
einem alle zwei bis fünf Jahre stattfindenden Ereignis bis zu einem relativ neuen Ereignis der letzten
anderthalb Jahrzehnte reicht, das beinahe Tendenz
zur Dauerhaftigkeit zeigt.
Einige Vertreter der Wirtschaft, deren Arbeit sie
besonders sensibel gegenüber diesen Veränderungen macht, verleihen ebenfalls ihrer Sorge Ausdruck.
Kürzlich traf ich mit zahlreichen Vertretern des
Versicherungs- und
Rückversicherungswesens
zusammen. Frank Nutter, der Präsident des amerikanischen Rückversicherungsverbands, warnte vor
ernsten Anzeichen für einen Konkurs im Versicherungswesen, der von "bedeutenden, vielleicht
dauerhaften Veränderungen des Klimas in diesem
Land und auf der Welt" herrühre.
Es ist leicht einzusehen, warum sich die Versicherungsunternehmen Sorgen machen.
1993 verursachte das Hochwasser des Mississippi Schäden
in Höhe von geschätzten 10 bis 20 Milliarden Dollar.
Der Wirbelsturm Hugo kostete die Bundesregierung
1,6 Milliarden Dollar.
Der Wirbelsturm Andrew
überschritt die Marke von 2 Milliarden an staatlicher
Katastrophenhilfe und verursachte den Versicherungsunternehmen Kosten von mindestens 16
Milliarden Dollar. Die Überflutungen und Schlammlawinen in Kalifornien verursachten allein in diesem
Jahr Schäden von über 2 Milliarden Dollar.
Können wir ruhigen Gewissens davon ausgehen, wir
müßten nicht handeln, um zu verhindern, daß
Klimaveränderungen zu einer Häufung schwerwiegender Ereignisse dieser Art führen? Wir ignorieren

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diese Veränderungen auf eigene Gefahr. Ich habe
bereits erwähnt, daß der Klimawandel zu einer
Veränderung der Mikrobenpopulationen führen kann.
Die Ausbreitung ansteckender Krankheiten wie
Malaria und Denguefieber kann sich entscheidend
ändern.
Wie sollten wir auf diese Art von Bedrohung reagieren? Die Clinton-Administration ist der Ansicht, daß
wir uns vor möglicherweise verheerenden Auswirkungen schützen sollten, während wir gleichzeitig unser
wissenschaftliches Verständnis für diese Fragen
durch ein aggressives Forschungsprogramm vertiefen. Dieser Ansatz ist tatsächlich vergleichbar
einer Versicherungspolice und nicht nur eine abstrakte Vorstellung.
Vor drei Jahren unterzeichneten wir gemeinsam mit
anderen Ländern der internationalen Staatengemeinschaft eine historische Rahmenkonvention über den
Klimawandel. Dies war der Beginn des Entwurfs
einer Art von Versicherungspolice. Es handelt sich
um einen Vertrag, der alle Nationen zur gemeinsamen Arbeit an beispiellosen Bestrebungen zum
Schutz der globalen Umwelt aufruft. Insbesondere
die Industrienationen wurden aufgefordert, durch die
Stabilisierung der Treibhausgasemissionen auf dem
Stand von 1990 bis zum Jahr 2000 eine Führungsrolle zu übernehmen.
Kurz nach seiner Amtsübernahme ging Präsident
Clinton über die vage, unverbindliche Sprachregelung
des Vertrags hinaus und erklärte, die Vereinigten
Staaten würden das im Vertrag festgesetzte Ziel
erreichen. Das Engagement des Präsidenten war als
Ergänzung seiner Ziele im wirtschaftlichen Bereich
gedacht. Er versprach einen Umschwung der amerikanischen Wirtschaft, den er auch vollzog. Die
Inflation ist gesunken, die Wachstumsrate steigt, die
Arbeitslosigkeit sinkt, die Zahl der Arbeitsplätze steigt.
Insgesamt demonstrieren wir, daß wirtschaftlicher und
umweltpolitischer Fortschritt Hand in Hand gehen
können.
Zweifellos stellt der von Präsident Clinton verfolgte
starke wirtschaftliche Kurs mehrere Annahmen des
Plans in Frage. Anstatt uns von diesen guten Nachrichten abzuwenden, begrüßen wir sie.
Heute
möchte ich das vom Präsidenten gegebene Versprechen bekräftigen:
Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen von 1990 zu erreichen. Wir haben
einen ehrgeizigen Plan entwickelt, um das vom
Präsidenten abgegebene Versprechen zu erfüllen.
40 von 47 dieser Initiativen sind finanziert und
eingeleitet worden. Die meisten haben ein gemeinsames Merkmal - sie bringen neue, saubere Arbeitsplätze für unsere Zukunft.

Seite 3

�Beispielsweise haben wir freiwillige Abkommen mit
einem Großteil unserer Versorgungsunternehmen
zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen abgeschlossen. Mit der amerikanischen Industrie wurden
ähnliche Partnerschaften über energiesparende
Computer, Gebäude und Beleuchtungssysteme
eingegangen. Wir haben der globalen Umweltfazilität für die zweite Phase ihrer Umstrukturierung 430
Millionen Dollar zugesagt - den höchsten Beitrag
eines Landes. Wir haben eine neue Initiative für
Umwelttechnologien in die Wege geleitet, die sich
auf über 1 Milliarde Dollar beläuft, um modernste
Umwelttechnologien zu entwickeln und zu verbreiten.
Und die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt ins Leben gerufen, um die
Durchführbarkeit gemeinsamer Investitionsprojekte
mit anderen Ländern zu prüfen, die auf die Reduzierung oder Eindämmung von Treibhausgasen und die
Förderung tragfähiger Entwicklung abzielen.
Darüber hinaus haben wir eine Partnerschaft mit der
Automobilindustrie über eine neue Generation von
Fahrzeugen geschlossen, die auch als "Initiative
sauberes Auto" bekannt ist. Es ist eine echte Partnerschaft. Die drei großen amerikanischen Automobilhersteller sind daran ebenso beteiligt wie die
nationalen Labors, alle relevanten Bundesbehörden
und zahlreiche Zulieferer von Autoteilen, Material
und Gerät sowie technische Hochschulen und
Studenten im ganzen Land. Gemeinsam nehmen
wir eine technische Herausforderung in Angriff, die
in mancher Hinsicht der Mondlandung vergleichbar
ist. Wir werden ein Auto entwickeln, das dreimal so
sparsam ist wie die heutigen Automobile, ohne Opfer
bei Kosten, Bequemlichkeit oder Sicherheit bringen
zu müssen.
Im Verlauf dieses Prozesses hoffen wir die besten
Wege zur Anwendung der neuen Technologien zu
entdecken, die zu noch größeren Verbesserungen
bei der Wirtschaftlichkeit führen können - und dies
alles binnen 10 Jahren. Der Erfolg dieses Vorgehens wird weniger Abhängigkeit von ausländischem Öl und geringere Treibhausgasemissionen
bedeuten. Und abgesehen von den Vorteilen für
den amerikanischen Verbraucher birgt das Projekt
auch das Versprechen eines extrem attraktiven und
wettbewerbsfähigen Autos für Weltmärkte bis zur
Jahrhundertwende sowie einer florierenden amerikanischen Automobilindustrie, die es produziert.
Unsere Bauinitiative hat das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit dieser 800 Milliarden Dollar-Industrie durch
die Entwicklung sehr viel besserer Konstruktionstechnologien zu verbessern, die zu geringeren
Emissionen führen. Mit der uneingeschränkten
Zusammenarbeit der Industrie wollen wir sicherstellen, daß unsere Gebäude - ebenso wie unsere

Seite 4

Industrie es ist - die produktivsten, effizientesten,
sichersten und dauerhaftesten der gesamten Welt
sind. Das bedeutet, die Lieferzeit bei einer 50prozentigen Kürzung der Produktionskosten um die
Hälfte zu verkürzen.
Wir streben eine 50prozentige Verringerung von
Verletzungen und Krankheiten im Baugewerbe bei
einer 30prozentigen Verbesserung von Produktivität
und Komfort an. Und wir erarbeiten gemeinsam mit
der Industrie detaillierte Pläne zur Erlangung dieser
Ziele. Wir wollen 50 Prozent weniger Abfall und
Luftverschmutzung sowie 50 Prozent mehr Dauerhaftigkeit und Flexibilität.
Wir sind uns darüber im klaren, daß unser Plan
ehrgeizig ist. Und wir sind uns bewußt, daß er der
Unterstützung der Politiker auf dem Capitol Hill
bedarf. Einige unserer früheren Anträge wurden nicht
voll finanziert, und der Kongreß erwägt jetzt, die
vorher zugesagten Mittel zurückzunehmen. Ebenso
wie dieser Vertrag internationalen Konsens erfordert,
benötigt unsere innenpolitische Antwort einen nationalen Konsens. Wir wollen mit dem Kongreß in einer
echten Partnerschaft im Interesse unserer Nation, der
Welt und ihrer Menschen zusammenarbeiten. Es
obliegt jedoch der neuen republikanischen Führung
im Kongreß, die durch den Klimawandel gebotenen
Herausforderungen und Chancen sowie die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle zu erkennen.
Dieser Verantwortung in der Zukunft gerecht zu
werden, bedingt die Erkenntnis, daß unsere Pläne
und die unserer industrialisierten Partner nur ein
erster Schritt sind. In zwei Wochen werden die
Nationen in Berlin zusammenkommen um zu entscheiden, was die internationale Staatengemeinschaft
als Reaktion auf die jetzt vorliegenden dramatischen
wissenschaftlichen Beweise noch tun kann. Auch
hierbei wird diese Administration an vorderster Front
der globalen Bestrebungen stehen.
Seit fast einem Jahr haben wir erklärt, daß dieses
Abkommen unserer Ansicht nach nicht ausreicht. Es
enthält nur ein Ziel für das Jahr 2000, und dieses Ziel
findet nur auf eine begrenzte Zahl von Ländern
Anwendung. Wir sind jetzt in einer Situation, in der
die auf der ganzen Welt politisch durchführbare
maximale Reaktion immer noch nicht ausreicht, um
dieses Problem wirklich in Angriff zu nehmen. Und
die Nationen der Welt werden zusammenarbeiten
müssen, um echte Richtlinien bezüglich der nach
dem Jahr 2000 zu ergreifenden Schritte zu entwikkeln. Wir müssen also ein neues Ziel für die Zukunft
aushandeln.

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�Angesichts dieser Begrenzungen und unter Berücksichtigung unserer Verantwortung für die Zukunft
arbeiten wir mit anderen Nationen an der Formulierung eines Mandats, dem in Berlin zugestimmt
werden kann und das den Kurs für nächste Schritte
im Rahmen des Vertrags festlegen kann. Dies
erfordert von uns allen die sorgfältige Prüfung, was
wir zur weiteren Reduzierung von Treibhausgasemissionen unternehmen können. Mit anderen
Worten besteht unser Ziel in Berlin darin, ein Fundament zu legen und mit der Arbeit zu beginnen.
Ebenso wie im natürlichen Klimasystem gibt es im
politischen System kritische Punkte. Wenn die
Beweise den Stand erreichen, an dem genügend
Leute nicht länger den Skeptikern zuhören wollen,
deren Argumente nicht auf Fakten gegründet sind,
dann verbessern sich nach diesem kritischen Punkt
die Chancen für durchschlagende Aktionen erheblich. Aus diesem Grund ist es wichtig, qualitativ
hochwertige Forschung zu betreiben. Wir haben
diesen Prozeß hier in den Vereinigten Staaten
bereits begonnen, und dies wird Teil des von uns in
Zukunft verfolgten Prozesses sein.
Aber jetzt ist es an der Zeit, die Verhandlungen
wiederaufzunehmen und die Ziele des Vertrags in
konkreterer Weise anzugehen. Jetzt ist es an der
Zeit, ein neues Verhandlungsmandat zu formulieren,
das uns die Erfüllung unserer Verpflichtungen
gegenüber künftigen Generationen gestatten wird ein Mandat, das sicherstellt, daß wir von den für die
Phase vor dem Jahr 2000 dargelegten wichtigen
ersten Schritten aus weitergehen.
Wir sind der festen Überzeugung, daß sich alle
Nationen an diesen Bestrebungen beteiligen müssen. Zweifelsohne können und sollten die Industrienationen, die am meisten zu dem Problem beigetragen haben, die Führungsrolle übernehmen.
Und wir werden dies tun. Aber wir können die
Tatsache einfach nicht ignorieren, daß die Emissionen in den Entwicklungsländern am schnellsten
ansteigen, die zusammengenommen für inzwischen
nahezu 50 Prozent aller Treibhausgasemissionen
der Welt verantwortlich sind. Wir wissen, daß den
Industrienationen eine besondere Verantwortung
zukommt, und wir unterstützen uneingeschränkt den
Appell der Konvention für die Übernahme gemeinsamer aber differenzierter Pflichten. Wir möchten
jedoch, daß sich die Entwicklungsländer mit uns an
den Verhandlungstisch setzen, so daß wir zusammen diese gemeinsamen aber differenzierten Pflichten für die Zeit nach dem Jahr 2000 definieren
können. Nicht damit wir alleine weniger, sondern
damit wir gemeinsam mehr tun können - durch
Handel, technologische Zusammenarbeit und ein

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breites Spektrum von Strategien, die Vorteile für alle
Nationen bieten.
Wir müssen auch bessere Arbeit leisten um sicherzustellen, daß die Nationen den Worten Taten folgen
lassen und wir bezüglich unserer Äußerungen über
unser Vorgehen zur Rechenschaft gezogen werden.
Bis heute hat nur eine Handvoll Nationen klare und
substantielle Vorschläge unterbreitet, mit denen die
von ihnen angekündigten Emissionsreduzierungen
verwirklicht werden können. Wir müssen eindeutig
klarstellen:
Gute Absichten und hochfliegende
Rhetorik werden nicht ausreichen, um uns bei der
Erfüllung der mit der Emissionsreduzierung einhergehenden beträchtlichen
Herausforderungen
behilflich zu sein. Was im Rahmen des Vertrag
benötigt und erwartet wird, sind konkrete Aktionen.
Bei den der Berliner Konferenz folgenden Verhandlungen ist es unabdingbar, daß wir einen Maßnahmenkatalog formulieren, aus dem wir Strategien zur
Erreichung des neuen, für die Zeit nach dem Jahr
2000 festgelegten Ziels auswählen. Nur eine analytische Phase als Teil des Verhandlungsprozesses
kann uns realisierbare Maßnahmen und das realistische Verständnis dessen bieten, wie unsere Erwartungen und Ziele für die Zukunft aussehen sollten.
Die ausgewählten Maßnahmen müssen wirklich eine
Emissionsreduzierung herbeiführen, und die Nationen
müssen bereit sein, Aktionen in die Wege zu leiten
und Resultate vorzulegen.
Und schließlich sind wir der Auffassung, daß ein
Verhandlungsmandat so schnell wie möglich formuliert werden sollte. Wir glauben, daß ein aggressiver,
ehrgeiziger Ansatz, der kurz- und langfristige Ziele
berücksichtigt - das heißt, für die Jahre 2010 und
2020 - bis 1997 entwickelt werden kann, wenn die
dritte Konferenz der Unterzeichnerstaaten abgehalten
wird. Unseres Erachtens ist dies ein faires Datum,
das unsere Sichtweise der Bedeutung und Dringlichkeit des Problems der Klimaveränderungen
widerspiegelt und uns auch die Vorlaufzeit zur
Entwicklung und Nutzung neuer Technologien gibt.
Auf der einen Seite haben wir Nationen, die eine
starke Wählerschaft in ihren jeweiligen Ländern durch
Überbieten der übrigen Staaten bei ihren Versprechen zur Emissionsreduzierung mittels künftiger
Aktionen zu beruhigen suchen. Was künftige Generationen jedoch benötigen, sind aggressive, meßbare
und ehrgeizige Aktionen und nicht politische Versprechungen künftiger Aktionen.
Auf der anderen Seite möchten Neinsager - einige
davon in unserem eigenen Land - daß die Vereinigten Staaten schwierigen Problemen wie globaler
Klimaveränderung, Abbau der Ozonschicht und allen

Seite 5

�möglichen Bedrohungen der Gesundheit des Menschen und der Umwelt ausweichen oder sie ignorieren. Weit entfernt vom wissenschaftlichen Konsens
leugnen sie die Existenz des Problems und versuchen, die Vereinigten Staaten sogar von der
Artikulierung ihrer Sorgen abzuhalten, obwohl die
von uns vorgesehenen Aktionen gleichermaßen gut
für die Umwelt und die Volkswirtschaft sind.

heit unserer Arbeitnehmer und die Integrität unserer
Umwelt dürfen nicht so rücksichtslos aufs Spiel
gesetzt werden.

Dies ist eine intellektuell, politisch und moralisch
bankrotte Situation, der widerstanden werden muß.
Sie gleicht der Position, die so lange Zeit von der
Tabakindustrie angesichts wachsender medizinischer
und wissenschaftlicher Beweise über den Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs vertreten wurde.
Bis heute können der
kausale Zusammenhang und alle Einzelheiten, wie
Zigarettenrauchen Lungenkrebs verursacht, nicht mit
Genauigkeit festgestellt werden. Der Zusammenhang wird jedoch erkannt. Dies ist eine medizinische Tatsache. Aber viele Jahre lang haben diejenigen mit einem wirtschaftlichen Interesse an der
Verzögerung der Erkenntnis dieses Zusammenhangs
auf nicht plausible Weise argumentiert, die wissenschaftlichen Beweise seien fraglich, müßten ignoriert
werden und seien als Grundlage jeglicher Schlußfolgerung unzureichend.

Abschließend möchte ich eine Analogie zu der
Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf
ein anderes Problem bilden, das in mancher Hinsicht
der globalen Klimaveränderung vergleichbar ist. Es
handelt sich um das Problem des Abbaus der Ozonschicht. Bei ungefähr gleichem wissenschaftlichen
Kenntnisstand kamen die Nationen der Welt vor zehn
Jahren in Montreal zusammen, um kluge Schritte
zum Schutz der Stratosphäre zu unternehmen. Diese
ersten Bestrebungen wurden nach einer beeindrukkenden wissenschaftlichen Entdeckung verstärkt einem Loch in der Ozonschicht über der Antarktis von
der Größe des nordamerikanischen Kontinents.

Sie hatten Unrecht. Und diejenigen, die jetzt versuchen, die Erkenntnis eines Zusammenhangs
zwischen der Ansammlung von Treibhausgasen und
der globalen Klimaveränderung zu verzögern, haben
ebenfalls Unrecht. Wenn Sie an die dramatischen
Feuer in Kuwait zurückdenken, als die Ölfeider 1991
in Brand gesetzt wurden, so betrug der gesamte
Kohlendioxidausstoß weniger als 1 Prozent dessen,
was wir jedes Jahr in die Umwelt freisetzen. Und
diese Menge nimmt jedes Jahr zu.
Wir dürfen nicht vergessen, daß wir jetzt Zeuge des
extremsten und konzertiertesten Angriffs auf die
Umwelt in der Geschichte werden. Das Kernstück
des sogenannten Vertrags mit Amerika ist ein Pfeil
in das Herz der Umweltgesetze und -Verpflichtungen
der Nation. Hinter geheimnisvoller Rhetorik über die
Reform der Bestimmungen verbirgt sich ein in der
Presse weithin erkannter direkter Angriff, der effektiv
viele der wichtigsten Umweltgesetze des Landes vom Gesetz über saubere Luft und dem Gesetz über
sauberes Wasser bis zum Gesetz über gefährdete
Arten - rückgängig macht. Der Präsident und ich
unterstützen dies nicht und werden es nicht akzeptieren. Die Gesundheit unserer Kinder, die Sicher-

*

Seite 6

Statt die Umweltinitiativen anzugreifen, hoffen wir,
daß der Kongreß mit uns gemeinsam Maßnahmen
erarbeitet, die ebenso umweltverträglich wie wirtschaftlich vorteilhaft sind.

Nachdem diese Entdeckung bestätigt wurde, überschritt die internationale Staatengemeinschaft die
Schwelle, hinter der die Einigung über die Notwendigkeit zu handeln viel leichter wurde. Dies führte zu
den Londoner Zusatzartikeln von 1990, mit denen die
Welt das schrittweise Verbot der die Ozonschicht am
stärksten schädigenden Chemikalien vereinbarte
sowie zum darauffolgenden Kopenhagener Abkommen, das den Prozeß um fünf Jahre beschleunigte.
Jeder Amerikaner kann stolz darauf sein, daß die
Vereinigten Staaten politisch und wissenschaftlich zu
diesen Bestrebungen beigetragen haben.
Ebenso wie beim Ozonproblem haben die Nationen
bezüglich der Art der Bedrohung durch den Klimawandel Einigung erzielt, und wir haben erste vorsichtige Schritte zur Abwendung dieser Bedrohung
unternommen. Dies ist jedoch nur der Anfang. Ich
glaube, wir können die von mir zu Beginn meiner
Rede zitierte Frage von Sir Roche bezüglich der
Nachwelt mit einem von dem großartigen irischen
Dichter William Butler Yeats verfaßten Satz beantworten. Er schrieb: "Ich habe meine Träume unter
Deinen Füßen ausgebreitet. Tritt sanft auf, denn Du
trittst auf meine Träume."
Wenn wir nicht sanft auftreten, werden unsere
Träume für die Zukunft nichts als Träume bleiben.
Wir wollen sicherstellen, daß unsere nächsten
Schritte die richtigen sind. Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�NW
29. März 1995

Strategische Nuklearpolitik und Nichtverbreitung
von Paul C. Warnke
Der Chefunterhändler für Rüstungskontrolle unter der Carter-Administration, Paul C. Warnke, zieht eine Bilanz
der Geschichte des Nichtverbreitungsvertrags (NW) von 1970 bis zur Gegenwart. Seiner Ansicht nach hängt
die erfolgreiche Verlängerung des N W bei der für April 1995 anberaumten Konferenz entscheidend vom
Verzicht auf den Ersteinsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten und andere erklärte
Atomwaffenstaaten ab.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Arms Control Today, Mai 1994.

Im April 1995 wird eine Konferenz zur Erörterung der
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags einberufen. Diese Konferenz ist im Vertrag selbst
zwingend vorgeschrieben, der vorsieht, daß die
Parteien 25 Jahre nach seinem Inkrafttreten am 5.
März 1970 zusammenkommen, um den Zeitraum
einer Verlängerung festzulegen.
Das erklärte Ziel der Vereinigten Staaten ist die
unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des

Vertrags bei dieser Konferenz. In seiner Rede vor
den Vereinten Nationen im September 1993 räumte
Präsident Bill Clinton der nuklearen Nichtverbreitung
oberste Priorität ein. Die derzeitige Besorgnis über
die Nuklearbestrebungen Nordkoreas sind nur ein
letzter Beweis für die Bedeutung von Maßnahmen,
die zusätzliche nationale Nukleararsenale entmutigen. Die Dringlichkeit dieses Ziels wurde noch
durch die Tatsache unterstrichen, daß der Irak
bereits geraume Zeit vor dem Golfkrieg Nuklearwaffen beschaffte und Südafrika ein halbes Dutzend
Nuklearwaffen gebaut hatte, die inzwischen von der
Regierung in Pretoria zerstört wurden.
Die Chancen für die Erlangung der unbegrenzten
und bedingungslosen Verlängerung des N W sowie
der globalen Einhaltung seiner Bedingungen werden
jedoch maßgeblich durch die strategischen Maßnahmen und das Verhalten der derzeitigen Atomwaffenstaaten beeinflußt.
NW-Verpflichtungen der erklärten Atomwaffenstaaten
Das stärkste Hindernis für die nukleare Weiterverbreitung ist der N W , unter dem sich inzwischen 155
Länder verpflichtet haben, auf die Beschaffung von

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Nuklearwaffen zu verzichten.
Ein gravierender
Mangel des Vertrags ist, daß er in gewisser Weise
diskriminiert. Er gestattet den fünf erklärten Atomwaffenstaaten die Beibehaltung - und sogar Erweiterung - ihrer Nukleararsenale, während Nichtatomwaffenstaaten dem Club nicht beitreten dürfen. In dem
Bestreben, diese Schwäche auszumerzen, verpflichtet
Artikel VI die Atommächte, "Verhandlungen über
wirksame Maßnahmen betreffend die Einstellung des
nuklearen Rüstungswettlaufs zu einem frühzeitigen
Datum sowie betreffend nukleare Abrüstung ... in
gutem Glauben fortzusetzen". Und die Präambel des
Vertrags verpflichtet die Vertragsparteien ausdrücklich, "die Einstellung aller Testexplosionen von
Kernwaffen für alle Zeiten herbeizuführen".
Die Verpflichtung zur Einstellung aller Atomtestversuche ist ebenfalls in der Präambel des Vertrags zur
Begrenzung von Atomversuchen (Limited Test Ban
Treaty - LTBT) von 1963 enthalten. Dieser Vertrag
verbietet Nuklearexplosionen in der Atmosphäre, im
Weltraum und unter Wasser. Der Vertrag blieb weit
hinter Präsident Dwigth Eisenhowers Ziel eines
umfassenden Atomtestverbots zurück, das ebenfalls
von Präsident John F. Kennedy in seiner Rede an
der American University im Juni 1963 formuliert
wurde, in der er die Beendigung aller Kernwaffentests
forderte. Kennedy ging jedoch den Kompromiß ein,
daß aufgrund der ungelösten Differenzen mit der
Sowjetunion über die Zahl der erlaubten Vor-OrtInspektionen zu Verifizierungszwecken und der
unbeugsamen Haltung vieler mächtiger Senatoren,
der Vereinigten Stabschefs und der Atomlabors
zumindest unterirdische Versuche unerläßlich für die
Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung der
Vereinigten Staaten seien.

Seite 1

�Die Bereitschaft der Nichtnuklearwaffenstaaten, sich
unbegrenzt zur Einhaltung ihres Teils des N W zu
verpflichten, wird vor allem davon abhängen, wie die
Vereinigten Staaten, Großbritannien, China, Frankreich und Rußland ihrer Ansicht nach die Vertragsverpflichtungen erfüllen. Und sie werden sehr daran
interessiert sein, wie die Atomwaffenstaaten ihre
Weltuntergangswaffen in der neuen Weltordnung
sehen. Werden Nuklearwaffen als lästiges Erbe des
Kalten Krieges betrachtet oder als dauerhaftes
Symbol von Macht und Prestige? Die Nichtnuklearwaffenstaaten könnten die Antwort in den Fortschritten zu einem umfassenden Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban - CTB) und darin finden,.was
im Verlauf der Verhandlungen über ein Testverbot
bezüglich der Atomtests unternommen wurde.
Eine starke amerikanische Führungsrolle
In diesem Kontext haben die Vereinigten Staaten in
jüngster Zeit eine gesunde und starke Führungsrolle
übernommen.
Ende 1992 verabschiedete der
Kongreß ein Gesetz über die Einstellung von Atomtests bis Juli 1993. Präsident Clinton verlängerte
das Moratorium bis September 1994 oder - alternativ
- bis ein anderes Land Atomtests durchführt.
Obwohl China im Oktober 1993 eine Nuklearwaffe
zündete, blieb das amerikanische Moratorium in
Kraft. Und am 15. Mai 1994 gab Präsident Clinton
bekannt, daß er das Atomtestverbot bis September
1995 verlängern werde. Er erklärte, seine Entscheidung gründe sich auf die bei den im Januar
aufgenommenen CTB-Verhandlungen erzielten
Fortschritte und verwies im besonderen auf "die
negativen Implikationen, die weitere amerikanische
Atomtests für unsere umfassenderen Nichtverbreitungsbestrebungen haben würden, darunter vor
allem unser Interesse an der Sicherstellung einer
unbegrenzten Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags im kommenden Jahr". Der Präsident lobte ferner "die Zurückhaltung, die andere
erklärte Atomwaffenstaaten geübt haben, indem sie
nicht mit eigenen Tests auf die chinesischen Atomtests im Oktober letzten Jahres reagierten".
Die Vereinigten Staaten haben damit endlich das
Argument entkräftet, daß die Verhinderung der
nuklearen Weiterverbreitung nicht im Zusammenhang mit der Fortsetzung von Atomtests stehe.
Während der amerikanisch-sowjetischen Konfrontation argumentierten Verfechter von Atomtests sogar,
wenn die Vereinigten Staaten ihr Nukleararsenal
nicht weiter aufbauen würden, könnten die zum
Schutz vor einer sowjetischen Aggression vom
nuklearen Schutzschild Amerikas abhängigen
Staaten zur Entwicklung einer eigenen nuklearen
Abschreckung getrieben werden.

Seite 2

Eine mehr als ausreichende Nuklearstreitmacht?
Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war es
offenkundig, daß die Vereinigten Staaten über ein
Vielfaches der zur Abschreckung eines Einsatzes von
sowjetischen Nuklearwaffen gegen amerikanische
Verbündete benötigten Nuklearraketen und -bomben
verfügten. Die Erkenntnis dieser Tatsache führte zu
ernsthaften Bestrebungen um die Aushandlung eines
umfassenden Atomtestverbots mit Großbritannien und
der Sowjetunion zu Beginn der Carter-Administration.
Die Bemühungen scheiterten großenteils, weil sich
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion infolge der sowjetischen Intervention in Äthiopien anfänglich verschlechterten. Alle
ernsthaften Bestrebungen zum Abschluß eines
Vertrags über ein Atomtestverbot kamen zu einem
abrupten Ende, als die Sowjetunion im Dezember
1979 in Afghanistan einmarschierte.
Während der Jahre der Reagan- und Bush-Administrationen setzten die Vereinigten Staaten alle CTBGespräche aus. Die offizielle Position lautete, obwohl
ein Atomtestverbot als langfristige Zielsetzung lobenswert sei, müßten die Vereinigten Staaten ihre Tests
solange fortsetzen, wie ihre Sicherheit von nuklearer
Abschreckung abhing.
Wie bereits ausgeführt, verleitete diese Position
aufgrund des übergroßen Nukleararsenals der
Vereinigten Staaten zu einem klassischen Trugschluß. Aber ohne starke amerikanische Unterstützung war ein CTB-Vertrag in weite Ferne gerückt.
Wie Präsident Clinton bei der Verlängerung des
Moratoriums für Atomtestverbote feststellte, hat die
Genfer Abrüstungskonferenz seit dem 25. Januar
1994 ernsthafte CTB-Verhandlungen aufgenommen.
Botschafter Miguel Marin-Bosch aus Mexiko, ein
starker Befürworter des CTB, wurde zum Vorsitzenden des Ausschusses der Konferenz für ein Atomtestverbot ernannt.
Die Verhandlungsposition der Vereinigten Staaten ist
fest, klar und völlig korrekt. In seinem Bericht zur
Lage der Nation vom Januar 1994 sprach sich
Präsident Clinton entschieden für ein CTB aus, und
die Unterstützung des Kongresses war offenkundig
aufgrund der stehenden Ovationen, die er erhielt. In
Genf haben die Vereinigten Staaten eine Obergrenze
für erlaubte Testexplosionen zurückgewiesen und
damit die Unruhe im Verteidigungsministerium über
die Ausnahme von Tests unterhalb einer Kilotonne
beschwichtigt. Ein Argument für die unbegrenzte
Erlaubnis von Tests bis zu einer Kilotonne lautete so unglaublich es scheinen mag -, die Entwicklung
von Miniatombomben zum Einsatz gegen Länder der
Dritten Welt zu gestatten. Wenn die Vereinigten
Staaten dieser Politik zustimmen würden, bestünde

AMERIKA DIENST 12

�die einzig logische Antwort für kleine Länder in der
Entwicklung von Nuklearwaffen und der Bedrohung
der Vereinigten Staaten mit einigen wenigen primitiven Atombomben, die mit vergleichsweise primitiven
Mitteln abgeschossen werden könnten.
Die Vereinigten Staaten und andere CTB-Positionen
Die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur
Beendigung aller Atomtestversuche ist ein unerläßliches Element eines unbegrenzten Atomtestverbots.
Rußland wird mit gutem Grund ein Testverbot unterstützen. Das letzte, was das Land braucht, sind
neue nukleare Gefechtsköpfe zur Bedrohung des
Westens, dessen Hilfe unabdingbar ist, wenn Rußland je wirtschaftlich lebensfähig werden soll. Das
früher wichtigste russische Atomtestgelände befindet
sich jetzt im unabhängigen Kasachstan. Die erneute
Nutzung der Einrichtung im Norden des nördlichen
Polarkreises würde die instabile russische Wirtschaft
weiter belasten und könnte die ukrainischen Hardliner ermutigen, die auf die Beibehaltung der Nuklearraketen des Landes drängen. Während der Amtszeit
Präsident Mitterrands wird Frankreich keine Tests
vornehmen. Es ist jedoch nicht nicht, ob seine
Nachfolger diese Politik fortsetzen werden.
China scheint - wenn auch noch nicht uneingeschränkt - ein Verbot von Atomversuchen zu befürworten. Bei einer Plenarsitzung des Abrüstungsausschusses Ende März bekräftigte Botschafter Hou
Zhitong erneut die Unterstützung Chinas für einen
CTB-Vertrag, äußerte jedoch auch, "ausreichende
und eingehende Gespräche und Verhandlungen"
seien erforderlich. China ist ihm zufolge bereit,
"spätestens bis 1996 einen solchen Vertrag abzuschließen".
Die widersprüchliche Haltung Großbritanniens
Unter den erklärten Atomwaffenstaaten ist die
britische Haltung am fraglichsten. Der Botschafter
Großbritanniens bei der Genfer Abrüstungskonferenz
erklärte im Januar, sein Land messe "der Rolle von
Nuklearwaffen für den Erhalt unserer Sicherheit jetzt
und in absehbarer Zukunft weiterhin Bedeutung bei".
Nur wenige Äußerungen sind unvereinbarer mit dem
Ziel einer Sicherung der unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung des N W bei der im April
1995 beginnenden Konferenz.
Eine fundierte Nichtverbreitungspolitik setzt entschiedene Schritte seitens der Atommächte voraus,
weniger Gewicht auf die Bedeutung von Nuklearwaffen aus militärischer Sicht sowie als Symbol eines
Großmachtstatus zu legen.

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Die britische Eröffnungserklärung bei den CTBVerhandlungen weist genau in die entgegengesetzte
Richtung. Jeder Staat in einem Unruhegebiet mit
alten und potentiellen neuen Feinden an seinen
Grenzen könnte sich zu Recht fragen, warum er auf
nukleare Abschreckung verzichten sollte, während
Großbritannien diese in absehbarer Zukunft als
wesentlich erachtet. Großbritannien genießt einzigartige Sicherheit. Es hat keine Grenzen zu anderen
Staaten, jenseits des Ärmelkanals nur NATO-Verbündete, und im Westen sind die Vereinigten Staaten
und Kanada seine nächsten Nachbarn. Die britischen Nuklearwaffen können zwar keine nützliche
Verteidigung gegen die IRA bieten. Von Vorteil für
die Aussichten des CTB-Vertrags ist jedoch, daß
Großbritannien keine Atomtests durchführen kann,
wenn die Vereinigten Staaten nicht ihr Testgelände in
der Wüste Nevada reaktivieren.
Die Bedeutung eines Atomtestverbots für die Sache
der nuklearen Nichtverbreitung wird jetzt weithin
anerkannt. Es gibt keine legitime Entschuldigung
dafür, nicht prompt einen Vertrag abzuschließen. Im
November 1977 einigten sich die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und die Sowjetunion über die großen
Fragen, einschließlich umfassender und eingehender
Inspektionen vor Ort, der Stationierung seismischer
Aufspürgeräte auf dem Territorium des jeweils
anderen Landes sowie eines Verbots sogenannter
"Explosionen zu friedlichen Zwecken". Vor diesem
Hintergrund sowie dem Ende der Ost-West-Konfrontation kann im Genfer Abrüstungsausschuß bis
Ende 1994 sicherlich eine minimale grundsätzliche
Einigung erzielt werden.
Die allgemeine Unterstützung der NATO für einen
CTB-Vertrag und die Anerkannung seiner Bedeutung
für eine Verlängerung des N W wurde in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs des Nordatlantikrates bei seinem Treffen vom 10. und 11.
Januar 1994 dargelegt:
"Wir messen der uneingeschränkten und rechtzeitigen
Implementierung bestehender Rüstungskontroll- und
Abrüstungsvereinbarungen sowie weiterem Fortschritt
in Schlüsselfragen der Rüstungskontrolle und Abrüstung entscheidende Bedeutung bei, so
-

der unbefristeten und unkonditionierten Verlängerung des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NW) und der Arbeit zu einem verstärkten Verifikationsregime;

-

dem baldigen Inkrafttreten des Übereinkommens
über das Verbot Chemischer Waffen und neuen
Maßnahmen zur Stärkung des Übereinkommens
über das Verbot Biologischer Waffen;

Seite 3

�-

der Verhandlung über einen weltweiten und
verifizierbaren umfassenden Teststoppvertrag;

-

den auf der Agenda des KSZE-Forums für Sicherheitskooperation stehenden Fragen;

-

der Sicherstellung der Integrität des KSE-Vertrags und der uneingeschränkten Erfüllung aller
seiner Bestimmungen."

Die Anerkennung der Tatsache, daß Politik und
Maßnahmen der Vereinigten Staaten große Auswirkungen auf das Nichtverbreitungsziel haben, setzt
seitens der Vereinigten Staaten und der anderen
Atommächte weitere Schritte voraus. Von größter
Bedeutung ist die Formulierung und Artikulierung
einer entschiedenen Politik über den Verzicht auf
einen Ersteinsatz von Atomwaffen.
Verzicht auf den Ersteinsatz
Bei der ersten Sondersitzung der Vereinten Nationen
über Abrüstung im Jahr 1978 verkündeten die Vereinigten Staaten eine als "negative Sicherheitszusage" bezeichnete Politik. Sie sagten zu, nie Nuklearwaffen gegen ein Land einzusetzen, das nicht über
solche verfügt und Mitglied des N W oder einer
ähnlichen regionalen Vereinigung (beispielsweise der
nuklearwaffenfreien Zone Lateinamerikas) ist, außer
wenn dieses Land mit Unterstützung eines Atomwaffenstaats aggressive Akte gegen die Vereinigten
Staaten oder ihre Verbündeten begeht. Dieser
Vorbehalt steht im Einklang mit der NATO-Doktrin,
die den Einsatz von Nuklearwaffen gegebenenfalls
zur Vereitelung eines Angriffs des Warschauer Pakts
auf Westeuropa in Erwägung zieht. Der in dieser
negativen Sicherheitszusage enthaltene Vorbehalt ist
jetzt ebenso veraltet wie der Warschauer Pakt
selbst.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Genfer
Abrüstungskonferenz
ihren uneingeschränkten
Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen sowie
den Verzicht auf einen Einsatz außer als Vergeltung
für einen Nuklearangriff auf ihr Land oder ihre
Verbündeten bekanntgeben.
Die Vereinigten Staaten sollten Rußland auch zur
Wiederaufnahme seiner eindeutigen Politik des
Verzichts auf den Ersteinsatz auffordern. China tritt
nicht nur für eine Politik des Verzichts auf den
Ersteinsatz ein, sondern deutet sogar an, es könnte
sein eigenes Atomtestprogramm aufgeben, wenn
alle anderen Atomwaffenstaaten auf jegliche Initiierung eines Atomkrieges verzichten. In seiner
Rede vom März 1994 vor der Plenarsitzung der
Abrüstungskonferenz teilte der chinesische Botschafter Hou mit, nach Ansicht seines Landes stän-

Seite 4

den der Abschluß eines CTB-Vertrags und das
Abkommen über einen Verzicht auf den Ersteinsatz
unter den Nuklearmächten "in enger Wechselbeziehung", und er empfahl die Aufnahme dieser Zusicherung in den Vertrag.
Selbst während des Kalten Krieges widersprachen
prominente Politiker und Sicherheitsexperten der
Vorstellung, Atomwaffen könnten irgendeinem anderen Zweck dienen als der Abschreckung eines
Nuklearangriffs. Im April 1987 schrieb der frühere
deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt in The New
York Times, "Nuklearwaffen des Westens sind nur
erforderlich und wertvoll, um den Osten von einem
Ersteinsatz sowjetischer Nuklearwaffen abzuschrekken". Ferner sprach er sich dagegen aus, die
Kernwaffen der NATO als "Instrument für die Abschreckung von einem begrenzten Krieg oder sogar
einem konventionellen Angriff größeren Stils" zu
sehen.
1983 schrieb der bekannte sowjetische
Physiker und Dissident Andreij Sacharow in Foreign
Affairs: "Kernwaffen können nicht als Mittel zur
Unterdrückung von mit Hilfe konventioneller Waffen
durchgeführter aggressiver Akte angesehen werden."
Er bezeichnete die Option eines Erstschlags als
"gefährliches Relikt der Vergangenheit".
Die vielleicht eindeutigste Erklärung über die Nutzlosigkeit von Atomwaffen wurde von Präsident Ronald
Reagan 1984 in seinem Bericht zur Lage der Nation
abgegeben. Präsident Reagan wandte sich direkt an
die Bürger der Sowjetunion und äußerte, der einzige
Grund von Atomwaffen im Besitz eines der beiden
Länder bestehe darin sicherzustellen, daß sie nie
eingesetzt würden.
Daher ist es entmutigend und alarmierend, im Jahresbericht 1994 des Verteidigungsministers zu lesen:
"Da die Vereinigten Staaten ein Versprechen über
den Verzicht auf chemische und biologische Waffen
abgegeben haben, muß die Rolle der amerikanischen
Streitkräfte bei der Abschreckung von solchen
nichtnuklearen Bedrohungen oder ihre Reaktion
darauf erwogen werden." Derzeit führt das Verteidigungsministerium eine Überprüfung seines
nuklearen Einsatzkonzepts, eine sogenannte umfassende Neubewertung der amerikanischen Strategiepolitik durch.
Angesichts der entschiedenen
Haltung Präsident Clintons zu einer Einstellung von
Atomversuchen sowie der Förderung eines soliden
Nichtverbreitungsregimes ist es von Bedeutung, daß
jede vorgeschlagene Veränderung der strategischen
Nukleardoktrin umgehend zurückgewiesen wird, die
unter bestimmten Umständen einen Ersteinsatz oder
einen Vergeltungsschlag außer als Reaktion auf
einen Nuklearangriff gestattet.

AMERIKA DIENST 12

«

�Gefahr einer Erweiterung der atomaren Rolle

Bestrebungen zur Abwertung von Atomwaffen

Selbst der Vorschlag über eine derartige Veränderung erweist der Sache der Nichtverbreitung einen
schlechten Dienst. Seine offizielle Unterbreitung
durch das Verteidigungsministerium wäre eine
Katastrophe. Es bliebe nicht unbeachtet oder kommentarlos, daß eine Politik, die den Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen als Abschreckung vom
Einsatz chemischer und biologischer Waffen oder zu
ihrer Vergeltung in Erwägung zieht, eine neue
erweiterte Serie von Atomtests zur Entwicklung eines
für solche Zwecke nötigen Arsenals erfordern würde.

Es wird schwierig sein, Nordkorea und andere
Länder, die möglicherweise Atomwaffen verbreiten,
durch die Androhung eines militärischen Präventivschlags von der Produktion von Atomwaffen abzuhalten. Diesen Ländern sollte statt dessen deutlich
gemacht werden, daß Atomwaffen ihnen keine
nützliche militärische Macht verleihen, nie zur Abwehr
von Grenzverletzungen und begrenzten Kriegen
vorgesehen waren, die die einzige reale Bedrohung
für sie darstellen, und der tatsächliche Einsatz nur zu
ihrer eigenen Zerstörung führen würde. Ein klares
und konsequentes Programm, durch das die Vereinigten Staaten und andere Atomwaffenstaaten ihre
eigene Abwertung von Atomwaffen unter Beweis
stellen können, wird das beste Klima für die Konferenz über die Verlängerung des N W schaffen und
ermöglichen, daß diejenigen, die das nukleare
Nichtverbreitungsregime gefährden, mit der geballten
Macht internationaler Verurteilung konfrontiert werden. Vorschläge über die Erweiterung eines Einsatzes oder angedrohten Einsatzes von Nuklearwaffen sollten unter allen Umständen unverzüglich
zurückgewiesen werden.

Die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten über
keine chemischen oder biologischen Waffen verfügen, ist vollkommen irrelevant. Wenn sie diese
Waffen hätten, würden sie den tatsächlichen oder
angedrohten Einsatz solcher Waffen durch andere
Staaten auch nicht mit gleicher Münze heimzahlen.
Der Golfkrieg ist hierfür ein Beispiel. Der Einsatz
chemischer Waffen gegen den Irak - der diese
Waffen besitzt und gegen den Iran und seine eigene
Bevölkerung einsetzte - wurde niemals erwogen.
Die hochentwickelten und äußerst flexiblen konventionellen Streitkräfte der Vereinigten Staaten sind
mehr als angemessen, um jede Art nichtnuklearer
Bedrohung bewältigen zu können.

*

AMERIKA DIENST 12

* * *

*

Seite 5

�TAG

DER

ERDE
29. März 1995

Die Erde ruft
von Jean B. Evans
Eine amerikanische Universität hat einen Studiengang für Umwelttechnik eingerichtet, um konkrete Lösungen
für ökologische Probleme und Umweltbelastungen der modernen technisierten Gesellschaft zu finden. Die
kleine aber wachsende Zahl der Umweltingenieure wird als unerläßliches Element neben Wissenschaftlern,
Politikern und Rechtsanwälten betrachtet, die in der Umweltbewegung bisher eine dominierende Stellung
eingenommen haben.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von CWRU Magazine, Mai 1994. Copyright
(c) 1994 Case Western University. Alle Rechte vorbehalten.
Jean B. Evans lebt als freie Autorin in Cleveland und schreibt regelmäßig für das CWRU-Magazin.

Selbst auf einer 40 Hektar großen Mülldeponie
gleicht die Abdichtung des Deponiebodens einem
Ballon, behauptet Aaron A. Jennings von der Case
Western Reserve University (CWRU) in Cleveland
(Ohio): "Ein winziges Loch reicht, um sie zu zerstören."
Abdichtungssysteme werden aus Natur- und Synthetikmaterialien wie Ton oder Plastikfolien hergestellt, und sie bestehen aus acht bis zehn Schichten
mit unterschiedlicher Funktion.
Dazu gehören
Isolierungen zur Verhinderung von Lecks, "Meldeschichten" zur Entdeckung undichter Stellen sowie
Sekundärschichten, um im Fall von Undichtigkeiten
das Durchsickern von Flüssigsubstanzen zu stoppen.
Abdichtungssysteme sollen das Versickern von
flüssigen Schadstoffen aus Fest- oder Sondermüll in
deponienahen Böden oder Grundwasser verhindern.
"Häufig ist es jedoch so, daß ein 'perfekt' geplantes
System in der Praxis vor Ort nicht funktioniert",
erklärt Jennings, Leiter des neuen Studiengangs
Umwelttechnik an der Fakultät für Bauwesen der
Universität.
Eines seiner Forschungsprojekte dient dazu herausfinden, warum die "Ballons" der Deponien immer
wieder platzen. "Die meisten bisher durchgeführten
Untersuchungen gingen von der Annahme aus, daß
die Eigenschaften des Bodens konstant bleiben,
während er von chemischen Substanzen durchdrungen wird", so Jennings. "Wir stellen jedoch fest,

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daß Böden bei der Durchsetzung mit bestimmten
chemischen Substanzen - aggressiven Sickerstoffen verändert werden, und dies verändert schließlich
auch den Weg, den diese Substanzen nehmen."
In den meisten Fällen reagieren aggressive Sickerstoffe mit dem Boden und steigern damit ihre Fließgeschwindigkeit. Manchmal jedoch ist genau das
Gegenteil der Fall. Chemische Substanzen reagieren
mit dem Boden und verringern ihre Fließgeschwindigkeit. "Wenn wir verstehen können, warum dies so ist,
können wir es vielleicht zu unserem Vorteil nutzen",
erklärt Jennings.
Es ist genau diese Art von Forschungsprojekten, die
Adel Saada, Frank-H.-Neff-Professor und Dekan der
Fakultät für Bauwesen, mit Hilfe von Jennings und
dem Studiengang Umwelttechnik an der CWRU
ansiedeln möchte: Forschung und Lehre, die von
entscheidendem Interesse für die Studenten, die
Universität, die Umwelt und die Gesellschaft sind.
Jennings kam 1993 als Professor für Tiefbau von der
University of Toledo (Ohio) an die CWRU. "Er ist ein
hervorragender Lehrer und Forscher", erklärt Saada,
"und wir schätzen uns glücklich, ihn bei uns zu
haben."
De facto widmet er sich dem Neuaufbau einer Sparte
des Bauwesens, die vor längerer Zeit an der CWRU
abgeschafft worden war.
Umwelttechnik ist ein
spitzentechnologischer Ableger des Studiengangs

Seite 1

�Sanitärtechnik - Abwasserbeseitigung, Wasserversorgung und Wasseraufbereitung -, den das Case
Institute of Technologie (ein Vorgänger des CWRU)
Saada zufolge vor über 30 Jahren abgeschafft hatte.
Als die ehemalige Sowjetunion im Jahr 1957 den
Sputnik startete, trug sie auch dazu bei, eine Krise
im amerikanischen Bildungswesen einzuleiten,
erläutert Saada. "Jeder wollte mit einer Rakete zum
Mond fliegen." Überall in den Vereinigten Staaten
liefen an den Universitäten technisch fortschrittlichere, wissenschaftlich fundierte Sparten des
Ingenieurwesens - etwa Materialforschung - der
Sanitärtechnik den Rang ab.
"Alles wurde komplizierter, als die moderne Industrie
begann, Dinge wie radioaktives Material im Boden
zu vergraben." Dabei geht es Saada zufolge nicht
mehr um ein paar Menschen, die aufgrund von
verunreinigtem Wasser Magenbeschwerden haben.
"Wir sprechen von der Möglichkeit, daß ganze
Städte vernichtet werden, weil ihre Wasserversorgung ruiniert wurde. Also erlebte die Sanitärtechnik
ein Comeback, wobei jedoch die Nachfrage auf
wesentlich höherem Niveau steht."
Umwelt- oder Sanitäringenieure planen und bedienen immer noch städtische Wasserversorgungssysteme und Kläranlagen. Heute kümmern sie sich
jedoch auch um die Sanierung von wirklichen
Problemfällen: durch Nuklearabfälle verseuchte
Böden, rostende Fässer mit giftigen Chemikalien,
verseuchte Flußbetten und undichte Mülldeponien.
Andere Umweltingenieure kümmern sich um die
Abfallentsorgung, von Bananenschalen bis zu
radioaktiven Abfällen. Sie planen Systeme und
Anlagen zur Verringerung industrieller Luft-, Wasserund Bodenverschmutzung, zur Verbesserung der
Luftqualität in Hochhäusern, für den Lärmschutz in
Fabriken oder auch zum Schutz von Feuchtgebieten
vor Eingriffen durch Erschließungsmaßnahmen.
Vor dreißig Jahren, räumt Saada ein, "wurde ich mit
dieser Welle von Neuzugängen eingestellt, die den
Alten einmal zeigen sollten, was eine Harke ist". Die
letzten zehn Jahre verbrachte er mit Bemühungen,
die Sanitärtechnik - sprich: Umwelttechnik - wieder
an der CWRU zu verankern.
Die Entwicklung des Berufszweiges läßt sich an den
zu seiner Beschreibung verwendeten Namen ablesen und begann Saada zufolge in den späten
sechziger Jahren. "Sanitär..." wurde in den Titeln
von Fachzeitschriften, Berufsverbänden und Universitätsstudiengängen zu "Umwelt...". Saada und
Jennings verspüren jedoch keinen Drang, sich an
diesem Wettlauf zu beteiligen. Sie nehmen sogar

Seite 2

einen Vorteil für sich in Anspruch, da sie nicht mit der
Orientierung auf Sanitärtechnik belastet seien wie
länger bestehende Studiengänge.
"In gewisser Hinsicht ist es gut, keine alten Laboratorien zu haben, die für andere Zwecke ausgerüstet
sind", erklärt Jennings. "Wenn man 20 oder 30 Jahre
in Wasseraufbereitung und Abwasserreinigung
investiert hat - wenn Laboratorien und Lehrkörper
darauf ausgerichtet sind - ist es schwierig, auf die
Anforderungen durch Umweltveränderungen einzugehen. Wir haben die Chance, ein neues Programm zu konzipieren, das die Zukunft der Umwelttechnik zum Inhalt hat."
Diese Strategie verfolgt das Ziel, eine Nische zu
finden, in der Spitzenleistungen erbracht werden
können. "Wir konzentrieren uns auf die Wissenschaft, Technologie und Theorie der Sanierung, der
Reinigung von Altlastenstandorten", so Jennings.
"Zahlreiche Umweltbereiche sind in den vergangenen
40 bis 50 Jahren kontaminiert worden, und ihre
Sanierung bietet ein enormes Betätigungsfeld."
Vieles findet sich bereits in der unmittelbaren Umgebung der CWRU, in Cleveland und anderen Städten
an den Großen Seen. Jennings zufolge ist das
Gebiet der Großen Seen, traditionell ein Zentrum der
Schwerindustrie, "seit langem ein Hauptverursacher
von Sonderabfällen. Wenn man die zehn führenden
Verursacherstaaten von Sonderabfällen betrachtet,
gehören außer Kalifornien und Texas fast nur Staaten
im Umfeld der Großen Seen dazu" (die Regionen um
den Michigansee, den Oberen See, den Huronsee,
den Erisee und den Ontariosee).
Der Vizepräsident der Firma Gould, Inc. in Eastlake
(Ohio), Robert J. Fedor, erklärt: "Als Nutzer von
Umweltdienstleistungen freut man sich, wenn jemand
effizientere Sanierungstechniken erfindet."
Schätzungen des amerikanischen Umweltbundesamtes EPA zufolge würde die Sanierung der 1 200
Standorte, die derzeit auf der nationalen Prioritätenliste des Superfund-Programms stehen, je 32 Millionen Dollar kosten. Dabei handelt es sich um alte
Deponiestandorte, an denen Abfälle unbeabsichtigt
freigesetzt oder heimlich entsorgt wurden. Diese
Standorte sollen im Rahmen des Comprehensive
Environmental Response, Compensation and Liability
Act von 1980, besser bekannt unter dem Namen
Superfund, saniert werden.
Kritiker des Superfund erklären, es werde zuviel Geld
für gerichtliche Auseinandersetzungen sowie für die
makellose Reinigung einzelner Altlastenstandorte
ausgegeben. Dazu meint Jennings: "Zweifellos wird

AMERIKA DIENST 12

�es eine Menge Arbeit geben. Das grundsätzliche
Motiv des Superfund hat sich nicht geändert."
Neben Superfund-Standorten, die in den Verantwortungsbereich des Bundes fallen, gibt es dem Professor zufolge auch Superfund-Standorte im Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten sowie Industriestandorte, um deren Sanierung sich die betreffenden
Unternehmen bemühen, bevor sie in komplizierte
Superfund-Rechtsstreitigkeiten verstrickt werden.
Darüber hinaus planen die amerikanischen Ministerien für Energie und Verteidigung laut Jennings in
den nächsten 20 Jahren 100 Milliarden Dollar in
ökologische Sanierungsmaßnahmen zu investieren.
Die Kosten seien so exorbitant hoch, weil viele
Standorte, etwa die ehemalige Uranaufbereitungsanlage Fernald bei Cincinnati (Ohio), nuklear belastet seien.
Nachdem sie die Umweltsünden im eigenen Land
behoben haben, werden sich die Umweltingenieure
schließlich dem Rest der Welt zuwenden können.
Als Beispiel nennt Jennings die Umweltschäden in
der ehemaligen Sowjetunion, wo man nukleare
Abfälle unter anderem dadurch entsorgte, daß man
sie auf treibenden Eisschollen ablud.
"Die Vereinigten Staaten sind weltweit führend bei
der Identifizierung von Altlastenstandorten, bei der
Ausbildung von Personal zur Sanierung von Altlastenstandorten sowie bei den Ausgaben für die
Lösung von Umweltproblemen", meint Jennings.
"Die Vereinigten Staaten werden reiche Erfahrungen
bei der Umweltsanierung zu bieten haben. Wir
werden einen gut ausgebildeten Kader von Spezialisten mit Praxiserfahrung haben. Für unsere Studenten werden sich weltweit großartige Chancen ergeben."
Und Nachfrage. Von den 2 Millionen amerikanischen Ingenieuren sind der amerikanischen Academy of Environmental Engineers zufolge lediglich
25.000 bis 50.000 als Umweltingenieure tätig - und
diese weisen darüber hinaus noch eine äußerst
unterschiedliche Vorbildung auf. Diese Zahl reicht
nicht aus, um der steigenden Nachfrage nach
fachlich ausgebildeten, staatlich geprüften und
amtlich zugelassenen Umweltingenieuren gerecht zu
werden, von denen die meisten von Planungsbüros
eingestellt werden, um für Staats- und Industriekunden zu arbeiten.
William C. Anderson, geschäftsführender Direktor
der Academy, verweist darauf, daß der Kongreß seit
1969 20 wichtige Umweltgesetze sowie Gesetzesänderungen wie den Superfund verabschiedet hat.

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Jennings fügt hinzu: "Umweltprobleme treten an der
Front zwischen der modernen technisierten Gesellschaft und der Umwelt auf. Die moderne technisierte
Gesellschaft kann man nicht abschaffen. Wir benötigen Ingenieure, die an dieser Front arbeiten, um
Umweltprobleme zu lösen, die mit der modernen
Technik einhergehen."
Bei der Erstellung des Studiengangs zur Ausbildung
von einigen dieser Ingenieure hat sich Jennings auf
seine Stärke konzentriert: Laborentwicklung.
In der Umwelttechnik, so Jennings, "messen wir
Schadstoffe. Manchmal handelt es sich dabei um
komplexe Substanzen in äußerst geringfügigen
Konzentrationen, und deshalb unterscheiden sich die
eingesetzten Labortechniken und Geräte sehr stark
von den normalerweise im Baubereich verwendeten
Techniken - für gewöhnlich das Biegen von Stahl und
Zertrümmern von Beton."
Zwei Laboratorien sind derzeit im Bau. Im "Lehr"Laboratorium werden Studenten im Grundstudium
Routineuntersuchungen durchführen, etwa die
Messung von chemischen Konzentrationen (z. B.
Nitrat und Chlor) in Boden-, Luft- und Wasserproben.
In dem anderen Labor werden Studenten der höheren Semester mit den modernsten hochempfindlichen
Meßinstrumenten - beispielsweise einem Atomabsorptionsphotospektrometer, das Spuren metallischer
Schadstoffe nachweisen kann - Forschung betreiben.
Studenten mit dem Hauptfach Bauingenieurwesen
können sich für Umwelttechnik entscheiden, während
Studenten anderer Ingenieurdisziplinen Bauwesen mit
Schwerpunkt Umwelttechnik als Nebenfach belegen
können. Ab Herbst 1994 konnten Studenten laut
Jennings im Hauptstudium einen Studiengang wählen, der mit dem Grad eines Magisters oder der
Promotion abschließt. Darüber hinaus legte er die
Lehrpläne so an, daß Studenten im dritten oder
vierten Studienjahr den Schwerpunkt auf Umwelttechnik legen können.
Um das gesamte Programm zu verwirklichen, werden
Jennings und Saada weitere Dozenten für Umwelttechnik anwerben. Zur Finanzierung eines weiteren
Dozentenpostens wandten sie sich an das Programm
"Frauen im Ingenieurwesen" der National Science
Foundation, das sich bemüht, durch die Finanzierung
von Lehrstühlen für Dozentinnen mehr Frauen für den
Ingenieurberuf zu gewinnen.
Die Professoren gehen davon aus, daß der neue
Studiengang intelligente und hochmotivierte Studenten anziehen wird. Umweltingenieure gelten als die
"Wohltäter" des Ingenieurwesens, meint Jennings.
"Ich glaube nicht, daß man aufgrund von weltan-

Seite 3

�schaulichem Engagement Elektro-oder Chemieingenieur wird. In der Umwelttechnik kann man sich als
Ingenieur betätigen und Probleme bearbeiten, die
weltanschauliche Befriedigung verschaffen. Manchmal ist dies nur unterschwellig der Fall, aber ein
missionarisches Element ist immer vorhanden."
"Ich bin froh, an der CWRU zu sein", erklärt Christina Pap, die als Umwelt- und Arbeitsschutzingenieurin in einer Quarzlampenfabrik des Konzerns
General Electric arbeitet und den Studienabschluß
eines Magisters anstrebt. Sie trat nach dem Erwerb
eines Bachelor of Arts in Fertigungstechnik an der
Boston University bei General Electric ein. Nach
mehreren Sechsmonatsaufträgen, von denen einer
mit Umwelttechnik zu tun hatte, entschied sie sich
für ihre weitere Ausbildung auf diesem Gebiet.
"Umweltthemen werden oft emotional betrachtet.
Meines Erachtens können Techniker hier als ausgleichende Kraft wirken. Als Ingenieurin, die sich für
die Umwelt interessiert, hoffe ich etwas bewirken zu
können."
Jennings wurde 1949 in Idaho geboren und wuchs
im Staat New York auf, wo seine Familie Pferde
züchtete. "Es gab einmal eine Zeit," erklärt er, "als
ich unbedingt für eine Umweltschutzorganisation
arbeiten wollte. Ich bewarb mich bei allen. Aber sie
stellten keine Ingenieure ein. Sie wollten Umweltwissenschaftler und Rechtsanwälte.
Viele Umweltgruppen begingen damit einen fundamentalen Fehler. Sie haben viel Gutes bewirkt,
aber um eine Maßnahme zu stoppen, konzentrierten
sie sich auf juristische Fehler anstatt auf die eigentlichen Umweltprobleme." Umweltschützern erschienen Ingenieure - als ausführende Organe der
Industrie - vielleicht als Teil des Problems, aber, so
Jennings, "ich denke bei Ingenieuren im Umweltbereich an eine sehr positive Kraft für den Umweltschutz".

*

Seite 4

*

Gäbe es die Umwelttechnik nicht, fügt Jennnings
hinzu, wäre er überhaupt kein Ingenieur geworden.
Er war auf dem Wege Architekt zu werden, als er
1970 - dem Jahr, in dem der erste Tag der Erde
veranstaltet wurde - sich für den Umweltschutz zu
interessieren begann. Er hörte von einem Studiengang Umwelttechnik am Rochester Institute of Technology in Rochester (New York) und wechselte das
Studium. Nachdem er dort den Grad eines Bachelor
erworben hatte, ging er an die University of Massachusetts, wo er jeweils einen Magister- und einen
Doktortitel erwarb, ersteren in Tiefbau und letzteren
in Umwelttechnik.
Anstatt eine steile Karriere als beratender Ingenieur
anzustreben, wählte Jennings die akademische
Laufbahn, wo er sich durch Lehre und Forschung der
Verbesserung von Praxis und Wissenschaft des
Ingenieurwesens widmen konnte.
Eine seiner Hauptinteressen gilt Computermodellen eine Methode der Vorhersage, wie sich komplizierte
Ökosysteme, etwa die Großen Seen, unter verschiedenen Bedingungen im Lauf der Zeit entwickeln
werden.
Darüber hinaus interessiert er sich stark für ökologische Entscheidungsfindung - zum Beispiel die
Argumente im Bereich Abfallentsorgung: Ein Sondermüllstandort könnte undicht sein und die Wasserversorgung bedrohen. Wir wissen, daß wir eine neue
moderne Deponie benötigen, aber trotzdem verzögern wir ihren Bau, weil niemand sie in seiner
Nachbarschaft möchte.
"Die meisten ökologischen Entscheidungen werden
nicht aus technischen Gründen getroffen", erklärt er.
"Ich versuche unseren Umweltingenieuren ein Bewußtsein von der Notwendigkeit zu vermitteln, sich an
der Entscheidungsfindung zu beteiligen, damit sich
die Entscheidungen mehr in Richtung umweltverträglicher Technik orientieren."

* *

AMERIKA DIENST 12

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                <text>Amerikadienst 29.03.1995</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Klimakonferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der globale Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Al Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NVV&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Strategische Nuklearpolitik und Nichtverbreitung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul C. Warnke&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erde ruft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jean B. Evans&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23. März 1995

11

SOZIALGIPFEL

MARKTSYSTEM SETZT HUMANKAPITAL FREI
Rede von Vizepräsident Gore

USA-EUROPA

ES BLEIBT IN DER FAMILIE - DIE
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
von Simon Sertaty

TAG DER ERDE

VEREINIGTE STAATEN STARTEN
GLOBALES UMWELTBILDUNGSNETZ
von Edward Taishoff

FRAUEN

MACHT UND EINFLUSS DER FIRST LADIES
von Edith P. Mayo

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�SOZIALGIPFEL
22. März 1995

Marktsystem setzt Humankapital frei
Rede von Vizepräsident Gore
KOPENHAGEN - (AD) - In seiner Rede vor dem Wettgipfel der Vereinten Nationen über soziale Entwicklung
stellte Vizepräsident Gore am 12. März 1995 fest, "mein Land hält jedoch an seiner optimistischen Vision fest" trotz der zahlreichen Tragödien dieses Jahrhunderts.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Exzellenzen, Herr Minister, meine
Damen und Herren,
es ist mir eine Ehre, Präsident Clinton und das
amerikanische Volk bei diesem wichtigen Gipfeltreffen vertreten zu dürfen. Ich möchte zunächst
unseren dänischen Gastgebern für die gelungene
Veranstaltung dieser Konferenz und für ihre Gastfreundschaft danken. In einer Zeit großer Chancen,
aber dennoch beträchtlicher Unsicherheit in der
internationalen Staatengemeinschaft begrüßen wir
diese Gelegenheit, Themen von gemeinsamem
Interesse für alle Nationen und alle Völker anzusprechen.
Ein für Unruhen und Leid stehendes Jahrhundert
geht zu Ende. Betrachtet man die zahlreichen
Tragödien, wäre ein gewisser Zynismus beim Blick
in die Zukunft sicherlich verständlich. Mein Land hält
jedoch an seiner optimistischen Vision fest.
Wir glauben an eine Welt, die von Gesetzen statt
Gewalt regiert wird, wir glauben an eine auf Gerechtigkeit gegründete Welt, wir glauben an den Sieg
unserer Menschlichkeit über die Intoleranz. Vor
allem glauben wir an Freiheit - politische und geistige Freiheit als Geburtsrecht der Menschheit - eine
Freiheit von Not als Ziel, an dem wir die Qualität
unserer Zivilisation messen.
Sind das übertriebene Hoffnungen?
Ganz im
Gegenteil. Mit der Zeit wurden sie immer eindeutiger zum gemeinsamen Ziel der Menschheit. Mir
scheint in der Tat, daß diese Reihe großartiger
Weltkonferenzen der Vereinten Nationen für Bestrebungen der ganzen Welt steht, die Prinzipien und
praktischen Erfordernisse für die Schaffung einer
solchen Welt zu überdenken.

AMERIKA DIENST 11

Die Treffen - vor kurzem in Wien, Kairo, Kopenhagen
und im Herbst in Peking - konzentrierten sich auf eine
Reihe ineinandergreifender Fragen. Was ist die
adäquate Beziehung zwischen menschlicher Zivilisation und Umwelt? Was kann zur Schaffung gerechter
Gesellschaften getan werden, die Menschlichkeit
nähren und Menschenrechte schützen? Was kann
mit demokratischen Mitteln getan werden, um unsere
Welt vor den Konsequenzen des rapiden und destabilisierenden Bevölkerungswachstums zu schützen und
statt dessen ein gerechtes Muster tragfähiger Entwicklung zu schaffen? Was kann getan werden, um
die ärmsten unserer Bürger einem produktiven Leben
zuzuführen?
Was kann getan werden, um die
Schranken abzubauen, die Frauen auf der ganzen
Welt noch immer vermehrte Befugnisse verwehren?
Diese Zusammenkünfte sind internationale Gemeindeversammlungen, bei denen einzelne Bürger, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen zusammenarbeiten, um einen neuen Konsens über das
Wesen der uns konfrontierenden Herausforderungen
und deren erfolgreiche Bewältigung zu erzielen.
Wir sind hier zusammengekommen, um uns mit den
Themen Armut, Behinderung, Arbeitslosigkeit und
sozialer Zerfall auseinanderzusetzen. Diese Probleme bestehen in unterschiedlichem Ausmaß in allen
hier vertretenen Ländern - sicherlich auch in meinem
eigenen Land. Die diese Probleme charakterisierenden Zahlen sind schwindelerregend: Eine Milliarde
Menschen leben in absoluter Armut ohne Zugang zu
sauberem Wasser, Kanalisation oder richtiger Ernährung. 30 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung
sind heute arbeitslos oder unterbeschäftigt. Aufgrund
der schlimmsten Arbeitslosigkeit seit der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre haben eine Milliarde
Menschen ein tägliches Einkommen von unter einem
Dollar.

Seite 1

�Aber wie der Schriftsteller Arthur Koestler es einmal
formulierte, bluten Statistiken nicht. Zahlen erfassen
nicht die Pein obdachloser Kinder, die durch die
Straßen ansonsten reicher und geschäftiger Städte
streifen. Sie erfassen nicht den Schmerz von Eltern,
deren Kind während der schrecklichen Ereignisse in
Ruanda verhungert oder an einer Krankheit gestorben ist. Und sie erfassen auch nicht die düstere
Verzweiflung einer obdachlosen Frau, die zusammengerollt über einem Lüftungsschacht in Washington - nur ein paar Häuserblocks vom Weißen Haus
entfernt - schläft.
Dies sind persönliche Tragödien, aber jede von
ihnen ist zum Teil auf unser Versagen als menschliche Familie zurückzuführen, unsere Verbindungen
zueinander zu spüren und zu verstehen, sowie unser
Versagen, die Chancen zu erkennen, die jeder
Mensch haben sollte, um zu unserer gemeinsamen
Zukunft beizutragen und diese zu bereichern.
Wirtschaftswachstum kann nicht über einen langen
Zeitraum hinweg aufrechterhalten werden, wenn
nicht ein entsprechender Teil seiner Früchte kontinuierlich in das Nähren und Entwickeln von Humankapital investiert wird. Selbst Adam Smith bezeichnete Volkswirtschaften stets als "menschliche
Wirtschaften". Vielleicht hätten wir dieses Konzept
nie aufgeben sollen. Menschen, die krank, ungebildet, unterernährt oder arbeitslos sind, sollten nicht
bloß das Objekt des Schuldgefühls der Gesellschaft
sein. Sie sollten auch als Verkörperung des nicht
realisierten wirtschaftlichen und sozialen Potentials
angesehen werden.
Wie sollen wir uns mit diesem Problem auseinandersetzen? In meinem Land ist diese Frage zur
Zeit das Thema eines harten politischen Kampfes.
Geprüft wird, ob die Vereinigten Staaten sich von
ihren eigenen, am meisten benachteiligten Bürgern
zu Hause abwenden und von der vordersten Reihe
der Nationen zurücktreten werden, die Bande
gemeinsamer Verantwortung gegenüber den Männern und Frauen auf der übrigen Welt anerkennen,
die aus eigener Anstrengung heraus der Entwürdigung und Verzweiflung zu entrinnen suchen.
Ich glaube, daß die Vereinigten Staaten am Ende
des Tages nicht einen Schritt zurück machen werden. Die Clinton-Administration ist der Auffassung,
daß die große Mehrheit der Amerikaner in beiden
führenden politischen Parteien sie bei dem Versprechen unterstützen wird, weiterhin engagiert zu
bleiben.
Das amerikanische Volk weiß, daß unser zukünftiges
Wohlergehen untrennbar mit der Weltwirtschaft
verbunden ist. Und es weiß, daß die Unterstützung

Seite 2

der Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern, in
denen bis zum Jahr 2000 vier Fünftel der Bevölkerung leben werden, auch unserer eigenen Volkswirtschaft nützlich sein wird. Ich glaube jedoch auch,
daß wir neue Ansätze zu neuen Gegebenheiten
finden müssen, wenn die Vereinigten Staaten Fortschritte machen und sich weiterhin für die Bestrebungen der Welt engagieren wollen, die Ziele dieses
Gipfeltreffens zu erfüllen.
Wir in den Vereinigten Staaten haben beispielsweise
inzwischen erkannt, daß es an der Zeit ist, unser
altes Modell zur Bekämpfung der Armut im Inland
aufzugeben, das sich auf massive staatliche Einflußnahme durch aufgeblähte Bürokratien gründete.
Es gab eine Zeit, in der diese Strukturen zur Umsetzung unseres Idealismus unerläßlich schienen. Aber
das Ausmaß, die mangelnde Flexibilität und der
Kostenaufwand dieser Strukturen werden jetzt als
Hindernis für das von uns noch immer verfolgte Ziel
angesehen.
Wir arbeiten auf tragfähigere Beziehungen zwischen
der Regierung und den Menschen hin. Wir können
nicht erfolgreich sein, wenn wir die Armen ausschließlich als passive Empfänger von Leistungen wie
Sozialhilfe oder medizinische Versorgung behandeln.
Statt dessen entwickeln wir einen Ansatz, der die
Menschen zu aktiven Partnern macht, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir müssen neue
Verbindungen zu unserem eigenen Volk finden, mit
einer Regierung, die besser arbeitet, weniger kostet
und sich auf Ergebnisse konzentriert.
Wir müssen Wege finden, um über alte und begrenzte Konzepte hinauszugehen, und den Wert dieser
neuen Wege zur Förderung von tragfähiger Entwicklung und sozialem Fortschritt für die in Armut Gefangenen nutzen - wie etwa Partnerschaften zwischen
der Regierung und dem Privatsektor, technische
Unterstützung für die Entwicklung von Institutionen
und politische Reformen sowie Unterstützung von
Süd-Süd-Partnerschaften. Auch die internationalen
Institutionen müssen sich durch größere Flexibilität
und Aufgeschlossenheit für die Bedürfnisse der
Armen anpassen. Diese Konferenz hat insbesondere
dem UN-System äußerste Aufmerksamkeit gewidmet,
und ich begrüße ihre Bestrebungen, sich auf den
notwendigen Wandel zu konzentrieren.
Wir in den Vereinigten Staaten betrachten dieses
Gipfeltreffen auch als eine Chance für konstruktiven
Wandel. Wir wissen, daß wir im In- und Ausland die
Bekämpfung von Armut neu definieren und die
Beziehungen zwischen Geber- und Nehmerländern in
eine Beziehung zwischen Partnern umgestalten
müssen.

AMERIKA DIENST 11

�In diesem Geiste freue ich mich, heute die "neue
Partnerschaftsinitiative" der Vereinigten Staaten
bekanntgeben zu können. Im Rahmen dieser Initiative wir das US-Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) 40
Prozent seiner Entwicklungshilfe über nichtstaatliche
Organisationen in den Vereinigten Staaten und vor
Ort leiten.
Die "neue Partnerschaftsinitiative" verfolgt drei
Hauptziele: Kleinunternehmen und Unternehmern
die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zu
ermöglichen, die Rolle nichtstaatlicher Unternehmen
bei Entwicklungsprogrammen zu verbessern und den
Nationen bei der Förderung von Demokratie auf
lokaler Ebene behilflich zu sein. Diesen drei Zielen
liegt die Idee zugrunde, daß Familien und Einzelpersonen genau dies tun werden, wenn man ihnen
die Macht und Chance zur Änderung ihres Lebens
gibt.
Bei der Erörterung von Wegen zur Verbesserung
des von den Regierungen gegen die Armut geführten Kampfes möchte ich hervorheben, daß mein
Land auch an zwei weitere zentrale Theorien glaubt.
Erstens glauben wir, daß dauerhafter Gewinn nur
erzielt wenn werden kann, wenn wir freie Marktwirtschaften und die Initiative des einzelnen ermutigen.
Aus unserer Sicht setzt das Marktsystem einen
höheren Prozentsatz an Humankapital frei als jede
andere Form wirtschaftlicher Organisation und hat
das Potential unter Beweis gestellt, weit verbreiteten
neuen Wohlstand zu schaffen.

Zweitens glauben wir, daß wirtschaftliche Entwicklung
umweltverträglich ausgerichtet sein kann und muß.
Eine tragfähige Wirtschaftsentwicklung gewährleistet,
daß wir den heutigen Bedarf nicht mit Mitteln decken,
die sich rasch erschöpfen und uns zu noch unlösbareren Problemen zurückwerfen.
Abschließend möchte ich die Bedeutung eines
kulturellen Trends unterstreichen, der den Tag
beschleunigt herbeiführen kann, an dem wir ein Ende
der Armut und eine Zunahme der Rechte und Befugnisse von Frauen sehen, die - wie die First Lady
der Vereinigten Staaten vor nur wenigen Tagen
ausführte - in vielen Ländern weiterhin eine Randgruppe sind. Da Frauen über zwei Drittel der Analphabeten der Welt ausmachen, werden Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Frauen und
Mädchen die Armut mildern - und ich möchte mich in
den Kreis derjenigen einreihen, die diesen Gipfel zur
Verabschiedung des Prinzips gleicher Rechte beglückwünschen.
Die von Ihnen hier erarbeiteten Dokumente sind Teil
eines sich abzeichnenden übergreifenden Gefüges
für das Allgemeinwohl. Trotz der vor uns liegenden
Schwierigkeiten und großen Herausforderungen
bewegen wir uns meines Erachtens gemeinsam auf
ein Gefühl der Beteiligung an der Weltzivilisation hin,
deren - freiwillig geknüpfte Bande - stark genug sein
werden, uns angesichts der Kräfte zusammenzuhalten, die uns entzweien könnten. Unsere Arbeit ist ein
bedeutender Beitrag zu diesem Ziel, und stellvertretend für meine Regierung und das amerikanische
Volk möchte ich dieses Gipfeltreffen zu der geleisteten Arbeit und der Verpflichtung zur Erlangung seiner
Ziele beglückwünschen.

* *

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 3

�USA-EUROPA
22. März 1995

Es bleibt in der Familie die Vereinigten Staaten und Europa
von Simon Serfaty
In der Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Europa bietet heute "ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschreckend ist: Eine Union
von Staaten - in denen die Normalität der nationalen Souveränität einer neuen Supranationalität europäischer
Institutionen Platz macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann macht sich über ihre Funktionsweise Gedanken". Die Stärkung der europäischen Einheit ist ein grundlegendes
Interesse der Vereinigten Staaten. Aber während der Einfluß Washingtons bei Themen wie den neuen
Sicherheitsarrangements der NATO entscheidend ist, muß Europa selbst den Weg zu wirtschaftlichen
Partnerschaften anführen, die auf die Förderung politischer Stabilität ausgerichtet sind. Das Engagement der
Vereinigten Staaten in Europa "reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten" als Ende der vierziger Jahre,
"bei denen Wechselkurse und Unternehmensprofite, Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland tätige
Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie Truppenstärke und
Waffenbereitschaft. Mit der Zeit", so Serfaty, "ist dort drüben zu hier drüben geworden."
Simon Serfaty ist Professor für internationale Politik an der Old Dominion University in Norfolk (Virginia) und
Direktor für europäische Studien am Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington. Eines
der von ihm veröffentlichten Bücher hat den Titel Taking Europe Seriously (1992).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Current History, November 1994.
Copyright (c) 1994 Current History, Inc.

Der Kalte Krieg entstand aus den beiden ihm vorangegangenen Kriegen. Während die Macht auf
dem Kontinent neu verteilt wurde, veranlaßten die
Teilung Deutschlands und die Expansion der sowjetischen Macht in Mittel- und Osteuropa die meisten
Länder in West- und Südeuropa, die Vereinigten
Staaten zur Aufgabe ihrer Isolation auf der anderen
Seite des Atlantiks "einzuladen" und sich in ihrer
Mitte niederzulassen. So entstanden die Realitäten,
die nahezu fünf Jahrzehnte lang den "langen Frieden" bedingten, der sich den Siegern von 1919
entzogen hatte: Zwei von zwei Supermächten
organisierte Teile Europas, konzentriert auf zwei
Hälften Deutschlands, die als zwei separate Blöcke
funktionierten.

Staaten jedoch die konstruktive Präsenz einer klaren
sowjetischen Bedrohung zu vermissen, und die
Länder Europas scheinen das Fehlen eines geteilten
und besetzten Deutschlands zu bedauern. Kurze Zeit
nach dem Kalten Krieg sehen sich die zur Bekämpfung der Sowjetunion und Aufnahme Deutschlands
geschaffenen Institutionen einer Bedrohung ausgesetzt: Wieder einmal scheint die Europäische Union
vom Weg abgekommen zu sein und wieder einmal
werden der NATO Schwierigkeiten nachgesagt.
Können diese Institutionen eine neue Identität erlangen oder sind sie zum Untergang verurteilt, weil sie
durch das Ende des Konflikts, der sie ins Leben rief,
nutzlos geworden sind?
Wie lange noch bis zu einem Europa?

Im Laufe der Jahre verlieh die Intensität der Feindseligkeiten des Kalten Krieges dieser Teilung den
Anschein der Unumkehrbarkeit. Die revolutionären
Veränderungen von 1989 und 1990, die den Sowjetblock zerschlugen, wurden als Wunder angesehen,
auf das die meisten Beobachter nicht mehr zu hoffen
gewagt hatten. Heute scheinen die Vereinigten

AMERIKA DIENST 11

Gibt es ein neues Europa? Die Antwort ist schnell
gefunden - Nein. Aber dennoch bietet Europa heute
ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschrekkend ist: Eine Union von Staaten - in denen die
Normalität der nationalen Souveränität einer neuen
Supranationalität europäischer Institutionen Platz

Seite 1

�macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann - macht sich
über ihre Funktionsweise Gedanken.
Seit 1989 gehen aut dem gesamten Kontinent
Gespenster um: In Mittel- und Osteuropa, wo Rußland für den Geschmack seiner ehemaligen Satellitenstaaten weiterhin zu dominierend und zu mächtig
tür den weiter entfernter Nachbarn ist; in Südosteuropa, wo der Balkan erneut von ethnischen Konflikten und nationalen Rivalitäten zerrissen ist; und in
Westeuropa, wo die schleichenden Ambitionen der
Nationalstaaten mit ihren Verpflichtungen als Mitglieder einer Union kollidieren, die sie einerseits
nicht zu ignorieren wagen, aber andererseits auch
nicht vollenden können.
Diese Gespenster lassen Erinnerungen an ein 20.
Jahrhundert Wiederaufleben, das in das nächste
übergreifen könnte: Die territorialen Instabilitäten
der Jahre vor und zwischen den Kriegen auf dem
Balkan, der mörderische Wahnsinn der beiden
Weltkriege und die vielen "kleinen" Konflikte, die
ihnen vorangingen, die Wirtschaftskrise und sozialen
Ängste der Jahre zwischen den Kriegen und die
politischen Exzesse der Jahre zwischen und nach
den Kriegen. Die Erinnerungen sind lückenhaft.
Von Sarajevo 1914 bis zum Sarajevo von heute
nahm die Geschichte ihren Lauf. Aber trotz der
Brutalität, mit der das Jahrhundert begann und
endete, wiederholt sich die Geschichte nicht.
Paradoxerweise ist der Krieg in Bosnien ein typisches Beispiel. Anfang des Jahrhunderts eskalierte
ein kleiner regionaler Konflikt, der bei normalem
Verlauf einige Tausend Menschen getötet hätte,
praktisch über Nacht zu einem Weltkrieg, der mehrere Millionen das Leben kostete. Anfang der neunziger Jahre trafen die ehemaligen Großmächte Europas - Deutschland, Frankreich, Großbritannien und
Rußland - die traditionelle Entscheidung zwischen
Kroaten und Serben in Kroatien sowie zwischen
Serben und Muslimen in Bosnien. Aber diese
Mächte traten weder in den Krieg ein noch bildeten
sie Bündnisse, um ihre Ambitionen umzusetzen.
Statt dessen versuchten sie - wenn auch vergeblich ihrer jeweiligen Politik gerecht zu werden, damit die
befürchtete Eskalation vermieden und der beklagenswerte Verlust an Leben und Gut so gering wie
möglich gehalten werden konnte: Durch den Europarat, der sowohl Rußland als auch die Vereinigten
Staaten ausschloß; durch die NATO, die die Vereinigten Staaten, aber nicht Rußland einbezog;
durch eine aus fünf Mächten bestehende "Kontaktgruppe", zu der sowohl die Vereinigten Staaten als
auch Rußland zählten, oder durch die alle einbeziehenden Vereinten Nationen. Der Krieg in Bosnien
dient also als Beweis, daß ethnische Greueltaten -

Seite 2

obwohl sie immer noch für einen Großteil Europas
zum täglichen Leben gehören - nicht mehr so leicht
ausufern können wie bisher, weil der übrige Kontinent
jetzt dem Ruf zu den Waffen widerstehen kann. Was
ist am Ende schlimmer - ein Europa, das sich zur
Rettung Bosniens zu kämpfen weigert, oder ein
Europa, das begierig ist, dies zu tun?1
Warum dann also die Skepsis und das Lamentieren
über Europas Unfähigkeit, seine Einheit zu vollenden
und seine Abhängigkeit von der Stärke oder dem
Goodwill entfernter Mächte zu überwinden? Der
Grund ist zum Teil in der Tendenz zu suchen, den
Kontinent in einem zeitlich sensiblen Kontext zu
sehen. Kurzfristiges Scheitern wird als endgültig
erachtet (da keine institutionelle Wiedergutmachung
erwartet wird) und der langfristige Erfolg ist unvorhersehbar (weil kein endgültiges Ergebnis je definiert
wird). Auf diese Weise betrachtet ist die Geschichte
der europäischen Integration vor allem Dissonanz,
der Prozeß stets hoffnungslos verfahren oder - noch
schlimmer - eine Chronik komplexer Verträge, die
nach ihrer Unterzeichnung nicht ratifiziert oder nach
ihrer Unterzeichnung und Ratifizierung nicht eingehalten wurden. Eine Chronik vager Zeitpläne und
lockerer, nicht verwirklichter Verpflichtungen sowie
mühseliger Verhandlungen, die sich nach ihrem
Abschluß dahinschleppen.
Ausschlaggebend sind jedoch nicht die Rückschläge
oder die Tatsache, daß "Europa", wie immer es
definiert wird, noch nicht da ist. Wichtig ist, daß die
Mitgliedstaaten die Verpflichtung bewahrt haben,
weiterzumachen und sicherzustellen, daß nach jeder
Krise ein Neubeginn kam, der alle Mitgliedstaaten
einen kleinen Schritt nach vorne brachte. Am Ende
des Jahrhunderts ist dies vielleicht das Vermächtnis,
das die meiste Aufmerksamkeit erfordert: Die Illusion
der Einheit, die in Europa und seinen Nachbarländern
nach dem Ersten Weltkrieg gehegt, von den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg ermutigt und während des Kalten Krieges von den Europäern vertieft wurde, ist nach dem Kalten Krieg zu einer
kollektiven Realität geworden, die das "ich" der
Nationalstaaten überschreitet, um das "wir" der Union
zu werden.
Aber wer soll in das neue kollektive "wir" einbezogen
werden: Eine Seite des Atlantiks ohne die andere,
eine Seite Europas gegen die andere, oder alle?
Während die Geschichte in Westeuropa ihren Lauf
nahm, geriet auch die Geographie in Bewegung und
erweiterte den nach dem Zweiten Weltkrieg um
Deutschland herum organisierten europäischen
zivilen Raum zu einem gemeinsamen, während des
Kalten Krieges um die Sowjetunion konzentrierten
euroatlantischen Raum. Am Anfang wurde Europa
Hilfe geboten und Verpflichtungen wurden freiwillig

AMERIKA DIENST 11

�eingegangen. Die wirtschaftlichen Härten in Europa
nach 1945 waren ein fruchtbarer Boden für die
kommunistische Expansion und erhöhten das reale
Risiko politischer Instabilität. Dies veranlaßte die
Vereinigten Staaten zu raschem Handeln: Man
bedenke die Formulierung, Umsetzung und den
Umfang des Marshallplans. Aber die sowjetische
militärische Bedrohung für Westeuropa schien
weniger real. Aus diesem Grund erfolgten Maßnahmen in dieser Sphäre langsamer: Man bedenke die
für die Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags
erforderlichen Voraussetzungen, Präsident Harry
Trumans Widerstreben, amerikanische Streitkräfte in
Europa zu stationieren, die langwierige Debatte über
die NATO-Mitgliedschaft und die Wiederbewaffnung
Europas (einschließlich Deutschlands) sowie die
Auswirkungen der Ereignisse an anderen Orten der
Welt. Während die Truman-Administration vom
wirtschaftlichen zum politischen und vom politischen
zum militärischen Bereich überging, lag das Geniale
des Vorgehens in der Erkenntnis, daß ein atlantisches Engagement trotz der bevorzugten Rückkehr
der Nation nach Hause den langfristigen Interessen
der Vereinigten Staaten dienen würde, da die Sicherheit und der Wohlstand der Vereinigten Staaten
an die Sicherheit und Stabilität Europas gebunden
waren.
Heute können wir uns jedoch den Luxus der Wahl
nicht mehr leisten. Nachdem der Kalte Krieg erreicht hat, was keinem Weltkrieg gelang, ist Disengagement nicht länger eine Option von Bedeutung. Früher war die Präsenz der Vereinigten
Staaten vornehmlich militärisch. Die Fragen lauteten: Wie viele Truppen werden benötigt und wie
tragen sie zur Eindämmung der Sowjetunion bei.
Containment hatte mit der verfügbaren Macht der
Vereinigten Staaten zu Hause zu tun, und ein relativ
kleiner Teil dieser Macht wurde nach Übersee
entsandt. Während eines Großteils des Kalten
Krieges wurde die Debatte über den Truppenrückzug
in der NATO geführt, denn das Engagement der
Vereinigten Staaten wurde unter ihren Gegnern
anscheinend weniger in Zweifel gezogen als unter
ihren Verbündeten - die in dem Wissen lebten, daß
wenig zurückbliebe, wenn die Truppen abgezogen
würden. Vorschläge zur Reduzierung der Truppenstärke wurden als Signale eines drohenden Abzugs
der Vereinigten Staaten interpretiert und dem in
Krisenzeiten Anfang der sechziger Jahre erreichten
Streitkräfteniveau solche Bedeutung beigemessen,
daß es in späteren, weniger spannungsgeladenen
Zeiten nicht geändert werden konnte.
Die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa
reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten, bei
denen Wechselkurse und Unternehmensprofite,
Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland

AMERIKA DIENST 11

tätige Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie
Truppenstärke und Waffenbereitschaft. Transatlantische Transaktionen in Höhe von rund 1 Billion Dollar
jährlich, darunter bilateraler Handel in einer Größenordnung von über 200 Milliarden Dollar und Direktinvestitionen von ungefähr 450 Milliarden Dollar durch
amerikanische Unternehmen in Europa und europäische Unternehmen in den Vereinigten Staaten, sind
eine mächtige Kraft. Die wirtschaftliche Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bewirkt einen größeren
wirtschaftlichen Output insgesamt als der mehrerer
westeuropäischer Länder. Hunderttausende Amerikaner leben in Europa oder durchqueren den Kontinent
und überbrücken die politische Kluft, die beide Seiten
des Atlantiks trennte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
und während der Dauer des Kalten Krieges blieben
die Vereinigten Staaten in Europa, weil "sie uns am
ähnlichsten waren", wie es die europäische Wissenschaftlerin Catherine Kelleher kürzlich formulierte.
Heute müssen die Vereinigten Staaten bleiben, weil
sie wir sind. Mit der Zeit ist dort drüben zu hier
drüben geworden.
Der Blick über die NATO hinaus
Zum institutionellen Vermächtnis des Kalten Krieges
gehört eine politische Union in Westeuropa und eine
militärische Organisation, die den Atlantik umspannt.
Wie mächtig und wie groß sollten diese beiden
Institutionen jetzt werden? Die Ereignisse seit 1991
waren enttäuschend, da beim Aufbau der Gemeinschaft Rückschläge zu verzeichnen waren und die
Friedenssicherung gescheitert ist. Aber in ähnlichen
Augenblicken der Geschichte während des Übergangs nach den beiden Weltkriegen marschierten
französische Truppen an die Ruhr, um die Deutschen
zu bestrafen, und amerikanische Flugzeuge flogen
über Berlin, um die Sowjets zu umgehen. Und im
Gegensatz zu 1922 oder 1948 muß der Ansatz der
Vereinigten Staaten gegenüber Europa nicht revolutionär sein - er kann sich auf einer bestehenden
Grundlage entfalten. Die Größenordnung der amerikanischen Interessen in Europa bedeutet, daß
Amerika nicht abzieht und das Bündnis, das den
Krieg gewonnen hat, nicht von Auflösung bedroht ist.
Auch die Konstruktion Europas ist keine Illusion wie
nach den beiden Weltkriegen. In der Tat ist zumindest die Hälfte des Kontinents wohlhabend und
politisch stabil sowie friedlich und vereinigt.
Ein Großteil der Debatte über die Bedingungen der
künftigen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa konzentriert sich auf die NATO.
Damals wie heute ist die NATO die Institution, die am
ehesten für die Vertretung der amerikanischen
Interessen in Europa steht und in Ermangelung einer
Alternative am direktesten verantwortlich ist für den

Seite 3

�Schutz dieser Interessen vor dem andauernden
Risiko der Instabilität. Für zumindest die Hälfte des
Jahrzehnts werden die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa jedoch im großen und ganzen
durch die Umgestaltung der innereuropäischen
Beziehungen durch die Europäische Union und ihre
Erweiterung nach Osten definiert. Die Stärkung der
europäischen Einheit ist ein grundlegendes Interesse
der Vereinigten Staaten, unabhängig davon, was mit
dem atlantischen Rahmen geschieht, und umgekehrt
werden Fortschritte bei der europäischen Integration
vornehmlich die Art und den Kurs der atlantischen
Reform nach dem Kalten Krieg bestimmen.
Die Stärkung der Europäischen Union ist in den
nächsten fünf Jahren das vordringlichste Ziel der
Vereinigten Staaten auf dem Kontinent. Zugegeben,
die Neubelebunng der EU fällt nicht in den Verantwortungsbereich Washingtons: In der Tat waren
amerikanische Versuche zu definieren, was die
Europäer tun sollten, viele Jahre lang für gewöhnlich
kontraproduktiv. Wann immer jedoch neue Ideen für
Europa diskutiert werden, entmutigt der Gedanke an
die Ambivalenz der Vereinigten Staaten einige der
kleinen Mitgliedstaaten, die fürchten, die Entscheidung für Europa würde eine Distanz zu Amerika
schaffen und sie auf Gedeih und Verderb ihren
größeren Partnern ausliefern.
In diesem Zusammenhang kann Präsident Clintons
Administration in diesem Jahr auf gute Leistungen
zurückblicken. Frühere Befürchtungen seiner Vernachlässigung Europas wurden beschwichtigt, als
der Präsident den Atlantik zu Gipfeltreffen und
Gedenkfeiern überquerte. Nach der Schlichtung des
Handelsstreits in letzter Minute, der 1993 die transatlantischen und innereuropäischen Beziehungen
beinahe zum Scheitern brachte, legten die Vereinigten Staaten einen Großteil ihrer Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich, das traditionell am
lautesten über sie murrt, bei.
Im Juli 1994 schien die französische Regierung
tatsächlich so beruhigt, daß es wenig Reaktion in
Paris bewirkte und eher als Erklärung der Unterstützung Europas statt als amerikanische Bevorzugung angesehen wurde, als Clinton Deutschland
als Amerikas neuen privilegierten Verbündeten
feierte. (Dies steht im Gegensatz zu den Auswirkungen der besonderen Beziehungen, die früher zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten
bestanden oder angeblich bestanden, vor allem
während der Perioden, in denen Großbritannien sich
aktiv der weiteren Integration in Europa widersetzte.
Im Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen
die angeblich besonderen bilateralen Beziehungen
als Anreiz für noch engere multilaterale Beziehungen
unter den Europäern und über den Atlantik hinweg

Seite 4

gesehen werden). Clinton gelang auch die Verlagerung zu Deutschland, ohne Rußland zu verletzen.
In einem Jahr scheint der Präsident den althergebrachten Mangel in der europäischen Politik behoben
zu haben.
Und schließlich wurden die während der letzten
Hälfte der Bush-Administration vernommenen Sorgen
über die Hegemoniebestrebungen der Vereinigten
Staaten beschwichtigt, als Clinton einen beispiellosen
Hang zu Konsultationen an den Tag legte. Seine
Kritiker im Inland sahen dies als Alibi für Enthaltung
an, aber seine Verbündeten auf dem Kontinent
begrüßten es als eine Investition in die Zusammenarbeit.
Der Zeitpunkt von Clintons Verlagerung von London
zu Berlin ist umso günstiger, da die Bedingungen für
die Wiederbelebung der Europäischen Union nach
dem Vertrag von Maastricht aus dem Jahr 1991 über
vollständige wirtschaftliche und engere politische
Integration jetzt geeignet sind: Erholung von der
schlimmsten wirtschaftlichen Rezession in Europa seit
1945 und Überwindung der politischen Unsicherheiten, die Europa seit 1991 lähmten. Darüber hinaus
werden die Erweiterung der EU zur Einbeziehung der
kleinen und reichen Länder in Nordeuropa sowie
Österreichs, die Reorganisation der Europäischen
Kommission und eine stabile Europäische Kommission mit aufeinanderfolgendem Vorsitz von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zur stärksten
Troika für das gesamte Jahr 1995 und einen Teil von
1996 führen. Während dieses Zeitraums sollte die
amerikanische Politik vor allem darauf abzielen, daß
diese Chance zur Konsolidierung der Union in der in
Maastricht dargelegten Richtung nicht vergeudet wird.
Die Auswirkungen einer solchen Ermutigung waren
bereits Anfang des Kalten Krieges deutlich zu sehen,
als sie zur Überwindung der in letzter Minute vorgebrachten Einwände Deutschlands gegen die
beabsichtigte Montanunion im Jahr 1951 beitrugen
sowie 10 Jahre später, als sie die Entschlossenheit
Großbritanniens zur Mitgliedschaft im Gemeinsamen
Markt bekräftigten. Der Einfluß Amerikas auf die
europäische Integration ist nicht mehr so eindeutig
wie bisher, aber immer noch beträchtlich.
Die Vereinigten Staaten sollten der EU auch zunehmend die Aufmerksamkeit widmen, die sie jedem
einzelnen Mitgliedstaat schenken.
Regelmäßige
Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten
und dem Präsidenten der Europäischen Kommission
(der als oberster Regierungsbeamter der Europäischen Union handelt) sollten aufgewertet werden.
Wenn nötig, sollte es mehr und besser vorbereitete
Konsultationen zwischen dem EU-Ministerrat und den
Amtskollegen in Washington geben sowie zwischen
den zahlreichen EU-Ausschüssen, Arbeitsgruppen

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�und Experten sowie deren amerikanischen Amtskollegen. Ein solcher Ansatz könnte auch auf die
EU und von den Vereinigten Staaten angeführte
multilaterale Organisationen wie etwa die NATO
Anwendung finden. So könnte der Generalsekretär
der Westeuropäischen Union an den Sitzungen des
Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen, und
der Präsident der Europäischen Kommission sollte
zumindest als Beobachter zur Teilnahme an den
NATO-Gipfeltreffen eingeladen werden - wie es zur
Zeit bei den jährlichen Zusammenkünften der
Gruppe der Sieben führenden Industrienationen der
Fall ist. Das Ziel ist nicht, die Vereinigten Staaten
Europa oder die Europäische Union ihren Mitgliedstaaten aufzuzwingen, sondern vielmehr, alle Zweifel
in Europa auszuräumen, daß die Vereinigten Staaten "die noch engere Union" begrüßen, die sie vor
nahezu fünf Jahrzehnten mit ins Leben riefen sowie
Engagement und Dialog zu fördern, bevor Entscheidungen auf einer Seite des Atlantiks getroffen werden.
Darüber hinaus sollten die Vereinigten Staaten die
Erweiterung der Union auf Mittel- und Südosteuropa
aktiv unterstützen. Die Clinton-Administration argumentierte im Hinblick auf die NATO, das unmittelbare Ziel sei nicht die Mitgliedschaft, sondern die
"Partnerschaft" - oder im Brüsseler Jargon die
"Assoziierung". Bei der NATO ist die Verzögerung
der offiziellen Erweiterung nach Osten zwingend
geboten: Solange die Bedrohung sehr viel diffuser

ist als 1945 oder 1919 muß das Engagement der
Vereinigten Staaten nicht in einem Vertrag verankert
sein. In der Tat ist es schwierig zu erklären, wie die
Sicherheit beispielsweise Polens sich verbessern
würde, wenn dieses Land über Nacht Mitglied der
NATO würde. Die Mitgliedschaft könnte Polens
Sicherheit sogar beeinträchtigen, indem Rußland zu
einer Art Gegenmaßnahme oder innenpolitischer
Reaktion veranlaßt würde.
Dieselben Ambivalenzen treten im Hinblick auf die
Europäische Union nicht auf, die zu Wirtschaftswachstum und politischer Stabilität Osteuropas
beitragen würde (und die bis zur Eskalation des
Krieges in Bosnien die erste Priorität der Länder in
der Region war). Dennoch gibt es viele gute Gründe
für die Verzögerung der Erweiterung der Union auf
eine beliebige Zahl von Ländern im Osten. Die EU
muß ihre Institutionen bereits jetzt anpassen, um vier
neue Mitglieder aufzunehmen und einige der in der
Einheitlichen Europäischen Akte und dem Vertrag
von Maastricht (die voraussichtlich beide 1996
überprüft werden) vorgesehenen Entscheidungen
umzusetzen. Die Aufnahme neuer Mitglieder würde
diese Anpassungen jetzt komplizieren und vielleicht
sogar zum Scheitern verurteilen. Etwas anderes
vorzugeben hieße, sich auf falsche Versprechungen

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der Erweiterung zu verlassen, um die Aussicht zu
vereiteln, die EU könnte vorbehaltlich der Zustimmung der anderen durch einige Mitglieder und für
einige der Länder in Europa vorbehaltlich des Beitritts
anderer mächtiger werden.
Die Verzögerung der Erweiterung bedeutet jedoch
keine Vernachlässigung der Staaten, die darauf
warten. Daher kann und sollte die EU unmißverständlich die Entscheidung zur Aufnahme von Verhandlungen mit zumindest den vier mitteleuropäischen Ländern (Tschechische Republik, Ungarn,
Polen und Slowakische Republik) im Jahr 1997 nach
Abschluß der zwischenstaatlichen Konferenz bekräftigen. Die Gespräche sollten auf eine Reihe anspruchsvoller aber dennoch realistischer wirtschaftlicher und politischer Kriterien abzielen, die zur Erlangung der Vollmitgliedschaft bis zum Jahr 2000 oder
kurz danach erfüllt sein müßten. Solange diese
Kriterien von den potentiellen neuen Mitgliedern nicht
erfüllt werden können, würde die Mitgliedschaft zu
früh erfolgen und beträchtliche Störungen hervorrufen. Aber solange die EU keinen Zeitplan veröffentlicht, wird die Sorge, der Beitritt zum Binnenmarkt könnte auf unbestimmte Zeit begrenzt sein,
weiterhin den Fluß ausländischer Investitionen
verlangsamen, das Wachstum der auf Exporte
gegründeten Fertigungsindustrien behindern und
politische Spannungen bei und zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges verschärfen.
Darüber hinaus sollten mehr direkte
Hilfsleistungen, Schuldenerlaß, großzügigere Kreditarrangements, gelockerte Restriktionen für Agrarimporte und verbesserte Investitionsbürgschaften für
die Nationen Mittel- und Osteuropas als Teil einer
koordinierten deutsch-französischen Präsidentschaft
ermutigt werden.
Der Handel ist offenkundig. Die Vereinigten Staaten
können und müssen eine Führungsrolle bei Fragen
der Sicherheit in Europa übernehmen. Etwas anderes anzunehmen, würde bedeuten, den Ländern auf
dem Kontinent eine sicherheitspolitische Verantwortung aufzuerlegen, die sie noch nicht übernehmen
können. Die amerikanische Führungsrolle wird im
Kontext der NATO ausgeübt, deren Fähigkeit zur
Bewahrung oder Schaffung von Frieden durch die
Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Beteiligung
daran definiert wird. Etwas anderes anzunehmen
hieße, sich ein Alibi für Untätigkeit zu verschaffen.
Dennoch hat die NATO nicht denselben Einfluß auf
die wirtschaftliche Dimension der Sicherheit Europas
- und kann diesen auch nicht gewinnen - und die
Vereinigten Staaten haben keine vergleichbare
Verantwortung zur Erweiterung des europäischen
Wohlstands - und müssen dies auch nicht anstreben.
Diese Aufgabe kommt der EU mit wirtschaftlichen
Partnerschaften für politische Stabilität zu, die in

Seite 5

�diesem Jahr vorgeschlagene und verabschiedete
Sicherheitspartnerschaften der NATO ergänzen
würden.
Die Hälfte von Clintons Amtszeit?
Monate- oder selbst jahrelang verzerrt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf die Außen- und
Innenpolitik gleichermaßen sowie die Einstellung der
Öffentlichkeit dazu, indem die traditionelle Ambivalenz der Nation über ihre Rolle in der Welt ausgeschöpft, die Kompetenz oder Unerfahrenheit des
scheidenden Präsidenten und seines Gegners falsch
dargestellt wird und ihre Unterschiede übertrieben
werden. Nach der Wahl wird die Leistung des
neuen Präsidenten zunächst einmal daran gemessen, was während des Wahlkampfes gesagt wurde
und was die vorherige Administration getan hat.
1993 erlitt Bill Clinton an beiden Fronten Rückschläge. Sein Vorgänger, George Bush, war im
Ausland äußerst geschätzt, seine Erfahrung wurde
gelobt und seine Führungsqualitäten gewürdigt.
Nach seiner Wahlniederlage wurde sein Ausscheiden aus dem Amt im großen und ganzen bedauert.
Clinton war vor und während seines Wahlkampfes
für seine Vernachlässigung der Welt bekannt, und
die wenigen von ihm gehaltenen außenpolitischen
Reden wurden wegen ihres Mangels an spezifischen
Äußerungen, oder wenn sie spezifisch wurden,
wegen ihrer Realitätsferne kritisiert.

bereitschaft beim Handel, seine erklärte Vorliebe für
Asien statt Europa und seine Indifferenz und Unbehaglichkeit gegenüber außen- und verteidigungspolitischen Fragen hatten eine Malaise in den transatlantischen Beziehungen hervorgerufen. Diese Kluft
konnte auch von den Europäern nicht überbrückt
werden, die selbst seit der Unterzeichnung des
Vertrags von Maastricht im Dezember 1991 in eine
Sackgasse geraten und vom Kurs abgekommen
waren.
In diesem Jahr hat sich die Situation jedoch maßgeblich verbessert, und die Administration verdient
mehr Lob für ihr Verhalten gegenüber Europa als sie
- vor allem im Inland - erhalten hat. Jetzt, in der
Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa
vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Die Chance zu Fortschritten bei
der Vervollständigung eines zivilen Raums in Europa
und zu Fortschritten bei der Organisation eines
gemeinsamen euroatlantischen Raums sollte nicht
vergeudet werden. Sie könnte nicht wiederkommen.

1. Das Argument ruft Erinnerungen an die dreißiger Jahre
wach. Aber so verabscheuungswürdig Großserbien sein
mag - es hat wenig Ähnlichkeit mit Nazi-Deutschland, und
so abscheulich die "ethnischen Säuberungen" in Bosnien
sein mögen, sie sind nicht der Holocaust. Auch das
Versagen des Westens verdient eine gewisse Modifizierung. Der Konflikt wird dort weiter begrenzt, wo er bereits
ausgebrochen war. Die humanitäre Hilfe der EU und der
UNO sowie deren angedrohter Einsatz von NATO-Luftstreitkräften retteten Leben. Die Verhandlungen unter der
Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen führten zur
Versöhnung zwischen einigen kriegführenden Parteien.
Bis jetzt kann jedoch nur gemutmaßt werden, ob die
Nichtintervention des Westens in Jugoslawien die beste
Politik war.

Am Ende seines ersten Amtsjahres schien Clinton,
der gehofft hatte, den Geist von John F. Kennedy
beschwören zu können, mehr wie Jimmy Carter. Die
Unentschlossenheit des neuen Präsidenten in Bosnien, seine Passivität gegenüber Rußland und den
anderen ehemaligen sowjetischen Republiken, seine
Zurückhaltung in Somalia und Haiti, seine Kampf-

*

Seite 6

*

*

*

AMERIKA DIENST 11

�TAG

DER

ERDE
22. März 1995

Vereinigte Staaten starten globales Umweltbildungsnetz
von Edward Taishoff
Am 22. April 1995, an dem zum 25. Mal der Tag der Erde begangen wird, starten die Vereinigten Staaten ein
einzigartiges Programm mit dem Titel "Global Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt"). Dabei werden über elektronische
Datennetze und andere moderne Technologien Tausende von Schulkindern in Hunderten von Ländern
zusammengebracht, um ihr Wissen über die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu
vertiefen. Vom Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen werden die Kinder in ihrer unmittelbaren
Umgebung wichtige Messungen vornehmen, die dann in Schulcomputer eingegeben und über Internet an eine
zentrale Datenbank übermittelt werden. Dort werden diese Daten dann im Hinblick auf die sich entwickelnden
Umweltbedingungen graphisch aufbereitet und schließlich zurück an die Schüler übermittelt, die damit im
Klassenzimmer arbeiten.
Ausführlichere Informationen über das GLOBE-Programm können über Mrs. Margaret Finarelli, Assistant
Directorfor International Programs, GLOBE Program, 744 Jackson Place, N.W., Washington, D.C., 20503,
bezogen werden.

Tausende von Schülern in Hunderten von Schulen
auf der ganzen Welt werden in eine einzigartige
Partnerschaft eintreten, die Kommunikationssysteme
des Raumfahrtzeitalters nutzt, um das Wissen über
die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu vertiefen.
Mit Beteiligung von Schulkindern in den gesamten
Vereinigten Staaten und einer Reihe von anderen
Ländern wird das Programm mit dem Titel "Global
Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE - etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt") offiziell am 22.
April 1995 gestartet, an dem zum 25. Mal der Tag
der Erde gefeiert wird.
In regelmäßigen Abständen werden die Teilnehmer
in ihrer unmittelbaren Umwelt grundlegende Meßdaten erheben und diese dann in Schulcomputer
eingeben. Die Rechner werden diese Daten über
die weltweite elektronische Datenautobahn an eine
zentrale Datenverarbeitungseinrichtung im USBundesstaat Colorado übermitteln.
Danach werden die Daten verarbeitet, in Grafiken
umgesetzt und in einer Datenbank des internationalen Kommunikationsnetzes gespeichert. An GLOBE
beteiligte Schüler werden diese lebendigen elektronischen Porträts der Umwelt in ihrem lokalen
Umfeld, ihrem Land und der Welt als Ganzem

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sodann über ihre Computer in den Klassenzimmern
von diesem Netz abrufen können.
Vizepräsident AI Gore hatte das Projekt am Tag der
Erde 1994 angekündigt und die anderen Länder der
Welt zur Teilnahme eingeladen. Die Tausende von
Briefen, die sein Büro seither von Schülern und
Lehrern erhalten hat, sind Gore zufolge "wichtige
Hinweise auf den Bedarf an praktischen naturwissenschaftlichen Bildungsprogrammen in unseren Schulen
und den Wunsch danach". Gore ist der Meinung,
daß dieses Programm "bei unserer Jugend Begeisterung für Naturwissenschaften und Mathematik weckt
und uns allen dazu verhilft, unsere globale Umwelt
besser zu verstehen."
Weit über 100 Länder haben ihr Interesse für eine
Beteiligung an GLOBE bekundet. Mit einigen Staaten
wurden bilaterale Vereinbarungen über eine Teilnahme bereits abgeschlossen, mit anderen dauern
die Verhandlungen noch an.
Prominente Gruppen von Vertretern des amerikanischen Bildungswesens und der Wissenschaft haben
das Projekt begrüßt. Dazu gehören die National
Science Teachers Association, die American Chemical Society, das Institute o&lt; Electrical and Electronic
Engineers und die Mathematical Association of
America.

Seite 1

�Im Juli 1994 schrieben vier führende amerikanische
Wissenschaftler, darunter drei Nobelpreisträger, an
den Vorsitzenden des Wissenschafts- und Technologieausschusses des Repräsentantenhauses und
forderten Unterstützung für dieses Programm. Sie
bezeichneten die Bemühungen von GLOBE um
weltweite Zusammenarbeit als "in seiner Weitsichtigkeit lobenswert im Hinblick auf den Wert des Projektes für die Wissenschaft und den Aufbau guten
Willens".
Zu den Unterzeichnern des Schreibens gehörte auch
Dr. Glenn Seaborg, der im Jahr 1951 den Nobelpreis
für Chemie erhielt.
Als Pionier auf dem Gebiet der Nuklearchemie war
Seaborg mehrere Jahrzehnte lang beigeordneter
Direktor des Lawrence Berkeley Laboratory der
University of California in Berkeley, einer weltweit
renommierten Forschungseinrichtung. Ferner war er
Kanzler der Universität und zehn Jahre lang unter
drei Präsidenten Vorsitzender der US-Atomenergiekommission. "Das GLOBE-Programm widmet sich
auf einer breiten und fundierten Grundlage dem
entscheidenden Problem der Sanierung und des
Erhalts der Umwelt", erklärte Seaborg dem USInformationsamt (USIA). "Es bezieht ein internationales Spektrum von Wissenschaftlern, Lehrern der
naturwissenschaftlichen Fächerund, was besonders
wichtig ist, Schülern ein, auf denen unsere Hoffnung
für eine umweltverträgliche Zukunft ruht."
Die Vereinigten Staaten haben das GLOBE-System
konzipiert und entwickelt und sind für dessen Betrieb
und Wartung verantwortlich. Dazu gehören die
Datenverarbeitung, die Aufbereitung von grafischen
Umweltinformationen und andere erforderliche
Technologien. An dem Programm beteiligen sich
sechs amerikanische Behörden, darunter die nationale Behörde für Atmosphäre und Ozeane (NOAA),
der US-Wetterdienst, das Amt für Umweltschutz
(EPA) sowie die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde (NASA).
Das GLOBE-Programm dient laut einer im Januar
1995 veröffentlichten Zusammenfassung dazu,
"Schulkinder, Lehrer und Wissenschaftler aus der
ganzen Welt zusammenzubringen um
das Umweltbewußtsein der Menschen in
aller Welt zu stärken,
das wissenschaftliche Verständnis von der
Erde zu vertiefen und
ein höheres Bildungsniveau in Naturwissenschaften und Mathematik zu fördern".
GLOBE ist ein aus der schulischen Praxis heraus
konzipiertes Programm, dessen Ziel die aktive

Seite 2

Beteiligung von Schülern aus Grundschulen, Realschulen und Gymnasien an der Sammlung umweltbedeutsamer Daten ist. Die Art der zu erhebenden
Meßdaten wurde von einer Gruppe renommierter
internationaler Wissenschaftler ausgewählt, die
weltweite Beobachtungen wünschten, mit denen ein
Beitrag zum wissenschaftlichen Verständnis der
Umwelt auf unserem Planeten geleistet wird.
Die Schüler werden Faktoren wie Luft-, Wasser- und
Bodentemperatur, Regen- und Schneefälle, den
Säuregrad von Grundwasser und Niederschlag sowie
die Bodenfeuchte im Umkreis ihrer Schulen messen.
Darüber hinaus werden sie andere Umweltfaktoren
bewerten, etwa Bewölkung, Wachstum und Art von
Bäumen, Laubdichte sowie das Ökosystem am
jeweiligen Standort. Dabei werden sie von Fall zu
Fall auch selbst angefertigte Meßinstrumente einsetzen.

&lt;.

Das Programm ist so konzipiert, daß alle Schüler,
selbst in den ersten Grundschulstufen, durch das
Sammeln wichtiger Daten bedeutsame Beiträge
leisten können. Schüler der höheren Klassen werden
anspruchsvollere Messungen vornehmen.
Die von den Schülern gesammelten Daten werden in
Personalcomputer eingegeben und über das Internet,
ein internationales elektronisches Kommunikationsnetz, an das Forecast Systems Laboratory der NOAA
in Boulder (Colorado) bei Denver übermittelt.
Danach werden die Informationen verarbeitet, mit
Meßdaten aus anderen Quellen, wie etwa Satelliten,
kombiniert und zu Grafiken aufbereitet, mit denen die
Umweltbedingungen an den Standorten der teilnehmenden Schulen dargestellt werden. Diese Bilder
werden in einer über Internet abrufbaren Datenbank
gespeichert. Die Schüler werden dann über ihre
Computer Bilder von ihrer lokalen Umweltsituation,
von den Bedingungen im weiteren Umfeld ihres
Landes oder Kontinents oder sogar von anderen
Regionen der Welt abrufen können.
4

GLOBE wird auch internationalen Partnern zur
Verfügung stehen, die aus verschiedenen Gründen
nicht den gleichen Zugang zu Rechnern und moderner Kommunikationstechnologie haben wie Teilnehmer in hochentwickelten Gesellschaften.
Solche Schulen können dennoch wichtige Umweltdaten sammeln und an eine zentrale Stelle übermitteln, von wo diese Informationen an das weltweite
Netz übertragen werden. Obwohl diese Schulen
vielleicht nicht in der Lage sein werden, GLOBEGraphiken per elektronischer Datenleitung abzurufen,
können sie diese auf anderem Wege, etwa in Form

AMERIKA DIENST 11

k

�von Satellitenfernsehsendungen oder Bildreproduktion, erhalten.
Selbst wenn sich eine Schule nicht aktiv an dem
Programm beteiligt, kann sie als "assoziiertes
GLOBE-Mitglied" über Internet GLOBE-Grafiken und
-Bildungsmaterialien elektronisch abrufen. Diese
Schulen werden dadurch ermutigt, sich aktiv an dem
Programm zu beteiligen. Es besteht die Hoffnung,
daß bis zum Ende des Jahrhunderts Tausende von
Schulen weltweit Daten sammeln und globale Perspektiven miteinander austauschen werden.
Die teilnehmenden Schulen werden mit GLOBEBegleitmaterialien ausgestattet, darunter Arbeitsblätter für die Schüler und ein Leitfaden für Lehrer,
die in Zusammenarbeit mit führenden Pädagogen
entwickelt wurden. Das Lehrmaterial, das auch
Umweltmeß- und Datenberichtsverfahren umfaßt,
wird in den sechs Amtssprachen der Vereinten
Nationen verfügbar sein - Englisch, Französisch,
Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch.
Um Einheitlichkeit bei der Sammlung von Daten und
in anderen Aspekten des Programms zu gewährleisten, werden die Vereinigten Staaten mit jedem
teilnehmenden Land bilaterale Vereinbarungen
abschließen, in denen die Rolle und Pflichten der
Vereinigten Staaten und des jeweiligen Partnerlandes festgelegt sind. Die Zusammenarbeit wird
sich auf Sachleistungen beschränken, wobei die
Vereinigten Staaten die pädagogische, wissenschaftliche und technische Infrastruktur bereitstellen
und die internationalen Partner die nationale Verwaltung des Programms übernehmen und für die
Ausstattung der Schulen in ihren Ländern sorgen
werden.
Jeder Partner wird selbst die Schulen auswählen
und seinen eigenen nationalen Koordinator bestimmen, vorzugsweise eine Persönlichkeit mit Erfahrung
im Bildungswesen des jeweiligen Landes und
dessen umweltbezogenen Aktivitäten, die das
nationale Programm leiten wird. Die Partner werden
die pädagogischen Begleitmaterialien von GLOBE
an ihre eigenen Lehrpläne anpassen.
GLOBE wird Workshops zur Fortbildung der jeweiligen nationalen Koordinatoren der Partnerländer
veranstalten. Die nationalen Koordinatoren werden
dann die beteiligten Lehrkräfte ausbilden und damit
sicherstellen, daß alle an GLOBE teilnehmenden
Schulen einen von GLOBE ausgebildeten Lehrer zur
Leitung der Schüleraktivitäten haben.
Margaret Finarelli, stellvertretende Direktorin von
GLOBE für internationale Programme, hat in Ländern auf der ganzen Welt offizielle Gesprächspartner

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aufgesucht, um die Einzelheiten des GLOBE-Programms zu erläutern und Vereinbarungen zur Zusammenarbeit auszuhandeln.
"Ein besonders wichtiger Teil des Programms besteht
in der Art und Weise, in der jedes Land GLOBE als
Grundlage aufbaut und das Programm im Kontext
seiner eigenen umweit- und bildungspolitischen
Ansätze und Prioritäten einsetzt", erklärt sie.
"Unsere Partner betrachten GLOBE als reale Chance
zur Förderung des Umweltbewußtseins und gleichzeitig als Beitrag zu den internationalen wissenschaftlichen Bemühungen, die Erde zu verstehen. Darüber
hinaus sehen sie darin eine Gelegenheit, den Umgang mit Computern und die Nutzung von Technik im
Klassenzimmer zu vertiefen."
Finarelli zufolge "ist die internationale Beteiligung
integraler Bestandteil der Programmkonzeption und
entscheidend für die Verwirklichung unserer Ziele".
Als Beispiele für das weltweite Interesse an dem
Projekt führt sie an, daß in der Tschechischen
Republik 25 Schulen aus allen Landesteilen an dem
GLOBE-Pilotprogramm teilnehmen, ebenso wie fünf
bis zehn Schulen in den Niederlanden, drei in Namibia und drei in China.
GLOBE ist ein Beispiel dafür, wie rasch die moderne
Kommunikationstechnik den Bildungssektor umgestaltet.
So betreibt das öffentliche Schulsystem in Fairfax
County (Virginia), einem Vorort der Bundeshauptstadt
Washington, sein eigenes Bildungsfernsehen, das
regelmäßig nicht nur für die eigenen Schüler, sondern
auch für über fünf Millionen Schüler in 16.000 Schulen der gesamten Vereinigten Staaten und acht
weiterer Länder auf Sendung geht.
Der Mediendirektor des Schulbezirks, Dr. Glenn
Kessler, betrachtet GLOBE als den Anfang einer
pädagogischen Revolution.
"In Zukunft", so Kessler gegenüber USIA, "werden
Lerngemeinschaften elektronisch verbunden sein." Er
ist der Überzeugung, daß die Schulkinder vielleicht
tatsächlich "ihre eigenen elektronischen Lehrbücher
erarbeiten werden". Kessler zufolge ist einer der
wichtigsten Gesichtspunkte von GLOBE die Tatsache,
daß "es die Fähigkeiten der Kinder einsetzt, um
bedeutsame Daten zu erheben".
Seiner Meinung nach können die Länder, die heute
den größten technologischen Rückstand gegenüber
anderen Gesellschaften aufweisen, den größten
Nutzen aus GLOBE ziehen. Kessler erklärt, es
könne ihnen die Chance geben, bestehende Lücken

Seite 3

�zu überbrücken, indem sie sich rasch das technische
Wissen und die Erfahrung aneignen, wofür sie sonst
wesentlich länger gebraucht hätten.
Kessler geht davon aus, daß in solchen Ländern die
Tatsache, daß GLOBE den Teilnehmern ein greif-

bares hochentwickeltes Produkt liefern wird, zu dem
sie selbst beigetragen haben, das Selbstbewußtsein
der beteiligten Kinder steigern, ihnen Vertrauen in
ihre eigene Fähigkeit zur Nutzung von Technologie
geben und ihre Erwartungen in bezug auf das stärken
wird, was sie in ihrem Leben erreichen können.

* * * *

*

«

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�FRAUEN
22. März 1995

Macht und Einfluß der First Ladies
von Edith P. Mayo
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel über die Ehefrauen amerikanischer Präsidenten und ihre
Rolle erschien erstmals am 15. September 1993 in The Chronicle of Higher Education. Edith P. Mayo ist
Kuratorin der Abteilung für politische Geschichte des National Museum of American History der Smithsonian
Institution. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher
Education. Copyright (c) 1993, The Chronicle of Higher Education.

Die Art und Weise, wie sie ihre Rolle als First Lady
wahrnimmt, ist wirklich ein "Neubeginn". Ihr Ehemann konsultiert sie in politischen Fragen und
vertraut ihr als engster Beraterin. Als nicht gewählte
Kraft im Weißen Haus ist sie stark umstritten. Sie
darf sogar Gesetze entwerfen. Hillary Rodham
Clinton?
Nein.
Die Rede ist von Nellie Taft,
Florence Harding, Edith Bolling Wilson, Eleanor
Roosevelt und Rosalynn Carter.
Im Gegensatz zu dem, was die Medien uns glauben
machen wollen, ist Hillary Rodham Clinton nicht die
erste First Lady, die engster politischer Berater ihres
Mannes ist, ihre eigene Karriere verfolgt oder sich
für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzt.
Paradoxerweise scheint die zunehmende politische
Aktivität von Frauen und ihre Wahl in öffentliche
Ämter in beispielloser Zahl die Debatte über das
mächtigste Amt für eine Frau in der Politik, in das sie
jedoch nicht gewählt werden kann, intensiviert zu
haben - das der First Lady.
Mrs. Clinton ist nur die letzte in einer langen Reihe
politisch gebildeter Frauen, die großen Einfluß auf
die politische Karriere ihres Mannes und seine
Administration ausgeübt haben. Es ist betrüblich
und spricht für sich, daß sich weder Presse noch
Öffentlichkeit der Tatsache bewußt sind, daß Präsidentengattinnen seit Abigail Adams die Politik
beeinflußten. Es ist auch entmutigend, daß praktisch jede First Lady, die ihren Einfluß nutzte,
entweder lächerlich gemacht oder verleumdet wurde,
weil sie von der eigentlichen Rolle der Frau abwich,
oder gefürchtet wurde, weil sie die Position ihres
Mannes schwächte.
Die Wissenschaftler selbst trugen noch zu dieser
Unwissenheit bei, indem sie allgemein mangelndes
Interesse an der Position der First Lady zeigten und

AMERIKA DIENST 11

diese sogar herunterspielten. Bevor die Geschichte
der Frau Anfang der siebziger Jahre zu einer eigenen
Disziplin wurde, stellten die Biographien die First
Lady selten als eine Frau dar, die in der Administration ihres Mannes großen Einfluß hatte. Vielmehr
wurde ihre Fähigkeit als Gastgeberin im Weißen
Haus oder gewinnende und charmante Persönlichkeit
hervorgehoben.
Selbst der Beginn einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der
Frau - die einen feministischen Rahmen für die
Interpretation des Lebens dieser Frauen bot - veränderte diese Situation nicht entscheidend. Historiker, die sich mit der Geschichte der Frau befassen,
unterschätzten die First Ladies oftmals und vermieden ernsthafte Forschung auf diesem Gebiet. Die
vorherrschende wissenschaftliche Meinung lautete,
daß diese Frauen nicht aus eigener Kraft etwas
erreicht hatten, sondern nur durch die Heirat mit
einem Mann, der schließlich Präsident wurde. Ferner
gibt es in bezug auf viele First Ladies nur wenig
Dokumentationsmaterial über ihr Leben und ihre
außergesellschaftlichen Aktivitäten im Weißen Haus.
Die große Ausnahme ist Eleanor Roosevelt. Sie war
die First Lady, über die Historiker aufgrund ihres
unerschrockenen politischen Aktivismus und der
Vielzahl hinterlassenen schriftlichen Materials am
meisten veröffentlichten. Zu diesen Arbeiten gehören
Biographien wie die 1971 von Joseph P. Lash
verfaßte Eleanor and Franklin und Blanche Wiesen
Cooks 1992 herausgegebene Eleanor Roosevelt:
Band I, 1884-1933. Die Forschung über Eleanor
Roosevelt schafft ein weiteres Klischee von First
Ladies, da sie sich auf sie (und gelegentlich Abigail
Adams) als einzige politisch aktive First Lady konzentriert.

Seite 1

�Der Großteil ernsthafter Forschung über First Ladies
wurde erst im letzten Jahrzehnt betrieben. Zu
diesem neuerweckten Interesse trugen mehrere
Faktoren bei, darunter die anwachsenden Präsidentenbibliotheken seit den dreißiger Jahren, durch die
Unterlagen der nach jener Zeit lebenden First Ladies
leichter zugänglich wurden. Verschiedene, Mitte der
achtziger Jahre veranstaltete Konferenzen über First
Ladies lenkten die Aufmerksamkeit auf ihre Bedeutung und veranlaßten die Wissenschaftler, über die
Klischees hinauszuschauen.
Jüngste Forschungen haben sich auch zunehmend
auf die Interaktion von öffentlichem und Privatleben
von Frauen konzentriert, und die First Ladies bieten
hierzu geeignete Fallstudien.
Eine ernsthafte
Beurteilung der Stellung einer First Lady ist zudem
Teil eines umfassenderen Versuchs der Historiker,
die Rolle der Frau in der Politik zu verstehen.
Jüngste Forschungen deuten darauf hin, daß die
Rolle der First Lady seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch wachsende Prominenz, zunehmenden
Einfluß und politische Macht sowie Engagement für
soziale Fragen gekennzeichnet ist.
Zwei Übersichten jüngeren Datums über die Geschichte der First Ladies heben das hervor: First
Ladies (aus feministischer Sicht), 1987 von Betty
Boyd Caroli, einer Geschichtsprofessorin im Kingsborough Community College der City University of
New York geschrieben sowie First Ladies: The
Saga of the Presidents' Wives and Their Power,
1990/91 von dem Journalisten und Autor Carl
Sferrazza Anthony verfaßt.
Auf diesen wissenschaftlichen Arbeiten baut die
Ausstellung First Ladies:
Political Role and
Public Image im National Museum of American
History der Smithsonian Institution auf. Sie untersucht die Rolle der First Lady als typisches Beispiel
für das Überschneiden von öffentlichem und Privatleben der Frau. Die Ausstellung bemüht sich um eine
Interpretation dieser Frauen im Kontext der Geschichte von Präsidenten und der Geschichte der
Frau und demonstriert, daß die Mischung aus
politischen und repräsentativen Aufgaben in der
Präsidentschaft sowie die Lage der Wohnräume des
Präsidenten und der Büros im Weißen Haus es der
First Lady gestatteten, je nach Wunsch mehr als nur
repräsentative Tätigkeiten zu übernehmen.
Im 18. und 19. Jahrhundert war es weitaus schwieriger, eine politische First Lady zu sein, denn die
Rolle von Frauen der Mittelschicht im öffentlichen
Leben war zu dieser Zeit stärker definiert und
eingegrenzt. Aber selbst damals unterhielt Abigail
Adams mit ihren freimütig geäußerten politischen
Präferenzen und ihrer umfangreichen Korrespondenz

Seite 2

stets eine politische Partnerschaft mit John. Als First
Lady wurde sie höhnisch als "Mrs. President" betitelt.
Dolley Madison und Louisa Catherine Adams waren
politisch erfahren und setzten geschickt ihre Fähigkeiten als Gastgeberin ein, um ihre politischen
Intrigen zu tarnen und als Lobbyisten für die Programme ihrer Männer zu agieren. Als James Polk
Speaker des Repräsentantenhauses war, verfaßte
und redigierte seine Frau Sarah häufig seine politische Reden und beeinflußte die Abgeordneten in den
Korridoren des Kongresses; nach seiner Wahl zum
Präsidenten hatte sie im Weißen Haus ein Büro
neben dem seinen.
Erst im 20. Jahrhundert begannen die First Ladies,
offenkundiger eine politische Rolle zu übernehmen.
Nellie Taft, die über weitaus mehr politischen Ehrgeiz
verfügte als ihr Mann William, verbarg nicht, wie sehr
sie die Einschränkungen und Konventionen der Rolle
der Frau langweilten. Sie spornte ihren Mann an und
verfolgte nach seiner Wahl zum Präsidenten ihre
politischen Ambitionen durch ihn. Als Theodore
Roosevelt dem Paar gegenüber anmerkte, Taft habe
eine glänzende Zukunft vor sich, er wisse nur nicht
ob als Oberster Richter am Bundesgericht oder als
Präsident, erwiderte Taft: "Am besten das Richteramt". Nellie warf ein: "Als Präsident". Im Weißen
Haus nahm sie Einfluß auf die Zusammensetzung
des Kabinetts.
Woodrow Wilsons zweite Frau, Edith Bolling Galt,
kodierte und dekodierte mit europäischen Staatschefs
ausgetauschte Geheimbotschaften. Nachdem Wilson
einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, übernahm
Edith die von ihr "mein öffentliches Verwalteramt"
genannte Rolle, die von anderen eher als "Regentschaft" bezeichnet wurde - sie leitete die Exekutive
vom Bett des Präsidenten aus und verfaßte ihre
eigenen Memoranden mit den Worten "Unterzeichnet
- Edith Bolling Wilson".
Florence Harding war die Geschäftspartnerin ihres
Mannes bei einer Zeitung aus Ohio und sich somit
klar des Einflusses der Presse auf den politischen
Erfolg ihres Mannes bewußt. Inoffiziell war sie an der
Leitung seiner Wahlkämpfe für das Amt des Senators
und des Präsidenten beteiligt und konnte meisterhaft
für ihn einen Fototermin arrangieren. Sie lenkte die
Aufmerksamkeit auf Frauenorganisationen, indem sie
diese ins Weiße Haus einlud, sprach sich öffentlich
für die Gleichberechtigung der Frau aus und wurde
sogar Ehrenmitglied der Nationalen Frauenpartei.
Über die Rolle Eleanor Roosevelts während des New
Deal wurde viel geschrieben. Nach dem Tod ihres
Mannes führte ihr fortgesetzter Aktivismus sie weit
über eine politische Partnerschaft hinaus, und sie
wurde eine eigene politische Kraft. Als Delegierte der

AMERIKA DIENST 11

�Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen
stellte sie die Annahme der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte 1948 sicher und wurde zu einer
der einflußreichsten politischen Persönlichkeiten des
Jahrhunderts.
Die Rolle Jacqueline Kennedys in der Politik ist
weniger bekannt. Sie nutzte ihre vielfältigen gesellschaftlichen Kontakte sowie glanzvolle Gesellschaften im Weißen Haus, um für die Einrichtung eines
Kabinettspostens für Kunst und Kultur einzutreten.
Nach der Ermordung ihres Mannes warb sie bei
Präsident Johnson für dieses Anliegen, das schließlich zur Gründung der National Endowment for the
Arts and the Humanities führte. Lady Bird Johnson
setzte sich für "Verschönerung" ein - ein Begriff,
hinter dem sich eine ernste Sorge um die Umwelt
verbarg.
Rosalynn Carters Karriere steht für eine Frau, deren
politisches Leben vollkommen mit ihrem Privatleben
vermischt ist. Von Anfang an - seit ihrem Spaziergang Hand in Hand am Tag der Amtseinführung die
Pennsylvania Avenue hinunter bis zum Weißen Haus
- bezeichneten Rosalynn und Jimmy Carter ihr
Weißes Haus offen als "Partnerschaft". Die als
"Stahlmagnolie" verhöhnte Mrs. Carter hatte vor Mrs.
Clinton die offiziellste Rolle als First Lady. Obwohl
sie von Gesetz wegen nicht den Vorsitz der Kommission des Präsidenten für geistige Gesundheit übernehmen konnte und sich mit dem Ehrenvorsitz
zufriedengeben mußte, war es ihre Kommission. Sie
hielt nationale Anhörungen ab, führte Inspektionen
durch, leitete 30 Arbeitsgruppen und sprach im
Senat. Der Bericht der Kommission führte zum

*

AMERIKA DIENST 11

*

Gesetz über geistige Gesundheit von 1980, das mehr
Gelder für die Betreuung geistig Behinderter bereitstellte.
Rosalynn Carter schafft somit den direktesten modernen Präzedenzfall für die Rolle von Hillary Clinton.
Dennoch war sich keiner der über 60 Journalisten,
die mich zu Beginn der Clinton-Administration über
den vermeintlichen "Neubeginn" der Rolle der First
Lady befragten, der von Mrs. Carter geleisteten Arbeit
bewußt.
Während die ältere Generation von First Ladies einer
jüngeren Platz macht, für die Mrs. Clinton stellvertretend ist, werden wir zweifelsohne noch öfter einen
"Neubeginn" sehen. Das von der gegenwärtigen First
Lady erregte Aufsehen ist nur das letzte Kapitel eines
Themas, das sich durch unsere gesamte Geschichte
zieht. Die Kontroverse dreht sich weniger um die
Person Hillary Clinton als um die fortgesetzte, tiefsitzende Ambivalenz, sogar Feindseligkeit Amerikas
gegenüber Macht in den Händen einer Frau.
Forschung, geschichtliche Ausstellungen und allgemeinverständliche Veröffentlichungen, die sich
ernsthaft mit den Präsidentengattinnen auseinandersetzen, können eine große Rolle dabei spielen,
moderne First Ladies in den Kontext einer langen
Reihe von Frauen einzuordnen, die politische Entscheidungen beeinflußten.
Dann würde Hillary
Clintons Aktivismus vielleicht nicht als moderne,
"feministische" Subversion angesehen, sondern
vielmehr als Fortsetzung einer seit langer Zeit bestehenden amerikanischen Tradition.

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Sozialgipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Marktsystem setzt Humankapital frei&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es bleibt in der Familie - die Vereinigten Staaten und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Simon Serfaty&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten starten globales Umweltbildungsnetz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edward Taishoff&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Macht und Einfluss der First Ladies&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edith P. Mayo&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^TioN

^

Z 12462 C

10

15. März 1995

NW

NICHTVERBREITUNGSVERTRAG ENTSCHEIDENDER ALS JE ZUVOR
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

KLIMAKONFERENZ

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth

TAG DER ERDE

ENTWURF EINER UMWELTVERTRÄGLICHEN
ZUKUNFT - EIN ÜBERBLICK
von Lester R. Brown

PORTRAT

DESIGNIERTER CIA-DIREKTOR IST
INNOVATIVER DENKER
Porträt von John Deutch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
15. März 1995

Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor
Rede von Verteidigungsminister Perry
CHICAGO - (AD) - Aufgrund der "derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der
Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor", erklärte Verteidigungsminister Perry am 8. März 1995
in einer Rede vor dem Chicago Council on Foreign Relations.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Verteidigungsministers in wesentlichen Auszügen.

Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
bei den Bestrebungen für die unbegrenzte und
bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) übernommen. Am Montag war der
25. Jahrestag des N W .
Und im vergangenen
Vierteljahrhundert hat dieser Vertrag verhindert, daß
ein unbeschreiblicher Rüstungswettlauf in Regionen
auf der ganzen Welt ausgebrochen ist. Angesichts
der derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor. Die NW-Mitgliedstaaten
sind sich bewußt, daß die Verfolgung der Nuklearoption ihre nationale Sicherheit unterminieren statt
schützen kann. Wir wollen, daß die Nichtmitgliedstaaten des N W diese Erkenntnis verinnerlichen
und auf die Nuklearoption verzichten.
Beispielhaft für Nichtverbreitungsbestrebungen war
das von uns mit Nordkorea im vergangenen Sommer
erzielte Rahmenabkommen über die Einstellung des
Nuklearwaffenprogramms des Landes. Nordkorea
hat in der Tat zugestimmt, weit über die Erfordernisse des Vertrags hinauszugehen und sein Nuklearprogramm abzubauen. Zweifelsohne wird dieses
Abkommen schwierig umzusetzen sein, aber mit
jedem von Nordkorea unternommenen Schritt zu
seiner Verwirklichung nimmt die potentielle atomare
Bedrohung in dieser Region weiter ab.
Diplomatie umfaßt auch Rüstungskontrolle. Beispielhaft für Rüstungskontrolle ist im Augenblick das
START Il-Abkommen mit Rußland, das dem Senat
zur Ratifizierung vorliegt. Es ist im Eigeninteresse
der Vereinigten Staaten, die Nukleararsenale des
Kalten Krieges zu reduzieren, unabhängig vom
Ergebnis des Wandels in Rußland - selbst wenn er
negativ ist. START II wird auch die bedrohlichsten
Waffen beseitigen - Interkontinentalraketen mit
Mehrfachgefechtsköpfen. Über die Abschaffung von

AMERIKA DIENST 10

Waffen hinaus wird START II uns das weitere Engagement für die führenden Politiker in Rußland gestatten. Die Beschleunigung dieses Abkommens ist das
Beste, was die Vereinigten Staaten und Rußland tun
können, um unsere beiden Länder sicherer zu
machen.
Wie ich gerade ausgeführt habe, kann Diplomatie die
Nukleararsenale reduzieren und ihre Verbreitung
verhindern helfen. Aber solange Diplomatie Nukleararsenale nicht beseitigen kann, werden die Vereinigten Staaten eine starke nukleare Verteidigungshaltung bewahren. Das Verteidigungsministerium hat
drei Richtlinien der nuklearen Verteidigung aufgestellt.
Die erste Richtlinie besteht in der Verringerung der
Bedrohung. Die zweite ist die Abschreckung der
Bedrohung. Und wenn alles andere scheitert, müssen wir schließlich zur Verteidigung gegen die
Bedrohung bereit sein.
Ich möchte auf jeden dieser Punkte näher eingehen.
Erstens, was können wir zur Verringerung der nuklearen Bedrohung tun? Es erfordert Phantasie, harte
Arbeit und sogar Geld. Die Phantasie haben die
Senatoren Nunn und Lugar mit ihrem 1991 entworfenen Programm entwickelt, das den ehemaligen
sowjetischen Staaten bei der Beseitigung der noch
auf ihrem Boden befindlichen Nukleararsenale
behilflich ist. Die harte Arbeit wird vom Verteidigungsministerium in Zusammenarbeit mit unseren
Amtskollegen in Rußland, Belarus, Kasachstan und
der Ukraine geleistet. Das Geld kommt vor allem aus
diesen Nationen. Und dank des Nunn-Lugar-Programms kann das Verteidigungsministerium bis zu
400 Millionen Dollar pro Jahr für die Zerstörung
dieser Nukleararsenale aufwenden.
Mit dem Nunn-Lugar-Programm wird die nukleare
Bedrohung Rakete um Rakete, Fabrik um Fabrik und

Seite 1

�Person um Person reduziert. Es hat bereits dazu
beigetragen, 2.600 Gefechtsköpfe von Raketen oder
Bomber-Stützpunkten sowie 750 Raketen von ihren
Trägersystemen zu entfernen und nahezu 600
Trägersysteme und Bomber zu zerstören. Dabei
haben die Nunn-Lugar-Projekte eine Brücke des
Vertrauens und der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Sowjetrepubliken geschaffen. Der Gewinn
ist real - beispielsweise wurde die Ukraine durch die
Nunn-Lugar-Hilfe zur Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags ermutigt. Infolgedessen ist der
START I-Vertrag in Kraft getreten, der ein Drittel der
amerikanischen und sowjetischen strategischen
Nuklearwaffen eliminieren wird. Das Nunn-LugarProgramm hat wesentlich zur Aufhebung der Pattsituation bei START I beigetragen.
Das Programm hilft den ehemaligen sowjetischen
Staaten bei der Konversion von Rüstungsfabriken zu
kommerzieller Produktion, der Umschulung von
Arbeitnehmern und Wissenschaftlern für die Produktion zu friedlichen Zwecken und der Pensionierung
von Raketenfachleuten.
Kritikern zufolge sind die Projekte nicht geeignet zur
Verwendung von Verteidigungsmitteln. Ich bin
anderer Meinung. Der Abbau der Waffeninfrastruktur ist ebenso wichtig wie die Zerlegung der Waffen
selbst. Die Menschen und Einrichtungen hinter den
Waffen haben eine Schlüsselrolle in der Volkswirtschaft und Gesellschaft dieser Länder gespielt. Um
die Waffen zu beseitigen, müssen wir uns also mit
den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen
befassen.
Um bei der Konversion sowjetischer Rüstungsfabriken zu nichtmilitärischer Produktion behilflich zu
sein, stellt das Nunn-Lugar-Programm Kontakte zu
amerikanischen Unternehmen her, mit denen Jointventures gegründet werden. Ein zusätzlicher Vorteil
dieser Joint-ventures ist, daß sie beim Aufbau der
russischen Wirtschaft behilflich sind und es amerikanischen Unternehmen ermöglichen, Fuß in einem
wachsenden neuen Markt zu fassen.
Dank des Nunn-Lugar-Programms finden die erfahrensten Atomwissenschaftler Arbeit in der zivilen
Forschung, damit sie nicht versucht sind, das Land
zu verlassen und Starthilfe beim Aufbau der Nuklearprogramme im Iran oder Irak zu geben. Statt
dessen könnte ihre nichtmilitärische Forschung zu
kommerziellen Projekten und Geschäften zwischen
Amerikanern und Russen beitragen.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt auch Wohnraum
für die Offiziere bereit, die diese Raketen bedienen
und überwachen. Es sind dieselben Offiziere, die
uns bei der Schließung der ehemaligen sowjetischen

Seite 2

Stützpunkte helfen. Ohne Wohnungen kann die
Ukraine diese Offiziere nicht aus dem Dienst entlassen, und wir können die Stützpunkte nicht schließen.
Wir haben daher 20 Millionen Dollar der Nunn-LugarMittel für den Aufbau von zwei amerikanisch-russischen Geschäftspartnerschaften zugewiesen, um
Fertighäuser in der Ukraine herzustellen. Die Ukrainer stellen die Fabriken zum Bau dieser Häuser
bereit - Fabriken, die einstmals sowjetische Marineschiffe und Raketensilos produzierten. Die Amerikaner liefern den Entwurf und das Know-how für die
Herstellung der Fertighäuser. Nachdem die Häuser
für die Offiziere gebaut worden sind, beabsichtigt die
Partnerschaft den Bau von Häusern für den kommerziellen Markt in der Ukraine als gewinnbringendes
Unternehmen. Dieses Programm ist ein Gewinn für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Es ist ein
Gewinn für die Stabilität der Ukraine. Und es ist ein
Gewinn für die amerikanische Industrie.
In den Vereinigten Staaten argumentieren einige
Kritiker, das Nunn-Lugar-Programm sei ein Trick der
Russen zum Erhalt ihrer Rüstungsindustrie. In
Rußland sagen die Kritiker, Nunn-Lugar sei eine
Verschwörung zum Abbau der russischen Rüstungsindustrie. Beide Lager haben unrecht. Für die
Vereinigten Staaten ist das Nunn-Lugar-Programm
eine Verteidigung mit anderen Mitteln, ein kostengünstiger Weg zur Reduzierung der potentiellen nuklearen Bedrohung. Für Rußland und seine Nachbarn
mit Atomwaffen ist das Programm eine Form der
Unterstützung bei der Zerlegung von Atomwaffen und
bei Wirtschaftsreformen. Für die Vereinigten Staaten
und Rußland trägt das Nunn-Lugar-Programm zur
Durchführung der nuklearen Abrüstungsabkommen
bei und baut eine nationale und wirtschaftliche
Partnerschaft auf. Es ist ein Programm, bei dem es
auf beiden Seiten der Welt nur Gewinner gibt.
Das Nunn-Lugar-Programm wird die Welt eindeutig
von Nuklearwaffen befreien. Aber solange es Nuklearwaffen auf der Welt gibt, müssen die Vereinigten
Staaten in die nukleare Abschreckung investieren.
Die Erfordernisse an unsere Abschreckung haben
sich seit den Tagen des Kalten Krieges enorm
verändert. Damals lautete unsere nukleare Doktrin
gegenseitig zugesicherte Abschreckung (Mutual
Assured Deterrence - MAD). Bei diesem Konzept
waren die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
zwei Männern vergleichbar, die 10 Meter voneinander
entfernt standen und die beide einen Revolver auf
den Kopf des anderen gerichtet hielten. Beide
Revolver waren geladen, der Abzug gespannt, und
mit zitternden Fingern am Abzug schleuderten sich
die Männer Beleidigungen entgegen. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bildete die Grundlage der
amerikanischen Abschreckungspolitik während des

AMERIKA DIENST 10

�Kalten Krieges. Heute sind die Revolver in ihren
Halftern. Die beiden Männer arbeiten in Bereichen
von gegenseitigem Interesse zusammen.
Und
obwohl sie manchmal Meinungsverschiedenheiten
haben, werfen sie sich keine Beleidigungen an den
Kopf. Statt dessen stimmen sie überein, ihre Pistolenkugeln zu reduzieren und zusammenzuarbeiten,
damit ihre Kugeln nicht in die Hände anderer Parteien gelangen.
Zur Anpassung an diese Welt nach der gegenseitig
zugesicherten Abschreckung haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme der nuklearen Abschreckungsstreitkräfte der Vereinigten Staaten
vorgenommen. Diese Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts umfaßte das gesamte Spektrum
von Politik über Doktrin, Streitkräftestruktur, Operationen, Sicherheit, Zuverlässigkeit bis zu Rüstungskontrolle. Sie bestätigte unseren Verdacht, daß
Nuklearwaffen eine andere und kleinere Rolle in
unserer nationalen Sicherheitsstrategie spielen
werden.
Zunächst ergab diese Überprüfung, daß die Vereinigten Staaten ihre Nuklearstreitkräfte stark reduzieren können. Und das haben wir getan. In den
vergangenen sechs Jahren wurde unser gesamter
aktiver Nuklearbestand um nahezu 60 Prozent
verringert. Verglichen mit damals haben wir heute
nur halb soviele strategische Gefechtsköpfe und nur
10 Prozent der taktischen Gefechtsköpfe. START II
wird unser Nukleararsenal noch weiter abbauen.
Aber angesichts der unsicheren Zukunft Rußlands
und der noch vorhandenen Nuklearwaffen auf der
Welt empfahl unsere Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts eine "Strategie der Vorsicht", falls
erneut eine nukleare Bedrohung auftritt. Der Verteidigungshaushalt für 1996 sieht rund 7 Milliarden
Dollar für unsere nukleare Triade vor, um diese
Vorsicht zu gewährleisten. Es stimmt, 7 Milliarden
Dollar sind kein Almosen. Aber es ist nur ein Drittel
des Betrags, den wir im Rahmen der MAD-Doktrin
für Abschreckung ausgaben.
Das ist die gute Nachricht - wir benötigen weniger
nukleare Abschreckung. Die schlechte Nachricht ist,
daß Abschreckung in diesem Zeitalter vielleicht nicht
einmal die kalte Bequemlichkeit wie während des
Kalten Krieges bietet. Wir könnten uns mit Terroristen oder verbrecherischen Regimen mit ballistischen Raketen und Nuklearwaffen konfrontiert
sehen.
Sie werden die Abschreckungstheorie
wahrscheinlich nicht annehmen.
Sie könnten
verrückter als die MAD-Doktrin sein.
Die Operation Wüstensturm war ein Alarmsignal.
Saddam Hussein hatte ballistische Raketen. Er war

AMERIKA DIENST 10

ohne Rücksicht auf die herkömmlichen Regeln des
Krieges zu ihrem Einsatz bereit und tat dies, indem er
SCUD-Raketen auf israelische Städte abfeuerte. Wir
hatten Glück - großes Glück - daß er keine nuklearen
Gefechtsköpfe hatte.
Falls die Abschreckung versagt, besteht unsere dritte
Richtlinie in der Verteidigung gegen die nukleare
Bedrohung. Aus diesem Grund entwickeln wir eine
Verteidigung mit ballistischen Raketen. Wir konzentrieren uns jedoch vornehmlich auf eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung, weil dies die reale,
mittelfristige Bedrohung ist.
Zur Zeit sind über 25 Nationen im Besitz von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen oder mit
ihrer Entwicklung befaßt. Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Trägerraketen.
Und
ballistische Raketen werden zu alltäglichen Waffen
auf dem Schlachtfeld. Wie der Irak demonstrierte,
sind mobile ballistische Raketen schwer zu lokalisieren und zu zerstören.
Gefechtsfeldgebundene
ballistische Raketen stellen gegenwärtig eine Bedrohung unserer in Übersee oder zur Verteidigung
eines Verbündeten stationierten Streitkräfte dar.
Daher verfolgen wir ein klar definiertes Programm - in
Höhe von 2 Milliarden Dollar pro Jahr - um bis zum
Ende dieses Jahrhunderts eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung zu entwickeln und zu dislozieren.
Auf einer anderen Schiene bereiten wir uns auch auf

die Stationierung einer Raketenverteidigung in den
Vereinigten Staaten vor, falls eine strategische
Bedrohung unserer Nation entstehen sollte. Gegenwärtig sind nur Rußland und China im Besitz von
Interkontinentalraketen, die uns erreichen könnten.
Ein absichtlicher, versehentlicher oder nicht genehmigter Abschuß ist unwahrscheinlich. Aber andere
Nationen könnten in Zukunft ihre eigenen Interkontinentalraketen entwickeln. Aus diesem Grund haben
wir ein "technologisches Bereitschaftsprogramm" für
eine nationale Raketenverteidigung in einem "dreiplus-drei" Zeitrahmen eingeführt. Das heißt, drei
Jahre für die Entwicklung und Erprobung eines
Systems für die Produktion und weitere drei Jahre
für seine tatsächliche Stationierung.
Hierbei handelt es sich nicht um ein weltraumgestütztes Abfangsystem wie die Strategische Verteidigungsinitiative. Der einzige weltraumgestützte Teil unseres
Systems wären die Frühwarnsensoren. Und im
Gegensatz zu SDI wäre dies eine "dünne" Verteidigung gegen vielleicht ein Dutzend Gefechtsköpfe und
kein Schutzschild gegen einen massiven Angriff.
Dieses System wäre sehr viel einfacher, kostengünstiger und auf die Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung zugeschnitten.
Es stünde auch im
Einklang mit dem ABM-Vertrag. Insgesamt geben wir

Seite 3

�also rund 3 Milliarden Dollar pro Jahr für Verteidigungsprogramme mit ballistischen Raketen, für
gefechtsfeidgebundene Verteidigung und für die
nationale Verteidigung aus.

Die nukleare Bedrohung hat sich seit dem Ende des
Kalten Krieges dramatisch verringert. Aber vielleicht
wird es uns nie gelingen, die Büchse der Pandora zu
schließen, die vor 53 Jahren nur wenige Kilometer
von hier entfernt geöffnet wurde. Wir können die
Erfindung der Atombombe nicht rückgängig machen.
Wir können E=mc2 nicht außer Kraft setzen. Aus
diesem Grund müssen wir all unsere Bestrebungen
der Kontrolle dieser furchtbaren Waffen widmen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
15. März 1995

Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen gemeinsam vor neuen Herausforderungen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J.D.
Bindenagel, am 13. März bei der Steuben-Schurz-Gesellschaft in Frankfurt gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein großes Vergnügen, heute abend mit
Ihnen über die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sprechen zu dürfen. Ich komme gerne nach Frankfurt, nicht nur weil ich die Gelegenheit zu einem
Gedankenaustausch mit Ihnen schätze, sondern
auch, weil die Steuben-Schurz-Gesellschaft einen
maßgeblichen Beitrag zur Vertiefung der deutschamerikanischen Beziehungen leistet.
Einleitung
Bei der Vorbereitung auf diese Rede habe ich
natürlich etwas über den Lebensweg von Frederick
William Augustus von Steuben - wie er sich in
meinem Heimatland nannte - gelesen. Was mich,
abgesehen von seinen Erfolgen beim Aufbau schlagkräftiger Streitkräfte am meisten beeindruckt hat und
damals auch den amerikanischen Kongreß, waren
von Steubens Anstellungsbedingungen bei der
Continental Army. Neben der Begleichung seiner
Kosten erbat er ein vom Kongreß festzusetzendes
Ertolgshonorar. Im Falle seines Scheiterns wollte er
dagegen keine weitergehenden Ansprüche stellen.
Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Der zweite, nicht minder bedeutende Namensgeber
Ihrer Gesellschaft, Carl Schurz, hatte auch ein
aufregendes und abwechslungsreiches Leben.
Angesichts der Absicht der Clinton-Administration,
den Regierungsapparat zu reformieren, haben mich
die innovativen Gedanken von Carl Schurz zum
Thema "öffentlicher Dienst" überrascht.
Beide Persönlichkeiten haben einen bedeutenden
Beitrag zur Gestaltung des Staates und der Entwicklung einer politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten geleistet.

AMERIKA DIENST 10

Die deutsche Steuben-Schurz-Gesellschaft hält die
Erinnerung an diese beiden Männer wach: Ihre
kulturellen Aktivitäten, ihre zahlreichen Veranstaltungen und nicht zu vergessen die Vergabe von Stipendien sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit
dem amerikanischen Volk. Es freut mich besonders,
daß es Institutionen und Organisationen gibt wie die
Ihrige, die abseits der staatlich geförderten Kulturpolitik die Beziehungen pflegen.
Die Bekämpfung des Haushaltsdefizits in den Vereinigten Staaten hat nach den Kongreßwahlen im
November letzten Jahres eine neue Aktualität erlangt.
So hat die Debatte über eine Gesetzesvorlage, die
einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorschreibt,
allen Beobachtern deutlich gemacht, wie prekär die
Haushaltslage ist. Dies hat auch Auswirkungen auf
das Budget für auswärtige Angelegenheiten. Einsparungen, die auch unsere kulturellen Aktivitäten in
Deutschland betreffen, werden sich im kommenden
Finanzjahr wiederum nicht ganz vermeiden lassen.
Die Steuben-Schurz-Gesellschaft wie auch andere
deutsch-amerikanische Verbände und Organisationen
bilden deshalb eine wichtige, tragfähige Brücke
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk,
die erfreulicherweise ohne staatliche Zuschüsse
auskommt.
Wechselwirkungen im Beziehungsgeflecht
Immer wenn ich nach Frankfurt komme, erinnere ich
mich an die Rede des damaligen Präsidenten John F.
Kennedy in der Paulskirche am 25. Juni 1963.
Damals verwies er auf die vielfältigen Impulse, die
1848 von Frankfurt ausgingen und ihren Widerhall im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg fanden. Damit
wollte er zu Recht auf die schon im letzten Jahrhundert entstandene Interdependenz zwischen beiden
Völkern aufmerksam machen.

Seite 1

�Obgleich sich die Zeiten erheblich gewandelt haben
- und ich glaube im Namen aller hier Versammelten
sprechen zu dürfen, wenn ich sage, "erfreulicherweise" - gelten die Worte des Präsidenten noch heute,
als er über die Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten sprach:
"We are partners for peace - not in a narrow
bilateral context but in a framework of Atlantic
partnership".
Wenig später nennt er gemeinsame Ziele, deren
Gültigkeit außer Frage stehen:
"Peace and freedom for all men, for all time, in a
world of abundance, in a world of justice."
Im zeitgeschichtlichen Vergleich mit der politischen
Situation vor 32 Jahren hat sich in dieser Richtung
vieles getan. Wir können nach dem Fall der Berliner
Mauer, der friedlichen Umgestaltung Osteuropas und
dem Zerfall der Sowjetunion mit Fug und Recht
behaupten, einen epochalen Wandel zu erleben.
Wie schon Dean Acheson, seines Zeichens amerikanischer Außenminister von Januar '49 bis Januar '53
einmal treffend bemerkte, als er über die Gestaltung
der Nachkriegsordnung befragt wurde: "Ich war
dabei." Angesichts der Live-Übertragungen in Funk
und Fernsehen können wir Gleiches behaupten.
Was aber bedeutet dieser epochale Wandel gegen
Ende des Jahrhunderts für das Selbstverständnis
unserer Staaten und die gegenseitigen Beziehungen? Wie gehen wir mit diesen Veränderungen um
und wie gestalten wir sie, wenn wir dazu Gelegenheit haben?
Der Clinton-Administration wird vielfach nachgesagt,
sie würde sich von Europa abkehren, weil sie den
Versuch unternimmt, innenpolitische Reformen zu
initiieren und ihre außenwirtschaftlichen Interessen
auch im asiatisch-pazifischen Raum zu artikulieren.
Sie tut dies, ohne aber von der einzigartigen Kontinuität amerikanischer Überzeugungen Abstand zu
nehmen, wie sie schon Präsident Kennedy in seiner
Frankfurter Rede hervorgehoben hat. Nicht nur, daß
er pragmatisch vom Wandel als Bestandteil jeder
Entwicklung gesprochen hat - "change is the law of
life" -, er traf auch die noch heute gültige Feststellung, unsere Zukunft liege in der Atlantischen Allianz.
Die NATO als transatlantisches Bindeglied
In der Tat, die NATO bleibt das zumindest aus
amerikanischer Sicht wichtigste Bindeglied zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa. Die Allianz
dokumentiert, daß die Vereinigten Staaten eine

Seite 2

europäische Macht sind und dies auch bleiben wollen.
Die Atlantische Allianz hat sich auf die neue strategische Lage eingestellt. Die transatlantischen Beziehungen sind schon seit geraumer Zeit aus dem
engen Korsett der reinen verteidigungspolitischen
Vorsorge des Kalten Krieges hervorgetreten. Im
Laufe ihrer Existenz entwickelte sich das Bündnis zu
einer Wertegemeinschaft, die weit mehr als nur ein
multinationales Verteidigungsbündnis darstellt. Und
die NATO hat sich als anpassungsfähig erwiesen, wie
unschwer an der Reform der Streitkräftestruktur und
den Initiativen zu enger militärischer Zusammenarbeit
mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks zu sehen
ist.
Die Attraktivität der Atlantischen Allianz wird durch
Beitrittswünsche einiger Staaten Osteuropas unterstrichen: Sie ist ein wirksamer Zusammenschluß
gleichgesinnter Staaten zum Schutz vor militärischen
Gefahren und für Stabilität in Europa. Diese Stabilität
wird allerdings nicht mehr nur durch die NATO
gewährleistet, sondern auch durch die Europäische
Union und andere europäische Institutionen wie die
OSZE.
Die militärische Zusammenarbeit im Rahmen der
NATO bleibt ein wirksames Instrument gegen Tendenzen einer Renationalisierung der europäischen
Sicherheitspolitik. Die amerikanischen Streitkräfte in
Europa unterstreichen auf glaubwürdige Weise, wie
wichtig wir unseren Beitrag zur Beibehaltung eines
sicheren Europas nehmen.
Neue Herausforderungen nach dem Ende des
Kalten Krieges
In Zeiten großer Transformationen gibt es immer
wieder Stimmen, die für eine Abkehr von der Geschichte plädieren. Geschichtliche Lektionen lassen
sich aber nicht einfach ad acta legen. Und eine
bedeutende Lehre spricht Präsident Kennedy in
seinen Ausführungen an: Eine Gefährdung der
Freiheit Europas bedroht auch immer die Freiheit
Amerikas.
Ist aber unsere Freiheit bedroht? Sicherlich nicht,
wenn wir die jetzige Situation mit der Bedrohung
durch das Militärpotential der damaligen Sowjetunion
vergleichen. Die Gefahren für Sicherheit und Stabilität sind allerdings nicht weniger geworden in einer
Welt, die aus dem Schwarzweißschema des Kalten
Krieges herausgewachsen ist.
Das Ende des weltumspannenden Ost-West-Konflikts
hat nicht per se eine neue stabile internationale
Ordnung geschaffen, die in der Lage wäre, eine
gewaltfreie Konfliktbewältigung sicherzustellen.

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�Lassen Sie mich einige Gefahren aufzählen, die
nicht nur der amerikanischen Regierung Kopfzerbrechen bereiten:
-

Aggression, Tyrannei und Intoleranz unterminieren immer wieder die politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung wichtiger Regionen der
Welt.

-

Nicht nur wir Amerikaner sehen uns einer wachsenden Bedrohung durch die Weiterverbreitung
von nuklearen und chemischen Massenvernichtungswaffen, internationalem Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche gegenüber.

-

-

Einst entfernt erscheinende Probleme wie die
Zerstörung von Lebensgrundlagen, das ungebremste Bevölkerungswachstum, daraus resultierende Armut, Migration und Flüchtlingskatastrophen haben direkte Auswirkungen auf die Stabilität der betroffenen Regionen. Und damit letztlich
auch auf uns.
Wie schon zu einem früheren Zeitpunkt in diesem
Jahrhundert bestimmen an der Peripherie Europas ethnische Konflikte, territoriale Streitkeiten
und irregeleiteter Nationalismus die politische
Tagesordnung. Eine Obsession macht sich breit,
reales oder eingebildetes historisches Unrecht
wiedergutzumachen.

Neben dem Auftreten von neuen und alten Konflikten, die zu einer Gefahr für die allgemeine Stabilität in Europa werden können und folglich politischer
Aufmerksamkeit bedürfen, möchte ich aber auch auf
eine weitere Konsequenz des Endes des Kalten
Krieges hinweisen, die vielfach kritisiert wird.
Prioritäten amerikanischer Außenpolitik
Meines Erachtens ist es durchaus verständlich, wenn
sich die amerikanische Politik nach dem Ende einer
so langen ideologischen Auseinandersetzung nun
stärker mit innenpolitischen Fragestellungen beschäftigt.
In Zeiten einer immer intensiver werdenden Konkurrenzsituation auf den Weltmärkten und einem
gewissen Nachholbedarf sind Maßnahmen zur
Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit
ein Gebot der Stunde. Das Wohlergehen und der
Lebensstandard der eigenen Bevölkerung ist wohl
ein legitimer Maßstab für staatliches Handeln!
Wie Sie alle wissen, hat sich inzwischen ein Sicherheitsbegriff durchgesetzt, der eben nicht nur das
Militärpotential eines Landes berücksichtigt, sondern

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auch demokratisch legitimierte Regierungssysteme
und wirtschaftliche Prosperität inkorporiert.
Die Clinton-Administration widmet folglich der Verwirklichung außenwirtschaftlicher Interessen hohe
Aufmerksamkeit, um die ökonomische Leistungsfähigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft zu
stärken. Neben ökonomischen Impulsen, die nicht
nur amerikanischen Interessen entsprechen, läßt
Präsident Clinton keinen Zweifel daran, daß er die
internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten
aufrechterhalten will.
Anläßlich seines Staatsbesuchs im letzten Monat in
Kanada hat der Präsident den amerikanischen
Führungsanspruch bekräftigt. Eine Abkehr von der
Philosophie des Engagements und der Führungsaufgabe, die für die amerikanische Außenpolitik seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges charakteristisch war,
wird es mit diesem Präsidenten nicht geben.
Gerade in Zeiten des Übergangs, in Zeiten des Wandels und der Chancen, den politischen Prozeß
strukturbildend zu gestalten, ist es wichtig, Führung
zu übernehmen. Die letzten Jahre haben deutlich
gezeigt, wie wichtig es nach wie vor ist, mit Vorschlägen und Initiativen das internationale System zu
unser aller Nutzen zu beeinflussen. Und dies nicht in
einem hegemonistischen Sinne - wie Kritiker immer
wieder hervorheben - sondern als Reflex auf die sich
uns stellenden globalen Aufgaben und Herausforderungen.
Anders formuliert: Aufgrund der immer größer werdenden Verflechtung können wir uns keine Politik des
Isolationismus oder Unilateralismus leisten. Eine
solche Politik wäre angesichts der Risiken und
Gefahren nicht empfehlenswert. Diese Einstellung
teilt auch der amerikanische Kongreß trotz der
heftigen Debatte über "Multilateralismus".
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft
Nun werden Sie sich fragen, was meine Ausführungen mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
tun haben. Sehr viel, wenn man berücksichtigt, wie
sich das außenpolitische Engagement der Vereinigten
Staaten den neuen Gegebenheiten nach dem Ende
des Kalten Krieges angepaßt hat. Außenminister
Warren Christopher hat den Maßstab für unser
außenpolitisches Engagement auf einen Nenner
gebracht: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig.
Die Bewahrung partnerschaftlicher Beziehungen zu
unseren engsten Verbündeten (Europa und Japan)
bleibt ein zentrales Element der amerikanischen
Außenpolitik. Darüber hinaus wollen wir konstruktive

Seite 3

�Beziehungen zu den mächtigsten Nationen der Welt,
China und Rußland, unterhalten.
Deutschland ist nicht erst seit der Herstellung der
staatlichen Einheit zu einem engen Freund und
starken Verbündeten der Vereinigten Staaten geworden.
Mit der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und
finanziellen Unterstützung des Demokratisierungsprozesses und des Aufbaus von Marktwirtschaften in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leistet die Bundesrepublik einen enormen
Beitrag zur Stabilisierung dieser Region.
Deutschland ist innerhalb der Europäischen Union
ein gewichtiger Machtfaktor. Das europapolitische
Engagement Deutschlands ist die Voraussetzung für
Fortschritte bei der europäischen Integration. Oder
wie es Vizepräsident AI Gore schon mehrmals
geäußert hat: Deutschland ist zum Motor der europäischen Integration geworden, die wir nachhaltig
unterstützen.
Die Vereinigten Staaten brauchen zuverlässige
Partner wie die Bundesrepublik, um in vertrauensvoller Kooperation die gegenwärtigen Herausforderungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu
bewältigen. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union spielt dabei
- wie angedeutet - eine nicht unerhebliche Rolle.
Gemeinsam stehen wir vorder Aufgabe, die Strukturen Europas zu gestalten und ein tragfähiges Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West aufzubauen.
Wie können wir gemeinsam gewährleisten, daß
Stabilität und Sicherheit auch in Zukunft erhalten
bleiben? Wie können wir die NATO erweitern, ohne
neue Grenzlinien in Europa zu ziehen?
Die NATO-Erweiterung
Für dieses Jahr hat sich die Allianz vorgenommen,
Antworten auf das "Wann" und "Wie" einer NATOErweiterung zu finden. Leitmotiv ist die Verteidigung
der Bündnisinteressen und die Förderung der
europäischen Stabilität. Der Erweiterungsprozeß
muß allmählich, überlegt und transparent erfolgen,
um nicht den Eindruck zu erwecken, die NATO wolle
neue Grenzen ziehen. Darüber hinaus soll ein
großes Maß an Flexibilität diesen Prozeß bestimmen
und folglich kein Zeitplan oder eine Liste für Beitrittskandidaten festgelegt werden. Jeder Beitrittswunsch
wird individuell behandelt. Und die Entscheidung,
welches Land der NATO beitritt und zu welchem
Zeitpunkt, wird einzig und allein von den Mitgliedstaaten der NATO getroffen. An ein Vetorecht durch
einen Drittstaat ist nicht gedacht.

Seite 4

Welche Kriterien müssen die Beitrittsstaaten erfüllen?
Eine Grundvoraussetzung sind demokratische Strukturen, eine marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft sowie der politische Wille und die finanzielle
Fähigkeit, zur gemeinsamen Sicherheitspolitik und
zum Bündnis einen eigenen Beitrag leisten zu können.
Die gegenwärtige Diskussion über die NATO-Erweiterung steht in engem Zusammenhang mit der
Erweiterung der Europäischen Union. Beide Prozesse unterliegen anderen Mechanismen, verfolgen aber
mehr oder weniger die gleiche Zielsetzung. Derzeit
ist die Europäische Union mit der Aufnahme von vier
neuen Mitgliedern befaßt; und im nächsten Jahr steht
die Maastrichter Überprüfungskonferenz bevor.
Die transatlantische Gemeinschaft
Gleichzeitig hat die Debatte über die Zukunft der
transatlantischen Gemeinschaft an Dynamik gewonnen. Europäische Politiker wie der britische Verteidigungminister Malcolm Rifkind, sein französischer
Amtskolle Alain Juppö und Volker Rühe haben
Vorschläge ventiliert, wie die transatlantischen
Beziehungen vertieft werden könnten. Ob nun ein
"transatlantischer Vertrag" anvisiert wird oder eine
"euro-amerikanische Gemeinschaft", wie sie der
niederländische Premierminister vorgeschlagen hat alle Vorschläge haben gemein, die transatlantische
Zusammenarbeit thematisch aufzufächern und zu
vertiefen.
Dies ist prinzipiell begrüßenswert und sicherlich auch
zweckmäßig, wenn es darum geht, kooperativ,
vertrauensvoll und effizient die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen.
Es ist durchaus vorstellbar, daß die im November
1990 in der "transatlantischen Erklärung" genannten
Bereiche der Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.
Regelmäßige Konsultationen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten wurden im
vergangenen Jahr in Berlin vereinbart. Es wurden
Studiengruppen eingerichtet, um zentrale Fragen zu
erörtern, wie die Einbindung der osteuropäischen
Staaten oder die Bekämpfung des Drogenhandels,
Geldwäsche und des organisierten Verbrechens. Ein
transatlantischer Dialog über Wirtschafts- und Handelsfragen hat sich schon etabliert.
Was sich aus amerikanischer Sicht an Fragen stellt,
ist schnell aufgezählt:

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�Hilft ein neuer transatlantischer Vertrag dem europäischen Integrationsprozeß, fördert oder behindert er
die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik der Europäischen Union? Wie
groß ist der substantielle Zugewinn an Zusammenarbeit, der vielleicht auch durch eine pragmatisch
geprägte Vorgehensweise zu erreichen wäre? Und
welche Themen tragen zu einer Vertiefung der
transatlantischen Gemeinschaft bei?
Angesichts der engen und intensiven deutsch-amerikanischen Beziehungen stellt sich auch die Frage,
wie diese sich in einer transatlantischen Gemeinschaft entwickeln würden.

•

AMERIKA DIENST 10

Bevor wir uns auf Vertragsverhandlungen einlassen,
sollten wir ernsthaft prüfen, ob unsere Beziehungen
tatsächlich eine Aufwertung durch einen Vertrag
brauchen. Wie Sie wissen, neigen wir Amerikaner
eher zu Pragmatismus.
Einen Pragmatismus, wie ihn auch Friedrich Wilhelm
von Steuben an den Tag gelegt hat, als er für seine
Dienste als "Drillmeister" der amerikanischen Truppen
nur ein Erfolgshonorar erbat.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�KLIMAKONFERENZ
15. März 1995

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten werden bei der vom 28. März bis 7. April 1995 anberaumten
internationalen Klimakonferenz in Berlin ein Abkommen zur Aufnahme von Verhandlungen über die
Reduzierung der Treibhausgasemissionen nach dem Jahr 2000 anstreben. Im Vorfeld der Konferenz gab der
Staatssekretär für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth, bei einer
Pressekonferenz in Bonn am 10. März 1995 die nachfolgende Erklärung ab, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

eines Landes) für die zweite Phase dieser Umstrukturierung zugesagt.
Die Clinton-Administration und der Klimawandel:
2 Jahre des Fortschritts
Aktionsplan für den Klimawandel: Die US-Administration hat einen Plan mit über 50 Maßnahmen
entwickelt, der das Versprechen des Präsidenten zur
Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den
Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 erfüllen soll.
Nachfolgend einige Beispiele:
Ermutigung kostengünstiger Planung in den
Vereinigten Staaten,
vermehrte Nutzung erneuerbarer Ressourcen bei
der nationalen Energieversorgung,
Verbesserung der Normen für energieeinsparende Haushaltsgeräte,
Vergrößerung der Kohlesenken,
Methanentsorgung aus Deponien.
Bilaterale Hilfe: Die Clinton-Administration hat ein
gezieltes Programm in Höhe von 330 Millionen
Dollar an bilateraler Hilfe zur Unterstützung der
Entwicklungsländer bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstbereich
entworfen.
Multialterale Hilfe: Die Vereinigten Staaten waren
bei der Umstrukturierung der Umweltfazilität behilflich
und haben 430 Millionen Dollar (der höchste Beitrag

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Entwicklung von Umwelttechnologien und Zusammenarbeit: Die Clinton-Administration hat eine
neue Initiative für Umwelttechnologien in die Wege
geleitet (die sich auf über 1 Milliarde Dollar beläuft),
um modernste Umwelttechnologien zu entwickeln und
zu verbreiten.
Initiative sauberes Auto: Die Clinton-Administration
ist eine beispiellose Partnerschaft mit der Automobilindustrie eingegangen, um gemeinsam die Entwicklung einer neuen Generation von Fahrzeugen zu
erforschen, die dreimal so sparsam sind wie die
heutigen Autos.
Wissenchaftliehe Forschung: Präsident Clinton hat
die Mittel für wissenschaftliche Forschung der Vereinigten Staaten zum globalen Klimawandel auf über
2 Milliarden Dollar erhöht.
Landesstudien: Die Vereinigten Staaten haben
Landesstudien mit 30 Millionen Dollar finanziert, die
den Entwicklungsländern und Ländern mit Volkswirtschaften im Übergang bei einer Bestandsaufnahme
der Treibhausgasemissionen und der Erarbeitung
technologischer Optionen für die Begrenzung der
Emissionen behilflich sein sollen.
Gemeinsame Umsetzung des Pilotprogramms:
Die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt in die Wege geleitet, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Umsetzung zu prüfen
(das heißt, die Industrienationen fördern die Reduzierung von Treibhausgasemissionen in den Entwicklungsländern).

Seite 1

�Der zweite Schritt
In nur zwei Jahren haben Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore beeindruckende Schritte unternommen um sicherzustellen, daß die Vereinigten
Staaten die in der Rahmenkonvention über Klimawandel als erste Schritte festgesetzten Ziele erreichen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, es sei an
der Zeit für den zweiten Schritt, da die Konvention
unseres Erachtens unzureichend ist. Dieser zweite
Schritt wird das Hauptthema für die Teilnehmer der
Berliner Konferenz sein. Die Vorbereitungen für
Berlin haben ein breites Meinungsspektrum erkennen lassen:

leistung erforderliche Koalition zu bilden, daß wir die
nächsten Schritte mit einem Gefühl der Dringlichkeit
und Entschlossenheit unternehmen.
Die Bundesregierung hat als Gastgeber dieses
historischen Treffens bemerkenswerte Arbeit geleistet, um sich durch das Minenfeld der oben geschilderten unterschiedlichen Meinungen zu manövrieren.
Die Vereinigten Staaten wollen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die Führungsrolle Deutschlands bei
dem Kampf um die Formulierung eines klaren Mandats für unter dem Vertrag zu ergreifende nächste
Schritte zu unterstützen.
Die Formulierung eines solchen Mandats ist das
oberste Ziel der Berliner Konferenz.

1. Einige stellen die wissenschaftliche Grundlage
der Belange in Frage und vertreten das Argument, es sollte nichts getan werden. Eine Handvoll skeptischer Wissenschaftler - von denen viele
noch immer gegen das seit langem abgeschlossene Thema des Abbaus der Ozonschicht kämpfen - nähren bei der Industrie, den Medien und
Politikern Zweifel.

Mittelfristig hat dies weniger damit zu tun, Undefinierte
politische Versprechungen zu machen als damit,
unmißverständlich einen Schritt weiterzugehen indem die Nationen artikulieren, was sie unternehmen
wollen, um auf dem ersten Schritt aufzubauen und
den Trend des Emissionsabbaus auch nach dem
Jahr 2000 fortzusetzen.

2. Am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die sich zu Recht ernsthafte Sorgen über
die Zunahme wissenschaftlich fundierter Beweise
machen. Sie befürworten weitreichende politische Verpflichtungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ohne über einen genauen Plan für das
weitere Vorgehen zu verfügen.

Erlangung eines Berliner Mandats
Ein erfolgreiches Mandat

3. Viele Entwicklungsländer zögern noch, zusätzliche Schritte zu unterstützen. Sie fürchten, sie
könnten um die Verringerung der Emissionen
gebeten werden, was ihrem offenkundigen
Entwicklungsbedarf zuwiderlaufen würde.
4. Kleine Inselstaaten, die sich die größten Sorgen
über den dramatischen Klimawandel und seine
Auswirkungen machen, fordern von anderen
entschiedene und unverzügliche Aktionen.
Und innerhalb dieses breiten Meinungsspektrums
gibt es endlose Varianten, die von verschiedenen
Nationen vertreten werden.
Die Herausforderung Berlin und die Führungsrolle Deutschlands

fordert ein neues Ziel, um die nationalen Bestrebungen unmittelbar nach dem Jahr 2000 zu leiten,
definiert durch genaue Analysen die Bandbreite
verfügbarer konkreter Maßnahnmen zur Erlangung
des neuen Ziels,
trägt den gemeinsamen, aber unterschiedlichen
Pflichten aller Parteien Rechnung und definiert
sie,
zieht besseren Nutzen aus dem Einfallsreichtum
nichtstaatlicher Organisationen und des Privatsektors, um Fortschritte zum obersten Ziel des Vertrags zu fördern,
produziert spätestens bis 1997 Ergebnisse,
anerkennt die Bedeutung und Chancen mittel- und
langfristiger Aktionen,
soll als "Das Berliner Mandat" bekannt werden.

Da jetzt 120 Nationen Partei des Vertrags sind, wird
es in Berlin schwierig sein, die für die Gewähr*

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* * *

*

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�TAG

DER

ERDE
15. März 1995

Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft ein Überblick
von Lester R. Brown
Der nachfolgende Beitrag behandelt die Fortschritte sowie die bisher unzulänglich behandelten Probleme bei
der Erlangung einer umweltverträglichen Wirtschaft auf unserem Planeten - einer Wirtschaft, die so beschaffen
ist, daß sie "heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen".
Während Brown zufolge der Abbau der Ozonschicht und die Kohlenstoffemissionen in der Atmosphäre
möglicherweise bereits ihren Höchststand erreicht haben, setzt sich gleichzeitig jedoch der Artenschwund in
alarmierendem Tempo fort, und das potentielle Nahrungsmittelangebot der Fischgründe, landwirtschaftlich
nutzbare Flächen, Wasserressourcen und Düngemitteleinsatz können mit dem rapiden Bevölkerungswachstum
nicht Schritt halten. Die Erweiterung friedenssichernder Operationen der Vereinten Nationen biete den Staaten
der Erde eine Chance, weniger Mittel für militärische Sicherheit und mehr für eine umweltpolitisch gesicherte
Zukunft aufzuwenden.
Lester R. Brown ist Präsident des Worldwatch Institute und hat für das Institut und andere Foren bereits
zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Nachdruck aus Vital Signs 1994, S. 15-21. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung
des Worldwatch Institute, Washington, D.C.

Als Ed Koch noch Bürgermeister von New York war,
stellte er Passanten auf der Straße gerne die Frage:
"Wie schneiden wir ab?" Vital Signs wurde ins
Leben gerufen, um diese Frage für die Welt insgesamt zu beantworten. Insbesondere wird untersucht, wie wir bei der Schaffung einer umweltverträglichen Wirtschaft abschneiden, die unseren
heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft
künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen.
Beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro einigten sich
die Regierungen der Welt darauf, die UNO-Kommission für nachhaltige Entwicklung zu gründen - ein
Beleg für die wachsende Sorge, daß das bestehende Wirtschaftssystem nicht umweltverträglich ist. Im
Juni 1993 rief Präsident Clinton den Rat für nachhaltige Entwicklung ins Leben. Ähnliche Maßnahmen
in rund 70 Ländern, die alle einen Weg hin zu
umweltverträglicher Entwicklung aufzeigen sollen,
sind ein ermutigendes Zeichen.
Der von führenden Politikern auf Bundesebene
ebenso wie von Umweltschützern verwendete Begriff
der "nachhaltigen Entwicklung" hat ökologische

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Ursprünge und beruht auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.
Eine in bezug auf die
Belange der Umwelt tragfähige Entwicklung folgt den
Grundprinzipien oder Gesetzen der Umweltverträglichkeit - Prinzipien, die so real sind wie die der
Aerodynamik oder Thermodynamik. So muß jeder,
der beispielsweise ein Flugzeug entwirft, die Prinzipien der Aerodynamik beachten, indem er eine
bestimmte Menge an Schub oder Auftrieb schafft, da
das Flugzeug ansonsten nicht fliegen wird. Ebenso
muß ein umweltpolitisch tragfähiges System den
Gesetzen der Umweltverträglichkeit folgen, da es
ansonsten nicht lebensfähig ist. Die grundlegenden
Gesetze oder Prinzipien der Umweltverträglichkeit
sind ebenso feststehend wie die Gesetze der Aerodynamik.
Eine Gesellschaft kann diese Gesetze
kurzfristig verletzen, nicht jedoch langfristig. So
können Fischgründe zum Beispiel kurzfristig ohne
langfristigen Schaden überfischt werden, wenn man
anschließend für deren langfristige Erholung sorgt.
Werden sie aber ohne zeitliche Begrenzung überfischt, werden sie schließlich kollabieren und verschwinden. Ebenso wie ein Flugzeug kurzfristig an
Höhe verlieren kann ohne abzustürzen, kann die

Seite 1

�Wirtschaft die Prinzipien der Umweltverträglichkeit
kurzfristig verletzen ohne zusammenzubrechen.
Zu den Gesetzen der Umweltverträglichkeit gehören:
Der Artenschwund darf langfristig nicht größer sein
als die Artenevolution; die Bodenerosion darf die
Bodenneubildung nicht übertreffen; es dürfen nicht
mehr Wälder zerstört werden als nachwachsen
können; die Kohlenstoffemissionen dürfen nicht
höher sein als die Fähigkeit zur Kohlenstoffixierung;
die Menge der gefangenen Fische darf die Regenerationsfähigkeit der Fischgründe nicht übertreffen,
und die Geburtenrate darf nicht höher sein als die
Sterberate.
Die Folgen der Verletzung dieser Prinzipien liegen
im allgemeinen auf der Hand. Wenn beispielsweise
der Artenschwund die Evolutionsrate übertrifft,
werden schließlich ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Wenn die Menge der gefangenen Fische
in einem Fischfanggebiet dessen Regenerationsfähigkeit übertrifft, wird der Fischgrund zerstört.
Obwohl es schwieriger ist, Umweltverschmutzung
ebenso plastisch zu demonstrieren, gilt: Wenn
Schadstoffe die Aufnahmefähigkeit eines Systems
überfordern, wird das System verändert. Im Fall der
Fluorchlorkohlenwasserstoffe führt dies zum Abbau
des stratosphärischen Ozons. Bei den Kohlenstoffemissionen bedeutet es die Ansammlung von
Kohlendioxid in der Atmosphäre und Veränderungen
im Wärmehaushalt der Erde. Im Fall der Schwefelemissionen bedeutet es sauren Regen und die
Schädigung von Wäldern, Seen und Ernteerträgen.
Der Artenschwund
Aufgrund seiner Unumkehrbarkeit stellt der Artenschwund für alle Regierungen eine grundlegende
Herausforderung dar. Über längere Zeiträume der
Erdgeschichte hinweg lag die Zahl neuentstehender
Arten höher als die der aussterbenden. Dies führte
zu dem von uns geerbten außerordentlichen biologischen Reichtum. Seit einigen Jahrzehnten verläuft
dieser Prozeß jedoch umgekehrt, indem die Zerstörung von Lebensräumen und die Umweltverschmutzung Arten mit atemberaubender Geschwindigkeit vernichten.
Ein Hindernis bei der Überwachung des Artenschwunds besteht darin, daß es niemals eine
Bestandsaufnahme der Pflanzen- und Tierarten auf
der Erde gegeben hat. Da unbekannt ist, wieviele
Arten es gibt, ist es schwierig genau zu bestimmen,
wieviele verlorengehen.
Trotz dieser fehlenden Informationen können wir
einige der sichtbareren Lebensformen, wie etwa
Vögel, untersuchen, bei denen eine vollständige

Seite 2

Liste der vorhandenen Arten existiert. Von den 9.600
bekannten Vogelarten sind die Populationen von rund
3.000 stabil oder vermehren sich, während sie bei
6.600 Arten im Schwinden begriffen sind. Von
letzterer Gruppe sind die Populationen von etwa
1.000 Vogelarten so weit zurückgegangen, daß sie
vom Aussterben bedroht sind.
Die Hauptgründe für die Dezimierung der Vogelpopulationen sind Zerstörung der Lebensräume, Umweltverschmutzung und Jagd. Mit der Brandrodung
von Regenwäldern oder Trockenlegung von Feuchtgebieten zum Ausbau der Nahrungsmittelproduktion
hat sich der Lebensraum von Vögeln verkleinert. In
Nordamerika ist die Population von 10 Entenarten
von 37 Millionen im Jahr 1955 auf 26 Millionen im
Jahr 1992 gesunken. Dies ist teilweise auf die
Zerstörung der Hälfte aller US-Feuchtgebiete zurückzuführen, die von den Enten dieser Region zur
Paarung, zum Ausruhen und zur Nahrungssuche in
Anspruch genommen werden. Bei Zugvögeln, die
lange Strecken zurücklegen - etwa von Europa nach
Afrika - kann sich die Zerstörung des Lebensraumes
an beiden Enden der Zugstrecke oder an dazwischenliegenden Ruheplätzen als Bedrohung erweisen.

«

Seit Anbruch des Industriezeitalters sind etwa 150
Arten und Unterarten von Vögeln verschwunden.
Dazu gehören die 1920 ausgestorbene nordamerikanische Wandertaube, einst eine der am häufigsten
anzutreffenden Vogelarten auf der Welt, der mexikanische Kaiserspecht, der 1958 zum letzten Mal
gesichtet wurde und der guatemaltekische Atitlantaucher, der 1987 ausstarb.
Umweltexperten konzentrieren sich auf die Zahl
bedrohter Vögel, weil sie einer der am besten meßbaren Indikatoren für die Gesundheit des Ökosystems
sind. Die für das Überleben der Vögel notwendigen
Systeme werden zerstört, aber diese Systeme dienen
auch unserem eigenen Überleben. Von allen zur
Verfügung stehenden Indikatoren könnte dieser das
eindringlichste Gefühl vom Gesundheitszustand der
Erde oder davon vermitteln, ob das bestehende
Wirtschaftssystem umweltverträglich ist oder bereits
jetzt die Saat für seinen eigenen Untergang ausbringt.

Die Rettung der Ozonschicht
Wenige Entwicklungen der letzten Jahre haben unter
den Wissenschaftlern soviel Besorgnis ausgelöst wie
das "Loch" in der stratosphärischen Ozonschicht. Die
von den Fluorchlorkohlenwasserstoffen ausgehende
potentielle Bedrohung dieses Schutzfilms wurde zum
ersten Mal 1974 erkannt, als zwei Atmosphärenfor-

AMERIKA DIENST 10

&gt;

'

�scher der University of California, Sherwood Rowland und Mario Molina, davor warnten, die Freisetzung dieser Substanzen in die Atmosphäre könne
die Ozonschicht abbauen, die alles Leben auf der
Erde vor schädlichen ultravioletten Strahlen schützt.
Im Jahr 1985 berichtete ein von Joseph Farman
geleitetes Foschungsteam der britischen Antarktisexpedition von einem immer wiederkehrenden Loch
in der Ozonschicht über der Antarktis, das jedes
Frühjahr auftrete. Die Wissenschaftler wußten, daß
bei einer Ausbreitung dieses massiven Abbaus auf
andere Teile des Planeten, was eine Zunahme der
ultravioletten Strahlung auf der Erde zur Folge hätte,
nahezu alle Lebensformen zu Lande und im Meer
Schaden erleiden könnten.
Die Besorgnis über die potentiellen Auswirkungen
der FCKW führten zu dem im Oktober 1987 in
Montreal ausgehandelten internationalen Abkommen
zur Reduzierung der FCKW-Herstellung. Wissenschaftliche Forschungen, die FCKW und andere
ozonschädigende Substanzen mit dem Ozonloch
über der Antarktis in Zusammenhang brachten,
führten 1990 in London und 1992 in Kopenhagen zu
weiteren Abkommen. Diese Abkommen erfordern
die völlige Einstellung der Produktion von FCKW und
anderen ozonschädigenden Stoffen.
Zwischen
1988, als die FCKW-Herstellung ihren Höhepunkt
erreichte, und 1993 ging die FCKW-Produktion
weltweit um 60 Prozent zurück. Viele Industriestaaten engagieren sich für den völligen Ausstieg aus
der FCKW-Herstellung bis Ende 1994 oder 1995.
Seit der Entdeckung des Lochs über der Antarktis im
Jahr 1985 wurde durch weitere Forschungsarbeiten
festgestellt, daß die Ozonschicht über allen Regionen außerhalb der Tropen dünner wird, wobei sich
die stärkste Abnahme um die Pole konzentriert.
Der stratosphärische Anteil freien Chlors, des
ozonschädigenden Stoffes, der sich entwickelt, wenn
FCKW nach ihrer Freisetzung in der Atmosphäre
nach oben steigen, scheint sich Mitte der neunziger
Jahre bei einem Volumen von etwa 4 ppbv (Part per
Billion by Volume) zu stabilisieren. Wenn die
FCKW-Produktion wie vorgesehen stufenweise
eingestellt wird, steigt die Menge freien Chlors voraussichtlich bis zum Jahr 2000 weiter an, um dann
bis etwa 2055 langsam zu sinken. Zu jenem Zeitpunkt würde der Anteil wieder den vor Auftreten des
Ozonlochs bestehenden Stand von 2 ppbv erreichen.
Diesem Szenarium zufolge würden die
schwersten Schäden an pflanzlichem und tierischem
Leben durch ultraviolette Strahlung um das Jahr
2000 auftreten, in dem dann die Erholung einsetzen
würde. Ein gewisser Ozonabbau wird jedoch bis
etwa zur Mitte des nächsten Jahrhunderts anhalten.

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Die genauen langfristigen Auswirkungen der zunehmenden ultravioletten Strahlung auf die Ernteerträge
sowie die Gesundheit von Menschen und anderen
Spezies sind unbekannt. Obwohl die Umkehrung des
Ozonabbaus in der Stratosphäre ein langfristiges
Vorhaben ist, wurde zumindest der Prozeß zur
Erlangung dieses Ziels eingeleitet und bildet somit ein
Modell internationaler Zusammenarbeit im Umweltschutz.

Die Stabilisierung des Klimas
Wenige Faktoren beeinflussen die Bewohnbarkeit der
Erde so unmittelbar wie die Menge des Kohlendioxids
in der Atmosphäre. Zuviel Kohlendioxid, und die
Erde wird zum Treibhaus vergleichbar etwa mit der
Venus; zuwenig, und die Erde vereist wie der Saturn.
Seit Beginn der Revolution in der Landwirtschaft vor
etwa 10.000 Jahren bis zum Beginn der Industriellen
Revolution war die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre bemerkenswert stabil.
Seit Beginn der
Industriellen Revolution begann sie jedoch anzusteigen, als die Verbrennung von Kohle und später
anderen fossilen Brennstoffen die Menge der Emissionen über die natürliche Kohlendioxidfixierungsund Aufnahmefähigkeit wachsen ließ.
Zwischen dem Einsetzen des Industriezeitalters und
dem Jahr 1959, dem Beginn regelmäßiger Luftuntersuchungen auf den Kohlendioxidgehalt, stiegen die
Kohlendioxidkonzentrationen um 13 Prozent, von
geschätzten 280 ppm (Parts per Million) auf 316 ppm.
Von 1959 bis 1993 stieg der Gehalt von 316 ppm auf
357 ppm, wiederum um 13 Prozent. In nur 34 Jahren
nahm die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre also ebenso stark zu wie während der
vorhergehenden zwei Jahrhunderte. Im Falle eines
weiteren - wenn auch etwas verlangsamten - Anstiegs wird das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein wirtschaftlich verheerender
Klimawandel sein.
Die Hauptquelle der steigenden Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre - die jährlich nahezu 6
Milliarden Tonnen durch die Verbrennung fossiler
Brennstoffe emittierten Kohlenstoffe - scheint sich
aufgrund wachsender Produktivität im Energiesektor,
der weltweiten Hinwendung zu nichtfossilen Energieträgern und insbesondere des in den letzten Jahren
verzeichneten sinkenden Energieverbrauchs in der
ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa auf einem
stabilen Niveau einzupendeln. Da sich die Regierungen nahezu aller Industriestaaten dazu verpflichtet
haben, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen auf das Niveau von 1990 zu begrenzen, besteht
Hoffnung, den Trend letztlich umkehren zu können.

Seite 3

�Mit Ausnahme von zwei Einbrüchen aufgrund von
Erhöhungen des Ölpreises - das erste Mal Mitte der
siebziger Jahre und danach in den frühen achtziger
Jahren - sind die Kohlenstoffemissionen von der
Mitte des Jahrhunderts bis 1991 fast jedes Jahr
gestiegen. Seit 1992 fielen sie real um 2 Prozent,
von 6,03 Milliarden auf 5,90 Milliarden Tonnen. Dies
war teilweise die Folge einer weltweiten Rezession
einschließlich des teilweise drastischen gesunkenen
Energieverbrauchs in der ehemaligen Sowjetunion in
Zusammenhang mit den Wirtschaftsreformen. Aber
ebenso kommt darin wachsende Effizienz in der
Energieausnutzung zum Ausdruck. So hat der
zunehmende Einsatz von besonders energiesparenden kompakten Glühbirnen seit 1990 den Energieverbrauch so stark reduziert, um Jahr für Jahr acht
große Kohlekraftwerke stillzulegen.
Die verstärkte Benutzung des Fahrrads anstelle von
Autos für Kurzstrecken als Weg zur Beibehaltung
von Mobilität ohne die Verbrennung fossiler Treibstoffe trägt ebenfalls zur Eindämmung der Kohlenstoffemissionen bei. Im Jahr 1993 lag die Weltfahrradproduktion mit 108 Millionen Stück rund dreimal
so hoch wie die Zahl der produzierten Autos, ein
neuer Rekordstand. In den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, China und Indien, ist
das Fahrrad das Haupttransportmittel, das Autos,
Busse und Eisenbahn völlig in den Schatten stellt.
Dichtbesiedelte Industriestaaten wie etwa Japan, die
Niederlande und Dänemark setzen im Kurzstreckenverkehr und als Teil eines Fahrrad-EisenbahnNahverkehrskonzepts verstärkt auf das Fahrrad. In
den Vereinigten Staaten, wo sich der Einsatz des
Fahrrads als Kurzstreckenverkehrsmittel in den
letzten zehn Jahren verdreifacht hat, verfügt das USVerkehrsgesetz von 1991 die Einsetzung eines
Koordinators für den Fahrradverkehr in jedem
Bundesstaat.
Neben der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
aufgrund von Effizienzsteigerungen vollzieht sich im
Muster des weltweiten Energieverbrauchs ein radikaler Umbruch, der ebenfalls zur Senkung des Kohlenstoffausstoßes führt.
Nach einer sechsfachen
Zunahme zwischen 1950 und 1979 hat sich der
Ölverbrauch auf stabilem Niveau eingependelt und
zwischen 1979 und 1993 sogar um 7 Prozent
abgenommen. Die Kohleförderung, die seit Mitte
des Jahrhunderts nahezu stetig gestiegen war, ist
seit dem Spitzenjahr 1989 um über 5 Prozent
gesunken. Dagegen nimmt der Verbrauch von
Erdgas zu. Dieses Wachstum wird sowohl durch
den Preis als auch durch die Reinheit der Verbrennung, insbesondere im Vergleich zu Kohle und ö l ,
angefacht. In den kommenden Jahren wird die
steigende Inanspruchnahme von Erdgas den Einsatz

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von Kohle übertreffen und diesem Energieträger
somit den zweiten Platz hinter Erdöl sichern.
Im Hinblick auf die Kohlenstoffemissionen ist dieser
Wandel ein großes Plus, da nicht nur die Schwefelemissionen und der saure Regen abgebaut werden,
sondern auch, weil Erdgas wesentlich weniger
Kohlenstoff pro produzierter Energieeinheit emittiert
als Kohle oder Öl.
Daneben ist auch bei anderen nichtfossilen Energieträgern ein rapides Wachstum zu verzeichnen. So
wird beispielsweise die Gewinnung elektrischer
Energie aus Windkaft immer beliebter, weil es sich
um eine reine Energiequelle handelt und die Kosten,
auch im Vergleich zu den billigsten Kohlekraftwerken,
konkurrenzfähig sind. Im Jahr 1993 erreichte die
Kapazität der Energieerzeugung aus Windkraft
nahezu 3.000 Megawatt. Das neuerwachte Interesse
von Regierungen und Energieversorgern an der
Windenergie bildet die Grundlage für das rasche
Wachstum dieser Energiequelle in den kommenden
Jahren.
Obwohl die zunehmende Effizienz des Energieverbrauchs und die Verlagerung von Kohle und Öl zu
Erdgas zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
beitragen, werden sie das Klima nicht stabilisieren.
Wenn die Welt eine wirtschaftlich verheerende
Erwärmung des Erdklimas vermeiden möchte, wird
sie den Einsatz der meisten fossilen Energieträger
ebenso nach und nach einstellen müssen wie sie
heute den Einsatz der FCKW beendet.

Boden, Wasser und Düngemittel
Die dramatische Verlangsamung des weltweiten
Ertrags der Getreideernten während des letzten
Jahrzehnts ist hauptsächlich auf die begrenzte
Verfügbarkeit produktiven neuen Ackerlands und
Süßwassers zur Erweiterung der Bewässerungsflächen sowie auf das nachlassende Ansprechen von
Anbauprodukten auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz
zurückzuführen. Die Zunahme in der Getreideanbaufläche, die sich seit der Mitte des Jahrhunderts
drastisch verlangsamt hatte, hielt bis zum Spitzenjahr
1981 an. Seither ist sie leicht zurückgegangen.
Infolgedessen sank die Getreideanbaufläche pro Kopf
von 0,23 ha auf 0,13 ha.
Inzwischen nahmen die Bewässerungsflächen von
1950 bis 1978 rasch zu - um durchschnittlich 2,8
Prozent pro Jahr. Von 1978 bis 1991 betrug die
Zunahme lediglich 1,4 Prozent jährlich und konnte
somit nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt
halten. Infolgedessen ging die bewässerte Fläche
pro Kopf von 1978 bis 1991 um über 5 Prozent

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�zurück, so daß die Bauern nicht nur mit einer geringeren Anbaufläche pro Kopf, sondern auch mit einer
sinkenden Fläche bewässerten Landes pro Kopf
konfrontiert waren.
Der Einsatz von Düngemitteln, das dritte wichtige
physische Hilfsmittel zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, stieg von 14 Millionen Tonnen im
Jahr 1950 auf 146 Millionen Tonnen im Jahr 1989.
Aufgrund der Einstellung staatlicher Subventionen
und des nachlassenden Ansprechens der Anbauprodukte auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz ging
die Gesamtmenge 1993 auf geschätzte 126 Millionen Tonnen zurück. Der Pro-Kopf-Verbrauch von
Düngemitteln fiel somit von 28 Kilogramm im Jahr
1989 auf unter 23 Kilogramm im Jahr 1993, ein
Rückgang von 19 Prozent.
Aufgrund der verringerten Anbaufläche pro Kopf, der
sinkenden Bewässerungsflächen pro Kopf und des
nachlassenden Düngemitteleinsatzes pro Kopf
erstaunt es nicht, daß die Getreideproduktion pro
Kopf ebenfalls abnimmt.

Nahrungsmittelversorgung unter Druck
Jedes der drei Nahrungsmittelversorgungssysteme
steht unter dem wachsenden Druck menschlicher
Anforderungen - Anforderungen, die in einigen
Fällen nicht mehr umweltverträglich sind. In bezug
auf die Fischgründe führen die steigenden Ansprüche des Menschen nahezu überall zu einer Überforderung.
Nach einem Höchststand von 100
Millionen Tonnen im Jahr 1989 ist die Weltfischfangmenge seither bis auf 98 Millionen Tonnen im
Jahr 1993 gesunken. Zusammen mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum hat dieser Schwund
innerhalb von fünf Jahren zu einem 9prozentigen
Rückgang beim Pro-Kopf-Angebot von Meerestieren
geführt, und dieser Zustand wird sich in absehbarer
Zukunft fortsetzen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO), die Fischfangmenge und
Fischbestände überwacht, gibt an, daß der Fischfang
in allen 17 wichtigen Fischgründen der Weltmeere
heute seine Kapazitätsgrenze erreicht oder bereits
überschritten hat. In neun Fischgründen gehen die
Fischbestände bereits zurück. Dies bedeutet nicht
nur einen drohenden Schwund des Angebots an
Meerestieren sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen in der Fischereibranche. Kurzum: der
heutige Umfang des Fischfangs in vielen Fischgründen ist unter Umweltgesichtspunkten nicht
aufrechtzuerhalten.

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Auch die Weideflächen der Welt, die Lebensgrundlage für Rinder, Schaf- und Ziegenherden bilden,
beginnen an ihre Grenzen zu stoßen. Wie im Falle
der Fischgründe, hat auch die Nutzung der Weideflächen nahezu überall ihre Kapazitätsobergrenze
erreicht oder bereits überschritten. Wo der Viehbestand die Belastbarkeit übersteigt, verwandelt sich
Weideland nach und nach in Ödland. Dies tritt am
augenfälligsten in den ländlich geprägten Volkswirtschaften Afrikas und Mittelasiens zutage, wo die
Verödung von Weideflächen die Hirten ihres Lebensunterhalts beraubt und viele von ihnen dazu zwingt,
in die Städte oder in Lager abzuwandern, in denen
sie mit Nahrung versorgt werden.
Auch der Druck auf die Anbauflächen der Welt, von
denen zwei Drittel der Getreideproduktion dienen,
wird in zahlreichen Ländern unerträglich und führt zu
ausgedehnter Bodenerosion. Zwischen 1950 und
1984 stieg die Weltgetreideproduktion um das 2,6fache, und der Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide erhöhte
sich um 40 Prozent. In den neun Jahren danach
stieg dieser um weniger als ein Zehntel, woraus sich
eine Abnahme der Getreideproduktion pro Kopf um
rund 12 Prozent ergibt. Obwohl Umweltverträglichkeit
ein wissenschaftlich begründetes Konzept ist, hat die
Nichtbeachtung ihrer Gesetze wirtschaftliche und
gesellschaftliche Folgen. So führt beispielsweise das
Versäumnis, die Nachfrage nach Meerestieren an
den langfristig vertretbaren Ertrag der Fischgründe
anzupassen zu deren Kollaps und zum Rückgang
des weltweiten Pro-Kopf-Verbrauchs von Fisch.
Dieselbe Aussage kann für die Weideflächen getroffen werden. Bei Anbauflächen führen die begrenzte
Verfügbarkeit fruchtbaren Ackerlandes, das im
Rahmen des Wasserkreislaufs vorhandene begrenzte
Wasserdargebot sowie das begrenzte Ansprechen
auf Düngemittel zu einem Rückgang des Pro-KopfVerbrauchs von Nahrungsmitteln. In einigen Fällen
ist er unter das überlebensnotwendige Maß gesunken.
Eine Wirtschaft, die Umweltverträglichkeit außer acht
läßt, wird zwangsläufig verfallen und schließlich
zusammenbrechen. Die Nichtbeachtung der Prinzipien der Umweltverträglichkeit kann deshalb letztlich
auch einen Tribut an Menschenleben fordern.

Getreidevorräte und -preise
Zwischen 1993 und 1994 werden die Überschußbestände an Getreide, also die Menge, die zu Beginn
der neuen Ernte noch vorhanden ist, voraussichtlich
von 351 Millionen auf 294 Millionen Tonnen sinken.
Dieser Rückgang wurde lediglich im Jahr 1989
übertroffen, als der Schwund 93 Millionen Tonnen
betrug. Am Tagesverbrauch gemessen, werden die

Seite 5

�Vorräte von 76 Tagen im Jahr 1993 auf 62 Tage im
Jahr 1994 fallen - den niedrigsten Stand seit Mitte
der siebziger Jahre.
Die Vorräte sind bei allen Getreidesorten geschrumpft, aber am dramatischsten verlief diese
Entwicklung beim Reis, wo sie nur noch für 41 Tage
ausreichen. In jedem der vergangenen drei Jahre
lag der weltweite Reisverbrauch über der produzierten Menge, so daß die Vorräte abgebaut wurden.
Da die Überschußbestände im Jahr 1994 den Bedarf
erwartungsgemäß nur geringfügig übersteigen
werden, ist die Konkurrenz um das für Ausfuhren
verfügbare Angebot hart geworden. Infolgedessen
haben sich die Weltmarktpreise für Reis zwischen
Ende August 1993 und Mitte November verdoppelt.
Für einkommensschwache Personen in Reisimportländern, die bereits 70 Prozent ihres Einkommens
für Nahrungsmittel aufwendeten, ist die Erhaltung
der Umwelt zu einer sehr persönlichen Angelegenheit geworden.
Für das Jahr 1994 lautet die große Frage, ob die
Reisbauern in Asien, wo neun Zehntel dieser Frucht
angebaut werden, die Erträge soweit steigern können, daß sie nicht nur mit der weltweit steigenden
Nachfrage Schritt halten, sondern sie soweit übertreffen können, um wieder Vorräte anzulegen.
Gelingt ihnen dies nicht, werden hohe Reispreise
möglicherweise ebenso wie hohe Fischpreise Teil
der wirtschaftlichen Szenerie werden.

Eine tragbare Weltbevölkerung
Auf vielfältige Art und Weise besteht die Hauptbedrohung einer umweltverträglichen Zukunft für die
meisten Länder in der Zunahme der Weltbevölkerung um nahezu 90 Millionen Menschen jährlich.
Dies ist am augenfälligsten in der Dritten Welt, wo
rund 94 Prozent dieses Zuwachses stattfinden und
wo die vor Ort bestehenden Systeme zur Sicherung
des Überlebens bereits im Verfall begriffen sind.
Tatsächlich ist es heute schwierig, irgendein Entwicklungsland zu finden, in dem die Anforderungen
durch den Menschen die langfristig vertretbare
Nutzung von Wäldern und Weideflächen nicht
übertreffen.
Wassermangel breitet sich aus und führt zur Konkurrenz zwischen Industrie, Wohnungssektor und
Landwirtschaft um das immer unzureichendere
Angebot. In einigen Fällen hat die Abzweigung von
Brauchwasser für nichtlandwirtschaftliche Zwecke
eine reduzierte Nahrungsmittelproduktion zur Folge.

Seite 6

Die Welt tritt in eine neue Phase des durch rapides
Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Zeitalters
ein, in der Fischer und Bauern die Erträge nicht mehr
in dem Maß steigern können, um mit der Bevölkerungszahl Schritt zu halten. Dies bedeutet, daß der
Bedarf der Jahr für Jahr nahezu 90 Millionen zusätzlichen Menschen nur durch die Reduzierung des
Verbrauchs unter der bereits vorhandenen Bevölkerung gedeckt wird. Der Tag wird kommen, an dem
sich diese neue Realität ihren Platz auf der Tagesordnung der Weltpolitik erkämpft, und dies wird zu
einem verstärkten Interesse an Bevölkerungspolitik,
Familienplanung sowie Umverteilung und Gerechtigkeit führen als heute.

Ausgaben für den Frieden
In den letzten Jahren haben wir eine rasche Ausweitung von friendenssichernden Maßnahmen der
Vereinten Nationen erlebt. Im Jahr 1993 erreichten
die einst nach Millionen Dollar bemessenen Ausgaben 3 Milliarden Dollar und haben sich damit seit
1987 nahezu verdreizehnfacht.
In diesen Jahren wurde die friedenssichernde Rolle
der Vereeinten Nationen mit dem sprunghaften
Wachstum von Zahl, Umfang und Komplexität ihrer
Friedensmissionen mit Leben erfüllt. Die drei größten
friedenssichernden Interventionen (Kambodscha, das
ehemalige Jugoslawien und Somalia) wurden in
diesem Zeitraum eingeleitet.
Die erweiterte Rolle der Vereinten Nationen bei der
Bewahrung des Friedens in den neunziger Jahren
kommt den Vorstellungen ihrer Begründer stärker
entgegen. Friedenssicherung ist häufig politisch
komplex und deshalb schwierig zu bewältigen.
Darüber hinaus ist sie mit Finanzierungsproblemen
verbunden, und die Mitgliedstaaten waren bei der
Bezahlung ihres Anteils an den geschätzten Kosten
säumig, so daß die Vereinten Nationen 1993 ausstehende Zahlungen von 993 Millionen Dollar verzeichneten, gelinde gesagt eine prekäre Situation.
Das Verhältnis zwischen den Ausgaben, die von den
Regierungen für ihre nationalen Streitkräfte aufgewendet werden und den Beiträgen für friedenssichernde Maßnahmen der Vereinten Nationen, das vor
wenigen Jahren noch etwa 2000 zu 1 betrug, liegt
heute ungefähr bei 250 zu 1. Der große Vorteil einer
internationalen Sicherheitsstreitmacht der Vereinten
Nationen liegt darin, daß sie nationalen Regierungen
den Abbau der Militärausgaben erleichtern und damit
Mittel freisetzen könnte, um auf die neue Bedrohung
der Sicherheit zu reagieren - die fortschreitende
Schädigung der Umwelt auf unserem Planeten.

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�PORTRAT
15. März 1995

Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker
Porträt von John Deutch
WASHINGTON - (AD) - John Deutch, Präsident
Clintons Wahl für den Leiter des US-Geheimdienstes CIA, ist ein aggressiver Technokrat, der sowohl
im Regierungsapparat als auch im Privatsektor zu
Hause ist.
Deutch demonstriere auch "die Art von innovativem
Denken, das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen", stellte Präsident Clinton bei der Bekanntgabe
der Nominierung von Deutch am 11. März 1995 fest.
Vorbehaltlich seiner Bestätigung durch den Senat
wird Deutch, zur Zeit Stellvertretender Verteidigungsminister, die Leitung der Central Intelligence Agency
übernehmen - einer Organisation, die ihre Rolle in
einer neuen, von den Realitäten des Kalten Krieges
weit entfernten Welt zu definierten versucht. Nach
dem Spionageskandal um Aldrich Arnes ist das Amt
mit Ermittlungen befaßt, wie die CIA-Beschäftigten
die Warnsignale für das ignorieren konnten, was sich
als schlimmster Verrat in der Geschichte des CIA
entpuppte. Die Behörde kämpft gegen die demoralisierenden Auswirkungen des Personalabbaus an,
versucht eine Entscheidung bezüglich der Rolle zu
treffen, die sie in einer multipolaren Welt spielen
wird, und sieht sich einer gründlichen Überprüfung
durch mehrere Überwachungsausschüsse des
Kongresses ausgesetzt, die mit der Entscheidung
über die Zukunft der Geheimdienste in den Vereinigten Staaten beauftragt sind.

ment eindeutig unter Beweis zu stellen, werde er
Deutch als CIA-Direktor "im Falle seiner Bestätigung
in mein Kabinett berufen".
Aufgabe des CIA-Direktors - der nominell die Geheimdienste des US-Militärs und der Nationalen
Sicherheitsbehörde überwacht - ist das Erstellen und
Analysieren von Daten sowie deren Vorlage im
Weißen Haus, im Nationalen Sicherheitsrat und
Außenministerium.
Im Pentagon entwickelte Deutch enge Beziehungen
zu Präsident Clinton und übernahm eine führende
Rolle bei der Überprüfung des Einsatzkonzepts der
Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und der
Modernisierung der Waffensysteme. Der Präsident
erklärte, Deutch habe sich "mit der Arbeit der Geheimdienste äußerst vertraut gemacht", indem er
einen Plan zur Beseitigung von Duplizität zwischen
zivilen und militärischen Geheimdienstoperationen
ausarbeitete. Dem Präsidenten zufolge demonstriert
diese Leistung auch die Art von innovativem Denken,
das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen.

Der Präsident kündigte an, Deutch werde als CIADirektor Kabinettsrang erhalten und nachrichtendienstliche Erkenntnisse besser in die Formulierung
der nationalen Sicherheitspolitik einbeziehen. Das
ist außergewöhnlich für den Direktor der Central
Intelligence Agency - nur der inzwischen verstorbene
Direktor William Casey hatte eine vergleichbare
Position in der Regierung inne.

Deutch war Chemieprofessor an der Princeton
University, Provost des Massachusetts Institute of
Technology (M.I.T.), Staatsminister im Energieministerium unter der Carter- Administration, Mitglied des
Beratungsgremiums für Auslandsgeheimdienste in
der Bush-Administration sowie Staatssekretär im
Verteidigungsministerium und Stellvertretender
Verteidigungsminister unter Präsident Clinton. Ferner
hatte Deutch Funktionen bei der National Science
Foundation und beim Museum of Fine Arts in Boston
inne. Er war Treuhänder des Wellesley College und
Mitglied der Trilateral Commission. Deutch machte
seinen Abschluß am Amherst College und erwarb
einen akademischen Grad in Industriechemie und
physikalischer Chemie am M.I.T.

Präsident Clinton äußerte, er messe der Verbesserung der Fähigkeit des Landes zur Erstellung und
Analyse nachrichtendienstlicher Daten "höchste
persönliche Priorität bei", und um dieses Engage-

Deutch ließ sich nur zögernd von seiner Nominierung
als CIA-Direktor überzeugen und hatte Präsident
Clinton gegenüber bereits zuvor erklärt, er bevorzuge
es, im Verteidigungsministerium zu bleiben. Berich-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�ten zufolge stimmte er zu, die Position anzunehmen,
als sie ihm das zweite Mal angeboten und ihm der
Kabinettsrang zugesichert wurde.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, äußerte vor Journalisten am 13. März,
Deutch werde mit "den besten verfügbaren Fakten
und ... Analysen" am Entscheidungsprozeß teilhaben, die "ausschlaggebend für die Bewältigung der
Herausforderungen sind, mit denen sich die Vereinigten Staaten in dieser neuen Welt konfrontiert
sehen".
McCurry fügte hinzu, der Präsident vertrete die
Auffassung, der Kabinettsrang werde "der Position
im Geheimdienst bei außenpolitischen Erörterungen
zusätzliche Bedeutung verleihen".
Dem Pressesprecher zufolge hat Clinton beschlossen, den Posten in Kabinettsrang zu erheben, "um
das Sammeln nachrichtendienstlicher Erkenntnisse
in die außenpolitische Diskussion im Weißen Haus
einzubeziehen. Darin spiegele sich die Ansicht des
Präsidenten wider, daß in der neuen Informationswelt, in der wir leben, die richtigen Entscheidungen
zu treffen äußerst wichtig wird, und Dr. Deutch als
Chefanalyst dieser Informationen Beiträge zu den
laufenden Gesprächen aus dieser Perspektive
leisten kann."

Der Präsident entschied sich für Deutch, nachdem
der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns
seine Bewerbung zurückgezogen hatte. Clintons
Wahl war nach dem Rücktritt von James Woolsey als
CIA-Direktor auf Carns gefallen. Mit der Aussage, er
wolle seine Familie nicht Vorwürfen in der Presse
aussetzen, zog Carns seine Kandidatur zurück,
nachdem bekanntgeworden war, daß er unabsichtlich
das amerikanische Einwanderungsgesetz gebrochen
hatte, indem er einem Verwandten eines ehemaligen
Angestellten bei der Einreise in die Vereinigten
Staaten behilflich gewesen war.
"Die traurige Wahrheit", erklärte Präsident Clinton bei
der Annahme von Carns Rücktrittsgesuch, "ist, daß
wir in einer Zeit leben, in der selbst die beispielhaftesten Personen vom Dienst in der Regierung aus
Angst abgehalten werden, ihre Karriere könnte
Schaden nehmen ... ihre Leistungen ignoriert und ...
ihre Familien während des Bestätigungsprozesses
verleumdet werden."
McCurry stellte fest, Deutch haben den Anhörungsprozeß des Senats in den vergangenen Monaten
zweimal durchlaufen, das letzte Mal im vergangenen
Jahr bei seiner Bestätigung als zweithöchster Beamter im Verteidigungsministerium, "so daß das
meiste Material und die Hintergrundinformationen
relativ aktuell sind und erst vor kurzem in den Händen des Senats waren. Eventuell zusätzlich erforderliche Informationen werden wir erstellen."

* * * * *

Seite 2

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                <text>&lt;strong&gt;1. NVV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen - gemeinsam vor neuen Herausforderungen&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Klimakonferenz&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA befürworten Abkommen zur Reduzierung von Treibhausgasemmissionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Timothy E. Wirth&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Tag der Erde&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft - ein Überblick&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Lester R. Brown&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von John Deutch&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

9. März 1995

SONDERDIENST

USA-EUROPA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 2 1 . Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mittemacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

Seite 1

�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

Seite 2

Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

AMERIKA DIENST 09

�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

AMERIKA DIENST 09

muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
fürzunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.

l

Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

Seite 4

Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.

Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

AMERIKA DIENST 09

/
k

�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen Sicherheitspolitik verpflichtete
Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erweiterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

AMERIKA DIENST 09

Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen, Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

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Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

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�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

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AMERIKA DIENST 09

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